B3 Königliche Schreckenstypen: Jäger und Sammler à la francaise

 

 

Als Jäger und Sammler werden seit dem 19. Jahrhundert frühe Kulturen bezeichnet, die nicht seßhaft sind und keinen Ackerbau betreiben. Die Jagd wird dann im Verlauf der Feudalisierung immer mehr zu einem Privileg, im sogenannten Absolutismus, der erweiterten Staatlichkeit also, ist sie für die meisten Leute nur noch illegal als Wilddieberei möglich. Das Standesprivileg der Jagd wird dann in den Demokratien von erheblichen Geldleistungen und Zertifikaten abhängig.

 

Ähnlich ist es mit dem Sammeln, sei es von Brennholz, von Pilzen oder Beeren, von Steinen für den Hausbau usw.. In einem langen Prozeß wird die gesamte Landschaft, auf der wir leben, zum Privatbesitz, sei es der von feudalen Grundherren, von Unternehmern oder des Staates. Winzige Parzellen können auch Leute mit kleineren Vermögen erwerben. Am Ende ist aber alles Land vergeben, und zwar so, daß kaum noch jemand davon leben kann.

 

Die Jagd als aristokratisches und insbesondere fürstliches Privileg verliert inzwischen jeden Sinn der Nahrungsbeschaffung und der Regulierung des Wildbestandes: Sie wird zum Hobby, zum Sport. Besonders berühmt für ihre Jagdleidenschaft werden die Bourbonen: Für Ludwig XIV. ist sie ein geselliges Freizeitvergnügen und sein Moment relativ unbefangener Lebendigkeit, für den Sechzehnten Louis Flucht vor dem Hof, der Ehefrau und der Verantwortung, für den vierten Ferdinand von Neapel organisiertes Massenabschlachten von Tieren, mehr oder weniger eine Art fröhliches Blutbad. Sie verbindet sich immer mehr mit der Sammelei im Zählen der Kadaver und dem musealen Ausstellen der Trophäen.

 

Ein damit durchaus verbundener Sport, oft später als Hobby (hobby-horse - Steckenpferd) bezeichnet, wird das Sammeln diverser Gegenstände. Bei Pepys ist das in Nachahmung der Aristokratie das von Gemälden und Stichen und kunsthandwerklichen Gegenständen. Dabei bildet er einen modischen „Geschmack“ aus, der der Selbstbestätigung und nicht zuletzt dem Vorzeigen gilt.

 

Es entsteht nach dem primären Sektor (bäuerliche Nahrungsproduktion), dem sekundären (handwerkliche und manufakturielle Herstellung von Gegenständen, dem tertiären (Dienstleistungen und staatlicher Apparat) ein vierter Sektor, der heute als Freizeit benannt wird und der sich mit Formen des Konsumismus beschäftigt, in denen der moderne und insbesondere postmoderne Mensch nach Selbstrechtfertigung seiner Existenz sucht. Das Sammeln, Anhäufen von Gegenständen wird dabei zunächst in den desorientierteren Kreisen der Oberschicht und dann im Bürgertum zu einer wichtigen Beschäftigung. Auf das ältere Schaffen, das ein Tun und Machen ist, folgt ein Beschaffen von etwas, was eine Beschaffenheit hat, aber erst im Zeitalter des Niedergangs von Adel und Bürgertum entdeckt die deutsche Sprache die Beschäftigung. Der Sport und das Hobby bedeutet dann, sich Beschäftigung zu beschaffen.

 

In einer ersten Etappe beginnt bei den sogenannten Humanisten das Sammeln von Handschriften, später das von Büchern, wobei sie diese allerdings auch benutzen, indem sie sie studieren. Zahlreiche private Bibliotheken werden bis ins zwanzigste Jahrhundert jedoch vorwiegend zu dem Zweck angelegt, Belesenheit oder gar „Bildung“ vorzutäuschen. Ein typisches Symptom solcher Buchsammlungen sind dekorativ wirkende Gesamtausgaben irgendwelcher Klassiker, die eine Fassade der Belesenheit hergeben.

 

Gleichzeitig beginnt nicht nur bei Pepys das Sammeln von Kunstwerken. Wer reichlich Geld hat und etwas auf sich hält, hat im 17. und 18. Jahrhundert eine vorzeigbare Gemäldesammlung. Mit dem Beginn der Ausgrabungen in Pompeji auf Veranlassung des neapolitanischen dritten Karls beginnt schließlich das Sammeln antiker Kunst, auch virtù genannt (womit das Sammeln zu einer neuen Form des Virtuosentum wird) und mit dem erwachenden Interesse an Geographie und Geologie das Sammeln von Mineralien.

