GEWERBE 3: GEWERBE, WAREN UND KONSUM (13. Jh. bis 1350) (in Arbeit)

 

 

Handel im 13. und 14. Jahrhundert (Handelsraum und Güter / Hanse / Süddeutschland / Italien / Firma und Geschäftsleben / Konkurrenz / Finanzkapital)

Messen

Transport, Verkehr, Mobilität

Bergbau und Salz

Metall

Technik und Maschinen: Weitere Industrialisierung

Das Handwerk (Spezialisierung / Gesellen / Restriktionen )

Kapitalisierung und Verlagssystem (Verleger / Textilwirtschaft)

Warenästhetik

 

 

 

Handel im 13. und 14. Jahrhundert

 

****Handelsraum und Güter****

 

Der durch die Kreuzzüge eher geförderte Orienthandel nimmt mit dem Scheitern der ursprünglichen Kreuzzugsidee beim Überfall auf Konstantinopel noch weiter zu. Immer neue Produkte versorgen Luxusbedürfnisse der Oberschichten, wie Reis, Orangen, Datteln, Feigen, Rosinen oder aber auch Parfum und Medikamente. Dazu kommen aber zunehmend Rohstoffe für die stärker kapitalisierten Zweige europäischer Produktion, wie Farbstoffe und Alaun, wie Rohseide und Baumwolle (cotone), und Luxusstoffe wie Damast, Musselin oder Gaze, jeweils nach den Hauptherkunftsorten benannt. Dafür erhält die islamische Welt Holz, Waffen und manchmal auch Sklaven.

 

Bis in die große Krise des 14. Jahrhunderts erschließt sich ein weiterer riesiger Handelsraum durch die Eroberungen und das Mongolenreich Dschengis Khans, den der Venezianer Marco Polo besucht. Schon sein Vater Niccolò und Onkel Maffeo ließen sich in Konstantinopel nieder und griffen von dort nach Soldaia auf der Krim aus.

Über die Seidenstraße gelangen mit großen Karawanen "Seide, Pfeffer, Ingwer und andere Gewürze, Edelsteine, Lederwaren und Teppiche" nach Europa, während umgekehrt "Silber, Woll- und Leinentuche sowie Pferde" in den fernen Osten gelangen. Von Südchina wird eine Seeroute über den indischen Ozean bis in den persischen Golf und nach Afrika entwickelt (Gilomen, S.86).

 

1291 fällt Akkon, der Papst bannt den Handel mit islamischen Partnern. Der Verlust von Palästina/Libanon wird durch Lajazzo in Kleinarmenien kaum mehr ausgeglichen, aber es wird zum Streitfall zwischen Venedig und Genua. Dieses hatte schon 1261 Pera (Galata) gegenüber der venezianischen Seite von Byzanz gewonnen und profiliert sich besonders im Sklavenhandel.

1284 besiegen die Genuesen bei Meloria Pisa und kontrollieren seitdem fast alleine den Handel im westlichen Mittelmeer. 1298 kommt ein Seesieg über Venedig bei Curzola hinzu, der aber die Machtverteilung nicht mehr dauerhaft ändert.

Wie hochgespannt die genuesischen Ziele sind, zeigen die Kaufleute und Seefahrer Ugolino und Vadino Vivaldi 1291 bei dem gescheiterten Versuch, aus der See-Enge von Gibraltar hinauszufahren und entlang der afrikanischen Küste den Seeweg nach Indien zu finden. Einen genauso gescheiterten Versuch wird 1346 der Mallorquiner Jaime Ferrer unternehmen.

 

Handelsgüter für den Fernhandel sind im hohen Mittelalter auch einfachere Tuche – auch in den Orient. Norditalien liefert dafür zunächst Barchent. Aber die Masse des Handels des lateinischen Europas bleibt natürlich innereuropäisch. „Die Notariatsurkunden der genuesischen Archive lehren, dass die Stadt schon vor dem 13. Jh. Tücher aus Arras, Lille, Gent, Ypern, Douai, Amiens, Beauvais, Cambrai, Tournai, Provins und Montreuil ausführte.“ (Pirenne, S.141) Bald werden einige dieser Orte dann ganz von Flandern und Brabant abgelöst.

 

Eine besondere Rolle im christlichen Spanien nimmt Barcelona ein, wo der Werftenbau und die Privilegierung einer Handelsflotte Seehandel durch das ganze Mittelmeer fördern. Etwa zwei Drittel davon werden mit nordafrikanischen Städten betrieben, von denen zum Beispiel Wachs, Pfeffer und Alaun kommen. Später als in italienischen Städten wie Mailand liefern spanische Städte Tuche und Waffen, immerhin blüht in Barcelona im Spätmittelalter Tuchproduktion auf.

 

Am Beispiel Englands lässt sich gut erkennen, was genauso auch auf dem Kontinent geschieht. Um 1200 liegt dort die jährliche Summe aus Import und Export bei um die 60 000 Pfund und hundert Jahre später bei rund 500 000, was nach Abzug der Inflation eine Verdreifachung bedeutet. Dazu gehört nicht nur eine entsprechende Vermehrung des Geldumlaufes, sondern auch eine erhebliche Erhöhung des Bevölkerungsanteils, welcher nicht mehr vorwiegend von agrarischer Produktion lebt, und zwar auf nunmehr rund 20%. (Dyer, S.212)

 

Aber in England werden bis tief ins späte Mittelalter keine großen Firmen wie in Italien gebildet, wenn auch kleine zeitgebundene Partnerschaften wie die von 1304 von John Chigwell und William de Flete. Beide bringen 40 Pfund in Waren ein und schicken dann Angestellte los. De Flete schickt Wein, Bohnen und Salz nach Schottland, was einen Gewinn von 25% einbringt. Chigwell wird von dem mächtigen schottischen Magnaten John Comyn eine Ladung Wolle und Häute angeboten, was soviel Kapitaleinsatz bedeutet, dass er sich noch mit einem Italiener verbindet. Sie reisen zu Comyns Burg, bezahlen für die Waren 220 Pfund, und verbrauchen dann noch 125 Pfund für die Verbringung nach St.Omer, wo alles für 396 Pfund verkauft wird, was einen Gewinn von 51 Pfund ausmacht. Sein Anteil an der englischen Partnerschaft bestand andererseits in einer Fracht von Färberwaid aus der Picardie, bei der etwas schief geht, was zu Konflikten zwischen den beiden Londonern führt (Dyer, S.216)

 

Überhaupt sind es zum größten Teil fremde Händler, die bis ins 14. Jahrhundert englische Waren exportieren. Der Handel konzentriert sich dabei auf Flandern und Brabant, die Gascogne und die iberische Halbinsel.

 

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Die geographische und mengenmäßige Expansion des Handels hängt einmal an der Zunahme einer adeligen wie großbürgerlichen Schicht von Luxuskonsumenten und deren steigender Nachfrage, vor allem aber an der Massennachfrage nach Gütern des täglichen Bedarfs, der durch ständig steigende Bevölkerung und langsam steigende Kaufkraft vieler befeuert wird. Das sind nicht nur Tuche, sondern auch allgemein nützliche Haushaltsgegenstände und vor allem Lebensmittel. Städte des frühen Mittelalters ernähren sich noch aus ihrem nahen Umfeld, die größeren im hohen Mittelalter müssen Teile ihrer Ernährung bereits aus entfernteren Gegenden sichern, und im späten Mittelalter wird Fernhandel mit Massen von Lebensmitteln bei immer größeren Städten immer üblicher. Immer mehr Fleisch gelangt in die Städte durch über viele hundert Kilometer getriebene Ochsen, Schafe usw. Städte verbrauchen dabei sowieso mehr als das Land. Getreide muss für alle größeren Städte zum Teil aus der Ferne herbeigeschafft werden. Im 14. Jahrhundert kann Florenz nicht einmal mehr die Hälfte seines Bedarfes an Weizen aus der Toskana decken. Der Mittelmeerraum insgesamt wird nun zum Teil mit Getreideschiffen aus dem Ostseeraum versorgt. Von dort gelangen Getreideschiffe nach Flandern, wo das Getreide dann umgeschlagen und bis nach England gelangt, und im Bordelais und in Portugal gegen Wein getauscht wird.

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts beginnt das mit dem Orient vertraute Venedig, aus Hartweizen Nudeln herzustellen. Diese beginnen in Italien den Getreidebrei zu verdrängen.

 

Im 14. Jahrhundert beginnt Bier dank des Einsatzes von Hopfen den Wein als Grundnahrungsmittel zu verdrängen, nicht nur wegen seines höheren Kaloriengehaltes, sondern auch, weil es billiger ist. Das betrifft vor allem Norddeutschland und die Niederlande.

 

Neben Getreide und Fleisch ist Fisch ein elementares Handelsgut, denn fast ein Drittel des Jahres ist dem Christenmenschen der Fleichverzehr verboten. Schlüsselfunktionen haben hier Köln mit seinem Stapelrecht, welches Südwestdeutschland versorgt, Lübeck, welches Salz in den Ostseeraum liefert und dafür Fisch verhandelt. Von Yarmouth wiederum wird Fisch bis auf die iberische Halbinsel und Norditalien verbracht.

Fisch wird einmal eingesalzen, Bücklinge werden geräuchert, und Stockfisch ist meist luftgetrockneter Kabeljau oder Dorsch von der norwegischen Küste, oft über Bergen in den Handel gebracht. Salzheringe und Stockfische müssen dann tagelang gewässert werden, um den Zustand der Genießbarkeit zurück zu erhalten.

 

Drittes wichtiges Handelsgut neben Lebensmitteln und Tuchen sind Waffen und Rüstungen, dank menschlicher Gewalttätigkeit ebenfalls starker Abnutzung unterlegen. Ritterrüstungen unterscheiden sich dabei von den immer häufigeren Ausstattungen der Infanterie mit Panzern für Brust und Rücken, alles in Mailand, Brescia, Nürnberg oder Köln hochqualifiziert hergestellt. Insbesondere die Rüstungen unterliegen dabei einem deutlichen Innovationsdruck.

 

****Hanse****

 

Die beiden zentralen Handelsstädte im Norden sind Brügge, das sich von einer Produktionsstätte zu einem Handelsort entwickelt (im Unterschied zu Gent), und Lübeck. Letzteres wird erst 1143 neu gegründet, aber sein Handel expandiert schnell nach dem 1160 auf Gotland gegründeten Wisby, von dort über Rostock (1218), Stralsund und Danzig (1230) Riga (seit um 1200), dann Dorpat (vor 1250) und Reval (um 1270). Vor allem westfälische Kaufleute zieht es nach Lübeck, wo unter anderem ostelbisches Getreide verhandelt wird.

