RÖMISCHE ANTIKE

 

Republik

Der Weg ins römische Imperium

Macht, Politik und Bürgerkrieg

Geschichtsschreibung: Die Geschichte der wenigen und die vielen anderen (Exkurs)

Römische Zivilisation bis Augustus

Grundzüge des Kaiserreiches bis Commodus (Ausdehnung / Militär / Herrschaft / Land / Städte / Verrohung / Sklaverei / Handwerk, Handel / Technik / Religion)

Völker, Stämme, Wanderungen und das Reich

Das Reich von den Severern bis Diokletian (Germanen / Innere Entwicklung / Christentum)

Konstantin

Von Konstantin bis Theodosius (Erlösungssehnsucht / Verstaatliches Christentum / Pöbel)

Das Schwinden des westlichen Imperiums

 

 

Republik

 

Kapitalismus wird auf dem Boden der ehemaligen Westhälfte des Römischen Riesenreiches entstehen, und zwar zunächst vorrangig in Städten, die römische Gründungen waren oder wenigstens in solchen, die von ihnen lernen.

 

Rom wird aus Streusiedlungen auf Hügeln im späten siebten und frühen sechsten Jahrhundert unter einem etruskischen Herrscher, den die Römer später in ihrer Sprache als rex bezeichnen, zur Stadt. Die sumpfigen Niederungen werden aufgeschüttet, Foren als Versammlungsorte werden angelegt, und zur Zeit der Vertreibung des etruskischen Herrschers um 510 wird den drei Hauptgöttern auf dem Kapitol ein zentraler Tempel gebaut.

Die italische Halbinsel samt den benachbarten Inseln besteht derzeit aus den städtischen und mit einer Schrift versehenen Zivilisationen der Etrusker, die sich bis tief in die Poebene ausdehnen, höchstens anzivilisierten Bergvölkern östlich und südlich davon, und noch weiter südlich und auf Sizilien aus reichen griechischen (Kolonial)Städten, poleis. Rom, zur latinischen Sprachgruppe gehörend, ist zwischen etruskischen Städten und diese in räuberischer Absicht bedrohenden Stammesvölkern gelegen.

 

Miteinander verbundene Sippenälteste versammeln sich innerhalb der einen Friedenraum umschließenden Stadtgrenze (pomerium) in Kuriatskomitien, um im kultischen Akt der Inauguration durch Vogelzeichen den gottgewollten König einzusetzen. Mittels des auspicium gewinnt er so sein gottgewolltes imperium.

 

Die Stadt ist derart Machtbereich und Kultgemeinschaft, aber auch Rechtsgemeinde und bewaffnetes Aufgebot. Dieses versammelt sich in Dritteln, den tribus, von denen jede aus 10 Kurien besteht, die wiederum Reiter und Infanterie beinhalten. Diese aristokratisch-kriegerische Stadtgemeinde wählt auch nach der Vertreibung des rex in einem kultischen Akt den Vertreter der obersten Befehlsgewalt.

 

Die Familie, die auf bäuerlichem Grundbesitz, Vieh (pecunia) und Gesinde beruht, unterliegt der Befehlsgewalt des pater familias, was man im Unterschied zu modischen Titulierungen der letzten Jahrhunderte tatsächlich als Patriarchat bezeichnen kann. Aus der Schicht der Kleinbauern erheben sich aufgrund von immer mehr Eigentum immer deutlicher Väter, patres, die als Patrizier die Spitzen der republikanischen Gemeinde bilden und sich den Besitz von Pferden für Kampf und Krieg leisten können. Als Väter bilden sie auch den Ältestenrat (senatus), der zunächst den rex berät und nach dessen Vertreibung Zentrum aristokratischer Machtausübung wird.

 

Ende des 5. Jahrhunderts nimmt die etruskische Herrschaft und die mancher griechischer Städte unter den Einfällen von Samniten, Oskern und anderen Stämmen ab und dabei verschwindet auch das etruskische Stadtkönigtum von Rom. Die Patrizier teilen sich nun die kultischen, rechtlichen und politischen" Funktionen.

 

In den Kulten wird der Einklang mit dem Willen der Götter gesucht, einmal durch die Opfer, einmal, indem man ihn in der Deutung des Vogelfluges, der Eingeweideschau und manchen anderen Absonderlichkeiten herausfindet. Die Macht der Stadt, ihrer Väter mit großem Grundbesitz und das Wohlwollen der Götter bilden eine Einheit, weswegen die Patrizier denn auch über die wichtigen Kulte verfügen.

 

Die anwachsende Stadt lebt vor allem von Landwirtschaft des Umlandes, aber auch etwas von Handwerk und Handel, und wirtschaftlicher Erfolg gewährleistet einigermaßen inneren Frieden.

Mit dem Begriff der res publica, den öffentlichen Angelegenheiten im Unterschied zu den privaten, wird dabei zum ersten Mal ein Wort für ein Staatswesen überliefert. "Republik" taucht dann kurz im 17. französischen Jahrhundert auf, um im 18. Jahrhundert auch in andere Sprachen einzugehen, wobei nunmehr allerdings unter dem Einfluss politischer Ideologien Republik immer mehr als nicht-monarchische Staatsform propagiert wird, so dass ganz formal gesehen das Vereinigte Königreich Britanniens heute keine Republik wäre bzw. ist. Andererseits blieb selbst das große Römerreich unter der Herrschaft von principes nach eigenem Selbstverständnis res publica.

 

Das, was heute bei aller üblichen Unklarheit als Staat bezeichnet wird, ist allerdings ein recht modernes Konzept. Nach dem Mittelalter hatte sich aus dem lateinischen status der italienische stato entwickelt, eine Form verfasster Macht. Der französische état bezeichnete dann zusätzlich den Haushalt des Machthabers und seine Hofhaltung. Erst mit der gedanklichen Lösung des auf Macht beruhenden Gebildes von der Person des Herrschers bzw. seiner Dynastie entsteht die vor allem politisch verstandene Staatlichkeit als eigenständige Vorstellung. Im später von Historikern so bezeichneten Nationalstaat entwickeln Hobbes und Locke zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen solcher (moderner) Staatlichkeit, eine realistische und eine idealistische, wenn man das vereinfacht so sagen möchte. Die letztere, besser geeignet zum Verschleiern sowohl der Machtverhältnisse wie insbesondere der Unterordnung unter Kapitalinteresse wird sich durchsetzen.

 

Wesentlich für diese Adelsrepublik wird die zunehmende Bedeutung der Phalanxordnung des Fußvolkes, jener Masse der Kleinbauern (plebs), die sich Rüstung (Brustpanzer und Beinschienen), Schild, Speer und Schwert leisten können. Reiterei und Fußsoldaten zusammen bilden nun jene Heeresversammlung der Centuriatskomitien auf dem Marsfeld, welche immer stärker das Recht bekommen, die obersten Magistrate zu wählen, die das imperium innehaben, oberste Befehlsgewalt in Krieg und Frieden.

Aus den Anführern, Tribunen, der drei Versammlungen der Phalanx, also der Plebs, entsteht das Amt des Volkstribunen, der dann auch gegen Handlungen der Magistrate und gegen Senatsbeschlüsse Einspruch erheben kann und dafür sakrosankt wird, also unantastbar.

 

Die Tendenz in Richtung auf ein staatliches Gewaltmonopol schlägt sich schon 451/450 in dem schriftlich fixierten Zwölftafelgesetz nieder, auf dem das ganze später entfaltete Rechtswesen basiert. Es beschränkt aristokratische Gewalttätigkeit, geht mit der Schuldsklaverei ruinierter Kleinbauern um, verbietet die Ehe zwischen Patriziern und Plebejern, um ersteren das Monopol auf die hohen Kulte zu erhalten, besteht aber ansonsten auf dem Prinzip der Rechtsgleichheit.

 

Der große Grundbesitz der Patres/Väter begründet so eine kultisch und militärisch begründete Adelsrepublik, an die die Kleinbauern aus militärischen Gründen als Plebs angeschlossen werden.

 

Der Weg ins römische Imperium

 

Während hellenische Städte Kolonien bilden und Konkurrenten in Abhängigkeit bringen, schreitet die Stadt Rom durch immer weitergehende Eroberungen zur Reichsbildung, wie sie eigentlich ansonsten für Despoten wie die hellenistischen in der Alexandernachfolge üblich ist.

 

Die Etrusker werden zwischen Kelten und Römern zerrieben, seitdem auch Rom als Landmacht immer weiter expandiert. Kurz nach 400 v.d.Zt. marschieren keltische Stämme in Norditalien ein und lassen sich dort nieder. Vielleicht weil die Kelten wohl früh Geflügelzucht betrieben, nannten die Römer ihren norditalienischen Zweig "Galli" (Hähne), woraus ihr Siedlungsgebiet viel später zur Gallia wird, zu Gallien also (wie F. Werner meint).

396 wird das etruskische Veji erobert, die heimische Bevölkerung wird "getötet, versklavt oder vertrieben, und römische Bauern besiedelten das Land." (Bringmann, S.49). Damit geraten auch die Salinen an der Tibermündung in die Hand Roms. Das stadtrömische Gebiet verdoppelt sich und vergrößert sich dann im Bund mit den Latinern.

387 plündern Gallier Rom, aber es gelingt den Römern, sie zurückzuschlagen und in ihr Territorium einzudringen. Die Erfahrung dieser Bedrohung wird die weitere Militarisierung der Stadt fördern.

 

Die Stadtrepublik entwickelt sich zu einem „Reich“, welches später mit dem Begriff für die Reichweite vor allem militärischer Befehlsgewalt bezeichnet wird: Imperium.

Der römische Militarismus, der das Reich bis zum Ende kennzeichnen wird, und an den die germanisch dominierten Folgereiche direkt anknüpfen werden, hat  eine Wurzel in den Privatfehden der Patres gentilizischer Verbände und eine zweite in der Bedrohung durch Raubzüge geringer zivilisierter Stämme. Zudem dient kriegerische Expansion der Versorgung der überzähligen Söhne der kleinbäuerlichen Landwirtschaft.

 

Das Unheil des Krieges und damit verbundener brutaler, blutiger Gewalt wird so von Anfang an auf das Entsetzlichste alltäglich, geradezu normal. Rom wird versuchen, es soweit als möglich an seine Grenzen abzudrängen, was aber nie ganz gelingen wird. Reichsbildungen werden Entfaltungen abscheulichster menschlicher Raubtiermentalität.

Es wird fast Jahr für Jahr nun irgendwo im wachsenden Machtbereich der Römer Aufstände geben, Zwangsumsiedlungen oder Ausrottungen ganzer Völkerschaften, und am Rande des Imperiums Angriff oder Verteidigung, oft kaum zu unterscheiden.

 

Einiges kommt noch hinzu: Langsame Bevölkerungsvermehrung und bäuerliche Verschuldung können durch den gewaltsamen Gewinn neuen Bauernlandes abgemildert werden, und als dann später die Veteranen der Heere abgefunden werden müssen, bedarf auch das neuer Gebiete.

 

Die Zenturiatskomitien werden so organisiert, dass jede nur eine Stimme hat, wobei die oberen 97 der 193 Vermögensklassen, in die sie nun eingeteilt sind, mit ihrem am Anfang stehenden Votum bereits den Ausschlag geben. Zudem erhalten die ländlichen nun einen Vorrang vor den städtischen Tribus (Dritteln). Neue Gebiete werden den alten Dritteln zugeschlagen. Immerhin wählt die Versammlung weiter jährlich die hohen Magistrate (Konsuln, Prätor, Quaestor, Ädilen) und beschließt Kriege.

Aus den patrizischen Magistraten entsteht 366 der Konsulat, in das man nun auch über das Volkstribunat gelangen kann, was tatsächlich in diesem Jahr auch geschieht. 339 werden Plebejer auch zum Zensorenamt zugelassen, nach dem kurz zuvor schon einer von ihnen Prätor geworden war.

Seit etwa 312 können auch plebejische Vertreter aus Spitzenämtern in den Senat gelangen. Damit entsteht die nobilitas, eine neue Aristokratie, bei der die alten patrizischen Familien allerdings weiter für die hohen Kulte privilegiert bleiben. Plebiszite mit Gesetzeskraft der Sonderversammlung der Plebs (die bald Tributkomitien heißen werden) gibt es aber erst seit 287. Die neue Nobilität wird eine Meritokratie der Verdienste um den Staat

Der immer schwierigeren wirtschaftlichen Lage von Kleinbauern und städtischen Armen nutzt das aber zunächst wenig.

 

Neben Krieg gegen die Latiner, die zum großen Teil erobert und schließlich in das römische Imperium eingegliedert werden, finden im 4. Jahrhundert Abgrenzungsversuche zwischen karthagischer und römischer Piraterie und Koloniegründung statt. Danach werden nach und nach die Gebiete der Samniten erobert und dann die Kontrolle über Süditalien verfestigt. Im 3. Jahrhundert gerät Italien bis zu den Appeninnen in römische Hand. Gebiete werden annektiert und in den römischen Bürgerverband aufgenommen oder als Untertanengemeinden, Munizipien anerkannt, andere kolonisiert und wieder andere zu Bundesgenossen mit der Pflicht der Heeresfolge gemacht. Dabei haben sie "das souveräne Recht auf eigene Kriegführung" verloren. (Bringmann, S.52)

 

Das Heer besteht weiter aus einem Bürgeraufgebot, für Söldner fehlt eine entfaltete Geldwirtschaft. Für 225 überliefert Polybios ein potentielles Heer von 325 000 Römern und römischen Untertanen, 85 000 latinischen Bundesgenossen und und rund 500 000 weiteren. Im Vergleich dazu müssen die Karthager in hohem Maße auf Söldner zurückgreifen. Im dritten Jahrhundert dann verbreitet sich Münzgeld im römischen Reich und damit beginnt die res publica ihr Militär mit Waffen auszustatten.

 

Nach dem Krieg gegen Pyrrhus und der Eroberung Süditaliens gerät Rom 264 in einen Krieg mit Karthago. Damit muss Rom auch zur Seemacht werden. 241 siegreicher Friede. Auf dem Weg zur Eroberung Norditaliens ("Galliens") muss noch ein zweiter Krieg gegen die Punier unter Hannibal gewonnen werden. In diesem Zusammenhang wird Scipio Africanus, nachdem er schon zu jung Ädil wurde, nun auch noch außerhalb der üblichen Ämterlaufbahn Oberbefehlshaber. Damit beginnen die Sonderkarrieren charsmatischer Machtmenschen. Nach Zama 202 ist die karthagische Macht gebrochen.

Mit Sizilien und zwei hispanischen Provinzen wird Rom zur Mittelmeer-Vormacht im Westen

 

Kurz vor 200 ist "Gallien", also Norditalien" erobert und seine Romanisierung beginnt. In der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts wird die Macht Makedoniens gebrochen und dann Hellas in das römische Reich integriert. Dabei kommt es teilweise gegenüber nichthellenischen Völkern und noch einmal gegenüber Karthago 146 zu brutalen Verwüstungen und zum Verkauf riesiger unterworfener Menschenmassen in die Sklaverei. Nun gibt es die Provinzen Africa und Asia.

 

Den Landweg zwischen Italien und Spanien erobert Rom dann noch gegen Ende des 2. Jahrhunderts und gründet eine Gallia Transalpina, die später nach ihrem Hauptort zur Narbonensis wird. Überall am Rande des römischen Reiches wird Rom nun als Schlichter und Interessenvertreter angerufen und auch so in Konflikte hineingezogen.

 

Provincia ist ursprünglich der militärische und rechtliche Amtsbereich eines Konsuls oder Praetors. Zur Verwaltung des Reiches werden zunächst mehr Praetorenstellen geschaffen, und dann werden ehemalige Konsuln und Praetoren als Prokonsuln und Propraetoren über Provinzen, nunmehr eroberte Regionen, eingesetzt. Für Sizilien werden Steuerpächter eingesetzt, publicani, auf der iberischen Halbinsel wird ein fester Tribut eingezogen, auf den der Statthalter mehrere Prozent für eigene Bedürfnisse aufschlagen darf. Die Ausplünderung von Provinzen durch ihre Herren beginnt damit, dass Statthalter dort die Kosten ihrer politischen Karriere wieder hereinholen und dann Reichtümer ansammeln.

 

Rund 150 Jahre Kriege gegen die iberischen Völkerschaften beginnen nun bis zu deren fast vollständiger Unterwerfung. Von neuen Kolonien vor allem in Baetica aus werden iberische Metallvorkommen, vor allem Silber und Gold, nun ausgebeutet. Alleine in verpachteten Silberminen bei Neukarthago (Cartagena) gewinnen rund 40 000 versklavte Minenarbeiter für den römischen Staat Unsummen Geldes.

Diodor schreibt: Die in den Metallbergwerken Arbeitenden schaffen ihren Herren riesige Gewinne, sie selbst aber müssen sich, Tag und Nacht arbeitend, aufreiben, und viele sterben infolge des Übermaßes der Leiden. Eine Unterbrechung oder eine Pause beim Arbeiten gibt es nicht, sondern angetrieben von den Schlägen der Aufseher müssen sie fürchterliche Strapazen ertragen und verlieren so auf elende Weise ihr Leben. (in: Bringmann, S.153) Man sieht, dass nicht erst Bolschewiken und Nationalsozialisten die Konzentrationslager erfinden werden, sondern schon spätestens die bis heute so bewunderte Antike.

 

Derweil haben Völkerschaften der germanischen Sprachfamilie längst begonnen, die Kelten von Norden her zu vertreiben. Der germanische Druck führt zu neuen keltischen Wanderbewegungen unter anderem der Belger, die sich im heutigen Südengland und gegenüber auf dem Festland niederlassen. Dabei kommt es aber gelegentlich auch zu Bündnissen von Germanen und Kelten wie dem der Kimbern und Teutonen, die gemeinsam die Alpen überqueren und ins römische Reich eindringen.

 

Von Germanen und Kelten wissen wir außer von den dürftigen Zeugnissen der Archäologie hauptsächlich durch römische Texte. Sie waren sich wohl nicht nur im Aussehen ähnlich, hochgewachsen, hellhäutig und mit hellen Haaren, sondern ihre Stammeskulturen waren auch verwandt bis darauf, dass der Weg in die Zivilisation, also in Herrschaftsstrukturen, bei Kelten schon weiter fortgeschritten war. Dazu gehören bei diesen stadtähnliche Siedlungen, von Fürsten beherrscht, und einer Art kriegerischer Oberschicht darunter. In der Eisenproduktion und ausgedehntem Handel liegt ihre eine Stärke, die andere in furchterregendem Kriegertum.

 

Politik und Bürgerkrieg

 

Der Weg von der Stadt als Republik zum große Teile des Mittelmeerraumes umfassenden Großreich, dem imperium als Reichweite der Macht der Befehlshaber des römischen Heeres, entsteht im wesentlichen mit brachialer Gewalt. Mit ihm entsteht ein nicht nur geographisches Italien, sondern auch eines als "politische" Einheit. Vereinheitlichung findet durch die sprachliche Latinisierung zunächst der Oberschicht und die Verleihung des Bürgerrechtes an Eroberte statt. Dabei bleibt einiges vom hellenischen Süden der Halbinsel erhalten.

 

Der Weg ins Großreich bringt viele massive Verwänderungen mit sich. Mit dem Einzug der Geldwirtschaft in Münzform, der immer neuen riesigen Kriegs-Beute, die insbesondere im hellenischen Osten auftaucht, den enormen Abgabenmengen der eroberten Gebiete, soweit sie nicht in die Stadt-Republik integriert werden, entsteht eine schwerreiche Oberschicht, deren Besitz an Grund und Boden auch staatlich gefördert immer weiter zunimmt. Während große Teile Italiens romanisiert werden, schwappt vom griechischen Süden und aus Kern-Hellas eine erste Überfremdungswelle über die "Römer" hinweg, die vor allem die Hauptprofiteure der Oberschicht erreicht. Ein dekoratives bis propagandistisches Amüsiergewerbe aus "Kunst" und Literaten entsteht zusätzlich zum Massenamüsement in Arenen und Theatern. Die römischen Kulte, zum großen Teil schon lange zu machterhaltenden Staatskulten erstarrt, werden durch griechische und später auch orientalische ergänzt.

 

Die Versorgung der Grundbedürfnisse der städtischen Massen und die mit Luxusartikeln für die kleine Oberschicht samt den Kriegsgewinnen führen zu einer enormen Erweiterung des Handels. Überall über das Reich verteilt nimmt so Handelskapital zu und damit verbunden Finanzkapital. Aber die städtebasierte "Verfasstheit" des Reiches sorgt für eine Dominanz des weiter in den Städten lebenden Großgrundbesitzes, der im wesentlichen konsumistisch wird. Nicht Kapitalanhäufung, sondern Konsum ist die treibende Kraft.

Ein durch massenhaften Zuzug in die urbs Roma entstehendes Proletariat und verarmte Landbevölkerung begeben sich als Klientel in den Schutz jener Reichen und Mächtigen, die bislang der Ansicht sind, wesentlich über die res publica verfügen zu können.

 

Die zahlreichen Kriege, an denen vor allem Massen von Kleinbauern teilgenommen haben, samt dem Verwüstungszug Hannibals durch Italien, haben Teile der Kleinbauernschaft ruiniert, die ohnehin bislang schon Subsistenzwirtschaft gewesen ist. Der große Anteil an Sklaven auch in der Landwirtschaft tut sein übriges dazu. Zudem wird sowohl die Ansiedlung von Veteranen und der Rechtsstatus der italischen Verbündeten Roms zunehmend zum Problem .

Eine Schicht von Geschäftemachern aller Größenordnungen profitiert von Kriegsbeute und dem, was aus den Provinzen herausgepresst wird, die fast überall versuchen, sich in immer neuen Aufständen zu wehren.

 

 

Hier wäre nun noch noch der Begriff des Politischen zu klären. Er ist etwa so jung und so unklar wie der Staatsbegriff. Über das Lateinische, Französische und Englische ins Deutsche gekommen, ohne dass die Wurzel in der griechischen Polis und dem Politischen der Politeia dabei klar ist, soll er in unserem Text sinnvollerweise nicht gewalttätige oder gar kriegerische Formen des Machterwerbs und der Machtausübung im Staat bezeichnen, die an Ämter gebunden sind. Das Politische ist so in allen staatlichen Gebilden immer die Sache von ganz wenigen. Die Allermeisten sind bestenfalls Zuschauer, oft genug schlicht und einfach Opfer. 

 

Was nun zwischen der Mitte des 2. Jahrhunderts und der Machtergreifung des Octavian/Augustus geschieht, ist die Verbindung individueller Machtinteressen mit "politischen" Programmen, die als Problemlösungen zum Beispiel der Verteilung von Agrarland nicht zuletzt auch für die Kriegsveteranen auftreten, aber auch mit der Versorgung des immer aggressiver auftretenden verarmten Pöbels der Großstadt Rom befasst sind, mit dem Problem der ungeheuren Sklavenmassen auf den Latifundien der Schwerreichen, oft Kriegsgewinnler und ihrer zunehmenden Neigung zu Aufständen, die gelegentlich nur von großen Heeren niedergeschlagen werden können, mit allgegenwärtiger Seeräuberei und Räuberbanden auf dem Lande sowie mit Aufständen eroberter Völker und Kriegen am Rande des Reiches.

Politik heißt nun, solche "Anliegen" mit eigenem Machterwerb zu verbinden, und sich dabei auf die Befehlsgewalt über Legionen, auf die noblen "Optimaten" der hocharistokratischen Senatspartei, ein hohes Amt wie das Konsulat oder ein von den Versammlungen der Plebs getragenes Volkstribunat zu stützen. 

 

Dabei dienen die entmündigten und idiotisierten Menschenmassen von Rom und auch schon von anderen Städten als brutalisierte Manövriermasse von Politikern, zu deren Klientel oder wenigstens Publikum sie gehören, und orientieren sich dabei immer mehr an Geschenken schwerreicher Machtmenschen, zu denen ebenso Landzuteilungen wie immer verbilligtere Lebensmittellieferungen gehören, und an dem Maß an dümmlichen und teilweise brutalen Amüsierprogrammen, welches sie gewähren. Zur Korruption des Pöbels kommt die der Politiker aus im wesentlichen reichen und mächtigen Familien. Mord und Totschlag auf Straßen und Plätzen und in Amtsgebäuden wird immer alltäglicher. Es kommt zum amtlich besiegelten Massenmord an politischen Gegnern. Schließlich beruht dann Macht auf dem imperium von Legionen in den Provinzen, die den Mächtigen nun als Bürgerkriegsarmeen dienen, die in immer neuen Bündnissen gegeneinander geführt werden.

 

Niemand kann heute mehr nachvollziehen, ob es jenseits schierer Demagogie und Machtgier auch ein Interesse an Problemlösungen gibt, oder ob dieses wesentlich vorgeschoben ist. Als Tiberius Gracchus sich für seine militärischen Leistungen in Nordafrika nicht hinreichend anerkannt führt, lässt er sich 133 als Volkstribun wählen und bringt ein Ackergesetz ein, welches den Großgrundbesitzern zugunsten von kleinbäuerlichem Besitz genommen hätte, was sie schon vor längerem zusätzlich in Süditalien illegal okkupiert hatten, aber längst für ihr Eigentum halten.

 

Laut Plutarch sagt er zum Beispiel: Die wilden Tiere, die Italien beweiden, haben Ruhestatt und Unterschlupf, aber die für Italien kämpfen und sterben, haben teil an Luft und sonst an nichts, ohne Haus und Hof irren sie mit ihren Kindern und Frauen umher, die Feldherren lügen, wenn sie vor der Schlacht die Soldaten aufrufen, zum Schutz ihrer Gräber und Heiligtümer die Feinde abzuwehren, denn keiner von ihnen hat einen väterlichen Altar, keiner einen Grabhügel der Vorfahren, nein: für Wohlleben und Reichtum anderer kämpfen und sterben sie, Herren der Erde heißen sie und haben nicht eine Scholle zu eigen. (in: Bringmann, S. 206)

 

Indem Tiberius Gracchus sich derart an die Adressaten seiner "Reformen" wendet, unterminiert er das Zusammenspiel von Senat und dahin führenden Magistraten mit dem Tribunat der plebejischen Massen. Für die Landverteilung nimmt er dann dem Senat Kompetenzen, da dieser finanzielle Mittel verweigert. Um sein Programm durchzusetzen, muss er wiedergewählt werden. Das interpretiert der Senat als bedrohlichen Machtzuwachs und sorgt dafür, dass er und viele Anhänger erschlagen werden oder vor feindseligen Sondergerichten landen. Seitdem und bis zum Ende des weströmischen Reiches gehören Politik und Mord in einem Maße zusammen wie erst wieder seit 1789 in der sogenannten französischen "Revolution", die ja auch Pathos und modischen Schmuck der römischen Antike entnehmen wird.

 

Da es nicht gelingt, eine hinreichend große Armee aus einem konsolidierten Kleinbauerntum zu rekrutieren, wird nun der Zensus für die fünfte Vermögensklasse heruntergesetzt. Bald wird Militär auch aus dem besitzlosen ländlichen Proletariat ausgehoben werden. Damit wird es nötig, dass der Staat sogar deren Bekleidungskosten übernimmt, während er inzwischen anfängt, die Getreideversorgung der stadtrömischen Plebs zu organisieren.

Parallel dazu konsolidiert sich unter dem Bruder Gaius Gracchus ein Ritterstand, indem ihm richterliche Aufgaben übertragen werden.

 

Des Gracchus Versuch, den verbündeten Italikern das Stimmrecht in der Volksversammlung anzubieten, scheitert bereits am popularen "Volk" und führt zur Ermordung des Gaius, seines Verbündeten und vieler seiner Anhänger.

 

Zivilisationen wie auch die römische beruhen von Anfang an auf Gewalt und Gewaltandrohung und werden wesentlich durch die Rolle ihres Militärs bzw. die Verfügungsgewalt über dieses geprägt. Dies gilt am rabiatesten nun in den Bürgerkriegen. Während in Sizilien Sklavenaufstände ausbrechen, besiegt ein popularer Marius 101 die nach Norditalien und Südgallien einfallenden Kimbern und Teutonen, von denen die Kimbern alle entweder umgebracht oder versklavt worden sein sollen. Um die Versorgung der Veteranen zu sichern, sorgt er mithilfe seiner Schägerbanden dafür, dass er und seine Freunde die wichtigsten Magistraturen einnehmen. Der Getreidepreis für Rom wird gesenkt, es gelingt nicht, den Bundesgenossen das Bürgerrecht zu verleihen und diese erheben sich darauf gegen Rom, worauf Stämme wie die Samniten ebenfalls noch ein letztes Mal ihre Freiheit suchen. Am Ende wird das römische Bürgergebiet bis zum Po ausgedehnt. Im Zensus erscheinen nun 963 000 statt zuvor 394 000 römische Bürger.

 

Seitdem geht es nur noch um die Macht, für die es der durch Geschenke erkauften Unterstützung des gewaltbereiten stadtrömischen Pöbels, des Befehls über wesentliche Teile des Heeres und der Aneignung von Magistraten mit Gewaltandrohung.

Ein Sulla an der Macht als Diktator lässt aufgrund eines Gesetzes mehrere tausend reiche Gegner in sogenannten Proskriptionen von Amts wegen ermorden und erweitert die Möglichkeiten römischer Politik vom Mord zum Massenmord. Als deren Vermögen versteigert wird, macht das einen Crassus reich, der dann auf der Suche nach politischer Macht zum Verbündeten von Pompeius und Caesar wird. Von ihm " wird die Äußerung kolportiert, dass niemand für reich gelten könne, der nicht von den Erträgen seines Vermögens eine Armee unterhalten könne." (Bringmann, S.268)

 

Sallust fasst die Zeit nach Sulla zusammen: ... da begannen alle zu rauben und zu plündern, der eine begehrte ein Haus, andere Ländereien, und die Sieger kannten kein Maß und keine Schranke und begingen scheußliche Verbrechen an ihren Mitbürgern. (... Man gewöhnt sich daran) für sich und den Staat zu rauben, die Heiligtümer auszuplündern, alles Göttliche und Menschliche zu besudeln. (in seinem 'Catilina').

