RÖMISCHE ANTIKE UND NACHANTIKE ("FRÜHES MITTELALTER")

 

 

Res publica

Kaiserreich

Jesus, Kirche und Christentum

Von Konstantin bis zum Ende des Imperiums im Westen

Merowingerreich

Karolinger

1000 Jahre Einübung in Herrenmenschentum und Untertänigkeit

 

 

Im Folgenden soll eine direkte Linie vom Römerreich bis zu den zunächst germanisch dominierten Nachfolgereichen beschrieben werden, die vor dem 10. Jahrhundert als Schwellenzeit hin zu kapitalistischen Strukturen endet. Dabei soll das Augenmerk dann auf das Frankenreich und die nördlichen Mittelmeer-Anrainer zwischen Italien und der iberischen Halbinsel konzentriert werden, also die wesentlichen Räume, in denen Kapitalismus entstehen wird. (Ausführlicher das alles in den Anhängen 2-4)

 

Res publica

 

Kapitalismus entsteht dort, wo einst der Nordwestteil des antikrömischen Westreiches lag und darüber hinaus dort, wo Reste des Einflusses dieser Großregion über Nachfolgereiche nach Osten und Norden ausstrahlen. Nur insofern soll hier die römische Antike von Interesse sein.

 

Res publica sind die öffentlichen Angelegenheiten, die von einer Gruppe reicher und mächtiger Grundbesitzer der urbs Roma betrieben werden. Zu ihren Interessen gehört auch, dass die Plebs der Kleinbauern, Handwerker, kleinen Händler und die Sklaven, ruhiggestellt bleibt, ins Gemeinwesen ein- und untergeordnet wie auch im privaten Raum.

Diese wird bald als Bürgerheer bei der Expansion der Stadt zu einer Regionalmacht eingesetzt und darum nicht nur wirtschaftlich benötigt. (Freie) Plebejer sind so in die Heeresversammlung und eine weitere eingereiht, dabei aber so, dass ihr Einfluss gering bleibt. Immerhin sind sie wenigstens rein rechtlich an der Wahl der Leute für die Ämter beteiligt, die von Vertretern der patres, Väter,  in einer aufsteigenden Linie besetzt werden, und an deren Ende sie im Ältestenrat, dem Senat landen, einer Art Regierung der Stadt.

 

Zur Machtverteilung gehört auch, wie schon in bronzezeitlichen Zivilisationen, dass die (Opfer)Kulte und wichtigen Rituale mit ihren Priestern in den Händen der kleinen Gruppe der Mächtigen liegen. Dabei hat sich schon sehr früh eine mythische Götterwelt entwickelt, deren anthropomorphe Gestalt sie immer mehr von den Naturgewalten löst, die sie einst wohl in Reinform repräsentierten.

 

In einer brutalen, von zivilisierten Städten und und mehr oder weniger anzivilisierten Stämmen gebildeten Kriegerwelt halten es die Herren der Stadt für nötig, teils zur Verteidigung, dann aber zunehmend auch aggressiver, ihr Machtgebiet zu erweitern, bis es einen großen Teil der italischen Halbinsel umfasst. Da die vor allem mit Kleinbauern besetzte Infanterie dafür unabdingbar ist, wird einer Plebejer-Versammlung die Wahl eines Volkstribunen zugestanden und dann werden Spitzen der Plebs zusätzlich zum Patriziat in den Senat zugelassen, der nun die Nobilität bildet. Solche Zugeständnisse dienen aber weiterhin im wesentlichen dem Machterhalt der noblen Herren. Anders gesagt, die (ungeschriebene) Verfassung dient wie alle späteren der Verschleierung der Machtverhältnisse.

 

Wesentlich dynamisiert wird eine eigentlich eher statische Agrarstadt, als sie in den nächsten Jahrhunderten in Kriegen mit den Puniern Nordafrika, Spanien und einen südlichen Streifen Gallien gewinnt und im Osten (Hellas) an Einfluss zunimmt.Damit beginnt eine langsame Hellenisierung der römischen Oberschicht: Der reichere Osten mit seinen Kulten, Philosophien und seiner Literatur, dessen kleine Oberschicht längst ein höheres Konsumniveau besitzt, "verweichlicht" in den Augen seiner römischen Kritiker ein auf rigoroserem bäuerlichem Kriegerethos beruhendes Römertum.

 

Mit zunehmendem Handel und zunehmender Geldwirtschaft einher geht der durch die Kriegseinsätze der Kleinbauern verursachte Ruin eines Teiles der bäuerlichen Landwirtschaft, während sich in der gleichen Zeit der Großgrundbesitz enorm vergrößert. Viele entwurzelte Bauern gehen in die Städte und ein Teil von ihnen verwandelt sich in besitzloses Proletariat, welches zur Klientel der Mächtigen wird und teilweise zu Straßenkämpfen mobilisierbarem Pöbel. Vor allem die Stadt Rom wächst immer weiter.

 

Die Verarmung der Vielen führt nicht nur dazu, dass sie zunehmend für den Kriegsdienst finanziert werden müssen, was später zur professionalisierten Soldatenkarriere führen wird, sondern sie werden zu einem erheblichen Unruhefaktor. Reformer beginnen ab 133 vor der Zeitrechnung Programme zur Ansiedlung Landloser, zu denen viele Kriegsveteranen gehören und planen Subventionierung der Getreideversorgung für die Allerärmsten in der Metropole. Dagegen wendet sich ein Großteil der Latifundienbesitzer und es kommt zu bürgerkriegsartigen Zuständen, an denen sich nun auch Heeresteile beteiligen.

 

Der Militarismus einer zunehmend aggressiven Republik wendet sich immer mehr nach innen, die Verhältnisse werden bis zu äußerster Grausamkeit gewalttätig. Mord und Totschlag nehmen überhand. Die vielen Kriege verstärken auch die Massen an Sklaven ganz gewaltig, die vor allem in den Bergwerken, aber auch auf dem Großgrundbesitz brutal behandelt werden. Große Sklavenaufstände werden mit Truppeneinsatz brutalst niedergeschlagen.

Schlecht geht es oft auch den eroberten Gebieten, die als Provinzen von Vertretern der Oberschicht ausgeplündert werden und wo in der Folgezeit immer wieder Aufstände unterdrückt werden müssen. Die Befehlsgewalt über kriegführende Truppen mit ihrer Beute und die Ausbeutung der Provinzen machen Reiche nun noch reicher.

 

In den Bürgerkriegswirren gelingt es einem Gaius Iulius Caesar nach der Eroberung Galliens nach Italien zu marschieren und dauerhaft diktatorische Macht zu erlangen. Nachdem "Republikaner" ihn ermordet haben, geht aus dem folgenden Bürgerkrieg sein Adoptivsohn Octavian als Augustus hervor und begründet als princeps das, was dann Historiker als Prinzipat bezeichnen werden.

 

Inzwischen teilt sich die Oberschicht in schwerreiche senatorische (noble) Großgrundbesitzer, die weiter den zunehmend machtloseren Senat bilden, eine Schicht aufsteigender Geschäftsleute, die bald einen eigenen Stand unter der Nobilität bilden und im Laufe der Zeit am Kaiserhof aufsteigen werden. Sie bilden im Prinzipat den Ritterstand. In den Städten jenseits von Rom, von denen manche auch neu entstehen, herrschen reiche Großgrundbesitzer in der Curia, einer Art Stadtrat, müssen aber dafür einen Teil ihrer Einnahmen für städtische Bauprojekte, Infrastuktur und ein Amüsierprogramm für die ärmeren Massen ausgeben sowie als Steuern. Daneben geht der Reichtum in üppigen Konsum.

 

Die Masse der städtischen Bevölkerung lebt in manchmal recht großen Mietskasernen, die neben den öffentlichen Großbauten das Stadtbild prägen, und zwar in recht einfachen Verhältnissen und oft an der Grenze zur Armut. Man geht entweder Kleingewerbe nach vom Handwerksbetrieb und Laden über die Taverne bis zum Bordell, ist Tagelöhner oder arbeitslos.

Die Landbevölkerung lebt als übriggebliebener Rest von Kleinbauern eher prekär und wird ansonsten mehr und mehr als abhängige Pächter in den über das Reich verstreuten Großgrundbesitz eingegliedert, während die etwas überschaubare Villenwirtschaft der regionalen Oberschicht durch Sklavenarbeit geprägt ist.

 

 

Kaiserreich

 

Das deutsche Wort Kaiser leitet sich zwar von Caesar ab, diese werden aber in der Antike als augusti, als Erhabene bezeichnet. In der gesamten Kaiserzeit wird die Ämterlaufbahn über den Konsul bis in den Senat zwar beibehalten, aber die wirkliche Macht gehört seit Caesar und Octavian/Augustus denjenigen, die genügend Legionen hinter sich bringen. Dabei stellt sich schnell heraus, dass es sich um eine Despotie handelt, die fast durchgängig mit Mord und Totschlag operiert, um Gegner zu beseitigen und dabei immer wieder zwischendrin in bürgerkriegsähnliche Zustände entartet. Im Laufe der Zeit bekommt diese Despotie immer orientalischere Züge.

 

Ein immer größerer Teil der für heutige Verhältnisse zunächst niedrigen Steuern und Abgaben landet beim zunehmend professionalisierten Militär, wozu auch die erheblichen Abfindungen der Veteranen gehören, ein weiterer in der immer prächtigeren Hofhaltung. Daneben wird eine allgegenwärtige Korruption bedient, und dazu gehört, dass die Soldaten und der Plebs immer mal wieder mit größeren Geschenken bei Laune gehalten werden, so wie die armen Massen in den Städten mit Brot und Spielen versorgt werden. 

 

Das Imperium, also die Befehlsgewalt der Kaiser, Imperatoren, reicht bald vom späteren England über ganz Gallien mit der Rheingrenze und den Raum südlich der Donau bis über den gesamten Mittelmeerraum, wozu dann noch der Balkan und der Orient bis Mesopotamien gehören. Es erfordert enormen finanziellen (d.h. militärischen) Einsatz, die Grenzen mit Befestigungen zu sichern, Angriffe von außen abzuwehren und Aufstände in den Provinzen niederzuschlagen.

Vor allem von Norden dringen immer wieder Kelten in das römische Britannien ein, in Mitteleuropa bedrohen Germanenvölker die Rhein- und Donaulinie, der äußerste Norden Hispaniens ist nur schwer unter Kontrolle zu halten, in Nordafrika bedrängen Mauren, Berber und Nomadenvölker von Süden das Reich, und im äußersten Osten drücken vor allem persische Herrscher, aber gelegentlich auch Araber gegen die Grenzen. Irgendwo herrscht dort immer Krieg.

 

Im europäischen Nordosten herrschen immer noch ganz andere Verhältnisse als südlich und westlich davon: Es fehlen die Städte als Kernpunkte von Zivilisation und entsprechend ist auch die Sesshaftigkeit der Menschen geringer ausgeprägt. Germanische Stammeskulturen bestehen aus bewaffneten Bauern. Stämme definieren wir dabei als ideelle Verwandtschaftsverbände mit gemeinsamer Sprache, ähnlicher Produktionsweise und gemeinsamen Kulten. Was die Römer damals gentes nennen, können wir in diesem Sinne auch als Völker bezeichnen.

