ANTIKE: DEFINITIONEN II (derzeit in Arbeit)

 

 

Das Ende der Bronzezeit (Nach 'Anfänge' verlegen!)

Phönizier (kürzen!!!)

Judentum: "Israel"

Hellas (kürzen)

Res publica

Kaiserreich

Jesus, Kirche und Christentum

Von Konstantin bis zum Ende des Imperiums im Westen

 

 

Das Ende der Bronzezeit (kürzen)

 

Gehen wir zunächst noch einmal etwas zurück. In der späten Bronzezeit ringen die nun stärker militarisierten Herrschaften der Hethiter, Ägypter, Mitanni und dann auch Assyrer um die Drehscheibe des Fernhandels in Palästina und Syrien, die in militärisch schwache Stadtherrschaften aufgesplittert sind.

 

1274 werden in der Schlacht bei Kadesch zwischen den Heeren der Herrscher über die Ägypter und die Hethiter noch einmal die Grenzen der Interessensphären zwischen den beiden Großmächten abgesteckt. Und noch einmal wird der Reichtum orientalischer Groß-Despoten beschrieben, als der Hethiterfürst Hattusili seine Tochter Ramses II. zur Frau gibt:

Dann ließ er seine älteste Tochter bringen, mit einem herrlichen Tribut vor ihr, bestehend aus Gold, Silber, und Kupfer in Hülle und Fülle, Sklaven, Pferden ohne Ende, zehntausenden Rindern, Ziegen und Schafen. (so in: Cline, S.128)

 

Dafür werden den Niltal-Pharaonen  anzivilisierte libysche Stammesvölker nun immer bedrohlicher. Der Krieg als Kernelement aller Reichsbildungen hat inzwischen nie dagewesene Dimensionen erreicht, die allerdings später neuassyrische Herrscher noch steigern werden..

Pi-Ramesse im Nildelta ist als Hauptstadt der Pharaonen inzwischen vor allem Rüstungszentrum. "Zu den größten Bauten zählte ein gewaltiges Bronze-Schmelzwerk, dessen mehrere Hundert Arbeiter mit der Waffenproduktion beschäftigt waren. Wenn das geschmolzene Metall herauslief, gossen schwitzende Arbeiter es in Formen für Schilde und Schwerter." (Wilkonson, S.426)

 

Einige Generationen später besiegt Elam Babylon und im Norden des Zweistromlandes sickern immer mehr Aramäer ein. Eine Dynastie aus Isin kann dann Babylon für sich gewinnen und geht mit Nebukadnezar (1123-1102) zum Gegenangriff vor. Nur wenig später können die Assyrer unter Tiglatpileser Babylon einnehmen, aber im Laufe der Zeit werden sie in Syrien immer mehr von Aramäern verdrängt, und dort entstehen kleinere Herrschaften.

 

Das Niltal, Mesopotamien und andere östliche Regionen werden weiter von Despotien beherrscht werden, schließlich ergänzt unter anderem durch Meder und Perser, - und übrigens fast durchgehend bis heute von oft terroristischen Despotien unterdrückt. Eine besondere Entwicklung macht aber ein Teil des östlichen Mittelmeersaumes mit der Ägäis und der Levante durch.

 

In der Ägäis breitet sich seit ungefähr 1650 eine nach einem ihrer Hauptorte benannte "mykenische" Zivilisation aus. Es handelt sich um (früh)griechisch, also eine indogermanische Sprache sprechende Hellenen, die sich allerdings selbst noch nicht so bezeichnen. Die Machtergreifung reicher Häuptlinge, großer Grundbesitzer, die Gefolgsleute mit Land belohnen, ist dokumentiert in ihren reich ausgestatteten Gräbern. Um 1400 tauchen bei ansatzweise städtischen Siedlungen immer stärker befestigte Palästanlagen auf, die Ort und Umland kontrollieren. Daneben gibt es auch zahlreiche Siedlungen ohne Paläste.

 

In Gräber erhalten solche Häuptlinge, große Grundbesitzer und Krieger, Gegenstände aus Gold, Silber, Elektron, Bergkristall und Bernstein. Die Wände der Haupträume mit ihrem Thronsessel werden in der Spätzeit "mit farbenfrohen Fresken dekoriert, deren Bilder Kriegs- und Jagdszenen, Opfer und Feste sowie schöne Frauen mit eleganten Frisuren und kostbarem Schmuck zeigten." (Stein-Hölkeskamp, S.21)

Auf Tontäfelchen wird in Linear-B-Schrift Buch geführt über die Palastwirtschaft auf eigenem Land und die Natural-Abgaben der untertänigen Bauern. Dazu kommen Schmiede, Töpfer, Weber, die direkt an den Palast angeschlossen sind. "In Pylos etwa waren mehr als dreihundert Frauen mit der Anfertigung von Textilien beschäftigt, die zum Teil offenbar für den Export bestimmt waren." (Stein-Hölkeskamp, S.27)

Es handelt sich wie im Orient um eine Redistributions-Wirtschaft: Der Palast sammelt Produkte ein und verteilt sie zum Teil an "Beamte", Töpfer, Weber, Gold- und Waffenschmiede. 

 

Wie im Orient sind diese Häuptlinge (wanaka) zugleich für den Kult zuständig, der die Götter gnädig stimmen soll.

 

Von dem fürstlichen Luxusbedarf ausgehend wird zunehmend Handel durch das ganze Mittelmeer praktiziert, in der Spätzeit mit einer eigenen Flotte. Mykenische Keramik taucht unter anderem in der Ägäis bis Zypern, in Ägypten und Sizilien auf. Für bemalte Keramik und Waffen erhalten die "Mykener" Kupfer aus Attika, Zinn von der iberischen Halbinsel, dem Taurusgebirge in Kleinasien und aus Afghanistan, Gold, Elfenbein, Buntglas und Edelhölzer aus Ägypten und der Levante.

 

Die mykenische Palastzivilisation wird ein Stück weit direkt aus dem Orient (Hethiter, Levante) beeinflusst, zudem aber auch besonders durch die andersartige sogenannten minoische Zivilisation. Hier existiert eine offenbar weniger kriegerische und stärker auf Handel orientierte Palastzivilisation, deren Ursprünge bereits auf das dritte Jahrtausend zurückgehen. Hier gibt es relativ luxuriöse Paläste inmitten von  städtischen Siedlungen, wobei der Reichtum der Machthaber wohl mehr auf Handel als auf Gewalttätigkeit beruht.

Der Palast von Knossos "war Zentrum einer Wirtschaftsorganisation, die von der landwirtschaftlichen Produktion des Umlandes über die Herstellung von Waffen, Gerätschaften und Luxusgütern wie Schmuck, bemalter Keramik und purpurgefärbter Stoffe bis zum Austausch der produzierten Güter alle drei Sektoren der Ökonomie umfasste." (Bringmann(2), S.39) Wie im (übrigen) Orient wird mit Linear A eine Schrift für die Wirtschaftsverwaltung entwickelt.

Gegen Ende der Bronzezeit ist Kreta dann wohl kriegerisch in die griechische Welt integriert.

 

Ein weiteres Bindeglied zwischen dem Orient und der ägäischen Welt dürfte Zypern darstellen, ebenfalls von Fürsten beherrscht, welche seit der Bronzezeit von den reichen Kupfervorkommen auf der Insel profitieren, die blühenden Handel hervorbringen. Später als Kreta gerät auch Zypern unter den Einfluss der mykenischen Zivilisation.

 

Städtische, von Palästen dominierte Zivilisationen gibt es auch entlang der levantinischen Küste wie zum Beispiel Ugarit. Solche ebenfalls von "Königen" beherrschte Städte (der Palast von Ugarit soll in der Blütezeit 10 000m² groß gewesen sein, mit hundert Räumen und Sälen) scheinen etwas selbständiger operierende Händler besessen haben. Diese levantinischen Palastzivilisationen geraten aber immer wieder unter die Aufsicht von Großreichen, im Norden der Hethiter, dazwischen der Babylonier und Assyrer und im Süden der Pharaonen.

 

Ugarit ist als Mittelmeerhafen syrische Handelsstadt, die in der späten Bronzezeit ein kleines Reich entlang einer etwa 50 km langen Küstenlinie errichtet. Kern der Macht des Palastes sind nicht die bäuerlichen Abgaben an Getreide, Wein, Olivenöl und Vieh, sondern ist eine "Kriegeraristokratie" (Sommer), die von der Verteilung der Abgaben ebenso profitierte wie die unter ihnen angesiedelten "Sippenältesten" (Sommer), die an der Regierung beteiligt sind. Erst unter ihnen sind die vom Palast angestellten (Fern)Händler und dann erst die Priester angesiedelt.

 

In Ugarit finden Archäologen Werkstätten von Steinschneidern, Töpfern, Edelmetallschmieden, Malern und Bildhauern, von denen viele sicher nur für die kleine Oberschicht arbeiten.

Am Hafen von Ugarit werden Waren von und nach Ägypten, Zypern, Kreta, Assyrien und dem Hethiterreich umgeschlagen, aber auch von und nach den Städten Karkemisch, Tyros, Beirut, Sidon und Mari. Von Tontäfelchen her weiß man, dass auch vergängliche Waren wie gefärbte Wolle, Kleidungsstücke aus Leinen, Wein, Olivenöl und Weizen verhandelt werden. Aus Schnecken wird das später für die Phönizier so wichtige Purpur hergestellt. Kaufleute residieren in großen Häusern. Die Stadt wird so reich, dass sie enorme Mengen von Gold als jährliche Tribute an den hethitischen Herrscher zahlen kann. (Cline, S.154, von Reden, S.284)

Inzwischen setzt sich (in Ugarit) die Keilschrift der heimischen semitischen und mit dem Hebräischen verwandten Sprache aus 30 "verhältnismäßig einfachen Zeichen" (von Reden, S.160) zusammen, die nun leichter zu erlernen sind. Der Weg hin zum phönizischen Alphabet ist eingeschlagen.

 

Offenbar gibt es in der Spätzeit von Ugarit eine Mixtur aus herrscherlichem und privatem Handel.

"Aus Akten geht hervor, dass ein Teil der Handelsflotte dem König gehörte. Neben anderen besaß er das Monopol des Kupfer- und Getreidehandels.  Der beträchtliche Export von Olivenöl erfolgte ebenfalls unter der Aufsicht des Palastes. Ein Hafenmeister (...) überwachte ihn und kassierte spezielle Taxen von ausländischen Käufern. Königliche Agenten wickelten auch Geschäfte mit Alaschia, Kilikien und Ägypten ab. Daneben gab es selbständige Unternehmer. Als großer Reeder wird mehrfach ein gewisser Sinaranu genannt, der Privilegien genoss und zu den reichsten Männern von Ugarit gehörte. Manchmal fungierte der Palast als Kapitalgeber für den privaten Seehandel." (von Reden, S.287)

 

Gegen Ende der Bronzezeit ist für Ugarit ansatzweise belegt bzw. zu vermuten, was vielleicht auch für andere Palastherrschaften gilt: Die Landbevölkerung wird immer unmäßiger ausgeplündert, um die Eliten zu versorgen, der Fernhandel tendiert immer mehr dazu, sich aus der massiven Bindung an den Palast zu lösen, ebenso wie andere durch Landvergabe Privilegierte und vielleicht bricht auch beim an den Palast gebundenen kunstvollen Handwerk mit seinen Handelswaren Unzufriedenheit aus.

 

Bis zum letzten Moment scheint intensiver Handel vor allem im östlichen Mittelmeerraum geherrscht zu haben. Wesentliche Förderung dieses Handels scheint bis zum Schluss über Kriege und die Herstellung von Vasallen-Stadt"staaten" sowie über Bündnissysteme stattzufinden. Um 1225 schreibt der hethitische Herrscher Tudhalija IV. an den verbündeten König von Amurru im Norden Syriens:

Dein Kaufmann soll nicht nach Assyrien gehen, und du sollst seinen Kaufmann nicht in dein Land lassen. Er soll nicht durch dein Land ziehen. Aber falls er in das Land kommt, ergreife ihn und sende ihn Meiner Majestät. (in: Cline, S.147)

Es bleibt bis zur großen Krise am Ende der Bronzezeit dabei, dass Handel eine Funktion von Herrschaft ist und ihr dabei zu Diensten. Zudem wird er weiter aufgrund der extremen Raubtiermentalität der Despoten durch Kriege unterbrochen, räuberische Beutezüge, und obiger Hethiterherrscher überfällt denn auch noch kurz bevor sein Reich untergeht das an Kupfer reiche Zypern, was er folgendermaßen dokumentiert:

Ich nahm den König von Alaschija gefangen, mit seinen Frauen, seinen Kindern (...) Alle Waren, darunter Silber und Gold, und alle Menschen, die ich zu fassen bekam, nahm ich mit und brachte sie heim nach Hattusa. Ich versklavte das Land Alaschija und machte es sofort tributpflichtig. (in: Cline, S.149)

 

Aber um 1250 werden in Mykene, Tiryns, aber auch im Hethiterreich  große Festungsmauern aus riesigen Steinen errichtet und dann, zwischen 1250 und 1100, brechen ein Großteil dieser spätbronzezeitlichen Zivilisationen aus wohl unterschiedlichen Gründen zusammen. Aus pharaonischen Texten und Abbildungen erfahren wir von Angriffen einer Vielzahl schwer zu identifizierender Völkerschaften vor allem wohl von der See her, die Historiker vor längerer Zeit als "Seevölker" zusammengefasst haben. Da sie mit Frauen und Kindern kommen, scheinen sie Siedlungsland zu suchen. Das Pharaonenreich behauptet sich in einer Seeschlacht, scheint aber zunehmend geschwächt zu sein, die Königsstädte Memphis und Theben scheinen bedeutungsloser zu sein, so dass das Reich schließlich von libyschen Herrschern übernommen werden kann. 

Um 1150 geht Ugarit für immer unter, die mykenisch-ägäische Welt mit ihren Palast-Siedlungen und das Reich der Hethiter in Anatolien werden völlig zerstört wie auch Qatna und die Handelszentren Palästinas. Nicht nur im griechischen Raum nimmt die Bevölkerung nun erheblich ab.

 

Es gibt wohl im Vorlauf massive Dürren im östlichen Mittelmeerraum, Erdbeben und manches andere. Hungersnöte in Anatolien, Zypern und vielleicht anderswo können auch auf Unruhen in der ausgepressten Landbevölkerung verweisen.

Vielleicht auch deswegen werden ganze Städte verlassen. In anderen werden wie in Ugarit oder Hattusa nur Palast und Tempel zerstört und nicht mehr neu aufgebaut, was auf Revolten der Untertanen hindeuten könnte.

Der Herrscher von Byblos bittet den Pharao, seinen Oberherrn, um Unterstützung gegen die Amoriter, die sich ausbreiten. "Zu den einfallenden Amoritern gesellten sich entwurzelte Bauern aus einem Gebiet von Byblos, die sich zu marodierenden Banden scharten und mit der Zeit zu einer nomadischen Lebensform zurückfanden." (Sommer(2), S.50)

 

Alle diese Palastherrschaften jenseits der großen Flusstaloasen sind auf Fernhandel angewiesen, um mit Handelswaren jene Prestigegüter anzusammeln, die neben der Ausübung der Kulte mit den Priestern und erfolgreicher Kriegführung die Massen in Untertänigkeit halten. Brechen einzelne Knotenpunkte solcher Handelsbeziehungen ein, kann das eine Art Kettenreaktion auslösen. Manche der Palastherrschaften haben auch kein ausreichendes Umland, um steigende Untertanen-Zahlen dann durch Handel noch ernähren zu können.

 

In den Flusstaloasen von Euphrat und Tigris bleiben die Voraussetzungen für despotische Reiche mit Palastwirtschaft bestehen, und das geschwächte Ägypten wird auch immer wieder erneut zu zentraler Herrschaft finden, wenn auch immer mehr unter nicht ägyptischen Dynastien. Während aber bislang vor allem Despotien zwischen dem Niltal, Anatolien und dem Zweistromland die sehr entfernte Vorgeschichte für den viel späteren Kapitalismus darstellten, wobei es im Handelsbereich gelegentlich, aber eher sporadisch zu Kapitalbildung und wohl sehr selten zu Ansätzen von Unternehmertum kommt, wird dieses nun bald von der levantinischen Küste und und dann später auch von der Ägäis aus sich etwas stärker emanzipieren können. Voraussetzung dafür ist ein tendenziell geringerer Einfluss der bisherigen Großreiche dort und vor allem auch der Zusammenbruch der Palastherrschaften in den dortigen Stadtstaaten.

 

Der für uns hier entscheidende Aspekt des Endes der Bronzezeit besteht im erheblichen Rückgang von sich despotisch äußernden Zivilisationen im nördlichen und östlichen Mittelmeerraum, aus dem neue, aristokratischer strukturierte städtische Zivilisationen hervorgehen. Das hellenische und das bald lateinische Abendland setzen sich vom Orient ab. Eine Zeitland spielen Phönizier/Punier dabei eine wichtige Rolle.

 

In Phönizien wird "die sich selbst organisierende Bürgergemeinde des überschaubaren Stadtstaats" (Sommer) entstehen, und dann auch im ganzen Mittelmeerraum. Damit wird der südliche Rand jenes Teils Europas stärker zivilisiert, in dem dann immer noch viel später, Kapitalismus entstehen wird.

 

 

Neue Mittelmeerzivilisationen: Phönizier (kürzen)

 

Im  Norden treten neue Völkerschaften auf, die als Vorläufer von Kelten und Germanen zusammengefasst werden und weiter südlich als Hellenen, Etrusker, Latiner und andere. Hellenen ist eine Selbstbezeichnung von Stämmen der südlichen Balkan-Halbinsel, die seit dem 8. Jahrhundert überliefert ist und sich auf eine gemeinsame Sprache und gemeinsamen Götterkult bezieht.

 

 In der zweiten Hälfte des 10.Jahrhunderts beherrschen libyische Herrscher Ägypten und unternehmen einen Feldzug nach Palästina. Nach ihnen übernehmen in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts solche des nubischen Reiches von Kusch immer größere Teile Ägyptens.

 

An der südlichen Küste Kanaans waren am Ende der späten Bronzezeit Askalon und Ekron zerstört worden. Mit offenbar neuer Bevölkerung tauchen sie zusammen mit Aschod, Gat und Gaza wieder auf, und ihre Einwohner werden später in jüdischen Texten als Philister bezeichnet. In einer Fünf-Städte-Koalition bilden sie selbständige Stadtstaaten, die von Handel wie Ackerbau existieren und erst durch die Eroberungen von Pharao Scheschonk um 925 geschwächt werden.

 

Inzwischen kommt das Eisen zur Bronze hinzu, nicht zuletzt als Material für Waffen. In Hellas beginnt die Eisenzeit um 1000. Nach und nach entsteht hier eine Reihe neuer und voneinander unabhängiger Städte (poleis). Seit dem 8. Jahrhundert beginnen aristokratische Anführer mit der Gründung neuer Städte entlang der Küsten zwischen Italien und Kleinasien.

Im Mittelmeerraum werden mit den Werkzeugen und Waffen aus Eisen neue  Zivilisationen entstehen. Hänge lassen sich besser terrassieren, Wälder schneller roden und Bewässerungskanäle leichter bauen.

 

In Ägypten taucht Eisen verbreitet im 7. Jahrhundert auf. In dieser Zeit wird es von assyrischen Herrschern erobert, bevor eine neue Dynastie von Sais aus dort herrscht.  Seit Psammetich I. lassen sich in Naukratis im Nildelta ionische Siedler und ägäische Söldner in ägyptischen Diensten nieder, ergänzt durch Zyprer und Phönizier. Sie bringen Olivenöl, Wein und vor allem Silber aus Griechenland und liefern den Griechen dafür Getreide.

 

Im östlichen Mittelmeerraum entstehen immer mehr Städte, in denen sich zu Herrschern samt einer aristokratischen Oberschicht Handwerker und Händler gesellen, deren Bedeutung zunimmt. Es sind Produktions-, Handels, - und Kultzentren, die versuchen, immer größere Kontrolle über ihr Umland zu erhalten.

Je größer die Städte, desto intensiver der Handel, der sich insgesamt längst über Zwischenhandel über den ganzen Mittelmeerraum ausgebreitet hat und bis ins Innere Afrikas und Asiens reicht. Handels- und auch schon Finanzkapital gewinnen immer mehr an Bedeutung.

 

Unter diesen Leuten taucht nun in in der Levante, nördlich von den Philistern, ein frühes "Handelsvolk" auf, wie Max Weber es nennt, und welches die Griechen Purpurleute nennen werden, die Phönizier. Volk heißt aber hier nicht ethnische Gemeinsamkeit. Daneben etablieren sich aramäisch-syrische Städte wie Damaskus und Aleppo (Halab), wobei erstere Stadt im 9. Jahrhundert zur regionalen Hegemonialmacht wird, bevor sie im 8. Jahrhundert die Assyrer tributpflichtig machen. Nördlich von unseren Phöniziern entstehen wie um Karkemisch erneut kleinere hethitische ("König")Reiche.

 

Die Phönizier haben ihre wichtigsten Städte wie Tyros an der Küste zwischen Libanon und Palästina. Diese wie zum Beispiel das seit 2900 Zedernholz an die Pharaonen liefernde Byblos haben offenbar den Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit um 1200- 1000 relativ bruchlos und ohne größere Zerstörungen gemeistert. Aber der Zusammenbruch vieler Palastherrschaften bzw. deren Schwächung lässt den Fernhandel über die Ägäis schwinden und nach Ägypten zumindest erheblich nachlassen.

Was bleibt, ist der Zedernholz-, und überhaupt Holzexport, der für den Herrscher einer Stadt wie Byblos einträglicher wird, sobald sie sich stärker aus dem ägyptischen Machtbereich entfernt. Laut dem ägyptischen 'Bericht des Wenamun' (um 1075) gibt es nun Gold, Silber, Tuche, Papyrus, Taue und Lebensmittel als Gegenleistung. Offenbar hat der Stadtherrscher die Verfügung über Arbeiter, die für das Fällen der Bäume und den Transport der Stämme zuständig sind.

 

Der Niedergang des Fernhandels wird etwas kompensiert durch die dortige Kontinuität technischer Fertigkeiten wie der inzwischen alphabetischen Keilschrift und des Handwerks. Dabei gibt es neben Holz nur wenige Rohstoffe, nämlich Ton und daneben Sand und Purpurschnecken dank der Küstenlage.

 

Dabei scheinen zumindest Töpfer gelegentlich dem Dunstkreis des Palastes entkommen zu sein und privatwirtschaftlich zu arbeiten. (Sommer(2), S.83) Bedeutend ist auch die Produktion kunstvoll verzierter Metallgefäße, von Elfenbeinschnitzereien und Glasfiguren auf der Basis von Sand. Glas hatten schon die Ägypter hergestellt, den Phöniziern von Tyros und Sidon gelingt es schließlich, es durchsichtig zu machen. Absolutes Luxusgut wird die Purpurfarbe, mühsam gewonnen aus einem Drüsensekret der Purpurschnecke, wobei zahlreiche Schnecken für nur ein Gramm Farbstoff herhalten müssen, welches entsprechend mit zehn bis zwanzig Gramm Gold aufgewogen werden muss. Verkauft werden auch damit gefärbte Luxustextilien.

Damit werden Handelsstädte auch zu Gewerbestädten, deren Produkte nun in einen von Privatkapital betriebenen Markt gehen.

 

Mit den Phöniziern entsteht eine Schrift auf Basis eines Alphabetes, die leichter schreib- und lesbar ist. Am Anfang steht eine altkanaanäische Konsonantenschrift als Weiterentwicklung der mesopotamischen Silbenschrift. Um 1000 taucht in Byblos eine erste Alphabetinschrift auf. (Sommer(2), S.4f)

Die phönizische Schrift werden die Griechen übernehmen, im Mythos vom Phönizier Kadmos, von ihnen die Etrusker, immer leicht abgewandelt, am Ende die Römer, von denen wir, ein großer Teil Europas. sie wiederum heute haben. Die modernere Schrift und die zunehmenden Rechenkünste dienen der Verwaltung großer Besitzungen und dem Handel.

 

Zunächst ist der phönizische Handel "noch immer verwalteter Handel zwischen zwei Palastzentren" (Sommer(2), S.102), aber im 10. Jahrhundert "konstituierte sich die Ökonomie als autonomer Teilbereich, erkennbar daran, dass ökonomisch zweckrationales Handeln (...) nun politische Entscheidungen determinierte.(...) Die Verselbständigung des Ökonomischen, der Bruch mit den Normen des Gabentausches, war folglich die epochale Errungenschaft Phöniziens in der frühen Eisenzeit." (Sommer(2), S.233)

Spätestens im 9. Jahrhundert tauchen privat und auf eigene Rechnung operierende Kaufleute auf, wie sie schon die 'Odyssee' zeigt, und mit ihnen Marktwirtschaft im Fernhandel zur See. Damit verbunden dürften Veränderungen in den Eigentums-Vorstellungen verbunden sein.

 

Die Bevölkerung phönizischer Städte, insbesondere von Tyros, nimmt durch Zuwanderung zu, und Tyros dominiert bald die übrigen, insbesondere auch Sidon.

Im nächsten Schritt lassen sich einige Händler auf Zypern nieder. Ihnen folgen Handwerker an den Küsten des Mittelmeeres. Phönizier bauen inzwischen die effektivsten Handelsschiffe, die von Privatleuten eingesetzt werden.

 

Die Ausbreitung der Phönizier geht über Zypern, also Kition mit seinem Astartetempel, Vorläufer des Aphroditekultes, und mit seiner Handwerkerniederlassung bis nach Hellas, wo sich im 8. Jahrhundert schreibkundige phönizische Handwerker nachweisen lassen. Der Handel auch mit Edelmetall, Sklaven und Luxusgütern nimmt zu.

Auch in Nordafrika siedeln sich vermutlich nur kleine phönizische Gruppen von Händlern und Handwerkern an, die wohl eine erhebliche Attraktivität für die dortigen Stammesgesellschaften ausüben. Aus dem Inneren Afrika bringen die Garamanten und andere Sklaven, Elefanten,, Elfenbein, Straußenfedern, Felle, Edelsteine und Gold an die Küste, die phönizische Händler dann über das Mittelmeer weiter verhandeln. Auf diese Weise wird das wohl von Tyros aus gegründete Karthago im 8. Jahrhundert zu einer "Großstadt" von mindestens 25 ha (Sommer(2), S.127).

In Sardinien entstehen vor allem wegen den Blei- und Zinnvorkommen Handelsniederlassungen bei Nuraghen-Siedlungen, die schon in der späten Bronzezeit Kontakte zur Ägäis und zu Zypern pflegten. Etrusker liefern Erze und kaufen den phönizischen Händlern ihre Luxusgüter ab. An der andalusischen Küste und insbesondere am Unterlauf des Guadalquivir formen sie eine städtische Kultur mit einem Hinterland von Stammesgesellschaften, nicht zuletzt wegen der reichen Silbervorkommen und gründen dann schließlich Gades (Cádiz).

 

Spätestens im Verlauf des 6. Jahrhunderts löst sich Karthago ganz von Tyros und hat nun die Kontrolle über die phönizischen Tochterstädte im Westteil des Mittelmeeres. Wichtigste Importware ist wohl Metall, Silber aus Südspanien, wo Neu-Karthago (Cartagena) gegründet wird, und aus Sardinien und dem Etruskerland. Gold kommt aus Schwarzafrika, Zinn zum Teil aus Galizien.

Selbst produzieren die Karthager in hohem Maße Weizen, außerdem Wein, Oliven usw. und exportieren außerdem Fisch. An handwerklichen Produkten wurden im wesentlichen Textilien exportiert.

 

 

Bald folgen den Phöniziern die ersten Griechenstädte, nach 700 Konkurrenten wie Phokaia, welches um 600 Marsilia, das heutige Marseille gründet. Nach und nach besiedeln Griechen die Küsten Siziliens, Süditaliens und eines künftigen Gallien, wobei sie im zukünftigen Katalonien mit Emporion (Ampurias) eine weitere große Stadt bauen. Damit werden Phönizier und Hellenen Konkurrenten, und erstere beginnen die letzteren aus Sizilien zu verdrängen. Dabei beginnt Karthago sich als Schutzmacht anzubieten.

Nördlich der griechischen Sphäre entwickeln in Italien Etrusker eine Art Städtebünde und verbünden sich schließlich mit den Phöniziern gegen die Phokäer von Massilia.

