Die einst über einem der Portale der Kathedrale von Autun liegende Eva von etwa 1130 repräsentiert Ambivalenzen, wie sie die Entstehungszeit des Kapitalismus kennzeichnen. Die durchaus erotisch gemeinte Nacktheit der jungen Frau, die mit ihrer Linken gerade von der Schlange den Apfel empfangen hat, lädt zur Bewunderung ein, während sie doch gleich Adam zum Bösen verführen wird. In Kürze werden die Klagen über die Macht des Geldes und die materielle Gier anfangen, aber zugleich werden doch fast alle fleißig mitmachen dabei. Darstellungen von Eva und dem Sündenfall gab es, wenn auch selten, schon vorher, sie werden aber erst jetzt langsam häufiger, und Eva gewinnt dabei unumwunden an Attraktivität. Die zweite Eva, Maria, die den Menschen wieder aus der Hoffnungslosigkeit seines Daseins herausholt, wenn er nur will, gibt es zwar schon seit den Anfängen "romanischer" Kunst häufiger, aber sie verliert nun auch nach und nach ihre triumphale Stellung als Himmelskönigin und wandelt sich in eine liebliche junge Mutter, immer bekleidet, aber selbst darin von zunehmendem Liebreiz.  

 

ANFÄNGE UND VORAUSSETZUNGEN

Kapital und Kapitalismus

Am Anfang steht der Mensch: Kultur

Exkurs: Aggression, Gewalt, Krieg und Sigmund Freud

Menschliche Geschlechtlichkeit

Noch einmal: Kultur

Natur, Kultur und Zivilisation

Apropos "Hochkultur"?

Kultur in der Zivilisation

Zivilisierung

Einschub: Die Geschichte der Wenigen und die vielen Anderen

Am Anfang war das Paradies

Menschwerdung und Erlösungssehnsüchte

 

 

 

Auf der Suche nach den Anfängen des Kapitalismus muss man sich als erstes auf die Suche nach frühem Kapital und seinen Eigentümern machen, und zwar dort, wo man später auch auf Kapitalismus trifft. Dazu ist es nötig, sich vorher mit der Frage zu beschäftigen, was das beides eigentlich ist.

 

Kapital und Kapitalismus (in Arbeit)

 

Das Wort Kapitalismus gibt es noch keine zweihundert Jahre, obwohl es in dieser Untersuchung für etwas herhalten soll, was vor rund tausend Jahren entstand. Der zuvor fehlende Begriff verweist darauf, dass es vorher entweder keinen Bedarf gab, etwas begreifen zu wollen, oder aber und wahrscheinlicher, dass Menschen Vorgänge in Gang setzten, die sich zugleich quasi hinter ihrem Rücken vollzogen. Mit anderen Worten: Menschliches Handeln sieht auch hier in seinen Ergebnissen anders aus als voraussehbar ist.

 

Zunächst einmal ist zu klären, dass das Wort aus dem (Mittel)Lateinischen kommt und das benennt, was den Kopf bzw. das Haupt betrifft (capitalis). In italienischen Städten des späten Mittelalters mit ihrem blühenden Kapitalismus bezeichnet es beim Geschäft/Unternehmen die Hauptsache. Diese aber ist das, was nicht die Nebensache ausmacht, nämlich was für den persönlichen Konsum abgezweigt und damit dem (eigenen) Geschäft verloren geht, sondern das, was eingesetzt wird, um es zu vermehren, ohne dabei allzu viel physische (bzw. militärische) Gewalt einsetzen zu müssen.

 

Selbst das Wort Kapital taucht erst auf, nachdem es solches schon lange gegeben hat, und fast überall erst Jahrhunderte, nachdem Kapitalismus bereits in großen Teilen Europas seinen Siegeszug angetreten hat. Seine lateinische Wurzel ist das Wort caput, welches für den Kopf bzw. das Haupt steht. Daraus leitet sich capitalis ab, welches man unter anderem mit "hauptsächlich" übersetzen kann. In spätmittelalterlichen norditalienischen Volkssprachen wird dies Wort wieder substantiviert, um von dort dann später in den Norden zu wandern, wo es im Deutschen zum Beispiel als hauptgut auftaucht.

 

Etwas ist soweit mit dem Begriff schon gewonnen: Es gibt Haupt- und Nebengüter. Das lässt sich allerdings im späten Mittelalter bzw. in der frühen Neuzeit etwas unterschiedlich verstehen. Es kann zum Beispiel das Kapital als das Haben, den Besitz im Unterschied zu Verpflichtungen, Schulden meinen. Nun ist Kapital aber dabei nicht irgendein Besitz, sondern nur solcher, mit dem gewirtschaftet wird: Kapital ist genauer gesagt jenes Gut, welches ausschließlich zu seiner Vermehrung eingesetzt wird. Im 16. Jahrhundert wird dabei im Italienischen zum Beispiel der Besitz von Vieh gemeint, dessen biologische Vermehrung durch Nachwuchs als Zinsen aufgefasst wird.

Der oft riesige Grundbesitz eines mittelalterlichen Klosters ist nicht per se Kapital, sondern das wird er zum Beispiel dadurch, dass die in Geld umgesetzten Erträge zum Teil als Kredite ausgegeben werden. Dann wird ein Teil des Geldes, welches abhängige Bauern für ihre frommen Herren erwirtschaften, kapitalisiert.

 

Ökonomisch sinnvoll ist ein solcher Kapitalbegriff dabei nur, wenn er sich in Zahlen rechnen lässt, also als Geld aufgefasst werden kann. Kapital tritt dabei nur auf einem Markt (im weitesten Wortsinn) auf. Schließlich wird vom Hauptgut nicht die Qualität vermehrt, sondern die Quantität, der Kapitaleigner verkauft schließlich kein Getreide, um mehr Getreide zu bekommen, sondern einen geldwerten Gewinn. Kapital ist eine quantitative, keine qualitative Größe.

 

Das Wort Kapital oder Hauptgut oder ähnliches verleitet allerdings dazu, sowohl Vorgänge wie Beziehungen unter Menschen darin zu verstecken: Es verdinglicht sie. Dem werden auch wir nicht ganz entkommen, wenn wir nicht eine völlig neue Sprache erfinden wollen und damit unverständlich werden. Kapital wird also auch in diesem Text in zwei Bedeutungen vorkommen: Einmal als jenes Hauptgut, dessen einziger Zweck seine in Geld rechenbare Vermehrung ist, zum anderen als Vorgang, in dem Geld in Arbeit investiert wird, die es vermehrt. Ich folge hier Karl Marx darin, dass es kein Kapital ohne Arbeit gibt, die es "verwertet". Ich folge ihm allerdings nicht darin, dass Kapital und Arbeit zwei "Klassen" von Menschen ergibt, da diese Idee sich historisch nicht so klar verifizieren lässt, heute schon gar nicht mehr.

 

Kapital gibt es also zum Beispiel schon in den antiken Zivilisationen des Mittelmeerraumes , - aber eben noch keinen Kapitalismus. Es gibt Eigentum, Kapital, Arbeit, Arbeitsteilung, Geld, Waren, einen Markt bzw. ganz viele Märkte, Landwirtschaft, Handwerk, Produktion, Handel und Konsum von Waren – aber keinen Kapitalismus. Die Masse der vor allem auf dem Lande erwirtschafteten Gelder geht in den Konsum einer kleinen staatstragenden Oberschicht, also nicht in die Hauptsache, sondern die Nebensache eines privilegierten Luxus. Handwerk und Handel können sich bei der Expansion des Reiches immer weniger entfalten, da sie für militärische Zwecke reglementiert und abgeschöpft werden. Kapital macht noch keinen Kapitalismus, auch viel Kapital nicht. Das wird im Mittelalter des lateinischen Abendlandes anders werden.

 

Um Klarheit zu schaffen: Ein Handwerker, der Geräte, Rohstoffe und einen Lehrling hat, Dinge, Waren produziert und verkauft, dabei aber nur auf seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie abzielt, ist kein Kapitalist. Aber in ganz bescheidenem Umfang  kann er manchmal ein Unternehmer sein, auch ein „Arbeitgeber“, nicht zuletzt ein Geschäftsmann. Was also macht ihn zum Kapitalisten: Es ist die Einstellung und Möglichkeit, einen Teil dessen, was er hat, wesentlich dafür einzusetzen, es zu vermehren, und zwar nicht, weil ihm noch zwei Kinder geboren werden oder seine verwitwete Schwester auch noch unterstützt werden muss, sondern weil dieses 'Mehr' Sinn der ganzen Unternehmung geworden ist. Kapital ist kein Ding, sondern ein Vorgang, in dem es begriffen ist, und das ist der seiner Vermehrung. Es wächst oder es ist nicht...

 

In diesem letzteren Sinne kann man schon sagen, dass es in der Antike dieser gerade angedeuteten tausend Jahre bereits insbesondere im Mittelmeerraum einzelne Kapitalisten gab, aber desungeachtet immer noch keinen Kapitalismus, wie er hier um der Klarheit willen definiert werden soll. Das liegt daran, dass einzelne Kapitalisten zwar gewiss wichtig waren, aber atypisch und nicht normbildend, und sie wurden von denen, die die Macht in Stadt und Land hatten, zwar benutzt, aber eher verächtlich betrachtet. Und außerdem - sie wurden nicht konstitutiv für die Reiche, die damals bestanden, sie waren ein Aspekt, der nicht ihr Wesen durchtränkte.

 

Das Ideal, dem die nachkamen, die sich das leisten konnten, war eher der Konsum als die Kapitalbildung. Das hieß, der ausgedehnte Handel, die Produktion von Massenwaren und Luxusgütern, alles das zielte vor allem auf den Lebensgenuss einer Oberschicht ab, deren Basis landwirtschaftlich genutzter Großgrundbesitz war, also eine aristokratische Lebensweise. Es fehlt jenes städtische Bürgertum, aus dessen Reihen die kommen, welche innovativ in größerem Umfang Kapitalverwertung zu einem Selbstläufer machen werden. Im übrigen wird das sogenannte Christentum zwar ein wichtiger Faktor bei der Entstehung des Kapitalismus, in dem, was dann entfalteter Kapitalismus wird, hätte es aber gar nicht mehr so entstehen können.

 

Das Entscheidende dabei ist, dass die Art von Städten, die zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert aufkommen, sich von den antiken grundlegend unterscheidet: In den letzteren kontrolliert eine grundbesitzende „aristokratische“ Oberschicht die Stadt, und zwar alleine, während sich in den neuen Städten, die zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert entstehen, Händler und reiche Handwerker mit adeligen Grundherren die Macht teilen werden und sie dann von ihnen in Form von Selbstverwaltung für eine Weile übernehmen. Aber zwischen der Antike und dieser Zeit liegt auch wenigstens ein halbes Jahrtausend.

 

Wir reden von Kapital, aber das ist missverständlich, denn dabei handelt es sich um Vorgänge und Einstellungen zu Eigentum, und nicht eigentlich um ein „Ding“. Der Vorgang ist der der Vermehrung oder wie Marx schrieb, der Verwertung von Eigentum (als Kapital) zum  alleinigen Zweck seiner Vermehrung. Um das zu verdeutlichen, sei auf zwei andere Möglichkeiten, mit Einnahmen umzugehen, hingewiesen: Die eine ist, dass es sofort verbraucht wird und so schwindet.

Die andere ist die Schatzbildung, bei den germanisch dominierten Nachfolgereichen des weströmischen Imperiums üblich, und zwar bei Königen, Hochadel, Kirche und Kloster. Mustergültig als Königsschatz, der zentralen Insignie solcher Herrscher, wichtiger als Krone oder Szepter, wurde dieser in Kriegen zusammengerafft und -geraubt, danach durch Tribute von ihnen vergrößert, und seine Vermehrung mehrte Glanz und Ruhm königlicher Macht. Schätze aus Münzen, Gold und Silber, Perlen und Edelsteinen und Gefäßen, an die all solches kunstvoll appliziert wurde, dienten aber auch dem Ruhm Gottes und seines Bischofs oder Abtes. Schatzbildung war zudem auch das, was Hunnen, Awaren und manchmal Wikinger betrieben. Was fing man nun mit solchen Schätzen an: Was von ihnen nicht gehortet wird, wird zielgerichtet verschenkt.

 

Bis ins „Christentum“ hinein machten viele solche Völker noch etwas, was jeden Kapitalismus unmöglich erscheinen lässt: Sie gaben zumindest Teile solcher Schätze ihren Reichen und Mächtigen mit ins Grab, wo sie allerdings oft der Grabräuber harrten. Es gab schon damals Gier, aber die Leute machten daraus kein Wirtschaftssystem.

 

Wenn wir uns noch einmal die germanisch dominierten Folgereiche einer Art Nachantike oder Spätantike anschauen: Unter denen, die etwas hatten und darum Macht hatten, war zunächst das Schenken, das Darbringen von Geschenken wichtiger als jeder Warenverkehr. Geschenke stellten Freundschaft her, ein eher vorkapitalistisches Verhältnis von Menschen zueinander, welches Kapitalverwertung dann geradezu privatisiert hat – es wird von einer öffentlichen zu einer privaten Bindung.

 

Manche davor liegende Stammeskulturen waren durch ein damit verwandtes Verhalten gekennzeichnet, welches bis ins frühe Mittelalter hineinreichen wird: Gewählte Häuptlinge mussten Talente haben, die dazu führten, dass sie viel besaßen, denn sie mussten soviel haben, dass sie an ihre Leute verschenken konnten. Mit solchen Kulturen des Schenkens wird der Kapitalismus dann ganz und gar aufräumen, denn das wird für ihn Verschleudern potentiellen Kapitals, also Verschwendung.

 

Zu Kapitalismus, so wie er hier verstanden werden soll, wird Kapitalverwertung erst da, wo sie „politische“ Macht, Weltanschauung und Lebensverhältnisse der großen Mehrheit der Menschen nachhaltig verändert und beeinflusst, und zwar so, dass das zunächst regional und am Ende weltweit irreversibel wird. Zur Erfolgsgeschichte des Kapitalismus gehört dabei zu allererst die Beschleunigung der Bevölkerungsvermehrung, und Irreversibilität heißt hier, um ein Beispiel zu geben, dass eine Rücknahme kapitalistischer Verhältnisse die Inkaufnahme eines Massensterbens bedeuten würde und die Mächtigen ihre Macht gekostet hätte. Das ist bis heute so geblieben, nur die Dimensionen haben sich weiter drastisch und beunruhigend verändert.

 

Kapital hat darüber eine zweite wesentliche Seite: Menschen ernähren sich wie andere Tiere von Pflanzen und Tieren; sie leben, indem sie Leben zerstören und zum größten Teil dabei in Abfall verwandeln, der ausgeschieden wird. Soweit sind sie ein Teil der (lebendigen) Natur. Kapital hingegen beutet lebendige Natur, nicht zuletzt die von Menschen, und darüber hinaus alle erreichbaren Ressourcen der Erde nur dazu aus, um in möglichst großem Umfang tote Gegenstände zu vermarkten oder zu schaffen, Waren, deren einziger Zweck für das Kapital ein geldwerter Gewinn ist, der über die Selbsterhaltung des Menschen weit hinausgeht. Damit ist Kapital nicht alleine: Schon die Despoten früher Zivilisationen betrieben zwecks Machtausübung Naturausbeutung und -zerstörung  in großem Umfang. Aber der Kapitalismus der letzten tausend Jahre wird sie darin zunehmend übertreffen und ist inzwischen dabei, den Lebensraum Erde zur Gänze zu zerstören.

 

Verschleiernd wird Kapital mit (dem biologischen Begriff) Wachstum gleichgesetzt, tatsächlich ist dieses in der Natur qualitativ, Kapital als schiere Vermehrung ist aber rein quantitativ zu verstehen. Vielmehr zerstört Kapital das, was wächst, also lebendig ist - und damit die Grundlagen allen Lebens.

 

Die Existenz von Kapital bedeutet noch keinen Kapitalismus. Er schlich sich zwischen dem zehnten und zwölften Jahrhundert  im Raum des lateinischen Abendlandes ein, zunächst nur an wenigen Orten, breitete sich aus und wurde erst bemerkt und noch kaum verstanden, als es bereits keine Umkehr mehr zu geben schien.. Dabei handelt es sich um jenen großen Teil Europas, der sich immer weniger zu recht als Erbe des römischen Reiches sieht und damit auch seiner Sprache, die in dieser Epoche als eine Art lingua franca dient, beim Aufstieg des Kapitalismus aber Schritt für Schritt verdrängt wird.

Er wird ein ungeheures Erfolgsprogramm, ungefähr so umwälzend wie die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht und des Handwerks. Die Natur gab zu essen und trinken, und der Kapitalismus wurde als zweite, menschengemachte Natur verstanden, so unabänderlich wie die erste, und genauso die Menschen nährend.

 

Kapitalismus soll hier die ökonomische Dominanz der Bewegungen des Kapitals in diesen Zivilisationen meinen. Diese setzt sich nur langsam, dabei aber unentwegt  durch und wird offenbar im hohen Mittelalter irreversibel, das heißt, die Bewegungen des Kapitals haben sich inzwischen zumindest in großen Regionen soweit etabliert, dass eine Rücknahme ihrer Macht als eine für unerträglich gehaltene Katastrophe angesehen würde. Darüber hinaus beeinflussen sie dort die Lebensverhältnisse der meisten Menschen, die zunehmend in die neue Warenwelt integriert werden, die sie meist dankbar aufnehmen.

Zwar leben die meisten Menschen auf dem Lande und bewirtschaften dieses. Aber einmal produzieren sie immer  stärker für einen kapitalistisch geprägten Markt, und zunehmend nicht nur Lebensmittel, sondern auch Rohstoffe für handwerkliche und auch schon maschinelle Produktion. Und zum anderen werden sie immer stärker auch von der kapitalistischen Entwicklung beeinflusst, sowohl in ihren Arbeits- wie überhaupt auch Lebensverhältnissen.

 

Kapitalverwertung als Vermehrung geschieht über Produktion, Vertrieb und Verkauf von Waren. Dabei muss ein Gewinn herausspringen, also ein lohnendes 'Mehr' - als geldwertes Kapital eingesetzt wurde. Was produziert wird, hängt an der Verkaufserwartung für das Produkt; wie es produziert wird, hängt daran, wie niedrig man die Kosten drücken, also den Kapitaleinsatz senken kann. Einen anderen Inhalt hat Kapitalverwertung nicht.

Dabei schwindet jede Zielsetzung des Handelns, die sich nicht rechnen, in Zahlen wahrnehmen lässt, jeder Wert, der nicht auf einem Markt zu realisieren ist. Alles andere wird Privatsache, in Fluchträume abgeschoben – die erst im zwanzigsten Jahrhundert dann vom Kapitalismus auch noch fast zur Gänze kommerzialisiert werden. Kapitalismus frisst sich durch die Wirklichkeit der Menschen und ihre naturräumliche Umwelt, drückt allem seinen Präge-Stempel auf und plündert es aus.

 

Schon der mittelalterliche Kapitalismus ist ein enormes Erfolgsprogramm: Er versetzt eine relativ statische, vorwiegend agrarische Welt in immer schnellere Bewegung, sorgt bei allen Krisen für ein erhebliches Bevölkerungswachstum, integriert nach und nach fast alle Lebensbereiche und versorgt die meisten Menschen mit einem steigenden Niveau an Warenkonsum. Große Regionen verstädtern und werden von Städten dominiert. Städte und das Land vernetzen sich, Regionen, ein Netzwerk letztlich kapitalgesteuerter Aktivitäten überzieht einen großen Teil Europas von Skandinavien bis Sizilien, von Katalonien bis ins Land der Rus.

 

Dieser Kapitalismus ist nicht nur die Sache von Kapitalisten, sondern er ist ein Gemeinschaftsprojekt, an dem Adel, Fürsten und Könige ihren Anteil haben, aber auch "kleine" Handwerker, Lohnarbeiter und Bauern. Dabei sieht er in vielem noch sehr anders aus als der vertrautere Kapitalismus seit dem 18./19. Jahrhundert. Die Mehrheit der Menschen produziert noch Nahrungsmittel auf dem Lande und lebt unmittelbar von ihrer produktiven Arbeit wie die meisten Handwerker auch, man kann etwas vergröbert sagen, von der Hand in den Mund. Auch die schon damals wenigen Vertreter des großen Kapitals haben Herren über sich, aber einem Teil von ihnen gelingt es in einem Teil der Städte, wenigstens dort selbst zu Herren zu werden, zu einer neuen Obrigkeit, und schließlich wie Aristokraten zu leben.

 

Aus alledem ergibt sich, dass Karl Marxens so einflussreiche Schematisierung der Geschichte, die von einer den Kapitalismus entwickelnden und tragenden Schicht des Bürgertums spricht und dabei gerne auch von einer späteren bürgerlichen Gesellschaft als kapitalistischer, das Augenmerk eher in eine falsche Richtung lenkt. Die zwei oft heute bürgerlich genannten "Gesellschaften", die städtisch mittelalterliche, die im Prozess der Verstaatlichung untergeht, und die recht andere neuzeitlich-städtische, mit entfalteter Staatlichkeit einhergehend, die im 19./20. Jahrhundert je nach Gegend untergeht, werden zwar beide vom Kapitalismus geprägt werden, diesen aber nie selbst prägen: Kapitalismus genügt immer seinen sehr eigenen Gesetzen, und er kann das nur solange, wie er das hinter dem Rücken fast aller tut.

 

 

Karl Marx spricht in kritischer Anlehnung an Adam Smith von einer (sogenannten) ursprünglichen Akkumulation von Kapital, und vertritt die an sich offensichtliche These, sie sei durch Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt zustande gebracht worden. In dem beschränkten historischen Horizont seiner drei Bände 'Kapital' trennt er nicht hinreichend klar zwischen der Anhäufung von Eigentum und der von Kapital. Das meiste große Eigentum, welches nach der Antike bis zur ersten Jahrtausendwende angehäuft wird, wird aber nicht direkt der Kapitalbildung dienen, also kapitalisiert werden, sondern dient jener Nachfrage, die Kapital erst entstehen lässt und dieses dann vergrößert.