 

Unterdrückte Völkerschaften wehren sich weiter in Aufständen, deren Unterdrückung reiche und mächtige Heerführer noch reicher macht, so wie die Stadthalter die Provinzen je nach gusto ausplündern, die unter anderem die Subventionierung der Getreideversorgung für den hauptstädtischen Pöbel zu finanzieren haben. Habgier, skrupellose Geschäftemacherei, Korruption in den Ämtern, psychosoziale und sexuelle Verwahrlosung machen sich bei den Profiteuren des Unheils breit. Wen das seitdem unter den Reichen anzuwidern begann, der zog sich aus der Politik und zunehmend auch auf sein Landgut zurück, ein Vorgang, der in den nächsten Jahrhunderten noch zunehmen wird.

 

Sklavenaufstände kulminieren 73 in einem Aufstand kampanischer Gladiatorensklaven, denen sich Sklaven auf den Latifundien anschließen, denen es fast so schlecht geht wie denen in den Bergwerken. Crassus, so wird berichtet, soll 6000 von ihnen entlang der Via Appia gekreuzigt haben. Ein Pompeius bekommt ein großes imperium für einen Krieg gegen das Seeräuber-Unwesen, erobert immer mehr Gebiete im Osten, an die sich Klientelfürstentümer anschließen. Er und seine Freunde werden dabei schwerreich.

 

Für die Zeit seit 70 formuliert Sallust in seinem 'Catilina': Denn, um mit wenigen Worten die Wahrheit zu sagen; wer immer seit jener Zeit politisch agitierte, schützte ehrenvolle Parolen vor. Die einen taten, als verteidigten sie die Rechte des Volkes, andere, als wollten sie die Autorität des Senats wahren. Indem sie das Allgemeinwohl vorschützten, kämpften sie alle nur für die eigene Macht. (in: Christ, S.36) Das gilt aber wohl für Politiker aller Zeiten...

 

In rund hundert Jahren grausigstem Bürgerkrieg kristallisiert sich am Ende mit Julius Caesar ein Machtmensch heraus, der sowohl begabter Militär wie Politiker ist, - und mindestens so brutal wie seine Konkurrenten. Zusammen mit dem schwerreichen Crassus versucht er ein Gegengewicht gegen die überwältigende Macht des Pompeius herszustellen. Als Pompeius 62 bei seiner Rückkehr nach Rom, wo er seine Legionen entlässt, vom Senat ausgebremst wird, verbündet er sich mit Caesar und Crassus.

Caesar ist 61 Propraetor für eine spanische Provinz, die er "zu schamloser Bereicherung" benutzt, um seine Schulden zu bezahlen und einen Grundstock für die Finanzierung des bevorstehenden Wahlkampfes um das Konsulat anzusammeln (Bringmann, S.311) Inzwischen begreifen ihn Optimaten wie Cato als Feind der aristokratischen Republik, mit der sie "Freiheit" verbinden.

Caesar setzt ein Agrargesetz durch, indem er gewalttätige Ausschreitungen gegen seinen Kollegen im Konsulat inszeniert. Danach bekommt er durch Plebiszit und dann unter dem Druck des Pompeius durch den Senat unter anderem den Befehl über beide Gallien. Weitere Agrargesetze folgen, die aber die Not auf dem Lande nur geringfügig mildern. Cicero schreibt an Freund Atticus: Offensichtlich geht es um die Errichtung einer Tyrannis.

 

Den Zustand der Republik zeigt auch die Tatsache, dass ein junger Aristokrat, Publius Claudius Pulcher, einen schweren Religionsfrevel begeht, für den ihn Cicero anklagt, von Caesar, dem längst pontifex maximus, als Clodius in den Plebejerstand versetzt wird, damit er im nächsten Jahr zum Volkstribunen gewählt werden kann. Der unterstützt aus diesem Amt heraus nun den aufstrebenden Despoten.

Nach seinem Konsulat benutzt Caesar Vorwände, um so, wie Pompeius Macht und Reichtümer im Osten erworben hatte, nun auch im Norden vorzugehen. Dies ist zwischen 58 und 52 ein des öfteren an Völkermord grenzender "gigantischer Raubkrieg" (Bringmann), in dem anzivilisierte Stammeskulturen zerstört, Hunderttausende getötet und weitere Unmengen an Menschen versklavt werden. Hinter dem Heer Caesars folgen die Sklavenhändler "wie die Aasgeier" (Bringmann).

Sueton schreibt in der Caesarbiographie: In Gallien raubte er die mit Weihgeschenken gefüllten Tempel und Heiligtümer aus, und des öfteren zerstörte er Städte eher um der Beute willen als wegen eines Vergehens. Daher kam es, dass er Gold in Überfluss hatte  (... in: Bringmann, S.329)

 

Anstatt die Beute an den Staat abzugeben, verwendete er sie zum Ausbau seiner Macht. Er finanziert wie ein König Speisungen des "Volkes", Zirkusspiele und den Bau des Forum Iulium.

Er hatte sich auch die ganze Umgebung des Pompeius, ferner einen großen Teil des Senats durch zinslose Darlehen oder solche mit sehr niedrigem Zinssatz verpflichtet, und er beschenkte Leute aus allen Ständen überreich (..., Sueton)

 

Die Expansion des imperialen Rom über die Alpen bis zur Donau und unter Caesar von der südlichen Gallia (Narbonensis) nach Norden und dann später auch nach Britannien geschieht auch unter dem Druck der germanischen Völker nach Süden und nach Westen. Damit nun sind die meisten Gebiete, in denen Kapitalismus entstehen wird, unter dem Dach römischer Zivilisation.

Caesar erklärt den Rhein zur Grenze zwischen Gallia und Germania, letztere weiterhin eine terra incognita. Inzwischen geraten erste Germanenvölker unter einen gewissen Einfluss römischer Zivilisation und ihres die oberen Schichten betreffenden Wohlstandes. Zwischen Kelten und Germanen werden sich dann am Rhein zwei Provinzen schieben: Eine Germania mit Köln als Hauptort und eine zweite, deren Zentrum Mainz ist.

 

 

Derweil organisiert Clodius den städtischen Pöbel für Straßenkämpfe, die auch der eigenen Machtentfaltung nach dem Ende seines Volkstribunats dienen sollen. Nun erreicht der sich von Caesar bedroht fühlende Pompeius ein für fünf Jahre ausgelegtes proconsularisches Imperium mit der Kontrolle über die Getreidevorräte und soll noch weitere Vollmachten erhalten, muss aber dann vor dem allgemeinen Straßenterror aus Rom fliehen. Es kommt aber zu einer neuen Vereinbarung zwischen Crassus, Pompeius und Caesar 55, die Plutarch als eine Verschwörung zur Verteilung der Herrschaft und zur Auflösung der verfassungsmäßigen Ordnung bezeichnen wird (in: Bringmann, S.334) Die beurlaubten Soldaten Caesars vertreiben den Konkurrenten vom Marsfeld und sorgen dafür, dass Pompeius und Crassus zu Konsuln gewählt werden.

 

In den folgenden Jahren erstickt jede Ordnung in Straßenkämpfen, in denen ein Schlägertrupp des optimatischen Konsulatskandidaten Milo 52 den Clodius umbringt. Im selben Jahr wird Pompeius consul sine collega, zögert aber anders als der skrupelosere Caesar, ganz die Legalität der ungeschriebenen Verfassung zu verlassen. Caesar kauft sich inzwischen Angehörige der Nobilität und der Ritterschaft, aber eine optimatische Fraktion will mit Senatsmehrheit Caesar vor Gericht und zu Fall bringen. Anfang 49 überschreitet er darum mit seinem Heer den Rubicon und marschiert auf Rom. Dort verschafft er sich mit Gewalt einen Teil des Staatsschatzes im Saturntempel.

Mit dem Geld und einer Armee besiegt er seine Gegner in Spanien und zieht dann nach Osten gegen Pompeius. In Ägypten wird ihm der Kopf des ermordeten Pompeius übergeben. Kleopatra VII. wird Caesars Geliebte und dann von ihm zur Alleinherrscherin dort ernannt. Seine Truppen richten in Nordafrika ein Blutbad gegen ein "republikanisches" Heer an. Cato begeht Suizid. Caesar ist nun Alleinherrscher. "Indem der Diktator auf Lebenszeit die Insignien des etruskisch-altrömischen Königtums anlegte und sich so der Öffentlichkeit präsentierte, gab er demonstrativ zu erkennen, dass er seine Stellung als die eines Königs nach einheimischer Tradition und in Anknüpfung an die monarchischen Ursprünge der Stadt betrachtet wissen wollte." (Bringmann, S.354)

 

Caesar erhält das Konsulat auf fünf Jahre und wird zum Diktator ernannt. Sein Stellvertreter wird Marcus Antonius, der sich in Rom mit Gewalt gegen Dolabella durchsetzt. 46 ist Caesar in Rom zurück und ihm werden die Diktatur auf 10 Jahre und weitere Vollmachten zugesprochen. Er beschenkt sein Heer und den stadtrömischen Plebs mit erheblichen Summen. Teile der inzwischen 320 000 stadtrömischen Getreidempfänger werden überall in den Provinzen in Kolonien angesiedelt. Den Senat und die Magistratswahlen kontrolliert er mit harter Hand.

(...) mit Spielen, Bauten Spenden und Speisungen hatte er die unerfahrene Menge gezähmt, seine Parteigänger mit Belohnungen, seine Gegner mit dem Schein der Milde sich verpflichtet. Was weiter ? Schon hatte er eine freie Bürgerschaft dazu gebracht, sich an die Unfreiheit zu gewöhnen, schreibt Cicero ('Gegen Antonius').

 

Folgendes Fazit zieht Karl Christ:

 

"Im skrupellosen Einsatz finanzieller Mittel war er seit der Sanierung seines eigenen, durch die unbedenklichen Investitionen in seine politische Karriere völlig zerrütteten Vermögens im gallischen Feldzug kaum mehr zu übertreffen. Dutzende von Aristokraten wurden finanziell von ihm abhängig gemacht, einflussreiche Politiker der Reihe nach korrumpiert, aber auch der Sold seiner Truppen gegen Ende der Feldzüge in Gallien kurzerhand verdoppelt. Dazu kamen verschwenderische Ausgaben für Bauten, Spiele und Schenkungen an das römische Volk." (S.46)

 

Es geht den Verschwörern gegen Caesar natürlich nur um die Freiheit, das heißt politische Macht einer kleinen reichen und ehedem mächtigen aristokratischen Oberschicht. Aber die Ermordung Caesars im März 44 rettet weder ihre Freiheit noch die Republik, an denen weder die großstädtischen Massen noch die in den Legionen interessiert sind.

Was nun folgt, ist ein Machtkampf zwischen einem Triumvirat der Caesarianern und dem Heer der Caesarmörder. Beide Seiten, Brutus und Cassius nun im Osten, verschaffen sich finanzielle Mittel mit äußerster Brutalität und insbesondere die Caesarianer operieren mit Mord und Totschlag gegen ihre Gegner. Unter den Triumvirn macht Gaius Octavius Karriere, der als Octavian in die Geschichte eingehen wird, während er sich zunächst als Gaius Iulius Caesar bezeichnet.Dieser Octavian ist von Caesar testamentarisch als Erbe eingesetzt und adoptiert worden und benutzt die großen Geldmengen gleich für die Aufstellung eines Heeres.

 

42 unterliegen die "Republikaner" bei Philippi, und viele töten sich darauf selbst. Bald darauf fällt das Triumvirat auseinander. Erst unterliegen der Sohn des Pompeius und Lepidus und dann kommt es zur militärischen Entscheidung zwischen Marcus Antonius und Octavian. Der erreicht die Alleinherrschaft nach dem Seesieg bei Actium 31 v.d.Zt., der Einnahme von Alexandria und den Suiziden von Marcus Antonius und Kleopatra.

 

Octavian verspricht Frieden im Inneren auf der Basis der tradierten "Verfassungs"-Organe, wenn man ihn persönlich als militärischen Oberbefehlshaber und zivilen Magistrat anerkennt.Er gibt seine außerordentliche Machtvollkommenheit zurück, wird erst mit dem Titel Augustus, der Erhabene beschenkt und erhält dann ein außerordentliches konsularisches Imperium zunächst auf zehn Jahre, welches dann immer wieder verlängert wird. Dazu gehören die spanischen und gallischen Provinzen sowie Syrien. 23 wird sein Konsulat ersetzt durch lebenslange tribunizische Gewalt, die vom Amt getrennt ist.

Er trennt damit die tatsächliche Macht von der der überkommenen Verfasstheit des Staates, die bestehen bleibt. Die Ämterlaufbahn bis hinauf zum Senat existiert weiter  und behält de iure ihre Funktionen, während die Macht der "Kaiser", wie sie im Deutschen viel später heißen werden, tatsächlich auf ihrer militärischen Führerschaft besteht. Zunächst müssen sich die Augusti, principes, neben dem Militär weiter auf den alten Adel stützen, was heißt, geschickt zu lavieren, aber langsam wird die Bedeutung der Armee weiter zunehmen, nicht zuletzt auch, weil es gegen Kelten und Germanen, gegen Araber und Perser und viele andere in immer neuen Kriegen zu kämpfen gilt.

 

Octavian/Augustus behält die von Clodius eingeführte kostenlose Getreideversorgung der städtischen Massen bei, reduziert die Zahl der Empäfänger aber auf 200 000. Die Veteranen werden mit Land versorgt, welches er mit der riesigen ägyptischen Beute ankaufen kann. Nach und nach wird nun aus dem Milizheer ein Berufsheer und eine professionelle Flotte, welche leichter zu kontrollieren sind.Abgefunden wird das Militär am Ende mit Geld. Finanziert wird das mit einer Erbschaftssteuer von 5% und einer Verkaufssteuer von 1% für eine Pensionskasse.

 

Mit Octavian/Augustus findet so etwas wie eine Zeitenwende in dreierlei Hinsicht statt. Zum einen wird mit der späten Epochalisierung der Geschichte durch Historiker nun die Zeit der römischen Cäsaren/Kaiser angesetzt, die im lateinischen Abendland spätestens mit der Absetzung des letzten Kaisers Romulus Augustulus durch Odoaker 476 enden wird.

Zum zweiten ist nun bald die größte Ausdehnung der römischen Befehlsgewalt (imperium) erreicht, nachdem Augustus einsehen muss, dass eine Erweiterung durch Eroberung nach Germanien nicht mehr möglich ist.  In Zukunft wird es vor allem um Abwehrkämpfe an allen Fronten gehen, bis das lateinische Abendland auseinanderbricht.

Schließlich setzt zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert mit der fiktiven Fixierung der Geburt eines wenig historisch greifbaren Jesus auf ein Jahr Null eine neue Zeitrechnung ein, die mit dem Anfang der Herrschaft des ersten römischen Kaisers zusammenfällt

 

 

Geschichtsschreibung: Die Geschichte der Wenigen und die vielen Anderen

 

An das Unheil der Geschichte schließt sich das Unheil der Geschichtsschreibung fast lückenlos an.

 

Geschichte handelt von Geschehen, welches naturgemäß immer zugleich Vergangenheit ist. Soweit es nicht wie fast alles vergessen wird, also soweit es erinnert wird oder neu entdeckt werden kann, verwandelt sich das Geschehen in Geschichten, die manchmal in Verbindung gebracht werden können, mit denen man sich auseinandersetzen kann, und die immer neue Horizonte in Zeit und Raum erschließen.

 

Geschichte ist keine Wissenschaft wie die mathematisierten und technik-orientierten Naturwissenschaften, aber sie kann sich der Kriterien wissenschaftlicher Verfahrensweisen bis zu einem bestimmten Punkt bedienen. Am Ende ist sie so subjektiv, wie Subjektivität den Menschen nur interessant machen kann, sie ist so subjektiv wie das Interesse, welches dahintersteckt, mag es auch nach Verallgemeinerung streben.

 

Schließlich ist Geschichte immer Erzählung, Bericht, Untersuchung, und darum selbst im besten Fall höchstens ähnlich dem, was einmal war. Das hat dann auch etwas mit den Zufälligkeiten von Erinnerung zu tun, von Fundstücken und Überlieferungen, und natürlich mit den Interessen des Erzählers.

 

Kenntnisse von irgendeiner Vergangenheit haben wir umso weniger, je mehr uns Texte fehlen: Geschichte ist immer ein Text, und er handelt vorwiegend von dem, was sich in Text fassen lässt. Schon dadurch geht fast die ganze Vergangenheit völlig verloren. Knochen, Gebäude. Werkzeuge, Artefakte und ähnliches erlauben nur blasseste Spekulation über das, was von vergangenen Menschenaltern handelt, wenn wir nicht wenigstens in Texten Menschen "lauschen" können, die dazu gehörten.

 

Nun ist aber über die Überlieferung Geschichte bereits ganz ungeheuer einseitig: Von den meisten Menschen "wissen" wir gar nichts, von den meisten übrigen fast nichts, und mehr nur von ganz, ganz wenigen. Dies sind die Wenigen, von denen wir Schriftliches überliefert haben, und je weiter wir in die Vergangenheit zurückgehen, desto weniger wird das, - und wenn wir uns in Richtung "Gegenwart" bewegen, handelt es sich andererseits um eine längst unüberschaubare Masse an "Quellen", die unter den Bedingungen des Buchdrucks und dann später der Massenproduktion immer weniger über Menschen und immer mehr über den Warencharakter der Produkte verraten, während sich die Menschen zunehmend dahinter verbergen.

 

Das Problem der Einseitigkeit wird aber erst dadurch so recht schwerwiegend, dass Vorgänge des Wandels, des Betreibens von Veränderung, die gerade auf diesen Seiten hier auch betrachtet werden sollen, vornehmlich von ganz wenigen nur betrieben wurden, die dadurch in unserer Wahrnehmung eine besondere Prominenz erhalten. Die Geschichte ist soweit die der wenigen Erfinder und nicht so sehr die der Mitmacher und Nachahmer, sie ist eine der besonderen Talente und Antriebe, wie sie nur wenigen zuteil wurden - im Guten wie im Bösen. Und schließlich ist sie eine der Prominenz der großen Machthaber, die seit Jahrtausenden mit dem Hang von zu "Volks"massen umgeprägten Menschen rechnen dürfen, ihr Leben nicht selbst und zugleich gemeinsam verantworten zu müssen.

 

In dem, was wir hier als Geschichte betrachten, ist dann noch etwas wichtig: In der Regel wissen die Beteiligten nicht, was sie anrichten, welche Folgen es hat und ignorieren die fatale Differenz zwischen Absicht und tatsächlicher Wirkung. Wenn Geschichte im Rückblick dem naiven Betrachter plausibel, konsequent, logisch linear erscheinen mag, so war und ist genau das im Vorausblick immer illusionär. Die Logik des Rückblicks ist eine Konstruktion des Betrachters. Auch insoweit ist Geschichte reine Ansichtsache, und die Blickrichtung verändert den Gegenstand in ganz erstaunlichem Maße.

 

Ein wenig Geschichte als Propaganda wurde schon im Pharaonenreich und Mesopotamien in Stein gemeißelt. Zwischen Herodot und dem einsam herausragenden Thukydides entwickelt sich eine zunehmend weniger dem Hörensagen gehorchende und kritischere, analytischere griechische Geschichtsschreibung. Erst relativ spät beginnen Römer die eigene Geschichte aufzuschreiben, nämlich seit den punischen Kriegen, und entsprechend werden römisches Machtstreben und die Interessen der Reichen und Mächtigen ungeniert propagiert. Mit den Bürgerkriegen kommt dann mehr oder weniger ideologisch verbrämte Parteinahme für einzelne Machtfraktionen hinzu. Das Entsetzliche an dieser Geschichtsschreibung ist aber vor allem, dass sie im wesentlichen von Kriegen und Machtkämpfen handelt, von Gewalttätern vor allem, von denen ein Teil auch noch gefeiert wird. Die allermeisten Menschen tauchen nur summarisch als das massenhafte Menschen-Material dieser Halunken auf und wir erfahren nicht einmal exemplarisch etwas von ihrem Leben. 

 

Das wird seit Livius 'Ab urbe condita', welches schon ins Prinzipat mündet, über Tacitus bis zu den letzten weströmischen antiken Autoren nicht besser. Tiberius lässt ein prorepublikanisches Geschichtswerk verbrennen und bekommt dafür von Velleius Paterculus eines, welches ihn lobt. Auf Lucans sogenannte 'Pharsalia', welche Cato feiern, folgt der präventive Suizid des Autors.

 

Tacitus beklagt das Ende eines idealisiert-aristokratischen Römertums:

Das Werk, das ich beginne, enthält eine Fülle von Unglück, berichtet von blutigen Kämpfen, von Zwietracht und Aufständen, ja sogar von einem grausamen Frieden. Vier Fürsten fielen dem Dolch zum Opfer, drei Bürgerkriege wurden geführt, noch mehr Kriege mit auswärtigen Feinden, beide Arten meistens zur gleichen Zeit. (...) Sklaven wurden bestochen gegen ihre Herren, Freigelassene gegen ihre Patrone und, wenn ein persönlicher Feind fehlte, der wurde ein Opfer seiner Freunde. (Historien I)

 

Die Identifikation mit dem eigenen Imperium und den oder ausgewählten Reichen und Mächtigen bleibt durchgehender Standard. Autoren wie Sueton oder Sallust werden dann nicht nur stilistische Vorbilder für mittelalterliche Geschichtsschreibung, in der die eigenen Herrscher und Machthaber meist mit Lobhudelei versehen und ihre Gegner diffamiert werden. Ganz offen sagt das zum Beispiel einer der Gebildeteren, Otto von Freising in seinen 'Gesta Frederici', also dem Tatenbericht Kaiser Friedrichs I.: Die Absicht (intentio) aller, die vor uns Geschichte (res gestas) geschrieben haben, war es, so meine ich, die glänzenden Taten tapferer Männer (virorum fortium clara facta) zu preisen (... OttoGesta, S.114). Und er wird genau das für seinen Kaiser und Verwandten tun. Da es sich seit dem Ende des weströmischen Imperiums für rund tausend Jahre um geistliche Autoren handelt, Bischöfe, Mönche, Äbte, kommt zur weltlichen nun die kirchlich-religiöse Propaganda hinzu.

 

Die moderne Geschichtsschreibung mit wissenschaftlichen Kriterien ist im Umfeld eines späten Kapitalismus entstanden und von diesem notwendig geprägt worden. Die Unterordnung der Menschen unter das Kapital als magische sowie handfeste Abgabe von Lebendigkeit an dasselbe, die zugleich ja Ein- und Unterordnung in eine Hierarchie von Agenten und Agenturen seines Verwertungsprogramms ist, die Ausweitung der Gratifikationen und Kompensationsmöglichkeiten - Lebendigkeit aus zweiter Hand - die sich immer rapidere Ausweitung der Zerstörung alles Lebendigen auf der Erde zugunsten einer Welt toter Waren, --- all das wurde ignoriert durch eine Begrifflichkeit, die ich als neuzeitlich idealistisch bezeichne und in der eine hochgradige Verklärung des kapitalistischen "Fortschritts" als Heilsreligion veranstaltet wird. Der Umgang mit Wörtern wie "Freiheit", "Gleichheit", "Demokratie", "Wohlstand" u.v.a. vergoldet den oft vergleichsweise behäbigen Alltag von Verbeamteten der "Wissenschaft". Das Schulterklopfen der staatlichen und privaten Geldgeber war und ist ihnen so gewiss wie die fehlende Beunruhigung angesichts dessen, was Menschen so anrichteten und weiter anrichten.

 

Diese Geschichte ist eben auch eine der Wenigen, die sie als "Wissenschaft" betreiben, fern jeder Öffentlichkeit der weit mehr als 99% der Bevölkerung, die sie auch ganz praktisch fast überhaupt nicht bemerken, weil sie sich dafür nicht die Zeit nehmen und wohl auch schnell intellektuell überfordert sind. Dabei kommt es reichlich unreflektiert zu einer ganz besonderen Bindung zwischen den Historikern und denen, die sie kommentierend begleiten und gerne derart ein wenig adoptieren.

 

Das Problem der Geschichte von Wenigen für Wenige hat allerdings auch eine ganz andere Seite; - unter den Bedingungen von Zivilisationen spätestens seit der griechischen und römischen Antike werden die meisten Menschen nicht nur von der Geschichtsschreibung als entindividualisierte Massen betrachtet, als Material für diejenigen, die "Geschichte machen", als manipulierbare Klientel der Mächtigen, sondern sie sind auch nur allzu oft tatsächlich dazu gemacht worden. Zivilisationen verlangen brave und möglichst gedankenlose Untertanen, und zwar sehr viele, nicht zuletzt solche, die als städtische "Volks"massen, besser, als urbane "Bevölkerung" Untertänigkeit, Schutz und Versorgung verlangen - und sonst gar nichts.

 

Leute, die in Armeen und Manufakturen hineindomestiziert werden, in, Grundherrschaften, Plantagen und Bergwerke, in staatliche Schulen, Büros und Fabriken, und die dafür als Preis Drogen und Amüsierprogramme geliefert bekommen, Leute, die sich einer steten Propaganda-Berieselung von oben ausliefern und ausgeliefert werden, sind nicht nur individuell kaum noch beschreibbar, ihre Individualität ist auch kaum noch im nachherein verifizierbar. Und so sind sie in den Geschichtsbüchern üblicherweise der anonyme Stoff, aus dem die Namhaften und Benennbaren "Geschichte machen", sie sind Kanonenfutter, Arbeitskraft, Jubel- und Stimmvieh.

 

Das Erschreckende dieser Liebe zur Untertänigkeit, ein Komglomerat aus Faulheit, Bequemlichkeit, Dummheit, Angst und Feigheit, hat sich am deutlichsten in den letzten Jahrhunderten in jenen sogenannten "Revolutionen" entfaltet, in denen eine machtgierige Clique eine andere "im Namen des Volkes" der einer "Klasse" abzulösen versuchte, und die, soweit erfolgreich, oft von den Protagonisten der modernen Geschichtsschreibung im Namen eines fast schon theologisch schöngeredeten Fortschritts hochgejubelt werden, bis hin zu den Lobreden auf derzeitige "Demokratien".

 

Es lässt sich aber ganz allgemein beobachten, dass sich mit der Zivilisierung, also der Zerstörung von Kulturen und der Schaffung untertäniger Massen eine allgemeine Neigung dieses längst geduckten "Volkes" zur Identifikation mit der Macht zeigt, eine Neigung zur Abgabe von Verantwortung an die Mächtigen auch auf Basis eines zunehmenden Unverständnisses der komplexer werdenden (eigentlich eigenen) Lebenszusammenhänge. Diese lässt sich wohl anthropologisch-biologisch mit der eingeborenen Neigung zur Faulheit und damit auch Verblödung von Säugetieren erklären, die in Gefangenschaft gehalten und dabei durchgefüttert werden. In den menschlichen Zivilisationen kommt dann als Kompensation noch die Vorhaltung von Amüsement dazu, höchste Gratifikation für Menschen, die von den Mächtigen als Nutztiere besonderer Art gehalten werden.

 

Gegen eine solche jahrtausendealte Historie, die man auch als interessegeleitete Geschichtsfälschung innerhalb eines kleinen Zirkels Interessierter bezeichnen kann, anzuschreiben, ist enorm schwierig. Zweimal gab es bislang Anstöße, es anders zu machen, einmal unter dem Einfluss von Karl Marx, was immerhin das Interesse vor allem von Frankreich ausgehend ein wenig in neue Richtungen lenkte, und dann in der BRD, als der Schock des Dritten Reiches und der Zerstörung Deutschlands im verlorenen Krieg seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts ein wenig zu wirken begann. Aber das hat die weitere Ideologisierung der Geschichte jeweils nach den neuesten Moden nicht aufhalten können und die zunehmende Zerstörung der deutschen Sprache und die nicht mehr nur mit Mitteln der Diffamierung betriebende Dogmatisierung einer politischen Korrektheit, die inzwischen deutlich an die Methoden der Bolschewiken und Nationalsozialisten gemahnt und in manchem bereits über sie hinausgeht, tut ihr übriges.

 

Aber einen Versuch hier soll es eben doch wert sein!

 

***Kurzer Exkurs: Tacitus und Arminius***

 

In den Annalen des Tacitus findet sich eine Textstelle über einen Arminius, die erst rund anderthalbtausend Jahre später richtig Wirkung zeigt:

Unstreitig war er der Befreier Germaniens (liberator haud dubie Germanicae), der das römische Volk (populus Romanus) nicht am Anfang seiner Geschichte..., sondern das in höchster Blüte stehende Reich herausgefordert hat, in den einzelnen Schlachten nicht immer erfolgreich, im Kriege unbesiegt. Er wurde 37 Jahre alt, zwölf Jahre hatte er die Macht (potestas) in Händen, und noch immer besingt man ihn bei den barbarischen Völkern (barbaras gentes). Die griechische Geschichtsschreibung, die nur die eigenen Taten bewundert, kennt ihn nicht, und bei den Römern spielt er nicht die ihm gebührende Rolle, denn die alten Sachen loben wir, die neuen finden wir nicht interessant. (Buch II, Absatz 88, mein Deutsch)

 

Zunächst das, was wir heute wissen: Tacitus schreibt diesen Text mehrere Generationen später und war selbst wohl nie in nichtrömischem Germanenland gewesen. Seine Quellen sind also aus zweiter und dritter Hand. Arminius war lateinisch sprechender römischer Bürger mit „cheruskischer“ Herkunft, der durch den Militärdienst in den römischen Adel aufstieg. Arminius ist kein germanischer Name und hat wohl auch nichts mit einem „Herrmann“ zu tun. Von den Cheruskern wissen wir vor allem, und zwar von römischen Autoren, dass sie ausgesprochene Römerfreunde waren und sich dadurch den Hass bzw. Neid anderer germanischer Gruppen zuzogen.

 

Die sogenannte Varusschlacht, im neunten Jahre "des Herrn", die von Römern eher als „Niederlage“ oder „Unglück“ bezeichnet wurde, war wohl keine Schlacht, sondern ein Hinterhalt mit folgender Metzelei. Wer an diesem Hinterhalt unter besagtem Arminius teilnahm, ist schwer herauszufinden. Der Begriff „Befreier Germaniens“ eröffnet Fragen. Was Tacitus als „Germanien“ bezeichnet, ist Propaganda: Wie vor ihm Caesar tut er implizit so, als ob der Rhein eine Volksgrenze zwischen Kelten und Germanen gewesen wäre, eine Art natürliche Grenze im doppelten Sinn – und zudem jetzt eine römisch-germanische. Er schafft klare sprachliche Verhältnisse, die in den Augen der Leser eine viel unklarere Wirklichkeit absichtsvoll verändern sollen.