 

Wie in England gibt es auch in Norddeutschland noch keine größeren Firmen als Handelsgesellschaften. Im entstehenden Hanseraum gibt es neben dem einzelnen Händler die kurzfristige societas oder kumpanie: "In der Regel zwei Parteien, der Kapitalgeber und der die Gesellschaft nach außen vertretende Kapitalführer, schlossen miteinander ihren kurzfristigen Gesellschaftshandel durch die Einlage von Geld ab." (Dirlmeier, S.43) Diese "Widerlegung" ließ einen der beiden Partner fahren, einen zu Hause bleiben. Später wird die Ware von einem Handelspartner zum nächsten gesandt.

 

Lübische, westfälische und sächsische Kaufleute gründen schon früh im 13. Jahrhundert eine Genossenschaft der Gotlandfahrer, die "Gesamtheit der Kaufleute des Römischen Reiches, die Gotland besuchen". Deren Reichweite umfasst dann Schonen, Riga, Smolensk und Nowgorod. Zentrum ist Visby, wo man sich in der Marienkirche versammelt und ein eigenes Siegel führt. Nach 1280/90 wird die Konkurrenz zwischen Lübeck und Visby um die Vormachtstellung intensiver.

 

Auf der anderen Seite privilegiert sie 1252 die flämische Gräfin Margarethe, wo die deutschen Kaufleute Waren aus Italien, England und Flandern vor allem in Brügge einkaufen können.

Westlich etabliert sich für den Nordseeraum die Kölner Hanse. In London lässt sich 1266 die Hamburger Hanse neben der Kölner nieder, bald gefolgt von der Lübecker. Inzwischen betreiben die Ostseestädte Direkthandel mit England und Flandern.

Schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts sind städtische Räte und Fahrgenossenschaften personell ziemlich identisch und betreiben Politik als Interessenvertretung des Handels. Wie schon früher in der Nordhälfte Italiens wird flagrant deutlich, dass abendländische Städte sich seit dem hohen Mittelalter durch Interessenidentität von Kapital, insbesondere aus Handel, und Politik auszeichnen. Die Einheit von Kapitalismus und Stadt macht ihre Besonderheit im Weltmaßstab aus.

"Nur in Nowgorod sowie seit 1253 in Flandern erfolgte eine gemeinsame Privilegierung der niederdeutschen Kaufleute, während ansonsten Einzelprivilegien für die Fernhändler einer Stadt vorherrschten." (Fuhrmann, S. 192)

 

Zunächst spielen westfälische Kaufleute mit Textilien und Metallwaren eine große Rolle im Ostseehandel, aber im 13. Jahrhundert werden sie zunehmend von den neuen Ostseestädten verdrängt, was gelegentlich zu ihrem Umzug dorthin führt.

 

Zwischen ungefähr 1280 und 1350 werden Kölner Englandhandel, die Gotländische Genossenschaft mit preußischen, westfälischen und wendischen Fahrgenossenschaften verzahnt, so dass ein großer Markt von London und Brügge über Bergen und Stockholm bis Nowgorod reicht. Dreh- und Angelpunkt und größter Profiteur wird im Westen Brügge und im Osten Lübeck.

 

In Brügge treffen englische und kastilische Wolle, niederländisches Vieh, südwestfranzösischer Wein und Gewürze aus dem Orient über Italien zusammen mit heimischem Geldgeschäft. Über die Hanseprivilegien in der Stadt kommt es ab 1280 immer wieder zu Konflikten und dem Weggang der Hansekaufleute.

 

Lübeck ist zuallererst Umschlagplatz für Salz und beliefert damit den ganzen Nordosten Europas. Der Osten liefert Pelze und Wachs, Holz und Holzprodukte wie Bleichasche, Pech, Teer und Harz. Mitteldeutschland bis hoch nach Mecklenburg bietet vor allem Getreide, welches Norwegen und die Niederlande dringend benötigen und welches dort als Druckmittel zum Erlangen von Privilegien eingesetzt werden kann.

 

Ein weiterer Eckpunkt des Hansehandels neben Brügge, Lübeck und Nowgorod wird nach 1200 das norwegische Bergen, zunächst auch königliche Residenz. Sein wesentliches Exportgut wird heimischer Stockfisch. Um 1250 fangen Hansekaufleute an, in Bergen zu überwintern, und kaufen oder bauen dort Häuser. Dazu kommen im 14. Jahrhundert Handwerker, "so dass um 1400 etwa ein Drittel der etwa 6000 Bewohner Deutsche oder deutscher Herkunft waren." (Fuhrmann, S.193)

 

Die Hansestädte der Küste sind im wesentlichen auf Handel ausgerichtet, daneben gibt es Schiffsbau, Herstellung von Fässern und Brauereien. Das Hinterland der Ostseestädte liefert Getreide und Holz. Binnenstädte der Hanse wiederum haben ein ausgeglicheneres Verhältnis zwischen Handel und produzierendem Gewerbe.

 

In den Brügger Statuten von 1347 zeichnen sich drei Regionen ab, eine wendisch-sächsische, eine westfälisch-preußische und eine gotländlisch-livländisch-schwedische. Seit 1356 trifft man sich auf Hansetagen, die dudesche hanse ist im Vollbild da.

 

****Süddeutschland****

 

Süddeutscher Fernhandel geht von Städten wie Augsburg, Regensburg und Nurnberg aus und vermittelt vor allem zwischen den Champagnemessen und Südosteuropa (Horst Rabe). Deutsche Tuche haben noch kein Spitzenniveau, verbreiten sich aber als einfachere Massenware vor allem. Dazu kommen seit dem Ende des 12. Jahrhunderts die oberschwäbische Leinen- und bald auch Barchentprodukte. Fernhandel bedienen zudem metallverarbeitende Betriebe in Nürnberg, Goslar und Dortmund.

Einen frühen Familienbetrieb in Nürnberg um 1300 bilden die vier miteinander verwandten Holzschuher, die auf flämischen Märkten dokumentiert sind. Eine andere Nürnberger Firma ist die der Stromer-Ortlieb: "Die Stromer hatten sich vor 1336 im Eisenerzrevier der Oberpfalz als Hammerherren und Montanunternehmer engagiert, sie waren seit 1350 als Fernhändler in Mailand erfolgreich, man findet sie gleich anderen Nürnbergern in Venedig und Lyon, in Ofen, Breslau und Krakau, in den Niederlanden und am Oberrhein, sie waren als Finanziers der römischen Könige in die Reichspolitik verstrickt und in hochspekulativen Wechselgeschäften tätig." (Dirlmeier, S.43)

 

****Italien****

 

Während der Handel im Norden seine erste Blütezeit erlebt, findet in Italien bereits eine zweite statt. Zwischen 1270 und 1300 werden der Kompass und die Seekarten verbessert und die Schiffe werden größer, was die Transportkosten senkt, das Risiko allerdings vergrößert. Mit dem größeren Waren-Volumen geht man dann dazu über, den Transportpreis nicht mehr so sehr nach Gewicht oder Platzbedarf der Waren zu berechnen, sondern nach ihrem Marktwert (Gilomen, S.93 für 1299/1309 als frühe Beispiele).

 

Neben der Aufteilung in Händler/Kapitaleigner und Transportunternehmen im Seehandel findet bereits im 12. Jahrhundert nicht zuletzt durch die Kreuzzüge eine Art handels-ökonomische Kolonisierung statt, die besonders den südlichen und östlichen Mittelmeerraum betrifft. Diese gemeinsamen Handelsstützpunkte norditalienischer Städte und dann auch solcher der langue d'oc  werden seit dem Ende des 13. Jahrhunderts durch Filialen einzelner großer Firmen ergänzt, die sich in Umschlagsplätzen wie London oder Brügge niederlassen uind im Laufe der Zeit dann durchs ganze Jahr betrieben werden. Denn Kontakt zur Firmenzentrale halten professionelle Boten auifrecht.

 

Venedig entwickelt dabei früh das Geschäft auf Kommissionsbasis, wobei der nicht in die Firma integrierte Kommissionär für die Abwicklung des Geschäftes vor Ort mit einem am Erlös gemessenen Anteil bezahlt wird. In Venedig wird ähnlich wie in Genua die Colleganza um 1300 durch die Societas abgelöst: "Sie wurden mit mehreren Partnern auf drei bzw. fünf Jahre abgeschlossen, kannten Verlängerung und Vermögenshaftung, berücksichtigten auch stille Beteiligungen mit der Übernahme des Geschäftsrisikos und Deposita gegen Verzinsung." (Dirlmeier, S.41)

Von Florenz aus über Lucca, Siena und Piacenza entwickeln sich solche Sozietäten zugleich für den Landhandel. Die Florentiner Bardi werden seit dem frühen 13. Jahrhundert reich durch die Einziehung und Verwaltung der päpstlichen Zehntgelder. Seit 1274 sind in Florenz die Peruzzi bezeugt, die es 1310 auf über 100 000 Florin Gesellschaftskapital bringen, die vor allem Familienmitglieder und Verwandte, aber auch andere einbringen. Die Liste ihrer Filialen ist lang: Brügge, London, Paris, Avignon, Genua, Pisa, Venedig, Cagliari, Neapel, Barletta, Palermo, Agrigent, auf Zypern, Rhodos, in Tunis und auf Mallorca.

In der Nordhälfte Italiens entwickelt sich um dieselbe Zeit ein vom Handelsgeschäft sich lösendes Bankwesen, welches Depositen zu verwalten beginnt, wobei es weniger um Zinsen als um bargeldlosen Zahlungsverkehr geht. Mit dem Firmen-Konto wird es möglich, als verdeckten Kredit zu überziehen, "wodurch reines Buchgeld geschaffen wurde." (Gilomen, S.92)

Bardi wie Peruzzi reüssieren im Depositen-Bankgeschäft und in dem mit Anleihen an Staaten, wobei die, die sie an die englische Krone geben, 1343 ihren Untergang herbeiführen.  (Genaueres im Großkapitel 'Italien')

 

Seit der Wende zum 14. Jahrhundert entwickeln Genuesen die Versicherung durch Dritte und in der Mitte des Jahrhunderts dann vereinfachte Formen durch Prämienzahlung. (Gilomen, S.91f)

 

****Firma und Geschäftsleben****

 

Einige Zeit vor den Händlern nördlich der Alpen fangen solche im Mittelmeerraum an, nicht mehr mit den Waren transportierenden Karawanen und Schiffen mitzuziehen. Der Kaufmann bleibt zuhause und dirigiert seine Geschäfte von Geschäftsräumen aus, der scrivekamere, wie sie später dann in deutschen Landen heißt. Der Warentransport wird Angestellten übertragen oder Transportfirmen, und im Falle dauerhafter Geschäftsbeziehungen zum Zielort dort von einem Faktor übernommen. Zum Geschäft gehört nun Schriftverkehr, den eigene Boten bewerkstelligen, die den Weg zwischen Nürnberg und Mailand samt Rückweg schon mal in vierzehn Tagen schaffen.

 

Schreiben, Lesen und Rechnen gehören nun zum kaufmännischen Können wie Lateinkenntnisse und möglichst auch solche in Fremdsprachen, nicht zuletzt im Italienischen. Wo keine entsprechenden Schulen vorhanden sind, was in deutschen Landen oft der Fall ist, geht man zu einem verwandten oder fremden Kaufmann in die Lehre.