 

Solche Stämme oder Teile von ihnen setzen sich immer wieder einmal aus nur zu vermutenden Gründen in Bewegung, wobei sie vorwiegend nach Westen und nach Süden ziehen. Dabei nehmen sie offenbar manchmal auch Teile anderer Völkerschaften mit und integrieren sie zum Teil. Stämme, welche bereits in der Reichweite der Rhein- und Donaugrenze siedeln, sind fasziniert von dem Konsumniveau der "römischen" Zivilisation, treiben mit ihr manchmal Handel und werden so etwas "anzivilisiert". Ab dem zweiten Jahrhundert nach der Zeitrechnung durchbrechen sie und aus ferneren Gebieten stammende Verbände auf Raubzügen immer häufiger die römische Grenze.

 

Anders geartet sind nomadisierende, ursprünglich wohl auf Viehzucht in Steppengebieten basierende Reitervölker aus Innerasien, die nördlich des Römischen Imperium beutesuchend in Europa hereinbrechen, um sich dann vorübergehend irgendwo niederzulassen. Mit zunächst überlegener Kriegstechnik treiben sie germanische Völkerschaften vor sich her. Das ganze nichtrömische Europa gerät so in stärkere Bewegung und drückt auf die Grenzen der römischen Zivilisation. Wir befinden uns in einer ausgesprochen gewalttätigen Welt.

 

Die Macht der Kaiser basiert auf ihrem Militär und dem Geld, mit dem dieses bezahlt werden muss. Entsprechend erwählen sich bald Heere ihren Kaiser, soweit diese nicht Nachfolger durchsetzen können, und das Kriterium wird militärisches Prestige. Daraus können immer wieder Bürgerkriege entstehen, die in Schlachten im Inneren entschieden werden. Das Reich gerät dabei zunehmend in Gefahr zu zerfallen, auch indem Militär in den Provinzen Usurpatoren der Macht ausruft.

Diokletian zieht daraus die Konsequenz, das Reich in einen Ost- und Westteil zu teilen, dem jeweils ein Augustus vorsteht, dem jeweils noch ein Caesar für eine Region zugeordnet ist. Jeder hat dabei seine eigenen Truppen. Damit schwindet die Hauptstadtrolle der urbs Roma zugunsten anderer Städte wie Mailand, Trier, Antiochia und anderen.

 

Die städtischen Massen werden weiter mit billigem und teilweise kostenlosem Getreide, Öl und Wein versorgt (die Alkoholisierung der Untertanen oder die Versorgung mit anderen bewusstseinsverändernden Drogen gehört zu fast allen Zivilisationen, selbst Mohammeds Verbot wird selten konsequent durchgesetzt werden). Dazu kommt ein breites und des öfteren ebenfalls kostenloses Amüsierprogramm von überwiegend grausamer Art wie im Zirkus der Gladiatoren, in Sportveranstaltungen (Wagenrennen) mit ebenfalls grölenden Massen und in Varieté-artigen Einrichtungen und Theatern meist banaler Inhalte.

 

Die enormen Summen, die für das Militär und die Geschenke der Herrscher (Korruption) ausgegeben werden, müssen weiter durch Abgaben wie Zölle und ein Anziehen der Steuerschraube hereingeholt werden. Damit erhöht sich der Druck auf den großen Grundbesitz, der an die Kleinpächter weitergegeben wird. Zudem nimmt die Neigung der städtischen Oberschicht ab, weiter munera (Leistungen) für ihre Stadt zu bieten und zugleich das Steueraufkommen zu sichern. Damit schwindet der zivile Teil der Basis des Imperiums, dessen Charakter immer einseitiger militärisch wird.

 

Das Imperium Romanum, letztlich ein Vielvölkerreich mit zwei Hauptsprachen, Latein und Griechisch, ist durch Überfremdung immer weniger römisch. Im Heer tauchen immer mehr vor allem germanische Fremde auf, die sich nur teilweise und eingeschränkt romanisieren bzw. hellenisieren. Und im Reich kommt nach dem hellenischen Einfluss der immer neuer orientalischer Kulte wie der der Isis oder der des Mithras. Dazu haben sich Juden schon gegen Ende der Republik in großen Teilen des Reiches niedergelassen, geduldet, wegen ihrer religiösen Arroganz misstrauisch beäugt und gelegentlich auch verfolgt. 

 

Ursprünglich zum Teil aus jüdischen Gemeinden hervorgegangen, hat sich auch das Christentum dauerhaft im Reich etabliert. Es wird meist geduldet, da sich die meisten Christen immer weniger von ihren "heidnischen" Nachbarn unterscheiden, bleibt aber ebenfalls wegen seiner religiösen Arroganz in den Augen der Herrscher zumindest ein Übel. Schon vor Diokletian kommt es unter zumindest einem Herrscher zu Verfolgungen, da einige Christen sich scheuen, anbefohlenen Opfern für die zunehmend vergöttlichten Kaiser nachzukommen und dadurch gefoltert und zum Teil grausam getötet werden. Zwischen denen, die vorübergehend dem Druck der Gewalt nachgeben und denen, die standhaft bleiben, wird es dann heftige Konflikte geben.

 

 

Jesus, Kirche und Christentum

 

Die nachantiken Reiche werden Eigentumsstrukturen und somit solche von Herren und Knechten übernehmen, das Lateinische als Schriftsprache und manches mehr, aber vor allem das Christentum mit seiner Kirche, welches sich dann weiterentwickeln wird.

 

Mit den frühen Schriften der Juden haben wir ein fast einzigartiges Dokument für eine Etappe des ideellen Verschmelzungsprozesses von weltlicher und Priestermacht, die auch fundamentale Texte im Entstehungsprozess der nachantiken und mittelalterlichen Zivilisationen werden. Dabei bleiben sie den meisten "Christen" bis auf Gruppen radikaler Protestanten bis heute unbekannt. Dagegen setzen die Texte der ursprünglichen Christen einen radikal antizivilisatorischen Akzent, der die jüdischen, eher innerweltlich gedachten Erlösungsphantasien in solche der Erlösung überhaupt von "der Welt" überführen. Mit der schrittweisen Integration dieser Religion in die Machtstrukturen des römischen Imperiums beginnen auch erste Teilaspekte einer Re-Judaisierung, die mit der Vertagung der versprochenen Erlösung beginnen und in fast vollständiger Romanisierung der Kirche im Westreich enden. Damit kippt der antizivilisatorische Impetus so rabiat, dass die entstandene Kirche selbst zu einem Propagandainstrument der Machtstrukturen wird und das weithin bis in die Gegenwart bleibt.

 

Diese jüdisch-frühchristliche Geschichtserzählung wird aber dann zu einem wesentlichen Teil der Vorgeschichte hin in jenes Mittelalter, in dem Kapitalismus entstehen wird. Darum soll sie hier wenigstens in ganz groben Zügen angedeutet werden. Kapitalismus entsteht nicht aus religiösen Überzeugungen, sondern zunächst eher gegen diese, aber er wird in Machtstrukturen entstehen, die sich dieser Religion in ihrer mittelalterlichen Ausprägung ausdrücklich bedienen. Dabei ist zu beachten, dass alle in Zivilisationen hinein entwickelten Religionen Erlösungsphantasien enthalten, und das solche nicht nur die Erlösung von der Endgültigkeit des Todes enthalten, sondern damit verbunden auch Erlösung von den Bürden der Zivilisation hinein in ein paradiesisches Jenseits der bekannten Welt.

 

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Kurz vor dem Ende des antiken Judentums, unter römischer Oberherrschaft und unter Bedingungen starker Hellenisierung, zerfällt dieses offenbar zum Teil in zahlreiche Gruppen und Sekten. Ohne einen eigenen „souveränen“ Herrscher nimmt die Autorität des Tempels und seiner Priesterschaft ab, es entstehen Räume, in denen sich Judentum neu definiert. Auf erstaunliche Weise später wirkmächtig wird ein Jesus, der uns als historische Figur kaum vorliegt. Früheste Texte, die ihn erwähnen, gibt es von einem stark hellenisierten Juden Paulus, der einige Zeit nach dem Tode Jesu mit ersten Jesus-Anhängern in Kontakt kommt und dann eine Art religiöse Erleuchtung hat, die zu seiner Bekehrung führt, deren Ergebnisse er in Briefen an entstehende Gemeinden formuliert. Da wir über Jesus selbst nichts wissen, können wir nur in Verbindung mit den in den folgenden Jahrzehnten entstandenen Evangelien und der Apostelgeschichte erahnen, wie Paulus vorliegende, wohl vorwiegend mündliche Traditionen umformt und dabei bereits ein Stück weit entjudaisiert und hellenisiert.

 

Vom Leben Jesu und seinem Tod erfahren wir kaum etwas bei ihm, aber umso mehr über das paulinische Gottesbild und dessen Umformung des jüdischen in einen christlichen Gott. Dieser betreibt laut Paulus eine Umwertung aller Werte, ja, er stellt sie auf den Kopf:

Sehet an, liebe Brüder, eure Berufung: nicht viel Weise nach dem Fleische, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, dass er die Weisen zu Schanden mache, hat Gott erwählt, und das da nichts ist, ; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, dass er zu Schanden mache, was stark ist; und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt (... 1. Brief an die Korinther, 1,26-29)

 

Kurioserweise hat Paulus an die Römer wiederum geschrieben, dass solche Umwertung doch nicht die aller Werte sein soll, denn die Machtverhältnisse auf Erden sollen erhalten bleiben: Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Kein Wunder, dass in christlichen Kirchen bald für die unchristlichen Herrscher gebetet wird, wie im ersten Clemensbrief überliefert ist: Gib, dass wir deinem allmächtigen und vortrefflichen Namen, sowie unsern Herrschen und Vorgesetzten auf Erden gehorsam seien! Du Herr hast ihnen die Kaisergewalt gegeben (... in: Christ, S.598)

 

Die Evangelien wiederum berichten über Jesus hauptsächlich Legendäres und Wundersames, und es ist nicht einfach, daraus irgendwelche historischen Tatsachen abzuleiten, die, wenn überhaupt, dürftig bleiben. Fassbar wird vielleicht ein Mann aus Nazareth, der mit etwa 30 Jahren einem Johannes begegnet, der im Jordan Menschen tauft und schon damit aus dem jüdischen Rahmen fällt. Dieser Täufer, von dem wir sonst nichts erfahren, hat Jesus offenbar stark beeindruckt und beeinflusst, möglicherweise hat er ihm den Kern seiner Ansichten übermittelt.

