DEFINITIONEN  (derzeit in Arbeit)

 

 

Einleitung

Menschwerdung

Exkurs: Menschliche Geschlechtlichkeit

Kulturen

Produktive Ernährung: Jungsteinzeit, der erste Sündenfall

Von den Kulturen zu Zivilisationen

Zivilisationen

Exkurs: Apropos "Hochkultur"

Der nächste Sündenfall: Die Götter der Bronzezeit und ihre Statthalter auf Erden

Exkurs: Aggression, Gewalt, Krieg und Sigmund Freud

 

 

Einleitung

 

Der Kapitalismus hatte seine beste Zeit wohl zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert. Im 10. Jahrhundert noch in wenigen Orten im nördlichen Mittelmeerraum entstehend, greift er im 11. und 12. Jahrhundert mächtig um sich im Raum des damaligen lateinischen Abendlandes, beginnt Teile Osteuropas und Skandinaviens zu erfassen, um im 13. Jahrhundert bereits auf das Leben fast aller Menschen dieses Abendlandes erheblichen Einfluss auszuüben.

Im 20. Jahrhundert wiederum verändert sich sein Charakter so stark und mit so zunehmendem Tempo, dass man mutmaßen könnte, er sei im Absterben begriffen bzw. auf dem Weg zu bislang wenig definitiven neuen Formen.

 

Dies lässt sich zum Beispiel an folgenden Phänomenen festmachen: Zunächst wurde einmal ein höheres Konsumniveau der untertänigen Massen als Nachfrageschub notwendig, und dies, durch höhere Beteiligung in Form von höheren Löhnen führte zur Verlagerung der Konsumwarenproduktion in Billiglohnländer. 

Damit einher ging die Beendigung des nun unrentablen Kolonialismus und die Entlassung der Rohstoffe und Billigarbeit liefernden Länder in diverse Formen von mehr oder weniger terroristischen Diktaturen, während das große Kapital in den sogenannten Demokratien mit wechselnd erfolgreichen Kapitalfraktionen immer mehr deren Politik direkt bestimmt, da die Massenloyalität gegenüber der Obrigkeit immer stärker von der Höhe des Konsumniveaus abhängig wird. Dabei muss das national greifbare Kapital nicht nur direkt "nach unten" umverteilen, sondern auch indirekt, indem es maßgeblich an der Finanzierung des Staates beteiligt wird, der die Menschenmassen ruhigzustellen hat.

 

Seinen letzten mächtigen Stoß erhielt der Kapitalismus mit der Trennung von Eigentum am und der Verfügung über das Kapital in global agierenden sogenannten Kapitalgesellschaften. Damit hebt sich auch die Trennung von Arbeit, Staat und großem Kapital immer mehr auf, denn alle drei können beteiligt sein, ohne noch wirkliche Verfügungsmacht zu haben, die wenigen mächtigen Spezialisten überlassen bleibt. In Russland, Rotchina und anderswo dagegen sind große Kapitalkonglomerate entstanden, die von einer Melange aus traditionell brutaler Politik und organisiertem (mehr oder weniger stillschweigend geduldetem) Verbrechen beherrscht werden.

 

Alles spricht dafür, dass der inzwischen absehbare Untergang des Lebensraums Erde nur noch durch die weitere Verschmelzung von Großkapital und staatlicher Politik eine kurze Zeit lang aufgehalten werden kann. Der totale Untertan, ob in offen terroristischer oder demokratischer Staatlichkeit, ohnehin nur noch frei in seiner Konsumwahl je nach Geldbeutel, steht damit einem neuartigen Machtgebilde gegenüber, dem er völlig wehrlos ausgeliefert ist. Mit Kapitalismus hat das immer weniger zu tun und immer mehr mit neuen Strukturen, die in manchem an antike Despotien gemahnen.

 

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Die Geschichtsschreibung der letzten tausend Jahre "surft" auf den Wogen eines Meeres unklarer Begriffe, die nicht nur jeweils aktuelle tatsächliche Unklarheit widerspiegeln, sondern sie auch propagandistisch bzw. rechtfertigend nutzen. Dabei sind die Historiker über den größten Teil unserer Zeit hier direkt den Interessen von Mächtigen unterworfen und seitdem im wesentlichen staatlich bestallte Akademiker mit unübersehbarer Neigung zur Identifikation mit der Macht und entsprechend den vorausgehenden Machthabern der Vergangenheit.

 

Die gefällige Unklarheit in unausgegorenen Begriffen hat aber auch damit zu tun, dass Menschen überhaupt in der Regel nur über eine Kurzzeit-Orientierung ihres Handelns im Verhältnis von Absicht und Wirkung verfügen, dass sie zudem in der Komplexität von Zivilisationen die wesentlichen Entscheidungen immer ganz wenigen, die dazu die Macht haben, überlassen müssen und darüber hinaus selbst an der Macht kaum noch über ein über den Tag hinausgehendes Verständnis ihrer Taten verfügen, soweit es nicht ohnehin dubiosen Religionen oder parareligiösen Polit-Ideologien geschuldet ist.

Dazu verhilft ihnen ein Stand der natürlichen Evolution, der ihnen erlaubt, mehr und anderes zu tun, als ihnen auf Dauer guttun kann, und dies in immer schnellerem Tempo. Dadurch findet die notgedrungen im Nachhinein zu betrachtende Geschichte ohnehin quasi im Rücken derer statt, die sie als Akteure gerade betreiben und derer, die sie zeitgenössisch beschreiben.

Zusammengefasst heißt das, dass eine kritische Geschichtsbetrachtung, sollte sie wenigstens ansatzweise wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, Begriffe erst klären muss, bevor sie mit ihnen operiert, als ob es um einen gehobenen Kaffeeklatsch ginge.

 

Kapitalismus sei hier vorläufig definiert als die Dominanz der Bewegungen des Kapitals über alle Arbeits- und Lebensvorgänge, über den ganzen Alltag der Menschen. Kapital wird dabei als ausschließlich zum Zweck seiner Vermehrung investiertes Eigentum verstanden, welches immer auf einem Markt in Geld berechenbar ist, und es ist damit von Schatzbildung und in Konsum vernichtetem Eigentum unterschieden. Jede weitergehende Definition wird an den Phänomenen festgemacht werden, in denen Kapital und Kapitalismus auftreten werden. Als historische Phänomene gehören sie dabei nicht in den Kontext von ahistorischen Spezialfächern, sondern in den ihrer Zeit. (Genaueres dazu also später!)

 

Menschwerdung wird Kulturbildung

 

Vor dem Beginn schriftlicher Aufzeichnungen lässt sich die menschliche Geschichte nur aus wenigen Hinterlassenschaften erschließen. Dennoch ist das ungeheuer wichtig, denn nur aus dieser Evolution lässt sich ein Bild vom Menschen entwickeln, welches von dem ideologisierenden seit den frühen Zivilisationen abgelöst ist. Ohne ein möglichst wirklichkeitsnahes Bild vom Menschen gibt es aber keine wissenschaftlich brauchbare Vorstellung von dem, was diese als Kapitalismus in ihrer Spätzeit hervorbringen werden.

 

Ganz am Anfang bildet sich im Tierreich die besondere Gruppe der Säugetiere heraus und unter ihnen die ganz besondere derer, die wir Raubtiere nennen, weil sie andere (Säuge)Tiere töten und essen, um sich von ihnen zu ernähren. Ein Entwicklungsstrang dieser Tierwelt verzweigt sich vor Jahrmillionen in die Gruppe der Affen und die Menschen andererseits, und die letzteren ernähren sich durch fast ihre ganze Geschichte hindurch vor allem vom Fleisch von eingesammelten und erjagten Tieren. 

 

Ab wann wir von Menschen sprechen können oder wollen, soll offen bleiben,  Rahmenbedingung für den Vorgang der Menschwerdung ist auf jeden Fall die letzte große Eiszeit von vor etwa 6 Millionen Jahren bis um die Zeit von etwa   12 000. Menschwerdung findet wohl auch darum zunächst weit südlich vom damals ewigen Eis statt, mit dem afrikanischen Australopithecus vor über drei Millionen Jahren und dem heute als Homo bezeichneten Menschen vor über zwei Millionen Jahren, dem es dann nach Jahrhunderttausenden gelingen wird, aufrecht zu gehen.

Es handelt sich zunächst um Jäger, die zusätzlich pflanzliche und tierische Nahrung einsammeln und dabei entweder umherziehen oder zeitweilig in Höhlen und Felsüberhängen zuhause sind.

 

Es finden in der sogenannten Altsteinzeit Schritte statt, in denen die sich entwickelnden Menschen ihre physischen Schwächen und Nachteile gegenüber bedrohlichen Tieren und Nahrungsmittelkonkurrenten kompensieren. Dazu gehören Steinwerkzeuge, von denen die Forschung annimmt, dass sie vor 2,5 bis 2 Millionen Jahren zum ersten Mal auftauchen und vor 1,5 Millionen Jahren zum Faustkeil verfeinert werden. Während sich Menschen damit noch nicht sehr deutlich von ihren tierischen Verwandten unterscheiden, so wird die Nutzung des Feuers, für die einige Forscher für die Zeit vor 1,7 Millionen Jahren erste Feuerstellen vermuten, doch ein markanterer Schritt.

Mit der Nutzung des Feuers gewinnen sie nach und nach eine gewisse Überlegenheit über immer mehr Bereiche der übrigen Tierwelt; insbesondere hilft das gegarte Fleisch auch bei Wachstum und Ausdifferenzierung des Gehirns.

 

Menschliche Vorfahren als sogenannte Hominiden von Atapuerca (Nordspanien) tauchen vor rund 1,1 Millionen Jahren dann in Europa auf.  Zwischen 600 000 - 100 000 produzieren Steinzeit-Menschen "Faustkeile", die ihnen offenbar einen deutlicheren Vorteil vor anderen Tieren geben. Solche Menschen, wenn man sie jetzt so nennen möchte, sind die Neandert(h)aler, nach ihrem ersten Fundort benannt, die von vielleicht 230 000/130 000 - 40 000 Europa und Teile Asiens besiedeln.

Es wird immer deutlicher, dass der Prozess der Menschwerdung zum Erfolgsprogramm der Natur wird, für das Ausbreitung und Vermehrung stehen. Diese frühen Menschen sind offenbar hervorragende Jäger, die Herden von Pferden, Bisons und Mammuts mit Speeren jagen, dabei Fleisch und Felle erbeuten, und zudem pflanzliche Nahrung sammeln. Sie wohnenweiter in Gruppen in Höhlen, teilweise über längere Zeit, wandern aber ansonsten umher. Sie verfügen vermutlich über feste Feuerstellen zum Kochen. Das Steinwerkzeug verbinden sie nun manchmal vermittels Pech aus Birkenrinde mit einem Holzschaft.

Das Jagen großer und mächtiger Herdentiere mit Speer und Speerschleuder funktioniert nur in Gruppen, die darum auch jenseits der Jagd in irgendeiner Form Gesellschaften bilden, ohne dass man Näheres über die Strukturen weiß.

 

Anatomisch sind sie am Ende wohl bereits in der Lage, eine spezifisch menschliche Sprache auszubilden, womit sie eine frühe Trennung in menschengemachte Welt der Vorstellung und die davon nun sich lösende Wirklichkeit erreichen. Dafür spricht auch, dass sie Menschen aus ihrer Gruppe wohl schon begraben und mit Höhlenmalerei beginnen.

 

Um 40 000  wandert der sogenannte homo sapiens wahrscheinlich aus Afrika in Europa ein. Er ist vermutlich dunkelhäutig und hellt sich dann unter der nördlichen Sonne auf. Er eignet sich wenige Prozent Neanderthaler-Gene in der Begegnung mit diesen an, die nun aber verschwinden. Anatomisch ist er bereits einigermaßen mit uns heutigen Menschen identisch.

 

Vor rund 40 000 Jahren tauchen solche Menschen auf der Schwäbischen Alb bei Blaubeuren auf. Es handelt sich um Höhlen bewohnende Jäger und Sammler, zunehmend Fleischesser besonders im Winter. Gejagt werden vor allem die Herdentiere Wildpferd und Rentier und das Mammut, welches dort um etwa      10 000 ausstirbt,

 

Waren die Neandertaler noch weit voneinander entfernte Horden in einer alles dominierenden Natur, die sie kaum verändern, beschleunigt sich die Veränderung mit stärkerer Vermehrung des biologisch heutigen Menschen, auch wenn es sich weiter um Höhlen bewohnende Jäger und Sammler handelt.

 

Mit der 6 cm großen und fett wirkenden, kopflosen Frauengestalt von Hohlefels am Südrand der Schwäbischen Alb mit ihren Riesenbrüsten kommt es zur ersten Menschendarstellung; vorher wurden nur Tiere dargestellt. Wir befinden uns mit ihr in der Zeit vor ungefähr 35 000 Jahren. Das Material ist Mammut-Elfenbein. Die an der Stelle des Kopfes befindliche Öse macht deutlich, dass es sich um einen Anhänger handelte.

Elementar für die kleine Figur sind die Betonung der Brüste, des Hintern und des Geschlechts, also von Weiblichkeit, was sich vielleicht als Betonen von Fruchtbarkeit interpretieren lässt.

 

Klar ist, dass das heutzutage gerne dafür verwendete Wort "Kunst" völlig irreführend ist: Es geht hier offenischtlich nicht um besondere Kunstfertigkeit, ursprünglicher Wortsinn von "Kunst", noch lässt sich hier Kunst als kultischer Gegenstand oder im späteren Wortsinn als Ware eines professionalisierten Amüsiergewerbes im weitesten Sinne belegen. Was es mit den steinzeitlichen Figurinen auf sich hat, bleibt ohnehin ebenso im Dunkeln wie die steinzeitlichen Malereien.

Zu dem Fundumfeld gehört auch eine gerne als Musikinstrument interpretierte Flöte. Entfernt davon wurden Lager von Stoßzähnen in einer Höhle gefunden, mit denen wohl eine Gruppe Perlen mit Steinwerkzeugen produzierte. Schmuck mag dabei Gruppenzugehörigkeit markiert haben bzw. bereits auf menschliche Eitelkeit hindeuten, also einen Ausdruck individuellen Machtwillens.

 

Bildliche Darstellungen weiten sich über ganz Europa aus. Höhlenmalereien in Westeuropa werden nun immer kunstvoller, - gekonnter. Zwei- und dreidimensionale bildliche Darstellungen schieben eine Welt der Vorstellungen vor die schwer erfassbare Wirklichkeit. Im Zuge dieser vorgestellten Welt werden dann nach und nach einzelne Individuen jene Deutungshoheit gewinnen, die nicht Verständliches in Geglaubtes verwandelt und so fast schon wahnhafte Gewissheiten vorgaukelt, um auf diese Weise Macht ausüben zu können.

 

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Kapital und Kapitalismus haben also eine Vorgeschichte, die zunächst immer Naturgeschichte ist, wie im 19. Jahrhundert von Darwin und anderen erkannt wurde, und zwar solche, welche die Menschen als Lebewesen und Säugetiere definiert, das heißt nicht religiös oder politisch oder mittels anderer Machtinstrumente.

Dennoch findet im Verlauf der Menschwerdung durch eine besondere Ausbildung des Gehirns im Zusammenhang mit der Entstehung einer komplexeren Sprache ein allmählicher Distanzierungsprozess von der übrigen Natur statt: Menschen beginnen ihr anders als andere Tiere gegenüberzutreten. Instinktive, genetisch tradierte Entscheidungen und solche von anderen abgeschaute können durch reflektierte abgelöst und relativ schnell wiederum tradiert werden. Das ist gravierend neu, und solche Entscheidungen haben eine größere Chance, falsch zu sein, sobald sie - was dann möglich wird - auf Spekulation beruhen. Die lange und langsame Linie der Evolution wird so durch die zunehmend kürzere innovativer Einzelentscheidungen abgelöst, deren - allerdings offenbar zunehmend unzulängliches Korrektiv - zunächst Erfahrung bleibt. Das Tempo der Naturgeschichte nimmt entsprechend mit der Menschwerdung zu, - und es wird bis zur Gegenwart immer mehr beschleunigt werden, - was fast alle Menschen bald nur noch als Objekte dieser Entwicklung erleben können.

 

 

Sprache verschafft den Menschen kurzfristige Vorteile, aber auch langfristige Nachteile. Ihre Besonderheit besteht nicht in ihrer Fähigkeit, etwas mitzuteilen, denn das können viele der übrigen Tiere mehr oder weniger auch. Vielmehr liegt ihre Bedeutung in der differenzierten Benennung von Gegenständen, Vorgängen und Eigenschaften, der Bezeichnung von sprachlich umgestalteter Wirklichkeit.

Indem solche Sprache Gegenstände der Wahrnehmung bezeichnet, verdoppelt es sie in unbezeichnete, sich unentwegt verändernde Wirklichkeit und bezeichnete, dadurch scheinbar statischer werdende Welt, die, welche vom Lateinischen res abgeleitet ganz spät als (Illusion von) "Realität" in einige Sprachen eingehen wird. Wenn das Deuten auf etwas mit dem Wort verbunden wird, erhält das Wort "Bedeutung", welches sie auch vom Gegenstand trennt, denn Bedeutung ist notgedrungen immer ein Stück weit subjektiv und ein Stück weit unausgesprochen. Mit der logischen Verknüpfung von Wörtern und ihrem Assoziationsraum entsteht eine Welt voller Bedeutungen, die nun in Sprache fixiert wird.

 

Verdoppelung von Wirklichkeit kann man am besten anhand der Höhlenmalereien und der kleinen steinzeitlichen Figuren verstehen. Es gibt nun weiterhin eine unmittelbar wahrgenommene Wirklichkeit und darüber hinaus eine vorgestellte, wie sie sich dann eben auch im Wort und später im Bild ausdrückt. Letztere wird zur Welt des den Menschen Bewussten, zur von ihnen geschaffenen zweiten Wirklichkeit, unter die sich noch eine andere des wenig oder gar nicht Bewussten schiebt, welches unter Bedingungen von Kulturbildung unterdrückt wird.

 

Wir unterscheiden gerne zwischen dem, was ist, und dem, was geschieht. Dabei ist gar nichts, sondern alles wird und vergeht. Die Welt ist das, was unentwegt geschieht. Aber wir leben so, als ob das nicht so wäre, denn unsere Psyche braucht eine stabilere Welt mit vielen Konstanten, und die Sprache gibt uns dafür die Namen. Zudem sind unsere Sinne außerstande, die meiste Veränderung wahrzunehmen und wenn das doch möglich wäre, würden wir sofort durchdrehen, uns würde schwindelig werden.

Also unterscheiden wir zwischen Dingen und Geschehen. Geschehen wäre dann das, wovon wir merken bzw. bereit sind zu merken, dass es geschieht. Dazu gehören zum Beispiel alle wahrgenommenen Bewegungen von dem, was wir für solide Dinge halten. Aber jenseits dieser Welt sinnlicher Wahrnehmung haben wir eine zweite, in der wir Dinge und Geschehnisse einordnen und verknüpfen. Erst diese mehr oder weniger vernunftgeleitete Verstandestätigkeit konstruiert Welt, genauer gesagt, die verschiedenen verschiedener Menschen.

 

Über dieses Verstehen hinaus benutzen wir Begriffe, die keiner sinnlichen Wahrnehmung entspringen, sondern Schlussfolgerungen aus ihr sind oder aber dem Wunsch folgen, da möge etwas sein. 'Welt' beispielsweise entspringt dem Wunsch, dass alles, was „ist“ und geschieht, ein großer geordneter Zusammenhang sein soll, so wie er den Bauprinzipien unseres Verstandes entspricht.

Schieres Wunschdenken ist es, sich mehrere oder einen "Gott" vorzustellen, der dem, was wir uns als Welt konstruieren, eine Konsistenz geben soll, die einen menschengemäßen „Sinn“ enthält, eine Richtung zum Beispiel, die auf mehr verweist als den Tod. Wir benennen auf diese Weise etwas, woran wir nur glauben, wovon wir aber nichts wissen können, Inbegriff jener Identität, die sich Menschen erhoffen, wenn sie „ich“ sagen oder sich mit ihrem Namen identifizieren.