 

Die hochkapitalisierten Firmen bedürfen auch zunehmender Schriftlichkeit, um Soll und Haben und die Anteile der einzelnen Firmenteilhaber festzuhalten. Von 1211 ist aus Florenz das erste Fragment einer solchen Buchführung erhalten. Um 1300 wird in Italien die doppelte Buchführung (partita doppia) ausgebildet, bei der jede Transaktion zweimal, nämlich bei Soll und Haben eingetragen wird. Welches Ausmaß solche Schriftlichkeit annehmen kann, wird in dem erhaltenen Archiv des Francesco di Marco Datini aus Prato deutlich. Aus deutschen Landen sind Dokumente des Regensburgers Matthäus Runtinger und des Lübeckers Hildebrand Veckinghusen aus derselben Zeit um 1400 erhalten. 

 

Der norddeutsche Hansekaufmann operiert entweder wie in Köln üblich alleine, oder aber mit einem oder seltener mehreren kurzzeitigen Teilhabern, von denen dann einer mit der Ware mitzieht. Daneben kann jemand mit einer Komission beautragt werden. Oft wird ein breitgefächertes Warenangebot aufgekauft oder versandt. Da es keine auf Dauer angelegte Handelsfirmen gibt, beteiligen sich hansische Kaufleute des Nordens oft zur gleichen Zeit an mehreren Geschäften. "Der Kaufmann Hermann Mornewech schloss in der Zeit von 1323 bis 1335 ausweislich des Lübecker Niederstadtbuchs 18mal Gesellschaftsverträge ab und erneuerte sie." (Isenmann, S.365)

Das Kapital kommt nicht nur aus kurzfristiger Teilhaberschaft, sondern auch aus Einlagen, an denen weite Kreise von Adeligen bis zu Hafenarbeitern beteiligt sind. "In Danzig beteiligten sich 1438 an der Baienfahrt, der Salzfahrt nach Bourgneuf in der Biskaya, das Brigittenkloster, die Marienkirche, das Heiligengeisthospital und die Älterleute des Johannisaltars." (Isenmann, S.365)

 

In Süddeutschland dominieren größere und auf mehr Dauer angelegte Handelsgesellschaften. Verträge belaufen sich auf um die 5 Jahre, in der Regel ist aber Verlängerung schon vorgesehen. Die größte und an Zahl ihrer Mitglieder auch italienische übertreffende Firma ist die Große Ravensburger Handelsgesellschaft, die 1380 gegründet wird und bis 1530 existiert. Die auf bis zu 121 Familien aus schwäbischen Reichsstädten anwachsende Firma hat zeitweilig zudem an die hundert Gesellen. Daneben gibt es auch Leute, die ohne Einfluss auf die Firma Kapital zu Zinsen einlegen. Diese riesige Gesellschaft besitzt zeitweilig Niederlassungen in der Schweiz, in Italien, Frankreich, Aragon, den Niederlanden und an Stellen im deutschen Reich. Geführt von drei Regierern legen neun Herren regelmäßig die Höhe des Gewinns und seiner Verteilung auf die Mitglieder fest.

 

Um 1500 hat die Ravensburger Gesellschaft ein Kapital von rund 150 000 Gulden. Die Fugger, die die Firma in der Familie halten und durch einen Vertreter führen lassen, sind in dieser Zeit bereits bei gut 200 000 Gulden angekommen.

 

Gewinne solcher Gesellschaften auf investitiertes Kapital liegen zwischen fünf und zehn Prozent, dort, wo wie bei den Fuggern noch Montangewerbe und Finanzgeschäfte hinzukommen, bei 15-20%.

 

 

****Konkurrenz****

 

Als 1285 König Philipp IV. durch Heirat der Erbin die Champagne übernimmt, beginnt der Niedergang der Champagne-Messen. Es kommt zum Krieg gegen Flandern, flämische Waren werden auf den Messen beschlagnahmt, dann werden italienische Kaufleute maltraitiert und ein Export für französische Wolle und textile Halbfabrikate kommt dazu sowie schließlich der hundertjährige Krieg zwischen den Kronen Englands und Frankreichs mit seinen Zerstörungen.

Mit den Schiffsverbindungen zwischen England, Flandern und Italien endet die Bedeutung dieser Messen im 14. Jahrhundert.

 

Je mehr gewerbliche Produktion und Messen es gibt, je enger das Netz des europäischen Handels gestrickt wird, desto härter wird die Konkurrenz. Sie ist wesentlich ein Krieg mit den Waffen des Marktes, wird aber zunehmend auch begleitet mit kriegerischen Waffen als Kampf um Märkte, um Rohstoffe und Gewerbestandorte. Machthaber kämpfen dabei um Steigerung ihrer Einkünfte, die wiederum nicht nur mehr Prachtentfaltung als Protz in der Konkurrenz miteinander bedeuten, sondern mehr militärischen Erfolg.

 

Die Gier steigt mit dem Konsumniveau von Waren, und dieses steigt mit kurzen kleinen Rückständen bis heute immer weiter. Eine sich immer aristokratischer gerierende bürgerliche Oberschicht kontrolliert mit ihren ökonomischen Waffen und der politischen Macht, die sie selbst gewinnen und mit der sie sich in Gestalt ihrer übergeordneten Herrscher verbinden, die Produzenten, die zunehmend von ihnen abhängig und zu meist willigen Untertanen werden, etwas, was schon in allen Zivilisationsschritten vorher eingeübt worden war. Kapitalmacht im Bündnis mit politisch-militärischer Macht führt, von kurzen Friedenszeiten unterbrochen, fast unentwegt Krieg, permanent mit wirtschaftlichen und intermittent mit militärischen Mitteln. 

 

Das immer engere Bündnis von Kapitalverwertung und vor- und frühstaatlichen Machtgebilden führt im späteren Mittelalter in jene Entwicklung, die sich dann in Nationalstaaten herauskristallisieren wird. Ein ganz frühes Beispiel als Erbe des süditalienischen Normannenreiches ist das Reich beider Sizilien unter dem Staufer Friedrich II. Es wird nicht zufällig von einem Bruder des französischen Königs beerbt. Während der Weg in eine deutsche Nationenbildung nach 1250 scheitert, ist Frankreich seit dem 10. Jahrhundert durch seine Ressentimentbildung gegenüber dem (deutschen) Kaisertum, durch seine Entstehung durch friedliche und kriegerische Annektion aus kleinsten Anfängen und seine jahrhundertelange Auseinandersetzung mit der englischen Krone zur Formierung eines Nationalstaates und der Entwicklung von Nationalismus prädestiniert. Auf diesem Wege wird Frankreich die vorherrschende Macht in Europa, und so wie der Knecht vor dem Herrn duckt und das dadurch zu kompensieren versucht, dass er sich mit ihm identifiziert, solange keine Rebellion in Aussicht steht, so übernehmen große Teile Europas die dort kreierten Moden und Modalitäten und das manchmal bis ins neunzehnte Jahrhundert, so wie das zwanzigste dann von den USA dominiert werden wird. Man denke nur an das französische Erstaunen der Bildungseliten, als sich eine deutsche Romantik von französischer Vorbildhaftigkeit löst. Dasselbe betrifft die dazugehörige Sprache, Lateinisches gerät mit jedem Modernisierungsschub über das Französische ins Deutsche, welches dabei allerdings - wenn auch abnehmend - mehr Integrationskraft hat als in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, als es alle Lebendigkeit an das Newspeak des Denglischen abgibt, inzwischen noch durchsetzt durch das wahnhafte Newspeak der politischen Korrektheit. 

 

Zurück zum späten Mittelalter. Nicht Kapital als solches, aber Kapitalismus tendiert unentwegt zur Kombination von Konzentration und Konkurrenz, analog zum Nationalismus, wie er im späten Mittelalter vielförmig virulent wird. Die Konkurrenz auf der Ebene der Produktion wird beim Verhandeln von Tuchen aller Arten deutlich. Neue Tuchlandschaften entstehen, wie in Süddeutschland nördlich der Alpen mit Leinen und Barchent und schädigen dabei die norditalienische Konkurrenz. In England führt die Rückhaltung von Wolle besserer Qualität und der Aufschwung einer eigenen Tuchproduktion im Zuge der englischen Nationbildung zur Schwächung von Tuchproduktionsgegenden auf dem Kontinent. Die englische Produktion verdreifacht sich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts und die Arbeiterschaft darin verdoppelt sich. Vier Fünftel der Produktion werden um 1400 dann exportiert.

Deutsches und französisches Flandern und das Artois gehören zu den frühesten europäischen Tuchlandschaften. Mit dem Entzug englischer Wolle insbesondere seit 1295 beginnt die Krise der Region, die durch spanische und norddeutsche Wolle nicht mehr aufgefangen werden kann. Dabei waren in Brügge, Gent und Ypern beispielsweise  gut die Hälfte der Bevölkerung in Tuchproduktion eingespannt, was das Ausmaß der Krise dort verdeutlicht. Nach 1320 gelingt es Brabant (Mecheln, Büssel und Löwen), die benachbarten Regionen an Qualität und Menge zu überflügeln.

 

Die Ausbreitung der Seidenproduktion aus Italien in den Norden im 13. Jahrhundert wird zunächst durch steigende Nachfrage der aus ihr erwachsenden luxuriösen Modetuche abgefangen: Brachiale Konkurrenz entsteht erst durch allgemeine Marktverdichtung für diese Waren. Aber selbst Seide ist im Mittelmeerraum des hohen Mittelalters bereits Thema für Kriege.

 

Messestandorte konkurrieren bis heute massiv miteinander, und im späten Mittelalter mehr als je zuvor, da sie zu wichtigen Finanzplätzen werden. Die Champagnemessen werden beerbt durch kernfranzösische und deutsche Standorte. Das aus den Champagneorten abgewanderte Finanzkapital konzentriert seinen Umschlagplatz erst nach Genf und dann durch massive französische Interventionen nach Lyon.

 

Konkurriert wird in Norditalien schon spätestens im 13. Jahrhundert um Facharbeiter im textilen Sektor. Die langsam steigende Mobilität von Handwerkerkreisen wird dann bald durch solche allgemeinerer Lohnarbeit erweitert werden. Die vom Kapitalismus und seinem zunehmenden Warenverkehr geweckten Wohlstandshoffnungen kollidieren mit zunehmend wahrgenommener Instabilität allerorten. Beunruhigung nimmt zu, die sich in Texten und Bildern niederschlägt. Im direkten Orbit der Macht beginnt dagegen das Formulieren von Fortschrittsoptimismus. Die Wahrnehmung von Welt fällt immer weiter auseinander.

 

****Finanzkapital****

 

Im Verlauf des 13. Jahrhunderts wird jüdisches Finanzkapital durch die englische Krone soweit ausgeplündert, dass es zunehmend dann an Bedeutung verliert. Zwischen 1241 und 1255 verlangt Henry III von Juden noch einmal als besondere Steuern rund 66 000 Pfund, etwa die Hälfte ihres gesamten Kapitals. Daneben engagiert er sich fromm in ihrer Konversion via Druck. 1255 lässt er neunzehn Juden töten, die der Entführung und Kreuzigung eines kleinen Christenjungen angeklagt waren, und bestätigt damit die Vorstellung, dass Juden so etwas öfter täten.

