ANHANG 19: DAS RÖMISCH-DEUTSCHE KÖNIGREICH IM SPÄTEN MITTELALTER

 

 

Das römisch-deutsche Königreich

Deutsche Fürstentümer

Das Deutschordensland

Räuber und Raubritter in deutschen Landen

 

Das römisch-deutsche Königreich (in Arbeit)

 

Mit dem Ende der Staufer  wird endgültig deutlich, was sich schon viel früher abgezeichnet hatte: Ein Deutschland oder deutsches Reich als Nationalstaat wird nicht entstehen. Das hat mit den zentrifugalen Kräften zu tun, die sich im Spätmittelalter zur Gänze entfalten, und die in der zukünftigen Schweiz, im entstehenden Österreich und den verschiedenen Niederlanden auf sehr unterschiedliche Weise besonders stark werden. Das zweite Element ist die vollständige Durchsetzung des Wahlkönigtums zuungunsten eines dynastischen Elementes, welches zentralisierte Staatlichkeit ausschließen wird. Daraus entsteht statt jenes Gefühls von Gemeinsamkeit, welches dann in sogenanntem Nationalgefühl mündet, eine Bejahung von Provinzialismus, die weit über die Zweiteilung Italiens hinausgeht und bis heute geblieben ist.

 

Während deutsche Historiker des 19. Jahrhunderts diese Entwicklung oft mit nationalistischen Untertönen als deutsche Schwäche konstatieren, lässt sich die positivere Beurteilung nach dem Zweiten Weltkrieg implizit als Liebedienerei gegenüber dem Restdeutschkland nun kontrollierenden globalen Kapital und seinen Siegermächten verstehen, wobei Historiker beide Male im Dienst der jeweils Mächtigen stehen. Die Selbstzerstörung der deutschen Lande im 19. und 20. Jahrhundert im Verbund mit ihren Feinden führt nunmehr seit Jahrzehnten zu Positionen von political correctness, die Nation mit Volk verwechseln und darum den Untergang des letzteren als moralisch gerechtfertigt bejahen.

 

****"Interregnum" (in Arbeit)****

 

Dieser Begriff deutscher Historiker des 19. Jahrhunderts für die Zwischenzeit zwischen den Staufern und Rudolf von Habsburg als Herrscher bezeichnet das Resultat aus dem Scheitern des überdehnten hochmittelalterlichen Kaiserreiches der Staufer, dessen Reste nun in eine Klammer zwischen Papsttum und der neuen europäischen Vormacht Frankreich geraten.

Das Kaisertum der Zeit zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert verschwindet, und was dann unter diesem Namen wieder auftauchen wird und als "Reich" bis 1945 in den Köpfen bleibt, ist deutsche Unheilsgeschichte. Das "römische" Königtum wiederum gelangt in die Hände eines (kur)fürstlichen Wahlkollegiums, welches sich für seine Stimmen bezahlen lässt und königliche Schwäche bzw. besser noch Abwesenheit als Voraussetzung für fürstlichen Machtaufstieg nutzt.

 

Die Könige des Interregnums halten nur nominell ein Königtum aufrecht. Der erste, Wilhelm von Holland, fällt 1256 im Kampf gegen die Friesen, der seinen fürstlich-holländischen Interessen dient. 1257 werden Alfons von Kastilien und Richard von Cornwall als Kontrahenten durch ein Kurfürstenkollegium gewählt. Der erstere taucht nie in deutschen Landen auf, der Vertreter des englischen Königshauses schafft es nur bis an den Niederrhein und stirbt 1272.

 

Kaiser gibt es keine und Italien ist sich selbst überlassen. Eine königliche Schutz- und Ordnungsmacht gibt es nicht mehr und die Fürsten sind schnell aufsteigende Konkurrenten um die Macht. In dieser Situation nimmt bei vielen deutschen Städten der Trend zur Autonomisierung und Selbstverwaltung zu. 1254 versucht ein Rheinischer Städtebund als Ordnungsfaktor aufzutreten, aber die militärische Schwäche der Städte und ihre unterschiedlichen Interessen lassen ihn 1257 an der Doppelwahl bereits zerbrechen.

 

Nachdem Uri 1231 die Reichsfreiheit und Schwyz 1240 die Reichsunmittelbarkeit erhalten hat, kommt es im Interregnum zu Konflikten mit der habsburgischen Oberherrschaft.

 

****Rudolf von Habsburg (in Arbeit)****

 

Die Reichsvorstellungen der fürstlichen Königswähler verlangen einen schwachen, aber nicht zu schwachen König. Deshalb wird der mächtigste Fürst im Reich, König Ottokar II. Przemysl nicht gewählt, der das Interregnum genutzt hatte, um sein slawisch-deutsches Königreich Böhmen bis zur Ostsee und bis ans Mittelmeer auszudehnen. Der Graf von Habsburg ist selbst noch kein Fürst, aber immerhin schon auf dem Weg, sich Teile des staufischen Schwabens anzueignen. Da Königs-bzw. Reichsgut nicht mehr alleine ausreicht, um königliche Macht auszuüben, versucht er neben der Wiederherstellung desselben die Macht seiner Familie zu vergrößern.

 

Dabei gerät er unwillkürlich in Konflikt mit Ottokar, den er 1278 in der Schlacht bei Dürnkrut/Marchfeld besiegt und der bei der Gelegenheit auch getötet wird. Die Herzogtümer Österreich, Steiermark und Kärnten werden 1281/82 den mit Ottokar verbündeten Wittelsbachern entzogen, erst an seine Söhne übertragen, dann 1283 in der Rheinfeldener Hausordnung ganz an Albrecht übergeben. Der versucht, die Macht der einheimischen Geschlechter zu mindern.

