ANFÄNGE: DEFINITIONEN  I

 

 

Menschwerdung

Exkurs: Menschliche Geschlechtlichkeit

Kulturen

Produktive Ernährung: Jungsteinzeit, der erste Sündenfall

Zivilisation: Eine Definition des zweiten Sündenfalls ("Hochkultur")

Frühe Zivilisierung (Eigentum, Arbeitsteilung, Handel / Macht / Die Macht der Priester und der Herren / Status und Luxuskonsum / Wo bleibt Kultur)

Bronzezeit nördlich des Mittelmeers

Beschleunigung

*********Reiche von Despoten: Ägypten und Mesopotamien *********

Exkurs: Aggression, Gewalt, Krieg und Sigmund Freud

Veränderung von Naturräumen durch Menschenhand

Ein Fazit zum Ende der Bronzezeit

 

 

Sprache ist nicht nur dazu da, Erkenntnisse zu formulieren und zu vermitteln, sondern mindestens genauso dazu, das zu verhindern. Letzteres geschieht einmal, weil die sprachliche und damit auch Denkvorgänge formulierende Kompetenz der meisten Menschen für komplexere Phänomene nicht ausreicht, und dann auch, weil die Machthaber der letzten über zehntausend Jahre genau das ausnutzen, um die Untertanen in Untertänigkeit zu halten. Das wiederum korrespondiert mit dem an sich heilsamen psychischen Mechanismus in Menschen, im Zuge der Produktion von Welt als Vorstellung alles das zu ignorieren, was unangenehm ist, schlechte Gefühle bzw. Unlust auslöst und durch Selbstbetrug zu ersetzen. Auf diese Weise werden Gefühle überhaupt ein wesentliches Regulativ für Gedanken.

 

Schwerwiegender noch für den Versuch jedweder kritischen Geschichtsbetrachtung ist die Sprache einer gedankenlosen Geschwätzigkeit, die für Begriffe hält, was nie einem Versuch des Begreifens unterzogen, sondern vielmehr für selbstverständlich gehalten und darum nie den Mühen des Verstehens oder wenigstens eines gewissen Nachdenkens unterzogen wird.

 

Die Geschichtsschreibung der letzten tausend Jahre bewegt sich darum auf den Wogen eines Meeres unklarer Begriffe, die nicht nur jeweils aktuelle tatsächliche Unklarheit widerspiegeln, sondern sie auch propagandistisch bzw. rechtfertigend nutzen. Dabei sind fast alle Historiker über den größten Teil unserer Zeit hier direkt den Interessen von Mächtigen unterworfen und seit Jahrhunderten im wesentlichen staatlich bestallte Akademiker mit unübersehbarer Neigung zur Identifikation mit der Macht und entsprechend den Machthabern der Vergangenheit.

 

Zusammengefasst heißt das, dass eine kritische Geschichtsbetrachtung, sollte sie wenigstens ansatzweise wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, Begriffe erst klären muss, anstatt mit ihnen so zu operieren, als ob es um einen wohldotiert-gehobenen Kaffeeklatsch ginge.

Wenn man dabei Ideologieproduktion vermeiden will, empfiehlt es sich, Begriffe dort und so zu definieren, wie ihnen zugrunde liegende Phänomene historisch auftauchen, und dabei von vorneherein all jene Wörter als Begriffe auszuschließen, die von machtideologischen, religiösen oder sonstigen reflektions-resistenten Nebelwerfern zur Fütterung eigener Selbstgefälligkeit und zur Verdummung der anderen in einen öffentlichen Raum gestellt werden.

 

Zu diesem Zweck gibt es hier drei Großkapitel zur Vorgeschichte vor allem Kapitalismus, die nicht zuletzt auch der Herstellung einer handfesten Begrifflichkeit und damit auch eines Menschenbildes dienen, welche zum ansatzweisen Versuch einer Herstellung historischer Wirklichkeit dienen sollen.

Dabei wird eine Ausnahme gemacht: Kapitalismus sei hier nur vorläufig definiert als die Dominanz der Bewegungen des Kapitals über alle Arbeits- und Lebensvorgänge, über den Alltag der meisten und inzwischen praktisch aller Menschen. Kapital wird dabei als ausschließlich zum Zweck seiner Vermehrung investiertes Eigentum verstanden, welches immer auf einem Markt in Geld berechenbar ist, und es ist damit von Schatzbildung und in Konsum aufgehendem Eigentum unterschieden. Jede weitergehende Definition wird an den Phänomenen festgemacht werden, in denen Kapital und Kapitalismus später auftreten werden. Als historische Phänomene gehören sie dabei nicht in den Kontext von ahistorischen Spezialfächern, sondern in den ihrer Zeit.

 

 

Menschwerdung als Kulturbildung

 

Vor dem Beginn schriftlicher Aufzeichnungen lässt sich die menschliche Geschichte nur aus wenigen Hinterlassenschaften erschließen. Dennoch ist das ungeheuer wichtig, denn nur aus seiner Evolution lässt sich ein Bild vom Menschen entwickeln, welches von den ideologisierenden seit den frühen Zivilisationen abgelöst ist. Ohne ein möglichst wirklichkeitsnahes Bild vom Menschen gibt es aber keine wissenschaftlich brauchbare Vorstellung von dem, was diese als Kapitalismus in ihrer Spätzeit hervorbringen werden.

 

Bekanntlich bildet sich im Tierreich die besondere Gruppe der Säugetiere heraus. Ein Entwicklungsstrang verzweigt sich vor Jahrmillionen in die Gruppe der Affen und die der Menschen andererseits, in vielerlei Hinsicht zunächst eine Art Affen mit immer weniger Behaarung. Diese letzteren ernähren sich möglicherweise zunächst von Aas und dann durch fast ihre ganze Geschichte hindurch vor allem vom Fleisch von eingesammelten und erjagten Tieren. Da sie auch vor der Erfindung des Feuers schon das eine oder andere an pflanzlicher Nahrung vertragen, kann man sie auch wie manche andere Tiere als Allesfresser bezeichnen, die entweder umherziehen oder zeitweilig in Höhlen und Felsüberhängen zuhause sind.

 

Ab wann wir von Menschen sprechen können oder wollen, soll hier offen bleiben, - ob seit dem mit heutigen Menschen anatomisch einigermaßen gleichen sogenannten homo sapiens oder schon bei menschenartigen Lebewesen von früheren Jahrhunderttausenden.

Rahmenbedingung für die Vorgänge der Menschwerdung ist auf jeden Fall die letzte große Eiszeit mit der letzten großen Kaltzeit bis um die Zeit von etwa

12 000 vor  unserer Zeitrechnung. Menschwerdung findet wohl auch darum zunächst weit südlich vom damals ewigen Eis statt, mit dem afrikanischen Australopithecus vor über drei Millionen Jahren und dem heute als Homo bezeichneten Menschen vor über zwei Millionen Jahren, dem es dann nach Jahrhunderttausenden gelingen wird, aufrecht zu gehen.

 

Es finden in der sogenannten Altsteinzeit Schritte statt, in denen die sich entwickelnden Menschen ihre physischen Schwächen und Nachteile gegenüber bedrohlichen Tieren und Nahrungsmittelkonkurrenten kompensieren. Dazu gehören Steinwerkzeuge, von denen die Forschung annimmt, dass sie vor 2,5 bis 2 Millionen Jahren zum ersten Mal auftauchen und vor 1,5 Millionen Jahren zum Faustkeil verfeinert werden. Während sich Menschen damit noch nicht sehr deutlich von ihren tierischen Verwandten unterscheiden, so wird die Nutzung des Feuers, für die einige Forscher für die Zeit vor 1,7 Millionen Jahren erste Feuerstellen vermuten, ein markanterer Schritt.

Mit dieser Nutzung des Feuers gewinnen sie nach und nach eine gewisse Überlegenheit über immer mehr Bereiche der übrigen Tierwelt; insbesondere hilft das nun gegarte Fleisch auch bei Wachstum und Ausdifferenzierung des Gehirns.

 

Menschliche Vorfahren als sogenannte Hominiden von Atapuerca (Nordspanien) tauchen vor rund 1,1 Millionen Jahren dann in Europa auf.  Zwischen vielleicht 800 000  und 100 000 produzieren Europäer "Faustkeile", die ihnen offenbar einen deutlicheren Vorteil vor anderen Tieren geben. Solche Menschen, wenn man sie jetzt so nennen möchte, sind die Neandert(h)aler, nach ihrem ersten Fundort benannt, die von vielleicht 230 000/130 000 bis 40 000 Europa und Teile Asiens besiedeln.

 

Es wird immer deutlicher, dass der Prozess der Menschwerdung zum Erfolgsprogramm der Natur wird, für das Ausbreitung und Vermehrung stehen. Diese frühen Menschen sind offenbar hervorragende Jäger, die Herden von Pferden, Bisons und Mammuts mit Speeren jagen, dabei Fleisch und Felle erbeuten, und zudem pflanzliche Nahrung sammeln. Sie wohnen weiter in Gruppen in Höhlen, teilweise über längere Zeit, wandern aber ansonsten umher. Sie verfügen vermutlich über feste Feuerstellen zum Kochen. Das Steinwerkzeug verbinden sie nun manchmal vermittels Pech aus Birkenrinde mit einem Holzschaft.

Das Jagen großer und mächtiger Herdentiere mit Speer und Speerschleuder funktioniert nur in Gruppen, die darum auch jenseits der Jagd in irgendeiner Form Gesellschaften bilden, ohne dass man Näheres über die Strukturen weiß.

 

Anatomisch sind sie am Ende wohl bereits in der Lage, eine spezifisch menschliche Sprache auszubilden, womit sie eine frühe Trennung in menschengemachte Welt der Vorstellung und die davon nun sich lösende Wirklichkeit erreichen. Dafür spricht auch, dass sie Menschen aus ihrer Gruppe wohl schon begraben und mit Höhlenmalerei beginnen.

 

Um 40 000  wandert der sogenannte homo sapiens wahrscheinlich aus Afrika in Europa ein. Er ist vermutlich dunkelhäutig und hellt sich dann unter der nördlichen Sonne auf. Er eignet sich wenige Prozent Neanderthaler-Gene in der Begegnung mit diesen an, die nun aber verschwinden. Anatomisch ist er bereits einigermaßen mit uns heutigen Menschen identisch.

 

Vor rund 40 000 Jahren tauchen solche Menschen zum Beispiel auf der Schwäbischen Alb bei Blaubeuren auf. Es handelt sich um Höhlen bewohnende Jäger und Sammler, weiterhin vor allem Fleischesser. und zwar besonders im Winter. Gejagt werden vor allem die Herdentiere Wildpferd und Rentier und das Mammut, welches dort um etwa 10 000 ausstirbt,

 

Waren die Neandertaler noch weit voneinander entfernte kleine Horden in einer alles dominierenden Natur, die sie kaum verändern, beschleunigt sich die Veränderung mit stärkerer Vermehrung des biologisch heutigen Menschen, auch wenn es sich weiter um Höhlen bewohnende Jäger und Sammler handelt.

 

Mit der 6 cm großen und fett wirkenden, kopflosen Frauengestalt von Hohlefels am Südrand der Schwäbischen Alb mit ihren Riesenbrüsten kommt es zur ersten Menschendarstellung; vorher wurden nur Tiere dargestellt. Wir befinden uns mit ihr in der Zeit vor ungefähr 35 000 Jahren. Das Material ist Mammut-Elfenbein. Die an der Stelle des Kopfes befindliche Öse macht deutlich, dass es sich um einen Anhänger handelte.

Elementar für die kleine Figur sind die Betonung der Brüste, des Hintern und des Geschlechts, also von Weiblichkeit, was sich vielleicht als Betonen von Fruchtbarkeit interpretieren lässt. Deutlich wird vor allem, dass es sich um das extreme Gegenteil feministischer Denunziation von Weiblichkeit handelt, wie sie heute in den Metropolen des auslaufenden Kapitalismus propagiert wird.

 

Klar ist, dass das heutzutage gerne dafür verwendete Wort "Kunst" völlig irreführend ist: Es geht hier offensichtlich nicht um sich "realistisch" gebende Kunstfertigkeit, ein ursprünglicher Wortsinn von "Kunst", noch lässt sich hier Kunst als kultischer Gegenstand oder im späteren Wortsinn als Ware eines professionalisierten Amüsiergewerbes im weitesten Sinne belegen. Was es mit den steinzeitlichen Figurinen auf sich hat, bleibt ohnehin ebenso im Dunkeln wie bei steinzeitlichen Malereien.

Zu dem Fundumfeld gehört auch eine gerne als Musikinstrument interpretierte Flöte. Entfernt davon hat man Lager von Stoßzähnen in einer Höhle gefunden, mit denen wohl eine Gruppe Perlen mittels Steinwerkzeugen produzierte. Schmuck mag dabei Gruppenzugehörigkeit markiert haben bzw. bereits auf menschliche Eitelkeit hindeuten, also einen frühen Ausdruck individuellen Machtwillens.

 

Bildliche Darstellungen weiten sich über ganz Europa aus. Höhlenmalereien in Westeuropa werden langsam immer kunstvoller, gekonnter. Zwei- und dreidimensionale bildliche Darstellungen schieben eine Welt der Vorstellungen vor die Wirklichkeit. Im Zuge dieser neuen vorgestellten Welt werden dann nach und nach einzelne Individuen jene Deutungshoheit gewinnen, die nicht Erkennbares und Verständliches in Geglaubtes verwandelt und so fast schon wahnhafte Gewissheiten vorgaukelt, um auf diese Weise Macht ausüben zu können.

 

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Kapital und Kapitalismus haben also eine Vorgeschichte, die zunächst immer Naturgeschichte ist, wie im 19. Jahrhundert von Darwin und anderen erkannt wurde, und zwar solche, welche die Menschen als Lebewesen und Säugetiere definiert, das heißt nicht religiös oder politisch oder mittels anderer Machtinstrumente.

Dennoch findet im Verlauf der Menschwerdung durch eine besondere Ausbildung des Gehirns im Zusammenhang mit der Entstehung einer komplexeren Sprache ein allmählicher Distanzierungsprozess von der übrigen Natur statt: Menschen beginnen ihr anders als andere Tiere gegenüberzutreten. Instinktive, genetisch tradierte Entscheidungen und solche von anderen abgeschaute können durch reflektierte abgelöst und relativ schnell wiederum tradiert werden. Das ist gravierend neu, und solche Entscheidungen haben eine größere Chance, falsch zu sein, sobald sie - was nun möglich wird - auf Spekulation beruhen. Die lange und langsame Linie der Evolution wird so durch die zunehmend kürzere innovativer Einzelentscheidungen durch wenige einflussreiche Menschen abgelöst, deren - allerdings offenbar zunehmend unzulängliches Korrektiv - zunächst Erfahrung bleibt. Das Tempo der Naturgeschichte nimmt entsprechend mit der Menschwerdung zu, - und es wird bis zur Gegenwart immer mehr beschleunigt werden.

 

 

Sprache verschafft den Menschen kurzfristige Vorteile, aber auch langfristige Nachteile. Ihre Besonderheit besteht nicht in ihrer Fähigkeit, etwas mitzuteilen, denn das können viele der übrigen Tiere mehr oder weniger auch. Vielmehr liegt ihre Bedeutung in der differenzierten Benennung von Gegenständen, Vorgängen und Eigenschaften, der Bezeichnung von sprachlich umgestalteter Wirklichkeit.

Indem solche Sprache Gegenstände der Wahrnehmung bezeichnet, verdoppelt es sie in unbezeichnete, sich unentwegt verändernde Wirklichkeit und bezeichnete, dadurch scheinbar statischer werdende Welt, die, welche vom Lateinischen res abgeleitet ganz spät als (Illusion von) "Realität" in einige Sprachen eingehen wird.

Wenn das Deuten auf etwas mit dem Wort verbunden wird, erhält das Wort "Bedeutung", welches sie auch vom Gegenstand trennt, denn Bedeutung ist notgedrungen immer ein Stück weit subjektiv und ein Stück weit unausgesprochen. Mit der logischen Verknüpfung von Wörtern und ihrem Assoziationsraum entsteht eine Welt voller Bedeutungen, die nun in Sprache fixiert wird. Menschen verwandeln wahrnehmbare Wirklichkeit in Welt, ein Vorgang, welcher in vielen Sprachen gar nicht formulierbar und dann nur schwerlich überhaupt reflektierbar ist.

 

Scheinbare Verdoppelung von Wirklichkeit kann man am besten anhand der Höhlenmalereien und der kleinen steinzeitlichen Figuren verstehen. Es gibt nun weiterhin eine unmittelbar wahrgenommene Wirklichkeit und darüber hinaus eine vorgestellte, wie sie sich dann eben auch im Wort und später im Bild ausdrückt. Letztere wird zur Welt des den Menschen Bewussten, zur von ihnen geschaffenen zweiten (Pseudo)Wirklichkeit, unter die sich noch eine andere des wenig oder gar nicht Bewussten schiebt, welches unter Bedingungen von Kulturbildung unterdrückt und transformiert wird.

 

Wir unterscheiden gerne zwischen dem, was ist, und dem, was geschieht. Dabei ist gar nichts, sondern alles wird und vergeht. Die Welt ist das, was unentwegt geschieht. Aber wir leben so, als ob das nicht so wäre, denn unsere Psyche braucht eine stabilere Welt mit vielen Konstanten, und die Sprache gibt uns dafür die Namen. Zudem sind unsere Sinne außerstande, die meiste Veränderung wahrzunehmen und wenn das doch möglich wäre, würden wir sofort durchdrehen, uns würde mindestens schwindelig werden.

Also unterscheiden wir zwischen Dingen und Geschehen. Geschehen wäre dann das, wovon wir merken bzw. bereit sind zu merken, dass es geschieht. Dazu gehören zum Beispiel alle wahrgenommenen Bewegungen von dem, was wir für solide Dinge halten. Aber jenseits dieser Sphäre sinnlicher Wahrnehmung haben wir eine zweite, in der wir Dinge und Geschehnisse einordnen und verknüpfen. Erst diese mehr oder weniger vernunftgeleitete Verstandestätigkeit konstruiert Welt, genauer gesagt, die verschiedenen verschiedener Menschen.

 

Über dieses Verstehen hinaus benutzen wir Begriffe, die keiner sinnlichen Wahrnehmung entspringen, sondern Schlussfolgerungen aus ihr sind oder aber dem Wunsch folgen, da möge etwas sein. 'Welt' beispielsweise entspringt dem Wunsch, dass alles, was „ist“ und geschieht, ein großer geordneter Zusammenhang sein soll, so wie er den Bauprinzipien unseres Verstandes entspricht.

Schieres Wunschdenken ist es, sich mehrere oder einen "Gott" vorzustellen, der dem, was wir uns als Welt konstruieren, eine Konsistenz geben soll, die einen menschengemäßen „Sinn“ enthält, eine Richtung zum Beispiel, die auf mehr verweist als den Tod, als allgemeine Vergänglichkeit. Wir benennen auf diese Weise etwas, woran wir nur glauben, wovon wir aber nichts wissen können, Inbegriff jener erwünschten und herbeiphantasierten "Identität", die sich Menschen erhoffen, wenn sie „ich“ sagen oder sich mit ihrem Namen identifizieren.

 

Welt sei so hier als die vom Menschen für sein Leben und Überleben instrumentalisierte Wirklichkeit bezeichnet, der durch Fiktionen und Illusionen abgeholfen wird, die es nun zu glauben gilt. Wirklichkeit selbst sei wiederum als die nicht hinreichend menschlich fassbare unentwegte Veränderung benannt, die als solche in ganz frühen indischen Zivilisationen und bei wenigen Vertretern der antik-griechischen Philosophie erkannt wird, deren grundsätzliche Wahrnehmung aber von fast allen Menschen mit allen Mitteln vermieden wird. Menschen gewinnen im Laufe der Menschwerdung stattdessen eine immer stärkere Neigung, sich selbst und damit auch andere zu belügen. Erkenntnisfähigkeit führt bei den meisten Menschen, wie man auch heute sehen kann, nicht selten zur Kunst der Erkenntnisvermeidung.

 

Das hat Konsequenzen für Geschichte als Wissenschaft. In der Annäherung an Wirklichkeit kann sie diese doch für jede Vergangenheit in doppelter Hinsicht nicht erreichen: Zum einen entzieht sich Wirklichkeit als Ganze sowieso unserer Wahrnehmung, und zum anderen ist sie ohnehin immer vergangen, also in großem Umfang verloren. Dabei ist der Wunsch, wenigstens "etwas von ihr" einzufangen, die einzige Möglichkeit, jener Welt der Illusionen ein wenig zu entkommen, die ein psychisches Grundbedürfnis von Menschen zu sein scheint. Nietzsche spricht in diesem Zusammenhang von Angst und Schrecken bei der Konfrontation mit "Wahrheit", die hier besser als Wirklichkeit begriffen werden soll.

 

Bis heute wird Geschichte, im wesentlichen von den jeweiligen Machthabern unterstützt und finanziert, als Fortschritt von Macht aus der Sicht von Machthabern erzählt, nur wenig gebrochen durch einen zwischenzeitlichen christlichen Pessimismus, der dann aber auch gleich durch Erlösungsphantasien abgemildert wird. 

Erst heute, angesichts des immer schnelleren Vorgangs der Vernichtung der natürlichen Grundlagen allen Menschenlebens durch die Menschen selbst, könnte sich ein neues Misstrauen gegenüber der (doppelten) Produktion von Welt durch die Menschen entfalten, wenn nicht zum einen die menschliche Psyche dem massiv widersprechen würde und zum anderen die Menschen sich tatsächlich eine Welt nicht nur in Worten, sondern auch in Taten geschaffen hätten, deren Rücknahme weniger nahe zu liegen scheint als der Weg in den Untergang der eigenen Art.

 

 

In der Menschwerdung fallen unübersehbar vor allem drei Dinge zusammen: Immer größeres Gehirn bei komplexerer Gehirnstruktur samt Sprachbegabung, die Ausbildung von Sprechorganen und dann von Sprache - und ein durch das Jahr anhaltender Fortpflanzungstrieb.

 

Es handelt sich bei der Innovation in grauer Vorzeit einmal um den nunmehr ganzjährig auftretenden Geschlechtstrieb des männlichen Tieres/Menschen bei ganzjähriger Empfängnisbereitschaft des weiblichen, die dies mit durchweg geschwollenen Brüsten auch ohne Milch körperlich verdeutlicht, Ersatz für die Signalwirkung der Hinterbacken bei jenen (Säuge)Tieren, die sich auf allen Vieren oder zumindest gebückt bewegen. Das heißt, die Geburten sind wie schon bei anderen Primaten von der saisonalen Günstigkeit der Ernährung des Säuglings entkoppelt, weil Menschen wie schon manche Affenkollegen nicht mehr ganz und gar von ihr abhängig sind. Dadurch kommt es zu einer ersten Stufe der Entkoppelung von Triebhaftigkeit und Fortpflanzung bei den einzelnen Individuen: eine elementare Veränderung, wie sie neben den Menschen auch Bonobos und Schimpansen unterschiedlich zu bewältigen haben.

 

Damit verbunden ist die Notwendigkeit der Domestizierung oder besser (Be)Zähmung der dem Trieb innewohnenden Aggressivität, da Menschenkinder in besonders hohem Maße und vor allem besonders lange von den Eltern aufgezogen, versorgt und beschützt werden müssen, was einen friedfertig-solidarischen Raum voraussetzt. Dafür entstehen Ehe und Familie und darüber hinaus Gemeinschaften, die entweder physisch oder sogar darüber hinaus ideell auf Verwandtschaft beruhen.

Die menschliche Geschlechtlichkeit kompensiert so wohl die Tatsache, dass Primatenweibchen auf einmal meist nur ein Kind zur Welt bringen.

 

Zum anhebenden Erfolg der Menschen gibt es zunächst ein Korrektiv: Wo zu viele Pflanzen und Tiere abgeräumt worden sind, muss man weiterziehen. Ist der Platz anderswo schon besetzt, schlägt man sich unter Umständen kurz einmal gegenseitig ein wenig tot. Zum Erfolgsprogramm des Menschen gehört darum auch eine zunehmende Gewalttätigkeit innerhalb der eigenen Art.