In der zweiten Häfte des 13. Jahrhunderts werden die Juden aus einzelnen Regionen in Frankreich ganz vertrieben, und 1290 verkündet Edward I ihre Vertreibung aus ganz England. Nachdem er einen großen Teil der Einziehung und Verwaltung von Zöllen und Steuern an die Firma Riccardi aus Lucca abgegeben hat, die ihn ständig mit Geld für seine Ausgaben versorgen, sind die jüdischen Kreditgeber überflüssig geworden. 1306 vertreibt Philipp IV. die Juden aus Frankreich.

 

Um 1300 lebten schätzungsweise 100 000 Juden im römischen Reich. , vielleicht um die tausend davon jeweils in Nürnberg und Erfurt. Zunächst aus eigenem Antrieb in eigenen Vierteln abgesondert, nimmt die Ghettobildung im 14. Jahrhundert auch auf äußeren Druck zu, bis es dann in den großen Pestjahren 1348-50 zu massiven Pogromen kommt, die rund vierhundert Gemeinden betreffen und hundert davon vernichten.

 

Jüdisches Finanzkapital wird zwar bis in unsere Gegenwart eine gewisse Bedeutung haben, aber es hat seitdem seine manchmal fast monopolartige Stellung verloren. An die Stelle rückt auf ganzer Front neben norditalienischem Finanzkapital vor allem solches aus der Toskana.

 

Neben den Juden betreiben Leute aus Cahors (Cahorsini / Kawerschen) und Lombarden aus Asti, Piacenza und anderen Orten das Wechsel- und Kreditgeschäft in England, Nordfrankreich, Flandern und am Rhein. Ähnlich wie ihre jüdischen Kollegen liefern sie gegen hohe Zinsen von 22-30% und mehr konsumtive Kredite gegen Faustpfänder und geben große Darlehen an Städte, Adel und Fürsten. Ähnlich auch wie die Juden schon vorher werden sie in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts immer stärkerem Druck ausgesetzt und schließlich durch neue Geld- und Handelshäuser wie der Kölner Stralen-Kalthof-Gesellschaft überall verdrängt.

 

Nördlich der Alpen wird die Rente zur wichtigsten Kreditform mit zentralen Märkten wie in Frankfurt und Straßburg. Käufer sind vor allem Adel, Kirche und städtisches Großkapital, aber das Rentengeschäft ist insgesamt eine weit verbreitete Form der Kapitalanlage und des Kredits. Der Käufer gibt auf diese Weise kapitalisiertes Geld an einen Verkäufer, der dafür eine Rente zahlt, und eine Immobilie als Sicherheit stellt, die bei Nichtzahlung an den Käufer fällt.

Es gibt die Ewigrente, deren Zinsfuß anfangs bei 15% liegt und im Verlauf des Mittelalters auf 5% sinkt, und daneben die Leibrente auf das Leben des Käufers, die mit seinem Tod erlischt, und deren Zinsfuß etwa doppelt so hoch ist.

 

Renten hatten einerseits die Funktion, Kapital aufzunehmen, worauf vor allem der öffentliche Kredit beruht, Kapital einigermaßen abgesichert unterzubringen und bei kleinen Leuten, sich für Notfälle etwas abzusichern, etwa Krankheit und Alter, und wegen des letzteren treten besonders Frauen als Käufer auf. Außerdem kaufen Eltern Leibrenten für ihre Kinder und nutzen sie selbst bis zu deren Auszug aus dem Elternhaus. Daneben werden mit Renten fromme Stiftungen, Pfründe und karitative Einrichtungen abgesichert.

Schon im 14. Jahrhundert wird das Rentenpapier verkäuflich, vererbbar, als Mitgift übergeben und vieles mehr, als es zu einem frühen, auf Immobilien basierenden Wertpapier macht. Damit ist es in der Nähe des nun ebenfalls aufkommenden Grundpfandrechtes, bei dem eine Immobilie als Pfand gegen eine Summe Geldes eingesetzt wird.

 

Im 14. Jahrhundert wird es üblich, Renten mit meiner Ablösungsklausel zu versehen, so dass der Verkäufer die Rente mit einer Rückkaufmöglichkeit kündigen kann. Im 15. Jahrhundert wird es dann üblicher werden, dass ein Kündigungsrecht beider Seiten schon von vorneherein eingeräumt wird.

 

Gegen Ende des Mittelalters sind Rentengeschäfte so üblich, dass 30-50% mancher Städte dabei belastet werden. Die stets mit reichlich Geld versehene Kirche spielt eine große Rolle als Kapitalanbieter auf dem Rentenmakrt, auch weil sie selbst im Besitz vieler gestifteter Renten ist. Das Großkapital der Städte, wie am Beispiel Lübecks belegt ist, bildet manchmal "eine geschlossene rentenkaufende Schicht." (Isenmann, S.386). Bei den Handwerkern gibt es viermal so viele Rentenschuldner wie Rentengläubiger.

 

Die Kirche macht wenige Einwände gegen Rentengeschäfte, da das Kapital ursprünglich nicht rückerstattet wird. Im 15. Jahrhundert werden dann bestimmte Rentengeschäfte sogar päpstlich anerkannt.

 

1311 legt das Konzil von Vienne fest, dass Zinsnehmen in jedem Fall Häresie sei. Dass Kredite sozusagen die Seele des Kapitalismus sind und dieser in seiner ersten Hochblüte steht, macht das kirchliche Verhalten zu einem Kuriosum. Der häufige implizite Kredit durch zeitliche Verzögerung der Bezahlung ohne Zinsen ist von solcheem Verdikt ausgenommen. "Es war eine durchaus gängige Praxis selbst vermögender Kaufleute, mit dem Bäcker oder anderen Lebensmittelproduzenten oder -händlern nur an einigen Terminen im Jahr abzurechnen; als Basis dieser Abrechnungen dienten überwiegend Kerbhölzer." (Fuhrmann, S. 177)

 

Öffentliche Wechselinstitutionen wandeln sich in Depositenbanken, die sich monte nennen wegen der Anhäufung von Kapital bei ihnen. Um 1340 entsteht der monte commune in Florenz und zur selben Zeit der monte vecchio in Venedig.

 

Im Norden wird mit dem Niedergang der Champagnemessen Brügge zum wichtigsten Umschlagplatz für Waren und Geld, insbesondere auch für die kirchlichen Gelder, die aus Skandinavien und Osteuropa zu den Päpsten fließen.

 

 

Messen

 

Im 13. Jahrhundert nimmt auf Messen neben dem Warenhandel  das Kreditgeschäft immer mehr zu. Wie beim Kapital selbst findet auch bei Messestandorten ein Konzentrationsprozess statt, bei dem solche Messen überleben, die als Standort auch eine bedeutende, marktorientierte Produktion und eine aktive Kaufmannschaft besitzen (Irsigler). Den Champagneorten schadet der zunehmende Einfluss der französischen Krone und sie unterliegen der Konkurrenz von Ypern, Brügge, Antwerpen und Bergen-op-Zoom auf der einen Seite und von Chalon-sur-Saone für den Warenhandel und der Pariser Lendit-Messe für den Geldhandel auf der anderen Seite. Um 1350 ziehen sich die letzten italienischen Banken von den Champagnemessen zurück.

 

Im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts entfaltet sich ein fester Messezyklus im Niederrheingebiet. Da ist zunächst Aachen, dann folgt Duisburg am vierten Fastensonntag, dann folgen Utrecht und Köln an Ostern, Utrecht an Johannis, Köln am Anfang August, Duisburg am 24. August, Utrecht am 8. September, Aachen an Michaelis, Köln am 23. Oktober und am Schluss zu Martini wieder Utrecht. Auf diesen Messen werden Süddeutschland und die Niederlande miteinander verbunden, allerdings scheitert diese Kooperation endgültig, nach dem Köln 1259 endgültig sein allgemeines Stapelrecht durchsetzt.

 

Schon im 13. Jahrhundert nahm der Direkthandel von Kaufleuten mit dem Zielort zu, wobei Faktoreien und überhaupt Handelsniederlassungen helfen. Damit wird für manchen der Termindruck der Messen eher hinderlich. Nicht mehr große Messezyklen, sondern nur noch einzelne Messen an zentralen wichtigen Orten können sich behaupten. 1317 werden Messen in Antwerpen gegründet und beginnen, Brügge den Rang abzulaufen. Dazu kommt der englische Wollstapel in der Stadt.

Pendant zu Antwerpen und damit abgestimmt werden im 14. Jahrhundert die beiden vierzehntägigen Frankfurter Messen, aus denen sich im 15. Jahrhundert Frankfurt als zentraler deutscher Finanzplatz entwickeln wird.

 

Nachdem Venedig Genua aus dem Levantehandel verdrängt, wird der Rialto zu einer Art Messe in Permanenz, verstärkt durch die Zunahme gewerblicher Produktion im Schiffsbau, bei Textilien, Metall und Glas. Seit 1231 kontrolliert eine städtische Maklerorganisation den Messehandel am Rialto und beaufsichtigt auch die Unterbringung der Gäste. In dieser Zeit entsteht denn auch der Fondaco dei Tedeschi als Wohn-Lager und Kaufhaus.

 

Transport, Verkehr und Mobilität (in Arbeit)

 

Interkontinentaler, europäischer sowie regionaler Warenverkehr verlangen zu Lande immer bessere Wege. Brücken werden immer länger, wie die ab 1357 vom Architekten Peter Parler erbaute Prager Karlsbrücke mit 505 Metern und die Rhonebrücke Pont Saint-Esprit von Saint-Saturnin-du Port mit 1000 Metern. Schluchten der Alpenpässe werden mit Brücken überspannt (Schöllenenschlucht des St.Gotthard-Weges) und Saumpfade werden zu Straßen (Bozen nach Klausen auf der Brennerroute).

 

Im 13. Jahrhundert trennt sich in Italien ein eigenständiges Transportgewerbe vom Handel, der Kaufmann reist in der Regel nicht mehr mit. Nördlich der Alpen findet das erst ein Jahrhundert später statt. In dieser Zeit bildet sich auch erst ein Versicherungswesen mit im voraus zu zahlender Prämie aus.

 

Auf Nord- und Ostsee transportieren Hansekaufleute ihre Waren mit Koggen, wobei sie in der Regel mit wohl etwas unter einhundert Tonnen beladen sind. Sie sind gut 20 m lang und sieben m breit und besitzen am Heck ein kleines Kastell wohl für Kapitän und Steuermann.