Damit verlagert sich der Schwerpunkt Habsburgischer Macht weg aus dem Elsass, dem Aargau und Zürichgau. 1291, unmittelbar nach dem Tod König Rudolfs, schaffen Uri, Schwyz und Unterwalden ihren Friedensbund, erster Anstoß für die spätere Schweizerische Eidgenossenschaft, dem sich schnell Zürich anschließt. Es handelt sich um ein Bündnis von Oberschichtleuten, die jeweils einzelne Talschaften beherrschen. Zwischen Zürich und Herzog Albrecht kommt es zum Krieg. In der Stadt treten reiche Kaufleute an die Stelle des Adels.

 

Burgund gerät zunehmend unter französischen Einfluss.

 

Gegen die Vorherrschaftspolitik der Kölner Erzbischof am Niederrhein siegt ein Bündnis Kölner Bürger und niederrheinischer Großer 1288 in der Schlacht von Worringen.Der Großraum zerfällt nun noch stärker in kleine und mittlere Fürstentümer. Brühl wird neben Bonn zur Residenz ausgebaut.

Mit der Unterstützung des Königs gegen Ottokar steigt die Grafschaft Tirol unter dem Görzer Meinhard II. basierend auf Zöllen und Salzgewinnung zu einem reichen und mächtigen Fürstentum auf, mit relativ moderner Verwaltung unter Zurückdrängung des Hochadels. Die Bauernschaft genießt relativ viele Freiheiten.

 

Die Landfriedenspolitk Rudolfs nützt den städtischen Kommunen.

 

****Adolf von Nassau (1292-98 in Arbeit)****

 

Rudolf gelingt es nicht, Sohn Albrecht als Nachfolger durchzusetzen. Stattdessen wird unter dem Einfluss des Kölner Erzbischofs Siegfried von Westerburg der mit wenig Macht ausgestattete Graf von Nassau 1292 gewählt, der sich nach Worringen große Wahlversprechen geben lässt. Adolf macht sich sofort daran, seine Hausmacht um Thüringen und Meißen zu erweitern.

Die Landgrafen von Hessen werden zu Fürsten erhoben und gehen so dem Mainzer Machtanspruch verloren. Sachsen wird 1296 geteilt und die Kurwürde fällt an Sachsen-Wittenberg.

Da Adolf seine Wahlversprechen nicht hält, kommt es im Juni 1298 zum Absetzungsverfahren gegen ihn. Als die Fürsten dann den Habsburger Albrecht zum König wählen, besiegt ihn dieser in der Schlacht von Göllheim bei Worms 1298, in der Adolf auch stirbt.

 

****Albrecht I. (1298-1308 in Arbeit)****

 

Mit Albrecht, dem ältesten legitimen Sohn von Rudolf von Halbsburg, wird zum ersten Mal ein Fürst mit nunmehr beträchtlicher Hausmacht gewählt, die er energisch auszuweiten sucht. Zunächst von Papst Bonifaz VIII. abgelehnt, gerät er in den Konflikt zwischen ihm und dem mächtigen Philipp IV. von Frankreich. Der Versuch, auf Holland und Seeland auszugreifen, scheitert, bringt ihm aber die Feindschaft der rheinischen Kurfürsten ein, die er 1301/02 hintereinander besiegt. 

1303 erlangt er die päpstliche Anerkennung unter Ableisten eines Gehorsamseides und lässt sich von Bonifaz gegen König Philipp verwenden. Anagni 1203 befreit ihn dann aus der Unterwerfung unter das Papsttum. Während er seine Interessensphäre nach Böhmen und Thüringen ausweiten möchte, wird er 1308 von seinem Neffen Johann erschlagen.

 

Im ohnehin geteilten Sachsen wird Sachsen-Lauenburg 1303 noch einmal dreigeteilt.

 

****Heinrich VII. (1308-13 in Arbeit)****

 

Die rheinischen Kurfürsten verhindern die Wahl von Karl von Valois, des Bruders von Philipp IV., von dem sie ein zu mächtiges Königtum befürchten, auch wenn der französische König sich mit erheblichen Geldzahlungen bemüht.

Sie entscheiden sich unter dem Einfluss des französischen Vasallen und Trierer Erzbischofs Balduin von Luxemburg für dessen Bruder Heinrich VII., der vor allem Mainz und Köln erhebliche Versprechungen macht.

Balduin baut von 1307 bis 1354 seinen Herrschaftsraum zu einem fürstlichen Territorium aus. 

Heinrich bestätigt die Reichsfreiheit aller drei Waldstätten, ist aber zu schwach, sie gegen Habsburg zu unterstützen.

In seine Zeit fällt mit Unterstützung böhmischer Adeliger die Vermählung seines Sohnes Johann mit Elisabeth von Böhmen und seine Krönung 1311 in Prag zum böhmischen König. König Heinrich wollte sein Königtum aber weniger auf Hausmacht stützen als auf die Erringung des Kaisertitels. Wie ehedem unternimmt er 1310-13 einen Italienzug, lässt sich vom schwachen Papst Clemens V. krönen und weist dann päpstliche Ansprüche zurück. Auf dem Rückweg stirbt er in Italien und wird in Buonconvento bei Siena begraben. Sein Itaölienzug stößt in deutschen Landen auf geringes Interesse.