 

Einige Absichten des Textes, der ausschließlich an vornehme römische Zeitgenossen gerichtet ist, werden gleich deutlich: Tacitus gibt schon für damals eigenartige Pauschaulurteile über drei große „Völkerschaften“ ab: Römer, Germanen und Griechen. Die Griechen sind so beschränkt und selbstbezogen, dass sie nicht einmal ein Reich wie die Römer zustande bekamen, sondern in dem der Römer aufgingen. Die Römer entkommen den Widrigkeiten der Gegenwart, indem sie in einer wunderbaren eigenen Vergangenheit schwelgen. Die Germanen hingegen machen es richtig, und dafür steht dieser Arminius. Wenn die Römer doch nur...

 

Die Rolle, die ihm gebühren würde, wäre die herausragender Bedrohlichkeit, die mit ihm für „alle Germanen“ gilt. Schließlich besingen sie ihn immer noch, diesen wunderbaren Bösewicht. Tacitus sollte gewusst haben, dass das ganz großer Unfug war, in diesem auch für ihn dunklen Germanien hatte dieser Arminius mehr Feinde als Freunde.

 

 Da wird ein römischer Freiheitsbegriff (auch im Singular: libertas) den Germanen übergestülpt, wodurch sie auf pfiffige Weise im Sinne des Textes „romanisiert“ werden: Hätte er sich mit den den Germanen eigenen Vorstellungen hier abgegeben, hätte er damit keinen Römer hinter dem Ofen hervorgelockt, für den die Germanen nur als Bedrohung interessant werden konnten. Wirklich bedrohlich macht er sie, wenn er sie für die Vorstellung des Lesers ein wenig romanisiert, also für Römer ebenbürtig macht - und sie damit der Verachtung entzieht.

 

Die handfeste Bedrohung durch die Germanen lässt sich nämlich ganz anders in drei Wörtern zusammenfassen: Beute, Land und - möglichst römisch werden. Dieses "römisch werden" bedeutete aber für jeden etwas anderes, es war ein schwieriger Aneignungsprozess. Auf jeden Fall bedeutete es: In den römischen materiellen Wohlstand hinein gelangen.

 

"Römisch werden" war dem Arminius schon ein Stück weit gelungen, auch die Leute, die von ihren Anführern längst unter dem Begriff „Markomannen“ zusammengefasst worden waren, waren beispielsweise dahin auf dem Weg, und ihr „König“ beäugte diesen Arminius sehr misstrauisch als möglichen Konkurrenten bei einer Reichsbildung außerhalb des römischen Reiches.

 

Das römische Reich ist nicht einfach an „den Germanen“ zerbrochen, weder an ihrer „Angriffslust“ noch ihrem „Freiheitswillen“. Ein Gutteil derer, die das Reich verteidigten, waren längst „Germanen“ als einfaches Militär und in Führungspositionen. Dies war der beste von Römern vorgegebene Weg dahin, Römer zu werden. Es war der Weg, den der Vater für seinen „Arminius“ wollte.

 

Übrigens: Einen Satz mit "unstreitig" oder "zweifellos" (haud dubie) zu versehen, zeigt an diesem Beispiel, warum Römer das Fach "Rhetorik" so sehr schätzten. Es ist ein Indikator für zweierlei völlig entgegengesetztes: Entweder erwartet der Autor, dass tatsächlich niemand Zweifel hat (ist selten!), oder aber, er erwartet wie hier das genaue Gegenteil und macht den Zweifler zu einem randständigen Idioten, der besser den Mund hält. Des Tacitus zweischneidige Loblieder auf die Germanen sind schließlich dazu da, Überzeugung erst herzustellen.

 

 

Römische Zivilisation bis Augustus

 

Die antik-römische Zivilisation ist einmal stadt- bzw. städtebasiert und zum anderen ist Landwirtschaft ihr wesentliches Fundament. Zudem ist sie wie viele Zivilisationen patriarchalisch, das heißt sie baut auf der väterlichen Gewalt, potestas, auf, die Herrschaft über Frau und Kinder, das Gesinde und die Sklaven bedeutet, also über die ganze familia. Die Väter reicher und mächtiger Familien sind entsprechend die patres des Senats, der zentralen Einrichtung der res publica.

Zur Macht der Väter gehört auch die über den Kult der Familie, und diejenigen Väter, die über Magistrate in den Senat gelangen, patrizisch sind, sind auch die, welche die von ihnen "verstaatlichten" Kulte der römischen Zivilisation als Priester betreiben, wobei der pontifex maximus, der oberste Brückenschläger, über sie die Aufsicht führt. Die Macht der Väter, die in der Familie wie als Elite in den öffentlichen Angelegenheiten (res publica) Aspekte von Herrschaft ausüben, ist also sowohl kultisch wie rechtlich wie mit legaler Gewalt ausgezeichnet.

 

Gewalt ist potestas, die im Zweifelsfall immer auch physische Gewalt ist, und die in der Zivilisation an Institutionen hängt, Senat wie Magistrat. Als jeweils spezifische Befehlsgewalt ist sie das imperium. Potestas bzw. Imperium verleihen bis zum Prinzipat die Zenturiatskomitien, also das Volk in Waffen, und zwar bis auf die Machtvollkommenheit des Volkstribunen, die aus der Versammlung der Plebs herrührt. Da die Magistrate dadurch, dass sie Exekutive, Jurisdiktion, Verwaltung und militärisches Kommando miteinander vereinen, enorme Amtsgewalt bedeuten, wird diese durch Annuität und Kollegialität etwas austariert und steht zudem unter Aufsicht des Senats.

 

Soweit ist die römische Adelsrepublik eine weithin "militaristische" Konstruktion, da Potestas bzw. Imperium auf der Gewalt der Waffen gegründet sind. Neben der amtsgebundenen Potestas/Imperium gibt es die an die Person gebundene auctoritas, das erarbeitete Ansehen mit entsprechendem Einfluss, um im Deutschen zu bleiben, wo das Wort, seit es dort im späten Mittelalter (eher selten) auftaucht, auch mit der Vorstellung von Würde verbunden wird, die allerdings dann auch wieder an einen Titel gebunden sein kann.

 

Sein tatsächlich auf der Macht über das Militär fundierte Prinzipat begründet Octavian/Augustus in seinen 'Res Gestae' so: Nach dieser Zeit überragte ich an auctoritas alle, an potestas besaß ich jedoch nicht mehr als die anderen, die jeweils meine Kollegen im Amt waren. (34). Das ist natürlich genauso verlogen wie die Version, dass Demokratie heute Volksherrschaft wäre. Autorität ohne die Befehlsgewalt über das meiste Militär hätte wenig Bedeutung gehabt.

 

Schließlich gehört zur res publica die Masse der einfachen Bürger, die in den nach Vermögensklassen gegliederten Volksversammlungen über von oben vorgelegte Anträge zu wichtigen Themen abstimmen dürfen, wobei die unteren Vermögensklassen kaum eine Rolle spielen, und sie dürfen aus ihnen vorgesetzten Kandidaten für die hohen Ämter auswählen.

 

Die Wertvorstellungen der republikanischen Zivilisation, das mos maiorum, drehen sich um männliche Tüchtigkeit in Familie und Agrikultur, in den Institutionen und im Krieg. Diese Sittlichkeit gerät ins Wanken mit der fortschreitenden Reichsbildung.

Ein Faktor ist die zunehmende Geldwirtschaft und der zunehmende Reichtum weniger bei tendenzieller Verarmung der vielen, zum anderen der Einfluss der hellenischen Welt, die zwar nicht weniger, aber vor allem bei den Wohlhabenderen anders patriarchalisch ist, indem sie zum Beispiel die homophile Erotisierung der Knaben durch die älteren Männer feiert.

 

Ein weiteres bewirkte die Verpöbelung zunehmend von allen politischen Entscheidungen ausgeschlossener städtischer Massen, zuerst in der urbs Roma ähnlich wie in den hellenistischen Riesenstädten. Anders als bei den wenigen Reichen und Mächtigen, aber im Kern ähnlich finden psychosoziale und sexuelle Verwahrlosung und allgemeine Brutalisierung statt, die nicht nur durch verbreitete Prostitution Ehe und Familie gefährden.

Ein Faktor ist sicher bei den kleinbäuerlichen Familien die zunehmende Abwesenheit des Vaters in den vielen Kriegen im Sommer, in denen die Frauen den Haushalt zu leiten haben. Zwar nicht rechtlich, aber tatsächlich ändert sich dabei die weibliche Rolle in der familia.

 

Vermutlich bleiben in Kreisen der kleinen Geschäftsleute und Handwerker des öfteren Ehe und Familie heilig, aber was die Aufmerksamkeit der Mächtigen gelegentlich auf sich zieht ist eine gewisse Verlotterung der Oberschicht. Am Ende steht dann die Gesetzgebung des Augustus, die Ehebruch, Unzucht und Kuppelei zu Straftatbeständen macht, wobei das Augenmerk auf den Herren weit oben liegt. Deutlicher noch wird das, wenn von demselben Herrscher die Angehörigen der beiden oberen Stände zur Ehe und zur Erzeugung von Nachwuchs verpflichtet werden. Erahnen lässt sich, was in den 150 Jahren vor Augustus geschehen ist.

 

Städte sind seit der Bronzezeit Orte, in denen Herrschaft und Untertänigkeit systematisch eingeübt und ausgebaut werden, meist bereits auf der Basis, dass die wesentlichen Entscheidungen den Produzenten und dem Handel entzogen und von Fürsten oder Aristokraten monopolisiert werden. Die Ausnahme sind die Versuche griechischer poleis, breitere Gruppen der Bevölkerung partizipieren zu lassen, die aber nirgendwo wirklich funktionieren, auch nicht in der "Demokratie" Athens.

 

Die Machtverhältnisse in der urbs Roma beruhen zunächst auf dem größeren Grundbesitz jener Patres, die dann das Patriziat bilden. Weitere Großgrundbesitzer können dann aus der Plebs ebenfalls in den Senat aufsteigen und bilden mit den alten Patres zusammen das, was wir heute Nobilität nennen. Nachdem diese Nobilität nicht mehr die Reiter-Elite der Republik bildet, steigen aus den Kreisen des Handels, der Finanzen und daraus resultierendem Grundbesitz als Reiter/Ritter in die Gruppe der equites auf,die allerdings zunächst keine Magistraturen einnehmen können.

Mit dem Prinzipat werden sie zu einem eigenen Stand mit einem Mindestzensus von 400 000 Sesterzen Vermögen. Schon Cicero, aus einer eques-Familie stammend, schafft es dann, Konsul zu werden. Zur Zeit des Augustus stehen dann etwa 20 000 Ritter 600 Senatoren gegenüber. Dabei werden die Vermögensunterschiede innerhalb dieser Oberschicht immer größer.

 

 

Für die Ämterlaufbahn, den cursus honorum, braucht man Geld, seitdem es üblich wird, Wähler mit Geschenken zu bestechen. An Geld kann man aber auch über Militärdienst gelangen, indem man Beute macht. Ist man im Amt, kann man im Rahmen einer ausufernden Korruption sich wiederum mit Geld Kollegen zu Freunden machen.

Seitdem die Gracchen das Volkstribunat zum Instrument von Machtpolitik auch gegen den Senat wenden, wird der stadtrömische Pöbel immer wichtiger, Teil der Hunderttausenden von Einwohnern, von denen die meisten arm bis sehr arm sind, und nur durch die Gewalt der Straße sich beteiligen können. Er wird mit demagogischen Reden und mit Geldverteilungen mobilisiert.

Dieser Pöbel ist die Weiterentwicklung von dem, was schon sehr lange als Klientel bekannt ist. Der Klient ist jemand, der sich unter den Rechtsschutz eines wohlhabenden Pater, eines patronus begibt. Bekanntlich lässt sich Recht mit Geld besser durchsetzen als ohne, und es schadet auch nichts, physische Macht im Hintergrund zu haben. Dafür muss er ihm Dienste leisten, als Leibwächter dienen oder ihm bei öffentlichen  Auftritten Beifall klatschen. Wenn der Patron ein öffentliches Amt anstrebt, sind sie praktisch verpflichtet, ihn in den Komitien zu wählen.

 

 

Vor den großen Eroberungen spielen Sklaven eine untergeordnete Rolle und sind in die Familien eingeordnet. Zwischen dem ersten punischen Krieg und der Zeit des Augustus verfünffacht sich die Zahl der Sklaven in Italien auf etwa 3 Millionen bei geschätzten 7,5 Millionen Einwohnern dort. Unter den 4,5 Millionen Freien nehmen allerdings die Freigelassenen einen immer größeren Anteil ein.

Der Nachschub von Sklaven kommt von massenhaft versklavten Kriegsgefangenen, von einem durchorganisierten Sklavenmarkt, der nicht zuletzt auch von der weit verbreiteten Piraterie versorgt wird, und dann auch von den Kindern von Sklaven her.

Im Haushalt, im Handwerk und als Hirten ist ihr Schicksal oft erträglich. Brutal und an bolschewistische und nationalsozialistische Arbeitslager gemahnend ist ihre Lage in Bergwerken, in Steinbrüchen und oft auch der Landwirtschaft, wo sie nicht selten zu Tode geschunden werden.

Zwischen 135 und 71 finden drei große, mehrjährige Sklavenaufstände statt, die mit großem militärischen Aufwand niedergeschlagen werden müssen. Kleinere Aufstände wird es dann bis tief in die Kaiserzeit hinein geben.

 

Bis in die Zeit der kriegerischen Expansion hinein dominiert ein sich vor allem selbst versorgendes Kleinbauerntum, welches dann durch Kriegsdienst, Unruhen usw. zu einem großen Teil ruiniert wird. An seine Stelle treten nun mittelgroße Betriebe als villae, die von traditioneller Getreideproduktion zu profitableren Oliven- und Weinkulturen übergehen oder zu Weidewirtschaft im Süden. Hier legt nun die Oberschicht ihre in Krieg und Geschäft erworbenen Gelder an und lässt für dessen Rendite inzwischen auch zehn bis zwanzig Sklaven arbeiten.

 

Kriege und Geldwirtschaft fördern Geschäftemacherei in Handel, Transport und Finanzen, Bereiche in denen Ritter und Freigelassene nun reich werden können. Plutarch schreibt über den älteren Cato, der selbst das Ideal der Villenwirtschaft vertritt:

Als  er sich ernstlicher auf den Gelderwerb zu legen begann, fand er, dass der Landbau mehr ein Zeitvertreib als eine ergiebige Geldquelle sei. Er legte darum seine Kapitalien in sicheren, risikofreien Objekten an, kaufte Teiche, warme Quellen, freie Plätze für Walker, Pecherzeugungsanlagen, natürliche Weiden und Hutungen, woraus him reicher Gewinn zufloss. (...)  Auch die anrüchigste Form des Geldverleihens, die gegen Seezins, verschmähte er nicht und verfuhr dabei folgendermaßen: Er veranlasste die Geldbedürftigen, eine Gesellschaft von Geldgebern ins Leben zu rufen. Waren deren 50 und ebensoviele Schiffe zusammen, so nahm er selbst einen Anteil durch seinen Freigelassenen Quintio, der dann die Geschäftsführung der Schuldner beaufsichtigte und mitreiste. So erstreckte sich sein Risiko nicht auf das Ganze, sondern nur auf einen kleinen Teil bei großem Zugewinn. (in: Christ, S.29)

 

****

 

In welchem Umfang man für die späte Zeit der römischen Republik von Kapitalisten sprechen kann, muss aufgrund der Quellenlage unklar bleiben. Generell aber gilt, dass großer Reichtum in machtpolitische Projekte fließt oder in Besitzungen, die gehobenen Konsum bis längst hin zu irrwitzigem Luxus ermöglichen. Die Masse des Handwerks bleibt in kleinen Familienbetrieben, und in den wenigen Fällen, wo wie in der Töpferei Massenprodukte hergestellt werden, geschieht das wohl weithin in vielen kleinen Einzelbetrieben.

 

Wenn wir hingegen auf den entstehenden Kapitalismus des 10.-12. Jahrhunderts schauen, so leistet die römische Republik mit militärisch-kriegerischer Brutalität die Zivilisierung bzw. Hoch-Zivilisierung jener Gebiete, in denen dann Kapitalismus sich zuerst einwurzelt: In Teilen Italiens, Galliens bis zum Rhein und im christlichen Teil Kataloniens. Anders gesagt: Die militärischen Eroberungen Roms vernichten dort überall auf Dauer Volkskulturen und anzivilisierte Machtstrukturen. Sie leisten das teils durch Völkermord, teils durch brachiale Umsiedlungen ganzer Völker, teils durch das in Jahrhunderten vollzogene Brechen des Freiheitswillens dieser Völker. Die russischen Bolschwiken, die europäischen und chinesischen Nationalsozialisten haben in den antiken Römern würdige Vorläufer. Dass Historiker und kretinös die Mächtigen verherrlichendes "Bildungsbürgertum" bis heute die mächtigen Schwerverbrecher und Massenmörder von damals feiern, macht erst verständlich, warum die totalitären Regime des 20. und 21. Jahrhunderts überhaupt möglich werden: Freiheit bedeutet nur noch die souveräne Macht der Mächtigen, die Unterwerfung der meisten Menschen unter sie und ihre Verwandlung in verantwortungslosen und beliebig manipulierbaren Pöbel gilt als (so regulär nicht formulierte) Selbstverständlichkeit.

 

Dass Mensch und Natur verachtender und vernichtender Kapitalismus überhaupt und nur hier aufkommen kann, nämlich auf dem Boden der Reste des Westteils des römischen Imperiums, liegt an der menschenverachtenden Brutalität antik-römischer Herrenmenschen, die es für ihr natürliches Recht hielten, Kulturen zu vernichten, Menschenmassen für ihre Macht und ihren Reichtum gnadenlos auszubeuten und dabei unentwegt über Leichen zu gehen. Das Schrecklichste daran ist, dass diese grausige Antike, die eigentlich schon in der Bronzezeit begann, mit dem Westimperium nicht untergeht, sondern so weit sie es schaffen, von germanisch und orientalisch geführten Nachfolgeregimen beerbt werden, die es nicht mehr besser wissen.

 

****

 

Die plebejischen Massen in der Riesenstadt Rom wohnen schließlich in bis zu sechsstöckigen "Mietskasernen" (insulae heißen sie manchmal) mit vielen anderen auf engstem Raum und oft in größter Armut. Schlechte Bauweise lässt sie gelegentlich einstürzen, dazu kommen häufige Brände. Als landlose und besitzlose Mieter bedienen sie den Reichtum von großen Immobilienbesitzern und werden immer mehr auf Geschenke ihres Patrons und dann der Bürgerkriegsparteien angewiesen sowie auf die subventionierten und am Ende verschenkten Getreiderationen, zu denen in der Kaiserzeit dann auch die von Speiseöl kommen.

In den Bürgerkriegszeiten wird nach und nach der Zensus für den Militärdienst immer weiter heruntergesetzt, so dass am Ende verarmte Massen im Militärdienst ein Auskommen finden können. Da sie nachher versorgt werden müssen, werden sie zur (Heeres)Klientel ihrer Heerführer, die allerdings dann gezwungen sind, oft illegale und gewalttätige Mittel für die Versorgung ihrer Verteranen finden müssen. Wer andererseits wie Cicero über keine solche militärische Klientel verfügt, wird im politischen Geschäft untergehen.

 

 

Wenn hier von antik-römischer Zivilisation die Rede ist, ist das etwas missverständlich. Eine solche Zivilisierung findet außerhalb Mittel- und Norditaliens nur sehr eingeschränkt statt und zwar vermittels jener heimischen Oberschicht, die sich mit den Eroberern verbündeten, um so ihre Reichtümer und ihre Macht eher noch auszubauen. Vom Golf von Neapel südlich bis Sizilien und im ganzen Osten wird die griechische Sprache weiter Umgangssprache bleiben und die altgriechischen und hellenistischen Traditionen bleiben so lebendig, dass mit den Reichsteilungen der römische Einfluss sehr schnell abnimmt. Das jenseitige Gallien und die iberische Halbinsel bis auf den atlantischen Norden werden zwar zum großen Teil latinisiert, was durch Ansiedlungen bereits latinisierter Kolonisten gefördert wird, aber sie führen auch durch die Kaiserzeit ein Eigenleben. In Britannien schließlich ist die "Romanisierung" so schwach, dass sie nach dem Abzug der Truppen sofort verfallen wird.

 

In gewissem Umfang lässt sich überall außerhalb Italiens immer wieder einmal ein gewisser Freiheitswillen erkennen, der sich in zum Teil von großen Bevölkerungsmassen getragenen Aufständen zu erkennen gibt. An dem Tempo, in dem das Westreich spätestens nach der Niederlage von Adrianopel letztlich fast sang- und klanglos auseinanderfällt, lässt sich das mit aller Deutlichkeit erkennen: Das Reich wurde im wesentlichen von den Interessen einer kleinen reichen und ursprünglich mächtigen Oberschicht getragen, einer Art "Aristokratie", und als diese ihre Interessen mit denen des Reiches nicht mehr hinreichend vereibart sieht, geht es zu den Eroberern in deren Nachfolgereichen fast klaglos über.

 

****

 

Sehr verschiedenartige römische Belletristik begleitet die untergehende Republik und das frühe Prinzipat. Ihre Rezeption durch Mittelalter und Neuzeit wird das Bild der römischen Antike massiv verfälschen und zu ihrer Verherrlichung beitragen.

 

Ein Teil dieser Literatur feiert die römische Militanz mit ihren durchgängigen Aggressionen, wie wenn Horaz formuliert:

Die Flut des Galliers, welcher dem Tode trotzt, / Das weite Land des störrischen Spaniers, / Sigambrer auch, die schlachtenfrohen, / Bergen die Waffen vor dir in Ehrfurcht. (Carmina IV). Zwei Jahrtausende darauf folgender Literaten werden das Morden, Metzeln, Vergewaltigen und Zerstören als Kriegspropaganda in ihrer formvollendeten Scheußlichkeit weiter betreiben.

Zur Gewaltverherrlichung kommt dann die widerliche Lobpreisung der Machthaber, wie wenn Vergil über den mörderischen Augustus in der 'Aeneis' behauptet: Das goldene Alter wird er wiederum stiften in Latium, womit er etwa das ethische Niveau von Brechts Verherrlichung des Massenmörders Stalin vorweg nimmt.

 

Hochgemuten bukolischen Schund formulieren Autoren wie Vergil, wenn sie naturverbundenes Landvolk feiern, indem sie es fleißig verkitschen.

 

Mit Properz und Ovid zieht eine Erotisierung der Geschlechterbeziehungen ein, die dazu neigt, Ehe und Familie verächtlich zu machen und flüchtige sexuelle Beziehungen einer dem Luxus ergebenen Oberschicht als "Liebe", amor, zu verherrlichen. 

So schreibt Properz an Cynthia: (...) in der Liebe bedeutet es nichts, Völker besiegt zu haben. / Ich ließe mir lieber den Kopf vom Halse trennen, / als meine Liebesglut der Laune einer Gattin zu opfern, / oder als verheirateter Mann an deiner verschlossenen Tür vorüberzugehen, / die ich verraten habe (...)

 

Die formal kunstvollen Texte eines jüngeren Ovid, in denen der Geschlechtstrieb als unverbindliche Spielerei ausgelebt wird, werden Lektüre der wenigen Belesenen des früheren Mittelalters werden.

Eines haben sie alle drei gemeinsam: Die wohlhabenden Herren Tibull, Properz und Ovid ziehen sich alle aus dem öffentlich-politischen Leben zurück und privatisieren.

 

****

 

Die nur noch zu erschließende ursprüngliche Bauernreligion der Römer teilte sich, wie ebenfalls nur noch zu erahnen ist, in die von den Patriziern annektierten zentralen (Staats)Kulte mit ihren Tempeln, Priestern und Opfern, in denen man das Bündnis mit zunehmend menschlich vorgestellten Göttern sucht, und in die private pietas der einzelnen Familien.

Was einen öffentlichen Kult des teilweise bereits vergöttlichten Augustus ausmacht, bezeugt eine Inschrift in Narbo (Narbonne):

Die Plebs der Narbonnenser hat in Narbo auf dem Forum einen Altar errichtet. An ihm sollen alljährlich am 23. September, dem Tage, an welchem die Gunst der Zeit ihn dem Erdkreis als Herrscher geboren hat, drei römische Ritter aus der Plebs und drei Freigelassene je ein Opfertier darbringen, und sie sollen an diesem Tage aus eigenen Mitteln den Coloni und den Incolae Weihrauch und Wein zur Verfügung stellen, damit diese dem Numen des Augustus opfern können. Ebenso sollen sie am 24. September den Coloni und den Incolae Weihrauch und Wein zur Verfügung stellen (...) Auch am 7. Januar, dem Tag, an dem er die Herrschaft über den Erdkreis antrat, sollen sie Weihrauch und Wein opfern und je ein Opfertier darbringen (..., in: Christ, S.164)

 

Mit den Einflüssen aus Griechenland und dann auch dem Orient kommen zur üblichen Götterwelt die Mysterien und orgiastische Kulte hinzu, sehr unrömische Phänomene, die eine Tendenz weg von den ins Politisch-Zeremonielle erstarrten Staatskulten und hin zu Formen privater Gläubigkeit einleiten. Ein Sonderfall ist das sich überall ausbreitende Judentum, dessen Unduldsamkeit und monotheistische Arroganz am Ende zu teils heftigen Konflikten führt.

 

Selbstredend nimmt die Gläubigkeit in den kleinen belesenen Kreisen seit dem Einfluss hellenischer Philosophie ab, so nach dem Ovidschen Motto: Es ist nützlich, dass es Götter gibt, und da es nützlich ist, lasst uns daran glauben, dass es sie gibt. (Ars amatoria I)

 

Grundzüge des Kaiserreiches bis Commodus

 

Die aristokratische Republik basierte auf großem Grundbesitz, dem von diesen Leuten betriebenen Ausschluss der breiten Masse der Bevölkerung, also der Produzenten, von allen relevanten Entscheidungen und der Austarierung der Machtvollkommenheiten unter dieser Aristokratie. 

Mit der Reichsbildung und der sich ausweitenden Geldwirtschaft nehmen die Vermögens- und Einkommensunterschiede in dieser kleinen Gruppe zu, was mit zu ihrer Entsolidarisierung und Korrumpierung führt. Verarmte städtische und ländliche Massen können immer besser für die Machtinteressen Einzelner eingesetzt werden. Dazu kommen die großen Armeen, die am Ende zu einem auch innenpolitischen Machtfaktor werden. Zunächst wird das Volkstribunat politisiert, also für individuelle, personalisierte Karrieren instrumentalisiert, dann werden alle Magistraturen dafür misssbraucht.

Erst Mord, dann Massenmord wird Mittel der Politik, dazu der Terror eines brutalisierten Pöbels auf der Straße und die Instrumentalisierung der Legionen für persönlichen Machterwerb. Die logische Konsequenz aus hundert Jahren immer grausamerem Bürgerkrieg ist die Machtkonzentration auf einen, der Frieden durch Unterwerfung aller verspricht, ohne das so zu nennen.

Den Frieden, wie Augustus ihn verspricht, wird es nicht für längere Zeit geben, weder nach außen, noch im Inneren. Das Kaiserreich wird vielmehr von enormer Gewalttätigkeit und Grausamkeit geprägt sein und beides auch ungeniert feiern.

 

***Ausdehnung***

 

In der Spätzeit des Augustus sind von rund 60 Millionen Einwohnern des Reiches 14 Millionen im heutigen Italien samt Nachbarinseln zu Hause. Zugleich dominieren inzwischen unter den freien Bürgern die aus den Provinzen, wobei im größten Teil Italiens die Freien nun das römische Bürgerrecht besitzen.

 

Letztlich endet 9 n.d.Zt. mit der verheerenden Niederlage im Teutoburger Wald die dauerhafte Ausdehnung des Reiches deutlich über den Rhein hinaus. Aber es kommt immer wieder zu kriegerischen Konflikten, wobei Rom Stammesobere durch Geschenke, die Menschen durch Handel und ähnliches zu korrumpieren versucht, aber auch ganze Volksgruppen umsiedelt oder auch schon mal ausrottet. Mit äußerster Brutalität und bestialischem Terror werden die Alpenvölker unterworfen und dann das Alpenvorland unterworfen. Es wird weiter zwangsrekrutiert, umgesiedelt und mit Vertreibung, Angst und Schrecken operiert.

Einer von vielen Gründen, Heere oder Heeresteile in Bewegung zu setzen ist die Erfahrung, dass von ihnen bei längerer Inaktivität Unruhen ausgehen können. Dann werden sie wieder aufs legale Töten, Zermetzeln, Vergewaltigen und Niederbrennen orientiert mit dem zusätzlichen Vergnügen des Beutemachens.

 

Bis zum Schluss wird sich der lateinische Westteil des Reiches seiner Eroberungen nie ganz sicher sein können. Was zunächst Aufstände gegen Fremdherrschaft sind, werden im späteren Reich Versuche zumindest oberflächlich romanisierter Reichsteile, Unabhängigkeit zu erlangen.

 

Nach der Eroberung Englands ab 43 kommt es immer wieder zu Aufständen. Der erste große findet 61 unter Boudicca statt und wird auf das blutigste unterdrückt. Nach 122 wird mit dem Hadrianswall eine ähnliche Grenze gezogen wie mit dem Limes gegen die Germanen.

Was Romanisierung unter Agricola in Britannien bedeutet, hat Tacitus schön dargestellt:

Dann ließ er die Söhne der Fürsten in den freien Künsten bilden und stellte die Begabung der Britannier über die Bemühungen der Gallier, so dass die, welche eben noch die römische Sprache abwiesen, jetzt Beredsamkeit begehrten. In der Folge kam sogar unser Aussehen zu Ehren, und die Toga wurde häufig. Und allmählioch ging man zu Annehmlichkeiten und Ausartungen über, zu Säulenhallen, Bädern und erlesenen Festgelagen. Und das hieß bei den Unerfahrenen Kultur, während es ein Teil der Knechtschaft war. ('Agricola' 21, in: Christ, S.563)

 

Illyrien und die ganze Balkanhalbinsel werden erobert, im unteren Donauraum sollen an die 100 000 Menschen umgesiedelt worden sein.

