FRÜHE ZIVILISATIONEN

 

Zivilisation: Eine Definition des zweiten Sündenfalls (Hochkultur)

Frühe Zivilisierung von 10 000 bis 3000 (Eigentum, Arbeitsteilung, Handel / Organisation, Macht und Gewalt / Die Macht der Priester und der Herren / Status und Luxuskonsum / Wo bleibt Kultur)

Die frühen Städte (Handel und Kapital)

Beschleunigung: Technik, Metalle

Reiche der Despoten (Ägypten / Mesopotamien / Die Schrift, Gesetze, Beamte und Untertänigkeit / Handel / Der Krieg)

 

 

Zivilisation: Eine Definition des zweiten Sündenfalls

 

Zwischen etwa 3000 und 1200 im östlichen Mittelmeerraum und nahen Orient und zwischen 2200 und 800 in Mitteleuropa wird die Welt dort auf das rabiateste in Herren und Knechte geteilt, Herrscher, Untertanen und Sklaven, in wenige Schwerreiche und viele Arme, in Menschen, die ihre Berufung in Gewaltausübung und Luxusleben vor allem sehen und solche, die vor allem für diese arbeiten müssen: In Zivilisationen. Das wird bis ins zwanzigste Jahrhundert im Kern so bleiben.

 

Die offizielle (akademische) Geschichtsschreibung und ihre populären Ableger zeichnen sich bis heute durch eine ungenierte Gedankenlosigkeit aus, was ihre zentralen Benennungen angeht, die nirgendwo zu Begriffen werden. Das ist nicht nur gedankliche Bequemlichkeit, sondern passt in die allgemeine Ideologieproduktion propagierter Selbstverständlichkeiten, die auf Konsens mit der Macht und ihre andächtige Bewunderung abzielt. Hier soll weiterhin versucht werden, sich dem Nebel hoch professioneller Geschwätzigkeit so weit als möglich zu entziehen. Das gilt nicht zuletzt für das von Anfang an propagandistisch gebrauchte Wort Zivilisation, welches in deutschen Landen oft auch noch durch das schlimme Wort Hochkultur ersetzt wird, beides im allgemeinen Gebrauch keine Begriffe, sondern unbegriffene "Selbstverständlichkeiten". 

 

Während es mir sinnvoll erscheint, den lateinischen Begriff Natur als den der Welt alles Lebendigen einfach zu übernehmen und dabei sorgfältig von den Begriffen Wirklichkeit und Welt abzugrenzen, erscheint der römische Kulturbegriff zu unscharf, um mit ihm im weiteren Klarheit zu gewinnen. Das ist auch zu belegen an der Unklarheit einer totalen Beliebigkeit, mit der er bis heute gehandhabt wird. Er ist vielmehr aus seiner propagandistischen Funktion für die römische Oberschicht herauszuschälen, und das geht nur, indem ein Zivilisationsbegriff davon abgetrennt wird.

 

Was dann bleibt, ist eine Vorstellung von Kultur, die historisch weit vor der Staatlichkeit des antiken Roms anzusiedeln wäre und aus der sich ein Zivilisierungsprozess ableiten lässt. Kultur ist dann ein zunächst aus dem Jäger- und Sammlerdasein und dann aus der Produktivität von Ackerbau, Viehzucht und Handwerk abzuleitendes Menschheitsstadium, in dem Gemeinschaften auf Traditionsbildung beruhen und Machtstrukturen noch kaum in Ämter institutionalisiert, sondern höchstens zeitlich begrenzt und auf wenige Aufgaben beschränkt an Personen gebundenen sind. Die Menschen sind dabei noch stark in die sie hervorbringende und umgebende Natur eingebunden.

 

Mit dieser Definition sind natürlich Probleme verbunden, denn was der Klarheit dienen soll, hat wie überall ein Moment darunter verborgener Komplexität eingeschlossen, die offenzulegen ist. Wenn wir, soweit mit Sigmund Freud, Menschwerdung historisch als Kulturbildung, Kultivierung verstehen, dann bleiben Menschen dabei doch auch Naturwesen, wenn auch nicht mehr einfach so wie alle anderen Lebewesen. Und in Zivilisationen ist der Mensch nicht nur weiter (auch) ein Tier, ein Säugetier und Raubtier, sondern diese setzen selbst auch Kultivierung voraus, gehen aus ihr hervor und vereinnahmen sie dann. Dabei schwindet allerdings der Aspekt der Traditions- und Gemeinschaftsbildung im wesentlichen, Kultur erstarrt gewissermaßen unter der Faust von Machthabern, die ihr ihre Interessen und ihren Willen überstülpen und ihr so ihre Lebendigkeit ein gutes Stück weit nehmen.

 

Kultur ist einmal der Vorgang der Vergesellschaftung in (kleinen) Gemeinschaften mit allem, was dazu gehört und dafür nötig ist, und sie beruht zum anderen vorwiegend auf Tradition. Dies Wort kommt so im 16. Jahrhundert als Ableitung des lateinischen traditio in die deutsche Sprache und bezeichnet wie dort Überlieferung. In Kulturen findet Tradition als überlieferter und ständig fortgeführter Lernprozess statt, der zudem gemeinschaftlich ist, wobei die Lernfähigkeit und Möglichkeit der internen Beeinflussung vermutlich schon früh unterschiedlich verteilt war. Elementar für Kulturen ist das Fehlen von Schriftlichkeit, da diese von Machthabern fixiert, was in Kulturen in stetem Fluss bleibt.

Das kann auch so verdeutlicht werden: Dieser mehr oder weniger gemeinsame Lernprozess wird in Zivilisationen, die immer auf Kulturen aufbauen, durch Gewalttaten der Unterwerfung und Machtworte, die dann in Gesetze münden, zunehmend verringert. An erster Stelle steht nun nicht mehr Lernen aus Erfahrung, sondern stehen die Vorgaben der Machthaber. Das erste, was Menschen darum nun lernen müssen, ist Gehorsam. Die vordringliche Erfahrung wird nun die des überlebenswichtigen Umgangs mit der institutionalisierten Macht. Das wird bis heute so bleiben.

 

Der Macht nützliche Aspekte von insgesamt absterbender Kultur werden übernommen und so verändert, dass sie der Machtausübung dienlich werden. Wer dann zum Beispiel heutzutage von der Kultur des Pharaonenreiches spricht, verwechselt Kultur und Zivilisation bzw. versucht, einen klaren Zivilisationsbegriff zwecks bequemer Unklarheit  zu vermeiden. Das ist heute besonders kurios, wo andererseits das politisch korrekte Newspeak-Denglisch der BRD die Amüsierindustrie als Kultur bezeichnet.

 

Besser beschreiben können wird man die Restphänomene absterbender Kultur dort, wo die Einheit aus christlicher Kirche und gewalttätigem Machtappparat keltische, germanische und slawische Kulturen zerstören wird sowie später die außereuropäischer Gegenden, und einige wenige Autoren etwas von deren verschwindenden, allerdings oft dann schon anzivilisierten Verhältnissen überliefern. Dabei gibt es in Machtstrukturen aufgehende Gemeinschaften, die sich mit Händen und Füßen gegen die Vernichtung wehren, andererseits aber auch die Erfahrung, dass Zivilisationen nicht selten verlockend erscheinen, wie bei jenen vielen germanischen Gruppen der Völkerwanderungszeit, die sich in der römischen Zivilisation etablieren und von ihr über Warenkonsum vor allem "profitieren" wollen. Zivilisationen produzieren nicht nur Korruption, sie korrumpieren auch die, die von ihr vereinnahmt werden sollen.

 

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Um dem Begriff Zivilisation auf seinen sinnvollen Grund zu kommen, sollten wir ihn auf seine Ursprünge zurückführen und von daher entwickeln, damit wir nicht in zeit(un)geistiges Schwatzen geraten. Die römische civitas war das, was den römischen civis im Vollbesitz seiner Rechte auszeichnete und zugleich dessen Ort. Griechisch (mit allen implizierten Problemen) ausgedrückt, handelt es sich dabei um eine „politische“ Begrifflichkeit, ganz jenseits des Dialoges von Natur und Kultur.

 

Der civis ist kein Bürger in einem mittelalterlichen Wortsinn, denn die civitas lebt nicht von dem Gegensatz Stadt und Land. Er zeichnet sich auch nicht durch die Eigenarten aus, die den Bürger einer (befestigten) mittelalterlichen Stadt ausmachen. Aber bei allen Schwächen einer ahistorischen Übersetzung ist er ein Staatsbürger, Teil eines staatlichen Gebildes, als das ursprünglich die Urbs Roma eingerichtet wurde.

 

Bei der Ausweitung römischer Staatlichkeit über die eponyme Stadt hinaus wird der "Römer", bald kein „ethnischer“, sondern ein „politisch-staatlicher“ Begriff, Teil seiner civitas, die Teil des Imperiums ist, welches sich von der urbs Roma ableitet. Da das imperium Romanum als Flächenstaat bald immer weniger Zentralstaatlichkeit kennt und diese sich vor allem auf das Heer (deshalb vor allem Imperium, Befehlsgewalt) konzentriert, findet die römische „Zivilisation“, die in der civilitas der einzelnen wohlhabenderen cives aufgehoben ist, in den jeweiligen civitates statt, die ein „städtisches“ Zentrum und viel ländliches Umland umfassen und sich an Roma, der urbs, orientieren

Zivilität ist also als Vorstellung scharf geschieden von Kultiviertheit. Sie baut Staatlichkeit auf Voraussetzungen von Kultur. Und die römische civilitas ist ein gutes Stück weit dabei noch etwas anderes: Sie ist nicht einfach den cives zu eigen, sondern nur jener Oberschicht, die sie als ihre spezifische Lebensform begreift.

 

Als im sich ausweitenden französischen Königreich im Spätmittelalter der Begriff civilité aufkommt, ist er der civilitas nachgebildet und meint zunächst die durch Institutionen durchgebildete spätmittelalterliche Stadt mit ihren „bürgerlichen“ Rechten in der aus unterschiedlichen Gesellschaften bestehenden Kommune, Gemeinde. In der frühen Neuzeit, als die Fürstenherrschaft den „bürgerlichen“ Charakter der meisten Städte zumindest partiell zerschlägt, verschwindet der „politische“ Bedeutungsgehalt mit dem ursprünglichen Stadtbürgertum, und civilité gleicht sich immer mehr dem höfischen Begriff der politesse an, der Geschliffenheit im Verhalten und Umgang, den Manieren. Dieser löst im frankophonen Raum die courteoisie ab, die in deutschen Landen in der Neuzeit vom höfischen Verhalten zur „Höflichkeit“ wird. Zivilisiert ist in diesem völlig entpolitisierten Zusammenhang im Fürstenstaat nun ein Mensch mit einem gewissen Standard an aktuell gerade propagierten Manieren.

 

Zivil wird der französische Stadtbürger auch im Unterschied zum Kriegeradel, der „Militär“ ist. Poli ist er wiederum in der Angleichung seiner höfisch geschliffenen Manieren an ihn. Schon am Ende des Mittelalters wird die incivilité zur „Unhöflichkeit“, und bald erreicht man dann politesse durch das Sich Zivilisieren (civiliser). Damit verschwindet – und das für die meisten bis heute – die mögliche politische Substanz eines später nachträglich konstruierten römischen Zivilisationsbegriffes.

