ÜBERGÄNGE (MEROWINGER 1)

 

Ende des Imperiums

Frankenreich (Volk und Sprache / Machtstrukturen und Eigentumsverhältnisse / Gewalt / Grausamkeit / Konversion)

 

Die Welt als christliches Konstrukt (Zwei Welten (Gott) /  Leib - Seele - Geist / Erlösung in die Ewigkeit / Hölle und Teufel / Sünde / Über- und unterirdische Machtkämpfe / Re-Judaisierung: Der Gott des Krieges und des irdischen Erfolgs

 

Die kirchliche Praxis (Glauben / Taufe / Buße / Eucharistie / Heiligkeit / Reliquien / Dialektik: Die Vernunft in der Unvernünftigkeit

 

 

 

Epochalisierung

 

Geschichte ist ein Kontinuum in Raum und Zeit, und das betrifft besonders deutlich die des griechisch-lateinischen Abendlandes seit ihren frühen städtischen Zivilisationen. Da es hier um die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus gehen soll, wird uns nun ausführlicher jenes Kontinuum beschäftigen, welches mit dem (langsamen) Untergang des westlichen Imperium Romanum beginnt und mit dem Untergang der lateinisch-abendländischen Zivilisation zwischen dem späten  18. und dem 20. Jahrhundert endet.

 

Über das Griechische, Lateinische und dann das Französische ist das sehr unklare Wort Epoche in die deutsche Sprache gekommen, welches so etwas wir längerer Zeitabschnitt meinen und der Vorstellung von Kontinuität widersprechen soll.

Moderne Epochalisierung wird von später so genannten "Humanisten" des 14.-16.erfunden, die meinen, dass nach der griechisch-römischen Antike ein dunkles Zeitalter völligen Niedergangs eingetreten sei, den sie vor allem an Belesenheit und Gelehrsamkeit festmachen. Dieses Mittelalter sei mit ihnen vergangen und werde durch eine neue Zeit abgelöst. Der nunmehr zunehmende Fortschrittsoptimismus, eine Art Grundideologie des Kapitalismus, geht davon aus, dass nun erneut eine Blütezeit der lateinischen Menschheit auf eine angenommene Höhe der Antike zu anhebe.

 

Wie im Folgenden deutlich werden soll, reihen sich die neuen Reiche mit  deutlichen Veränderungen, aber keiner klaren Bruchlinie in spätantike Entwicklungslinien ein. Vielmehr versuchen die neuen Herren, so viel wie möglich von dem zu erhalten, was sie durch Eroberung gewonnen haben und nun als ihr Erbe betrachten. Wenn ein Venantius Fortunatus um 566 von Ravenna nach Gallien kommt, wird er von den hohen Herren dort willkommen geheißen, und er wird dann in römischer Tradition Lobgedichte auf sie schreiben.

 

Es ist deshalb wohl sinnvoll, von einer Art Nachantike zu sprechen, die erst dort überall zu Ende geht, wo auch die nachantiken Reiche scheitern, und als letztes das Frankenreich im 9. Jahrhundert, als es nicht einfach nur in mehrere Reiche, sondern noch viel intensiver auseinanderfällt. Damit scheitert auch der vielfach dokumentierte Versuch Karls ("des Großen"), in mancherlei Beziehung noch einmal von Neuem an die Antike anzuknüpfen.

 

Diese Nachantike ist die eigentliche Mittelzeit des Übergangs von der Antike zu jener Zeit zwischen dem 10. und 18. Jahrhundert, die wir hier als langes Mittelalter bezeichnen. Dieses ist im Kern durch den Aufstieg des Kapitalismus im Rahmen neuer Reiche gekennzeichnet, die sich langsam in sogenannte Nationalstaaten verwandeln.

Symbolisch für eine Neuzeit stehen die Daten 1776 und 1789. Das lange Mittelalter wird schrittweise abgelöst durch zunehmende Kapitalkonzentration, den enormen Industrialisierungsschub mit seiner Zerstörung von bäuerlicher Landwirtschaft und produktivem Handwerk, durch das Abdrängen von Monarchie, Adel und Kirche und das Verschwinden der lateinischen Sprache. Kapitalismus zersetzt nun das, was wir als lateinisches Abendland bezeichnet haben, und lässt dann im 20. Jahrhundert nur noch die letzten Trümmer dieser Zivilisation zurück. Aus heutiger Sicht ist dabei die Zerstörung des Lebensraumes Erde das wichtigste Ergebnis dieser Neuzeit.

 

Dabei ist die hier betrachtete Zeit des lateinischen Abendlandes vor allem ein mehrere Jahrtausende umfassendes Kontinuum, in dem die Entwicklungen nach Gegend zeitlich unterschiedlich verlaufen. Epochen sind relativ wenig aussagekräftige Hilfskrücken. Lateinisch ist dieses Abendland dort, wo die Kirchen- und Gelehrtensprache Latein dominiert, womit die Gebiete einer russischen, griechischen und islamischen Einflusssphäre ausgeschlossen sind, in denen in der hier betrachteten Zeit kein Kapitalismus entsteht und sich entwickeln kann. Abendland (Okzident) soll es deswegen heißen, weil es nicht mit einem geographischen Europa identisch ist.

 

Das Ende des westlichen Imperiums

 

Die einzelnen Provinzen bzw. Regionen verselbständigen sich zunehmend. Die Latifundien, von bestimmten Steuern und öffentlichen Lasten befreit, beanspruchen zunehmend Gerichtsbarkeit über die von ihnen abhängigen Produzenten und beschäftigen manchmal auch regelrechte Privatarmeen. Spätestens im vierten Jahrhundert setzt auch ein Niedergang der Städte im Westreich ein. Damit einher geht ein Niedergang der Handwerks-Kunst.

Mit alledem zusammen hängt ein Niedergang der Staats-Finanzen im Westen, die im fünften Jahrhundert dann nur noch einen bescheidenen Bruchteil der Ostfinanzen betragen. (u.a. Angenendt(2), S.112)

 

Nach Konstantins Tod lässt sich die Aufteilung des Reiches in einen östlich-griechischen und einen westlich-lateinischen Teil nicht mehr aufhalten. Im Osten dringen insbesondere ab 376 große Scharen vor allem von Goten von Norden ins Reich ein, die wohl dem Druck aus Innerasien stammender Reiterhorden ausgesetzt sind. Im Westen geht England dem Imperium verloren, welches bald zunehmend Wellen angelsächsischer Einwanderer ausgesetzt sein wird.

 

Von den Römern als Franken und Alamannen zusammengefasste Germanenverbände dringen immer öfter über den Rhein ins Reich. So wie Goten im Osten gibt es auch Franken, die im Westreich als eine Art Wehrbauern angesiedelt werden.

394 erhält Stilicho, dessen Sohn mit der Theodosius-Tochter Galla Placidia verlobt ist, das militärische Kommando im Westen und schickt Truppen ins Illyricum. Darauf marschieren ab 406 Vandalen, Sueben und andere bis Hispanien durch und gründen dort eigene Reiche. 408 wird Stilicho ermordet.

Eine große Gruppe von Goten unter Alarich, welche mit ihrer Behandlung im Ostreich unzufrieden bleiben, marschiert im Westreich ein, zieht durch Italien, plündert Ende 410 die urbs Roma (die Stadt Rom), um dann um 418 in den Süden des immer unruhigeren Galliens abgeschoben und dort in einem Reich mit der Hauptstadt Tolosa (Toulouse) angesiedelt zu werden. Inzwischen haben auch die Burgunden ein "Reich" am Rhein um Worms gegründet, welches sie auf Druck von Hunnen und Römern wenige Jahrzehnte später aufgeben, um in die Sabaudia (Savoyen) zu ziehen. Etwa in dieser Zeit setzen die iberischen Vandalen nach Afrika über und gründen dort ein großes Reich, von dem aus sie Rom bedrohen, und von wo sie seine Getreideversorgung wenigstens teilweise kontrollieren.

 

In diesen Zeiten, an deren Ende weströmische "Kaiser" nur noch bestenfalls Italien kontrollieren, gelingt es ihnen immer weniger, noch Legionen aus der altrömischen Bevölkerung zu rekrutieren. Sie werden vielmehr nun zunehmend mit germanischen Völkerschaften aufgefüllt und selbst die hohen Militärführer sind jetzt meist germanischer Abstammung, auch wenn sie sich anscheinend gerne mit ihren römischen Ämtern identifizieren.

 

Der lange Weg in den Untergang des Westreiches führt einmal über Ansiedlungen und Eroberungen von Minderheiten überwiegend germanisch dominierter Heerscharen/Völker, die vom Wohlstand und Luxus der kleinen römischen Oberschicht fasziniert sind.

 

Dazu kommt die militärische und damit verbundene finanzielle Überforderung durch Krieg an fast allen Grenzen; ungefähr die Hälfte des gesamten Steueraufkommens geht inzwischen ans Militär. Schließlich trägt wohl auch der im nicht-militärischen Bereich sehr dezentrale Charakter des Reiches mit seiner relativen Selbständigkeit der civitates und der ihre Traditionen und Sprachen nicht immer völlig durch zivilisatorischen Druck aus Rom verlierenden Regionen zum Zerfall bei.

 

Der entscheidende Schlag ist vielleicht die Eroberung der Getreidekammer Nordafrika durch die Vandalen 439. Seitdem kann die Stadt Rom nur noch aus Italien sicher versorgt werden und verliert immer mehr Bevölkerung. Aber schon spätestens seit dem vierten Jahrhundert geht diese überall erheblich zurück, Städte wie Trier, die Augusta Treverorum (Erhabene der Treverer), wie Nîmes, Autun und viele andere beginnen zu verfallen. Immerhin hat die Stadt Rom um 400 noch vielleicht eine halbe Million Einwohner, bevor die Zahlen dann immer schneller zurückgehen.

Zurück geht langsam auch der Handel, und Infrastruktur wie Wasserversorgung, und Straßen werden weniger gepflegt, während so etwas in Ostrom eher stabil bleibt, welches allerdings unter ständigem Druck der Sassaniden steht, deren persisches Großreich fast so groß ist wie ihres.

 

Einen letzten Versuch der Unterordnung Galliens unter Rom unternimmt Aetius, der 451 in einem Bündnis mit mehreren germanischen Heeren den Hunnenführer Attila besiegt, den dann aber Kaiser Valentinian III. eigenhändig erschlägt, bevor er selbst ebenfalls ermordet wird.

 

Im bald zunehmend angelsächsischer geprägten England verschwinden  die Städte fast völlig und das Land verliert seine zentrale Verwaltung. Inselkelten wandern in die Bretagne ein.

Der größte Teil Galliens zerfällt in einzelne Militärbezirke, und von einem von ihnen steigen mit einem Childerich die sich langsam als großes Volk formierenden Franken auf, während der Süden von Toulouse aus von den Westgoten regiert wird, burgundische Herrscher sich vom heutigen Savoyen ins Rhonetal auszubreiten beginnen, und Hispanien nach dem Abzug der Vandalen nach Afrika im Südwesten von den Sueben und ansonsten von regionalen Machthabern kontrolliert wird. Als letztes fällt Italia in die Hände der Ost- oder Osthrogoten unter Theoderich, die von Ravenna aus regieren. Von der Millionenstadt Rom zur Zeit der frühen Kaiser bleibt bald eine langsam zu Ruinen verfallende Stadt von wenigen zehntausend Einwohnern, in der sich die Bischöfe als Ordnungsmacht durchsetzen.

 

Seitdem Vandalen in Nordafrika und Ostrom in Ägypten die Getreideversorgung kontrollieren, findet ein zunehmender Niedergang des Handels im westlichen Mittelmeerraum statt, und zwar gleichzeitig mit nachlassender gewerblicher Produktion, die zudem kunstloser wird. Damit geht auch regionaler Handel zurück, ohne ganz zu verschwinden.

Das hat auch damit zu tun, dass römisches Wirtschaften stark staatlich kontrolliert war sowohl für die Versorgung der Hauptstadt wie für die des riesigen Militärs, jener etwa halben Million samt Angehörigen, die nun fortfallen. Rom verliert jetzt seine Hauptstadtfunktion zur Gänze und zugleich verschwindet das professionalisierte Militär in den neuen Reichen zugunsten eines Kriegertums, welches sich aus seinem Landbesitz vor allem finanziert. In Ostrom dagegen werden die tradierten Machtstrukturen mit langsamen kleineren Veränderungen weiter aufrecht erhalten.

 

Um 440 wird endgültig deutlich, dass die Steuern nicht mehr für die Verteidigung der Reste des West-Imperiums ausreichen. 455 drängt der Visigote Theoderich II. den gallorömischen Avitus, als Kaiser anzutreten. Ihn besiegen dann Maiorian und Ricimer, wobei der letztere schließlich Kaiser Maiorian umbringen lässt. Bis zu seinem Tod 472 regieren dann unter ihm Marionettenkaiser. 476 übernimmt Odoaker als patricius Ostroms und König in Italien.

 

Inzwischen haben sich die Ostgoten in Italien, die Visigoten im künftigen Südfrankreich ausgebreitet und ebenso die Burgunden, die sich mit beiden Goten schließlich um die Provence streiten. Angelsachsen wandern im späteren England ein und Kelten von der Insel siedeln in der zukünftigen Bretagne.

 

Mit dem imperium der West-Römer, zunächst die militärische Befehlsgewalt und der daraus resultierende Machtbereich des Kaisers, verschwindet zunächst auch das Wort, welches erst mit dem Kaisertum Karls ("des Großen") dauerhaft wieder auftaucht. Was nun entsteht sind regna, Königreiche, etwas strukturell anderes. Es wird noch lange dauern, bis wir in schriftlicher (deutscher) Form das Wort rihhi dafür bekommen, am bekanntesten in ostarrihhi (dem Kern von Österreich). Etwas anachronistisch soll hier aber in Ermangelung eines anderen Wortes "Reich" bereits seit den frühen nachantiken Macht-Gebilden für die Machtbereiche von Königen benutzt werden.  

 

Durch Ansiedlung und Unterordnung unter Könige (reges) konstituieren sich auf römischem Reichsgebiet militärisch organisierte Stammesgruppen als "Völker" mit zunächst weiterhin eigener Sprache, neben der das Lateinische der wohl über 90 Prozent einer einheimischen Bevölkerung weiter besteht, vor allem auch als Schriftsprache und als Sprache der weströmischen Kirche, die sich dann unterschiedlich schnell in den neuen Reichen durchsetzt.

 

Die Neusiedler, welche nun nicht mehr so sehr durch Raub, sondern durch Etablierung als kleine neue Oberschicht von wenigen Prozenten der Bevölkerung mit völkisch zugehörigem König am Reichtum des alten Römerreiches und an seinen Einrichtungen partizipieren möchten, wollen sich dazu meist recht schnell mit der alteingesessenen Oberschicht arrangieren. Diese wiederum verträgt sich bald mit den neuen Machthabern, und kooperiert nach Möglichkeit mit ihnen. Die vandalische Oberschicht in Afrika scheint bald lateinisch zu sprechen, übernimmt Elemente der alten Verwaltung, die Besteuerung und Aspekte römischer Lebensformen (Wickham (3), S.77) Die fränkischen Merowinger übernehmen, wo noch vorhanden, die römischen Münzstätten und solange noch möglich das Abgabensystem. Zumindest der Burgunder Gundobad und der Ostgote Theoderich haben ihre Ausbildung ohnehinam kaiserlichen Hof genossen.

 

Wenn man vom römischen Machtapparat als Staat sprechen möchte, dann findet nun weitere Entstaatlichung statt, die allerdings schon vorher eingesetzt hatte.  Die zentralen Zwangsinstrumente, eine professionelle Armee, funktionierende Besteuerung, ein einheitliches Recht und ein Apparat, dieses durchzusetzen, werden notgedrungen aufgegeben.

 

Einige der neuen Reiche werden  durch Eroberung besiegt werden: Das Westgotenreich in Südgallien durch die Franken und nach dem Übergang auf die iberische Halbinsel und lange nach der Vernichtung des Suebenreiches dort 711 durch islamische Heere, die Reiche der Vandalen und Ostgoten durch oströmische Heere. Schließlich werden die frankischen Herrscher auch das bald auf die Ostgoten folgende Langobardenreich zerstören. Was bleiben wird, ist ein fränkisches Reich, welches sich über Gallien nach Osten auf die Gebiete dort nun siedelnder germanischer Stammesverbände und über das eroberte Langobardenreich nach Nord- und Mttelitalien ausdehnen wird.

 

 

Das Frankenreich unter den Merowingern

 

In Gallien nördlich der Loire existieren noch zunächst an Rom orientierte Heeresbezirke mit gallorömischen oder fränkischen Führern, und unter letzteren ragen bald Childerich, der 482 stirbt, und sein Sohn Chlodwig heraus. Das Geschlecht führt sich auf einen sagenhaften Merowech zurück und wird später als Merowinger bezeichnet werden.

Diese schaffen es mit kriegerischer Gewalt, Mord und Totschlag, dort die Vorherrschaft in einem neuen Königreich zu gewinnen. Nach Siegen über die Alemannen wird in einer Entscheidungsschlacht auch das in Südgallien siedelnde Visigotenreich besiegt und bald in Richtung iberischer Halbinsel verdrängt. Mit der Annahme des römischen Christentums und seines Kirchenapparates durch Chlodwig wird eine nicht-militärische Klammer für das Reich geschaffen.

 

Fast ganz Gallien gerät nach gewaltsamer Integration auch des Burgunderreiches unter fränkische Herrschaft, nur die Bretonen bilden ein eigenes keltisches Königreich, welches sie gegenüber den Merowingerkönigen weitgehend behauptet.

Dann werden rechtsrheinische Gebiete von den Thüringern bis zu den Bayern mit wechselndem Erfolg unter Hoheit der Merowingerkönige gebracht und vor allem im Raum des unteren Mainfranken fränkisch besiedelt.  Mit den Sachsen und Friesen gibt es immer wieder Kämpfe ohne dauerhafte Erfolge.

 

Nachdem rechtsrheinische Völkerschaften ohne direkte römische Herrschaft nur etwas unter römischem Einfluss anzivilisiert wurden, geraten sie nun unter stärkeren Einfluss gallorömisch-fränkischer Mischzivilisation mit ihrem spezifischen Christentum, und ihre Strukturen werden sich bis ins 8. Jahrhundert etwas denen von der anderen Rheinseite angleichen. Dazu dient zum Beispiel König Theudeberts Etablierung von Herzogsfamilien wie der Agilolfinger in Bayern in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Damit wird versucht, Kontrolle über diese Gebiete auszuüben.

 

 

***Stamm, Volk und Sprache***

 

Das antike Imperium Romanum war ein Herrschaftsraum, welcher sowohl über die vorgefundenen städtischen Mittelmeer-Zivilisationen wie über Teile von Völkerschaften aufgerichtet wurde, die aus Stämmen gebildet wurden. Bei gemeinsamer Zivilisation war es eher eine Art Vielvölker-Gebilde, welches ohne Zentrale schnell dahinschwand. Die Nachfolgereiche im Westteil werden dann von sich als Stämme empfundenen, oft kleinen Minderheiten gebildet, von denen eine dann ihrem Reich den Namen Francia geben wird.

 

Auf spätantike Strukturen, Macht- und Eigentumsverhältnisse setzt sich so das fränkische Königreich, welches sich von einer kleinen Region in Nordgallien, welches Franken militärisch verwalten und wo sie sich oft als Minderheit angesiedelt haben, durch kriegerische Eroberung langsam über fast ganz Gallien und teilweise bis in die Germania hinein ausbreitet. 

Dabei kommt es zu zwei vielerorts kaum nachvollziehbaren Veränderungen: Aus verschiedenen unter fränkischen Heerführern stehenden Volksgruppen werden die Franken, und die große gallorömische Mehrheit unterwirft sich unter die neue Ordnungsmacht, - in der Hoffnung, möglichst viel Besitz und Status zu behalten.

 

Wir müssen uns zunächst einmal dessen bewusst sein, dass beide Wörter, Stamm wie Volk, in ihrer Verwendung hier spezifisch deutsch sind und germanische Wurzeln haben. Sie unterliegen damit dem spezifischen Unheil der politischen Propaganda der jeweiligen Machthaber in der deutschen Unheilsgeschichte, und das bis heute. Mit dem Gift der politischen Korrektheit der letzten Jahrzehnte wird versucht, sie ganz aus der deutschen Sprache zu tilgen, jedenfalls was Deutsche betrifft, deren Existenz im Vielvölkerstaat BRD von den kapitagesteuerten Massenmedien und staatlichen Institutionen inzwischen zunehmend geleugnet wird: "Deutsch" ist inzwischen, wer sich unter die Verfügungsmacht des Staates BRD begibt.

 

Stämme lassen sich als vorzivilisatorische ideelle Abstammungsgemeinschaften definieren. Mit einem ähnlichen Wirtschaften ausgestattet, besitzen sie einen gemeinsamen Kult oder zumindest ähnliche und eine gemeinsame Sprache oder können sich zumindest sprachlich verständigen. Sie entstehen als ein Phänomen gemeinsamer Kultur. (siehe Großkapitel 'Voraussetzungen')

 

Mit der Entstehung zivilisatorischer, also institutioneller Machtstrukturen und den Reichsbildungen gehen sie in ihnen auf und verschwinden so. Aus Stämmen werden Völker, deren Gemeinsamkeit vor allem die gemeinsamen Machthaber sind.

Dabei ist darauf zu achten, dass die Stämme, die in das römische Reich einwandern, in ihrer besonderen militärischen Verfasstheit sich bereits von ihren vorzivilisatorischen Ursprüngen unterscheiden. Als Einwanderer werden sie zugleich zu Eroberern, die mit den Reichsbildungen weiter zivilisiert werden. Außerdem sind einige, insbesondere keltische Stämme vor ihrer Eroberung durch das Imperium Romanum bereits ohnehin in einem Stadium der Anzivilisierung begriffen.

 

Wir müssen uns zunächst einmal dessen bewusst sein, dass beide Wörter, Stamm wie Volk, in ihrer Verwendung hier spezifisch deutsch sind und germanische Wurzeln haben. Sie unterliegen damit dem spezifischen Unheil der politischen Propaganda der jeweiligen Machthaber in der deutschen Unheilsgeschichte, und das bis heute. Mit dem Gift der politischen Korrektheit der letzten Jahrzehnte wird versucht, sie ganz aus der deutschen Sprache zu tilgen, jedenfalls was Deutsche betrifft, deren Existenz im Vielvölkerstaat BRD von den kapitalgesteuerten Massenmedien und staatlichen Institutionen inzwischen zunehmend geleugnet wird: "Deutsch" ist inzwischen, wer sich unter die Verfügung des Staates BRD begibt.

 

Dabei lassen sich Stämme weltweit durchaus als vorzivilisatorische ideelle Abstammungsgemeinschaften definieren. Mit einem ähnlichen Wirtschaften ausgestattet, besitzen sie einen gemeinsamen Kult oder zumindest ähnliche und eine gemeinsame Sprache oder können sich zumindest sprachlich verständigen. Sie entstehen als ein Phänomen gemeinsamer Kultur. (siehe Großkapitel 'Antike')

 

Mit der Entstehung zivilisatorischer, also institutioneller Machtstrukturen und den Reichsbildungen gehen sie in ihnen auf und verschwinden so. Aus Stämmen werden Völker, deren Gemeinsamkeit vor allem die gemeinsamen Machthaber sind. Das Volk der Franken besteht so aus der fränkischen und romanischen Oberschicht.

Es beginnen wenigstens 500 Jahre eines Verwirrspiels der Bezeichnungen von Völkern und Reichen. So nennt der bretonische Verfasser einer Vita des heiligen Asketen Samson von Dol, den es von Cornwall am Ende in die Bretagne verschlägt, das Frankenreich Romania. (Wickham(3), S.150)

 

 

Sprachlich werden die Franken im gallischen Kernland, wo sie fast überall deutlich in der Minderheit sind, auf die Dauer romanisiert, auch wenn die galloromanische Bevölkerung auf die Dauer fränkische Namen annimmt, die dann noch viel später wiederum romanisiert und damit in den altfranzösischen Sprachschatz eingehen. Der dreigliedrige römische Name verschwindet dabei aufgrund der neuen Verhältnisse zugunsten eines einfachen, der dann in der Familie häufiger wird und diese ein wenig auszeichnet.

 

Mit dem langsamen Verschwinden eines klassischen Latein der Kaiserzeit entstehen dann galloromanische Idiome, die in zwei altfranzösische Sprachen münden werden, und im stärker oder überwiegend germanisch besiedelten Raum werden sich andererseits solche bilden, die am Ende in einer altdeutschen Sprache mit ihren recht unterschiedlichen Dialekten münden. Dabei wird sich bis ins 10. Jahrhundert eine durch ethnische Bevölkerungsstruktur und Machtverhältnisse bedingte Sprachgrenze herausbilden, die dann nördliche und südliche altfranzösische Sprachen und deutsch benannte Volkssprachen trennen wird.

