Staatskirche

 

1.Von Konstantin bis Theodosius

2. Priscillian

3, Christentum und Kirche im 4. Jahrhundert

4, Der heilige Martin des Sulpicius Severus

 

1. Von Konstantin bis Theodosius

 

Die Entscheidung über die Nachfolge 337 treffen die Heere. Der von Konstantin neben drei Söhnen am Erbe vorgesehene Neffe Dalmatius wird ermordet, ebenso neun weitere Familienmitglieder. 340 überfällt Sohn Constantin II. seinen Bruder Constans und stirbt dabei.

 

Constans stellt sich mit dem Bischof von Rom (Julius) auf die Seite des Athanasius im Arianerstreit, in dem der Osten diesen als Bischof von Alexandria abgesetzt hatte. Konzile im Osten und Westen tagen, schließlich exkommunizieren sich die Führer der beiden Lager gegenseitig. „Der religiöse Gegensatz zwischen 'Arianern' und 'Orthodoxen' trat der politischen Teilung in ein Ost- und Westreich zur Seite!“ (Bellen, S.57)

Der Druck auf den östlichen Bruder führt schließlich dazu, dass Athanasius nach Alexandria in sein Bistum zurückkehren kann.

 

Die mit der Macht verbandelte Kirche, in bitterste interne Streitigkeiten verwickelt, wendet sich nun immer gnadenloser gegen die „Heiden.“ Firmicus Maternus verlangt die Abschaffung aller heidnischen Kulte und ihre Vernichtung durch den Staat, hatte der siegreiche Gott doch den Kaisern inzwischen zu Siegen über Franken und Perser verholfen. 346 wird durch kaiserliche Gesetze die Schließung der Tempel und das Verbot aller Opfer verfügt. Wer sich nicht konform verhält, sollte mit dem Tod wie dem Vermögensverlust bestraft werden, ebenso wie die Amtsträger, die das nicht durchsetzten.

 

350 wird gegen Constans der Nichtchrist Magnus Magnentius zum Augustus ausgerufen. Er siegt über den Konstantin-Sohn, der dreißigjährig stirbt. Im folgenden Jahr dann siegt Constantius II. über ihn, zwei Jahre später tötet sich Magnentius selbst.

 

Inzwischen war der Kaiser eines Teils der Franken offensichtlich nur noch dadurch Herr geworden, dass er sie südlich der unteren Maas ansiedelte (Toxandrien). Derweil verstärken die Alamannen ihren Druck weiter südlich. Um 355 wird ganz Gallien von Germaneneinfällen verheert.

 

Während Vetter Julian mit der Befriedung Galliens beauftragt ist, wird Athanasius auf massiven Druck von Constantius erneut abgesetzt. Wer sich wie Bischof Hilarius von Poitiers (Pictavi) widersetzt, muss in die Verbannung.

 

360 zwingt der Kaiser der Christenheit ein neues, arianisches Glaubensbekenntnis auf. Hilarius darf aber nun auf seinen Bischofsstuhl zurückkehren, wohin ihm jener Martin, der ein Heiliger werden sollte, folgt. Die rüde Herrschaft über die Kirche ergänzt Constantius andererseits dadurch, dass er die Bischöfe von der weltlichen Gerichtsbarkeit ausnimmt.

 

Während der Kaiser dann zum Krieg gegen die Perser aufbrechen will, hat Julian Gallien seiner Fuchtel unterstellt, die Germanen zurückgeschlagen und ist dafür von seinem Heer zum Augustus ausgerufen worden. 361 stirbt Constantius östlich von Tarsus, nachdem er im letzten Moment noch getauft worden war und Julian zu seinem Nachfolger bestimmt hatte.

 

Dieser verkündet inzwischen öffentlich seine Abkehr vom Christentum und richtet sich in seinem Palast in Konstantinopel ein Helios-Heiligtum ein, um dort täglich zu seinem Gott zu opfern. Die altrömischen Kulte werden wieder zugelassen und die Priesterschaft wird in eine Hierarchie eingeordnet, die von ihm als Pontifex maximus beaufsichtigt wird.

 

Als neuplatonischer Philosoph versucht Julian auf seine Art, Philosophie und Kulte miteinander zu vereinen, also eine „Religion“, eine Glaubenslehre zu schaffen, wie das vorher schon dem Christentum gelungen war. Sein Philanthropismus und seine persönliche Bescheidenheit, seine Verachtung für den Betrieb der Massenunterhaltung zeichnen ihn dabei vor seinen christlichen Vorgängern aus.

 

363 stirbt er unglücklich im Kampf gegen die Perser. Das Heer macht sofort Jovian zum Kaiser, der zwar Christ ist, was aber wohl die Entscheidung weniger beeinflusste als sein militärisches Renommée. Er gibt der Kirche nun alle ihre bisherigen Privilegien zurück, stirbt dann aber nach wenig mehr als einem halben Jahr.

 

Das Heer macht jetzt Valentinian zum Kaiser, der auf dessen Wunsch seinen jüngeren Bruder Valens 364 zum zweiten Augustus für den Osten erhebt. Beide vertragen sich besser, als bei römischen Herrschern vorher üblich gewesen war, aber die Teilung in ein West- und ein Ostreich vertieft sich dennoch. Gemeinsam sorgen sie für Glaubensfreiheit in ihrem Reich, wobei Valens eher dem arianischen Christentum zuneigt.

 

Valentinian hatte zunächst Mailand als Residenz vorgesehen, residiert dann aber von 367-375 in Trier, der alten Residenz des Constantius Chlorus und des Konstantin, wo sein von ihm als Augustus auserwählter minderjähriger Sohn Gratian von dem oberflächlich christianisierten, aber hochgebildeten Ausonius erzogen wird.

 

Von Gallien aus kann sich Valentinian besser den bedrohlichen Alamanneneinfällen widmen. Weiter nördlich werden fränkische Heerhaufen an der Rheinmündung besiegt. Er schickt außerdem Theodosius zur Abwehr von Picten, Scoten, Franken und Sachsen nach Britannien.

 

375 stirbt Valentinian und wird in der Apostelkirche von Konstantinopel begraben. Was im Westen noch gerade so zu halten war, bricht 378 mit der Niederlage des Valens gegen riesige, von den Hunnen vorwärts getriebene gotische Haufen bei Adrianopel zusammen. Valens möchte die Goten ohne die heran eilende Hilfe des Gratian besiegen und stirbt mit zwei Dritteln seines Heeres.

 

379 wird der in der iberischen Provinz Galaecia geborene Theodosius mit Unterstützung durch Gratian vom Heer zum Kaiser erhoben. Erstmals wird seine Erhebung nicht nur dem Senat von Rom, sondern auch dem von Konstantinopel angezeigt. Theodosius nimmt den den Titel eines Pontifex Maximus nicht mehr an und veranlasst wohl Gratian dazu, seinen abzulegen.

Da er die ganze Reichsteile ausplündernden Goten nicht alleine zurückweisen kann, schickt Gratian ihm ein neues Heer zur Hilfe, welches von den Franken Bauto und Arbogast angeführt wird. 382 kommt es zu einer Lösung für sie. Sie dürfen sich in der Provinz Moesia secunda ansiedeln, behalten dabei ihre Stammesorganisation und ihre eigene Führung, zudem auch ihr arianisches Christentum. Dieser Staat im Staat wird Modellcharakter für den Westen bekommen.

 

Derweil bleibt das Reich in seinen beiden Teilen religiös gespalten in Arianer und Anhänger der Beschlüsse von Nicäa, als deren Führer nach dem Tod des Athanasius (373) Basilius auftritt. In Antiochia zum Beispiel gibt es nun zwei konkurrierende Bischöfe, und gegen den nicäischen noch einmal einen internen Konkurrenten. Mailand ist derzeit eine arianische Hochburg, in Rom wird der Streit um den Bischofstitel inzwischen mit erheblicher Gewalt und vielen Toten ausgetragen.

 

Ab 380 setzt Theodosius mit Edikten und Gewalt seine „katholische“, in etwa in Nicäa beschlossene Version des Christentums durch, nachdem ein Jahr zuvor ein Konzil in Antiochia die „Jungfrau Maria“ ins Glaubensbekenntnis eingeschlossen hatte (samt Pontius Pilatus). Die in Konstantinopel vorherrschende arianische Geistlichkeit wird entmachtet und Gregor von Nazianz zum katholischen Bischof eingesetzt. Alle abweichenden Gemeinden verlieren ihre Kirchen und ihren Besitz. Der neu definierte Katholizismus ist damit Staatsreligion.

 

381 sorgt Theodosius für ein Konzil in der Hauptstadt, auf dem das erweiterte Glaubensbekenntnis beschlossen wird, sowie die Übertragung der staatlichen Diözesenordnung mit ihren fünf Verwaltungseinheiten auf die kirchliche. Damit entstehen nun fünf Patriarchate im Osten, deren oberstes das von Konstantinopel wird. Nur das von Rom steht noch über ihm, aber der Ostkaiser setzt durch, dass seine Hauptstadt, weil sie denn das zweite Rom sei, auch eine nahe am Rang des westlichen Rom angesiedelte Position bekommt. Als Reaktion ignoriert ein kurz darauf von Gratian einberufenes und von Bischof Ambrosius von Mailand kontrolliertes Westkonzil die östlichen Beschlüsse. Der Graben zwischen Westen und Osten, der seit der Reichsteilung Diokletians langsam entstanden war, nimmt unterschwellig auch in kirchlicher Hinsicht zu.