 

Mit der neuzeitlichen Staatlichkeit Frankreichs, die die alte Bürgerlichkeit zerschlägt, steigt das Wort police auf, welches Regierung und Verwaltung meint, staatliche Herrschaftsausübung eben, im Deutschen die policey. Das ist eine späte Anverwandlung der griechischen politeia über die spätantik-lateinische politia. Parallel dazu entwickelt sich politique als Regierungskunst in Theorie und Praxis.

 

Im 18. Jahrhundert, als der sich absolut setzende Staat alter Couleur verfällt und kurz bevor er durch den totalitären der demokratischen Konstruktion ersetzt wird, kommt endlich der Begriff civilisation auf, der zunächst den der police ersetzt, die nun langsam die Polizei(gewalt) des zunehmend totalitären Staates bezeichnet. Mit totalitär meine ich hier: Uneingeschränkt alle Lebensbereiche umfassend und das aus der „demokratischen" Legitimation herleitend.

 

Diese "Zivilisation" wird aber sofort entpolitisiert und darauf noch im 18. Jahrhundert in die deutsche und englische Sprache übernommen. In Deutschland bleibt „zivil“ bestehen als Gegensatz zu „militärisch“ und zugleich als Fremdwort zu dem, was inzwischen landläufig als „bürgerlich“ gilt, worunter sich recht unklar die nichtadeligen und nicht unmittelbar mit Handarbeit beschäftigten Mittelschichten verstehen.

 

Hier soll Zivilisation jene Stufe der Menschheitsentwicklung bezeichnen, in der Machthaber institutionalisierte, also dauerhafte Macht ausüben, nicht vorübergehende, wie die des Anführers einer germanischen Bande, die auf Raubzug geht zum Beispiel, oder der Häuptling einer Gruppe von umherziehenden Prairie-Indianern, der noch an seinen Leistungen und Geschenken gemessen wird. Aber mit ihm befinden wir uns bereits an der Schwelle zur Zivilisation, die Pueblo-Indianer im Südwesten der USA kurzzeitig ein wenig überschreiten und die bei den Inkas bereits zur Gänze überschritten wird, auch wenn sie den Spaniern bei deren Überfällen auf sie mit kolonialer Arroganz gänzlich unzivilisiert erscheinen, da sie anders sind als diese und militärisch und technisch unterlegen.

 

Es soll aber Zivilisation nicht als Kampfbegriff von Missionaren und Entwicklungshelfern gelten, sondern als das, als was sie historisch in Erscheinung getreten ist: Als ein System von Herr und Knecht, von wenigen Herren und vielen Knechten, wobei die Knechte gezwungen sind, mit einem Überschuss ihrer Produkte die Mächtigen zu ernähren, mit Statussymbolen zu versorgen und mit den Gewaltmitteln, die ihre Macht erhalten und erweitern.

 

Aus dem lateinischen Begriff vom cives (mit Stadt- bzw. Staatsbürger schlecht übersetzt) und dem Adjektiv civilis konstruiert, dient "Zivilisation" bald dazu, hochkapitalistische Staaten von den "Wilden" des Kolonialzeitalters propagandistisch abzugrenzen. Im Deutschen wird das noch deutlicher, indem gerne stattdessen dafür das Wort "Hochkultur" verwendet wird, welches Kulturen, wie wir sie hier verstehen, als entsprechend niedrig einstuft: Sie sind damit überall der Vernichtung anheimgegeben.

 

 

***Apropos "Hochkultur"***

 

Dies Wort ist ein Spezifikum der deutschen Sprache, die anderen Europäer sprechen stattdessen von Zivilisation, ein auch dort für fast alle kaum noch verständliches Wort.

Das deutsche Wort hat es aber besonders in sich: Verbunden wird dabei ein Wort, welches nie eine klare umgangssprachliche Bedeutung hatte, nämlich Kultur, mit einem Präfix, welches nach oben weist. Oben ist aber in der Regel immer besser als unten, dort ist nämlich Gott („in der Höhe“ zum Beispiel) und waren die antiken Götter (oft auf Bergeshöhen). Unten ist der Untergebene, oben der Vorgesetzte, der Herrscher, der Machthaber. Vor ihm beugt man sein Haupt, kniet man oder wirft sich zu Boden, um zu zeigen, dass man ganz unten ist.

 

Die Hochkultur steht so über der niedrigeren Kultur. Als das Wort vor wenigen Jahrhunderten in der deutsch sprechenden Welt erfunden wurde, war für die meisten selbstverständlich, dass vor der Hochkultur und neben ihr eher die Unkultur stand und steht, genau das, zu dessen Vernichtung sich der Kolonialismus aufmachte. Hochkultur ist das, was die Deutschen für sich in Anspruch nahmen, bevor proletarisierte Massen dem damaligen Bildungs“bürgertum“ den Garaus machten, an seine Stelle traten und inzwischen Kultur mit ihrem durchkommerzialisierten Freizeitvergnügen identifizieren. Das heißt, der heutige Konsumismus der Massen wird als Kultur verkauft, während das Wort „Hochkultur“ inzwischen entweder bezeichnet, was im Museum ist oder aber ins Museum gehört.

 

Seitdem ist Hochkultur dadurch zum Gegenstand eines Besichtigungstourismus und der Neugier von Besuchern von Museen und Ausstellungen geworden. An der Spitze stehen dann das ägyptische Pharaonenreich, das antike Rom und Griechenland und seltener auch andere. "Hochkultur", also mehr oder weniger Despotie, wird angestaunt, als ästhetisch wertvoll goutiert, bewundert, wenn auch von sich erlaucht fühlenden Minderheiten und in der Regel ohne wirkliche Kenntnisse als Hintergrund.

 

Die signifikantesten Erben einer solchen Haltung waren immer wieder terroristische Machthaber. Der von wenig Kenntnissen getrübte Kult römischer Antike, den französische Revolutionäre nach 1789 betrieben, fand immer wieder neue Nachfolger. Hitler orientierte sich in manchem gerne am Monumentalismus des antiken Rom, ähnlich wie Mussolini, und stalinistische Prachtbauten waren eine Mischung aus antiker orientalischer Prachtentfaltung der einst dort Herrschenden und westlichem großkotzigem kapitalistischem Machtgebaren à la Manhattan. Dass stattliche Teile des damaligen sogenannten „Bildungsbürgertums“ von solchen terroristischen Machthabern fasziniert waren, ist schon alleine darum verständlich. Hoch und groß und großartig liegen (nicht nur) für solche Menschen nahe beieinander und Nachdenken ist anstrengend.

 

Die meisten sogenannten frühen Hochkulturen waren despotische Regime, ihrem Wesen nach allesamt kriegerisch, gewalttätig, von gnadenloser Unduldsamkeit, und begründeten sich alle auf der Einheit von Macht und Priesterkult, waren gelegentlich vielleicht, wie in Teotihuacan oder dem frühen Chavín, despotische Priesterregime. Gewirtschaftet wurde in der Regel mit Sklavenarbeit und der Schufterei untergebener und kultischen Phantasmagorien unterworfener Volksmassen.

 

Es ist dabei eben auch bezeichnend für den heutigen westlichen Menschen, dass seine Bewunderung und Hochschätzung sich auf die Relikte solcher brutaler und zugleich der offiziellen Politdoktrin widersprechender Regime richtet. Der heutige „westliche“ Mensch des sozialdemokratisch globalisierten Kapitalismus hat meist keine affirmativ-emotionale Beziehung oder gar Bindung an die Machtstrukturen, unter und in denen er lebt. Der Zweckrationalismus des globalisierten, hochkonzentrierten Kapitals lässt so etwas nicht zu, und der moderne „demokratische“ Staat lädt über die schnell wechselnden und nach Amtsantritt schnell enttäuschenden Figuren nicht mehr zur Identifikation ein. Die für die meisten nicht durchschaubaren staatlichen Strukturen bleiben fast allen fremd. Durch Jahrtausende auf Unterwerfung und Unterordnung geprägt, faszinieren Regime, deren Despotie für die meist schlichten Gemüter personal fassbar ist, und zwar solange man nicht auf die Lebensrealität dahinter schaut.

 

Als im 18./19. Jahrhundert die Geschichtswissenschaft erfunden wurde, entzauberte sie zwar den rückwärts gewandten Mythos, ersetzte ihn aber dafür durch den nach vorne gerichteten vom Fortschritt: Die ihren Herrschern und Staaten verpflichteten Historiker betrachten nun Geschichte als innerweltliche Heilsgeschichte hin zum jeweils gerade existierenden status quo, mit Ausnahme jener, die größere (in der Regel nicht reflektierte) Distanz zur jeweiligen Gegenwart in die Idealisierung der von ihnen verwalteten alten „Hochkulturen“ trieb.

 

Erst rund hundert Jahre später begann die Verwissenschaftlichung der Archäologie, die den stark textgebundenen Historikern neues Material liefern soll. Zum Problem der Historiker, kritisch mit den in der Regel propagandistisch gefärbten Quellen-Texten umzugehen, kam nun die Neigung der Archäologen, ihr fast rundweg dürftiges Material spekulativ in Texte hinein aufzuwerten und so in die gerade herrschenden Ideologien zu integrieren.

 

Offizielle Historiker und Archäologen sind von staatlichen und Geldern der Kapitalseite abhängig und bedienen wie selbstverständlich deren Interessen. Diese sind leicht mit dem „Interesse“ der Massen an Unterhaltung, Amüsement, Sensationen zu identifizieren, welches verbunden ist mit dem propagandistischen Interesse von Kapital und Staat.

Was damit hier beschrieben wird, ist nicht der hermetisch abgeschlossene akademische Raum der Wissenschaften (ihre Forschung), sondern ihre Außenwirkung in eine durch ihren Warencharakter ausgezeichnete Öffentlichkeit, das, was Staat, Kapital und die ihnen unterworfenen Massen daran interessiert, soweit man da überhaupt bei den Wenigen von „Interesse“ sprechen kann.

 

Frühe Zivilisierung

 

Mit Göbekli Tepe im späteren Südost-Anatolien treten ab 11 000, kurz vor dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht, frühe kultische Megalithbauten auf. Die Größe und Schwere der dorthin zu transportierenden riesigen Steine verweist auf die enormen gemeinschaftlichen Mühen beim Errichten solcher Stätten, und damit auf die Mobilisierungskraft phantasievoller Produktion von Welt durch Kultexperten. Seitdem werden die ausgeklügelten Hirngespinste der Produzenten von Ideengebäuden Menschen viel stärker mobilisieren als aus Wirklichkeit gezogene Kenntnisse - und das bis heute.

 

Als Vorläufer städtischer Siedlungen gilt Jericho ab 9000. Der Ort ist zwar relativ klein und hat wohl weniger als tausend Einwohner, dafür aber bereits eine drei Meter breite Steinmauer. Diese "Stadt" wie andere nach ihr liegt an einer Fernhandelsroute und Handel ist es wohl, aus dem damals stadtähnliche Siedlungen im Nahen Osten hervorgehen: Obsidian kommt aus dem südlichen Kleinasien, Türkis von der Sinai-Halbinsel und Muscheln aus dem Roten Meer. (Bick, S.107) Es geht vor allem um Waffen und Schmuck für die immer mehr Macht gewinnende kleine Oberschicht.

 

Seit etwa 3500 legen Menschen in Norddeutschland Megalithgräber für ganze Gemeinschaften an. Den Toten wird Nahrung in Keramikgefäßen mitgegeben, Pfeil und Bogen, Werkzeug und Schmuck. Mehr noch als bei den Kreisgrabenanlagen seit dem 5. Jahrtausend mit ihren Erdbewegungen nehmen die Menschen gemeinsam erhebliche Anstrengungen auf sich, um die riesigen Steine zu bewegen, die schon mal 50t wiegen können. Für einzelne dieser Anlagen sollen hundert Menschen fast dreieinhalb Monate lang zehn Stunden am Tag gearbeitet haben. Sie müssen dazu bewegt und dafür organisiert werden: Hierarchien werden immer deutlicher.