 

Welt sei so hier als die vom Menschen für sein Leben und Überleben instrumentalisierte Wirklichkeit bezeichnet, der durch Fiktionen und Illusionen abgeholfen wird, die es nun zu glauben gilt. Wirklichkeit selbst sei wiederum als die nicht hinreichend menschlich fassbare unentwegte Veränderung benannt, die als solche in ganz frühen indischen Zivilisationen und bei Vertretern der antik-griechischen Philosophie erkannt wird, deren grundsätzliche Wahrnehmung aber von fast allen Menschen vermieden wird. Menschen gewinnen im Laufe der Menschwerdung eine immer stärkere Neigung, sich selbst und damit auch andere zu belügen.

 

Das hat Konsequenzen für Geschichte als Wissenschaft. In der Annäherung an Wirklichkeit kann sie diese doch für jede Vergangenheit in doppelter Hinsicht nicht erreichen: Zum einen entzieht sich Wirklichkeit als Ganze unserer Wahrnehmung, und zum anderen ist sie ohnehin immer vergangen, also in großem Umfang verloren. Dabei ist der Wunsch, wenigstens "etwas von ihr" einzufangen, die einzige Möglichkeit, jener Welt der Illusionen ein wenig zu entkommen, die ein psychisches Grundbedürfnis von Menschen zu sein scheint. Nietzsche spricht in diesem Zusammenhang von Angst und Schrecken bei der Konfrontation mit "Wahrheit".

Bis heute wird Geschichte, im wesentlichen von den jeweiligen Machthabern unterstützt und finanziert, als Fortschritt von Macht aus der Sicht von Machthabern erzählt, nur wenig gebrochen durch einen zwischenzeitlichen christlichen Pessimismus, der dann aber auch gleich durch Erlösungsphantasien abgemildert wurde. 

Erst heute, angesichts des immer schnelleren Fortgangs der Vernichtung der natürlichen Grundlagen allen Menschenlebens durch die Menschen selbst, könnte sich ein neues Misstrauen gegenüber der Produktion von Welt durch die Menschen entfalten, wenn nicht zum einen die menschliche Psyche dem massiv widersprechen würde und zum anderen die Menschen sich tatsächlich eine Welt nicht nur in Worten, sondern auch in Taten geschaffen hätten, deren Rücknahme weniger nahe zu liegen scheint als der Weg in den Untergang der eigenen Art.

 

In der Menschwerdung fallen unübersehbar vor allem drei Dinge zusammen: Immer größeres Gehirn bei komplexerer Gehirnstruktur samt Sprachbegabung, die Ausbildung von Sprechorganen und dann von Sprache - und ein durch das Jahr anhaltender Fortpflanzungstrieb.

 

Es handelt sich bei der Innovation in grauer Vorzeit einmal um den nunmehr ganzjährig auftretenden Geschlechtstrieb des männlichen Tieres/Menschen bei ganzjähriger Empfängnisbereitschaft des weiblichen, die dies mit durchweg geschwollenen Brüsten auch ohne Milch körperlich verdeutlicht, Ersatz für die Signalwirkung der Hinterbacken bei jenen Tieren, die noch auf allen Vieren sich bewegen. Das heißt, die Geburten werden von der saisonalen Günstigkeit der Ernährung entkoppelt, weil Menschen nicht mehr ganz und gar von ihr abhängig sind. Dadurch kommt es zu einer ersten Stufe der Entkoppelung von Triebhaftigkeit und Fortpflanzung bei den einzelnen Individuen: eine elementare Veränderung.

 

Damit verbunden ist die Notwendigkeit der Domestizierung oder besser (Be)Zähmung der dem Trieb innewohnenden Aggressivität, da Menschenkinder in besonders hohem Maße und vor allem besonders lange von den Eltern aufgezogen, versorgt und beschützt werden müssen, was einen friedfertig-solidarischen Raum voraussetzt. Dafür entstehen Ehe und Familie und darüber hinaus Gemeinschaften, die entweder physisch oder sogar darüber hinaus ideell auf Verwandtschaft beruhen.

 

Diese spezifisch menschliche Geschlechtlichkeit dürfte ein wesentlicher Faktor  einer gewissen ("biologischen") Überlegenheit über viele Pflanzen und Tiere gewesen sein, die auf kurze Fortpflanzungsphasen angewiesen bleiben, die an natürliche (jahreszeitliche) Bedingungen für den Erfolg des Nachwuchses bzw. seiner Aufzucht gekoppelt sind. Dass Kinder nun durch das Jahr geboren werden  und dabei zunehmend überleben können, ist gewissermaßen ein Triumph der Evolution, die damit und mit den Folgen quasi den König der Tiere hervorbringt, andererseits aber in kaum bislang dagewesenem Maße diesem die Möglichkeit einräumt, die übrigen Lebewesen zu dezimieren und am Ende auszurotten - und so schließlich seine eigenen Lebensgrundlagen zu vernichten. Zunächst wird es aber dazu ein Korrektiv geben: Wo zu viele Pflanzen und Tiere abgeräumt worden sind, muss man weiterziehen. Ist der Platz anderswo schon besetzt, schlägt man sich unter Umständen gegenseitig tot. Zum Erfolgsprogramm des Menschen gehört darum auch eine neuartige Gewalttätigkeit innerhalb der eigenen Art.

 

Es ist bezeichnend für die kapitalistisch geprägten Großdeuter der Geschichte der letzten Jahrhunderte, dass sie "Technik" als zentralen Motor der Menschheitsentwicklung definiert haben. Die griechische techne als menschliche Kunstfertigkeit treibt aber die Geschichte nicht nur (manchmal) voran, sie hängt vor allem auch von den anderen Menschwerdungsfaktoren ab. Ohne die menschliche Gehirnstruktur, sein Sprachvermögen und seine spezifische Sexualität, die mit den beiden ersteren sicherlich verbunden ist, gäbe es keine Faustkeile, nicht die Nutzung des bezähmten Feuers, nicht die Entwicklung von Werkzeugen und Waffen aus Holz, Knochen usw., zum Beispiel vom Wurfspeer über die Speerschleuder bis zu Pfeil und Bogen in den Wäldern, die um 10 000 Mitteleuropa zu bedecken beginnen.

 

Genauso bezeichnend ist, dass die bisherigen großen Geschichtsdeuter die Entstehung von Kulten und den Hokuspokus der mit ihnen aufsteigenden Machtmenschen als Fortschritt ansehen. Es lassen sich zwei Dinge feststellen: Irgendwann beginnt die Endgültigkeit des Todes vielen Menschen unerträglich zu werden und es wird nun von einem Weiterleben nach dem Tod fabuliert, was sich anhand von Grabbeigaben wie Nahrungsmitteln, Statussymbolen und Waffen belegen lässt. Zum zweiten werden die Naturgewalten nicht mehr einfach als solche hingenommen, sondern von Fabulierexperten gedeutet, die sich damit wichtig tun können. Und schließlich werden Himmelskörper wie Sonne, Mond und helle Sterne von solchen Deutungsvirtuosen genutzt, um ihre Macht zu erweitern.

 

Ein wesentlicher Bestandteil von Kulturbildung ist, wie schon angedeutet, die Herstellung einer vorgestellten Welt, die zunächst auf Erfahrung beruht und soweit Wirklichkeit ausmacht. Die elementaren Wissenslücken, die dabei auftauchen, scheinen recht früh durch Vorstellungen gefüllt worden zu sein, die ein geschlossenes Weltbild erlauben, eines, welches durch Umformungen zu dem wird, was später altgriechisch als Mythos bezeichnet wird, eine Art Welterklärungs-Erzählung. Das Aushalten von Nichtwissen im elementaren Bereich scheint in unterschiedlichen Kulturen, von denen wir ein Restwissen haben, unterschiedlich stark ausgeprägt gewesen zu sein. Lücken werden aus Angst durch Glauben ersetzt.

Neben die Unerträglichkeit des Nichtwissens tritt punktuell auch die des Wissens, welches dann nach Möglichkeit abgelehnt wird. Irgendwann fällt darunter auch die Kenntnis von dem, was mit Lebewesen nach ihrem Tod geschieht, nämlich Verwesung und Zerfall, und dieses Wissen wird als unerträglich durch den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode ersetzt. Kulturbildung heißt auch, mehr oder weniger seinen Sinnen nicht mehr ganz zu trauen, nämlich dort, wo sich unangenehme Wahrheiten auftun.

 

Während Wissen Gemeingut sein kann, ist der Glaube als schiere Fiktion für jeden größeren Verwandtschaftsverband spezifisch und prägt so seine Besonderheit. Damit fördert er die Abgrenzung und den inneren Zusammenhalt. Dazu dient dann seine festliche Zelebrierung im Kult, der schließlich häufiger an einem festen Platz stattfinden kann.

In seinen Glaubensvorstellungen und im Kult trennt sich der Mensch ein erstes Stück weit von der für ihn erfahrbaren übrigen Natur. Er erlebt seine nunmehr imaginierte Besonderheit. Der Zusammenhalt der jeweiligen Gemeinschaft wird dann auch dadurch gefestigt, dass dieser Kult mit seiner Vorstellungswelt durch die Generationen tradiert wird, und zwar genauso wie die Herstellung von Geräten, insbesondere Waffen und Bekleidung und Besonderheiten der Ernährung.

Ein Schleier bloßer Vorstellungen legt sich über die erfahrbare Wirklichkeit, wobei er durchaus in einer gewissen Relation zu dieser steht, also in verschiedenen naturräumlichen Gegenden ohnehin sehr verschieden sein kann. Da aber nun der Glaube letztlich durch keine erfahrbare Wirklichkeit fundiert ist, muss er umso intensiver sein. Damit nimmt das Unheil der Menschheitsgeschichte erst so richtig seinen Lauf.

 

Kulte, von lateinisch cultus abgeleitet, beinhalteten bei den antiken Römern die Formen der Verehrung von Göttern, die ursprünglich Naturgewalten waren und später diese repräsentierten. Das Wort kommt erst im 17. Jahrhundert in die deutsche Sprache und wird sinnvollerweise im Unterschied zu Religion benutzt, als welche man - ebenfalls sinnvollerweise - Judentum, Christentum und Islam einordnen kann, die drei großen auf "heiligen" Schriften beruhenden monotheistischen Glaubensrichtungen.

 

Im cultus wird das, was niemand weiß, durch das vorgebliche Wissen der Priester zur Glaubenssache. Im Kult gewinnen solche Experten magische Kräfte, wobei vielerorts das Opfer im Mittelpunkt steht. Sein Ursprung ist wohl darin zu suchen, dass "steinzeitliche" Menschen für das, was sie der Natur nahmen, etwas zurückgeben wollten. Sobald diese Natur in ihren für die damaligen Menschen machtvollsten Ausformungen bildhafte Vorstellungen bekommt, die schließlich in Götterbildern sich konkretisieren, entsteht daraus die Vorstellung, dass man von ihnen etwas bekommen könne, sobald man ihnen etwas (im voraus) gibt.

 

Wenn man ins Zentrum des Kultes das Opfer stellt, dann ist das alte Judentum des Tempels allerdings noch eine Art Zwitter: Im Tempel findet der Opferkult statt, in den heiligen Schriften wird aber eine Art Geschichtsmythos vom Bündnis eines Gottes mit seinem "auserwählten Volk" entfaltet samt einem riesigen Arsenal mehr oder weniger "kultischer" Vorschriften, die der Absonderung von anderen Menschen dienen.

 

Das Opfer wie der aufopfernde Arbeitsdienst für Kultstätten ist für die entstehenden Kultexperten das, was die Abgaben und Steuern dann für "weltliche" Herren bedeuten werden: Die Unterwerfung größerer Menschenmengen unter die Expertise derer, die "Überirdisches" zusammenfabulieren wie unter diejenigen, die mit Hilfe der Kultexperten ganz irdische Macht ansammeln. Aber nicht jeder Kult muss wie im Zweistromland,  im Niltal und dann auch anderswo auf diese Weise schnell in Zivilisationen münden. Oft sind Kulte in ihrer ganzen Vielfalt zunächst einmal Bestandteil von noch intakten Kulturen.

 

Exkurs: Menschliche Geschlechtlichkeit

 
Leben bewegt sich in seiner Erhaltung, der Ernährung vor allem und in seiner Fortpflanzung im Geschlechtstrieb. Erhaltung des Lebens für sein Weitergeben sind vorgegeben und machen komplexere lebendige Natur aus. Beides ist Begehren und zugleich Getriebensein und existiert jenseits irgendeines menschlichen „warum“ und „wozu“. Es ist einfach da.

Ernährung und Fortpflanzung sind dabei beide ganz natürlich aggressiv und egozentrisch, zunächst rücksichtsloser Kampf ohne Reflektion, ohne Empathie, gleichgültig gegen alle menschlichen Ansichten. Die wiederum gehören ohnehin nur denen, die – bildlich gesprochen - bei ihrer Menschwerdung bereits mit einem Bein aus der von ihnen vorgefundenen Natur bewusstseinsmäßig herausgefallen sind.

Menschwerdung wird dann zunächst mit dem Überhandnehmen des ganzjährigen Geschlechtstriebes befasst sein, mit dem ein reflexiver Verstand dann aus Überlebensgründen umzugehen hat, wofür sich vor allem wohl eine komplexere Sprache entwickelt.

 

Wenn die Entstehung der beiden Geschlechter der Fortpflanzung von Lebewesen dient, so koppelt sich der Geschlechtstrieb beim Menschen von diesem Zweck zunehmend ab: Der aufrechte Gang und die Nacktheit beenden den spezifischen Säugetierblick auf das weibliche Hinterteil, welches zugleich keine saisonal begrenzte Läufigkeit mehr signalisiert; dafür bleibt die bloße weibliche Brust auch gerundet, wenn sie keine Milch enthält und spenden kann: Sie wird zum allgegenwärtigen sexuellen Signal der gebährfähigen Frau.

 

Gleichzeitig ruht beim Menschenmann der Geschlechtstrieb nicht mehr über den größten Teil des Jahres, er wird vielmehr nach Maßgabe seiner Potenz fast allzeit-bereit, wie bei der Menschenfrau auch. Wie beim Tier ist das wahrgenommene Ziel die Triebabfuhr, die Entspannung sexueller Energie. Im Unterschied zur Tierwelt werden die Geschlechtsorgane so ausgestattet, dass mit der Triebabfuhr ausgiebigere Lust verbunden wird. Dabei liegen die Momente von Lust und Schmerz entwicklungsgeschichtlich nahe beieinander.

 

Die zentralen Lustorgane bei Mann und Frau sind fast dieselben, bei beiden geschieht lustvolle Erregung in Gestalt des Aufschwellens, wobei der männliche Penis die zur Befruchtung, also zur invasiven Aggression nötige Größe hat, während die weibliche Klitoris nach außen winzig ist, da sie nicht zur Fortpflanzung wie die Scheide, sondern nur noch der weiblichen Lust dient, also der Fortpflanzungsbereitschaft.

 

Soweit die Biologie und soweit ist heute alles bekannt. Selbst die anatomische Beschreibung der Klitoris als einer Art unter- bzw. andersentwickeltem Penis geschah bereits im 16. Jahrhundert. Interessanter ist die Vermittlungsarbeit, in der sich Kultur, kultische Traditionen, Religionen um die Integration einer quasi wildgewordenen Sexualität in sozialverträgliche Zusammenhänge bemühen.

 

Mit folgendem vor allem hatten sich menschliche Kulturen dabei auseinanderzusetzen:

 

1. Mit der Formulierung und Durchsetzung einer gewissen Form der Verbindlichkeit zwischen den Geschlechtspartnern wegen des langwierigen Angewiesenseins des Nachwuchses auf Vater und Mutter und offenbar möglichst auch auf Großeltern. Diese Verbindlichkeit funktioniert aber nur unter einem gewissen Ausschluss der dem Menschen ansonsten naturgegebenen Promiskuität.

 

Damit findet die Familie ihren ersten Ausgangspunkt. Erweitert wird das durch die Definition solider Verwandtschaftsbeziehungen. Die erste Kulturleistung des Mannes wird also eine partielle Unterdrückung seines sexuellen Begehrens in dessen weitgehender Orientierung auf die Mutter/Mütter seiner Kinder. Diese Unterdrückung wird notwendig ergänzt durch das Inzesttabu in seinen vielfältigen Ausformungen, welches vermutlich nicht genetischen Einsichten entsprang, sondern vielmehr der Erfahrung, dass Formen des Inzests ein gedeihliches Familienleben und Heranwachsen gefährden. Die Unterdrückung weiblichen Begehrens wurde in gewissem Maße auch durch die Dauerhaftigkeit der Mutterschaft gewährleistet.

 

2. Es gilt sich auseinanderzusetzen mit der aggressiven Natur des männlichen Geschlechtstriebes, die nicht nur in ihrem invasiven Charakter beim Akt der Fortpflanzung sichtbar wird, sondern ebenso in der Steuerung durch jene Hormone, die auch ansonsten für Aggressionen zuständig sind (im übrigen beim Testosteron auch für die Hirnaktivität, wobei Frauen dafür weibliche Hormone umwandeln).

 

Die zeitweilige Unterdrückung des Auslebens des Geschlechtstriebes, bei vielen Kulturen zumindest während der weiblichen Monatsblutung, in der Schwangerschaft und selbst noch eine Weile danach, kann nur dadurch geschehen, dass das aggressive Moment umgewandelt wird, zum Beispiel auf dem Wege der Sublimation, oder indem es zum Beispiel in geregelte Gewalttätigkeit besonders unter Männern oder in Formen harter körperlicher Arbeit ausgelebt wird. Bei manchen Kulturen gehörte zur Initiation der jungen Männer ein Kriegszug zu Nachbar-Stämmen oder Sippschaften, um die Erfahrung des Abbaus aggressiver Spannung in legitimer Gewalttätigkeit zu erlernen.

 

Kultivierung männlicher Sexualität bedeutete also bald, dass die Männer einen hohen Preis zahlten – den des Verlustes der Spontaneität beim Ausleben sexuellen Begehrens. Der Preis, den die Frauen dafür zahlten, war in der Regel der der Anerkennung männlicher Dominanz. All das fällt unter den Begriff Kultur, also genauer: Kultivierung von Sexualität.

 

3. Das Abdrängen sexuellen Begehrens beim Mann (und der Frau) aus dem Raum des Impulsiven in den des Kultivierten ließ bzw. lässt dieses nicht einfach verpuffen, sondern führt dazu, dass es als Verdrängtes, Verbotenes ins Unbewusste abgeschoben und dort verändert wird. Die Häufigkeit offener oder symbolisch verklausulierter sexueller Träume und die von sexuellen Tagträumen und Phantasien zum Beispiel zeigt, dass nicht ganz verschwunden ist, was verdrängt wurde. Eines aber bewirken diese ganzen Vorgänge auf jeden Fall, sie können unsere Emotionen in Gefühle verwandeln, eines unserer wichtigen Unterscheidungsmerkmale von der Tierwelt. E-Motionen, die Bewegungen von innen heraus, werden durch massive und mühsame Kulturleistungen in jene Gefühle verwandelt, die wir zwar zeigen können, deren Wesen jedoch ist, dass sie länger bei uns, in uns verweilen können. Auch mit ihrem vielfältigen Ausdruck, ein besonderes Kennzeichen von Menschlichkeit, wird differenziertere vorsprachliche Kommunikation hergestellt und Sprache vorbereitet.

 

Durch das kulturelle Erlernen einer Gefühlspalette verstärken wir andererseits überhaupt erst das Talent zur Empathie, dem Wahrnehmen und Mitfühlen von Gefühlen anderer. Menschliche Gesellschaften würden ohne dieses Talent zerbrechen. Es ist wichtiger noch als jede sprachliche Kommunikation und bekanntlich bis heute nicht jedem gegeben.