Wenn wir der Frage nachgehen, woher solches großes Eigentum kommt, dann besagte die vormarxsche Theorie, dass es vorwiegend auf Talent und Fähigkeiten beruhte. Inzwischen ist klar, dass es vor allem auf Gewalt beruht, und oft unmittelbar auf Kriegen und ihren Folgen im Inneren wie im Äußeren.

 

Großes weltliches wie geistliches Eigentum ging entweder aus der Antike in die Zwischenzeit einer Nachantike vor dem Mittelalter direkt über, oder es war Beute aus den Eroberungen und Ansiedlungen germanischer Völkerschaften und Ergebnis daraus hervorgehender Schenkungen. 

Dieser Reichtum besteht im Frankenreich wie vorher in dem der Römer im wesentlichen aus Großgrundbesitz und daraus resultierender Schatzbildung. Der Reichtum von Bischöfen im Merowingerreich entsteht dann aus Schenkungen vor allem, aber auch aus kriegerischen Aktivitäten. Bei der Kirche ist allerdings der Privatbesitz jener Bischöfe, die ohnehin meist aus schwerreichen Familien stammten, und der für die Kernzeit des Merowingerreiches für einen Bischof Bertram von Le Mans auf 300 000 ha Land in Westgallien geschätzt wird (Brown2, S.127), vom Kirchenbesitz des Bistums zu trennen. Das ist natürlich nichts im Vergleich zu 85 000 Pfund Gold im Jahre 810 im Kirchenschatz des oströmischen Patriarchen von Alexandria. 

Zum Besitz gehören dann die aufgehäuften Schätze, deren Bedeutung sich am besten an ihren kostbarsten Einzelstücken erkennen lässt, den Reliquienbehältern, die aus sinnlich unscheinbaren und schäbigen Knochen- und Holzstückchen oder Textilfetzen erst etwas hoch wertvolles machen: Reichtum und Heiligkeit fallen nun hier zusammen, so wie bei weltlichen Schätzen Reichtum und Status. Menschen werden bis heute dazu neigen, sinnlich Wahrgenommenes magisch zu überhöhen, um sich an so gewonnener Bedeutung zu laben.

 

 

Zu guterletzt noch dieser Aspekt: Kapitalisten sind nicht sparsam beim Konsum, damit sie in der Not haben, sondern damit sie mehr Kapital bekommen, welches eben noch mehr werden soll. Kapital schwindet aber, sobald es nicht mehr wird, genauer gesagt, es verschwindet dann ganz. Ein kapitalistischer Markt nun aber, wie noch näher zu erläutern sein wird, ist nicht nur einer der Konkurrenz, wie jeder, sondern diese wird zum Schauplatz von Kämpfen um 'alles oder nichts'. Da Kapital per definitionem wächst, ist das Wachstum des einen eben manchmal auch der Niedergang des anderen.

Man konkurriert schließlich nicht primär um Qualität, Nützlichkeit oder ähnliches, was Handwerker einer Branche zunächst nebeneinander und sogar in derselben Straße und auf demselben Marktplatz bestehen lässt, sondern man konkurriert um den Markt selbst, jeden verfügbaren Markt. Es handelt sich um einen Machtkampf und im antiken Wortsinn nicht mehr um ein Wirtschaften, eine Ökonomie, oikonomeia, sondern um die Unterwerfung unter ein Prinzip, und unter ein Prinzip: Wachsen oder weichen. Nur wächst dabei nichts Lebendiges, sondern dieses vielmehr wird immer mehr aus der Welt verdrängt, bis am Ende das jetzt bald wohl auch den Menschen blühen wird. So wie beim Essen und Trinken hauptsächlich Urin und Kot herauskommt, so beim Kapitalismus hauptsächlich Geld. Und so sieht denn unsere Welt heute auch aus. Man muss es nur ertragen können, hinzuschauen.

 

 

Kapital entsteht seit dem frühen Mittelalter durch Handel und Geldgeschäfte. Früheste Ansätze, es in Produktion zu investieren, gibt es im hohen Mittelalter und dann häufiger im späten. Diese betreffen vor allem Tuchproduktion und die Herstellung metallener Waren, inbesondere von solchen für den Krieg. Eitelkeit und Gewalttätigkeit treiben hier die Entwicklung voran. Aber den Batzen der Warenproduktion betreiben Handwerker und Bauern, die produktive Basis von Stadt und Land. Die aber besitzen selten unternehmerisches Kapital, sie arbeiten im wesentlichen, um zu leben, nicht um Gewinne einzufahren.

Daneben gibt es in der Stadt und auf dem Lande einen zunehmenden Teil von Lohnarbeitern, und nicht nur in der Produktion, sondern als Söldner/Soldaten im Militär und zunehmend auch in Verwaltungen. Aber sie prägen noch nicht dermaßen das Bild wie später.

 

Das wird im wesentlichen bis ins 18. Jahrhundert so bleiben, und sich erst mit der zweiten, umfassenden Industrialisierung nach der ersten im Mittelalter ändern, mit dem langsamen Verschwinden nichtkapitalistischer Produktion und damit des Handwerks und der bäuerlichen Landwirtschaft. In mancher Beziehung geht erst jetzt das Mittelalter zu Ende und mit ihm eine ganze Zivilisation.

 

Kapitalismus als Dominanz der Kapitalbewegungen zeigt sich zuallererst an den von ihnen verursachten Veränderungen in allen Lebensbereichen. Persönliche Abhängigkeit wird zunehmend ersetzt durch solche vom Markt, das Warenangebot verändert das Leben, erleichtert es manchmal. Frei eingegangene Arbeit lohnt sich mehr, und mehr Menschen stehen mehr Karrieren offen. Dabei werden arm und reich nicht mehr nur nach Geburt, sondern stärker nach eigener Leistung bestimmt, auch wenn der erhebliche Wohlstand weniger auf der relativen Armut vieler beruht.

 

Die politische Macht von Teilen des großen Kapitals in den Städten bricht sich an der der Fürsten und Könige, die die ganz großen Entscheidungen mit ihrem Umfeld treffen. Aber Fürsten und Könige werden im Verlauf des hohen und späten Mittelalters immer abhängiger von dem, was Kapital erwirtschaftet und was entsprechend Handwerk und Landwirtschaft vorantreibt. Kriege müssen bezahlt werden und werden oft vom Kapital vorfinanziert. Umgekehrt sollen ihre Ziele zunehmend den Bewegungen des Kapitals im eigenen Land dienen. Neben den bisherigen Krieg tritt in ersten Ansätzen der ausgesprochene Wirtschaftskrieg.

Das Regieren, Ausüben politischer Macht, soll nicht nur Einkünfte bringen, es kostet auch zunehmend Geld, welches bald nicht mehr primär aus fürstlich-königlichen Besitzungen herrührt, sondern aus der freieren Wirtschaft abgeschöpft wird. Fürsten und Könige in deutschen Landen verpfänden ganze Ortschaften und Städte, zudem Rechte, die der Machtausübung dienen, um an Geld des großen Kapitals zu kommen. Regieren wird kreditfinanziert, und durch das späte Mittelalter werden deutsche Königswahlen vom Kapital finanziert, welches nicht immer, aber oft einen einträglichen Gegenwert bekommt. Italienische Stadtherrschaft wird vom einheimischen großen Kapital über Anleihen finanziert, die wiederum erhebliche Renditen abwerfen.

 

All das wird hier weiter im einzelnen zu untersuchen sein, angefangen bei jenen Besonderheiten in Teilen des lateinischen Abendlandes, die Rahmenbedingungen der Entstehung von Kapitalismus sind. Aber es gibt eine Vorgeschichte, die wenigstens im Überblick angesprochen werden muss.

 

Am Anfang steht der Mensch: Kultur

 

Ganz am Anfang bildet sich im Tierreich die besondere Gruppe der Säugetiere heraus und unter ihnen die ganz besondere derer, die wir Raubtiere nennen, weil sie andere Tiere töten und fressen, um sich von ihnen zu ernähren. Ein Entwicklungsstrang in der Tierwelt verzweigt sich vor Jahrmillionen in die Gruppe der Affen und die Menschen andererseits, und die letzteren ernähren sich durch fast ihre ganze Geschichte hindurch vor allem vom Fleisch von eingesammelten und erjagten Tieren.  

 

Vor dem Beginn schriftlicher Aufzeichnungen lässt sich die menschliche Geschichte nur aus wenigen Hinterlassenschaften erschließen. Dennoch ist das ungeheuer wichtig, denn nur aus dieser Evolution lässt sich ein Bild vom Menschen entwickeln, welches von dem ideologisierenden seit den frühen Zivilisationen und bis heute deutlich abweicht. Ohne ein möglichst wirklichkeitsnahes Bild vom Menschen gibt es aber keine wissenschaftlich brauchbare Vorstellung von dem, was sie als Kapitalismus in ihrer Spätzeit hervorbringen werden.

 

Biologisch verändern sich Körper, Extremitäten, Kopf und Gehirn der Menschen zum einen intern evolutionär, zum anderen durch das regionale Aufkommen besonderer Menschenarten und ihre Kämpfe um Lebensräume, wobei am Ende sich der afrikanische homo sapiens dem eurasischen Neanderthaler offenbar als überlegen erweist. Es handelt sich zunächst um Jäger, die zusätzlich pflanzliche und tierische Nahrung einsammeln und dabei entweder umherziehen oder für längere Zeit zum Beispiel in Höhlen zuhause sind. Mit der Erfindung von Steinwerkzeugen für die Jagd und die Zubereitung der Nahrung und mit der Nutzung des Feuers gewinnen sie nach und nach eine gewisse Überlegenheit über immer mehr Bereiche der übrigen Tierwelt; insbesondere das gegarte Fleisch hilft bei Wachstum und Ausdifferenzierung des Gehirns.

 

Die biologische Entwicklung des Gehirns fällt mit einer zweiten zusammen. Wie alle Lebewesen treibt auch den Menschen der Drang an, das eigene Leben soweit zu erhalten, dass es fortgepflanzt werden kann. Es ist dies die einzige Triebkraft, die den Menschen von Natur aus bewegt, und erst seit kurzem können sie diese Triebhaftigkeit konsequent von ihrer Zielvorgabe, dem Weitergeben von Leben trennen.

 

Es handelt sich bei der Innovation in grauer Vorzeit einmal um den nunmehr ganzjährig auftretenden Geschlechtstrieb des männlichen Tieres/Menschen bei ganzjähriger Empfängnisbereitschaft des weiblichen, die dies mit durchweg geschwollenen Brüsten auch ohne Milch körperlich verdeutlicht, Ersatz für die Signalwirkung der Hinterbacken bei jenen Tieren, die noch auf allen Vieren sich bewegen. Das heißt, die Geburten werden von der saisonalen Günstigkeit der Ernährung entkoppelt, weil Menschen nicht mehr ganz und gar von ihr abhängig sind. Dadurch kommt es zu einer ersten Stufe der Entkoppelung von Triebhaftigkeit und Fortpflanzung bei den einzelnen Individuen: eine elementare Veränderung.

 

Damit verbunden ist die Notwendigkeit der Domestizierung oder besser (Be)Zähmung der dem Trieb innewohnenden Aggressivität, da Menschenkinder in besonders hohem Maße und vor allem besonders lange von den Eltern aufgezogen, versorgt und beschützt werden müssen, was einen friedfertig-solidarischen Innenraum voraussetzt. Dafür entstehen Ehe und Familie und darüber hinaus Gemeinschaften, die entweder physisch oder sogar darüber hinaus symbolisch auf Verwandtschaft beruhen.

 

Verbunden mit der Nutzung von Steinwerkzeugen und des Feuers, ganzjährigem sexuellem Begehren und seiner Domestizierung, Bezähmung, ist die Entwicklung von Sprache. Die Summe von all diesem soll hier als Kulturbildung, Kultivierung bezeichnet werden, das, was am Ende alle Menschwerdung vor jeder Zivilisierung ausmacht. Diese Nutzung eines Begriffs, der selbst erst aus der antik-römischen Zivilisation überliefert ist und dort in dem Gegensatzpaar Natur - Kultur seine Bedeutung findet, ist eine Notlösung, da unsere Sprachen keinen anderen anbieten. Dies ist es deshalb, da im antiken Kontext Kultur erst im Zusammenhang mit Ackerbau und Viehzucht auftaucht.

 

Sprache ist ein mächtiger und gefährlicher Stolperstein auf dem Weg jeglicher Geschichtsschreibung, und dies zuallererst deswegen, weil sie zeitgebunden ist. Das Wort Kultur in seiner lateinischen Form taucht zunächst in der römischen Antike auf und bezeichnet seitdem ständig Neues und Anderes. Die Entscheidung, seinen Gehalt zunächst einmal auf dem kritisch zu betrachtenden Gegensatzpaar Natur und Kultur zu fundieren, und dann Kultur bzw. Kultivierung als jenen Menschwerdungsprozess zu begreifen, der in den sogenannten jungsteinzeitlichen Neuerungen aufgeht, auf denen dann Zivilisationen beruhen, begründet sich darauf, das Wort erst einmal aus seinem zivilisatorisch-propagandistischen Nebel herauszunehmen, der an entsprechender Stelle weiter unten beschrieben wird, und es einer analytischen (d.h. kritischen) Wissenschaftlichkeit zugänglich zu machen.

 

Sprache selbst ist aber zugleich ein wesentlicher Teil von Menschwerdung, von Kultur. Ihre Besonderheit besteht nicht in ihrer Fähigkeit, etwas mitzuteilen, denn das können viele der übrigen Tiere mehr oder weniger auch. Vielmehr liegt ihre Bedeutung in der differenzierten Benennung von Gegenständen, Vorgängen und Eigenschaften, der Bezeichnung von sprachlich gestalteter Wirklichkeit.

Mit ihrer Bezeichnung verdoppelt sich Wirklichkeit, wie man am besten anhand der Höhlenmalereien verstehen kann. Es gibt nun weiterhin eine unmittelbar wahrgenommene Wirklichkeit und darüber hinaus eine vorgestellte, wie sie sich im Wort und später im Bild und auch in kleinen Statuetten ausdrückt. Letztere wird zur Welt des den Menschen Bewussten, zur von ihnen geschaffenen Wirklichkeit, unter die sich noch eine andere des wenig oder gar nicht Bewussten schiebt, welches unter Bedingungen der Kulturbildung unterdrückt wird.

 

Unterdrückt werden müssen zuallererst aggressive Impulse, und zwar vor allem die sexuellen, die sich mit dem ganzjährigen triebhaften Begehren vom Fortpflanzungsziel entfernen, ohne dass das wohl zunächst bewusst wird. Das Wort Aggression leitet sich vom lateinischen aggredi ab: irgendwo hingehen, etwas unternehmen, angreifen. Ihr Gegenstück im Deutschen ist seit dem 19. Jahrhundert die dem Französischen entnommene Depression. Diese bezeichnete das Niederdrücken und dann auch das Bedrücktsein. Es macht die Kunst von Kulturen aus, eine Mitte zwischen Aggression und Depression auszutarieren.

 

Physische Aggression als körperliche Gewalttätigkeit war in fast allen Kulturen überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, Männersache. Das mag wenig mit der etwas größeren Körperkraft der Männer zu tun haben, deutlich mehr mit der Mutterschaft der Frauen. Aber das Testosteron, welches den Männern etwas stärkere Muskeln aufbaut, ist zuvörderst ein Fortpflanzungshormon, welches die Produktion von Sperma befördert und den natürlichen Drang nach deren Insemination in Frauen. Testosteron macht darum physisch aggressiv. Das hindert Frauen nicht daran, ebenfalls Aggressionen aufzubauen, aber sie blieben in der Vergangenheit tendenziell stärker im verbalen Raum.

 

Aggression verläuft bekanntlich in Wellen, in denen Energie(n) aufgebaut und in der aggressiven Aktion wieder abgebaut werden. Sie ist also kein Zustand, sondern ein sich aufbauendes Potential, das sich in der aggressiven Aktion vorübergehend erschöpft.

 

Eskurs: Aggression, Gewalt, Krieg und Sigmund Freud

 

Herodots polemos patér, jener gerne in "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" übersetzte Satz, meint im Kern wohl nicht Krieg, sondern Kampf und Streit, agon. Ich möchte das auf das Folgende konzentrieren: Das Säugetier Mensch ist ein Raubtier insofern, als es sich von vorneherein nicht nur von Pflanzen, sondern auch von Fleisch insbesondere von Säugetieren ernährt. Und es ist wie andere Tiere auch von jenem Kampf ums Dasein geprägt, der Konflikte mit Mitgliedern der eigenen Art mit sich bringt. Aggression und Gewalt sind ihm eingeboren und haben zu einem guten Teil den Fortschritt seiner Geschichte hervorgebracht und getragen. Soweit die Biologie, wenn man das so nennen möchte. In der Geschichte des Menschen ist der Krieg eine der beständigen Konstanten. Dazu ein kurzer Rekurs auf Sigmund Freud. 

 

1930 schreibt dieser am Ende des 'Unbehagen in der Kultur': Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint es mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions - und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten.

 

Der "Selbstvernichtungstrieb" des Menschen ist mir so wenig ersichtlich wie ein Todestrieb, und die Aggression ist gewiss auch kein spezifischer "Trieb", sondern Aspekt des Getriebenseins alles Lebens, ansonsten scheint sich mir aber die Aktualität dieses Abschnitts in den letzten 80, 90 Jahren eher dramatisch verschärft zu haben. An anderer Stelle schreibt Freud:

Für alles weitere stelle ich mich auf den Standpunkt, dass die Aggressionsneigung eine ursprüngliche, selbständige Triebanlage des Menschen ist, und komme darauf zurück, dass die Kultur ihr stärkstes Hindernis in ihr findet. ('Unbehagen', VI)

 

Es sieht, wenn wir diesen Gedankengängen von Freud folgen, so aus, dass Kultur und damit der Mensch in einem Feld aus konstruktiven und destruktiven Antrieben entsteht, in einem Kampf, wie er sich an der Menschenart vollzieht. (s.o.) Aber die destruktiven Seiten sind auch die produktiven und die konstruktiven auch die zerstörerischen.

 

Anders gesagt, in den Prozessen der Kulturbildung, d.h. der Menschwerdung, entwickeln Menschen in sich Ambivalenzen, die sich in dem, was als Kultur nach außen tritt und so beschreibbar wird, wiederfinden...

Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die wir bei uns selbst verspüren können, beim anderen mit Recht voraussetzen, ist das Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten stört und die Kultur zu ihrem Aufwand nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit der Menschen gegeneinander ist die Kulturgemeinschaft beständig vom Zerfall bedroht. Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde sie nicht zusammenhalten, triebhafte Leidenschaften sind stärker als vernünftige Interessen. Die Kultur muss alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen, ihre Äußerungen durch psychische Reaktionsbildungen niederzuhalten. ('Unbehagen', V)

 

Die "Kultur" bietet natürlich gar nichts auf, sondern das tun Menschen. Die gedankliche Leistung Freuds besteht desungeachtet darin, von sich und dem unmittelbaren Gegenüber auszugehen (bei uns - beim anderen), also aus der unmittelbaren Erfahrung heraus Gedanken laufen zu lassen. Damit verschwindet die hochmütige Distanz der Wissenschaften zum Menschen, die umgekehrtes Erbe der demütigen Distanz der Theologie zu Gott war.

 

Der obige Abschnitt geht folgendermaßen weiter: Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher auch das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, dass nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft. Da das Verbot das Gehemmte aufstaut, so dass es wie eine Flut den Damm brechen kann, wären Kulturen mit hohem Verbotsniveau solche, die episodische Beschleunigungen erhielten. Aber das für sich ist gewiss zu einfach, da es die Rückkoppelungen der Kultur auf die Menschen und damit sich selbst außer Acht lässt.

 

Freuds Erwartungen an eine künftige Pathologie der "kulturellen" Gemeinschaften in seinem 'Unbehagen in der Kultur' sind entgegen dem, was gemeinhin über diesen Text gesagt wird, von einer letzten Hoffnung geprägt. Lorenzer und Görlich ( Einleitung zu: Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur) haben sie in anderer Reihenfolge als implizite in einer Aneinanderreihung von Zitaten aus der wenige Jahre vorher entstandenen 'Zukunft einer Illusion' herausdestilliert. Das mag man inzwischen eher bezweifeln. 

Ist doch der Einzelne existentiell ein Feind der Kultur, die doch zugleich ein allgemeinmenschliches Interesse sein soll. Anders ausgedrückt setzt sich der Grundkonflikt aus den seiner Triebstruktur entspringenden individuellen Bedürfnissen und den ihm eingepflanzten Bedürfnissen menschlicher Gemeinschaft zusammen. Dort sind die Quellen der Unzufriedenheit mit der Kultur zu suchen. Das Unbehagen in der Kultur ist so Ausdruck von Unzufriedenheit mit ihr.

 

So bekommt man den Eindruck, dass die Kultur etwas ist, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderzahl auferlegt wurde, die es verstanden hat, sich in den Besitz von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen.

Hier zeigt sich die ganze Schwäche von Freuds Entscheidung, Kultur und Zivilisation nicht zu trennen, - aber Freud war kein Historiker. Es gibt keinen Hinweis darauf, die Bemühungen der Kultur nicht als Gemeinschaftsprojekt zu sehen, es sind die Zivilisationen, in denen wenige viele unterjochen.

In dieser ansonsten faszinierenden Konstruktion wird der Fehler nur eine Seite später deutlicher, wo er Hoffnung an die Frage bindet, ob und inwieweit es gelingt, die Last der den Menschen auferlegten Triebopfer zu verringern, sie mit den notwendig verbleibenden zu versöhnen und dafür zu entschädigen. Es geht um den Umgang mit dem unumgänglichen Kern der Kulturfeindseligkeit. Den sieht er darin, dass jede Kultur auf Arbeitszwang und Triebverzicht beruht und darum unvermeidlich eine Opposition bei den von diesen Anforderungen Betroffenen hervorruft.

