Anhang 1: FRÜHE ZIVILISATIONEN

 

Despotische Großreiche: Ägypten / Mesopotamien (Palast und Tempel / Schrift, Gesetze, Beamte und Untertänigkeit / Drogen / Reich / Handel / Der Krieg)

Das Ende der Bronzezeit

Neue Mittelmeerzivilisationen I: Phönizier (Kapital ohne Kapitalismus)

 

Despotische Großreiche: Ägypten und Mesopotamien

 

Vor 8000/7000 Jahren waren Teile der Sahara als Trockensavanne noch bewohnbar, und noch nach 5000 ziehen Viehzüchtergruppen dort von Wasserstelle zu Wasserstelle, wohl geleitet von Anführern mit großer Erfahrung. Bei dem von Archäologen so genannten Nabta-Playa rund hundert Kilometer westlich von Abu Simbel entsteht mit dem Sommerregen vorübergehend ein See, bei dem um 5000 megalithische Steinkreise mit Kalenderfunktion zwecks Vorhersage der Regenfälle erbaut werden. Ihre Ankunft wird mit dem Dankopfer einiger geschlachteter und in Gräbern beigesetzter Rinder begangen (Wilkinson, S.34).

 

Danach wird die Sahara zunehmend zu der Wüste, wie wir sie noch heute kennen, der Sommerregen zieht sich nach Süden zurück.  Nun wird das Niltal dichter mit dauerhaft bewohnten Dörfern besiedelt. Mit seinem durch die fast regelmäßigen Überschwemmungen fruchtbaren Land von Äckern, Gärten und Viehweiden, jagbarem Wild und Fischreichtum fördert es in der Jungsteinzeit Bevölkerungsvermehrung und schließlich Zusammensiedeln in Städten. Am Rand des fruchtbaren Niltales gibt es weiter nomadische Viehzüchter, besonders in Libyen und Richtung Sinai. 

 

Der fruchtbare Nilschlamm bietet nicht nur die Grundlage für Landwirtschaft, sondern auch für Tongefäße und luftgetrocknete Ziegel. Nur für die Sakralbauten und die Gräber derer, die es sich nach der Reichsbildung leisten können, wird es bald Steinbauten geben.

 

Mehrere regionale frühe Zivilisationen auf städtischer Basis entstehen, mit einer Großgrundbesitzer-Oberschicht, die bei Handwerk und Handel prestigeträchtige Luxusgüter und Materialien nachfragt und sich in abgeschlossenen Gräberfeldern mit luxuriöseren Beigaben beerdigen lässt.

Die Bevölkerung wächst, die frühen Städte werden befestigt.

 

Das Land wächst über den Nil zusammen, der auf 900 km bis zum ersten Katarakt schiffbar ist, gegen den Strom mit Segel und Ruder. Überhaupt sind

Fließgewässer wichtigste Verkehrswege. Schilfboote mit Rudern gibt es wenigstens seit dem 4. Jahrtausend und später dann Holzboote mit Stecksystem ohne Metallnägel. Solche Boote können zerlegt und mit Ochsenkarren transportiert werden. Was viel später Ägypten heißen wird, ist vorläufig das Schwarze Land nach dem dunklen Nilschlamm, im Unterschied zum Roten Land, der Wüste.

Nicht die verzweigten Kanalsysteme und die Bewältigung der Nilschwemme dürften allerdings vorrangig zur (Groß)Reichsbildung beigetragen haben, sondern die Machtgier der Herrscher. Ist das Reich erst einmal geschaffen, hilft das allerdings bei der Wasserbewirtschaftung, was unter anderem auch der um 1850 (v.d.Zt.) unter Amenemhet II. geschaffene aufwendige Kanal ins Fayumbecken belegt.

Grundsätzlich aber ist festzuhalten, dass die Machtapparate schon der frühen Zivilisationen hauptsächlich deshalb entstehen, damit sich selbst für ideologisch besonders qualifiziert haltende Herrenmenschen als Potentaten die produktiv arbeitende Bevölkerung ausplündern können.

 

Nechen (griechisch später: Hierakonpolis, Falkenstadt, also Stadt des Gottes Horus), südlich von Theben, entsteht seit dem 5. Jahrtausend als zunächst agrarische Siedlung und wird im 4. Jahrtausend wohl durch das Zusammenwachsen mehrerer Dörfer um das Kultgebäude des falkenköpfigen Horus zu einer aus Lehmziegeln gebauten Handelsstadt für das aus dem nubischen Süden stammende Ebenholz, Gold und Elfenbein. Daneben lebt es nun auch von Handwerk wie Töpferei, Bierbrauerei und Bäckerei. Es kommt um 3000 auf vielleicht 10 000 Einwohner.

 

Eine zweite Stadt mit Herrschaftsbereich ist Negade/Nubt, welches ebenso wie Nechen den Zugang zu den Goldminen in der östlichen Wüste kontrolliert, und eine dritte, Tjeni/Abydos mit Zugriff auf die Handelsroute nach Nubien, wo ebenso Gold herkommt. Die Herausbildung regionaler Reiche am Nil beruht unübersehbar auf der Gier einer entstehenden Oberschicht samt Herrscher nach Luxus und Schatzbildung, für die Macht eingesetzt werden. Diese Machtkonzentration wird dadurch erleichtert, dass alle Siedlungen nahe einer einzigen Verkehrsader liegen und so leicht kontrolliert werden können.

 

Man weiß sehr wenig über die inneren Strukturen der sich in solchen Städten entwickelnden Herrschaften, die in brutal auftretende Krieger-Fürsten mit ihrem sich entwickelnden Hofstaat, Beamtenapparat, Priesterschaften, eine Kriegerschicht, aber auch Bauern, Handwerker, Händler und Sklaven von unterschiedlichem Rechtstatus unterteilt sind.

Man weiß auch kaum etwas über die Machtergreifung solcher Stadtherrschern, wohl einer Art Priesterkönige, und über ihre Koexistenz mit der Priesterschaft von Kultgebäuden. Unbekannt ist auch, wie Priesterkollegien zu Großgrundbesitzern werden, die sich von immer mehr Abgaben ernähren, und wie die "weltlichen" Machthaber die Kontrolle über sie gewinnen, wobei sie sich wohl mit einer sich zunehmend bereichernden Oberschicht verbinden. Das gilt auch für die aufsteigenden Stadt"staaten" von Süd-Mesopotamien ("Sumer").

 

Gemeinsam ist diesen Herrschern ihre stolz propagierte brutale Gewalttätigkeit, ihr öffentlich ausgestelltes Selbstbild als Totschläger schon lange vor der Herstellung eines ägyptischen Reiches. Um 3800 findet sich in der Nekropole von Abydos (Abidju) das Bildnis eines Herrschers, der "mit einer Keule in einer und einem Seil in der anderen Hand drei Gefangene zusammenbindet." In einem anderen Grab bei Nechen von etwa 3500 sieht man den König beim Erschlagen von drei gefesselten Gefangenen. Um 3000 zeigt eine Prunkpalette den Herrscher "als riesigen Löwen, der auf dem Schlachtfeld seine unterworfenen Feinde niedertritt und durchbohrt." (Wilkinson, S.57f) Seine übermenschliche bestialische Kraft hat ihm ein Gott verliehen. Um 2000 lässt sich ein Mentuhotep mit vier hintereinander knienden Gefangenen abbilden, einem Ägypter, einem Nubier, einem Asiaten (aus dem vorderen Orient) und einem Libyer, die allesamt darauf warten, vom Pharao erschlagen zu werden (Wilkinson, S.177).

 

Gewaltverherrlichung muss nicht am Anfang von Vorgängen der Zivilisierung stehen, aber immer am Beginn von Reichsbildungen. Im Pharaonenreich wird der brutale Charakter von Herrschaft durchgängig bestehen bleiben, und sobald er irgendwo nicht mehr durchgesetzt werden kann, kommt es zu Unruhen, Aufruhr und Rebellion.

 

Im Norden steigt Heliopolis (am Rand des späteren Kairo) mit dem Kult für den Schöpfergott Atum und Sonnenkult für Re weit vor 3000 auf. Es entwickelt sich wohl um einen zentralen Kultbau herum und ist um 3000 bereits mit Handel zur Levante und nach Oberägypten befasst.

 

Noch in der Jungsteinzeit, inzwischen mit ihrem Gebrauch von Kupfer, beginnt der Kampf einzelner Stadtherren um eine zunächst regionale Vormachtstellung, aus dem die Vormacht von Nechen und Tjeni/Abydos hervorgeht. von denen ein Herr von Abydos (?) es wohl noch im 4. Jahrtausend schafft, zum Herrn über ganz Oberägypten mit seinen anderen Tempelstädten aufzusteigen.

 

Der Machtkampf kulminiert schließlich in dem Konflikt zwischen Unter- und Oberägypten. Reichsbildung geschieht wie immer seitdem als Erweiterung des Herrschaftsbereiches von erst lokalen, dann regionalen Machthabern. Das von ihnen erfundene Ägypten heißt zunächst kemet - schwarzes Land nach der Farbe des Nilschlamms. Als Ergebnis von Eroberung erfindet sich der Herrscher sein Reich und sein Volk, einen Verband von Untertanen. Dabei helfen die engen Beziehungen zwischen den Siedlungen entlang des unteren Nils. Dort sollen um 3000 bereits eine Million Menschen leben.

 

Irgendwann um 3000 (plus-minus etwa einhundert Jahre) gelingt einem Narmer die militärische Unterwerfung Unterägyptens, wie es die prächtige (Schmink)Palette hier dokumentiert. Die keulenschwingende Pose gegen Unterworfene ist typisch für fast alle Pharaonen. Überhaupt ist das Abbilden des Erschlagens von "Feinden" eine Art  Markenzeichen der Herrscher hier wie in Mesopotamien und vielen anderen frühen Zivilisationen. Noch ein später Herrscher von Ugarit, ganz am Ende der großen Zeit dieser Stadt, wird sein Bett mit seiner Abbildung in der Pose des siegreichen Kriegers mit dem Schwert in der Hand schmücken, wobei er den Unterworfenen am Schopf packt. Auf der Rückseite der Narmer-Palette bewegt sich der Pharao auf zehn geköpfte Männer zu, deren Köpfe ganz ordentlich zwischen ihren Beinen angeordnet sind. Wer wissen will, worauf Zivilisierung hinausläuft, kann das hier ganz anschaulich dargestellt sehen.

 

Narmer trägt auf der einen Seite der Palette die Krone Unterägyptens, auf der anderen auch die Oberägyptens. Aus beiden wird eine Doppelkrone.

Pharao (großes Haus, also Palast) heißen die Herrscher allerdings erst im Neuen Reich seit Thutmosis III. Im Alten Reich bildet sich zuvor eine Art fünffache Titulatur heraus: Drei der Namen vergöttlichen ihn mehr oder weniger und zwei beziehen sich auf die zwei Teile seines Reiches.

Ihn als (germanischen) König zu bezeichnen, gibt zu  Missverständnissen Anlass, weswegen er hier als Despot bezeichnet wird nach dem alten griechischen Wort für "Herr" im Sinne von "Herrscher". Damit wird auch deutlich, dass es sich um Männer handelt. Selbst Hatschepsut, gelegentlich von Historikern als "Königin" bezeichnet, die eine Zeitlang regiert, lässt sich darum in der Regel als Mann darstellen.

 

An der Narmer-Palette lässt sich sehr schön erkennen, was "Kunst" seitdem vor allem ist: Propagandainstrument, Statussymbol und dekoratives Luxus-Element für die Reichen und Mächtigen. Im pharaonisch beherrschten Ägypten wird vor allem machterhaltende Religion propagiert und es werden die Heldentaten der Despoten verherrlicht. Luxus zeigt sich vor allem in den kostbaren Materialien. Das alles hat nichts mit dem Kunstgerede einer Romantik des 18./19. Jahrhunderts zu tun, welches sich vergeblich gegen den sich massiv durchsetzenden spezifisch spätkapitalistischen Warencharakter von "Kunst" wandte.

Tatsächlich kann man aber an obigem Kunstwerk auch erkennen: Kunst kommt von Können, und ars spezifisch von handwerklichem Können, etwas, was "Künstler" seit der Romantik meist zunehmend weniger beherrschen, während es obiges Relief-Kunstwerk durchaus bezeugt.

Im übrigen lässt sich schon im Pharaonenreich gut erkennen, dass auch andere Bereiche, die später als "Kunst" zertifiziert werden, wie zum Beispiel die Literatur, wie sie seit dem Mittleren Reich überliefert ist. Im wohl bekanntesten erzählenden Text von 'Sinuhe' heißt es gegen Ende: Möge der König Ägyptens mit mir zufrieden sein, damit ich zu seiner Freude leben kann. (etc)

 

 

Die ersten Phasen dieser Hierarchisierung, die Gesellschaften in Herrschaften verwandelt, dürften mehr oder weniger noch auf Zustimmung zumindest eines wesentlichen Teils der Bevölkerung dort gestoßen sein, da sie meinten, daraus Vorteile zu haben. Als dann die Tempel der Priester, die darin - ungestört von den bäuerlichen Produzenten - vorgeben, die Götter durch Opfer freundlich zu stimmen, mit immer mehr Land und darauf arbeitenden Menschen versehen werden und die Herrscher selbst auch immer mehr Land mit seinen darauf lebenden Arbeitern für sich zusammenraffen, wird es zu einer Überlebensfrage, zu glauben und zu gehorchen. Wer ohnehin den ganzen Tag mühsam arbeitet, empfindet es wohl auch als bequem, sich über das, was darüber hinausgeht, möglichst wenig den Kopf zu zerbrechen.

 

Der historisch wichtigere Teil im Prozess der Zivilisierung, die Unterwerfung und Untertänigkeit der zu instrumentalisierten Massen werdenden Untertanen, wird von den Machthabern nicht dokumentiert und ist für die Historiker, die sich mit den Machthabern identifizieren, bis heute überwiegend uninteressiert. Wenn sich das seit einiger Zeit etwas zu ändern beginnt, hat das damit zu tun, das sich im heutigen Kapitalismus Macht immer weniger personalisieren lässt, da sie fast zur Gänze an Bewegungen der Kapitalverwertung abgegeben ist, als deren Agenturen sich Staaten verstehen. Die ziemlich vollständige Unterwerfung aller unter die Bewegungen des Kapitals schärft etwas den Blick dafür, dass es unterhalb der Macht auch noch andere zu betrachtende Menschen gibt.

 

Erheblich früher als in Mesopotamien entsteht hier ein Reich mit theokratischen Zügen, also einem Herrscher, der seine Macht aus von Priestern vorgegebener kultisch exekutierter Ideologie und aus seiner Gottessohnschaft, Gottähnlichkeit oder Göttlichkeit heraus begründet. "Für den Tempel als autonome große Institution war in Ägypten kein Platz. Er war integraler Bestandteil der königlichen Bürokratie mit der ausschließlichen Aufgabe, das Wohlwollen der Götter sicherzustellen." (Sommer(2), S.30)

 

Für fast 3000 Jahre wechseln sich dann am Nil Pharaonendynastien ab, und die Historiker haben diese in ein Altes, ein Mittleres und ein Neues Reich eingeteilt, zwischen denen sie zwei Zwischenzeiten erheblicher Unruhe und Zersplitterung Ägyptens wahrnehmen.

Das Wort Dynastie gelangt erst im 16. Jahrhundert aus dem griechischen dynasté͞ia bzw. dem spätlateinischen dynastīa (Macht, Herrschaft oder Oligarchie) ins Deutsche, wobei die im spätlateinischen bereits vorliegende Bedeutung Herrscherhaus erst im 18. Jahrhundert übernommen wird.

 

Wir wissen heute extrem wenig über die frühen Reichsbildungen in Ägypten und dem Zweistromland, aber immerhin so viel lässt sich erschließen: Schon damals ist Voraussetzung die gewalttätige Anhäufung von Macht und Reichtum für einen städtischen Palastherrscher im Bündnis mit einer bereits hochprivilegierten Priesterschaft, die die ideologische Basis für die Machtergreifung liefert, und dazu kommt dann brutale Gewalttätigkeit.

Zur Verdummung der Massen durch Glaubensinhalte wie die Unterwerfung unter Götter und deren Diener samt immer aufwendigerer Kulte kommt ihre Indoktrination dahin, sich als möglichst großen Untertanen-Verband zu sehen, wiewohl dessen Einheit tatsächlich nur an dem einen Machthaber hängt. Diesen Verband von Untertanen wiederum bezeichnen Historiker dann gerne als "Volk" oder nutzen entsprechende Benennungen in anderen Sprachen, insbesondere dann, wenn dieses eine gemeinsame Sprache spricht, die möglicherweise erst mit der Reichsbildung durchgesetzt wird.

 

Der gottähnliche bis gottgleiche Charakter, den sich die Machthaber dann anmaßen und über die Priesterschaft durchsetzen, verhilft ihnen zur Vererbung der Macht in der eigenen Familie, und so wird Ägypten zum Beispiel eine Erbmonarchie. Das verschafft dem Reich zeitweilig eine gewisse Stabilität, andererseits schafft die massive Polygamie der Herrscher mit vielen Söhnen Rivalität unter ihnen. Der Harem selbst wird aber offenbar auch immer wieder Ausgangspunkt von Palastverschwörungen und Staatsstreichen.

 

Die Idee, despotische Herrschaft nicht nur religiös zu begründen, sondern sich als Herrscher selbst von einem Gott oder einer ganzen Götterschar einsetzen zu lassen und schließlich selbst als Gott aufzutreten wie ein Mentuhotep zu Beginn des Mittleren Reiches, der sich selbst als lebenden Gott bezeichnet, taucht unter Überspringen der wesentlich weltlicheren griechischen Polis und des römischen Stadtstaates im römischen Kaiserreich zumindest ansatzweise wieder auf und bleibt dann europäische Herrschaftsbegründung bis ins 18. Jahrhundert wenigstens. 

 

***Mesopotamien***

 

Wie die Bezeichnung für "Ägypten" stammt auch diese für das Zweistromland von antiken Griechen, wobei erst der römische Gelehrte Plinius darunter das ganze Gebiet von Euphrat und Tigris versteht. Im Neolithikum entwickelt sich intensivere Besiedlung zunächst im von Regen geprägten Norden, und es ist dann vielleicht zunehmender Bevölkerungsdruck, der im 6. Jahrtausend Leute in den Süden abwandern lässt, wo Landwirtschaft einerseits auf Dämme und Kanäle angewiesen ist, aber bald auch ein Verhältnis zwischen Aussaat und Ernte von 1:30 erreicht. (Im Reich Karls "des Großen" ist es viel später bestenfalls schon mal 1:3). 

Hier entstehen mit der Ubaid-Zivilisation ab dem 6. Jahrtausend Siedlungen, in denen sich mit der Zeit kleine Kultstätten mit Opferaltar in größere Gebäude mit Götterstatuen verwandeln. Ab etwa 4300 entwickeln sich mit dem Zentrum Uruk Städte mit Tempeln und ihrer Priesterschaft, die bald mit einer Mauer umgeben werden. Eine von Tempeln kontrollierte "städtische Zivilisation" entsteht, wobei die zunehmende Bevölkerungskonzentration Verbesserungen in der Wasser-Bewirtschaftung erfordert. (Sommer(2), S.18f)

 

Von später überliefert ist die Behauptung, die Götter hätten die Menschen geschaffen, um sie für sich arbeiten zu lassen. (Frahm, S.93) Daraus leiten dann Tempelpriester ab, dass für sie nun zu arbeiten ist, da das mit der Arbeit für die Götter in eins fällt. Noch lange nach dem sogenannten Mittelalter werden Europäer deshalb Zwangsabgaben an die Kirchen leisten müssen. Zur Erfolgsgeschichte der Machtergreifung solcher bald "sumerischer"  Priesterschaften gehört dann, dass sich ihre Art städtischer Zivilisation bis nach Nordmesopotamien ausdehnt.