 

Bergbau und Salz

 

Eine besondere Rolle nimmt in dieser Zeit der Bergbau ein, wird doch die Metallbearbeitung insbesondere auch in der Produktion von Rüstungsgütern zweiter Motor einer Entwicklung in Kapitalismus hinein, ob nun in Mailand, Nürnberg oder Dinant. Dabei sind es überwiegend (freie) Bauern, die als Teil ihres Lebensunterhaltes Berge „abbauen“ und sich dafür zusammenschließen. Dadurch bleiben die technischen Möglichkeiten aufgrund fehlender Kapitalisierung begrenzt. Das betrifft besonders die Alpenländer und Böhmen.

 

Im 13. Jahrhundert nimmt die Nachfrage nach Stahl, Kupfer und Zinn erheblich zu, aber auch von Silber und Gold. Die erste Blüte des Kapitalismus steigert insgesamt die Nachfrage nach Rohstoffen und dabei eben auch die Bedeutung des Bergbaus. Die bekannte Welt ist noch deutlich kleiner als im 16. Jahrhundert, aber es gibt keine Bedenken, ihre Ressourcen unwiderbringlich und brachial auszuplündern.

 

Insgesamt bleibt der Abbau von Kohle sehr begrenzt, die meist nur in der direkten Umgabung zum Befeuern heimischer Herde benutzt wird.

Aber zu den bisherigen Kohlevorkommen werden im 14. Jahrhundert auch die von Südwales und Northumberland erschlossen. "Von England aus wurden 1377 und 1378 jährlich ca. 6600 Tonnen Kohle nach Frankreich, in die Niederlande und in die Hansestädte an der Ostsee verschifft." (Dirlmeier, S.33)

 

Nach und nach nähert sich Bergbau in älteren Revieren einem Stillstand, da es dauern wird, bis man mit dem eindringenden Wasser in Stollen und Schächten umgehen lernt. Dazu bedarf es zunehmender Kapitalisierung. In einzelnen, noch wenigen Bereichen beginnt schon im 12. Jahrhundert unternehmerisches Kapital und Lohnarbeit in den Bergbau einzuziehen. Im 13. Jahrhundert zieht erstes verlegerisches Handeln ein, zum Beispiel in Goslar, wo Kapitaleigner Grubenanteile erwerben und dort unter verschiedenen Verhältnissen von Abhängigkeit arbeiten lassen. Die Kapitalisierung des Eisenhüttengewerbes erreicht dann die Steiermark und die Oberpfalz.

Hundert Jahre später ist der Kölner Tideman Lemberg so kapitalstark, dass er 1347 für jährliche 3500 Mark die Zinngruben Cornwalls pachten kann. Überhaupt fließt Kapital längst durch Europa, als ob es keine Grenzen gäbe.

 

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Salzproduktion bedurfte schon im hohen Mittelalter gelegentlich eines gewissen Kapitaleinsatzes, was im späten zur Regel wird. In Lüneburg steigert sich die Produktion seit dem Privileg von 1257 ganz erheblich. In den drei letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts verdreifacht sie sich. Eigentümer sind inzwischen kirchliche Institutionen, die an rund 80 Sülfmeister-Geschlechter verpachten, die auch den Salz-Handel im Ostseeraum kontrollieren.

 

Metall

 

In der Produktion von Metallwaren gibt es nicht nur Spezialisierung vor Ort, sondern auch Spezialisierung von Orten auf bestimmte Waren, für die es einen "Ruf" auf dem europäischen Markt gibt. Dirlmeier listet Blech von Amberg, Messer aus Solingen, (Platten)Rüstungen aus Mailand, Geschütze aus Lüttich als Beispiele auf.

Der "Ruf" solcher lokaler/regionaler Produkte hat sicher etwas mit Qualität zu tun, so dass Waffen aus Köln oder Nürnberg in großen Teilen Europas und auch in Norditalien Verbreitung finden. Das ist nicht dasselbe wie Mode im Textilbereich, aber beide, Mode und Ruf, beginnen den europäischen Markt mit einer ganz eigenen Form von "Öffentlichkeit" zu beherrschen. Ein solches Renommée gewinnt besonders im 15. Jahrhundert die Kupferschlägerei in in Köln und die Messingschlägerei in Nürnberg.

 

Technik und Maschinen: Weitere Industrialisierung (in Arbeit)

 

Im dreizehnten Jahrhundert verbreiten sich Mühlen immer weiter  über den größten Teil Europas, und neben die allgegenwärtigen Getreidemühlen treten nun auch solche, die Oliven pressen, auch Nüsse zermahlen usw. Selbst Holz wird nun in (Säge)Mühlen gesägt.

Vor allem aber werden Mühlen in anderen Bereichen nun wichtiger.

 

Mühlen für die Tuchherstellung wie Walkmühlen oder Seidenzwirnmühlen zum Beispiel werden immer häufiger, machen diese von Kapital abhängig und nehmen dem Handwerk Verdienstmöglichkeit, die sie nun anderswo suchen müssen. Entsprechend gibt es gelegentlich Gegenwehr (s.w.u.)

 

Der Eisenbedarf für Geräte und Rüstungsgüter nimmt enorm zu und vervielfacht sich in kürzeren Abständen. Das treibt den Erzabbau und die Schmiedekunst sowie den Eisenhandel voran.

Der Erzabbau geht aus der direkten Unterordnung von Bannherrschaften in die Hände privater Genossenschaften über, die dem Bannherrn aber noch Abgaben zahlen. Es gibt weiterhin Erzabbau im bäuerlichen Familienbetrieb, aber der Kapitaleinsatz städtischer Unternehmer nimmt zu, die damit Vorschuss auf das Arbeitsergebnis leisten, was zu einer frühen Form von Verlegertum führt.

 

Anschub für technische Innovation liefert die Gier nach Silber. Schon im Hochmittelalter wurden die neuen Silberminen von Freiberg im Erzgebirge, der Toskana, von Iglau in Mähren und Kuttenberg in Böhmen entdeckt. Im 12. Jahrhundert gibt es bereits unternehmerisches Handeln im Edel- und Buntmetallsektor. Kapitaleinsatz und Lohnarbeit nehmen zu, im 13. Jahrhundert investieren Goslarer Verleger in Grubenanteile.

 

Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass man nun nicht mehr nur an der Oberfläche, sondern tief in den Berg hinein gräbt. Das hat zur Folge, dass einsickerndes Wasser entfernt werden musste, und dazu wurden Anlagen zum Wasserheben und zum Pumpen entwickelt, die selbst wieder wassergetrieben waren.

 

Erfunden werden von Wasserkraft angetriebene Pochmühlen zum Aufbrechen des Erzes, mit Wasserkraft betriebene Blasebälge für Schmelzöfen und solche, die von Dampfkraft angetrieben werden. Dann werden gegen 1400 selbst große Hochöfen durch mit Wasserkraft betriebene Blasebälge möglich.  Hochöfen mit solchem Kapitalbedarf geraten unter kommunale Aufsicht.

 

Es gibt mehr Schleifmühlen und Hammermühlen bis hin zu schweren Schmiedehämmern. Schmiedemühlen verbreiten sich überall.

Es entstehen so frühe Industrielandschaften an Wasserläufen und möglichst in der Nähe von Erzvorkommen, während die enormen Mengen an Holz bzw.  Holzkohle als Brennmaterial für Öfen bald von weiter her kommen müssen. Wasser- und Luftverschmutzung ziehen so auch außerhalb der Städte ein.

 

Die Errichtung solcher spezialisierter Wassermühlen verlangt erhebliches Kapital und das Mieten von Fachkenntnis. Und so schließen sich gelegentlich mehrere Gewerbe (Tuche, Metallverarbeitung etc.), die von einer Mühle profitierten, zusammen, oder es bilden sich direkt gewinnorientierte Gesellschaften, die Mühlen errichten und betreiben. Müller sind dann oft deren Angestellte.

 

Auf dem Lande geraten Mühlen unter die Banngewalt des höheren Adels, der sie verpachtet, während sie in und bei den Städten unter deren Aufsicht stehen. Mitte des 14. Jahrhunderts verfügt eine Stadt wie Freiburg im Üchtland, heute frankophone Schweiz, über wohl mehr als 25 Mühlen. Die Stadt Lübeck selbst besitzt um 1280 deutlich weniger Mühlen, erzielt aber mit rund 300 Mark im Jahr für 1280 daraus den höchsten einzelnen städtischen Einnahmeposten. Ein Mühlenbau im 13. Jahrhundert schlug aber schon mit 560 Mark zu Buche (Wülfing in: Beiträge 2, S.67).

 

Insgesamt blieb natürlich maschinenbetriebene Produktion nur ein Teilbereich, und im handwerklichen Bereich herrschte bis in die Neuzeit direkte menschliche Arbeit vor.

 

(Glasherstellung)

 

Das Handwerk

 

Landwirtschaft und Handwerk bieten Grundlagen für die Entstehung von Kapitalismus, aber sie treiben ihn selbst nicht voran, sondern werden eher von ihm getrieben. Der Handwerksmeister ist zwar oft kleiner Kapitaleigner (Haus, Gerätschaften, Geld), aber sein flüssiges Kapital geht meist nicht weit über das für die Anschaffung von Rohstoffen, Halbfabrikaten und den Ersatz von Gerätschaften und den Unterhalt vom Gesellen und bald auch Lehrling hinaus. Er ist also nur in geringem Umfang Unternehmer und sein Betrieb ist eher von Stabilität als Expansion gezeichnet – er betreibt meist nicht wesentlich Kapitalvermehrung und ist soweit auch nicht das, was hier als „Kapitalist“ bezeichnet wird.

 

Handwerk für sich schafft keinen Kapitalismus, dieser entfaltet sich erst dauerhaft von dort aus, wo das große Kapital aus (Fern)Handel und Finanzgeschäften sich mit diesem verbindet. Lübeck hat Handwerk zur Versorgung der Stadt selbst, gewinnt seinen Reichtum aber im wesentlichen aus dem Handel. Schon bald nach der Stadtgründung schwärmen von dort Kaufleute aus nach Schonen (Hering) und Gotland, wo Wisby zur Drehscheibe des Handels mit Nowgorod in der Rus wird, wo eine großgrundbesitzende Bojarenschicht Luxusbedarf hat. Nürnberg ist in hohem Maße eine Handwerkerstadt, aber nur jene produzierenden Gewerbe, die vor allem Waren für den Export herstellen, sind an der Entfaltung des Kapitalismus unmittelbar beteiligt.

 

Natürlich besitzt jenes vielfältige Handwerk, welches nicht unter die Kontrolle großer Firmen gerät, Kapital, wenn auch in relativ geringem Maße. Das sind kleinere Geldmittel und die Werkzeuge vor allem. In übertragenem Sinne lassen sich auch Talent, Können und Wissen dazuzählen. In beschränktem Umfang gehört dazu auch unternehmerisches Geschick. Es steigen entsprechend auch immer wieder einmal Handwerker in die bürgerliche Oberschicht auf. Es ist auch nicht so, als ob die Vereinbarungen und Statuten der Zünfte im 13. Jahrhundert generell den Eindruck vermitteln, als ob die Absicht bestünde, die Betriebe kleinzuhalten, aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt, sowohl was Nachfrage, Rohstofferwerb und Möglichkeiten der Investition betrifft, und wo das anders ist, bei Textilien, Metallgewerbe und ähnlichem, übernimmt das große Kapital mit dem Verlagssystem in irgendeiner Form und/oder dem Maschineneinsatz die Kontrolle.

