PURITANER

 

 

Englische Reformation von unten

 

Das mittelalterliche (römisch-katholische) Weltbild war insofern ein geschlossenes, als das magische Vermögen der Kirche und die integrativen Kräfte der in ihr eingebetteten Volkskultur die sinnliche und die übersinnliche Welt zuammenhielten. Die Shakespeare/de Vere-Schauspiele sind auch insofern vormodern, es fehlt der Vernunftglaube als Leitbild, der aus den Menschen auch auf der Bühne ein Zerrbild machen wird. Zugleich ist es aber hier nicht christliche Magie, die die Welt zusammenhält, sondern ein Blick von vorchristlicher Klarheit auf den (zeitgenössischen) Menschen. Die Zeiten sind out of joint ohne jeden frommen Augenaufschlag, - zum letzten Mal ist der Mensch sich selbst ganz sein eigenes Problem

 

Dieses Gefühl für die Brüchigkeit menschlicher Existenz bekommt anderswo sein religiöses Gewand. Der “metaphysische Poet” John Donne formuliert: Then, a mankinde, so is the worlds whole frame / Quite out of joynt, almost created lame: / For, before God had made up all the rest, / Corruption entred, and deprav'd the best: / It seis'd the Angels, and then first of all / The world did in her cradle take a fall.../ 'Tis all in peeces, all cohaerence gone...(An Anatomie of the World). Am Anfang war der Sündenfall, dann kam die israelitische Geschichte, dann die englische, und immer noch sind die Folgen des Sündenfalls nicht überwunden, - der Fromme mag auf den Gottessohn bauen, aber davon wird die Welt nicht heil.

 

Luthers Kampf ist der des Sünders gegen den großen Satan gewesen. Den gewinnt der Reformator nach ausgiebiger Lektüre des Apostel Paulus, der ihm einen gnädigen Gott verspricht. In Kombination mit ihm gnädigen Landesfürsten verwandelt sich die reformatorische Leidenschaft dann langsam in das kommode Christentum des sonntäglichen Gottesdienstbesuchs mit anschließendem Osterspaziergang.

 

Jean Calvin geht einen anderen Weg. Während Johannes und Paulus aus einem jüdischen Gott einen hellenistischen gemacht hatten, der dann in der Überarbeitung der Kirchenväter römisch wird, läßt Calvin den jüdischen Gott bestehen, insistiert nur darauf, daß der Messias Jesus ihn (eine List der Dame Geschichte vom feinsten) den Juden weggenommen und den Christen gegeben habe. Indem die Juden ihren Messias haben töten lassen, weil dieser sich als Sohn ihres Gottes ausgab, haben sie nicht nur den Messias, sondern ihren Gott selbst verspielt.

 

Der Gott der Juden, der jetzt der der Christen ist, so meint Calvin, ergreift nun nicht mehr Partei für judäo-semitische Volksstämme, die sich ihm unterwerfen, sondern er ist künftig durch Christus der Gott aller Gerechten (außer den “gottesmörderischen” Juden). Die Gerechten als die Gesetzestreuen sind die schon immer Gerichteten; durch unerforschlichen göttlichen Ratschluß ist so aus dem göttlichen Stammesverband ein global verstreutes Partisanentum Gottes geworden. Für kurze Zeit gelingt es Calvin in der Stadtrepublik Genf, diesen Krieg für die gute Sache mit Zensur, Feuer und Schwert zu führen.

 

Das ist die religiöse Leidenschaft, die in vielen Varianten auch die Herzen der englischen “Reinen” bewegt, der Puritaner, die sich the godly people nannten, man mag hinzufügen: the chosen few. Die besten von ihnen werden später in Massachussetts das neue Jerusalem gründen, um von dort aus dem Reich des Bösen den Garaus zu machen. Aus Gründen der Machtbalance wird kurz darauf mit Virginia eine Kolonie für Huren, Kriminelle und andere Sünder eingerichtet, die in einem ersten Anlauf passend nach der jungfräulichen Königin benannt worden war. In ihr wird Daniel Defoes Satansbraten Moll Flanders zur guten Bürgerin heranreifen. Dieses Virgina wird später als rassistischer Sklavenhalterstaat zur Keimzelle der revolutionären nordamerikanischen Kolonien. Von hier aus werden bigotte Plantagenbesitzer den Aufruhr in das “Alte Europa” tragen und es von Frankreich aus grundlegend zerstören helfen. Die flächendeckende Zerstörung Mitteleuropas durch US-Bomber im Verbund mit dem inzwischen zum US-Trabanten verkommenen Groß-Britannien ist davon nur ein später Nachhall, Aber wieder zurück...

 

Den Übergang zu dieser Form von Protestantismus beschreibt Schwanitz in seiner herzerfrischend prägnanten Art folgendermaßen: "Während nach außen hin die Söhne Belials triumphieren oder, in umgekehrter Perspektive, David den Versucher Achitophel unterwirft, schreibt Milton sein Paradise Lost als Epos der besiegten Puritaner. Nach einer These von Karl Löwith, Eric Voegelin und Jacob Taubes gehören sie in den Zusammenhang einer durchgehenden abendländischen Gegenkultur, die letztlich – mit Max Weberscher Akzentuierung – in der Moderne doch noch siegt. Diese Gegenkultur wird getragen von aktivistischen Heilssuchern,die in periodischen Abständen mit dem Anspruch auftreten,das Reich Gottes gegen die Institutionen im Hier und Jetzt zu realisieren und damit von unten ausgehende soziale Bewegungen auszulösen.Sie wenden sich dabei – wie Voegelin in ‘Order and History’ formuliert – gegen die drei Kompromisse, die der Geist in Gestalt der Kirche mit der Welt schließt.Der erste Kompromiß ist der mit der Schwäche des Menschen durch die Institutionalisierung der Gnade in den Sakramenten...Der zweite Kompromiß ist der mit der Staatsgewalt durch die paulinische Akzeptanz ihrer Gottgewolltheit...Der dritte Kompromiß ist der mit der Geschichte durch die Hinnahme des Aufschubs unmittelbarer paradiesisch eschatologischer Vollkommenheit zugunsten zivilisatorischer Erziehungszeit.“ (Schwanitz, Englische Kulturgeschichte II, S.173)

 

Durch den Rückgriff auf die Schrift selbst erfolgte bei den Puritanern eine starke Identifikation mit dem Volke Israel unter den Propheten: Die Abwehr gegen polytheistische Tendenzen durch die Propheten erinnerte sie an den eigenen Kampf gegen den Papismus.Das führte zu einer starken Judaisierung der Rhetorik und der Kultur.Man taufte seine Kinder mit alttestamentarischen Vornamen und nannte sich „Samuel“ und „Habakuk“. "Im Bürgerkrieg sollte man das Bild des Löwen von Juda auf seine Fahnen heften und sich wie das Volk Israel in seinem Kampf gegen die Philister fühlen."( Schwanitz, s.o. S.127)

 

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts beginnen in Schottland Gemeinden mit der Reformierung des Gottesdienstes und der Einführung von Formen der Selbstverwaltung. Bei Thronbesteigung der während ihrer Minderjährigkeit in Frankreich erzogenen (katholischen) schottischen Königin Maria Stuart muß der calvinistische Reformator John Knox nach Genf fliehen. Als die Königin als Gemahlin des zweiten Franz in Frankreich lebt, kehrt er zurück. 1560 bekennen sich die schottischen Stände zum Calvinismus, und als Maria Stuart nach dem Ableben ihres Gemahls nach Schottland zurückkehrt, scheitert sie mit dem Versuch einer katholischen Restauration, flieht nach England und wird 1587 als gefangene Rivalin von Elizabeth I. enthauptet. In dieser Zeit entwickelt Schottland die Sonderform des Presbyterianismus, in der alle Gemeindemitglieder gleichberechtigt sind und nur einen Ältesten, den Presbyter, als Vorstand wählen. Die Bistümer bleiben daneben bestehen.

 

Seit 1603 vereinigt die englische Krone unter dem Stuart James I. England und Schottland, und versucht dort immer wieder, ihre (episkopalische) Staatskirche aus Gründen der Staatsraison durchzusetzen. 1638/39 werden die schottischen Bistümer im National Covenant abgeschafft. Der Konflikt mit der Krone bleibt bestehen.

 

Puritaner sind bibeltreu, und betrachten sich so als Nachfolger des auserwählten Volkes der Juden. Ihre Frömmigkeit konzentriert sich auf die ständige gewissenhafte Prüfung ihrer Seele, jeder Schritt im alltäglichen Leben ist ihnen ein Schritt hin zum ewigen Heil.Dieser Puritanismus bleibt bis vor dem Bürgerkrieg im wesentlichen innerhalb der anglikanischen Staatskirche und versucht, deren weitere Reformierung durchzusetzen. Ähnlich wie bei Luther, Zwingli, Calvin und den schottischen Presbyterianern geht es um keine radikale Christus-Nachfolge, wie sie die Religionsgründer verlangt hatten, sondern man beharrt auf der Zwei-Welten-Theorie, die sich auf Erden als Vorstellung der getrennten Sphären von weltlicher Herrschaft und Geistlichkeit am deutlichsten bei Luther geäußert hat. Unter Puritanern entwickelt sich aber schnell der Drang, den von frommer Gesetzestreue durchtränkten Raum schon auf Erden möglichst weit auszudehnen. Beim modernen Islam wird diese Tendenz heute gelegentlich als “Fundamentalismus” bezeichnet.

 

Schnell gelangt die Lehre von der doppelten Praedestination in die Köpfe puritanischer Geistlicher: Eine Minderheit von Gott Auserwählter gelangt zum ewigen Heil, die Mehrheit der Menschen werden ewig in der Hölle schmoren. Dies ist insofern für Puritaner zunächst kein Problem, als sie selbst immer eine solche Minderheit bleiben.

 

Schwanitz fasst diese Prädestinationslehre so zusammen: "Wenn es zum Zeichen der Erwähltheit gehört, dass man ein gottesfürchtiges Leben führt, sparsam ist, die Zeit für nützliche Arbeit aufwendet und nicht an Luxus und Zerstreuung verschwendet, dann wird man dafür sorgen,daß diese Zeichen sich auch einstellen. So funktioniert die Lehre der Prädestination im großen und ganzen als self-fulfilling prophecy...(...) Gott wurde absolutistischer. Er wurde zu einem rächenden,alttestamentarischen Gott von unendlicher Macht, was das Gefühl der eigenen Ohnmacht und Gnadenbedürftigkeit erhöhte."(EK S.127)

 

Im 'Pilgrim's Progress' beschreibt der strenge Calvinist John Bunyan, ein Particular Baptist, das Leben eines Frommen als Pilgerweg zum Heil. Im fortgeschrittenen 17. Jahrhundert ist die strenge Praedestinationslehre dann allerdings selbst unter Puritanern zur Minderheitenposition geworden, wie sie z.B. die Independenten vertreten, denen Oliver Cromwell nahesteht.

 

In pragmatischer Anpassung an eine mögliche Lebensperspektive der Frommen auf Erden wird die Vorherbestimmung unauffällig immer mehr durch die Vorstellung der göttlichen Vorsehung – providence – ersetzt. Während erstere zu der Konsequenz führte, im eigenen Leben nach Zeichen der Heilsauserwähltheit zu suchen, sich dazu selbst immer wieder zu examinieren und seine eigene Sündenfreiheit bis zum Exzeß zu perfektionieren, was nur bestimmten Naturen gelingen kann, wird der providentielle zunehmend zu einem gnädigeren, angenehmeren Gott, der auch gütig ins Leben der Menschen eingreift (rettet und schützt) und andererseits die Sünder mit Unglück, Unwetter, Krankheit bestraft, was dazu führt, daß auch Fromme mitbetroffen werden können, weshalb diese sich anstrengen müssen, möglichst auch die lieben Nachbarn zu einem gottgefälligen Leben zu bewegen.

 

Die Verbreitung einer weniger strengen, volkstümlicher wirkenden puritanischen Frömmigkeitskultur geschieht nicht zuletzt durch Erbauungsliteratur, die zur ständigen Selbsterforschung anleitet und dafür Kriterien anbietet. "In Tagebüchern wird eine regelmäßige, im Idealfall tagtägliche spirituelle „Buchhaltung“ über die positive und negative Bilanz des eigenen Lebenswandels, über die optimale Zeitnutzung, über das regelmäßige Gebet und über due eigenen Andachtsstunden geführt. Außerdem wird Buch geführt darüber, ob man sich frommer oder prophaner Gesellschaft bemüßigt hat, ob der Sonntag gebührend geheiligt wurde ... und ob man sich die Sonntagspredigten genau angehört hat." (v.Greyerz,England im Jh. d.Rev., S.83)

 

Noch Samuel Pepys, aus puritanischem Hintergrund kommender hoher Verwaltungsbeamter unter Charles II. und zugleich munterer Lebemann mit zahllosen klammheimlichen Liebschaften, geht zweimal am Sonntag in die Kirche, einmal davon zusammen mit seiner Frau, und vertraut dem Tagebuch seine Kommentare zum sermon an. Er betet vorm Schlafengehen mit der Frau und manchmal der ganzen Familie, zu der in seinem Fall keine Kinder, aber wie üblich die Dienstboten gehören. Er ist längst königstreuer Anglikaner geworden, wird aber weiter hin-und hergerissen zwischen Sinnenlust und Gewissenspein. Frömmere Puritaner schreiben die Predigten ihrer minister mit und besprechen sie dann im Freundeskreis noch einmal. Pepys hingegen zeigt den Weg abendländischer Frömmigkeit hinein in immer größere Weltlichkeit.

 

Die wichtigsten der guten Werke sind die der Caritas, der unmittelbarsten Form der Nächstenliebe. Mädchen und Frauen machen Handarbeiten für “ihre” Armen, Witwen und Waisen werden besucht und kranke Nachbarn versorgt. Diese Haltung wird auf Teile der anglikanischen Kirche übergehen und sich bis ins zwanzigste Jahrhundert halten. Oft, wenn Jane Austen näht, sind dies Kleider für die Armen: "she usually had a piece of embroidery at hand that she might take up if visitors were there." (Jenkins,Austen,p.144)

 

Dabei lehnt der wahrhaft Fromme jegliche ostentative Form der charity als eitel (vain) und heuchlerisch (hypocritical) ab, er soll nicht stolz auf seine guten Werke sein, sondern sie als das Mindeste ansehen, was er für sein Seelenheil tun kann. Schon das ist allerdings harte Arbeit gegen die eigene “Natur” .

 

Eitelkeit ist nie auf Putzsucht beschränkt: Richardsons Clarissa Harlowe ist (zumindest in ihren Briefen) stets darauf bedacht, sich „nicht so wichtig zu nehmen“, nicht eingebildet zu sein, würden wir vielleicht heute sagen. Sie ist anerkanntermaßen die schönste, großzügigste, eleganteste, anmutigste, geistreichste junge Dame weit und breit (eine Muster-Lady), aber sie ermahnt sich selbst immer wieder, das alles nicht so wichtig zu nehmen, sondern rechtschaffen zu sein und gute Werke zu tun.

 

Das Leben der godly people, die Reinheit anstreben, versucht den Ausschluß von Luthers „altbösem Feind“ im Alltag. Dabei besteht die alte römisch-katholische Leib-Seele-Dichotomie weiter: Die reine Seele erhebt sich kraft geistiger Anstrengungen über die Äußerungen des Körpers, dieser ist im Prinzip nur das vergängliche Gehäuse für den wertvollen, spirituellen Teil des Menschen. Das Schlüsselwort heißt „Beherrschung“, governance, ein religiös von Kindheit an gestähltes Über-Ich zwingt die Menschen zur Sublimierung und/oder Verleugnung. Was Fénelons tugendhafter König seinen Untertanen aufzwingt, schaffen englische Puritaner unter der Herrschaft liederlicher und entsprechend liberaler Stuartkönige ganz freiwillig und ganz privat*13

 

Der zentrale Sünden-und Lasterkatalog der römischen Kirche des Mittelalters wird von den Puritanern übernommen, nicht zuletzt, weil er sich im zivilisatorischen Prozeß in Richtung (bürgerliche) Revolution bewährt. Am deutlichsten werden Pferdefuß und Schwefelgestank des Gottseibeiuns beim Thema Sexualität, das im paulinischen Sinne auf die Ehe eingegrenzt bleiben soll. Dies wird im englischen 17.Jahrhundert ein um so schwierigeres Unterfangen, als nicht nur zeitweilig die Zahl der Eheschließungen aus ökonomischen Gründen zurückgeht, sondern aus denselben Gründen auch das Heiratsalter erheblich ansteigt, bei Frauen zeitweilig auf durchschnittlich 27 Jahre. Während die Eltern aller Mädchen naturgemäß an einer frühen Verheiratung ihrer Töchter interessiert sind, die bei hinreichender Mitgift (portion) in der Regel auch möglich ist, steht die Unterschicht bei ökonomisch schwieriger Situation vor der Aufgabe, den Lebensraum der Mädchen so einzugrenzen, daß diese nicht plötzlich geschwängert und einer ordentlichen Heirat nicht mehr zuzuführen sind.