 

Tell Brak an einem Nebenfluss des Khabur etwa in der Mitte zwischen Diyarbakir und Mossul ist der Ort einer solchen Stadt, die im 4. Jahrtausend die Größe von 55 ha erreicht. In der Zeit, als Uruk im Land der Sumerer seine Macht entfaltet, entsteht auf einer terrassierten Fläche mit dem sogenannten Augentempel auf einer terrassierten Fläche von 65x40 Metern und einem mittleren Saal von 18x6 Metern der Neubau eines schon lange existierenden Tempels. Mit seinen Ornamenten aus Gold, Silber und Kupfer ist er von enormer Pracht, für die wohl vor allem die bäuerliche Bevölkerung und die Handwerker sich mühen mussten.

 

Solche Städte des vierten Jahrtausends, meist von Tempelpriesterschaften beherrscht, besitzen schon mal Hauptstraßen, die mit Kies gehärtet sind und offene "und gedeckte Kanäle und tönerne Rohrleitungen sorgen für die Wasserabfuhr." (von Reden, S.45) Es gibt Töpferei, Metall- und Steinbearbeitung auf hohem Niveau. Fernhandel zwischen Kleinasien, der Levante und dem Land Sumer findet statt.

 

Im obersten Tempelpriester, "Bindeglied zwischen göttlicher und menschlicher Ordnung, kulminierten religiöse und herrscherliche Gewalt, die funktional noch nicht geschieden waren." (Sommer(2), S.20). Der Tempel versorgt den jeweiligen Gott mit Lebensmitteln, Kleidern und Prestigegütern. "Das Tempelpersonal kontrollierte das Gros der wirtschafteten Überschüsse, entsprechend sah die Tempelarchitektur auch regelmäßig ganze Gebäudetrakte für Bewirtschaftung und Magazinierung unterschiedlicher Güter vor. (...) Der Tempel (...) verfügte außerdem über angegliederte Werkstätten für produzierendes Gewerbe. (Sommer(2), S.21)

 

Mit der extrem unterschiedlichen Verteilung von Macht und Verfügung über landwirtschaftliche Produkte entsteht wie im Niltal aus ökonomischem Interesse der Mächtigen eine zunächst viele Zeichen umfassende Schrift, die schließlich in eine Keilschrift "vereinfacht" wird, die zunehmend dann auch Laute wiedergibt.

 

Anders ist aber, dass es unterschiedliche Völkerschaften in verschiedenen Gegenden des Zweistromlandes sind, die jeweils für eine Anzahl von Jahrhunderten despotische Großreiche von städtischen Zentren aus bilden werden (Uruk, später Ur, Babylon, Akkad, Assur/Ninive usw.

Über weite Strecken versteht sich Mesopotamien darum nicht als Einheit, sondern zumindest als zweigeteilt. Im Laufe der Zeit setzt sich gelegentlich durch, von den zentralen Städten Assur und Babylon aus von Assyrien im Norden und Babylonien im Süden zu sprechen.

 

Das in Keilschrift überlieferte Sumerisch wird bis etwa 2000 vor allem im Süden gesprochen und überlebt dann noch als Sprache tradierter Texte. Danach dominiert das semitische Akkadisch mit seinen zwei Hauptdialekten Babylonisch und Assyrisch. Im Norden ist seit etwa 1000 das semitische Aramäisch statt dem Akkadischen lingua franca. (Eckart Fram). Ähnlich wie im Niltal nördlich des (späteren) Sudan gibt es auch in Mesopotamien gewisse Verwandtschaft in Lebensformen und Vorstellungswelten.

Dabei ist klimatisch der Süden und das große Flussdelta ähnlich regenarm wie das ägyptische Niltal, wobei die Fruchtbarkeit nach sich ziehenden Überschwemmungen von Euphrat und Tigris in die Erntezeit fallen, was dort  andere Formen der Wasserbewirtschaftung nach sich zieht. Weiter nördlich gibt es auf Niederschlag basierenden Ackerbau, der im Ägypten der Pharaonen völlig fehlt.

 

Despotische Macht entsteht aus Gewalt und muss sich erst zu ihrem Erhalt rechtfertigen. Dabei entwickelt sie zwei bis heute beliebte Propagandaparolen: In Ägypten vor allem Ordnung (maat) im Gegensatz zu Chaos, welches ohne Despotie entstehen würde, und in Mesopotamien zudem Gerechtigkeit, also im wesentlichen das Versprechen, dass die produktiv arbeitende Bevölkerung und insbesondere die Massen an Bauern ein elementares Minimum an Konsumgütern zur Verfügung bekommen.  

 

Im Verlauf des 3. Jahrtausends entwickeln sich in Mesopotamien eine Vielzahl von Stadtstaaten, die miteinander Handel treiben, aber auch in folge von Bevölkerungsvermehrung und Bodenverknappung sowie Kontrolle von Handelswegen für Prestigeobjekte Kriege gegeneinander führen. Vermutlich sind es die resultierenden militärischen Spezialisten, die langsam dem Tempel herrscherliche Funktionen abnahmen. So tritt neben den Hohepriester der lugal, was oft mit König übersetzt wird, und dieser demonstriert mit seinem Titel wohl auch die Tendenz zur Reichsbildung auf militärischem Weg.

Nicht nur dieser "König", sondern auch eine zunehmende Schar von Beamten bzw. Bediensteten, die der Güterproduktion entzogen sind, beanspruchen nun den Konsum von agrarischen Überschüssen, aus denen über Fernhandel auch Luxusprodukte als Statussymbole kommen, soweit eine Palasthandwerkerschaft sie nicht aus eingehandelten Rohstoffen erzeugt. 

Aus Zeiten der Priestermacht stammen kollektive Eigentumsformen, die die neuen weltlichen Machthaber für den Bedarf ihres Palastes übernehmen. Daneben gibt es auch weiter Privateigentum, dessen Überschüsse über Steuern und Abgaben abgeschöpft werden. Aus der herrscherlichen Verfügung über Land werden Beamte mit der an ihre Funktion gebundenen Versorgung durch zugeteilte Felder "entlohnt", wenn nicht bereits mit Nahrung und/oder Wolle.

 

Die Versorgung des Palastes mit dem, was das Reich nicht hergibt, also hier mit Holz, Erzen, Edelmetallen etc. leisten Fernhändler, die als Agenten des Despoten unterwegs sind (tamkaru). Nach und nach werden sie wohl nebenbei auch etwas für eigenen Gewinn abzweigen können, aber es handelt sich bei dem, womit sie operieren, nicht um Kapital.

 

Einem Herrn von Uruk gelingt es dann, sich ganz Südmesopotamien zu unterwerfen und von einem Palast aus zu mit einem Beamtenapparat zu regieren.

Wahrnehmbar ist solche Macht noch in den Beigaben in "Königs"grüften, in denen Gold, Silber, Lapislazuli, Karneol und darum hergestellte Luxusgegenstände versammelt sind. Wie bei den frühen Dynastien Ägyptens scheinen Herrscher auch hier wie zum Beispiel in Ur von extra dafür getötetem Gefolge bei ihrer Beisetzung begleitet worden zu sein. Die Tempel eroberter Städte werden nun für die Lokalverwaltung eingesetzt.

 

 

Um 2350 wird so Mesopotamien bereits von zwei kriegerischen Despoten beherrscht, von denen sich ein Sargon von Akkad dann durchsetzt und ein Großreich gründet, welches Naramsin bis in den Libanon ausdehnt. Die Tendenz zur Vergöttlichung der Herrscher setzt sich auch hier nun durch. Akkadisch löst an Bedeutung das Sumerische ab.

 

Das semitisch sprechende Akkad wird etwas nordöstlich vom heutigen Bagdad vermutet. Noch im 3. Jahrtausend lässt eine Dürrezeit und der Einmarsch halbnomadischer Steppen- und Bergvölker dies Reich in etwa der Zeit beenden, in der in Ägypten auch das Mittlere Reich zu Ende geht. Erneut steigen einzelne Stadtstaaten auf. Die letzten hundert Jahre des Jahrtausends dominiert eine Herrscherfamilie der Hafenstadt von Ur große Teile Mesopotamiens. Hier kommen Kupfer aus dem heutigen Oman und Waren aus dem Indusgebiet an. Die Stufentempel (Zikkurat) erreichen nun ihre vollendete Form.

 

Noch gegen Ende des 3. Jahrtausends ist private Initiative von Kapitaleignern ein Randphänomen.

"Zur Zeit der III. Dynastie von Ur waren Handel und Gewerbe, soweit sie nicht nur für die unmittelbaren Bedürfnisse der Bevölkerung arbeiteten oder bäuerlicher Nebenerwerb waren, praktisch staatliches Monopol. Der Kaufmann erhielt seine Exportgüter oder sonstigen Mittel vom Palast oder Tempel, also aus dem Bereich der staatlichen Großwirtschaft, die vom König und seiner Bürokratie beherrscht wurde. In ihrem Auftrag unternahm er seine Handelsreisen (...)". Solche Händler reisten bis Dilmun (Bahrain), von wo sie dann Waren aus dem Indusgebiet übernahmen. Aber Händler aus Assur überwanden in dieser Zeit auch die 1000 km bis ins ostanatolische Kanesch (Kültepe), wo es eine dauerhafte assyrische Handelsniederlassung gab, die mit Textilien und Metallen handelt. Auch hier profitiert ein Herrscher in seinem Palast von den Abgaben aus dem Handel.

 

Das Handwerk in Mesopotamien "war gleichfalls von den Bedürfnissen von Palast und Tempel abhängig und den Großwirtschaften beigeordnet. Die Handwerker erhielten bestimmte Mengen an Rohstoffen zur Verarbeitung geliefert. So etwa die Textilhandwerker, die in großen >staatlichen< Werkstätten zusammengeschlossen waren und ihren wichtigsten Rohstoff, die Wolle, aus dem umfangreichen Wolleinkommen von Palast und Tempel erhielten.Die Produkte ihrer Arbeit wurden dann teilweise exportiert." (Klengel, S.77)

 

 

Man ist so kriegerisch-gewalttätig wie fast alle Großreichs-Herrscher der Bronzezeit. Um 2000 kontrollieren allerdings mit den Amurritern ursprünglich halbnomadische Stammesvölker Mesopotamien und Syrien, welche erneut in einzelne Stadtstaaten wie Mari, Ebla, Assur, Babylon und Uruk zerfallen.

 

 

Vom Norden Mesopotamiens über Syrien bis zur Levante fehlen die hohen agrarischen Erträge des ägyptischen Niltals und des südlichen Mesopotamiens, mit deren Hilfe dort Paläste ihre Macht und ihre Pracht entfalten können. Zwar steht ein Großteil des Landes unter dem Herrscher als oberstem Grundherrn, aber neben ihm gibt es auch viele kleine lokale. Ökonomisch zentral wird hier der Fernhandel, daneben kunstvolles Handwerk, beide vom Palast kontrolliert und auf seine Bedürfnisse zugeschnitten.

 

Mari und Ebla sind Musterbeispiele für Stadtstaaten, die sich aus zentralen, von Herrschern kontrollierten Städten entwickeln, in denen diese für sich enorme Reichtümer ansammeln.

Der Palast von Mari, in seiner Spätzeit aus über 300 Räumen, Höfen und Korridoren auf mehr als zweieinhalb Hektar bestehend, "war mehr als 1000 Jahre lang die Zentrale eines Fernhandels, der von Kreta, Palästina, Zypern, Anatolien und dem Iran bis nach Afghansitan und Tilmun (die Insel Bahrain) reichte. Kupfer und Zinn gehörten zu den wichtigsten Importgütern. Das erstgenannte Metall kam aus Zypern. Aus dem Nordwestiran bezog man große Mengen Zinn, aus Afghanistan Laüislazuli und Karneol, Holz, Wein und Öl spielten ebenfalls eine wichtige Rolle im Austausch. Die hohen Einnahmen des Palastes bestanden aber hauptsächlich aus den Zöllen, die ihm die Kontrolle des Warenverkehrs über den Euphrat und dsie Landrouten einbrachten." (von Reden, S.51)

 

Manche Archäologen vermuten, das das in seiner Spätzeit rund 55 ha große Ebla mehr noch als Mari am Ende zunehmend von einer Oberschicht reicher Handelskapitalisten dominiert wurde, die hier starken Einfluss auf den Herrscher in seinem vielleicht 10 000 m² großen Palast ausübten.

Ebla beliefert Mesopotamien mit Holz und vielen anderen Waren und dazu "kamen auch Handelsverbindungen zu Palästina, die vielleicht bis zur Sinaihalbinsel mit ihren seit dem vierten Jahrtausend ausgebeuteten Kupfer-, Malachit- und Türkisvorkommen reichten, sowie zu dem Erzlieferanten Anatolien." (von Reden, S.121)

 

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelingt es Hammurabi von Babylon, das Reich von Mari und seine Hauptstadt zu zerstören und schließlich ganz Mesopotamien zu kontrollieren. Während nach seiner Zeit immer mehr Kassiten einsickern, entsteht in Anatolien das Hethiterreich. 1595 ziehen Hethiter unter Mursili I. bis nach Babylon und zerstören es.

 

 

Sind Stadtstaaten eher Krisensymptome im Pharaonenreich, so verschwinden sie in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends ganz aus Mesopotamien, wo nun das Kassitenreich von Babylon, Assyrien und das Hurriter-Reich der Mitanni dominieren. Ab etwa 1300 steigt dann ein neuartiges Assyrerreich auf, welches den alten Fernhandel zunehmend durch Raubzüge und Eroberungen ergänzt und ein aggressiv-kriegerisches Herrscherbild religiös verbrämt.

 

***Palast und "Tempel"***

 

Während die meisten Menschen mit der Bewirtschaftung des Landes beschäftigt sind, sind die Mächtigen, also Herrscher, Priester und privilegierte Oberschicht in Städten zu Hause, insbesondere in bzw. bei zentralen Hauptstädten.

 

Der ägyptische Palast, noch in der Pyramidenzeit relativ schnell aus vergänglichen luftgetrockneten Ziegeln gebaut, besitzt ähnlich wie der Mesopotamiens eine Art "öffentlichen" Bereich für Audienzen und Besuche hoher Beamter, überhaupt den ganzen Hofstaat, und einem privaten Bereich, der in Mesopotamien manchmal "aufwendige Sanitärinstallationen" aufweist (Frahm, S.66). Hier befindet sich u.a. der Harem, der schon mal mehrere hundert Frauen umfassen kann, die zum Teil auch als Dienerinnen, Musikantinnen und Tänzerinnen fungieren. Daneben gibt es dort Kulträume, Gästezimmer, Vorratskammern usw.

 

Schon Zimri-Lim von Mari, den Hammurabi von Babylon besiegen wird, besitzt einen Palast auf einer Fläche von 120x200 Metern mit rund 260 Höfen, Räumen und Korridoren. In Mesopotamien steigert sich die Größe eines solchen Palastes bis zu den 100 000 m² von Sanherib um 700 in Ninive.

 

Herrscher leben fern von den Untertanen, umgeben von Verwandtschaft des Monarchen, Harem, großem "Hofstaat" und zahlreichen Dienstboten. Der Herrscher zeigt sich nur bei wenigen Zeremonien dem "Volk". Dieselbe Unzugänglichkeit gilt für die immer größeren Kultgebäude, laut offizieller Propaganda Wohnort jeweils eines Gottes, von dem behauptet wird, dass er in der nur wenigen Privilegierten zugänglichen Statue im Inneren des "Tempels" anwesend sei.

 

Keine Reichsbildung im Niltal, ohne dass die neuen Machthaber im Zusammenspiel mit den Hohepriestern die vielen lokalen und regionalen Kulte zu einer reichsweiten pharaonischen Götterlehre samt zentralen Kulten zusammenschweißen. Damit wird Religion Königsideologie, so wie das Christentum im 4. Jahrhundert zur Kaiserideologie wird.

 

Die offiziellen Kulte und Glaubensinhalte, die dazu da sind, die Macht der Herrscher und Priester zu begründen, werden offensichtlich auch ausschließlich von diesen selbst definiert, wie übrigens bis fast heute, wo sie durch kaum weniger wahnhafte Politideologien abgelöst worden sind. Die Untertanen müssen sich mit einer Zuschauerrolle begnügen und mit vergleichsweise wenig aufwendigen häuslichen Kult-Gewohnheiten.

 

Am extremsten offenbart Amenhotep/Amenophis IV (Echnaton), wie Herrscher nicht nur physische Gewalt, sondern auch Glaubensinhalte definieren. Er befindet sich wohl im Konflikt mit der reichen und mächtigen Amun-Priesterschaft und versucht, ihren Einfluss durch die Überordnung eines anderen Sonnengottes, Aton, zurück zu drängen, den er vielleicht sogar als einzigen Gott anerkennt. Dabei kann man auch an die spätere monotheistische Position eines nunmehr jüdischen Herrschers denken, - Monotheismus und verschärfte Despotie passen gut zusammen.

Dazu passt auch, dass Echnaton in 3 Jahren Achetaton (Amarna) als neue Hauptstadt für vielleicht 50 000 Untertanen von diesen aus dem Boden stampfen lässt. Ein besonders exzessiver Opferkult passt dazu ebenso wie extrem viele Soldaten auf Abbildungen dort. Eine ihm wohl durch besonders starke Privilegierung verbundene Oberschicht lebt in besonderem Luxus, während die Arbeiter direkt im Sand beigesetzt werden und ihre Leichen Unterernährung und abgearbeitete Knochen schon bei jungen Leuten zeigen. (Danach restauriert ein Tutanchamun den alten Glauben.)

 

In Mesopotamien wird die Auseinandersetzung zwischen Palast und "Tempel" etwas später als in Ägypten, aber noch im 3. Jahrtausend entschieden.

"Der König war Vertreter seiner Untertanen gegenüber den Göttern, und Naram-Sin von Akkad sowie die Nachfolger des Ur-Nammu von Ur Haben für sich sogar die Vergöttlichung in Anspruch genommen. Sie setzten das Gottes-Determinativ vor ihre Namen, ließen sich mit der Hörnerkrone darstellen, die in der Ikonographie die Göttlichkeit anzeigte, und ihnen wurden Kapellen errichtet." (Klengel, S.136)

 

Mit der Kontrolle über Tempel und Kulte werden die Herrscher laut ihrer Propaganda von den Göttern dazu berufen, dahin erhebliche Güter zu überweisen, um so und mit den Opfern diese gnädig zu stimmen. Ihre Aufgabe ist es entsprechend auch Kultstätten zu renovieren und neue zu bauen. In Mesopotamien ist das besonders "wichtig", denn hier werden auch sakrale Gebäude aus Lehmziegeln gebaut.

 

Für die Entstehung von Herrschaft sind Geschichten von "Göttern" flankierende Ideologie, der Kern ist das Opfer. Ursprünglich wohl dazu da, diese Götter mit dem Handeln von Menschen zu versöhnen und sie ihnen geneigt zu machen, gerät es in die Hand von Kultexperten, die sich dabei das Opfer aneignen, und dann in die Hand von Herrschaft gewinnenden Machtgierigen, die es entweder partiell in Steuern für sich verwandeln oder aber von nun an analog zu den Opfergaben Abgaben an sich einfordern. Man kann wohl davon ausgehen, dass der Opferkult Voraussetzung für die Besteuerung von Untertanen ist, die erst so wesentlich überhaupt untertänig werden. Religiös legitimierter und dann weltlich legalisierter Diebstahl an den produktiven Massen ist die Basis aller Herrschaft bis heute.

 

Zum Kern des Untertänigkeit produzierenden und von oben durchgesetzten Glaubens gehört einmal der Kult eines Sonnengottes und besonders auch der der allgegenwärtigen Göttin Maat, die Wahrheit, Gerechtigkeit, überhaupt Ordnung repräsentieren soll. Da diese Ordnung auf der Macht von Herrschern, Priestern, Beamten und einer wohlhabenden Oberschicht beruht, besagt der Maatkult auch, dass nur der Despot Ordnung schafft und ohne ihn Anarchie droht. Überliefert ist die Lehre für Merikare aus der 10. Dynastie, die Despotie mit einem hohem moralischem Anspruch und damit besonderer Härte versieht. Nach Einrichtung der Despotie erfüllt sich solche Drohung natürlich von selbst: Ist einmal eine streng hierarchische Ordnung geschaffen, dann bricht sie ohne den Despoten ganz oben zusammen. Diese Ordnung aber besagt tatsächlich, dass die einen für ihre Subsistenz arbeiten, dabei den Überschuss abgeben, und die anderen es sich von dieser Arbeit gutgehen lassen.