 

Ausdehnungsversuche gibt es gegen Arabien, Äthiopien. Numidien wird in die Provinz Africa eingegliedert. 66-70 muss der große jüdische Aufstand durch Titus niedergeschlagen werden. Selten ist die Grauenhaftigkeit des römischen Imperialismus so detailliert und gut dokumentiert wie beim Kampf um Jerusalem: Hungernde und Nahrung suchende Juden werden zu Hunderten ergriffen und im Umfeld der Stadt gekreuzigt. Dann wird die Stadt eingenommen und der Tempel zerstört.

"Zu Tausenden wurden die letzte Verteidiger erschlagen, die Stadt geplündert, ihre Mauern geschleift, wer sich ergeben hatte und mit dem Leben davongekommen war, in die ägyptischen Bergwerke geschickt oder in die Sklaverei verkauft. Josephus gibt die Zahl der in diesem Krieg in Gefangenschaft geratenen Juden mit 97 000, die Gesamtzahl der Toten mit 1,1 Million an." (Christ, S.252)

 

Während die Baetica unterworfen bleibt und ziemlich schnell romanisiert wird, so dass von dort dann die Kaiser Trajan und Hadrian herkommen werden, leisten vor allem die Kantabrer, Asturer und Galizier heftigen Widerstand, der mit äußerster Brutalität niedergeschlagen wird.

 

Seit Domitian beginnen Einfälle der leicht anzivilisierten Daker, die zunächst über die Donau zurückgetrieben werden. Mit Trajan erreicht das Reich seine größte Ausdehnung einmal durch Eroberung und Ausplünderung von Dakien, die mit "grausamen Gemetzeln, Zerstörungen und Umsiedlungen großer Bevölkerungsgruppen" (Christ) vonstatten geht, und die eine Beute von fünf Millionen römischen Pfund Gold und 10 Millionen Pfund Silber erbracht haben soll, zudem rund 500 000 Kriegsgefangene, die auch zu Geld zu machen sind. Dakien soll danach so entvölkert sein, das große Menschenmassen von überall aus dem Reich dort neu angesiedelt werden. Nach der Ausplünderung der Menschen kann unter der Erde nach Gold, Silber, Eisen und Blei gegraben werden.

 

Dazu kommt die Eroberung von Armenien und Mesopotamien und die Annektion von Arabien. Dabei gerät Rom in Konflikt mit dem Partherreich. Seitdem ist das Reich im Osten dann in die Defensive, wie es mit den Angriffen der Parther in der Zeit Marx Aurels erleben muss. Sie und dann die Sassaniden bilden auf Dauer ein konkurrierendes und machtmäßig ebenbürtiges Großreich.

 

***Militär***

 

Aus der Bürgerwehr der Stadtrepublik Rom ist längst eine Vielzahl professionalisierter Armeen geworden, die das Vielvölkerreich widerspiegeln. Augustus reduziert sie auf 28, die jeweils eine Sollstärke von 5500 Fußsoldaten und 120 Reitern haben. Nach einer Dienstzeit von rund 25 Jahren gibt es nun ein Entlassungsgeld von 3000 Denaren. Ein Teil davon kommt dann in neuen Kolonien unter.

 

Mit Augustus Sieg wird Italien weitgehend von Militär befreit. Der Großteil der Armeen, rund 30 Legionen mit insgesamt rund 150 000 Mann, allesamt freie römische Bürger, haust nun in Garnisonen an den Grenzen, wie in Mainz oder Xanten. Damit entstehen Märkte, auf die Lebensmittel und handwerkliche Produkte der Umgebung gelangen, es entstehen Siedlungen (canabae) mit Läden, Werkstätten, Wirtshäusern und Prostituierten.

Solche Militärlager mit Siedlung stimulieren Fernhandel mit Wein, Speiseöl und sogar mit Luxusprodukten.

 

Zudem werden nun Auxiliartruppen von 500 oder 1000 Mann aus freien Provinzialen aufgebaut, die ebenfalls 25 Jahre zu dienen haben und solange aufgestockt werden, bis sie fast den Umfang der regulären Legionen haben. Nach der Dienstzeiot bekommen sie das volle römische Bürgerrecht.

Solche schnellen Eingreiftruppen fremder Söldner beeinflussen dann anzivilisierte Völkerschaften außerhalb, wie am Beispiel der Cherusker dann deutlich wird.

 

Nach Ausschaltung der Garden, Schutztruppen der Bürgerkriegsparteien bleibt eine kaiserliche Prätorianergarde übrig, die 23 n.d.Zt. auf den Viminal in die Stadt verlegt wird und dort wichtigstes kaiserliches Machtmittel für die Hauptstadt wird. Umgekehrt vereint sie bei Schwächen der Kaiser enorm viel Macht auf sich.

 

Zu alledem kommen zwei Flotten für das westliche und östliche Mittelmeer und kleinere Flotten für die Fluss-Schiffahrt.

 

***Herrscher und Herrschaft***

 

Die Macht des Herrschers ist die Ohnmacht der anderen im System von Befehl und Gehorsam und ist die Konzentration der Machtinstrumente Finanzen und Militär in seiner Hand. Entsprechend leistet das Heer jährlichen einen Eid auf den Prinzeps, den obersten Befehlshaber, und sein "Haus" (domus) und geht der Großteil der Finanzen ans Heer. Nachdem mit Augustus die politische Macht der Aristokratie endgültig gebrochen ist, kann diese zwar weiter Senat und hergebrachte Ämter besetzen, aber deren Bedeutung schwindet. Der Senat wird immer einmal wieder "gesäubert" und man muss nun für den Eintritt in diesen 1 Million Sesterzen vorweisen. Immer neue Leute aus immer ferneren Gegenden steigen in ihn auf. Die Nobilität und die sogenannte Munizipalaristokratie wird entweder dem Herrscher dienstbar oder sie genießt im Konsum ihren Reichtum. Zugleich steigen nun die Ritter mit einem Mindestvermögen von 400 000 Sesterzen und nach ihnen die in Geschäften reich werdenden Freigelassenen in die Ämter der Despoten auf.

 

Grausame Despotie: Tacitus lässt den römischen Legaten folgendes an die aufständischen Treverer verkünden:

(...) man kann nicht ohne Waffen die Ruhe der Völker, auch nicht die Heere ohne Sold und den Sold ohne Steuern haben. (...) Grausame Principes stürzen sich auf die zunächst Erreichbaren. Wie Dürre oder alzu häufigen Regen und alle übrigen Heimsuchungen der Natur, so ertragt eben die Schwelgerei oder die Habsucht der Despoten! Laster wird es immer geben, solange es Menschen gibt. (Historien IV)

 

Die vom Senat verwaltete Staatskasse verliert immer mehr an Bedeutung, immer mehr der im Vergleich zu heute sehr niedrigen Steuern, durchschnittlich vielleicht 10% insgesamt, gelangen in den kaiserlichen fiscus und insbesondere in die kaiserliche Kasse zum Unterhalt des Militärs, Hauptausgabenposten.

Eine einprozentige Verkaufssteuer, eine vierprozentige Sklavenverkaufssteuer, Zölle, Markt- und Hafengebühren sind für alle im Reich gleich. Die Provinzialen müssen zudem erhebliche Grund- und Kopfsteuern entrichten, die römischen Bürger nur eine fünfprozentige Erbschaftssteuer.

 

In den ersten zwei Jahrhunderten Despotie wechseln sich immer wieder große Sparsamkeit mit extremer Verschwendung ab. Auf die folgen dann "erzwungene Erbschaften und Legate reicher Personen, skrupellose Konfiskationen von Gütern und Vermögen, die Verurteilung von Senatoren, Rittern, reichen Freigelassenen und Provinzialen, deren Hab und Gut eingezogen werden konnte (...) und die systematische Herabsetzung von Feingehalt und Münzfuß der Währung." (Christ, S.445)

 

Mit der Konzentration der Macht auf die Kaiser und ihren Hof findet eine weitgehende Entpolitisierung von arm und (weitgehend auch) reich ihren Abschluss, welche synonym ist mit vollständiger Untertänigkeit. Die vielen Machtkämpfe haben keine sachlichen Bezüge mehr außer blanker Machtgier und Eitelkeit. Genau das wird dann auch die Nachantike und die ersten Jahrhunderte des Mittelalters in seiner ganzen Ekelhaftigkeit prägen.

Immerhin wird unter den Kaisern die res publica, also die Summe der öffentlichen Angelegenheiten und ihrer Vertretung, nun in ersten kleinen Ansätzen in einen Staat verwandelt, der aus dem Kaiser, seinem Hof und seiner Verwaltung gebildet wird. Dieser Staat ist wesentlich seit Tiberius despotisch, wie Tacitus kommentiert: In Rom warf sich alles der Knechtschaft in die Arme, Konsuln, Senatoren, Ritter. Gerade die Angesehensten waren die Heuchlerischsten und hatten es am Eiligsten. (In: Christ, S.183)

 

Herrscher wird man nun auf dem Wege der Adoption, wie das schon für Tiberius gilt, vor allem aber durch die Erhebung durch das Heer oder die Prätorianergarde.

Herrschaftsmittel sind die Ermordung von Konkurrenten auch in der eigenen Familie, die willkürliche Tötung von Opposition mittels des Vorwurfs der laesa maiestatis, was schon Tiberius sechzig mal praktiziert. Ein stattlicher Teil der Herrscher werden selbst ermordet.

 

Die mit Geld, Heer und Verwaltung ausgeübte Macht hängt dabei sehr deutlich von der Persönlichkeit des Herrschers ab. Tiberius zieht sich irgendwann in ein Luxusleben auf Capri zurück und lässt den Gardechef Sejan in Rom wüten. Caligula schröpft die Bevölkerung und verpulvert das Geld dann in einem durch mörderischen Terror  angereicherten Luxusleben. Claudius verspricht jedem Prätorianer 15 000 Sesterzen und wird so von ihnen zum Kaiser erhoben, um dann Frauen wie Messalina und Agrippina den Spielraum zu überlassen, der am Ende zu seiner Ermordung führt. Nero, der sich vor allem als "Künstler" versteht, braucht sehr lange, bis er sich stärker mit "Regierung" beschäftigt. Dabei spielen machtgierige Frauen eine immer stärkere Rolle, bis Mutter Agrippina ermordet und Ehefrau Octavia hingerichtet wird und er sich von Poppaea Sabina fesseln lässt. Bevor er selbst hingerichtet werden kann, tötet er sich selbst.

 

Auf das mehr oder weniger durch "Adoptionen" zusammengehaltene julisch-claudische Kaiserhaus endet in einem Bürgerkrieg. Zwischen 69 und 96 herrschen dann Vespasian, Titus und Domitian. Letzerer treibt die Despotie auch äußerlich weiter voran.

"Der princeps wurde nun stets von vierundzwanzig Liktoren begleitet, betrat den Senat im Triumphalgewand, seine Person wurde faktisch (...) unnahbar. Bei den von ihm zu Ehren des Juppiter Capitolinus gestifteten Spielen trug Domitian eine purpurne Toga nach griechischem Zuschnitt, auf dem Kopf eine goldene Krone (..." Christ, S.275)

 

Unter der verschärften Despotie des Domitian werden wieder mehr Senatoren hingerichtet. Tacitus schreibt:

Wir gaben in der Tat einen schönen Beweis von Unterwürfigkeit; und wie die alte Zeit sah, was das äußerste in der Freiheit ist, so wir, was in der Knechtschaft, wobei durch geheime Überwachung auch der Austausch im Hören und Sprechen genommen war. Auch das Gedächtnis hätten wir noch mit der Stimme verloren, wenn es so in unserer Macht stünde, zu vergessen wie zu schweigen. (Agricola, 2.3)

 

Auch Domitian wird am Ende samt seiner engsten Helfershelfer ermordet, worauf dann auch die erschlagen werden, die unter ihm als Denunzianten ihre Herren und Patrone dem Tod ausgeliefert hatten. Eine Weile später werden dann auch noch die Mörder Domitians hingerichtet. Mit der Idee Nervas, Trajan direkt als Nachfolger zu adoptieren, wird eine Art Erbmonarchie angestrebt.

 

Unter Hadrian, ebenfalls aus reicher Familie italischer Kolonisten in der hispanischen Baetica, konsolidisiert und verändert sich das inzwischen geschätzte 60 Millionen Einwohner umfassende Reich weiter, welches immer stärker auf den Kaiser ausgerichtet wird, der Heerführer und zugleich als divus vergöttlicht ist. Zentrum neuer Städte ist der Tempel des Kultes des aktuellen Kaisers. Im monumentalen Pantheon und seiner riesigen Phantasieresidenz bei Tivoli spiegelt sich der despotisch zentrierte Reichsgedanke, der überall mit kaiserlichen Bauten repräsentiert wird.

Durch Hadrian wird in neuer Schub der Hellenisierung eingeleitet, den seine Knabenliebe zu Antinoos, der nach seinem frühen und mysteriösen Tod ebenfalls vergöttlicht wird, ebenso repräsentiert wie die Errichtung eines Panhellenion in Athen und sein Amt eines Athener Archonten.

Mit einem vergrößerten Beamtenapparat wird geherrscht und mit Monumentalbauten wie der Villa Hadriana bei Tivoli oder dem gewaltigen Mausoleum (der späteren Engelsburg) Eindruck gemacht.

 

***Das Land***

 

Wenn man von Wirtschaft der römischen Antike reden will, geht es im wesentlichen um Landwirtschaft. Das Kleinbauerntum wird unter dem Prinzipat weiter weniger, ohne ganz zu verschwinden. Die mittelgroße Einheit einer villa nimmt weiter zu, von Sklaven bearbeitet und spezialisiert auf einen Markt ausgerichtet. Weiter zu nimmt auch das latifundium mit mehr als 125 ha Land. In seiner Naturgeschichte schreibt der ältere Plinius:

Um die Wahrheit zu sagen, haben die Latifundien Italien ruiniert und werden wahrscheinlich schon bald auch die Provinzen zum Ruin bringen. Sechs Landherren waren im Besitz der einen Hälfte der Provinz Africa, zu der Zeit, als Nero sie alle beseitigen ließ. (Historia naturalis 18)

In den Briefen des Seneca lautet das so: Vernehmt, ihr reichen Männer, einmal ein ernstes Wort, und weil der einzelne davon nichts hören mag, so sei es öffentlich gesagt: Wo wollt ihr euren Besitzungen die Grenzen setzen? Der Bezirk, der einst eine Gemeinde fasste, dünkt jetzt einem Grundherrn eng. Wie weit wollt ihr eure Ackerfluren ausdehnen (..., in: Christ, S.488)

 

Im Unterschied zur Villenwirtschaft kommt der Großgrundbesitz eher ohne Sklaven aus, die derart massiert eher gefährlich werden könnten oder wohl auch in der großen Fläche unproduktiv arbeiten würden. Stattdessen produzieren dort Kleinpächter, die so wie früher ganz allgemein der Bauer, nämlich colonus heißen. Sie haben eine erhebliche Pacht in Geld oder Naturalien zu leisten und zudem in gewissem Umfang Arbeitsdienste. Wo es, wie bei den kaiserlichen Domänen und manchem anderen Großgrundbesitz, um eine ganze Anzahl riesiger Flächen in verschiedenen Teilen des Reiches geht, verwalten das verschiedene Pachtunternehmer bzw. Verwalter, die versuchen, möglichst viel aus den Kleinpächtern herauszupressen.

 

***Die Städte: Oberschicht und Pöbel***

 

Das römische Reich besteht aus einer Zentrale, die bis tief ins Prinzipat hinein einmal die urbs Roma bleibt, in der weiter Senat und Magistrate existieren, auch wenn sie im Laufe von zwei Jahrhunderten jeden Einfluss verlieren, und in der Kaiser meist noch von ihren Palästen aus mit Hilfe des Heeres und des Geldes herrschen.

Seit Augustus setzen Kaiser Magistrate und Ämter ein, um die Riesenstadt zu verwalten. Erste Aufgabe ist immer die Getreideversorgung (cura annonae), zunehmend auch die mit Speiseöl, und die Wasserversorgung über riesige Aquädukte, die täglich eine geschätzte Milliarde Liter Wasser in die Stadt leiten. Dazu kommt auch die städtische Feuerwehr. Wichtig ist auch der Bau und Ausbau der Straßen von und nach Rom und der Botendienste entlang solcher Straßen.

 

Die römische Oberschicht setzt sich auch in der Zeit des sogenannten Prinzipats aus der sehr überschaubaren Gruppe der Senatoren und den Rittern zusammen, von denen es zur Zeit des Augustus bereits etwa 20 000 gibt und die dann immer mehr werden.

Der entmachtete Senat wird zu einer Art "Notabelnversammlung" (Christ) von Familien mit einem Vermögen von wenigstens einer Million Sesterzen, die ihre Söhne den cursus honorum durchlaufen lassen. Bereits in den ersten beiden Jahrhunderten sinkt dabei der Anteil italischer Konsuln immer weiter. Vermögen im wesentlichen an Grundbesitz erreicht dabei gelegentlich 10-20 Millionen.

Ritter durchlaufen oft ebenfalls den cursus honorum oder eine Militärlaufbahn, viele sind aber auch einfach reiche Geschäftsleute.

 

****

 

Urbanisierung bedeutet Zivilisierung und Unterwerfung der Menschen als manövrierbarer Masse in Untertänigkeit, was die römischen Eroberer sehr bald erkennen. Jenseits der Zentrale gibt es bzw. entstehen mehr als tausend Städte, Kolonien und Munizipien, mit denen bzw. von denen aus mehr oder weniger "Romanisierung" stattfindet, also Überfremdung. Urbanisierung ist dabei häufig identisch "mit einer brutalen Okkupation der wertvollsten Anbauflächen, mit der Vertreibung der Besitzer, die ihr bisheriges Eigentum allenfalls noch als Pächter bewirtschaften konnten, sowie mit der Aneignung von Häusern, Vieh, Gerät und beweglicher Habe aller Art." (Christ, S.456)

 

Civitas ist in der Kaiserzeit zunächst eine ländliche Gemeinde, die einen städtischen Kern herausbildet. Munizipien zeichnen sich durch einen großen Anteil römischer Bürger aus, während coloniae geschlossene Ansiedlungen römischer Bürger sind.

Die meisten Städte sind Kleinstädte wie Pompeii. Unter 50 000 Einwohner haben Narbonne, Köln, London. Darüber liegen Lyon, Trier, Cádiz. Über 100 000 Einwohner sind Alexandria, Antiochia und Karthago anzusiedeln.

Für unsere kommenden Betrachtungen wichtig ist, dass der Norden Galliens und die Atlantikküsten der iberischen Halbinsel samt dem Landesinneren kaum urbanisiert werden.

 

Verwaltet werden sie von den Stadträten des ordo decurionum, von dem aus man in den Ritterstand, in Offizierspositionen und in selteneren Fällen bis in den Senatorenstand aufsteigen kann. Je nach Stadt und Region ist es verschieden, wie man in den Rat der Stadt kommt und welches Vermögen man dafür mindestens vorweisen muss, bis man schließlich bald dann Kurialer auf Lebenszeit und das Amt dann erblich wird.

 

Da das Amt ehrenamtlich ausgeübt wird und zugleich mit erheblichen finanziellen Verpflichtungen verbunden ist, ist es von vorneherein Sache einer kleinen Oberschicht, die bald auch die Magistrate (mit deren Aufwand) unter sich verteilen muss, was zum Schwinden der dortigen Volksversammlungen führt. Diese finanziert dabei die Kulte und die Monumentalbauten der Theater und Amphitheater, der Tempel, der Märkte und Basiliken, Wasserleitungen und Bäder.

Insofern ist das ihre Stadt. Andererseits müssen sie aber die in weitgehender Untertänigkeit gehaltenen produzierenden, Handwerk und Kleinhandel treibenden und dienenden Massen ruhigstellen, was durch die Sicherstellung der Getreideversorgung und die von den Kurialen bereitgestellten Amüsier-Angebote geschieht. Dabei wird all das im Laufe der Zeit immer mehr von einer Ehre zu einer Verpflichtung, da es für all das kaum reguläre städtische Einnahmen gibt.

 

In der Stadt Rom wird die Getreideversorgung seit Augustus für 200 000 oft arbeitslose bzw. gering verdienende Stadtrömer gratis. Die Mengen reichen allerdings wohl kaum zur Ernährung einer Familie aus.

Vor allem in Rom selbst kommen dazu immer einmal wieder teilweise beträchtliche Geldgeschenke. Die Menschenmassen werden dabei seit den Bürgerkriegen in Käuflichkeit eingeübt und beschränken ihre Bedürfnisse auf den Konsumbereich, was (nicht nur) den untertänigen Massen der Europäer heute sehr vertraut sein dürfte.

 

Unter Domitian wird Juvenal das "Volk" in seiner zehnten Satire so kommentieren: Schon lange, seitdem es keine Stimme mehr zu verkaufen gibt, hält es sich fern. Einst verlieh es Feldherrnamt, die Fasces, Legionen, Alles - jetzt begnügt es sich und hegt nur noch zwei angelegentliche Wünsche: Brot und Spiele!

 

Vor allem aber werden die Massen durch ein umfangreiches Amüsierprogramm ruhig gestellt, ähnlich wie auch heutzutage, allerdings teils gratis, bei Augustus an 65 Tagen, danach dann immer häufiger, teils leichter erschwinglich: Da ist das Theater mit Schauspiel überwiegend auf niedrigem, derbem Niveau, das Odeon, eine Art Variété, da sind die Rennbahnen für Wagenrennen mit bis zu zeh  vorgespannten Pferden, die Arenen für Gladiatorenkämpfe und ähnlich brutale Spektakel und manches mehr. Massen: Solche Arenen haben selbst in der Provinz Platz für bis zu über 30 000 Menschen. Dazu gehören auch die großen Bäderanlagen, den Griechen abgeschaut.

 

***Verrohung und Brutalisierung***

 

Anzunehmen ist, dass Menschen städtischer Massen der bronzezeitlichen Zivilisationen bereits durch Untertänigkeit und Kriegsdienst in gewissem Maße verrohten und tendentiell empathieunfähig wurden. Wenig sesshafte kriegerische (räuberische) Stammesverbände konnten solche Verrohung zumindest nach außen einüben.

Für Rom gibt es eine gerade Linie von den Privatkriegen der gentes, also von Sippenverbänden, über eine durchmilitarisierte res publica bis zur Verrohung im populären Amüsement. 

Wie groß der Anteil jenes Pöbels an der Bevölkerung der urbs Roma ist, der immer wieder durch eigene Gewalttätigkeit, gruseligste Grausamkeiten samt Leichenschändungen usw. auffällt, bleibt unklar.

 

Der mittelhochdeutsche povel oder bovel entstammt dem altfranzösischen poble, einer Verwandlung des lateinischen populus. Im von mir abgelehnten derzeitigen politisch korrekten Denglisch, einer verbalen Vermeidungsstrategie von Wirklichkeit, wird seine Existenz wie so vieles anderes geleugnet. Tatsächlich bezeichnete er meist Menschen aus "Unterschichten" mit gröberen Manieren und einer Tendenz zur Äufsässigkeit. 1525 heißt es bei Luther über die aufständischen Bauern: Der Esel will Schläge haben und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wusste Gott wohl, drum gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand.

Hier soll der Begriff sinngleich mit dem vom Mob dienen, vom lateinischen mobile vulgus (bewegbare Unterschichten) über das Englische in die deutsche Sprache gekommen. Pöbel ist so hier der von Machtinteressen mobilisierbare Teil der dumpfen städtischen Massen, die - politisch völlig entrechtet und auf Warenkonsum und nicht zuletzt den eines Amüsiergewerbes orientiert - sich auch gruppendynamisch zu Untaten aller Arten sammeln.

 

Brutalisierung: Im Laufe des ersten Jahrhunderts nimmt der Umfang der zum Amüsement der Stadtrömer in Tierkämpfen sich zerfleischenden und umkommenden wilden Tiere immer mehr zu, bis es unter Domitian zu großangelegter Ausbildung der entsprechenden Tierfänger kommt.Zudem werden die Tiere immer exotischer, dazu gehören schon früh Löwen, Leoparden, Bären, Elefanten.

Das selbe gilt für die Anzahl der in Kasernen ausgebildeten und untergebrachten Gladiatoren.

 

Trajan lässt dann innerhalb von drei Jahren an 117 Tagen zur Feier der Vernichtung der Daker knapp 5000 Gladiatorenpaare gegeneinander kämpfen und setzt zudem in dieser Zeit rund 11 000 wilde Tiere für Spiele ein. Die Massen sind begeistert.

 

***Sklaverei***

 

Unter dem Prinzipat besteht teilweise ein Viertel der Bevölkerung aus Sklaven, und zusammen mit den vielen Freigelassenen machen sie manchmal die Mehrheit der Bevölkerung aus.

 

Vom rechtlichen Status her unterscheiden sich Sklaven und "freie" Bürger weiterhin, in manchem nähern sich einige von ihnen aber immer mehr an. Am deutlichsten wird das wohl an dem immer unfreieren Status der abhängigen Bauern auf den Besitzungen der villae und auf den Latifundien.

 

Was Sklaven selbst von ihrem Status halten zeigen die großen Aufstände seit dem zweiten Jahrhundert vor der Zeitrechnung, die mit dem Einsatz von Legionen auf das Grausamste niedergeschlagen werden müssen. Deutlich macht das auch die Tatsache, dass Sklaven unentwegt und massenhaft vor ihren Herren fliehen.

Was "freie" Römer (ingenui) fast durchweg von der Sklaverei halten, zeigt die Tatsache, dass auch Christen, wenn das Geld reicht, Sklaven besitzen und sich jedenfalls seit Paulus die Kirche kaum gegen Sklaverei äußert. Selbst Freigelassene, von denen Texte überliefert sind, wenden sich nicht gegen die Sklaverei.

 

***Handwerk und Handel***

 

Freie stadtrömische Bürger, cives, sind in der Masse Handwerker, Kleinhändler, Dienstleister und Gelegenheitsarbeiter. Sie sind, auch wenn das eher wenig dokumentiert ist, wohl oft in Berufsvereinen, collegia organisiert, die einen gemeinsamen Kult pflegen und gemeinsam Feste feiern. Selbst wo es wie in bestimmten Keramikbereichen zu Massenproduktion kommt, verteilt diese sich in der Regel doch auf viele kleinere Betriebe. Gemeinhin arbeiten in Werkstätten Freie und Sklaven zusammen, vor ihnen ist oft ein Verkaufsladen und die Eigentümer wohnen darüber.

 

Meist werden handwerkliche Produkte auch nur regional verkauft, vor allem bei Transporten über Land, die sehr teuer sind, auch wenn die primär für militärische Zwecke gebauten Fernstraßen etwas helfen. Das gilt etwas weniger für alte griechische Städte, die schon länger auch für Fernhandel (insbesondere auf dem Seeweg) produzieren. Der zweieinhalb-prozentige Binnenzoll zwischen großen Zollregionen hingegen spielt kaum eine Rolle. (Christ, S.118)

 

Größere Töpfereien und Ziegeleien mit Massenproduktion sind oft in der Hand großer Grundbesitzer, die hier ihren Rohstoff Erde nebenbei auch so kommerzialisieren.

 

Die Qualität des Fernhandels über das Mittelmeer hängt daran, inwieweit das Seeräuber-Unwesen eingegrenzt werden kann. Zwei wichtige Güter des Seehandels sind Getreide und Speiseöl. Zur Zeit des Augustus werden ungefähr 150 000 Tonnen Getreide allein aus Ägypten nach Rom transportiert.

Ansonsten dominieren im Fernhandel wie bis ins Mittelalter hinein Luxusgüter.

Gewürze, Edelmetalle, Edelsteine, Schmuck und Seide kommen zum Beispiel aus Indien und Äthiopien über Zwischenhandels-Stationen wie Petra seit etwa 100.

 

Handelskapital muss es im Reich durchaus gegeben haben, solches, welches auf bestimmte Waren spezialisiert ist wie solches, welches Handel mit einer bestimmten Region betreibt. Dabei dürften einige Firmen auch eine beträchtliche Größe gehabt haben. Im zweiten Jahrhundert schreibt ein Aelius Aristides über den Hafen von Ostia: Das Ein- und Auslaufen der Schiffe hört niemals auf, so dass man sich nicht nur über den Hafen, sondern sogar über das Meer wundern muss, dass es, wenn überhaupt, für die Lastschiffe noch ausreicht. (in: Christ, S.501)

 

***Technik***

 

Was im antiken Römerreich eher selten ist, ist ein auf naturwissenschaftlich-technische Gegenstände orientierter Forschergeist, wie er sich im Verlauf des Kapitalismus entwickelt hat. So etwas ist für Römer immer an eine unmittelbare Nutzanwendung geknüpft. (Christ, S.507ff)

 

Als erhebliche technische Leistungen der römischen Antike mögen die Gewölbe angeführt werden, mit denen Hallen (Basiliken) überspannt werden und die Rundbögen, mit denen enorm lange Aquädukte für die Wasserversorgung der Städte und steinere Brücken gebaut werden. Ein solches technisches Niveau wird dann langsam in der Zeit wieder erreicht werden, in der Kapitalismus sich einzuwurzeln beginnt, nach dem ersten Jahr Tausend. Eine weitere Errungenschaft ist das senkrechte Mühlrad zum Mahlen von Getreide.

Handwerkliche Spitzenleistungen gibt es auch in der Keramik, der Glasproduktion und anderen Bereichen der Luxusproduktion für die Oberschicht.

