DEFINITIONEN

 

 

Einleitung

Menschwerdung

Kulturen

Von den Kulturen zur Zivilisation

Zivilisation

Mittelmeerzivilisationen

Der Weg zum römischen Imperium

 

 

Einleitung

 

Der Kapitalismus hatte seine beste Zeit wohl zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert. Im 10. Jahrhundert noch auf wenige Orte im nördlichen Mittelmeerraum beschränkt, greift er im 11. und 12. Jahrhundert mächtig um sich im Raum des damals lateinischen Abendlandes, beginnt Teile Osteuropas und der iberischen Halbinsel zu erfassen, um im 13. Jahrhundert bereits auf das Leben  fast aller Menschen dieses Abendlandes erheblichen Einfluss auszuüben.

Im 20. Jahrhundert wiederum verändert sich sein Charakter so stark und mit so zunehmendem Tempo, dass man mutmaßen könnte, er sei im Absterben begriffen.

Dies lässt sich zum Beispiel an folgenden Phänomenen festmachen: Zunächst wurde einmal die größere Beteiligung der untertänigen Massen am Konsum notwendig, und diese, durch höhere Gewinnbeteiligung in Form von höheren Löhnen führte zur Verlagerung der Konsumwarenproduktion in Billiglohnländer. 

Damit einher ging die Beendigung des nun unrentablen Kolonialismus und die Entlassung der Rohstoffe und Billigarbeit liefernden Länder in diverse Formen von mehr oder weniger terroristischen Diktaturen, während das große Kapital in den sogenannten Demokratien mit wechselnd erfolgreichen Kapitalfraktionen immer mehr dessen Politik direkt bestimmt, da die Massenloyalität gegenüber der Obrigkeit stärker von der Höhe des Konsumniveau abhängig wird. Dabei muss das national greifbare Kapital nicht nur direkt "nach unten" umverteilen, sondern auch indirekt, indem es maßgeblich an der Finanzierung des Staates beteiligt wird, der die Menschenmassen ruhigzustellen hat.

Seinen letzten mächtigen Stoß erhielt der Kapitalismus mit der Trennung von Eigentum am und der Verfügung über das Kapital in global agierenden sogenannten Kapitalgesellschaften. Damit hebt sich auch die Trennung von Arbeit, Staat und großem Kapital immer mehr auf, denn alle drei können beteiligt sein, ohne noch wirkliche Verfügungsmacht zu haben, die wenigen mächtigen Spezialisten überlassen bleibt. In Russland, Rotchina und anderswo dagegen sind große Kapitalkonglomerate entstanden, die von einer Melange aus traditionell brutaler Politik und organisiertem (mehr oder weniger stillschweigend geduldetem) Verbrechen beherrscht werden.

 

Alles spricht dafür, dass der inzwischen absehbare Untergang des Lebensraums Erde nur noch durch die weitere Verschmelzung von Großkapital und staatlicher Politik eine kurze Zeit lang aufgehalten werden kann. Der totale Untertan, ob in offen terroristischer oder demokratischer Staatlichkeit, ohnehin nur noch frei in seiner Konsumwahl je nach Geldbeutel, steht damit einem neuartigen Machtgebilde gegenüber, dem er völlig wehrlos ausgeliefert ist. Mit Kapitalismus hat das immer weniger zu tun und immer mehr mit neuen Strukturen, die in manchem an antike Despotien gemahnen.

 

****

 

Die Geschichtsschreibung der letzten tausend Jahre "surft" auf den Wogen eines Meeres unklarer Begriffe, die nicht nur jeweils aktuelle tatsächliche Unklarheit widerspiegeln, sondern sie auch propagandistisch bzw. rechtfertigend nutzen. Dabei sind die Historiker über den größten Teil unserer Zeit direkt den Interessen von Mächtigen unterworfen und seitdem im wesentlich staatlich bestallte Akademiker mit unübersehbarer Neigung zur Identifikation mit der Macht.

 

Die gefällige Unklarheit in unausgegorenen Begriffen hat aber auch damit zu tun, dass Menschen überhaupt in der Regel nur über eine Kurzzeit-Orientierung ihres Handelns im Verhältnis von Absicht und Wirkung verfügen, dass sie zudem in der Komplexität von Zivilisationen die wesentlichen Entscheidungen immer ganz wenigen, die dazu die Macht haben, überlassen müssen und darüber hinaus selbst an der Macht kaum noch über ein über den Tag hinausgehendes Verständnis ihrer Taten verfügen, soweit es nicht ohnehin dubiosen Religionen oder parareligiösen Polit-Ideologien geschuldet ist.

Dazu verhilft ihnen ein Stand der natürlichen Evolution, der ihnen erlaubt, mehr und anderes zu tun, als ihnen auf Dauer guttun kann, und dies in immer schnellerem Tempo. Dadurch findet die notgedrungen im Nachhinein zu betrachtende Geschichte ohnehin quasi im Rücken derer statt, die sie als Akteure gerade betreiben und derer, die sie beschreiben.

Zusammengefasst heißt das, dass eine kritische Geschichtsbetrachtung, sollte sie wenigstens ansatzweise wissenschaftlichen Ansprüchen genügen, Begriffe erst klären muss, bevor sie mit ihnen operiert, als ob es um einen gehobenen Kaffeeklatsch ginge.

 

Kapitalismus sei hier vorläufig definiert als die Dominanz der Bewegungen des Kapitals über alle Arbeits- und Lebensvorgänge, über den ganzen Alltag der Menschen. Kapital wird dabei als ausschließlich durch Investition zum Zweck seiner Vermehrung investiertes Gut verstanden, welches immer auf einem Markt in Geld berechenbar ist, und ist damit von Schatzbildung und Konsum unterschieden. Jede weitergehende Definition wird an den Phänomenen festgemacht werden, in denen Kapital und Kapitalismus auftreten werden. Als historische Phänomene gehören sie dabei nicht in den Kontext von ahistorischen Spezialfächern, sondern in den ihrer Zeit. (Genaueres dazu auch in Anhang 1)

 

Menschwerdung

 

Die frühe Geschichte der Menschheit bis hin zu den antiken Zivilisationen ist deshalb hier wichtig, weil sie die Voraussetzungen dafür liefert, ein historisches und möglichst wenig ideologisches Menschenbild zu erhalten. Ohne dieses ist aber Wissenschaftlichkeit als Anspruch für Geschichtsbetrachtung gar nicht möglich.

 

Ab wann wir von Menschen sprechen können oder wollen, soll hier offen bleiben, da hier keine ideologischen Vorgaben gesetzt werden sollen. Rahmenbedingung für den Vorgang der Menschwerdung ist auf jeden Fall die letzte große Eiszeit von vor etwa 6 Millionen Jahren bis um die Zeit von etwa   12 000. Menschwerdung findet wohl auch darum weit südlich vom damals ewigen Eis statt.

 

Es finden jedenfalls Schritte statt, in denen die sich entwickelnden Menschen physische Schwächen gegenüber bedrohlichen Tieren und Nahrungsmittelkonkurrenten kompensieren. Dazu gehören Steinwerkzeuge, von denen die Forschung annimmt, dass sie vor 2,5 bis 2 Millionen Jahren zum ersten Mal auftauchen. Wenngleich sich Menschen damit noch nicht sehr deutlich von ihren tierischen Verwandten unterscheiden, so ist die Nutzung des Feuers, für die man für die Zeit vor 1,7 Millionen Jahren erste Feuerstellen entdeckt haben will, doch ein markanterer Schritt.

 

Menschliche Vorfahren als sogenannte Hominiden von Atapuerca tauchen vor rund 1,1 Millionen Jahren dann in Europa auf.  Zwischen 600 000 - 100 000 produzieren "Steinzeit-Menschen" "Faustkeile", die ihnen offenbar einen deutlicheren Vorteil vor anderen Tieren geben.

Solche Menschen, wenn man sie jetzt so nennen möchte, sind die Neandert(h)aler, nach ihrem ersten Fundort benannt, die von 230 000/130 000 - 40 000 Europa und Teile Asiens besiedeln. Es wird immer deutlicher, dass der Prozess der Menschwerdung ein inhärentes Erfolgsprogramm der Natur wird, für das Ausbreitung und Vermehrung stehen. Diese frühen Menschen sind offenbar hervorragende Jäger, die Bisons und Mammuts jagen und pflanzliche Nahrung sammeln. Sie wohnen in Höhlen, teilweise über längere Zeit, wandern aber ansonsten in Gruppen umher. Sie verfügen regulär über Feuerstellen zum Kochen. 

Anantomisch sind sie am Ende wohl in der Lage, eine spezifisch menschliche Sprache auszubilden, womit sie eine Trennung in menschengemachte Welt der Vorstellung und die davon losgelöste Wirklichkeit erreichen. Dafür spricht auch, dass sie Menschen aus ihrer Gruppe wohl schon begraben und mit Höhlenmalerei und der Anfertigung von Schmuck beginnen.

 

Um 40 000  wandert der sogenannte homo sapiens wahrscheinlich aus Afrika in Europa ein. Er ist vermutlich dunkelhäutig, hat dunkle Augen und dunkle Haare und hellt sich dann unter der nördlichen Sonne auf. Er erhält dann wenige Prozent Neanderthaler-Gene in der Begegnung mit diesen, welche verschwinden.

 

Vor rund 40 000 Jahren tauchen solche Menschen auf der Schwäbischen Alb bei Blaubeuren auf. Es handelt sich um Höhlen bewohnende Jäger und Sammler, zunehmend Fleischesser besonders im Winter. Gejagt werden vor allem die Herdentiere Wildpferd und Rentier und das Mammut, welches dort um etwa      10 000 ausstirbt.

 

Waren die Neandertaler noch weit voneinander entfernte Horden in einer alles dominierenden Natur, die sich nur langsam verändern, beschleunigt sich die Veränderung mit stärkerer Vermehrung des biologisch heutigen Menschen, auch wenn es sich weiter um Höhlen bewohnende Jäger und Sammler handelt.

 

Mit der 6 cm großen und fett wirkenden Frauengestalt von Hohlefels auf der Schwäbischen Alb mit ihren Riesenbrüsten kommt es zur ersten Menschendarstellung, vorher wurden nur Tiere dargestellt. Auch das Musikinstrument der Flöte kommt hier dazu. Entfernt davon wurden Stoßzahnlager in einer Höhle gefunden, mit denen Perlenproduktion in einer Gruppe mit Steinwerkzeugen stattfand. Schmuck mag dabei Gruppenzugehörigkeit markiert haben bzw. bereits auf menschliche Eitelkeit hindeuten. Bildliche Darstellungen weiten sich über ganz Europa aus.

Höhlenmalereien in Westeuropa werden immer kunstvoller. Den Kunstbegriff der letzten Jahrhunderte darauf anzuwenden, beruht allerdings auf einem Missverständnis.

 

Kapital und Kapitalismus haben also eine Vorgeschichte, die zunächst immer Naturgeschichte ist, wie im 19. Jahrhundert von Darwin und anderen erkannt wurde, und zwar solche, welche die Menschen als Lebewesen und Säugetiere definiert, das heißt nicht religiös oder politisch oder durch andere Machtinstrumente. Dennoch findet im Verlauf der Menschwerdung durch eine besondere Ausbildung des Gehirns im Zusammenhang mit der Entstehung einer komplexeren Sprache ein allmählicher Distanzierungsprozess von der übrigen Natur statt: Menschen beginnen ihr anders als andere Tiere gegenüberzutreten. Instinktive, genetisch tradierte Entscheidungen und solche von anderen erlernte können durch reflektierte abgelöst und relativ schnell tradiert werden. Das ist gravierend neu, und solche Entscheidungen haben eine größere Chance, falsch zu sein, sobald sie - was dann möglich wird - auf Spekulation beruhen. Die lange und langsame Linie der Evolution wird so durch die zunehmend kürzere innovativer Einzelentscheidungen abgelöst, deren allerdings offenbar zunehmend unzulängliches Korrektiv zunächst Erfahrung bleibt. Das Tempo der Naturgeschichte nimmt dabei mit der Menschwerdung zu, - und es wird bis zur Gegenwart immer mehr beschleunigt werden.

 

Sprache verschafft den Menschen kurzfristige Vorteile, aber auch langfristige Nachteile. Indem sie Gegenstände der Wahrnehmung bezeichnet, Dinge, Tätigkeiten und Eigenschaften, verdoppelt es sie in unbezeichnete, sich unentwegt verändernde Wirklichkeit und bezeichnete, dadurch statischer werdende Welt, die, welche vom Lateinischen res abgeleitet ganz spät als "Realität" in die Sprache eingehen wird. Wenn das Deuten auf etwas mit dem Wort verbunden wird, erhält das Wort "Bedeutung", welches sie vom Gegenstand trennt, denn Bedeutung ist immer subjektiv. Mit der logischen Verknüpfung von Wortern und ihrem Assoziationsraum entsteht eine Welt voller Bedeutungen, die nun in Sprache fixiert wird. Welt sei so hier als die vom Menschen für sein Leben und Überleben instrumentalisierte Wirklichkeit bezeichnet, der, da sie bedrohlich bleibt, durch Fiktionen und Illusionen abgeholfen wird. Wirklichkeit selbst sei wiederum als die nicht menschlich fassbare unentwegte Veränderung benannt, deren Erkenntnis in ganz frühen indischen Zivilisationen und bei Vertretern der antik-griechischen Philosophie auftritt, dann aber von fast allen Menschen vermieden wird.

 

Das hat Konsequenzen für Geschichte als Wissenschaft. In der Annäherung an Wirklichkeit kann sie diese doch für jede Vergangenheit in doppelter Hinsicht nicht erreichen: Zum einen entzieht sich Wirklichkeit als Ganze unserer Wahrnehmung, und zum anderen ist sie ohnehin immer vergangen, also in großem Umfang verloren. Andererseits ist der Wunsch, wenigstens "etwas von ihr" einzufangen, die einzige Möglichkeit, jener Welt der Illusionen zu entkommen, die ein psychisches Grundbedürfnis von Menschen zu sein scheint. Nietzsche sprach in diesem Zusammenhang von Angst und Schrecken bei der Konfrontation mit "Wahrheit".

Bis heute wird Geschichte, im wesentlichen von den jeweiligen Machthabern unterstützt und finanziert, als Fortschritt von Macht aus der Sicht von Machthabern erzählt, nur wenig gebrochen durch einen zwischenzeitlichen christlichen Pessimismus, der durch Erlösungsphantasien abgemildert wurde. 