 

Puritanische Moralvorstellungen sind da hilfreich. So ist man in England bestrebt, die Mädchen aus der Alehouse-Kultur auszuschließen, die ohnehin inzwischen als immer weniger gentle angesehen wird, ihnen den Alkoholkonsum zu verbieten, der unter Männern nicht so strenger Provenienz weiter als ehrbar gilt, Tanzvergnügen entweder in strengeren Kreisen ganz zu verhindern, oder unter Aufsicht zu stellen, und die Art der Tänze zu reglementieren. In Deutschland werden in dieser Zeit neu aufkommende Paartänze (mit ihrem Ländler-Walzen) als die „Geilheit“ steigernd abgelehnt, genauso wie Drehen, Heben und Springen der Mädchen, was die Röcke hebt und den Buben unzüchtige Einblicke auf die weiblichen Beine und eine Steigerung der Geilheit gestattet, in seiner Munterkeit der Bewegungen aber schon sowieso die Emotionalität in jene Vergnüglichkeit steigert, die ein guter Hirte seinen Schäflein nicht zugestehen mag..

 

Im puritanischen und calvinistisch-kontinentalen Kontext ist das sexuelle Begehren das zweifellos zentrale und schlimmste Laster. Radikale Puritaner versuchen, die Lust bei den ehelichen Pflichten zu unterdrücken, was den Männern zumindest bei ihren Frauen auch gelingt. Das männliche Begehren läßt sich nicht ganz so wegleugnen; “normalen” weiblichen Wesen wird hingegen zunehmend unterstellt, sie würden dieses gar nicht kennen. Die Entscheidung einer Clarissa Harlowe oder einer Jane Austen, beides Anglikanerinnen des 18. Jahrhunderts, single zu bleiben, also spinster, alte Jungfer zu werden , wird von ihnen womöglich gar nicht als Verzicht auf sexuelle Lust, sondern als schierer Akt der Freiheit gegen das eheliche Joch gesehen.

 

Der mittelalterlichen Tugend der Keuschheit (chastity), die grundsätzlich auch für das männliche Geschlecht gilt, nur bei ihm nicht so gut kontrollierbar ist, unmittelbar verbunden ist die der Demut (humility), der das Laster der Eitelkeit (vanity) gegenübersteht. Die Vanitas wird gemeinhin als Dame mit Spiegel dargestellt, wiewohl bekannt ist, daß auch Männer nicht immer gegen sie gefeit sind. Im 16. und 17. Jahrhundert wird nun ganz massiv die Putzsucht als wesentlicher Teil der Eitelkeit gegeißelt. In der strenger ständischen kontinental-europäischen Gesellschaft werden detaillierte Kleiderordnungen aufgestellt, die von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort sich unterscheiden. Insbesondere wird das Material der Textilien und die Menge und Qualität des Schmucks festgelegt.

 

Die beiden wesentlichen Wege, erotisches Powerplay zu bieten, sind damals wie heute Formen der Entblößung, bei den Damen das Dekolleté vor allem; daneben die Betonung von Körperformen, bei den Männern ist dies der Penis, der in Fortsetzung der dementsprechenden Ausbuchtung der Ritterrüstungen ähnliche Formen im textilen Bereich annimmt, wobei es besonders empört, wenn stolze Gockel sich zu große Formen nähen lassen. Bei den Damen ist es das Schnüren des Leibes, welches Hintern, Hüften und insbesondere Busen prominent werden läßt und das zeitweilig spitz im Schambereich zusammenlaufende Vorderteil der Oberbekleidung.

 

Puritaner lehnen auch Farbigkeit in der Bekleidung ab, die Quakerfrau, in die sich Daniel Defoes Roxana verkleidet, als sie nach ihrer Zeit als königliche Mistress, Maitresse, in der bürgerlichen Londoner City unterkommt, trägt schwarz. Ihre Kopfbedeckung ist eine Haube ohne allen koketten Zierat 13c.

 

Der Puritanismus nimmt vieles vorweg, was Fénelon für seinen idealen Staat fordert, nur kann der erzkatholische Bischof sich später nicht auf das Treiben unreiner Ketzer beziehen. Schwanitz faßt das puritanische England kurz so zusammen: "Schrift war das Gegenprogramm zur katholischen Bilderwelt der Symbole und Veranschaulichungen. (...)Aus dem Festtag der Vergnügungen wurde der Fasttag der religiösen Andacht.Die auf dem Lande üblichen Lustbarkeiten wie Tanz, Sport,Tierhatz, Jagd, Kegeln, Schießen, Jahrmarkt, Fußball etc.wurden nun mißbilligt. Die Benennung des „Sunday“ als „Sonnentag“ wurde als heidnisch abgelehnt,und der Ruhetag wurde zum „Sabbat“ umgetauft" *14.

 

Für die Frommen und bald für alle sind an diesem Tag alle Vergnügungen verboten. Die Stuart-Könige werden sich vergebens dafür einsetzen, daß die relativ derbe Volkskultur erhalten bleibt. Noch Dickens wird in zahlreichen Veröffentlichungen darum kämpfen, daß die Unterschicht diesen einzigen freien Tag wieder für ihre Vergnügungen zurückerhält. In der Auseinandersetzung um die Fuchsjagd im heutigen England wird deutlich, daß es sich dabei um die angstvoll-unlebendig kleinbürgerlicher Städter mit einem Bündnis aus Aristokratie und ländlicher Unterschicht handelt *15.

 

Das oft eher ferne Diktat der römischen Kirche wird mit der Reformation durch den demokratischen Meinungsterror ersetzt. Man beginnt, sich gegenseitig auf Sündhaftigkeit hin zu kontrollieren, es kommt zu verschärfter Hexenverfolgung und Ketzer-Verbrennung. Nathaniel Hawthornes Scarlet Letter ist ein A für adultery (Ehebruch) und wird einer Unglückseligen in einer puritanischen Gemeinde Neu-Englands mit glühendem Eisen auf die Stirn gebrannt.

 

Es beginnt das moralische Zeitalter im angelsächsischen Raum, das mit der Welle der political correctness gerade wieder einmal fröhliche Urstände gefeiert hat. Sogar Eigennamen können das wunderbar widergeben: Einer der radikalen Führer im London des Commonwealth heißt wahr und wahrhaftig Praise God Barebones...

 

Das mos der alten Römer war vor allem das mos maiorum gewesen, es waren die althergebrachten Sitten und Tugenden, deren finalen Verfall Edmund Burke in der französischen Revolution beklagt. Die „Moral“ des 16./17.Jahrhunderts, die in den nächsten beiden noch tyrannischer wird, ist bei den Strengen und Frommen jetzt nicht mehr einfach althergebracht, sondern wird in der Alltagspraxis den Bedürfnissen des Bürgertums angepaßt. War der 30-jährige Krieg 1618-48 als europäischer Krieg noch auch Religionskrieg gewesen, so wird die ideologische Begleitmunition des englischen Bürgerkriegs, der 1640 ausbricht, viel moralischer werden, es wird nicht mehr so sehr um den rechten Glauben als um die guten und die schlechten Menschen gehen (die schlechten sind wie immer die anderen). Moderne Moral entsteht aus der Säkularisierung von Religiosität und kennt keine Gnade mehr.

 

Der Kern der neuen Moral ist der Aufschub von Triebbefriedigung (gratification of appetite), religiös verklausuliert als Verzicht auf Erden, dem die wahre Lustbarkeit im Paradies folgen soll, ökonomisch begründbar als Strategie zur Kapitalanhäufung, wobei in diesem Fall die Zinsen (hoffentlich) schon hienieden abfallen. Daniel Defoes Moll Flanders und Roxana werden ihr ganzes Leben als im Unkehrschluss als Körpereinsatz, d.h. als Kapitaleinsatz zwecks Rendite ansehen, und bei Roxana geht es dabei auch schon ganz heftig um Kapitalvermehrung *16. Sie sind frühe privatisierende Unterrnehmerinnen auf dem Weg zu einer Sexindustrie, die später die Kommerzialisierung physischer Bedürfnisbefriedigung auf einem sexuellen Markt erreichen wird.

 

"Was früher Religionsvirtuosen wie Heiligen,Mönchen,Asketen und Eremiten vorbehalten war, wird nun verbindlich für alle.Indem die Askese auf ein pflichterfülltes Berufsleben bezogen wird, kommt es zur Moralisierung dessen,was man später „Sekundärtugenden“ genannt hat: Fleiß, Pünktlichkeit, professionelle Sorgfalt etc." (Schwanitz, s.o S.129).Max Weber wird um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herausarbeiten, welche Affinitäten zwischen protestantischer Askese und Frühkapitalismus bestehen.

 

Triebaufschub produziert Frustration und Frustration verlangt nach Kompensation. Die frustration ist ursprünglich die lateinische 'Vereitelung', wird aber immer stärker auch zu dem Gefühl, das diese erweckt. Kompensieren kann man mit dem Bewußtsein, durch seine Lebensführung ein auserwählter Heiliger zu sein, der zumindest auf andere (moralisch) herabschauen kann. Nur kompensiert die Arroganz als Haltung nicht das Gefühl der Frustration. Moralisches Gutsein löst auf Dauer Verbitterung aus, die immer Reaktion auf einen Mangel ist: Die Frustration als Manko führt zur Bitterkeit: es mangelt an lustvollem, körperlich wahrnehmbarem Gefühl. Protestantische Moral wie die Fénelonsche Klosterbrüdermoral tendieren so zur Strenge und Härte gegen sich selbst und gegen andere. Das protestantische Pfarrhaus wird in Deutschland (nicht nur aber auch) Rigorosität hervorbringen: von Hölderlin über Nietzsche bis Gudrun Ensslin. Alle drei werden sich nach etwas anderem sehnen, was aber bei ihnen nur zwischen den Zeilen durchlugt.

 

"Was nicht ausgelebt wird, sondern aufgeschoben oder gar geleugnet, bleibt drinnen, wird Innenleben. Jetzt bildet sich das heraus,was David Riesman den „innengeleiteten“ Menschen genannt hat. Das Gewissen wird zur Richtschnur für das Handeln,Denken,Fühlen. Auch die Gedanken werden nun moralisierbar.Der Mensch entdeckt den seelischen Innenraum als Bereich der moralischen Bewährung." (Schwanitz, s.o. S.144f)

 

Schuld wird von einem realen zu einem moralischen und psychischen Faktor, und Buße ist immer weniger Wiedergutmachung und immer mehr moralische Wiederherstellung. Die Strafrechtsreformen des zwanzigsten Jahrhunderts werden diesen Prozeß verrechtlichen.

 

Die englischen Protestanten entwickeln so ihre ganz eigene Kultur der Innerlichkeit, außen ruft die Pflicht und innen wird vergeistigt, sublimiert. Das ist der Weg in den Kult der Empfindsamkeit, der Sensibility; wer nicht mehr gefühlvoll lebt, spürt wenigstens noch diffus, er wird empfindsam. Je mehr die Empfindung das volle Gefühl kompensiert, desto empfindlicher werden die Empfindsamen, Freud wird später sagen, neurotischer, und für ganz schlimme Fälle werden im 19. Jahrhundert die diagnostischen Begriffe der Neurasthenie und der Hysterie entwickelt. (Master Fairlie in Collins ‘Woman in White’ ist ein gelungenes Musterbeispiel dafür.)

 

Friedrich Nietzsche wird den in Frankreich aufgekommenen neuen Begriff von Ressentiment verwenden, um im Schmerz des Verzichts auf Lebendigkeit die latente reizbare Feindseligkeit des dauernd getretenen Hundes zu entdecken. Am Ende wird Freud im ''Unbehagen in der Kultur' feststellen, daß Frustration durch Sublimation nur begrenzt bewältigbar ist und der hochsublimierte Frust dazu neigt, sich in heftigsten Stürmen zu entladen. Kurz darauf wird er vor Hitler nach England fliehen.

 

Eine clevere, wenn auch widerwärtige Möglichkeit, den moralinsauren Zeitgenossen zu entkommen, ist die Heuchelei (hypocrisy), das Vortäuschen moralischer Einstellung und Lebensweise. Der moralische Druck zwingt zum Kopf-Einziehen, zum Mitmachen, zum Mitläufertum. Zu Roxanas (Defoes) Zeiten, also um 1700, konnte es in der Londoner City einfach klug sein, mit einem Quaker-Kostüm herumzulaufen. Wer im protestantischen Kontext des 17./18.Jhs art benutzt, artful ist, ist ebenfalls ein Hypokrit, ist unaufrichtig. Diese „Kunst“ ist im konkreten Fall, bei Samuel Richardson wie bei Jane Austen, insbesondere Hinter-List, wer nur heuchelt, macht sich eher der affectation schuldig, - -- „affektiert sein“ heißt, den Affekt bloß vorzutäuschen, weil das moralische Überlegenheit mit sich bringt. Auch das kennen wir schon von Fénelon. Der Listenreichtum von Odysseus ist längst ein Makel geworden. Listig ist man inzwischen lieber unerkannt.

 

Hypokriten bevölkern Jane Austens 'Sense and Sensibility' und 'Pride and Prejudice', die empfindsame Marianne Dashwood beklagt das, aber die große Schwester Elinor bringt ihr am Ende bei, daß man mit solchen Leuten leben muß (die alte Toleranzregel: was man nicht vernichten kann oder will, muß man ertragen). Das bis zur Karikatur überzogene mustergültige Exemplar in der englischen Literatur ist Uriah Heep, der Protagonist verlogenster humilitas in Dickens ''David Copperfield'. Er ist so humble, daß man die Tritte spürt, die er schon bekommen hat und zugleich die ahnt, die er Schwächeren zugedenken wird, wenn er nur die Macht dazu bekommt..

 

Aufstieg und Niedergang der reinen Lehre in England.

 

Die erste Elisabeth hat ihre Amtskirche noch fest im Griff, aber darunter rumort und brodelt es. Der eitle Pomp des Hofes, die Unzucht der Aristokraten, der faule Zauber der Schauspieltruppe eines Herrn Shakespeare und der fehlende Glaubenseifer der anglikanischen Bischöfe, all das ist ein großes Ärgernis für ein Bürgertum, das immer rechtschaffener und fleißiger wird und als Lohn für die Mühen glaubensreiner Rechtschaffenheit nun auch mehr Einfluß will. Im House of Commons wird zu Ende der Amtszeit der jungfräulichen Königin der Druck auf die anglikanische Staatskirche immer stärker: Diese sollen die Strafen für die, die regelmäßig nicht den Gottesdienst besuchen, verschärfen; zudem wird versucht, die einträgliche Ämterhäufung unter der Geistlichkeit zu reduzieren.

 

Die legitimen Nachfolger der jungfräulichen Königin werden Schotten aus dem Hause Stuart. Die katholische Mary war zwar am Ende für Elizabeth nicht mehr tragbar gewesen und aus dem Weg geräumt worden. Aber sie bestimmt die protestantische Stuartlinie für ihre Nachfolge. Die Könige aus diesem Hause kämpfen wie die meisten Staatenlenker aller Glaubensrichtungen nicht zuletzt mit dem Problem der Unterfinanzierung, welches daher rührt, daß selbst Könige gerne mehr hätten, als sie so ohne weiteres bekommen. Nun hatte die anglonormannische Monarchie in einem schwachen Moment, der sich im Nachnamen des Königs Johann Ohneland (Lackland) verewigt hat, einer Anzahl Honorationen aus gutem Hause ein Mitspracherecht zusichern müssen, und weil parlare (mit)sprechen heißt, gewöhnte sich dieser feine Club, der zu einer ständigen Einrichtung wird, an den Namen Parlament. Da die Könige schon eine Menge Hofleute an der Regierung beteiligen und dergestalt neutralisieren müssen, was wiederum mehr Geld kostet als es einbringt, ist dieses Parlament im 17. Jahrhundert für sie eher ein Ärgernis; aber sie müssen es immer wieder einberufen, wenn die regulären Einnahmen die Ausgaben nicht decken.