 

Im Westen des Reiches hat inzwischen Ambrosius eine kirchliche Führungsrolle übernommen, die die des römischen Bischofs überschattet. Aus hochnobler Familie, ist er Statthalter in Mailand, als er 374 in tumultuarischer Wahl dort Bischof wird und sich schnleunigst taufen lässt. Gegen Gratian und dann Valentinian setzt er Positionen totaler Unduldsamkeit erst gegenüber "Heiden" und dann gegenüber Arianern durch. Als Theodosius die von einem Bischof betriebene Zerstörung einer Synagoge bestrafen will, verlangt Ambrosius, dass bei solchen Angelegenheiten Bischöfe an der Entscheidung beteiligt werden müssten, auf deren antijüdische Haltung er wohl hofft.

Seinen Höhepunkt erreicht der Konflikt zwischen beiden, als 390 ein gotischer (römischer) Heerführer in Thessaloniki in einem Aufruhr erschlagen wird, der möglicherweise auch fremdenfeindliche Züge trug. Darauf gibt der Kaiser schnell den Befehl, dass Soldaten zur Strafe auf das Publikum bei einer Zirkusveranstaltung einprügeln sollen, den er erst zu spät zurücknimmt. Es soll zu tausenden von Toten gekommen sein. Ambrosius nutzt die Gelegenheit, um den Kaiser aufzufordern, sich wie einst David öffentlich von dieser Sünde zu reinigen. Nach einigem Zögern tritt der Kaiser dann in Mailand vor Bischof und Gemeinde in der Kirche ohne seine Insignien auf, wirft sich zu Boden, bekennt seine Sünden unter Tränen und wird dann wieder zur Kommunion zugelassen.

 

In dieser Zeit beginnt die systematische Christianisierung der Landbevölkerung in den pagi, wo die Bewohner als pagani nun mit Ungläubigkeit, Heidentum gleichgesetzt werden.

 

391 beginnt dann die systematische Heidenverfolgung, die sich 392 noch verschärft, als man Valentinian II. erhängt in seinem Palast in Vienne (Vienna) auffindet und dem "Heiden" Arbogast dafür die Schuld gibt. Dieser setzt dann auch den wenig religiösen, aber mit den Heiden sympathisierenden Eugenius als (West)Kaiser ein.

Darauf reagiert Theodosius damit, dass er nach Sohn Arcadius auch noch Honorius zum Augustus macht und damit Eugenius zum Usurpator erklärt (Lippold). Dann treffen zwei Heere aufeinander, die wohl zu einem stattlichen Teil auf beiden Seiten aus "Barbaren" bestanden. Nachdem zunächst die föderierten gotischen Reiter wohl unter Alarich die Hauptlast des Kasmpfes mit zahllosen Toten zu tragen hatten, siegt das Hauptheer des Theodosius, Eugenius wird von Soldaten getötet und Arbogast tötet sich selbst. Neuer Oberbefehlshaber im Westen wird Stilicho.

De facto ist das Imperium Romanum nun zwei Jahre, bis zum Tode des Theodosius 395 wieder in einer Art Erbmonarchie geeint. Die minderjährigen Augusti werden Stilicho anvertraut.

 

Die Knappheit an Soldaten hatte zur Aufnahme von immer mehr Barbaren ins Heer geführt, zugleich kommt es in einigen Reichsteilen zu einer immer gravierenderen Verknappung von Arbeitskräften. Darauf verweisen verschärfte Gesetze betreffs flüchtiger Sklaven und solche, die Kolonen immer stärker an ihre Grundbesitzer binden. Besitzlose Landbewohner wie Bauern in ihrem Eigentum suchen Schutz im Patrocinium lokaler Mächtiger, die jenen Schutz übernehmen, den der Staat nicht mehr gewährt.

 

Für die Basisversorgung der Bevölkerung werden Bäcker, für den Getreidetransport zuständige Schiffseigner und Schweinehändler immer fester an ihren Berufsstand und ihren Betrieb gebunden.

 

2. Priscillian: Unerträgliche Heiligkeit

 

Im vierten Jahrhundert sind die gallische wie die hispanische Kirche etablierte Bischofskirchen, und das Amt des Bischofs ist ein begehrenswerter Karriereposten für die reiche Oberschicht geworden. Kirche und Staat werden fast eine Einheit, Bistum und civitas werden so deckungsgleich wie provincia und Metropolitanbistum, im Verfallsprozess der städtischen Selbstverwaltung fallen Bischöfen immer mehr weltliche Aufgaben zu. Das war von Kaiser Konstantin so gedacht und wird unter Kaiser Theodosius vollendet.

 

Heiligkeit war längst dank Christenverfolgungen zu einem Spezifikum der Märtyrer geworden, deren radikale Glaubensstrenge erst mit ihrem (gewaltsamen) Tod belegt wird, weswegen sie einerseits vorzeigbar, andererseits ungefährlich waren. Mit Priscillian, Paulinus von Nola und Martin von Tours tritt eine neue Form von Heiligkeit auf, die sich in einem Leben in der Nachfolge Jesu erweist und damit implizit das Leben der hohen Geistlichkeit als wenig christlich denunziert. Die Hinrichtung Priscillians und vieler seiner Anhänger im Zusammenspiel von Kirche und Staat wird ein Versuch, solche neue Formen von Heiligkeit zu vernichten, bevor dann als Alternative die Integration solcher Außenseiter in die Kirche versucht wird.

 

Wie für Martin von Tours ist auch für Priscillian unsere Hauptquelle die Chronik des Sulpicius Severus, der nicht nur einerseits ein Kritiker der weltlichen Orientierung des Klerus ist (Unser Klerus scheint seine Glaubenslehre nicht nur vergessen zu haben, sondern überhaupt nicht zu kennen, so groß ist ihre Gier nach Besitz, die sich in unseren Tagen in ihren Seelen festgesetzt hat), sondern andererseits auch seine Kenntnisse von Priscillian, seinen Anhängern und seiner Lehre hauptsächlich von dessen Gegnern übernommen hat.

 

Danach stammt Priscillian aus einer wohlhabenden aristokratischen Familie und genießt eine gediegene klassische Ausbildung. Mitte des 4. Jahrhunderts trifft er sich zusammen mit seinem Lehrer Elpidius mit einer asketischen Laiengruppe. Dann zieht er nach Lusitanien, wo sich eine religiöse Gemeinschaft um ihn schart. Diese breitet sich dann über mehrere Bistümer aus.

 

Offenbar besonders beeinflusst von Paulus-Texten, entwickelt er eine konsequente Frömmigkeit, die den Glauben verbindet mit Ablehnung weltlicher Güter (Besitz), mit Keuschheit (die Ehe wird mit Paulus zur Notlösung für besonders sexuell triebhafte Menschen erklärt), mit regelmäßigem sonntäglichem Fasten, Ablehnung von Fleischgenuss.

 

Zu den Ungeheuerlichkeiten für viele Bischöfe gehört auch die Teilnahme von Frauen an den frommen Auszeiten mit Rückzug in die Einsamkeit, was bei der etablierten Kirche Phantasien sexueller Orgien auslöst, und die Zelebrierung der Eucharistie außerhalb von Kirchengebäuden und ohne geweihte Priester.

Für den galizischen Bischof und Chronisten Hidatius von Aquae Flaviae ist Priscillian noch schlimmer als die Barbaren, die in Hispanien eingefallen sind. Bischof Hidatius von Merida, sein Hauptgegner, versucht zunächst vergebens, ihm Häresie nachzuweisen. Zwei Bischöfe, deren Sitz wir nicht kennen, Instantius und Salvianus, werden dagegen von Priscillian gewonnen.

 

380 organisieren die Gegner ein Konzil in Caesaraugusta (Zaragoza), an dem 10 hispanische und zwei gallische Bischöfe teilnehmen. Der wesentliche Punkt der Anklage gegen die beiden Priscillian unterstützenden und abwesenden Bischöfe war wohl der, dass sie einen Laien unterstützten. Ansonsten versucht man, Priscillian in eine manichäische Ecke zu drängen (eine verbotene Häresie), ihm maleficere, also verbotene magische Praktiken zu unterstellen und die Nutzung apokrypher Texte.

 

Igitur post multa inter eos nec digna memoratu certamina apud Caesaraugustam synodus congregatur, cui tum etiam Aquitani episcopi interfuere. verum haeretici committere se indicio non ausi: in absentes tamen lata sentencia damnatique Instantius et Salvianus episcopi, Helpidius et Priscillianus laici. (Sulpicius Severus. Chronik II. 47. 2)

 

Im Ergebnis des Konzils kommt es aber zu keiner repressiven Praxis, insbesondere, nachdem Papst Damasius ablehnt, das Bischöfe in ihrer Abwesenheit verurteilt werden.

 

Nach längerer Gegnerschaft schließt sich Bischof Hyginus von Córdoba den beiden anderen Bischöfen an, die Priszillian unterstützen. 381 versuchen Priszillianer, den Bischofstuhl von Mérida zu besetzen, aber die städtischen Massen schlagen sich auf die Seiten ihres Bischofs Hidatius. Kurz darauf weihen Salvian und Instantius Priszillian zum Bischof von Àvila, wo der Bischofsstuhl vakant geworden ist.

 

Nachdem dem Priszillianismus mit innerkirchlichen Mitteln nicht beizukommen ist, werfen Hidatius von Mérida und Itacius von Ossonoba dem allzu Frommen Erntezauber vor, was das Eingreifen der weltlichen Gerichtsbarkeit erzwingt. Bischof Ambrosius von Mailand und Kaiser Gratian werdemn informiert und letzterer um sein Eingreifen gebeten.Der setzt die drei Bischöfe ab, enteignet und verbannt sie.

 

Darauf ziehen diese nach Italien, um beim Kaiser zu appellieren. Eine vornehme Eucrocia, ihre Tochter und andere empfangen sie in Aquitanien. Der Papst weigert sich, sie in Rom zu empfangen,wo Salvian stirbt, ebenso wenig wie Ambrosius in Mailand, der wohl ein dezidierter Gegner des Priszillian ist.