Erst heute, angesichts des immer schnelleren Fortgangs der Vernichtung der natürlichen Grundlagen allen Menschenlebens durch die Menschen selbst, könnte sich ein neues Misstrauen gegenüber der Produktion von Welt durch die Menschen entfalten, wenn nicht zum einen die menschliche Psyche dem massiv widersprechen würde und zum anderen die Menschen sich tatsächlich eine Welt nicht nur in Worten, sondern auch in Taten geschaffen hätten, deren Rücknahme weniger nahe zu liegen scheint als der Weg in den Untergang des Lebensraums Erde.

 

In der Menschwerdung fallen unübersehbar vor allem drei Dinge zusammen: Immer größeres Gehirn bei komplexerer Gehirnstruktur samt Sprachbegabung, Ausbildung von Sprechorganen und ein durch das Jahr anhaltender Fortpflanzungstrieb. Letzterer dürfte ein wesentlicher Faktor gewesen sein, ist das doch schon ein Ergebnis einer gewissen ("biologischen") Überlegenheit über viele Pflanzen und Tiere, die auf kurze Fortpflanzungsphasen angewiesen bleiben, die an natürliche (jahreszeitliche) Bedingungen für den Erfolg des Nachwuchses bzw. seiner Aufzucht gekoppelt sind. Dass Kinder nun durch das Jahr geboren werden können und dennoch überleben, ist gewissermaßen ein Triumph der Evolution, die damit und mit den Folgen quasi den König der Tiere hervorbringt, andererseits aber in kaum bislang dagewesenem Maße diesem die Möglichkeit einräumt, die übrigen Lebewesen zu dezimieren und am Ende auszurotten und so endlich seine eigenen Lebensgrundlagen zu vernichten. Zunächst wird es aber dazu ein Korrektiv geben: Wo zu viele Pflanzen und Tiere abgeräumt worden sind, muss man weiterziehen. Ist der Platz anderswo schon besetzt, schlägt man sich unter Umständen gegenseitig tot. Zum Erfolgsprogramm des Menschen gehört auch eine neuartige Gewalttätigkeit untereinander.

 

Die Evolution ist zufällig und blind und gehorcht keinem klugen Gott. Sie verläuft über Erfolg und Misserfolg, trial and error. Dabei ist immer die Verbindung des kurzfristigen Erfolges mit dem langfristigen Misserfolg möglich. Die nun beim Menschen einsetzende Allgegenwart des Geschlechtstriebes führt zu einer nicht mehr auf eine kurze Phase im Jahr begrenzten sexuellen Konkurrenz untereinander, die darum nun wiederum gebändigt werden muss, um das Überleben der Gattung und ihre weitere Karriere zu sichern: Formen von Ehe und Verwandtschaft bezähmen diesen Konkurrenzkampf mehr oder weniger intern. Die Konkurrenz ansonsten bleibt dabei und wird so vielleicht auch noch verstärkt.

Zu den Besonderheiten in der Menschwerdung gehört die lange Zeit, bis Kinder so weit sind, sich selbst ernähren und schützen zu können. Zur notwendigen, nun lang anhaltenden Elternschaft kommt so die Gruppenbildung über biologische Verwandtschaft und darüber hinausgehende ideelle Formen von "Verwandtschaft". Wichtigste Aufgaben solcher Gruppen sind Ernährung und Schutz insbesondere auch des Nachwuchses vor konkurrierenden Tieren und anderen Menschengruppen.

 

Geschlechtlichkeit ist ein Erfolgsprogramm der Evolution und dient der Entwicklung immer komplexerer Spezies. Da sie beim Menschen als Sonderfall mit der Geschlechtsreife nicht mehr zur kurzzeitigen Geilheit mit ihren Konkurrenzkämpfen führt, sondern durchs Jahr die Menschen antreibt, die Kinderaufzucht aber für viele Jahre gewährleistet werden muss, muss eine besondere Beziehung zwischen Eltern und Kindern gewährleistet sein, welche nur über die Ehe und Familie hergestellt werden kann. 

Aus Ehe und Familie entwickelt sich weitergehende Verwandtschaft, die dann durch ideelle Verwandtschaft Vergesellschaftung in Gemeinschaften hervorbringt. Gemeinschaften seien hier definiert als Gesellschaften, die ein gemeinsames Leben führen. Gesellschaften können aber, wie noch zu sehen sein wird, auch von solchen Menschen gebildet werden, die darin nur einen oder mehrere Aspekte des Lebens gemeinsam haben, einen Kult oder ein Gewerbe zum Beispiel.

Ehe, Familie und Verwandtschaft haben, was die kurzzeitige Befriedigung des Geschlechtstrieb betrifft, erhebliche Verzichtsleistungen zur Voraussetzung: Sie beinhalten den steten Versuch des Verzichts auf die Kopulation mit anderen als dem anderen Elternteil. Dazu kommt für den langfristigen evolutionären Vorteil der Verzicht auf die Partnerwahl unter engen Verwandten: Man paart sich nicht mit den Geschwistern, Eltern und manchmal darüber hinaus.

Dass es sich nicht um ein moralisches Rezept handelt erweist sich daran, dass es besonders auf die weibliche Seite zugeschnitten wird, die eben den Nachwuchs hervorzubringen hat. Wie massive Verzichtsleistungen diese Mühen der Kultivierung des Geschlechtstriebes bedeuten, erweist sich heute, wo in verfallenden Zivilisationen ihre Erleichterung durch das Einüben als Selbstverständlichkeit fortfällt und die Mühen der Vergemeinschaftung durch ungebundene Triebbefriedigung immer mehr zunehmen. Das resultiert dann im Absterben selbst großer Völkerschaften, für die die politischen Vertreter des großen Kapitals als Ersatz andere importieren.

 

Zurück in die Frühzeit der Menschen. Es muss Spekulation bleiben, was hier damals geschah. Aber es erscheint plausibel, eine Art Interdependenz von allgegenwärtigem Geschlechtstrieb, einem menschliche Sprache ermöglichendem Gehirn und den zugleich notwendigen Sprechorganen anzunehmen, denn sie bedingen sich für das Überleben und den Erfolgsweg des Menschen gegenseitig.

 

Kultur(en)

 

Die Bezähmung des spezifisch menschlichen Geschlechtstriebes, ihre Domestizierung in Gesellschaften, die hier noch nur vage als Gruppen bezeichnet werden können, ist eine Art erste Kulturleistung des Menschen, die ohne sprachliche Kommunikation kaum denkbar gewesen wäre. Dazu kommt eine zweite, mit der ersten wiederum aller Wahrscheinlichkeit nach interdependenten, nämlich der aufrechte Gang und die unterschiedliche Nutzung der Vorder- und Hinterbeine. Erst in dieser Summe seiner Möglichkeiten gelingt es den Menschen, sich massiv zu vermehren und über die Erde auszubreiten.

 

Der aufrechte Gang verändert Menschen ganz massiv: Anders als bei seinen nächsten Verwandten erweitert sich nicht nur die Sicht, sondern man kann die Beine auf das Stehen und Laufen und die Arme und Hände auf andere Tätigkeiten spezialisieren. Însbesondere kann man Werkzeuge aus besonders geeignetem Gestein herstellen, die zunächst wohl besonders als Waffen dienen. Damit kann der Fleischkonsum gesteigert werden, was besonders dem Gehirnwachstum durch erhebliche Energiezufuhr dient. Die Nutzung eines gezähmten Feuers vergößert die Energieausbeute insbesondere aus Fleisch noch einmal.

 

Zugleich hat der aufrechte Gang gravierende Auswirkungen auf den Fortpflanzungstrieb: Der bei den verwandten Tieren wenig lustvolle Koitus von hinten, hervorgerufen durch die in kurzen Phasen signalisierte Fortpflanzungsbereitschaft des weiblichen Geschlechtes, wird ersetzt durch den von Angesicht zu Angesicht, personalisierter nun, und die stets gerundete weibliche Brust als Signal fast dauernder Empfängnisbereitschaft, als Ersatz nämlich für die Hinterbacken. Das wird ergänzt durch mehr Lust erzeugende und nachfragende Geschlechtsorgane, die immer wieder nach Befriedigung, also Erschöpfung des Triebes rufen.

 

Mit den nun auf das Sammeln und Erjagen von Nahrung spezialisierten Armen und Händen, der mit den Mitteln sprachlicher Kommunikation gelingenden Zähmung des Geschlechtstriebes und Vergesellschaftung in Gruppen, der Objektivierung von "Natur" im reflektierenden und spekulierenden Denken erweist sich der Mensch als seinen unmittelbaren tierischen Konkurrenten auf die Dauer als überlegen und bevölkert nach und nach immer größere Teile der Erde.

Zähmung der Triebhaftigkeit bis hin zur Impulskontrolle als elementare Aspekte von Vergesellschaftung sollen hier als wesentliche Ansätze von menschlicher Kulturbildung bezeichnet werden. Verwendung findet dabei hier ein antik-römischer Begriff, auch wenn der unter ganz anderen Umständen etwas ein Stück weit anderes meint: In ihr ist natura die lebendige Welt jenseits menschlicher Eingriffe und cultura der pflegliche Umgang mit dieser Natur, abgeleitet von den Wörtern für die Tätigkeiten des Gebärens und des Pflegens.

 

Solche späte Begriffsbildung unter Bedingungen von Zivilisierung, etwas viel späterem, taugt für unseren Text nur notgedrungen und in soweit, als es an anderen Begriffen mangelt. Hier soll Kultur als die Leistung der vergesellschafteten Bewältigung der natürlichen Absonderlichkeiten dienen, die sich in der Menschwerdung entwickeln. Wenn man sich für einen Moment aus dem angeborenen Gefängnis der kausalen Struktur unseres Denkens befreit, dann sollte man dabei besser notdürftig von Interdependenzen reden, auch wenn wir uns solche schwerer vorstellen können. Aufrechter Gang, spezifische Geschlechtlichkeit, Sprache und Vergesellschaftung hängen aber im Ursprung voneinander ab.

 

Dabei soll Gesellschaft in seiner ursprünglichen Bedeutung beibehalten werden, nämlich als das bewusste sich zueinander Gesellen mit dem Ziel einer gewissen Dauerhaftigkeit. Das seit dem 19. Jahrhundert modische Soziologen-Kauderwelsch, welches unter anderem verunklarend Gesellschaft mit Einwohnerschaft oder Untertanenverband gleichsetzt, soll hier grundsätzlich außen vor bleiben. Die beiden letzteren Begriffe genügen völlig.

 

Vermutlich ist für die spezifisch menschliche Form der Vergesellschaftung in der Zeit der Kulturbildung noch ein weiterer Faktor elementar: Die feine bloße Gesichtshaut und die menschliche Gesichtsmuskulatur erlauben es, sehr detailliert innere Regungen außen darzustellen und beim anderen wahrzunehmen. Dabei dürfte das zu einer Interdependenz mit der Entwicklung eines differenzierteren Gefühlshaushaltes über grundlegende Emotionen hinaus geführt haben. Das wiederum dürfte die Empathie, das Einfühlungsvermögen gefördert haben, welches Sprache als Mittel gehobenerer Kommunikation und nicht nur der schieren Bezeichnung durch Laute gefördert haben mag. Solche Interaktion schließlich scheint Voraussetzung für spezifisch menschliche Vergesellschaftung zu sein.

 

In der Kultur vereinen sich so die Vorteile des Menschen vor den übrigen Lebewesen mit der Bewältigung ihrer Nachteile, die diese zugleich sind.

 

Am Ende von 'Warum Krieg' formuliert Freud an Einstein: Ich meine das Folgende: Seit unvordenklichen Zeiten zieht sich über die Menschheit der Prozess der Kulturentwicklung hin. (Ich weiß, andere heißen ihn lieber: Zivilisation.) Diesem Prozess verdanken wir das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden.

Das, was Freud als Leiden an der Kultur bezeichnet, ist das Leiden an der Bewältigung der Menschwerdung, der Teil-Bezähmung von immer aggressiver Triebhaftigkeit und überhaupt aggressiven Impulsen, die Kulturbildung als Vergesellschaftung verhindern würden. Solche Unterdrückung als Verzichtsleistung führt zu wiederkehrenden Frustrationen unmittelbar und zur Verlagerung von Triebenergie aus den (immer kleinen und überschaubaren) Gesellschaften heraus nach außen. Was in manchen Kulturen als rituelle Raubüberfälle auf Nachbargemeinschaften stattfindet, wird in Zivilisationen zur Institution von Kriegen mit professionalisiertem Militär werden. Ein noch dunkleres Kapitel ist die Verlagerung von Triebenergie in nicht mehr unmittelbar bewusste Areale im Menschen, ihre Transformation und ihr Wieder-Auftauchen in ganz anderen Zusammenhängen. Dies soll aber erst im Zeitalter des Kapitalismus beschrieben werden, wo so etwas langsam besser dokumentiert ist.

 

Der Begriff Kultur kann natürlich ohnehin wie jedes historische Begreifen erst im Nachherein entstehen und ist erst dort dokumentiert, wo angemessene Schriftlichkeit vorhanden ist. Voraussetzung für Kultur aber ist Sprache und damit das Tradieren von Erfahrung als unmittelbarer Bezug zu wahrgenommener Wirklichkeit. Voraussetzung für Kultur wird dort zerstört, wo sie unter das Diktat institutionalisierter Macht gerät, das, was hier Zivilisation heißen soll, anders als bei Freud, der den moralisch-überheblichen Unterton in "Zivilisation" vermeiden möchte. Das aber gehört in das nächste Kapitel.

 

Nach der römischen Antike mit ihrem zivilisatorischen Kulturbegriff  gerät dieser unter die Fuchtel eines judäo-christlichen Zerrspiegels und verkommt schließlich zum Religionsersatz eines gehobenen "bürgerlichen" Amüsierprogramms, welches mit dem hier favorisierten Begriff überhaupt nichts mehr zu tun hat und heute in der durchkommerzialisierten Amüsierindustrie für eine Bevölkerung als ohnmächtige Konsumentenmasse verendet. Wir bleiben hier bei der historisch erworbenen Vorstellung, die sich noch an den letzten überlebenden Kulturen der letzten Jahrhunderte verifizieren ließ, bevor auch diese zerstört wurden.

 

****

 

Innovation und Kompensation bilden in der menschlichen Natur eine Einheit. Die Produktion von Welt in den Köpfen der Menschen und ihre Absetzung von unmittelbar sinnlich erfahrbarer Wirklichkeit hängt mit der Veränderung der Gehirne und der Entstehung der spezifisch menschlichen Sprechorgane zusammen und kompensiert die daraus entstehenden Irritationen. "Technische" Verbesserungen kompensieren Bevölkerungswachstum und beruhen auf ihm.