 

Schematisch gesehen beruhen auf Arbeitszwang eher Zivilisationen, Kulturen der Wildbeuter stillen Hunger und Durst und jungsteinzeitliche Gemeinschaften produzieren Nahrungsmittel und Werkzeuge aus demselben Grund - wenngleich vielleicht "im Schweiße ihres Angesichtes". Zudem ruft gelungene kulturelle Einbindung keine Opposition hervor, denn die tradierten, auf unmittelbarer Erfahrung beruhenden Bindekräfte von Kulturen sind wesentlich größer als die institutionalisierten Zwangskräfte von Zivilisationen. Unter dem Ansturm der frühkapitalistischen Gewalttäter zerbrechen sehr schnell die zivilisatorischen Überbauten auf anderen Kontinenten wie die der südamerikanischen Anden"staaten", während von dem auf die Ebene von Kultur zurückgefahrenen Erbe in entlegenen Gebieten immer noch kleine Reste vorhanden sind, auch wenn deren endgültige Zerstörung von außen weiter fleißig vorangetrieben wird.

 

Am Ende von 'Warum Krieg' formuliert Freud an Einstein:

Ich meine das Folgende: Seit unvordenklichen Zeiten zieht sich über die Menschheit der Prozess der Kulturentwicklung hin. (Ich weiß, andere heißen ihn lieber: Zivilisation.) Diesem Prozess verdanken wir das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden.

In diesem Gegensatzpaar steckt eine legitime, aber höchstpersönliche Wertung, jedoch die Grundidee scheint solide: Jeder Fort-Schritt in der Menschheit ist mit Opfern erkauft.

 

Anders gesagt: Aggression ist Leben, ihre Domestikation schafft Kulturen und ihre bewusste Nutzung durch institutionalisierte Macht baut Zivilisationen. Zivilisation und Krieg sind identisch. Man muss also nicht auf spezifische kriegerische Momente der römischen oder germanischen Welt zurückgreifen, um zu wissen, dass der Krieg in der Zwischenzeit zwischen Antike und Mittelalter zentraler Motor aller Entwicklung sein wird und damit auch zu den Wurzeln des Kapitalismus gehört.

 

Lehnen wir uns kurz zurück und fragen: Ist nicht der Friede erstrebenswerter als der Krieg? Darauf gibt es zwei historische Antworten: Einmal ist der Friede das Ziel jeden Krieges, nämlich der der "befriedeten" Besiegten und Unterworfenen. Bislang lautet dabei das Fazit aller Zivilisationen, dass es ohne Krieg nie Frieden gab. Und der Krieg ist das Herzstück aller Zivilisationen seit den Tagen von Sumer, der Pharaonen in Ägypten und der Kaiser von China. Er ist auch der Kern der heiligen Schriften der Juden und des Islam. Literarisch überlieferte Ausnahmefiguren wie Jesus oder Buddha haben ihre Friedfertigkeit nicht auf ihre spätere Anhänger übertragen können. Aber die absolute Gewaltlosigkeit des legendären Zimmermannssohnes aus Nazareth wird bei aller Nichtbeachtung durch die nachantike Christenheit dennoch eine gewisse Rolle spielen.

 

Ein Aspekt sei noch gesondert angesprochen. Nicht jede Gewaltausübung ist von Grausamkeit gekennzeichnet, auch wenn diese immer Gewalttätigkeit bedeutet.

Das mittelhochdeutsche gruwen benennt eine Mischung aus Furcht und Widerwillen, Abscheu. Das "Grauen" als Substantiv und im neueren Sinne ist laut Duden (Herkunftswörterbuch) so noch nicht im Mittelalter vorhanden. Gruwesam bezeichnet darum noch keine Intention, sondern eine Gefühlsreaktion. Hingegen benennt das lateinische crudelis/crudeliter (von crudus: roh, gefühllos) das, was auch unsere heutige "Grausamkeit" bezeichnet. In heutigen Augen ist das frühe Mittelalter von einem großen "legalen" Spielraum an Grausamkeit in der alltäglichen Machtausübung von „Herren“ (domini) geprägt.

Grausamkeit bezeichnet zweierlei: Zum einen ist es eine moralisierende Sichtweise auf überzogen angesehenes aggressives Verhalten, zum anderen bezeichnet es eine schon bei Tieren zu beobachtende Lust in der gewalttätigen Machtausübung. Ihren Ursprung hat sie sicherlich darin, dass tierisches Leben von Leben, also Lebendigem lebt, welches getötet, zerstückelt, lustvoll zerkleinert und verschlungen wird. Erste Lust in der Grausamkeit ist in der Nahrungsaufnahme begründet.

 

Wichtig ist, dass man annehmen kann, dass Zivilisierung Grausamkeit nicht verringert, sondern eher institutionalisiert und dabei immer stärker von ihrem Ursprung im menschlichen Metabolismus entfernt. Die Amüsierarenen Roms belegen das genauso wie alle Zeiten danach.

 

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In fast allen Kulturen lagen die häufigsten Felder legitimen und offenen Auslebens von Aggressionen im Bereich der Sexualität, der Jagd und des Kampfes von Gruppen um Lebensräume, die letzteren eng miteinander verwandt und weithin Domänen der Männer. Der natürliche Trieb zu leben um sich fortzupflanzen ist den Menschen dabei mit allen Tieren, überhaupt allem Leben gemein und er bedeutet zunächst einmal eben Aggressivität. Ihn für die Gemeinschaft, in der Menschen lebten, nutzbar zu machen, heißt, seinen impulsiven Drang einzuschränken. Insbesondere der ganzjährig aktive Geschlechtstrieb ist für die Menschen nur vorteilhaft, wenn sie ihn beherrschen lernen. Nichts spricht gegen die Vermutung, dass diese menschliche Besonderheit wesentlich an der Entstehung von Sprache beteiligt war.

 

Menschliche Geschlechtlichkeit

 
Leben bewegt sich in seiner Erhaltung, der Ernährung vor allem, und in seiner Fortpflanzung im Geschlechtstrieb. Beides ist vorgegeben und macht komplexere lebendige Natur aus. Beides ist Begehren und zugleich Getriebensein und existiert jenseits irgendeines „warum“ und „wozu“. Es ist einfach da.

Ernährung und Fortpflanzung sind beide aggressiv und egozentrisch, zunächst rücksichtsloser Kampf ohne Reflektion, ohne Empathie, gleichgültig gegen alle menschlichen Ansichten. Die wiederum gehören ohnehin nur denen, die – bildlich gesprochen - bei ihrer Menschwerdung bereits mit einem Bein aus der von ihnen vorgefundenen Natur bewusstseinsmäßig herausgefallen sind.

Menschwerdung wird dann zunächst mit dem Überhandnehmen des ganzjährigen Geschlechtstriebes befasst sein, mit der ein reflexiver Geist dann aus Überlebensgründen umzugehen hat, wofür sich wohl vor allem eine komplexere Sprache entwickelt.

 

Wenn die Entstehung der beiden Geschlechter der Fortpflanzung von Lebewesen diente, so koppelte sich der Geschlechtstrieb beim Menschen von diesem Zweck zunehmend ab: Der aufrechte Gang und die Nacktheit beendeten den spezifischen Säugetierblick auf das weibliche Hinterteil, welches zugleich keine saisonal begrenzte Läufigkeit mehr signalisierte; dafür blieb die bloße weibliche Brust auch gerundet, wenn sie keine Milch enthielt und spenden konnte: Sie wurde zum allgegenwärtigen primären sexuellen Signal der gebährfähigen Frau.

 

Gleichzeitig ruhte beim Menschenmann der Geschlechtstrieb nicht mehr über den größten Teil des Jahres, er wurde vielmehr nach Maßgabe seiner Potenz allzeitbereit, wie bei der Menschenfrau auch. Wie beim Tier ist das wahrgenommene Ziel die Triebabfuhr, die Entspannung sexueller Energie. Im Unterschied zur Tierwelt wurden die Geschlechtsorgane so ausgestattet, dass mit der Triebabfuhr ausgiebigere Lust verbunden war. Dabei liegen die Momente von Lust und Schmerz entwicklungsgeschichtlich nahe beieinander.

 

Die zentralen Lustorgane bei Mann und Frau sind fast dieselben, bei beiden geschieht lustvolle Erregung in Gestalt des Aufschwellens, wobei der männliche Penis die zur Befruchtung, also zur invasiven Aggression nötige Größe hat, während die weibliche Klitoris nach außen winzig ist, da sie nicht zur Fortpflanzung wie die Scheide, sondern nur noch der weiblichen Lust dient, also der Fortpflanzungsbereitschaft.

 

Soweit die Biologie und soweit ist alles bekannt. Selbst die anatomische Beschreibung der Klitoris als einer Art unter- bzw. andersentwickeltem Penis geschah bereits im 16. Jahrhundert. Interessanter ist die Vermittlungsarbeit, in der sich Kultur, kultische Traditionen, Religionen um die Integration einer wildgewordenen Sexualität in sozialverträgliche Zusammenhänge bemühten.

 

Mit folgendem vor allem hatten sich menschliche Kulturen dabei auseinanderzusetzen:

 

1. Mit der Formulierung und Durchsetzung einer gewissen Form der Verbindlichkeit zwischen den Geschlechtspartnern wegen des langwierigen Angewiesenseins des Nachwuchses auf Vater und Mutter und offenbar möglichst auch auf Großeltern. Diese Verbindlichkeit funktioniert aber nur unter einem gewissen Ausschluss der dem Menschen naturgegebenen Promiskuität.

 

Damit findet die Familie ihren ersten Ausgangspunkt. Erweitert wird das durch die Definition solider Verwandtschaftsbeziehungen. Die erste Kulturleistung des Mannes wird also eine partielle Unterdrückung seines sexuellen Begehrens in dessen weitgehender Orientierung auf die Mutter/Mütter seiner Kinder. Diese Unterdrückung wird notwendig ergänzt durch das Inzesttabu in seinen vielfältigen Ausformungen, welches vermutlich nicht genetischen Einsichten entsprang, sondern vielmehr der Erfahrung, dass Formen des Inzests ein gedeihliches Familienleben und Heranwachsen gefährden. Die Unterdrückung weiblichen Begehrens wurde in gewissem Maße auch durch die Dauerhaftigkeit der Mutterschaft gewährleistet.

 

2. Es galt sich auseinanderzusetzen mit der aggressiven Natur des männlichen Geschlechtstriebes, die nicht nur in ihrem invasiven Charakter beim Akt der Fortpflanzung sichtbar wird, sondern auch in der Steuerung durch jene Hormone, die auch ansonsten für Aggressionen zuständig sind (im übrigen beim Testosteron auch für die Hirnaktivität, wobei Frauen dafür weibliche Hormone umwandeln).

 

Die zeitweilige Unterdrückung des Auslebens des Geschlechtstriebes, bei vielen Kulturen zumindest während der weiblichen Monatsblutung, in der Schwangerschaft und selbst noch eine Weile danach, konnte nur dadurch geschehen, dass das aggressive Moment umgewandelt wurde, zum Beispiel auf dem Wege der Sublimation, oder indem es zum Beispiel in geregelte Gewalttätigkeit besonders unter Männern oder in Formen harter körperlicher Arbeit ausgelebt wird. Bei manchen Kulturen gehörte zur Initiation der jungen Männer ein Kriegszug zu Nachbar-Stämmen oder Sippschaften, um die Erfahrung des Abbaus aggressiver Spannung in schiere Gewalttätigkeit zu erlernen.

 

Kultivierung männlicher Sexualität bedeutete also, dass die Männer einen hohen Preis zahlten – den des Verlustes der Spontaneität beim Ausleben sexuellen Begehrens. Der Preis, den die Frauen dafür zahlten, war in der Regel der der Anerkennung männlicher Dominanz. All das fällt unter den Begriff Kultur, also Kultivierung von Sexualität.

 

3. Das Abdrängen sexuellen Begehrens beim Mann (und der Frau) aus dem Raum des Impulsiven in den des Kultivierten ließ dieses nicht einfach verpuffen, sondern führte dazu, dass es als Verdrängtes, Verbotenes ins Unbewusste abgeschoben und dort verändert wurde. Die Häufigkeit offener oder symbolisch verklausulierter sexueller Träume und die von sexuellen Tagträumen und Phantasien bei nicht wenigen zum Beispiel zeigt, dass nicht ganz verschwunden ist, was verdrängt wurde. Eines aber bewirken diese ganzen Vorgänge auf jeden Fall, sie können unsere Emotionen in Gefühle verwandeln, eines unserer wichtigen Unterscheidungsmerkmale von der Tierwelt. E-Motionen, die Bewegungen von innen heraus, werden durch massive und mühsame Kulturleistungen in jene Gefühle verwandelt, die wir zwar zeigen können, deren Wesen jedoch ist, dass sie länger bei uns, in uns verweilen können. Mit ihrem vielfältigen Ausdruck, ein besonderes Kennzeichen von Menschlichkeit, wird differenziertere vorsprachliche Kommunikation hergestellt und Sprache vorbereitet.

 

Durch das kulturelle Erlernen einer Gefühlspalette verstärken wir andererseits überhaupt erst das Talent zur Empathie, dem Wahrnehmen und Mitfühlen von Gefühlen anderer. Menschliche Gesellschaften würden ohne dieses Talent zerbrechen. Es ist wichtiger noch als jede sprachliche Kommunikation und bekanntlich bis heute nicht jedem gegeben.

 

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Das, was heute Wissenschaft formuliert, war bis in die Zeit des frühen Kapitalismus zum Teil unbekannt, aber es war, soweit und so wie jeweils bekannt, tradierte Erfahrungssache und hatte darum seine ganz eigene Verlässlichkeit. Kenntnisse dazu erlangten die Menschen, soweit dem archäologische Forschung nachspüren kann, nicht zuletzt durch Gartenbau, Ackerbau und Viehzucht, also durch die Erfahrungen mit der Geschlechtlichkeit in der Nahrungsproduktion. In der Jungsteinzeit, wo das stattfand, war offensichtlich das menschliche Reflektionsniveau bereits recht hoch, also: Menschen dachten nicht mehr nur, sie dachten ausgiebig nach.

 

Betrachten lässt sich seitdem, dass Geschlechtlichkeit bewusster reflektiert wurde: Es gab Deutungsstrategien für das nicht Sichtbare, für die inneren Vorgänge der Menstruation, über die noch im hohen Mittelalter merkwürdige Ansichten herrschten, über die Rolle des Sperma bei der Fortpflanzung und die angenommene Rolle der weiblichen Sexualsekrete dabei.

 

Zentrales Moment wurde die Entwicklung von Scham und Ekel: Im Unterschied selbst zu den anderen Säugetieren ekelt sich der Mensch vor dem eigenen Kot und oft auch vor dem Urin. Zu dem Ekel verhelfen ihm die Wertungen seines Geruchs- und Geschmackssinnes. Ähnliche Ekelgefühle traten in vielen Kulturen auch gegenüber Sperma und Monatsblut auf. Der Ekel ist sicherlich ein Verstärker der Scham: Schamgefühle sind aber nicht unmittelbar sinnlich begründet, denn im Kern sind sie Schuldgefühle, die sich mit sinnlichem Erleben verbinden.

 

Verstärkt wird die Scham auch durch die enge Nähe von Ausscheidungsorten der Verdauung und Orten der Fortpflanzung (inter faeces et urinas nascimur, schreibt Augustinus, wir werden zwischen Scheiße und Urin geboren), aber diese Nähe besteht auch bei den ganz und gar schamlosen Säugetieren. Die Scham ist also ein Kultur- und kein Natur-Phänomen. Erklärbar ist sie darum nur durch einen Riss im Selbstbild der Menschen ab einer bestimmten Kulturstufe, als sie sich nämlich getrennt zu erleben begannen von einer nun objektivierten Natur: Die Menschen wurden für sich etwas besonderes, waren keine Tiere wie alle anderen mehr. In der Wahrnehmung ihrer Verdauung und Fortpflanzung blieben sie es aber, - und das wurde als beschämend erlebt.

 

Zwei Aspekte menschlicher Geschlechtlichkeit sind dafür besonders augenfällig: Der eine betrifft die Unwillkürlichkeit sexueller Vorgänge insbesondere beim Mann. Seine Erektionen, seine Pollutionen, seine Potenz unterliegen nicht einfach seiner Willkür. Ein Mann kann sich sein sexuelles Begehren auch nicht einfach verbieten. Frauen haben es da aufgrund ihrer sexuellen Konstitution zumindest manchmal ein wenig leichter, aber im Kern gilt dasselbe auch für sie.

 

Kein Mensch kann sich also als Geschlechtswesen ganz und gar als „Herr“ im eigenen Haus betrachten, vielmehr muss er "sich" zumindest auch als Objekt seiner Triebe erleben. Die Kulturleistung ist so deren Subjektivierung, das Ideal ihrer Beherrschung.

 

Der zweite Aspekt betrifft das rauschhaft flutende Moment bei ansteigender sexueller Erregung, bis dann der Verstand aussetzt und der Mensch kurz mal seine angemaßte Würde verliert und auch in seiner eigenen Wahrnehmung wieder "ganz zum Tier" wird.

 

Da sind dann Frauen wiederum stärker ausgestattet, denn ihr scheinbar winziger „Penis“, zum größten Teil den Blicken entzogen, ist ein reines Lustorgan. Daraus werden kulturelle Irritationen hervorgehen und sich in Zivilisationen versteifen. Weibliche Sexualität kann als bedrohlich empfunden werden und so besondere Bändigung und Unterwerfung provozieren.

 

Zu diesen zwei Aspekten kommt ein schwer zu gewichtender dritter, deshalb nicht leicht einordenbar, weil Kulturen damit ganz verschieden umgingen: Es ist die sich bei Mann und Frau verschieden ausformende und leicht verschieden äußernde Verbindung des Schmerzes mit der Lust – sowohl im Begehren wie insbesondere in der Triebabfuhr. Im Stöhnen, Wimmern, diversen Klagelauten usw. äußert sich das bekanntlich – im Orgasmus verschmelzen dann Schmerz und Lust kurz miteinander.

 

Diese eigenartige Verbindung von Schmerz und Lust wirkt reichlich irritierend, besonders wenn man sie als gerade Außenstehender erlebt. Sie wird darum gerne ignoriert, viele versuchen ihre Wahrnehmung für nichtig zu erklären. Gelegentlich werden sie als sadistische und masochistische Momente benannt, was wenig hilfreich ist. Aber in den Texten von de Sade und von Sacher-Masoch wird deutlich, was geschieht, wenn eine Seite deutlich dominant wird – wenn die Lust durch das bewusste Zufügen oder Erleiden des Schmerzes gesteuert oder gar gesteigert wird.

 

Noch einmal: Kultur

 

Das prüde Leugnen der Macht der menschlichen Geschlechtlichkeit begleitet die Geschichtsschreibung der zwei christlichen Jahrtausende, nachdem die jüdischen Jahrhunderte zuvor bereits Sexualität massiv für den Machtapparat und eine völkische Ideologie genutzt hatten. Schon vorbereitet für das Christentum hatte zudem griechische Philosophie das Ideal des Menschen als das seiner vollständigen "Vergeistigung", das, was dann im Deutschen als Heiligkeit bezeichnet wird. Die menschliche Wirklichkeit wird so, religiös gesprochen, zu einem Reich der Sünde, philosophisch gesehen zu einer Welt des zu ignorierenden Pöbels. Ein sinnvoller Kulturbegriff kann so überhaupt nicht zustande kommen.

 

Hier soll Kultur als Anpassung an biologische Veränderungen und Besonderheiten verstanden werden, und deren Beschleunigung wiederum als durch Kultur vermittelt aufgefasst sein. Natur und Kultur sind also interdependent.

 

Die ursprüngliche Kulturleistung, wie sie als erster Sigmund Freud reflektierend begriffen hat, verlangte nach einer Impulskontrolle, die im immer wieder zu leistenden Verzicht auf das Ausleben von Triebhaftigkeit, also Aggression, in den menschlichen Gemeinschaften gipfelte, dem entscheidenden gemeinschaftsbildenden Akt. Die Unterdrückung von Aggression bei gleichzeitiger Vermeidung ihrer Verwandlung in Depression oder der Verwandlung in die Gattungsgeschichte bedrohende Perversionen nach der Abdrängung ihrer Neigungen ins Unterbewusste bzw. zur Gänze Unbewusste wird durch jene Vorgänge von Reflektion begleitet, die nach spezifisch menschlicher Sprache verlangen. Sie leistet zudem auch jene Kommunikation, die das ganzjährig aggressive Gehabe, welches zur sexuellen Triebabfuhr drängt, gemeinschaftsbildend umformt.

 

Das Maß an Aggression, welches das Raubtier Mensch nicht mehr in den lebensnotwendigen Gemeinschaften ausleben kann, wird nach Möglichkeit kultivierend nach außen abgeleitet: So wird das Töten von Menschen im Verwandtschaftsverband trotz und zugleich wegen der erhöhten, durch die Permanenz des Geschlechtstriebes begründeten Aggression, also dem in der Fortpflanzung gipfelnden Kampf ums Dasein, dem Willen zur Macht, wie ihn Nietzsche nennt, tabuisiert und nach außen abgeleitet: Damit bescheiden sich Menschen aber nicht mehr mit gegenseitiger Verdrängung im Kampf um Nahrung, sondern sie führen das Töten von Artgenossen außerhalb der eigenen Gemeinschaft als integralen Teil ihrer Lebensführung ein und zugleich den Mord als verbotenes, aber offenbar immer wieder unvermeidliches Töten in ihr.

 

Kultur als Bezähmung von Triebhaftigkeit bedeutet deren immer wieder auch neue Frustration, und deren Aushalten ist Leidensfähigkeit. Sprache liefert dafür erste Begründungszusammenhänge als Erklärungsversuche. Die Kompensation des Leidens liegt aber zunächst im Erleben des Erfolges von Kultur als Überlebensstrategie im Kampf ums Dasein. Menschen erobern sich immer mehr Lebensräume auf der Erde und passen sich an diese an.