 

Eine Besonderheit stellen jene süddeutschen Metzger dar, die sich manchmal sogar in Gesellschaften zusammenschließen, um große Mengen an Tuchen zu erwerben, die sie "in Ungarn oder der Walachei gegen Ochsen eintauschten, um diese wiederum auf den Heimatmärkten mit Gewinn zu veräußern. Die Anschubfinanzierung für diese Geschäfte sicherten nicht selten Kredite." (Fuhrmann, S.199)

 

Die Aufwertung des Handwerks geht mehrere Wege: Kirche, höherer Adel und Fürsten profitieren von ihm als Warenkonsumenten, besonders von Luxusgütern, und sie profitieren teilweise von den Abgaben, die Handwerker leisten. Zugleich muss die Kirche ihre Positionen ändern, um die Handwerkerschaft nicht zu verlieren bzw. zu Gegnern zu machen (wie in Florenz im Krieg der Stadt gegen den päpstlichen Staat). Aber da alle Kirchen, Burgen, Paläste, Stadtwohnungen, Stadtmauern, Brücken usw. brauchen, kommen sie zuallererst nicht umhin, die mit dem Bauen verbundenen Handwerke anzuerkennen. Darüber hinaus war das Bauen neben dem Textilgewerbe und den metallverarbeitenden Handwerken der dritte wichtige Wirtschaftsbereich im Mittelalter. Allein für Lübeck wird geschätzt, dass zwischen 1250 und 1300 neben allen Großprojekten „über 1000 Steinhäuser“ gebaut wurden (Ranft in Hartmann (Hrsg), S.172). Dabei muss man allerdings bedenken, dass in diesem Zeitraum Teile der Stadt zweimal abbrennen. Aber ein anderes Beispiel: In Straßburg werden zwischen 1222 und 1300 allein 16 Klöster gebaut (Kammerer in Hartmann (Hrsg), S. 80)

 

Mehr noch als Bauhandwerk (Maurer, Steinmetze, Zimmerleute usw.) wird für kurze Zeit eingestellte Lohnarbeit eingesetzt. Alle bekommen zunehmend mehr Arbeit, weil die neue bürgerliche Gemeinde im 13. Jahrhundert immer mehr Großaufträge vergibt: Da ist die gotische Stadtkirche, die als Kontrapunkt zur Kathedrale gebaut wird, entweder in Gemeinschaftsfinanzierung mit dem Bischof oder ganz in bürgerlicher Regie. Da ist das Rathaus, entweder Neubau am zentralen Markt oder aber Ausbau eines schon vorhandenen und aufgekauften Bürgerhauses aus Stein. Da ist die Gerichtslaube am selben Markt, und dazu kommen die ersten Spitäler, Hospize usw. in bürgerlicher Regie, mit denen das große Kapital die Caritas des Bischofs zurückdrängt. Die wachsende Stadt bekommt eine neue Mauer mit ihren Toren und Türmen.

 

Generell ist Zeit der Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Wo mittels Türmer Glocken die Stunden schlagen, gibt es einen weiteren Orientierungspunkt, zudem gibt es manchmal Sonnenuhren an den Türmen. Genauere Arbeitszeiten liefern dann im Verlauf des 14. Jahrhunderts Turmuhren mit Zifferblatt, die bald Zeit- und Termindruck mit Glockenspiel und bewegten Figuren schönen wie ab 1354 in Straßburg.

Mechanische Uhren spielen vorerst weiterhin auf dem Lande kaum eine Rolle, ohnehin ist das Wetter wichtiger als genaue Zeit. Die Glocken schlagen zum Kirchgang. Aber in den Städten verändern sie das Leben bald nachhaltig. Arbeitszeiten und Termine können enger gesetzt werden.

Neben dem Sonntag gibt es so viele Feiertage, dass regional und lokal etwas unterschiedlich durchschnittlich fünf Tage in der Woche gearbeitet wird, natürlich nicht regelmäßig, denn der Samstag ist nicht arbeitsfrei.

 

****Spezialisierung und Arbeitsteilung****

 

Vor der Spezialisierung des Handwerks steht seine Ausbreitung. Bei ungefähr 5300 Einwohnern um 1406 gibt es in Bautzen 40 Bäcker, 42 Schuhmacher und 17 Fleischer. (Karl Czok in: Beiträge, S. 113) Bei solchen Zahlen wird dann eine gewisse Spezialisierung naheliegend. "Weiß- und Schwarzbäcker verarbeiteten Weizen bzw. Roggen. Weiterhin sind Brezel-, Pfefferkuchen-, Zucker-, und Pastetenbäcker ebenso zu nennen wie Lebküchner, Semmler oder Fladner." (Fuhrmann, S. 199). Knochenhauer trennen sich von Metzgern.

 

In der Thorner Altstadt arbeiten um dieselbe Zeit an Meistern 38 Schlosser, 36 Messerschmiede und 14 Schmiede, ein bereits etwas aufgeschlüsseltes Metallgewerbe (Karl Czok in: Beiträge, S.125)

 

Was die vertikale Arbeitsteilung bei der Textilproduktion ist die horizontale bei den Metallwaren. Ein Extrembeispiel liefert Bonvesin de la Riva aus Mailand 1288, "dass dort mehr als 20 Handwerksmeister mit ihren Gehilfen nichts außer Messingglöckchen für die Halsriemen der Pferde verfertigten." (Dirlmeier, S. 39)

Im Paris des 13. Jahrhunderts ist von rund 40 eisenverarbeitenden Handwerkszweigen die Rede.

 

In Nürnberg steht lange die Metallbearbeitung an erster Stelle des Handwerks. Eine Liste von 1363, die fast alle Handwerksmeister aufführt, listet dabei detailliert zwanzig verschiedene Branchen der Metallverarbeitung mit 341 Meistern (von insgesamt 1 217) auf. (Engel/Jacob, S. 273)

 

Dominanter werden in Städten Gewerbe und ihre Vereinigungen, deren Waren regional oder gar in die Ferne gehandelt werden. Das betrifft im Metallsektor Mailand ebenso wie Nürnberg, die Tuchproduktion in Florenz wie in Gent oder die Brauer in Hamburg.

 

Je stärker sich in den Städten bürgerlich-kapitalistische Strukturen herausbilden und diese nach Selbstregulierung trachten, desto mehr scheinen Frauen in bestimmte Bereiche abgedrängt zu werden. Wenn es wie in Köln im späten Mittelalter spezifisch weibliche Zünfte wie in der Seidenverarbeitung mit ihren (nur) weiblichen Lehrlingen gibt, dann verstärkt das den Eindruck, dass es eine Tendenz gibt, Frauen nach und nach aus vielen Handwerken ganz herauszudrängen und auf wenige zu konzentrieren. Dies hat nicht nur mit Strukturwandel im Handwerk bei immer stärkerer Kapitalisierung ganzer Wirtschaftszweige zu tun, sondern auch mit den Wandlungsprozessen bürgerlichen Selbstbewusstseins, die seiner originären Inkonsistenz geschuldet sind. Am Ende wird die Bürgersfrau massiv auf Haus und Kinder abgedrängt bzw. dahin privilegiert zu sein, während die Frauen der Lohnarbeit eine Schicht darunter zunehmen werden. Frauenrollen orientieren sich ohnehin am Punkt kapitalisierbaren Eigentums.

 

Immerhin stellen Frauen in Basel im frühen 15. Jahrhundert noch zu etwa einem Fünftel die Weber, Krämer und Kaufleute, und zu einem Sechstel die Metzger und Bäcker (Schulz, S.88) Ein Teil von ihnen führt den Betrieb nach Verwitwung weiter. Über sie und über Meistertöchter gelangen Gesellen von außerhalb durch Einheirat zu etwa einem Drittel für starken Fluktuationen in die Zünfte.

 

****Gesellen und Lehrlinge****

 

Im deutschen hohen Mittelalter sind Gesellen und Lehrlinge, deren Unterschiede sich erst langsam herauskristallisieren, zunächst durch individuelle Verträge an ihre Meister gebunden bzw. untergeordnet. In ihnen, die oft vor dem Zunftmeister nach einer Probezeit beschlossen werden, ist einerseits das Lehrgeld für die ein bis drei Lehrjahre festgesetzt, andererseits die Versorgung des Lehrlings mit Kost, Logis und Kleidung. Damit ist der Lehrjunge ein Stück weit in die Meisterfamilie aufgenommen. Die verpflichtet sich dann zu angemessener quasi väterlicher Fürsorge und der Junge zum entsprechenden Gehorsam und zur Geheimhaltung besonderer Fertigungsmethoden des Betriebes.

Am Ende erhält der Lehrling einen Brief, in dem ihm der Abschluss der Lehre, eheliche Geburt, Unbescholtenheit und Ehrbarkeit bestätigt werden. Damit kann er sich dann irgendwo, oft in der Fremde, bewerben (siehe den Abschnitt 'Ehrbarkeit')

 

Im Mittelalter hatten Meister nicht immer, sondern eher nur gelegentlich Lehrlinge und offenbar deswegen auch keinerlei Verpflichtung zur Ausbildung. Die Gesellenzeit danach ist wesentlich ungeregelter und dient offenbar vor allem der Erweiterung von Kenntnissen und Fähigkeiten. In einigen hochspezialisierten Bereichen findet schon seit dem 13. Jahrhundert eine Art Gesellenwandern statt, aber häufiger ist es erst nach 1400 dokumentiert.

Wenn der Geselle eine Meisterswitwe heiratete, bekam er fast hürdenlos die Mitgliedschaft in der Zunft, um den Betrieb weiterzuführen. Ansonsten musste der Geselle, falls von der Zunft angenommen, zunehmend ein Eintrittsgeld zahlen, zünftige Bewaffnung und zunehmend auch einen Vermögensnachweis  vorweisen.

 

Die Lehrzeit, mit 12, 13 oder 14 Jahren begonnen, ist selbstredend nicht nur eine Zeit der Ausbildung, sondern auch einer rigorosen Persönlichkeitsformung. Der wache Tag des Lehrjungen hat zur Gänze den Anforderungen des Marktes, dem Rhythmus der Arbeit und dem Gehorsam gegenüber dem Meister und seiner Frau zu genügen. Wenn Handwerksmeister nun die Mittelschicht eines städtischen Kleinbürgertums bilden, also einen Großteil der städtischen Bevölkerung, dann ist die Lehrzeit auch eine des Einübens in solche bürgerlichen Vorstellungen und Verhaltensweisen, zu denen auch ein hochgradig verbürgerliches Christentum gehört.