 

Tyros ist mit Israel und dann auch mit Juda verbündet, und es profitiert wie diese vom Niedergang der Philisterstädte, von denen Ende des 9. Jahrhunderts nur noch Gaza bedeutend ist. Aber mit dem Aufstieg der phönizischen Städte einher gehen neuassyrische Beutezüge bis zur Levante und im 8. Jahrhundert dann deren Integration in ihren Hoheitsbereich, die um 730 wohl abgeschlossen ist. Für Herrscher und Oberschicht Assyriens bedeutet das hohe Tribute in Gold undgünstigen Import von Edelmetallen, Eisen, Elfenbein, Wolle, Luxusprodukte und Tiere aus Byblos und Tyros.

Ein Resultat assyrischer Dominanz ist, dass die von Tyros über die übrigen phönizischen Städte schwindet, welche sich dafür mit Assyrien verbünden. Es kommt zu Konflikten zwischen Tyros und Sidon, die sich vielleicht abwechselnd gegen bzw. mit Assyrien verbünden. All das behindert aber phönizischen Handel nur punktuell und Integration in den assyrischen Handelsraum hat auch seine wirtschaftlichen Vorteile.

In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts sinkt der assyrische Einfluss und endet mit dem Aufstieg des neubabylonischen Chaldäerreiches seit 625. Nebukadnezar II. siegt dann 605 bei Karkemisch über die Ägypter, 588 fällt Jerusalem und 572 Tyros. Nicht nur judäische, sondern wohl auch phönizische Eliten werden deportiert.

 

Wenige Jahrzehnte später beginnen die persischen Achämenidenherrscher mit ihrem Siegeszug, unterwerfen das neubabylonische Reich und dann auch Palästina samt den Phöniziern. Diese behalten ihre Freiräume für ihre Handelsaktivitäten nicht zuletzt auch deswegen, weil sie nun im Kriegsfall den Kern der persischen Flotte stellen.

Während persische Herrscher mithilfe ostphönizischer Schiffe in kriegerische Auseinandersetzungen mit Kern-Hellas verwickelt sind, beginnen solche auch auf Sizilien, wo reiche griechische Städte mit hunderttausenden von Einwohnern und karthagisches Militär aus multiethnischen Söldnerscharen gegeneinander kämpfen.

Während unter den Alexandernachfolgern die ostphönizischen Stadtstaaten immer stärker hellenisiert werden, beginnen nach 265 die verlustreichen Kriege Roms gegen die "Punier", die nach 150 mit der Zerstörung Karthagos als punischer Stadt endeten.

 

***Kapital ohne Kapitalismus***

 

Anders als Hellas oder Rom entwickeln sich die städtischen Gesellschaften in Phönizien nicht durch eine agrarisch fundierte Aristokratie, sondern durch eine Händlerelite, die nicht mehr primär von Palast und Tempel beauftragt wird, sondern selbst die Initiative ergreift. Die spätestens nach 1000 wieder wachsenden Städte haben nur geringes Umland, da ihre in Handel und daneben auch im produktiven Gewerbe erwirtschafteten Gewinne reichen, um Lebensmittel zum Beispiel aus dem palästinensischen Hinterland einzukaufen. Israel wird so zur "Kornkammer von Tyros" (Sommer(2), S.199). Andererseits zwingt das geringe Umland umgekehrt auch, sein Heil im Handel zu suchen.

Dabei eignen sich Händler aus ihren Gewinnen Landgüter an, die wohl im wesentlichen von Sklaven bearbeitet werden. 

 

Während Herrschaft von Juda versucht, aus einer einheitlichen Religion, die auf einen hauptstädtischen Tempel konzentriert ist, aus den Untertanen ein "Volk" zu erschaffen, und während griechische Poleis sich ethnisch definieren und Ausländer minderberechtigt abgrenzen, sind phönizische Stadt"staaten" wie Tyros-Sidon nicht ethnisch einheitlich, insbesondere unterscheiden sich die Menschen in Stadt und Umland, - anders als in der eisenzeitlichen griechischen Polis.

Staat heißt hier, die Stadt ist durch einen städtischen Kult, einen diesen beaufsichtigten König und eigene Gesetze samt einer gewissen Beamtenschaft definiert, nicht aber durch einen gemeinsamen Ethnos. Anders als beim Zusammenwachsen der Poleis (synoikismos) erben phönizische Städte ihre spätbronzezeitlichen Vorläufer, und Bürger ist nur eine städtische Elite und nicht die Bevölkerung im Umland. Gemeinsam mit den Poleis ist die Vorstellung von der Stadt als Bürgerverband. (Sommer). Leider weiß man heute nur wenig darüber, wie dieser Stadtverband merkantiler Interessen funktionierte.

 

Ähnlich wie in Hellas wird der Herrscher ("König") immer mehr auf kultische und repräsentative Aufgaben zurückgedrängt. Nominell bleibt er Herr der Kriegsflotte, des wohl wivhtigsten phönizischen Militärs. Vor allem ist er Identifikationsfigur und zentrales Moment des Zusammenhaltes. Wo er zurücktritt, nehmen  "zeitlich begrenzt und kollegial amtierende Wahl- oder Losbeamte" ihren Platz ein, die an Gesetze gebunden sind (Sommer(2), S.211). In Karthago, von wo dazu am ehesten (dank späterer griechischer und römischer Texte) etwas bekannt wird, sind das zwei jeweils jährlich neu gewählte Sufeten, manchmal als eine Art Konsuln beschrieben. Ihnen gegenüber steht wohl eine Volksversammlung.

 

Der hellenische Aristokrat ist Großgrundbesitzer und Krieger, die phönizische Oberschicht besteht aus "in eigener Verantwortung und auf eigene Rechnung wirtschaftende(n) Fernhandelskaufleute(n)" Sommer(2), S.220), und bei ihnen erreichen militärische Belange abgesehen von einer Flotte nur geringe Bedeutung. Reiche Kapitaleigner können für ihr Gemeinwesen Söldner anmieten. Die Städte akzeptieren auch Tributzahlungen an Oberherren, solange diese ihre Geschäfte nicht stören.

 

Bei Jesaja heißt es entsprechend in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts in judäischer Perspektive zu Tyros, dass seine Kaufleute wie Fürsten auftraten und seine Händler die vornehmsten Herren der Erde waren." (23,8) In diesen Stadtstaaten untergeordnet bleiben die Handwerker, die keine Bürger sind, politikoi, wie die griechische Quelle sagt.

 

Um 600 schreibt Ezechiel wohl von Babylon aus über Tyros/Sidon:

Alle Schiffe des Meeres kamen zu dir, um mit dir Handel zu treiben (...) wegen der Größe deines Reichtums; Silber, Eisen, Zinn und Blei gaben sie sir zum Austausch. (...) Sklaven und eherne Geräte tauschten sie bei dir ein. Aus Armenien kommen Pferde, aus Arabien kommen Elfenbein und Ebenholz. Edom in Syrien liefert Edelsteine, Stoffe Korallen und Rubine. Juda und das Land Israel kauften bei dir ein (...) Weizen, Wachs und Honig und Öl und Balsam brachten sie dir zum Tausch (usw. usf. Ezechiel 27, 9ff)

 

Das Besondere der neuen kapitalkräftigen Eliten phönizischer Städte wird, dass sie sich durch selbst erwirtschafteten Reichtum, und nicht mehr religiös legitimieren. Politische Interessen sind denn auch Handelsinteressen. Es gibt keine Trennung zwischen Staat und Kult, aber Melkart ist so wenig Herr seiner Stadt wie Athene in der ihrigen: Beide sind vor allem Identifikationskerne.

 

In der spätzeit phönizischer Selbstverwaltung ist zumindest für Karthago erkennbar, dass es stärkere staatliche Lenkung gibt, auch wenn der Staat weiter in der Hand einer reichen Oligarchie bleibt. Dazu gehört ein größerer Einfluss auf die Landbewirtschaftung und die Ausbeutung der iberischen Erzminen.

 

Unter persischer Herrschaft blühen die levantinischen Phönizierstädte weiter auf, während Karthasgo mit seinem Reich untergeht, werden dann unter Ptolemäern und Seleukiden etwas hellenisiert, um schließlich im römischen Imperium massiv an Bedeutung zu verlieren.

 

Sombart erklärte, Luxus habe Kapitalismus erzeugt, tatsächlich erzeugt er aber zunächst nur Kapital, und die Existenz von Kapital macht noch keinen Kapitalismus. Ein Symptom in diese Richtung ist, dass man erst im vierten Jahrhundert beginnt, eigene Münzen zu prägen.

 

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Judentum: "Israel" und Religion

 

Die Geschichte der Hebräer/Juden in Palästina bis zu ihrem Ende unter Vespasian/Titus würde für unsere Untersuchung der Entstehung des Kapitalismus keine Rolle spielen, wenn nicht aus ihr das Christentum hervorgegangen wäre und in ihm als Umfeld eben das, was hier als Kapitalismus bezeichnet werden soll.

 

Für den Fortgang unserer Geschichte konzentrieren wir uns also weiter auf Völkerschaften im Nahen Osten (Orient), die der semitischen Sprachfamilie angehören. In der späten Bronzezeit existieren im Raume Kanaans von Ägypten aus kontrollierte Stadtstaaten. Manche Archäologen meinen, dass nach der Zerstörung Kanaans im 12. Jahrhundert dort drei Volksgruppen identifizierbar seien: Philister, Phönizier und entfernte Vorfahren der Hebräer. Daneben gibt es vor allem Aramäer mit dem Zentrum Damaskus und Nabatäer.

 

Hier soll es nun um einen Teil jenes Raumes gehen, dessen Name bei Herodot als Palästina auftaucht, allerdings nicht jene Leute bezeichnet, um die es hier gehen soll, sondern die benachbarten Philister, von denen er sich ableitet. Diese Benennung wird tradiert, bis sie in Nachfolge der römischen Provinz Judäa im 2. Jahrhundert n.d.Zt. als syria palaestina wieder auftaucht.

Eine definitive Benennung dieses Raumes fehlt, aber eben auch eine solche der dortigen Bevölkerung. Dass es uns hier um die "Juden" als Vorläufer der Christen gehen soll, macht es uns auch nicht leichter, denn dieses Wort taucht erst sehr spät, in der Zeit auf, als persische Herrscher den Raum besetzt halten. Sie nennen die Leute aus Juda (jehuda) wohl zum ersten Mal Juden. Wir werden hier damit jene Leute benennen, die zwischen dem 7. und etwa dem 3. Jahrhundert in Texten, deren endredigierte Exemplare wir heute noch besitzen und die Christen im sogenannten "Alten Testament" der "Bibel" übernehmen, aus einem tendenziell wohl monotheistischen Jahwekult eine Religion entwickeln, deren Kernstücke ein Geschichtsmythos und propagandistisch verfälschende Geschichtsschreibung sind.

 

Damit bezeichnen wir mit "Juden" kein Volk im Sinne eines (griechischen) ethnos, sondern eine Religionsgemeinschaft, die sich nie wirklich auf ein bestimmtes Terrain eingrenzen lässt. Tatsächlich entstehen in der späten Bronzezeit um kleine Städte herum Herrschaften, vor allem Hazor und Gath, auch unbedeutendere wie Jerusalem und Sichem. Im Großraum wichtiger sind Gaza und Megiddo wegen ihrer Bedeutung für den Handel insbesondere der ägyptischen Pharaonen.

 

Mit dem Ende der Bronzezeit verfallen viele Städte und dort, wo an der Küste sich Philister ansiedeln, entstehen neue und bedeutende Handelsstädte, die sich nun unabhängig von Ägypten entfalten: Gaza, Aschdod, Gath und Ekron.

 

In einen der nun offeneren Räume im Binnenland siedeln eine bäuerliche Bevölkerung mit gewissen Gemeinsamkeiten. Vorstädtische Siedlungen werden auch von Viehzüchter-Nomaden versorgt. Moses, Josua, David und Salomo entstammen vermutlich propagandistisch gefärbten Legenden, aber im 10. Jahrhundert bildet sich wohl nördlich des späteren Juda und deutlich südlich vom See Genezaret aus einem kleinen Stadtstaat um Tirza mit Israel und seiner Hauptstadt Samaria samt relativ mächtiger Palastanlage ein größeres Herrschaftsgebiet heraus, in dem neben Israeliten des Berglandes auch verschiedene andere kanaanäische Völkerschaften mit verschiedenen lokalen und regionalen Tempel-Kulten leben. Speiseöl, Wein, Kriegspferde für Streitwagen und Kupfer dienen als Handelsware. (Finkelstein, S.152ff) In diesem Israel konkurriert ein Jahwekult mit dem vieler anderer Götter. (Genaueres in: Anhang 1)

 

Um 890 verheiratet ein Herrscher von Tyros seine Tochter Isebel mit Ahab von Israel. Insbesondere in der neuen Hauptstadt Samaria breitet sich nun phönizischer Einfluss aus. Die Empörung bei den Jahwe-Anhängern drückt ein Text aus, der einem Elija zugeschrieben wird: 

Auf der Flur von Jesreel sollen die Hunde das Fleisch Isebels fressen, und es soll Isebels Leiche wie Mist auf dem Felde liegen, so dass man nicht wird sagen können: das ist Isebel.

 

Das führt um die Jahrhundertmitte dann zum erfolgreichen Aufstand von Jehu, mit dem der Jahwekult an Einfluss gewinnt. Andererseits müssen sich diese israelischen Herrscher immer wieder der Assyrer erwehren.

 

Im 9. Jahrhundert kommt irgendwann südlich als kleinere Herrschaft Juda erst in und dann um ein noch kleines Jerusalem auf, vermutlich in Konkurrenz zum nördlichen Nachbarn, während dieser  bereits deutlich größer und mächtiger ist und inzwischen eine Schriftsprache besitzt. "Für das Jahr 738 ist erstmals ein >König von Juda< belegt und nicht mehr ein >König vom Hause Davids<, wie auf der Tel-Dan-Stele." (Schipper, S.45)

Vermutlich unter dem Einfluss des Omridenreiches kommt auch der Jahwekult stärker in das Südreich, was belegbar ist, denn seit der Mitte des 8. Jahrhunderts taucht in Juda Schriftlichkeit auf.

 

Ein gemeinsames Reich beider wird es nicht geben und dementsprechend auch keine darauf folgende Reichsteilung. Es gibt erheblichen Handel im Großraum, mit Kupfer, Keramik und manchem anderen, aber Jerusalem scheint daran wenig beteiligt zu sein, während Israel wirtschaftlichen Anschluss an den Fernhandel und an das dortige Niveau der gewerblichen Produktion gewinnt (Schipper, S.38).

 

733 zieht der Assyrer Tiglatpileser III. gegen Damaskus und Gaza, die er einnimmt. Danach wird Israel unterworfen, Teile der samarischen Oberschicht werden deportiert. Unter Hosea besteht Israel als tributpflichtiger Vasallenstaat.

722-20 wird Samaria nach Verweigerung der Tributzahlung von den Assyrern ganz erobert. Israel verschwindet für immer von der Landkarte, ist jetzt die assyrische Provinz Samerina und wird nur in den von den Judäern verachteten Samaritern überleben. Jedes spätere "Israel" beruht von nun auf Geschichtsfälschung, deren erste es wird, dass dieser Name von der Jerusalemer Herrschaft auf ihr Reich übertragen wird.

 

Teile der israelischen Bevölkerung werden in ferne Gegenden wie nach Assur deportiert und durch Menschen (Araber?) aus dem assyrischen Reich ersetzt (Frahm, S.203f). Teile der Bevölkerung fliehen hinüber nach Juda, welches nun auch durch den Bevölkerungszuwachs aufsteigt, wiewohl es erst einmal assyrischer Vasallenstaat wird.

Diese (ehedem) Israeliten bringen wohl Material für völkische und staatliche Gründungsmythen nach Juda mit sowie die Erinnerung an Macht und Reichtum Israels, - nicht zuletzt aber ihren Gott Jahwe. Das alles versuchen die Mächtigen Judas nun in einen eigenen völkischen und staatlichen Mythos zu integrieren, was dadurch gelingen wird, dass ein eigenständiges Israel als Nordreich ersetzt wird durch den Mythos eines alten gemeinsamen Königreiches (Groß)Israel, von welchem das Nordreich sich abgespalten und dabei religiös in Sünde gelebt habe, so dass Gott, ob nun El oder Jahwe, seinen Untergang verfügt habe.

 

Juda profitiert offenbar von seinem Vasallenstatus und von Assyrien. Seine Schriftlichkeit nimmt zu und Städte gewinnen an Bedeutung. Vermutlich nimmt unter König Hiskia die Konzentration des Jahwekultes auf Jerusalem zu, was heißt, dass dann wohl andernorts seine Kultstätten geschlossen wurden. Eine Inschrift von etwa 700 aus der Nähe von Lachisch verkündet: Jahwe ist der Gott des ganzen Landes, die Berge Judas gehören dem Gott Jerusalems (und nicht mehr den anderen Göttern dort). Jahwe dient nun wohl als Stadtgott von Jerusalem. (in: Schipper, S.57)

 

Kurz vor 700 findet sich Juda in zwei Koalitionen gegen die Assyrer, deren Aufstände Sanherib niederschlägt.Eine Belagerung Jerusalems mit seinen inzwischen vielleicht 10-20 000 Einwohnern führt aber nicht zur Einnahme der Stadt. Immerhin werden wohl nun auch einige Judäer deportiert.

664 sind auch Truppen Judas unter seinem König Manasse an der Eroberung Thebens und damit eines Teils Ägyptens beteiligt. Juda wird zu einem wichtigen Getreidelieferanten im (neu)assyrischen Reich und lässt sich wohl auch von assyrischen Kulten beeinflussen.

 

Als Assyrien sich bis nach Ägypten ausdehnt, nutzen die chaldäischen Herrscher Babylons das seit 625, um ihrerseits die Assyrer in ihrem Kernland anzugreifen. Gleichzeitig beginnt mit Psammetich I. die Eroberung Südägyptens für seine Dynastie und das Verdrängen der Assyrer aus dem Norden und dann mit griechischen Söldnern aus den Gebieten der Philister und der Judäer. In der späteren Regierung des Josia (639-609) steht Juda bereits unter ägyptischem Einfluss, aber die Pharaonen sind mehr an den Handelsstätten an der Küste interessiert.

 

Josia nutzt aber zunächst das Machtvakuum, um offenbar von der Restauration eines legendären "Königreiches Davids" zu träumen. Er macht sich dazu daran, mit der Priesterschaft seines inzwischen zentralen Tempelkultes in Jerusalem seinen wachsenden Machtbereich von kanaanäischen und assyrischen Kulten zu reinigen und den Jahwekult ganz auf Jerusalem zu konzentrieren.

Zudem beginnt er wohl damit, eine etwas disparate Tradition aus Geschichten und Erzählungen so zu redigieren, dass daraus ein Begründungszusammenhang für seinen Machtanspruch und den seiner Priester hervorgeht. Jedenfalls ist das etwa so aus den altjüdischen Texten abzulesen. Am Ende wird er scheitern und von Pharao Necho getötet werden.

 

Das, was man aus dem Buch der Könige (2, 22-23) erschließen kann, ist wohl eher Ergebnis einer langen Entwicklung: Die wohl immer noch rudimentäre Monarchie dieses Josias, dessen Amt in indoeuropäische Sprachen viel später als „König“ oder ähnliches übersetzt wird, wird mit der Idee eines Gottes versehen, wobei Monarchie und Monotheismus, ein Tempelkult und eine dazugehörige Priesterschaft ziemlich deckungsgleich werden. Derweil gibt es damals viele Götter, aber der Reichsgedanke dieses Königs ging von der Idee aus, dass die Dreieinigkeit von Gott, Tempel und Monarch ein Erfolgsbündnis sein müsste. Eine Art im Ideal geschlossener Untertanenverband würde vor allen dreien zugleich den Nacken beugen.

 

Völlig neuartig ist, dass nun ein Gott (in der herrschaftlichen Fiktion) als Gesetzgeber auftritt, der Moses die Gesetze diktiert als Herr seines "Volkes" von Gläubigen (wie der Erzengel Gabriel dem Mohammed). Ein judäischer Herrscher kann so kein souveräner Gesetzgeber mehr sein.

 

Es galt also, andere Völker mit ihren "falschen" Göttern abzuwehren oder zu unterwerfen, aber die Kraft dazu sollte nur aus einem "Volk" kommen, welches in das Bündnis mit dem eigenen Gott eintritt, der vor allem ein Kriegsgott ist, der Schlachtenglück gewährt. Und Juda war klein, winzig im Vergleich mit den Reichen von Ägypten, Babylon. Assur und anderen. Also (er)fand man seinen eigenen Gott, wie einige frühe Kulturen ein Totemtier hatten. Wenn man sich ihm, seinem Tempel und seinem Häuptling unterwarf, würde man siegen, andernfalls elendiglich zugrunde gehen.

 

Das Verheerende am derartig Religion begründenden Monotheismus ist die Lösung eines ganzen "überirdischen" Komplexes vom Bereich des Irdischen: Während Kulte ursprünglich etwas mit der Versöhnung mit Naturkräften zutun haben und selbst in ausgebildeten Zivilisationen mit ihrem Gewaltapparat noch etwas davon überlebt, löst sich ein nicht mehr auf Naturkraft bezogener alleiniger Gott davon - überleben kann er dabei nur im Bündnis mit einem zivilisierten Gewaltapparat. Mit der Lösung eines überirdischen Raumes aus dem Irdischen entsteht Naturfeindlichkeit, die im jüdischen Text in der vieldeutigen Aufforderung Gottes an seine Menschen kulminiert, sich die Erde untertan zu machen.

 

Mit dem Ende von Israel beginnt wohl in Juda der Prozess der Umdichtung von Geschichte in einen propagandistischen Mythos und die dazugehörige Erfindung einer Religion, aber wohl  in den Jahrzehnten vor 600 vor unserer Zeitrechnung lässt der „König“ Josia seine Priester Texte (er)finden, die genau zu dieser Absicht passen. Vermutlich wurden dabei Traditionen zwischen Mesopotamien und dem Sinai, vielleicht mit ägyptischen Einflüssen versehen, so redigiert, dass sie einen einigermaßen konsistenten Zusammenhang ergaben.

 

Viele Völker pflegten in zivilisiertem Zustand so wie die Juden die Erinnerung an eine graue Vorzeit paradiesischer Zustände. Da ist ein Gott, der die Welt erschafft, und in ihr eben das Paradies mit dem ersten Menschenpaar. Das Paradies war eines der Mühelosigkeit, in der man sich das Obst vom Baum pflückte und es sich ansonsten einfach gut gehen ließ. Wie das dann aussah, war weder den vielleicht mesopotamischen Erfindern der Geschichte wie den jüdischen Redakteuren bekannt, da es so etwas zu ihrer Zeit nicht ("mehr") gab. Das Menschenpaar (oder wenigstens Adam) aber war nach dem Ebenbild dieses Gottes geschaffen, der in einer anderen paradiesischen Zone lebte, weitab und doch immer nah. Gottgleichheit hieß Unsterblichkeit, und das wiederum hieß Ewigkeit, eine Welt außerhalb der Zeit. Es war aber auch eine Welt jenseits des Raumes, denn das Paradies hatte zunächst keine klaren geographischen Grenzen, es war alles, was für Menschen war.

 

Zeitlose Ewigkeit hieß, dass es keinen Bedarf an Fortpflanzung gab, fehlender Raum hieß, dass überall alles war, was der Mensch brauchte. Was dann geschah, war, dass eine ebenso kluge wie böse Schlange der Eva Unzufriedenheit einflüsterte; sie wollte nun mehr als nur alles dies Paradiesische. Sie wollte die Frucht eines Baumes naschen, die ihr Erkenntnis geben sollte, wie sie paradiesischer Unschuld nicht angemessen war – sie widersetzte sich Gottes Willen. Es wird nicht gesagt, was es da zu erkennen gab, aber sie übertrat ein göttliches Gebot, ein Tabu. Vielleicht war das etwas so ähnliches, wie wenn Laien in den den Priesterautoren vorbehaltenen Opfer-Raum im Tempel geschaut hätten und dabei etwas gesehen hätten, was ihnen verschlossen bleiben sollte.

 

Vom Althebräischen über das Griechische und Lateinische zum Neuhochdeutschen: Im Garten Eden der Genesis gibt es zwei besondere Bäume: einmal τὸ ξύλον τοῦ εἰδέναι γνωστὸν καλοῦ καὶ πονηροῦ, lateinisch lignum sapientiae boni et mali, also den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, und dann το Δέντρο της Ζωής, lignum vitae, also den Baum des Lebens.

Leben ließe sich mit Einklang mit der Natur verstehen, Erkenntnis mit Kultur bzw. Zivilisation, dem partiellen Austritt aus ihr. Aber das sind hochmoderne Gedanken, formuliert in einer fast altrömischen Begrifflichkeit.

 

Warum Eva dann Adam dazu verführt, das Gleiche zu tun, lässt sich mit den Augen jüdischer Priesterautoren, einer wohl sehr eng gestrickten Gruppe von Männern, nur durch die Minderwertigkeit der Frau erklären. Das bringt aber ein erstes sexuelles Moment in die Geschichte, denn in den Augen patriarchalisch strukturierter Männer wie solcher Priester ist die sexuelle Attraktivität der Frau der Grund für das männliche Begehren, welches dazu neigt, für wichtiger gehalten zu werden als göttliche Botschaften und von Priestern geleitete Opferkulte, welchem am Ende sogar weibliche Götter und Priesterinnen bedeuten kann.

 

Jedenfalls bricht auch Adam das göttliche Verbot, und damit ist es aus mit den paradiesischen Zuständen. Gott schickt recht kriegerische Engel, die die beiden aus dem Paradies vertreiben, dessen Eingänge nun verschlossen sind. Jetzt verschränken sich längst verschiedenste Vorstellungen zu einem Komplex: Außerhalb des Paradieses entstehen Raum und Zeit: Es gibt eine weitere Welt, in der die Einheit von Mensch und Natur/Gott zerbrochen ist. Die Menschen müssen jetzt produktive Arbeit leisten und sich im Schweiße ihres Angesichtes ihre Nahrungsmittel als Ackerbauern und Viehzüchter selbst herstellen. Die Frau muss in Schmerzen gebären, der Geschlechtstrieb taucht auf.

 

Insofern lässt sich eine Erinnerung an die neolithische (jungsteinzeitliche) Umwälzung vermuten, in der aus Leuten, die als Jäger und Sammler sich nahmen, was sie vorfanden und unmittelbar benötigten, Leute wurden, die nun produktiv sein müssen. Produktive Arbeit mit ihrer Mühsal und ihren Zwängen ließ sich aber leicht als Strafe Gottes interpretieren. Sie wird allerdings zugleich Voraussetzung für Tempel und Priesterschaft, die aus der irgendwann erfolgreichen Produktion eines gewissen Überflusses heraus entstehen, indem sie von den nun möglichen Abgaben existieren können.

 

Frauen müssen sich der Ungemach von Schwangerschaft und Gebären stellen, Männer der härterer Arbeit. Religion und Priester vermitteln zwischen Gott und den Menschen, die nicht mehr Gottes Ebenbild sind, und die nun, aus dem Paradies vertrieben, sterblich, "zeitlich" werden.

Der Tod aber macht die Fortpflanzung nötig, und diese funktioniert nur über das geschlechtliche Begehren. Damit kommt ein zweites sexuelles Element in die Geschichte, den Mythos genauer gesagt, und indem es der Frau die Schwangerschaft und die bei Menschen recht anstrengende Geburt beschert, ist es alleine schon so eine Strafe Gottes, abgesehen von all dem Unheil und der Unordnung, welche Geschlechtlichkeit sonst noch mit sich bringen.

 

Diese beiden sexuellen Aspekte finden mit dem Tabubruch gegenüber Gott in dem Moment der Scham zusammen. Im sexuellen Begehren wird die paradiesische Nacktheit zum Problem. Der Mensch schämt sich also zugleich des fehlenden Gehorsams gegenüber Gott (bzw. seinen Priestern) und einer Geschlechtlichkeit, die ihn als Getriebenen und seiner Souveränität Beraubten auszeichnet: Darum das Feigenblatt.

 

Was den Schriftkundigen unter den Tempelpriestern so alles durch den Kopf ging, als sie ihre Version von Paradies und Sündenfall aufschrieben, ist nicht mehr feststellbar, war es vermutlich schon damals nicht. Aber der Kern dieser Paradiesgeschichte wird zur Basis für alles, was da folgt auf dem langen Weg in den Kapitalismus. Der der Ebenbildlichkeit Gottes durch diesen beraubte Mensch trägt jede Menge Unheil in die Welt, angefangen bem Brudermord. Ein wenig scheint dann aber der Gott, der sich als der des Reiches von Juda offenbaren wird, seine große Strenge zu bereuen, und er beginnt, ausgewählten Leuten eine Art Bündnis anzubieten: Ich unterstütze euch, wenn ihr mich unterstützt. Dafür verzichtet er sogar auf die Opferung des erstgeborenen Sohnes und bescheidet sich mit dem Tieropfer, welches Tempelpriester durch Geldabgaben an sie finanzieren. Daraus wird das auserwählte Volk, welches dieser Gott unter der Führerschaft eines Moses in ein Land führt, wo Milch und Hönig fließen sollen, also schon wenigstens fast wieder ein Paradies.