 

Dabei spricht alles, auch die Kenntnis bis vor kurzem noch nicht ausgerotteter bzw. zerstörter Kulturen, dafür, dass das ursprüngliche Kulturwesen Mensch sich noch weitgehend als integraler Teil der lebendigen Natur verstand. Das, was ihn auch für sich selbst deutlich von der übrigen Natur trennt, Formen von Scham und Ekel, die sich auf die Ausscheidungen der Verdauung und die sichtbaren Teile der Fortpflanzungsorgane beziehen, löste ihn offenbar bewusstseinsmäßig noch nicht völlig aus den lebendigen Zusammenhängen der Natur heraus, zeichnete ihn aber zugleich bereits wesentlich als Kulturwesen aus.

 

Ganzjährige Fortpflanzung, Kultivierung der sexuellen Triebanteile, eine Reflektion, also bewusstes Nachdenken ermöglichende Sprache und mit all dem zusammenhängende Formen von Gemeinschaftsbildung bei Ausbildung von Scham, Ekel und damit zusammenhängendem Tabu erweisen sich als Erfolgsprogramm von Natur in der Kultur. Daraus resultiert nicht nur die Ausbreitung der Menschen über die Erde, sondern auch das Wachstum mancher Populationen. Dem diente primär die Entwicklung immer neuer Jagdtechniken und damit verbundener Waffen, wozu die Tatsache gehört, dass dem Menschen gerade im Zusammenhang mit seiner neuartig gehemmten Aggressivität als originär daraus erwachsender Perversion keine Tötungshemmung mehr gegenüber Artgenossen gegeben ist, wobei Kultivierung diese Perversion innerhalb der eigenen Gemeinschaft einzudämmen sucht, sie außerhalb allerdings als Teil dieser Kultur betrachtet. Jagd- und Waffentechnik werden also gegen Tier und Mensch eingesetzt und dabei immer mehr verbessert. Dabei verändert sich vor allem das menschliche Gehirn auch durch den durch den Gebrauch des Feuers verbesserten Fleischgenuss - und nähert sich der heutigen Form und Größe an.

 

Ein wesentlicher Bestandteil von Kulturbildung ist, wie schon angedeutet, die Herstellung einer vorgestellten Welt, die zunächst auf Erfahrung beruht und soweit Wirklichkeit ausmacht. Die elementaren Wissenslücken, die dabei auftauchen, scheinen recht früh durch Vorstellungen gefüllt worden zu sein, die ein geschlossenes Weltbild erlauben, eines, welches durch Umformungen zu dem wird, was später altgriechisch als Mythos bezeichnet wird, eine Art Welterklärungs-Erzählung. Das Aushalten von Nichtwissen im elementaren Bereich scheint in unterschiedlichen Kulturen, von denen wir ein Restwissen haben, unterschiedlich stark ausgeprägt gewesen zu sein. Lücken werden aus Angst durch Glauben ersetzt.

Neben die Unerträglichkeit des Nichtwissens tritt punktuell auch die des Wissens, welches dann nach Möglichkeit abgelehnt wird. Irgendwann fällt darunter auch die Kenntnis von dem, was mit Lebewesen nach ihrem Tod geschieht, nämlich Verwesung und Zerfall, und dieses Wissen wird als unerträglich durch den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode ersetzt. Kulturbildung heißt auch, mehr oder weniger seinen Sinnen nicht mehr ganz zu trauen, nämlich dort, wo sich unangenehme Wahrheiten auftun.

 

Während Wissen Gemeingut sein kann, ist der Glaube als schiere Fiktion für jeden größeren Verwandtschaftsverband spezifisch und prägt so seine Besonderheit. Damit fördert er die Abgrenzung und den inneren Zusammenhalt. Dazu dient dann seine festliche Zelebrierung im Kult, der schließlich häufiger  an einem festen Platz stattfinden kann.

In seinen Glaubensvorstellungen und im Kult trennt sich der Mensch von der für ihn erfahrbaren übrigen Natur. Er erlebt seine nunmehr imaginierte Besonderheit. Der Zusammenhalt der jeweiligen Gemeinschaft wird dann auch dadurch gefestigt, dass dieser Kult mit seiner Vorstellungswelt durch die Generationen tradiert wird, und zwar genauso wie die Herstellung von Geräten, insbesondere Waffen und Bekleidung und Besonderheiten der Ernährung.

Ein Schleier bloßer Vorstellungen legt sich über die erfahrbare Wirklichkeit, wobei er durchaus in einer gewissen Relation zu dieser steht, also in verschiedenen naturräumlichen Gegenden sehr verschieden sein kann. Da aber nun der Glaube letztlich durch keine erfahrbare Wirklichkeit fundiert ist, muss er umso intensiver sein. Damit nimmt das Unheil der Menschheitsgeschichte seinen Lauf.

 

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Menschliche Geschichte beinhaltete immer schnellere Veränderungen, viel schneller als bei anderen Lebewesen: Die Veränderungen des Menschen verändern dabei immer mehr die von ihm bevölkerte Welt. Bereits in frühen Zivilisationen ist ein Tempo erreicht, welches sich in der Wahrnehmung zumindest der untertänigen Massen nicht mehr hinreichend erfassen oder begreifen lässt: Diese werden zu willfährigem Material für die wenigen Mächtigen.

 

Eine von der Achäologie der letzten fünfzig Jahren beflügelte These versucht den Übergang von Hägern und Sammlern zu Ackerbauern und Viehzüchtern folgendermaßen zu erklären: Die Erfolgsgeschichte des sogenannten steinzeitlichen Menschen führte zu einem Anwachsen der Populationen in einigen Gegenden der Erde und damit zugleich zu einer Verringerung des jagdbaren Wildes. In wenigen heute durch Forschung eingrenzbaren Gegenden der Erde, offenem, nicht durch Urwälder, Sümpfe oder nackten Fels gekennzeichneten Land, schafften Menschen es, nicht wie alle anderen Lebewesen notgedrungen die Dichte der eigenen Populationen an die Zahl der noch vorhandenen Lebewesen für die Ernährung anzugleichen, sondern durch die Erfindung von Garten- und Ackerbau und Viehzucht neue Nahrungsquellen zu erschließen, die dann ein noch weitergehendes Anwachsen der Menschheit ermöglichten bei gleichzeitig rapide zunehmender Verdrängung nun als "wilder" von domestizierten Lebewesen unterschiedener Pflanzen und Tiere. Ganze Landschaften werden dabei zu menschengemachten Regionen.

 

Diese auf Ernährung bezogene "ökonomische" These muss aber ergänzt werden durch eine, die die Macht des Bewusstseins in seiner Arbeit an der Verdrängung von Anteilen ins Unterbewusste bzw. Unbewusste einbezieht. Das betrifft nicht die Räume tropischer Urwälder, wo Ansätze von Gartenbau und rudimentäre Viehzucht weiter mit Wanderbewegungen verbunden sind, sondern jene Welten, in denen Ackerbau vor allem in längere Sesshaftigkeit führt. Insbesondere ist dabei auf den bewussten Umgang mit der eigenen Geschlechtlichkeit und weiblicher Fruchtbarkeit vor allem einzugehen, der sich dann in der bewussten Zucht von Pflanze und Tier wiederfindet. 

Die bewusste Nutzung und Unterwerfung pflanzlicher und tierischer Geschlechtslichkeit unter menschliche Bedürfnisse in solchem Umfang ist ohne die eigene Domestikation der sehr spezifischen menschlichen Sexualität nicht erklärbar. Und nur daraus entwickelt die frühe lateinische Antike den Kulturbegriff: Er bezeichnet den bewussten und nutzbringenden Umgang des Menschen mit der Natur und eben auch der eigenen.

 

Die Zucht von Pflanzen und Tieren verwandelt das Leben der damit befassten Menschen im Neolithikum radikal. Nun wird Nahrung nicht mehr durch Sammeln und Jagen in dem Maße besorgt, in dem es gerade und wann es gerade benötigt wird, sondern es wird nun planvoll durch tagtägliche und den Tag zunehmend ausfüllende Mühen der Erde und der Natur abgerungen. Die werden dabei so verändert, dass sie vornehmlich der menschlichen Ernährung dienen. Die übrige lebendige Natur wird dort verdrängt bzw. vernichtet. Erst jetzt beginnt auch der Vorgang der massenhaften Ausrottung von immer mehr Tier- und Pflanzenarten.

Sesshaftigkeit fängt an, und damit der Bau stabilerer Hütten und zunehmend das Zusammensiedeln von größeren Gruppen. Nachweisbar ist das alles für das 8. Jahrhundert zwischen Kleinasien, Syrien und Palästina (Jericho), im 6. Jahrhundert werden Ägypten und der Balkan erreicht, ein Jahrtausend später der ganze nördliche Mittelmeerraum und zwei weitere später der europäische Norden.

 

Werkzeuge gibt es in Ansätzen schon in der Tierwelt. Jäger und Sammler erweitern das Repertoire. Schon damals entwickelt sich wohl erstes Spezialistentum, eine Arbeitsteilung, die über die natürliche, nämlich die sexuelle hinausgeht. Mit dem Beginn der Nahrungsproduktion wird solche Arbeitsteilung massiv ausgebaut, Experten werden nun zunehmend zu Handwerkern, die Werkzeuge, Gefäße, Behälter zum Aufbewahren geernteter Nahrung, und Waffen herstellen. An ersten Orten wird das Trocknen von Keramik an der Sonne durch die Härtung im Feuer ersetzt. Kochgeschirr entsteht. Mit der Wolle von Schafen beginnt das Weben und die Textilproduktion. Wichtig wird auch der Boots- und Schiffbau, mit dem Mittelmeerinseln zum Beispiel erreicht werden. Die Menschen unterscheiden sich kaum noch von jenen, in deren Mitte um das Jahr 1000 unserer Zeitrechnung sich die Wurzeln eines Kapitalismus einnisten. Nur zivilisiert, nämlich zu Untertanen gemacht müssen sie vorher noch werden.

 

Mit dem Kampf um Weidegründe nähert sich der Verdrängungswettbewerb um Jagdgründe immer mehr dem, was wir später Krieg nennen können, und derselbe entwickelt sich auch zwischen Jägern und nomadisierenden Viehzüchtern einerseits und sesshaften Bauern auf der anderen Seite, von deren Mühen man im Krieg möglichst mühelos profitieren möchte.

 

Die Rhythmen von Aussaat und Ernte, Anzucht und Schlachten usw. verlangen planvolle Aufbewahrung und Konservierung für die Zeiten dazwischen. Im Zuge der Spezialisierung im Handwerk und der Diversifizierung je nach vorhandenen Rohstoffen kommt es zu immer mehr Warentausch und zu Handel, der in der Steinzeit bereits, wenn auch nur sporadisch, mit einigen Zwischenhändlern interkontinental wird. Der Mensch beginnt zu wirtschaften.

 

Indem in der Jungsteinzeit nun mit der Domestizierung von Pflanzen und Tieren, also ihrer Unterwerfung unter den alleinigen Gesichtspunkt der Nützlichkeit für den Menschen, die Veränderung der Erde als ganzer mit der Vernutzung großer Landschaften beginnt, fängt vermutlich das an, was in der Genesis als Vertreibung aus dem Paradies erinnert wird, eben auch ein enormer Schub neuen, selbst verursachten Leidens, welches nicht mehr einfach kompensiert werden und zudem offensichtlich immer weniger durch zusätzliche Gratifikationen versüßt werden kann. Damit kommen wir zur Erfindung der Religionen, die Begründungszusammenhänge schaffen für das, was nun ertragen werden muss: Statt Einsammeln und Erjagen von Nahrung tritt die (produktive) Arbeit als das Leben der meisten Menschen dominierender Faktor auf.

 

Es ist gedanklich nachvollziehbar, wenn auch nicht dokumentierbar, dass in dem Leiden, welches Arbeit über die Menschen brachte, die Wurzeln für jene Erlösungssehnsüchte liegen, die im Endstadium der Menschheit der Kapitalismus von einem fiktiven Jenseits ins Diesseits der Wirklichkeit zu transportieren verspricht. Und alle Untersuchungen hier über die Entstehung des Kapitalismus zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert laufen immer mehr darauf hinaus, dass damals Erlösungssehnsüchte beginnen, sich in solche einer zunehmenden Diesseitigkeit hinein zu transformieren.

 

Schon in der Steinzeit begannen Menschen, Naturwesen und zugleich werdende Kulturwesen, ihr Gegenüber "Welt" als Gegenstand zu betrachten. In Höhlenmalerei und kleinen Skulpturen wird das deutlich, aber auch in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, die sich in Begräbnissitten niederschlägt und schließlich in Grabbeigaben, die auf den Glauben an ein Weiterleben irgendwie und irgendwo verweisen.    

 

Als Herren ihres jeweiligen Stückes Erde erfinden einige menschliche Gemeinschaften in  Auseinandersetzungen mit Nachbarn auch eine spezifische Form von vorübergehendem Häuptlingstum nicht zuletzt als Anführerschaft in aggressiver Gewalttätigkeit. In Gegenden, in denen Formen von Bewässerung übergeordnet organisiert werden müssen, etablieren sich wie in Mesopotamien und im Niltal solche Häuptlinge auch deshalb dauerhaft. Dazu werden nun Vorformen von Religionen erfunden, die versuchen, das, was Freud das Unbehagen in der Kultur nennt, letztlich ihr Leidenspotential, zu erklären und zu begründen, um zudem Hoffnungen auf jenseitige Welten als Ansporn in dieser zu entwickeln. Krieg, Organisation von Arbeit und frühe Vorformen von Religion verbinden sich in der Erhebung Mächtiger, die sich die produktiv Arbeitenden zu Untertanen machen. Nach der Menschwerdung als originärer Entstehung von Kultur und der Kultivierung der pflanzlichen und tierischen Sexualität in der Zucht mit dem Leiden an dem neuen Arbeitsalltag mit seinen Mühen kommt nun noch der Leidensdruck der Untertänigkeit im Prozess der Zivilisierung hinzu.

 

Eine frühe Stadt ist um 7000 Jericho mit Stadtmauern und Türmen. Neben Fleisch treten Mehl und Gemüse und bald auch Obst. Agrarische Überproduktion führt zur Erweiterung von Handel. Mächtige lassen ihr Wirtschaften und Abgabesystem schriftlich fassen: Die Schrift entsteht. Aus einigen Kulturen werden Zivilisationen.

 

Wir sind im biblischen Orient an dem Punkt der Josiasgeschichte des Alten Testamentes angekommen, dem Bündnis des zum dauerhaften Machthaber gewordenen Kriegsführers mit seiner Priesterschaft zwecks Schaffung eines herrschaftlich kontrollierten Verbundes produktiv arbeitender und durch Abgaben und Stellung von Kriegern auszunutzender Untertanen. Oder in dem typologisch viel früheren Stadium, an dem im nördlichen Mittelmeerraum Hirten, Gärtner und Ackerbauern unter die Macht einer Herrenschicht geraten, deren wichtigste Betätigung kriegerische Gewalt und Unterdrückung wird.

 

Zwei Stadien von Kulturen, die ursprünglicher Menschwerdung und die von Nahrungsproduzenten, gehen also dem Stadium der Zivilisierung, der Unterwerfung von Menschenmassen unter Machthaber voraus. In der verklärenden Erinnerung der Menschen, die später zu Mythen gerinnt, werden dann Vorstellungen von einem früheren Paradies entwickelt, einem goldenen Zeitalter oder Vorstellungen eines Reiches relativer Freiheit.

Wissenschaftlichkeit verlangt aber danach, hinter den Schleier der Mythen zu schauen, wie sie bis heute dann die Gemüter beherrschen, und dafür eine Begrifflichkeit zu entwickeln und zu nutzen, die analytisch ist und damit einer kritischen Geschichtsbetrachtung dient.

 

Natur, Kultur und Zivilisation

 

Wir unterscheiden gerne zwischen dem, was ist, und dem, was geschieht. Dabei ist gar nichts, sondern alles wird und vergeht. Die Welt ist das, was unentwegt geschieht. Aber wir leben so, als ob das nicht so wäre, denn unsere Psyche braucht eine stabilere Welt mit vielen Konstanten, und die Sprache gibt uns dafür die Namen. Zudem sind unsere Sinne außerstande, die meiste Veränderung wahrzunehmen und wenn das doch möglich wäre, würden wir sofort durchdrehen, uns würde schwindelig werden.

 

Also unterscheiden wir zwischen Dingen und Geschehen. Geschehen wäre dann das, wovon wir merken, dass es geschieht. Dazu gehören zum Beispiel alle wahrgenommenen Bewegungen von dem, was wir für solide Dinge halten. Aber jenseits dieser Welt sinnlicher Wahrnehmung haben wir eine zweite, in der wir Dinge und Geschehnisse einordnen und verknüpfen. Erst diese mehr oder weniger vernunftgeleitete Verstandestätigkeit konstruiert Welt, genauer gesagt, die verschiedenen verschiedener Menschen.

 

Über dieses Verstehen hinaus benutzen wir Begriffe, die keiner sinnlichen Wahrnehmung entspringen, sondern Schlussfolgerungen aus ihr sind oder aber dem Wunsch folgen, da möge etwas sein. 'Welt' beispielsweise entspringt dem Wunsch, dass alles, was „ist“ und geschieht, ein großer geordneter Zusammenhang sein soll, so wie er den Bauprinzipien unseres Verstandes entspricht. 'Baum' ist dabei zum Beispiel ein Begriff, der aus Ähnlichkeiten unterschiedlicher Pflanzen das Gemeinsame im Verschiedenen erschließt, eine zunächst sehr menschliche Vorstellung.

 

Schieres Wunschdenken ist es, sich einen Gott vorzustellen, der dem, was wir uns als Welt konstruieren, eine Konsistenz geben soll, die einen menschengemäßen „Sinn“ enthält, eine Richtung zum Beispiel, die auf mehr verweist als den Tod. Wir benennen auf diese Weise etwas, woran wir nur glauben, wovon wir aber nichts wissen können. Der christliche Gott als Gottvater, in hohem Maße eine Anverwandlung eines jüdischen unter dem Einfluss antiker Philosophie, hat dabei den Vorteil, allem hier weiter oben Gesagten zu widersprechen: Er hat jene Solidität, die man sich von den Dingen erhofft, denn er ist weder von Raum noch Zeit begrenzt, unsterblich, immer derselbe, ewig.

Er ist der Inbegriff jener Identität, die sich Menschen erhoffen, wenn sie „ich“ sagen oder sich mit ihrem Namen identifizieren.

 

Inwieweit ein solcher Gott etwas mit der Entstehung von Kapitalismus im Abendland zu tun haben könnte, wird zu untersuchen sein. Jedenfalls ist er ihm rund tausend Jahre vorausgegangen. Im Unterschied zu ihm, den einige Leute meinten verbindlich definieren zu können, hat das Wort 'Geschichte' mehrere Bedeutungen. Es benennt vor allem die Vergangenheit eines Geschehens oder vieler Geschehnisse, darüber hinaus das Erinnerte und dann zur weiteren Erinnerung Aufgeschriebene. Aber das Wort benennt auch ganz und gar „erfundene“ Geschichten und solche, in denen sich Erfundenes und Erinnertes verbinden.

 

In den Texten der Antike und des sogenannten Mittelalters sind die Trennlinien zwischen all solchen Definitionen von 'Geschichte' mehr oder weniger verwischt. Seit den Anfängen von Geschichtswissenschaft vor rund zwei Jahrhunderten wird versucht, diese Trennlinien wieder aufzurichten und zu rekonstruieren, was „tatsächlich“ geschah. Das „geht“ natürlich nur sehr, sehr eingeschränkt. Dennoch sei zur Ehrenrettung dieser Wissenschaft gesagt, dass das, was sie dabei schafft, immerhin hilft, nicht einer naiven Aktualität zu verfallen, die den Menschen für das hält, was er gerade zu sein scheint oder als was ihn die Propaganda der gerade Mächtigen und die jeweilige individuelle Dummheit hinstellt.

 

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Die Begriffe Natur, Kultur und Zivilisation setzen, wenn sie dummem Gerede entzogen werden sollen, mehr voraus als die von Welt oder Gott. Die ersten beiden entstammen dem antiken Latein und damit einer den meisten völlig fremden Welt, und der dritte, Zivilisation, ist immerhin von Wörtern aus dieser Welt abgeleitet, aber vor gar nicht allzu langer Zeit erst entstanden. Er hätte in der römischen Antike aber auch gar nicht entstehen können, weil er halbwegs in deren Kulturbegriff enthalten und andererseits ein spezifisches kritisches Potential hätte bieten können, welches so auch den "gebildeteren" Römern eher fremd war.

 

Vermutlich sahen Menschen vor der neolithischen (jungsteinzeitlichen) Revolution, in der sie vom Erjagen und Sammeln von Nahrungsmitteln zu deren Produktion übergingen, sich noch nicht so sehr aus einer sie umgebenden lebendigen Natur herausgehoben. Menschen waren (und sind) Lebewesen, Tiere, Säugetiere. Das ändert sich deutlich, sobald sie produktiv die sie umgebende Natur verändern, und damit beginnen, sich begrifflich deutlicher von ihr abzusetzen.

 

In frühen despotischen Zivilisationen, in denen Herrscher die Produktivität der Menschen für sich benutzen, verbinden sie eine eigens herausgestellte Raubtiernatur mit Verbundenheit mit einer Götterwelt oder gar eigener Vergöttlichung. Den Untertanen bleibt die Unterwerfung. Das ändert sich in der Polis-Welt des alten Griechenland, in der Menschen beginnen, möglichst viel von ihrer Tiernatur zu leugnen und sich selbst in eine idealere Vorstellungswelt zu versetzen. Sie entwickeln ein ganz eigenes Wertesystem, dessen Erben wir noch heute sind, soweit wir noch im Abendland unsere Wurzeln finden.