 

****Ludwig der Bayer (1314-47 in Arbeit)****

 

Die Habsburger setzen dagegen einen der Ihren, Friedrich ("den Schönen") gegen den Wittelsbacher Ludwig. Nachdem Habsburg in Konflikte mit der entstehenden schweizerischen Eidgenossenschaft gerät, kann Ludwig 1322 bei Mühldorf am Inn siegen. Auf eher friedlichen Wegen erwirbt er für seine Familie nach dem Aussterben der Askanier als einzuziehendes Reichslehen Brandenburg, zudem Niederbayern, Holland, Seeland, Hennegau und Friesland.

 

Nach dem Überfall der zukünftigen Eidgenossen auf das Kloster Einsiedeln 1314 lässt Friedrich von Österreich die Reichsacht über sie verhängen, scheitert dann aber am Morgarten. Die Waldstätten erweitern ihren Ewigen Bund: Gemeinsame Politik nach außen und Ablehnung von Herrschaftsrechten Auswärtiger. 1316 deklariert Ludwig erneut die Reichsunmittelbarkeit, die er aber gegen die Habsburger nicht durchsetzen kann. 1332 schließt Luzern ein Bündnis mit den Waldstätten.

 

1324 bannt der Papst Ludwig, und nachdem der auf seiten der Mailänder Visconti Partei in deren Konflikt mit der Kurie ergreift, eröffnet er gegen ihn ein Verfahren. 1328 zieht Ludwig nach Rom, lässt sich "vom Volk" zum Kaiser krönen und setzt Johannes XXII. ab und Nikolaus V. ein.

 

1329 wird die Wittelsbacher Herrschaft geteilt, die Pfalzgrafschaft bei Rhein wird dabei um die Oberpfalz vergrößert und die Kurwürde soll abwechselnd mal dem einen, mal dem anderen Familienzweig zufallen.

 

Wie sein Vorgänger vertritt Ludwig ein eher rückwärtsgewandtes Kaisertum. Der Kurverein von Rhense beschließt darüber hinaus 1338 die Unabhängigkeit eines mehrheitlich gewählten Königs von päpstlicher Anerkennung. Zugleich erklärt Ludwig die Bindung des Kaisertums an das "römische" Königtum.

Er kann sich mehr oder weniger auf Marsilius von Padua und die dissidenten Franziskaner William of Ockham und Michael von Cesena berufen.

 

In Tirol ist das Görzer Geschlecht 1335 ohne männlichen Nachfolger, die Tochter Margarethe Maultasch regiert mit ihrem Gemahl Johann Heinrich von Luxemburg/Böhmen. 1341 verjagt sie ihn und heiratet skandalträchtig den Wittelsbacher Ludwig von Brandenburg.

 

Kaiser Ludwig stirbt 1347 auf der Jagd. Einige Kurfürsten tragen Edward III. die Königswürde an, um Karl IV. zu verhindern.

 

****Karl IV. (1346-78 in Arbeit)****

 

Der böhmische Luxemburger Karl IV. wird im Konflikt mit den Wittelsbachern und Habsburgern König, vom Papst gefördert. Er betreibt expansive Hausmachtpolitik, kann Mähren, Schlesien und die beiden Lausitze unter der böhmischen Krone vereinen und vorübergehend Brandenburg erwerben.

Bündnis mit Edward III.

1355 führt ein Italienzug zur Kaiserkrone. Wirklicher Einfluss auf Italien wird aber nicht mehr ausgeübt. In der Folge regelt 1356 die Goldene Bulle die Königswahl ohne päpstliche Beteiligung und mit den Rechten der Kurfürsten. Esgilt nun die Wahl der Mehrheit.

Die Pfalzgrafschaft bei Rhein erhält die eigenständige Kurwürde, gewinnt ihren Reichtum aus den Zöllen vor allem und modernisiert mit der Residenzstadt Heidelberg ihre Verwaltung.

1363 übergibt Margarethe Maultasch, nachdem Ehemann und Sohn gestorben sind, Tirol an Rudolf IV. von Österreich.

 

1368/69 ein zweiter Italienzug.

Karls Politik steht in Konkurrenz zu denWittelsbachern und Habsburgern und im Gegensatz zu den Städten, denen Zusammenschlüsse verboten werden. Ihnen werden zudem erheblich Summen für den Kauf der Mark Brandenburg 1373 und 1376 für die Wahl des Sohnes Wenzel auferlegt. Auch als Reaktion darauf kommt es 1376 zum Schwäbischen Städtebund.

 

Der Hof Karls wird ausgebaut, aber es fehlt eine ausführliche Verwaltung. Die Ämter überdauern nicht die Person des Herrschers. Es bleibt aber bei der bisherigen Reiseherrschaft.

Das Hofgericht wird kein professionalisiertes Reichsgericht wie in Frankreich und England und besitzt so nur beschränkte Bedeutung.

Die wesentlichen Einkünfte sind die Steuern der Reichsstädte und die Judensteuern, Einkünfte aus Regalien und aus dem schwindenden Reichsgut. Wichtiger sind die Einkünfte aus dem Hausgut.

Staatlichkeit entwickelt sich nicht im Königtum, sondern - allerdings langsam - in den Fürstentümern.

 

 

1378 fehlt dann kaiserlicher Einfluss gegen die Doppelwahl von Papst Urban VI. in Rom und von Clemens VII. in Avignon, der Beginn des großen Schismas der Kirche.

 

 

Um 1370 sind Zürich, Zug und Luzern mit den Waldstätten verbündet.