 

Das Sammeln - vom Erjagen und Erbeuten von Sammlerstücken bis zur Anordnung der Sammlung - dient manchmal einem Erkenntnisinteresse, wie das bei William Hamiltons riesiger neapolitanischer Sammlung griechischer Vasen um 1780 ein Stück weit der Fall ist, allerdings ist selten der Sammler der Fachmann und auch ein nach den bescheidenen heutigen Maßstäben hochgebildeter Mann wie der Botschafter Englands in Neapel bedarf des Experten, in seinem Fall ist das vor allem Winckelmann. Der Fachmann wiederum hat selten die Mittel für eine Sammlung. Sammelleidenschaft und Erkenntnisinteresse treffen dann in der Einrichtung des Museums aufeinander, wie damals beispielhaft beim British Museum und dem Louvre, wobei Hamiltons Sammlung teilweise in ersterem landet, während letzterer seine frühen Bestände nicht zuletzt durch die Raubzüge Napoleons bekommt. Im 19. Jahrhundert wird Kunst als etwas inzwischen Antiquiertes auf diese Weise eingesperrt und ihres Kontextes beraubt. Sie wird zunehmend eine ins Edle und Erhabene gehievte Kuriosität, zum Begaffen freigegeben, wenn man davon absieht, daß sie in immer sinn-entleerterer Form nominell weiterlebt.

 

Das Sammeln ist vor allem eine sogenannte Freizeitbeschäftigung, dient also wohlhabenderen Herrschaften zum Totschlagen der Zeit, bzw. dem Vertreiben der Langeweile, - ist aus innerer Leere genährt. Als Musterbeispiel mag hier eine Zeitgenossin von Samuel Pepys dienen, Elisabeth Charlotte von der Pfalz. Nach der Verheiratung mit dem Herzog von Orléans, dem Bruder Ludwigs XIV., gibt es für sie nur solange ein „Eheleben“, bis der homosexuelle Monsieur ihr mit Mühe mehrere Kinder gezeugt hat. Danach bleibt ihr noch eine Weile die Jagd zu Pferde an der Seite des Königs, jenes Königs, der die zweite Totalzerstörung ihrer pfälzischen Heimat anordnen wird.

 

Als die kalvinistisch erzogene Witwe des Autors Scarron erst Geliebte und dann als Marquise de Maintenon zweite Frau des Königs wird, fällt auch dieses Vergnügen immer mehr weg: ...der König bildet sich ein, er sei gottesfürchtig, wenn er macht, daß man nur brav Langeweile hat, schreibt Lieselotte am 1.10.1687

Sobald es im Hause Orléans getrennte Schlafzimmer gibt, hält sich Madame in ihren Gemächern sechs bis acht Hunde, Cockerspaniels, von denen einige immer Zugang zu ihrem Bett haben. Aus dem Hüte- und Jagdhund wird so ein intimes Spielzeug für gelangweilte und der Menschenliebe wenig zugetanen Menschen. Madame wird zur Hundesammlerin.

 

Im Barock wird das Sammeln von Münzen ein weitverbreitetes fürstliches Hobby. Münzen sind oft schon auf Grund ihres Metallwertes Wertgegenstände, sie wurden schon immer von den Herrschern ausgegeben und sie bilden sehr häufig auch Herrscher ab. Der pfälzische Kurfürst Karl Ludwig besitzt in seiner Sammlung 12 000 Münzen, sie werden später in der Sammlung des Großen Kurfürsten aufgehen. Spanheim, selbst unter anderem großer Numismatiker und Bekannter der Lieselotte aus Pfälzer Zeiten, berichtet über Ludwig XIV:

Er kümmerte sich insbesondere um die prachtvolle Münzsammlung...er mehrte ihre Zahl und ihren Wert, indem er die größten Raritäten dieser Art in Frankreich aufkaufte und sogar in Italien und in der Levante Nachforschungen anstellen ließ, und eigens Personen entsandte, die den Auftrag hatten, alles zu sammeln, was diesem unvergleichlichen Kabinett zur Zierde gereichen konnte.

 

Van der Cruysse berichtet von etwa dreißig Werken zur Münzkunde in Lieselottes Bibliothek. Dieses intensive „Interesse“ beginnt nach dem Fall aus der Gunst des Königs und insbesondere nach dem Tod ihres dukalen Ehemanns.

 

In Saint-Cloud hat Madame 1701 einen Münzschrank mit 27 Fächern voller Münzen aufgestellt, wiewohl sie sich dort jedes Jahr nur wenige Monate aufhält. Andere ihrer Sammlungen sind an anderen Orten. In ihren Korrespondenzen zum Beispiel mit Sophie von Hannover oder Leibniz wird das Erwerben von Münzen immer wichtiger. Sophie schenkt ihr eine ganze Sammlung, Leibniz soll sich nach Münzen umschauen.