Wie Germanen und Romanen, da wo sie miteinander mündlich kommunizieren, in Orten wie auf dem Lande, sich einander mitteilen, wird wohl unbekannt bleiben. In Mischgebieten wie in Kreuznach oder Bitburg gibt es zwei Kirchen für die Volksgruppen. (Angenendt(2), S.173) Nicht überliefert ist, dass unterschiedliche Sprach-Zugehörigkeit per se zu Konflikten führt, aber sie wird natürlich wahrgenommen. In seinem Testament von 616 verfügt der Bischof Berthram von Le Mans über servi, und zwar tam natione romana quam et barbara, die er freilässt.

Konfliktlinien entstehen aber dort, wo das nordgallische Friesische, das nun auftauchende (keltische) Bretonische und das Baskische offenbar ethnisches Selbstbewusstsein formen, zusammen mit nichtchristlichen Kulten und stärkeren Traditionen.

 

Da die Germanen keine eigene Schriftlichkeit mitbringen und in Gallien die Schreib- und Lesefähigkeit selbst in den Städten immer mehr zurückgeht, bleibt

das Lateinische als einzige Schriftsprache, welches nicht zuletzt auch die Sprache der Kirche bis ins zwanzigste Jahrhundert ist. 

 

 

***Machtstrukturen und Eigentumsverhältnisse***

 

Macht ist das, was jemand vermag, und darüber hinaus auch das, was jemandem an Vermögen zugeschrieben wird, was nie ganz dasselbe sein kann. Sie ist an die Person oder (seltener) an ein Kollektiv gebunden und zudem dem Wandel der Zeit unterworfen. Macht hat so seit der Nachantike der Familienvater über Frau und Kinder, was einmal rechtlich fixiert ist, zum anderen aber zur Gänze daran hängt, dass er sie auch durchsetzen kann. Solche Macht hat der Herr über den Knecht, der Herr von Grund und Boden über die, die darauf leben, der Herr über Gebäude über die, die sie mieten müssen, der Besitzer von Kapital über die, die er für seine Vermehrung arbeiten lässt.

Macht hat der Herr über Herren, die er sich unterordnen kann. Macht gewinnt im Verlauf des Mittelalters die städtische Obrigkeit durch die Verordnungen, die sie erlassen wird, über die Untertanen innerhalb der Mauern und im Weichbild drum herum.

 

Macht ist von der Spätäntike der neuen Reiche bis in das Ende des langen Mittelalters von Rechts wegen immer ungleich verteilt, eine Entwicklung, die sich dann in den Demokratien und Diktaturen durch immer totalitärere Strukturen noch weiter vertieft. Sie kann aber die verschiedensten Formen annehmen; politische und wirtschaftliche Macht sind ausgesprochen unterschiedlich und die politische entwickelt aufgrund ihrer Gewaltmittel immer wieder den Wunsch, die wirtschaftliche unter ihr Kuratel zu stellen.

 

Die meisten Menschen hatten in der Entwicklung der letzten anderthalb Jahrtausenden erleben müssen, dass sie sowohl von politischer wie wirtschaftlicher Macht ausgeschlossen bleiben und müssen darum andere Auswege finden, um Macht ausleben zu können. Man erlebt sie in der Abstufung der Ohnmacht, in der man immer noch Schwächere findet, oder aber gerne auch im Brechen der Gesetze bzw. Verordnungen der Mächtigen, und so ist das Verbrechen eine Begleiterscheinung der Zivilisationen, die es zu erdulden gelernt haben. 

 

Alle Lebewesen konkurrieren miteinander dort, wo sie aufeinander treffen, ob es sich nun um die eigene Art oder eine fremde handelt. Macht äußert sich als Freiheit(en), man ist so frei wie es einem in der Macht steht, etwas zu tun. Aber am Anfang steht Macht als Naturphänomen, als Kampf jedes Lebewesens um Lebensraum und die Möglichkeit, sich fortzupflanzen. Alle Lebewesen sind darum wesentlich aggressiv zumindest in dem Maße, in dem es Not tut. Kulturen sehen das als Erfahrungs-Tatsache und versuchen es intern zu regulieren.

 

Beim Menschen wird der Gewaltcharakter dieser Konkurrenz in Zivilisationen von den großen Machthabern für sich monopolisiert und die Gewalttätigkeit der Untertanen untereinander so weit als möglich kriminalisiert: Alle Energien der Untertanen sollen auf die Interessen der ganz wenigen Mächtigen konzentriert werden. Diese Konzentration der Macht und Gewalttätigkeit als Herrschaft wird in allen Varianten zum Gemeinwohl erklärt. Solches repräsentieren Könige, Diktatoren, Despoten und auch der heutige, herarchisch geschichtete Staat, der nicht nur den Gehorsam in seinen Reihen von oben nach unten, sondern auch den aller derer, die ihm ausgeliefert sind, als heiliges Recht für sich in Anspruch nimmt, ohne dieses noch anders zu erklären als einfach dadurch, dass es den Staat eben gibt, - und zudem wie Fürsten und Despoten, dass es ohne ihn gar nicht anders gehen würde.

 

 

 

Germanische Völkerschaften in Bewegung, auf Raub von Land und beweglichen Reichtümern aus, sind militärisch strukturiert, wovon wir aber heute nur wenig wissen. Aus militärischen Anführern werden bei Niederlassung und Reichsbildung Könige. Aber als quasi Rechtsnachfolger übernehmen sie wohl die Masse des kaiserlichen Großgrundbesitzes wie auch weiteres erbeutetes Land. Aus ihrem Grundbesitz und dem langsam angehäuften Schatz können sie dann Land an treue Gefolgsleute vergeben, die nun in Stadt und Land Herrschaftsfunktionen für den König übernehmen.

Diese Strukturen setzen sich auf die vorgefundenen römischen drauf und versuchen sich wo möglich ihrer zu bedienen. Neben den zu Macht und Reichtum gelangenden Gefolgsleuten bleibt ein Teil der bisherigen Latifundienbesitzer und es bleiben die zunächst römischen Bischöfe, die weiter und zunehmend teilhaben an Reichtum und Macht.

 

Im Frankenreich der Merowinger setzt sich so das Phänomen der extrem ungleichen Verteilung des Eigentums insbesondere auch an Grund und Boden aus dem späteren Imperium Romanum fort, welches nun als Großgrundbesitz auf Könige, Kirche, Kloster und altrömische wie fränkische weltliche Große vor allem aufgeteilt ist, neben einer heute unbekannten Zahl persönlich freier Bauern. Die meisten Menschen sind ohne Landbesitz, arm und ohnmächtig.

Nicht mehr nachzuvollziehen ist, wie Eroberung und frühe Entwicklungen zur Aufteilung von Orten und Gegenden auf unterschiedliche weltliche Besitzer vor sich ging, so dass am Ende an einem Ort mehrere von ihnen Grund besitzen. Als römisches Erbe arbeiten auf den großen Gütern auf dem Lande Kolonen bzw. Pächter und weiterhin auch Sklaven

 

Es gibt keine rechtliche Aufteilung in Adel und Volk, sondern nur in Freie (mit Grundbesitz) und mehr oder weniger Unfreie in persönlicher Abhängigkeit von ihren Herren. Freie zeichnen sich durch Heeresfolge und Teilnahme an Gerichtsversammlungen aus, ihre Freiheit in der merowingischen Zivilisation ist aber begrenzt durch die Königsherrschaft und deren Vertreter wie duces und comites, die ebenso wie auch Bischöfe Herrschaftsfunktionen jenseits von Grundherrschaft über die Freien ausüben. Funktion und Besitz unterscheiden unter den Freien, allesamt "Herren" solche mit mehr oder weniger davon. Das zeigt sich mit Funktionen im Machtapparat, aber eben auch mit Statussymbolen wie dem Besitz von Luxus, der den Handel befeuert, wo er nicht aus Geschenken oder Beute besteht.

Die für unsere Untersuchung wichtigste Unterscheidung ist aber die in Produzenten und Konsumenten. Herren zeichnen sich dadurch aus, dass sie andere für sich arbeiten lassen können, um vom Ertrag einen Teil für sich abzuzweigen. Dafür behaupten sie, die vielen produktiv Arbeitenden zu schützen, was meint, dass sie ihre Macht auch so zu behaupten suchen. Solche so freien wie feinen Herren verfügen, vereinfacht gesagt, über genug Land, um viele andere darauf arbeiten zu lassen, und das sind weltliche Große, Bischöfe und ihre Geistlichkeit sowie auch Äbte und ihre Mönche, die zwar nach der Benediktregel selbst auch arbeiten sollen, aber vor allem andere mit produktiver Arbeit beschäftigen.

 

Was auf jeden Fall gleich verloren geht, ist antik-römische "Staatlichkeit" mit ihrer Vorstellung des cives als untertänigem Staatsbürger mit seinem gemeinsamen Recht. Die Vorstellung eines Staates wird erst im 14./15. Jahrhundert beginnen. An seine Stelle treten drei verschiedene Bindungen zwischen freien Personen. Da ist zuunterst die zwischen dem Vater als Herr seines Hauses und der dort versammelten Verwandtschaft sowie die weniger hierarchische in einem weiteren Verwandtenkreis, gelegentlich im Deutschen als Sippe bezeichnet, dann die des Grundherren mit seiner ihm untergeordneten familia, die für ihn arbeitet, schließlich die des königlichen Herrschern zu den ihm Zugeordneten wie seiner capella und seinem unmittelbaren Gefolge und den ihm Untergeordneten, die für ihn und in seinem Auftrag Herrschaft ausüben sollen. Daneben und bald auch damit eng verknüpft ist die wesentlich autoritärer und effizienter strukturierte Bischofskirche mit ihren dem Bischof untergeordneten frühen Beamten, den Priestern usw., und geradezu diktatorisch ist oft das Amt des Abtes, dem die ihm untergebenen Mönche uneingeschränkten Gehorsam zu leisten haben.

 

Eine feste Rangordnung unter den Herren gibt es nur in Kirche und Kloster. Ansonsten wird Unterordnung durch das Verhalten sichtbar gemacht. Man kniet vor dem Höherrangigen, im Extremfall wirft man sich vor ihm nieder; wenn der Höherrangige sitzt, muss man eventuell stehen, den Kopf geneigt. Man gibt sich in die Hand eines Herren, indem man seine aneinandergelegten Handflächen von denen des Höheren umfassen lässt.

Der höhere Rang zeigt prächtigere Kleidung und Schmuck, er gibt die prächtigeren Festmähler und die reicheren Geschenke.

 

Rechtsnormen setzen der Rest römischen Rechtes und die verschiedenen germanischen Volksrecht, wenig ergänzt durch Dekrete der Könige.

 

Im Unterschied zum Mittelalter sollte weniger von Gruppen als von in Hierarchien eingegliederten Individuen in ihrer Verwandtschaft geredet werden, horizontaler strukturierte Gruppen werden zunächst unterdrückt und entstehen dauerhafter erst seit der Schwelle zum Mittelalter, vor allem als Gesellschaften in den Städten und als Dorfgemeinschaften auf dem Land.

 

 

Die Könige können sich nicht mehr ganz wie weströmische Kaiser rechtfertigen, obwohl sie quasi wie deren Rechtsnachfolger auftreten; ihre Rechtfertigung besteht zunächst darin, dass sie siegreiche Heerführer sind. Die weitere Rechtfertigung ihrer Herrschaft besteht dann in der kirchlichen Anerkennung ihrer Macht, wofür sie den Schutz der theoretisch unbewaffneten Kirche und dann auch der Klöster zu leisten haben, was sie aber oft vor Ort delegieren müssen. Die Kirche rechtfertigt dabei die Machtverhältnisse als von ihrem Gott gegeben und erwünscht.

 

Das Merowingerreich formt weniger noch als das Imperium Romanum einen Staat, sondern bildet im Kern weiter die alte Heeresordnung der Reichsbildungszeit - nun unter Bedingungen der Seßhaftigkeit und im Zusammenspiel mit der Kirche - ab, also Strukturen von Gefolgschaft mit dem Anspruch auf Belohnung. Darum ist der Krieg auch konstitutives Element der neuen Zivilisation und begründet mit seinen Beuteperspektiven für die Großen königliche Macht.

 

 

 

Die merowingische Königsherrschaft basierte ursprünglich ganz germanisch auf der Erhebung "aufs Schild" durch die (kriegerischen) Mächtigen, das heißt durch eine auf Akklamation beruhende Wahl, durch die der König dux wurde, Heerführer, und durch die gleichzeitige Übernahme des ursprünglich davon personell getrennten zivilen, also sakralen indogermanischen Königtums, welches lateinisch mit rex bezeichnet wurde, griechisch mit basileus. Die zwei Säulen waren also die weltlichen und die geistlichen Großen des Herrschaftsbereiches. Die Volksversammlung war zugleich die Heeresversammlung auf dem Märzfeld (Mars) oder Maifeld (magis campus, großes Feld).

 

 

 

Dieses "Volk", die Freien, reduzierte sich immer mehr auf professionelle Krieger, eine Wurzel des entstehenden neuen Adels. Dabei half vermutlich schon damals in Ansätzen, dass sich Bauern zu Abhängigen, Grundholden lokaler Großer machten, in deren Schutz begaben und dadurch dem Wehrdienst entzogen, der ihre Landwirtschaft durch Abwesenheit ruinierte. Der "Holde" begibt sich in die "Huld" des lokalen Mächtigen, woraus später im christianisierten Deutsch die "Gnade" des gnädigen Herren wird. Die wenigen Quellen geben allerdings zu diesen Vorgängen kaum näheren Aufschluss.

 

 

 

Immerhin gibt es später ein Urkundenformular aus Tours für das frühe 8. Jahrhundert:

An den großmütigen Herrn ..., ich ... Da es allen wohlbekannt ist, dass es mir an Nahrung und Kleidung fehlt, habe ich mich bittend an Euer Erbarmen gewendet und habe frei beschlossen, mich in eure Herrschaft zu begeben, das heißt zu kommendieren. Und das habe ich auch getan.; es soll so sein,dass Ihr mir mit Speise und Kleidung helft und mir Unterhalt gebt, und zwar in dem Maße, wie ich euch dienen und mir damit Eure Hilfe verdienen kann. Bis zu meinem Tod muss ich Euch dienen und gehorchen, so wie ich es als freier Mann vermag, und Zeit meines Lebens werde ich mich Eurer Gewalt oder Herrschaft nicht entziehen können, sondern ich werde, solange ich lebe, unter Eurer Gewalt und Eurem Schutz bleiben. Und so sind wir übereingekommen, dass derjenige von uns beiden, der sich diesen Abmachungen entziehen wollte, seinem Vertragspartner ... Solidi zahlen muss und dass die Vereinbarung selbst in Kraft bleibt. (in Patzold, S.15)

 

 

Den Königen konnte das recht sein, denn sie bekamen dadurch für ihre Kriegszüge eine immer professionalisiertere Gefolgschaft. Auf dem Weg in die Zeit Karls d.Gr. wird darüber hinaus die Reiterei militärisch immer wichtiger, und die Ausrüstung eines Reiters, des Ritters, war vom durchschnittlichen freien Landmann nicht zu leisten. Auf dem Weg ins Hochmittelalter wird sie zum "adeligen" bzw. ritterlichen Privileg. 

 

In diesen Zusammenhang gehört der in seinen Ursprüngen dunkle Begriff des Vasallen. Das keltische gwas meinte wohl einen Knecht. "Der die Vasallität begründende Akt, die bis in die Antike zurückgehende Kommendation, bei welcher der >Mann< (homo) die gefalteten Hände in die sie umschließenden Hände des Herrn legte, war ursprünglich ein Verknechtungsritus, der allerdings nicht auf die niederen Schichten begrenzt blieb und im Übrigen auch nicht nur zur Besiegelung eines Vasallitätsverhältnisses diente. Die Vasallen allerdings, da besteht kein Zweifel, rekrutierten sich zunächst nur aus untergeordneten Leuten." (Fleckenstein, S.40)

 

Solche ursprünglich unfreien und dienstbaren vassi (pueri) können im 7.Jahrhundert auch schon Freie sein, und im 8. Jahrhundert wird das die Regel. (Patzold, S.17) Vasallität wird so zur immer mehr auch militärischen Dienstbarkeit freier Männer.

 

 

Dabei ist die Stellung des neuartigen Königs als Oberhaupt aller und insbesondere der Großen im Reich nicht klar definiert und schwankt zwischen Despotie und Schwäche. Vermutlich wird das zu den Gründen gehören, warum am Ende Hausmeier die Macht an sich reißen können: Könige müssen ihre Macht immer neu durchsetzen. Dazu gehört beim Gefolge die Erwartung auf Belohnung und (Kriegs)Beute, an der wohl meist auch die Treue-Verpflichtung hängt.

 

Regiert wird von einem königlichen Hof mit einer kleinen Zahl von Ämtern aus, und zwar in der Regel im Zusammenspiel mit den Großen des Reiches. Schon im Verlauf des 6. Jahrhunderts nimmt die Bedeutung von Steuereinnahmen auch mit dem Niedergang der Schriftlichkeit ab. Für Chris Wicksam ist das von zentraler Bedeutung:

"Staaten, die Steuern erheben, sind viel reicher als fast alle, die auf Landbesitz gründen. (...) Steuern erhebende Staaten haben eine weit größere Kontrolle über ihre Territorien, teils wegen der steten Präsenz von Steuer-Festsetzern und Steuererhebern, teils weil die staatlich Beauftragten (Beamte und Soldaten) ein Gehalt bekommen. Herrscher können aufhören Gehälter zu bezahlen, und haben darum größere Kontrolle über ihr Personal. Wenn aber Armeen auf Landbesitz basieren, sind sie schwerer zu kontrollieren. (...)

Der Übergang von Besteuerung zu Landbesitz als Basis des Staates im Westen war das deutlichste Zeichen, dass die nachrömischen Königtümer nicht imstande sein würden, das römische Imperium im Kleinformat wieder herzustellen." (Wickham(3), S.103f)

 

Da die Ausgaben aber entsprechend niedrig sind, häufen die Merowinger einen großen Staatsschatz an, aus dem sie Gefolgschaft so wie aus ihrem großen Grundbesitz belohnen können.

 

Regiert wird im Zusammenspiel mit den Großen des Reiches, die bei Hofe anzutreffen sind und bei großen Versammlungen. Rechtsstreitigkeiten werden ebenfalls auf Versammlungen vor Ort gelöst, den placita.

 

Der Hof findet dort statt, wo er sich aufhält, wo sich zum Beispiel ein palatium befindet, in neuerem Deutsch eine Pfalz. Der Herrscher unterhält dort eine Kapelle, deren Geistlichkeit auch für schriftliche Urkunden zuständig ist. Daneben entwickeln sich Hofämter, zu denen der Verwalter des königlichen Haushaltes gehört, der maiordomus oder später Hausmeier, dessen Macht im 7./8. Jahrhundert erheblich zunehmen wird.

 

 

Innerhalb einiger Generationen schwindet die civilitas vor allem der kleinen senatorischen Oberschicht großer Latifundienbesitzer, jenes Vorzeigen-Können einer Belesenheit von Vergil und anderen Klassikern samt poliertem Verhaltenskodex, ein Statusbeleg, der ein wenig wieder auftaucht im sogenannten Humanismus und dann in Teilen des wohlbestallteren "Bürgertums" des 19. Jahrhunderts in erneuter Verehrung von "Klassikern" als dem Verteidigen eines Status gegen die Massen des neuen Proletariats.

 

Unterhalb schwindet damals dann jede Schulbildung und Literalität, da sie nicht mehr finanziert und immer weniger gebraucht werden. Zudem schätzen die neuen Krieger-Grundbesitzer andere Werte als unkriegerische Besitzer riesiger Latifundien zuvor. Die Schreib- und Lesekunst selbst der merowingischen Herrscher geht zurück und ist bei den Karolingern weitgehend verloren. Erst Kaiser Otto III. wird um die Jahrtausendwende wieder schreiben und lesen können. Die Schreibkunst beschränkt sich schließlich auf höhere Kreise der Kirche und einen Teil der Mönche, wobei erstere damit auch weltlichen Mächtigen dienen.

 

 

Die Bevölkerung ist stark verringert. Städte schrumpfen meist ganz erheblich, die öffentlichen Bauten, soweit sie nicht der Verwertung der Steine zum Opfer fallen, werden zweckentfremdet, die Straßen, die Wasserversorgung und Abwasserableitung verschwinden. Nur noch wenige Gebäude der Reichen und Mächtigen sind aus Stein.

Produktives Gewerbe und Handel gehen zusammen zurück. Das Mittelmeer verliert dabei in dem Maße an Bedeutung, in dem die des Nordens steigt. An der Keramik lässt sich erkennen, dass die handwerklichen Fähigkeiten erheblich abnehmen, insbesondere jenseits des Bereichs von Luxusprodukten.

 

 

Kontinuität herrscht auch insofern (ein wenig) weiter, als das römische Vielvölkerreich im Osten weiter existiert und seine Oberhoheit von germanisch dominierten Nachfolgereichen des Westens zunächst anerkannt wird; die frühen germanischen Könige lassen sich von Ostrom als Rechtsnachfolger römischer Herrschaft legitimieren.

Bis zur Pest des 6. Jahrhunderts und dem Aufstieg des Islam bleibt dieses Ostrom eines der wohlhabendsten Gebiete der Welt. Konstantinopel wird bis nach der Schwellenzeit wichtigstes Handelszentrum in Europa bleiben, auch wenn es wirtschaftlich wichtige riesige Gebiete an die Araber bzw. den Islam verliert.

 

Erste Risse bekommen die fränkischen Beziehung zu Ostrom, als König Theudebert im 6. Jahrhundert mit imperialem Recht konkurriert, indem er Goldmünzen mit seinem Abbild und Namen prägen lässt und damit scharfe oströmische Ablehnung hervorruft. (Wickham(3), S.114)

 

 

***Gewalt, Macht und Herrschaft***

 

Ernährung und Fortpflanzung verlangen Aggressivität, und diese als angeborene sucht sich ihre Möglichkeiten auch darüber hinaus. Soweit die anthropologische Konstante.

 

Gewalt, Macht, Herrschaft sind Begriffe, die alle Zivilisationen und auch das 10. christlich-lateinische Jahrhundert beschreiben, auch wenn sie in unseren überlieferten Quellen im wesentlichen in nur halbwegs entsprechenden lateinischen Wörtern und in den entsprechenden Denkstrukturen auftauchen. Durch Moralisierung und noch gröbere Ideologisierung werden sie erheblich zeitgebunden. Um sie ansatzweise verständlich zu machen, ist für Gewalt und Macht hinzuzufügen: gegen bzw. über Land, Menschen und lebendige Natur, während Herrschaft bislang solche über Menschen eines bestimmten Gebietes meint. Im Unterschied zur lateinischen Begrifflichkeit einer verdinglichten Welt ("Realität") geben germanische Worte dabei eher eine Welt im Fluss des Werdens und Vergehens wieder (Wirklichkeit), die nicht spezifische Illusionen vernünftig-begrifflicher Klarheit liefert, welche die Wirklichkeit sozusagen kaltstellt.

 

Hier soll Macht den Raum der Möglichkeit ausfüllen, Gewalt den des darauf basierenden Tuns und Machens, und Herrschaft das Institut, die mehr oder weniger feste Einrichtung. Gewalt meint ursprünglich Walten, die freie Tätigkeit („Das walte Gott“), soll hier aber im heutigen Wortsinn gebraucht werden. Dass entsprechende Gewalttätigkeit per se etwas negatives sei, wird übrigens zwar vom evangelischen Jesus vertreten, im staatstragenden Christentum dann aber weithin vergessen.

 

In unserer vorkapitalististischen Zivilisation des 6. bis 10. Jahrhunderts geht es um Macht über die Einheit aus Grundbesitz und Verfügung über untergebene Menschen. Seltene früheste Wurzeln des Kapitalismus, Kapitalbildung durch Händler und Finanziers, tendieren bereits dazu, dieser Einheit zu entschlüpfen und sie dann zu sprengen, sobald Kapital in seinen Bewegungen und Verhältnissen ein Eigen"leben" gewinnt.

 

Herrschaft ist das, was die Herren ausmacht, nämlich letztlich über Gewalt vermittelte Macht über Menschen, welche die Herren zumindest zu unterstützen, zu ernähren bzw. zu finanzieren haben. Ähnlich wie bei Wirklichkeit handelt es sich um einen Begriff, der in vielen europäischen Sprachen fehlt, und stattdessen in Formen des Wortes Macht (power, pouvoir, potere, poder) aufgeht. Das macht dort eine entsprechende Differenzierung schwieriger und zeigt, wieweit unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Welten konstruieren. Aber auch in mittelalterlichen deutschen Landen ist "Herrschaft" kein abstraktes Konzept, sondern überall an die konkreten Umstände der Verhältnisse von Herren untereinander und zu Knechten gebunden. (GoetzEuropa, S.285f)

 

 

Kulturen domestizieren Aggressivität und Zivilisationen frustrieren sie noch stärker im Dienste der Macht. Reiche wie das der Franken entstehen durch brutalste kriegerische Gewalt. Das dadurch gestärkte Krieger-Ethos kann sich drei Jahrhunderte in weitergehenden Eroberungskriegen ausleben. Ganz geduckt sind dagegen alle, die keine Herren, also Freie sind. Versuchen sie, Aggressivität gegen Ihresgleichen auszuüben, werden sie von ihren Herren kriminalisiert und von der Kirche als Sünder verurteilt.