 

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Das, was heute Wissenschaft formuliert, war bis in die Zeit des frühen Kapitalismus zum Teil unbekannt, aber es war, soweit und so wie jeweils bekannt, tradierte Erfahrungssache und hatte darum seine ganz eigene Verlässlichkeit. Kenntnisse dazu erlangten die Menschen, soweit dem archäologische Forschung nachspüren kann, nicht zuletzt durch Gartenbau, Ackerbau und Viehzucht, also durch die Erfahrungen mit der Geschlechtlichkeit in der Nahrungsproduktion. In der Jungsteinzeit, wo das stattfindet, ist offensichtlich das menschliche Reflektionsniveau bereits recht hoch, also: Menschen denken nicht mehr nur, sie denken ausgiebig nach.

 

Betrachten lässt sich seitdem, dass Geschlechtlichkeit bewusster reflektiert wurd: Es gibt Deutungsstrategien für das nicht Sichtbare wie für die inneren Vorgänge der Menstruation, über die noch im hohen Mittelalter merkwürdige Ansichten herrschen, über die Rolle des Sperma bei der Fortpflanzung und die angenommene Rolle der weiblichen Sexualsekrete dabei.

 

Zentrales Moment wird die Entwicklung von Scham und Ekel: Im Unterschied selbst zu den anderen Säugetieren ekelt sich der Mensch vor dem eigenen Kot und oft auch vor dem Urin. Zu dem Ekel verhelfen ihm die Wertungen seines Geruchs- und Geschmackssinnes. Ähnliche Ekelgefühle traten in vielen Kulturen auch gegenüber Sperma und Monatsblut auf. Der Ekel ist sicherlich ein Verstärker der Scham: Schamgefühle sind aber nicht unmittelbar sinnlich begründet, denn im Kern sind sie Schuldgefühle, die sich mit sinnlichem Erleben verbinden.

 

Verstärkt wird die Scham auch durch die enge Nähe von Ausscheidungsorten der Verdauung und Orten der Fortpflanzung (inter faeces et urinas nascimur, schreibt Augustinus, also: wir werden zwischen Scheiße und Urin geboren), aber diese Nähe besteht auch bei den ganz und gar schamlosen Säugetieren. Die Scham ist also ein Kultur- und kein Natur-Phänomen. Erklärbar ist sie darum nur durch einen Riss im Selbstbild der Menschen ab einer bestimmten Kulturstufe, als sie sich nämlich getrennt von einer nun objektivierten Natur zu erleben beginnen: Die Menschen werden für sich etwas besonderes, sind keine Tiere wie alle anderen mehr. In der Wahrnehmung ihrer Verdauung und Fortpflanzung bleiben sie es aber, - und das wird als beschämend erlebt. Kultur und Scham gehören so zusammen.

 

Zwei Aspekte menschlicher Geschlechtlichkeit sind dafür besonders augenfällig: Der eine betrifft die Unwillkürlichkeit sexueller Vorgänge insbesondere beim Mann. Seine Erektionen, seine Pollutionen, seine Potenz unterliegen nicht einfach seiner Willkür. Ein Mann kann sich sein sexuelles Begehren auch nicht einfach verbieten. Frauen haben es da aufgrund ihrer sexuellen Konstitution zumindest manchmal ein wenig leichter, aber im Kern gilt dasselbe auch für sie.

 

Kein Mensch kann sich also als Geschlechtswesen ganz und gar als „Herr“ im eigenen Haus betrachten, vielmehr muss er "sich" zumindest auch als Objekt seiner Triebe erleben. Die Kulturleistung ist so deren schwierige Subjektivierung, das Ideal ihrer Beherrschung.

 

Der zweite Aspekt betrifft das rauschhaft flutende Moment bei ansteigender sexueller Erregung, bis dann der Verstand aussetzt und der Mensch kurz mal seine angemaßte Würde verliert und auch in seiner eigenen Wahrnehmung wieder "ganz zum Tier" wird.

 

Da sind dann Frauen wiederum stärker ausgestattet, denn ihre scheinbar winzige Klitoris, zum größten Teil den Blicken entzogen, ist ein reines Lustorgan. Daraus werden kulturelle Irritationen hervorgehen und sich in Zivilisationen versteifen. Weibliche Sexualität kann dabei als bedrohlich empfunden werden und so besondere Bändigung und Unterwerfung provozieren. (Dabei wäre näher zu untersuchen, in welchem Umfang monogame Familie und Verwandtschaftskonstruktionen Männerwerk sein könnten.)

 

Zu diesen zwei Aspekten kommt ein schwer zu gewichtender dritter, deshalb nicht leicht einzuordnen, weil Kulturen damit ganz verschieden umgingen: Es ist die sich bei Mann und Frau verschieden ausformende und leicht verschieden äußernde Verbindung des Schmerzes mit der Lust – sowohl im Begehren wie insbesondere in der Triebabfuhr. Im Stöhnen, Wimmern, diversen Klagelauten usw. äußert sich das bekanntlich – im Orgasmus verschmelzen dann Schmerz und Lust kurz miteinander.

 

Diese eigenartige Verbindung von Schmerz und Lust wirkt reichlich irritierend, besonders wenn man sie als gerade Außenstehender erlebt. Sie wird darum gerne ignoriert, viele versuchen ihre Wahrnehmung für nichtig zu erklären. Gelegentlich werden sie als sadistische und masochistische Momente benannt, was wenig hilfreich ist. Aber in den Texten von de Sade und von Sacher-Masoch wird deutlich, was geschieht, wenn eine Seite deutlich dominant wird – wenn die Lust durch das bewusste Zufügen oder Erleiden des Schmerzes gesteuert oder gar gesteigert wird.

 

Kultur(en)

 

Die Evolution ist zufällig und blind und gehorcht keinem klugen Gott. Sie verläuft über Erfolg und Misserfolg, trial and error. Dabei ist immer die Verbindung des kurzfristigen Erfolges mit dem langfristigen Misserfolg möglich. Die nun beim Menschen einsetzende potentielle "Allgegenwart" des Geschlechtstriebes führt zu einer nicht mehr nur auf eine kurze Phase im Jahr begrenzten sexuellen Konkurrenz untereinander, die darum nun wiederum gebändigt werden muss, um das Überleben der Gattung und ihre weitere Karriere zu sichern: Formen von Ehe und Verwandtschaft bezähmen diesen Konkurrenzkampf mehr oder weniger intern, - und tragen ihn nach außen.

 

Zu den Besonderheiten in der Menschwerdung gehört die lange Zeit, bis Kinder so weit sind, sich selbst ernähren und schützen zu können. Zur notwendigen, nun lang anhaltenden Elternschaft kommt so die Gruppenbildung über biologische Verwandtschaft und darüber hinausgehende ideelle Formen von "Verwandtschaft", um den Erfolg von Elternschaft zu sichern. Wichtigste Aufgaben solcher Gruppen sind Ernährung und Schutz insbesondere auch des Nachwuchses vor konkurrierenden Tieren und anderen Menschengruppen.

 

Geschlechtlichkeit ist ein Erfolgsprogramm der Evolution und dient der Entwicklung immer komplexerer Spezies. Da sie beim Menschen als Sonderfall mit der Geschlechtsreife nicht mehr zur kurzzeitigen Geilheit mit ihren Konkurrenzkämpfen führt, sondern durchs Jahr die Menschen antreibt, die Kinderaufzucht aber für viele Jahre gewährleistet werden muss, muss eine besondere Beziehung zwischen Eltern und Kindern gewährleistet sein, welche nur über die Ehe und Familie hergestellt werden kann. 

Aus Ehe und Familie entwickelt sich weitergehende Verwandtschaft, die dann durch ideelle Verwandtschaft Vergesellschaftung in Gemeinschaften hervorbringt. Gemeinschaften seien hier definiert als Gesellschaften, die ein gemeinsames Leben führen. Gesellschaften können aber, wie noch zu sehen sein wird, auch von solchen Menschen gebildet werden, die darin nur einen oder mehrere Aspekte des Lebens gemeinsam haben, einen Kult oder ein Gewerbe zum Beispiel.

Ehe, Familie und Verwandtschaft haben, was die kurzzeitige Befriedigung des Geschlechtstrieb betrifft, erhebliche Verzichtsleistungen zur Voraussetzung: Sie beinhalten den steten Versuch des Verzichts auf die Kopulation mit anderen als dem zweiten Elternteil. Dazu kommt für den langfristigen evolutionären Vorteil der Verzicht auf die Partnerwahl unter engen Verwandten: Man paart sich nicht mit den Geschwistern, Eltern und manchmal auch darüber hinaus nicht.

 

Wie massive Verzichtsleistungen diese Mühen der Kultivierung des Geschlechtstriebes bedeuten, erweist sich heute, wo in verfallenden Zivilisationen bei durch Kapitalinteresse induzierte Orientierung auf ungebundene Triebbefriedigung die Mühen der Herstellung von Vergemeinschaftung subjektiv zunehmen und diese immer mehr verunmöglichen. Die erkennbare Folge ist das Absterben selbst großer Völkerschaften, für die die politischen Vertreter des großen Kapitals als Ersatz andere als neues Menschenmaterial importieren.

 

Zurück in die Frühzeit der Menschen. Es muss bei alledem Spekulation bleiben, was damals geschah. Aber es erscheint plausibel, eine Art Interdependenz von allgegenwärtigem Geschlechtstrieb, einem menschliche Sprache (und entsprechend Denken) ermöglichendem Gehirn und den zugleich notwendigen Sprechorganen anzunehmen, denn sie bedingen sich für das Überleben und den Erfolgsweg des Menschen gegenseitig.

Die Bezähmung des spezifisch menschlichen Geschlechtstriebes, seine Domestizierung in Gesellschaften, die hier noch nur vage als Gruppen bezeichnet werden können, ist jedenfalls die erste Kulturleistung des Menschen, die ohne sprachliche Kommunikation kaum denkbar gewesen wäre.

 

 

Die ursprüngliche Kulturleistung, wie sie als erster Sigmund Freud reflektierend begriffen hat, verlangt nach einer Impulskontrolle, die im immer wieder zu leistenden Verzicht auf das Ausleben von Triebhaftigkeit, also Aggression, in den menschlichen Gemeinschaften gipfelt, dem entscheidenden gemeinschaftsbildenden Akt. Die Unterdrückung von Aggression bei gleichzeitiger Vermeidung ihrer Verwandlung in Depression oder der Verwandlung in die Gattungsgeschichte bedrohende Perversionen nach der Abdrängung ihrer Neigungen ins Unterbewusste bzw. zur Gänze Unbewusste wird durch jene Vorgänge von Reflektion begleitet, die nach spezifisch menschlicher Sprache verlangen. Sie leistet zudem auch jene Kommunikation, die das ganzjährig aggressive Gehabe, welches zur sexuellen Triebabfuhr drängt, gemeinschaftsbildend umformt.

 

Das Maß an Aggression, welches das Raubtier Mensch nicht mehr in den lebensnotwendigen Gemeinschaften ausleben kann, wird nach Möglichkeit kultivierend nach außen abgeleitet: So wird das Töten von Menschen im biologischen wie ideellen Verwandtschaftsverband trotz und zugleich wegen der erhöhten, durch die Permanenz des Geschlechtstriebes begründeten Aggression, also dem in der Fortpflanzung gipfelnden Kampf ums Dasein tabuisiert und nach außen abgeleitet: Damit bescheiden sich Menschen aber nicht mehr mit gegenseitiger Verdrängung im Kampf um Nahrung, sondern sie führen massiver als Primaten das Töten von Artgenossen außerhalb der eigenen Gemeinschaft als Teil ihrer Lebensführung ein und zugleich den Mord als verbotenes, aber offenbar immer wieder unvermeidliches Töten in ihr.

 

Kultur als Bezähmung von Triebhaftigkeit bedeutet deren immer wieder auch neue Frustration, und deren Aushalten ist Leidensfähigkeit. Sprache liefert dafür erste Begründungszusammenhänge als Erklärungsversuche. Die Kompensation des Leidens liegt aber zunächst im Erleben des Erfolges von Kultur als Überlebensstrategie im Kampf ums Dasein. Menschen erobern sich immer mehr Lebensräume auf der Erde und passen sich an diese an.

 

Zur Bezähmung des Geschlechtstriebes kommt eine zweite Leistung , mit der ersten aller Wahrscheinlichkeit nach interdependenten, nämlich der aufrechte Gang und die unterschiedliche Nutzung der Vorder- und Hinterbeine. Erst in dieser Summe seiner Möglichkeiten gelingt es den Menschen, sich massiv zu vermehren und über die Erde auszubreiten.

 

Der aufrechte Gang verändert Menschen ganz massiv: Anders als bei seinen nächsten Verwandten erweitert sich nicht nur das Sichtfeld, sondern man kann die Beine auf das Stehen und Laufen und die Arme und Hände auf andere Tätigkeiten spezialisieren. Însbesondere kann man Werkzeuge aus besonders geeignetem Gestein herstellen, die zunächst wohl besonders als Waffen dienen. Damit kann der Fleischkonsum gesteigert werden, was besonders dem Gehirnwachstum dank erheblicher Energiezufuhr dient. Die Nutzung eines gezähmten Feuers vergrößert die Energieausbeute insbesondere aus Fleisch noch einmal.

 

Zugleich hat der aufrechte Gang gravierende Auswirkungen auf den Fortpflanzungstrieb: Der bei den verwandten Tieren wenig lustvolle kurze Koitus von hinten, hervorgerufen durch die in kurzen Phasen signalisierte Fortpflanzungsbereitschaft des weiblichen Geschlechtes, wird ersetzt durch den von Angesicht zu Angesicht, personalisierter nun, und die stets gerundete weibliche Brust als Signal fast dauernder Empfängnisbereitschaft, als Ersatz nämlich für die Hinterbacken. Das wird ergänzt durch mehr Lust erzeugende und nachfragende Geschlechtsorgane, die immer wieder nach Befriedigung, also Erschöpfung des Triebes rufen.

 

Dabei spricht alles, auch die Kenntnis bis vor kurzem noch nicht ausgerotteter bzw. zerstörter Kulturen, dafür, dass das ursprüngliche Kulturwesen Mensch sich noch weitgehend als integraler Teil der lebendigen Natur verstand. Das, was ihn auch für sich selbst deutlich von der übrigen Natur trennt, Formen von Scham und Ekel, die sich auf die Ausscheidungen der Verdauung und die sichtbaren Teile der Fortpflanzungsorgane beziehen, löste ihn offenbar bewusstseinsmäßig noch nicht völlig aus den lebendigen Zusammenhängen der Natur heraus, zeichnete ihn aber zugleich bereits wesentlich als Kulturwesen aus.

 

Mit den nun auf das Sammeln und Erjagen von Nahrung spezialisierten Armen und Händen, der mit den Mitteln sprachlicher Kommunikation gelingenden Zähmung des Geschlechtstriebes und der Vergesellschaftung in Gruppen, der Objektivierung von "Natur" im reflektierenden und spekulierenden Denken erweist sich der Mensch als seinen unmittelbaren tierischen Konkurrenten auf die Dauer als überlegen und bevölkert nach und nach immer größere Teile der Erde.

Zähmung der Triebhaftigkeit bis hin zur Impulskontrolle als elementare Aspekte von Vergesellschaftung sollen hier als wesentliche Ansätze von menschlicher Kulturbildung bezeichnet werden. Verwendung findet dabei hier ein antik-römischer Begriff, auch wenn der unter ganz anderen Umständen etwas ein Stück weit anderes meint: In ihr ist natura die lebendige Welt jenseits menschlicher Eingriffe und cultura der pflegliche und dann auch gestaltende Umgang mit dieser Natur, abgeleitet von den Wörtern für die Tätigkeiten des Gebärens und des Pflegens (nasci und colere). Dabei bleibt "Natur" in seiner Reichweite oft ungenau. Cicero schreibt darum: naturam ipsam definire difficile est. (De inventione I). Ist Natur nur die belebte, oder auch die unbelebte Welt? Ist etwa alle Welt "belebt"? Inwieweit sind Menschen auch "Natur"?

 

Unter Kultur war sicherlich ursprünglich vor allem die agricultura gemeint, der pflegliche Umgang mit Erde und Leben. Für die Römer wird der Raum der „Kultur“ der spezifisch menschliche, und sie beziehen ihn vor allem auf sich selbst und später dann auch auf die griechischen Nachbarn. Er wächst dabei immer mehr aus dem Bereich produktiver Landbearbeitung heraus, und zwar für jene kriegerische Gutsbesitzerschicht, die körperliche Arbeit ganz „aristokratisch“ verachtet und die ihre Sprache immer mehr durchsetzt.

 

Solche späte Begriffsbildung unter Bedingungen von (latinischem) Ackerbau und Viehzucht und dann (römischer) Zivilisierung, etwas viel späterem, taugt für unseren Text nur notgedrungen und in soweit, als es unserer Sprache an anderen Begriffen mangelt. Sprache ist ein mächtiger und gefährlicher Stolperstein auf dem Weg jeglicher Geschichtsschreibung, und dies zuallererst deswegen, weil sie raum- und zeitgebunden ist und klarer Definitionen bedarf.

 

Der aus den Zusammenhängen der hippokratischen Texte stammende Satz medicus curat, natura sanat beschreibt in der cura einen Aspekt von Kultur und setzt ihn im Rahmen einer entfalteten Zivilisation in eine gewisse Opposition zur Natur. Aber schon sobald Menschen einen Begriff von Natur haben, treten sie ihr in ihm gegenüber, -wie in jedem Begriff. Der Mensch erwächst zwar als Lebewesen aus der Natur, aber er erhebt sich entwicklungsgeschichtlich über sie in der Kultur. Entsprechend repräsentieren Vorfahren der Götter zunächst Naturkräfte, aber sie wachsen darüber hinaus in ihrer zunehmenden Menschenähnlichkeit und in der kunstvollen Gestalt, in der die Menschen sie schließlich betrachten.

 

Für unsere Untersuchung ist allerdings auch wichtig, dass Kultur als Wort bis ins 17. Jahrhundert der lateinischen Sprache verhaftet bleibt und erst dann langsam in die deutsche Sprache eindringt. Es hat also bis in den späten Kapitalismus keine irgendeine Bedeutung tragende Tradition deutscher Art. Recht häufig ist das Gegensatzpaar Natur-Kultur zuvor auch in den lateinischen deutschen Landen eher als natura-ars ausgedrückt, also adjektivisch als natürlich und künstlich/kunstvoll. So schreibt beispielsweise Kaiser Friedrich I. an Otto von Freising, dass er Tortona belagerte, eine civitas munitissimam natura et arte, also eine durch Natur wie Menschenwerk stark befestigte Stadt (OttoGesta, S.84). Hier wie anhand vieler anderer Beispiele lässt sich erkennen, dass aus fremden Sprachen entlehnte Wörter eher der Verunklarung als einer klaren Begrifflichkeit dienen.

 

Hier soll Kultur als die Leistung der vergesellschafteten Bewältigung der natürlichen Absonderlichkeiten dienen, die sich in der Menschwerdung entwickeln. Wenn man sich für einen Moment aus dem angeborenen Gefängnis der kausalen Struktur unseres Denkens befreit, dann sollte man dabei besser notdürftig von Interdependenzen reden, auch wenn wir uns solche schwerer vorstellen können. Aufrechter Gang, spezifische Geschlechtlichkeit, Sprache und Vergesellschaftung hängen dabei im Ursprung voneinander ab.