 

All das ist als menschliches Erfolgsprogramm zugleich eine erste Katastrophe für die übrige lebendige Natur, und zwar als sich entwickelnde Überlegenheit des Menschen über seine irdischen Mitbewohner, die er alles in allem rücksichtslos ausnutzen wird.

 

Die zweite Katastrophe wird die Entdeckung von Gartenbau/Ackerbau und Viehzucht, von einer technisch fixierten Archäologie als Jungsteinzeit benannt.

 

In den Kulturen - um soweit bei der antiken Definition zu bleiben - treten die  Menschen der sie umgebenden und der eigenen Natur gegenüber, beide werden zum sprachlich und darüber hinaus bildlich vermittelten Objekt. Dabei sehen sich die Menschen aber zunächst noch als Teil der Natur, und dort, wo sie erfolgreich sind, gehen sie auch pfleglich mit ihr um. Aber dort, wo es ihnen in einigen wenigen Gegenden gelingt, sich erheblich zu vermehren, genügt es nicht mehr, Nahrung zu erjagen und einzusammeln oder sich gegenseitig so zu dezimieren, dass es für die Überlebenden reicht. Vermutlich einige und zwar sicherlich ganz wenige Erfindungsreiche entdecken nun den Anbau von Nahrungspflanzen und die Zucht von Tieren.

 

Ab etwa 12 000 setzen im nahen Orient durch äußere Zwänge bedingte Veränderungen ein. Wildgräser werden erst durch Sammeln genutzt und im Gebiet des fruchtbaren Halbmondes dann zu Getreide domestiziert (Emmer Einkorn Gerste). Sesshaftigkeit fördert Züchtung, aber Züchtung erleichtert auch Sesshaftigkeit. Dabei kann es auch zu jagdlicher Übernutzung bei frühen Fällen von relativer Sesshaftigkeit gekommen sein.

 

Da insbesondere Ackerbau erheblich mühsamer ist als Jagen und Sammeln, kann man davon ausgehen, dass sein Einsatz aus der Not geboren ist. Darum wird er auch als jener Sündenfall beschrieben, der den Verlust des Paradieses nach sich zieht. Andererseits löst dieser Vorgang eine bis heute anhaltende Dynamik aus. 

 

Die Kenntnis der Natur und damit auch der eigenen wird erheblich erweitert, insbesondere im Bereich der Geschlechtlichkeit bzw. Fortpflanzung, Zum Getreide kommen nun Erbsen und Linsen, später Oliven und Wein.

Daneben entsteht Tierzucht (Schafe Kühe Schweine Ziegen), wobei reine Viehhirten oft bei einer nomadischen Lebensweise bleiben. Es kommt zur Nutzung erst von Fleisch und Fell und dann von Milch. Schließlich werden Zugtiere im Ackerbau eingesetzt.

 

Das mühsam errungene bessere Nahrungsangebot steigert die Fruchtbarkeit der Menschen enorm. Folge sind erheblich mehr Menschen, die nun auf die neue Wirtschaftsweise angewiesen sind. Es gibt für sie keinen Weg mehr zurück. Offenbar treten auch neue Krankheiten wie die Tuberkulose auf, was sicher auf die Verdichtung von Bevölkerung zurückzuführen ist.

 

Werkzeuge aus Stein erhalten Holzgriffe. Saisonaler Garten- und Ackerbau nötigt zur Vorratshaltung, und so wird die  Keramik erfunden, vorläufig noch ohne Töpferscheibe. Nicht nur dichtere Bevölkerung, sondern auch Spezialisierung führt zur Arbeitsteilung. Dazu kommt auch vertikalere Aufteilung durch Häuptlingstum und Priester. Arbeitsteilung ist dabei Effektivierung, aber zugleich auch Vereinseitigung in spezifische Tätigkeiten und zudem abnehmende Übersichtlichkeit der menschengemachten Welt.

 

Eine weitere schwerwiegende Veränderung stellt die Entstehung von Besitzformen mit unterschiedlich großem Eigentum, was langfristig zur Verwandlung von Kulturen hin zu Zivilisationen führen wird.

 

Schließlich wird so nun Natur durch Kulturlandschaft ersetzt, was die Erde im Laufe der Zeit enorm verändern wird. Dabei beginnt ein Verdrängungsprozess von Tier- und Pflanzenarten, Anfang des Weges hin zu ihrer Ausrottung.

 

Um 10 000 tauchen Bauern in Anatolien auf. Um 7500 kommt es zur Einwanderung nach Europa, wobei Pflanzensamen und Tiere mitgenommen werden. Die alte Bevölkerung wandert dabei zum Teil nach Norden. In Europa beginnt diese neue Phase mit den Bandkeramikern um 5500/5000, die sich zunächst in fruchtbarem Lössboden Mitteleuropas niederlassen. Sie verwenden erhebliche Mühen auf dauerhafte große Langhäuser aus massiven Baumstämmen, die zu mehreren zu kleinen "Dörfern" zusammenfinden. Um 4500 verschwinden diese Kulturen und um 4000 tauchen dann an stehenden Gewässern Pfahlbausiedlungen aus kleineren und weniger dauerhaften Holzhäusern auf.  Kulturlandschaften als offene, entwaldete Landschaften mit Sekundärwäldern und Hecken entstehen.

 

Handel findet nun auch in Europa über immer weitere Strecken statt. Mit Ackerbau, Viehzucht, Handwerk und Handel nimmt die Arbeitsteilung immer weiter zu.

 

Der Prozess der Menschwerdung ist einer der Bildung von Kulturen, die an die jeweiligen natürlichen Lebensbedingungen geknüpft sind. Er macht den größten Teil der Menschheitsgeschichte aus. Ihre Betrachtung sollte sie weder verächtlich machen, wie das in Zivilisationen bis heute üblich ist, noch sollte man in jene Idealisierung verfallen, wie sie im 18. Jahrhundert bei wenigen Belesenen einsetzt, wo dann von "edlen Wilden" und ähnlichem die Rede ist.

 

Ackerbau und Viehzucht sind erste Voraussetzungen dafür, dass einmal viel später Kapitalismus entstehen kann, von wenigen eingerichtet, während die meisten Menschen dabei zunächst Bauern bleiben. Nicht als Steinzeit, die mit der Bronzezeit bereits endet, aber als vornehmliche Welt von Ackerbauern, Viehzüchtern und Gärtnern wird diese Epoche bis ins 18.-20. Jahrhundert andauern und erst mit der Industrialisierung der Landwirtschaft und Zerstörung des produktiven Handwerks enden.

 

Von den Kulturen zur Zivilisation

 

Die Menschen lassen nicht nur Steppen und Wiesen abweiden und verwandeln Naturland in Äcker, sie beginnen Ton der Erde zu entnehmen, mit denen sie Gefäße vor allem zwecks Vorratshaltung formen, es gibt mehr Handel. Es kommt zu zunehmender vertikaler Differenzierung. Die Beobachtung des Sonnenlaufes nicht zuletzt zur Fixierung eines Aussaatdatums setzt ein. Dafür entwickeln sich wohl Experten zu herausragenden Kultfachleuten.     

 

Besonders ein Faktor führt auf dem Weg von der Kultur zur Zivilisation Veränderung herbei: Während Jagen und Sammeln nur soweit stattfand, wie Bedarf nach Nahrungsmitteln bestand, ergibt die tägliche Arbeit in Ackerbau und Viehzucht als zunächst gelegentlichen Nebeneffekt die Produktion von Überschüssen. Diese können Warentausch bzw. Handel in größerem Maßstab ermöglichen, dabei auch mehr Abtrennung von vollberuflichem Handwerk ermöglichen, welches seine Waren gegen Lebensmittel eintauscht, aber sie können auch Spezialisten für ausgefeiltere Kulte ernähren, die sich bei fest installierten Kultorten das Monopol über Rituale und Zeremonien aneignen.

Bei den Kulten handelt es sich überall zunächst um Versöhnungsrituale mit einer Natur, auf deren Kräfte eingewirkt werden soll und der man zunehmend mehr als andere Tiere etwas entnimmt. Daneben gibt es schon früh Versuche, sich nicht mehr mit dem eigenen Tod abfinden zu wollen. Offenbar entwickeln Kultspezialisten einer ansatzweise theoretisierenden Vernunft dann bis hin zu Mythen sich entfaltende Erklärungsversuche, die nicht nur die eigene Bedeutung steigern, sondern erfahrbare Wirklichkeit in gedeutete Welt verwandeln.

 

Priester legitimieren die Macht von Herrschern "religiös" und verschaffen ihr Akzeptanz bei den Untertanen. Die Untertanen werden darauf orientiert, sich mit den Machthabern zu identifizieren, die als von Göttern eingesetzt gelten oder selbst vergöttert werden. Die Herrscher umgeben sich dabei mit einer Pracht, die offenbar zur Identifikation einlädt, auch wenn sie aus den Abgaben dieser produktiv arbeitenden Menschenmassen herrührt.

 

Es ist aufgrund der archäologischen Funde und Ausgrabungen zu vermuten, dass die Priestermacht vor der der "weltlichen" Herrscher erscheint. Findige Kultexperten erweitern die Aufgaben von Kultorten durch die Mischung aus ernsthafter Beobachtung von Himmelskörpern samt kalendarischer Funktionen für Aussaat, Ernte und ähnlichem mit dem Zusammenfabulieren einer "überirdischen" oder ins Übernatürliche hineinreichenden Götterwelt, zu der sie nun als Vermittler auftreten. Für ihre angemaßten "Aufgaben" verlangen sie nun manchmal mehr Abgaben und zum Teil enorme Arbeitsdienste.

Echtes und fabuliertes Wissen trifft auf Menschen, die nach befriedigenden Erklärungen für eine Wirklichkeit suchen, die sich immer mehr in belebte Natur und unbelebte Welt teilt.

Priestermacht etabliert sich dabei auch über magische Rituale, die aus ihnen staunenswerte Zauberer machen. Dabei häufen solche Priester "Wissen" an, welches sie zunehmend für sich behalten.

Oft ist das Opfer eine zentrale Aufgabe von Kulten. Ursprünglich gibt man etwas aus der Natur bestimmten Naturkräften zurück. Priester werden dann im Laufe der Zeit zu Opferspezialisten und nehmen das zu Opfernde von den "Laien" an. Daraus kann sich ein veritables Abgabensystem entwickeln, welches machtgierige Laien zur "weltlichen" Beteiligung oder Nachahmung einlädt. Immer aber wird Macht über "geistliches" Fabulieren bzw. im Bündnis mit diesem entwickelt, lange bevor dieses von sich rationaler gebenden Polit-Ideologien abgelöst wird, wie sie schon in der "klassischen" Mittelmeerantike auftauchen..

 

Solche mit Kulten befasste und die Welt mythisch erklärende Priester inspirieren offenbar andere, von ihrer Wichtigkeit überzeugte und von Machtgier getriebene Menschen dazu, im Bund mit diesen Kultexperten durch praktische Versprechungen und dann auch mit Gewalt ebenfalls Macht zu übernehmen, diesmal nicht nur über die Köpfe, sondern vor allem über die Arbeitskraft der Menschen.

 

Mit Göbekli Tepe treten ab 11 000, kurz vor dem Übergang zum Ackerbau, frühe kultische Megalithbauten auf. Als Vorläufer städtischer Siedlungen gilt Jericho ab 9000.

Um 4000 gelangen Siedler aus der Ägäis nach England und um 3000 beginnt die Anlage von Stonehenge. In der Gegend werden größere Landschaften entwaldet.

Megalithanlagen entstehen bei Carnac in der Bretagne und auf Malta. Wo immer solche Bauten entstehen, weisen sie auf die Unterordnung vieler unter Einzelne hin.

Zwischen 4000 und 3000 entstehen städtische Siedlungen in Ägypten und Mesopotamien, zentral gesteuerte Bewässerung führt zum Großreich der Pharaonen und der Tempelwirtschaft in die Mesopotamien, die wiederum zum Sumerer-Reich führt. Schriften entstehen, die zunächst dem Aufbau von Herrschaft dienen. Der Fernhandel nimmt zu.

 

Solche Herren sammeln dann solange Macht an, bis sie um 3000 vor unserer Zeitrechnung zu großen Despoten werden können. Als Despoten bezeichnen wir hier jene Herrscher, die im Sinne des altgriechischen Wortes despotes (Herr) danach trachten, möglichst unumschränkte persönliche Macht über ihre Untertanen zu erhalten.

 

In diesen Despotien werden von Priesterschaft und Herrschern Gewalttätigkeit und Grausamkeit als höchste Tugenden gefeiert. Despoten identifizieren sich mit den Tieren, denen höchste Grausamkeit attestiert wird, Löwen, Adlern, Schlangen usw. Ein Teil des Götter"himmels" repräsentiert ebenfalls diese enorme Gewalttätigkeit. Das bezieht sich  nicht nur auf die Macht der Herrscher nach innen, sondern insbesondere nach außen. Aus gelegentlichen überschaubaren Raubzügen werden nun Kriege, die mit professionalisierten Militärs durchgeführt werden und immer größere Areale überziehen.

 

Um 3000 tauchen Räder in Sumer und sogar bei mitteleuropäischen Pfahlbauern Vorformen von Karren auf.

 

Steinzeitliche Zivilisationen entstehen auch anderswo, in Amerika schon lange vor der Zeitenwende. Zwischen 3000 v.d.Zt. und 1300 n.d.Zt. existieren die stadtbasierten Mayareiche. Tiahuanaco beginnt um 1500 v.d.Zt., Teotihuacan floriert zwischen 600 vor und 700 nach unserer Zeitrechnung. Um 3200 v.d.Zt. entsteht mit dem chinesischen Liangshu eine komplexe große Stadt.

 

Die Wahnhaftigkeit von zum Despotischen tendierender Zivilisation lässt sich nirgendwo besser erkennen als an den gigantoimanischen Großbauten der späten Steinzeit, wo mit geringen Hilfsmitteln abstruse Grabmähler für Potentaten wie die ägyptischen Pyramiden oder mit riesigen Steinblöcken errichtete Kultanlagen für die Machtentfaltung von Priesterschaften errichtet werden. Die Instrumentalisierung von Menschenmassen im Machtinteresse weniger beginnt, die dann ihre Vollendung in uniformen militärischen Massen findet, die sich gegenseitig zermetzeln und töten.