1386 Niederlage der Habsburger in der Schlacht von Sempach. Basel beginnt sich aus Habsburgischer Herrschaft zu lösen.

 

Nach dem Schwabenkrieg 1499 scheiden die Orte der Eidgenossenschaft, Uri, Schyz, Unterwalden, Zürich, Bern, Luzern, Zug und zudem Glarus aus dem Reichsverband aus, was dann 1648 im Westfälischen Frieden auch rechtlich geklärt wird.

 

 

 

Deutsche Fürstentümer

 

Inzwischen gliedert sich die deutsche Herrenschicht in den niederen Ritteradel, die Grafen und Herren des nichtfürstlichen Hochadels und die klar abgegrenzte Gruppe der Fürsten. Letztere zeichnen sich auch durch Ehrenämter beim königlichen Hof, durch die Anrede "hochgeboren" (illustris) und das Recht aus, nur von Fürsten vor Gericht geladen zu werden und nur von ihnen bzw. dem König abgeurteilt zu werden.

 

Einen einheitlichen "Stand" der Fürsten gibt es letztlich nicht. Sie sind von der kleinen Abtei bis zu den Fürsten Bayerns sehr unterschiedlich mächtig und reich und streiten unentwegt um eine innere Rangordnung, die sich auch als Sitzordnung zu erkennen gibt. Habsburger, Wittelbacher und Luxemburger zählen zu den mächtigsten Dynastien und wechseln sich auf dem Königsthron ab, zu den reichsten Dynastien gehören die Herzöge von Sachsen, von Tirol-Österreich, von Bayern-Landshut und die Pfalzgrafen bei Rhein.

Rangordnung bestimmt auch die Heiratspolitik: Ein rangniedriger Ehemann für die Tochter hält die zu zahlende Mitgift niedrig, eine ranghöhere Frau für den Sohn steigert den Gewinn aus der Heirat. Der Herr der Dynastie hat das Recht, über das Niveau der Eheschließungen seines Hauses, also auch seiner nahen Verwandten, zu wachen.

 

Der Fürst ist Herr wie andere Herren über seine Besitzungen und Herr vermittels der ihm vom König verliehenen Regalien, zum Beispiel der Gerichtshoheit und vermittels der ihm von den Ständen zugestandenen Zusatzeinnahmen. Er ist es vor allem aufgrund seiner Familienzugehörigkeit und der dort vereinbarten Erbfolge. Zu allererst begründet sich seine Herrschaft aber, weil sie wie die eines Königs gottgewollt ist. Wenn er klug ist, hört er auf seine Räte, die Spitzen der sich entwickelnden Verwaltung und die ständischen Vertreter, aber er muss das nicht tun. Im Rahmen seiner Machtvollkommenheiten kann er seine Herrschaft auch immer auf ein System von Befehl und Gehorsam gründen. Das betrifft seine Gemahlin, seine Kinder, den ganzen Hof und soweit rechtlich gegeben das ganze "Land". 

Im 15. Jahrhundert nimmt die Erwartungshaltung zu, dass er ein guter, gütiger und effizienter Landesvater sein sollte, der vor allem wie es Herrenpflicht seit dem frühen Mittelalter ist, Witwen, Waise, Kinder und Arme zu schützen hat ebenso wie Wege und Straßen für durchziehende und zureisende Einheimische und Fremde sicher und frei halten. Er soll leutselig und gütig sein in Gruß und Anrede, und seinen armen Hörigen Gehör schenken, wenn sie in Not sind. (Levolds Chronik der Grafen von Mark von 1347). Viel Verpflichtung auf ein Gemeinwohl klingt da noch nicht durch, im wesentlichen soll der Fürst auf seine Eigeninteressen achten, nicht zuviel Schulden machen, sich nicht zuviel amüsieren oder Alkohol zu trinken, damit er morgens seinen Regierungsgeschäften zeitig nachgehen kann.

 

Wie die Wirklichkeit aussehen kann, zeigen die mutigen Forderungen seiner Räte an Herzog Johann II. von Kleve von 1486: "Unter anderem drängten sie darauf, dass er nicht einfach ohne Grund Amtsleute ab- und einsetze, dass er morgens so früh aufstehen solle, um ab acht Uhr mit den Regierungsgeschäften beginnen zu können. Sie ermahnten den Fürsten, sich abends spät und nachts nicht länger allein oder nur mit einem Diener in der Stadt herumzutreiben und sich nicht mehr mit schlechter Gesellschaft abzugeben. Dem Ansehen des Fürsten schade es weiterhin sehr, dass er heimlich und öffentlich spiele und dabei nicht nur viel Geld verliere, sondern auch unzüchtige Worte gebrauche und fluche. Für den Fall, dass Herzog Johann diese und andere Verhaltensweisen nicht abstelle, drohten die Räte damit, geschlossen das Land zu verlassen." (Spieß2, S.31)

 

Ähnliche Ermahnungen gibt es viele und sie betreffen neben der Alkoholsucht auch die Verfressenheit von Fürsten, ihre Spielsucht, die Beziehungen zu Konkubinen und überhaupt außereheliche Vergnügungen. Jenseits davon lernen Hochadelige bereits seit dem 12. Jahrhundert einen Kodex an höfischen Manieren, die vom Verhalten beim Essen bis zur Geschicklichkeit beim höfischen Tanz reichen.

Neben den sportiven Sphären des Kämpfens und der Jagd steigen die Erwartungen an Fürstensöhne, das Lesen und Schreiben so zu erlernen wie als ein frühes Beispiel Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz, der sogar imstande gewesen sein soll, lateinische Texte zu lesen.Von dem 1455 geborenen Grafen Eberhard von Württemberg schreibt sein Hauslehrer, er habe immerhin deutsch lesen und schreiben gelernt. Das Gespräch mit seiner kein Deutsch sprechenden Gemahlin Barbara Gonzaga fiel dann aber aus, da er dafür umgekehrt weder Italienisch noch Latein lernte.