 

Es ist bezeichnend für die kapitalistisch geprägten Großdeuter der Geschichte der letzten Jahrhunderte, dass sie "Technik" als zentralen Motor der Menschheitsentwicklung definiert haben. Die griechische techne als menschliche Kunstfertigkeit treibt aber die Geschichte nicht nur (manchmal) voran, sie hängt vor allem auch von den anderen Menschwerdungsfaktoren ab. Ohne die menschliche Gehirnstruktur, sein Sprachvermögen und seine spezifische Sexualität, die mit den beiden ersteren sicherlich verbunden ist, gäbe es keine Faustkeile, nicht die Nutzung des bezähmten Feuers, nicht die Entwicklung von Werkzeugen und Waffen aus Holz, Knochen usw., zum Beispiel vom Wurfspeer über die Speerschleuder bis zu Pfeil und Bogen in den Wäldern, die um 10 000 Mitteleuropa zu bedecken beginnen.

 

Genauso bezeichnend ist, dass die bisherigen großen Geschichtsdeuter die Entstehung von Kulten und den Hokuspokus der mit ihnen aufsteigenden Machtmenschen als Fortschritt ansehen. Es lassen sich stattdessen zwei Dinge feststellen: Irgendwann beginnt die Endgültigkeit des Todes vielen Menschen unerträglich zu werden und es wird nun von (irgend)einem Weiterleben nach dem Tod fabuliert, was sich anhand von Grabbeigaben wie Nahrungsmitteln, Statussymbolen und Waffen belegen lässt. Zum zweiten werden die Naturgewalten nicht mehr einfach als solche hingenommen, sondern von Fabulierexperten gedeutet, die sich damit wichtig tun können. Und schließlich werden auch Himmelskörper wie Sonne, Mond und helle Sterne von solchen Deutungsvirtuosen genutzt, um ihre Macht zu erweitern.

 

Ein wesentlicher Bestandteil von Kulturbildung ist, wie schon angedeutet, die Herstellung einer vorgestellten Welt, die zunächst auf Erfahrung beruht und soweit Wirklichkeit ausmacht. Die elementaren Wissenslücken, die dabei auftauchen, scheinen recht früh durch Vorstellungen gefüllt worden zu sein, die ein geschlossenes Weltbild erlauben, eines, welches durch Umformungen zu dem wird, was später altgriechisch als Mythos bezeichnet wird, eine Art Welterklärungs-Erzählung. Das Aushalten von Nichtwissen im elementaren Bereich scheint in unterschiedlichen Kulturen, von denen wir ein Restwissen haben, unterschiedlich stark ausgeprägt gewesen zu sein. Lücken werden zur Angstvermeidung durch Glauben ersetzt.

Neben die Unerträglichkeit des Nichtwissens tritt punktuell auch die des Wissens, welches dann nach Möglichkeit abgelehnt wird. Irgendwann fällt darunter auch die Kenntnis von dem, was mit Lebewesen nach ihrem Tod geschieht, nämlich Verwesung und Zerfall, und dieses Wissen wird als unerträglich durch den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode ersetzt. Kulturbildung heißt auch, mehr oder weniger seinen Sinnen nicht mehr ganz zu trauen, nämlich dort, wo sich für diese unangenehme Wahrheiten auftun.

 

Während Wissen Gemeingut sein kann, da es auf denselben Tatsachen beruht, ist der Glaube als schiere Fiktion für jeden größeren ("Verwandtschafts")Verband spezifisch und prägt so seine Besonderheit. Damit fördert er die Abgrenzung und den inneren Zusammenhalt. Dazu dient dann seine festliche Zelebrierung im Kult, der schließlich häufiger an einem festen Platz stattfinden kann.

In seinen Glaubensvorstellungen und im Kult trennt sich der Mensch ein erstes Stück weit förmlich von der für ihn erfahrbaren übrigen Natur. Er erlebt seine nunmehr imaginierte Besonderheit. Der Zusammenhalt der jeweiligen Gemeinschaft wird dann auch dadurch gefestigt, dass dieser Kult mit seiner Vorstellungswelt durch die Generationen tradiert wird, und zwar genauso wie die Herstellung von Geräten, insbesondere Waffen und Bekleidung und wie Besonderheiten der Ernährung.

Ein Schleier bloßer Vorstellungen legt sich über die erfahrbare Wirklichkeit, wobei er durchaus in einer gewissen Relation zu dieser steht, also in verschiedenen naturräumlichen Gegenden ohnehin sehr verschieden sein kann. Da aber nun der Glaube letztlich durch keine erfahrbare Wirklichkeit fundiert ist, muss er umso intensiver sein. Damit, mit der Macht des Glaubens, also des Wähnens und des Wahns nimmt das Unheil der Menschheitsgeschichte erst so richtig seinen Lauf.

 

Kulte, von lateinisch cultus abgeleitet, beinhalteten bei den antiken Römern die Formen der Verehrung von Göttern, die ursprünglich Naturgewalten waren und später diese repräsentierten. Das Wort kommt erst im 17. Jahrhundert in die deutsche Sprache und wird sinnvollerweise im Unterschied zu Religion benutzt, als welche man Judentum, Christentum und Islam einordnen kann, die drei großen auf "heiligen" Schriften beruhenden monotheistischen Glaubensrichtungen.

 

Im cultus wird das, was niemand weiß, durch das vorgebliche Wissen der Priester zur Glaubenssache. Im Kult gewinnen solche Experten magische Kräfte, wobei vielerorts das Opfer im Mittelpunkt steht. Sein Ursprung ist wohl darin zu suchen, dass "steinzeitliche" Menschen zunächst für das, was sie der Natur nehmen, etwas zurückgeben wollen. Sobald diese Natur in ihren für die damaligen Menschen machtvollsten Ausformungen zu bildhaften Vorstellungen wird, die schließlich in Götterbildern sich konkretisieren, entsteht daraus die Vorstellung, dass man von diesen Göttern etwas bekommen könne, sobald man ihnen etwas (im voraus) gibt.

 

Wenn man ins Zentrum des Kultes das Opfer stellt, dann ist das alte Judentum des Tempels allerdings noch eine Art Zwitter: Im Tempel findet der Opferkult statt, in den heiligen Schriften wird aber eine Art Geschichtsmythos vom Bündnis eines Gottes mit seinem "auserwählten Volk" entfaltet samt einem riesigen Arsenal mehr oder weniger "kultischer" Vorschriften, die der Absonderung von anderen Menschen dienen.

 

Das Opfer wie der aufopfernde Arbeitsdienst bzw. die Abgaben für Kultstätten sind für die entstehenden Kultexperten das, was die Abgaben und Steuern dann für "weltliche" Herren bedeuten werden: Die Unterwerfung größerer Menschenmengen unter die Expertise derer, die "Überirdisches" zusammenfabulieren wie unter diejenigen, die mit Hilfe der Kultexperten ganz irdische Macht ansammeln. Aber nicht jeder Kult muss wie im Zweistromland,  im Niltal und dann auch anderswo auf diese Weise schnell in Zivilisationen münden. Oft sind Kulte in ihrer ganzen Vielfalt zunächst einmal Bestandteil von noch intakten Kulturen.

 

Exkurs: Menschliche Geschlechtlichkeit

 

Das politisch korrekte Denglisch, welches die deutsche Sprache im Interesse des globalisierten Kapitals und seiner politisierenden Agenten mittels entsprechender Massenmedien zerstört, beruht auf blöde-ungebildeten Massen, deren erlebte weitere systematische Verblödung in ihnen bekanntlich Glücksgefühle auslöst, solange sie noch genügend mit Warenkonsum gefüttert werden.

Ein klassisches Beispiel ist der Weg des lateinischen sexus, welches (männliches bzw. weibliches) Geschlecht bedeutet, über das französische sexe und das englisch sex, welches als the sex für längere Zeit in verkürzender Weise das weibliche Geschlecht bedeutete, und dann über die Verwandlung von sex in sexuelle Aktivität Eingang in das entstehende Denglisch fand, wo es inzwischen das deutsche "Geschlecht" ersetzt und zudem eben auch auf diffuse Weise sexuelle Aktivität(en) meint.

Wenn schon Geschlecht eine späte Abstraktion von männlich und weiblich ist, dann kann geschlechtlich sich nur adjektivisch davon ableiten und das noch abstraktere Geschlechtlichkeit ist dann die Summe alles dessen, was auf das Geschlecht/die Geschlechter bezogen ist. Dann kann die Übernahme des neu-englischen sexuality bei nicht muttersprachlich englischsprachigen Menschen als Sexualität anstelle des bis dato heimischen Idioms nur jener Verunklarung dienen, die Verblödung fördert, den Idealzustand des Untertanen. Wir bleiben hier deshalb bei dem Wort Geschlechtlichkeit, welches besagen soll, dass es Lebewesen gibt, die als zwei Geschlechter existieren, um möglichst optimale Fortpflanzung zu ermöglichen. Unnötig anzumerken, dass solche Abstraktion einer der Ideologisierung noch eher abholden mittelalterlichen Welt unbekannt sein wird.

 

 
Leben bewegt sich in seiner Erhaltung, der Ernährung vor allem und in seiner Fortpflanzung im Geschlechtstrieb. Erhaltung des Lebens für sein Weitergeben sind vorgegeben und machen komplexere lebendige Natur aus. Beides ist Begehren und zugleich Getriebensein und existiert jenseits irgendeines menschlichen „warum“ und „wozu“. Es ist einfach da. Sinn taucht in der Natur als Wirklichkeit nur als Richtung, Gerichtetsein auf, der ursprünglichen Wortbedeutung von "Sinn".

Ernährung und Fortpflanzung sind dabei beide ganz natürlich aggressiv und egozentrisch, zunächst rücksichtsloser Kampf ohne Reflektion, ohne Empathie, gleichgültig gegen alle menschlichen Ansichten. Die wiederum gehören ohnehin nur denen, die – bildlich gesprochen - bei ihrer Menschwerdung bereits mit einem Bein aus der von ihnen vorgefundenen Natur bewusstseinsmäßig herausgefallen sind.

Menschwerdung wird dann zunächst mit dem Überhandnehmen des ganzjährigen Geschlechtstriebes befasst sein, mit dem ein reflexiver Verstand aus Überlebensgründen umzugehen hat, wofür sich vor allem wohl eine komplexere Sprache entwickelt.

 

Wenn die Entstehung der beiden Geschlechter der Fortpflanzung von Lebewesen dient, so koppelt sich der Geschlechtstrieb beim Menschen von diesem Zweck zunehmend ein gutes Stück weit ab: Der aufrechte Gang und die Nacktheit beenden den spezifischen Säugetierblick auf das weibliche Hinterteil, welches zugleich keine saisonal begrenzte Läufigkeit mehr signalisiert; dafür bleibt die bloße weibliche Brust auch mehr oder weniger gerundet, wenn sie keine Milch enthält und spenden kann: Sie wird zum allgegenwärtigen sexuellen Signal der gebährfähigen Frau.

 

Gleichzeitig ruht beim Menschenmann der Geschlechtstrieb nicht mehr über den größten Teil des Jahres, er wird vielmehr nach Maßgabe seiner Potenz fast allzeit-bereit, wie bei der Menschenfrau auch. Wie beim Tier ist das gespürte Ziel die Triebabfuhr, die Entspannung aufgestauter sexueller Energie. Im Unterschied zur Tierwelt werden die Geschlechtsorgane so ausgestattet, dass mit der Triebabfuhr ausgiebigere Lust verbunden wird. Dabei liegen die Momente von Lust und Schmerz entwicklungsgeschichtlich nahe beieinander.

 

Die zentralen Lustorgane bei Mann und Frau sind fast dieselben, bei beiden geschieht lustvolle Erregung unter anderem in Gestalt des Aufschwellens, wobei der männliche Penis die zur Befruchtung, also zur invasiven Aggression nötige Größe hat, während die weibliche Klitoris nach außen winzig ist, da sie nicht zur Fortpflanzung wie die Scheide, sondern nur noch der weiblichen Lust dient, also der Fortpflanzungsbereitschaft.

 

Soweit die Biologie und soweit ist heute alles bekannt. Selbst die anatomische Beschreibung der Klitoris als einer Art unter- bzw. andersentwickeltem Penis geschah bereits im 16. Jahrhundert. Interessanter ist die Vermittlungsarbeit, in der sich Kultur, kultische Traditionen, Religionen um die Integration einer quasi wildgewordenen Sexualität in sozialverträgliche Zusammenhänge bemühen.

 

Mit folgendem vor allem hatten sich menschliche Kulturen dabei auseinanderzusetzen:

 

1. Mit der Formulierung und Durchsetzung einer gewissen Form der Verbindlichkeit zwischen den Geschlechtspartnern wegen des langwierigen Angewiesenseins des Nachwuchses auf Vater und Mutter und offenbar möglichst auch auf Großeltern. Diese Verbindlichkeit funktioniert aber nur unter einem gewissen Ausschluss der dem Menschen ansonsten naturgegebenen Promiskuität, was innere und oft genug dann nach außen bewegte Konflikte mit sich bringt.

 

Damit findet die Familie ihren ersten Ausgangspunkt. Erweitert wird sie durch die Definition solider Verwandtschaftsbeziehungen. Die erste Kulturleistung des Mannes wird also eine partielle Unterdrückung seines sexuellen Begehrens in dessen weitgehender Orientierung auf die Mutter/Mütter seiner Kinder. Diese Unterdrückung wird notwendig ergänzt durch das Inzesttabu in seinen vielfältigen Ausformungen, welches vermutlich nicht genetischen Einsichten entsprang, sondern vielmehr der Erfahrung, dass Formen des Inzests ein gedeihliches Familienleben und Heranwachsen gefährden. Die periodische Unterdrückung weiblichen Begehrens wurde in gewissem Maße auch durch die Dauerhaftigkeit der Mutterschaft gewährleistet.

 

2. Es gilt sich auseinanderzusetzen mit der aggressiven Natur des männlichen Geschlechtstriebes, die nicht nur in ihrem invasiven Charakter beim Akt der Fortpflanzung sichtbar wird, sondern ebenso in der Steuerung durch jene Hormone, die auch ansonsten für Aggressionen zuständig sind (im übrigen beim Testosteron auch für die Hirnaktivität, wobei Frauen dafür weibliche Hormone umwandeln).

 

Die zeitweilige Unterdrückung des Auslebens des Geschlechtstriebes, bei vielen Kulturen zumindest während der weiblichen Monatsblutung, in der Schwangerschaft und selbst noch eine Weile danach, kann nur dadurch geschehen, dass das aggressive Moment umgewandelt wird, zum Beispiel auf dem Wege der Sublimation, oder indem es zum Beispiel in geregelte Gewalttätigkeit besonders unter Männern oder in Formen harter körperlicher Arbeit ausgelebt wird. Bei manchen Kulturen gehörte zur Initiation der jungen Männer ein Kriegszug zu Nachbar-Stämmen oder Sippschaften, um die Erfahrung des Abbaus aggressiver Spannung in legitimer Gewalttätigkeit zu erlernen.

 

Kultivierung männlicher Sexualität bedeutete also bald, dass die Männer einen hohen Preis zahlten – den des Verlustes der Spontaneität beim Ausleben sexuellen Begehrens. Der Preis, den die Frauen dafür zahlten, war in der Regel der der Anerkennung männlicher Dominanz. All das fällt unter den Begriff Kultur, also genauer: Kultivierung von Sexualität.

 

3. Das Abdrängen sexuellen Begehrens beim Mann (und der Frau) aus dem Raum des Impulsiven in den des Kultivierten ließ bzw. lässt dieses nicht einfach verpuffen, sondern führt dazu, dass es als Verdrängtes, Verbotenes ins Unbewusste abgeschoben und dort verändert wird. Die Häufigkeit offener oder symbolisch verklausulierter sexueller Träume und die von sexuellen Tagträumen und Phantasien zum Beispiel zeigt, dass nicht ganz verschwunden ist, was verdrängt wurde. Eines aber bewirken diese ganzen Vorgänge auf jeden Fall, sie können unsere Emotionen in Gefühle verwandeln, eines unserer wichtigen Unterscheidungsmerkmale von der Tierwelt. E-Motionen, die Bewegungen von innen heraus, werden durch massive und mühsame Kulturleistungen in jene Gefühle verwandelt, die wir zwar zeigen können, deren Wesen jedoch ist, dass sie länger bei uns, in uns verweilen können. Auch mit ihrem vielfältigen Ausdruck, ein besonderes Kennzeichen von Menschlichkeit, wird differenziertere vorsprachliche Kommunikation hergestellt und Sprache vorbereitet.

 

Durch das kulturelle Erlernen einer Gefühlspalette verstärken wir andererseits überhaupt erst das Talent zur Empathie, dem Wahrnehmen und Mitfühlen von Gefühlen anderer. Menschliche Gesellschaften würden ohne dieses Talent zerbrechen. Es ist wichtiger noch als jede sprachliche Kommunikation und bekanntlich bis heute nicht jedem gegeben.

 

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Das, was heute Wissenschaft formuliert, war bis in die Zeit des frühen Kapitalismus zum Teil unbekannt, aber es war, soweit und so wie jeweils bekannt, tradierte Erfahrungssache und hatte darum seine ganz eigene Verlässlichkeit. Kenntnisse dazu erlangten die Menschen, soweit dem archäologische Forschung nachspüren kann, nicht zuletzt durch Gartenbau, Ackerbau und Viehzucht, also durch die Erfahrungen mit der Geschlechtlichkeit in der Nahrungsproduktion. In der Jungsteinzeit, wo das stattfindet, ist offensichtlich das menschliche Reflektionsniveau bereits recht hoch, also: Menschen denken nicht mehr nur, sie denken manchmal auch ausgiebig nach.

 

Betrachten lässt sich seitdem, dass Geschlechtlichkeit bewusster reflektiert wird: Es gibt Deutungsstrategien für das nicht Sichtbare wie für die inneren Vorgänge der Menstruation, über die noch im hohen Mittelalter merkwürdige Ansichten herrschen, über die Rolle des Sperma bei der Fortpflanzung und die angenommene Rolle der weiblichen Sexualsekrete dabei.

 

Zentrales Moment wird die Entwicklung von Scham und Ekel: Im Unterschied selbst zu den anderen Säugetieren ekelt sich der Mensch vor dem eigenen Kot und oft auch vor dem Urin. Zu dem Ekel verhelfen ihm die Wertungen seines Geruchs- und Geschmackssinnes. Ähnliche Ekelgefühle traten in vielen Kulturen auch gegenüber Sperma und Monatsblut auf. Der Ekel ist sicherlich ein Verstärker der Scham: Schamgefühle sind aber nicht unmittelbar sinnlich begründet, denn im Kern sind sie Schuldgefühle, die sich mit sinnlichem Erleben verbinden.

 

Verstärkt wird die Scham auch durch die enge Nähe von Ausscheidungsorten der Verdauung und Orten der Fortpflanzung (inter faeces et urinas nascimur, schreibt Augustinus, also: wir werden zwischen Scheiße und Urin geboren), aber diese Nähe besteht auch bei den ganz und gar schamlosen Säugetieren. Die Scham ist also ein Kultur- und kein Natur-Phänomen. Erklärbar ist sie darum nur durch einen Riss im Selbstbild der Menschen ab einer bestimmten Kulturstufe, als sie sich nämlich getrennt von einer nun objektivierten Natur zu erleben beginnen: Die Menschen werden für sich etwas besonderes, sind keine Tiere wie alle anderen mehr. In der Wahrnehmung ihrer Verdauung und Fortpflanzung bleiben sie es aber, - und das wird verständlicherweials beschämend erlebt. Kultur und Scham gehören so zusammen wie der auslaufende Kapitalismus und die Schamlosigkeit.

 

Zwei Aspekte menschlicher Geschlechtlichkeit sind dafür besonders augenfällig: Der eine betrifft die Unwillkürlichkeit sexueller Vorgänge insbesondere beim Mann. Seine Erektionen, seine Pollutionen, seine Potenz unterliegen nicht einfach seiner Willkür. Ein Mann kann sich sein sexuelles Begehren auch nicht einfach verbieten. Frauen haben es da aufgrund ihrer sexuellen Konstitution zumindest manchmal ein wenig leichter, aber im Kern gilt dasselbe auch für sie.

 

Kein Mensch kann sich also als Geschlechtswesen ganz und gar als „Herr“ im eigenen Haus betrachten, vielmehr muss er "sich" zumindest auch als Objekt seiner Triebe erleben. Die Kulturleistung ist so deren schwierige Subjektivierung, das Ideal ihrer Beherrschung.

 

Der zweite Aspekt betrifft das rauschhaft flutende Moment bei ansteigender sexueller Erregung, bis dann der Verstand aussetzt und der Mensch kurz mal seine angemaßte Würde verliert und auch in seiner eigenen Wahrnehmung wieder "ganz zum Tier" wird.

 

Da sind dann Frauen wiederum stärker ausgestattet, denn ihre scheinbar winzige Klitoris, zum größten Teil den Blicken entzogen, ist ein reines Lustorgan. Daraus werden kulturelle Irritationen hervorgehen und sich in Zivilisationen versteifen. Weibliche Sexualität kann dabei als bedrohlich empfunden werden und so besondere Bändigung und Unterwerfung provozieren. (Dabei wäre näher zu untersuchen, in welchem Umfang monogame Familie und Verwandtschaftskonstruktionen Männerwerk sein könnten.)

 

Zu diesen zwei Aspekten kommt ein schwer zu gewichtender dritter, deshalb nicht leicht einzuordnen, weil Kulturen damit ganz verschieden umgingen: Es ist die sich bei Mann und Frau verschieden ausformende und leicht verschieden äußernde Verbindung des Schmerzes mit der Lust – sowohl im Begehren wie insbesondere in der Triebabfuhr. Im Stöhnen, Wimmern, diversen Klagelauten usw. äußert sich das bekanntlich – im Orgasmus verschmelzen dann Schmerz und Lust ganz kurz miteinander.

 

Diese eigenartige Verbindung von Schmerz und Lust wirkt reichlich irritierend, besonders wenn man sie als gerade Außenstehender erlebt. Sie wird darum gerne ignoriert, viele versuchen ihre Wahrnehmung für nichtig zu erklären. Gelegentlich werden sie als sadistische und masochistische Momente benannt, was wenig hilfreich ist. Aber in den Texten von de Sade und von Sacher-Masoch wird deutlich, was geschieht, wenn eine Seite deutlich dominant wird – wenn die Lust durch das bewusste Zufügen oder Erleiden des Schmerzes gesteuert oder gar gesteigert wird.

 

Dem dummen Geschwätz, es gebe mehr als zwei Geschlechter, schließen wir uns nebenbei gesagt nicht an. Offenbar ermöglicht u.a. auch die partielle Entkoppelung von sexueller Gier und Fortpflanzung zunehmend (abartige) sexuelle Orientierung von Frauen auf Frauen und Männern auf Männer zum Beispiel, wobei es sich aber dennoch immer um Frauen und Männer handelt. Darüber hinaus verirrt sich der männliche Phallus auch schon mal in von der Natur dafür nicht vorgesehene Körperöffnungen der Frau, um der sexuellen Notdurft auch so und eher einseitig Abhilfe zu schaffen. All dies wie auch die an Päderastie grenzende Knaben"liebe" im antiken Griechenland belegt nur, dass ein sich von der Fortpflanzung lösender Geschlechtstrieb jedenfalls der Kultivierung bedarf, damit Menschen nicht sexueller und daraus resultierend psychosozialer Verwahrlosung verfallen.

 

 

Kultur(en)

 

Die Evolution ist zufällig und blind und gehorcht keinem klugen Gott, sondern ihren eigenen Regeln. Sie verläuft über Erfolg und Misserfolg, trial and error. Dabei ist immer die Verbindung des kurzfristigen Erfolges mit dem langfristigen Misserfolg möglich. Die nun beim geschlechtsreifen Menschen einsetzende "Allgegenwart" des Geschlechtstriebes führt zu einer nicht mehr nur auf eine kurze Phase im Jahr begrenzten sexuellen Konkurrenz untereinander, die darum nun wiederum gebändigt werden muss, um das Überleben der Gattung und ihre weitere Karriere zu sichern: Formen von Ehe und Verwandtschaft bezähmen diesen Konkurrenzkampf mehr oder weniger intern, - und tragen ihn dafür nach außen.

 

Zu den Besonderheiten in der Menschwerdung gehört die lange Zeit, bis Kinder so weit sind, sich selbst ernähren und schützen zu können. Zur notwendigen, nun lang anhaltenden Elternschaft kommt so die Gruppenbildung über biologische Verwandtschaft und darüber hinausgehende ideelle (nur vorgestellte) Formen von "Verwandtschaft", um den Erfolg von Elternschaft zu sichern. Wichtigste Aufgaben solcher Gruppen sind Ernährung und Schutz insbesondere auch des Nachwuchses vor konkurrierenden Tieren und anderen Menschengruppen.