 

Macedonius, magister officiorum des Gratian, stellt sich auf die Seite der beiden, und sie erhalten ein Schreiben, dass sie wieder in ihre Kirchen eingesetzt werden sollen. Unter dem Schutz des Prokonsuls der Diözese Hispania kehren die beiden Bischofe in ihre Bistümer zurück. Sie greifen nun ihrerseits Bischof Itacius von Ossonoba wegen Verleumdung an, der flieht nach Trier, wo er die Unterstützung des prätorianischen Präfekten Gregorius erhält, der negativ über Priszillian an Gratian schreibt.

 

Inzwischen, während Priszillian seine Kirchenreform in Galizien, Lusitanien und der Baetica betreibt, ist nämlich Gratian ermordet worden und Usurpator Magnus Maximus sucht die Unterstützung von Kaiser Theodosius, indem er Zeichen unerbittlicherer religiöser Orthodoxie abzuliefern versucht, die ihn vom zu toleranten Gratian positiv abheben sollen. 384 beruft er ein Konzil nach Bordeaux, Instantius, Priszillian, Hyginus, Hidatius und Itacius erscheinen. Instantius wird verurteilt und Priszillian, überzeugt von der Parteilichkeit des geistlichen Gerichtes, wendet sich nun an das weltliche in Trier.

 

Hier ergeht es ihm noch schlechter, vermutlich wird er gefoltert, jedenfalls gesteht er magische Praktiken, nächtliche Treffen mit Frauen, Predigten in nacktem Zustand etc. Der Kaiser verurteilt ihn und sechs Anhänger (Eucrocia eingeschlossen) zum Tod durch Enthauptung. Instantius wird auf die Scilly-Inseln verbannt. Dann schickt er einen Tribunen nach Hispanien zur Unterdrückung der Häresie und zur Verhaftung und Enteignung der Anhänger.

 

Die Leichen werden nach Hispanien überführt und die Begräbnisstätte wird ein inoffizieller Wallfahrtsort. Zugleich reagieren viele mit Erschrecken über die Hinrichtung eines Bischofs durch eine weltliche Macht. Papst Siricius exkommuniziert alle daran Beteiligten - zumindest aus diesem Grund. Bischof Hidatius tritt darauf aus eigenen Stücken zurück und wird wie Idacius verbannt, weil beide an einem Verfahren beteiligt waren, dass zur Todesstrafe für einen hohen Geistlichen führte. Letzterer schreibt eine ausführliche Verteidigungsschrift, die zur Hauptquelle für Sulpicius Sdeverus und Hieronymus wird. (Hispania, S.209)

 

Und so schwankt denn auch Sulpicius Severus zwischen Bewunderung und Ablehnung, wenn er schreibt, Priszillian stamme aus einer edlen und sehr reichen Familie, ist scharfsinnig, ruhelos und redegewandt, mit weiten und unterschiedlichsten Kenntnisse ausgestattet, talentiert im Gespräch und der Debatte und zu einem besseren Schicksal bestimmt, hätte er nur seine hervorragende Intelligenz nicht verdorben mit verderblicher Bitterkeit. Viel Gutes war an ihm, sowohl geistliches wie körperliches, denn er war imstande,völlig mittellos längere Zeit auszukommen, Hunger und Durst zu ertragen, hatte nicht den geringsten Wunsch, irgendetwas zu besitzen und benutzte kaum etwas. Aber gelegentlich war er eingebildet und von übertriebenem Stolz dem wegen seiner weltlichen Kenntnisse, bis zu dem Punkt, dass man glaubte, dass er sich seit seiner Jugend der Magie gewidmet hatte. Sobald er seine abscheuliche Lehre zusammen hatte, band er an sich mit seiner überzeugenden Autorität und seinem Talent zum Schmeicheln viele Edle und viele aus dem Volk. (Chronik II, 46, 1-5)

 

Mit der Hinrichtung Priszillians ist der Bewegung die Spitze genommen, aber offensichtlich lebt sie noch weiter. 400 wird auf einem Konzil in Toledo unter Leitung des Bischofs Patruinus von Mérida Priszillians Anhänger Bischof Simposius und sein Sohn dazu gebracht, ein orthodoxes Glaubensbekenntnis abzulegen und Priszillian und seine Lehren zu verurteilen:

69 Item Isonius, nuper baptizatum se a Simposio et, episcopum factum, hoc se tenere, quod in praesenti concilio Symphosius professus est, respondit. Vegetinus vero, olim ante Caesaraugustanum concilium episcopus sanctus, similiter libros Priscilliani cum auctore damnaverat, ut de caeteris Acta testantur. De quibus qui consuluntur episcopi iudicabunt.

(…) Vegetinum autem, in quem nulla specialiter dicta fuerat ante sententiam, data professione, quam synodus accepit, ustatuimus comunion nostrae esse reddendum.

Paternum, licet pro catolica fi dei veritate et publicatae haeresis errore libenter amplexi, ecclesiam in qua episcopus fuerat constitutus tenere permissimus; recepturi etiam in nostram communionem quum sedes apostolica rescripserit; (…) Sane Vegetinum solum cum Paterno communicare decrevimus; Symphosius autem senex religiosus, qui quod egerit supra scribimus, in ecclesia sua consistat, circumspectior circa eos, quos ei reddemus, futurus; inde expectabit communionem, unde prius spem futurae pacis acceperat. Quod observandum etiam Dictinio et Anterio esse decrevimus.

(J. Vives, Concilios Visigóticos e hispano-romanos, Barcelona-Madrid, 1963 CSIC, Concilio de Toledo I, pp. 13-14).

 

Die Repressionswelle lässt wohl erst etwas nach, als die “Barbaren” Spanien überrollen. 412 werden Bischof Lazarus von Aix-en-Provence und Bischof Herod von Arles unter den Vorwurf des Manichäismus aus ihren Ämtern vertrieben, andere vertreten asketische Ideale sogar von Metropolitansitzen aus. 446, 447 und noch 563 verurteilen Synoden in Hispanien den Priszillianismus, inwieweit er da tatsächlich noch lebendig ist, lässt sich schwer eruieren. Um 527 schreibt Montano, der Metropolitanbischof von Toledo, an den Klerus von Palencia und wirft ihm zuviel Toleranz gegenüber den Priszillianern vor.

 

An Texten ist von Priszillian nur seine Auseinandersetzung mit Briefen von Paulus erhalten geblieben, an der sich nichts Häretisches im Sinne der Kirche erkennen lässt. Sie vertreten ein Leben in Frömmigkeit und Askese, im Zölibat (im Sinne des Paulus) und unter Verzicht auf den Genuss von Fleisch und Alkohol. Das Studium der heiligen Schriften wird betont, welches in der Kirche das Privileg der Wenigen geworden war.

 

Alles spricht dafür, dass die Vorwürfe der Häresie (Priszillian scheint nicht primär theologisch interessiert gewesen zu sein) und der unerlaubten Magie vorgeschoben wurden und sein paulinisches Christentum durchaus konform mit offiziellen Lehren war. Sein asketisch-evangelisch orientiertes Christentum bedrohte vielmehr die Institution einer reich gewordenen Bischofskirche, in der Bischöfe in ihren Stadt-Palästen das hergebrachte römische Aristokraten-Dasein weiter pflegten, durchaus auch weltliche Macht ausübten und weder der Keuschheit noch anderen Formen der Abstinenz einen hohen Stellenwert einräumten. Von Itacius von Mérida wird berichtet, er habe ein selbst für seine Geistlichkeit zu liederliches Lotterleben geführt.

Geduldet wurden bestimmte klösterliche Einrichtungen, soweit sie unter der Aufsicht der Bischöfe blieben, und die schon ältere römische Tradition der puellae Dei, der Mädchen, die im Schoß ihrer Familie einer heiligen Keuschheit, Virginität geweiht wurden, die vom pater familias ebenso wie von den Vätern der Kirche beaufsichtigt werden konnte.

 

Überhaupt scheint die Institution Kirche beunruhigt gewesen zu sein von dem relativ weiten Raum, der Frauen in diesen Zusammenhängen gewährt wurde, in den asketischen kurzen Rückzügen von Gruppen in die Einsamkeit und wohl auch im regulären Gemeindeleben. Die Phantasien der etablierten Kirche über nächtliche sexuelle Aktivitäten verraten dabei wohl mehr über diese Kirchenherren als über die Priszillianer. Und dazu gehört dann auch ein Gerücht wie das, Prsizillian habe in Gallien sexuelle Beziehungen zu Eucrocias Tochter Procula gehabt.

 

Drei Personen sind uns etwas besser bekannt, die der Askese eine ähnliche Bedeutung wie Priszillian beimaßen: Martin von Tours, Hieronymus und Paulinus von Nola. Der erstere bekam deswegen erhebliche Schwierigkeiten und setzte sich in Trier für Priszillian ein, und der Priszillian-Gegner Itacius wird ihn zur Empörung von Sulpicius Severus ebenfalls diffamieren: ausus etiam miser est ea tempestate Martino episcopo, viro plane Apostolis conferendo, palam obiectare haeresis infamiam. (Chron. II, 50. 4)

Der zweite entflieht wegen ähnlicher Vorwürfe (Verbindung von Askese und engem Verkehr mit heiligen Frauen) ins “Heilige Land” nach Bethehem.

 

3. Christentum und Kirche im vierten Jahrhundert

 

 

Als Konstantin sich entschließt, Christentum und Kirche zu einer seiner propagandistischen und institutionellen Stützen zu machen, hatte sich also das kirchlich kontrollierte Christentum bereits auf eine solche Rolle vorbereitet. Inzwischen entstammen Bischöfe der traditionellen städtischen Oberschicht und verwalten kirchliche Regionen, die mit den weltlichen deckungsgleich waren.