 

***Religion***

 

Anhand eines Berichtes der Priester-Bruderschaft einer Fruchtbarkeitsgöttin von 118 wird einmal deutlich, was Kult bedeutet und wo seine Wurzeln liegen, und zum anderen, wie sehr er mit Festlichkeit und Unterhaltung verquickt ist:

Im Hain der Dea brachte der Obmann (...) am Altar zwei Säue als Sühneopfer für Beschneiden der Bäume und Vollführen von Arbeiten. Ferner brachte er am Opferherd der Dea Dia eine weiße Kuh als freiwilliges Ehrenopfer. Sodann setzten die Priester sich in der Halle nieder und nahmen ein Mahl von dem Opfer ein. Nachdem sie die Praetexta angelegt und Ährenkränze mit Binden aufgesetzt hatten, stiegen sie, während der Weg freigehalten wurde, in den Hain der Dea Dia hinauf und opferten durch den Obmann (...) und den Flamen (...) ein fettes Schaf. Nach Vollzug des Opfers spendeten sie alle Weohrauch  und Wein. Sodann wurden die Kränze herbeigebracht und die Götterbilder gesalbt. (...) Nach dem Mahl begab sich der Obmann (...), angetan mit Purpurmantel und Sandalen, einen geflochtenen Rosenkranz auf dem Haupt, an die Schranken und gab den Wagenlenkern und Kunstreitern das Zeichen. (Danach gibt es für die Sieger) Palmen und Siegerkränze als Ehrenpreise. (in: Christ, S.565)

 

Insgesamt dürfte die Bedeutung der traditionellen (öffentlichen) Kulte immer stärker politischer Natur geworden sein, während die Privatleute sich eher mit Traumdeuterei, Astrologie, Wahrsagerei und ähnlichem befassen, wenn sie nicht den aus dem Südosten stammenden Mysterienkulten der Isis, Kybele, oder des Mithras nachgehen. Diese sprechen in der Intimität kleiner Gruppen bei ritueller Aufnahme stärker die Emotionen an, wie beim taurobolium, der Besprengung mit dem Blut eines rituell geschlachteten Stieres im Kybele- und Mithraskult. Dabei geht es wie im Christentum um die Vorstellung des Eingehens in ein Heil nach dem Tode oder gar die mystische Vereinigung mit einem Gott.

 

Die wenigen Gebildeten dürften weiter die Kulte als staatstragendes Moment für die glaubensfroheren Massen akzeptiert haben, selbst aber zwischen vagen, abstrakten Ein-Gott-Vorstellungen und Skepsis angesiedelt gewesen sein.

 

In den ersten hundert Jahren des Prinzipates kommt es immer wieder zu Zusammenstößen mit Juden und unter Nero auch kurz mit den (wenigen) Christen, wobei letzteren ansonsten vor allem mit Unverständnis begegnet wird. Etwas weiter gehen zumindest regional Christen-Verfolgungen unter Domitian.

Neue jüdische Aufstände gibt es zwischen Alexandria, Zypern und Mesopotamien im Zuge der Kämpfe Trajans gegen die Parther, und darauf folgende Massaker gegen Juden.

130-35 führen massive gegen die jüdische Religion gerichtete Maßnahmen zum Bar-Kochba-Aufstand, in dem erneut etwa eine halbe Million Juden sterben und Iudea nun zur Syria Palaestina wird.

 

 

****

 

Rom wird immer "unrömischer" auch unter dem Einfluss bedeutender werdender anderer orientalischer Kulte noch vor dem Christentum.

 

 

Stämme, Völker, Wanderungen und das Reich

 

Das „christliche“ Imperium des Westens zerbricht sowohl an seinen inneren Zuständen wie an äußeren Bedrohungen, und beide haben auch sehr viel miteinander zu tun. Während die Kaiser viel Militär im Osten bereits gegen Perser und andere einsetzen müssen, wird das Reich im Norden und Westen von Völkerscharen bedroht, deren Kern meist Leute aus der germanischen Sprachfamilie sind, oder aber, wie die Hunnen, aus Zentralasien stammen.

Griechen, Römer und Perser haben die Stufe entwickelter Zivilisationen erreicht, während die innerasiatischen Reiterscharen wie auch die Germanen noch in mancher Hinsicht davor stehen. Es handelt sich um in Bewegung geratene, militarisierte Stammeskulturen. Dabei sind die zentralasiatischen Volksgruppen überwiegend auf kurz angelegte Raubzüge aus, während die germanisch dominierten Scharen, um die es im weiteren gehen wird, nach und nach auch Neuansiedlung ins Visier nehmen.

 

Das Wort Stamm beruht auf der Vorstellung gemeinsamer Abstammung. Es soll hier Leute mit einer gemeinsamen Sprache, gemeinsamen Kulten, ähnlicher Lebensweise und Produktion benennen, die sich ganz auf der Basis von Tradition und ohne allgemeine Schriftlichkeit entwickeln.

 

Der ebenso wenig klare Begriff „Volk“ soll für die hier beschriebene Zeit zunächst damit in etwa zusammenfallen. Davon zu unterscheiden ist der populus, das "Volk" von Rom, womit die Schicht unterhalb des Adels gemeint ist, ein schichtspezifischer Ausdruck also. Beide Volksbegriffe werden sich von nun an in einem steten Wandel befinden.

Der spät in die (deutsche) Geschichtsschreibung eingegangene Begriff Völkerwanderung operiert mit einem Volksbegriff, wie er außerhalb des germanischen Sprachbereichs nicht möglich ist und wie er zu der Zeit, in der diese  "Völker" "wandern", so auch völlig fehlt.

 

Das germanische „Volk“ bedeutete wohl ursprünglich unter anderem eine Kriegerschar. Das spiegelt sich noch in den deutschen Ritterromanen um 1200, wo volc meist das Heer oder die Ritterschaft bedeutet. Aber in ihnen wird an einigen Stellen bereits jener Bedeutungswandel deutlich, der gelegentlich nun Bevölkerung zum Beispiel einer Stadt meint und dann zunehmend die Bevölkerung unterhalb des Adels, das gemeine volk Gottfrieds von Straßburg. "Volk" wird dann immer verächtlicher gebraucht werden, und zwar auch von den gehobeneren Kreisen des Bürgertums. Soweit handelt es sich um eine deutsche Besonderheit. (Vgl. Großkapitel im Anhang: 'Helden').

 

Im englischen Sprachraum wird das folc nach der (franco)normannischen Eroberung zunehmend durch das romanische people ersetzt. Dies wiederum entstammt dem römischen (lateinischen) populus. Folc sinkt dann nach und nach ab, bis es vor allem die nichtadelige ländliche Bevölkerung meint.

Der populus der antiken Menschen des Römerreiches ist die förmlich von der Senatorenschicht abgetrennte Bevölkerung (senatus populusque Romanum) und wird den deutschen Oberschichten viel später dazu dienen, Unterschichten als "Pöbel" abzuqualifizieren. Im Altfranzösischen werden die gentes der Lateiner übernommen und so tauchen bei Chrétien de Troyes die genz menües als pueples, kleine Leute auf, die zugleich vilains sind, ein Wort, welches auch die Bauern bezeichnet und später dann allgemein Schurken und Halunken.

 

Von einem klaren, alles übergreifenden Volksbegriff (volc, folc, people, peuple) kann also nicht die Rede sein.

 

Die Problematik des Volksbegriffes in der historischen Rückschau wird vielleicht am deutlichsten in den Schwierigkeiten der Benennung jener Völkerscharen, die seit der späten Antike aus dem Inneren Asiens in Europa hereinbrechen, und die selbst keine Texte hinterlassen haben. Sie sind in der Regel nomadisierende Viehzüchter aus Steppengebieten, die sich für Raubzüge zu bewaffneten Reiterscharen zusammenfinden. Nach den Hunnen, von denen wir fast gar nichts wissen, tauchen die Awaren an den Grenzen des oströmischen Reiches auf, wo sie sich im Bereich von Pannonien niederlassen und ein Großreich bilden. Sie waren offenbar im Zuge der Bildung eines zentralasiatischen Reiches der Gök-Türken vertrieben worden und haben sich in Südosteuropa Bulgaren und andere Slawen dienstbar gemacht, die in ihrem Reich dann die große Masse der Bevölkerung stellen, und die unter dem awarischen Khan ebenfalls als Awaren gelten, während sie, sobald sie daraus ausscheren, eben oft auch als Bulgaren bzw. "Slawen" gelten.

Awaren sind also eine (durchaus zentralasiatisch aussehende) dünne Oberschicht wie die Franken in Gallien, in die als Völkerschaft untergebene Völker auch begrifflich eingegliedert werden. Aware ist man unter der Herrschaft des awarischen Khans. Die Bulgaren treten in die Geschichte mit ihrer Reichsbildung auf (ost)römischem Boden ein. Slawen nördlich des Balkans, die in von Germanen verlassene Landschaften einwandern, sind in Stammeskulturen siedelnde Bauern vor allem, die einen Angriff der Awaren auf Byzanz zum Aufstand unter einem fränkischen Kaufmann nutzen, um dann nach und nach unter die erst lokale und dann regionale Kontrolle einzelner mächtiger Familien zu gelangen, was zur Herausbildung von Völkern führt. 

 

Stammes-Kulturen bzw. solche Völker sind im Unterschied zu Zivilisationen mobiler. Auf früher Stufe wandern sie, manchmal sogar von Jahr zu Jahr, von einem Jagdrevier, Weidegrund oder einem weniger fruchtbar gewordenen Boden zum nächsten. Den Bewohnern Nordamerikas wird das ab dem 16. Jahrhundert zum Verhängnis werden, denn die europäischen Einwanderer befinden, dass die Einheimischen, da sie keine schriftlichen Rechtstitel auf immobiles Eigentum vorweisen können, eben auch überhaupt keine Rechte auf ihren Halbkontinent haben.

 

Der Begriff Völkerwanderung taucht Ende des 18. Jahrhunderts unter anderem bei Friedrich Schiller auf und wird dann im 19. Jahrhundert schnell populär. Das ist deswegen kurios, weil das Wort "wandern" gerade dabei ist, einen erneuten Bedeutungswandel durchzumachen, den hin zu einer neuartigen Freizeitbeschäftigung zu Fuß. Zuvor hatte das Wort bestimmte Formen notwendigen Reisens benannt, wie bei der Gesellenwanderung.

Ursprünglich hatte Wandern seine Bedeutung als sich irgendwo hin wenden, aufmachen, in Bewegung setzen. Das konnte für die, die es sich leisten konnten, zu Pferde geschehen, auch schon mal unter Mitnahme von Karren für das Gepäck.

Zu den Ursachen, warum sich Teile von Völkern oder gar ganze in Bewegung setzten, um nicht mehr zurückzukehren, sind wir auf Vermutungen angewiesen, die hier nicht wiederholt werden müssen. Der Grund dafür ist, dass es sich um höchstens ein wenig anzivilisierte Völker handelt, die keine Texte hinterlassen haben. Erschließen lässt sich, dass fehlende Zivilisierung eine geringere Ortsfestigkeit der Besiedlung bedeutet. Innerasiatische Steppenvölker wiederum waren als Viehzüchter ohnehin Nomaden.

Absichten wiederum lassen sich aus dem entnehmen, was diese "wandernden" Völker tatsächlich tun. Einige suchen ganz offensichtlich neuen Siedlungsraum, wobei sie beim Aufbruch offenbar nocht nicht ganz sicher wissen, wo sie genau hinwollen. Das lässt sich für die gotisch dominierten Völkerscharen so nachvollziehen, und jene Sueben, die sich am Ende auf dem Gebiet des heutigen Portugal niederlassen, werden das sicher bei ihrem Aufbruch noch nicht so geplant haben, so wenig wie die dann neben ihnen siedelnden Vandalen.

 

Solche militarisierten Völkerscharen in Bewegung ernähren sich, so ist anzunehmen, von dem, was sie unterwegs vorfinden. Eines darf man nicht vergessen: Krieger kämpfen, verteidigen, erobern, verletzen, töten, rauben, machen Beute, zerstörne, vergewaltigen auch. Ihre Legitimation ist das Schlachtenglück, der Erfolg in der Gewalttätigkeit.

Ganz auf Beute aus sind innerasiatische Reiterscharen wie auch so manche größere Truppe von Germanen, die nach Erfolg dann wieder zurückkehren. Beide Verhaltensweisen gehen aber manchmal auch ineinander über. Die Beute kann aber dauerhaftere Begehrlichkeiten wecken.

 

Die nomadischen Völkerschaften aus dem Nordosten des römischen Imperium wie auch die germanischen und keltischen stoßen mit den klar und deutlich markierten Grenzen (wie dem Limes, dem Hadrianswall oder den Flussgrenzen) auf etwas für sie zunächst Fremdes und Neues. Grenzen sind mit grundsätzlicher Sesshaftigkeit und neuartigen Formen von Eigentum verbunden, das Überschreiten der römischen Grenzen, sei es über Verträge mit den dortigen Herren oder mit Gewalt, bietet ihnen nun bei Eingliederung in die Strukturen dieses Reiches selbst Sesshaftigkeit an und damit auch das Errichten eigener Grenzen bei Übernahme römischer Eigentumsvorstellungen.

 

Erinnern wir uns: Kelten waren einst in Norditalien eingewandert, wie auch in Hellas. Es sind überhaupt Völker aus dem Norden und Osten, die nie die stabile Sesshaftigkeit orientalischer Despotien erreicht haben, und die nun immer wieder gegen die Grenzen des römischen Reiches anrennen.

 

Manche germanische Völker waren seit vielen Jahrhunderten in Kontakt mit den „Römern“, zum Teil von deren zivilisatorischen Errungenschaften beeindruckt, von ihrem „Wohlstand“ vor allem. Es gab Tauschgeschäfte, aber auch Kriege. Es fanden auch Versuche der Kaiser statt, Germanien zu erobern, die aber dauerhaft an der Rhein- und Donaugrenze endeten, und Versuche germanischer Verbände, seit 166 (Markomannen) in das Reich einzudringen.

 

Das Reich von den Severern bis Diokletian

 

Im 3./4. Jahrhundert erreicht das immer despotischer regierte Reich eine weitere Steigerung allgemeiner Korruption. Nachdem ein Pertinax die Prätorianer mit einem pro-Kopf-Geschenk von 12 000 Sesterzen bestochen hat und darum zum Herrscher ausgerufen wird, erschlägt sie ihn wenig später. Darauf wird das Amt für ein Donativ von 25 000 Sesterzen pro Kopf an einen reichen Senator versteigert. Nun machen sich aber die Legionen bemerkbar, und in einem längeren Bürgerkrieg kann sich der nordafrikanische Septimius Severus durchsetzen.

Gestützt auf das Heer, dessen Sold er verdoppelt, ist er gezwungen, die Städte und einzelnen Bürger immer mehr mit willkürlichen (Natural)Abgaben zu belasten, während die Währung immer weiter verfällt.

 

Sohn Caracalla gewinnt die Alleinherrschaft, indem er seinen Bruder erschlagen lässt. 212/13 verdoppelt er die Erbschaftssteuer auf 10% und verleiht dann der großen Mehrzahl der Leute in den Provinzen das römische Bürgerrecht, welches sie nun zur Zahlung dieser Steuer verpflichtet. Herrschaft wird weiterhin durch Grausamkeit, Verschlagenheit und Hinterlist betrieben und entsprechend wird auch Caracalla ermordet.

Der Priester Elegabal, nach einem syrischen Sonnengott benannt, setzt sich mit Mord und Legionen durch und feiert dann mit jährlich wechselnden Ehe"Frauen den Kult eines heiligen schwarzen Steines, den er nach Rom bringen lässt. Nachdem man ihn erschlägt, folgt Severus Alexander, der 235 erschlagen wird.

 

***Bedrohung aus Nordost: Germanen***

 

Es ist für unsere Zwecke müßig, den einzelnen Kaisern bis vor Diokletian zu folgen. Wichtiger ist, dass das Riesenreich in die Zange zwischen dem Perserreich der Parther und bald dann Sassaniden im Osten gerät und andererseits germanischen und etwas auch anderen Völkerschaften, um die es hier im  wesentlichen gehen soll.

 

Die Rhein- und Donaugrenze ist von Anfang an immer wieder gefährdet gewesen und der Charakter dieser Gefahr ist ein ganz anderer als von der hochzivilisierter Reiche wie der im Osten. Es bilden sich neue Verbände, die von den Römern als Stämme verstanden werden, und zwar die der Alamannen, Franken, Goten, Vandalen und von anderen. Mit ihnen gerät das Reich dauerhaft in die Defensive.

 

233 gelingt es ihnen, den Limes zu überrennen, 260 werden sie erst bei Mailand gestoppt. Als sie nach Westen zum Rhein vordringen, bildet sich unter dem Heerführer Postumus ein gallisches Sonderreich, da die Kaiser die Verteidigung nicht mehr schaffen. Es wird erst 273 wieder erobert,

Inzwischen überqueren Franken ganz im Norden den Rhein und zerstören das römische Utrecht. 254 fallen Markomannen in Pannonien ein und gelangen bis in die Nähe von Ravenna. Überall in der Reichweite germanischer Einfälle werden nun Steine von Ruinen für Stadtmauern verwendet.

 

Im 3. Jahrhundert teilen sich die Goten in einen westlichen Teil "zwischen Dniestr, Karpaten, Walachei und unterer Donau" und einem östlichen "zu beiden Seiten des Dniepr bis hin zum Asowschen Meer und zum Don im Osten." (Christ, S.643) Von dem nomadischen Reitervolk der Alanen übernehmen sie Lanze, Langschwert, Kettenpanzer und Wagen. 251 fällt Kaiser Decius im Kampf gegen sie. Ein Teil von ihnen überquert immer wieder die Donau, wird als Foederaten anerkannt - was heißt, dass die Römer ihnen Tribut zahlen, um sie ruhig zu stellen.

 

Städte in Gallien, Norditalien und Griechenland werden mit Mauern versehen. Kaiser Aurelian (270-75) versieht sogar die Stadt Rom mit einer knapp 19 km langen Mauer, nachdem Alamannen 271 wieder in Italien eindringen und im selben Jahr Goten in Thrakien. Die Handwerker-Kollegien müssen sie errichten.

Schließlich wird Dakien weitgehend geräumt und die Bevölkerung umgesiedelt. Unter anderen lassen sich hier nun Visigoten und Vandalen nieder.

 

Zu den äußeren Bedrohungen kommen weiter die inneren. Nach dem Ende des gallischen Sonderreiches beginnt gegen Ende des 3. Jahrhunderts das Bagaudentum, Aufstände von Bauern und Hirten, die gelegentlich in schiere Räuberei übergehen und bis zum Ende des Westreiches anhalten werden. Jahrelang kann sich ein Heerführer in Britannien mit Einfluss bis Gallien und Hispanien verselbständigen.

 

***Innere Entwicklung bis Diokletian***

 

Da das Militär immer mehr Geld beansprucht, muss immer mehr aus denen herausgepresst werden, die es haben. Herodian schreibt vor 250:

Täglich konnte man sehen, wie Leute, die gestern noch zu den reichsten gehörten, heute den Bettelstab nehmen mussten; so groß war die Habgier der Tyrannis, die die Notwendigkeit der ständigen Beschaffung von Geldern zur Bezahlung der Soldaten zum Vorwand nahm. (in: Christ, S.652)

 

Kaiser werden erschlagen oder ermordet, die Zivilbevölkerung übt sich in stiller oder lauter Opposition. Inzwischen werden nach Afrikanern auch Orientalen häufiger Kaiser. 249 machen Legionen Decius zum Kaiser. 250 erlässt er ein Edikt, welches zum überprüfbaren Opfern für die traditionellen römischen Götter verpflichtet. Damit wird eine erste große Christenverfolgung ausgelöst.

 

Kaiser lassen sich in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts gelegentlich bereits als deus et dominus titulieren, was nicht hindert, dass nicht wenige von ihnen durch Ermordung enden: Zwischen 235 und 285 stirbt nur ein Kaiser eines natürlichen Todes.

 

Die Kaiser herrschen oft in Frontnähe in Residenzen oder Hauptquartieren, von Konkurrenten bedroht oder mit dem Separatismus einzelner Reichsteile konfrontiert, Und sie herrschen im wesentlichen mit einem Stab militärischer Berater, so dass man mit Fug und Recht von einer Militärdiktatur sprechen kann.

Die Senatoren, von denen immer mehr nicht mehr aus Italien stammen, bilden eine reiche Oberschicht ohne politischen Einfluss. Darunter kann man als Ritter über eine militärische Laufbahn zum Kaiser aufsteigen.

 

Kleinbauernland samt den Menschen ist inzwischen häufig in den aristokratischen Großgrundbesitz eingeordnet, der sich in einen kleinen, direkt bearbeiteten Herrenhof und viele Pachtgrundstücke der abhängigen Bauern teilt, die zudem noch Dienste auf dem Herrenhof leisten müssen und zunehmend der Gerichtshoheit der Herren unterstellt sind. Diese großen Güter lösen sich vom städtischen Markt und lassen so Städte an Bedeutung verlieren. Es geht um die Bedarfsdeckung der Herren, für die auch Warentausch möglich ist. "Entscheidend bleibt: dass das formende Prinzip für ihn >Vermögensnutzung> und nicht <Kapitalverwertung> ist." (Max Weber) Zudem führt die andauernde Inflation zu einem Verfall der Geldwirtschaft.

 

Bis Diokletian verdoppelt sich das reguläre Heer auf etwa 500 000 Mann. Finanzieren muss das und die zunehmende Verwaltung samt neuen Monumentalbauten nun eine Mischung aus capitatio und iugatio, also eine Kopfsteuer und einer am iugum gemessenen, also dem Boden, den der Einzelne für seinen Lebensunterhalt braucht und nutzt. Dabei wird die Gesamthöhe der Steuer am herrscherlichen Bedarf festgesetzt und dann auf die Untertanen umgelegt.

Der dem Christenverfolger Diokletian feindselig gesonnene Laktanz schreibt dazu: Indes wurden das Unglück und der Jammer erst allgemein durch die neue Steuerveranlagung, die gleichzeitig für alle Provinzen und Gemeinden angeordnet wurde (...) Die Menge der Steuerbeamten ergoß sich überallhin und brachte alles in Aufruhr. Es waren Bilder des Schreckens wie beim Einfall von Feinden undWegführen von Gefangenen. Die Äcker wurden schollenweise abgemessen, Weinstöcke und Bäume gezählt, jede Art von Haustieren verzeichnet, die Kopfzahl der Bewohner vermerkt. In den Städten wurden städtische und ländliche Bevölkerung zusammengedrängt; alle PLätze waren mit Scharen von Gesinde überfüllt. Jeglicher war mit Kindern und Sklaven zur Stelle. Foltern und Schläge hallten wider, Söhne brachte man auf wider die Väter, die treuesten Sklaven wurden gegen die Herren, Gattinnen wider die Gatten gefoltert. Wenn ales erfolglos war, so folterte man die Besitzer gegen sich selbst, und wenn der Schmerz die Oberhand behielt, so schrieb man als Eigentum zu, was nicht vorhanden war. ('De mortibus persecutorum', 23)

 

Die steigende Abgabenlast der Oberschicht, ihr Entrée in die politische Macht der civitas, wird nach Möglichkeit an die Landbevölkerung weitergereicht, die dadurch in immer größere Abhängigkeit von den Magnaten gerät. Andererseits verleiden diese Abgaben der Oberschicht zunehmend das Vergnügen an der Leitung der res publica vor Ort, der öffentlichen Angelegenheiten in der Stadt nämlich, und man zieht sich stärker in das Privatleben zurück, auf luxuriös ausgestattete Landgüter. Das Imperium verliert seine wichtigste tragende Schicht, die Kurien schrumpfen immer mehr zusammen und die Rolle der Bischöfe in den civitates steigt damit erheblich, auch weil sich mit ihrem Amt durch Spenden immer mehr Besitz verbindet.

 

Gegen die Inflation setzt Diokletian 301 ein Edikt, welches Höchstpreise für Lebensmittel, Rohstoffe und Sklaven ebenso festsetzt wie für Arbeitslöhne und solche für Fuhrlöhne und Transportkosten.

Darin heißt es: (...) da es ja höchst selten ist, dass man eine menschliche Situation antrifft, die von selbst Gutes tut, und immer der Lehrmeister Furcht der gerechteste Lenker der Pflichten ist, wird bei Vergehen die Todesstrafe angeordnet. Besser lässt sich bis heute nicht das Verhältnis von geducktem Untertan und terroristischem Machthaber ausdrücken.

 

Wohl vor allem um eine Regionalisierung des Reiches durch Usurpatoren zu verhindern, aber auch im Interesse einer besseren Verwaltung teilt Diokletian        286/93 zunächst die Macht mit einem zweiten Augustus, und ordnet beiden dann noch einmal einen Caesar zu.

Die Vergöttlichung der Kaiser nimmt zu.

"Schon Diokletian wird gelegentlich mit dem Nimbus, der strahlenden Lichtscheibe um den Kopf, abgebildet; Szepter und Globus gehören zum feststehenden Kaiserornat. Längst war alles, was mit dem Kaiser zusammenhing, heilig. NUn aber wurde der Herrscher inmitten des sacrum palatium unzugänglich. Von allen, die ihm dort nahen durften, wurde die Proskynese gefordert, der Kniefall und das Küssen eines Zipfels des Kaiserornates, eines mit Edelsteinen übersäten Ornates, dem Konstantin der Große später dann noch das Diadem hinzufügte." (Christ, S. 706)

 

***Das Christentum des 3. Jahrhunderts***

 

Zwei an griechischer Philosophie geschulte christliche Lehrer helfen um 200 bei der Integration der christlichen Religion in die Schicht der Beleseneren. Clemens von Alexandria weicht dabei deutlich von der Radikalität des evangelischen Jesus ab, zum Beispiel indem er Christen sogar Reichtum zugesteht, so sie ihm nur nicht allzu hohe Bedeutung beimessen. Ein so konzipiertes Christentum verkommt dann zu einem gewissen Moralismus. Ähnliche Bedeutung gewinnt Origenes, der meint, dass Christentum intellektuell mit Philosophie konkurrieren könne, auch wenn dafür nur wenige geeignet seien:

(...) wenn wegen der Sorgen und Mühen, die das Leben mit sich bringt, oder der menschlcihen Schwäche zufolge sich nur wenige der Wissenschaft widmen, welcher andere Weg, um der großen Masse zu helfen, ließe sich dann wohl finden, der besser wäre als jener, den Jesus den Völkern gewiesen hat. ('Contra Celsum I, in: Christ, S.686)

Unübersehbar wird hier zwischen der Lehrhoheit dafür (Aus)Gebildeter und der Naivität (Dummheit?) der Masse der Gläubigen unterschieden.

 

Ganz anders der Nordafrikaner Tertullian: Hüte man sich vor solchen, die ein stoisches, platonisches und dialektisches Christentum erfunden haben! Wir bedürfen seit Jesus Christus des Forschens nicht länger, noch des Untersuchens, seit wir das Evangelium besitzen. (in: Christ, S.688) Vom Besuch der Amüsier-Veranstaltungen über das übliche erotisch mehr oder weniger provozierende Auftreten der Frauen bis zum Militärdienst lehnt er all das ab, was bei Christen nun immer üblicher wird. Kein Wunder, dass er bald aus der immer dogmatischen Kirche herausfällt so wie alle anderen, die den paulinischen und/oder den evangelischen Jesus ernst nehmen. Zu erwähnen wäre noch Cyprian, der die hierarchische Struktur einer derart völlig unjesuanischen "katholischen" Kirche vertritt.

 

Die Christen trennen zunehmend zwischen einem „römischen“ Alltag, der sich von dem der Nichtchristen kaum noch unterscheidet, und dem kirchlich gestalteten Leben daneben, welches vielfältigere Facetten bekommt.

Der Widerspruch zwischen den radikalen Forderungen Jesu und christlicher Laienpraxis scheint zunächst zugleich aufgelöst: Christen verhalten sich in der Kirche so, wie diese es verlangt, und außerhalb so, wie es "das Leben" erfordert. Heiligkeit ist nur noch durch ein in manchem apostolisches Leben in mehr oder weniger abgetrennten Gemeinschaften oder als Eremit möglich, und das manchmal fast ungenierte Sündenleben der Laien gibt der Kirche ihre Existenzberechtigung. Im Auftrag ihres Gottes verschaffen sie denjenigen, die sich in ihr unter ihre Anforderungen beugen, einen Zugang zum Himmelreich, ohne dass man Jesus noch "folgen" muss. (Das alles wiederum wird ausführlicher im Anhang 3)

 

Ganz so war es allerdings nicht: Für seltene interessiertere Geister und sensiblere Seelen war der Widerspruch, den sie lebten und der in ihnen vorhanden war, spürbar, was immer wiederkehrende Verunsicherung und Nachdenken nach sich ziehen kann. Abendländisches Denken wird davon geprägt werden, und in einer kirchlich-religiös geschlossenen Welt einen lebhaften Diskurs und eine beispiellos tiefe Streit“kultur“ entfachen. Auch daran wird das Christentum samt seiner Kirche am Ende ganz zugrunde gehen.

 

Diese ernsthafte diskursive Welt wird mit dazu beitragen, Kapitalismus zu ermöglichen und wird ihm Räume schaffen. Aber wichtiger noch wird das religiös bestimmte Leben in Widersprüchen, aus denen ein so widersprüchliches Wirtschaften wie das von Kapitalverwertung dominierte seine Persönlichkeitsstrukturen wird ziehen können. Doch natürlich muss sich das alles erst einmal mit elementareren Bedürfnissen und passenden Machtstrukturen verbinden.

 

Zum Wandel gehörte die Reintegration jüdischer Aspekte eines Kriegsgottes von enormer Militanz. Überhaupt werden die von Christen gesammelten jüdischen Texte nun zur Vorgeschichte ihres Christus, während der paulinische und evangelische Jesus selbst sich nur auf sehr wenige ausgewählte Passagen bezogen hatte. Damit nimmt man sie praktisch den Juden weg, die einfach nicht wahrhaben wollten, dass sich die Schrift (des nun Alten Testamentes) mit Jesus „erfüllt“ hatte und damit eigentlich erledigt ist. Die nächsten 600 Jahre werden Christen gegenüber Juden ein ambivalentes Verhältnis haben, immerhin hatten sie ihren Christus angekündigt. Aber der eher volkstümlich-zeremonielle Teil des neuen Synagogen-Judentums nach Zerstörung des Tempels ist inzwischen durch einen andersartigen christlichen ersetzt worden und es gibt keine Verständigung mehr zwischen beiden Seiten. Andererseits sind Juden noch für viele Jahrhunderte als Geschäftsleute gefragt, die auch darum von den Mächtigen geschützt werden.

 

Ein weiterer Aspekt sowohl von Rejudaisierung als auch von Romanisierung wird die so ganz unevangelische Vorstellung, dass man durch Eigenleistung die bedrohlichen Folgen unausweichlicher Sündhaftigkeit lindern könne, durch Spenden, Opfergaben, Almosen. Zu diesem fast schon direkten Geschäftsverhältnis mit Gott trat früh für die Kirchenfrommen das über die Gnadenmittel der Kirche vermittelte. Dafür hilfreich wird es, der Kirche Besitztümer zu überschreiben. Aus einem Teil der daraus resultierenden Einnahmen finanziert die Kirche städtische Armenpflege und übernimmt so Aufgaben der kurialen Oberschicht.