 

Solche Entwicklungen geschehen nicht überall zeitgleich und erst in den letzten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung werden die letzten Kulturen von Jägern und Sammlern auf Erden im Namen eines alles zerstörenden Fortschritts vernichtet. Fortschritt sei dabei von Veränderung unterschieden, aus der sich ohnehin Wirklichkeit zusammensetzt. Vielmehr sei damit jener Glaube an die Fähigkeit des Menschen als Weltverbesserer gemeint, der sich im Verlauf des Kapitalismus an die Stelle des außerweltlichen Schöpfergottes zu einem Gott aus eigener Kraft hinauf-"adeln" wird.

 

Zurück zur Vergangenheit: Kultur ist einmal der Vorgang der Vergesellschaftung in (kleinen) Gemeinschaften mit allem, was dazu gehört und dafür nötig ist, und sie beruht zum anderen vorwiegend auf Tradition. Dies Wort kommt so im 16. Jahrhundert als Ableitung des lateinischen traditio in die deutsche Sprache und bezeichnet wie dort Überlieferung. In Kulturen findet Tradition als überlieferter und ständig fortgeführter Lernprozess statt, der zudem gemeinschaftlich ist, wobei die Lernfähigkeit und Möglichkeit der internen Beeinflussung vermutlich schon früh unterschiedlich verteilt war. Elementar für Kulturen ist das Fehlen von Schriftlichkeit, da diese von Machthabern fixiert, was in Kulturen in stetem Fluss bleibt.

Das kann auch so verdeutlicht werden: Dieser mehr oder weniger gemeinsame Lernprozess wird in Zivilisationen, die immer auf Kulturen aufbauen, durch Gewalttaten der Unterwerfung und Machtworte, die dann in Gesetze münden, zunehmend verringert. An erster Stelle steht nun nicht mehr Lernen aus Erfahrung, sondern stehen die Vorgaben der Machthaber. Das erste, was Menschen nun lernen müssen, ist Gehorsam. Die vordringliche Erfahrung wird nun die des überlebenswichtigen Umgangs mit der institutionalisierten Macht.

Der Macht nützliche Aspekte von insgesamt absterbender Kultur werden übernommen und so verändert, dass sie der Machtausübung dienlich werden. Wer dann zum Beispiel heutzutage von der Kultur des Pharaonenreiches spricht, verwechselt Kultur und Zivilisation bzw. versucht, einen klaren Zivilisationsbegriff zwecks bequemer Unklarheit - einer besonders deutscher Untugend - zu vermeiden. Das ist heute besonders kurios, wo andererseits das politisch korrekte Newspeak der BRD die Amüsierindustrie als Kultur bezeichnet.

Besser beschreiben können wird man die Restphänomene absterbender Kultur dort, wo die Einheit aus christlicher Kirche und gewalttätigem Machtappparat keltische, germanische und slawische Kulturen zerstören wird sowie später die außereuropäischer Gegenden, und einige wenige Autoren etwas von deren verschwindenden, allerdings oft dann schon anzivilisierten Verhältnissen überliefern. Dabei gibt es in Machtstrukturen aufgehende Gemeinschaften, die sich mit Händen und Füßen gegen die Vernichtung wehren, andererseits aber auch die Erfahrung, dass Zivilisationen nicht selten verlockend erscheinen, wie bei jenen vielen germanischen Gruppen der Völkerwanderungszeit, die sich in der römischen Zivilisation etablieren und von ihr "profitieren" wollen.

 

Ein Weg in Zivilisation funktioniert über die natürliche Ungleichheit der Menschen, die einige rücksichtsloser und wirtschaftlich erfolgreicher als andere werden lässt. Auf diesem Weg entstehen über Talent und Gewalt Aristokratien, wie im antiken Hellas sich solche Gruppen selbst nennen, indem sich sich als die "Besseren" (aristos) bezeichnen und daraus ableiten, nicht mehr selbst arbeiten zu müssen, sondern andere, die zu wenig abbekamen, für sich arbeiten zu lassen. Derweil kann man sich als Aristokrat dem Vergnügen hingeben, zu dem bewaffnete Gewalt bis hin zu größeren Kriegszügen gehört.

 

Dieser Weg von den Kulturen in die dann siegreichen Zivilisationen verlangt einige grundsätzliche Anmerkungen. Zunächst ist festzustellen, dass nicht nur die Geschlechter, sondern auch alle Menschen untereinander verschieden sind, und zwar von Geburt an wie auch durch die Bedingungen, unter denen sie aufwachsen. Es gibt in vielerlei Hinsicht Klügere bzw. Intelligentere und andererseits Dümmere. Nur extrem wenige besitzen zum Beispiel das Talent, Erfindungen zu machen, Neuerungen einzuführen. Alle anderen müssen dazu angeleitet werden, mehr oder weniger damit umgehen zu können. Erfolg hin zu Machtausübung ist aber nicht nur eine Frage des Talentes, sondern auch des Maßes an rücksichtsloser Gewalttätigkeit, die sich mit Klugheit paart. Die Trennung in Herren und Knechte, wie es das deutsche Mittelalter bezeichnen wird, besiert natürlich auch auf Zufällen des Glückes, welches Menschen zuteil wird, der fortuna, wie das Lateiner nannten. 

Zwei Faktoren gehören dazu: Ein der Natur eingeborener Wille zur Macht, wie Nietzsche das nannte, und das ebenfalls allen komplexeren Lebewesen eingeborene Phänomen der Gier. Der Wille zur Macht treibt ursprünglich dazu, sich möglichst gute Möglichkeiten zu schaffen, um erfolgreich Nachkommen zu bekommen und groß zu ziehen. Macht aber ist der Raum der Möglichkeiten, die jemand besitzt und dieser Wille zur Macht scheint bei Menschen unterschiedlich ausgeprägt zu sein.

Das zweite ist das Naturphänomen der Gier, welches ursprünglich dafür sorgt, dass man in Zeiten des Überflusses mehr Nahrung zu sich nimmt als gewöhnlich nötig, gierig wird, weil die Natur immer auch Phasen des Mangels kennt. Diese Gier kann sich beim Menschen aber auf alles mögliche andere als nur Nahrung übertragen. Talente, ausgeprägterer Wille zur Macht und Gier bringen dort, wo das geschieht, die Herrenschicht hervor und verurteilen die anderen dazu, Knechte zu werden.

 

Macht, und das wird später für die Entstehung des Kapitalismus wichtig, kann sich dabei auf verschiedene Weise darstellen. Da ist zunächst einmal wirtschaftliche Macht, die auf Eigentum an Grund und Boden, Vieh und Werkzeugen beruht, und die bei Ackerbauern mit Viehzucht schnell zumindest so verschieden ist wie es Menschen sind. Sobald sich von ihnen Handwerker und Händler lösen, was in Ansätzen sehr früh geschieht, basiert ihre Macht auf Kunstfertigkeiten und Talenten und zunehmend auch auf Tauschmitteln.

Die andere Macht ist die über Menschen, die man für seine Zwecke benutzen kann. Sie wird an oberster Stelle von Priestern und "weltlichen" Herrschern ausgeübt. Beide verlangen Abgaben von den nun Untertanen und die Herrscher zudem Kriegsdienste zur Erweiterung ihrer Macht.

 

Macht über ihr untertane Menschen tendiert dazu, diese von Entscheidungsprozessen auszuschließen. Umgekehrt aber führt das dazu, dass sie aus vielen Gründen unfähig werden, selbst zu entscheiden über jenen Bereich hinaus, den die antiken Römer als den privaten (privatus) bezeichneten, den des persönlichen Haushaltes. Sie sahen dabei den öffentlichen (publicus) als jenen an, in dem Macht über die vielen privaten Haushalte ausgeübt wird.

Ein Aspekt dieser Trennung in allgemeine Entscheider und den privaten Raum wird sein, dass komplexere Strukturen möglich werden, in die hinein den meisten Menschen dann der Einblick fehlt, insbesondere, wenn ihnen produktive Arbeit auch noch die Zeit dafür raubt. Als durchgehende Regel kann gelten, dass die Masse der Menschen umso ohnmächtiger wird, je komplexer die menschengemachten Strukturen werden, in denen sie existieren. Eine zweite Regel besagt, dass je größer die Wahrnehmung eigener Ohnmacht ist, desto größer die Neigung zur Identifikation mit besonders übermachtigen Anführern. Beides scheint auch heute noch zu gelten.

Priester können zudem damit operieren, dass es in komplexer werdenden Kulturen offenbar immer unerträglicher wird, anzuerkennen, wie wenig man wirklich weiß und wissen kann, so dass man aus dem Manko stärker in den viel intensiveren Bereich des Glaubens entkommen möchte. Erst wenn der späte Kapitalismus in seinen Metropolregionen die Macht der Priester bricht, werden politische Ideologien als deutlich verlogenerer Religionsersatz die Oberhand gewinnen.

 

Damit sind wir bereits längst in jenen Zuständen, die hier als Zivilisation bezeichnet werden.

Etwas aber sollte hier noch geklärt werden:Geschichte mit dem (eingeschränkten) Anspruch an Wissenschaftlichkeit muss als erstes zwischen Wissen und Spekulation unterscheiden, - und über frühe Kulturen lässt sich fast nur spekulieren. Frühen Zivilisationen ergeht es nur geringfügig besser, insofern als nun mehr Reste vorhanden sind und zudem dann frühe, aber nicht leicht verständliche Texte. Ein gutes Stück weit wird das so bleiben, und deshalb muss sich Spekulation so gut wie möglich begründen, das heißt sie muss auf den vorhandenen Überresten und unseren heutigen übrigen Kenntnissen insbesondere vom Menschen aufbauen.

 

Hier sollte sie als Geschichte der Menschen und zwar aller und insbesondere dann der im lateinischen Abendland eines langen Mittelalters verstanden werden, obwohl wir aus dieser Zeit vorwiegend Informationen über die Reichen und Mächtigen erhalten, aber immerhin mehr materielle Zeugnisse. Eine Zerteilung des ansatzweisen Versuches einer Wissenschaft von der Geschichte der Menschen in Einzelwissenschaften wie die Ökonomie, die Rechtsgeschichte, Theologie oder ähnliches wird hier als Perspektive abgelehnt, da sich die Menschen tatsächlich nicht derart zerteilen lassen. So wie Leib und Seele/Psyche zwei Aspekte der Betrachtung eines Menschen sind und in ihm nicht getrennt, so wie Materie und Geist nicht getrennt zu haben sein sollten, so ist es auch mit dem Wirtschaften, den Machtstrukturen, dem Denken und Fühlen. Erklärlich werden sie nur als Einheit, genauer genommen in und an jedem einzelnen Menschen.

Musterbeispiel ist dafür schon die "graue" Frühzeit, in der Anfänge von "Wirtschaften", bewusstes Denken und Unbewusstes zusammenfallen. So gibt es zum Beispiel auch keine Dominenz des Wirtschaftens, keine bewussten Denkens und nicht irgendeine von Rechtsvorstellungen. Nur Sprache und die beschränkten Möglichkeiten unseres Gehirns zerteilen die Dinge, und selbst die Bezeichnung als "Interdependenz" ist eine leicht irreführende Notlösung.

 

Zivilisation(en)

 

Zivilisation ist ein sehr unklares Wort, welches erst im 18. Jahrhundert aus dem Französischen und Englischen in die deutsche Sprache kommt. Aus dem lateinischen Begriff vom cives (mit Stadt- bzw. Staatsbürger schlecht übersetzt) und dem Adjektiv civilis konstruiert, dient es bald dazu, hochkapitalistische Staaten von den "Wilden" des Kolonialzeitalters propagandistisch abzugrenzen. Im Deutschen wird das noch deutlicher, indem gerne stattdessen dafür das Wort "Hochkultur" verwendet wird, welches Kulturen, wie wir sie hier verstehen, als entsprechend niedrig einstuft: Sie sind damit der Vernichtung anheimgegeben. Die Begriffsverwirrung wird unter anderem auch daran deutlich, dass man im Deutschen mit "zivil" auch jene Untertanen bezeichnet, die nicht dem Militär angehören.

 

Hier soll Zivilisation jene Stufe der Menschheitsentwicklung bezeichnen, in der Machthaber institutionalisierte, also dauerhafte Macht ausüben, nicht vorübergehende, wie die des Anführers einer germanischen Bande, die auf Raubzug geht zum Beispiel, oder der Häuptling einer Gruppe von umherziehenden Prairie- Indianern, der noch an seinen Leistungen und Geschenken gemessen wird. Aber mit ihm befinden wir uns bereits an der Schwelle zur Zivilisation, die Pueblo-Indianer im Südwesten der USA kurzzeitig ein wenig überschreiten und die bei den Inkas bereits zur Gänze überschritten wird, auch wenn sie den Spaniern bei deren Überfällen auf sie als gänzlich unzivilisiert erscheinen, da sie anders sind als diese und militärisch und technisch unterlegen.

Es aber soll Zivilisation nicht als Kampfbegriff von Missionaren und Entwicklungshelfern gelten, sondern als das, als was sie historisch in Erscheinung getreten ist.

 

Zivilisationen entstehen also aus auf Ackerbau und Viehzucht basierenden Kulturen mit Produktion über das unbedingt lebensnotwendige hinaus durch die Machtergreifung von Priestern und "weltlichen" Herrschern bei erheblicher Bevölkerungsverdichtung. Dabei kommt es zur Konzentration von Untertanen in Städten, von denen eine oft als Hauptstadt mit einem Zentralheiligtum gilt. Stadtbildung und Entstehung von Zivilisationen gehen geradezu Hand in Hand.

Mit größeren Städten aber beginnt oft eine deutliche Trennung in Bauern "auf dem Lande", wie wir das seit dem Mittelalter in deutschen Landen nennen, und die städtische Arbeitskraft. Mit der Abhängigkeit der Stadt vom Land wird diese an den oder die Machthaber gebunden und seine Sorge für die städtische Ernährung. Am Ende wird Kapitalismus in einer bestimmten Art von Städten entstehen, was aber in den Despotien und Aristokratien vor dem 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung nicht möglich ist, da das Kapital derselben Untertänigkeit wie alle übrigen Menschen unterliegt: Es kann nicht hinreichend mächtig werden.

 

Schriften werden für Verwaltung und das Wirtschaften von Machthabern entwickelt, und dann für die Verschriftlichung von Gesetzen benutzt. Auch mit solchen Gesetzen, Willkürakten von Mächtigen, wird in die Tradierung und damit Fortentwicklung von Kultur eingegriffen, die zu erstarren beginnt und sich nur noch im Interesse der Mächtigen verändert. An die Stelle von Selbstorganisation von Menschen tritt immer stärker ihre Verwaltung durch eine Obrigkeit. Was heute als Fortschritt deklariert wird, ist der Beginn immer umfassenderer Unfreiheit der meisten, wobei ein erster Gipfelpunkt im Orient liegt - einmal von entfernten asiatischen und amerikanischen Zivilisationen abgesehen, die auf die Entstehung von Kapitalismus keinen oder wenig Einfluss haben werden.