 

Unser Jesus wird darauf zum radikalen Aussteiger aus allen anerkannten jüdischen Lebenszusammenhängen und zieht als eine Art Wanderprediger umher, wobei er seinen Lebensunterhalt aus Spenden und vielleicht auch mit Betteln ermöglicht. Vermutlich bezeichnet er sich nicht als (leiblichen?) Sohn Gottes, wie ihn die Evangelisten dann am Ende nennen, die seine Geschichte jeweils von hinten, von seinem Tod her aufzäumen werden. Dass er von einem Vatergott redet, soll wohl diesen selbst so für alle als „väterlich“ charakterisieren - jedenfalls für die, die ihm gehorsam sind.

 

In den Evangelien hat er davon nicht viel zu sagen und entwickelt auch sonst kaum so etwas wie Religion oder gar Theologie. Er verkündet vielmehr eine Art Ethik demütigender Gewaltfreiheit, radikaler Selbstlosigkeit, von Besitzlosigkeit als gottgewollter Armut, uneingeschränkter Friedfertigkeit außer gegenüber der Welt böser Dämonen, und zudem eine von völlig fehlender Sexualität, die in der radikalen Ablehnung auch von Ehe und Familie gipfelt. Kein Wunder, dass seine Anhängerschaft winzig bleibt und aus einigen weiblichen Verehrerinnen und einem kleinen Kreis von Männern besteht, die letztere mit ihm umherziehen. Das alles wird möglicherweise mit dem unmittelbar bevorstehenden Ende der Welt begründet, welchem die entkommen, die sich Jesus anschließen und mit ihm ziehen. Angesichts der nahen Wiederkunft eines neuen Paradieses werden Sexualität und Erzeugung von Nachwuchs erneut überflüssig werden.

 

Ich lasse die von den Evangelisten beschriebenen magischen Kräfte aus, mit denen er wie von Zauberhand Wasser in Wein verwandelt, Tote wieder zum Leben erweckt und selbst wie schwerelos auf einer Wasseroberfläche herumspaziert. Wichtiger sind seine Gleichnisse, in denen er die Welt nicht nur der Juden auf den Kopf stellt: Menschen sollen nicht nach ihrer (Arbeits)Leistung, sondern gemäß ihrer Gottesgläubigkeit vom väterlichen Gott ent- bzw. belohnt werden, Arme sind Gott näher als Reiche, deren Besitz ihnen das Himmelreich nahezu versperrt, und einsichtige, vorher lebenslange Sünder ebenfalls eher als Muster jüdischer Rechtschaffenheit. Tempel, Priesterschaft und Opferkult scheinen kaum noch eine Rolle zu spielen.

 

Das Himmelreich wird nicht näher erklärt, aber es leitet sich wohl aus einem wiedergewonnenen jüdischen Paradies nach Erscheinen eines prophezeiten Messias ab. Jesus selbst lässt sich als Rabbi anreden, als eine Art jüdischer Fachmann für Religiöses, und er wird wohl erst nach seinem Tode zu einem Messias (Erlöser) gemacht, im Griechisch der Evangelisten dann christos und sotér. Und ohne diese Verwandlung eines Menschen Jesus in einen am Ende auch lateinischen christus wäre aus ihm auch nicht im Nachherein ein Religionsgründer geworden.

 

Nur zu vermuten ist, dass er aufgrund seiner Erfolglosigkeit sozusagen in der Höhle des Löwen auftaucht und im Jerusalemer Tempel randaliert. Bis dahin hatte er sich nur in ländlichen Kleinstädtchen fernab herumgetrieben, was offenbar kaum störte. Nun scheint er die Aufmerksamkeit, den Eklat zu suchen und bekommt ihn. Eine empörte Priesterschaft setzt bei der römischen Staatsmacht seinen Tod durch.

 

Soweit kann der Außenstehende folgen. Was nun in den Evangelien beschrieben wird, hat wohl damit zu tun, dass an sich jetzt die Jesusgeschichte zu Ende wäre, was seine wenigen Anhänger so nicht hinnehmen wollen. Und so beschreiben sie eine ganz und gar unglaubliche Geschichte, die offenbar damals dann eine gewisse Austrahlung für einige wenige hat. Erst aus ihr erst wird sich ein "Christentum" entwickeln.

Aus dem Menschen Jesus wird nun tatsächlich, wie es heißt, ein irgendwie leiblicher Sohn des jüdischen Gottes, oder anders verstanden, die Inkarnation (Fleischwerdung) Gottes auf Erden. Vermutlich fangen bald die ersten derer, die ihren (jüdischen) Gott dennoch weiter mit einem gewissen Monotheismus versehen, an, daran zu glauben, dass ihr Gott in Menschengestalt zu den Juden gekommen sei, denn Jesus ist nun mehr als ein Prophet, er wird selbst göttlich.

 

In völliger Verkehrung der Abrahamgeschichte, in der ein Menschenopfer von Gott abgelehnt wird, lässt sich also Gott selbst in Menschengestalt opfern.

Also erst im Tode selbst wird der Jesus der Evangelisten zu Gott als Gottes Sohn. Und da Götter unsterblich sind, muss er von den Toten "auferstehen". Damit das glaubhaft wird, behaupten die Evangelisten, dass man ihn kurz darauf in seiner Menschengestalt wiedererkannt habe, allerdings nun soweit vergöttlicht, als er unberührbar geworden sei. Jetzt fehlt nur noch jene Pfingstversammlung, bei der seine kleine Anhängerschar sich in Verzückung oder gar Raserei versetzt, um all das nun auch ganz fest zu glauben. (Ausführlich und textnah steht das alles in Anhang 1)

 

Da es hier um die Entstehung des Kapitalismus vom 10. Jahrhundert an nach solchen recht legendären Ereignissen gehen soll, ist das wichtigste Moment des Ganzen zum Schluss deutlich hervorzuheben: Der zum Messias bzw. zu (einem?) Gott gewandelte Jesus verspricht im Kern Erlösung von jenem Menschsein, wie es allen Menschen in einer wahrnehmbaren Wirklichkeit zu eigen ist; also die Rück-Verwandlung der Menschen, die an ihn glauben, in Gottes Ebenbilder, denen Gott in Menschengestalt in seinem eigenen Reich erneut paradiesische Zustände jenseits von Raum und Zeit verspricht. Die ganze "irdische Welt" wird dabei untergehen, sie ist überflüssig geworden. Und denen, die nicht nach Jesu Vorgaben leben oder gar an seine Göttlichkeit glauben, blüht im selben Moment ewige Verdammnis. Von einem "lieben Gott" der deutschen Mittelschichten des 18./19. Jahrhunderts jedenfalls kann noch lange keine Rede sein. "Er" ist eher weiter von einer gewissen archaischen Grausamkeit.

 

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Der zu Christus gewordene Jesus verspricht seine nahe Wiederkehr, bei der nicht nur wie bei seinem Tod der Jerusalemer Tempel wackelt, sondern alles Irdische mit Getöse untergeht. Die kleine Jerusalemer Gemeinde, in der Apostelgeschichte nun schon etwas historischer greifbar, wartet auf ihren Erlöser, konfrontiert mit der bis zur Steinigung des Stephanus gehenden Feindseligkeit jüdischer Orthodoxie. Man lebt in Gütergemeinschaft in einer isolierten Männerwelt und bekräftigt sich wohl immer wieder gegenseitig die Gewissheit der Wiederkunft des Herrn.

 

Aber während "der Herr" erst einmal nicht kommt, taucht der von seiner Version eines Jesus und Gottes beeindruckte Paulus auf und verlangt, dass Juden kein Monopol auf diesen Erlöser haben dürften und hätten – er gehöre allen Menschen, die an ihn glauben, worunter er wohl vor allem die griechische, aber auch die lateinisch-römische Welt versteht. Das führt zum Streit, aber der erledigt sich spätestens, als die Jerusalemer Gemeinde mit dem Tempel und antiker jüdischer Geschichte zusammen untergeht.

 

Mit der Auswanderung des Christentums aus dem Judentum gerät es in eine erheblich andere Welt als die seines Ursprungs. Während es sich nebenan in Syrien stärker ländlich einwurzelt, Jesus war eher kein (Groß)Städter, sondern vertraut mit dem Leben in kleinen Ortschaften, gelangt es im lateinischen und kerngriechischen Teil des Reiches zunächst in große Städte mit ihren ganz eigenen Strukturen, nach Alexandria, prächtigen anatolischen, also griechischen Metropolen, und schnell auch in die Millionenstadt Rom. Der vielleicht aramäisch sprechende Jesus der Evangelien musste also zunächst ins Hebräische, dann ins Griechische und schließlich ins Lateinische übersetzt werden, mit einer jeweils verschiedenen Begrifflichkeit, die etwas unterschiedliche Vorstellungswelten ausdrückt.

 

Es entstehen vielerorts neue Zentren christlicher Gemeinden, also der Verehrung des menschgewordenen, getöteten und und auferstandenen Gottes. Mit der Verbreitung eines solchen Christentums aus dem jüdischen Kernraum hinaus beginnt aber sogleich seine radikale Substanz zu verwässern, wie man an vielen Stellen nachlesen kann. Nicht nur, dass der neue Gott noch stärker aus der Strenge jüdischer Orthodoxie gelöst wird, und dass er zum Gott aller wird, die an ihn glauben, er kommt, und das wird den Glauben an ihn stark verändern, nicht wie versprochen wieder, anders gesagt, man muss sich auf ein Leben einrichten, dass mit dem eigenen Tod endet, und hoffen, dass er doch irgendwann später zu ihren Gunsten eingreift. Irgendwann eben am "jüngsten", also letzten Tag.

 

Wie nicht anders zu erwarten, verändert das Christentum mit seiner Ausbreitung über Palästina hinaus überall seinen Charakter. Mit der Christianisierung des griechischen Raumes wird es hellenisiert, mit seinem Einzug im lateinischen Westen des Imperiums romanisiert. In Syrien mit seiner eigenen Sprache und seinen Lebensformen erobert es sich schneller das Land, anderswo zunächst die Städte.

 

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In dieser Situation entsteht Kirche, letztlich, weil der Mensch gewordene Gott sein Versprechen nicht hält und nicht wiederkommt.

 

Die Gemeinde hat zunächst kaum ein eigenes Gebäude, aber doch einen Raum, indem man sich trifft. Organisiert werden die Treffen von Presbytern, Ältesten, die später auf deutsch Priester heißen werden. Und solche Versammlungen im Raum einer civitas mit ihrem erheblichen Umland werden bald vom einem übergeordneten episcopos beaufsichtigt, der auf deutsch dann zum Bischof wird.

So bekommen die Gemeinden Vereinscharakter, sie richten Ämter ein, eine Hierarchie entsteht, die zur Kirche wird, kyriakon, dem Haus des „Herrn“, und ekklesia, der organisierten Versammlung der Gläubigen. Kirchliche Ämter entwickeln ein Eigenleben und werden zugleich aufgewertet durch die Anzahl der ihnen zugeordneten Menschen. Anstatt bloß in der Erwartung der Wiederkunft Gottes zu leben und sich auf diese vorzubereiten, wie es einst Paulus verlangte, richtet man sich im Erdenleben ein und macht die ersten Kompromisse mit der Wirklichkeit.