 

Oberster Krieger ist der König. Er verpflichtet sich zwar zur Friedenssicherung im Inneren, was für ihn ungestörte Herrschaft bedeuten würde, aber das gelingt nur sehr wenig. Und die Gewalttätigkeit fängt schon bei der königlichen Familie an.

Aufgrund germanischer Erbteilung wird die Herrschaft über das Reich der Franken immer wieder unter den legitimen Söhnen aufgeteilt, und diese kämpfen dann bei Gelegenheit gegeneinander um die Macht. Das ist erfolgreich, wenn sie möglichst viele Große zur Parteinahme bringen. Diese hoffen, dabei ihre Gier nach Macht und Reichtum befriedigen zu können. Diese Gier bringt sie aber auch dazu, sich an ihren Nachbarn bereichern zu wollen.

Gewalt übt die Kirche aus, indem sie alle ihr von der weltlichen Macht Ausgelieferten in das kirchlich verfasste Christentum zwingt, aber Bischöfe bekriegen sich auch gegenseitig, denn sie verfügen selbst über kriegerisches Gefolge. Viel vom alltäglichen Aggressionspotential der Herren wird also im öffentlichen Raum ausgelebt.

 

Die große Menge der Menschen, die vor allem bäuerliche Produzenten sind, kann viel Aggressivität im Arbeiten bis zur Erschöpfung loswerden.Wichtigste Gratifikation für ihr Ducken unter die Macht ist deren Versprechen, ihre Ernährung zu sichern und den Geduckten Schutz zu bieten, also einen gewissen inneren Frieden zu sichern. Den Untertanen wird so, angenehm bequem, ein Teil ihrer Verantwortung für sich selbst abgenommen. Dazu ist allerdings anzumerken, dass Zivilisationen dabei erst die Probleme schaffen, die sie zu lösen vorgeben.

Neben die Indoktrination durch die Kirche tritt die zunehmende Unfähigkeit der illiteraten Bevölkerung, komplexe Machtstrukturen zu durchschauen. Auf der kognitiven Ebene landen die Menschen dadurch bei einem massiven Informationsdefizit, auch weil die Träger übergeordneter Entscheidungen ihre Kenntnisse nur Interesse-gefiltert und in sehr geringem Umfang nach unten weitergeben. Dabei ist die Menge der Kenntnisse der Menschen insgesamt kaum geringer als heute, nur sammeln sie inzwischen zum großen Teil einem Unterhaltungsbedürfnis geschuldete und zudem für sie oft unüberprüfbare Inhalte an. Damals sind die Kenntnisse dagegen wesentlich selbst gewonnen bzw. unmittelbar tradiert und beschränken sich so auf das eigene Lebensumfeld, auf unmittelbare Erfahrung also.

 

Wie eine Gratifikation für Untertänigkeit sehen Menschen in den Zivilisationen auch die Möglichkeit der Identifikation mit den Mächtigen an, ja - die Möglichkeit ihrer Bewunderung und Verehrung. Als Faustregel dafür kann durch die Geschichte (fast?) aller Zivilisationen gelten, dass die Identifikation mit Mächtigen umso größer ist, je despotischer  sie herrschen. Auch deshalb sind heutige Demokratien wenig beliebt und sehr instabil.

 

Da alles das hier aufgeführte selten ganz genügt, um die Untertanen dauerhaft ruhig zu stellen, verlangt es sie nach Ablenkung wie nach Amüsierveranstaltungen, nach inszenierter "Unterhaltung", wie sie auch die Kirche und die an sie angelehnten Feste damals bieten, und dazu eben auch die euphorisierende und am Ende betäubende Wirkung von Drogen, von denen auch in unserer Zeit damals der Alkohol am verbreitetsten ist.

 

***Grausamkeit in Gregor von Tours Historien***

 

Um Gewalttätigkeit im Merowingerreich zu veranschaulichen, sei hier auf die Historien des Bischofs Gregor von Tours aus der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts zurückgegriffen, und zwar auf ihre grausameren Formen, wobei der Einzelfall oft nicht anderweitig überprüfbar ist.

 

Grausamkeit bezeichnet zweierlei: Zum einen ist es eine moralisierende Sichtweise auf überzogen angesehenes aggressives Verhalten, zum anderen bezeichnet es eine schon bei Tieren zu beobachtende Lust in der gewalttätigen Machtausübung, in den Qualen des Opfers. Ihren Ursprung hat sie sicherlich darin, dass tierisches Leben von Leben, also Lebendigem lebt, welches getötet, zerstückelt, lustvoll zerkleinert und verschlungen wird. Was bleibt sind Fäkalien. Erste Lust in der Grausamkeit ist in der Nahrungsaufnahme begründet.

Wichtig ist, dass man annehmen kann, dass Zivilisierung Grausamkeit nicht verringert, sondern eher institutionalisiert und dabei immer stärker von ihrem Ursprung im menschlichen Metabolismus entfernt. Die Amüsierarenen Roms belegen das genauso wie alle Zeiten danach.

 

Unsere engere Bedeutung des Wortes "grausam" wird sogar erst nach dem Mittelalter deutlich. Grausam war ursprünglich alles, wovor einem graute.

Das mittelhochdeutsche gruwen benennt eine Mischung aus Furcht und Widerwillen, Abscheu. Das "Grauen" als Substantiv und im neueren Sinne ist laut Duden (Herkunftswörterbuch) noch nicht im Mittelalter vorhanden. Gruwesam bezeichnet so noch keine Intention, sondern eine Gefühlsreaktion. Hingegen ist das lateinische crudelis/crudeliter (von crudus: roh, gefühllos) das, was unsere heutige "Grausamkeit" bezeichnet.

 

In unseren Augen ist dann die Nachantike von einem großen "legalen" Spielraum an Grausamkeit in der alltäglichen Machtausübung von „Herren“ (domini) geprägt.

 

Grausamkeit ist ein (unnatürliches) moralisches Verdikt und den Germanen war es offenbar auch fremd, so weit die Quellen reichen. Insgesamt scheint Empathie in geringerem Umfang erlernt worden zu sein als später. Was wir in den Quellen lesen, ist oft eher aggressiv durchgesetzter Gerechtigkeitssinn, der das Talionsprinzip vertritt bzw. ein Recht auf Rache. Zuviel Empathie hätte das Durchsetzungsvermögen des Einzelnen beeinträchtigen können.

 

Gerechtigkeit wurde in letzter Instanz bei den Germanen durch die Fehde und die Rache hergestellt. Gegenstand des Streites sind Macht und Eigentum, körperliche Unsehrsehrtheit und Ehre, und das bleibt bis ins hohe Mittelalter auch so, wiewohl Herrscher und Kirche bestrebt sind, dem Fehderecht ein Ende zu setzen.

 

In Paris geriet damals ein Weib in Verdacht (ruit in crimine). Viele behaupteten nämlich, sie habe ihren Mann verlassen und ein Verhältnis mit einem anderen. Daher kamen die Verwandten des Mannes zu ihrem Vater und sagten: Beweise entweder, dass deine Tochter unschuldig ist, oder sie muss gewiss sterben, damit ihr Ehebruch nicht Schande über unser Geschlecht bringt.“ „Ich weiß,“sagte der Vater, „dass meine Tochter völlig unschuldig ist, und es ist kein Wort wahr von dem, was schlechte Menschen behaupten. Damit jedoch diese Beschuldigung nicht wieder vorkommt, will ich ihre Unschuld durch einen Eid bekräftigen“ Und jene darauf: „Wenn sie unschuldig ist, so bestätige dies durch einen Eid über dem Grab des heiligen Märtyrers Dionysius.“ So geschieht es auch, aber die Partei des Ehemannes fällt über die der Frau her und es kommt zu einem Gemetzel. Viele wurden mit dem Schwert verwundet, die heilige Kirche mit Blut bespritzt, die Türen von Speeren und Schwertern durchbohrt und bis zum Grab selbst (des Heiligen) drangen die entsetzlichen (Wurf)Geschosse. Alle Beteiligten müssen dann Sühne leisten, bevor sie wieder in die Kirche aufgenommen werden. Die Frau aber machte nach wenigen Tagen, als sie zum Gericht (iudicium) gerufen war, ihrem Leben mit dem Strick ein Ende. (Gregor, Historien V,32)

 

Unser Gregor beschreibt eine Doppelwelt der Extreme im Heiligen wie im Diabolischen. Sie lassen Alltag dazwischen aus. Die folgenden Beispiele sollen also nicht den Eindruck vermitteln, sie seien alltäglich, was wir gar nicht wissen können.

 

Nachdem Gregor ausführlich alle Schandtaten seines Diakons Riculf beschrieben hat, die ihn auch selbst betrafen, so am Ende die Tatsache, dass er ihn bei König Childerich verleumdet hatte, berichtet er folgendes:

Riculf wurde zum Tode verurteilt. Nur knapp erwirkte ich für ihn das Leben, von der Folter konnte ich ihn jedoch nicht befreien. Denn nichts, kein Stück Metall, hätte so viele Schläge aushalten können, wie dieser elendeste aller Menschen (miserrimus). Von der dritten Stunde des Tages hing er, die Hände zusammengebunden, an einem Baum. Um die neunte Stunde nahm man ihn ab, spannte ihn auf den Bock und schlug ihn mit Prügeln, Ruten und doppelten Riemen, nicht einer oder zwei, sondern so viele nur an den Körper des Armen herankommen konnten, so viele schlugen auf ihn ein. (Gregor V,49)

 

Auch Sunnegisil wurde wieder gefoltert und mit Riemen und Ruten täglich gepeitscht. Wenn dann die Wunden eiterten und nach Abfluss des Eiters sich eben zu schließen anfingen, wurde die Strafe erneut an ihm vollzogen. So gefoltert, legte er nicht nur ein Geständnis über den Mord an König Chilperich ab, sondern auch über verschiedene andere Verbrechen, die er begangen hatte. (Gregor X,19)

 

Die "Zauberinnen", die am Tod eines Königssohns "schuld sind", lässt die Königin teils erwürgen, teils verbrennen, teils ihnen die Knochen brechen und sie aufs Rad flechten. Der Präfekt Mummolus, der sie angestiftet haben soll, wurde auf den Bock gespannt und mit dreisträhnigen Riemen so lange gegeißelt, bis die Folterknechte müde waren; dann wurden ihm Pflöcke unter die Nägel an Händen und Füßen gekeilt. (Üb.Buchner, Gregor VI,35)

 

Das mag der Abschreckung gedient haben. Daneben gibt es, wie auch später und bis heute, eine schon aus der Natur gelegentlich bekannte Lust an der Grausamkeit. Dux Rauching, von dem wir weiter unten die Geschichte von den zwei Liebenden und seiner Grausamkeit kennen, wird bei Gregor so beschrieben:

...Rauching, ein Mann, erfüllt von jeder Form von Eitelkeit (vanitas), von Hochmut (superbia) aufgeblasen und sehr überheblich (elatio), der seine Untergebenen so behandelte, als ob er keinerlei Menschlichkeit (humanitas) in sich hätte, sondern über alles Maß menschlicher Bosheit (malitia) und Torheit (stultitia) gegen die Seinen wütete und abscheuliche Untaten beging. Wenn ein Diener (puer) beim Gelage, wie es üblich ist, vor ihm eine (brennende) Wachsfackel hielt, ließ er ihm die Beine entblößen und die Fackel solange darauf drücken, bis sie ausging. Wenn sie dann wieder angezündet war, machte er so weiter, bis die Beine des Dieners ganz verbrannt waren. Wenn der aber einen Laut von sich geben oder sich von der Stelle rühren wollte, zog er das Schwert aus der Scheide und freute sich lauthals, während jener weinte. (Gregor V,3)

 

Die Chronik des Fredegar belegt, dass es nach Gregors Tod so weiter geht. Chlothar II., Sohn Fredegundes, hat das Frankenreich mit Gewalt wieder geeint und lässt die Kontrahenten ermorden. Brunichilde erleidet ein besonders grausames Schicksal:

Er setzte sie drei Tage lang verschiedenen Foltern aus, und dann befahl er, sie zuerst auf ein Kamel zu setzen und im ganzen Heer herumzuführen und sie dann mit dem Kopfhaar, einen Fuß und einem Arm an den Schwanz eines über alle Maßen bösartigen Pferdes zu binden. Dabei wurde sie dann durch die Hufe und den rasenden Lauf in Stücke gerissen. (IV,42)

 

Schließlich sind Krieg und Bürgerkrieg von vorneherein gewalttätig und lassen Menschen zu allen Zeiten verrohen. Gundovald behauptete um 594, wohl zurecht, er sei ein Sohn Chlothars und damit zu einem eigenen Herrschaftsbereich berechtigt. König Gunthram zieht gegen ihn in den Krieg. Zur Belagerung von Comminges 585 und damit des Gundovald heißt es:

Die Belagerung dauerte schon fünfzehn Tage, als Leudegisil neue Werkzeuge zurüstete, um die Stadt zu zerstören, nämlich fahrbare Widder (plaustra cum arietibus), mit Faschinen und Bohlen gedeckt, unter deren Schutz das Heer heranrücken sollte, um die Mauern zu zerstören. Als sie aber vorrückten, wurden sie so mit Steinen überschüttet, dass alle fielen, die sich der Mauer näherten. Auch Fässer mit siedendem Pech und Fett sowie andere, die mit Steinen angefüllt waren, warf man auf sie herab. (Üb.Buchner, Gregor VII,37)

 

Gundovald wird durch Hinterlist umgebracht: Als Gundovald sich erhob und wieder den Berg hinauflaufen wollte, warf Boso einen Stein und zerschmetterte ihm damit den Kopf. Da sank er nieder und verschied. Und es lief alles Volk (omne vulgus) herbei und durchbohrte ihn mit den Lanzen, sie banden einen Strick um seine Füße und schleiften ihn durch das ganze Lager des Heeres; sie rissen ihm die Locken und den Bart aus und ließen ihn schließlich unbeerdigt an der Stelle liegen, wo sie ihn getötet hatten ... . Nun wird die ganze Stadt ausgeplündert. Nachdem nun alle umgebracht waren, so dass >nicht einer blieb, der an die Wand pinkelt< (I.Sam.25,34, also männlich ist) steckte man die ganze Stadt mit den Kirchen und den übrigen Gebäuden in Brand und ließ dort nichts zurück als den nackten Boden. (Gregor VII,38)

 

Lust an Grausamkeit scheint in Menschen als Option drin zu stecken, schon in Kindern, manchmal schon in Tieren. Das zeigen die Römer in ihren Amphitheatern, bei Zirkusspielen, deren kultischer Hintergrund wohl in der Kaiserzeit fast völlig zurücktritt. Aber sie zeigt sich auch in dem, was wir heute etwas ungenau wohl als „Sport“ bezeichnen würden, insbesondere bei den beliebten Pferderennen, bei denen damals auf Tier und Mensch offenbar wenig Rücksicht genommen wurde.

 

Christen sind aufgefordert, an so etwas nicht teilzunehmen, nicht nur wegen der Grausamkeit, dem absoluten Gegenteil von Nächstenliebe, sondern auch wegen des kultischen Charakters. An dem Tertulliantext gegen diesen brutalen Amüsierbetrieb (siehe...) lässt sich ermessen, wie viele Christen diesen Vergnügungen dennoch in der Antike nachgingen.

 

Jahrhunderte später schreibt um 440 der fromme Salvian, der irgendwo am mittleren oder unteren Rhein geboren wurde, später in Arles lebte und dann der mönchischen Gemeinschaft auf der Insel Lérins bei Cannes beitrat, über das gerade zum vierten Mal entsetzlich zerstörte Trier:

Und was nach diesem, so frage ich, was nach diesem allen? Wer kann die Größe dieses Wahnsinns ermessen? Wenige Adelige, die das Verderben überlebt hatten, forderten von den Kaisern Zirkusspiele , sozusagen als höchstes Trostmittel für die zerstörte Stadt. (remedio circenses) (Salvian, De gubernatione dei, 82ff, in Kaiser II, S.79ff)

 

König Chilperich, ein Christ, der auch fromme Dichtung schrieb, und den unser Gregor gerne zum Bösewicht stilisiert, ließ diese Tradition vorübergehend wieder in seinem Reich aufleben, wohl, um sich als besonders römisch kultiviert und zivilisiert darzustellen, aber natürlich mit denselben Absichten wie römische Kaiser. Das sehr römisch gebliebene Arles hielt seinen Zirkusbetrieb bis weit in die Frankenzeit aufrecht unter "Vorsitz" der Frankenkönige, wie Prokop erwähnt.

 

 

Ein besonderes Thema bei alledem ist die christliche Askese, die man im Falle der "Kasteiungen" zumindest auch als Autoaggression betrachten kann. So heißt es zum Beispiel vom heiligen Salvius im Kloster:

Aber statt sich den Brüdern zum Zwecke der Aufrechterhaltung der Disziplin (correctio) mehr zu zeigen, zog er sich, nachdem er das Amt (des Abtes) erlangt hatte, zurück. Bald suchte er sich eine noch abgelegenere (secretior) Zelle, und dabei hatte er in der vorherigen schon, wie er selbst erzählte, wegen exzessiver Abstinenz mehr als neunmal die Haut gewechselt (durch Selbst-Geißelung). (Gregor VII,1)

 

Wenn man natürlich das eigentliche "Selbst" in einer (christlichen) Seele sieht und den Körper als sein Gefängnis, dann ist das Kasteien (also Bestrafen) des "Fleisches", sein "Abtöten", die Befreiung von ihm. Bei einem eher ganzheitlichen Menschenbild öffnet sich allerdings das Bild einer pathologisch einzuschätzenden Psyche.

Solche Einzelgänger gabe es durchaus viele. Einsiedler Hospitius trägt unter der Kleidung Ketten auf der bloßen Haut (Gregor VI,6), Senoch um den Hals und an Armen und Beinen (Gregor XV,1), andere ein rauhes Büßerhemd unter dem Gewand.

Askese ist dabei das Einüben eines Zustands der Spiritualisierung, bei dem Schmerz und Lust nahe beieinander sein oder sich sogar bis zur Unkenntlichkeit vermischen können.

 

 

***Konversion***

 

Die christliche Kirche ist spätestens seit dem 4. Jahrhundert in die Hände einer reichen und mächtigen Oberschicht gelangt, welche insbesondere das Bischofsamt nun als alternativen Karriereweg betrachtet und nicht immer unbedingt einer "geistlichen" Berufung folgt.

Um 400 beginnt von mehr oder weniger christianisierten Städten aus die Christianisierung des gallorömischen Landes mit dem Bau von Bethäusern und Kirchen durch Bischöfe und weltliche Herren. Inzwischen sind die rund 115 gallischen civitates allesamt Bischofsitze.

Dabei gibt es am Ende des West-Imperiums bereits mehr Geistliche als weltliche Verwaltungsbeamte und um 500 sind die Bischofskirchen oft bereits größter Grundbesitzer.

 

Nachdem das Königtum sich von der reinen Heerführerschaft durch Ansiedlung und Reichsbildung löst, ist die römische Westkirche hier zunächst die einzige Institution, die dem Ganzen nichtmilitärische Struktur bietet. Chlodwig lässt sich davon überzeugen, dass es der Verschmelzung der großen alteingesessenen Mehrheit mit der dünnen fränkischen Einwandererschicht zu einem Reichsvolk dienlich sei, die seit den späten Kaisern zum Bündnis mit der weltlichen Macht bereite römisch/katholische Kirche zur Staatskirche zu machen. Mit den Eroberungsversuchen über germanische Nachbarn im Norden und vor allem Osten konnte nun Missionierung als Teil der Unterwerfung einsetzen.

 

Als Chlodwig die Spitzen seines Gefolges soweit hatte, dass sie die Konversion mit ihrem Anführer bejahten, ist nirgendwo dokumentiert, dass sie viel anderes vom Christentum erwarteten als einen siegbringenderen Schlachtengott. Als dann das "Volk" dazu gebracht wurde, sich der neuen Religion anzuschließen, lässt sich vermuten, dass es zunächst kaum Missionierung gab, sondern auch hierin Gehorsam gegenüber den Oberen.

 

Ein vor allem von römischem und germanischem "Heidentum" durchsetztes Christentum setzt sich durch, in dem oft Dämonenglaube, Wundergläubigkeit und magische Praktiken überwiegen und längst Priester als offiziell exklusive Magier fungieren. Mit Prozessionen und Festivitäten, die nicht selten auch an "heidnische" anknüpfen, wird des weiteren das Unterhaltungsbedürfnis der städtischen Bevölkerung etwas befriedigt. Bei allen Versuchen der geistlichen Elite, für ihren Apparat möglichst altrömisch-christliche Elemente aufrecht zu erhalten, dringen so germanische Elemente in das sich ausbreitende Christentum ein.

 

Die Welt als christliches Konstrukt

 

Der Mensch als von Natur aus aggressives Wesen wird vom nachantiken Christentum nur soweit zur Friedfertigkeit angehalten, wie er als Untertan funktionieren soll. Ansonsten ist die Nachantike eine strukturell von Gewalttätigkeit durchzogene Welt, was sie nicht hindert, sich als christlich zu verstehen.

Dieses auch durch das Mittelalter anhaltende (römisch-katholische) Christentum ist seit dem 18. Jahrhundert immer mehr zurückgegangen, seit den Reformationen den Protestanten zunehmend und heute den meisten Menschen im deutschsprachigen Raum unbekannt. Grundzüge des nachantiken Christentums sind aber eine Voraussetzung zum Verständnis dieser Zeit und sollen darum hier summarisch zusammengefasst werden.

 

Wenn wir der Apostelgeschichte, Paulus und den Evangelien folgen, dann wollte Jesus weder eine Religion noch eine Kirche begründen. Diese begründet sich vielmehr daraus, dass er nicht wie versprochen wieder zurück kommt, um die Gläubigen in ein Paradies einzusammeln, und ersetzt mit ihren angeblich von Jesus/Gott verliehenen Heilsmitteln den abwesenden Erlöser.

 

Christen werden Menschen in der Antike zum Teil damals sicherlich, weil Formen von Unzufriedenheit mit sich und ihrem Leben sie hinein in Gemeinden bringt, manche wohl auch, weil die Kirche ihnen befriedigendere Erklärungsmuster für ihr Leben und das Verständnis von Welt bietet; dazu kommen manche Frauen, weil sie so männlicher Sexualität oder einer patriarchalen Ehe in geheiligte Jungfräulichkeit entkommen wollen.

 

Das ändert sich massiv, als Christentum zur Staatsreligion im römischen Reich wird und die Verfolgung und Zerstörung der antiken Kulte einsetzt. Nun wird es opportun und schließlich, spätestens unter den Nachfolgereichen, überlebens-notwendig, zumindest als Mitläufer aufzutreten. Ausgenommen sind die Juden, aus deren Reihen die neue Religion hervorgegangen ist.

Ein lateinischer fanaticus ist ein sich vom Göttlichen inspiriert fühlender Mensch, und solche religiösen Eiferer, in neuerem Deutsch Fanatiker, entwickeln damals manchmal eine Mission, nämlich die, andere zu ihren angeblichen Wahrheiten zu (ver)führen. Ein Missionar ist wörtlich ein Gesandter, entweder von der Kirche ausgesandt oder aber sich selbst berufen fühlend. Ihm sind Andersgläubige unerträglich. Das Missionieren wird aber für wenigstens anderthalb Jahrtausende nirgendwo so intensiv betrieben werden wie im Christentum.

Da christliche Machthaber in den neuen Reichen, insbesondere im Frankenreich, von ihren Untertanen Zugehörigkeit zur Kirche, dem Partner ihres Machtapparats verlangen, unterstützen sie Mission, welche erst die eigenen Untertanen und dann anzivilisierte Nachbarvölker in Vorstellungen und Strukturen unterrichtet, welche ihrer Machtausübung nützen. In kriegerischen Eroberungen gehen nun Unterwerfung und Missionierung Hand in Hand. Wer sich gegen Christianisierung wehrt, wird mit Gewalt zum Glauben gebracht oder stirbt.

 

1. Zwei Welten

 

Sowohl frühe Kulturen wie die meisten antiken Zivilisationen konstruierten nur eine Welt. In Kulturen ist das wenig Erklärliche nicht "übernatürlich", sondern Teil ihrer erfahrbaren Wirklichkeit, mit der sie in Kulten kommunizieren.