 

Das ist zwar historisch durch nichts zu untermauern, aber eine schöne Geschichte für Machthaber in Jerusalem, die nun auf grandiose militärische Erfolge bei der Eroberung großer Landstriche mit Hilfe ihres Kriegsgottes Jahwe zurückblicken können, alles wohl weitgehend erfunden, aber eine gute Tradition für damals übliche Gewaltherrscher.

 

Nun bauen die Priester-Autoren aber, etwas näher an ihre eigene Gegenwart heranrückend, lauter neue Sündenfälle in ihre Geschichten ein, die erklären sollen, warum das Volk Gottes immer wieder militärisch scheitert und die israelitischen Konkurrenten gar ganz untergingen. Es geht um immer wieder neue Vertragsbrüche mit dem eigenen Gott und das Übergehen in die Gefolgschaft anderer und offensichtlich für manche attraktiverer Götter (und Göttinnen). Es geht dabei offenbar auch um unziemliche Lebenslust und ein Lotterleben, in dem Frauen und unordentliche sexuelle Aktivitäten eine große Rolle spielen sollen, aber da es sich um Propaganda handelt, wissen wir nichts genaues. Jedenfalls ist die jüdische Geschichte dabei keine rechte Erfolgsgeschichte und endet mit schamloser Hellenisierung der Oberschicht und dann Unterwerfung unter römische Machthaber bei eigenen Unterkönigen, die sich mühsam durchlavieren müssen.

 

Judentum ist einmal in dem zentralen Tempelkult als eigentlichem Kern gegeben, und damit in dem Tieropfer, welches wie auch in anderen Reichen den jeweils eigenen Gott als Unterwerfungsgeste gnädig stimmen soll. Zum anderen besteht es in einem Sammelsurium an Vorschriften, deren wesentliche Aufgabe wohl ist, einheitliche Untertanen für Häuptling/"König" und Tempelpriesterschaft zu schaffen, sie also von anderen Völkern abzugrenzen. Man könnte auch sagen, das sie hier ein gemeinsames "Volks"bewusstsein überhaupt erst herstellen. Es gibt zum Beispiel jede Menge detaillierter Essensvorschriften, die damals wohl teils mehr und teils weniger plausibel waren, und einen wöchentlichen religiösen Feiertag, an dem fast alles Leben erlahmen soll. Dazu jene gottgebenen Gebote, die auf den einen Gott verpflichten und ansonsten das Zusammenleben so regeln, wie es in allen frühen Zivilisationen üblich ist. Dazu kommen weitere die Leute verbindende Eigenheiten wie gemeinsame Festtage und Pilgerreisen samt Opfergaben zum Tempel nach Jerusalem.

 

Was die Juden neben dem Monotheismus von anderen Kulturen und Zivilisationen grundlegend unterscheidet, ist die grandiose Idee, sie am Zeugungsorgan des Mannes zu markieren, was die jüdische Frau darauf hinweist, dass sie den politisch-religiös korrekten Mann für den Koitus bzw. die Ehe und Fortpflanzung vor sich hat. Damit werden Menschen als Volk physisch als eine Einheit jener Menschen markiert, die ihren Gott ausschließlich für sich haben, und damit als seine Auserwählten deutlich bessere und erfolgreichere Menschen sind, wenn sie nur der Priesterschaft und dem damit verbündeten König untertan bleiben. Juden waren so die Erfinder einer neuen Form völkischen Bewusstseins, welches sich über seinen Körper ausweisen kann, wiewohl Judentum ein Kult samt Ritualen und nie ein abgeschlossener Ethnos war, was es dennoch immer wieder zu sein behauptet, und was Ideologe Hitler dann verrückterweise übernehmen wird.

 

Vermutlich entsteht das Judentum derjenigen alttestamentarischen Texte, welche eine auf Jahwe beruhende Frühgeschichte und eine frühe jüdische Geschichte zusammen-fabuliert, in einem viel längeren Zeitraum, der nach dem Ende Israels beginnt. Vielleicht ist unter Josia überhaupt nur der Kult des Jerusalemer Jahwetempels von den Einflüssen störender anderer Kulte gereinigt worden.

 

Mit seinem ausführlichen "National"mythos, dem Monotheismus und der Konzentration auf den einen Kultort Jerusalem, der bis auf seinen Tempel und eine dazu gehörende Priester- bzw. Schreiberelite immer noch eher unbedeutend ist, wird aber das geschaffen, was wir sinnvollerweise und zwecks gedanklicher Klarheit als (erste) Religion bezeichnen können.

Als antik-römische religio bedeutet sie zunächst nur die Beachtung von Vorzeichen und kultischem Regelwerk und später dann die Beachtung des Tempelkultes. Im 4. Jahrhundert (n.d.Zt.) wird aus religio für Christen die Summe ihres Glaubens. Ins Deutsche gelangt das Wort schließlich als Religion im 16. Jahrhundert, worauf dann neue Definitionsversuche beginnen.

 

Hier soll das Wort von dem Begriff Kult unterschieden werden, was auch deshalb naheliegt, da es sich um Wörter mit durchaus verschiedenen Wurzeln handelt. Kult als cultus deorum bezeichnet schon bei den antiken Römern (meist rituelle) Handlungen, in denen Götter verehrt bzw. angerufen werden. Religion kann zwar in der Regel auch Formen des Kultes verlangen, beinhaltet aber vor allem in ausführlichen Texten niedergelegte Glaubensinhalte, die in ihrem Kern von Kulten unabhängig sind. So entsteht die jüdische Religion zwar aus dem Opferkult im Jahwetempel, kann aber nach der letzten Zerstörung des Tempels auch ganz ohne diesen auskommen. Sie ist einmal geglaubter Geschichtsmythos und zum anderen ein extrem ausführliches Gesetzeswerk,

Im Christentum taucht das kultische Element zwar als Ensemble magischer Rituale auf, aber nicht diese, sondern der Glaube an die Erlöserfunktion Jesu, in seinem legendären Predigerdasein ausgeführt, trägt das ganze Glaubensgebäude. Am radikalsten wird das Luther vermitteln. Der Kern des Islam wiederum kennt den Kult kaum, er taucht weithin nur als regional vermittelter folkloristischer Zusatz auf. Dafür beruft sich der Islam auf die historische (religiös vermittelte) Mission der Araber, so wie das Judentum auf die seine.

 

 

Juda ist unter ägyptischer Hoheit. Gegen Ende des 7. Jahrhunderts gelingt es Herrschern von Babylon, das Assyrerreich zu vernichten. 605 besiegt Nebukadnezar das ägyptische Heer bei Karkemisch am Euphrat. 597/87 wird Jerusalem geplündert. Der dortige Kleinkönig wird zusammen mit Teilen der Oberschicht Jerusalems nach Babylon verschleppt. Nach einem Aufstand wird auch ein Teil der Stadt und vielleicht der Tempel zerstört. Als Fazit lässt sich sagen, dass Israel nur kurz und Juda fast nie wirklich unabhängige Reiche sind, sondern meist Spielball der großen Despotien ist. (Schipper)

 

Den Judäern geht es in Babylonien so gut, dass manche ihrer Nachfahren später gar nicht mehr "zurückkehren" wollen. In diesem Exil verändert sich die jüdische Religion zumindest unter denen etwas, die unter persischer Hoheit zurückkehren werden (Esra, Nehemia).

 

550 löst sich der vergleichsweise tolerante persische Despot Kyros II. von den Medern und schafft ein großes Perserreich. Juda wird die persische Provinz Jehud unter einem persischen Satrapen. Sie hat mit ihren rund 50x50 km Fläche und wenigen größeren Ortschaften vermutlich nur noch zwischen 10 000 und 30 000 Einwohner. (Schipper, S.78)

Wirtschaftlich geht es der kleinen Provinz wohl recht gut. 520 kommt es unter den Persern zu einem Tempelneubau in Jerusalem. Offenbar will man der machtpolitisch und wirtschaftlich eher unbedeutenden Satrapie als Dank für ihre Unterwerfung entgegenkommen.

 

Inzwischen tauchen Juden (Jahwe-Anhänger) nicht nur in Jehud und in Mesopotamien auf, sondern auch auf der Insel Elephantine und auf dem Berg Garizim bei Sichem auf.

 

Wohl erst 450 kommt es zur Kanonisierung der Tora und damit zur Einführung des wöchentlichen Sabbat, der Beschneidung der männlichen Nachkommen, der Ablehnung der Ehe mit Andersgläubigen und zu einem unbedingten Monotheismus. (Schipper, S.92) Zugleich kommt es auch zum Ausschluss der Samarit(an)er aus dem Judentum. Die unheilvolle Arroganz von Religion, wie sie hier definiert wird, und die mit Esra und Nehemia nun "völkisch" wird, nimmt ihren Lauf und wird dann später unter temporärer Abschwächung des völkischen Aspektes von Christen und viel später vom Islam übernommen.

 

Inzwischen wird Jerusalem immerhin wieder auf 500 bis 1000 Einwohner angewachsen sein. Spätestens nun wird deutlich, warum die "Juden", wie sie nun heißen, die Judäer also, die inzwischen Israel für sich vereinnahmt haben, eine heroische Landnahme und großartige Könige in ihren Nationalmythos aufnehmen: Das soll ganz offenbar die Tatsache kompensieren, das Juda im Raum Palästinas und darüber hinaus eine fast völlig unbedeutende Rolle neben seinen mächtigeren Nachbarn spielt, was auch so bleiben wird.

 

Der Makedonenherrscher Alexander besiegt Hellas und dann um 333 das Perserreich und regiert mit überall brutaler Gewalt eines orientalischen Despoten. Nachdem er sich zum persischen Großkönig gemacht hat, zieht er mit militärischer Gewalt über Palästina nach Ägypten, wo er sich auch zum Pharao erklärt. Mit der Gründung der griechisch-ägyptischen Stadt Alexandria finden sich dort auch samarische und judäische Juden ein, die sich zur wohl größten jüdischen Gemeinde der Antike entwickeln.

 

Nach 333 kommt es unter den Ptolemäern, den Erben Alexanders ("des Großen) zu erheblichem Einfluss des Hellenismus und zunehmender Verbreitung von Juden über die damals bekannte Welt, auch durch militärische Maßnahmen der Ptolemäer forciert. Im 3. Jahrhundert wird dort eine Kompilation jüdischer Schriften der letzten Jahrhunderte ins Griechische übersetzt (Septuaginta), die dann als "Altes Testament" dem christlichen neuen vorangestellt werden wird.

 

Judäa, wie es nun griechisch heißt, gerät unter ptolemäische Herrschaft und hellenistischen Einfluss. Das Amt des Hohepriesters gewinnt immer mehr politische Bedeutung. Als die Hellenisierung im 2. Jahrhundert von den Ptolemäern forciert wird, kommt es zum von den Makkabäern angeführten Aufstand. 142  wird das Judenland unabhängig unter den Hasmonäern, denen es gelingt sogar einen Mittelmeerhafen zu erobern. Tatsächlich handelt es sich bei ihnen um eine hellenisierte Familie. Galiläa wird annektiert. Jerusalem wird zur Residenzstadt mit Palästen und großen Stadtmauern (zum ersten Mal) ausgebaut und wächst auf 8000 Einwohner an. Weitere Gebiete werden erobert, und wer sich der Judaisierung und Zwangsbeschneidung widersetzte, soll vertrieben worden sein.

 

In der Jerusalemer Oberschicht kommt es zur Spaltung zwischen den "frommen" Pharisäern und den mit Teilen der Tempelpriesterschaft verbündeten Sadduzäern. Dazu kommen schließlich noch die Gruppen der Essener und der Gemeinde von Qumran. Letztere beteiligt sich nicht politisch, wendet sich sogar scharf gegen die verschiedenen politischen Vertreter. Stattdessen wird ein straff hierarchisch organisiertes Gemeinschaftsleben angestrebt, welches über die Regeln der Tora hinausgeht mit einem starken gut-böse-Dualismus und dem Gefühl, in einer Endzeit zu leben. Einiges gemahnt bereits an den Jesus der Evangelien.

 

63 erobert Pompeius Palästina. Im Jahr 40 wird Herodes zu einer Art abhängigem König von Judäa ernannt. Er veranlasst viele neue Bauten, darunter die Vergrößerung des Jerusalemer Tempelbezirkes : "Das Heiligtum wurde so zum Handels- und Marktplatz der Stadt." (Schipper, S.116) Auf Herodes folgen seine Söhne. 66-70 nach der Zeitrechnung münden Massenproteste im Aufstand, den Vespasian im Auftrag von Kaiser Nero und dann Titus im Auftrag von Kaiser Vespasian niederschlagen lässt. Der Tempel wird geplündert und vollständig zerstört. Judäa wrd zur syria palaestina.

 

Das Judentum wird mit der dauerhaften Zerstörung seines Tempels unter römischer Herrschaft seinen Charakter etwas ändern. Als älteste (monotheistische) Religion wird es aber der Vorläufer für Christentum und den unter anderem aus beiden erwachsenden Islam werden. Zwar ist es aus einem Tempelkult samt Priesterschaft und deren Bündnis mit einem Machthaber hervorgegangen, aber das kultische Moment ist bald schwächer als das System von Vorstellungen und Vorschriften, aus denen das erwächst, was hier Religion genannt werden soll. Das erweist sich im problemlosen und fast bruchlosen Überleben der Religion nach dem Verlust von Kultort und Kult.

 

 

Neue Mittelmeerzivilisationen: Hellas (derzeit in Arbeit)

 

Im mittleren und nördlichen Europa kommt es nicht zu despotisch beherrschten Reichen, sondern nach gemäß ihrer Keramik bezeichneten Einwanderungswellen zu hierarchisch gegliederten kleineren Ansiedlungen. Mit den bereits Eisen nutzenden Kelten, die stadtähnliche Siedlungen errichten und ausgeprägtere Herrschaftsformen entwickeln, treffen zentral-europäische frühe Zivilisationen auf jene des Mittelmeerraumes, die eine Altertumswissenschaft als Antike (seit dem 8. Jahrhundert) zusammenfasst, und die sich dann über große Teile Europas ausbreiten.

 

Die Palastherrschaften der späten hellenischen Bronzezeit verschwinden zur Gänze und mit ihnen die Schrift. Überall kommen agrarisch geprägte Siedlungen auf, in denen sich dann im Verlauf von einigen Generationen wieder eine Aristokratie von Großbauern an die Spitze setzt und neues kriegerisches Häuptlingstum entsteht. Die extrem gewalttätige und männerdominierte antike griechische Welt entsteht, in der Waffenschmiede eine herausragende Rolle spielen und sich die Bilderwelt wie das Epos um Kampf und Krieg und Heldentum drehen. Der überregionale Handel nimmt ab, verschwindet aber nicht. Das extrem gegliederte und gebirgige Hellas bleibt auf Warenaustausch angewiesen, - neben Raubzügen an benachbarte Küsten, wo Gefangene Lösegeld einbringen oder als Sklaven verkauft werden.

Ansonsten nehmen zwischen 1000 und 800 unsere heutigen Kenntnisse von Hellas erheblich ab und werden auch in den Jahrhunderten danach vor allem durch Texte von Homer und Hesiod und archäologische Erkenntnisse gestützt.

 

Vielleicht schon im 9. Jahrhundert gründen Leute aus Euböa an der Orontesmündung in Syrien einen Handsstützpunkt (Al Mina). Waren aus Ägypten und dann auch von Zypern gelangen in den griechischen Raum und beflügeln Luxuskonsum und beeinflussen Lebensart einer entstehenden Aristokratie.

Vermutlich an Orten oder einem Ort, an dem Phönizier und Griechen dauerhafter miteinander verkehren, verwandeln Griechen im 8. Jahrhundert die phönizische Konsonantenschrift in ein Alphabet, in dem auch die Vokale ausgeschrieben werden. Erhalten sind kurze Inschriften auf Keramik, "Namen ihrer Besitzer, Weihinschriften, zuweilen auch Verse, die sich um Trinken, Tanzen und Sex drehen," zum Beispiel um die griechische Pädophilie (Stein-Hölkeskamp, S.55). Aber noch bis ins 5. Jahrhundert bleiben die hellenischen Poleis im wesentlichen mündlich vermittelte Gesellschaften.

 

Um 700 werden dann wohl zum ersten Mal die Texte eines "Homer" aufgeschrieben, die Verhältnisse des letzten Jahrhunderts spiegeln. In den Poleis herrscht ein Häuptling mit einer "adeligen" Ratsversammlung, die manchmal vor der "Volks"versammlung agieren, welche zunächst keine Entscheidungsbefugnis hat, sich aber äußert und mit Zurufen die eine oder die andere Partei begünstigt (Bringmann(2), S.96) Besagter Häuptling, in heutigen Texten oft als König bezeichnet, ist Heerführer und für den zentralen Kult der Polis und seinen Tempel zuständig.

Schon im 8. Jahrhundert entsteht ein Interesse von Aristokraten an Genealogien, wie sie dann in der 'Ilias' auftauchen, und an der sagenhaften Vergangenheit der späten Bronzezeit mit ihren "Helden". Große Tempel tauchen nun auf und die olympischen Spiele scheinen an Bedeutung zu gewinnen.

 

Schließlich beeinflusst der nahe Orient die hellenische Oberschicht stärker, insbesondere Kunsthandwerk aus Phönizien mit seiner Ikonographie löst um 700 den geometrisch-ornamentalen Stil ab, beeinflusst nun die sich in zahlreichen poleis entwickelnde aristokratische Vorstellungswelt.

Aristoi sind die Besseren, die sich immer mehr vom laos, dem einfachen Volk abheben. Sie lassen auf ihren großen Gütern mit dem besseren Land andere für sich arbeiten, Männer draußen und Frauen im Haus. Daneben besitzen sie ein Gefolge, welches mit ihnen in überschaubare kriegerische Unternehmungen, Raubzüge vor allem zieht, und welches durch den Reichtum des adeligen Herrn an diesen gebunden wird. Solchen Reichtum demonstrieren sie mit großen Viehherden, einem großen Megaron als zentralem Raum mit möglichst prächtiger Ausstattung. Adeliger Lebensstil heißt Müßiggang, Jagd, Pferdezucht, Körperertüchtigung durch Sport als Vorbereitung für kriegerische Gewalt mit Faustkampf, Ringen, Laufen, Speerwerfen und Wagenrennen, demonstrativ prächtige Gastmäler und Rituale des Schenkens und der Gegengeschenke, die Bündnisse schaffen.

Schließlich haben sie auch herausragende Bedeutung für die Kulte der Stammesgötter, für die sie Feste ausrichten.

 

Aristokratisch ist auch die Verachtung von Händlern und produktiver Arbeit durch Bauern, Handwerker (die Banausen). Schatzbildung und nicht Kapitalanhäufung ist Lebensziel, und dazu gehört, dass erhebliche "Wertsachen" als Grabbeigaben in der Erde verschwinden. Aristokratisch ist kalkulierte Verschwendung.

 

Hunderte Orte mit Mauern, Türmen und Toren entstehen als poleis, kleine "Städte", oft mit höchstens 1000 Einwohnern und höchstens 100 Quadratkilometern Gebiet. Viel größer sind nur Athen (als Attika mit 2500 Quadratmetern) und Sparta. Im Fall von Athen handelt es sich zunächst um eine Ansammlung attischer Dörfer, wobei sich dann ein städtisches Zentrum mit seiner Wasserversorgung um eine größere Agora mit ihren öffentlichen Gebäuden konzentriert. Dort, in der Stadt als Zentrum der Polis konzentrieren sich dann auch Reiche und Mächtige, zu denen dann noch Handwerker und Händler kommen. Einen Stadtbegriff wie den des lateinischen Mittelalters deutscher Sprache wird man damals nicht entwickeln: Zur Stadt gehört von vorneherein agrarisches Umland und Stadt wie Umland werden von Grundbesitzern dominiert.

 

In der Polis stehen oben einer oder mehrere "Könige" (basileis) mit einem Führungsanspruch in Zusammenarbeit mit einigen Reichen und Mächtigen, zu dem auch die Durchführung des Kultes gehört. Unter ihm existiert eine Art Ältestenrat und auf der agora als öffentlichem Platz die Versammlung des Volkes, vor dem und durch welches beraten und beschlossen wird. Auf dieser Agora finden außerdem Feste, Sportveranstaltungen ("Spiele") und andere kultische Veranstaltungen statt.

 

Das Verhältnis zwischen Fürst und Adel ist durch Auseinandersetzungen über Machtvollkommenheiten geprägt und Fürsten sind so keine orientalische Despoten, eher phönizischen Stadtherren ähnlich.

Solche idealtypische Verhältnisse werden in 'Ilias' und 'Odyssee' beschrieben, die offenbar Unterhaltung und Selbstbestätigung für Aristokraten in den Poleis von Hellas liefern.

 

Etwas anders wohl als die Phönizier, die im südlichen und nordwestlichen Mittelmeerraum Handelsstützpunkte eher friedlich zu neuen Städten weiter entwickeln, ist die griechische Siedlungsbewegung im Mittelmeerraum seit dem 8. Jahrhundert wohl einmal aus aristokratischen Raubzügen und Piraterie, zum anderen aber auch aus der Erkundung des Raumes durch Handel hervorgegangen. Grund dürfte aber bei beiden das geringe Umland der Ausgangs-Städte, Bevölkerungszunahme und der Mangel an Rohstoffen, vor allem an Metallen, die erst Handel und dann Landnahme hervorrufen. Die vermutlich erste griechische Ansiedlung auf Ischia ist so auf die Erzvorkommen von Elba und dem etruskischen Festland ausgerichtet.

 

Offensichtlich hat in der Zeit des 9. und 8. Jahrhunderts die Bevölkerung erheblich zugenommen (Bringmann(2), S.121). Wohl weniger ökologisch als ökonomisch gedacht, heißt es in den Zyprien um 600:

Es gab eine Zeit, dass unzählige Stämme der Menschen umherirrend / Zu Land die Fläche des breiten Erdenrundes schrecklich beschwertem. / Als Zeus das erkannte, erfasste ihn Mitleid, und tief in seinem Herzen / Beschloss er, von Menschen die allnährende Erde zu entlasten. / Indem er den gewaltigen Streit des Krieges um Troia erregte, / Damit die Schwere des Todes sie leere; die Helden vor Troia / erschlugen einander: so erfüllte sich der Wille des Zeus. (in: Bringmann(2), S.120)

 

Von Kolonisierung kann man dann reden, wenn man den colon als bäuerlichen Siedler versteht und die Kolonie die Siedlung auf fremdem Gebiet, nicht aber im Sinne staatlicher Annektion von Gebieten, denn die neuen Städte sind selbständig und die Poleis, aus denen sie kommen, von geringer Staatlichkeit.

 

Hellenisierung läuft dabei im Laufe der Zeit einmal mit Gewalt, Unterdrückung, Versklavung und Vertreibung höchstens anzivilisierter Volksstämme ab. Wie selbstverständlich solche Gewalt ist, zeigt eine (fiktive) Passage in der 'Odyssee':

Aber vom Übermut und ihrer Begierde getrieben,, / Plünderten sie alsbald der Ägypter schöne Gefilde, / Führten die Weiber gefangen fort und die kleinen Kinder, / Und erschlugen die Männer (..., XIV). Syrakus beispielsweise oder Kyrene unterwerfen die heimische Bevölkerung und beuten ihre Arbeitskraft aus.

Zum anderen beeinflussen die hellenischen Tochterstädte ihre Umgebung auch aufgrund ihres höheren Grades an Zivilisierung.

 

Das nordafrikanische Kyrene und Städte auf Sizilien und Süditalien überflügeln dabei nach und nach die "Mutterstädte" an Bevölkerung und Reichtum. Berühmt wird der luxuriöse Reichtum in Sybaris; die Größe von Taras (Tarent), Neapolis und mancher Stadt auf Sizilien übertrifft die der Städte im griechischen Kernland bei weitem.

Den Kern der städtischen Bevölkerung bilden zunächst Händler und Handwerker, bis dann immer mehr Ackerbauern dazu kommen und den Einheimischen ihr Land wegnehmen.

Es entsteht ein riesiger hellenischer Raum, mit Emporion (Ampurias) an der heute katalanischen Küste, auf das Zentrum Massalia (Marseilles) ausgerichtet, welches Rhone-aufwärts das Keltengebiet beeinflusst, über den Süden Italiens und Sizilien bis hinüber in die libysche Kyrenaika und dann auch weit hinein in das Schwarzmeergebiet mit seinen Getreideanbau-Gebieten.

 

Währenddessen konstituiert sich zwischen dem späteren Böhmen, Süddeutschland über die Schweiz bis nach Frankreich hinein ein zunehmend anzivilisierter keltischer Raum. Bei ihnen handelt es sich um eine sprachverwandte Gruppe von Völkern, die sich besonders durch Fortschritte in der Metallverarbeitung auszeichnen. Keltische Fürsten machen sich zu Herren von kleinen Stämmen, die in - römisch ausgedrückt - civitates zusammenleben, mit einem - ebenfalls römisch ausgedrückten - Oppidum als befestigtem Hauptort. Es handelt sich dabei um Kriegergesellschaften von erheblicher Militanz. Am Übergang von Stammeskultur zu Zivilisation geraten sie von Städten am Mittelmeer wie Phokaia und Massilia aus früh unter griechischen Einfluss.

 

Um 500 ist der Mittelmeerraum im wesentlichen auf verschiedene städtische Zivilisationen aufgeteilt, vor allem die hellenische und phönizische, daneben auf kleinem Raum die etruskische, und damit ist auch absehbar, dass die vor allem im Hinterland übrig bleibenden Stammeskulturen dort der Vernichtung geweiht sind. Die sich jetzt erst noch in geringem Umfang bemerkbar machende Stadt Rom wird ihnen allen den Garaus machen.

 

 

In Hellas mit seiner grundsätzlich gemeinsamen Sprache, Schrift und Götterwelt gibt es schließlich hunderte von meist kleinen poleis, als deren Besonderheiten vor allem neuartige Machtstrukturen zu gelten haben, die an Gemeindebildung noch über die phönizischer Städte hinausgehen: Tempel sind nun "Orte eines genuin öffentlichen Kultes der Götter der ganzen Polis und daher monumentale Bezugspunkte der religiösen Identität ihrer Bürgerschaft insgesamt." (Stein-Hölkeskamp, S.124) Diese Bürgerschaft wird so zur Kultgemeinschaft. Zugleich werden damit auch die Toten in Nekropolen außerhalb der Kernstadt verwiesen.

 

Damit entfällt nicht nur die elementare Grundlage für Despotie, sondern es entsteht eine ganz neue Öffentlichkeit, deren Ort in der Stadt die agora ist, Versammlungsort der (männlichen) Bürgerschaft, Markt und Ort der Begegnung überhaupt. Die Bedeutung dieses zentralen Platzes wird dann im Laufe der Zeit noch durch die Ansiedlung von weiteren Tempeln und anderen öffentlichen Gebäuden unterstrichen.

 

Bürgerschaft als Personenverband äußert sich seit dem 7. Jahrhundert in der Verlagerung der kriegerischen Auseinandersetzung von Adeligen mit ihrem Gefolge auf einen Hoplitenverband, in dem jene Bauern immer größeren Raum einnehmen, die sich die erhebliche Bewaffnung und Rüstung leisten können. Man kämpft nun Phalanx gegen Phalanx. "Wer das Feld behauptete, war Sieger, ihm fiel die Beute zu, eine Verfolgung des Gegners über das Schlachtfeld hinaus fand nicht statt, und in diesem einen Treffen bestand in der Regel schon der ganze Krieg." (Meier, S. 130)

Bürgerschaft bedeutet ganz wesentlich auch die breite Schicht freier Bauern, die regulär weder dem Adel noch der Gemeinde abgabepflichtig sind. Frei sind auch Handwerker und Händler, letztere richtiggehende Unternehmer.

 

Sodann äußerte sich Bürgerschaft in festlichen Prozessionen zu Heiligtümern, von Priestern und gewählten Beamten angeführt, die mit Tieropfern enden, an deren Konsum die Gemeinde beteiligt wird, oder in solchen, in denen Kultbilder umhergetragen werden, manchmal um sie zu waschen und neu einzukleiden. Mit athletischen und Gesangsveranstaltungen wird beim höchsten athenischen Fest, den Panathenäen, der Aspekt feierlicher Volksunterhaltung unterstrichen.