 

Um 4000 gelangen Siedler aus der Ägäis nach England und um 3000 beginnt die Anlage von Stonehenge.  Über 20t schwere Sarsensteine müssen über 30 km heranbewegt werden und Blausteine sogar aus Südwales. In der Gegend werden nun größere Landschaften entwaldet.

Megalithanlagen entstehen unter anderem bei Carnac in der Bretagne und auf Malta. Wo immer solche Bauten entstehen, weisen sie auf die Unterordnung vieler unter Einzelne hin, wobei unklar ist, ob es sich um frühe Kultexperten oder auch schon um "weltliche" Herren handelt.

Zwischen 4000 und 3000 entstehen städtische Siedlungen in Ägypten und Mesopotamien, zentral gesteuerte Bewässerung führt danach zum Großreich der Pharaonen und der Tempelwirtschaft in Mesopotamien, die wiederum zu Reichsbildung wir der sumerischer Fürsten führt. Schriften entstehen, die zunächst dem Aufbau von Herrschaft dienen. Der Fernhandel nimmt zu.

 

Solche Herren sammeln dann solange Macht an, bis sie um 3000 vor unserer Zeitrechnung in Ägypten zu großen Despoten werden können. Als Despoten bezeichnen wir hier jene Herrscher, die im Sinne des altgriechischen Wortes despotes (Herr) danach trachten, möglichst unumschränkte persönliche Macht über ihnen Untertanen zu erhalten und dabei Angst und Schrecken sowie instrumentalisierte Kulte als Herrschaftsmittel einsetzen.

 

Um 3000 tauchen Räder in Sumer auf. In Mitteleuropa gibt es Wagenmodelle aus Ton, während die hölzernen Wagen selbst nicht erhalten sind. In derselben Zeit steigt das Schlachtalter von Rindern an: Sie ziehen nun Pflüge und Wagen.

 

Steinzeitliche Zivilisationen entstehen auch anderswo, in Amerika schon lange vor der Zeitenwende. Zwischen 3000 vor und 1300 nach unserer Zeitrechnung existieren die stadtbasierten Mayareiche. Tiahuanaco beginnt um 1500 v.d.Zt., Teotihuacan floriert zwischen 600 vor und 700 nach unserer Zeitrechnung. Um 3200 v.d.Zt. entsteht mit dem chinesischen Liangshu eine komplexe große Stadt.

 

Die Wahnhaftigkeit von zum Despotischen tendierender Zivilisation lässt sich nirgendwo besser erkennen als an den gigantomanischen Großbauten der späten Steinzeit und der Bronzezeit, wo mit geringen Hilfsmitteln abstruse Grabmähler für Potentaten wie die ägyptischen Pyramiden oder mit riesigen Steinblöcken errichtete Kultanlagen für die Machtentfaltung von Priesterschaften errichtet werden. Die Instrumentalisierung von Menschenmassen im Machtinteresse weniger beginnt, die dann ihre Vollendung in uniformen militärischen Massen findet, die sich gegenseitig zermetzeln, berauben und töten. Mit diesem Instrumentarium wird der Mensch zum schrecklichsten aller Lebewesen.

 

Solche Entwicklungen geschehen nicht überall zeitgleich und erst in den letzten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung werden die letzten Kulturen von Jägern und Sammlern auf Erden im Namen eines alles zerstörenden Fortschritts vernichtet. Fortschritt sei dabei von Veränderung unterschieden, aus der sich ohnehin Wirklichkeit zusammensetzt. Vielmehr sei damit jener Glaube an die Fähigkeit des Menschen als Weltverbesserer gemeint, der sich im Verlauf des Kapitalismus an die Stelle des außerweltlichen Schöpfergottes zu einem Gott aus eigener Kraft hinauf-"adeln" wird.

 

 

***Eigentum, Arbeitsteilung, Handel***

 

Besonders ein Faktor führt auf dem Weg von der Kultur zur Zivilisation Veränderung herbei: Während Jagen und Sammeln nur soweit stattfindet, wie Bedarf nach Nahrungsmitteln besteht, ergibt die tägliche Arbeit in Ackerbau und Viehzucht mit Kulturböden, Weideflächen und der Herstellung von Gefäßen und immer effizienteren Waffen die Möglichkeit, in größerem Umfang Eigentum zu entwickeln. Mit diesem entstehen aber entsprechende neue Rechtsvorstellungen. Und der größere Eigentümer kann mit dem Vorzeigen von mehr Schmuck und Waffen eine Vorstufe von Machtausübung über andere erreichen. In unterschiedlich großen Grabbeigaben wird das für ein phantasiertes Leben nach dem Tode perpetuiert.

 

Als zunächst gelegentlicher Nebeneffekt kommt es dann in manchen Gegenden zur Produktion von Überschüssen. Diese können Warentausch bzw. Handel in größerem Maßstab ermöglichen, dabei auch mehr Abtrennung von vollberuflichem Handwerk ermöglichen, welches seine Waren gegen Lebensmittel eintauscht. Im Verlauf der Jungsteinzeit wird der Abbau des Arnhofer Hornsteins wohl zu Warenproduktion. Regelrechte Bergwerke für Feuerstein und serielle Produktion von Werkzeugen und Waffen beginnen. Muscheln der Stachelauster Spondylus gelangen aus dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer nach Mitteleuropa, wo sie zu Schmuck verarbeitet werden.

 

Arbeitsteilung und unterschiedlich vorkommende Rohstoffe fördern Warentausch. Beide schaffen neue Abhängigkeiten über die Gewöhnung an Offerten des Marktes: Es entstehen neue Bedürfnisse und die wecken offenbar in zumindest vielen Menschen angelegte Gier.

 

Die Menschen vernichten nun nicht nur Wälder, lassen nicht nur Steppen und Wiesen abweiden und verwandeln Naturland in Äcker, sie beginnen Ton der Erde zu entnehmen, mit denen sie Gefäße vor allem zwecks Vorratshaltung formen, es gibt mehr Tausch-Handel. Schließlich beginnt auch der Raubbau an Metallen und für edel gehaltenen Steinen. Es kommt zu zunehmender vertikaler Differenzierung.

 

 

***Organisation, Macht und Gewalt***

 

Ein Weg in Zivilisation funktioniert darüber hinaus über die natürliche Ungleichheit der Menschen, die unter anderem auch einige rücksichtsloser und wirtschaftlich erfolgreicher als andere werden lässt. Auf diesem Weg entstehen über entsprechendes Talent und Gewalt Aristokratien, wie im antiken Hellas sich solche Gruppen selbst nennen, indem sich sich als die "Besseren" (aristos) bezeichnen und daraus ableiten, nicht mehr selbst arbeiten zu müssen, sondern andere für sich arbeiten zu lassen. Derweil kann man sich als Aristokrat  Vergnügungen hingeben, zu denen übrigens auch bewaffnete Gewalt bis hin zu größeren Raubzügen gehört.

 

Dieser Weg von den Kulturen in die dann siegreichen Zivilisationen verlangt einige grundsätzliche Anmerkungen. Zunächst ist festzustellen, dass nicht nur die Geschlechter, sondern auch alle Menschen untereinander verschieden sind, und zwar von Geburt an wie auch durch die Bedingungen, unter denen sie aufwachsen. Es gibt in vielerlei Hinsicht Klügere bzw. Intelligentere und andererseits Dümmere. Nur extrem wenige besitzen zum Beispiel das Talent, Erfindungen zu machen, Neuerungen einzuführen. Alle anderen müssen dazu angeleitet werden, mehr oder weniger damit umgehen zu können. Erfolg hin zu Machtausübung ist aber nicht nur eine Frage des Talentes, sondern auch des Maßes an rücksichtsloser Gewalttätigkeit, die sich mit Klugheit bzw. Schläue paart. Die Trennung in Herren und Knechte, wie sie das deutsche Mittelalter bezeichnen wird, basiert natürlich auch auf Zufällen des Glückes, welches Menschen zuteil wird, der fortuna, wie das Lateiner nannten. 

Zwei Faktoren gehören dazu: Ein der Natur eingeborener Wille zur Macht, wie Nietzsche das nennt, und das ebenfalls allen komplexeren Lebewesen offenbar eingeborene Phänomen der Gier. Der Wille zur Macht treibt ursprünglich dazu, sich möglichst gute Möglichkeiten zu schaffen, um erfolgreich Nachkommen zu bekommen und groß zu ziehen. Macht ist dabei der Raum der Möglichkeiten, die jemand besitzt und dieser Wille zur Macht scheint wiederum bei Menschen unterschiedlich ausgeprägt zu sein.

 

Dieser Wille zur Macht ist aggressiv, und zwar im Bereich der Ernährung wie dem der Fortpflanzung, also der Geschlechtlichkeit. Das Wort Aggression leitet sich vom lateinischen aggredi ab: irgendwo hingehen, etwas unternehmen, angreifen. Ihr Gegenstück im Deutschen ist seit dem 19. Jahrhundert die dem Französischen entnommene Depression. Diese bezeichnete das Niederdrücken und dann auch das Bedrücktsein. Es machte die Kunst von Kulturen aus, eine Mitte zwischen Aggression und Depression auszutarieren.

 

Physische Aggression als körperliche Gewalttätigkeit ist in fast allen Kulturen überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, Männersache. Das mag wenig mit der etwas größeren Körperkraft der Männer zu tun haben, deutlich mehr aber mit der Mutterschaft der Frauen. Aber das Testosteron, welches den Männern etwas stärkere Muskeln aufbaut, ist zuvörderst ein Fortpflanzungshormon, welches die Produktion von Sperma befördert und den natürlichen Drang nach deren Insemination in Frauen. Testosteron macht darum physisch aggressiv. Das hindert Frauen nicht daran, ebenfalls Aggressionen aufzubauen, aber sie blieben in der Vergangenheit tendenziell stärker im verbalen Raum.

 

Aggression verläuft bekanntlich in Wellen, in denen Energie(n) aufgebaut und in der aggressiven Aktion wieder abgebaut werden. Sie ist also kein Zustand, sondern ein sich aufbauendes Potential, das sich in der aggressiven Aktion vorübergehend erschöpft.

 

Das zweite ist das Naturphänomen der Gier, welches ursprünglich dafür sorgt, dass man in Zeiten des Überflusses mehr Nahrung zu sich nimmt als gewöhnlich nötig, also gierig wird, weil die Natur immer auch Phasen des Mangels kennt. Diese Gier kann sich beim Menschen aber auf alles mögliche andere als nur Nahrung übertragen und dabei eben auch Suchtverhalten annehmen. Gewisse Talente, ausgeprägterer Wille zur Macht und Gier bringen dort, wo das geschieht, die Herrenschicht hervor und verurteilen die anderen dazu, Knechte zu werden.

 

Macht, und das wird später für die Entstehung des Kapitalismus wichtig, kann sich beim Übergang von gemeinschaftlichen Kulturen zu hierarchischen Zivilisationen auf verschiedene Weise darstellen. Da ist zunächst einmal wirtschaftliche Macht, die auf Eigentum an Grund und Boden, Vieh und Werkzeugen beruht und die bei Ackerbauern mit Viehzucht schnell zumindest so verschieden ist wie es Menschen sind. Sobald sich von ihnen Handwerker und Händler lösen, was in Ansätzen sehr früh geschieht, basiert ihre Macht auf Kunstfertigkeiten und Talenten und zunehmend auch auf Tauschmitteln.

