Satansbraten

 

Daniel Defoe gehört zur nächsten Generation nach Pepys. Er ist nicht anglikanisch angepaßt wie jener, sondern er gehört zu jenem Puritanismus, der als Dissent nach Restauration und “Glorreicher Revolution” versucht, geduldet und immer mehr die Religion politisierend zu überleben. In...

 

...Moll Flanders...

 

versucht er Ausflüge in eine bürgerliche Wirklichkeit, deren ideelle Ordnung seine Traktate zugleich zu formulieren suchen.

 

Molls Einstieg in ihr Unheil ist die Standardsituation am Anfang des englischen Romans des 18. Jahrhunderts: Es ist ihr Waisenstatus. Im Haus einer wohlhabenden und respektablen Bürgerfamilie erlebt sie ihre Teenagertage, möchte eine ähnliche station (soziale Situiertheit) wie diese Leute erreichen und wird vom älteren der beiden Söhne mit dem Versprechen verführt, dass er sie heiraten werde, sobald er erbt. Später verliebt sich der jüngere der Söhne in sie und macht ihr mehrere ehrbare Anträge. Der ältere rät ihr, sich auf die Ehe mit diesem Robin einzulassen. Sie möchte das nicht, weil sie den älteren liebt und sich mit ihm verheiratet fühlt und setzt als Bedingung, daß beide Elternteile mit der Heirat einverstanden sind. Am Ende ist sie fünf Jahre mit dem Jüngeren, Ehrbareren verheiratet und hat zwei Kinder, liebt aber nur den rücksichtsloseren älteren; d.h. sie ist nach ihren Moralvorstellungen längst eine Hure. Zwischen Liebe und respektheischendem Geld wird sie zerrieben. Was sagt uns Defoe: Wäre sie nur ein braves Dienstmädchen geblieben, wäre ihr das nicht passiert, - aber dann wäre sie auch keine Romanheldin geworden, und die wollte er ja.

 

Ihre weitere Geschichte faßt sie selbst zweimal zusammen; das erste Mal, als sie den Heiratsantrag eines Bankers angenommen hat: Dann aber kam es mir, 'Was für eine abscheuliche Kreatur bin ich doch! Und wie wird dieser unschuldige Gentleman von mir übel behandelt werden! Wie wenig ahnt er, daß er sich nach der Scheidung von einer Hure gleich in die Arme der nächsten wirft! Daß er dabei ist, eine zu heiraten, die mit zwei Brudern geschlafen hat und drei Kinder von ihrem eigenen Bruder hat! Eine, die im Newgate-gefängnis geboren wurde-, deren Mutter eine Hure war, eine die jetzt eine eine deportierte Diebin ist! Eine, die mit dreizehn Männern geschlafen hat (has lain with thirteen men), und ein Kind bekam, seitdem er sie kennenlernte! Poor gentleman!' said I, 'what is he going to do?'

 

Die zweite Zusammenfassung liefert sie im Gefängnis Newgate: mein Lebenslauf über vierzig Jahre war eine grausige Verwicklung von Böartigkeit, Hurerei, Ehebruch, Inzest, Lügen, Diebstahl; in anderen Worten, alles außer Mord und Hochverrat ist von mir praktiziert worden, seitdem ich etwa achtzehn war bis zum Alter von 36 (three-score).

 

Sie wird zum Tode verurteilt, zur transportation nach Virginia begnadigt, trifft einen ihrer Ehemänner aus Lancashire wieder, der selbst ein highwayman war, beide werden erfolgreiche Pflanzer in den Kolonien, und sie stellt eine positive Bindung zum aus Inzest hervorgegangenen Sohn in den Kolonien her.

 

Der Schluß des Buches lautet so: Wir sind alt geworden; ich bin nach England zurückgekommen, bin fast siebzig Jahre alt, mein Ehemann achtundsechzig, nachdem ich viel mehr als die abgezählten Jahre meiner Deportation abgeleistet habe; und jetzt geht es uns, trotz aller Strapazen und des Elends, die wir beide erlebt haben, an Leib und Seele gut (in good heart and health). Mein Ehemann blieb noch eine Weile, um unsere Angelegenheiten zu regeln, und zuerst wollte ich zu ihm zurückgehen, aber auf seinen Wunsch änderte ich diese Absicht und er ist auch nach England gekommen, wo wir entschlossen sind, den Rest unserer Jahre in aufrichtiger Reue (penitence) um das schlimme Leben, das wir gelebt hatten, zu verbringen. WRITTEN IN THE YEAR 1683. Am Ende eines langen lasterhaften Lebens steht rechtschaffen bürgerliche Behaglichkeit.

 

Der „Herausgeber“ Defoe schreibt in seiner Introduction: Es ist wahr, daß die Originalgeschichte in andere Worte (new words) gesetzt wurde, und der Stil der berühmt-berüchtigten Dame (famous lady), von der wir hier reden, ist ein wenig geändert; insbesondere haben wir dafür gesorgt, daß sie ihre Gechichte in gesetzteren ( modester) Worten erzählt, als sie das zunächt getan hat, die Abschrift, die wir zunächst in Händen hatten, hörte sich eher nach Newgate an als nach Reue und Demut, ihren vorgeblichen Qualitäten am Ende des Textes.

 

Diese Einleitungspassage untergräbt nicht nur Aspekte der Schlußaussage von Moll, sondern weist auch darauf hin, dass wir uns bereits am Anfang eines neuen „bürgerlichen“ Prozesses der Verfeinerung der Sitten, der Raffinierung des Alltagslebens, der Empfindsamkeit, befinden. Ende des 18.Jahrhunderts wird die offiziell zugängliche Literatur dann keinen Roman mehr enthalten, in dem das Leben einer Frau als Abfolge von Ehebrüchen, Hurereien und Diebereien beschrieben wird, die so zahlreich und vielfältig sind, dass sie ein ganzes Buch füllen. Dafür muß dann die Welt der Waren und des Kommerzes erst so diversifiziert und umfassend werden, dass in ihr überhaupt alles Platz findet, was rentierlich ist.

 

Roxana, die andere Defoe-Heldin, lebt unter der Herrschaft Charles II. Stuart, wiewohl Defoe die Verhältnisse unter George I. kritisieren möchte. Moll Flanders ist ganz offensichtlich ihre Zeitgenossin. Beide Romane handeln von dem Widersinn, in den sich Gefühl (Eros) und Verstand (Moral), Gier, Vernunft und öffentliche Ordnung verwickeln. Sie sind zwei Versuchsreisen des über sechzigjährigen Defoe in eine Welt, in die sich ein protestantischer Kaufmann von Welt üblicherweise nicht öffentlich einlassen möchte.

 

In welchem Zeitenwechsel Daniel Defoe dabei steht, macht folgende Episode aus Molls Leben deutlich. Sie heiratet a tradesman that was rake, gentleman, shopkeeper, and beggar, all together. Er wirft all ihr Geld zum Fenster raus.

 

'I care not whither,' says he, 'but I have a mind to look like quality for a week. We'll go to Oxford,' says he. 'How,' says I, 'shall we go? I am no horsewoman, and 'tis too far for a coach.' 'Too far!' says he; 'no place is too far for a coach-and-six. If I carry you out, you shall travel like a duchess.' 'Hum,' says I, 'my dear, 'tis a frolic; but if you have a mind to it, I don't care.' Well, the time was appointed, we had a rich coach, very good horses, a coachman, postillion, and two footmen in very good liveries; a gentleman on horseback, and a page with a feather in his hat upon another horse. The servants all called him my lord, and the inn-keepers, you may be sure, did the like, and I was her honour the Countess, and thus we traveled to Oxford, and a very pleasant journey we had.

 

Er landet im sponging-house, dem Schuldgefängnis. Sie rettet was möglich vor den Gläubigern -er verschwindet nach Frankreich. I had a husband and no husband. Sie wird Mrs. Flanders und geht in die mint: However, I kept myself safe yet, though I began, like my Lord Rochester's mistress, that loved his company, but would not admit him farther, to have the scandal of a whore, without the joy; and upon this score, tired with the place, and indeed with the company too, I began to think of removing.

 

Die beiden reisen tatsächlich wie Hocharistokraten, obwohl sie es sich nicht leisten können. Moll ist schnell damit einverstanden, denn sie ist vain, ebenso wie Roxana. Die vanitas ist das Streben nach dem Eitlen, dem“ Luxus“. Im christlichen Tugend – und Lasterkatalog beschreibt die “Hoffahrt” die Abwendung vom Lebensziel des Reiches Gottes und die Hinwendung zum irdischen Flitter und Tand. Bei holder Weiblichkeit benennt sie besonders die weibliche Eitelkeit, die nach Überzeugung der Sittenreformer seit der Glorreichen Revolution, die weder glorreich noch Revolution war, vieler Laster Anfang ist.

 

Die gängigste Darstellung der vanitas ist die Darstellung des Mädchens, welches in den Spiegel schaut. Sie dünkt sich schön und darum begehrenswert und fängt an, ihre Macht über Männer zu benutzen. Im großbürgerlichen Haus des 19. Jahrhundert wird sie oft nackt vor dem großen Spiegel stehen, aber schon im Rokoko gibt es zahlreiche Darstellungen, in denen sie sich so bückt, daß sie ihre Genitalien im Spiegel sehen kann, oder einen Handspiegel so hält, daß er den gynäkologischen Einblick gewährt, der den heutigen Hardcore-Pornographen männlicher Provenienz so lieb und teuer ist.

 

Sensiblere Männer wie der (echte) Schäfer Gabriel werden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mißtrauisch, wenn sie eine Schönheit wie Bathsheba Everdene sehen, die in seiner Sichtweite den Wagen anhält und den Spiegel herausnimmt, um sich eingehend zu betrachten, ohne dass sie ihn wahrnimmt. In Thomas Hardys 'Far From the Madding Crowd' ist das Pastorale Ort heftiger Tragödien.

 

Hundertfünzig Jahre früher stellt Miss Betty, wie Moll da noch heißt, nach häufigem Blick in den Spiegel fest:

 

... I was almost fourteen years old, was tall of my age, and looked a little womanish; but I had such a taste of genteel living at the lady's house that I was not so easy in my old quarters as I used to be, and I thought it was fine to be a gentlewoman indeed, for I had quite other notions of a gentlewoman now than I had before; and as I thought, I say, that it was fine to be a gentlewoman, so I loved to be among gentlewomen...

 

Die station einer gentlewoman war für ein bitterarmes Waisenmädchen nicht der naheliegende Platz im damaligen gesellschaftlichen Gefüge. Aber es fehlt ihr an modestas, modesty, an Zurückhaltung und Bescheidenheit, und so rennt sie in ihr Unglück wie wenige Jahre früher Robinson Crusoe, der sich mit der ihm angemessenen und überhaupt für Defoe idealen middling station nicht abfinden will, sozusagen den Hals nicht voll genug bekommt und dafür mit langer insulärer Einsamkeit bestraft wird.

 

Here I (Miss Betsy/Moll) continued till I was between seventeen and eighteen years old, and here I had all the advantages for my education that could be imagined; the lady had masters home to the house to teach her daughters to dance, and to speak French, and to write, and other to teach them music; and I was always with them, I learned as fast as they; and though the masters were not appointed to teach me, yet I learned by imitation and inquiry all that they learned by instruction and direction; so that, in short, I learned to dance and speak French as well as any of them, and to sing much better, for I had a better voice than any of them. I could not so readily come at playing on the harpsichord or spinet, because I had no instrument of my own to practice on, and could only come at theirs in the intervals when they left it, which was uncertain; but yet I learned tolerably well too, and the young ladies at length got two instruments, that is to say, a harpsichord and a spinet too, and then they taught me themselves. But as to dancing, they could hardly help my learning country-dances, because they always wanted me to make up even number; and, on the other hand, they were as heartily willing to learn me everything that they had been taught themselves, as I could be to take the learning.

 

Jetzt ist sie kulturell gentrified dank ihrer weiblichen accomplishments, und: Spieglein, Spieglein an der Wand...

 

First, I was apparently handsomer than any of them; secondly, I was better shaped; and, thirdly, I sang better, I had with all these the common vanity of my sex, viz. that being really taken for very handsome, or, if you please, for a great beauty, I very well knew it, and had as good an opinion of myself as anybody else could have of me; and particularly I loved to hear anybody speak of it, which could not but happen to me sometimes, and was a great satisfaction to me.

 

Ihr Abstieg zur häuslichen Privatnutte findet nun in zwei Etappen statt. Die erste ist der Angriff, das, was besonders im englischen 18. Jahrhundert the attack heißt *38: I, being there alone, stepped to the door, and said, 'Sir, the ladies are not here, they are walked down the garden.' As I stepped forward to say this, towards the door, he was just got to the door, and clasping me in his arms, as if it had been by chance, 'Oh, Mrs. Betty,' says he, 'are you here? That's better still; I want to speak with you more than I do with them'; and then, having me in his arms, he kissed me three or four times.

 

Die zweite ist the conquest, die Eroberung, nachdem die Attacke das Mädchen in Wallung gebracht hat:

 

His words, I must confess, fired my blood; all my spirits flew about my heart and put me into disorder enough, which he might easily have seen in my face. He repeated it afterwards several times, that he was in love with me, and my heart spoke as plain as a voice, that I liked it; nay, whenever he said, 'I am in love with you,' my blushes plainly replied, 'Would you were, sir.'...my vanity was elevated to the last degree...he threw me down upon the bed, and kissed me there most violently; but, to give him his due, offered no manner of rudeness to me, only kissed a great while.

 

Nach der Eroberung fehlt nur noch der Vollzug, the feat, wie Rochester schreibt, oder defeat, wie das Mädchen vielleicht nachher denkt. Und jetzt kommt der entscheidende Akt, mit dem unsere Betsy-Moll lernt, Sex und Geld immer schön beisammenzuhalten:

 

Er erzählt ihr, it was all an honest affection, and that he meant no ill to me; and with that he put five guineas into my hand, and went away downstairs.....However, though he took these freedoms with me, it did not go to that which they call the last favour, which, to do him justice, he did not attempt.....he put almost a handful of gold in my hand, and left me, making a thousand protestations of his passion for me,... I had a most unbounded stock of vanity and pride, and but a very little stock of virtue. ...if he had known me, and how easy the trifle he aimed at was to be had, he would have troubled his head no farther, but have given me four or five guineas, and have lain with me the next time he had come at me... As for the gold, I spent whole hours in looking upon it; I told the guineas over and over a thousand times a day. Why, then,' says he, 'I'll take care of you and provide for you, and the child too; and that you may see I am not in jest,' says he, 'here's an earnest for you,' and with that he pulls out a silk purse, with an hundred guineas in it, and gave it me. 'And I'll give you such another,' says he, 'every year till I marry you.'...so putting the purse into my bosom ,I made no more resistance to him, but let him do just what he pleased, and as often as he pleased.

 

Dabei hatte der junge Eroberer es leicht, trugen die Damen doch damals noch keine Unterhöschen: der Verführer schob ihnen das Kleid hoch und schon war alles offenbar. *39

 

Das Ganze macht Moll auch noch reichlich Spaß. Kein Wunder, dass sie später Rochester liest. So betrachtet, ist es nicht unstimmig, daß sie ihre Entjungferung als the trifle bezeichnet, dass sie ja auch in gewissem Sinne ist, wenn man bedenkt, wie schnell sie unter günstigen Bedingungen vonstatten geht. Rake Lovelace wird eine Generation später ebenfalls auf der Entjungferung als einem trifle insistieren, ohne sich damit allerdings noch Freunde zu machen. Die erste Bedeutungsebene in 'Moll Flanders' ist allerdings, dass sie für ihn nur noch die“ Kleinigkeit“ einiger Goldmünzen bedeuten wird. *39b

 

Roxana, Maid Amy, Rahel und ihre Magd.

 

Mit 15 gibt der Vater Roxana Geld und verheiratet sie an this Thing call'd a Husband, den Eminent Brewer. Mit diesem fool lebt sie 8 Jahre zusammen. Nachdem er sich in den Ruin gewirtschaftet hat, verschwindet er sang-und klanglos und läßt sie mit 5 Kindern von ihm zurück. Inzwischen ist sie mit 23 Vollwaise und hat niemand außer ihrer maid Amy, a cunning Wench, and faithful to me as the Skin to my Back (Magd Amy, ein mit allen Wassern gewaschenes Mädel, und so treu zu mir wie die Haut auf meinem Rücken).

 

Diese hilft ihr, die fünf Kinder loszuwerden, die sie nicht mehr ernähren kann. Als sie die Miete für ihr Haus nicht mehr bezahlen kann, bedrängt sie der reiche Hausbesitzer, der genauso verheiratet ist wie sie, erst finanziell, dann sexuell. Er erspart ihr den Mietzins, beschenkt sie und fängt dann an, sie zu küssen.

 

Er macht auch Amy Komplimente. Die weiß gleich, worauf der Herr hinaus will: er will favours, Gunstbeweise. ...he's not unacquainted with...that Poverty is the strongest Incentive; a Temptation, against which no Virtue is powerful enough to stand out. Damit liefert die Magd der Herrin die Argumente für ihre spätere Kapitulation.

 

Als Roxana erst einmal tugendhaft protestiert, schlägt Amy vor, he should lye with me for it with all my Heart. Er macht sich aber mit Umarmungen, Küssen und Geschenken an die Eroberung der Herrin. Wenig später erklärt er Maid Amy, dass er mit ihr die nächste Nacht schlafen möchte, und sie stimmt zu (sie ist noch Jungfrau). Er hat schließlich ein Zimmer im Haus der beiden Frauen und Roxana lädt ihn ein, dort die Nacht zu verbringen (möchte sie Amy zuvorkommen?). Amy sagt darauf: pray Madam, let me go air you a clean Shift; don't let him find you in foul Linnen the Wedding- Night. (womöglich hat nicht nur Moll Flanders sondern auch Amy Earl Rochester gelesen??).

 

Beide Frauen sind nicht nur von der Aussicht auf Wohlstand begeistert, sondern der Vermieter, der, wie sich noch herausstellt, Juwelier ist, gefällt ihnen auch, ja, es ist von „Liebe“ die Rede. Und der Stoffel von Brauer, ihr erster Ehemann, hatte ihr wenig geboten: it was a new thing, so it was a pleasant thing, to be courted, caress'd, embrac'd, and high Professions of Affection made to me by a Man so agreeable, and so able to do me good.

 

Als Amy Roxana für die Hochzeitsnacht einkleidet, sagt sie: Look Madam...if you won't consent, tell him you'll do as Rachael did to Jacob, when she could have no children, put her Maid to Bed to him; tell him you cannot comply with him, but there's Amy, he may ask her the Question, she has promis' me she won't deny you.

 

Laut jüdisch-israelitischem Gründungsmythos (Bücher Mose) sind Jakob und Esau Söhne von Abraham. Jakob heiratet nach langem Dienst beim Schwiegervater in spe erst die erstgeborenene Tochter Lea, und dann Tochter Rahel. Und Laban gab seiner Tochter Rahel seine Magd Bilha als ihre Magd. Lea wird fleißig Gründerväter für das Judenvolk gebären (Ruben, Simeon, Levi,Juda). Rahel aber ist (vorerst) unfruchtbar. Sie sagt: Siehe meine Magd Bilha. Geh zu ihr ein, daß sie auf meinen Knien gebäre, und auch ich aus ihr erbaut werde. Diese gebiert beiden Dan und Naphtali, und wird dann unfruchtbar. Darauf schwängert Jakob die Magd Leas (er ist inzwischen gut in Übung) und die gebärt ihm Gad und Asser. Mit Hilfe eines Aphrodisiakums schafft es Lea, Jakob noch zur Produktion von zwei Kindern von ihr anzuregen (Issaschar und Sebulon). Nun endlich ist Jehova der Rahel gnädig und sie gebärt Jakob den Joseph, bekanntlich äußerst wichtig für die israelitisch-ägyptischen Verwicklungen.*40

 

Es geht hier nicht um jüdische Blut-und Bodenmythologie. Große Teile des sogenannten 'Alten Testaments', einer christlichen Edition jüdischer Texte (ungefähr) des 5./4 Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, wurden aus verständlichen Gründen von der römisch-christlichen Kirche den einfachen Gemeindemitgliedern vorenthalten und die ganze Israel-Story ist erst mit den reformatorischen Bibelübersetzungen unters Volk gekommen und insbesondere unter Teile des angelsächsischen Dissent. *40b

 

Protestantische Bewegungen bauten die Geschichte von den zwei Bünden mit Gott aus: Da war der alte Bund von Jahwe mit den Kindern Israels, beschränkt auf die Kinder jüdischer Mütter, und der neue Bund Gottes mit allen Jesus-Gläubigen, vermittelt über dessen Lehre und Opfertod.

 

Gerade kleinbürgerlichen Dissentern kam das alte Testament viel mehr entgegen als das neue, hatte doch Jesus die sehr unbürgerlichen Forderungen nach Ehelosigkeit, Auflösung der Familie, Ablehnung von Eigentum und hergebrachten Autoritäten aufgestellt: Die Nachfolge Jesu war das Leben als auschließliche Vorbereitung auf das 'Jüngste Gericht', mit dem die Welt untergeht und das Reich Gottes anbricht (jüdischer Messianismus+ hellenistische Heilserwartung), und damit kann ein Mensch, der mitten im Leben steht (wie z.B.Defoe), wenig anfangen. Die alten Juden dagegen ließen sich als wackere Familienväter, fleißige Bauern und Stadtbürger, militante National-Chauvinisten und obrigkeitshörige Untertanen verstehen, alles Dinge, die damals insbesondere im protestantischen Europa hoch im Kurs waren.

 

Nur: Die Rahel-Einlage in der 'Fortunate Mistress', wie der Obertitel von 'Roxana' heißt, macht 'Roxana' genauso spannend wie die Rochester-Einlage die Moll in 'Moll Flanders'. Denn: die Jakob-Rahel-Lea-2-Mägde-Geschichte ist nicht nur eine Geschichte der Vielweiberei (Polygamie), die bei fast allen christlichen Gemeinschaften als verschärfte Unzucht und Todsünde angesehen wird. Das eifrige Kopulieren Jakobs mit den Mägden seiner beiden Frauen ist für das christliche 18.Jahrhundert heftigster Ehebruch, Unzucht und Todsünde, und die Bejahung des ganzen durch beide Ehefrauen macht das zu einer Hölle der fornication (Unzucht). Die christliche Strafe für solche „Sauereien“ war die langwierige Höllenstrafe für alle Beteiligten, das umfassende Brennen und Braten sozusagen.

 

Zwar hatten die Autoren das Vergnügen des Jakob zwischen den Schenkeln der vier ausgelassen, und ihn zu einem pflichtbewußten Erzeuger der Stämme Israels hochstilisiert, aber wir wissen, dass Jahwe bei diesem Treiben wohlwollend zugeschaut hat, ist es doch das Volk seiner Wahl, das hier entsteht. Ja, er hat nicht nur zugeschaut, sondern die Leiber der beiden Ehefrauen bei Gelegenheit geöffnet, um sie wieder bzw. zum ersten Mal fruchtbar zu machen. Für patriotische Juden war/ist dies eine schöne Geschichte, ist es doch der Mythos ihrer eigenen biologischen Genese, außerdem sind traditionell fromme Juden zwar patriarchalisch-autoritär, ihtre Sexualmoral ist aber nicht so auf Abtötung der Fleischeslust aus wie die römischer Katholiken und des radikal-protestantischen Dissents.*41

 

Defoe führt hier eine biblische Geschichte (aus dem protestantisch-christlichen Kanon) ein, mit der erst Amy und dann Roxana Unzucht und Ehebruch begründen. Zur Begründung aus der bitteren Armut der beiden und der Rechtfertigung durch die Zuneigung beider zu ihrem Jeweller-Landlord (die er, wie wir noch sehen werden, redlich verdient, ist er doch kein übler Hurenbock, sondern vor allem ein liebenswerter Mann) kommt also auch noch Gottes Zustimmung.

 

Zwar will Amy an Roxanas statt mit ihm schlafen, weil sie das Schamgefühl bzw. die Ehre ihrer Herrin schützen will, aber ist nicht auch das ein ehrenwerter Grund? Und: Ist die Tatsache, dass Amy Lust darauf hat, von dem Herrn entjungfert zu werden, nicht ein Argument dagegen, daß dies alles nur Hurerei sei ?...wenn man nicht annimmt, das Lust am Sex Hurerei ist.

 

ABER:

 

The Jade prompted the Crime, which I had but too much Inclination to commit; that is to say, not as a Crime, for I had nothing of the Vice in my Constitution; my Spirits were far from being high; my Blood had no Fire in it, to kindle the Flame of Desire; but the Kindness and good Humour of the Man........Der Jeweller macht eine Art (illegalen) Heiratsvertrag mit ihr .in a Word, he conquer'd all the little Resistance I intended to make.

 

Im Unterschied zu Amy ist es (offiziell) bei ihr nicht die Sehnsucht nach sinnlicher Lust, die sie ins Bett des Herrn bringt: da sie dem Herrn nur „gefällig“ ist wie manche Ehefrau auch, sie hat kein Laster im Blut, begeht sie kein Verbrechen...

 

Amy put us to Bed....Dies ist die erste Nacht seit der Desertion des Brauer-Ehemanns, in der beide nicht nebeneinander einschlafen. Einige Zeit später fragt Amy ihre Herrin, ob sie etwa immer noch nicht schwanger sei. Und schon sind wir wieder bei der Rahel-Geschichte angelangt. Amy sagt ihr ins Gesicht: I warrant you, Master wou'd have got me with-Child twice in that time....O, says I, Amy, I'll freely give you my Consent, it will be nothing at-all to me; nay, I'll put you to-bed to him myself one night or other, if you are willing.

 

Da werden nicht nur Männer-Träume wahr (wenn auch nur im Roman; aber: auch unser Autor ist ein Mann), sondern auch Dienstmädchen-Träume: Mit dem Chef schlafen dürfen... Das ganz Erstaunliche aber ist, dass Defoe Amy mit der Rahel-Geschichte auf das Frivolste spielen läßt: Roxana ist gerade mit Amys Hilfe glücklich ihre fünf Kinder losgeworden, sie braucht ein weiteres höchstens, um den Master besser an sich zu binden (das gemeinsame Kind festigt auch die ehebrecherische Ehe). Hätte er ein Kind von Amy, was hätte Roxana davon? Wollen sie ihm Amys Kind als Roxanas unterschieben?

 

Amy hat Lust „auf Sex“, wie manche das heute prüde ausdrücken, und sie ist ja auch alt genug dafür. Will uns Defoe sagen, dass Roxana zwar als Zweitehefrau standesgemäßer ist, aber das Roxana ahnt, daß Amy the better lay (the better fuck, würde Rochester sagen) ist. Ist Roxana beim Koitus so passiv, dass sie diesem ohnehin wenig Bedeutung für sich beimißt, und gönnt sie den beiden anderen das, was sie nicht vermißt?

 

Wenn alles das stimmt, und Defoe gibt uns alle erforderlichen Hinweise dafür, dann ist Defoe der novel-writer reichlich anders als Defoe der Traktatenautor. Doch davon später.

 

Am selben Abend sagt Roxana zum Pseudo-Ehemann: Do you know that you are to lye with Amy to-Night. Diese bekommt jetzt Angst vor der eigenen Courage-. Aber am Abend zieht Amy Roxana aus, und der Master schlüpft unter die Bettdecke: Nay, you Whore, says I, you said, if I wou'd put you to-Bed, you wou'd with all your Heart: and with that, I sat her down, pull'd off her Stockings and Shoes, and all her Cloaths, Piece by Piece, and led her to the Bed to him: Here, says I, try what you can do with your Maid Amy....she lay still, and let him do what he wou'd with her...I stood-by all the while....I brought him to lye with her again several times after that, till at last, as the poor Girl said, so it happen'd, and she was really with-Child.

 

Sie ist offenbar weder abgestoßen noch sexuell angeregt beim Beobachten der Defloration des Mädchens. Sie redet sie jetzt als Hure an, weil sie, die verhurte Pseudo-Ehefrau, jetzt auch das Mädchen “zur Hure” machen wird. Einerseits heißt das, dass Amy keinen moralischen Vorsprung mehr vor Roxana hat, andererseits aber auch, daß sie Lust nicht als bedrohlich empfindet. Zumindest die Entjungferung lässt das Mädchen ängstlich und passiv über sich ergehen, was nicht für große Lustbarkeit spricht. War es ein klinisches Vergnügen, den beiden zuzuschauen? Bedient Defoe nicht den Voyeur-Leser, wenn er die Kleidungsstücke aufzählt, die Roxana ihrer Magd auszieht, samt piece by piece zur Anregung der (männlichen?) Vorstellungskraft?

 

Come, my Dear, says I, when Rachael put her Handmaid to-Bed to Jacob, she took the Children as her own; don't be uneasie. Und so geschieht es dann auch, und damit ist die Rahel-Episode zu Ende, die viel ausführlicher und sicherlich auch verstörender ist als die kurze Erwähnung des Rochester-Gedichts in 'Moll Flanders': Defoe nimmt das Thema der Moll noch einmal auf, um es genauer und spannender zu beleuchten...

 

Die Liebe, die Ehe und die Freiheit der Frauen

 

'Moll Flanders' läßt sich als eine Abhandlung über die Ehe aus weiblicher Sicht, als befreiender Ratgeber für junge Mädchen lesen. Moll benennt in ihren Memoiren sehr plausibel die Interessen der Frauen und tritt vor allem für weibliche Klugheit ein.

 

Sie berät eine Bekannte, sich gegen falsche Kerle zu wehren. Über eine andere sagt sie: die Frau hatte den Mut, nein zu sagen, so seltsam das auch war. Die erstere ist mit Molls Ratschlägen erfolgreich: After some time he recovered himself a little, and from that time became the most humble, the most modest, and most importunate man alive in his courtship.'tis nothing but lack of courage, the fear of not being married at all, and of that frightful state of life called an old maid, of which I have a story to tell by itself. This, I say, is the woman's snare; but would the ladies once but get above that fear and manage rightly, they would more certainly avoid it by standing their ground, in a case so absolutely necessary to their felicity, that by exposing themselves as they do...

 

Noch erstaunlicher ist folgende Passage: that the women wanted courage to maintain their ground and to play their part; and that, according to my Lord Rochester, 'A woman's ne'er so ruined but she can / Revenge herself on her undoer, Man.'

 

Moll lernt es, die Ehegesetze in einem wichtigen Punkt zu unterlaufen: sie versteckt vor der Eheschließung ein Gutteil ihres Geldes vor dem Ehemann, der damit keinen Zugriff darauf erhält: she placed part of her fortune so in trustees, without letting him know anything of it, that it was quite out of his reach, and made him be very well content with the rest. Ihr Fazit für alle Frauen ist: Nichts ist gewisser, als daß Frauen bei Männern dadurch gewinnen, daß sie auf dem Ihrigen beharren, und ihren vorgeblichen Liebhabern deutlich machen, daß sie sehr übelnehmen können , wenn sie gekränkt werden (resent being slighted, und daß sie keine Angst haben, nein zu sagen.

 

Bei Roxana wird das alles noch zentraler, zwingender und überzeugender. Bei ihr ist der Drang nach Selbstbestimmung und Selbständigkeit nicht mehr aus der Not geboren, sondern es ist ein Wesenszug von ihr. So wird sie nach ihren Pariser Abenteuern – sie ist jetzt eine sehr wohlhabende Frau - ein she-merchant. Sie hat keine Neigung, erneut Ehefrau zu sein, hatte ich doch so viel Unglück mit meinem ersten Ehemann gehabt , Ich haßte jeden Gedanken daran; I found, that a Wife is treated with Indifference, a Mistress with a strong Passion; a Wife is look'd upon, as but an Upper-Servant, a Mistress is a Sovereign; a Wife must give up all she has....and be upbraided with her very Pin-Money;, whereas a Mistress makes the Saying true, that what the Man has, is hers, and what she has, is her own; the Wife bears a thousand Insults, and is forc'd to sit still and bear it, or part and be undone; a Mistress insulted, helps herself immediately, and takes another. These were many wicked Arguments for Whoring for I never set against them the Difference another way.....how that, FIRST: eine Ehefrau kann sich ehrenhaft mit ihrem Mann zeigen, wohnt zu Hause und besitzt (???)sein Haus, seine Diener,seine Equipagen, hat zu all dem ein Recht. Sie empfängt seine Freunde, besitzt seine Kinder, bekommt von ihnen Gehorsam und Liebe, und kann den Mann nach dessen Ableben beerben usw....Tatsächlich hat sie zu all dem kein Recht, es sei denn, der Ehemann gewährt es ihr als Gunst. Das weiß der aufmerksame Leser damals und so sind die Argumente für die Ehe, die Defoe hier (schwach) nachschiebt, nicht sehr gewichtig, gemessen an all dem richtigen,was Roxana/Defoe vorher schreibt.

 

Deshalb will sie auch ihren holländischen Kaufmann nicht heiraten. Dieser schläft mit ihr, um sie so zur Ehefrau zu bekommen, aber sie lehnt ab, ihre Freiheit aufzugeben...as to marrying, which was giving up my Liberty ....that I had an Aversion to it.

I told him, I had, perhaps, differing Notions of Matrimony,from what the receiv'd Custom had given us of it; that I thought a Woman was a free Agent, as well as a Man, and was born free, and cou'd she manage herself suitably, might enjoy that Liberty to as much Purpose as the Men do; that the Laws of Matrimony were indeed otherwise, and Mankind at this time, acted quite upon other Principles; and those such, that a Woman gave herself entirely away from herself, in Marriage, and capitulated (conquest reverse!) only to be, at best, but an Upper Servant...

 

That the very Nature of the Marriage-Contract was, in short, nothing but giving up Liberty, Estate, Authority, and very-thing, to the Man, and the Woman was indeed, a meer Woman ever after, that is to say, a slave.

 

He reply'd, that tho' in some Respects it was as I had said, yet I ought to consider, that as an Equivalent to this, the Man had all the Care of things devolv'd upon him; that the Weight of Business lay upon his Shoulders, and as he had the Trust, so he had the Toil of Life upon him, his was the Labour, his the Anxiety of Living; that the Woman had nothing to do, but to eat the Fat, and drink the Sweet; to sit still, and look round her; be waited on, and made much of; be serv'd, and lov'd, and made easie; especially if the Husband acted as became him; and that, in general, the Labour of the Man was appointed to make the Woman live quiet and unconcern'd in the World; that they had the Name of Subjection, without the Thing; and if in inferiour Families, they had the Drudgery of the House, and Care of the Provisions upon them; yet they had indeed, much the easier Part; for in general, the Women had only the Care of managing, that is, spending what their Husbands get; and that a Woman had the Name of Subjection indeed, but that they generally commanded not the Men only, but all they had; manag'd all for themselves, and where the Man did his Duty, the Woman's Life was all Ease and Tranquillity; and that she had nothing to do but to be easie, and to make all that were about her both easie and merry.

 

I return'd, that while a Woman was single, she was a Masculine in politick Capacity; (rechtlich gesehen),that she had then the full Command of what she had, and the full Direction of what she did; that she was a Man in her separated Capacity (feme sole im Unterschied zur feme covert), to all Intents and Purposes that a Man cou'd be so to himself; that she was controul'd by none, because accountable to none, and was in Subjection to none; so I sung these two Lines of Mr.-s. O! 'tis pleasant to be free, / The sweetest Miss is Liberty. I added, that whoever the Woman was, that had an Estate, and would give it up to be the Slave of a Great Man, that Woman was a Fool ...that it was my Opinion, a Woman was as fit to govern and enjoy her own Estate, without a Man, as a Man was, without a Woman; and that, if she had a-mind to gratify herself as to Sexes, she might entertain aMan, as a Man does a Mistress; that while she was thus single, she was her own, and if she gave away that Power, she merited to be as miserable as it was possible that any Creature cou'd be.

 

All he cou'd say, cou'd not answer the Force of this, as to Argument; only this, that the other Way was the ordinary Method that the World was guided by...the Pretence of Affection, takes from a Woman every thing that can be call'd herself... It is not you...that I suspect, but the Laws of Matrimony puts the Power into your Hands...

 

Er kommt dann darauf, dass die Ehe wegen der Kinder erfunden wurde. Am Ende muß er ihr aber im wesentlichen Recht geben.

 

Die erste große emanzipatorische Rede einer Frau ist von einem Mann geschrieben worden, der sich konsequent in eine kluge (und unmoralische) Frau hineinversetzt!