 

Mit dem Ende der Jerusalemer Christengemeinde und der paulinischen Missionszeit war der Glaube an die schnelle Wiederkehr des Messias/Christus erledigt, eigentlich die Grundlage des Glaubens nach Jesu Tod. Und da "Christen" sich nun daran gewöhnten, dass ihre Kinder und Kindeskinder im ganz diesseitigen Imperium Romanum leben und sich in dieses einpassen, entwickelt sich bis spätestens ins vierte Jahrhundert die Vorstellung, dass das Römerreich als christianisiertes das letzte Reich auf Erden sei, welches sein Ende erst mit dem Tag des Gerichtes finden würde, dem Weltenende. Römisches Reich und Christentum wurden so gleichgesetzt, und die germanisch dominierten Nachfolgereiche würden diese Vorstellung mit Hilfe ihrer Kirchen fortsetzen ("Die Ideologie des Mittelalters verlangte die Dauer des Römerreiches bis zum jüngsten Tag." Demandt in: Römer und Barbaren, S.19). Ein guter Christ sein heißt seitdem eben vor allem, ein gutes Mitglied des Imperiums der Römer zu sein. Christentum definiert sich dann bis heute aus der Integration der Religion in die jeweiligen Machtverhältnisse.

 

 

Konflikte mit der „heidnischen“ römischen Welt finden kaum statt, gelegentlich, eher selten, gibt es aber dabei kurze dramatische Phasen. Die Caesaren eignen sich, um despotischer auftreten zu können, eine gewisse Art von nicht klar definierter Göttlichkeit an, und wenn sie es aufgrund instabiler Verhältnisse für angebracht halten, müssen die Untertanen ihnen kurz einmal als eine Art Ergebenheitserklärung opfern, entweder in bestimmten Gegenden oder im ganzen Reich. Das war an sich keine große Sache, aber eine Minderheit der besonders frommen Christen, der stantes, Standhaften hält daran fest, das nicht tun zu dürfen, da sie nur ihren eigenen Gott anerkannten.

 

Im Extremfall werden sie dann für diesen Hochverrat bis hin zu einem damals gängigen, aber für uns heute oft grausamen Tod verurteilt. In ihrem öffentlichen Sterben bezeugen sie ihren Glauben, wie sie meinten, wurden also auf griechisch Märtyrer, und die laue Menge der Ängstlichen, die verständlicherweise brav opfert, um nach einer Karenzzeit als lapsi, Gefallene wieder in der Gemeinde aufzutauchen, deklariert sie dann manchmal zu besonders Heiligen, wie um sich hinter dem Faktum ihrer Besonderheit zu verstecken. Nicht nur die stete Zunahme der Gemeindemitglieder belegt, dass es sich bei diesen Märtyrern allerdings eher um wenige Fälle handelt. (ausführlicher in der Kirchengeschichte des Eusebius oder hier in Anhang 2)

 

Nach der Verfolgung unter Decius wendet sich Valerian gezielt gegen den christlichen Klerus und Christen in seinem Beamtenapparat, was deutlich macht, dass die Religion bisweilen schon in die Oberschicht eingedrungen ist.

 

Eine andere Version entsteht mit Mani, dem selbsternannten Apostel Jesu Christi, im 3. Jahrhundert im Reich der Sassaniden. Wesentlich massiver als bei Paulus und den Evangelisten wird hier ein Gegensatz von Licht/ das Gute und Dunkel/das Böse vertreten, welcher noch bis ins abendländische hohe Mittelalter Einfluss ausüben wird.

Bedeutende christliche Elemente enthalten die verschiedenen Schulen der Gnosis, also Erkenntnis, die aber auch Jüdisches und Elemente des Mithraskultes gelegentlich aufnehmen. Dabei geht es um den Weg der Erkenntnis, der Vergeistigung meint und damit Lösung von der materiellen Welt der Finsternis.

 

Verwandt damit ist der von Plotin ausgehende Neoplatonismus, der sicher in manchem dem Jesuanismus des ersten Jahrhunderts näher steht als die entstehende Kirche, in dem aristokratischen Verhältnis zur "Weisheit" allerdings weit davon entfernt ist:

Der Weise (...) betrachtet den Reichtum nicht als einen Vorteil, noch hält er die politisch Mächtigen für bevorzugt vor den Privatleuten, sondern ein solches Trachen überlässt er den anderen. Er hat die Einsicht erlangt, dass es auf Erden zweierlei Leben gibt, eines für die Weisen und eines für die Masse der Menschen; das Leben des Weisen ist auf das höchste Gut, nach oben gerichtet; das der gewöhnlichen Menschen ist wiederum ein zweifaches; das höhere gedenkt der Tugend und hat Zugang zu gewissen Werten, der gemeine Haufe aber ist sozusagen zum Handlager der notwendigen Bedürfnisse für die Edleren da. (in: Christ, S.694)

Es ist unübersehbar dies auch die Arroganz, mit der die Kirchenoberen der Masse der Gläubigen ihre Glaubensinhalte aufzwingen und bestimmen, was Christentum zu sein hat.

 

Nach vier Jahrzehnten der Duldung der Christen werden sie unter Diokletian wieder verfolgt, der offenbar schon durch Verschärfung der Strafen für Bigamie und Ehebruch und ähnliches "die Götter gnädig stimmen" möchte. Es folgt die Verfolgung der Manichäer, die allesamt verbrannt werden sollen, und dann ab 299 die massive Entrechtung aller Christen und am Ende Folter, Zwangsarbeit und Tod, was bis 311 andauern wird.

 

Ausführlicher sei das Edikt des Galerius gegenüber den Christen angeführt, um deutlich zu machen, wie wenig die Verfolgungen im heutigen Wortsinn „religiös“ begründet sind und um als Entsprechung dann die Verfügungen zur Duldung, Legalisierung und Privilegierung der Christen dazu zu sehen:

Unter den übrigen Anordnungen, die wir immer zu Nutz und Frommen des Gemeinwesens treffen, waren wir bisher willens gewesen im Einklang mit den alten Gesetzen und der staatlichen Verfassung der Römer, alles zu ordnen und auch dafür Sorge zu tragen, dass auch die Christen, welche die Religion ihrer Väter verlassen hatten, zu vernünftiger Gesinnung zurückkehrten. Denn aus irgendeinem Grunde hatte eben diese Christen ein solcher Eigenwille erfasst und solche Torheit ergriffen, dass sie nicht den Einrichtungen der Alten folgten, die vielleicht ihre eigenen Vorfahren zuerst eingeführt hatten, sondern sich nach eigenem Gutdünken und Belieben Gesetze zur Beobachtung schufen und in verschiedenen Gegenden verschiedene Bevölkerungen zu einer Gemeinschaft vereinigten.

(Laktanz, De mortibus persecutorum, 34,1-2 in Hermann-Otto, S.67.)

Nicht religiöse Inhalte, sondern ihre Absonderung, Segregation wird den Christen vorgeworfen: … sibimet leges facerent, quas observarent, et per diversa varios populos congregarent.

 

Der für Britannien und Gallien zuständige Constantius Chlorus, Vater von Kaiser Konstantin, wird sich an den Christenverfolgungen allerdings nicht beteiligen.

 

 

Konstantin

 

(Konstantin und Christentum ausführlich in Anhang 2)

 

Nach zwanzig Jahren Herrschaft zieht sich Diokletian 305 ins Privatleben zurück und veranlasst den zweiten Augustus Maximian zum selben Schritt. Galerius und Constantius (der zusätzlich Spanien erhält) werden jeweils Augustus, und als neue Caesaren werden nicht deren Söhne Konstantin und und Maxentius eingesetzt, sondern für den Osten Maximinus Daja und für den Westen Severus, der bald durch Licinius ersetzt wird, der aber auch im Westen kaum Fuß fassen kann.

 

Beide Caesarensöhne akzeptieren das nicht. Der unehelich gezeugte Sohn des Constantius Chlorus und einer Helena aus einfachen Verhältnissen, Constantin, wird von den Truppen seines gerade verstorbenen Vaters Constantius in York (Eburiacum) zum Augustus des Westen ausgerufen.

 

Konstantin unterstützt den in Gallien verbreiteten Apollokult und damit verbunden auch den des unbesiegbaren Sonnengottes, Sol invictus, der vergöttlichen unbesiegbaren Sonne. Indem er sich mit ihr identifiziert, deutet er seinen Anspruch auf Alleinherrschaft an.

 

Severus nimmt dann im Westen den Augustustitel an und Constantin bescheidet sich mit dem eines Caesars. Maxentius gelingt es, sich in Rom zum Imperator ausrufen zu lassen. Er nennt sich nun Prinzeps und dann Augustus, nachdem er Severus vertrieben hat, und setzt sowohl auf den Senat und die Christen, erlaubt ihre Versammlungen, gibt ihnen ihre Gebäude zurück.

 

Galerius scheitert mit einem Kriegszug gegen Maxentius, und Constantin heiratet dessen Schwester Fausta. Vater Maximian wendet sich gegen seinen Sohn, muss aber zu Constantin fliehen. In Afrika tritt ein Usurpator auf, was eine Hungersnot in Rom hervorruft.

 

Um 310 gibt es sechs Augusti. Licinius war hinzugekommen, Constantin, Maxentius und Maximinus Daia beanspruchen den Titel neben Galerius und Maximian. Constantin kann letzteren gefangennehmen, worauf der sich selbst tötet. Maxentius erklärt darauf, seinen Vater rächen zu wollen.

 

Mit dem Toleranzedikt des Galerius von 311 wird noch deutlicher, wie nun der Machtkampf auf ideologischer (religiöser) Ebene geführt wird: Sie dürfen also wieder Christen sein und ihre Versammlungsstätten wieder herrichten, unter der Bedingung allerdings, dass sie in keiner Weise gegen die Ordnung handeln (Laktanz, s.o.) Kurz darauf stirbt Galerius.

 

Constantin marschiert 312 gegen Maxentius nach Rom, wo er ihn an der Milvischen Brücke vernichtend besiegt. Später wird Bischof Eusebius die Geschichte von einem christlichen Feldzeichen des Kaisers möglicherweise erfinden. Der von ihm bald als allerchristlichster Herrscher bezeichnete Constantin "ließ am nächsten Tag den Leichnam seines Gegners aus dem Fluss ziehen und ihm den Kopf abschlagen, den er als Trophäe bei seinem Einzug in die Stadt vorweisen wollte." (Bellen, S.11)

 

Trotz deutlich zunehmender Mitgliedschaft bleibt die Kirche eine Minderheit im Reich der „Römer“. Aber mit dem Verfall der politischen Strukturen in den civitates, die zugleich Bistümer sind, gewinnen die Bischöfe an Gewicht und werden zu einem stabilisierenden Element. Ein Teil der Abgaben der Frommen wird für die Alimentation der vielen Armen verwendet, nach dem Jesuswort, dass, was ihnen gegeben wird, Gott gegeben werde. Die Kirchen sind so ein recht braver Ordnungsfaktor, ihre Mitglieder auf Untertänigkeit getrimmt und bis auf den Kaiserkult zur Gänze ins Reich integriert. Bischof wird man als christliches Mitglied der städtischen Oberschicht, und schon alleine dadurch wird die Identifikation der Kirche mit den römischen Machtstrukturen deutlich erleichtert. Die hohen Ämter der Kirche bieten eben auch eine Karriere jenseits des amtlichen cursus honorum, der Beamtenlaufbahn, und spendenfreudige reiche Christen versorgen die Kirche mit immer mehr Eigentum.

 

Zudem kommt es aus der Sakralisierung des Kaiseramtes heraus zunehmend zu einem Bündnis der Kaiser mit einem Gott, vor allem dem sol invictus, der unbesiegbaren Sonne, einer Art oberstem Kriegsgott.

 

313 besiegt Licinius den Maximin, lässt dessen ganze Familie töten und wird Alleinherrscher im Osten.

 

313 einigen sich Konstantin und Licinius in Mailand auf die ebenfalls bei Laktanz überlieferte Formel: (...) wir sollten allen, den Christen wie allen übrigen, die Freiheit und Möglichkeit geben, derjenigen Religion zu folgen, die ein jeder wünscht, auf das, was an Göttlichem auf himmlischem Sitze thront, uns und allen Reichsangehörigen gnädig und gewogen sein möge. (De mortibius...., 48)

 

Bis 325 dauert noch der latente bis offene Bürgerkrieg, dann ist auch Licinius geschlagen und wird samt seinem Sohn hingerichtet. 25 000 seiner Soldaten sollen bei Adrianopel getötet worden sein.

 

****

 

Mit Konstantin erringt zum ersten Mal in einer straffen (terroristischen) Monarchie mit sehr despotischen Zügen das dynastische Prinzip mit der herrschaftlichen Etablierung seiner Familie den Durchbruch.

So ist es kaum verwunderlich, dass Kaiser Konstantin die Stabilisierung seines Reiches auch durch das Einvernehmen mit der monotheistischen Kirche als Ordnungsfaktor sucht. Als vergöttlicher Herrscher übernimmt er mit dem seinerzeitigen "Christentum" eine neue Herrschaftsideologie und die stabilen Strukturen der über das Reich verbreiteten kirchlichen Institutionen der Städte.

 

Von einer Bekehrung kann bei ihm wohl kaum die Rede gewesen sein, wenn man davon absieht oder darauf hinweist, dass er offenbar nach erfolgreicher Unterstützung durch Bischöfe zu einer Art Identifikation seines Haus- und Kriegsgottes Sol (der Sonne) mit dem christlichen Gott gelangt, wozu ihn wohl einige dieser Bischöfe animiert hatten. Im Zeichen des Kreuzes Kriege zu gewinnen, war wohl ihre Erfindung gewesen.

 

Die längst meist der römischen Oberschicht angehörenden Bischöfe, die mit den weltlichen deckungsgleiche kirchliche Regionen verwalten, sind ob so viel Anerkennung und Machtzuwachs sichtlich erfreut und lassen es dann zu, dass er sich bald als der Chef ihrer Kirche aufführt, denn sie werden dadurch zugleich mächtig aufgewertet.

Von nun an sehen sich die meist der Reichsaristokratie angehörenden Bischöfe zunehmend privilegiert. Das findet 333 einen ersten Abschluss mit der Gleichstellung der Bischofsgerichte mit den staatlichen. "Die episcopalia audientia konnte nun von jedem auf der Grundlage des prätorischen oder des Civilrechts als Gerichtsstand verlangt und das Urteil des Bischofs von Staatsorganen vollstreckt werden." (Bellen, S.45)

 

Damit kommt es nach über 200 Jahren der massiven Veränderung der evangelischen Botschaft durch Integration ins römische Reich zu deren Abschluss, indem nun der "christliche" Gott zu einem des Krieges, der Gewaltverherrlichung und der Einsetzung terroristischer Despotie wird. Konstantin wird ihn laut Eusebius selbst so bezeichnen: (...) unter deiner Führung habe ich die heilbringenden Taten unternommen und durchgeführt. Ich habe mein siegreiches Heer geführt, indem ich dein Siegel überall vorangetragen habe. (Leben Konstantins, II)

 

Diese Rejudaisierung des jesuanischen Gottes und damit Orientalisierung nicht nur von Machtausübung, sondern auch von Religion wird dazu führen, dass von nun an Anhänger des evangelischen Jesus weit mehr als ein Jahrtausend in unmittelbarer Lebensgefahr existieren und oft genug von dem weltlichen Arm der Kirche getötet werden.

 

Den Endpunkt der Zerstörung der jesuanischen Botschaft verkündet mit unerhohlener und ganz alttestamentarischer Begeisterung Bischof Eusebius, der damit auch seinen eigenen Machtzuwachs feiert:

So lag Licinius niedergeschmettert am Boden. Konstantin aber, der mächtigste Sieger, ausgezeichnet durch jegliche Tugend der Gottesfurcht,nahm mit seinem Sohne Crispus, dem gottgeliebten Caesar, der dem Vater in allem ähnlich war, den ihm zugehörenden Osten in Besitz und schuf so wieder nach alter Weise ein einziges und einheitliches Reich der Römer, in dem sie ringsum alle Lande des Erdkreises vom Aufgange der Sonne bis zum äußersten Westen samt dem Nordenund Süden ihrem friedlichen Szepter unterwarfen. (...) Und als ob es noch nicht genug verlogener Propaganda der Kirche für den Despoten gibt, geht es so weiter: In Reigen und Liedern gaben sie in Städten wie auf dem Lande vor allem Gott, dem König der Könige, die Ehre, wie sie gelehrt wurden, sodann dem frommen Kaiser mit seinen gottgeliebten Söhnen. Die alten Leiden waren vergessen und begraben jede Erinnerung an Gottlosigkeit. Man freute sich der gegenwärtigen Güter und harrte dazu der zukünftigen. (Kirchengeschichte, in: Christ, S.746)

 

Man erkennt sehr deutlich, dass die konstantinische Wende wesentlich von der Kirche vollzogen wird, während der Kaiser sich erst direkt vor seinem Tod (sicher ist sicher!) taufen lassen wird. Diese römische Kirche aber wird Seite an Seite mit der jeweiligen weltlichen Macht rund anderthalb Jahrtausende lang die Köpfe der Menschenmassen indoktrinieren und verdummen, die Anhänger des evangelischen Jesus diffamieren, töten und verbrennen lassen und die Körper der Masse dieser Menschen in massive Untertänigkeit zwingen, um von ihr materiell ganz erheblich zu profitieren. Nichts zu den Leichenbergen und Mordopfern dieses Despoten, nichts über seine brutale Rücksichtslosigkeit und die Grausamkeit des Machtapparates:

"Drastische Strafen sollten offensichtlich in vielen Bereichen eine grausame Abschreckung erzielen. Kinder- und Viehdiebe, Vatermörder und Entführer sollten zusammen mit Schlangen in einen Sack genäht und ins Meer oder in einen Abgrund gestürzt werden. Nach einem Gesetz des Jahres 326 n.Chr. war bei Ehebruch über den schuldigen Teil grundsätzlich die Todesstrafe zu verhängen. Nach wie vor wurden Ehen zwischen Freien und Sklaven untersagt, der Verkehr einer Frau mit ihrem Sklaven mit der Todesstrafe geahndet." (Christ, S.750)

 

Gemahlin Fausta soll eine Intimbeziehung zu ihrem Stiefsohn Crispus haben und Konstantin lässt 326 seinen Sohn hinrichten und deckt die Ermordung seiner Frau.

 

Der despotisch organisierte kaiserliche Hof besitzt einen entsprechend großen Verwaltungsapparat samt den comes (Begleitern), die nicht zuletzt für das Eintreiben der kaiserlichen Einnahmen zuständig sind und mit anderen im sacrum consistorium auf Weisungen des Kaisers hin Staatsmacht ausüben. Der Senatorenstand verdoppelt und verdreifacht sich, um aus ihm die hohen Ämter zu besetzen, was aber dabei keinen Eintritt in den Senat bedeutet, für den die stadtrömische Ämterlaufbahn Voraussetzung bleibt.

 

Getrennt in die fest an den Grenzen stationierten Truppen und beweglichen Einsatztruppen bekommen nun magistri equitum und militum Befehlsgewalt, und selbst unter ihnen nehmen in der Folge Germanen immer mehr zu. Schon an der Milvischen Brücke waren britannische und germanische Truppenteile vertreten gewesen.

 

332 werden Goten vernichtend geschlagen, - sie sollen 100 000 Menschen verloren haben, die vermutlich ausgezogen waren, sich irgendwo fest niederzulassen. In einem Vertrag wird ihnen der Schutz der Donaugrenze übertragen und sie stellen nun auch Hilfstruppen, erhalten dafür aber Geldzahlungen und das Recht, über die Donau hinweg Handel zu treiben. In Thrakien und Makedonien werden Sarmaten angesiedelt.

 

Seit etwa 300 nimmt die Christianisierung Armeniens zu und damit nun seine Beziehungen zum römischen Imperium. Es wird dabei zum Zankapfel zwischen Imperium und den persischen Herrschern.

 

Armee, Hofstaat und Verwaltung verschlingen immer größere Summen, und so kommen nun zur capitatio-iugatio Sondersteuern für Senatoren auf ihren Grundbesitz. "Die städtischen Oberschichten hatten alle fünf Jahre zu den Regierungsjubiläen ein aurum coronarium in Form von Goldkränzen oder Goldmünzen zu entrichten, und schließlich wurden auch die Gewerbetreibenden und Händler im Abstand von fünf Jahren durch die auri lustralis collatio erfasst, eine in Gold zu leistende Vermögens- und Umsatzsteuer." (Christ, S.755) Je mehr Staat, desto mehr Raffgier, und das wird auch so bleiben.

 

Mit der besonderen Belastung der Munizipalaristokratie nimmt deren Niedergang zu, den ein Edikt Konstantins impliziert:

Keiner, der richterliche Gewalt hat, soll versuchen, irgendein Ratsmitglied (curialis) von seinen Pflichten gegenüber der Gemeinde freizustellen oder jemanden nach eigenem Ermessen von der Zugehörigkeit zum Stadtrat (curia) zu befreien. Sollte nämlich jemand derart durch unglückliche Umstände finanziell ruiniert sein, dass er unterstützt werden muss, so gehört es sich, dies zu unserer Kenntnis zu bringen, auf dass ihm für eine gewisse Zeit Befreiung von seinen Pflichten der Gemeinde gegenüber gewährt werde. (in: Christ, S.757)

 

Die erbliche Bindung an den Stand des Dekurionen und die Verhinderung der Flucht aus ihren Verpflichtungen in den Klerus, das Heer oder die Verwaltung des Kaiserreichs sollen diese Leute "als Garanten für das Steueraufkommen des Staates und für das Gedeihen der Städte" festschreiben. (Bellen, S.46)

 

Die großen Grundbesitzer versuchen schon seit längerem, ihre Kolonen an die Scholle zu binden und ihnen einen Pachtzins abzuverlangen. Mit Diokletians Steuergesetzen, die die Steuern an Arbeitskraft und Land banden, wurde das verstärkt. Dennoch fliehen immer wieder Pächter von ihren Landstellen.

332 verbietet dann Kaiser Konstantin den colones zur Sicherung der staatlichen Einnahmen, ihr Land zu verlassen, was ihre Abhängigkeit vom Herren erblich macht:

Bei wem auch immer ein Kolone, der einem anderen gehört, aufgefunden wird, der soll diesen nicht nur an seinen alten Platz, woher er stammt, zurückbringen, sondern soll auch für ihn die Kopfsteuer für die entsprechende Zeit erstatten. Die Kolonen selbst, die auf Flucht sinnen, soll man, wie es Sklaven zukommt, mit eisernen Fesseln binden, damit sie gewzungen werden, die Pflichten, die ihnen als Freie zukommen, infolge ihrer Verurteilung zum Sklavenstande zu erfüllen. (in: Christ, S.757)

 

Das wird dann von den germanisch dominierten Nachfolgereichen zusammen mit großen Teilen der römischen Aristokratie übernommen werden. (Werner, S.216). Aber dieser von der Kirche so gefeierte Despot beschränkt auch die Freiheit von Versorgungsgewerben und einzelner Handwerke sowie des Transportgewerbes:

Wenn einer, der von Geburtsstand Transportschiffer ist, Kapitän eines Leichters werden sollte, soll er gleichwohl in dem gleichen Stande verbleiben, dem offensichtlich auch seine Eltern angehört haben. (in: Christ, S.757)

 

Aus einst freien römischen Bürgern werden nun in immer mehr Unfreiheit verschobene Untertanen, ein Prozess, der allerdings schon vor der Zeitenwende angefangen hatte. Zudem nimmt, was schon noch früher eingesetzt hatte, der Abstand zwischen immer weniger Reichen und den armen Massen zu, wobei der obere und nun in den Herrschaftsapparat integrierte Teil des "christlichen" Klerus zu den zunehmend Reicheren gehört. 

 

Mit Konstantin kommt auch der lange Prozess der Entmachtung der Stadt Rom und ihrer Instititutionen zu einem Abschluss. 324/26 beginnt der Aufstieg von Byzantion als Konstantinopel, neue kaiserliche Residenz und zunehmend Hauptstadt auf dem Boden jener Welt, die die hellenistischen Monarchien und ihre Unfreiheit hervorgebracht hatte. Überall werden Städte nun ausgeplündert, um die neue Stadt des Despoten zu schmücken. Zwar werden sich die zunehmend wie Stadtrömer privilegierten Einwohner bald Rhomaioi nennen, aber von den römischen Traditionen wird im griechischen Osten immer weniger zu spüren sein.

Rund 80 000 Brote lässt der Kaiser in seiner Residenzstadt täglich verteilen und amüsiert das (zunehmend christliche) Volk mit Spielen.

 

Konstantin ist ganz offensichtlich nicht am evangelischen Kern dieser merkwürdigen Religion interessiert, der ohnehin stetig an Bedeutung verliert, aber sehr an der Stabilität ihrer Organisation und Institution, weswegen ihn die bei Christen üblichen doktrinären Streitereien, die gang und gäbe sind und immer wieder in innerkirchliche Machtspiele ausarten, ärgern, und er sehr - aber nur zeitweilig erfolgreich - darauf drängt, dass eine einheitliche Doktrin sich durchsetzt. Ein für allemal klären und dann kein Meckern mehr zulassen ist dabei wohl die kaiserliche Devise. (Genaueres in Anhang 2)

 

Es kommt zum Streit über die Christen, welche sich bei den Verfolgungen weggeduckt hatten, und der Kaiser macht auf einer von ihm geleiteten Synode zu Arles klar, wer nun Christentum definiert:

Dann werde ich dem Caecilian und seinen Gegnern durch ein ganz deutliches Urteil zeigen, welche und was für eine Verehrung der höchsten Gottheit zukommt und welche Art Gottesdienst ihr Freude macht. Auch werde ich durch sorgfältige Untersuchung vollständig erfahren und ans Licht bringen, was jetzt diese törichten und unwissenden Menschen verbergen zu können meinen. Die Leute aber, die diese Dinge ins Werk setzen und bewirken, dass dem höchsten Gott nicht mit der ihm gebührenden Verehrung gedient wird, werde ich vernichten und zerschmettern. (in: Christ, S.766)

 

Der jeweils missliebige Flügel der Christenheit wird nun verfolgt, seine Kirchen werden geschlossen, sein Klerus verbannt oder ins Martyrium getrieben. Die hässliche Fratze eines in Gewalttätigkeit und Grausamkeit erstarrenden katholischen Christentums belegt, dass vom evangelischen Jesus aber auch nichts mehr bei den meisten übrig geblieben ist, die sich jetzt im Bündnis mit der weltlichen Macht als "Christen" bezeichnen.

 

Dies Bündnis erweist sich an den monumentalen Kirchenbauten wie der römischen Lateranbasilika, mit denen der Kaiser nun Städte verziert. Der größte Konflikt dräut dann damit, dass "Christen" damit zu Rande kommen müssen, dass sie ihren Gott, seinen Sohn und einen ominösen Heiligen Geist gleichermaßen verehren und dabei zugleich behaupten, das sei ein und dieselbe Person. In Nicäa setzt der Kaiser zusammen mit Teilen des kirchlichen Machtapparates dazu ein Glaubensbekenntnis in griechischer Sprache durch, ein symbolon, eine Art Glaubenskern. Dieser konnte nur an der Person Jesu festgemacht werden und musste darum um das Ende der Evangelien kreisen, um Auferstehung und Himmelfahrt.

 

Für die verschiedenen Versionen stehen in den Quellen herausragende Personen: Der Bischof von Alexandria, Athanasius vertritt mit Kaiser Konstantin das Dogma von der Wesensgleichheit Jesu mit seinem Gott (das zukünftig katholische), einer seiner Presbyter, Arius, vertritt das Dogma von der Wesensähnlichkeit, und in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts wird der Bischof von Konstantinopel, Eudoxius, Kaiser Valens darauf festlegen, dass Jesus Mensch war und Gott nicht einmal wesensähnlich.

 

In diesem Sinne soll nach kaiserlicher Ansicht der Gottessohn wesensgleich (homooúsios) mit Gottvater sein, eine für die Masse der Kirchengläubigen sprachlich-gedanklich völlig unverständliche Erklärung als Verunklarung, die die Verfolgung der von Arius vertretenen Gegner dieser Formulierung nach sich zieht: In diesem Sinne schreiben wir durch dieses Gesetz vor, dass keiner von euch hinfort wagt, Zusammenkünfte zu veranstalten. Darum haben wir auch Befehl gegeben, alle eure Häuser, in denen ihr diese Zusammenkünfte veranstaltet, zu beschlagnahmen (...usw. in der Konstantins-Vita des Eusebius, 3). Inzwischen hat allerdings unter "arianischem" Einfluss bereits die Missionierung der Goten begonnen.

 

Man wird sich noch viele Jahrhunderte streiten, ob Jesus als Christus und Gottessohn nun auf Erden Mensch war oder nur so aussah und auftrat, von den Wundergeschichten einmal abgesehen. Und der Heilige Geist ist ein besonderer Fall, ist er doch der Gott, der zu den Menschen spricht und ihnen die heiligen Texte, "das Gesetz" aufträgt. Die aber sind als Gottes Wort und unumstößliche Wahrheit absolut notwendig, denn ohne ihren Besitz, den nämlich ewiger Wahrheiten, ist die Kirche nicht mit dem unduldsamen Absolutheitsanspruch ausgestattet, der ihre Macht begründet.

 

Von nun an werden Kaiser und später Könige siebenhundert Jahre lang Konzilien abhalten und über die Doktrin der Kirche bestimmen. Fast allen aufgewerteten Bischöfen aus der römischen Oberschicht ist das nur recht. Die germanischen Nachfolgereiche werden diese Einheit von Staat und Kirche übernehmen. Christliche Religion begründet seitdem sowohl Herrschaft wie die Ohnmacht der produktiven Massen, Armut und Reichtum, begründet Kriege, jede erdenkliche Form von Grausamkeit und Schrecken, alles Unheil eben, welches seitdem von sogenannten Christen über die Welt gebracht wird. Es konkurriert darin mit dem Judentum bis zur Zerstörung des zweiten Tempels und mit dem Islam seit seiner Erfindung durch Mohammed.

 

337 stirbt Konstantin, den der fast schon Hof-Bischof Eusebius am Ende noch tauft. Danach wird er in der consecratio vom Menschen zum divus (Göttlichen) erhoben und eine Münze zeigt ihn, wie er vierspännig zum Himmel auffährt, von dem ihm Gott eine Hand entgegen streckt.