Die andere Macht ist die über Menschen, die man für seine Zwecke benutzen kann. Sie wird an oberster Stelle von Priestern und "weltlichen" Herrschern ausgeübt. Beide verlangen Unterwerfung als Glaube und Gehorsam und dann Abgaben von den nun Untertanen und die Herrscher zudem Kriegsdienste zur Erweiterung ihrer Macht.

 

Macht über ihr untertane Menschen tendiert dazu, diese von Entscheidungsprozessen auszuschließen. Umgekehrt aber führt das auch dazu, dass sie aus vielen Gründen unfähig werden, selbst zu entscheiden über jenen Bereich hinaus, den die antiken Römer als den privaten (privatus) bezeichneten, den des persönlichen Haushaltes. Sie sahen dabei den öffentlichen (publicus) als jenen an, in dem Macht über die vielen privaten Haushalte ausgeübt wird.

 

Ein Aspekt dieser Trennung in allgemeine Entscheider und den privaten Raum der ihnen Untertanen wird sein, dass komplexere Strukturen möglich werden, in die hinein den meisten Menschen dann der Einblick fehlt, insbesondere, wenn ihnen produktive Arbeit auch noch die Zeit dafür raubt. Als durchgehende Regel kann gelten, dass die Masse der Menschen umso ohnmächtiger wird, je komplexer die menschengemachten Strukturen werden, in denen sie existieren. Eine zweite Regel besagt, dass je größer die Wahrnehmung eigener Ohnmacht ist, desto größer die Neigung zur Identifikation mit besonders übermachtigen Anführern. Beides scheint auch heute noch zu gelten.

Priester können zudem damit operieren, dass es in komplexer werdenden Kulturen offenbar immer unerträglicher wird, anzuerkennen, wie wenig man wirklich weiß und wissen kann, so dass man aus dem Manko stärker in den emotional viel intensiveren Bereich des Glaubens entkommen möchte. Erst wenn der späte Kapitalismus in seinen Metropolregionen die Macht der Priester bricht, werden politische Ideologien als Religionsersatz die Oberhand gewinnen und die Köpfe der Untertanen einnebeln.

 

 

Es wurde schon darauf verwiesen, dass die monumentalen archäologischen Zeugnisse früher Zivilisierung bereits durch Massenarbeit entstehen, die organisiert werden muss. Solche Organisation bedeutet Hierarchisierung in Befehl und Gehorsam, die solide eingeübt werden müssen. Das funktioniert aber zunächst kaum, ohne dass den Menschen dafür ein motivierender Glaube eingeflößt wird. Wie das im einzelnen funktionierte lässt sich heute nicht einmal mehr genauer erschließen.

 

 

***Priestermacht und Herrschaft***

 

Wie schon weiter oben angedeutet, ist das sprachbegabte menschliche Gehirn nicht dazu da, Wirklichkeit zu erfassen, sondern sie in eine erträgliche individuelle und darüber hinaus auch kollektiv definierte Welt umzuwandeln. Dazu gehört, sich mit der Tatsache des Todes nicht mehr abfinden zu wollen und auch manches anderes mehr oder weniger wegzulügen und zugleich das als unangenehm empfundene Nichtwissen durch zusammenfabulierte Glaubensinhalte zu verdrängen.

Leute, die meinen, dafür besonders zuständig zu sein, beanspruchen dort, wo Überschüsse produziert werden, einen Teil davon, um Opferkulte für geheimnisvolle Mächte zu inszenieren, und die als Produzenten aus der Natur heraustretenden Menschen haben entweder deshalb Schuldgefühle oder lassen sie sich einreden.

Bei den Kulten handelt es sich also zunächst um Versöhnungsrituale mit einer Natur, auf deren Kräfte eingewirkt werden soll und der man zunehmend mehr als andere Tiere etwas entnimmt. Offenbar entwickeln Kultspezialisten einer ansatzweise theoretisierenden Vernunft dann bis hin zu Mythen sich entfaltende Erklärungsversuche, die nicht nur die eigene Bedeutung steigern, sondern erfahrbare Wirklichkeit in gedeutete Welt verwandeln.

 

Echtes und fabuliertes Wissen trifft auf Menschen, die nach befriedigenden Erklärungen für eine Wirklichkeit suchen, an die offenbar zunehmend mehr Fragen gerichtet werden, die sich durch Wissen nicht beantworten lassen. Es sind offenbar Lebensumstände der Nahrung produzierenden Jungsteinzeit, die nicht nur solche Fragen hervorrufen, sondern auch dort zu Antworten nötigen, wo diese aufgrund des Wissensstandes nicht möglich sind.

 

Was in der erfahrbaren Wirklichkeit als vorgegebene "Mächte" erlebbar ist, vom Wetter über die Jahreszeiten bis hin zu eigentlichen Naturphänomenen, wird von solchen Experten der Umdeutung von Wirklichkeit in geglaubte Welt immer stärker personifiziert, damit die Priester zwischen Mensch und Wirklichkeit treten können. Aus Naturkräften werden Götter, bald die neuen Verbündeten der Machthaber. Diese können Tier- oder Menschengestalt haben oder aber eine Verbindung aus beidem. (Ehr)Furcht vor den Göttern wird dann in Furcht vor den Machthabern transferiert.

 

Richtig mächtig werden solche Experten des Zusammenfabulierens erst mit größeren Ansiedlungen, in denen solche Kultstätten errichtet werden können, wie sie weiter oben schon beschrieben wurden. Dazu müssen ihnen die "Gläubigen" nicht nur Abgaben entrichten, sondern auch mühsamste Arbeitsleistungen verrichten wie das Steinbrechen und den weiten Transport großer Steine aus weiter Entfernung.

Vorher dürften megalithische Kultorte von Göbekli Tepe bis Stonehenge wohl im wesentlichen Pilgerorte gewesen sein, so wie noch viel später Kultorte der Germanen und Slawen vor ihrer vollständigen Zivilisierung.

 

 

Neben den Fabulierkünsten entwickeln frühe Kultexperten auch handfest Nützliches wie die Beobachtung des Sonnenlaufes nicht zuletzt zur Fixierung eines Aussaatdatums. Während man über die Beobachtung des Himmels bei Tag und Nacht mit dem bloßen Auge zunächst nicht wirklich zum Astronomen wird, kann man doch Kultstätten mit einer urtümlichen Kalenderfunktion entwickeln. Das, was man dabei nicht erkennen kann, wird wiederum zum Fabulieren eingesetzt, wobei richtige Wahrnehmungen und Zusammenphantasiertes wohl von den "Laien" nur schwer unterschieden werden können.

 

Priestermacht etabliert sich dabei auch über magische Rituale, die aus ihnen staunenswerte Zauberer machen. Dabei häufen solche Priester "Wissen" an, welches sie zunehmend für sich behalten. Ihren Gipfel erreicht das Opferritual, wenn es den Blicken der Laien entzogen wird und die Aura des Geheimnisvollen erhält. Mysteriös wird der Kultort auch dann, wenn die "heilige" Götterstatue dort so aufgestellt wird, dass sie nur die Priester sehen können.

Seit längerem wird sehr missverständlich dann pauschal von "Tempeln" gesprochen. Das lateinische templum ist ursprünglich der sakrale Bezirk, in dem Auguren ihrem Gewerbe nachgehen, und daraus wird jener Gebäudetypus nach griechischem Vorbild (naós) mit einer Säulenvorhalle und der abgeschlossenen und dunklen cella (griechisch: sekós), in der die den Laien unzugängliche Götterstatue steht. In diesem "heiligen" Bezirk findet die Gottesverehrung der Laien wie auch das Opfer außerhalb und als öffentliches Spektakel statt.

Mir erscheint es unsinnig, bei ägyptischen Sakralbauten wie auch bei den mesopotamischen Zikkurat oder dem zentralen jüdischen Kultgebäude in Jerusalem von Tempeln zu sprechen, da es sich um andere Gebäudetypen für etwas andere Opferkulte handelt. Die Ägypter des Pharaonenzeitalters nannten ihre vergleichsweise riesigen Sakralbauten "Wohnsitz des (jeweiligen) Gottes", und die Vielzahl von Räumen und Höfen dienten einer Vielfalt von unterschiedlichen Ritualen, die eine ganze Schar von Priestern durchführte.

 

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Es ist aufgrund der archäologischen Funde und Ausgrabungen zu vermuten, dass die Priestermacht vor der der "weltlichen" Herrscher erscheint. Findige Kultexperten erweitern die Aufgaben von Kultorten durch die Mischung aus ernsthafter Beobachtung von Himmelskörpern samt kalendarischer Funktionen für Aussaat, Ernte und Flutdaten von Flüssen und ähnlichem mit dem Zusammenfabulieren einer "überirdischen" oder ins Übernatürliche hineinreichenden Götterwelt, zu der sie dann als Vermittler auftreten. Für ihre angemaßten "Aufgaben" verlangen sie nun manchmal mehr Abgaben und zum Teil enorme Arbeitsdienste.

 

Die Hoheit über den Glauben der Menschen ist Macht und wird es bleiben. Erste Grundlage für Zivilisierung ist also der Ersatz von (sozusagen  aufgeklärtem) Nichtwissen durch Glauben, ein offenbar allgemeinmenschliches, allerdings zutiefst unheilvolles Bedürfnis, welches aber durch ein mächtiges Priestertum aus Eigennutz weiter geschürt wird.

Gläubigkeit als grundlegende Haltung ist gewiss das erste Kennzeichen für Untertänigkeit, also Zivilisation, Domestizierung der Massen. Die Macht von Priestern ist aber dort besonders groß, wo sie sich mit aggressiver Gewalt verbindet, deren Repräsentanten am Götter"himmel" die Priester immer mit verwalten. Repräsentanten dieser Gewalttätigkeit auf Erden sind die Anführer von Gewaltakten, die menschliche Gemeinschaften entweder beginnen oder mit denen sie die anderer abwehren. In dem Maße, in dem es ihnen gelingt, auch in Friedenszeiten Häuptlingsstatus zu gewinnen, etablieren sie sich neben den Priestern als Vertreter nunmehr ganz und gar irdischer Macht.

 

 

Priester legitimieren zunächst lokale Machthaber "religiös" und verschaffen ihnen Akzeptanz bei den Untertanen. Diese werden darauf orientiert, sich mit ihnen  "zu identifizieren", wobei sie als von Göttern eingesetzt gelten oder selbst vergöttert werden. Die Herrscher umgeben sich dabei mit einer Pracht, die offenbar ebenfalls zur Identifikation einlädt, auch wenn sie aus den Abgaben dieser produktiv arbeitenden Menschenmassen herrührt.

 

Betrügen Priester und dann auch die von ihnen legitimierten Machthaber ihre Untertanen und Befehlsempfänger bewusst? Das mag in Einzelfällen in gewissem Maße der Fall gewesen sein,  aber es ist in der Regel sicher viel einfacher, selbst an das zu glauben, was einem so viel Macht und Reichtum beschert. Darüber hinaus darf man auch nicht vergessen, dass es die Wichtigtuer sind, die Eitlen, die Selbstgefälligen, aber eben auch zugleich die Brutalen und Rücksichtslosen, die sich zu Macht und Reichtum aufschwingen, also eine erfolgreiche Negativauswahl der Menschen. Wer möchte, kann es auch anders wenden: Es sind auch die Cleveren, die Intelligenten, die organisatorisch und rhetorisch Begabten, welche in den entstehenden Zivilisationen nach oben gelangen. Und das wird auch so bleiben.