 

Mit dem Aufstieg des Handwerks wird es dann nötig, durch Regelungen der Obrigkeit nicht nur dieses selbst in seine "politischen" Schranken zu weisen, sondern insbesondere die Randexistenz der Gesellen in der städtischen Gesellschaft bzw. besser dem Gefüge von Gesellschaften in den Städten zu zementieren, denn nicht eine darunter stehende eigentumslose Arbeiterschaft, auf die an anderer Stelle eingegangen werden soll, sondern die Zusammenhänge, die Gesellen herstellen, bedrohen die hierarchischen Strukturen einer obrigkeitlich geordneten Stadt.

 

****Restriktionen****

 

Dazu passt dann der Zusammenklang von Obrigkeit und Zunft in dem Abbau der Gewerbefreiheit im produzierenden Gewerbe, ganz anders als im Handel und Finanzwesen. Nach und nach wird die Konkurrenz eingeschränkt durch Erschwerung des innerstädtischen Zugangs zur Zunft und durch Ausschluss von handwerklichen Waren von außerhalb. Die neue bürgerliche Obrigkeit, in den Händen von großen Kapitaleignern, versucht überall, Handwerk zu kontrollieren. In dem wichtigen Handels- und Gewerbestandort Nürnberg z.B., allerdings auch ein Extremfall, "verblieben sie stets in enger Abhängigkeit zum Rat, der ihnen das Recht freier Zusammenkünfte ohne seine Einwilligung absprechen konnte und bisweilen so weit ging, Einsicht in ihre Korrespondenz mit auswärtigen Handwerkern zu verlangen.“ (Pirenne, S.177)

 

Manches spricht dafür, dass das Moment der Stasis, welches von Stadtherr und Rat verfügte Verordnungen und die der Zünfte selbst propagierten, nicht Realität wiederspiegelte. Dass es überall arme Handwerker gab, zeigen Verfügungen wie die der Basler Gärtner von etwa 1265: Stirbt einer hier, der so arm ist, dass man ihn von seinem Vermögen nicht bestatten kann, so soll man ihn mit Hilfe der Almosen bestatten.

 

Zünfte versuchen immer mal wieder, Mechanisierung durch Maschinen zu verhindern, die ihnen Arbeit und Verdienst nimmt. Im 12. und 13. Jahrhundert wenden sie sich in Rouen, Caen, Mecheln, Ypern und Brügge gegen die Einführung von Walkmühlen, was immerhin dazu führt, dass qualitätsvolles Tuch weiter in Handarbeit gewalkt wird.

 

Handwerkerbranchen waren naturgemäß unterschiedlich wohlhabend, aber auch innerhalb der einzelnen Zunft gab es ärmere und reichere. Dazu kommt natürlich auch, dass wirtschaftlich erfolgreiche Handwerker zusätzlich Einkommen außerhalb des Handwerks erwirtschaften können und einige so zu reichen Unternehmern werden. Manche Handwerker streben danach, zusätzlich zum eigenen Haus für Werkstatt, Laden und Wohnung Land zu besitzen, besonders einen Garten für die Selbstversorgung, dazu auch Acker- und Weideland und eine Scheune innerhalb der Mauern, aber in der Nähe eines Stadttores. Ist sein Handwerk begrenzt, so doch nicht sein Eigentum jenseits davon und die Möglichkeiten, die es ergab.

 

Die Tendenz zu immer weiteren Restriktionen im Handwerk steht dagegen. Bischof Volrad von Halberstadt verfügt 1289 folgendes für die Schuhmacher und Flickschuster, nämlich nicht nur, dass es keinem Auswärtigen desselben Handwerks erlaubt sein sollte, dieses Handwerk in der Stadt auszuüben, er hätte denn ihre gemeinsame Zustimmung dazu erlangt, egal, ob er neue Schuhe zu machen oder Reparaturen auszuüben pflegte, sondern auch: von denen, die Schuhe reparieren, sollen nur acht sein, denen es erlaubt ist, alte Schuhe zu bearbeiten und zu reparieren, doch es dürfen sie nicht neue Sohlen, die von ihrem eigenen Geld gekauft worden sind, unter Schuhe setzen. Diese Flickschuster sollen sich nach den Befehlen des Zunftmeisters richten und ihm gehorchen. Außerdem: Jeder, der sich mit den alten Schuhen befasst, soll sich mit einem Gehilfen begnügen. (Engel/Jacob, S. 298)

 

Was sich in der Nordhälfte Italiens vollzog, fand also in deutschen Landen etwas später auch statt: Zünfte der sich diversifierenden Handwerke wurden zu einem Machtinstrument der Stärkeren über die Schwächeren. Hier wird in kleinem Maßstab dafür gesorgt, dass die ärmeren Flickschuster zahlenmäßig in der Minderheit bleiben, nur kleine Betriebe bilden und ihre Rohstoffe nicht frei auf dem Markt besorgen können. Schuhmacher wollen neue Schuhe verkaufen und haben nichts davon, wenn alte geflickt werden.

 

Der Übergang von der wirtschaftlichen zur (stadt)politischen Macht des großen Kapitals als Übernahme der obrigkeitlichen Funktionen vom Stadtherrn beinhaltete überall mehr oder weniger den Abschluss dieser neuen Oberschicht nach unten, die Monopolisierung der Macht. Daraus ergeben sich bald Konflikte mit Handwerk und Krämern, die partizipieren wollen, um ihre eigenen Interessen zu wahren.1248 wird in Freiburg im Breisgau der sich selbst ergänzende 24köpfige Stadtrat durch ein jährlich neu gewähltes ebenfalls 24-köpfiges Gremium bereichert. 1260 entsteht in Dortmund ein Wahlausschuss von je zwei Mitgliedern der sechs Handwerkergilden und sechs Mitgliedern der vornehmen Reinoldi-Gilde (Schulz in Hartmann (Hrsg), S.59f). All das muss erzwungen werden.

 

Kapitalisierung der Produktion und Verlagssystem (in Arbeit)

 

Die Anhäufung von Kapital beginnt im frühen und hohen Mittelalter in einer ersten Etappe im Bereich von Handel und Finanzen. Zwischen hohem und spätem Mittelalter kommt dann die größere Kapitalisierung von Bereichen der Produktion hinzu. Einzelne Firmen beginnen, je nach Gewinnerwartung mehr oder weniger in alle Bereiche zu investieren. Mit familienzentrierten Kapitalgesellschaften geht dann die "Schere" zwischen arm und reich auch im unteradeligen Raum so weit auseinander, wie wir es bis heute kennen.

 

Die Produktion gewerblicher Waren wird zunächst gefördert durch das Bevölkerungswachstum und eine entsprechend steigende Nachfrage. Dem entspricht zunächst eine Zunahme der Zahl der Handwerker und dabei auch ihre Spezialisierung. Zur Steigerung der Produktion tragen dann aber zunehmend in einigen Bereichen Verbesserungen manchmal immer aufwendigerer Gerätschaften und der Einsatz vor allem wassergetriebener Maschinen bei. Darüber hinaus befeuert die Zunahme des Groß- und Fernhandels die Produktion.

 

All das fördert die Kapitalisierung des produktiven Sektors, die allerdings erst in der Industrialisierung des 18. bis 20. Jahrhunderts ihren Abschluss findet. Manche Bereiche wie die Schuhmacher, die Kürschner, Goldschmiede oder das Bäckerhandwerk bleiben davon ausgenommen, andere zumindest zum Teil. Aber natürlich wirken sich Vorgänge von Kapitalisierung in einigen Bereichen auf alle anderen mehr oder weniger aus.

Waren es zunächst Hochadel, Fürsten und Könige, die in Abhängigkeit vom Kapital gerieten, so breitet sich diese Abhängigkeit nun auf einen großen Teil der Bevölkerung aus. Nicht nur steigende Arbeitsteiligkeit macht abhängiger, wenn irgendwo dabei Produktion kapitalisiert wird, sondern auch, wenn der Weg vom Rohstoff zum Fertigprodukt an irgendeinem Punkt durch Kapitaleinsatz gekennzeichnet ist.

Die Tendenzen zur Investition von Kapital in Bereiche der Produktion markiert so mit dem Spätmittelalter eine zweite Etappe der Entfaltung von Kapitalismus und wird hier als seine frühe Blütezeit bezeichnet. Es wird deutlich, dass zunehmend mehr Kapital als Potential zur Verfügung steht, oft zunächst als Kredit, und immer neue Wege für seinen Einsatz sucht.

 

Kapital als risikobehaftete Macht schafft ihre wesentlichen Abhängigkeiten noch nicht in der Verwandlung von Massen in Lohnarbeiter wie seit dem 18./19. Jahrhundert, sondern in der Abhängigkeit der Menschen vom Warenmarkt und in vor allem indirekten Formen der Abhängigkeit von Produktion von Kapitaleinsatz. Dabei gelingt es manchmal Produzenten selbst, zu unternehmerischen Kapitaleignern zu werden. Es wird noch zu untersuchen sein, wo und wie das im Einzelnen geschehen kann bei Zunftrestriktionen und politischer Aufsicht des Großkapitals über die Städte und ihr Umland.

 

Der Schritt von Handwerkern ins Handelskapital soll zunächst oft ganz explizit genauso wie ihr Eintritt ins Verlegertum verhindert werden. Noch im Konstanzer Zunftbuch von 1411 heißt es dazu: Die Gerber sollen in Zukunft kein gegerbtes Leder mehr kaufen und wiederverkaufen. Haariges Leder dürfen sie kaufen, es gerben und dann wiederverkaufen. Und: Die Schuhmacher sollen gegerbtes Leder nur kaufen, wenn sie es selber verarbeiten wollen, ohne Ausnahme. (Engel/Jacob, S. 314)

 

Das geringe Handwerkskapital wird im wesentlichen in die Produktion von Waren für den örtlichen Bedarf und das direkte Umfeld der Städte eingesetzt. Aber es gibt Bereiche (Herstellung von Rüstungsgütern, überhaupt Metallwaren, und Textilien vor allem) und Gegenden wie Flandern, überhaupt Nordwesteuropa oder Norditalien, wo schon im 13. Jahrhundert größere Kapitalien in die Gewerbe einfließen, weil es größere Exportchancen gibt. Wo es Zünften nicht gelingt, Fernhandel und Großhandel zu organisieren, springen Kapitaleigner ein. Das betrifft einmal die kostengünstige Besorgung größerer Mengen von Rohstoffen wie den Absatz von Massenwaren über große Fernhandelsdistanzen, wobei die Abnehmer oft mit erheblichem zeitlichem Verzug bezahlen, "da sie selbst noch auf ausstehende Mittel warteten. So konnte ein halbes oder ganzes Jahr vergehen, bevor der Preis des Fertigproduktes beglichen wurde." (Fuhrmann, S.208)

 

Zunächst wird dem Handwerk dann der Rohstoff vom Kapitalisten geliefert und danach oft von demselben irgendwo in der Ferne vermarktet. Dabei kommt es zu neuartiger Massenproduktion, die ganze Fertigungsketten umfassen kann, wie in der Tuchindustrie, die dadurch unter die Kontrolle einer Anzahl großer Firmen gerät. In diese Situation geraten Wollhandwerker in Florenz und Flandern, Barchenttuchhersteller in Oberschwaben, Produzenten von Seidenstoffen in Lucca, Kupferschmiede in Dinant und metallverarbeitende Betriebe in Mailand. Auch in England geraten schon vor 1300 verschiedene Stadien der Tuchproduktion in ein solches Verlagssystem.