 

Nebenan, in Italien, entsteht in einer anderen städtischen Zivilisation in ihrer neuen Sprachwelt eine klare Trennung, und zwar zwischen einem Raum der Natur und dem menschlichen Bereich der Kultur. Der antik-römische Naturbegriff benennt ausgehend von dem Verbum für gebären/geboren werden (nasci) die sich selbst erzeugende, hervorbringende Welt im Unterschied zu der von Menschen gestalteten, die Römer unter dem Begriff der Kultur (cultura) fassten. Das zentrale Bindeglied war der Kult, ein Aspekt des cultus, und darin wieder ganz zentral das Opfer.

 

Der aus den Zusammenhängen der hippokratischen Texte stammende Satz medicus curat, natura sanat beschreibt in der cura einen Aspekt von Kultur und setzt ihn in eine gewisse Opposition zur Natur.

Sobald Menschen einen solchen Begriff von Natur haben, treten sie ihr in ihm gegenüber. Der Mensch erwächst zwar als Lebewesen aus der Natur, aber er erhebt sich über sie in der Kultur. Entsprechend repräsentieren ihre Götter Naturkräfte, aber sie wachsen darüber hinaus in ihrer Menschenähnlichkeit und in der kunstvollen Gestalt, in der die Menschen sie betrachten.

 

Die Kultur erwächst sprachlich aus dem Verb colere, dem pfleglichen und dann auch gestaltenden Umgang mit etwas, worunter sicherlich ursprünglich vor allem die agricultura gemeint war, der pflegliche Umgang mit Erde und Leben. Für die Römer wird der Raum der „Kultur“ der spezifisch menschliche, und sie beziehen ihn vor allem auf sich selbst und später dann auch auf die griechischen Nachbarn. Er wächst dabei immer mehr aus dem Bereich produktiver Landbearbeitung heraus, nämlich  für jene kriegerische Gutsbesitzerschicht, die körperliche Arbeit ganz „aristokratisch“ verachtet.

 

Als „Kulturwesen“ hält sich diese Aristokratie nicht nur für etwas besseres als die unter ihr Stehenden, sondern auch als jene sie umgebenden Völkerschaften, die es nicht so weit gebracht haben. Sie hatten vor allem nicht jene Staatlichkeit hervorgebracht, die der römischen Oberschicht ihr Dasein garantierte. Von den Griechen übernahmen sie für diese das Wort „Barbaren“ und veränderten dessen Bedeutung etwas.

 

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Während es mir sinnvoll erscheint, den lateinischen Begriff Natur einfach zu übernehmen als den der Welt alles Lebendigen, erscheint der römische Kulturbegriff zu unscharf, um mit ihm im weiteren Klarheit zu gewinnen. Das ist auch zu belegen an der Unklarheit, mit der er bis heute gehandhabt wird. Er ist vielmehr aus seiner propagandistischen Funktion für die römische Oberschicht herauszuschälen, und das geht nur, indem ein Zivilisationsbegriff davon abgetrennt wird.

 

Was dann bleibt, ist eine Vorstellung von Kultur, die historisch weit vor die Staatlichkeit des antiken Roms anzusiedeln wäre, aus der sich ein Zivilisierungsprozess ableiten ließe. Kultur ist dann ein zunächst aus dem Jäger- und Sammlerdasein und dann aus der Produktivität von Ackerbau, Viehzucht und Handwerk abzuleitendes Menschheitsstadium, in dem Gemeinschaften auf Traditionsbildung beruhen und Machtstrukturen noch kaum in Ämter institutionalisiert, sondern wesentlich zeitlich begrenzt und auf wenige Aufgaben beschränkt an Personen gebundenen sind. Die Menschen sind stark in die sie hervorbringende und umgebende Natur eingebunden.

 

Mit dieser Definition sind natürlich Probleme verbunden, denn was der Klarheit dienen soll, hat wie überall beim Menschen, ein Moment darunter verborgener Komplexität eingeschlossen. Wenn wir, soweit mit Sigmund Freud, Menschwerdung historisch als Kulturbildung, Kultivierung verstehen, dann bleiben Menschen dabei doch auch Naturwesen, wenn auch nicht mehr einfach so wie alle anderen Lebewesen. Und in Zivilisationen ist der Mensch nicht nur weiter (auch) ein Tier, ein Säugetier und Raubtier, sondern diese setzen selbst auch Kultivierung voraus, gehen aus ihr hervor und vereinnahmen sie dann. Dabei schwindet allerdings der Aspekt der Traditions- und Gemeinschaftsbildung, Kultur erstarrt gewissermaßen unter der Faust von Machthabern, die ihr ihre Interessen und ihren Willen überstülpen und ihr so ihre Lebendigkeit ein gutes Stück weit nehmen.

 

Für unsere Untersuchung ist allerdings auch wichtig, dass Kultur als Wort bis ins 17. Jahrhundert der lateinischen Sprache verhaftet bleibt und erst dann langsam in die deutsche Sprache eindringt. Es hat also bis in den späten Kapitalismus keine irgendeine Bedeutung tragende Tradition deutscher Art. Recht häufig ist das Gegensatzpaar Natur-Kultur zuvor auch in den lateinischen deutschen Landen eher als natura-ars ausgedrückt, also adjektivisch als natürlich und künstlich/kunstvoll. So schreibt beispielsweise Kaiser Friedrich I. an Otto von Freising, dass er Tortona belagerte, eine civitas munitissimam natura et arte, also eine durch Natur wie Menschenwerk stark befestigte Stadt (OttoGesta, S.84). Hier wie anhand vieler anderer Beispiele lässt sich erkennen, dass aus fremden Sprachen entlehnte Wörter eher der Verunklarung als einer klaren Begrifflichkeit dienen. 

 

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Die Scheidung des Begriffes Zivilisation von dem der Kultur scheint mir jedenfalls ein sinnvolles analytisches Mittel zu sein, um Vergangenheit zu verstehen.

 

Um diesem Begriff Zivilisation auf seinen sinnvollen Grund zu kommen, sollten wir ihn auf seine Ursprünge zurückführen und von daher entwickeln, damit wir nicht in zeitgeistiges Schwatzen geraten. Die römische civitas war das, was den römischen civis im Vollbesitz seiner Rechte auszeichnete und zugleich dessen Ort. Griechisch (mit allen implizierten Problemen) ausgedrückt, handelt es sich dabei um eine „politische“ Begrifflichkeit, ganz jenseits des Dialoges von Natur und Kultur.

 

Der civis ist kein Bürger in einem mittelalterlichen Wortsinn, denn die civitas lebt nicht von dem Gegensatz Stadt und Land. Er zeichnet sich auch nicht durch die Eigenarten aus, die den Bürger einer (befestigten) mittelalterlichen Stadt ausmachen. Aber bei allen Schwächen einer ahistorischen Übersetzung ist er ein Staatsbürger, Teil eines staatlichen Gebildes, als das ursprünglich die Urbs Roma eingerichtet wurde.

 

Bei der Ausweitung römischer Staatlichkeit über die eponyme Stadt hinaus wird der "Römer", bald (vielleicht sogar von Anfang an) kein „ethnischer“, sondern ein „politisch-staatlicher“ Begriff, Teil seiner civitas, die Teil des Imperiums ist, welches sich von der urbs Roma ableitet. Da das imperium Romanum als Flächenstaat bald immer weniger Zentralstaatlichkeit kennt, und die sich vor allem auf das Heer (deshalb vor allem Imperium, Befehlsgewalt) konzentriert, findet die römische „Zivilisation“, die in der civilitas der einzelnen wohlhabenderen cives aufgehoben ist, in den jeweiligen civitates statt, die ein „städtisches“ Zentrum und viel ländliches Umland umfassen und sich an Roma, der urbs, orientieren

Zivilität ist also als Vorstellung scharf geschieden von Kultiviertheit. Sie baut Staatlichkeit auf ihren Voraussetzungen von Kultur. Und die römische civilitas ist ein gutes Stück weit dabei noch etwas anderes: Sie ist nicht einfach den cives zu eigen, sondern nur jener Oberschicht darunter, die sie als ihre spezifische Lebensform begreift.

 

Als im sich ausweitenden französischen Königreich im Spätmittelalter der Begriff civilité aufkommt, ist er der civilitas nachgebildet und meint zunächst die durch Institutionen durchgebildete spätmittelalterliche Stadt mit ihren „bürgerlichen“ Rechten in der aus unterschiedlichen Gesellschaften bestehenden Kommune, Gemeinde. In der frühen Neuzeit, als die Fürstenherrschaft den mittelalterlich-„bürgerlichen“ Charakter der meisten Städte zumindest partiell zerschlägt, verschwindet der „politische“ Bedeutungsgehalt mit dem ursprünglichen Stadtbürgertum, und civilité gleicht sich immer mehr dem höfischen Begriff der politesse an, der Geschliffenheit im Verhalten und Umgang, den Manieren. Dieser löst im frankophonen Raum die courteoisie ab, die in deutschen Landen in der Neuzeit vom höfischen Verhalten zur „Höflichkeit“ wird.

 

Zivil war der französische Stadtbürger im Unterschied zum Kriegeradel, der „Militär“ war. Poli war er wiederum in der Angleichung seiner höfisch geschliffenen Manieren an ihn. Schon am Ende des Mittelalters wird die incivilité zur „Unhöflichkeit“, und bald erreicht man dann politesse durch das Sich Zivilisieren (civiliser). Damit verschwindet – und das für die meisten bis heute – die politische Substanz des so nur gedachten römischen Zivilisationsbegriffes.

 

Mit der neuzeitlichen Staatlichkeit Frankreichs, die die alte Bürgerlichkeit zerschlägt, steigt das Wort police auf, welches Regierung und Verwaltung meint, staatliche Herrschaftsausübung eben. Das ist eine späte Anverwandlung der griechischen politeia über die spätantik-lateinische politia. Parallel dazu entwickelt sich politique als Regierungskunst in Theorie und Praxis.

 

Im 18. Jahrhundert, als der sich absolut setzende Staat alter Couleur verfällt und kurz bevor er durch den totalitären der demokratischen Konstruktion ersetzt wird, kommt endlich der Begriff civilisation auf, der zunächst den der police ersetzt, die nun langsam die Polizei(gewalt) des totalitären Staates bezeichnet. Mit totalitär meine ich: Uneingeschränkt alle Lebensbereiche umfassend und das aus der „demokratischen" Legitimation herleitend.

 

Diese "Zivilisation" wird aber sofort entpolitisiert und darauf noch im 18. Jahrhundert in die deutsche und englische Sprache übernommen. In Deutschland bleibt „zivil“ bestehen als Gegensatz zu „militärisch“ und zugleich als Fremdwort zu dem, was inzwischen landläufig als „bürgerlich“ gilt, worunter sich die nichtadeligen und nicht unmittelbar mit Handarbeit beschäftigten Mittelschichten verstehen.

 

Der Zivilisationsbegriff des 18. Jahrhunderts steht dabei von vorneherein im Gegensatz zur „Wildheit“ der „Wilden“, die inzwischen weltweit kolonisiert werden und die nun nicht mehr einfach missioniert, also christianisiert werden, sondern die einem „Zivilisierungsprozess“ unterworfen werden sollen, der hier  noch offensichtlicher als sonstwo sich als Kolonisierungsvorgang erweist.

 

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Der Klarheit der Begriffe steht zum einen der Bedeutungswandel in den Sprachen entgegen, und zum anderen die Unkenntnis derer, die Begriffe verwenden ohne vorher begriffen zu haben. Ohne eine klare Begrifflichkeit aber keine taugliche Untersuchung. Die Unklarheit speziell dieser drei Begriffe (Natur, Kultur, Zivilisation) rührt aber nun nicht nur aus ihrem hohen Abstraktionsgrad und ihrer Herkunft aus einer den meisten unbekannten Sprache, sondern auch daher, das alle drei Begriffe ineinandergreifen und dabei zugleich aufeinander aufbauen.

 

Kultivierung nun soll hier ein bestimmtes Verhältnis der Menschen zur Natur, auch seiner eigenen, und Zivilisation ein institutionalisiertes Machtverhältnis weniger zu vielen Menschen beschreiben. Wenn ein uns durch Texte dennoch nur wenig bekanntes antikes Rom eine Zivilisation ist, die auf einer vor allem durch Archäologie und Rückschlüsse noch viel weniger bekannten Kultur aufbaut, so nimmt sie wesentliche Elemente dieser Kultur in sich hinein und lässt sie nach und nach erstarren. Die nun für wichtig gehaltenen Kulte zum Beispiel werden „verstaatlicht“ und begründen jetzt Machtausübung, und das, was Römer nun unter Kultur und civilitas verstehen, wird die Sache der ökonomisch wie politisch Mächtigen und derer, die sich mit ihnen identifizieren.

 

Die zentrale Bindekraft der Kultur ist der Kultus, die zentrale Bindekraft der römischen Zivilisation wird das Recht, ius. Alle „Römer" als cives samt ihrer jeweiligen familia sind Teil einer Rechtsgemeinschaft, in der sich die spezifischen zivilisatorischen Kräfte entfalten. So wie der Kultus Unterwerfung ist, letztlich unter die Kräfte der Natur, mit denen es sich anzufreunden gilt, so sind die Gesetze ganz bewusst Menschenwerk, Unterwerfung unter eine menschengemachte und vor allem hierarchische Ordnung

Der zivilisatorische Aufbau von Staatlichkeit samt Staatsvolk auf dem Fundament der Kultur beruhte dabei ganz offensichtlich nicht nur bei den Römern (und den Griechen) auch ganz wesentlich auf dem Krieg nach außen, der für den Staatsaufbau so gemeinschaftsbildend wirkte wie der öffentliche Kultus und die Gesetze nach innen. Wie bei den germanischen „Gesellschaften“, so wie sie den Römern begegneten, gab es die ineinander verzahnte Doppelgesellschaft von Bauern (plus Handwerk und Handel) auf der einen und von Kriegern auf der anderen Seite.

 

Kulturen sind für uns leider durch Zerstörung zu einem guten Teil unbekannt, was auch an fehlender Schriftlichkeit liegt; Zivilisationen erschweren das Verständnis durch Komplexität. Dazu kommt, das jeweils zeitgenössische Propaganda aus Komplexen einfache Wahrheiten zu machen sucht, die auch schlichten Gemütern zugänglich sind. Aber noch schwieriger wird das alles dadurch, dass die römischen Begriffe, auf denen unsere drei beruhen, mit dem Untergang des Imperium Romanum erst einmal christianisiert und ein bisschen germanisiert werden, durch unterschiedliche Machtstrukturen und Formen von „Christentum“ hindurch gehen, um dann in einer Welt europäischer Volkssprachen neuen Wandlungsprozessen unterzogen zu werden.

 

Der paulinische und der evangelische Jesus lehnten die Welt, die aus den drei Begriffen hier aufgebaut wird, pauschal als eine schrecklichen Unheils ab. Das blieb auch so, als die „Christen“ innerhalb weniger Generationen langsam wieder in sie hineinfanden. Mit dem fast völligen Untergang der weströmischen Zivilisation und dem Einfall germanischer Vorstellungswelten wurde, christlich gesehen, Natur zunehmend diabolisiert, das Säugetier Mensch stärker als je zuvor mit Scham und Ekel besetzt und seine Vergeistigung, ursprünglich eine griechische Phantasie, mit Kultur gleichgesetzt. Das war auf Dauer so nicht zu halten, und eine weltliche Oberschicht entwickelte erneut aristokratische Lebensformen, die Kultur immer stärker mit etwas zusammenfallen ließen, was antiken Römern die Instanz der civilitas gab. In den Monarchien entsteht eine neue Form der Zivilisierung, entstehen neue Formen von Staatlichkeit und am Ende ein Staatsbegriff. Er setzte wiederum die unzivilisierten Wilden, erneut „Barbaren“, von den zivilisierten "Kulturbesitzern" ab.

 

Im öffentlichen Bewusstsein deutscher Sprache fallen Zivilisation und Kultur immer mehr zusammen. In der Vorstellungswelt des neunzehnten Jahrhunderts ist „Kultur“ dann zur schmückenden und veredelnden Nebensache eines wohlhabenden Bürgertums verkommen, welches dann zur Gänze in dem „Überbau“ eines Karl Marx verendet. Da sich Kapitalismus schließlich nur noch am Niveau des Warenkonsums rechtfertigt, bleibt von begrifflicher Wertigkeit am Ende nur noch das, was sich rechnet und in Zahlen darstellbar ist. Kultur wird zum Amüsierbetrieb.

 

Ein besonderes sprachliches Kuriosum stellt in diesem Zusammenhang das deutsche Wort Hochkultur dar, ein Aspekt eines gewissen deutschen Sonderweges und einer der Ausdrücke, die analytisches Betrachten von Geschichte stark beeinträchtigen.

 

Apropos "Hochkultur"

 

Dies Wort ist ein Spezifikum der deutschen Sprache, die anderen europäischen Sprachen sprechen stattdessen von Zivilisation, ein auch dort für fast alle kaum noch verständliches Wort.

Das deutsche Wort hat es aber besonders in sich: Verbunden wird ein Wort, welches nie eine klare umgangssprachliche Bedeutung hatte, nämlich Kultur, mit einem Präfix, welches nach oben weist. Oben ist aber in der Regel immer besser als unten, dort ist nämlich Gott („in der Höhe“ zum Beispiel) und waren die antiken Götter (oft auf Bergeshöhen). Unten ist der Untergebene, oben der Vorgesetzte, der Herrscher, der Machthaber. Vor ihnen beugt man sein Haupt, kniet man oder wirft sich zu Boden, um zu zeigen, dass man ganz unten ist.

 

Die Hochkultur steht so über der niedrigeren Kultur. Als das Wort vor wenigen Jahrhunderten in die deutsch sprechende Welt geschickt wurde, war für die meisten selbstverständlich, dass vor der Hochkultur und neben ihr eher die Unkultur stand und steht, genau das, zu dessen Vernichtung sich der Kolonialismus aufgemacht hatte. Hochkultur ist das, was die Deutschen für sich in Anspruch nahmen, bevor proletarisierte Massen dem damaligen Bildungs“bürgertum“ den Garaus machten, an seine Stelle traten und inzwischen Kultur mit ihrem Freizeitvergnügen identifizieren. Das heißt, der heutige Konsumismus der Massen wird als Kultur verkauft, während das Wort „Hochkultur“ inzwischen entweder bezeichnet, was im Museum ist oder aber ins Museum gehört.

 

Seitdem ist Hochkultur andererseits zum Gegenstand eines Besichtigungstourismus und der Neugier von Besuchern von Museen und Ausstellungen geworden. An der Spitze stehen dann das ägyptische Pharaonenreich, das antike Rom und Griechenland und seltener auch andere. Hochkultur wird angestaunt, als ästhetisch wertvoll goutiert, bewundert, wenn auch von wenigen und in der Regel ohne Kenntnisse als Hintergrund.

 

Die signifikantesten Erben einer solchen Haltung waren immer wieder terroristische Machthaber. Der von wenig Kenntnissen getrübte Kult römischer Antike, den französische Revolutionäre nach 1789 betrieben, fand immer wieder neue Nachfolger. Hitler orientierte sich in manchem gerne am Monumentalismus des antiken Rom, ähnlich wie Mussolini, und stalinistische Prachtbauten waren eine Mischung aus antiker orientalischer Prachtentfaltung der einst dort Herrschenden und westlichem großkotzigem kapitalistischem Machtgebaren à la Manhattan. Dass stattliche Teile des damaligen sogenannten „Bildungsbürgertums“ von solchen terroristischen Machthabern fasziniert waren, ist schon alleine darum verständlich. Hoch und groß und großartig liegen für solche Menschen nahe beieinander.

 

Die meisten sogenannten frühen Hochkulturen waren despotische Regime, ihrem Wesen nach allesamt kriegerisch, gewalttätig, von gnadenloser Unduldsamkeit, und begründeten sich alle auf der Einheit von Macht und Priesterkult, waren gelegentlich vielleicht, wie in Teotihuacan, despotische Priesterregime. Gewirtschaftet wurde in der Regel mit Sklavenarbeit und der Schufterei untergebener und unterworfener Volksmassen.

 

Es ist dabei eben auch bezeichnend für den heutigen westlichen Menschen, dass seine Bewunderung und Hochschätzung sich auf die Relikte solcher brutaler und zugleich der offiziellen Politdoktrin widersprechender Regime richtet. Der heutige „westliche“ Mensch des sozialdemokratisch globalisierten Kapitalismus hat meist keine affirmativ-emotionale Beziehung oder gar Bindung an die Machtstrukturen, unter und in denen er lebt. Der Zweckrationalismus des globalisierten, hochkonzentrierten Kapitals lässt so etwas nicht zu, und der moderne „demokratische“ Staat lädt über die schnell wechselnden und nach Amtsantritt schnell enttäuschenden Figuren nicht mehr zur Identifikation ein. Die für die meisten nicht durchschaubaren staatlichen Strukturen bleiben fast allen fremd. Durch Jahrtausende auf Unterwerfung und Unterordnung geprägt, faszinieren Regime, deren Despotie personal fassbar ist, und zwar solange man nicht auf die Lebensrealität dahinter schaut.

 

Als im 18./19. Jahrhundert die Geschichtswissenschaft erfunden wurde, entzauberte sie zwar den rückwärts gewandten Mythos, ersetzte ihn aber dafür durch den nach vorne gerichteten vom Fortschritt: Die ihren Herrschern und Staaten verpflichteten Historiker betrachteten nun Geschichte als innerweltliche Heilsgeschichte hin zum jeweils gerade existierenden status quo, mit Ausnahme jener, die größere (in der Regel nicht reflektierte) Distanz zur jeweiligen Gegenwart in die Idealisierung der von ihnen verwalteten alten „Hochkulturen“ trieb: Sie wurden dann zum Feld der Darstellung jener durch die in wenigen antiken Texte erwähnten Machthaber, die mit den Augen von deren Selbstdarstellung und der der wenigen ihnen an Status Nahestehenden zu sehen sind.