 

 

Mit den neuen Machtstrukturen kommt es zu einem Schub der Beschleunigung von Veränderung. Schon der späten Steinzeit werden Schmelz- und Gießtechniken für Kupfer entwickelt, wobei die Verfügung über das Metall unter die Kontrolle der Mächtigen gerät. Dabei beginnen Menschen mit dem Ausgraben von Erzen und dem Herstellen von Metallen, zuerst von Kupfer. Da dieses nur an wenigen Stellen leicht zugänglich sind, befördert das den Handel, aber auch die Macht Einzelner, die sich die Kontrolle über solch frühen Bergbau sichern. Mit der Verfügung über die daraus resultierenden Gegenstände können sie dann ihre Macht ausbauen. Später dann wird Kupfer durch die Beimischung von Zinn zu Bronze gehärtet. Kupfer gab es zum Beispiel in Süden der iberischen Halbinsel und auf Zypern, der Kupferinsel, Zinn fast nur im heutigen Cornwall und in Armenien. Intensiver Handel nicht nur aber vor allem rund um den Mittelmeerraum setzt ein.

Mit diesem Handel tritt der organisierte Kampf um Rohstoffe und Handelshoheit im heutigen Wortsinn auf, das Pferd wird als Reittier und Zugtier domestiziert und schließlich vor Streitwagen gespannt. Herrschaft und Krieg, Macht und Gewalt bilden dabei eine Einheit.

 

Menschen lassen sich schon früh blenden durch alles was glitzert und glänzt. Schon ab etwa 7000 gelingt die "Nutzung" von glänzendem Gold, Silber und Kupfer, die aber nicht als Werkzeuge taugen. Sie dienen als Schmuck für Aristokraten und Despoten, aber auch zur Herstellung von Gefäßen.

 

In dieser, Geschichte arg schematisierend begreifenden Weise werden aber doch zwei Faktoren wesentlich: Einmal die Prachtentfaltung und die damit zusammenhängende Schatzbildung der Zivilisation verbreitenden Mächtigen, was sowohl die Despoten wie die Aristokraten betrifft. Der auf sie konzentrierte Luxus der Mächtigen wird nicht nur durch die Abgaben der Bauern, sondern darüber auch von Handwerkern und Händlern bedient. Insbesondere im Handel kommt es dabei zu früher Kapitalbildung und dabei über die steigende Bedeutung von Geld und Kreditwesen auch zu ersten Ansätzen von Finanzkapital.

 

Die Schatzbildung in den Händen von Despoten und Aristokraten ist von ihrer Gier nach Vermehrung der Schätze geprägt, und wenn man nicht mehr Abgaben aus Untertanen bzw. abhängigen Menschen herauspressen kann, dient der Krieg mit seiner Beute an Land und Menschen zur Vermehrung der Schätze. Schon frühe Zivilisationen sind so von Kriegen geprägt, die mit der Propagierung von Feindseligkeit die Identifikation mit den eigenen Mächtigen und ihren Reichen verstärkt.

Kapitalbildung ist ihrem Wesen nach davon verschieden, da sie zwar von Kriegen nicht selten profitiert, selbst aber wesentlich unkriegerisch ist: Kapital entsteht dadurch, dass angesammeltes Eigentum vom Konsum abgezweigtwird, also nicht in Konsum verbraucht wird und verschwindet. Es wird vielmehr investiert, um sich zu vermehren. Das geschieht in frühen Zivilisationen im wesentlichen im Handel, und zwar im Warentausch großen Stils, den Geld nun erheblich vereinfacht. Warentausch ist ursprünglich ein Ergebnis von Arbeitsteilung, und er nimmt nun in dem Maße zu, in dem Arbeitsteilung in größerem Maßstaben über Regionen hinweg stattfindet. Sobald eine große zeitliche Distanz zwischen Kauf und Verkauf entsteht, muss der Händler für den Einkauf  Kapital quasi für eine Weile vorschießen, um daraus beim Verkauf Gewinn zu machen - sein Kapital zu vermehren. Auf die Dauer entstehen dabei auch Finanzspezialisten, die das Kapital des Händlers durch Kredite ergänzen.

 

Selbst das Wort Kapital taucht erst auf, nachdem es solches schon lange gegeben hat, und fast überall erst Jahrhunderte, nachdem Kapitalismus bereits in großen Teilen Europas seinen Siegeszug angetreten hat. Seine lateinische Wurzel ist das Wort caput, welches für den Kopf bzw. das Haupt steht. Daraus leitet sich capitalis ab, welches man unter anderem mit "hauptsächlich" übersetzen kann. In spätmittelalterlichen norditalienischen Volkssprachen wird dies Wort wieder substantiviert, um von dort dann später in den Norden zu wandern, wo es im Deutschen zum Beispiel als hauptgut auftaucht.

In italienischen Städten des späten Mittelalters mit ihrem blühenden Kapitalismus bezeichnet es beim Geschäft/Unternehmen die Hauptsache. Diese aber ist das, was nicht die Nebensache ausmacht, nämlich was für den persönlichen Konsum abgezweigt und damit dem (eigenen) Geschäft verloren geht, sondern das, was eingesetzt wird, um es zu vermehren, ohne dabei allzu viel physische (bzw. militärische) Gewalt einsetzen zu müssen.

 

Umgangssprachlich ist Kapital so in Tauschwerten bzw. Geld rechenbares Eigentum. Das aber ist Kapital nur als Option, potentiell, tatsächlich wird es nur als Vorgang, nämlich als der seiner Investition, seines Einsatzes zu seiner Vermehrung. Wird potentielles Kapital nicht zum Zweck seines Wachstums eingesetzt, verfällt es auf die Dauer.

 

Der Dynamik der Gewalttätigkeit von Despoten und Aristokraten setzt der Kapitalist also die friedlichere des Warentausches entgegen. Da Zivilisationen ihrem Wesen nach aber offen oder wenigstens immer latent gewalttätig sind, und zwar nach innen (unten) wie nach außen, bleibt Kapital in der Regel den Machthabern und ihren Bedürfnissen unterworfen. Es wird eine ausgesprochene Ausnahme sein, dass große Kapitaleigner selbst seit dem 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung für eine längere Zeit immer mehr Macht in Städten des lateinischen Abendlandes gewinnen werden, und nur dort wird Kapitalismus entstehen. (Genaueres in Anhang 1)

 

Die Archäologie ist, da sie nur Knochen und Artefakte kennt, technisch fixiert und epochalisiert entsprechend nach Werkstoffen, Auf die Steine und dann das Kupfer folgt dabei die Bronze, eine Legierung aus Kupfer und Zinn. Sie ermöglicht härteres Metall, welches nun für Werkzeuge und Waffen tauglich wird. Bergbau gewinnt an Bedeutung und Schmelzöfen tauchen auf.

Da beide Metalle kaum an einem Ort vorkommen und Zinn darüber hinaus selten ist, erweitert das den Fernhandel insbesondere auch per Schiff und übers Meer. Zum anderen ermöglichen die neuen Waffen in den Händen von Potentaten und Aristokraten eine Verbesserung der Kriegführung.

 

Mit dem 3. Jahrtausend erscheint Bronze zunächst im Nahen Osten, um 2600 auf Zypern mit seinen reichen Kupfervorkommen, um 2000 in der minoischen Zivilisation und nach 1600 in der mykenischen.

 

In Asien kommt es zum Beispiel zu den bronzezeitlichen frühen Zivilisationen Turkmenistans, in denen teilweise bereits Massenproduktion von Keramik stattfindet. In Amerika lässt sich die späte Inka-Zivilisation der Bronzezeit zurechnen.

 

Im mittleren und nördlichen Europa kommt es nicht zu despotisch beherrschten Reichen, sondern nach gemäß ihrer Keramik bezeichneten Einwanderungswellen zu hierarchisch gegliederten kleineren Ansiedlungen. Mit den bereits Eisen nutzenden Kelten, die stadtähnliche Siedlungen errichten und ausgeprägtere Herrschaftsformen entwickeln, treffen europäische frühe Zivilisationen auf jene des Mittelmeerraumes, die eine Altertumswissenschaft als Antike (seit dem 8. Jahrhundert) zusammenfasst, und die sich dann über große Teile Europas ausbreitet. Diese Zivilisationen sind städtezentriert und tendieren zu Formen von Reichsbildungen. Für die Entstehung des Kapitalismus wird dabei als Vorstufe das Imperium der Römer von zentraler Bedeutung.

 

Wir sind aber längst dabei, uns immer mehr auf jenen Raum zu konzentrieren, in dem dereinst Kapitalismus entstehen wird. Vom Übergang von den Kulturen zu Zivilisationen haben wir allerdings keine genaueren Informationen, da erst die Zivilisationen Schrift als Medium der Verwaltung ihrer Macht hervorbringen. Dazu gehört, dass sie Abgaben und Gesetze aufschreiben lassen, die nun massiv in das Leben der bislang sich selbst regulierenden Kulturen eingreifen, und zwar im Interesse der Macht.

 

Der Sündenfall der Religion: Das Judentum

 

Viele Völker pflegten in zivilisiertem Zustand die Erinnerung an eine graue Vorzeit paradiesischer Zustände. Für unsere weitere Geschichte konzentrieren wir uns auf Völkerschaften im Nahen Osten (Orient), die der semitischen Sprachfamilie angehören und die von Häuptlingen regiert werden, von denen zwei mit ihren Machtbereichen Juda und Israel hier von Bedeutung sind, die miteinander und mit anderen konkurrieren. Israel ist dann untergegangen und ein Chef des anderen Machtbereichs machte sich daran, mit der Priesterschaft seines zentralen Tempelkultes in Jerusalem eine etwas disparate Tradition aus Geschichten und Erzählungen so zu redigieren, dass daraus ein Begründungszusammenhang für seinen Machtanspruch und den seiner Priester hervorgeht. Jedenfalls ist das etwa so in den altjüdischen Texten abzulesen.

 

Die wohl sehr rudimentäre Monarchie dieses Josias, dessen Amt in indoeuropäische Sprachen viel später als „König“ oder ähnliches übersetzt wurde, wird mit der Idee eines Gottes versehen, wobei Monarchie und Monotheismus, ein Tempelkult und eine dazugehörige Priesterschaft ziemlich deckungsgleich werden. Derweil gibt es damals viele Götter, aber der Reichsgedanke dieses Königs ging von der Idee aus, dass die Dreieinigkeit von Gott, Tempel und Monarch ein Erfolgsbündnis sein müsste. Eine Art geschlossener Untertanenverband würde vor allen dreien zugleich den Nacken beugen.

 

Es galt also, andere Völker mit ihren falschen Göttern abzuwehren oder zu unterwerfen, aber die Kraft dazu sollte nur aus einem "Volk" kommen, welches in das Bündnis mit dem eigenen Gott eintritt, der vor allem ein Kriegsgott ist, der Schlachtenglück gewährt. Und Juda war klein, winzig im Vergleich mit den Reichen von Ägypten, Babylon. Assur und anderen. Also (er)fand man seinen eigenen Gott, wie einige frühe Kulturen ein Totemtier hatten. Wenn man sich ihm, seinem Tempel und seinem Häuptling unterwarf, würde man siegen, andernfalls elendiglich zugrunde gehen.

 

Wann das in etwa geschah, ist unbekannt, aber wohl  in den Jahrzehnten vor 600 vor unserer Zeitrechnung ließ der „König“ Josia seine Priester eine Menge Texte (er)finden, die genau zu dieser Absicht passten. Vermutlich wurden dabei Traditionen zwischen Mesopotamien und dem Sinai, vielleicht mit ägyptischen Einflüssen versehen, so redigiert, dass sie einen einigermaßen konsistenten Zusammenhang ergaben.

 

Da ist ein Gott, der die Welt erschafft, und in ihr eben das Paradies mit dem ersten Menschenpaar. Das Paradies war eines der Mühelosigkeit, in der man sich das Obst vom Baum pflückte und es sich ansonsten einfach gut gehen ließ. Wie das dann aussah, war weder den vielleicht mesopotamischen Erfindern der Geschichte wie den jüdischen Redakteuren bekannt, da es so etwas zu ihrer Zeit nicht ("mehr") gab. Das Menschenpaar (oder wenigstens Adam) aber war nach dem Ebenbild dieses Gottes geschaffen, der in einer anderen paradiesischen Zone lebte, weitab und doch immer nah. Gottgleichheit hieß Unsterblichkeit, und das wiederum hieß Ewigkeit, eine Welt außerhalb der Zeit. Es war aber auch eine Welt jenseits des Raumes, denn das Paradies hatte zunächst keine klaren geographischen Grenzen, es war alles, was für Menschen war.

 

Zeitlose Ewigkeit hieß, dass es keinen Bedarf an Fortpflanzung gab, fehlender Raum hieß, dass überall alles war, was der Mensch brauchte. Was dann geschah, war, dass eine ebenso kluge wie böse Schlange der Eva Unzufriedenheit einflüsterte; sie wollte nun mehr als nur alles dies Paradiesische. Sie wollte die Frucht eines Baumes naschen, die ihr Erkenntnis geben sollte, wie sie paradiesischer Unschuld nicht angemessen war – sie widersetzte sich Gottes Willen. Es wird nicht gesagt, was es da zu erkennen gab, aber sie übertrat ein göttliches Gebot, ein Tabu. Vielleicht war das etwas so ähnliches, wie wenn Laien in den den Priesterautoren vorbehaltenen Opfer-Raum im Tempel geschaut hätten und dabei etwas gesehen hätten, was ihnen verschlossen bleiben sollte.

 

Vom Althebräischen über das Griechische und Lateinische zum Neuhochdeutschen: Im Garten Eden der Genesis gibt es zwei besondere Bäume: einmal τὸ ξύλον τοῦ εἰδέναι γνωστὸν καλοῦ καὶ πονηροῦ, lateinisch lignum sapientiae boni et mali, also den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen, und dann το Δέντρο της Ζωής, lignum vitae, also den Baum des Lebens.

Leben ließe sich mit Einklang mit der Natur verstehen, Erkenntnis mit Kultur, dem partiellen Austritt aus ihr. Aber das sind hochmoderne Gedanken, formuliert in einer altrömischen Begrifflichkeit.

