Die einst über einem der Portale der Kathedrale von Autun liegende Eva von etwa 1130 repräsentiert Ambivalenzen, wie sie die Entstehungszeit des Kapitalismus kennzeichnen. Die durchaus erotisch gemeinte Nacktheit der jungen Frau, die mit ihrer Linken gerade von der Schlange den Apfel empfangen hat, lädt zur Bewunderung ein, während sie doch gleich Adam zum Bösen verführen wird. In Kürze werden die Klagen über die Macht des Geldes und die materielle Gier anfangen, aber zugleich werden doch fast alle fleißig mitmachen dabei. Darstellungen von Eva und dem Sündenfall gab es, wenn auch selten, schon vorher, sie werden aber erst jetzt langsam häufiger, und Eva gewinnt dabei unumwunden an Attraktivität. Die zweite Eva, Maria, die den Menschen wieder aus der Hoffnungslosigkeit seines Daseins herausholt, wenn er nur will, gibt es zwar schon seit den Anfängen "romanischer" Kunst häufiger, aber sie verliert nun auch nach und nach ihre triumphale Stellung als Himmelskönigin und wandelt sich in eine liebliche junge Mutter, immer bekleidet, aber selbst darin von zunehmendem Liebreiz.  

 

ANFÄNGE UND VORAUSSETZUNGEN

Kapital und Kapitalismus

Am Anfang war das Paradies

Menschwerdung und Erlösungssehnsüchte

Am Anfang war der Mensch (Menschliche Geschlechtlichkeit / Zurück zur Kultur)

Natur, Kultur und Zivilisation

Hochkultur?

Der Kapitalismus wird die Erlösungsphantasien säkularisieren

Die Geschichte der Wenigen und die vielen Anderen

Aggression, Gewalt, Krieg

 

 

 

Auf der Suche nach den Anfängen des Kapitalismus muss man sich als erstes auf die Suche nach frühem Kapital und seinen Eigentümern machen, und zwar dort, wo man später auch auf Kapitalismus trifft. Dazu ist es nötig, sich vorher mit der Frage zu beschäftigen, was das beides eigentlich ist.

 

Kapital und Kapitalismus

 

Das Wort Kapitalismus gibt es noch keine zweihundert Jahre, obwohl es in dieser Untersuchung für etwas herhalten soll, was vor rund tausend Jahren entstand. Der zuvor fehlende Begriff verweist darauf, dass es vorher entweder keinen Bedarf gab, etwas begreifen zu wollen, oder aber und wahrscheinlicher, dass Menschen Vorgänge in Gang setzten, die sich zugleich quasi hinter ihrem Rücken vollzogen. Mit anderen Worten: Menschliches Handeln sieht auch hier in seinen Ergebnissen anders aus als voraussehbar ist.

 

Selbst das Wort Kapital taucht erst auf, nachdem es solches schon sehr lange gegeben hat, und erst Jahrhunderte, nachdem Kapitalismus bereits in großen Teilen Europas seinen Siegeszug angetreten hat. Seine lateinische Wurzel ist das Wort caput, welches für den Kopf bzw. das Haupt steht. Daraus leitet sich capitalis ab, welches man unter anderem mit "hauptsächlich" übersetzen kann. In spätmittelalterlichen norditalienischen Volkssprachen wird dies Wort wieder substantiviert um von dort dann später in den Norden zu wandern, wo es im Deutschen zum Beispiel als hauptgut auftaucht.

 

Etwas ist soweit mit dem Begriff schon gewonnen: Es gibt Haupt- und Nebengüter. Das lässt sich allerdings im späten Mittelalter bzw. in der frühen Neuzeit etwas unterschiedlich verstehen. Es kann zum Beispiel das Kapital als das Haben, den Besitz im Unterschied zu Verpflichtungen, Schulden meinen. Nun ist Kapital aber dabei nicht irgendein Besitz, sondern mur solcher, mit dem gewirtschaftet wird: Kapital ist jenes Gut, welches zu seiner Vermehrung eingesetzt wird. Im 16. Jahrhundert wird dabei im Italienischen zum Beispiel der Besitz von Vieh gemeint, dessen biologische Vermehrung durch Nachwuchs als Zinsen aufgefasst wird.

Nicht der oft riesige Grundbesitz eines mittelalterlichen Klosters ist Kapital, sondern das wird er zum Beispiel dadurch, dass die in Geld umgesetzten Erträge zum Teil als Kredite ausgegeben werden. Dann wird ein Teil des Geldes, welches abhängige Bauern für ihre frommen Herren erwirtschaften, kapitalisiert.

 

Ökonomisch sinnvoll ist ein solcher Kapitalbegriff dabei nur, wenn er sich in Zahlen rechnen lässt, also als Geld aufgefasst werden kann. Kapital tritt nur auf einem Markt (im weitesten Wortsinn) auf. Schließlich wird vom Hauptgut nicht die Qualität vermehrt, der Kapitaleigner verkauft schließlich kein Getreide, um mehr Getreide zu haben, sondern einen geldwerten Gewinn. Kapital ist eine quantitative, keine qualitative Größe.

 

Das Wort Kapital oder Hauptgut oder ähnliches verleitet allerdings dazu, sowohl Vorgänge wie Beziehungen unter Menschen darin zu verstecken: Es verdinglicht sie. Dem werden auch wir nicht ganz entkommen, wenn wir nicht eine völlig neue Sprache erfinden wollen und damit unverständlich werden. Kapital wird also auch in diesem Text in zwei Bedeutungen vorkommen: Einmal als jenes Hauptgut, dessen einziger Zweck seine ebenfalls in Geld rechenbare Vermehrung ist, zum anderen als Vorgang, in dem Geld in die Arbeit investiert wird, die es vermehrt. Tatsächlich ist Kapital dabei nichts anderes als ein Vorgang von der Intention bis zum Resultat.

 

Kapital gibt es also schon in den antiken Zivilisationen des Mittelmeerraumes zum Beispiel, - aber eben noch keinen Kapitalismus. Die Masse der auf dem Lande erwirtschafteten Gelder geht in den Konsum einer kleinen staatstragenden Oberschicht, also nicht in die Hauptsache, sondern die Nebensache eines privilegierten Luxus. Handwerk und Handel können sich bei der Expansion des Reiches immer weniger entfalten, da sie für militärische Zwecke reglementiert und abgeschöpft werden. Das wird im Mittelalter des lateinischen Abendlandes anders werden.

 

Kapital hat darüber eine zweite wesentliche Seite: Menschen ernähren sich wie andere Tiere von Pflanzen und Tieren; sie leben, indem sie Leben zerstören und zum größten Teil dabei in Abfall verwandeln, der ausgeschieden wird. Soweit sind sie ein Teil der (lebendigen) Natur. Kapital hingegen beutet lebendige Natur, nicht zuletzt die von Menschen, und darüber hinaus alle erreichbaren Ressourcen der Erde nur dazu aus, um in möglichst großem Umfang tote Gegenstände zu vermarkten oder zu schaffen, Waren, deren einziger Zweck für das Kapital ein geldwerter Gewinn ist, der über die Selbsterhaltung des Menschen weit hinausgeht. Dabei ist Kapital nicht alleine: Schon die Despoten früher Zivilisationen betrieben zwecks Machtausübung Naturausbeutung und -zerstörung  in großem Umfang . Aber der Kapitalismus der letzten tausend Jahre wird sie darin zunehmend übertreffen und ist inzwischen dabei, den Lebensraum Erde zur Gänze zu zerstören.

 

Verschleiernd wird Kapital mit Wachstum gleichgesetzt, tatsächlich ist dieses in der Natur qualitativ, Kapital als schiere Vermehrung ist aber rein quantitativ.

 

Die Existenz von Kapital bedeutet noch keinen Kapitalismus. Dieser entsteht zum ersten Mal zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert im Raum des lateinischen Abendlandes. Dabei handelt es sich um jenen großen Teil Europas, der sich mehr oder weniger als Erbe des römischen Reiches sieht und damit auch seiner Sprache, die in dieser Epoche als eine Art lingua franca dient, beim Aufstieg des Kapitalismus aber Schritt für Schritt verdrängt wird.

 

Kapitalismus soll hier die ökonomische Dominanz der Bewegungen des Kapitals in diesen Zivilisationen meinen. Diese setzt sich nur langsam, aber unentwegt  durch und wird offenbar im hohen Mittelalter irreversibel, das heißt, die Bewegungen des Kapitals haben sich inzwischen zumindest in großen Regionen soweit etabliert, dass eine Rücknahme ihrer Macht als eine für unerträglich gehaltene Katastrophe gesehen würde. Darüber hinaus beeinflussen sie dort die Lebensverhältnisse der meisten Menschen, die zunehmend in die neue Warenwelt integriert werden, die sie meist dankbar aufnehmen.

 

Schon der mittelalterliche Kapitalismus ist ein enormes Erfolgsprogramm: Er versetzt eine relativ statische, vorwiegend agrarische Welt in immer schnellere Bewegung, sorgt bei allen Krisen für ein erhebliches Bevölkerungswachstum, integriert nach und nach fast alle Lebensbereiche und versorgt die meisten Menschen mit einem steigenden Niveau an Warenkonsum. Große Regionen verstädtern und werden von Städten dominiert.

 

Dieser Kapitalismus ist nicht nur die Sache von Kapitalisten, sondern er ist ein Gemeionschaftsprojekt, an dem Adel, Fürsten und Könige ihren Anteil haben, aber auch "kleine" Handwerker, Lohnarbeiter und Bauern. Dabei sieht er in vielem noch sehr anders aus als der vertrautere Kapitalismus seit dem 18./19. Jahrhundert. Die Mehrheit der Menschen produziert noch Nahrungsmittel auf dem Lande und lebt unmittelbar von ihrer produktiven Arbeit wie die meisten Handwerker auch, man kann etwas vergröbert sagen, von der Hand in den Mund. Auch die schon damals wenigen Vertreter des großen Kapitals haben Herren über sich, aber einem Teil von ihnen gelingt es in einem Teil der Städte, wenigstens dort selbst zu Herren zu werden, zu einer neuen Obrigkeit, und wie Aristokraten zu leben.

 

Kapital entsteht seit dem frühen Mittelalter durch Handel und Geldgeschäfte. Früheste Ansätze, es in Produktion zu investieren, gibt es im hohen Mittelalter und dann häufiger im späten. Diese betreffen die vor allem Tuchproduktion und die Herstellung metallener Waren, inbesondere von solchen für den Krieg. Eitelkeit und Gewalttätigkeit treiben hier die Entwicklung voran. Aber den Batzen der Warenproduktion betreiben Handwerker und Bauern, die produktive Basis von Stadt und Land. Die aber besitzen selten Kapital, sie arbeiten im wesentlichen, um zu leben, nicht um Gewinne einzufahren.

Daneben gibt es in der Stadt und auf dem Lande einen zunehmenden Teil von Lohnarbeitern, und nicht nur in der Produktion, sondern als Söldner/Soldaten im Militär und zunehmend auch in Verwaltungen. Aber sie prägen noch nicht dermaßen das Bild wie später.

 

Das wird im wesentlichen bis ins 18. Jahrhundert so bleiben, und sich erst mit der zweiten, umfassenden Industrialisierung nach der ersten, geringfügigen im Mittelalter ändern, mit dem langsamen Verschwinden nichtkapitalistischer Produktion und damit des Handwerks und der bäuerlichen Landwirtschaft. In mancher Beziehung geht erst jetzt das Mittelalter zu Ende und mit ihm eine ganze Zivilisation.

 

Kapitalismus als Dominanz der Kapitalbewegungen zeigt sich zuallererst an den von ihnen verursachten Veränderungen in allen Lebensbereichen. Persönliche Abhängigkeit wird zunehmend ersetzt durch solche vom Markt, das Warenangebot verändert das Leben, erleichtert es manchmal. Frei eingegangene Arbeit lohnt sich mehr und mehr Menschen stehen mehr Karrieren offen. Dabei werden arm und reich nicht mehr nur nach Geburt, sondern stärker nach eigener Leistung bestimmt, auch wenn der erhebliche Wohlstand weniger auf der relativen Armut vieler beruht.

 

Die politische Macht von Teilen des großen Kapitals in den Städten bricht sich an der der Fürsten und Könige, die die ganz großen Entscheidungen mit ihrem Umfeld treffen. Aber Fürsten und Könige werden im Verlauf des hohen und späten Mittelalters immer abhängiger von dem, was Kapital erwirtschaftet und was entsprechend Handwerk und Landwirtschaft vorantreibt. Kriege müssen bezahlt werden und werden oft vom Kapital vorfinanziert. Umgekehrt sollen ihre Ziele zunehmend den Bewegungen des Kapitals im eigenen Land dienen. Neben den bisherigen Krieg tritt der Wirtschaftskrieg.

Das Regieren, Ausüben politischer Macht, soll nicht nur Einkünfte bringen, es kostet auch zunehmend Geld, welches bald nicht mehr primär aus fürstlich-königlichen Besitzungen herrührt, sondern aus der freieren Wirtschaft abgeschöpft wird. Fürsten und Könige in deutschen Landen verpfänden ganze Ortschaften und Städte, zudem Rechte, die der Machtausübung dienen, um an Geld des großen Kapitals zu kommen. Regieren wird kreditfinanziert, und durch das späte Mittelalter werden deutsche Königswahlen vom Kapital finanziert, welches nicht immer einen Gegenwert bekommt. Italienische Stadtherrschaft wird vom einheimischen großen Kapital über Anleihen finanziert, die wiederum erhebliche Renditen abwerfen.

Kapital regiert die Welt mehr als jede Krone, auch wenn es gelegentlich ohnmächtig zuschauen muss, wie die Investitionen in politische Macht auch selbst in den Bankrott führen können. Aber das ist heute ja nicht anders. 

 

All das wird hier weiter im einzelnen zu untersuchen sein, angefangen bei jenen Besonderheiten in Teilen des lateinischen Abendlandes, die Rahmenbedingungen der Entstehung von Kapitalismus sind. Aber es gibt eine Vorgeschichte, die wenigstens im Überblick angesprochen werden muss. Schließlich ist der Kapitalismus nicht nur einige Jahrhunderte lang ein europäisches Thema, sondern längst ein zutiefst allgemein menschliches; ansonsten hätte er bei aller gewaltsamen Ausbreitung nicht eine solche Ausstrahlung auf andere Kontinente entwickelt, die riesige Menschenmassen heute zu interkontinentalen Wanderbewegungen in die Metropolen des Kapitals veranlassen würde. 

 

Wer die Entstehung des Kapitalismus verstehen will, muss also aus vielerlei Gründen wenigstens kurz einmal bei Adam und Eva anfangen. Dabei geht es ein wenig um die Geschichte des Übergangs von Kulturen zu Zivilisationen, also um die Institutionalisierung von Gewaltverhältnissen als Machtverhältnisse, aber eben auch um die Phantasie vom verlorenen Paradies als menschlicher Unheilsgeschichte, die sich auch als Geschichte einer Sehnsucht nach Erlösung beschreiben lässt. Denn zwar weniger ein historisch kaum fassbarer Jesus als vielmehr das in den Jahrhunderten nach seinem mutmaßlichen Tod massiv zugleich hellenisierte und romanisierte und dabei dann zunehmend rejudaisierte sogenannte Christentum wird der Raum sein, in dem sich Kapitalismus einwurzelt. Und das Christentum auf dem Weg von einer Sekte zur mit Gewalt durchgesetzten Staatsreligion wird Erlösung als Religion ins Zentrum der Machtverhältnisse stellen, aus denen dann Kapitalismus hervorgeht.

 

Am Anfang war das Paradies

 

Um es zu verstehen, muss man wissen, von wem wir davon Kenntnis haben. Da waren Völkerschaften im Nahen Osten, die der semitischen Sprachfamilie angehörten und die von Häuptlingen regiert wurden, von denen zwei mit ihren Machtbereichen Juda und Israel hier von Bedeutung sind, die miteinander und mit anderen konkurrierten. Israel ist dann untergegangen und ein Chef des anderen Machtbereichs machte sich daran, mit der Priesterschaft seines zentralen Tempelkultes in Jerusalem eine etwas disparate Tradition aus Geschichten und Erzählungen so zu redigieren, dass daraus ein Begründungszusammenhang für seinen Machtanspruch und den seiner Priester hervorging. Jedenfalls steht das etwa so in den altjüdischen Texten geschrieben.

 

Die wohl sehr rudimentäre Monarchie dieses Josias, dessen Amt in indoeuropäische Sprachen viel später als „König“ oder ähnliches übersetzt wurde, war mit der Idee eines Gottes versehen, wobei Monarchie und Monotheismus, ein Tempelkult und eine dazugehörige Priesterschaft ziemlich deckungsgleich wurdenen. Derweil gab es damals viele Götter, aber der Reichsgedanke dieses Königs ging von der Idee aus, dass die Dreieinigkeit von Gott, Tempel und Monarch ein Erfolgsbündnis sein müsste. Eine Art geschlossener Untertanenverband würde vor allen dreien zugleich den Nacken beugen.

 

Es galt also, andere Völker mit ihren falschen Göttern abzuwehren oder zu unterwerfen, aber die Kraft dazu sollte nur aus einem Volk kommen, welches in das Bündnis mit dem eigenen Gott eintritt, der vor allem ein Kriegsgott ist, der Schlachtenglück gewährt. Und Juda war klein, winzig im Vergleich mit den Reichen von Ägypten, Babylon. Assur und anderen. Also (er)fand man seinen eigenen Gott, wie einige frühe Kulturen ein Totemtier hatten. Wenn man sich ihm, seinem Tempel und seinem Häuptling unterwarf, würde man siegen, andernfalls elendiglich zugrunde gehen.

 

Wann das in etwa geschah, ist unbekannt, aber wohl  in den Jahrzehnten vor 600 vor unserer Zeitrechnung ließ der „König“ Josia seine Priester eine Menge Texte (er)finden, die genau zu dieser Absicht passten. Vermutlich wurden dabei Traditionen zwischen Mesopotamien und dem Sinai, vielleicht mit ägyptischen Einflüssen versehen, so redigiert, dass sie einen einigermaßen konsistenten Zusammenhang ergaben.