 

Das Auswahlverfahren für das eine der inzwischen zwei Parlamente, das für die Gemeinen, die Commoners, ist inzwischen der Kontrolle des Monarchen fast restlos entglitten, es ist zur Vertretung der Besitzenden und der Betitelten der Städte und Grafschaften geworden. Wenn die Stuartkönige nun an zusätzliche Einnahmen kommen wollen, müssen sie diee Besitzenden unter ihren Untertanen taxieren, und in England muß jede Taxation legalisiert werden, d.h. die beiden Kammern des Parlaments müssen zustimmen.

 

Als Repräsentanten derer, die etwas haben, sind sie in Personalunion auch die Repräsentanten derjenigen, die möglichst wenig hergeben wollen. An Steuern kommen die Könige deshalb hauptsächlich dann, wenn sie Krieg führen wollen, denn der gilt als eines ihrer legitimen Hauptgeschäfte. Kriege nun erscheinen den Parlamentariern immer wieder als gewinnträchtige Investition, werden sie doch damals von England vorwiegend mit merkantilen Konkurrenten auf den Weltmeeren geführt: Mit Spanien, Frankreich und den holländischen Generalstaaten.

 

Diese an sich ganz einfachen Vorgänge werden im 17. Jahrhundert dadurch leicht verkompliziert, daß dank Reformation kaum noch ein Krieg nicht auch als Religionskrieg propagiert werden kann. Anders gesagt, wer mit den Spaniern Schiffe versenken spielt, kämpft gegen den katholischen Satan, was den irdischen durch einen himmlischen Profit veredelt; wer aber gegen die protestantischen Holländer antritt, tut den Glaubensbrüdern der Puritaner weh, aber andererseits profitieren sie dabei.

 

Im englischen 17. Jahrhunderts gewinnen diese Puritaner im Unterhaus immer mehr die Oberhand. Derweil beobachten die Stuart-Könige, dass es sich in Spanien und Frankreich ohne Parlament ungenierter regieren läßt. Dort versuchen die Monarchen oder haben es in Spanien schon geschafft, sich selbst die Absolution zu erteilen, sie haben sich direkt dem katholischen Gott unterstellt, und der hat sie wiederum beauftragt, sich von den Mächtigen unter ihren Untertanen nicht mehr in die Staatsgeschäfte hereinreden zu lassen, soweit diese nicht bereit sind, als Höflinge am Hof sich höflich zu verhalten.

 

Nach dem ersten Jakob Stuart läßt sich ein erster Karl im Königspalast Whitehall nieder. 1628 muß er sich dem Parlament beugen und eine Petition of Right hinnehmen, kurz darauf wird sein persönlicher und politischer Vertrauter, der Duke of Buckingham ermordet. Ein Jahr später löst er das Parament ganz auf, das sich gegen seine Versuche zur Ausweitung der Besteuerung (durch Ausweitung des Schiffsgeldes, ship-money aufs ganze Land) gewandt hat. Es wird elf Jahre nicht mehr zusammentreten. In dieser Zeit regiert Charles I. mit seinen königlichen Prärogativen, zu denen die Führung der Außenpolitik und – als Oberhaupt der Staatskirche – die Einsetzung ihrer Bischöfe gehört. Er versucht nun, die Königsmacht dadurch zu stärken, daß er eine neue Riege von Geistlichen in die höchsten Kirchenämter bugsiert. Diese nehmen Stück für Stück die wenigen kleinen Reförmchen wieder zurück, die die Staatskirche inzwischen vollzogen hatte, der Altar wird an seinen katholischen Standort zurückversetzt, die Gewänder der Geistlichen werden wieder etwas bunter, und die Luft der Kirchenschiffe wird mit dem Weihrauch einer freundlicheren Weltsicht angereichert.

 

An diesem Punkt merkt der aufmerksame Puritaner früher oder später, daß der Satan des Katholizismus als Vorbote des monarchischen Absolutismus sich in das Land der free-born Englishmen einschleicht, und einige sehen die Apokalypse nahen, Armaggeddon, die letzte Schlacht des Satan mit dem schon so lange versprochenen und endlich wiederkommenden Messias, der diesmal nicht am Kreuz sterben, sondern den Puritanern zum Tausendjährigen Reich verhelfen wird.

 

In den dreißiger Jahren verknüpft sich der Machtkonflikt der parlamentisch Gesonnenen und der Bürgerrechtler gegen die Handlungsfreiheit des Souveräns immer mehr mit dem Konflikt zwischen puritanischem Fundamentalismus und der staatstragenden Church, die zunehmend unter den Verdacht der Popery gerät. Während das osmanische Reich sich daran macht, den Islam ins Zentrum Europas hineinzutragen, betrachten die godly people inzwischen die moderat protestantische Kirche und den Katholizismus als ihren großen Satan.

 

1637 spitzen sich die Dinge zu. Ein Bürger aus Buckinghamshire lehnt es ab, das Schiffsgeld zu zahlen, da es nur für Küstengegenden zu deren Verteidigung vom Parlament abgesegnet ist, und der König kann sich gerade noch einmal vor Gericht durchsetzen. 1638 schwören presbyterianische Schotten in einem National Covenant bei ihrem Leben, das Common Prayer Book der Anglikaner nicht zu benutzen, welches ihnen die Krone aufgezwungen hat.

 

In dieser Zeit beginnt der Earl of Newcastle, ein kultivierter und gebildeter Aristokrat, den Thronfolger zu unterrichten. Er schreibt seine Erziehungsziele auf, so dass sie der Nachwelt überliefert sind: Er lehrt ihn Höflichkeit und Freundlichkeit gegenüber Frauen (Newcastles Gattin selbst war eine nicht unbedeutende Schriftstellerin) und macht ihm klar, nicht zu fromm zu sein, da man zugleich ein guter Mensch und ein schlechter König sein könne. Ein halbes Jahrhundert später wird Fénelon in fast jeder Beziehung das exakte Gegenteil propagieren...

 

Sommer 1639 zieht der Vater des jungen Prinzen in den ersten Bishops' War (der Bischofskirche gegen den Presbyterianismus) nach Schottland; ein Krieg ohne entscheidenden Ausgang. Darauf holt Charles 1640 den Earl of Strafford als Ratgeber an den Hof. Der war bis dahin Lord Deputy von Irland gewesen und rät nun, das Parlament einzuberufen, um an Finanzen für eine Entscheidung in Schottland zu kommen. Dies Short Parliament zeigt dem Monarchen die kalte Schulter und wird nach wenigen Monaten wieder entlassen. Im Sommer wird der darauf von den Schotten militärisch gedemütigt und im Winter tritt das Long Parliament zusammen. Dies findet heraus, das Strafford dem König gegen die Schotten irische Truppen angeboten hatte. Dies interpretieren die puritanischen Parlamentsführer als Hochverrat, gelten die Iren doch bei ihnen als papistische Teufel, mit denen Strafford England unterjochen wolle. Das Parlament setzt ein Impeachment, ein Verfahren für eine Anklage gegen ihn in Gang, das mangels Beweisen scheitert. Darauf setzt der Sprecher der Commons John Pym ein Attainment, eine andere Form der Anklage durch, welches Erfolg hat.

 

Inzwischen haben die puritanischen Führer Teile der Londoner Bevölkerung in einen städtischen Mob verwandelt (vom lateinischen vulgus mobile, beweglich, unbeständig), der in den Straßen randaliert. In höchster Not verheiratet Charles seine Tochter Mary mit dem calvinistisch-protestantischen Prinzen von Oranien, dem Sohn des Statthalters der Niederlande, deren Tochter 1688 im Verein mit einem weiteren Oranier dem letzten Stuartkönig die Krone abnehmen wird. Aber nichts hilft mehr, Charles I. muß dem Druck des Pöbels, der unter anderem inzwischen den Kopf seiner katholischen Mutter fordert, nachgeben und die Hinrichtung Straffords wider besseres Wissen hinnehmen. Von nun an werden die Puritaner in England die Köpfe rollen lassen. Erzbischof Laud und andere Würdenträger werden eingesperrt und nach Schauprozessen hingerichtet. Der Bischof von Ely bleibt bis 1660 eingesperrt.

 

1641 sammeln beide Seiten ihre Heerscharen, und ein Jahr später beginnt der Bürgerkrieg, den Charles I. von Oxford aus führt. Die Söhne Charles und James kämpfen mit und befehligen eigene Truppen. Am Ende muß sich der König 1645 in höchster Not fluchtartig auf seine schottischen Wurzeln besinnen, was den englischen Puritanern nicht Recht sein kann, sind die schottischen Puritaner doch Presbyterianer, und das wollen englische Puritaner eben nicht sein. Presbyterianer bilden Gemeinden, die Älteste wählen, die als Priesterersatz dienen. Soweit, so gut. Darüber befindet sich aber noch eine schottische nationale Bischofskirche, und wenn nun die Stunde gekommen ist, den Glauben nicht mehr nur zu verkünden, sondern das ganze Gemeinwesen nach ihm einzurichten, dann sollen in England die Bischöfe gleich mit abgeschafft werden. Der Thronfolger flieht nach Jersey und von dort nach Frankreich ins Exil, während sein jüngerer Bruder James gefangen genommen wird.

 

Schlimmer noch aber ist, daß inzwischen die katholischen Iren gegen ihre englischen Unterdrücker aufstehen, was (nicht nur aber besonders) die Puritaner als einen satanischen Affront irischer Untermenschen gegen die englisch- protestantische Hochkultur ansehen. That cursed rebellion, diesen verfluchten Aufstand, nennt die Puritanerin Lucy Hutchinson das. Dazu kommt der Verdacht, daß jetzt womöglich katholische Könige aus Frankreich und Spanien mit Irland als Transitland dafür sorgen, daß Charles Stuart das Satansregiment des Papstes in England wieder installiert.

 

Die große Mehrheit der Engländer sind keine Puritaner, aber sie werden, wie das so üblich ist, von beiden Seiten nicht konsultiert und versuchen, in Deckung zu gehen, während der Bürgerkrieg zwischen puritanischen Rundköpfen und royalistischen Kavalieren das Land heimsucht. Als es für Charles I. am Ende schlecht aussieht, flieht er in die alte Heimat.

 

Inzwischen sind beiden englischen Parlamenten die Abgeordneten abhanden gekommen, die für die alte Ordnung eintreten, was der puritanischen Partei eine komfortable parlamentarische Mehrheit verschafft. Diese bietet nun den armen Schotten eine so unermeßlich große Summe harter englischer Währung, daß ihnen das Hemd näher ist als die Hose und sie ihren royalen Landsmann, ihren König, nach London abliefern. Cromwell und andere Armeeführer lassen ihn zunächst zur Isle of Wight entfliehen, in der Hoffnung, mit ihm zu einer Übereinkunft zu gelangen, da sie sich inzwischen selbst von den radikaleren protestantischen Revoluzzern bedroht sehen. Aber Charles I. ist inzwischen überhaupt nicht mehr kompromißfähig.

 

Für den skandalösen Akt der Aburteilung des Königs zwecks Hinrichtung reicht die Abwesenheit der Königstreuen vom Parlament noch nicht. So geht eine Gruppe von puritanischen Offizieren unter dem Obersten Pride Dezember 1648 zum Unterhaus, verhaftet 45 Abgeordnete und verjagt 186 andere, darunter den künftigen Patron von Samuel Pepys, den puritanischen Edward Montague, der ich darauf auf ein Landgut Hinchingbrook zurückzieht, wo ihn Jung-Pepys besuchen wird. Die “parlamentarische Partei” in England genauso wie später die in Frankreich hat so am Ende nichts anderes im Sinn als die Zerstörung des Parlaments, das zentrale Paradoxon bürgerlicher Politik wird geboren: Verfassungen halten nur solange, wie sie nicht störend auffallen.

 

Pride's Purge , zu deutsch Säuberung, Reinigung, schüchtert das Oberhaus aber nicht soweit ein, daß es einem Königsmord zustimmt, und so wird es bald kurzerhand ganz abgeschafft. Englands Gesellschaft wird bis zur Rückkehr der Stuarts keinerlei legitime Repräsentanz mehr haben, sie wird wie in Frankreich seit dem Mai 1789 durch die Rechtgläubigkeit der Reformation bzw. der Revolution abgelöst.

 

In der großen Halle des Königspalastes findet 1649 einer der großen modernen Schauprozesse des Abendlandes statt: Ein willkürlich zusammengesetztes “Gericht” von 135 revolutionären Beauftragten, Geschworene und Richter in einem, soll kurzen Prozeß machen, aber selbst einem großen Teil dieser puritanischen “Richter” ist der Vorgang so abscheulich, daß sie auf Anwesenheit verzichten. Zu keinem Zeitpunkt sind mehr als 68 von ihnen anwesend. Ein Teil der “Richter” unterschreibt dafür den Urteilsspruch schon lange vor Ende des Prozesses.

 

Zahllose Schaulustige sind bei der Köpfung ihres Königs anwesend und genießen den Vorgang mit stummem Schrecken, unter ihnen der junge Samuel Pepys. Vom jungen Philip Henry stammt folgende Schilderung: Ich sah den Schlag, und wahrhaftig mit traurigem Herzen, und in diesem Moment , wie ich mich gut erinnere, war da solch ein Stöhnen von den dort anwesenden Tausenden, wie ich es nie zuvor gehört habe und niemals wieder zu hören wünsche. (*z.B. in: Tomalin,Samuel Pepys, p.34). Mögen die meisten auch nicht verstehen, was da passiert, so spüren sie doch wohl, daß hier nicht einfach ein Mensch getötet, sondern eine tradierte Ordnung unwiderbringlich durch das Beil des Henkers zersört, das ausgewogenste abendländische Verfassungsmodell der Zeit mit dem Richtbeil zerschlagen wird, - und zwar für immer und ewig.

 

Thronfolger Charles (II.), Enkel von Henri Quatre und Urenkel von Mary Stuart, Nachfahre von Lorenzo Il Magnifico, dem defacto- Fürsten von Florenz, flieht nach Frankreich, später nach Köln, Holland, Flandern. Sein jüngerer Bruder James (später der zweite) kann kurz darauf aus dem Gefängnis fliehen und schließt sich erst Charles an, um dann als Militär in französischen und spanischen Diensten Karriere zu machen. Charles hält es schließlich im Exil nicht mehr aus, er nimmt eine Einladung der Schotten an (deren König er inzwischen ist) und zieht dann nach England, wobei ihn seine schottischen Truppen in Stich lassen. In Worcester wird er eingeschlossen, kann aber mit wenigen Getreuen fliehen und in sechs Wochen langer Flucht die englische Kanalküste erreichen und per Schiff nach dem königstreuen Jersey und schließlich im Oktober 1651 nach Frankreich entkommen. Charles I. Tochter Elizabeth stirbt als Kind im puritanischen Gefängnis.

 

Oliver Cromwell, erst Reiteroberst, dann oberster Militär, installiert sich als „Lord-Protektor“ und errichtet eine Militärdikatur, die er Commonwealth nennt. Er läßt zwar noch mehrmals wählen, ist aber jedes Mal mit dem Wahlergebnis so unzufrieden, dass es ihm am Ende ganz den Spaß am Parlamentarismus verschlägt, der ein gefälliges Parlament mehr noch für ihn als für die Stuarts und jeden anderen voraussetzt. Erst die parlamentarische Demokratie wird das Prinzip der gefälligen Parlamentsmehrheit für die jeweilige Regierung erfinden (wobei die unterlegene Opposition dann auf den nächsten Wahltermin hoffen muss, und derweil gezwungen ist, zuzuschauen, wie die Mehrheit für eine Regierungsperiode die mehr oder minder legalen Wohltaten an ihre Freunde und ihre Klientel verteilt).