 

Warum Eva dann Adam dazu verführte, das Gleiche zu tun, lässt sich mit den Augen jüdischer Priesterautoren, einer wohl sehr eng gestrickten Gruppe von Männern, nur durch die Minderwertigkeit der Frau erklären. Das bringt aber ein erstes sexuelles Moment in die Geschichte, denn in den Augen patriarchalisch strukturierter Männer wie solcher Priester ist die sexuelle Attraktivität der Frau der Grund für das männliche Begehren, welches dazu neigt, für wichtiger gehalten zu werden als göttliche Botschaften und von Priestern geleitete Opferkulte.

 

Jedenfalls brach auch Adam das göttliche Verbot, und damit war es aus mit den paradiesischen Zuständen. Gott schickt recht kriegerische Engel, die die beiden aus dem Paradies vertreiben, dessen Eingänge nun verschlossen sind. Jetzt verschränken sich längst verschiedenste Vorstellungen zu einem Komplex: Außerhalb des Paradieses entstehen Raum und Zeit: Es gibt eine weitere Welt, in der die Einheit von Mensch und Natur/Gott zerbrochen ist. Die Menschen müssen jetzt produktive Arbeit leisten und sich im Schweiße ihres Angesichtes ihre Nahrungsmittel als Ackerbauern und Viehzüchter selbst herstellen. Die Frau muss in Schmerzen gebären, der Geschlechtstrieb taucht auf.

 

Insofern lässt sich eine Erinnerung an die neolithische (jungsteinzeitliche) Umwälzung vermuten, in der aus Leuten, die als Jäger und Sammler sich nahmen, was sie vorfanden und unmittelbar benötigten, Leute wurden, die nun produktiv sein müssen. Möglicherweise war die vorhandene Natur so erfolgreich ausgeräumt worden, dass sie für die immer mehr Menschen dabei nicht mehr genug bieten konnte. Produktive Arbeit mit ihrer Mühsal und ihren Zwängen ließ sich aber leicht als Strafe Gottes interpretieren. Sie wurde allerdings zugleich Voraussetzung für Tempel und Priesterschaft, die aus der irgendwann erfolgreichen Produktion eines gewissen Überflusses heraus entstanden, indem sie von den nun möglichen Abgaben existieren konnten.

 

Frauen müssen sich der Ungemach von Schwangerschaft und Gebären stellen, Männer der härterer Arbeit. Religion und Priester vermitteln zwischen Gott und den Menschen, die nicht mehr Gottes Ebenbild sind, und die nun, aus dem Paradies vertrieben, sterblich, "zeitlich" werden.

Der Tod aber macht die Fortpflanzung nötig, und diese funktioniert nur über das geschlechtliche Begehren. Damit kommt ein zweites sexuelles Element in die Geschichte, den Mythos genauer gesagt, und indem es der Frau die Schwangerschaft und die bei Menschen recht anstrengende Geburt beschert, ist es alleine schon so eine Strafe Gottes, abgesehen von all dem Unheil und der Unordnung, welche Geschlechtlichkeit sonst noch mit sich bringen.

 

Diese beiden sexuellen Aspekte finden in dem Moment der Scham zusammen mit dem Tabubruch gegenüber Gott. Im sexuellen Begehren wird die paradiesische Nacktheit zum Problem. Der Mensch schämt sich also zugleich des fehlenden Gehorsams gegenüber Gott (bzw. seinen Priestern) und einer Geschlechtlichkeit, die ihn als Getriebenen und seiner Souveränität Beraubten auszeichnet: Darum das Feigenblatt.

 

Niemand weiß so recht, wann Vor-Menschen in grauer Vorzeit die Bindung an eine bestimmte Fortpflanzungszeit im Jahresrhythmus verloren und durch das ganze Jahr fortpflanzungsfähig wurden, und zwar Männer wie Frauen. Es muss etwas damit zu tun gehabt haben, dass sie sich instandgesetzt hatten, Neugeborene nicht nur in der günstigsten Zeit des Jahres durchzubringen, sondern eben durch alle Jahreszeiten. Damit waren sie im Machtspiel der Natur bevorteilt, denn ein Fortpflanzungsvorteil dient der Machtentfaltung in der Konkurrenz mit denen, die so etwas nicht schaffen.

 

Diese permanente Präsenz des sexuellen Begehrens wurde noch verstärkt dadurch, dass die weiblichen Brüste nicht wieder abschwollen, nachdem sie keine Milch mehr gaben und auch ohne Schwangerschaft sichtbar vorhanden sind. Sie führt auch dazu, dass den Männern, auch wenn gerade keine Kopulation angesagt ist, nicht nur der Kamm schwillt. All das und vieles mehr machte den Geschlechtstrieb zu einem verwirrenden und nach Regulierung, Kultivierung rufenden Phänomen.

 

Was den Schriftkundigen unter den Tempelpriestern so alles durch den Kopf ging, als sie ihre Version von Paradies und Sündenfall aufschrieben, ist nicht mehr feststellbar, war es vermutlich schon damals nicht. Aber der Kern dieser Paradiesgeschichte wird zur Basis für alles, was da folgt auf dem langen Weg in den Kapitalismus. Der der Ebenbildlichkeit Gottes durch diesen beraubte Mensch trug jede Menge Unheil in die Welt, angefangen bem Brudermord. Ein wenig schien dann aber der Gott, der sich als der der Häuptlingsreiche von Israel und Juda offenbaren wird, seine große Strenge zu bereuen, und er beginnt, ausgewählten Leuten eine Art Bündnis anzubieten: Ich unterstütze euch, wenn ihr mich unterstützt. Dafür verzichtet er sogar auf die Opferung des erstgeborenen Sohnes und bescheidet sich mit dem Tieropfer, welches Tempelpriester durch Geldabgaben an sie finanzieren. Daraus wird das auserwählte Volk, welches dieser Gott unter der Führerschaft eines Moses in ein Land führt, wo Milch und Hönig fließen sollen, also schon wenigstens fast wieder ein Paradies.

 

Das ist zwar historisch durch nichts zu untermauern, aber eine schöne Geschichte für Machthaber in Jerusalem, die nun auf grandiose militärische Erfolge bei der Eroberung großer Landstriche mit Hilfe ihres Kriegsgottes Jahwe zurückblicken können, alles wohl weitgehend erfunden, aber eine gute Tradition für damals übliche Gewaltherrscher.

 

Nun bauen die Tempelpriester aber, etwas näher an ihre eigene Gegenwart heranrückend, lauter neue Sündenfälle in ihre Geschichten ein, die erklären sollen, warum das Volk Gottes immer wieder militärisch scheitert und die israelitischen Konkurrenten gar ganz untergingen. Es geht um immer wieder neue Vertragsbrüche mit dem eigenen Gott und das Übergehen in die Gefolgschaft anderer und offensichtlich für manche attraktiverer Götter (und Göttinnen). Es geht dabei offenbar auch um unziemliche Lebenslust und ein Lotterleben, in dem Frauen und unordentliche sexuelle Aktivitäten eine große Rolle spielen sollen, aber da es sich um Propaganda handelt, wissen wir nichts genaues. Jedenfalls ist die jüdische Geschichte dabei keine rechte Erfolgsgeschichte und endet mit schamloser Hellenisierung der Oberschicht und dann Unterwerfung unter römische Machthaber bei eigenen Unterkönigen, die sich mühsam durchlavieren müssen.

 

Judentum war einmal in dem Tempelkult gegeben, der den eigentlichen Kern bildete, und in dem Tieropfer, wie auch in anderen Reichen, den eigenen Gott als Unterwerfungsgeste gnädig stimmen sollten. Zum anderen bestand es in einem Sammelsurium an Vorschriften, deren wesentliche Aufgabe wohl war, einheitliche Untertanen für Häuptling/"König" und Tempelpriesterschaft zu schaffen, sie also von anderen Völkern abzugrenzen. Man könnte auch sagen, das sie ein gemeinsames "Volks"bewusstsein überhaupt erst herstellten. Es gab zum Beispiel jede Menge detaillierter Essensvorschriften, die wohl teils mehr und teils weniger plausibel waren, und einen wöchentlichen religiösen Feiertag, an dem fast alles Leben erlahmen sollte. Dazu jene gottgebenen Gebote, die auf den einen Gott verpflichteten und ansonsten das Zusammenleben so regelten, wie es in allen Kulturen und frühen Zivilisationen üblich war. Dazu kamen weitere die Leute verbindende Eigenheiten wie gemeinsame Festtage und Pilgerreisen samt Opfergaben zum Tempel nach Jerusalem.

 

Was die Juden neben dem Monotheismus von anderen Kulturen und Zivilisationen grundlegend unterschied, war die grandiose Idee, sie am Zeugungsorgan des Mannes zu markieren, was die jüdische Frau darauf hinwies, dass sie den korrekten Mann für den Koitus bzw. die Ehe und Fortpflanzung vor sich hatte. Damit waren Menschen als Volk physisch als eine Einheit jener Menschen markiert, die ihren Gott ausschließlich für sich hatten, und damit als seine Auserwählten deutlich bessere und erfolgreichere Menschen waren, wenn sie nur der Priesterschaft und dem damit verbündeten König untertan waren. Juden waren so die Erfinder einer neuen Form völkischen Bewusstseins, welches sich über seinen Körper ausweisen konnte, wiewohl Judentum ein Kult samt Ritualen und kein abgeschlossener Ethnos war, was es dennoch immer wieder behauptet und was Ideologe Hitler dann verrückterweise übernehmen wird.

 

Das Judentum wird mit der dauerhaften Zerstörung seines Tempels seinen Charakter etwas ändern. Als älteste (monotheistische) Religion wird es aber der Vorläufer für Christentum und den aus beiden erwachsenden Islam werden. Zwar ist es aus einem Tempelkult samt Priesterschaft und deren Bündnis mit einem Machthaber hervorgegangen, aber das kultische Moment ist bald schwächer als das System von Vorstellungen und Vorschriften, aus denen das erwächst, was hier Religion genannt werden soll. Das erweist sich im problemlosen und fast bruchlosen Überleben der Religion nach dem Verlust von Kultort und Kult.

 

Damit soll der gemeinhin ungeheuer vage und fast unbrauchbare Religions"begriff"  überwunden werden, der bis heute durch die Zeilen geistert. In der Religion nimmt die Bedeutung des (Opfer)Kultes ab und die einer weltanschaulichen Komponente auf der Basis "übernatürlicher" Mächte zu. Am Konsequentesten wird dabei der Islam vorgehen.

Dass das Christentum erhebliche magische Momente in seine kirchlich ausgestaltete Religion aufnimmt, wird seiner Einbettung in die hellenistisch-römische Welt geschuldet sein.

 

Mittelmeerzivilisationen

 

Während vor allem im Andenraum, in Teilen Asiens und im später so genannten (nahen) Orient Zivilisationen als Despotien entstehen, kommt es in Teilen des Mittelmeerraumes zu solchen, die teils von vorneherein städtebasiert sind wie die der Phönizier, und zu anderen, die zunächst aristokratischen Charakter erhalten, wie die des frühantiken Hellas, um dann in aristokratisch kontrollierte Städte zu münden.

 

In solchen Städten siedeln Handwerker und Händler mit einer kleinen Aristokratenschicht zusammen, die ursprünglich die Macht im wesentlichen in ihren Händen behält. Es sind Produktions-, Handels, - und Kultzentren, die versuchen, immer größere Kontrolle über ihr Umland zu erhalten und dadurch ein möglichst hohes Konsumniveau zu erreichen, welches den Aristokraten allerdings dabei den größten Anteil am Reichtum zusichern soll.

 

Je größer die Städte, desto intensiver der Handel, der sich längst über den ganzen Mittelmeerraum ausgebreitet hat und bis ins Innere Afrikas und Asiens reicht. Handels- und auch schon Finanzkapital gewinnen immer mehr an Bedeutung.

 

Um 2000 v.d.Zt. wird Eurasien von riesigen Wanderungsbewegungen erschüttert, in die weite Züge indoeuropäischer Völker einbezogen sind, die dann eine große Sprachfamilie von Europa über Persien bis Indien bilden werden. Um 1200/800 ist die mykenische Welt und das Reich der Hethiter in Anatolien zerstört, das Pharaonenreich in einer schweren Krise. Dafür treten neue Völkerschaften auf, die als Vorläufer von Kelten und Germanen zusammengefasst werden und als Hellenen und Etrusker. Dazu kommt ein Handelsvolk im Nahen Osten, welches die Griechen Purpurleute nennen werden, die Phönizier.

 

Inzwischen tritt das Eisen zur Bronze hinzu, nicht zuletzt als Material für Waffen. Im östlichen Mittelmeerraum entstehen immer mehr Städte, in denen sich zu einer aristokratischen Oberschicht und einzelnen Herrschern Handwerker und Händler gesellen. Die Masse der Bevölkerung dort ist Herren untergeordnet, bei denen zum Beispiel Goldschmuck zum Statussymbol wird.

 

Die Phönizier haben ihre wichtigsten Städte wie Tyros zwischen Libanon und Palästina. Sie treiben Handel bis zur iberischen Halbinsel, richten Handelsstationen und dann dort neue Städte ein, wie Karthago und Gades (Cádiz). Bald folgen ihnen die ersten Griechenstädte wie Phokaia, welches um 600 Marsilia, das heutige Marseille gründet. Der Trend in Richtung Globalisierung beginnt bereits mit Kolonien und nach und nach kolonisieren Griechen die Küsten Siziliens, Süditaliens und eines künftigen Gallien, wobei sie im zukünftigen Katalonien mit Emporion (Ampurias) eine weitere große Stadt bauen. Nördlich der griechischen Sphäre entwickeln in Italien Etrusker Städtebünde.

 

Mit den Phöniziern entsteht eine Schrift auf Basis eines Alphabetes, leichter schreib- und lesbar, die die Griechen übernehmen, von ihnen die Etrusker, immer leicht abgewandelt, am Ende die Römer, von denen wir, ein großer Teil Europas. sie wiederum heute haben. Die modernere Schrift und die zunehmenden Rechenkünste dienen der Verwaltung großer Besitzungen und dem Handel.

 

Nach langen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Etruskern, Griechen und Phöniziern beschränken sich die Griechen auf das östliche Mittelmeer, die Phönizier auf den Westteil, während die Etrusker zur italischen Landmacht werden. Daneben steigt unter etruskischem Einfluss Rom als Stadt auf, die dann den König abschüttelt und eine Adelsrepublik bildet. Großgrundbesitzende Herren bilden das Stadtregiment und vermeiden Konflikte mit dem produktiv arbeitenden Volk (populus), indem sie es in eine Verfassung einbinden, in der es aber tatsächlich immer relativ machtlos bleibt.