 

Da ist ein Gott, der die Welt erschafft, und in ihr eben das Paradies mit dem ersten Menschenpaar. Das Paradies war eines der Mühelosigkeit, in der man sich das Obst vom Baum pflückte und es sich ansonsten einfach gut gehen ließ. Wie das dann aussah, war weder den vielleicht mesopotamischen Erfindern der Geschichte wie den jüdischen Redakteuren bekannt, da es so etwas zu ihrer Zeit nicht ("mehr") gab. Das Menschenpaar (oder wenigstens Adam) aber war nach dem Ebenbild dieses Gottes geschaffen, der in einer anderen paradiesischen Zone lebte, weitab und doch immer nah. Gottgleichheit hieß Unsterblichkeit, und das wiederum hieß Ewigkeit, eine Welt außerhalb der Zeit. Es war aber auch eine Welt jenseits des Raumes, denn das Paradies hatte zunächst keine klaren geographischen Grenzen, es war alles, was für Menschen war.

 

Zeitlose Ewigkeit hieß, dass es keinen Bedarf an Fortpflanzung gab, fehlender Raum hieß, dass überall alles war, was der Mensch brauchte. Was dann geschah, war, dass eine ebenso kluge wie böse Schlange der Eva Unzufriedenheit einflüsterte; sie wollte nun mehr als nur alles dies Paradiesische. Sie wollte die Frucht eines Baumes naschen, die ihr Erkenntnis geben sollte, wie sie paradiesischer Unschuld nicht angemessen war – sie widersetzte sich Gottes Willen. Es wird nicht gesagt, was es da zu erkennen gab, aber sie übertrat ein göttliches Gebot, ein Tabu. Vielleicht war das etwas so ähnliches, wie wenn Laien in den den Priesterautoren vorbehaltenen Opfer-Raum im Tempel geschaut hätten und dabei etwas gesehen hätten, was ihnen verschlossen bleiben sollte.

 

Vom Althebräischen über das Griechische und Lateinische zum Neuhochdeutschen: Im Garten Eden der Genesis gibt es zwei besondere Bäume: einmal τὸ ξύλον τοῦ εἰδέναι γνωστὸν καλοῦ καὶ πονηροῦ, lateinisch lignum sapientiae boni et mali, also den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, und dann το Δέντρο της Ζωής, lignum vitae, also den Baum des Lebens.

Leben ließe sich mit Einklang mit der Natur verstehen, Erkenntnis mit Kultur, dem partiellen Austritt aus ihr. Aber das sind hochmoderne Gedanken, formuliert in einer altrömischen Begrifflichkeit.

 

Warum Eva dann Adam dazu verführte, das Gleiche zu tun, lässt sich mit den Augen jüdischer Priesterautoren, einer wohl sehr eng gestrickten Gruppe von Männern, nur durch die Minderwertigkeit der Frau erklären. Das bringt aber ein erstes sexuelles Moment in die Geschichte, denn in den Augen patriarchalisch strukturierter Männer wie solcher Priester ist die sexuelle Attraktivität der Frau der Grund für das männliche Begehren, welches dazu neigt, für wichtiger gehalten zu werden als göttliche Botschaften und von Priestern geleitete Opferkulte.

 

Jedenfalls brach auch Adam das göttliche Verbot, und damit war es aus mit den paradiesischen Zuständen. Gott schickt recht kriegerische Engel, die die beiden aus dem Paradies vertreiben, dessen Eingänge nun verschlossen sind. Jetzt verschränken sich längst verschiedenste Vorstellungen zu einem Komplex: Außerhalb des Paradieses entstehen Raum und Zeit: Es gibt eine weitere Welt, in der die Einheit von Mensch und Natur/Gott zerbrochen ist. Die Menschen müssen jetzt produktive Arbeit leisten und sich im Schweiße ihres Angesichtes ihre Nahrungsmittel als Ackerbauern und Viehzüchter selbst herstellen.

 

Insofern lässt sich eine Erinnerung an die neolithische (jungsteinzeitliche) Umwälzung vermuten, in der aus Leuten, die als Jäger und Sammler sich nahmen, was sie vorfanden und unmittelbar benötigten, Leute wurden, die nun produktiv sein müssen. Möglicherweise war die vorhandene Natur so erfolgreich ausgeräumt worden, dass sie für die immer mehr Menschen dabei nicht mehr genug bieten konnte. Produktive Arbeit mit ihrer Mühsal und ihren Zwängen ließ sich aber leicht als Strafe Gottes interpretieren. Sie wurde allerdings zugleich Voraussetzung für Tempel und Priesterschaft, die aus der irgendwann erfolgreichen Produktion eines gewissen Überflusses heraus erwuchsen, indem sie von den nun möglichen Abgaben existieren konnten.

 

Frauen müssen sich dem Ungemach von Schwangerschaft und Gebären stellen, Männer dem härterer Arbeit. Religion und Priester vermitteln zwischen Gott und den Menschen, die nicht mehr Gottes Ebenbild sind, und die nun, aus dem Paradies vertrieben, sterblich, "zeitlich" werden.

Der Tod aber machte die Fortpflanzung nötig, und diese funktionierte nur über das geschlechtliche Begehren. Damit kommt ein zweites sexuelles Element in die Geschichte, den Mythos genauer gesagt, und indem es der Frau die Schwangerschaft und die bei Menschen recht anstrengende Geburt bescherte, war es alleine schon so eine Strafe Gottes, abgesehen von all dem Unheil und der Unordnung, welche Geschlechtlichkeit sonst noch mit sich bringen.

 

Diese beiden sexuellen Aspekte finden zusammen mit dem Tabubruch gegenüber Gott in den Moment der Scham. Im sexuellen Begehren wird die paradiesische Nacktheit zum Problem. Der Mensch schämt sich also zugleich des fehlenden Gehorsams gegenüber Gott (bzw. seinen Priestern) und einer Geschlechtlichkeit, die ihn als Getriebenen und seiner Souveränität Beraubten auszeichnet: Darum das Feigenblatt.

 

Niemand weiß so recht, wann Vor-Menschen in grauer Vorzeit die Bindung an eine bestimmte Fortpflanzungszeit im Jahresrhythmus verloren und durch das ganze Jahr fortpflanzungsfähig wurden, und zwar Männer wie Frauen. Es muss etwas damit zu tun gehabt haben, dass sie sich instandgesetzt hatten, Neugeborene nicht nur in der günstigsten Zeit des Jahres durchzubringen, sondern eben durch alle Jahreszeiten. Damit waren sie im Machtspiel der Natur bevorteilt, denn ein Fortpflanzungsvorteil dient der Machtentfaltung in der Konkurrenz mit denen, die so etwas nicht schaffen.

 

Diese permanente Präsenz des sexuellen Begehrens wurde noch verstärkt dadurch, dass die weiblichen Brüste nicht wieder abschwollen, nachdem sie keine Milch mehr gaben und auch ohne Schwangerschaft sichtbar vorhanden sind. Sie führt auch dazu, dass den Männern, auch wenn gerade keine Kopulation angesagt war, nicht nur der Kamm schwillt. All das und vieles mehr machte den Geschlechtstrieb zu einem verwirrenden und nach Regulierung, Kultivierung schreienden Phänomen.

 

Was den Schriftkundigen unter den Tempelpriestern so alles durch den Kopf ging, als sie ihre Version von Paradies und Sündenfall aufschrieben, ist nicht mehr feststellbar, war es vermutlich schon damals nicht. Aber der Kern dieser Paradiesgeschichte wurde zur Basis für alles, was da folgte auf dem langen Weg in den Kapitalismus. Der der Ebenbildlichkeit Gottes durch diesen beraubte Mensch trug jede Menge Unheil in die Welt, angefangen bem Brudermord. Ein wenig schien dann aber der Gott, der sich als der der Häuptlingsreiche von Israel und Juda offenbaren wird, seine große Strenge zu bereuen, und er begann ausgewählten Leuten eine Art Bündnis anzubieten: Ich unterstütze euch, wenn ihr mich unterstützt. Dafür verzichtete er sogar auf die Opferung des erstgeborenen Sohnes und beschied sich mit dem Tieropfer, welches Tempelpriester durch Geldabgaben an sie finanzierten. Daraus wurde das auserwählte Volk, welches dieser Gott unter der Führerschaft eines Moses in ein Land führte, wo Milch und Hönig fließen sollten, also schon wenigstens fast wieder ein Paradies.

 

Das ist zwar historisch durch nichts zu untermauern, aber eine schöne Geschichte für Machthaber in Jerusalem, die nun auf grandiose militärische Erfolge bei der Eroberung großer Landstriche mit Hilfe ihres Kriegsgottes Jahwe zurückblicken konnten, alles sicherlich erfunden, aber eine gute Tradition für damals übliche Gewaltherrscher.

 

Nun bauten die Tempelpriester aber, etwas näher an ihre eigene Gegenwart heranrückend, lauter neue Sündenfälle in ihre Geschichten ein, die erklären sollten, warum das Volk Gottes immer wieder militärisch scheiterte und die israelitischen Konkurrenten gar ganz untergingen. Es ging um immer wieder neue Vertragsbrüche mit dem eigenen Gott und das Übergehen in die Gefolgschaft anderer und offensichtlich für manche attraktiverer Götter (und Göttinnen). Es ging dabei offenbar auch um unziemliche Lebenslust und ein Lotterleben, in dem Frauen und unordentliche sexuelle Aktivitäten eine große Rolle spielen sollten, aber da es sich um Propaganda handelt, wissen wir nichts genaues. Jedenfalls war die jüdische Geschichte dabei keine rechte Erfolgsgeschichte und endete mit schamloser Hellenisierung der Oberschicht und dann Unterwerfung unter römische Machthaber bei eigenen Unterkönigen, die sich mühsam durchlavieren mussten.

 

Judentum war einmal in dem Tempelkult gegeben, der den eigentlichen Kern bildete, und in dem Tieropfer, wie auch in anderen Reichen, den eigenen Gott als Unterwerfungsgeste gnädig stimmen sollte. Zum anderen bestand es in einem Sammelsurium an Vorschriften, deren wesentliche Aufgabe wohl war, einheitliche Untertanen für Häuptling/König und Tempelpriesterschaft zu schaffen, sie also von anderen Völkern abzugrenzen. Man könnte auch sagen, das sie ein gemeinsames "Volks"bewusstsein überhaupt erst herstellten. Es gab zum Beispiel jede Menge detaillierter Essensvorschriften, die wohl teils mehr und teils weniger plausibel waren, und einen wöchentlichen religiösen Feiertag, an dem fast alles Leben erlahmen sollte. Dazu jene gottgebenen Gebote, die auf den einen Gott verpflichteten und ansonsten das Zusammenleben so regelten, wie es in allen Kulturen und frühen Zivilisationen üblich war. Dazu kamen weitere die Leute verbindende Eigenheiten wie gemeinsame Festtage und Pilgerreisen zum Tempel nach Jerusalem.

 

Was die Juden neben dem Monotheismus von anderen Kulturen und Zivilisationen grundlegend unterschied, war die grandiose Idee, sie am Zeugungsorgan des Mannes zu markieren, was die jüdische Frau darauf hinwies, dass sie den korrekten Mann für den Koitus bzw. die Ehe und Fortpflanzung vor sich hatte. Damit waren Menschen als Volk physisch als eine Einheit jener Menschen markiert, die ihren Gott ausschließlich für sich hatten, und damit als seine Auserwählten deutlich bessere und erfolgreichere Menschen waren, wenn sie nur der Priesterschaft und dem damit verbündeten König untertan waren. Juden waren so die Erfinder einer neuen Form völkischen Bewusstseins, welches sich über seinen Körper ausweisen konnte, wiewohl Judentum ein Kult samt Ritualen und kein abgeschlossener Ethnos war, was es dennoch immer wieder behauptete. 

 

Kurz vor dem Ende des antiken Judentums, unter römischer Oberherrschaft und unter Bedingungen starker Hellenisierung, zerfiel es offenbar zum Teil in zahlreiche Gruppen und Sekten. Ohne einen eigenen „souveränen“ Herrscher nahm die Autorität des Tempels und seiner Priesterschaft ab, es entstanden Räume, in denen Judentum neu definiert wurde. Auf erstaunliche Weise später wirkmächtig wurde ein Jesus, der uns als historische Figur kaum vorliegt. Früheste Texte, die ihn erwähnen, gibt es von einem stark hellenisierten Juden Paulus, der einige Zeit nach dem Tode Jesu mit Christen in Kontakt kam und dann eine Art religiöse Erleuchtung hatte, die zu seiner Bekehrung führte, deren Ergebnisse er in Briefen an entstehende Gemeinden formulierte. Da wir über Jesus selbst nichts wissen, können wir nur in Verbindung mit den in den folgenden Jahrzehnten entstandenen Evangelien und der Apostelgeschichte erahnen, wie Paulus vorliegende, wohl vorwiegend mündliche Traditionen umformte und dabei bereits ein Stück weit entjudaisierte und hellenisierte.

 

Vom Leben Jesu und seinem Tod erfahren wir kaum etwas bei ihm, aber umso mehr über das paulinische Gottesbild und dessen Umformung des jüdischen in einen christlichen Gott. Die Evangelien wiederum berichten über Jesus hauptsächlich Legendäres und Wundersames, und es ist nicht einfach, daraus irgendwelche historischen Tatsachen abzuleiten, die, wenn überhaupt, dürftig bleiben. Fassbar wird vielleicht ein Mann aus Nazareth, der mit etwa 30 Jahren einem Johannes begegnet, der im Jordan Menschen taufte und schon damit aus dem jüdischen Rahmen fiel. Dieser Täufer, von dem wir sonst nichts erfahren, hat Jesus offenbar stark beeindruckt und beeinflusst, möglicherweise hat er ihm den Kern seiner Ansichten übermittelt.

 

Unser Jesus wird darauf zum radikalen Aussteiger aus allen anerkannten jüdischen Lebenszusammenhängen und zieht als eine Art Wanderprediger umher, wobei er seinen Lebensunterhalt aus Spenden und vielleicht auch mit Betteln ermöglicht. Vermutlich bezeichnet er sich nicht als (leiblichen?) Sohn Gottes, wie ihn die Evangelisten dann am Ende nennen, die seine Geschichte jeweils von hinten, von seinem Tod her aufzäumen werden. Dass er von einem Vatergott redet, soll wohl diesen selbst so für alle als „väterlich“ charakterisieren - jedenfalls für die, die ihm gehorsam sind.

 

In den Evangelien hat er davon nicht viel zu sagen und entwickelt auch sonst kaum so etwas wie Religion oder gar Theologie. Er verkündet vielmehr eine Art Ethik totaler Selbstlosigkeit, von Besitzlosigkeit als gottgewollter Armut, uneingeschränkter Friedfertigkeit außer gegenüber der Welt böser Dämonen, und zudem eine von völlig fehlender Sexualität, die in der radikalen Ablehnung auch von Ehe und Familie gipfelt. Kein Wunder, dass seine Anhängerschaft winzig bleibt und aus einigen weiblichen Verehrerinnen und einem kleinen Kreis von Männern besteht, die letztere mit ihm umherziehen. Das alles wird möglicherweise mit dem unmittelbar bevorstehenden Ende der Welt begründet, welchem die entkommen, die sich Jesus anschließen und mit ihm ziehen. Angesichts der nahen Wiederkunft eines neuen Paradieses werden Sexualität und Erzeugung von Nachwuchs erneut überflüssig.

 

Ich lasse die von den Evangelisten beschriebenen magischen Kräfte aus, mit denen er wie von Zauberhand Wasser in Wein verwandelt, Tote wieder zum Leben erweckt und selbst wie schwerelos auf einer Wasseroberfläche herumspaziert. Wichtiger sind seine Gleichnisse, in denen er die Welt nicht nur der Juden auf den Kopf stellt: Menschen sollen nicht nach ihrer (Arbeits)Leistung, sondern gemäß ihrer Gottesgläubigkeit "vom Vater" ent- bzw. belohnt werden, Arme sind Gott näher als Reiche, deren Besitz ihnen das Himmelreich nahezu versperrt, und einsichtige, vorher lebenslange Sünder ebenfalls eher als diverse Muster jüdischer Rechtschaffenheit. Tempel, Priesterschaft und Opferkult scheinen kaum noch eine Rolle zu spielen.

 

Das Himmelreich wird nicht näher erklärt, aber es leitet sich wohl aus einem wiedergewonnenen jüdischen Paradies nach Erscheinen eines prophezeiten Messias ab. Jesus selbst lässt sich als Rabbi anreden, als eine Art jüdischer Fachmann für Religiöses, und wird wohl erst nach seinem Tode zu einem Messias (Erlöser) gemacht, im Griechisch der Evangelisten dann christos und sotér. Und ohne diese Verwandlung eines Menschen Jesus in einen am Ende auch lateinischen christus wäre aus ihm auch nicht im Nachherein ein Religionsgründer geworden.

 

Nur zu vermuten ist, dass er aufgrund seiner Erfolglosigkeit sozusagen in der Höhle des Löwen auftaucht und im Jerusalemer Tempel randaliert. Bis dahin hatte er sich nur in ländlichen Kleinstädtchen fernab herumgetrieben, was offenbar kaum störte. Nun scheint er die Aufmerksamkeit, den Eklat zu suchen und bekommt ihn. Eine empörte Priesterschaft setzt bei der römischen Staatsmacht seinen Tod durch.

 

Soweit kann der Außenstehende folgen. Was nun in den Evangelien beschrieben wird, hat wohl damit zu tun, dass an sich jetzt die Jesusgeschichte zu Ende ist, was seine wenigen Anhänger so nicht hinnehmen wollten. Und so beschreiben sie eine ganz und gar unglaubliche Geschichte, die offenbar damals dann eine gewisse Austrahlung für einige wenige hat. Aus ihr erst wird sich ein "Christentum" entwickeln.

Aus dem Menschen Jesus wird nun tatsächlich, wie es heißt, ein irgendwie leiblicher Sohn des jüdischen Gottes, oder anders verstanden, die Inkarnation (Fleischwerdung) Gottes auf Erden. Vermutlich fangen bald die ersten derer, die ihren (jüdischen) Gott dennoch weiter mit einem gewissen Monotheismus versehen, an, daran zu glauben, dass ihr Gott in Menschengestalt zu den Juden gekommen sei, denn Jesus ist nun mehr als ein Prophet, er wird selbst göttlich.