Am 10.1.1709 schreibt sie an Sophie: ...habe jetzt 410 goldene Medaillen beisammen, da habe ich meinen Spaß, die Neugierigen und Gelehrten darüber disputieren zu hören, und ich lasse mir alle die Historien von den Revers erzählen, daß unterhält mich richtig. Von einem gewissen Monsieur de Montauban erhält sie einen kompletten Münzschrank mit fünfzehn Schubladen voller antiker Silbermünzen.

 

Das Horten des Schatzes einer Sammlung ist für sich sicherlich eine einsame Angelegenheit. Es sind die Korrespondenzen, das Acquirieren und das Vorzeigen, die eine Sammlung wertvoll machen. Dabei erwirbt und hält man Kontakte, die aus diesem Vorwand entstehen, bekommt Besuche und wird unter Umständen berühmt.

 

Der bedeutendste Jäger und Sammler neuen Typs ist Ludwig XIV. höchstpersönlich (1643–1715). Abgesehen davon, daß das höfische Leben eines Fürsten des 17./18. Jahrhunderts Luxus, erotische Libertinage und Machtfülle bedeuten kann, ist es ein in vieler Hinsicht entbehrungsreiches Dasein: Das höfische Leben ist ein Kunstprodukt, es ist Schauspiel, Ballett und Oper zugleich, der Fürst ist bis ins Bett hinein nicht privat. Das bedeutet, in früher Jugend angelegt, das völlige Aufgehen in der Rolle als Repräsentant des Staates, die Intensität der Repräsentanz läßt dabei die Fiktion wirklich werden. Wer aber ganz im Schauspiel aufgeht, verliert jene Substanz, aus der originäre Lebendigkeit sich nährt.

 

Als dieser Ludwig ihm Sterben sagt, Meine Herren, ich gehe, aber der Staat wird immer bleiben, meint er diese Idee der Repräsentanz, die er mit weiteren Vorstellungen angereichert hat: denen des Ruhmes (im Krieg), der Nation (das pseudo-völkische Ideal der Untertänigkeit), der alleinseligmachenden Religion (aus ketzerischen Hugenotten werden Galeerensklaven).

 

Das Unheil seiner Sammel- und Zerstörungswut, die mit seiner Abkapselung in Versailles enden wird und damit mit der Haßliebe der Stadt Paris gegen die Krone, beginnt mit dem Unheil seiner Familie. Mit der Ermordung von Henri IV. wird dessen ältester Sohn von Maria de Medici, Louis XIII., Thronfolger. Maria arrangiert dessen Ehe mit Anne von Österreich, der Tochter des spanischen Königs. Der durch und durch homosexuelle König läßt sich von Liebhabern beherrschen und verbannt seine dominante und machtbewußte Mutter nach Blois. Die organisiert 1619–20 zwei erfolglose Rebellionen gegen ihren Sohn. Ihr Berater Richelieu schafft dann eine oberflächliche Versöhnung, unter deren Oberfläche der Haß zwischen Sohn und Mutter weiterkocht. 1621/22 kommt es zu einem Hugenottenaufstand, der in einem Waffenstillstand endet. 1624 hat Ludwig XIII. sein Mißtrauen überwunden und macht Richelieu zu seinem wichtigsten Berater. Die labile Psyche des Königs gibt diesem bald fast uneingeschränkte Macht. 1628 fällt das hugenottische La Rochelle, eine französische Armee fällt in Italien ein.

 

Im November 1630 versucht die streng katholische Partei um Maria de Medici und Gaston, Duc d'Orléans, Bruder des Königs, den Sturz Richelieus durchzusetzen, der, ein Kardinal, im Dreißigjährigen Krieg die protestantische Seite unterstützt. Nachdem Maria de Médici aus Paris verbannt ist, beginnt Orléans zu ihrer Unterstützung Truppen auszuheben. Er muß nach Lothringen fliehen, wo er die Schwester des Herzogs heimlich heiratet. Der dreizehnte Ludwig schickt ihm Truppen hinterher und er muß nun in die Spanischen Niederlande fliehen. Er kommt mit Truppen zurück, um den Aufstand des Duc de Montmorency zu unterstützen. Der wird hingerichtet, Orléans erhält ein königliches Pardon und flieht dann doch wieder in die Niederlande. Richelieu versucht darauf mit starker Hand, die Ansprüche des Hochadels insgesamt zu unterdrücken.