 

Wenn man aber mehr Gläubige schaffen möchte, tritt man in Konkurrenz zu den antiken Kulten. Solche frühe Versammlungen sind für die meisten Menschen im Vergleich mit den römischen und griechischen Kulten mit ihren Zeremonien, dem Nebel des Geheimnisvollen und den sie begleitenden Festivitäten eigentlich nicht sehr attraktiv. Und so wird das dort veranstaltete Gedächtnismahl für das letzte Abendessen des "Herrn" mit seinen Aposteln immer stärker magisch aufgeladen, wobei dem Presbyter steigende Bedeutung zukommt. Ein Altar muss her, nicht mehr der nebenan, bei dem Tiere geopfert werden, sondern einer, an dem zeremonielle Gegenstände, die heilige Schrift und was auch immer abgelegt werden können. Immerhin haben die Christen ja auch ein Opfer, das ihres Gottes am Kreuz, welches man feiern kann. Und hatte nicht Jesus kurz vor seinem Tode gesagt, wie man lesen konnte, dass man sich beim Essen und Trinken an ihn erinnern sollte, den Wein wie sein Blut und das Fleisch wie sein Fleisch betrachten solle, um sich seines Opfertodes ganz handfest gemeinschaftlich zu erinnern?

 

Auf diese Weise entsteht langsam die Messfeier, in die sich nach und nach die Vorstellung einschleicht, dass sich dabei irgendwie Wein und feste Nahrung in Fleisch und Blut Jesu verwandeln, etwas, was allerdings erst im 11. Jahrhundert zum Dogma werden wird. Dafür sitzt man nicht mehr einfach weiter am runden Tisch und isst und trinkt, sondern der Priester reicht von der Altarseite aus besondere symbolische und darum kleine Portionen. So entsteht der zunehmend magisch besetzte Kirchenraum, in dem sich Priester und Gemeinde gegenübersitzen und später dann gegenüberstehen.

 

Mit der magischen Note, die das bekommt, beginnt das Sakramentalisieren bzw. Weihen von Speis und Trank und dann des Raumes, in dem das alles geschieht. Und wenn schon die Gemeinde immer mehr an Heiligkeit verliert, dann muss doch wenigstens der Priester daran gewinnen. Wie Jesus und seine Apostel soll er möglichst unbeweibt sein und seinen Geschlechtstrieb im Zaume halten. Er soll außerdem besitzlos sein wie Jesus; Spenden gehen dafür an die Institution und damit an Gott, wie auch bei den Heiden. Auf diese Weise soll er eine Art bezahlter Beamter der Gemeinde werden, den diese zu finanzieren hat. Das Priestertum der heidnischen Antike zieht so in neuem Gewand wieder ins Christentum ein.

 

Aus dem Ältesten, presbyteros der Gemeinde, wird also der Priester, und aus dem Aufseher über eine Anzahl Gemeinden, episcopos, der Bischof. Vollgültiger sacerdos wird dabei nur der Bischof, der alleine Priester und Kirchen weihen darf mit den magischen Kräften des Bindens und Lösens und ihrer Schlüsselgewalt, was sie zu direkten Nachfolgern der Apostel mit fast deren Status macht.

 

Auf diese Weise entsteht etwas noch nie dagewesenes, was auf deutsch später Kirche heißt, ursprünglich ekklesia, griechisch für eine Menschenversammlung, dann ein institutionalisierter und zunehmend in Bistümern zentralisierter Apparat beamteter Priester, überall im Reich einigermaßen gleich, denn es geht um denselben einen Gott und dieselbe eine heilige Schrift. Und im römischen Reich mit seinen städtischen Strukturen passt diese Kirche sich an die vorhandenen Strukturen an: Der Priester vor Ort, der Bischof für das ganze Territorium der civitas, der Metropolit darüber für mehrere civitates, bald auch archiepiscopus in latinisiertem Griechisch genannt und schließlich Erzbischof im Deutschen. Darüber wölbte sich noch das Patriarchat, und unter deren mehreren wird das von Rom für den lateinischen Westen nach und nach die Oberhand gewinnen, während die anderen später dem Islam bzw. der Bedeutungslosigkeit zum Opfer fallen.

 

Und es braucht darüber hinaus eine attraktivere Botschaft als die Vertröstung auf eine immer fernere Zukunft. Die entstehende Kirche beginnt also, ihre neuen Mittel als Mittler zu Gott anzubieten, die an die Stelle Jesu treten. Ohne sie ist jetzt kein Heil und nur bei ihr ist jedwede Wahrheit.

 

Aus dem nicht mehr greifbaren Erlöser wird also die Kirche zum Erlöser, zum Mittler zwischen "Gott" und den Menschen. Mit dieser Macht ausgestattet, entscheidet sie nun zwischen heiligen und zu vernachlässigenden Texten des ersten Jahrhunderts und verändert dabei ihre Substanz immer mehr zu jener Religion, die dann bald als die der "Christen" immer doktrinärer fixiert wird.

 

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Dabei gelangt Christentum in Verhältnisse extremer Unterschiede von arm und reich, von Macht und Ohnmacht, und von neuen Auffassungen von einem guten und schlechten Leben. Vor allem bauen Römer alle ihre Vorstellungen auf ihrer spezifischen Auffassung einer patriarchalen Familie auf, und das Christentum kann daran nicht vorbei. Damit aber ist das jesuanische „lasst alles stehn und liegen und folgt mir nach“, ganz jüdisch offenbar ausschließlich an Männer gerichtet, nicht mehr aufrechtzuerhalten.

 

Mit der patriarchalen Familie und der Sorge um Frau und Kind ist der neu definierte Gott nicht mehr als alleiniger Orientierungspunkt fassbar. Und da er nicht mehr wiederkommt, kann man nicht auf Kinder für das eigene Alter verzichten, die Vorstellung einer Erlösung zu Lebzeiten schwindet. Zudem erkennt die Kirche, dass sie offenbar Nachwuchs für ihre Gemeinden braucht, um nicht auszusterben. Was davon bleibt, ist ein Kult der Jungfräulichkeit für besonders Auserlesene, die dann zum Zeichen ihrer Heiligkeit besonders gewandet vorne in der Kirche sitzen und der Prozession voranschreiten dürfen. Was wiederum mit zunehmendem Misstrauen begleitet wird, sind Leute, die sich ohne kirchliche Hilfe zum Beispiel als Eremiten ganz selbständig mit ihrer eigenen Heiligung und Erlösung beschäftigen.

 

Familie hieß nur für wenige ein Oberschicht-Dasein als Großgrundbesitzer, für die meisten bedeutet es stattdessen arbeiten und Geld verdienen, um in einer Welt allgemeiner Lohnarbeit oder als zunehmend abhängiger Bauer zu überleben. Und aus alledem erwächst dann das Bedürfnis nach den Tröstungen des fast genauso allgemein vorhandenen und eigentlich zutiefst unchristlichen Amüsierbetriebes. Und wer sonst nichts kann oder will, geht schon damals zum Militär und wird Soldat.

Das zweite Jahrhundert ist bereits voller Texte, die beklagen, dass man Christen und Heiden alltäglich immer seltener unterscheiden könne.

 

Von Konstantin bis zum Ende des Westreiches

 

Nachdem Diokletian abtritt und sich auf seinen Kaiserpalast zurückzieht, scheitert die Tetrarchie an der Machtgier von Augusti, Caesaren und jenen Söhnen, die meinen, nun zu kurz zu kommen. Es kommt immer wieder zu Bürgerkriegen, zu Mord und Totschlag - und ganz allmählich schleicht sich dabei die Idee ein, Religion, nämlich vor allem das Christentum, als propagandistischen Machtfaktor einzusetzen. Einer geht voran, indem er insbesondere für die Christen "religiöse" Toleranz zulässt, eine hochproblematische Entscheidung, denn Christen (und Juden) sind ihrem Wesen nach intolerant wie später mehr oder weniger auch der Islam. 

 

Am weitesten wagt sie dann Konstantin vor, unehelicher Sohn eines Tetrarchen und einer Gastwirtin (Helena), wie es heißt. Er beginnt nämlich, einen apollinisch gedachten Sonnengott mit dem Gott der Christen zu identifizieren und zum Gott seines Schlachtenglücks zu machen. Nachdem er (auf die üblich brutale Weise) Alleinherrscher geworden ist, beginnt er sich (selbst erst im Sterben getaufter "Christ") sich der christlichen Kirche zu bedienen, die mit ihren, mit den civitates deckungsgleichen Bistümern und übergeordneten Metropoliten sich als zentralere Reichsorganisation anbietet.

Die meisten, in der Regel der Oberschicht entstammenden, Bischöfe nehmen das Angebot dankbar an und fühlen sich aufgewertet, wenn sie beim Kaiser antichambrieren und sich ihm unterwerfen dürfen.

 

Dazu fördert Konstantin sie nicht nur, zum Beispiel mit monumentalen Basiliken, die nun als Kirchengebäude dienen, sondern er versucht auch, die Kirche von seinem Thron aus einheitlich auf Linie zu bringen, ihr also ein durchgängiges Glaubenskorsett zu verpassen. Auf diese Weise setzt er mit Unterstützung der Kirche auf einem Konzil in Nicaea ein Glaubensbekenntnis durch, welches versucht, die drei merkwürdigen Seinsweisen Gottes als Vater, Sohn und heiliger Geist dahingehend zu klären, dass die dreierlei und doch eines seien.

Inzwischen ist die Kirche zum Leidwesen des Imperators darüber heftig zerstritten und wird es auch bleiben. Zwischen einem Bischof Alexander und seinem Nachfolger Athansaius einerseits und einem dortigen Presbyter Arius bricht ein heftiger Streit darüber aus, ob der Vater und der Sohn (beide Gott) wesensähnlich oder wesensgleich seien. Dieser Streit wird andauern, bis die ganze Westkirche katholisch (allgemein), also antiarianisch ist und die Ostkirche orthodox (rechtgläubig im Unterschied zu den Katholiken).

 

Viele weitere, manchmal auch blutig ausgetragene Streitereien in der Christenheit kommen hinzu. Konstantin selbst ist christlich eigentlich nur in der Übernahme des jüdischen, nunmehr christlichen Kriegsgottes und in der Unterstützung einer einheitlichen Kirchenstruktur. Immerhin nimmt das Christentum nun rapide zu und gewinnt bald in ersten östlichen Städten die Mehrheit.

 

Nach Konstantin bleibt der Druck aus Persien im Osten und der der Germanen im Westen. Beide Reichsteile entwickeln sich stärker auseinander. 

Im Heer nehmen Vertreter fremder Völker zu, Mitte des 4. Jahrhunderts sind bereits die Hälfte aller Heermeister Germanen, am Ende des Jahrhunderts fast alle.

Eine Verband von Franken wird in Nordgallien als eine Art Wehrbauern angesiedelt. Alemannen überrennen gelegentlich die Grenze.

Um 370-80 überrennen Goten, auch getrieben von den Hunnen, die Ostgrenze und vagabundieren dann im europäischen Teil des Ostreichs.

