Fénelon

 

Telemachos

 

Das Abendland beginnt mit seiner literarisch gesehen schönsten Geschichte, und diese beginnt mit dem Urteil des Paris, des Sohnes des Königs von Troja. Diesem erscheinen die Zeusgattin Hera, die weise Pallas Athene und die schöne Aphrodite, und er soll einer von ihnen den Vorzug geben. Als rechter junger Mann entscheidet er sich nicht für die Tugend, sondern für den Liebreiz der Schönheit. Zur Belohnung verspricht ihm Aphrodite, selbst die liebreizendste unter den Göttinnen, nun die Schönste unter den Sterblichen. Als Paris in Sparta die Gattin des Königs Menelaos sieht, ist es folgerichtig um ihn geschehen. Er vergisst den väterlichen Auftrag, der ihn in einer Entführungssache zu den Griechen geführt hat und entführt nunmehr selbst die schöne Helena nach Ilion. Darauf formiert sich (vielleicht außerdem tatsächlich irgendwann im Zeitrahmen der mykenischen Kultur des 2. Jahrtausends vor Normalnull) eine große Flotte, die gen Orient in See sticht, um die schöne Hellenin zurückzuholen. Wir sehen: Hier wird nicht Not gewendet, sondern sie entsteht als Schicksal und kennt kein gutes Ende, - ganz wie so oft im richtigen Leben.

 

Von dieser Geschichte kennen wir nur zwei winzige Ausschnitte in literarisch hochwertiger Form. Der erste handelt vom Zorn des ersten abendländischen Helden Achilleus unter den Mauern Trojas, wie die Stadt auch heißt, und seiner Weigerung, weiter in die Schlacht zu ziehen. Am Ende sind die Götter stärker als der Groll des Helden, sein trojanischer Gegenspieler Hektor wird durch den Staub gezogen, der Schlechtbeferste stirbt, die Stadt liegt in Schutt und Asche, und die überlebenden Helden ziehen ab: Aeneas, den greisen Vater Anchises geschultert, reist nach Karthago, wo er sich eine Weile im Schoß der Königin Dido niederläßt, um sie dann schnöde zu verlassen, - Jupiter braucht ihn für die römische Geschichte. Am Ende wird niemand den Status eines zweiten Karthago für sich reklamieren, aber Poeten des elisabethanischen England werden dieses als wiedergeborenes Troja feiern.

 

Ein anderer ist Odysseus, Häuptling der kleinen griechischen Insel Ithaka, auf der er Frau und Sohn mit einigen Knechten und Mägden, Schweinen, Schafen, Ziegen und Rindern zurückgelassen hat, um gen Ilion zu ziehen. Als die Morgenröte des Abendlandes kurz vom Rauch aus den Trümmern Ilions verdunkelt wird, entschließt sich der Meeresgott, ihn stellvertretend für alle Griechen mit einer abenteuerlich erschwerten Heimfahrt für das Zerstörungswerk zu bestrafen.

 

Odysseus, polyanthropos, der Vielgestalte, im Vergleich zu Achilleus moderne Mensch, irrt jahrelang mit Schiff und Mannschaft durch eine bedrohliche archaische Welt, der er immer wieder mit seiner (Sprach)List entkommt. Derweil spitzt sich die Lage an der Heimatfront zu. Sein Eheweib Penelope waltet in Abwesenheit des Helden als Statthalter auf Ithaka, aber als Odysseus partout nicht wieder auftaucht, spricht sich das herum, und es finden sich immer mehr Bewerber um das verwaiste Bett ein, die in das Häuptlingsamt einheiraten wollen.

 

Das kann Sohn Telemachos nicht gleichgültig lassen, der inzwischen zu einem stattlichen jungen Mann herangewachsen ist und sieht, wie die ungebetenen Gäste sein Erbe verfrühstücken. Pallas Athene begibt sich in Menschengestalt zu ihm und ermutigt ihn, nach Pylos zu Nestor und nach Sparta zu Menelaos und seiner inzwischen gealterten aber immer noch schönen Helena zu fahren, um nach seinem Vater zu suchen, - was er auch tut. Sie begleitet ihn in der Gestalt des Mentor und übt sich paid-agogisch in der Rolle desselben.

 

Derweil gelingt es Odysseus, sich von den Reizen der Nymphe Kalypso zu lösen und wieder die Segel zu hissen. Während sein Sohn am falschen Orte nach ihm sucht, erleidet der Vater auf der Heimfahrt Schiffbruch bei den Phäaken und wird von der ebenso schönen wie jungen Nausikaa aufgenommen. Den Phäaken erzählt er von all seinen Irrfahrten und Abenteuern und diese werden das an Homer weitererzählen, der es dann für uns weitererzählt.

 

Danach verfrachtet Athene den Odysseus zurück nach Ithaka, wo er als Bettler verkleidet sich eine Weile das rüpelhafte Verhalten der Freier anschaut. Auch Telemachos kehrt zurück; am Ende gibt sich Odysseus seiner Penelope und seinem Sohn zu erkennen, die Freier werden mit Pfeil und Bogen um ihr schäbiges Leben gebracht und auf Ithaka geht alles wieder seinen gewohnten Gang.

 

Troja/Illion bleibt ein Ort, an dem viele sich selbst zu definieren suchen. Der Perserkönig Xerxes besucht es 480 vor Null, bevor er im Abendland einfällt. Alexander kommt von der anderen Seite, und laut Plutarch opfert er der Athena und spendet an den Gräbern der Helden; besonders will er dem Achilleus huldigen. 48 besucht Caesar nach der Schlacht von Pharsalos die angebliche Stätte seiner Ahnen, Augustus kommt 28 Jahre später und renoviert den Athenetempel. Hadrian kommt 124 nach Null und renoviert erneut. Ostgoten und Franken entdecken ihre Abstammung von dort, 1462 besucht Mehmet II. die vielbesungene Stadt, die nun zu seinem Reich gehört, läßt sich dort aus Homer rezitieren und opfert am Grabmal des Achilleus. Danach bleiben die erlauchten Besucher aus, bis sich Schliemann ans Ausgräberwerk macht. (Ausführlicher bei: Michael Siebler, Troja. Mythos und Wirklichkeit. Stuttgart, 2001)

 

1681 Jahre nach Normal-Null verfaßt der französische Bischof Francois de Salignac de la Mothe Fénelon auf Bitten der Herzogin von Beauvilliers, einer Tochter Colberts, deren spiritueller Lehrmeister er ist, einen Text, der sechs Jahre später unter dem Titel 'De l'éducation des jeunes filles' (Über die Erziehung der Mädchen) veröffentlicht wird. Darin vertritt der Autor Vorstellungen, die wir heute gelegentlich als die Entdeckung des „Kindgemäßen” bezeichnen: Kinder sollen liebevoll und nicht mit Drohungen erzogen werden, Anforderungen an sie sollen auf ihr Vermögen abgestimmt sein, Anschaulichkeit soll ihre Vorstellungskraft anregen. Mädchen sollen eine spezifische Ausbildung erhalten, die sie zur Tugend und zur Leitung des Haushaltes befähigt. Das Zeitalter der Aufklärung ist von Anfang an so von der Vorstellung des “Sollens” durchtränkt, daß selbst längere Satzperioden keine Vielfalt hilfsverbialer Art mehr hergeben.

 

Solchermaßen als Pädagoge ausgewiesen, wird Fénelon in den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts die Erziehung des Sohns des Dauphins anvertraut. In der Tradition des Heliodor und der französischen Romances der Mitte des selbigen Jahrhunderts schreibt er für seinen Zögling einen edukativen Abenteuerroman, dessen Held Télémaque siebzehn Bücher lang sehr frei erfunden den Mittelmeerraum auf der Suche nach seinem Vater bereist, begleitet von Minerva, der römischen Athene in der Gestalt des pädagogischen Mentor.

 

Die Episoden des Romans sind Basis des Unterrichtsgesprächs mit dem prospektiven Herrscher, der wohlwollend, fromm, tugendhaft werden soll, - eben ein guter Herrscher im Sinne des kommenden Jahrhunderts. Die Gefahr, dass das als Kritik am noch nicht so tugendhaften Sonnenkönig in den Text hineingelesen werden könnte, veranlaßt den vierzehnten Ludwig, den Druck des Buches zu verbieten, das daraufhin illegal und mit großem Erfolg im Ausland veröffentlicht wird. Der sechzehnte Ludwig wird von den späten wohlodorierten Ausdünstungen dieses Textes so durchdrungen sein, daß es ihn 1793 das Leben kosten soll. Er wird zum gutmütigen und wohlwollenden König und auch darum wegrevolutioniert.

 

Aus dem Sohn eines griechischen Häuptlings auf einem Eiland, auf dem der Rinderbraten, das Bechern von Wein, sportives Steinewerfen und das gelegentliche Rezitieren eines Heldenliedes zu den höchsten kulturellen Anwandlungen gehört, aus einem edel - großbäuerlichen Helden von Ilion also, wird bei Fénelon ein junger telemachischer Hocharistokrat auf dem Wege zur Verbürgerlichung.

 

1740 hat in englischen Landen das fünfzehnjährige Dienstmädchen Pamela Andrews, aufs delikateste von Autor Richardson mit äußeren Reizen und frommer Tugendhaftigkeit begabt, ihren ebenso vornehmen wie reichen Dienstherrn B. dazu gebracht, sich mit dem Gedanken anzufreunden, sie zu heiraten. Den drängt es ob dieser Vorstellung verständlicherweise gelegentlich an die frische Luft, er macht eine Kutschfahrt und an einem idyllischen Spazierweg entlang eines Baches, wo sich die bessere Gesellschaft zum Auslüften trifft, erblickt er Land-Pfarrer Williams, der mit dem French Telemachus lustwandelt und ganz verlegen seine Lektüre damit begründet, daß er sein Französisch vervollkommnen wolle.

 

Das Buch von Fénelon ist inzwischen eine der Ikonen des Kultes der Empfindsamkeit, der ein Kult des Guten Menschen ist, und unser guter Landpfarrer ist deshalb zu Recht verlegen, ist doch Herr B. als Lord of the Manor bislang nicht als Gutmensch bekannt, und außerdem ist er derjenige, von dem seine Pfarrstelle abhängt. Der wiederum hatte aber den Geistlichen bei Gelegenheit eines unbotmäßigen Interesses an Pamela verdächtigt und mit spätfeudaler Strenge als Seelsorger abgesetzt. Nun denkt er auf das Schlüpfrigste, daß der Mann, der jetzt noch mehr Freizeit hat, sich gerne in the French tongue perfektionieren möge, - aber bitte schön nicht auch Pamela.

 

Das alles ist nicht einfach, hatte es doch einmal ganz so ausgesehen, als ob Master B. daran gedacht hätte, seine Pamela an Williams zu verheiraten, um sie so erst ehrbar und dann zu seinem höchsteigenen Liebchen zu machen. Pamela aber ist zwar ein Ausbund an Frömmigkeit, aber sie hat sich nun mal in den noblen lord of the manor selbst verguckt und mag sich nicht mehr mit einem schäbigen Landpfarrer zufrieden geben, mag auch ersterer sozial haushoch über ihr stehen.

 

Der fromme Drucker Samuel Richardson hat sein roman(t)isierendes Dissenter-Traktat 'Pamela, oder die belohnte Tugend' betitelt, und der Lohn der Tugend, des verweigerten vorehelichen Beischlafs mit dem vornehmen Arbeitgeber, ist der eheliche Beischlaf mit demselben. Das ist für die anglikanische Amtskirche so überzeugend, daß einige Pfarrer gleich beginnen, über das Buch von der Kanzel zu predigen. Dabei gibt es mehr als einen Grund, die französische Zunge aus dem Spiel zu lassen.

 

Selbiger Zunge übermächtig ist Jean-Jacques Rousseau, der ebenfalls seinen 'Télémaque' liest. Gefangen in einem ihn zerfressenden Sadomaso-Korsett, das den absolut Guten leiden läßt, damit das absolut Böse sich darunter verstecken kann, türmt er ungeheure Textmassen auf, die aus Superlativen bestehen, mit denen er das für ihn überlebensnotwendige Gespenst der Paranoia zu bannen sucht. Den guten Fénelon, wie er ihn zunächst herablassend tituliert, wiewohl er ihm einiges an krankhaft-totalitärer Grundeinstellung schuldet, sieht er in seinem 'Télémaque' von einem strafenden und strengen Gott reden, ...aber ich hoffe, daß er damals log; denn schließlich, wie wahrhaftig man auch sei, wenn man Bischof ist, muß man manchmal ganz schön lügen. Das unterscheidet denselben von Jean-Jacques' nicht leiblicher „Mama”, die ohne Groll und deren Gott ein netter ist, nämlich der Gott vieler Baronessen, Freifrauen und Stiftsdamen des 18. Jahrhunderts, die beim Beischlaf nicht unstatthaft erregt werden; weshalb maman (Madame de Warens) nicht nur mit mon petit Jean-Jacques, sondern zugleich mit noch einem weiteren Angestellten das Bett in voller Unschuld teilen kann. Das nun ist jenes Frankreich, auf das England mit Abscheu herabschaut, während derlei Damen in Deutschland eher der Abstinenz frönen und sich die Ob-Servanz und Servilität der Dichter und Denker aus physischem Abstand heraus sichern.