 

Das Problem mit der Herstellung einer besseren Welt ist hier wie immer das, dass es am Ende nicht klappt. Aber es gibt kleinere Erfolge. Wer es nicht übers Herz bringt, dem König abzuschwören, emigriert nach Frankreich, den spanischen Niederlanden, nach Holland. Das hat den Vorteil, dass der fromme Pöbel daheim jetzt die royalistischen Behausungen und Besitzungen (der Bösewichter, der malignants) plündern kann; was dann noch übrig ist, kann der Staat über seine Enteignungskomitees verkaufen, so dass sich nicht nur der Krieg gegen die Gottlosen (die Anglikaner) im eigenen Land im Nachherein finanzieren läßt, sondern an neue Kriege zu denken ist. Der Puritaner Cromwell denkt dabei, längst Realpolitiker, ähnlich wie die Stuarts vor und nach ihm hauptsächlich an das protestantische Holland, den Hauptkonkurrenten der englischen (und überproportional puritanischen) Kaufleute.

 

Daneben zwingt er den unruhigen irischen Katholizismus mit derart brutalen Methoden in die Knie, wie sie sich nur ein Mann Gottes einfallen lassen kann. Teile Irlands werden ethnisch gesäubert, wie das heute seit einigen Jahrzehnten heißt, und Engländern und Schotten ganz überlassen, ansonsten vegetiert die katholische irische Bevölkerung für die nächste Zeit in einem Zustand unbeschreiblicher Armut und völliger Entrechtung vor sich hin.

 

Vorübergehend erfolgreich ist auch die Abschaffung der englischen (anglikanischen) Church, in den Kirchengebäuden werden nur noch die Zivilehen geschlossen. Nach einem Parlamentsedikt von 1643 kommt es zur Zerstörung des kirchlichen Bilderschmucks, der abergläuibgen Gemälde, superstitious paintings, wie Lucy Hutchinson sie nennt, dem Zerschlagen künstlerisch wertvoller Kirchenfenster und dem Abbau der Orgeln, denn auch Musik ist sinnlich und darum Teufelswerk. Die Theater werden geschlossen, das Schließen der Bordelle wird zumindest beschlossen. Die Zerstörung der Universitäten von Oxford und Cambridge wird nicht mehr durchgeführt, aber beide Universitäten werden zunehmend von allen gesäubert, die sich nicht glaubensfroh zum Puritanismus bekennen.

 

Aber irgendwann entdeckt Cromwell in sich den Staatsmann und das Ende der Revolution wird ausgerufen. An die Stelle des vollendeten Gottesstaats tritt der historische Kompromiss, das letztendliche sich Abfinden mit den Unzulänglichkeiten der Untertanen, die Angst vor dem völligen Chaos, und wohl auch das Interesse, den eigenen Kindern und Enkelkindern noch etwas übrig zu lassen. Die sitzen nämlich inzwischen ganz republikanisch auf den höchsten Posten in Staat und Militär.

 

Mit dem Untergang der Staatskirche kommmt es zur Demokratisierung der Theologie. Wer immer seinen höchstpersönlichen Gott gefunden hat, kann auf eine Kiste steigen und ihn einem interessierten Publikum nahebringen. Wer das Geld hat, einen Drucker zu bezahlen, kann Pamphlete in Umlauf bringen, in denen die neueste Ausgabe des Christentums mit Hilfe oder unter Umgehung der Bibel erläutert wird. Unter den Leuten, die Cromwell aufs Schild gehoben haben, den Independenten, entsteht eine Bewegung, die sich Leveller nennt, Gleichmacher würden wir heute sagen. Sie vermischen ökonomische Interessen des kleinen und mittleren Bürgertums mit einem biblischen Auftrag. Nachdem sie zu erbitterten Feinden Cromwells werden, werden sie von ihm besiegt, unterdrückt und ins Exil vertrieben (die Revolution frißt ihre Kinder). Aus ihnen geht wiederum eine kleine Gruppe hervor, die Diggers, die ein Stück unbenutzte Londoner Landschaft in annektiertes Gemeineigentum mit frühkommunistischem Ackerbau und Viehzucht verwandeln will. Dieser idyllische Partikular-Kommunismus scheitert nicht nur an einer mißtrauisch äugenden Nachbarschaft, sondern auch daran, daß Landwirtschaft harte Arbeit ist, - und zudem im idyllischen Kommunismus ohne vorher fixierten Lohn.

 

Einige entdecken, dass es genügt, an Gott zu glauben, um nicht mehr sündigen zu können, was dazu führt, dass sie im Umkehrschluss nun alles machen dürfen, was bislang Sünde war, ohne mehr zu sündigen, während sie sündigen. In der Phantasie vieler Zeitgenossen begehen sie nun all die Ferkeleien, von denen der Fromme kaum laut zu reden wagt.

 

Mit der Niederschlagung der religiös-politischen Radikalen findet Cromwell immer mehr Gefallen an der Macht, an sozialer Ordnung und traditionellen Werten. Er etabliert eine Art Militärmonarchie, totalitärer und diktatorischer als es sich jemals ein Stuartmonarch hätte träumen lassen, abgesichert durch ein umfassendes Spitzelsystem und scharfe Zensur, dekoriert von immer mehr Paraphernalia royaler Provenienz. Anderthalb Jahrzehnte nach seinem Tod wird der parlamentarische Politiker und Verseschmied Andrew Marvell die Kombination von politisch korrekter Diktatur und frühem Nationalchauvinismus in folgende gegen Charles II. gerichtete Zeilen kombinieren: Though his government did a tyrant resemble / He made England great and his enemies tremble.

 

Sogar der Hang zu religiöser Unduldsamkeit ermattet etwas, und im Bündnis mit (dem katholischen) Frankreich gegen Spanien wird für kurze Zeit das Leben der wenigen Katholiken, die in England verblieben sind, etwas erträglicher. In diesem Krieg nimmt Cromwell den Spaniern Jamaika ab und ihm wird nun des öfteren die Königskrone angeboten, die er erst im Frühjahr 1657 nach längerem Nachdenken ablehnt: Als König hätte er die direkte Kontrolle übers Militär verloren, die Basis seiner Macht. Immerhin schwört er Juni 1657 in der Westminster Hall, umgeben von den Kroninsignien, in einer Puprpurrobe mit Hermelin, in der Hand das Szepter, den neuen Amtseid als Lord-Protektor. Er läßt sich nun mit “Hoheit” (Highness) anreden, und seine Söhne werden automatisch Lords. Hunderfünfzig Jahre später wird die französische Revolution, erst ein innerfranzösischer, dann ein europäischer Bürgerkrieg, den Militärdiktator Napoleon emporschwemmen, der einen Kaisertitel usurpieren wird, der genauso wenig historisch legitimiert sein wird wie der Titel Cromwells.

 

Derweil findet Charles (II.) in Brügge Gefallen an den Flamen. James (II.) hatte zunächst im Dienste der französischen Krone gekämpft, nach der Allianz von Cromwell mit Mazarin wechselt er 1657 hinüber zu den spanischen Fahnen, während sich zugleich englische Leveller an Spanien um Unterstützung gegen Cromwell wenden...Am Ende wird Spanien von den vereinten Kräften des englischen Protektorats und der Franzosen besiegt. England erhält Dünkirchen als Beute.

 

Erst stirbt Cromwells Tochter, dann wird er selber kränklich. Derweil werden Soldaten und Matrosen der Navy unruhiger, denn immer häufiger bleibt ihr Sold aus. Als Cromwell stirbt, wird er wie ein König, d.h. mit dem selben Pomp und Zeremoniell wie James I., begraben, mit dem gebrechlichen Milton (der um diese Zeit wohl sein 'Paradise Lost' anfängt) und den jüngeren Marvell und Dryden am Straßenrand. Letztere werden kurz darauf ihre Lobes- und Trauergedichte auf Cromwell schreiben, kurz vor ihren Freudengedichten auf die Rückkehr Charles II. Edward Montague gehört zu denen, die Cromwells Sohn Richard gegen Republikaner und Jakobiten aufs Schild heben, um das ruhmreiche Werk der Freiheit und Reformation (glorious work of liberty and reformation) ,(*Tomalin,Pepys,p.71) ) fortzuführen, welches sein Vater begonnen hatte. Das wird die Sprache sein, mit der die “Glorreiche Revolution” 1688 aufstaffiert werden wird, die Erhebung der nordamerikanischen Kolonien 1776 und die englische Begleitmusik eines Thomas Paine zur französischen Revolution 1789ff.

 

Res Publica

 

Die res publica im alten Rom waren die öffentlichen Angelegenheiten im Unterschied zur res privata, den Privatsachen. In der nachantiken abendländischen Tradition wird daraus die Republik, jene römische Verfassung zwischen dem ursprünglichen Königtum und der Monarchie, deren Entstehung mit den Namen Caesar und Augustus verbunden ist. Dies ist eine Adelsrepublik, die ein im letzten Jahrhundert vor der Zeitrechnung labil gewordenes Ausbalancieren der Macht zwischen Senat und populus, dem “Volk” versucht. Das Volk als städtischer Pöbel, verarmte Landbevölkerung, Soldateska und zu versorgende Veteranen war spätestens seit den Gracchen zur innenpolitischen Manövriermasse geworden, es ist potentiell gewalttätig und wird von den Parteiführern mit Versprechungen und Geschenken belohnt. Geld, Volk und Militär waren das, was diese aristokratischen Parteiführer brauchten, und wenn sie zu erfolgreich sind, droht immer die offene Diktatur, - in der überkommenen Verfassung eine kurzzeitige Notstandsmaßnahme; unter Caesar wird sie erreicht.

 

Die Rhetorik, die zum Parteienstreit gehörte, war je nach Naturell eher - modern gesprochen - sozial-reformerisch oder “republikanisch”. Anders gesagt: Man versprach den Proleten Brot und Beute und den großen Familien Machterhalt. Als das ganze in Bürgerkrieg (modern gesprochen: Revolution) in Permanenz auszuarten droht, tritt der Law-and-Order-Faktor immer mehr in den Mittelpunkt, den Caesar gegen “republikanische” Gegner und Augustus für sein “Friedens”regiment, symbolisiert in der Ara Pacis, einsetzen kann.

 

Die nachantike Tradition hält die Tatsache, daß die “Republik” eine des Adels war, einer privilegierten Minderheit, entweder für selbstverständlich gegeben, gibt es doch auch jetzt einen vorherrschenden christlichen Adel, oder sie ignoriert das genauso, wie es die Freiheits-Rhetorik eines Teils jener römischen Klassiker getan hatte, die an den christlich-abendländischen Schulen unterrichtet werden. Die konfusen “politischen” Texte eines Rousseau, geschult an solchen Klassikern, die er blindlings für bare Münze nimmt, wird diese unsinnigerweise gleichsetzen mit den Verhältnissen der Stadtrepublik Genf in der nach-Calvinschen Zeit, die er selbst nur aus Erzählungen kennt. “Republik” wird nun eine Verfassungsform ohne Fürst, verbunden mit irgendeiner Form von repräsentativem Organ, nicht zu verwechseln mit einer “Demokratie”, die Rousseau und andere als zu radikal oder nicht praktikabel ablehnen

 

Im alten Athen, woher der zweite Begriff kommt, hatte es einen ähnlichen Weg von einer Fürstenherrschaft, wie sie schon bei Homer beschrieben ist, zu einer Adelsrepublik gegeben, die natürlich nicht so (lateinisch) hieß. Da es sich dort nicht, wie bei Rom, um ein entstehendes Weltreich, sondern um eine überschaubare Polis mit Hegemonialbestrebungen handelte, kam es zu keiner Entwicklung über eine Diktatur zu einer augustäischen Monarchie, sondern zur Demokratisierung als Machtmittel eines Parteiführers, der in Gestalt von Perikles auf diese Weise sich populären Anhang verschafft und gleichzeitig damit die adelige Konkurrenz ausbootet. Der republikanische populus und der attische demos des 6. und 5. Jahrhunderts bennenen jeweils die Verfaßtheit der Masse derer, die Bürgerrechte haben. In Athen nun wird dem “Volk” nicht Macht konzediert wie in Rom, wo es als Klientel von Bürgerkriegsparteien oder wenigstens senatorisches Druckmittel dient (um am Ende politisch de facto rechtlos zu werden), sondern “politische” Teilhabe, indem Wahlrecht, Besetzung von Gerichten und Ämtern “demokratisiert”, d.h. dem demos zugänglich gemacht wird. Perikles' Kalkül ist, dass er als Volksführer (Demagoge) dieses System beliebig manipuliert. Im Ergebnis versinkt Athen in inneren Konflikten und Fremdherrschaft der Makedonen und Römer, wird von Byzanz abgelöst und bleibt bis ins neunzehnte Jahrhundert ein unbedeutendes Landstädtchen unter osmanischer Herrschaft, so wie es Lord Byron dann kennenlernt.

 

“Republikanisch bzw. “demokratisch” sind bis ins englische siebzehnte Jahrhundert im wesentlichen reformatorische christliche Strömungen, die aber zugleich, da jedes Mal im Besitz einer ewigen unumstößlichen Wahrheit, extrem autoritär strukturiert sind und am Ende immer zu quasi-monarchischen Strukturen tendieren, wie z.B. auch die Wiedertäufer in Münster. Mit der Hinrichtung Charles I. ist in England keine Ausrufung einer Republik unmittelbar verbunden, und das königslose Interregnum endet mit der quasi-Monarchie Cromwells, dies aber zum Unwillen aller derer, die mit dem Regizid die günstige Gelegenheit zur Errichtung einer “Republik” gekommen sehen.

 

1659, als noch kaum jemand die Rückkehr des Königs für möglich hielt, wird in London vermutlich von James Harrington, ein republikanischer Club gegründet, der sich Rota nennt und seine Sitzungen bis Anfang 1660 im Turk's Head Coffee House abhält. Harrington hatte schon 1656 seine Utopie 'Oceana' herausgebracht, die eine Republik mit einem rotierenden Senat, allgemeinem Wahlrecht für alle außer den Dienstboten und eingeschränkter religiöser Toleranz (nicht für Juden und Katholiken) beschreibt.

 

Wie die parlamentarische und außerparlamentarische Linke, die hundert Jahre später die französische Revolution jubelnd begrüßen wird, handelt es sich auch hier um Leute mit puritanischen Wurzeln, von denen die ersten wie der Atheist Henry Neville bereits soweit sind, ihren alten Glauben ganz in “radikale” Politik umzuwandeln. Ähnliche Erben des politischen Puritanismus sind Roger Coke, der Enkel des großen Sir Edward Coke, der Milton-Schüler Cyrick Skinner und der ehemalige Leveller John Wildman. Ihnen allen mag es gefallen haben, dass Harrington die Katholiken aus seinem Utopia ebenso wie die Juden ausgeschließt. Dabei ist der Naturphilosoph und Ökonom William Petty, später einer der Gründerväter der Royal Society, und der spätere Autor der 'Brief Lives' John Aubrey.

 

Anfang 1660 schaut auch Samuel Pepys vorbei, der da offensichtlich noch nicht weiß, dass seine Arbeitgeber Montague und Downing dabei sind, die Rückkehr des Königs vorzubereiten. Aber er wird kurz darauf ebenso wendig wie viele seiner Zeitgenossen sein, die Charles II. jubelnd in England empfangen werden. Die Mitglieder des republikanischen Kaffeehaus-Stammtisch ducken sich weg; nur ihr Gründervater ist zu offenherzig gewesen; er wird verhaftet und eingesperrt; die damaligen Haftbedingungen führen schließlich zum Ruin seiner Gesundheit. Die Stimme des Republikanismus wird erst rund hundert Jahre später wieder in England zu vernehmen sein.