 

Anne von Österreich, als Frau nicht von sexuellem Interesse für den König, gebärt ihm 1638 immerhin den Dauphin, unseren so genannten Sonnenkönig, was Orléans erbittert, da er nun kein unmittelbarer Thronfolger mehr ist. 1640 gebärt Anne dann Philippe, einen zukünftigen Duc d'Orléans. Inzwischen befindet sich Frankreich im von Richelieu gewollten Krieg mit Spanien, den die Königin, Schwester des spanischen Königs, zu konterkarieren sucht. Einer der jüngsten Favoriten des schwulen Königs (der Marquis de Cinq-Mars) konspiriert nun mit Spanien gegen Richelieu, unterstützt von Orléans. Als Folge regiert Richelieu im Namen des Königs und gegen dessen engste Verwandte uneingeschränkt bis zu seinem Tod 1642. Wenige Monate nach ihm stirbt der dreizehnte Ludwig. In seinem Testament verhindert er kurz vor seinem Tod, daß seine Frau Anne alleinige Regentin für ihren Sohn, den jungen Ludwig XIV. wird. Anne sorgt schnell dafür, daß das Parlement (der Gerichtshof) von Paris das Testament ihres Mannes annulliert. Darauf fordert der Hochadel von ihr die Privilegien zurück, die Richelieu ihm genommen hatte. Ein schlechtes Zuhause für ein Kind...

 

Orléans unterstützt dabei Anne d'Autriche, die aber bald auf Mazarin setzt, um ihrem Sohn die Machtfülle zu erhalten, die Richelieu geschaffen hatte. Mazarin und die Regentin kommen sich (auch privat) immer näher und wenden sich gemeinsam gegen die Fronde, die 1648 ausbricht (als Louis XIV. neun Jahre alt ist). Gewisse Ähnlichkeiten mit der Revolte von 1787-89 sind dabei unverkennbar.

 

Ab etwa 1643 nimmt die Fremdenfeindlichkeit zu, die sich hundertvierzig Jahre später zuerst gegen die Österreicherin Marie-Antoinette richten wird und sich jetzt an der spanisch-habsburgischen Herkunft der königlichen Regentin und der italienischen Herkunft Mazarins festmacht. Zunächst tritt Orléans für Mazarin ein, aber ab 1651 wird er so feindselig wie später die Orléans gegen Ludwig XVI..

 

Die erste Phase des Bürgerkriegs wird wie in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts die Fronde des Parlement. Im Sommer 48 werden 27 Reformen formuliert: Die Abschaffung der Intendanten als direkter Instanzen königlicher Herrschaft in den Provinzen, Steuersenkungen, Zustimmungsrecht des Parlements zu allen neuen Steuern und Abschaffung der willkürlichen Einweisung in Gefängnisse. Mazarin, an der spanischen Front eingespannt, muß zunächst zustimmen, dann wendet er sich gegen die Rebellion.

 

1649 kommt es zur Blockade von Paris, wo sich außer dem Parlement auch ein Teil des Hochadels verschanzt hat. Die Krone muß zunächst wieder nachgeben. 1650 wendet sich Condé, Cousin des Königs, von diesem ab, da ihm seine Unterstützung gegen das Parlement keinen Machtzuwachs gebracht hat.

 

Als er verhaftet ist, erheben sich seine Freunde in den Provinzen. Als diese sich mit dem Parlement und dem Haus Orléans verbünden, erreichen sie 1651 die Freilassung Condés und die Entlassung Mazarins durch Anne, deren Regentschaft um diese Zeit mit der Volljährigkeit des Königs endet. Die verbündet sich darauf mit dem Parlement gegen die Prinzen und setzt eine Anklage gegen Condé durch. Der wehrt sich mit spanischer Unterstützung, nimmt im Frühjahr 1652 Paris ein, unterliegt königlichen Truppen im Juli, verliert die Unterstützung des Pariser Bürgertums und gewinnt nicht die des Parlements. Im Oktober 1652 dann nehmen königliche Truppen Paris ein, Condé flieht in die spanischen Niederlande und der königliche Bruder Gaston d'Orléans wird verbannt.

 

1653 hat Mazarin triumphal gesiegt. Dem Parlement wird jeder politische Einfluß untersagt. Einige Jahre später versöhnt sich der König mit seinem Bruder (Monsieur), das Haus Orléans bleibt bis zum Anbruch der Régence 1715 politisch einflußlos. Mit ihrer Unfähigkeit, sich machtpolitisch verantwortlich ins Staatswesen einzugliedern, provozieren beide, noblesse de robe (Amtsadel) und noblesse d'épée (Schwertadel) sowie Teile des Pariser Bürgertums ihre vollständige Entmachtung: In Versailles wird Ludwig XIV. den Hochadel zum Mitspieler des höfischen Zeremoniells degradieren, das feindselige Paris außen vor halten und mit Verachtung strafen (eine Monarchie ohne Hauptstadt!) und die Parlements klein halten.