 

 

***Handel und Luxuskonsum***

 

In dieser Geschichte arg schematisierend begreifenden Weise werden aber doch zwei Faktoren deutlich: Einmal die Prachtentfaltung und die damit zusammenhängende Schatzbildung der Zivilisation verbreitenden Mächtigen, was sowohl die Despoten wie die Aristokraten betrifft. Der auf sie konzentrierte Luxus der Mächtigen wird nicht nur durch die Abgaben der Bauern, sondern darüber auch von Handwerkern und Händlern bedient. Insbesondere im Handel kommt es dabei zu gelegentlicher früher Kapitalbildung und dabei über die steigende Bedeutung von Geld und Kreditwesen auch zu ersten Ansätzen von Finanzkapital.

 

Die Schatzbildung in den Händen von Despoten und Aristokraten ist von ihrer Gier nach Vermehrung der Schätze geprägt, und wenn man nicht mehr Abgaben aus Untertanen bzw. abhängigen Menschen herauspressen kann, dient der Krieg mit seiner Beute an Land und Menschen zur Vermehrung der Schätze. Schon frühe Zivilisationen sind so von Kriegen geprägt, die mit der Propagierung von Feindseligkeit die Identifikation mit den eigenen Mächtigen und ihren Reichen verstärkt.

 

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Der Glitzer und Glitter von Gold, Silber und teurem Schmuck erweckt die Gier in jenen zu bösartiger Gewalttätigkeit neigenden Menschen, die dann auch noch Kupfer als Statussymbol nutzen können, bevor sie mit Bronze, der Legierung von viel Kupfer mit wenig Zinn, jenes harte Metall in die Hände bekommen, mit dem die Waffen hergestellt werden, mit deren Hilfe Herrschaft dauerhafter institutionalisiert werden kann. Aus der Verbindung von Kultgebäude, Palast und Stadt entsteht das, was die Propagandisten von Krieg und Unterdrückung im deutschsprachigen Raum bis heute als "Hochkultur" feiern, die Transformation von Kultur in Zivilisation durch brutale Herrenmenschen.

 

 

***Was bleibt von den Kulturen***

 

In den antiken Zivilisationen wird der Kultus zivilisiert mithilfe seiner Kultbauten, anthropomorphen Göttergestalten, Opferkulte und ihrer Priesterschaft, das heißt, er wird in den Machtapparat integriert. Überhaupt entstehen Zivilisationen auf dem Boden von Kulturen, und das eine oder andere an ihnen wird als nützlich integriert, allerdings weithin der autonomen Tradierung und das heißt auch Veränderung durch die große, nunmehr ohnmächtige Bevölkerungsmehrheit entzogen. In Zivilisationen erstarrt Kultur, soweit sie hineingerettet wird, weitgehend. Sie wird zur Sache der Machthaber.

Das aber geschieht nicht gleich zur Gänze. In den Nischen, in denen das den Mächtigen gleichgültig sein kann, hält sich fast autonome Tradition, und manches von ihr wird in das Neue hineintransformiert, dabei aber dem Einfluss der Betroffenen immer weiter entzogen.

 

Bis in die lateinische Nachantike hält sich unterhalb der Kulte der Mächtigen fast überall der untergeordnete lokale Kult, was in den polytheistischen Gottesvorstellungen ohnehin unproblematisch ist. Daneben existiert auch die Frömmigkeit des "privaten" Hauses, der jeweiligen Form von Familie also, weiter.

 

Das Überleben von sogenannten "Volkskulturen" in Zivilisationen führt in immer größeren Teilen Europas spätestens im 18. Jahrhundert zu einem gewissen Missverständnis von "Volk" und "Kultur" durch ein sich so betrachtendes Bildungsbürgertum. Das "Volk" ist nun auf die Landwirtschaft betreibenden Produzenten reduziert, deren Wirtschaften und Lebensalltag längst in kapitalistische Strukturen eingebunden wurde, und das Missverständnis derjenigen, die dabei nie zu diesem Volk gehörten, produzierte dann Volkstümelei, den Einfluss von Dorfmusik auf die des neuen Bürgertums zum Beispiel seit Ende des 18. Jahrhunderts.

Das parallele Missverständnis bezeichnet die Status ausdrückenden gehobenen Amüsierwelten der machthabenden Oberschichten (Musik, bildende Künste, Literatur) als Kultur in dem Maße, in dem wirkliche Kultur verschwindet. Das aufstrebende neuartige Bürgertum der Neuzeit ersetzt den schwindenden Anteil an der Macht in der Mittelstellung zwischen Fürsten und Adel einerseits und Produzenten andererseits dadurch, dass es im Zuge der Säkularisierung den "Künsten" immer mehr Offenbarungscharakter beimisst und sie bis in die Romantik hinein zu Religionsersatz hochstilisiert. Mit der Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts und der Verbreitung eines großen Industrieproletariats versucht dieses "Bürgertum" seinen Status ideologisch durch "Bildung" (Schule/Universität/Konversationskanon) und "Kultur" (Warenkonsum von Büchern, Musik etc.) zu definieren.

Der alles ergreifende Kapitalismus des 20. Jahrhunderts als Welt des Massenkonsums lässt das dann zur Gänze verschwinden.

 

 

 

Frühe Städte

 

Zivilisationen entstehen also zunächst aus auf Ackerbau und Viehzucht basierenden Kulturen mit Produktion über das unbedingt Lebensnotwendige hinaus durch die Machtergreifung von Priestern und "weltlichen" Herrschern bei erheblicher Bevölkerungsverdichtung. Dabei kommt es zur Konzentration von Untertanen in Städten, von denen eine oft als Hauptstadt mit einem Zentralheiligtum gilt. Stadtbildung und Entstehung von Zivilisationen gehen geradezu Hand in Hand.

Mit größeren Städten aber beginnt oft eine deutliche Trennung in Bauern "auf dem Lande", wie wir das seit dem Mittelalter in deutschen Landen nennen, und die städtische Arbeitskraft. Mit der Abhängigkeit der Stadt vom Land wird diese an den oder die Machthaber und seine Sorge für die städtische Ernährung gebunden. Am Ende wird Kapitalismus in einer bestimmten Art von Städten entstehen, was aber in den Despotien und Aristokratien vor dem 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung nicht möglich ist, da das Kapital derselben Untertänigkeit wie alle übrigen Menschen unterliegt: Es kann nicht hinreichend mächtig werden.

 

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Befestigte Paläste mit Kriegerfürsten beherrschen mit zum Teil gewaltigen Mauern befestigte Städte mit einer Kriegerschicht und zudem das Umland, welches immer mehr ausgeweitet wird. Das gilt für Mykene, kretische Fürstentümer, solche auf Zypern, für Hethiterreiche in Kleinasien, für Städte wie das nordsyrische Ugarit oder Mari am oberen Euphrat, dann auch für Reiche wie die von Assur oder Babylon und für das ägyptische Pharaonenreich.

 

***Handel und Kapital***

 

Kapitalbildung ist ihrem Wesen nach von Schatzbildung verschieden, da sie zwar von Kriegen nicht selten profitiert, selbst aber wesentlich unkriegerisch ist: Kapital entsteht dadurch, dass angesammeltes Eigentum vom Konsum abgezweigt wird, also nicht in Konsum verbraucht wird und dabei verschwindet. Es wird vielmehr investiert, um sich zu vermehren. Das geschieht in frühen Zivilisationen im wesentlichen im Handel, und zwar im Warentausch großen Stils, den Geld nun erheblich vereinfacht. Warentausch ist ursprünglich ein Ergebnis von Arbeitsteilung, und er nimmt nun in dem Maße zu, in dem Arbeitsteilung in größerem Maßstaben sogar über Regionen hinweg stattfindet. Sobald eine große zeitliche Distanz zwischen Kauf und Verkauf entsteht, muss der Händler für den Einkauf  Kapital quasi für eine Weile vorschießen, um daraus beim Verkauf Gewinn zu machen - sein Kapital zu vermehren. Auf die Dauer entstehen dabei auch Finanzspezialisten, die das Kapital des Händlers durch Kredite ergänzen.

 

Selbst das Wort Kapital taucht erst auf, nachdem es solches schon lange gegeben hat, und fast überall erst Jahrhunderte, nachdem Kapitalismus bereits in großen Teilen Europas seinen Siegeszug angetreten hat. Seine lateinische Wurzel ist das Wort caput, welches für den Kopf bzw. das Haupt steht. Daraus leitet sich capitalis ab, welches man unter anderem mit "hauptsächlich" übersetzen kann. In spätmittelalterlichen norditalienischen Volkssprachen wird dies Wort wieder substantiviert, um von dort dann später in den Norden zu wandern, wo es im Deutschen zum Beispiel als hauptgut auftaucht.

In italienischen Städten des späten Mittelalters mit ihrem blühenden Kapitalismus bezeichnet es beim Geschäft/Unternehmen die Hauptsache. Diese aber ist das, was nicht die Nebensache ausmacht, nämlich was für den persönlichen Konsum abgezweigt und damit dem (eigenen) Geschäft verloren geht, sondern das, was eingesetzt wird, um es zu vermehren, ohne dabei allzu viel physische (bzw. militärische) Gewalt einsetzen zu müssen.

 

Umgangssprachlich ist Kapital so in Tauschwerten bzw. Geld rechenbares Eigentum. Das aber ist Kapital nur als Option, potentiell, tatsächlich wird es nur als Vorgang, nämlich als der seiner Investition, seines Einsatzes zu seiner Vermehrung. Wird potentielles Kapital nicht zum Zweck seines Wachstums eingesetzt, verfällt es auf die Dauer.

 

Der Dynamik der Gewalttätigkeit von Despoten und Aristokraten setzt der Kapitalist also die friedlichere des Warentausches entgegen. Da Zivilisationen ihrem Wesen nach aber offen oder wenigstens immer latent gewalttätig sind, und zwar nach innen (unten) wie nach außen, bleibt Kapital in der Regel den Machthabern und ihren Bedürfnissen unterworfen. Es wird eine ausgesprochene Ausnahme sein, dass große Kapitaleigner selbst seit dem 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung für eine längere Zeit immer mehr Macht in Städten des lateinischen Abendlandes gewinnen werden, und nur dort wird Kapitalismus entstehen.

 

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Macht basiert auf Gewalttätigkeit und mit dieser auch auf der Verfügung über Rohstoffe, vor allem Kupfer und Zinn, auch Gold und Silber, die wie Bronzebarren Zahlungsmittel werden. Damit treten frühe Formen von Geld zwischen Menschen und Waren und lässt sich Reichtum besonders bequem horten.

 

 

 

Beschleunigung: Vermehrung, Technik, Metalle

 

Die Archäologie ist, da sie nur Knochen und Artefakte kennt, technisch fixiert und epochalisiert entsprechend nach Werkstoffen, Auf die Steine und dann das Kupfer folgt dabei die Bronze, eine Legierung aus Kupfer und Zinn. Sie ermöglicht härteres Metall, welches nun für Werkzeuge und Waffen tauglich wird. Bergbau gewinnt an Bedeutung und Schmelzöfen tauchen auf. Mit Gußformen entsteht dann auch im Bereich der Metallverarbeitung serielle Massenproduktion, wie schon ansatzweise zuvor bei Schmuck und Keramik.

Da beide Metalle kaum an einem Ort vorkommen und Zinn darüber hinaus selten ist, erweitert das den Fernhandel insbesondere auch per Schiff und übers Meer. Zum anderen ermöglichen die neuen Waffen in den Händen von Potentaten und Aristokraten eine Verbesserung der Kriegführung.