 

Erst rund hundert Jahre später begann die Verwissenschaftlichung der Archäologie, die den stark textgebundenen Historikern neues Material liefern sollte. Zum Problem der Historiker, kritisch mit den in der Regel propagandistisch gefärbten Quellen-Texten umzugehen, kam nun die Neigung der Archäologen, ihr rundweg dürftiges Material spekulativ in Texte hinein aufzuwerten.

 

Historiker und Archäologen sind von staatlichen und Geldern der Kapitalseite abhängig und bedienen wie selbstverständlich deren Interessen. Diese sind leicht mit dem „Interesse“ der Massen an Unterhaltung, Amüsement, Sensationen zu identifizieren, dazu kommt das propagandistische Interesse von Kapital und Staat.

Was hier beschrieben wird, ist nicht der hermetisch abgeschlossene akademische Raum der Wissenschaften (ihre Forschung), sondern ihre Außenwirkung in eine durch ihren Warencharakter ausgezeichnete Öffentlichkeit, das, was Staat, Kapital und die ihnen unterworfenen Massen daran interessiert, soweit man da überhaupt von „Interesse“ sprechen kann.

 

Ich gehe davon aus, dass die zunehmende Unfähigkeit der Massen, eine nicht nur mit ihrem Warencharakter identifizierbare, nicht virtuelle Welt wahrzunehmen, diese Situation noch einmal grundlegend ändert: Die inzwischen eingetretene Lage, dass die Massen bis in die Spitzen des Kapitals und der Staatsmacht hinein sich selbst als ahistorische Wesen erleben, eine Wahrnehmung des Lebens in der Zeit nur noch als eines technischer Problemlösungen in die Zukunft schaffen, führt ganz offensichtlich dazu, dass im öffentlichen Raum Geschichte mehr denn je als legitimatorische Ideologieproduktion zur Abstützung von Machtverhältnissen betrachtet wird und ansonsten ausgedient hat.

 

Das Wort „Zivilisation“, wenn auch kaum als Begriff gebraucht, da kaum irgendwo und irgendwie begriffen, enthält immerhin notwendig den Aspekt der Staatlichkeit und damit den Aspekt der Unterordnung von Volksmassen unter Institutionen, in und mit denen Macht ausgeübt wird. Ich werde es also weiterhin benutzen und das Wort „Hochkultur“ meiden. Ich bin mir aber dessen bewusst, dass es die Lesbarkeit meines Textes erschwert, wenn ich Begrifflichkeit zu reflektieren und zu klären versuche, um dem allgemeinen Gerede zu entkommen, was aber alleine die Suche nach Erkenntnis ermöglichen kann.

 

Mit der wohl endgültigen Zerstörung Deutschlands durch Hitler und seine Erben ist ohnehin jeder in einer fatalen Situation, der in deutscher Sprache versucht, Vergangenheit (sich) zugänglich zu machen. Aber die europäischen Sprachen sind allesamt weit fortgeschritten in ihrem Verfallsprozess, der darauf beruht, dass Sprache nicht mehr wesentlich persönlich tradiert, sondern durch das Marketing des Kapitals und die dieses unterstützende Propaganda der Eliten ständig neu umgeformt wird. Die rapide fortschreitende Verarmung von Wortschatz und Grammatik wird dabei überhöht durch den Verlust von Begrifflichkeit, womit ich meine, dass alle Abstraktionen, also Objekte des Denkens, der Subjektivität eines Denkvorgangs entzogen sind.

 

Kultur in der Zivilisation

 

In den antiken Zivilisationen wurde der Kultus zivilisiert mithilfe seiner Tempel, Opferkulte und ihrer Priesterschaft, das heißt, er wurde in den Machtapparat integriert. Überhaupt entstanden Zivilisationen auf dem Boden von Kulturen, und das eine oder andere an ihnen wurde als nützlich integriert, allerdings weithin der autonomen Tradierung, und das heißt auch Veränderung, durch die große, nunmehr ohnmächtige Bevölkerungsmehrheit entzogen. In Zivilisationen erstarrt Kultur, soweit sie hineingerettet wird, weitgehend. Sie wird zur Sache der Machthaber.

Das aber geschieht nicht gleich zur Gänze. In den Nischen, in denen das den Mächtigen gleichgültig sein kann, hält sich fast autonome Tradition, und manches von ihr wird in das Neue hineintransformiert, dabei aber dem Einfluss der Betroffenen immer weiter entzogen. Was sich dabei erhält, zum Beispiel in der volkstümlichen Festkultur als Ausnahme-Phänomen, gerät aber zunehmend unter den Einfluss der Mächtigen auch dort, wo diese sich nicht weiter darum kümmern. Das geschieht zum Beispiel immer da, wo sich die nunmehr Untertanen mit der Macht identifizieren. Und es geschieht schließlich im sich entfaltenden Kapitalismus, indem die Reste Warencharakter erhalten und auf dem Markt als Konsumgut angeboten werden. Was einst Kultur war, wird nun Amüsierphänomen wie die christlichen Feste heute, die in ihrer Funktion fast nur noch schierer Kaufanreiz sind.

 

Das Überleben von sogenannten Volkskulturen in Zivilisationen führte in immer größeren Teilen Europas spätestens im 18. Jahrhundert zu einem gewissen Missverständnis von Volk und Kultur durch ein "Bildungsbürgertum". Das "Volk" ist nun auf die Landwirtschaft betreibenden Produzenten reduziert, deren Wirtschaften und Lebensalltag längst in kapitalistische Strukturen eingebunden wurde, und das Missverständnis derjenigen, die dabei nie zu diesem Volk gehörten, produzierte dann Volkstümelei, den Einfluss von Dorfmusik auf die des neuen Bürgertums zum Beispiel seit Ende des 18. Jahrhunderts.

Das parallele Missverständnis bezeichnet die Status ausdrückenden Amüsierwelten der machthabenden Oberschichten (Musik, bildende Künste, Literatur) als Kultur in dem Maße, in dem wirkliche Kultur verschwindet. Das aufstrebende neuartige Bürgertum der Neuzeit ersetzt den schwindenden Anteil an der Macht in der Mittelstellung zwischen Fürsten und Adel einerseits und Produzenten andererseits dadurch, dass es im Zuge der Säkularisierung den "Künsten" immer mehr Offenbarungscharakter beimisst und sie bis in die Romantik hinein zu Religionsersatz hochstilisiert. Mit der Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts und der Verbreitung eines großen Industrieproletariats versucht dieses "Bürgertum" seinen Status ideologisch durch "Bildung" (Schule) und "Kultur" (Warenkonsum von Büchern, Musik etc.) zu definieren.

 

Der alles ergreifende Kapitalismus des 20. Jahrhunderts als Welt des Massenkonsums ließ das dann dort, wo er gelang, zur Gänze verschwinden. Mit der elektronischen Massenunterhaltung ist inzwischen "Kultur" alles, was sich verkauft und dem Zeit-Totschlagen, der Ablenkung von der Auseinandersetzung mit elementarer Wirklichkeit und der Ruhigstellung der Massen dient. Mit einem solchen Kultur"begriff" lässt sich allerdings nur noch Unverständnis historischer Vorgänge herstellen, was wohl auch von denen (unbewusst?) gewollt ist, die von Staat und Kapital finanzierte Geschichtsschreibung betreiben.

 

Fatal ist, dass es weder Texte noch sonstige Überbleibsel gibt, die für die Spätantike und das frühe Mittelalter dort, wo noch Reste von Kultur vorhanden waren, uns über sie Aufschluss geben. Soweit überhaupt, sind sie von Mönchen und Klerikern verfasst, die sie bestenfalls zum Zwecke ihrer Diffamierung (als heidnisch) erwähnen. Wenn wir dann doch später im Mittelalter etwas vom Alltagsleben der meisten Menschen erfahren, dann durch eine bürgerliche Brille, eine verzerrende Außensicht.

 

Wenn wir nun gegen alle gängige Gewohnheit Kultur als autonom tradierte gemeinschaftliche Lebenswelt bezeichnen, dann bleibt für unsere Zeit des entstehenden und sich früh entfaltenden Kapitalismus nur übrig, nach der Vielfalt von Spielräumen in einer von oben verordneten Welt zu suchen. Diese sind sowohl als lokale wie regionale wie ethnische anzunehmen, und nicht zuletzt auch als solche der einzelnen Familien und Individuen, auch wenn wir darüber dann meist gar nichts erfahren. In solchen Spielräumen in eng gesetzten Rahmen können sich auch im Mittelalter Lebenswelten noch zumindest unterschiedlich und in geringem Umfang selbstbestimmt bewegen.

 

So wie es verheerend ist, einen Begriff wie den vom Bürger aus dem Mittelalter in die Neuzeit zu übernehmen, wo man besser wie im angelsächsischen Raum von Mittelschichten sprechen sollte, so verheerend ist es, einen Kulturbegriff über die Kulturen hinaus zu retten, der mit diesen dann kaum noch etwas zu tun hat. Das Ergebis ist dann nämlich, dass die Ohnmacht fast aller als quasi natürlich festgeschrieben wird und das, was hier als Kultur angesprochen werden soll, in die Ecke nicht geschichtswürdiger Exotik und zu beseitigender Rückständigkeit eingeordnet wird.

 

Zivilisierung

 

Nach dieser ansatzweisen Begriffsklärung, die eigentlich jeder Historiker für sich vornehmen sollte, und in der der Begriff von Zivilisation bereits vorausgeschickt wurde, nun die kurze Zusammenfassung der Vorgänge, die ihn ausmachen.

 

Offenkundig setzt jene Machtergreifung weniger, die jede Zivilisierung zur Voraussetzung hat, eine höhere Produktion von Nahrungsmitteln voraus, als die Menschen zum Überleben benötigen, denn diejenigen, die die Macht ergreifen, lassen sich von den vielen, über die sie dann herrschen, ernähren. Nach den vielen Arbeitsteilungen, der ursprünglichen sexuellen, dann zum Beispiel der in Nahrungsproduktion, Handwerk und frühen Handel, kommt es so zu einer Teilung in Arbeit und Konsum. Machthaber sind dabei ökonomisch gesehen reine Konsumenten.

 

Die Machtergreifung, die nämlich durch Priester einerseits und andererseits durch mit ihnen verbündete Krieger-Häuptlinge vollzogen wird, ist in ihren Ursprüngen nicht dokumentiert, und solche Vorgänge werden zudem dann durch Propaganda überdeckt. Das Priestertum entsteht relativ früh aus der Monopolisierung des Vollzugs kultischer Handlungen durch Experten. Im Kultus wird das, was niemand weiß, durch das vorgebliche Wissen der Priester zur Glaubenssache. Im Kult gewinnen solche Experten magische Kräfte, wobei vielerorts das Opfer im Mittelpunkt steht. Sein Ursprung ist wohl darin zu suchen, dass "steinzeitliche" Menschen für das, was sie der Natur nahmen, etwas zurückgeben wollten. Sobald diese Natur in ihren für die damaligen Menschen machtvollsten Ausformungen bildhafte Vorstellungen bekommt, die schließlich in Götterbildern sich konkretisieren, entsteht daraus die Vorstellung, dass man von ihnen etwas bekommen könne, sobald man ihnen etwas (im voraus) gibt.

 

Ist das Opfer Ausdruck eines gewissen Überflusses, gesteigerter Produktivität, können Kult-Experten von den Opfergaben etwas für sich selbst abzweigen und damit einen eigenen Berufsstand für sich einrichten. Im nördlichen und südlichen Mittelmeerraum bis tief in den Orient hinein wird die Macht der Priester dann dadurch verstärkt, dass für sie eigene Gebäude errichtet werden, die wir (arg) verallgemeinernd hier einmal pauschal als Tempel bezeichnen werden. Voraussetzung dafür ist natürlich eine gewisse Sesshaftigkeit, dass also die Menschen ihren Kultort nicht mehr quasi mit sich mitnehmen müssen.

 

Die Hoheit über den Glauben der Menschen ist Macht und wird es bleiben. Erste Grundlage für Zivilisierung ist also der Ersatz von (sozusagen  aufgeklärtem) Nichtwissen durch Glauben, ein offenbar allgemeinmenschliches Bedürfnis, welches aber durch ein mächtiges Priestertum aus Eigennutz weiter geschürt wird.

Gläubigkeit als grundlegende Haltung ist gewiss das erste Kennzeichen für Untertänigkeit, also Zivilisation. Die Macht von Priestern ist aber dort besonders groß, wo sie sich mit aggressiver Gewalt verbindet, deren Repräsentanten am Götter"himmel" die Priester immer mit verwalten. Repräsentanten dieser Gewalttätigkeit auf Erden sind die Anführer von Gewaltakten, die menschliche Gemeinschaften entweder beginnen oder mit denen sie die anderer abwehren. In dem Maße, in dem es ihnen gelingt, auch in Friedenszeiten Häuptlingsstatus zu gewinnen, etablieren sie sich neben den Priestern als Vertreter nunmehr ganz und gar irdischer Macht.

 

Die Dauerhaftigkeit weltlicher Macht, also ihre Institutionalisierung, gelingt, soweit sich das nachvollziehen lässt, überall im Bündnis mit den Priestern. Weltliche Macht lässt sich nämlich nirgendwo auf Dauer auf schiere Gewalt gründen, sie bedarf vielmehr ihrer Integration in die Glaubenswelt der so entstehenden Untertanen, und das lässt sich bis heute überall nachweisen. Schließlich ernähren diese dann nicht nur die Priester, sondern auch die "weltlichen" Machthaber, etwas anachronistisch ausgedrückt - und müssen beiden zunehmend zu Willen sein.

 

Diese sehr schematische Darstellung muss für jede entstehende Zivilisation diversifiziert werden. Wo Wasserbewirtschaftung an Bedeutung gewinnt, wie am Nil oder im Zweistromland, am Indus und Ganges, im heutigen Kambodscha oder bei den Mayas, etabliert sich weltliche Macht auch als zentrale Behörde dafür. Wo, wie in Skandinavien, die Macht der Priester geringer bleibt, und Viehzucht über Ackerbau dominiert, damit auch das Maß an Gläubigkeit geringer und das Aushalten bekannter Wirklichkeit stärker bleibt, entsteht Zivilisation viel später, und zwar stärker aus weltlich-kriegerischer Anführerschaft heraus. Aber für unsere Zwecke, den Weg in die Entstehung des Kapitalismus hinein zu entdecken und darzustellen, ist der Mittelmeerraum bis tief in den Orient hinein eben ohnehin von zentralerer Bedeutung, wie sich noch zeigen wird.

 

Wie schon gesagt, wissen wir kaum etwas Konkretes über die Anfänge von Zivilisierung, also Institutionalisierung von Macht, aber danach setzt dann in einigen Gegenden Schriftlichkeit ein. Die Schrift erweist sich überall zuerst als ein Instrument der Macht zur Verwaltung seiner Einnahmen, bevor sie zum Propagandainstrument der Mächtigen wird. Dabei werden zwischen dem Niltal und dem südlichen Asien aus lokalen regionale Häuptlinge, bis sich unter besonders erfolgreichen Gewalttätern Despotien großer Reiche mit zentralen Tempeln und Priesterschaften herausbilden. 

 

In diesen Despotien werden von Priesterschaft und Herrschern Gewalttätigkeit und Grausamkeit als höchste Tugenden gefeiert. Despoten identifizieren sich mit den Tieren, denen höchste Grausamkeit attestiert wird, Löwen, Adlern usw. Ein Teil des Götter"himmels" repräsentiert ebenfalls diese enorme Gewalttätigkeit. Das bezieht sich  nicht nur auf die Macht der Herrscher nach innen, sondern insbesondere nach außen. Aus gelegentlichen überschaubaren Raubzügen werden nun Kriege, die mit professionalisierten Militärs durchgeführt werden und immer größere Areale überziehen.

 

Die Untertänigkeit der meisten wird durch eine Mischung aus latenter Angst und offener Identifikation mit den Mächtigen erzeugt. Da ist die Angst vor Strafe bei Ungehorsam, die, weil sie als demütigend empfunden wird, von den Untertanen selbst dadurch verdrängt wird, dass man den Machthaber und seine Vertreter als herausgehobene Repräsentanz seiner selbst annimmt. Diese Verdrängung der Angst ins Unterbewusste schwindet dort, wo der Gewaltherrscher nicht mehr wegen seinen Erfolgen bewundert, sondern wegen seiner kriegerischen Niederlagen verachtet wird. Nichts zeichnet Untertänigkeit mehr aus als dieses Schwanken zwischen Identifikation und Rebellion.

 

Identifikation wird massiv erleichtert durch die den Untertanen aufgezwungene Religion, nun kein einfacher Glaube mehr, sondern ein komplexes System aus Mythen, kultischen und rituellen Handlungen und Opfergaben. Aufgezwungen deshalb, weil es kein in kultureller Gemeinschaft entwickelter gemeinsamer Glaube mehr ist, sondern ein von Priestern weiterentwickelter, dessen Inhalte verordnet werden. Für ihn alleine soll hier das Wort "Religion" Verwendung finden, auch wenn dieses erst viel später im Christentum entsteht.

Wesentlich für diese neuartigen Religionen ist, dass sie die neuen Machtverhältnisse begründen und rechtfertigen. Das geht soweit, dass orientalische Despoten manchmal ihre Abstammung auf zum Teil furchterregende Götter zurückführen.

 

Es lässt sich ganz allgemein beobachten, dass sich mit der Zivilisierung, also der Zerstörung von Kulturen und der Schaffung untertäniger Massen eine allgemeine Neigung dieses inzwischen geduckten "Volkes" zur Identifikation mit der Macht zeigt, eine Neigung zur Abgabe von Verantwortung an die Mächtigen auch auf Basis eines zunehmenden Unverständnisses der komplexer werdenden (eigentlich eigenen) Lebenszusammenhänge. Diese lässt sich wohl anthropologisch-biologisch mit der eingeborenen Neigung zur Faulheit und damit tendenziell auch Verblödung von Säugetieren erklären, die in Gefangenschaft gehalten und dabei durchgefüttert werden. In den menschlichen Zivilisationen kommt dann als Kompensation noch die Vorhaltung von Amüsement dazu, höchste Gratifikation für Menschen, die von den Mächtigen als Nutztiere besonderer Art gehalten werden.

 

Der historisch wichtigere Teil im Prozess der Zivilisierung, die Unterwerfung und Untertänigkeit der zu Massen werdenden Untertanen, wurde von den Machthabern nicht dokumentiert und ist für die Historiker, die sich mit den Machthabern identifizieren, bis heute überwiegend uninteressiert. Wenn sich das seit einiger Zeit etwas zu ändern beginnt, hat das damit zu tun, das sich im heutigen Kapitalismus Macht immer weniger personalisieren lässt, da sie fast zur Gänze an Bewegungen der Kapitalverwertung abgegeben ist, als deren Agenturen sich Staaten verstehen. Die ziemlich vollständige Unterwerfung aller unter die Bewegungen des Kapitals schärft etwas den Blick dafür, dass es unterhalb der Macht auch noch zu betrachtende Menschen gibt.

 

Einschub: Die Geschichte der Wenigen und die vielen Anderen

 

Geschichte handelt von Geschehen, welches naturgemäß immer gleich Vergangenheit ist. Soweit es nicht wie fast alles vergessen wird, also soweit es erinnert wird oder neu entdeckt werden kann, verwandelt sich das Geschehen in Geschichten, die manchmal in Verbindung gebracht werden können, mit denen man sich auseinandersetzen kann, und die immer neue Horizonte in Zeit und Raum erschließen.

 

Geschichte ist keine Wissenschaft wie die mathematisierten und technik-orientierten Naturwissenschaften, aber sie kann sich der Kriterien wissenschaftlicher Verfahrensweisen bis zu einem bestimmten Punkt bedienen. Am Ende ist sie so subjektiv, wie Subjektivität den Menschen nur interessant machen kann, sie ist so subjektiv wie das Interesse, welches dahintersteckt, mag es auch nach Verallgemeinerung streben.

 

Schließlich ist Geschichte immer Erzählung, Bericht, Untersuchung, und darum selbst im besten Fall höchstens ähnlich dem, was einmal war. Das hat dann auch etwas mit den Zufälligkeiten von Erinnerung zu tun, von Fundstücken und Überlieferungen, und natürlich mit den Interessen des Erzählers.

 

Kenntnisse von irgendeiner Vergangenheit haben wir umso weniger, je mehr uns Texte fehlen: Geschichte ist immer ein Text, und er handelt vorwiegend von dem, was sich in Text fassen lässt. Schon dadurch geht fast die ganze Vergangenheit völlig verloren. Knochen, Gebäude. Werkzeuge, Artefakte und ähnliches erlauben nur blasseste Spekulation über das, was von vergangenen Menschenaltern handelt, wenn wir nicht wenigstens in Texten Menschen "lauschen" können, die dazu gehörten.

 

Nun ist aber über die Überlieferung Geschichte bereits ganz ungeheuer einseitig: Von den meisten Menschen "wissen" wir gar nichts, von den meisten übrigen fast nichts, und mehr nur von ganz, ganz wenigen. Dies sind die Wenigen, von denen wir Schriftliches überliefert haben, und je weiter wir in die Vergangenheit zurückgehen, desto weniger wird das, - und wenn wir uns in Richtung "Gegenwart" bewegen, handelt es sich andererseits um eine längst unüberschaubare Masse an "Quellen", die unter den Bedingungen des Buchdrucks und dann später der Massenproduktion immer weniger über Menschen und immer mehr über den Warencharakter der Produkte verraten, während sich die Menschen zunehmend dahinter verbergen.