 

Kleinpächter auf den Latifundien laufen fort und Sklaven aus dem Gutsbesitz. Die bäuerlichen Pächter stellen sich auch wegen des Steuerdrucks unter das Patrozinium (den Schutz) großer Grundbesitzer, werden immer stärker an die Scholle gebunden und nähern sich im Rechtsstatus den Sklaven an.

Alle für die Versorgung wichtigen Gewerbe wie die Bäcker und die für den Getreidetransport wichtigen Schiffer werden an ihren Beruf und dessen Vereinigungen gebunden.

 

Unter Theodosius wird das Christentum nach und nach Staatsreligion, was Christen nun zur Verfolgung "Ungläubiger" bis hin zu Mord und Totschlag einlädt.

Dieser Kaiser schickt Arbogast nach Gallien, um einen Usurpator zu unterwerfen. Danach herrscht er praktisch im eigenen Namen und ernennt seinen eigenen Westkaiser. Theoderich schickt ein Heer mit einer visigotischen Abteilung unter Alarich, und nach dem Sieg wird Stilicho im Westen mächtig.

 

Nach 405 dringen unter anderen Sueben und Vandalen in Gallien ein, plündern und verwüsten dort, um sich schließlich im Westen Hispaniens niederzulassen. Bald danach ziehen Visigoten unter Alarich durch Italien, plündern Rom und werden schließlich in Südwestgallien angesiedelt. Kurz darauf wird Britannien aufgegeben.

 

Kriegerische Unruhen, Plünderungen und Seuchen lassen die Bevölkerung vor allem auch im Westreich immer mehr sinken.

 

 

Das Frankenreich unter den Merowingern

 

Die fränkische Reichsbildung beginnt in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts mit der Lösung des Merowingers Childerich samt seinem fränkischen "Stamm" aus dem westlichen Imperium. Sohn Chlodwig gelingt es dann, bis 511 ganz Gallien zu unterwerfen, dabei die Visigoten nach Spanien zu vertreiben und östliche Germanenstämme abhängig zu machen. Schließlich konvertiert er zum römisch-katholischen Christentum und dessen (Kriegs)Gott und nutzt die Bischofskirche als Herrschaftsinstrument. Die Zeit der Merowinger wird dabei von erheblicher Gewaltätigkeit gekennzeichnet sein, von Mord und Totschlag.

Er etabliert ein neuartiges Königtum für seine Familie, welches auf der Gefolgschaft freier fränkischer Krieger und insbesondere von deren reichen und mächtigen Amtsträgern beruht und auf der Zusammenarbeit mit der Bischofs-Kirche. Zudem übernimmt er die römischen Steuern und besitzt neben großen Ländereien einen Königsschatz.

 

Sein Reich basiert noch mehr als die römische Antike zuvor auf Landwirtschaft und weiter vor allem auf großem Grundbesitz. Der Handel hat längst erheblich abgenommen und konzentriert sich stärker auf Luxusgüter. Das Handwerk wiederum zieht sich stark, wenn auch nicht völlig, aufs Land zurück. Die teilweise stark zerstörten Städte verlieren weiter an Einwohnerschaft und werden nun neben den Bischöfen auch von comes, "Grafen" regiert, die über ihre Kompetenzen gelegentlich in Konflikt geraten.

 

Die verwickelte Geschichte der vielen Merowinger-Herrscher ist für die Entstehung des Kapitalismus nicht von Bedeutung. Wichtig ist aber, das eine Familie eine Dynastie bildet, die erst im 8. Jahrhundert erlischt und von einer anderen abgelöst wird. Dabei wird in germanischer Erbteilung das Reich immer wieder unter den Söhnen geteilt, zunächst in vier, und später in drei Teile: Neustrien, die zukünftige Kern-Francia, Austrien (Austrasien) im Osten und das einverleibte Burgund im Südosten. Der daran angeschlossene Südwesten, Aquitanien, entwickelt dabei im Laufe der Zeit gewisse Verselbständigungs-Tendenzen.

 

Die Reichsteilungen führen zu Kriegen gegeneinander, und seltenere einheitliche Herrschaft wird ebenfalls in der Regel mit Gewalt eingeleitet. Die Macht beruht einerseits auf der Unterstützung weltlicher Großer, die als duces für ganze Regionen und stadtsässige comes für den Herrscher amtieren, immer mehr Großgrundbesitz auf sich konzentrieren und Militär anführen, andererseits auf Unterstützung durch Bischöfe, die langsam immer mehr Ansätze in Richtung Stadtherrschaft entwickeln, auch als militärische Führer fungieren und selbst reiche Großgrundbesitzer werden, so wie ab dem 6. Jahrhundert auch große Adels-Klöster.

 

Fast alle Menschen leben auf dem Lande und teilen sich in freie Bauern, die selbst als Krieger dienen müssen (und dürfen), und unfreie Arbeitskräfte. Natürliche und von der Ober"schicht" verursachte Krisen veranlassen freie Bauern in ihrer Not, sich unter den "Schutz" der Reicheren und Mächtigeren zu stellen, wo sie in einer von Gewalt gekennzeichneten Kriegerwelt nicht gar dazu gezwungen werden.

 

Das Handwerk in den kleinen Städten versorgt wohl überwiegend die weltlichen und geistlichen Großen, die mit Kathedrale, wichtigen anderen Kirchen und Burg- bzw. Palastbauten bald die einzigen Steingebäude besitzen. Ansonsten bestehen Städte aus Holzhäusern, denen Land für Nahrungsmittel zugeordnet ist. Da römische Anlagen wie Straßenpflaster, Aquädukte, Thermen und Amüsierbauten mangels Geldgebern verfallen, werden sie als Baumaterial benutzt. Der Handel, der auch als Fernhandel nicht völlig untergeht, bedient überwiegend Luxusbedürfnisse von Kirche, Klöstern und weltlichen Großen, die sich ansonsten selbst versorgen (lassen). Zahlreiche regionale Münzstatten bedienen den Handel mit etwas Geld.

 

Das Christentum ist eng mit der weltlichen Macht verschränkt. Die Kernbotschaft(en) des evangelischen Jesus sind längst aus der religiösen Öffentlichkeit verschwunden und ersetzt durch eine Religion, die die jeweiligen Machtverhältnisse vertritt und insbesondere auch die Macht der Kirche, die diese mit ihrer Mittlerrolle zwischen Sünder und Gott begründet. Der Gläubige wird dabei zwischen Angst und Hoffnung gehalten.

Neben die Steuern, Zölle und anderen Abgaben für die Könige tritt bald der Zwang zur Abgabe eines Zehnten an die Kirche. Je mehr sich die Großen der Reiche der Kirche annähern, desto stärker wird ihre Neigung, dieser Land und andere Güter zu überlassen, vor allem, damit sie dort ein Totengedächtnis für sich einrichten, welches den Weg ins "Himmelreich" beschleunigen und die Reduktion der Sündenstrafen erreichen soll. Dies wird auch gefördert durch die Mission Columbans, mit der es zum Aufschwung von mit Mitgliedern von mächtigeren Familien besetzten Klöstern kommt. in deren Kirchen ebenfalls ihrer Toten durch das Gebet gedacht werden soll.

 

Unfreie Produzenten, kleine freie Bauern, Handwerker und manchmal schon zu einem gewissen Reichtum aufsteigende Händler konstituieren so die Basis und die Masse der Bevölkerung, wobei die Freien alle zur Heeresfolge verpflichtet sind. Darüber und von ihnen lebend ist die "Schicht" mächtigerer Herren, die immer wieder versuchen, eigene Spielräume für ihre Interessen gegenüber den Königen und gegeneinander zu erhalten. Zwar versuchen die Könige, Bischöfe und weltliche Große an ihre Höfe zu binden, aber die Verhältnisse sind immer wieder instabil. Hausmeier als hohe königliche Verwaltungschefs dienen dabei einerseits der Krone, verbünden sich aber andererseits mit Fraktionen des Großgrundbesitzes, um ihre Macht zu steigern.

 

Karolinger: Scheiterndes Großreich (derzeit in Arbeit)

 

Inzwischen gibt es mit den Franken und den Visigoten Spaniens zwei relativ mächtige Nachfolge-Reiche Westroms, während die Langobarden in Italien und die Angelsachsen in England keine zentrale Reichsbildung schaffen. Spanien wird bald (711) weitgehend von einer von Arabern geführten islamischen Armee überrollt werden, während in Küstenregionen Italiens Byzanz sich hält, welches aber bereits seine asiatischen und afrikanischen Großregionen an die Kalifen verloren hat. 

 

Unter den Großen im Frankenreich kristallieren sich im 7. Jahrhundert in Austrien (im Ostreich) vor allem zwei Familien heraus, die sich auf einen Arnulf, Bischof von Metz und dann "heiliger" Einsiedler, und auf einen Pippin ("den Älteren") berufen und sich schließlich durch Heirat miteinander vereinen. Beide Familien verfügen über große Ländereien und großen kriegerischen Anhang, müssen sich aber gegen andere Große und Hausmeier vor allem des Westens, von Neustrien also, der späteren Kern-Francia, durchsetzen.

 

687 siegt ein Pippin ("der Mittlere") über den nominellen König aller drei Reiche und seinen Hausmeier in der Schlacht von Tertry. Damit wird er de facto, wenn auch nicht nominell Herrscher des Gesamtreiches.

Anders als zuvor die Merowingerkönige, die nun zunehmend ein Schattendasein auf ihrem Hof führen, setzen Vertreter dieser Familie Alleinherrschaft gegen Erbteilung durch, indem sie die Mitkonkurrenten besiegen und umbringen. Auf diese Weise ist Pippins Sohn Karl erfolgreich, der später wegen seiner militärischen Siege und seines Machtstrebens "der Hammer" (Martell) genannt wird. Er instrumentalisiert dafür eine unter seiner Kontrolle stehende wehrhafte Bischofskirche und verschafft sich militärische Schlagkraft durch Förderung der großen Grundbesitz und Ämter häufenden aristokratischen Oberschicht.

 

Wie unter seinen Vorgängern führt er immer wieder neu Unterwerfung germanischer Völker unter fränkische Oberhoheit vermittels Zügen seiner Vasallenarmee nach Osten und Nordosten durch, wobei er fränkischen Einfluss mit Heidenmission verbindet. Im Südwesten geht es gegen die sich immer wieder verselbständigenden aquitanischen Großen und dann auch gegen die ins Herz des Frankenreiches vorstoßenden arabisch geleiteten Truppen, die zwischen 732 und 737 wieder über die Pyrenäen zurückgedrängt werden.

 

Der Papst bittet Karl um Hilfe gegen den Langobarden, welche Rom bedrohen, da er meint, nicht mehr auf die Hilfe von Byzanz setzen zu können. Diese Langobarden sind mit den Franken verbündet, aber es geht auch ohne fränkische Hilfe: Sie ziehen wieder ab von Rom.

 

Karl ("Martell") stirbt 741 und sein Reich wird unter drei Söhnen geteilt. Pippin gelingt es, den einen umbringen zu lassen und den anderen 747 ins Kloster abzudrängen. Daneben geht er gegen Alemannen und Bayern vor allem militärisch vor.