 

Soviel zur trostlosen und schrecklichen Kindheit von Louis XIV. Er wächst praktisch ohne Eltern auf, in einer Familie, die ständig an gegenseitiger Feindseligkeit krankt. Das einzige, was Anne ihm mitgibt, ist eine unterschwellige, aber stets bedrohliche Angst vor der allmächtigen Strafe Gottes. Die Encyclopaedia Britannica von 2005 faßt kurz zusammen: Louis erlitt Armut, Unglück, Furcht, Demütigung, Kälte und Hunger. Was ihm die Familie sonst noch mitgibt, ist Mißtrauen, fehlende aus ihm selbst kommende Lebensfreude, die dafür Pomp und gloire hervorrufen müssen, ähnlich wie beim großen Friedrich. Seine wichtigste Schule wird schließlich das Schlachtfeld des spanischen Krieges. In seinen Memoiren schreibt er später: In meinem tiefsten Inneren ziehe ich den Ruhm allem anderen vor, sogar dem Leben selbst. Die Liebe zum Ruhm hat dieselben Feinheiten wie die zärtlichsten Leidenschaften. Indem wir (plurale maiestatis) eine rein göttliche Aufgabe hier auf Erden ausüben, müssen wir zu innerem Aufruhr völlig unfähig sein, der diese Aufgabe beschmutzen könnte. Statt Emotionalität rationale Gefühlskälte einer tief verletzten Seele!

 

1659 schließt Frankreich Frieden mit Spanien und darauf heiratet der König 1660 Annes Nichte Marie-Thérèse, die Tochter von Philip IV., wobei er auf seine große Liebe, Marie Mancini, Mazarins Nichte verzichtet. 1661 stirbt Mazarin und nun formuliert Ludwig das Programm, wie es später in seinem Memoirentext erscheint. Er ist unmittelbar Gottes Stellvertreter auf Erden, braucht keine Ratgeber mehr und wer sich gegen ihn wendet, ist ungehorsam gegen Gott (d.h. ein Sünder). Das läßt sich als wahnhaft diagnostizieren, im Sinne seines Programms schafft der vierzehnte Ludwig aber ein langes, erfolgreiches Leben, auch wenn er damit einen Grundstein für den Ruin Frankreichs und des Abendlandes legt, - soweit irgend das ein Einzelner kann.

 

Indem er den Hochadel zum kostspieligen Glücksspiel verführt, seine sexuellen Ausschweifungen begünstigt und seine Stellung bei Hofe von seiner bücklingshaften Ergebenheit ihm gegenüber und immer ridikulöseren Etiketten abhängig macht, demütigt und zerstört er einen ganzen Stand.

 

Indem derart das Staatswesen nur an der Person des Königs hängt, wird der Niedergang im 18. Jahrhundert vorprogrammiert, - er wird bei dem korsischen Halunken Napoleon seinen nächsten Tiefpunkt erreichen. Im Unterschied zu seinen beiden Nachfolgern widmet er sich diesem Programm, seiner Aufgabe, mit ganzer Kraft, er überwacht die Administration, definiert das höfische Zeremoniell bis ins kleinste, dirigiert die Märsche seiner Truppen und kontrolliert die Rechtgläubigkeit seiner Untertanen im Detail, was zeitweilig selbst einem Fénelon schaden wird.

 

Er ist in alledem das präzise Gegenteil Charles II. Stuart, mit dem er (zunächst heimlich) verbündet ist. Neben dem Prunk, der in abstoßender Form in der Errichtung und Einrichtung von Versailles kulminiert, und dem fürstlich protegierten Dekor von Musik und schönen Künsten ist der Krieg sein Lebenselixir, das Sammeln neufranzösischer Erde. 1667 fällt er in die Spanischen Niederlande ein, von denen er behauptet, sie seien Erbteil seiner spanischen Frau. 1668 kommt es zum Rückzug unter englischem und holländischem Druck. Seitdem haßt er das bürgerlich-kalvinistische Holland. 1672 fällt er dort im Bündnis mit seinem Cousin Charles II. ein. Mit dem ersten Vertrag von Nimwegen siegt er auf ganzer Linie gegen eine Koalition, der auch Spanien und der Kaiser angehören. Er hält nun Teile Flanderns, Lothringen und die Franche-Comté annektiert.

 

Ludwig verläßt zunächst seine erste Titularmaitresse Louise de la Vallière und wendet sich Madame de Montespan zu. Die Gouvernante von deren königlichen Bastarden, die kalvinistisch geprägte Witwe des Dichters Scarron, wird ihre Nachfolgerin. Nach dem ihr von Ludwig geschenkten Schloß Maintenon tituliert, reichert sie das katholische Sendungsbewußtsein des Monarchen mit bigotter Frömmelei an. Nach dem Tod der Königin und ihrer heimlichen Heirat mit Ludwig flüstern ihr ihre Beichtväter ein, wie sie den alternden König zu beeinflussen hat.