 

Mit dem 3. Jahrtausend erscheint Bronze zunächst im Nahen Osten, um 2600 auf Zypern mit seinen reichen Kupfervorkommen, um 2000 in der minoischen Zivilisation und nach 1600 in der mykenischen.

 

In Asien kommt es zum Beispiel zu den bronzezeitlichen frühen Zivilisationen Turkmenistans, in denen teilweise bereits Massenproduktion von Keramik stattfindet. In Amerika lässt sich die späte Inka-Zivilisation der Bronzezeit zurechnen.

 

Im mittleren und nördlichen Europa kommt es nicht zu despotisch beherrschten Reichen, sondern nach gemäß ihrer Keramik bezeichneten Einwanderungswellen zu hierarchisch gegliederten kleineren Ansiedlungen. Mit den bereits Eisen nutzenden Kelten, die stadtähnliche Siedlungen errichten und ausgeprägtere Herrschaftsformen entwickeln, treffen europäische frühe Zivilisationen auf jene des Mittelmeerraumes, die eine Altertumswissenschaft als Antike (seit dem 8. Jahrhundert) zusammenfasst, und die sich dann über große Teile Europas ausbreitet. Diese Zivilisationen sind städtezentriert und tendieren schließlich zu Formen von Reichsbildungen. Für die Entstehung des Kapitalismus wird dabei als Vorstufe das Imperium der Römer von zentraler Bedeutung.

 

 

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Mit den neuen Machtstrukturen kommt es zu einem Schub der Beschleunigung von Veränderung. Schon in der späten Steinzeit werden Schmelz- und Gießtechniken für Kupfer entwickelt, wobei die Verfügung über das Metall unter die Kontrolle der Mächtigen gerät. Damit beginnen Menschen mit dem Ausgraben von Erzen und dem Herstellen von Metallen, zuerst von Kupfer. Da dieses nur an wenigen Stellen leicht zugänglich sind, befördert das den Handel, aber auch die Macht Einzelner, die sich die Kontrolle über solch frühen Bergbau sichern. Mit der Verfügung über die daraus resultierenden Gegenstände können sie dann ihre Macht ausbauen.

 

Am Beispiel der weichen Metalle Kupfer, Gold und Silber, die zunächst wenig allgemein nützlich sind, wird einiges von dem deutlich, was viele Menschen spätestens jetzt ausmacht. Menschen lassen sich schon früh blenden durch alles, was glitzert und glänzt. Schon ab etwa 7000 gelingt die "Nutzung" von glänzendem Gold, Silber und Kupfer, die allesamt nicht als Werkzeuge taugen. Sie dienen als Schmuck für Aristokraten und Despoten, aber auch zur Herstellung von schmückenden Gefäßen etc..

 

Später, um 2200 dann, wird Kupfer durch die Beimischung von Zinn zu Bronze gehärtet. Kupfer gab es zum Beispiel in Süden der iberischen Halbinsel und auf Zypern, der Kupferinsel, Zinn fast nur im heutigen Cornwall, in Armenien und im heutigen Afghanistan. Intensiver Handel rund um den Mittelmeerraum und bis weit in den Osten setzt ein.

Mit diesem Handel tritt der organisierte Kampf um Rohstoffe und Handelshoheit im heutigen Wortsinn auf, das Pferd, als Reittier und Zugtier domestiziert und schließlich vor Streitwagen gespannt, macht weit ausgreifende Kriege möglich. Herrschaft und Krieg, Macht und Gewalt bilden dabei eine Einheit.

 

 

Despotische Reiche

 

Pharaonenreich

 

Was geschieht, damit Kulturen sich in Zivilisationen verwandeln, also in Gebilde aus hierarchischen Machtstrukturen, in denen Despoten mit brutaler Gewalt über Untertanen herrschen?

Zum einen bedarf es eines größeren Naturraumes, in dem durch verbesserte Methoden immer mehr Nahrungsmittel hergestellt werden, die nicht nur immer mehr Menschen ernähren, sondern vor allem auch so viele, dass sich Einzelne zu Herren aufschwingen, die die anderen dazu bringen, sie zu ernähren und zugleich auch mit Statussymbolen zu versorgen, mit denen sie ihre Macht demonstrieren können.

Zum zweiten bedarf es der Erfindung einer Religion, in der Naturkräfte als Tierwesen dargestellt werden, die dann immer menschenähnlicher werden, während umgekehrt die neuartigen Herren auf geschickte Weise so tun als ob sie diesen Tiermenschen-Göttern immer ähnlicher werden, bis sie am Ende selbst wie oder gar als Götter auftreten. Dazu bedarf es einer Priesterschaft, die eine solche Religion propagiert, weil sie von ihr selbst profitiert, und mit der die neuen Herren ein enges Bündnis eingehen.

Drittens dann müssen die Menschen nicht nur den neuen Herren und seine Priesterschaft ernähren und mit Statussymbolen versorgen, sondern ihm auch noch so viel mehr von ihren Überschüssen abgeben, dass er sich einmal Militär leisten kann, welches er mit äußeren Feinden begründet, dass er aber auch jederzeit gegen seine neuen Untertanen richten kann, und zum anderen eine Beamtenschar, die seinen Herrschaftsraum für ihn verwaltet.

Das alles braucht schließlich Städte als Machtzentren der neuen Herren.

 

In etwa so kommt es zu vielen einzelnen Reichen entlang des Niltales und seines durch die fast regelmäßigen Überschwemmungen fruchtbaren Landes von Äckern, Gärten und Viehweiden, jagbarem Wild und Fischreichtum. Die ersten Phasen dieser Hierarchisierung, die Gesellschaften in Herrschaften verwandelt, dürften mehr oder weniger noch auf Zustimmung zumindest eines wesentlichen Teils der Bevölkerung dort gestoßen sein, da sie meinen, daraus Vorteile zu haben. Als dann die Tempel der Priester, die darin - ungestört von den bäuerlichen Produzenten - vorgeben, die Götter durch Opfer freundlich zu stimmen, mit immer mehr Land und darauf arbeitenden Menschen versehen werden und die Herrscher selbst auch immer mehr Land mit seinen Arbeitern für sich zusammenraffen, wird es zu einer Überlebensfrage, zu glauben und zu gehorchen. Wer ohnehin den ganzen Tag mühsam arbeitet, empfindet es wohl auch bequem, sich über das, was darüber hinausgeht, möglichst wenig den Kopf zu zerbrechen.

 

Das Wort Dynastie gelangte im 16. Jahrhundert aus dem griechischen dynasté͞ia (δυναστεία) bzw. dem spätlateinischen dynastīa (Macht, Herrschaft oder Oligarchie) ins Deutsche, wobei die im spätlateinischen bereits vorliegende Bedeutung Herscherhaus erst im 18. Jahrhundert übernommen wurde. Der zugrundeliegende griechische Begriff ist hierbei agentis dynástēs (δυνάστης) (lat. dynastēs) was sich als Machthaber“, „Herrscher oder Herr über ein kleines Gebiet übersetzen lässt und seine Wurzeln im  Verb dýnasthai (δύνασθαι) (können, vermögen, gelten) hat.

 

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Man weiß sehr wenig über die inneren Strukturen dieser Herrschaften, die in brutal auftretende Krieger-Fürsten mit ihrem Hofstaat, Beamtenapparat, Priesterschaften, eine Kriegerschicht, aber auch Bauern, Handwerker, Händler und Sklaven von unterschiedlichem Rechtstatus geschichtet sind.

 

Die Pharaonen Ägyptens behaupten längere Zeit, Götter zu sein, und posieren dann als Gottessöhne vor ihren Untertanen. Scharen von Priestern, die die Untertanen mit ihrer Arbeit zu finanzieren haben, lassen sich riesige Kultanlagen errichten, propagieren den Kult der Sonne als Gottheit und den anderer Götter, was ihnen und den Pharaonen Macht und Wohlstand sichert. Letztere verfügen über Massen an Beamten, die das Land in ihrem Sinne verwalten und die Untertanen zu Abgaben zwingen. Den Aberwitz despotischer Macht und Gewalt stellen die riesigen Pyramiden für jeweils einen Herrscher dar, in die massenhafte Arbeitskraft und Abgaben eingehen.

 

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Neben den Arbeiterheeren für monomanische Bauten der Herrschenden bildet die (Uni)Formierung von Heerscharen für innere Unterdrückung und Kriege nach außen die wesentliche Schule für die Produktion von fast roboterartigen Untertanen-Massen in solchen Großreichen. Je erfolgreicher Unterdrückung und Gewalttätigkeit sind, desto eher identifizieren sich die Untertanen mit ihren Machthabern.

 

 

 

Mesopotamien

 

Die Schrift, Gesetze, Beamte und Untertänigkeit

 

Zivilisationen entstehen also zunächst aus auf Ackerbau und Viehzucht basierenden Kulturen mit Produktion über das unbedingt Lebensnotwendige hinaus durch die Machtergreifung von Priestern und "weltlichen" Herrschern bei erheblicher Bevölkerungsverdichtung. Dabei kommt es zur Konzentration von Untertanen in Städten, von denen eine oft als Hauptstadt mit einem Zentralheiligtum gilt. Stadtbildung und Entstehung von Zivilisationen gehen geradezu Hand in Hand.

Mit größeren Städten aber beginnt oft eine deutliche Trennung in Bauern "auf dem Lande", wie wir das seit dem Mittelalter in deutschen Landen nennen, und die städtische Arbeitskraft. Mit der Abhängigkeit der Stadt vom Land wird diese an den oder die Machthaber und seine Sorge für die städtische Ernährung gebunden. Am Ende wird Kapitalismus in einer bestimmten Art von Städten entstehen, was aber in den Despotien und Aristokratien vor dem 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung nicht möglich ist, da das Kapital derselben Untertänigkeit wie alle übrigen Menschen unterliegt: Es kann nicht hinreichend mächtig werden.

 

 

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Wir wissen kaum etwas Konkretes über die Anfänge von Zivilisierung, also Institutionalisierung von Macht, aber danach setzt dann in einigen Gegenden Schriftlichkeit ein. Die Schrift erweist sich überall zuerst als ein Instrument der Macht zur Verwaltung seiner Einnahmen und Beaufsichtigung seiner Helfer, dann für die Verschriftlichung von Gesetzen, wobei sie zugleich auch zum Propagandainstrument der Mächtigen wird.

 

Auch mit solchen Gesetzen, Willkürakten von Mächtigen, wird in die Tradierung und damit Fortentwicklung von Kultur eingegriffen, die - wo sie erst noch überlebt - zu erstarren beginnt und sich nur noch im Interesse der Mächtigen verändert. An die Stelle von Selbstorganisation von Menschen tritt immer stärker ihre Verwaltung durch eine Obrigkeit. Was heute als Fortschritt deklariert wird, ist der Beginn immer umfassenderer Unfreiheit der meisten, wobei ein erster Gipfelpunkt im Orient liegt - einmal von entfernten asiatischen und amerikanischen Zivilisationen abgesehen, die auf die Entstehung von Kapitalismus keinen oder wenig Einfluss haben werden.

 

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Schrift, die ägyptischen Hierogglyphen, die Keilschrift und die mykenische Linear-B-Schrift dienen der Verwaltung des wachsenden Eigentums der neuen Herrenmenschen und der Verwaltung des wachsenden Untertanenverbandes. Indem Gesetze verschriftlicht werden, wird die traditionelle Kultur in von oben diktierte Machtstrukturen hinein verwandelt.