In der antiken Welt leben die Götter oft auf Bergen, manchmal abgeschieden von den Menschen, begeben sich aber immer wieder auch zu ihnen herunter, kopulieren bei Griechen und Römern auch schon mal mit attraktiven Menschen und sind in ihren Abbildern in Kultstätten mehr oder weniger anwesend.

 

Als Erben der Kulturen, aus denen sie hervorgegangen sind, bilden Götter, die sich von Menschen vor allem durch ihre Unsterblichkeit auszeichnen, erlebbare Kräfte der Natur wie der unbelebten Welt ab. Das ändert sich im Judentum und dem daraus hervorgegangenen und sich bald in manchem immer mehr diesem wieder annähernden Christentum (und später auch in dem aus beiden hervorgegangenen Islam).

Der Gott der Juden und insbesondere auch der Christen existiert außerhalb der von ihm geschaffenen Welt, bei den Christen laut kirchlicher Doktrin in einer letztlich immateriellen Sphäre, die ermöglicht, dass er (eigentlich geschlechtslos wie die ersten Menschen vor dem Sündenfall) nicht nur unsterblich, also ewig ist, sondern auch, so er möchte, überall, zudem allwissend und allmächtig.

 

Bei beiden, Juden wie Christen (und später dem Islam), ist er nur zuständig für die, die an ihn glauben, er ist mit ihnen ein Bündnis eingegangen, in dem er die Gläubigen unterstützt und die Ungläubigen bestraft, und zudem sowohl Juden wie Christen eine schlussendliche "Erlösung" von Ungemach und Leid verspricht, die bei Juden eher eine irdische Komponente enthält, während sie bei Christen mit dem Ende der bekannten Welt die Gläubigen in sein Reich erlöst und sie damit so unsterblich macht, wie er selbst ist.

 

Solche Religion beschäftigt sich mit dem, was es in keiner Wirklichkeit gibt und wovon man ernstlich keine Kenntnis haben kann. Sie schließt die Lücken des Nichtwissens durch Erfindungen, von denen man hofft, dass sie eine gewisse Plausibilität haben deshalb, weil sie auf Fragen zumindest einzelner Menschen eine Antwort geben. Sowohl das Judentum der Priester, das Christentum der Kirche wie der Islam des Koran beruhen auf der Behauptung, dass sich am Anfang ein Gott Einzelnen geoffenbart habe, die das dann aufschrieben. Wer allerdings nicht imstande ist, die Existenz eines Gottes vorauszusetzen, muss das für eine Lüge halten. Dies ist aber durch die Geschichte gefährlich, da auf solchen Lügen sich ganze Zivilisationen aufbauen, die aus dem Bündnis von Propagandisten von Glaubenssätzen und Inhabern von Macht und Reichtum bestehen.

 

Solche Religionen behaupten, dass es eine Welt jenseits der Wirklichen gäbe, beherrscht von einem Gott, insbesondere bei Christentum und Islam auch von einem etwas irdischeren Teufel, und von allen möglichen Dämonen und Geistern, die immerhin man auch sinnlich wahrnehmen könne. Beide haben also imaginierte bipolare Welten, die volkstümlich im Deutschen als Himmel und Erde/Hölle bezeichnet werden. 

In diesem Konstrukt wird Wirklichkeit als stark vom Bösen beherrschte Natur definiert, weswegen die imaginierten Welten gerne als übernatürlich bezeichnet werden. Wir bleiben allerdings bei der sprachlich gegebenen Definition von Natur als Bereich des Lebendigen, also eines Ausschnittes aus Wirklichkeit, in die das Lebendige als Ausnahmefall auf unserem Planeten eingebettet ist, - Differenzieren erst schafft Erkenntnis.

 

Für diesen Abschnitt übernehmen wir allerdings kurz einmal den Begriff des Übernatürlichen im religiösen Sinn, da das Christentum im wesentlichen das Reich des Lebendigen, und insbesondere die Menschen als durch die Sünde ins Unheil gestoßen der kirchlich vermittelten Erlösung zuführen will, das heißt, aus der irdischen Wirklichkeit erlösen möchte in eine Welt jenseits aller "Natur".

 

Wir werden auch gelegentlich die Aufteilung der Nachantike und des langen Mittelalters übernehmen, die zwischen Welt als saeculum und den himmlischen Sphären so unterscheidet, wie es Hrabanus Maurus in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts in Anschluss an Augustinus und Papst Gregor ("den Großen") macht:

In der Kirche gibt es drei Stände, den Stand der in der Welt Lebenden; d.h. der Laien, den der Mönche und den der Kleriker. (...) Dieser Stand nimmt in der Kirche die erste Stelle ein, weil es sein Vorrecht ist, heilige Dienste zu verrichten. (De institutione clericorum, I,2) Diese Unterscheidung trennt ordines voneinander, die keine Stände im späteren (deutschen) Sinne sind, wie es später auch die états der Franzosen werden. Damit werden vielmehreine "weltliche" und eine "geistliche" Sphäre der priesterlichen  Magier voneinander unterschieden.

 

****

 

Die christlich konstruierte irdische Welt findet wie jede andere in der Zeit statt. Diese wird einmal begrenzt durch ihren Anfang vor mehreren Jahrtausenden, als Gott so etwas wie Welt überhaupt erst schuf und damit von seiner himmlischen Sphäre abgrenzte. Im Zentrum der irdischen Weltzeit steht die Geburt Jesu und seine Kreuzigung und Auferstehung, auch wenn man erst im sechsten Jahrhundert beginnt, die Jahre danach zu zählen. Letzte der Epochen, in die man die Weltzeit einteilt, ist die antik-römische, die das Frankenreich und dann auch das ostfränkische "römische" Reich fortführt, und die in durchaus absehbarer Zeit im Weltenende untergehen wird. Dieser von Gott herbeigeführte Weltuntergang, den man in der Offenbarung des Johannes beschrieben sieht, wird mal auf das Jahr 800, mal auf das Jahr 1000 verlegt. An seinem Ende soll dann das Weltengericht über die Menschen hereinbrechen. Dieses findet bekanntlich nicht statt und im Mittelalter lässt der Gedanke daran zunehmend nach.

 

***Gott***

 

Die Christen erben zunächst den jüdischen Gott, der sich bei Juden durch seine Strenge und Härte auszeichnet, und überhaupt nur mit ihnen verbündet ist. In den Evangelien bezeichnet Jesus ihn als seinen Vater und macht ihn so zu einem entsprechend väterlichen Gott, allerdings nur für seine, Jesu Anhänger. Im Vaterunser-Gebet ist es in zwei evangelischen Versionen überliefert.

 

Mit der frühchristlichen Annahme einer wie auch immer wortwörtlichen Sohnschaft Jesu teilt sich die christliche Gottesvorstellung in zwei Personen auf, was insofern bereits Probleme aufwirft, als das mit dem vorgegebenen Monotheismus mühsam in Übereinstimmung gebracht werden muss. Dazu kommt dann noch der Heilige Geist (pneuma hagion), der rund hundert Mal in den Evangelien auftaucht, und den die Kirche dann ebenfalls qua Inspiration personalisiert. Dieser aber ist für die Kirche deshalb wichtig, weil er die heiligen Texte erst sakrosankt macht und dann deren Oberen zu weiteren religiösen Überzeugungen inspiriert.

 

Dieser spiritus sanctus der Westkirche wird die Kirche schon alleine deshalb entzweien, weil Uneinigkeit darüber bestehen wird, ob er nur von Gottvater oder aber auch von Gottsohn ausgeht. Schwieriger wird durch die gesamte Nachantike die Frage bleiben, was die Sohnschaft eines Gottes eigentlich bedeuten könnte, ist er doch auf Erden ganz Mensch, aber zugleich auch (irgendwie) Gott selbst. Das beginnt ganz früh mit Erklärungsversuchen, wie ein Gott in einer sehr irdischen Frau einen Sohn zeugen kann, wiewohl das antik-griechischem und antik-römischem Vorstellungsgut durchaus nahe kommt.

 

Dann wird weiter das Problem der zwei "Naturen", eher Wesenheiten Jesu als Christus in der Debatte bleiben, die sich dann mit dem Problem der Dreifaltigkeit des Einen verbindet. Dabei bekämpfen sich frühe Cheftheoretiker der Christenheit so erbittert bis gewalttätig, dass schon Kaiser Konstantin als Herr von Konzilien, also Versammlungen der vornehmen Kirchenoberen eingreifen und durchgreifen muss, und noch Karl ("der Große") Machtworte sprechen wird. Erst im 10./11. Jahrhundert setzt sich dann die Ansicht durch, dass solche Sachen Angelegenheit alleine der Kirchen sei.

Inzwischen hat sich aber insbesondere in der späten Karolingerzeit eine zunehmende Abwertung des Menschen Jesus zugunsten des göttlichen Christus durchgesetzt, die sich zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert in den romanischen Christusbildern des Königs Christus, des triumphierenden Herrschers analog zu den irdischen Königs- und Kaiserdarstellungen wiederfinden wird. Menschlicher sind dann die Heiligen, denen sich die Gläubigen nun immer mehr zuwenden.

 

Der christliche Gott ist ewig, allwissend und allmächtig, und als Allmächtiger hat er nicht nur die Kirche eingesetzt und die Menschheit in wenige Herren und viele Knechte eingeteilt, sondern auch in wenige Reiche und gar viele Arme. Bischof Eligius von Noyon predigt im 7. Jahrhundert folgendermaßen:

Gott hätte alle Menschen reich machen können; aber er wollte, dass es in dieser Welt Arme gebe, damit die Reichen die Möglichkeit haben, sich von ihren Sünden loszukaufen. (in: Neiske, S.23)

Gemeint ist, dass "die Reichen" Spenden (Almosen) an Kirche, Kloster oder seltener direkt an Arme geben, die als Bußleitung für ihre Sünden dienen. Dass das Zitat doppelt widersinnig ist, stört ihn nicht, bedingen sich einmal doch Armut und Reichtum notwendig gegenseitig, und heißt es zum anderen doch, dass Arme sich nicht loskaufen können und darum länger in der Hölle schmoren müssen.

 

Die Präsenz Gottes und eine nur sehr lückenhaft rationale Justiz machen es möglich, dass Eide und Gottesurteile die Rechtsprechung beherrschen. Der Meineid gilt nicht nur als schwere Sünde und Verbrechen, sondern wird entsprechend auch von Gott bestraft werden, im Gottesurteil wird gehofft, dass Gott selbst Recht spricht, wiewohl es zugleich Hilflosigkeit in der Urteilsfindung ausdrückt. "Die Religion dringt wieder in Gebiete vor, die in der antike bereits entsakralisiert und >rationalisiert< worden waren." (Angenendt(2), S.184)

 

Was die allermeisten nunmehr zwangsweise Gläubigen von alledem halten, bleibt unbekannt. Zu vermuten ist, dass sie das Problem einfach von sich fernhalten, wird es ihnen ohnehin als solches nicht nahegebracht und mit jener Aura der Selbstverständlichkeit umgeben wird, die der Schutzschirm jeder Form von Gläubigkeit ist. Im Laufe der Nachantike, meist als Frühmittelalter bezeichnet, werden sie sich ohnehin den Kriterien der Anschaulichkeit und emotionaler Nähe zuwenden, und zunächst apostolischen und darauf folgenden Heiligen zuwenden, die man sich gut als Menschen vorstellen kann, und dann im (eigentlichen) Mittelalter zunehmend der immer menschlicheren Muttergottes und dann später dem sehr menschlichen leidenden Jesus zuwenden. Wenn dann im Zeitalter der späten Gotik Maria als ihr (Jesus)Kind säugende Mutter in spätgotischem Gewand dargestellt wird, hat die menschliche Seite erst einmal gewonnen, um dann im Barock neuen Entrückungen zu weichen.

 

2. Leib - Seele - Geist

 

Die Wörter Materie und Substanz repräsentieren den Wunsch der Menschen, die wirkliche Bewegung in Raum und Zeit in feststehende "Realität" zu verwandeln und somit alltagstauglich zu machen, sozusagen "handgreiflich". Nur mit diesem Denkmodell kann als Gegensatz auch "Immaterielles" gedacht werden, welches dann im Denken genauso beständig wird. Wer aber in griechischen Philosophenschulen wusste, wie fragwürdig jeder Materiebegriff ist, konnte eine - erfreulich unüberprüfbare - Ebene des wirklich Handfesten im Immateriellen suchen, dem Eigentlichen alles Materiellen. Das taten zum Beispiel Plato und die Neoplatoniker, und ihr Einfluss auf die Entstehung des Christentums ist unübersehbar. Daraus entsteht schließlich (sehr grob ausgedrückt) eine Theologie, die nur das Göttliche für wirklich hält, und das, was unser Text als wirklich bezeichnet, nur für einen üblen Abklatsch.

 

Die Trennung in Materielles (Irdisches) und Immaterielles (geoffenbartes Geistiges), an sich als reiner Denkvorgang zu erkennen, macht das Christentum aus und zudem abendländische Philossophie bis zu ihrem gemeinsamen Untergang im 18./19. Jahrhundert. Heiligen lässt sich dabei nur der "Geist", wiewohl (tatsächlich) immer den Köpfen von Menschen entsprungen, und zwar als der, mit dem "Gott" Menschen "inspiriert", denen er ihn also wörtlich "einhaucht". Als Ort dieses "Inspirierens" dient (verständlicherweise) nicht der Verstand, sondern eine schwer lokalisierbare Instanz im Menschen, welche von Christen als Seele bezeichnet wird. Dieser immaterielle, spirituelle Ort muss möglichst "rein"  (von Sünde bzw. Begierde) gehalten werden, da er im Idealfall ins ebenfalls immaterielle Himmelreich eingehen soll.

 

1115 schreibt der Mönch Guibert (Wibert) von Nogent in seinem 'De vita sua': Ubi enim carni jam nullatenus spiritus reluctatur, et infelicis animae substantia voluptatum dispendio profligatur. Also: Wenn der Geist nicht mehr gegen das Fleisch kämpft, wird die Substanz der Seele durch die Gelüste zerstört. (I,1)

 

Carne - spiritus - anima (Fleisch-Geist-Seele) bedeutet hier eine sehr christliche Aufspaltung des Menschen in drei Teile, von denen nach theologischer Ansicht die Seele unsterblich sein soll. Mit Fleisch ist wie schon im frühen Christentum der Körper/Leib gemeint, und zwar in lebendiger, also belebter Form. Das belebende Element war bei den Hellenen die psyché gewesen, während bei den Lateinern der Leib "animiert" wird. Anima ( wie Psyche) ist darum nur sehr notdürftig neuhochdeutsch in "Seele" zu übertragen.

 

Die antik-lateinische Vorstellung einer Trennung von anima und spiritus ist dem antiken Griechisch so nicht gegeben. Im Latein der römischen Antike wird ein Verständnis auch nicht gerade erleichtert, wenn man weiß, dass spirare sowohl atmen wie hauchen und ähnliches bedeutet: Daraus entsteht die Vorstellung, dass das Leben und womöglich die Seele dem Körper ein- und ausgehaucht wird.

Unser Mönch hier benutzt spiritus jedenfalls als Bezeichnung jenes merkwürdigen Phänomens, welches im Verlauf des Mittelalters in der deutschen Sprache zu "Geist" wird, und zwar weg von jener altdeutschen Bezeichnung, von der noch etwas im englischen ghost im Sinne von Gespenst erhalten ist. Guibert meint ganz offensichtlich hier jenen Geist, der in unserem Text eher Verstandestätigkeit, Denken etc. meinen soll.

 

Nun soll im christlichen Sinne der Geist gegen die Übermacht des belebten Körpers kämpfen, hier gegen das, was ihn besonders intensiv belebt, nämlich seine voluptas. Diese meint in der Antike die Lust und das daraus resultierende Wohlbefinden und wird unter christlichem Einfluss immer mehr in Richtung sexuelle Lust/Begehren eingeengt.

Diese exemplarische Formulierung des Mönches Anfang des 12. Jahrhunderts engt also bereits ein, was den Kulturbegriff aller unserer Untersuchungen hier ausmacht: Die Zähmung menschlicher Triebhaftigkeit bedeutet offiziell für Christen vor allem die grundsätzliche Abwendung von Formen sehr irdischer Lust. Dass das nur von sehr wenigen überhaupt so praktiziert wird, ist offensichtlich.

Dass dabei eine frühe Kulturleistung der Bezähmung von Triebhaftigkeit und impulsiver Aggressivität, die in Zivilisationen krisenhaft wird, ins Extrem verkehrt ist, ist unübersehbar.

 

Der Geist ist aber nicht nur germanisch, sondern auch christlich-lateinisch eine ausgesprochen unheimliche Größe, wenn er nicht (sehr menschliche) Verstandestätigkeit benennt, sondern als heiliger Geist (spiritus sanctus) auch von Gottvater ausgeht und so Teil einer göttlichen Dreifaltigkeit ist. Da er die erlauchten Häupter der christkatholischen Kirche unentwegt inspiriert, also ihnen korrekte Glaubensinhalte einhaucht (spirare), muss er magische Qualitäten haben, was es möglich machen wird, ihn auch von dem abzulösen, was vorchristliche Menschen der Antike schlicht und einfach als "Denken" erschließen können.

Besonders im Deutschen führt das dann zu merkwürdigsten Konstrukten: Spiritualisierung heißt dann plötzlich das tendenzielle Abschalten des Verstandes und das Aufkommen nebelhafter Pseudo-Begrifflichkeit. Wer dabei behauptet, eigene Meinungen seien nicht gedacht. sondern einer höheren Instanz entsprungen, macht jeden Diskurs unmöglich. Das gilt dann auch bis heute für die heilig gesprochenen Ideen politischer Ideologen, und zwar aller - und ist ein großartiges Machtinstrument.

 

Was im Mittelalter Substanz bedeutet, ein Gegenstand philosophischen Nachdenkens, lassen wir hier außen vor, auch wenn Guibert meint, dass das Nachgeben gegenüber der voluptas die Substanz der Anima zerstört. Diese anima als das belebende Moment des Menschen wird von der Christenlehre völlig verändert in eine merkwürdige und nirgendwo im Menschen lokalisierbare Instanz, die aber kurioserweise das Eigentliche des Menschen ausmachen soll, seine Seele.

 

Wie in manchen anderen Bereichen führt die Christianisierung germanischer Begriffe ins Deutsche in besonderes Unheil, da sie (siehe am Beispiel: Geist) sehr Lebendiges über den Umweg des Lateinischen in starre Konzepte verwandelt. Sehr genau weiß man nicht, was ursprünglich unter der germanischen sela verstanden wurde, und die romanischen Sprachen sind hier insofern raffinierter, als sie klug unüberlegt beim Lateinischen bleiben, der âme der Franzosen oder der alma der Spanier - und damit frohgemut wieder die antike Bedeutungsbreite eines reichen Gefühlshorizontes einholen können, während der Deutsche glückselig nur sein kann, wenn er das vom germanischen salig ableitet, was im Deutschen dann etwas mit Glück zu tun hat und nichts mit irgendeiner Seele.

 

Wenn man notdürftig den Geist als Funktion des Verstandes verstehen kann, ist die christliche Seele als anima eine Erfindung der Kirche, die derzeit auch mit ihr untergeht und ersetzt wird durch jene, die schon im alten Hellas als psyché existierte, also Lebendigkeit als ein bewusster wie unbewusster (hirngesteuerter) Innenraum des Menschen - unter der Maßgabe, dass der Mensch eine Einheit bildet, die nur gedanklich für bestimmte Zwecke aufgespalten werden sollte.

 

Die unheilvolle christliche Zergliederung des Menschen besagt also, dass der unsterbliche eigentliche Mensch aus seiner "Seele"/anima besteht, deren Fähigkeit, in irgendeinem Himmel nach dem Tode weiter zu "existieren", wie auch immer, korrumpiert wird, wenn er nicht mit der Willenskraft seiner christlichen Einsicht irdisches Begehren seines Körpers (carne - Fleisch) möglichst niederkämpft. Was bei Guibert in  diesem Satz fehlt, ist die Konsequenz der Korruption der Seele durch das Fleisch, nämlich die Perspektive ewiger (!) Höllenqualen, die allerdings ganz eigentlich einen Körper voraussetzen.

 

Was wohl fast alle kirchengläubige Laien zumindest darunter verstanden, war nicht das unattraktive Weiter-Existieren einer körperlosen "Seele", sondern ein angenehmes leibhaftiges Weiterleben in irgendeinem Himmelreich in der Nähe Gottes und seiner Engelsscharen. (siehe weiter unten) Guibert selbst schreibt über seine verstorbene Mutter: (...) magis Deo praesens non negligit. (Wo sie sich schon vorher so gut um mich kümmerte), umso mehr kümmert sie sich um mich, seit sie in der Gegenwart Gottes ist. (I,3) In diese ist sie jenseits aller Theologie also ganz schnell gelangt...

 

 

Das "Fleisch" bzw. den Leib niederkämpfen ist Aufgabe nicht nur christlicher Askese, aus dem griechischen askesis für Übung abgeleitet. Das leisten schon frühe Eremiten in der ägyptischen Wüste, die möglichst wenig essen, sich minimal bekleiden, es an Hygiene im heutigen Wortsinn mangeln lassen und ihren Körper als Ort der Gelüste, insbesondere der geschlechtlichen, geißeln. Ihre Erben werden jene Mönche, die sich in klösterlichen Gemeinschaften von der "Welt" abschließen. Paralell dazu sollen Priester zwar in der Welt und für sie da sein, aber andererseits ebenfalls sexuell enthaltsam und möglichst in ähnlichen Gemeinschaften wie Mönche leben.

 

Ein wenig Askese sollen aber auch die Menschen "in der Welt" leisten, durch Fasten samt sexueller Enthaltsamkeit zum Teil über mehrere Wochen und vor dem Einnehmen der Kommunion. Überhaupt sollen sie ihre Begierden zügeln, was aber vor allem für die gilt, die ganz unten von einem Herrn abhängig sind. Guiberts Mutter war keine Asketin, was sie in der Nachantike unter Umständen zur veritablen Heiligen gemacht hätte. Ein solcher ist der Eremit Hospitius gegen 600, von dem Gregor von Tours schreibt:

Er wand sich eiserne Ketten um den bloßen Leib und trug sein härenes Kleid darüber und er aß nichts als trockenes Brot und wenige Datteln. In der Fastenzeit nährte er sich von den Wurzeln ägyptischer Kräuter, wie sie dort die Einsiedler genießen; Kaufleute brachten sie ihm mit. Zuerst trank er die Brühe, worin sie gekocht waren, nachher genoss er sie selbst. (Historien, IV,6)

 

Man sieht, dass Einsiedler in der Regel nahe bei Siedlungen lebten, aus denen sie versorgt und von deren Einwohnern sie bewundert werden können. Unübersehbar ist auch eine gewisse Eitelkeit in der Selbststilisierung, wenn denn Gregors Darstellung so stimmt. Daneben lässt sich die Lust am eigenen Leiden auch als (sexuelle?) Perversion verstehen, deren sexuelle Komponente in so mancher weiblichen Heiligenlegende dann auch deutlicher wird (wobei an dieser Abartigkeit dann die männlichen Autoren offensichtlich teilhaben).

 

3. Erlösung in die Ewigkeit

 

Was Göttern zur Zeit der Evangelisten gemeinsam ist und sie vor den Menschen auszeichnet, ist ihre Unsterblichkeit. Darüber hinaus sind der jüdische und der ihm langsam wieder ähnlicher werdende christliche Gott allwissend, allmächtig, gerecht und eben vor allem – ewig.

 

Der Tod aber ist neben dem Schmerz der Urquell aller menschlichen Angst. Seine Endgültigkeit irgendwie zu leugnen ist wohl schon ein frühes Unterfangen der Menschheit gewesen. Frühe Kulturen haben zum Beispiel ihre Toten mumifiziert und in der Nähe aufbewahrt – auf irgendeine Weise waren sie dann noch da. Andere hatten Vorstellungen von einem Jenseits (dieser Welt), welches viel mit den Wert-und Wunschvorstellungen der Menschen zu tun hatte. Germanen und viele andere gaben ihren Toten lebensnotwendige Sachen, Nahrung, Kleidung, Waffen usw. mit, auch damit ihnen der Übergang in dieses Jenseits ermöglicht oder erleichtert wird.

 

Juden verbrannten ihre Toten nicht, weil sie glaubten, wenn der Tag der Erlösung käme, und zwar nur für sie, würde der Messias sie aufwecken und sie würden dann in einem exklusiven Paradies für Juden wieder irgendwie leibhaftig zum Leben erwachen.

Der evangelische Jesus erklärte nicht wortwörtlich, er sei dieser Messias, aber seine Anhänger hielten ihn irgendwann dafür. Nur war er nicht mehr für jeden Juden zuständig, sondern nur noch für die, die so lebten wie er, nachdem er dank des Täufers seine Mission entdeckt hatte. Und sein Vater (nicht Joseph, sondern der da oben) würde, so sagt der Jesus der Jerusalemer Passion, dafür sorgen, dass sein Tod mit einem gewaltigen Donnerschlag diese Welt für seine Jünger ganz schnell in das paradiesische Jenseits verwandeln würde.