 

Beide Diskutanten sind aber nachher in suspence und wissen nicht weiter. Der ehrenhafte Kaufmann – wohl ähnlich ehrenhaft wie der Kaufmann Defoe – will jetzt weg von ihr, die mit ihm schläft, aber ihn nicht heiraten will. Darauf tut sie dasselbe wie Molls Mutter vor der drohenden Hinrichtung: plead my belly...Defoe erinnerte sich sicher noch, was er zwei Jahre vorher geschrieben hatte. Er ist nun noch entgeisterter: there is something shocking in it to nature. Dann plädiert der holländische Kaufmann wegen des Kindes für die Heirat, und schließlich argumentiert er noch einmal mit seinem being a Christian. Er denkt an das Gericht nach seinem Tode: .I saw he spoke this with a disturb'd Mind...he went out of the Room, in a strange Kind of Confusion. Sie beharrt auf ihrem Standpunkt, obwohl sie zugleich totunglücklich ist. Sie verzichtet auf den idealen Ehemann, so wie Robinson Crusoe auf das Glück (?) der middling station.

 

...seeing Liberty seem'd to be the Men's Property, I wou'd be a Man-Woman; for as I was born free, I wou'd die so, sagt sie dem nächsten Interessenten, Sir Robert Clayton, der im wirklichen Leben einmal Nell Gwynns Finanzberater gewesen war. Sir Robert smil'd, and told me, I talk'd a kind of Amazonian Language.

 

Allerdings ist nicht nur die Sprache “amazonisch”, Roxana weiß auch, dass sie unter ihren gesellschaftlichen Bedingungen ein androgynes Mann-Weib-Gemisch wird, wenn sie diese Position der Stärke durchhält, und Defoe versucht letztendlich deutlich zu machen, dass ihre Position am Ende mit zu viel (psychischem) Leid erkauft ist..

 

Zunächst einmal steigt sie jetzt von der ehemaligen Maitresse eines Prinzen zu der des Königs auf, die Nell-Gwynn-Parallele bleibt. Sie gibt einen Ball für die Hofgesellschaft. Der König kommt maskiert. Sie ist in the Habit of a Turkish Princess; the Habit I got at Leghorn, when my Foreign Prince bought me a Turkish Slave, as I have said. Sie bekommt in the Court End of Town den Namen Roxana und wird zu einer Art exotisch-orientalischer Märchen- Königin. Sie bekommt 500 Guineas anonym geschenkt für einen weiteren Ball. Dort sind zwei Damen als Georgierin und Arrnenierin verkleidet. Roxana tanzt ihren türkischen Tanz. I was now in my Element; I was as much talk'd of as any-body cou'd desire...the common Vice of all Whores, I mean Money,, was out of the Question....Sie ist inzwischen schwerreich und wird dennoch drei Jahre lang Maitresse des Königs. Nach dieser Zeit kommt ein Kavalier an: he turn'd his Discourse to the Subject of Love; a Point so ridiculous to me, without the main thing, I mean the Money, that I had no Patience to hear him make so long a Story of it....I may venture to say, that no Woman ever liv'd a Life like me, of six and twenty Years of Wickedness, without the least Signals of Remorse...

 

Das exotische Moment hier verweist auf Sinnenfreude, verheißt moralfreie erotische Lust. Dies ist, wie wir schon gelesen haben, nicht das, was sie interessiert, aber mit ihrem verheißungsvollen Auftreten kann sie Macht ausüben: Macht nicht um des Geldes willen, sondern weil ihr die Macht guttut. Hatte Frauen-Power jemals bis dahin einen so schönen Ausdruck gefunden? – und wie mager und schwach wirken dagegen die gelegentlichen moralischen Einwürfe von Defoe bzw.der alten Roxana, die sich erinnert.

 

Ein braver Autor verliert sich in seinen Frauen

 

Roxana ist ziemlich früh nicht mehr an Moral interessiert. Indem sie anhand des Brauer-Ehemanns alle Frauen davor warnt to marry a fool, beginnt sie mit einem konsequenten Pragmatismus. Indem sie dem Dutch Merchant klarmacht, dass Heiraten unter den Bedingungen der aktuellen Ehegesetze nur etwas für eine Frau ist, die sie als fool qualifiziert, macht sie nicht Moral, sondern (Lebens)Klugheit zu ihrem obersten Gebot. Damit folgt sie den Wertvorstellungen des Kaufmanns und Geheimdiplomaten Defoe, und indem dieser seiner Heroine das zugesteht, geht er einen Weg, der dem Dissenter-Moralisten Defoe den Boden unter den Füßen wegziehen wird.

 

Moll Flanders lernt den Wert des eigenständigen Lebensunterhaltes kennen: money. Für Roxana in ihrer großen emanzipatorischen Rede ist das einzige, worauf sich Frauen verlassen sollen und können, Geld, d.h. Eigentum. Das ist die Lebenserfahrung Defoes, die dieser nun notgedrungen auch einer Frau zugesteht. A true-bred Merchant is the best Gentleman in the Nation heißt es in 'Roxana', und Defoe wird an anderer Stelle diesen von Charles II. Stuart überlieferten Ausspruch bestätigen. Wenig später in 'Roxana' heißt es: that in Knowledge, in Manners, in Judgment of things, the Merchant out-did many of the Nobility; that having once master'd the World, and being above the Demand of Business, tho' no real Estate, they were then superior to most Gentlemen, even in Estate...an Estate is a Pond; but...a Trade was a Spring. An anderer Stelle schreibt Defoe: We are a trading nation, our business is trade, and our end to get money.

 

Defoe der Kaufmann, Spion und Geheimdiplomat ist der geeignete Autor, um die widersprüchliche Wirklichkeit bürgerlicher Existenz um 1720 zu Papier zu bringen.

 

Die Freiheit des Marktes individualisiert, die Ich-Erzähler Defoes werden zunehmend zu desillusionierten Egomanen. Die Kapitalverwertungsstrategien des Kaufmanns mit ihrer quasi-natürlichen Zwanghaftigkeit entsprechen der Besessenheit, mit der Moll die Diebin und Roxana die Maitresse jeweils ihren Beschäftigungen nachgehen. Der bürgerliche Individualismus reduziert das gesellschaftliche Miteinander auf Rahmenbedingungen für erfolgreiche Geldanhäufung. Jene Wertorientierung der vormerkantilen Zeit, die Defoe-Experte Donaghue als 'Ethik' oder 'Moral' bezeichnet, und die ja ein soziales Phänomen waren, verschwindet hinter der Vorstellung, dass für das Gemeinwesen das gut ist, was für den einzelnen gut ist. Das ist der Weg vom liberalistischen Adam Smith zum utilitaristischen Bentham, deren „rationalistische“ Vorfahren bis hin zu Pufendorf Defoe (und nach ihm mit anderer Brille Rousseau) aufmerksam studiert hat.

 

Im ,The Complete English Tradesman‘ stellt Defoe fest, daß Custom, indeed, has driven us beyond the limits of our morals in any things,which trade makes necessary. ..“. Dabei ist ein zweiter wichtiger Aspekt die Tatsache, daß Luxus Grundlage des Aufschwungs der merkantilen Welt ist. Luxus aber beruht nach damaliger moralischer Auffassung auf Vanitas, -ist doch alles „eitel“ und „Tand“, was nicht nötig ist.

 

Die Luxusdebatte

 

Molls ruinös-luxuriöser Oxford-Ausflug zusammen mit ihrem Ehemann ist vielleicht noch in Erinnerung. Aber Moll die Diebin ist weniger auf Luxus aus, um ihn zu genießen, als um ihn schlichtweg zu haben. Roxana dagegen schwelgt über große Teile ihrer Memoiren hinweg im Luxus,- er ist für sie gehobener Lebensstil: He pleased me doubly too by the figure he came in, for he brought a very handsome (gentleman's) coach and four horses, with a servant to attend him.

 

Als angehende Maitresse bei Hof zieht sie in die Pall Mall, ins Westend, wo Hof und Aristokratie zu Hause sind: they were handsome Lodgings indeed, and very richly furnish'd...my own Kitchen-Ware, and Firing; my Equipage was handsome, but not verygreat: I had a Coach, a Coachman, a Footman, my Woman, Amy, who I now dress'd like a Gentlewoman, and three Maids... I dress'd to the height of every Mode...as for Jewels, I wanted none.

 

Für Samuel Pepys ist es um 1663 die Erfüllung eines großen Traums, mit seiner Frau in einer eigenen Kutsche und livriertem Diener durch London zu fahren – so dass jeder seinen Status und Wohlstand sieht. Von Defoe bis Dickens ist es dann noch wichtig, welcher Bauart die Kutsche ist (Polo oder Mercedes) und wieviel Pferde zum Vorspannen zur Verfügung stehen, d.h. über wieviel Pferdestärken der Besitzer verfügt; in Austen-Romanen ist das der erste Fingerzeig, wie finanziell interessant ein potentieller Heiratskandidat ist. Was sagt der jüngere der beiden Brüder, der erste Ehemann von Moll: 'Well,' says the younger brother, 'but your neighbours, as you call them, may be even with you, for beauty will steal a husband sometimes in spite of money, and when the maid chances to be handsomer than the mistress, she oftentimes makes as good a market, and rides in a coach before her.'

 

Moll und Roxana genießen ungeniert gehobene Qualität bei Tisch. Um 1660 kommen die ersten klassischen Luxusgüter, die zunehmend auch von der gehobeneren Mittelschicht gekauft werden können: In Rugge's 'Diurnal' heißt es: Coffee, chocolate, and a kind of drink called tea sold in almost every street in 1659. Am 25.September 1660 schreibt Pepys in sein 'Diary': I did send for a cup of tee, (a China drink) of which I never had drank before... Diese drei Getränke waren damals nicht nur Resultat der Globalisierung, sondern alle drei entweder gesundheitsschädlich oder zumindest “überflüssig”. Luxus, das wird Sinnenfreude ohne weiteren Nutzen (wenn man von der Statussymbolik absieht). Schönes Geschirr, leckere neue Getränke, modischer Kleider-Schnickschnack, Glück ist nicht mehr fühlbar, wenn es nicht sichtbar, zu schmecken ist.

 

Die Masse der abendländischen Bevölkerung lebt durchs Mittelalter im wesentlichen in einer Selbstversorgungs-Wirtschaft, Geld und Handel sind für die meisten Menschen eine Nebensache. Die Familie ist nicht wie heute bei uns eine reine Konsumgemeinschaft, sondern eine hochproduktive Einrichtung: Nahrungsmittel, die meisten Bedürfnisse des Haushaltes, Kleidung etc. werden weithin selbst hergestellt. Ab dem 16. Jahrhundert beginnt sich das grundlegend zu ändern. Die Arbeitsteilung führt dazu, daß immer mehr produktive Bereiche aus der Hauswirtschaft ausgegliedert werden, zugleich muß die eigene Produktion mehr und mehr Geld erwirtschaften, mit dem das nicht mehr selbst hergestellte auswärts gekauft werden kann. Shopping, Einkaufen wird für die etwas Betuchteren im 17. Jahrhundert zur immer alltäglicher werdenden Freizeitbeschäftigung. In Samuel Pepys' Tagebuch oder in Restoration-Comedies wird der Ausflug zur New Exchange mit ihren Geschäften zu etwas gewöhnlichem.

 

Viele, die nun Geld haben, wollen mehr Geld, damit sie mehr kaufen können; und das Gekaufte wird gezeigt, wie die neue Kutsche bei der Ausfahrt, das Porzellan und Tafelsilber in der Vitrine, die Bücher im showcase, die Stiche und Gemälde an den Wänden. Die Schattenseite ist nicht der steigende materielle Wohlstand, sondern die zunehmende Spezialisierung des Einzelnen, der Verfall umfassender Fähigkeiten, und die Trennung der Produktion vom Konsum: Es ist das („verdiente”) Geld, welches die Produktion begründet und den Konsum ermöglicht.

 

Kommerzialisierung dringt aber offenbar überall danach, alles käuflich zu machen, denn wozu die Mühe der Arbeit für Geld, wenn man damit nicht möglichst alles in der “freien Zeit” kaufen kann. In Defoes Zeit, und sowohl Moll wie Roxana handeln ganz ausführlich davon, führt das die Sensibleren und Nachdenklicheren in der Gesellschaft zu Verunsicherung und Verstörung: Kommerzialisierung ist Entwertung aller Werte, die nicht käuflich sind. Fénelon hat bereits als Konsequenz Askese verlangt. Doch von alledem später mehr.

 

Was Defoe zu verlieren hat

 

Zwei Jahre nach Daniel Foes Geburt (so hieß er eigentlich) erläßt 1662 das englische Parlament den 'Act of Uniformity', der den Dissent aus der Staatskirche und von vielen Posten und Positionen ausschließt. Die Foe-Familie verläßt darauf die ''Church' und schließt sich dem presbyterianischen Dissent an. Anhand von Molls Bekehrung in dem Gefängnis Newgate durch ihren minister (vor ihrer transportation nach Virginia – gibt es einen schöneren Ort der Strafe für eine alte Hure?) läßt sich viel von Defoes Glaubensvorstellungen entdecken:

 

Then I repented heartily of all my life past, but that repentance yielded me no satisfaction, no peace, no, not in the least, because, as I said to myself, it was repenting after the power of further sinning was taken away. I seemed not to mourn that I had committed such crimes, and for the fact as it was an offence against God and my neighbour, but I mourned that I was to be punished for it. I was a penitent, as I thought, not that I had sinned, but that I was to suffer, and this took away all the comfort, and even the hope of my repentance in my own thoughts.

 

... In short, I began to think, and to think is one real advance from hell to heaven. All that hellish, hardened state and temper of soul, which I have said so much of before, is but a deprivation of thought; he that is restored to his power of thinking, is restored to himself.

 

....The word eternity represented itself with all its incomprehensible additions, and I had such extended notions of it, that I know not how to express them. ...I hid nothing from him, and he in return exhorted me to sincere repentance, explained to me what he meant by repentance, and then drew out such a scheme of infinite mercy,

 

...explaining the terms of divine mercy, which according to him consisted of nothing more, or more difficult, than that of being sincerely desirous of it, and willing to accept it; only a sincere regret for, and hatred of, those things I had done, which rendered me so just an object of divine vengeance. (meine Unterstreichungen).

 

Irgendwo (im Himmel?) existiert ein männlicher, väterlicher Gott, der große Patriarch. Ihm begegnet der Mensch nach seinem Tode, wenn seine unsterbliche Seele vor ihn tritt und Gott sein Urteil spricht: Himmel oder Hölle. Gott straft oder spricht frei/belohnt wie ein irdischer Richter. Der katholische und der klassisch anglikanische Christ ist aufgrund der Erbsünde Sünder allzumal. Von der Kirche vermittelte magische Rituale helfen, dennoch ins Heil zu kommen. Der Dissenter- Sünder hat es schwerer, wird ihm doch zum einen die Sünde stärker angelastet, auch weil die katholische Reinigungsmagie fehlt, andererseits kann wahrhafte Reue im 18. Jahrhundert wieder helfen, denn dann ist die Gnade Gottes unendlich.

 

Was für den Katholiken die Kirche, ist für den radikalen Protestanten sein Gewissen. Er muß es immer wieder „erforschen“ und herausfinden, ob er etwas „auf dem Gewissen hat“. Der Rationalist Defoe macht bis in die Sprache deutlich, dass Gewissenserforschung Reflektion ist, Denken. Und was für den Katholiken die Buße, ist für den Protestanten die Reue, die Penitenz (die lateinische poena ist im alten Rom die 'Strafe' gewesen). Reue aber ist Seelenqual, Seelenschmerz, etwas, was schnell ins sado-masochistische Areal abgleiten kann; Rousseau wird den Schmerz dann ohne Reue durchexerzieren.

 

Weder Moll noch Roxana schaffen es, wirklich zu bereuen, haben sie doch vorher ihr Leben genossen, das Lustvolle am Sündigen geschätzt. Außerdem gibt es eine weitere (calvinistische) Dissent- Instanz, die es ihnen schwer macht, nämlich das Schicksal (fate), welches im England dieser Zeit nicht fortuna ist, sondern Providenz. Die Fortuna des späten Mittelalters und der Renaissance (velut luna) dreht sich wie ein Lotterie-Rad (wie der Mond) und läßt dem Mensch Geschick zu-fallen; die göttliche Vorsehung hingegen ist planvoll, wenn auch schwer einsichtig.

 

Als Moll Profi-Diebin wird, sagt sie: But my fate was otherwise determined; the busy devil that so industriously drew me in had too fast hold of me to let me go back; but as poverty brought me into the mire, so avarice kept me in, till there was no going back. Natürlich ist es angenehme Ausrede, vom Teufel besessen zu sein, und natürlich ist das auch sehr laxer Calvinismus; aber religiös korrekt ist immerhin die Vorstellung, daß das menschliche Schicksal von vorneherein determiniert ist. Als Moll gegen Ende ihrer Memoiren ihren (aus Inzest hervorgegangenen) Sohn in Virginia besucht und endlich handfeste Muttergefühle entwickelt, schreibt sie: really my heart began to look up more seriously than I think it ever did before, and to look with great thankfulness to the hand of Providence, which had done such wonders for me, who had been myself the greatest wonder of wickedness perhaps that had been suffered to live in the world.

 

Das ist nun religiös etwas korrekter, aber Defoe hat sich inzwischen so intensiv in seine Moll eingefühlt, dass er spürt, dass immer noch nichts wirklich echt ist. Sprachlich stellt sich das so dar: Gott hat Wunder an ihr vollbracht (Wunder wegen der Größe ihrer Sünden), aber sie selbst ist das größte Wunder an Bösartigkeit und übertrifft Gott insofern bei weitem: Moll ist stolz auf ihr Leben, jenseits aller religiösen Beteuerungen, und es wundert uns nicht.

 

Defoes Religion ist ein Ordnungsmuster, in das er sich und sein Leben einreihen kann, eine vorgegebene Struktur, es ist aber auch eine Legitimationsmöglichkeit für sein Tun. Fleiß, Ordnung, (Selbst)Disziplin, Verzicht auf Lustgewinn, Triebaufschub für ein höheres Ziel (Gewinn auf Erden und im nächsten Leben) sind nicht nur Kaufmannstugenden, sondern längst auch säkular-christliche virtutes. Aber Defoe ist als damaliger Kaufmann auch Spekulant, spekulativer Abenteurer, Reisender und Intrigant. Anders hätte er Moll und Roxana nicht schreiben können.

 

Wie sagt es Vater Crusoe so schön am Anfang vom 'Robinson' seinem Sohne: mine was the middle state,or what might be called the upper station of low life,which he had found by long experience was the best state in the world,the most suited to happiness,not exposed to the miseries and hardships,the labour and sufferings of the mechanick part of mankind,and not embarrassed with the pride,luxury,ambition,and envy of the upper part of mankind. Später heißt es dann: the middle station of life was calculated for all kinds of vertues and all kinds of enjoyments; that peace and plenty were the hand-maids of a little fortune; that temperance, moderation, quietness, health, society, all agreeable diversions, and all desirable pleasures, were the blessings attending the middle station of life.

 

Das sind die wahrhaften Überzeugungen von Defoe, und lieber hört er mit seinen aventurösen Explorationen auf, als sich jenen Krisen und Wagnissen von Innenleben auszusetzen, die viel gefährlicher sind als alle Wagnisse der Seemänner, Seeräuber und reisenden Handelsherren. Jean-Jacques Rousseau wird ihm wenig später Recht geben und in seinem Erziehungsroman seinem Émile bis zum 18. Lebensjahr als einziges Buch den Robinson in die Hand geben; es ist die Geschichte des Bourgeois, der sich zum zivilisierten protestantischen Wilden (zurück und wieder nach vorne) entwickelt, der schrecklichen Synthese von Einsamkeit und bürgerlichen Wertvorstellungen, die hinter allen Roussseautexten lauert. Er vertritt auf hoher See Rousseaus Neigung zum unsteten Wanderleben, zur Beziehungslosigkeit, Mein verrücktes Streben suchte das Glück durch die Abenteuer, wird der von sich selbst gejagte in seinen Bekenntnissen schreiben *43a.

 

Defoes Religiosität ist karg, gefühlsarm, ohne barocke Inbrunst und Rokoko-Sensibility. Das metaphysische Moment erschöpft sich in der Angst vor der Endabrechnung nach dem Tode. Das findet sich wieder in seiner Hochschätzung der Quäker, deren Religion gottgefälliges Alltagsverhalten verlangt. Moll findet ihren very honest Quaker in Maryland, Roxana ihre Quakerfrau nach der Flucht aus dem Westend in der bürgerlichen City.*44

 

Quaker leben wenigstens nach außen ihren Glauben sehr konsequent, aber der Autor von histories und memoirs wie den 'Memoirs of a Cavalier', 'Moll Flanders' und 'Roxana' muß doch immer wieder von erheblichen Zweifeln angefochten sein.

 

Denis Donaghue schreibt in 'The Values of ,Moll Flanders' ': "Defoe assented to Christian ethics only to the extent that it proved amenable to the analogies of trade." Er begründet das mit folgendem Zitat Defoes aus seiner 'Review' vom 22. Mai 1712 über Sklaven: ,He that keeps them in Subjection,whips,and corrects them in order to make them grind and labour,does Right, for out of their Labour he gains his Wealth: But he that in his Passion and Cruelty maims,lames,and kills them,is a Fool, for they are his Estate,his Stock,his Wealth and his Prosperity. *45.

 

Martin Price drückt das so aus: Defoes Erzählungen exemplify the troubled conscience of a Puritan tradesman, aware of the frequent conflict between the demands of commercial gain and those of spiritual salvation. In a way, the books are no longer mere adventure-stories but case histories which exemplify Defoe‘s psycho- religious view of the world.*47

 

Wie heißt es so schön in 'Robinson Crusoe': How strange a chequer work of providence is the life of man! and by what secret differing springs are the affections hurry'd about as differing circumstances present! To day we love what tomorrow we hate;to day we seek what to morrow we shun; to day we desire what to morrow we fear,may even tremble at the apprehensions of.

 

Das ist der zutiefst zweifelnde Fromme, dem die göttliche Vorhersehung nicht nur seltsam vorkommt, sondern so wetterwendisch, wie ein Schachspiel sein kann. In der korrekten protestantischen Lehre wenden sich Gottes Schachzüge am Ende immer zum Guten, - was das jeweils auch sein möge. Die Umstände (circumstances), die eigentlich Gottes Wille sein sollten, scheinen aber aus dem providentiellen Gott einen Verfasser von Abenteuerromanen zu machen, dem die verschiedenen Quellen menschlicher Affekte geheimnisvoll oder vielleicht gar unheimlich bleiben.

 

Der immer wieder gefährdete Protestant Defoe erlebt seine Gefährdungen wohl ganz stark aus unbewußten Regungen heraus, die als Abenteuererzählungen bei ihm hochsteigen können. Sein Leben hat er, soweit (mir) bekannt, so eingerichtet, daß er möglichst Stabilität und jene Sicherheit daraus gewinnt, die seinen Entdeckungsreisen erst die solide Heimatbasis geben. Er ist ein guter Ehemann, wie Moore beschreibt: “Die meisten Autoren von Defoes Zeit zeichnen sich nicht als gute Familienmenschen (family men) aus – ob wir an die kalkulierte (cautious) und lieblose Ehe von Addison denken, an die kruden Fälle von Untreue von Steele oder an die Junggesellen Congreve und Prior (mit ihren Geliebten) und Swift (mit einem einen hastig zurückgezogenen Heiratsantrag und seiner seinen langen und heimlichen Freundschaften so jealously guarded. Pope ohne Krankheit oder körperlicher Deformiertheit wäre vielleicht eher wie Defoe gewesen” *5.

 

In 'A Treatise on the Use and Abuse of the Marriage Bed' schreibt er: ,How little is regarded of that one essential and absolutely necessary part of the composition called love; without which the matrimonial estate is, I think,hardly lawful; I am sure it is not rational, and,I think,can never be happy."*48

 

 Es gibt eben drei Arten von Huren bei Moll, Roxana und Defoe. Da ist die Hure, die sexuell kalt ist, und darum Hure, die zweite ist Hure, weil ihr Sex einfach Spaß macht, und die dritte Sorte ist die Ehefrau, die ohne Liebe mit ihrem Ehemann kopuliert. ,,In an age ot sensual pleasures, he was an unusually abstentious man. He regarded tobacco as useless in medicine,and he was free from drunkenness and licentiousness."*49. Um so beachtlicher sein Einfühlungsvermögen in Menschen, die anders sind.

 

Vom Traktieren zum Erzählen

 

Bonamy Dobrée hält 'Moll Flanders' für den ersten modernen Roman: 'Moll Flanders'... markiert die Geburt des modernen Romans...Hier haben wir zum ersten Mal, denke ich, die Geschichte einer gewöhnlichen (ordinary) Person in einer alltäglichen Welt...Nach Defoe bekommen wir Richardson, Fielding und so weiter, die alleGeellschaftsstudien schreiben...hier, zum ersten Mal, in ,Moll Flanders', haben wir die ungeschminkte Biographie einer Person, die Sie oder ich auf der Straße treffen könnten." *50.

 

Der Einstieg für Defoe in das, was novel ist, waren wahrscheinlich die zahllosen Briefe, die er geschrieben hat. Viele seiner Traktate werden dann auch in Briefform gefaßt. So ist er erst der Ich-Autor der Traktate und wird dann zum Ich-Erzähler seiner Romane, die er selbst histories und memoirs nennt. Dobrée findet, daß er dieses Aufgehen in einer Rolle zum ersten Mal in 'The Shortest Way with the Dissenters' (1702) zur Meisterschaft gebracht hat: diese Fähigkeit, so in das Wesen der gerade portraitierten Person einzudringen, dass er anscheinend diese Person wird, so dass er deren Emotionen hat und mit seiner oder ihrer authentischen Stimme spricht *51.

 

,'The Shortest Way with the Dissenters' ist so überzeugend, daß es von High-Church-Fanatikern als ihr Text begriffen wird, obwohl es mit dem Mittel der Übertreibung gegen sie geschrieben ist.: "Defoe,in fact, had identified himself so absolutely with his persona that ,The Shortest Way' was almost indistinguishable from the Highflyer outburst lt proposed to be." *52. Das ist genau auch Swifts Talent, wie er es in der Satire zeigt, die vorschlägt , die irische Überbevölkerung dank Kinderreichtum und den Nahrungsmangel auf einen Schlag dadurch zu beenden, dass die Iren einen Teil ihrer Kinder einfach aufessen sollen ('A Modest Proposal...).

 

1715 geht Defoe mit 'The Family Instructor' einen Schritt weiter und entwickelt Dialog-Szenen. "Dies höchst populäre Werk war praktisch eine Serie von didaktischen häuslichen Schauspielen in welchen Gruppen von Mittelschicht-Charakteren, jung, adoleszent und in mittleren Jahren sich in einer ihrem Alter, Geschlecht und Sozialstatus (station) angemessenen Sprache unterhalten." *52.

 

Zimmerman zählt auf, aus welchen Genres Defoe schöpft, um seine Romane zu bauen: "Das Tagebuch, die spirituelle Autobiographie, die Verbrecherbiographie und Autobiographie, Reisebericht, pikareske Abenteuergeschichte und die historische Erzählung sind unter den Formen, die er in die neue fiktionale Form verwandelte." *53. Elementar wichtig wird die Kriminalgeschichte. In Defoes alten Tagen wird sie immer populärer, und sie ist noch Verbrechergeschichte im klassischen Sinne. "...there was in the last years of Defoe's life a ready sale for lives of Criminals. With the rapid increase of a semiliterate reading publlc,an exciting life of a really interesting criminal had a more immediate sale than any other book of the day.The greatest best-seller of modern times,'Robinson Crusoe',required three months and twelve days to reach its fourth edition; five years later Defoe's ,Narrative of all the Robberies,Escapes,etc. of John Sheppard reached its eighth edition in four months."*54.

 

Am 25. Juni 1720 wird Defoe fest angestellt bei John Applebee, der sich auf die Veröffentlichung von Verbrecherbiographien spezialisiert hat. Between 1720 and 1726 Defoe seems to have made public appearances as ,Mr.Applebee' or as ‚Mr.Applebee‘s man' and to have received from criminals in their cells or at the scaffold the manuscripts which he had previously furnished them and which were to be published immediately as their authentic lives. ...Defoe produced biographies or other narratives of many criminals with two each for the notables Jack Sheppard and Jonathan Wild.*55 Mit letzterem wird auch Fielding den Einstieg ins Romangeschäft versuchen, nachdem ihn die Wiedereinführung der Theaterzensur dieses Feldes beraubt hat.

 

Mit Defoe tritt jene Beunruhigung des (bürgerlichen) Individuums in die Literatur ein, die ihr bis heute bleiben wird. Deshalb dieses genauere Eingehen auf ihn und die Entstehung des modernen europäischen Romans. Und dazu ist es nötig, und nicht zum letzten Mal, auf jenen Weg von Locke über Hume bis Kant einzugehen, der den gedanklichen Hintergrund für diese Erste Allgemeine Europäische Verunsicherung abgibt. 'In 'An Essay Concerning Human Understanding' meint Locke: Let us suppose the mind to be,as we say, white paper,void of all characters,without any ideas; how comes it to be furnished? Whence comes lt by that vast store, which the busy and boundless fancy of man has painted on it with an almost endless variety? Whence has it all the materials of reason and knowledge?. To this I answer, in one word, from experience; in that all our knowledge is founded, and from that it ultimately derives itself.“ (*56, meine Unterstreichung)

 

Die gnadenlose Problematik der hier festgestellten Subjekt-Objekt-Opposition wird Kant mit der transzendentalen Einheit der Apperzeption und der Ableitung des Unterschieds zwischen Wissen und Glauben zu lösen versuchen, um der mechanistischen Input-Output-Falle zu entgehen. Wichtig für die Entstehung des bürgerlichen Romans ist aber vor allem auch Lockes Wiederaufnahme des heraklitischen panta rhei: Locke akzeptiert die Ansicht, daß das, was ist (matter) sich ständig ändert: während unseres ganzen Lebenslaufes ändern wir ständig unsere Substan, aber behalten dieelbe Identität. Obwohl Locke die Frage der Materialität der Seele offen läßt. Argumentiert er, daß die perönliche Identität auf etwas anderem beruht als einer kontinuerilichen Substanz – auf Bewußtsein.*57. Die Ich-Erzählung Defoes ist ein steter, allerdings reflektierter und edierter Bewußtseinsstrom.

 

Rousseau-Freund David Hume wird 1739-40 in seiner 'Treatise of Human Nature' schreiben: In order to justify to ourselves this absurdity,we often feign some new and unintelligible principle,that connects the objects together and prevents their interruption or variation.Thus we feign the continued existence of the perception of our senses to remove the interruption,and run into the notion of a ,soul' and ,self' and ,substance' to disguise the variation. Das Selbst ist für Hume nur a bundle or collection of different perceptions;which succeed each other with an inconceivable rapidity and are in perpetual flux and movement.'Although memory is the source of our notions of identity,it imposes a unity that does not exist:'...identity is nothing really belonging to these different perceptions and uniting them together; but is merely a quality which we attribute to them because of the union of their ideas in the imagination when we reflect upon them...The identity which we ascribe to the mind of man is only a fictitious one without being any the less impelled to create the fiction. - To feign ist das Schlüsselwort...

 

Diese beunruhigende Einsicht versucht Kant in seinen Kritiken zu überwinden, vielleicht wäre es besser gewesen, sie auszuhalten. Defoe versucht etwas funktional ähnliches in seinen Geschichten. Der wohl verstörendste Satz Humes stellt fest, dass Hume (Ich) auf der Suche nach sich selbst, always stumble on some particular perception or other, of heat or cold, light or shade, love or hatred, pain or pleasure. I never can catch myself at any time without a perception,and never can observe anything but the perception.*57b

 

The novel,uniquely sensitive to context and situation,seems to be the best literary convention ever devised to present an acceptable or convincing version of the situation that Hume describes...Casuistry is the source of both the fragmentation and coherence of Defoe's fiction; lt is a habit of mind which operates on case histories by accepting and examining all the data of experience and finally extracting.*58

 

Im tiefsten Dickicht eines dunklen Kontinents

 

'Roxana' ist eine Reise in die aristokratische Welt des Stuart-Hofes, der Rochester, Behn, Wycherley, Etheredge, als Ausflug des Bürgers in das GANZ ANDERE *60. Was Defoe noch (nur) literarisch erkundet, wird am Ende auch Lebensform in der Einheit von „Kunst“ und Leben sein. Er nähert sich immerhin dieser exzessiven Modernität: Nearly all of Defoe's fictional works cause us to identify imaginatively with characters whose actions we regard as blameworthy. At the same time that they compel sympathy,his heroes and heroines evoke moral judgment,and our two responses are often sharply opposed.*61

 

Defoes erstes Prinzip ist das sehr mechanistische des Getriebenseins der Figuren von der Not(Wendigkeit), necessity. Diese hat eine äußerliche Seite, die Umstände, und eine innere, Persönlichkeit bzw. Charakter der Handelnden. Sie wirkt bei Moll Flanders, bis sie wohlhabend ist und jeder materiellen Not ledig. Aber warum kann sie jetzt nicht mehr anders als kriminell zu sein? Sie selbst sagt im Newgate-Gefängnis: It seemed to me that I was hurried on by an inevitable and unseen fate to this day of misery, and that now I was to expiate all my offences at the gallows. Aber Defoe sorgt dafür, daß sie es sich hier wie auch anderswo reichlich bequem macht.

 

Sutherland beschreibt, was wirklich passiert: What Defoe has not fully recognized in ,An Essay on Honesty' comes increasingly to the fore in his novels:psychological needs,seemingly unrelated to survival,may be just as coercive as more easily recognized ,necessities'. Roxana tries to explain her necessity as ,bread' when it is a related but far more complicated need. In ,An Essay on Honesty', Defoe considers cases of material necessity, especially matters of food and money.But once the possibility of psychological necessity is admitted, Defoe's and Roxana's neatly delineated traditional moral world is obscured. Moral judgments become confused and confusing assessments of characters‘ inner worlds. In novel after novel, Defoe shows men and women engaged in obsessive behavior that is rationalized but not explained.*62

 

Aphra Behn und Deloney gehen voran und Defoe verläßt endgültig das Terrain der romance und schreibt den bürgerlichen, den sogenannten realistischen Roman *63. Als weitgereister alter Mann, der alle Kreise und Schichten der Gesellschaft kennt, sich eine aktuelle Dissenterbildung verschafft hat, beschreibt er seine wahrnehmbare, erfühlbare und vorstellbare Wirklichkeit und muß feststellen, daß die neue Freiheit rationalen Denkens bedrohliche Folgen hat: Es ist nicht die Abwesenheit der Vernunft, von der Goya hundert Jahre später meint, dass sie Monster gebiert (er meint das spanische Kriegselend), Verstand und Vernunft können beide selbst die Menschen verstören, wenn sie die Rahmenbedingungen sprengen, die die Tradition und die Erfahrung setzen.

 

In 'Roxana' geht das folgendermaßen vonstatten: Nachdem der König ihrer nach drei Jahren überdrüssig ist, steigt sie ab, wenn auch noch zur hochbezahlten Maitresse eines Lords. Und dann kommt der Wendepunkt mit folgender Aussage: I may venture to say, that no Woman ever liv'd a Life like me, of six and twenty Years of Wickedness, without the least Signals of Remorse; without any Signs of Repentance; or without so much as a Wish to put an End to it.

 

Genau da beauftragt sie Amy, nach ihren Kindern zu forschen. Die sind inzwischen Dienstboten. Ein Junge bekommt Geld für eine gute Ausbildung. Amy entdeckt dann, daß eine der Dienerinnen Tochter von Roxana ist. Sie schickt sie fort. Über dritte wird ihr Geld geschickt. Nun schreibt Roxana: I began to be sick of the Vice...I found that my Judgment began to prevail upon me hard to fix my Delight upon nobler Objects than I had formerly done. Sie verabschiedet den Lord, aber wir sehen: sie wird nicht moralisch, sondern des Lasters überdrüssig (durchaus verständlich auf ihre alten Tage). Amy und Roxanas Tochter (Susan) werden nun immer vertrauter miteinander. Susan kennt Roxanas Vergangenheit und darf nicht wissen, daß das ihre Mutter ist. Sie (er)kennt 'Roxana' nur im türkischen Kostüm.