 

Als Rousseau sich vollends in sein Wahnsystem eingesponnen hat, richtet er die Augen gen Himmel und ruft aus: Geh, du gute und wohltätige Seele zu denen von Fénelon, Bernex, Catinat und derer, die aus bescheideneren Verhältnissen wie sie ihre Herzen der wahrhaften Menschenliebe geöffnet haben; mach dich auf, die Früchte der deinigen zu genießen und bereite eurem Schüler den Platz, den er hofft, eines Tages nahe ihnen einzunehmen!  (Allez, ame douce et bienfaisante, auprès des Fénelon, des Bernex, des Catinat et de ceux qui, dans un état plus humble, ont ouvert comme eux leurs coeurs à la charité véritable; allez gouter le fruit de la votre, et préparer à votre élève la place qu'il espère un jour occuper près de vous! Conf XII) Bernex war wie Fénelon katholischer (!) Bischof, einer, den er in seiner Zeit in Annecy als besonders wohltätig kennengelernt hat. Insbesondere hat er Madame de Warens katholische Mission unterstützt.

 

Unser Jean-Jacques ist immer noch voller Ressentiment gegenüber den Hochwohlgeborenen, die ihn subventionieren und doch nicht sozial aufwerten und psychisch retten; aber der hochwohlgeborene Fénelon wird inzwischen als Ahnherr anerkannt.

 

Im Unterschied zu Rousseau, der dem Marquis de Sade darin vorausgeht, dass er die Tugend im Namen der Natur auf dem Altar der Qualen festbindet, und zu Richardson, der seiner Zeit deutlich macht, dass Tugend sich auszahlt, zumindest für hübsche kleine Mädchen, - hatte Fénelon auf jene Wärme des Herzens gesetzt, die das Gute in den Guten in die Güte überführt. Noch ein wenig früher hatte sich der Puritaner John Milton angesichts des Scheiterns eines christlichen Gottesstaates auf englischem Boden um 1660 mit der Faszination des Bösen auseinandergesetzt, das er an der lebenslustigen Unsittlichkeit des restaurierten Stuart-Königs und seines Hofes festmachen kann. Er schreibt die Paradiesgeschichte neu, indem er in eine phantastische englische Parklandschaft eine Eva setzt, die sich von Penelope und Pamela vor allem darin unterscheidet, daß sie von ihrer Grundausstattung her eben nicht tugendhaft ist, wiewohl Milton sich bemüht zu ignorieren, dass das die alttestamentarische Geschichte etwas aus den Angeln hebt. Jede Nacht verbringt sie in der glückseligen Liebeslaube mit Adam in seligen Umarmungen und spürt doch, daß ihr etwas fehlt. Sie lässt es sich schließlich von dem schlängelnden Höllenfürsten zeigen: Ihr fehlt die Geilheit, wie sich herausstellt; im Apfel, den Friedrich Schiller später zur Zielscheibe seines schweizerischen Hausvater-Spektakels macht, ist der Wurm drin, der den Teufel zu einem Mann macht, und den Tell zielsicher mit der Armbrust erlegt.

 

Miltons Leistung besteht abgesehen von seiner hochpoetischen Sprache nicht darin, dass er uns etwas sagt, was wir schon immer wußten, sondern darin, daß er einen attraktiven Diabolos in die Welt setzt, einen hocharistokratischen, stolzen und klugen Mann, der zum Ur-Satan und Stammvater zahlreicher satanischer Männergenerationen wird. Während Engel eher vorpubertär ungeschlechtlich sind, erlebt Satan/Luzifer während seines tagelangen Höllensturzes einen rasanten Prozeß der Geschlechtsreife, der zugleich das heute ins politische Tagesgeschäft abgesunkene Theodizee-Problem löst: Dieses handelt von der Frage, wie ein gerechter und guter Gott das Böse und das Leid in der Welt dulden könne. Die satanische Antwort auf eine dumme Frage besteht (allerdings erst nach Miltons Tod und dem Zwischenträger Leibniz in autorisierter Fassung) in dem allmählichen Verschwinden Gottes und der Neu-Interpretation des Bösen und des Leides als Teufelswerk irdischer Leibhaftiger.

 

Samuel Richardson wird nun auch der Verfasser des ersten und allerfeinsten Satan in Menschengestalt, der nicht mehr im Paradies, aber ganz nahe davon im Herzen Englands operiert. Er heißt Robert Lovelace, kommt aus altem Adelsgeschlecht, ist reich, klug, gebildet, schön, sportlich und zärtlich und kennt auf Grund seines unerschöpflichen Vorrats an Freizeit und Potenz nichts anderes, als brave Bürger zu ärgern und ihre unschuldigen Töchterchen in frühestem Knospenstadium zu verführen, um die Frühverblühten dann zuweilen in der Hölle des Bordells abzuladen.

 

Dieser in jeder Beziehung erste aller Männer (die jemals Schweine waren) kapriziert sich nun darauf, Clarissa Harlowe, die schönste, wenn auch nicht Allerklügste aller Tugendhaften zu verführen. Aber die Gute bleibt so tugendhaft in ihrer Not, daß er sie mit einem Mittelchen betäuben und dann in bewußtlosem Zustand deflorieren muß. Das ist nun allerdings nicht teuflisch, sondern eher höchst unerfreulich und unappetitlich (und kriminell), es soll uns klarmachen, daß der wirkliche und in fast jeder Beziehung wunderbare Held des Romans in bürgerlicher Diktion eigentlich ein „Unmensch” ist, aber die unaristokratische Untat, jeder Lukrezia oder Emilia unwürdig, führt eben auch dazu, daß das arme Mädchen aus seinen Krallen entflieht und sich im Hause ebenso rechtschaffener wie spießiger Kleinbürger ins Bett legt, um zu sterben. Während sie nun an (auch literarischem) Gewicht verliert und immer mehr unter Zuhilfenahme der dafür hilfreichen heiligen Schriften vergeistigt, muß Lovelace einsehen, daß sie keine Frau, sondern ein Engel ist, am Ende gar eine Heilige Clarissa. Ohne Teufel keine Heiligkeit.

 

Fünfzig Jahre später sitzt William Godwin, ehedem calvinistischer Landpfarrer, inzwischen freischaffender Großdenker, in London an seinem Schreibtisch und schreibt an einer Rezeptur für die Wiedereinführung des Paradieses auf Erden. Dies Machwerk über die 'Politische Gerechtigkeit' (Political Justice) wird im angelsächsischen Raum für knapp zwei Jahrzehnte wie der Blitz in die Köpfe junger Männer fahren, die gerade ihren strengen protestantischen Gott verloren haben und nun via literarischer Produktion und revolutionärer Umtriebigkeit auch noch das Böse streng aus der Welt fegen wollen. Godwin muß sich beim Schreiben allerdings beeilen, denn in Frankreich sind derzeit junge Männer mit Hilfe eines hauptsächlich aus Advokaten, gefallenen Priestern und hinfälligen Aristokraten bestehenden Parlamentes dabei, die Tugend mit harter Hand als dauerhaftes Regiment zu installieren. Erst findet Godwin, daß sie mit Montesquieus 'Geist der Gesetze' das falsche Rüstzeug in der Hand haben, will dieser doch das Böse nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten, sondern nur die Verhältnisse so ordnen, daß sie für kleine Sünder erträglich sind. Dann werden diese Minimal-Revoluzzer abgelöst von solchen, denen wirklich die Tugend als staatsbürgerliche vertue das höchste Gut ist, und die am Ende seinen Text, in dem alle Probleme theoretisch gelöst werden, hinfällig machen könnten, weil sie vor Redaktionsschluß schon alle Probleme ganz praktisch gelöst haben.

 

Die politische Gerechtigkeit läßt die Vernunft an die Macht, um der Tugend zum Sieg zu verhelfen. Die Vernunft ist ein gerechter Gott, der nicht mehr der der Juden und Christen sein will, sondern der der säkular konfektionierten Schreibtischtäter. Sie wird laut Godwin den Frieden bringen, den Staat überflüssig machen wie auch das Eigentum, sexuelle Regungen einschläfern und Ehe und Familie, diese allerunvernünftigsten Einrichtungen, zum Einsturz bringen. Am Ende werden laut erster Godwinscher Textversion alle Krankheiten besiegt und der Mensch wird unsterblich wie fast schon in Fénelons telemachischem Land Baetica.

 

Damit schließt sich der Kreis: Die Vernunft schafft Gott ab, tötet Satan, und die Menschen werden zu so und so vielen vernünftig-tugendhaften kleinen Möchtegern-Göttern, die ihre irdisch-satanischen Widersacher ausmerzen. Dies läßt sich darstellen als das abendländische Programm seit der Aufklärung, die nicht zuletzt auch deshalb eine große Verunklarung ist.

 

Die sittlichen oder ethischen Probleme der Menschen werden alle mit der Vernunft lösbar. Das berühmteste Beispiel, das Godwin dafür gibt, zeigt, daß er einer der belesenen Menschen seiner Zeit ist. Godwin setzt den Fall, daß der große Fénelon (eben der und kein anderer) mit seinem Dienstmädchen allein zu Haus ist, - und jetzt kommt nicht das, worauf nur Godwin nicht kommen konnte, dem bis dahin noch keine Frau hinreichend nahe gekommen ist, - jetzt kommt das Musterbeispiel für die moderne Ethik von Robespierre bis Himmler: Es bricht nämlich ein Feuer aus, die Pompiers Sapeurs rücken an und stellen fest, daß sie so unterbesetzt sind, daß sie nur einen von beiden retten können. Die Antwort heißt vernünftigerweise, - den alten Bischof, denn er ist für die Menschheit wegen seiner tollen Bücher viel nützlicher als das Dienstmädchen, dessen Vernunft gerade mal zum Heraustragen des bischöflichen Nachttopfes reicht.

 

Das Diabolische dieses bürgerlichen Tugendbegriffs verkörpert schließlich niemand mit mehr Überzeugungskraft als Monsieur Robespierre. Erleuchtet von Rousseau, kann der Leiter des Amtes zur Vernichtung des Bösen nicht umhin, auch dem Vorläufer Fénelon, dem Inhaber des ministère de précepteur du genre humain, seine Huldigung darzubringen: Unter denen, die in der Zeit, von der ich rede, sich in der literarischen und philosophischen Welt herausheben, zeigt sich ein Mann durch die Erhabenheit (élévation) seiner Seele und die Größe (grandeur) seines Charakters würdig des Amtes des Lehrmeisters der Menschheit. Im Unterschied zu Godwin beläßt es Robespierre aber nicht bei der Opferung einzelner Dienstmädchen; er konzentriert seinen Vernichtungswillen vielmehr vor allem auf die, von denen seine Paranoia unterstellt, dass sie sein ihm ganz eigenes Amt des ersten Menschheitsbeglückers seiner Zeit abspenstig machen könnten.

 

Während im ehedem katholischen Frankreich die Untugend zehntausendfach am Fließband guillotiniert wird (Zyklon B ist noch nicht erfunden), so dass selbst in Weimar, das gerade dank fortschrittlicher Dichter und Denker bekannt wird, die revolutionäre Begeisterung ermattet, erfinden die Großdenker des säkularisierten protestantischen Fortschritts in London, Birmingham und Manchester den Utilitarismus noch einmal neu, nachdem er im neuen (amerikanischen) Jerusalem der Frommen als pursuit of happiness längst in der Verfassung steht. Wer später im reinen Nützlichkeitsdenken immer noch die Unvollkommenheit des Menschen durchblinken sieht, läßt sich dann auf den Sozialismus ein, dessen Endziel es ist, es dem Menschen (sofern er diesen Fortschritt überlebt hat) unmöglich zu machen, nicht vollkommen und glücklich zu sein.

 

Richardsons Lovelace findet sein gerechtes Ende nach Clarissas Himmelfahrt noch ohne Guillotine (man ist damals noch nicht so weit), und seine Nachfolger in der überquellenden englischen Romanproduktion, die vor allem Frauen im Zuge ihrer Selbstverwirklichung als Gelderwerb für die Lektüre von Frauen zu deren Zeitvertreib betreiben, verniedlichen den männlichen Satan peu-à-peu auf das Niveau schwer erziehbarer (und wie immer männlicher) Rowdys, denen die schon damals obligaten herzensguten Gentle-Männer im rechten Moment in die Arme fallen, um die Mädel dann prompt zu heiraten.

 

Ergiebiger wird der protestantische Satan in Menschengestalt erst wieder im Schauerroman, wo er insbesondere als böser katholischer Aristokrat sein Unwesen im mediterranen Raum in einer nebulös-fernen Vergangenheit treibt und so die Auflagen steigert. Im südenglischen Kurstädtchen Bath wird die kleine Catherine Morland davon so gefesselt, daß sie fast süchtig den Fortsetzungen von 'The Mysteries of Udolpho' folgt, während Godwin sich in London wieder an den Schreibtisch setzt und die Gattung dadurch veredelt, daß er sie mit politischer Gerechtigkeit durchtränkt. Mit Falkland setzt er einen feinen Landedelmann in die Welt, an dem alles in Ordnung wäre, hinge er nicht so erzreaktionär am aristokratischen Ehrbegriff, der ihn und seinen eponymen Counter-Adlatus Caleb Williams auf den Pfad des Bösen bringt. Kaum ist dieser Schauerroman als politisches Traktat auf dem Markt, besorgt sich der junge Lord Byron das Buch und übt sich begeistert in der Rolle des Unholds, die er teilweise auswendig lernt. Seine Ehe-Frau für ein Jahr wird sich später darüber beklagen, daß er sie immer wieder wortwörtlich mit dem Text von Falklands Wutausbrüchen beschimpft.