 

Das geschah nicht und er kam auch nicht wieder, wie seine Anhänger zunächst dachten, um dies sein Werk zu vollenden. So blieb nichts anderes, als auf Erden lebenslang auszuharren, so zu leben, wie Jesus das wollte, und das ewige Leben auf die Zeit nach dem Tod zu verlegen, von der niemand zurückkommt und erzählen könnte, dass es sich um eine vergebliche Hoffnung handelte.

 

 

Der Gott der Evangelisten war bereits im Ansatz ein Richtergott. Er würde wissen, wer so wie die Apostel, die Anhänger Jesu also, für sein Himmelreich tauglich wäre, und er würde alle anderen Leute seinem kontrapunktischen Kollegen, dem Teufel überlassen. Zu diesem Gerichtstag kommt es aber erst mit dem vom christlichen Gott inszenierten Weltuntergang, denn Voraussetzung für das Jenseits war das Ende des Diesseits. Wann das sein würde, wurde zwar immer mal wieder vermutet, aber Genaues wusste man nicht, auch wenn Gelehrte versuchten, ein genaues Datum zu berechnen.

 

Schon die Mittelmeer-Antike und der Nahe Osten kannten eine mythische Abfolge von Zeitaltern, beginnend mit einem goldenen und dann absteigend mit der Bezeichnung durch jeweils weniger edle Metalle. Christliche Gelehrte führte das zur Benennung einer Reihe von Reichen in eher aufsteigender Linie, deren letztes das römische sei, welches dann auf die Nachfolgereiche übertragen wird. Am Ende steht immer noch das Weltengericht, welches in Zusammenhang gebracht wird mit der als Prophetie verstandenen sogenannten Apokalypse (Offenbarung) des Johannes.

 

 

Immerhin kommt man selbst auf höherer Ebene schon früh zu der erfreulichen Annahme, dass besonders Fromme es schon früher schaffen könnten, sozusagen vorgezogen würden, weil Gott sie besonders liebe so wie Jesus seinen Jünger Johannes. Heilige wandern nun ohne Umwege zu Gott, weswegen ihr Leichnam manchmal auch nicht verwest; über Papst Stephan schreibt Lampert von Hersfeld um 1078, er starb in Florenz und wanderte sicherlich, wie wir hoffen, aus diesem Tal der Tränen hinüber zu den Wonnen der Engel. Dafür zeugen die Zeichen und Wunder, durch die sein Grab in derselben Stadt bis zum heutigen Tag durch Gottes Fügung ausgezeichnet sind. (Annales zu 1058)

 

Um es noch einmal deutlich zu machen, der evangelische Jesus hatte zwar, selbst auferstanden, wie da nach seinem Tod behauptet wird, nicht von der Auferstehung der Menschen geredet, sondern von seiner Rückkehr in Kürze, mit der für die, die ihm bis dahin gefolgt waren, das Reich Gottes anbrechen würde, wohl ganz in jüdischem Sinne in dieser Welt und keiner anderen. Die Rede von der menschlichen Auferstehung von den Toten konnte erst einsetzen, als er nicht wiederkam. Nur darum entsteht die Kirche mit ihren magischen Mitteln und all das, was sich daraus ergeben wird. 

 

 

Die Trennlinie zwischen Attraktion und Schrecken der Sünde setzen der Tod und das (irgendwann) folgende Gericht, bei dem nach mittelalterlicher Vorstellung eine richtige Gerichtsverhandlung stattfindet, in der die Qualifizierung für das ewige Leben untersucht und bald durch heilige Anwälte auf Seiten des Sünders zu dessen Gunsten beeinflusst werden kann. Noch im 'Muspilli' des bayrischen 9. Jahrhunderts heißt es: In diesem Gericht ist kein Mensch so schlau, dass er sich freilügen könnte (dar ni ist eo so listic man der dar iouuiht arliugan megi). Sich in den Himmel Tricksen geht also nicht, und das verstärkt die Angst.

 

Für die Missionierung wird die Erwartung des allgemeinen Welten-Gerichtes als Weltuntergang tendenziell ersetzt durch die bald nach dem individuellen Tod einsetzende Gerichtsbarkeit für den jeweiligen Verstorbenen, was dem Drohcharakter der christlichen Botschaft auf den Einzelnen erheblichen Nachdruck verleiht. Noch das althochdeutsche und noch recht germanisch angehauchte 'Muspilli' beginnt in neuhochdeutscher Übersetzung folgendermaßen:

 

Und dann kommt für den Menschen der Tag, an dem er sterben muss. Wenn sich dann die Seele (sela) auf den Weg macht und die Leibeshülle zurücklässt, kommt eine Schar von den Sternen des Himmels, eine andere aus dem Feuer der Hölle (fona pehhe), diese werden um die Seele kämpfen. In Sorge muss die Seele dann ausharren, bis entschieden ist, welcher der beiden Scharen sie zufällt. Denn wenn das Volk des Satans sie erringt, dann führt er sie unverzüglich dorthin, wo nur Leid auf sie wartet: in Feuer und Finsternis. Das ist in der Tat ein grauenvolles Urteil. Wenn aber die, die vom Himmel her kommen, die Seele holen und wenn sie den Engeln zuteil wird, dann geleiten diese sie schnell empor ins Reich des Himmels (in himilo rihhi). Dort ist Leben ohne Tod und Licht ohne Finsternis, eine Wohnung ohne Sorgen, dort leidet niemand an einer Krankheit. Wenn der Mensch im Paradies eine Wohnung, im Himmel ein Haus erhält, wird ihm Hilfe in Fülle zuteil

 

Anhand dieses Textes mag man ahnen, wie germanische Völker missioniert wurden bis hin zum anschaulichen hus in himile, welches ihnen versprochen wird. Fast zweihundert Jahre vorher, wird in der Vita des Friesenmissionars Wulfram berichtet, fehlt in dem Bekehrungsversuch an Friesenfürst Radbod die Hölle ganz, aber dafür ist die christliche nun von der germanischen Version von Walhal/Himmel kaum verschieden:

Als der erwähnte Fürst Radbod zum Taufempfang ermuntert wurde, fragte er den heiligen Wulfram, ihn unter Eid verpflichtend, wo die größere Zahl der Könige, Fürsten und Adeligen des Friesenvolkes sei: In jenem Himmelsaufenthalt, den er, Wulfram, ihm, wenn er glaube und sich taufen lasse, in Aussicht stelle, oder an jenem Ort, den er die höllische Verdammung nenne? Darauf der heilige Wulfram: Du sollst nicht im Irrtum bleiben, hoher Fürst! Für Gott ist die Zahl seiner Erwählten eindeutig. Deine Vorgänger, die Fürsten des Friesenvolkes, die ohne Taufsakrament verschieden sind, haben - das ist gewiss - ihr Verdammungsurteil erfahren; wer aber von jetzt an glaubt und sich taufen lässt, wird auf ewig in der Freude mit Christus sein. Als dies, so wird berichtet, der ungläubige Fürst vernahm, da zog er - er war schon zum Taufbecken geshritten - den Fuß vom Taufbecken wieder zurück und sagte, er könne nicht auf die Gemeinschaft mit seinen Vorgängern, den Friedensfürsten verzichten (...) er (...) bleibe lieber bei dem, was er allezeit mit dem Friesenvolk eingehalten habe. (in: Neiske, S.87f)

 

Wir ahnen, wie wenig "Glauben" man offenbar als Fürst in die Taufe einzubringen hat, deren handfestes Ziel die entsprechende Bekehrung des Volkes mit ihren politischen (Er)Folgen insbesondere für die Frankenherrscher gewesen wäre. Die Bekehrung der Friesen und Sachsen ist erst die Folge langer und blutiger Kriege dieser Herrscher.

 

 

Den schon über Generationen bekehrten Christen wird durch die Heilsmittel der Kirche die Perspektive gewährt, nach Ableistung der Sündenstrafen an der Ewigkeit Gottes teilhaben zu können. Auf höchstem theologischen Niveau ist dafür allerdings nur die Seele geeignet, denn Gott dort ist eine Art Geistwesen und nicht der physisch vorstellbare ältere Herr des Volksglaubens. Entsprechend ist der körperliche Mensch der Verwesung anheimgegeben und je frömmer der Christ, desto mehr soll er ihm Verachtung entgegenbringen und als Mann vor allem sich nicht von weiblichen Reizen täuschen lassen. Das bewegt die heiligsten Herren der Kirche schon mit Augustinus, der mit Ekel darauf verweist, dass der Mensch direkt zwischen Urin und Fäkalien geboren wird, was den naturgemäßen Sehnsuchtsort des männlichen Gliedes wenig attraktiv erscheinen lässt, was er im Zustand fehlender Geilheit wohl auch ist.

 

Und so kann Abt Odo von Cluny, der frömmsten und mächtigsten einer im 10. Jahrhundert, denn auch formulieren:

Die Schönheit des Körpers besteht allein in der Haut. Denn wenn die Menschen sähen, was unter der Haut ist, (...) würden sie sich vor dem Anblick der Frauen ekeln. Ihre Anmut besteht aus Schleim und Blut, aus Feuchtigkeit und Galle. Wenn jemand überdenkt, was in den Nasenlöchern, was in der Kehle und was im Bauch alles verborgen ist, dann wird er stets Unrat finden. Und wenn wir nicht einmal mit den Fingerspitzen Schleim oder Dreck anrühren können, wie können wir dann begehren, den Dreckbeutel selbst zu umarmen. (So in: Huizinga, S.194)

Die Erkenntnis, dass Menschen aufgrund ihrer Ausstattung mit Verstand und Gefühl sich selbst nur ertragen können, indem sie sich Illusionen machen, wird allerdings bei diesen Christen gepaart mit der Illusion, sich dereinst als Geistwesen vom Körper befreien und dann als Gottes Auserwählte ewig "leben" zu können.

 

Für die meisten Menschen ist allerdings das Angebot ewigen Lebens als körperloser Seele wenig attraktiv, und so duldet die Kirche und fördert dann auch, dass der Volksglaube wie auch der hoher Geistlicher die Vorstellung einer Auferstehung des Leibes wie beim Gottessohn vorzieht, und zwar im optimalen Zustand jugendlicher Kraft und Schönheit.

 

Natürlich wissen die antiken und nachantiken Menschen, dass auch Christen in ihrem Grab verwesen. Auch wenn sie nicht vom Schwert zerstückelt, von der Lepra zerfressen oder vom hohen Alter gebeugt waren, blieb eigentlich à la longue nicht viel von ihnen übrig. Aber der evangelische Jesus hatte, behauptet die Kirche schließlich, die Auferstehung des Leibes versprochen und auch selbst vorgemacht. Den Laien, also fast allen, konnte  man nun kein ewiges Leben als Kranker, Zerstückelter oder gebrechlicher Greis als Angebot für den Glaubenswechsel und die Unterwerfung unter Kirche und weltliche Macht machen.

 

Neben diese Vorstellung von einer leiblichen Auferstehung trat nach und nach, wie schon das 'Muspilli' zeigt, die von einer Unsterblichkeit dessen, was die Griechen psyche nannten, die Römer anima, und was dann in germanischen Sprachen als Seele übersetzt wurde. Diese entweicht danach mit dem Tod aus dem Körper und landet entweder bei Gott oder allen Teufeln. Der Körper ist dann als toter „entseelt“, ein Ausdruck, der sich gehalten hat. Die Seele wird für immateriell gehalten (quasi) wie der Atemhauch, ist aber zugleich durchaus glücks-und leidensfähig. Aber der Gedanke von der Unsterblichkeit der Seele war weder vorstellbar noch darstellbar und darum eher ungeeignet bei der Propagierung des Christentums.

 

Die Vita des Erzbischofs Brun, des Bruders von Kaiser Otto d.Gr., berichtet davon, er habe sich auf dem Sterbebett "neugierig auf die Bekanntschaft mit vielen berühmten Männern gefreut, die er im Paradies machen werde." (WGoez, S. 79) Kaum vorstellbar, dass er damit immaterielle glückselige Seelen gemeint haben könnte. Adam von Bremen wird im 11. Jahrhundert in seiner Hamburgischen Kirchengeschichte schreiben: Wenn auch die Heiden nicht an die Auferstehung des Fleisches glauben, so ist an ihren Bestattungen doch bemerkenswert, dass sie nach Art der alten Römer Gräber und Leichenfeiern ehrfürchtig achten. (in: Neiske, S.109)

 

Die Dualität von Leib und Seele/Geist wird konstitutiv für das Christentum der Gebildeten, während sie für germanische Völkerschaften zunächst nicht einmal sprachlich darstellbar war. Zudem sind die Höllenqualen, mit denen der neue Gott beim Auslaufen der Antike zunehmend droht, für die zu Missionierenden als körperliche Torturen wesentlich überzeugender als irgendeine Seelenpein.

Noch bei Otto von Freising taucht die Vorstellung einer doppelten Auferstehung auf, duas esse resurrectiones animae videlicet  et corporis. (Chronik VIII,10, S.604)

 

Zwischen Papst Gregor ("dem Großen") und dem ersten Millennium wird von zahlreichen "Visionen" berichtet, die das Jenseits beschreiben. In wieweit solche Texte durch Predigten unter das Volk kommen, bleibt unklar.

Dazu gehört die von Walahfrid Strabo 824 in Gedichtform gefasste 'Visio Wettini', in der dieser auf dem Sterbebett durch die Unterwelt/Hölle wandert. Neben vielen anderen Prominenten sieht er dort auch Karl ("denGroßen"), der als Lüstling von einem Tier, welches die Teile der Scham ihm zerfleischte, gequält wird. Diese Qual muss er leiden, weil er durch schändliche Wollust die guten Taten besudelt und geglaubt hat, es tilge die Menge des Guten die Lüste. Deshalb gedachte er so in gewohnter Sünde zu leben bis an sein Ende. (in: Neiske, S.69)

 

 

Gott und sein Reich sind jenseits von Zeit und Raum und damit menschlichem Vorstellungsvermögen eigentlich nicht zugänglich. Im Grunde gilt das auch für die Hölle, die aber nach der Antike an Format und Anschaulichkeit immer mehr zunimmt, da sehr alltägliche Folterqualen nicht nur die Phantasie beschäftigen. Ewige Seligkeit hingegen ist nicht vorstellbar. Sie ist auf Erden nicht zu haben, und wenn man sich dann aus dem irdischen Leben dafür das herauspickt, was einem besonders gefällt, nimmt die Kirche das hin, die Gebildeten in ihr wissen aber, dass der unaufhörliche Gesang der Engel, die Abwesenheit materieller Not und ähnliches Hilfskrücken für die schlichten Gemüter und die zur Dummheit Geborenen und Erzogenen sind.

 

Was für (ein wenig) philosophisch geschulte Theologen eine jenseitige Welt der Vergeistigung und der unirdischen Abstraktionen ist, was immer das sein mag, stellt die Kirche der Masse der Christen relativ bald als paradiesische Zustände in einem einladend paradiesisch ausgestalteten Himmel vor, also das absolut gesetzte Gegenteil der irdischen Welt, die für die meisten damals nicht zuletzt Mühsal und Arbeit, Kummer und Leid bedeutet. Damit sie das alles so recht genießen können, stellen sie sich den "Himmel" gerne als Ort vor, wohin sie vom Tode wieder leibhaftig "auferstehen" werden, wie das von ihrem zum Christus gewandelten Jesus (angeblich) als erstem Modellfall vorgemacht wurde. Damit das dann noch erfreulicher wird,  wird dahingehend noch weiter phantasiert, dass man nicht als gebrechlicher alter Mensch, sondern in jugendlicher Blüte aufersteht, was später in der Kirche dann auch deutlich später teilweise aufgenommen und dargestellt wird.

 

 

In der vom Anfang des 9. Jahrhunderts stammenden Trierer bebilderten Handschrift der Apokalypse, also der Offenbarung des Johannes, thront Christus als richtender Gott, assistiert von einigen Engeln, und unter ihm werden die gerade Auferstandenen als recht jung, gesund und munter abgebildet, natürlich nackt wie im ersten Paradies.

 

Darunter, neben dem Engel, der die für das Himmelreich Untauglichen dem bzw. einem Teufel übergibt, wird gezeigt, wie einfach der Zustand der gerade Auferstandenen aufzupolieren ist: Ein Engel befiehlt einem kopflosen und auch sonst in schlechtem Zustand befindlichen Auferstandenen, sich in die angemessene körperliche Verfassung derer über ihm zu begeben, in der alleine man vor Gott zu treten hat.

 

In seiner 'Vita sua' beschäftigt das Anfang des 12. Jahrhunderts Gilbert (Guibert) von Nogent im Zusammenhang mit Betrachtungen über die körperliche Schönheit seiner Mutter:

Man sagt auch, dass unsere Körper, einmal unter die Auserwählten eingereiht, nach der Pracht des Körpers Christi gestaltet werden, und zwar so, dass die Hässlichkeit, durch einen Unfall oder durch natürliche Verwesung zugezogen, verbessert wird, wenn wir übereinstimmen mit dem auf dem Berge transfigurierten Sohn Gottes. (Ad hoc etiam nostra electorum corpora corporis claritati Christi configuranda dicuntur, ut foeditas, quae casu seu naturali corruptione contrahitur, ad regulam transfigurati in monte Dei Filii corrigitur. (Guibert, S.14)

 

Ähnlich äußert sich mehr als eine Generation später Otto von Freising zur Auferstehung der vera corpora in vera carnis substantia (Chronik VIII,27): Alle werden laut Augustinus auferstehen in jugendlicher Frische, und wer missgestaltet war, wird von Gott dafür geschönt werden. Frauen werden wie Männer auferstehen, aber die weiblichen Glieder  (membra feminea) werden nicht dem früheren Zweck angepasst sein, sondern der neuen Schönheit. (Chronik VIII,12, S.608) Es soll die Geschlechter weiter geben, aber nun wieder im paradiesischen Zustand fehlender Triebhaftigkeit.

 

Das ist die großartige Einladung der Kirche: Der Tod ist nun nur noch der Übergang in eine zweite Welt phantastischer Wunscherfüllung und nicht mehr das Ende, - eher der eigentliche Anfang. All das ist zwar widersprüchlich und inkonsistent, unter anderem weil man  eigentlich für all diese Annehmlichkeiten auf die Wiederkunft Jesu warten muss, der der erfahrbaren Welt ein Ende macht, mit dem auch alle nicht für ein himmlisches Leben vorgesehenen Menschen in irgendeinem Orkus verschwinden. Und dann ist da noch ein zweites Problem, denn es gibt ein doppeltes Jenseits neben dem einen erfahrbaren irdischen: Zum Himmel gesellt sich die Hölle und laut Paulus und den Evangelien ist letztere für die meisten da.

 

 

Wie nun wird man zu dem Menschen mit seinem (irdischen) Leben, dem laut einiger Theologen entweder ewiges Leben oder ewiger Tod droht, und laut den meisten entweder Himmel oder Hölle? Diese meisten sind im neunten Jahrhundert wie Hrabanus Maurus oder Hincmar von Reims der Ansicht. dass der Mensch durch die Taufe die Freiheit gewinnt, Gutes oder Böses zu tun, also durch seinen Lebenswandel für Himmel oder Hölle bestimmt wird. Wer sich wie der sächsische Grafensohn und Mönch Gottschalk stärker an Augustinus orientiert, bezweifelt das und zieht aus Gottes Allmacht und Allwissenheit den Schluss, dass das Schicksal des Christenmenschen ohnehin göttlich vorherbestimmt ist: Die einen sind Gegenstand seiner Gnade, die anderen nicht. Als Gottschalk 847 eine Mainzer Synode mit diesen Ansichten provoziert, wird er abgelehnt und ausgepeitscht. Wenige Jahre später wird er in einer Abtei eingesperrt und mit einem Lehr- und Schreibverbot belegt. Der Konflikt über dies Thema wird aber mehr oder weniger unterirdisch durch die Jahrhunderte bestehen bleiben, um dann in den großen Reformationen wieder machtvoll aufzutauchen.

 

****

 

Wo immer Menschen die Wunschvorstellung von einer leiblichen Auferstehung mit möglichst optimalem Körper haben, muss es ihnen schwergefallen sein, auf Grabbeigaben zu verzichten, und die letzten tun dies im Frankenreich erst im 7./8. Jahrhundert, offenbar getröstet durch die Vorstellung, dass in himinam alles im Überfluss vorhanden sei.

Damit der Übergang in dieses himmlische Paradies möglichst ohne (großen) Umweg erreicht wird, ist zunehmend neben der Anwesenheit der Verwandten die priesterliche Begleitung vonnöten, denn gute Engel und böse Dämonen werden bald um die arme Seele kämpfen, und dabei helfen ihr Gebete und das Begießen mit heiligem Öl, welches immer magischere Kraft gewinnt. Wichtig ist auch eine letzte (und nun möglichst offenherzige) Beichte samt aufrichtiger Reue und zuvor ein Testament, in dem man Kirche und Kloster und damit auch die Armen bedenkt.

 

Wer einflussreich genug ist, kann auch, wenn er den Tod nahen sieht, für die letzten Tage oder Wochen ins Kloster gehen, um seine Chancen hinsichtlich einer himmlischen Zukunft als Kurzzeitmönch noch zu verbessern.

Der Hölle verfallen sind allerdings alle Selbst"mörder", denn der Suizid gilt als

Todsünde und nimmt einem die Möglichkeit des Begräbnisses in "geweihter Erde", schließt einen also auch postmortal aus der Gemeinde aus. Spätestens im 10. Jahrhundert werden nämlich nicht nur Kirchen, sondern auch dazu gehörende Friedhöfe geweiht.

 

 

4. Hölle und Teufel

 

In der antiken Welt der Römer verschwindet für Gläubige das, was vom Menschen nach dem Tod übrigbleibt, in der Schattenwelt des infernus, wörtlich der Unterwelt. Im germanischen Raum ist das hel oder hella,  in späterem Deutsch Hölle oder italienisch inferno zum Beispiel.

 

Tatsächlich entsteht die Hölle aus dem Hades/Tartarus der römischen bzw. griechischen Antike und hat mit dem evangelischen Jesus und seinen jüdischen Vorgaben nichts zu tun. Christlich gewendet wird daraus im 6./7. Jahrhundert der (wohl riesige) unterirdische Folterkeller, in den alle die Toten gelangen, die entweder zu viel gesündigt oder aber nicht genügend die von Gott der Kirche verliehenen Heilsmittel genutzt haben. Damit werden aus den zwei Welten dann eben doch drei.

 

Chef im (christlichen) Höllenreich ist der Teufel. Als Satanas ist er bei Juden der „Widersacher“ Gottes gewesen, sein Gegenspieler, und bei den zu bekehrenden Griechen wird diese Vorstellung recht wörtlich in den diabolos übersetzt und in seinen Verballhornungen wird dieses Wort dann für die Germanenmission übernommen.

Einen Teufel kannten die Griechen, Römer und Germanen wohl nicht, wie auch keinen Sündenbegriff. Dafür kannten sie wie alle Indoeuropäer eine Zwischenwelt zwischen Menschen und Göttern, gute und böse Phantasie-Wesen, Feen, Dämonen usw. Dieser Volksglaube wird durchs Mittelalter anhalten, aber die Kirche wird danach streben, dem (sehr eingeschränkten) Monotheismus und der geistlichen wie weltlichen Monarchie auch einen solistischen Bösewicht zuzugesellen, einen "Mono-Satanismus" sozusagen einzurichten, was Christen aber nicht hindert, überall tausend Teufel am Werk zu sehen, ist die Welt des evangelischen Jesus wie seiner jüdischen Zeitgenossen doch schon von teuflischen Dämonen durchsetzt, die niemand so wie er austreiben kann.

 

Abgeleitet wird die christliche Teufelsvorstellung aus der jüdischen Paradiesgeschichte, in der (der jüdische) Gott mit Adam und Eva zwei Menschen "nach seinem Ebenbild" schafft, was immer das bedeuten mag. Jedenfalls sind sie zugleich Mann und Frau und doch ohne Geschlechtstrieb, da noch unsterblich. Der böse Widersacher Gottes, später auch als aus dem Himmel gefallener Engel des göttlichen Hofstaates beschrieben, verdirbt die Unschuld der Menschen, indem er Eva dazu verführt, Adam zu verführen, die Frucht vom Baum der Erkenntnis zu pflücken,  mit der das Böse selbst in die Welt kommt.

Die Paradiesgeschichte als bildhafte Vorstellung des Austritts des Menschen aus der paradiesisch vorgestellten Natur und Eintritt in die Mühen der Kultur bestimmt diesen Punkt als den des Beginns eines sich selbst reflektierenden Denkens, also den der Textproduktion.