 

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Die Untertänigkeit der meisten wird durch eine Mischung aus latenter Angst und offener Identifikation mit den Mächtigen erzeugt. Da ist die Angst vor Strafe bei Ungehorsam, die, weil sie als demütigend empfunden wird, von den Untertanen selbst dadurch verdrängt wird, dass man den Machthaber und seine Vertreter als herausgehobene Repräsentanz seiner selbst annimmt. Diese Verdrängung der Angst ins Unterbewusste schwindet dort, wo der Gewaltherrscher nicht mehr wegen seiner Erfolge bewundert, sondern wegen seiner kriegerischen Niederlagen verachtet wird. Nichts zeichnet Untertänigkeit mehr aus als dieses erbärmliche Schwanken zwischen Identifikation und Rebellion.

 

Identifikation wird massiv erleichtert durch die den Untertanen aufgezwungene Religion, nun kein einfacher Glaube mehr, sondern ein komplexes System aus Mythen, kultischen und rituellen Handlungen und Opfergaben. Aufgezwungen deshalb, weil es kein in kultureller Gemeinschaft entwickelter gemeinsamer Glaube mehr ist, sondern ein von Priestern weiterentwickelter, dessen Inhalte verordnet werden. Für ihn alleine soll hier das Wort "Religion" Verwendung finden, auch wenn dieses erst viel später im Christentum entsteht.

Wesentlich für diese neuartigen Religionen ist, dass sie die neuen Machtverhältnisse begründen und rechtfertigen. Das geht soweit, dass orientalische Despoten manchmal ihre Abstammung auf zum Teil furchterregende Götter zurückführen.

 

Es lässt sich ganz allgemein beobachten, dass sich mit der Zivilisierung, also der Zerstörung von Kulturen und der Schaffung untertäniger Massen eine allgemeine Neigung dieses inzwischen geduckten "Volkes" zur Identifikation mit der Macht zeigt, eine Neigung zur bequemen Abgabe von Verantwortung an die Mächtigen auch auf Basis eines zunehmenden Unverständnisses der komplexer werdenden (eigentlich eigenen) Lebenszusammenhänge. Dies lässt sich wohl anthropologisch-biologisch mit der eingeborenen Neigung zur Faulheit und damit tendenziell auch Verblödung von Säugetieren erklären, die in Gefangenschaft gehalten und dabei durchgefüttert werden. In den menschlichen Zivilisationen kommt dann als Kompensation noch die Vorhaltung von Amüsement dazu, höchste Gratifikation für Menschen, die von den Mächtigen als Nutztiere besonderer Art gehalten werden.

 

Der historisch wichtigere Teil im Prozess der Zivilisierung, die Unterwerfung und Untertänigkeit der zu instrumentalisierten Massen werdenden Untertanen, wurde von den Machthabern nicht dokumentiert und ist für die Historiker, die sich mit den Machthabern identifizieren, bis heute überwiegend uninteressiert. Wenn sich das seit einiger Zeit etwas zu ändern beginnt, hat das damit zu tun, das sich im heutigen Kapitalismus Macht immer weniger personalisieren lässt, da sie fast zur Gänze an Bewegungen der Kapitalverwertung abgegeben ist, als deren Agenturen sich Staaten verstehen. Die ziemlich vollständige Unterwerfung aller unter die Bewegungen des Kapitals schärft etwas den Blick dafür, dass es unterhalb der Macht auch noch zu betrachtende Menschen gibt.

 

 

Handel

 

Aber es gibt auch in großem Umfang Handel bzw. Austausch von Geschenken unter den hohen Herren, die sich mit enormem Luxus umgeben. Minoische Maler bemalen ägyptische und kanaanäische Paläste und solche von Quatna, minoische Waren gelangen bis Mesopotamien. Auf Kreta wiederum finden Ausgräber Waren aus Ägypten und dem vorderen Orient.

Es geht vor allem um fürstlichen Luxus, Dolche aus Gold mit eingelegtem Lapislazuli werden versandt wie auch kostbare Textilien, Schmuck und Parfüm. Der babylonische Herrscher Hammurabi bekommt vom Herrscher von Mari minoische Schuhe aus minoisch-kretischer Produktion geschickt.

Aber es geht auch um Getreidelieferungen, um Zedernholz aus dem Libanon und vor allem um solche von Zinn aus dem späteren Afghanistan nach Westen und von Kupfer vor allem aus Zypern, die dann vielerorts zu Bronze legiert werden.

 

 

Wieviel Handel damals in dieser Region getrieben wird, lässt sich an Hand von Funden untergegangener Schiffe vage erahnen. Eines, welches um 1300 bei Uluburun vor der Südwestküste der heutigen Türkei sank, transportierte etwa eine Tonne rohes Zinn und zehn Tonnen Rohkupfer, dazu eine Tonne Harz vom Pistazienbaum, aus dem Parfüm hergestellt wurde, und Elfenbein von Flußpferden und Elefanten. Zudem waren an Bord eine Menge Schwerter und Dolche. Für manche Städte wie Ugarith sind Kaufleute bzw. Händler dokumentiert, die mit der Ägäis, der ganzen Levanteküste, mit Zypern und Ägypten Handel trieben, und zwar mit einer großen Vielfalt an Waren.

 

Aber es entsteht auch nicht ansatzweise Kapitalismus in dieser Bronzezeit, auch wenn es vielleicht Ansätze von Handelskapital gibt. Aber die despotische Macht brutaler Herrscher würde Kapital, wenn es irgendwo auftauchte, völlig ihren Interessen unterordnen und seine Entfaltung behindern.

 

Da der Kapitalismus in Teilen Europas seinen Ausgang nehmen wird, wenden wir den Blick nun stärker dorthin. Ohnehin wird mit der Nutzung des Eisens für Waffen und Werkzeuge das Machtzentrum im Großraum des Mittelmeeres vom Orient weg und stärker dorthin wandern. Die bronzezeitlichen Despotien des östlichen Mittelmeerraumes werden hingegen alle nach und nach untergehen, ein Vorgang, der schon um 1200 einsetzt.

 

Von der Bronzezeit im größten Teil Europas, die dort deutlich später einsetzt, wissen wir noch weniger als von der des Orients, da jenseits der Ägäis Schrift noch unbekannt ist und wir nur archäologisch zu gewinnende Zeugnisse haben und fast völlig auf Vermutungen angewiesen sind.

 

Im Vergleich zu den Regionen zwischen Ägäis, Mesopotamien und Ägypten verlaufen die Entwicklungen im Zentrum und Westen Europas langsamer. Als Beispiel mag ein archäologisch erschlossenes Fürstentum von Leubingen um 1950 dienen, von dem ein 8m hoher und mit 34 m Durchmesser großer Grabhügel untersucht wurde. Dort fand man Goldschmuck, Bronzewaffen und Werkzeuge als Grabbeigaben. Die meisten Gräber der Zeit sind allerdings vergleichsweise ärmlich. In der Nähe des Fürstengrabes wurde ein fürstliches Langhaus von über 450 Quadratmetern entdeckt.

Aus etwa derselben Zeit stammt die Himmelsscheibe von Nebra, vermutlich Auftragsarbeit eines anderen Fürsten. Das Kupfererz der Scheibe stammt aus den Alpen, Gold und Zinn aus Cornwall.

 

Axt oder Pfeil und Bogen sind auch für die Jagd geeignet, das Schwert, welches um 1600 in Mitteleuropa auftaucht, dient nur der Gewalt gegen Menschen. Auf ihr basieren die bronzezeitlichen Zivilisationen, worauf auch inzwischen seriell hergestellte Streitäxte hinweisen.

 

 

Militär, Krieg und Grausamkeit

 

Pferde und Streitwagen, Streitäxte und viele andere Waffen dienen Überfällen, Eroberungen und der Verteidigung. Die Erfindung des Krieges und des Militärs, sicherlich die zwei widerwärtigsten und zugleich bedeutendsten Errungenschaften der frühen Zivilisationen, finden nun ihre frühe Blüte. Der Krieg ist die Erfindung des legalisierten Massentötens, des systematischen Verletzens, Verstümmelns und Vergewaltigens, der genauso brutalen Zerstörung, des Niederbrennens und der Erde Gleichmachens. Die Menschen, die diese grauenhaften Verbrechen auf Kommando von Machthabern begehen, als willenlose und perverse Instrumente der Potentaten, in den Schlachtreihen als pervertierte Roboter des Grauens, üben ein und demonstrieren das Ideal aller kommender Untertanen bis heute, gewissenlose, verantwortungslose reine Befehlsempfänger.

 

Das für die Mächtigen Schöne am Krieg ist, dass er immer wieder Krieg erzeugt, sei es zur Verteidigung, sei es als Angriffskrieg. Er begründet Militär und die Macht von Despoten, er begründet Reichsbildungen und Waffenproduktion, - ja, er ist von Zivilisierung bislang jedenfalls überhaupt nicht zu trennen.

 

Gewalt und Krieg scheinen schon in der Bronzezeit fast der Normalfall zu sein, und die Kriegerfürsten prahlen in Inschriften mit niedergebrannten Städten, massenhaft getöteten "Feinden" und versenkten Schiffen. Es geht um Beute, um Gold und Silber, Rohstoffe von Erzen bis zu Holz, um Luxusgüter für die Despoten und ihren Hofstaat und um Getreide für die Massen, aber auch um die Aquirierung von Zwangsarbeitern.

1595 soll ein hethitischer Großfürst ein Heer von Kleinasien bis Babylon geführt haben, um die Stadt zu plündern und niederzubrennen. 1479 erfahren wir zum ersten Mal im Detail davon, wie Pharao Thutmosis III. auf einem von 17 Kriegszügen gegen Stadtfürstentümer in Kanaan bei Megiddo in einer Großschlacht siegt. 1274 treffen eine hethitische und eine ägyptische Armee bei Kadesch zusammen. Laut den vermutlich übertreibenden Ägyptern waren auf hethitischer Seite 3500 Streitwagen beteiligt, 37 000 Fußsoldaten und insgesamt 47 500 Soldaten. Mit massenhaftem Morden, Brennen und Plündern erweisen sich die frühen Despoten als die ersten Großverbrecher der Menschheitsgeschichte, den Stalins, Hitlers, Mao-Tse-Tungs, Putins und wie sie alle heute heißen ebenbürtig, im Umfang des Grauenhaften ihres Handelns jeder Form illegaler organisierter Kriminalität, die mit ihnen seitdem konkurriert, weit überlegen.

 

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In diesen Despotien werden von Priesterschaft und Herrschern Gewalttätigkeit und Grausamkeit als höchste Tugenden gefeiert. Despoten identifizieren sich mit den Tieren, denen höchste Grausamkeit attestiert wird, Löwen, Adlern usw. Ein Teil des Götter"himmels" repräsentiert ebenfalls diese enorme Gewalttätigkeit. Das bezieht sich  nicht nur auf die Macht der Herrscher nach innen, sondern insbesondere nach außen. Aus gelegentlichen überschaubaren Raubzügen werden Kriege, die mit professionalisierten Militärs durchgeführt werden und immer größere Areale überziehen.