 

Die Tochter von Godwins zweiter Ehefrau von außerhalb ihrer ersten Ehe, die den von ihrer Mutter erfundenen Nachnamen Clairmont trägt, und sich im Zuge ihrer Emanzipation auch von den Vornamen trennt, die ihre Mutter ihr gegeben hat, um sich nun Claire zu nennen (Namen sind inzwischen Schall und Rauch und nur deswegen noch so unendlich wichtig), findet diesen Bösewicht-Lord kurz nach Abschluß ihrer Pubertät so toll, daß sie ihm brieflich anbietet, sich von ihm entjungfern zu lassen. Byron fühlt sich seiner Rolle auch bei dieser Unbekannten verpflichtet, so daß er ihr die Gunst des kurzen Aktes bietet und sie dabei auf die Schnelle auch noch schwängert.

 

Wir wissen nicht mit Sicherheit zu sagen, wo jener stattfand (als modernes Fachwort kursiv gesetzt), der Claire Clairmont so in die Literaturgeschichte katapultiert wie Bettinen ihr Hüpfer auf Goethes Schoß und Lady Hamilton der erste Blick in die Augen des Helden vom Nil, aber von der mit ihr nicht blutsverwandten Schwester Mary, einer leibhaftigen Tochter von Godwin, heißt es, der zweite englische Großdichter der Zeit, Percy Bysshe Shelley, habe sie wiederum damals auf dem Friedhof von St.Pancras am Grab ihrer Mutter Mary Wollstonecraft Godwin, geschwängert.

 

Als Mary Wollstonecraft, spätere Godwin, eine Großdenkerin der damalig in Schwung kommenden Frauenbewegung, tot ist, veröffentlicht der Witwer ein Loblied auf sie, in dem er nicht unerwähnt läßt, wie sie als eine von vielen Revolutions-Touristinnen in Frankreich, die sie als Bürgerin eines feindlichen Auslands nicht in die Stadt Paris durfte, mit Gilbert Imlay, als US-Bürger Citoyen aus dem befreundeten Ausland, der sich darum in Paris aufhalten darf, - mit ihm also nächtens an einem Kontrollpunkt zwischen Hauptstadt und Umland traf und so das Leben einer Fanny anschob, die nacheinander die Namen Imlay, Wollstonecraft und Godwin erhält, um kurz nach Claires (Clairmont) und Marys (Godwin/Shelley) sexuellen Akten der freien Liebe, mit denen sie nicht mithalten kann und will, alleine in einem Hotel in Swansea mit ihrem traurigen Leben Schluß zu machen. Claire Clairmont wird mit Shelley und dessen inzwischen Ehefrau Mary - wie Godwin und vor ihm Marys Mutter hatte er die Ehe nicht nur als schlimmste Prostitution bezeichnet, sondern sich dann gleich zwei-mal unter ihr Joch gebeugt - ... sie werden also nach Italien reisen, weil man Byron seine uneheliche Tochter Allegra (von Claire) ans Herz legen will. Der nimmt das Kind bei sich auf und reiht es in seine Menagerie aus Hunden, Katzen, Pfauen, Affen und Huren, wie der Godwin-Biograph St.Clair schreibt, als zusätzliches Spielzeug ein. Die Mutter bedenkt er nicht nur mit Verachtung, sondern er verhindert, daß sie ihre Tochter jemals wiedersieht. Als das Töchterchen älter und lästig wird, (ver)steckt er es in ein(em) Nonnenkloster in Ravenna, wo es bald stirbt. Größter Verehrer Byrons wird übrigens der schon früh ziemlich alte Goethe, dem allerdings die Weimarer Gesellschaft den byronschen Helden nicht hätte durchgehen lassen, - Hofprediger Herder hätte notfalls bei Anna Amalia dagegen antichambriert. Aber Goethes eigener Teufel ist eben auch nur ein Mephisto, ein Held des großbürgerlichen Salons. Byron nun, seines anstrengenden Böseseins müde, mutiert zum Freiheitshelden und wird unsterblich, indem er angemessen stirbt, nicht ohne kurz zuvor Odysseus' Insel Ithaka zu besuchen, wo er sich über die ersten Ansätze von Antikentourismus empört, - wie ich finde, zu Recht.

 

Das alles ist "Geist der Goethezeit", wie er nicht in dem gleichnamigen Klassiker beschrieben wird. Und deshalb soll auch Nicht unerwähnt bleiben, dass auch Goethe nicht nur in jungen Jahren Fénelon-Verehrer ist. Wie heißt es so schön in 'Dichtung und Wahrheit': Einen frömmern sittlichen Effekt, als jene mitunter rohen und gefährlichen Altertümlichkeiten (Ovids 'Metamorphosen'), machte Fenelons „Telemach”, den ich erst nur in der Neukirchischen Übersetzung kennen lernte, und der, auch so unvollkommen überliefert, eine gar süße und wohltätige Wirkung auf mein Gemüt äußerte. (Dichtung und Wahrheit,1-1)

 

Wie süß und wohltätig der totalitäre und lebensfeindliche Rigorismus Fénelons ist, wie wenig dem das auch klar gewesen sein mag, wird weiter unten aufzuzeigen sein... Aufgemotzt durch Rousseau und angereichert durch die (pseudo?)-wissenschaftliche Sauce der Enzyklopädisten wird er jedenfalls beitragen zu dem göttergleichen Vernunftglauben des Terreur, der in den Jahren um 1770 in Frankreich beginnt, und - kriegerisch expandiert - bis zum Wiener Kongreß 1814 mehrere Millionen Todesopfer fordern wird, - immer nach den Worten des großen amerikanischen Gründervaters Jefferson, daß die Revolution und die Vernunft auch dann noch gesiegt haben, wenn pro Land nur ein Paar Adam und Eva übrigbleibt, weil die ja dann dank vorausgehendem purifizierendem Massenmorden im postrevolutionären Paradies bleiben können und die Menschheitsgeschichte auf der Basis unsterblicher Glückseligkeit noch einmal von vorne beginnen lassen. Aber auch davon später mehr...

 

Wir werden jenen Fénelon zitieren, den auch Goethe las.

 

Fénelons Télémaque: Décadence

 

Ich fange hier mit Fénelons 'Télémaque' nicht nur deswegen an, weil er einflußreich war, sondern vor allem, weil er so viel in sich vereint, dass der Text mehr als nur das Programm eines künftigen Herrschers im barocken Frankreich ist. Er ist so symptomatisch wie exemplarisch, und es gibt kein Unheil jeder Moderne nach der des Fénelon, welches hier nicht vorgeführt und begründet wird, und das auch noch ganz modern mit den besten Absichten.

 

Das biblische Jesuskind wird bekanntlich in einem Stall geboren und unter dem Einfluß von Humanismus und Renaissance werden aus ihm phantastische Palastruinen, die schon auf die Grotten späterer Zeiten verweisen. Die homerischen Figuren Polyphem und Kalypso sind archaische Höhlenbewohner, die ein listenreicher und sprachgewandter moderner Mann wie Odysseus überwinden kann. In Fénelons Barock nun wird aus Kalypsos Höhle, in die es seinen Telemach auf den Spuren von Vater Odysseus verschlagen hat, eine ausgesprochen feminine Grotte, und die ins Weibliche projizierte Macht der Liebe macht den raffgierigen Schlund zu einem übel-verlockenden erotischen Liebesnest, einer spelunca amoena et amorosa sozusagen, einem für unseren pädagogischen Bischof wahrhaft teuflischen Ort. Fénelons Kalypso ist nicht nur eine Göttin der Liebe, die in barocker Leidenschaft der in die große Hure verkehrten Aphrodite (bei ihm Venus) Konkurrenz macht, sie ist als Projektion männlichen Begehrens selbst die herrisch Begehrende und somit Furchterregende.

 

Die barocke Grotte, und umso mehr die des Rokoko, ist entsprechend eine künstliche Höhle, so wie der biblische Jesus-Stall längst eine künstliche Ruine ist. Aus beiden zusammen entsteht der Park als intimer Lustgarten. Nun fehlt nur noch die Miltonsche Liebeslaube. Bei Fénelon heißt das so: Die Grotte war ein in den Felsen gehauenes Gewölbe, geschmückt mit Korallen und Muscheln; die Wände waren mit jungen Reben bekleidet (tapissée), die ihre geschmeidigen Ranken nach allen Seiten hin ausbreiteten. Telemach soll in einer Gästegrotte schlummern, die dieselbe ländliche Anmut zeigt. Eine Fontäne, die in einem Winkel plätschert, lädt durch ihr sanftes Murmeln zum Schlummer ein. (Alle Fénelonzitate sind, soweit nicht anders angegeben, in der Rückert-Übersetzung.)

Sehr viel von Rousseaus und dann Goethes erlösungssüchtig-harmonisierenden Naturvorstellungen wird diesem Barock entlehnt werden, nur werden sie ein lyrisch gestimmtes Gefühl hineinlegen, welches erst diese Natur befördert, sie als ver-menschlicht ertragen und gar lieben zu können. Vater und Sohn Beckford werden in Wiltshire im 18. Jahrhundert diese Kunst-Landschaft nachbauen. 'Vathek', die von subtilem Sadismus durchzogene Erzählung des Sohnes, erhält darin seine Kulissen.

 

Die Grotte hat une apparence de simplicité rustique, ländliche Einfachheit herrscht überall bei Fénelon, und Telemach ist bezaubert von den Naturschönheiten, zu denen neben Kalypso zweifelsohne auch die vielen allzu unbeschäftigten Nymphen gehören, die bei Gelegenheit unter lieblichem Gesang Blumen ... pflücken. Die(se) apparence (Anschein/Erscheinung) ist schon hier das Schlüsselwort, in das hinein sich Rousseau und nach ihm viele andere verzücken und verstricken werden.

 

Im Wäldchen nebenan lauscht man dem Gesang der Vögel oder dem Rauschen eines Bächleins, welches sich von einem Felsen ergießt und tombait à gros bouillons pleins d'écume, also in großen, schäumenden Aufwallungen herabfällt, um sich in der Wiese zu verlieren. Diese beautés naturelles sind nichts anderes als artifizielle und wenn man so will kunstvolle Vortäuschungen von „ländlich” und „Einfachheit”, sie sind das, was Rousseau als Kunst propagieren wird und zugleich als die einzige für ihn erträgliche Wirklichkeit, die idealiter vorgetäuschte nämlich.

Aber Fénelon geht es nicht um vorgetäuschte, sondern um vernünftig-einfache Wirklichkeit, Natur ist für ihn tatsächlich nur Kulisse wie ein Park: Der Fürstenerzieher, verkleidet als Mentor, in den sich Minerva-Athene verkleidet hat, macht sich sofort an die Aufgabe der Bezwingung seines (in der französischen Wirklichkeit als cholerisch und zugleich faul bekannten) Zöglings, und zwar durch die Umwertung aller Werte: Ehre gebürt nur einem Herzen, welches Müh und Leid zu tragen und das Vergnügen zu bezwingen weiß...der Schiffbruch und der Tod sind nicht so gefährlich (moins affreuses) wie die Lüste (les plaisirs), die der Tugend nachstellen (attaquent la vertu). La mollesse und la volupté sind aller Laster Anfang. Die Tugend ins „Herz” des Enkels des Sonnen-Königs hinein zu doktrinieren, ist des Mentors oberstes Ziel.

 

... Kurzes Innehalten tut Not: Solange Worte noch eine definitive Substanz haben, sind nicht alle Männer Herren, denn Herr ist man nur über jemand und etwas. Herr ist man zum Beispiel über Dienstmannen, über Knechte; aber auch über Ländereien, über einen Ort oder ein Schiff. Das Christentum entwickelt sogar die Vorstellung, Herr über sich selbst zu werden, die als Grundübel ins abendländische Geistesleben geraten wird. Herr sein heißt herrschen, Herrschaft ausüben, stark sein, Kraft haben. Wer nicht herrscht, dient, es sei denn, es existiert die ganz archaische Situation, daß es weder Herr noch Knecht gibt. Letztere seit fabelhaften Urzeiten aus dem Abendland verschwundenen Verhältnisse werden gelegentlich seit dem Barock poetisch als die der „Freiheit” bezeichnet.

Herrschaft beruht auf Macht, und Macht besitzt nicht vor allem der, der im modernen Wortsinn macht, sondern der, der kann. Bevor der Herr(scher) ein Macher ist, ist er allemal ein Könner, Herrschaft ist Kunst. Macht aber ist potestas, Potenz, le pouvoir, das, was einen Potentaten auszeichnet; sie ist ein Potential, - die energeia, die dynamisch wird. So entwickelt sich die abendländisch-neuzeitliche Vorstellung der Souveränität aus der summa potestas. Es ist kein Wunder, daß der englische Großmufti des Aberwitzes der Vernunft, William Godwin, den Bischof Fénelon hundert Jahre später für wertvoller als sein Dienstmädchen hält: Fénelons 'Télémaque' versucht, seinem royalen Zögling und später via Buchhandel einer breiten Öffentlichkeit klarzumachen, daß Herrschaft nicht mit Können (und dann Tun), sondern mit Moral zu tun habe. Die Moral ist zunächst die um 1700, die eines (gegen)reformatorisch aufgeweichten Bürgertums, dessen Lebenszweck Gelderwerb und materieller Wohlstand ist, sie ist Aggressivität des Geschäftsmannes und Behaglichkeit des Biedermanns. Das Vernünftige an ihr ist, dass sie an merkantile, zuweilen merkantilistisch formulierte Interessen geknüpft ist. Diese Moral wird von Fénelon unter dem Deckmantel säkularer Formulierungen dann auf subversive Weise rechristianisiert.