Die dazugehörige sexuelle Komponente besagt, dass in/mit dem Bösen ein Begehren in die Welt kommt, welches sich praktisch dazu fügt, dass die Menschen als Strafe Gottes ihre Unsterblichkeit verlieren und nun zur Fortpflanzung gezwungen sind, welche bekanntlich nun durch Lustgefühle motiviert wird.

Der Koitus ist für die jüdischen Priester-Redakteure dieser Geschichte noch keine Sünde, da ihrer Ansicht nach das (jüdische) Volk Gottes sich (in dessen Auftrag) fleißig zu vermehren hat; ihr Augenmerk liegt auf der Erkenntnis als Unterscheidung zwischen gut und böse, die sich Menschen unbefugt angeeignet haben, obwohl sie jüdisches Priestermonopol sein soll.

 

Die Verbindung von Geschlechtstrieb, sexueller Lust und Sünde entwickeln erst frühe Kirchenlehrer. Die von Jesus angebotene Rückkehr ins Paradies und nun eher in den "Himmel" bedeutet erneute Unsterblichkeit und damit das Ende sexuellen Begehrens. Die Vorbereitung darauf auf Erden gelingt um so besser, je mehr man dies Begehren unterdrückt und wenigstens nicht auslebt.

Dabei geht es um die menschliche Besonderheit, dass die Fortpflanzung mit einem besonders ausgeprägten Lustempfinden gekoppelt ist, welches schon das Begehren zu einem von ausgiebiger Schmerz-Lust-Erfahrung machen kann, von der kirchlich geforderten Hinwendung zu Gott ablenkt, indem sie die Menschen auf sehr Irdisches konzentriert.

 

Als erste und zentrale Sünde setzt sich also bald die sexuelle Unzucht (fornicatio) durch, wobei man das deutsche Wort auch mit Disziplinlosigkeit umschreiben könnte. Damit wird der Teufel in hohem Maße zum Vertreter des sexuellen Begehrens, was sich volkstümlich in seinem animalischen Pferdefuß und seinen ebenso animalischen Ausdünstungen niederschlägt.

 
Hier verbinden sich nun Eva als Verführerin des Mannes und der Teufel, der sich ihrer bedient. Am männlichen Begehren ist die Frau schuld, „weil“ sie es im Mann entzündet. Die Frau, die das forciert, ist mit dem Teufel im Bunde. Damit wird das Teufelsbild aber im Laufe der Zeit zunehmend schwanken zwischen dem abstoßend hässlichen und dem attraktiv-charmanten Bösen. Nur in letzterer Rolle taugt der Teufel ja als Verführer insbesondere der Frau, die dann den Mann verführt. Damit wird ein jüdisches Frauenbild zu einem christlichen.

 

Denn der Teufel, meist in der Mehrzahl, ist nicht erst für die Hölle zuständig, sondern bereits auf Erden ähnlich allgegenwärtig wie Gott, ist doch die Erde sein eigentliches Reich, so wie das Paradies das Reich Gottes ist. Nur so ist verständlich, warum der evangelische Jesus versprochen hatte, seine Wiederkehr mit der Zerstörung der irdischen Teufelswelt zu verbinden.

 

Das das "Böse" mit dem Teufel und dann immer mehr Teufeln personifiziert wird, hat sicher mit dem Ende der antiken Theologie und der Mission in den germanisch angeführten Nachfolgestaaten zu tun, damit eben auch mit dem Niedergang der Städte und der zunehmenden Illiteratheit der Menschen. Sehr präsent werden die Teufel in den (von Kirchenleuten verfassten) Texten aber erst mit dem langsamen Einstieg ins Mittelalter im 9./10. Jahrhundert.

Seitdem ist der Teufel überall, was daran liegt, dass er zwar wie Gott nur einer ist, aber zugleich nicht nur in dreierlei Gestalt, sondern in unzähligen Exemplaren auftritt. Bei Guibert von Nogent wird berichtet von Horden von Teufels, die sich nächstens auf dem Friedhof eines Klosters tummeln. (De vita sua, I,25).

 

Zu den kirchenchristlichen Vorstellungen gehört auch, dass man nicht nur vom heiligen Geist inspiriert, sondern auch vom bösen Geist besessen sein kann, weswegen zu den niederen Ämtern in den Kirchen auch nach Möglichkeit wenigstens ein Teufelsaustreiber, Exorzist, gehört. Dieser liest dann rettende Formeln vor, manchmal wohl von anderen Ritualen begleitet.


Die Vorstellung vom Regiment des Teufels und den Höllenqualen setzt sich, wenn man allem, was überliefert ist, glauben kann, langsam immer mehr durch und wird von Königen und Bauern gleichermaßen „geglaubt“. Wenn dann auf höchster Ebene Papst Gregor VII. im Streit mit Heinrich IV. die Welt auffordert: Versucht ihn in jeder Weise der Hand des Teufels (de manu diaboli) zu entreißen, wo doch die Möglichkeit besteht, dass er es lieber dem Teufel als Christus zu folgen vorzieht (in Laudage/Schrör, S.129), so wird deutlich, dass an dem Teufel auch in höchsten Kreisen kein Zweifel besteht. Und wenn das den König wenig beeindruckt, dann nicht, weil er nicht an das göttliche Gericht und die Höllenqualen glaubt, sondern eher den Papst für vom Teufel besessen hält.

 

 

Der Teufel des Mittelalters ist eine Doppelgestalt: Einmal ist er auf Erden der Verführer, der Anbieter zahlloser Verlockungen. Andererseits ist er aber auch in der Hölle der grausame Folterer und Sadist. Hier ist der Vorgang der einsichtsvollen und so tradierten Verzichtsleistungen im Prozess der Kultivierung des Menschen institutionalisiert durch die erweiterten und neuen Verzichtsleistungen im Prozess der Zivilisierung.

 

Den härtesten Kampf gegen den teuflischen Verführer liefern Mönche seit den frühen Eremiten in der Nacht, wenn erotische Träume von Samenergüssen begleitet werden und die ein Johannes Cassianus schon als üble Befleckung männlicher Reinheit ansieht.

Kurz zuvor wird im 'Leben der Juraväter' ein Diakon von Teufel, der mit anderen Mitteln scheitert, in der Gestalt zweier Mädchen bedrängt, um den keuschen Diener Gottes zu Fall zu bringen (...) Die Mädchen ließen ihre nebelleichten Kleider fallen. Dann rückte der Feind die weibliche Blöße genau in das Blickfeld des Dieners Christi, wohin er auch seine Augen wenden mochte. (in: Neske, S.125)

 

Dabei verkörpert das Böse als Teufel oder ganzes Reich von Dämonen das Verdrängte und Verleugnete des Menschen, das unterirdisch Gewordene, was gleichwohl beziehungsweise gerade darum mit besonderer Macht ständig nach oben strebt.

Das Augenmerk richtet die Kirche auf das Medium, durch das der Teufel vor allem Zugang zu den irdischen Menschen gewinnt, das sexuelle Begehren als Begehren von Lust, das größte Laster des Menschen, der Urquell seiner Sündhaftigkeit. In den Bußbüchern zwischen 600 und 1000 beziehen sich fast die Hälfte aller Verbote und Bestimmungen auf Sexuelles.

Der Auftrag aber, jede Art von Fleischeslust möglichst weitgehend abzutöten, und überhaupt alle Lasterhaftigkeit abzudrängen, schafft eine Unterwelt, in der sie aufgehoben bleibt. Dies ist eine Welt, die in bizarrsten Bildern und Geschichten in mehr oder minder pervertierter Form immer wieder nach oben drängt.

 

Die Hölle, die sich Menschen in den christianisierten Machtstrukturen tatsächlich schaffen, wird so transponiert in eine Hölle, in eine Welt sadistisch quällustiger Teufel, denen keine Folter und keine Form der Peinigung fremd ist, und kaum versteckt tauchen da immer Anteile sexueller Aggression oder masochistischer Sehnsucht auf. (Siehe das spätere Kapitel über romanische Kleinplastiken)

 

Den besten Weg an der Hölle vorbei direkt ins Himmelreich demonstrieren jene mittelalterlich ausgeformten antiken Märtyrerheiligen, fromme Glaubenszeugen, die diese Qualen bereits auf Erden hinter sich bringen: Von Pfeilen durchbohrt, verbrannt, zerschnitten, mit abgezogener Haut, abgeschnittenen Brüsten oder was immer sonst eine durch Verdrängung unbewältigte Sexualität an Phantasien und realen Praktiken zustande bringt. Die Alternative der nicht in die Hölle Verfolgten wird Selbstkasteiung, jener Teil der Askese, der nichts anderes als selbst zugefügte Qual ist, die in eine Lust verwandelt werden soll.

 

 

Jeder Prozess der Kultur, dem Menschen aufgezwungen, da er auf andere angewiesen ist, ist mit Leiden, Unterdrückung und Verdrängung verbunden. Der Vorgang der Zivilisierung, nun vor allem auch Aufgabe der Kirche, setzt darüber eine zweite Ebene, die von Institutionen, ein ambivalenter Vorgang, da die Kirche und die mit ihr verbundene weltliche Gewalt zwar genauso Internalisierung verlangen wie jede Kultur, andererseits das ins wenig bewusste Internalisierte extern aber auch in Gestalt der Machthaber und Amtspersonen auftritt und damit der vernünftigen Auseinandersetzung zugänglich wird. Dies wird ein zentrales Thema, sobald es Menschen im Hochmittelalter geben wird, die das Selbst-Denken in altneuer Form zu praktizieren anfangen.

 

 

5. Sünde

 

Vorläufer einer christlichen Sündenvorstellung ist die jüdische vom Verstoß gegen die lange mosaische Gebots- und Verbotsliste. Im Christentum taucht dann davon nur noch ein Teil wieder auf. Es gibt spezifisch religiöse Sünden wie Gotteslästerung oder "unkeusche Gedanken", aber andererseits ist auch alles Sünde, was jenseits davon als Verbrechen gilt. Damit werden Missetaten, die sich gegen Elementaria des Zusammenlebens richten, wie sie alle Kulturen definieren, oder solche, die von Machthabern aus Eigeninteresse definiert werden, einer rationalen Auseinander-Setzung entzogen, denn sie sind nun Gottes Gebote, und weder mehr einfach Sitte und Brauch, noch einfach nur von Mächtigen durchgesetzt.

 

Der christliche Katalog der Laster bzw. in der kirchlichen Version, der Sünden, wird zugleich zu einem wunderbarer menschlicher Gelüste: Neben der sexuellen Lust gehört dazu jene Begierde, die als Völlerei abqualifiziert werden kann (Jesus hat wohl frugal geschmaust), als Besitzgier (Jesus hat Armut gepredigt), als Eitelkeit (Jesus wählt einen Esel statt eines Pferdes zum Ritt nach Jerusalem), als Stolz (dem Jesus als Gegenstück die Demut und Bescheidenheit vorlebte) usw.

 

Diese Laster bzw. Sünden im Katalog der Kirche sind die Mittel, mit denen der Teufel die Menschen im Irdischen gefangen halten und von der irdischen Pilgerschaft zu Gott abhalten möchte. Für die christliche Priesterschaft sind sie das Fundament ihrer Existenzberechtigung: Nachdem die Kindstaufe den Säugling formell und mit höchst magischen Mitteln dem Teufel entreißt und der Kirche zuführt, ermöglicht sie den Willigen mit Predigt und Zauberkräften den Weg zu Gott. Da dieser mit ständigen höchst natürlichen und zutiefst menschlichen Versuchungen gepflastert ist, bedarf es lebenslang stetig weiterer magischer Mittel der dafür Beamteten, um den Zugriff des Teufels abzuwehren.

 

 

Erschwerend kommt zu alledem dazu, dass die Kirche längst den Geschlechtstrieb zum Urheber menschlicher Sündhaftigkeit erklärt hat. Deshalb wird ernstliches Streben nach Heiligkeit nur den Mönchen und Nonnen zugesprochen, während der gewöhnliche Sterbliche nur zu gelegentlicher Enthaltsamkeit aufgefordert ist, schließlich soll das Leben ja weitergehen. Schon alleine deshalb sollen die Menschen regelmäßig die von ihrem Gott verliehenen Gnadenmittel der Kirche in Anspruch nehmen.

 

Die Menschen leben stärker als je zuvor im inneren Zwiespalt, müssen den aber für die Bewältigung ihres mühsamen Alltages immer neu wieder aufheben. Bis ins hohe Mittelalter werden sie lernen, zwischen dem, was sie sollen, und dem, was sie tun, einmal zu trennen, und zum anderen diese Spaltung möglichst zu ignorieren. Sie werden das in der Regel wohl kaum als Lüge betrachten, sondern als einzig praktikablen Weg ihrer Lebensführung. Dazu kommen dann die vielen Mittel, die zusätzlich zu den auf die Kirche beschränkten dazu verhelfen, Ausgleich zu schaffen für die unumgänglichen Sünden. Dabei wird in vielfältigen Formen ein Handel mit Gott eingegangen: Do ut des, ich gebe dir etwas, damit du mir dafür Erlösung von meiner Schuld anbietest. Das kann eine Spende des Reichen für den Armen sein, eine Schenkung an die Kirche, oder die Reue im Angesicht des Todes. Da geht dann das Kamel doch - nach Maßgabe seines Reichtums - durch das Nadelör, ganz entgegengesetzt dem, was der evangelische Jesus verkündet haben soll.

Fast alle sind allerdings sowieso inzwischen fast durchgehend von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang damit beschäftigt, ihren Lebensunterhalt, also ihr Überleben und den Luxus der Herren durch Bearbeitung des Landes und durch Viehzucht zu sichern. Vor allem daran hat sich weiterhin ihre religiöse Vorstellungswelt zu orientieren.

 

 

6. Über- und unterirdische Machtkämpfe

 

Der christlich konstruierte Gott der Kirche hat die Welt geschaffen, die Menschen ob ihres Sündenfalls gestraft und taucht dann in Gestalt seines "Sohnes" kurz einmal wieder auf, um diesen zu opfern und damit die Menschen einzuladen, im Glauben an ihn und in seiner Nachfolge bzw. in der Unterwerfung unter seine Kirche nach Erlösung aus dem irdischen Jammertal zu streben.

Im Kern überlässt er die Ungläubigen ihrem Unheil und muss sich um die wahrhaft Gläubigen keine Sorgen mehr machen. Aber im Laufe der ersten kirchlichen Jahrhunderte beginnt er dann doch, immer wieder einmal auf Seiten seiner Anhänger auf Erden zu intervenieren - gerade so, wie schon der jüdische Gott.

 

Aber das Eingreifen Gottes, welches Menschen der Nachantike und des Mittelalters immer wieder herbeibitten, als Hilfe gegen Dürre oder Überschwemmung, gegen Heuschrecken und Krankheiten, dürfte tatsächlich eine zwiespältige Angelegenheit geblieben sein, und wird in dem Wort "Wunder" auch als Ausnahmephänomen gesehen.

Mit dem göttlichen Reich des Übernatürlichen wird nicht nur in Kirchenräumen kommuniziert und dabei Magie der Priester zelebriert, die Menschen insbesondere auf dem Lande scheinen alltäglich mit ihm in Kontakt zu stehen, wobei es auch Experten jenseits der Kirche zu geben scheint. Beide, Kirche und Volk, vereinigen sich in Prozessionen, die um gutes Wetter für die Ernten, Rettung vor Heuschreckenplagen oder Sieg in Schlachten und Kriegen bitten. Ablehnend ist die Kirche, wenn es um Vernichtung der Nebenbuhlerin oder des bösen Nachbarn, um Fruchtbarkeit der Frauen auf unkirchlichen Wegen oder die Verehrung guter Feen geht. Sie sind aber auch zusammen bei wundertätigen Reliquien und Heiligen, in der Verwandlung von Wein in Blut oder Wasser in Weihwasser im Kirchenraum, in der Austreibung von Teufeln und in der Weihung von Kirchen und zunehmend der Weihung von Königen.

 

 

Letztlich beherrscht der Teufel mit seinen höllischen Heerscharen die irdische Welt, die deswegen am Ende auch dem Untergang geweiht ist, und es bedarf der Kirche, um von heiligen, magisch geweihten Orten aus gegen ihn anzukämpfen. Schon die Legenden der Evangelien berichten von einem Jesus, der Dämonen ver- und austreibt und mit Wundern eine vernünftig konstruierte Welt außer Kraft setzt. Zudem ist sein "Vater" im Himmel jemand, bei dem alle Gesetze der Erfahrung und der Vernunft ohnehin aufgehoben sind.

 

Mit alledem kann sich die Kirche wie auch der sich daneben entwickelnde und langsam von ihr stärker beeinflusste Volksglaube in Vorgegebenes einbetten. Dabei verzahnen sich zwei Bereiche miteinander: Der Vernunftglaube antiker Philosophien und der Geister- und Wunderglaube der übrigen Menschen.

In Nachantike und (langem) Mittelalter ist für Bischöfe wie Priestern, für Reiche und Mächtige wie für Arme und Ohnmächtige die erfahrbare Wirklichkeit durchsetzt mit Geistern und Dämonen, besonders dabei mit Auftritten des Teufels, der offenbar viele Teufel unter sich hat, und zudem mit immer neuen Eingriffen Gottes in das Geschehen auf Erden. Mit alledem wird aus Unerklärlichem erklärbare Welt.

 

Wir haben also die auf menschlicher Triebhaftigkeit und Aggressivität beruhenden Macht-Kämpfe an der Oberfläche des menschlichen Lebens und die zwischen den göttlichen Mächten, in den Priestern handfest dargestellt, und den teuflischen, die die Menschen immer wieder befallen. Jenseits der Konfrontation mit der Kirche wird sich im Laufe der Zeit dabei eine bei den Menschen nur sporadisch auftretende Instanz in den Menschen herausbilden, die viel später im Deutschen Gewissen heißen wird. In ihm ist der Sündenkatalog internalisiert, und dort findet bei den Frömmeren der Kampf zwischen Begehren und Verbot statt, verstärkt durch das, was dem Ohnmächtigeren durch die Mächtigeren auferlegt wird.

 

 

7. Re-Judaisierung: Der Gott des Krieges und des irdischen Erfolges

 

Der Gott des evangelischen Jesus ist (stillschweigend) der der Juden, den dieser Wanderprediger massiv uminterpretiert und damit der Tempel-Priesterschaft entzieht, wie er ja auch ganz offensichtlich ohne deren Opferkult auskommt: Die Evangelisten bzw. ihre Redakteure halten am Ende seinen Tod für das einzige wirksame Opfer, wobei inzwischen das mosaische "Gesetz" der Juden weitgehend außer Kraft gesetzt ist.

 

Wie schon Paulus-Briefe bezeugen, sind die christlichen Gemeinden, die sich vor allem im östlichen Teil des Reiches bilden, auf dem Weg in den griechischen und dann auch den lateinischen Alltag: Ein kirchengesteuertes Christentum muss alltagstauglich werden, sich also in die Machtstrukturen, Arbeits- und Lebensgewohnheiten integrieren, wenn auch nicht ganz so wie das vorausgehende Judentum, aber eben doch recht ähnlich.

Als erstes wird, da die Kirche weiterleben möchte, die Fortpflanzung zwar als grundsätzlich sündhafter Akt betrachtet, aber als notwendig anerkannt, und damit das Ausleben des Geschlechtstriebes im Rahmen der vorhandenen Gesetze bejaht. Insbesondere Mädchen, die jungfräulich bleiben wollen, aber auch Witwen, die ihre generative Pflicht abgeleistet haben, gelten dabei als heilig, da sie sich sehr konsequent Gott weihen. Entsprechendes gilt auch für die, die nun als Eremiten und dann in die neu entstehenden Klöster gehen.

 

Zu den vielen eher seltsamen Forderungen Jesu gehört die, die andere Wange hinzuhalten, nachdem man auf die eine geschlagen wird. Diese völlig widernatürliche und psychisch unerträgliche Unterwerfung unter die Gewalt der anderen, eine Opferbereitschaft, die als Friedfertigkeit verstanden wird, ist im historisch (wenig) dokumentierten Christentum der ersten Jahrhunderte bald fast vollständig verschwunden. Ganz im Gegenteil: Christen tauchen auch in den brutalen und grausamen Amüsierveranstaltungen der Kaiserzeit auf und es wird immer selbstverständlicher, dass sie auch Soldaten werden.

 

Mit der Legende von Konstantins Sieg über seine Gegner in entscheidender Schlacht "im Zeichen des Kreuzes" ist der jesuanische Gott dann endgültig in den jüdischen Kriegsgott, den Gott des Waffen- und Schlachtenglücks, rückverwandelt, nur dass dieser inzwischen den Juden durch die Christen quasi weggenommen und aus dem Opferkult der Tempelpriester eine Priesterschaft geworden ist, die über andere magische Zaubermittel verfügt.

 

Schon zum jüdischen Kriegergott gehörten altjüdische Engel als seine Krieger, seit sie Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben haben und mit Gewalt eine Rückkehr verhindern. Die Militarisierung des Christentums, die bis in die Gegenwart anhält, formuliert in aller Deutlichkeit Karls ("des Großen") Alkuin in einem Brief an den Papst:

Unsere Aufgabe ist es, mit dem Beistand der göttlichen Gnade die heilige Kirche Christi überall gegen das Eindringen der Heiden und die Zerstörungen durch Ungläubige nach außen mit Waffen zu verteidigen und nach innen mit Kenntnis des katholischen Glaubens zu festigen. Euch obliegt es, heiliger Vater, mit zu Gott erhobenen Händen wie Moses uns im Kampf zu unterstützen, damit durch Euer Eintreten, von Gott geführt und gefördert, das christliche Volk über die Feinde seines heiligen Namens überall und immer siege und der Name unseres Herrn Jesus Christus in der ganzen Welt verherrlicht werden. (Brief 93 in: Neiske, S.16)

 

Die Rückkehr des jüdischen Kriegsgottes in die christliche Sphäre, die selbst den Feindesliebe predigenden Jesus als triumphierenden Christus zu einem Erzkrieger macht und den Papst mit Moses gleichsetzt, spricht Bände über das, was mit dem armen Jesus in den Händen der Kirche geschehen ist.

 

 

Das teuflische Begehren einerseits und die Unterwerfung unter die himmlisch eingesetzten Vorgesetzten auf der anderen Seite findet seinen größten Widerspruch in der Beteiligung von Bischöfen und Äbten als oft bewaffneten Führern ihrer Heeresverbände in den Kriegen, wie sie besonders Karl ("der Große") fordern wird. Noch im 10. Jahrhundert werden geistliche Herren die meisten königlich-kaiserlichen Heeresverbände anführen.

 

Widersprüchlich ist aber auch der christlich eingefärbte kriegerische Adel, in dem Stolz und christliche Demut kaum miteinander in Einklang zu bringen sind. Durch das ganze Mittelalter hindurch werden nicht nur überzählige Kinder adeliger Familien ins Kloster gesteckt, ohne sie zu fragen, sondern es gibt immer wieder auch einige, die den Anforderungen aristokratischer Lebensführung aus eigenen Stücken entfliehen, das Schwert sogar wortwörtlich begraben wie der Heilige Galgano, oder früher Kapitalverwertung entkommen wie der Francesco von Assisi. Dazu kommen dann ältere Semester, die der eitlen Mühen dieser Welt überdrüssig werden und gegen eine Schenkung um Eintritt in ein Kloster bitten. Der berühmteste von ihnen wird wohl Kaiser Karl V. werden.

 

Und so wird das Mittelalter zwischen Aktivität, der vita activa, und kontemplativer Ruhe schwanken, aber geprägt wird es von Gewaltätigkeit, die legal ist als Fehde und Krieg, und illegal dort, wo sie die Machthaber verbieten, nämlich bei den jeweils untertanen. Durch die Nachantike bis in die Schwellenzeit des 10. Jahrhunderts und oft auch noch darüber hinaus werden Äbte und Bischöfe für die Aufstellung von Heereskontingenten zuständig sein, die schließlich unter den Ottonen mehr als die Hälfte des gesamten Reichsheeres ausmachen. Sie ziehen nicht selten selbst mit Rüstung und Waffen in den Kampf und kommen gelegentlich auch darin um. Begründet wird das gerne wie im Judentum und Islam religiös und am Ende als heiliger Krieg, wie er dann in die Kreuzzüge gegen diverse Ungläubige münden wird.

 

Was nun für den Sieg in der Schlacht gilt, gilt auch für alle übrigen sehr irdischen Wünsche. Dazu gehören Machtvermehrung, Reichtum, die gute Ernte samt entsprechender Witterung, die Fruchtbarkeit der Frau und die Potenz des Mannes, eben alles, was gerade als legitimer Wunsch angesehen wird. Wer bis tief ins Mittelalter da "heidnischen" Kräften mehr zutraut, wendet sich an sie, und weil das nicht selten so ist, versucht die Kirche, dagegen zu halten, indem sie selbst solche Wunscherfüllung anbietet.