Oft aber müssen überhaupt für Fürsten noch Vorleser und Übersetzer einspringen.

 

Da Fürstentümer sozusagen im Familienbesitz sind, sind sie grundsätzlich an die legitimen Söhne vererbbar, was zu ihrer Aufteilung im Erbfall führt, etwas was im späten deutschen Mittelalter häufig der Fall ist. Um das bei vielen männlichen Nachkommen in Grenzen zu halten, werden zum Beispiel zwei Söhne des Markgrafen Jakob I. von Baden in einer Hausordnung von 1453 für eine geistliche Karriere bestimmt und erhalten dafür eine Leibrente, die wegfällt, wenn sie mehr als 2000 Gulden an jährlichem Einkommen aus Pfründen erreicht haben. Unter den drei übrigen Söhnen wird das Fürstentum aufgeteilt. Töchter werden entweder verheiratet oder werden ins Kloster geschickt mit der Möglichkeit, dort am Ende Äbtissin zu werden. (Spieß2, S.34) Dass nicht alle Töchter verheiratet werden können, liegt oft auch daran, dass zu viele Mitgiftzahlungen das Fürstentum ruinieren könnten.

Eine Möglichkeit, ein Fürstentum zusammenzuhalten, ist der Erbverzicht von Söhnen (und Töchtern), der allerdings vom Familienoberhaupt oft teuer erkauft werden muss. Ist die Situation vor allem bei wenig Erben günstig, kann auch ein Hausvertrag geschlossen werden, der im Ergebnis die Unteilbarkeit des Fürstentums festlegt.

 

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Das Protzen mit sexueller Potenz, Macht und Reichtum ist nicht gerade christlich, aber wohl bei vielen Menschen eher üblich. Bei den deutschen Fürsten wie bei anderen scheint es sehr verbreitet gewesen zu sein. Es dient dem eigenen Selbstverständnis wie dem Konkurrenzkampf untereinander. Dem originären Protz dient nichts mehr als die Schatzbildung, die längst nicht mehr primär als in Edelmetallen, Edelsteinen, Perlen und vielem mehr geronnene Geldreserve funktioniert, sondern zwecks Zurschaustellung von Macht bei jeder geeigneten Gelegenheit. Bevor sie in Notfällen ganz weggegeben werden, werden Stücke vorher als Pfänder eingesetzt.

Schätze können Beutegut sein, Geschenke, Bezahlungen oder den Brautschatz umfassen. Das meiste davon wird nicht benutzt, sondern nur zur Schau gestellt und umfasst dann nicht den getragenen Schmuck oder das genutzte kostbare Tafelschirr. Davon unterscheiden sich die getragenen Prachtkleider und der Kopfputz mit ihren Gold- und Silberstreifen, den Edelsteinen und Perlen, mit denen sie durchwirkt und die darauf appliziert sind.

Im Spätmittelalter nimmt die Bedeutung kunsthandwerklicher Produkte in den Schatzkammern zu, wobei es zu immer mehr Kitsch und fürstlichen Geschmacksverirrungen kommt. Ursachen sind der Drang nach Originalität und die zunehmende Neigung für das Exotische. Da gerade auch Kitsch und Schund mit den Moden ihr Gesicht ändern, werden Edelmetalle schon mal eingeschmolzen und in neue Formen gebracht.

Schätze sind vor allem zum Vorzeigen bei erlauchten Gästen gedacht. Sie werden zu diesem Zweck in Kredenzen ausgestellt. Einzelne in Geld oder symbolischem Wert besonders bedeutende Stücke werden zu unveränderlichen und unveräußerlichen Hauskleinodien erklärt, von denen einige sich bis heute erhalten haben.

 

 

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Im Unterschied zum römisch-deutschen Königtum sind die Fürstentümer mit unterschiedlichem Tempo dabei, Elemente von Staatlichkeit aufzubauen. Da wird der situativ einberufene Rat zu einem täglich zusammentretenden, allerdings ohne klare Abgrenzung von Ressorts. Immerhin werden dabei "Gelehrte", also Juristen immer wichtiger, was auch Bürgerlichen den Zugang ermöglicht. Es handelt sich noch nicht um ein richtiges Kabinett neuzeitlichen Zuschnitts, aber es hat schon einen ersten Herrn im Rat, den zweiten nach dem Fürsten mit zunehmenden Kompetenzen, aber noch keinen Favoriten oder Günstling, wie er schon früher im kastilischen Königreich auftritt. Die Rolle der Kleriker nimmt hier ab, und sie tauchen oft nur noch deshalb auf, weil sie zugleich Juristen sind.

 

Die Kanzleien sind im 15. Jahrhundert stärker professionalisiert, führen Register der Urkunden und beginnen am Ende des Mittelalters mit papiernen acta auch jenseits des mittelalterlichen Urkundenwesens. Diese neuartige Kanzlei reist nicht mehr mit dem Fürsten.

Während das Siegel noch von einem Mitglied des fürstlichen Rates verwaltet wird, wird der Chef der Kanzlei als Kanzler der wichtigste Ratgeber des Fürsten. Die Kanzlei wird immer weniger mit Klerikern bestückt, sondern mit weltlichen Juristen, die nun eine professionalisierte politische Karriere machen. Diese Leute kann man nicht mehr mit kirchlichen Pfründen ausstatten, sondern sie müssen besoldet werden. Erst damit entsteht dann auch ein modernes Beamtentum.