 

Das Problem der Einseitigkeit wird aber erst dadurch so recht schwerwiegend, dass Vorgänge des Wandels, des Betreibens von Veränderung, die gerade auf diesen Seiten hier auch betrachtet werden sollen, vornehmlich von ganz wenigen nur betrieben wurden, die dadurch in unserer Wahrnehmung eine besondere Prominenz erhalten. Die Geschichte ist soweit die der wenigen Erfinder und nicht so sehr die der Mitmacher und Nachahmer, sie ist eine der besonderen Talente und Antriebe, wie sie nur wenigen zuteil wurden - im Guten wie im Bösen. Und schließlich ist sie eine der Prominenz der großen Machthaber, die seit Jahrtausenden mit dem Hang von zu "Volks"massen umgeprägten Menschen rechnen dürfen, ihr Leben nicht selbst und zugleich gemeinsam verantworten zu müssen.

 

Der Kapitalismus wurde nicht "am Stück" erfunden, aber die Neuerungen und Erfindungen, die ihn ermöglichten, waren die von ganz wenigen Menschen. Ein Wesenszug dieser Entwicklung war wohl, dass die Vielen gar nicht bemerkten, was und wie ihnen geschah. Aber ohne ihr Mittun wäre auch nichts weiter passiert. Also ist ganz Verschiedenes zu beobachten: Die Leidenschaften der wenigen Neuerer, das Mitmachen der meisten und der seltene Widerstand dagegen.

 

In dem, was wir hier als Geschichte betrachten, ist dann noch etwas wichtig: In der Regel wissen die Beteiligten nicht, was sie anrichten, welche Folgen es hat und ignorieren die fatale Differenz zwischen Absicht und tatsächlicher Wirkung. Wenn Geschichte im Rückblick dem naiven Betrachter plausibel, konsequent, logisch linear erscheinen mag, so war und ist genau das im Vorausblick immer illusionär. Die Logik des Rückblicks ist eine Konstruktion des Betrachters. Auch insoweit ist Geschichte reine Ansichtsache, und die Blickrichtung verändert den Gegenstand in ganz erstaunlichem Maße.

 

Die moderne Geschichtsschreibung mit wissenschaftlichen Kriterien ist im Umfeld eines späten Kapitalismus entstanden und von diesem notwendig geprägt worden. Die Unterordnung der Menschen unter das Kapital als magische sowie handfeste Abgabe von Lebendigkeit an dasselbe, die zugleich ja Ein- und Unterordnung in eine Hierarchie von Agenten und Agenturen seines Verwertungsprogramms ist, die Ausweitung der Gratifikationen und Kompensationsmöglichkeiten - Lebendigkeit aus zweiter Hand - die sich immer rapidere Ausweitung der Zerstörung alles Lebendigen auf der Erde zugunsten einer Welt toter Waren, --- all das wurde ignoriert durch eine Begrifflichkeit, die ich als neuzeitlich idealistisch bezeichne und in der eine hochgradige Verklärung des kapitalistischen "Fortschritts" als Heilsreligion veranstaltet wurde. Der Umgang mit Wörtern wie "Freiheit", "Gleichheit", "Demokratie", "Wohlstand" u.v.a. vergoldete den vergleichsweise behäbigen Alltag von Verbeamteten der "Wissenschaft". Das Schulterklopfen der staatlichen und privaten Geldgeber war und ist ihnen so gewiss wie die fehlende Beunruhigung angesichts dessen, was Menschen so anrichteten und weiter anrichten.

 

Diese Geschichte ist eben auch eine der Wenigen, die sie als "Wissenschaft" betreiben, fern jeder Öffentlichkeit der weit mehr als 99% der Bevölkerung, die sie auch ganz praktisch fast überhaupt nicht bemerken, weil sie sich dafür nicht die Zeit nehmen und vielleicht auch schnell intellektuell überfordert sind. Dabei kommt es reichlich unreflektiert zu einer ganz besonderen Bindung zwischen den Historikern und denen, die sie kommentierend begleiten und gerne derart ein wenig adoptieren.

Ganz offen sagt das zum Beispiel Otto von Freising in seinen 'Gesta Frederici', also dem Tatenbericht Kaiser Friedrichs I.: Die Absicht (intentio) aller, die vor uns Geschichte (res gestas) geschrieben haben, war es, so meine ich, die glänzenden Taten tapferer Männer (virorum fortium clara facta) zu preisen (... OttoGesta, S.114).

 

Das Problem der Geschichte von Wenigen für Wenige hat allerdings auch eine ganz andere Seite; - unter den Bedingungen von Zivilisationen spätestens seit der griechischen und römischen Antike werden die meisten Menschen nicht nur von der Geschichtsschreibung als entindividualisierte Massen betrachtet, als Material für diejenigen, die "Geschichte machen", als manipulierbare Klientel der Mächtigen, sondern sie sind es auch nur allzu oft. Zivilisationen verlangen brave und möglichst gedankenlose Untertanen, und zwar sehr viele, nicht zuletzt solche, die als städtische "Volks"massen, besser, als urbane "Bevölkerung" Untertänigkeit, Schutz und Versorgung verlangen.

 

Leute, die in Armeen und Manufakturen hineindomestiziert werden, in, Grundherrschaften, Plantagen und Bergwerke, in staatliche Schulen, Büros und Fabriken, und die dafür als Preis Amüsierprogramme geliefert bekommen, Leute, die sich einer steten Propaganda-Berieselung von oben ausliefern und ausgeliefert werden, sind nicht nur individuell kaum noch beschreibbar, ihre Individualität ist auch kaum noch im nachherein verifizierbar. Und so sind sie in den Geschichtsbüchern üblicherweise der anonyme Stoff, aus dem die Namhaften und Benennbaren "Geschichte machen", sie sind Kanonenfutter, Arbeitskraft, Jubel- und Stimmvieh.

 

Das Erschreckende dieser Liebe zur Untertänigkeit, ein Komglomerat aus Faulheit, Bequemlichkeit, Dummheit, Angst und Feigheit, hat sich am deutlichsten in den letzten Jahrhunderten in jenen sogenannten "Revolutionen" entfaltet, in denen eine machtgierige Clique eine andere "im Namen des Volkes" der einer "Klasse" abzulösen versuchte, und die, soweit erfolgreich, oft von den Protagonisten der modernen Geschichtsschreibung im Namen eines fast schon theologisch schöngeredeten Fortschritts hochgejubelt werden, bis hin zu den Lobreden auf derzeitige "Demokratien".

 

In der Geschichtsschreibung seit ihren mittelalterlichen Anfängen und in den überlieferten Quellen treten die kleinen Leute in der hier untersuchten Zeit im wesentlichen als Mob auf, als die Ordnung der Mächtigen störende mobile und mobilisierte Massen und Horden. Ansonsten werden sie von den zeitgenössischen Quellen einfach nicht wahrgenommen. Parallel dazu tauchen sie wohlgeordnet als Söldner bzw. Soldaten auf, genauso entindividualisiert und als individuelle Menschen uninteressant. Jeder "reguläre" Alltag aus Produktion und Reproduktion, spärlicher freier Zeit und regulärem Amüsement verliert sich im Desinteresse der Chronisten. Dennoch legt der hier Schreibende Wert darauf, sie nie zur Gänze aus den Augen verlieren zu wollen.

 

Es lässt sich aber ganz allgemein beobachten, dass sich mit der Zivilisierung, also der Zerstörung von Kulturen und der Schaffung untertäniger Massen eine allgemeine Neigung dieses längst geduckten "Volkes" zur Identifikation mit der Macht zeigt, eine Neigung zur Abgabe von Verantwortung an die Mächtigen auch auf Basis eines zunehmenden Unverständnisses der komplexer werdenden (eigentlich eigenen) Lebenszusammenhänge. Diese lässt sich wohl anthropologisch-biologisch mit der eingeborenen Neigung zur Faulheit und damit auch Verblödung von Säugetieren erklären, die in Gefangenschaft gehalten und dabei durchgefüttert werden. In den menschlichen Zivilisationen kommt dann als Kompensation noch die Vorhaltung von Amüsement dazu, höchste Gratifikation für Menschen, die von den Mächtigen als Nutztiere besonderer Art gehalten werden.

 

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Mit den frühen Schriften der Juden haben wir ein fast einzigartiges Dokument für eine Etappe des Verschmelzungsprozesses von weltlicher und Priestermacht, die darum auch fundamentale Texte im Entstehungsprozess der nachantiken und mittelalterlichen Zivilisationen werden. Dabei bleiben sie den meisten Menschen bis auf Gruppen radikaler Protestanten bis heute unbekannt. Dagegen setzen die Texte der ursprünglichen Christen einen radikal antizivilisatorischen Akzent, der die jüdischen, eher innerweltlich gedachten Erlösungsphantasien in solche der Erlösung überhaupt von der "Welt" überführen. Mit der schrittweisen Integration dieser Religion in die Machtstrukturen des römischen Imperiums beginnen auch erste Teilaspekte einer Re-Judaisierung, die mit der Vertagung dieser Erlösung beginnen und in fast vollständiger Romanisierung der Kirche enden. Damit kippt der antizivilisatorische Impetus so rabiat, dass die entstandene Kirche selbst zu einem Propagandainstrument der Machtstrukturen wird und das bis heute bleibt.

 

Diese jüdisch-frühchristliche Geschichtserzählung wird aber dann zu einem wesentlichen Teil der Vorgeschichte hin in jenes Mittelalter, in dem Kapitalismus entstehen wird. Darum soll das hier wenigstens in ganz groben Zügen angedeutet werden. Kapitalismus entsteht nicht aus religiösen Überzeugungen, sondern zunächst eher gegen diese, aber er wird in Machtstrukturen entstehen, die sich dieser Religion in ihrer mittelalterlichen Ausprägung ausdrücklich bedienen. Dabei ist zu beachten, dass alle in Zivilisationen hinein entwickelten Religionen Erlösungsphantasien enthalten, und das solche nicht nur die Erlösung von der Endgültigkeit des Todes enthalten, sondern damit verbunden auch Erlösung von den Bürden der Zivilisation hinein in ein paradiesisches Jenseits der bekannten Welt.

 

Am Anfang war das Paradies

 

Um es zu verstehen, muss man wissen, von wem wir Abendländer davon Kenntnis haben. Da waren Völkerschaften im Nahen Osten, die der semitischen Sprachfamilie angehörten und die von Häuptlingen regiert wurden, von denen zwei mit ihren Machtbereichen Juda und Israel hier von Bedeutung sind, die miteinander und mit anderen konkurrierten. Israel ist dann untergegangen und ein Chef des anderen Machtbereichs machte sich daran, mit der Priesterschaft seines zentralen Tempelkultes in Jerusalem eine etwas disparate Tradition aus Geschichten und Erzählungen so zu redigieren, dass daraus ein Begründungszusammenhang für seinen Machtanspruch und den seiner Priester hervorging. Jedenfalls ist das etwa so in den altjüdischen Texten abzulesen.

 

Die wohl sehr rudimentäre Monarchie dieses Josias, dessen Amt in indoeuropäische Sprachen viel später als „König“ oder ähnliches übersetzt wurde, war mit der Idee eines Gottes versehen, wobei Monarchie und Monotheismus, ein Tempelkult und eine dazugehörige Priesterschaft ziemlich deckungsgleich wurden. Derweil gab es damals viele Götter, aber der Reichsgedanke dieses Königs ging von der Idee aus, dass die Dreieinigkeit von Gott, Tempel und Monarch ein Erfolgsbündnis sein müsste. Eine Art geschlossener Untertanenverband würde vor allen dreien zugleich den Nacken beugen.

 

Es galt also, andere Völker mit ihren falschen Göttern abzuwehren oder zu unterwerfen, aber die Kraft dazu sollte nur aus einem Volk kommen, welches in das Bündnis mit dem eigenen Gott eintritt, der vor allem ein Kriegsgott ist, der Schlachtenglück gewährt. Und Juda war klein, winzig im Vergleich mit den Reichen von Ägypten, Babylon. Assur und anderen. Also (er)fand man seinen eigenen Gott, wie einige frühe Kulturen ein Totemtier hatten. Wenn man sich ihm, seinem Tempel und seinem Häuptling unterwarf, würde man siegen, andernfalls elendiglich zugrunde gehen.

 

Wann das in etwa geschah, ist unbekannt, aber wohl  in den Jahrzehnten vor 600 vor unserer Zeitrechnung ließ der „König“ Josia seine Priester eine Menge Texte (er)finden, die genau zu dieser Absicht passten. Vermutlich wurden dabei Traditionen zwischen Mesopotamien und dem Sinai, vielleicht mit ägyptischen Einflüssen versehen, so redigiert, dass sie einen einigermaßen konsistenten Zusammenhang ergaben.

 

Da ist ein Gott, der die Welt erschafft, und in ihr eben das Paradies mit dem ersten Menschenpaar. Das Paradies war eines der Mühelosigkeit, in der man sich das Obst vom Baum pflückte und es sich ansonsten einfach gut gehen ließ. Wie das dann aussah, war weder den vielleicht mesopotamischen Erfindern der Geschichte wie den jüdischen Redakteuren bekannt, da es so etwas zu ihrer Zeit nicht ("mehr") gab. Das Menschenpaar (oder wenigstens Adam) aber war nach dem Ebenbild dieses Gottes geschaffen, der in einer anderen paradiesischen Zone lebte, weitab und doch immer nah. Gottgleichheit hieß Unsterblichkeit, und das wiederum hieß Ewigkeit, eine Welt außerhalb der Zeit. Es war aber auch eine Welt jenseits des Raumes, denn das Paradies hatte zunächst keine klaren geographischen Grenzen, es war alles, was für Menschen war.

 

Zeitlose Ewigkeit hieß, dass es keinen Bedarf an Fortpflanzung gab, fehlender Raum hieß, dass überall alles war, was der Mensch brauchte. Was dann geschah, war, dass eine ebenso kluge wie böse Schlange der Eva Unzufriedenheit einflüsterte; sie wollte nun mehr als nur alles dies Paradiesische. Sie wollte die Frucht eines Baumes naschen, die ihr Erkenntnis geben sollte, wie sie paradiesischer Unschuld nicht angemessen war – sie widersetzte sich Gottes Willen. Es wird nicht gesagt, was es da zu erkennen gab, aber sie übertrat ein göttliches Gebot, ein Tabu. Vielleicht war das etwas so ähnliches, wie wenn Laien in den den Priesterautoren vorbehaltenen Opfer-Raum im Tempel geschaut hätten und dabei etwas gesehen hätten, was ihnen verschlossen bleiben sollte.

 

Vom Althebräischen über das Griechische und Lateinische zum Neuhochdeutschen: Im Garten Eden der Genesis gibt es zwei besondere Bäume: einmal τὸ ξύλον τοῦ εἰδέναι γνωστὸν καλοῦ καὶ πονηροῦ, lateinisch lignum sapientiae boni et mali, also den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, und dann το Δέντρο της Ζωής, lignum vitae, also den Baum des Lebens.

Leben ließe sich mit Einklang mit der Natur verstehen, Erkenntnis mit Kultur, dem partiellen Austritt aus ihr. Aber das sind hochmoderne Gedanken, formuliert in einer altrömischen Begrifflichkeit.

 

Warum Eva dann Adam dazu verführte, das Gleiche zu tun, lässt sich mit den Augen jüdischer Priesterautoren, einer wohl sehr eng gestrickten Gruppe von Männern, nur durch die Minderwertigkeit der Frau erklären. Das bringt aber ein erstes sexuelles Moment in die Geschichte, denn in den Augen patriarchalisch strukturierter Männer wie solcher Priester ist die sexuelle Attraktivität der Frau der Grund für das männliche Begehren, welches dazu neigt, für wichtiger gehalten zu werden als göttliche Botschaften und von Priestern geleitete Opferkulte.

 

Jedenfalls brach auch Adam das göttliche Verbot, und damit war es aus mit den paradiesischen Zuständen. Gott schickt recht kriegerische Engel, die die beiden aus dem Paradies vertreiben, dessen Eingänge nun verschlossen sind. Jetzt verschränken sich längst verschiedenste Vorstellungen zu einem Komplex: Außerhalb des Paradieses entstehen Raum und Zeit: Es gibt eine weitere Welt, in der die Einheit von Mensch und Natur/Gott zerbrochen ist. Die Menschen müssen jetzt produktive Arbeit leisten und sich im Schweiße ihres Angesichtes ihre Nahrungsmittel als Ackerbauern und Viehzüchter selbst herstellen. Die Frau muss in Schmerzen gebären, der Geschlechtstrieb taucht auf.

 

Insofern lässt sich eine Erinnerung an die neolithische (jungsteinzeitliche) Umwälzung vermuten, in der aus Leuten, die als Jäger und Sammler sich nahmen, was sie vorfanden und unmittelbar benötigten, Leute wurden, die nun produktiv sein müssen. Möglicherweise war die vorhandene Natur so erfolgreich ausgeräumt worden, dass sie für die immer mehr Menschen dabei nicht mehr genug bieten konnte. Produktive Arbeit mit ihrer Mühsal und ihren Zwängen ließ sich aber leicht als Strafe Gottes interpretieren. Sie wurde allerdings zugleich Voraussetzung für Tempel und Priesterschaft, die aus der irgendwann erfolgreichen Produktion eines gewissen Überflusses heraus entstanden, indem sie von den nun möglichen Abgaben existieren konnten.

 

Frauen müssen sich der Ungemach von Schwangerschaft und Gebären stellen, Männer der härterer Arbeit. Religion und Priester vermitteln zwischen Gott und den Menschen, die nicht mehr Gottes Ebenbild sind, und die nun, aus dem Paradies vertrieben, sterblich, "zeitlich" werden.

Der Tod aber macht die Fortpflanzung nötig, und diese funktioniert nur über das geschlechtliche Begehren. Damit kommt ein zweites sexuelles Element in die Geschichte, den Mythos genauer gesagt, und indem es der Frau die Schwangerschaft und die bei Menschen recht anstrengende Geburt beschert, ist es alleine schon so eine Strafe Gottes, abgesehen von all dem Unheil und der Unordnung, welche Geschlechtlichkeit sonst noch mit sich bringen.

 

Diese beiden sexuellen Aspekte finden in dem Moment der Scham zusammen mit dem Tabubruch gegenüber Gott. Im sexuellen Begehren wird die paradiesische Nacktheit zum Problem. Der Mensch schämt sich also zugleich des fehlenden Gehorsams gegenüber Gott (bzw. seinen Priestern) und einer Geschlechtlichkeit, die ihn als Getriebenen und seiner Souveränität Beraubten auszeichnet: Darum das Feigenblatt.

 

Niemand weiß so recht, wann Vor-Menschen in grauer Vorzeit die Bindung an eine bestimmte Fortpflanzungszeit im Jahresrhythmus verloren und durch das ganze Jahr fortpflanzungsfähig wurden, und zwar Männer wie Frauen. Es muss etwas damit zu tun gehabt haben, dass sie sich instandgesetzt hatten, Neugeborene nicht nur in der günstigsten Zeit des Jahres durchzubringen, sondern eben durch alle Jahreszeiten. Damit waren sie im Machtspiel der Natur bevorteilt, denn ein Fortpflanzungsvorteil dient der Machtentfaltung in der Konkurrenz mit denen, die so etwas nicht schaffen.

 

Diese permanente Präsenz des sexuellen Begehrens wurde noch verstärkt dadurch, dass die weiblichen Brüste nicht wieder abschwollen, nachdem sie keine Milch mehr gaben und auch ohne Schwangerschaft sichtbar vorhanden sind. Sie führt auch dazu, dass den Männern, auch wenn gerade keine Kopulation angesagt ist, nicht nur der Kamm schwillt. All das und vieles mehr machte den Geschlechtstrieb zu einem verwirrenden und nach Regulierung, Kultivierung rufenden Phänomen.

 

Was den Schriftkundigen unter den Tempelpriestern so alles durch den Kopf ging, als sie ihre Version von Paradies und Sündenfall aufschrieben, ist nicht mehr feststellbar, war es vermutlich schon damals nicht. Aber der Kern dieser Paradiesgeschichte wird zur Basis für alles, was da folgt auf dem langen Weg in den Kapitalismus. Der der Ebenbildlichkeit Gottes durch diesen beraubte Mensch trug jede Menge Unheil in die Welt, angefangen bem Brudermord. Ein wenig schien dann aber der Gott, der sich als der der Häuptlingsreiche von Israel und Juda offenbaren wird, seine große Strenge zu bereuen, und er beginnt, ausgewählten Leuten eine Art Bündnis anzubieten: Ich unterstütze euch, wenn ihr mich unterstützt. Dafür verzichtet er sogar auf die Opferung des erstgeborenen Sohnes und bescheidet sich mit dem Tieropfer, welches Tempelpriester durch Geldabgaben an sie finanzieren. Daraus wird das auserwählte Volk, welches dieser Gott unter der Führerschaft eines Moses in ein Land führt, wo Milch und Hönig fließen sollen, also schon wenigstens fast wieder ein Paradies.

 

Das ist zwar historisch durch nichts zu untermauern, aber eine schöne Geschichte für Machthaber in Jerusalem, die nun auf grandiose militärische Erfolge bei der Eroberung großer Landstriche mit Hilfe ihres Kriegsgottes Jahwe zurückblicken können, alles wohl weitgehend erfunden, aber eine gute Tradition für damals übliche Gewaltherrscher.

 

Nun bauen die Tempelpriester aber, etwas näher an ihre eigene Gegenwart heranrückend, lauter neue Sündenfälle in ihre Geschichten ein, die erklären sollen, warum das Volk Gottes immer wieder militärisch scheitert und die israelitischen Konkurrenten gar ganz untergingen. Es geht um immer wieder neue Vertragsbrüche mit dem eigenen Gott und das Übergehen in die Gefolgschaft anderer und offensichtlich für manche attraktiverer Götter (und Göttinnen). Es geht dabei offenbar auch um unziemliche Lebenslust und ein Lotterleben, in dem Frauen und unordentliche sexuelle Aktivitäten eine große Rolle spielen sollen, aber da es sich um Propaganda handelt, wissen wir nichts genaues. Jedenfalls ist die jüdische Geschichte dabei keine rechte Erfolgsgeschichte und endet mit schamloser Hellenisierung der Oberschicht und dann Unterwerfung unter römische Machthaber bei eigenen Unterkönigen, die sich mühsam durchlavieren müssen.