 

Inzwischen haben nördlich von alledem längst Wanderbewegungen von Skythen, Germanen und vor allem Kelten begonnen, die bald auch etwas mit einer merklichen Klimaabkühlung zu tun haben könnten. Kelten lassen sich in Nordspanien, im heutigen Frankreich, Britannien und in künftigen deutschen Landen nieder, später werden einige bis nach Anatolien ziehen.

 

Bei ihnen handelt es sich um eine sprachverwandte Gruppe von Völkern, die sich besonders durch Fortschritte in der Metallverarbeitung auszeichnen. Keltische Fürsten machen sich zu Herren von kleinen Stämmen, die in - römisch ausgedrückt - civitates zusammenleben, mit einem Oppidum als befestigtem Hauptort. Es handelt sich dabei um Kriegergesellschaften von erheblicher Militanz. Am Übergang von Stammeskultur zu Zivilisation geraten sie von Städten am Mittelmeer wie Phokaia und Massilia aus früh unter griechischen Einfluss.

 

Der ganze Mittelmeerraum verstädtert unter den Gründungen von Phöniziern, Griechen, Etruskern und anderen Völkerschaften bzw. Zivilisationen, während er dabei zu einem Raum immer intensiveren Handels wird.

 

Städte verbünden sich, wie die der Etrusker, oder sie gründen immer neue Kolonialstädte, wie die Hellenen, oder sie weiten ihren Einflussbereich immer weiter aus, wie die Römer. Dabei müssen die Aristokraten eben Konstruktionen finden, wie sie ihre Macht erhalten können, andererseits aber Handel und Wandel durch formale Partizipation integrieren.

 

In Hellas siedeln Menschen in poleis zusammen, Städte von Händlern und Gewerbetreibenden, mit durchweg aristokratischen Strukturen durchsetzt. Die Herrenschicht in Athen beschränkt das Königtum auf kultische Funktionen und muss dann die Händler und das produktive Gewerbe an der Macht zumindest formal partizipieren lassen.  

Zu diesem Zweck wird für kurze Zeit die einzige Demokratie erfunden, die diesen Namen verdient, auch wenn der Begriff dort im Nachherein als Schimpfwort benutzt wird. Diese beruht einmal auf der Einteilung der Stadt in demoi, zum anderen an der über Wahlen und Verlosung am neuen Staatswesen beteiligten und "politisch" dazu berechtigten Staatsbürgern. Dieses Modell führte, wie der Zeitgenosse Thukydides bemerkte, zur tatsächlichen Herrschaft eines Mannes, der die Massen aus dem Hintergrund so manipulieren kann wie danach im Vordergrund die Demagogen. Das ganze endet in der despotischen Monarchie des später so genannten großen Alexander, eines monomanischen nach Weltherrschaft strebenden Machtmenschen.

 

Das Wort Demokratie taucht danach wieder in der politischen Propaganda des 18./19. Jahrhunderts auf, ohne dass man damals viel von der Funktionsweise des attischen "Vorbildes" weiß. An die Stelle wirklicher Partizipation tritt dabei die fast absolute Unterwerfung der Untertanen unter ein Staatswesen, wobei ihnen "politisch" nur die gelegentliche Abgabe von Zetteln bleibt, auf denen man ankreuzen kann, welche Anführer "politischer" Organisationen für einige Zeit die fast absolute ("politische") Macht ausüben sollen. Da es in der hier zu behandelnden Zeit noch nicht einmal vorkommt, soll es auch für diese ausgeschlossen bleiben.

 

Das Wort Politik hat auch erst kurz zuvor die Bedeutung erhalten, die hierarchisch angeordneten Entscheidungen im Staat zu bezeichnen und ist aus dem Französischen entlehnt worden, welches es aus dem Griechischen übernommen hat. Politik war im antiken Hellas das Verwalten der Staatsmacht gewesen, und es taucht erst wieder im 17./18. Jahrhundert auf, um das Agieren professionalisierter Staatsmänner zu bezeichnen, welches es allerdings schon früher gibt.

Solange in dem Raum, in dem Kapitalismus entsteht und sich entwickelt, offiziell vom Christengott eingesetzte Herrscher die Macht innehaben, lässt sich das Politische in diesem modernen Sinne nur in dem Sinne formulieren, dass sich ein Staatwesen als Politikum quasi von der Person des Herrschers löst, ein ganz langer Prozess. Politik einfach mit Machtausübung gleichzusetzen nähme hingegen dem Wort seine eigene Bedeutung.

 

Die Stadt Rom geht einen etwas anderen Weg. Die anwachsende Stadt lebt von Landwirtschaft, Handel und Handwerk, und deren Erfolg gewährleistet einigermaßen inneren Frieden. Die Stadt ist aber zugleich ein Verband von Kriegern zu Pferde und zu Fuß. Der schert aus etruskischen Zusammenhängen aus, setzt den König ab, um eine  zunächst aristokratisch geprägte res publica folgen zu lassen.

Die Bevölkerung wird in Schichten eingeteilt, deren Versammlungen in gestaffelter Form formell am Staatswesen beteiligt sind, wobei tatsächlich aber eine kleine Gruppe von Aristokraten im wesentlichen an der Macht ist. Mit dem Begriff von der res publica, den öffentlichen Angelegenheiten im Unterschied zu den privaten, wird dabei zum ersten Mal ein Wort für ein Staatswesen gefunden. "Republik" als Staatswesen taucht kurz im 17. französischen Jahrhundert auf, um dann im 18. Jahrhundert auch in andere Sprachen einzugehen, um nunmehr allerdings unter dem Einfluss politischer Ideologien Republik immer mehr als nicht-monarchische Staatsform zu propagieren, so dass ganz formal gesehen das Vereinigte Königreich Britanniens auch derzeit keine Republik wäre bzw. ist. Andererseits blieb selbst das große Römerreich unter der Herrschaft von Cäsaren nach eigenem Selbstverständnis eine res publica.

 

Kurz nach 400 v.d.Zt. marschieren keltische Stämme in Norditalien ein und lassen sich dort nieder.

 

Der Weg zum römischen Imperium

 

Während hellenische Städte Kolonien bilden und Konkurrenten in Abhängigkeit bringen, schreitet die Stadt Rom durch immer weitergehende Eroberungen zur Reichsbildung, wie sie eigentlich ansonsten für Despoten üblich ist.

 

Die Etrusker werden zwischen Kelten und Römern zerrieben, seitdem auch Rom als Landmacht immer weiter expandiert. Wohl da die Kelten offenbar früh Geflügelzucht betrieben, nannten die Römer ihren norditalienischen Zweig "Galli" (Hähne), woraus ihr Siedlungsgebiet viel später zur Gallia wird, zu Gallien also (wie F. Werner meint). 385 plündern diese Gallier Rom, aber es gelingt den Römern, sie zurückzuschlagen und in ihr Territorium einzudringen. Die Stadtrepublik entwickelt sich zu einem „Reich“, welches Römer mit dem Begriff für die Reichweite militärischer Befehlsgewalt bezeichnen: Imperium.

 

Kurz vor 200 ist "Gallien", also Norditalien" erobert und seine Romanisierung beginnt. Schließlich wird in erbitterten Kämpfen das von Nordafrika ausstrahlende Reich der Karthager besiegt und unterworfen, wobei auch zwei hispanische Provinzen einverleibt werden können. Den Landweg zwischen Italien und Spanien erobert Rom dann noch gegen Ende des 2. Jahrhunderts und gründet eine Gallia Transalpina, die später nach ihrem Hauptort zur Narbonensis wird. Kurz zuvor hatte man sich auch Hellas einverleibt.

 

Derweil haben Völkerschaften der germanischen Sprachfamilie längst begonnen, die Kelten von Norden her zu vertreiben. Der germanische Druck führt zu neuen keltischen Wanderbewegungen unter anderem der Belger, die sich im heutigen Südengland und gegenüber auf dem Festland niederlassen. Dabei kommt es aber gelegentlich auch zu Bündnissen von Germanen und Kelten wie dem der Kimbern und Teutonen, die gemeinsam die Alpen überqueren und ins römische Reich eindringen.

 

Von Germanen und Kelten wissen wir außer von den dürftigen Zeugnissen der Archäologie hauptsächlich durch römische Texte. Sie waren sich wohl nicht nur im Aussehen ähnlich, hochgewachsen, hellhäutig und mit hellen Haaren, sondern ihre Stammeskulturen waren auch verwandt bis darauf, dass der Weg in die Zivilisation, also in Herrschaftsstrukturen, bei Kelten schon weiter fortgeschritten war. Dazu gehören bei diesen stadtähnliche Siedlungen, von Fürsten beherrscht, und einer Art kriegerischer Oberschicht darunter. In der Eisenproduktion und ausgedehntem Handel liegt ihre eine Stärke, die andere in furchterregendem Kriegertum.

 

 

Bereits die schrittweise Eroberung Italiens vor Gaius Iulius Caesar ist ein enormes Vorhaben für eine einzelne Stadt. Dies Reich, welches die antiken Römer als ihr imperium bezeichnen, und welches die Reichweite der Macht ihrer Heere umfasst, entsteht im wesentlichen mit brachialer Gewalt. Mit ihm wird ein nicht nur geographisches Italien, sondern auch eines als "politische" Einheit. Vereinheitlichung findet durch die sprachliche Latinisierung zunächst der Oberschicht und die Verleihung des Bürgerrechtes an die Eroberten statt. Dabei bleibt einiges vom hellenischen Süden der Halbinsel erhalten.

Mit dem römischen Bürgerrecht verbunden ist das allgemeine römische Recht, welches allen nun zugänglich ist bzw. ihnen aufgezwungen wird. Mit der Imitation der Metropole Rom in kleinerem Maßstab und zugleich der Lebensformen durch die überall "staatstragenden" städtischen Kreise fühlen sich diese überall als "Römer" und werden auch bis heute (kurioserweise) so benannt, auch wenn sie in Emerita Augusta (Mérida) oder Augusta Treverorum (Trier) leben.

 

All das ist mit enormen inneren Veränderungen im Machtbereich der Römer verbunden. Das aggressive Machtgehabe, welches Konflikte mit den Nachbarn durch deren Eroberung und die Zerstörung ihrer Zivilisationen löst, verändert das ursprüngliche "Bürgerheer" nach und nach in eines professionalisierter Soldaten, was die Staatsausgaben immer weiter erhöht. Ein solches "stehendes" Heer wird es nach dem Untergang des Römerreiches erst ansatzweise wieder mehr als tausend Jahre später geben.

 

Unruhen und die Schaffung eines großen gemeinsamen Marktes und Handelsraumes samt Folgen der vielen großen Kriege verändern die urbs Roma und die Landschaften des Reiches. Dort wo die eroberten Gebiete noch kaum Städte besitzen, verstädtern sie nun, denn die römische Zivilisation basiert wie die hellenische in besonderem Maße auf Städten, civitates und ihrem zugehörigen großen Umland.

Zum anderen wird das Land aristokratisiert. Mit den Ausgaben für die Eroberungen, mit der Militarisierung der Strukturen und der steigenden Bedeutung von Handel und Finanzen und der Sklaverei verschwinden immer mehr Teile der freien Bauernschaft und gehen entweder als Proletariat in die Städte oder arbeiten in zunehmender Abhängigkeit neben den Sklaven auf den immer häufigeren Latifundien, dem Großgrundbesitz der kleinen Oberschicht, die auch die politische Macht de facto inne hat.

 

Zunehmende Bedeutung für die Oberschicht gewinnen die Sklaven, die Kriegsbeute und Handelsware sind und oft auf den Latifundien als Arbeitskraft genutztwerden. Sie sind Eigentum ihrer Besitzer, die sie nach Gutdünken und Eignung einsetzen bzw. verkaufen können, sind aber dennoch nicht völlig rechtlos. Sie werden nicht entlohnt, sondern mit Nahrung, Kleidung und Unterkunft versorgt, was sie dann im 10. Jahrhundert unprofitabel machen wird, weswegen ihre Zahl im noch lateinischen Abendland dann rapide zurückgeht, nicht aber der Handel mit ihnen nach außerhalb dieses Bereiches.

 

Heimisches Handwerk wird teilweise von großräumiger Konkurrenz bedroht und von größeren „Firmen“. Es kommt zu gewaltiger Landflucht in immer neu entstehende Städte und insbesondere nach Rom selbst, wo ein riesiges Proletariat entsteht, eine Masse von Leuten, die nichts als proles, Nachkommen, mehr zu eigen haben, oder wie Karl Marx Jahrtausende später über die Industriearbeiterschaft meint, nicht mehr als ihre Arbeitskraft. Der Begriff wird erst im 19. Jahrhundert wieder häufiger aufgegriffen und in der Marx-Nachfolge popularisiert. Tatsächlich ist er von Anfang an etwas unklar und klarer kann er nur dort werden, wo Besitz oder Besitzlosigkeit deutlicher definiert werden.

 

Je größer die Städte, desto stärker das Phänomen städtischer Massen, denen zwar, soweit sie cives, sind, das gleiche römische Recht mit seiner Justiz zukommt, die aber de facto von allen "politischen" Entscheidungsprozessen ausgeschlossen sind. Sie müssen ruhiggestellt werden durch "private" und dann „staatliche“ (Gratis-)Lieferungen von Nahrungsmitteln und durch ein zum guten Teil ebenfalls kostenloses, in Rom fast tagtägliches Amüsierprogramm.

 

Der römische Stadtstaat schafft sich im Zuge seiner gigantischen Expansion zahlreiche städtische Ableger in den eroberten Gebieten, die immer mehr wie Rom zu sich selbst verwaltenden Einheiten werden,eben jenen civitates. Zumindest die städtischen Bevölkerungen, von den überlegenen technischen, militärischen und den allgemeinen Lebensstandard betreffenden „Errungenschaften“ beeindruckt, werden „romanisiert“ und erhalten schließlich in der Kaiserzeit dasselbe Bürgerrecht wie die Leute und zumindest ähnliche ökonomische und "politische" Strukturen wie in der urbs Roma.