 

Auf dem Weg an die Macht, und das heißt in die Integration in die Machtstrukturen, vollendet sich das Neue, welches seitdem Kirche heißt, ein Machtapparat, der als solcher eine einheitliche Doktrin braucht, ein symbolon, eine Art Glaubenskern, wie schon Konstantin begriff. Dieser konnte nur an der Person Jesu festgemacht werden, und musste darum um das Ende der Evangelien kreisen, um Auferstehung und Himmelfahrt. Was war er gewesen: Ein von seinem Gott besonders begnadeter Prophet, ein Sohn Gottes oder aber Gott selbst auf Erden.

Den geringsten Anspruch an die (Gut)Gläubigkeit der Menschen stellte die erste Version, aber sie hatte mindestens zwei Mängel in den Augen eines Teils der Kirche: Sie reduzierte das Fundament, auf dem der Wahrheitsanspruch der Kirche beruhte, und sie schwächte die nunmehr kirchlich vermittelte Erlösungsperspektive, hatte doch ein vergöttlichter Jesus als christos, Erlöser, vorgemacht, was er seinen Anhängern versprochen hatte: Auferstehung und Himmelfahrt.

 

Für die verschiedenen Versionen stehen in den Quellen herausragende Personen: Der Bischof von Alexandria, Athanasius vertrat mit Kaiser Konstantin das Dogma von der Wesensgleichheit Jesu mit seinem Gott (das zukünftig katholische), einer seiner Presbyter, Arius, vertrat das Dogma von der Wesensähnlichkeit, und in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts wird der Bischof von Konstantinopel, Eudoxius, Kaiser Valens darauf festlegen, dass Jesus Mensch war und Gott nicht einmal wesensähnlich.

 

Zu verstehen ist das Ganze nur für theologisch geschulte Leute, insbesondere, da hinter den drei groben Linien noch eine Vielzahl von Abstufungen und Varianten verborgen sind, von anderen Bischöfen vertreten. Die Kirche hat noch keine monarchische Spitze, obwohl die beiden Hauptstadt-Oberhirten eine gewisse Sonderstellung beanspruchen, der westliche auch, weil Rom die mit Abstand größte Christengemeinde unter sich hat, während der östliche mit Antiochia und Alexandria zum Beispiel konkurrieren muss.

 

Also spricht der eher weniger theologisch geschulte Kaiser Theodosius, den Kirchenmänner auch deshalb später "den Großen" nennen werden, 380 ein Machtwort und bestimmt:

Alle Völker, welche unserer gnädigen Milde Leitung regiert, sollen, das ist unser Wille, in dem Glaubensbekenntnis verharren, welches der göttliche Apostel Petrus, wie bis heute der von ihm verkündete Glaube dartut, den Römern überliefert hat, und dem sichtbar der (römische) Pontifex Damasus folgt und Petrus, der Bischof von Alexandria, ein Mann von apostolischer Heiligkeit; das heißt, dass wir glauben, nach der apostolischen Unterweisung und der evangelischen Lehre an des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes eine Gottheit in gleichartiger Majestät und in frommer Dreifaltigkeit. Die diesem Gesetz folgen, sollen, so gebieten wir, die Bezeichnung katholische (d.h. allgemeine und damit korrekte) Christen beanspruchen, die anderen aber, die nach unserem Urteil Unisnnige und Verrückte, sollen die schimpfliche Ehrenminderung der Häresie erleiden, und ihre Konventikel sollen nicht die Bezeichnung von Kirchen führen. Sie sollen fürs erste durch ein göttliches Gericht, dann aber auch durch Ahndung unseres richterlichen Einschreitens, das wir, gestützt auf des Himmels Ermessen, treffen werden, bestraft werden. (in: Lippold, S.21f)

 

Vielleicht sogar noch bevor er getauft wird, bestimmt der Kaiser, was die wohl wichtigste innerchristliche Glaubensfrage ist, und versucht dann mit der Verfolgung der "Häretiker" eine monolithisch einheitliche Kirche durchzusetzen, das, was Konstantin nicht gelungen war. Der arianische Bischof von Konstantinopel wird vom Kaiser abgesetzt und ein korrekter "katholischer", nämlich Gregor von Nazianz, unter Militärschutz in die Apostelkirche gebracht. Was griechisch "katholisch" heißt, nämlich einziger von oben mit Gewalt verordneter Glaube, wird dann genauso griechisch auch "orthodox", nämlich rechtgläubig. Der rechte Glaube wird so vom Kaiser diktiert, bei den Franken später vom König und noch später vom fränkischen Kaiser, und in der Confessio Augustana von den deutschen Fürsten. Im Zuge der Säkularisierung wird er durch einen "politischen" Glauben ersetzt, genauso von oben verordnet bis heute, und nicht selten mit derselben Brutalität durchgesetzt.

 

Im dritten Jahrhundert, noch unter den Bedingungen gelegentlicher Verfolgungen, teilte sich das Christentum bereits in regionale Massenphänomene einer rigorosen Frömmigkeit, wie das der Circumcellionen, einer Fraktion der Donatisten in Nordafrika, die von den Katholischen unter Führung Roms zu Häretikern gestempelt und nach Möglichkeit beseitigt werden, und in eine – wir sagen heute – „Volkskirche“ von Sündern, deren lässliche Sünden abgebüßt werden können. Als Todsünden hingegen gelten der Abfall vom Glauben und diverse sexuelle Sünden.

 

Mit der Legalisierung der „katholischen“ Lehre und der ihr zugehörigen Kirche lässt sich vermuten, dass in Städten, in denen Christen – besonders im Osten und Afrika - einflussreich werden, es nun einigen auch opportun erscheinen kann, Christ zu werden, ohne einen sonderlichen Hang zu den neuen Formen von Frömmigkeit zu haben. Je deutlicher der Kaiser eine Präferenz für die Kirche zeigt, desto naheliegender kann ein solcher Opportunismus werden.

 

Diesen Lauen in der Kirche kommt es entgegen, dass die zunehmend schwerer verständliche Glaubenslehre auf Credo-Formeln verkürzt wird. Im immer mehr mit Streit um die weltliche Macht verquickten Glaubensstreit spalten sich Gemeinden offenbar in Parteien, die unterschiedlichen Anführern folgen. Wenn dann in einer civitas zwei Bischöfe auftreten, sammeln sich unter ihnen Gefolgschaften, die auch schon mal gewalttätig werden können. Das Christentum verliert auch im Innern seine Friedfertigkeit fast völlig, so wie es weit überwiegend die kriegerische Gewalttätigkeit ihrer Kaiser nach außen bejaht.

 

Das Faszinosum der Grausamkeit für zivilisierte, untertänig gemachte Großstadtmassen im ganzen Reich führt bei Christen zu enormen Ambivalenzen. Das erlaubte Ausleben von Aggressionen und wilden Emotionen im subventionierten Amüsierbetrieb wird von einzelnen christlichen Texten weiter verurteilt, und das Moment exzessiver Lust an Grausamkeit wird langsam durch staatliche Verordnungen etwas abgemildert. Aber die „Spiele“ verschwinden im lateinischen Westen erst, als in den Städten im 5. Jahrhundert die Mittel dafür ausbleiben. Soweit erkennbar, nehmen Christen der „opportunistischen“ und „laxen“ Art als begeisterte Zuschauer daran teil – nunmehr werden sie auch von christlichen wohlhabenden Mächtigen ausgerichtet.

 

Die christliche disciplina, ein wenig auch Nachfolger der stoischen Disziplinierung der Emotionen und Leidenschaften, fördert neben der persönlichen Frömmigkeit auch die öffentliche Untertänigkeit. Zu vermuten ist, dass eine so gesteuerte Aggressivität ihr Ventil nicht nur im lizensierten Amüsierbetrieb (so wie auch heute) findet, sondern die Aggressionen vor allem in einer gesteigerten Latenz hält, die nur „legitimer“ Anführer bedarf, um auszubrechen. Im Zuge der Christianisierung scheint die öffentliche Gewalttätigkeit im 4./5. Jahrhundert eher zu- als abzunehmen.

 

Diese nunmehr christliche Gewalttätigkeit, unterstützt von der zunehmenden Präferenz, die Christen nun durch ihre Kaiser erfahren, richtet sich spätestens seit Kaiser Theodosius I. zunehmend nicht mehr nur gegen Häretiker, also von der katholischen Kirche abweichende Christen (denen ihr Christsein offiziell abgesprochen wird), sondern auch gegen Heiden aller Arten. Zunächst werden die traditionellen Kultstätten in den Städten zerstört, gelegentlich gegen den erbitterten Widerstand der Kultanhänger, was auch mit Mord und Totschlag verbunden sein kann.

 

Zu den von Christen Verfolgten gehören zunehmend auch Juden, die schon Konstantin „verfluchte“.

 

Für die opportunistischen und laxen Christen verwandelt sich die Volkskirche immer mehr in eine, die vor allem von Ritus und Zeremoniell geprägt ist. Dazu gehören der regelmäßige Kirchgang, die Taufe, die Unterwerfung unter die Amtsträger der Kirche, der Verzicht auf außereheliches Ausleben der Sexualität und die monogame Ehe und schließlich das christliche Begräbnis. An die Stelle des Glaubenseifers der frühen Christen tritt für viele die Routine eines von weltlicher wie geistlicher Seite immer ähnlicher sanktionierten biederen Alltags.

 

Als das Christentum im fünften Jahrhundert durch staatliche Maßnahmen aufgezwungen ist, widersetzen sich zunächst immer noch viele einer „Bekehrung“ und selbst in manchen Städten sind die Christen zunächst noch in der Minderheit. Aber eine mehr oder weniger widerwillige Duldung gibt es nur noch für die Juden. Ansonsten gibt es bald kein Entkommen mehr vor der Mitgliedschaft in dieser Kirche samt ihren Abgaben und Pflichten.