 

Genaugenommen ist er nur der Verteidiger der Gesetze, denen er die Herrschaft verschaffen soll. Er muß stets ein wachsames Auge haben, stets unermüdlich tätig sein, um sie aufrechtzuerhalten. Gesetze können natürlich nicht „herrschen”, aber sie sind allemal gut dazu, Macht hinter ihnen zu verstecken. Sie sind im Deutschen wie im Griechischen etwas (von Menschen) Gesetztes, sie sind Willkür der Auserlesenen, die sie machen und durchsetzen. Wie der totalitäre Utopist Plato in seinem Text über „die Gerechtigkeit”, wie der gläubige Israelit sieht Fénelon aber hinter den Gesetzen „das Gesetz” (le loi), das summum bonum der geoffenbarten Wahrheit. Er lehrt den Enkel des Sonnenkönigs, daß es ihm nicht um Macht zu tun sein soll, - bzw. daß Machthaber böse Despoten sind. Der gute König ist kein persönlicher Herrscher mehr, sondern ein Amtsinhaber, der Ausführungsgehilfe ewiger Wahrheiten, wie sie zum Beispiel später Lenin und Hitler so wichtig finden.

 

Sein Text vermittelt so die gravierendste und nachhaltigste Umwälzung des "bürgerlichen" Zeitalters, die allmähliche Zersetzung aller persönlichen Beziehungen, wie sie Herrschaft, Verwandtschaft, Familie, Ehe bedeuten. Ihr Ersatz werden die Rechtsverhältnisse einerseits und die Herzensbeziehungen andererseits. Das Recht ist die Systematik der Entpersonalisierung, und das „Herz” wird zum Garanten sorgsam ausgesparter Verständigkeit: Veröffentlichung und Privatisierung sind die zwei sich aufspaltenden Seiten der spät"bürgerlichen" Medaille.

 

Am Beispiel des idealen kretischen Königs heißt es bei Fénelon: Er besitzt unbeschränkte Macht über seine Untertanen, aber wie sie ist auch er in allem den Gesetzen unterworfen... Das Gesetz soll herrschen, aber nicht der Mensch. Wiewohl Fénelon das womöglich nicht sieht, definiert er hier den totalitären Untertanenverband der Demokratie, in dem „das Gesetz”, die heilige Schrift par excellence einer Moderne in permanenter Revolution, - aus tradierten Rechten der Untertanen willkürlich zu verteilende Gnadenakte macht, - das Gesetz unbeschränkte Macht hat, wohinter sich Menschen verstecken können.

 

Der ideale König ist ihnen ein liebevoller, treuer Vater, der ideale Untertanenverband besteht entsprechend aus lauter Kindern, Landeskindern, wie es in Deutschland heißen wird....Nur dann ist er der Königskrone würdig, wenn er sich selbst vergißt, um sich nur dem allgemeinen Wohl zu weihen. Die erste britannische Elizabeth hatte diesen Satz bereits hundert Jahre früher zum Leitfaden ihrer öffentlichen Reden gemacht. Dieser selbe und selbstvergessene salut public ist in der Praxis wenige Jahrzehnte vor Fénelon schon als Commonwealth in England gescheitert, wiewohl er ursprünglich sogar als (puritanischer) Gottesstaat anvisiert worden war. Er wird von Rousseau als volonté générale neu formuliert werden, - als imaginierter Wille von allen und niemandem, er wird zum Willen des Kleinbürgers Robespierre hinaufguillotiniert werden, bis dessen sterbender Körper im Thermidor von seinem idealtypisch selbstvergessenen Kopf getrennt wird.

 

Glücklich das Volk, welches von einem weisen König beherrscht wird; es hat Überfluß an allem, lebt glücklich und liebt den, welchem es sein Glück zu verdanken hat....Liebe deine Untergebenen wie deine Kinder, genieße das Vergnügen, von ihnen geliebt zu werden, und walte so, daß sie nie den Frieden und das Glück empfinden, ohne sich zu erinnern, daß ein guter König ihnen diese kostbaren Güter geschenkt hat. Erst werden also Herrschaftsbeziehungen zu Rechtsbeziehungen, um dann am Ende Liebesbeziehungen zu sein. Das wird allerdings erst dadurch ermöglicht, dass die elterliche Liebe abgeschafft und die zwischen Mann und Frau auf pflichtschuldige Geschlechtsakte zur Kinderproduktion und Jahrhunderte später auf möglichst leidenschaftslose wenn auch hitzige Sex-Gymnastik reduziert wird.

 

Die spät"bürgerliche" Tugend besteht in der Liebe des entrechteten Untertanen zu seinem Machthaber, der das Gesetz ist. Man gehorcht ihm nicht nur, man liebt es sogar, ihm zu gehorchen. Er herrscht über alle Herzen... Das ist, ohne dass Fénelon darüber nachdenkt, die Formel des modernen totalitären Staates, der Propagandabetrug aller Demokratien und Diktaturen nach ihm. Die Autorität allein übt keine Wirkung aus, der blinde Gehorsam der Untergebenen genügt nicht, man muß vielmehr die Herzen gewinnen. So etwas könnte aus dem Handbuch für moderne Wahlkämpfer stammen: Blinder Gehorsam ist natürlich nötig, aber nicht ausreichend, die blind Gehorsamen müssen den, dem sie gehorchen, auch noch lieben. Ja: Ihre Liebe soll ihnen ihren Gehorsam gefällig machen. Immerhin ist es für den idealen König edel und erhaben, die Menschen gut und glücklich zu machen. Wehe dem allerdings, der sich weder gut noch glücklich machen lassen will. Beim großen Gutsfest in der 'Nouvelle Héloise' wird Rousseau diese Fénelonsche Vision feiern; noch in Goethes 'Wahlverwandtschaften' wird das alles, um marktwirtschaftliche Modernismen bereichert, der Generalbass des Guten und Schönen sein.

 

Die idealen Untertanen Fénelons wiederum sind nicht nur blind gehorsam, sondern besorgt, dass sie (dem König) einen zu geringen Teil von ihrem Vermögen geben. Dass diese Untertanen ihre Steuern und Abgaben am liebsten immer höher schrauben würden, liegt darin begründet, dass sie so viel Liebe für ihren König reserviert haben, weil er sie mit seiner promisken väterlichen Liebe ganz fürsorglich als Kinder behandelt, sie aber andererseits außer ihm, ihrem Gesetz, nichts so arg sehr lieben sollen. Lothario erklärt dazu in den wilhelminischen 'Lehrjahren' ganz wunderbar: Mir kommt kein Besitz ganz rechtmäßig, ganz rein vor, als der dem Staate seinen schuldigen Teil abträgt....Nun...ich hoffe Sie noch zu einem guten Patrioten zu machen; denn wie der nur ein guter Vater ist, der bei Tische erst seinen Kindern vorlegt, so ist der nur ein guter Bürger, der vor allen andern Ausgaben das, was er dem Staate zu entrichten hat, zurücklegt. (8-2)

Der August, dem der Fürstenknecht Goethe dient, mag begeistert gewesen sein über so viel Botmäßigkeit nach etwas gemeinsamem Stürmen und Drängen... Freiheit auf Kreta wird von Fénelon deshalb so definiert: Der freieste unter allen Menschen...ist derjenige, welcher selbst in der Sklaverei frei ist. Für den Untertanen ist es tröstlich, daß er selbst in der Sklaverei frei ist, für den Sklavenhalter andererseits ist es enorm beruhigend. Kurz, ein wahrhaft freier Mensch ist der, welcher, von aller Furcht und allen Begierden entbunden, nur den Göttern und der Vernunft gehorcht. Noch kürzer: Der freie Mensch....gehorcht, ...und zwar nur den Priestern und den Vernünftigen, wobei letztere sich dadurch auszeichnen, dass sie die Macht haben, den unvernünftigen Kindern zu sagen, was vernünftig ist, weil sie das Gesetz sind. Dass Frankreich, wie auch Holland, England und Spanien, derzeit einen stattlichen Teil seines Reichtums aus Sklavenhaltung erwirtschaftet, sei hier nur am Rande erwähnt.

 

In der 'Neuen Héloise' wird dieser maligne Totalitarismus einige Jahrzehnte später von Rousseau in seine perfideste Form gegossen: Ich glaube, keine asiatischen Potentaten werden in ihren Palästen mit größerer Ehrfurcht bedient als diese gute Herrschaft es in ihrem Hause wird. Ich kenne nichts, das so wenig gebieterisch wäre als ihre Befehle, und nichts, das so schnell ausgeführt würde. Sie bitten, und man fliegt; sie verzeihen, und man spürt sein Unrecht (4-10). Ein paar Seiten vorher spricht Rousseau allerdings auch den Klartext, den Fénelon tunlichst (er ist nicht so verrückt) ausläßt: Wie soll man Bediente, Lohnarbeiter, anders einschränken als durch Zwang und Gewalt? Des Herrn ganze Kunst besteht darin, diesen Zwang unter dem Schleier des Vergnügens oder eigenen Interesses zu verbergen, so daß sie alles, was man sie zu tun nötigt, selbst zu wollen glauben. Im selben Héloisenidyll gibt es noch einen Gipfel des Wahnwitzes (es ist kein bewußter Zynismus!): Sein Bedienter war für ihn ein Fremder; er macht daraus sein Gut, sein Kind; er macht ihn zu seinem Eigen. Vorher hatte er nur ein Recht auf seine Handlungen; nun verschafft er sich auch ein Recht auf seinen Willen. Er war nur Herr durch sein Geld; nun wird er es durch die geheiligte Herrschaft der Wohltaten und der Achtung.

Zehn Seiten später heißt es im eloisischen Paradies: Die große Kunst der Herrschaften, ihre Bedienten nach ihren Wünschen zu formen, ist die, sich ihnen so zu zeigen, wie sie sind. Starobinski zitiert Eric Weil (Rousseau et sa politique): Die Diener...sind, um den Ausdruck Aristoteles’ zu gebrauchen, geborene Sklaven. (S.152)

 

Wie die Liebe wird auch die Herrschaft in der Schizo-Symbiose „aufgehoben”. In 'Wilhelm Meisters Lehrjahren' heißt es noch später: Welche rührenden Beispiele von treuen Dienern, die sich für ihre Herren aufopferten! Wie schön hat uns Shakespeare solche geschildert! Die Treue ist in diesem Falle ein Bestreben einer edlen Seele, einem Größern gleich zu werden. Durch fortdauernde Anhänglichkeit und Liebe wird der Diener seinem Herren gleich, der ihn sonst nur als einen unbezahlten Sklaven anzusehen berechtigt ist. (4-2).

Die Machthaber in Huxleys 'Brave New World' des 20. Jahrhunderts werden Techniken entwickeln, um die Untertanen dazu zu bringen, to love their servitude: um ihre Knechtschaft zu lieben. Huxley allerdings, im Gegensatz zu unseren Klassikern, versteht sich als Kritiker dieses Unheils... Dass Goethes Art, Shakespeare zu lesen, nicht weniger verheerend als seine übrige Lektüre ist, sei hier nur am Rande angemerkt.

 

Zurück zu Fénelon: ...du wirst ihnen das wahre Gut, nämlich die Tugend, geben, und die Tugend wird, wenn sie echt ist, sie immer durch innige Bande an den fesseln, dem sie sie zu verdanken haben. Der ideale König schenkt also seinen Untertanen das Gesetz, das Glück, das Gute, die Wahrheit und die Tugend.

 

Bevor darauf einzugehen ist, welcher Art eine Tugend ist, die ein König verschenken kann, sei kurz von jener Tugend vor Fénelon und seinen Brüdern im Geiste die Rede, -- deren einzige Eigenschaft war, daß sie taugte. Tugend ist ursprünglich nämlich schlechthin das, was taugt, Tauglichkeit, die den Menschen und Dingen innewohnende Kraft als Vortrefflichkeit. Ein Mensch, der taugt, ist zugleich auch tüchtig. Noch im Mittelhochdeutschen ist ein tugendhafter Mensch tüchtig, mächtig, edel, fein bzw. gesittet. In diesem Sinne öffnet sich im Mittelalter der Tugendbegriff hin zur Gesittung als einer Standesqualität. Parallel dazu verwandelt das Christentum den germanischen Tugendbegriff, indem es ihn in den Dualismus von Gott und Teufel, Himmel und Hölle als Tugend und Laster (christlicher: „Sünde”) hineinbaut. Tugend wird so zu dem, was (nur) dazu taugt, ins Himmelreich einzugehen.

 

Die altgriechische areté als Vortrefflichkeit ähnelt ursprünglich dem germanischen Tugendbegriff. Dies scheint noch in den sokratischen Dialogen durch. Aber schon bei Plato wird deutlich, daß die Antike zu seiner Zeit bereits eine Aufteilung der Tugend in Formen menschlicher Verhaltensweisen kennt. Platos Kardinaltugenden werden die Weisheit (sophía), Besonnenheit (sophronsýne), Tapferkeit (andreia) und Gerechtigkeit (dike/dikaion), die wir im klassischen Rom als prudentia, temperantia, fortitudo und iustitia wiederfinden.

 

Die Tapferkeit ist ursprünglich die Tugend (Tauglichkeit) des Mannes, deswegen heißt sie griechisch andreia, abgeleitet von ho aner, dem Mann. Entsprechend ist die lateinische virtus, abgeleitet von vir, dem Mann, ursprünglich ebenfalls die bzw. oberste Tugend, obwohl die Römer neben der virtus die (spezifisch römische) Frömmigkeit (pietas) und die Wohltätigkeit (caritas) kennen.