 

Restauration

 

Sohn Richard fehlt die harte Hand und die am Ende königliche Aura seines Vaters. Die Militärdikatur verlangt eine starke Faust, welche die einzelnen Abteilungen der revolutionären Armee unter Kontrolle hält, und das gelingt immer weniger, da inzwischen nicht nur das Geld für Soldzahlungen fehlt. Gotteskrieger drohen so aber leicht, marodierende Haufen zu werden. Anhänger des Tausendjährigen Reiches (Millenarians), von Cromwell kleingehalten, besorgen sich wieder Waffen und ziehen durch die Straßen. Londoner Lehrlingsvereine treten branchenweise in den Ausstand und zeigen Präsenz gegen das große Durcheinander und das Militär in ihren Straßen. Außerdem haben inzwischen die Staatsmänner der Frommen für ihre guten Zwecke die Steuern in unerfreulich ungeahnte Höhen hochgetrieben. In Evelyns Tagebuch steht als Kommentar: Anarchy & confusion. (5.5.1659).

 

Cromwells Sohn duckt sich weg, und dankt am 24. Mai inoffiziell und am 8.Juni offiziell ab. Lambert, Oliver Cromwells Schwiegersohn Fleetwood, sein Schwager Desborough und andere hohe Offiziere rangeln um die Macht. Im Juli offeriert Charles II. Edward Montague, der mit einem Teil der Flotte in der Ostsee die Schweden gegen die Dänen unterstützt, Titel und Geld für dessen Unterstützung für die königliche Sache. Wenig später entschließt der sich zur Kehrtwende; umgehend wird er in London seines von Cromwell verliehenen Titels beraubt.

 

Im Oktober 1659 umringt der republikanische General Lambert das Parlament mit seinen Truppen und vertreibt den Sprecher und die meisten “Parlamentarier”. Ein Committee of Safety übernimmt die Macht für kurze Zeit. Alles das berichtet der junge Angestellte Samuel Pepys seinem Herrn, Edward Montague nach Hinchingbrooke, wohin der sich in Sicherheit gebracht hat. Lehrlinge werfen Steine gegen die Soldateska und verwickeln sie in Straßenkämpfe. Inzwischen bringt der Republikaner Lawson seinen Flottenteil in der Themsemündung unter. Der schottische General Monck will die Macht des Parlamentes, von der revolutionären “parlamentarischen Partei” vernichtet, wieder herstellen, zieht die Rückkehr von Charles (II.) als einzigem verbleibendem Ordnungsfaktor in Betracht und sammelt seine Truppen im Norden Englands. Am 1.Januar 1660 marschiert er in England ein und bewegt sich auf London zu. Dort wird erst von einem “Staatsrat” das längst auseinandergetriebene Rumpfparlament wieder einberufen, dann zwingt es Monck, ehedem daraus verjagte und noch lebende Abgeordnete wieder aufzunehmen; schließlich wird ein neues Parlament gewählt, dem Charles II. in seiner Erklärung von Breda alle die traditionellen Rechte zusichert, die ihm die Revolution genommen hatte. Darauf wird er vom Parlament aufgefordert, als König zurückzukommen. Man kann davon ausgehen, daß dieser Schritt dem Wunsch der überwältigenden Mehrheit der Engländer entsprochen hat.

 

Schon vorher wurde Charles II.Stuart, der Sohn des geköpften Königs, in Geheimverhandlungen mit Montague, dem zukünftigen Earl of Sandwich und anderen dazu bewegt, aus dem Exil zurück zu kommen. Die Massen jubeln bei seiner Ankunft, manche von denen, die seinen Vater geköpft hatten, werden jetzt geköpft, gevierteilt, ausgeweidet, um dann als Einzelteile öffentlich ausgehängt zu werden. Die wichtigsten Köpfe werden aufgespießt und der Öffentlichkeit solange vorgezeigt, bis der Zahn der Zeit sie weggenagt hat. So finden die Damen der Londoner Gesellschaft auch nach dem Commonwealth alle paar Sonntage neue aufregende Ausflugsziele. Die große Mehrheit der Königsmörder trifft aber auf die Gnade des Königs, so wie er sofort Leute des Commonwealth nobilitiert und in die höchsten Ämter hievt, um sie so einzubinden. Monck wird Duke of Albemarle und Vertreter der königlichen Macht in Irland, Anthony Ashley Cooper, der zukünftige Earl of Shaftesbury , wird Schatzkanzler, - und sich später erneut gegen den König wenden. Autoren wie Milton (einer der wichtigen Männer im Commonwealth) landen im Gefängnis, andere wie Dryden, der zuletzt ein Heldengedicht of den Tod Cromwells geschrieben hatte, äußern jetzt ihre Begeisterung über die Wiedererrichtung der Monarchie.

 

Die Staatskirche wird wieder hergerichtet, Weihnachten darf wieder gefeiert werden wie auch der erste Mai mit dem Tanz um den Maibaum, - die Orgeln, soweit sie diabolische Fortschrittsfeinde versteckt hatten, bevor der heilige Geist sie demolieren konnte, werden wieder eingebaut. Geigen dürfen erneut zum Tanz aufspielen, es darf wieder gelacht und gesungen werden. Der König würde gerne ein wenig Religionsfreiheit einführen, aber das setzt ihn dem allgemeinen hysterischen Katholizismusverdacht aus. Das junge Cavaliers- Parlament, nach über zwanzig Jahren das erste rechtmäßig gewählte, und eines, das 18 Jahre Bestand haben wird, setzt im Clarendon-Code die Unduldsamkeit der Puritaner gegen die Church um in eine Unduldsamkeit der Staatskirche gegen alle Andersgläubigen. Also führen Katholiken und Juden weiter ein Schattendasein, und die Kinder und Enkel der Puritaner, soweit sie keinen Eid auf König und Kirche schwören, und das Sakrament der Church ablehnen, also Dissent zeigen, werden von öffentlichen Ämtern, den Eliteschulen und den Universitäten ausgeschlossen, weil es das Parlament so will. Ihre religiösen Zeremonien müssen sie jetzt in aller Heimlichkeit abhalten. Während die antikatholische Paranoia des Parlaments jeden Versuch des Königs, religiöse Toleranz durchzusetzen, verhindert, gelingt es ihm Mitte der sechziger Jahre, wenigstens das Leben der Juden in England erträglicher zu gestalten.

 

Charles II. heiratet Caterina aus dem portugiesischen Königshaus der Braganza. Portugal ist gerade (1640) von Spanien unabhängig geworden und profitiert vom Pyrenäenfrieden 1659, in dem Frankreich über Spanien triumphiert. Die englisch-portugiesische Verbindung paßt in die Pläne des jungen Sonnenkönigs, der sich auf die Eroberung der Spanischen Niederlande vorbereitet und die Heirat seines Bruders, des Herzogs von Orléans mit Charles Schwester Henriette-Anne befördert.

 

Lucy Hutchinsons (Selbst)Gerechtigkeit ist Gottgefälligkeit. Ein puritanisches Selbstbild der mittleren Kreise

 

John Hutchinson ist, etwas anders als seine Frau in ihrem Text, kein extremer fanatick, er ist einerseits unduldsam gegenüber dem Laster (Wein, Weib und unkorrekter Gesang), neigt aber zu minimaler Gewissensfreiheit, sofern sich das Gewissen im Rahmen eines wenigstens nach außen hin frommen Protestantismus bewegt. Er hat weder Sympathien gegenüber randalierendem städtischem Pöbel, wie er in dieser Zeit vor allem in London zu besichtigen ist, noch gegenüber der militärischen Willkür, wie sie nicht zuletzt auf puritanisch-„parlamentarischer“ Seite um sich greift.

Er ist kein Revoluzzer, hätte am Bürgerkrieg auch nicht teilgenommen, wenn er einen gesetzmäßigen und rechtschaffenen Weg über schrittweise Reformen gesehen hätte. Aber sein Monarch Charles I. erkennt die Zeichen der Zeit nicht, versteht sie nicht, besitzt darüber hinaus jene persönliche Schroffheit im Umgang, die bei seinen frommen Untertanen Antipathien hervorruft. Jedoch auch die andere, puritanische Seite ahnt nicht, was die Zuspitzung der Situation an Wirren und Unheil hervorbringen wird.

 

Unser Colonel besitzt viele der Qualitäten, die die Cavaliers sich selbst zuschreiben: Er sieht gut aus, seine Frau beschreibt begeistert sein schönes langes Haar, wiewohl sie andererseits (zumindest im Text) Wert darauf legt, daß erotische Reize zwischen den Eheleuten keine Rolle spielen (sollen?). Er ist kein Roundhead mit modisch-revolutionärer unaristokratisch runder Kurzhaarfrisur. Sein Naturell ist zugleich freundlich und doch ernsthaft, er ist ein guter Tänzer, kann fechten, spielt selbst die Geige (viol). Er ist ein guter Schütze mit dem Bogen und der Flinte, liebt die Malerei, überhaupt die schönen Künste, wiewohl er sich selbst am puritanischen Zerstörungswerk in seiner heimatlichen Kirche beteiligt. Schließlich ist er auch ein guter Hausherr und engagierter Verwalter seines Landgutes. So verwundert es nicht, daß er mit Verachtung auf jene Emporkömmlinge des Bürgerkrieges reagieren wird, die sich zu lokalen und nationalen Tyrannen aufschwingen werden.

 

Im Bürgerkrieg ist der Colonel Governor des Castle von Nottingham und Verteidiger der Stadt für die parlamentarische Seite (die ihr Parlament zerstören wird). 1646 wird er ihr Vertreter im Long Parliament. Später ist er Mitglied des Staatsrats im Commonwealth, unter Richard Cromwell wird er kurzzeitig Sheriff von Nottingham und 1660 Vertreter Nottinghams in der Parlamentsversammlung (Convention). Mit der Restauration zieht er sich enttäuscht ins Privatleben zurück, geschützt durch den Act of Oblivion, einer Art Gnadenerlaß. Da er sich weigert, ein Lippenbekenntnis auf die anglikanische Staatskirche und den König abzugeben (wie das viele seiner Mitstreiter klugerweise taten), wird er 1663 unter fadenscheinigen Umständen eingekerkert und stirbt in Haft.

 

Aus den zwei Seiten, der des ländlichen Gentleman und des puritanischen Streiters, läßt sich ein Bild von ihm erschließen, daß sich zumindest in Nuancen von dem unterscheidet, welches seine Frau vor allem zeichnen will. Es ist das eines kultivierten, wohlwollenden Patriarchen, ein Bild, daß im calvinistischen Rekurs auf die patriarchalen Idyllen der jüdischen Erzväter von Genf bis nach England ausstrahlt und in verklärtester Form beim teilsäkularisierten, aber wenig Wirklichkeit aufnehmenden Genfer Rousseau auftauchen wird.

 

Der protestantische Republikanismus des 18. Jahrhunderts wird auf dieser patriarchalen Idylle aufbauen, indem er einen väterlichen Staat mit gewählten Repräsentanten propagiert, die das kindliche Vertrauen der Bürgersleute ideologisch rechtfertigen sollen. Daß das private, familiäre Modell in politischer Form sich unter spätbürgerlichen Bedingungen als totalitär entpuppen wird, ist für die Einfalt des im Kern protestantischen Demokratismus nicht zugänglich.

 

Der demokratischen, independenten Religion und der Phantasie einer Demokratisierung des Politischen entspricht der von Lucy Hutchinson immer wieder hochgelobte Patriarchalismus im Privaten. Sie stellt sich als gute, d.h. gehorsame, ja unterwürfige (submissive) Ehefrau dar, es ist für sie eine Ehre, ihrem Mann zu gehorchen. Urteilsfähigkeit ist... selbst in der kenntnisreichsten Frau geringer als männliche Menschenkenntnis (genauer: Judgment ... in the most knowing woman is inferior to the masculine understanding of men). Kurioserweise bestätigt sie dieses Urteil implizit für sich selbst in ihrem Buch, in dem auch strukturelle Konflikte wie der britische Verfassungskonflikt auf persönliches Fehlverhalten, letztlich auf Unmoral zurückgeführt werden. Schuld am Bürgerkrieg sind so z.B. die Einflüsterungen der katholischen Henrietta Maria, und zu Queen Elizabeth meint sie: Das Glück ihrer Regierung war das Resultat ihrer Unterwerfung unter ihre männlichen und weisen Ratgeber (the felicity of her reign was the effect of her submission to her masculine and wise counsellors). Das ist schlechterdings Unfug, außerdem vergißt sie wie die meisten ihrer puritanischen Zeitgenossen, daß Elizabeth die Puritaner zu unterdrücken suchte, wo sie sie nicht integrieren konnte. Aber nachdem James I. bei seiner Thronbesteigung erst vom „Volk” bejubelt und dann immer mehr abgelehnt wird, beginnt die späte Legendenbildung von der protestantischen jungfräulichen Elisabeth.

 

Abwertung der Frauen in altjüdischer und paulinisch-hellenistischer Tradition ist unserer Puritanerin sehr wichtig. Ohne ihren Mann ist sie ihrer Bedeutung beraubt, am Ende nur ein Schatten, wie sie schreibt. Soviel zu der Legende vom Aufstieg der puritanischen Frauen in Bürgerkrieg und Commonwealth. Genau dieselbe Legende wird im System des Sowjetkommunismus wieder auftauchen.

 

Der Gott der Lucy Hutchinson ist omnipotent und omnipräsent:

 

Der Allmächtige Schöpfer (author) aller Wesen übt in seinen vielfältigen Vorsehungen (various providences), durch welche er das Leben der Menschen von der Wiege bis zum Grabe führt, nicht weniger Weisheit und Güte aus, als er Macht und Größe in ihrer Schöpfung offenbart; aber derart ist die Dummheit der blinden Sterblichen, daß sie, anstatt aufmerksam diese Bücher der Vorsehung zu studieren, in denen Gott uns täglich ruhmreiche Weisen seiner Liebe, Güte, Weisheit und Gerechtigkeit aufzeigt, sie diese undankbar nicht beachten und die wunderbarsten Handlungen (operations) des großen Gottes als gewöhnliche Zufälligkeiten des menschlichen Lebens nennen, insbesondere wenn sie die üblichen sind, und gegenüber ihnen in Zeiten ausgeübt, in denen sie nicht sehr imstande sind, sie wahrzunehmen...denn in großen und außergewöhnlichen Dingen werden einige vielleicht Kenntnis nehmen von Gottes Wirken, die entweder vergessen oder nicht glauben, daß er sich um ihre kleinsten Kleinigkeiten (smallest concernments) kümmert, sogar um die Haare auf ihren Köpfen.

 

Die Allmacht Gottes also besteht laut Lucy Hutchinson darin, daß er die Menschen so schafft, wie sie sind, und sie so handeln läßt, wie sie handeln, - und das bis ins kleinste Detail. Diesem calvinistischen und in dieser Schlichtheit impraktikablen Determinismus widerspricht sie aber (natürlich) sofort, wenn sie England zu ihren Lebzeiten in einen schicksalhaften Kampf zwischen „gut” und „böse” (good and wicked), zwischen den godly people (den Puritanern) und den malignants (den Bösartigen, den Anglikanern und Katholiken) verwickelt sieht. Als die Gottgefälligen sich in die Independenten (um Cromwell) und die Presbyterianer spalten, werden auch letztere „böse”; als sich aus den Independenten die Leveller absondern, wird die Fraktion der Generäle „böse”; als nach Moncks Einmarsch in London außer wenigen Quäkern und Baptisten fast alle die Rückkehr des Königs herbeisehnen, bleibt ihr John Hutchinson als einer der wenigen Gerechten übrig. Für den radikalen Protestantismus ist das Auftreten des Bösen, des Teufels, immerhin erklärlich, weil diese Versuchungen des Bösen entweder, jüdisch interpretiert, Strafen Gottes für vice und wickedness sind, am Ende aber vor allem Prüfungen (trials), in denen Gott seine Auserwählten auf die Probe stellt. Bei Richardson wird Clarissa Harlowe Lovelaces Nachstellungen so wie er selbst als solche trials begreifen, das Erproben des Potentials zur Sünde.

 

Während unser Colonel offenbar weniger fanatisch eingestellt ist und irgendwann auf dem Weg Englands in die Militärdiktatur enttäuscht, sich stärker ins Privatleben zurückziehen möchte und sich auf die Lokalpolitik konzentriert, wabert durch Lucy Hutchinsons Memoiren von ihrem ruhmreichen Ehemann, der am Ende als „Märtyrer” der good old cause stirbt, die unselige Vorstellung vom Herandräuen des Endkampfes zwischen Christ und Antichrist, zwischen Gott und Teufel. Derselbe Gott, der (wie ich finde mißgünstig) seinen wenigen Gefolgsleuten den Endsieg (über die große Mehrheit der Bevölkerung) mißgönnt, ist allerdings rein memoiren-biographisch gesehen ihrem Haupthelden gegenüber bis zum Schluß gönnerhaft.