 

Pharaonen und mesopotamische Priesterkönige sind aber tatsächlich auch nicht nur in Machtgelüsten und Luxus schwelgende Potentaten, sondern sie übernehmen mit der Organisation und Verwaltung von Land, Kanälen (vor allem in Mesopotamien) und Dämmen (vor allem zur Kontrolle der periodischen Überschwemmungen) und nicht zuletzt den an Recht und Gesetz gebundenen Konfliktlösungen auch handfest nützliche Aufgaben für ihre Untertanen. Grundsätzlich lässt sich dazu feststellen, dass die Machthaber sich auch damit rechtfertigen, dass sie die Probleme versuchen in den Griff zu bekommen, die sie mit der Entfaltung von Zivilisationen erst hervorgebracht haben. Nicht zuletzt gehört dazu auch die Bevölkerungsvermehrung.

 

Zwei Elemente zeichnen die solche despotische Herrschaft ermöglichenden Glaubensvorstellungen aus: Einmal sind da die als Tiermenschen dargestellten Götter, welche in den Statuen im nur hohen Priestern und dem Pharao zugänglichen und dunklen Allerheiligsten der Sakralbauten präsent sind. Davon gibt es immer mehr dank der zunehmenden Vielzahl an Kultstätten.

 

Priester reden den Menschen im Niltal wie in Mesopotamien und in ähnlichen etnstehenden Zivilisationen ein, Götter seien einerseits lebendig wie Menschen und andererseits anwesend in ihren Statuen in dem Allerheiligsten der Kultstätten. Deshalb verschleppt der assyrische Despot Tukulti-Ninurta um 1220 die Statue des Marduk aus Babylon und beraubt die Menschen dort so ihres Gottes. Der neuassyrische Despot Salmanassar III. nimmt in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts einen Ort im Krieg ein: Achuni mitsamt seinen Göttern, seinen Wagen, seinen Pferden und 22 000 seiner Soldaten verschleppte ich mit Gewalt und führte sie in meine Stadt Assur. (in: Pettinato, S.101) Es sind natürlich die Statuen der Götter, die er entführt, wie der nicht entsprechend religiös indoktrinierte Mensch erkennt.

 

Diese Statuen (Götter), in Mesopotamien oft in der Darstellung von (Oberschicht)Menschen kaum zu unterscheiden, werden jeden Morgen von Priestern und in Ägypten manchmal wohl auch Pharaonen gewaschen und angezogen. Zudem bekommen sie (als Opfer) reichlich zu essen (Brot, Oliven, auch Fleisch) und zu trinken (Wein), was dann tatsächlich die Priester im Inneren ihrer Kultstätten mit ihren Familien selbst zu sich nehmen. Zumindest für Mesopotamien ist belegt, dass dort die Götter(statuen) auch mit kultischen Gesängen erfreut werden. Sie sollen so dazu bewegt werden, den Menschen genehm zu handeln. Wichtig ist es in Ägypten vor allem, jeden Tag dem Sonnengott zu opfern, damit er es morgens schafft, aus der Unterwelt (dem Westen) zurück zu kommen.

 

Die Grenzen zum bewussten Betrug durch die Priester und Machthaber bleiben unklar, da natürlich keiner von ihnen sich schriftlich zu so etwas bekennt und sich damit der Grundlagen von Macht und Reichtum benimmt. Zudem würde er das wohl kaum überleben.

 

Da immer mehr Priester für solch ein Kultgebäude zuständig sind und großzügig versorgt werden sollen, wird diesen ägyptischen "Tempeln" zunehmend mehr Land mit darauf arbeitenden Leuten zugeordnet, fast so, wie das seit der lateinischen Spätantike bis durch das Mittelalter auch für Kirchen und Klöster geschehen wird.

 

Für die Spätzeit um 1000 weiß man etwas mehr von solchen Kultstätten: "Der Tempelanlage des Amun-Re in Ipetsut unterstanden riesige Ländereien mit Tausenden von Pächtern. In ihren Werkstätten arbeiteten hunderte Handwerker, und ihre Kornspeicher, die an die Totentempel Ramses' II. und Ramses' III. angegliedert waren, dienten als wichtigste Staatsreserve." (Wilkinson, S.479)

 

In Mesopotamien tauchen solche Kultgebäude samt Priesterschaft etwa genauso früh wie in Ägypten im Süden (in Sumer) auf, und zwar in Form der Zikkurat, bald mehrstufigen turmartigen Gebäuden.

Über das Verhältnis der beiden wesentlichen Großgrundbesitzer im Reich, den Pharaonen mit ihren riesigen Krondomänen und großen "Tempel"-Priesterschaften wie der des Amun von Ipetsut/Theben wissen wir wenig.

 

Wie mächtig jemand wie der Hohepriester dieser Amun-Kultstätte war, belegen Inschriften über einen von ihnen zur Zeit des Thutmosis III., in seiner Grabanlage, wo es zum Beispiel heißt, er sei Leiter der Bauten des Pharao gewesen. "Noch wichtiger war die Verwaltung der Wirtschaftsgüter des Tempels: riesige Rinderherden, Ländereien in ganz Ägypten und Bergbaubeteiligungen in der Östlichen Wüste sowie in Nubien. Mencheperre-seneb brachte einen Großteil seiner Zeit damit zu, Herden zu inspizieren, den Eingang der Abgaben aus der Landwirtschaft und den Minen zu überwachen und Sorge dafür zu tragen, dass sich die Speicher der Tempel füllten." (Wilkinson, S.311f)

 

Neben männlichen Priesterkollegien gibt es auch ebenfalls privilegierte weibliche wie die von Klengel als "Stiftsdamen" bezeichneten Priesterinnen des Gottes Schammasch in Sippar am Euphrat nördlich von Babylon. Sie leben unverheiratet in eigenen Häusern im Kultbereich und sind für die Opfergaben zuständig. Ihr Reichtum belegt, dass sie aus einer kleinen Oberschicht kommen. Eine von ihnen "besaß nach Aussage ihrer Urkunden etwa 325 Hektar Land, das abhängige Bauern und Pächter für sie bewirtschafteten", und "240 Rinder und 1085 Stück Kleinvieh." (Klengel, S.94) Als Personal dieser vornehmen Damen dienen Sklavinnen, die weben, kochen, Getreide mahlen usw.,

 

Musterbeispiel priesterlicher Phantastereien über das, wovon man damals nichts wissen kann, ist der Schöpfungsmythos mit einem Urmeer und einem ersten heraus steigendem Hügel, der dort sein soll, wo dann auch das erste Sonnenkultzentrum in Heliopolis (Kairo) entsteht.

 

Dabei ist Atum ein sich selbst hervorbringender Schöpfergott. Mit dem Sonnengott Re kommt dann das Licht in die Welt. Schöpfungsmythen wie auch der im sogenannten Alten Testament rechtfertigen Gottes- bzw. Götterphantasien, in Ägypten mit zahllosen Göttern. Anubis herrscht im Totenreich, Seth steht für Gier und Gewalt. Er tötet seinen Bruder Osiris und dessen Schwester und Ehefrau Isis erweckt ihn wieder zum Leben. Mit solchen phantastischen Erzählungen werden Auferstehungsphantasien begründet.

 

Für die Pharaonen steht der Falkengott Horus. Die Herrscher sind gottähnlich bis gottgleich, was ihnen unumschränkte Macht sichern soll. Sie werden bald zu Söhnen des Re oder sonstwie göttlicher Abstammung und darum mit gottgleicher Autorität ausgestattet. Spätestens mit Amenhotep III bzw. Ramses II. werden sie dann selbst zu Göttern und ihre Statuen werden immer riesiger und erreichen wenigstens die Größe von denen der hohen Götter.

 

Das zweite Element von despotische Herrschaft legitimierendem Glauben wird speziell in Ägypten immer prächtiger entwickelt: Der Glaube an ein Leben nach dem Tode in einer dem Niltal ähnlichen, westlich davon gelegenen Welt, deren paradiesischer Aspekt in einem eher mühelosen Luxusdasein gestaffelt nach dem Status im Vorleben besteht. Erreicht wird das durch immer elaboriertere Formen von Mumifizierung für Pharaonen, ihre Familie und einen kleinen Kreis wohlhabender und mächtiger Würdenträger, allerdings unter der Voraussetzung, dass ein göttliches Wesen sie für ein so angenehmes zweites Leben würdig befindet.

 

In Mesopotamien dagegen ist das Land der Toten ein dunkles Schattenreich mit Schattenwesen, zu denen man ähnlich wie später in Hellas über ein Gewässer gelangt.

 

Gräber der Könige sind zunächst im 4. Jahrtausend unterirdische Kammern mit einem Sandhügel darüber. Im Alten Reich kommen dann Mastabas für Pharaonen auf, eine große hat eine Länge von knapp 100m und ist 18m hoch. Hohe Beamte werden in Holzsärgen in unterirdischen Grabkammern begraben. Das verlangt kunstvolle Mumifizierung, da die Leichen nun vom konservierenden heißen Wüstensand getrennt sind.

 

Dazu gehört die Vorstellung, dass eine "Seele" der Toten immer wieder in ihren einigermaßen intakten Körper zurückkehren muss, um überleben zu können. Sie muss diesen dafür wiedererkennen, weswegen schließlich sogar immer realistischere Totenmasken für die Reichen und Mächtigen hergestellt werden. Man stellt sich vor, dass eine Seele in der Nähe des Toten bleibt, eine ins Jenseits hinüberwechselt, eine weitere überhaupt erst mit dem Tod entsteht.

 

Götter kann man sich mit viel Einbildungskraft wenigstens in den Statuen im Allerheiligsten vorstellen wie auch in ihren übrigen Darstellungen, was aber vom Körper getrennte Seelen sein sollen, lässt sich nur noch als gänzlich wahnhaft erklären. Solche Wahnvorstellungen aber sind elementar für den Aufstieg von Zivilisationen.

 

Mit der Anwendung von Harz, Ölen, Leinenwickeln und Natron kann die Mumifizierung inklusive Gehirnentfernung und Organentfernung im Neuen Reich 70 Tage dauern. Daneben werden vier Kanopen (Gefäße) mit mumifizierten Organen befüllt. Schutzamulette kommen auf Genitalien und Herz. Das alles leisten professionelle Mumifizierungswerkstätten.

Danach kommt für die Eliten und insbesondere die Herrscher die Prozession zum aufwendigen Grab, wo ein kurioses Belebungsritual mit der "Öffnung" von Mund, Nase, Augen stattfindet. Der Pharao lebt dann angeblich unter den Göttern, die toten Untertanen immerhin in einem dem Niltal nachgebildeten Paradies. Für Herrscher sind in ihren Gräbern dazu riesige Mengen an Nahrungsmitteln vorgesehen.

 

Diese Auferstehungsphantasien im Niltal fehlen beim Hokuspokus an Euphrat und Tigris, wo schattenhafte Seelen in einer dunklen Unterwelt ein ähnlich tristes Dasein fristen wie dann auch in Hellas. Dafür werden hier die Vorfahren gelegentlich unter der eigenen Behausung begraben, damit man ihnen wenigstens so nah sein kann.

 

Zum priesterlichen Zinnober gehören besonders in Mesopotamien auch die Eingeweideschau, die noch die antiken Römer praktizieren, und die Zeichendeutung bis hin zur Omendeutung und Formen von Schadens- und Abwehrzauber.

 

Was die Masse der Menschen dort glaubte, bevor Priester und Herrscher für ihre Indoktrination sorgten, bleibt unbekannt. Der größte Teil des kultischen Treibens von Priestern und Pharaonen dürfte den Untertanen ohnehin auch weiter verborgen bleiben, sie müssen sich darauf verlassen, dass das seine Ordnung hat. Besonders seit Ramses II. aber auch in Mesopotamien bringen wenigstens zu hohen Festen öffentliche Prozessionen mit den Götterstatuen und der Priesterschaft die hohen Götter den Menschen nahe, ähnlich wie später auch im Christentum.

 

Eine ansatzweise dokumentierte Aktivität der Untertanen ist das Pilgern. Im Tempelbezirk von Sakkara, aber auch anderswo sind zahllose Tiermumien ausgegraben worden, die wohl als Votivgaben dienten: Heilige mit Göttern assoziierte Tiere und Haustiere oder Teile davon werden offenbar in Tempelwerkstätten mumifiziert und dann wohl von Priestern an Pilger verkauft. Ein stattlicher Teil dieser Mumien ist auch leer, vielleicht besonderer Priesterbetrug am Laienvolk. In Abydos dient eine Totenstadt mit Osiris-Heiligtum seit dem Mittleren Reich wohl Pilgerscharen. Totentempel der verstorbenen Pharaonen mitsamt ihren Priestern und Opferstätten werden ebenfalls Pilgerorte.

 

Glauben die Untertanen den Hokuspokus von Priestern und Herrschern? Immerhin sind die Menschen damals wohl kaum dümmer als heute, und ihr Glauben wird wohl unter anderem sehr stark daran hängen, dass es ihnen jeweils materiell einigermaßen gut geht. Nicht wenige aber verstoßen gegen elementare Glaubensregeln, wie das enorme Sakrileg beweist, welches zahlreiche Grabräuber samt Händlern und Hehlern damals immer wieder begehen. Das geht so weit, dass um 1000 zahlreiche Mumien in Verstecke umgebettet werden. Aber kaum ein Grab wird nicht ausgeraubt. Dasselbe betrifft zumindest in den gelegentlichen Bürgerkriegszeiten ganze Nekropolen und selbst Tempel, die ausgeplündert und zerstört werden.

 

Götterglauben und Kult der Mächtigen, zunächst auf Distanz zur bäuerlichen und Handwerker-Massen, wird spätestens im Mittleren Reich am Nil ergänzt durch die zunehmende Hoffnung der Produzenten, selbst an einem ewigen Leben teilhaben zu können, was der erstarkende Osiriskult und seine jährlichen Feiern fördern. Wie später im antiken Rom trennen sich Staatsreligion und "Volks"religion voneinander so wie noch später kirchliche Theologie und weit davon entfernter Volksglaube, - "Volk" jedesmal als die produktive Masse der Bevölkerung definiert.

 

 

***Protzbauten der Mächtigen und sonstiger Luxus***

 

Was frühe despotische Zivilisation bedeutet, erweist sich für Archäologen am besten an den Bauten. Die meisten Menschen leben in Ägypten und Mesopotamien in kleinen Häusern aus luftgetrockneten Lehmziegeln, von denen nur wenig die Zeiten überlebt hat. Möbel gibt es für sie wohl kaum und sie leben auf Matten auf dem Boden aus gestampftem Lehm. Zum Inventar gehören Gefäße und küchengeräte aus Ton und Stein. Die Ernährung ist weit überwiegend pflanzlich und wird primär von Wasser begleitet.

 

Deutlich vornehmere Häuser besitzen Priester, Beamte und übrige reichere Oberschicht. Den Aberwitz despotischer Macht und Gewalt stellen aber die immer größeren Grabbauten und schließlich riesigen Pyramiden für jeweils einen Herrscher dar, in die massenhafte Arbeitskraft und Abgaben eingehen, und zudem die ebenfalls immer größer werdenden Kultgebäude. Sie alleine werden aus (Fels)Steinen gebaut. Götterkult und Totenkult verschlingen dabei möglicherweise bis zur Hälfte des gesamten erwirtschafteten (erarbeiteten) Vermögens Ägyptens und dienen doch nur einer kleinen Elite.

 

Dieser monströse Bauwahn der Despoten beginnt im gewaltsam geeinten Alten Reich neben dem neuen Zentrum Memphis in der Nähe von Heliopolis mit etwa 30 000 Einwohnern und dem Haupttempel von Ptah, der später griechisch als aigyptos bezeichnet wird, was dann noch später dem Land den Namen gibt.

 

Westlich von diesem Memphis entsteht um 2700 in der "Totenstadt" Sakkara mit der gut 62 m hohen Stufenpyramide Djosers eines der ersten Steingebäude Ägyptens. Die gigantischen Organisations- und Verwaltungsanstrengungen, die von nun an für solche Großbauten unternommen werden müssen, stärken die Staatlichkeit des Reiches.

 

Snofru, der selbst den Titel der vollkommene Gott annimmt, treibt den Wahnwitz weiter auf die Spitze. Zunächst lässt er zehn Jahre an einer achtstufigen Pyramide bauen. Dann lässt er seinen Baumeister eine geometrische Pyramide (um 2650) versuchen. Sie soll 125m hoch werden, was technisch scheitert. Darauf lässt er eine neue stabile Pyramide von 105m errichten. Zeitweilig werden immer mehr Ressourcen gleichzeitig für drei Pyramiden eingesetzt. Bei der ersten Pyramiden werden so etwa 35 000 Kubikmeter Steine verbaut, bei der zweiten rund 80 000 und bei der dritten "zwischen 100 000 und 150 000 Kubikmeter pro Jahr" (Wilkinson, S.105)

 

Pharao Cheops (Chufu) lässt dann 147m hoch bauen. Erst die gotischen Kathedral-Protzbauten eines frühen Kapitalismus werden in etwa so groß. Außen ist die Pyramide komplett mit weißen Steinen glatt überdeckt, die in der Sonne weithin leuchten und demonstrieren, wer Herr des Landes ist.

Solche monströsen Grabmäler, deren Erbauung sehr lange dauert, werden mit dem Amtsantritt des Despoten begonnen, um überhaupt zu seinem Tode fertig zu sein..

Die Arbeiter für die Pyramiden seit Djoser kommen aus dem ganzen Land, vermutlich zumindest für den Arbeitsdienst in den vier Monaten der Nilüberschwemmung.

 

Neben dem Totenbezirk für den Pharao entsteht eine Handwerkerstadt und ein primitives Hüttendorf für einfache Arbeiter. Insgesamt arbeiten ca. 20 000-30 000 Menschen an den großen Pyramiden. Für die Errichtung der Chufu-Pyramide soll rund eine Milliarde Arbeitsstunden nötig gewesen sein und es sollen 2,3 Millionen Steinblöcke à 1-2,5 t aus dem Fels gehauen, bewegt und auf einer Fläche von 5,2 ha verbaut worden sein. Für ihre Arbeit wird den Malochern ihre Subsistenz gesichert: Einfachste Unterkunft, ausreichende Ernährung mit Brot und Bier, oft wohl auch mit Fleisch. Sie sollen schließlich Schwerstarbeit überleben, wenn auch mit Knochenbrüchen, verschlissenen Wirbelsäulen oder schmerzhaften Gelenkarthrosen.

 

Die Mobilisierung so vieler Untertanen Jahr für Jahr geht aber weit über die Pyramidenbauten hinaus. Mit einer 73 m langen und 20 m hohen aus einem Fels geschlagenen Sphinx aus der Pyramidenzeit von Gizeh entsteht neben einem Pyramidenbau ein zweites Monumentalobjekt. Als nicht mehr der Bau von riesigen Pyramiden angeordnet wird,werden sie zum Beispiel durch riesige Sonnentempel abgelöst. Bis zur 12. Dynastie ab etwa 1950 v.d.Zt. waren Tempel bescheidene Lehmzieglbauten gewesen und groß waren nur die Pyramiden. Das ändert sich nun.

 

Im Neuen Reich werden die gewaltigen Felsengräber bei Theben mit enormem Aufwand in die Felsen getrieben. Dazu kommen gewaltige Totentempel, von deren Größe man sich anhand von dem der Hatschepsut noch ein Bild machen kann. Solche Tempel besitzen eine Statue des Herrschers, auf die der Kult ausgerichtet sein soll.

 

Erschreckende menschenverachtende Monumentalität erreicht der Kultbezirk von Karnak mit dem Tempel des Amun-Re mit einer Gesamtfläche von ungefähr 30 ha und zahllosen riesigen Säulen. Nicht nur der Bau macht die Menschen klein, sondern auch die Größe der Pharao-Statuen. Monströs sind auch die zahlreichen Obeliske, manchmal 40 und mehr Meter hoch und über 1000 Tonnen schwer, die nicht nur aus dem Fels geschlagen, sondern auch von Elephantine nach Theben auf dem Nil von zahllosen Ruderbooten geschleppt werden müssen.