 

Geschlechtlichkeit ist ein Erfolgsprogramm der Evolution und dient der Entwicklung immer komplexerer Spezies. Da sie beim Menschen mit der Geschlechtsreife nicht mehr zur kurzzeitigen Geilheit mit ihren Konkurrenzkämpfen führt, sondern durchs Jahr die Menschen antreibt, die Kinderaufzucht aber für viele Jahre gewährleistet werden muss, muss eine besondere Beziehung zwischen Eltern und Kindern gewährleistet sein, welche offenbar nun nur über Ehe und Familie hergestellt werden kann. 

Daraus entwickelt sich weitergehende Verwandtschaft, die dann durch ideelle Verwandtschaft Vergesellschaftung in Gemeinschaften hervorbringt. Gemeinschaften seien hier definiert als Gesellschaften, die ein gemeinsames Leben führen. Gesellschaften können aber, wie noch zu sehen sein wird, auch von solchen Menschen gebildet werden, die darin nur einen oder mehrere Aspekte des Lebens gemeinsam haben, einen Kult oder ein Gewerbe zum Beispiel.

Ehe, Familie und Verwandtschaft haben, was die kurzzeitige Befriedigung des Geschlechtstrieb betrifft, erhebliche Verzichtsleistungen zur Voraussetzung: Sie beinhalten den steten Versuch des Verzichts auf die Kopulation mit anderen als dem zweiten Elternteil. Dazu kommt für den langfristigen evolutionären Vorteil der Verzicht auf die Partnerwahl unter engen Verwandten: Man paart sich nicht mit den Geschwistern, Eltern und manchmal auch darüber hinaus nicht.

 

Wie massive Verzichtsleistungen diese Mühen der Kultivierung des Geschlechtstriebes bedeuten, erweist sich heute, wo in verfallenden Zivilisationen bei durch Kapitalinteresse induzierte Orientierung auf ungebundene Triebbefriedigung die Mühen der Herstellung von Vergemeinschaftung subjektiv zunehmen und diese immer mehr verunmöglichen. Die erkennbare Folge ist das Absterben selbst großer Völkerschaften, für die die politischen Vertreter des großen Kapitals als Ersatz andere als neues Menschenmaterial importieren - wie zum Beispiel in der immer weniger noch deutschen BRD.

 

Zurück in die Frühzeit der Menschen. Es muss bei alledem Spekulation bleiben, was damals geschah. Aber es erscheint plausibel, eine Art Interdependenz von allgegenwärtigem Geschlechtstrieb, einem menschliche Sprache (und entsprechendes Denken) ermöglichendem Gehirn und den zugleich notwendigen Sprechorganen anzunehmen, denn sie bedingen sich für das Überleben und den Erfolgsweg des Menschen gegenseitig.

Die Bezähmung des spezifisch menschlichen Geschlechtstriebes, seine Domestizierung in Gesellschaften, die hier zunächst nur vage als Gruppen bezeichnet werden können, ist jedenfalls die erste Kulturleistung des Menschen, die ohne sprachliche Kommunikation kaum denkbar gewesen wäre.

 

 

Die ursprüngliche Kulturleistung, wie sie als erster Sigmund Freud reflektierend begriffen hat, verlangt nach einer Impulskontrolle, die im immer wieder zu leistenden Verzicht auf das Ausleben von Triebhaftigkeit, also Aggression, in den menschlichen Gemeinschaften gipfelt, dem entscheidenden gemeinschaftsbildenden Akt. Die Unterdrückung von Aggression bei gleichzeitiger Vermeidung ihrer Verwandlung in Depression oder der Verwandlung in die Gattungsgeschichte bedrohende Perversionen nach der Abdrängung ihrer Neigungen ins Unterbewusste bzw. zur Gänze Unbewusste wird durch jene Vorgänge von Reflektion begleitet, die nach spezifisch menschlicher Sprache verlangen. Sie leistet zudem auch jene Kommunikation, die das ganzjährig aggressive Gehabe, welches zur sexuellen Triebabfuhr drängt, gemeinschaftsbildend umformt.

 

Das Maß an Aggression, welches das Raubtier Mensch nicht mehr in den lebensnotwendigen Gemeinschaften ausleben kann, wird nach Möglichkeit kultivierend nach außen abgeleitet: So wird das Töten von Menschen im biologischen wie ideellen Verwandtschaftsverband trotz und zugleich wegen der erhöhten, durch die Permanenz des Geschlechtstriebes begründeten Aggression, also dem in der Fortpflanzung gipfelnden Kampf ums Dasein tabuisiert und nach außen abgeleitet. Damit bescheiden sich Menschen aber nicht mehr mit gegenseitiger Verdrängung im Kampf um Nahrung, sondern sie führen massiver als Primaten das Töten von Artgenossen außerhalb der eigenen Gemeinschaft als Teil ihrer Lebensführung ein und zugleich den Mord als verbotenes, aber offenbar immer wieder unvermeidliches Töten in ihr.

 

Kultur als Bezähmung von Triebhaftigkeit bedeutet deren immer wieder neue Frustration, und deren Aushalten bedeutet Leidensfähigkeit. Sprache liefert dafür erste Begründungszusammenhänge als Erklärungsversuche. Die Kompensation des Leidens liegt aber zunächst im Erleben des Erfolges von Kultur als Überlebensstrategie im Kampf ums Dasein. Menschen erobern sich immer mehr Lebensräume auf der Erde und passen sich an diese an.

 

Zur Bezähmung des Geschlechtstriebes kommt eine zweite, mit der ersten aller Wahrscheinlichkeit nach interdependente Leistung, nämlich der aufrechte Gang und die unterschiedliche Nutzung der Vorder- und Hinterbeine. Erst in dieser Summe seiner Möglichkeiten gelingt es den Menschen, sich massiv zu vermehren und über die Erde auszubreiten.

 

Der aufrechte Gang verändert Menschen ganz massiv: Anders als bei seinen nächsten Verwandten erweitert sich nicht nur das Sichtfeld, sondern man kann die Beine auf das Stehen und Laufen und die Arme und Hände auf andere Tätigkeiten spezialisieren. Însbesondere kann man Werkzeuge aus besonders geeignetem Gestein herstellen, die zunächst wohl besonders als Waffen dienen. Damit kann der Fleischkonsum gesteigert werden, was besonders dem Gehirnwachstum dank erheblicher Energiezufuhr dient. Die Nutzung eines gezähmten Feuers vergrößert die Energieausbeute insbesondere aus Fleisch noch einmal.

 

Zugleich hat der aufrechte Gang gravierende Auswirkungen auf den Fortpflanzungstrieb: Der noch bei den verwandten Tieren wenig lustvolle kurze Koitus von hinten, hervorgerufen durch die signalisierte Fortpflanzungsbereitschaft des weiblichen Geschlechtes, wird ersetzt durch den von Angesicht zu Angesicht, personalisierter nun, und die stets gerundete weibliche Brust als Signal fast dauernder Empfängnisbereitschaft, als Ersatz nämlich für die Hinterbacken. Das wird ergänzt durch mehr Lust erzeugende und nachfragende Geschlechtsorgane, die immer wieder nach Befriedigung, also Erschöpfung des Triebes rufen.

 

Dabei spricht alles, auch die Kenntnis bis vor kurzem noch nicht ausgerotteter bzw. zerstörter Kulturen, dafür, dass das ursprüngliche Kulturwesen Mensch sich noch weitgehend als integralen Teil der lebendigen Natur verstand. Das, was ihn auch für sich selbst deutlich von der übrigen Natur trennt, Formen von Scham und Ekel, die sich auf die Ausscheidungen der Verdauung und die sichtbaren Fortpflanzungsorgane beziehen, löste ihn offenbar bewusstseinsmäßig noch nicht völlig aus den lebendigen Zusammenhängen der Natur heraus, zeichnete ihn aber zugleich bereits wesentlich als Kulturwesen aus.

 

Mit den nun auf das Sammeln und Erjagen von Nahrung spezialisierten Armen und Händen, der mit den Mitteln sprachlicher Kommunikation gelingenden Zähmung des Geschlechtstriebes und der Vergesellschaftung in Gruppen, der Objektivierung von "Natur" im reflektierenden und spekulierenden Denken erweist sich der Mensch als seinen unmittelbaren tierischen Konkurrenten auf die Dauer als überlegen und bevölkert nach und nach immer größere Teile der Erde.

Zähmung der Triebhaftigkeit bis hin zur Impulskontrolle als elementarer Aspekt von Vergesellschaftung sollen hier als wesentlicher Ansatz menschlicher Kulturbildung verstanden werden. Verwendung findet dabei hier ein antik-römischer Begriff, auch wenn der unter ganz anderen Umständen etwas ein Stück weit anderes meint: Dabei ist natura für uns hier die lebendige Welt jenseits menschlicher Eingriffe und cultura der pflegliche und dann auch gestaltende Umgang mit dieser Natur, abgeleitet von den Wörtern für die Tätigkeiten des Gebärens und des Pflegens (nasci und colere). Dabei bleibt "Natur" in seiner Reichweite oft ungenau. Cicero schreibt darum: naturam ipsam definire difficile est. (De inventione I), also, dass es schwierig sei, Natur zu definieren. Ist Natur nur die belebte, oder auch die unbelebte Welt? Ist etwa alle Welt "belebt"? Inwieweit sind Menschen auch "Natur"? Auf jeden Fall sollten wir vermeiden, natürlich mit selbstverständlich gleich zu setzen und damit seines originären Inhalts zu berauben oder gar dies Eigenschaftswort als Argument misszuverstehen.

 

Unter Kultur war sicherlich ursprünglich vor allem die agricultura gemeint, der pflegliche Umgang mit Erde und Leben. Für die Römer wird der Raum der „Kultur“ der spezifisch menschliche, und sie beziehen ihn vor allem auf sich selbst und später dann auch auf die griechischen Nachbarn. Er wächst dabei immer mehr aus dem Bereich produktiver Landbearbeitung heraus, und zwar für jene kriegerische Gutsbesitzerschicht, die körperliche Arbeit ganz „aristokratisch“ verachtet und die ihre Sprache immer mehr durchsetzt.

 

Solche späte Begriffsbildung unter Bedingungen von (latinischem) Ackerbau und Viehzucht und dann (römischer) Zivilisierung, etwas viel späterem, taugt für unseren Text nur notgedrungen und in soweit, als es unserer Sprache an anderen Begriffen mangelt. Sprache ist und bleibt dabei ein mächtiger und gefährlicher Stolperstein auf dem Weg jeglicher Geschichtsschreibung, und dies zuallererst auch deswegen, weil sie raum- und zeitgebunden ist und schon darum klarer Definitionen bedarf.

 

Der aus den Zusammenhängen der hippokratischen Texte stammende Satz medicus curat, natura sanat beschreibt in der cura einen Aspekt von Kultur und setzt ihn im Rahmen einer entfalteten Zivilisation in eine gewisse Opposition zur Natur. Aber schon sobald Menschen einen Begriff von Natur haben, treten sie ihr in ihm gegenüber, -wie in jedem Begriff. Der Mensch erwächst zwar als Lebewesen aus der Natur, aber er erhebt sich nach dieser Ansicht entwicklungsgeschichtlich über sie in der Kultur. Entsprechend repräsentieren Vorfahren der Götter zunächst Naturkräfte, aber sie wachsen darüber hinaus in ihrer zunehmenden Menschenähnlichkeit und in der kunstvollen Gestalt, in der die Menschen sie schließlich betrachten.

 

Für unsere Untersuchung ist allerdings auch wichtig, dass Kultur als Wort bis ins 17. Jahrhundert der lateinischen Sprache verhaftet bleibt und erst dann langsam in die deutsche Sprache eindringt. Es hat also bis in den späten Kapitalismus keinerlei Bedeutung tragende Tradition deutscher Art. Recht häufig ist das Gegensatzpaar Natur-Kultur zuvor auch in den lateinischen deutschen Landen eher als natura-ars ausgedrückt, also adjektivisch als natürlich und künstlich/kunstvoll. So schreibt beispielsweise Kaiser Friedrich I. an Otto von Freising, dass er Tortona belagerte, eine civitas munitissimam natura et arte, also eine durch Natur wie Menschenwerk stark befestigte Stadt (OttoGesta, S.84). Hier wie anhand vieler anderer Beispiele lässt sich erkennen, dass aus fremden Sprachen entlehnte Wörter leichthin eher der Verunklarung als einer klaren Begrifflichkeit dienen.

 

Hier soll Kultur als die Leistung der vergesellschafteten Bewältigung der natürlichen Absonderlichkeiten dienen, die sich in der Menschwerdung entwickeln. Wenn man sich für einen Moment aus dem angeborenen Gefängnis der kausalen Struktur unseres Denkens befreit, dann sollte man dabei besser notdürftig von Interdependenzen reden, auch wenn wir uns solche schwerer vorstellen können. Aufrechter Gang, spezifische Geschlechtlichkeit, Sprache und Vergesellschaftung hängen dabei im Ursprung voneinander ab.

 

Das Wort Kultur in seiner lateinischen Form taucht zunächst in der römischen Antike auf und bezeichnet seitdem ständig Neues und Anderes. Die Entscheidung, seinen Gehalt zunächst einmal auf dem kritisch zu betrachtenden Gegensatzpaar Natur und Kultur zu fundieren, und dann Kultur bzw. Kultivierung als jenen Menschwerdungsprozess zu begreifen, der in den sogenannten jungsteinzeitlichen Neuerungen aufgeht, auf denen dann Zivilisationen beruhen, begründet sich darauf, das Wort erst einmal aus seinem zivilisatorisch-propagandistischen Nebel herauszunehmen, der an entsprechender Stelle weiter unten beschrieben wird, und es einer analytischen (d.h. kritischen) Wissenschaftlichkeit zugänglich zu machen.

 

Dabei soll Gesellschaft als Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung beibehalten werden, nämlich als das bewusste sich zueinander Gesellen mit dem Ziel einer gewissen Dauerhaftigkeit. Das seit dem 19. Jahrhundert modische Soziologen-Kauderwelsch, welches unter anderem verunklarend Gesellschaft mit Einwohnerschaft oder Untertanenverband gleichsetzt, soll hier grundsätzlich außen vor bleiben. Die beiden letzteren Begriffe genügen völlig für das, was sie bezeichnen.

 

Vermutlich ist für die spezifisch menschliche Form der Vergesellschaftung in der Zeit der Kulturbildung noch ein weiterer Faktor elementar: Die mehr oder weniger feine bloße Gesichtshaut und die menschliche Gesichtsmuskulatur erlauben es, sehr detailliert innere Regungen außen darzustellen und beim anderen wahrzunehmen. Dabei dürfte das zu einer Interdependenz mit der Entwicklung eines differenzierteren Gefühlshaushaltes über grundlegende Emotionen hinaus geführt haben. Das wiederum dürfte die Empathie, das Einfühlungsvermögen also, gefördert haben, welches Sprache als Mittel gehobenerer Kommunikation und nicht nur der schieren Bezeichnung durch Laute gefördert haben mag. Solche verbale Interaktion schließlich scheint Voraussetzung für spezifisch menschliche Vergesellschaftung zu sein.

 

In der Kultur vereinen sich so die Vorteile des Menschen vor den übrigen Lebewesen mit der Bewältigung ihrer Nachteile, die diese zugleich sind.

 

Am Ende von 'Warum Krieg' formuliert Freud an Einstein: Ich meine das Folgende: Seit unvordenklichen Zeiten zieht sich über die Menschheit der Prozess der Kulturentwicklung hin. (Ich weiß, andere heißen ihn lieber: Zivilisation.) Diesem Prozess verdanken wir das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden.

Das, was Freud als Leiden an der Kultur bezeichnet, ist das Leiden an der Bewältigung der Menschwerdung, der Teil-Bezähmung von immer aggressiver Triebhaftigkeit und überhaupt aggressiven Impulsen, die Kulturbildung als Vergesellschaftung verhindern würden. Solche Unterdrückung als Verzichtsleistung führt zu wiederkehrenden Frustrationen unmittelbar und zur Verlagerung von Triebenergie aus den (immer kleinen und überschaubaren) Gesellschaften heraus nach außen. Was in manchen Kulturen als rituelle Raubüberfälle auf Nachbargemeinschaften stattfindet, wird aber in Zivilisationen zur Institution von Kriegen mit professionalisiertem Militär werden. Ein noch dunkleres Kapitel ist die Verlagerung von Triebenergie in nicht mehr unmittelbar bewusste Areale im Menschen, ihre Transformation und ihr Wieder-Auftauchen in ganz anderen Zusammenhängen. Dies soll aber erst im Zeitalter des Kapitalismus beschrieben werden, wo so etwas langsam besser dokumentiert ist.

 

Der Begriff Kultur kann natürlich ohnehin wie jedes historische Begreifen erst im Nachherein entstehen und ist erst dort dokumentiert, wo angemessene Schriftlichkeit vorhanden ist. Voraussetzung für Kultur aber ist Sprache und damit das Tradieren von Erfahrung als unmittelbarer Bezug zu wahrgenommener Wirklichkeit. Solche Voraussetzung für Kultur wird dort zerstört, wo sie unter das Diktat institutionalisierter Macht gerät, das, was hier Zivilisation heißen soll, - anders als bei Freud, der den moralisch-überheblichen Unterton in "Zivilisation" vermeiden wollte. Das aber gehört in das nächste Kapitel.

 

Nach der römischen Antike mit ihrem zivilisatorischen Kulturbegriff  gerät dieser unter die Fuchtel eines judäo-christlichen Zerrspiegels und verkommt schließlich zum Religionsersatz eines gehobenen "bürgerlichen" Amüsierprogramms ("Bildung"), welches mit dem hier favorisierten Begriff überhaupt nichts mehr zu tun hat und heute in der durchkommerzialisierten Amüsierindustrie für eine Bevölkerung als ohnmächtiger und immer verblödeterer Konsumentenmasse verendet. Wir bleiben hier bei der historisch erworbenen Vorstellung, die sich noch an den letzten überlebenden Kulturen der letzten Jahrhunderte verifizieren ließ, bevor auch diese zerstört wurden.

 

Produktive Ernährung: Jungsteinzeit

 

Innovation und Kompensation bilden in der menschlichen Natur eine Einheit. Die Produktion von Welt in den Köpfen der Menschen und ihre Absetzung von unmittelbar sinnlich erfahrbarer Wirklichkeit hängt mit der Veränderung der Gehirne und der Entstehung der spezifisch menschlichen Sprechorgane zusammen und kompensiert die daraus entstehenden Irritationen. "Technische" Verbesserungen kompensieren Bevölkerungswachstum und beruhen auf ihm.

All das ist als menschliches Erfolgsprogramm zugleich eine erste Krise für die übrige lebendige Natur, und zwar als sich entwickelnde Überlegenheit des Menschen über seine irdischen Mitbewohner, die er alles in allem rücksichtslos auszunutzen beginnt.

 

Vor der Zucht von Pflanzen und Tieren steht die Entfaltung von Vorratshaltung bei Fleisch und Fisch und selbst bei Pflanzen. Massenhaft gesammelte Haselnüsse werden geröstet. Damit werden Voraussetzungen dafür geschaffen, dass man durch die Jahreszeiten nicht mehr so weit wandern muss und schließlich länger sesshaft bleiben kann.

Die erste schwerwiegende Krise für die übrige Natur wird dann die Entwicklung von Gartenbau/Ackerbau und Viehzucht, dabei wohl zunächst die Domestizierung des Wolfes bei den Jägern, womit die von einer technisch fixierten Archäologie so bezeichnete Jungsteinzeit beginnt. All die folgenden Erfindungen, Annehmlichkeiten, "Fortschritte", welche in mancherlei Sinn eine enorme Leistung sind, sind zugleich deshalb bedrohlich, weil sie nun als notwendige existentielle Bedingungen zu den naturgegebenen hinzutreten: Befreiung von natürlichen Bedingungen ist Unfreiheit in die neuerlich geschaffenen hinein.

 

Der Eingriff in die Natur ist bald erheblich: Domestizierte Kulturpflanzen verdrängen am mittleren Euphrat die Wildpflanzenarten, aus denen sie hervorgingen, und neue Wildformen von Kulturpflanzen verändern das alte Ökosystem zum Beispiel am mittleren Euphrat (Scharl, S.17)

 

Ab etwa 12 000 setzen so im nahen Orient vermutlich durch äußere Zwänge bedingte Veränderungen ein. Wildgräser werden erst durch Sammeln genutzt und im Gebiet des fruchtbaren Halbmondes dann wohl in intensivem Gartenbau mit Grabstock oder Hacke zu Getreide domestiziert (Emmer, Einkorn, Gerste). Dazu kommen bald Erbse, Linse und Lein. Sesshaftigkeit fördert Züchtung, aber Züchtung erleichtert auch Sesshaftigkeit. Die Menschen müssen über das Jahr bei ihren Feldern bleiben, während manche Viehzüchterkulturen weiter ein nomadisches Dasein führen. Bei Mischformen von Ackerbau und Viehzucht müssen die Tiere durch Vorratshaltung durch die weidelose Jahreszeit gebracht werden. Dauerhaftes Zusammensiedeln nun erfordert ein ausführlicheres Regelwerk, dessen Formulierung Frühformen von Machtausübung hervorbringen kann. Aber ohne schriftliche Zeugnisse wissen wir heute kaum etwas davon.

 

Frühe Fälle relativer Sesshaftigkeit könnten im Nahen Osten auch zu jagdlicher Übernutzung geführt haben, die wiederum zu Viehzucht und Ackerbau genötigt hätten. Da insbesondere Ackerbau meist erheblich mühsamer ist als Jagen und Sammeln, kann man davon ausgehen, dass sein Einsatz aus der Not geboren ist. Darum wird er auch alttestamentarisch als jener Sündenfall beschrieben, der den Verlust des Paradieses nach sich zieht. Andererseits löst dieser Vorgang eine bis heute anhaltende Dynamik aus. 

 

Die Kenntnis der Natur und damit auch der eigenen wird erheblich erweitert, insbesondere im Bereich der Geschlechtlichkeit bzw. Fortpflanzung, Zum Getreide kommen nach Erbsen und Linsen später Oliven und Wein hinzu.

Daneben entsteht Tierzucht (Schafe, Kühe, Schweine, Ziegen). Es kommt zur Nutzung erst von Fleisch und Fell und dann von Milch. Schließlich werden Zugtiere im Ackerbau eingesetzt.

 

Das mühsam errungene bessere Nahrungsangebot steigert die Fruchtbarkeit der Menschen enorm. Folge sind erheblich mehr Menschen, die allerdings nun auf die neue Wirtschaftsweise angewiesen sind: Es gibt für sie keinen Weg mehr zurück ohne massenhaftes Sterben. Offenbar treten auch neue Krankheiten wie die Tuberkulose auf, was sicher auf die Verdichtung von Bevölkerung zurückzuführen ist.

 

Werkzeuge aus Stein erhalten bessere Holzgriffe. Saisonaler Garten- und Ackerbau nötigt zur Vorratshaltung, und so wird die  Keramik erfunden, vorläufig noch ohne Töpferscheibe und bei niedrigen Temperaturen gebrannt. Nicht nur dichtere Bevölkerung, sondern auch Spezialisierung führt zur Arbeitsteilung. Dazu kommen auch Ansätze vertikaler Aufteilung in Richtung auf Häuptlingstum und Priesterschaft. Technische Arbeitsteilung ist dabei Effektivierung, wird aber zugleich im Laufe der Zeit auch Vereinseitigung in spezifische Tätigkeiten und zudem abnehmende Übersichtlichkeit der menschengemachten Welt.

 

Eine weitere schwerwiegende Veränderung stellt die Entstehung von Besitzformen mit unterschiedlich großem Eigentum dar, was ebenfalls zur Verwandlung vieler Kulturen hin zu Zivilisationen führen wird. Eigentum parzelliert den Lebensraum Erde, schafft die Unterscheidung in ärmere und reichere Menschen und schließt schließlich immer mehr Menschen von der freien Verfügung über Land aus. In Zivilisationen wird dann nach und nach die (schließlich religiös begründete) Hoheit einzelner Mächtiger über alles Land erfunden, die für alle anderen bestenfalls ein Eigentum zweiter Klasse ermöglicht, wie es heute fast überall für die Untertanen von Staaten gilt. 