Dazu wird gebetet und es werden Prozessionen angeboten, in denen Regen angefleht oder ein Ende des Regens erbeten wird, es gibt Reliquien, deren Nähe Fruchtbarkeit oder die Heilung von Krankheit versprechen, es gibt Messen, in denen die Hilfe Gottes für diese oder jene Angelegenheit herbei zelebriert werden soll. Wenn sich der Wunsch dann nicht erfüllt, wird darüber beschämt Stillschweigen gewahrt, klappt es aber, wird das entsprechende Wunder gerne in einen frommen Text gefasst, der Gottes Wunderbarkeit feiert.

 

Von der evangelischen Feindesliebe, ohne nicht lebbar, bleibt also nichts übrig, aber auch ansonsten bleibt natürlicherweise von der Nächstenliebe nicht viel erhalten. Sie wird zur caritas, die auf das Almosen-Geben für Arme und Kranke reduziert wird, immerhin eine Neuerung gegenüber einer eher erbarmungslosen Antike. In der Nachantike wird daraus einmal eine eher schon eigennützige Bußleistung derer, die entsprechende Einkünfte oder Vermögen haben, und die Kirche fördert dann, dass sie solche Almosen empfängt, um sie dann weiter zu verteilen.

 

Die Praxis

 

Die nunmehr bald überall analphabetischen und auf dem Lande oft noch kaum christianisierten Bevölkerungen treffen bei und nach ihrer Missionierung bald auf selbst kaum lesekundige Priester vor Ort und insbesondere auf dem Lande, und insbesondere die ungefähr 90% von Landbewirtschaftung lebenden Bauern erfahren von ihren Priestern oft wenig Christliches außer dem in seiner Substanz für sie unverständlichen Glaubensbekenntnis und dem Vaterunser. Erst im Mittelalter werden einzelne lesebegabte Interessierte in den wieder auflebenden Städten erste Inhalte der evangelisch- jesuanischen Botschaften neu entdecken, was sie dann nicht selten zu Häretikern bzw. Ketzern macht, die zu verfolgen und dann bald auch umzubringen sind.

 

Mit der Christianisierung der Landbevölkerung entstehen dort neben Bethäusern seit dem sechsten Jahrhundert zunehmend auch von Historikern so genannte Eigenkirchen der Grundherren, die gegen kirchlichen Widerstand oft Geistliche selbst einsetzen und auch für Dienste bei sich nutzen.

 

Zur unter den Merowingern oft geringen religiösen Bildung der Priester passt es, dass nun die Kindertaufe zum Regelfall wird. Ersatzweise für die Kleinen müssen nun Paten oft minimale Glaubensinhalte vorweisen und stellvertretend für die (wehrlosen) Kinder bekennen. Entsprechend wenig Einfluss haben dann christliche Ehevorstellungen und entsprechende Sexualmoral auf die vermögenderen Freien im Reich, wie noch Karl ("der Große") in eigener Person bezeugen wird. Erst im 9. Jahrhundert wird da eine gewissen Veränderung einsetzen.

 

 

Die Funktion von (christlicher) Religion als Machtinstrument, welche als erster Kaiser Konstantin als Möglichkeit erkannt hatte, besteht auch in den Möglichkeiten, welche sich aus ihrem streng hierarchischen Apparat ergeben. Die grundsätzliche Verbundenheit über Grenzen hinweg bleibt zwar bestehen, aber die oströmisch-kaiserliche Kirche beginnt langsam ein Eigenleben und de facto zerfällt sie nun im Westen in Kirchen der jeweiligen Reiche. Im Reich der Franken zerfällt sie weiter in die Bistümer als Erben der alten civitates, wobei die Bischöfe sich gelegentlich - auch auf Wunsch der Herrscher - in Reichssynoden treffen, um gemeinsame Beschlüsse nach königlichen Vorlagen zu fassen.

 

Die Kirche ist auch insofern wichtig, als die Begründung der Macht durch erfolgreiche Gewalt schnell ergänzt wird durch religiöse ("christliche") Legitimation: Die Könige stehen im Bündnis mit dem Christengott, der schon länger vor allem auch der des Schlachtenglücks ist.

 

Wie weiter unten genauer zu erläutern sein wird, stellen die Bischöfe ein erhebliches Element von Kontinuität von der Spätantike zur merowingischen Nachantike dar. In diesem Amt führen sie die Einheit der civitates als Diözese fort, während diese ansonsten auf die Reststadt reduziert sind und durch Gaue bzw. pagi ersetzt werden. Im römischen Kaiserreich konstituiert, beruhen Diözesen weiter auf römischen Recht. Darüber hinaus erweitern sie schon aus der späten Kaiserzeit bestehende Funktionen in ihrem Kernort und teilen sich nun dort die Stadtherrschaft mit den Grafen, wobei sie zunehmend Grundbesitz anhäufen. Entsprechend werden sie oft von den Königen bestimmt.

 

Bischöfe weihen Priester, legen Inhalte der Religion aus und verändern sie dabei,  und sie vereinen in ihrem Bereich Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltung.

Diese Bischofskirche verbindet "geistliche" Macht mit der weltlichen eines großen Grundherren mit seiner abhängigen Bevölkerung und mit Ansätzen von Herrschaft über die mehr oder weniger verfallenden Städte zunächst in Konkurrenz mit einem Grafen"amt. Im Frankenreich fungierten Bischöfe oft "als (nicht mehr nur kirchliche Vertreter) ihrer Städte am Königshof und vermittelten zwischen König und >civitas<. Das Bischofsamt wurde dadurch in die Reichsverwaltung eingegliedert." (GoetzEuropa, S.221)

Was auffällt ist, dass die gallische Bischofskirche kaum Kontakt zum Papsttum hältt, welches spätestens im 5. Jahrhundert eine Art Vorrangstellung über (nicht nur) die Westkirche eingefordert hat. Deshalb kann so etwas wie eine gallische "Landeskirche" (Angenendt) entstehen.

 

Noch in der späteren Merowingerzeit bildet sich im Verbund von geistlicher und weltlicher Macht die Pflicht des Gläubigen zur Zahlung einer decima, eines Kirchenzehnten heraus, einer damals allgemeinen Einkommenssteuer, die immer mehr auf alle weltlichen Einkünfte ausgedehnt wird. Da Bischöfe davon aus jeder Pfarrei ein Drittel ungefähr einbehalten, haben sie ein ganz besonderes Einkommen neben dem aus den eigenen Grundherrschaften in ihrer Diözese und darüber hinaus und neben den Einnahmen aus bis ins hohe Mittelalter steigenden Rechten und vor allem aus Schenkungen von Laien.

 

 

1. Glauben

 

Vor allen Zivilisationen ist Glauben der gefühlten Unerträglichkeit des Nichtwissens wie der dessen geschuldet, was man wissen kann und nicht wissen möchte. Menschen stopfen die Lücken ihres Wissens und erleichtern das schwer erträgliche Gewusste mittels Spekulierens und Fabulierens, und da das Geglaubte per se keine Substanz in der Wirklichkeit hat, muss es umso intensiver immer wieder eingeprägt und aufrechterhalten werden. In Zivilisationen wiederum wird tradierter Glaubensinhalt im Sinne der Machthaber umgeformt und von ihnen als Teil ihrer Machtausübung aufoktoyiert.

 

Die mittelalterlichen Zivilisationen beruhen wie alle auf Kombinationen von Gewalt und Gläubigkeit, wobei letztere dazu dient, erstere in die Latenz zu bringen, also idealiter in eine schiere und möglichst im Hintergrund lauernde Drohgebärde zu verwandeln. Neben vielem anderem, was der eine oder andere mal hier und mal da glaubt, ist er mit Ausnahme der Juden und ihrem Sonderstatus dazu verpflichtet, ja gezwungen, zumindest so zu tun, als ob er an ein wie auch immer geartetes Christentum glaubt. Und ähnlich wie heute alle auf die jeweilige Verfassung verpflichtet werden und sie dabei kaum kennen und verstehen und das auch gar nicht erwartet wird, so ist den meisten frühmittelalterlichen Christen durch alle Schichten ihre heilige Schrift nicht durch Lektüre vertraut und der Kern der evangelisch-jesuanischen Botschaft wird ihnen auch weitgehend vorenthalten. Zudem sind ihnen die theologischen Spekulationen seit der Spätantike ohnehin unverständlich, wie übrigens auch vermutlich fast der gesamten niederen Geistlichkeit. Kurz gesagt: Was zu glauben ist, wird von oben verordnet und so formuliert, dass es den jeweils herrschenden Machtstrukturen dienlich ist und den Menschen einigermaßen eingängig erscheint, ganz so, wie das heute politische Ersatzreligionen tun.

 

So eingerichtet, hat Glauben immerhin den angenehmen Vorteil, einmal mühsames Selbstdenken zu ersparen und sich mehr oder weniger gemütlich im Vorgegebenen einrichten zu können, andererseits aber auch den, sich Diffamierung, Verfolgung und auf dem Weg ins "hohe Mittelalter" dann auch Folter und Tod zu ersparen. In diesem Sinne ist das Mittelalter christlich, auch wenn vieles von dem, was da gelehrt und zelebriert wird, für den Ungläubigen absurd wirkt und klingt. Wir wissen, dass es zumindest nach der ersten Jahrtausendwende solche Ungläubige gibt, und das vermutlich viel häufiger als dokumentiert wird, denn es wird immer naheliegender, seinen Unglauben für sich zu behalten und höchstens bei Vertrauten zu äußern, - gerade so, wie politische Ungläubigkeit seit dem 18. Jahrhundert besser verheimlicht wird, will man nicht diffamiert oder schlimmer verfolgt werden.

 

Frühere Kulturen und selbst noch alte Zivilisationen kannten das, was wir heute Kulte nennen, etwas anderes als Religion. Diese Kulte und selbst frühe Götterwelten sind von ihren Ursprüngen her an Naturgewalten gebunden und haben so eine gewisse, quasi nachvollziehbare Plausibilität. Diese verschwindet ganz grundlegend schon im römischen Christentum: Jesus bricht sein Versprechen und kehrt nicht wieder, wofür die Christen mit Formen von Wundern und Magie entschädigt werden, die dem common sense von Menschen, so vorhanden, flagrant widersprechen, oder anders ausgedrückt, aller seiner Erfahrung. Im 10. Jahrhundert beginnt das völlig Unwahrscheinliche immer größeren Raum einzunehmen, um dann ab dem 11. Jahrhundert immer mehr in Dogmen gefasst zu werden, wofür die Transsubstantiation als Musterbeispiel herhalten kann, also die magische Verwandlung schieren Weines in das Blut des Erlösers und von Brot in sein Fleisch, die der Gläubige sich dann beide einzuverleiben hat.

 

Historiker schreiben bis heute von einer "Christianisierung" im nunmehr "christlichen Abendland" eines Mittelalters, ohne etwas anders dabei belegen zu können als eine Zwangsmitgliedschaft in einer kirchlichen Organisation und braves oder auch nur notgedrungenes Nachplappern geforderter Minimalbekenntnisse.

Was die Laien und insbesondere die produktiv tätigen Menschen tatsächlich glaubten, lässt sich nur vermuten, obwohl es für die Entstehungszeit des Kapitalismus mindestens so wichtig ist wie das, was sie glauben sollten. Zudem ist bis zur Jahrtausendwende kein sonderliches Interesse der Mächtigen daran erkennbar, was ihre Untergebenen glauben, solange sie die Macht der Kirche durch Beteiligung an ihren Ritualen, Zeremonien und durch Abgaben anerkennen und keine Konkurrenz unterstützen.

 

Die Kirche unterhalb der Adelsschicht dürfte nach den wenigen erhaltenen Hinweisen theologisch ungebildet, ja weithin illiterat gewesen sein und ähnlich wie die Laien, denen sie vorgesetzt ist, Elemente vorchristlicher Kulte und Bräuche mit christlichen vermischt haben. Fasziniert sind die Leute wohl eher von den magischen Aspekten des frühmittelalterlichen Christentums, die immer weiter ausgebaut werden, als vom evangelischen Jesus, von dem sie vermutlich nicht viel mehr erfahren, als dass sein Ende ein triumphaler Tod war, der ihn längst bis an ferne Ende der Welt den Menschen entrückte.

Gott, Kirche, Könige, Fürsten, und adelige Grundherren bilden eine Welt, unter die es sich zu ducken gilt und die religiös begründet wird: Die Macht kommt von Gott wie die Ohnmacht, und es gilt zu gehorchen. Inwieweit sich Leute dabei über einzelne "christliche" Vorstellungen wundern, kann vor den dokumentierten Häresien des 11. Jahrhunderts nur vermutet werden.

 

Christen sind dazu angehalten, andauernd das schier Unglaubliche zu glauben, zum Beispiel auch, dass eine Jungfrau einen (Gottes)Sohn gebären kann, das dreierlei Verschiedenes in einer "Person" ein einheitliches Eines sein kann, dass manchmal Blinde wieder sehen können, wenn sie sich in die Nähe eines Gefäßes mit besonderen Knochen begeben, dass das Eintauchen in vom Priester magisch verzaubertes Wasser einen Menschen irgendwelchen Teufeln entreißen kann, dass das Spenden von Gold und Silber an eine Kirche oder ein Kloster einen beschleunigten Weg zu einem Gott ermöglichen kann, der seinen Sohn geschickt hatte, um Armut als irdisches Ideal vorzuleben. Ja, man kann die Anwesenheit eines Teufels daran erkennen, dass man ihn wie einen Hund bellen oder wie ein Schwein grunzen hört. Vertreiben kann man ihn dann, indem man das Areal mit Weihwasser besprengt. Und vieles mehr...

 

In der Spätantike soll es einen Missionsbischof Dionysius gegeben haben, von dem als erster Gregor von Tours berichtet. Auf dem Mons Mercurii bei Lutetia (Paris) erleidet er mit zwei Gefährten das Martyrium, so dass dieser Hügel dann zum Mons Martyrum wird (Montmartre). Schon im frühen Mittelalter beginnt er den fränkischen Hauptheiligen Martin (von Tours) abzulösen. Das, was von seinem Martyrium zu glauben ist, fasst 1264 die 'Legenda Aurea' so zusammen:

 

Darauf wird er in einen Backofen geworfen, aber das Feuer verlischt und er bleibt unverletzt. Er wird an ein Kreuz geheftet und längere Zeit dort gequält. Von dort abgenommen, wird er mit seinen Gefährten und vielen anderen Gläubigen in einen Kerker gesperrt. Als er dort die Messe feierte und dem Volk die Kommunion reichte, erschien ihm Jesus der Herr in strahlendem Licht, nahm das Brot und sagte zu ihm: Empfange dies, mein Teurer, denn bei mir ist dein übergroßer Lohn. Danach dem Richter vorgeführt, werden sie wieder mit neuen Strafen gepeinigt, und beim Götzenbild des Merkur werden die Köpfe der Drei mit Axthieben abgeschlagen zum Bekenntnis der Dreifaltigkeit. Und sofort richtete sich der Körper des heiligen Dionysius auf und trug seinen Kopf in den Armen, geführt von einem Engel und von himmlischem Licht geleitet, zwei Meilen weit von dem Ort, der Märtyrerberg heißt, bis zu der Stelle, wo er nun nach eigener Wahl und Gottes Vorsehung ruht.

 

Wenn ein französischer Künstler um 1460 den heiligen Dionysius so darstellt, wird deutlich, dass man damals immer noch erwartet, dass eine solche Geschichte geglaubt wird.

Es geht nicht um Menschen, die anders als wir heute dumm genug waren, sich derart betrügen zu lassen. Sie waren genauso intelligent und klug bzw. dumm wie Menschen heute, wie zum Beispiel solche, die an Hitler, den Bolschewismus oder die Demokratie "glauben"; und in der Regel wird man davon ausgehen können, dass selbst lesekundige Priester nicht meinten, dass sie ihre Herde betrogen, wenn sie solchen Unfug erzählten.

.

Das ist wichtig, denn der Glaube an das Unglaubliche formt die Welt mit, die sich im 10./11. Jahrhundert dahin aufmacht, Kapitalismus entstehen zu lassen.

Um das noch einmal anders deutlich zu machen: Die heiligen Schriften der Juden, allesamt sehr sagenhaft, sind mit ihrem Stammes-Chauvinismus wesentlich plausibler, lassen alles wunderbare als Verwunderliches bis auf wenige Ausnahmen aus und verlangen dem Juden eher Abgaben an den Tempel und relativ wenig aufwendige Regeln ab als Wunderglauben. Der Islam enthält im Kern nur eine Absonderlichkeit, dass nämlich ein dem Judentum entnommener Erzengel Mohammed den Koran eingeflüstert haben soll. Das sehr kleine Regelwerk, welches dem Muslim auferlegt ist, verlangt geringeren  Wunderglauben, auch wenn der dann nach dem Tod Mohammeds langsam als Ethno-Folklore doch noch Einzug hält.

Wenn philosophisch (aristotelisch) geschulte Leute im 17. Jahrhundert credo quia absurdum schreiben werden, also: ich glaube gerade deshalb, weil es unvernünftig ist, ist das ein Gedankengang, der den frühmittelalterlichen Christen weithin überhaupt nicht zugänglich ist. Vielmehr lernen sie, dass das, was sie zu glauben haben, eben höchste Gewissheit sei. Und wenn Gelehrte und Belesene im 11. Jahrhundert beginnen werden, zu versuchen, das Geglaubte auch noch mit der Vernunft nachzuvollziehen, so wird das der großen Mehrheit der mittelalterlichen Menschen unzugänglich bleiben.

 

Was Glauben ist, wird nirgendwo so deutlich wie daran, das "mittelalterliche" Bischöfe, Äbte und Päpste immer wieder Experten mit massiven Urkundenfälschungen betreuen, deren Zweck die Bereicherung und die Machterweiterung ist.

Der Name eines eher legendären Martial taucht zum ersten Mal bei Gregor von Tours auf. Im 9. Jahrhundert entdeckte man, dass er ein Heiliger sei. Bald wird er vom 3. ins 1. Jahrhundert versetzt, damit man aus ihm einen Missionar im Auftrag von Petrus machen kann. Damit wird Limoges zum Wallfahrtsort. Aus dem Missionar wird dann ein Apostel, was Herzog Wilhelm von Aquitanien, der an einem zentralen Heiligtum interessiert ist, 1029 dann offiziell durchsetzt. Die Propaganda für das alles betreibt Ademar von Chavannes, Mönch am Martialskloster zu Limoges. (s. Fürstenau, S.26) 

 

 

Inwieweit sie diese Lügengebilde von anderer religiöser Propaganda unterscheiden, das heißt, inwieweit sie an das "glauben", was sie propagieren, ist schon bei ihnen nicht zu unterscheiden, da sich natürlich keiner von ihnen dazu äußert. Dass religiöse Behauptungen grundsätzlich auf vielleicht geglaubten Lügen basieren, wird aber für Untertanen irrelevant, für die es bequem ist, an das Vorgegebene zu glauben, und oft lebensgefährlich, sich anders zu äußern. Das aber hat die Kirche damals mit den totalitären Regimen der Moderne gemeinsam, und deren Polit-Propaganda ist schließlich genauso verlogen und bequem zu glauben.

 

Was mittelalterliche Menschen tatsächlich glauben, hängt einmal von ihrem Zugang zu Kirche ab, der erst im Verlauf des Mittelalters nach und nach die Menschen auf dem Lande erreicht. Verlangt wird von ihnen im Kern nur der Glaube an die magischen Kräfte der Kirche und das zunächst wenige, was gerade vor Ort ein Geistlicher imstande ist, ihnen als Glauben vorzusetzen. Danach sind alle Menschen außer den Heiligen Sünder, und das Maß ihrer Unterwerfung unter die Kirche bestimmt auch das Maß ihrer Höllenstrafen nach dem Tode. Die entsprechende Angstmache der Kirche wird dann erst im spätesten Mittelalter in den Städten etwas nachlassen.

Was nicht erwartet wird, ist Einsicht in die merkwürdige Theologie, die sich entwickelt, so wie dann auch Philosophen nicht erwarten, dass die meisten Menschen Zugang zu ihren komplizierten Sprachgebilden bekommen. Letztlich bleibt das meiste am Kirchenchristentum für die meisten Menschen geheimnisvoll und wohl auch uninteressant.

 

Wichtig für die Menschen damals ist sicherlich das magische Moment, welches sie vor ihrer Bekehrung im jeweiligen "Heidentum" schon kannten und welches in den evangelischen Wundertexten nicht wenig Raum einnimmt. Für Kelten und Germanen gehörten dazu Beten und Opfern an Hainen, an Bäumen, Quellen und Steinen, und die Kirche behauptet ja oft nicht, dass das unwirksam sei, sondern nur, dass es nicht korrekt sei. Aber von der Sternengläubigkeit bis zur Spökenkiekerei bleibt jede Menge "heidnische" Gläubigkeit ja bis heute erhalten. 

 

Die freieren Geister der Antike sind uns nur als Intellektuelle überliefert, und solche sind in den neuen Reichen bis ins 11. Jahrhundert nur im Rahmen der Kirche möglich, die der geistigen Freiheit immer engere Grenzen setzt. Wie intensiv und in wieweit die produzierende und unterworfene Unterschicht irgendetwas Christliches glaubte, bleibt uns heute unbekannt, überhaupt ist Glaube als Haltung jenseits aller Erfahrung das eben, was Religion im Unterschied zu vorreligiösen Kulten ausmacht, nur in den daraus erwachsenden Handlungen wahrnehmbar, und nicht im (in der Regel) erzwungenen Bekenntnis.

 

 Wer meint, sich über diese Menschen damals lustig machen zu sollen, muss daran erinnert werden, dass der Wunsch der Vater des Glaubens ist, und dass Menschen üblicherweise und heute so wie früher in Welten leben, von denen sie wenig wissen und selbst, was sie wissen könnten, nicht zur Kenntnis nehmen wollen, und die im wesentlichen aus dem besteht, was ihnen vorgestellt wird, ergänzt durch das, was sie sich selbst darunter vorstellen. Darauf zu verzichten kommt fast allen auch heute unerträglich vor. Und ein drastisches Beispiel des letzten Jahrhunderts: Im Namen jenes Paradieses, welches Kommunismus genannt wurde, sind alleine in relativ kurzer Zeit mehr Menschen umgebracht worden als in dem ersten christlichen Jahrtausend für ihr Heidentum sterben mussten.

 

2. Taufe

 

Wer sich mit dem Teufel in dieser Zeit und seiner Macht und Allgegenwart beschäftigt, kommt nicht um die gleichzeitige Ausdeutung der Taufe herum, die in dieser Form in der römischen Kirche Bestand haben wird: Es handelt sich um den rituellen Vorgang, in dem durch den Priester mithilfe des Taufpaten das Kind dem Teufel entrissen und in die Hand der allein rettenden Kirche gegeben wird. Solange es noch wesentlich die Erwachsenentaufe gibt, steht der Täufling in einem Wasserbecken und bekennt mehrmals seinen Glauben, wobei er dann untergetaucht wird.

Eines der frühesten althochdeutschen Zeugnisse, ein Taufgelöbnis, dokumentiert das exorzistische Element. Erst wird dreimal dem Teufel widersagt und dann wird in einzelnen Erklärungen das Glaubensbekenntnis aufgesagt. Die ersten Sätze lauten in heutigem Deutsch:

 

Widersagst du dem Teufel? (Forsahhistu unholdun?) - Ich widersage. / Widersagst du den Werken und allen Wünschen des Teufels? - Ich widersage. / Widersagst du allen Blutopfern, die von den Heiden dargebracht werden, und allen Abgöttern und Götzenbildern, die sie als Gottheiten verehren? - Ich widersage. (E. von Steinmeyer (Hrsg), Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler, Berlin 1971 (1916), S.23ff)

 

Wehe dem Kind, das vor der Taufe oder Nottaufe stirbt. Es kann nicht auf dem Kirchhof beerdigt werden, da dort nur die mit einer gewissen Aussicht auf die Himmelfahrt Platz bekommen, also nicht die Ungetauften und auch keine schweren Sünder.

 
Die klassische Teufelsaustreibung ist die Taufe, aber Exorzismus ist das Mittel, mit dem jedem auch in späterem Alter der Teufel ausgetrieben werden kann, so er von einem Besitz ergriffen hat. Da das öfter passiert, ist die Zahl der Exorzisten, damals meist Teil der niederen Geistlichkeit, entsprechend groß.

 

Zunächst ist in der antiken Kirche für die Taufe eine mehrjährige Katechumenzeit notwendig, aber diese schrumpft dann immer weiter zusammen. Den extremen Verzicht darauf bilden nachantike Zwangstaufen, die ohne jede religiöse Vorbereitung vollzogen werden.