 

Pharao-Statuen: Amenophis III. lässt an den Eingang seines Totentempels zwei sitzende Statuen von sich erstellen, die beide mehr als 18 Meter hoch sind.

 

Nicht Trotzki erfand im Rahmen der bolschewistischen Machtergreifung in Russland die "Militarisierung der Arbeit", sondern die pharaonische Despotie mit der Mobilisierung von arbeitenden Massen in quasi-militärischen Einheiten für ihre Protzbauten. Ähnlich wie auch die Formierung von Heerscharen für innere Unterdrückung und Kriege nach außen handelt es sich dabei um eine wesentliche Schule für die Produktion von Untertanen-Massen in solchen Großreichen.

 

Neben diesen abartigen Protzbauten demonstrieren die Pharaonen ihren extrem despotischen Machtanspruch damit, dass sie sich soweit irgend möglich mit exzessivem Luxus umgeben. Alles bei Hofe soll aus Silber, Gold, Elfenbein sein, verziert mit den damals kostbarsten Edelsteinen wie Türkis, Lapislazuli und Karneol. Königinnen wie die Hauptfrau des Snofru häufen kästchenweise Juwelen und Silberringe an. Massiver Luxus umgibt auch die höheren Beamten. Das wird auch bis hin zur letzten Pharaonin so bleiben, der verschwenderische Wahnsinn des Baus riesiger Pyramiden wird aber bald zugunsten anderer Großprojekte eingestellt werden.

 

Eine bessere Vorstellung dieser von den ärmlichen bäuerlichen Massen erarbeiteten Luxuswelt geben die Titel von Hofämtern: Da gibt es die hochprivilegierten Aufseher über die königlichen Maniküren, die Aufseher des königlichen Ankleideraumes, die Vorsteher der Kleider, Vorsteher der Geheimnisse des Baderaumes und Aufseher des königlichen Frühstücks und den der königlichen Friseure (alle so in: Wilkinson, S.130 für das späte Alte Reich).

 

Gemälde, Reliefs und Texte vermitteln den Eindruck, als ob der ganze Machtapparat des Pharaonenreiches auf das Luxusleben des Herrschers und einer kleinen Oberschicht ausgerichtet ist. Soweit Kriege nicht Angriffe abwehren sollen, dienen sie vorwiegend der Aneignung und dem Handel mit Rohstoffen, Halbfabrikaten und Fertigprodukten für dieses Luxusleben. Immer wieder senden die Pharaonen auch aufwendige Expeditionen in alle Himmelsrichtungen aus, um Luxusgüter zu erwerben, durch Tauschgeschäfte oder mit Gewalt. Elefanten-Stoßzähne, Pantherfelle, Ebenholz, Weihrauch usw. Auch ein Hofzwerg gehört einmal dazu.

 

Mit Luxus protzen und sich an ihm erfreuen ist nicht nur Sache von Pharaonen, sondern dann auch von allen bronzezeitlichen Herrschern wo auch immer im Orient. In Ugarit findet man am Ende der Bronzezeit, kurz vor dem Untergang der Stadt, eine Liste der Mitgift einer Königin:

"Ihr Schmuck - Armbänder, Ringe, Halsketten, Diademe, Gürtel - bestand aus zwölf Kilogramm Gold und neun Kilogramm Silber." Dazu kommen unzählige kostbare Gewänder. "Die Liste der Möbel umfasst Lehnstühle, Sessel und Taburette mit Einlagen aus Gold und Lapislazuli, drei mit Elfenbein intarsierte Ruhebetten und Fußschemel. Das Gewicht der zahlreichen Bronzegeräte ihrer Ausstattung betrug 350 Kilogramm. Abschließend werden sechs bemalte Parfumbehälter, 20 Puderdosen und vier elfenbeinerne Salzfässer genannt" (... von Reden, S.242)

 

 

***Die Schrift, Gesetze, Beamte und Untertänigkeit***

 

Wir wissen kaum etwas Konkretes über die Anfänge von Zivilisierung, also Institutionalisierung von Macht, aber danach setzt dann in einigen Gegenden Schriftlichkeit als elementares Machtinstrument ein, was wenigstens spärliche Kenntnisse ermöglicht.

Am Nil entsteht irgendwann vor 3000 Schrift aus der Verwandlung einer Abbildung in ein Symbol. Dies wird damals als magischer Vorgang betrachtet, weswegen Ägypter die Schriftzeichen als "heilig" betrachten und weshalb die Griechen sie in "Hieroglyphen" übersetzen. Später werden den Zeichen Lautwerte beigegeben, da sie ja ursprünglich gesprochene Wörter darstellen.

 

Magie als Handlung wie als Deutungsmuster ist wesentlich ein sehr frühes Machtmittel einer erstarkenden Elite. Vermutlich fallen dabei nicht selten Betrug und Selbstbetrug ineinander. Man kann annehmen, dass bereits Menschen der späteren Steinzeit im Abbild magische (Zauber)Kraft walten sahen und dass sich in den Zivilisationen der Bronzezeit daran wenig ändert bis auf die Tatsache, dass nun nicht nur Kultspezialisten, sondern mit ihnen verbündete "weltliche" Machthaber sehr kalkuliert magische Mittel anwenden, was bei Erfolg dazu führt, dass sie auf ihre Weise eben auch daran "glauben".

 

Mustergültig für Magie im Ägypten der Pharaonen wird dann die sogenannte "Mundöffnung" der mumifizierten Toten und ihnen beigegebener Statuen, denen direkt vor der Bestattung so neues Leben sozusagen eingehaucht wird. (Ian Shaw)

 

Schriften wie die ägyptischen Hieroglyphen und die Keilschrift der Sumerer und ihrer Nachfolger in Mesopotamien dienen zunächst vor allem wohl der Beschriftung von Waren und am Anfang standen in Mesopotamien vielleicht die Plomben aus Ton, die um den Knoten einer Warenverschnürung angebracht und dann gesiegelt wurden. Es folgen Täfelchen, die die Menge versandter Güter angeben und dann bildliche Darstellungen der Waren. (von Reden, S.46)

 

Schrift geht mit der Institutionalisierung von Macht und Reichtum Einzelner einher und dient dann der Verwaltung des wachsenden Eigentums der neuen Herrenmenschen und von Abgaben und anderen Einnahmen, der Verwaltung des wachsenden Untertanenverbandes, also der Beaufsichtigung der Beamten und schließlich der Verschriftlichung von Gesetzen, wobei sie zugleich auch zum Propagandamedium der Mächtigen werden.

 

Mit solchen Gesetzen, Willkürakten von Mächtigen, wird in die Tradierung und damit Fortentwicklung von Kultur eingegriffen, die - wo sie erst noch überlebt - zu erstarren beginnt und sich nur noch im Interesse der Mächtigen verändert. An die Stelle von Selbstorganisation von Menschen tritt ihre Verwaltung durch eine Obrigkeit.

 

Zivilisierung verwandelt - oft wohl ganz langsam - bislang immer dagewesene Selbstverständlichkeiten in Rechte und damit in Gnadenakte von Mächtigen, die sie ihren Untertanen zuteilen. Deren Ausmaß geht in der Bronzezeit immer so weit, wie es der Machtausübung der Despoten förderlich ist. Für Mari am Euphrat in Nord-Mesopotamien ist für die frühbabylonische Zeit zum Beispiel dokumentiert, wie Gemeindeälteste "in Organe der königlichen Verwaltung umfunktioniert" werden (Klengel, S.171), die in ein königliches Rechtswesen eingegliedert werden. Ihnen werden dann von der Zentrale noch königliche Beamte zugeordnet.

 

In verschiedenen Sprachen taucht nun das Propagandawort Gerechtigkeit auf, welches besagt, dass es gottgewollte Arme und Reiche, Mächtige und Ohnmächtige gibt und dass es ein Verbrechen sei, daran zu rütteln. Auch wo heute nicht mehr primär ein Gott oder Götter in Europa dafür herhalten, ist genau das noch heute im Kern der europäischen Verfassungen enthalten, auch wenn sie derzeit überwiegend keine Despotien beschreiben.

 

Andererseits ist es aber auch so, dass mit entfalteter Zivilisation die Notwendigkeit für die Machthaber zunimmt, mit Erlassen und Gesetzen dort zu intervenieren, wo die auf sie ausgerichteten Strukturen in Krisen geraten. In frühen Gesetzen in Babylonien werden Dienstpflichten für die Machthaber festgesetzt, wie auch Höchstpreise für einzelne Güter, Mindestlöhne für Lohnarbeit und Strafen für Verbrechen.

 

Der Regierungsalltag von zentralen Städten aus wird durch die Entwicklung von Schrift auch immer mehr erleichtert. In Larsa fand man rund 150 Briefe auf Tontäfelchen des Hammurabi (18.Jh.) an Beamte, und meist handelt es sich um Angelegenheiten der Palastwirtschaft, also von Ländereien des Machthabers.

 

Überall dort, wo Landbewirtschaftung auf temporärer Überschwemmung, auf Kanälen und Dämmen beruht, wird für größere Bauten zentrale Initiative und Aufsicht unumgänglich, ansonsten ist herrscherliche Kontrolle dort nötig, wo Instandhaltung von Deichen oder das Abgraben von Schlamm für mehr als einzelne Haushalte oder begrenzte Nachbarschaften wichtig ist. Auch hier findet steter "Brief"wechsel der Herrscher bzw. ihrer obersten Beamten mit den örtlichen Amtsinhabern statt.

 

Eine weitere Verwendung von Schrift wird das Urkundenwesen. Ein Beispiel liefert derselbe Hammnurabi, der königlichem Personal, anstatt es zu bezahlen, Land zuweist, das hier einmal wegen seiner Vielfalt aufgezählt sei:

"wir finden unter ihnen vor allem Heeresangehörige unterschiedlicher Ränge, Finanzbeamte, Richter und Schreiber, kultisches Personal, wie Opferschauer, Fahrer von Kultwagen, Reisigträger und Fischer des Schamasch-Tempels von Larsa, ferner Musikanten und Köche, Hirten, Vogelfänger, Fischer, und verschiedene Handwerker: Maurer, Kupferschmiede und Goldschmiede, Rohrmattenflechter, Dachmacher, Weber, Korbflicker,. Sie alle standen im Dienst des Königs und bekamen dafür Landanteile." (Klengel, S.139) Dies Land bleibt im Besitz des Herrschers, kann aber vererbt werden.

 

Die zunächst sehr mühsam zu erlernende Schrift ist Sache ganz weniger, in Ägypten und Mesopotamien von Priestern und Beamten. Man muss dazu als Kind in eine Schule gehen sich für die Shriftbeherrschung erheblich größerer Anstrengungen unterziehen als heutige ABC-Schützen. Danach gehört man aber zum engeren Kreis der Macht sowohl in der Zentrale wie in den 42 "Gauen" mit ihren Gaufürsten. In Ägypten gibt es unter den Beamten zahllose Spezialisten für einzelne Verwaltungsaufgaben, sie haben teilweise Polizeigewalt und sind offenbar schon damals nicht gegen Korruption gefeit.

 

Damit aus Reichen, großflächigen Zivilisationen mit einer Befehlszentrale, zumindest ansatzweise Staaten werden können, bedürfen sie (bis heute) einer solchen Schar von Beamten, die von oben Befehle bekommen und sie möglichst gehorsam nach unten weitergeben. Eine wesentliche Aufgabe dieser privilegierten Diener der Macht ist das Einziehen stattlicher Teile der bäuerlichen Produktion als Steuer, also als vor allem religiös legitimierter Diebstahl an Wehrlosen.

 

"Ein Anteil ging zur Verarbeitung direkt an staatliche Betriebe, die Rinder und Schweine zu Talg, Leder und Fleischprodukten, Flachs zu Leinen, Getreide zu Bier und Brot und Stroh zu Körben verarbeiteten. (...) Ein anderer Teil ging als >Bezahlung< an die staatlichen Beamten - zur Versorgung des Hofs und seiner Projekte. Der verbleibende Anteil (...) wurde in staatlichen Speichern eingelagert (...) Während ein Teil davon zur Versorgung von Arbeitern eingesetzt wurde, blieb ein großer Teil als Notvorrat zurück, um im Fall einer Missernte eine landesweite Hungersnot zu verhindern." (Wilkinson, S.81)

 

Zunächst, und auch später zeitweilig, entstammen sehr viele der hohen Beamten Ägyptens der Familie des Despoten. Offenbar unterstützt der Despot, dass sie in großen Mastabas in der Nähe des Pharaonengrabes begraben werden, mit Palastfassaden, die ihre Partizipation an der Macht sichtbar machen. Im Laufe der Zeit setzen sich häufiger spezialisierte Berufsbeamte durch.

 

Umso mehr Beamte sich zum Beispiel das pharaonische Herrschaftssystem leisten kann, umso mehr entsteht eine Art Überwachungsstaat mit einem Netzwerk aus Spitzeln und Denunzianten.

 

Beamte werden des öfteren mit Ackerland entlohnt, welches aber an ihre Dienstbarkeit gebunden bleibt. Dieses lassen sie in Lohnarbeit, durch Sklaven oder durch Verpachtung bearbeiten. Da Beamte Teil des Machtapparates sind, werden sie für ihre Verwaltung von Macht gemäß ihrer Machtvollkommenheit entlohnt.

 

Ist der Herrscher in der Lage, für sich alles das zu rechtfertigen und später dann auch zu legalisieren, was bei jedem anderen als mitunter schwerstes Verbrechen gilt, Mord und Totschlag, Raub und Diebstahl, Freiheitsberaubung und was nicht alles, dann kann der Beamte immerhin mehr oder weniger entsprechend seinen Machtvollkommenheiten der Korruption verfallen. Diese charakterisiert bis heute bekanntlich alle Zivilisationen, und je weniger über sie ans Licht gelangt, desto sicherer ist es, korrupt zu sei

 

Korrupte Beamte schaden den Machthabern über ihnen, die sich aber dagegen eher schadlos halten können, vor allem aber den Massen der gänzlich Untertänigen. Dank der erhaltenen Archive von Tontäfelchen sind die Beschwerden von Arbeitern und Bauern im neuassyrischen Reich besonders gut überliefert. Ein in heutigen Augen extremes Beispiel sei der folgende Text über zwei Steuereinnehmer, der in Assur gefunden wurde:

 

Wir, die Angestellten der Ölfabriken in Irmulu, richten Tag und Nacht Gebete an Assur (... den Stadtgott). (...) Warum ergreifst du nicht Maßnahmen gegen Assur-nadin und Amur-Assur, die sich als Diebe gebärden? Sie haben alle Familien ruiniert und uns fast von Dir getrennt. Die von ihnen eingezogenen Steuern werden nur zur Hälfte des geschuldeten Betrags dem König weitergeleitet, die andere Hälfte stecken sie für sich ein. Wen auch immer die Lust ankommt, den Mund zu öffnen, der schweigt lieber still, um nicht ruiniert zu werden. Verhilf dem Schwachen zu seinem Recht, so werden die Götter (...) Deine Schritte segnen und Deine Verrichtungen im Königspalast (...) Wenn jemand der Angestellten von den Ölfabriken stirbt, so schreibt er (einer der Steuereinnehmer) ein Täfelchen mit angeblichen Schulden des Verstorbenen und geht vor Gericht: Lässt sich dessen Haus aushändigen und verkauft dessen Witwe als Sklavin (...) so wurden von ihm sieben Witwen für Geld verkauft. (in: Pettinato, S.22)

 

Korruption wird in Zivilisationen bis heute viele Gesichter haben, aber durchweg (mehr oder weniger) das Gesicht von Staatlichkeit prägen, besonders bekannt seit der späteren römischen Republik und dann konstitutives Moment des sogenannten Mittelalters, welches sie kaum als solche überhaupt markiert, und heutzutage in der Welt nur selten aufgedeckt, und nur dort, wo sich wie in Italien oder manchmal auch Spanien mutige Richter und Staatsanwälte finden, die dabei allerdings oft um ihr Leben zittern müssen.

 

Neben der Korruption und noch mehr als sie wird der despotische Machtapparat durch die Machtgier hoher Beamter bedroht, die schon mal nach dem Despotenthron greifen. Viele hohe Ämter auch in den Kultstätten werden darum oft von Mitgliedern der Herrscherfamilie besetzt. Da auch das nicht ungefährlich ist, treten ab dem 2. Jahrtausend immer häufiger Eunuchen an ihre Stelle, bei denen man hofft, dass sie weniger darauf erpicht sind, eigene Familieninteressen zu vertreten.

 

Schon bronzezeitliche Herrschaft ist Verfügung über Land und Leute und damit generelle Unfreiheit. Davon ist mehr oder weniger eine Art grundbesitzende Aristokratie ausgenommen, die die Ämter bis zum Richteramt und der Lokalverwaltung einnehmen.

 

Die Untertänigkeit der meisten Menschen als eine Art Halbfreiheit wird am deutlichsten durch die Zwangsarbeit, die alle Untertanen für den Pharao oder mesopotamischen Potentaten auf Kommando zu leisten haben, - mit Ausnahme derjenigen, die schon ohnehin für Kulteinrichtungen oder Paläste dauerhaft arbeiten.

 

Wann immer es den Herrschern beliebt, werden Bauern aus den Dörfern und von ihren Feldern abkommandiert. Sie sind dann zum Beispiel für Arbeiten in Steinbrüchen in einfachsten Behausungen untergebracht und der Willkür von Aufsehern unterworfen. Wenn im Winter nicht Krieg geführt wird, wird auch das stehende Heer des Neuen Reiches zu solchem Arbeitsdienst eingesetzt. Mit derselben Brutalität werden Mitglieder von mehr oder weniger gewalttätigen Expeditionen behandelt, die dem Pharao Gold und andere Luxusgüter einzubringen haben.

 

Die Untertänigkeit der meisten Menschen als Haltung wird durch eine Mischung aus (oft wohl latenter) Angst und offener Identifikation mit den Mächtigen erzeugt. Da ist die Angst vor Strafe bei Ungehorsam, die, weil sie als demütigend empfunden wird, von den Untertanen selbst dadurch verdrängt wird, dass man den Machthaber und seine Vertreter als herausgehobene Repräsentanz seiner selbst annimmt. Diese Verdrängung der Angst ins Unterbewusste schwindet dort, wo der Gewaltherrscher nicht mehr wegen seiner Erfolge bewundert, sondern wegen seiner kriegerischen Niederlagen verachtet wird. Nichts zeichnet Untertänigkeit mehr aus als dieses so erbärmliche wie würdelose Schwanken zwischen Identifikation und Rebellion.

 

Identifikation wird massiv erleichtert durch die den Untertanen aufgezwungene Religion, nun kein einfacher Glaube mehr, sondern ein komplexes System aus Mythen, kultischen und rituellen Handlungen und Opfergaben. Aufgezwungen deshalb, weil es kein in kultureller Gemeinschaft entwickelter gemeinsamer Glaube mehr ist, sondern ein von Priestern weiterentwickelter, dessen Inhalte verordnet werden. Für ihn alleine soll hier das Wort "Religion" Verwendung finden, auch wenn dieses erst viel später im Christentum entsteht. Religionen sind entsprechend primär Machtinstrumente von Priestern und weltlichen Machthabern.

 

Es lässt sich ganz allgemein beobachten, dass sich mit der Zivilisierung, also der Zerstörung von Kulturen und der Schaffung untertäniger Massen eine allgemeine Neigung dieses inzwischen geduckten "Volkes" zur Identifikation mit der Macht zeigt, eine Neigung zur bequemen Abgabe von Verantwortung an die Mächtigen auch auf Basis eines zunehmenden Unverständnisses der komplexer werdenden (eigentlich eigenen) Lebenszusammenhänge. Manches davon lässt sich wohl anthropologisch mit einer eingeborenen Neigung zu Faulheit und damit tendenziell auch Verblödung unter den Bedingungen massiver Untertänigkeit, also Verantwortung nur noch nach oben erklären. Manches aber eben damit, dass analphabetische und durch den Tag mit körperlicher Arbeit beschäftigte Massen schon damals kaum etwas von den Machtspielen und verbrecherischen (und dabei religiös geheiligten) Machenschaften mitbekommen oder gar durchschauen.