 

Schließlich wird so nun Natur durch Kulturlandschaft ersetzt, was die Erde im Laufe der Zeit enorm verändert. Dabei beginnt ein immer heftigerer Verdrängungsprozess von Tier- und Pflanzenarten, Anfang des Weges hin zu ihrer Ausrottung. In Mitteleuropa wird für den Anbau von Pflanzen und für das Weideland der Tiere der Wald zurückgedrängt, nicht zuletzt wohl durch Niederbrennen, "sodass sich im Lauf des 4. Jahrtausends v.Chr. regelrechte Wirtschaftwälder herausbildeten, deren Entstehung durch Viehhaltung und Brandwirtschaft erklärt werden könnte." (Scharl, S.150)

 

Bis heute werden übrigens Werkzeuge und Waffen eng verwandt bleiben und gleichermaßen auf Mensch und Tier angewandt werden. Niemand tötet bzw. mordet dabei so technisch gekonnt und versiert wie die Menschen.

 

Um 10 000 tauchen Bauern in Anatolien auf. Um 7500 kommt es zu ihrer Einwanderung nach Europa, wobei Pflanzensamen und Tiere mitgenommen werden. Die einen wandern über Kleinasien und den Balkan nach Mitteleuropa, die anderen über das Mittelmeer bzw. Nordafrika nach der iberischen Halbinsel und dann nach (dem viel späteren) Frankreich. Die alte Bevölkerung wandert dabei zum Teil nach Norden ab und hinter den großen Wildtier-Herden her.

In Europa beginnt eine neue Phase mit den Bandkeramikern um 5500/5000, die sich zunächst in fruchtbaren Lössböden Mitteleuropas niederlassen. Sie verwenden erhebliche Mühen auf dauerhafte große Langhäuser (20x6m) aus massiven Baumstämmen mit Wänden aus mit Lehm bestrichenem Flechtwerk., die zu mehreren zu kleinen "Dörfern" zusammenfinden. Schon vor 5000 gibt es hier hölzerne Brunnenbauten. (Bick, S.36)

Viel Handel gibt es dort wohl noch nicht, obwohl es bereits mehrere zentrale Feuerstein-"Bergwerke" gibt und überall das Hämatit zum Rotfärben der Haare der Frauen verwendet wird.

 

Um 4500 verschwinden diese weite Gebiete übergreifenden Kulturen. Was nun folgt, ist deutlich regionalisierter. Inzwischen tauchen denn auch frühe Anzeichen dafür auf, dass nicht nur im Orient schon länger, sondern nun auch in Mitteleuropa ganze Orte überfallen und massakriert und die jungen Frauen geraubt werden. Die Menschenwelt wird deutlich gewalttätiger. Zugleich wird sie organisierter: Gemeinschaftlich in mühsamer Arbeit errichtete Kreisgrabenanlagen mit einigermaßen konzentrischen Kreisen tauchen in Europa auf. Das Unheil der Zivilisation deutet sich bereits an.

 

Um 4000 gibt es dann vor allem an stehenden Gewässern am nördlichen und südlichen Alpenrand Pfahlbausiedlungen aus kleineren und weniger dauerhaften Holzhäusern. Menschen leben in dorfähnlichen Siedlungen zusammen. Das hier deutlich weniger stabile Haus aus dünneren Stämmen ist mit seiner Familie eine eigenständige Wirtschaftseinheit. Seine Hauswirtschaft wird im Griechischen später wortwörtlich zur "Ökonomie" werden. Überall gibt es die gleichen Haushaltsgeräte und Werkzeuge und den jeweils eigenen Getreidevorrat. (Bick, S.136) Fast drei Viertel der Kalorien liefert Getreide, Erbsen die Proteine. Daneben werden weiter Wildfrüchte gesammelt. Lein wird angebaut und damit Flachs hergestellt, aus welchem die Fischernetze bestehen. Aus dem Lein werden auch feine Textilien gewebt. Aus dem Bast von Gehölzen werden Sandalen hergestellt.

 

Kulturlandschaften als offene, entwaldete Landschaften mit Sekundärwäldern und Hecken entstehen. Im vierten Jahrtausend treten Rinder als Zugtiere auf, sie ziehen Transportschlitten, dann Hakenpflüge und schließlich ab Mitte des 4. Jahrtausends in Europa wie im Orient Wagen mit hölzernen Rädern. Im Verlauf des 3. Jahrtausends wird die Wolle von Schafen zusätzlich zum Fleisch verwertet, und am Ende des Jahrtausends tauchen dann frühe großwüchsige Wollschafe auf. Textilproduktion nimmt Fahrt auf.

 

Handel insbesondere mit Feuerstein findet nun auch in Europa über immer weitere Strecken statt. Bei Pfahlbauten am Bodensee werden Meerestier-Schalen aus dem Mittelmeer und dem Atlantik gefunden, die als Schmuck Verwendung finden. Sogar eine Kupferscheibe taucht hier am Ende auf. Vielleicht als Handelsware werden am Bodensee ganz viele weiße Kalksteinperlen hergestellt.

Mit Ackerbau, Viehzucht, Handwerk und Handel nimmt die Arbeitsteilung immer weiter zu. Am Federsee scheinen sich ganze Siedlungen schließlich auf Flachsanbau und Textilproduktion spezialisiert zu haben. (Bick, S.141)

 

Der Prozess der Menschwerdung ist einer der Bildung von Kulturen, die an die jeweiligen natürlichen Lebensbedingungen geknüpft sind. Er macht den größten Teil der Menschheitsgeschichte aus. Ihre Betrachtung sollte sie weder verächtlich machen, wie das in Zivilisationen bis heute üblich ist, noch sollte man in jene Idealisierung verfallen, wie sie im 18. Jahrhundert bei wenigen Belesenen einsetzt, wo dann von "edlen Wilden" und ähnlichem die Rede ist.

 

Ackerbau und Viehzucht sind erste Voraussetzungen dafür, dass einmal viel später ganz wenige Menschen Kapitalismus entstehen lassen, während die meisten dabei zunächst Bauern bleiben. Nicht als "Steinzeit", die mit der "Bronzezeit" bereits endet, aber als vornehmliche Welt von Ackerbauern, Viehzüchtern und Gärtnern wird dies je nach Gegend bis ins 18.-20. Jahrhundert andauern und erst mit der Industrialisierung der Landwirtschaft und Zerstörung des produktiven Handwerks enden.

 

 

Zivilisation: Eine Definition des zweiten Sündenfalls

 

Um etwa 3500 im östlichen Mittelmeerraum und nahen Orient und zwischen etwa 2200 und 800 in Mitteleuropa wird die Welt dort auf das rabiateste in Herren und Knechte geteilt, Herrscher, Untertanen und Sklaven, in wenige Schwerreiche und viele vergleichsweise Arme, in Menschen, die ihre Berufung in Gewaltausübung und Luxusleben vor allem sehen und solche, die vor allem dafür für diese arbeiten müssen: Es tauchen Zivilisationen auf, deren Ursprünge im quellenlosen Dunkel solcher Kulturen liegen, die nun Städte hervorbringen, in denen Priester und weltliche Machthaber die Nahrungsmittel-Produzenten in Untertänigkeit zwingen.

 

Gemeinhin setzt die seit Jahrhunderten im wesentlichen staatlich finanzierte Historikerzunft den Beginn von "Geschichte" bzw. "Historie" (griechisch-lateinisch historia) mit dem Auftreten entwickelter Zivilisationen gleich, insbesondere, sobald dort (für Zwecke von Machtausübung) Schrift erfunden wird und Texte produziert werden. Das ist natürlich Unfug: Geschichte ist alles, was geschehen ist - und zugleich das durchaus zumindest etwas andere, was davon bleibt bzw. daraus gemacht wird. Tatsache ist allerdings, dass man von einer Vergangenheit deutlich weniger "weiß", wenn von ihr keine schriftlichen Quellen überliefert sind. Tatsächlich weiß man auch von den frühen Zivilisationen deutlich weniger, als die vielen dicken Bücher über sie suggerieren. Man darf dabei nie vergessen, dass Archäologie und Historie in der Regel zu allererst dem Gelderwerb und darüber hinausgehenden kommerziellen Interessen dienen und zudem der Propagierung von Ideologie, wie man an den Hochschulen sehr eindrücklich beobachten kann.

 

Die offizielle (akademische) Geschichtsschreibung und ihre populären Ableger zeichnen sich bis heute entsprechend durch eine ungenierte Gedankenlosigkeit aus, was ihre zentralen Benennungen angeht, die nirgendwo zu Begriffen werden. Das ist nicht nur gedankliche Bequemlichkeit, sondern passt in die allgemeine Ideologieproduktion propagierter Selbstverständlichkeiten, die auf Konsens mit der Macht und deren andächtige Bewunderung abzielt. Hier aber soll weiterhin versucht werden, sich dem Nebel hoch professioneller Geschwätzigkeit so weit als möglich zu entziehen. Das gilt nicht zuletzt für das von Anfang an propagandistisch gebrauchte Wort Zivilisation, welches in deutschen Landen oft auch noch durch das schlimme Wort Hochkultur ersetzt wird, beides im allgemeinen Gebrauch keine Begriffe, sondern unbegriffene "Selbstverständlichkeiten". 

 

Während es mir sinnvoll erscheint, den lateinischen Begriff Natur (natura) als den der Welt alles Lebendigen einfach zu übernehmen und dabei sorgfältig von den Begriffen Wirklichkeit und Welt abzugrenzen, erscheint der römische Kulturbegriff zu unscharf, um mit ihm im weiteren Klarheit zu gewinnen. Das ist deutlich zu belegen an der Unklarheit totaler Beliebigkeit, mit der er bis heute gehandhabt wird. Er ist vielmehr zu allererst aus seiner propagandistischen Funktion für die antike römische Oberschicht herauszuschälen, und das geht nur, indem ein Zivilisationsbegriff davon abgetrennt wird.

 

Was dann bleibt, ist eine Vorstellung von Kultur, die historisch weit vor dem historisch überlieferten antiken Rom anzusiedeln wäre und aus der sich dann ein Zivilisierungsprozess ableiten lässt. Kultur ist so ein zunächst aus dem Jäger- und Sammlerdasein und dann aus der Produktivität von Ackerbau, Viehzucht und Handwerk abzuleitendes Menschheitsstadium, in dem Gemeinschaften auf Traditionsbildung beruhen und Machtstrukturen noch kaum in Ämter institutionalisiert, sondern höchstens zeitlich begrenzt und auf wenige Aufgaben beschränkt an Personen gebundenen sind. Die Menschen sind dabei noch stark in die sie hervorbringende und umgebende Natur eingebunden.

 

Mit dieser Definition sind natürlich Probleme verbunden, denn was der Klarheit dienen soll, hat wie überall ein Moment darunter verborgener Komplexität eingeschlossen, die offenzulegen ist. Wenn wir, soweit mit Sigmund Freud, Menschwerdung historisch als Kulturbildung, Kultivierung verstehen, dann bleiben Menschen dabei doch auch Naturwesen, wenn auch nicht mehr "einfach so" wie alle anderen Lebewesen. Und in Zivilisationen ist der Mensch nicht nur weiter (auch) ein Tier, ein Säugetier und Raubtier, sondern diese setzen selbst auch Kultivierung voraus, gehen aus ihr hervor und vereinnahmen sie dann. Dabei schwindet allerdings der Aspekt der Traditions- und Gemeinschaftsbildung im wesentlichen: Kultur erstarrt gewissermaßen unter der Faust von Machthabern, die ihr ihre Interessen und ihren Willen überstülpen und ihr so ihre Lebendigkeit ein gutes Stück weit nehmen.

 

Kultur ist so einmal der Vorgang der Vergesellschaftung in (kleinen) Gemeinschaften mit allem, was dazu gehört und dafür nötig ist, und sie beruht zum anderen vorwiegend auf Tradition. Dies Wort kommt so im 16. Jahrhundert als Ableitung des lateinischen traditio in die deutsche Sprache und bezeichnet wie dort Überlieferung. In Kulturen findet Tradition als überlieferter und ständig fortgeführter Lernprozess statt, der zudem gemeinschaftlich ist, wobei die Lernfähigkeit und Möglichkeit der internen Beeinflussung vermutlich schon früh unterschiedlich verteilt ist. Elementar für Kulturen ist darum das Fehlen von Schriftlichkeit, welche später von Machthabern fixiert, was in Kulturen in stetem Fluss bleibt.

Das kann auch so verdeutlicht werden: Dieser mehr oder weniger gemeinsame Lernprozess wird in Zivilisationen, die immer auf Kulturen aufbauen, durch Gewalttaten der Unterwerfung und Machtworte, die dann in Gesetze münden, zunehmend verringert. An erster Stelle steht nun nicht mehr Lernen aus Erfahrung, sondern stehen die Vorgaben der Machthaber. Das erste, was Menschen darum nun lernen müssen, ist Gehorsam. Die vordringliche Erfahrung wird nun die des überlebenswichtigen Umgangs mit der institutionalisierten Macht. Das wird bis heute so bleiben und ist inzwishen so alltäglich, dass es für "natürlich" gehalten wird.

 

Der Macht nützliche Aspekte von ansonsten absterbender Kultur werden übernommen und so verändert, dass sie der Machtausübung dienlich sind. Wer darum heutzutage zum Beispiel von der Kultur des Pharaonenreiches spricht, verwechselt Kultur und Zivilisation bzw. versucht, einen klaren Zivilisationsbegriff zwecks bequemer, d.h. machtkonformer Unklarheit  zu vermeiden. Das ist heute besonders kurios, wo andererseits das derzeit politisch korrekte Newspeak-Denglisch der BRD die Amüsierindustrie als Kultur bezeichnet.

 

Besser beschreiben können wird man die Restphänomene absterbender Kultur später dort, wo die Einheit aus christlicher Kirche und gewalttätigem Machtappparat keltische, germanische und slawische Kulturen zerstören wird, sowie später die außereuropäischer Gegenden, und einige wenige Autoren etwas von deren verschwindenden, allerdings oft dann schon anzivilisierten Verhältnissen überliefern. Dabei gibt es in Machtstrukturen aufgehende Gemeinschaften, die sich mit Händen und Füßen gegen die Vernichtung wehren, andererseits aber auch die Erfahrung, dass Zivilisationen nicht selten verlockend erscheinen, wie bei jenen vielen germanischen Gruppen der Völkerwanderungszeit, die sich in der römischen Zivilisation etablieren und von ihr über Warenkonsum vor allem "profitieren" wollen. Zivilisationen sind nicht nur ihrem Wesen  nach Korruption, sie korrumpieren auch die, die von ihr vereinnahmt werden sollen.

 

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Um dem Begriff Zivilisation auf seinen sinnvollen Grund zu kommen, sollten wir ihn auf seine Ursprünge zurückführen und von daher entwickeln, damit wir nicht in zeitgeistiges, also geistloses Schwatzen geraten. Die römische civitas war das, was den römischen civis im Vollbesitz seiner Rechte auszeichnete und zugleich dessen Ort. Griechisch (mit allen implizierten Problemen) ausgedrückt, handelt es sich dabei um eine „politische“ Begrifflichkeit, ganz jenseits des Dialoges von Natur und Kultur.

 

Der civis ist kein Bürger in einem mittelalterlichen Wortsinn, denn die civitas lebt nicht von dem Gegensatz Stadt und Land. Er zeichnet sich nicht durch die Eigenarten aus, die den Bürger einer (befestigten) mittelalterlichen Stadt ausmachen. Aber bei allen Schwächen einer ahistorischen Übersetzung ist er eine Art Staatsbürger, Teil eines staatlichen Gebildes, als das die Urbs Roma eingerichtet wurde.

 

Bei der Ausweitung römischer Staatlichkeit über die eponyme Stadt hinaus wird der "Römer", bald kein „ethnischer“, sondern ein „politisch-staatlicher“ Begriff, Teil seiner civitas, die Teil des Imperiums ist, welches sich von der urbs Roma ableitet. Da das imperium Romanum als Flächenstaat bald immer weniger Zentralstaatlichkeit kennt und diese sich vor allem auf das Heer (deshalb vor allem Imperium, Befehlsgewalt) konzentriert, findet die römische „Zivilisation“, die in der civilitas der einzelnen wohlhabenderen cives aufgehoben ist, im wesentlichen in den jeweiligen civitates statt, die ein „städtisches“ Zentrum und viel ländliches Umland umfassen und sich an Roma, der urbs, orientieren

Zivilität ist also als Vorstellung scharf geschieden von Kultiviertheit, - auch wenn sie Staatlichkeit auf Voraussetzungen von Kultur baut. Und die römische civilitas ist ein gutes Stück weit dabei noch etwas anderes: Sie ist nicht einfach den cives zu eigen, sondern nur jener Oberschicht, die sie als ihre spezifische Lebensform begreift.

 

Als im sich ausweitenden französischen Königreich im Spätmittelalter der Begriff civilité aufkommt, ist er der civilitas nachgebildet und meint zunächst die durch Institutionen durchgebildete spätmittelalterliche Stadt mit ihren „bürgerlichen“ Rechten in der aus unterschiedlichen Gesellschaften bestehenden Kommune, Gemeinde. In der frühen Neuzeit, als die Fürstenherrschaft den „bürgerlichen“ Charakter der meisten Städte zumindest partiell zerschlägt, verschwindet der „politische“ Bedeutungsgehalt mit dem ursprünglichen Stadtbürgertum, und civilité gleicht sich immer mehr dem höfischen Begriff der politesse an, der Geschliffenheit im Verhalten und Umgang, den Manieren. Dieser löst im frankophonen Raum die courteoisie ab, die in deutschen Landen in der Neuzeit vom höfischen Verhalten zur „Höflichkeit“ wird. Zivilisiert ist in diesem völlig entpolitisierten Zusammenhang im Fürstenstaat nun ein Mensch mit einem gewissen Standard an aktuell gerade propagierten Manieren.

 

Zivil wird der französische Stadtbürger auch im Unterschied zum Kriegeradel, der „Militär“ ist. Poli ist er wiederum in der Angleichung seiner höfisch geschliffenen Manieren an ihn. Schon am Ende des Mittelalters wird die incivilité zur „Unhöflichkeit“, und bald erreicht man dann politesse durch das Sich Zivilisieren (civiliser). Damit verschwindet – und das für die meisten bis heute – die mögliche politische Substanz eines später nachträglich konstruierten pseudo-römischen Zivilisationsbegriffes.

 

Mit der neuzeitlichen Staatlichkeit Frankreichs, die die alte Bürgerlichkeit zerschlägt, steigt das Wort police auf, welches Regierung und Verwaltung meint, staatliche Herrschaftsausübung eben, im Deutschen die policey. Das ist eine späte Anverwandlung der griechischen politeia über die spätantik-lateinische politia. Parallel dazu entwickelt sich politique als Regierungskunst in Theorie und Praxis.

 

Im 18. Jahrhundert, als der sich absolut setzende Staat alter Couleur verfällt und kurz bevor er durch den totalitären der demokratischen Konstruktion ersetzt wird, kommt endlich der Begriff civilisation auf, der zunächst den der police ersetzt, die nun langsam die Polizei(gewalt) des zunehmend totalitären Staates bezeichnet. Mit totalitär meine ich hier: Uneingeschränkt alle Lebensbereiche umfassend und das zunehmend aus diverser „demokratischer" Legitimation herleitend.

 

Diese "Zivilisation" wird aber sofort entpolitisiert und darauf noch im 18. Jahrhundert in die deutsche und englische Sprache übernommen. In Deutschland bleibt „zivil“ bestehen als Gegensatz zu „militärisch“ und zugleich als Fremdwort zu dem, was inzwischen landläufig als „bürgerlich“ gilt, worunter sich recht unklar die nichtadeligen und nicht unmittelbar mit produktiver Handarbeit beschäftigten Mittelschichten verstehen.

 

Hier soll Zivilisation jene Stufe der Menschheitsentwicklung bezeichnen, in der Machthaber institutionalisierte, also dauerhafte Macht ausüben, nicht vorübergehende, wie die des Anführers einer germanischen Bande, die auf Raubzug geht zum Beispiel, oder des Häuptlings einer Gruppe von umherziehenden Prairie-Indianern, der noch an seinen Leistungen und Geschenken gemessen wird. Aber mit ihm befinden wir uns bereits an der Schwelle zur Zivilisation, die Pueblo-Indianer im Südwesten der USA kurzzeitig ein wenig überschreiten und die bei den Inkas bereits zur Gänze überschritten wird, auch wenn sie den Spaniern bei deren Überfällen auf sie mit kolonialer Arroganz gänzlich unzivilisiert erscheinen, da sie anders sind als diese und militärisch und technisch unterlegen.

 

Es soll aber Zivilisation nicht als Kampfbegriff von Missionaren und Entwicklungshelfern gelten, sondern als das, als was sie historisch in Erscheinung getreten ist: Als ein System von Herr und Knecht, von wenigen Herren und vielen Knechten, wobei die Knechte gezwungen sind, mit einem von "oben" definierten Überschuss ihrer Produkte die Mächtigen zu ernähren, mit Statussymbolen zu versorgen und mit den Gewaltmitteln, die ihre Macht erhalten und erweitern.

 

Aus dem lateinischen Begriff vom cives (mit Stadt- bzw. Staatsbürger schlecht übersetzt) und dem Adjektiv civilis konstruiert, dient "Zivilisation" bald dazu, hochkapitalistische Staaten von den "Wilden" des Kolonialzeitalters propagandistisch abzugrenzen. Im Deutschen wird das noch deutlicher, indem gerne stattdessen dafür das Wort "Hochkultur" verwendet wird, welches Kulturen, wie wir sie hier verstehen, als entsprechend niedrig einstuft: Sie sind damit überall der Vernichtung anheim gegeben.

 

 

***Apropos "Hochkultur"***

 

Dies Wort ist ein Spezifikum der deutschen Sprache, die anderen Europäer sprechen stattdessen von Zivilisation, ein auch dort für fast alle kaum noch verständliches Wort gedankenloser Geschwätzigkeit.

Das deutsche Wort hat es aber besonders in sich: Verbunden wird dabei ein Wort, welches nie eine klare Bedeutung hatte, nämlich Kultur, mit einem Präfix, welches nach oben weist. Oben ist aber in der Regel immer besser als unten, dort ist nämlich Gott („in der Höhe“) zum Beispiel und waren die antiken Götter (oft auf Bergeshöhen). Unten ist der Untergebene, oben der Vorgesetzte, der Herrscher, der Machthaber. Vor ihm beugt man sein Haupt, kniet man oder wirft sich zu Boden, um zu zeigen, dass man ganz unten ist.

 

Die Hochkultur steht so für (deutschsprachige) Arroganz gegenüber der niedrigeren ( wirklichen) Kultur, eine Arroganz, die die anderssprachigen Europäer auch so ausüben. Als das Wort vor wenigen Jahrhunderten in der deutsch sprechenden Welt erfunden wurde, war für die meisten selbstverständlich, dass vor der Hochkultur und neben ihr eher die Unkultur stand und steht, genau das, zu dessen Vernichtung sich der Kolonialismus aufgemacht hat. Hochkultur ist das, was die Deutschen für sich in Anspruch nahmen, bevor proletarisierte Massen dem damaligen Bildungs“bürgertum“ den Garaus machten, an seine Stelle traten und inzwischen Kultur mit ihrem durchkommerzialisierten Freizeitamüsement identifizieren. Damit dann wird der heutige Konsumismus der Massen als Kultur verkauft, während das Wort „Hochkultur“ inzwischen entweder bezeichnet, was im Museum eingesperrt ist oder aber ins Museum gehört.

 

Seitdem ist Hochkultur dadurch zum Gegenstand eines Besichtigungstourismus und der Neugier von Besuchern von Museen und Ausstellungen geworden. An der Spitze stehen dann das ägyptische Pharaonenreich, das antike Rom und Griechenland und seltener auch andere. "Hochkultur", also mehr oder weniger Despotie, und die Ergebnisse brutaler Gewalt werden angestaunt, als ästhetisch wertvoll goutiert, bewundert, wenn auch von sich erlaucht fühlenden kleinen Minderheiten und in der Regel ohne entsprechende Kenntnisse als Hintergrund.

 

Die signifikantesten Erben einer solchen Haltung sind immer wieder terroristische Machthaber gewesen. Der von wenig Kenntnissen getrübte Kult römischer Antike, den französische Revolutionäre nach 1789 betrieben, fand fleißige Nachfolger. Hitler orientierte sich in manchem gerne am Monumentalismus des antiken Rom, ähnlich wie Mussolini, und stalinistische Prachtbauten waren eine Mischung aus antiker orientalischer Prachtentfaltung der einst dort Herrschenden und großkotzigem kapitalistischem Machtgebaren à la Manhattan/Wallstreet. Dass stattliche Teile des damaligen sogenannten „Bildungsbürgertums“ von solchen terroristischen Machthabern fasziniert waren, ist schon alleine darum verständlich. Hoch und groß und großartig liegen (nicht nur) für solche Menschen nahe beieinander.