 

"... das Bestreben, die Taufe Konstantins durch einen den Arianern zugerechneten Bischof vergessen zu machen, (führt) in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts zur Entstehung der >Silvesterlegende<, wonach der Bischof Silvester von Rom (314-335) Constantin im Lateranpalast getauft und ihn dadurch vom Aussatz befreit hat. Zum Dank sei ihm von Constantin das Privileg verliehen worden, dass er und seine Nachfolger allen Bischöfen übergeordnet sein sollten. Drei Jahrhunderte später wuchs - wiederum in Rom - aus der Silvesterlegende die >Constantinische Schenkung< heraus, die besagte, Constantin habe nach seiner Taufe dem Bischof Silvester zu seiner geistlichen Vorrangstellung auch weltliche Hoheitsrechte übertragen, und zwar über Rom und alle Provinzen des Westens." (Bellen, S.51)

An die erste der Legenden wird wiederum Gregor von Tours wohl anknüpfen, der anlässlich der Taufe Chlodwigs behauptet, dieser habe ganz konstantinisch mit dem frischen Wasser der Taufe auch die alte Krankheit des Aussatzes beseitigt.

 

Von Konstantin bis Theodosius

 

Seit 317 war Konstantins Sohn Constantinius II. ein Caesar, 324 wird es auch Constantius II, 333 Constans. 335 kommt noch sein Neffe Dalmatius dazu. Die ersten drei werden von den Heeren als Augusti ausgerufen. Mit Dalmatius werden weitere acht Familienmitglieder Konstantins ermordet.

 

 Der von Konstantin neben drei Söhnen als Erbe vorgesehene Neffe Dalmatius wird ermordet, ebenso neun weitere Familienmitglieder. 340 überfällt Sohn Constantin II. seinen Bruder Constans und stirbt dabei.

 

Constans (als Westkaiser) stellt sich mit Bischof Julius von Rom auf die Seite des Athanasius im Arianerstreit, in welchem der Osten diesen als Bischof von Alexandria abgesetzt hatte. Konzile im Osten und Westen tagen, schließlich exkommunizieren sich die Führer der beiden Lager gegenseitig. Der religiöse Gegensatz zwischen 'Arianern' und 'Orthodoxen' verstärkt die politische Teilung in ein Ost- und Westreich.

Der Druck auf den östlichen Bruder führt schließlich dazu, dass Athanasius nach Alexandria in sein Bistum zurückkehren kann, bevor er wieder (in den Westen) fliehen muss, wo ihn Bischof Iulius unterstützt. 343 findet in Serdica (Sofia) ein Konzil statt, in dem Ost- und Wesztbischöfe es nicht einmal mehr schaffen, gemeinsam zu tagen. Am Ende exkommunizieren sich die Häupter beider Seiten gegenseitig.

 

Beim Bischof Donatus von Karthago stößt Einflussnahme des Constans 347 auf Widerstand: Was hat der Kaiser mit der Kirche zu schaffen, hält er ihm entgegen. Da immer Wanderarbeiter sich den Donatisten anschließen, lässt der Kaiser sie mit Gewalt vernichten.

 

Die mit der Macht verbandelte Kirche, in bitterste interne Streitigkeiten verwickelt, wendet sich nun immer gnadenloser gegen die „Heiden.“ Der zum Christentum konvertierte Rhetor Firmicus Maternus verlangt die Abschaffung aller heidnischen Kulte und ihre Vernichtung durch den Staat, hatte der siegreiche Gott doch den Kaisern inzwischen zu Siegen über Franken und Perser verholfen. 346 wird durch kaiserliche Gesetze die Schließung der Tempel und das Verbot aller Opfer verfügt. Wer sich nicht konform verhält, soll mit dem Tod sowie dem Vermögensverlust bestraft werden, ebenso wie die Amtsträger, die das nicht durchsetzen.

 

Was inzwischen stattfindet, ist einmal, dass die Kaiser insbesondere des Westens Scharen von Kriegsgefangenen und dann einzelne germanische Heeresverbände in ihre Armeen aufnehmen, da sie diese nicht mehr hinreichend aus ihrem Reichsgebiet auffüllen können.

Frühe Beispiele sind seit dem späten 3. Jahrhundert Scharen germanischer Kriegsgefangener, die vor allem in verödeten Landstrichen in Nordgallien und dem zukünftigen Bayern mit der Verpflichtung zum Militärdienst als Bauern angesiedelt werden.

 

Die Kaiser Constantius und Sohn Constantin siedeln massenhaft Kriegsgefangene und eindringende Volksschwärme in Gallien als eine Art Wehrbauern an. Das wohl hübscheste sprachliche Dokument ist eine Lobrede auf diesen Constantius Chlorus aus der Zeit um 300. Darin heißt es:

Wahrhaftig! Man möchte im Namen ganz Galliens frohlocken und … den Provinzen selbst den Triumph in den Mund legen: „Also jetzt pflügt für mich der Chamave und Friese, und jener Landstreicher (vagus), jener Räuber (praedator) dort quält sich mit der Bearbeitung des unwirtlichen Bodens, bevölkert meine Wochenmärkte mit Vieh zum Verkauf, und der barbarische Bauer (cultor barbarus) senkt die Getreidepreise. Und wenn er zur Aushebung gerufen wird, dann eilt er herbei, lässt sich drillen und fuchteln und freut sich noch, als Soldat zu dienen! (Kaiser II, S.72)

 

Daneben stellen sich grenznahe Germanen von sich aus für den römischen Kriegsdienst mit seinen Versorgungsperspektiven zur Verfügung. Man kann davon ausgehen, dass Gewalttätigkeit vielen Germanen wie anderen europäischen Völkerschaften nicht fremd ist.

Von nun an werden Germanen in römischen Diensten gegen solche außerhalb des Reiches kämpfen. Während das Imperium dabei ein kleines bisschen barbarischer wird, werden manche Germanen deutlich römischer.

 

Immer mehr nicht nur germanische Hilfstruppen werden in den Städten besonders Galliens stationiert und zusammen mit der Ansiedlung ihrer Angehörigen findet eine erste Welle von Germanisierung dort statt, während im Osten und Südosten des Landes Germanen zugleich immer stärker romanisiert werden.

 

Die Neusiedler insbesondere in Nordgallien genießen keine vollen Bürgerrechte und ihre Truppenteile stehen unter römischen Befehlshabern. Um 350 verteidigen bereits zum großen Teil germanischstämmige römische Soldaten das Reich gegen anbrandende germanische Stämme wie die Alemannen. Einzelne machen Karriere beim Militär und Mitte des vierten Jahrhunderts sind bereits knapp die Hälfte der römischen Heermeister (Magistri militum) germanischer Abkunft, erlangen römische höfische Titel und stehen bald auch der dortigen Zivilverwaltung vor. Um 400 sind alle westlichen Heerführer germanischer Abkunft. Selbst in den römischen Truppen in Italien gewinnen germanisch-stämmige Führer und Soldaten das Übergewicht.

 

Inzwischen ist der Kaiser um 341 oder etwas später eines Teils der salischen Franken offensichtlich nur noch dadurch Herr geworden, dass er sie südlich der unteren Maas (Toxandrien, späteres Brabant) als Wehrbauern ansiedelt (Ammianus Marcellinus in aller Kürze). Dort existieren durch die Wirren der Zeit geringer besiedelte bzw. weniger kontrollierte Randgebiete. Sie dürfen dort unter kaiserlicher Oberhoheit siedeln, dabei aber ihre Lebensformen und ihre Selbst“verwaltung“ in einer gewissen Autonomie behalten. Eine weitere Gruppe siedelt auf der Ostseite des Rheins, um dann auch diesen zu überschreiten und ein Reich mit dem Zentrum Köln zu gründen.

 

350 wird in Autun gegen Constans der Nichtchrist Magnus Magnentius zum Augustus ausgerufen. Er siegt über den Konstantin-Sohn, der dreißigjährig stirbt. Im folgenden Jahr dann siegt Constantius II. über Magnentius, was insgesamt auf beiden Seiten 54 000 tote Soldaten gekostet haben soll. Zeitweilig steht die Rheingrenze den Germanen offen. Zwei Jahre später tötet sich Magnentius nach einer weiteren verlorenen Schlacht selbst.

 

Derweil verstärken die Alamannen ihren Druck auf die Rheingrenze weiter südlich,  die sie gelegentlich plündernd und brandschatzend überschreiten. Sie werden sich bald nach Süden in die heutige Schweiz ausdehnen. Um 355 wird ganz Gallien von Germaneneinfällen verheert. Ein breiter Streifen links des Rheins ist germanisch besetzt, ein weiterer westlich davon verwüstet.

 

Während Vetter Julian, nunmehr Caesar, 355 mit der "Befriedung" Galliens beauftragt ist, wird Athanasius auf massiven Druck von Constantius im selben Jahr bei einem Mailänder Konzil erneut abgesetzt. Wer sich wie Bischof Hilarius von Poitiers (Pictavi) widersetzt, muss in die Verbannung. Kaiserliche Truppen verteiben Athanasius gegen den Willen seiner Gemeinde aus Alexandria.

 

360 zwingt der Kaiser der Christenheit ein neues, arianisches Glaubensbekenntnis auf. Christus und Gottvater sind nun ähnlich (homoios). Anwesend ist auch der Gote Wulfila, der sein Volk missioniert. Bischöfe, die sich widersetzen, setzt Constantius ab. Hilarius darf aber nun auf seinen Bischofsstuhl zurückkehren, wohin ihm jener Martin folgt, der ein "Heiliger" werden wird. (Anhang 2) Athanasius versteckt sich bei ägyptischen Mönchen und schreibt nun seinen Antoniustext.

Die rüde Herrschaft über die Kirche ergänzt Constantius andererseits dadurch, dass er die Bischöfe von der weltlichen Gerichtsbarkeit ausnimmt. Seine Despotie mit Hilfe des Eunuchen Eusebius nimmt immer orientalischere Formen an.

 

Während der Kaiser sich dann zum Krieg gegen die Perser aufmacht, hat Julian Gallien seiner Fuchtel unterstellt, die Germanen zurückgeschlagen und ist dafür 360 von seinem Heer zum Augustus ausgerufen worden. Er kehrt zu den römischen Göttern zurück. 361 stirbt Constantius östlich von Tarsus, nachdem er im letzten Moment noch getauft worden war und Julian zu seinem Nachfolger bestimmt hatte.

 

Dieser verkündet inzwischen öffentlich seine Abkehr vom Christentum und richtet sich in seinem Palast in Konstantinopel ein Helios-Heiligtum ein, um dort täglich zu seinem (Sonnen)Gott zu opfern. Die altrömischen Kulte werden 361 wieder zugelassen und die Priesterschaft wird in eine Hierarchie eingeordnet, die von ihm als Pontifex maximus beaufsichtigt wird.

 

Als neuplatonischer Philosoph versucht Julian auf seine Art, Philosophie und Kulte miteinander zu vereinen, also ein wenig eine „Religion“, eine Glaubenslehre zu schaffen, wie das vorher schon dem Christentum gelungen war. Sein Philanthropismus und seine persönliche Bescheidenheit, seine Verachtung für den Betrieb der Massenunterhaltung zeichnen ihn dabei vor seinen christlichen Vorgängern aus. Seine Rückkehr zu den alten Kulten findet allerdings nicht sehr viele Nachahmer.

 

363 stirbt er unglücklich, nachdem ein Kriegszug gegen die Perser scheitert. Das Heer macht sofort Jovian zum Kaiser, der zwar Christ ist, was aber wohl die Entscheidung weniger beeinflusst als sein militärisches Renommée. Er gibt der Kirche nun all ihre bisherigen Privilegien zurück, stirbt dann aber nach wenig mehr als einem halben Jahr.

 

Das Heer macht jetzt Valentinian zum Kaiser, der auf dessen Wunsch seinen jüngeren Bruder Valens 364 zum zweiten Augustus für den Osten erhebt. Beide vertragen sich besser, als bei römischen Herrschern vorher üblich gewesen war, aber die Teilung in ein West- und ein Ostreich vertieft sich dennoch. Gemeinsam sorgen sie für Glaubensfreiheit in ihrem Reich, wobei Valens eher dem arianischen Christentum zuneigt und bald unduldsamer werden wird.

 

In Tours (Caesarodunum) wird der Einsiedler Martin Bischof, gründet das Kloster Marmoutier (maius monasterium) und geht massiv gegen das Heidentum auf dem Lande vor.

 

Im Patrocinium suchen freie Bauern, manchmal ganze Gemeinschaften, nun bei großen Grundbesitzern Schutz vor steigendem Steuerdruck und anderen Belastungen. Das wiederum führt dazu, dass diese (staatliche) Herrschaftsrechte entwickeln. Maßnahmen der Kaiser dagegen scheitern. Die Flucht von Sklaven und Kolonen nimmt hingegen weiter zu.

Längst sind auch Bäcker fest an Stand und sogar Betrieb gebunden. Ähnlich wie sie sind auch die für den Getreidetransport zuständigen Schiffer zwangsweise in einer Berufsvereinigung zusammengeschlossen. Die Versorgung von 120 000 bis 200 000 stadtrömischen Plebejern mit kostenlosem Brot, Fleisch und Speiseöl sowie verbilligtem Wein muss garantiert werden, um Unruhen zu vermeiden.

 

Valentinian hatte zunächst Mailand als Residenz vorgesehen, residiert dann aber von 367-375 in Trier, der alten Residenz des Constantius Chlorus und des Konstantin, wo sein von ihm als Augustus auserwählter minderjähriger Sohn Gratian von dem oberflächlich christianisierten, aber hochgebildeten Ausonius erzogen wird.

Von Gallien aus kann sich Valentinian besser den bedrohlichen Alamanneneinfällen widmen. Weiter nördlich werden fränkische Heerhaufen an der Rheinmündung besiegt. Er schickt außerdem Theodosius zur Abwehr von Picten, Scoten, Franken und Sachsen nach Britannien.

 

375 stirbt Valentinian und wird in der Apostelkirche von Konstantinopel begraben. Gratian wird Augustus und der (germanische) Heermeister Merobaudes unterstützt den jungen Kaisersohn Valentinian II.

 

Valens führt seit 366/7 Kriegszüge gegen die Goten, die in einen Vertrag mit Athanarich münden. Um 375 bricht ein Hunnensturm los, der nicht nur die Goten über die Donau treibt. Der heidnische Athanarich marschiert mit seinen Visigoten in die Karpathen und der christliche Fritigern an die Donau. Sie werden in Thrakien angesiedelt. Ostgoten siedeln sich in der Scythia an. 

Als Goten extrem schlecht behandelt werden, beginnen sie mit Plünderungen. Ihnen schließen sich Goten des römischen Heeres an sowie Sklaven und Bergwerksarbeiter.

 

Was im Westen noch gerade so zu halten war, bricht 378 mit der Niederlage des Valens gegen riesige gotische Haufen vereint mit Alanen und Hunnen bei Adrianopel (Edirne) zusammen. Valens möchte die Goten ohne die heraneilende Hilfe des Gratian besiegen und stirbt mit zwei Dritteln seines Heeres.

 

379 wird der in der iberischen Provinz Galaecia geborene Theodosius mit Unterstützung durch Gratian vom Heer zum Kaiser erhoben. Erstmals wird seine Erhebung nicht nur dem Senat von Rom, sondern auch dem von Konstantinopel angezeigt. Theodosius nimmt den den Titel eines Pontifex Maximus nicht mehr an und veranlasst wohl Gratian dazu, seinen abzulegen.

Da er die ganze Reichsteile ausplündernden Goten nicht alleine zurückweisen kann, schickt Gratian ihm ein neues Heer zur Hilfe, welches von den Franken Bauto und Arbogast angeführt wird. 382 kommt es zu einer Lösung: Die Goten dürfen sich in der Provinz Moesia secunda als foederati ansiedeln, den sie auch verteidigen sollen, behalten dabei ihre Stammesorganisation und ihre eigene Führung, zudem auch ihr arianisches Christentum. Dieser Staat im Staat wird Modellcharakter für den Westen bekommen.

 

Derweil bleibt das Reich in seinen beiden Teilen religiös gespalten in Arianer und Anhänger der Beschlüsse von Nicäa, als deren Führer nach dem Tod des Athanasius (373) Basilius auftritt. In Antiochia zum Beispiel gibt es nun zwei konkurrierende Bischöfe, und gegen den nicäischen noch einmal einen internen Konkurrenten. Mailand ist derzeit eine arianische Hochburg, in Rom wird der Streit um den Bischofstitel inzwischen mit erheblicher Gewalt und vielen Toten ausgetragen.

 

380 lässt Theodosius sich taufen und setzt mit Edikten und Gewalt seine „katholische“, in etwa in Nicäa beschlossene Version des Christentums durch, nachdem ein Jahr zuvor ein Konzil in Antiochia die „Jungfrau Maria“ ins Glaubensbekenntnis eingeschlossen hatte.

Zu verstehen ist das Ganze nur für theologisch geschulte Leute, insbesondere da hinter den groben Linien noch eine Vielzahl von Abstufungen und Varianten verborgen sind, von anderen Bischöfen vertreten. Die Kirche hat noch keine monarchische Spitze, obwohl die beiden Hauptstadt-Oberhirten eine gewisse Sonderstellung beanspruchen, der westliche auch, weil Rom die mit Abstand größte Christengemeinde unter sich hat, während der östliche mit Antiochia und Alexandria zum Beispiel konkurrieren muss.

 

Also spricht der eher weniger theologisch geschulte Kaiser Theodosius, den Kirchenmänner auch deshalb später "den Großen" nennen werden, 380 ein Machtwort und bestimmt:

Alle Völker, welche unserer gnädigen Milde Leitung regiert, sollen, das ist unser Wille, in dem Glaubensbekenntnis verharren, welches der göttliche Apostel Petrus, wie bis heute der von ihm verkündete Glaube dartut, den Römern überliefert hat, und dem sichtbar der (römische) Pontifex Damasus folgt und Petrus, der Bischof von Alexandria, ein Mann von apostolischer Heiligkeit; das heißt, dass wir glauben, nach der apostolischen Unterweisung und der evangelischen Lehre an des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes eine Gottheit in gleichartiger Majestät und in frommer Dreifaltigkeit. Die diesem Gesetz folgen, sollen, so gebieten wir, die Bezeichnung katholische (d.h. allgemeine und damit korrekte) Christen beanspruchen, die anderen aber, die nach unserem Urteil Unisnnige und Verrückte, sollen die schimpfliche Ehrenminderung der Häresie erleiden, und ihre Konventikel sollen nicht die Bezeichnung von Kirchen führen. Sie sollen fürs erste durch ein göttliches Gericht, dann aber auch durch Ahndung unseres richterlichen Einschreitens, das wir, gestützt auf des Himmels Ermessen, treffen werden, bestraft werden. (in: Lippold, S.21f)

 

Vielleicht sogar noch bevor er getauft wird, bestimmt der Kaiser, was die wohl wichtigste innerchristliche Glaubensfrage ist, und versucht dann mit der Verfolgung der "Häretiker" eine monolithisch einheitliche Kirche durchzusetzen, das, was Konstantin nicht gelungen war. Der arianische Bischof von Konstantinopel wird vom Kaiser abgesetzt und ein korrekter "katholischer", nämlich Gregor von Nazianz, unter Militärschutz in die Apostelkirche gebracht. Was griechisch "katholisch" heißt, nämlich einziger von oben mit Gewalt verordneter Glaube, wird dann genauso griechisch auch "orthodox", nämlich rechtgläubig. Der rechte Glaube wird so vom Kaiser diktiert, bei den Franken später vom König und noch später vom fränkischen Kaiser, und in der Confessio Augustana von den deutschen Fürsten. Im Zuge der Säkularisierung wird er durch "politischen" Glauben ersetzt, genauso von oben verordnet bis heute.

 

Die in Konstantinopel vorherrschende arianische Geistlichkeit wird entmachtet. Alle abweichenden Gemeinden verlieren ihre Kirchen und ihren Besitz. Der neu definierte Katholizismus ist damit Staatsreligion.

 

381 sorgt Theodosius für ein Konzil in der Hauptstadt, auf dem das erweiterte Glaubensbekenntnis beschlossen wird, sowie die Übertragung der staatlichen Diözesenordnung mit ihren fünf Verwaltungseinheiten auf die kirchliche. Damit entstehen nun fünf Patriarchate im Osten, deren oberstes das von Konstantinopel wird. Nur das von Rom steht noch über ihm, aber der Ostkaiser setzt durch, dass seine Hauptstadt, weil sie denn das zweite Rom sei, auch eine nahe am Rang des westlichen Rom angesiedelte Position bekommt. Als Reaktion ignoriert ein kurz darauf von Gratian einberufenes und von Bischof Ambrosius von Mailand kontrolliertes Westkonzil die östlichen Beschlüsse. Der Graben zwischen Westen und Osten, der seit der Reichsteilung Diokletians langsam entstanden war, nimmt auch in kirchlicher Hinsicht zu und wird vom römischen Bischof Damasus noch vertieft. Im Westreich wird für die Liturgie die griechische Sprache durch die lateinische ersetzt. Hieronymus macht sich nun an die Übersetzung der beiden "Testamente" ins Lateinische, die Vulgata.

Einig sind sich beide noch darin, dass, wer vom Christentum abfällt, als Straftäter behandelt werden soll.

 

Im Westen des Reiches hat inzwischen Ambrosius eine kirchliche Führungsrolle übernommen, die die des römischen Bischofs überschattet. Aus hochnobler Familie wird er Statthalter in Mailand,  dann 374 in tumultuarischer Wahl dort Bischof, worauf er sich schleunigst taufen lässt. Gegen Gratian und dann Valentinian setzt er Positionen totaler Unduldsamkeit erst gegenüber "Heiden" und dann gegenüber Arianern durch. Als Theodosius die von einem Bischof betriebene Zerstörung einer Synagoge bestrafen will, verlangt Ambrosius, dass bei solchen Angelegenheiten Bischöfe an der Entscheidung beteiligt werden müssten, auf deren antijüdische Haltung er wohl hofft.

Seinen Höhepunkt erreicht der Konflikt zwischen Bischof und Kaiser, als 390 ein gotischer (römischer) Heerführer in Thessaloniki in einem Aufruhr erschlagen wird, der möglicherweise auch fremdenfeindliche Züge trug. Darauf gibt der Kaiser schnell den Befehl, dass Soldaten zur Strafe auf das Publikum bei einer Zirkusveranstaltung einprügeln sollen, den er erst zu spät zurücknimmt. Es soll zu tausenden von Toten gekommen sein. Ambrosius nutzt die Gelegenheit, um den Kaiser aufzufordern, sich wie einst David öffentlich von dieser Sünde zu reinigen. Nach einigem Zögern tritt der Kaiser dann in Mailand vor Bischof und Gemeinde in der Kirche ohne seine Insignien auf, wirft sich zu Boden, bekennt seine Sünden unter Tränen und wird dann wieder zur Kommunion zugelassen.

 

In dieser Zeit beginnt die systematische Christianisierung der Landbevölkerung in den pagi, wo die Bewohner als pagani nun mit Ungläubigkeit, Heidentum gleichgesetzt werden.

 

382 erhalten Goten im Norden des Ostreiches dann den Status von Föderaten, die sich selbst verwalten und von eigenen Heerführern befehligen lassen dürfen. Während die Kaiser notgedrungen auf Integration hoffen, ist doch das Römerreich ohnehin ethnisch ein Vielvölkerstaat unterhalb der kleinen Oberschicht, auch wenn es sich so nicht darstellt, entwickelt sich im Raum der Gebildeteren Besorgnis und schließlich verbale Aggression gegen die Überfremdung in Militär und Staatsapparat (Synesius, Ammianus Marcellinus und andere). Zu dieser Front kommt die zwischen immer mehr christianisiertem Staatsapparat und zunehmender christlicher Unduldsamkeit einerseits und einem tendenziell freigeistigeren Heidentum auf der anderen Seite, und schließlich noch auf christkatholischer Seite im Sinne des späten 4. Jahrhunderts Besorgnis bezüglich des Heidentums oder, fast noch schlimmer, der Häresie des Arianertums bei vielen Barbaren.

 

383 wird Magnus Maximus von seinen britischen Truppen zum Imperator ausgerufen und setzt nach Gallien über. Er tötet Gratian, unterwirft auch Spanien und residiert nun in Trier. "Legitimer" Nachfolger ist Valentinian II. am Hof in Mailand, von seiner Mutter, dem heidnisch-fränkischen Heermeister Bauto und Bischopf Ambrosius betreut. Bauto gelingt es, Magnus Maximus von Italien fernzuhalten. Zum Konflikt um Mailand kommt es, als Valentinian zum Arianismus neigt und diesem eine Kirche in der Stadt öffnen möchte, was Ambrosius verhindert.

In dieser Zeit lässt Magnus Maxentius dem allzu frommen Spanier Priscillian in Trier den Prozess machen und mit mehreren Freunden hinrichten.

 

387 reagiert die Bevölkerung von Antiochia mit einem Aufstand auf eine Sondersteuer, den der Kaiser mühsam unterwirft. 388 marschiert ein oströmisches Heer mit Goten, Hunnen und Alanen gegen Magnus Maximus, der besiegt und hingerichtet wird. Arbogast wird nach Gallien geschickt und macht sich dort zum Präfekten. Als Theodosius Valentinian nach Gallien schickt, kann er sich gegen Arbogast nicht mehr durchsetzen.

 

Als es im Zusammenhang mit den Wagenrennen in Konstantinopel zu einem Volksaufstand im Zirkus und in der Stadt kommt, schlägt der Kaiser ihn blutig nieder. Von 7000 Toten ist die Rede und Theodosius muss sich der Forderung des Ambrosius beugen, dafür in Mailand in der Kathedrale Buße zu tun.

391 beginnt dann eine systematische Heidenverfolgung mit weiteren Tempelzerstörungen, die sich 392 noch verschärft, als man Valentinian II. erhängt in seinem Palast in Vienne (Vienna) auffindet, wo ihn Arbogast praktisch eingesperrt hat, und nun dem "Heiden" dafür die Schuld gibt. Dieser setzt denn auch den wenig religiösen, aber mit den Heiden sympathisierenden Rhetoriklehrer Eugenius als (West)Kaiser ein.

 

Darauf reagiert Theodosius damit, dass er nach Sohn Arcadius auch noch Honorius zum Augustus macht und damit Eugenius zum Usurpator erklärt (Lippold). Dann treffen zwei Heere aufeinander, die wohl zu einem stattlichen Teil auf beiden Seiten aus "Barbaren" bestehen, beim Westheer aus Franken und Alamannen. Nachdem zunächst die föderierten gotischen Reiter wohl unter Alarich die Hauptlast des Kampfes mit zahllosen Toten zu tragen hatten, siegt das Hauptheer des Theodosius. Eugenius wird von Soldaten vor den Augen von Theodosius getötet und Arbogast tötet sich selbst. Neuer Oberbefehlshaber im Westen wird Stilicho, Honorius soll Westkaiser in Mailand werden.

 

De facto ist das Imperium Romanum nun zwei Jahre, bis zum Tode des Theodosius 395 wieder in einer Art Erbmonarchie geeint. Die minderjährigen Augusti werden vom Kaiser vor seinem Tod dem Vandalen Stilicho anvertraut, der wiederum mit dem Goten Gainas im Bunde ist. Damit bricht sich das römische Misstrauen gegen die Fremden noch stärker Bahn. Und es nimmt überhand, als die Rheingrenze und die Pannoniens nicht mehr gleichzeitig von Stilicho zu halten sind.

 

Die Knappheit an Soldaten hatte zur Aufnahme von immer mehr Barbaren ins Heer geführt, zugleich kommt es in einigen Reichsteilen zu einer immer gravierenderen Verknappung von Arbeitskräften. Darauf verweisen verschärfte Gesetze betreffs flüchtiger Sklaven und solche, die Kolonen immer stärker an ihre Grundbesitzer binden. Besitzlose Landbewohner wie Bauern in ihrem Eigentum suchen Schutz im Patrocinium lokaler Mächtiger, die jenen Schutz übernehmen, den der Staat nicht mehr gewährt. Die Nachantike beginnt im Westen.

Für die Basisversorgung der Bevölkerung werden Bäcker, für den Getreidetransport zuständige Schiffseigner und Schweinehändler immer fester an ihren Berufsstand und ihren Betrieb gebunden.

 

Der christliche Kaiser Theodosius wird nach seinem Tode 395 wie seine Vorgänger zum divus erklärt, zu einer Art Gottheit, was seine Christen inzwischen kaum noch zu irritieren scheint. Aber wichtiger ist, dass der Kaiser weiter ihm innewohnende göttliche Kräfte besitzt und nun eben ein besonderes Verhältnis zum Christengott hat, welches sich nicht zuletzt im Schlachtenglück erweist. Er sorgt dafür, dass das göttliche Gesetz auch das seinige ist (bzw. vice versa).

  

Die Verwaltung wird wie das Heer sehr hierarchisch nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam neu organisiert und heißt wie dieses militia. Beim Eintritt in die Beamtenschaft wie bei dem ins Militär erhält man einen nach Rang gestaffelten Gürtel (cingulum), an den wehrhafte Franken dann ein Schwert zumindest hängen werden. In einem ausführlichen Text hat K.F.Werner die Kontinuität dieser Militia als eines Adels aus Amt und Kriegertum bis tief ins Mittelalter beschrieben (WernerNaissance).

 

An seiner Spitze bleibt der Senatorenstand als erbliche nobilitas, die in den Städten des Reiches eine führende Rolle spielt. Ein Großteil der um 400 rund 2000 Senatoren des westlichen Roms nimmt selten oder nie an Senatssitzungen teil, hat aber sowohl Vorrechte wie erhebliche finanzielle Belastungen. Die reicheren unter ihnen haben Großgrundbesitz, der über die ganze Westhälfte des Imperiums verteilt ist, und eine ganze Anzahl luxuriös ausgestatteter Villen.

In der ständischen Ordnung darunter standen einst die Ritter, die aber längst nur noch formal als zweiter Rang der Beamtenschaft fungieren. Den dritten Stand bzw. Rang nehmen die Kurialen der Städte ein, und in ihn wird man inzwischen hineinverpflichtet, sobald man eine bestimmte Menge an Besitz angehäuft hat. Einst am Stadtregiment beteiligt, haben sie inzwischen vor allem Pflichten wie die, das Bau- und Amüsierprogramm der Stadt auszurichten und - noch drückender - für das von oben festgesetzte Steueraufkommen zu haften. Das führt dazu, dass immer mehr Kuriale, Dekurionen sich auf vielfältige Weise ihrem (ehedem) Ehrenstatus zu entziehen versuchen. 