 

Mit dieser Zwangsmitgliedschaft in einer „Volkskirche“ schwindet der persönliche Glaubenseifer wohl bei den meisten. In den nunmehr nur noch „christlichen“ Texten ist von Säumigkeit beim Kirchgang die Rede, von Unaufmerksamkeit beim Gottesdienst, wohl vor allem bei der Predigt, vom verfrühten Verlassen der Kirche beim Gottesdienst. Eine Kirche, die nun mit Gewalt christianisiert und missioniert, dürfte sich alles in allem mit der öffentlichen Unterwerfung unter das Kirchenregiment zufrieden gegeben haben.

 

Zu den persönlichen, privaten Pflichten des Christen gehörte zunächst die regelmäßige Bibellektüre und das mehrmalige tägliche Gebet. Mit dem Zerfall des weströmischen Zentralstaates und der Verwandlung der städtischen Selbstverwaltung schwindet die Lesekundigkeit der Menschen und damit der unmittelbare Zugang zu den heiligen Schriften und die Kenntnis christlicher Glaubensinhalte. Über eine persönlich-private Frömmigkeit der meisten sind wir aber kaum unterrichtet.

 

Zu vermuten ist aus dem wenigen, was heute noch betrachtet werden kann, dass Ritus und Sakrament jenes magische Moment beförderten, welches weniger bei Paulus, aber umso mehr in den synoptischen Evangelien vorhanden ist. Der Umgang mit der Trinität dürfte ein theologisches Thema für den höheren Klerus geblieben sein, Gott wurde wohl wesentlich als siegreicher und Sieg spendender, triumphierender Jesus/Christus verehrt. Näher waren sicher schon bald und dann für anderthalb Jahrtausende die Heiligen wegen ihrer größeren Menschlichkeit. Ganz nahe waren Engel und Dämonen, besonders solche, die zu den Heerscharen des Teufels gehörten.

 

Eine von magischen Kräften zusammengehaltene Welt wird vom Klerus auf den allmächtigen Schöpfergott bezogen und seinen bösen Gegenspieler, und sie bedarf mehr denn je Vorgängen der Reinigung vom Bösen und der Eingießung des Guten. Auf diese Weise konnte der Klerus Präsenz im Alltag zeigen.

 

Die Taufe wird zur magischen Befreiung von der zwischen Paulus und dem späten Augustinus entwickelten Erbsünde, und zu diesem Zweck muss das Taufwasser zunächst vom Bösen gereinigt und dann dem Guten geweiht werden. Genau dasselbe geschieht mit dem Weihwasser.

 

Die interne Macht der fest institutionalisierten kirchlichen Hierarchien begründet sich dabei zunehmend aus Ansprüchen an eine besondere Heiligkeit des Klerus, deren wichtigster Ausdruck sexuelle Enthaltsamkeit wurde.

Kurz vor 303 beschließt das Konzil von Elvira in Südspanien, dass Bischöfe, Priester, Diakone und alle Mitglieder des Klerus, die mit der Liturgie verbunden sind, sich ihrer Frauen enthalten sollen und keine Kinder zeugen dürfen. (Kanon 33) Nur eine Schwester oder Tochter, die als Jungfrau Gott geweiht ist, darf bei ihm wohnen (Kanon 27)

(http://www.documentacatholicaomnia.eu/04z/z_0306-0306__Concilium_Eliberitanum__Documenta_Omnia__EN.doc.html)

 

Überhaupt liefert selbst eingedenk regionaler Besonderheiten dieses Konzil anschauliches Material über das Gemeindeleben schon Anfang des vierten Jahrhunderts.

 

 

Spanisches Gemeindeleben um 300

 

Es ist unübersehbar, dass das Christentum sich in den letzten zwei Jahrhunderten in der Welt – so wie sie war – eingerichtet hatte. Der Hierarchie in “der Welt” entsprach die der Kirche – auf dem Weg nach oben entsteht eine ungenierte Bevorrechtigung, die den Bischof genauso betrifft wie den weltlichen Magistraten. Letzterer zum Beispiel darf als Christ, was den kleinen Leuten verboten ist, nämlich heidnische Spiele veranstalten und kultische Feste und dabei notgedrungen sündigen, nur darf er in dem Jahr, in dem er dazu verpflichtet ist, nicht die Kirche betreten (Kanon 56)

 

Sklaverei ist weiterhin für Christen eine normale Angelegenheit, und damit dem Herrn, der seinen Sklaven freigelassen hat (warum auch immer), nicht die Peinlichkeit geschehen kann, dass ihm dieser als Geistlicher vorgesetzt wird, ist das zu Lebzeiten des Herrn verboten. (Kanon 80)

 

Neben den Bestimmungen zur besonderen sexuellen Abstinenz des Klerus beschäftigt sich der größte Einzelkomplex mit sexuellen Verfehlungen und Ehebestimmungen (34 von 81 Kanones), die vor allem Frauen betreffen. Dabei kommt es zu einer verschärften Synthese aus jüdischen und römischen Moralvorstellungen: Jungfräulichkeit (der Mädchen!) vor der Ehe, unbedingte eheliche Treue, massive Kirchenstrafen auf Untreue, uneingeschränkte Unterordnung der Frau unter den (Ehe)Mann:

 

Eine Frau soll nicht einem anderen christlichen Laien ohne die Zustimmung ihres Ehemannes schreiben. Eine Frau darf keine freundschaftlichen Briefe empfangen, die nur an sie und nicht auch an ihren Ehemann gerichtet sind. (Kanon 81)

 

Ein besonderes Thema ist auch die (männliche) Homosexualität, von Heiden geduldet, von der Kirche verabscheut. Die, welche Knaben sexuell missbrauchen, dürfen nicht mehr zur Kommunion zugelassen werden, selbst wenn der Tod naht.

Leben unter Heiden, ohne deren heidnischen Angewohnheiten doch wieder zu verfallen, fiel offenbar schwer. Christen opfern heidnischen Göttern, praktizieren Magie mit dem Ziel zu töten, was beides schwere Kirchenstrafen nach sich zieht (Bußen, Entfernungen aus der Gemeinde über Jahre oder aber “für immer”).

 

Die magische Praxis, die Feldfrüchte zu segnen, wurde von der Kirche übernommen, den Großgrundbesitzern wurde aber untersagt, ihre Feldfrüchte danach noch einmal von Juden segnen zu lassen , was offenbar geschah. Jeder, der das weiterhin macht, wird vollständig aus der Kirche ausgeschlossen. (Kanon 49)

 

Zehn Jahre Buße wurden für denjenigen verhängt, der den Heiden zusieht, wie sie opfern, was offenbar ebenfalls geschah – wenn man dort schon selbst nicht opfern durfte. Der Kanon 59 sieht das Dabeisein für eine ebenso große Sünde an wie das aktive Opfern selbst.

 

Wagenrennen und Schauspielen sind eine Sünde, der diejenigen, die das als Lebensunterhalt betrieben haben, abschwören müssen, bevor sie in die Kirche aufgenommen werden. Selbstverständlich dürfen sich Christen bei so etwas auch nicht vergnügen. (Kanon 62) Verboten sind auch Würfelspiele um Geld (und vermutlich ähnliches), was, wenn man hinreichend bereut, nur zu einem Jahr Kommunions-Entzug als Strafe (Buße) führt. (Kanon 79)

 

Soweit das schon möglich, ist deutet sich bereits die ganze zukünftige Unduldsamkeit der Kirche an. Christen haben ihren Sklaven den Besitz von heidnischen Kultgegenständen zu verbieten, und wenn das nicht möglich ist, sich wenigstens von ihnen fernzuhalten, um nicht unrein zu werden. (Kanon 41: Der magische Charakter nicht nur der eigenen, sondern auch heidnischer Kultgegenstände scheint selbstverständlich zu sein.)

 

Wenn die Tochter eines Christen einen Häretiker, Juden oder Heiden heiratet, werden die Eltern mit Bußen belegt, genauso auch, wenn sie Juden dadurch aufwerten, dass sie mit ihnen zusammen essen.

 

In manchem scheinen sich hier paulinische Vorstellungen durchgesetzt zu haben. In einem unterscheidet sich der Klerus aber offensichtlich damals ganz erheblich. Im Kanon 19 wird nämlich folgendes bestimmt: Bischöfe, Presbyter und Diakone sollen das Gebiet, in dem sie arbeiten nicht verlassen oder in den Provinzen reisen, um gewinnbringenden Geschäften nachzugehen. Wenn es wirtschaftlich nötig ist, sollen sie einen Sohn, einen Freigelassenen, einen Angestellten, einen Freund oder sonst jemanden schicken. Sie sollen sich mit Geschäftsangelegenheiten nur in ihrem eigenen Gebiet befassen.

 

Wie man liest, gibt es noch kein Zölibat, aber auch kein Armutsgebot für den Klerus: ganz im Gegenteil. Andererseits müssen sich Klerus wie Laien an das biblische Zinsverbot halten, andernfalls werden sie ausgestoßen. Biblisch ist zudem das Bilderverbot, in Elvira wird beschlossen, dass keine Bilder in Kirchen sein dürfen, damit sie nicht Gegenstände der Verehrung werden. Ein eigener Kanon, Nummer 52, verbietet dann auch, ersatzweise eigene Kritzeleien in der Kirche zu hinterlassen, was es offenbar auch gab.

 

Nachdem das Konzil, eher eine Synode, weithin Verbote formuliert, die mit Bußstrafen belegt werden, gibt es auch einige wenige Gebote, die auf die Lauheit eines Teils der Christen verweisen. Außer im heißen südspanischen Juli und August ist am Samstag strenges Fasten einzuhalten, um sich auf den heiligen Sonntag vorzubereiten. Der Gottesdienstbesuch am Sonntag ist dann Pflicht, sofern ein solcher erreichbar ist, wer ihn dreimal hintereinander auslässt, wird öffentlich bloßgestellt, indem er darauf für eine gewisse Zeit davon ausgeschlossen wird.