 

Zum anderen ist die Bürgerschaft "politische" Gemeinschaft, die ihre eigenen Angelegenheiten öffentlich berät. Bürger ist man dann, indem man einer der städtischen Einheiten lokaler oder ideell verwandtschaftlicher Natur (Phylen, Phratrien usw.) angehört. In Athen ist Zugehörigkeit zur Bruderschaft (Phratrie) Voraussetzung für den (immer männlichen) Bürgerstatus. Hier wird man nach der Geburt vorgestellt und hier stellt der Bräutigam seine Braut vor. Hier hat man seinen eigenen Kult, leistet sich Rechtsbeistand und sonstige Unterstützung. Vorsteher und Priester der Phratrie sind (natürlich) die Reichsten und Vornehmsten, die wohl auch schon früh die Feste finanzieren. und massiven Einfluss auf weniger reiche Mehrheit ausüben.

 

Öffentlichkeit wird dadurch erleichtert, dass vieles "draußen" stattfindet, insbesondere die Versammlungen der Bürger, wohl aus der Heeresversammlung hervorgegangen, über denen Beamte aus den Reihen der Reichen und Mächtigen, Archonten, das Geschehen lenken und die nur eine beschränkte Zeit Dienst tun.

 

Nach und nach gelingt es dem "Adel", das erbliche Königtum des basileus durch ein zeitlich immer begrenzteres zu ersetzen, und es verliert um 700 herrscherliche Funktionen, bleibt dabei für die ältesten Kulte zuständig und richtet weiter in Mordprozessen. Die basileis werden dabei im Ergebnis zu hohen Beamten, wobei ihre wesentlichen Herrschaftsfunktionen auf eine Art Adelsrat (den Areopag) übergehen, in dem schließlich und in der Regel die hohen Beamten landen.

Hächster Beamter in Athen ist schließlich nicht mehr der basileus, sondern der archon eponymos, der dem Jahr den Namen gibt. Weitere acht Archonten sind für den Befehl im Krieg und die Rechtsprechung zuständig. Seit 594 sind für sie mindestens 500 jährlich erwirtschaftete Scheffel Getreide Voraussetzung. Inzwischen werden sie von der Bürgerversammlung gewählt, die auch Gerichtshof und Gesetzgeber wird. Damit ist jener Weg eingeschlagen, der über die Isonomie in die Demokratie führen wird. 

 

Das sogenannte archaische Hellas ist vor allem eine Welt von ihren Grund besitzenden freien Bauern, von denen ein Teil sogar etwas Überschüsse auf einen Markt bringen kann, und von denen ein kleiner Teil aristokratische Großgrundbesitzer sind, die andere für die Arbeit beschäftigen. Zu der Hauswirtschaft, der Ökonomie, gehört neben stark geschlechtlich definierter Arbeitsteilung der Hofinhaber freies Gesinde und gehören Sklaven, wenn man sich den Preis für einen von ihnen in der Höhe von dem für ein Gespann Ochsen leisten kann.

Hatte ein Bauer die auf etwa 5 Hektar geschätzte Größe eines Betriebes inne, gehörte er zu den Hopliten, schwerbewaffneten Fußsoldaten, die mit Helm, Brustpanzer, Beinschienen und einem Schild kämpfen.

 

Die bäuerlichen Betriebe streben zunächst nach Autarkie und stellen ihre Gerätschaften weithin selbst her, was nur wenig spezialisiertes Handwerk zulässt. Offenbar rutschen bis um 600 größere bäuerliche Kreise in Verschuldung und daraus resultierende Schuldknechtschaft ab.

 

Aristokratie ist kein klarer Begriff und existiert in Hellas erst Ende des 5. Jahrhunderts (v.d.Zt.) als Herrschaft (enkrateia / kratos) der Besten, und zwar im Gegensatz zu dem nun ebenfalls gängigen Begriff Demokratie. In der deutschen Sprache taucht der Aristokrat erst im 16. Jahrhundert neben dem Adel auf, für den das antike Hellas keine direkte Entsprechung hat.

Nach antik-hellenischer Auffassung ist Reichtum auf der Basis großen Grundbesitzes eine Voraussetzung für die "Besten", welche sich in entsprechend luxuriösem und vor allem müßigem Lebensstil darstellen, den auch größere Beiträge für die Gemeinde offenbaren, und zum anderen in einer kämpferisch-kriegerischen ("agonalen") Haltung, die sich in Athletentum äußert, was wir sinnvoller Weise mit Wettkämpfer und nicht missverständlich mit Sportler bezeichnen sollten, da es sich bei letzterem schon längst im späten Kapitalismus um Teil eines hochkapitalisierten Amüsiergewerbes handelt. Die Art der (nur von Männern) betriebenen Wettkämpfe weist darauf hin, dass sie allesamt auf kriegerische Aktivitäten vorbereiten sollen.

 

Wettbewerb und Konkurrenzkampf beschreiben das Leben der "Besten" in der Polis bis hin zu bürgerkriegsartigen Konflikten zwischen Adelsfraktionen, welche mit der Entmachtung der Könige noch zunehmen. Daneben charakterisiert die Wettkampfneigung hin zu kriegerischer Auseinandersetzung das Dasein der Poleis untereinander. Erobern, töten und versklaven gehören bald ebenso dazu wie bedenkenloses Exekutieren der Todesstrafe. Solche Gewalt bewegt von etwa 650 bis 500 zum Beispiel die Entwicklung in Athen.

Wettkampf (agon) in der eigenen Polis wird ergänzt durch den bei zentralen hellenischen Spielen wie denen von Olympia und wie im lateinischen Mittelalter durch Verbrüderungen, Gastfreundschaften zwischen Aristokraten verschiedener Poleis.

 

Gelegentlich gelingt es einer der vornehmen Familien, die Oberhand soweit zu gewinnen, dass sie eine Tyrannis errichten können, die manchmal von breiten Teilen der Bevölkerung unterstützt wird, da sie Arbeit und Brot bei Bauprogrammen oder ähnlichem versprechen und die Konflikte unter mächtigen Familien unterdrückt.

Neben Raub- und Beutezügen betreiben manchmal vor allem jüngere "Adelige" auch Handel mit Überschüssen von ihren Ländereien gegen Luxusgüter, aber im wesentlichen sind mindergeachtete professionelle Händler dafür zuständig.

 

Insbesondere griechische "Edle" zeichnen sich durch massive Reduzierung der Frauen auf das Haus und starke Abwertung zum Beispiel im Erbrecht aus. Zum männlichen Körper"kult" mit seiner Nacktheit passt die Tendenz in die Homo-Erotik und oft auch in die Pädophilie mit heranwachsenden Jungen, neben dem Wein und den Liedern, die Jugend, Jagd, Krieg und Wettkampf preisen, Teil der Gastmähler (Symposien). 

Der der kleinen Oberschicht angehörende Reformer Solon schreibt nach seinem Engagement für die Polis: Nun sind die Werke erwünscht mir der Kyprisgeborenen, des Bakchos / Und der Musen, die frei machen der Männer Gemüt. Es geht dabei also um Wein (Bakchos), Weib (Aphrodite) und Gesang (Musen) auf hohem Konsumniveau, wobei das Weib auch durch Mann oder Knaben ergänzt werden kann: Die Arbeit der einen ist der Luxus der anderen, so wie in allen Zivilisationen.

 

Ein Sonderfall in Hellas wird Sparta. Im 10. Jahrhundert wandern Dorer im mittleren Eurotastal auf der Peloponnes ein, wo sie mehrere Dörfer unter zwei aus zwei Familien stammenden "Königen" (basileis) und einem Adelsrat (Gerusia) bilden, darunter eine Volksversammlung. Volk sind die Spartiaten, denen es gelingt, den Süden der Peloponnes zu erobern und die Unterworfenen (Heloten) einzelnen Kriegern als Arbeitssklaven auf deren Landlos zuzuordnen.

 

Um sie in Schach zu halten, müssen die Herren ihr Leben ganz auf Kriegsdienst als Hoplit in der Phalanx ausrichten. Die Grausamkeit dieses Militärs, welches sich zugleich als "Volk" versteht, äußert sich zum Beispiel darin, das der junge Spartiat nach einer durchmilitarisierten Erziehung als Beweis seines Erwachsenenstatus einen Heloten rituell erjagen (töten) muss. Die Bedeutung dieses Militärs führt bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts zur Einschränkung der allerdings hier weiter erblichen Königsmacht und der Aufwertung der Volksversammlung (apella) dieser Krieger, die schließlich Gerusia und fünf Aufseher (Ephoren) wählen.

 

Vor dem Aufstieg Athens im Zuge der Perserkriege beherrschen die Spartiaten als einzige ein vergleichsweise riesiges Herrschaftsgebiet, dessen Einfluss sich als von den Historikern so genannter "Peloponnesischer Bund"  über große Teile der Halbinsel erstreckt. Da sie die Entwicklung von Polis-Zivilisationen nicht prägen werden, sei hier aber nicht näher darauf eingegangen.

 

 

Athen: Die wohl im wesentlichen aristokratische Gewalttätigkeit in der Polis hat offenbar um 621 ähnlich wie in anderen hellenischen Poleis ein solches Ausmaß angenommen, dass ein Mann namens Drakon mit der Kodifizierung des Rechtes beauftragt wird. Um die Blutrache einzudämmen, darf sie nun nur noch durch ein Gericht legitimiert stattfinden, wofür das der 51 Epheten geschaffen wird, die nun auf neue Weise, mittels Stimmsteinen, abstimmen.

Wie grausam solche Parteienkämpfe sein können, wird aus dem Milet des 6. Jahrhunderts berichtet:

"Als die aufständische Unterschicht einmal die Oberhand gewonnen hatte, vertrieb sie die Reichen und ließ deren Kinder auf den Tennen durch Rinder zerstrampeln. Nachdem die Reichen ihre Rückkehr erzwungen hatten, bestrichen sie alle Gegner, derer sie habhaft werden konnten, samt den Kindern mit Pech und zündeten sie an." (Meier, S.53)

 

Der Prozess der Zivilisierung hat um 600 die erheblich angewachsene attische Bevölkerung in eine Mehrheit Ärmerer, der Theten oder Knechte, in eine Gruppe von Zeugiten, die Besitzer eines Ochsengespannes oder ähnlicher Werte sind, und die vornehmen und arbeitsscheuen Pferdebesitzer, die hippeis, gespalten. Dem entspricht ihre militärische Einteilung in Reiter, Hopliten und Leichtbewaffnete bzw. Wehrunfähige.

Die Tendenz geht inzwischen zu mehr Besitz bei wenigen und immer höherer Verschuldung bei vielen bis hin in die Schuldsklaverei. "Um 600 v.Chr. gibt das detaillierte Nachbarschaftsrecht der solonischen Gesetze zu erkennen, dass es Streit um jeden Quadratzentimer Boden gibt" (Bringmann(2), S.125).

"Altersschwachen Eltern wurde die Nahrung verweigert, unverheiratete Schwestern und Töchter, die nicht verheiratet werden konnten, wurden in ein Bordell vermietet, oder man nahm die eigene Schwester zur Frau, damit nicht zusätzlich eine Frau aus fremder Familie ernährt werden musste." Das Heiratsalter geht hoch und die homosexuellen Beziehungen nehmen zu. (Bringmann(2), S.126)

 

Neben den Konflikten von Adelsfamilien untereinander kommt es wohl zu Unruhen aufgrund der Verarmung von vielen durch Überbevölkerung und Realteilung nach hellenischem Recht. Um nicht zu verhungern nehmen verarmende Bauern Kredite bei reichen Grundbesitzern auf und verschulden sich dabei immer mehr, wobei sie am Ende in der Schuldsklaverei landen können. Damit wird auch die Kriegsfähigkeit der Polis-Gemeinde stärker gefährdet, wenn sie sich zu wenige Hopliten leisten kann.

 

Mit Solons Beauftragung zur Friedensstiftung und Durchsetzung eines Schuldenerlasses zu Ungunsten der reichen Gläubiger wird das Gemeindeinteresse nun an einem Punkt über das individuelle der Wohlhabenden gestellt, die das alles wohl bezahlen müssen. Damit soll dann auch verhindert werden,  dass ein Tyrann sich mit Unterstützung der Armen oder unter Verweis auf sie erheben kann.

In Zukunft soll ein Bauer bei Verschuldung nicht mehr mit seiner Person haften müssen. Die Ernährung der Polis soll nun vorläufig dadurch gesichert werden, dass keine Nahrungsmittel außer dem Olivenöl mehr ausgeführt werden dürfen. Der Grunderwerb soll begrenzt werden (Meier). Umfangreiche Gesetze sollen Konflikte unter den ärmeren Bauern verhindern. Sie betreffen "heimliches Verrücken von Grenzsteinen, Beackern und Bebauen eines fremden Grundstückes, widerrechtliches Abweiden, Aneignung fremder Bienenschwärme, Schädigung des Nachbarn durch Feldfeuer, Einhaltung von Grenzabständen, Recht zur Wasserentnahme, Regenwasserschäden, Brunnenverunreinigung und Wegerechr beim Einbringen der Ernte." (Bringmann(2), S,216) Zu dichte Bevölkerung fördert Armut, Verbrechen und Grausamkeiten wie die, Kinder und Schwestern in Bordelle zu verkaufen oder schwache Eltern verhungern zu lassen. Gegen all dies, also Verwahrlosung in Zivilisation, richtet sich nun die neue Gesetzgebung

 

Der Entwicklung einer wachsenden Schere zwischen arm und reich zollt Solon auch Rechnung, indem er über die Reiter die Fünfhundertscheffler als Superreiche setzt, für die er die Archontenämter reserviert, bis sie bald danach auch für die hippeis (Reiter/Ritter), die Dreihundertscheffler geöffnet werden. Darunter bilden die Zeugiten die Hopliten-Phalanx. Die ärmeren Theten bleiben von allen Ämtern ausgeschlossen, besitzen aber weiter Stimmrecht in der ekklesia und dienen als Leichtbewaffnete. Mit der Bindung von Ämtern an den Zensus wird sie der Zugehörigkeit zu mächtigen Familien entzogen.

 

Mit den solonischen Reformen setzt ein rationalerer Diskurs um das Gemeinwesen ein, in dem die Götter nicht mehr Ursache sind am drohenden Untergang der Stadt, sondern menschliche Unvernunft, die immer hemmungslosere Gier nach Reichtum. In einem solonischen Text heißt es denn auch: Habt ihr jetzt Trübsal zu leiden durch Schlechtigkeit eures Verhaltens, / Führt auf die Götter nicht davon das Schicksal zurück. (in: Bringmann(2), S.229)

 

 

Erfolgreiche Zivilisationen müssen sich nach einiger Zeit mit dem Problem der Bevölkerungsvermehrung bis hin zur Überbevölkerung befassen. Diese ist erreicht, wenn das Land die Bevölkerung nicht mehr direkt ernähren kann. Im sechsten Jahrhundert wird diese Situation auch in Athen erreicht, und es braucht nun Produktion für den Export und Import von Nahrungsmitteln, das heißt Handel. Entsprechend aggressiv wird der Expansionsdrang Athens, welches Stützpunkte auf dem Weg ins Schwarze Meer sucht, was nur mit kriegerischer Gewalt geht. Auf der anderen Seite soll Salamis für den Weg nach Westen erobert werden. Beides schafft dann der Tyrann Peisistratos.

 

Vorwiegend in größeren und reicheren Poleis gelingt es manchmal einer Adelsfamilie, die tatsächliche Macht ganz auf sich zu konzentrieren, was die Hellenen als Tyrannis bezeichneten. In Korinth gelingt es der Familie der Kypseliden sogar, diese Macht über drei Generationen zu behalten. Vorteil für die arbeitende Bevölkerung ist das Fernbleiben von Gewalt in der Polis und oft auch "Wirtschaftsförderung" durch Förderung des Handels und der öffentlichen Bautätigkeit. Für den "Adel" andererseits bedeutet es die Einschränkung ihrer Macht.

 

Um 560 eskaliert offenbar ein Machtkonflikt zwischen drei "Adels"gruppen, aus dem zunächst Peisistratos wohl mit Unterstützung ärmerer Bauern als Sieger hervorgeht, bevor er von seinen Gegnern Lykurg und dem Alkmeoniden Megakles gestürzt wird. Nachdem er kurz erneut an die Macht kommt, muss er fliehen und sammelt Reichtümer aus der Ausbeutung von Edelmetallvorkommen im Pangaiongebirge, was ihm die Möglichkeit gewährt, Söldner anzuwerben. Der gewalttätige Charakter der griechischen Zivilisation hatte schon seit längerem dazu geführt, dass sich Söldnertum hier ausgebreitet hat, von dem auch ägyptische Pharaonen profitieren. Reiche Magnaten in Hellas bedienen sich längst ebenfalls dieser Leute.

 

Es gelingt ihm dann 546, bis zu seinem Tod 528 eine dauerhaftere Tyrannis zu errichten, wobei die Gesetze und Institutionen von Athen erhalten bleiben, er allerdings über die Personen der Archontenämter bestimmt. Die Häupter der Familie der Alkmeoniden werden verbannt. Zustimmung erhält er wohl auch, weil er eine Friedenszeit gewährt, Bauten initiiert, die Wasserversorgung verbessert, und sicher auch über die Ausweitung des religiös fundierten Unterhaltungsprogramms mit seinen Festtagen: Panathenäen, andere Prozessionen, Einführung der Großen Dionysien mit ihren Theater-Wettbewerben. "Das schuf eine Gemeinsamkeit, ein Gegengewicht gegen viele von der Aristokratie beherrschte Lokalkulte." (Meier, S.92)

 

Nach seinem Tod nehmen seine Söhne seine Position ein, bis der eine in einem homoerotischen Konflikt ermordet wird, was seine Mörder bald zu Freiheitshelden macht, und der andere auf Betreiben des Kleisthenes aus der reichen Alkmeonidenfamilie von einer spartanischen Expedition 510 vertrieben wird. Wie sehr Geld nun eine Rolle spielt, erweist sich daran, dass große Zuwendungen dieser Familie an das Heiligtum von Delphi dort für die antityrannische Fraktion günstige Orakelsprüche erzielen.

 

Die Beseitigung des Tyrannen entspricht den Interessen der reichen Oberschicht und das Ergebnis ist, dass die Kämpfe der Adelsfraktionen nun unbehindert erneut aufflackern.

Die zwei wichtigsten Adelsgruppen werden vom Alkmeoniden Kleisthenes und von Isagoras angeführt. Nachdem er Isagoras bei der Archonten-Wahl unterliegt, gelingt es Kleisthenes, wie Herodot das ausdrückt, den demos mit Versprechungen, wohl seiner Phylenreform, auf seine Seite zu ziehen, also vor allem jenes Drittel der attischen Bürgerschaft, welches wohl öfter wegen der Stadtnähe in der Volksversammlung auftaucht. Isagoras kann sich spartanische militärische Unterstützung sichern und es tobt wohl mehrere Jahre ein Bürgerkrieg, in dem er wohl eine Oligarchie durchsetzen möchte. Am Ende kann er fliehen, während wohl viele seiner Anhänger hingerichtet werden.

 

Der Demos bestand bisland aus unterschiedlich großen lokalen Bürgerschaften, die nun "als lokale Selbstverwaltungseinheiten mit eigenen Versammlungen, eigenen Gemeindekassen und Finanzbeamten, eigenen Kulten und Priestern und einem jährlich neu zu wählenden Vorsteher (demarchos)" konstituiert werden. Hier werden bald "die Kandidaten für die Besetzung der höchsten Ämter der Polis und später auch die Richter für die zentralen Gerichtshöfe bestellt." (Stein-Hölkeskamp, S.270f)

Die Demen werden nun 30 "Dritteln", Trittyen zugeordnet, von denen jeweils 10 zu einer der drei Landschafte Attikas gehören. Daraus wiederum werden 10 Phylen so gebildet, dass ihnen Bürger aus allen drei Landschaften angehören. Jede Phyle stellt dann etwa 1000 schwerbewaffnete Hopliten und einige Reiterkrieger, und jede ist mit 50 ausgelosten bouleutai aus Kandidatenlisten ihrer Demen in einem neuen Rat der Fünfhundert für jeweils ein Jahr vertreten, der die Arbeit der Volksversammlung (ekklesia) vorzubereiten hat.

 

"Die regionalen Machtbasen der großen Adelsgeschlechter wurden zerschlagen und die Bürgerschaft neu gemischt. Ein Adeliger hatte nun, anders als Peisistratos, keine Chance mehr, auf seine regionale Gefolgschaft gestützt, die Macht zu ergreifen oder seine Wahl zum eponymen Archonten durchzusetzen. Er konnte dies um so weniger, als mit der Schöpfung des Rates der Fünfhundert (fünfzig Ratsherren aus jeder Phyle) die Volksversammlung einen geschäftsführenden Ausschuss erhielt, der (...) den Widerstand der Mehrheit des Volkes zu organisieren in der Lage war.(...) An die Stelle von Wettbewerb um die Errichtung einer Tyrannis trat die institutionell gesicherte Befugnis der mit einem geschäftsführenden Ausschuss versehenen Versammlung des Gesamtvolkes, die Magistrate zu wählen und Beschlüsse mit bindender Kraft zu fassen." (Bringmann(2), S.242) 

 

Damit und mit der zumindest gleichmäßigeren Verteilung der Ämter über ganz Attika wird Athen auf den Weg von einer Adels-Gesellschaft zu einer "Bürger"-Gemeinde gebracht. Dabei sind Adel und Bürger etwas anderes als das, was sich im lateinischen Mittelalter entwickeln wird, die Politen sind eher Staatsbürger als dass sie mittelalterliche Bürgerlichkeit bedeuten. Andererseits passt ein moderner, nachmittelalterlicher Staatsbegriff auch nicht auf die sich entwickelnde Gemeinde als Personenverband der Bürger politischen Rechtes (ohne fremde Zugewanderte, Sklaven und Frauen).

 

Die neuen Phylen stellen nun je 900 Hopliten und eine Anzahl Reiter, jeweils angeführt von einem jährlich neu gewählten Strategen.

 

Das, was nun Isonomie, in etwa "Rechtsgleichheit", genannt wird, ist für Kleisthenes und seine Familie Mittel im Machtkampf mit Isagoras. Die Ausweitung der Möglichkeiten der Partizipation von immer weiteren Kreisen am "politischen" Geschehen in der Polis wird dann um 430 an einen Punkt führen, an dem das Wort Demokratie - nicht zuletzt als Schimpfwort - erfunden werden wird. Dabei ist darauf zu verweisen, dass Demokratien im antiken Hellas eher die Ausnahme als die Regel bleiben werden.

 

Voraussetzung für diese Entwicklung ist der Aufstieg Athens zu einer Hegemonialmacht im Raum der Ägäis. Dafür muss man noch einmal etwas früher ansetzen, beim Reich lydischer Herrer in Kleinasien, die immer wieder versuchen, die ionischen Städte dort zu Tributzahlungen zu zwingen. Schon im 7. Jahrhundert gibt es dort Münzen, im 6. sogar beidseitige.

 

Zwischen 559 und 530 erobert ein aufstrebendes Perserreich das Lyderreich in Anatolien. Ab 547 kontrollieren die persischen Herrscher vermittels Satrapen und Tyrannen vor Ort die kleinasiatischen Griechenstädte, die Tribute zahlen und Heereskontingente stellen müssen, ansonsten aber ihre inneren Angelegenheiten selbst regeln können. Am Ende unterwerfen sich auch östliche ionische Ägäis-Inseln. 539 wird Babylonien besiegt und 525 wird auch Ägypten erobert. In dem relativ toleranten Großreich können die jüdischen Exilanten, soweit sie noch möchten, aus Babylon zurückkehren.

Um 520 reicht die Herrschaft des Dareios von der Ägäis bis Afghanistan und vom Schwarzen Meer über Thrakien bis über ganz Ägypten und bald dann auch bis an den Indus und in die Kyrenaika.

 

500/ 499 entwickelt sich unter den ionischen Städten eine Aufstandsbewegung, die mit der Absetzung der Tyrannen beginnt und die vor allem Athen unterstützt, 494 scheitert die Unternehmung bei der Seeschlacht von Lade. Nach der Eroberung von Milet werdebn dort die Frauen und Kinder versklavt und die überlebenden Männer an die Tigrismündung deportiert.

 

Da viele festlands- und inselgriechische Städte sich weigern, sich dem Persermonarchen zu unterwerfen, lässt dieser einen großen Eroberungszug durchführen, der gegen Naxos und Eretria mit erheblicher Brutalität erfolgreich ist. Zwischen 490 und 479 kommt es dann zu den bekannten erfolgreichen Abwehrschlachten unter Sparta und insbesondere Athen (Miltiades, Themistokles), wobei die Stadt Athen besondere Opfer leistet, die mehrmals verwüstet wird.

 

482 beschließt die athenische Volksversammlung wohl auf Betreiben des Themistokles die fast Verdreifachung der Kriegsflotte, was mit Erträgen aus dem Silberabbau des Laureion-Gebirges finanziert werden soll. Die Erfolge dieser Flotte gegen die Perser verändern auch die innergriechischen Machtverhältnisse.

 

Während die Spartaner sich nun wieder auf ihre peloponnesischen Interessen konzentrieren, bieten sich die Athener als Führungsmacht im weiteren Kampf gegen die Perser an und schaffen so zahlreiche bilaterale Bündnisse mit weit verstreuten Poleis. Mit deren Hilfe werden Siege gegen persisches Militär und eine deutliche Ausweitung des athenischen Machtbereichs erreicht. Da die meisten Bündner keine Schiffe, sondern Geld stellen, welches von Athen verwaltet wird, sind sie der Hegemonialmacht ausgeliefert, die immer reicher und mächtiger wird und die verbündeten Poleis stärker als Sparta seine peloponnesischen Bundesgenossen für ihre Interessen instrumentalisiert. Demokratisierung wird in Athen durch de-facto-Vasallen finanziert so wie heute in EU-Europa durch die extrem niedrig bezahlte Arbeitskraft auf anderen Kontinenten.

 

Der Prozess der "Demokratisierung" im 5. Jahrhundert hat bis zum Ende des Perikles weiterhin vor allem mit Machtkonflikten unterschiedlicher Adelsgruppen zu tun, wie mit dem zwischen Kimon und Ephialtes/Perikles, der in der Entmachtung des Areopags kulminiert. Schon vorher war modellartig den Archonten (die nachher den Areopag bilden) viel Einfluss entzogen worden, indem man sie nun nicht mehr wählt und nur noch auf ein Jahr beruft. Zudem können sie nun aus dem Kreis aller derer ausgelost werden, die sich das Amt leisten können. Vor allem wird damit dem eponymen Achontat seine bisherige Bedeutung genommen, mit der es Peisistratos, Miltiades und Themistokles besetzt hatten, was damit so mit den Auseinandersetzungen zwischen den führenden Adelsfamilien zu tun hat wie die Einführung des Scherbengerichtes. Es geht dabei vor allem um die Einschränkung der Macht der Alkmeoniden.

 

Diese Abwertung der Magistrate gilt nur für das neue Amt der Strategen und das alte des Schatzmeisters des Athene-Heiligtums nicht, wobei erstere insbesondere dann großes Renomée gewinnen, wenn sie in kriegerischen Aktionen erfolgreich sind. So kann Thukydides schreiben, Athen sei unter Perikles keine wirkliche Demokratie, sondern eher die Herrschaft eines Mannes gewesen.

 

Bei vielleicht 35 000 Polit-Bürgern unter vielleicht 250 000 Einwohnern können sehr viele durch mehrstufige Losverfahren in die vielen, manchmal mit hunderten von Menschen besetzten Gerichtshöfe berufen werden, die, nachdem für die Sitzungen Diäten eingeführt werden, auch für die ärmere Mehrheit attraktiv werden. Aber hier wie auch in der Volksversammlung können rhetorisch geschickte Demagogen die unzulängliche Qualifikation des "Volkes" für wichtige Entscheidungen ausnutzen.

 

Demokratie heißt schon damals nicht, dass "das Volk" herrscht, es herrscht auch nicht jene Minderheit der attischen Bevölkerung, die das Bürgerrecht besitzt, von dem Frauen, zudem im 5. Jahrhundert rund 40 000 Fremde und etwa 100 000 Sklaven ausgeschlossen sind, sondern die Herrschaft geht von den Politen nur aus und landet bis zum peloponnesischen Krieg ausschließlich in den Händen weniger reicher und mächtiger Familien mit aristokratischem Lebensstil.

Diese Familien sind allerdings auch zu jener Großzügigkeit praktisch verpflichtet, mit der sie einen erheblichen finanziellen Beitrag für das Gemeinwesen leisten: Finanzierung der eigenen Olympioniken, der Theateraufführungen, also von Wettkämpfen, deren Preise entsprechend auch an die Finanziers vergeben werden, und die Ausstattung samt Kommando eines Kriegsschiffes.