 

Nur Rom selbst wird dabei als urbs bezeichnet, die anderen wichtigen Städte heißen civitas, und sie bestehen aus dem Kern einer städtischen Siedlung und einem großen Umland. In der Stadt lebt neben Handwerk und Handel jene Aristokratie, deren Großgrundbesitz im Umland angesiedelt ist. Sie kontrolliert die civitas, in ihren Händeln sammelt sich der Reichtum, der auf dem Land produziert wird, und sie trifft darum nicht nur alle wesentlichen Entscheidungen, sondern muss auch für den Erhalt und Ausbau der öffentlichen Einrichtungen, besonders auch des Amüsierbereiches sorgen. Schließlich ist auf ihre Abgaben auch das Staatswesen angewiesen, welches sie zunehmend für das Militär verbraucht.

 

In diesem Sinne ist Staat die Summe der dem imperialen Militär unterstehenden Führungsschicht der civitates, wobei die Stadt Rom zunächst weiter an der Spitze steht. Dort wird eine Art Regierung von den Spitzen alter aristokratischer Geschlechter im Senat ausgeübt. also wörtlich dem Ausschuss der Alten. Sie gelangen üblicherweise dort hinein, nachdem sie eine aufsteigende Laufbahn öffentlicher Ämter erfolreich absolviert haben.

 

Der schon früher benutzte Begriff Adel bezeichnet die römische Machtelite nur sehr ungenau und sollte eigentlich vor dem 10./11. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung nicht verwendet werden. Die frühe Elite war das Patriziat gewesen, eine Gruppe von patricii, abgeleitet vom Wort für Vater, pater. Das waren mächtige Geschlechter, die ihre Macht vererbten. Das Wort wird im 15./16. Jahrhundert wieder auftauchen und eine teils wirtschaftlich, teils politisch mächtige Oberschicht in deutschen Städten bezeichnen.

Indem es im antiken Rom wirtschaftlich erfolgreichen Plebejern aus der Schicht darunter gelingt, in die Machtsphäre aufzusteigen, vereinen sie sich in der Besetzung der hierarchisch aufsteigenden (Wahl)Ämter bis hin zum Senat mit dem Patriziat und bilden nun gemeinsam die Nobilität. Diese aber bedeutet so keinen klar definierten Adelsstand, da es grundsätzlich für jeden Bürger offensteht, an ein solches Amt zu gelangen, auch wenn es nur wenigen ohne entsprechenden Hintergrund gelingt.

 

Die Versorgung der Grundbedürfnisse der städtischen Massen und die mit Luxusartikeln für die kleine Oberschicht führen zu einer enormen Erweiterung des Handels. Überall über das Reich verteilt nimmt so Handelskapital zu und damit verbunden Finanzkapital. Aber die städtebasierte "Verfasstheit" des Reiches sorgt für eine Dominanz des weiter in den Städten lebenden Großgrundbesitzes, der aus reinen Konsumenten besteht. Nicht Kapitalanhäufung, sondern Konsum ist die treibende Kraft, und das wird immer mehr verstärkt durch die Unsummen, die inzwischen das Heer verschlingt. Ihm werden fast alle "staatlichen" Anstrengungen zugewendet und dafür wird auch das Handwerk immer stärker reglementiert.

 

 

Mit der gewaltsamen Integration des großgriechischen Raumes, die 146 v.d.Zt. abgeschlossen wird, gewinnt das Imperium nicht nur in Süditalien, sondern auch im südlichen Balkan, bis ans Schwarze Meer und in den Orient hinein hellenische Städte und solche, die wie im Bereich des späteren Palästina bis nach Ägypten sowie auch weiter östlich "hellenisiert", das heißt, in ihren Schriften, ihren Moden bis in die Kleidung und die übrigen Lebensformen von Kern-Hellas beeinflusst sind.

Damit geraten Teile der römischen Oberschicht in den Einflussbereich in manchem für überlegen erachteter griechischer Vorstellungs- und Lebenswelten, sie werden ein wenig hellenisiert. Rom ist militärisch überlegen, aber die längst zum Teil konsumistisch orientierte römische Oberschicht ist fasziniert von hellenischer Lebensart, wie sie diese kennenlernt, und - was für die Zukunft wichtig werden wird - von griechischem Philosophieren, welches man nun versuchen wird sich anzuverwandeln.

Die Konfrontation zweier in ihrer städtischen Basis auch verwandter Zivilisationen wird den Horizont einiger Mitglieder der römischen Autorenschaft und ihres kleinen lesenden Publikums langsam erweitern, andererseits aber  neben strikter Ablehnung solcher Überfremdung auch die Kunst offenerer Debatten in die römische Zivilisation einbringen. Da die Priesterschaft der öffentlichen Kulte unter der Kontrolle der staatlichen Institutionen steht und es jenseits des im Imperium unbedeutenden Judentums noch keine monomanischen Sologottheiten mit ihren religiösen Konstrukten gibt, entwickelt sich eine relative Freiheit schriftlicher Äußerungen, die in unterschiedlich gezogenen Grenzen bis in die erfolgreiche Christianisierung gegen Ende der weströmischen Kaiserzeit anhalten wird und dann untergeht. Vieles davon kann man heute noch nachlesen.

 

Insbesondere in der Metropole Rom mit ihrem riesigen Proletariat und einer kleinen Gruppe reicher und mächtiger Familien nehmen Machtkämpfe unter diesen zu, die politisch und ideologisch eingefärbt werden. Der Konsens der sowohl politischen wie ökonomischen Oberschicht zerbricht, als sich „Politiker“ an die Spitze von Volkshaufen und dann von Armeen stellen und auf diese Weise um eine Macht und ein Machtzentrum kämpfen, die das groß gewordene Reich zusammenhalten sollen

Die Chefs solcher Familien versammeln Klienten um sich, deren Interessen sie vertreten und die sich nach und nach im Konfliktfall als eine Schar militärischer Gefolgschaft gegen Konkurrenten einsetzen lassen. Bürgerkriegsartige Zustände können nun immer wieder ausbrechen. Anders als in den sich viel später anschließenden nachantiken Reichen gibt es aber ein riesiges durchprofessionalisiertes und stehendes Heer, dass sich nicht aus solchen Klientelgefolgschaften zusammensetzt. Erst die Kontrolle über Teile dieses Heeres wird zum entscheidenden Machtfaktor und kann die tradierten Organe der Macht ausschalten. Das begreift und beherrscht niemand besser als Gaius Iulius Caesar, der es damit ansatzweise zum Alleinherrscher bringt und dafür ermordet wird.

 

In rund hundert Jahren ruinösem Bürgerkrieg kristallisiert sich mit ihm ein genialer Machtmensch heraus, der sowohl begabter Militär wie Politiker ist, - und brutal wie seine Konkurrenten. Es gelingt ihm, de facto die stadtrepublikanische Verfasstheit auf der Basis militärischer Gewalt für das Reich außer Kraft zu setzen.

 

Die Expansion des imperialen Rom über die Alpen bis zur Donau und unter Caesar auch von der südlichen Gallia (Narbonensis) nach Norden und dann später auch nach Britannien geschieht unter dem Druck der germanischen Völker nach Süden und nach Westen. Damit nun sind die meisten Gebiete, in denen Kapitalismus entstehen wird, unter dem Dach römischer Zivilisation.

 

Caesar erklärt den Rhein zur Grenze zwischen Gallia und Germania, letztere weiterhin eine terra incognita. Inzwischen geraten erste Germanenvölker unter einen gewissen Einfluss römischer Zivilisation und ihres die oberen Schichten betreffenden Wohlstandes. Zwischen Kelten und Germanen schieben sich am Rhein zwei Provinzen: Eine Germania mit Köln als Hauptort und eine zweite, deren Zentrum Mainz ist.

 

Als römisches Militär sich in der Gegend festsetzt, die es ab 63 vor unserer Zeitrechnung als abhängiges Gebiet Palaestina nennen wird, trifft es dort wiederum auf ein bereits partiell hellenisiertes Judentum. Durch die griechischen Texte, die dann von Jesu Leben und Sterben künden, gelangt das sich wandelnde Christentum auch in den lateinischen Teil des Imperiums, wo es sich nach und nach und etwas anders anpasst als in der griechischen Hälfte.

 

 

Mit Caesars Ermordung durch Vertreter des alten Stadtadels wird der Weg frei für einen Kompromiss. Um die Bürgerkriege zu beenden, entwickelt Caesars Nachfolger Octavian nach militärischen Erfolgen eine propagandistisch gut verbreitete Wende: Er verspricht Frieden im Inneren auf der Basis der tradierten "Verfassungs"-Organe, wenn man ihn persönlich als militärischen Oberbefehlshaber anerkennt. Als Caesar Augustus, der Erhabene, trennt er damit die tatsächliche Macht von der der überkommenen Verfasstheit des Staates, die bestehen bleibt. Die Ämterlaufbahn bis hinauf zum Senat bleibt bestehen und behält de iure ihre Funktionen, während die Macht der "Kaiser", wie sie im Deutschen viel später heißen werden, auf ihrer militärischen Führerschaft besteht. Zunächst müssen sich die "Kaiser" neben dem Militär weiter auf den alten Adel stützen, was heißt, geschickt zu lavieren, aber langsam wird die Bedeutung der Armee zunhemen, nicht zuletzt auch, weil es gegen Kelten und Germanen, gegen Berber, Araber und Perser und viele andere in immer neuen Kriegen zu kämpfen gilt.

 

 

In Octavians Zeit der Regierung fallen auch die frühen Jahre Jesu, von denen wir allerdings (fast) gar nichts wissen. Die Landschaften von Judäa, Galilea und Samaria sind unter römischer Militärgewalt, haben aber vorläufig einen gewissen Sonderstatus mit von Rom akzeptierten „eigenen“ Königen. Unser Jesus ist offenbar überhaupt nicht interessiert daran, welche Macht in der Region herrscht, da sie ohnehin mit dem von ihm angekündigten Weltenende untergehen würde. Man möge dem Kaiser seine Abgaben zahlen, um sinnlose Konflikte zu vermeiden. Andererseits fordert er aber nicht dazu auf, dem Tempel noch seinen Tribut zu zollen. Jesus ist also für die Römer völlig unbedeutend, sofern sie ihn überhaupt wahrnehmen, was kaum der Fall gewesen zu sein scheint. Bedrohlich für die Tempelpriesterschaft wird er erst, als er sie bewusst herausfordert.

 

Die sich im gesamten Mittelmeerraum bis nach Britannien und im Osten bis an Perserreiche ausbreitende "römische" Zivilisation, aus vielen Völkern und zwei Hauptsprachen (Latein und Griechisch) zusammengeschweißt, ist weiterhin und immer noch zunehmend eine städtische. Eine Oberschicht von immer mehr Senatoren, einer Art Reichsaristokratie (Demandt), und der Rat der Dekurionen kontrolliert diese Städte, versieht sie mit ihren prächtigen Stadthäusern, lebt aber zudem in luxuriösen Villen auf dem Lande von ihrem Großgrundbesitz mit immer abhängigeren bäuerlichen Produzenten. Unterhalb dieser nobilitas und städtischem Adel gibt es Händler und Handwerker, zunehmend staatlich organisiert, darunter die für Tagelohn arbeitende Plebs und die Sklaven. Die Mächtigeren dieser Oberschicht halten sich seit der späten Republik eine Klientel, eine im Zweifelsfall auch bewaffnete Gefolgschaft.

 

Die Dekurionen oder Kurialen, Mitglieder der städtischen curia, reiche Großgrundbesitzer allesamt, sind für die Bauten, die Nahrungsversorgung, die Kulte und das Amüsierprogramm in der Stadt zuständig. Sie haben also nicht nur Privilegien, sondern auch Lasten, die sie zunächst für ehrenhaft ansehen. Im vierten Jahrhundert wird das Eintreiben der zunehmenden Steuern für das von außen stärker bedrohte Reich zur besonderen Belastung. Dieser imperiale Finanzbedarf wird ganz oben festgelegt, dann auf die Provinzen und schließlich von dort auf die Städte umgelegt und muss von diesen vor allem über die ländliche Produktion aufgebracht werden.

 

Über der civitas wölben sich die Provinzen mit ihrer Verwaltung und darüber die Zentrale Rom mit dem Senat und vor allem dem Kaiser, der sich als einigende Kraft auf das Militär stützt. Als alleiniger Gesetzgeber und über dem Gesetz stehend beansprucht er göttliche Kraft und Verehrung.

 

 

Mit Octavian/Augustus findet so etwas wie eine Zeitenwende in dreierlei Hinsicht statt. Zum einen wird mit der späten Epochalisierung der Geschichte durch Historiker nun die Zeit der römischen Cäsaren/Kaiser angesetzt, die im lateinischen Abendland spätestens mit der Absetzung des letzten Kaisers Romulus Augustulus durch Odoaker 476 enden wird.

Zum zweiten ist nun bald die größte Ausdehnung der römischen Befehlsgewalt (imperium) erreicht, nachdem Augustus einsehen muss, dass eine Erweiterung durch Eroberung nach Germanien nicht mehr möglich ist.  In Zukunft wird es vor allem um Abwehrkämpfe an allen Fronten gehen, bis das lateinische Abendland auseinanderbricht.

Schließlich setzt zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert mit der fiktiven Fixierung der Geburt eines wenig historisch greifbaren Jesus auf ein Jahr Null eine neue Zeitrechnung ein, die mit dem Anfang der Herrschaft des ersten römischen Kaisers zusammenfällt.

 

Wenn hier weiterhin von Abendland, Okzident, dem Land der untergehenden Sonne die Rede sein wird, dann wird es sich zunächst um jenen von Hellenen und "Römern" vor allem geprägten Raum einer gemeinsamen Zivilisation handeln, den das Kirchen-Christentum dann auf eigenartige Weise einfärbt. Dieser Raum wird nur vorübergehend unter dem römischen Imperium Nordafrika und den "nahen Orient" umfassen, da beide Regionen durch einen orientalischen Islam völlig umgestaltet werden. Abendland ist so kein geographischer Begriff wie der von einem Europa, und mit dem Absterben der abendländischen Zivilisation wird er heute dann auch propagandistisch entwertet, woran wir uns hier nicht anschließen werden.

Da die Hellenen, welche die Lateiner graeci nennen und in der Folge die Deutschen als Griechen bezeichnen, sich weder ihre Sprache noch andere Besonderheiten ganz nehmen lassen, wird sich mit den Teilungen des Imperiums ein lateinisches und ein griechisches Abendland herausbilden, ein Westrom und ein Ostrom. In jenem Teil, in dem Latein die lingua franca der Kirche, der Köster  und der weltlichen Herrscher bleibt und bis ins 18. Jahrhundert der der Vorgänger der späteren Wissenschaften, wird Kapitalismus entstehen und sich ausbreiten. Ihm gehört darum von nun an unser wesentliches Augenmerk.