 

Was ist in knapp dreihundert Jahren aus dem evangelischen Christentum geworden: Eine nach Macht und Besitz strebende hierarchische Institution, rigoros verschärfte jüdisch-römische Sexualmoral mit dezidiert patriarchalen Vorstellungen, Praxis aus dem paganen Raum übernommener magischer Vorstellungen, und dazu passend eine Ritualisierung der Glaubensinhalte in Pflichten gegenüber der Institution.

 

Den geweihten Jungfrauen waren wir schon bei Tertullian begegnet. Ihrer Verpflichtung zur Keuschheit entkommen sie nur noch bei lebenslanger Strafe des Ausschlusses von der Kommunion. Handelt es sich um einen einmaligen Fehltritt, den sie bereuen, dürfen sie wenigstens im Angesicht des Todes noch einmal kommunizieren. (Kanon 13) Aus welchem Reservoir an Mädchen die Gemeinden dabei schöpfen können, erklärt Kanon 15: Christliche Mädchen sollen keine Heiden heiraten, wie wenige akzeptable Männer auch da sein mögen, denn solche Ehen führen zum seelischen Ehebruch.

 

Was also bedeutete inzwischen “katholisches” Christentum: Mitgliedschaft in einer Kirchengemeinde und einer herarchisch gegliederten Amts-Kirche vor allem, Gehorsam gegenüber der Institution, Teilnahme an ihren Ritualen und Unterwerfung unter ihre rigorose Sexualmoral. Da kein Christus wiedergekommen war, kam stattdessen die Kirche und trat als Erlöser an seine Stelle. Schon bevor sie sich unter Konstantin mit der weltlichen Macht zu verbünden begann, spiegelte sie in ihren Rängen die weltliche Rangordnung. Und genauso spiegelte sie Ängste einer Zivilisation in permanenter Gefahr der inneren Auflösung, als die sich die römische Kaiserzeit seit Augustus beschreiben lässt. Und von den Ehegesetzen des Augustus bis zu der noch wesentlich brachialeren Gesetzgebung des Konstantin treten bei Kirche und Staat sexuell vermittelte Ängste in den Mittelpunkt. Sie betreffen die voreheliche Jungfräulichkeit der Töchter, die väterliche Autorität darüber, die eheliche Treue besonders der Frauen, zunehmend die sexuelle Orientierung. Mädchen, die mit einem Liebhaber ihrer Wahl in eine Ehe ohne väterliche Einwilligung entkommen wollen, und darum von zuhause fortlaufen, werden 320 von Konstantin mit der Todesstrafe bedroht. Der für das Mädchen zuständigen weibliche Sklavin wird geschmolzenes Blei in den Rachen geschüttet. Das Einverständnis des Mädchens spielt keine Rolle, denn ihre Weiblichkeit macht sie unfähig, eigene Entscheidungen solcher Art zu treffen. (Brown, S. 207)

 

Zwei Dinge sind aber vor allem festzuhalten: Es gibt ganz offensichtlich einen solide gewordenen Gegensatz zwischen den hohen Ansprüchen der Kirche und der Lebenswirklichkeit der Menschen, zwischen "eigentlich" und "wirklich", und es gibt zwei fein säuberlich voneinander getrennte "Sorten" von Christen, die kirchlich beamteten und die Laien. Bei Eusebius in seiner 'Demonstratio Evangelica' heißt das so:

 

Zwei Lebensformen wurden der Kirche vom Herrn gegeben. Die eine steht über aller Natur, und jenseits üblichen menschlichen Lebens; sie lässt keine Heirat, kein Gebären von Kindern, kein Eigentum noch den Besitz von Reichtümern zu … Wie einige der himmlischen Wesen schauen sie herab auf das menschliche Leben, während sie für alle die Pflichten einer Priesterschaft für den allmächtigen Gott ausüben...

Und die niederere, menschlichere Lebensform veranlasst Leute, sich in reinen Ehen zu verbinden, Kinder zu zeugen, die Regierung zu übernehmen, Soldaten, die für das Recht kämpfen, Befehle zu erteilen; das erlaubt ihnen, die Gedanken der Landwirtschaft zuzuwenden, dem Handel und die anderen weltlichen Dinge genauso wie für die Religion (nach: Brown, S.105)

 

 

4. Der heilige Martinus des Sulpicius Severus

 

Das vierte Jahrhundert ist die Zeit zwischen Konstantin und Theodosius. Das Christentum wird erst toleriert und dann Staatsreligion. Am Anfang stehen noch Christenverfolgungen, am Ende gibt es Heidenverfolgungen. Der griechische Osten trennt sich zunehmend deutlicher vom lateinischen Westen und fällt immer stärker aus dem Rahmen dieser Texte hier. Aber auch im Westen verselbständigen sich die Regionen langsam.

 

Die Staatseinnahmen werden immer stärker auf die Bedürfnisse des Heeres hin orientiert, das Militär ist Fundament der kaiserlichen Macht und gewinnt zunehmend an Bedeutung aufgrund des Druckes vor allem germanischer und östlicher Völkerschaften.

 

Für die städtische Oberschicht ist es nun opportun, Christ zu werden, und mit dem Bischofsamt entwickelt sich jenseits des alten und immer obsoleter werdenden cursus honorum ein neues Karriereziel. Mit dem Verfall der alten städtischen Verfassung kommt Bischöfen auch im Raum weltlicher Aufgaben immer mehr Bedeutung zu.

 

Seit den von Konstantin instrumentalisierten Konzilien entwickelt sich eine durch Beschlüsse vereinheitlichte römische Großkirche, eine religiöse Orthodoxie mit einheitlichem Glaubensbekenntnis und einem festgelegten Satz neutestamentlicher Texte. Abweichende christliche Positionen wie die der Arianer werden nun mit zunehmender Härte verfolgt. Nach deren Ansicht gilt nicht die Trinitätsversion des katholischen Credos, denn sie halten Jesus für ein Geschöpf Gottes, während die Welt nicht unmittelbar von Gott, sondern vom Logos geschaffen wurde, in dem erst die Welt sich entfaltet.

 

Die Christianisierung erfasst vor allem die Städte, und auch dort je nach Gegend nur einen Teil der Menschen. Auf dem Lande herrschen noch vor allem pagane Kulte. Mit den Gesetzen des Theodosius Ende des Jahrhunderts sieht sich nun der christliche Missionseifer legitimiert, heidnische Kulte und Kultstätten gewaltsam zu beseitigen.

 

Über jenen Martin, der Hauptheiliger im Merowingerreich der Franken werden sollte, hätten wohl schon diese wenig gewusst, wenn nicht Sulpicius Severus um 396/397 seine Lebensgeschichte geschrieben hätte. Sie formte zusammen mit seinen anderen Texten über ihn das Heiligenbild, welches dann in immer neuen Versionen tradiert werden würde.

 

Severus, in der Mitte des Jahrhunderts geboren, war Sohn einer aquitanischen Familie der Oberschicht, erhielt eine gediegene Ausbildung und wurde dann Anwalt. Seit Studienzeiten war er mit Paulinus befreundet, aus derselben Schicht wie Severus und wohl ebenfalls aus Aquitanien stammend. Der machte Karriere als Statthalter in Kampanien, beschäftigte sich dann aber immer mehr mit dem Christentum und ließ sich nach dem Tod seines einzigen Kindes in Nola nieder, wo er den Schrein des heiligen Felix erneuerte und zur Wallfahrtsstätte mit Pilgerhaus ausbaute.

 

Unter dem Eindruck der Kontakte zu diesem Paulinus und auch eines Besuches bei Martin um 393 verzichtet Severus nach dem Tod seiner Frau auf fast all seinen Besitz und zieht sich 395 auf ein Landgut in Südgallien zurück, wo er eine asketische Gemeinschaft gründet und sich weitgehend mit Schreiben beschäftigt.

 

Ursprünglich war es Sache eines jeden Christen gewesen, Heiligkeit anzustreben, aber in den ersten Jahrhunderten wurden vor allem jene als Heilige angesehen, die als Märtyrer starben, also bis in den gewaltsamen Tod ihren Glauben bezeugten. Mit dem Martin des Severus entsteht nun ein neues Heiligenbild, eine neue Version von Heiligkeit, die an zwei Dinge gebunden wird: Da war einerseits ein heiligmäßiges Leben, und andererseits das Phänomen der Wundertätigkeit, die schon bei Martin über den Tod hinausgehen wird. In beidem gestaltet Severus seinen Martin ganz nach dem Vorbild Jesu, dem er verblüffend ähnelt.

 

Was den historischen Martin angeht, sind wir hingegen auf ganz wenige halbwegs überprüfbare Fakten angewiesen: Er ist irgendwann zwischen 316 und 336 als Sohn eines römischen Offiziers in Pannonien geboren (im Szombathely des heutigen Ungarn). Er wird selbst Soldat, lässt sich in Amiens (?) taufen, scheidet zwei Jahre später aus dem Militär aus, soll sich kurz bei Bischof Hilarius in Poitiers aufgehalten haben und dort den niedrigen Klerikergrad eines Exorzisten angenommen haben. Er zieht dann zurück in die alte Heimat nach Pannonien, um zu missionieren, fühlt sich dort von Arianern vertrieben, zieht in eine Einsiedelei bei Mailand, von wo er durch den arianischen Bischof vertrieben wird und landet schließlich als Einsiedler auf der Insel Gallinar(i)a im Golf von Genua.