 

3. Buße

 

Da der Teufel in dieser Welt nach dem Willen Gottes und der Menschen herrscht, ist jeder ein Sünder. Die Germanen kannten keine Unterscheidung religiös oder weltlich definierter Vergehen, ihre Vorstellungswelt war tradierte Alltagskultur gewesen, eine Einheit. Die vorchristlichen Römer kannten keine Sünde, sondern nur Verstöße gegen die hergebrachten Kulte und auf der anderen Seite Rechtsverletzungen. Das Christentum ist von außen aufgesetzt. Die wichtigste Neuerung, die mühsam im Laufe von Jahrhunderten durchgesetzt werden muss, ist ein Bewusstsein von der eigenen (und allgemein-menschlichen) Sündhaftigkeit, der nicht einmal Päpste und allerfrömmste Kaiser entkommen, von denen immerhin einige auf mittelalterlichen Gemälden in der Hölle landen. Das heißt, man kann sich weltlicher Vergehen einigermaßen enthalten, der Sünde aber eben nicht.

 

Die fränkischen Herrscher versuchen im Zuge der Christianisierung ihrer Herrschaft  die Vorstellung einer Einheit weltlicher und geistlicher Vergehen herzustellen, indem sie sich zu Herren über ihre Kirche machen. In der Praxis geht das aber nicht. Das Königsgericht und die gräflichen Gerichte verhandeln die Vergehen, die aus der Sicht der Herrschaft zu verhandeln sind. Die Kirche ist zuständig für all die Sünden, die für den weltlichen Arm keine Verbrechen sind, sondern „nur“ Sünde. Die Überschneidungen sind dabei allerdings erheblich, denn die Kirche übernimmt auch ganz weltliche Vergehen in ihren Sündenkatalog.

 

Die germanischen Volksrechte kannten als Strafe vor allem Geldzahlungen, im Verlauf fränkischer Herrschaft wird dieses Recht durch Grausamkeiten angereichtert: Todesstrafe auf immer mehr Missetaten bis hin zum Majestätsverbrechen bei Karl dem Großen, aber auch Handabhacken, Blenden etc.

Die Geldstrafenkataloge der Germanen finden nun bald eine Analogie in den Bußkatalogen für die Sünden. Vor der Busse steht die Beichte, das Bekennen der Sünde, welches ursprünglich öffentlich und persönlich und keine rein kirchliche Angelegenheit ist. Es kommt dafür in der Merowingerzeit zur Versammlung ganzer Ortschaften und zu großen Bittprozessionen. Genauso ist es in den Klöstern, in denen die Brüder sich untereinander die Beichte abnehmen. Dann wird zunächst eingeführt, dass Todsünden Priestern (heimlich) gebeichtet werden müssen, aber dann schließlich alle anderen auch.

 

Seit der Spätantike ist es üblich, dass Menschen, denen eine Kirchenbuße auferlegt wird, zu Anfang der Fastenzeit ein Bußgewand anziehen und mit Asche bestreut werden. In der Kirche Galliens werden sie wie Adam und Eva aus dem Paradies aus der Kirche vertrieben. Am Gründonnerstag dann dürfen sie wieder die Kommunion empfangen. Während dieser Brauch um das Ende des 10. Jahrhunderts verlorengeht, setzt sich die Aschenbestreuung aller Gläubigen durch, nachdem zunächst einzelne sie aus Solidarität mit den Büßern auf sich genommen hatten.

 

In den germanischen Nachfolgereichen steht es sehr lange eher schlecht um die Reue, da ähnlich wie in den Volksrechten Buße als Kompensation für Übeltat betrachtet wird. Man fastet so und so lange, betet so und so viele Gebete, tritt eine Pilgerschaft an usw. Man leistet also etwas für die Vergebung der Sünde. Mit den irischen Mönchen kommen dann ganze Bußbücher auf, in denen Sünde und Buß-Strafe detailliert gegenüber gestellt werden. Dabei kann nicht nur gelegentlich Buße auch mit Geld als frommem Werk (zum Beispiel als Almosen) abgeleistet werden. Die Idee der Reue und Besserung gerät dabei in den Hintergrund.

Diese Entwicklung führt dazu, dass ein Grundherr schon einmal seine Sklaven für sich, also an seiner Stelle, fasten lässt und schließlich dazu, dass auch Angehörige oder Verbrüderte im Gebet für jemanden quasi Bußleistungen abliefern und solches nach dem Tod des Betreffenden fortsetzen.

 

Im Grunde genommen wird dabei, besonders auch unter dem Einfluss Columbans, immer deutlicher die Vorstellung vertreten, dass jede Sünde eine entsprechende Buße als Äquivalent hat und darum durch Buße auch vergeben werden kann, - so wie es derzeit in Europa kurioserweise heißt, dass dem Verbrecher nach "Verbüßen" der Gefängnisstrafe kein Makel bleibt, er hat - was auch immer - abgebüßt. Dass all das nun rein gar nichts mehr mit dem evangelischen Jesus zu tun hat, ist offensichtlich, besonders auch, wenn man bedenkt, in welchem Umfang die Reue hinter der Buße zurücktritt.

 

 

Die förmliche Verbindung von Beichte und Bußeröffnung bei Todsünden fand vor allem am „Aschermittwoch“ in der Kirche statt: „In einen Sack gekleidet, mit bloßen Füßen und niedergeschlagenen Augen, trat der Sünder vor den Bischof, der ihm Asche aufs Haupt streute, das Büßerhemd überwarf und das Strafmaß eröffnete, bevor er ihn feierlich aus der Kirche weisen ließ." (Riché, Welt der Karolinger, S.285)

 

Die jeweilige Buße für jede Sünde wird in Bußbüchern mit ihren Sündenkatalogen festgelegt. Darin gibt es das körperliche Kasteien (zum Beispiel mit Rutenschlägen), das zusätzliche Fasten, das Pilgern als Buße, das öftere Aufsagen von Gebeten oder ähnliches. Vermutlich hatte nie zuvor eine Institution mit ihren Beamten eine solch konsequente und intime Kontrolle und Machtausübung über Menschen gehabt.

 

Der große Theologe und Patriarch von Aquileia zur Zeit Karls, Paulinus, gibt genau an, wie die Buße eines Aristokraten aussieht, der seine Frau wegen des Verdachts auf Ehebruch getötet hatte:

Du darfst künftig keinen Wein und kein Bier trinken, außer an Ostern und Weihnachten darfst du auch kein Fleisch essen, du musst bei Wasser und Brot fasten. Du hast deine Zeit mit Fasten, Nachtwachen, Gebeten und Almosengeben zu verbringen. Es ist dir verboten, jemals Waffen zu tragen oder einen Kampf anzunehmen. Du darfst dich nicht wieder verheiraten, dir keine Konkubine nehmen und keine Unzucht treiben. Künftig wirst du kein Bad mehr nehmen und an keinem Gastmahl mehr teilnehmen. An der Kirche hast du dich, abgesondert von den übrigen, noch außerhalb der Vorhalle aufzuhalten. Empfiehl dich dem Gebet derer, die hinein- und hinausgehen... (In: Riché, Welt der Karolinger, S.285)

Also: Ihm war jede adelige Lebensführung verboten, stattdessen musste er leben wie ein Mönch, aber ohne den Halt, den ein Kloster dafür gab. Sich gar nicht mehr waschen zu dürfen war hier ebenfalls eine Form körperlicher Kasteiung, die über die Anforderungen diesbezüglich an Mönche hinausging. Und die öffentliche Demütigung und Erniedrigung dieses Hochadeligen Woche für Woche am Eingang der Kirche war fast schon eine Art Pranger späteren mittelalterlichen Städtewesens.

 

 

4. Eucharistie

 

Nach der Taufe ist die Eucharistie (seit dem zweiten Jahrhundert griechisch für: Danksagung) das zweite zunehmend mit magischen Vorstellungen besetzte Sakrament, also die zweite "heilige" Kulthandlung. In ihrem Kern steht ursprünglich ein Gedächtnismahl, welches an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern vor seinem Tod erinnern soll, als Jesus Brot und Wein als Erinnerungszeichen an ihn benennt. Daraus entwickelt sich in den ersten Jahrhunderten ein besonderer Gottesdienst aus Lesung, Predigt, Fürbittengebet, Friedenskuss und Mahl, der dann im 5. Jahrhundert als missa bezeichnet wird.

 

Dabei eignet sich nun der Priester die von der Gemeinde gespendeten ("geopferten") Brote und den Wein an, die sie ihm zum Altar bringen, vergibt diese in der Kommunion an die Gläubigen und behält den Rest für die Armen.

 

Zwischen dem zweiten und fünften Jahrhundert setzt sich die Vorstellung durch, das Brot und Wein für das Blut und den Leib Jesu stehen. Augustinus schreibt in seinem Sermo 272

Die Eucharistie, Brot und Wein heißen deshalb Sakramente, weil man an ihnen etwas anderes sieht, etwas anderes dagegen erkennt. Was man sieht, hat eine leibliche Gestalt, was man erkennt, hat einen geistigen Gehalt. Die Eucharistie (…) ist nicht nur eines unter vielen Zeichen, sondern sie zählt zu den signa sacra, da Brot und Wein erst gewandelt werden zu einem ‚sichtbaren Wort‘.

 

Diese "Transsubstantiatum" macht dann auf dem Weg ins Mittelalter jene Wandlung durch, mit der dann der Priester, wie es heißt, tatsächlich Brot und Wein in Leib und Blut Jesu verwandelt, welche der Christ sich dann einverleibt und so in communio (Gemeinschaft) mit Jesus tritt, ein Prozess, der im 11. Jahrhundert zu heftigem Streit zwischen philosophisch angehauchten Theologen und der kirchlichen Orthodoxie führen wird.

 

Schon während des sechsten Jahrhunderts setzt sich für die Eucharistiefeier der Begriff missa (Messe, also Segen) durch.

 

 

5. Heiligkeit

 

Das Wort heilig bzw. sanctus spielt für den in griechischer Sprache propagierten Jesus der Evangelien keine Rolle: Ihm zu folgen heiligt nicht, sondern rettet. Heiligkeit gerät ins Christentum erst, als der Retter nicht wie versprochen wiederkommt, und zwar in der zunehmenden Übernahme von Aspekten antiker Kulte.

 

Da ist zum einen die Selbstheiligung durch ein Jesus in Armut und massive Reduzierung allen Begehrens imitierendes Leben, welches Eremiten zum Beispiel als "heilig" erscheinen lässt, und da sind auch die nach Bedürfnislosigkeit strebenden Jungfrauen. Den Schein der Heiligkeit gewinnen als erstes die Märtyrer, also die in den Tod gehenden Glaubenszeugen der Antike. Das beginnt Mitte des zweiten Jahrhunderts mit Versammlungen an den Gräbern am Todestag der Glaubenszeugen. Seit dem vierten Jahrhundert entstehen dann über Mäyrtrergräbern große Basiliken. Ende dieses Jahrhunderts beginnen mit Ambrosius von Mailand die Translationen, Übertragungen der Heiligen aus den außerstädtischen Gräbern in innerstädtische Kirchen.

 

Mit Martin von Tours und dann auch besonders angesehenen Päpsten muss man nicht mehr den Märtyrertod sterben, um heilig zu erscheinen. Es genügt, bei entsprechend frommem Lebenswandel der Kirche besonders förderlich bzw. besonders populär zu sein. Nun beweist sich Heiligkeit zunehmend an den Wundern, die Heilige veranstalten, und die dann auch von ihren Überresten ausgehen.

 

Eine besondere Rolle spielen Mönche und Nonnen, die weggesperrt von der "Welt". dem saeculum, kollektiv nach Heiligkeit streben, ohne dass jeder von ihnen gleich in den wachsenden Katalog von Heiligen aufgenommen wird. Aber gemeinsam wird all denen, die nach allgemeiner Meinung besondere Heiligkeit betreiben, dass sie sofort in den Himmel, also die ewige Seligkeit gelangen und nicht wie alle anderen bis zum Tag des Jüngsten Gerichtes warten müssen. In der Nähe Gottes und engelsähnlich haben sie entweder direkten Kontakt zu Gott oder aber zu dessen Entourage, den Erzengeln und Aposteln. Damit kann man sie als seine Fürsprecher in allerlei Not anrufen und sich ihrer Wunderkraft mit Hilfe ihrer Reliquien bedienen. Man macht sie zu Paten bzw. Patronen von Kirchen, die so nach ihnen benannt werden, was damit legitimiert wird, dass man Reliquien, Überreste von ihnen in den Altar oder unter ihn in die Krypta einbaut. Die Macht der Kirche ist eine ihrer Verfügung über magische Mittel, über "Wunder", Mirakel.

 

Heilig wird jemand lange nicht durch Verordnung, wie seit dem hohen Mittelalter durch "Kanonisierung", sondern durch das hohe Ansehen, welches durch Propaganda hergestellt wird bzw. sich einfach durch Verehrung einstellt. Seit den Kirchenvätern wird Heiligkeit als Ausnahmefall propagiert, "indem jede Kirche einem oder mehreren Heiligen geweiht wurde und die Reliquien wundertätiger Heiliger >sammelte<." (GoetzEuropa, S.242) Dazu passt, dass dann sehr lange die meisten Heiligen, die nicht mehr Märtyrer sind, aus dem Kreis der kirchlichen Amtsträger stammt, wozu wieder passt, dass nur rund 15% weiblich sind.

 

Propaganda heißt vor allem Legendenbildung und die darauf folgende Aufzeichnung der Wunderbarkeit des bzw. der Heiligen. Heiligkeit wird zu einem wesentlichen Teil nachantiker und frühmittelalterlicher Textproduktion. Das wird im Laufe der Zeit immer mehr ein Problem für die Kirche dort, wo heiligendes Leben offensichtlich nicht mehr der magischen Heilmittel der Kirche bedarf, wie bei auf Messfeier, Beichte und ähnliches verzichtenden Eremiten. Deshalb wird Heiligkeit immer mehr als ein Ausnahmephänomen propagiert, welches sich dem Regelwerk braver Normalchristen ausnahmsweise entziehen darf. Und daneben konzentriert sich Heiligkeit immer mehr auf Kirchenleute und besondere Koryphäen des kirchlich anerkannten monastischen Lebens, und die Kirche versucht, immer stärkeren Einfluss darauf zu bekommen, wer als heilig zu gelten hat.

 

Dieser Ausnahmecharakter von Heiligkeit hat viele Funktionen. Durch Heilige erhält die Kirche magische Wundermittel in die Hand, die die Besonderheit dieser Leute betont. Die Ausnahme darf die Regel bestätigen, dass Christen große Sünder sind und sein dürfen und dennoch mit kirchlicher Hilfe, aber auch nur durch sie, die ewigen Seligkeit erlangen und der Hölle damit entrinnen.

 

Für den Normal-Christen sind Heilige, die einmal Menschen wie sie waren, mehr Ansprechpartner als der trinitarische und für sie fast unnahbare Gott. Dazu gehören in geringerem Umfang auch die Apostel und Maria, die erst später zur Himmelskönigin gekrönt wird, aber sie sind in ihrer Nähe zu Gott doch schon weiter entfernt. In der frommen Praxis frühmittelalterlicher Christen rückt dann Heiligenverehrung mehr noch als die Dreifaltigkeit in die Nähe von Vielgötterei: Mit ihren verschiedenen Zuständigkeiten erinnern Heilige "im Himmel" immer mehr an die der antiken Götter, die für Naturphänomene, Handel, Krieg und Frieden oder das Glück einer Stadt zuständig waren und entsprechende Kulte hatten.

 

 

6. Reliquien

 

Im Unterschied zu Judentum und Islam gewinnt das magische Moment im römischen Christentum immer mehr an Bedeutung, was sich dann noch einmal im Prozess der Germanisierung verstärkt. Sakralisierung der Kirche, Einführung von Sakramenten und magischen Handlungen bestimmen immer mehr den kirchlichen Raum und gehen bei der Laienschar dann Verbindungen mit Elementen früherer Naturkulte ein.

 

Die göttliche Dreifaltigkeit ist schwer erfassbar außer in sehr weltlichen Analogien, wie der von Gott/Christus als kaiserlichem Triumphator und  gestrengem Patriarchen. Der heilige Geist wird wenigstens in seiner Bewegung als Taube flugtauglich. Maria und die Apostel immerhin, allen voran der angebliche Kirchengründer Petrus, sind in Menschengestalt fassbar, wenn auch etwas entrückt. Mit den Heiligen, zunächst jenen Märtyrern, die kaiserlicher Macht getrotzt hatten und dafür starben, bekommt das Heilige, inzwischen zwar weitgehend in den Himmel entschwebt, schließlich fast ganz und gar menschliche Gestalt.

 

386 lässt der Mailänder Bischof Ambrosius die Gebeine der Märtyrer Gervasius und Protasius ausgraben und in seine neue Basilika bringen, also vom Friedhof in die städtische Kirche. Mit dieser Translation beginnt der Heiligenkult in Gestalt ihrer Überreste (Reliquien) und dann auch eine Zunahme des Wunderglaubens. Der Bischof selbst wird ebenfalls zum Heiligen wie so mancher nach ihm.

 

Heiliges gewinnt magische Kraft, und die Heiligen, über deren mutmaßlichen Überresten, lateinisch reliquiae, Kirchen gebaut werden, die so an der zu Knochen zerfallenen Heiligkeit Anteil bekommen, werden nicht nur Namenspatrone der Kirchen, sondern sie sind Vermittler zu Gott selbst. Man kann sich so direkt an sie wenden, und der Volksglauben spricht ihnen spezielle Ressorts zu, in denen sie in Anspruch genommen werden können.

 

Während der von antiken Philosophen beeindruckte Augustinus noch vom Tod des Leibes und der Auferstehung der Seele sprach, sprechen sich volkstümliche Wunschvorstellung und sich damit verbunden fühlende Lehrmeinung bald für die Auferstehung des Leibes aus. Heilige sind so einmal leibhaftig im Himmel beim leibhaftigen Gott Christus, und die Kraft, die sie dort entfalten, findet sich bald auch in ihren Überresten wieder.

 

Ein dazu gehörender Aspekt ist die spezifische christliche Wundergläubigkeit, die an die Wundertaten Jesu anknüpfen kann. Die Fähigkeit Wunder zu vollbringen, spektakuläre Magie, wird nun auf alles Heilige, insbesondere aber die Überreste der Heiligen selbst übertragen. Im Umkehrschluss ist eine Reliquie dann echt, wenn sie Wunder vollbringt. Natürlich ist es theologisch gesehen Gott, der das bewirkt, aber das gilt nicht für die Anschauung der meisten Menschen.

 

Dabei gibt es bald sogar magische Übertragung der Wunderkraft durch Kontakt des Heiligen mit dem Gegenstand, wodurch Splitter des „heiligen“ Kreuzes, oder Reste vom Gewand des Gottessohnes oder gar seine Windeln aus Säuglingstagen magische Kraft bekommen. Ein Teil der Letzteren gelangt irgendwann nach dem 5. Jahrhundert nach Aachen, wo sie etwa seit der Zeit des "großen" Karl verehrt werden und zu Wallfahrten Anlass geben.

Entsprechend werden Berührungsreliquien auch dadurch produziert, dass man ein Tuch für eine Nacht auf ein Märtyrergrab legt, und dieses so magische Kraft gewinnt.

 

Hatte sich eine Kirche oder ein Kloster in den Besitz besonders attraktiver Reliquien gebracht, so wurden sie zu einem Wallfahrtsort. Pilger erhoffen sich dort Heilung von Gebrechen und andere Wunscherfüllung. Für Kirche oder Kloster und den sich so entwickelnden Ort wird das zu einer erheblichen Einnahmequelle. Herbergswesen, Gaststätten, Tavernen, Handwerk und Handel beginnen zu florieren. Ein Musterbeispiel wird mit dem beginnenden Mittelalter das Jakobsheiligtum von Santiago de Compostela.

 

Das Heilige, der Heilige oder wenigstens irgend etwas von ihm und das zugehörige Kirchengebäude verschmelzen zu einer Einheit, in der Wunderbares möglich wird. In dieser Einheit ist Nähe zu Gottes Allmacht, die alles kann, was er will und man sich wünscht. Und hier ist der Kern praktizierten Christentums zu sehen, welches sich damit unendlich weit von den jesuanischen Vorstellungen entfernt hat. Im katholischen Raum wird das bis ins zwanzigste Jahrhundert überleben.

 

Kirche hebelt so im Vorgriff auf das Himmelreich die „natürlichen“ Gesetze von Raum und Zeit aus, erfüllt damit eine mächtige menschliche Welt der Vorstellungen und wir können heute kaum noch die Wucht der Schläge nachvollziehen, als sie in den Reformationen, aus den Angeln gehoben wird. Dieser langwierige Vorgang wird allerdings nicht nur forciert, sondern auch abgefedert durch den Aufstieg einer nicht weniger wundersamen Warenwelt, deren Faszination immer mehr mit der des Mirakulösen mithalten kann.

 

Die erste Aufgabe von Reliquien ist aber nicht, spezifische Wunder zu vollbringen, sondern Orte erst so recht und gewissermaßen durch Übertragung zu heiligen. Sie leisten das vor allem für und zugleich in Kirchen. Deren magische Qualitäten werden möglichst schon vor der Weihung, selbst ein magischer Akt, durch das Anbringen von Reliquien in oder unter dem Altar bzw. mehreren Altären, in der Krypta oder sogar in den Säulen des Kirchenschiffes erreicht. Wichtig ist es dabei vor allem, Reliquien des Heiligen, dem die Kirche geweiht ist, unterzubringen.

 

 

Dialektik: Die Vernunft in der Unvernunft

 

Das Christentum der gelehrteren Kreise hat spätestens seit den Kirchenvätern das Erbe der antiken Philosophen angetreten, insbesondere das der (Neo)Platoniker. Zwar schwindet in der Nachantike jedes Schulwesen jenseits von Klostern, welches dann in der Schwelle zum Mittelalter auf Kathedralschulen übergeht, aber die antike Schul-Vorstellung von den sieben freien Künsten, artes liberales, mit Grammatik, Rhetorik und Dialektik als Grundlagen überlebt in kleinsten Kreisen.

Ursprünglich als Kunst der Unterredung, insbesondere von Rede und Gegenrede gedacht, wird es zu einer Diskurslehre, in der auch der nicht unmittelbar diskursive Text unter anderem auf (grammatisch richtigen) überzeugenden (logischen) Schlussfolgerungen zu beruhen hat.

Das Kirchen-Christentum übernimmt nun das dialektische Instrumentarium, um dessen Sinn allerdings dem Unsinn christlicher Überzeugungen überzustülpen. Anders gesagt: Auf dem Fundament unabänderlichen Glaubenswahrheiten wird dann doch mit Vernunftgründen aufgebaut. So kann Hrabanus Maurus schreiben: Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferstanden. Christus ist aber auferstanden, also gibt es eine Auferstehung der Toten. (De clericorum institutione III,20)

 

Diese nur im gelehrten Christentum so vorhandene bzw. erlaubte Neigung zum Argumentierungen in der Religion kann gelegentlich außerhalb von dieser auch ohne religiösen Unfug überleben. In dem, was später als Scholastik auftreten wird, als geschultes Denken, wird das die Grundlagen dafür liefern, dass dann abendländisches Philosophieren bis dahin gelangen wird, der Religion den Garaus zu machen und dabei selbst unterzugehen. Allerdings sind Philosophen des 18. Jahrhunderts nur die Begleitmusik für den Übergang von christlicher Religiosität in polit-ideologische.

 

Das Überleben von logisch argumentierendem Denken in der Religion hat aber als Voraussetzung die Trennung zwischen einer weltlichen und einer "geistlichen" Machtsphäre, die letztlich selbst bei Karl ("dem Großen") respektiert wird, auch wenn er sich in manchem bald als eine Art Kirchenherr aufführt. Anders als im theokratischen Byzanz und im Islam, der die Nachkommen Mohammeds als Kalifen anerkennt, kann so im früheren 12. Jahrhundert ein Abaelard Einfluss ausüben, soweit er nicht die Macht der Kirche bedroht, und werden dann ganze theologische Großgebilde von Vernunftgründen durchsetzt, wie bei Thomas von Aquin.

 

In dieser in geistliche und weltliche Sphäre geteilten Welt, wiewohl auch die weltliche sich (kirchen)christlich gibt, in der vernünftiges Argumentieren also einen Platz hat, kann sich aus zweckrationalem Handeln von Händlern und Handwerkern jener bürgerliche Freiraum Stadt entwickeln, der das lateinische Abendland so stark bestimmen wird und der erst mit den großen Industriestädten des 19. Jahrhunderts und dann dem Konsumismus der Globalisierung des 20./21. Jahrhunderts untergehen wird. Kein Wunder, dass in dieser Endzeit des Abendlandes Marx/Engels und selbsternannte Marxisten Missbrauch mit dem Wort Dialektik treiben werden, in dem sie erneut Glaubenssätze zum Fundament ihrer "Lehre" machen. Aber viele derzeitige "Demokraten" in den absterbenden "westlichen Demokratien" gehen inzwischen noch viel rabiater vor, indem sie neben der Vernunft auch jegliche Erfahrung aus ihrer demagogischen Verhetzung der Menschen streichen.