 

Diese hohen Beamten mögen zwar aus dem Bürgertum kommen, aber sie unterscheiden sich von den niederen Beamtenscharen einer späteren Neuzeit. Sie identifizieren sich nicht nur mit den fürstlichen Interessen, aus denen dann langsam staatliche werden, sondern streben nach Möglichkeit "aristokratische" Lebensformen an und verkehren oft lieber mit hohem Adel als mit dem übrigen Bürgertum.

 

Es gibt Beamte im Regierungsapparat, Amtsleute in den Ländereien, Land-Rentmeister als Zwischeninstanz. "Die überwältigende Mehrzahl der Inhaber dieser noch undifferenzierten Ämter waren Adlige mit Sitz auf einer Burg, sie erhielten ihr Amt im Dienstverhältnis, als Lehen oder Pfand." (Fuhrmann in Dirlmeier, S.232)

 

Die Einnahmen der Fürsten bestehen dabei noch teilweise aus Naturalabgaben. "Der Vogt zu Celle verkauft Roggen und Weizen nach Lübeck, um hier Tuche, aber auch frischen Käse und Heringefür den Hofbedarf einzuhandeln; er gibt vom Bedevieh dem Schuhmacher Tierhäute und verrechnet sie mit fertigen Schuhen." (Schubert, S.34)

Aber der Anteil der Einnahmen in Geld nimmt im 15. Jahrhundert deutlich zu. Dabei taucht häufiger das Wort Steuer auf, aber sie findet nicht regelmäßig statt. Im Wort Bede ist mit Bitte noch die Vorstellung enthalten, dass es jeweils um begründete Einzelfall-Forderungen geht. "Langsam bildeten sich Fälle wie Lösegeldzahlung für den Landesherrn, die Ausstattung bei der Heirat der ersten Tochter, in der Hauptsache aber militärische Notwendigkeiten als Gründe für die Bewilligung  außerordentlicher Steuern für die Stände heraus." (Fuhrmann in Dirlmeier, S.235).

 

 

 

Dabei gibt es allerdings keine zentrale Kasse und keine ordentliche Buchführung von Einnahmen und Ausgaben, wie sie die deutschen Städte längst kennen. Und es gibt auch kaum ein Bewusstsein von einem zu finanzierenden Staat, fast die Hälfte der Einnahmen dienen oft immer noch der schieren Hofhaltung, also dem großen Haushalt des Fürsten, seiner Familie und Umgebung.

 

1435 gewähren die Stände Herzog Otto Cocles von Braunschweig-Göttingen folgendes in der Zusammenfassung von Ernst Schubert: "Drei Kämmerer und zwei Kammerknechte braucht der Fürst, wobei einer der Knechte die Kleinodien zu bewahren hat und der andere auch auf Reisen den Herrn begleitet. Ein Schneider gehört ebenso zum Haushalt wie ein Gärtner und wie der erst auffallend spät genannte Kaplan. Ein >reitender Koch< hat ebenfalls den Fürsten zu begleiten, der sich mit drei Pfeifern, die unter sich noch einen Knecht haben, nicht nur Unterhaltung, sondern in der Öffentlichkeit angemessene Aufmerksamkeit sichert. Zwei Stallknechte und ein Stalljunge sorgen für einen herrschaftlichen Marstall, in dem nur drei Hengste stehen. Für die Jagd braucht der Fürst einen berittenen Jäger und einen >kleinen Waidemann<, jeweils für die hohe und niedere Jagd." (Schubert, S.37) Dazu kommen allerbeste Kleidung, Geschenke und Trinkgelder für reisendes Unterhaltungspersonal.

 

Dazu kommen die Ausgaben für Fehden, also für hunderte Militärs, und im Fall der Niederlage für Lösegelder. Natürlich gibt es bei Sieg Beute und wiederum Lösegelder, die man einnehmen kann. Das Aufgebot der Vasallen bleibt immer noch der Kern des Heeres, auch wenn dieser finanziert werden muss. Das Lehenswesen wird zunehmend auf das Fürstentum und nicht nur auf den Fürsten als Person bezogen (Spies) und dient so Vorgängen der Territorialisierung.

 

Geistliche Fürstentümer liegen durch das ganze späte Mittelalter miteinander und mit benachbarten weltlichen Fürsten im Streit. Konfliktmaterial bieten Überschneidungen: Die Mainzer Jurisdiktion reicht in welfische, wettinische und hessische Herrschaften hinein; umgekehrt gehört die Landgrafschaft Thüringen kirchlich zu Mainz, Magdeburg, Halberstadt und Würzburg.

Im Nordosten des Reiches kommt es dabei teilweise zu einem "landesherrlichen Kirchenregiment" (Schubert), überall aber wenigstens zu Tendenzen in diese Richtung. Dabei geht es nicht mehr um Religiöses und kirchliche Interna, sondern um die Ausnutzung vom Kirchenämtern als Pfründen, mit denen Fürsten Personalpolitik betreiben können.Immer mehr Pfarreien werden nicht mehr vom Bischof selbst besetzt.

 

Wenn hier für das Mittelalter gelegentlich von Ständen die Rede war, so ist das doch erst im 16. Jahrhundert als deutsches Wort bezeugt. Es ist dann eine Lehnsübersetzung des lateinischen status, der die ordines abgelöst hat. Das zeigt das Maß an Unklarheit im Volksbewusstsein. Das, was in der frühen Neuzeit dann als Stände bezeichnet wird, taucht zuvor nur in der Bezeichnung einzelner von ihnen auf, so wie im Begriff von der Ritterschaft (mannschaft) oder in der Zusammenfassung der Stände als landschaft.