 

Wo all das nicht reicht, setzt Kontrolle der Untertanen durch eine Justiz mit harten Körperstrafen ein. Dort, wo mit Gesetzen und dahinter lauernder Gewalt Kulturen verschwinden und durch Zivilisationen abgelöst werden, können sich Machthaber darauf verlassen, dass die kulturellen Kräfte der Selbstregulierung erlahmen und das zivilisatorisch befeuerte aggressive Potential sich zunehmend untereinander austobt. Damit werden dann Gesetze und Justiz begründet, die ganz offiziell die Eigenverantwortung der Menschen massiv einschränken. Unterdrückung kann nun mit der Verantwortungslosigkeit vieler begründet werden. Auch all das ist dann bis heute so geblieben.

 

Ein verbreiteter aber schwer quantifizierbarer Teil der arbeitenden Menschen sind überall in bronzezeitlichen Zivilisationen wie auch später Sklaven, die in Privathaushalten oder denen von Palast und Tempel arbeiten. Sklave wird man einmal als Kriegsgefangener, zum anderen dann, wenn man sich überschuldete und darum sich selbst, seine Frau und/oder Kinder in Schuldknechtschaft überführt. Beide Wege in die Sklaverei werden auch durch die Eisenzeit und die klassische Antike und Nachantike/Frühmittelalter hindurch bestehen bleiben.

 

Um der Schuldsklaverei zu entgegen, werden verarmende (und legal ausgeplünderte) Bauern in der Bronze- und Eisenzeitzeit fliehen, emigrieren oder sich in Räuberbanden zusammenschließen, rauben und morden. Der Athener Solon wird darauf reagieren und die imperiale Verwaltung Westroms wird in ihrer Endphase dem nicht mehr Herr werden.

 

 

***Zivilisation und Rauschdrogen*** (weiter auszuführen)

 

Wir wissen heute nichts über eine Rolle, die Drogen in frühen Kulturen gespielt haben könnten, aber sie werden wichtig in Vorgängen der Zivilisierung und scheinen für Zivilisationen dann so wichtig wie das tägliche Brot. Sie dienen nun als Trostpflaster für die arbeitenden Massen der Untertanen, und zwar im Zuge jener Bewusstseins-Veränderung, die Flucht aus einer nicht leicht zu ertragenden Wirklichkeit ist und sie werden bis heute oft auch zur Verblödung der Massen beitragen und werden darum häufig von den Mächtigen gefördert. Höherwertige Drogen dienen außerdem als Luxus für eine kleine Oberschicht. Ein Sonderfall ist der Konsum besonders stark wirkender Drogen im Rahmen von Kulten.

 

Besonders verbreitet und bezahlbar ist in den frühen Zivilisationen Alkohol. Im Pharaonenreich und in Mesopotamien dient vor allem Bier zu diesem Zweck. Für das Zweistromland gilt: "Trinken bis zum Rausch sowie Kneipen , die in nicht besonderem Ruf standen, haben selbst in literarischen Texten Erwähnung gefunden." (Klengel, S.118)

 

Manches spricht dafür, dass zwischen Niltal und Mesopotamien auch Opium aus dem Schlafmohn verbreitete Handelsware ist.

 

ff

 

 

***Reich, Volk und Staat im Vorderen Orient*** (in Mesopotamien integrieren)

 

So wie "König" eigentlich ein anachronistischer Missgriff für orientalische Despoten der Bronze- und Eisenzeit ist, so ist auch der dem deutschen Mittelalter entstammende und dann neuzeitliche Reichsbegriff wie auch jeder damit verbundene Volksbegriff problematisch und zumindest missverständlich. Schlimmer noch wird das, wenn heute beamtete Historiker vom alten Ägypten als einem "ersten Nationalstaat" reden.

 

Wir wissen absolut nichts davon, wie sich die allermeisten Menschen entlang des Nils nördlich des ersten Katarakts selbst definierten. Zusammengehörig waren sie jedenfalls nur soweit, wie die Knute oder besser Keule von Despoten reichte. Eine völkische/ethnische Selbstbezeichnung scheint zu fehlen, und ohne die Drohung mit Gewalt eines zentralen Pharaos tendieren sie dazu, in kleine Stadtstaaten mit ihren eigenen Göttern, Priesterschaften und lokalen bzw. regionalen "Fürsten" zu zerfallen. Aber die (auch religiöse) Propaganda der Pharaonen und ihre Raubzüge und Kriege aus dem Niltal heraus machen wohl aus Nubiern, Libyern, anderen Steppen-Nomaden und den im Nordosten angrenzenden Stadtstaaten Feinde und schon darum Fremde.

 

"Ägypten" und "Ägypter" sind keine Selbstbezeichnungen der Untertanen der Pharaonen, sondern späte griechische Namen für das Land. Tatsächlich aber betrachten die Pharaonen und ihr Machtapparat die Nubier und alle außerhalb des Niltals lebenden Menschen nicht als ihre direkten Untertanen, sondern, soweit sie sie unterwerfen, als eine Art tributpflichtige Vasallen.

 

Das alte "Sumer" der Tempelherrschaften bildet überhaupt kein Reich über das Umfeld der jeweiligen Stadt hinaus. Danach bilden sich um Kernstädte wie Akkad, Babylon oder Assur Kernreiche heraus, die dazu tendieren, die Nachbarn einzuverleiben, wodurch keine Völker, sondern große Reiche mit unterschiedlichen Götterhierarchien und verschiedenen Sprachen entstehen. Mit den Großreichen entstehen aber keine Akkader, Babylonier oder Assyrer als Völker, so wenig, wie die Syrer in dieser Antike ein Volk werden, selbst wo sie gemeinsam semitisch-aramäisch sprechen. Nicht einmal das wenigstens in der Herrenschicht hebräisch sprechende Juda und Israel haben in der früheren Eisenzeit ein gemeinsames Volksbewusstsein, sondern betrachten sich immer wieder eher als Feinde.

 

Reiche werden mit Gewalt geschaffen und durch Unterdrückung und Propaganda zusammengeschweißt. Durch Eroberung von Vasallenstaaten werden dann aus Reichen in Ansätzen wenigstens Imperien. Oft können solche Vasallengebilde eine gewisse innere Selbständigkeit behalten, solange sie brav Tribute bezahlen und sich nicht mit Feinden ihrer Oberherren verbünden. Kommt es gar zu Aufständen, geht der Despot schon mal zur Zerstörung der ethnischen Identität der Rebellen über. Als um 1430 der Aufstand eines Bündnissystems der Assuwa im Nordwesten Anatoliens niedergeschlagen ist, werden von dort 10 000 Soldaten, 600 Pferdegespanne mitsamt Wagenlenkern und die eroberte Bevölkerung mit ihrem Besitz ins Kernreich der Hethiter deportiert.

 

Die bewusste und letztlich scheiternde Schaffung eines Staatsvolkes hat einen ersten Höhepunkt mit der neuassyrischen Reichsbildung und mit bewusster Bevölkerungspolitik, wie sie im 20. Jahrhundert auch von Stalin&Co, Hitler und Mussolini betrieben wird und derzeit weiterhin zum Beispiel vom spätbolschewistischen Rotchina. Die Stichworte zu diesen neuassyrischen Despoten heißen Massenmord bis hin zum Völkermord, der Versuch der Vernichtung ethnischer Identität durch Massendeportationen entweder der schriftbegabten Oberschicht oder aber ganzer Ortschaften und Gegenden, der ergänzt wird durch Neuansiedlung aus anderen Teilen des Reiches. Die dank frommer jüdischer Texte bekanntesten Beispiele stammen aus Israel und Juda.

 

Ein Sonderfall wird dann die Herstellung einer religiös verbrämten Israel-Ideologie in Juda um Jerusalem, die aber wohl ein Einzelfall bleibt.

 

 

***Landwirtschaft, Handwerk, Handel***

 

Reichsbildung fängt vermutlich dort an, wo weltliche Herren die Kontrolle über jene Kultstätten ("Tempel") bekommen, die bis dato Städte, die städtische Wirtschaft (Handwerk und Handel) und die Landbewirtschaftung kontrollieren. Erstes Ziel von Herrschaft und Reichsbildung ist Bereicherung, also Schatzbildung durch Aneignung von Ergebnissen der Arbeit von Unterworfenen für eigenen Luxus und zur Finanzierung des Verwaltungs- und Unterdrückungsapparates, dann aber auch zur Durchführung von Kriegen zwecks Erweiterung der Einkommensquellen.

 

Im Niltal werden Weizen, Obst und Gemüse angebaut, und es werden sowohl hier wie in Mesopotamien Ziegen, Schafe und Rinder gehalten. An Euphrat und Tigris werden Sesam zur Ölproduktion und Palmgärten für Datteln kultiviert und es dominiert statt Weizen Gerste, die zu Brot und Bier verarbeitet wird. Despoten beider Regionen unterstützen eine gewisse Alkoholisierung der Massen wie alle Machthaber bis heute, da ein dauerhaft klarer Verstand der Untertänigkeit weniger zuträglich ist..

 

Da zunächst zumindest große Teile des Landes im Zuge von Zivilisierung und dann Reichsbildung in die Hand von Palast und von ihm kontrollierte Tempel geraten, werden auf die Produkte entweder hohe Abgaben gesetzt oder sie werden ganz eingezogen, wobei ein Teil dann an die Bauern zurückgeht. Im Babylonien des 2. Jahrtausends sind wohl große Teile der Landwirtschaft, zudem riesige Herden von Schafen, Ziegen und Rindern sowie die Fische der großen Gewässer Eigentum der Herrscher. Redistributionswirtschaft verhindert dabei unternehmerisches Denken, Kapitalisierung und Kapitalismus schon im Ansatz.

 

Vom mesopotamischen Isin ist aus der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends bekannt, dass Holz-, Leder- und Textilarbeiter unter der Oberaufsicht des Palastes stehen.

"Solange sie die vom König angeforderten Fertigprodukte lieferten, durften die Handwerker von Isin zusätzlich aber auch auf eigene Rechnung produzieren, womit sich ein Trend zur Privatisierung abzeichnet, der für die altbabylonische Zeit ingesamt charakteristisch ist. Die großen Institutionen gaben ihre Felder und Viehbestände nun immer öfter in die Hand von Unternehmern, die ihnen bestimmte Quoten der land- und viehwirtschaftlichen Erträge abliefern mussten, darüber hinaus gehende Einkünfte jedoch für sich behalten durften. Auch Aufgaben wie das Eintreiben von Steuern und Abgaben wurden in verstärktem Masße Privatleuten übertragen." (Frahm, S.159)

 

Wichtige Handwerke in Mesopotamien sind die Metallverarbeitung, die Produktion von Keramik und Textilien, wobei der Palastwirtschaft offenbar riesige Mengen an Wolle zum Beispiel zufließen. Weber im Dienst des Palastes versorgen den Palast mit seinem Bedarf und mit Textilien für den Handel. Überhaupt ist Handwerk weithin auf den Bedarf des Palastes bzw. einer kleinen Oberschicht zugeschnitten. Viel handwerkliche Arbeit geht so in den Luxusbedarf der Reichen und wird dann oft in enger Abhängigkeit von den Auftraggebern hergestellt. Luxusgegenstände sind auch das, was in den Geschenktausch und den Fernhandel eingeht.

 

Insofern kennen die bronzezeitlichen Reiche nur wenig Binnenhandel. Das wenige, was in den Dörfern und in den Stadtteilen der arbeitenden Bevölkerung gebraucht wird, wird wohl lokal hergestellt.

 

Geprägte Münzen gibt es in Mesopotamien erst in der Perserzeit, stattdessen wird allerdings schon früh abgewogenes Edelmetall, vor allem Silber, als Zahlungsmittel eingesetzt. In Ägypten dient dazu Kupfer und manchmal auch Silber. Gemünztes Geld führen hier erst die Makedonen/Ptolemäer ein.

 

Sowohl für das pharaonische Ägypten wie das südliche Mesopotamien der Bronzezeit (und später) gilt, dass Despotie und Handel zusammen gehören, denn es fehlt an elementaren Rohstoffen für die Potentaten. Im südlichen Schwemmland von Euphrat und Tigris sowie im Nildelta fehlt es an Steinen und in ganz Ägypten und Mesopotamien an Bauholz. Zudem fehlen die immer wichtiger werdenden Metalle Kupfer und Zinn und später dann auch Eisen. Schließlich fehlen auch die Prestigeobjekte Gold, Silber und Edelsteine.

 

Handel, Raub und Krieg sind also für hiesige Despotien grundlegend wichtig.

 

Drehscheibe für den Handel wird die Levante, wie sie viel später venezianische Kaufleute nennen werden, also das Gebiet zwischen Alexandrette, dem heutigen Iskenderun und Gaza. Von hier kommt unter anderem Holz und über die Levantestädte werden auch Erze verhandelt. Schon um 2900 ist Byblos wichtige Handelsstation für die ägyptischen Machthaber. In der späten Bronzezeit konkurrieren hier Hethiter mit Assyrern und Ägypten um die Handelsplätze und ihre Regime werden dafür immer stärker militarisiert.

 

Ziel der Despoten ist Schatzbildung, mit der sie vor allem ihre Herrschaft finanzieren und dekorieren und die auch dem Austausch von Geschenken mit ferneren hohen Herren dient, die sich ebenfalls mit enormem Luxus umgeben

Es geht vor allem um fürstlichen Luxus, Dolche aus Gold mit eingelegtem Lapislazuli werden versandt wie auch kostbare Textilien, Schmuck, Parfüm und vieles mehr. Der babylonische Herrscher Hammurabi bekommt so zum Beispiel im 18. Jahrhundert vom Herrscher Zimri-lin von Mari minoische Schuhe aus minoisch-kretischer Produktion geschickt.

 

Solcher Geschenke-Austausch ist für die Mitte des 14. Jahrhunderts in den Briefen des sogenannten (Tontafel)Archivs von Amarna überliefert. Von Ägypten wird dabei vor allem Gold erwartet, die anderen verschenken dahin Kupfer, Lapislazuli usw. Geschenketausch erhält dabei Bündnisse oder definiert Rangordnungen.

 

Mitte des 14. Jahrhunderts schickt ein Tuschratta von Mitanni einen "Brief" auf Tontäfelchen an Amenophis III., auf dem es heißt:

Hiermit sende ich dir einen Wagen, zwei Pferde, einen männlichen Begleiter, einen weiblichen Begleiter - aus der Kriegsbeute aus dem Lande Hatti (der Hethiter). Als das Grußgeschenk meines Bruders sinde ich dir fünf Wagen, fünf Pferdegespanne. Und als das Grußgeschenk meiner Schwester Keluhepa sende ich ihr einen Satz goldene Knebelverschlüsse, einen Satz goldene Ohrringe, einen goldenen Masu-Ring und einen Parfümbehälter voll mit süßem Öl. (in: Cline, S.90) Besonders oft werden die Pharaonen wiederum um Gold gebeten.

 

Man führt als Despoten nicht nur Krieg gegeneinander, sondern teilt sich zeitweilig auch brüderlich-friedlich die Macht. Zur Zeit des Neuen Reiches sind da zum Beispiel die Despoten von Babylonien, Assyrien und Mittani, in Anatolien die Hethiter und Arzawa, und im östlichen Mittelmeer die von Zypern und der ganze Ägäis. Erst im 6./5. Jahrhundert werden im Mittelmeerraum nicht mehr despotisch regierte Städte zu dominieren beginnen, wenn auch nur für wenige Jahrhunderte, und sie werden rund zweieinhalbtausend Jahre Abendland initiieren, die Welt, in der (nicht nur) Kapitalismus erfunden werden wird.

 

Neben gegenseitigen Geschenken gibt es Handel unter den hohen Herren und ihren Reichen und auch dadurch zunehmende Kontakte. Minoische Maler bemalen Anfang des Neuen Reiches ägyptische und kanaanäische Paläste und solche von Quatna, minoische Waren gelangen bis Mesopotamien. Auf Kreta wiederum finden Ausgräber Waren aus Ägypten und dem vorderen Orient. In Ägypten findet sich Lapislazuli aus Mesopotamien und dem heutigen Afghanistan und Türkis vom Sinai; mykenische Händler versorgen das Herrscherhaus mit Kobalt für blaues Glas und Blei für trübes und weißes. Das alles ist natürlich für den Pharao, seinen Hofstaat und eine kleine reiche Oberschicht bestimmt und gelangt nicht in die ärmlichen Viertel der Masse der Bevölkerung.

 

Einen wesentlichen Aufschwung für Handel über weite Strecken erzeugt wohl zu allererst die Erfindung von Bronze, der Legierung von Kupfer und Zinn, von denen vor allem Zinn selten ist. Letzteres kommt vor allem aus dem späteren Afghanistan nach Westen und Kupfer vor allem aus Zypern, welches der Insel seinen Namen gibt. Mitte des dritten Jahrtausends tauchen erste Bronzegegenstände in Ägypten auf.

 

Aber es geht auch um Getreidelieferungen, um Zedernholz aus dem Libanon für den Bau hochseetauglicher Schiffe, für Großbauten und um manch anderes. Weil es um Zufallsfunde geht, bleibt der Umfang des Handels unklar. Noch unklarer bleibt der Handel mit verderblichen Gütern, die Archäologen kaum noch auffinden können.

 

Wie weiter oben schon gesagt, dürfte bis durch das 3. Jahrtausend der größte Teil des Fernhandels von Agenten der Despoten für die Bedürfnisse ihrer Paläste betrieben worden sein. "Akkumulation folgte keinem ökonomisch zweckrationalen Kalkül, sie diente nicht der Kapitalbildung, sondern war Teil eines Systems sozialer Normen im Dunstkreis von Status und Prestige." (Sommer(2), S.28)

 

Offensichtlich entstehen aber mit dem 2. Jahrtausend auch Städte, die nicht alleine auf Palast und Tempel konzentriert, sondern durch ihre Position im Handel ausgezeichnet sind. So wird Assur früh Drehscheibe für den Handel zwischen Südmesopotamien und Anatolien. Vornehmlich in Städten in letzterem Raum richtet die Stadt "halbautonome Kaufmanns.siedlungen" ein und tauscht Zinn aus dem Osten gegen Silber und Gold und verhandelt darüber hinaus Textilien. Offenbar besitzen Kaufleute hier sogar eine Art Selbstverwaltung (Frahm, S.145)

"Das private Unternehmertum gedieh während der altbabylonischen Zeit nirgends besser als in Assur, dessen Kaufleute durch den Fernhandel mit Zinn und Textilien jährliche Profitmargen von 50 oder sogar 100% erzielten. Die Waren wurden von Assur aus mit Eselskarawanen nach Anatolien befördert, wobei ein einzelner Esel etwa 75 Kilogramm Zinn und 30 Textilien zu transportieren hatte. Um die Zölle zu umgehen, die lokale Fürsten den Karawanen auf ihrem Weg durch Anatolien auferlegten, bedienten sich viele der Handelsreisenden geheimer Schmuggelrouten." (Frahm, S.159)

 

Erst im 1. Jahrtausend werden Kräfte wirksam werden, welche Palast und Tempel "gleichsam von innen heraus unterwanderten, um sie zu Instrumenten privater ökonomischer Interessen zu machen." (Sommer(2), S.27)

 

Wieviel Handel damals in dieser Weltgegend getrieben wird, lässt sich an Hand von Funden untergegangener Schiffe vage erahnen. Eines, welches um 1300 bei Uluburun vor der Südwestküste der heutigen Türkei sank, transportierte etwa eine Tonne rohes Zinn und zehn Tonnen Rohkupfer,

"knapp 200 Barren gefärbtes Rohglas aus Mesopotamien, neue Keramik aus Zypern und Kanaan (Öllampen, Schalen und Krüge) dazu eine Tonne Harz vom Pistazienbaum, aus dem Parfüm hergestellt wurde, Inhalt eines Teils der rund 140 Amphoren, zwei Dutzend Ebenholzstämme aus Nubien, Elfenbein von Flußpferden vom Nil und von Elefanten, Skarabäen aus Ägypten und orientalische Rollsiegel. Dazu "Goldschmuck wie zum Beispiel Anhänger, ein goldener Kelch, elfenbeinerne Kosmetikbehälter in Entenform, Schüsseln und andere Behältnisse aus Kupfer, Bronze und Zinn". Schließlich auch Gewürze und möglicherweise Wein.(u.a.in: Cline, S.120) Zudem waren an Bord eine Menge Schwerter und Dolche. Das Schiff selbst ist aus libanesischem Zedernholz gebaut und in Nut- und Feder-Bauweise hergestellt.