 

1685 widerruft Louis so das 1598 in Nantes von Henri IV. verkündete Edikt, daß den Hugenotten Religionsfreiheit zugestand. Wer nicht alsbald zum einzig wahren Glauben übertritt, wird zum Militär zwangsrekrutiert, zum Galeerensklaven gemacht oder auch ganz ohne Staat von den rechtgläubigen Nachbarn malträtiert. Mitten im Zeitalter des barocken Rationalismus und der Frühblüte der Naturwissenschaften wird so Religion und Grausamkeit wieder miteinander verbunden, wie schon einmal, als Humanismus, Hexenwahn und Inquisition Hand in Hand gingen. Fast eine halbe Million Untertanen fliehen aus Frankreich, sehr viele davon erfolgreiche Handwerker und Kleinunternehmer. Wie in anderen Ländern gehen auch hier Kalvinismus und Frühkapitalismus Hand in Hand, so wie später Protestantismus und Sozialismus.

 

Krieg ist für den vierzehnten Ludwig ohnehin Lebenselixir, aber die protestantischen und insbesondere die kalvinistischen Gegner, Holland, dann die Pfalz und schließlich das von William III. (von Oranien) beherrschte England, geben seiner Sammelwut von Ländereien durch von ihm losgetretene Kriege zusätzlichen Auftrieb. Den Vorwand für den nächsten Schlag muß ihm die daran unschuldige und selbst von Sammelleidenschaft getragene Elisabeth Charlotte von Orléans liefern, Schwester des Kurfürsten Karl von der Pfalz, der 1685 stirbt, und der vorher in seinem Testament festgelegt hatte, daß sein Nachfolger die kalvinistische Religion in seinem Fürstentum nicht ändern dürfe. Dies deswegen, weil sein Cousin von Pfalz-Neuburg katholisch ist, und er selbst keinen Nachfolger gezeugt hat.

 

Nun kommt Ludwig auf die Idee, im Namen der Orléans die reichsunabhängigen Allodialgüter von Madame für die Orléans zu fordern (Simmern, Bacharach, Germersheim usw.), damit seinen Bruder zum Reichsfürsten zu machen und so einen Fuß im Reich drinnen zu haben, dem die französische Krone schon so viele Regionen entzogen hat. Mit der barbarischen Unterdrückung der Hugenotten und seiner Habgier auf fremde Länder hatte Ludwig sich inzwischen die protestantischen deutschen Fürsten zu Feinden gemacht, die dennoch einen Kompromiß finden: Neuburg wird Kurfürst und Lieselotte erhält alle beweglichen Güter ihres Allodialerbes. 300 000 Gulden und zahlreiche Kunstschätze gehen so nach Frankreich, werden im wesentlichen von Monsieur angeeignet und in seine Liebhaber und Sexgespielen, sein Glückspiel und ähnliches angelegt. Seine Frau und pfälzische Erbin erhält praktisch nichts.

 

Am 24.9. 1688 beginnt der pfälzische Erbfolgekrieg mit einer Erklärung des allerchristlichsten Potentaten, er müsse in der Pfalz einmarschieren, um die Rechte der Herzogin von Orléans auf ihr Erbe gegen die Neuburgs zu verteidigen und Frankreichs Grenzen im Osten zu schützen. Als ein halbes Jahrhundert später Friedrich II. von Preußen sich des habsburgischen Schlesiens bemächtigt, braucht er sich auf keine flagrantere Lüge zu berufen als der große Ludwig. Mit diesem pfälzischen Krieg endet das Bemühen abendländischer Mächte, sich für ihre territorialen Raubzüge noch legitimatorische Alibis zu besorgen und die Kriege selbst möglichst in erträglichen Grenzen zu halten. Es beginnt die Zeit der Napoleons, Hitlers, Bushs und Putins. So verschieden sie auch sind, sie haben mit den Revolutionshelden aller Zeiten gemeinsam, daß Lügen nur noch das hohle Pathos der Rechthaberei brauchen, um Gewalt zu rechtfertigen.

 

Innerhalb kürzester Zeit wird die militärisch wehrlose Pfalz von französischen Truppen eingenommen. Sie muß nicht nur diesen Überfall bezahlen, sondern auch das übliche Besatzungsregiment ertragen. Heidelberg z.B. darf 80 000 livres für seine Befreiung vom pfälzischen Joch abliefern. Als darauf Kaiser und deutsche Fürsten beschließen, ihm mit einer Armee entgegenzutreten, entscheidet sich der „Sonnenkönig“ für den vorläufigen Rückzug, da er die Pfalz, nachdem er sie ausgeplündert hat, erst einmal nicht mehr halten kann.