 

Das Wort Kultur in seiner lateinischen Form taucht zunächst in der römischen Antike auf und bezeichnet seitdem ständig Neues und Anderes. Die Entscheidung, seinen Gehalt zunächst einmal auf dem kritisch zu betrachtenden Gegensatzpaar Natur und Kultur zu fundieren, und dann Kultur bzw. Kultivierung als jenen Menschwerdungsprozess zu begreifen, der in den sogenannten jungsteinzeitlichen Neuerungen aufgeht, auf denen dann Zivilisationen beruhen, begründet sich darauf, das Wort erst einmal aus seinem zivilisatorisch-propagandistischen Nebel herauszunehmen, der an entsprechender Stelle weiter unten beschrieben wird, und es einer analytischen (d.h. kritischen) Wissenschaftlichkeit zugänglich zu machen.

 

Dabei soll Gesellschaft als Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung beibehalten werden, nämlich als das bewusste sich zueinander Gesellen mit dem Ziel einer gewissen Dauerhaftigkeit. Das seit dem 19. Jahrhundert modische Soziologen-Kauderwelsch, welches unter anderem verunklarend Gesellschaft mit Einwohnerschaft oder Untertanenverband gleichsetzt, soll hier grundsätzlich außen vor bleiben. Die beiden letzteren Begriffe genügen völlig für das, was sie bezeichnen.

 

Vermutlich ist für die spezifisch menschliche Form der Vergesellschaftung in der Zeit der Kulturbildung noch ein weiterer Faktor elementar: Die mehr oder weniger feine bloße Gesichtshaut und die menschliche Gesichtsmuskulatur erlauben es, sehr detailliert innere Regungen außen darzustellen und beim anderen wahrzunehmen. Dabei dürfte das zu einer Interdependenz mit der Entwicklung eines differenzierteren Gefühlshaushaltes über grundlegende Emotionen hinaus geführt haben. Das wiederum dürfte die Empathie, das Einfühlungsvermögen gefördert haben, welches Sprache als Mittel gehobenerer Kommunikation und nicht nur der schieren Bezeichnung durch Laute gefördert haben mag. Solche Interaktion schließlich scheint Voraussetzung für spezifisch menschliche Vergesellschaftung zu sein.

 

In der Kultur vereinen sich so die Vorteile des Menschen vor den übrigen Lebewesen mit der Bewältigung ihrer Nachteile, die diese zugleich sind.

 

Am Ende von 'Warum Krieg' formuliert Freud an Einstein: Ich meine das Folgende: Seit unvordenklichen Zeiten zieht sich über die Menschheit der Prozess der Kulturentwicklung hin. (Ich weiß, andere heißen ihn lieber: Zivilisation.) Diesem Prozess verdanken wir das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden.

Das, was Freud als Leiden an der Kultur bezeichnet, ist das Leiden an der Bewältigung der Menschwerdung, der Teil-Bezähmung von immer aggressiver Triebhaftigkeit und überhaupt aggressiven Impulsen, die Kulturbildung als Vergesellschaftung verhindern würden. Solche Unterdrückung als Verzichtsleistung führt zu wiederkehrenden Frustrationen unmittelbar und zur Verlagerung von Triebenergie aus den (immer kleinen und überschaubaren) Gesellschaften heraus nach außen. Was in manchen Kulturen als rituelle Raubüberfälle auf Nachbargemeinschaften stattfindet, wird aber in Zivilisationen zur Institution von Kriegen mit professionalisiertem Militär werden. Ein noch dunkleres Kapitel ist die Verlagerung von Triebenergie in nicht mehr unmittelbar bewusste Areale im Menschen, ihre Transformation und ihr Wieder-Auftauchen in ganz anderen Zusammenhängen. Dies soll aber erst im Zeitalter des Kapitalismus beschrieben werden, wo so etwas langsam besser dokumentiert ist.

 

Der Begriff Kultur kann natürlich ohnehin wie jedes historische Begreifen erst im Nachherein entstehen und ist erst dort dokumentiert, wo angemessene Schriftlichkeit vorhanden ist. Voraussetzung für Kultur aber ist Sprache und damit das Tradieren von Erfahrung als unmittelbarer Bezug zu wahrgenommener Wirklichkeit. Solche Voraussetzung für Kultur wird dort zerstört, wo sie unter das Diktat institutionalisierter Macht gerät, das, was hier Zivilisation heißen soll, - anders als bei Freud, der den moralisch-überheblichen Unterton in "Zivilisation" vermeiden wollte. Das aber gehört in das nächste Kapitel.

 

Nach der römischen Antike mit ihrem zivilisatorischen Kulturbegriff  gerät dieser unter die Fuchtel eines judäo-christlichen Zerrspiegels und verkommt schließlich zum Religionsersatz eines gehobenen "bürgerlichen" Amüsierprogramms ("Bildung"), welches mit dem hier favorisierten Begriff überhaupt nichts mehr zu tun hat und heute in der durchkommerzialisierten Amüsierindustrie für eine Bevölkerung als ohnmächtiger Konsumentenmasse verendet. Wir bleiben hier bei der historisch erworbenen Vorstellung, die sich noch an den letzten überlebenden Kulturen der letzten Jahrhunderte verifizieren ließ, bevor auch diese zerstört wurden.

 

Produktive Ernährung: Jungsteinzeit

 

Innovation und Kompensation bilden in der menschlichen Natur eine Einheit. Die Produktion von Welt in den Köpfen der Menschen und ihre Absetzung von unmittelbar sinnlich erfahrbarer Wirklichkeit hängt mit der Veränderung der Gehirne und der Entstehung der spezifisch menschlichen Sprechorgane zusammen und kompensiert die daraus entstehenden Irritationen. "Technische" Verbesserungen kompensieren Bevölkerungswachstum und beruhen auf ihm.

All das ist als menschliches Erfolgsprogramm zugleich eine erste Krise für die übrige lebendige Natur, und zwar als sich entwickelnde Überlegenheit des Menschen über seine irdischen Mitbewohner, die er alles in allem rücksichtslos auszunutzen beginnt.

 

Vor der Zucht von Pflanzen und Tieren steht die Entfaltung von Vorratshaltung bei Fleisch und Fisch und selbst bei Pflanzen. Massenhaft gesammelte Haselnüsse werden geröstet. Damit werden Voraussetzungen dafür geschaffen, dass man durch die Jahreszeiten nicht mehr so weit wandern muss und schließlich länger sesshaft bleiben kann.

Die zweite und schwerwiegendere Krise für die übrige Natur wird dann die Entwicklung von Gartenbau/Ackerbau und Viehzucht, dabei wohl zunächst die Domestizierung des Wolfes bei den Jägern, das alles von einer technisch fixierten Archäologie als Jungsteinzeit benannt. All die Erfindungen, Annehmlichkeiten, "Fortschritte", welche in mancherlei Sinn eine enorme Leistung sind, sind deshalb katastrophal, weil sie nun als notwendige existentielle Bedingungen zu den naturgegebenen hinzutreten: Befreiung von natürlichen Bedingungen ist Unfreiheit in die zusätzlich geschaffenen hinein.

 

Der Eingriff in die Natur ist bald erheblich: Domestizierte Kulturpflanzen verdrängen am mittleren Euphrat die Wildpflanzenarten, aus denen sie hervorgingen, und neue Wildformen von Kulturpflanzen verändern das alte Ökosystem zum Beispiel am mittleren Euphrat (Scharl, S.17)

 

Ab etwa 12 000 setzen im nahen Orient (vermutlich) durch äußere Zwänge bedingte Veränderungen ein. Wildgräser werden erst durch Sammeln genutzt und im Gebiet des fruchtbaren Halbmondes dann wohl in intensivem Gartenbau mit Grabstock oder Hacke zu Getreide domestiziert (Emmer, Einkorn, Gerste). Dazu kommen bald Erbse, Linse und Lein. Sesshaftigkeit fördert Züchtung, aber Züchtung erleichtert auch Sesshaftigkeit. Die Menschen müssen über das Jahr bei ihren Feldern bleiben, während manche Viehzüchterkulturen weiter ein nomadisches Dasein führen. Bei Mischformen von Ackerbau und Viehzucht müssen die Tiere durch Vorratshaltung durch die weidelose Jahreszeit gebracht werden. Dauerhaftes Zusammensiedeln nun erfordert ein ausführlicheres Regelwerk, dessen Formulierung Frühformen von Machtausübung hervorbringen kann. Aber ohne schriftliche Zeugnisse wissen wir heute kaum etwas davon.

 

Frühe Fälle relativer Sesshaftigkeit könnten im Nahen Osten auch zu jagdlicher Übernutzung geführt haben, die wiederum zu Viehzucht und Ackerbau genötigt hätten. Da insbesondere Ackerbau meist erheblich mühsamer ist als Jagen und Sammeln, kann man davon ausgehen, dass sein Einsatz immer aus der Not geboren ist. Darum wird er auch alttestamentarisch als jener Sündenfall beschrieben, der den Verlust des Paradieses nach sich zieht. Andererseits löst dieser Vorgang eine bis heute anhaltende Dynamik aus. 

 

Die Kenntnis der Natur und damit auch der eigenen wird erheblich erweitert, insbesondere im Bereich der Geschlechtlichkeit bzw. Fortpflanzung, Zum Getreide kommen dann Erbsen und Linsen, später Oliven und Wein.

Daneben entsteht Tierzucht (Schafe, Kühe, Schweine, Ziegen). Es kommt zur Nutzung erst von Fleisch und Fell und dann von Milch. Schließlich werden Zugtiere im Ackerbau eingesetzt.

 

Das mühsam errungene bessere Nahrungsangebot steigert die Fruchtbarkeit der Menschen enorm. Folge sind erheblich mehr Menschen, die allerdings nun auf die neue Wirtschaftsweise angewiesen sind. Es gibt für sie keinen Weg mehr zurück. Offenbar treten auch neue Krankheiten wie die Tuberkulose auf, was sicher auf die Verdichtung von Bevölkerung zurückzuführen ist.

 

Werkzeuge aus Stein erhalten bessere Holzgriffe. Saisonaler Garten- und Ackerbau nötigt zur Vorratshaltung, und so wird die  Keramik erfunden, vorläufig noch ohne Töpferscheibe und bei niedrigen Temperaturen gebrannt. Nicht nur dichtere Bevölkerung, sondern auch Spezialisierung führt zur Arbeitsteilung. Dazu kommt auch Ansätze vertikaler Aufteilung in Richtung auf Häuptlingstum und Priesterschaft. Arbeitsteilung ist dabei Effektivierung, wird aber zugleich im Laufe der Zeit auch Vereinseitigung in spezifische Tätigkeiten und zudem abnehmende Übersichtlichkeit der menschengemachten Welt.

 

Eine weitere schwerwiegende Veränderung stellt die Entstehung von Besitzformen mit unterschiedlich großem Eigentum dar, was ebenfalls zur Verwandlung vieler Kulturen hin zu Zivilisationen führen wird.

 

Schließlich wird so nun Natur durch Kulturlandschaft ersetzt, was die Erde im Laufe der Zeit enorm verändert. Dabei beginnt ein immer heftigerer Verdrängungsprozess von Tier- und Pflanzenarten, Anfang des Weges hin zu ihrer Ausrottung. In Mitteleuropa wird für den Anbau von Pflanzen und für das Weideland der Tiere der Wald zurückgedrängt, nicht zuletzt wohl durch Niederbrennen, "sodass sich im Lauf des 4. Jahrtausends v.Chr. regelrechte Wirtschaftwälder herausbildeten, deren Entstehung durch Viehhaltung und Brandwirtschaft erklärt werden könnte." (Scharl, S.150)

 

Bis heute werden übrigens Werkzeuge und Waffen eng verwandt bleiben und gleichgültig auf Mensch und Tier angewandt werden. Niemand tötet bzw. mordet dabei so technisch gekonnt und versiert wie die Menschen.

 

Um 10 000 tauchen Bauern in Anatolien auf. Um 7500 kommt es zur Einwanderung nach Europa, wobei Pflanzensamen und Tiere mitgenommen werden. Die einen wandern über Kleinasien und den Balkan, die anderen über das Mittelmeer bzw. Nordafrika nach der iberischen Halbinsel und dann nach (dem viel späteren) Frankreich. Die alte Bevölkerung wandert dabei zum Teil nach Norden ab und hinter den großen Herden her.

In Europa beginnt eine neue Phase mit den Bandkeramikern um 5500/5000, die sich zunächst in fruchtbarem Lössboden Mitteleuropas niederlassen. Sie verwenden erhebliche Mühen auf dauerhafte große Langhäuser (20x6m) aus massiven Baumstämmen mit Wänden aus mit Lehm bestrichenem Flechtwerk., die zu mehreren zu kleinen "Dörfern" zusammenfinden. Schon vor 5000 gibt es hier hölzerne Brunnenbauten. (Bick, S.36)

Viel Handel gibt es hier wohl noch nicht, obwohl es bereits mehrere zentrale Feuerstein-"Bergwerke" gibt und überall das Hämatit zum Rotfärben der Haare der Frauen verwendet wird.

 

Um 4500 verschwinden diese weite Gebiete übergreifenden Kulturen. Was nun folgt, ist deutlich regionalisierter. Inzwischen tauchen denn auch frühe Anzeichen dafür auf, dass nicht nur im Orient schon länger, sondern nun auch in Mitteleuropa ganze Orte überfallen und massakriert und die jungen Frauen geraubt werden. Die Menschenwelt wird deutlich gewalttätiger. Zugleich wird sie organisierter: Gemeinschaftlich in mühsamer Arbeit errichtete Kreisgrabenanlagen mit einigermaßen konzentrischen Kreisen tauchen in Europa auf.

 

Um 4000 gibt es dann vor allem an stehenden Gewässern am nördlichen und südlichen Alpenrand Pfahlbausiedlungen aus kleineren und weniger dauerhaften Holzhäusern. Menschen leben in dorfähnlichen Siedlungen zusammen. Das hier deutlich weniger stabile Haus aus dünneren Stämmen ist mit seiner Familie eine eigenständige Wirtschaftseinheit. Hauswirtschaft wird im Griechischen dann später zur "Ökonomie" werden. Überall gibt es die gleichen Haushaltsgeräte und Werkzeuge und den jeweils eigenen Getreidevorrat. (Bick, S.136) Fast drei Viertel der Kalorien liefert dies Getreide, Erbsen die Proteine. Daneben werden weiter Wildfrüchte gesammelt. Lein wird angebaut und damit Flachs hergestellt, aus welchem die Fischernetze bestehen. Aus dem Lein werden auch feine Textilien gewebt. Aus dem Bast von Gehölzen werden Sandalen hergestellt.

 

Kulturlandschaften als offene, entwaldete Landschaften mit Sekundärwäldern und Hecken entstehen. Im vierten Jahrtausend treten Rinder als Zugtiere auf, sie ziehen Transportschlitten, dann Hakenpflüge und schließlich ab Mitte des 4. Jahrtausends in Europa wie im Orient Wagen mit hölzernen Rädern. Im Verlauf des 3. Jahrtausends wird die Wolle von Schafen zusätzlich zum Fleisch verwertet, und am Ende des Jahrtausends tauchen dann frühe großwüchsige Wollschafe auf.

 

Handel insbesondere mit Feuerstein findet nun auch in Europa über immer weitere Strecken statt. Bei Pfahlbauten am Bodensee werden Meerestier-Schalen aus dem Mittelmeer und dem Atlantik gefunden, die als Schmuck Verwendung finden. Sogar eine Kupferscheibe taucht hier am Ende auf. Vielleicht als Handelsware werden am Bodensee ganz viele weiße Kalksteinperlen hergestellt.

Mit Ackerbau, Viehzucht, Handwerk und Handel nimmt die Arbeitsteilung immer weiter zu. Am Federsee scheinen sich ganze Siedlungen schließlich auch Flachsanbau und Textilproduktion spezialisiert zu haben. (Bick, S.141)

 

Der Prozess der Menschwerdung ist einer der Bildung von Kulturen, die an die jeweiligen natürlichen Lebensbedingungen geknüpft sind. Er macht den größten Teil der Menschheitsgeschichte aus. Ihre Betrachtung sollte sie weder verächtlich machen, wie das in Zivilisationen bis heute üblich ist, noch sollte man in jene Idealisierung verfallen, wie sie im 18. Jahrhundert bei wenigen Belesenen einsetzt, wo dann von "edlen Wilden" und ähnlichem die Rede ist.

 

Ackerbau und Viehzucht sind erste Voraussetzungen dafür, dass einmal viel später ganz wenige Menschen Kapitalismus entstehen lassen, während die meisten dabei zunächst Bauern bleiben. Nicht als Steinzeit, die mit der Bronzezeit bereits endet, aber als vornehmliche Welt von Ackerbauern, Viehzüchtern und Gärtnern wird dies je nach Gegend bis ins 18.-20. Jahrhundert andauern und erst mit der Industrialisierung der Landwirtschaft und Zerstörung des produktiven Handwerks enden.

 

Von den Kulturen zur Zivilisation

 

Die Menschen vernichten nun nicht nur Wälder, lassen nicht nur Steppen und Wiesen abweiden und verwandeln Naturland in Äcker, sie beginnen Ton der Erde zu entnehmen, mit denen sie Gefäße vor allem zwecks Vorratshaltung formen, es gibt mehr Tausch-Handel. Es kommt zu zunehmender vertikaler Differenzierung. Die Beobachtung des Sonnenlaufes nicht zuletzt zur Fixierung eines Aussaatdatums setzt ein. Dafür entwickeln sich wohl Experten zu herausragenden Kultfachleuten.     

 

Besonders ein Faktor führt auf dem Weg von der Kultur zur Zivilisation Veränderung herbei: Während Jagen und Sammeln nur soweit stattfindet, wie Bedarf nach Nahrungsmitteln besteht, ergibt die tägliche Arbeit in Ackerbau und Viehzucht mit Kulturböden, Weideflächen und der Herstellung von Gefäßen und immer raffinierteren Waffen die Möglichkeit, in größerem Umfang Eigentum zu entwickeln. Mit diesem entstehen aber entsprechende neue Rechtsvorstellungen. Und der größere Eigentümer kann mit dem Vorzeigen von mehr Schmuck und Waffen eine Vorstufe von Machtausübung über andere erreichen. In unterschiedlich großen Grabbeigaben wird das für ein phantasiertes Leben nach dem Tode perpetuiert.

 

Als zunächst gelegentlicher Nebeneffekt kommt es dann in manchen Gegenden zur Produktion von Überschüssen. Diese können Warentausch bzw. Handel in größerem Maßstab ermöglichen, dabei auch mehr Abtrennung von vollberuflichem Handwerk ermöglichen, welches seine Waren gegen Lebensmittel eintauscht. Im Verlauf der Jungsteinzeit wird der Abbau des Arnhofer Hornsteins wohl zu Warenproduktion. Regelrechte Bergwerke für Feuerstein und serielle Produktion von Werkzeugen und Waffen beginnen. Muscheln der Stachelauster Spondylus gelangen aus dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer nach Mitteleuropa, wo sie zu Schmuck verarbeitet werden.

 

Überschüsse können auch Spezialisten für ausgefeiltere Kulte ernähren, die sich bei fest installierten Kultorten das Monopol über Rituale und Zeremonien aneignen.

Bei den Kulten handelt es sich überall zunächst um Versöhnungsrituale mit einer Natur, auf deren Kräfte eingewirkt werden soll und der man zunehmend mehr als andere Tiere etwas entnimmt. Daneben gibt es schon früh Versuche, sich nicht mehr mit dem eigenen Tod abfinden zu wollen. Offenbar entwickeln Kultspezialisten einer ansatzweise theoretisierenden Vernunft dann bis hin zu Mythen sich entfaltende Erklärungsversuche, die nicht nur die eigene Bedeutung steigern, sondern erfahrbare Wirklichkeit in gedeutete Welt verwandeln.

 

Priester legitimieren zunächst lokale Machthaber "religiös" und verschaffen ihnen Akzeptanz bei den Untertanen. Diese werden darauf orientiert, sich mit ihnen  "zu identifizieren", wobei sie als von Göttern eingesetzt gelten oder selbst vergöttert werden. Die Herrscher umgeben sich dabei mit einer Pracht, die offenbar ebenfalls zur Identifikation einlädt, auch wenn sie aus den Abgaben dieser produktiv arbeitenden Menschenmassen herrührt.