Ständische Versammlungen sind Vertretungen einzelner Stände, dabei je nach Fürstentum unterschiedlich zusammengesetzt, und nehmen zum Beispiel die Städte aus, die sich von bischöflicher Herrschaft emanzipieren oder wie die Hansestädte des Nordens große Selbständigkeit erlangen. In solchen Fällen sind Stände dann oft im wesentlichen Sache der Aristokratie, während dieser wiederum in manchen Gebieten sich ständischer Verfasstheit eher entziehen möchte.

Stände(tage), Landtage dienen fürstlicherseits dem Bewilligen von Einnahmen, von den Ständen her gesehen dem damit verbundenen Aushandeln von Rechten. Das ist hier genauso wie schon früher in England oder Aragon und Kastilien. Die Beden (Bitten) seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert, noch von Fürsten angesetzt, dienen einer auf Personenverbände bezogenen Abgabe.  Da die Hebesätze wie bei den grundherrlichen Einnahmen fest bleiben, sinkt ihr Wert. Beden sind oft auf den Viehbesitz bezogen und werden im 15. Jahrhundert zunehmend durch Steuern abgelöst, die sowohl Vermögens- wie Verbrauchssteuern sein können, selten Kopfsteuern. Beden werden regelmäßig eingezogen, Steuern (stiure) sind zeitlich begrenzt und müssen von den Landständen genehmigt werden.

 

Mit den Steuern steigt die "politische" Bedeutung der Städte erheblich. Sie und die Stände überhaupt müssen die Steuern auch eintreiben, die Landesherren haben noch keinen Apparat dafür. Aus dem Einsammeln der Steuern wird sich dann insbesondere im 16. Jahrhundert das Recht entwickeln, bei der Verwendung der Steuern mitzubestimmen bzw. sie zu überwachen, etwas, was in Aragón zum Beispiel schon Jahrhunderte früher erreicht worden war. Nicht besteuert werden natürlich weiterhin Kirche und Adel, aber doch immerhin zunehmend deren abhängige Bauern, und das soweit flächendeckend für das Fürstentum.

 

Fürstliche Städte werden zu Amtsstädten, wenn die Verwaltung von der Burg in die Stadt zieht (Schubert). Der fürstliche Zugriff auf die größeren Städte schwindet, die städtische Selbstverwaltung lässt die Rolle des Amtmanns oder Schultheißen verblassen oder ganz verschwinden wie in den Hansestädten oder den Bischofsstädten am Rhein. Die landesherrlichen Einnahmen reduzieren sich auf die grundherrlichen, während die Städte selbst erheblich mehr einnehmen. Wie selbständig Städte werden können, zeigt der über viele Fürstentümer verbreitete Hansebund. Das Maß städtischer Selbstbestimmung ist aber überall im Reich verschieden und hängt vor allem an ihrer wirtschaftlichen Macht.

 

Staatlichkeit wird in den Städten vorexerziert und dann in die Fürstentümer übernommen. "Ebenso wie die entscheidenden Innovationen des Kriegswesens von den Städten ausgingen (...), wurden auch die Anstöße einer rationaleren Verwaltung in den Städten entwickelt. Welche fürstliche Kanzlei konnte isch mit der einer größeren Stadt messen,in welchem Verhältnis stehen die bescheidenen Kanzleistubne  und >skrivekamern< der Fürsten zu dem ausladenden, 1484 erbauten Kanzleiflügel des Lübecker Rathauses?" (Schubert, S.76)

Auch das Ungeld, die Akzise, die Verbrauchssteuer wurden in großen Städten entwickelt, bevor sie die Fürsten übernehmen. Überhaupt: Das zentrale Rechnungswesen der Städte wird erst in der Neuzeit von den Fürsten übernommen werden.

 

Im 15. Jahrhundert nimmt die Tendenz zur Residenz- und Hauptstadtbildung mit der Institutionalisierung von mehr Verwaltung deutlich zu. Voraussetzung dafür ist stärkere fürstliche Kontrolle über die zur Residenz ausersehene Stadt. Das gelingt bei München und Landshut und mit der Vereinigung von Berlin und Cölln 1432. Aber noch 1484 erklären die Räte der Residenzstadt der Mark Brandenburg: Große Notdurft der Herrschaft und der Land erfordert, daß Euer Gnad mit Euerem täglichen Hofgesind und Räten die Land allenthalben besichtigt und umzoge ... das ... leichtigte die Zehrung des steten Hofs. (in: Schibert, S.78) 

 

Staatlichkeit als Scheidung in Obrigkeit und Untertänigkeit, wie es die Städte in deutschen Landen vorexerzieren, tritt noch im 15. Jahrhundert in deutschen Fürstentümern nur zögerlich auf. Dazu muss die Untertänigkeit direkt auf die Fürstenherrschaft bezogen  und Herrschaft mit Obrigkeit austauschbar werden. Gegen Ende des Mittelalters tritt dann der Fürst als Gesetzgeber auf, dessen Gesetze von den "Untertanen" einzuhalten sind, und er tritt als Steuerherr auf, der allgemeine Steuern als Regelfall erlässt.