Seit Karl Martell konzentrieren sich die Karolinger auf unentwegte kriegerische Eroberungen und folgen darin ihren merowingischen Vorläufern. Selten ein Jahr ohne großen Heereszug in zu eroberndes Gebiet. Zunehmend werden die Eroberungskriege als Aktionen zur Missionierung von Heiden hochstilisiert. Christianisierung bedeutet dabei allerdings Kolonisierung und Zerstörung von inzwischen anzivilisierten Kulturen.

 

Pippin ("der Kleine") ist wohl größter Grundbesitzer im Reich und wohl auch der reichste und mächtigste. Entsprechend lässt er sich 751 im Einvernehmen mit dem Papst von den fränkischen Großen zum König erheben, nachdem man den letzten Merowinger abgesetzt hat. Voraussetzung für ein Königtum Pippins ist die Tatsache, dass das byzantinische Reich, welches in Teilen Italiens, darunter auch Rom, noch offiziell neben den Langobarden herrscht, den römischen Bischof nicht mehr gegenüber langobardischen Angriffen schützen kann, da es selbst von mehreren Seiten militärisch in die Zange genommen wird. Die Langobarden besetzen nun sogar Ravenna. Der Papst sucht eine neue Schutzmacht und findet sie in Pippin.

Stephan II. ruft ihn nur wenige Jahre später zur Hilfe, wird 754 von einer fränkischen Delegation in die Francia geleitet und von Pippin mit dem von Langobarden besetzten Teil des Dukats von Rom und dem von Ravenna beschenkt.

Germanisches Königsheil, welches sich vor allem im Krieg erweist, wird nun durch die Vorstellung eines von Gott eingesetzten und vom Papst geweihten Königtums überbaut. Pippin fällt darauf mitsamt seinen fränkischen Kriegern im Langobardenreich ein, bezwingt dessen König und eignet sich ein Drittel von dessen Schatz an. Dem Papsttum wiederum fallen erste von Franken eroberte Territorien zu, Grundlegung eines späteren Kirchenstaates.

 

Pippin selbst wendet sich für den Rest seiner Herrschaft vor allem der Eroberung Aquitaniens zu, die aber erst von Sohn Karl vollendet werden wird. Beim Tod des Vaters 768 beginnt ein Konkurrenzkampf zwischen den Brüdern Karl und Karlmann im aufgeteilten Reich, der mit dem Tod des letzteren 771 beendet wird.

 

Karl ("der Große") beginnt einen ersten von zahlreichen Kriegen gegen die Sachsen, begleitet von massiven Zerstörungen. 773 stehen die Langobarden wieder einmal vor Rom und Karl zieht mit Heeresmacht gegen sie, unterwirft sie und nimmt den Titel eines langobardischen Königs an. Nebenbei verschwindet nun auch die Familie Karlmanns. Es kommt zu einer ersten Begegnung mit dem Papst in Rom.

 

Die nur wenig anzivilisierten Sachsen werden sich rund dreißig Jahre gegen immer neue und immer brutalere Kriegszüge Karls wehren, die die Vernichtung sächsischer Lebensformen und Vorstellungswelt zum Ziel haben. Dabei steigert sich mit dem Widerstandswillen der einen die mörderische Gewalt und der möderische Zerstörungswille der Eroberer. Die von der Historie als "Große" titulierten Herrscher sind ganz offensichtlich weiterhin eher als terroristische Massenmörder zu bezeichnen.

 

Am Ende wird Sachsen in Bistümer und Grafschaften aufgeteilt und ins Reich Karls integriert. Diese Integration läuft wesentlich von oben nach unten und bezieht zuerst eine kollaborierende Oberschicht ein.

Mit der Eroberung von Girona (785) und Barcelona (801) wird eine spanische Mark gegründet, während es weder gelingt, die Basken ganz noch die Bretonen überhaupt ins Reich zu integrieren.

 

781 ist Karl in Rom und lässt die kleinen Söhne Pippin und Ludwig zu Königen von Langobardien und Aquitanien krönen und salben. Der Versuch, fünf Jahre später über Benevent Macht in Süditalien auszuüben, scheitert letztlich. Dabei gerät er aber in die Nähe zum byzantinischen Italien, während in Byzanz selbst wieder einmal der Bilderstreit tobt.

 

Inzwischen hat sich Bayern unter den Agilolfingern zu einem Stammesverband neuen Typs mit dem Zentrum Regensburg entwickelt, welcher mit seinen Herzögen im 8. Jahrhundert eng mit fränkischer Geschichte verbunden ist. Karl findet einen Vorwand, um gegen Tassilo in Bayern einzumarschieren und ihn zu unterwerfen. Ein Jahr später wird er von Karl samt seiner ganzen Familie ins Kloster gesperrt. Bayern wird in Grafschaften eingeteilt und fränkisch kontrolliert. Mit den Awaren gibt es nun neue Nachbarn, die auch militärisch unterjocht und ausgeplündert werden und nach Osten abziehen.

 

Inzwischen haben sich slawische Völkerschaften nach Norden ausgebreitet und an einigen Stellen die Elbe überschritten, wo Karl sie militärisch ausbremst und auf der Ostseite des Flusses erste Befestigungen anlegt.

 

Der Krieg ist die regelmäßige Sommerbeschäftigung des Königs und der wohlhabenderen Freien zu Pferde sowie der übrigen Freien als Infanterie. Schwerter, Lanzen, Äxte und Pfeil und Bogen dienen der Metzelei und dem Töten. Dabei nimmt der Anteil freier Bauern im Heer immer mehr ab und der teilweise mit Benefizien versehenen Vasallen (immer mehr zu Pferde) zu. Teilnehmer erwarten von ihrem Kriegsdienst nicht zuletzt auch Beute.

 

Basis der Machtausübung Karls sind die riesigen Ländereien aus karolingischer und merowingischer Herkunft, in riesige Domänen und darunter villae aufgeteilt, die weithin autark sind, was Ernährung und Handwerk angeht. Dazu kommt Kriegsbeute, kommen Tribute Unterworfener.

Da eine Pfalz den König und seinen großen Troß auch jetzt nur kurzzeitig ernähren kann und außerdem königliche Präsenz in den Reichsteilen vonnöten ist, ist sein Hof mit kurzen Pausen stetig unterwegs. Mit seinem "Hofstaat" zieht seine Kapelle, denn der siegverheißende Gott ist zunehmend auch ein zivilisierender, also der, mit dessen Propagierung sich Herrschaft immer weiter ausdehnen kann. Aus der Kapelle lassen sich schriftbegabte Leute für hohe Ämter bei Hofe ziehen, überhaupt erweitert sich höfisches Leben mit dem Reich.

 

Nach und nach wird die mit Bädern gesegnete Pfalz in Aachen zum veritablen Palast ausgebaut, wobei Vorbilder und Bauteile aus der italienischen Antike (Ravenna) dienstbar gemacht werden. Handwerker und Händler siedeln sich an, ein größerer Markt entsteht.

 

Die "Verwaltung" des Riesenreiches geschieht über Delegation. An die Söhne geht neben Italien und Aquitanien auch ein Dukat Le Mans. Darunter sind Grafen für die Gerichtsbarkeit und das Heeresaufgebot zuständig. Es entsteht eine Art Reichsaristokratie. Wiederum darunter sind größere Vornehme angesiedelt, dabei wehrhafte Bischöfe in den Städten. Wiederum darunter nimmt der Anteil freier Bauern weiter ab. Neben dieser tendenziell hierarchischen Struktur gibt es eine Kontrollebene, die von hochgestellten Königsboten eingelöst wird.

 

Das Frankenreich besteht weiterhin zu rund 95% aus Bauern, freien wie mehr oder weniger unfreien. Deren Produktivität ist sehr niedrig und nur bei sehr guten Ernten bleibt etwas für den Markt übrig, den eher die großen Domänen und der übrige Großgrundbesitz bedienen können. Entsprechend gering ist der Handel, und einer über weitere Strecken bedient Luxusbedürfnisse weniger Wohlhabender. Gefördert wird er durch den Versuch einer einheitlichen Münze für die vielen königlich kontrollierten Münzstätten.

 

Wichtiges Herrschaftsinstrument ist die Kirche, und Karl als gottgesandter Herrscher sorgt sich eingehend um deren Funktionsfähigkeit. Wie sein Palastbau in Aachen ist das Teil eines umfassenden Romanisierungsprogramms. Dazu gehört die Förderung lateinischer "Bildung" und die Unterstützung von Unterrichtung einer kleinen, im wesentlichen geistlichen Oberschicht, - auf die römische Antike hin orientiert. Dazu holt sich der Herrscher belesene Einzelne an seinen Hof und dafür beaufsichtigt Karl die Kirche und kontrolliert und beeinflusst ihre Glaubensinhalte auf großen Reichssynoden. Solche Romanisierung betrifft aber nur den Hof, wenige Gelehrte und wenige Spitzen von Kirche und Kloster.

 

Kurz vor 800 ist ein Papst Leo durch heftige Opposition in Rom von Karls Schutz abhängig geworden. 800 zieht er nach Rom und wird vom Papst zum Kaiser (imperator) gekrönt. Wichtig daran ist wohl vor allem, dass er die Verhältnisse in Rom in seinem herrschaftlichen Sinne regelt. Neben einem gewissen Prestigegewinn dürfte der Titel für ihn von geringer Bedeutung gewesen sein, weswegen die Titel-Konkurrenten in Byzanz nur beschränkten Protest einlegen.

 

Erneute Nachfolgeregelungen folgen, wie die von 805/06 von Diedenhofen. Pippin soll nun zu Italien große Teile Alemanniens und Bayerns erhalten, Ludwig behält Aquitanien, dazu sollen Septimanien, die Provence und Burgund kommen, Sohn Karl soll die ungeteilte Francia erhalten, ergänzt durch Sachsen und Nordteile Alemanniens und Bayerns. Damit wird mit der traditionellen Merowingerregelung gebrochen, dass bei Erbteilungen jeder Erbe einen Anteil am Kernland der Krone erhält.

Als Karl sein Ende nahen sieht, sind seine Söhne Karl und Pippin bereits gestorben. Anders als es fränkisches Recht vorsieht, will der Kaiser 812 die Interessen von Pippins Sohn Bernhard gewahrt sehen, und übergibt ihm Italien. Ein Jahr später wird Ludwig dann in Aachen zum Mitkaiser erhoben.

 

 

Das Riesenreich soll unter Sohn Ludwig, den man später als den "Frommen" tituliert, und seinen Brüdern als kaiserliches Einheitsreich erhalten bleiben. Im Zusammenhang mit religiösen Reformen werden zunächst enge Gefolgsleute des Vaters vom Hof verwiesen und neue Berater gefunden. Die Abgehalfterten scharen in der Provinz Gefolgsleute um sich.