 

Inzwischen war Hilarius erst aus Poitiers vertrieben und schließlich doch zurückgerufen worden. Zu diesem zieht er nun und gründet die Einsiedlergemeinschaft von Ligugé südlich der Stadt. 371 wird er Bischof von Tours und gründet das Kloster Marmoutier in der Nähe. 385/86 ist er im Rahmen von Streit mit Häretikern am kaiserlichen Hof zu Trier. Vermutlich 397 stirbt er in Candes bei Tours. (Alles nach: G. Huber-Rebenich, Severus, S.103ff)

 

Auch Heilige sind Menschen und als solche Sünder. Severus aber verzichtet völlig darauf, ihm auch nur eine solche zuzuschreiben, so dass er so sündenfrei wie Jesus selbst wirkt. Schon als kleines Kind strebt er zum Dienst an Gott, als Zehnjähriger flüchtet er in eine Kirche und möchte Taufschüler, Katechumene werden, als Zwölfjähriger schließlich zieht es ihn zum Eremitendasein. Das klingt unwahrscheinlich, wundersam, ist nur erklärlich, weil er eben von vorneherein Heiliger ist. (2,2-4)

 

Den Stolperstein, dass Martin dann wie sein Vater Soldat wird, wohl in einem unteren Offiziersrang, räumt Severus aus dem Weg, indem er dessen Abneigung dagegen deutlich macht: Man muss ihn gefesselt zum sacramentum, dem Fahneneid schleppen.

 

Zwar war es schon lange üblich, dass auch Christen zum Militär gingen, und es gab keine klare gemeinsame Haltung zu dem Thema. Augustinus wird demnächst bestimmte Kriege rechtfertigen. Aber ein Papst Siricius (384-99) verweigerte denen, die nach der Taufe noch Kriegsdienst leisteten, den Zugang zu kirchlichen Ämtern (Severus, S.113) und Paulinus lehnte ebenfalls jeden Militärdienst ab. Martins Nachfolger im Bischofsamt von Tours soll ihm einmal vogeworfen haben, beim Militär gewesen zu sein, während er schon in seiner Jugend im Kloster war.

 

In seinen Jahren beim Heer erweist sich der Martin des Severus dann als christlicher Ausnahmesoldat. Er bleibt integer( ...) ab his vitiis, jenen Lastern, die im Soldatenleben unchristlich erscheinen könnten (2,6). Gegenüber seinen commilitones praktiziert er benignitas (Güte), caritas, patientia (Duldsamkeit) humilitas, sein Leben ist von frugalitas (Enthaltsamkeit) geprägt. (2,7) Und damit noch nicht genug christlicher Tugendhaftigkeit, steht er noch den Mühseligen (laborantibus) bei, hilft den Elenden (miseris), und kleidet schließlich die Nackten (nudos) Crastino non cogitabat, er macht sich auch keine Gedanken über die Zukunft, sondern vertraut eben auf Gott. (2,8).

 

Dieses Muster eines „christlichen“ Kriegers wird – anders wohl als von Severus beabsichtigt - tief in die Welt der kriegerischen Franken hineinwirken, deren Hauptheiliger Martin werden wird. Dieser selbst aber wird am Ende das Militär verlassen, denn nun ist er ein miles Deo. Christi ego sum, pugnare mihi non licet, sagt er laut Severus seinem Vorgesetzten zum Abschied. Ein Soldat Gottes kämpft nicht. (4,3)

Auf welche Weise er dann doch kämpfen wird, nämlich gegen die Heiden und ihre Kulte, wird noch zu zeigen sein. Militant wird er nämlich bleiben und mit dem Heiligenbild, welches Severus schafft, wird das Christentum eben auch eines von zunehmender Militanz werden.

 Die später volkstümlich gewordene Mantelteilung, die wir wie so vieles Severus verdanken, ist für ihn vor allem Voraussetzung für eine Traum-Vision, in der Martin Christus sieht, wie er mit der Mantelhälfte des Bettlers bedeckt ist, entsprechend dem von „Matthäus“ überlieferten Jesuswort: „Was immer ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

 

Nachdem sich Martin darauf umgehend taufen lässt, wird er zwei Jahre später die Armee verlassen, was keine ganz leichte Sache gewesen sein kann. Dabei ereignet sich bereits, so wie es Severus beschreibt, eine Art Wunder. Martin wird Feigheit vor der Schlacht vorgeworfen, er bietet an, nur mit dem Kreuz bewaffnet vor die Feinde zu treten, und wahrhaftig boten diese am nächsten Tag Unterwerfung und ihr Hab und Gut an. (4,2-7)

 

In der Folge wird Martin Menschen, die tot zu sein scheinen, wieder zum Leben erwecken, Kranke heilen, vom Teufel und Dämonen Besessene von ihnen befreien und anderes mehr. In Zukunft wird Wundertätigkeit zum Zeichen für Heiligkeit werden, für Severus ist wohl vor allem wichtig, Martin in einer Art apostolischer Nachfolge Jesu zu beschreiben (vere apostolicus, 7/7) da seine Heiligkeit offenbar zu Lebzeiten nicht unbestritten war.

 

Das Neue an Martin war nämlich vor allem, dass er das asketische Ideal östlicher Eremiten und am Ende dessen Überführung in das Koenobitentum, eine Vorform klösterlichen Lebens, in den lateinischen Westen brachte. Das für sich brachte ihn in den Verdacht der Nähe zu anderen der Askese zugetanen Häresien wie dem von der iberischen Halbinsel nach Gallien eindringenden Prisziallanismus.

 

Genauso ungewohnt war dann aber die Verbindung dieses frühen mönchischen Ideals mit dem Bischofsamt. Einmal, weil Bischöfe auch sehr weltliche Aufgaben hatten, zum anderen aufgrund ihrer Herkunft zu einem eher aristokratischen Lebensstil neigten.

 

Martin aber beharrte auf in vestitu vilitas und blieb in seinem Inneren monachus (10,3), war „ein Mann von verabscheuungswürdigem Aussehen (vultu despicabilem), mit schmutzigem Gewand (veste sordidus) und ungepflegtem Haar“ (crine deformem). Zu allem Überfluss lebte er nicht in einem Bischofspalast in Tours, sondern in einer Einöde in der Nähe, in einer Holzhütte wie einige der anderen monachi, während weitere in Höhlen hausten.

 

Marmoutier war noch kein baulich, sondern nur durch seine verhältnismäßige Unzugänglichkeit abgeschlossenes Kloster. Eigentum und Formen des Handels waren verboten, an Handarbeit war nur Jüngeren das Kopieren von Texten erlaubt. Den Tag verbrachten die Älteren alleine ganz im Gebet, nur zum gemeinsamen Gebet und zum Essen kam man zusammen. (10,6-7)

 

Für den heutigen Leser fällt es schwer, diesen asketischen Heiligen mit der Militanz zusammenzubringen, mit der der mit weltlichen Machtmitteln ausgestattete Bischof gegen die „Heiden“ und ihre Kulte auf dem Lande vorgeht. Dabei geht es um Bauern, rustici in ihren Dörfern (vici) , wo er Tempel einreißen oder niederbrennen lässt und heilige Bäume zu fällen befiehlt. Wo er den Widerstand der wütenden Menschen nicht brechen kann, greift er zu Wundern.

 

Severus spürt wohl das Problem und versichert, Martin habe in der Regel „die Herzen der Heiden“ (gentiles animos) mit „frommer Predigt“ (praedicatione sancta) gewonnen. Es fragt sich, falls man ihm da Glauben schenkt, inwieweit die Landleute dabei nicht der in der Nachbarschaft zu erfahrenden Gewalt ausgewichen sind, aber auch, welches Christentum er ihnen wohl bei solcher Gelegenheit schmackhaft gemacht haben mag.

 

Jedenfalls gibt es unter dem Bischof einen deutlichen Zuwachs an neu etablierten Pfarreien mit wohl durchweg aus Holz erbauten kleinen Pfarrkirchen und vom Bischof ordinierten Landpriestern, verlängerter Arm der bischöflichen Macht auf dem Lande.

 

Aber der Verdacht bleibt, dass die Kirche unter der Bedingung weltlichen Rückhalts bereits damals - wo möglich - ihre Mission mit ungenierter Gewalttätigkeit betreibt. Zwar schreibt Papst Gregor (der Große) seinen Text über die Heiden von Sardinien erst mehrere Generationen später und aus stadtrömischer Perspektive, jedoch beschreibt er nichts anderes als über tausend Jahre Christentum an der Macht:

 

Wenn ihr feststellt, dass sie nicht gewillt sind, ihr Verhalten zu ändern, so befehlen wir, dass ihr sie mit größtem Eifer verfolgt. Sind sie unfrei, so züchtigt sie mit Prügeln und Folter, um sie zur Besserung zu zwingen. Sind sie aber freie Menschen, so sollen sie durch strengste Kerkerhaft zur Einsicht gebracht werden, wie es angemessen ist, damit jene, die sich weigern, die Worte der Erlösung anzunehmen, welche sie aus den Gefahren des Todes erretten können, durch körperliche Qual dem erwünschten gesunden Glauben zugeführt werden. (Epistel 9)

 

Gegen Ende seines Buches schreibt Severus von seiner persönlichen Begegnung mit Martin, und aus dem weltlichen Machthaber wird wieder der asketische Heilige:, der den Gästen die Füße wäscht und vor den Verlockungen der Welt (mundi inlecebras) und den irdischen Besitzungen, die von Gott entfernen (saeculi onera) warnt. (25,4) Dieser legendäre Martin stellt seinen Besuchern Paulinus als Vorbild für sich und alle Christen vor: Indem er, ein Reicher und Besitzer vieler Güter, gemäß dem Wort des Herrn alles verkauft und den Armen gegeben habe, habe er durch sein Beispiel das Unmögliche möglich gemacht (inpossibile possibile).