 

Der „versittlichte“ germanische Tugendbegriff lebt weiter im Mittelalter in jener Ritterlichkeit, die gesittetes Verhalten bedeutet. Daneben bleiben die vier antiken Kardinaltugenden bestehen. Schließlich formuliert die römisch-christliche Kirche als spezifisch christliche Tugenden erneut das alte römische Dreigestirn mit einer wesentlichen Neuerung. Caritas (Nächsten-Liebe) wird übernommen, pietas in spes (Hoffnung) und fides (Glauben) aufgeteilt; die virtus verschwindet als (männliche) Einzeltugend und wird zum obersten Tugendbegriff. Diese Tugend ist also Goethes „Glaube, Liebe, Hoffnung”; die Katholizismen Goethes sind zwar nur stilbildendes Geschwätz, aber sie drängen bei ihm immer wieder recht eigenartig an die Oberfläche.

 

Die männerbündische Welt des alten Griechenland wie die paternalistische Welt des alten Rom setzen ganz selbstverständlich als Träger der hohen Tugenden Männer ein. Keuschheit ist Ehrensache für Mädchen und Frauen, weniger Tugend als Pflicht (erst der Protestantismus wird beides gleichsetzen). Diese Tradition bleibt auch im Mittelalter bestehen, dabei setzt sich aber allmählich ein Sprachgebrauch durch, der die tugendhafte Frau mit der „ehrbaren”, d.h. keuschen Frau gleichsetzt. Im Neuhochdeutschen wie im Neu-Englischen (virtue) verliert sich der Tugendbegriff schließlich in der vor allem weiblichen Keuschheit. Pamela Andrews und Clarissa Harlowe, die Richardson-Geschöpfe, deren Zeitgenosse Rousseau ist, sind junge Mädchen (15 bzw. 19 Jahre alt) und wenn es um ihre Tugend geht, dann ist diese ausschließlich die der chastity (Keuschheit), ein Wort, welches prüderweise nicht benutzt, sondern durch virtue ersetzt wird.

Der böse mädchenerobernde Teufel Lovelace selbst sagt in einem Brief an seinen Freund Belford: By virtue in this place I mean chastity, and to be superior to temptation. (2-11)

 

Für den Bischof Fénelon ist die Tugend offiziell eine (gegen)reformatorisch-christkatholische. Sein Telemach könnte Menschenleben durch Lügen retten, aber er erklärt wie nach ihm die calvinistisch/pietistisch angehauchten Rousseau, Kant und Schiller: Ich kann mich nicht zu einer Lüge entschließen. Lieber als Märtyrer der Wahrheit den Tod erleiden und den Menschen das Beispiel hinterlassen, die unbefleckte Tugend einem langen Leben vorgezogen zu haben. (Das ist übrigens später fast wörtlich Godwin-Text). Wahrheitsliebe als Aufrichtigkeit ist die Kardinaltugend bei der jetzt kirchlich durchgesetzten Beichte, so wie auch beim protestantischen Gewissen (die für Fénelon so wichtige conscience, der quälende Mitwisser und Zensor im Oberstübchen). Beide funktionieren sonst nicht. Zudem: ...das höchste Gut, eine reine, unbefleckte Tugend... assoziiert sich deutlich mit der Jungfräulichkeit nach dem Vorbild der Gottesmutter Maria. Tugend bei Fénelon ist Selbstvergessenheit, Entsagung, Gehorsam, kurz das priesterliche und mönchische Ideal.

 

Die Alten auf Kreta dann sind Virtuosen der Enthaltsamkeit: ...infolge der lange von ihnen bewahrten Tugend hatten sie über alle Launen und Begierden eine so große Herrschaft errungen, daß sie, ohne sich Gewalt anzutun, das süße und edle Vergnügen genossen, den Vorschriften der Vernunft zu gehorchen. Wir ahnen nun ein wenig, was Fénelon unter Tugend versteht, die im Herzen wohnt, es ist eine moderne Herz-Jesu-Tugend, die gegen jede Form von Lebendigkeit stählt, denn die Weichlichkeit entnervt, die mollesse effeminiert..., will sagen, macht schwach.

 

Damit käme der Teufel ins Spiel, der, wie man weiß, als Schlange in die Frau fährt, die dadurch begehrlich wird und deshalb beim Manne Begierden weckt. Leider aber ist bei Fénelon der Teufel wegrationalisiert, - in die Eva aller Even. Auf Fénelons Zypern herrscht sie als Venus, die bekanntlich als Aphrodite vor den kyprischen Gestaden schaumgeboren wurde. Auch dorthin verschlägt es den French Telemach:

Der Steuermann und alle übrigen sangen in maßlosem Rausche zum Lobe der Venus und des Cupido Lieder, welche allen Abscheu einflößen mußten, die die Tugend verehrten und liebten. Der Sirenengesang und das Becircen sind im homerischen Text noch keine moralischen Anfechtungen, ihre Gefahr besteht „nur” darin, daß sie Odysseus von seiner Heimfahrt abbringen. Es handelt sich um bekannte Naturgewalten in anthropomorpher Gestalt.

Bei Fénelon nun taucht sexuelles Begehren als rein moralische Verfehlung auf. Das ist nichts weniger als die versuchte Abtreibung der Antike aus dem Geist eines verbürgerlichten Christentums. Fénelon benutzt die Odyssee, um mit ihr jede vorchristliche abendländische Tradition kaputtzuschreiben. Dazu nutzt er für sein Elaborat die Volkssprache und nicht mehr die Sprache der Gebildeten, das Lateinische. Damit gewährleistet er zumindest implicit, daß viele Leute das Buch lesen können, denen der homerische Ausgangspunkt verschlossen bleibt, - der erste kunstvolle Mythos des Abendlandes wird mit dem Gift modernistischer Indoktrination so durchtränkt, daß er als Propagandaschrift gegen die okzidentale Tradition nutzbar wird. Hundert Jahre später wird der etablierte Goethe in Weimar des Euripides späte Leiden an der tragischen Bedingtheit des Menschen am Hoftheater dazu nutzen, diese in einem weiteren Abgesang auf das Abendland auf höherem Niveau wegzuversifizieren.

 

Die manische Angst des keuschen Bischofs vor Sexus und Eros erinnert an den puritanischen Hexenwahn in Salem, dem neuen Jerusalem der tugendhaften Neuen Welt. Wo Lust und Vergnügen zu Hause sind, liegt für ihn sogleich der Ackerbau brach: Der Boden ... (im aphroditischen Zypern) war fast unbebaut; so sehr verabscheuten die Einwohner Mühe und Arbeit (tant les habitants étaient ennemis du travail). Überall sah ich üppig geputzte Frauen und Mädchen, die unter Lobgesängen der Venus zum Tempel gingen, um sich ihrem Dienste zu weihen. Schönheit, Anmut, Freude und Vergnügen strahlten aus aller Antlitz, aber die Reize waren zu affektiert, und es fehlte ihnen der Nimbus edler Einfalt und holder Scham, der Schönheit höchste Zierde. Die Affektation ist hier die erwachsene und deshalb künstliche Produktion dessen, was unser Bischof bei den Kindlein als edle Einfalt und (nein, nicht stille Größe...) holde Scham beschreibt. Der Untertan als gehorsames Landeskind verschmilzt hier mit dem Jesuswort, dass alle wie die Kindlein werden sollen, - wie Landeskindlein eben.

 

In der präzeptorialen Logik des didaktischen 'Télémaque' ist Zypern das Stadium der männlichen Pubertät: Ein heimliches und süßes Schmachten bemächtigte sich meiner. Ich liebte schon das schmeichelnde Gift, das sich durch die Adern schlängelte und bis in das Mark meiner Knochen vordrang: Une secrète et douce langueur s'emparait de moi. J'aimais déjà le poison flatteur qui se glissait de veine en veine, et qui pénétrait jusqu'à la moelle de mes os. 'Glisser' ist das, was die Eva-Schlange Kalypso macht und die Fäulnis dringt bei der Selbstbefriedigung oder dem sexuellen Phantasieren bis ins Mark der Knochen ein. Telemach ist lache (lasch), ihm droht nun une vie molle et sans honneur au milieu des femmes (ein weichliches und ehrloses Leben inmitten der Frauen). Das weiche Moll ist ehrlos-weiblich, das männliche Dur verrät Weisheit, sagesse.

 

Die alles aufweichende und niederträchtige Wollust (volupté lache et infame), die schrecklichste aller Plagen, welche aus irgendeinerer Büchse der Pandora hervorkamen, entnervt die Herzen und läßt hier keine Tugend aufkommen. Im altgriechischen Mythos gibt Prometheus den Menschen die Kultur (das Feuer) und Pandora die Laster (in einer zunächst verschlossenen Büchse der Erkenntnis). Jahrtausende später wird nun das sexuelle Begehren in kultivierter Form zu mehr als einem Laster, zu einer Plage nämlich, die gleichsam aus schlechtem Einfluß herrührt.

 

Sie verhindert Tugend als jene Selbstvergessenheit, die Gehorsam gegenüber dem Gesetz, Arbeit um ihrer selbst willen und stille paradiesische Heiterkeit statt Lust bedeutet. Die Tugend wohnt im nervigen, von starken Nerven betriebenen Herzen. Sie ist Regression zurück vor die Pubertät, den Sündenfall, bei Beibehaltung eines starken Männerkörpers. Die Lust aber lenkt vom Gesetz ab und schwächt den Körper. In die Vorstellungswelt des 20.Jahrhunderts transponiert, wer bleibt schon „flink wie ein Windhund und hart wie Kruppstahl”, wenn die BDM-Mädchen ihre Röckchen schamlos lupfen oder die tugendhafte Planerfüllungs-Traktoristin lüstern in die Büsche ver-schwindet. Zuerst kommt die Verteufelung des Sexus und Eros, um als Entwertung von lebendiger Körperlichkeit dann die Kommerzialisierung der Leiber zu ermöglichen. Zuerst wird die Arbeit hier gedanklich zu einem Wert an sich, um dann als solche angeboten und nachgefragt zu werden.

 

Nachdem Fénelon sich im Laufe seines Textes immer mehr in moralische Rage geschrieben hat, ist unser reisender Müßiggänger Telemachos weiter auf der Insel der Kalypso. In der christlichen Telemachie verschmelzen nunmehr Eva und die Schlange zur Gänze: Hüte dich, auf die süßen und schmeichlerischen Worte der Kalypso zu hören, die sich wie eine Schlange unter den Blumen windet. Danach sind sogar schon edle Einfalt und holde Scham höchst bedrohlich geworden. Telemach hat sich in die deliziösere (und womöglich ein wenig keuschere) Nymphe Eucharis verliebt : Das grobe Laster (la vice grossière) erregt Abscheu, die freche Sittenlosigkeit (l'impudence brutale) erweckt Unwillen, aber die bescheidene Schönheit ist weit gefährlicher; wenn man diese liebt, so glaubt man allerdings, nur die Tugend in ihr zu lieben, doch unmerklich folgt man den trügerischen Lockungen (appas trompeurs) einer Leidenschaft, die man nicht eher bemerkt, als bis es fast zu spät ist, ihr wirksam entgegenzutreten. Fliehe, o Telemach, fliehe diese Nymphen... Vade retro, Satanas! Fuyez les dangers de votre jeunesse.

 

Ein wenig Philosophie des Barock wird von Fénelon/Mentor/Minerva nun als Gegengift gegen das Gift des Genusses, gegen den Venusberg von Kythera eingesetzt: Es gibt eine erste Macht/Ursache (première puissance), die Himmel und Erde erschaffen hat. Und fast plotinisch ist sie ein einfaches Licht, unendlich und unveränderlich, das sich allen gibt, ohne sich dabei herzugeben (sans se partager). Es ist eine souveräne und universelle Wahrheit, die alle Geister erleuchtet, wie die Sonne alle Körper erleuchtet. Es ist der ewige Beweggrund und zugleich die ewige Vernunft, (raison éternelle). Das ist es, was uns zum guten Denken anregt und zurückholt aus dem schlechten Denken...Es ist wie ein großer Ozean aus Licht. Der Geist, der erleuchtet wird, wird wiederum vom Gewissen regiert, welches uns miese Gefühle eingibt, wenn wir sündigen.

 

Tatsächlich hilft aber kein Philosophieren gegen den Sexus: Telemach und Mentor verlassen in größter Bedrohung schwimmend die Nympheninsel: Man überwindet das Laster nur, indem man es flieht, erkennt Telemach beim Schwimmen... Ich fürchte nicht die Meere, nicht die Winde, nicht die Stürme; ich fürchte nichts mehr als meine Leidenschaften. Die Liebe selbst ist mehr zu fürchten als jeder Schiffbruch. Wilhelm Buschs heiliger Antonius von Padua hätte ihm bedenkenlos zustimmen können, und auch der alte Thales, der schon vorgegeben hatte, daß das Wasser der Urstoff aller Dinge ist, der bei Fénelon das Rettende ist, ein altgriechischer Ozean aus Licht.

 

Wenden wir uns nun wieder den utopischen Inselphantasien Fénelons zu, deren Ausgangspunkt das Kreta des 5.Kapitels ist, in dem man aus schierer Lust an der Landarbeit alle unnützen Dornensträucher ausgerottet hat, von dort nach Salent, wo der ausgewanderte Nachfahre von Minos mit Mentors Hilfe ein Idealreich aufbaut und zu dem Seemannsgarn, das von Baetica berichtet, wo das Goldene Zeitalter immer noch paradiesische Wirklichkeit ist.