 

Für manche Städte wie Ugarit sind Kaufleute bzw. Händler dokumentiert, die mit der Ägäis, der ganzen Levanteküste, mit Zypern und Ägypten Handel treiben, und zwar mit einer großen Vielfalt an Waren.

 

Erster Adressat von Handelswaren sind Herrscher und eine kleine Oberschicht, denn die Machtstrukturen sind ganz auf deren Luxusbedarf eingerichtet. Aber die Despoten haben ein Interesse daran, in Krisenzeiten die Grundversorgung ihrer Untertanen zu sichern, von deren Arbeit und Kriegertum sie abhängen. Das dürfte dokumentierten Getreidehandel zum Beispiel erklären. Inwieweit Bauern und Handwerker an lokalem Handel selbst beteiligt sind, ist schwer festzustellen.

 

Von Despoten angestellte Händler, auch Fernhändler, hatten zunächst möglicherweise kaum die Gelegenheit, Kapital zu bilden, wenn auch vielleicht in manchmal erheblichem Maße wie höhere "Beamte" Eigentum. Im Mesopotamien der Bronzezeit sind viele Händler offenbar Bedienstete des Palastes, die manchmal mit Land entlohnt werden, welches sie wiederum zur Bearbeitung ausgeben. Fernhändler, die sich aus dem Machtbereich ihres Herrschers begeben, sind auf deren gute Beziehungen zu ihren Nachbarn angewiesen, um Schutz zu erhalten, und schon deshalb von ihnen abhängig.

 

Wie groß im Verlauf der Bronzezeit dann zumindest zeitweise der Anteil von Kaufleuten ist, die auch oder gar ganz auf eigene Rechnung handeln, ist kaum mehr feststellbar. Aber hin und wieder tauchen sie auf Tontäfelchen oder Papyri auf.

 

Hin und wieder wird auch ein gewisses Kreditwesen dokumentiert, wobei Kredite offenbar an Bauern in Mesopotamien in Silber oder Gerste gewährt werden und mit 20 bis über 30 Prozent verzinst sind. Daraus kann dann Verschuldung bis zur Schuldknechtschaft oder der Versklavung von Familienangehörigen führen. Dass das dann die Stabilität der Machtstrukturen gefährden kann, wird an Hammurabis Versuchen, Schuldsklaverei abzumildern, deutlich.

 

Nirgendwo erhält aber Kapital die Spielräume und die Bedeutung wie dann im Hochmittelalter des lateinischen Abendlandes. Die Neigung von Handelskapital und von Finanzkapital im Kreditwesen geht offenbar ohnehin dahin, Gewinne in Grund und Boden und Häusern anzulegen. Man darf auch nicht vergessen, dass ein fehlendes Münzwesen durch die Bronzezeit der Tendenz hin zu einem Kapitalismus nicht förderlich ist.

 

 

Militär, Krieg und Grausamkeit

 

Das sich wohl vom Aasfresser zum Jäger wandelnde Raubtier Mensch fällt erst mit der Erfindung des Krieges in der Bronzezeit ganz massiv aus der Natur heraus: Aus in der Natur üblichen Konkurrenten werden nun unter der Anführerschaft von Herrschern Menschenmassen zum gegenseitigen Zerstören, Verletzen und Töten. Erste Voraussetzung ist ein produzierter Nahrungsmittelüberschuss, der massive Bevölkerungsvermehrung und Ernährung von Machthabern und Militär ermöglicht sowie die Entwicklung effizienterer Waffen zum massenhaften Töten.

 

Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass insbesondere mesopotamische Reiche alljährlich irgendwo Krieg führen, und ein Teil der Despoten zieht Jahr für Jahr in einen großen Kriegszug. Die Jahre der Regierung Echnatons und wohl auch der Fast-Pharaonin Hatschepsut scheinen Ausnahmen zu sein. Von Thutmosis III. sind 17 Kriege in zwanzig Jahren überliefert, und das sind wohl nur die, die er selbst angeführt hat.

 

Die kretinöse Erbärmlichkeit von Untertanen erweist sich am besten dort, wo sie von Machthabern als willenloses Menschenmaterial in den nun üblich werdenden Kriegen eingesetzt und verheizt werden. In ihnen erweisen sich Despoten als sich selbst religiös legitimierende menschenverachtende Großverbrecher und ihre Untertanen als würdelose Befehlsempfänger. In ihnen zeigen sich Menschen und insbesondere die Machthaber nicht nur als Raubtiere, sondern als ihre extrem pervertierte Abart, Unglücksfall der Evolution: Als Massenmörder an der eigenen Art. Nichts zeigt das schon am Anfang des Pharaonenreiches besser als die Darstellung Narmers beim Abschreiten von Reihen enthaupteter Leichen, "denen die Genitalien abgetrennt wurden: Ihre Köpfe und Penisse liegen zwischen ihren Beinen." (Wilkinson, S.69)

 

Töten, Rauben und Brandschatzen auf Befehl, zunächst noch Sache vom Herrscher im Kriegsfall eingezogener Untertanen, wird im Verlauf des Pharaonenreiches professionalisiert: Der Beruf des Soldaten wird erfunden. Dazu kommt dann bald der des Söldners, der sein grausiges Gewerbe an den Meistbietenden verhökert. Ägypten bedient sich so zum Beispiel nubischer Söldnerscharen und später auch griechischer Truppen.

 

In den Despotien Ägyptens und Mesopotamiens (und vielen anderen später) werden von Priesterschaft und Herrschern Gewalttätigkeit und Grausamkeit als höchste Tugenden gefeiert. Despoten identifizieren sich mit den Tieren, denen höchste Grausamkeit attestiert wird, Löwen, Stieren, Adlern usw. Die Despoten lassen sich gerne auch als Großwildjäger darstellen, als grausamste Gewalt noch übertreffend. Ein Teil des Götter"himmels" repräsentiert ebenfalls diese enorme Gewalttätigkeit.

 

Schon lokale Herrscher des 4. Jahrtausends im Niltal, so erschließen Archäologen aus den Überresten, verfügten, dass bei ihrem Tod Mitglieder ihres Haushaltes erdrosselt, geköpft oder gar skalpiert werden, um mit ihnen begraben zu werden.

Um das Grab von Djer aus der ersten Dynastie (um 2900) sind 318 Nebengräber angeordnet. Vermutlich ist das vor allem die Dienerschaft, die den Herrscher in seinem zweiten Leben versorgen soll.

 

Das bezieht sich nicht nur auf die Macht der Herrscher nach innen, sondern insbesondere nach außen. Von Anfang an wohl gibt es gelegentliche überschaubare Raubzüge, um Luxusgüter für Pharao und Oberschicht zu rauben. So kommt Pharao Chufu zum Beispiel an Farbpigmente aus der Oase Dachla und kommen andere Pharaonen auf dem Sinai an Kupfer und Türkis. Handel, Raub und Piraterie gehen dabei immer wieder ineinander über. Auch Räuber und Piraten bedienen einen Markt, um ihre Beute zu versilbern.

 

Der nächste Schritt ist dann der große Krieg, begleitet durch zunehmend imperialistische und chauvinistische (Greuel)Propaganda. Zunächst handelt es sich wohl um wehrpflichtige Untertanen, im Mittleren Reich Ägyptens kommen Berufssoldaten dazu, dann auch nubische Söldner.

 

Die erste Funktion von Militär für die aufkommenden Machthaber ist, dass sie einen Unterdrückungsapparat gegenüber den eigenen Untertanen darstellen, auch wenn Militär eher mit äußeren Feinden begründet wird, die Machthaber sich deswegen auch gerne zulegen, soweit die Möglichkeit gesehen wird, sie zu besiegen. Militärdienst zu leisten ist Dienstpflicht derjenigen, die dafür Land zur Nutzung zugeteilt bekommen, - es sind noch keine Soldaten, da sie keinen Sold in Form von (noch nicht erfundenem Geld) erhalten. Ihr Kriegsdienst mit Bogen, Axt, Speer und Keule verlangt noch keine Ausbildung hin zu einer Professionalisierung.

 

Im Neuen Reich schließlich verfügen die Pharaonen über eine Berufsarmee eines stehenden Heeres mit um 1600 von den Hyksos übernommenen, von Pferden gezogenen Streitwagen, wie sie nun auch in Mesopotamien Eingang finden. Damit wird Kriegertum zum Ausbildungsberuf. Es tauchen später auch griechische Söldner auf, die unter Psammetich I. im 7. Jahrhundert dann erheblich zunehmen. Im 6. Jahrhundert werden sie für ägyptische Machthaber gegen nubische Kuschiten kämpfen.

 

Überlebende Soldaten bekommen Anteil an Kriegsbeute und leben ansonsten unter den ärmlichen Verhältnissen der Masse der Bevölkerung. Eine kleine Offizierselite gehört zur wohlhabenden Oberschicht.

 

Mit der Rolle des Pharaos als oberster Krieger und Anführer im Krieg einher geht sein Training schon in jungen Jahren: Der Sport wird geboren. Dazu gehören Laufen, Springen, Schwimmen, Rudern, Ringen, Bogenschießen und dann auch Reiten, sobald man in Ägypten Pferde hat.

 

Eine weitere mit dem Krieg verbundene Form des Sportes wird für Pharaonen die Großwildjagd, also das Massenabschlachten großer Wildtiere. Da werden schon mal auf einen Schlag über 50 Wildstiere hingestreckt oder eine ganze Herde Elephanten.

 

Die Erfindung des Krieges und des Militärs, sicherlich die zwei widerwärtigsten und zugleich bedeutendsten Errungenschaften der frühen Zivilisationen, finden nun ihre frühe Blüte. Der Krieg ist die Erfindung des legalisierten Massentötens, des systematischen Verletzens, Verstümmelns und Vergewaltigens, der genauso brutalen Zerstörung, des Niederbrennens und der Erde Gleichmachens. Die Menschen, die diese grauenhaften Verbrechen auf Kommando von Machthabern begehen, als willenlose und perverse Instrumente der Potentaten, in den Schlachtreihen als pervertierte Roboter des Grauens, üben ein und demonstrieren das Ideal aller kommender Untertanen bis heute, gewissenlose, verantwortungslose reine Befehlsempfänger.

 

Die Herrscher und ihre militärischen Gefolgsleute sind stolz auf ihre kriegerischen Großtaten. Der folgende Text aus der Zeit Amenemhets I. hatte so ähnlich auch aus einer der mesopotamischen Despotien stammen können:

Dann tötete ich die Nubier im gesamten verbliebenen Wawat. Ich segelte siegreich stromaufwärts, während ich die Nubier auf ihrem Land tötete. Und ich segelte stromabwärts, vernichtete die Ernten und fällte die verbliebenen Bäume. Ich brannte ihre Häuser nieder, wie es bei einem Aufständischen gegen den König üblich ist. (in: Wilkinson, S.211) Um 1820 v.d.Zt. wird Sesostris III. prahlen: Ich habe ihre Frauen verschleppt und ihre Angehörigen abtransportiert, bin losgezogen, um ihre Quellen (zu vergiften), habe ihre Stiere vertrieben und ihre Gerste niedergemäht und in Brand gesteckt. (in: Wilkinson, S.226) Gelegentlich wird auch stolz auf die Massenvergewaltigungen erbeuteter Frauen verwiesen oder darauf, dass man die Bevölkerung . Um 1485 prahlt Thutmosis I.: Nicht einer blieb übrig. Die nubischen Bogenschützen fielen im Gemetzel, und wurden über ihre Lande verstreut. Ihre Eingeweide tränken ihre Täler. Ströme von Blut rinnen aus ihren Mündern. Aasfresser fallen gedrängt über sie her, und die Vögel tragen ihre Trophäen davon. (in: Wilkinson, S.285)

 

Ganz ähnlich ekelerregend werden sich Texte des sogenannten christlichen Mittelalters lesen. Und schon im antiken Ägypten geht es am Beispiel des nordnubischen Wawat um Gold, Kupfer und Edelsteine.

 

Neben ihren Greueltaten prahlen die Machthaber auch gerne mit ihrer Beute. Nach der Schlacht bei Megiddo in Kanaan 1458 unter Thutmosis III., so heißt es, werden zweitausend Pferde, knapp tausend Streitwagen, tausend Rinder und Ziegen und über zwanzoigtausend Schafe erbeutet, dazu knapp 1800 Sklaven/Sklavinnen und viele andere Kriegsgefangene. Einige der besonders attraktiven "asiatischen" Frauen gehen in den Harem des Siegers ein.

 

Dauerhaftere Beute sind die Tribute, die nun für Jahre und manchmal Jahrzehnte von den Unterworfenen gezahlt werden müassen, und die die dortigen Herren nun der arbeitenden Bevölkerung zusätzlich abzupressen haben.

 

Das für die Mächtigen Schöne am Krieg ist, dass er immer wieder Krieg erzeugt, sei es zur Verteidigung, sei es als Angriffskrieg. Er begründet Rekrutierung von Militär, in dem extremste Untertänigkeit als Kadavergehorsam eingeübt wird und verstärkt damit die Macht von Despoten, er begründet Reichsbildungen und Waffenproduktion, - ja, er ist von Zivilisierung bislang jedenfalls überhaupt nicht zu trennen.

 

Solche Despoten sind sich selbst religiös legitimierende Schwerverbrecher, die bedenken- und gewissenlos rauben, zerstören und töten lassen und darauf auch noch stolz sind und sich dafür feiern lassen (übrigens bis heute auch von Archäologen und Historikern).

 

Gewalt und Krieg scheinen schon in der Bronzezeit fast der alljährliche Normalfall zu sein, und die Kriegerfürsten prahlen in Inschriften mit niedergebrannten Städten, massenhaft getöteten "Feinden" und versenkten Schiffen. Es geht um Beute für den Pharao und seine Entrourage, um Gold und Silber, Rohstoffe von Erzen bis zu Holz, um Luxusgüter für die Despoten und ihren Hofstaat und um Getreide für die Massen, aber auch um die Akquirierung von Zwangsarbeitern. Nach erfolgreichen Feldzügen landen Tausende von Sklaven auf den Domänen der Pharaonen vor allem.

 

Als Pharao Amenhotep II. eine Rebellion in Syrien niedergeschlagen hat, bringt er nach eigener Aussage als Beute "fast eine Dreivierteltonne Gold, 54 Tonnen Silber, 210 Pferde, 300 Streitwagen, 550 feindliche Reiter und fast 90 000 Kriegsgefangene, darunter über 21 000 komplette Familien" nach Ägypten. (Wilkinson, S.325)

 

Solche Kriegsbeute ist wichtig, nachhaltiger wirken von Jahr zu Jahr gezählte Tribute unterworfener Herrscher, die diese wiederum von ihren Untertanen abpressen, und noch mehr gesicherte Handelswege, die stetig mit Baumaterial, Rohstoffen und fertigen Luxusprodukten für die Mächtigen und Reichen versorgen.

 

Solide Feindseligkeiten und auch tatsächliche Bedrohungen gibt es für das Pharaonenreich gelegentlich von drei Seiten. Im Westen drohen libysche Stämme, im Nordosten mal Hyksos, mal Hethiter, mal Assyrer und andere, weswegen das semitische Kanaan immer wieder als ägyptische Einflusszone behandelt wird. Die größten pharaonischen Begehrlichkeiten sind aber auf das Gold von Nubien südlich des zweiten Kataraktes gerichtet, von wo zudem über nubische Zwischenhändler Elfenbein, Ebenholz und vieles mehr aus dem südlicheren Afrika gelangen. Zwischen 2500-1500 entsteht in Nubien unter ägyptischem Einfluss das ebenso große Konkurrenzreich Kusch mit dem Zentrum Kerma.

 

Die Dimensionen der Kriegszüge nehmen immer mehr zu. 1595 soll ein hethitischer Großfürst ein Heer von Kleinasien bis Babylon geführt haben, um die Stadt zu plündern und niederzubrennen. 1479 erfahren wir zum ersten Mal im Detail davon, wie Pharao Thutmosis III. auf einem von 17 Kriegszügen gegen Stadtfürstentümer in Kanaan bei Megiddo in einer Großschlacht siegt. 1459 Eroberung von Megiddo durch 12 000 Krieger

 

1274 treffen eine hethitische und eine ägyptische Armee bei Kadesch zusammen. Laut den vermutlich übertreibenden Ägyptern waren auf hethitischer Seite 3500 Streitwagen beteiligt, 37 000 Fußsoldaten und insgesamt 47 500 Soldaten. Gegen Hethiter 1274 Schlacht bei Kadesch 1290 Friedensschluss

 

Danach werden Nubier und Libyer immer stärker, Seevölker vernichten das Reich der Hethiter, Ramses III. siegt in einer Seeschlacht abgebildet in Medinet Habu. wo man die Haufen abgeschlagener Hände bzw. Penisse der Feinde sieht.

 

6.Jh. Satrapie Persiens Alexander / Ptolemäer

 

Verletzt und getötet wird im Alten Reich der Pharaonen mit Pfeil und Bogen, Keulen, Messern und Äxten, dazu kommen im Neuen Reich Schwerter. Mit den Hyksos kommen Pferde und Streitwagen dazu. Verletzte und langsam Sterbende auf Schlachtfeldern werden Opfer von Raubvögeln, insbesondere der Geier.

Gefangene werden in Ägypten und Mesopotamien zu Zwangsarbeit eingesetzt, eroberte Städte und Reiche werden zu Tribut verpflichtet.

 

*****

 

Nicht von den Kriegern, die das Grauen des Krieges betreiben, sondern von ihren Anführern, den Herrschern, die stolz damit prahlen, erfahren wir davon. Zivilisation, Geschöpf der Gewalt, und Krieg, direkter Ausfluss von Zivilisierung, werden wohl nirgendwo und nie so grausig gepriesen wie im neuassyrischen Reich der frühen Eisenzeit. Tukulti-Ninurta II., der von 891-884 herrscht, lässt zum Beispiel niederschreiben:

Ich näherte mich den Städten des Landes Ladani, das vom Volk Lullu bewohnt wird. Ich bemächtigte mich dreißig ihrer Städte, die zwischen den Bergen liegen: ihre Reichtümer führte ich weg, ihre Städte verwüstete, zerstörte und brannte ich nieder. Letztere Formel werden die neuassyrischen Herrscher Jahr für Jahr auf ihren Kriegszügen benutzen. (in: Pettinato S.15)

An anderer Stelle:

Gegen diese Männer (...) stürzten sich meine Soldaten wie Raubvögel. 260 Kämpfer tötete ich mit meinem Schwert, schnitt ihnen die Köpfe ab und errichtete Haufen. (s.o. S.16)

 

Dieser Assurnasipal nennt sich der überstarke Held, der auf den Nacken seines Gegners tritt, der alle Feinde unter seine Füße zwingt, dessen Größe überall Angst verbreitet. Und ist: Sohn von Tukulti-Ninurta, dem Priester Assurs, der alle seine Feinde besiegt hat und ihre Leiber pfählte. (s.o.S.70f) Gefangene Könige werden gevierteilt.