 

Die Sammelwut, oft aus Kaufen, Diebereien und schwererem Raub bestehend, wird nun mit ganz offener Vernichtungswut gepaart, wie sie in dieser flächendeckend barbarischen Form erst wieder von Napoleon auf seinem Rußlandfeldzug eingesetzt werden wird. Die französische Krone beschließt, vor dem Abzug die Pfalz in eine Wüstenei zu verwandeln, alles mit Stumpf und Stiel niederzubrennen, um so das Überleben einer deutschen (Reichs)Armee auf dem Weg nach Frankreich unmöglich zu machen. Dangeau schreibt auf: Der König hat Order gegeben, Mannheim zu schleifen, und zwar nicht nur die Befestigungsanlagen, sondern auch alle Häuser der Stadt wie auch die Zitadelle, um zu verhindern, daß die Deutschen sich dieses Postens bedienen (26.11.*66)

 

Im Januar 1689 werden das Heidelberger Schloß, die Neckarbrücke und die Kirchtürme gesprengt, außerdem werden bei Nacht und Nebel etwa 20 Dörfer niedergebrannt, Einwohner, die in den Flammen ihrer Häuser aufwachen und zu fliehen versuchen, werden mißhandelt. Die Überlebenden fliehen mitten im kältesten Januar nackt oder im Schlafgewand in die Wälder. Dann werden nach den Sprengungen große Teile der Heidelberger Wohnhäuser verbrannt, Rathaus und Heiliggeistkirche zerstört, wobei Mélac, der französische Anführer dieses Holocausts, grinsend vom Marktplatz aus zusieht. In drei Wochen im März machen sich dann, Stadtteil für Stadtteil, fünfhundert französische Soldaten daran, ganz Mannheim dem Erdboden gleichzumachen. Der nächst dem König verantwortliche Minister Louvois, der womöglich einem Hitler, Stalin oder Putin Respekt eingeflößt hätte, erklärt nach vollbrachter Arbeit: Das geeignete Mittel, um zu verhindern, daß sich die Bewohner von Mannheim hier wieder niederlassen, ist es, sie zuerst aufzufordern, dies keinesfalls zu tun, und dann alle diejenigen zu töten, die versuchen, dort zu hausen. *67

 

Auch in katholischen Städten wie Worms oder Speyer ist die französische Zerstörungswut enorm. Kaum ein Ort wird von der Absicht, die Pfalz in eine Wüstenei zu verwandeln, ausgenommen, nicht Kaiserslautern, Bingen, Oppenheim, Bruchsal usw. usf.. Lieselotte, in deren Namen das alles offiziell passiert, erhält dann Nachricht, wie die Einwohner der nicht mehr existierenden Stadt Mannheim nachts zurückkehren, in der eingeebneten Stadt ihre Häuser nicht mehr wiederfinden und dann in irgendwelchen Kellern versuchen, Unterschlupf zu finden. Van der Cruysse zitiert eine Zeitung, die etwas später berichtet: Was die Einwohner angeht, so trifft man nur einige wenige Männer und Frauen mit ihren Kindern, die aus einer Höhle hervorkommen und Wilden gleichen. Es geht sehr zu Herzen, die traurigen Überreste einer einst so schönen Stadt zu sehen. (S.367)

 

Die Grundlagen für all das damals sind nicht zuletzt schlimme Familienverhältnisse mit ihren psychischen Zerstörungen (vor allem bei den Potentaten), religiöse Orthodoxie sowie Sendungsbewußtsein ohne theologisches Interesse und zudem der Vernunftglaube des barocken Rationalismus, wie er nirgendwo schlimmer als in Frankreich entwickelt wird, wiewohl Deutschland einem Descartes durchaus einen Leibniz halbwegs zur Seite stellen kann.

 

Am 10. Dezember 1689 formuliert Lieselotte mit der ihr eigenen Herzhaftigkeit an Kurfürstin Sophie nach Hannover über die Hauptverdächtige für alles Unheil, das derzeit von Versailles ausgeht, Madame de Maintenon: Ich glaube nicht, daß ein böserer Teufel in der Welt kann gefunden werden, als sie mit all ihrer Devotion und Heuchelei und finde, daß sie das alte deutsche Sprichwort wohl wahr macht, nämlich, 'wo der Teufel nicht hinkommen kann,da schickt er ein altes Weib hin.' Alles Unheil kommt von dieser Zott. Lieselotte beschimpft sie immer wieder damit, sie habe zottelige Schamhaare.