 

Roxana zieht in den bürgerlichen Osten Londons um, in die City. Sie lernt eine Quakerin kennen, kleidet sich am Ende wie eine solche und „wird bürgerlich“. I was now in a perfect Retreat indeed. Retreat hatte sie auch die Zeit genannt, die sie als Maitresse des Königs in völliger Zurückgezogenheit verbracht hatte. .I pretended,after I had been there some time, to be extremely in love with the Dress of the Quakers...to see whether it wou‘d pass upon me for a Disguise.

 

...I had not only learn'd to dress like a QUAKER, but so us'd myself to THEE and TH0U,that I talk'd like a QUAKER too,as readily and naturally as if I had been born among them;and,in a word,I pass‘d for a QUAKER among all People that did not know me. Sie fahren in einer Kutsche als Quaker durch die Stadt...there was not a QUAKER in the Town look‘d less like a Counterfeit than I did. ...

 

Roxana verkleidet sich als Quaker, so wie sie sich früher als „Roxana“ verkleidet hatte. Sie versteckt sich vor der Öffentlichkeit: Wen versteckt sie, wer ist dieses „sich selbst“? Vermutlich ist ihr Rückzug aus der Öffentlichkeit der Versuch, wechselnde Rollen durch stabilere Identität zu ersetzen: Sie erinnert sich, dass sie Mutter ist, und sie versucht, ihre Kinder zu finden, um als Mutter ein wenig solides „Selbst“ herzustellen. Zu diesem Zweck muß sie sich aber ständig verkleiden. Wie kann das gutgehen...

 

Auftritt jetzt noch einmal der Pariser Prinz und der Dutch Merchant. Beide halten um ihre Hand an, sie entscheidet sich für den prächtigen Aristokraten, der aber dann schwer verwundet wird. Nothing can be so ridiculous as the simple Steps we take in such Cases: a Man or a Woman becomes a meer Malade Imaginaire; and I believe,may as easily die with Grief,or run-mad with Joy (as the Affair in his Fancy appears right or wrong) as if all was really and actually under the Management of the Person.

 

Der Merchant erklärt ihr nun, er könne sie durch Titelkauf zur Countess machen. Sie wird Baronet und heiratet: the Life of Crime was over.Aber ihr inneres Unglück nimmt rapide zu: I grew sad, heavy, pensive, and melancholly; slept little,and eat little; dream'd continually of the most frightful and terrible things imaginable: Nothing but Apparitions of Devils and Monsters; falling into Gulphs, and off from steep and high Precipices, and the like; so that in the Morning,when I shou‘d rise, and be refresh‘d with the Blessing of Rest, I was Hagridden (gramvoll bedrückt) with Fights and terrible things, form'd meerly in the Imagination; and was either tir'd, and wanted Sleep, or over-run with Vapours,and not fit for conversing with my Family or any-one else.

 

Tochter Susan lernt Schwester und Bruder kennen und kommt auf die Fähre zu Roxana. Zunächst denkt sie allerdings, Amy sei ihre Mutter. Wir sehen, auch Susan sucht nach einer stabilen Identität. Schließlich vermutet sie, dass Roxana ihre Mutter ist. Amy was so provok'd, that she told me, in short, she began to think it wou'd be absolutely necessary to murther her: That expression fill'd me with Horror; all my Blood ran chill in my Veins, and a Fit of trembling seiz'd me, that I cou‘d not speak a good-while.

 

An Bord eines Schiffes als Gast des Captains, kurz vor der Uberfahrt nach Holland, entdeckt Roxana Susan. Sie ist außer sich. Kurz darauf kommt die Frau des Captains mit “ihrer Freundin Susan” zu Roxana. Susan erzählt vom ,,türkischen" Tanz von Roxana in Pall-Mall. Die Quaker-Frau hatte gesagt, ihre Mieterin habe ein solches Kostüm. Nun wird die Reise nach Holland verschoben....the Clouds began to thicken about me, and I had allarms on every side. Der Kapitän erzählt dem Dutch Merchant, dass seine Frau eine Tochter habe. Der versteht das falsch; Roxana und Amy sind in völliger Aufregung. Inzwischen geht Susan zum Quaker-Haus und sagt der Quaker-Frau, dass Roxana ihre Mutter sei. Dann will sie ihrer Mutter hinterherreisen. Für uns als gläubige Leser ist beunruhigend, dass die ehrbare Quakerfrau sich jetzt als cunning herausstellt, und nun Roxana als spy dient. Roxanas Welt bricht zusammen, und an wen und was sollen wir uns jetzt als Leser noch halten... I was safe no-where...Aber auf Amys Mordpläne will Roxana sich nicht einlassen.

 

Susan sucht ihre Mutter, die sich monatelang vor ihr versteckt. Sie schickt Amy weg und sorgt sich zugleich um ihre Tochter: I hatte niemand, zu dem ich ein Wort reden konnte , to give Vent to my Passion....Als sie erfährt, daß Susan zum letzten Mal in Begleitung von Amy gesehen wurde, muß sie davon ausgehen, daß ihre getreue Gefährtin ihre Tochter ermodet hat. She haunted my Imagination,if she did not haunt the House; my Fancy show'd her me in a hundred Shapes and Postures; sleeping or waking,she was with me: Sometimes I thought I saw her with her Throat cut;some-times with her Head cut.and her Brains knock'd-out; other times hang‘d up upon a Beam; another time drown'd in the Great Pond at Camberwell.

 

Sie reist mit ihrem Merchant-Ehemann nach Holland, nachdem sie die anderen Kinder versorgt hat. Dort bricht die Geschichte ab mit der vagen Feststellung, daß sie nach einigen Jahren Lebens in Wohlstand fell into a dreadful Course of Calamities...

 

Um die Katastrophe der Fortunate Mistress zu verstehen, sei hier noch einmal aus Zimmermans spannendem Defoebuch zitiert: “In Defoe's novels, a common metaphor for depravity is the loss of sensation: ,stupid' and ,senseless, deaf‘ are the words that Roxana uses to describe herself. She feels ,profound tranquillity' in her laison with the prince, but this feeling is only evidence that 'lethargic Fumes doz'd the Soul'. For Roxana, to be fully sentient is to experience pain. She assumes that all pleasurable feelings are superficial and conceal a grimmer truth. Pleasure is less real than pain,and her ability to feel peaceful emotions is evidence, that she is not entirely depraved.”

 

Während die romance vordergründig ein wunderbares Phantásien zum Gegenstand hatte, beschäftigt sich Defoe mit der schmerzhaften „Wirklichkeit“: Wirklichkeit aber ist, dass Leute wie Robinson, Moll und Roxana rationale Wesen sind, die planvoll leben, dass ihre zentralen Antriebskräfte zwar rational beschrieben werden können, dabei jedoch nicht in Übereinstimmung mit ihren innersten Bedürfnissen existieren. Zimmerman stellt fest, dass das volle Gefühl für Roxana das des Schmerzes ist. Oben habe ich erklärt, dass bei Roxana die Gefühle im Kopf steckenbleiben: Sie sind gewußt, benennbar, aber sie werden im Körper zu wenig ausagiert. Wenn elementare Wirklichkeit (und das ist meine Definition) die spürbare ist, dann ist sie für Roxana der Schmerz, denn der bricht sich leichter Bahn als die Freude. Wir sind alle schmerzfähig, aber nie im gleichen Maße glücksfähig.

 

Roxanas Geschichte läßt sich als psychische Krankheitsgeschichte lesen, mit narzistischen Momenten, dekompensierenden Phasen etc. Da es aber in diesem Sinne weniger ihre Geschichte als die von Defoe ist, und die Symptomatiken nicht seine sind, handelt es sich um eine gesellschaftliche Krankheitsgeschichte, die es nicht klinisch, sondern nur alltäglich zu verstehen gilt. Und zwar nicht am literarischen Werk, sondern in immer neuen Anläufen, mit dem Thema immer wieder neu umzugehen: Wie gehen Verstand und Vernunft und Gefühl und Empfindsamkeit miteinander um; was macht dabei der Kopf und was der Körper....*64.

 

Der Weg vom definitiven Gefühl in die indefinitere Empfindsamkeit, von der Situation in den Zustand, ist ein langer und fließender. Defoe wurde von dieser Entwicklung weitgehend verschont. In seinen englischen Reisebeschreibungen ist er ganz der nüchterne Kaufmann, der das Florieren eines Hafens vermeldet, aufzählt, was hier und dort auf dem Markt verkauft oder im Gewerbegebiet hergestellt wird. Bei landschaftlichen Schönheiten oder Kunstwerken verweilt er nur, um auf andere zu verweisen, die das immer schon ganz wunderbar dargestellt haben.

 

In seinen Traktaten tritt er für Liebesheirat und Liebesehe ein, wendet sich aber gegen übertriebene Lustbarkeiten im Bett und gegen (immer maßlosen) Luxus, den er allerdings andererseits als Kaufmann bedient.

 

Moll ist alles andere als empfindsam, ihr Einfühlungsvermögen ist völlig unterentwickelt, wenn es nicht eindeutig dem eigenen Vorteil dient. Gefühle leistet sie sich immer wieder, aber sie spielen in der von ihr redigierten Nachbetrachtung ihres Lebens eine untergeordnete Rolle. Dasselbe gilt auch von Roxana, die zwar zunächst wohlerzogene Gewissensbisse hat, diese aber nicht empfindet, sondern nur denkt, und die ihr ganzes Leben lang nicht bereuen kann, sondern nur so tun kann als ob.

 

Als raffinierter und hochintelligenter Kopftyp verfällt sie am Ende einer besonders gruselig-diffusen Empfindsamkeit, die sich in Wachträumen, Alpträumen, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen und anderem entlädt. Wie kommt es dazu, und was bedeutet das?

 

Die Krise beginnt, als sie an ihre Kinder denkt und Amy nach ihnen forschen läßt, sie beginnt aber nicht deswegen. Vielmehr deutet sich die Krise schon an, als sie an die Kinder denkt, was sie bis dato und als sie noch stärker war, nicht getan hatte. Sie ist jetzt ehemalige Edelhure, sogar den König hatte sie becirct. Sie ist eine enorm reiche Frau im Quakerhabit. Sie hat “alles erreicht” und nichts mehr vor sich als jenen für sie immer nur langweiligen Durchschnittsalltag, den sie nie wollte.

 

Wer nichts mehr vor sich hat und sich noch nicht auf den Rückblick beschränken will, ist mit sich selbst allein. Sie selbst ist sich aber zu wenig, ihr produktiver Gefühlshaushalt hatte sich immer mehr auf Freude am Luxus-Genuß reduziert, als Nutte hatte sie andererseits vermutlich im Bett den Ekel kennengelernt, den die großen Mairessen Charles II. vielleicht nicht so empfanden, weil ihre Lust-Arbeit für sie womöglich Berufung war. Roxana ist zwar den Rollen von Lucy Walter, Barbara Villiers/Palmer, Nell Gwyn und Louise de Kéroualle nachgebildet, aber Defoe kann sich wohl in einen Aspekt dieser großen Kurtisanen nicht hineinversetzen, ihren Spaß an der sexuellen Lust um ihrer selbst willen, den sie schon früh beim Masturbieren und Petting ausprobierten (wie Pepys und Harry Killigrew übereinstimmend z.B.von Barbara Villiers berichten. *64a

 

Roxanas Lustempfinden und Leidenschaftlichkeit ist, wie sie selbst mehrmals betont, gering ausgebildet. Eine große Kurtisane muß dem Galan aber nicht nur Lust auf vielerlei Weise bereiten, sie muß sie ihm in der Regel auch als eigene Lust anbieten. Sex ohne Lust ist nicht nur unappetitlich, sondern ruft in aller Regel Ekel hervor, der durch Machtgefühle der Maitresse ein wenig kompensiert wird. Darüber hinaus führt vorgespielte Lust leicht zu jenem neurotischen Zustand, den das englische 18. Jahrhundert mit dem Wort ennui belegte (eine Neuübernahme als Modewort aus dem Französischen, nachdem das Wort schon einmal als annoy anglisiert worden war *64b). Romantischen ennui wird später Alfred de Musset als maladie du siècle empfinden, zwischen Flaubert und Maupassant wird das dann der Überdruß dessen, der alles schon zur Genüge hat(te) und nicht (mehr) genußfähig ist.

 

Roxana wird in dieser Situation immer gefühlsunfähiger, gefühlsärmer, sie sinkt in einen Zustand vager Empfindsamkeit, die hier Ausdruck seelischer (Be)Dürftigkeit ist. Aus diesem diffusen Zustand will sie sich retten, indem sie sich ein (konventionelles) Ziel setzt. Amy soll die Kinder finden, damit sie diese unterstützen kann. Tochter Susan hat aber Roxana bei Hofe als Kurtisane im Roxana-Kostüm tanzen gesehen, und darf sie darum nicht mit der Frau im Quakerkostüm verbinden. Schließlich muß sie vor der Tochter fliehen und mitanhören, dass Amy nur noch eine Lösung sieht, nämlich die Tochter zu töten. Diese verschwindet kurz darauf. Aus dieser ungeheuerlichen Katastrophe versucht sich Roxana in eine morbide, von Dekompensationserscheinungen durchsetzte Depression zu retten, in der nach den Gefühlen und Empfindungen auch fast alles Gespür verschwindet: Sie regrediert immer wieder in jenen frühkindlichen Zustand, den Freud als polymorph-pervers beschrieben hat, aber mit dem Körper und den Erinnerungen einer alternden Luxus-Hure. Defoes Ausflug in die Empfindsamkeit ist der Ausflug zu einem am Ende seelisch ganz armen Menschen, und empfindsam ist Roxana als empfindlich nur noch gegenüber sich selbst. Sie ist krank.

 

Die Nerven und die Empfindsamkeit

 

Die hardheartedness und das „Herz aus Stein“ verweisen auf das Herz als Sitz des Gefühls, obwohl es längst die Entdeckung gibt, daß Empfinden und Fühlen etwas mit den Nerven und dem Gehirn zu tun haben könnten.

 

Das 17. Jahrhundert ist nicht zuletzt auch das der Anatomen. Einer der herausragenden in der Restoration-Periode war Thomas Willis, der als Ort der Seele das Gehirn annahm und vermutete, dass dessen Funktionen von den Nerven ausgingen. Willis' Schüler John Locke entwickelt diese Ideen 1690 weiter in seinem 'Essay Concerning Human Understanding'. Darin behauptet er, das Hirn sei ursprüngliche eine tabula rasa, d.h. leer und fülle sich mit Eindrücken, sensations, ähnlich wie denen (impressions) in Wachs, die von den Sinnesorganen aufgenommen und dann durch die Nervenbahnen geleitet würden, und sie assoziieren sich im Kopf ganz individuell miteinander. Sensibilität ist danach die Fähigkeit, Eindrücke aufzunehmen. Die Nerven sind nach dieser “Theorie” hohl und die Informationsweitergabe erfolgt über ein Fluidum, den animal spirit, der noch bei Jane Austen die Menschen beleben wird *64c.

 

Parallel dazu entwickelt Newton seine Theorie vom Hirn als Sensorium, wobei seine Nervenbahnen fest sind (strings) und die Informationsweitergabe über Vibrationen erfolgen soll.

 

1749 veröffentlicht der Drucker Richardson David Hartleys 'Observations of Man', die Lockes Theorien weiterentwickeln und popularisiern. Dessen Patient und Freund ist Dr. George Cheyne, der wiederum Richardsons Arzt ist, und mit seinem Patienten eine intensive Korrespondenz führt. Auch Cheyne sieht das Gehirn als Sitz der Seele und er betrachtet psychische Störungen jetzt nicht mehr gemäß der Humoraltheorie. Feeling ist bei ihm allerdings noch nicht das „Gefühl“ (Freude, Trauer, Schmerz etc), sondern im ursprünglichen Sinn das „Gefühlte“: das, was von den Nervenenden durch die Nerven-Bahnen zum Gehirn transportiert wird und sich dort im Sinne von Locke niederschlägt: Sein feeling sind also die gespürten Empfindungen. Insofern ist dann sensibility im wörlichen Sinne Sinnlichkeit, nämlich das Vermögen, mit den Sinnen aufzunehmen.

 

Wie bei der Perzeption und der Intelligenz gibt es auch bei der Sensibilität unterschiedliche angeborene Fähigkeiten. Cheyne stellt fest, daß die Empfindsameren mit feineren Nerven ausgestattet seien, dass dies vor allem Frauen und höher gestellte Männer seien, und dass spezifische nervöse Störungen wie die „Hysterie“ bei ihnen häufiger aufträten. Sein Schüler Lovelace kann so feststellen: Einige Leute sind so empfindsam für den Kratzer von einer Stecknadelspitze wie andere für einen Schwertstoß; und wer weiß schon etwas über die Empfindsamkeit solcher Kerle zu sagen (Some people are as sensible of a scratch from a pin's point as others from the push of a sword; and who can say anything for the sensibility of such fellows? 4-111)

 

Nervous heißt bis ins 18. Jahrhundert stark, kräftig, es wird dann aber zur Störung der „Feinnervigen“. Heilung sind die frische Luft und exercises, die der Arzt der sterbewilligen Clarissa anheimstellt und jene Frugalität beim Essen und Trinken, -die Rezepte, die von Fénelon bis zur nervösen Wollstonecraft propagiert werden. Noch diese wird die allzu feinen weiblichen Nerven beklagen, hegt aber die Hoffnung, sie in Zukunft durch eine andere Erziehung und Lebensweise etwas mehr “männlich” (manly) werden zu lassen.

 

In seiner 'Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and the Beautiful' von 1757 versucht Edmund Burke a diligent examination of our passions in our own breasts (Vorwort zur ersten Ausgabe), die insofern besonders spannend ist, weil sie implizit im wesentlichen eine Selbstuntersuchung ist. Hier schreibt er: ...pain and fear consist in an unnatural tension of the nerves...the only difference between pain and terror, is, that things which cause pain operate on the mind, by the intervention of the body, whereas things that cause terror generally affect the bodily organs by the operation of the mind suggesting the danger. (4-III) Also: Der Schmerz wirkt auf den Geist, der Schrecken auf den Körper. Das Neue ist das Abstrahieren des schon immer in der Erfahrung wahrgenommenen; das Leiden als psychischer Generalbaß führt zur Selbst-Psycho-Analyse, die sich im 18. Jahrhundert als Ästhetik tarnt. Beim großen Burke führt das zum stets selbstkritischen politischen Abarbeiten des eigenen Leidens an dem anderer. Bei Schiller zur manisch-getriebenen Flucht aus jeder Wirklichkeit im/in den Text, bei den Protagonisten der französischen Revolution zur Selbst-Ignoranz und zur Austreibung des eigenen “Bösen” am bösen anderen, jener Purifikation ohne die Milde eines Beichtvaters, die über Hitler bis Pol Pot reichen wird, und die die schlecht unterdrückte Sehnsucht aller heutigen Menschen der westlichen und der verwestlichten Welt bleibt.

 

Für den, der nicht an die Hohlheit der Nerven glaubt und ihre Füllung mit liquid oder ether, sind sie aus fibres zusammengesetzt, oder sie sind strings, dann sind sie strung oder unstrung. In Ann Radcliffes 'Mysteries of Udolpho' werden die Blutbahnen zum und vom Herzen mit den Nerven so kombiniert, daß es bei ihr heart-strings gibt, eine poetische Vorstellung, die auch etwas damit zu tun hat, dass nicht nur für Saiten-Instrumente jetzt eine Musik der Empfindsamkeit geschrieben wird. Die große Zeit der modernen Harfe mit ihren zupfenden Seelchen ist gekommen.

 

Schwache Nerven, die weak nerves von Dr.Cheyne, werden in 'Udolpho' zu ihrem normalen tonus wiederhergestellt, sie werden braced oder gar firmly braced (gestärkt, aufgefrischt). Clarissa und das Stadtleben haben Lovelace so ernerviert, daß er wünscht to brighten up (his) faculties,...and ...brace up ...the relaxed fibres of my mind, which having been twitched and convulsed like the nerves of some tottering paralytic, by means of the tumults (Clarissa) has excited in it. (3-113). Und so plant er eine Tour durch Frankreich und Italien, weg von sich und hin zu den sights...

 

Frauen haben in diesem Umfeld von Auffassungen ein schwächeres Nervenkostüm, ähnlich wie übrigens auch Stubenhocker, Gelehrte und Wissenschaftler. Seit dem 17. Jahrhundert können Frauen Männern intellektuell nicht mehr das Wasser reichen, weil ihre Nervenstränge zu sensibel sind. Sie haben delicate nerves, diese sind laut dem Nervenarzt Mandeville dünner, feiner und weicher und sie sind anfälliger für die passions und die Überwältigung durch first impressions. Es scheint naheliegend, anzunehmen, dass die guten Kenntnisse der Muskeln gedankenlos auf die “Nerven” übernommen werden.

 

Lovelace konferiert in Hampstead mit den Damen, zu denen sich Clarissa geflüchtet hat: Er lügt ihnen seine Geschichte vor, er sei mit ihr verheiratet, habe aber schwören müssen, nicht mit ihr zu schlafen, bis gewisse Bedingungen erfüllt seien: Diese Dinge (subjects) bringen die Frauen immer zumindest dazu, herumzusäuseln (simper). No need but of the most delicate hints to them. A man who is gross in a woman's company, ought to be knocked down with a club: for, like so many musical instruments, touch but a single wire, and the dear souls are sensible all over. (3-5) Für ihn sind Frauen von Natur aus schüchtern (timid) und schwach, und erst Clarissa wird ihn ein Stück weit eines besseren belehren.

 

Die Tugend ist ein Mädchen

 

'Pamela Andrews' und 'Clarissa Harlowe' handeln beide von der virtue in distress, d.h. dem keuschen Mädchen, dessen „Festung“ von begehrlichen Männern heftigst attackiert wird (Pamela kann sich in die Ehe retten, Clarissa wird vom Rake Lovelace vergewaltigt, nachdem er sie nicht anders „besiegen“ kann). Mit Samuel Richardson wird die Tugend endgültig die Keuschheit der Mädchen.

 

Jenseits dieser Entwicklung schafft sich die in den Städten aufblühende Gesellschaft in ihren Alltagsgeschäften und ihrem aufblühenden Familienleben Ersatz für die schwindenden klassischen Tugenden: Fleiß, Sparsamkeit, Ordentlichkeit, Pflichtbewußtsein, Pünktlichkeit tauchen auf, und der aristokratische Ehrbegriff verwandelt sich einerseits in die spezifische Ehrbarkeit der Frau und die bürgerliche Ehrbarkeit bei Handel und Wandel. Dies sind keine „Sekundärtugenden“, wie sie schon mal genannt wurden, es sind überhaupt keine Tugenden, sondern konkrete Verhaltensanweisungen in vielen spezifischen Situationen des bürgerlichen Alltags. Sie sind auch nicht mehr aus traditionellen Tugendvorstellungen abgeleitet, sondern aus praktischen Notwendigkeiten einer Geld- und Konsumgesellschaft auf dem Weg zu dem, was man später Kapitalismus nennen wird. Die bürgerliche Gesellschaft verzichtet auf das Kriterium der Tauglichkeit und ersetzt es durch (pseudo)moralische Praktikabilität.

 

Virtue Rewarded

 

'Pamela' (1740) wird gelegentlich als der erste englische Bestseller bezeichnet. Das kann nicht verwundern, handelt es sich doch um den ersten vollkommenen, d.h. vollkommen sentimentalen Roman im modernen Sinne des Wortes, in dem schlichte Leser(innen) zur gedankenlosen Identifikation mit der fünfzehnjährigen Heldin eingeladen werden. Zudem repräsentiert diese selbst eine unsäglich schlichte Kleinbürger-Religiosität und gnadenlose Biedermänner- Moral, womit Literatur auch schlichtgestrickten Menschen zugänglich wird, dem Heer der künftigen Romanleserinnen, - Männer werden in der Minderheit bleiben...

 

Pamela Andrews Eltern sind arm, die Tochter muß in Stellung gehen. Ihre großzügige Arbeitgeberin stirbt. Damit beginnt bereits im ersten Brief der Tränenfluß der Heldin: O how my eyes overflow! Don't wonder to see the paper so blotted! Mit den Tränen, die das literarische Jahrhundert überschwemmen werden, weist sich die Heldin als empfindsam aus und damit als qualifiziert für den späteren Aufstieg aus dem Dienstbotenstand.

 

Der Sohn übernimmt sie, und knüpft gleich ganz unübersehbar an den Sohn der Herrschaften aus 'Moll Flanders' an:...er gab mir mit seiner eigenen Hand vier Guineen, und ein wenig Silber.(gave me with his own hand four guineas, and some silver...1-1). Wir sind nun in dem Zeitalter, in dem es froh macht, wenn einem belegt wird, daß man käuflich, also etwas wert ist.

 

Mr.B. oder B...d oder Brandon wird dank Richardsons Inkonsistenz am Anfang nicht als ausgesprochener Hallodri präsentiert, seine Schwester wird uns und Pamela aber am Ende erklären, daß er doch ein Liederling war. Pamela meint: Indeed, he was once thought to be wildish, but he is now the best of gentlemen, I think! (1-1, meine Hervorhebung, wir sind jetzt mitten in der Zeit, in der jemand sagt, er denke, wenn er etwas schlichthin meint.).

 

Der Vater hat daraufhin Angst um ihre „Tugend“...for we rather see you all covered with rags, and even follow you to the church-yard, than have it said, a child of our's preferred any worldly convieniences to her virtue. (1-2) Pamela reagiert mit der unangenehmen Naivität, die auf ihrer Unschuld beruht und wie Dummheit wirkt, und deren Abwesenheit Moll Flanders zu einer glaubhafteren und interessanteren Figur machte: was hätte er davon, ein so armes junges Geschöpf zu ruinieren (what could he get by ruining such a poor young creature as me?1-3). Die meisten Leser ließen es Richardson durchgehen, dass ein Mädchen, dass so gut formulieren kann, zugleich dümmer als Bohnenstroh sein darf...

 

B.s Schwester Lady Davers gibt ihr den Rat, sich die „Kerle auf Abstand zu halten“, und Pamela achtet brav auf ihre prudence and modesty (kluge Vorsicht und Sittsamkeit, 1-5). Wie prudentia zur Unschuld der Nichtwahrnehmung paßt, ist der Leserschaft gleichgültig, wie auch, dass modestas ein Sich-Selbst-Zurücknehmen im ganzen Umgang mit dem anderen bedeutet. Prudence und modesty werden längst den bürgerlichen Mädchen angedient als nichts anderes als das So-Teuer-Als-Möglich-Verkaufen der eigenen Jungfernschaft.

 

Pamela bekommt feine Kleidung geschenkt, und deutet zwischendrin an, wie sie von diesem Beau beeindruckt ist: I thought he looked like an angel (1-6, meine Hervorhebung). Wir sehen, die Profanisierung der himmlischen Heerscharen ist weit gediehen: Der Käufer und prospektive Konsument wird zum Engel, weil er das arme Mädchen in den Rang der Käuflichkeit erhebt. Er wird sie aber erst bekommen, wenn er ihre Käuflichkeit im Akt der christlichen Heirat formell leugnet und in der Sache heiligt. Danach stellt sich endgültig heraus, daß der Autor sie sich dumm stellen ließ, - der Dumme ist der Mann, der ihr nachschauen wird, wie sie ihm von einem Vergnügen zum nächsten enteilt. Der Autor weiß das alles, aber er wird es nicht so schreiben, dass es nicht von der protestantischen Kanzel heruntergeheuchelt werden kann.

 

Master B. versucht, sie zu verführen und dabei weiter mit Geld, Schmuck und feinen Kleidern zu bestechen. Dabei erlaubt er sich „Freiheiten“: er umarmt und küßt sie. Sie schläft zur Sicherheit bei Haushälterin Mrs. Jervis und fragt diese mit beispielloser Naivität, If he can stoop to like such a poor girl as me, what can it be for? He may, perhaps, think I may be good enough for his harlot; and those things don't disgrace men, that ruin poor women (1-19).

 

Pamela geht es dabei völlig unentschieden mal um ihre Tugend, mal um ihren guten Namen, - immer aber tut sie so, als könne sie ungeniert das Faktum menschlicher Sexualität leugnen. Die Unschuld dieses Bürgertums besteht darin, solange vorzugeben, dass man nicht wahrnimmt, bis man es selbst glaubt. Es geht um das Gute, das Schöne und Wahre, nicht im platonischen Sinne, sondern um den schönen Schein der Warenwelt: Es geht um die vor allem diskursive Wahrnehmung des nicht Wahrnehmbaren, um das Hineinzaubern des nicht mehr lebbaren Lebendigen in Objekte, um das Wegzaubern des Sexus in den Konsum. Es geht um den Text, der ein tristes Leben als das einzig gute ausgibt. Die Tristesse der armeligen Dienstmädchen-Existenz von Pamela wird, wie es sich gehört, völlig ausgespart zugunsten der einzigen Gloriole, sich bis zur Hochzeit ein unverletztes Hymen zu bewahren. Kein Wort zum täglichen Heraustragen der vollgeschissenen Nachttöpfe, kein Wort zu den Härten eines Waschtages im 18.Jahrhundert, kein Wort zu der alltäglichen Zwangsgemeinschaft mit den anderen Dienstboten im Hause mit ihrem Freud und Leid.

 

Herr B. verbirgt sich in Mrs. Jervis Nebenraum (closet), und schaut zu, wie die beiden sich ausziehen. Er kommt heraus, als sie bis auf den Unterrock (petticoat) nackt ist und nimmt sie in seine Arme: I sighed, and screamed, and then fainted away (1-25). Sie wird dem Mannweib Mrs.Jewkes untergeordnet, die neue Bedrohung signalisiert: once she offered to kiss me. But I said I don't like this sort of carriage, Mrs.Jewkes; it is not like two persons of one sex to each other.

 

Mrs. Jewkes ist so häßlich wie Mrs. Sinclair, der alten Puffmutter, zu der Lovelace Clarissa demnächst verschleppen wird. In der Trivialliteratur des 18. Jahrhunderts sehen schlechte Menschen regelmäßig häßlich aus. Der bürgerliche Leser will nicht von der verwirrenden Vielfalt in einer Person lesen, liest er doch schließlich, um sich die Wirklichkeit vereinfachen zu lassen.

 

B. will Pamela nun mit dem von ihm abhängigen Geistlichen Mr.Williams verheiraten und ihrem Vater Geld zukommen lassen, um sie so in seine Fänge zu bekommen. Sie will nur noch nach Hause und darf mit seiner Kutsche abreisen, wird dann aber bei einem von B. abhängigen Farmer untergebracht. Sie kommt mit Mrs.Jewkes zu einem weiteren Haus und ist dort praktisch eingesperrt. Ein Fluchtversuch über die Garten-Mauer scheitert, und von der Gentry in der Nachbarschaft will ihr niemand helfen.

 

B. bietet ihr nun die bestechende Position der kept woman, der Mätresse an und will ihr sofort 5oo Guineen geben und einen estate in Kent. Sie würde wie eine Ehefrau behandelt und eventuell nach 12 Monaten Kohabitation geheiratet werden. Sie lehnt ab. Zum einen weiß sie, dasss dieses Angebot unmoralisch ist, zum zweiten, dass sie ihre Tugend/Ehre verlieren würde, und zum dritten, dass er sie nach dem ersten vorehelichen Koitus ganz sicher nicht mehr heiraten würde. Sie würde sich unter dem demokratischen Wert verkaufen, mit dem die bürgerliche Ideologie jede “Unschuld” überhäuft, - jenseits aller alltäglichen Wirklichkeit.

 

Wir können aber inzwischen ahnen, dass sich in ihr zwei Geschichten überkreuzen: die der verfolgten Unschuld Pamela, und die des Gentleman-Rakes, den die Kleine in die Ehe verführen möchte, - wozu ihre Schönheit gepaart mit Standhaftigkeit durchaus ausreichen werden. Der zentrale Unterschied zwischen Pamela und Clarisa wird sein, daß letztere dabei scheitert. Clarissa ist genauso ambivalent wie Pamela, - sonst gäbe es nicht den bürgerlichen Roman. Nur richten ihre Interessen sich nicht auf den Luxus, ist sie doch selbst wohlhabend, sondern auf jene eheliche Liebe, von der Pamela nicht einen Moment redet, - und die Lovelace auf einem Epitaph abgebildet sieht.

 

Eines abends geht Pamela zu Bett, und auf einem Stuhl sitzt B. verkleidet als das Dienstmädchen Nan, die Schürze über den Kopf geschlagen. Im trivialen Roman wird das Lächerliche der Komödie zum Schrecklichen des naiven Vorstellungsvermögens.

 

Er kommt zu ihr ausgezogen ins Bett, Mrs.Jewkes hält Pamela fest, und er beginnt seine Verführungsattacke damit, dass er seine Hand auf ihre Brust legt: sie fällt prompt in Ohnmacht, wie tausende nach ihr in den nächsten hundertfünfzig Jahren. Als sie wach wird, unterstellt ihr Mrs. Jewkes, sie täusche die Ohnmachtsanfälle nur vor, worauf sie sofort wieder in Ohnmacht fällt. Darauf läßt B. von ihr ab. Er erklärt ihr aber, daß er nicht mehr ohne sie leben könne. Sie hört, wie er zu Mrs. Jewkes sagt: I have begun wrong. Terror does but add to her frost. But she is a charming girl; and may be thawed by kindness. I should have sought to melt her by love. Er wird immer zärtlicher zu ihr. Pamela bleibt standhaft, verteidigt ihre Unschuld, ihre Tugend, ihre Ehrbarkeit.

 

Ähnlich wie Jane Austens Darcy aus 'Pride and Prejudice' verbietet B. sein Stolz, sie auf gleicher Augenhöhe zu betrachten, aber wie bei ihm ist die Liebe stärker: But I must love you; and it vexes me not a little that I must. Er entläßt alle vom Personal, die mit Pamela sympathisieren. Never was there a girl of your station and degree, who set a large family in such a ferment, as you have done mine, by their cares for you. Dann entdeckt er ihre Briefe und versucht eine Leibesvisitation nach weiteren Briefen, - erfolglos: He seemed alarmed at my being ready to faint. Das ganze liest sich inzwischen wie eine unfreiwillig komische Anleitung an jungfräuliche Mädchen, sich mit Ohnmachten gegen ihre Verfolger zu wehren. Es ist darüber hinaus eine schreckliche Ansicht, dass die Macht der Mädchen in ihrer Ohn-Macht bestünde.

 

Pamela, die wie Clarissa längst ihren Verführer-Verfolger liebt, ohne diese Liebe wäre der Roman schnell zu Ende, gibt ihm ihr restliches Journal, welches B. liest, offenbar ohne irgend etwas zu verstehen. Er ist der kluge Verführer, sie ist die dumme Unschuld, tatsächlich aber ist sie die raffinierte Verführerin in die Ehe, und er ist mindestens dumm genug, das nicht zu merken.

 

Im zweiten Band ist er inzwischen so beeindruckt von ihrer Tugend, dass er ihr ernstlich erlaubt, nach Hause zu fahren: she deserves to go away virtuous, and she shall. Er schickt ihr aber zum Gasthof einen Brief nach, in dem er ihr zwischen den Zeilen die Ehe anbietet. Ihr Herz hüpft vor Freude. He is not now, the dreaded master, but the condescending one. Descend heißt hinabsteigen (descendere), condescend heißt vom Lateinischen her: zusammen hinabsteigen. Das ist es, was er machen wird und was seine Verwandtschaft so inständig nicht will.

 

Condescending ist aber inzwischen auch das immer negativer werdende herablassende Verhalten gegenüber jemandem, dem man sich überlegen fühlt. Das Schlechte an “Herablassung” in den neuen bürgerlichen Augen besteht darin, dass es unter den Bedingungen von modern-protestantischem Menschenbild (als Gotteskinder sind wir alle gleich) präsumptiv bzw. arrogantes Verhalten ist, unter den Bedingungen der darauf aufbauenden Menschenrechte (alle Menschen sind von Natur gleich/ werden gleich geboren) handelt es sich eher gar um ein Verbrechen, ist doch nun Überlegenheit nur noch als moralische erlaubt.