 

Vereinheitlichung ist das Ziel auf dem Weg in Staatlichkeit, die sich von der individuellen Person des Herrschers und seiner Familie lösen ließe. Aber im 15. Jahrhundert gibt es oft noch vielerlei Münzen und selbst die Maße sind uneinheitlich und müssen weiter von Ort zu Ort oder Gegend zu Gegend umgerechnet werden. Erst 1502 setzt der Fürst im albertinischen Sachsen einheitliche Maße durch. "Nach der Leipziger Elle sollte hinfort gemessen, nach dem Erfurter Gewicht gewogen und nach Torgauer Kanne und Jenaer Eimer abgefüllt werden." (Schubert, S.89)

Es gibt kein einheitliches Strafgesetz in deutschen Fürstentümern, überhaupt wenig Gesetzgebung dort. Und wenn es sie gibt, fällt ihre Verbreitung schwer, oft werden sie in den Kirchen verkündet. Erst mit dem Buchdruck wird sich das ändern.

"Ordnung" ist das deutsche Wort für das, was Fürsten auf dem Weg in Staatlichkeit herstellen wollen. Landesfürsten betreiben gute Policey für ihr Land, erlassen "Landgebote", Verbote von Glücksspiel, Ausfuhrbeschränkungen, Biermaße, Kleiderordnungen und Höchstlöhne. Reglementierungen, wie sie schon für das Sizilien Friedrichs II. galten und in Städten längst gang und gebe sind, werden auf Fürstentümer übertragen. Viel "Ordnung" wie auch "Polizei"ordnungen, wobei Polizei noch den sprachlichen Vorläufer für Politik macht, sind Vereinfachungen und Verallgemeinerungen schon bestehenden Rechtes.

 

Das Deutschordensland

 

Herzog Konrad I. von Masowien ruft den Ritterorden zur Hilfe, um gegen die Pruzzen zu kämpfen. 1226 privilegiert Friedrich II. den Großmeister Hermann von

Salza in der Goldenen Bulle von Rimini, 1230 überlässt Konrad im Kruschwitzer Vertrag dem Orden das Kulmer Land und zukünftige Eroberungen in Preußen. 1234 nimmt der Orden die Gebiete in der Bulle von Rieti vom Papst zu Lehen.

 

1279 beginnt der Bau der Marienburg, und 1309 wird das Ordenszentrum aus Venedig hierhin verlegt. Um 1285 ist die brutale Unterwerfung der Pruzzen unter anderem mit Hilfe eines Kreuzzuges abgeschlossen, Christianisierung und Verzicht auf ihre traditionelle Kultur folgen. Die Versuche, Litauen zu unterwerfen, scheitern, werden aber als sogenannte Preußenzüge bis ins 14. Jahrhundert unter dem Vorwand der Heidenmission fortgesetzt. 1386 kommt es zur polnisch-litauischen Union.

1237 wird der Orden Nachfolger des Schwertbrüderordens und übernimmt damit Gebiete in Livland.

 

Der Orden besteht aus Rittern, Priestern und einfachen Mitgliedern. 1233 wird für Thorn und Kulm die Kulmer Handfeste erlassen, welche Magdeburger Recht auf die neuen Städte überträgt. Es beginnt systematische Einwanderung aus dem Westen.

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts werden Danzig und die Pommerellen eingenommen, was zu Konflikten mit Polen führt.

 

Räuber und Raubritter in deutschen Landen

 

Kriminalität entsteht durch die Kriminalisierung bestimmter Verhaltensweisen und ist ein wesentlicher Aspekt aller Zivilisationen. Mit der Definition von Verbrechen definieren Machthaber implizit das korrekte Verhalten von Untertanen. Das unterscheidet Zivilisationen von Kulturen, die - in der Regel viel erfolgreicher - gemeinschaftsschädigendes Verhalten durch Tradieren von Gewohnheiten (samt langsamen Korrekturen) ausgrenzen.

 

Im Verlauf des hohen und späten Mittelalters lässt sich zunehmend in Europa eine Form von Kriminalität erkennen, die aus Verarmung resultiert und entsprechend vor allem Diebstahl und Raub einschließt. Das hat zumindest auch mit der Dynamisierung der strukturellen Entwicklungen durch den entstehenden und aufblühenden Kapitalismus zu tun. Da ist die Proletarisierung eines Teils der Bauern in das Landarbeitertum und die Entstehung eines Bodensatzes wenig erfolgreicher Städter. Ein allenthalben auftauchendes Phänomen ist aber auch die Verarmung eines Teils des niederen Adels, der sich durch Koalitionen der Städte mit den Fürsten um seinen Status mit seinen Lebensformen gebracht sieht.

 

Raubritter gibt es schon im hohen Mittelalter des Erec eines Chrétien de Troyes (sieh Großkapitel 'Helden'). Während Städtebunde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sich noch gegen die übliche Gewalttätigkeit des Adels insgesamt wenden, richten sie sich im 14. Jahrhundert gegen ein spezifisches Raubrittertum in Kreisen des niederen Adels. Dieser verliert aus vielen Gründen oft seine standesgemäßen Lebensgrundlagen und beginnt von seinen Burgen aus gelegentlich mit richtiggehenden Raubzügen. 

 

Schon Anfang des 14. Jahrhundert berichtet der Zittauer Stadtschreiber Johann von Guben vom Kampf gegen Räuber, die man y in desem lande irkante. des czogen die lowte, die hie woren, und zubrochen das hws und vortrebin di selben herren von dem burchberge. 1346 schließen sich die Lausitzstädte Bautzen, Görlitz, Zittau, Lauban, Löbau und Kamenz zu einem Bund zusammen, weil sie grossin unlidelichen schadin von roubern und von andirn bosen luten enpfangin habin und enpfan mogen (bei Czok in: Beiträge, S.114f).

Der Adel klagte vergebens bei Karl IV über seine wirtschaftliche Bedrohung durch die Städte und der Kaiser unterstützte stattdessen den Städtebund als friedensfördernde Einrichtung.