 

In völliger Verkehrung der Abrahamgeschichte, in der ein Menschenopfer von Gott abgelehnt wird, lässt sich also Gott selbst in Menschengestalt opfern. Was damals gesehen wurde, ist nicht ganz das so Gesagte, denn dieser Jesus klagt laut "Froher Botschaft" bei Gott, als er am Kreuz im Todeskampf ist, zunächst über diese seine Aufopferung, ist er doch bis in den Tod ganz Mensch. Aber der ganzen Geschichte ist mit Vernunftmitteln ohnehin nicht beizukommen.

 

Also erst im Tod selbst wird der Jesus der Evangelisten zu Gott als Gottes Sohn. Und da Götter unsterblich sind, muss er von den Toten auferstehen und ist so vom Menschen in einen Gott rückverwandelt. Damit das glaubhaft wird, behaupten die Evangelisten, dass man ihn in seiner Menschengestalt wiedererkannt habe, allerdings nun soweit vergöttlicht, dass er unberührbar geworden sei. Jetzt fehlt nur noch jene Pfingstversammlung, bei der seine kleine Anhängerschar sich in Verzückung oder gar Raserei versetzt, um all das nun auch ganz fest zu glauben.

 

(Ausführlich und textnah steht das alles in Anhang 1)

 

Da es hier um die Entstehung des Kapitalismus im 10. bis 12. Jahrhundert nach solchen recht legendären Ereignissen gehen soll, ist das wichtigste Moment des Ganzen zum Schluss deutlich hervorzuheben: Der zum Messias bzw. zu (einem?) Gott gewandelte Jesus verspricht im Kern Erlösung von jenem Menschsein, wie es allen Menschen in einer wahrnehmbaren Wirklichkeit zu eigen ist; also die Rück-Verwandlung der Menschen, die an ihn glauben, in Gottes Ebenbilder, denen Gott in Menschengestalt in seinem eigenen Reich erneut paradiesische Zustände jenseits von Raum und Zeit verspricht. Die ganze Welt jenseits des Paradieses wird dabei untergehen, sie ist überflüssig geworden. Und denen, die nicht nach Jesu Vorgaben leben oder gar an seine Göttlichkeit glauben, blüht im selben Moment ewige Verdammnis. Von einem "lieben Gott" der deutschen Mittelschichten des 18./19. Jahrhunderts jedenfalls kann noch lange keine Rede sein. "Er" ist eher weiter von archaischer Grausamkeit.

 

Der zu Christus gewordene Jesus verspricht seine nahe Wiederkehr, bei der nicht nur wie bei seinem Tod der Jerusalemer Tempel wackelt, sondern alles Irdische mit Getöse untergeht. Die kleine Jerusalemer Gemeinde, in der Apostelgeschichte schon etwas historischer greifbar, wartet auf ihren Erlöser, konfrontiert mit der Feindseligkeit jüdischer Orthodoxie. Man lebt in Gütergemeinschaft in einer isolierten Männerwelt und bekräftigt sich wohl immer wieder die Gewissheit der Wiederkunft des Herrn.

 

Aber während "der Herr" erst einmal nicht kommt, taucht der von seiner Version eines Jesus und Gottes beeindruckte Paulus auf und verlangt, dass Juden kein Monopol auf diesen Erlöser haben dürften und hätten – er gehöre allen Menschen, die an ihn glauben, worunter er wohl vor allem die griechische, aber auch die lateinisch-römische Welt versteht. Das führt zum Streit, aber der erledigt sich spätestens, als die Jerusalemer Gemeinde mit dem Tempel und antiker jüdischer Geschichte zusammen untergeht.

 

Es entstehen anderswo neue Zentren christlicher Gemeinden, also der Verehrung des menschgewordenen, getöteten und und auferstandenen Gottes. Mit der Verbreitung eines solchen Christentums aus dem jüdischen Kernraum hinaus beginnt aber sogleich seine radikale Substanz zu verwässern, wie man an vielen Stellen nachlesen kann. Nicht nur, dass der neue Gott noch stärker aus der Strenge jüdischer Orthodoxie gelöst wird, und dass er zum Gott aller wird, die an ihn glauben, er kommt, und das wird den Glauben an ihn stark verändern, einfach nicht wieder, anders gesagt, man muss sich auf ein Leben einrichten, dass mit dem eigenen Tod endet, und hoffen, dass er doch irgendwann später zu ihren Gunsten eingreift. Irgendwann eben.

 

Derweil bekommen die Gemeinden Vereinscharakter, sie richten Ämter ein, eine Hierarchie entsteht, die zur Kirche wird, kyriakon, dem Haus des „Herrn“, und ekklesia, der organisierten Versammlung der Gläubigen. Anstatt bloß in der Erwartung der Wiederkunft Gottes zu leben und sich auf diese vorzubereiten, wie es einst Paulus verlangte, richtet man sich im Erdenleben ein und macht die ersten Kompromisse mit der Wirklichkeit.

 

Kirchliche Ämter entwickeln ein Eigenleben und werden zugleich aufgewertet durch die Anzahl der ihnen zugeordneten Menschen. Wenn man aber mehr Gläubige schaffen möchte, tritt man in Konkurrenz zu den antiken Kulten. Ein attraktives Christentum braucht also nun Zeremonien, Rituale, ein eigenes Brauchtum, all das, was der evangelische Jesus am Judentum abgewertet hatte und was die "Heiden" am Heidentum hielt. Und es braucht darüber hinaus eine attraktivere Botschaft als die Vertröstung auf eine immer fernere Zukunft. Die entstehende Kirche beginnt also, ihre neuen Mittel als Mittler zu Gott anzubieten, die an die Stelle Jesu treten. Ohne sie ist jetzt kein Heil und nur bei ihr ist jedwede Wahrheit.

Nach den Mythen der Macht und der Herrlichkeit wird es nun nötig, sich doch etwas genauer mit der dahinter versteckten Wirklichkeit zu beschäftigen, um die es auf diesen Seiten vor allem gehen soll.

 

Menschwerdung und Erlösungs-Sehnsüchte

 

Der Wahnwitz des Kapitalismus braucht die Kuriositäten christlicher Religion als Voraussetzung, wie sich zeigen wird. Aber so wie der Kapitalismus nicht nur Wahnwitz ist, sondern zugleich ein sich verselbständigendes ungeheures und weltbewegendes Erfolgsprogramm, so hat das Christentum auch eine sehr verständliche anthropologisch fassbare Komponente, jene nämlich, einer vielen Menschen spätestens seit ihrer Zivilisierung innewohnenden Erlösungssehnsucht eine Perspektive zu bieten. Erlösung ist schließlich das jesuanische Schlüsselwort.

 

Jenseits dessen, was man nur glauben kann, wenn man denn kann und vor allem will, gibt es dabei den Versuch einer Erschließung und Erklärung von historischer Wirklichkeit. Vom Paradies bis zur verheißenen Wiedergeburt und Wiederkunft des getöteten Gottes lässt sich eine Geschichte menschlicher Unzufriedenheit mit sich selbst und den eigenen Lebensumständen erkennen, mit den so empfundenen Übeln dieser unserer Welt eben. Und das dem Judentum entschlüpfte Christentum ergibt dazu die bis dato radikalsten Erlösungsvorstellungen (und erlöse uns von dem Übel bzw. Bösen, heißt es bald im Paternoster).

 

Diese Unzufriedenheit scheint Konsequenz von Lebensformen zu sein, die sich mit der neolitischen Revolution einstellten: Produktives Eigentum an Land und Vieh und Werkzeugen unterscheidet nun Leute nicht mehr nach ihrem Talent allein, sondern auch nach ihrem Besitz. Die neue Mühsal produktiver Arbeit, die für die meisten in relative Armut und Not führt, wird noch verstärkt durch Abgaben, die an Tempelpriesterschaft und mit ihr verbündete aufsteigende Despoten zu errichten sind. Die Selbstregulierung der Menschen in Gemeinschaften wird nach und nach in einigen Gegenden ersetzt durch Gebote der Priester und Gesetze der mit ihnen verbündeten Despoten. Menschen geraten in die Strukturen von Zivilisationen, also unter institutionalisierte Herrschaft, zu deren Rechtfertigung auch der nun erfundene Krieg gehört, der die früheren gelegentlichen und gewaltsamen, aber notwendigen Rangeleien mit Nachbarn um Lebensraum ablöst.

 

Frühe Kulturen mussten bereits die Zähmung und Selbstbezähmung von Triebenergien betreiben, damit Menschen solide gemeinschaftsfähig werden konnten. Die daraus erwachsenden Frustrationen konnten aber noch in den eigenen Lebenszusammenhang eingeordnet werden. Zur gemeinschaftlichen Selbstbezähmung kamen aber nun „von oben“ die neuen Zwänge, die institutionalisierte Mächtige ausübten. Zur Selbst-Domestikation der Menschen, ihrer Kultivierung, kam also die Zivilisierung. Das alles verlangte nach begründender Erklärung, die aus den Positionen der Macht heraus geliefert wird. Der Schmerz des ständig einzuübenden Verzichtes war anders offenbar nicht erträglich.

 

Aber es erweist sich bei genauerem Hinsehen besser, doch noch etwas detaillierter auf den Menschen einzugehen und dabei noch einmal am Anfang anzufangen, ohne sich von den Geschichten und Geschichtchen jüdischer Tempelpriester und christlicher Religionsgründer davon abbringen zu lassen.

 

Am Anfang war der Mensch

 

Am Anfang bildet sich im Tierreich die besondere Gruppe der Säugetiere heraus und unter ihnen die ganz besondere derer, die wir Raubtiere nennen, weil sie andere Säugetiere töten und fressen, um sich von ihnen zu ernähren. Unter diesen Raubtieren entwickelt sich im Verlauf von Jahrmillionen der Mensch als ein ganz besonderes, eines, welches in manchem nach und nach immer mächtiger wird und längst dabei ist, die übrige lebendige Natur und damit seine eigenen Lebensgrundlagen zu vernichten. Seine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte leistet so als Gipfel die Herbeiführung des eigenen Untergangs, in den zumindest ein Großteil der gesamten lebendigen Natur - wie seit einiger Zeit absehbar - mit hineingezogen wird. Das kurze Schlusskapitel bildet dabei die ungeheure Erfolgsgeschichte des Kapitalismus in den letzten knapp tausend Jahren.

 

In den Jahrmillionen zuvor hatte sich eine Tierart in Entwicklungsstränge verzweigt, deren einer die vom Menschen inzwischen zum größten Teil bereits ausgerotteten Affen hervorbrachte, ein anderer Menschen, offenbar leicht verschiedene, von denen sich die erfolgreichsten dann immer durchsetzten. Man hat sie inzwischen mit so kuriosen Namen wie homo habilis oder homo sapiens belegt, obwohl ihr zentrales Talent sie offenbar mit Naturnotwendigkeit in ihren eigenen Untergang treibt, wie man inzwischen sehen kann.

 

Wie alle Lebewesen treibt auch den Menschen der Drang an, das eigene Leben soweit zu erhalten, dass es fortgepflanzt werden kann. Es ist dies die einzige Triebkraft, die den Menschen von Natur aus bewegt, und erst seit kurzem können sie diese Triebhaftigkeit konsequent von ihrer Zielvorgabe, dem Weitergeben von Leben trennen. Dies ist die zentrale Leistung des Kapitalismus in seinem Spätstadium: So wie er stetig mehr eine Welt von Lebewesen in eine toter Dinge verwandelt, so nimmt er dem Leben seinen naturgegebenen, aber ihm immer weniger zugänglichen Sinn zugunsten seiner Pseudo-Triebkraft, einem ganz andersartigen Vermehrungsdrang toter Dinge. Sollte das aber nicht zum Aussterben wenigstens alles komplexeren Lebens ausreichen, so hält er seit über einem halben Jahrhundert bereits ein Arsenal von Vernichtungswaffen bereit, die die Erde auf einen Schlag, das heißt in weniger als einem Tag in eine leblose und lebensfeindliche Wüstenei verwandeln können. Falls die wenigen, die über die Macht zur Zerstörung allen Lebens wie schreckliche Götter verfügen, dies weiter hinauszögern, wird der ärmere und bewusstlosere Teil der Menschheit mit Unterstützung des reicheren weiterhin dazu gebracht werden, die menschliche Bevölkerung in immer rasanterem Tempo so zu vergrößern, dass alleine das wohl schon für das offenbar naturgesetzlich gegebene Ende ausreichen wird.

 

Die finale Fähigkeit des Menschen zur Selbstzerstörung samt Zerstörung seines gesamten Lebensraumes beruht auf einem ursprünglichen Syndrom von Absonderlichkeiten, dessen Entstehung man heute nur noch gedanklich nachvollziehen kann, und die den Kern der Menschwerdung ausmachten. Es handelt sich einmal um den ganzjährig auftretenden Geschlechtstrieb des männlichen Tieres bei ganzjähriger Empfängnisbereitschaft des weiblichen, die dies mit durchweg geschwollenen Brüsten auch ohne Milch körperlich verdeutlicht. Das heißt, die Geburten werden von der saisonalen Günstigkeit der Ernährung entkoppelt, weil Menschen nicht mehr von ihr abhängig sind. Dadurch kommt es zu einer ersten Stufe der Entkoppelung von Triebhaftigkeit und Fortpflanzung bei den einzelnen Individuen.

 

Damit verbunden ist die Notwendigkeit der Domestizierung oder besser (Be)Zähmung der dem Trieb innewohnenden Aggressivität, da Menschenkinder in besonders hohem Maße und vor allem besonders lange von den Eltern aufgezogen, versorgt und beschützt werden müssen, was einen friedfertig-solidarischen Innenraum voraussetzt. Dafür entstehen Ehe und Familie und darüber hinaus Gemeinschaften, die entweder physisch oder sogar darüber hinaus symbolisch auf Verwandtschaft beruhen.

 

Um alles weitere zu verstehen, scheint mir ein kurzer Exkurs auf die spezifisch menschliche Geschlechtlichkeit sinnvoll:

 

Menschliche Geschlechtlichkeit

 
Leben bewegt sich in seiner Erhaltung, der Ernährung, und in seiner Fortpflanzung im Geschlechtstrieb. Beides ist vorgegeben und macht komplexere lebendige Natur aus. Beides ist Begehren und zugleich Getriebensein und existiert jenseits irgendeines „warum“ und „wozu“. Es ist einfach da.

Ernährung und Fortpflanzung sind beide aggressiv und egozentrisch, zunächst rücksichtsloser Kampf ohne Reflektion, ohne Empathie, gleichgültig gegen alle menschlichen Ansichten. Die wiederum gehören ohnehin nur denen, die – bildlich gesprochen - bei ihrer Menschwerdung bereits mit einem Bein aus der von ihnen vorgefundenen Natur herausgefallen sind.

Menschwerdung wird dann zunächst die im Ergebnis partielle Disfunktionalisierung des Geschlechtstriebes, mit der ein reflexiver Geist dann aus Überlebensgründen umzugehen hat, wofür sich wohl vor allem die Sprache entwickelt.

 

Wenn die Entstehung der beiden Geschlechter der Fortpflanzung komplexerer Lebewesen diente, so koppelte sich der Geschlechtstrieb beim Menschen von diesem Zweck zunehmend ab: Der aufrechte Gang und die Nacktheit beendeten den spezifischen Säugetierblick auf das weibliche Hinterteil, welches zugleich keine saisonal begrenzte Läufigkeit mehr signalisierte; dafür blieb die bloße weibliche Brust auch gerundet, wenn sie keine Milch enthielt und spenden konnte: Sie wurde zum allgegenwärtigen primären sexuellen Signal der gebährfähigen Frau.

 

Gleichzeitig ruhte beim Menschenmann der Geschlechtstrieb nicht mehr über den größten Teil des Jahres, er wurde vielmehr nach Maßgabe seiner Potenz allzeitbereit, wie die Menschenfrau auch. Wie beim Tier ist das wahrgenommene Ziel die Triebabfuhr, die Entspannung sexueller Energie. Im Unterschied zur Tierwelt wurden die Geschlechtsorgane so ausgestattet, dass mit der Triebabfuhr ausgiebigere Lust verbunden wurde. Dabei liegen die Momente von Lust und Schmerz entwicklungsgeschichtlich nahe beieinander.

 

Die zentralen Lustorgane bei Mann und Frau sind fast dieselben, bei beiden geschieht lustvolle Erregung in Gestalt des Aufschwellens, wobei der männliche Penis die zur Befruchtung, also zur invasiven Aggression nötige Größe hat, während die weibliche Klitoris nach außen winzig ist, da sie nicht zur Fortpflanzung wie die Scheide, sondern nur noch der weiblichen Lust dient, also der Fortpflanzungsbereitschaft.

 

Soweit die Biologie und soweit ist alles bekannt. Selbst die anatomische Beschreibung der Klitoris als einer Art unter- bzw. andersentwickeltem Penis geschah bereits im 16. Jahrhundert. Interessanter ist die Vermittlungsarbeit, in der sich Kultur, kultische Traditionen, Religionen um die Integration einer wildgewordenen Sexualität in sozialverträgliche Zusammenhänge bemühten.

 

Mit folgendem vor allem hatten sich menschliche Kulturen dabei auseinanderzusetzen:

 

1. Mit der Formulierung und Durchsetzung einer gewissen Form der Verbindlichkeit zwischen den Geschlechtspartnern wegen des langwierigen Angewiesenseins des Nachwuchses auf Vater und Mutter und offenbar möglichst auch auf Großeltern. Diese Verbindlichkeit funktioniert aber nur unter einem gewissen Ausschluss der dem Menschen naturgegebenen Promiskuität.

 

Damit findet die Familie ihren ersten Ausgangspunkt. Erweitert wird das durch die Definition solider Verwandtschaftsbeziehungen. Die erste Kulturleistung des Mannes wird also eine partielle Unterdrückung seines sexuellen Begehrens in dessen weitgehender Orientierung auf die Mutter/Mütter seiner Kinder. Diese Unterdrückung wird notwendig ergänzt durch das Inzesttabu in seinen vielfältigen Ausformungen, welches vermutlich nicht genetischen Einsichten entsprang, sondern vielmehr der Erfahrung, dass Formen des Inzests ein gedeihliches Familienleben und Heranwachsen gefährden. Die Unterdrückung weiblichen Begehrens wurde in gewissem Maße durch die Dauerhaftigkeit der Mutterschaft gewährleistet.