 

Die Reglementierung des Wirtschaftslebens und die damit einhergehende Korruption entfremden dem Reich seine es bislang tragende Oberschicht, die laut Zosimus um 380 kaum noch unterscheiden mag zwischen der Ausplünderung durch Barbaren und der durch den eigenen Staat (Lippold, S.113). Schließlich: Es gibt keinen Kapitalismus, der aus sich heraus Reichtümer generiert, und die staatlichen Zwangsmaßnahmen verhindern zu allem übrigen seine Entstehung.

 

In ganzen Regionen nimmt die Bevölkerung ab und damit das Reservoir, aus dem Soldaten bezogen werden können.Die Verstädterung mit ihrem sehr engen Zusammenwohnen fördert die Ausbreitung von Seuchen, man vermutet heute darunter die Pocken, Masern, Malaria, Tuberkulose. Am Ende breitet sich auch die Lepra aus und nach dem Zusammenbruch des westlichen Imperiums die Beulenpest, die in größeren Städten möglicherweise bis zu einem Drittel der Bevölkerung auf einen Schlag hinwegraffen kann. (Gilomen, S.10)

 

Den Reichtum der grundbesitzenden Oberschicht und die Einnahmen des Kaisers erwirtschaften Sklaven und Kleinpächter auf dem Großgrundbesitz, Kolonen, die im 4. Jahrhundert an ihre Scholle auch bei Besitzerwechsel gebunden werden, während das verarmende freie Bauerntum, offenbar manchmal schlechter dastehend als die auch abnehmende Zahl der Sklaven, immer weniger wird. Kolonen besitzen jenseits ihrer Abhängigkeit Erbrecht, können theoretisch Eigentum besitzen, ein Kind anderer freier Bürger heiraten und vor Gericht auftreten. Aber in der alltäglichen Lebenswirklichkeit besagt das nicht viel.

 

Zur Plebs unterhalb des mit Ämtern versehenen (hier einmal so zusammengefassten) "Adels" gehören außer ihnen Handel und Handwerk. Alle Bereiche, die dem Staat der Spätantike lebenswichtig erscheinen, von dem Transport zu Wasser bis zu den Bäckereien, werden in die Zwangsmitgliedschaft von staatlich kontrollierten Kollegien gedrängt. Ein freier Handel muss zunehmend mit einem staatlich gelenkten konkurrieren. Alles tendiert zu einer von der Staatsspitze her gelenkten "Planwirtschaft", die einerseits die Versorgung städtischer Massen, andererseits die finanziellen Erfordernisse des Militärs im Auge hat, eine Art Kriegswirtschaft also.

Dieser zentrale "Plan" wird im weniger wohlhabenden Westen des Reiches immer weniger funktionieren. Als germanisch dominierte Nachfolgereiche an seine Stelle treten, werden sie diesen Aspekt antiker Staatlichkeit ersetzen müssen.

 

Indem "Adel" die Bischofssitze besetzt und das Land über seine Latifundien kontrolliert, überlebt er direkt in die germanisch dominierten Reiche hinein, in denen er eine tragende Rolle behält und Träger der Romanisierung dieser Reiche wird. Überleben wird auch das System der Besteuerung der Person und des Grundbesitzes samt den Zöllen und anderen Abgaben. Der römische Staat geht in diesen neuen Reichen nicht gleich unter, sondern verändert sich langsam (K.F.Werner)

 

Überleben wird auch anderes: An der Spitze der römischen Höfämter stehen "Gefährten" des Kaisers, die comes, die unter germanischer Führung dann von den civitates aus neben den Bischöfen das Umland kontrollieren, aber schon im christlichen Kaiserreich auch Truppen führen können. Grenzschutztruppen unterstehen jeweils einem dux (Führer), und das übrige Militär den magistri militum, Militärmeistern. Bei zunehmender Abwesenheit von Kaisern im Westen werden sie auch die Spitzen der Zivilverwaltung kontrollieren und nach und nach wie der princeps, der Erste, als König an Kaisers statt in ihrem Bereich herrschen.

 

Im Verlauf des vierten Jahrhunderts, in dem die Kirche den Weg in den Status einer alleinigen Staatsreligion beschreitet, wird aus der Unduldsamkeit im Bündnis mit den ganz und gar irdischen Mächten ein immer gnadenloserer Kampf gegen die „Heiden“, deren Heiligtümer am Ende zerstört, Priester erschlagen und die nun Ungläubigen mit allen Mitteln zur Taufe gezwungen werden. Christentum und Grausamkeit passen immer besser zusammen. Kurz darauf geht das lateinische Westreich zur Gänze in germanisch dominierten Nachfolgestaaten auf.

 

Dieser beispiellose und radikale Wandel vom paulinischen und evangelischen Jesus hinein in die triumphierende, doktrinäre und immer brutalere Kirche, vom Gott, der denen, die sich ihm ganz hingaben, gnädig war, und der auf Erden den Frieden verkündet haben soll, zum Gott des Schlachtenglücks, der zur Gänze in die Verfügung eines kirchlichen Apparates geraten ist, wird also abgeschlossen mit dem Ende jenes irdischen Reiches, in dessen Randzone er hineingeboren worden war.

 

***Erlösungs-Sehnsüchte***

 

Der Wahnwitz des Kapitalismus braucht die Besonderheiten christlicher Religion als Voraussetzung, wie sich zeigen wird. Aber so wie der Kapitalismus nicht nur Wahnwitz ist, sondern zugleich ein sich verselbständigendes ungeheures und weltbewegendes Erfolgsprogramm, so hat das Christentum auch eine sehr verständliche anthropologisch fassbare Komponente, jene nämlich, einer vielen Menschen spätestens seit ihrer Zivilisierung innewohnenden Erlösungssehnsucht eine Perspektive zu bieten. Erlösung ist schließlich das jesuanische Schlüsselwort.

 

Vom Paradies bis zur verheißenen Wiedergeburt und Wiederkunft des getöteten Gottes lässt sich eine Geschichte menschlicher Unzufriedenheit mit sich selbst und den eigenen Lebensumständen erkennen, mit den so empfundenen Übeln dieser unserer Welt eben. Und das dem Judentum entschlüpfte Christentum ergibt dazu die bis dato radikalsten Erlösungsvorstellungen (und erlöse uns von dem Übel bzw. Bösen, heißt es bald im Paternoster).

 

Diese Unzufriedenheit scheint Konsequenz von Lebensformen zu sein, die sich mit den neolitischen Veränderungen einstellten: Produktives Eigentum an Land und Vieh und Werkzeugen unterscheidet nun Leute nicht mehr nach ihrem Talent allein, sondern auch nach ihrem Besitz. Die neue Mühsal produktiver Arbeit, die für die meisten in relative Armut und Not führt, wird noch verstärkt durch Abgaben, die an Tempelpriesterschaft und mit ihr verbündete aufsteigende Despoten zu errichten sind. Die Selbstregulierung der Menschen in Gemeinschaften wird nach und nach in einigen Gegenden ersetzt durch Gebote der Priester und Gesetze der mit ihnen verbündeten Despoten. Menschen geraten in die Strukturen von Zivilisationen, also unter institutionalisierte Herrschaft, zu deren Rechtfertigung auch der nun erfundene Krieg gehört, der die früheren gelegentlichen und gewaltsamen, aber notwendigen Rangeleien mit Nachbarn um Lebensraum ablöst.

 

Frühe Kulturen mussten bereits die Zähmung und Selbstbezähmung von Triebenergien betreiben, damit Menschen solide gemeinschaftsfähig werden konnten. Die daraus erwachsenden Frustrationen konnten aber noch in den eigenen Lebenszusammenhang eingeordnet werden. Zur gemeinschaftlichen Selbstbezähmung kommen aber nun „von oben“ die neuen Zwänge, die institutionalisierte Macht ausüben. Zur Selbst-Domestikation der Menschen, ihrer Kultivierung, kommt also die Zivilisierung. Das alles verlangt nach begründender Erklärung, die aus den Positionen der Macht heraus geliefert wird. Der Schmerz des ständig einzuübenden Verzichtes ist anders offenbar nicht erträglich.

 

In Zivilisationen findet also ein verdoppeltes Frustrationserlebnis statt. Das lateinische frustrare bedeutet unter anderem zunichte machen und vereiteln und gelangt erst spät in die psychologische Fachsprache. Frustration wird dabei vom Vorgang des Vereitelns zu dem Gefühl, welches dieser auslöst: man ist frustriert.

Dieses Phänomen tritt schon im Prozess früher kultureller Domestikation auf und nimmt dort zu, wo produktive Arbeit überhand nimmt: Das moderne Deutsch spricht davon, dass man sich dabei "überwinden" muss.

 

Frühe Kulturen bis ins Neolithikum hinein schaffen es, große Teile der Impulskontrolle zu regulieren, geradezu zu automatisieren. Dss Gefühl der Frustration ist dabei soweit ins Unterbewusste verdrängt, dass es nur noch in emotionalen Ausbrüchen zu Tage tritt, die in Zivilisationen weithin kanalisiert bzw. kriminalisiert werden.

Zivilisierte Untertänigkeit muss so reguliert werden, dass sie im Regelfall als sogenannte Selbstverständlichkeit auftritt. Zur Domestikation der Kultur tritt also als neue die der Unterwerfung unter den Willen der Machthaber, was nicht nur durch Verdrängung, sondern dabei auch mittels Identifikation mit den Machthabern gelingt. Aber Verdrängung begleitet von nun an mehr denn je den Alltag der Menschen. Was verdrängt wird, verschwindet aber nicht, sondern taucht an anderer Stelle irgendwann wieder auf, und dort wird es recht häufig von Erlösungsphantasien aufgefangen. Das Faszinierende am Weg in das Mittelalter wird, dass die neuen Machthaber, anders oder zumindest stärker als orientalische Despoten, selbst in solchen Erlösungssehnsüchten gefangen sein können.

 

Das Christentum als Partner der Macht, also die Kirche, fördert diese Sehnsüchte, indem es zugleich zunehmend Angst macht. Das gelingt ihr dadurch, dass sie für alle den Tod als Erlösung vom Leben der Mühen, Anstrengungen und Gefahren nicht nur (als endgültig) abschafft, sondern den "Sündern", also denen, die sich nicht rigoros der Kirche unterwerfen, eine ewige postmortale Existenz in Höllenqualen verspricht. Erlösung ist also nicht mehr einfach die vom Tod, sondern die von den immer grausamer ausgestalteten Torturen danach, sie wird also immer dringlicher.

 

Im Rahmen solcher Vorstellungen wird eben Kapitalismus auch entstehen. Solche extremen messianischen Erlösungsphantasien, wie sie das Christentum basierend auf jüdischen Vorformen bedient, waren ansonsten zumindest selten. Germanischer Pessimismus mit Weltuntergangsvorstellungen oder altgriechische Vorstellungen von der tragischen Existenz der Menschen traten häufiger auf, sowie auch Kulte und Göttervorstellungen, die einen gewissen dieseitigen Optimismus förderten.

 

Kern des christlichen Erlösungsgedankens ist der vorausgegangene behauptete Durchgang durch Leid und Tod als Aufopferung des Mensch gewordenen Gottes, der eben auch das bislang gebräuchliche Tieropfer ablöst und so Tempel und Priesterschaft überflüssig macht. Gott opfert sich kurzzeitig in Menschengestalt für die, auf die das hinreichenden Eindruck macht. Passion, Sterben und Auferstehung machen dann die Vorgänge aus, um die Christentum religiös kreisen wird, worüber es die radikalen und für die meisten unerfüllbaren Vorstellungen Jesu dann eben auch wird vernachlässigen können. Sie werden nun den sehr wenigen "Heiligen" vorbehalten bleiben.

 

Das ist alles deshalb wichtig, weil, wie sich zeigen wird, der Kapitalismus solche Erlösungssehnsüchte säkularisieren wird. Er bietet neue Karrieren, neue Wege zu Reichtum, erweiterten Warenkonsum und immer größere Amüsierwelten: Erlösung schon im Diesseits. Das alles sind, um in einer notwendigen Abwandlung des Freudschen Diktums zu sprechen, Kompensationen für das Unbehagen in der Zivilisation, jene Gratifikationen, die die alltäglichen Frustrationen erträglicher und ihre Verdrängung leichter machen.

 

***Verstaatlichtes Christentum***

 

Mit der Legalisierung der „katholischen“ Lehre und der ihr zugehörigen Kirche lässt sich vermuten, dass in Städten, in denen Christen – besonders im Osten und Afrika - einflussreich werden, es nun einigen auch opportun erscheinen kann, Christ zu werden, ohne einen sonderlichen Hang zu den neuen Formen von Frömmigkeit zu haben. Je deutlicher der Kaiser eine Präferenz für die Kirche zeigt, desto naheliegender kann ein solcher Opportunismus sein.

 

Diesen Lauen in der Kirche kommt es entgegen, dass die zunehmend schwerer verständliche Glaubenslehre auf Credo-Formeln verkürzt wird, die man auch einigermaßen gedankenlos nachplappern kann. Im immer mehr mit Streit um die weltliche Macht verquickten Glaubensstreit spalten sich Gemeinden offenbar in Parteien, die unterschiedlichen Anführern folgen. Wenn dann in einer civitas zwei Bischöfe auftreten, sammeln sich unter ihnen Gefolgschaften, die auch schon mal gewalttätig werden können. Das Christentum verliert selbst im Innern sein bisschen Friedfertigkeit fast völlig, so wie es weit überwiegend die kriegerische Gewalttätigkeit ihrer Kaiser nach außen bejaht.

 

Das Faszinosum der Grausamkeit für zivilisierte, untertänig gemachte Großstadtmassen im ganzen Reich führt bei Christen zu enormen Ambivalenzen. Das erlaubte Ausleben von Aggressionen und wilden Emotionen im subventionierten Amüsierbetrieb wird von einzelnen christlichen Texten weiter verurteilt, und das Moment exzessiver Lust an Grausamkeit wird langsam durch staatliche Verordnungen etwas abgemildert. Aber die „Spiele“ verschwinden im lateinischen Westen erst, als in den Städten im 5. Jahrhundert die Mittel dafür ausbleiben. Soweit erkennbar, nehmen Christen der „opportunistischen“ und „laxen“ Art als begeisterte Zuschauer daran teil – nunmehr werden sie auch von christlichen wohlhabenden Mächtigen ausgerichtet.

 

Die christliche disciplina, ein wenig auch Nachfolger der stoischen Disziplinierung der Emotionen und Leidenschaften, fördert neben der persönlichen Frömmigkeit auch die öffentliche Untertänigkeit. Zu vermuten ist, dass eine so gesteuerte Aggressivität ihr Ventil nicht nur im lizensierten Amüsierbetrieb (so wie auch heute) findet, sondern die Aggressionen vor allem in einer gesteigerten Latenz hält, die nur „legitimer“ Anführer bedarf, um auszubrechen. Im Zuge der Christianisierung scheint die öffentliche Gewalttätigkeit im 4./5. Jahrhundert eher zu- als abzunehmen.

 

Diese nunmehr christliche Gewalttätigkeit, unterstützt von der zunehmenden Präferenz, die Christen nun durch ihre Kaiser erfahren, richtet sich spätestens seit Kaiser Theodosius I. zunehmend nicht mehr nur gegen Häretiker, also von der katholischen Kirche abweichende Christen (denen ihr Christsein offiziell abgesprochen wird), sondern auch gegen Heiden aller Arten. Zunächst werden die traditionellen Kultstätten in den Städten zerstört, gelegentlich gegen den erbitterten Widerstand der Kultanhänger, was auch mit Mord und Totschlag verbunden sein kann.

Zu den von Christen Verfolgten gehören dabei zunehmend auch Juden, die schon Konstantin „verfluchte“.

 

Für die opportunistischen und laxen Christen verwandelt sich die Volkskirche in eine, die vor allem von Ritus und Zeremoniell geprägt ist. Dazu gehören der regelmäßige Kirchgang, die Taufe, die Unterwerfung unter die Amtsträger der Kirche, der Verzicht auf außereheliches Ausleben der Sexualität und die monogame Ehe und schließlich das christliche Begräbnis. An die Stelle des Glaubenseifers der frühen Christen tritt für viele die Routine eines von weltlicher wie geistlicher Seite immer ähnlicher sanktionierten biederen Alltags.

 

Als das Christentum im fünften Jahrhundert durch staatliche Maßnahmen aufgezwungen ist, widersetzen sich zunächst immer noch viele einer „Bekehrung“ und selbst in manchen Städten sind die Christen zunächst noch in der Minderheit. Aber eine mehr oder weniger widerwillige Duldung gibt es nur noch für die Juden. Ansonsten gibt es bald kein Entkommen mehr vor der Mitgliedschaft in solcher Kirche samt ihren Abgaben und Pflichten.

 

Mit dieser Zwangsmitgliedschaft schwindet der persönliche Glaubenseifer wohl bei den meisten. In den (nunmehr nur noch) „christlichen“ Texten ist von Säumigkeit beim Kirchgang die Rede, von Unaufmerksamkeit beim Gottesdienst, wohl vor allem bei der Predigt, vom verfrühten Verlassen der Kirche bei der Messfeier. Eine Kirche, die nun mit Gewalt christianisiert und missioniert, dürfte sich alles in allem mit der öffentlichen Unterwerfung unter das Kirchenregiment zufrieden gegeben haben.

 

Zu den persönlichen, privaten Pflichten des Christen gehört zunächst die regelmäßige Bibellektüre und das mehrmalige tägliche Gebet. Mit dem Zerfall des weströmischen Zentralstaates und der Verwandlung der städtischen Selbstverwaltung schwindet die Lesekundigkeit der Menschen und damit der unmittelbare Zugang zu den heiligen Schriften und die Kenntnis christlicher Glaubensinhalte. Über eine persönlich-private Frömmigkeit der meisten sind wir aber kaum unterrichtet.

 

Zu vermuten ist aus dem wenigen, was heute noch betrachtet werden kann, dass Ritus und Sakrament jenes magische Moment befördern, welches weniger bei Paulus, aber umso mehr in den synoptischen Evangelien vorhanden ist. Der Umgang mit der Trinität dürfte ein theologisches Thema für den höheren Klerus bleiben, Gott wird wohl wesentlich als siegreicher und Sieg spendender, triumphierender Jesus/Christus verehrt. Näher waren sicher schon bald und dann für anderthalb Jahrtausende die Heiligen wegen ihrer größeren Menschlichkeit. Ganz nahe waren Engel und Dämonen, besonders solche, die zu den Heerscharen des Teufels gehörten.

 

Eine von magischen Kräften zusammengehaltene Welt wird vom Klerus auf den allmächtigen Schöpfergott und seinen bösen Gegenspieler bezogen, und sie bedarf mehr denn je Vorgängen der Reinigung vom Bösen und der Eingießung des Guten. Auf diese Weise kann der Klerus Präsenz im Alltag zeigen.

 

Die Taufe wird zur magischen Befreiung von der zwischen Paulus und dem späten Augustinus entwickelten Erbsünde, und zu diesem Zweck muss das Taufwasser zunächst vom Bösen gereinigt und dann dem Guten geweiht werden. Genau dasselbe geschieht mit dem Weihwasser.

 

Die interne Macht der fest institutionalisierten kirchlichen Hierarchien begründet sich dabei zunehmend aus Ansprüchen an eine besondere Heiligkeit des Klerus, deren wichtigster Ausdruck sexuelle Enthaltsamkeit wird.

Kurz vor 303 beschließt das Konzil von Elvira in Südspanien, dass Bischöfe, Priester, Diakone und alle Mitglieder des Klerus, die mit der Liturgie verbunden sind, sich ihrer Frauen enthalten sollen und keine Kinder zeugen dürfen. (Kanon 33) Nur eine Schwester oder Tochter, die als Jungfrau Gott geweiht ist, darf bei ihm wohnen (Kanon 27)

(http://www.documentacatholicaomnia.eu/04z/z_0306-0306__Concilium_Eliberitanum__Documenta_Omnia__EN.doc.html)

 

Die Konflikte um die Frage, inwieweit christlicher Klerus auch antik-"heidnische" Texte selbst lesen und weitervermitteln darf, werden immer öfter dahingehend entschieden, dass man in ihnen Übereinstimmungen mit christlicher Lehre findet, die zwar weithin an den Haaren herbeigezogen sind, aber dennoch wirksam. Damit werden dann ausgerechnet Kirche und Kloster zu den Orten, an denen antike Literatur am sichersten aufgehoben sein wird.

 

***Pöbel***

 

Um 400 ist das Imperium immer noch eine auf große Städte konzentrierte Welt. Da ist die alte Hauptstadt Rom, die längst auf vielleicht bis zu einer Million Einwohner angewachsen war, und die inzwischen eher von ihrer Vergangenheit zehrt und von zwei West-Residenzen mit deutlich geringerer Bevölkerung abgelöst wird: Mailand und das immerhin noch von rund 80 000 Menschen bewohnte Trier. Im Osten gibt es das ägyptische Alexandria mit an die 300 000 Einwohnern und das syrische Antiochia mit vielleicht 250 000 Menschen, eine Größe, auf die inzwischen auch Konstantinopel angewachsen ist, die Ost-Residenz.

 

Unterhalb einer kleinen, oft immer noch in großem Luxus lebenden Oberschicht gibt es die städtischen Massen der Kleinhändler, Krämer, Handwerker, Tavernen- und Bordellinhaber, der vielen Tagelöhner und Arbeitslosen. Ihre Versorgung wird durch die großen Bauten von Wasserleitungen und die zum guten Teil staatlich organisierten Getreidelieferungen gewährleistet, die aus Nordafrika und insbesondere aus Ägypten kommen. Damit das für die städtischen Massen und zudem für die Heere funktioniert, wird von oben immer stärker in das Wirtschaftsleben eingegriffen, was diesem allerdings insbesondere im ärmeren Westen auf die Dauer nicht förderlich ist.

 

Neben dieser Infrastruktur, zu der auch zum Beispiel Badhäuser, große Bäderanlagen Straßen und Brücken gehören, dient auch ein großer Amüsierbereich dem Ruhigstellen der Massen, ihrer Untertänigkeit. Idole der in solchen Veranstaltungen aufgeheizten Massen sind denn auch weniger Heilige als vielmehr Sportler, Schauspieler, Tänzerinnen etc., ganz so wie wieder spätestens seit dem zwanzigsten Jahrhundert.

Der Kampfcharakter des Sportes und des Zirkus lädt wie heute wieder zur Parteibildung ein, die sich dann auch schon mal "politisch" artikuliert und im Falle des Aufbaus besonderer Spannungen in Ausschreitungen und Straßenschlachten enden kann. Dennoch dient das Amüsierprogramm aber eher dem Ruhigstellen städtischer Massen.

 

Dauerhaftere Unruhe erzeugen religiöse Parteiungen, seitdem die Kaiser sich des Christentums bedienen. Da sind die krawallartigen Ausschreitungen gegen "Heiden", zunehmend auch schon mal gegen Juden, betrieben auch gelegentlich von Geistlichen, Mönchen und selbst Frauen, und dann kommen die zwischen unterschiedlichen christlichen Glaubensrichtungen hinzu, die sehr grob vereinfacht meist etwas damit zu tun haben, ob Jesus als Mensch, als Mensch und Gott zugleich oder nur als Gott gesehen wird. Solche Fragen werden im Osten noch Jahrhunderte weiterschwelen und in verwandelter Form im sogenannten Bilderstreit einen Abschluss finden. Dass die städtischen Massen, die sich dabei engagieren, von den Feinheiten solcher Debatten nichts mitbekommen, hindert sie nicht daran, die Gelegenheiten zum Ausleben von Aggressionen zu nutzen, die sie üblicherweise unter dem Druck der Obrigkeit wegzuducken haben. 

 

Neben religiösen Vorwänden für Krawall und Lynch-Morde bieten sich Hungerkrisen an oder Unzufriedenheit über zu geringe Wohltaten der Machthaber.

 

Im Verlauf des enormen Schwundprozesses der Städte im Westen der nächsten Jahrhunderte wird dieser städtische Pöbel (populus) erheblich an Bedeutung verlieren, ohne aber überall zur Gänze zu verschwinden.

 

ff

 

Das Schwinden des Imperiums

 

Im Winter 394/95 schaffen es Verbände der Hunnen über die Donau und treiben die Goten Alarichs vor sich her, die nun wieder auf dem Balkan plündern. Von einem westlichen Entsatzheer aus ermordet der Gote Gainas den Berater von Arcadius, Rufinus, der durch den Eunuchen Eutropius ersetzt wird. Der hatte schon die Heirat des Kaisers mit der Tochter von Bauto vermittelt. Alarich zieht inzwischen in die Peloponnes. Stilicho wird vom Ost-Senat zum Staatsfeind erklärt, ein Gildo separiert sich in Africa vom Westreich und muss von Honorius besiegt werden. Alarich zieht nach Epirus. Er ist nun bald nicht nur Gotenkönig, sondern auch Heermeister für Illyrien.

Mit den in Phrygien nun aufständischen Greutungen (Ostgoten) verbündet sich Gainas und Eutropius findet den Tod. Gainas wird oströmischer Heermeister und zieht mit mehreren zehntausend Mann in Konstantinopel ein, wo dann bald gnadenlos geplündert wird. Er muss dann abziehen, aber währenddessen steht die Bevölkerung gegen die Goten auf, von denen dann 7000 im Kirchenasyl Schutz suchen und mit der Kirche verbrannt werden.

 

Inzwischen nimmt der kaiserliche Druck auf die Kolonen im Osten zu, die zunehmend mit Sklaven gleichgesetzt werden. Der allgemeine Arbejtskräftemangel führt dazu, dass die großen Grundbesitzer auch Waffenschmiede und Weber aus staatlichen Manufakturen aufnehmen, weshalb die Waffenproduzenten nun ebenso wie jetzt auch Sklaven gebrandmarkt werden.

Die Großgrundbesitzer in Ost wie West befestigen ihre Gebäude und besorgen sich militärische Gefolgschaften, die manchmal als buccelarii bezeichnet werden. Fliehende Sklaven und Kolonen verbinden sich zu Räuberbanden, die manchmal militärisch niedergerungen werden müssen.

 

401/02 taucht Alarich mit seinen Goten zum ersten Mal in Italien auf und wird vor Mailand von Stilicho zur Ansiedlung in Pannonien bewegt. Honorius verlegt seine Residenz nach Ravenna.

 

Um 400 kommen die aus dem heutigen Polen stammenden Burgunden bei Mainz an, 406/07 soll ein burgundischer König Gundahar rund 80 000 Burgunden in einem Reich in der Gegend von Worms ansiedeln.

Ende 405 dringt eine große Zahl Ostgoten unter Radgaisius in Italien ein. Stilicho stellt sogar Sklaven in sein Heer ein. 406 siegt Stilicho und die überlebenden Reste der Ostgoten werden als Sklaven verkauft.

 

Derweil berennen Alemannen mit gelegentlichen Teilerfolgen die südliche Rheingrenze, und Vandalen, Sueben und Alanen gelingt der Durchbruch durch Gallien bis auf die iberische Halbinsel (406-09), wo die Sueben ein Reich etwa im heutigen Portugal und die Vandalen südlich davon errichten. In diesen Wirren zieht ein Constantinus mit seinen Truppen von Britannien ab, wo relativ schnell die Städte verfallen und eine starke Entromanisierung einsetzt, bis dann vor allem "heidnische" Jüten, Angeln und Sachsen dort einfallen und sich niederlassen werden.

Constantinus macht sich in Gallien zum Kaiser.

 

Sachsen besiedeln den späteren norddeutschen Raum, daran an schließen sich Thüringer. Südlich davon entsteht auf ehedem römischem Boden das Land der Bayern. Östlich der nach Westen und Süden abziehenden Germanen tauchen dann bald die ersten Slawen auf.

 

408 stirbt Arcadius und der siebenjährige Theodosius II. folgt ihm als Kaiser. Honorius lässt derweil Stilicho hinrichten.

 

Die Visigoten unter Alarich, zu denen nun viele Germanen des römischen Heeres stoßen, dringen im Herbst 408 in Italien ein und ziehen nach Rom. Gegen enorme Summen von Gold und Silber lässt er von der Belagerung ab. Aber nachdem er kein Siedlungsland bekommt, geht es erneut gegen Rom. Nach gescheiterten Verhandlungen zieht er 410 in der Stadt und überlässt sie dem Heer für drei Tage zur Plünderung. Zu den Gefangenen gehört mit Galla Pacidia die Schwester des Honorius. Als Reaktion auf dies Ereignis schreiben Augustinus und Orosius ihre großen Texte.

 

Constantinus Heermeister Gerontius siedelt die Sueben, Vandalen und Alanen in festen Regionen an, um der Verwüstung der Halbinsel Einhalt zu gebieten.

 

 412 versucht Alarich von Sizilien die Überfahrt nach Africa, was mangels Schiffen scheitert. Er stirbt und sein Nachfolger wird Athaulf. Mit viel Plündern führt der sein Volk nach Gallien. Ganz Gallien rauchte wie ein Scheiterhaufen (Orosius). Dann ziehen die Goten nach Spanien ab, während Constantinus III. besiegt und getötet wird. An seiner Stelle usurpiert ein Iovin die Macht in Gallien mit der Unterstützung von Burgundern, Franken und Alamannen.

413 besiegen die Goten des Athaulf Iovin im Einvernehmen mit Honorius. Inzwischen haben sich Bagauden in der Aremorica (Bretagne) verselbständigt.

 

Derweil erhalten die Burgunden einen Foederatenstatus um Worms. Athaulf liefert Galla Placidia nicht wie versprochen aus und erhält darum nicht versprochenes Getreide. Die Goten marodieren so in Südwestgallien. In Narbonne heiratet Athaulf die Kaiserschwester. Honorius erneuert den Krieg und die Goten müssen wieder nach Spanien ausweichen. 415 wird Athaulf getötet. Sein Nachfolger Vallia muss sich mit Honorius vertragen, um an Getreide zu kommen und wird nun gegen die übrigen Germanen in Spanien eingesetzt. Er vernichtet eine Volksgruppe d.er Vandalen und die Alanen

 

418 werden die Visigoten in Südgallien angesiedelt.