 

Auch damit wird deutlich, an wen Severus, was ohnehin naheliegt, seinen frommen Text richtet: An die landbesitzende gallorömische Oberschicht vor allem, die aufgefordert wird, sich wie Paulinus, Martin und bald auch er in die direkte Nachfolge Jesu zu begeben. Unter dieser gibt es offensichtliche sogar einige, die dazu bereit sind. In Marmoutier sollen nicht zuletzt Leute der Oberschicht versammelt sein, und aus ihrem Kreis, so schreibt Severus, seien dann auch Bischöfe hervorgegangen.

 

Hinter diesem literarisch durchaus geschickt und kunstvoll angebotenen Bild eines Heiligen ist es fast unmöglich, den Menschen zu entdecken. Severus fällt es schwer, schreibt er, die vita interior, das Innenleben des Martin zu beschreiben. Es scheint unsichtbar zu sein, denn er war nie erzürnt (iratus), erregt (commotus), traurig (maerens) oder lachend (ridens). Unus idemque fuit semper: Er blieb sich immer gleich. (27,1)

 

Vielleicht schauen wir eher etwas tiefer in Severus hinein, wenn er uns eine Welt beschreibt, die voller Teufel und Dämonen ist, denen Martin unerschrocken und souverän begegnet. Martin selbst trifft offenbar des öfteren auf den Teufel in menschlicher Gestalt, ein in gewissem Sinne auch Nichtchristen vertrautes Erlebnis. Ansonsten nimmt der Teufel auch die Gestalt der römischen Götter an, überhaupt jede Gestalt, und besiegt wird er durch soliden Glauben, das Kreuz und Gebete.

 

Die Vorstellung von einer Welt voller Teufel und Dämonen müsste nun auf Angst und Schrecken schließen lassen, oder eher umgekehrt auf eine frei vagabundierende Angst, die dadurch gebannt würde, dass sie sich die Bedrohung als den Feind sucht, identifiziert und vernichtet. Alle Ambivalenzen würden so in ein striktes duales System aus gut und böse eingeordnet.

 

Andererseits verlangt ein asketisches Leben sei es als Eremit oder in einer mönchischen Gemeinschaft ebenso Stärke wie der souveräne Verzicht auf „weltlichen“ Besitz. Es bleibt nichts anderes übrig, als beides nebeneinander stehen zu lassen.

 

Womöglich sind zwei Begegnungen mit dem Teufel bzw. einem daemonius etwas aufschlussreicher, der zweimal von einem Menschen Besitz ergriffen hat und einmal Martin höchstpersönlich in Versuchung führt (temptatio). Jedes Mal deutet sich ein problematischer Konflikt zwischen Askese und Körperlichkeit an, der die Organe des Essens, der Verdauung und Ausscheidung betrifft.

 

Bei den beiden Besessenen, die sich unter der Knute des Dämons selbst dämonisch aufführen, mit ihm quasi identisch werden, äußert sich das an dem aufgerissenen Gebiss: Er beißt einmal wütend mit reißenden Zähnen nach jedermann (17,1), einmal knirscht er mit den Zähnen und droht mit weit aufgerissenen Zähnen zu beißen. (17,6) Letzterem besonders schreckliche (horribilis) Dämon steckt Martin die Finger in den Mund und fordert ihn auf, sie zu verschlingen (hos devora, 17,7) Das bringt der aber bei dem Heiligen nicht fertig.

Aulnay, Saint Pierre
Aulnay, Saint Pierre

In Kirchen des hohen Mittelalters werden wir den Zähne zeigenden und fletschenden Dämonen überall begegnen, wie hier außen an der hochromanischen Kirche Saint Pierre etwas außerhalb von Aulnay an der Grenzlinie zwischen Saintonge und Poitou. Manchmal wird behauptet, es handele sich bei diesen außen angebrachten Kleinskulpturen um Gefahrenabwehr, eine "apotropäische" Aufgabe. Aber zum einen findet man solche Figuren auch in den Kirchen insbesondere der Romanik, zum anderen handelt es sich hier um eine Wallfahrtskirche an einer der Hauptstrecken des Jakobsweges. Gerade Pilger aber sollten die Gefahren unterwegs für das Seelenheil immer wieder deutlich gemacht werden, waren sie ihnen fern der "sozialen Kontrolle" am Heimatort besonders ausgesetzt. Dämonen aber zeigen (ihre) Zähne.

Aulnay, Saint Pierre
Aulnay, Saint Pierre

 

Hier sieht man die Teufel rund um ein Kapitell derselben Kirche, wie sie die Sünder verschlingen, mit aufgerissenem Maul und deutlich sichtbarer Zahnreihe. Die Sünder knien ergeben, die Arme angewinkelt ausgebreitet, sie begeben sich bereitwillig in den Rachen der Teufel, denn die Sünde ist angenehm und verlockend. Gerade in Südwest-Frankreich, dort wo die Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela durchkommen, werden ihr außen und innen in der Kirche nicht nur die zu meidenden Sünden vorgeführt, sondern auch die Teufel, und was diese mit ihnen machen werden.

 

Aulnay, Saint Pierre
Aulnay, Saint Pierre

 

Außen in Aulnay sieht man die nächste Etappe. Der Teufel hat den Körper bis zum Unterleib verschlungen, der Sünder kniet nicht mehr vor ihm, sondern seine Beine sind bereits, leicht angewinkelt noch, beim Verschwinden des Körpers ein Stück weit mit hochgezogen worden. Anderswo schauen nur noch die Füße und die Unterschenkel heraus.

Der Dämon der zweiten Hälfte von Kapitel 17 schafft es nicht einmal, durch den Mund zu entweichen, was bei Martins Fingern in demselben wohl Erbrechen bedeutet hätte, und wird mit einem Durchfall ausgeschieden (foeda relinquens vestigia fluxu ventris egestus est 17,7)

 

Die Versuchung des Martin in seiner cellula betreibt hingegen ein enorm prächtiger, heiterer, attraktiver Teufel, der behauptet, Christus zu sein. Die Versuchung ist die Verlockung weg von der Askese. Aber Martin lässt sich nicht täuschen und der Teufel verflüchtigt sich wie Rauch, und erfüllt die Zelle mit einem solchen Gestank, mit dem er untrügliche Zeichen hinterließ, diabolus fuisse (24,8) Dies nun hat Severus, der verspürt, dass solches etwas unglaublich wirkt, von Martin höchstpersönlich erfahren.

 

Beißen, Verschlingen, mit Gestank Ausscheiden wird in Zukunft zum Teufel und seinen Helfershelfern (den gefallenen Engeln) gehören. Das assoziiert sich zunächst mit wilden Tieren, sogenannten Raubtieren, von denen es damals in Gallien noch mehr gab als heute. Es verbindet sich mit Unbezähmtheit, wilder Gier, dem Gegenbild zur Askese, der radikalen Domestikation.

 

Es legt aber überhaupt ein Problem mit der eigenen „Leiblichkeit“ nahe, jener Last, onus des Severus-Textes, mit der der Körper mit seinen Vorgängen die Seele beschwert.

 

Die christliche Seele ist nicht so leicht verortbar, aber die Vorstellung von ihr ist im Gehirn beheimatet. Der Kopf nun, in dem das Gehirn aufgehoben ist, hat von Natur aus eine dienende Funktion für den Körper. Die Entstehung von Zivilisationen – hier im Abendland in der frühen Antike – scheint nach und nach dieses Verhältnis umgekehrt zu haben: So wie die Menschen in ein dienendes Verhältnis zu Institutionen geraten, so der Körper in ein dienendes Verhältnis zum Kopf und seinen Eingebungen. Die Vorstellung von Heiligkeit als Reinheit der Seele und Unreinheit des Körpers führt dann dazu, dass der Körper, der „Leib“, als Gefängnis der Seele betrachtet wird, aus dem es sich zu befreien gilt.

 

Die aufgeschriebene Geschichte der Menschen bis ins hohe Mittelalter ist aber die von ganz wenigen, und die der christlichen Spätantike bzw. des „frühen Mittelalters“ ist im wesentlichen zudem von hohem Klerus und wenigen Mönchen überliefert. Das liefert ohne Zweifel ein völlig schiefes Bild.

 

Die Feinheiten des christlichen Glaubens, wie sie in den Texten der wenigen Frommen überliefert sind, die Debatten über die Rechtgläubigkeit, die Forderung nach Heiligkeit dürften weit entfernt sein von der Lebenswirklichkeit der meisten. Wir wissen, dass sie bis tief ins hohe Mittelalter vor allem ihren eigenen, mündlich vermittelten Traditionen verhaftet bleiben, ihren Geschichten, ihren Liedern und Tänzen.

 

Nur selten gelingt es, einen kurzen Blick hinter die erhaltenen Zeilen zu erhaschen, so dass wir überhaupt etwas von ihnen erfahren. Diese Situation wird erst besser werden in einer Zeit, in der diese Meisten noch sehr unzulänglich christianisiert sind gemessen an den frommen Texten der Spätantike, aber schon dabei sind, sich abgesehen von kurzen leidenschaftlichen Aufwallungen mit den Mächtigen ihrer Zeit von den Ansprüchen der Heiligkeit förmlich zu verabschieden. Wir bekommen erste Einblicke in volkssprachlichen Texten, in denen plötzlich auftaucht, was so lange mangels Schriftlichkeit verborgen war.

 

Der Severustext über Martin ist an die lesende Oberschicht gerichtet, die zur Heiligkeit aufgerufen wird. Das „Volk“, der populus taucht auf, um Martin zum Bischof zu machen. Wer damit gemeint ist, bleibt völlig unklar, es wird einfach in Gegensatz gesetzt zu den Bischöfen der Region, die sich gegen Martin als Mitbischof wenden. Es taucht zudem auf als heidnische Landbevölkerung, von der wir nicht mehr erfahren, als dass sie zu bekehren sind. Und schließlich in Leuten wie dem Sklaven eines hohen Herrn, von dem wir nur erfahren, dass er vom Dämon besessen ist, von dem ihn Martin befreit.