 

2. Mit der aggressiven Natur des männlichen Geschlechtstriebes, die nicht nur in ihrem invasiven Charakter beim Akt der Fortpflanzung sichtbar wird, sondern auch in der Steuerung durch jene Hormone, die auch ansonsten für Aggressionen zuständig sind (im übrigen beim Testosteron auch für die Hirnaktivität, wobei Frauen dafür weibliche Hormone umwandeln).

 

Die zeitweilige Unterdrückung des Auslebens des Geschlechtstriebes, bei vielen Kulturen zumindest während der weiblichen Monatsblutung, in der Schwangerschaft und selbst noch eine Weile danach, konnte nur dadurch geschehen, dass das aggressive Moment umgewandelt wird, wie zum Beispiel sublimiert, oder zum Beispiel in geregelte Gewalttätigkeit besonders unter Männern oder in Formen harter körperlicher Arbeit ausgelebt wird. Bei manchen Kulturen gehörte zur Initiation der jungen Männer ein Kriegszug zu Nachbar-Stämmen oder Sippschaften, um die Erfahrung des Abbaus aggressiver Spannung in schiere Gewalttätigkeit zu erlernen.

 

Kultivierung männlicher Sexualität bedeutete also, dass die Männer einen hohen Preis zahlten – den des Verlustes der Spontaneität beim Ausleben sexuellen Begehrens. Der Preis, den die Frauen dafür zahlten, war in der Regel der der Anerkennung männlicher Dominanz. All das fällt unter den Begriff Kultur, also Kultivierung von Sexualität.

 

3. Das Abdrängen sexuellen Begehrens beim Mann (und der Frau) aus dem Raum des Impulsiven in den des Kultivierten ließ dieses nicht einfach verpuffen, sondern führte dazu, dass es als Verdrängtes, Verbotenes ins Unbewusste abgeschoben und dort verändert wurde. Die Häufigkeit offener oder symbolisch verklausulierter sexueller Träume und die von sexuellen Tagträumen und Phantasien bei nicht wenigen zum Beispiel zeigt, dass nicht ganz verschwunden ist, was verdrängt wurde. Eines aber bewirken diese ganzen Vorgänge auf jeden Fall, sie können unsere Emotionen in Gefühle verwandeln, eines unserer wichtigen Unterscheidungsmerkmale von der Tierwelt. E-Motionen, die Bewegungen von innen heraus, werden durch massive und mühsame Kulturleistungen in jene Gefühle verwandelt, die wir zwar zeigen können, deren Wesen jedoch ist, dass sie länger bei uns, in uns verweilen können. Mit ihrem vielfältigen Ausdruck, ein besonderes Kennzeichen von Menschlichkeit, wird differenziertere vorsprachliche Kommunikation hergestellt und Sprache vorbereitet.

 

Durch das kulturelle Erlernen einer Gefühlspalette erhalten wir andererseits überhaupt erst das Talent zur Empathie, dem Wahrnehmen und Mitfühlen von Gefühlen anderer. Menschliche Gesellschaften würden ohne dieses Talent zerbrechen. Es ist wichtiger noch als jede sprachliche Kommunikation und bekanntlich bis heute nicht jedem gegeben.

 

***

 

Das, was heute Wissenschaft formuliert, war bis in die Zeit des frühen Kapitalismus zum Teil unbekannt, aber es war, soweit und so wie jeweils bekannt, tradierte Erfahrungssache und hatte darum seine ganz eigene Verlässlichkeit. Kenntnisse erlangten die Menschen, soweit dem archäologische Forschung nachspüren kann, nicht zuletzt durch Gartenbau, Ackerbau und Viehzucht, also durch die Erfahrungen mit der Geschlechtlichkeit in der Nahrungsproduktion. In der Jungsteinzeit, wo das stattfand, war offensichtlich das menschliche Reflektionsniveau bereits recht hoch, also: Menschen dachten nicht mehr nur, sie dachten ausgiebig nach.

 

Betrachten lässt sich seitdem, dass Geschlechtlichkeit bewusster reflektiert wurde: Es gab Deutungsstrategien für das nicht Sichtbare, für die inneren Vorgänge der Menstruation, über die noch im hohen Mittelalter merkwürdige Ansichten herrschten, über die Rolle des Sperma bei der Fortpflanzung und die angenommene Rolle der weiblichen Sexualsekrete dabei.

 

Zentrales Moment wurde die Entwicklung von Scham und Ekel: Im Unterschied selbst zu den anderen Säugetieren ekelt sich der Mensch vor dem eigenen Kot und oft auch vor dem Urin. Zu dem Ekel verhelfen ihm die Wertungen seines Geruchs- und Geschmackssinnes. Ähnliche Ekelgefühle traten in vielen Kulturen auch gegenüber Sperma und Monatsblut auf. Der Ekel ist sicherlich ein Verstärker der Scham: Schamgefühle sind aber nicht unmittelbar sinnlich begründet, denn im Kern sind sie Schuldgefühle, die sich mit sinnlichem Erleben verbinden.

 

Verstärkt wird die Scham auch durch die enge Nähe von Ausscheidungsorten der Verdauung und Orten der Fortpflanzung (inter faeces et urinas nascimur, schreibt Augustinus, wir werden zwischen Scheiße und Urin geboren), aber diese Nähe besteht auch bei den ganz und gar schamlosen Säugetieren. Die Scham ist also ein Kultur- und kein Natur-Phänomen. Erklärbar ist sie darum nur durch einen Riss im Selbstbild der Menschen ab einer bestimmten Kulturstufe, als sie sich nämlich getrennt zu erleben begannen von einer nun objektivierten Natur: Die Menschen wurden für sich etwas besonderes, waren keine Tiere wie alle anderen mehr. In der Wahrnehmung ihrer Verdauung und Fortpflanzung blieben sie es aber, - und das wurde als beschämend erlebt.

 

Zwei Aspekte menschlicher Geschlechtlichkeit sind dafür besonders augenfällig: Der eine betrifft die Unwillkürlichkeit sexueller Vorgänge insbesondere beim Mann. Seine Erektionen, seine Pollutionen, seine Potenz unterliegen nicht einfach seiner Willkür. Ein Mann kann sich sein sexuelles Begehren auch nicht einfach verbieten. Frauen haben es da aufgrund ihrer sexuellen Konstitution zumindest manchmal ein wenig leichter, aber im Kern gilt dasselbe auch für sie.

 

Kein Mensch kann sich also als Geschlechtswesen ganz und gar als „Herr“ im eigenen Haus betrachten, vielmehr muss er "sich" als Objekt seiner Triebe erleben. Die Kulturleistung ist so deren Subjektivierung, das Ideal ihrer Beherrschung.

 

Der zweite Aspekt betrifft das rauschhaft flutende Moment bei ansteigender sexueller Erregung, bis dann der Verstand aussetzt und der Mensch kurz mal seine angemaßte Würde verliert und auch in seiner eigenen Wahrnehmung wieder "ganz zum Tier" wird.

 

Da sind dann Frauen wiederum stärker ausgestattet, denn ihr scheinbar winziger „Penis“, zum größten Teil den Blicken entzogen, ist ein reines Lustorgan. Daraus werden kulturelle Irritationen hervorgehen und sich in Zivilisationen versteifen. Weibliche Sexualität kann als bedrohlich empfunden werden und so Bändigung und Unterwerfung provozieren.

 

Zu diesen zwei Aspekten kommt ein schwer zu gewichtender dritter, deshalb nicht leicht einordenbar, weil Kulturen damit ganz verschieden umgingen: Es ist die sich bei Mann und Frau verschieden ausformende und leicht verschieden äußernde Verbindung des Schmerzes mit der Lust – sowohl im Begehren wie insbesondere in der Triebabfuhr. Im Stöhnen, Wimmern, diversen Klagelauten usw. äußert sich das bekanntlich – im Orgasmus verschmelzen dann Schmerz und Lust kurz miteinander.

 

Diese eigenartige Verbindung von Schmerz und Lust wirkt reichlich irritierend, besonders wenn man sie als gerade Außenstehender erlebt. Sie wird darum gerne ignoriert, viele versuchen ihre Wahrnehmung für nichtig zu erklären. Gelegentlich werden die beiden als sadistische und masochistische Momente benannt, was wenig hilfreich ist. Aber in den Texten von de Sade und von Sacher-Masoch wird deutlich, was geschieht, wenn eine Seite deutlich dominant wird – wenn die Lust durch das bewusste Zufügen oder Erleiden des Schmerzes gesteuert oder gar gesteigert wird.

 

***

 

Das alles sind die inzwischen reichlich bekannten menschlichen Voraussetzungen, ohne die eine Darstellung der frühen christlichen Versuche, mit dem Phänomen der menschlichen Geschlechtlichkeit umzugehen, substanzlos bleiben würde. Mein Interesse wird sich darauf richten, welche Sublimationsstrategien und welche Tabuisierungsversuche im Christentum dabei eingeschlagen werden, welche Vorstellungen eines gedeihlichen geschlechtlichen Umgangs miteinander zum Tragen kommen und wie diese in den so eigenen und eigenartigen Liebesvorstellungen des Abendlandes enden.

 

Dies alles ist von heute aus nicht unmittelbar leicht verständlich, nachdem der Staat bei uns die Eigenverantwortlichkeit durch Gesetze und Versorgung ausgehebelt und die Unverantwortlichkeit außer gegenüber den Organen der Macht zur Staatsbürger-Tugend erklärt hat, was den Menschen von einer Betrachtung seiner selbst entfremdet, und nachdem zum anderen die chemischen und anderen Mittel die Entkoppelung von Fortpflanzung und lustvoller Triebabfuhr bis an ihr logisches Ende gebracht haben. Mit der Entkultivierung auch der Geschlechtlichkeit und ihrer ersatzweisen Unterstellung unter staatliche Gesetze einher ging dann noch die Pornographisierung, also die Kommerzialisierung des Sexus, um die Menschen an der Leine einer neuen Nabelschnur durch die Märkte zu geleiten, als deren Abnehmer sie vor allem gebraucht werden, seitdem der Kapitalismus auf Massenkonsum um seiner selbst willen angewiesen ist. Dem Fetisch Ware werden seitdem mehr denn je sexuelle Attribute und Verheißungen zugeschrieben: Indem das sexuelle Begehren nun propagiert, seine Einlösung aber nicht leichter gemacht wird, wird das Begehren immer mehr zwar weniger auf den Konsum, vor allem aber auf den Erwerb stets neuer Waren gelenkt, deren inzwischen schnelle Verderblichkeit diesen Konsum noch fördert.

 

Hinter dem schönen Schein des Kapitalismus und der von ihm durchgesetzten Sprache, die in ihren Verheißungen immer aggressiver und zugleich substanzloser wird, ist es nicht leicht, noch zu den Menschen durchzudringen, die am Ende immer noch auch, wenn auch immer absonderlichere Naturwesen sind und Erben von inzwischen fast völlig zerstörten Kulturen, die sie heute verachten, auch wenn sie ohne sie nicht geworden wären, was sie sind.

 

Zurück zur Kultur:

 

Diese ursprüngliche Kulturleistung, wie sie als erster Sigmund Freud reflektierend begriffen hat, verlangte nach einer Impulskontrolle, die im immer wieder zu leistenden Verzicht auf das Ausleben von Triebhaftigkeit, also Aggression, in den menschlichen Gemeinschaften gipfelte, dem entscheidenden gemeinschaftsbildenden Akt. Die Unterdrückung von Aggression bei gleichzeitiger Vermeidung ihrer Verwandlung in Depression oder der Verwandlung in die Gattungsgeschichte bedrohende Perversionen nach der Abdrängung ihrer Neigungen ins Unterbewusste bzw. zur Gänze Unbewusste wird durch jene Vorgänge von Reflektion begleitet, die nach spezifisch menschlicher Sprache verlangen. Sie leistet zudem auch jene Kommunikation, die das ganzjährig aggressive Gehabe, welches zur sexuellen Triebabfuhr drängt, gemeinschaftsbildend umformt.

 

Das Maß an Aggression, welches das Raubtier Mensch nicht mehr in den lebensnotwendigen Gemeinschaften ausleben kann, wird nach Möglichkeit kultivierend nach außen abgeleitet: So wird das Töten von Menschen im Verwandtschaftsverband trotz und zugleich wegen der erhöhten, durch die Permanenz des Geschlechtstriebes begründeten Aggression, also dem in der Fortpflanzung gipfelnden Kampf ums Dasein, dem Willen zur Macht, wie ihn Nietzsche nannte, tabuisiert und nach außen abgeleitet: Damit bescheiden sich Menschen aber nicht mehr mit gegenseitiger Verdrängung im Kampf um Nahrung, sondern sie führen das Töten von Artgenossen außerhalb der eigenen Gemeinschaft als integralen Teil ihrer Lebensführung ein und den Mord als verbotenes, aber offenbar immer wieder unvermeidliches Töten in ihr.

 

Kultur als Bezähmung von Triebhaftigkeit bedeutet deren immer wieder auch neue Frustration, und deren Aushalten ist Leidensfähigkeit. Sprache liefert dafür erste Begründungszusammenhänge als Erklärungsversuche. Die Kompensation des Leidens liegt aber zunächst im Erleben des Erfolges von Kultur als Überlebensstrategie im Kampf ums Dasein. Menschen erobern sich immer mehr Lebensräume auf der Erde und passen sich an diese an.

 

Dabei spricht alles, auch die Kenntnis bis vor kurzem noch nicht ausgerotteter bzw. zerstörter Kulturen, dafür, dass das ursprüngliche Kulturwesen Mensch sich noch als integraler Teil der lebendigen Natur verstand. Das, was ihn auch für sich selbst deutlich von der übrigen Natur trennt, Formen von Scham und Ekel, die sich auf die Ausscheidungen der Verdauung und die sichtbaren Teile der Fortpflanzungsorgane beziehen, löste ihn offenbar noch nicht völlig aus den lebendigen Zusammenhängen der Natur heraus, zeichnete ihn aber zugleich bereits wesentlich als Kulturwesen aus.

 

Ganzjährige Fortpflanzung, Kultivierung der sexuellen Triebanteile, eine Reflektion, also bewusstes Nachdenken ermöglichende Sprache und mit all dem zusammenhängende Formen von Gemeinschaftsbildung bei Ausbildung von Scham, Ekel und damit zusammenhängendem Tabu erwiesen sich als Erfolgsprogramm von Natur in der Kultur. Daraus resultierte nicht nur die Ausbreitung der Menschen über die Erde, sondern auch das Wachstum mancher Populationen. Dem diente primär die Entwicklung immer neuer Jagdtechniken und damit verbundener Waffen, wozu die Tatsache gehört, dass dem Menschen gerade im Zusammenhang mit seiner neuartig gehemmten Aggressivität als originär daraus erwachsender Perversion keine Tötungshemmung mehr gegenüber Artgenossen gegeben ist, wobei Kultivierung diese Perversion innerhalb der eigenen Gemeinschaft einzudämmen sucht, sie außerhalb allerdings als Teil dieser Kultur betrachtet. Jagd- und Waffentechnik werden also gegen Tier und Mensch eingesetzt und dabei immer mehr verbessert. Dabei veränderte sich vor allem das menschliche Gehirn durch den durch den Gebrauch des Feuers verbesserten Fleischgenuss - und näherte sich der heutigen Form und Größe an.

 

Menschliche Geschichte beinhaltete immer schnellere Veränderungen, viel schneller als bei anderen Lebewesen: Die Veränderungen des Menschen verändern dabei immer mehr die von ihm bevölkerte Welt. Bereits in frühen Zivilisationen ist ein Tempo erreicht, welches sich in der Wahrnehmung zumindest der untertänigen Massen nicht mehr hinreichend erfassen oder begreifen lässt: Diese werden zu willfährigem Material für die Mächtigen.

 

Die Erfolgsgeschichte des sogenannten altsteinzeitlichen Menschen führte so zu einem Anwachsen der Populationen in einigen Gegenden der Erde und damit zugleich zu einer Verringerung des jagdbaren Wildes. In wenigen heute durch Forschung eingrenzbaren Gegenden der Erde, offenem, nicht durch Urwälder, Sümpfe oder nackten Fels gekennzeichnet, schafften Menschen es, nicht wie alle anderen Lebewesen notgedrungen die Dichte der eigenen Populationen an die Zahl der noch vorhandenen Lebewesen für die Ernährung anzugleichen, sondern durch die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht neue Nahrungsquellen zu erschließen, die dann ein noch weitergehendes Anwachsen der Menschheit ermöglichten bei gleichzeitig rapide zunehmender Verdrängung nun als "wilder" von domestizierten Lebewesen unterschiedener Pflanzen und Tiere. Ganze Landschaften werden dabei zu menschengemachten Regionen.

 

Wenn man überhaupt von "Revolutionen" in der menschlichen Geschichte sprechen möchte, dann ist die erste die Menschwerdung überhaupt, die zweite diese sogenannte jungsteinzeitliche und die dritte wird die Entstehung des Kapitalismus werden. Da es sich dabei aber um keine punktuellen Vorkommnisse, sondern um kontinuierliche Entwicklungen handelt, könnte man auch sagen, dass der Mensch seinem Wesen nach ein gegen die eigene wie die ihn umgebende Natur kontinuierlich revoltierendes Tier mit am Ende absehbaren Ergebnissen ist.

 

Indem in der Jungsteinzeit nun mit der Domestizierung von Pflanzen und Tieren, also ihrer Unterwerfung unter den alleinigen Gesichtspunkt der Nützlichkeit für den Menschen, die Veränderung der Erde als ganzer mit der Vernutzung großer Landschaften beginnt, fängt vermutlich das an, was in der Genesis als Vertreibung aus dem Paradies erinnert wird, eben auch ein enormer Schub neuen, selbst verursachten Leidens, welches nicht mehr einfach kompensiert werden und zudem offensichtlich immer weniger durch zusätzliche Gratifikationen versüßt werden kann. Damit kommen wir zur Erfindung der Religionen, die Begründungszusammenhänge schaffen für das, was nun ertragen werden muss: Statt Einsammeln und Erjagen von Nahrung tritt die (produktive) Arbeit als das Leben der meisten Menschen dominierender Faktor auf.