 

Die meisten sogenannten frühen Hochkulturen waren despotische Regime, ihrem Wesen nach allesamt kriegerisch, gewalttätig, von gnadenloser Unduldsamkeit, und begründeten sich auf der Einheit von Macht und Priesterkult, waren gelegentlich vielleicht zunächst, wie in Teotihuacan oder dem frühen Chavín, despotische Priesterregime. Gewirtschaftet wurde in der Regel mit Sklavenarbeit und der Schufterei untergebener und kultischen Phantasmagorien unterworfenem und für dumm verkauftem "Volk".

 

Es ist bezeichnend für den heutigen westlichen Menschen, dass seine Bewunderung und Hochschätzung sich auf die Relikte solcher brutaler und zugleich der offiziellen Politdoktrin widersprechender Regime richtet. Der heutige „westliche“ Mensch des sozialdemokratisch globalisierten Kapitalismus hat meist keine affirmativ-emotionale Beziehung oder gar Bindung an die Machtstrukturen, unter und in denen er lebt. Der Zweckrationalismus des globalisierten, hochkonzentrierten Kapitals lässt so etwas nicht zu, und der moderne „demokratische“ Staat lädt über die schnell wechselnden und nach Amtsantritt schnell enttäuschenden Figuren nicht zur Identifikation ein, sofern man nicht gerade unmittelbar von ihm profitiert. Die für die meisten nicht durchschaubaren staatlichen Strukturen bleiben fast allen fremd. Durch Jahrtausende auf Unterwerfung und Unterordnung geprägt, faszinieren darum Regime, deren Despotie für die meist schlichten Gemüter personal fassbar ist, und zwar zumindest, solange man nicht auf die Lebensrealität dahinter schaut.

 

Als im 18./19. Jahrhundert die Geschichtswissenschaft erfunden wurde, entzauberte sie zwar ein wenig den rückwärts gewandten Mythos, ersetzte ihn aber dafür durch den nach vorne gerichteten vom Fortschritt: Die ihren Herrschern und Staaten verpflichteten Historiker betrachten nun Geschichte als innerweltliche Heilsgeschichte hin zum jeweils gerade existierenden status quo, mit Ausnahme jener, die größere (in der Regel nicht reflektierte) Distanz zur jeweiligen Gegenwart in die Idealisierung der von ihnen verwalteten alten „Hochkulturen“ trieb.

 

Erst rund hundert Jahre später begann die Verwissenschaftlichung der Archäologie, die den stark textgebundenen Historikern neues Material liefern soll. Zum Problem der Historiker, kritisch mit den in der Regel propagandistisch gefärbten Quellen-Texten umzugehen, kam nun die Neigung der Archäologen, ihr fast rundweg dürftiges Material spekulativ in Texte hinein aufzuwerten und so in die gerade herrschenden Ideologien zu integrieren.

 

 

Frühe Zivilisierung: Städte

 

Mit Göbekli Tepe im späteren Südost-Anatolien treten ab 11 000, kurz vor dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht, frühe kultische Megalithbauten auf. Die Größe und Schwere der dorthin zu transportierenden riesigen Steine verweist auf die enormen gemeinschaftlichen Mühen beim Errichten solcher Stätten, und damit auf die Mobilisierungskraft phantasievoller Produktion von Welt durch Kultexperten. Seitdem werden die ausgeklügelten Hirngespinste der Produzenten von Ideengebäuden Menschen viel stärker mobilisieren als aus Wirklichkeit gezogene Kenntnisse - und das bis heute.

 

Zivilisationen entstehen zunächst aus auf Ackerbau und Viehzucht basierenden Kulturen mit Produzenten, die mehr als das für sie unbedingt Lebensnotwendige erzeugen. Sie entstehen nach Zusammensiedeln und erheblicher Bevölkerungsverdichtung durch die Machtergreifung von Priestern und "weltlichen" Herrschern, das heißt durch Konzentration von potentiellen Untertanen in Städten mit zumindest einem Zentralheiligtum. Stadtbildung und Entstehung von Zivilisationen gehen geradezu Hand in Hand. Entsprechend wird die Zerstörung von Urbanität seit dem 20. Jahrhundert Entzivilisierung bedeuten.

 

Als Vorläufer städtischer Siedlungen gilt Jericho ab 9000. Der Ort ist zwar relativ klein und hat wohl weniger als tausend Einwohner, dafür aber bereits eine drei Meter breite Steinmauer. Diese "Stadt" wie andere nach ihr liegt an einer Fernhandelsroute, und Handel ist es wohl, aus dem damals im Nahen Osten stadtähnliche Siedlungen hervorgehen: Obsidian kommt bald 900 km entfernt aus dem südlichen Kleinasien, Türkis später von der Sinai-Halbinsel und Muscheln aus dem Roten Meer. (Bick, S.107) Es geht dabei vor allem um Waffen und Schmuck für die immer mehr Macht gewinnende kleine Oberschicht.

 

Mit größeren Städten beginnt dann oft eine deutliche Trennung in Bauern "auf dem Lande", wie wir das seit dem Mittelalter in deutschen Landen nennen, und in die städtische Arbeitskraft. Wegen der Abhängigkeit der Stadt vom Land bezüglich der Ernährung wird dieses an den oder die Machthaber und seine Sorge für die städtische Ernährung gebunden.

 

Zwischen Niltal, Anatolien und Zweistromland reicht die Produktivität der Bauern früher als in Europa aus, um Vorgänge von Zivilisierung in städtische Siedlungen zu überführen. Um 6500 besitzt Catal Hüyük auf der Hochebene des heutigen Konya Ausmaße, die für vielleicht 8000 Einwohner ausgereicht haben.

Schreine mit reichen Wandmalereien, die Jagd- und Kultszenen und selbst Landschaften darstellen, waren der Muttergöttin und dem Stiergott geweiht.. Die Toten wurden in deren Hut, nach erfolgter Exkarnation der Leichen durch Aasgeier, beigesetzt. (...) In Wände und Bänke der Schreine waren Stierschädel und Hörner eingelassen. (...) Handel mit Obsidian, Meermuscheln, Luxusgegenständen wie Gefäßen aus wertvollen Steinsorten und Schmuck verband die frühe Stadt mit der oberen mesopotamischen Region und der Levante. (von Reden, S.29)

 

Spätestens im 4. Jahrtausend beginnen die Herrscher in größeren Städten, mit Hilfe ihrer nunmehrigen Untertanen immer mehr Umland zu unterwerfen. Dann bringen Stadtherrscher auch immer mehr andere Städte mit ihren Potentaten unter ihre Macht. Die ersten Reiche entstehen und mit ihnen wachsen zentrale Herrschersitze immer stärker an.

Uruk im Land der Sumerer wird bald nach 3000 vermutlich wenigstens 40 000 Einwohner haben, schätzen Archäologen, Babylon fast zweieinhalbtausend Jahr später etwa 60 000 und in etwa dieser Zeit wird Ninive eine Fläche von rund 750 ha bedecken. (Frahm, S.47f). Das sind Größenordnungen, in denen massive Macht über allgemeine Ohnmacht herrscht und seltener enormer Reichtum vergleichsweiser Armut der meisten Menschen gegenübersteht.

 

Am Ende entsteht (Handels)Kapital in einer bestimmten Art von Städten, was aber in den Despotien der Bronzezeit erst spät und nur gelegentlich möglich wird, da sehr lange Händler derselben Untertänigkeit wie alle übrigen Menschen unterliegen: Kapital hingegen basiert auf einem gewissen Maß an (wirtschaftlicher) Freiheit seiner Eigner.

 

 

Als Despoten bezeichnen wir hier jene Herrscher, die im Sinne des altgriechischen Wortes despotes (Herr) danach trachten, möglichst unumschränkte persönliche Macht über ihre Untertanen zu erhalten und dabei Angst und Schrecken sowie instrumentalisierte Kulte als propagandistische Herrschaftsmittel einsetzen.

 

Steinzeitliche Zivilisationen entstehen auch anderswo, in Amerika schon lange vor der Zeitenwende. Zwischen 3000 vor und 1300 nach unserer Zeitrechnung existieren die stadtbasierten Mayareiche. Tiahuanaco beginnt um 1500 v.d.Zt., Teotihuacan floriert zwischen 600 vor und 700 nach unserer Zeitrechnung. Um 3200 v.d.Zt. entsteht mit dem chinesischen Liangshu eine komplexe große Stadt.

 

Die Wahnhaftigkeit von zum Despotischen tendierender Zivilisation lässt sich nirgendwo besser erkennen als an den gigantomanischen Großbauten der späten Steinzeit und der Bronzezeit, wo mit geringen Hilfsmitteln abstruse Grabmähler für Potentaten wie die ägyptischen Pyramiden oder mit riesigen Steinblöcken errichtete Kultanlagen für die Machtentfaltung von Priesterschaften errichtet werden. Die Instrumentalisierung von Menschenmassen im Machtinteresse wird augenscheinlich, die dann ihre Vollendung in uniformen militärischen Massen findet, die sich gegenseitig zermetzeln, berauben und töten. Mit diesem Instrumentarium wird der Mensch dann zum schrecklichsten aller Lebewesen.

 

Solche Entwicklungen geschehen nicht überall zeitgleich und erst in den letzten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung werden die letzten Kulturen von Jägern und Sammlern auf Erden im Namen eines alles zerstörenden Fortschritts vernichtet. Fortschritt sei dabei von Veränderung unterschieden, aus der sich ohnehin Wirklichkeit zusammensetzt. Vielmehr sei damit jener Glaube an die Fähigkeit des Menschen als Weltverbesserer gemeint, der sich im Verlauf des Kapitalismus an die Stelle des außerweltlichen Schöpfergottes zu einer Art Gott aus eigener Kraft hinauf-"adeln" wird.

 

 

***Eigentum, Arbeitsteilung, Handel***

 

Ackerbau bei Sesshaftigkeit führt in größerem Umfang zu Eigentum insbesondere an Grund und Boden. Mit diesem entstehen entsprechende neue Rechtsvorstellungen, die auch mit dem steigenden Konkurrenzverhalten zu tun haben. Es beginnt die Parzellierung der Erde und eine erste Entsolidarisierung. Der größere Eigentümer kann mit dem Vorzeigen von mehr Schmuck und Waffen eine Vorstufe von Machtausübung über andere erreichen. In unterschiedlich großen Grabbeigaben wird das sogar für ein phantasiertes Leben nach dem Tode perpetuiert.

 

Besonders ein Faktor führt auf dem Weg von der Kultur zur Zivilisation Veränderung herbei: Während Jagen und Sammeln nur soweit stattfinden, wie Bedarf nach Nahrungsmitteln besteht, ergibt die tägliche Arbeit in Ackerbau und Viehzucht mit Kulturböden, Weideflächen und der Herstellung von Gefäßen und immer effizienteren Waffen in unterschiedlichem Maß die Möglichkeit, über den eigenen Bedarf hinaus zu produzieren.

Als zunächst wohl gelegentlicher Nebeneffekt kommt es so in manchen Gegenden zur Produktion von Überschüssen. Diese können Warentausch bzw. Handel in etwas größerem Maßstab ermöglichen, dabei auch mehr Abtrennung von nun vollberuflichem Handwerk ermöglichen, welches seine Waren gegen Lebensmittel eintauscht.

Schon im Verlauf der Jungsteinzeit gestaltet sich der Abbau des Arnhofer Hornsteins wohl zu regulärer Warenproduktion. Regelrechte Bergwerke für Feuerstein und serielle Produktion von Werkzeugen und Waffen beginnen in ersten Einzelfällen. Muscheln der Stachelauster Spondylus gelangen aus dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer nach Mitteleuropa, wo sie zu Schmuck verarbeitet werden. Bernstein wird über den halben Erdball gehandelt.

 

So wie das Fachwissen der Kultexperten als Welterklärer kommt nun zu dem Fachwissen der Lebensmittelproduzenten das des Handwerks und dann auch des Handels. Damit fallen selbst in Gemeinschaften durch solches Spezialistentum die unmittelbaren Welterfahrungen und die individuellen Interessen immer weiter auseinander. Das alles "von oben" zusammenzuhalten wird eine Legitimations-Grundlage von Macht, die sich dafür der Priester bedient.

 

Arbeitsteilung und unterschiedlich vorkommende Rohstoffe fördern neben der Überschussproduktion Warentausch. Beide schaffen neue Abhängigkeiten über die Gewöhnung an Offerten des Marktes: Es entstehen neue Bedürfnisse und die wecken offenbar in zumindest vielen Menschen angelegte Gier. Der Weg in die Zivilisation wird auch der in die Tendenz zur Unzufriedenheit: Es gibt immer mehr, was die Begehrlichkeit weckt, als man Mittel zum Erwerb hat.

 

Die Menschen vernichten nun nicht nur Wälder, lassen nicht nur Steppen und Wiesen abweiden und verwandeln Naturland in Äcker, sie beginnen Ton der Erde zu entnehmen, mit denen sie Gefäße vor allem zwecks Vorratshaltung und dann auch für Warentausch formen. Schließlich beginnt auch der Raubbau an Metallen und für edel gehaltenen Steinen. Der Lebensraum Erde wird von nun an gnadenlos ausgeplündert.

 

 

***Macht***

 

Macht ist, soweit wir das in der deutschen Sprache zurückverfolgen können, ganz allgemein das, was das Lebewesen zu tun vermag. Im lateinischen Sprachraum ist die Basis der potentia das Verb posse, welches können meint. Macht ist so zu allererst jene über andere Lebewesen, die verspeist oder verdrängt werden. Für unsere Zwecke wird die Bedeutung des Wortes aber vor allem darauf reduziert, was Menschen mit Menschen zu tun vermögen. Da ist zunächst einmal über die Fortpflanzung ausgeübte Macht, welche die natürliche Evolution befügelt. Dabei kann beispielsweise sexuelle Attraktivität von Frauen unter Umständen ihnen Macht über Männer geben, physische Kraft Männern Macht über Frauen oder über Kinder.

 

Zwei Faktoren gehören dazu: Ein der Natur eingeborener Wille zur Macht, wie Nietzsche das nennt, also ein Lebenswille, und das ebenfalls fast allen (komplexeren?) Lebewesen offenbar eingeborene Phänomen der Gier. Der Wille zur Macht treibt ursprünglich dazu, sich möglichst gute Möglichkeiten zu verschaffen, um erfolgreich Nachkommen zu bekommen und groß zu ziehen.

 

Der Wille zur Macht ist aggressiv, und zwar im Bereich der Ernährung wie dem der Fortpflanzung, also der Geschlechtlichkeit. Das Wort Aggression leitet sich vom lateinischen aggredi ab: irgendwo hingehen, etwas unternehmen, angreifen. Ihr Gegenstück im Deutschen ist seit dem 19. Jahrhundert die dem Französischen entnommene Depression. Diese bezeichnete das Niederdrücken und dann auch das Bedrücktsein. Es machte die Kunst von Kulturen aus, eine Mitte zwischen Aggression und Depression auszutarieren. Machthaber in Zivilisationen wiederum werden Aggressionen stärker instrumentalisieren.

 

Physische Aggression als körperliche Gewalttätigkeit ist in fast allen Kulturen überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, Männersache. Das mag wenig mit der etwas größeren Körperkraft der Männer zu tun haben, deutlich mehr aber mit der Mutterschaft der Frauen. Das Testosteron, welches den Männern etwas stärkere Muskeln aufbaut, ist zuvörderst ein Fortpflanzungshormon, welches die Produktion von Sperma befördert und den natürlichen Drang nach deren Insemination in Frauen. Testosteron macht darum physisch aggressiv. Das hindert Frauen nicht daran, ebenfalls Aggressionen aufzubauen, aber sie blieben in der Vergangenheit tendenziell stärker im verbalen Raum.

 

Aggression verläuft bekanntlich in Wellen, in denen Energie(n) aufgebaut und in der aggressiven Aktion wieder abgebaut werden. Sie ist also kein Zustand, sondern ein sich immer neu aufbauendes Potential, das sich in der aggressiven Aktion vorübergehend erschöpft.

 

Dazu kommt das Naturphänomen der Gier, welches ursprünglich dafür sorgt, dass man in Zeiten des Überflusses mehr Nahrung zu sich nimmt als gewöhnlich nötig, also gierig wird, weil die Natur immer auch Phasen des Mangels kennt. Diese Gier kann sich beim Menschen aber auf alles mögliche andere als nur Nahrung übertragen und dabei eben auch Suchtverhalten annehmen. Gewisse Talente, ausgeprägterer Wille zur Macht und Gier bringen dort, wo das geschieht, die Herrenschicht hervor und verurteilen die anderen dazu, Knechte zu werden.

 

 

Vor allem soll Macht hier die Möglichkeit Einzelner beinhalten, über Tätigkeiten bzw. deren Ergebnisse oder gar über den Glauben von vielen Menschen zu verfügen.

Zu den allerdings nicht hinreichenden Voraussetzungen gehört auch naturgegebene Ungleichheit. Entsprechend unterscheiden sich alle Menschen und nicht nur die Geschlechter voneinander, und zwar von Geburt an wie auch durch die Bedingungen, unter denen sie aufwachsen. Nur extrem wenige besitzen zum Beispiel das Talent, Erfindungen zu machen, Neuerungen einzuführen. Alle anderen müssen dazu angeleitet werden, damit dann wenigstens mehr oder weniger umgehen zu können.

Und so gibt es die, die grundsätzlich, sei es aus Körperkraft, Intelligenz, Geschicklichkeit, besonders klug eingesetzter Rücksichtslosigkeit oder der Fähigkeit, andere besonders gut für dumm zu verkaufen (oder noch anderer Talente), mehr Macht als andere haben. Aus ihren Reihen kommen die, die Macht über ihre Mitmenschen gewinnen und diese dann für sich nutzen. Die Trennung in Herren und Knechte, wie sie das deutsche Mittelalter bezeichnen wird, basiert zudem natürlich auch auf Zufällen des Glückes, welches Menschen zuteil wird, der fortuna, wie das Lateiner nennen werden.

 

Von solchen Machtverhältnissen erfahren wir erst dann Genaueres, wenn etwas davon schriftlich beschrieben und so überliefert ist. Für die Vorgeschichte des Kapitalismus ist zunächst da der Raum des östlichen Mittelmeeres und des sich anschließenden nahen Orients von Bedeutung. Hier ergreifen offenbar überall in den entstehenden Städten einzelne besonders wohlhabende Männer im Verbund mit Priesterschaften die Macht und gewinnen dann auch Macht über die sakralen Kollegien. Sie werden zu Herren über eine dabei mehr oder weniger verknechtete und entsprechend gehorsame Bevölkerung, wobei sie sich neben den Priestern auch anderer Gehilfen der Machtausübung bedienen, die wir schon damals als Beamte bezeichnen können, sobald ihnen bestimmte Aufgabenbereiche zugeordnet werden.

 

Die Herren, also im deutschen Wortsinn die Herrschaft ausübenden Machthaber, bezeichnen wir für diesen damaligen Raum als Despoten, vom altgriechischen Wort despótes für Herr(scher) abgeleitet.

Das Wesen dieser Despoten ist, dass sie ihre Macht über die anderen Menschen von irgendeinem "göttlichen" Willen ableiten, sich selbst als gottähnlich oder göttlich bezeichnen und versuchen, diese Macht an einen, meist den ältesten Sohn mit einer Hauptfrau, zu vererben. Sie demonstrieren damals ihre allgemeine Potenz auch gerne sexuell, indem sie sich entsprechend viele Frauen in einer Art Harem reservieren.

 

Wohl erst im letzten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung entstehen Oligarchien, also von mehreren Reichen und Mächtigen kontrollierte Machtstrukturen. So wie sie sich dann im archaischen Hellas der frühen Eisenzeit herausbilden, bezeichnen wir sie als Aristokratien, da diese Art von Herren sich als die "Besseren" (aristos) bezeichnen und daraus und aus ihrem Landbesitz ableiten, nicht mehr selbst arbeiten zu müssen, sondern andere für sich arbeiten zu lassen. Derweil kann man sich als Aristokrat Vergnügungen hingeben, zu denen oft auch bewaffnete Gewalt bis hin zu größeren Raubzügen gehört.

In Analogie dazu nennen wir dann auch die Kollegien der Mächtigen im frühen Rom und anderswo in Europa mit diesem Begriff, auch wenn solche "Aristokratien" überall verschieden sind: Gemeinsam wird ihnen sein, dass sie ihren Reichtum nicht auf Arbeit oder Handel begründen, sondern auf landwirtschaftlich genutztem Großgrundbesitz. Aber auch alle frühen Despoten verfügen über besonders große Latifundien, wie die antiken Römer ihre großen (latus) Güter (fundi) nannten.

 

 

Macht über ihr untertane Menschen tendiert dazu, diese von übergeordneten Entscheidungsprozessen auszuschließen, wie das auch noch für heutige "Demokratien" gilt. Umgekehrt aber führt das auch dazu, dass diese aus vielen Gründen unfähig werden, über jenen Bereich hinaus selbst zu entscheiden, den die antiken Römer als den privaten (privatus) bezeichneten, den des persönlichen Haushaltes. Römer sahen dabei den öffentlichen (publicus) als jenen an, in dem Macht weniger Machthaber über die vielen übrigen privaten Haushalte ausgeübt wird.

 

Ein Aspekt dieser Trennung in allgemeine Entscheider und den privaten Raum der ihnen Untertanen wird sein, dass komplexere Strukturen möglich werden, in die hinein den meisten Menschen dann der Einblick fehlt, insbesondere, wenn ihnen produktive Arbeit auch noch die Zeit dafür raubt. Als durchgehende Regel kann gelten, dass die Masse der Menschen umso ohnmächtiger wird, je komplexer die menschengemachten Strukturen werden, in denen sie existieren. Eine zweite Regel besagt, dass, je größer die Wahrnehmung eigener Ohnmacht ist, desto größer auch die Neigung zur Identifikation mit besonders übermächtig wirkenden Anführern, welche die eigene Ohnmacht für die Dummen vergessen lässt. Beides scheint auch heute noch zu gelten.

Priester können zudem damit operieren, dass es in komplexer werdenden Kulturen offenbar immer unerträglicher wird, anzuerkennen, wie immer weniger man wirklich weiß und wissen kann, so dass man aus dem Manko stärker in den emotional viel intensiveren Bereich des Glaubens entkommen möchte. Erst wenn der späte Kapitalismus in seinen Metropolregionen die Macht der Priester bricht, werden politische Ideologien als Religionsersatz die Oberhand gewinnen und die Köpfe der Untertanen entsprechend einnebeln.

 

Die Machtergreifung Einzelner in der späten Jungsteinzeit und Bronzezeit lässt sich heute an einem wichtigen Resultat vor allem erkennen: Es wurde schon darauf verwiesen, dass die monumentalen archäologischen Zeugnisse früher Zivilisierung durch schweißtreibende Massenarbeit (die keine Lohnarbeit ist) entstehen, die zu organisieren ist. Solche Organisation bedeutet Hierarchisierung in Befehl und Gehorsam, die solide eingeübt werden muss. Das funktioniert aber zunächst kaum, ohne dass den Menschen dafür ein motivierender Glaube eingeflößt wird.

 

 

***Priestermacht und Herrschaft***

 

Es gibt keinen "Fortschritt", der beim Menschen nicht zugleich Rückschritt ist. Das gilt auch für den Weg von einfachen Versöhnungsritualen mit "Natur" zu den von mächtigen Priestern und priesterlichen Herrschern konstruierten, von komplexen Phantasiegebilden begleiteten Kulten bis hin zu den monotheistischen Religionen, oft begleitet von den gelegentlich haarsträubenden Phantastereien eines "Lebens nach dem Tode". Die Inakzeptanz des Todes ist unübersehbar ein Musterbeispiel für menschliche Wirklichkeitsverweigerung zwecks Unlustvermeidung.

 

Wie schon weiter oben angedeutet, ist das sprachbegabte menschliche Gehirn nicht dazu da, Wirklichkeit zu erfassen, sondern sie in eine erträgliche individuelle und darüber hinaus auch kollektiv definierte Welt umzuwandeln. Dazu gehört, sich mit der Tatsache des Todes nicht mehr abfinden zu wollen und auch manches anderes mehr oder weniger wegzulügen und zugleich das als unangenehm empfundene Nichtwissen durch zusammenfabulierte Glaubensinhalte zu verdrängen.