 

 

 

 

 

 

Eskurs: Aggression, Gewalt, Krieg und Sigmund Freud

 

Herodots polemos patér, jener gerne in "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" übersetzte Satz, meint im Kern wohl nicht Krieg, sondern Kampf und Streit, agon. Ich möchte das auf das Folgende konzentrieren: Das Säugetier Mensch ist ein Raubtier insofern, als es sich von vorneherein nicht nur von Pflanzen, sondern auch von Fleisch insbesondere von Säugetieren ernährt. Und es ist wie andere Tiere auch von jenem Kampf ums Dasein geprägt, der Konflikte mit Mitgliedern der eigenen Art mit sich bringt. Aggression und Gewalt sind ihm eingeboren und haben zu einem guten Teil den Fortschritt seiner Geschichte hervorgebracht und getragen. Soweit die Biologie, wenn man das so nennen möchte. In der Geschichte des Menschen ist der Krieg eine der beständigen Konstanten. Dazu ein kurzer Rekurs auf Sigmund Freud. 

 

1930 schreibt dieser am Ende des 'Unbehagen in der Kultur': Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint es mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions - und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten.

 

Der "Selbstvernichtungstrieb" des Menschen ist mir so wenig ersichtlich wie ein Todestrieb, und die Aggression ist gewiss auch kein spezifischer "Trieb", sondern Aspekt des Getriebenseins alles Lebens, ansonsten scheint sich mir aber die Aktualität dieses Abschnitts in den letzten 80, 90 Jahren eher dramatisch verschärft zu haben. An anderer Stelle schreibt Freud:

Für alles weitere stelle ich mich auf den Standpunkt, dass die Aggressionsneigung eine ursprüngliche, selbständige Triebanlage des Menschen ist, und komme darauf zurück, dass die Kultur ihr stärkstes Hindernis in ihr findet. ('Unbehagen', VI)

 

Es sieht, wenn wir diesen Gedankengängen von Freud folgen, so aus, dass Kultur und damit der Mensch in einem Feld aus konstruktiven und destruktiven Antrieben entsteht, in einem Kampf, wie er sich an der Menschenart vollzieht. (s.o.) Aber die destruktiven Seiten sind auch die produktiven und die konstruktiven auch die zerstörerischen.

 

Anders gesagt, in den Prozessen der Kulturbildung, d.h. der Menschwerdung, entwickeln Menschen in sich Ambivalenzen, die sich in dem, was als Kultur nach außen tritt und so beschreibbar wird, wiederfinden...

Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die wir bei uns selbst verspüren können, beim anderen mit Recht voraussetzen, ist das Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten stört und die Kultur zu ihrem Aufwand nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit der Menschen gegeneinander ist die Kulturgemeinschaft beständig vom Zerfall bedroht. Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde sie nicht zusammenhalten, triebhafte Leidenschaften sind stärker als vernünftige Interessen. Die Kultur muss alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen, ihre Äußerungen durch psychische Reaktionsbildungen niederzuhalten. ('Unbehagen', V)

 

Die "Kultur" bietet natürlich gar nichts auf, sondern das tun Menschen in ihr. Die gedankliche Leistung Freuds besteht desungeachtet darin, von sich und dem unmittelbaren Gegenüber auszugehen (bei uns - beim anderen), also aus der unmittelbaren Erfahrung heraus Gedanken laufen zu lassen. Damit verschwindet die hochmütige Distanz der Wissenschaften zum Menschen, die umgekehrtes Erbe der demütigen Distanz der Theologie zu Gott war.

 

Der obige Abschnitt geht folgendermaßen weiter: Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher auch das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, dass nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft. Da das Verbot das Gehemmte aufstaut, so dass es wie eine Flut den Damm brechen kann, wären Kulturen mit hohem Verbotsniveau solche, die episodische Beschleunigungen erhielten. Aber das für sich ist gewiss zu einfach, da es die Rückkoppelungen der Kultur auf die Menschen und damit sich selbst außer Acht lässt.

 

Freuds Erwartungen an eine künftige Pathologie der "kulturellen" Gemeinschaften in seinem 'Unbehagen in der Kultur' sind entgegen dem, was gemeinhin über diesen Text gesagt wird, von einer letzten Hoffnung geprägt. Lorenzer und Görlich ( Einleitung zu: Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur) haben sie in anderer Reihenfolge als implizite in einer Aneinanderreihung von Zitaten aus der wenige Jahre vorher entstandenen 'Zukunft einer Illusion' herausdestilliert. Das mag man inzwischen eher bezweifeln. 

Ist doch der Einzelne existentiell ein Feind der Kultur, die doch zugleich ein allgemeinmenschliches Interesse sein soll. Anders ausgedrückt setzt sich der Grundkonflikt aus den seiner Triebstruktur entspringenden individuellen Bedürfnissen und den ihm eingepflanzten Bedürfnissen menschlicher Gemeinschaft zusammen. Dort sind die Quellen der Unzufriedenheit mit der Kultur zu suchen. Das Unbehagen in der Kultur ist so Ausdruck von Unzufriedenheit mit ihr.

 

So bekommt man den Eindruck, dass die Kultur etwas ist, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderzahl auferlegt wurde, die es verstanden hat, sich in den Besitz von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen.

Hier zeigt sich die ganze Schwäche von Freuds Entscheidung, Kultur und Zivilisation nicht zu trennen, - aber Freud war kein Historiker. Es gibt keinen Hinweis darauf, die Bemühungen der Kultur nicht als Gemeinschaftsprojekt zu sehen, es sind die Zivilisationen, in denen wenige viele unterjochen.

In dieser ansonsten faszinierenden Konstruktion wird der Fehler nur eine Seite später deutlicher, wo er Hoffnung an die Frage bindet, ob und inwieweit es gelingt, die Last der den Menschen auferlegten Triebopfer zu verringern, sie mit den notwendig verbleibenden zu versöhnen und dafür zu entschädigen. Es geht um den Umgang mit dem unumgänglichen Kern der Kulturfeindseligkeit. Den sieht er darin, dass jede Kultur auf Arbeitszwang und Triebverzicht beruht und darum unvermeidlich eine Opposition bei den von diesen Anforderungen Betroffenen hervorruft.

 

Schematisch gesehen beruhen auf Arbeitszwang eher Zivilisationen, Kulturen der Wildbeuter stillen Hunger und Durst und jungsteinzeitliche Gemeinschaften produzieren Nahrungsmittel und Werkzeuge aus demselben Grund - wenngleich vielleicht "im Schweiße ihres Angesichtes". Zudem ruft gelungene kulturelle Einbindung keine Opposition hervor, denn die tradierten, auf unmittelbarer Erfahrung beruhenden Bindekräfte von Kulturen sind wesentlich größer als die institutionalisierten Zwangskräfte von Zivilisationen. Unter dem Ansturm der frühkapitalistischen Gewalttäter zerbrechen sehr schnell die zivilisatorischen Überbauten auf anderen Kontinenten wie die der südamerikanischen Anden"staaten", während von dem auf die Ebene von Kultur zurückgefahrenen Erbe in entlegenen Gebieten immer noch kleine Reste vorhanden sind, auch wenn deren endgültige Zerstörung von außen weiter fleißig vorangetrieben wird.

 

Am Ende von 'Warum Krieg' formuliert Freud an Einstein:

Ich meine das Folgende: Seit unvordenklichen Zeiten zieht sich über die Menschheit der Prozess der Kulturentwicklung hin. (Ich weiß, andere heißen ihn lieber: Zivilisation.) Diesem Prozess verdanken wir das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden.

In diesem Gegensatzpaar steckt eine legitime, aber höchstpersönliche Wertung, jedoch die Grundidee scheint solide: Jeder Fort-Schritt in der Menschheit ist mit Opfern erkauft.

 

Anders gesagt: Aggression ist Leben, ihre Domestikation schafft Kulturen und ihre bewusste Nutzung durch institutionalisierte Macht baut Zivilisationen. Zivilisation und Krieg sind identisch. Man muss also nicht auf spezifische kriegerische Momente der römischen oder germanischen Welt zurückgreifen, um zu wissen, dass der Krieg in der Zwischenzeit zwischen Antike und Mittelalter zentraler Motor aller Entwicklung sein wird und damit auch zu den Wurzeln des Kapitalismus gehört.

 

Lehnen wir uns kurz zurück und fragen: Ist nicht der Friede erstrebenswerter als der Krieg? Darauf gibt es zwei historische Antworten: Einmal ist der Friede das Ziel jeden Krieges, nämlich der der "befriedeten" Besiegten und Unterworfenen. Bislang lautet dabei das Fazit aller Zivilisationen, dass es ohne Krieg nie Frieden gab. Und der Krieg ist das Herzstück aller Zivilisationen seit den Tagen von Sumer, der Pharaonen in Ägypten und der Kaiser von China. Er ist auch der Kern der heiligen Schriften der Juden und der zumindest des frühen Islam. Literarisch überlieferte Ausnahmefiguren wie Jesus oder Buddha haben ihre Friedfertigkeit nicht auf ihre späteren nur nominellen Anhänger übertragen können. Aber die absolute Gewaltlosigkeit des legendären Zimmermannssohnes aus Nazareth wird bei aller Nichtbeachtung durch die Christenheit dennoch eine gewisse Rolle spielen.

 

Ein Aspekt sei noch gesondert angesprochen. Nicht jede Gewaltausübung ist von Grausamkeit gekennzeichnet, auch wenn diese immer Gewalttätigkeit bedeutet.

Das mittelhochdeutsche gruwen benennt eine Mischung aus Furcht und Widerwillen, Abscheu. Das "Grauen" als Substantiv und im neueren Sinne ist laut Duden (Herkunftswörterbuch) so noch nicht im Mittelalter vorhanden. Gruwesam bezeichnet darum zunächst noch keine Intention, sondern eine Gefühlsreaktion. Hingegen benennt das lateinische crudelis/crudeliter (von crudus: roh, gefühllos) das, was auch unsere heutige "Grausamkeit" bezeichnet. In unseren Augen ist dann das frühe Mittelalter (Nachantike) von einem großen "legalen" Spielraum an Grausamkeit in der alltäglichen Machtausübung von „Herren“ (domini) geprägt.

Grausamkeit bezeichnet zweierlei: Zum einen ist es eine moralisierende Sichtweise auf überzogen angesehenes aggressives Verhalten, zum anderen bezeichnet es eine schon bei Tieren zu beobachtende Lust in der gewalttätigen Machtausübung, in den Qaulen des Opfers. Ihren Ursprung hat sie sicherlich darin, dass tierisches Leben von Leben, also Lebendigem lebt, welches getötet, zerstückelt, lustvoll zerkleinert und verschlungen wird. Was bleibt sind Fäkalien. Erste Lust in der Grausamkeit ist in der Nahrungsaufnahme begründet.

 

Wichtig ist, dass man annehmen kann, dass Zivilisierung Grausamkeit nicht verringert, sondern eher institutionalisiert und dabei immer stärker von ihrem Ursprung im menschlichen Metabolismus entfernt. Die Amüsierarenen Roms belegen das genauso wie alle Zeiten danach.

 

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In fast allen Kulturen lagen die häufigsten Felder legitimen und offenen Auslebens von Aggressionen im Bereich der Sexualität, der Jagd und des Kampfes von Gruppen um Lebensräume, die letzteren eng miteinander verwandt und weithin Domänen der Männer. Der natürliche Trieb zu leben um sich fortzupflanzen ist den Menschen dabei mit allen Tieren, überhaupt allem Leben gemein und er bedeutet zunächst einmal eben Aggressivität. Ihn für die Gemeinschaft, in der Menschen lebten, nutzbar zu machen, heißt, seinen impulsiven Drang einzuschränken. Insbesondere der ganzjährig aktive Geschlechtstrieb ist für die Menschen nur vorteilhaft, wenn sie ihn beherrschen lernen. Nichts spricht gegen die Vermutung, dass diese menschliche Besonderheit an der Entstehung von Sprache beteiligt war.