 

Bei Pamela ist condescending zwischen zwei Bedeutungen schwankend, aber immerhin durch und durch gut, wie der Kontext zeigt. B. läßt sich im besten Sinne zu ihr herab (descend), aber nur um die Option zu haben – und das ist das con – sie zu sich heraufzuziehen, zu jenem “oben”, wo sich aristokratischer Luxus mit bürgerlicher Ehrbarkeit verbinden.

 

Sie kehrt zu B. zurück. Er verändert sich jetzt zum reformed gentleman und wird als erstes zum Wohltäter an Mr. Williams, dem Fénelon-Leser.

 

Schwester Lady Davers ist empört und schreibt ihm: Consider, brother, that ours is not an upstart family. It is as ancient as the best in the kingdom. Alle werden ihn ablehnen, wenn er Pamela heiratet. D.h. es braucht jetzt nur noch Zeit, bis der Emporkömmling akzeptiert ist, bis er sie heiraten wird.

 

Er fährt mit ihr in seiner Kutsche aus. Sie berichtet: I hope, I shall know how to comport myself with humility..He handed me into the chariot before all the servants, as if I had been a lady!...he kissed me a little bit too often, that he did. Während er jetzt condescending ist, muß sie nur akzeptieren, von der Gentry sozial geschnitten zu werden und bereit sein, sich mit Haushalt und karitativem Einsatz für die Armen zufriedenzugeben. Er küßt sie zu oft, weil sie keinen Liebhaber, sondern einen (sozial höher stehenden) Ehemann will.

 

Dann bringt B. sie mit der Gentry der Umgebung zusammen: Sir Simon...swore he never saw so easy an air, so fine a shape, and so graceful a motion. Sie hat mit “Tugend” das geschafft, was Moll Flanders ohne “Tugend” erreichen wollte, - und es ist die Form, das Auftreten (air, shape, motion), was zählt, nicht der Inhalt, die Substanz) Der alte Andrews kommt unangemeldet zu Besuch und die fast vollständig reüssierte Tochter beruhigt ihn: .See you not already that this great and rich gentleman respects you for your goodness?...

 

Die Oberschicht respektiert die Unterschicht wegen deren “Güte”; Pamela läßt in ihrem Text aus, dass es um shape, air und motion geht. Dann kommt ihre doppeldeutige Aussage: when I reflect...I owe my happiness to my grievances...Bei Clarissa ist so etwas religiös gemeint, Pamela, die es offenbar von Anfang an auf ihren Herrn abgesehen hatte, meint das soziale per aspera ad astra; bei Rousseau wird das in Kürze eine generelle sadomasochistische Grundstruktur offenbaren..

 

Schließlich ist sie (heimlich, d.h. privat) verheiratet mit ihrem beloved, gracious master! Er bringt ihr bei, wie sie sich als tugendhafte Lady zu benehmen hat, und peu-à-peu vergißt sie ihre bisherige Bescheidenheit und gewöhnt sich an Sozialstatus und Reichtum.

 

Während B. kurz weg ist, kommt nun Lady Davers. She asked (Mrs.Jewkes), if I was whored yet? There's a word for a lady's mouth! Die Lady hat natürlich recht, hat doch der Roman bislang nicht ihre häusliche-ehelichen Qualitäten, sondern ihre erotischen Reize betont. Richardson schert sich hier nicht um Ambivalenzen, die den Text inkonsistent machen, ihm genügt, daß Pamela fromm und standhaft jungfräulich ist, - oder lässt er hier (un?)bewußt Ambivalenzen laufen, die auch dem Leser Fielding entgehen.

 

Pamela geht herunter zu ihr, my gloves on, and my fan in my hand. Sie zeigt die Accessoires einer Lady, ist für B.s Schwester aber nur the wench und a beggar's brat und wird von ihr geschlagen. Sogar ihr Neffe wird unverschämt. Dann kommt B. dazu. Er hat inzwischen gelernt, that there was merit in individuals of low degree, which many of a higher could not boast of.

 

Der (moralische) Verdienst definiert die soziale Rangordnung für den Bürgerstand. (Irgend so etwas wie Arbeit kommt bei Richardson nicht vor, und er wird auch hierin typisch für den neuen Roman). Unser Landjunker ist also inzwischen von seinem hübschen Dienstmädchen verbürgerlicht worden.

 

Ihr einziger erkennbarer “Verdienst” in diesem bürgerlichen Sinne ist aber ihre standhafte “Tugend”. Das läßt sich mit Fielding für lächerlich halten, oder aber mit jener Hinterlist, mit der aus dem bürgerlichen Autor wie schon deutlicher bei Defoe die Wirklichkeit zwischen die Zeilen entfleucht und als Widerspüchlichkeit zum Vorschein kommt.

 

Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird die bürgerliche Welt so hermetisch geschlossen sein, dass sie bei dem inzwischen vorwiegend weiblichen Autor für das erzählende Subjekt und die positive Heldin den erfreulichen Ausgang einer unmoralischen Handlung ausschließt. Die Ambivalenzen tauchen im 19. Jahrhundert im sogenannten poetischen Realismus wieder auf, wo sie aber ins gehobene Zartbitter-Milieu abgeschoben werden. Es ist das Herz von Effi Briest und nur deswegen auch der Leib, der in die Irre geht; zudem kann der Leser nun genau eruieren, dass Ambivalenzen auf rational ergründbaren Fehlern bestehen, eine beruhigende Tatsache, lassen sich doch Fehler auf dieser Ebene vermeiden. Erst Thomas Hardy und Gerhard Hauptmann werden in ihrer Prosa die Leiden an der Konstruktion der bürgerlichen Welt wieder unauflöslich werden lassen. Aber der Mayor von Casterbridge/Dorchester geht an seiner Person zugrunde (Charakter gleich Schicksal gleich bürgerliche “Tragik”), und im Hintergrund leuchtet eine bessere Welt, - mal der bürgerliche, mal der sozialistische Fortschritt).

 

Ganz mühsam wird Lady Davers nun dazu gebracht, sich Master B. anzuschließen. So ist schließlich Pamela tugendhaft geblieben und reich geworden, und genau da liegt für weniger „sentimentale“ Zeitgenossen das Problem: Es handelt vom spätprotestantischen Warencharakter des Hymens. Mit Clarissa läßt Richardson dann eine Reiche arm werden und heilig zugleich und findet so die Zustimmung auch eines Henry Fielding (eines Schiller etc).

 

Pamela muß zwei Probleme zugleich lösen: Aus einem Rake einen Ehemann machen, und sein Standesbewußtein brechen. Zu Recht nennt B. sie a rebel, läßt Richardson sie doch als Dissentermädchen nach dem Civil War nun mit friedlicheren Mitteln erneut eine Bresche in die alte ländliche Oberschicht schlagen. Mittel sind ihre weiblichen Reize, und ihre bedingungslose Ablehnung vor-und außerehelicher Sexualität. Dass sie gewinnt, liegt unübersehbar daran, dass ihre weiblichen Reize unwiderstehlich sind, und dass ihr Widerstand für B. wie später der Clarissas für Lovelace diese Reize noch erheblich erhöht. Damit wird der aus Frankreich kommende Barock der starken liebenden Frauen abgelöst durch ein bürgerliches Rokoko, in dem Mädchen standhaft sind, um nicht stark sein zu müssen.

 

So wie Mozarts Figaro frei nach Beaumarchais dem Grafen und seinem merkwürdigen “Recht der ersten Nacht” Paroli bietet, so tut das auch Pamela aus einer schwächeren, protestantisch-weiblichen Position heraus: Sie findet, daß VIRTUE is the only nobility. ...I cannot forbear smiling at the absurdity of persons even of the first quality, who value themselves upon their ancestors merits, rather than their own. For is it not as much as to say, they are conscious they have no other?

 

Hier wird wie in dem Jahrzehnte später liegenden Beaumarchais wird die Trompete einer Revolution zum Dröhnen gebracht, die das ewige Thema des Sexus auf das Moment der Unschuld bringt, die immer weibliche Unschuld in die Unschuld des Bürgers als universalisiertem, abstrahiertem Menschen bringt. Der Partizipierer am universalisierten Markt ist als Bürger Staatsbürger und darum grundlegend gleich. Der ideal-perfekte ideelle Gleichmacher ist die moderne Moral, die das stets gleiche Hymenthema zum stets gleichen Unschuldsthema macht. Von nun an sind es nicht mehr die Stärkeren, sondern die Besseren, die gewinnen. Der Warencharakter der Jungfräulichkeit bei 'Pamela' führt dann zur Kommerzialisierung des Sexus in dem Moment, wo Koitus und Zeugungsakt entkoppelt werden. Am Ende bleibt die Jungfräulichkeit der Waren übrig, die in immer schnellerem Zeittakt ganz neu und anders sein müssen, und der Akt des Kaufs und des Konsums wird zum fundamentalen Geschlechtsakt.

 

Was uns und Zeitgenossen wie Fielding zu allererst stört, ist “die Tugend”. Kurz nach obiger Szene wirft Pamela nämlich vornehmen Damen vor, daß sie not only don't know how to blush themselves, but they laugh at any innocent young creature that does, as rustic and half-bred.(1-23) Tugend ist nicht mehr nur Keuschheit, sondern Schamgefühl bis zur Prüderie, bashfulness, und in diesem Roman ist dies der ganze Adel der Menschheit.

 

Gegen die Standesehre (honour) mit all ihren Ansprüchen an die betroffenen Personen setzt unsere Pamela-Erzählerin die englisch ähnlich klingende honesty, die (klein)bürgerliche Ehrbarkeit, Wohlanständigkeit, verwandt mit Rousseaus honneteté, gegen die Charles Dickens hundert Jahre später ein Leben lang anschreiben wird zugunsten einer Religion des Herzens, die sich nun in ihrer ganzen Selbstverständlichkeit nicht mehr hinterfragt.

 

An einer Stelle schreibt sie: My honesty (I am poor and lowly, and am not intitled to call it honour) was in danger. Schon vorher: I too much apprehend, that your notions of honour and mine are very different, womit sie klarmacht, daß sie auf seine „Ehre“ pfeift. An Mr.Williams den Pfarrer schreibt sie theologisch korrekt: my soul is of equal importance with the soul of a princess, though in quality I am but upon a foot with the meanest slave.

 

Honour ist eine aristokratische soziale Qualität, honesty eine bürgerliche moralische. Ihrer Ansicht nach haben ihre Eltern hearts more pure, than are to be met with in palaces...Religiöse Seele, Gefühlsherz, einerlei, dem neuen Bürger ist die Melodie egal, Hauptsache die Inbrunst der Intonation, der fromme Augenaufschlag und die Schlüsselwörter stimmen. Der unbezifferte Generalbaß intoniert “gut”.

 

Das ist der Ton, der die französische Revolution vorbereitet: jetzt werden die guten und die schlechten Menschen standesmäßig neu sortiert, im 19. Jahrhundert dann klassenmäßig. Wer sich nun nicht mehr der vom Kleinbürgertum definierten „Natur des Menschen“ beugt, praktiziert oder unterstützt lawless tyranny, ist ein “Verräter”, den es zu entlarven gilt. Ein halbes Jahrhundert vor Robespierre, Benjamin Franklin und Mary Wollstonecraft hören wir schon, wie die Duckmäuser der Spießermoral und des Gutmenschentums zum Angriff blasen. Tugend taugt nur mehr noch zu jener wohlanständigen Ehrbarkeit, die sich entlang der Entfaltung der Warenwelt und des Kommerzes stromlinienförmig entwickeln wird.

 

B., der Gentleman von Stand, wird jetzt zum Gutmenschen mit Vermögen herabgewürdigt. Erst schimpft Pamela: you have forgotten to act like a gentleman, womit sie im Namen der Moral anfängt, ihm ihre von zu Hause mitgebrachten Wertbegriffe aufzuzwingen: Sure the world must be near at an end; for all the gentlemen about are almost as bad as he! (1-27). Es ist zu vermuten, dass sie überhaupt keine Gentlemen kannte, bis ihr Master sich an sie heranmacht. Als sie dann ganz nette Herren in der Nachbarschaft kennenlernt, ist die Geschichte schon soweit vorbei, dass weder der Autor noch sein Geschöpf die Notwendigkeit sehen, ihr früheres Pauschalurteil zu korrigieren.

 

Tatsächlich heiratet B. ein schlichtes Dienstmädchen, das ungeheuer beschränkt und penetrant frömmelnd ist und das Buch bietet uns keinen anderen Grund als ihre erotische (sexuelle) Attraktivität. So wird die protestantische Kleinbürgermoral zur Karrierewaffe, hinter der die jungen Damen den kalkulierten Körpereinsatz verbergen.

 

Lady Davers ist Pamela solange zugetan, wie sie ein braves Dienstmädchen ist, sie kann sich bis fast zum Schluß verständlicherweise nicht vorstellen, zu was sonst als einem „Bettschatz“ im Sinne von Rousseaus Thérèse und Goethes Christiane sie gut sein sollte. Alle werden ihn ablehnen, wenn er Pamela (das keusche Flittchen) heiratet. Und nun kommt einer der zentralen Sätze von B., der die ganze kleinbürgerliche Infamie von Richardson aufdeckt: I will now defy the saucy, busy censures of the world... Die „Welt“ ist hier die ganze Welt außerhalb frömmelnder Dissenter-Zirkel. Für Pamela ist er plötzlich: such a fine gentleman...

 

Prompt richtet er die Hauskapelle wieder her und veranstaltet Gottesdienste im Familienkreis, bei denen Pamela auswendig gelernte Psalmen zum Besten gibt. Umgekehrt analog verurteilt Richardson später den mutigen Lovelace, der den Urteilen „der Welt“ trotzt und sein freies Leben lebt. Lovelace trotzt nämlich den censures der Frömmler und der geldgierigen Emporkömmlinge, der „Welt“, die letztlich Richardson und Pamela vertreten.

 

Deren Ziel ist nichts anderes als der wirtschaftliche Aufstieg. Das macht der reformierte Gentleman B. auf das allerhärteste seiner Schwester deutlich, die sich darauf besser mit einer schallenden Ohrfeige hätte verabschieden müssen: the difference is, a man ennobles the woman he takes, be she who she will; and adopts her into his own rank, be it what it will: but a woman, though ever so nobly born, debases herself by a mean marriage , and descends from her own rank, to that of him she stoops to marry...Leider geht sie nicht gleich, sondern stellt nur fest: Egregious preacher! said she: my brother already turned puritan...

 

Was extrem abschätzig klingen soll, ist für den triumphierenden Betbruder und sein frömmelndes Karriere-Mädchen höchstes Lob....

 

Wie vieles andere, wird Richardson diesen Ausspruch in 'Clarissa' wiederholen. Anna Howe schreibt dort an Clarissa: But what will become of us now? Lovelace not only reformed, but turned preacher! (1-72)

 

Lovelace hat inzwischen sein Feldlager zur Vorbereitung von Clarissas Entführung in einem Gasthof in der Nähe der Harlowes aufgeschlagen. Dort gibt es ein Töchterchen, das er Rosebud tituliert, und das er auf Bitten von dessen Großmutter von seinen Nachstellungen ausnimmt. Dieses junge Knöspchen, das demnächst einen jungen Mann von ihrem Stand heiraten wird, hat in etwa den Sozialstatus von Pamela. Mit Lovelace gelingt Richardson so ein anderes, glaubwürdigeres Kaliber von Mann; dem würde niemals einfallen, ein Dienstmädchen zu heiraten, er kann unter Umständen auch darauf verzichten, es zu verführen.

 

Clarissa fängt spät an zu frömmeln, nämlich erst, nachdem sie schuldlos schuldig wird (geschändet, als sie bewußtlos ist), und sie löst ihre für sie an sich tragische Situation auf, indem sie sie in ein christliches Martyrium umdeutet, welches nicht tragisch, - sondern ein großes Glück für die Frommen ist. Entsprechend zieht sie ihr Christentum auch nicht dazu heran, Standesschranken einzureißen. Ganz im Gegenteil,...faulty morals deservedly level all distinction, and bring down rank and birth to the canaille...(1-57). Diese Kanaille wird noch auftauchen als der Stand der Dienstboten bei Rousseau. Wir sehen, unter dem Kleinbürger tut sich für denselben noch ein Abrgund an menschlichem Abschaum auf, auf den man lustvoll-schaudernd hinabblicken kann.

 

Einerseits gibt Clarissa damit Pamela Recht, die bei einer von B.s Nachstellungen diesem an den Kopf wirft, daß sein (unmoralisches) Verhalten ihr Respekt und Abstand nehmen würde (sie will diesen Abstand nur durch die Heirat überwinden), andererseits besteht Clarissa grundsätzlich auf rank und birth; letztere muß von Pamela abgelehnt werden, die auf Verdienst statt Geburt beharrt; - auf ihrem Verdienst der „Tugend“. *64d

 

The History of Clarissa Harlowe

 

Einer der ganz langen Romane der Weltliteratur, Samuel Richardsons 'History of Clarissa Harlowe', ca.2 100 Seiten in meiner Ausgabe, hat eine Handlung, die sich in groben Zügen in wenigen Sätzen so zusammenfassen läßt:

 

Die Harlowes sind eine der wohlhabendsten Familien in der Grafschaft, und der einzige Sohn will die Familientradition weiterführen, indem er noch mehr Besitz anhäufen möchte, um zum Reichtum auch noch den entsprechenden Adelstitel zu gewinnen. Der Rake Robert Lovelace kommt aus einer womöglich noch reicheren Familie mit Adelstitel, und nachdem er zahlreiche Mädchen verführt und einige dadurch in den Tod oder die Prostitution getrieben hat, soll er sich um Arabella, die ältere Schwester bewerben, verfällt dann aber auf die wesentlich attraktivere 18-jährige Clarissa. Der junge Harlowe sieht die „Ehre“ der Familie wegen dessen immoralities gefährdet, und schlägt sich mit Lovelace, der ihn nur leicht verletzt und dann laufen läßt.

 

Clarissa ist, ohne es sich selbst ganz zuzugeben, eingenommen von der faszinierenden Lichtgestalt, deren einziger – allerdings erheblicher - Makel die Aura des skrupellosen Mädchen-Verführers ist. Ihr Großvater hatte ihr, und niemandem sonst, einen einträglichen Grundbesitz vermacht, dessen Verwaltung sie an ihren Vater abgetreten hat (sie ist nicht volljährig). Der Sohn nun veranlaßt die Familie, ihr einen respektablen Ehemann aufzudrängen, um Lovelaces Chancen bei ihr abzuwehren und die Harloweschen Familieninteressen zu fördern.

 

Clarissa verabscheut diesen Mr.Somers, weigert sich, ihn zu akzeptieren und wird von der Familie zu Hause eingesperrt, um dadurch gefügig gemacht zu werden. Sie führt einen heimlichen Briefwechsel mit Lovelace, willigt schließlich ein, ihn an der Gartenpforte zu sehen, und ihm gelingt es dort, sie mit einem Trick zu entführen.

 

Lovelace hatte bisher mit seiner Verführer-Nummer bei Mädchen immer Erfolg gehabt und ist nun erstaunt, dass sie standhaft bleibt. Er befördert sie nach London, aber sie bleibt bei ihrer Forderung, dass er sich erst selbst bessert (“reformiert”), bevor sie in eine Ehe einwilligt, die er als ordentlicher Rake zunächst gar nicht will. Schließlich sperrt er sie im Hinterhaus eines Bordells ein. Sie kann für kurze Zeit nach Hampstead entkommen, wird aber von Lovelace wieder eingefangen. Von den Nutten im Puff verspottet, die es nicht ertragen können, dass Clarissa im Unterschied zu ihnen sich nicht erniedrigen läßt, betäubt er sie mit Hilfe der Puffmutter Mrs. Sinclair (die heißt wirklich so!) und vergewaltigt sie dann.

 

Clarissa schafft es erstaunlich schnell, mit der „Schande“ fertig zu werden, „entehrt“ zu sein, weil sie ihm ja nicht „zu Willen“ war, andererseits ist sie psychosomatisch gebrochen, und siecht nun ihrem Tod entgegen, den sie annimmt, weil sie nur so glaubt, als Gerechte das ewige Leben zu erwerben.

 

Sie entkommt ein zweites Mal, kommt bei einer ehrbaren Shopkeeper-Familie unter und versucht, den Fluch ihres Vaters aufzuheben und seinen Segen auf dem Sterbebett zu erlangen. Dabei wird sie zunehmend von Lovelaces bestem Freund Belford unterstützt, der ebenfalls ein Rake ist, aber unter Clarissas Einfluß „reformiert“ und ihr Seelentröster wird. Dieser berichtet Lovelace täglich, redet ihm ins Gewissen, und beeinflußt ihn so ein Stück weit.

 

Clarissa magert ab und vergeistigt sich sozusagen in ihren Tod hinein, wobei sie Reue über ihren kleinen Fehltritt (das Rendezvous am Gartenzaun) mit Vergebung für alle anderen verbindet. Alle weinen am Ende über ihren Tod, lieben und verehren sie.

 

Auf Grund seiner Länge empfiehlt sich 'Clarissa Harlowe' nur für Leser, die genug Zeit für Lektüre aufwenden wollen. Darüber hinaus hat das letzte Achtel (nach dem Tod der Heldin) quälend langatmige Passagen von unangenehmer Redundanz. Das ganze umfangreiche Buch ist ein christlich-religiöser Roman mit deutlichem erotischem Unterton, in dem (erst) am Ende das Predigen überhand nimmt. Aber wer bereit ist, Erzählliteratur fremdartiger Kulturen mit Interesse und mit Respekt vor dem Anderen wahrzunehmen, findet einen der spannenden Romane des abendländischen 18. Jahrhunderts vor, dessen erzählerische Meisterleistung darin besteht, dass es keine unmittelbaren Interventionen des Autors gibt. Es handelt sich um einen reinen Briefroman, wobei damals (um 1750) Briefe zum Teil mehrmals am Tag per Post verschickt werden konnten, bzw. von reitenden Boten überbracht wurden, so dass es durchweg so ist, dass die in den Briefen geschilderten (oft inneren) Vorgänge in der Regel gerade zurückliegen, also ganz lebendig sind.

 

Im ersten Buch dominieren die Briefe Clarissas an ihre Herzensfreundin Anna Howe und deren Antworten, diese nehmen dann in dem Maße ab, indem Clarissa in den Fängen des diabolischen Lovelace ins Unglück gerät und darniedersinkt. Nicht geringe Teile ihrer Leidensgeschichte entfalten sich dann vor unseren (lesenden) Augen in dem Briefwechsel zwischen Lovelace und seinem Freund Belford.

 

Verhandelt werden zahlreiche zeitgenössische Themen, wie das Ärzteunwesen, das noch im Schwange befindliche Duellieren und damit verbunden das immer mehr der Kritik ausgesetzte aristokratische Ideal, dem neue Vorstellungen von Bürgerlichkeit entgegengesetzt werden. Verhandelt werden Prostitution und Bildungswesen, aber vor allem das neue Bild der Geschlechter unter (klein)bürgerlichen Vorzeichen von Ehrbarkeit. Nicht verhandelbar für den Autor ist sein Dissenter-Protestantismus: Richardson ist der letzte bedeutende christliche Autor Englands.

 

Ein Engel und kein Weib

 

Die zwei zentralen Eckpunkte der christlichen Religion sind der Sündenfall, der den Menschen den Tod, das Leid und die vererbte Sünde beschert, und der Opfertod des Heilands, mit dem dieser den Menschen spätestens in der Interpretation von Johannes und Paulus ihre Sündenlast abnimmt. Tatsächlich sündigen die Menschen weiter, aber wenn sie sich mit Hilfe von Gottes Wort auf die Nachfolge Christi begeben, erweist sich ihr Gott als gnädiger Gott. Für den römischen (katholischen) und griechischen (orthodoxen) Christen sind zusätzlich die Sakramente und Gnadenmittel der Kirche vonnöten, die in der Nachfolge der Apostel, der Jünger Jesu, und insbesondere des heiligen Petrus zwischen Himmel und Erde vermittelt.

 

Von Gott bzw. dem Heiligen Stuhl auserkorene Menschen fallen besonders auf: sie werden selig (beatus) bzw. heilig (sanctus). Den Seligen gebührt im katholischen Raum besondere Verehrung, handelt es sich doch um Menschen, deren Konto an Sündenstrafen beim Tod gleich Null ist, und die den Vorzug haben, gleich nach ihrem Ableben in die ewige Seligkeit zu gelangen, die visio beatifica, die unmittelbare Anschauung Gottes. Diese Vorstellung bildete sich in der Nachfolge des Neuplatonismus heraus.

 

Eine zweite Wurzel sind die neutestamentlichen Seligpreisungen, in denen der arme Sünder besser wegkommt als der reiche Gerechte, so den morbiden Grund legend für alle kommenden Sozialismen. Schlechter als den Seligen geht es allen anderen, denn sie müssen erst ins Fegefeuer, in dem sie auf durchaus schmerzhafte Weise einen Reinigungsprozeß durchzumachen haben.

 

Der Zustand der „Heiligkeit“ soll ursprünglich von jedem Christen angestrengt werden. Die römische Kirche bildete jedoch recht früh das Prärogativ heraus, besonders fromme und tugendhafte Menschen, insbesondere solche, die für ihren Glauben gelitten haben, nach deren Tod zu Heiligen zu erklären, zu Menschen, die im Himmel näher bei Gott sind als alle anderen Menschenkinder, die es bis hoch hinauf geschafft haben.

 

Märtyrer für ihren Glauben müssen nicht an religiöser Verfolgung durch andere gelitten haben, viele haben vielmehr die Nachfolge Christi ganz besonders als Nachfolge in seiner Passion angesehen, sich selbst kasteit, schon hienieden ein Leben jenseits der „Welt“ geführt und so dem Satanas wenig Angriffsflächen geboten, ja mit der Kasteiung und Geißelung des eigenen Körpers diesen als den Ort, an dem der Gottseibeiuns ansetzt, und der in einer besseren Welt abgeschüttelt wird, soweit geschunden, dass er unempfindlich für weltliche Verlockungen wird.

 

Der Protestantismus lehnte den Heiligenkult ab, und verzichtete damit auf einen der beliebtesten Aspekte christlicher Volksfrömmigkeit. Der Dissenter Samuel Richardson schreibt einen Briefroman und kommt so darum herum, selbst Clarissa zur Seligen und Heiligen zu erklären; - das tun für ihn die vielen Briefeschreiber, die er zu Worte kommen lässt. Tatsächlich entfaltet sein Buch aber eine Heiligenlegende als realistischen Roman, wobei er in einigen Punkten katholischer Hagiographie folgt.

 

Clarissa Harlowe ist ein Mädchen aus gutem Hause, angeleitet von einer geradezu vollkommenen christlichen Erziehung durch ihre Amme Mrs. Norton, die einmal als Pfarrersfrau bessere Tage gesehen hatte. Sie ist ein strahlende Schönheit, kleidet sich geschmackvoll, und betrachtet das Almosengeben ebensoso als ihr Steckenpferd wie ihre Arbeit mit Schürzchen und Schnürmieder in ihrer Dairy und ihrem Geflügel, wie ein früher Vorläufer von Marie Antoinette in ihrer Spielzeug-Ländlichkeit von Versailles.

 

Diese junge Dame von 18 Jahren ist ein paragon der Tugendhaftigkeit, aber wäre die Geschichte so weitergegangen, wäre sie so langweilig wie eines der englischen Anstandsbücher für junge Damen des 18. Jahrhunderts. Richardson, und mit ihm Clarissa und Lovelace, kommen nicht darum hin, immer wieder darüber zu reflektieren, dass erst das ganze große Unheil, das über sie hereinbricht, aus dem Buch ein spannendes Buch und aus Clarissa eine Heilige macht. Nachdem Clarissa Lovelaces letzte große Attacke abgewehrt hat, indem sie droht, sich mit ihrem penknife zu töten, meditiert der gescheiterte Don Juan: What a devil are all my plots come to! What do they end in, but one grand plot upon myself, and a title to eternal infamy and disgrace! (3-57)

 

Das Unheil beginnt damit, daß Robert Lovelace sie kennenlernt und für eine lohnende Beute hält. Dieser Unhold in Menschengestalt unterscheidet die jungen Damen in Nymphen und Engel, wobei die ersteren schnell zu haben sind, letztere wiederum die größere und fesselndere Aufgabe darstellen. Clarissa ist schnell sein „Engel“, aber in dem Sinne, in dem sie auch sein charmer ist. Für ihn hat diese Bezeichnung keinen religiösen Hintergrund, er bezeichnet damit vielmehr ihre stolze jungfäuliche Reinheit (purity), die es für den Liebhaber umso aufregender macht, sie zu erobern und in eine „Frau“ zu verwandeln, was er „unterwerfen“ nennt (subdue).

 

Angel

 

Clarissas Leiden beginnen, als ihr von der Familie heiratswillige Bewerber vorgeführt werden, die sie allesamt ablehnt. Als letzter wird ihr Solmes angeboten. Sie ist von ihm abgestoßen und schreibt an ihre Freundin Anna Howe: He has but a very ordninary share of understanding, is very illiterate, knows nothing but the value of estates and how to improve them, and what belongs to land-jobbing and husbandry.(1-8) Das Thema der von den Eltern vermittelten Ehe als Alternative zur Liebesheirat, und das der Optionen, unverheiratet zu bleiben, bzw. als jungfräuliches Frauenpaar zusammenzuleben, wird den Leser bis zum Schluß durch den ganzen langen Roman begleiten.

 

Mutter Howe unterstützt die Bewerbung von Mr. Hickman um die Hand ihrer Tochter. Sie läßt zu, dass er ihr ständiger Begleiter wird. Anna lehnt ihn ab, weil er ihr zu dumm und ungebildet ist. Ähnlich wie Clarissa verlangt sie nach einem Mann, vor dem sie Respekt haben kann, und der seine rechtliche Autorität über sie als Ehefrau mit angemessenem Inhalt füllen kann. Vier Bände Briefroman hindurch wird sie sich öffentlich über Hickman lustig machen und ihn so als schwach und unterwürfig bloßstellen. In Richardsons Augen ist er wohl ein akzeptabler Ehemann, und er verheiratet die beiden auch im Nachwort seines Romans.

 

Clarissa wirft Solmes dasselbe wie Anna ihrem Hickman vor, und I would have him to know that he mistakes meekness and gentleness of disposition for servility and baseness of heart. Sie will einen Mann, der sie belehren kann und nicht umgekehrt, schließlich ist sie jemand, who has more in her own power, as a single person, than it is probable she would be permitted to have at her disposal as a wife? (1-32)

 

Beide Mädchen verfallen nach dem Tugendkatalog der Zeit dem Laster der Hochmut, sie wirken auf ihre Familien hochnäsig und arrogant. Aber sie wirken auch liebenswert. Je heiligmäßer Clarissa wird, desto mehr wird sie genau diesen Hochmut ihrer Freundin brieflich vorwerfen. Sie selbst sieht sich gerechtfertigt, indem sie sich (wie) in Vorbereitung auf ihre Heiligkeit, immer mehr in sich selbst zurückzieht: Let me wrap myself about in the mantle of my own integrity, and take comfort in my unfaulty intention! (2-46,*65)

 

Am 25.Febr. wird ihr von der neidischen Schwester für ein-zwei Wochen der Ausgang verboten. Dann wird sie im Haus eingesperrt und darf nicht einmal mehr unbeobachtet in den Garten.Sie nennt sich selbst prisoner (1-25) Sie muß jetzt via Briefen mit ihren Eltern verhandeln. Ihr Dienstmädchen wird fortgeschickt Ihre Briefe vermitteln das Klaustrophobische ihrer Situation, ihre Klausur im familialen Kloster ohne Gesprächserlaubnis gegenüber der Familie wirkt ungeheuer bedrohlich. Sie entschließt sich jetzt definitiv für a single life (1-26), das heißt für lebenslange Jungfräulichkeit.

 

Da sie sich standhaft weigert, Solmes die Hand zu reichen, wendet sich die ganze Familie von ihr ab. Ihr wird Pflichtvergessenheit und fehlender Gehorsam gegenüber den Eltern vorgeworfen. Ihre beiden einzigen Kontakte zur Außenwelt sind die heimlichen Briefwechsel mit Anna und Lovelace, in dessen Macht alleine es steht, sie aus ihrem Gefängnis zu befreien. How am I entangled, seufzt sie. (1-14). Anna merkt aus der Ferne, daß Clarissa sich auf einen gefährlichen Weg begibt: The person who will bear much shall have much to bear all the world through...The result is this: that I am fitter for this world than you; you for the next than me...(1-10)Damit deutet Anna schon ganz zu Anfang Clarissas Rolle der frommen Dulderin an, um damit das Bild von der Rebellin gegen die Autorität der Eltern zu mildern. Let me congratulate you...on your being the first of our sex thatever I heard of who has been able to turn that lion, Love, at her own pleasure, into a lap-dog. (1-12)

 

... you will be more than woman if you can extricate yourself with honour...(1-15). Honour heißt für Anna hier die Ehrbarkeit, Tugendhaftigkeit, die die Gesellschaft von einem Mädchen erwartet. Für Lovelace bleibt honour bis zu seinem Ende die Ehre des aristokratischen Liebhabers, die im Duell aufrechterhalten wird: Als er an ein life of honour mit Clarissa denkt, stellt er sie sich als kept mistress vor. Clarissa wiederum wird sich Schritt für Schritt von beiden Ehrbegriffen lösen und sich bedingungslos auf den Weg christlicher Tugendhaftigkeit begeben. Im selben Brief (15) nennt Anna Howe Clarissa zum ersten Mal an angel. Mit dem Weg in die Engelhaftigkeit beginnen dann auch ihre Tränen, das zentrale Rührmittel des sentimentalen Romans.*66

 

Im 17./18. Jahrhundert schmilzt in immer weiteren Kreisen die Substanz des christlichen Glaubens zusammen. Die anglikanische Kirche des 18. Jahrhunderts favorisiert bei den Gläubigen gedankenlosen Konformismus ohne innere Gläubigkeit. Dennoch gehören zur Zeit Richardsons für manchen Frommen Engel durchaus noch zum christlichen Vorstellungsraum. Für die beiden Geschwister von Clarissa gehören Engel in den Himmel, auf jeden Fall nicht in die Familie, denn sie zieht alle Aufmerksamkeit und alle Bewunderung auf sich mit ihren distinguished merits, wie Anna sie nennt. Anna weiß auch, warum die Geschwister ihr Schwierigkeiten machen: You see what you draw upon yourself by excelling all your sex.(1-1)

 

Bruder und Schwester halten umso mehr an Solmes fest, je mehr Clarissa ihre Abscheu vor ihm bekundet. Auf diese Weise expedieren sie ihre Schwester aus der Gnade der Eltern, die gottähnlich über ihre Tochter herrschen. In Analogie zur Rebellion Luzifers gegen Gott rebelliert die Tochter und muss sich so in der Familie die Titulierung pervers gefallen lassen. Am 1. März kann James Harlowe sie frohlockend als fallen angel (1-33) anreden. So fällt sie Schritt für Schritt aus der irdischen in die göttliche Gnade.

 

Anna Howe ist die erste, die Clarissas Engelhaftigkeit sieht. Sie nennt sie in ihrer familialen Klausur Angelica (1-74), und als diese auf dem Sterbebett liegt, schreibt sie an Cousin Morden, dass sie ziemlich früh commenced angel (4-141).

 

Als Captain Tomlinson in Loveslaces Snares eingespannt wird, hat sie den größten Teil ihres Martyriums schon hinter sich: O sir, said the captain, as soon as she was gone, what an angel of a woman is this! (3-16) Mrs.Lovick, mit der sich Clarissa in ihrem letzten Refugium beim Ehepaar Smith anfreundet: Miss Harlowe is indeed an angel, replied she; and soon will be company for angels. (4-58)

 

Parteilicher ist Belford, der im Auftrag von Lovelace bei ihr auftaucht und sich unübersehbar in sie verliebt. Richardson sorgt allerdings dafür, dass ihre Engelhaftigkeit diese Liebe auf Seelenninveau hält: Methinks, I have a kind of holy love for this angel of a woman...(3-111) How many opportunities must thou have had of admiring her inestimable worth, yet couldst have thy senses so much absorbed in the WOMAN in her charming person, as to be blind to the ANGEL that shines out in such full glory in her mind! (4-85)

 

Lovelace ist ein Erotomane, ein selbsternannter Frauen-Forscher und Frauen-Kenner. Sein Charmer ist längst nicht mehr nur der Engel seines Begehrens, sondern in seiner unvergleichlichen Standhaftigkeit durchaus schon ein wenig Engel im religiösen Sinne: Something more than woman, an angel, in some things; but a baby in others: so father-sick! So family-fond! (2-54,meine Unterstreichung*67). Solche kluge Beobachtungen des Frauen- und Menschenkenners bleiben im Buch glücklicherweise unwidersprochen. Lovelaces psychologische Einsichten wie Richardsons Einsichten in das Innenleben des Rakes sind es, die aus dem Buch große Literatur machen. Ohne Lovelaces Briefe wäre der Roman nach dem ersten Buch zu Ende: Clarissa hat als braves Mädchen vergleichsweise wenig mehr zu sagen.