 

Es ist gedanklich nachvollziehbar, wenn auch nicht dokumentierbar, dass in dem Leiden, welches Arbeit über die Menschen brachte, die Wurzeln für jene Erlösungssehnsüchte liegen, die im Endstadium der Menschheit der Kapitalismus von einem fiktiven Jenseits ins Diesseits der Wirklichkeit zu transportieren verspricht. Und alle Untersuchungen hier über die Entstehung des Kapitalismus zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert laufen immer mehr darauf hinaus, dass damals Erlösungssehnsüchte begannen, sich in solche einer zunehmenden Diesseitigkeit hinein zu transformieren.

 

Die Zucht von Pflanzen und Tieren verwandelt das Leben der damit befassten Menschen im Neolithikum radikal. Nun wird Nahrung nicht mehr durch Sammeln und Jagen in dem Maße besorgt, in dem es gerade und wann es gerade benötigt wird, sondern es wird nun planvoll durch tagtägliche und den Tag zunehmend ausfüllende Mühen der Erde und der Natur abgerungen. Die werden dabei so verändert, dass sie vornehmlich der menschlichen Ernährung dienen. Die übrige lebendige Natur wird dort verdrängt bzw. vernichtet. Erst jetzt beginnt auch der Vorgang der massenhaften Ausrottung von immer mehr Tier- und Pflanzenarten.

Sesshaftigkeit fängt an, und damit der Bau stabilerer Hütten und zunehmend das Zusammensiedeln von größeren Gruppen. Nachweisbar ist das alles für das 8. Jahrhundert zwischen Kleinasien, Syrien und Palästina (Jericho), im 6. Jahrhundert werden Ägypten und der Balkan erreicht, ein Jahrtausend später der ganze nördliche Mittelmeerraum und zwei weitere später der europäische Norden.

 

Werkzeuge gibt es in Ansätzen schon in der Tierwelt. Jäger und Sammler erweitern das Repertoire. Schon damals entwickelt sich wohl erstes Spezialistentum, eine Arbeitsteilung, die über die natürliche, nämlich die sexuelle hinausgeht. Mit dem Beginn der Nahrungsproduktion wird solche Arbeitsteilung massiv ausgebaut, Experten werden nun zu Handwerkern, die Werkzeuge, Gefäße, Behälter zum Aufbewahren geernteter Nahrung, und Waffen herstellen. An ersten Orten wird das Trocknen von Keramik an der Sonne durch die Härtung im Feuer ersetzt. Kochgeschirr entsteht. Mit der Wolle von Schafen beginnt das Weben und die Textilproduktion. Wichtig wird auch der Boots- und Schiffbau, mit dem Mittelmeerinseln zum Beispiel erreicht werden. Die Menschen unterscheiden sich kaum noch von jenen, in deren Mitte um das Jahr 1000 unserer Zeitrechnung sich die Wurzeln eines Kapitalismus einnisten. Nur zivilisiert, nämlich zu Untertanen gemacht müssen sie vorher noch werden.

 

Mit dem Kampf um Weidegründe nähert sich der Verdrängungswettbewerb um Jagdgründe immer mehr dem, was wir später Krieg nennen können, und derselbe entwickelt sich auch zwischen Jägern und nomadisierenden Viehzüchtern einerseits und sesshaften Bauern auf der anderen Seite, von deren Mühen man im Krieg möglichst mühelos profitieren möchte.

 

Die Rhythmen von Aussaat und Ernte, Anzucht und Schlachten usw. verlangen planvolle Aufbewahrung und Konservierung für die Zeiten dazwischen. Im Zuge der Spezialisierung im Handwerk und der Diversifizierung je nach vorhandenen Rohstoffen kommt es zu immer mehr Warentausch und zu Handel, der in der Steinzeit bereits, wenn auch nur sporadisch, mit einigen Zwischenhändlern interkontinental wird. Der Mensch beginnt zu wirtschaften.

 

Schon in der Steinzeit begannen Menschen, Naturwesen und zugleich werdende Kulturwesen, ihr Gegenüber "Welt" als Gegenstand zu betrachten. In Höhlenmalerei und kleinen Skulpturen wird das deutlich, aber auch in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, die sich in Begräbnissitten niederschlägt und schließlich in Grabbeigaben, die auf den Glauben an ein Weiterleben irgendwie und irgendwo verweisen.    

 

Als Herren ihres jeweiligen Stückes Erde erfinden einige menschliche Gemeinschaften in  Auseinandersetzungen mit Nachbarn auch eine spezifische Form von vorübergehendem Häuptlingstum nicht zuletzt als Anführerschaft in aggressiver Gewalttätigkeit. In Gegenden, in denen Formen von Bewässerung übergeordnet organisiert werden müssen, etablieren sich wie in Mesopotamien und im Niltal solche Häuptlinge auch deshalb dauerhaft. Dazu werden nun Frühformen von Religionen erfunden, die versuchen, dem, was Freud das Unbehagen in der Kultur nennt, letztlich ihr Leidenspotential, zu erklären und zu begründen, um zudem Hoffnungen auf jenseitige Welten als Ansporn in dieser zu entwickeln. Krieg, Organisation von Arbeit und frühe Religion verbinden sich in der Erhebung Mächtiger, die sich die produktiv Arbeitenden zu Untertanen machen. Nach der Menschwerdung als originärer Entstehung von Kultur und der Kultivierung der pflanzlichen und tierischen Sexualität in der Zucht mit dem Leiden an dem neuen Arbeitsalltag mit seinen Mühen kommt nun noch der Leidensdruck der Untertänigkeit im Prozess der Zivilisierung hinzu.

 

Eine frühe Stadt ist um 7000 Jericho mit Stadtmauern und Türmen. Neben Fleisch treten Mehl und Gemüse und bald auch Obst. Agrarische Überproduktion führt zur Erweiterung von Handel. Mächtige lassen ihr Wirtschaften und Abgabesystem schriftlich fassen: Die Schrift entsteht. Aus einigen Kulturen werden Zivilisationen.

 

Wir sind im biblischen Orient an dem Punkt der Josiasgeschichte des Alten Testamentes angekommen, dem Bündnis des zum dauerhaften Machthaber gewordenen Kriegsführers mit seiner Priesterschaft zwecks Schaffung eines herrschaftlich kontrollierten Verbundes produktiv arbeitender und durch Abgaben und Stellung von Kriegern auszunutzender Untertanen. Oder in dem typologisch viel früheren Stadium, an dem im nördlichen Mittelmeerraum Hirten, Gärtner und Ackerbauern unter die Macht einer Herrenschicht geraten, deren wichtigste Betätigung kriegerische Gewalt und Unterdrückung wird.

 

Zwei Stadien von Kulturen, die ursprünglicher Menschwerdung und die von Nahrungsproduzenten, gehen also dem Stadium der Zivilisierung, der Unterwerfung von Menschenmassen unter Machthaber voraus. Zunächst aber etwas zur Klärung zentraler Begriffe, die die Historiker der letzten Jahrhunderte leider voraussetzen, dabei im Nebel ihrer massiven Unklarheit belassen - und so analytisches Denken durch fatale „Selbstverständlichkeiten“ ersetzen.

 

Natur, Kultur und Zivilisation

 

Wir unterscheiden gerne zwischen dem, was ist, und dem, was geschieht. Dabei ist gar nichts, sondern alles wird und vergeht. Die Welt ist das, was unentwegt geschieht. Aber wir leben so, als ob das nicht so wäre, denn unsere Psyche braucht eine stabilere Welt mit vielen Konstanten, und die Sprache gibt uns dafür die Namen. Zudem sind unsere Sinne außerstande, die meiste Veränderung wahrzunehmen und wenn das doch möglich wäre, würden wir sofort durchdrehen, uns würde schwindelig werden.

 

Also unterscheiden wir zwischen Dingen und Geschehen. Geschehen wäre dann das, wovon wir merken, dass es geschieht. Dazu gehören zum Beispiel alle wahrgenommenen Bewegungen von dem, was wir für solide Dinge halten. Aber jenseits dieser Welt sinnlicher Wahrnehmung haben wir eine zweite, in der wir Dinge und Geschehnisse einordnen und verknüpfen. Erst diese mehr oder weniger vernunftgeleitete Verstandestätigkeit konstruiert Welt, genauer gesagt, die verschiedenen verschiedener Menschen.

 

Über dieses Verstehen hinaus benutzen wir Begriffe, die keiner sinnlichen Wahrnehmung entspringen, sondern Schlussfolgerungen aus ihr sind oder aber dem Wunsch folgen, da möge etwas sein. 'Welt' beispielsweise entspringt dem Wunsch, dass alles, was „ist“ und geschieht, ein großer geordneter Zusammenhang sein soll, so wie er den Bauprinzipien unseres Verstandes entspricht. 'Baum' ist dabei zum Beispiel ein Begriff, der aus Ähnlichkeiten unterschiedlicher Pflanzen das Gemeinsame im Verschiedenen erschließt, eine sehr menschliche Vorstellung.

 

Schieres Wunschdenken ist es, sich einen Gott vorzustellen, der dem, was wir uns als Welt konstruieren, eine Konsistenz geben soll, die einen menschengemäßen „Sinn“ enthält, eine Richtung zum Beispiel, die auf mehr verweist als den Tod. Wir benennen auf diese Weise etwas, woran wir nur glauben, wovon wir aber nichts wissen können. Der christliche Gott als Gottvater, in hohem Maße eine Anverwandlung eines jüdischen unter dem Einfluss antiker Philosophie, hat dabei den Vorteil, allem hier weiter oben Gesagten zu widersprechen: Er hat jene Solidität, die man sich von den Dingen erhofft, denn er ist weder von Raum noch Zeit begrenzt, unsterblich, immer derselbe, ewig.

Er ist der Inbegriff jener Identität, die sich Menschen erhoffen, wenn sie „ich“ sagen oder sich mit ihrem Namen identifizieren.

 

Inwieweit ein solcher Gott etwas mit der Entstehung von Kapitalismus im Abendland zu tun haben könnte, wird zu untersuchen sein. Jedenfalls ist er ihr vorausgegangen, rund tausend Jahre vorher und voraus gesetzt worden. Im Unterschied zu ihm, den einige Leute verbindlich definieren konnten, hat das Wort 'Geschichte' mehrere Bedeutungen. Es benennt vor allem die Vergangenheit eines Geschehens oder vieler Geschehnisse, darüber hinaus das Erinnerte und dann zur weiteren Erinnerung Aufgeschriebene. Aber das Wort benennt auch ganz und gar „erfundene“ Geschichten und solche, in denen sich Erfundenes und Erinnertes verbinden.

 

In den Texten der Antike und des sogenannten Mittelalters sind die Trennlinien zwischen all solchen Definitionen von 'Geschichte' mehr oder weniger verwischt. Seit den Anfängen von Geschichtswissenschaft vor rund zwei Jahrhunderten wird versucht, diese Trennlinien wieder aufzurichten und zu rekonstruieren was „tatsächlich“ geschah. Das „geht“ natürlich nur sehr, sehr eingeschränkt. Dennoch sei zur Ehrenrettung dieser Wissenschaft gesagt, dass das, was sie dabei schafft, immerhin hilft, nicht einer naiven Aktualität zu verfallen, die den Menschen für das hält, was er gerade zu sein scheint oder als was ihn die Propaganda der gerade Mächtigen hinstellt.

 

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Die Begriffe Natur, Kultur und Zivilisation setzen, wenn sie dummem Gerede entzogen werden sollen, mehr voraus als die von Welt oder Gott. Die ersten beiden entstammen dem antiken Latein und damit einer den meisten völlig fremden Welt, und der dritte, Zivilisation, ist immerhin von Wörtern aus dieser Welt abgeleitet, aber vor gar nicht allzu langer Zeit erst entstanden. Er hätte in der römischen Antike aber auch gar nicht entstehen können, weil er halbwegs in deren Kulturbegriff enthalten und andererseits ein spezifisches kritisches Potential hätte bieten können, welches so den Römern fremd war.

 

Vermutlich sahen Menschen vor der neolithischen (jungsteinzeitlichen) Revolution, in der sie vom Erjagen und Sammeln von Nahrungsmitteln zu deren Produktion übergingen, sich noch nicht so sehr aus einer sie umgebenden lebendigen Natur herausgehoben. Menschen waren (und sind) Lebewesen, Tiere, Säugetiere. Das ändert sich deutlich, sobald sie produktiv die sie umgebende Natur verändern, und damit beginnen, sich begrifflich von ihr abzusetzen.

 

In frühen despotischen Zivilisationen, in denen Herrscher die Produktivität der Menschen für sich benutzen, verbinden sie eine eigens herausgestellte Raubtiernatur mit Verbundenheit mit einer Götterwelt oder gar eigener Vergöttlichung. Den Untertanen bleibt die Unterwerfung. Das ändert sich in der Polis-Welt des alten Griechenland, in der Menschen beginnen, möglichst viel von ihrer Tiernatur zu leugnen und sich selbst in eine ideale Vorstellungswelt zu versetzen. Sie entwickeln ein ganz eigenes Wertesystem, dessen Erben wir noch heute sind, soweit wir noch im Abendland unsere Wurzeln finden.

 

Nebenan, in Italien, entsteht in einer anderen städtischen Zivilisation in ihrer neuen Sprachwelt eine klare Trennung, und zwar zwischen einem Raum der Natur und dem menschlichen Bereich der Kultur. Der antik-römische Naturbegriff benennt ausgehend von dem Verbum für gebären/geboren werden (nasci) die sich selbst erzeugende, hervorbringende Welt im Unterschied zu der von Menschen gestalteten, die Römer unter dem Begriff der Kultur (cultura) fassten. Das zentrale Bindeglied war der Kult, ein Aspekt des cultus, und darin wieder ganz zentral das Opfer.

 

Der aus den Zusammenhängen der hippokratischen Texte stammende Satz medicus curat, natura sanat beschreibt in der cura einen Aspekt von Kultur und setzt ihn in eine gewisse Opposition zur Natur.

Sobald Menschen einen solchen Begriff von Natur haben, treten sie ihr in ihm gegenüber. Der Mensch erwächst zwar als Lebewesen aus der Natur, aber er erhebt sich über sie in der Kultur. Entsprechend repräsentieren ihre Götter Naturkräfte, aber sie wachsen darüber hinaus in ihrer Menschenähnlichkeit und in der kunstvollen Gestalt, in der die Menschen sie betrachten.

 

Die Kultur erwächst sprachlich aus dem Verb colere, dem pfleglichen und dann auch gestaltenden Umgang mit etwas, worunter sicherlich ursprünglich vor allem die agricultura gemeint war, der pflegliche Umgang mit Erde und Leben. Für die Römer wird der Raum der „Kultur“ der spezifisch menschliche, und sie beziehen ihn vor allem auf sich selbst und später dann auch auf die griechischen Nachbarn. Er wächst dabei immer mehr aus dem Bereich produktiver Landbearbeitung heraus für jene kriegerische Gutsbesitzerschicht, die körperliche Arbeit ganz „aristokratisch“ verachtet.

 

Als „Kulturwesen“ hält sich diese Aristokratie nicht nur für etwas besseres als die unter ihr Stehenden, sondern auch als jene sie umgebenden Völkerschaften, die es nicht so weit gebracht hatten. Sie hatten vor allem nicht jene Staatlichkeit hervorgebracht, die der römischen Oberschicht ihr Dasein garantierte. Von den Griechen übernahmen sie für diese das Wort „Barbaren“ und veränderten dessen Bedeutung etwas.

 

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Während es mir sinnvoll erscheint, den lateinischen Begriff Natur einfach zu übernehmen als den der Welt alles Lebendigen, erscheint der römische Kulturbegriff zu unscharf, um mit ihm im weiteren Klarheit zu gewinnen. Das ist auch zu belegen an der Unklarheit, mit der er bis heute gehandhabt wird. Er ist vielmehr aus seiner propagandistischen Funktion für die römische Oberschicht herauszuschälen, und das geht nur, indem ein Zivilisationsbegriff davon abgetrennt wird.

 

Was dann bleibt, ist eine Vorstellung von Kultur, die historisch weit vor die Staatlichkeit des antiken Roms anzusiedeln wäre, aus der sich ein Zivilisierungsprozess ableiten ließe. Kultur ist dann ein zunächst aus dem Jäger- und Sammlerdasein und dann aus der Produktivität von Ackerbau, Viehzucht und Handwerk abzuleitendes Menschheitsstadium, in dem Gemeinschaften auf Traditionsbildung beruhen und Machtstrukturen noch kaum in Ämter institutionalisiert, sondern wesentlich an Personen gebunden sind. Die Menschen sind stark in die sie hervorbringende und umgebende Natur eingebunden.

 

Mit dieser Definition sind natürlich Probleme verbunden, denn was der Klarheit dienen soll, hat wie überall beim Menschen, ein Moment darunter verborgener Komplexität eingeschlossen. Wenn wir, soweit mit Sigmund Freud, Menschwerdung historisch als Kulturbildung, Kultivierung verstehen, dann bleiben Menschen dabei doch auch Naturwesen, wenn auch nicht mehr einfach nur das. Und in Zivilisationen ist der Mensch nicht nur weiter (auch) ein Tier, ein Säugetier und Raubtier, sondern diese setzen selbst auch Kultivierung voraus, gehen aus ihr hervor und vereinnahmen sie dann. Dabei schwindet allerdings der Aspekt der Traditions- und Gemeinschaftsbildung, Kultur erstarrt gewissermaßen unter der Faust von Machthabern, die ihr ihre Interessen und ihren Willen überstülpen und ihr so ihre Lebendigkeit ein gutes Stück weit nehmen.

 

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Die Scheidung des Begriffes Zivilisation von dem der Kultur scheint mir jedenfalls ein sinnvolles analytisches Mittel zu sein, um Vergangenheit zu verstehen.

 

Um diesem Begriff Zivilisation auf seinen sinnvollen Grund zu kommen, sollten wir ihn auf seine Ursprünge zurückführen und von daher entwickeln, damit wir nicht in zeitgeistiges Schwatzen geraten. Die römische civitas war das, was den römischen civis im Vollbesitz seiner Rechte auszeichnete und zugleich dessen Ort. Griechisch (mit allen implizierten Problemen) ausgedrückt, handelt es sich dabei um eine „politische“ Begrifflichkeit, ganz jenseits des Dialoges von Natur und Kultur.