 

Die Beteiligung an der Polis (und der ekklesia) nimmt in dem Maße ab, in dem arbeitende Bevölkerung von der Kernstadt mit ihren Institutionen entfernt leben, und auch in dem Maße, in dem Leute sich eher um ihren Bauernhof oder ihr Handwerk kümmern als sich Zeit für Politik zu nehmen. Ganz unten wiederum wird sie aber in dem Maße attraktiv, als zunehmend mehr Diäten bezahlt werden. und so sieht das dann Thukydides in der Kurzfassung durch Hartmut Leppin:

Die Masse ist in ihren Auffassungen unstet und wetterwendisch, für ihre Fehlleistungen macht sie andere verantwortlich, vor allem die Politiker, mitunter die Wahrsager. So sind vernünftige Beschlüsse nicht zu erwarten, wenn das Volk den Entscheidungsprozeß beherrscht und die Politiker in Furcht vor ihm leben. Da dies aber oft genug der Fall ist, geben nicht sachgerechte Kriterien immer wieder den Ausschlag.

 

Tatsächlich wird das Wesen der attischen Demokratie des 5./4. Jahrhunderts vor allen daran deutlich, dass sie von einzelnen Protagonisten der reichen und mächtigen Oberschicht eingeführt wurde, und zwar, um zwei Dinge vor allem miteinander zu verbinden: Nicht mehr die Waffen, sondern die Volksversammlung und andere Institutionen sollten die Konflikte zwischen "Adels"fraktionen entscheiden, und zugleich sind Institutionen von überwiegend wohl an Kenntnissen und Urteilsvermögen armen Politen durch rhetorische Mittel und Korrumpierung leicht für professionellere Politiker und andere Demagogen beeinflussbar, die bis in den peloponnesischen Krieg hinein dann auch die Oberhand behalten. 

 

Die Kritiker der Demokratie haben es leicht mit ihrer Kritik, die auf Offensichtliches trifft, andererseits sind sie als Apologeten aristokratischer Machtausübung eben zugleich genauso propagandistische Schwätzer, wie der sogenannte Pseudo-Xenophon:

Es gilt aber wirklich für jedes Land, dass das bessere Element Gegner der Volksherrschaft ist; denn bei den Besseren ist Zuchtlosigkewit und Ungerechtigkeit am geringsten, gewissenhafter Eifer für das Gute und Edle am größten, beim Volke aber Mangel an Bildung und Selbstzucht am größten und Gemeinheit; denn die Armut verleitet sie viel eher zuer Schlechtigkeit wie auch der Mangel an Erziehung und Bildung - seinerseits bedingt dadurch, dass es manchen Leuten an Bildung gebricht.

Derartiges Politgerede lässt das in allen Menschen schlummernde und schnell virulente Unheitspotential außer Acht, welchem mit Politisieren sicher nicht Abhilfe geschafft werden kann. Wie anders erklären die Athener doch bei Thukydides den Meliern, worum es geht: Wir glauben nämlich, dass der Gott wahrscheinlich, der Mensch ganz sicher allezeit nach dem Zwang der Natur überall dort, wo er die Macht hat, herrscht.

Und was macht Athen nach dem Sieg über Melos nach Thukydides: Diese töteten alle erwachsenen Männer, die sie ergreifen konnten, die Kinder und Frauen verkauften sie in die Sklaverei. Sie selbst gründeten den Ort neu und schickten etwas später 500 Siedler dorthin.

 

 

Das Wort Demokratie taucht danach wieder in der politischen Propaganda des 18./19. Jahrhunderts auf, ohne dass man damals viel von der Funktionsweise des attischen "Vorbildes" weiß. An die Stelle wirklicher Partizipation tritt dabei die fast absolute Unterwerfung der Untertanen unter ein Staatswesen, wobei ihnen "politisch" nur die gelegentliche Abgabe von Zetteln bleibt, auf denen man ankreuzen kann, welche Anführer politischer Organisationen für einige Zeit die "politische" Macht ausüben sollen. Da das Wort in der bald hier zu behandelnden Zeit des Kapitalismus noch nicht einmal vorkommt, soll es auch für diese ausgeschlossen bleiben.

 

Das Wort Politik hat auch erst kurz zuvor die Bedeutung erhalten, die hierarchisch angeordneten Entscheidungen im Staat zu bezeichnen und ist aus dem Französischen entlehnt worden, welches es aus dem Griechischen (ta politiká) übernommen hat. Politik ist im antiken Hellas das Verwalten der gemeinstädtischen Angelegenheiten durch nicht professionalisierte Bürger-Politiker, und es taucht erst wieder im 17./18. Jahrhundert auf, um das Agieren professionalisierter Staatsmänner zu bezeichnen, welches es allerdings schon früher gibt.

Solange in dem Raum, in dem Kapitalismus entsteht und sich entwickelt, offiziell vom Christengott eingesetzte Herrscher die Macht innehaben, lässt sich das Politische in seinem modernen Sinne nur so formulieren, dass sich ein Staatswesen als Politikum quasi von der Person des Herrschers löst, ein ganz langer Prozess.

 

In der attischen Polis zum Beispiel, wie Christian Meier schreibt, "nimmt Solon den Bezirk des Politischen heraus aus der ihn umgebenden Natur, in der Zeus jetzt nach andern Gesetzen Wetter macht. (...) So begegnet hier erstmals der Gedanke der Verantwortung der Bürger für die Stadt." (Meier, S.73)

 

Politik einfach mit Machtausübung gleichzusetzen nähme hingegen dem Wort seine eigentliche Bedeutung, vielmehr wird das Politische erst in den attischen Poleis, und nicht nur von seiner sprachlichen Wurzel her, entwickelt. Es macht hier Sinn, indem sich Gemeinde von persönlicher Herrschaft löst und überhaupt so erst entsteht, d.h. Gemeindebildung ist Politisierung einer Bürgerschaft. Das funktioniert nur in überschaubaren Gemeinden, Städten vor allem, wie schon Aristoteles feststellt, und nur dort, wo persönliche Herrschaft nicht durch Staatlichkeit abgelöst wird. Der professionalisierte sogenannte "Politiker" von heute, der in einem Staatsapparat manövriert, ist hingegen etwas völlig anderes. In der attischen Polis zum Beispiel ist man nicht (Karriere-)Politiker in diesem Sinne, sondern mehr oder weniger für das überschaubare Gemeinwesen engagiert.

 

 

Einen Staatsbegriff wie den der letzten abendländischen Jahrhunderte kennen die antiken Griechen so wenig wie die Römer. Polis ist die Stadt als Gemeinde. Politeia ist die Summe dessen, womit Polis-Bürger ihre Gemeinde betreiben, abstrakt betrachtet ihre Verfasstheit oder Verfassung. In etwa meinen die antiken Römer das mit den res publica, den öffentlichen Angelegenheiten. Ein Staat, der den Bürgern als Apparat, gar als bürokratischer wie heutzutage, gegenübertritt, ist damit nicht gemeint, auch wenn die attische Politeia Zwangsmittel gegen die besitzt, die als Ungläubige angesehen werden wie Sokrates, oder die anderweitig den Gesetzen nicht gehorchen.

 

Um 330 heißt es in der 'Athenaion Politeia' des Aristoteles:

Daraus geht nun klar hervor, dass die Polis zu den von Natur aus bestehenden Dingen gehört und dass der Mensch von Natur aus ein zóon politikón ist (...) Denn das ist im Gegensatz zu den anderen Lebewesen den Menschen eigentümlich, dass nur sie allein über die Wahrnehmung des Guten und des Schlechten, des Gerechten und des Ungerechten und anderer solcher Begriffe verfügt. Doch die Gemeinschaft mit diesen Begriffen schafft oikos und politeia.

 

Wiewohl immer noch gerne von den entsprechenden Leuten zitiert, ist "der Mensch" von Natur aus kein politisches, sondern von Kultur aus ein Gesellschaft und Gemeinschaft bildendes Wesen, also etwas ganz anderes. Und es ist natürlich Unfug, vom abstrakten Guten und Gerechten auf eine entsprechende Wirklichkeit irgendwo zu schließen, da es sich so nur um propagandistische Schlagwörter im Machtkampf untereinander handelt und wesentlich eben auch zur Diffamierung des Gegners, dem man das Gegenteil unterstellt. 

 

 

Demokratie wird die weitere Entwicklung über 1500 Jahre bis hin in die Anfänge von Kapitalismus kaum beeinflussen, denn alles Hellenische muss durch rund 800 Jahre römisch-imperiale Zivilisation hindurchgehen, wo beide ignoriert werden. Auf diesem Weg üben aber zweimal griechische, im weitesten Sinne sexuelle Machtstrukturen über den Umweg des römischen Imperiums Einfluss aus, einmal in der durch Eroberung forcierten Hellenisierung Italiens und dann des ganzen Reiches, und dann noch einmal durch das aus der hellenistischen in die lateinische Welt schwappende frühe Christentum, eine massive Reaktion auf hellenisch-hellenistische Lebensformen.

 

Die massive Abwertung der Frau in der institutionalisierten christlichen Religion ist nicht nur jüdisches, sondern auch griechisches (und dann römisches) Erbe. Griechische Frauen stehen ihr Leben lang unter der Vormundschaft erst des Vaters, dann des Ehemanns und gegebenfalls nach dessen Tod unter der des ältesten Sohnes. Idealtypisch und wo der Wohlstand dafür reicht ist die Frau für den Haushalt zuständig, die Kinderaufzucht, die Beaufsichtigung von Gesinde und Sklaven wo vorhanden. Freie Zeit wird mit Tätigkeiten wie Spinnen und Weben gefüllt. 

Männer dürfen Ehebrecher, die sie mit ihrer Frau erwischen, sofort töten. Umgekehrt ist zumindest von der kleinen Oberschicht bekannt, dass hier (Ehe)Männer ein vielfältiges außereheliches Sexualleben führen, welches auch belegt, dass Bisexualität meist kein natürliches, sondern ein Phänomen hybrider Zivilisation ist. Die Reicheren pflegen in ihren Gastmählern Hetairen für erotische Anregungen oder aber sexuelle Dienste zu bezahlen, Prostitution (von Frauen für Männer) ist so üblich wie homoerotische Beziehungen und wohl auch beziehungsloser Koitus. Knaben werden mit Geschenken und psychisch vermittelten Bindungen in mehr oder weniger sexuelle Beziehungen zu den Männern gebracht, deren Reichtum und aristokratische Lebensart ihnen solches ermöglicht.

 

Diese weiten sexuellen Spielräume der Männer funktionieren nur auf Basis der relativen Rechtlosigkeit der Frauen. Ursprung ist wohl der Poliskern einer rein maskulinen Kriegerwelt, in Sparta noch viel ausgeprägter als in Athen. Die auf Kriegertum orientierte exklusive Männerwelt mit ihrem Athletentum und ihrer Gewalttätigkeit erhält als extremen Gegenpart eine lustvolle Genusssphäre aus Alkohol, offener Erotik und sexueller Libertinage. Als römische Oberschicht damit konfrontiert wird, ist sie teils davon fasziniert, teils empfindet sie das als "Verweichlichung" einer ursprünglich auch sexuell erheblich disziplinierteren Bevölkerung.

Für Paulus ist das Thema seiner Briefe an hellenische und hellenisierte Gemeinden: Erotisierter Alltag und sexuelle Libertinage verhindern die Konzentration auf die innere Vorbereitung für die Wiederkehr des "Herrn". Die offizielle Kirche auf dem Weg in das Zeitalter der Entstehung von Kapitalismus wird von teils pathologischer Sexualfeindlichkeit geprägt sein und das wird seine Rolle bei der Entstehung von Kapitalismus spielen: Die entsprechende Zivilisation wird auch von den Ambivalenzen menschlicher Geschlechtlichkeit getrieben werden.

 

Wiewohl jenes Philosophieren, eine griechische Erfindung des 6. Jahrhunderts, welches bis in die sogenannte "Aufklärung" und deren Kritik reichen wird, schon seit jeher nur extrem wenigen Menschen zugänglich ist und sie interessiert, wird  es doch dadurch die Entwicklung hin zum Kapitalismus beeinflussen, dass es in banalisierter Form Eingang in das Christentum findet und zudem von diesem durch die Zeiten tradiert wird.

Es ist kein Zufall, dass Philosophie gleichzeitig mit Mathematik und dem Nachdenken über das, was Natur (besser: physis) ausmacht, einher geht und dass  all das in Handelsstädten aufblüht, in denen sich Spielräume des Lebens und Denkens aus den Klammern des Kultes und der Sphäre des Glaubens lösen. Die Weisheit der Philosophen ist allerdings eine unwissenschaftliche Sphäre auch und insbesondere, nachdem sie dem Erfahrungswissen traditioneller Kulturen entzogen ist. Aber mit ihr werden Spielräume geöffnet. wie schon früher mit Hesiods Frage danach, wie sich ein gerechter Gott rechtfertigen lässt, der Unrecht zulässt.

Ein auf Vernunftgebrauch und Erfahrung basierendes Weltbild hebt an. Dazu gehört ein sich vom reinen Handelsinteresse lösendes Interesse an Geographie und der Versuch, Natur (physis) mit immer neuen Theorien zu "verstehen", in denen die Götter und alles Übernatürliche außen vor bleiben, - durch ihr immanente Gesetze eben.

 

Wer ausdrücklich die offizielle Polisreligion respektiert, darf nun in einer Nische weniger Gelehrter wie Xenophanes schreiben:

Aber wenn Hände hätten die Rinder oder die Löwen / Malen könnten mit Händen und Werke bilden wie Menschen, / Würden die Pferde Pferden, die Rinder Rindern entsprechend / Malen der Götter Figuren und würden die Leiber gestalten / Solcher Art, wie sie selber geformt sind.

Oder noch schärfer: Alles haben Homer und Hesiod von den Göttern behauptet, / Was nur irgend bei uns, den Menschen, als Schimpf und Schande gilt: / Stehlen und Buhlschaft und einer den andern Betrügen. (Fragment 15 / 11)

 

Solch kluge Auseinandersetzung mit mythisch aufgeladenen Kulten ist damals wie heute nur wenigen Menschen gegeben und hat nichts mit plattem Atheismus der letzten Jahrhunderte zu tun. Aber so etwas wird sich nun ganz am Rande und in kleinsten Nischen in abendländisches Gedankengut einschleichen, und zwar genauso wie die Vorstellung des Heraklit, dass es anders als als Irrtum keinen menschlichen Zugriff auf eine fixierte Wirklichkeit gibt oder wie Parmendides das formuliert: Wissenschaft gibt es nur in mathematisierter Form, alles andere ist Meinung (mehr oder minder begründeter Form, wie man hinzufügen mag.)

 

Dass die Geschichtsschreibung, die nun ebenfalls mit Herodot aufkommt, sich im Einklang mit den Mächtigen solcher Nachdenklichkeit verweigert, lässt sich schon bei ihm sehr deutlich nachlesen:

Dies ist des Halikarnassiers Herodot Darlegung seiner Erkundung, damit weder das von Menschen Geschehene mit der Zeit verblasse noch große und bewundernswerte Taten, die entweder Griechen oder Barbaren verrichtet haben, ihres Ruhmes verlustig gehen, vor allem aber, aus welcher Ursache sie gegeneinander Krieg führten. (Vorrede)

 

Das ist unübersehbar die Geschichte weniger Mächtiger, die sich in ihr selbst bespiegeln und rechtfertigen. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn sie mit Thukydides Generationen später kritischer werden wird. Ein anderer Blick auf die Geschichte damals wird heute darunter leiden, dass ihm darum die Quellen fehlen.

Dazu passt schließlich, dass die Machtelite Athens ihre brutale Hegemonialpolitik im 5. Jahrhundert nicht mehr religiös, sondern brachial-aufgeklärt wie ein Macchiavelli formuliert: denn ihr wisst so gut wie wir, dass nach menschlicher Berechnung das Gerechte nur Anerkennung bei gleicher Nötigung findet, doch der Überlegene durchsetzt, was er kann, und der Schwächere es hinzunehmen hat. (So laut Thukydides V,89 gegenüber den Meliern). Die bis heute dem entsprechende Bestie Mensch wird sich diese ihre Praxis bis heute weglügen, um sich nicht mit ihr auseinandersetzen zu müssen.

 

Dieser Rationalismus, also der kritische Vernunftgebrauch, entsteht als spezifisch europäisches Phänomen wohl im wesentlichen deshalb, weil hier in Hellas der Kult und der damit dann verbundene, von Poeten entwickelte, Mythos nicht zum zentralen Machtinstrument einer Elite oder eines Despoten wird, und auch nicht von Tyrannen eingesetzt wird. Entsprechend weniger mächtig als im Orient sind denn auch die Priester, zuständig nur für die Durchführung der Opfer und nicht für die ideologische Durchformung von Poleis, die sich so nach und nach von Kult und Mythos lösen kann.

Über die spätere Hellenisierung der Oberschicht des römischen Imperiums wird daraus das Nebeneinander von Religion (Kirche) und Herrschaft (Königtum, Adel) werden, Voraussetzung für eine zweite Blüte des Rationalismus bei wenigstens den Gelehrten und von Kritik desselben dann bei noch viel wenigeren.

 

 

Zunächst war der Handel in der Ägäis wohl wesentlich in phönizischer Hand. Nach und nach treten Hellenen hinzu, die Rohstoffe für die Waffenproduktion nach Athen bringen, welches in ebenso geringem Maße handwerkliche Produkte ausführt. Je mehr die Bevölkerung ansteigt, desto mehr Lebensmittel müssen eingeführt werden.

Selbst für Athen im 5. Jahrhundert ist nicht viel zu Produktion, Handel und Finanzen bekannt, so dass die ansatzweise schon für phönizische Städte zu stellende Frage, warum sich in ihnen kein Kapitalismus entwickelt, nicht einfach zu beantworten ist. Immerhin nehmen bei stark steigender Bevölkerung im 5. Jahrhundert Handel und Gewerbe wohl erheblich zu. Zum produzierenden Gewerbe gehören der Schiffsbau, die Waffenproduktion und die Keramik, von denen die letzteren erhebliche Mengen exportieren. Es gibt ein überliefertes Beispiel eines Handwerksbetriebes der 120 Sklaven beschäftigt, manche werden immerhin 20 Arbeitskräfte oder mehr besessen haben. 

 

Münzgeld, Drachmen, tauchen in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts auf. Ihr Wert ist sehr hoch und je nach Polis verschieden, was sie zunächst für den Handel eher untauglich machen. Münzgeld dient aber der Berechnung der Einteilung in Vermögensklassen als Einheit und dann auch als Einheit bei der Zumessung von Strafen seit den solonischen Gesetzen.

Deutlich bedeutsamer wird Geldwirtschaft in Athen erst durch den Geldzufluss der "Bündner" des 5. Jahrhunderts, die damit die sich entfaltende Demokratie finanzieren, das Bauprogramm, welches heute noch den Tourismus dort beflügelt, und den Flottenbau, der Lohnarbeit und Handel beflügelt.

Im wesentlichen führt all das aber nicht zu Kapital- sondern zu Schatzbildung, als öffentliche in nicht geringem Umfang in Tempeln aufgehoben. Diese dient, wie Thukydides betont (Im Kriege kommt es hauptsächlich auf Klugheit und Geld an... 2,13), der Machtpolitik der Stadt und ist ansonsten der Wirtschaft entzogen. Was wiederum die Reichen an Einkommen zusammenraffen, dient aristokratischer Lebensführung, also dem Konsum, und den Leiturgien, mit denen die Reichen und Mächtigen zur Gestaltung des Gemeinwesens so beitragen, dass es vor allem ihre Gemeinde ist.

 

Eingeführt werden inzwischen erhebliche Mengen an Lebensmittelm, insbesondere Weizen aus der Schwarzmeer-Region. Dennoch bleibt die athenische Oberschicht stark von einem Selbstbild als Großgrundbesitzer geprägt, der zahlreiche Sklaven auf seinen Gütern unter oft schlimmen Bedingungen arbeiten lässt. Das ändert sich auch nicht, wenn einige von ihnen in Anteile an den Silberbergwerken auf dem Laureion oder anderswo investieren, oder wie Miltiades, der Feldherr von Marathon, durch Heirat an thrakische Goldbergwerke kommen, von denen noch Sohn Kimon seine Machtstellung finanziert. Andere werden über Kreditwirtschaft größere Finanziers.

 

Aber im Kern bleiben hellenische Poleis mit ihrem integrierten Umland "Grundbesitzer-Gesellschaften", keine Polis ist "auf Dauer wirklich als Handelsstadt zu verstehen" (Meier, S.142)

 

Wesentlich anders als im 10.-12. Jahrhundert n.d.Zt. im lateinischen Abendland ist die Tatsache, dass im 5. attischen Jahrhundert fast ein Drittel der Bevölkerung Sklaven sind, die keinen selbstbestimmten Anteil am Markt haben, den sie eben nicht mit Angebot und Nachfrage vergrößern können. Besonders in den für Athen so wichtigen Bergwerken wie bei Laureion, wo neben Silber Zink und Blei abgebaut werden, werden sie in extrem engen Stollen zu Arbeit im Liegen verdammt. Wie Tiere werden sie wohl auch in der großflächigeren Landwirtschaft eingesetzt.

 

Das selbe dürfte auch für einen Großteil der Bauern (Theten) gelten, die nicht weit über Subsistenzniveau heraus kommen. Für die kleine Oberschicht hingegen gilt, dass wie im lateinischen Mittelalter zunächst der Bedarf an Luxusgütern über einen Markt gedeckt wird.

Es bleibt die Frage, inwieweit eine unterschiedliche Einstellung zum Leben bzw. eine andere Werteorientierung im antiken Athen eine Rolle spielt.

 

ff...

 

 

Der kriegerische Charakter der griechischen Poleis führt im 5. Jahrhundert zum attischen Hegemonialreich, welches immer mehr mit dem spartanischen konkurriert und schließlich  in den sogenannten peloponnesischen Krieg zwischen 431 und 404 mündet. Dabei belegen die Griechen, dass die Verehrung, die man ihrer antiken Version seit Winckelmann ("edle Einfalt, stille Größe" usw.) entgegen bringt, mehr einem Missverstehen ihrer plastischen Kunstwerke als irgendeiner Wirklichkeit jenseits davon geschuldet ist. Griechisches Militär beraubt griechische Städte, mordet massenhaft Zivilbevölkerung dort, verstümmelt Menschen und verkauft viele in die Sklaverei.

 

 

Am Ende siegt die Vormacht Sparta über die attische Konkurrenz.

 

Die Gewalt regiert auch im vierten Jahrhundert, in dem zunächst Sparta, Athen und die persischen Großkönige die Hauptakteure sind, zu denen sich dann vorübergehend Theben gesellt und später Mausolos von Halikarnassos.

338 siegt der Makedonenherrscher Philipp II. über die griechischen Poleis, deren Vasallenstatus er für einen Krieg gegen das Perserreich nutzen möchte. Das ganze endet in der despotischen Monarchie des später so genannten "großen" Alexander, eines monomanischen, nach Weltherrschaft strebenden Machtmenschen.

 

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Im Folgenden soll eine direkte Linie vom Römerreich bis zu den zunächst germanisch dominierten Nachfolgereichen beschrieben werden, die vor dem 10. Jahrhundert als Schwellenzeit hin zu kapitalistischen Strukturen endet. Dabei soll das Augenmerk dann auf das Frankenreich und die nördlichen Mittelmeer-Anrainer zwischen Italien und der iberischen Halbinsel konzentriert werden, also die wesentlichen Räume, in denen Kapitalismus entstehen wird. (Ausführlicher das alles in den Anhängen 2-4)

 

 

Res publica

 

Kapitalismus entsteht dort, wo einst der Nordwestteil des antik-römischen Westreiches lag und darüber hinaus dort, wo Reste des Einflusses dieser Großregion über Nachfolgereiche nach Osten und Norden ausstrahlen. Nur insofern soll hier die römische Antike von Interesse sein.

 

Um 4000 setzt in Italien der Gebrauch von Kupfer ein und die Bevölkerung wird hierarchischer strukturiert. Um 2200 beginnt die Nutzung von Bronze. Eine Vielfalt von Stämmen errichtet teilweise befestigte Siedlungen.  Ganze Teile des zukünftigen Italiens werden zur frühen Eisenzeit Anfang des ersten Jahrtausends (v.d.Zt.) von fast schon städtisch geprägten Siedlungen in den Stammesgebieten durchzogen unter denen die von Stadtpotentaten beherrschten Etrusker in Mittelitalien herausragen. Während diese, unter griechischen Einfluss geratend, einen Städtebund bilden, wird Süditalien von hellenischen Städten aus kolonisiert, während ebenfalls städtebasierte Phönizier sich in Teilen Siziliens und Sardiniens niederlassen.

Um 550 sind Kelten in Norditalien ansässig.

 

 

Res publica sind die öffentlichen Angelegenheiten, die von einer Gruppe reicher und mächtiger Grundbesitzer der urbs Roma, den Patriziern, betrieben werden, nachdem sie sich von einem etruskischen König (latinisch: rex) gelöst haben. Deren Macht wird "politisch" in Ämtern institutionalisiert. Zu ihren Interessen gehört auch, dass die Plebs der Kleinbauern, Handwerker, kleinen Händler und die Sklaven, ruhiggestellt bleibt, ins Gemeinwesen ein- und untergeordnet wie auch im privaten Raum.

Die Plebs wird bald als Bürgerheer bei der Expansion der Stadt zu einer Regionalmacht eingesetzt und darum nicht nur wirtschaftlich benötigt. (Freie) Plebejer sind so in die Heeresversammlung und eine weitere eingereiht, dabei aber so, dass ihr Einfluss gering bleibt. Immerhin sind sie wenigstens rein rechtlich an der Wahl der Leute für die Ämter beteiligt, die von Vertretern der patres, Väter,  in einer aufsteigenden Linie besetzt werden, und an deren Ende sie im Ältestenrat, dem Senat landen, einer Art Regierung der Stadt.

 

Zur Machtverteilung gehört auch, wie schon in bronzezeitlichen Zivilisationen, dass die (Opfer)Kulte und wichtigen Rituale mit ihren Priestern in den Händen der kleinen Gruppe der Mächtigen liegen. Dabei hat sich schon sehr früh eine mythische Götterwelt entwickelt, deren anthropomorphe Gestalt sie immer mehr von den Naturgewalten löst, die sie einst wohl in Reinform repräsentierten.

 

In einer brutalen, von zivilisierten Städten und und mehr oder weniger anzivilisierten Stämmen gebildeten Kriegerwelt halten es die Herren der Stadt für nötig, teils zur Verteidigung, dann aber zunehmend auch aggressiver, ihr Machtgebiet zu erweitern, bis es einen großen Teil der italischen Halbinsel umfasst. Da die vor allem mit Kleinbauern besetzte Infanterie dafür unabdingbar ist, wird einer Plebejer-Versammlung die Wahl eines Volkstribunen zugestanden und dann werden Spitzen der Plebs zusätzlich zum Patriziat in den Senat zugelassen, der nun die Nobilität bildet. Solche Zugeständnisse dienen aber weiterhin im wesentlichen dem Machterhalt der noblen Herren. Anders gesagt, die (ungeschriebene) Verfassung dient wie alle späteren der Verschleierung der Machtverhältnisse.

 

Im Verlauf der Verwandlung der res publica der Urbs Roma durch Eroberungen in einen Flächenstaat entsteht ein von einer Hauptstadt aus geleitetes Staatswesen, dessen wesentliche Basis Städte mit einer stadtsässigen Gruppe von Großgrundbesitzern sind, welche die Ämter darin, in der curia, einnimmt und sich durch einen überall ähnlichen "adeligen" Lebensstil, seine civilitas auszeichnet. Seine Spitze bildet die nobilitas der Senatoren, von denen es am Ende mehrere tausend geben wird. Auf der unteren Stufe der stark und formell geschichteten Strukturen befinden sich die in immer größere Abhängigkeit vom Großgrundbesitz geratenden ländlichen Produzenten und eine städtische Schicht von Gewerbetreibenden. Diese "römischen" Städte replizieren also ein Stück weit das Modell der urbs Roma.

 

Wesentlich dynamisiert wird eine eigentlich eher statische Agrarstadt, als sie in den nächsten Jahrhunderten in Kriegen mit den Puniern Nordafrika, Spanien und einen südlichen Streifen Gallien gewinnt und im Osten (Hellas) an Einfluss zunimmt.Damit beginnt eine langsame Hellenisierung der römischen Oberschicht: Der reichere Osten mit seinen Kulten, Philosophien und seiner Literatur, dessen kleine Oberschicht längst ein höheres Konsumniveau besitzt, "verweichlicht" in den Augen seiner römischen Kritiker ein auf rigoroserem bäuerlichem Kriegerethos beruhendes Römertum.