 

Es ist aufgrund der archäologischen Funde und Ausgrabungen zu vermuten, dass die Priestermacht vor der der "weltlichen" Herrscher erscheint. Findige Kultexperten erweitern die Aufgaben von Kultorten durch die Mischung aus ernsthafter Beobachtung von Himmelskörpern samt kalendarischer Funktionen für Aussaat, Ernte und ähnlichem mit dem Zusammenfabulieren einer "überirdischen" oder ins Übernatürliche hineinreichenden Götterwelt, zu der sie dann als Vermittler auftreten. Für ihre angemaßten "Aufgaben" verlangen sie nun manchmal mehr Abgaben und zum Teil enorme Arbeitsdienste.

Echtes und fabuliertes Wissen trifft auf Menschen, die nach befriedigenden Erklärungen für eine Wirklichkeit suchen, die sich immer mehr in belebte Natur und unbelebte Welt teilt.

Priestermacht etabliert sich dabei auch über magische Rituale, die aus ihnen staunenswerte Zauberer machen. Dabei häufen solche Priester "Wissen" an, welches sie zunehmend für sich behalten.

 

Ist das Opfer Ausdruck eines gewissen Überflusses, gesteigerter Produktivität, können Kult-Experten von den Opfergaben etwas für sich selbst abzweigen und damit einen eigenen Berufsstand für sich einrichten. Im nördlichen und südlichen Mittelmeerraum bis tief in den Orient hinein wird die Macht der Priester dadurch verstärkt, dass für ihre Kulte eigene Gebäude errichtet werden, die wir (arg) verallgemeinernd hier einmal pauschal als Tempel bezeichnen. Voraussetzung dafür ist natürlich eine gewisse Sesshaftigkeit, dass also die Menschen ihren Kult nicht mehr quasi mit sich mitnehmen.

 

Die Hoheit über den Glauben der Menschen ist Macht und wird es bleiben. Erste Grundlage für Zivilisierung ist also der Ersatz von (sozusagen  aufgeklärtem) Nichtwissen durch Glauben, ein offenbar allgemeinmenschliches, allerdings zutiefst unheilvolles Bedürfnis, welches aber durch ein mächtiges Priestertum aus Eigennutz weiter geschürt wird.

Gläubigkeit als grundlegende Haltung ist gewiss das erste Kennzeichen für Untertänigkeit, also Zivilisation, Domestizierung der Massen. Die Macht von Priestern ist aber dort besonders groß, wo sie sich mit aggressiver Gewalt verbindet, deren Repräsentanten am Götter"himmel" die Priester immer mit verwalten. Repräsentanten dieser Gewalttätigkeit auf Erden sind die Anführer von Gewaltakten, die menschliche Gemeinschaften entweder beginnen oder mit denen sie die anderer abwehren. In dem Maße, in dem es ihnen gelingt, auch in Friedenszeiten Häuptlingsstatus zu gewinnen, etablieren sie sich neben den Priestern als Vertreter nunmehr ganz und gar irdischer Macht.

 

Mit Göbekli Tepe im späteren Südost-Anatolien treten ab 11 000, kurz vor dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht, frühe kultische Megalithbauten auf. Die Größe und Schwere der dorthin zu transportierenden riesigen Steine verweist auf die enormen gemeinschaftlichen Mühen beim Errichten solcher Stätten, und damit auf die Mobilisierungskraft phantasievoller Produktion von Welt durch Kultexperten. Seitdem werden die ausgeklügelten Hirngespinste der Produzenten von Ideengebäuden Menschen viel stärker mobilisieren als aus Wirklichkeit gezogene Kenntnisse - und das bis heute.

 

Als Vorläufer städtischer Siedlungen gilt Jericho ab 9000. Der Ort ist zwar relativ klein und hat wohl weniger als tausend Einwohner, dafür aber bereits eine drei Meter breite Steinmauer. Diese "Stadt" wie andere nach ihr liegt an einer Fernhandelsroute und Handel ist es wohl, aus dem damals stadtähnliche Siedlungen im Nahen Osten hervorgehen: Obsidian kommt aus dem südlichen Kleinasien, Türkis von der Sinai-Halbinsel und Muscheln aus dem Roten Meer. (Bick, S.107) Es geht vor allem um Waffen und Schmuck für die immer mehr Macht gewinnende kleine Oberschicht.

 

Seit etwa 3500 legen Menschen in Norddeutschland Megalithgräber für ganze Gemeinschaften an. Den Toten wird Nahrung in Keramikgefäßen mitgegeben, Pfeil und Bogen, Werkzeug und Schmuck. Mehr noch als bei den Kreisgrabenanlagen seit dem 5. Jahrtausend mit ihren Erdbewegungen nehmen die Menschen gemeinsam erhebliche Anstrengungen auf sich, um die riesigen Steine zu bewegen, die schon mal 50t wiegen können. Für einzelne dieser Anlagen sollen hundert Menschen fast dreieinhalb Monate lang zehn Stunden am Tag gearbeitet haben.

 

Um 4000 gelangen Siedler aus der Ägäis nach England und um 3000 beginnt die Anlage von Stonehenge.  Über 20t schwere Sarsensteine müssen über 30km heranbewegt werden und Blausteine sogar aus Südwales. In der Gegend werden nun größere Landschaften entwaldet.

Megalithanlagen entstehen unter anderem bei Carnac in der Bretagne und auf Malta. Wo immer solche Bauten entstehen, weisen sie auf die Unterordnung vieler unter Einzelne hin, wobei unklar ist, ob es sich um frühe Kultexperten oder auch schon um "weltliche" Herren handelt.

Zwischen 4000 und 3000 entstehen städtische Siedlungen in Ägypten und Mesopotamien, zentral gesteuerte Bewässerung führt zum Großreich der Pharaonen und der Tempelwirtschaft in Mesopotamien, die wiederum zum Sumerer-Reich führt. Schriften entstehen, die zunächst dem Aufbau von Herrschaft dienen. Der Fernhandel nimmt zu.

 

Solche Herren sammeln dann solange Macht an, bis sie um 3000 vor unserer Zeitrechnung in einigen Gegenden zu großen Despoten werden können. Als Despoten bezeichnen wir hier jene Herrscher, die im Sinne des altgriechischen Wortes despotes (Herr) danach trachten, möglichst unumschränkte persönliche Macht über ihnen Untertane zu erhalten und dabei den Schrecken als Herrschaftsmittel einsetzen.

 

In diesen Despotien werden von Priesterschaft und Herrschern Gewalttätigkeit und Grausamkeit als höchste Tugenden gefeiert. Despoten identifizieren sich mit den Tieren, denen höchste Grausamkeit attestiert wird, Löwen, Adlern, Schlangen usw. Ein Teil des Götter"himmels" repräsentiert ebenfalls diese enorme Gewalttätigkeit. Das bezieht sich  nicht nur auf die Macht der Herrscher nach innen, sondern insbesondere auch nach außen. Aus gelegentlichen überschaubaren Raubzügen werden nun Kriege, die mit professionalisierten Militärs durchgeführt werden und immer größere Areale überziehen. Die Menschen erfinden immer größeres Unheil.

 

Um 3000 tauchen Räder in Sumer auf. In Mitteleuropa gibt es Wagenmodelle aus Ton, während die hölzernen Wagen selbst nicht erhalten sind. In derselben Zeit steigt das Schlachtalter von Rindern an: Sie ziehen nun Pflüge und Wagen.

 

Steinzeitliche Zivilisationen entstehen auch anderswo, in Amerika schon lange vor der Zeitenwende. Zwischen 3000 vor und 1300 nach unserer Zeitrechnung existieren die stadtbasierten Mayareiche. Tiahuanaco beginnt um 1500 v.d.Zt., Teotihuacan floriert zwischen 600 vor und 700 nach unserer Zeitrechnung. Um 3200 v.d.Zt. entsteht mit dem chinesischen Liangshu eine komplexe große Stadt.

 

Die Wahnhaftigkeit von zum Despotischen tendierender Zivilisation lässt sich nirgendwo besser erkennen als an den gigantomanischen Großbauten der späten Steinzeit und der Bronzezeit, wo mit geringen Hilfsmitteln abstruse Grabmähler für Potentaten wie die ägyptischen Pyramiden oder mit riesigen Steinblöcken errichtete Kultanlagen für die Machtentfaltung von Priesterschaften errichtet werden. Die Instrumentalisierung von Menschenmassen im Machtinteresse weniger beginnt, die dann ihre Vollendung in uniformen militärischen Massen findet, die sich gegenseitig zermetzeln und töten.

 

Solche Entwicklungen geschehen nicht überall zeitgleich und erst in den letzten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung werden die letzten Kulturen von Jägern und Sammlern auf Erden im Namen eines alles zerstörenden Fortschritts vernichtet. Fortschritt sei dabei von Veränderung unterschieden, aus der sich ohnehin Wirklichkeit zusammensetzt. Vielmehr sei damit jener Glaube an die Fähigkeit des Menschen als Weltverbesserer gemeint, der sich im Verlauf des Kapitalismus an die Stelle des außerweltlichen Schöpfergottes zu einem Gott aus eigener Kraft hinauf-"adeln" wird.

 

Zurück zur Vergangenheit: Kultur ist einmal der Vorgang der Vergesellschaftung in (kleinen) Gemeinschaften mit allem, was dazu gehört und dafür nötig ist, und sie beruht zum anderen vorwiegend auf Tradition. Dies Wort kommt so im 16. Jahrhundert als Ableitung des lateinischen traditio in die deutsche Sprache und bezeichnet wie dort Überlieferung. In Kulturen findet Tradition als überlieferter und ständig fortgeführter Lernprozess statt, der zudem gemeinschaftlich ist, wobei die Lernfähigkeit und Möglichkeit der internen Beeinflussung vermutlich schon früh unterschiedlich verteilt war. Elementar für Kulturen ist das Fehlen von Schriftlichkeit, da diese von Machthabern fixiert, was in Kulturen in stetem Fluss bleibt.

Das kann auch so verdeutlicht werden: Dieser mehr oder weniger gemeinsame Lernprozess wird in Zivilisationen, die immer auf Kulturen aufbauen, durch Gewalttaten der Unterwerfung und Machtworte, die dann in Gesetze münden, zunehmend verringert. An erster Stelle steht nun nicht mehr Lernen aus Erfahrung, sondern stehen die Vorgaben der Machthaber. Das erste, was Menschen darum nun lernen müssen, ist Gehorsam. Die vordringliche Erfahrung wird nun die des überlebenswichtigen Umgangs mit der institutionalisierten Macht. Das wird bis heute so bleiben.

Der Macht nützliche Aspekte von insgesamt absterbender Kultur werden übernommen und so verändert, dass sie der Machtausübung dienlich werden. Wer dann zum Beispiel heutzutage von der Kultur des Pharaonenreiches spricht, verwechselt Kultur und Zivilisation bzw. versucht, einen klaren Zivilisationsbegriff zwecks bequemer Unklarheit  zu vermeiden. Das ist heute besonders kurios, wo andererseits das politisch korrekte Newspeak der BRD die Amüsierindustrie als Kultur bezeichnet.

Besser beschreiben können wird man die Restphänomene absterbender Kultur dort, wo die Einheit aus christlicher Kirche und gewalttätigem Machtappparat keltische, germanische und slawische Kulturen zerstören wird sowie später die außereuropäischer Gegenden, und einige wenige Autoren etwas von deren verschwindenden, allerdings oft dann schon anzivilisierten Verhältnissen überliefern. Dabei gibt es in Machtstrukturen aufgehende Gemeinschaften, die sich mit Händen und Füßen gegen die Vernichtung wehren, andererseits aber auch die Erfahrung, dass Zivilisationen nicht selten verlockend erscheinen, wie bei jenen vielen germanischen Gruppen der Völkerwanderungszeit, die sich in der römischen Zivilisation etablieren und von ihr über Warenkonsum vor allem "profitieren" wollen.

 

Ein Weg in Zivilisation funktioniert darüber hinaus über die natürliche Ungleichheit der Menschen, die unter anderem auch einige rücksichtsloser und wirtschaftlich erfolgreicher als andere werden lässt. Auf diesem Weg entstehen über entsprechendes Talent und Gewalt Aristokratien, wie im antiken Hellas sich solche Gruppen selbst nennen, indem sich sich als die "Besseren" (aristos) bezeichnen und daraus ableiten, nicht mehr selbst arbeiten zu müssen, sondern andere für sich arbeiten zu lassen. Derweil kann man sich als Aristokrat dem Vergnügen hingeben, zu dem übrigens auch bewaffnete Gewalt bis hin zu größeren Kriegszügen gehört.

 

Dieser Weg von den Kulturen in die dann siegreichen Zivilisationen verlangt einige grundsätzliche Anmerkungen. Zunächst ist festzustellen, dass nicht nur die Geschlechter, sondern auch alle Menschen untereinander verschieden sind, und zwar von Geburt an wie auch durch die Bedingungen, unter denen sie aufwachsen. Es gibt in vielerlei Hinsicht Klügere bzw. Intelligentere und andererseits Dümmere. Nur extrem wenige besitzen zum Beispiel das Talent, Erfindungen zu machen, Neuerungen einzuführen. Alle anderen müssen dazu angeleitet werden, mehr oder weniger damit umgehen zu können. Erfolg hin zu Machtausübung ist aber nicht nur eine Frage des Talentes, sondern auch des Maßes an rücksichtsloser Gewalttätigkeit, die sich mit Klugheit bzw. Schläue paart. Die Trennung in Herren und Knechte, wie sie das deutsche Mittelalter bezeichnen wird, basiert natürlich auch auf Zufällen des Glückes, welches Menschen zuteil wird, der fortuna, wie das Lateiner nannten. 

Zwei Faktoren gehören dazu: Ein der Natur eingeborener Wille zur Macht, wie Nietzsche das nennt, und das ebenfalls allen komplexeren Lebewesen offenbar eingeborene Phänomen der Gier. Der Wille zur Macht treibt ursprünglich dazu, sich möglichst gute Möglichkeiten zu schaffen, um erfolgreich Nachkommen zu bekommen und groß zu ziehen. Macht ist dabei der Raum der Möglichkeiten, die jemand besitzt und dieser Wille zur Macht scheint wiederum bei Menschen unterschiedlich ausgeprägt zu sein.

 

Dieser Wille zur Macht ist aggressiv, und zwar im Bereich der Ernährung wie dem der Fortpflanzung, also der Geschlechtlichkeit. Das Wort Aggression leitet sich vom lateinischen aggredi ab: irgendwo hingehen, etwas unternehmen, angreifen. Ihr Gegenstück im Deutschen ist seit dem 19. Jahrhundert die dem Französischen entnommene Depression. Diese bezeichnete das Niederdrücken und dann auch das Bedrücktsein. Es machte die Kunst von Kulturen aus, eine Mitte zwischen Aggression und Depression auszutarieren.

 

Physische Aggression als körperliche Gewalttätigkeit ist in fast allen Kulturen überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, Männersache. Das mag wenig mit der etwas größeren Körperkraft der Männer zu tun haben, deutlich mehr aber mit der Mutterschaft der Frauen. Aber das Testosteron, welches den Männern etwas stärkere Muskeln aufbaut, ist zuvörderst ein Fortpflanzungshormon, welches die Produktion von Sperma befördert und den natürlichen Drang nach deren Insemination in Frauen. Testosteron macht darum physisch aggressiv. Das hindert Frauen nicht daran, ebenfalls Aggressionen aufzubauen, aber sie blieben in der Vergangenheit tendenziell stärker im verbalen Raum.

 

Aggression verläuft bekanntlich in Wellen, in denen Energie(n) aufgebaut und in der aggressiven Aktion wieder abgebaut werden. Sie ist also kein Zustand, sondern ein sich aufbauendes Potential, das sich in der aggressiven Aktion vorübergehend erschöpft.

 

Das zweite ist das Naturphänomen der Gier, welches ursprünglich dafür sorgt, dass man in Zeiten des Überflusses mehr Nahrung zu sich nimmt als gewöhnlich nötig, also gierig wird, weil die Natur immer auch Phasen des Mangels kennt. Diese Gier kann sich beim Menschen aber auf alles mögliche andere als nur Nahrung übertragen und dabei auch Suchtverhalten annehmen. Gewisse Talente, ausgeprägterer Wille zur Macht und Gier bringen dort, wo das geschieht, die Herrenschicht hervor und verurteilen die anderen dazu, Knechte zu werden.

 

Macht, und das wird später für die Entstehung des Kapitalismus wichtig, kann sich beim Übergang von gemeinschaftlichen Kulturen zu hierarchischen Zivilisationen auf verschiedene Weise darstellen. Da ist zunächst einmal wirtschaftliche Macht, die auf Eigentum an Grund und Boden, Vieh und Werkzeugen beruht, und die bei Ackerbauern mit Viehzucht schnell zumindest so verschieden ist wie es Menschen sind. Sobald sich von ihnen Handwerker und Händler lösen, was in Ansätzen sehr früh geschieht, basiert ihre Macht auf Kunstfertigkeiten und Talenten und zunehmend auch auf Tauschmitteln.

Die andere Macht ist die über Menschen, die man für seine Zwecke benutzen kann. Sie wird an oberster Stelle von Priestern und "weltlichen" Herrschern ausgeübt. Beide verlangen Unterwerfung und dann Abgaben von den nun Untertanen und die Herrscher zudem Kriegsdienste zur Erweiterung ihrer Macht.

 

Macht über ihr untertane Menschen tendiert dazu, diese von Entscheidungsprozessen auszuschließen. Umgekehrt aber führt das dazu, dass sie aus vielen Gründen unfähig werden, selbst zu entscheiden über jenen Bereich hinaus, den die antiken Römer als den privaten (privatus) bezeichneten, den des persönlichen Haushaltes. Sie sahen dabei den öffentlichen (publicus) als jenen an, in dem Macht über die vielen privaten Haushalte ausgeübt wird.

 

Ein Aspekt dieser Trennung in allgemeine Entscheider und den privaten Raum wird sein, dass komplexere Strukturen möglich werden, in die hinein den meisten Menschen dann der Einblick fehlt, insbesondere, wenn ihnen produktive Arbeit auch noch die Zeit dafür raubt. Als durchgehende Regel kann gelten, dass die Masse der Menschen umso ohnmächtiger wird, je komplexer die menschengemachten Strukturen werden, in denen sie existieren. Eine zweite Regel besagt, dass je größer die Wahrnehmung eigener Ohnmacht ist, desto größer die Neigung zur Identifikation mit besonders übermachtigen Anführern. Beides scheint auch heute noch zu gelten.

Priester können zudem damit operieren, dass es in komplexer werdenden Kulturen offenbar immer unerträglicher wird, anzuerkennen, wie wenig man wirklich weiß und wissen kann, so dass man aus dem Manko stärker in den emotional viel intensiveren Bereich des Glaubens entkommen möchte. Erst wenn der späte Kapitalismus in seinen Metropolregionen die Macht der Priester bricht, werden politische Ideologien als Religionsersatz die Oberhand gewinnen und die Köpfe der Untertanen einnebeln.

 

Damit sind wir bereits längst in jenen Zuständen, die hier als Zivilisation bezeichnet werden.

Etwas aber sollte hier noch geklärt werden:Geschichte mit ihrem (zugegeben eingeschränkten) Anspruch an Wissenschaftlichkeit muss als erstes zwischen Wissen und Spekulation unterscheiden, - und über frühe Kulturen lässt sich fast nur spekulieren. Frühen Zivilisationen ergeht es nur geringfügig besser, insofern als nun mehr Reste vorhanden sind und zudem dann frühe, aber nicht leicht verständliche Texte. Ein gutes Stück weit wird das so bleiben, und deshalb muss sich Spekulation so gut wie möglich begründen, das heißt sie muss auf den vorhandenen Überresten und unseren heutigen übrigen Kenntnissen insbesondere vom Menschen aufbauen.