Er fühlte im Tod keine andere Qual (pang), als solche, die in derartige Freude und Seelenruhe überführt wurde, daß sie ein Zeichen von Gottes Gunst (favour) zu ihm war und von seinem Glauben an/in Gott. Dieses vollführt der Herr der Heerscharen (Lord of hosts) dadurch, daß er den Teufel ankettete, damit der ihn nicht an Leib oder Seele quälen konnte. Gott hatte ihn nämlich aus der verderbten Masse der verlorenen Menschheit auserwählt, um seine Liebe an ihn zu heften...er hatte ihn schon von Kindheit an vor fleischlichen Lüsten und Verunreinigungen (pollutions) bewahrt und davor, im Schmutz der Sünde und Verruchtheit zu suhlen (wallowing in the mire of sin and wickedness), was ihm hilft, die falschen, fleischlichen und antichristlichen Doktrinen von Rom aufzudecken (von Satan and his ministers), wie auch das hurenhafte Kleid und Verhalten dessen, was sich selbst Kirche von England nannte. So ist er darauf vorbereitet, der Führer des (englischen) Gottesvolkes aus der Knechtschaft zu werden. Bei Gelegenheit sah er den brennenden (Dorn)Busch noch unverbrannt und wurde berufen, zurückzukommen um sein Land zu erlösen, welches unter geistlicher wie weltlicher Knechtschaft stöhnte. So ist er denn einer der Mosese unserer Zeit. Wer also sein Leben liest, mag oft die Parallelen zum großen hebräischen Prinzen erkennen.

 

Dieses manichäische Weltbild, das wir bei den englischen Unterstützern der nordamerikanischen wie französischen Revolution wörtlich wiederfinden werden, trägt durchweg wahnhafte Züge, indem es alltäglich erfahrbare Wirklichkeit sofort in „gut” (ICH) und „böse” (Satan und seine Anhänger, die wicked world) umwandelt. Dies macht nichts so deutlich, wie ein Vergleich mit Petrarcas Bergtour, die zwar auch ein dichotomisches Weltbild formuliert, aber darin persönliche Erfahrung und hohe Bildung textlich verbindet. Bei der verwitweten Frau Hutchinson wird Mary Stuart auf diesem Wege zur bösen Königin, die aus dem blutigen Haus von Guise kommt (was sie schuldig macht an der Bartholomäusnacht), sie praktiziert Papisterei, weil die am besten zu ihrem blutigen lüsternen Temperament paßt. Satan, der altböse Feind, impft überhaupt den seinen vor allem die Fleischeslust ein: Der Hof von Charles I. war eine Schule der Lust und der Maßlosigkeit... Jedes großes Haus im Land wurde ein Schweinestall der Unreinheit...Die Menschen wurden amüsiert mit Maskenspielen, Bühnenspielen und verschiedenen Arten groberer Unterhaltung... Dann kam es zu Mord, Inzest, Ehebruch, Trunkenheit, Fluchen, Unzucht und allen Arten von Zotenreißerei... Kein Zweifel, daß da das Gottesvolk hineinschlagen muß. Die (puritanischen) Geistlichen warnten das Volk vor dem bevorstehenden Gericht Gottes, was unweigerlich auf so provokantes Verhalten folgen mußte, aber England (wie vordem Israel) erhörte sie nicht in großer Zahl. Der König, dem der Teufel assistierte, benutzte teuflischen Königszauber (king-craft) im Verein mit den Kindern der Finsternis. Angestachelt von Satan, hatte er zu allem Überfluß eine Papistin geheiratet, eine französische Dame voller Hochmut, sehr geistreich und eine Schönheit, der er ein sehr treu ergebener (uxorious) Ehemann wurde. Uxorious ist für diese Gottgefällige ein übles Schimpfwort, herrscht doch der Satan dort, wo der Mann aufs Weib hört, dazu noch auf ein welsches, doppelt gefährlich wegen Geist und Aussehen. Wo immer männliche Fürsten so effeminiert sind, daß sie dulden, daß Frauen von fremder Herkunft und anderer Religion sich in die Staatsangelegenheiten mischen, produziert das immer traurigstes Unglück. Als späte Erbin dieses politischen Puritanismus wird die Katholiken-Hasserin Mary Wollstonecraft über ein Jahrhundert später angesichts der französischen Revolution über Marie-Antoinette ganz ähnliches von sich geben.

 

Andersgläubige und insbesondere Katholiken werden von Lucy Hutchinson ähnlich betrachtet, wie die Juden von nationalsozialistischen Judenhassern (wenn die denn nur wenigstens ordentlich hätten hassen können): Sie sind Bösewichter, Übeltäter (malignants), Kinder der Hölle (children of hell) sie sind abergläubisch (superstitious), Götzenanbeter (idolatrer), sie sind debauched, lewd, vicious, sündig, laufend betrunken, halten sich gerne in Tavernen und Bordellen auf.

Der „linke” Whig-Dissent wird diesen Katholikenhaß in Britannien und den nordamerikanischen Kolonien noch über hundert Jahre durchhalten: Katholiken sind abergläubisch, vollziehen geheimnisvolle Rituale und sind durchweg lüstern. (Deutschen kann dabei nur die Nazi-Propaganda gegen „die Juden/Semiten” einfallen). Wie „abergläubisch” Puritaner selbst waren, offenbart ihr extremer Hexenwahn in einer Zeit, in der er allmählich verschwindet. Solchen „Aberglauben” der Lucy Hutchinson belegt diese am Ende ihrer 'Memoirs', wo sie darlegt, daß nach der „Ermordung” ihres Mannes ein Geist (der wie sie aussieht) umzugehen beginnt, um das Personal von Sandown Castle zu erschrecken, which is certainly true.

 

Als der Colonel entdecken muß, wie korrupt und beutegierig kleine und große godly people werden, wenn sie sich an der Macht fühlen, führt ihn das nicht dazu, sein dichotomes Weltbild aufzulösen, das ihn bis in den Tod begleiten wird, sondern dazu, sich stärker mit seiner Geige, seiner Kunstsammlung (der er Beutestücke aus der Sammlung des Königs zufügt) und der Ameliorierung seines Landgutes zu beschäftigen. Die innere Emigration des Bildungsbürgers hat Vorläufer.

Die fromme Paranoia überhöht das moralische Ich, um es in seiner Schwäche zu schützen, indem sie den starken Feind zur lebenslangen Bedrohung macht. Ihr Ausmaß bei Hutchinson macht es ihm 1660 unmöglich, wie viele seiner Glaubensgenossen das geforderte Lippenbekenntnis zu König und Church abzugeben und stillvergnügt bis ans Ende seiner Tage zu leben. Dies wiederum erinnert an den Rückzug westlicher Kommunisten ins Privatisieren, nachdem sie die Greuel des Sowjetkommunimus notgedrungen zur Kenntnis nehmen mußten: Die morbide psychische Disposition für säkularisierte Heilsphantasien bleibt, auch wenn sie vorerst mal nicht rühmlich ausgelebt werden kann.

 

Dieser wahnhafte Zug vieler Puritaner wird in guter christlicher Tradition durch einen sadomasochistischen ergänzt, in dem das Leiden Christi, sein Martyrium, zum Vorbild für den Frommen wird. Lucy Hutchinson formuliert das so: Je mehr Gott ihn kasteite (chastened), umso mehr liebte er ihn, indem er die Zuchtrute (rod) küßte und unter der Geißel (scourge) frohlockte, die ihn näher zu Gott hintrieb. Stärker dem Alten Testament verpflichtet ist folgende Stelle: Wenn Gott ihn heimsuchte, fiel er nieder zu seinen Füßen; vor ihm warf er seine Krone fort, demütigte sich in Staub und Asche und nahm die Strafe aus seiner Hand an. In ganz säkularer Diktion wird dieser Opfer-Täter-Masochismus Text der Frauenbewegung und von Teilen des Sozialismus werden.

 

Das Geschichts- und Weltbild der Hutchinsons wird geprägt von fleißiger Bibellektüre. Die Geschichte der Juden als des auserwählten Volkes Gottes endet mit Jesu Tod (letzterer spielt bei den godly people allerdings insofern eine untergeordnete Rolle, als sein Lebenswandel nicht in ihre Religion integrierbar ist), und dann fängt wie bei Milton ziemlich unmittelbar die Geschichte Englands als des neuen gelobten Landes an. Hier (in England!) erhielt der erste christliche Kaiser (Konstantin) seine Krone, hier fing die frühe Morgenröte des evangelischen Lichtes mit Wiclif und anderen Glaubenszeugen an, die Gott über die schwarze und grauenhafte Nacht des Antichristes erhob (den Katholizismus); in keinem Feld der Kirche ist eine reichere Ernte an devoten (devout) Bekennern, glaubenstreuen Märtyrern und heiligen Anbetern Gottes durch die Zeiten herangewachsen, als diese hier, durch die Gott seinen Namen und sein Evangelium ruhmreich gemacht hat (glorified). Aber dieser Weizen ist nicht ohne Unkraut geblieben; Gott hat dieses im Vergleich mit anderen Ländern zu einem Paradies gemacht, aber so ist entsprechend die Schlange eifrig besorgt gewesen zu verführen, und nicht ohne Erfolg, indem sie dauernd Gegner gegen die kindlichen Wahrheiten von Christus (infant truths of Christ) aufgestachelt hat. ('Fragment ihres eigenen Lebens'). Wir sehen: the great cause of God's and England's rights ist ganz dieselbe. Cromwells Imperialismus (empire-building) paßt da ganz gut hinein.

 

Die gottgefällige Puritanerin ist im Besitz der Wahrheit (truth), die sie zusammen mit ihrem Mann durch Studium der heiligen Schriften (scriptures), insbesondere der Psalmen und ausgewählter Paulusbriefe, erwirbt, zu denen dann noch aktuelle Traktate kommen, z.B. die der Baptisten gegen die Kindertaufe (paedobaptism). Die radikalprotestantische Schriftgläubigkeit beschreibt seine Frau so: In Glaubensfragen unterwarf sich seine Vernunft (reason) immer unter das Wort Gottes, und was er nicht verstehen konnte, würde er glauben, weil es geschrieben stand (because it was written).

 

Das ist eine protestantanische Orthodoxie, die aufgrund von Bibelstudium exakt der jüdischen Orthodoxie und ihrer Schriftgläubigkeit folgt. Der Colonel und lokale Chef setzt ihre Wahrheit in Nottingham durch, derweil er die militärische Macht innehat, behauptet sie gegen wenig gottgefällige Oppositionen und gegen abergläubische Kirchenfenster, satanische alehouses und leichtfertige wenches (Mädchen). Je mehr der Puritanismus in Fraktionen, Sekten und Konventikel zerfällt, desto mehr tritt Hutchinson allerdings im Unterschied zur Masse der Antistuartfraktion für „Gewissensfreiheit” ein, allerdings nur für Puritaner untereinander, und wohl bald auch nicht mehr gegenüber Presbyterianern und anderen „falschen Schotten” (laut Ehefrau Lucy sind die offenbar ziemlich alle false).

 

Der Gut-Böse-Dichotomie, der also zwischen Gott und Teufel, Christ und Antichrist, zwischen böser Welt und gutem Jenseits, entspricht ein massiver Leib-Seele-Konflikt, den der Ehemann offenbar immer wieder zu versöhnen sucht, während er für sein Eheweib unüberwindlich bleibt. So schreibt sie über ihn: Seine Seele regierte als König auf dem internen Thron, und war niemals der Gefangene der Sinne (to his sense); Religion und Vernunft (plötzlich stehen sie hier auf einer Höhe) ihre zwei favorisierten Berater (der Seele), achteten darauf, daß alle Leidenschaften in ihren gerechten Grenzen blieben, ihm dort gute Dienste taten und das öffentliche Wohl förderten. Als Musterbeispiel dieser frommen Unterwerfung des Fleisches schreibt sie kurz vor Erzbischof Fénelon: Er war so beständig in seiner Liebe (zu ihr), daß er begann, liebevoller zu werden, als sie aufhörte, jung und liebreizend (lovely) zu sein.

 

Hutchinson zeugt seiner Frau zwar mehrere Kinder und katholische Vorstellungen von „Keuschheit” sind ihr auch des Teufels, wie sie an Edward the Confessor bemäkelt, der aus (mißverstanden) frommer Absicht keine Kinder zeugte; jedoch ist jedes erotische Moment zwischen den Geschlechtern des Teufels: Er war so keusch, daß ihn weder in seiner Jugend noch in reiferem Alter eine der schönsten oder berückendsten Frauen jemals in unnötige Vertrautheit, eitles Gespräch oder irgendeine Art von Spiel oder Tändelei hineinziehen konnte, jedoch verachtete er nichts am weiblichen Geschlecht als ihre Narrheiten und Eitelkeiten; weise und tugendhafte Frauen liebte er, und erfreute sich an aller reinen, heiligen und unangreifbaren Unterhaltung mit ihnen, aber so, daß er nie Skandal oder Versuchung hervorrief.

 

Aber auch folgende Auffassung von ihr wäre dem franko-pädagogischen Bischof von Cambrai und später Jean-Jacques Rousseau genehm gewesen, ähnlich wie dem von den Hutchinsons geschätzten Apostel Paulus: Die more becoming virtue einer Frau ist silence. Ganz und gar fenelonisch, aber auch roeauisch oder goethisch ist schließlich nach den Worten seiner Frau sein Verhältnis zu seinen Untergebenen: ...they joyed as much in his commands as he in their obedience. Womöglich gäbe es ja schon hienieden eine Art Paradies, wenn nur alles nach dem Willen dieses heiligen Mannes (saintly/holy man; Originalton seiner Ehefrau) gegangen wäre.

 

 

Milton: Satan ist der Teufel ist ein Mann

 

 

 

Das alte (jüdische) Testament der Bibel kennt als Gott ein unerbittlich anspruchsvolles männliches Wesen, das sein Volk straft, wann immer es ihm nicht huldigt, ihm aber andererseits eine militärische Stärke schenkt, die die Feinde zittern läßt. Dieser Gott setzt, warum auch immer, am Ende seiner Weltenschöpfung in seinen Paradiesgarten, eine Oase in der Wüste, einen aus Ton geformten Menschen, der ihm wohlgelingt, und bläst ihm den Lebensodem ein. Dieser Mensch heißt passenderweise „Mensch“ (Adam).

 

Zum Zwecke der Fortpflanzung, und weil der Mensch nicht gern alleine ist, entwendet Jahwe dann dem Menschen eine Rippe und formt aus dieser ein zweites Wesen. Dieses heißt nun Leben, d.h. Frau (Eva), wodurch Adam jetzt nicht mehr einfach Mensch ist, sondern zum Manne gerät. Die hohe isrealitische Geistlichkeit spann diese ihre Geschichte dann mit einem Doppelfaden weiter, der sowohl ihren Interessen wie denen des Allgewaltigen da oben entgegenkam: Alle Paradiesbäume sind allen Laien zugänglich, nur der Baum der Erkenntnis ist ihnen verboten (er repräsentiert das Privileg der hohen Geistlichkeit, das innere Sanktum des Tempels).

 

Hätte dieser Gott seine Menschen ein wenig besser gekannt, hätte er gewußt, dass Verbote gewisse Leute dazu reizen, sie (erst recht) zu übertreten. Zudem hatte er bei der Produktion der ersten Frau übersehen, dass ihre Herstellung aus (nur) einer Rippe ein in vieler Hinsicht defizitäres Wesen hervorbringen mußte: Unsere Eva ist neugierig und lädt außerdem in unbekleidetem Zustand (mit den Augen eines komplett verhüllten Hohepriesters gesehen) den Mann, als der sich jetzt endgültig der erste Mensch entpuppt, seinerseits zu Neugier und Begehrlichkeit ein. Eva schenkt Adam einen dieser erkenntnisgebenden Äpfel, er beißt kurz hinein, und siehe: sie erkennen sich beide als Mann und Frau, es kommt zum ersten (sündigen) Geschlechtsakt, und weil beide bislang noch keine Kleider gekauft haben, schämen sie sich ganz unheimlich, schwebt doch Gott direkt über ihnen und hat die ganze Zeit zugeschaut.