 

Mit zunehmendem Handel und zunehmender Geldwirtschaft einher geht der durch die Kriegseinsätze der Kleinbauern verursachte Ruin eines zunehmenden Teiles der bäuerlichen Landwirtschaft, während sich in der gleichen Zeit der Großgrundbesitz enorm vergrößert. Immer mehr Land in diesem Imperium gehört immer weniger Leuten. Viele entwurzelte Bauern gehen in die Städte und ein Teil von ihnen verwandelt sich in besitzloses Proletariat, welches zur Klientel der Mächtigen wird und teilweise zu Straßenkämpfen mobilisierbarem Pöbel. Vor allem die Stadt Rom wächst immer weiter.

 

Die Basis der römischen Antike wird die Landbewirtschaftung bleiben, vor allem der Anbau von Getreide, Oliven und Wein. Landwirtschaft wird neben Korruption auch die vorrangige Grundlage für Reichtum bleiben und die geachtetste. Aber mit der Reichsbildung Roms verlieren die meisten Menschen den Zugang zu Eigentum an Grund und Boden, die erste Voraussetzung für Wohlstand und wirksamer Partizipation an der Macht. Sie verlieren ihn nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten, wo sie zu Mietern werden.

 

Die Verarmung der Vielen führt nicht nur dazu, dass sie zunehmend für den Kriegsdienst finanziert werden müssen, was später zur professionalisierten Soldatenkarriere führen wird, sondern sie werden zu einem erheblichen Unruhefaktor. Reformer beginnen ab 133 vor der Zeitrechnung Programme zur Ansiedlung Landloser, zu denen viele Kriegsveteranen gehören und planen Subventionierung der Getreideversorgung für die Allerärmsten in der Metropole. Dagegen wendet sich ein Großteil der Latifundienbesitzer und es kommt zu bürgerkriegsartigen Zuständen, an denen sich nun auch Heeresteile beteiligen.

 

Der Militarismus einer zunehmend aggressiven Republik wendet sich immer mehr nach innen, die Verhältnisse werden bis zu äußerster Grausamkeit gewalttätig. Mord und Totschlag nehmen überhand. Die vielen Kriege verstärken auch die Massen an Sklaven ganz gewaltig, die vor allem in den Bergwerken, aber auch auf dem Großgrundbesitz brutal behandelt werden. Große Sklavenaufstände werden mit Truppeneinsatz brutalst niedergeschlagen.

Schlecht geht es oft auch den eroberten Gebieten, die als Provinzen von Vertretern der Oberschicht ausgeplündert werden und wo in der Folgezeit immer wieder Aufstände unterdrückt werden müssen. Die Befehlsgewalt über kriegführende Truppen mit ihrer Beute und die Ausbeutung der Provinzen machen Reiche nun noch reicher.

 

In den Bürgerkriegswirren gelingt es einem Gaius Iulius Caesar nach der Eroberung Galliens nach Italien zu marschieren und dauerhaft diktatorische Macht zu erlangen. Nachdem "Republikaner" ihn ermordet haben, geht aus dem folgenden Bürgerkrieg sein Adoptivsohn Octavian als Augustus hervor und begründet als princeps das, was dann Historiker als Prinzipat bezeichnen werden.

 

Inzwischen teilt sich die Oberschicht in schwerreiche senatorische (noble) Großgrundbesitzer, die weiter den zunehmend machtloseren Senat bilden, eine Schicht aufsteigender Geschäftsleute, die bald einen eigenen Stand unter der Nobilität bilden und im Laufe der Zeit am Kaiserhof aufsteigen werden. Sie bilden im Prinzipat den Ritterstand. In den Städten jenseits von Rom, von denen manche auch neu entstehen, herrschen reiche Großgrundbesitzer in der Curia, einer Art Stadtrat, müssen aber dafür einen Teil ihrer Einnahmen für städtische Bauprojekte, Infrastuktur und ein Amüsierprogramm für die ärmeren Massen ausgeben sowie als Steuern. Daneben geht der Reichtum in üppigen Konsum.

 

Die Masse der städtischen Bevölkerung lebt in manchmal recht großen Mietskasernen, die neben den öffentlichen Großbauten das Stadtbild prägen, und zwar in recht einfachen Verhältnissen und oft an der Grenze zur Armut. Man geht entweder Kleingewerbe nach vom Handwerksbetrieb und Laden über die Taverne bis zum Bordell, ist Tagelöhner oder arbeitslos.

Die Landbevölkerung lebt als übriggebliebener Rest von Kleinbauern eher prekär und wird ansonsten mehr und mehr als abhängige Pächter in den über das Reich verstreuten Großgrundbesitz eingegliedert, während die etwas überschaubare Villenwirtschaft der regionalen Oberschicht durch Sklavenarbeit geprägt ist.

 

 

Kaiserreich

 

Das deutsche Wort Kaiser leitet sich zwar von Caesar ab, diese werden aber in der Antike als augusti, als Erhabene bezeichnet. In der gesamten Kaiserzeit wird die Ämterlaufbahn über den Konsul bis in den Senat zwar beibehalten, aber die wirkliche Macht gehört seit Caesar und Octavian/Augustus denjenigen, die genügend Legionen hinter sich bringen. Dabei stellt sich schnell heraus, dass es sich um eine Despotie handelt, die fast durchgängig mit Mord und Totschlag operiert, um Gegner zu beseitigen und dabei immer wieder zwischendrin in bürgerkriegsähnliche Zustände entartet. Im Laufe der Zeit bekommt diese Despotie immer orientalischere Züge.

 

Ein immer größerer Teil der für heutige Verhältnisse zunächst niedrigen Steuern und Abgaben landet beim zunehmend professionalisierten Militär, wozu auch die erheblichen Abfindungen der Veteranen gehören, ein weiterer in der immer prächtigeren Hofhaltung. Daneben wird eine allgegenwärtige Korruption bedient, und dazu gehört, dass die Soldaten und der Plebs immer mal wieder mit größeren Geschenken bei Laune gehalten werden, so wie die armen Massen in den Städten mit Brot und Spielen versorgt werden. 

 

Das Imperium, also die Befehlsgewalt der Kaiser, Imperatoren, reicht bald vom späteren England über ganz Gallien mit der Rheingrenze und den Raum südlich der Donau bis über den gesamten Mittelmeerraum, wozu dann noch der Balkan und der Orient bis Mesopotamien gehören. Es erfordert enormen finanziellen (d.h. militärischen) Einsatz, die Grenzen mit Befestigungen zu sichern, Angriffe von außen abzuwehren und Aufstände in den Provinzen niederzuschlagen.

Vor allem von Norden dringen immer wieder Kelten in das römische Britannien ein, in Mitteleuropa bedrohen Germanenvölker die Rhein- und Donaulinie, der äußerste Norden Hispaniens ist nur schwer unter Kontrolle zu halten, in Nordafrika bedrängen Mauren, Berber und Nomadenvölker von Süden das Reich, und im äußersten Osten drücken vor allem persische Herrscher, aber gelegentlich auch Araber gegen die Grenzen. Irgendwo herrscht dort immer Krieg.

 

Im europäischen Nordosten herrschen immer noch ganz andere Verhältnisse als südlich und westlich davon: Es fehlen die Städte als Kernpunkte von Zivilisation und entsprechend ist auch die Sesshaftigkeit der Menschen geringer ausgeprägt. Germanische Stammeskulturen bestehen aus bewaffneten Bauern. Stämme definieren wir dabei als ideelle Verwandtschaftsverbände mit gemeinsamer Sprache, ähnlicher Produktionsweise und gemeinsamen Kulten. Was die Römer damals gentes nennen, können wir in diesem Sinne auch als Völker bezeichnen.

 

Solche Stämme oder Teile von ihnen setzen sich immer wieder einmal aus nur zu vermutenden Gründen in Bewegung, wobei sie vorwiegend nach Westen und nach Süden ziehen. Dabei nehmen sie offenbar manchmal auch Teile anderer Völkerschaften mit und integrieren sie zum Teil. Stämme, welche bereits in der Reichweite der Rhein- und Donaugrenze siedeln, sind fasziniert von dem Konsumniveau der "römischen" Zivilisation, treiben mit ihr manchmal Handel und werden so etwas "anzivilisiert". Ab dem zweiten Jahrhundert nach der Zeitrechnung durchbrechen sie und aus ferneren Gebieten stammende Verbände auf Raubzügen immer häufiger die römische Grenze.

 

Anders geartet sind nomadisierende, ursprünglich wohl auf Viehzucht in Steppengebieten basierende Reitervölker aus Innerasien, die nördlich des Römischen Imperium beutesuchend in Europa hereinbrechen, um sich dann vorübergehend irgendwo niederzulassen. Mit zunächst überlegener Kriegstechnik treiben sie germanische Völkerschaften vor sich her. Das ganze nichtrömische Europa gerät so in stärkere Bewegung und drückt auf die Grenzen der römischen Zivilisation. Wir befinden uns in einer ausgesprochen gewalttätigen Welt.

 

Die Macht der Kaiser basiert auf ihrem Militär und dem Geld, mit dem dieses bezahlt werden muss. Entsprechend erwählen sich bald Heere ihren Kaiser, soweit diese nicht Nachfolger durchsetzen können, und das Kriterium wird militärisches Prestige. Daraus können immer wieder Bürgerkriege entstehen, die in Schlachten im Inneren entschieden werden. Das Reich gerät dabei zunehmend in Gefahr zu zerfallen, auch indem Militär in den Provinzen Usurpatoren der Macht ausruft.

Diokletian zieht daraus die Konsequenz, das Reich in einen Ost- und Westteil zu teilen, dem jeweils ein Augustus vorsteht, dem jeweils noch ein Caesar für eine Region zugeordnet ist. Jeder hat dabei seine eigenen Truppen. Damit schwindet die Hauptstadtrolle der urbs Roma zugunsten anderer Städte wie Mailand, Trier, Antiochia und anderen.

 

Die städtischen Massen werden weiter mit billigem und teilweise kostenlosem Getreide, Öl und Wein versorgt (die Alkoholisierung der Untertanen oder die Versorgung mit anderen bewusstseinsverändernden Drogen gehört zu fast allen Zivilisationen, selbst Mohammeds Verbot wird selten konsequent durchgesetzt werden). Dazu kommt ein breites und des öfteren ebenfalls kostenloses Amüsierprogramm von überwiegend grausamer Art wie im Zirkus der Gladiatoren, in Sportveranstaltungen (Wagenrennen) mit ebenfalls grölenden Massen und in Varieté-artigen Einrichtungen und Theatern meist banaler Inhalte.

 

Die enormen Summen, die für das Militär und die Geschenke der Herrscher (Korruption) ausgegeben werden, müssen weiter durch Abgaben wie Zölle und ein Anziehen der Steuerschraube hereingeholt werden. Damit erhöht sich der Druck auf den großen Grundbesitz, der an die Kleinpächter weitergegeben wird. Zudem nimmt die Neigung der städtischen Oberschicht ab, weiter munera (Leistungen) für ihre Stadt zu bieten und zugleich das Steueraufkommen zu sichern. Damit schwindet der zivile Teil der Basis des Imperiums, dessen Charakter immer einseitiger militärisch wird.

 

Das Imperium Romanum, letztlich ein Vielvölkerreich mit zwei Hauptsprachen, Latein und Griechisch, ist durch Überfremdung immer weniger römisch. Im Heer tauchen immer mehr vor allem germanische Fremde auf, die sich nur teilweise und eingeschränkt romanisieren bzw. hellenisieren. Und im Reich kommt nach dem hellenischen Einfluss der immer neuer orientalischer Kulte wie der der Isis oder der des Mithras. Dazu haben sich Juden schon gegen Ende der Republik in großen Teilen des Reiches niedergelassen, geduldet, wegen ihrer religiösen Arroganz misstrauisch beäugt und gelegentlich auch verfolgt. 

 

Ursprünglich zum Teil aus jüdischen Gemeinden hervorgegangen, hat sich auch das Christentum dauerhaft im Reich etabliert. Es wird meist geduldet, da sich die meisten Christen immer weniger von ihren "heidnischen" Nachbarn unterscheiden, bleibt aber ebenfalls wegen seiner religiösen Arroganz in den Augen der Herrscher zumindest ein Übel. Schon vor Diokletian kommt es unter zumindest einem Herrscher zu Verfolgungen, da einige Christen sich scheuen, anbefohlenen Opfern für die zunehmend vergöttlichten Kaiser nachzukommen und dadurch gefoltert und zum Teil grausam getötet werden. Zwischen denen, die vorübergehend dem Druck der Gewalt nachgeben und denen, die standhaft bleiben, wird es dann heftige Konflikte geben.

 

 

Jesus, Kirche und Christentum

 

Die nachantiken Reiche werden Eigentumsstrukturen und somit solche von Herren und Knechten übernehmen, das Lateinische als Schriftsprache und manches mehr, aber vor allem das Christentum mit seiner Kirche, welches sich dann weiterentwickeln wird.

 

Mit den frühen Schriften der Juden haben wir ein fast einzigartiges Dokument für eine Etappe des ideellen Verschmelzungsprozesses von weltlicher und Priestermacht, die auch fundamentale Texte im Entstehungsprozess der nachantiken und mittelalterlichen Zivilisationen werden. Dabei bleiben sie den meisten "Christen" bis auf Gruppen radikaler Protestanten bis heute unbekannt. Dagegen setzen die Texte der ursprünglichen Christen einen radikal antizivilisatorischen Akzent, der die jüdischen, eher innerweltlich gedachten Erlösungsphantasien in solche der Erlösung überhaupt von "der Welt" überführen. Mit der schrittweisen Integration dieser Religion in die Machtstrukturen des römischen Imperiums beginnen auch erste Teilaspekte einer Re-Judaisierung, die mit der Vertagung der versprochenen Erlösung beginnen und in fast vollständiger Romanisierung der Kirche im Westreich enden. Damit kippt der antizivilisatorische Impetus so rabiat, dass die entstandene Kirche selbst zu einem Propagandainstrument der Machtstrukturen wird und das weithin bis in die Gegenwart bleibt.

 

Diese jüdisch-frühchristliche Geschichtserzählung wird aber dann zu einem wesentlichen Teil der Vorgeschichte hin in jenes Mittelalter, in dem Kapitalismus entstehen wird. Darum soll sie hier wenigstens in ganz groben Zügen angedeutet werden. Kapitalismus entsteht nicht aus religiösen Überzeugungen, sondern zunächst eher gegen diese, aber er wird in Machtstrukturen entstehen, die sich dieser Religion in ihrer mittelalterlichen Ausprägung ausdrücklich bedienen. Dabei ist zu beachten, dass alle in Zivilisationen hinein entwickelten Religionen Erlösungsphantasien enthalten, und das solche nicht nur die Erlösung von der Endgültigkeit des Todes enthalten, sondern damit verbunden auch Erlösung von den Bürden der Zivilisation hinein in ein paradiesisches Jenseits der bekannten Welt.

 

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Kurz vor dem Ende des antiken Judentums, unter römischer Oberherrschaft und unter Bedingungen starker Hellenisierung, zerfällt dieses offenbar zum Teil in zahlreiche Gruppen und Sekten. Ohne einen eigenen „souveränen“ Herrscher nimmt die Autorität des Tempels und seiner Priesterschaft ab, es entstehen Räume, in denen sich Judentum neu definiert. Auf erstaunliche Weise später wirkmächtig wird ein Jesus, der uns als historische Figur kaum vorliegt. Früheste Texte, die ihn erwähnen, gibt es von einem stark hellenisierten Juden Paulus, der einige Zeit nach dem Tode Jesu mit ersten Jesus-Anhängern in Kontakt kommt und dann eine Art religiöse Erleuchtung hat, die zu seiner Bekehrung führt, deren Ergebnisse er in Briefen an entstehende Gemeinden formuliert. Da wir über Jesus selbst nichts wissen, können wir nur in Verbindung mit den in den folgenden Jahrzehnten entstandenen Evangelien und der Apostelgeschichte erahnen, wie Paulus vorliegende, wohl vorwiegend mündliche Traditionen umformt und dabei bereits ein Stück weit entjudaisiert und hellenisiert.

 

Vom Leben Jesu und seinem Tod erfahren wir kaum etwas bei ihm, aber umso mehr über das paulinische Gottesbild und dessen Umformung des jüdischen in einen christlichen Gott. Dieser betreibt laut Paulus eine Umwertung aller Werte, ja, er stellt sie auf den Kopf:

Sehet an, liebe Brüder, eure Berufung: nicht viel Weise nach dem Fleische, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, dass er die Weisen zu Schanden mache, hat Gott erwählt, und das da nichts ist, ; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, dass er zu Schanden mache, was stark ist; und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt (... 1. Brief an die Korinther, 1,26-29)

 

Kurioserweise hat Paulus an die Römer wiederum geschrieben, dass solche Umwertung doch nicht die aller Werte sein soll, denn die Machtverhältnisse auf Erden sollen erhalten bleiben: Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Kein Wunder, dass in christlichen Kirchen bald für die unchristlichen Herrscher gebetet wird, wie im ersten Clemensbrief überliefert ist: Gib, dass wir deinem allmächtigen und vortrefflichen Namen, sowie unsern Herrschen und Vorgesetzten auf Erden gehorsam seien! Du Herr hast ihnen die Kaisergewalt gegeben (... in: Christ, S.598)

 

Die Evangelien wiederum berichten über Jesus hauptsächlich Legendäres und Wundersames, und es ist nicht einfach, daraus irgendwelche historischen Tatsachen abzuleiten, die, wenn überhaupt, dürftig bleiben. Fassbar wird vielleicht ein Mann aus Nazareth, der mit etwa 30 Jahren einem Johannes begegnet, der im Jordan Menschen tauft und schon damit aus dem jüdischen Rahmen fällt. Dieser Täufer, von dem wir sonst nichts erfahren, hat Jesus offenbar stark beeindruckt und beeinflusst, möglicherweise hat er ihm den Kern seiner Ansichten übermittelt.

 

Unser Jesus wird darauf zum radikalen Aussteiger aus allen anerkannten jüdischen Lebenszusammenhängen und zieht als eine Art Wanderprediger umher, wobei er seinen Lebensunterhalt aus Spenden und vielleicht auch mit Betteln ermöglicht. Vermutlich bezeichnet er sich nicht als (leiblichen?) Sohn Gottes, wie ihn die Evangelisten dann am Ende nennen, die seine Geschichte jeweils von hinten, von seinem Tod her aufzäumen werden. Dass er von einem Vatergott redet, soll wohl diesen selbst so für alle als „väterlich“ charakterisieren - jedenfalls für die, die ihm gehorsam sind.

 

In den Evangelien hat er davon nicht viel zu sagen und entwickelt auch sonst kaum so etwas wie Religion oder gar Theologie. Er verkündet vielmehr eine Art Ethik demütigender Gewaltfreiheit, radikaler Selbstlosigkeit, von Besitzlosigkeit als gottgewollter Armut, uneingeschränkter Friedfertigkeit außer gegenüber der Welt böser Dämonen, und zudem eine von völlig fehlender Sexualität, die in der radikalen Ablehnung auch von Ehe und Familie gipfelt.

 

Der Jesus der Evangelien schart nach seiner Erleuchtung am Jordan einige Anhänger um sich, von denen er verlange, dass sie sich ganz auf ein anstehendes Weltende hin orientieren und darum alles dafür Überflüssige oder Hinderliche von sich weisen: Dazu gehörte jeglicher Besitz und alle persönliche Bindung an andere Menschen außer an ihn, den Erleuchteten selbst. Eine Welt voller Dämonen und Schlechtigkeit würde von einem väterlichen Gott für die erlöst werden, die an ihn, Jesus von Nazareth, glaubten.

Kein Wunder, dass seine Anhängerschaft winzig bleibt und aus einigen weiblichen Verehrerinnen und einem kleinen Kreis von Männern besteht, die letztere mit ihm umherziehen. Das alles wird möglicherweise mit dem unmittelbar bevorstehenden Ende der Welt begründet, welchem die entkommen, die sich Jesus anschließen und mit ihm ziehen. Angesichts der nahen Wiederkunft eines neuen Paradieses werden Sexualität und Erzeugung von Nachwuchs erneut überflüssig werden.

 

Ich lasse die von den Evangelisten beschriebenen magischen Kräfte aus, mit denen er wie von Zauberhand Wasser in Wein verwandelt, Tote wieder zum Leben erweckt und selbst wie schwerelos auf einer Wasseroberfläche herumspaziert. Wichtiger sind seine Gleichnisse, in denen er die Welt nicht nur der Juden auf den Kopf stellt: Menschen sollen nicht nach ihrer (Arbeits)Leistung, sondern gemäß ihrer Gottesgläubigkeit vom väterlichen Gott ent- bzw. belohnt werden, Arme sind Gott näher als Reiche, deren Besitz ihnen das Himmelreich nahezu versperrt, und einsichtige, vorher lebenslange Sünder ebenfalls eher als Muster jüdischer Rechtschaffenheit. Tempel, Priesterschaft und Opferkult scheinen kaum noch eine Rolle zu spielen.

 

Das Himmelreich wird nicht näher erklärt, aber es leitet sich wohl aus einem wiedergewonnenen jüdischen Paradies nach Erscheinen eines prophezeiten Messias ab. Jesus selbst lässt sich als Rabbi anreden, als eine Art jüdischer Fachmann für Religiöses, und er wird wohl erst nach seinem Tode zu einem Messias (Erlöser) gemacht, im Griechisch der Evangelisten dann christos und sotér. Und ohne diese Verwandlung eines Menschen Jesus in einen am Ende auch lateinischen christus wäre aus ihm auch nicht im Nachherein ein Religionsgründer geworden.

 

Nur zu vermuten ist, dass er aufgrund seiner Erfolglosigkeit sozusagen in der Höhle des Löwen auftaucht und im Jerusalemer Tempel randaliert. Bis dahin hatte er sich nur in ländlichen Kleinstädtchen fernab herumgetrieben, was offenbar kaum störte. Nun scheint er die Aufmerksamkeit, den Eklat zu suchen und bekommt ihn. Eine empörte Priesterschaft setzt bei der römischen Staatsmacht seinen Tod durch.

 

Soweit kann der Außenstehende folgen. Was nun in den Evangelien beschrieben wird, hat wohl damit zu tun, dass an sich jetzt die Jesusgeschichte zu Ende wäre, was seine wenigen Anhänger als großes Unglück so nicht hinnehmen wollen. Und so beschreiben sie eine ganz und gar unglaubliche Geschichte, die offenbar damals dann eine gewisse Austrahlung für einige wenige hat. Erst aus ihr erst wird sich ein "Christentum" entwickeln.

Aus dem Menschen Jesus wird nun tatsächlich, wie es heißt, ein irgendwie leiblicher Sohn des jüdischen Gottes, oder anders verstanden, die Inkarnation (Fleischwerdung) Gottes auf Erden. Vermutlich fangen bald die ersten derer, die ihren (jüdischen) Gott dennoch weiter mit einem gewissen Monotheismus versehen, an, daran zu glauben, dass ihr Gott in Menschengestalt zu den Juden gekommen sei, denn Jesus ist nun mehr als ein Prophet, er wird selbst göttlich.

 

In völliger Verkehrung der Abrahamgeschichte, in der ein Menschenopfer von Gott abgelehnt wird, lässt sich also Gott selbst in Menschengestalt opfern.

Also erst im Tode selbst wird der Jesus der Evangelisten zu Gott als Gottes Sohn. Und da Götter unsterblich sind, muss er von den Toten "auferstehen". Damit das glaubhaft wird, behaupten die Evangelisten, dass man ihn kurz darauf in seiner Menschengestalt wiedererkannt habe, allerdings nun soweit vergöttlicht, als er unberührbar geworden sei. Jetzt fehlt nur noch jene Pfingstversammlung, bei der seine kleine Anhängerschar sich in Verzückung oder gar Raserei versetzt, um all das nun auch ganz fest zu glauben. (Ausführlich und textnah steht das alles in Anhang 1)

Der Gott aber, der sich in Menschengestalt opfert, tut dies zur Erlösung derer, die an ihn glauben, und dabei seinen Anhängern das Versprechen zu geben, für sie sehr bald wiederzukommen, um damit das Ende der Welt und den Anbeginn des Himmelreiches (für sie) in Szene zu setzen.

 

Da es hier um die Entstehung des Kapitalismus vom 10. Jahrhundert an nach solchen recht legendären Ereignissen gehen soll, ist das wichtigste Moment des Ganzen zum Schluss deutlich hervorzuheben: Der zum Messias bzw. zu (einem?) Gott gewandelte Jesus verspricht im Kern Erlösung von jenem Menschsein, wie es allen Menschen in einer wahrnehmbaren Wirklichkeit zu eigen ist; also die Rück-Verwandlung der Menschen, die an ihn glauben, in Gottes Ebenbilder, denen Gott in Menschengestalt in seinem eigenen Reich erneut paradiesische Zustände jenseits von Raum und Zeit verspricht. Die ganze "irdische Welt" wird dabei untergehen, sie ist überflüssig geworden. Und denen, die nicht nach Jesu Vorgaben leben oder gar an seine Göttlichkeit glauben, blüht im selben Moment ewige Verdammnis. Von einem "lieben Gott" der deutschen Mittelschichten des 18./19. Jahrhunderts jedenfalls kann noch lange keine Rede sein. "Er" ist eher weiter von einer gewissen archaischen Grausamkeit.

 

Als er durch ein römisches Gericht und unter dem Jubel vieler Juden in Jerusalem hingerichtet wird, fühlt sich seine kleine Schar von Anhängern ("Aposteln") zunächst verloren und entwickelt dann die Geschichte von seiner eigenartigen Gottessohnschaft und der Idee, dass (der jüdische) Gott seinen Sohn geopfert habe, um die dadurch zu erlösen, die an solche messianische Gottessohnschaft und göttliche Opferbereitschaft glauben. Da das noch wenig handfest ist, wird dazu davon berichtet, dass Gott seinen Sohn wieder leibhaftig von den Toten habe auferstehen lassen, um seinen Anhängern das Versprechen zu geben, für sie sehr bald wiederzukommen, um damit das Ende der Welt und den Anbeginn des Himmelreiches (für sie) in Szene zu setzen.

 

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Der zu Christus gewordene Jesus verspricht seine nahe Wiederkehr, bei der nicht nur wie bei seinem Tod der Jerusalemer Tempel wackelt, sondern alles Irdische mit Getöse untergeht. Die kleine Jerusalemer Gemeinde, in der Apostelgeschichte nun schon etwas historischer greifbar, wartet auf ihren Erlöser, konfrontiert mit der bis zur Steinigung des Stephanus gehenden Feindseligkeit jüdischer Orthodoxie. Man lebt in Gütergemeinschaft in einer isolierten Männerwelt und bekräftigt sich wohl immer wieder gegenseitig die Gewissheit der Wiederkunft des Herrn.

 

Aber während "der Herr" erst einmal nicht kommt, taucht der zu seiner Version eines Jesus und Gottes findende Paulus auf und verlangt, dass Juden kein Monopol auf diesen Erlöser haben dürften und hätten – er gehöre allen Menschen, die an ihn glauben, worunter er wohl vor allem die griechische, aber auch die lateinisch-römische Welt versteht. Das führt zum Streit, aber der erledigt sich spätestens, als die Jerusalemer Gemeinde mit dem Tempel und antiker jüdischer Geschichte zusammen untergeht.

 

Mit der Auswanderung des Christentums aus dem Judentum gerät es in eine erheblich andere Welt als die seines Ursprungs. Während es sich nebenan in Syrien stärker ländlich einwurzelt, Jesus war eher kein (Groß)Städter, sondern vertraut mit dem Leben in kleinen Ortschaften, gelangt es im lateinischen und griechischen Teil des Reiches zunächst in große Städte mit ihren ganz eigenen Strukturen, nach Alexandria, prächtigen anatolischen, also griechischen Metropolen, und schnell auch in die Millionenstadt Rom. Der vielleicht aramäisch sprechende Jesus der Evangelien musste also zunächst ins Hebräische, dann ins Griechische und schließlich ins Lateinische übersetzt werden, mit einer jeweils verschiedenen Begrifflichkeit, die etwas unterschiedliche Vorstellungswelten ausdrückt.

 

Es entstehen vielerorts neue Zentren christlicher Gemeinden, also der Verehrung des menschgewordenen, getöteten und und auferstandenen Gottes. Mit der Verbreitung eines solchen Christentums aus dem jüdischen Kernraum und auch über Gemeinden der jüdischen Diaspora hinaus beginnt aber sogleich seine radikale Substanz zu verwässern, wie man an vielen Stellen nachlesen kann. Nicht nur, dass der neue Gott in gewissem Sinne noch stärker aus dem Kontext jüdischer Orthodoxie gelöst wird, und dass er zum Gott aller wird, die an ihn glauben, sondern er kommt, und das wird den Glauben an ihn stark verändern, nicht wie versprochen wieder, anders gesagt, man muss sich auf ein Leben einrichten, dass mit dem eigenen Tod endet, und hoffen, dass er doch irgendwann später zu ihren Gunsten eingreift. Irgendwann eben am "jüngsten", also letzten Tag.