Leute, die meinen, dafür besonders zuständig zu sein, beanspruchen dort, wo Überschüsse produziert werden, einen Teil davon, um nun als Spezialisten für Weltproduktion Opferkulte für geheimnisvolle Mächte zu inszenieren, wobei die als Produzenten aus der Natur heraustretenden Menschen wohl gelegentlich Schuldgefühle wegen der zunehmenden Ausplünderung des Lebensraumes Erde haben oder sie sich einreden lassen.

Bei den Kulten handelt es sich zunächst wohl um Versöhnungsrituale mit einer Natur, auf deren Kräfte eingewirkt werden soll und der man zunehmend mehr als andere Tiere und frühere Menschen etwas entnimmt. Offenbar entwickeln Kultspezialisten einer ansatzweise theoretisierenden Vernunft dann in diesem Zusammenhang bis hin zu Mythen sich entfaltende Erklärungsversuche, die nicht nur die eigene Bedeutung steigern, sondern erfahrbare Wirklichkeit in gedeutete Welt verwandeln.

 

Echtes und fabuliertes Wissen trifft auf Menschen, die nach befriedigenden Erklärungen für eine Wirklichkeit suchen, an die offenbar zunehmend mehr Fragen gerichtet werden, die sich durch Wissen nicht beantworten lassen. Es sind Lebensumstände der Nahrung produzierenden Jungsteinzeit, die nicht nur solche Fragen hervorrufen, sondern eben auch dort zu Antworten nötigen, wo diese aufgrund des Wissensstandes nicht möglich sind.

 

Was in der erfahrbaren Wirklichkeit als vorgegebene "Mächte" erlebbar ist, vom Wetter über die Jahreszeiten bis hin zu eigentlichen Phänomenen lebendiger Natur, wird von solchen Experten der Umdeutung von Wirklichkeit in geglaubte Welt immer stärker personifiziert, damit die Priester als Mittler zwischen Mensch und Naturkräften treten können. Aus diesen werden am Ende Götter, bald die neuen Verbündeten der Machthaber. Diese können Tier- oder Menschengestalt haben oder aber eine Verbindung aus beidem. (Ehr)Furcht vor den Göttern wird dann ziemlich bald in Furcht vor den diesen angeblich nahestehenden Machthabern transferiert. Erst in den hellenischen poleis des 5. Jahrhunderts v.d.Zt. hören wir dann von Sophisten erste Kritik an solchen Phantastereien.

 

Richtig mächtig werden diese Experten des Zusammenfabulierens erst mit größeren Ansiedlungen, in denen auch machtvolle Kultstätten errichtet werden können, wie sie weiter oben schon erwähnt wurden. Dazu müssen ihnen die "Gläubigen" nicht nur Abgaben entrichten, sondern auch mühsamste Arbeitsleistungen verrichten wie das Steinebrechen oder -produzieren und den oft weiten Transport großer Steine aus weiter Entfernung.

Zuvor dürften spätere megalithische Kultorte von Göbekli Tepe bis Stonehenge wohl im wesentlichen einfachere Pilgerorte gewesen sein, so wie es noch viel später Kultorte der Germanen und Slawen vor ihrer vollständigen Zivilisierung sein werden.

 

 

Neben den Fabulierkünsten entwickeln frühe Kultexperten auch handfest Nützliches wie die Beobachtung des Sonnenlaufes nicht zuletzt zur Fixierung eines Aussaatdatums. Während man über die Beobachtung des Himmels bei Tag und Nacht mit dem bloßen Auge zunächst nicht wirklich zum Astronomen wird, kann man doch Kultstätten mit einer urtümlichen Kalenderfunktion entwickeln. Manches, was man dabei dann nicht erkennen kann, wird wiederum zum Fabulieren eingesetzt, wobei richtige Wahrnehmungen und Zusammenphantasiertes wohl von den "Laien" schwerlich unterschieden werden können.

 

Priestermacht etabliert sich dabei auch über magische Rituale, die aus ihnen staunenswerte Zauberer machen. Dabei häufen solche Priester magisches "Wissen" an, welches sie monopolisieren. Ihren Gipfel erreicht das Opferritual, wenn es den Blicken der Laien stärker entzogen wird und die Aura des Geheimnisvollen erhält. Mysteriös wird der Kultort auch dann, wenn die "heilige" Götterstatue dort so aufgestellt wird, dass sie nur die Priester sehen können.

Seit längerem wird sehr missverständlich dann pauschal von "Tempeln" gesprochen. Das lateinische templum ist ursprünglich der sakrale Bezirk, in dem Auguren ihrem Gewerbe nachgehen, und daraus wird jener Gebäudetypus nach griechischem Vorbild (naós) mit einer Säulenvorhalle und der abgeschlossenen und dunklen cella (griechisch: sekós), in der die den Laien unzugängliche Götterstatue steht. In diesem "heiligen" Bezirk findet die Gottesverehrung der Laien wie auch das Opfer außerhalb und als öffentliches Spektakel statt.

Mir erscheint es eigentlich unsinnig, bei ägyptischen Sakralbauten wie auch bei den mesopotamischen Zikkurat oder dem zentralen altjüdischen Kultgebäude in Jerusalem von Tempeln zu sprechen, da es sich um andere Gebäudetypen für etwas andere Opferkulte handelt. Die Ägypter des Pharaonenzeitalters zum Beispiel nannten ihre vergleichsweise riesigen Sakralbauten "Wohnsitz des (jeweiligen) Gottes", und die Vielzahl von Räumen und Höfen dienten einer Vielfalt von unterschiedlichen Ritualen, die eine ganze Schar von Priestern durchführte. Aber gelegentlich wird auch hier mangels anderer Namen notgedrungen von Tempeln für verschiedene Kultanlagen gesprochen werden.

 

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Es ist aufgrund der archäologischen Funde und Ausgrabungen zu vermuten, dass die Priestermacht zumindest häufig vor der der "weltlichen" Herrscher erscheint.

Die Hoheit über den Glauben der Menschen ist dabei bereits Macht und wird es bleiben. Eine der ersten Grundlagen für Zivilisierung ist also der Ersatz von Nichtwissen durch Glauben, ein offenbar allgemeinmenschliches, allerdings zutiefst unheilvolles Bedürfnis, welches aber durch ein mächtiges Priestertum aus Eigennutz weiter geschürt wird.

Gläubigkeit als grundlegende Haltung ermöglicht Domestizierung der Massen in Untertänigkeit. Die Macht von Priestern ist aber dort besonders groß, wo sie sich mit aggressiver Gewalt verbindet, deren Repräsentanten am Götter"himmel" die Priester immer mit verwalten.

Irdische Gewalttätigkeit nimmt derweil auf dem Weg in Zivilisierung zu, wobei sie sich entweder überfallartig gegen andere richtet oder deren Überfälle abwehrt. In dem Maße, in dem es Anführern dabei gelingt, auch in Friedenszeiten Häuptlingsstatus zu gewinnen, etablieren sie sich neben den Priestern als Vertreter nunmehr ganz und gar irdischer Macht.

 

 

Priester legitimieren zunächst lokale Machthaber "religiös" und verschaffen ihnen Akzeptanz bei den Untertanen. Diese werden darauf orientiert, sich mit ihren "Chefs"  "zu identifizieren", wobei sie als von Göttern eingesetzt gelten oder selbst vergöttert werden. Die Herrscher umgeben sich dabei mit einer Pracht, die offenbar ebenfalls zur Identifikation einlädt, auch wenn sie aus den Abgaben dieser produktiv arbeitenden Menschenmassen herrührt.

 

Betrügen Priester und dann auch die von ihnen legitimierten Machthaber ihre Untertanen und Befehlsempfänger bewusst? Das mag in Einzelfällen in gewissem Maße der Fall gewesen sein, aber es ist in der Regel sicher viel einfacher, selbst an das zu glauben, was einem viel Macht und Reichtum beschert und einem auch schon mit der Kindheit eingeflößt wird. Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass es vor allem die Wichtigtuer sind, die Eitlen, die Selbstgefälligen, aber eben auch zugleich die Brutalen und Rücksichtslosen, die sich zu Macht und Reichtum aufschwingen, also eine erfolgreiche Negativauswahl der Menschen. Wer möchte, kann es auch anders wenden: Es sind auch die Cleveren, die Intelligenten, die organisatorisch und rhetorisch Begabten, welche in den entstehenden Zivilisationen nach oben gelangen. Und das wird auch so bleiben.

 

 

***Handel, Luxuskonsum und Kapital***

 

Der Glanz, Glitzer und Glitter von Gold, Silber und Edelsteinen erweckt die Gier in jenen besonders zu bösartiger Gewalttätigkeit neigenden Menschen, die dann auch noch Kupfer als Statussymbol nutzen können, bevor sie mit Bronze, der Legierung von viel Kupfer mit wenig Zinn, jenes harte Metall in die Hände bekommen, mit dem die Waffen hergestellt werden, mit deren Hilfe Herrschaft dauerhafter institutionalisiert und Räuberei nach außen besser durchgesetzt werden können.

 

Der auf sie konzentrierte Luxus der Mächtigen, erstes Etappenziel von Zivilisierung, wird nicht nur durch die Abgaben der unterworfenen Bauern und kriegerische Räuberei, sondern darüber auch von abhängigen Handwerkern und Händlern bedient. Insbesondere im Handel kommt es in der späteren Bronzezeit zu gelegentlicher früher Kapitalbildung und dabei über die steigende Bedeutung von Geld und Kreditwesen nach und nach auch zu ersten seltenen Ansätzen von Finanzkapital.

 

Die Schatzbildung in den Händen von Despoten und Aristokraten ist von ihrer Gier nach steter Vermehrung der Schätze geprägt, und wenn man nicht mehr Abgaben aus Untertanen bzw. abhängigen Menschen herauspressen kann, dient der Krieg mit seiner Beute an Land und Menschen zur Vermehrung der Schätze. Schon frühe Zivilisationen sind so oft von Kriegen geprägt, die mit der Propagierung von Feindseligkeit die Identifikation mit den eigenen Mächtigen und ihren Reichen verstärkt.

 

Kapitalbildung ist ihrem Wesen nach von Schatzbildung verschieden, da sie zwar von Kriegen nicht selten profitiert, selbst aber wesentlich unkriegerisch ist: Kapital entsteht dadurch, dass angesammeltes Eigentum vom Konsum abgezweigt wird, also nicht in Konsum verbraucht wird und dabei verschwindet. Es wird vielmehr investiert, um sich zu vermehren. Das geschieht in frühen Zivilisationen im wesentlichen im Handel, und zwar im Warentausch großen Stils, den Geld, zunächst einfach als Edelmetall, nun erheblich vereinfacht. Warentausch ist ursprünglich ein Ergebnis von Arbeitsteilung, und er nimmt nun in dem Maße zu, in dem Arbeitsteilung sogar über große Regionen hinweg in größerem Maßstab stattfindet. Sobald eine große zeitliche Distanz zwischen Kauf und Verkauf entsteht, muss der Händler oder sein herrschaftlicher Auftraggeber für den Einkauf  Kapital quasi für eine Weile vorschießen, um daraus beim Verkauf Gewinn zu machen - sein Kapital zu vermehren. Auf die Dauer entstehen dabei auch Finanzspezialisten, die das Kapital des Händlers durch Kredite ergänzen.

 

Selbst das Wort Kapital taucht erst auf, nachdem es solches schon lange gegeben hat, und fast überall erst Jahrhunderte, nachdem Kapitalismus bereits in großen Teilen Europas seinen Siegeszug angetreten hat. Seine lateinische Wurzel ist das Wort caput, welches für den Kopf bzw. das Haupt steht. Daraus leitet sich capitalis ab, welches man unter anderem mit "hauptsächlich" übersetzen kann. In spätmittelalterlichen norditalienischen Volkssprachen wird dies Wort wieder substantiviert, um von dort dann später in den Norden zu wandern, wo es im Deutschen zum Beispiel als hauptgut auftaucht.

In italienischen Städten des späten Mittelalters mit ihrem blühenden Kapitalismus bezeichnet es beim Geschäft/Unternehmen die Hauptsache. Diese aber ist das, was nicht die Nebensache ausmacht, nämlich was für den persönlichen Konsum abgezweigt und damit dem (eigenen) Geschäft verloren geht, sondern das, was eingesetzt wird, um es zu vermehren, ohne dabei allzu viel physische (bzw. militärische) Gewalt einsetzen zu müssen.

 

Umgangssprachlich ist Kapital so heute in Tauschwerten bzw. Geld rechenbares Eigentum. Das aber ist Kapital nur als Option, potentiell, tatsächlich wird es nur als Vorgang, nämlich als der seiner Investition, seines Einsatzes zu seiner Vermehrung. Wird potentielles Kapital nicht zum Zweck seines Wachstums eingesetzt, verfällt es auf die Dauer.

 

Die Dynamik der Gewalttätigkeit von Despoten und Aristokraten ergänzt der Kapitalist also durch die friedlichere des Warentausches. Dabei bleibt Kapital in frühen Zivilisationen in der Regel den Machthabern und ihren Bedürfnissen unterworfen. Es wird eine ausgesprochene Ausnahme der Menschheitsgeschichte sein, dass große Kapitaleigner selbst seit dem 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung für eine längere Zeit immer mehr Macht in Städten des lateinischen Abendlandes gewinnen werden, und nur dort wird Kapitalismus entstehen.

 

 

***Was bleibt von den Kulturen***

 

In den frühen Zivilisationen wird der Kultus zivilisiert mithilfe seiner Kultbauten, anthropomorphen Göttergestalten, Opferkulten und ihrer Priesterschaft, das heißt, er wird von den Mächtigen benutzt und in den Machtapparat integriert. Dabei entstehen Zivilisationen auf dem Boden von Kulturen, und das eine oder andere an ihnen wird als nützlich integriert, allerdings weithin der autonomen Tradierung und das heißt auch Veränderung durch die große, nunmehr ohnmächtige Bevölkerungsmehrheit entzogen. In Zivilisationen erstarrt Kultur, soweit sie hineingerettet wird, weitgehend. Sie wird transformiert in eine Sache der Machthaber.

 

Das aber geschieht nicht gleich zur Gänze. In jenen privaten Nischen, in denen das den Mächtigen gleichgültig sein kann, halten sich erstarrende Traditionsreste, und manches davon wird in das Neue hineintransformiert, dabei aber dem Einfluss der Betroffenen immer weiter entzogen. Bis in die lateinische Nachantike hält sich unterhalb der Kulte der Mächtigen fast überall der untergeordnete "private" Kult, was unter den Bedingungen polytheistischer Gottesvorstellungen ohnehin unproblematisch ist.

 

Das Überleben von sogenannten "Volkskulturen" in Zivilisationen führt in immer größeren Teilen Europas spätestens im 18. Jahrhundert zu einem gewissen Missverständnis von "Volk" und "Kultur" durch ein sich selbst dafür haltendes Bildungsbürgertum. Das "Volk" ist nun auf die Landwirtschaft betreibenden Produzenten reduziert, deren Wirtschaften und Lebensalltag längst in kapitalistische Strukturen eingebunden wurde, und das Missverständnis derjenigen, die dabei nie zu diesem Volk gehörten, produzierte dann Volkstümelei, den Einfluss von idealisierter Dorfmusik auf die des neuen Bürgertums zum Beispiel seit Ende des 18. Jahrhunderts.

Das parallele Missverständnis bezeichnet die Status ausdrückenden gehobenen Amüsierwelten der machthabenden Oberschichten (Musik, bildende Künste, Literatur) als Kultur in dem Maße, in dem wirkliche Kultur verschwindet. Das aufstrebende neuartige Bürgertum der Neuzeit ersetzt schließlich den schwindenden Anteil an der Macht in der Mittelstellung zwischen Fürsten und Adel einerseits und Produzenten andererseits dadurch, dass es im Zuge der Säkularisierung den "Künsten" immer mehr Offenbarungscharakter beimisst und sie bis in die Romantik hinein nach und nach zu Religionsersatz hochstilisiert. Mit der Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts und der Verbreitung eines großen Industrieproletariats versucht dieses "Bürgertum" seinen Status ideologisch durch "Bildung" (Schule/Universität/Konversationskanon) und "Kultur" (Warenkonsum von Büchern, Musik etc.) zu definieren. Der alles ergreifende Kapitalismus des 20. Jahrhunderts als Welt eines Konsums auch auf diesem Wege weiter verblödender Massen lässt all das dann zur Gänze verschwinden.

 

 

Bronzezeit nördlich des Mittelmeers

 

Von der Bronzezeit im größten Teil Europas, die dort deutlich später einsetzt, wissen wir noch weniger als von der des Orients, da jenseits von ihm Schrift noch unbekannt ist, wir nur archäologisch zu gewinnende Zeugnisse haben und fast völlig auf Vermutungen angewiesen sind.

 

Seit etwa 3500 legen Menschen in Norddeutschland Megalithgräber für ganze Gemeinschaften an. Den Toten wird Nahrung in Keramikgefäßen mitgegeben, Pfeil und Bogen, Werkzeug und Schmuck. Mehr noch als bei den Kreisgrabenanlagen seit dem 5. Jahrtausend mit ihren Erdbewegungen nehmen die Menschen gemeinsam erhebliche Anstrengungen auf sich, um die riesigen Steine zu bewegen, die schon mal 50 Tonnen wiegen können. Für einzelne dieser Anlagen sollen (schätzt man) hundert Menschen fast dreieinhalb Monate lang zehn Stunden am Tag gearbeitet haben. Sie müssen dazu bewegt und dafür organisiert werden: Hierarchien werden immer deutlicher.

 

Um 4000 gelangen Siedler aus der Ägäis nach England und um 3000 beginnt die Anlage von Stonehenge.  Über 20t schwere Sarsensteine müssen über 30 km heranbewegt werden und Blausteine sogar aus Südwales. In der Gegend werden nun auch größere Landschaften entwaldet.

Megalithanlagen entstehen unter anderem bei Carnac in der Bretagne und auf Malta. Wo immer solche Bauten auftreten, weisen sie auf die Unterordnung vieler unter Einzelne hin, wobei unklar ist, ob es sich um frühe Kultexperten oder auch schon um eher "weltliche" Herren handelt.

 

 

Im Vergleich zu den Regionen zwischen Ägäis, Mesopotamien und Ägypten verlaufen die Entwicklungen im Zentrum und Westen Europas langsamer. Als Beispiel mag ein archäologisch erschlossenes "Fürstentum" von Leubingen (im heutigen Thüringen) um 1950 v.d.Zt. dienen, von dem ein 8m hoher und mit 34 m Durchmesser großer Grabhügel untersucht wurde. Dort fand man Goldschmuck, Bronzewaffen und Werkzeuge als Grabbeigaben. In der Nähe des Fürstengrabes wurde ein fürstliches Langhaus von über 450 Quadratmetern gefunden. Die meisten Gräber der Zeit sind allerdings vergleichsweise ärmlich

Aus etwa derselben Zeit stammt die Himmelsscheibe von Nebra, vermutlich Auftragsarbeit eines anderen Fürsten. Das Kupfererz der Scheibe stammt aus den Alpen, Gold und Zinn aus Cornwall.

 

Die Axt dient auch der Holzbearbeitung und Pfeil und Bogen sind auch für die Jagd geeignet, das Schwert, welches um 1600 in Mitteleuropa auftaucht, dient nur der Gewalt gegen Menschen, auf welcher dann alle bronzezeitlichen Zivilisationen beruhen. Bald werden Streitäxte zu diesem Zweck auch seriell hergestellt.

 

 

Beschleunigung

 

Was immer in  dicken Büchern steht, unsere Kenntnisse von Menschen auf rein archäologischer Basis sind extrem gering, und das, was Inschriften, Tontäfelchen und Papyri aus entwickelten Zivilisationen der Bronzezeit enthalten, hilft auch nur in geringem Umfang. Eines aber ist unübersehbar: Nicht überall, aber doch in manchen Gegenden steigert sich das Tempo der Veränderung im Verlauf der sogenannten Steinzeit erheblich, was inbesondere mit der Nahrungsmittelproduktion und den Anfängen sie begleitenden Handwerks immer deutlicher wird.

 

Um 3000 tauchen Räder in Sumer auf. In Mitteleuropa gibt es Wagenmodelle aus Ton, während die hölzernen Wagen selbst nicht erhalten sind. In derselben Zeit steigt das Schlachtalter von Rindern an: Sie ziehen nun Pflüge und Wagen und dürfen dafür länger leben.

 

Produktion und dann gesteigerte Produktivität ermöglichen deutliche Bevölkerungsvermehrung, aber diese selbst wiederum treibt Produktion voran - von Nahrung, Behältern, Bekleidung etc. All das verändert Leben und Vorstellungen der Menschen und führt nicht nur zu neuen Kenntnissen und Fertigkeiten und zugleich zunehmend haarsträubenden Interpretationen von Wirklichkeit als Welt durch sich selbst heiligende Bauernfänger, sondern auch zur Konzentration von Menschen auf Gegenden und Orte, wo geschickte Machtgierige ihnen unter Vorwänden zumindest einen Teil ihrer Produktion abnehmen können, um damit eigene Macht und den Aufbau von Herrschaft zu ermöglichen.  

 

Mit der Entfaltung solcher Machtstrukturen kommt es zu einem Schub der Beschleunigung von Veränderung. In diesen integriert sich dann die Entdeckung der Nutzung von Metallen im wesentlichen durch die Reichen und Mächtigen.

Schon in der späten Steinzeit ab dem 7. Jahrtausend in Nord-Mesopotamien im Raum des Khabur, eines Nebenflusses des Euphrats, werden Schmelz- und Gießtechniken für Kupfer und Blei entwickelt, wobei die Verfügung über das Metall unter die Kontrolle der Mächtigen gerät. Damit beginnen Menschen mit dem mühseligen Ausgraben von Erzen und ihrer Verwandlung in Metalle, und zwar zuerst von Kupfer. Da dieses nur an wenigen Stellen leicht zugänglich ist, befördert das den Handel, aber auch die Macht Einzelner, die sich die Kontrolle über solch frühen Bergbau und über den (Fern)Handel sichern. Mit der Verfügung über die Rohmaterialien wie Fertigprodukte können sie dann ihre Macht ausbauen. Macht und Ohnmacht, arm und reich bestimmen nun die Menschenwelt und werden als gerecht und von Göttern gewollt propagiert.

 

Am Beispiel der weichen Metalle Kupfer, Gold und Silber, die zunächst wenig allgemein nützlich sind, wird einiges von dem deutlich, was viele Menschen spätestens jetzt ausmacht: Sie lassen sich offensichtlich schon früh und gerne blenden durch alles, was glitzert und glänzt und selten ist. Schon ab etwa 7000 gelingt die "Nutzung" von glänzendem Gold, Silber und Kupfer, die allesamt nicht für Werkzeuge taugen. Sie dienen als Schmuck für Aristokraten und Despoten, aber auch zur Herstellung von schmückenden Gefäßen etc. für sie. Wer selbst nichts davon besitzt ist wenigstens dumm genug, es bei anderen zu bewundern.

 

Auf das Kupfer folgt die Bronze, eine Legierung aus Kupfer und Zinn. Sie ermöglicht härteres Metall, welches nun für Werkzeuge und Waffen tauglich wird. Bergbau gewinnt an Bedeutung und Schmelzöfen tauchen auf. Mit Gußformen entsteht dann auch im Bereich der Metallverarbeitung serielle Massenproduktion, wie schon ansatzweise zuvor bei Schmuck und Keramik.

Da beide Metalle kaum an einem Ort vorkommen und Zinn darüber hinaus selten ist, erweitert das den Fernhandel insbesondere auch per Schiff und übers Meer.

Kupfer gibt es in der Bronzezeit zum Beispiel im Süden der iberischen Halbinsel und auf Zypern, der Kupferinsel, Zinn fast nur im heutigen Cornwall, in Armenien und im heutigen Afghanistan. Intensiver Handel rund um den Mittelmeerraum und bis weit in den Osten setzt ein.

Mit diesem Handel tritt der organisierte Kampf um Rohstoffe und Handelshoheit im heutigen Wortsinn auf, das Pferd, als Reittier und Zugtier domestiziert und schließlich vor Streitwagen gespannt, macht weit ausgreifende Kriege möglich. Die Waffen werden mit härterem Metall effizienter. Herrschaft und Krieg, Macht und Gewalt finden damit immer besser zusammen.

 

Mit dem 3. Jahrtausend erscheint Bronze zunächst im Nahen Osten, um 2600 auf Zypern mit seinen reichen Kupfervorkommen, um 2000 in der minoischen Zivilisation und nach 1600 in der mykenischen.