 

Jetzt heißt es raus aus der Oase, hinein in der Wüste, und: das Erkenntnismonopol haben die Priester und: Sex ist Sünde, so wie jede eigenständige Erkenntnis, die gar nicht hart genug bestraft werden können. Seitdem sind wir Sünder allzumal.

 

 

 

An der Geschichte wäre einiges zu bemängeln. So fragt man sich (vergebens!), warum Gott dem Adam eine nackte Frau zugesellt, wenn der dann nicht dürfen darf: Erstens ist meines Erachtens die Versuchung zu groß, ist sie ja immerhin auch die einzige Frau in der ganzen Oase, und zweitens ging es Adam ohne Frau vorher besser (nicht nur, dass er noch eine Rippe mehr hatte). Ich z.B. hätte angenommen, Gott gäbe Adam die Frau, damit sie Kinder kriegen und dadurch die ganze weitere biblische Geschichte erst ermöglichen könnten (was sie ja dann auch getan haben).

 

Zudem hätte Gott, der alles weiß, auch wissen müssen, daß Kinder eine schwer erträgliche Plage sind; deswegen schließlich hat er den Menschen ja ihren unleidlichen Trieb eingeflößt, der sie zum Koitus treibt und die Kinder vielleicht als gerechte Strafe für ihre Lustbarkeiten ertragen läßt.

 

Aber natürlich war es ganz anders, wie schon Augustinus wusste: Die Menschen hatten kein Begehren, weil sie schon alles hatten, insbesondere die Unsterblichkeit. Und wenn man die hat, braucht es keiner Nachwuchs-Produktion.

 

 

 

Die Christen waren auf Dauer nicht so klug wie die Juden und beließen die Schuld für das ganze Desaster (das uns Menschen jede Menge Ärger auf den Buckel häuft) nicht bei den Frauen. Sie machen sich vielmehr die Vorstellung von einem (leider allzu männlichen) Bösewicht zueigen, der als einer der angeloi usprünglich in Jehovas Diensten stand, sich aber zu viel auf sich einbildete (sein Laster ist die Hochmut, die Hoffahrt), und wegen Unbotmäßigkeit von Gott (dem Herrn) ganz tief unten im dunklen Keller eingesperrt wird, wo er erst einmal mit viel Feuer sich Licht macht und diesen ziemlich großen Keller dann als ganz persönliche Hölle einrichtet. Laut christlichem Gedankengut läßt Gott diesem Kerl ziemlich viel Spielraum, so daß er mit seinen dienstbaren Geistern bald anfangen kann, uns arme Menschen in Versuchung zu führen. (Wahrscheinlich, um uns durch nicht beantwortbare Fragen so zu verwirren, dass wir das Antworten überhaupt an Fachleute abgeben; wie die Frage: Gibt es die Paradiesoase noch, und wenn ja, wie kommt man hin? Oder die: Warum hat er nicht die Flöhe, Wespen und Stadttauben vertrieben, sondern ausgerechnet uns Menschen.? Wenn wir denn nun einmal Sünder sind, ließe es sich doch im Paradies mit Sicherheit schöner sündigen als zum Beispiel im südlichen Hessen unserer Tage).

 

 

 

Die Faustregel für den christlichen Satan ist, daß er uns zu all dem verlocken will, was wir ohnehin schon gerne täten, weswegen er auch so viel Erfolg hat. Die zweite Faustregel leitet sich daraus her, dass Engel ursprünglich Wesen ohne Geschlechtsreife sind, weswegen sie im Rokoko als Cupido-Bambini dargestellt werden, aber als gefallene Engel pubertieren sie schnell zu Männern. Die mittelalterliche Vorstellung ist nun, daß er sich am liebsten an die holde Weiblichkeit heranmacht, diese zur Sünde, dem Laster verführt, und dann auf die Menschheit losläßt. Damit lädt der Teufel die Schuld dann wieder ein gutes Stück weit auf die Damen ab, was Richardsons Lovelace, sein Satan in Menschen-Gestalt, nicht aufhört zu betonen. *17

 

 

 

Eine wesentliche Hexenvorstellung des Mittelalters und der frühen Neuzeit besagte, dass Hexen liederliche Weiber seien, die nächtens den Teufel in sich einfahren ließen. Diese kontinentale, eher unenglische Vorstellung verbindet den Teufel mit Pferdefuß und Schwefelgestank. Eine andere, insbesondere frühneuzeitlich-englische Version macht sich Gedanken darüber, warum der Teufel so viel Erfolg (bei den Frauen) hat, und baut seine eher verführerischen Qualitäten aus.

 

Der bedeutendste literarische Schilderer der zweiten Art Teufel ist John Milton, ein puritanischer Staatsmann in der Zeit des Commonwealth, latin secretary von Cromwell, der in der Restaurationszeit kurzzeitig in den Kerker geworfen wird und laut seiner (Heiligen)Legende dort erblindet seine Paradiesgeschichte als Versepos beginnt. (1658-65).

 

 

 

Her Satanic Majesty's Most Renowned Appearance

 

 

 

Milton schreibt sein 'Paradise Lost', als der Versuch der Rechtschaffenen in Britannien, einen Staat der Rechtgläubigkeit aufzubauen, an der Lauheit derer, die sich bei dieser Aufbauarbeit durchgesetzt hatten, gescheitert ist. Ein wesentlicher Teil seines Versepos ist Gottes „Zeugung“ seines Sohnes (wie aus dem Kopf eines Zeus), seine Forderung nach Huldigung dieses seines Geschöpfes/Sohnes durch alle himmlischen Heerscharen, die im Gedicht aus ritterlichen Schwertkämpfern der italienischen Renaissance zu bestehen scheinen, und dem Aufstand eines der obersten Engel mit seinem Drittel der himmlischen Armee gewidmet, der sich verständlicherweise mit seiner Herabwürdigung in dem himmlischen Feudalsystem nicht abfinden will.

 

 

 

In drei der zwölf „Bücher“ ist Satan der unbestrittene Held, und bis zum Sündenfall der beiden Paradiesbewohner ist seine Hölle ein faszinierendes Reich ritterlicher Kämpfer. Man will festgestellt haben, dass das Vorbild seiner Teufel (es gibt deren unzählige) Tassos nicht unattraktive Sarazenen in 'Gerusalemme Liberata' (1580-81) seien.

 

Blake versteigt sich später bis zu der Behauptung, Milton sei unbewußt auf seiten des Teufels gewesen, als er 'Paradise Lost' schrieb. Bewusst war es der Fromme sicher nicht; aber er sieht sich dem Problem gegenüber, dass das Böse seine (literarische) Rolle nur spielen kann, wenn es stark ist, faszinierend, einigermaßen überzeugend.

 

 

 

Author of evil, unknown till thy revolt.../...how hast thou disturbed / Heav'n's blessed peace (6-263/266f). Es sind Luzifers Revolte und Evas Sündenfall, die den Text am Laufen halten: oben herrscht Langeweile, gesegneter Friede, Seligkeit (beatitude), und der Schöpfer ist in his holy rest (7-61). Der Himmel ist the seat of bliss...(6-273), und das ist jene Glückseligkeit, in der die Engel zur Harfe frohlocken, und sich der Münchner im Himmel aus der Feder von Ludwig Thoma zur Erde zurücksehnt.

 

Sogar ein Teil der zur Hölle gefahrenen Engelsscharen sind, noch während Satan aus der Hölle ausbricht, um sich an Eva heranzumachen, solche mildtätig harfenden Musikanten: Others more mild / Retreated in a silent valley, sing / With notes angelical to many a harp / Their own heroic deeds and hapless fall / By doom of battle. (2-546ff) ...the harmony / ( What could it less when Spirits immortal sing?) / Suspended Hell, and took with ravishment / The thronging audience...(2-552ff)

 

 

 

Miltons Satan ist ein Aristokrat, ein Prince sogar (1-128), mit Stolz und Männlichkeit ausgezeichnet (like a proud steed, 4-859), mit Mut (Courageous chief, 4-920). High on a throne of royal state.../.../ Satan exalted sat, by merit raised / To that bad eminence...(2-1ff). Satan, whom now transcendent glory raised / Above his fellows, with monarchal pride / Conscious of highest worth, unmoved thus spake. (2-427ff)...and Satan to his royal seat / High on a hill, far blazing, as a mount / Raised on a mount, with pyramids and tow'rs / From diamond quarries hewn, and rocks of gold, / The palace of great Lucifer, (so call / That structure in the dialect of men / Interpreted)...(5-756ff).

 

Samuel Richardsons Rake Lovelace schreibt fünfzig Jahre später: I am fit to be a prince, I can tell thee; for I reward well, and I punish seasonably and properly; and I am generally as well served as any man. (4-62) Der gesellschaftlich obsolete Aristokrat wird zum Tunichtgut, zum Teufel.

 

 

 

Auch als aufständische Partei im himmlischen Bürgerkrieg ist Satan die faszinierende Gestalt:...th'Archangel: but his face / Deep scars of thunder had intrenched, and care / Sat on his faded cheek, but under brows / Of dauntless courage, and considerate pride / Waiting revenge...(1-601ff) High in the midst exalted as a god / Th'Apostate in his sun-bright chariot sat / Idol of majesty divine, enclosed / With flaming Cherubim, and golden shields...(6-99). Kein Wunder, dass Milton klagend eingreift: O Himmel! Daß solches Ebenbild des Höchsten / Doch bleiben soll, wo Treu und Wirklichkeit / Es nicht mehr sind. (O Heav'n! That such resemblance of the Highest / Should yet remain, where faith and realty / Remain not... 6-114ff).

 

 

 

Satan ist ähnlich wie die Rakes Rochester und (Richardsons) Lovelace ein Individualist, der sich nicht an die neuen gesellschaftlichen Regeln hält. Als des Erzengels feudale Stellung zu Gott mediatisiert wird, begehrt er auf. Er wird ... Deliverer from new Lords, leader to free / Enjoyment of our rights as gods... (6-451ff) Our puissance is our own, our own right hand / Shall teach us highest deeds, by proof to try / who is our equal...(5-864ff, die rechte Hand ist die, die das Schwert hält). Das ist die Sprache des Restoration-Rakes Rochester, der keine Götter über sich duldet: For Hell and the Foul Fiend that Rules / God's everlasting fiery Jayles / (Devis'd by Rogues, dreaded by Fooles) / With his grim grisly Dogg, that keeps the Doore, / Are Senselesse Storyes, idle Tales /Dreames, Whimseys, mercies! Es ist die Sprache eines frühen freien Geistes im Sinne Nietzsches, aber ohne dessen traurige Gestalt, und die von Clarissas Verfolger Lovelace, der stolz darauf ist, sich nicht um seinen guten Ruf zu scheren: this proud beauty ...t'is to virtue, it seems, that my difficulties are owing; and I pay for not being a sly sinner, an hypocrite; for being regardless of my reputation; for permitting slander to open its mouth against me ('Clarissa Harlowe, 1-31).

 

 

 

Rousseau wird in seinen 'Bekenntnissen' schreiben: Ich verwandte alle meine Seelenkräfte darauf, die Fesseln der öffentlichen Meinung zu brechen und mutig alles zu tun, was mir gut schien, ohne mich irgendwie um das Urteil der Menschen zu kümmern. (VIII,S.356f). Aber Rousseau schreibt hier einen satanischen Satz mit dem Anspruch puritanischer Reinheit. Er ist nicht mutig, sondern ängstlich, er bricht keine Fesseln (sein erster Aufsatz wird preisgekrönt), sondern er provoziert sie, und das Urteil der Menschheit (seiner “Verfolger”) wird zum realen Quell seines Verfolgungswahns werden.

 

 

 

So wie Richardsons Lovelace ist Miltons Satan nicht bereit, den Preis der Unterwerfung zu zahlen: Better to reign in Hell, than serve in Heav'n (1-263) ist der wohl radikalste Slogan, in dem sich jemals Freiheitssinn artikuliert hat. Zugleich formuliert Milton hier die Option des Freiheitsliebenden unter totalitären Bedingungen: Er muß böse werden.

 

 

 

Ganz ähnlich lehnt es Lovelace ein Jahrhundert später ab, sich auf seine reformation, d.h. seine Unterwerfung unter christliche Autoritäten einzulassen: Oh! Aber wahrhaftig hoffte sie, den Verdienst zu haben, mich zurückzugewinnen. Sie hatte sich hübsch vorgestellt, wie reizvoll es aussehen würde, einen selbst gewonnenen Büßer an ihrer Seite zur Kirche zu geleiten, durch eine beifällige Nachbarschaft; und, wie sich ihre Familie vergrößert, und er marschiert mit ihr und all den Jungen und Mädchen in einer Art Prozession dorthin, stolz über die Früchte ihrer ehrbaren Begierde, wie es mein guter Herr Bichof in der Heiratslizenz stehen hat. And dann, was ein wohl zu schauender Anblick, wie sie alle ihrem Kirchenabteil nach Alter niederknien, wie wir das bildhaft in einem alten Epitaph gesehen haben, wo ein ehrbarer Ritter in seiner Rüstung mit zum Himmel erhobenen Händen dargestellt wird, und ein halbes Dutzend unterwürfige Jungs mit gestutzten Ohren, die stufenweise nach Alter und Größe angeordnet sind, alle in derselben Haltung – seiner frommen Herrin gegenüber, mit einer Krause um den Hals, und genau so viele bleichgesichtige Mädchen, die hinter ihr knien: zwischen ihnen ein Altar, auf dem ein geöffnetes Buch: über ihnen Strahlen aus güldenen Wolken, die ein Motto umgeben, IN COELO SALUS oder QUIES – falls sie das übliche Eheleben aus Streit und Widerstreit gelebt hatten.

 

 

 

Da all das im Richardsonschen Original mitreißender klingt und noch mehr an Miltons Satan erinnert, das ganze noch einmal im Original: Oh! but truly she hoped to have the merit of reclaiming him. She had formed pretty notions how charmingly it would look to have a penitent of her own making dangling at her side to church, through an applauding neighbourhood: and, as their family increased, marching with her thither, at the head of their boys and girls processionally as it were, boasting of the fruits of their honest desires, as my good lord bishop has it in his licence. And then, what a comely sight, all kneeling down together in one pew, according to eldership, as we have seen in effigy, a whole family upon some old monument, where the honest cavalier in armour is presented kneeling, with uplifted hands, and half a dozen jolter-handed, crop-eared boys behind him, ranged gradatim or step-fashion, according to age and size, all in the same posture – facing his pious dame, with a ruff about her neck, and as many whey-faced girls all kneeling behind her: an altar between them, and an opened book upon it: over their heads semilunary rays darting from gilded clouds, surrounding an achievement-motto, IN COELO SALUS – or QUIES – perhaps, if they have happened to live the usual married life of brawl and contradiction...(3-66)

 

 

 

In der Miltonschen Hölle angekommen, muß Satan seine Superiorität erst einmal durchsetzen, denn es gibt noch mehr grand infernal Peers (2-507), allesamt Princes of Hell (2-313)., von denen es heißt: ...neither do the Spirits damned / Lose all their virtue; lest bad men should boast / Their specious deeds on earth, which glory excites, / Or close ambition varnished o'er with zeal. / Thus they their doubtful consultations dark / Ended rejoicing in their matchless chief. (2-482)

 

 

 

Zuvor werden einige dieser Höllenfürsten aufgeführt: ...Moloch, sceptred king / Stood up, the strongest and the fiercest Spirit / That fought in Heav'n (2-43ff) ...On th'other side up rose / Belial, in act more graceful and humane /a fairer person lost not Heav'n; he semed / For dignity composed and high exploit: / But all was false and hollow; though his tongue / Dropped manna, and could make the worse appear /The better reason, to perplex and dash / Maturest counsels: for his thoughts were low ;/ To vice industrious, but to nobler deeds / Timorous and slothful; yet he pleased the ear, /And with persuasive accent thus began. (2-108ff) Beelzebub...in his rising seemed / A pillar of state, deep on his front engraven /Deliberation sat and public care; / And princely counsel in his face yet shone / Majestic though in ruin...(2-299ff)

 

Am verwandtesten mit Rochester und Lovelace ist wohl Belial, der ... came last, than whom a Spirit more lewd / Fell not from Heaven, or more gross to love / vice for itself...(1-490ff) ...and when night / Darkens the street, then wander forth the sons / of Belial, flown with insolence and wine. / Witness the streets of Sodom, and that night / In Gibeah, when the hospitable door / Exposed a matron to avoid worse rape (1-501ff). Es ist dieser Belial, mit dem über hundert Jahre später Lord Byron öffentlich gleichgesetzt werden wird.