Während die Frömmsten der ersten Generationen noch glauben, die Wiederkehr des Erlösers samt seinem Erlösungswerk selbst erleben zu können, schwindet dieser Glaube bei den meisten, die deshalb auch nicht mehr bereit sind, der Aufforderung des Erlösers nachzukommen, auf Besitz, Ehe und Familie zu verzichten. Sie bleiben zunehmend dieser Welt verhaftet. Das funktioniert darüber, dass die entstehende Kirche Zug um Zug die Erlöserfunktionen dieses Jesus übernimmt.

 

Wie nicht anders zu erwarten, verändert das Christentum mit seiner Ausbreitung über Palästina hinaus überall seinen Charakter. Mit der Christianisierung des griechischen Raumes wird es hellenisiert, mit seinem Einzug im lateinischen Westen des Imperiums romanisiert. In Syrien mit seiner eigenen Sprache und seinen Lebensformen erobert es sich schneller das Land, anderswo zunächst die Städte.

 

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Ohne kirchlich definiertes "Christentum" kein Kapitalismus, auch wenn dieser die Religion am Ende erledigen wird. Dabei weiß schon bald niemand einigermaßen genau, was Jesus von Nazareth so alles gepredigt hat, aber mit Friedrich Nietzsche und anderen ist davon auszugehen, dass Paulus und die Überarbeiter der Evangelien mit der Entwicklung eines Christentums, welches Jesus kaum gewollt haben kann, Jesus zum Religionsgründer hochstilisieren und seine Rebellion gegen das Judentum nach dem Sieg von dessen Orthodoxie gegen die Etablierung einer Kirche eintauschen, um sein wohl historisches Scheitern zu verschleiern.

 

Ursula Homann fasst Nietzsche hier treffend zusammen:

Die Jünger und Paulus, sagt Nietzsche, sie haben die Verkündigung Jesu zum Opfer des Milieus der kleinen Leute und ihres Aberglaubens gemacht. Die Verkündigung ist unter die "kleinen Mucker" gefallen und nach deren Muckertum verstanden und umgedeutet worden. So wird Jesus ein Opfer der kleinen Leute.

Durch die Verlagerung aller Hoffnungen auf ein Dasein nach dem Dasein wird jedem Tatsachensinn der Boden entzogen. Die Folge ist eine die ganze Natur umfassende Entwertung der Realität; in letzter Konsequenz führt die ressentimentgeladene Grundstimmung der christlichen Religion zu einer nihilistischen Einstellung zum eigenen Leben. >So zu leben, dass es keinen Sinn mehr hat zu leben, das wird jetzt zum Sinn des Lebens ... Nihilist und Christ, das reimt sich nicht bloss..< (https://ursulahomann.de/NietzscheUndDasChristentum)

 

Nihilismus heißt hier Entwertung der irdischen, sichtbaren Welt, der Natur, jeder Wirklichkeit zugunsten eines Jenseits, das, was Nietzsche Nihilismus nennt. Bei ihm heißt das: Glaube heißt Nicht-wissen-wollen, was wahr ist, - sondern glauben, was einem aufokroyiert wird. Zu Nietzsche zu ergänzen ist, dass Glauben auch Nicht-Aushalten-Können des existentiellen Nichtwissens des Menschen ist. Damit verschwindet die jesuanische Kritik an der jüdischen Priesterreligion und wird ersetzt durch ihre christliche Wiederauferstehung. Der strafende Gott kehrt zurück und mit ihm die Priester und die Sündenkataloge. Der nunmehr christianisierte und dann theologisierte Jesus wird zugleich zum Propheten der kleinen Leute umfunktioniert, die nun wieder vor der Obrigkeit zu ducken haben.

Bei Nietzsche heißt das: Paulus konnte im Grunde das Leben des Erlösers überhaupt nicht brauchen - er hatte den Tod am Kreuz nötig und etwas mehr noch..(...) Ein Gott für unsere Sünden gestorben: eine Erlösung durch den Glauben: eine Wiederauferstehung nach dem Tod - das sind alles Falschmünzereien des eigentlichen Christentums, für die man jenen unheilvollen Querkopf(Paulus)verantwortlich machen muss. (so zusammengestellt in: siehe oben) 

 

Die zentrale Botschaft der Kirche heißt dann: Gehorsam gegenüber den irdischen und gottgewollten Machtstrukturen, nämlich Herrscher, Vorgesetzte und Priester, völlige Hoffnungslosigkeit gegenüber irgendeiner "Erlösung" in der wirklichen Welt, komplette Vertröstung auf ein Jenseits, für dessen Zugang die totale Unterwerfung unter geistliche und weltliche Herren vonnöten ist.

Hatte der evangelische Jesus in seiner Verachtung alles irdisch nicht absolut Lebensnotwendigen die Beschäftigung auch mit institutionalisierter kultischer und weltlicher Macht abgelehnt, so wurde daraus in kompletter Verdrehung die Hochachtung dieser Machtstrukturen als göttlich gewollt, ja christlich darum wünschenswert. Daraus ergibt sich das enge Bündnis von Kirche und Macht bis in unsere heutigen, ansonsten nicht einmal in irgendeinem Sinne mehr christlichen Tage.

 

 

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Der unübersehbare Grundwiderspruch des entstehenden Christentums ist der zwischen der Verheißung der baldigen Wiederkehr des Jesus als Christus bei Paulus und in den Evangelien und der Tatsache, dass diese nicht eintritt.

Damit werden die radikalen Forderungen dieses Jesus der heiligen Texte für die meisten obsolet, ihre Geschäftsgrundlage entfällt sozusagen.

Genau daraus nun begründet sich aber der Aufstieg der Kirche. Sie ersetzt das Heilsversprechen Jesu durch ihr eigenes, durch die Etablierung ihrer magisch-sakramentalen Macht. Mit dieser gewinnt sie ein Eigenleben und Eigeninteresse, welches sie in ihre Integration in den antiken Machtapparat einbringt. Im Laufe der Jahrhunderte wird sie zum zentralen Erben der christianisierten antiken Welt. Der paulinische und evangelische Jesus verschwindet dahinter.

 

 

Die entstehende Christenheit nach dem Tode Jesu spaltet sich schnell in die wenigen auf, die bestrebt sind, mehr oder weniger seine Nachfolge anzutreten und in die Laien, die nicht bereit bzw. imstande sind, diesem Anspruch zu genügen. Der „Laie“ gehört zum griechischen laós, dem „Volk“, mittellateinisch laicus, was dann auch ungebildet heißt, wobei das Mittelalter in diesem Fall unter Volk eben die versteht, die sich mit der Nachfolge Jesu überfordert fühlen und darum weder Kleriker noch Mönche werden. Ihre Rechtfertigung beziehen sie daraus, dass es eben auch die Massen geben muss, die für die Frommen arbeiten und ihnen Nachwuchs produzieren.

 

Nachfolge Jesu: Sein Reich ist nicht von dieser Welt, es gilt möglichst alles „Weltliche“ (das „Fleisch“) von sich abzustreifen, um die Seele/den Geist auf die Ewigkeit vorzubereiten. Anders gesagt, alles Begehren ist auf dieses ewige Leben auszurichten. Essen und Trinken ist auf das schier Notwendige zu beschränken, ebenso die Kleidung. Besitz ist rundherum hinderlich, da er vom Streben ins Himmelreich ablenkt und abhält. Insofern wären die meisten, nämlich die produktiv Arbeitenden, mit ihrer relativ ausgeprägten Besitzlosigkeit für die Kirche vorbildlich, wenn ihre Armut nicht der Sehnsucht nach dem Himmelreich, sondern den natürlichen Gegebenheiten und den gewaltsam aufrechterhaltenen Machtstrukturen geschuldet wäre. Und bei ihnen wird die Kirche auch nicht einmal eine sonderlich "christliche" Sublimierung des Geschlechtstriebes durchsetzen können.

 

Für die Laien vom König bis zum von einem Herrn abhängigen Landbearbeiter ist der Klerus zuständig. Kléros ist im Griechischen das Los, das einen trifft, und es meint nun das selbst erwählte Los des „Geistlichen“, von dem erwartet wird, dass er lesen und schreiben gelernt hat und wenigstens Teile der Heiligen Schrift und der kirchlichen Dogmen kennt. Als „Hirte“ hat er die „Herde“ der Laienschar zu betreuen und für deren unsterblichen Teil, die „Seele“ zu sorgen.

Dieser „geistige“, vom Körper umfangene und kontaminierte Teil des Menschen landet nach dem Tod entweder (nach Anbruch des Jüngsten Gerichtes, wie es in der mittelalterlichen Interpretation der Apokalypse des Johannes beschrieben wird) in der ewigen Seligkeit, oder aber er erleidet ewige Höllenqualen. Der Klerus unterweist die Laien auf dem Weg zur ewigen Seligkeit, die auch die Annahme der magischen Kräfte der Sakramente einschließt, und er sollte eigentlich selbst ein exemplarisch heiliges Leben in der Nachfolge Jesu leben, was in der Praxis aber eher selten bleibt.

 

Priester sollen nach Heiligkeit streben, nach Minderung allen "fleischlichen" Begehrens zugunsten von Vergeistigung. Aber im Unterschied zu den später aufkommenden Mönchen flieht der (Welt)Klerus nicht die Welt, denn er soll den Laien, den Schafen der christlichen Herde, als Hirte dienen und ihnen ein besseres Jenseits bei Folgsamkeit versprechen. Zu diesem Zweck verfügen die Priester über die Sakramente und haben damit den Mönchen etwas voraus. Die Mönche wiederum (und die Nonnen) besitzen den Vorzug, nicht durch den Kontakt mit "der Welt" ständig den Gefahren massiver Kontaminationen ausgesetzt zu sein.

 

 

Die Gemeinde hat zunächst kaum ein eigenes Gebäude, aber doch einen Raum, indem man sich trifft. Organisiert werden die Treffen von Presbytern, Ältesten, die später auf deutsch Priester heißen werden. Und solche Versammlungen im Raum einer civitas mit ihrem erheblichen Umland werden bald vom einem übergeordneten episcopos beaufsichtigt, der auf deutsch dann zum Bischof wird.

So bekommen die Gemeinden Vereinscharakter, sie richten Ämter ein, eine Hierarchie entsteht, die zur Kirche wird, kyriakon, dem Haus des „Herrn“, und ekklesia, der organisierten Versammlung der Gläubigen. Kirchliche Ämter entwickeln ein Eigenleben und werden zugleich aufgewertet durch die Anzahl der ihnen zugeordneten Menschen. Anstatt bloß in der Erwartung der Wiederkunft Gottes zu leben und sich auf diese vorzubereiten, wie es einst Paulus verlangte, richtet man sich im Erdenleben ein und macht die ersten Kompromisse mit der Wirklichkeit.

 

Wenn man aber mehr Gläubige schaffen möchte, tritt man in Konkurrenz zu den antiken Kulten. Solche frühe Versammlungen sind für die meisten Menschen im Vergleich mit den römischen und griechischen Kulten mit ihren Zeremonien, dem Nebel des Geheimnisvollen und den sie begleitenden Festivitäten eigentlich nicht sehr attraktiv. Und so wird das dort veranstaltete Gedächtnismahl für das letzte Abendessen des "Herrn" mit seinen Aposteln immer stärker magisch aufgeladen, wobei dem Presbyter steigende Bedeutung zukommt. Ein Altar muss her, nicht mehr der nebenan, bei dem Tiere geopfert werden, sondern einer, an dem zeremonielle Gegenstände, die heilige Schrift und was auch immer abgelegt werden können. Immerhin haben die Christen ja auch ein Opfer, das ihres Gottes am Kreuz, welches man feiern kann. Und hatte nicht Jesus kurz vor seinem Tode gesagt, wie man lesen konnte, dass man sich beim Essen und Trinken an ihn erinnern sollte, den Wein wie sein Blut und das Fleisch wie sein Fleisch betrachten solle, um sich seines Opfertodes ganz handfest gemeinschaftlich zu erinnern?

 

Auf diese Weise entsteht langsam die Messfeier, in die sich nach und nach die Vorstellung einschleicht, dass sich dabei irgendwie Wein und feste Nahrung in Fleisch und Blut Jesu verwandeln, etwas, was allerdings erst im 11. Jahrhundert zum Dogma werden wird. Dafür sitzt man nicht mehr einfach weiter am runden Tisch und isst und trinkt, sondern der Priester reicht von der Altarseite aus besondere symbolische und darum kleine Portionen. So entsteht der zunehmend magisch besetzte Kirchenraum, in dem sich Priester und Gemeinde gegenübersitzen und später dann gegenüberstehen.

 

Mit der magischen Note, die das bekommt, beginnt das Sakramentalisieren bzw. Weihen von Speis und Trank und dann des Raumes, in dem das alles geschieht. Und wenn schon die Gemeinde immer mehr an Heiligkeit verliert, dann muss doch wenigstens der Priester daran gewinnen. Wie Jesus und seine Apostel soll er möglichst unbeweibt sein und seinen Geschlechtstrieb im Zaume halten. Er soll außerdem besitzlos sein wie Jesus; Spenden gehen dafür an die Institution und damit an Gott, wie auch bei den Heiden. Auf diese Weise soll er eine Art bezahlter Beamter der Gemeinde werden, den diese zu finanzieren hat. Das Priestertum der heidnischen Antike zieht so in neuem Gewand wieder ins Christentum ein.

 

Aus dem Ältesten, presbyteros der Gemeinde, wird also der Priester, und aus dem Aufseher über eine Anzahl Gemeinden, episcopos, der Bischof. Vollgültiger sacerdos wird dabei nur der Bischof, der alleine Priester und Kirchen weihen darf mit den magischen Kräften des Bindens und Lösens und ihrer Schlüsselgewalt, was sie zu direkten Nachfolgern der Apostel mit fast deren Status macht.

Auf diese Weise entsteht etwas noch nie dagewesenes, was auf deutsch später Kirche heißt, ursprünglich ekklesia, griechisch für eine Menschenversammlung, dann ein institutionalisierter und zunehmend in Bistümern zentralisierter Apparat beamteter Priester, überall im Reich einigermaßen gleich, denn es geht um denselben einen Gott und dieselbe eine heilige Schrift. Kirche entsteht also aus der Trennung von Priesterschaft und Gemeinde, also den Laien einerseits, und der Abspaltung eines monastischen Lebens als Eremit oder im Kloster andererseits.

Und im römischen Reich mit seinen städtischen Strukturen passt diese Kirche sich an die vorhandenen Strukturen an: Der Priester vor Ort, der Bischof für das ganze Territorium der civitas, der Metropolit darüber für mehrere civitates, bald auch archiepiscopus in latinisiertem Griechisch genannt und schließlich Erzbischof im Deutschen. Darüber wölbte sich noch das Patriarchat, und unter deren mehreren wird das von Rom für den lateinischen Westen nach und nach die Oberhand gewinnen, während die anderen später dem Islam bzw. der Bedeutungslosigkeit zum Opfer fallen.

 

Und es braucht darüber hinaus eine attraktivere Botschaft als die Vertröstung auf eine immer fernere Zukunft. Die entstehende Kirche beginnt also, ihre neuen Mittel als Mittler zu Gott anzubieten, die an die Stelle Jesu treten. Ohne sie ist jetzt kein Heil und nur bei ihr ist jedwede Wahrheit.

 

Aus dem nicht mehr greifbaren Erlöser wird also die Kirche zum Erlöser, zum Mittler zwischen "Gott" und den Menschen. Mit dieser Macht ausgestattet, entscheidet sie nun zwischen heiligen und zu vernachlässigenden Texten des ersten Jahrhunderts und verändert dabei ihre Substanz immer mehr zu jener Religion, die dann bald als die der "Christen" immer doktrinärer fixiert wird.

 

Begründet wird das alles dann durch das sicherlich später eingefügte (angebliche) Jesuswort an Petrus als Auftrag zur Kirchengründung, dem sowohl paulinische Texte wie die Apostelgeschichte mit ihrer Erwartung der Wiederkunft des Herrn widersprechen. Aber da es sich hier um die einzige Rechtfertigung der Macht einer hierarchisch gegliederten Institution handelte, überstieg es wohl das kritische Denkvermögen der Beleseneren in der Kirche und natürlich ihre handfesten Interessen, daran zu zweifeln.

 

Tatsächlich hat wohl der Autor ausgerechnet den ob seiner Gewalttätigkeit von Jesus gerügten Petrus dazu ausersehen, weil sein griechischer Name (petros lässt sich als Fels übersetzen) sich für das Wortspiel eignete, er sei der Fels, auf den Jesus baue: et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam (…) Et tibi dabo claves regni coelorum, et quodcunque ligaveris super terram, erat ligatum et in coelis, et quodcunque solveris super terram, erit solutum et in coelis (Matthäus XVI,18f: Und ich will dir die Schlüssel zum Himmelreich geben. Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.)

 

Die griechische ekklesia ließe sich problemlos als schlichte Versammlung der Gläubigen übersetzen, was sie wohl auch am Anfang war, wenn nicht die enorme Macht, die Petrus dann überantwortet wird, als die fast eines christos beschrieben wird, was auf eine bereits etablierte Kirche verweist, die für Jesus kurios gewesen wäre, der ausdrücklich im selben Evangelium darauf verweist, dass er kein Religionsgründer, sondern „Erfüller der Schrift“ der Juden sein möchte. Aber eine kritische Lektüre der Evangelien war undenkbar, und eine vernunftgemäße Interpretation war zwischen Augustinus und Abaelard ebenfalls nicht möglich.

 

Da man nun erzählte, dieser Petrus sei in Rom als Haupt seiner Gemeinde (so wie auch Paulus) als Märtyrer gestorben, verstärkte das jene Begründung einer herausragenden Rolle der Stadt, deren tiefster Grund die Tatsache war, dass es sich um die Hauptstadt des Weltreiches handelte, welches für ein Christentum und die entstehende Kirche zu gewinnen war. Daraus resultierte die für uns heute erstaunliche Behauptung, die Christianisierung sei von Rom ausgegangen.

 

Die vermutlich spätere Einfügung in Matthäus 16 begründet dabei nicht nur nachträglich die Entstehung einer Kirche, sondern eben auch die Macht derer, die sich selbst als Nachfolger Petri bezeichnen. Wenn der evangelische Jesus angeblich Petrus die Macht "zu binden und zu lösen" gibt (im Himmel wie auf Erden), dann lässt sich daraus ein totaler Machtanspruch ableiten. Andererseits lässt sich schon aus Paulus und dann aus Matthäus ein Nebeneinander geistlicher (privater) und weltlicher (öffentlich römischer) Mächte ableiten.

 

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Dabei gelangt Christentum in Verhältnisse extremer Unterschiede von arm und reich, von Macht und Ohnmacht, und von neuen Auffassungen von einem guten und schlechten Leben. Vor allem bauen Römer alle ihre Vorstellungen auf ihrer spezifischen Auffassung einer patriarchalen Familie auf, und das Christentum kann daran nicht vorbei. Damit aber ist das jesuanische „lasst alles stehn und liegen und folgt mir nach“, ganz jüdisch offenbar ausschließlich an Männer gerichtet, nicht mehr aufrechtzuerhalten.

 

Mit der patriarchalen Familie und der Sorge um Frau und Kind ist der neu definierte Gott nicht mehr als alleiniger Orientierungspunkt fassbar. Und da er nicht mehr wiederkommt, kann man nicht auf Kinder für das eigene Alter verzichten, die Vorstellung einer Erlösung zu Lebzeiten schwindet. Zudem erkennt die Kirche, dass sie offenbar Nachwuchs für ihre Gemeinden braucht, um nicht auszusterben. Was davon bleibt, ist ein Kult der Jungfräulichkeit für besonders Auserlesene, die dann zum Zeichen ihrer Heiligkeit besonders gewandet vorne in der Kirche sitzen und der Prozession voranschreiten dürfen. Was wiederum mit zunehmendem Misstrauen begleitet wird, sind Leute, die sich ohne kirchliche Hilfe zum Beispiel als Eremiten ganz selbständig mit ihrer eigenen Heiligung und Erlösung beschäftigen.

 

Familie hieß nur für wenige ein Oberschicht-Dasein als Großgrundbesitzer, für die meisten bedeutet es stattdessen arbeiten und Geld verdienen, um in einer Welt allgemeiner Lohnarbeit oder als zunehmend abhängiger Bauer zu überleben. Und aus alledem erwächst dann das Bedürfnis nach den Tröstungen des fast genauso allgemein vorhandenen und eigentlich zutiefst unchristlichen Amüsierbetriebes. Und wer sonst nichts kann oder will, geht schon damals zum Militär und wird Soldat.

Das zweite Jahrhundert ist bereits voller Texte, die beklagen, dass man Christen und Heiden alltäglich immer seltener unterscheiden könne.

 

Von Konstantin bis zum Ende des Westreiches

 

Nachdem Diokletian abtritt und sich auf seinen Kaiserpalast zurückzieht, scheitert die Tetrarchie an der Machtgier von Augusti, Caesaren und jenen Söhnen, die meinen, nun zu kurz zu kommen. Es kommt immer wieder zu Bürgerkriegen, zu Mord und Totschlag - und ganz allmählich schleicht sich dabei die Idee ein, Religion, nämlich vor allem das Christentum, als propagandistischen Machtfaktor einzusetzen. Einer geht voran, indem er insbesondere für die Christen "religiöse" Toleranz zulässt, eine hochproblematische Entscheidung, denn Christen (und Juden) sind ihrem Wesen nach intolerant wie später mehr oder weniger auch der Islam. 

 

Am weitesten wagt sie dann Konstantin vor, unehelicher Sohn eines Tetrarchen und einer Gastwirtin (Helena), wie es heißt. Er beginnt nämlich, einen apollinisch gedachten Sonnengott mit dem Gott der Christen zu identifizieren und zum Gott seines Schlachtenglücks zu machen. Nachdem er (auf die üblich brutale Weise) Alleinherrscher geworden ist, beginnt er sich (selbst erst im Sterben getaufter "Christ") sich der christlichen Kirche zu bedienen, die mit ihren, mit den civitates deckungsgleichen Bistümern und übergeordneten Metropoliten sich als zentralere Reichsorganisation anbietet.

Die meisten, in der Regel der Oberschicht entstammenden, Bischöfe nehmen das Angebot dankbar an und fühlen sich aufgewertet, wenn sie beim Kaiser antichambrieren und sich ihm unterwerfen dürfen.

 

Dazu fördert Konstantin sie nicht nur, zum Beispiel mit monumentalen Basiliken, die nun als Kirchengebäude dienen, sondern er versucht auch, die Kirche von seinem Thron aus einheitlich auf Linie zu bringen, ihr also ein durchgängiges Glaubenskorsett zu verpassen. Auf diese Weise setzt er mit Unterstützung der Kirche auf einem Konzil in Nicaea ein Glaubensbekenntnis durch, welches versucht, die drei merkwürdigen Seinsweisen Gottes als Vater, Sohn und heiliger Geist dahingehend zu klären, dass die dreierlei und doch eines seien.

Inzwischen ist die Kirche zum Leidwesen des Imperators darüber heftig zerstritten und wird es auch bleiben. Zwischen einem Bischof Alexander und seinem Nachfolger Athansaius einerseits und einem dortigen Presbyter Arius bricht ein heftiger Streit darüber aus, ob der Vater und der Sohn (beide Gott) wesensähnlich oder wesensgleich seien. Dieser Streit wird andauern, bis die ganze Westkirche katholisch (allgemein), also antiarianisch ist und die Ostkirche orthodox (rechtgläubig im Unterschied zu den Katholiken).

 

Viele weitere, manchmal auch blutig ausgetragene Streitereien in der Christenheit kommen hinzu. Konstantin selbst ist christlich eigentlich nur in der Übernahme des jüdischen, nunmehr christlichen Kriegsgottes und in der Unterstützung einer einheitlichen Kirchenstruktur. Immerhin nimmt das Christentum nun rapide zu und gewinnt bald in ersten östlichen Städten die Mehrheit.

 

Nach Konstantin bleibt der Druck aus Persien im Osten und der der Germanen im Westen. Beide Reichsteile entwickeln sich stärker auseinander. 

Im Heer nehmen Vertreter fremder Völker zu, Mitte des 4. Jahrhunderts sind bereits die Hälfte aller Heermeister Germanen, am Ende des Jahrhunderts fast alle.

Eine Verband von Franken wird in Nordgallien als eine Art Wehrbauern angesiedelt. Alemannen überrennen gelegentlich die Grenze.

Um 370-80 überrennen Goten, auch getrieben von den Hunnen, die Ostgrenze und vagabundieren dann im europäischen Teil des Ostreichs.

 

Kleinpächter auf den Latifundien laufen fort und Sklaven aus dem Gutsbesitz. Die bäuerlichen Pächter stellen sich auch wegen des Steuerdrucks unter das Patrozinium (den Schutz) großer Grundbesitzer, werden immer stärker an die Scholle gebunden und nähern sich im Rechtsstatus den Sklaven an.

Alle für die Versorgung wichtigen Gewerbe wie die Bäcker und die für den Getreidetransport wichtigen Schiffer werden an ihren Beruf und dessen Vereinigungen gebunden.

 

Unter Theodosius wird das Christentum nach und nach Staatsreligion, was Christen nun zur Verfolgung "Ungläubiger" bis hin zu Mord und Totschlag einlädt.

Dieser Kaiser schickt Arbogast nach Gallien, um einen Usurpator zu unterwerfen. Danach herrscht er praktisch im eigenen Namen und ernennt seinen eigenen Westkaiser. Theoderich schickt ein Heer mit einer visigotischen Abteilung unter Alarich, und nach dem Sieg wird Stilicho im Westen mächtig.

 

Nach 405 dringen unter anderen Sueben und Vandalen in Gallien ein, plündern und verwüsten dort, um sich schließlich im Westen Hispaniens niederzulassen. Bald danach ziehen Visigoten unter Alarich durch Italien, plündern Rom und werden schließlich in Südwestgallien angesiedelt. Kurz darauf wird Britannien aufgegeben.

 

Kriegerische Unruhen, Plünderungen und Seuchen lassen die Bevölkerung vor allem auch im Westreich immer mehr sinken.

 

 

Kloster (derzeit in Arbeit)

 

Der Weg der Entstehung von Klöstern führt nicht über die Kirche, sondern über Einsiedler, die jene Welt fliehen, welche die Kirche nur (bald zusammen mit der "weltlichen" Macht) verwaltet. Alles auf die (irdische) Welt gerichtete Begehren soll dabei auf das zum Überleben Notwendige reduziert werden, damit der Mensch weitgehend zu jenem Geistwesen wird, als welches allein er dann ja nach dem Tod in die himmlische Gegenwart Gottes gelangen kann. Diese Übung heißt im Griechischen wie auch andere askesis.

 

Grundsätzlich hinderlich auf dem Weg der wenigen Frommen ist der menschliche Geschlechtstrieb, und zwar laut den Kirchenvätern (insbesondere Augustinus) deshalb, weil er mit dem ersten Sündenfall der Willkür der Menschen entzogen wurde: Das sexuelle Begehren überfällt die Menschen eben auch völlig gegen deren Willen. Damit hält es vom Weg in die ewige Seligkeit ab, der vor allem ein Weg möglichst kontinuierlichen Gebetes ist, um den Anfechtungen des Leibes zu entkommen.

Der Weg in die Heiligkeit als Nachfolge eines nicht mehr anwesenden und so bald auch nicht mehr wiederkehrenden Jesus führt konsequenterweise in die Absonderung von den Menschen, besonders der Männer von Mädchen und Frauen.

 

Klöster entstehen ursprünglich aus dem geregelten Zusammensiedeln von Einsiedlern in einer abgeschlossenen Ansiedlung, wie es schon im Konzept des ägyptischen Pachomius in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts vorgesehen ist. Die Askese als Weg zu Gott soll von der Selbstversorgung des Einzelnen zu der Autarkie der klösterlichen Gemeinschaft übergehen.

 

Der namensgebende Kern eines Klosters als Ort der Weltflucht ist deshalb das claustrum, der von der (übrigen) Welt abgeschlossene Gebäudeteil, die Klausur eben, die den Mönchen alleine vorbehalten ist. Aus ihm ist für die Mönche mit der übrigen Welt auch das weibliche Geschlecht ausgeschlossen, und damit jenes Werkzeug des Teufels, welches sie vom Erstreben des ewigen Lebens abhält (und vice versa natürlich auch).