 

Die Kinder gehören weniger den Eltern als dem Staat, sie sind die Kinder des Volkes, seine Hoffnung und seine Stärke, und es ist zu spät, sie zu bessern, wenn sie einmal verdorben sind... Der reformatorische Katholik Fénelon spricht hier bereits die Sprache Rousseaus, bei dem bereits die Verdorbenheit der ganzen Gesellschaft nicht mehr zu bessern sein wird. Deshalb legt der Fürstenerzieher allergrößten Wert auf Erziehung im Sinne der modernen Pädagogik, diese wird nicht mehr den Eltern überlassen und ihren tradierten Erziehungsvorstellungen, sondern einem spekulativen Kalkül unterworfen.

 

Seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert ist Pädagogik immer Reformpädagogik, sie wird vom Katheder verordnet und ändert sich jenseits aller Erfahrung mit den aufeinander folgenden Moden. Wir leiden derzeit mehr darunter als je zuvor. Rousseaus Phantasie einer Privaterziehung wird am Beispiel von Émile und Sophie das durchexerzieren, die folgende Verstaatlichung der Kinder und Jugendlichen unter dem Gesetz wird es flächendeckend und mit staatlichen Zwangsmitteln fortführen. Bei Fénelon heißt das so: Der König... welcher der Vater aller seiner Untertanen ist, ist besonders der Vater der ganzen Jugend, die die Blüte seiner Nation ist. Nordkoreas „kommunistischer“ Kim Il Sung hätte das nicht schöner ausdrücken können.

 

Auch der ideale König von Kreta weiß, wie man Menschen zu einem totalitären Untertanenverband zusammenschweißt: Die Erziehung, die er den Kindern geben ließ, stählte ihren Körper und machte ihn gesund und kräftig; schon früh-zeitig gewöhnt man sie an ein einfaches, mäßiges und arbeitsames Leben; sie werden zu der Überzeugung gebracht, daß jedes sinnliche Vergnügen unfähig macht; ihr ganzes Streben wird nur darauf gerichtet, strenge den Pfad der Tugend einzuhalten und möglichst vielen Ruhm zu erwerben.

Wir sehen: Turnvater Jahn ist ein Kind des fénelonisch erwachenden Nationalismus, beim Franzosen noch moralisch begründet, Trotzki mit seiner Militarisierung der Arbeit ist ein Meister und Hitler der (national)sozialistisch inspirierte Späterbe. Was Fénelon nicht sehen kann, ist, dass die Abschaffung der sinnlichen Vergnügen erst eine Moderne möglich macht, die er nicht will: Eine Moderne, in der elementare Sinnlichkeit und Lebendigkeit durch die Kurzzeitkonsumption immer neuer Waren ersetzt wird, in der das Angebot eines allumfassenden Marktes auf provozierte seelische Bedürftigkeit trifft.

 

Auch für die ideale Gesellschaft von Salent gilt: Öffentliche Schulen müssen errichtet werden, in denen man die Kinder Gottesfurcht, Vaterlandsliebe und Achtung vor den Gesetzen lehrt, sowie sie darauf hinweist, daß die Ehre jedem Vergnügen und selbst dem Leben vorzuziehen sei. Die „Ehre” ist selbstredend die Tugend des Herrn Fénelon. Es ist die Ehre, die in Rousseaus Konfessionen und seinem Julie-Roman das Banner ist, hinter dem die Tugend ihren Haß und ihren Schmerz verbirgt. Fénelons Text ist hier übrigens ein wenig der der deutschen Schulgesetz (und Erlass) -gebung des 19. Jahrhunderts.

 

Die Erde, vom Pflug durchschnitten, öffnet ihren Schoß. Die einzige positiv formulierte Sexualität unseres wackeren bischöflichen Menschenerziehers findet als Landwirtschaft statt. Diese wird im idealen Ägypten, auch dorthin muß unser polyglotter Vielreisender, in ein spätbarockes Arkadien apollinisiert: Die Hirten erfuhren auch von (Apollo) die Reize des Landlebens, wo man das zu schätzen weiß, was die einfache Natur Bezauberndes darbietet. Man merke auf: Es sind die Städter, die den Landleuten die Reize des Landlebens vermitteln. Und so wird Telemach von seinem Mentor aufgefordert, den Meistern der Panflöte die Zauberkraft ihrer Töne zu erläutern: Lehre alle Hirten die Zauberkraft harmonischer Töne kennen, erweiche ihre verhärteten Herzen, zeige ihnen den Reiz der Tugend und laß sie empfinden, wie angenehm es ist, die unschuldigen Freuden, die die Einsamkeit gewährt und die ihnen nicht entrissen werden können, zu genießen. Neben jener Freiheit, die man auch den Sklaven nicht nehmen kann, werden hier jene Freuden (der Einsamkeit) propagiert, die man niemandem nehmen kann, nachdem man alles andere wie die Geselligkeit schon genommen hat.

 

Das barocke Schäferspiel, das später bei Mozarts frohsinnigen Landleuten seine unschuldig-erotische Musik bekommt, dient dazu, zu demonstrieren, wie glückselig jene Arbeitswelt sein kann, die weder Fénelon, Rousseau noch Mozart kennen oder jemals kennenlernen wollen. Folgende Bühnenanweisung schreibt Fénelon der ägyptischen Unschuld vom Lande auf den Leib: Die Hirten hatten sich dann zur Ehre des Gottes mit Lorbeerkränzen geschmückt, und die Schäferinnen, ebenfalls mit Blumen bekränzt und tanzend ihrem Ziele sich nähernd, trugen auf ihren Häuptern in kleinen Körbchen die heiligen Geschenke.

Mit 'Le Devin du Village' (Der Dorfwahrsager) wird Rousseau ein solch unschuldig-reines Schäferspiel mit trivialer Minimalmusik erdichten, dessen Erfolg auf die Schäferspiele im Park von Versailles und Gemälde verweist, mit denen das spätbürgerliche Ehepaar Goethe in Frankfurt sein Haus dekoriert. Mit 'Bastien und Bastienne' und später kunstvollerer Musik wird der junge Mozart diese Merkwürdigkeiten der Innerlichkeit auf deutsche Bühnen bringen.

 

Jeder arbeitet, doch niemand denkt daran, sich bereichern zu wollen. Man duldet in Kreta weder prächtige Möbel noch kostbare Kleider, weder köstliche Gastmähler noch vergoldete Paläste....Beim Mahle herrscht die größte Mäßigkeit...die Speisen bestehen hauptsächlich aus gutem Brot, aus Früchten, welche die Bäume gleichsam von selbst darbieten, und aus der Milch der Herden....Die Häuser sind reinlich, bequem, freundlich, aber ohne Zierwerk....Überfluß an notwendigen Dingen... Verachtung des Überflüssigen...Arbeitsamkeit... Abscheu vor Müßiggang... Tugendeifer...

 

Man vergleiche die Passage im Mackenzieschen ‘Man of Feeling’, in der die ländliche Idylle ihren ersten Reiz in der Armut hat, die idyllisch definiert nicht heißt, daß man nur noch seine Ketten verlieren kann, sondern das man sinnvollerweise nicht mehr beraubt werden kann. Siehe weiter unten im Text...Bei Platos 'Politeia' heißt das so: Wird nicht Rechtsstreit und Klage ganz verschwunden sein unter ihnen, um es kurz zusammenzufassen, weil keiner etwas Eigenes hat außer seinem Leibe, alles andere aber gemeinsam ist? (5-12)

 

Luxus ist oft das, was der andere hat, man selbst nicht bekommen kann und deshalb tunlichst (um den Neid zu vermeiden) verwirft. Das schreibt unser reformkatholischer Oberhirte aber nicht, er bringt vielmehr in die Dekadenz des Abendlandes die Vorstellung ein, dass alles dekadent sei, was nicht „unbedingt nötig” ist. Der Luxus ist der Überfluß, der verweichlicht, weil er dem Vergnügen Raum gibt. Das Vergnügen wiederum ist der satanische Gegenspieler der Tugend, der große Satan der Sinnenfreude: Die Leute wollen alles haben, und sie machen sich unglücklich mit ihrer Begierde nach Überflüssigem (superflu); wenn sie einfach leben wollten und sich mit den wahren Bedürfnissen zufrieden gäben, sähe man überall Reichhaltigkeit (l'abondance), Freude, Frieden und Eintracht.

 

Das ist schwer zu übersetzen, ist doch die Abundantia der lateinische Überfluss! Die „wirklichen Bedürfnisse” sind im selben fünften Kapitel die an allem, was wirklich notwendig fürs Leben ist. Wie alle vor und nach ihm kann halt auch Fénelon nicht abstrakt formulieren, wo die Grenze liegen soll. Auch die modestas der Briefe Senecas an Lucilius hülfe ihm nicht weiter und keine mittelalterliche humilitas. Erst im Konkreten wird dann eine generelle klösterliche Kargheit, eine puritanische Jenseitigkeit, eine polpottische Geist- und Genußverachtung deutlich, wie sie auch Plato in der 'Politeia' fordert. Bei letzterem heißen die Bedürfnisse Begierden, und er definiert die notwendigen so: Also diejenigen sowohl heißen mit Recht notwendige, welche wir nicht imstande sind abzuweisen, als auch diejenigen, deren Befriedigung nützlich ist; denn zu diesen beiden treibt uns unsere Natur notwendig hin (8-12).

Plato ist in seinem Utopia noch etwas grausamer als Fénelon, meint es aber schon über zweitausend Jahre früher im Kern genauso. So definiert er als nicht notwendigen Essensgenuß: Wie aber die hierüber hinaus und auf ausländische Leckereien und dergleichen gehende Begierde, die aber durch gute Zucht von Jugend an und durch Unterricht den meisten vertrieben werden kann und die dem Leibe schädlich, ebenso aber auch der Seele zur Weisheit und Besonnenheit hinderlich ist, diese würden wir ja wohl mit Recht eine nicht notwendige nennen? Und noch schöner: Auf dieselbe Weise demnach wollen wir uns auch über die den Geschlechtstrieb betreffenden (Begierden) und die übrigen erklären.

 

Für Fénelon ist Arbeit gut, und weil sie gut ist, ist sie zu lieben. Wofür die Leute den Tag lang arbeiten sollen, wo ihnen vom idealen König das Vergnügen verboten wird, das auf so viel Arbeit doch wohl folgen sollte, lässt Fénelon ungesagt. Wir ahnen es aber: Der tugendhafte Arbeiter kommt in den Himmel, so wie er bei Trotzki den Kommunismus erringt, bei Hitler die Rassereinheit und bei modernen Sozialdemokraten die Rente.

 

In Rousseau/Saint-Preux' Wallis sind dem Bergbauern die Arbeiten ein Vergnügen, und ohne dass er Luxus mag, arbeitet er deshalb nicht weniger. Wenn sie jemals mehr Geld haben, sind sie unausweichlich viel ärmer (NH,1-23). Der Nihilismus dieser Moderne besteht darin, alle Werte und Worte auf den Kopf zu stellen: Arm ist reich, frei ist unfrei, Lust ist schlecht, Arbeit gut, Einsamkeit ist Glück (foul is fair ist bei Shakespeare/de Vere noch Hexenlatein).

 

Kreta ist nur die unterste Stufe der fénelonischen Tugendhaftigkeit, eine höhere Etappe auf dem Weg zu ewiger Glückseligkeit bietet jenes Phantásien, das Baetica heißt: Auch gibt es in diesem schönen Lande mehrere Gold- und Silberminen, aber die einfachen und in ihrer Einfachheit glücklichen Einwohner (simples et heureux dans leur simplicité) schätzen das Gold und das Silber nicht so hoch, daß sie es unter ihre Reichtümer zählen; bei ihnen hat nur das einen Wert, was wirklich zu den Bedürfnissen des Menschen gehört. Der gute Bischof weiß so gut wie jeder Vater Staat nach ihm, was die selbstlosen Schäflein wirklich wollen.

 

Wer Texte vor diesem Newspeak des modernen Nihilismus kennt, weiß, dass das Eigentliche dazu neigt, das zu sein, was es nicht wirklich gibt. Für den theologisch geschulten Christen ist das Wirkliche das Reich des Teufels hienieden und das Eigentliche ist Gott. Für den Nicht-Theo-Logen ist der Gegensatz zur Wirklichkeit als Sprach-Sinn nicht die Eigentlichkeit, sondern das Unwirkliche, das nicht Wirkliche.

 

In Rousseau/Saint-Preux' Wallis gibt es Goldminen, und es ist verboten, sie auszubeuten. Es handelt sich – Rousseau liebt das Plagiat, stammt seine Wirklichkeit doch von einem aus zahlreichen Texten angereicherten Phantásien her: - um ein Volk, das lebt, um zu leben, nicht um etwas zu bekommen oder um sich hervorzutun. (NH,1-23) Fénelon wie Rousseau weiß, dass Eigentum zu Neid führt und darum schlecht ist: ...die einen wie die anderen, sie müssen zerfressen sein (rongés) von einem schlaffen und schwarzen Neid, ständig bewegt vom Ehrgeiz, von der Furcht, dem Geiz, unfähig für reine und einfache Freuden, denn sie sind Sklaven so vieler falscher Zwänge, von denen sie ihr ganzes Glück abhängig machen.

 

Das steht im siebten Buch des 'Télémaque', und es steht später ziemlich genauso in den frühen Schriften von Rousseau. Es läßt zum einen tief schließen auf die Persönlichkeitsstruktur der Autoren. Zum anderen ist festzustellen: Die säkularisierte Theologie als Sozialismus macht das Wirkliche zum Durchgangsstadium für das Eigentliche, zur revolutionären Pilgerschaft zum Berg Zion des Parteiprogramms.