 

 

 

Für alle gilt nun: ever to do ill our sole delight (1-500ff). Es handelt sich dabei nicht um den “Geist, der stets verneint”, sondern um den violenten Fortschrittsfeind, der auf jener Würde beharrt, die später in die Verfassungen weggesperrt wird. Es handelt sich auch nicht um das Reich des Bösen aus dem Geist von Aufklärung und Fortschritt, wie es der Marquis de Sade in seiner 'Philosophie des Boudoirs' propagiert; vielmehr haben wir es mit dem Individuum zu tun, das sich seiner völligen Entrechtung und Unterwerfung unter den Geist und die Knute des Legalismus entzieht, dabei aber immer mehr zum bloßen Reagens auf die political correctness wird.

 

 

 

Milton schafft es nicht, Satan und sein Pandaemonium in Übereinstimmung zu bringen mit dessen zweiter Rolle, der des Verführers Evas. Das ist für ihn und die akademische Literaturgeschichte beruhigend, für den Kunstfreund hingegen bedauerlich. Begründet wird der satanische Ausflug ins Paradies von Seiten des Autors damit, daß Satan diesen Vorschlag einbringt, um sich als Wagemutigster und Unternehmungslustiger auszuzeichnen. Offensichtlich ist es ihm selbst in der Hölle zu langweilig. If then his Providence / Out of our evil seek to bring forth good, / Our labour must be to pervert that end, / And out of good still to find means of evil...(1-162ff)

 

Himmlischerseits ist alles noch viel unklarer. Kurz gesagt will Miltons Gott die Sünde nicht, macht sie aber möglich und weiß darum vorher, daß sie stattfinden wird. Der freie Wille ist ein Teil der göttlichen Vorsehung und damit die Sünde: Adam und Eva verlieren ihr Paradies in dem Moment, in dem sie es als solches begreifen.

 

 

 

Hier sind Gottes Wege wahrhaft unerforschlich. Tatsächlich konstruiert Miltons christlicher Gott einen Menschen, der um der Versuchung willen versucht wird (dem trial, das Satan Lovelace als Verführungsversuch an Clarissa Harlowe beschäftigen wird, und das sie am Ende als göttliche Gnade annimmt), - und der um der Bestrafung willen (justice) in der Versuchung untergeht. Der Sohn Gottes, Messias, der den Höllensturz Luzifers provoziert und damit Luzifers Triumph über Eva, ist dann zugleich der, der später mit seinem Opfertod des Teufels Macht auf die Ungläubigen beschränkt, um irgendwann später noch einmal zu kommen (second coming), die Gläubigen ins Paradies einzusammeln, bzw. in den Himmel.

 

Aber die christliche Kirche hat nie vorgegeben, plausibel zu sein; solange sie noch römisch verwaltet war, hatte sie ohnehin keinen Zugang zum Glauben ohne kirchliche Vermittlung gestattet.

 

 

 

Wie dem auch sei, Satan will die beiden Menschen seduce ...to our party (2-367). The bold design / Pleased highly those infernal States, and joy / Sparkled in all their eyes...(2-386f). Die Verwandlung vom stolzen Höllenfürsten zum deceiver (1-35,) false dissembler (3- 681) nun ist eine merkwürdige Sache: An Sünde und Tod vorbei, die beide das Höllentor bewachen, gelangt er ins Paradies, und mutiert zunächst zu einer Art aus seinem Landschafts-Park vertriebenem englischen Landedelmann: O had his powerful destiny ordained / Me some inferior angel, I had stood / The. happy; no unbounded hope had raised / Ambition. (4-58) Das sieht er: Cedar, and pine, and fir, and branching palm, / A sylvan scene, and as the ranks ascend / Shade above shade, a woody theatre / Of stateliest view.../..a circling row / Of goodliest trees loaden with fairest fruit, / Blossoms and fruits at once of golden hue / Appeared, with gay enamelled colours mixed (4-139ff)

 

 

 

Das paradiesischste am Paradies ist, wie wir alle wissen, Eva im Evaskostüm. Und so sieht sie unser miltonischer Teufel: ...half her swelling breast / Naked met his under the flowing gold / Of her loose tresses hid: he in delight / Both of her beauty and submissive charms / Smiled with superior love...aside the Devil turned / For envy, yet with jealous leer malign / Eyed them askance...Sight hateful, sight tormenting! Thus these two / Imparadised in one another's arms / The happier Eden, shall enjoy their fill / Of bliss on bliss, while I to Hell am thrust / Where neither joy nor love, but fierce desire, / Among our other torments not the least...(4-495ff) …

 

 

 

Satan will Eva verführen, weil er ihre süße Unschuld nicht ertragen kann, so wie Lovelace nicht die von Clarissa Harlowe. Lovelace weiß aus Erfahrung, daß alle Jungfrauen potentielle Evas sind, und mit der Entjungferung reale Even werden. Die wirkliche Eva aber ist kein Objekt von Anbetung und Verehrung mehr, sondern nur eine Frau. Was Lovelace nicht verstehen wird: Indem er in der Vergewaltigung der betäubten Clarissa ihr Hymen einreißt, macht er sie zu einem Objekt der Verehrung für alle, zu einer Heiligen. Das ist die neue Zeit des Herrn Richardson, in der die Tugend ihr garantiertes Happyend hat. Es ist zugleich das Happyend der heiligen Ottilie von Weimar, es ist die Verbürgerlichung des tragischen Zustandes, unschuldig schuldig zu sein, ins ewig triviale..

 

 

 

Miltons Paradies ist der Zustand der Unschuld, so wie ihn ganz handfest der Erotomane Rochester auch für sich beansprucht: ...nor Eve the rites / Mysterious of connubial love refused: / Whatever hypocrites austerely talk / Of purity and place and innocence, / Defaming as impure what God declares / Pure, and commands to some, leaves free to all. (PL,4-742)

 

Welcher Art bei Milton der eheliche Koitus im Zustand der Unschuld ist, fällt schwer sich vorzustellen: Here love his golden shafts employs, here lights / His constant lamp, and waves his purple wings, / Reigns here and revels; not in the bought smile / Of harlots, loveless, joyless, unendeared, / Casual fruition, nor in court amours / Mixed dance, or wanton masque, or midnight ball, / Or serenade, which the starved lover sings / To his proud fair, bets quitted with disdain. / These lulled by nightingales embracing slept, / And on their naked limbs the flow'ry roof / Show'red roses, which the morn repaired. (4-763). Eins läßt sich erahnen aus dem Text: In diesem späten Renaissance-Arkadien wird kopuliert ohne sexuelle Begierde. Diese wird erst Luzifer den beiden beibringen: I will excite their minds / With more desire to know...(4-522f)

 

 

 

Und nun wird aus dem Höllenfürsten, aus dem ein aus seinem Park vertriebener Gentleman geworden ist, ein elender Wurm, eine Schlange nämlich, denn Satan schafft es anders nicht, sich an Eva heranzuschleichen. Zugleich beklagt er aber seine Situation, den Zwang zu dieser elenden Gestalt.

 

Der Teufel kann dabei grundsätzlich wie die Rakes Rochester und Lovelace jederlei Gestalt annehmen: Down he alights among the sportful herd / Of those four-footed kinds, himself now one, / Now other, as their shape served best his end / Nearer to view the prey, and unespied...(4-396)

 

Vom historischen Rochester ist überliefert, er habe sich in vielerlei Verkleidung unters Volk gemischt, gelegentlich in Frauenkleidern an Mädchen herangemacht. Der Master B. unserer Pamela Andrews und Clarissas Harlowes Lovelace verkleiden sich bzw. träumen davon, sich als Frauen verkleidet an ihre Opfer heranzumachen. Clarissa schreibt über ihren Satan: ...he is so much of the actor, that he seems able to enter into any character; and his muscles and features appear entirely under obedience to his wicked will. (3-85)

 

 

 

Satan, zunächst bekümmert über seine jämmerliche Gestalt, ist schnell improved /in meditated fraud and malice...(9-53) und begibt sich auf die Pirsch. Von da an beschäftigt sich Milton ausführlich mit der Entfaltung des Frauenbildes, welches Christen, Juden und Muslime ein gutes Stück gemeinsam haben: Eva setzt (aus eigenem Antrieb) durch, getrennt von Adam im Garten zu arbeiten (in einem puritanischen Paradies wird selbstverständlich gearbeitet und die Arbeit macht Freude). O much deceived, much failing, hapless Eve (9-404), sagt Milton: zurecht, falls seine Geschichte stimmt. Satan ist fasziniert von der jungfräulich-femininen Unschuld Evas, die unter seinen Augen noch weiblicher wird, als sie ohnehin schon ist... Er wird sie nun verführen, weil er an ihren Qualitäten keinen Anteil haben kann. All pleasure to destroy, / Save what is in destroying; other joy / To me is lost...(9-477). Rake Lovelace legt mehrmals ausführlich Wert darauf, nur mit jungfräulichen Mädchen kopuliert zu haben, schon „gebrauchte“ Frauen interessieren ihn nicht. Er zerstört, um immer aufs neue zu belegen, dass das Zerstörte nicht zerstörenswert ist.

 

 

 

Wie Lovelace hat auch Miltons Satanas eine potent tongue (6-135, wir erinnern uns dabei an die French tongue, derer sich der südenglische Landpfarrer der 'Pamela' befleißigen will, es ist immer dieselbe gespalten-lüsterne Schlangenzunge), er schmeichelt Eva, ihrer Schönheit, die sie, das töricht-eitle Weib, schon beim Blick auf eine paradiesisch klare Wasserfläche gesehen hatte. Dann erklärt er ihr, dass er vom Baum der Erkenntnis genascht habe und deshalb sprechen könne (er, die Schlange!). Er schaffte es, sich schlangenmäßig so um den Baumstamm hochzuwinden, daß er an den Apfel kam: To satisfy the sharp desire I had / Of tasting these fair apples...(9-584). Sharp desire ist das, was nach dem Sündenfall der Menschen Los sein wird, und insbesondere das der Männer, die es wie Lovelace nicht leicht haben, längere Zeit auf sexuelle Triebabfuhr zu verzichten.

 

 

 

Der altböse Feind führt Eva zum Baum und verspricht ihr, dass sie nach Obstgenuß gut und böse würde unterscheiden können. Sie kann den Vitaminen nicht wiederstehen, obwohl ihr nach aller theologischen Logik der Sinn weder nach gut noch böse stehen sollte, weiß sie doch bis zum ersten Bissen überhaupt nicht, was das ist. Aber gut, sie beißt zu und wird zu der Eva, wie wir sie seitdem kennen. Wobei anzumerken ist, daß sie schon, bevor sie hineinbeißt, ohnehin des Teufels ist, eitel und neugierig, wie sie nun einmal ist. Aber das nur nebenbei.

 

 

 

Der Teufel hat sein Werk getan und kann gehen. Sie, ziemlich betripst, marschiert zu Adam und beichtet ihren Fehlbiß. Adam beschließt, aus Liebe zu ihr auch in den sauren Apfel zu beißen, not deceived, / But fondly overcome with female charm (9-998f). Damit hat das Unheil seinen Lauf genommen: wenn die Männer die Frauen nicht lieben würden, wären sie immer noch von aller Sünde frei. Richardsons Lovelace wird an einen Punkt kommen, wo er feststellen muß, dass die Frauen sein Unglück sind, und der fromme Autor wird sich hüten, ihn aus dieser Zwickmühle herauszulassen.

 

 

 

Milton läßt schnell hinter sich, dass der Baum der der Erkenntnis ist (knowledge) und konzentriert sich auf das, was Luzifer Eva wirklich angeboten hat: das Begehren. Es beginnt nun, was uns Menschen seitdem immer wieder durcheinander gebracht hat. Unser armer alter Adam: he on Eve / Began to cast lascivious eyes, she him / As wantonly repaid; in lust they burn (9-1013). Das unschuldsvoll-paradiesische Kopulieren, dem Rochesters Zeitgenossin Aphra Behn sehnsuchtsvoll-wunderschöne Gedichte hinterherschicken wird, weicht nun dem (ersten) leidenschaftlichen Koitus, Freud und Leid werden in Zukunft nahe beieinander liegen. Es ist sensual appetite, den Satan unseren ersten Eltern beigebracht hat, genau der Appetit, den die große Feministin Mary Wollstonecraft um 1792 noch als des Teufels begreift und im Zuge allgemeinen Fortschritts (improvements) wie auch ihr zukünftiger Ehemann Godwin aus der Welt vertreiben will. Milton kommt nun aufs Feigenblatt, die beiden schämen sich, weil der Sexus kein Kinderspiel mehr ist und fangen an, sich zu streiten; das Eheleben verliert zunehmend seinen Charme.

 

 

 

Gott straft mit leidvoller Mutterschaft und bedingungsloser Unterwerfung Evas unter Adam. Der soll im Schweiße seines Angesichts seinen Lebensunterhalt erwerben; von Staub geworden, soll er zu Staub werden.

 

 

 

Erst jetzt wird die Hölle richtig höllisch, indem Gott die Teufel ob ihrer Niedertracht noch einmal bestraft. Jetzt erst werden sie allesamt zu elenden Kreaturen, aber dafür haben sie ja dauerhaften Zugriff auf die Menschen dank eines breiten highway (wie ihn Milton nennt) von der Hölle zur Menschen-Welt... Am Ende tröstet Adam Eva mit der Vision des uns inzwischen seit langem vertrauten menschlichen Lebens, das eben, Gott hin und Teufel her, auch seine netten Seiten hat und beschwört penitence and remorse.. Schließlich wird den beiden von einem Erzengel der nicht rebellischen Sorte die ganze künftige biblische Geschichte in Kurzversion erzählt, womit Milton den Lesern deutlich macht, dass ihre Geschichte letztlich von vorneherein festgelegt ist. Versprochen wird die Ankunft des Sohns Gottes durch den Leib von Maria, the second Eve. Versprochen wird zudem das second coming: then the earth / Shall be Paradise..(12-463)

 

 

 

Am Ende gibt uns Milton noch vier Zeilen mit auf den Weg, die für die weniger Frommen so übel nicht klingen. Es handelt sich um den Abmarsch der beiden Menschenkinder aus dem Paradies:

 

The world was all before them, where to choose

 

Their place of rest, and Providence their guide:

 

They hand in hand with wand'ring steps and slow,

 

Through Eden took their solitary way.

 

 

 

Während John Milton weiter stilbildend-kunstvoll Verse schmiedet, entfaltet sich im Londoner Westend bei Hofe eine Kultur der Sinnenfreude, die der alte Puritaner nur als satanisch begreifen kann. Kaum ein Courtier ohne Kurtisane, bedeutende Künstler des abendländischen Barock strömen zusammen und London wird sogar für eine Weile musikalisches Zentrum. Wie in einem letzten heftigen Feuer verglüht hier die aristokratische abendländische Kultur, um dann, wie einer ihrer literarischen Meister, Dryden, um 1700 bedauernd feststellt, immer mehr in einer konsumistischen Warenwelt unterzugehen. Was er nicht voraussehen kann, ist, dass neben der Literatur als Lohnschreiberei, die den Roman des 18. Jahrhunderts hervorbringen wird, “Kunst” in einem unnachahmlichen Widersinn der Geschichte (die manchmal auch weniger Dame als Hexe ist) als Ware zugleich die jeweils progressive Gegenwelt zur zunehmenden Armseligkeit des Alltags werden wird. Während die zur zweiten Natur werdenden Gesetze von Kapital und Markt die große Untertänigkeit vorantreiben, wird die kanonische “Kunst” zum immer neuen Gegenentwurf, den der Markt sich dann einverleibt, um daraus Nahrung zu ziehen: Aus dem Stil wird die Mode, aus der Form die Manier, aus dem Gehalt die ideelle Botschaft.