Die Idealvorstellung des benediktinischen Klosters nach seinem Regelwerk wird dann jene Autarkie, die es aus der Welt herausheben soll. In seinen Mauern ist man Gott nah und zumindest den Engeln ähnlich, was außerhalb nicht möglich sein kann. Die Klosterpforte mit einem bewährten Mönch als Pförtner soll vor allem die "Welt" draußen halten. Gästen soll die Klausur, der engere Klosterbereich, verschlossen bleiben. Mönche wiederum sollen in der stabilitas loci nicht außerhalb des claustrum wohnen oder sich aufhalten.

 

Abgeschlossen von der "Welt" heißt nicht, dass Klöster nicht in der Nähe von Städten entstehen, was in Gallien sehr häufig der Fall ist. Solche, die wie Columbans Luxeuil tatsächlich in einer einsamen Gegend entstehen, werden, so sie berühmt werden, durch Besucher an die "Welt" angeschlossen. Anderen schließt sich im Laufe der Zeit eine Handwerker- oder sogar Kaufleutesiedlung an. was bis zur Gründung einer Stadt führen kann (neben vielen anderen St.Gallen)

 

Schon vor dem Regelwerk von Benedikt von Nursia besteht der Alltag im Kloster aus Beten, dem Singen von Psalmen, der Lektüre heiliger Schriften, schließlich der Vermeidung fast jeglichen Gespräches, wodurch der monachos erreichen sollte, auch in der Gemeinschaft ein wenig einsam zu sein und dem Gerede und dem Geschwätz des Laienalltags zu entkommen.

 

 

Bevor Klöster in der Francia groß und mächtig werden, sind sie oft als überschaubare Einheiten in ehemaligen römischen Gutshäusern auf dem Lande untergebracht. "Der von einem Kreuzgang eingefasste Klosterhof, den man im westlichen Europa überall findet, hat sein Vorbild in dem offenen Säulengang, der sich in der Mitte jedes römischen Landhauses befand." (Brown2, S.177) Besitz gab es zunächst kaum, nur eine Bibel war mit Sicherheit vorhanden, und das Nachsinnieren über die Inhalte dieser heiligen Schrift war neben dem Gebet eine der Hauptaufgaben.

 

Neben der zunehmend von einer Oberschicht kontrollierten Kirche und unabhängig von ihr entstanden, entwickelt diese bald das Bedürfnis, sich die Klöster zu unterwerfen, um zu verhindern, dass dort ein konkurrierendes Christentum entsteht. Als der bald heilige Martin in und bei Tours laut den wenigen erhaltenen Nachrichten Bischofsamt und Mönchtum in einer Person verbindet, ist dieser Weg auf eine besondere Weise gewiesen. (siehe …)

 Nach Anerkennung von Klöstern durch eine von ihren Machtpositionen her aristokratische Kirche werden sie durch Spenden und dann sogar von weltlichen Herren betriebene Klostergründungen samt weltlicher Ausstattung verändert. Sie besitzen nun eine innere Klausur, in die nur Mönche hineindürfen, eine äußere Ummauerung oder wenigstens Abgrenzung, die über den inneren spirituellen Bereich hinaus der allgemeinen Lebensführung der Mönche dient, und dann zunehmend draußen Großgrundbesitz samt darauf lebenden Arbeitskräften, und zwar im Prinzip so wie weltliche Herren und oft in wesentlich größerem Umfang.

 

Ähnlich wie diese weltlichen Herren, die aus ihrem großen Grundbesitz idealiter (fast) alles abschöpfen, was sie zu ihrer Lebensführung brauchen, können sich auch Klöster selbst versorgen, was aber beide Seiten nicht davon abhält, Überschüsse zu verhandeln bzw. nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten Luxusgüter einzuhandeln.

Klöster werden so auf dem Weg ins frühe Mittelalter oft potente Wirtschaftsunternehmen, die von gleichgeschlechtlichen, sehr autoritär strukturierten Kollektiven betrieben werden. Mit dem weithin im Dunkel der Geschichte der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts verbleibenden Benedikt von Nursia taucht dann ein Regelwerk auf, welches er für sein Kloster Monte Cassino geschrieben haben soll, und welches das Klosterwesen durch seine Vorbildstellung verändert und vereinheitlicht.

 

Die Idealvorstellung des benediktinischen Klosters nach seinem Regelwerk ist jene Autarkie, die es aus der Welt herausheben soll. In seinen Mauern ist man Gott nah und zumindest den Engeln ähnlich, was außerhalb nicht möglich sein kann. Die Klosterpforte mit einem bewährten Mönch als Pförtner soll vor allem die Welt draußen halten. Gästen soll die Klausur, der engere Klosterbereich, verschlossen bleiben. Mönche wiederum sollen in der stabilitas loci nicht außerhalb des claustrum wohnen oder sich aufhalten. Müssen sie das Kloster doch vorübergehend mit Erlaubnis des Abtes verlassen, gilt folgendes, um nicht allzu sehr durch die Begegnung mit der "Welt" Schaden zu nehmen:

Von der Reise zurückgekehrt, sollen sich die Brüder noch am selben Tag zu allen kanonischen Gebetsstunden am Schluss des Gottesdienstes zu Boden werfen und alle um ein Gebet bitten um der Fehler willen, die ihnen vielleicht auf der Reise durch Sehen oder Hören von etwas Bösem oder durch unnützes Reden unterlaufen sind. Und keiner nehme sich heraus, einem anderen alles zu berichten, was er außerhalb des Klosters sah und hörte; denn das richtet großen Schaden an. (67)

 

Je hochgesonnener das Ideal, dessen Basis die Regeln des Benedikt bleiben, desto mehr weicht die Wirklichkeit von ihm ab. Das quälendste Thema ist durchgehend die Bewältigung des Geschlechtstriebes, die schon Benedikt zu detaillierten Anordnungen veranlasste, wie denen des Verbringens der Nacht: Jeder soll in einem gesonderten Bett schlafen... Wenn möglich sollen alle in einem Raum schlafen... In diesem Raum soll ständig ein Licht brennen bis zum Morgen. Sie sollen angekleidet schlafen... Die jüngeren Brüder sollen ihre Betten nicht nebeneinander haben, sondern zwischen denen der älteren. (22)

 

Das Funktionieren der Kasernierung von Männern (oder Frauen) auf engstem Raum verlangt nach Strukturen von bedingungslosem Gehorsam, auch wenn dies die Klöster nicht zu dauerhaft konfliktfreien Räumen macht, wie sich dort nachlesen lässt, wo solche Konflikte, die durchaus auch gewalttätig sein konnten, nach außen dringen. Aber der innerklösterliche Alltag war den Zeitgenossen draußen wie uns heute weitgehend verschlossen. Interna dringen selten nach außen.

 

In Weiterentwicklung anderer Klosterregeln wird im benediktinischen Text der Weg in die Integration in die neuen weltlichen Zusammenhänge betrieben. Aus der radikalen wird eine moderate Weltflucht, die der Askese ein wenig ihre früher hochgelobte Lebensfeindlichkeit nimmt.

Heiligende anachoretische Bedürfnislosigkeit konnte bislang als hygienische Verwahrlosung und schierer Müßiggang (miss?)verstanden werden, wie man noch beim geheiligten Hieronymus nachlesen kann. Benedikt hebt den Lebensstandard, was Sauberkeit, Ernährung und ähnliches angeht, und lehnt Betätigungslosigkeit („Müßiggang“) als der Heiligung schädlich ab. Mönche sollten sich von nun an arbeitsteilig um die gemeinsame Haushaltsführung kümmern, um Kochen, Backen, Putzen, Gärtnern, um Handwerkliches usw. Das so entstehende Arbeitsethos (Arbeit vertreibt das Böse) wird bis tief in die Geschichte des Kapitalismus hinein wirkmächtig bleiben, auch wenn Klöster immer wieder dazu neigten, große Teile produktiver Arbeit auszulagern.

 

Nun wird das täglich siebenmalige gemeinschaftliche (Pflicht)Gebet in den Mittelpunkt des klösterlichen Lebens gerückt. Dazu kommt später die gemeinschaftliche Veranstaltung der Messe, was eine (Kloster)Kirche zum baulichen Zentrum der Einrichtung macht. Mit dem Kirchengebäude rückt das Kloster aber der Institution Kirche näher, während der Eremit und so manche klösterliche Gemeinschaft beider bislang nicht bedurften. Die kirchlich geweihte Kirche braucht den geweihten Priester, einen kirchlichen Beamten also, denn Klöster sind bei aller Autonomie in die kirchliche Organisation eingebunden. Kein Wunder, dass Papst Gregor der Große in seiner Generationen später geschriebenen Heiligenlegende so von diesem Benedikt beeindruckt ist.

 

Bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Abt:Im Kapitel 71 heißt es:

Wenn jemand merkt, dass der Obere gegen ihn erzürnt ist, werfe er sich sogleich ohne Zögern auf den Boden und bleibe zu seinen Füßen liegen und leiste solange Genugtuung, bis sich die Erregung durch den Segensspruch gelöst hat.

 

Klöster waren ohnehin pädagogische Anstalten, in denen Menschen mit großer Mühe lernen sollten, ihr Leben ganz Gott und der Erlangung von Heiligkeit zu widmen. Dazu stehen Mönche unter fast ständiger Aufsicht, bei Verstößen gegen die Ordnung folgt sofortige Bestrafung, bis zur körperlichen Züchtigung.

Schon bei Benedikt steht, dass auf Ungehorsam gegen eine Klosterregel zweimalige Ermahnugn folgt, dann folgt die öffentliche Zurechtweisung, ist diese nutzlos, folgt der Ausschluss vom gemeinsamen Essen und vom Chordienst. 

Im Kapitel 43 legt er zum Thema Pünktlichkeit fest: Kommt nun einer zur Feier der Nachtwachen erst nach dem Gloria des 94. Psalms, den wir deshalb sehr gedehnt und langsam gesungen haben wollen, stehe er nicht an seinem Platz im Chor, sondern als allerletzter oder an einem abgesonderten Platz, den der Abt für derart Nachlässige bestimmt hat, damit sie von ihm und allen anderen gesehen werden. Dort bleibt er, bis er am Schluss des Gottesdienstes durch öffentliche Genugtuung Buße tut.

 

Man stelle sich dieses Regelwerk für Mitglieder des hochmütigen fränkischen Adels vor! „,Angesichts des ausgeprägten, hochempfindlichen Standesbewusstseins und Ehrgefühls, das die Menschen jener Zeit und Gesellschaft leitete, bedurfte es einer allerdings heroischen Selbstverleugnung, sich dem Regiment eines Abts zu unterwerfen.“ (Brown in 2, S.176f)

 

Das gilt bis ins hohe Mittelalter noch mehr für Nonnenklöster, deren physisch handfestere Jungfräulichkeit als besonders bedroht gesehen wird und für die sowieso größere Schutzbedürftigkeit angenommen wird. Deswegen werden Nonnen auch noch konsequenter eingesperrt als Mönche. Im Kloster wird also in enormer Detailliertheit etwas gelernt, was in der Grundherrschaft für die, die nicht Herren, sondern Knechte sind, alltägliche Wirklichkeit ist: Unterordnung, Unterwerfung, Gehorsam, der Kern jeder Herrschaft und Staatlichkeit.  

 

Autoritäre Strukturen: Es gibt die uneingeschränkte Unterordnung unter den Abt, den dominus (Herrn) und abbas (hebräisch für Vater), aber auch die Kompetenzen der Ämter darunter, des Dekans als Stellvertreter des Abtes und des Probstes (praepositus) als Aufseher über die wirtschaftlichen Belange sowie solcher für die alltäglichen Belange des klösterlichen Lebens wie das des Zellerars für Geräte, Kleidung und Lebensmittel-Vorräte. Schließlich gibt es die Autorität des Älteren für den Jüngeren: "Der Jüngere sollte dem Älteren stets Platz machen und sich erst wieder setzen, wenn der Ältere es ihm gestattet." (Goetz, S.93)

Die Selbstdisziplin des Eremiten wird hier also ergänzt bzw. ersetzt durch die ständige Kontrolle der Mitbrüder und der Vorgesetzten, was sicher nötig ist, um so viele natürliche Regungen zu unterdrücken. Hilfreich dazu ist sicher auch der gemeinsam begangene Teil des Tages mit Beten/Gesang, Schlafen und Essen. Der Rest soll mit Lektüre und eher leichter Arbeit verbracht werden, wozu Gartenarbeit, leichte handwerkliche Tätigkeiten und Schreibarbeit gehören, wozu auch für einige Krankenpflege, Armenfürsorge und Küchendienst kommen.

 

Neben das siebenmalige Chorgebet mit Psalmen, Lobgesängen, Hymnensingen und Bibelstellen und neben die tägliche Messe tritt für den benediktinischen Mönch die tägliche Versammlung in dem Saal, in dem dann unter anderem von dem Lektor ein Kapitel der Benediktsregel vorgelesen wird. Danach werden die Dienste der Mönche eingeteilt, d.h. vorgelesen. Todesfälle von Mönchen und Stiftern werden bekanntgegeben, danach müssen sich Mönche eigener Verfehlungen anklagen bzw. die anderer denunzieren. Der Abt entscheidet, befiehlt körperliche Züchtigungen, die dann vor allen ausgeführt werden, oder Ausschluss vom gemeinsamen Mahl oder von der Kommunion. Ansonsten hält der Abt Ansprachen oder Vorträge, verkündet Neuigkeiten aus der Welt der Kirche und der weltlichen Macht. Zudem können hochgestellte Potentaten beim Kapitel anwesend sein.

 

In mancher Hinsicht wirkt das frühe Kloster wie ein Übungsfeld für Aspekte des Kapitalismus. Da ist der absolute Gehorsam, der sich in dem Machtverhältnis zwischen Kapital und Arbeit wiederfindet, da ist die Betonung der Pünktlichkeit und die genaue Einteilung der Abläufe jeden Tages, die immer wiederkehrt, und da ist die Arbeitsdisziplin. Otiositas inimica est animae, Müßiggang ist der Feind der Seele, heißt es schon in den Benediktregeln (48). ...deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Zeiten mit heiliger Lesung beschäftigt sein. Und weiter: Wenn aber örtliche Umstände oder die Armut es erfordern, dass sie sich selbst mit der Erntearbeit abgeben, sollen sie sich nicht betrüben, denn sie sind dann wahrhaftig Mönche, wenn sie von ihrer Hände Arbeit leben...

 

Man liest schon hier richtig: Armut (paupertas) ist zwar ein jesuanisches Ideal, aber keines mittelalterlicher Mönche. Die Eigentumslosigkeit des Einzelnen korrespondiert nämlich mit dem grundsätzlichen Willen zu Reichtum und Macht des Kollektivs.

 

 

Für fromme Christen war der Mensch mit dem Sündenfall zu einer Missgeburt geworden, die überhaupt nur durch die Annahme des Opfertodes Jesu die Chance der Erlösung "von dem Übel/Bösen" erreichen kann. Durch die Annäherung an ein Leben im Heil soll diese Gnade Gottes angenommen werden. Durch ihre Fürbitten beziehen die Mönche (und Nonnen) die Laienschar in ihr die Menschen heilendes (heiligendes) Werk mit ein. Dieses Gebet für die Sünder draußen begründet die Schenkungen der weltlichen Mächtigen, die so die Angst vor dem Gericht nach dem Tod und die vor den Höllenqualen verringern kann.  

 

Da Klöster durch Schenkungen über großen Grundbesitz mit abhängigen bis unfreien Arbeitskräften verfügen und zudem sehr viel Handwerk an Laien delegierten, eignen sie sich für eine Mischung aus ritualisierter Frömmigkeit und fromm-aristokratischer Lebensweise insofern, als sie sehr viel Handarbeit delegieren. Sie werden so auch zu einem standesgemäßen Aufenthaltsort edelfreier Nachkommenschaft, die anderweitig für die Familien nicht günstiger unterzubringen ist, und da Klöster aufgrund ihrer wirtschaftlichen Macht zu politischen Machtfaktoren werden, versuchen mächtige Familien, dort die Abtspositionen einzunehmen und Klöster fast zu Familienunternehmen zu machen.

 

Einen ersten Höhepunkt erreicht diese Aristokratisierung der Klöster mit dem Aufenthalt des Iren Columban in Luxeuil in den Vogesen. Die meisten der zweihundert Mönche  dort entstammen den vornehmsten Familien Franciens, und das Kloster zeichnet sich durch ein religiöses Heldentum büßerischer Askese aus, welches das Heldentum fränkischer Krieger im Krieg fast übertraf. Dabei wird es zur Kadettenanstalt für zukünftige Inhaber reicher Bistümer des 7. Jahrhunderts wie Eligius, der ebenso reich war wie er heilig wird, oder Wandregesil, der St.Wandrille gründen wird.

Das Klosterwesen beginnt zu florieren, um 600 gibt es im Frankenland bereits etwa 120 Klöster, und hundert Jahre später sind es rund 450. Dazu gehören Doppelklöster wie Faremoutiers und Chelles, in denen schon mal Damen des Hochadels als Äbtissinnen über Männer und Frauen herrschen, eine für die Männer des fränkischen Adels dort besonders heiligmäßige Form asketischen Martyriums, wie zu vermuten ist.

Und manche Kloster werden reicher und reicher, denn der Bedarf an klösterlicher Gebetsarbeit und an Messen für die sündigen Familienmitglieder draußen steigt mit ihrem zunehmenden Sündenbewusstsein. 

 

Recht früh setzt sich die Tendenz durch, Kinder möglichst früh, nämlich mit oder vor Eintritt der Pubertät als Oblaten ins Kloster zu schicken. Kinder aufnehmen heißt eben auch, sie frühzeitig für ein Klosterleben erziehen und formen zu können. Von "spiritueller" Berufung kann dabei nicht die Rede sein. Das war aber nicht einfach nur manchmal eine Art Abschiebehaft von Teilen des Nachwuchses, der so versorgt wurde, diese Kinder sollen vielmehr lernen, lebenslang für die enge Verwandtschaft draußen zu beten und auch anderweitig deren Interessen drinnen zu vertreten. Schließlich waren Klöster schon in der Zeit der Karolinger ein enormer Machtfaktor.

 

Für den Adel und die Herrscher sind die Klöster nicht nur Machtfaktoren, sondern auch solche einer eigenartigen frühmittelalterlichen Religiosität. Als integraler Bestandteil von gewalttätigen Machtstrukturen und eines den offiziell hochgehaltenen Evangelien diametral widersprechenden Lebenswandels dienen sie der Delegation des Einhaltens christlicher Gebote. Mönche sind stellvertretend für den übrigen Adel einigermaßen so fromm und heilig, wie es die Kirche eigentlich vorschreibt. Darum können sie es übernehmen, durch kultische Handlungen wie Gebete und spezielle Messen dem Adel "draußen" in der Welt zu helfen, die Hölle zu vermeiden, jene, die sie auf Grund ihres Lebenswandels „eigentlich“ nach dem Tod erwartete, was wenigstens einige wohl auch glaubten.

"Die Mönche des Klosters Aadorf im Thurgau, des Hausklosters des Linzgaugrafen Udalrich im späteren 9. Jh., sollten beispielsweise täglich drei Messen und wöchentlich drei Psalter für die verstorbenen sowie eine Messe für das Heil der lebenden Familienmitglieder singen. Zunächst gedachte man der Eingetragenen einzeln, als deren Zahl aber überhand nahm, musste man sich mit einem summarischen Gedächtnis begnügen." (Goetz, S.76)

 

Nicht überall gab es da allerdings ein so beeindruckendes Spektakel wie in Centula nordwestlich von Amiens, wo der von Karl ("dem Großen") gesandte Laienabt Angilbert drei Mönchschöre organisierte, die sich unentwegt durch die Abteikirche und zwischen der Marienkirche und der dem hl. Benedikt geweihten hin und her bewegen und dabei den Lobgesang Gottes anstimmen. (Fried, S.352f). Aber überall sind sie der Ersatz für regulär sehr unchristliche Lebensführung "in der Welt".

 

Hatte die Familie eines weltlichen Großen ein Kloster gegründet, so kann man dort nachgeborene Söhne und ebenfalls Töchter in herausragender Stellung unterbringen. 852 gründet Graf Liudolf, Stammvater der Liudolfinger und Ottonen, das Kloster Gandersheim, und sorgt dafür, dass seine Töchter, die damals 12-jährige Hathumod, dann Gerberga und schließlich Christina, dieses leiten.

 

Naheliegend ist es dann natürlich auch, dass man dies Kloster zur Grablege der eigenen Familie macht, und so werden zum Beispiel Liudolf und Gemahlin Oda in Gandersheim begraben. Zudem wird der adelige Familiensinn und sein genealogisches Element gestärkt, wenn ihrer nach dem Tode in Kirche und Kloster regelmäßig gedacht wird, was man allerdings durch Stiftungen und Spenden vorher „bezahlen“ muss.

 

Neben dem wohlhabenderen Adel sind Klöster als Reichsklöster auch direkt den Königen unterstellt, entweder weil Könige sie selbst gegründet haben oder aber weil sie ihnen übertragen wurden. Um sie als Mittel zur Herrschaftsausübung nutzen zu können, erhalten sie Privilegien, wie 818 St.Gallen die freie Abtswahl (bei Zustimmungsrecht des Königs) und die Immunität durch Ludwig ("den Frommen").

"Damit war das Kloster unmittelbar dem König unterstellt und der Amtsgewalt des Grafen entzogen; die königlichen Amtsträger durften den Immunitätsbezirk zur Ausübung ihrer Amtsgeschäfte, etwa um Gericht abzuhalten oder Abgaben einzutreiben, nicht mehr betreten. Die Klöster wurden dadurch in ihrer Verwaltung autonomund durften selbst Gericht über die in der Immunität lebenden Menschen halten." (Goetz, S.84)

 

Dafür sind Reichsklöster zu Abgaben und dem servitium regis verpflichtet. 854 hat St.Gallen beispielsweise zwei Pferde und zwei Schilde abzuliefern. Zum Königsdienst gehört die Beherbergung und Verköstigung des Königs und seines Gefolges ähnlich wie in einer Königspfalz. Eine weitere Verpflichtung ist der Kriegsdienst, für den Äbte dem König Klostervasallen zuführen, oft genauso viele Panzerreiter wie Bischöfe. Äbte dienen darüber hinaus als Königsboten und anderweitig im Herrschaftsapparat.

"Abt Grimald von St.Gallen (841-72) war zugleich Abt von Weißenburg im Elsaß (einer ebenfalls bedeutenden Reichsabtei) und vor allem als Erzkanzler Ludwigs des Deutschen Vorsteher der königlichen Kanzlei und der Hofkapelle, die für den Gottesdienst am Hof ebenso verantwortlich war wie für den gesamten königlichen Schriftverkehr. Es ist begreiflich, dass er kaum noch im Kloster anwesend war" (Goetz, S.87)

 

 

Die Benediktregel ist weder bis Anfang des 9. Jahrhunderts als einzige für verbindlich erklärt worden, noch wird sie sonderlich genau eingehalten. Die einschneidendste Reform in Richtung genauerer Befolgung benediktinischer Pflichten beginnt ein fränkischer Grafensohn, der zu diesem Zweck in Aniane bei Montpellier ein Reformkloster gründet und sich selbst als Mönch ganz programmatisch in Benedikt umbenennt. Andere südgallische Klöster schließen sich seiner Reform an, was auf die Unterstützung Ludwigs (des Frommen) dort zurückgeführt werden mag. Als dieser 814 auf Vater Karl folgte, nimmt er Benedikt mit an den Hof. 816-19 wird dort neben der neuen und allgemeinverbindlichen Kanonikerregel eine entsprechende für die Klöster beschlossen. Und zwar wird das nun für alle eine streng ausgelegte Benediktregel, die sogar in den Details festgelegte "Gewohnheiten", consuetudines, absteckt. Damit wird das Ziel des "großen" Karl, Zentralisierung und damit Vereinheitlichung voranzutreiben, neben der Geistlichkeit auch für die Klöster gefordert. Das Problem ist nur, dass es wenig Mittel zur Durchsetzung gibt.

 

Die Aristokratisierung der Klöster, die zur Abschließung der fränkischen Klöstern von nichtadeligen Kreisen führt, tendiert natürlich dazu, der Arbeit möglichst viel Gewicht wieder zu nehmen, offiziell begründet durch den Wunsch nach stärkerer Spiritualisierung des klösterlichen Alltags, wie es Cluny eindrücklich als Dominanz des Liturgischen formulieren wird. Schon Benedikt von Aniane hatte zwei tägliche Hochämter und das Abbeten von 137 Psalmen durch jeden Mönch zur Pflicht erklärt.

 

Neben der wohlhabenderen Oberschicht und den Königen dient das Kloster über seine Kirche auch als Pfarrkirche und damit dem einfachen Volk. Im 9. Jahrhundert nimmt dabei die Zahl der geweihten Mönche als Kleriker erheblich zu.

"In St.Germain-des-Prés bei Paris bildeten die geweihten Mönche im 8. Jh. noch die Minderheit, im Laufe des 9. Jh. aber erreichte fast jeder Mönch im Laufe seines Lebens einen Weihegrad; im Jahre 838 waren in St.Denis 65% der Mönche geweiht; in St.Gallen besaßen 42 von den 101 Mönchen des Jahres 895 allein die Priesterweihe." (Goetz, S.77)

 

Damit verbunden wird die Tatsache, dass Klöster Schulen anschließen, die zunächst die eigenen Leute, insbesondere die als Kinder dem Kloster gegebenen pueri oblati unterrichten, zum anderen aber auch die Geistlichen des Weltklerus. In seiner 'Admonitio generalis' fordert Karl ("der Große") schon 789, dass jedes Kloster eine solche Schule und Schulbücher haben soll. Dazu passt, dass das Kloster einer ausgesprochenen Schriftreligion eine Bibliothek besitzt und eine Schreibstube, das scriptorium, in dem vor allem Texte kopiert werden.

 

Neben dem Kontakt mit dem einfachen Volk als Pfarrkirche nimmt der äußere Bereich des Klosters auch Pilger und Arme auf und verköstigt und (manchmal) bekleidet sie. Große Klöster besitzen für diesen Zweck Xenodochien, wörtlich Fremdenhäuser, von denen die Armenhäuser im 9. Jahrhundert abgetrennt werden. Solche karitativen Einrichtungen können auch der Versorgung von Kranken dienen.

 

Zu all den vielen Außenbeziehungen der Klöster kommen noch die Gebetsverbrüderungen einzelner Klöster miteinander.

"Am Beginn stand der sog. Totenbund von Atigny von 762: 22 Bischöfe, 5 Abtbischöfe und 17 Äbte verpflichteten sich dort gegenseitig, beim Tod eines der Verschworenen jeweils 100 Psalmen zu singen und 100 Messen (...) zu lesen.

(...) nach der Verbrüderung zwischen St.Gallen und der Reichenau (um 800) sollten die Priester beim Tod eines Mönchs aus dem anderen Kloster jeweils drei Messen lesen und die übrigen Brüder einen Psalm und eine Vigilfeier singen; am siebten Tag wurden dann noch einmal 30 Psalmen gesungen, am 30. Tag schließlich wiederum eine Messe gelesen bzw. 50 Psalmen gesungen." (Goetz, S.99)

 

 

Es waren übrigens vielleicht die Klöster, die neben dem König die sogenannte Villifikation mit ihrer Trennung in Salland mit Herrenhof, den für Klöster ein Verwalter übernehmen konnte, und der Verhufung von Bauernland vorantrieben. Klösterliche Grundherrschaften sind so weithin aus dem Aufgabenbereich der Mönche ausgegliedert, deren Arbeit sich auf Garten und Selbstversorger-Handwerk zurückzieht, was den Mönchen Zeit für Arbeit an ihrem Seelenheil gibt.

 

Finanziert werden Klöster und Mönche über fromme Spenden, dazu kommt das Arbeitsgebot des Benedikt in seiner Ordensregel. Zu der Handarbeit der Mönche selbst soll auch die von am Rande des Klosters angesiedelten Handwerkern kommen. Mit den Reformbeschlüssen von 816/17 soll der Anteil dieser Handwerker dann verstärkt werden, damit die Mönche sich stärker auf ihre geistlichen Ziele hin orientieren können. Der sogenannte St.Gallener Klosterplan, kurz darauf entworfen, benennt um die Klausur Brauerei, Bäckerei, Mühlen, ein Handwerkerhaus der Schuster, Sattler, Drechsler, Gerber, Schwertfeger und Schildmacher, Goldschmiede, Eisenschmiede und Walker. Im Bereich des Klosters Corbie werden viele verschiedene Handwerker erwähnt. Landarbeit über die beschauliche Tätigkeit in einem Klostergarten hinaus sollen abhängige Bauern leisten. Große Klöster reservieren darüber hinaus Hufen für Leute, die eben auch handwerkliche Produkte abzuliefern haben.