 

Judentum war einmal in dem Tempelkult gegeben, der den eigentlichen Kern bildete, und in dem Tieropfer, wie auch in anderen Reichen, den eigenen Gott als Unterwerfungsgeste gnädig stimmen sollten. Zum anderen bestand es in einem Sammelsurium an Vorschriften, deren wesentliche Aufgabe wohl war, einheitliche Untertanen für Häuptling/"König" und Tempelpriesterschaft zu schaffen, sie also von anderen Völkern abzugrenzen. Man könnte auch sagen, das sie ein gemeinsames "Volks"bewusstsein überhaupt erst herstellten. Es gab zum Beispiel jede Menge detaillierter Essensvorschriften, die wohl teils mehr und teils weniger plausibel waren, und einen wöchentlichen religiösen Feiertag, an dem fast alles Leben erlahmen sollte. Dazu jene gottgebenen Gebote, die auf den einen Gott verpflichteten und ansonsten das Zusammenleben so regelten, wie es in allen Kulturen und frühen Zivilisationen üblich war. Dazu kamen weitere die Leute verbindende Eigenheiten wie gemeinsame Festtage und Pilgerreisen samt Opfergaben zum Tempel nach Jerusalem.

 

Was die Juden neben dem Monotheismus von anderen Kulturen und Zivilisationen grundlegend unterschied, war die grandiose Idee, sie am Zeugungsorgan des Mannes zu markieren, was die jüdische Frau darauf hinwies, dass sie den korrekten Mann für den Koitus bzw. die Ehe und Fortpflanzung vor sich hatte. Damit waren Menschen als Volk physisch als eine Einheit jener Menschen markiert, die ihren Gott ausschließlich für sich hatten, und damit als seine Auserwählten deutlich bessere und erfolgreichere Menschen waren, wenn sie nur der Priesterschaft und dem damit verbündeten König untertan waren. Juden waren so die Erfinder einer neuen Form völkischen Bewusstseins, welches sich über seinen Körper ausweisen konnte, wiewohl Judentum ein Kult samt Ritualen und kein abgeschlossener Ethnos war, was es dennoch immer wieder behauptet. 

 

Kurz vor dem Ende des antiken Judentums, unter römischer Oberherrschaft und unter Bedingungen starker Hellenisierung, zerfiel es offenbar zum Teil in zahlreiche Gruppen und Sekten. Ohne einen eigenen „souveränen“ Herrscher nahm die Autorität des Tempels und seiner Priesterschaft ab, es entstanden Räume, in denen Judentum neu definiert wurde. Auf erstaunliche Weise später wirkmächtig wurde ein Jesus, der uns als historische Figur kaum vorliegt. Früheste Texte, die ihn erwähnen, gibt es von einem stark hellenisierten Juden Paulus, der einige Zeit nach dem Tode Jesu mit Christen in Kontakt kam und dann eine Art religiöse Erleuchtung hatte, die zu seiner Bekehrung führte, deren Ergebnisse er in Briefen an entstehende Gemeinden formulierte. Da wir über Jesus selbst nichts wissen, können wir nur in Verbindung mit den in den folgenden Jahrzehnten entstandenen Evangelien und der Apostelgeschichte erahnen, wie Paulus vorliegende, wohl vorwiegend mündliche Traditionen umformt und dabei bereits ein Stück weit entjudaisiert und hellenisiert.

 

Vom Leben Jesu und seinem Tod erfahren wir kaum etwas bei ihm, aber umso mehr über das paulinische Gottesbild und dessen Umformung des jüdischen in einen christlichen Gott. Die Evangelien wiederum berichten über Jesus hauptsächlich Legendäres und Wundersames, und es ist nicht einfach, daraus irgendwelche historischen Tatsachen abzuleiten, die, wenn überhaupt, dürftig bleiben. Fassbar wird vielleicht ein Mann aus Nazareth, der mit etwa 30 Jahren einem Johannes begegnet, der im Jordan Menschen tauft und schon damit aus dem jüdischen Rahmen fällt. Dieser Täufer, von dem wir sonst nichts erfahren, hat Jesus offenbar stark beeindruckt und beeinflusst, möglicherweise hat er ihm den Kern seiner Ansichten übermittelt.

 

Unser Jesus wird darauf zum radikalen Aussteiger aus allen anerkannten jüdischen Lebenszusammenhängen und zieht als eine Art Wanderprediger umher, wobei er seinen Lebensunterhalt aus Spenden und vielleicht auch mit Betteln ermöglicht. Vermutlich bezeichnet er sich nicht als (leiblichen?) Sohn Gottes, wie ihn die Evangelisten dann am Ende nennen, die seine Geschichte jeweils von hinten, von seinem Tod her aufzäumen werden. Dass er von einem Vatergott redet, soll wohl diesen selbst so für alle als „väterlich“ charakterisieren - jedenfalls für die, die ihm gehorsam sind.

 

In den Evangelien hat er davon nicht viel zu sagen und entwickelt auch sonst kaum so etwas wie Religion oder gar Theologie. Er verkündet vielmehr eine Art Ethik totaler Selbstlosigkeit, von Besitzlosigkeit als gottgewollter Armut, uneingeschränkter Friedfertigkeit außer gegenüber der Welt böser Dämonen, und zudem eine von völlig fehlender Sexualität, die in der radikalen Ablehnung auch von Ehe und Familie gipfelt. Kein Wunder, dass seine Anhängerschaft winzig bleibt und aus einigen weiblichen Verehrerinnen und einem kleinen Kreis von Männern besteht, die letztere mit ihm umherziehen. Das alles wird möglicherweise mit dem unmittelbar bevorstehenden Ende der Welt begründet, welchem die entkommen, die sich Jesus anschließen und mit ihm ziehen. Angesichts der nahen Wiederkunft eines neuen Paradieses werden Sexualität und Erzeugung von Nachwuchs erneut überflüssig.

 

Ich lasse die von den Evangelisten beschriebenen magischen Kräfte aus, mit denen er wie von Zauberhand Wasser in Wein verwandelt, Tote wieder zum Leben erweckt und selbst wie schwerelos auf einer Wasseroberfläche herumspaziert. Wichtiger sind seine Gleichnisse, in denen er die Welt nicht nur der Juden auf den Kopf stellt: Menschen sollen nicht nach ihrer (Arbeits)Leistung, sondern gemäß ihrer Gottesgläubigkeit "vom Vater" ent- bzw. belohnt werden, Arme sind Gott näher als Reiche, deren Besitz ihnen das Himmelreich nahezu versperrt, und einsichtige, vorher lebenslange Sünder ebenfalls eher als diverse Muster jüdischer Rechtschaffenheit. Tempel, Priesterschaft und Opferkult scheinen kaum noch eine Rolle zu spielen.

 

Das Himmelreich wird nicht näher erklärt, aber es leitet sich wohl aus einem wiedergewonnenen jüdischen Paradies nach Erscheinen eines prophezeiten Messias ab. Jesus selbst lässt sich als Rabbi anreden, als eine Art jüdischer Fachmann für Religiöses, und er wird wohl erst nach seinem Tode zu einem Messias (Erlöser) gemacht, im Griechisch der Evangelisten dann christos und sotér. Und ohne diese Verwandlung eines Menschen Jesus in einen am Ende auch lateinischen christus wäre aus ihm auch nicht im Nachherein ein Religionsgründer geworden.

 

Nur zu vermuten ist, dass er aufgrund seiner Erfolglosigkeit sozusagen in der Höhle des Löwen auftaucht und im Jerusalemer Tempel randaliert. Bis dahin hatte er sich nur in ländlichen Kleinstädtchen fernab herumgetrieben, was offenbar kaum störte. Nun scheint er die Aufmerksamkeit, den Eklat zu suchen und bekommt ihn. Eine empörte Priesterschaft setzt bei der römischen Staatsmacht seinen Tod durch.

 

Soweit kann der Außenstehende folgen. Was nun in den Evangelien beschrieben wird, hat wohl damit zu tun, dass an sich jetzt die Jesusgeschichte zu Ende ist, was seine wenigen Anhänger so nicht hinnehmen wollen. Und so beschreiben sie eine ganz und gar unglaubliche Geschichte, die offenbar damals dann eine gewisse Austrahlung für einige wenige hat. Aus ihr erst wird sich ein "Christentum" entwickeln.

Aus dem Menschen Jesus wird nun tatsächlich, wie es heißt, ein irgendwie leiblicher Sohn des jüdischen Gottes, oder anders verstanden, die Inkarnation (Fleischwerdung) Gottes auf Erden. Vermutlich fangen bald die ersten derer, die ihren (jüdischen) Gott dennoch weiter mit einem gewissen Monotheismus versehen, an, daran zu glauben, dass ihr Gott in Menschengestalt zu den Juden gekommen sei, denn Jesus ist nun mehr als ein Prophet, er wird selbst göttlich.

 

In völliger Verkehrung der Abrahamgeschichte, in der ein Menschenopfer von Gott abgelehnt wird, lässt sich also Gott selbst in Menschengestalt opfern. Was damals gesehen wurde, ist nicht ganz das so Gesagte, denn dieser Jesus klagt laut "Froher Botschaft" bei Gott, als er am Kreuz im Todeskampf ist, zunächst über diese seine Aufopferung, ist er doch bis in den Tod ganz Mensch. Aber der ganzen Geschichte ist mit Vernunftmitteln ohnehin nicht beizukommen.

 

Also erst im Tode selbst wird der Jesus der Evangelisten zu Gott als Gottes Sohn. Und da Götter unsterblich sind, muss er von den Toten auferstehen und ist so vom Menschen in einen Gott rückverwandelt. Damit das glaubhaft wird, behaupten die Evangelisten, dass man ihn in seiner Menschengestalt wiedererkannt habe, allerdings nun soweit vergöttlicht, dass er unberührbar geworden sei. Jetzt fehlt nur noch jene Pfingstversammlung, bei der seine kleine Anhängerschar sich in Verzückung oder gar Raserei versetzt, um all das nun auch ganz fest zu glauben.

 

(Ausführlich und textnah steht das alles in Anhang 1)

 

Da es hier um die Entstehung des Kapitalismus im 10. bis 12. Jahrhundert nach solchen recht legendären Ereignissen gehen soll, ist das wichtigste Moment des Ganzen zum Schluss deutlich hervorzuheben: Der zum Messias bzw. zu (einem?) Gott gewandelte Jesus verspricht im Kern Erlösung von jenem Menschsein, wie es allen Menschen in einer wahrnehmbaren Wirklichkeit zu eigen ist; also die Rück-Verwandlung der Menschen, die an ihn glauben, in Gottes Ebenbilder, denen Gott in Menschengestalt in seinem eigenen Reich erneut paradiesische Zustände jenseits von Raum und Zeit verspricht. Die ganze Welt jenseits des Paradieses wird dabei untergehen, sie ist überflüssig geworden. Und denen, die nicht nach Jesu Vorgaben leben oder gar an seine Göttlichkeit glauben, blüht im selben Moment ewige Verdammnis. Von einem "lieben Gott" der deutschen Mittelschichten des 18./19. Jahrhunderts jedenfalls kann noch lange keine Rede sein. "Er" ist eher weiter von einer gewissen archaischen Grausamkeit.

 

Der zu Christus gewordene Jesus verspricht seine nahe Wiederkehr, bei der nicht nur wie bei seinem Tod der Jerusalemer Tempel wackelt, sondern alles Irdische mit Getöse untergeht. Die kleine Jerusalemer Gemeinde, in der Apostelgeschichte schon etwas historischer greifbar, wartet auf ihren Erlöser, konfrontiert mit der Feindseligkeit jüdischer Orthodoxie. Man lebt in Gütergemeinschaft in einer isolierten Männerwelt und bekräftigt sich wohl immer wieder gegenseitig die Gewissheit der Wiederkunft des Herrn.

 

Aber während "der Herr" erst einmal nicht kommt, taucht der von seiner Version eines Jesus und Gottes beeindruckte Paulus auf und verlangt, dass Juden kein Monopol auf diesen Erlöser haben dürften und hätten – er gehöre allen Menschen, die an ihn glauben, worunter er wohl vor allem die griechische, aber auch die lateinisch-römische Welt versteht. Das führt zum Streit, aber der erledigt sich spätestens, als die Jerusalemer Gemeinde mit dem Tempel und antiker jüdischer Geschichte zusammen untergeht.

 

Es entstehen anderswo neue Zentren christlicher Gemeinden, also der Verehrung des menschgewordenen, getöteten und und auferstandenen Gottes. Mit der Verbreitung eines solchen Christentums aus dem jüdischen Kernraum hinaus beginnt aber sogleich seine radikale Substanz zu verwässern, wie man an vielen Stellen nachlesen kann. Nicht nur, dass der neue Gott noch stärker aus der Strenge jüdischer Orthodoxie gelöst wird, und dass er zum Gott aller wird, die an ihn glauben, er kommt, und das wird den Glauben an ihn stark verändern, einfach nicht wieder, anders gesagt, man muss sich auf ein Leben einrichten, dass mit dem eigenen Tod endet, und hoffen, dass er doch irgendwann später zu ihren Gunsten eingreift. Irgendwann eben am "jüngsten", also letzten Tag.

 

Derweil bekommen die Gemeinden Vereinscharakter, sie richten Ämter ein, eine Hierarchie entsteht, die zur Kirche wird, kyriakon, dem Haus des „Herrn“, und ekklesia, der organisierten Versammlung der Gläubigen. Anstatt bloß in der Erwartung der Wiederkunft Gottes zu leben und sich auf diese vorzubereiten, wie es einst Paulus verlangte, richtet man sich im Erdenleben ein und macht die ersten Kompromisse mit der Wirklichkeit.

 

Kirchliche Ämter entwickeln ein Eigenleben und werden zugleich aufgewertet durch die Anzahl der ihnen zugeordneten Menschen. Wenn man aber mehr Gläubige schaffen möchte, tritt man in Konkurrenz zu den antiken Kulten. Ein attraktives Christentum braucht also nun Zeremonien, Rituale, ein eigenes Brauchtum, all das, was der evangelische Jesus am Judentum abgewertet hatte und was die "Heiden" am Heidentum hielt. Und es braucht darüber hinaus eine attraktivere Botschaft als die Vertröstung auf eine immer fernere Zukunft. Die entstehende Kirche beginnt also, ihre neuen Mittel als Mittler zu Gott anzubieten, die an die Stelle Jesu treten. Ohne sie ist jetzt kein Heil und nur bei ihr ist jedwede Wahrheit.

 

Aus dem nicht mehr greifbaren Erlöser wird also die Kirche zum Erlöser, zum Mittler zwischen "Gott" und den Menschen.

 

Menschwerdung und Erlösungs-Sehnsüchte

 

Der Wahnwitz des Kapitalismus braucht die Besonderheiten christlicher Religion als Voraussetzung, wie sich zeigen wird. Aber so wie der Kapitalismus nicht nur Wahnwitz ist, sondern zugleich ein sich verselbständigendes ungeheures und weltbewegendes Erfolgsprogramm, so hat das Christentum auch eine sehr verständliche anthropologisch fassbare Komponente, jene nämlich, einer vielen Menschen spätestens seit ihrer Zivilisierung innewohnenden Erlösungssehnsucht eine Perspektive zu bieten. Erlösung ist schließlich das jesuanische Schlüsselwort.

 

Jenseits dessen, was man nur glauben kann, wenn man denn kann und vor allem will, gibt es dabei den Versuch einer Erschließung und Erklärung von historischer Wirklichkeit. Vom Paradies bis zur verheißenen Wiedergeburt und Wiederkunft des getöteten Gottes lässt sich eine Geschichte menschlicher Unzufriedenheit mit sich selbst und den eigenen Lebensumständen erkennen, mit den so empfundenen Übeln dieser unserer Welt eben. Und das dem Judentum entschlüpfte Christentum ergibt dazu die bis dato radikalsten Erlösungsvorstellungen (und erlöse uns von dem Übel bzw. Bösen, heißt es bald im Paternoster).

 

Diese Unzufriedenheit scheint Konsequenz von Lebensformen zu sein, die sich mit der neolitischen Revolution einstellten: Produktives Eigentum an Land und Vieh und Werkzeugen unterscheidet nun Leute nicht mehr nach ihrem Talent allein, sondern auch nach ihrem Besitz. Die neue Mühsal produktiver Arbeit, die für die meisten in relative Armut und Not führt, wird noch verstärkt durch Abgaben, die an Tempelpriesterschaft und mit ihr verbündete aufsteigende Despoten zu errichten sind. Die Selbstregulierung der Menschen in Gemeinschaften wird nach und nach in einigen Gegenden ersetzt durch Gebote der Priester und Gesetze der mit ihnen verbündeten Despoten. Menschen geraten in die Strukturen von Zivilisationen, also unter institutionalisierte Herrschaft, zu deren Rechtfertigung auch der nun erfundene Krieg gehört, der die früheren gelegentlichen und gewaltsamen, aber notwendigen Rangeleien mit Nachbarn um Lebensraum ablöst.

 

Frühe Kulturen mussten bereits die Zähmung und Selbstbezähmung von Triebenergien betreiben, damit Menschen solide gemeinschaftsfähig werden konnten. Die daraus erwachsenden Frustrationen konnten aber noch in den eigenen Lebenszusammenhang eingeordnet werden. Zur gemeinschaftlichen Selbstbezähmung kamen aber nun „von oben“ die neuen Zwänge, die institutionalisierte Mächtige ausübten. Zur Selbst-Domestikation der Menschen, ihrer Kultivierung, kam also die Zivilisierung. Das alles verlangt nach begründender Erklärung, die aus den Positionen der Macht heraus geliefert wird. Der Schmerz des ständig einzuübenden Verzichtes war anders offenbar nicht erträglich.

 

In Zivilisationen findet also ein verdoppeltes Frustrationserlebnis statt. Das lateinische frustrare bedeutet unter anderem zunichte machen und vereiteln und gelangt erst spät in die psychologische Fachsprache. Frustration wird dabei vom Vorgang des Vereitelns zu dem Gefühl, welches dieser auslöst: man ist frustriert.

Dieses Phänomen tritt schon im Prozess früher kultureller Domestikation auf und nimmt dort zu, wo produktive Arbeit überhand nimmt: Das moderne Deutsch spricht davon, dass man sich dabei "überwinden" muss.

Frühe Kulturen bis ins Neolithikum hinein schaffen es, große Teile der Impulskontrolle zu regulieren, geradezu zu automatisieren. Dss Gefühl der Frustration ist dabei soweit ins Unterbewusste verdrängt, dass es nur noch in emotionalen Ausbrüchen zu Tage tritt, die in Zivilisationen weithin kriminalisiert werden.

In zivilisierter Untertänigkeit muss diese selbst so reguliert werden, dass sie im Regelfall als sogenannte Selbstverständlichkeit auftritt. Zur Domestikation der Kultur tritt also als neue die der Unterwerfung unter den Willen der Machthaber, was nicht nur durch Verdrängung, sondern dabei auch mittels Identifikation mit den Machthabern gelingt. Aber Verdrängung begleitet von nun an mehr denn je den Alltag der Menschen. Was verdrängt wird, verschwindet aber nicht, sondern taucht an anderer Stelle irgendwann wieder auf, und dort wird es recht häufig von Erlösungsphantasien aufgefangen. Das Faszinierende am Weg in das Mittelalter wird, dass die neuen Machthaber, anders oder zumindest stärker als orientalische Despoten, selbst in solchen Erlösungssehnsüchten gefangen sein können.

 

Das Christentum als Partner der Macht, also die Kirche, fördert diese Sehnsüchte, indem es zugleich zunehmend Angst macht. Das gelingt ihr dadurch, dass sie für alle den Tod als Erlösung vom Leben der Mühen, Anstrengungen und Gefahren nicht nur abschafft, sondern den "Sündern", also denen, die sich nicht rigoros der Kirche unterwerfen, eine ewige postmortale Existenz in Höllenqualen verspricht. Erlösung ist also nicht mehr einfach die vom Tod, sondern die von den immer grausamer ausgestalteten Torturen danach, sie wird also immer dringlicher.

 

Im Rahmen solcher Vorstellungen wird eben Kapitalismus auch entstehen. Solche extremen messianischen Erlösungsphantasien, wie sie das Christentum basierend auf jüdischen Vorformen bediente, waren zumindest selten. Germanischer Pessimismus mit Weltuntergangsvorstellungen oder altgriechische Vorstellungen von der tragischen Existenz der Menschen waren häufiger, sowie auch Kulte und Göttervorstellungen, die einen gewissen dieseitigen Optimismus förderten.

 

Kern des christlichen Erlösungsgedankens ist der vorausgegangene behauptete Durchgang durch Leid und Tod als Aufopferung Gottes, der eben auch das bislang gebräuchliche Tieropfer ablöst und so Tempel und Priesterschaft überflüssig macht. Gott opfert sich kurzzeitig in Menschengestalt für die, auf die das hinreichenden Eindruck macht. Passion, Sterben und Auferstehung machen dann die Vorgänge aus, um die Christentum religiös kreisen wird, worüber es die radikalen und für die meisten unerfüllbaren Vorstellungen Jesu dann eben auch wird vernachlässigen können. Sie werden nun den sehr wenigen "Heiligen" vorbehalten bleiben.

 

Das ist alles deshalb wichtig, weil, wie sich zeigen wird, der Kapitalismus solche Erlösungssehnsüchte säkularisieren wird. Er bietet neue Karrieren, neue Wege zu Reichtum, erweiterten Warenkonsum und immer größere Amüsierwelten. Das alles sind, um in einer notwendigen Abwandlung des Freudschen Diktums zu sprechen, Kompensationen für das Unbehagen in der Zivilisation, jene Gratifikationen, die die alltäglichen Frustrationen erträglicher und ihre Verdrängung leichter machen.