 

Lovelace hat mit Clarissas Charakterisierung Recht. Sie ist in doppelter Hinsicht keine Frau: Sie ist unerwachsen, indem sie sich von den hartherzigen Eltern (innerlich) nicht abnabeln kann, und sie ist unweiblich, indem sie den Verführungskünsten dessen, der besser als andere weiß, was Frauen mögen, nicht erliegt.

 

Dissenter-Richardson neigt ohnehin dazu, Lovelace immer mal wieder eine säkularisierte religiöse Diktion zu unterlegen, legt er doch auch Wert darauf, dass sein Satan immer (wenn auch sündiger) Christ bleibt ...may lightning blast me on the spot if I offer anything but my penitence at a shrine so sacred, (formuliert Lovelace, nachdem der trotz seiner ingeniös inszenierten Attacke auf sie mit Feurio und Hurenassistenz an ihrer Standhaftigkeit scheitert. (2-127)

 

Lovelace, der kultivierte, gebildete, aristokratische Rake, wird von Clarissa vor die Wahl gestellt, sich (sittlich) zu reformieren oder auf eine Ehe mit ihr zu verzichten. Während sein Kumpan Belford von ihrer engelsgleichen Ausstrahlung so beeinflusst wird, dass er mit seiner großen Reformation beginnt, während Clarissa immer heiligmäßiger wird, wird Lovelace immer diabolischer: Er ist irgendwann nicht mehr der übliche Rake, er wird zum satanischen tempter und deceiver. Und so definiert sich seine Begehrlichkeit immer deutlicher als die des großen Versuchers im Paradiesgarten. Es sind trials, denen er sie unterzieht, um herauszufinden, ob sie Frau ist (wie Eva, die bei Milton fair angelic Eve ist, PL,5-74), oder (himmlischer) Engel. Eine Frau wie Eva möchte er nicht heiraten, einen Engel vielleicht schon. Tatsächlich muß aber Lovelaces Engel zugleich Heilige und sinnliche Verlockung sein, eine Bedingung, die Clarissa zugleich erfüllt und absolut ablehnt: Insofern kann sie nicht anders als sterben.

 

Lovelace läßt im Hurenhaus der Mutter Sinclair nächtens eine Gardine in Brand stecken, Feueralarm ausrufen und dringt auf die aufgewachte Clarissa ein, um sie in einem Überraschungscoup zum Koitus zu verführen: with nothing on but an under-petticoat, her lovely bosom half open, and her feet just slipped into her shoes....O Jack! How her sweet bosom, as I clasped her to mine, heaved and panted! I could even distinguish her dear heart flutter, flutter, flutter against mine... her night head-dress having fallen off in her struggling, her charming tresses fell down in naturally shining ringlets, as if officious to conceal the dazzling beauties of her neck and shoulders; her lovely bosom too heaving with sighs and broken sobs, as if to aid her quivering lips in pleading for her...Sie wehrt sich erfolgreich: By my soul, thought I, thou art, upon full proof, an angel and no woman!...I will submit to my beloved conqueress... (2-126)

 

Richardson ist, wie schon in 'Pamela', ein Freund hocherotischer Szenen, die er als Trials auf dem unerschütterlichen Weg der Tugendhaftigkeit ausgibt. Und wie in seinem ersten Roman kann er diese Zwiespältigkeit nicht auflösen: Clarissa ist gewiss in Lovelaces Sinn ein Engel, in dem sie sich hinreichend gegen seinen Übergriff wehrt. Aber er hat hier auch, wie noch nie zuvor, erlebt, wie sehr sie ganz Frau ist. Zwar ist ihre weibliche Leidenschaftlichkeit als vitale, körperlich ausgelebte Lebendigkeit hier im Dienste ihrer Gegenwehr gegen den Verführer gerichtet, aber alle Verfasser erotischer Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts wissen, dass Leidenschaftlichkeit gegen den Mann ähnlich aussieht und sich anfühlt wie die für ihn. Die großen Vergewaltigungsphantasien des Rokoko profitieren gerade davon, daß schon im Barock die fromme und die erotische Verzückung in großer Ähnlichkeit dargestellt werden. Und solche (erotischen) Vergewaltigungs- bzw. Überwältigungs-Phantasien profitierten immer davon, dass Frauen sich in ihnen lebendiger und leidenschaftlicher zeigen als im Puff oder im Ehebett.

 

Glücklicherweise läßt Richardson seine Finger davon, Lovelace seine zunehmende Zwiespältigkeit erklären oder gar auflösen zu lassen. Lovelace darf der satanisch-elegante, diabolisch gutaussehende und höllisch kultivierte Kerl bleiben, als der er uns bis heute fasziniert.

 

Richardson kennt ihn auch gut genug, um ihm seine Bekehrung nicht zu glauben: Wer einmal eine so erotisch attraktive Frau in den Armen hatte, um sie dann doch lassen zu müssen, wird sie erneut begehren. Er betäubt sie schließlich, um sie dann zu vergewaltigen, ein wahrhaft teuflischer Akt, aus dem er als armer Teufel hervorgeht: Nicht nur ist die Vergewaltigung eines ohnmächtigen Körpers extrem lustlos, Clarissa besteht auch darauf, ihre Tugend bewahrt zu haben, nachdem sie sie im landläufigen Sinne verloren hat. Und dann entzieht sie sich weiteren Nachstellungen durch Flucht aus dem Hurenhaus und durch Flucht ihrer tugendhaften Seele aus dem so attraktiven Körper ins Himmelreich.

 

An angel, and not a woman, he says she is, gibt er schließlich seiner Verwandten Lady Betty Lawrence gegenüber zu (3-75) und schwärmt von ihrer purity so angelic (4-174). Da ist Clarissas Körper aber schon so ausgezehrt und schwach, dass er körperlich von ihr ablassen muß. Sie bewegt sich auf die Leichtigkeit eines Engels zu.

 

Saint

 

Clarissas Martyrium beginnt mit der Hartherzigkeit ihrer Familie. Nachdem die dort Gefangene von Lovelace befreit worden ist, gerät sie in eine neue Captivity: Lovelace läßt sie nicht mehr aus dem Haus, und belästigt sie täglich aufs neue *68. Nachdem sie zum zweiten Mal und damit endgültig entkommen ist, wird sie zunehmend ans Bett gefesselt, eine Klausur, die sie mit religiösen Exerzitien verbringt, mit denen sie sich auf den Tod vorbereitet. Belford knew enough to be convinced that she had the merit of a saint, and the purity of an angel. (3-111) I never saw so much soul in a woman's eyes as in hers. (3-108)

 

Bis zu ihrer Vergewaltigung sucht Clarissa noch nach einer irdischen Perspektive. Erst danach sieht sie Lovelace nicht mehr einfach als Rake, sondern definitiv als Werkzeug des Teufels. Als sie sterbenskrank bei den Smiths untergeschlüpft ist, versucht Lovelace sie dort noch einmal aufzustöbern... this is one of my trials, I believe...,äußert sie sich nun. Lovelaces Trials wollten herausfinden, ob sie Heilige oder Hure ist, Engel oder Frau. Sie läßt sich damit auf seine Auffassung ein: Seine Versuchungen sind die Versuchungen des Teufels, die sie als Heilige bestehen wird. Jesus wurde in der Wüste von Satan versucht, fast alle älteren Heiligengeschichten berichten von solchen Versuchungen. So betrachtet sie sich jetzt selbst auf dem Weg in die Heiligkeit. Darum darf sie so wenig weiterleben, wie es Jesus als Christus am Ende nach Jerusalem treibt, - in den sicheren Tod: I do so earnestly wish for the last closing scene, and with so much comfort find myself in a declining way...(3-90)*69.

 

Belford sieht sie auf demselben Weg: I more and more considered her a beatified spirit...er sieht sie as one just entering into a companionship with saints and angels. (4-79) Nachdem sie gestorben ist, schreibt Colonel Morden an James Harlowe, den Hauptschuldigen am Unglück seiner Schwester: Her beatification commenced yesterday afternoon, exactly at forty minutes after six. (4-125). Der reine Engel schwebt gen Himmel (im Buch immer: nach oben) und seine Seligsprechung beginnt. Er (sie) landet dann bei Miltons beautitude: About him all the sanctities of Heaven / Stood thick as stars, and from his sight received / Beatitude past utterance. ( PL,3-60)

 

Damit hat sie den Satan Lovelace ausgetrickst. Der spürt in ihren letzten Tagen, dass sie gewonnen hat. So fleht er Belford brieflich an: Tell, therefore, the dear creature that she must not be wicked in her piety. There is a too much, as well as a too little, even in righteousness. ...my love for her is less personal, as I may say, more intellectual, than ever I thought it could be to a woman. Conscience ...the cruel reproacher...(4-92)

 

Christliche Heiligkeit ist Ablehnung der Welt und ihrer Verlockungen, es ist Ablehnung (heilloser) Körperlichkeit: Heilig ist, wessen Reich „nicht von dieser Welt “ ist. Belford beschreibt sie, als er sie bei den Smiths antrifft: a dignity...such as showed her to be more of soul than of body at that instant. ..(3-121) humble imitation of the sublimest Exemplar...betreibt sie nun (3-131). Von Schwester Arabella wird sie höhnisch gefragt, ob sie einen Thomas à Kempis hat: Hat sie (1-75). Es ist dies der Hohn und Spott, den Juden über Jesus bei seinem Kreuzgang abladen Der Titel des Buches ist die 'Imitation Jesu'. Und Belford entdeckt: this lady had other views in living, than the common ones of eating, sleeping, dressing, visiting, and those other fashinable amusements which fill up the time of most of her sex, especially of those of it who think themselves fitted to shine in and adorn polite assemblies. (4-4)

 

Nach ihrer Entführung beschreibt Lovelace sie zum ersten Mal als erotisch attraktive Schönheit und zugleich (ohne das es ihm bewußt wird) als Heilige: Her wax-like flesh...by its delicacy and firmness, answers for the soundness of her health...I never in my life beheld a skin so illustriously fair. The lily and the driven snow it is nonsense to talk of...But his lady is all glowing, all charming flesh and blood; yet so clear, that every meandering vein is to be seen in all the lovely parts of her which custom permits to be visible (1-99)*70.

 

Die weiße Reinheit von Lilie und Schnee bedeutet virgin white...Und so beschreibt sie Belford auf ihrem Totenbett: Her hands, white as the lily, with her meandering veins moren transparently blue than ever I had seen hers...(4-113) In ihren Sterbestunden, wie auch schon früher, spricht sie auch die Körpersprache einer Heiligen:...her hands and eyes often lifted up, and her lips moving with a fervour worthy of these her last hours (4-114)*71.

 

Clarissa Harlowe hat in ihren Sterbewochen bei den Handschuhmachern hinreichend penitence geleistet und sich systematisch auf den Tod vorbereitet. Sie geht täglich mehrmals in die Kirche, oder läßt sich im chair dorthin tragen. Ihr Ende ist von demselben bürgerlichen Ordnungssinn geprägt wie das von Goethes Werther: Neat and clean takes up the whole of my attention...Two neat rooms, with plain, but clean furniture...I must have more conflicts. At times I find myself not subdued enough to my condition. I will welcome those conflicts as they come, as probationary ones. (3-92)

 

Lovelace wird ihr diesen „Gefallen“ tun, und sie auch in ihrer (klein)bürgerlichen Zuflucht bei den Smiths stören. Since, had I excaped the snares by which I was entangled, I might have wanted those exercises which I look upon now as so many mercies dispensed to wean me betimes from a world that presented itself to me with prospects too alluring...(4-127).

 

Es ist das bewußte Leiden, das auf die Heiligkeit vorbereitet, und deswegen ist ihr die Mrs. Lovick, die mit ihr dort zur Miete wohnt, eine gute Gefährtin: There is a widow who lodges in it, ...a good woman; who is the better for having been a proficient in the school of affliction. An excellent school! My dear Mrs. Norton, in which we are taught to know ourselves, to be able to compassionate and bear with one another, and to look up to a better hope. (4-1) Ihre fromme Mrs. Norton ist ganz ihrer Meinung: you are brightened and purified, as I may say, by your sufferings! How I long to hear your whole sad, yet instructive story, from your own lips! (4-98)Sie wird sie lesen müssen.

 

Clarissa ist sich nun dessen gewiß, daß sie „im Himmel“ landen wird, in der Nähe der Dreifaltigkeit Gottes. Und so kann sie an ihre Mutter schreiben: may a happy meeting with your forgiven penitent, in the eternal mansions, augment the bliss of her who, purified by sufferings... (4-128)

 

Das Christentum, ernstgenommen, ist eine Erlösungs-Religion mit blutigen und grausamen Aspekten. Nachdem Luzifer als Schlange verkleidet und unter den Augen Gottes sich über seinen eigenen Fall mit dem Sündenfall von Adam (Mensch) und Eva (Leben) getröstet hat, wofür Gott die Menschen mit der Erbsünde, den Irritationen über die eigene Sexualität, der Scham, der Mühe, den Leiden und dem Tod bestraft hat, schickt er seinen eigenen (und einzigen) Sohn auf Erden, um den Opfertod zu erleiden, mit dem er die zukünftigen Christ-Gläubigen erlöst, und zwar durch Geißel-Schläge, Tritte, eine Dornenkrone und einen qualvollen langsamen Tod am Kreuz.

 

Der harte und strafende („gerechte“) (Exklusiv)Gott der Juden hatte, als Abraham seinen kleinen Isaak dem Opfertod anheimgeben will, für die Juden immerhin entschieden, dass es ein Ende mit diesen blutigen Opfern haben soll. Nun ist doch noch einmal eines nötig geworden. Wer das alles glaubt (wie Richardson z.B.), kann mit Clarissa in sein Testament schreiben:

 

And now, O my blessed REDEEMER, do I, with a lively faith, humbly lay hold of Thy meritorious death and sufferings; hoping to be washed clean in Thy precious blood from all my sins...how light do those sufferings seem...which I confidently trust, will be a means, by Thy grace, to work out for me a more exceeding and eternal wight of glory! (4-146)

 

Die Nachfolge Christi, die sie angetreten hat, ihre „Glorie“, ist der eigene Opfertod, den sie im Unterschied zu ihrem Heiland selbst auf sich nimmt. Der Begriff „Opfer“ taucht für sie zum ersten Mal auf, als ihre Freundin Anna Howe von den Heiratsplänen der Familie Harlowe erfährt: Miss Clarissa Harlowe to be sacrificed in marriage to Mr. Roger Solmes (1-10). Sowohl ihre körperliche Integrität wie ihr Gefühlshaushalt wären im Falle ihrer Heirat mit Solmes auf dem Altar der Familienpläne geopfert. Richardson macht sehr deutlich, dass das Opferblut das ihres zerrissenen Hymens wäre. Clarissa schreckt, ohne das expressis verbis in ihren Briefen unterzubringen, schließlich vor dem Geschlechtsverkehr mit einem Scheusal zurück.

 

In einem Traum von ihr, in dem die sexuelle Penetration durch den Dolchstoß ersetzt wird, macht Richardson uns klar, was für sie Geschlechtsverkehr mit einem Scheusal bedeutet: Lovelace carried me into a churchyard; and there, notwithstanding all my prayers and tears, and protestations of innocence, stabbed me to the heart, and then tumbled me into a deep grave ready dug, among two or three half-dissolved carcasses; throwing in the dirt and earth upon me with his hands, and trampling it down with his feet. (1-84)

 

Als sie nach ihrer ersten Flucht von Lovelace in Hampstead wieder eingefangen ist, und von den Huren in das Hurenhaus der Mrs. Sinclair hineingedrängt wurde, schreibt sie, and thus she (die falsche Nichte Montague) led the poor sacrifice into the old wretch's too well-known parlour (3-86). Diesmal würde sie, um Lovelaces Sprache zu wählen, auf dem Altar der Liebe geopfert, das heißt, vergewaltigt werden.

 

Tatsächlich ist ihre Opferung im Hurenhaus (natürlich) von ihr nicht gewollt, aber sie wird der Ausgangspunkt für ihren eigenen Opfergang. In der Sprache des Katholizismus wird sie jetzt Nonne, auch wenn der Dissenter Richardson sie nicht so nennt.. Aber er beschreibt sie so: I am entering upon a better tour than to France or Italy either!..I have charming forebodings of happiness already!...Who would not bear the punishments I have borne, to have the prospects and assurances I rejoice in! As for me, never bride was so ready as I am. My wedding garments are bought (4-104). Die schnee-und lilienweiße Heilige, eine Jungfrau in jeder Beziehung abgesehen vom nicht mehr intakten Hymen, entschließt sich, eine „Braut Christi“ zu werden.

 

Vorausgegangen war, dass Cousin Morden ihr eine Reise, eine Art Grand Tour, angeboten hatte, auf der sie Abstand von allen Schrecken gewinnen sollte. Sie hingegen sieht sich auf der Pilgerschaft, die der calvinistische Prediger und Autor Bunyan als 'The Pilgrim's Progress' im gleichnamigen Buch aus der Mitte des 17.Jahrhunderts beschrieben hatte, das noch hundert Jahre später fast jeder Protestant auf den britischen Inseln kannte.

 

Anna Howe kennt das Buch natürlich auch, aber sie sieht Clarissa noch nicht dem Tod gegenüber, sondern hofft, dass sie noch lange engelsgleich weiterleben wird: ...it was not your fault you were stopped in your progress. Think of this, my dear; and improve upon the allegory, as you know how. If you can, without impending your progress, ...what a merit will yours be! (3-99). Belford erzählt sie ...this world is designed but as a transitory state of probation; and that she is travelling to another and better. ...Her dress was white damask, exceeding neat. ..her white flowing robes...her linen beyond imagination white... (3-105). Als Mrs.Lovick feststellt, We have an angel,, not a woman, with us, Mrs.Smith...., nennt sie sich selbst the most wearied traveller that ever reached his journey's end.(3-121,

 

Der Dissenter Richardson erfüllt den trockenen, von duty und obedience getragenen radikalen Protestantismus in noch nicht dagewesenem Maße mit (katholischer) Leidenschaftlichkeit und Gefühlsseligkeit. Clarissa ist dabei nicht die unschuldig schuldig gewordene tragische Figur der griechischen Antike, sondern die heldenhaft ihr Martyrium annehmende Heilige, und es ist nicht Erschütterung, sondern Rührung, die als Katharsis bezweckt wird. Der ziemlich ungebildete, des Lateinischen und Griechischen unkundige, aus einem Arbeitermilieu stammende Drucker löst damit, wie schon vorher mit seiner Pamela, nur noch stärker, Schockwellen aus, die von Rousseau bis Diderot, Goethe und Puschkin reichen werden, und die abendländische Kultur nachhaltig beeinflussen. Hatte Newton begonnen, Religion, Natur und Vernuft in eins zu setzen, so ergänzt Richardson dies, indem er „das Herz“, das (fromme) Gefühl zu einer notwendigen Prämisse für Religiosität macht.

 

Und so fragt Clarissa, vor die Alternative gestellt, sich in den Schutz von Cousin Morden oder den von Lovelace zu stellen: My heart, in short, misgives me less when I resolve this way than when I think of the other: and in so strong and involuntary a bias, the heart is, as I may say, conscience. Und dann zitiert sie aus der Bibel, um sich auf sicheres Terrain zu begeben. Ganz ohne Bibel wird Marianne Dashwood siebzig Jahre später dasselbe sagen, und damit in 'Sense and Sensibility' mächtig hereinfallen.

 

Clarissas letzte Schritte hin zur Heiligkeit, sind, wie wir schon gesehen haben, die der Selbstaufgabe....self here, which is at the bottom of all we do, and of all we wish, is the great misleader (2-101), schreibt sie Anna Howe, über ihre Fehler nachdenkend, nachdem Lovelace sie mal wieder in London bedrängt hat. Noch aber will sie leben: And whom have I to raise me up, whom to comfort me, if I desert myself? Thou, O Father! Who, I hope, hast not yet deserted, hast not yet cursed me! For I am Thine!...

 

Hier tut sich, wie überall beim Christentum, das Problem der Theodizee auf: denn in Clarissas frommer Logik wird Gott sie verstoßen, indem er es zulässt, dass Lovelace sie vergewaltigt. Richardson und Clarissa lösen das Problem dadurch, dass sie das Böse zum Auslöser für das Allerbeste macht,- den Weg in die Heiligkeit. Miltons Satan will aus dem Guten Böses machen, Gott hingegen sorgt dafür, dass Böses zum Guten geraten kann: das ist die fortunate sin des Puritaners.

 

Um von sich selbst ablassen zu können, muß Clarissa von ihrem Stolz lassen.: ...pride...is an infallible sign of weakness; of something wrong in the head or heart, (2-74), schreibt sie. So übt sie sich in der Tugend der Demut, der humilitas. Nach ihrer Vergewaltigung wird sie damit Erfolg haben: Why should I seek to conceal that disgrace from others which I cannot hide from myself? I may be a warning, since I cannot be an example: which once (very vain, and very conceited as I was) I proposed to myself to be. (3-78). Auch hier klingt Jane Austens Marianne Dashwood wie ein fernes Echo nach: No, No, cried Marianne, misery such as mine has no pride. I care not who knows that I am wretched. The triumph of see me so may be open to all the world...I must feel – I must be wretched – and they are welcome to enjoy the consciousness of it that can. (S+S,29) Und auch hier entscheidet Austen/ Elinor gegen Clarissa und Richardson.

 

In anderem dagegen hören wir bei Clarissa schon Elinors Stimme: Learn, my dear, I beseech you learn, to subdue your own passions. Be the motives what they will, excess is excess, schreibt sie an Anna Howe. (2-66)Und sie weiß, wovon sie redet: Yet 'tis hard, 'tis very hard, to subdue an embittered spirit!... I will lay down a pen I am so little able to govern. And I will try to subdue an impatience, which (if my afflictions are sent me for corrective ends) may otherwise lead me into still more punishable errors. ...To do evil, that good may come of it, is forbidden.(1-82) So finden stoisch und platonisch eingeführtes Christentum hier zueinander.

 

Aber der Weg in die Heiligkeit verlangt von Clarissa mehr als nur Demut und ein Besänftigen der Leidenschaften. Sie muß darüber hinaus ihren Sinnen, und vor allem ihren Augen mißtrauen. Mahnend hat ihr Anna Howe schon vorgehalten: The eye, my dear, the wicked eye, has such a strict alliance with the heart, and both have such enmity to the understanding! What an unequal union, the mind and body! All the senses, like the family at Harlowe Place, in a confederacy against that which would animate, and give honour to the whole, were it allowed its proper precedence. (2-33) Wenig später gibt ihr Clarissa das aufgrund von self-examination zurück: Guard your eye: 'twill ever be in a combination against your judgment. If there are two parts to be taken, it will for ever, traitor as it is, take the wrong one.(2-77,CH).

 

Was übrigbleibt ist jene fromme Stimme des Herzens, die aber am Ende verlässlich nicht ohne Selbstaufgabe zu haben ist. Und Gott der Herr und der seine Feder führende Richardson lassen Clarissa von vorneherein keine Chance, so wie auch Gott bei Milton schon vorher weiß, dass seine beiden menschlichen Geschöpfe es nicht schaffen werden. So klagt Clarissa einerseits völlig zu recht: Did I not think more and deeper than most young creatures think; did I not weigh, did I not reflect, I might perhaps have been less obstinate. Delicacy ...,thinking, weighing, reflection, are not blessings ...in the degree I have them....Oh! My dear! The finer sensibilities, if I may suppose mine to be such, make not happy. (2-46,CH) Andererseits ist aber auch klar, dass eine weniger mit solchen Vorzügen und Reizen ausgestattete Heldin für Lovelace und Richardson und die Rührung des Lesers nicht ausgereicht hätte.

 

Es ist ernstlich nicht für viele Menschen vorstellbar, dass sie lieber tot und heilig als lebendig und sündig wären (von einigen derzeitigen muselmanischen Märtyrern einmal abgesehen). Die einzige für uns nachvollziehbare Genugtuung, die Clarissa bleibt, ist – wir würden sagen – ihr Nachruhm, den sie als glory durchaus auch beschwört. Aber für sie ist es eher – in frommer Absicht, die auch Richardson unterstützt – eine Botschaft, die von ihrer Glorie ausgehen soll. Schon Mrs. Norton weist sie darauf hin, daß ihre Geschichte eine lehrreiche sei:... you may...teaching young ladies to shun the snares in which you have been so dreadfully entangled. ...And what, my dear, is this poor needle's point of NOW to a boundless ETERNITY? (3-80) Mrs Norton meint das religiös, es ließe sich aber hinzufügen, dass sie inzwischen schon seit einer kleinen Ewigkeit eine literarische Berühmtheit ist: I know not any young person so qualified to shine the brighter for the trials she may be exercised with, hat Mrs. Norton schon einen Brief vorher herausgefunden (3-73). Im Juli plant sie die Sammlung der Briefe für deren Veröffentlichung nach ihrem Tod.

 

Hartherzigkeit

 

Lovelace wird bis zu seinem kavaliersmäßigen Ende nicht müde, gegenüber Belford darauf hinzuweisen, dass nicht er, sondern Clarissas Familie die Hauptschuld an ihrem Unglück trägt. Er hat absolut Recht damit, denn nur der unbarmherzige Druck, den diese auf die jüngere Tochter ausübt, den für sie abstoßenden Solmes zu heiraten, und ihre so gesehene Ausweglosigkeit treibt sie in die Arme von Lovelace. Sowohl Anna als auch Clarissa sind von dem Rake fasziniert, aber Liebe existiert im Europa des 18. Jahrhunderts erst dann, wenn sie erklärt worden ist. Ein dezentes Mädchen wartet dabei erstens die Erklärung durch den Verehrer ab, und zweitens seinen Antrag bei den Eltern. Anna entdeckt problemlos in Clarissas Briefen von zu Hause aus, wie deren Herz klopft (throb,throb,throb...), aber diese wird selbst ihrer besten Freundin keine Liebe eingestehen.

 

Als der von Clarissa so lang herbeigesehnte Cousin Morden (zu spät) von seinen Reisen nach England zurückkommt, und wie ein junger Gott im vierten Buch die Bühne stürmt, - große Teile des Romans bestehen aus Theaterszenen – und sich vergebens darum bemüht, das Herz ihrer Verwandten zu erweichen, muss er feststellen ...that the whole family is too rich to be either humble, considerate, or contented. (4-94) Vier Briefe später stellt er fest: What hearts of flint am I related to!

 

Zurück zu den Harlowes

 

Hart kann also nicht nur das Herz (rein metaphorisch) sondern können auch (ganz handfest) die Nerven sein. Es sind aber die alten poetischen Bilder, die sich auch im 18. Jahrhundert durchsetzen. An sich ist traditionell „hart“ männlich, so wie „rechts“ männlich“ ist, während „weich“ und „links“ weiblich sind.. Tatsächlich wird bei Richardson partiell mit diesen Ansichten aufgeräumt. Das fängt damit an, daß Lovelace, der ja ganz offensichtlich eine „weibliche Seite“ hat, der Hartherzigkeit der Harlowes genauso ablehnend gegenübersteht, wie Anna Howe, von der wir im 5. Brief des ersten Buches bereits erfahren, dass sie außer Clarissa und ihrer Mutter die ganze Familie nicht mag.

 

Der hartherzigste von allen ist zweifellos Sohn James, aber Schwester Arabella steht ihm an Neid, Haß und Kälte um nichts nach. Bella has not a feeling heart. The highest joy in this life she is not capable of: but then she saves herself many griefs by her impenetrableness. (1-42,CH) Wie man zu einem harten Herzen kommt, wird von Richardson hier zumindest angedeutet: Kummer, Schmerz und Leid werden vermieden, wenn man sich impenetrable macht, was eben hart ist; wir können heute vermuten, dass sie in ihrer Kindheit angefangen hat, sich vor Schmerz und Kummer zu schützen, indem sie ihr „Herz" dagegen panzert *65. Richardson erklärt ausführlich, woraus Hartherzigkeit vor allem besteht. So schreibt Clarissa über James Harlowe: Riches were, are, and always will be, his predominant passion (1-32), wo doch Happiness and riches are two things and very seldom meet together.(1-19, CH)

 

I have more than once mentioned to you the darling view some of us have long had of raising a family, as it is called; ...A view too frequently, it seems, entertained by families which having great substance, cannot be satisfied without rank and title.(1-13,CH) Sohn Harlowe hatte gehofft, allen Grundbesitz auf sich zu vereinen, as might entitle him to hope for a peerage...er dachte ohnhin, dass daughters were but encumbrances and drawbacks upon a family. (1-13,CH) Über dieses family-aggrandizement (1-32) äußert sich am klügsten Anna Howe: You are all too rich to be happy, child. For must not each of you, by the constitutions of your family, marry to be still richer?..Is true happiness any part of your family view?...So let them fret on, grumble and grudge, and accumulate, and wondering what ails them that they have not happiness when they have riches, think the cause is want of more, and so go on heaping up till Death, as greedy an accumulator as themselves, gathers them into his garner (Speicher) (1-10)

 

Erst die Reformation in einigen ihrer Branchen führt (als Nebenprodukt) den wirtschaftlichen Erfolg als Zeichen christlicher Auserwähltheit ein. Religionsgründer Jesus formulierte dagegen ein deutliches Ressentiment gegen „die Reichen“ und erklärte, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel käme. Er forderte seine Gefolgsleute auf, allen Besitz aufzugeben, und in Armut hinter ihm herzuziehen. Wie im Islam wurde der Zins auf Kapital als Wucher abgelehnt und den Juden überlassen. Nonnen und Mönche verpflichteten sich zur „Armut“.

 

In 'Clarissa' klingt dieses christliche Grundmotiv noch nach, aber in den ersten Büchern des Romans geht es nicht mehr um Armut als Weg zum ewigen Leben, denn die happiness, der hier der Vorrang vor dem Reichtum gegeben wird, ist durchaus genteel und von dieser Welt. Sie basiert, wie Clarissa weiter oben schon betont hat, auf dem „fühlenden Herzen“, das für Freud und Leid offen ist. ...for ten times the pain that such a sensibility is attended with would I not part with the pleasure it brings with it. (1-42)

 

Es ist genau diese Sensibilität, die sie alle Heiratsanwärter, die die Eltern für bzw. gegen sie auffahren, ablehnen lässt. Es sind dies die ebenso gesellschaftlich anerkannten wie wenig feinfühligen oder gar grobschlächtigen Kerle, denen sie vor allem ihren sensiblen Leib nicht zu Füßen legen will. Sie weiß warum, hat sie doch mitansehen müssen, wie ihre ursprünglich weichherzige und feinfühlige Mutter unter ihrem Ehemann zu leiden hatte, der es am Ende sogar fertigbringt, seine Tochter – ganz religiös gemeint – zu verfluchen, d.h., und so sieht das auch Clarissa, dem Satan in den Rachen zu werfen (2-48). Anna Howe beruhigt sie zwar: God Almighty is just and gracious, and gives not His assent to rash and inhuman curses ( 2-49), und das muß ja auch der Autor glauben, denn er läßt sie unbescholten gen Himmel ziehen, aber für Clarissa ist ein (richtiger) Fluch ein Fluch.

 

Clarissa vertritt ihren „freien Willen“, die Eltern und auch die Mutter fordern ihre Pflicht (duty) zum Gehorsam (obedience) ein. Richardson löst diesen sozialen Grundkonflikt nicht wirklich auf, er verlangt, daß das Herz, das Gefühl im Konflikt den Schiedsrichter spielen soll.

 

So wie der Weg von Locke und Shaftesbury zu neuen politischen Vorstellungen diesen sozialen Grundkonflikt in der Vorstellung des natürlich Guten im Menschen nur versteckt, so weigert Richardson sich, nicht auflösbare Konflikte als solche hinzunehmen. Dabei gelingt es ihm auch nicht, die Haltung der Mutter Harlowe plausibel zu machen. Sie läßt zu, dass ihre Tochter barbarisch behandelt, eingesperrt und von jedem Gespräch mit ihren Verwandten ausgeschlossen wird, und sie schließt sich der Geldgier und Titelsucht der übrigen Familie an.

 

In einem Brief an Clarissa (die sich im selben Haus befindet), versucht sie diese mit Geld und Gold zu locken: Mr. Solmes intends to present you with a set of jewels...a very round sum – which will be given in full property to yourself; besides a fine annual allowance for pin-money, as it is called. (1-91)

 

Später, ihrer Tochter geht es schon unendlich schlecht, äußert sie sich so geldgierig wie die anderen: Now, that my brother Anthony is intending to carry his great fortune, through her fault, into another family...(2-83). Als ihre Tochter im Sterben liegt, schreibt sie an Mrs. Norton: These liberties of Miss Howe with us; the general cry against us abroad wherever we are spoken of; and the visible, and not seldom audible, disrespectfulness which high and low treat us with to our faces, as we go to and from church, and even at church (for nowhere else have we the heart to go); as if none of us had been regarded but upon her account; and as if she were innocent, we all in fault; are constant aggravations, you must needs think, to the whole family.(4-15) Alle Welt lehnt die hartherzige Behandlung von Clarissa durch die Familie ab, aber die Mutter beschwert sich über die Schuld ihrer Tochter *66.

 

Richardson ist ein Meister des „psychologischen“ Einblicks, Einfühlungsvermögens, aber kein plausibler Konstrukteur. Er läßt Clarissa, die im Unterschied zu Lovelace nicht sehr helle ist (und vielleicht darum heilig werden kann), angesichts dieser schrecklichen Familie schreiben: And yet in my opinion the world is but one great family. Originally it was so. What then is this narrow selfishness that reigns in us, but relationship remembered against relationship forgo.(1-8).

 

Religiös gesehen ist das totaler Unfug: Adam und Eva werden durch den Sündenfall überhaupt erst zur Familie und ursprünglich gab es keine Familien wie diese im sentimentalen Roman des 18. Jahrhunderts phantasierte. Jesus Gebot der Nächstenliebe ist nicht das zur Wiedereinführung paradiesischer Zustände, mit dem er sich ja ganz offen gegen seinen göttlichen Vater auflehnen würde, sondern das der Feindesliebe. Das 18. Jahrhundert wird alles moderne Unheil auch dadurch vorbereiten, dass es christliche Vorstellungen zunehmend sentimentalisiert, z.T. ins Gegenteil verkehrt, auf jeden Fall aber ideologisiert und ihnen so jede Substanz nimmt.

 

Der größten innewohnenden Widersprüchlichkeit in seinem Roman erliegt Richardson aber, indem er Lovelace einerseits zum Satan hochstilisiert, andererseits aber versucht, ihn als Menschen ernst zu nehmen. Damit macht er ihn zur faszinierendsten und spannendsten Gestalt des ganzen Textes. Und indem er ihn wie Milton seinen Satan zu einer aristokratischen Gestalt hochdefiniert, läßt er notgedrungenen Clarissa dagegen verblassen. Zwar läßt er sie sagen, People low in station have often minds not sordid. Nay, I have sometimes thought, that (even take number for number) there are more honest low people, than honest high. (1-69) Andererseits schafft er uns wenig ehrbare Leute von niedrigem Sozialstatus herbei. Die Leute in Hampstead sind verhältnismäßig miese Spießerfrauen, und die Smiths und Lovicks und ihr Dienstbote wirken schwach und wenig überzeugend.

 

Lovelace ist alter Adel, Clarissas Familie ... was not known to its country, a century ago...(2-75), sie besteht aus Emporkömmlingen, und Lovelace identifiziert mit vielen seiner Zeitgenossen mit Emporkömmlingen Hartherzigkeit, Geiz, Geldgier und Unkultiviertheit, der er seine Großzugigkeit gegenüberstellt: Ihm geht es im Unterschied zu den Harlowes nicht in erster Linie um Geld und Besitz, sondern um pleasure, um Lebenslust.. Über den Boten von Anna Howe schreibt er: And the man seems to be one used to poverty, one who can sit down satisfied with it and enjoy it...Such a one is above temptation...(2-28,L) Er kann ihn nicht bestechen. Aber: er kann ihn verstehen.