In Asien kommt es zum Beispiel zu den bronzezeitlichen frühen Zivilisationen Turkmenistans, in denen teilweise bereits Massenproduktion von Keramik stattfindet. In Amerika lässt sich die späte Inka-Zivilisation der Bronzezeit zurechnen.

 

Vermutlich schon um 1800 kennen Hethiter (noch weiches) Eisen, und um 1400 beginnen sie mit der Verhüttung und der Nachbehandlung des Eisens zur Herstellung von Stahl. Im letzten Jahrtausend löst das Eisen dann allgemein die Bronze ab. Nachdem es sich durchgesetzt hat, wird bis zur großen Industrialisierung des 18. bis 20. Jahrhunderts n.d.Zt. das Tempo der Veränderung weniger durch neue Materialien, Produkte und Produktionssteigerungen vorangetrieben als durch die Gier einzelner oder kleiner Gruppen nach Macht und Reichtum, während die Masse der ihnen unterworfenen Untertanen bis dahin bestenfalls so etwas wie Subsistenz, das Überleben also, erreicht, und als mehr oder weniger verdummtes Arbeitsvieh und "Kanonenfutter" für die wenigen Reichen und Mächtigen dient.

 

Die Gier der Machthaber kanalisiert die Aggressionen der Untertanen in Kriege hinein, die schon in der Bronzezeit immer alltäglicher werden. Lange bevor das, was die Propagandisten der Macht und des Unheils bis heute Fortschritt nennen, der Menschheit die Mittel in die Hand geben wird, den gesamten Lebensraum Erde zu vernichten, wie inzwischen längst geschehen, werden sie die Mittel in  der Hand haben, sich massenhaft gegenseitig abzuschlachten und ganze Städte und Landschaften zu zerstören. 

Es ist der Krieg, der nun vor allem Veränderung bedeutet, mit immer neuen Waffen, Rüstungen und Gerätschaften, die den Menschen zum größten Feind seiner eigenen Gattung machen, zur wohl größten und abartigsten Verirrung in der Tierwelt. Die größten Verbrecher von damals werden nun bis heute die größten Helden der "Geschichte".

 

 

Despotische Großreiche: Ägypten und Mesopotamien

(Genaueres in Anhang 1)

 

Zivilisierung in der Bronzezeit als die Entstehung stadtähnlicher Siedlungen mit Herrschern in ihren palast- oder burgartigen Residenzen und Abgaben und Arbeit leistenden Untertanen beruht auf der Machtgier Einzelner und derer, die an deren Reichtum und mit Privilegien teilnehmen. Idealiter ducken sich die Untertanen weithin, so dass die Gewalttätigkeit der Herrscher sich mit Raubzügen und kriegerischen Überfällen nach außen richten kann: Zivilisierung ist nichts anderes als von den machtgierigen Halunken selbst legalisiertes Verbrechertum. 

 

Wo die vorhandenen Ressourcen dafür reichen, streben Herrscher nach Vergrößerung ihres Machtbereiches über größere Gebiete. Musterbeispiele sind die fruchtbaren Ländereien um Euphrat und Tigris sowie im Niltal, wo vor Jahrtausenden solch erhebliche landwirtschaftliche Erträge möglich sind wie in Europa erst seit wenigen Jahrhunderten.

 

Wie weit die Gier nach Macht in allen Menschen angelegt ist, lässt sich nur schwer eruieren, da in der bisherigen Geschichte immer nur wenige die Möglichkeit hatten, sie in größerem Maßstab auszuleben. Jedenfalls lassen sich solche krankhaft pervertierten Individuen überall dort wahrnehmen, wo die Ressourcen Herrschaft und deren Erweiterung zulassen und nun in der Bronzezeit das Arsenal totbringender Waffen und Gerätschaften immer effizienter wird. Der Krieg mit seinen Greueln und seinem Elend wird erfunden. Ausgehend von ressourcenreichen Stadtherrschaften wie an mehreren Stellen im Niltal und dann zunächst mit Uruk und dann später einer Vielzahl weiterer Städte in Mesopotamien beginnen Herrscher über Städte und ihr Umland ganze Regionen mit anderen Städten zu überfallen und zu unterjochen, bis daraus so riesige Reiche wie das der Pharaonen entstehen.

 

Herrscher und die von ihnen in solche andauernde Gewaltätigkeit getriebene Menschen lassen sich nicht einmal mehr als Raubtiere klassifizieren, denn kein Raubtier ist so pervertiert, für nicht Lebensnotwendiges in so großem Maßstab zu töten, zu verletzen und zu zerstören. Mit den Herrschern der Bronzezeit erweist sich der Mensch in zivilisierter Form als ultimative Pervertierung der bisher vorhandenen Natur. Er wird dies bald und bis heute mit allen Mitteln zu beschönigen versuchen, und insbesondere auch Historiker werden sich daran ausführlich beteiligen.

 

Irgendwann um 3000 (plus-minus etwa einhundert Jahre) gelingt einem Narmer die militärische Unterwerfung Unterägyptens, wie es die prächtige (Schmink)Palette hier dokumentiert. Die keulenschwingende Pose gegen Unterworfene ist typisch für fast alle Pharaonen. Überhaupt ist das Abbilden des Erschlagens von "Feinden" eine Art  Markenzeichen der Herrscher hier wie in Mesopotamien und vielen anderen frühen Zivilisationen. Noch ein später Herrscher von Ugarit, ganz am Ende der großen Zeit dieser Stadt, wird sein Bett mit seiner Abbildung in der Pose des siegreichen Kriegers mit dem Schwert in der Hand schmücken, wobei er den Unterworfenen am Schopf packt. Auf der Rückseite der Narmer-Palette bewegt sich der Pharao auf zehn geköpfte Männer zu, deren Köpfe ganz ordentlich zwischen ihren Beinen angeordnet sind. Wer wissen will, wie Zivilisierung vor sich geht und worauf sie hinausläuft, kann das hier ganz anschaulich dargestellt sehen.

 

Gewalttätigkeit schafft Reiche und von denen aus werden dann in kurzen Abständen Raubzüge und Eroberungskriege geführt. Es wird in kurzen Abständen massenhaft getötet, niedergemetzelt, vergewaltigt und verwüstet. Die Despoten brüsten sich in Inschriften immer wieder ihrer Gewalttätigkeit, vergleichen sich mit Raubtieren, die sie an Grausamkeit aber weit übertreffen. Sie brüsten sich ihrer Beute, an der sie wohl gelegentlich ihr Militär beteiligen, und offenbar sind Untertanenscharen bereit, sie für ihre Greueltaten zu feiern. Der Mensch ist nicht des Menschen Wolf, sondern nun eine nie dagewesene Bestie.

 

Der Weg zur Reichsbildung führt dabei immer auch über die Indoktrination der Köpfe der Untertanen, und zu diesem Zweck gelingt es Machthabern, die Kulte und ihre Priesterschaft samt deren Einkünften unter ihre Kontrolle zu bekommen und die priesterlichen Welterklärungsmodelle auf ihre Machtbedürfnisse zuzuschneiden. Mustergültig dafür ist die pharaonische Maat-Ideologie, die "Wahrheit" als Bündel von Glaubenssätzen im Gegensatz zum Chaos propagiert, welches ohne Despoten ausbrechen würde, und insbesondere in Mesopotamien mit Gerechtigkeit verbindet, welche als gottgewollte Kombination von Macht und Ohnmacht verstanden wird. Neben den Priestern entsteht zudem eine Art Beamtenschaft, die so privilegiert wird, dass sie willig dem Machthaber dient.

Selbst wo Herrschaft zunächst von Tempelpriesterschaften mit enormem Grundbesitz ausgeübt wird, geht sie nach und nach auf weltliche Herrscher über.

Weltlich ist ein Wort der entstehenden deutschen Sprache, welches im Zuge der Christianisierung Welt mit zeitlicher Welt, saeculum, gleichsetzt, was zum Fremdwort säkular führt und eine Lebenszeit oder ein Jahrhundert meint. Der Gegensatz ist jene christlich definierte "spirituelle" Sphäre jenseits aller "Zeitlichkeit", die gelegentlich auch mit dem christlichen Himmel oder Paradies gleichgesetzt wird, und zu der hin sich Religion und Kirche orientieren. Weltlich ist also hier ein erheblicher Anachronismus, der nicht den vorchristlichen Vorstellungen entspricht und nur sehr notdürftig für früher eingesetzt werden sollte.

 

Der gottähnliche bis gottgleiche Charakter, den sich die Machthaber dann anmaßen und über die Priesterschaft durchsetzen, verhilft ihnen zur Vererbung der Macht in der eigenen Familie, die eine Dynastie bildet, und so wird Ägypten zum frühen Beispiel eine Erbmonarchie. Das verschafft dem Reich zeitweilig eine gewisse Stabilität, andererseits schafft die massive Polygamie der Herrscher mit vielen Söhnen Rivalität unter ihnen. Der Harem selbst wird aber offenbar auch immer wieder Ausgangspunkt von Palastverschwörungen und Staatsstreichen.

Das Wort Dynastie gelangt erst im 16. Jahrhundert aus dem griechischen dynasté͞ia bzw. dem spätlateinischen dynastīa (Macht, Herrschaft oder Oligarchie) ins Deutsche, wobei die im spätlateinischen bereits vorliegende Bedeutung Herrscherhaus erst im 18. Jahrhundert übernommen wird.

 

Die Idee, despotische Herrschaft nicht nur religiös zu begründen, sondern sich als Herrscher selbst von einem Gott oder einer ganzen Götterschar einsetzen zu lassen und schließlich selbst als Gott aufzutreten wie ein Mentuhotep zu Beginn des Mittleren (Pharaonen)Reiches, der sich selbst als lebenden Gott bezeichnet, taucht unter Überspringen der wesentlich weltlicheren griechischen Polis und der römischen Republik im römischen Kaiserreich zumindest ansatzweise wieder auf und bleibt dann europäische Herrschaftsbegründung bis ins 18. Jahrhundert wenigstens.

 

Solche Despoten im Bunde mit Göttern und Priestern leben abgeschottet von den Untertanen in Palästen, die unter den Pharaonen die Größe eines ganzen Stadtteils einnehmen können, mit seinen Höflingen und einem Harem, der im Extremfall wohl mehrere hundert Frauen umfassen kann.

Schon Zimri-Lim von Mari, den Hammurabi von Babylon besiegen wird, besitzt einen Palast auf einer Fläche von 120x200 Metern mit rund 260 Höfen, Räumen und Korridoren. In Mesopotamien steigert sich die Größe eines solchen Palastes bis zu den 100 000 m² von Sanherib um 700 in Ninive.

Alles bei Hofe soll aus Silber, Gold, Elfenbein sein, verziert mit den damals kostbarsten Edelsteinen wie Türkis, Lapislazuli und Karneol. Selbst Königinnen wie die Hauptfrau des Snofru häufen kästchenweise Juwelen und Silberringe an. Massiver Luxus umgibt auch die höheren Beamten.

Mit Luxus protzen und sich an ihm erfreuen ist nicht nur Sache von Pharaonen, sondern dann auch von allen bronzezeitlichen Herrschern wo auch immer im Orient. In Ugarit findet man am Ende der Bronzezeit, kurz vor dem Untergang der Stadt, eine Liste der Mitgift einer Königin:

"Ihr Schmuck - Armbänder, Ringe, Halsketten, Diademe, Gürtel - bestand aus zwölf Kilogramm Gold und neun Kilogramm Silber." Dazu kommen unzählige kostbare Gewänder. "Die Liste der Möbel umfasst Lehnstühle, Sessel und Taburette mit Einlagen aus Gold und Lapislazuli, drei mit Elfenbein intarsierte Ruhebetten und Fußschemel. Das Gewicht der zahlreichen Bronzegeräte ihrer Ausstattung betrug 350 Kilogramm. Abschließend werden sechs bemalte Parfumbehälter, 20 Puderdosen und vier elfenbeinerne Salzfässer genannt" (... von Reden, S.242)

 

 

Ideal ist es für die neuen Despoten über ganze Reiche, wenn sie nach der Machtergreifung Herrschaft im Inneren mit möglichst geringem Aufwand betreiben können. Dazu dienen mehrere Faktoren neben der stets latenten Drohung mit legalisierter Gewalt: Zum einen sind die arbeitenden Untertanen einem mit der Größe von Städten und dann Territorien enorm zunehmenden Informationsdefizit ausgesetzt und verlieren so notwendig Urteilsfähigkeit über die Zusammenhänge, in denen sie leben. Gemessen an der steigenden Komplexität ihrer "Welt" verblöden diese Massen immer mehr, was dann bekanntlich bis heute anhalten und inzwischen immer mehr zunehmen wird.

 

Erfunden wird die Schrift zunächst für die Verwaltung der riesigen Güter der Despoten und ihrer Helfershelfer. Bis weit in die Mittelmeerantike hinein wird sie darum das Privileg weniger Schreiber bleiben, insbesondere solange sie nicht hinreichend vereinfacht ist. Zwar beginnen Machthaber bald, nicht nur "Gesetze" oder "Dekrete" zu erlassen und diese dann auch schriftlich niederzulegen, aber die Masse der Untertanen wird sie weiter nicht lesen können.

Immerhin nimmt die Lesekundigkeit in der Mittelmeerantike und dann wieder im letzten halben Jahrtausend zu, aber sie wird bis heute von fast allen Untertanen nicht zum Erwerb ernsthafter Kenntnisse, sondern soweit als möglich nur zum Amüsierkonsum genutzt: Dass die Mühe einer gewissen Welterkenntnis und gar der kritischen Auseinandersetzung Vergnügen bereiten kann, ist nur wenigen Menschen zugänglich und das wird wohl auch so bleiben.

 

Zum zweiten ist die Abgabe von Entscheidungen an die Herrscher und ihre Helfershelfer nun darum nicht nur naheliegend, sondern auch bequem: Die Mühen der Verantwortung selbst für das eigene Leben werden zunehmend den Machthabern übertragen. Zeigen diese gelegentlich in den Augen der Untertanen Schwäche, wird vor allem in den oberen Rängen revoltiert und neue Machthaber schieben sich an die Spitze.

Mit Vorgängen von Zivilisierung setzt bereits die Trennung in einen privaten und einen öffentlichen Raum ein, wobei die private Zuständigkeit der Untertanen  immer weiter eingeschränkt wird, was offenbar für die meisten (bis heute) als ausgesprochen angenehm angesehen wird: Man muss sich nicht kümmern, sondern nur ducken, gehorchen und mit seinem kleinen eigenen Leben zurande kommen.

 

Drittens, und auch das gilt bis heute, gibt es eine schon bei den Säugetierkollegen vorhandene Neigung zur Identifikation mit der Macht, und das beim Menschen unter zivilisierten Bedingungen um so mehr, je herrischer und gewalttätiger sie auftritt. Gemeint ist das eher wahnhafte Gefühl der Untertanen, an der Macht ihrer Unterdrücker zu partizipieren, was ihnen die Vorteile bietet, Unterdrückung leichter ignorieren zu können und damit zugleich sich selbst, und das ist der wahnhafte Aspekt, entsprechend stärker fühlen zu können. Darum sind es starke Despoten, die bewundert werden, - und schwächelnde werden verachtet.

 

Auf der einen Seite haben wir also die Despoten und ihre Helfershelfer. Wir nennen sie hier nicht (germanische) Könige wie so mancher sprachverwirrte (deutsche) Historiker, weil das zu Missverständnissen Anlass gibt, sondern nach dem alt-griechischen Wort für "Herr" im Sinne von "Herrscher". Damit wird auch deutlich, dass es sich um Männer handelt. Selbst die ägyptische Hatschepsut, gelegentlich von Historikern als "Königin" bezeichnet, die eine Zeitlang regiert, lässt sich darum in der Regel als Mann darstellen.

 

Auf der anderen Seite tritt das Heer der Untertanen als städtische Masse und ländliche Arbeitskraft auf, und es wird in mehrerlei Weise als Masse Mensch durchgeformt, als jener Untertanenverband, dem seit einigen Jahrhunderten im Deutschen der Name Volk in neuer Bedeutung zukommt. Zu seiner Formierung dienen zum einen die oft unaufhörlich aufeinander folgenden Kriege, in denen militärische Disziplin Individualität durch blinde Uniformität ersetzt und der kriegerische Erfolg zur Identifikation der Masse mit dem Herrscher einlädt. Auf etwas andere Weise werden Arbeitsheere in geradezu militarisierter Knochenarbeit für die riesigen Großbauten der Herrscher eingesetzt, die ausschließlich der Darstellung und Propagierung despotischer Macht dienen. Da spätestens für den vollendeten Untertanen, aber wohl insgesamt für Menschen überhaupt groß mit großartig im übertragenen Sinne in eins fällt, fühlen sie sich durch die schiere Größe von Pyramiden, Zikkurats und anderen riesigen Kultbauten bereits zur Identifikation eingeladen. Dazu gehört dann auch, dass Herrscher sich in Statuen von mehrfacher Lebensgröße darbieten lassen.

 

Neben dem Totenbezirk für den Pharao entsteht eine Handwerkerstadt und ein primitives Hüttendorf für einfache Arbeiter. Insgesamt arbeiten ca. 20 000-30 000 Menschen an den großen Pyramiden. Für die Errichtung der Chufu-Pyramide soll rund eine Milliarde Arbeitsstunden nötig gewesen sein und es sollen 2,3 Millionen Steinblöcke à 1-2,5 t aus dem Fels gehauen, bewegt und auf einer Fläche von 5,2 ha verbaut worden sein. Für ihre Arbeit wird den Malochern ihre Subsistenz gesichert: Einfachste Unterkunft, ausreichende Ernährung mit Brot und Bier, oft wohl auch mit Fleisch. Sie sollen schließlich Schwerstarbeit überleben, wenn auch mit Knochenbrüchen, verschlissenen Wirbelsäulen oder schmerzhaften Gelenkarthrosen.

Erschreckende menschenverachtende Monumentalität erreicht der Kultbezirk von Karnak mit dem Tempel des Amun-Re mit einer Gesamtfläche von ungefähr 30 ha und zahllosen riesigen Säulen. Nicht nur der Bau macht die Menschen klein, sondern auch die Größe der Pharao-Statuen. Monströs sind auch die zahlreichen Obeliske, manchmal 40 und mehr Meter hoch und über 1000 Tonnen schwer, die nicht nur aus dem Fels geschlagen, sondern auch von Elephantine nach Theben auf dem Nil von zahllosen Ruderbooten geschleppt werden müssen.

Pharao-Statuen: Amenophis III. lässt an den Eingang seines Totentempels zwei sitzende Statuen von sich erstellen, die beide mehr als 18 Meter hoch sind.

 

Kleine bescheidene Lehmziegel-Hütten für die produktiv arbeitenden Massen, riesige Paläste, Tempel und Grabmäler für die wenigen Mächtigen, und das alles begründet durch Heerscharen von privilegierten Priestern. Daneben Sklaven als Kriegsbeute und Ware auf den Märkten. Das ist die erste Blütezeit von Zivilisation, und was die Machtverhältnisse angeht, sieht es heute auch nicht viel anders aus. Und noch etwas ist nur in den Dimensionen anders als heute: Ist Rauschdrogenkonsum zunächst noch Privileg von Priestern, so basierendiese frühen despotischen Zivilisationen zumindest bereits auch auf dem Alkoholkonsum der untertänigen Massen: Im Niltal und in Mesopotamien ist das vor allem Bier. Und auch noch auf dem Weg in den frühen Kapitalismus des Mittelalters wird Alkohol Volksdroge bleiben, Fluchtperspektive aus dem Alltag der Untertänigkeit mit seinen psychischen Problemen. Für das Zweistromland gilt: "Trinken bis zum Rausch sowie Kneipen , die in nicht besonderem Ruf standen, haben selbst in literarischen Texten Erwähnung gefunden." (Klengel, S.118) Daneben dürfte Opium aus dem Schlafmohn bereits wichtig gewesen sein.

 

Pharaonen und mesopotamische Priesterkönige sind aber tatsächlich auch nicht nur in Machtgelüsten und Luxus schwelgende Potentaten, sondern sie übernehmen mit der Organisation und Verwaltung von Land, Kanälen (vor allem in Mesopotamien) und Dämmen (vor allem zur Kontrolle der periodischen Überschwemmungen) und nicht zuletzt den an Recht und Gesetz gebundenen Konfliktlösungen auch die Lösung von Problemen, die sie mit der Entfaltung von Zivilisationen erst hervorgebracht haben. Nicht zuletzt gehört dazu auch die durch Zivilisierung verstärkte Bevölkerungsvermehrung.

 

Was aber immer die Despoten tun, um die Macht ihrer Reiche und ihre Einkünfte zu mehren, diese Reiche schaffen kein völkisches Bewusstsein der weit vertraut lebenden Untertanen, wie es wohl die judäischen Herrscher in Palästina seit dem 6. Jahrhundert dann mit offenbar geringem Erfolg zu konstruieren versuchen. Es gibt eine sprachlich übergreifende Klammer für das Niltal, aber die mesopotamischen Reiche sind multi-ethnisch und multilingual. Einen soliden Patriotismus dürfte man auch kaum irgendwo finden, anders als vielleicht in einigen reinen Stadtstaaten, vielmehr drohen Herrschaftsbereiche mit den ersten Anzeichen von Schwäche ihrer Despoten immer wieder auseinander zu fallen.

 

 

Der Reichtum der Despoten entstammt aus den riesigen Besitzungen, die Herrscher zusammenraffen, ihre Machtergreifung ist unmittelbar verbunden mit dem gewaltsamen Raub von Land und Leuten.

Da zunächst zumindest große Teile des Landes im Zuge von Zivilisierung und dann Reichsbildung in die Hand von Palast und von ihm kontrollierte Tempel geraten, werden auf die Produkte entweder hohe Abgaben gesetzt oder sie werden ganz eingezogen, wobei ein Teil dann an die Bauern zurückgeht. Im Babylonien des 2. Jahrtausends sind wohl große Teile der Landwirtschaft, zudem riesige Herden von Schafen, Ziegen und Rindern sowie die Fische der großen Gewässer Eigentum der Herrscher. Redistributionswirtschaft verhindert dabei unternehmerisches Denken, Kapitalisierung und Kapitalismus schon im Ansatz.

 

Zum Teil kommt der Reichtum der Despoten aus Kriegsbeute, aber auch aus den Abgaben und der Arbeit der Untertanen. Dabei teilen sich Herrscher und Untertanen in die Faszination von Glanz und Glitzer von Gold, Silber, Edelsteinen und und der Verherung anderer seltener Materialien wie Elfenbein. Neben Großbauten zeichnen sich Despotien also durch entsprechend kostbare Schatzbildung aus, und auch diese liefert den Untertanen bis heute Anlass für fasziniertes Hinstarren.

 

An der obigen Narmer-Palette lässt sich sehr schön erkennen, was "Kunst" seitdem vor allem ist: Propagandainstrument, Statussymbol und dekoratives Luxus-Element für die Reichen und Mächtigen. Im pharaonisch beherrschten Ägypten wird vor allem machterhaltende Religion propagiert und es werden die Heldentaten der Despoten verherrlicht. Luxus zeigt sich zuerst in den kostbaren Materialien. Das alles hat nichts mit dem Kunstgerede einer "Renaissance" oder "Romantik" des 18./19. Jahrhunderts zu tun, welches sich vergeblich gegen den sich massiv durchsetzenden spezifisch spätkapitalistischen Warencharakter von "Kunst" wendet.

Tatsächlich kann man aber an obigem Kunstwerk auch erkennen: Kunst kommt von Können, und ars spezifisch von handwerklichem Können, etwas, was "Künstler" seit der Romantik meist zunehmend weniger beherrschen, während es obiges Relief-Kunstwerk durchaus bezeugt. Kunst und produktives Handwerk gehören so zusammen, und erst die "christliche" Nachantike mit ihrem Niedergang handwerklichen Könnens wird Kunst und Religion für fast ein Jahrtausend verbinden.

Im übrigen lässt sich schon im Pharaonenreich gut erkennen, dass auch andere Bereiche, die später als "Kunst" zertifiziert werden, wie zum Beispiel die Literatur, wie sie seit dem Mittleren Reich überliefert ist, die Macht der Mächtigen propagiert. Im wohl bekanntesten erzählenden Text von 'Sinuhe' heißt es gegen Ende: Möge der König Ägyptens mit mir zufrieden sein, damit ich zu seiner Freude leben kann. Eine ähnliche Funktion hat das wohl sumerische Gilgamensch-Epos.