 

Hier soll sie als Geschichte der Menschen und zwar aller und insbesondere dann der im lateinischen Abendland eines langen Mittelalters verstanden werden, obwohl wir aus dieser Zeit vorwiegend Informationen über die Reichen und Mächtigen erhalten, aber immerhin mehr materielle Zeugnisse. Eine Zerteilung des ansatzweisen Versuches einer Wissenschaft von der Geschichte der Menschen in Einzelwissenschaften wie die Ökonomie, die Rechtsgeschichte, Theologie oder ähnliches wird hier als Perspektive abgelehnt, da sich die Menschen tatsächlich nicht derart zerteilen lassen. So wie Leib und Seele/Psyche zwei Aspekte der Betrachtung eines Menschen sind und in ihm nicht getrennt, so wie Materie und Geist nur irrtümlich getrennt zu haben sind, so ist es auch mit dem Wirtschaften, den Machtstrukturen, dem Denken und Fühlen. Erklärlich werden sie nur als Einheit, genauer genommen in und an jedem einzelnen Menschen.

Musterbeispiel ist dafür schon die "graue" Frühzeit, in der Anfänge von "Wirtschaften" seit dem Neolithikum, bewusstes Denken und Unbewusstes zusammenfallen. So gibt es zum Beispiel auch keine pauschale Dominenz des Wirtschaftens, keine bewussten Denkens und nicht irgendeine von Rechtsvorstellungen. Nur Sprache und die beschränkten Möglichkeiten unseres Gehirns zerteilen die Dinge, und selbst die Bezeichnung als "Interdependenz" ist eine leicht irreführende Notlösung.

 

Zivilisation(en)

 

Während es mir sinnvoll erscheint, den lateinischen Begriff Natur  als den der Welt alles Lebendigen einfach zu übernehmen, erscheint der römische Kulturbegriff zu unscharf, um mit ihm im weiteren Klarheit zu gewinnen. Das ist auch zu belegen an der Unklarheit, mit der er bis heute gehandhabt wird. Er ist vielmehr aus seiner propagandistischen Funktion für die römische Oberschicht herauszuschälen, und das geht nur, indem ein Zivilisationsbegriff davon abgetrennt wird.

 

Was dann bleibt, ist eine Vorstellung von Kultur, die historisch weit vor die Staatlichkeit des antiken Roms anzusiedeln wäre und aus der sich ein Zivilisierungsprozess ableiten lässt. Kultur ist dann ein zunächst aus dem Jäger- und Sammlerdasein und dann aus der Produktivität von Ackerbau, Viehzucht und Handwerk abzuleitendes Menschheitsstadium, in dem Gemeinschaften auf Traditionsbildung beruhen und Machtstrukturen noch kaum in Ämter institutionalisiert, sondern wesentlich zeitlich begrenzt und auf wenige Aufgaben beschränkt an Personen gebundenen sind. Die Menschen sind stark in die sie hervorbringende und umgebende Natur eingebunden.

 

Mit dieser Definition sind natürlich Probleme verbunden, denn was der Klarheit dienen soll, hat wie überall ein Moment darunter verborgener Komplexität eingeschlossen. Wenn wir, soweit mit Sigmund Freud, Menschwerdung historisch als Kulturbildung, Kultivierung verstehen, dann bleiben Menschen dabei doch auch Naturwesen, wenn auch nicht mehr einfach so wie alle anderen Lebewesen. Und in Zivilisationen ist der Mensch nicht nur weiter (auch) ein Tier, ein Säugetier und Raubtier, sondern diese setzen selbst auch Kultivierung voraus, gehen aus ihr hervor und vereinnahmen sie dann. Dabei schwindet allerdings der Aspekt der Traditions- und Gemeinschaftsbildung, Kultur erstarrt gewissermaßen unter der Faust von Machthabern, die ihr ihre Interessen und ihren Willen überstülpen und ihr so ihre Lebendigkeit ein gutes Stück weit nehmen.

 

Um dem Begriff Zivilisation auf seinen sinnvollen Grund zu kommen, sollten wir ihn auf seine Ursprünge zurückführen und von daher entwickeln, damit wir nicht in zeitgeistiges Schwatzen geraten. Die römische civitas war das, was den römischen civis im Vollbesitz seiner Rechte auszeichnete und zugleich dessen Ort. Griechisch (mit allen implizierten Problemen) ausgedrückt, handelt es sich dabei um eine „politische“ Begrifflichkeit, ganz jenseits des Dialoges von Natur und Kultur.

 

Der civis ist kein Bürger in einem mittelalterlichen Wortsinn, denn die civitas lebt nicht von dem Gegensatz Stadt und Land. Er zeichnet sich auch nicht durch die Eigenarten aus, die den Bürger einer (befestigten) mittelalterlichen Stadt ausmachen. Aber bei allen Schwächen einer ahistorischen Übersetzung ist er ein Staatsbürger, Teil eines staatlichen Gebildes, als das ursprünglich die Urbs Roma eingerichtet wurde.

 

Bei der Ausweitung römischer Staatlichkeit über die eponyme Stadt hinaus wird der "Römer", bald kein „ethnischer“, sondern ein „politisch-staatlicher“ Begriff, Teil seiner civitas, die Teil des Imperiums ist, welches sich von der urbs Roma ableitet. Da das imperium Romanum als Flächenstaat bald immer weniger Zentralstaatlichkeit kennt und diese sich vor allem auf das Heer (deshalb vor allem Imperium, Befehlsgewalt) konzentriert, findet die römische „Zivilisation“, die in der civilitas der einzelnen wohlhabenderen cives aufgehoben ist, in den jeweiligen civitates statt, die ein „städtisches“ Zentrum und viel ländliches Umland umfassen und sich an Roma, der urbs, orientieren

Zivilität ist also als Vorstellung scharf geschieden von Kultiviertheit. Sie baut Staatlichkeit auf Voraussetzungen von Kultur. Und die römische civilitas ist ein gutes Stück weit dabei noch etwas anderes: Sie ist nicht einfach den cives zu eigen, sondern nur jener Oberschicht, die sie als ihre spezifische Lebensform begreift.

 

Als im sich ausweitenden französischen Königreich im Spätmittelalter der Begriff civilité aufkommt, ist er der civilitas nachgebildet und meint zunächst die durch Institutionen durchgebildete spätmittelalterliche Stadt mit ihren „bürgerlichen“ Rechten in der aus unterschiedlichen Gesellschaften bestehenden Kommune, Gemeinde. In der frühen Neuzeit, als die Fürstenherrschaft den „bürgerlichen“ Charakter der meisten Städte zumindest partiell zerschlägt, verschwindet der „politische“ Bedeutungsgehalt mit dem ursprünglichen Stadtbürgertum, und civilité gleicht sich immer mehr dem höfischen Begriff der politesse an, der Geschliffenheit im Verhalten und Umgang, den Manieren. Dieser löst im frankophonen Raum die courteoisie ab, die in deutschen Landen in der Neuzeit vom höfischen Verhalten zur „Höflichkeit“ wird.

 

Zivil wird der französische Stadtbürger auch im Unterschied zum Kriegeradel, der „Militär“ ist. Poli ist er wiederum in der Angleichung seiner höfisch geschliffenen Manieren an ihn. Schon am Ende des Mittelalters wird die incivilité zur „Unhöflichkeit“, und bald erreicht man dann politesse durch das Sich Zivilisieren (civiliser). Damit verschwindet – und das für die meisten bis heute – die politische Substanz eines nachträglich konstruierten römischen Zivilisationsbegriffes.

 

Mit der neuzeitlichen Staatlichkeit Frankreichs, die die alte Bürgerlichkeit zerschlägt, steigt das Wort police auf, welches Regierung und Verwaltung meint, staatliche Herrschaftsausübung eben. Das ist eine späte Anverwandlung der griechischen politeia über die spätantik-lateinische politia. Parallel dazu entwickelt sich politique als Regierungskunst in Theorie und Praxis.

 

Im 18. Jahrhundert, als der sich absolut setzende Staat alter Couleur verfällt und kurz bevor er durch den totalitären der demokratischen Konstruktion ersetzt wird, kommt endlich der Begriff civilisation auf, der zunächst den der police ersetzt, die nun langsam die Polizei(gewalt) des zunehmend totalitären Staates bezeichnet. Mit totalitär meine ich hier: Uneingeschränkt alle Lebensbereiche umfassend und das aus der „demokratischen" Legitimation herleitend.

 

Diese "Zivilisation" wird aber sofort entpolitisiert und darauf noch im 18. Jahrhundert in die deutsche und englische Sprache übernommen. In Deutschland bleibt „zivil“ bestehen als Gegensatz zu „militärisch“ und zugleich als Fremdwort zu dem, was inzwischen landläufig als „bürgerlich“ gilt, worunter sich recht unklar die nichtadeligen und nicht unmittelbar mit Handarbeit beschäftigten Mittelschichten verstehen.

 

Hier soll Zivilisation jene Stufe der Menschheitsentwicklung bezeichnen, in der Machthaber institutionalisierte, also dauerhafte Macht ausüben, nicht vorübergehende, wie die des Anführers einer germanischen Bande, die auf Raubzug geht zum Beispiel, oder der Häuptling einer Gruppe von umherziehenden Prairie-Indianern, der noch an seinen Leistungen und Geschenken gemessen wird. Aber mit ihm befinden wir uns bereits an der Schwelle zur Zivilisation, die Pueblo-Indianer im Südwesten der USA kurzzeitig ein wenig überschreiten und die bei den Inkas bereits zur Gänze überschritten wird, auch wenn sie den Spaniern bei deren Überfällen auf sie mit kolonialer Arroganz gänzlich unzivilisiert erscheinen, da sie anders sind als diese und militärisch und technisch unterlegen.

Es soll aber Zivilisation nicht als Kampfbegriff von Missionaren und Entwicklungshelfern gelten, sondern als das, als was sie historisch in Erscheinung getreten ist: Als ein System von Herr und Knecht, von wenigen Herren und vielen Knechten.

 

Aus dem lateinischen Begriff vom cives (mit Stadt- bzw. Staatsbürger schlecht übersetzt) und dem Adjektiv civilis konstruiert, dient "Zivilisation" bald dazu, hochkapitalistische Staaten von den "Wilden" des Kolonialzeitalters propagandistisch abzugrenzen. Im Deutschen wird das noch deutlicher, indem gerne stattdessen dafür das Wort "Hochkultur" verwendet wird, welches Kulturen, wie wir sie hier verstehen, als entsprechend niedrig einstuft: Sie sind damit überall der Vernichtung anheimgegeben.

 

Zivilisation als institutionalisierte Macht(ausübung) im Sinne von Herrschaft tendiert zu Formen von Staatlichkeit. Diese aber ist im weitesten Wortsinn ihrem Wesen nach totalitär und terroristisch. Das heißt zum einen, sie operiert mit Gewalt und wo möglich zumindest mit der Androhung von Gewalt, sie monopolisiert diese und legalisiert sie dabei für ihre Vertreter. Zum anderen neigt sie von vorneherein dazu, Arbeits- und Lebensverhältnisse soweit zu reglementieren, wie es ihren beiden zentralen Zielen dient: Menschen für ihre Gewaltausübung zu rekrutieren und den arbeitenden Menschen soviel wegzunehmen wie möglich und für die Machtausübung nötig.

 

Zivilisationen entstehen also zunächst aus auf Ackerbau und Viehzucht basierenden Kulturen mit Produktion über das unbedingt Lebensnotwendige hinaus durch die Machtergreifung von Priestern und "weltlichen" Herrschern bei erheblicher Bevölkerungsverdichtung. Dabei kommt es zur Konzentration von Untertanen in Städten, von denen eine oft als Hauptstadt mit einem Zentralheiligtum gilt. Stadtbildung und Entstehung von Zivilisationen gehen geradezu Hand in Hand.

Mit größeren Städten aber beginnt oft eine deutliche Trennung in Bauern "auf dem Lande", wie wir das seit dem Mittelalter in deutschen Landen nennen, und die städtische Arbeitskraft. Mit der Abhängigkeit der Stadt vom Land wird diese an den oder die Machthaber und seine Sorge für die städtische Ernährung gebunden. Am Ende wird Kapitalismus in einer bestimmten Art von Städten entstehen, was aber in den Despotien und Aristokratien vor dem 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung nicht möglich ist, da das Kapital derselben Untertänigkeit wie alle übrigen Menschen unterliegt: Es kann nicht hinreichend mächtig werden.

 

Wir wissen kaum etwas Konkretes über die Anfänge von Zivilisierung, also Institutionalisierung von Macht, aber danach setzt dann in einigen Gegenden Schriftlichkeit ein. Die Schrift erweist sich überall zuerst als ein Instrument der Macht zur Verwaltung seiner Einnahmen und Beaufsichtigung seiner Helfer, dann für die Verschriftlichung von Gesetzen, wobei sie zugleich auch zum Propagandainstrument der Mächtigen wird.

 

Auch mit solchen Gesetzen, Willkürakten von Mächtigen, wird in die Tradierung und damit Fortentwicklung von Kultur eingegriffen, die - wo sie erst noch überlebt - zu erstarren beginnt und sich nur noch im Interesse der Mächtigen verändert. An die Stelle von Selbstorganisation von Menschen tritt immer stärker ihre Verwaltung durch eine Obrigkeit. Was heute als Fortschritt deklariert wird, ist der Beginn immer umfassenderer Unfreiheit der meisten, wobei ein erster Gipfelpunkt im Orient liegt - einmal von entfernten asiatischen und amerikanischen Zivilisationen abgesehen, die auf die Entstehung von Kapitalismus keinen oder wenig Einfluss haben werden.

 

Mit den neuen Machtstrukturen kommt es zu einem Schub der Beschleunigung von Veränderung. Schon in der späten Steinzeit werden Schmelz- und Gießtechniken für Kupfer entwickelt, wobei die Verfügung über das Metall unter die Kontrolle der Mächtigen gerät. Damit beginnen Menschen mit dem Ausgraben von Erzen und dem Herstellen von Metallen, zuerst von Kupfer. Da dieses nur an wenigen Stellen leicht zugänglich sind, befördert das den Handel, aber auch die Macht Einzelner, die sich die Kontrolle über solch frühen Bergbau sichern. Mit der Verfügung über die daraus resultierenden Gegenstände können sie dann ihre Macht ausbauen.

 

Am Beispiel der weichen Metalle Kupfer, Gold und Silber, die zunächst wenig allgemein nützlich sind, wird einiges von dem deutlich, was viele Menschen spätestens jetzt ausmacht. Menschen lassen sich schon früh blenden durch alles, was glitzert und glänzt. Schon ab etwa 7000 gelingt die "Nutzung" von glänzendem Gold, Silber und Kupfer, die allesamt nicht als Werkzeuge taugen. Sie dienen als Schmuck für Aristokraten und Despoten, aber auch zur Herstellung von schmückenden Gefäßen etc..

 

Später, um 2200 dann, wird Kupfer durch die Beimischung von Zinn zu Bronze gehärtet. Kupfer gab es zum Beispiel in Süden der iberischen Halbinsel und auf Zypern, der Kupferinsel, Zinn fast nur im heutigen Cornwall, in Armenien und im heutigen Afghanistan. Intensiver Handel rund um den Mittelmeerraum und bis weit in den Osten setzt ein.

Mit diesem Handel tritt der organisierte Kampf um Rohstoffe und Handelshoheit im heutigen Wortsinn auf, das Pferd, als Reittier und Zugtier domestiziert und schließlich vor Streitwagen gespannt, macht weit ausgreifende Kriege möglich. Herrschaft und Krieg, Macht und Gewalt bilden dabei eine Einheit.

 

In dieser, Geschichte arg schematisierend begreifenden Weise werden aber doch zwei Faktoren deutlich: Einmal die Prachtentfaltung und die damit zusammenhängende Schatzbildung der Zivilisation verbreitenden Mächtigen, was sowohl die Despoten wie die Aristokraten betrifft. Der auf sie konzentrierte Luxus der Mächtigen wird nicht nur durch die Abgaben der Bauern, sondern darüber auch von Handwerkern und Händlern bedient. Insbesondere im Handel kommt es dabei zu gelegentlicher früher Kapitalbildung und dabei über die steigende Bedeutung von Geld und Kreditwesen auch zu ersten Ansätzen von Finanzkapital.

 

Die Schatzbildung in den Händen von Despoten und Aristokraten ist von ihrer Gier nach Vermehrung der Schätze geprägt, und wenn man nicht mehr Abgaben aus Untertanen bzw. abhängigen Menschen herauspressen kann, dient der Krieg mit seiner Beute an Land und Menschen zur Vermehrung der Schätze. Schon frühe Zivilisationen sind so von Kriegen geprägt, die mit der Propagierung von Feindseligkeit die Identifikation mit den eigenen Mächtigen und ihren Reichen verstärkt.

Kapitalbildung ist ihrem Wesen nach davon verschieden, da sie zwar von Kriegen nicht selten profitiert, selbst aber wesentlich unkriegerisch ist: Kapital entsteht dadurch, dass angesammeltes Eigentum vom Konsum abgezweigt wird, also nicht in Konsum verbraucht wird und dabei verschwindet. Es wird vielmehr investiert, um sich zu vermehren. Das geschieht in frühen Zivilisationen im wesentlichen im Handel, und zwar im Warentausch großen Stils, den Geld nun erheblich vereinfacht. Warentausch ist ursprünglich ein Ergebnis von Arbeitsteilung, und er nimmt nun in dem Maße zu, in dem Arbeitsteilung in größerem Maßstaben sogar über Regionen hinweg stattfindet. Sobald eine große zeitliche Distanz zwischen Kauf und Verkauf entsteht, muss der Händler für den Einkauf  Kapital quasi für eine Weile vorschießen, um daraus beim Verkauf Gewinn zu machen - sein Kapital zu vermehren. Auf die Dauer entstehen dabei auch Finanzspezialisten, die das Kapital des Händlers durch Kredite ergänzen.

 

Selbst das Wort Kapital taucht erst auf, nachdem es solches schon lange gegeben hat, und fast überall erst Jahrhunderte, nachdem Kapitalismus bereits in großen Teilen Europas seinen Siegeszug angetreten hat. Seine lateinische Wurzel ist das Wort caput, welches für den Kopf bzw. das Haupt steht. Daraus leitet sich capitalis ab, welches man unter anderem mit "hauptsächlich" übersetzen kann. In spätmittelalterlichen norditalienischen Volkssprachen wird dies Wort wieder substantiviert, um von dort dann später in den Norden zu wandern, wo es im Deutschen zum Beispiel als hauptgut auftaucht.

In italienischen Städten des späten Mittelalters mit ihrem blühenden Kapitalismus bezeichnet es beim Geschäft/Unternehmen die Hauptsache. Diese aber ist das, was nicht die Nebensache ausmacht, nämlich was für den persönlichen Konsum abgezweigt und damit dem (eigenen) Geschäft verloren geht, sondern das, was eingesetzt wird, um es zu vermehren, ohne dabei allzu viel physische (bzw. militärische) Gewalt einsetzen zu müssen.

 

Umgangssprachlich ist Kapital so in Tauschwerten bzw. Geld rechenbares Eigentum. Das aber ist Kapital nur als Option, potentiell, tatsächlich wird es nur als Vorgang, nämlich als der seiner Investition, seines Einsatzes zu seiner Vermehrung. Wird potentielles Kapital nicht zum Zweck seines Wachstums eingesetzt, verfällt es auf die Dauer.

 

Der Dynamik der Gewalttätigkeit von Despoten und Aristokraten setzt der Kapitalist also die friedlichere des Warentausches entgegen. Da Zivilisationen ihrem Wesen nach aber offen oder wenigstens immer latent gewalttätig sind, und zwar nach innen (unten) wie nach außen, bleibt Kapital in der Regel den Machthabern und ihren Bedürfnissen unterworfen. Es wird eine ausgesprochene Ausnahme sein, dass große Kapitaleigner selbst seit dem 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung für eine längere Zeit immer mehr Macht in Städten des lateinischen Abendlandes gewinnen werden, und nur dort wird Kapitalismus entstehen.