 

Der civis ist kein Bürger in einem mittelalterlichen Wortsinn, denn die civitas lebt nicht von dem Gegensatz Stadt und Land. Er zeichnet sich auch nicht durch die Eigenarten aus, die den Bürger einer (befestigten) mittelalterlichen Stadt ausmachen. Aber mit allen Schwächen einer ahistorischen Übersetzung ist er ein Staatsbürger, Teil eines staatlichen Gebildes, als das ursprünglich die Urbs Roma eingerichtet wurde.

 

Bei der Ausweitung römischer Staatlichkeit über die eponyme Stadt hinaus wird der "Römer", bald (vielleicht sogar von Anfang an) kein „ethnischer“, sondern ein „politisch-staatlicher“ Begriff, Teil seiner civitas, die Teil des Imperiums ist, welches sich von der urbs Roma ableitet. Da das imperium Romanum als Flächenstaat bald immer weniger Zentralstaatlichkeit kennt, und die sich vor allem auf das Heer (deshalb vor allem Imperium, Befehlsgewalt) konzentriert, findet die römische „Zivilisation“, die in der civilitas der einzelnen wohlhabenderen cives aufgehoben ist, in den jeweiligen civitates statt, die ein „städtisches“ Zentrum und viel ländliches Umland umfassen und sich an Roma, der urbs, orientieren

Zivilität ist also als Vorstellung scharf geschieden von Kultiviertheit. Sie baut Staatlichkeit auf ihren Voraussetzungen von Kultur. Und die römische civilitas ist ein gutes Stück weit dabei noch etwas anderes: Sie ist nicht einfach den cives zu eigen, sondern nur jener Oberschicht darunter, die sie als ihre spezifische Lebensform begreift.

 

Als im sich ausweitenden französischen Königreich im Spätmittelalter der Begriff civilité aufkommt, ist er der civilitas nachgebildet und meint zunächst die durch Institutionen durchgebildete spätmittelalterliche Stadt mit ihren „bürgerlichen“ Rechten in der aus unterschiedlichen Gesellschaften bestehenden Kommune, Gemeinde. In der frühen Neuzeit, als die Fürstenherrschaft den mittelalterlich-„bürgerlichen“ Charakter der meisten Städte zumindest partiell zerschlägt, verschwindet der „politische“ Bedeutungsgehalt mit dem Stadtbürgertum, und civilité gleicht sich immer mehr dem höfischen Begriff der politesse an, der Geschliffenheit im Verhalten und Umgang, den Manieren. Dieser löst im frankophonen Raum die courteoisie ab, die in deutschen Landen in der Neuzeit vom höfischen Verhalten zur „Höflichkeit“ wird.

 

Zivil war der französische Stadtbürger im Unterschied zum Kriegeradel, der „Militär“ war. Poli war er wiederum in der Angleichung seiner höfisch geschliffenen Manieren an ihn. Schon am Ende des Mittelalters wird die incivilité zur „Unhöflichkeit“, und bald erreicht man dann politesse durch das Sich Zivilisieren (civiliser). Damit verschwindet – und das für die meisten bis heute – die politische Substanz des so nur gedachten römischen Zivilisationsbegriffes.

 

Mit der neuzeitlichen Staatlichkeit Frankreichs, die die alte Bürgerlichkeit zerschlägt, steigt das Wort police auf, welches Regierung und Verwaltung meint, staatliche Herrschaftsausübung eben. Das ist eine späte Anverwandlung der griechischen politeia über die spätantik-lateinische politia. Parallel dazu entwickelt sich politique als Regierungskunst in Theorie und Praxis.

 

Im 18. Jahrhundert, als der sich absolut setzende Staat alter Couleur verfällt und kurz bevor er durch den totalitären der demokratischen Konstruktion ersetzt wird, kommt endlich der Begriff civilisation auf, der zunächst den der police ersetzt, die langsam die Polizei(gewalt) des totalitären Staates bezeichnet. Mit totalitär meine ich: Uneingeschränkt alle Lebensbereiche umfassend und das aus der „demokratischen" Legitimation herleitend.

 

Diese "Zivilisation" wird aber sofort entpolitisiert und darauf noch im 18. Jahrhundert in die deutsche und englische Sprache übernommen. In Deutschland bleibt „zivil“ bestehen als Gegensatz zu „militärisch“ und zugleich als Fremdwort zu dem, was inzwischen landläufig als „bürgerlich“ gilt, worunter sich die nichtadeligen und nicht unmittelbar mit Handarbeit beschäftigten Mittelschichten verstehen.

 

Der Zivilisationsbegriff des 18. Jahrhunderts steht dabei von vorneherein im Gegensatz zur „Wildheit“ der „Wilden“, die inzwischen weltweit kolonisiert werden und die nun nicht mehr einfach missioniert, also christianisiert werden, sondern die einem „Zivilisierungsprozess“ unterworfen werden sollen, der hier offensichtlicher als sonstwo sich als Kolonisierungsvorgang erweist.

 

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Der Klarheit der Begriffe steht zum einen der Bedeutungswandel in den Sprachen entgegen, und zum anderen die Unkenntnis derer, die Begriffe verwenden ohne vorher begriffen zu haben. Ohne eine klare Begrifflichkeit aber keine taugliche Untersuchung. Die Unklarheit speziell dieser drei Begriffe (Natur, Kultur, Zivilisation) rührt aber nun nicht nur aus ihrem hohen Abstraktionsgrad und ihrer Herkunft aus einer den meisten unbekannten Sprache, sondern auch daher, das alle drei Begriffe ineinandergreifen und dabei zugleich aufeinander aufbauen.

 

Kultivierung nun soll hier ein bestimmtes Verhältnis der Menschen zur Natur, auch seiner eigenen, und Zivilisation ein institutionalisiertes Machtverhältnis weniger zu vielen Menschen beschreiben. Wenn ein uns durch Texte dennoch nur wenig bekanntes antikes Rom eine Zivilisation ist, die auf einer vor allem durch Archäologie und Rückschlüsse noch viel weniger bekannten Kultur aufbaut, so nimmt sie wesentliche Elemente dieser Kultur in sich hinein und lässt sich nach und nach erstarren. Die nun für wichtig gehaltenen Kulte zum Beispiel werden „verstaatlicht“ und begründen jetzt Machtausübung, und das, was Römer nun unter Kultur und civilitas verstehen, wird die Sache der ökonomisch wie politisch Mächtigen und derer, die sich mit ihnen identifizieren.

 

Die zentrale Bindekraft der Kultur ist der Kultus, die zentrale Bindekraft der römischen Zivilisation wird das Recht, ius. Alle „Römer" als cives samt ihrer jeweiligen familia sind Teil einer Rechtsgemeinschaft, in der sich die spezifischen zivilisatorischen Kräfte entfalten. So wie der Kultus Unterwerfung ist, letztlich unter die Kräfte der Natur, mit denen es sich anzufreunden gilt, so sind die Gesetze ganz bewusst Menschenwerk, Unterwerfung unter eine menschengemachte und vor allem hierarchische Ordnung

Der zivilisatorische Aufbau von Staatlichkeit samt Staatsvolk auf dem Fundament der Kultur beruhte dabei ganz offensichtlich nicht nur bei den Römern (und den Griechen) auch ganz wesentlich auf dem Krieg nach außen, der für den Staatsaufbau so gemeinschaftsbildend wirkte wie der öffentliche Kultus und die Gesetze nach innen. Wie bei den germanischen „Gesellschaften“, so wie sie den Römern begegneten, gab es die ineinander verzahnte Doppelgesellschaft von Bauern (plus Handwerk und Handel) auf der einen und von Kriegern auf der anderen Seite.

 

Kulturen sind für uns leider durch Zerstörung zu einem guten Teil unbekannt, was auch an fehlender Schriftlichkeit liegt; Zivilisationen erschweren das Verständnis durch Komplexität. Dazu kommt, das jeweils zeitgenössische Propaganda aus Komplexen einfache Wahrheiten zu machen sucht, die auch schlichten Gemütern zugänglich sind. Aber noch schwieriger wird das alles dadurch, dass die römischen Begriffe, auf denen unsere drei beruhen, mit dem Untergang des Imperium Romanum erst einmal christianisiert und ein bisschen germanisiert werden, durch unterschiedliche Machtstrukturen und Formen von „Christentum“ hindurch gehen, um dann in einer Welt europäischer Volkssprachen neuen Wandlungsprozessen unterzogen zu werden.

 

Der paulinische und der evangelische Jesus lehnten die Welt, die aus den drei Begriffen hier aufgebaut wird, pauschal als eine schrecklichen Unheils ab. Das blieb auch so, als die „Christen“ innerhalb weniger Generationen langsam wieder in sie hineinfanden. Mit dem fast völligen Untergang der weströmischen Zivilisation und dem Einfall germanischer Vorstellungswelten wurde, christlich gesehen, Natur zunehmend diabolisiert, das Säugetier Mensch stärker als je zuvor mit Scham und Ekel besetzt und seine Vergeistigung, ursprünglich eine griechische Phantasie, mit Kultur gleichgesetzt. Das war auf Dauer so nicht zu halten, und eine weltliche Oberschicht entwickelte erneut aristokratische Lebensformen, die Kultur immer stärker mit etwas zusammenfallen ließen, was antiken Römern die Instanz der civilitas gab. In den Monarchien entsteht eine neue Form der Zivilisierung, entstehen neue Formen von Staatlichkeit und am Ende ein Staatsbegriff. Er setzte wiederum die unzivilisierten Wilden, erneut „Barbaren“, von den zivilisierten "Kulturbesitzern" ab.

 

Im öffentlichen Bewusstsein fallen Zivilisation und Kultur zusammen. Das geschieht dadurch, dass Bereiche des menschlichen Daseins aus dem allgemeinen Kontext fallen und den Reichen und Mächtigen zugeordnet werden, von deren Lebensformen und Vorstellungswelten dann immer etwas auf die Untertanen abfällt. Dies geschieht gleichzeitig mit der Ausgliederung von Religion aus dem Alltag, in dem sie ihre Geltung verliert. Auch sie wird zum schmückenden Beiwerk

 

In der Vorstellungswelt des neunzehnten Jahrhunderts ist „Kultur“ dann zur schmückenden und veredelnden Nebensache eines wohlhabenden Bürgertums verkommen, welches dann zur Gänze in dem „Überbau“ eines Karl Marx verendet. Da sich Kapitalismus schließlich nur noch am Niveau des Warenkonsums rechtfertigt, bleibt von begrifflicher Wertigkeit am Ende nur noch das, was sich rechnet und in Zahlen darstellbar ist.

 

Ein besonderes sprachliches Kuriosum stellt in diesem Zusammenhang das deutsche Wort Hochkultur dar, ein Aspekt eines gewissen deutschen Sonderweges und einer der Ausdrücke, die analytisches Betrachten von Geschichte stark beeinträchtigen.

 

Apropos "Hochkultur"

 

Dies Wort ist ein Spezifikum der deutschen Sprache, die anderen europäischen Sprachen sprechen stattdessen von Zivilisation, ein auch dort für fast alle kaum noch verständliches Wort.

Das deutsche Wort hat es aber besonders in sich: Verbunden wird ein Wort, welches nie eine klare umgangssprachliche Bedeutung hatte, nämlich Kultur, mit einem Präfix, welches nach oben weist. Oben ist aber in der Regel immer besser als unten, dort ist nämlich Gott („in der Höhe“ zum Beispiel) und waren die antiken Götter (oft auf Bergeshöhen). Unten ist der Untergebene, oben der Vorgesetzte, der Herrscher, der Machthaber. Vor ihnen beugt man sein Haupt, kniete man oder warf sich zu Boden, um zu zeigen, dass man ganz unten ist.

 

Die Hochkultur steht so über der niedrigeren Kultur. Als das Wort vor wenigen Jahrhunderten in die Welt geschickt wurde, war für die meisten selbstverständlich, dass vor der Hochkultur und neben ihr eher die Unkultur stand und steht, genau das, zu dessen Vernichtung sich der Kolonialismus aufgemacht hatte. Hochkultur ist das, was die Deutschen für sich in Anspruch nahmen, bevor proletarisierte Massen dem damaligen Bildungs“bürgertum“ den Garaus machten, an seine Stelle traten und inzwischen Kultur mit ihrem Freizeitvergnügen identifizieren. Das heißt, der heutige Konsumismus der Massen wird als Kultur verkauft, während das Wort „Hochkultur“ inzwischen entweder bezeichnet, was im Museum ist oder aber ins Museum gehört.

 

Seitdem ist Hochkultur andererseits zum Gegenstand eines Besichtigungstourismus und der Neugier von Besuchern von Museen und Ausstellungen geworden. An der Spitze stehen dann das ägyptische Pharaonenreich, das antike Rom und Griechenland und seltener auch andere. Hochkultur wird angestaunt, als ästhetisch wertvoll goutiert, bewundert, wenn auch von wenigen, und in der Regel ohne jegliche Kenntnisse.

 

Die signifikantesten Erben einer solchen Haltung waren immer wieder terroristische Machthaber. Der von wenig Kenntnissen getrübte Kult römischer Antike, den französische Revolutionäre nach 1789 betrieben, fand immer wieder neue Nachfolger. Hitler orientierte sich in manchem gerne am Monumentalismus des antiken Rom, ähnlich wie Mussolini, und stalinistische Prachtbauten waren eine Mischung aus antiker orientalischer Prachtentfaltung der einst dort Herrschenden und westlichem großkotzigem kapitalistischem Machtgebaren à la Manhattan. Dass stattliche Teile des damaligen sogenannten „Bildungsbürgertums“ von solchen terroristischen Machthabern fasziniert waren, ist schon alleine darum verständlich. Hoch und groß und großartig liegen für solche Menschen nahe beieinander.

 

Die meisten sogenannten frühen Hochkulturen waren despotische Regime, ihrem Wesen nach allesamt kriegerisch, gewalttätig, von gnadenloser Unduldsamkeit, und begründeten sich alle auf der Einheit von Macht und Priesterkult, waren gelegentlich vielleicht, wie in Teotihuacan, despotische Priesterregime. Gewirtschaftet wurde in der Regel mit Sklavenarbeit und der Schufterei untergebener und unterworfener Volksmassen.

 

Es ist dabei eben auch bezeichnend für den heutigen westlichen Menschen, dass seine Bewunderung und Hochschätzung sich auf die Relikte solcher brutaler und zugleich der offiziellen Politdoktrin widersprechender Regime richtet. Der heutige „westliche“ Mensch des sozialdemokratisch globalisierten Kapitalismus hat meist keine affirmativ-emotionale Beziehung oder gar Bindung an die Machtstrukturen, unter und in denen er lebt. Der Zweckrationalismus des globalisierten, hochkonzentrierten Kapitals lässt so etwas nicht zu, und der moderne „demokratische“ Staat lädt über die schnell wechselnden und nach Amtsantritt schnell enttäuschenden Figuren nicht mehr zur Identifikation ein. Die für die meisten nicht durchschaubaren staatlichen Strukturen bleiben fast allen fremd. Durch Jahrtausende auf Unterwerfung und Unterordnung geprägt, faszinieren Regime, deren Despotie personal fassbar ist, und zwar solange man nicht auf die Lebensrealität dahinter schaut.

 

Als im 18./19. Jahrhundert die Geschichtswissenschaft erfunden wurde, entzauberte sie zwar den rückwärts gewandten Mythos, ersetzte ihn aber dafür durch den nach vorne gerichteten vom Fortschritt: Die ihren Herrschern und Staaten verpflichteten Historiker betrachteten nun Geschichte als innerweltliche Heilsgeschichte hin zum jeweils gerade existierenden status quo, mit Ausnahme jener, die größere (in der Regel nicht reflektierte) Distanz zur jeweiligen Gegenwart in die Idealisierung der von ihnen verwalteten alten „Hochkulturen“ trieb: Sie wurden dann zum Feld der Darstellung jener durch die wenigen antiken Texte erwähnten Machthaber, die mit den Augen von deren Selbstdarstellung und der der wenigen ihnen an Status Nahestehenden zu sehen waren.

 

Erst rund hundert Jahre später begann die Verwissenschaftlichung der Archäologie, die den stark textgebundenen Historikern neues Material liefern sollte. Zum Problem der Historiker, kritisch mit den in der Regel propagandistisch gefärbten Quellen-Texten umzugehen, kam nun die Neigung der Archäologen, ihr rundweg dürftiges Material spekulativ in Texte hinein aufzuwerten.

 

Historiker und Archäologen sind von staatlichen und Geldern der Kapitalseite abhängig und bedienen wie selbstverständlich deren Interessen. Diese sind leicht mit dem „Interesse“ der Massen an Unterhaltung, Amüsement, Sensationen zu identifizieren, dazu kommt das propagandistische Interesse von Kapital und Staat.

Was hier beschrieben wird, ist nicht der hermetisch abgeschlossene akademische Raum der Wissenschaften (ihre Forschung), sondern ihre Außenwirkung in eine durch ihren Warencharakter ausgezeichnete Öffentlichkeit, das, was Staat, Kapital und die ihnen unterworfenen Massen daran interessiert, soweit man da überhaupt von „Interesse“ sprechen kann.

 

Ich gehe davon aus, dass die zunehmende Unfähigkeit der Massen, eine nicht nur mit ihrem Warencharakter identifizierbare, nicht virtuelle Welt wahrzunehmen, diese Situation noch einmal grundlegend ändert: Die inzwischen eingetretene Lage, dass die Massen bis in die Spitzen des Kapitals und der Staatsmacht hinein sich selbst als ahistorische Wesen erleben, eine Wahrnehmung des Lebens in der Zeit nur noch als eines technischer Problemlösungen in die Zukunft schaffen, führt ganz offensichtlich dazu, dass im öffentlichen Raum Geschichte mehr denn je als legitimatorische Ideologieproduktion zur Abstützung von Machtverhältnissen betrachtet wird und ansonsten ausgedient hat.

 

Das Wort „Zivilisation“, wenn auch kaum als Begriff gebraucht, da kaum irgendwo und irgendwie begriffen, enthält immerhin notwendig den Aspekt der Staatlichkeit und damit den Aspekt der Unterordnung von Volksmassen unter Institutionen, in und mit denen Macht ausgeübt wird. Ich werde es also weiterhin benutzen und das Wort „Hochkultur“ meiden. Ich bin mir aber dessen bewusst, dass es die Lesbarkeit meines Textes erschwert, wenn ich Begrifflichkeit zu reflektieren und zu klären versuche, um dem allgemeinen Gerede zu entkommen, was alleine die Suche nach Erkenntnis ermöglichen kann.