Bei Fénelon heißt das so: Da sie keinen Handel nach außen treiben, bedürfen sie keines Geldes. Sie sind fast alle Hirten oder Ackersleute (laboureurs). Künstler (artisans, - mag auch Kunst-Handwerker heißen) sieht man wenig in diesem Lande, denn sie wollen nur die Künste pflegen, die zu den wahren menschlichen Bedürfnissen gehören; trotzdem sich die meisten Einwohner mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigen, vernachlässigen sie doch keineswegs die Gewerbe, die zu ihrer einfachen und bescheidenen Lebensweise notwendig sind.

Wirklich ist das Eigentliche, weil es das Wahre ist. Wer damit noch nicht zufrieden ist, bekommt zu lesen, dass das Wahre das Gute ist, Gott und später: die Demokratie, die république une et indivisible, die Nation, der Sozialismus, national, international oder demokratisch).

 

Bei Rousseau wird das so in die héloisische Welt gesponnen: Unser großes Geheimnis, reich zu sein...besteht darin, wenig Geld zu haben und beim Gebrauch unserer Güter den Austausch zwischen dem, was sie einbringen, und ihrer Verwendung, so weit wie möglich zu vermeiden. (V,2)

Zum Eigentum heißt es in der 'Politeia': ..daß keiner irgend eigenes Vermögen besitze, wenn es irgend zu vermeiden ist; ferner, daß keiner irgend solche Wohnung oder Vorratskammer habe, wohin nicht jeder gehen könnte, der nur Lust hat...daß ihnen weder etwas übrig bleibe auf das nächste Jahr noch sie auch Mangel haben, indem sie nämlich, gemeinsame Speisungen besuchend, wie im Felde Stehende zusammenleben. Gold und Silber aber aber, muß man ihnen sagen, haben sie von den Göttern göttliches immer in der Seele und bedürfen gar nicht auch noch des menschlichen. (3-22)

 

Während Baetica für den Zögling paradise lost darstellen soll, sind die anderen Modelle realitätsbezogener. Phönizische Kaufleute haben laut Fénelon nichts zu befürchten, “da sie mit allen Völkern der Welt Handel trieben”, anders gesagt, Freihandel führt zum Frieden. Die Stadt Tyros wird so beschrieben: Von allen Teilen der Welt landen hier die Kaufleute, und die Bewohner sind selbst die berühmtesten Kaufleute des ganzen Erdenrunds....Alle Einwohner betreiben eifrigst den Handel, und ihre großen Reichtümer verleiden ihnen niemals die Arbeit, die zu ihrer Vermehrung notwendig ist. Es scheint sich dabei um das Modell Holland zu handeln: DieTyrer sind betriebsam, ausdauernd,emsig, reinlich, bescheiden und sparsam; sie haben eine vortreffliche Verfassung, sind vollkommen einig untereinander, und nie existierte ein Volk, das standhafter, aufrichtiger, treuer oder zuverlässiger gegen alle Fremden gewesen wäre. Insofern ist folgendes eine direkte Handlungsanweisung an den französischen Thronfolger: Überhaupt darf es dir niemals einfallen, den Handel hindern zu wollen, um ihn nach deinem Sinne zu leiten. Der Fürst soll sich gar nicht in den Handel mischen und allen Nutzen davon seinen Untertanen überlassen, welche die Mühe und Arbeit haben, sonst entmutigt er sie. Das radikale Verringern der Steuerlasten und anderen Abgaben im Mentor-reformierten Salent gehört dann auch dazu. Das radikal-utopische Element seines präzeptorialen Buches liefert den weltanschaulichen Grund und Boden für eine Form der Herrschaft, die die eines guten Hirten, eines wohlwollenden Patriarchen, eines aufgeklärten Despoten ist.

 

Das große abendländische Paradoxon jeder Moderne scheint zu sein, daß die Texte, die in uns am besten klingen, im Zuge ihrer Verwirklichung die verheerendsten werden. Wieviele Leute sagen noch heute, der Sozialismus sei als Idee gut, nur in der Praxis schlecht. Tatsächlich handelt es sich dabei dann aber nicht um ein Paradoxon, denn Vorstellungen, die nicht auf erfahrbarer Wirklichkeit beruhen, sondern auf Platos unerschütterlichen Hypothesen, sind nicht paradox, sondern elementares psychosoziales Unheil.

 

Die christkatholisch-patriarchalischen Kommunisten Fénelons leben in baetischen Zelten, weil ihnen schon Häuser als zu großer Luxus gelten. Sie leben alle zusammen, ohne die Ländereien zu verteilen; jede Familie wird durch ihr Oberhaupt geleitet, welches ihr eigentlicher König ist....Sie bedürfen keiner Richter, ihr eigenes Gewissen richtet sie. Alle Güter sind gemeinschaftlich...Sie sind alle frei, alle gleich. Das ist der Zustand in Rousseaus Diskurs über die Ungleichheit, auf den das Unheil der Kultur folgt. Im Rousseauschen Julienroman ist es das Wallis = Natur = Landleben = Einfachheit = interesselose Menschlichkeit: Sobald die Kinder denken können, sind sie mit ihren Vätern gleichgestellt; die Domestiken setzen sich mit ihren Herrschaften an einen Tisch; die selbe Freiheit herrscht in den Häusern wie in der Republik, und die Familie ist das Abbild des Staates. (Télémaque, 1-23) Wer Thomas Morus' 'Utopia' gelesen hat, hat den Begriff für das ganze: Das Eigentliche ist das, was keinen Ort im Wirklichen hat.

 

Zur Erinnerung: die Freiheit des Fénelonschen und Rousseauschen modernen Untertanen begründet sich auf der Abscheu vor dem Vergnügen, der Ablehnung „übertriebener” sinnlicher Wahrnehmung, der Liebe zur Arbeit und zum König und auf dem blinden Gehorsam, in dem auch ein Sklave sich frei fühlen kann. Die Gleichheit besteht darin, daß der ideale König es nicht duldet, wenn einer seiner Untertanen aus der Reihe springt. Gleichheit ist hier wie bei Rousseau und Robespierre und allen Nachfolgern der Ausfluß vollkommener Untertänigkeit. Die „konservative“ Weltsicht, die nach der französischen Revolution entsteht, wird Freiheit und Gleichheit als Absoluta deshalb für inkompatibel erklären. Sie wird damit ohne Einfluß bleiben.

 

Kein Volk war je so...auf die Reinerhaltung der Keuschheit bedacht. Die Ehefrau fesselt (ihren Ehemann) weniger durch ihre Schönheit als durch ihre Tugend...Die Nüchternheit, die Mäßigung und die reinen Sitten dieses Volkes sichern ihm ein langes und von Krankheiten freies Leben. Der hochgradig krankhafte (physisch-psychopathische) Selbstekel Jean-Jacques Rousseaus, der sich bei ihm als Zivilisationsekel artikuliert, ist schon Jahrzehnte vor ihm in der abendländischen Dekadenz reform-katholisch vorformuliert. In Fénelons Baetica lebt ein Volk, welches....den Vorschriften der Natur folgt. Er meint damit genauso wenig wie Rousseau eine beobachtbare, erfahrbare, erlebbare Natur, sondern das „Eigentliche” eines paradiesischen Phantásiens.

 

Fénelons „Vorschriften der Natur” sind die der nachreformatorischen vatikanischen Konzilien, es geht ihm darum, einer (bislang unregierbaren) menschlichen Natur Vorschriften zu machen, einer Natur, die nichts anderes ist als das personifizierte Böse, das Gegenstück zur perfekten Untertänigkeit. Fénelons positive Natur ist das Gesetz, dem Rousseau eine Stimme verleihen wird, die Stimme der Natur, die die seiner höchsteigenen ursprünglichen Reinheit ist. So wird die menschliche Natur regierbar, denaturiert, und der Mensch auf seine erwünschte Untertänigkeit reduziert.

 

Die unmittelbar machbare Stufe der Tugendhaftigkeit entdeckt unser pädagogischer Oberhirte in Salent. Wie immer versteckt er sich dabei hinter Telemachs Mentor, hinter dem sich die oberste Gottheit versteckt: Das ganze Menschengeschlecht ist nur eine auf der Oberfläche der Erde zerstreute Familie... Das ist wichtig, muß man doch unterscheiden zwischen der Verlockung, Familie hier als eine (harmlose?) gefühlsbetonte Metapher anzusehen, und der Tatsache, daß Ehe, Familie und Verwandtschaft hier anfangen, sich aufzulösen: in Brüderlichkeit, Menschlichkeit, Menschheit, in Begriffe, die schiere Vorstellungen sind, aber zu moralischen Pflichten konvertieren.

Rousseau wird die Frau, die ihm fünf Kinder gebärt, nicht heiraten wollen, er wird diese Frau zum Gebären außer Haus scheuchen und er wird die fünf von ihm nie gesehenen Kinder alle direkt nach der Geburt wegschaffen lassen. Sich selbst sieht er als letzten Menschen, der noch die Stimme der Natur hört, in seinem tatsächlichen Leben ist er ein frühes Beispiel des post-modernen Menschen, der nur noch auf das Gesetz horcht, nämlich das allgemeiner Fremdbestimmung, was bei ihm besonders wahnhafte Züge trägt.

 

An anderer Stelle: Die Güter, die wir schätzen, sind Gesundheit, Genügsamkeit, Freiheit, körperliche Stärke und geistige Frische; dann Liebe zur Tugend, Furcht vor den Göttern, freundschaftliche Gesinnung gegen unsere Nächsten, Anhänglichkeit an unsere Freunde, Treue gegen jedermann, Demut im Glück, Stolz im Unglück, der Mut, stets frei und offen die Wahrheit zu sagen, und Abscheu vor Schmeichelei.

Das klingt gut und fast wie Seneca, ist das Standard-Repertoire fast aller Kulturen, hat aber den Nachteil, eine hoch kultivierte Position zu sein, in der Natur nur als Position der Eigentlichkeit vorkommt: Eigentlich ist die Natur des Menschen seine (gute) Kultur. Wer die “Natur” so ausmanövriert und dann als eigentliche durch die Hintertür wieder hervorzaubert, dichotomisiert die Welt so gnadenlos, daß am Ende eine universalisierte Warenwelt über beides hinwegtrampeln kann.

 

...Alle Menschen sind Brüder und müssen sich als solche lieben. Den wahren Ruhm findet man nicht, wenn man unmenschlich ist. Wer seinen eigenen Ruhm höher schätzt als die Gefühle der Menschlichkeit, der ist in seinem Stolz ein Ungeheuer, aber kein Mensch.

 

Das ist nicht nur unser aller Friedrich Schiller (diesen Kuß der ganzen Welt), es ist vor allem auch Robespierre. Erstens: Liebe ist jetzt Bürgerpflicht und sonst fast gar nichts; zweitens: die Zerschlagung der Familie führt zu einer Neudefinition des Wortes Bruder; drittens: wer nicht jedermanns Bruder (Citoyen, Genosse, Volksgenosse, etc.) sein will, ist kein Mensch, sondern ein (auszumerzendes) Ungeheuer. Schließlich: Menschlichkeit besteht aus vorgestellten Gefühlen (diesen Kuß ...), anders gesagt, wehe dem, der nicht fühlt, was der ideale König denkt und schreibt:

Einem geschickten Gärtner ähnlich, der von den Obstbäumen das unnütze Holz wegschneidet, bemühte sich Mentor auf diese Weise, den unnützen Prunk, welcher nur eine Sittenverderbnis zur Folge hat, auszumerzen. Er führte alles auf eine edle Einfachheit zurück; er bestimmte selbst die Nahrung der Bürger und Sklaven. Er wendet sich gegen den Genuß leckerer Speisen..., durch den (die Menschen) ihre Geistesfähigkeiten erschlaffen und die Gesundheit des Körpers unmerklich aufreiben 

 

Die Aufgabe der Verwandtschaftsbeziehungen zugunsten eines alles fraternisierenden Patriotismus hatte schon Plato in seiner 'Politeia' vorgegeben: Daß diese Weiber alle allen diesen Männern gemeinsam seien, keine aber irgendeinem eigentümlich beiwohne, und so auch die Kinder gemeinsam, so daß weder ein Vater sein Kind kenne, noch auch ein Kind seinen Vater (5-7). Ganz im Sinne Hitlers sollte jeder Trefflichste der Trefflichsten am meisten beiwohnen, damit die Herde, wie Plato das Volk nennt, gut gezüchtet werde. Die weltanschaulich begründete Promiskuität wird aber erst in der europäischen Romantik wieder ein Leitthema.

 

Wegschneiden und Ausmerzen heißt es in Zukunft, und im großen Arbeitslager der Gleichen und Freien erspart der tugendhafte große Führer seinen Untertanen sogar die Auswahl der Speisen. Es erscheint fast überflüssig, darauf hinzuweisen, daß der Fortschritt vegetarisch ist (Shelley,Hitler), mindestens aber frugal (Fénelon, Rousseau, Robespierre, Wollstonecraft).

 

Auch die Musik wird von ihren teuflischen Seiten gereinigt und in den Dienst der Tugend gestellt: Mentor schaffte auch die schmachtende und wollust-atmende Musik (molle et effeminée) ab, welche einen so verderblichen Einfluß auf die ganze Jugend ausübte; desgleichen verbot er streng die bacchantische Musikweise, die die Sinne beinahe ebenso berauscht wie der Wein und die eine schamlose Ausgelassenheit zur Folge hat. Er traf die Bestimmung, daß nur bei Festen in den Tempeln Musik stattfinden solle, um dort das Lob der Götter zu singen sowie den Ruhm der Heroen, die der Welt das Beispiel seltenster Tugend gegeben haben.