Zusammen mit Benedikt von Aniane, den er aus seinem aquitanischen Unterkönigtum mitbringt, wird versucht, die Benediktregel in den Klöstern strenger durchzusetzen und Klerikerkollegien an Kirchen einheitlicher zu regulieren. Kathedralkirchen und wichtige Klöster sollen unter Königsschutz und Immunität stärker zu einer einheitlichen Reichskirche als Herrschaftsinstrument zusammenwachsen. Dabei steigt das Selbstbewusstsein vor allem der westfränkischen Bischöfe, die sich manchmal bereits nicht nur wie Berater, sondern auch als "moralische" Aufseher über die Könige verhalten.

 

Zugleich wird die Integration der Sachsen ins Reich vorangetrieben, die ein Jahrhundert später bereits den König stellen werden. Die Aufteilungen des Großreiches unter drei Söhne geben diesen Würden, aber in ihren Augen zu wenig Macht. Als dann noch in einer neuen Ehe des Kaisers mit Judith aus einem Zweig der Welfenfamilie der Sohn Karl (später: "der Kahle") entspringt, dem nun aus dem Erbe der drei Söhne etwas abgezweigt werden soll, kommt es zu immer neuen Kriegen und Neuaufteilungen, in denen Brüder gegeneinander und in unterschiedlichen Koalitionen gegen den Vater kämpfen, der mehrmals abgesetzt und gedemütigt wird. 

 

840 stirbt Ludwig. Ein Jahr später treffen Lothar (Mittelreich) und Pippin II. (Aquitanien) bei Fontenoy in einem grausigen Blutbad auf Karl den Kahlen (Westreich) und Ludwig (Ostreich). Eine Einigung wird nötig, um die nun verhandelt wird. Im Vorfeld treffen Karl und Ludwig in Straßburg zusammen.

Bei den Straßburger Eiden fallen für das sich aufteilende fränkische Reich die Texte in zwei Sprachen aus: in eine romanische und einen althochdeutschen Dialekt.

Pro Deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, d'ist di en avant, in quant Deus savir et podir me dunat, si salvarai eo cist meon fradre Karlo, et in adiudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dist, in o quid il mi altresi fazet, et ab Ludher nul plaid numquam prindrai qui meon vol cist meon fradre Karle in damno sit.

In godes minna ind in thes christanes folches ind unser bedhero gehaltnissi fon thesemo dage frammordes so fram so mir got geuuizci indi mahd furgibit so haldih thesan minan bruodher soso man mit rehtu sinan bruodher scal in thiu thaz er mig so sama duo indi mit ludheren in nohheiniu thing ne gegango the minan uillon imo ce scadhen uuerdhen.

 

Die Kommunikation, vor allem die schriftliche, findet bei den Mächtigen in einem sich leicht verändernden Latein statt. Dieses entwickelt sich in den romanischen Regionen „im Volk“ zu Idiomen, die sich vom Lateinischen lösen. Zwischen Valencia und Venedig entsteht im Mittelmeerraum dabei ein gemeinsamer Raum der Verständigung, der auf der iberischen Halbinsel zu catalán wird, im westfränkischen Raum als langue d'oc bezeichnet, im Unterschied zur langue d'oeil im Norden.

Das ursprüngliche Galizien entwickelt seinen eigenen Dialekt, das Baskische bleibt bestehen, ebenso wie das Bretonisch-Keltische.

 

Im germanischen Raum entstehen in den sich konstituierenden Stammesregionen ebenfalls Dialekte, die sich unter dem Oberbegriff theodisc, Sprache des Volkes, versammeln. Die Dominanz einzelner Idiome über andere auf dem sehr langen Weg zu Nationalsprachen stellt sich später einmal durch wirtschaftliche Macht, zum anderen aber auch durch militärische Gewalt her, und damit auch über politische Vorherrschaft. Sogenannter „kultureller“ Einfluss wird immer davon abhängen.

 

Die Übersetzung in beide Sprachen bei Straßburg macht aber vor allem die Mitsprache der Großen beider Reiche an den Entscheidungen ihrer Könige möglich. Sie üben dann auch Druck aus bei dem langen Weg in eine Übereinkunft von Karl, Lothar und Ludwig 843 in Verdun, die ein westliches, ein mittleres und ein östliches Reich schafft. Grenzen sind einmal der Rhein, und im Westen Maas und Schelde. Burgund wird zerteilt, Italien fällt ans Mittelreich.

 

Von den geringen Herrschaftsinstrumenten des "großen" Karls, die ein großes Reich zusammenhielten, bleibt zunächst nur wenig mehr übrig als die Erinnerung. Strukturell herrscht Vasallität vor, die Großen eines Reiches oder Fürstentums sind Herrschern als Kriegeradel zur Treue in der Gefolgschaft in Krieg und Frieden verpflichtet, wofür sie als Gegenleistung entweder Versorgung oder aber Benefizien, Wohltaten an Land und Leuten erhalten. Vasallen aber schaffen sich Untervasallen, auf die der direkte Zugriff von Herrschern schwindet, und Vasallen und Untervasallen (in Italien Capitane und Valvassoren von bischöflichen Stadtherren) begeben sich bald aus Eigeninteresse in die Vasallität mehrerer Herren. Auf der Basis der Grundherrschaft eines Kriegeradels bildet sich so ein immer komplexeres Netzwerk persönlicher Beziehungen und Bindungen heraus, welches selbst die bescheidenen Ansätze ausgeprägterer Staatlichkeit beim großen Karl ersetzt.

 

Machtvollster Herrscher wird nun wohl Karl der Kahle in Westfrancien, dem es gelingt, sich in Aquitanien durchzusetzen und über Septimanien bis in die spanische Mark ausgreifen. Er stützt sich stark auf seine Vasallen in den Bischofskirchen, wobei unter Hinkmar von Reims dessen Bistum herauszuragen beginnt, und in den Klöstern, wo nicht selten adelige Laienäbte regieren, zu denen auch der König, wie in Saint-Denis, selbst zählt. Seit 852 steigt unter den großen Gefolgsleuten ein Robert auf, bald Graf von Anjou und der Touraine, dann auch von Blois und Orléans, Laienabt unter anderem von Marmoutier und St.Martin, beide in bzw. bei Tours. Ähnlich wie er gelingt es auch einem Grafen Balduin von Flandern für die Normannenabwehr, die immer dringlicher wird, eine Fürstendynastie zu bilden.

 

Im Ostreich erstarkt Ludwig (später etwas verfrüht "der Deutsche" genannt), der breite Adelsopposition im Westreich ausnutzt, um dort einzufallen. Erst die von Erzbischof Hinkmar von Reims aufgebotenen Bischöfe schaffen eine Gegenbewegung, die Ludwig vertreiben kann. 855 stirbt Lothar, und zuvor verteilt er sein Lotharingien von Nord nach Süd in drei Teilen unter seinen Söhnen. Darauf versucht Karl, dieses sich von Süden aus einzuverleiben, worauf ihm Ludwig wiederum entgegentritt. 870 schließlich wird das Mittelreich unter beiden im Vertrag von Meersen aufgeteilt.

 

Über die Provence gelingt es dem kahlen Karl dann noch, in Italien einzudringen und sich 875 mit der Kaiserwürde zu schmücken. Der Preis für seine Großreichspläne sind Zusagen an den Adel, die immer mehr auf eine Erblichkeit ihrer Lehen (und Ämter) hinauslaufen. An der Spitze des Adels übernehmen unter Karls Nachfolgern hochadelige Herren wie Vertreter der Welfen (Hugo Abbas), der Robert-Nachfolger wie Odo oder ein Gauzlin Machtpositionen. 879 lässt sich ein Boso in der Nähe von Vienne zum König der Provence und von Burgund wählen, erster Nichtkarolinger auf einem Thron, gegen den nun Hugo Abbas kämpft.

885 vereint der Ostfranke Karl "der Dicke", seit 881 Kaiser, für kurze Zeit noch einmal beide Frankenreiche. Er macht einen Bernhard zum Markgrafen von Aquitanien, Berengar von Friaul zu einem solchen in Italien und begründet so zwei weitere Fürstendynastien. Der Robertiner Odo wird erst Graf von Paris, bekommt nach Verteidigung der Stadt gegen die Normannen Roberts Erbe an der Loire dazu. 888 wird er König des Westfrankenreiches, ein weiterer Nichtkarolinger auf einem Thron, den Ostkönig Arnulf anerkennt.

 

Die Familie der Karolinger verschwindet mit dem 9. Jahrhundert im Osten, aus dem sich die deutschen Lande unter sächsischen und salisch-fränkischen Herrschern entwickeln werden, und Ende des 10. Jahrhunderts im Westen mit der Machtergreifung der Kapetinger. Der Osten zerfällt dabei in neuartige Stammesherzogtümer und der Westen in regionale Fürstentümern, über die die kapetingischen Könige dann zunächst bestenfalls wie ein primus inter pares verfügen. In Nord- und Mittelitalien steigen die Städte langsam mit ihrem Hinterland zu neuen Formen von Staatlichkeit auf.

 

Mit den Ostgoten, die Byzanz vernichtet, den Westgoten, die von einem nordafrikanischen Heer vernichtet und in den Norden der iberischen Halbinsel abgedrängt werden, den Karolingern, die mangels Nachwuchs nach einer Zeit des Niedergangs verschwinden, und dem von Normannen abgelösten angelsächsischen Königtum verschwinden die sich aus den Völkerwanderungen herleitenden Reiche. Im ostfränkischen Reich, in dem die „Franken“ nun räumlich und bevölkerungsmäßig eine kleine, sich neu definierende Minderheit sind, stellt sich bei den weltlichen und geistlichen Großen der inzwischen herausgebildeten Stämme neuen Typs, den eroberten Völkerschaften des alten Frankenreiches zusammen mit den ebenfalls theodisc sprechenden Ostfranken, ein nicht näher erklärtes Gemeinschaftsgefühl heraus, welches dazu führt, dass sie sich nach dem Aussterben ihres Karolinger-Zweiges nicht an die westfränkischen (weithin romanisierten) Karolinger um eine Herrschaftsübernahme wenden, sondern sich auf einen der Ihren einigen, den fränkischen Herzog Konrad aus einer anderen mächtigen Familie.

Da die Quellen nicht überzeugend hergeben, warum sie das tun, sind wir auf Vermutungen angewiesen. Die von mir bevorzugte ist, dass einer der Ihren die inzwischen entwickelten Stammesstrukturen am ehesten respektieren und keine starke Königsherrschaft aufkommen lassen würde. Mit der Entscheidung für Konrad stellen sich die Lothringer, kein sich ethnisch begründendes Stammesgebiet wie Alemannien, Bayern oder Sachsen, unter die Oberhoheit des westfränkischen Karolingers Karl („der Einfältige“). Lothringen ist einer der Reste des 843 geschaffenen Mittelreiches, welches nach seinem ersten König als Lotharingien bezeichnet wurde, und welches romanische und germanische Volksgruppen umfass (es reichte ursprünglich von Rom über die Provence bis nach Flandern).