 

Clarissa sieht ihre Angehörigen nicht viel anders als er. Über ihren Onkel Anthony schreibt sie: These sea-prospered gentlemen, as my uncle has often make me think, not used to any but elemental control,and even ready to buffet that, bluster often as violently as the winds they are accustomed to be angry at. (1-73,CH)

 

Lovelace hat völlig recht, wenn er sie, was Großherzigkeit, Freigiebigkeit und Lebendigkeit angeht, näher bei sich als ihrer Familie ansiedelt, und zu Recht verlangt er am Ende – allerdings gegen jede bürgerliche Wohlanständigkeit – dass ihr Leichnam ihm gehören soll.

 

Der neu-bürgerlichen Ehe geht ihre Krise voraus

 

Nothing is more certain than that the ladies always gain of the men by keeping their ground, and letting their pretended lovers see they can resent being slighted, and that they are not afraid of saying No, schreibt Moll Flanders in ihre Lebenserinnerungen. Moll und Roxana stellen für Defoe Muster an Frauenleben dar, wie es sein kann, aber nicht sein soll: selbstbestimmt, sündig und kriminell. Wir haben bereits gesehen, dass Defoe seine Moll deswegen Rochester zitieren läßt, weil er sie damit in die Sphäre der sittenlosesten Unmoral einordnen kann. Aber sie selbst zitiert ihn deswegen, weil er sich gegen die patriarchale Einordnung der Frauen in der Gesellschaft wendet: that the women wanted courage to maintain their ground and to play their part; and that, according to my Lord Rochester, 'A woman's ne'er so ruined but she can / Revenge herself on her undoer, Man.'

 

Sie hätte aus Rochsters Amazonenrede von 1672 ausführlich zitieren können: ...Women is born / With equall thirst of Humour and of Fame; but treacherous man misguides her in her aime, / Makes her believe that all her Glories lyee / In dull Obedience, Truth, and Modesty / That to bee Beautifull is to be Brave, / And calls her Conqueror when she's most his Slave, / Forbidding her those noble Paths to tread /Which through bold daring deeds to Glory lead, / With ye poor Hypocriticalll pretence / That Woman's merit is her Innocence / Who treacherously advis'd, Retaining thus /The sole Ambitious to be Vertuous / Thinks 'tis enough if she's not Infamous / On these false grounds is mans stol'n Triumph laid /Through Craft alone ye Nobler Creature made. *67

 

Mit Moll und Roxana sagt er, dass man die weiblichen Meriten nicht auf ihre Unschuld (Jungfräulichkeit) reduzieren darf. In mancher Beziehung ist Lovelace nach Bishof Burnets zeitgenössischem Portrait von Rochester modelliert, in diesem Punkt aber ist das Gegenteil der Fall. Lovelace ist ganz auf Jungfräulichkeit, d.h. aufs Deflorieren fixiert, er legt großen Wert darauf, immer wieder festzustellen, dass er bei allen von ihm gepflückten Rosebuds immer der erste war.

 

Dabei geht es ihm allerdings nicht um Penetration und Defloration, sondern um den Triumph, die Mädchen herumbekommen zu haben und um das zärtliche Spiel davor. Lovelace ist ohnehin nicht Rake im Sinne von Rochester, sondern mehr Satan im protestantischen Sinne: So folgt er auch nicht Rochesters Vorstellung der ursprünglichen Gleichstellung von Mann und Frau, sondern sagt seinem Kumpel Belford: Women, Jack, tacitly acknowledge the inferiority of their sex,in the pride they take to behold a kneeling lover at her feet (3-7).Das wird später Mary Wollstonecraft so erbittert machen.

 

Ganz auf die „Unschuld“ von Clarissa fixiert sind auch ihre Verwandten; bis ans Ende ihres Lebens können sie nicht glauben, dass sie dem Verführer nicht erlegen ist. Während Clarissa immer ihre „Unschuld“ im religiösen Sinn betont, spricht ein Onkel von injured virtue, als er von den Umständen ihrer Vergewaltigung erfährt.

 

Clarissa und Anna sind beide am Ausgangspunkt des Romans nicht grundsätzlich gegen die Ehe, aber insbesondere Anna entwickelt bald Positionen, die an Moll Flanders erinnern. I most heartily despise that sex! ..How charmingly might you and I live together, and despise them all! But to be cajoled, wire-drawn, and ensnared, like silly birds into a state of bondage or vile subjugation: to be courted as princesses for a few weeks, in order to be treated as slaves for the rest of our lives. (1-27) Anthony Harlowe sagt es genau so deutlich: honeymoon lasts not nowadays above a fortnight. (1-32)

 

In dieser Phase empfindet Clarissa ganz ähnlich wie ihre Freundin: To be given up to a strange man; to be ingrafted into a strange family; to give up her very name, as a mark of her becoming his absolute and dependent property; to be obliged to prefer this strange man, to father, mother—to everybody: and his humours to all her own—or to contend perhaps, in breach of a vowed duty, for every innocent instance of free-will....A thousand things may happen to make that state but barely tolerable, where it is entered into with mutual affection: what must it then be, where the husband can have no confidence in the love of his wife.(1-31) Anna geht, wie immer, mit herzhafteren Worten auf Abstand zum anderen Geschlecht: I desire my hoop may have its full circumference. All they're good for, that I know, is to clean dirty shoes, and to keep fellows at a distance. (1-74,AH). Früher hat sie sich schon beklagt, dass der fette Hickman ihr so nahe rückt, dass er auf ihrem „Reifen“ ( vom Reifrock) sitzt.

 

Als Clarissas Reputation erst einmal zerstört ist, redet Anna ihr zu, Lovelace zu heiraten und setzt sich selbst deshalb etwas kompromißbereiter mit der Ehe auseinander: I have concluded that politeness, even to excess, is necessary on the man's part, to bring us to listen to their first addresses, in order to induce us to bow our necks to a yoke so unequal. (2-29,AH)

 

In einem weiteren Brief versucht sie Clarissa erstens klarzumachen, dass sie durchaus nicht gegen Weiblichkeit ist, und beschreibt dann ihre Traum-Ehefrau – wäre sie ein Mann – ziemlich genau so wie Clarissa tatsächlich ist:

I would make it a matter of serious enquiry beforehand, whether my mistress's qualifications, if I heard she was notable, were masculine or feminine ones. Frauen sollen sich praktisch mehr mit den Dingen beschäftigen, die ihre Sache sind...Indeed, my dear, I do not think a man-woman a pretty character at all; and as I said, were I a man, I would sooner choose a dove, though it were fit for nothing but, as a play says, to go tame about house, and breed...Were indeed the mistress of a family...to know how to confine herself within her respectable rounds of the needle, the pen, the housekeeper's bills, the dairy for her amusement; to see the poor fed from superfluities that would otherwise be wasted, and exert herself in all the really useful branches of domestic management; then would she move in her proper sphere...(2-33)

 

Entsprechend nennt Locelace sie virago... und: This girl's a devilish rake in her heart. Had she been a man, and one of us, she'd have outdone us all in enterprise and spirit. (2-99) Lovelace spielt hier auf Popes Zeile an, Ev'ry woman is at heart a rake, mit der er Frauen eine eigene sexuelle Autonomie zuspricht, die Clarissa so nicht akzeptiert. Anna Howe, konfrontiert mit Clarissas Leiden und der Unattraktivität ihres eigenen Verehrers Hickman, formuliert die Wut, die auch der mitfühlende Leser entwickelt: Nor were I married to the best HE in England, would I honour him with the communication of my correspondences. This is my time, you know, since it will be no more to my credit than to his to give myself those airs when I am married... He has a joy when I am pleased with him that he would not know but for the pain my displeasure gives him....All the animals in the creation are more or less in a state of hostility with each other. (2-37)

 

Indem Clarissa auf ihrer liberty of refusal, which belongs to my sex (1-43) besteht, und damit Molls Forderung einlöst, dass Frauen lernen müssen, nein zu sagen, findet sie grundsätzlich zu Annas Position. No more call me meek and gentle, I beseech you.(1-53), fordert sie von ihr, that meekness, wie Anna Howe sie später erinnert, which you always contended for as the proper distinction of the female character (2-29), verschwindet unter dem Druck, dem sie ausgesetzt wird, und sie stimmt mit ihrer Freundin ein: This mischievous sex! What had I to do with any of them; or they with me? (1-76)

 

In Reaktion auf die Alternative zwischen den Bewerbern, die ihr die Eltern aufzwingen wollen, und dem Rake Lovelace entscheidet sich Clarissa für ein single life, und Anna Howe eifert ihr nach: If you allow of it, I protest I will go off privately with you, and we will live and die together...I will engage, my dear, we shall not be in town together one month before we surmount all difficulties.(1-81,AH) A woman going away with a woman is not so discreditable a thing, surely! and with no view but to avoid the fellows! (1-87,AH)

 

Das wäre natürlich disreputierlich und hätte Gemunkel nach sich gezogen, vor allem wenn die Leute in 'Clarissa' hätten nachlesen können, daß never woman loved woman as we love one another  (3-101,AH), aber es gab einige wenige Frauen mit ausreichenden Mitteln, für die das eine Option war. Clarissa die Respektierliche zieht das single life ganz alleine womöglich vor...and then I would defy the sex. For I see nothing but trouble and vexation that they bring upon ours: and when once entered, one is obliged to go on with them, treading with tender feet, upon thorns, and sharper thorns, to the end of a painful journey. (1-83)

 

Als Clarissa lange genug in den Krallen von Lovelace ist, wendet sie sich von alledem langsam wieder ab und wird zunehmend die brave Tochter: At every age on this side matrimony (for then we come under another sort of protection, though that is far from abrogating the filial duty) it will be found that the wings of our parents are most necessary and most effectual safeguard from the vultures, the hawks, the kites, and other villainous birds of prey that hover over us with a view to seize and destroy us the first time wen are caught wandering out of the eye or care of our watchful and natural guardians and protectors. (2-34,CH) Zugleich hofft sie nun auf eine Verständigung mit ihrer Familie, Reaktion auf ihre Wehrlosigkeit in einer Gesellschaft, in der die single woman ohne Protektion leicht zu Freiwild wird.

 

Clarissa auf dem Sterbebett und in ihrer ganzen Gloriole mahnt Anna schließlich, sich brav dem zukünftigen Ehemann unterzuordnen, und wir hören zu unserer Freude, wie Anna ihr widerspricht: you think more highly of a husband's prerogative than most people do of the royal one. ..hardly one out of ten of them, their opportunities considered deserves any prerogative at all: Look through all the families we know; and we shall not find one-third of them have half the sense of their wives .(4-11). Kurioserweise bestätigt sie ihre Mutter an anderer Stelle ganz ungewollt: My daughter...though she is a fine girl, as girls go...has too much sense indeed for one of her sex...(2-98)

 

Das späte Echo darauf kommt in 'Northanger Abbey' von der aufmerksamen 'Clarissa'-Leserin Jane Austen.

 

Nach Clarissas Tod wird Anna noch heftiger:...I...despise this sex, from the gentleman down to the peasant (4-95), um dann an Belford gerichtet de facto Rochesters Amazonengedicht zusammenzufassen: Well do your sex contrive to bring us up fools and idiots, in order to make us bear the yoke you lay upon our shoulders. (4-162)

 

Letztlich bleiben Clarissas Einknicken in ihren emanzipatorischen Ansprüchen und Annas Positionen nebeneinander stehen. In ihrer Nachrede auf ihre Freundin meint Anna: it was always a matter of surprise to her that the sex are generally so averse as they are to writing; since the pen, next to the needle, of all employments, is the most proper, and bets adapted to their geniuses. Sie beherrscht Fremdsprachen und hat angefangen, Latein zu lernen., andererseits meint sie, dass die Muttersprache in der Regel für Frauen ausreicht, damit sie nicht von ihren Pflichten abgebracht werden. But I, who think our sex inferior in nothing to the other but in want of opportunities, of which the narrow-minded mortals industriously seek to deprive us, lest we should surpass them as much in what they chiefly value themselves upon, as we do in all the graces of a fine imagination,, could never agree with her in that. (4-168,AH)

 

Richardson greift formell nicht in die Briefwechsel ein. Aber er läßt Colonel Morden, als der die ganze Schuld von Lovelace noch nicht kennt, einen Kommentar abgeben, der sich an Clarissa nicht bewahrheitet hat: their (der Mädchen) early learning, which chiefly consisted in inflaming novels, and idle and improbable romances, contributed to enervate and weaken their minds...(4-81,L) Dieses gängige, und nicht immer ganz haltlose Argument, welches im Roman völlig unverbunden dasteht, und welches hier nur deutlich macht, dass Morden nicht Bescheid weiß, ließe sich vielleicht so deuten, dass es als negative Folie dienen soll, vor der die Ansichten der jungen Mädchen um so leuchtender strahlen können.

 

Nicht nur unsere beiden wackeren Mädchen, auch der böse Widersacher ist ein Ehemuffel, und diese Übereinstimmung gehört mit zu den unfreiwilligen Pikanterien des Romans. Lovelaces Leben bezeichnet er selbst als the life of honour, das Leben eines aristokratischen Freibeuters, während die Ehe für ihn the life of shackles (1-31) ist, in dem er shall be inevitably manacled (2-53). Genauso wie die Mädchen sieht der Rake in der Ehe (seine) Sklaverei: Marry! No, not for the world; what man of sense would bear the insolences, the petulances, the expensiveness of a wife! (2-93). In Brief 26 im 3. Band erklärt er, dass am besten Ehen nur ein Jahr dauern sollten, das würde Untreue, Vergewaltigung,Eifersucht und Vielweiberei überflüssig machen.

 

Aber Lovelace ist in dieser Frage genauso schwankend wie die beiden jungen Damen: A thousand reasons could I give why I ought not to think of marrying Miss Clarissa Harlowe: at least till I can be sure that she loves me with the preference I must expect from a wife (2-4,L) und noch ehefreundlicher ist sein Rat an alle Ehefrauen: Always to endeavour to make themselves as new to a husband, and to appear as elegant and as obliging to him, as they are desirous to appear to a lover, and actually were to him as such; and then the rake, which all women love, will last longer in the husband than it generally does. (2-92,L)

 

Great Despite to His Satanic Majesty (2-119)

 

Lovelace ist kein Fürst wie Miltons Satan, aber ein Aristokrat vom feinsten, a person of reading, judgment, and taste, wie Vater Harlowe sagt (1-3). Harlowes Sohn James hasst ihn seit der Studienzeit, weil der Mann ihm überlegen ist: His native haughtiness could not bear a superiority so visible, schreibt Clarissa (1-4) Bei all seiner Bildung ist er aber durchaus a man of pleasure...He delights in writing...he has always a pen in his fingers when he retires....though he writes even a fine hand, he is one of the readiest and quickest of writers. Um so beachtlicher bei einem who rides, hunts, travels, frequents the public entertainments...

 

Er ist in mancher Hinsicht ein später Abkömmling des allseitig erzogene Hofmannns von Baldassare Castiglione, nicht einmal gaming is ... his vice..., dafür hat er einen „klaren Kopf“ und „Verstand“...Negativ sind sein Stolz und seine schlechte Reputation (1-12).

 

Er ist ein Wohlgeborener, hat fortune in possession, ist presumptive heir mit great expectations...(1-2), was alles Arabella Harlowe gefällt, die ihn erst ablehnt, als sie merkt, dass er sich nicht genügend für sie interessiert. Auch Clarissas Tante Hervey gefällt er zunächst: he was a generous landlord; ... he spared nothing for solid and lasting improvements upon his estate (1-4).

 

Am besten gefällt er aber ganz unübersehbar Anna Howe, die ihn für einen charming fellow hält und deswegen davon ausgeht, dass auch Clarissa ihn mag: Yet, my dear, don't you find at your heart somewhat unusual make it go throb,throb,throb, as you read just here! (1-10) Schließlich, I may be allowed to say, erlaubt sich Anna, he is a man to be preferred to Mr. Solmes (1-11)...

 

Er ist auch ein viel tollerer Kerl als Hickman, den Annas Mutter ihrer Tochter aufdrängen will; der hat mit seinen strong lines, and big cheek and chin bones nicht the manliness in his aspect which Lovelace has with the most regular and agreeable features (1-46). Your too agreeable rake nennt sie ihn (1-49). Clarissa weiß all das zu schätzen: ...he was no gamester; no horse racer; no fox-hunter; no drinker...aber: he wants a heart: and if he does, he wants everything...who is able to give a heart, if a heart be wanting? (1-40).

 

Hier wird Lovelace Unrecht getan, denn er hat ein Herz, nur verteilt er dessen Wonnen auf zu viele Damen. Und Clarissa weiß das, denn:... I never saw a man, whose person I could like, before this man.....I have been disappointed in my expectations of him (2-46); I was not displeased to see him in his riding-dress (2-58), muß sie erheblich später gestehen... once I could have loved him – ungrateful man! Had he permitted me to love him, I once could have loved him (3-81). Was für ein wunderbares Paar wären die beiden am Ende gewesen ! - aber der Autor will kein Happyend, sondern ein heiliges Ende, die Versöhnung des Bürgertums mit dem Christentum.

 

Was für ein erlesener satanischer Aristokrat Lovelace ist, wird deutlich in folgender Beschreibung von Anna. Inzwischen weiß die ganze „Gesellschaft“ der Grafschaft von seinen Untaten gegenüber Clarissa und von ihrem furchbaren Schicksal. Der perfide Vergewaltiger traut sich aber zu, dieser Gesellschaft zu trotzen, sagt „seis drum“ und taucht ungeladen bei einer Assembly von Colonel Ambrose auf: He entered with an air so hateful to me, but so agreeable to every other eye, that I could have looked him dead for that too. Er ist selbstbewußt, spricht die jungen Damen an, die sich geehrt fühlen und will dann kurz alleine mit Anna Howe reden. O my dear, this man is a devil! This man is indeed a devil! So much patience when he pleases! So much gentleness! Yet so resolute, so persisting, so audacious!

 

Anna vergleicht ihn automatisch mit Hickman, der naturgemäß schlecht abschneidet: ...see how pleased half the giddy fools of our sex were with him, notwithstanding his notorious wicked character. To this it is that such vile fellows owe much of their vileness. Sie bestätigt hier, was Lovelace selbst sagt. Well may our sex be the sport and ridicule of such libertines! Unthinking, eye-governed creatures!...The gentlemen were as ready as I to wish he had broken his neck, rather than be present, I believe: for nobody was regarded but he. So little of the fop; yet so elegant and rich in his dress: his person so specious: his air so intrepid: so much meaning and penetration in his face: so much gaiety, yet so little of the monkey: though a travelled gentleman, yet no affectation; no mere toupet-man; but all manly and his courage and wit, the one so known, the other so dreaded, you must think the petits-maitres...were most deplorably off in his company: and one grave gentleman observed to me (pleased to see me shun him as I did) that the poet's observation was too true, that the generality of ladies were rakes in their hearts, or they were not be so much taken with a man who had so notorious a character. I told him the reflection both of the poet was much too general, and made with more ill-nature than good manners...nothing can touch him for half an hour together (4-6,AH). *69

 

Schon Pamela nennt ihren Master B. Lucifer, wenn er ihr zu nahe tritt. Clarissa ist theologisch korrekter und hält ihren Lovelace meist nur für mit dem Teufel im Bunde: O Lovelace, thou art surely nearly allied to the grand deceiver... (3-46). Belford berichtet aus ihrem Munde: He is, I suppose, on earth, to act the part which the malignant fiend is supposed to act below – dealing out punishments, at his pleasure, to every inferior instrument of mischief! ...(3-111).

 

Der Rake als Werkzeug des Teufels! Entsprechend ist Clarissa nicht nur fasziniert von ihm, sondern zugleich auf der Hut und erklärt ihm von vorneherein (was unbewußt gelogen ist): that I did not like him at all, (1-3)... his temper is naturally haughty and violent...(1-3), klagt sie. This man, this Lovelace, gives me great uneasiness. He is extremely bold and rash.(1-30) ...his natural temper...unused it seems from childhood to check or control.(1-3). Er ist also stolz, unbeherrscht, eitel (1-11) und nicht offen im moralischen Sinne: He wants not art (1-6). Aber das Schlimmste ist eben, er ist hinter jedem attraktiven jungfräulichen Mädchen her. Pamela will B. als Ehemann, Clarissa würde am liebsten gar nicht heiraten (behauptet sie manchmal), aber sie will Lovelace nur als treuen Ehemann oder gar nicht.

 

Das, was Lovelace zum großen Satan macht, ist die Kombination all seiner vielen wunderbaren Seiten mit seinem „diabolischen“ Sexus. Anders gesagt, er ist ein attraktiver, viriler, potenter Mann, der seinen Geschlechtstrieb ohne eheliche Fesseln ausleben möchte, ein Casanova, wie er im Buche steht. An Belford schreibt er. If thou sayest, it is, however, wrong to do so; I reply, that it is nevertheless human nature: and wouldst thou not have me be a man, Jack (3-24). It is in my constitution to be so. I know not how I came by such a constitution; but I was never accustomed to check or control; that you all know. (3-95)

 

Anna Howe weiß, warum er so unbändig ist: From his cradle, as I may say, as an only child, and a boy, humorsome, spoiled, mischievous; the governor of his governors. A libertine in his riper years, hardly regardful of appearances; and despising the sex in general for the faults of particulars of it who made themselves too cheap to him (2-43). Das ist derselbe Text, den Pamela für ihren Master hat: My good lady, his dear mother, spoiled him at first. Nobody must speak to him, or contradict him, as I have heard, when he was a child; and so he has not been used to be controuled, and cannot bear the least thing that crosses his violent will (am Ende von Band 1).

 

Clarissa geht noch etwas weiter:..that deceiving sweetness which appears in his smiles, in his accent, in his whole aspect and address, when he thinks it worth his while to oblige, or endeavour to attract; how does this show that he was born innocent, as I may say; that he was not naturally the cruel, the boisterous, the impetuous creature, which the wicked company he may have fallen into have made him! (2-62). Für sie besteht weniger ein Erziehungsproblem, er ist vielmehr in falsche Gesellschaft geraten, und wir dürfen vermuten, dass das bei einem Roman, der als Clarissa-Roman alle Klischees bedient, auf der Universität passiert ist.

 

Lovelace hat selbst eine dritte, sehr auf ihn passende Erklärung: It was in my early manhood – with that quality-jilt, whose infidelity I have vowed to revenge upon as many of the sex as shall come into my power. Das traf ihn deshalb so sehr, weil er sich klassischer Poesie gewidmet hatte, und sein Mädchenbild von daher geprägt war: those confounded poets, with their serenely-celestial descriptions, did as much with me as the lady: they fired my imagination, and set me upon a desire to become a goddess-maker. I must needs try my new-fledged pinions in sonnet, elegy, and madrigal. I must have a Cynthia, a Stella, a Sacharissa, as well as the best of them...(1-31). Hier kehrt Richardson als erster die Verführung der jungen Mädchen durch seichte Romane um in die Verführung eines jungen Mannes durch hohe Poesie.

 

Aber Richardson geht bei Lovelace noch weiter und stattet ihn mit einem Zug seiner eigenen Persönlichkeit aus. Lovelace erklärt nämlich: But I was originally bashful...when I have looked into myself, by way of comparison with the other sex, to conclude that a bashful man has a good deal of the soul of a woman; and so, like Tiresias, can tell what they think, and what they drive at, as well as themselves...Whence can this be but from a likeness in nature? And this may the poet say that every woman is a rake in her heart (2-16,L).*70

 

Lovelace hat sicherlich Recht mit der Ähnlichkeit von Mann und Frau, aber wenn er sie an einer „ursprünglichen Verschämtheit“ beider Geschlechter festmacht, ist das purer Richardson, der sich Männer wünscht, die genauso „tugendhaft“ sind wie tugendhafte Frauen. Purer Lovelace ist hingegen dessen Pope-Zitat, welches Richardson ja gerade mit Clarissa (im Unterschied zu Pamela) widerlegen möchte.

 

Letztlich ist für Lovelace aber das Geschlecht ausschlaggebend für sein Verhalten: Begin with spiders, with flies, with what we will, girl is the centre of gravity, and we all naturally tend to it (2-7). Dies Bild spinnt er weiter aus zum Mann als geborenem Jäger und Sammler: Er verweist Belford auf the joy of having such a charming fly entangled in my web. (2-59) We begin, when boys, with birds, and when grown up, go on to women; and both, perhaps, in turn, experience our sportive cruelty. ...By my soul, Jack, there is more of the savage in human nature than we are commonly aware of....How usual a thing is it for women as well as men, without the least remorse, to ensnare, to cage, and torment, and even with burning knitting-needles to put out the eyes of the poor feathered songster (2-71). Und Lovelace hat Recht: Wir alle besitzen eine angeborene Option zur Grausamkeit. Belford erinnert sich: from thy cradle, as I have heard thee own, thou ever delightedst to sport with and torment the animal, whether bird or beast, that thou lovedst and hadst a power over (2-123).

 

I love, thou knowest, to trace human nature, and more particularly female nature, through its most secret recesses (3-17), schreibt Lovelace, und womöglich finden wir hier die tiefste Erklärung für sein Verhalten gegenüber Frauen und zugleich einen tiefen Einblick in Richardsons most secret recesses: Beide können offenbar Weiblichkeit nicht als solche hinnehmen, sie ist für sie ein Mysterium, das sie psychisch fordert. Richardsons Vorliebe, seine beiden Rakes gelegentlich in Weiberkleider zu stecken, könnte für deren und seine latente Homosexualität oder zumindest eine nicht klar (genital) definierte Sexualität sprechen.

 

Lovelace möchte Mädchen dekouvrieren als Frauen und Frauen definieren als das andere Geschlecht. Damit definiert er sich als genital männlich und als mächtig/potent. Nur so wird er seiner sexuellen Identität und Orientierung sicher, - meint er. So schaut er sich im zweiten Buch die Nutten in Mrs. Sinclairs Hurenhaus an, von denen er einige in die Prostitution verführt hatte: ...woman! O Jack! What devils are women, when all tests are got over, and we have completely ruined them!( 2-110)

 

Ganz offensichtlich hat er sich zum Boss einer gang of rakes aufgeschwungen, weil er gezwungen ist, sich so immer neu zu definieren. Casanovas erklärtes Vergnügen an der Verführung jungfräulicher Mädchen ist ein erotisches: Ihn verführt der Zauber der Unschuld, die Verbindung seiner ars amanti mit der Phantasie arkadischen Unschuld eines goldenen Zeitalters. Er strebt dabei gemeinsames erotisches Vergnügen an.

 

Lovelace hingegen bleibt immer ein Getriebener und wird so zum Opfer seiner Opfer: seine Mädchen erweisen sich nach ihrer Verführung ihrer Verführung nicht wert. But the devil's in this sex! Eternal misguiders! Who, that has once trespassed with them ever recovered his virtue? (1-34). Insbesondere aber wird er Opfer seines Opfers Clarissa.

 

In Richardsons Roman fehlt eines völlig: erotisches Vergnügen, spielerische Lust. Richardsons Prüderie und vielleicht auch seine komplexe sexuelle Struktur hindern ihn daran, die Doppelfalle zu benennen, in der er seinen Helden gefangenhält: Lovelace definiert seine genitale Triebhaftigkeit nicht aus seiner Männlichkeit, sondern ausschließlich aus der Verführungsmacht attraktiver Mädchen. D.h. er definiert sich als Mann ausschließlich über das andere Geschlecht: That sex is made to bear apin. It is a curse that the first of it entailed upon all her succeeding daughters, when she brought the curse upon us all. (3-107).

 

Richardson modelliert so Lovelaces Rolle nach der von Miltons Satan im Paradies: Das ihm nicht zugängliche Andere, das reizvoll Mädchenhafte ist größte Provokation, es muß korrumpiert, d.h. zerstört werden, damit er vorübergehend sein Selbstbild aufrechthalten bzw. finden kann. Am Ende seiner Karriere weiß Lovelace, daß er immer auch Opfer ist: ... this cursed partial sex (I hate 'em all – by my soul, I hate 'em all!) (4-88).

 

Was Lovelace durchgängig von Don Juan, Rochester und Casanova unterscheidet, ist, dass er aufgrund der Dissenter-Engagiertheit seines Autors nicht vom (protestantischen geprägten) Christentum lassen kann. Lovelace ist kein katholischer Don Juan, sondern ein englischer Protestant mit partiell pathologischer Geschlechtlichkeit. Er hat ein Stück weit Recht, wenn er erklärt: More truly delightful to me the seduction progress than the crowning act: for that when we have obtained our end, satiety soon follows (2-116). Aber sein Problem, das in diesem Satz nur durchschimmert, wird an anderer Stelle ganz deutlich: ...but the fruition, what is there in that? And yet that being the end, nature will not be satisfied without it. (1-34).

 

Lovelace hat das klassische Konsumentenproblem der entwickelten Warenwelt: Er konsumiert Weiblichkeit, um festzustellen, dass sich der Trieb im Konsum erschöpft.

 

Seine zentralen Phantasien sind frühpubertär; er schafft es nicht, Weiblichkeit von Mütterlichkeit zu trennen, die Frau als Geschlechts-Partnerin, als sexuelles Subjekt anzuerkennen.

Die protestantisch-angelsächsische Kultur der schwachen Frauen ist im 18. Jahrhundert zur Kultur der (über)starken Mütter verkommen. Die englischen Romane des 18. Jahrhunderts zwischen 1720/30 und der Revolutionszeit kennen im wesentlichen ein weibliches Körperteil, und das ist der Busen. Er hebt und senkt sich, wogt, zittert, schwillt, ist alabasterweiß wie driven snow, so dass jedes feine Äderchen blau durchschimmert. Bevor sich der Großmufti des Vernunftglaubens, William Godwin, an sein Hauptwerk, seine 'Enquiry into Political Justice' macht, schreibt er drei Romane der niedersten Art, in denen aller Augen unentwegt am weiblichen Dekolleté hängen. Die Sex-Industrie des 20. Jahrhunderts wird in den USA eine große „quasi-religiöse“ Gemeinde zwecks Anbetung der Riesentitten bilden, und kaum ist die Designermedizin dazu imstande ist, wird die Brustvergrößerung zu einem „Muss“ für viele Frauen.

 

Auch Richardson und Lovelace sind Busenfetischisten. Unser Rake berichtet an seinen Kollegen Belford: With an erect mien she entered, her face averted, her lovely bosom swelling, and the more charmingly protuberant for the erectness of her mien (2-101), und: ...her sweet bosom rising to her chin he saw (2-115), um nur zwei exzessive Passagen herauszustellen. Unterschwellige männliche Erektionsphantasien machen sich so an der weiblichen Brust fest.

 

Lovelace mag seine Mädchen mädchenhaft, d.h. auf ihre jugendliche Weiblichkeit und Schwäche reduziert. Edmund Burke kommt bei seiner Selbsterforschung in der 'Enquiry' zu folgendem Ergebnis: Beauty in distress is much the most affecting beauty...(3-IX). Nüchtern formuliert ist ihm Weiblichkeit am schönsten, wo sie am schwächsten ist. Lovelace sieht das ähnlich:...beauty in tears, is beauty heightened, and what my heart has ever delighted in to see. (2-129) Im nächsten Buch ist ihm Clarissa entwischt, und er formuliert: I am glad she wept so much, because no heart bursts..which has that kindly relief....How often, in the past twelve hours, have I wished that I could cry most confoundedly (3-4). Was sich Richardson bei diesem Satz gedacht hat (wenn überhaupt), läßt sich schwerlich sagen.. Lovelaces Anteilnahme an dem Mädel in Distress ist naturgemäß gleich Null, empfindet er sich doch längst als Opfer von Clarissa. Tatsächlich hat er ja Recht; könnte er schwach sein „wie ein Mädchen“, wäre für ihn als Mann das Leben weniger anstrengend, aber dann müsste er sich die Frage aller Softies des 18. Jahrhunderts stellen, ob er überhaupt noch ein Mann sei.

 

Einen zentralen Widerspruch bei seinen Mädchen kann Richardson bis zum Schluss nicht auflösen. Wenn sie selbstbewusst und stark sind, besteht die Gefahr, dass sie seine (klein)bürgerliche (Familien)Ordnung sprengen, sind sie aber brav und schwach, fallen sie den Verführern leicht zum Opfer. Lovelace weiß das zur Genüge: I cannot but observe that these tame spirits stand a poor chance in a fairly offensive war with such of us mad fellows as are above all law, and scorn to skulk behind the hypocritical screen of reputation (2-7,L). Solche Mädchen... used always to oblige me with the flower and first fruits of their garden (2-55). Anders gesagt: This is one advantage...that we male delinquents in love matters have of the other sex: for while they, poor things! Sit sighing in holes and corners, or run to woods and groves to bemoan themselves for their baffled hopes, we can rant and roar, hunt and hawk; and, by new loves banish from our hearts all remembrance of the old ones. (3-113)

 

Satanische Phantasien

 

Lovelace ist kein Heuchler (1-31), sondern ein aufrichtiger Rake; er ist aber im Roman ohnehin viel weniger Täter als sexueller Phantast.. Seine sicherlich phantastischste Aussage ist: ...was ever hero in romance ...called upon to harder trials? (als er, 1-31). Richardson läßt seinen satanischen Helden für den Leser nur wenig agieren; er läßt ihn reden und phantasieren: all gentle shall be my movements: all respectful, even to reverence, my address to her—her hand shall be the only witness to the pressure of my lip-my trembling lip: I know I will tremble, if I do not bid it tremble. As soft my sighs, as the sighs of my gentle Rosebud. By my humility I will invite her confidence....usw.(1-35,L)

 

Es ist offensichtlich, wie Richardson hier die Abonnentinnen der circulating libraries bedient. Lovelace stilisiert sich zum vollendeten Liebhaber des abendländischen Rokoko hoch, er weiß, was Mädchenherzen (damals) höher schlagen läßt.

 

...glorious terms will I give thee. Thy garrison, with General Prudence at the head, and Governor Watchfulness bringing up the rear, shall be allowed to march out with all the honours due to so brave a resistance. And all thy sex, and all mine, that hear of my stratagems, and of thy conduct, shall acknowledge the fortress as nobly won as defeated. (1-99,L). But there lie before me such charming difficulties, such scenery for intrigue, for stratagem, for enterprise.(2-4,L). Every fortified town has its strong and its weak place. I had carried on my attacks against the impregnable parts. (2-105,L).

 

Hier finden ernüchterte Ehefrauen das Alternativmodell zu den in der Regel prosaischeren Formen der Eheanbahnung, an denen sie beteiligt waren.

 

Er bereitet sich darauf vor, Clarissa bei den Smiths zu sehen: I clasped my fingers, as I was danced along: I charged my eyes to languish and sparkle by turns: I talked to my knees, telling them how they must bend; and, in the language of a charming describer, acted my part in fancy, as well as I spoke it to myself... (4-55,L)

 

Sobald er merkt, dass er seine Verführungsphantasien bei Clarissa nicht umsetzen kann, beginnt der Schmerz der Frustration sich in Aggression zu artikulieren, in sadistischen Vergewaltigungsvorstellungen. Über Anna Howe schwadroniert er: This girl's a devilish rake in her heart. Had she been a man, and one of us, she'd have outdone us all in enterprise and spirit. Virago.!...Had I her but here, I'd engage, in a week's time, to teach her submission without reserve. What pleasure should I have in breaking such a spirit I should wish for her but for one month, in all, I think. She would be too tame and spiritless for me after that. How sweetly pretty to see the two lovely friends, when humbled and tame, both sitting in the darkest corner of a room, arm in arm, weeping and sobbing for each other! And I their emperor, their then acknowledged emperor, reclined at my ease in the same room, uncertain to which I should first, Grand Signor-like, throw out my handkerchief! (2-99).

 

Dazu passt noch folgende Passage: ...then I will kiss her when I please; and not stand trembling, as now, like a hungry hound who sees a delicious morsel within his reach (the froth hanging about his vermilion jaws), yet dares not leap at all for his life (2-16).