Schade, daß dieser Hohepriester das Horst-Wessel-Lied noch nicht kannte oder die Marseillaise. Auch aufgrund dieser Aussage ist stark zu vermuten, daß der „Katholik“ Fénelon und die englischen Puritaner des Commonwealth dieselbe Vorstellung von Tugend haben, hatten doch schon letztere selbst die Orgeln in den Kirchen demontiert, da diese als Musikinstrumente ausgesprochenes Teufelswerk waren. Auf jeden Fall ist der erste, der im idealen Staat die Künste total unter staatliches Kuratel stellen will, Plato. In seiner 'Politeia' heißt es: Also werden wir keiner vielseitigen Instrumente und keines auf allerlei Tonarten Eingerichtetes bedürfen zu unseren Gesängen und Liedern (3-10).

 

Ebenso wird jede Form „entarteter” Kunst im 'Télémaque' ausgemerzt, denn: Es darf, ..., in diesen Künsten, die nicht absolut notwendig sind, nichts Gemeines und Schwaches geduldet werden... Man muß...die Bildhauer und Maler aber nur verwenden, um das Andenken großer Männer und erhabner Taten auf die Nachwelt zu bringen. Die Künste, die nicht absolut notwendig sind, sind nun einmal die, die Vergnügen bereiten. Es wird nicht mehr sehr lange bis zur Ausstellung über “Entartete Kunst” dauern.

 

Die wahre Freiheit ist die (bloß) innere Freiheit, die (auch) die des Sklaven ist, entsprechend ist der wahre Reichtum die Armut: Man wird reicher,...wenn man seine Bedürfnisse verringert, indem man sie auf die wahren Anforderungen der Natur reduziert. Die Natur ist immer noch die Vernunft, die Wahrheit, Gott, Fénelon, ihre Anforderungen sind die Befehle des großen tugendhaften Führers, und schon wieder ist Fénelon ein enthusiastischer Tautologe (wahre Anforderungen der Natur, die ohnehin schon eigentlich ist), aber er will ja den einfältigen Leser dazu bringen, in Form eines kurzen Aha(!) daran zu denken, dass es auch falsche Anforderungen der Natur gibt, sie kommen von der falschen Natur, - der lebendigen nämlich, in der der große Satan regiert.

 

Letztendlich erweist sich aber weder Robespierre noch Trotzky noch Hitler als der aufmerksamste Fénelonleser: Sein bester Schüler ist der kambodschanische und frankophone Kommunist Pol Pot. Das folgende (hat?) hätte er bei Fénelon nachlesen können: Nehmen wir daher alle jene überflüssigen Künstler (artisans), die sich in der Stadt befinden und deren Arbeiten nur die Menschen demoralisieren (dérégler les moeurs), zur Bebauung dieser Ebenen und Hügel....Ihre Nachbarn werden ihnen dann schon die harte Landarbeit nahebringen. So wird in der Zukunft das ganze Land mit kräftigen und den Ackerbau liebenden Familien bevölkert sein.

Pol Pot ist noch etwas großherziger: Ihm war jeder Bewohner der Hauptstadt Phnom Phen schon als unnützer bzw. gefährlicher Intellektueller ein Dorn im Auge, wenn er/sie eine Brille trug, legte das doch den Verdacht nahe, daß man es mit einem des Lesens Kundigen zu tun haben könnte, dem solches beim ländlichen Arbeitseinsatz als Umerziehung abgewöhnt werden sollte, nachdem man seine bzw. ihre Binokel herzhaft zertreten hat. Wie heißt es so schön bei Fénelon: Wir haben Leute, die in der Stadt überflüssig waren, auf das Land geschickt, wo man ihrer nötig hatte. Notwendig ist jenseits des abendländischen Nihilismus das, was die Not (ab)wendet. Fénelons Necessarium aber ist die bewußt von oben verordnete Not, die tugendhaft macht, - und „kräftig”, wie oben zu lesen war.

 

Platos Utopie der Feindseligkeit gegenüber jeder offeneren Gesellschaft ist nicht zuletzt auch eine Kampfschrift gegen Autoren wie Homer und Euripides, und so fordert er über zweitausend Jahre vor Fénelon und noch einige Jahrhunderte mehr vor Hitler, ... daß in den Staat nur der Teil von der Dichtkunst aufzunehmen ist, der Gesänge an die Götter und Loblieder auf treffliche Männer hervorbringt. Wirst du aber die süßliche Muse aufnehmen, dichte sie nun Gesänge oder gesprochene Verse: so werden dir Lust und Unlust im Staate das Regiment führen statt des Gesetzes...(10-7). Die Seele Platos und seiner Anhänger ist eine tote, schrecklichen Text produzierende Seele, der lebendige Körper, der von Lust und Unlust lebt, scheint abgetötet.

 

Eine Art von Künstlern ist für Fénelon allerdings unbedingt nötig im neuen Paradies, es ist dieselbe, die auch Rousseau propagiert, deren herausragender Vertreter der Maler David, der frohgemut-pathetische Zeremonienmeister der barbarischsten Revolutionszeit wird, ein Mann, der den Zeremonienmeistern Hitlers, Stalins und Maos beispielhaft vorarbeiten wird. Und so liest sich eine Staatsfeier in Fénelons/Mentors Salent: Il y avait deux troupes de jeunes garcons et de jeunes filles qui chantaient des vers à la louange du dieu (des höchsten Wesens) qui tient dans ses mains la foudre. Ces enfants choisis de la figure la plus agréable avaient de longs cheveux flottant sur leurs épaules. Leurs tetes étaient couronnées de roses et parfumées. Ils étaient tous vetus de blancs. Das muß man einfach im originalen Fénelon-Französisch lassen, so schön ist es. Dennoch: Es gab zwei Truppen junger Knaben und junger Mädchen, die Verse eines Lobliedes auf Gott sangen, der in seinen Händen den Blitz hielt. Die wegen ihrer höchst angenehmen Figur ausgewählten Kinder hatten lange Haare, die ihnen über die Schultern fielen. Ihre Köpfe waren mit Rosen gekrönt und parfümiert. Sie waren ganz in Weiß gekleidet.

 

William Beckford, der große protoromantische Pädophile, wäre begeistert gewesen. Er hätte allerdings sicherlich den Mädchen Knaben vorgezogen.. Für ihn wird die Große Französische Revolution eine wunderbare exzessive Gaudi sein.

 

Am Ende bietet unser Mentor noch ein wenig schillerndes Lied von der Glocke: Indessen bereitet die Mutter mit dem Rest der Familie ein einfaches Mahl für den Gatten und ihre lieben Kinder, die von der Tagesarbeit ermüdet zurückkehren....sie zündet ein großes Feuer an, und heitere Lieder singend hockt die ganze unschuldige und friedliche Familie um dasselbe herum, - en attendant le doux sommeil.... Der Schäfer kehrt mit seiner Flöte zurück und singt der versammelten Familie neue Lieder vor, die er in den Nachbardörfern kennengelernt hat.

 

Niemand sollte allerdings nach dem bisher Erwähnten annehmen, daß heitere Lieder unbedingt etwas allzu Vergnügliches sein sollen. Vielmehr dürfen wir uns wohl vorstellen, wie die glückliche Familie vom fast alles ausfüllenden Arbeitstag singt, so wie in nicht allzu ferner Zukunft die glückliche Traktoristin ihrer Komsomolzenschar frohgemut ein Liedchen von der Planerfüllung vorträllern wird; und das eine oder andere Lied zum Lob des heldenhaften großen Führers wird auch dabeigewesen sein

 

Einfach...lieb...heiter...unschuldig...friedlich..., das sind keine beschreibenden Adjektive mehr, es handelt sich vielmehr um das Nécessaire der spätbürgerlichen Epitheta einer poetischen Eigentlichkeit. Wir werden ihnen insbesondere beim deutschen Rokoko, den englischen und französischen Idyllen und in Weimar wieder begegnen.

 

Beim großen Fest der neuen Héloise geht das so: Nach dem Abendessen bleibt man noch eine oder zwei Stunden auf, um Hanf zu brechen; ein jeder singt dabei der Reihe nach sein Liedchen. Zuweilen singen die Weinleserinnen alle zusammen im Chor oder auch abwechselnd allein und dann wieder gemeinsam im Refrain. (NH,5-7)

 

Das ist der Fénelon, den Pfarrer Williams studiert, der große Fénelon, für den das Dienstmädchen brennen soll, und dieses (first edition) soll ja laut William Godwin auch noch beim Brennen dankbar sein, daß sie für ihren großen Meisterdenker verfeuert wird. Kommunisten der ersten Oktober-Stunde werden in den Stalinschen Schauprozessen das soweit beherzigen, daß sie mit einem Bekenntnis zu jenem Staatsterror, der Untertanen zu noch perfekteren Untertanen machen soll, in den Tod gehen werden. Das ist der süße und wohltätige Fénelon, den noch der alternde Goethe verehrt.

 

Die Damenwelt ist bis jetzt bei Fénelon hauptsächlich als sinnenbetörende göttliche oder nymphoman-diabolische Eva aufgetreten, am Ende kommt sie auch noch als züchtig-tüchtige Hausfrau daher. Eine solche Hausfrau in spe bekommt der (um)erzogene Télémaque schlußendlich auch ab, - der seine Liebe, wie könnte es anders sein, als Nicht-Liebe definiert: ... das Gefühl, welches ich für Antiope hege... ist keine ungestüme Leidenschaft, es ist Wohlgefallen, Achtung und das Bewußtsein, ein wie großes Glück es für mich sein würde, mit ihr leben zu können... ...Was mir an ihr gefällt, ist ihr Schweigen, ihre Bescheidenheit, ihre Zurückgezogenheit (retraite, hier auch ihre Zurückhaltung), ihr nie ermüdender Fleiß, ihre Geschicklichkeit in weiblicher Handarbeit, die Sorgfalt, mit der sie nach dem Tode ihrer Mutter das Hauswesen des Vaters leitet, die Verachtung jedes nichtigen, eitlen Schmuckes, ihre Naivität und Unschuld und ihr von jeder Koketterie freies Benehmen, und besonders rührt mich, daß sie vergißt oder selbst nicht einmal weiß, wie schön sie ist.

 

Mulier taceat nicht nur in ecclesia, sondern am besten auch zu Hause. Und weil das um 1700 so völlig unglaublich klingt, noch ein wenig mehr von Telemachs verliebten Schwelgereien: sie...weiß zu schweigen, ...sie spricht nur, wenn's nötig ist, und öffnet sie den Mund, so fließen süße Überredung und holde Anmut von ihren Lippen. Während sie spricht, schweigt jeder, sie errötet und gerne würde sie die begonnene Rede unterlassen, wenn sie bemerkt, mit welcher Aufmerksamkeit man ihr lauscht. Wir haben sie kaum sprechen hören. Bei Rousseaus Walliserinnen geht das so: ...diese jungen schüchternen Schönheiten, die ein Wort schon erröten läßt und so nur noch angenehmer macht,... die liebenswerte Verschämtheit der Weiblichkeit, ihre unschuldige Anmut. (NH,1-23). Das ist auch Rousseaus Julie, wie sie in der Idylle schaltet und waltet. Bei Fénelon heißt das: Sie animiert die anderen zur Arbeit. Sie versüßt ihnen die Arbeit und die Sorgen mit dem Zauber ihrer Stimme, wenn sie von all den wunderbaren Göttergeschichten singt... Nebenbei schon einmal vorgegriffen: das wird das spätbürgerliche Frauenbild des 18. Jahrhunderts (Schiller, Goethe, Robespierre, Napoleon).

 

Das ist nicht nur Fénelonscher uneingestandener bischöflicher Haß auf lebendige Weiblichkeit, welche bei Rousseau als auf den Mann zurechtgestutzte beseligend wird, sondern die allgemeine Vorformulierung der zentralen Programmatik des 18. Jahrhunderts. Das Schweigen der Untertänigkeit unter das Gesetz und seine Despoten und Bürokraten ist zuallerst das Schweigen der infantil gehaltenen Frau vor dem Herrn.

 

Hundert Jahre später sind infantilisierte Frauen, die sich hinter dem Rücken der Herren als Virtuosinnen der Geschwätzigkeit rächen, die ersten Vorkämpferinnen eines grenzenlosen Konsumismus geworden. Statt Rousseaus Lektürevorschlag des Defoeschen Robinson Crusoe für Émile, der entsetzlich genug gemeint ist, leugnet er doch wie fast alle Leser die subversive Seite des Textes, lesen sie „Frauenromane”, und wenn der Herr ihre private Macht anerkennt, werden sie ihm den Rücken stärken für sein politisches Unheil.

 

Fairerweise ist eines anzumerken: Fénelon, auf sein idealisiertes Priestertum und die Kultur des Monasteriums konzentriert, wußte ernstlich nicht, wie sehr ihn die Zukunft auf das Schrecklichste bestätigen würde. Sein Wunsch, einer ihn verwirrenden Welt in das göttliche Licht einer alles erleuchtenden Wahrheit zu entkommen, beruht darauf, daß er selbst wie ein kleiner Junge daran glaubt, daß es eine solche Wahrheit gibt. Dabei merkt er gar nicht, daß er mit seiner irdischen Wahrheit seinem himmlischen Gott die Löffel nur in die Hand gibt, damit der sie gleich wieder abgeben kann. Wenn höhere geistliche Amtsträger anfangen, Utopien zu schreiben, - und sein englisch-katholischer Märtyrer-Vorfahre Thomas More wie der fromme Campanella waren sich dafür schon vorher nicht zu schade gewesen - , dann geht nicht nur die römische Kirche mitsamt ihrem Gott zuschanden, sondern dann ist der Weg frei für die, die ganz ohne göttliche Mission eine solche irdischmäßig in die Tat umsetzen werden.