 

Die Archäologie ist, da sie nur Knochen und Artefakte kennt, technisch fixiert und epochalisiert entsprechend nach Werkstoffen, Auf die Steine und dann das Kupfer folgt dabei die Bronze, eine Legierung aus Kupfer und Zinn. Sie ermöglicht härteres Metall, welches nun für Werkzeuge und Waffen tauglich wird. Bergbau gewinnt an Bedeutung und Schmelzöfen tauchen auf. Mit Gußformen entsteht dann auch im Bereich der Metallverarbeitung serielle Massenproduktion, wie schon ansatzweise zuvor bei Schmuck und Keramik.

Da beide Metalle kaum an einem Ort vorkommen und Zinn darüber hinaus selten ist, erweitert das den Fernhandel insbesondere auch per Schiff und übers Meer. Zum anderen ermöglichen die neuen Waffen in den Händen von Potentaten und Aristokraten eine Verbesserung der Kriegführung.

 

Mit dem 3. Jahrtausend erscheint Bronze zunächst im Nahen Osten, um 2600 auf Zypern mit seinen reichen Kupfervorkommen, um 2000 in der minoischen Zivilisation und nach 1600 in der mykenischen.

 

In Asien kommt es zum Beispiel zu den bronzezeitlichen frühen Zivilisationen Turkmenistans, in denen teilweise bereits Massenproduktion von Keramik stattfindet. In Amerika lässt sich die späte Inka-Zivilisation der Bronzezeit zurechnen.

 

Im mittleren und nördlichen Europa kommt es nicht zu despotisch beherrschten Reichen, sondern nach gemäß ihrer Keramik bezeichneten Einwanderungswellen zu hierarchisch gegliederten kleineren Ansiedlungen. Mit den bereits Eisen nutzenden Kelten, die stadtähnliche Siedlungen errichten und ausgeprägtere Herrschaftsformen entwickeln, treffen europäische frühe Zivilisationen auf jene des Mittelmeerraumes, die eine Altertumswissenschaft als Antike (seit dem 8. Jahrhundert) zusammenfasst, und die sich dann über große Teile Europas ausbreitet. Diese Zivilisationen sind städtezentriert und tendieren schließlich zu Formen von Reichsbildungen. Für die Entstehung des Kapitalismus wird dabei als Vorstufe das Imperium der Römer von zentraler Bedeutung.

 

Wir sind aber längst dabei, uns immer mehr auf jenen Raum zu konzentrieren, in dem dereinst Kapitalismus entstehen wird. Vom Übergang von den Kulturen zu Zivilisationen haben wir allerdings keine genaueren Informationen, da erst die Zivilisationen selbst Schrift als Medium der Verwaltung ihrer Macht hervorbringen.

 

Exkurs: Apropos "Hochkultur"

 

Dies Wort ist ein Spezifikum der deutschen Sprache, die anderen Europäer sprechen stattdessen von Zivilisation, ein auch dort für fast alle kaum noch verständliches Wort.

Das deutsche Wort hat es aber besonders in sich: Verbunden wird dabei ein Wort, welches nie eine klare umgangssprachliche Bedeutung hatte, nämlich Kultur, mit einem Präfix, welches nach oben weist. Oben ist aber in der Regel immer besser als unten, dort ist nämlich Gott („in der Höhe“ zum Beispiel) und waren die antiken Götter (oft auf Bergeshöhen). Unten ist der Untergebene, oben der Vorgesetzte, der Herrscher, der Machthaber. Vor ihnen beugt man sein Haupt, kniet man oder wirft sich zu Boden, um zu zeigen, dass man ganz unten ist.

 

Die Hochkultur steht so über der niedrigeren Kultur. Als das Wort vor wenigen Jahrhunderten in der deutsch sprechenden Welt erfunden wurde, war für die meisten selbstverständlich, dass vor der Hochkultur und neben ihr eher die Unkultur stand und steht, genau das, zu dessen Vernichtung sich der Kolonialismus aufmachte. Hochkultur ist das, was die Deutschen für sich in Anspruch nahmen, bevor proletarisierte Massen dem damaligen Bildungs“bürgertum“ den Garaus machten, an seine Stelle traten und inzwischen Kultur mit ihrem durchkommerzialisierten Freizeitvergnügen identifizieren. Das heißt, der heutige Konsumismus der Massen wird als Kultur verkauft, während das Wort „Hochkultur“ inzwischen entweder bezeichnet, was im Museum ist oder aber ins Museum gehört.

 

Seitdem ist Hochkultur dadurch zum Gegenstand eines Besichtigungstourismus und der Neugier von Besuchern von Museen und Ausstellungen geworden. An der Spitze stehen dann das ägyptische Pharaonenreich, das antike Rom und Griechenland und seltener auch andere. "Hochkultur", also mehr oder weniger Despotie, wird angestaunt, als ästhetisch wertvoll goutiert, bewundert, wenn auch von wenigen und in der Regel ohne Kenntnisse als Hintergrund.

 

Die signifikantesten Erben einer solchen Haltung waren immer wieder terroristische Machthaber. Der von wenig Kenntnissen getrübte Kult römischer Antike, den französische Revolutionäre nach 1789 betrieben, fand immer wieder neue Nachfolger. Hitler orientierte sich in manchem gerne am Monumentalismus des antiken Rom, ähnlich wie Mussolini, und stalinistische Prachtbauten waren eine Mischung aus antiker orientalischer Prachtentfaltung der einst dort Herrschenden und westlichem großkotzigem kapitalistischem Machtgebaren à la Manhattan. Dass stattliche Teile des damaligen sogenannten „Bildungsbürgertums“ von solchen terroristischen Machthabern fasziniert waren, ist schon alleine darum verständlich. Hoch und groß und großartig liegen (nicht nur) für solche Menschen nahe beieinander.

 

Die meisten sogenannten frühen Hochkulturen waren despotische Regime, ihrem Wesen nach allesamt kriegerisch, gewalttätig, von gnadenloser Unduldsamkeit, und begründeten sich alle auf der Einheit von Macht und Priesterkult, waren gelegentlich vielleicht, wie in Teotihuacan, despotische Priesterregime. Gewirtschaftet wurde in der Regel mit Sklavenarbeit und der Schufterei untergebener und kultischen Phantasmagorien unterworfener Volksmassen.

 

Es ist dabei eben auch bezeichnend für den heutigen westlichen Menschen, dass seine Bewunderung und Hochschätzung sich auf die Relikte solcher brutaler und zugleich der offiziellen Politdoktrin widersprechender Regime richtet. Der heutige „westliche“ Mensch des sozialdemokratisch globalisierten Kapitalismus hat meist keine affirmativ-emotionale Beziehung oder gar Bindung an die Machtstrukturen, unter und in denen er lebt. Der Zweckrationalismus des globalisierten, hochkonzentrierten Kapitals lässt so etwas nicht zu, und der moderne „demokratische“ Staat lädt über die schnell wechselnden und nach Amtsantritt schnell enttäuschenden Figuren nicht mehr zur Identifikation ein. Die für die meisten nicht durchschaubaren staatlichen Strukturen bleiben fast allen fremd. Durch Jahrtausende auf Unterwerfung und Unterordnung geprägt, faszinieren Regime, deren Despotie für die meist schlichten Gemüter personal fassbar ist, und zwar solange man nicht auf die Lebensrealität dahinter schaut.

 

Als im 18./19. Jahrhundert die Geschichtswissenschaft erfunden wurde, entzauberte sie zwar den rückwärts gewandten Mythos, ersetzte ihn aber dafür durch den nach vorne gerichteten vom Fortschritt: Die ihren Herrschern und Staaten verpflichteten Historiker betrachteten nun Geschichte als innerweltliche Heilsgeschichte hin zum jeweils gerade existierenden status quo, mit Ausnahme jener, die größere (in der Regel nicht reflektierte) Distanz zur jeweiligen Gegenwart in die Idealisierung der von ihnen verwalteten alten „Hochkulturen“ trieb.

 

Erst rund hundert Jahre später begann die Verwissenschaftlichung der Archäologie, die den stark textgebundenen Historikern neues Material liefern soll. Zum Problem der Historiker, kritisch mit den in der Regel propagandistisch gefärbten Quellen-Texten umzugehen, kam nun die Neigung der Archäologen, ihr fast rundweg dürftiges Material spekulativ in Texte hinein aufzuwerten.

 

Historiker und Archäologen sind von staatlichen und Geldern der Kapitalseite abhängig und bedienen wie selbstverständlich deren Interessen. Diese sind leicht mit dem „Interesse“ der Massen an Unterhaltung, Amüsement, Sensationen zu identifizieren, dazu kommt das propagandistische Interesse von Kapital und Staat.

Was hier beschrieben wird, ist nicht der hermetisch abgeschlossene akademische Raum der Wissenschaften (ihre Forschung), sondern ihre Außenwirkung in eine durch ihren Warencharakter ausgezeichnete Öffentlichkeit, das, was Staat, Kapital und die ihnen unterworfenen Massen daran interessiert, soweit man da überhaupt von „Interesse“ sprechen kann.

 

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In den antiken Zivilisationen wird der Kultus zivilisiert mithilfe seiner Tempel, anthropomorpher Göttergestalten, Opferkulte und ihrer Priesterschaft, das heißt, er wird in den Machtapparat integriert. Überhaupt entstehen Zivilisationen auf dem Boden von Kulturen, und das eine oder andere an ihnen wird als nützlich integriert, allerdings weithin der autonomen Tradierung und das heißt auch Veränderung durch die große, nunmehr ohnmächtige Bevölkerungsmehrheit entzogen. In Zivilisationen erstarrt Kultur, soweit sie hineingerettet wird, weitgehend. Sie wird zur Sache der Machthaber.

Das aber geschieht nicht gleich zur Gänze. In den Nischen, in denen das den Mächtigen gleichgültig sein kann, hält sich fast autonome Tradition, und manches von ihr wird in das Neue hineintransformiert, dabei aber dem Einfluss der Betroffenen immer weiter entzogen.

 

Das Überleben von sogenannten "Volkskulturen" in Zivilisationen führt in immer größeren Teilen Europas spätestens im 18. Jahrhundert zu einem gewissen Missverständnis von "Volk" und "Kultur" durch ein sich so betrachtendes Bildungsbürgertum. Das "Volk" ist nun auf die Landwirtschaft betreibenden Produzenten reduziert, deren Wirtschaften und Lebensalltag längst in kapitalistische Strukturen eingebunden wurde, und das Missverständnis derjenigen, die dabei nie zu diesem Volk gehörten, produzierte dann Volkstümelei, den Einfluss von Dorfmusik auf die des neuen Bürgertums zum Beispiel seit Ende des 18. Jahrhunderts.

Das parallele Missverständnis bezeichnet die Status ausdrückenden gehobenen Amüsierwelten der machthabenden Oberschichten (Musik, bildende Künste, Literatur) als Kultur in dem Maße, in dem wirkliche Kultur verschwindet. Das aufstrebende neuartige Bürgertum der Neuzeit ersetzt den schwindenden Anteil an der Macht in der Mittelstellung zwischen Fürsten und Adel einerseits und Produzenten andererseits dadurch, dass es im Zuge der Säkularisierung den "Künsten" immer mehr Offenbarungscharakter beimisst und sie bis in die Romantik hinein zu Religionsersatz hochstilisiert. Mit der Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts und der Verbreitung eines großen Industrieproletariats versucht dieses "Bürgertum" seinen Status ideologisch durch "Bildung" (Schule/Universität/Konversationskanon) und "Kultur" (Warenkonsum von Büchern, Musik etc.) zu definieren.

Der alles ergreifende Kapitalismus des 20. Jahrhunderts als Welt des Massenkonsums lässt das dann zur Gänze verschwinden.

 

Der nächste Sündenfall: Die Götter der Bronzezeit und ihre Statthalter auf Erden

 

Der Glitzer und Glitter von Gold, Silber und teurem Schmuck erweckt die Gier in jenen zu bösartiger Gewalttätigkeit neigenden Menschen, die dann auch noch Kupfer als Statussymbol nutzen können, bevor sie mit Bronze, der Legierung von viel Kupfer mit wenig Zinn, jenes harte Metall in die Hände bekommen, mit dem die Waffen hergestellt werden, mit deren Hilfe Herrschaft dauerhafter institutionalisiert werden kann. Aus der Verbindung von Kultgebäude, Palast und Stadt entsteht das, was die Propagandisten von Krieg und Unterdrückung im deutschsprachigen Raum bis heute als "Hochkultur" feiern, die Transformation von Kultur in Zivilisation durch brutale Herrenmenschen. 

 

Schrift, die ägyptischen Hierogglyphen, die Keilschrift und die mykenische Linear-B-Schrift dienen der Verwaltung des wachsenden Eigentums der neuen Herrenmenschen und der Verwaltung des wachsenden Untertanenverbandes. Indem Gesetze verschriftlicht werden, wird die traditionelle Kultur in von oben diktierte Machtstrukturen hinein verwandelt. Dabei werden die Kulte durch eine Priesterkaste monopolisiert, die den "weltlichen" Herrenmenschen zuarbeitet. Aus Naturkräften werden Götter, die neuen Verbündeten der Machthaber. Diese können Tier- oder Menschengestalt haben oder aber eine Verbindung aus beidem. Furcht vor den Machthabern und Furcht vor den Göttern gehören nun zusammen.

 

Zwischen etwa 3000 und 1200 im östlichen Mittelmeerraum und nahen Orient und zwischen 2200 und 800 in Mitteleuropa wird die Welt dort auf das rabiateste in Herren und Knechte geteilt, Herrscher, Untertanen und Sklaven, in wenige Schwerreiche und viele Arme, in Menschen, die ihre Berufung in Gewaltausübung und Luxusleben vor allem sehen und solche, die arbeiten müssen. Das wird bis heute im Kern so bleiben.

Macht basiert auf Gewalttätigkeit, aber auch auf der Verfügung über Rohstoffe, vor allem Kupfer und Zinn, auch Gold und Silber, die wie Bronzebarren Zahlungsmittel werden. Damit treten frühe Formen von Geld zwischen Menschen und Waren und lässt sich Reichtum besonders bequem horten.

 

Befestigte Paläste mit Kriegerfürsten beherrschen mit zum Teil gewaltigen Mauern befestigte Städte mit einer Kriegerschicht und zudem das Umland, welches immer mehr ausgeweitet wird. Das gilt für Mykene, kretische Fürstentümer, solche auf Zypern, für Hethiterreiche in Kleinasien, für Städte wie das nordsyrische Ugarit oder Mari am oberen Euphrat, dann auch für Reiche wie die von Assur oder Babylon und für das ägyptische Pharaonenreich.

Pferde und Streitwagen, Streitäxte und viele andere Waffen dienen Überfällen, Eroberungen und der Verteidigung. Die Erfindung des Krieges und des Militärs, sicherlich die zwei widerwärtigsten und zugleich bedeutendsten Errungenschaften der frühen Zivilisationen, finden nun ihre frühe Blüte. Der Krieg ist die Erfindung des legalisierten Massenmordes, des systematischen Verletzens, Verstümmelns und Vergewaltigens, der genauso brutalen Zerstörung, des Niederbrennens und der Erde Gleichmachens. Die Menschen, die diese grauenhaften Verbrechen auf Kommando von Machthabern begehen, als willenlose und perverse Instrumente der Potentaten, in den Schlachtreihen als pervertierte Roboter des Grauens, üben ein und demonstrieren das Ideal aller kommender Untertanen bis heute, gewissenlose, verantwortungslose reine Befehlsempfänger.

 

Das für die Mächtigen Schöne am Krieg ist, dass er immer wieder Krieg erzeugt, sei es zur Verteidigung, sei es als Angriffskrieg. Er begründet Militär und die Macht von Despoten, er begründet Reichsbildungen und Waffenproduktion, - ja, er ist von Zivilisierung bislang jedenfalls überhaupt nicht zu trennen.

 

Gewalt und Krieg scheinen schon in der Bronzezeit fast der Normalfall zu sein, und die Kriegerfürsten prahlen in Inschriften mit niedergebrannten Städten, massenhaft getöteten "Feinden" und versenkten Schiffen. Es geht um Beute, um Gold und Silber, Rohstoffe von Erzen bis zu Holz, um Luxusgüter für die Despoten und ihren Hofstaat und um Getreide für die Massen, aber auch um die Aquirierung von Zwangsarbeitern.

1595 soll ein hethitischer Großfürst ein Heer von Kleinasien bis Babylon geführt haben, um die Stadt zu plündern und niederzubrennen. 1479 erfahren wir zum ersten Mal im Detail davon, wie Pharao Thutmosis III. auf einem von 17 Kriegszügen gegen Stadtfürstentümer in Kanaan bei Megiddo in einer Großschlacht siegt. 1274 treffen eine hethitische und eine ägyptische Armee bei Kadesch zusammen. Laut den vermutlich übertreibenden Ägyptern waren auf hethitischer Seite 3500 Streitwagen beteiligt, 37 000 Fußsoldaten und insgesamt 47 500 Soldaten. Mit massenhaftem Morden, Brennen und Plündern erweisen sich die frühen Despoten als die ersten Großverbrecher der Menschheitsgeschichte, den Stalins, Hitlers, Mao-Tse-Tungs, Putins und wie sie alle heute heißen ebenbürtig, im Umfang des Grauenhaften ihres Handelns jeder Form illegaler organisierter Kriminalität, die mit ihnen seitdem konkurriert, weit überlegen.

 

Aber es gibt auch in großem Umfang Handel bzw. Austausch von Geschenken unter den hohen Herren, die sich mit enormem Luxus umgeben. Minoische Maler bemalen ägyptische und kanaanäische Paläste und solche von Quatna, minoische Waren gelangen bis Mesopotamien. Auf Kreta wiederum finden Ausgräber Waren aus Ägypten und dem vorderen Orient.

Es geht vor allem um fürstlichen Luxus, Dolche aus Gold mit eingelegtem Lapislazuli werden versandt wie auch kostbare Textilien, Schmuck und Parfüm. Der babylonische Herrscher Hammurabi bekommt vom Herrscher von Mari minoische Schuhe aus minoisch-kretischer Produktion geschickt.

Aber es geht auch um Getreidelieferungen, um Zedernholz aus dem Libanon und vor allem um solche von Zinn aus dem späteren Afghanistan nach Westen und von Kupfer vor allem aus Zypern, die dann vielerorts zu Bronze legiert werden.

 

Man weiß sehr wenig über die inneren Strukturen dieser Herrschaften, die in brutal auftretende Krieger-Fürsten mit ihrem Hofstaat, Priesterschaften, eine Kriegerschicht, aber auch Bauern, Handwerker, Händler und Sklaven von unterschiedlichem Rechtstatus geschichtet sind. Entsprechend fehlen auch Hinweise darauf, wie dort jeweils Priester und weltliche Machthaber Menschen unter ihre Macht gebracht haben, als Untertanen und kriegerische Gefolgschaft.  

 

Die Pharaonen Ägyptens behaupten längere Zeit, Götter zu sein, und posieren dann als Gottessöhne vor ihren Untertanen. Scharen von Priestern, die die Untertanen mit ihrer Arbeit zu finanzieren haben, lassen sich riesige Kultanlagen errichten, propagieren den Kult der Sonne als Gottheit und den anderer Götter, was ihnen und den Pharaonen Macht und Wohlstand sichert. Letztere verfügen über Massen an Beamten, die das Land in ihrem Sinne verwalten und die Untertanen zu Abgaben zwingen. Den Aberwitz despotischer Macht und Gewalt stellen die riesigen Pyramiden für jeweils einen Herrscher dar, in die massenhafte Arbeitskraft und Abgaben eingehen.