 

Womöglich möchte Richardson hier uns Lesern klarmachen, dass der aristokratische Gentleman ein gewalttätiger Schweinehund ist, nicht zuletzt auch, indem er ihn das Bild hündischer Gier entwerfen läßt. Tatsächlich erreicht er aber das Gegenteil: Lovelace entpuppt sich als armer Teufel. Anna und Clarissa sind zu stark für ihn, denn er will ja eigentlich in der Verführung (a) seine Macht erleben, seine satanische Potenz, (b) beweisen, daß alle Mädchen verkappte Evatöchter sind, keine Engel, sondern Frauen, nachdem eine ihm gezeigt hatte, dssß sie nicht der von ihm imaginierte Engel war, und (c) seine männliche Identität dadurch belegen, dass er Täter ist und sie Opfer sind.

 

Inzwischen ist er aber zumindest in seinen Phantasien nicht mehr Miltons satanischer Aristokrat, sondern ein eher minderer Teufel: Die Vorstellung, den spirit der beiden Mädchen „zu brechen“, bislang bei seinen „Opfern“ dadurch verwirklicht, dass er die verführten Mädchen sitzengelassen hat, soll nun in der Vergewaltigung wesentlich brutaler durchgesetzt werden. „Brechen“ ist hier so gemeint wie in to break a colt, es ist das barbarische „Zureiten“ potentieller Prostituierter, deren Seele danach gebrochen ist. Das ist das, was ihm Mrs. Sinclair immer wieder vorschlägt: Mrs. Sinclair wishes she had never seen the face of so skittish a lady; and she and Sally are extremely pressing with me, to leave the perverse beauty (pervers, wie für eigene Familie) to their breaking, as they call it, for four or five days...(3-36)

 

Eine weitere Phantasie beginnt damit, daß Clarissa ihm entflieht, bei einer mütterlichen Dame unterkommt, die sich dann in Mother H., eine weitere Puffmutter verwandelt. Diese lädt Clarissa zu sich ins Bett ein, damit sie ihr von ihrem Leiden erzählt. Sie steht dann unter einem Vorwand auf, läßt die Kerze bei der Rückkehr fallen und verwandelt sich im Dunkeln zum zweiten Mal: in Lovelace. Als Clarissa ihn im Bett als den bisherigen Versucher und Verfolger erkennt, altho' Lovelace was the abhorred of her Soul, yet, fearing it was some other person, it was a matter of some consolation to her, when she found it was no other than himself, and that she had been still the bed-fellow of but one and the same man. Dann hört man von der Lady nur noch sighs, groans, exclamations, faintings, dyings....

 

Tassie Gwilliam, auch hier stellvertretend für den feministischen Überhang in westlichen Literaturverwaltungs-Etablissements, bezeichnet das als “fantasy of the second rape” *70. Eine Seite vorher formuliert sie:” ...an elaborate plot to rape or seduce Clarissa a second time. He needs to make good the dissatisfactions of what would now be the first of two rapes; he hopes that a supplementary seduction might also redefine the original rape as a seduction.”

 

Frau Gwilliam wie fast alle angelsächsischen akademischen Feministinnen vergewissert sich immer angesagter politisch korrekter „Theorien“, um dann von den lichten Höhen der theoretisch fixierten Unschuld mit dem Finger auf „das Böse“ zeigen zu können, das ursprünglich teuflisch-männlich ist (wie auch Richardson glaubt). Das Problem ist, dass dabei immer moralisch verbrämte und theoretisch sanktionierte Täter-Opfer-Studien herauskommen.

 

Dies alles deswegen, weil der Begriff rape von Gwilliam so definiert wird wie von politisch korrekten Unterabteilungen US-amerikanischer Fakultäten. Es scheint mir aber notwendig, ihn sowohl der Justiz wie der Moral zu entziehen, um den Lovelace-Roman von Richardson, den Gwilliam gar nicht bemerkt *1, überhaupt lesen zu können. Rape vom lateinischen rapere heißt ursprünglich rauben, dieser Wortsinn ist in Popes 'Rape of the Lock' noch erhalten, wobei Pope aber mit dem Doppelsinn spielt. Im „Rauben“ im Unterschied zum „Stehlen“ ist im Deutschen von vorneherein das Gewaltmoment enthalten, dass das gedankliche Bindeglied zum „Vergewaltigen“ abgibt.

 

In beiden Verben ist der sexuelle impact erst einmal nicht vorhanden. Im „Rauben“ des „Rape“ ist manchmal das Rauben der Unschuld bzw. der Virginität impliziert, Lukrezia stürzt sich in den Tod, weil sie sich nicht derart berauben lassen will.

 

In diesem engen Sinne, auf den der feministische Blick verengt ist, hat Lovelace Clarissa nicht vergewaltigt, sondern etwas begangen, was an Nekrophilie grenzt: Er hat ja nicht mit der Besinnungslosen kopuliert, sondern ist nur zum Zwecke der Zerstörung des Hymens und des Ablassens seines Samens in ihre Scheide eingedrungen. „Nur“ heißt nicht, daß dadurch an seiner Handlung etwas erfreulich wäre, ganz im Gegenteil, es heißt „nur“, dass zur Kopulation nicht nur der penetrierende Penis, sondern der reagierende weibliche Unterleib gehört.

 

Dementsprechend begreift Clarissa das Ganze auch nicht als Verlust der „Unschuld“, sondern bloß des Hymens. Nur deswegen denkt Lovelace daran, einen neuen, wirklichen Trial vorzunehmen. Und seine Phantasie, so diffus sie (dank Richardson) ist, legt es nicht auf Vergewaltigung an, sondern auf eine Situation, die es ihm ermöglicht, Clarissa lustvolle weibliche Sexualität erleben zu lassen. Sighs, groans, exclamations, faintings, dyings: Mit den ersten drei Ausdrücken wird der Weg in den Orgasmus beschrieben, die beiden letzten benennen ihn.

 

Tatsache ist, dass Lovelace sie in dieser Phantasie nicht vorher fragt, ob sie will, schließlich weiß er inzwischen, dass sie unter Umständen bereit ist, ihn zu heiraten, dass sie aber die weibliche Seite sexueller Lust als des Teufels ablehnt. Und diese teuflische Lust ist es schlussendlich, die sie in seinem Sinne „zur Frau machen“ würde. Er formuliert das mit Pope so, dass sie dann auch zum Rake würde. Und klar: er würde sie dann nicht heiraten, denn Rakes heiraten nicht, und schon gar keine Rakes.

 

Im übrigen, Frau Gwilliam: Das, was Träume und Phantasien ausmacht, ist die Abwesenheit der (äußeren) Zensur. In Träumen darf man nicht nur töten, rauben, vergewaltigen und (manchmal gerne) vergewaltigt werden, es ist hin und wieder geradezu ein Gebot der seelischen Gesundheit.

 

Eine weitere Phantasie von Lovelace beginnt mit seiner grundsätzlichen Ablehnung der Ehe, um dann aus einer möglichen Ehe mit Clarissa die befriedigende Aussicht zu entwickeln, deren Busenfreundin Anna verführen und sich so in der Ehe für die Ehe rächen zu können: Love...is hardly ever totally extirpated, except by matrimony indeed, which is the grave of love, because it allows of the end of love. ...A husband is a charming cloak, a fig-leaved apron, for a wife: and for a lady to be protected in liberties, in diversions, which her heart pants after – and all her faults, even the most criminal, were she to be detected, to be thrown upon the husband, and the ridicule too; a charming privilege for a wife! But I shall have one comfort, if I marry, which pleases me not a little. If a man's wife has a dear friend, which could not be taken if the single lady (knowing what a title to freedoms marriage has given him with her friend) was not less scrupulous with him than she ought to be as to herself. Then there are broad freedoms (shall I call them?) that may be taken by the husband with his wife, that may not be quite shocking, which if the wife bears before her friend, will serve for a lesson to that friend; and if that friend bears to be present at them without check or bashfulness, will show a sagacious fellow that she can bear as much herself, at proper time and place. Chastity, Jack, like piety, is a uniform thing. If in look, if in speech, a girl give way to undue levity, depend upon it, the devil has got one of his cloven feet in her heart already. (3-98,L)

 

Inferno

 

In „der Stadt“, in London, hat Lovelace alle Macht über Clarissa, die er deswegen dorthin gebracht hat. Mrs. Hodges formuliert das in schlechter Orthographie so: Lundon is a pestilent plase; and...Squire Luveless is a devil (for all he is sitch a like gentleman to look to) as I hev herd everyboddy say. (3-77)...that wicked, wicked town..schreibt Clarissa (1-82) und: I...have such a bad opinion of the place...(1-86). Lovelace erklärt ihr: Silence and blushes, madam, are now no graces with our fine ladies in town. Hardened by frequent public appearances, they would be as much ashamed to be found guilty of these weaknesses as men (2-58). Der Satan Lovelace mag die Stadt aus spiegelbildlich verkehrten Gründen genauso wenig wie Clarissa, ist hier doch nicht satanische Größe, sondern die Banalität des Bösen angesagt. Nur bewegt sich ein selbstbewußter Mann in solchem Umfeld sicherer als ein Mädchen in seiner ganzen Bashfulness.

 

Clarissa klagt: Oh, why was the great fiend of all unchained, and permitted to assume so specious a form, and yet allowed to conceal his feet and his talons...And what had I done that he should be let loose particularly upon me! (3-2). Achtzig Briefe später bestätigt Anna Howe: the man a devil, and you a saint!, und noch einmal sechs Briefe später: I have hardly any doubt that he has sold himself for a time. O, may the time be short! Or may his infernal prompter no more keep covenant with him than he does with others! (3-88). Das ist das von Marlowe für die Engländer auf die Bühne gebrachte Thema vom Dr. Faustus. Abschließend meint sie: Oh my dear, these men are a vile race of reptiles in our day, and mere bears in their own. See in Lovelace all that is desirable in figure, in birth, and in fortune: but in his heart a devil! (4-94) Am Ende schließt sich auch Belford an: no devil do I fear but one in your shape (4-106).

 

Da mag Lovelace nicht mehr zurückstehen. Als er Clarissa nach ihrer Flucht in Hampstead wieder gefunden hat, verkleidet er sich als einfacher Mann, kommt so ins Haus und tritt ihr dann gegenüber: I threw open my great-coat, and, like the devil in Milton (an odd comparison though!) I started up in my own form divine,/ Touch'd by the beam of her celestial eye, / More potent than Ithuriel's spear!- (3-5). Auch das ist Milton, dass Satan sich Eva unterlegen fühlt : this was one of my reptile motives, owing to my more reptile envy, and to my consciousness of inferiority to her! (4-109)

 

Das Zentrum der Hölle, oder das unterste Inferno, this worse than infernal habitation...this hellish house...(2-129), schreibt Lovelace, ist das Hurenhaus der Mrs. Sinclair: Sie ist ein Stück weit nach Miltons Satansmutter modelliert, mit der ihr Sohn den inzestuösen Bastard Sünde zeugt. Der Tod dieser satanischen Mutter inmitten ihrer hell-born nymphs (4-150) ist herzhafter säkularisierter Protestantismus von der Dissenter-Sorte: ...she was raving, crying, cursing, and even howling, more like a wolf than a human creature...

Ihre „Töchter“,die Huren all in shocking dishabille, and without stays, except Sally...faces, three or four of them, that had run, the paint lying in streaky seams not half blowzed off, discovering coarse wrinkled skins...das Haar plastered with oil and powder; the oil predominating: but every one's hanging about her ears and neck in broken curls or ragged ends... They were all slip-shoed; stockingless some; only under-petticoated all; their gowns, made to cover straddling hoops, hanging trollopy, and tangling about their heels...eyes half opened, winking and pinking, mispatched. Sie sind yawning, stretching, as if from the unworn-off effects of a midnight revel...Belford beobachtet die Höllenmutter...spreading the whole tumbled bed with her huge quaggy carcass: her mill-post arms held up; her broad hands clenched with violence; her big eyes, goggling and flaming-red as we may suppose those of a salamander...her bellows-shaped and various-coloured breasts ascending by turns to her chin, and descending out of sight, with the violence of her gaspings....Sie fühlt schon the torments of the damned....Belford meint: I more than once thought myself to be in the infernal mansions....air,being half-poisoned by the effluvia arising from so many contaminated carcasses (4-138).

 

Im Lovelace-Roman ist Satan wie bei Milton aus der Hölle ausgebrochen, um sich im Paradies umzuschauen. Es ist sein Unglück, dass er sich dann wieder auf sie angewiesen fühlte. Aber inzwischen geht es ihm nicht viel besser als der Hurenmutter: My brain is all boiling like a cauldron over a fiery furnace....I can pronounce damnation upon myself...(4-136,L).

 

Vice in Distress

 

Indem Richardson Lovelace ermöglicht, sich in seinen Briefen frei zu entfalten, schafft er ein angenehmes Gegengewicht gegen den immer moralisierender und heiligmäßig werdenden Ton von Clarissa und gibt seinem zweiten Roman so eine Farbigkeit und Lebendigkeit, die bei 'Pamela' dank deren Betschwester-Frömmelei viel geringer vorhanden ist. Als 'Clarissa Harlowe' gelesen, ist der Roman für den unschristlichen Literaturfreund nach dem ersten Viertel vorbei, als 'Robert Lovelace' fängt das Buch mit dessen ersten Briefen an und endet mit seinem Tod.

 

In Miltons 'Paradise Lost' heißt es: ...for how / Can hearts, not free, be tried whether they serve / Willing or no, who will but what they must / By destiny, and can no other choose? (5-531ff). Die Rahmenbedingung für Evas Versuchung durch den Satan ist ihre Freiheit; hier muß Richardson nachhelfen, denn als brave Tochter im Hause Harlowe ist Clarissa unfrei und der Versucher hat keinen Zugang zu ihr. Der Autor macht das dadurch, dass er ihr Zuhause zu einer Art Vorhölle aufbaut, aus der sie befreit werden muß. Dadurch gerät sie allerdings in die Gefangenschaft des Satans Lovelace und verliert so erneut die Option zur Sünde: Gäbe sie den Verführungskünsten des großen Versuchers nun nach, wäre sie aus Unfreiheit in die Knie gegangen, und so kommt Lovelace nicht weiter, als ihr die Jungfräulichkeit in einer Art chirurgischem Engriff zu nehmen, in der Hoffnung, dass sie durch ihre „Entehrung“ gefügiger werde dafür, sich „als Frau zu erweisen“..

 

Eine Neuauflage der Miltonschen Paradiesgeschichte hätte eine freie Clarissa vorgesetzt, eine solche wäre aber in Richardsons braven Kleinbürger-Augen auch ohne Robert dem Teufel schon (sowieso) des Teufels gewesen. So aber ist der Satan ganz schnell in der Zwickmühle.

 

And what is that injury which a church rite will at any time repair? (3-51), fragt er zu Recht, denn die Intaktheit des Hymens sieht und interessiert niemand (solange sie nicht schwanger wird), und ihre moralische Qualität ist in dem Moment gleich Null, wo sie nicht geglaubt wird. Aber his principal intention was but to try her virtue...(4-156), schreibt Belford. Diese Tugend wird aber von den Rechtschaffenen definiert als Intaktheit ihres Hymen, von der Lovelace weiß, dass sie nur eine moralische Setzung ist: ...when all's done, Miss Clarissa Harlowe has but run the fate of a thousand others of her sex – only that they did not set such a romantic value upon what they call their honour; that's all (3-31,L)

 

Der aristokratische (Anti)Held wird dadurch zu Fall gebracht, dass er sich auf kleinbürgerliche Konsum-Standards einläßt. Until by MATRIMONIAL, or EQUAL intimacies, I have found her less than angel, it is impossible to think of any other....(1-31,L). Die Standhaftigkeit seines Engels wird ihn um seine Männlichkeit bringen: How does this damned love unman me! (2-129), wird er später an Belford schreiben.

 

Er merkt aber im ersten der vier Bücher noch nicht, was mit ihm geschieht und fühlt sich weiter als selbstbewußter Satan: I can put her to trials as mortifying to her niceness as glorious to my pride. For let me tell thee, dearly as I love her, if I thought there was but the shadow of a doubt in her mind, whether she preferred me to any man living, I would show her no mercy (1-97,L).Im zweiten Buch muß er abwechselnd Belford und sich selbst gut zureden: Allow me to try if I cannot awaken the woman in her? (2-11) If I would treat her as flesh and blood, I should find her such. (2-58).

 

Am Ende des zweiten Buches ist er als Versucher gescheitert: My cursed character ...was against me at setting out – yet is she not a woman? Cannot I find one yielding or but half-yielding moment, if she do not absolutely hate me? But with what can I tempt her? RICHES she was born to, and despises, knowing what they are. JEWELS and ornaments, to a mind so much a jewel...her worthy consciousness will not let her value. LOVE, if she be susceptible of love, it seems to be so much under the direction of prudence, that one unguarded moment, I fear, cannot be reasonably hoped for.. (2-103,L)

 

Lovelaces trials von Clarissa, merkt er, sind inzwischen seine eigenen... Indem er Clarissa im Zentrum der Hölle, im Hurenhaus gefangen hat, steht er unter Beobachtung der dortigen Teufelinnen. Die Huren ridicule me for making it necessary for a lady to be undressed. It was not always so with me, poor old man! Sally told me; saucily flinging her handkerchief in my face (2-119,L). Satan als Mann stellt sich als Versager heraus. Mit den Nutten zusammen fingiert er den Ausbruch eines Feuers im Hurenhaus, und kann selbst in dieser Situation Clarissa nicht erfolgreich überraschen. By my soul, thought I, thou art, upon full proof, an angel and no woman!...I will submit to my beloved conqueress... Never saw I polished ivory so beautiful as her arms and shoulders; never touched I velvet so soft as her skin: her virgin bosom – O Belford, she is all perfection...her pretty foot equally white and delicate as the hand of any other woman, or even as her own hand! (2-126,L)

 

Im dritten Buch des Romans wird deutlich, daß die (klein)bürgerliche Moral die Macht des aristokratischen Satans gebrochen hat: So now, Belford, as thou hast said, I am a machine at last, and no free agent (3-18,L). Die Unfreiheit von Clarissa ist zu seiner eigenen geworden. Why was such a woman as this thrown in my way, whose very fall will be her glory, and perhaps not only my shame, but my destruction. (3-18,L). Er sagt damit fast wortwörtlich dasselbe wie Clarissa. *71

 

In seinem zweiten großen Traum (im ersten verführt er Clarissa in Frauengestalt) sieht Lovelace das religiös korrekte Ende voraus: At this, charmed with her sweet mediation, I thought I would have clasped her in my arms: when immediately the most angelic form I had ever beheld, all clad in transparent white, descended in a cloud, which, opening, discovered a firmament above it, crowded with golden cherubs, and glittering seraphs, all addressing her with: Welcome, welcome,welcome! And, encircling my charmer, ascended with her to the region of seraphims...And then (horrid to relate!) the floor sinking under me, as the firmament had opened for her, I dropped into a hole more frightful than that of Elden; and tumbling over and over down it, without view of the bottom, I awakened in a panic...(4-56,L).

 

Lovelaces Kapitulationsurkunde lautet folgendermaßen: has not her triumph over me, from first to last, been infinitely greater than her sufferings from me? ... Tell, therefore, the dear creature that she must not be wicked in her piety. There is a too much, as well as a too little, even in righteousness. ...my love for her is less personal, as I may say, more intellectual, than ever I thought it could be to a woman (4-92,L).

 

Personal heißt in dieser Zeit auf die Physis bezogen, nicht im heutigen Sinne „persönlich“. Das Persönliche als das Innerliche ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts ebenso wie die „Persönlichkeit“ als das oder der Besondere. Intellectual ist nicht „intellektuell“ im heutigen Sinne, sondern bezieht sich auf die ursprüngliche Fähigkeit des intellegere: Lovelace liebt sie hier nicht sensuell, vermittelt über die Sinne, sondern intellektuell, vermittels seiner Verstandeskräfte. Wenn wir sexuelle Liebe sinnvollerweise als Verbindung eines „Gefühls von Liebe“ mit triebhaftem Begehren definieren, dann ist Lovelace jetzt ein Stück weit seiner Männlichkeit beraubt, seiner Liebesfähigkeit. Denn folgen wir Richardsons religiöser Glorifizierung Clarissas, dann erkennt er sie jetzt als Engel und Heilige an, und selbige werden nicht geliebt, sondern verehrt.

 

Nachdem Richardson ihn sagen lässt, dass Clarissa gewonnen hat, womit er sich, wenigstens für den Moment dieser Textpassage, unter ihr Urteil unterwirft (auch sie schätzt ihr Leiden jetzt gering ein), gibt er ihm (so legitimiert) die Möglichkeit, implizit ein vernichtendes Urteil über sie abzugeben: Sie ist boshaft/bösartig in ihrer Frömmigkeit, und es gibt ein Zuviel an Rechtschaffenheit bei ihr. Nach Fieldings vernichtendem Urteil über Pamela wird Richardson aber alles weitere vermeiden, was Clarissas Tugendhaftigkeit ähnlichem Verriß aussetzen könnte.

 

Dabei klafft in dem Buch ein ähnlich großer Riß wie in seinem Erstlingsroman: Clarissa wird Heilige über ihre Bereitschaft zu sterben. Sie gewinnt zwar keine äußere, aber innere Freiheit, jedoch ausschließlich als Freiheit zum Tode. Damit aber steht sie in Gefahr, eine christliche Todsünde zu begehen: den Suizid.

 

Clarissa versucht das dadurch auszuräumen, dass sie nach längerem Zureden ärztliche Hilfe zuläßt. Damit holt sie aber alle Heuchelei Pamelas zumindest ein, denn sie weiß wie jeder damals, dass ärztliche Hilfe allzu oft lethaler ist als die Krankheit selbst. Darüber hinaus weiß sie, dass sie sterben wird, weil sie sterben will.

 

Über die Tatsache ihres Suizides deckt Richardson nun milde den Mantel der Symptome einer psychosomatischen Krankheit: Die gebrochene Seele bricht auch den Körper. Das kommt vor, und so erklärt auch Jane Austen die Zusammenbrüche von Marianne Dashwood. Nur: damit teilt Richardson implizit ihre inneren Instanzen in eine religiöse Seele, die ja unbefleckt bleibt und ungebrochen, und eine Psyche, die gebrochen wird. Eine solche Aufspaltung steht für den frommen Dissenter andererseits aber nicht zur Debatte. Also darf er sie nicht formulieren.

 

Folgendes ist zunächst anzumerken:

 

Lovelace „bricht“ Clarissa tatsächlich ähnlich, wie zukünftige Huren im Bordell gebrochen werden. Bloß wird sie dadurch nicht zur Hure, sondern zur Heiligen.

Wollte Clarissa nicht sterben, würde sie leben, aber dann wäre sie eine Frau, und kein Engel.

Clarissa wird dadurch zur Heiligen, dass sie eine Todsünde begeht. Dadurch verursacht sie mittelbar Lovelaces Tod.

 

Richardson läßt Lovelace einen Begriff von Liebe entwickeln, der das Begehren enthält. Love, that deserves the name, never was under the dominion of prudence, or of any reasoning power.(3-24,L). Kluge, vorausschauende Vorsicht ist aber Richardsons Wert, den er gegen die Stimme der Natur setzt. Reasoning heißt hier im ursprünglichen (nicht abfälligen) Sinn Raisonnieren, Vernunftgründe abwägen. Lovelace hat natürlich Recht, dass Liebe als Gefühl und Begehren sich jeder Vernunft entzieht. Jede Operation der Vernunft kann sich mit der Liebe auseinandersetzen und ihr so mehr oder minder gegenübertreten, aber nicht mehr als das.

 

Richardson erklärt in alter Dissentertradition den Trieb für des Teufels, und exemplifiziert die Möglichkeit, ohne ihn leben zu können, an den zwei „unerweckten“ Mädchen, die das Begehren nicht kennen, und deshalb männerlos leben wollen. Lovelace formuliert am Ende ausdrücklich, dass er Clarissa zur Frau erwecken möchte, und das heißt, zur Liebe:.... the woman who resents not initiatory freedoms must be lost. For love is an encroacher. Love never goes backward. Love is always aspiring. Always must aspire. Nothing but the highest act of love can satisfy an indulged love (2-12).

 

She cannot bear to be thought a woman, I warrant! (3-24,L). Im Rahmen des Clarissa-Romans hat Lovelace natürlich Unrecht; um nicht den tristen Somers heiraten zu müssen, ist sie durchaus bereit, Lovelace zu heiraten und dadurch (seine) Frau zu werden, - sofern er sich zur Treue verpflichtet. In der Heiligengeschichte wird aber das be thought weggelassen.

 

Im parallelen Lovelace-Roman dagegen stimmt seine Aussage in ihrer vollen Formulierung: Sie kann nicht ertragen, in der Vorstellung von Lovelace eine Frau zu sein. In dieser Vorstellung hat sie nämlich zum einen einen Mund, einen Busen, Hände, einen Schoß, usw. und diese Vorstellung treibt (ihn/sie) in den Geschlechtsakt, denn sie löst bei beiden Begehren aus, das nach fruition und nach Unterwerfung strebt.

 

Clarissa möchte sich aber nicht vom großen Verführer als Frau definieren lassen. In dieser Vorstellung ist sie zum anderen ein sexuell aktives Wesen, denn das hat Lovelace oben mit be lost ausgedrückt. To encroach heißt „einen Übergriff begehen“ und „unrechtmäßig eindringen“, und Lovelace hat Recht, wenn er schreibt, dass die Liebe ein Eindringling ist. Das wohlige Begehren, daß erste Zärtlichkeiten (in ihr) provozieren, plädiert aus sich heraus für den vorgegebenen Weg in den Koitus. Anna und Clarissa nennen deshalb Lovelace einen encroacher, einen Miltonschen Satan, der sich in die Evatöchter einschmeichelt mit seiner gespaltenen Schlangenzunge, und dann genau weiß, wie er ihr Blut in Wallung bringt... all gentle shall be my movements (s.o.).

 

In Clarissas Worten heißt all das in ihrem posthumen Brief an Lovelace: (sie möchte) awaken you out of your sensual dream....Be no longer the instrument of Satan...justice, no less than mercy, is an attribute of the Almighty. (4-149). Dabei legt Lovelace selbst Wert darauf, nicht sensual in dem Sinne zu sein, dass es ihm zentral ums Kopulieren gehe. Daraus können wir übrigens erschließen, dass es das ist, was Clarissa mit dem Wort meint.

 

Neben den vielen Argumenten, die die beiden Mädchen und Lovelace gegen die Ehe vorbringen, gibt es ein einziges, das für die Ehe spricht. Belford berichtet Lovelace von dem Sterben eines Rake-Kumpanen, der eine kept mistress hatte, die das Regiment im Haus übernahm, sein Geld kontrollierte und ausgab und zwei Kinder hatte, deren Vaterschaft dieser Rake in Distress immer mehr bezweifelt. Belfords Argument für die Ehe ist, dass man mit ihrer Hilfe die (Ehe)Frau unter Kontrolle hat, im Unterschied zur Maitresse mit ihren Rechten (so hat das von weiblicher Seite Roxana formuliert) ist die Ehefrau gegenüber dem Ehemann fast rechtlos.

 

Als Lovelace die Heiratslizenz vom Bischof erhält, ruft ihr Text in ihm wieder die Abscheu vor der ehelichen Wirklichkeit, wie er sie vielfach beobachten konnte, wach. Auf einem typischen Grabstein des englischen 17. Jahrhunderts findet er abgebildet, was der gezähmte Mann als seine Ehe vorgibt, wobei er dieses idealisierte Bild genau so schlimm findet, wie die Wirklichkeit hinter der Heuchelei:

Oh! but truly she hoped to have the merit of reclaiming him. She had formed pretty notions how charmingly it would look to have a penitent of her own making dangling at her side to church, through an applauding neighbourhood: and, as their family increased, marching with her thither, at the head of their boys and girls proce ssionally as it were, boasting of the fruits of their honest desires, as my good lord bishop has it in his licence. And then, what a comely sight, all kneeling down together in one pew, according to eldership, as we have seen in effigy, a whole family upon some old monument, where the honest cavalier in armour is presented kneeling, with uplifted hands, and half a dozen jolter-handed, crop-eared boys behind him, ranged gradatim or step-fashion, according to age and size, all in the same posture – facing his pious dame, with a ruff about her neck, and as many whey-faced girls all kneeling behind her: an altar between them, and an opened book upon it: over their heads semilunary rays darting from gilded clouds, surrounding an achievement-motto, IN COELO SALUS – or QUIES – perhaps, if they have happened to live the usual married life of brawl and contradiction... (3-66,L)

 

Das ist der aristokratische Gegentext gegen die Verbürgerlichung der Menschen, und mit Lovelace verabschiedet sich Restoration-England zum letzten Mal. Dabei kann Lovelace, dem deswegen vorgeworfen wird, er sei jesuitical (katholisch und spitzfindig zugleich) noch einmal jene abendländische Errungenschaft der Skepsis vorbringen, die quer durchs abendländische Barock betonte, daß die (sinnliche) Wahrnehmung und die Täuschung Geschwister sind, was die bildenden Künste dadurch feierten, dass sie sie beide in ihre Werke einbanden.

 

Der Satan Lovelace ist der große Deceiver, der Versucher und Verführer, der im Akt der Verführung einen Zauber ausübt, der keinen Bestand hat, immer enttäuscht wird. Er muß entthront werden, damit an die Stelle dieses Charms lebendiger Leiblichkeit eine tote Warenwelt zwischen deceit und deception pendeln kann

 

Lovelace läßt es sich nicht nehmen, (denn) Richardson erlaubt es ihm, auf Bischof Berkeleys These einzugehen, alle sinnliche Wahrnehmung sei Täuschung, woraus er seinen Gottesbeweis ableitet. Das ist natürlich ein Seitenhieb des Dissenters gegen die anglikanische Amtskirche, der rechtschaffenen Gewißheit gegen geistliche Laschheiten. Und an anderer Stelle verbindet das Lovelace mit seinem Status als Rake: Is not the world full of these deceptions? And are not lovers' oaths a jest of hundreds of years' standing? And are not cautions against the perfidy of our sex, a necessary part of the female education? (2-92,Lovelace an Belford).

 

Solche Aussagen in einem englischen Text um 1740, nachdem ähnlich ketzerische Einblicke eines Mandeville dem allgemeinen öffentlichen Verriss anheimgegeben sind, sind nur möglich, weil Richardson in seinem einen zwei Romane schreibt, und wegen diesen Äußerungen von Lovelace kann er gar nicht umhin, Clarissas Himmelfahrt zu betreiben. Und so können wir lesen:

 

Do not the mothers, the aunts, the grandmothers, the governesses of the pretty innocents, always...preach to them the deceitfulness of men? That they are not to regard their oaths, vows, promises? What a parcel of fibbers would all these reverend matrons be, if there were not now and then a pretty credulous rogue taken in for a justification of their preachments, and to serve as a beacon lighted up for the benefit of the rest? (3-18,L an B)

 

Schöner als in der 'History of Robert Lovelace' wird nirgendwo das (englische) 19. Jahrhundert vorhergesehen, dieses Zeitalter gnadenloser Wohlanständigkeit, gegen die Dickens und Thackerays Texte angehen, das am Ende einen seiner besten Prosaautoren, Thomas Hardy, den Geiern der Moral zum Fraß vorwerfen wird. Das von Richardson zynisch gemeinte, aber umso charmanter geratene Lächeln des letzten tauglichen (wie in „Tugend“) literarischen Satans wird neben dem miltonschen Vorbild einen Byron inspirieren, noch einmal gegen die neue Zeit anzurennen. Nachdem er so zur Kultfigur der Damenwelt in den literarischen Salons geworden ist, kann er nicht mehr anders, als in den Tod zu gehen. Die stürmische Verehrung der Frauen zeigt ihm, dass sein Teufel zu schlecht gespielt war *72.

 

Aber Lovelace hatte alles schon vorher gesagt: As I propose, in my more advanced life, to endeavour to atone for my youthful freedoms with individuals of the sex, by giving cautions and instructions to the whole, I have made a memorandum to enlarge upon this doctrine; to wit, That it is full as necessary to direct daughters in the choice of their female companions, as it is to guard them against the designs of men ... Denn Mädchen sind mehr von Mädchen ruiniert worden als von Männern. (3-24)

 

Und auch das folgende hätte Byron genauer lesen sollen: Such is the relish that the world has for scandal. In other words, such is the desire that the world has to exculpate himself by blackening his neighbour. You and I, Belford, have been very kind to the world, in furnishing it with many opportunities to gratify its devil.. (3-24,L)

 

For the world , Jack, is but a great fair, thou knowest; and, to give thee serious reflection for serious, all its toys but tinselled hobby-horses, gilt gingerbread, squeaking trumpets, painted drums, and so forth...I cannot but conclude that I was under the power of fascination from these accursed Circes (der Huren in Sincalirs Hurenhaus); who, pretending to know their own sex, would have it that there is in every woman a yielding, or a weak-resisting moment to be met with; and that yet,and yet, and yet, I had not tried enough... (3-66,L)

 

Sympathy for the Devil

 

Please allow me to introduce myself,

I am a man of wealth and taste

I have been around for a long long year

Stole many a man's soul and faith

...

Pleased to meet you,

Could you guess my name.

 

Warum diese so ausführliche Beschäftigung mit 'Clarissa Harlowe'?

Lovelace ist der in der Geschichte der mir bekannten Literatur neben Pepys Diary am weitestgehendsten und rückhaltlosesten offengelegte Mann (Mensch), und das deswegen, weil er als das personifizierte Böse, als die verdammungswürdige Lebensweise, der widerwärtig unmoralische Aristokrat ein Mensch ist, vor dem alle Rücksichten nichtig werden. Lovelace ist so schlecht, dass man ihm alles das mitgeben kann, was man anderen Menschen (und sich selbst) geflissentlich wegleugnet..

 

Richardson hat sich offensichtlich so aus voller Seele in diesen Kerl reinlegt, dass lauter abgelegte Seiten seiner selbst an seinem Anti-Helden bloßgestellt werden. Er hat sich ja nicht in jemand anderen eingefühlt, wie er selbst in Briefen behauptet, sondern in das Andere seiner selbst... Dabei ist ihm Lovelace so gut gelungen, dass er gerade in seiner Vielfalt bis hin zu Widersprüchlichkeiten leibhaftig ist, er ist wahrhaft der Leibhaftige, er ist Leib, bevor er einen Kopf hat und er hat einen exzellenten Kopf dazu, der seine Leibhaftigkeit faszinierend reflektiert.

 

Richardson schafft es, für sich und seine Zeitgenossen, als Frauenkenner aufzutreten. Seine Clarissa ist ihm aber nicht viel besser als seine Pamela gelungen, mag sie auch gelegentlich etwas sympathischer sein. Lovelaces und auch Annas Clarissa macht aus einer potentiellen Heiligen erst ein interessantes Mädchen.. .Die bürgerliche Literatur des 18. Jahrhunderts glänzt zwar von Phantasmen der Weiblichkeit, die Männervorstellungen sind, in denen sich Frauen gerne sonnen, Goethe ist ein Musterbeispiel, aber das sind nie Frauen, sondern frauengerechte Frauen. Lovelace ist kein männergerechter Mann, aber er ist wenigstens (und großartigerweise) ein Mann.

 

Es drängt sich die Frage auf: Wie konnte es kommen, daß der wenig gebildete, moral-protestantische Drucker Richardson so etwas zustande bringt? Die Antwort kann nur in der Frage enthalten sein:

(a) Richardson wusste nicht, was er tat, und tat es nur insofern. Dass er nicht heftig zensuriert wurde, liegt wiederum daran, daß sein Publikum es auch nicht merkte.

(b) Lovelace ist erst damals möglich geworden. Dort, wo es Ähnlichkeiten mit Rochester gibt, muss darauf verwiesen werden, dass letzterer sein tiefes Leben vergleichsweise ungebrochen lebte und reflektierte. Rochesters Texte sind Kunstprodukte, denn sie wissen, was sie tun, Lovelace ist eingebettet in eine Geschichte, die eine Romangeschichte in ein religiöses Traktat transformiert, - im Laufe von 2 200 Seiten. In dem Moment, wo dieser Luzifer sich entschließt, auf das wunderbare Rosebud-Mädchen zu verzichten, und sich auf Clarissa kapriziert, ist er, ohne es gleich zu wissen, ein gebrochener Mann; und indem er das ist, wird sein Innerstes nach außen gekehrt, ohne dass dies seiner Absicht entspräche. Er wird sozusagen aufgebrochen, so dass wir mit ihm in ihn hineinschauen können. Dabei sehen wir den Menschen, der plötzlich, um Adorno zu persiflieren, im Sinne Richardsons im richtigen Leben das falsche entdeckt und darüber sich auf das offenherzigste bloß stellt. Seine Blöße aber zeigt, daß er ein Zu-Spät-Gekommener ist: Das Zeitalter der Gutmenschen ist angebrochen, die auf sich selbst zugunsten einer Welt des Konsumismus verzichten, indem es nicht mehr gilt, zu leben, sondern etwas darzustellen, das konsumierbar ist.