Derselbe hat seinen Thronsaal mit Reliefplatten ausgestattet, auf denen man gepfählte Männer sieht, Soldaten, denen der Kopf abgeschnitten wird. oder Hände und Füße. Man sieht Soldaten, denen die Augen ausgerissen werden, Kinder und Frauen, die bei lebendigem Leib verbrannt werden. Das ist nicht grausige Phantasie, sondern Wirklichkeit. So lässt er über einen der vielen Kriegszüge aufschreiben:

Vor dem Stadttor ließ ich einen Turm errichten; die Köpfe aller Rebellen enthäutete ich, und mit dieser Haut überzog ich den Turm; einige von ihnen ließ ich lebendig einmauern im Turm, andere pfählte ich an Stangen rund um den Turm, wieder andere enthäutete ich innerhalb meiner Grenzen und hängte ihre Haut an meine Mauern. Die Gliedmaßen der Offiziere (...) die an der Revolte teilgenommen hatten, ließ ich abschneiden (..usw., s.o.S.75)

 

Die Pestilenz des Krieges, zentraler Aspekt schon von entstehenden Zivilisationen, wird in ähnlicher Weise bis heute andauern. Sie wird kein orientalischer Sonderfall bleiben, die Grauen des Krieges werden charakteristisch für alle Zivilisationen werden. Das beim Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts so hoch verehrte "klassische" Athen gewöhnt schon bald nach dem Ausbruch des peloponnesischen Krieges die griechische Öffentlichkeit an Massenhinrichtungen und Mißachtungen von religiösen, völkerrechtsähnlichen Regeln. Der Gipfel der Brutalität wurde erreicht, als die Athener im Sommer 413 aus Geldmangel eine mordgierige thrakische Söldnertruppe in die Heimat entlassen und diese unter der Führung des athenischen Offiziers Dieitrephes unterwegs im kleinen böotischen Städtchen Mykalessos die gesamte Zivilbevölkerung und vor allem alle in der Schule versammelten Kinder niedermetzelt.

 

Ähnliches gilt oft auch für all die hohen Herren, die mit dem Etikett "der/die Große" versehen werden. Den Anfang macht der Makedonenherrscher Alexander, bis heute für "groß" gehalten. Zum Beispiel: Nach der Eroberung von Tyros aufgrund des üblichen Rechtes des Stärkeren werden auf seine Anordnung zweitausend Bürger der Stadt ans Kreuz geschlagen, weil sie sich tapfer gegen seinen militärischen Überfall gewehrt hatten. Wohl die gesamte restliche Bevölkerung wird in die Sklaverei verkauft, soweit sie nicht rechtzeitig fliehen konnte.

 

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Zerstörungs- und Mordlust der neuartigen Kriege ist die Jagd als Amüsement der Reichen und Mächtigen direkt benachbart. Es geht dabei nicht mehr um Ernährung oder Schutz vor tierischer Konkurrenz, sondern um eine besondere Form der Mordlust, die sich nun auch an der Tierwelt austobt. Das betrifft die Pharaonen und die privilegierte Oberschicht im Niltal wie die Herrscher und hohen Beamten in Mesopotamien - und überall sonst, wo Zivilisationen entstehen. Der schon als extrem grausamer Krieger aufgefallene Assurnasirpal mag als Beispiel für alle anderen dienen, wenn er auf einer Stele stolz von seinem Jagdabenteuer erzählt:

Ich tötete 450 starke Löwen, 390 Wildbüffel erstach ich (...), mit meinem Wagen erlegte ich 200 Strauße, 30 Elefanten nahm ich mittels Fallen gefangen, ferner 50 Wildbüffel lebend, 140 Strauße lebend, 20 Löwen erbeutete ich. Und die lebend erbeuteten Tiere werden nun wie die Menschen in die Untertänigkeit gebracht: Die Büffel, Löwen, Strauße und Affen, Männchen und Weibchen, sperrte ich in ein Gehege und ließ sie sich vermehren. (Pettinato, S.81) Menschen in Gefangenschaft werden versklavt und Tieren geht es zum Vergnügen der Machthaber nicht besser.

 

Nichts schöner aber auch für Pharaonen, als als Großwildjäger aufzutreten und Elefanten, Tiger und Löwen zum Spaß abzuschlachten - wie meist seitdem unter Zuhilfenahme einer willigen Dienerschaft.

 

Das Ende der Bronzezeit

 

Gehen wir zunächst noch einmal etwas zurück. In der späten Bronzezeit ringen die nun stärker militarisierten Herrschaften der Hethiter, Ägypter, Mitanni und dann auch Assyrer um die Drehscheibe des Fernhandels in Palästina und Syrien, die in militärisch schwache Stadtherrschaften aufgesplittert sind.

 

1274 werden in der Schlacht bei Kadesch zwischen den Heeren der Herrscher über die Ägypter und die Hethiter noch einmal die Grenzen der Interessensphären zwischen den beiden Großmächten abgesteckt. Und noch einmal wird der Reichtum orientalischer Groß-Despoten beschrieben, als der Hethiterfürst Hattusili seine Tochter Ramses II. zur Frau gibt:

Dann ließ er seine älteste Tochter bringen, mit einem herrlichen Tribut vor ihr, bestehend aus Gold, Silber, und Kupfer in Hülle und Fülle, Sklaven, Pferden ohne Ende, zehntausenden Rindern, Ziegen und Schafen. (so in: Cline, S.128)

 

Dafür werden den Niltal-Pharaonen  anzivilisierte libysche Stammesvölker nun immer bedrohlicher. Der Krieg als Kernelement aller Reichsbildungen hat inzwischen nie dagewesene Dimensionen erreicht, die allerdings später neuassyrische Herrscher noch steigern werden..

Pi-Ramesse im Nildelta ist als Hauptstadt der Pharaonen inzwischen vor allem Rüstungszentrum. "Zu den größten Bauten zählte ein gewaltiges Bronze-Schmelzwerk, dessen mehrere Hundert Arbeiter mit der Waffenproduktion beschäftigt waren. Wenn das geschmolzene Metall herauslief, gossen schwitzende Arbeiter es in Formen für Schilde und Schwerter." (Wilkonson, S.426)

 

Einige Generationen später besiegt Elam Babylon und im Norden des Zweistromlandes sickern immer mehr Aramäer ein. Eine Dynastie aus Isin kann dann Babylon für sich gewinnen und geht mit Nebukadnezar (1123-1102) zum Gegenangriff vor. Nur wenig später können die Assyrer unter Tiglatpileser Babylon einnehmen, aber im Laufe der Zeit werden sie in Syrien immer mehr von Aramäern verdrängt, und dort entstehen kleinere Herrschaften.

 

Das Niltal, Mesopotamien und andere östliche Regionen werden weiter von Despotien beherrscht werden, schließlich ergänzt unter anderem durch Meder und Perser, - und übrigens fast durchgehend bis heute von oft terroristischen Despotien unterdrückt. Eine besondere Entwicklung macht aber ein Teil des östlichen Mittelmeersaumes mit der Ägäis und der Levante durch.

 

In der Ägäis breitet sich seit ungefähr 1650 eine nach einem ihrer Hauptorte benannte "mykenische" Zivilisation aus. Es handelt sich um (früh)griechisch, also eine indogermanische Sprache sprechende Hellenen, die sich allerdings selbst noch nicht so bezeichnen. Die Machtergreifung reicher Häuptlinge, großer Grundbesitzer, die Gefolgsleute mit Land belohnen, ist dokumentiert in ihren reich ausgestatteten Gräbern. Um 1400 tauchen bei ansatzweise städtischen Siedlungen immer stärker befestigte Palästanlagen auf, die Ort und Umland kontrollieren. Daneben gibt es auch zahlreiche Siedlungen ohne Paläste.

 

In Gräber erhalten solche Häuptlinge, große Grundbesitzer und Krieger, Gegenstände aus Gold, Silber, Elektron, Bergkristall und Bernstein. Die Wände der Haupträume mit ihrem Thronsessel werden in der Spätzeit "mit farbenfrohen Fresken dekoriert, deren Bilder Kriegs- und Jagdszenen, Opfer und Feste sowie schöne Frauen mit eleganten Frisuren und kostbarem Schmuck zeigten." (Stein-Hölkeskamp, S.21)

Auf Tontäfelchen wird in Linear-B-Schrift Buch geführt über die Palastwirtschaft auf eigenem Land und die Natural-Abgaben der untertänigen Bauern. Dazu kommen Schmiede, Töpfer, Weber, die direkt an den Palast angeschlossen sind. "In Pylos etwa waren mehr als dreihundert Frauen mit der Anfertigung von Textilien beschäftigt, die zum Teil offenbar für den Export bestimmt waren." (Stein-Hölkeskamp, S.27)

Es handelt sich wie im Orient um eine Redistributions-Wirtschaft: Der Palast sammelt Produkte ein und verteilt sie zum Teil an "Beamte", Töpfer, Weber, Gold- und Waffenschmiede. 

 

Wie im Orient sind diese Häuptlinge (wanaka) zugleich für den Kult zuständig, der die Götter gnädig stimmen soll.

 

Von dem fürstlichen Luxusbedarf ausgehend wird zunehmend Handel durch das ganze Mittelmeer praktiziert, in der Spätzeit mit einer eigenen Flotte. Mykenische Keramik taucht unter anderem in der Ägäis bis Zypern, in Ägypten und Sizilien auf. Für bemalte Keramik und Waffen erhalten die "Mykener" Kupfer aus Attika, Zinn von der iberischen Halbinsel, dem Taurusgebirge in Kleinasien und aus Afghanistan, Gold, Elfenbein, Buntglas und Edelhölzer aus Ägypten und der Levante.

 

Die mykenische Palastzivilisation wird ein Stück weit direkt aus dem Orient (Hethiter, Levante) beeinflusst, zudem aber auch besonders durch die andersartige sogenannten minoische Zivilisation. Hier existiert eine offenbar weniger kriegerische und stärker auf Handel orientierte Palastzivilisation, deren Ursprünge bereits auf das dritte Jahrtausend zurückgehen. Hier gibt es relativ luxuriöse Paläste inmitten von  städtischen Siedlungen, wobei der Reichtum der Machthaber wohl mehr auf Handel als auf Gewalttätigkeit beruht.

Der Palast von Knossos "war Zentrum einer Wirtschaftsorganisation, die von der landwirtschaftlichen Produktion des Umlandes über die Herstellung von Waffen, Gerätschaften und Luxusgütern wie Schmuck, bemalter Keramik und purpurgefärbter Stoffe bis zum Austausch der produzierten Güter alle drei Sektoren der Ökonomie umfasste." (Bringmann(2), S.39) Wie im (übrigen) Orient wird mit Linear A eine Schrift für die Wirtschaftsverwaltung entwickelt.

Gegen Ende der Bronzezeit ist Kreta dann wohl kriegerisch in die griechische Welt integriert.

 

Ein weiteres Bindeglied zwischen dem Orient und der ägäischen Welt dürfte Zypern darstellen, ebenfalls von Fürsten beherrscht, welche seit der Bronzezeit von den reichen Kupfervorkommen auf der Insel profitieren, die blühenden Handel hervorbringen. Später als Kreta gerät auch Zypern unter den Einfluss der mykenischen Zivilisation.

 

Städtische, von Palästen dominierte Zivilisationen gibt es auch entlang der levantinischen Küste wie zum Beispiel Ugarit. Solche ebenfalls von "Königen" beherrschte Städte (der Palast von Ugarit soll in der Blütezeit 10 000m² groß gewesen sein, mit hundert Räumen und Sälen) scheinen etwas selbständiger operierende Händler besessen haben. Diese levantinischen Palastzivilisationen geraten aber immer wieder unter die Aufsicht von Großreichen, im Norden der Hethiter, dazwischen der Babylonier und Assyrer und im Süden der Pharaonen.

 

Ugarit ist als Mittelmeerhafen syrische Handelsstadt, die in der späten Bronzezeit ein kleines Reich entlang einer etwa 50 km langen Küstenlinie errichtet. Kern der Macht des Palastes sind nicht die bäuerlichen Abgaben an Getreide, Wein, Olivenöl und Vieh, sondern ist eine "Kriegeraristokratie" (Sommer), die von der Verteilung der Abgaben ebenso profitierte wie die unter ihnen angesiedelten "Sippenältesten" (Sommer), die an der Regierung beteiligt sind. Erst unter ihnen sind die vom Palast angestellten (Fern)Händler und dann erst die Priester angesiedelt.

 

In Ugarit finden Archäologen Werkstätten von Steinschneidern, Töpfern, Edelmetallschmieden, Malern und Bildhauern, von denen viele sicher nur für die kleine Oberschicht arbeiten.

Am Hafen von Ugarit werden Waren von und nach Ägypten, Zypern, Kreta, Assyrien und dem Hethiterreich umgeschlagen, aber auch von und nach den Städten Karkemisch, Tyros, Beirut, Sidon und Mari. Von Tontäfelchen her weiß man, dass auch vergängliche Waren wie gefärbte Wolle, Kleidungsstücke aus Leinen, Wein, Olivenöl und Weizen verhandelt werden. Aus Schnecken wird das später für die Phönizier so wichtige Purpur hergestellt. Kaufleute residieren in großen Häusern. Die Stadt wird so reich, dass sie enorme Mengen von Gold als jährliche Tribute an den hethitischen Herrscher zahlen kann. (Cline, S.154, von Reden, S.284)

Inzwischen setzt sich (in Ugarit) die Keilschrift der heimischen semitischen und mit dem Hebräischen verwandten Sprache aus 30 "verhältnismäßig einfachen Zeichen" (von Reden, S.160) zusammen, die nun leichter zu erlernen sind. Der Weg hin zum phönizischen Alphabet ist eingeschlagen.

 

Offenbar gibt es in der Spätzeit von Ugarit eine Mixtur aus herrscherlichem und privatem Handel.

"Aus Akten geht hervor, dass ein Teil der Handelsflotte dem König gehörte. Neben anderen besaß er das Monopol des Kupfer- und Getreidehandels.  Der beträchtliche Export von Olivenöl erfolgte ebenfalls unter der Aufsicht des Palastes. Ein Hafenmeister (...) überwachte ihn und kassierte spezielle Taxen von ausländischen Käufern. Königliche Agenten wickelten auch Geschäfte mit Alaschia, Kilikien und Ägypten ab. Daneben gab es selbständige Unternehmer. Als großer Reeder wird mehrfach ein gewisser Sinaranu genannt, der Privilegien genoss und zu den reichsten Männern von Ugarit gehörte. Manchmal fungierte der Palast als Kapitalgeber für den privaten Seehandel." (von Reden, S.287)

 

Gegen Ende der Bronzezeit ist für Ugarit ansatzweise belegt bzw. zu vermuten, was vielleicht auch für andere Palastherrschaften gilt: Die Landbevölkerung wird immer unmäßiger ausgeplündert, um die Eliten zu versorgen, der Fernhandel tendiert immer mehr dazu, sich aus der massiven Bindung an den Palast zu lösen, ebenso wie andere durch Landvergabe Privilegierte und vielleicht bricht auch beim an den Palast gebundenen kunstvollen Handwerk mit seinen Handelswaren Unzufriedenheit aus.

 

Bis zum letzten Moment scheint intensiver Handel vor allem im östlichen Mittelmeerraum geherrscht zu haben. Wesentliche Förderung dieses Handels scheint bis zum Schluss über Kriege und die Herstellung von Vasallen-Stadt"staaten" sowie über Bündnissysteme stattzufinden. Um 1225 schreibt der hethitische Herrscher Tudhalija IV. an den verbündeten König von Amurru im Norden Syriens:

Dein Kaufmann soll nicht nach Assyrien gehen, und du sollst seinen Kaufmann nicht in dein Land lassen. Er soll nicht durch dein Land ziehen. Aber falls er in das Land kommt, ergreife ihn und sende ihn Meiner Majestät. (in: Cline, S.147)

Es bleibt bis zur großen Krise am Ende der Bronzezeit dabei, dass Handel eine Funktion von Herrschaft ist und ihr dabei zu Diensten. Zudem wird er weiter aufgrund der extremen Raubtiermentalität der Despoten durch Kriege unterbrochen, räuberische Beutezüge, und obiger Hethiterherrscher überfällt denn auch noch kurz bevor sein Reich untergeht das an Kupfer reiche Zypern, was er folgendermaßen dokumentiert:

Ich nahm den König von Alaschija gefangen, mit seinen Frauen, seinen Kindern (...) Alle Waren, darunter Silber und Gold, und alle Menschen, die ich zu fassen bekam, nahm ich mit und brachte sie heim nach Hattusa. Ich versklavte das Land Alaschija und machte es sofort tributpflichtig. (in: Cline, S.149)

 

Aber um 1250 werden in Mykene, Tiryns, aber auch im Hethiterreich  große Festungsmauern aus riesigen Steinen errichtet und dann, zwischen 1250 und 1100, brechen ein Großteil dieser spätbronzezeitlichen Zivilisationen aus wohl unterschiedlichen Gründen zusammen. Aus pharaonischen Texten und Abbildungen erfahren wir von Angriffen einer Vielzahl schwer zu identifizierender Völkerschaften vor allem wohl von der See her, die Historiker vor längerer Zeit als "Seevölker" zusammengefasst haben. Da sie mit Frauen und Kindern kommen, scheinen sie Siedlungsland zu suchen. Das Pharaonenreich behauptet sich in einer Seeschlacht, scheint aber zunehmend geschwächt zu sein, die Königsstädte Memphis und Theben scheinen bedeutungsloser zu sein, so dass das Reich schließlich von libyschen Herrschern übernommen werden kann. 

Um 1150 geht Ugarit für immer unter, die mykenisch-ägäische Welt mit ihren Palast-Siedlungen und das Reich der Hethiter in Anatolien werden völlig zerstört wie auch Qatna und die Handelszentren Palästinas. Nicht nur im griechischen Raum nimmt die Bevölkerung nun erheblich ab.

 

Es gibt wohl im Vorlauf massive Dürren im östlichen Mittelmeerraum, Erdbeben und manches andere. Hungersnöte in Anatolien, Zypern und vielleicht anderswo können auch auf Unruhen in der ausgepressten Landbevölkerung verweisen.

Vielleicht auch deswegen werden ganze Städte verlassen. In anderen werden wie in Ugarit oder Hattusa nur Palast und Tempel zerstört und nicht mehr neu aufgebaut, was auf Revolten der Untertanen hindeuten könnte.

Der Herrscher von Byblos bittet den Pharao, seinen Oberherrn, um Unterstützung gegen die Amoriter, die sich ausbreiten. "Zu den einfallenden Amoritern gesellten sich entwurzelte Bauern aus einem Gebiet von Byblos, die sich zu marodierenden Banden scharten und mit der Zeit zu einer nomadischen Lebensform zurückfanden." (Sommer(2), S.50)

 

Alle diese Palastherrschaften jenseits der großen Flusstaloasen sind auf Fernhandel angewiesen, um mit Handelswaren jene Prestigegüter anzusammeln, die neben der Ausübung der Kulte mit den Priestern und erfolgreicher Kriegführung die Massen in Untertänigkeit halten. Brechen einzelne Knotenpunkte solcher Handelsbeziehungen ein, kann das eine Art Kettenreaktion auslösen. Manche der Palastherrschaften haben auch kein ausreichendes Umland, um steigende Untertanen-Zahlen dann durch Handel noch ernähren zu können.

 

In den Flusstaloasen von Euphrat und Tigris bleiben die Voraussetzungen für despotische Reiche mit Palastwirtschaft bestehen, und das geschwächte Ägypten wird auch immer wieder erneut zu zentraler Herrschaft finden, wenn auch immer mehr unter nicht ägyptischen Dynastien. Während aber bislang vor allem Despotien zwischen dem Niltal, Anatolien und dem Zweistromland die sehr entfernte Vorgeschichte für den viel späteren Kapitalismus darstellten, wobei es im Handelsbereich gelegentlich, aber eher sporadisch zu Kapitalbildung und wohl sehr selten zu Ansätzen von Unternehmertum kommt, wird dieses nun bald von der levantinischen Küste und und dann später auch von der Ägäis aus sich etwas stärker emanzipieren können. Voraussetzung dafür ist ein tendenziell geringerer Einfluss der bisherigen Großreiche dort und vor allem auch der Zusammenbruch der Palastherrschaften in den dortigen Stadtstaaten.