 

Mit der wohl endgültigen Zerstörung Deutschlands durch Hitler und seine Erben ist ohnehin jeder in einer fatalen Situation, der in deutscher Sprache versucht, Vergangenheit (sich) zugänglich zu machen. Aber die europäischen Sprachen sind allesamt weit fortgeschritten in ihrem Verfallsprozess, der darauf beruht, dass Sprache nicht mehr wesentlich persönlich tradiert, sondern durch das Marketing des Kapitals und die dieses unterstützende Propaganda der Eliten ständig neu umgeformt wird. Die rapide fortschreitende Verarmung von Wortschatz und Grammatik wird dabei überhöht durch den Verlust von Begrifflichkeit, womit ich meine, dass alle Abstraktionen, also Objekte des Denkens, der Subjektivität eines Denkvorgangs entzogen sind.

 

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Die frühen Despotien, die sogenannten frühen Hochkulturen also, ...(ff)

 

Kultur in der Zivilisation

 

In den antiken Zivilisationen wurde der Kultus zivilisiert mithilfe seiner Tempel, Opferkulte und ihrer Priesterschaft, das heißt, er wurde in den Machtapparat integriert. Überhaupt entstanden Zivilisationen auf dem Boden von Kulturen, und das eine oder andere von ihnen wurde als nützlich integriert, allerdings weithin der autonomen Tradierung, und das heißt auch Veränderung, durch die große, nunmehr ohnmächtige Bevölkerungsmehrheit entzogen. In Zivilisationen erstarrt Kultur, soweit sie hineingerettet wird, weitgehend. Sie wird zur Sache der Machthaber.

Das aber geschieht nicht gleich zur Gänze. In den Nischen, in denen das den Mächtigen gleichgültig sein kann, hält sich autonome Tradition, und manches von ihr wird in das Neue hineintransformiert, dabei aber dem Einfluss der Betroffenen immer weiter entzogen. Was sich dabei erhält, zum Beispiel in der volkstümlichen Festkultur als Ausnahme-Phänomen, gerät aber zunehmend unter den Einfluss der Mächtigen auch dort, wo diese sich nicht weiter darum kümmern. Das geschieht zum Beispiel immer dort, wo sich die nunmehr Untertanen mit der Macht identifizieren. Und es geschieht schließlich im sich entfaltenden Kapitalismus, indem die Reste  Warencharakter erhalten und auf dem Markt als Konsumgut angeboten werden. Was einst Kultur war, wird nun Amüsierphänomen wie die christlichen Feste heute, die in ihrer Funktion nur noch schierer Kaufanreiz sind.

 

Das Überleben von sogenannten Volkskulturen in Zivilisationen führte in immer größeren Teilen Europas spätestens im 18. Jahrhundert zu einem gewissen Missverständnis von Volk und Kultur durch ein "Bildungsbürgertum". Das "Volk" ist nun auf die Landwirtschaft betreibenden Produzenten reduziert, deren Wirtschaften und Lebensalltag längst in kapitalistische Strukturen eingebunden wurde, und das Missverständnis derjenigen, die dabei nie zu diesem Volk gehörten, produzierte dann Volkstümelei, den Einfluss von Dorfmusik auf die des neuen Bürgertums zum Beispiel. 

Das parallele Missverständnis bezeichnete die Status ausdrückenden Amüsierwelten der machthabenden Oberschichten (Musik, bildende Künste, Literatur) als Kultur in dem Maße, in dem wirkliche Kultur verschwand. Das aufstrebende neuartige Bürgertum der Neuzeit ersetzte den schwindenden Anteil an der Macht in der Mittelstellung zwischen Fürsten und Adel einerseits und Produzenten andererseits dadurch, dass es im Zuge der Säkularisierung den "Künsten" immer mehr Offenbarungscharakter beimaß und sie bis in die Romantik hinein zu Religionsersatz hochstilisierte. Mit der Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts und der Verbreitung eines großen Industrieproletariats versucht dieses "Bürgertum" seinen Status ideologisch durch "Bildung" (Schule) und "Kultur" (Warenkonsum von Büchern, Musik etc.) zu definieren.

 

Der alles ergreifende Kapitalismus des 20. Jahrhunderts als Welt des Massenkonsums ließ das alles dann dort, wo er gelang, zur Gänze verschwinden. Mit der elektronischen Massenunterhaltung ist inzwischen "Kultur" alles, was sich verkauft und dem Zeit-Totschlagen, der Ablenkung von der Auseinandersetzung mit elementarer Wirklichkeit und der Ruhigstellung der Massen dient. Mit einem solchen Kultur"begriff" lässt sich allerdings nur noch Unverständnis historischer Vorgänge herstellen, was wohl auch von denen (unbewusst?) gewollt ist, die von Staat und Kapital finanzierte Geschichtsschreibung betreiben.

 

Fatal ist, dass es weder Texte noch sonstige Übrigbleibsel gibt, die für die Spätantike und das frühe Mittelalter dort, wo noch Reste von Kultur vorhanden waren, uns über sie Aufschluss geben. Soweit überhaupt, sind sie von Mönchen und Klerikern verfasst, die sie bestenfalls zum Zwecke ihrer Diffamierung (als heidnisch) erwähnen. Wenn wir dann doch später im Mittelalter etwas vom Alltagsleben der meisten Menschen erfahren, dann durch eine bürgerliche Brille, eine verzerrende Außensicht.

 

Wenn wir nun gegen alle gängige Gewohnheit Kultur als autonom tradierte gemeinschaftliche Lebenswelt bezeichnen, dann bleibt für unsere Zeit des entstehenden und sich früh entfaltenden Kapitalismus nur übrig, nach der Vielfalt von Spielräumen in einer von oben verordneten Welt zu suchen. Diese sind sowohl als lokale wie regionale wie ethnische anzunehmen, und nicht zuletzt auch als solche der einzelnen Familien und Individuen, auch wenn wir darüber dann gar nichts erfahren. In solchen Spielräumen in eng gesetzten Rahmen können sich auch im Mittelalter Lebenswelten noch zumindest unterschiedlich und in geringem Umfang selbstbestimmt bewegen.

 

So wie es verheerend ist, einen Begriff wie den vom Bürger aus dem Mittelalter in die Neuzeit zu übernehmen, wo man besser wie im angelsächsischen Raum von Mittelschichten sprechen sollte, so verheerend ist es, einen Kulturbegriff über die Kulturen hinaus zu retten, der mit diesen kaum noch etwas zu tun hat. Das Ergebis ist dann nämlich, dass die Ohnmacht fast aller als quasi natürlich festgeschrieben wird und das, was hier als Kultur angesprochen werden soll, in die Ecke nicht geschichtswürdiger Exotik und zu beseitigender Rückständigkeit eingeordnet wird.

 

 

Der Kapitalismus wird die Erlösungsphantasien säkularisieren

 

Solche extremen messianischen Erlösungsphantasien, wie sie das Christentum basierend auf jüdischen Vorformen bediente, waren zumindest selten. Germanischer Pessimismus mit Weltuntergangsvorstellungen oder altgriechische Vorstellungen von der tragischen Existenz der Menschen waren häufiger, sowie auch Kulte und Göttervorstellungen, die einen gewissen dieseitigen Optimismus förderten. Und zudem war christliche Erlösung nur zu haben nach Abkehr von der falschen Welt und Hinwendung zu Gott, was zielgerichtete Vorbereitung auf sein „Reich“ bedeutete.

 

Das hieß, auf allen Besitz zu verzichten außer einem Beutel und dem Wander- und Bettelstab und notwendigster Bekleidung. Es bedeutete Sublimierung der eigenen Triebhaftigkeit in die Liebe zu Gott hinein, der diese Liebe dann zurückgeben würde. Alles Begehren war auf ihn hin auszurichten.

 

Das Versprechen einer Erlösung in die paradiesischen Zustände einer anderen, höheren Sphäre einer Glückseligkeit jenseits von Zeit und Raum war verlockend für die, die existenziell litten, die jesuanischen Forderungen, die in seiner Aufforderung, ihm zu folgen, steckten, waren es nicht. Die dabei komplementär immer deutlicher auftauchende Alternative war bald nicht mehr einfach der Tod, sondern ewige Verdammnis, ein Leben in endlosem Unheil, - mehr zu fürchten als ein dagegen fast harmlos erscheinendes wirkliches Ende.

 

Kern des Erlösungsgedankens ist der vorausgegangene behauptete Durchgang durch Leid und Tod als Aufopferung Gottes, der eben auch das bislang gebräuchliche Tieropfer ablöst und so Tempel und Priesterschaft überflüssig macht. Gott opfert sich kurzzeitig in Menschengestalt für die, auf die das hinreichenden Eindruck macht. Passion, Sterben und Auferstehung machen dann die Vorgänge aus, um die Christentum religiös kreisen wird, worüber es die radikalen und für die meisten unerfüllbaren Vorstellungen Jesu dann eben auch wird vernachlässigen können.

 

Der Aufopferung dieses Gottes für seine menschlichen Geschöpfe soll zwar die der Menschen für ihren Gott folgen, was aber in der Praxis Sache weniger bleibt. Diesen radikalen Opfergedanken am Ursprung des Kapitalismus näher darzustellen wird geleistet werden müssen, um der Oberflächlichkeit der Geschichtsschreibung im Sinne der Machthaber, die sie im wesentlichen finanzieren, zu entgehen (wie auch ihrer inzwischen etwas obsoleten "linken" Varianten).

 

Mit der ausbleibenden, von ihm an sich versprochenen Wiederkehr des „Herrn“ erlahmten in den ersten hundert Jahren nach seinem Tod die religiösen Energien bei vielen "Christen" ganz erheblich. Man musste Kompromisse finden, sich ein Leben lang in dieser Welt einrichten und viele Tröstungen jenseits des Glaubens annehmen, damit das Leben erträglich wurde. Die Erlösung war verschoben, man würde darüber sterben und womöglich die Generationen danach auch. Aber irgendwann würde diese Welt untergehen und darauf würde man doch wieder auferstehen - und hoffentlich erwartete einen dann wenigstens die ewige Seligkeit und nicht ewige Verdammnis

 

Das Evangelium verbreitete sich in kirchlich genehmigter Form bald über den griechischen und lateinischen Raum des römischen Imperiums (samt dem Orient und Nordafrika als Teilen davon). Dabei glich es sich den dortigen Lebensformen weitgehend an, so wie die Kirche als Institution römischen Organisationsformen - alles sehr zum Verdruss einzelner frommer Kritiker. Vornehme Römer unter ihnen zog es gar manchmal weg aus ihrer Stadt und ins heilige Land, um nicht mitansehen zu müssen, wie lasch Christentum bereits geworden war.

 

Der Kapitalismus wird im Rahmen des lateinischen Christentums entstehen, deshalb ist es sinnvoll, zu wissen, in welches Umfeld es sich einbettete und welchen Einflüssen es dabei erlag. Es handelt sich dabei um jene Zeit der lateinisch und griechisch kontrollierten Mittelmeerzivilisation, in der auf der Basis professionalisierten Militärs Machthaber immer despotischere Herrschaft über die Städte mit ihrem Umland gewinnen, aus denen sich das Riesenreich zusammensetzt. Mit dem späten Kapitalismus wird im deutschsprachigen Raum mit seiner ausgeprägten Neigung zur Untertänigkeit das, was hier Zivilisation genannt wird, besonders in seinen despotischen Ausprägungen bewundernd als "Hochkultur" bezeichnet.

Es lässt sich aber ganz allgemein beobachten, dass sich mit der Zivilisierung, also der Zerstörung von Kulturen und der Schaffung untertäniger Massen eine allgemeine Neigung dieses längst geduckten "Volkes" zur Identifikation mit der Macht zeigt, eine Neigung zur Abgabe von Verantwortung an die Mächtigen auch auf Basis eines zunehmenden Unverständnisses der komplexer werdenden (eigentlich eigenen) Lebenszusammenhänge. Diese lässt sich wohl anthropologisch-biologisch mit der eingeborenen Neigung zur Faulheit und damit auch Verblödung von Säugetieren erklären, die in Gefangenschaft gehalten und dabei durchgefüttert werden. In den menschlichen Zivilisationen kommt dann als Kompensation noch die Vorhaltung von Amüsement dazu, höchste Gratifikation für Menschen, die von den Mächtigen als Nutztiere besonderer Art gehalten werden.

 

Bevor wir uns näher auf eine der zentralen abendländischen Zivilisationen als der grundlegenden für die Entstehung von Kapitalismus einlassen, noch eine kurze Anmerkung zum vielleicht größten Manko von Geschichtswissenschaft, ihrem sehr einseitigen und höchst unvollständigen Bild von Vergangenheit nämlich.

 

Die Geschichte der Wenigen und die vielen Anderen

 

Geschichte handelt von Geschehen, welches naturgemäß immer gleich Vergangenheit ist. Soweit es nicht wie fast alles vergessen wird, also soweit es erinnert wird oder neu entdeckt werden kann, verwandelt sich das Geschehen in Geschichten, die manchmal in Verbindung gebracht werden können, mit denen man sich auseinandersetzen kann, die immer neue Horizonte in Zeit und Raum erschließen.

 

Geschichte ist keine Wissenschaft wie die mathematisierten und technik-orientierten Naturwissenschaften, aber sie kann sich der Kriterien wissenschaftlicher Verfahrensweisen bis zu einem bestimmten Punkt bedienen. Am Ende ist sie so subjektiv, wie Subjektivität den Menschen nur interessant machen kann, sie ist so subjektiv wie das Interesse, welches dahintersteckt, mag es auch nach Verallgemeinerung streben.

 

Schließlich ist Geschichte immer Erzählung, Bericht, Untersuchung, und darum selbst im besten Fall höchstens ähnlich dem, was einmal war. Das hat dann auch etwas mit den Zufälligkeiten von Erinnerung zu tun, von Fundstücken und Überlieferungen, und natürlich mit den Interessen des Erzählers.

 

Kenntnisse von irgendeiner Vergangenheit haben wir umso weniger, je mehr uns Texte fehlen: Geschichte ist immer ein Text, und er handelt vorwiegend von dem, was sich in Text fassen lässt. Schon dadurch geht fast die ganze Vergangenheit völlig verloren. Knochen, Gebäude. Werkzeuge, Artefakte und ähnliches erlauben nur blasseste Spekulation über das, was von vergangenen Menschenaltern handelt, wenn wir nicht wenigstens in Texten Menschen "lauschen" können, die dazu gehörten.

 

Nun ist aber über die Überlieferung Geschichte bereits ganz ungeheuer einseitig: Von den meisten Menschen "wissen" wir gar nichts, von den meisten übrigen fast nichts, und mehr nur von ganz, ganz wenigen. Dies sind die Wenigen, von denen wir Schriftliches überliefert haben, und je weiter wir in die Vergangenheit zurückgehen, desto weniger wird das, - und wenn wir uns in Richtung "Gegenwart" bewegen, handelt es sich andererseits um eine längst unüberschaubare Masse an "Quellen", die unter den Bedingungen des Buchdrucks und dann später der Massenproduktion immer weniger über Menschen und immer mehr über den Warencharakter der Produkte verraten, während sich die Menschen zunehmend dahinter verbergen.

 

Das Problem der Einseitigkeit wird aber erst dadurch so recht schwerwiegend, dass Vorgänge des Wandels, des Betreibens von Veränderung, die gerade auf diesen Seiten hier auch betrachtet werden sollen, vornehmlich von ganz wenigen nur betrieben wurden, die dadurch in unserer Wahrnehmung eine besondere Prominenz erhalten. Die Geschichte ist soweit die der wenigen Erfinder und nicht so sehr die der Mitmacher und Nachahmer, sie ist eine der besonderen Talente und Antriebe, wie sie nur wenigen zuteil wurden - im Guten wie im Bösen. Und schließlich ist sie eine der Prominenz der großen Machthaber, die seit Jahrtausenden mit dem Hang von zu "Volks"massen umgeprägten Menschen rechnen dürfen, ihr Leben nicht selbst und zugleich gemeinsam verantworten zu müssen.

 

Der Kapitalismus wurde nicht "am Stück" erfunden, aber die Neuerungen und Erfindungen, die ihn ermöglichten, waren die von ganz wenigen Menschen. Ein Wesenszug dieser Entwicklung war wohl, dass die Vielen gar nicht bemerkten, was und wie ihnen geschah. Aber ohne ihr Mittun wäre auch nichts weiter passiert. Also ist ganz Verschiedenes zu beobachten: Die Leidenschaften der wenigen Neuerer, das Mitmachen der meisten und der seltene Widerstand dagegen.

 

In dem, was wir hier als Geschichte betrachten, ist dann noch etwas wichtig: In der Regel wissen die Beteiligten nicht, was sie anrichten, welche Folgen es hat und ignorieren die fatale Differenz zwischen Absicht und Wirkung. Wenn Geschichte im Rückblick dem naiven Betrachter plausibel, konsequent, logisch linear erscheinen mag, so war und ist genau das im Vorausblick immer illusionär. Die Logik des Rückblicks ist eine Konstruktion des Betrachters. Auch insoweit ist Geschichte reine Ansichtsache, und die Blickrichtung verändert den Gegenstand in ganz erstaunlichem Maße.

 

Die moderne Geschichtsschreibung mit wissenschaftlichen Kriterien ist im Umfeld eines späten Kapitalismus entstanden und von diesem notwendig geprägt worden. Die Unterordnung der Menschen unter das Kapital als magische sowie handfeste Abgabe von Teilen ihrer Lebendigkeit an dasselbe, die zugleich ja Ein- und Unterordnung in eine Hierarchie von Agenten und Agenturen seines Verwertungsprogramms ist, die Ausweitung der Gratifikationen und Kompensationsmöglichkeiten - Lebendigkeit aus zweiter Hand - die sich immer rapidere Ausweitung der Zerstörung alles Lebendigen auf der Erde zugunsten einer Welt toter Waren, --- all das wurde ignoriert durch eine Begrifflichkeit, die ich als neuzeitlich idealistisch bezeichne und in der eine hochgradige Verklärung des kapitalistischen "Fortschritts" als Heilsreligion veranstaltet wurde. Der Umgang mit Wörtern wie "Freiheit", "Gleichheit", "Demokratie", "Wohlstand" u.v.a. vergoldete den vergleichsweise behäbigen Alltag von Verbeamteten der "Wissenschaft". Das Schulterklopfen der staatlichen und privaten Geldgeber war und ist ihnen so gewiss wie die fehlende Beunruhigung angesichts dessen, was Menschen so anrichteten und weiter anrichten.