 

Die Umgebung der Herrscher mit Luxus und Schätzen führt zu einer Ausweitung des Handels, der im wesentlichen solchen Bedürfnissen dient. Zedernholz aus dem Libanon für Bauten vor allem, Kupfer aus Zypern und Zinn aus Afghanistan dienen der Bronzeherstellung, Gold gewinnen Pharaonen aus Nubien und tauschen sie gegen Luxuswaren von weiter südlich zum Beispiel. Händler sind Beauftragte der Mächtigen und keine frühen Kapitaleigner. Handwerker in der Palastwirtschaft, die Fertigprodukte produzieren, stecken in einer ähnlichen Abhängigkeit. Nur ausnahmsweise und in Notzeiten wird auch Getreide für die Untertanen verhandelt.

Die Ausweitung des Handels resultiert aber auch daher, dass in den neuen despotischen Reichen Nahrung im Überfluss produziert wird, es aber sowohl im Niltal wie besonders im südlichen Teil Mesopotamiens an Rohstoffen wie Erzen und Holz mangelt.

 

Da Handwerk und Handel im wesentlichen auf die Despoten und eine kleine Schicht ihrer privilegierten Helfershelfer konzentriert sind, ist der private Sektor wesentlich auf Kleinbauern beschränkt, das tatsächliche Fundament der Despotien und ihr bis heute erbärmlichster Sektor zwischen Nil und dem Zweistromland. Die Faustregel wird bis heute bleiben, dass die lebenswichtigsten Arbeiten auf dem Markt die geringsten Einkünfte erzielen.

 

 

Exkurs: Aggression, Gewalt, Krieg und Sigmund Freud

 

Herodots polemos patér, jener gerne in "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" übersetzte Satz, meint im Kern wohl nicht Krieg, sondern Kampf und Streit, agon. Ich möchte das auf das Folgende konzentrieren: Das Säugetier Mensch ist ein Raubtier insofern, als es sich von vorneherein nicht nur von Pflanzen, sondern auch von Fleisch insbesondere von Säugetieren ernährt. Und es ist wie andere Tiere auch von jenem Kampf ums Dasein geprägt, der Konflikte mit Mitgliedern der eigenen Art mit sich bringt. Aggression und Gewalt sind ihm eingeboren und haben zu einem guten Teil den Fortschritt seiner Geschichte hervorgebracht und getragen. Soweit die Biologie, wenn man das so nennen möchte. In der Geschichte des Menschen ist dann der Krieg eine der beständigen Konstanten. Dazu ein kurzer Rekurs auf Sigmund Freud.

 

1930 schreibt dieser am Ende des 'Unbehagen in der Kultur': Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint es mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions - und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten.

 

Der "Selbstvernichtungstrieb" des Menschen ist mir so wenig ersichtlich wie ein Todestrieb, und die Aggression ist gewiss auch kein spezifischer "Trieb", sondern Aspekt des Getriebenseins alles Lebens, ansonsten scheint sich mir aber die Aktualität dieses Abschnitts in den letzten 80, 90 Jahren eher dramatisch verschärft zu haben. An anderer Stelle schreibt Freud:

 

Für alles weitere stelle ich mich auf den Standpunkt, dass die Aggressionsneigung eine ursprüngliche, selbständige Triebanlage des Menschen ist, und komme darauf zurück, dass die Kultur ihr stärkstes Hindernis in ihr findet. ('Unbehagen', VI)

 

Es sieht, wenn wir diesen Gedankengängen von Freud folgen, so aus, dass Kultur und damit der Mensch in einem Feld aus konstruktiven und destruktiven Antrieben entsteht, in einem Kampf, wie er sich an der Menschenart vollzieht. (s.o.) Aber die destruktiven Seiten sind auch die produktiven und die konstruktiven auch die zerstörerischen.

Anders gesagt, in den Prozessen der Kulturbildung, d.h. der Menschwerdung, entwickeln Menschen in sich Ambivalenzen, die sich in dem, was als Kultur nach außen tritt und so beschreibbar wird, wiederfinden...

 

Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die wir bei uns selbst verspüren können, beim anderen mit Recht voraussetzen, ist das Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten stört und die Kultur zu ihrem Aufwand nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit der Menschen gegeneinander ist die Kulturgemeinschaft beständig vom Zerfall bedroht. Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde sie nicht zusammenhalten, triebhafte Leidenschaften sind stärker als vernünftige Interessen. Die Kultur muss alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen, ihre Äußerungen durch psychische Reaktionsbildungen niederzuhalten. ('Unbehagen', V)

 

Die "Kultur" bietet natürlich gar nichts auf, sondern das tun Menschen in ihr. Die gedankliche Leistung Freuds besteht desungeachtet darin, von sich und dem unmittelbaren Gegenüber auszugehen (bei uns - beim anderen), also aus der unmittelbaren Erfahrung heraus Gedanken laufen zu lassen. Damit verschwindet die hochmütige Distanz der Wissenschaften zum Menschen, die umgekehrtes Erbe der demütigen Distanz der Theologie zu Gott war.

 

Der obige Abschnitt geht folgendermaßen weiter: Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher auch das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, dass nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft. Da das Verbot das Gehemmte aufstaut, so dass es wie eine Flut den Damm brechen kann, wären Kulturen mit hohem Verbotsniveau solche, die episodische Beschleunigungen erhielten. Aber das für sich ist gewiss zu einfach, da es die Rückkoppelungen der Kultur auf die Menschen und damit sich selbst außer Acht lässt.

 

Freuds Erwartungen an eine künftige Pathologie der "kulturellen" Gemeinschaften in seinem 'Unbehagen in der Kultur' sind entgegen dem, was gemeinhin über diesen Text gesagt wird, von einer letzten Hoffnung geprägt. Lorenzer und Görlich ( Einleitung zu: Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur) haben sie in anderer Reihenfolge als implizite in einer Aneinanderreihung von Zitaten aus der wenige Jahre vorher entstandenen 'Zukunft einer Illusion' herausdestilliert. Das mag man inzwischen eher bezweifeln.

 

Ist doch der Einzelne existentiell ein Feind der Kultur, die doch zugleich ein allgemeinmenschliches Interesse sein soll. Anders ausgedrückt setzt sich der Grundkonflikt aus den seiner Triebstruktur entspringenden individuellen Bedürfnissen und den ihm eingepflanzten Bedürfnissen menschlicher Gemeinschaft zusammen. Dort sind die Quellen der Unzufriedenheit mit der Kultur zu suchen. Das Unbehagen in der Kultur ist so Ausdruck von Unzufriedenheit mit ihr.

 

So bekommt man den Eindruck, dass die Kultur etwas ist, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderzahl auferlegt wurde, die es verstanden hat, sich in den Besitz von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen.

 

Hier zeigt sich die ganze Schwäche von Freuds Entscheidung, Kultur und Zivilisation nicht zu trennen, - aber Freud war kein Historiker. Es gibt keinen Hinweis darauf, die Bemühungen der Kultur nicht als Gemeinschaftsprojekt zu sehen, es sind die Zivilisationen, in denen wenige viele unterjochen.

 

In dieser ansonsten faszinierenden Konstruktion wird der Fehler nur eine Seite später deutlicher, wo er Hoffnung an die Frage bindet, ob und inwieweit es gelingt, die Last der den Menschen auferlegten Triebopfer zu verringern, sie mit den notwendig verbleibenden zu versöhnen und dafür zu entschädigen. Es geht um den Umgang mit dem unumgänglichen Kern der Kulturfeindseligkeit. Den sieht er darin, dass jede Kultur auf Arbeitszwang und Triebverzicht beruht und darum unvermeidlich eine Opposition bei den von diesen Anforderungen Betroffenen hervorruft.

 

Schematisch gesehen beruhen auf Arbeitszwang eher Zivilisationen, Kulturen der Wildbeuter stillen Hunger und Durst und jungsteinzeitliche Gemeinschaften produzieren Nahrungsmittel und Werkzeuge aus demselben Grund - wenngleich vielleicht "im Schweiße ihres Angesichtes". Zudem ruft gelungene kulturelle Einbindung keine Opposition hervor, denn die tradierten, auf unmittelbarer Erfahrung beruhenden Bindekräfte von Kulturen sind wesentlich größer als die institutionalisierten Zwangskräfte von Zivilisationen. Unter dem Ansturm der frühkapitalistischen Gewalttäter zerbrechen sehr schnell die zivilisatorischen Überbauten auf anderen Kontinenten wie die der südamerikanischen Anden"staaten", während von dem auf die Ebene von Kultur zurückgefahrenen Erbe in entlegenen Gebieten immer noch kleine Reste vorhanden sind, auch wenn deren endgültige Zerstörung von außen weiter fleißig vorangetrieben wird.

 

Am Ende von 'Warum Krieg' formuliert Freud an Einstein:

Ich meine das Folgende: Seit unvordenklichen Zeiten zieht sich über die Menschheit der Prozess der Kulturentwicklung hin. (Ich weiß, andere heißen ihn lieber: Zivilisation.) Diesem Prozess verdanken wir das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden.

 

In diesem Gegensatzpaar steckt eine legitime, aber höchstpersönliche Wertung, jedoch die Grundidee scheint solide: Jeder Fort-Schritt in der Menschheit ist mit Opfern erkauft.

 

Anders gesagt: Aggression ist Leben, ihre Domestikation schafft Kulturen und ihre bewusste Nutzung durch institutionalisierte Macht baut Zivilisationen. Zivilisation und Krieg sind identisch. Man muss also nicht auf spezifische kriegerische Momente der römischen oder germanischen Welt zurückgreifen, um zu wissen, dass der Krieg in der Zwischenzeit zwischen Antike und Mittelalter zentraler Motor aller Entwicklung sein wird und damit auch zu den Wurzeln des Kapitalismus gehört.

 

Lehnen wir uns kurz zurück und fragen: Ist nicht der Friede erstrebenswerter als der Krieg? Darauf gibt es zwei historische Antworten: Einmal ist der Friede das Ziel jeden Krieges, nämlich der der "befriedeten" Besiegten und Unterworfenen. Bislang lautet dabei das Fazit aller Zivilisationen, dass es ohne Krieg nie Frieden gab. Und der Krieg ist das Herzstück aller Zivilisationen seit den Tagen von Sumer, der Pharaonen in Ägypten und der Kaiser von China. Er ist auch der Kern der heiligen Schriften der Juden und der zumindest des frühen Islam. Literarisch überlieferte Ausnahmefiguren wie Jesus oder Buddha haben ihre Friedfertigkeit nicht auf ihre späteren nur nominellen Anhänger übertragen können. Aber die absolute Gewaltlosigkeit des legendären Zimmermannssohnes aus Nazareth wird bei aller Nichtbeachtung durch die Christenheit dennoch eine gewisse Rolle spielen.

 

Ein Aspekt sei noch gesondert angesprochen. Nicht jede Gewaltausübung ist von Grausamkeit gekennzeichnet, auch wenn diese immer Gewalttätigkeit bedeutet.

Das mittelhochdeutsche gruwen benennt eine Mischung aus Furcht und Widerwillen, Abscheu. Das "Grauen" als Substantiv und im neueren Sinne ist laut Duden (Herkunftswörterbuch) so noch nicht im Mittelalter vorhanden. Gruwesam bezeichnet darum zunächst noch keine Intention, sondern eine Gefühlsreaktion. Hingegen benennt das lateinische crudelis/crudeliter (von crudus: roh, gefühllos) das, was auch unsere heutige "Grausamkeit" bezeichnet. In unseren Augen ist dann das frühe Mittelalter (Nachantike) von einem großen "legalen" Spielraum an Grausamkeit in der alltäglichen Machtausübung von „Herren“ (domini) geprägt.

 

Grausamkeit bezeichnet zweierlei: Zum einen ist es eine moralisierende Sichtweise auf überzogen angesehenes aggressives Verhalten, zum anderen bezeichnet es eine schon bei Tieren zu beobachtende Lust in der gewalttätigen Machtausübung, in den Qualen des Opfers. Ihren Ursprung hat sie sicherlich darin, dass tierisches Leben von Leben, also Lebendigem lebt, welches getötet, zerstückelt, lustvoll zerkleinert und verschlungen wird. Was bleibt sind Fäkalien. Erste Lust in der Grausamkeit ist in der Nahrungsaufnahme begründet.

 

Wichtig ist, dass man annehmen kann, dass Zivilisierung Grausamkeit nicht verringert, sondern eher institutionalisiert und dabei immer stärker von ihrem Ursprung im menschlichen Metabolismus entfernt. Die Amüsierarenen Roms belegen das genauso wie alle Zeiten danach.

 

****

 

In fast allen Kulturen lagen die häufigsten Felder legitimen und offenen Auslebens von Aggressionen im Bereich der Sexualität, der Jagd und des Kampfes von Gruppen um Lebensräume, die letzteren eng miteinander verwandt und weithin Domänen der Männer. Der natürliche Trieb zu leben um sich fortzupflanzen ist den Menschen dabei mit allen Tieren, überhaupt allem Leben gemein und er bedeutet zunächst einmal eben Aggressivität. Ihn für die Gemeinschaft, in der Menschen lebten, nutzbar zu machen, heißt, seinen impulsiven Drang einzuschränken. Insbesondere der ganzjährig aktive Geschlechtstrieb ist für die Menschen nur vorteilhaft, wenn sie ihn beherrschen lernen. Nichts spricht gegen die Vermutung, dass diese menschliche Besonderheit an der Entstehung von Sprache beteiligt war.

 

Hinzu zu fügen:

 

So brach in ständigem Aufruhr viel Schweres über die Städte herein, wie es zwar geschieht und immer wieder sein wird, solange Menschenwesen sich gleichbleibt, aber doch schlimmer oder harmloser und in immer wieder anderen Formen, wie es jeweils der Wechsel der Umstände mit sich bringt. Denn im Frieden und Wohlstand ist die Denkart der Menschen und der ganzen Völker besser, weil keine aufgezwungenen Notwendigkeiten sie bedrängen; aber der Krieg, der das leichte Leben des Alltags aufhebt, ist ein gewalttätiger Lehrer und stimmt die Leidenschaft der Menge nach dem Augenblick

 

So formuliert Thukydides (3,82) in der Übersetzung von Landmann angesichts der kriegerischen Ereignisse in Kerkyra. In seinem 'Peloponnesischen Krieg' wird immer wieder auf die Natur des Menschen rekurriert, und nicht nur im Dialog mit den Meliern wird von den Athenern klargemacht, dass sie ihrem Wesen nach gewalttätig sei: Der Mensch tut, soweit er die Macht dazu hat, das, was er für sich für nützlich hält, und selbst die Götter (die ganze Welt) funktionieren nur so.

 

Das heißt dann auch in obigem Ausschnitt, es geht den Menschen im Frieden als Abwesenheit von Krieg besser, aber dieser Frieden ist nur dort naturgegeben, wo die Aggressivität des Menschen/ der Völker erst einmal für eine Weile erschöpft ist. Denn im allgemeinen heißt der Mensch lieber ein Bösewicht, aber gescheit, als ein Dummkopf, wenn auch anständig; des einen schämt er, mit dem anderen brüstet er sich. (2,83)

 

 

Veränderung von Naturräumen durch Menschenhand

 

Wir haben bislang vor allem gesehen, in welchem Umfang der Mensch mit der Zivilisierung zum Unheil des Menschen wird. Das wäre für den Naturraum Erde günstig gewesen, wenn das massenhafte Töten und Zerstören in den nun häufig stattfindenden Kriegen Momente des Atemholens für alle Lebewesen außer dem Menschen gewesen wären, aber dazu kommt es nicht. Vielmehr gibt es abgesehen von zeitweiligen Rückschlägen insgesamt ein Wachstum der menschlichen Bevölkerung bis zur "klassischen" griechisch-römischen Antike und letztlich bis heute, - und einen steigenden Einfluss auf das Aussehen von "Mutter Erde", die von nun an immer nachhaltiger verändert und geschädigt wird: Sie wird immer mehr auf die Bedürfnisse von Machthabern zugerichtet, denen die allermeisten Menschen mit einer wechselnden Mischung aus Furcht und Gläubigkeit folgen.

 

Für die Bronzezeit und frühe Eisenzeit wird die Verwandlung von Wald in Acker- und Weideland von Bedeutung, aber in einigen Gegenden auch das Abholzen der Wälder, um sie in eine Handelsware zu verwandeln. Im Verlauf mehrerer Jahrtausende wird so zum Beispiel das heutige Syrien entwaldet und immer größere Teile der Zedernwälder des Libanon werden auf Dauer vernichtet. Das Beispiel lässt im 15. Jahrhundert Thutmosis III. in einem Bericht niederschreiben:

Jedes Jahr werden für mich echte Libanonzedern geschlagen und an den Hof gebracht. (...) Wenn meine Armee kommt, dann bringt sie als Tribut die Zedern meines Sieges, die ich gewonnen habe aufgrund der Pläne meines Vaters, der mir alle fremden Länder anvertraut hat. Ich habe nichts davon den Asiaten gelassen, denn es ist ein Material, das er liebt. (Sein Vater ist Gott Amun-Re)

 

Ein ähnliches Schicksal erleiden seit der späten Jungsteinzeit zahlreiche Wälder Griechenlands, und Ende der Bronzezeit ist in etwa der heutige Zustand erreicht: Zahlreiche Böden sind völlig erodiert.

 

Man kann davon ausgehen, dass die Artenvielfalt insbesondere größerer Tiere seit der Jungsteinzeit zurückgeht. In der Bronzezeit wird die Jagd zum Amüsement von Machthabern, die zu ihrem Vergnügen vor allem große und als besonders gefährlich geltende Tiere (Tiger, Löwen) gerne auch schon mal in Massen töten. In Syrien gelingt es so zum Beispiel mit solchen Spaßjagden die Elefanten auszurotten, woran zum Beispiel Pharao Thutmosis III. fleißig beteiligt ist. Späte ugaritische Herrscher werden als Löwenbezwinger dargestellt.

 

 

Zerstörungs- und Mordlust der neuartigen Kriege ist die Jagd als Amüsement der Reichen und Mächtigen direkt benachbart. Es geht dabei nicht mehr um Ernährung oder Schutz vor tierischer Konkurrenz, sondern um eine besondere Form der Mordlust, die sich nun auch an der Tierwelt austobt. Das betrifft die Pharaonen und die privilegierte Oberschicht im Niltal wie die Herrscher und hohen Beamten in Mesopotamien - und überall sonst, wo Zivilisationen entstehen. Der schon als extrem grausamer Krieger aufgefallene Assurnasirpal mag als Beispiel für alle anderen dienen, wenn er auf einer Stele stolz von seinem Jagdabenteuer erzählt:

Ich tötete 450 starke Löwen, 390 Wildbüffel erstach ich (...), mit meinem Wagen erlegte ich 200 Strauße, 30 Elefanten nahm ich mittels Fallen gefangen, ferner 50 Wildbüffel lebend, 140 Strauße lebend, 20 Löwen erbeutete ich. Und die lebend erbeuteten Tiere werden nun wie die Menschen in die Untertänigkeit gebracht: Die Büffel, Löwen, Strauße und Affen, Männchen und Weibchen, sperrte ich in ein Gehege und ließ sie sich vermehren. (Pettinato, S.81) Menschen in Gefangenschaft werden versklavt und Tieren geht es zum Vergnügen der Machthaber nicht besser.

 

Nichts schöner aber auch für Pharaonen, als als Großwildjäger aufzutreten und Elefanten, Tiger und Löwen zum Spaß abzuschlachten - wie meist seitdem unter Zuhilfenahme einer willigen Dienerschaft.

 

 

Ein Fazit zum Ende der Bronzezeit

(siehe ausführlicher im Anhang 1)

 

In den letzten Jahrhunderten des zweiten Jahrtausends gehen zahlreiche Stadtstaaten in Hellas und im Nahen Osten und viele kleinere und große Reiche wie das der Hethiter in Kleinasien unter. Selbst das Pharaonenreich gerät in größere Krisen. Die Ursachen können klimatische Ereignisse, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Angriffe von außen und mehr sein, vermutlich ist all so etwas aber nicht zuletzt mit Aufständen von Untertanen oder Abwanderungen verbunden, die aus der Schwäche von Herrschern resultieren.

 

Was leisten diese bronzezeitlichen Despotien auf dem noch langen Weg hin zum Kapitalismus, der ohnehin nirgendwo in diesen erwähnten Regionen entstehen wird? Was noch zur Gänze fehlt, ist gemünztes Geld, Handel findet wohl im wesentlichen als einfacher Warentausch statt. An die Paläste angelehntes Handwerk sammelt kein Kapital an, und wohl in den meisten Fällen auch nicht die von Despoten und ihren privilegiertesten Helfershelfern beauftragten Händler. Einzelne Ausnahmen sind vielleicht syrische Händler wie die aus Assur, bei denen sich vermuten lässt, dass sie etwas selbständiger agieren.

 

Es fehlen Stadtgemeinden, wie sie viele Jahrhunderte später mit den griechischen poleis entstehen werden und damit "bürgerliche" Freiräume jenseits der Knute von Palast und Kultstätte. Aber selbst hier wird ja - und zwar sogar bis zum Ende des ersten Milleniums nach unserer Zeitrechnung - unter den Reichen und Mächtigen aristokratische Lebensweise auf der Basis großen Grundbesitzes Ideal  und Kapitalvermehrung um ihrer selbst willen, als Selbstläufer sozusagen, zumindest selten bleiben.

 

Was bleibt auf dem zweitausend Jahre andauernden weiteren Weg bis zu den Ursprüngen von Kapitalismus, muss den Weg dorthin finden, wo er entstehen wird: An einigen Orten Italiens und dann des nordwestlichen Mittelmeerraumes, entlang des Rheines bis nach Flandern und dem zukünftigen nördlichen Frankreich und dann an Küstenorte der Nord- und Ostsee.

 

Da ist einmal die Schrift, die von den Phöniziern vereinfacht und dann den Hellenen weitergegeben wird, um von dort nach Italien zu gelangen. Selbst für Kaufleute und Handwerker des 10.-12. Jahrhunderts wird sie noch nur geringe Bedeutung haben, aber sie wird über die Jahrtausende die Rahmenbedingungen mitbewegen, die zu Voraussetzung für Kapital und dann Kapitalismus werden.

 

Da ist zum zweiten die Grundhaltung der Feindseligkeit gegenüber Naturräumen, die wo möglich entweder vernichtet zu Kulturlandschaften oder aber in naturfeindliche Parkidyllen verwandelt werden. Dazu gehört die Verwandlung der kultischen Verehrung von vor aller Zivilisierung noch wenig verstandenen Naturkräften in die Verehrung von immer mehr den Menschen angeglichenen Göttern, bis dahin, dass Herrscher sich immer mehr selbst göttlicher Verehrung nähern. Die Ausplünderung der Erde und die sich beschleunigende Zerstörung der Artenvielfalt nimmt nun Fahrt auf und wird dann bis heute selbstverständlich bleiben, was immer an "Umwelt"geschwätz derzeit im Schwange sein mag. Ohne zunehmende Zerstörung des Lebensraumes Erde wird aber kein Kapitalismus sein.

 

Inwieweit die Einübung von Untertänigkeit in Europa des Einflusses zwischen Nil und Zweistromland und Kleinasien bedarf, ist fraglich, da es in Europa auch nördlich des Mittelmeerraumes zumindest Ansätze bronzezeitlicher Palastherrschaften gibt; was aus dem Orient nach Hellas und von dort nach Italien herüberschwappt, ist aber eine zunehmende Lust der Herren an aristokratischem Luxus und einer damit verbundenen Raffgier. Sie wird die helennische Oberschicht beflügeln und am Ende eine Begleiterscheinung des Zerfalls der römischen Republik werden und dann vom Kaiserreich in die neuen germanisch geführten Reiche führen.

 

Mittler für das Phänomen der Bildung von großen Reichen wird nur in geringem Maße das phönizische Karthago, welches erst in seiner Spätzeit eine Art Oberhoheit über weite Küstenlandschaften des östlichen Mittelmeers gewinnt.

Zum anderen werden es die hellenistischen (makedonischen) Reiche nach dem Tode Alexanders ("des Großen"), die eins nach dem anderen erobert werden, um dann massiv das Leben der "römischen" Oberschicht zu beeinflussen.

 

Daneben gibt es noch eine weitere Linie, die von den despotischen Reichen der Bronzezeit bis tief in den frühen Kapitalismus hinein reicht: Die jüdische Religion, aus der das (Kirchen)Christentum sich ableitet, ist selbst massiv von Vorstellungen aus dem pharaonischen Ägypten und den Despotien des Zweistromlandes geprägt. 

Aber tatsächlich muss alles erst anderswo ganz anders werden, um am Ende des frühen Mittelalters in wenigen Gegenden den Weg in Kapitalismus gehen zu können.