 

Neben den Arbeiterheeren für monomanische Bauten der Herrschenden bildet die (Uni)Formierung von Heerscharen für innere Unterdrückung und Kriege nach außen die wesentliche Schule für die Produktion von fast roboterartigen Untertanen-Massen in solchen Großreichen. Je erfolgreicher Unterdrückung und Gewalttätigkeit sind, desto eher identifizieren sich die Untertanen mit ihren Machthabern.

Bis zu den zahlreichen heutigen Despotien zieht sich eine Linie von von Priestern und Ideologen verdummter und verhetzter Menschenmassen, die für ihre monströsen Herrscher als entindividualisiertes und gewissenloses Menschenmaterial fast jederzeit zu den schändlichsten und schrecklichstenTaten bereit sind, die ihren Machthabern gerade einfallen. Die Geschichte der Zivilisationen ist bis heute voll davon. Sie zu verniedlichen und zu verherrlichen wird von wenigen Ausnahmen abgesehen Aufgabe der Historiker bis heute.

 

In diesen Despotien werden von Priesterschaft und Herrschern Gewalttätigkeit und Grausamkeit als höchste Tugenden gefeiert. Despoten identifizieren sich mit den Tieren, denen höchste Grausamkeit attestiert wird, Löwen, Adlern usw. Ein Teil des Götter"himmels" repräsentiert ebenfalls diese enorme Gewalttätigkeit. Das bezieht sich  nicht nur auf die Macht der Herrscher nach innen, sondern insbesondere nach außen. Aus gelegentlichen überschaubaren Raubzügen werden Kriege, die mit professionalisierten Militärs durchgeführt werden und immer größere Areale überziehen.

 

Die Untertänigkeit der meisten wird durch eine Mischung aus latenter Angst und offener Identifikation mit den Mächtigen erzeugt. Da ist die Angst vor Strafe bei Ungehorsam, die, weil sie als demütigend empfunden wird, von den Untertanen selbst dadurch verdrängt wird, dass man den Machthaber und seine Vertreter als herausgehobene Repräsentanz seiner selbst annimmt. Diese Verdrängung der Angst ins Unterbewusste schwindet dort, wo der Gewaltherrscher nicht mehr wegen seiner Erfolge bewundert, sondern wegen seiner kriegerischen Niederlagen verachtet wird. Nichts zeichnet Untertänigkeit mehr aus als dieses erbärmliche Schwanken zwischen Identifikation und Rebellion.

 

Identifikation wird massiv erleichtert durch die den Untertanen aufgezwungene Religion, nun kein einfacher Glaube mehr, sondern ein komplexes System aus Mythen, kultischen und rituellen Handlungen und Opfergaben. Aufgezwungen deshalb, weil es kein in kultureller Gemeinschaft entwickelter gemeinsamer Glaube mehr ist, sondern ein von Priestern weiterentwickelter, dessen Inhalte verordnet werden. Für ihn alleine soll hier das Wort "Religion" Verwendung finden, auch wenn dieses erst viel später im Christentum entsteht.

Wesentlich für diese neuartigen Religionen ist, dass sie die neuen Machtverhältnisse begründen und rechtfertigen. Das geht soweit, dass orientalische Despoten manchmal ihre Abstammung auf zum Teil furchterregende Götter zurückführen.

 

Es lässt sich ganz allgemein beobachten, dass sich mit der Zivilisierung, also der Zerstörung von Kulturen und der Schaffung untertäniger Massen eine allgemeine Neigung dieses inzwischen geduckten "Volkes" zur Identifikation mit der Macht zeigt, eine Neigung zur bequemen Abgabe von Verantwortung an die Mächtigen auch auf Basis eines zunehmenden Unverständnisses der komplexer werdenden (eigentlich eigenen) Lebenszusammenhänge. Dies lässt sich wohl anthropologisch-biologisch mit der eingeborenen Neigung zur Faulheit und damit tendenziell auch Verblödung von Säugetieren erklären, die in Gefangenschaft gehalten und dabei durchgefüttert werden. In den menschlichen Zivilisationen kommt dann als Kompensation noch die Vorhaltung von Amüsement dazu, höchste Gratifikation für Menschen, die von den Mächtigen als Nutztiere besonderer Art gehalten werden.

 

Der historisch wichtigere Teil im Prozess der Zivilisierung, die Unterwerfung und Untertänigkeit der zu instrumentalisierten Massen werdenden Untertanen, wurde von den Machthabern nicht dokumentiert und ist für die Historiker, die sich mit den Machthabern identifizieren, bis heute überwiegend uninteressiert. Wenn sich das seit einiger Zeit etwas zu ändern beginnt, hat das damit zu tun, das sich im heutigen Kapitalismus Macht immer weniger personalisieren lässt, da sie fast zur Gänze an Bewegungen der Kapitalverwertung abgegeben ist, als deren Agenturen sich Staaten verstehen. Die ziemlich vollständige Unterwerfung aller unter die Bewegungen des Kapitals schärft etwas den Blick dafür, dass es unterhalb der Macht auch noch zu betrachtende Menschen gibt.

 

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Wieviel Handel damals in dieser Region getrieben wird, lässt sich an Hand von Funden untergegangener Schiffe vage erahnen. Eines, welches um 1300 bei Uluburun vor der Südwestküste der heutigen Türkei sank, transportierte etwa eine Tonne rohes Zinn und zehn Tonnen Rohkupfer, dazu eine Tonne Harz vom Pistazienbaum, aus dem Parfüm hergestellt wurde, und Elfenbein von Flußpferden und Elefanten. Zudem waren an Bord eine Menge Schwerter und Dolche. Für manche Städte wie Ugarith sind Kaufleute bzw. Händler dokumentiert, die mit der Ägäis, der ganzen Levanteküste, mit Zypern und Ägypten Handel trieben, und zwar mit einer großen Vielfalt an Waren.

 

Aber es entsteht auch nicht ansatzweise Kapitalismus in dieser Bronzezeit, auch wenn es vielleicht Ansätze von Handelskapital gibt. Aber die despotische Macht brutaler Herrscher würde Kapital, wenn es irgendwo auftauchte, völlig ihren Interessen unterordnen und seine Entfaltung behindern.

 

Da der Kapitalismus in Teilen Europas seinen Ausgang nehmen wird, wenden wir den Blick nun stärker dorthin. Ohnehin wird mit der Nutzung des Eisens für Waffen und Werkzeuge das Machtzentrum im Großraum des Mittelmeeres vom Orient weg und stärker dorthin wandern. Die bronzezeitlichen Despotien des östlichen Mittelmeerraumes werden hingegen alle nach und nach untergehen, ein Vorgang, der schon um 1200 einsetzt.

 

Von der Bronzezeit im größten Teil Europas, die dort deutlich später einsetzt, wissen wir noch weniger als von der des Orients, da jenseits der Ägäis Schrift noch unbekannt ist und wir nur archäologisch zu gewinnende Zeugnisse haben und fast völlig auf Vermutungen angewiesen sind.

 

Im Vergleich zu den Regionen zwischen Ägäis, Mesopotamien und Ägypten verlaufen die Entwicklungen im Zentrum und Westen Europas langsamer. Als Beispiel mag ein archäologisch erschlossenes Fürstentum von Leubingen um 1950 dienen, von dem ein 8m hoher und mit 34 m Durchmesser großer Grabhügel untersucht wurde. Dort fand man Goldschmuck, Bronzewaffen und Werkzeuge als Grabbeigaben. Die meisten Gräber der Zeit sind allerdings vergleichsweise ärmlich. In der Nähe des Fürstengrabes wurde ein fürstliches Langhaus von über 450 Quadratmetern entdeckt.

Aus etwa derselben Zeit stammt die Himmelsscheibe von Nebra, vermutlich Auftragsarbeit eines anderen Fürsten. Das Kupfererz der Scheibe stammt aus den Alpen, Gold und Zinn aus Cornwall.

 

Axt oder Pfeil und Bogen sind auch für die Jagd geeignet, das Schwert, welches um 1600 in Mitteleuropa auftaucht, dient nur der Gewalt gegen Menschen. Auf ihr basieren die bronzezeitlichen Zivilisationen, worauf auch inzwischen seriell hergestellte Streitäxte hinweisen.

 

Eskurs: Aggression, Gewalt, Krieg und Sigmund Freud

 

Herodots polemos patér, jener gerne in "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" übersetzte Satz, meint im Kern wohl nicht Krieg, sondern Kampf und Streit, agon. Ich möchte das auf das Folgende konzentrieren: Das Säugetier Mensch ist ein Raubtier insofern, als es sich von vorneherein nicht nur von Pflanzen, sondern auch von Fleisch insbesondere von Säugetieren ernährt. Und es ist wie andere Tiere auch von jenem Kampf ums Dasein geprägt, der Konflikte mit Mitgliedern der eigenen Art mit sich bringt. Aggression und Gewalt sind ihm eingeboren und haben zu einem guten Teil den Fortschritt seiner Geschichte hervorgebracht und getragen. Soweit die Biologie, wenn man das so nennen möchte. In der Geschichte des Menschen ist der Krieg eine der beständigen Konstanten. Dazu ein kurzer Rekurs auf Sigmund Freud. 

 

1930 schreibt dieser am Ende des 'Unbehagen in der Kultur': Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint es mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions - und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten.

 

Der "Selbstvernichtungstrieb" des Menschen ist mir so wenig ersichtlich wie ein Todestrieb, und die Aggression ist gewiss auch kein spezifischer "Trieb", sondern Aspekt des Getriebenseins alles Lebens, ansonsten scheint sich mir aber die Aktualität dieses Abschnitts in den letzten 80, 90 Jahren eher dramatisch verschärft zu haben. An anderer Stelle schreibt Freud:

Für alles weitere stelle ich mich auf den Standpunkt, dass die Aggressionsneigung eine ursprüngliche, selbständige Triebanlage des Menschen ist, und komme darauf zurück, dass die Kultur ihr stärkstes Hindernis in ihr findet. ('Unbehagen', VI)

 

Es sieht, wenn wir diesen Gedankengängen von Freud folgen, so aus, dass Kultur und damit der Mensch in einem Feld aus konstruktiven und destruktiven Antrieben entsteht, in einem Kampf, wie er sich an der Menschenart vollzieht. (s.o.) Aber die destruktiven Seiten sind auch die produktiven und die konstruktiven auch die zerstörerischen.

 

Anders gesagt, in den Prozessen der Kulturbildung, d.h. der Menschwerdung, entwickeln Menschen in sich Ambivalenzen, die sich in dem, was als Kultur nach außen tritt und so beschreibbar wird, wiederfinden...

Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die wir bei uns selbst verspüren können, beim anderen mit Recht voraussetzen, ist das Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten stört und die Kultur zu ihrem Aufwand nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit der Menschen gegeneinander ist die Kulturgemeinschaft beständig vom Zerfall bedroht. Das Interesse der Arbeitsgemeinschaft würde sie nicht zusammenhalten, triebhafte Leidenschaften sind stärker als vernünftige Interessen. Die Kultur muss alles aufbieten, um den Aggressionstrieben der Menschen Schranken zu setzen, ihre Äußerungen durch psychische Reaktionsbildungen niederzuhalten. ('Unbehagen', V)

 

Die "Kultur" bietet natürlich gar nichts auf, sondern das tun Menschen in ihr. Die gedankliche Leistung Freuds besteht desungeachtet darin, von sich und dem unmittelbaren Gegenüber auszugehen (bei uns - beim anderen), also aus der unmittelbaren Erfahrung heraus Gedanken laufen zu lassen. Damit verschwindet die hochmütige Distanz der Wissenschaften zum Menschen, die umgekehrtes Erbe der demütigen Distanz der Theologie zu Gott war.

 

Der obige Abschnitt geht folgendermaßen weiter: Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher auch das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, dass nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft. Da das Verbot das Gehemmte aufstaut, so dass es wie eine Flut den Damm brechen kann, wären Kulturen mit hohem Verbotsniveau solche, die episodische Beschleunigungen erhielten. Aber das für sich ist gewiss zu einfach, da es die Rückkoppelungen der Kultur auf die Menschen und damit sich selbst außer Acht lässt.

 

Freuds Erwartungen an eine künftige Pathologie der "kulturellen" Gemeinschaften in seinem 'Unbehagen in der Kultur' sind entgegen dem, was gemeinhin über diesen Text gesagt wird, von einer letzten Hoffnung geprägt. Lorenzer und Görlich ( Einleitung zu: Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur) haben sie in anderer Reihenfolge als implizite in einer Aneinanderreihung von Zitaten aus der wenige Jahre vorher entstandenen 'Zukunft einer Illusion' herausdestilliert. Das mag man inzwischen eher bezweifeln. 

Ist doch der Einzelne existentiell ein Feind der Kultur, die doch zugleich ein allgemeinmenschliches Interesse sein soll. Anders ausgedrückt setzt sich der Grundkonflikt aus den seiner Triebstruktur entspringenden individuellen Bedürfnissen und den ihm eingepflanzten Bedürfnissen menschlicher Gemeinschaft zusammen. Dort sind die Quellen der Unzufriedenheit mit der Kultur zu suchen. Das Unbehagen in der Kultur ist so Ausdruck von Unzufriedenheit mit ihr.

 

So bekommt man den Eindruck, dass die Kultur etwas ist, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderzahl auferlegt wurde, die es verstanden hat, sich in den Besitz von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen.

Hier zeigt sich die ganze Schwäche von Freuds Entscheidung, Kultur und Zivilisation nicht zu trennen, - aber Freud war kein Historiker. Es gibt keinen Hinweis darauf, die Bemühungen der Kultur nicht als Gemeinschaftsprojekt zu sehen, es sind die Zivilisationen, in denen wenige viele unterjochen.

In dieser ansonsten faszinierenden Konstruktion wird der Fehler nur eine Seite später deutlicher, wo er Hoffnung an die Frage bindet, ob und inwieweit es gelingt, die Last der den Menschen auferlegten Triebopfer zu verringern, sie mit den notwendig verbleibenden zu versöhnen und dafür zu entschädigen. Es geht um den Umgang mit dem unumgänglichen Kern der Kulturfeindseligkeit. Den sieht er darin, dass jede Kultur auf Arbeitszwang und Triebverzicht beruht und darum unvermeidlich eine Opposition bei den von diesen Anforderungen Betroffenen hervorruft.

 

Schematisch gesehen beruhen auf Arbeitszwang eher Zivilisationen, Kulturen der Wildbeuter stillen Hunger und Durst und jungsteinzeitliche Gemeinschaften produzieren Nahrungsmittel und Werkzeuge aus demselben Grund - wenngleich vielleicht "im Schweiße ihres Angesichtes". Zudem ruft gelungene kulturelle Einbindung keine Opposition hervor, denn die tradierten, auf unmittelbarer Erfahrung beruhenden Bindekräfte von Kulturen sind wesentlich größer als die institutionalisierten Zwangskräfte von Zivilisationen. Unter dem Ansturm der frühkapitalistischen Gewalttäter zerbrechen sehr schnell die zivilisatorischen Überbauten auf anderen Kontinenten wie die der südamerikanischen Anden"staaten", während von dem auf die Ebene von Kultur zurückgefahrenen Erbe in entlegenen Gebieten immer noch kleine Reste vorhanden sind, auch wenn deren endgültige Zerstörung von außen weiter fleißig vorangetrieben wird.

 

Am Ende von 'Warum Krieg' formuliert Freud an Einstein:

Ich meine das Folgende: Seit unvordenklichen Zeiten zieht sich über die Menschheit der Prozess der Kulturentwicklung hin. (Ich weiß, andere heißen ihn lieber: Zivilisation.) Diesem Prozess verdanken wir das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden.

In diesem Gegensatzpaar steckt eine legitime, aber höchstpersönliche Wertung, jedoch die Grundidee scheint solide: Jeder Fort-Schritt in der Menschheit ist mit Opfern erkauft.

 

Anders gesagt: Aggression ist Leben, ihre Domestikation schafft Kulturen und ihre bewusste Nutzung durch institutionalisierte Macht baut Zivilisationen. Zivilisation und Krieg sind identisch. Man muss also nicht auf spezifische kriegerische Momente der römischen oder germanischen Welt zurückgreifen, um zu wissen, dass der Krieg in der Zwischenzeit zwischen Antike und Mittelalter zentraler Motor aller Entwicklung sein wird und damit auch zu den Wurzeln des Kapitalismus gehört.

 

Lehnen wir uns kurz zurück und fragen: Ist nicht der Friede erstrebenswerter als der Krieg? Darauf gibt es zwei historische Antworten: Einmal ist der Friede das Ziel jeden Krieges, nämlich der der "befriedeten" Besiegten und Unterworfenen. Bislang lautet dabei das Fazit aller Zivilisationen, dass es ohne Krieg nie Frieden gab. Und der Krieg ist das Herzstück aller Zivilisationen seit den Tagen von Sumer, der Pharaonen in Ägypten und der Kaiser von China. Er ist auch der Kern der heiligen Schriften der Juden und der zumindest des frühen Islam. Literarisch überlieferte Ausnahmefiguren wie Jesus oder Buddha haben ihre Friedfertigkeit nicht auf ihre späteren nur nominellen Anhänger übertragen können. Aber die absolute Gewaltlosigkeit des legendären Zimmermannssohnes aus Nazareth wird bei aller Nichtbeachtung durch die Christenheit dennoch eine gewisse Rolle spielen.

 

Ein Aspekt sei noch gesondert angesprochen. Nicht jede Gewaltausübung ist von Grausamkeit gekennzeichnet, auch wenn diese immer Gewalttätigkeit bedeutet.

Das mittelhochdeutsche gruwen benennt eine Mischung aus Furcht und Widerwillen, Abscheu. Das "Grauen" als Substantiv und im neueren Sinne ist laut Duden (Herkunftswörterbuch) so noch nicht im Mittelalter vorhanden. Gruwesam bezeichnet darum zunächst noch keine Intention, sondern eine Gefühlsreaktion. Hingegen benennt das lateinische crudelis/crudeliter (von crudus: roh, gefühllos) das, was auch unsere heutige "Grausamkeit" bezeichnet. In unseren Augen ist dann das frühe Mittelalter (Nachantike) von einem großen "legalen" Spielraum an Grausamkeit in der alltäglichen Machtausübung von „Herren“ (domini) geprägt.

Grausamkeit bezeichnet zweierlei: Zum einen ist es eine moralisierende Sichtweise auf überzogen angesehenes aggressives Verhalten, zum anderen bezeichnet es eine schon bei Tieren zu beobachtende Lust in der gewalttätigen Machtausübung, in den Qaulen des Opfers. Ihren Ursprung hat sie sicherlich darin, dass tierisches Leben von Leben, also Lebendigem lebt, welches getötet, zerstückelt, lustvoll zerkleinert und verschlungen wird. Was bleibt sind Fäkalien. Erste Lust in der Grausamkeit ist in der Nahrungsaufnahme begründet.

 

Wichtig ist, dass man annehmen kann, dass Zivilisierung Grausamkeit nicht verringert, sondern eher institutionalisiert und dabei immer stärker von ihrem Ursprung im menschlichen Metabolismus entfernt. Die Amüsierarenen Roms belegen das genauso wie alle Zeiten danach.

 

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In fast allen Kulturen lagen die häufigsten Felder legitimen und offenen Auslebens von Aggressionen im Bereich der Sexualität, der Jagd und des Kampfes von Gruppen um Lebensräume, die letzteren eng miteinander verwandt und weithin Domänen der Männer. Der natürliche Trieb zu leben um sich fortzupflanzen ist den Menschen dabei mit allen Tieren, überhaupt allem Leben gemein und er bedeutet zunächst einmal eben Aggressivität. Ihn für die Gemeinschaft, in der Menschen lebten, nutzbar zu machen, heißt, seinen impulsiven Drang einzuschränken. Insbesondere der ganzjährig aktive Geschlechtstrieb ist für die Menschen nur vorteilhaft, wenn sie ihn beherrschen lernen. Nichts spricht gegen die Vermutung, dass diese menschliche Besonderheit an der Entstehung von Sprache beteiligt war.