 

Der pfälzischen Herzogin von Orléans ist natürlich wie anderen nicht entgangen, daß die Beichtväter der neuen Königin aus kleinen Verhältnissen diese noch in hohem Alter dazu anspornen, den König mit Geschlechtsverkehr zu beglücken, um ihn so weiter beeinflussen zu können. Der Teufel kann also durchaus auch mal eine Teufelin sein.

 

Inzwischen flieht James II. Stuart nach Frankreich und etabliert sich im Schloß St.Germain, während Wilhelm von Oranien nicht nur englischer König wird, sondern in der Schlacht am Boyne den irischen Widerstand vernichtet. Es steht zu vermuten, daß der Erfolg der holländisch-englischen Ketzer Ludwig zusätzlich beflügelt, die kalvinistische Pfalz so barbarisch niederzubrennen. In den folgenden Jahren konzentriert sich der französische Krieg dann auf Flandern.

 

Schlachten können schon einmal 20 000 Tote zurücklassen, nicht gezählt die Verletzten und die Opfer in der Zivilbevölkerung. Dann wird 1693 Heidelberg noch einmal eingenommen und es wird zerstört, was noch oder schon wieder steht. Im Mai gibt es zur Feier der zweiten Verwüstung Heidelbergs ein königliches Tedeum in Notre Dame.

 

In Frankreich summieren sich die Opfer an gefallenen Soldaten, es kommt zu Hungersnöten. In Charpentiers Oper 'Médée' singt der Chor zu schöner Musik: Ludwig triumphiert, alles weicht seiner Macht. In Paris wird eine Hexe verhaftet, noch fast hundert Jahre später wird eine auf Sizilien verbrannt werden. Nach neun Jahren von Ludwig vom Zaun gebrochenem Krieg kommt es zum Frieden von Rijswijk: Ludwig muß William of Orange als englischen König anerkennen, wieder auf Lothringen verzichten, fühlt sich aber als Sieger. Das Elsaß bleibt französisch (1681 überfiel Ludwig als Schlußpunkt die freie Reichsstadt Straßburg, die militärisch wehrlos war.)

 

Es bleibt nicht lange beim Frieden. Der junge spanische König ist debil und syphilitisch und so schließen Ludwig, der Kaiser und Wilhelm Verträge über die Zukunft Spaniens. Nach dem frühen Tod des Spaniers taucht im Testament die Übergabe des Thrones an den Duc d'Anjou auf, Ludwigs Enkel. Der Sonnenkönig nimmt für ihn an und bricht damit die bisherigen Verträge. Als er dann auch noch das Monopol auf den spanisch-amerikanischen Handel übernimmt und 1701 die Festungen in den südlichen Niederlanden überrennt, die Holland im Frieden von Rijswijk zugesprochen bekommen hatte, kommt es zum Spanischen Erbfolgekrieg, der bis 1714 dauert und ein große Teile Europas überziehender Krieg wird. Diesmal kommt es zu keiner flächendeckenden Zerstörung deutscher Lande mehr, dafür steigen die französischen Kontributionsforderungen an deutsche Staaten ins Unermeßliche. Im Hungerjahr 1708 kommt es schließlich in Frankreich zu einem weiteren Vorspiel auf die Große Revolution: Die Pariser Marktfrauen machen einen Zug nach Versailles und fordern Brot. Im Frühjahr kommt es zu Tumulten und Aufruhr auch in der Provinz. Die ersten Staatsbediensteten werden umgebracht, worauf der König Hunderte verhaften läßt. Staatliche Arbeitsbeschaffungsprogamme werden entwickelt, aber die zu sehr auf die ländlichen Abgaben fixierten Finanzen geben kaum noch etwas her. Doch der König kann auch nach verheerenden Niederlagen nicht mehr zurück.

 

Der Bourbone darf im Frieden von Utrecht auf dem spanischen Thron bleiben und das Elsaß inklusive Straßburg bleibt französischer Besitz. Die unzähligen Toten, Verletzten, Beraubten und Vergewaltigten fehlen auch für diesen Krieg in den üblichen Geschichtsbüchern.

 

Der erste mir bekannte moderne Jäger und Sammler in der Literatur ist übrigens Robinson Crusoe. Er ist dies natürlich ohnehin als Kaufmann, aber um so mehr, als er auf seiner Insel strandet. Sein inneres Chaos, in dem sich Defoes Unruhe über den Unruhigen spiegelt, findet sein erstes Ziel im Horten all dessen, was er vom Schiff „retten“ kann und findet seinen Höhepunkt darin, auch das Gold/Geld, das einen Tauschwert, aber keinen Gebrauchswert hat, an sich zu raffen. ...it was a great pleasure to me to see all my goods in such order.