 

Stämme als sich ethnisch definierende Zusammenhänge hatten sich im Osten im Kontakt mit den erobernden Frankenherrschern als regna in Fortsetzung alter Königreiche verfestigt. Die Position des Herzogs, dux, ist aber dabei nicht ethnisch definiert, sondern in ihrem Rang und Prestige gegenüber dem König einerseits und den Großen im Herzogtum andererseits. Insofern ist auch die Einsetzung der vielen Söhne, Enkel und Urenkel Heinrichs I. in Schwaben, Bayern, Kärnten und Lothringen nicht ungewöhnlich. Als Nebeneffekt werden sie dabei den Königen in Sachsen und Franken nicht ins Gehege kommen. (Keller, S.69ff)

 

Wir sind an den Wurzeln für jene Vorformen neuer Staatlichkeit angekommen, aus denen sich der „politische“ Rahmen für die Entwicklung von Kapitalismus ergeben wird, der zwar Ansätze von Staatlichkeit benötigt, aber keinen starken Staat, wie er dann später zunehmend auftreten wird, dann allerdings sich aus etablierten kapitalistischen Strukturen nährend. Die Schwäche der Monarchien, die sich nun entwickeln, liegt in dem Fehlen einer Verwaltung, eines Apparates, mit dem Herrschaft ausgeübt werden kann, anders gesagt, an der fehlenden Reichweite von Herrschaft. Stattdessen müssen Herrscher Verbündete suchen, „Freunde“, Getreue, an die dezentral Aufgaben delegiert werden.

 

 

Mindestens 1000 Jahre Einübung von Herrenmenschentum und Untertänigkeit. (in Arbeit)

 

Die germanischen Völkerschaften der Nachfolgereiche werden versuchen, möglichst viel von antik-römischen "Errungenschaften" zu bewahren und zu nutzen. Das wird ihnen nur sehr eingeschränkt gelingen. Was sie aber zur Gänze übernehmen und weiterentwickeln, ist das Machtinstrument der Kirche als Unterdrückungsinstrument und ist die Strukturierung der Völker in eine kleine Gruppe sehr gewaltbereiter Herren und in der Regel erfolgreich geduckter Knechte, Erbe einer langen Entwicklung seit spätestens der Bronzezeit.

 

Germanische und mit ihnen verbundene Völker waren schon vertraut mit dem Verhältnis von Herr und Knecht, im Kleinen über die Nutzung der Sklaverei, im Großen über Gefolgschaftsstrukturen im militärischen Verband. Aber mit der Integration eines durchzivilisierten Systems von Herrschaft und Knechtschaft zumindest werden sie sich auf Dauer auf der Höhe der römischen Antike halten können. Dieses werden sie dann bis ins 18. Jahrhundert n.d.Zt. weiterentwickeln und dann unter dem Eindruck der industriellen Revolution so umbauen, dass ein immer totalitärer (nicht immer despotischer) Staat in neuartigen Verfassungen die Machtverhältnisse, wenn auch mühsam, verschleiert.

 

Das Abendland, Land der untergehenden Sonne, Europa, wird dabei eine Sonderentwicklung auf unserer Erde weiterführen, wobei deren östliche Grenzen gegenüber den Landmassen Russlands und des Orients bzw. Asiens immer neu mit Gewalt abgegrenzt werden. Der Kern des Sonderfalls lässt sich als Kapitalismus beschreiben.

Dieser Kapitalismus wird in einem Maß durch Widersprüche gekennzeichnet sein, die sich als Ambivalenzen aus Verheißung und drohendem Unheil äußern, dass erst in der großen Industrialisierung des 19. Jahrhunderts die ersten Menschen beginnen, die Unheilskomponente etwas genauer zu entdecken. Vermutlich geschieht das schon damals zu spät.

 

Als historischer Grundwiderspruch des Kapitalismus wird sich der aus seiner befreienden und seiner zugleich unterjochenden Wirkung herausstellen und sicher nicht, wie wir inzwischen sehen können, als der zwischen Kapital und Arbeit, eine eher ideale Konstruktion. Das liegt vor allem an zwei Faktoren: Als Kapitalismus zu keimen beginnt, gibt es bereits ein Jahrtausend, vielleicht sollte man sagen mehrere Jahrtausende hindurch eine Einübung in die Macht weniger und die Ohnmacht vieler, und das geht soweit, dass sie beide als quasi natürlich, und in den Formulierungen damals religiös begründet installiert sind.

Der zweite Faktor besteht in der zunehmenden Komplexität der Strukturen, in denen Menschen leben, und in der Unfähigkeit zumindest der Ohnmächtigen, sie noch zu durchschauen. Ihre Hilflosigkeit wird sich dort erweisen, wo sie in mittelalterlichen Städten aufständisch werden, dabei aber in die Grenzen gelangen, die ihnen Kapitalverwertung setzt, oder in der Unfähigkeit der Bauern, in ihren großen Aufstandsversuchen noch eine Programmatik zu entwickeln, die ihren Ruin aufhält, der allerdings auch erst im zwanzigsten Jahrhundert seinen Abschluss finden wird.

 

Seit der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht, von Bergbau, Metallverarbeitung, Handwerk und Handel nimmt die humane Bevölkerung massiv zu und konzentrieren sich Menschenmassen in Städten, Brutstätten von komplexeren Zivilisationen. Die Organisation von Massen gelingt aber nur noch hierarchisch und dabei geben die meisten Menschen immer mehr Entscheidungsbefugnisse ab. Macht wird aber zum Selbstläufer, sie tendiert dazu, immer mehr Macht zu generieren. Dabei konkurrieren nicht mehr einzelne Menschen oder Gemeinschaften, sondern ganze Zivilisationen gewalttätig miteinander: Der auf Untertänigkeit basierende Krieg wird geboren und organisiert wiederum Untertanen unter Machthabern. Das Ganze wird begleitet von einer Kontrolle der Machthaber über die Köpfe der Menschen.

 

Im 9./10. Jahrhundert scheitern die Modelle der Mächtigen, Zivilisation wenigstens etwas an der römischen Antike zu orientieren. Es ist bezeichnend, dass nur wenige "Große", wie sie die Historiker nennen, sich an eine Neuorientierung machen, während fast alle Menschen ihnen zu folgen haben. Es ist bezeichnend, dass nur eine Gruppe in dem von der Macht gesetzten Rahmen etwas ausscheren kann: Es sind dies die Händler und frühe Finanzexperten, die einmal die Luxusbedürfnisse der Mächtigen bedienen und darüber hinaus Machtstrukturen so stabilisieren, dass die ohnmächtigen Massen für die Machthabenden funktionieren. Sie werden Ansätze von Kapitalismus entwickeln, der sich dann langsam darüber ausweitet, dass er an einzelnen Punkten direkt in die Produktion eingreift und sie ansonsten zum großen Teil von sich abhängig macht.

 

Es entsteht so eine unheilige Dreifaltigkeit von "politischer" Macht, wirtschaftlicher und religiöser, die alle drei ineinander verschränkt sind, und die der Masse der untertänigen Bevölkerung meist einig gegenübertreten. Dabei wird Untertänigkeit immer weiter modernisiert werden. Für die Geschichtsschreibung bis heute gilt das als selbstverständlich, weshalb sie sich grundsätzlich als mit den Mächtigen verbündet sieht und so erst das Machtinstrument Religion begleitet und dann am Ende ersetzt.

 

Das Verhältnis von Herr und Knecht ist im Kern spätestens seit den bekannteren Anfängen der römischen Antike paternal strukturiert: Es ist im Interesse des Herrn, dass der Knecht gut für ihn funktioniert und im Interesse des Knechtes, dafür "Wohltaten" zu erhalten: Sicherung des Lebensunterhaltes und gelenkte Fütterung des emotionalen Haushaltes, was im römischen Imperium ein gewaltiges Amüsiergewerbe hervorruft. Nach so vielen Generationen der Untertänigkeit lässt sich überall beobachten, dass die Einlösung dieser beiden Elemente Untertänigkeit perpetuiert, ja sogar enthusiastisch bejahen lässt.

 

Erster Herr vor allem über alle Untertanen ist eine übermächtige und immer wieder auch bedrohliche außermenschliche Natur. Niemand weiß das besser als Menschen, die Landwirtschaft betreiben. Naturtümelei ist etwas für Wohlstandsverwöhnte, ansonsten drohen durch die Geschichte immer wieder Hunger, Durst und Not. Zivilisationen ringen bei steigenden Bevölkerungszahlen dieser Natur immer mehr ab, Römer transportieren Trinkwasser aus zig Kilometern Entfernung in die Städte und Getreide ebenso aus hunderten von Kilometern. Je mehr untertänige Menschenmassen, desto größer wird der Bedarf an solchen lebenswichtigen Gütern und dazu kommt noch vieles mehr. Wer von vielen elementaren Entscheidungen abgeschnitten ist, wird wünschend bis fordernd nach "oben" schauen und dankbar dafür sein, wenn ihm in seiner unfreien Abhängigkeit Versorgung zuteil wird. Dort, wo das geschieht, wird Untertänigkeit dann als angenehm empfunden.

 

Aber die Geschichte der Zivilisationen hat auch erwiesen, in welchem Maße untertänige Massen eine Bedrohung darstellen, nicht zuletzt auch für sich selbst. Ohne sie als Kanonenfutter gibt es nicht die Kriege, mit die größten Verbrechen der Menschheit mit fürstlichen und königlichen Schwerverbrechern. Ohne sie als von einem von ihnen nicht kontrollierten Wirtschaften gäbe es nicht die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen, die inzwischen einer absehbaren Katastrophe zusteuert.

Und, was besonders schwer wiegt: Je mehr den meisten Menschen Entscheidungen abgenommen werden, desto geringer wird auch ihr Gefühl von Eigenverantwortung: Wenn die Verantwortlichen ganz "da oben" angesiedelt sind, verschwindet das Ethos eines friedfertigen und menschengemäßen Miteinanders der meisten in den Gehorsam "nach oben", wie er heute unser ganzes Leben im ausgehenden Kapitalismus bestimmt, etwas angenehmer als in den Diktaturen drum herum, aber zunehmend von psychosozialer Verwahrlosung und der Latenz eines hohen Konfliktpotentials bestimmt.

 

Ein besonderes Augenmerk gilt zweifellos bei alledem dem sogenannten Christentum, einer kirchlichen Adaption und massiven Umformung der paulinischen und evangelischen Texte. Diese Religion wird in dem massiven Widerspruch zwischen dem überlieferten Jesus (der nicht völlig dabei verschwindet) und dem, was Kirche daraus immer neu macht, eine ganz furiose Rolle spielen, die unentwegt mit den wirtschaftlichen und macht"politischen" Aspekten interferieren wird. Ohne kirchlich definiertes "Christentum" kein Kapitalismus, auch wenn dieser die Religion am Ende erledigen wird.

 

Auf der Grundlage solcher, den Historikern bislang fremder (unangenehmer?) Gedanken soll nun die Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus im Abendland untersucht werden, ohne ideologische Voreinstellungen, neugierig und kritisch, aber auch dankbar für alle (wissenschaftlichen) Forschungen, die bislang dazu geleistet wurden, aber zunehmend misstrauisch gegenüber deren Grundeinstellungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nietzsche über Paulus