 

Diese Geschichte ist auch eine der Wenigen, die sie als "Wissenschaft" betreiben, fern jeder Öffentlichkeit der weit mehr als 99% der Bevölkerung, die sie auch ganz praktisch fast überhaupt nicht bemerken, weil sie sich dafür nicht die Zeit nehmen und vielleicht auch schnell intellektuell überfordert sind. Dabei kommt es reichlich unreflektiert zu einer ganz besonderen Bindung zwischen den Historikern und denen, die sie kommentierend begleiten und gerne derart ein wenig adoptieren. Auf diese Weise wurden die Mythen der "Nationen"bildung, des Fortschritts, des Klassenkampfes oder welcher anderer heiliger Legenden auch immer ausgemalt und verstärkt.

 

Das Problem der Geschichte von Wenigen für Wenige hat allerdings auch eine ganz andere Seite; - unter den Bedingungen von Zivilisationen spätestens seit der griechischen und römischen Antike werden die meisten Menschen nicht nur von der Geschichtsschreibung als entindividualisierte Massen betrachtet, als Material für diejenigen, die "Geschichte machen", als manipulierbare Klientel der Mächtigen, sondern sie sind es auch nur allzu oft. Zivilisationen verlangen brave und möglichst gedankenlose Untertanen, und zwar sehr viele, nicht zuletzt solche, die als städtische "Volks"massen, besser, als urbane "Bevölkerung" Untertänigkeit, Schutz und Versorgung verlangen.

 

Leute, die in Armeen und Manufakturen hineindomestiziert werden, in, Grundherrschaften, Plantagen und Bergwerke, in staatliche Schulen, Büros und Fabriken, und die dafür als Preis Amüsierprogramme geliefert bekommen, Leute, die sich einer steten Propaganda-Berieselung von oben ausliefern und ausgeliefert werden, sind nicht nur individuell kaum noch beschreibbar, ihre Individualität ist auch kaum noch im nachherein verifizierbar. Und so sind sie in den Geschichtsbüchern üblicherweise der anonyme Stoff, aus dem die Namhaften und Benennbaren "Geschichte machen", sie sind Kanonenfutter, Arbeitskraft, Jubel- und Stimmvieh.

 

Das Erschreckende dieser Liebe zur Untertänigkeit, ein Komglomerat aus Faulheit, Bequemlichkeit, Dummheit, Angst und Feigheit, hat sich am deutlichsten in den letzten Jahrhunderten in jenen sogenannten "Revolutionen" entfaltet, in denen eine machtgierige Clique eine andere "im Namen des Volkes" abzulösen versuchte, und die, soweit erfolgreich, oft von den Protagonisten der modernen Geschichtsschreibung im Namen eines fast schon theologisch schöngeredeten Fortschritts hochgejubelt werden, bis hin zu den Lobreden auf derzeitige "Demokratien".

 

In der Geschichtsschreibung seit ihren mittelalterlichen Anfängen, und in den überlieferten Quellen treten die kleinen Leute in der hier untersuchten Zeit im wesentlichen als Mob auf, als die Ordnung der Mächtigen störende mobile und mobilisierte Massen und Horden. Ansonsten werden sie von den zeitgenössischen Quellen einfach nicht wahrgenommen. Parallel dazu tauchen sie wohlgeordnet als Söldner bzw. Soldaten auf, genauso entindividualisiert und als individuelle Menschen uninteressant. Jeder "reguläre" Alltag aus Produktion und Reproduktion, spärlicher freier Zeit und regulärem Amüsement verliert sich im Desinteresse der Chronisten. Dennoch legt der hier Schreibende Wert darauf, sie nie zur Gänze aus den Augen verlieren zu wollen.

 

Aggression, Gewalt und Krieg

 

Herodots polemos patér, jener gerne in "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" übersetzte Satz, meint im Kern wohl nicht Krieg, sondern Kampf und Streit, agon. Ich möchte das auf das Folgende konzentrieren: Das Säugetier Mensch ist ein Raubtier insofern, als es sich von vorneherein nicht nur von Pflanzen, sondern auch von Fleisch insbesondere von Säugetieren ernährt.

Und es ist wie andere Tiere auch von jenem Kampf ums Dasein geprägt, der Konflikte mit Mitgliedern der eigenen Art mit sich bringt. Aggression und Gewalt sind ihm eingeboren und haben zu einem guten Teil den Fortschritt seiner Geschichte hervorgebracht und getragen. Soweit die Biologie, wenn man das so nennen möchte. In der Geschichte des (ganzen) Menschen ist der Krieg eine der beständigen Konstanten. Dazu ein kurzer Rekurs auf Sigmund Freud. 

 

1930 schreibt dieser am Ende des 'Unbehagen in der Kultur': Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint es mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions - und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten.

 

Der "Selbstvernichtungstrieb" des Menschen ist mir so wenig ersichtlich wie ein Todestrieb, und die Aggression ist gewiss auch kein spezifischer "Trieb", sondern ein Aspekt des Getriebenseins alles Lebens, ansonsten scheint sich mir aber die Aktualität dieses Abschnitts in den letzten 80, 90 Jahren eher dramatisch verschärft zu haben. An anderer Stelle schreibt Freud:

Für alles weitere stelle ich mich auf den Standpunkt, dass die Aggressionsneigung eine ursprüngliche, selbständige Triebanlage des Menschen ist, und komme darauf zurück, dass die Kultur ihr stärkstes Hindernis in ihr findet. ('Unbehagen', VI)

 

Es sieht, wenn wir diesen Gedankengängen von Freud folgen, so aus, dass Kultur und damit der Mensch in einem Feld aus konstruktiven und destruktiven Antrieben entsteht, in einem Kampf, wie er sich an der Menschenart vollzieht. (s.o.) Aber die destruktiven Seiten sind auch die produktiven und die konstruktiven auch die zerstörerischen.

 

Anders gesagt, in den Prozessen der Kulturbildung, d.h. der Menschwerdung, entwickeln Menschen in sich Ambivalenzen, die sich in dem, was als Kultur nach außen tritt und so beschreibbar wird, wiederfinden...

Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die wir bei uns selbst verspüren können, beim anderen mit Recht voraussetzen, ist das Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten stört und die Kultur zu ihrem Aufwand nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit der Menschen gegeneinander ist die Kulturgemeinschaft beständig vom Zerfall bedroht. Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde sie nicht zusammenhalten, triebhafte Leidenschaften sind stärker als vernünftige Interessen. Die Kultur muss alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen, ihre Äußerungen durch psychische Reaktionsbildungen niederzuhalten. ('Unbehagen', V)

 

Die "Kultur" bietet natürlich gar nichts auf, sondern das tun Menschen. Die gedankliche Leistung Freuds besteht desungeachtet darin, von sich und dem unmittelbaren Gegenüber auszugehen (bei uns - beim anderen), also aus der unmittelbaren Erfahrung heraus Gedanken laufen zu lassen. Damit verschwindet die hochmütige Distanz der Wissenschaften zum Menschen, die umgekehrtes Erbe der demütigen Distanz der Theologie zu Gott war.

 

Der obige Abschnitt geht folgendermaßen weiter: Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher auch das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, dass nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft. Da das Verbot das Gehemmte aufstaut, so dass es wie eine Flut den Damm brechen kann, wären Kulturen mit hohem Verbotsniveau solche, die episodische Beschleunigungen erhielten. Aber das für sich ist gewiss zu einfach, da es die Rückkoppelungen der Kultur auf die Menschen und damit sich selbst außer Acht lässt.

 

Freuds Erwartungen an eine künftige Pathologie der "kulturellen" Gemeinschaften in seinem 'Unbehagen in der Kultur' sind entgegen dem, was gemeinhin über diesen Text gesagt wird, von einer letzten Hoffnung geprägt. Lorenzer und Görlich ( Einleitung zu: Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur) haben sie in anderer Reihenfolge als implizite in einer Aneinanderreihung von Zitaten aus der wenige Jahre vorher entstandenen 'Zukunft einer Illusion' herausdestilliert. Das mag man inzwischen eher bezweifeln. 

Ist doch der Einzelne existentiell ein Feind der Kultur, die doch zugleich ein allgemeinmenschliches Interesse sein soll. Anders ausgedrückt setzt sich der Grundkonflikt aus den seiner Triebstruktur entspringenden individuellen Bedürfnissen und den ihm eingepflanzten Bedürfnissen menschlicher Gemeinschaft zusammen. Dort sind die Quellen der Unzufriedenheit mit der Kultur zu suchen. Das Unbehagen in der Kultur ist so Ausdruck von Unzufriedenheit mit ihr.

 

So bekommt man den Eindruck, dass die Kultur etwas ist, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderzahl auferlegt wurde, die es verstanden hat, sich in den Besitz von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen.

Hier zeigt sich die ganze Schwäche von Freuds Entscheidung, Kultur und Zivilisation nicht zu trennen, - aber Freud war kein Historiker. Es gibt keinen Hinweis darauf, die Bemühungen der Kultur nicht als Gemeinschaftsprojekt zu sehen, es sind die Zivilisationen, in denen wenige viele unterjochen.

In dieser ansonsten faszinierenden Konstruktion wird der Fehler nur eine Seite später deutlicher, wo er Hoffnung an die Frage bindet, ob und inwieweit es gelingt, die Last der den Menschen auferlegten Triebopfer zu verringern, sie mit den notwendig verbleibenden zu versöhnen und dafür zu entschädigen. Es geht um den Umgang mit dem unumgänglichen Kern der Kulturfeindseligkeit. Den sieht er darin, dass jede Kultur auf Arbeitszwang und Triebverzicht beruht und darum unvermeidlich eine Opposition bei den von diesen Anforderungen Betroffenen hervorruft.

 

Schematisch gesehen beruhen auf Arbeitszwang eher Zivilisationen, Kulturen der Wildbeuter stillen Hunger und Durst und jungsteinzeitliche Gemeinschaften produzieren Nahrungsmittel und Werkzeuge aus demselben Grund - wenngleich vielleicht "im Schweiße ihres Angesichtes". Zudem ruft gelungene kulturelle Einbindung keine Opposition hervor, denn die tradierten, auf unmittelbarer Erfahrung beruhenden Bindekräfte von Kulturen sind wesentlich größer als die institutionalisierten Zwangskräfte von Zivilisationen. Unter dem Ansturm der frühkapitalistischen Gewalttäter zerbrechen sehr schnell die zivilisatorischen Überbauten auf anderen Kontinenten wie die der südamerikanischen Anden"staaten", während von dem auf die Ebene von Kultur zurückgefahrenen Erbe in entlegenen Gebieten immer noch kleine Reste vorhanden sind, auch wenn deren endgültige Zerstörung weiter fleißig vorangetrieben wird.

 

Am Ende von 'Warum Krieg' formuliert Freud an Einstein:

Ich meine das Folgende: Seit unvordenklichen Zeiten zieht sich über die Menschheit der Prozess der Kulturentwicklung hin. (Ich weiß, andere heißen ihn lieber: Zivilisation.) Diesem Prozess verdanken wir das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden.

In diesem Gegensatzpaar steckt eine legitime, aber höchstpersönliche Wertung, jedoch die Grundidee scheint solide: Jeder Fort-Schritt in der Menschheit ist mit Opfern erkauft.

 

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Die Aggression leitet sich vom lateinischen aggredi ab: irgendwo hingehen, etwas unternehmen, angreifen. Ihr Gegenstück im Deutschen ist seit dem 19. Jahrhundert die dem Französischen entnommene Depression. Diese bezeichnete das Niederdrücken und dann auch das Bedrücktsein.

 

Physische Aggression als körperliche Gewalttätigkeit war in fast allen Kulturen überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, Männersache. Das mag wenig mit der etwas größeren Körperkraft der Männer zu tun haben, deutlich mehr mit der Mutterschaft der Frauen. Aber das Testosteron, welches den Männern etwas stärkere Muskeln aufbaut, ist zuvörderst ein Fortpflanzungshormon, welches die Produktion von Sperma befördert und den natürlichen Drang nach deren Insemination in Frauen. Testosteron macht darum physisch aggressiv. Das hindert Frauen nicht daran, ebenfalls Aggressionen aufzubauen, aber sie bleiben tendenziell stärker im verbalen Raum.

 

Aggression verläuft bekanntlich in Wellen, in denen Energie(n) aufgebaut und in der aggressiven Aktion wieder abgebaut werden. Sie ist also kein Zustand, sondern ein sich aufbauendes Potential, das sich in der aggressiven Aktion vorübergehend erschöpft.

 

In fast allen Kulturen waren die zwei häufigsten Felder legitimen und offenen Auslebens von Aggressionen außerhalb des Bereiches der Sexualität die Jagd und der Krieg, beide eng miteinander verwandt und beide weithin Domänen der Männer.

Bei den miteinander verwandten Kulturen der frühen Griechen und Römer, der Germanen und Kelten lässt sich eine Verdoppelung der Strukturen in eine kriegerische und eine friedliche, eine im Kern bäuerliche und eine im Kern militärische Gesellschaft feststellen. Dabei entwickelten sich im militärischen Bereich mit seinen Entscheidungs- und Befehlsfunktionen die ausgeprägteren Hierarchien.

Die Entstehung von Frühformen von Staatlichkeit in der Polis wie der Urbs mit dem jeweiligen Umland schafft militärisch geprägte Superstrukturen. Am Übergang von der offenen in latente Gewalt entsteht "politische" Macht und wird mit ihrer Hilfe ausgeübt. In Rom geht das ein in den quasimilitärischen Aufbau der res publica. Die Volksversammlung ist fast wie eine Heeresversammlung strukturiert.

 

Die zunehmende Militarisierung der römischen Republik kulminiert im militärisch fundierten und zivil nur noch verbrämten Kaiserreich. Das imperium des Kaisers ist seine militärische Befehlsgewalt. Die militärischen Notwendigkeiten eines "Weltreiches" sorgen dann für strukturelle Veränderungen, die wiederum neue nach sich ziehen. Am Ende kontrollieren "fremde" Emporkömmlinge die Armee im westlichen Reichsteil, ohne diesen noch zusammenhalten zu können. Das "Reich" zerbricht in immer neue Teile, wobei allerdings die "Reichsidee" erhalten bleibt.

 

Die römischen Armeen bestehen aus hochprofessionellen bezahlten Soldaten, die germanischen "Streitkräfte" der Wanderungszeit sind das Gefolge von Anführern, dessen Lohn Beute und Landbesitz ist. Erst in der Sesshaftigkeit auf erobertem Land bilden sich dann "Stämme" heraus, "Völker" .

Der Krieg und die physische Gewalt stoßen auf der Täterseite kaum auf Kritik, weder bei den zivilisierten Römern noch bei den "Barbaren", die offenbar ein besonderes Kriegerethos mitbringen. Das Christentum hat den Krieg inzwischen als Teil des irdischen Lebens akzeptiert und mit des Augustinus Doktrin vom "gerechten Krieg" in seine Welt integriert. 

 

Anders gesagt: Aggression ist Leben, ihre Domestikation schafft Kulturen und ihre bewusste Nutzung durch institutionalisierte Macht baut Zivilisationen. Zivilisation und Krieg sind identisch. Man muss also nicht auf spezifische kriegerische Momente der römischen oder germanischen Welt zurückgreifen, um zu wissen, dass der Krieg in der Zwischenzeit zwischen Antike und Mittelalter zentraler Motor aller Entwicklung sein wird und damit auch zu den Wurzeln des Kapitalismus gehört.

 

Lehnen wir uns kurz zurück und fragen: Ist nicht der Friede erstrebenswerter als der Krieg? Darauf gibt es zwei historische Antworten: Einmal ist der Friede das Ziel jeden Krieges, nämlich der der "befriedeten" Besiegten und Unterworfenen. Bislang lautet dabei das Fazit aller Zivilisationen, dass es ohne Krieg nie Frieden gab. Und der Krieg ist das Herzstück aller Zivilisationen seit den Tagen von Sumer, der Pharaonen in Ägypten und der Kaiser von China. Er ist auch der Kern der heiligen Schriften nicht nur der Juden und des Islam. Literarisch überlieferte Ausnahmefiguren wie Jesus oder Buddha haben ihre Friedfertigkeit nicht auf ihre Anhänger übertragen können. Aber die absolute Gewaltlosigkeit des legendären Zimmermannssohnes aus Nazareth wird bei aller Nichtbeachtung durch die nachantike Christenheit dennoch eine gewisse Rolle spielen.

Ein Aspekt sei noch gesondert angesprochen. Nicht jede Gewaltausübung ist von Grausamkeit gekennzeichnet, auch wenn diese immer Gewalttätigkeit bedeutet.

Das mittelhochdeutsche gruwen benennt eine Mischung aus Furcht und Widerwillen, Abscheu. Das "Grauen" als Substantiv und im neueren Sinne ist laut Duden (Herkunftswörterbuch) so noch nicht im Mittelalter vorhanden. Gruwesam bezeichnet darum noch keine Intention, sondern eine Gefühlsreaktion. Hingegen benennt das lateinische crudelis/crudeliter (von crudus: roh, gefühllos) das, was auch unsere heutige "Grausamkeit" bezeichnet. In heutigen Augen ist das frühe Mittelalter von einem großen "legalen" Spielraum an Grausamkeit in der alltäglichen Machtausübung von „Herren“ (domini) geprägt.

Grausamkeit bezeichnet zweierlei: Zum einen ist es eine moralisierende Sichtweise auf überzogen angesehenes aggressives Verhalten, zum anderen bezeichnet es eine schon bei Tieren zu beobachtende Lust in der gewalttätigen Machtausübung. Ihren Ursprung hat sie sicherlich darin, dass tierisches Leben von Leben, also Lebendigem lebt, welches getötet, zerstückelt, lustvoll zerkleinert und verschlungen wird. Erste Lust in der Grausamkeit ist in der Nahrungsaufnahme begründet.

 

Wichtig ist, dass man annehmen kann, dass Zivilisierung Grausamkeit nicht verringert, sondern eher institutionalisiert und dabei immer stärker von ihrem Ursprung im menschlichen Metabolismus entfernt. Die Amüsierarenen Roms belegen das genauso wie alle Zeiten danach.