 

Das Interesse an Satan und den Hexen kommt auf, als Zivilisierung als Rationalisierung des Menschenbildes alles das ausgrenzte, was die Vernunft als animalisch zu denken begann. Der Sexus, von Paulus als notwendiges Übel angesehen, wird jetzt nicht nur von der Geistlichkeit, sondern auch ganz weltlich ausgegrenzt. Die Ehe ist der Ort, wo die „Vernunft“, der autoritäre Scharfrichter, dafür sorgt, dass der Sexus seinen Bockscharakter verliert. Clarissa weiß das, und Lovelace genauso: Die Ehe ist der Tod der Liebe und die Geburt ordentlicher bürgerlicher Verhältnisse.*1

 

Dass Lovelace ein Satan ist, ist also sowohl ein Resultat religiöser wie sozio-ökonomischer Entwicklungen. Dass er als Satan nur die Rolle des Rakes spielen kann, liegt daran, dass Richardsons England seinem Autor nichts anderes zu bieten hatte. Tatsächlich taucht er selbst nur einmal vor den Augen der Leser als solcher auf. In dem Haus des Ehepaares Smith, in dem Clarissa am Ende unterkommt und stirbt, tritt er einmal als randalierender Rowdy auf: Er pöbelt die Kleinbürger an, die seines Erachtens, eine Welt repräsentieren, aus der die Lebendigkeit verschwindet. Diese Leute, und es sind mehrere, verhalten sich gegenüber dem einen Mann Lovelace feige und unterwürfig. Bei allem Unheil der nächsten Jahrhunderte werden sie sich wegducken und auf Kommando applaudieren. Die Rückkehr des Sexus in gesellschaftliche Akzeptanz wird ihn scheinbar im Gewand der Ware gebändigt haben.

 

Das Lovelace „seine“ Clarissa nicht bei vollem Bewußtsein vergewaltigt, nachdem er „seinen“ Charmer nicht verführen kann, ist nicht ihm anzulasten, sondern Richardson, der die unappetitliche Version der vorzieht, in der seine Vorstellungskraft wohl doch auf erheblichste Selbstzensur gestoßen wäre. Richardson ist Vertreter der fortschrittlich-abendländischen Variante, die das klinisch saubere Töten in den Gaskammern der lustvollen Aggression früherer Pogrome vorzieht.

 

Mit Lovelace stirbt der alte Satan in seiner immer wieder berückenden Gestalt aus der abendländischen Kultur und das Böse verliert sich entleibt in jene Nebelschwaden der Ideologie, in denen es darauf reduziert wird, keine guten Absichten zu haben.

 

B. und Belford: Der reformierte Gentleman

 

Richardson leistet es sich, wie schon zu sehen war, dass sein Satan Lovelace Master B.s reumütige Einkehr in die moralische Besserungsanstalt Ehe mit Pamela implizit kommentiert. Dazu noch ein Zitat:...what a couple of lamentable puppies shall we make, howling in recitative to each other's discordant music! (4-10,L). Wir wissen schon: Richardson/Clarissa kennt sein Gebetbuch, Richardson/Lovelace hat Milton gelesen.

 

Beim großen Ratschlag der gefallenen Engel nach dem Höllensturz meint einer der bedeutenderen Unterteufel, Mammon: ...what place can be for us / Within Heav'n's bound, unless Heav'n's Lord supreme/ We overpower? Suppose he should relent / A publish grace to all, on promise made / Of new subjection; with what eyes could we / Stand in his presence humble, and receive / Strict laws imposed, to celebrate his throne / With warbled hymns, and to his Godhead sing / Forced hallelujahs; while he lordly sits / Our envied sovereign, and his altar breathes /Ambrosial odours, and ambrosial flowers, / Our servile offerings...(2-237) ...preferring / Hard liberty before the easy yoke / Of servile pomp...(2-255ff) Nor want we skill or art, from whence to raise /Magnificence; and what can Heav'n show more? / Our torments also may in length of time / Become our elements, these piercing fires / As soft as now severe...(2.272ff) Die Teufel bleiben untamed (2-337).

 

Reformare heißt im Lateinischen sowohl „die alte Form wiederherstellen“ als auch „in eine neue Form bringen“. Die Reformation Luthers war die vermeintliche Wiederherstellung der alten Kirche, reformieren als „verbessern“ ist im Deutschen wie im Englischen erst später gängig geworden. Samuel Johnsons Wörterbuch gibt ein Shakespeare-Zitat als frühe Nutzung des Wortes reformation für „Verbesserung“. Die erste Encyclopaedia Britannica definiert Reformation als the act of reforming or correcting an error or abuse in religion, discipline, or the like.

 

Reform heißt in den beiden Romanen ein braver Biedermann wie Richardson werden: Fromm, bibelgläubig, gesetzestreu, autoritär strukturiert, die eigene Sexualität zumindest nach außen weitgehend unterdrückend, der ideale Typ für Himmlers so anständige Mörderbande.

 

Dies Reformprogramm funktioniert nur, wenn eine Kontrollinstanz wie die, die die Puritaner in sich installiert hatten, mit einem normativen Auge ständig jede Lebensäußerung daraufhin kontrolliert, inwieweit man dem, was als heidnisch, animalisch, eben sündig deklariert wird, eine konsequente Absage erteilt. Das ist ein intensives Abtötungsprogamm menschlicher Lebendigkeit, mit dem den Anforderungen einer neuen, neu-bürgerlichen Lebenswelt Genüge getan werden soll, es ist ein gigantisches (Um)Erziehungsprogramm, und B. tut den ersten Schritt in diese Richtung, nachdem er Pamelas (bigotte) Frömmlerei in ihren Briefen entdeckt hat: I do own to you, my Pamela, said he, that I love you with a purer flame than ever I knew in my whole life! Er hat nach eigener Aussage jetzt seinen Stolz überwunden, auf jeden Fall hängt seine Flamme jetzt auf Halbmast. Und als ob er es selbst kaum glauben kann, wiederholt er kurz vor seiner Verehelichung mit dem appetitlichen Dienstmädchen: I am not now so much the admirer of your beauty, all charming as you are, as of your virtue. Sollte sie doch Fieldings Shamela sein, würde sie eine solche Äußerung wohl nur beleidigen, wenn sie von ihrem landpfarrernden Liebhaber Williams käme

 

Das, was Anna Howe über Lovelace geschrieben hat, bringt B. fertig, selbst zu sagen: We people of fortune...are generally educated wrong...We are usually headstrong in our wills, and being unaccustomed to controul from our parents, know not how to bear it. Nach eigener Aussage verliert er jetzt an Stolz und legt seinem Willen Zügel an. Wenn er seine Emotionen zu starkt zeigt, soll Pamela ihm in Zukunft aus dem Weg gehen: I desire her never to see me on such occasions, till I can see her in the temper I ought zu be in, when such sweetness approaches me....these ungovernable moments...Jane Austens Controul-Gouvernement, von Elinor ihrem Schwesterchen immer wieder anempfohlen, um mit den gesellschaftlichen Realitäten klarzukommen, ist mehr als ein halbes Jahrhundert vorher als christlich-moralisches Programm der Pilgerschaft auf Gottes Wegen schon vorgebildet.

 

Pamela, die Vorkämpferin aller bigotten Hausfrauen, triumphiert: No light, frothy jests drop from his lips; no alarming railleries; no offensive expressions, nor insulting airs...Frothy ist „schaumig“ und „seicht“, es ist für den, der meinen Text bzw. den von Richardson aufmerksam gelesen hat, auch der schaumige Geifer, der von den Lefzen des geilen Hundes Lovelace heruntertropft, der an seine Clarissa nicht ran darf. Railleries sind Scherze, mit denen jemand „aufgezogen“ wird, die provozieren. Bis inklusive Shaftesbury machten sie einen elementaren Teil des wit mit seinen repartees aus, den geschliffenen geistreichen Ton des noch nicht total reformierten Gentlemans. Wenn wir die Adjektive weglassen, muß B. in Zukunft seinen Mund halten oder hochgradig emotionslos reden. Was light, frothy, alarming, offensive, insulting ist, wissen wir aus Pamelas Text, - es ist jede erotische Assoziation oder mögliche Konnotation.

 

Belford hatte am Institut der kept mistress beklagt, dass diese allzu leicht Herr im Haus werden könne. Er hat leider nicht 'Pamela' gelesen, sonst hätte er zusehen können, wie diese durchsetzt, dass die von B. entlassenen Dienstboten nun alle zurück können. How heartily do I now despise all my former licentious pursuits, singt B. im Ton einer Gospelveranstaltung der Pfingstgemeinde..

 

Nur, was bleibt ihm jetzt noch vom Leben, außer seinen Wohlstand zu mehren, viele brave Kinder zu kriegen und Schwiegermutter Andrews öfter zum Rezitieren von Psalmen in die Hauskapelle zu holen?

 

Während Pastor Williams in Gottes freier Natur bei der Lektüre des 'Télémaque' von Fénélon zu beobachten ist, der vom Sohn des Herrn über zahllose Rindviecher und einen Saustall zum reformierten gentilhomme à la francaise wurde, demonstriert die Serva Padrona, wie sich ihr zum Laffen gewordener Ehemann künftig zu artikulieren hat: We are just returned from an airing in the chariot; and I have been delighted with his conversation upon English authors, poets particularly. He entertained me also with a description of some of the curiosities he had seen in Italy and France, when he made what the polite world call the Grand Tour.

 

Ob der Squire sich dabei wohl weit über Frau Jenny Treibels literarische Höhenfluge hinausbegibt, steht zu bezweifeln. Sollte er das tun, wird der Kleinen das allerdings ziemlich gleichgültig sein, teilt sie ihren Eltern doch nicht mit, dass er sich endlich zu ihrem Bildungsniveau aufgeschwungen hat, sondern dass sie jetzt in den Stand derer versetzt ist, die eine Kutsche fürs Luftschnappen haben, das Geld, sich in der Jugend quer durch Europa zu huren und bei Gelegenheit irgendetwas über englische Gedichte (und nicht nur Psalmen) aufgeschnappt zu haben. Was B. in Zukunft noch machen darf, dass ist im schlechtesten Sinne des Wortes „Konversation“.

 

Lady Davers, Master B.s Schwester, war solange für Pamela gut, solange sie ihr nicht böse war. Ihren Bruder beschimpft sie gerechtfertigterweise als egregious preacher! (d.h.als „Erz-Priester, bzw. anmaßender Pfaffe) und ruft entsetzt aus: my brother already turned puritan...und zu Pamela: Thou hast done wonders in a little time! Thou hast not only made a rake a husband; but thou hast made a rake a preacher.

 

Wenig später wird auch sie zu den psalmodierenden Kretins überwechseln, in 'Pamela' bleibt keine Bekehrung ungeschehen.

 

Pamela akzeptiert am Ende eine Ehe mit dem bekehrten Liederjan, in der er offiziell Herr und Gebieter über sie ist. In einem langen Text stellt sie unter anderem fest: 6: I must bear with him, even when I find him in the wrong; 24 If she would overcome...it must be by sweetness and complaisance. Dazu meint sie zu Recht: I have not the easiest task in the world before me... Dafür bietet ihr B. außer Luxus und Sozialstatus nicht wenig: 26 The words COMMAND and OBEY, he says, shall be blotted out of his vocabulary. (Damit ist 6 (s.o.) schon mal erledigt). Außerdem: 27. A man should desire nothing of his wife, but what is reasonable and just. Sie wird ihm schon sagen, wie sie das versteht. 48. a husband ...ought not to abridge her of any privilege of her sex....

 

Als Belford Clarissa kennenlernt, beeindruckt sie ihn so sehr, dass er ihren Einfluß sogar als Assimilation bezeichnet, der Kontakt mit ihr macht ihn zu einem Simile: And yet I don't know how it is, but this lady, the moment I come into her presence, half-assimilates me to her own virtue. (2-103,L)

 

Am 21. April beginnt Belford, für Clarissa Partei zu ergreifen. I should dread to make further trial, knowing what we know of the sex, for fear of succeeding. ...That she loves thee...there is no reason to doubt. We hope to live to sense, as long as sense can relish, and purpose to reform when we can sin no longer (2-44,B). Richardson macht Belford zu einem ganz schwachen Unterteufel, zu jemandem, der schon in der Vergangenheit an den Rockschößen des großen Satan hing, bei den Frauen nicht reüssierte, und sich deshalb mit den abgelegten Eroberungen Lovelaces zufrieden geben mußte.

 

Belford macht Lovelace nun den selben Vorwurf wie Clarissa, nämlich über die Sinne zu leben, sensuell zu sein. Dass Lovelace als großer Satan mehr will und vor allen Dingen nicht vor allen Dingen den Sinnenrausch, entgeht ihm, dem schlichter Gestrickten. Als ganz kleiner Unterteufel ist er vor allem ein ängstlicher Teufel: I believe there never were libertines so vile but purposed, at some future period of their lives, to set about reforming...If thou proceedest, I have no doubt that this affair will end tragically, one way or other. It must. Such a woman must interest both gods and men in her cause. But what I most apprehend is, that with her own hand, in resentment of the perpetrated outrage, she (like another Lucretia) will assert the purity of heart (2-123,B).

 

Der ängstliche Teufel will wie ein braver Bürger schon in jungen Jahren für sein Alter vorsorgen; - und für die Zeit danach. Er führt moralische und materielle Konten. Darüberhinaus ist er ein moralischer Teufel, indem er das Problematische an der Libertinage auf deren „Schlechtigkeit“ reduziert. Er ist ein erstaunlich ungebildeter Teufel, der das hohe Ethos der Tragödie (das Richardson definitiv ablehnt) bemüht, wo etwas auf der untersten Ebene „nur“ Mitleid erregend ist. Was immer Aristoteles geschrieben hat als Begleitmusik zum Untergang der attischen Tragödie, die Katharsis, die der und das tragische Moment evozieren soll, ist nicht die des Tränenansturms, auf den der Methodistenprediger aus ist. Zudem ist Lukrezia, durch die Antike und das christliche Abendland gefeiert, keine tragische, sondern eine heroische Gestalt, soweit das eine Frau jeweils sein kann.

 

Am 6. Juni fordert Belford Lovelace auf, not (to) disgrace our common humanity! ..rob not that angel of those purities...the less of soul in either man or woman, the more sensual are they (2-123). Inzwischen ist Belford so vom Bazillus der Heiligkeit infiziert, dass seine Sprache zu der des Pönitenzpredigers Richardson verkommen ist. Humanität ist jetzt nicht mehr das, was den Menschen auszeichnet, sondern das, was sich jeder X-Beliebige vorstellt, was ihn auszeichnen soll. Jetzt sind für den (immer noch) Freund des großen Satans die Sinne endgültig des Teufels...

 

Konsequenterweise lehnt er jetzt jede Kunst ab, die nicht den Christen auf den rechten Weg bringt: Er liest Blackwalls 'The Sacred Classics' und schreibt an Lovelace: I ought to be ashamed of myself to think how greatly I have admired less noble and less natural beauties in pagan authors; while I have known nothing of this all-excelling collection of beauties, the Bible! (4-3,B). „Natürlich“, und das wird der Aufstand des gesamten Pöbels, der jetzt zum Gänsekiel greift, ist das, was nicht Natur ist...

 

Das Memento Mori von Belford ist kein Carpe Diem, sondern der Weg in die prophylaktische Abtötung der Sinne zwecks Abrichtung für eine Welt der toten Dinge und der trivialen Texte: It is, after all, a devilish life we have lived...Reduced, probably, by riotous waste to consequential want, behold them refuged in some obscene hole or garret....Imaginary ghosts of deflowered virgins, and polluted matrons, flitting before their glassy eyes! And old Satan, to their apprehensions, grinning behind a looking-glas held up before them, to frighten them with the horror visible in their countenances.

 

Das Leben wird als Risiko verdammt, was spätere Generationen fabulieren lassen wird, dass das Risiko das Leben sei. Sympathy for the Devil schien in meiner Jugend wenigstens für einige wenige die Konsequenz aus der Definition zu sein, dass Leben Kahlrasieren des Vorgartens und bedingungslose Unterwerfung unter die Planungsstäbe der Rechtschaffenheit sei: Lieber den Tod riskieren als gar nicht leben.

 

Belford, der Kretin der Legalität, wird Lovelace, der im Roman nicht an sich, sondern am Autor scheitert, erklären: I will...marry, and live a life of reason (3-116,B). Der getretene Hund wird brav, er beißt nicht sein stiefelschwingendes Herrchen, sondern dem bösen Nachbarn in den Schwanz.

 

Der „neue Mann“ Pfarrer Williams spaziert mit dem neuen 'Télèmaque' durch eine Natur, die er beim Lesen nicht mehr sieht, dabei von einer Natur lesend, die es nicht gibt, der fiktionale Herausgeber des 'Man of Feeling' sieht ein Mädchen, das von den Empfindungen liest, die sie nicht haben soll (während sie außer Buchstaben auch nichts sieht), Werther definiert die Etappen seiner kurzen Berühmtheit über Bücher, von denen wir zwar nicht mitbekommen, ob/wie er sie liest, die ihm aber als im Sturm-Wind wehende Banner seiner inneren Befindlichkeiten dienen, Valancourt, der Herzbube von Emily St. Aubert, Ausgeburt einer Vorläuferin von Courths-Mahler und des Fernsehprogramm des 21. Jahrhunderts, hat bei seinen Wanderungen Homer, Horaz und Petrarca dabei (Udolpho,1-3), Napoleone Eins bei seinen Unternehmungen den 'Werther'.

 

St.Aubert, der sensible und kultivierte Biedermann einer Schreibtischtäterin beschaut sich seinen potentiellen Schwiegersohn (meine Hervorhebungen:) St.Aubert had observed his disposition and his talents with the philosophic inquiry so natural to him. He saw a frank and generous nature, full of ardour, highly susceptible of whatever is grand and beautiful, but impetuous, wild, and somewhat romantic. Valancourt had known little of the world. His perceptions were clear, and his feelings just....St.Aubert sometimes smiled at his warmth, but seldom checked it; and often repeated to himself,“This young man has never been at Paris.“ A sigh sometimes followed this silent ejaculation. (Udolpho1-4)

Das “Philosophische” ist beim Papa “natürlich”, so wie bei der Autorin die Ejakulationen nur aus dem Mund genehm. Somewhat ist das Schlüsselwort für Burneys Philosophie, es taucht die ganze Natur des Südens (die sie nicht kannte) in den zarten Nebel, der nicht nur in den Pyrenäenwipfeln hängt, sondern auch als unendlicher Text in Hunderttausenden von Bänden über den Sinnen eines Abendlandes, welches das „Leben“ und die „Natur“ nur noch ästhetisch kastriert und therapeutisch gesäubert erträgt.

 

So gefallen Goethe, Napoleon und Margit Honecker die Menschlein, auf die sie herabblicken: St.Aubert sometimes amused himself with botanizing...Valancourt: pointing out to her notice the objects that particularly charmed him, and reciting beautiful passages from such of the Latin and Italian poets as he had heard her admire (Udolpho1-4). Nichts gegen gute Gedichte aus einer Zeit, als es noch gute Gedichte gab. Aber wenn die Natur botanisch und Petrarca-mäßig schön werden soll (im Sinne einer humanity), dann muß die Wahrnehmung schon vorher den Text kennen, der ihr dann die Sinne verstopft.

 

The pavilion on the terrace was the favourite scene of their interviews, and there Emily with Madame Cheron would work, while Valancourt read aloud works of genius and taste, listened to her enthusiasm, expressed his own, and caught new opportunities of observing that their minds were formed to constitute the happiness of each other; the same taste, the same noble and benevolent sentiments, animating each. (Udolpho,1-12-144) Deswegen ist Jane Austen eine Ausnahme-Autorin in ihrer Zeit: Gegen diesen geschwätzigen Müll läßt sie Elinor Dashwood antreten,

 

Oben hat Papa St.Aubert Valancourt zufrieden angesehen, dass er noch nicht im Sündenbabel Paris gewesen war und seine Unkenntnis (der Welt) ihm so klaren Durchblick verschafft hat (sic!). Aber irgendwie ist er dann doch in die Fänge des Bösen geraten, und die Clarissen-Emily kann ihn nicht mehr ab. Armer Valancourt: his breast agitated by convulsive sighs...,... he burst into tears,and uttered only deep and broken sighs. (Udolpho 2-39). Ein Werther existiert, wie noch näher zu erläutern sein wird, nur in epidemischen Ausmaßen. Hätte Valancourt “ihn” gelesen, wäre sein Lieblingsbaum keine Platane gewesen.

 

Und so zuckt Valancourt/Werther weiter konvulsivisch, seine Seufzer sind weiter zugleich tief und gebrochen, und wenn er sich dabei nicht in die Hosen geschissen hat, dann nur, weil man das damals einfach nicht machte. So kann Emilinchen am Ende zufrieden feststellen: His reformation then appeared certain (Udolpho 2-39). Sie schien gewiß, aber Pamela, Clarissa und Emily haben Zeit, und so quält letztere ihren gestrauchelten Herzbuben noch ein bißchen weiter, um dann aber in sich zu gehen: She now well remembered with what discriminating judgment, with what tempered energy ,he used to repeat some of the sublimest passages of their favourite authors; how often he would pause to admire with her their excellence, and with what tender delight he would listen to her remarks, and correct her taste.

Die Dummchen des 18. Jahrhunderts lösen in England alle delight aus, weil man sie so entzückend belehren kann. She remembered how often she had seen the sudden tear start in his eye, and had heard his voice tremble with emotion, while he related any great or benevolent action, or repeated a sentiment of the same character. „And such a mind,“said she,“such a heart, were to be sacrificed to the habits of a great city!“ (Udolpho2-48)

 

Angesichts von so viel Unschuld vom Lande bleiben uns mit dem reformierten Valancourt die Worte im Halse stecken: Valancourt sighed deeply,and was unable to reply; but as he pressed her hand to his lips, the tears that fell over it spoke a language which could not be mistaken, and to which words were inadequate (Udolpho2-56). Wir kennen das schon, die Sprache des Herzens trieft aus den Augen und zittert sprachlos in den Stimmbändern: Wie war das noch: Stille Einfalt, edle Sauce?

 

Das ist der endgültige Kommentar von Jane Austen in 'Sanditon' :

 

Stationing himself close by her, he seemed to mean to detach her as much as possible from the rest of the Party and to give her the whole of his Conversation. He began, in a tone of great Taste and Feeling, to talk of the Sea and the Sea shore- and ran with Energy through all the usual Phrases employed in praise of their Sublimity, and descriptive of the undescribable Emotions they excite in the Mind of Sensibility; -The terrific Grandeur of the Ocean in a Storm, its glassy surface in a calm, its Gulls and its Samphire, and the deep fathoms of its Abysses, its quick vicissitudes, its

direful Deceptions, its Mariners tempting it in Sunshine and overwhelmed by the sudden Tempest, AIl were eagerly and fluently touched; -rather commonplace perhaps - but doing very well from the Lips of a handsome Sir Edward, - and she could not but think him a Man of Feeling -till he began to stagger her by the number of his Quotations, and the bewilderment of some of his sentences. -'Do you remember,' said he, 'Scotts' beautiful Lines on the Sea? -Ohl what a description they convey I -They are never out of my Thoughts when I walk here. -That Man who can read them unmoved must have the nerves of an Assassin I -Heaven defend me from meeting such a Man unarmed.' -'What description do you mean?' - said Charlotte. ' I remember none at this moment, of the Sea, in either of Scotts' Poems.'1 -'Do not you indeed? -Nor can I exactly recall the beginning at this moment -But -you cannot have forgotten his description of Woman. -

" Oh! Woman in our Hours of Ease -"

Delicious! Delicious! -Had he written nothing more, he would have been Immortal. And then again, that unequalled, unrivalled address to Parental affection- " Some feelings are to Mortals given / With less of Earth in them than Heaven " &c

But while we are on the subject of Poetry, what think you Miss H. of Burns Lines to his Mary? -Ohl there is Pathos to madden onel- If ever there was a Man who felt, it was Burns. -Montgomery has all the Fire of Poetry, Wordsworth has the true soul of it -Campbell in his pleasures of Hope has touched the extreme of our Sensations -" Like Angel's visits, few and far between." Can you conceive any thing more subduing, more melting, more fraught with the deep Sublime than that Line? - But Burns -I confess my sence of his Pre-eminence Miss H. - If Scott has a fault, it is the want of Passion. ;.. Tender , Elegant, Descriptive- but Tame. -The Man who cannot do justice to the attributes of Woman is my contempt. -Sometimes indeed a flash of feeling seems to irradiate him -as in the Lines we were speaking of -"Oh! Woman in our hours of Ease"- .But Burns is always on fire. -His Soul was the Altar in which lovely Woman sat enshrined, his Spirit truly breathed the immortal Incence which is her Due. -' , I have read several of Burns' Poems with great delight,' said Charlotte as soon as she had time to speak, 'but I am not poetic enough to separate a Man's Poetry entirely from his Character; -and poor Burns's known Irregularities, greatly interrupt my enjoyment of his Lines. -I have difficulty in depending on the Truth of his Feelings as a Lover. I have not faith in the sincerity of the affections of a Man of his Description. He felt and he wrote and he forgot.

' 'Ohl no no'- exclaimed Sir Edward in an extasy. 'He was all ardour and Truth I -His Genius and his Susceptibilities might lead him into some Aberrations -But who is perfect? -It were Hyper- criticism, it were Pseudo-philosophy to expect from the soul of high toned Genius, the grovellings of a common mind. -The Coruscations of Talent, elicited by impassioned feeling in the breast of Man, are perhaps incompatible with some of the prosaic Decencies of Life; -nor can you, loveliest Miss Heywood (speaking with an air of deep sentiment) -nor can any Woman be a fair Judge of what a Man may be propelled to say, write or do, by the sovereign impulses of illimitable Ardour.' This was very fine; -but if Charlotte understood it at all, not very moral- and being moreover by no means pleased with his extraordinary stile of compliment, she gravely answered' I really know nothing of the matter. -This is a charming day. The Wind I fancy must be Southerly.' 'Happy, happy Wind, to engage Miss Heywood's Thoughts! -- ' She began to think him downright silly. --...He seemed very sentimental,very full of some Feelings or other,and very much addicted to all the newest-fashioned hard words – had not a very clear Brain she presumed,and talked a good deal by rote. (Sandition,7)

 

Es gibt kein Lachen im Weinen

 

Die Ausdifferenzierung von Gefühlen war Ergebnis jahrtausendelanger Kulturarbeit. Dem Impuls und der Emotion haben Gefühle großere Vielfalt und Feinheit voraus, ihr Preis ist der Verlust der Unmittelbarkeit. Den Sexus gefühlvoll zu machen, verbraucht gegen unsere „Natur“ Triebenergie, die Trauer zu entritualisieren, macht sie schmerzlicher, die Freude gefühlvoller zu machen, heißt, ihr eine breite Palette von Artikulationsmöglichkeiten zu nehmen. Bei Rousseau ist die Freude schmerzhaft oder bitter.

 

Wird das Emotive gefühliger, verlagert es sich stärker vom Körper ins Hirn, immer noch mit der Option der Rückmeldung an den Körper. Das Gefühl weiß, was es fühlt. In dem Moment aber, in dem ans Gefühl die Anforderung gestellt wird, vernünftig zu werden, bleibt es im Kopf stecken.

 

Was an anderer Stelle näher zu untersuchen ist, soll hier These bleiben: Wenn die Gefühle im Kopf steckenbleiben, riskiert das einerseits (psychische) Gesundheit, andererseits eröffnet es die Option, den Gefühlen einen Auslaß in die Welt der unbelebten Dinge zu geben. Dinge werden zu Waren, indem sie auf einem Markt getauscht werden. Dinge, die niemand braucht, werden zur Ware, wenn die im Kopf stecken gebliebenen Gefühle sie sich als Ersatz für den eigenen Leib suchen.

 

Die Liebe bei Petrarcas Laura und die, die Romeo nach Petrarcalektüre für seine Julia lernt, ist bereits Produkt einer enormen Sublimation. In ihr wird der Sexus nicht verleumdet und nicht verleugnet, aber er kleidet sich in ein gefühlvoll-ästhetisches Gewand. Das, was zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert passiert, ist dann nicht mehr Sublimation, sondern Auslagerung des Teufels Sexus in die Maitressenwirtschaft und ins Hurenhaus. Wenn Mick Jagger versucht, „die Liebe“ wieder rückzukoppeln an den Sexus, braucht er dafür das Bühnengewand des Satans mit prall heraushängender Zunge.

 

Neben der in der Renaissance entwickelten Liebe als Gefühl muß im 18. Jahrhundert am meisten das Gefühl der Freude dran glauben. Das fängt schon früh an, und läßt sich sogar in Miltons Paradies beobachten, wenn es um unsere Urahnen im Spät-Renaissance-Arkadien geht: Reaping immortal fruits of joy and love / Uninterrupted joy, unrivalled love / In blissful solitude (3-67ff). Wenn wir genau hinschauen, ist la gioia hier nicht Freude, sondern Glückseligkeit, denn ununterbrochene Freude ist nicht nur nicht möglich, sondern wäre auch furchtbar unangenehm. Bliss on bliss ist darum die Losung, ganz besonders im blissful bower, wo die beiden ohne allzu viel unappetitliche Körperlichkeit glückselig kopulieren. Die 'Nouvelle Héloise' wird diese schmerzhafte Dauer-Glückseligkeit dank fehlendem sexuellem Vollzug auf 700 Seiten programmatisch durchexerzieren, und wie noch später bei Richard Wagner wird der (Liebes)Tod zur finalen Erlösung vom hormonellen Dauerbeschuss.

 

Das Gefühl der Freude entwickeln Kinder und sie leben es, wenn man es ihnen erlaubt, am intensivsten, hemmungslosesten aus. Diese Jahrhunderte-alt-überlieferte Beobachtung wird im konsumistischen Zeitalter begleitet von der Vermutung, dass es vorpubertäre Unschuld sei, die soviel helle Freude ermöglicht. Aber Kinder sind nicht unschuldiger als Erwachsene. Wenn Kinder hellauf lachen, strahlen oder sonstwie unbefangen Freude leben und ausstrahlen, dann nicht, weil sie sich gerechtfertigt freuen, sondern weil ihnen ganz morallos-unmoralisch danach ist.

 

Die größere Freudlosigkeit von Erwachsenen ist ein Produkt von Erziehung und ähnlich starken Einflüssen. Erwachsen werden in einer moralisierten Warenwelt heißt Verzicht auf Lebendigkeit. In Texten des 18. abendländischen Jahrhunderts wird dieser Verzicht durchgesetzt mit der Installation dessen, was Vernunft genannt wird, Reason, Raison, Razon. Es wird wichtig sein, Jane Austens (Good) Sense davon klar abzusetzen.

 

Der Sogan: „Sei doch vernünftig“ heißt bei den Vernünftlern nicht, „verwende deine Vernunft“, sondern „beuge dich den Anforderungen deines Gewissens und deiner Vorgesetzten“.

 

Diejenige Philosophie, der es nicht um die Wahrheit, sondern die Weisheit geht, also um ein Produkt lebendiger Erfahrung, hat sich nie „der Vernunft“ als Instanz und Institut bedient. Aus Sokrates spricht sein daimon, aus Nietzsche seine verletzte und verstörte Seele, die ihn zum „Psychologen“ macht. Sokrates rationaler Diskurs vertritt keine Ratio, sondern behutsamen Umgang mit Sprache, Nietzsches Dämon spottet nach mehreren Jahrhunderten Vernünftigkeit über deren kretinöse Bösartigkeit. Dass beide für ihren Verzicht auf Stromlinien-Förmlichkeit mit dem Tode bestraft werden, spricht nicht gegen sie.

 

Freude ist „spontan“, oder sie wird inszeniert: im Fest, der Feier. Das abendländische Mittelalter kennt in seinen besten Zeiten ebenso viele Feiertage wie Werktage; die ersteren werden meist aus dem römisch-katholischen Kalender abgeleitet. Das Regiment der Vernunft setzt dann eine immer massivere Verringerung der Fest- und Feiertage durch. Im neunzehnten Jahrhundert sind fast alle verschwunden. Irgendwann wird dann aus dem Urlaub, der eine situativ bedingte Entlassung aus der Arbeit bedeutete, eine allgemeine Auszeit, keine Zeit für Festlichkeiten, sondern für die Wiederherstellung der Arbeitskraft und später dann auch zur Befriedigung von Konsumbedürfnissen.

 

Für einen Christen, der die Passion des Gottessohnes ernst nimmt, sollte es eigentlich keine Freude geben: der religionsstiftende Akt gibt dazu keinen Anlaß. Jesus ist kein lachender Gott wie bakchos, er predigt nichts anderes, als dass diese Welt zu nichts anderem taugt, als sich auf eine nächste vorzubereiten. Er ist nicht der Kunde der Hure, die ihm die Füße wäscht, er verwandelt nicht Wasser in Wein, um dann in fröhlicher Weintrinker-Runde zu scherzen.

 

Jesus hat aber die Freude nicht aus dieser Welt vertrieben, nicht Moses, bei dem eine Welt der Gebote das wichtigste ausläßt: „Du sollst dich deines Lebens freuen“, nicht Mohammed, der in seinem Koran den Kindern Allahs Pflichten zuweist, deren höchste erst im Paradies mit den höchsten Freuden belohnt werden sollen. Die Krise der Freude ist das Verdienst der bürgerlichen Welt.

 

Die Freude ist im 18. Jahrhundert zumindest aus den Texten so erschreckend verschwunden, weil die großen Aufgaben des Fortschritts ein immer freudloseres Leben bedingen. Der Tagebuchschreiber und Chronist der Restoration Samuel Pepys ist noch ein sinnenfroher, aber schon ein innerlich zerrissener Mensch. Bei Richardson sind die Sinne des Teufels und bei Ann Radcliffe sind sie in die (klischeehafte) ästhetische Vorstellungswelt entschwunden.

 

Marianne und Willoughby in Jane Austens 'Sense and Sensibility' lachen nicht miteinander, sie scherzen nicht einmal, sie erschauern, seufzen, weinen, - wie Werther mit seiner Lotte. Clarissa will nicht lachen, Lovelace hat nichts zu Lachen, Evelinas Willoughby (in Fanny Burneys Roman) lacht und zeigt damit, was für ein Schweinehund er ist, dem Vikar von Wakefield (von Goldsmith) ist schon mal zum Lachen, aber er ist ein Idiot.

 

„Freude schöner Götterfunken“, schallt es in der Vertonung des Rheinländers mit dem leidenschaftlichen Ernst, nicht „Freude schöne Menschenlust“, aber bei Schiller ist die Freude nur eine poetische Vorstellung, kein Gefühl, und sie leitet hin zu jenem menschheitsbeglückenden Fanal millionenfacher Umschlingung, dem angeblichen Orgasmus des revolutionären Schlachtfelds.

 

Empfindsamkeit ist Ausdruck und Propaganda von Gefühlsarmut, fehlender Lebendigkeit. Empfindsamkeit empfindet nicht, sie leidet genüsslich, sie läßt alle Synapsen zart und unaufhörlich in einem diffus flirrenden Erregungszustand klicken, der aus einem Bauerntrampel und einem Flickschuster einen Bürger werden läßt, der seinen Sozialstatus nicht mehr aus Tätigkeit, sondern aus dem Verweis auf die Lektüre guter Bucher und den Konsum klassischer Musik herleitet: Sophia then retired to her chamber (if the phrase may be allowed me) in all the luxury of tender grief. ('Tom Jones'). Wo die Gefühle dank Moralisierung drohen unterzugehen, sind Scherz, Satire und Ironie die letzten Rettungsanker. In 'Amelia' wird Fielding die Höhe der Zeit dann selbst erreichen, und an ihr untergehen.