 

Der für uns hier entscheidende Aspekt des Endes der Bronzezeit besteht im erheblichen Rückgang von sich despotisch äußernden Zivilisationen im nördlichen und östlichen Mittelmeerraum, aus dem neue, aristokratischer strukturierte städtische Zivilisationen hervorgehen. Das hellenische und das bald lateinische Abendland setzen sich vom Orient ab. Eine Zeitland spielen Phönizier/Punier dabei eine wichtige Rolle.

 

In Phönizien wird "die sich selbst organisierende Bürgergemeinde des überschaubaren Stadtstaats" (Sommer) entstehen, und dann auch im ganzen Mittelmeerraum. Damit wird der südliche Rand jenes Teils Europas stärker zivilisiert, in dem dann immer noch viel später, Kapitalismus entstehen wird.

 

 

Neue Mittelmeerzivilisationen: Phönizier

 

Im  Norden treten neue Völkerschaften auf, die als Vorläufer von Kelten und Germanen zusammengefasst werden und weiter südlich als Hellenen, Etrusker, Latiner und andere. Hellenen ist eine Selbstbezeichnung von Stämmen der südlichen Balkan-Halbinsel, die seit dem 8. Jahrhundert überliefert ist und sich auf eine gemeinsame Sprache und gemeinsamen Götterkult bezieht.

 

 In der zweiten Hälfte des 10.Jahrhunderts beherrschen libyische Herrscher Ägypten und unternehmen einen Feldzug nach Palästina. Nach ihnen übernehmen in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts solche des nubischen Reiches von Kusch immer größere Teile Ägyptens.

 

An der südlichen Küste Kanaans waren am Ende der späten Bronzezeit Askalon und Ekron zerstört worden. Mit offenbar neuer Bevölkerung tauchen sie zusammen mit Aschod, Gat und Gaza wieder auf, und ihre Einwohner werden später in jüdischen Texten als Philister bezeichnet. In einer Fünf-Städte-Koalition bilden sie selbständige Stadtstaaten, die von Handel wie Ackerbau existieren und erst durch die Eroberungen von Pharao Scheschonk um 925 geschwächt werden.

 

Inzwischen kommt das Eisen zur Bronze hinzu, nicht zuletzt als Material für Waffen. In Hellas beginnt die Eisenzeit um 1000. Nach und nach entsteht hier eine Reihe neuer und voneinander unabhängiger Städte (poleis). Seit dem 8. Jahrhundert beginnen aristokratische Anführer mit der Gründung neuer Städte entlang der Küsten zwischen Italien und Kleinasien.

Im Mittelmeerraum werden mit den Werkzeugen und Waffen aus Eisen neue  Zivilisationen entstehen. Hänge lassen sich besser terrassieren, Wälder schneller roden und Bewässerungskanäle leichter bauen.

 

In Ägypten taucht Eisen verbreitet im 7. Jahrhundert auf. In dieser Zeit wird es von assyrischen Herrschern erobert, bevor eine neue Dynastie von Sais aus dort herrscht.  Seit Psammetich I. lassen sich in Naukratis im Nildelta ionische Siedler und ägäische Söldner in ägyptischen Diensten nieder, ergänzt durch Zyprer und Phönizier. Sie bringen Olivenöl, Wein und vor allem Silber aus Griechenland und liefern den Griechen dafür Getreide.

 

Im östlichen Mittelmeerraum entstehen immer mehr Städte, in denen sich zu Herrschern samt einer aristokratischen Oberschicht Handwerker und Händler gesellen, deren Bedeutung zunimmt. Es sind Produktions-, Handels, - und Kultzentren, die versuchen, immer größere Kontrolle über ihr Umland zu erhalten.

Je größer die Städte, desto intensiver der Handel, der sich insgesamt längst über Zwischenhandel über den ganzen Mittelmeerraum ausgebreitet hat und bis ins Innere Afrikas und Asiens reicht. Handels- und auch schon Finanzkapital gewinnen immer mehr an Bedeutung.

 

Unter diesen Leuten taucht nun in in der Levante, nördlich von den Philistern, ein frühes "Handelsvolk" auf, wie Max Weber es nennt, und welches die Griechen Purpurleute nennen werden, die Phönizier. Volk heißt aber hier nicht ethnische Gemeinsamkeit. Daneben etablieren sich aramäisch-syrische Städte wie Damaskus und Aleppo (Halab), wobei erstere Stadt im 9. Jahrhundert zur regionalen Hegemonialmacht wird, bevor sie im 8. Jahrhundert die Assyrer tributpflichtig machen. Nördlich von unseren Phöniziern entstehen wie um Karkemisch erneut kleinere hethitische ("König")Reiche.

 

Die Phönizier haben ihre wichtigsten Städte wie Tyros an der Küste zwischen Libanon und Palästina. Diese wie zum Beispiel das seit 2900 Zedernholz an die Pharaonen liefernde Byblos haben offenbar den Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit um 1200- 1000 relativ bruchlos und ohne größere Zerstörungen gemeistert. Aber der Zusammenbruch vieler Palastherrschaften bzw. deren Schwächung lässt den Fernhandel über die Ägäis schwinden und nach Ägypten zumindest erheblich nachlassen.

Was bleibt, ist der Zedernholz-, und überhaupt Holzexport, der für den Herrscher einer Stadt wie Byblos einträglicher wird, sobald sie sich stärker aus dem ägyptischen Machtbereich entfernt. Laut dem ägyptischen 'Bericht des Wenamun' (um 1075) gibt es nun Gold, Silber, Tuche, Papyrus, Taue und Lebensmittel als Gegenleistung. Offenbar hat der Stadtherrscher die Verfügung über Arbeiter, die für das Fällen der Bäume und den Transport der Stämme zuständig sind.

 

Der Niedergang des Fernhandels wird etwas kompensiert durch die dortige Kontinuität technischer Fertigkeiten wie der inzwischen alphabetischen Keilschrift und des Handwerks. Dabei gibt es neben Holz nur wenige Rohstoffe, nämlich Ton und daneben Sand und Purpurschnecken dank der Küstenlage.

 

Dabei scheinen zumindest Töpfer gelegentlich dem Dunstkreis des Palastes entkommen zu sein und privatwirtschaftlich zu arbeiten. (Sommer(2), S.83) Bedeutend ist auch die Produktion kunstvoll verzierter Metallgefäße, von Elfenbeinschnitzereien und Glasfiguren auf der Basis von Sand. Glas hatten schon die Ägypter hergestellt, den Phöniziern von Tyros und Sidon gelingt es schließlich, es durchsichtig zu machen. Absolutes Luxusgut wird die Purpurfarbe, mühsam gewonnen aus einem Drüsensekret der Purpurschnecke, wobei zahlreiche Schnecken für nur ein Gramm Farbstoff herhalten müssen, welches entsprechend mit zehn bis zwanzig Gramm Gold aufgewogen werden muss. Verkauft werden auch damit gefärbte Luxustextilien.

Damit werden Handelsstädte auch zu Gewerbestädten, deren Produkte nun in einen von Privatkapital betriebenen Markt gehen.

 

Mit den Phöniziern entsteht eine Schrift auf Basis eines Alphabetes, die leichter schreib- und lesbar ist. Am Anfang steht eine altkanaanäische Konsonantenschrift als Weiterentwicklung der mesopotamischen Silbenschrift. Um 1000 taucht in Byblos eine erste Alphabetinschrift auf. (Sommer(2), S.4f)

Die phönizische Schrift werden die Griechen übernehmen, im Mythos vom Phönizier Kadmos, von ihnen die Etrusker, immer leicht abgewandelt, am Ende die Römer, von denen wir, ein großer Teil Europas. sie wiederum heute haben. Die modernere Schrift und die zunehmenden Rechenkünste dienen der Verwaltung großer Besitzungen und dem Handel.

 

Zunächst ist der phönizische Handel "noch immer verwalteter Handel zwischen zwei Palastzentren" (Sommer(2), S.102), aber im 10. Jahrhundert "konstituierte sich die Ökonomie als autonomer Teilbereich, erkennbar daran, dass ökonomisch zweckrationales Handeln (...) nun politische Entscheidungen determinierte.(...) Die Verselbständigung des Ökonomischen, der Bruch mit den Normen des Gabentausches, war folglich die epochale Errungenschaft Phöniziens in der frühen Eisenzeit." (Sommer(2), S.233)

Spätestens im 9. Jahrhundert tauchen privat und auf eigene Rechnung operierende Kaufleute auf, wie sie schon die 'Odyssee' zeigt, und mit ihnen Marktwirtschaft im Fernhandel zur See. Damit verbunden dürften Veränderungen in den Eigentums-Vorstellungen verbunden sein.

 

Die Bevölkerung phönizischer Städte, insbesondere von Tyros, nimmt durch Zuwanderung zu, und Tyros dominiert bald die übrigen, insbesondere auch Sidon.

Im nächsten Schritt lassen sich einige Händler auf Zypern nieder. Ihnen folgen Handwerker an den Küsten des Mittelmeeres. Phönizier bauen inzwischen die effektivsten Handelsschiffe, die von Privatleuten eingesetzt werden.

 

Die Ausbreitung der Phönizier geht über Zypern, also Kition mit seinem Astartetempel, Vorläufer des Aphroditekultes, und mit seiner Handwerkerniederlassung dann bis nach Hellas, wo sich im 8. Jahrhundert schreibkundige phönizische Handwerker nachweisen lassen. Der Handel auch mit Edelmetall, Sklaven und Luxusgütern nimmt zu.

Auch in Nordafrika siedeln sich vermutlich nur kleine phönizische Gruppen von Händlern und Handwerkern an, die wohl erhebliche Attraktivität auf die dortigen Stammesgesellschaften ausüben. Aus dem Inneren Afrika bringen die Garamanten und andere nun Sklaven, Elefanten,, Elfenbein, Straußenfedern, Felle, Edelsteine und Gold an die Küste, die phönizische Händler dann über das Mittelmeer weiter verhandeln. Auf diese Weise wird das wohl von Tyros aus gegründete Karthago im 8. Jahrhundert zu einer "Großstadt" von mindestens 25 ha (Sommer(2), S.127).

In Sardinien entstehen vor allem wegen den Blei- und Zinnvorkommen Handelsniederlassungen bei Nuraghen-Siedlungen, die schon in der späten Bronzezeit Kontakte zur Ägäis und zu Zypern pflegten. Etrusker liefern Erze und kaufen den phönizischen Händlern ihre Luxusgüter ab. An der andalusischen Küste und insbesondere am Unterlauf des Guadalquivir formen sie eine städtische Kultur mit einem Hinterland von Stammesgesellschaften, nicht zuletzt wegen der reichen Silbervorkommen, und gründen dann schließlich Gades (Cádiz).

 

Spätestens im Verlauf des 6. Jahrhunderts löst sich Karthago ganz von Tyros und hat nun die Kontrolle über die phönizischen Tochterstädte im Westteil des Mittelmeeres. Wichtigste Importware ist wohl Metall, Silber aus Südspanien, wo Neu-Karthago (Cartagena) gegründet wird, und aus Sardinien und dem Etruskerland. Gold kommt aus Schwarzafrika, Zinn zum Teil aus Galizien.

Selbst produzieren die Karthager in hohem Maße Weizen, außerdem Wein, Oliven usw. und exportieren außerdem Fisch. An handwerklichen Produkten wurden im wesentlichen Textilien exportiert.

 

 

Bald folgen den Phöniziern die ersten Griechenstädte, nach 700 Konkurrenten wie Phokaia, welches um 600 Marsilia, das heutige Marseille gründet. Nach und nach besiedeln Griechen die Küsten Siziliens, Süditaliens und eines künftigen Gallien, wobei sie im zukünftigen Katalonien mit Emporion (Ampurias) eine weitere große Stadt bauen. Damit werden Phönizier und Hellenen Konkurrenten, und erstere beginnen die letzteren aus Sizilien zu verdrängen. Dabei beginnt Karthago sich als Schutzmacht für Städte anzubieten.

Nördlich der griechischen Sphäre entwickeln in Italien Etrusker eine Art Städtebünde und verbünden sich schließlich mit den Phöniziern gegen die Phokäer von Massilia.

 

Tyros ist mit Israel und dann auch mit Juda verbündet, und es profitiert wie diese vom Niedergang der Philisterstädte, von denen Ende des 9. Jahrhunderts nur noch Gaza bedeutend ist. Aber mit dem Aufstieg der phönizischen Städte einher gehen neuassyrische Beutezüge bis zur Levante und im 8. Jahrhundert dann deren Integration in ihren Hoheitsbereich, die um 730 wohl abgeschlossen ist. Für Herrscher und Oberschicht Assyriens bedeutet das hohe Tribute in Gold und günstigen Import von Edelmetallen, Eisen, Elfenbein, Wolle, Luxusprodukte und Tiere aus Byblos und Tyros.

Ein Resultat assyrischer Dominanz ist, dass die von Tyros über die übrigen phönizischen Städte schwindet, welche sich dafür mit Assyrien verbünden. Es kommt zu Konflikten zwischen Tyros und Sidon, die sich vielleicht abwechselnd gegen bzw. mit Assyrien verbünden. All das behindert aber phönizischen Handel nur punktuell und Integration in den assyrischen Handelsraum hat auch seine wirtschaftlichen Vorteile.

In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts sinkt der assyrische Einfluss und endet mit dem Aufstieg des neubabylonischen Chaldäerreiches seit 625. Nebukadnezar II. siegt dann 605 bei Karkemisch über die Ägypter, 588 fällt Jerusalem und 572 Tyros. Nicht nur judäische, sondern wohl auch phönizische Eliten werden deportiert.

 

Wenige Jahrzehnte später beginnen die persischen Achämenidenherrscher mit ihrem Siegeszug, unterwerfen das neubabylonische Reich und dann auch Palästina samt den Phöniziern. Diese behalten ihre Freiräume für ihre Handelsaktivitäten nicht zuletzt auch deswegen, weil sie nun im Kriegsfall den Kern der persischen Flotte stellen.

Während persische Herrscher mithilfe ostphönizischer Schiffe in kriegerische Auseinandersetzungen mit Kern-Hellas verwickelt sind, beginnen solche auch auf Sizilien, wo reiche griechische Städte mit hunderttausenden von Einwohnern und karthagisches Militär aus multiethnischen Söldnerscharen gegeneinander kämpfen.

Während unter den Alexandernachfolgern die ostphönizischen Stadtstaaten immer stärker hellenisiert werden, beginnen nach 265 die verlustreichen Kriege Roms gegen die "Punier", die nach 150 mit der Zerstörung Karthagos als punischer Stadt endeten.

 

***Kapital ohne Kapitalismus***

 

Anders als Hellas oder Rom entwickeln sich die städtischen Gesellschaften in Phönizien nicht durch eine agrarisch fundierte Aristokratie, sondern durch eine Händlerelite, die nicht mehr primär von Palast und Tempel beauftragt wird, sondern selbst die Initiative ergreift. Die spätestens nach 1000 wieder wachsenden Städte haben nur geringes Umland, da ihre in Handel und daneben auch im produktiven Gewerbe erwirtschafteten Gewinne reichen, um Lebensmittel zum Beispiel aus dem palästinensischen Hinterland einzukaufen. Israel wird so zur "Kornkammer von Tyros" (Sommer(2), S.199). Andererseits zwingt das geringe Umland umgekehrt auch, sein Heil im Handel zu suchen.

Dabei eignen sich Händler aus ihren Gewinnen Landgüter an, die wohl im wesentlichen von Sklaven bearbeitet werden. 

 

Während Herrschaft von Juda versucht, aus einer einheitlichen Religion, die auf einen hauptstädtischen Tempel konzentriert ist, aus den Untertanen ein "Volk" zu erschaffen, und während griechische Poleis sich ethnisch definieren und Ausländer minderberechtigt abgrenzen, sind phönizische Stadt"staaten" wie Tyros-Sidon nicht ethnisch einheitlich, insbesondere unterscheiden sich die Menschen in Stadt und Umland, - anders als in der eisenzeitlichen griechischen Polis.

Staat heißt hier, die Stadt ist durch einen städtischen Kult, einen diesen beaufsichtigten König und eigene Gesetze samt einer gewissen Beamtenschaft definiert, nicht aber durch einen gemeinsamen Ethnos. Anders als beim Zusammenwachsen der Poleis (synoikismos) erben phönizische Städte ihre spätbronzezeitlichen Vorläufer, und Bürger ist nur eine städtische Elite und nicht die Bevölkerung im Umland. Gemeinsam mit den Poleis ist die Vorstellung von der Stadt als Bürgerverband. (Sommer). Leider weiß man heute nur wenig darüber, wie dieser Stadtverband merkantiler Interessen funktionierte.

 

Ähnlich wie in Hellas wird der Herrscher ("König") immer mehr auf kultische und repräsentative Aufgaben zurückgedrängt. Nominell bleibt er Herr der Kriegsflotte, des wohl wichtigsten phönizischen Militärs. Vor allem ist er Identifikationsfigur und zentrales Moment des Zusammenhaltes. Wo er zurücktritt, nehmen  "zeitlich begrenzt und kollegial amtierende Wahl- oder Losbeamte" ihren Platz ein, die an Gesetze gebunden sind (Sommer(2), S.211). In Karthago, von wo dazu am ehesten (dank späterer griechischer und römischer Texte) etwas bekannt wird, sind das zwei jeweils jährlich neu gewählte Sufeten, manchmal als eine Art Konsuln beschrieben. Ihnen gegenüber steht wohl eine Volksversammlung.

 

Der hellenische Aristokrat ist Großgrundbesitzer und Krieger, die phönizische Oberschicht besteht aus "in eigener Verantwortung und auf eigene Rechnung wirtschaftende(n) Fernhandelskaufleute(n)" Sommer(2), S.220), und bei ihnen erreichen militärische Belange abgesehen von einer Flotte nur geringe Bedeutung. Reiche Kapitaleigner können für ihr Gemeinwesen Söldner anmieten. Die Städte akzeptieren auch Tributzahlungen an Oberherren, solange diese ihre Geschäfte nicht stören.

 

Bei Jesaja heißt es entsprechend in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts in judäischer Perspektive zu Tyros, dass seine Kaufleute wie Fürsten auftraten und seine Händler die vornehmsten Herren der Erde waren." (23,8) In diesen Stadtstaaten untergeordnet bleiben die Handwerker, die keine Bürger sind, politikoi, wie die griechische Quelle sagt.

 

Um 600 schreibt Ezechiel wohl von Babylon aus über Tyros/Sidon:

Alle Schiffe des Meeres kamen zu dir, um mit dir Handel zu treiben (...) wegen der Größe deines Reichtums; Silber, Eisen, Zinn und Blei gaben sie sir zum Austausch. (...) Sklaven und eherne Geräte tauschten sie bei dir ein. Aus Armenien kommen Pferde, aus Arabien kommen Elfenbein und Ebenholz. Edom in Syrien liefert Edelsteine, Stoffe Korallen und Rubine. Juda und das Land Israel kauften bei dir ein (...) Weizen, Wachs und Honig und Öl und Balsam brachten sie dir zum Tausch (usw. usf. Ezechiel 27, 9ff)

 

Das Besondere der neuen kapitalkräftigen Eliten phönizischer Städte wird, dass sie sich durch selbst erwirtschafteten Reichtum, und nicht mehr religiös legitimieren. Politische Interessen sind denn auch Handelsinteressen. Es gibt keine Trennung zwischen Staat und Kult, aber Melkart ist so wenig Herr seiner Stadt wie Athene in der ihrigen: Beide sind vor allem Identifikationskerne.

 

In der Spätzeit phönizischer Selbstverwaltung ist zumindest für Karthago erkennbar, dass es stärkere staatliche Lenkung gibt, auch wenn der Staat weiter in der Hand einer reichen Oligarchie bleibt. Dazu gehört ein größerer Einfluss auf die Landbewirtschaftung und die Ausbeutung der iberischen Erzminen.

 

Sombart erklärte, Luxus habe Kapitalismus erzeugt, tatsächlich erzeugt er aber zunächst nur Kapital, und die Existenz von Kapital macht noch keinen Kapitalismus. Ein Symptom in diese Richtung ist, dass man erst im vierten Jahrhundert beginnt, eigene Münzen zu prägen.