 

Dabei gewinnt Handels- und Finanzkapital zusätzliche Marktmacht, denn zwischen dem Preis für die Abgabe des Rohstoffes und dem für die Abnahme des Fertigproduktes verliert der Handwerker die Kontrolle über seine Einnahmen. Noch massiver wird diese Abhängigkeit, wenn der Kapitaleigner auch teure Gerätschaften wie Webstühle stellt, und der Handwerker so de facto zum Lohnarbeiter in seiner eigenen Werkstatt herabsinkt, es sei denn, er hat noch Zeit, daneben auf eigene Rechnung zu produzieren.

 

Für Fuhrmann (S.209) gibt es auch Vorteile für die Handwerker, wenn ihnen trotz fehlender Kapitalien der Zufluss von Rohstoffen und der Abfluss der Fertigprodukte garantiert wird, und damit regelmäßig Geld fließt. Aber die Ursache der Unterwerfung unter das Verlagssystem ist wohl schiere Markt-Notwendigkeit.

 

Dort wo größere Investitionen in zum Beispiel von Wasserkraft betriebene Maschinen die Produktion verbilligen, übernimmt das große Kapital direkt die Produktion und verwandelt das Handwerk in schiere Lohnarbeit, Vorläufer einer viel späteren Industriearbeiterschaft. Das Kapital trennt sich zur Gänze von der Arbeit und die Arbeit weitgehend vom Fertigprodukt.

Die jährliche Arbeitszeit beschränkt sich in solchen vielfältigen neuen Formen von Lohnarbeit durch Feiertage  auf in etwa maximal 265 Tage, dazu kommt sporadische, aber wohl häufige Arbeitslosigkeit in diesem Zeitraum. Zwar weiß man aus dieser Zeit wenig vom Lohnniveau, aber Lohnarbeit, oft tageweise bezahlt, bedeutet in der Regel zumindest sporadische Armut und die Notwendigkeit von Nebenbeschäftigungen in der Familie.

 

„Exporthandwerk“, wie schon Pirenne es nannte, kann dort, wo es erfolgreich wird, Handel und Wandel einer ganzen Stadt monopolisieren, wie bei der Tuchproduktion in Florenz, von der im 14. Jahrhundert der Großteil der Bevölkerung abhängt, oder als in Gent von 50 000 Einwohnern über 4000 Weber sind und mehr als 1200 Walker, von denen alleine schon 10-20 000 Menschen direkt abhängen. Zwar wird weiter in räumlich getrennten Werkstätten oder Werkshallen gearbeitet, aber in solchen Fällen beherrschen bereits eine sehr überschaubare Anzahl von Familien und Firmen die Stadt.

 

Handwerksmeister sind dann oft weiter in „niederen“ Zünften angesiedelt oder Minderheit in mächtigeren, aber durch ihre städtischen Ämter und ihre Dominanz in den höheren Zünften werden Arbeit und Verdienst durch das große Kapital bestimmt. Diese Entwicklung wird im 14./15. Jahrhundert weiter zunehmen.

 

****Verleger****

 

Die Trennung von Produktion von dem Kernbereich einer Firma in abhängige Betriebe auch auf dem Lande als Vorlegen von Rohstoffen und Abnahme von Produkten für deren Vermarktung oder Stellung von Gerätschaften ist der wichtigste Weg in einen Kapitalismus, der nicht nur Handel und Finanzgeschäfte, sondern immer mehr die ganze Wirtschaft erfasst. Das beginnt in Mitteleuropa im 13. Jahrhundert vor allem in der Textilproduktion und knüpft dabei an die winterliche textile Eigenproduktion der Bauern an. Durch den Bevölkerungsanstieg und die Erbteilung von Höfen können ärmere Bauern von kapitalstärkeren Handwerkern und dann auch größeren Firmen dafür gewonnen werden, einfachere Arbeitsschritte in Heimarbeit zu erledigen.

Schon im 13. Jahrhundert entwickelt sich so in Konstanz, Ravensburg, Memmingen und noch kleineren Städtchen der Region ein Verlegertum, welches Flachs an Spinner und Weber wochenweise vergibt und dann die Garne und Leinentuche wieder zurücknimmt. Bezahlt werden die einzelnen Stücke und manchmal werden auch die Webstühle gestellt. Als Bleichmittel dient dabei Allgäuer Milch. Die Verfeinerung der Tuche findet dann wieder in der Stadt statt.

 

Ähnliches geschieht in der Holzverarbeitung, wo zum Beispiel "ländliche Schreiner Holzräder, Fassdauben oder Bettgestelle produzierten, die Endverarbeitung und das Beschlagen mit Eisenteilen dann aber in der Stadt ausgeführt wurde." (Schott, S.86)

 

In Köln sind es in der Textilproduktion in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zunächst "Kaufleute, die über das Gewandschnittmonopol verfügten. Im 14. Jahrhundert sind dann vor allem Weber als Handwerker-Verleger zu belegen." (Fuhrmann in Dirlmeier, S.179), während kaufmännische Verleger im Metallgewerbe im Siegerland und Bergischen Land metallene Halbfabrikate herstellen lassen, die dann in Köln verfeinert und vermarktet werden.

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"Nürnberger Kaufleute konnten sich auf ein weiträumiges Hinterland und eine spezialisierte Metallproduktion stützen. Sie verlegten Hütten, Mühlen, Eisenhämmer, Blech- und Drahtwerke und ließen die dort gefertigten Halbfabrikate von städtischen Handwerkern zu Fertigprodukten verarbeiten, die Nürnbergs Ruf in die damals bekannte Welt trugen.“ (Engel/Jacob, S.140)

Für Anfang des 14. Jahrhunderts ist für Nürnberger Blechschmiede bereits ein Verlagswesen dokumentiert, in dem Handwerker Handwerkern Rohstoffe, Werkzeuge oder Geld „vorlegen“ und Halbfabrikate oder Fertigprodukte abnehmen und verkaufen. Das lässt sich indirekt belegen, denn in einer Nürnberger Ratsurkunde wird genau das nämlich verboten: … Auch soll kein Bürger, er sei Schmied oder nicht, einen Schmied verlegen in einem Umkreis von sieben Meilen. (Engel/Jacob, S.299) Verlagswesen herrscht auch in der Nürnberger Produktion der Platten für Rüstungen.

Dasselbe gilt für Messer aus Passau und Messingwaren aus Braunschweig.

 

In York, Bristol, Coventry und Norwich organisieren merchant tinners die Verarbeitung des Zinns im Verlagssystem.

 

Das Verlagssystem macht wenige Handwerker und viele Kaufleute und Finanziers erst zu richtigen Unternehmern im Sinne eines entfalteten Kapitalismus und verbreitert kapitalistische Strukturen durch die Investitionen von Handels- und Finanzkapital im produktiven Bereich. Das Land wird so dabei zum Hinterland eines zunächst wesentlich städtischen Kapitalismus. Darüber hinaus wird insbesondere im textilen Bereich mit der Zergliederung von Arbeitsprozessen, der Arbeitsteilung und Spezialisierung in der Produktion die Trennung des Produzenten vom Endprodukt betrieben und so das Fabriksystem vorbereitet. Während Marx vom Idiotismus des Landlebens schrieb, lässt sich viel gerechtfertigter von der Stupidisierung mancher handwerklicher Produktionsvorgänge reden.

 

Diese Entwicklung findet in Nord- und Mittelitalien viel früher statt, erfasst aber nach und nach ganz Europa. Erst in der Verbindung von Produktion, Handels- und Finanzkapital erreicht denn auch der frühe Kapitalismus seine erste Blüte - in Reichsitalien und Flandern seit dem 12., in deutschen Landen erst zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert und zum Teil noch später.

 

****Textilwirtschaft****

 

In Florenz scheint es im 13. Jahrhundert zur Regel zu werden, dass die Tuchproduktion unter die Kontrolle von Kaufleuten gerät, die zugleich Textilunternehmer sind, die lanalioli. Das ist sowohl Ergebnis wie Voraussetzung für Zerlegung der Arbeit in einzelne, nach Spezialisten getrennte Gruppen. Diese sind aber wiederum in viele einzelne, von einander getrennt arbeitende Werkstätten aufgeteilt, die größer sind als übliche Handwerksbetriebe, aber deutlich kleiner als das, was wir viel später unter Fabriken verstehen.

Die Herstellungskosten der Tuche belaufen sich, wie man dem Archiv des Pratenser Kaufmanns Francesco di Marco Datini entnehmen kann, um 1400 zu 40% auf die Rohwolle, jeweils 10% auf Spinnen und Färben, zu 8% auf das Weben, meist in Heimarbeit, wobei die restlichen Prozente auf die übrigen Arbeitsgänge entfallen. "Walker, Tuchspanner und Appreteure der Florentiner Tuchmacherei arbeiteten dagegen sehr selbständig, bedienten mitunter mehrere Verleger." (Dirlmeier, S.39)

 

Die Proletarisierung von Teilen stark horiontal vertikal arbeitsteiligen Handwerken im Metall- und Textilbereich ist eine durchgehende Tendenz des späten Mittelalters. Produktive Handwerker werden so häufiger in die Unselbständigkeit abgedrängt, zu Lohnarbeitern eben, deren Löhne bestenfalls der Reproduktion der Arbeitskraft dienen und den Krisen besonders schnell zum Opfer fallen.

Ein moralisch definierter Begriff von Ausbeutung lässt sich dort anwenden, wo der Druck des Kapitals auf die Produzenten in Senkung seiner Einkünfte resultiert oder gar in Bezahlung mit Naturalien. "In Paris 1270 und in Speyer 1351 sah sich die Stadtregierung zu Verboten des später so bezeichneten Trucksystems (mit Natural- bzw. Warenlöhnen) veranlasst." (Dirlmeier, S.38). Niedriglöhne und fehlende rechtliche Sicherheiten führen im 13. und 14. Jahrhundert dann auch gelegentlich zu Aufständen und Lohnkämpfen - mit wenig Erfolg in der Regel.

 

Warenästhetik

 

Der Übergang von der Ästhetik des frühen zur Warenästhetik des hohen und besonders des späten Mittelalters, vermutlich unmerklich für die Zeitgenossen, beginnt in den Momenten, in denen sich Handel und dann auch Produktion von einem konkreten persönlichen Auftrag lösen, also für einen „anonymeren“ Markt produzieren und dort ausstellen. Das geschieht natürlich nicht bei jenen Kostbarkeiten, auf denen Produzent bzw. Händler unter keinen Umständen sitzenbleiben darf, sondern zunächst bei Massenwaren, die aufgrund ihres handfesten Nutzens ähnlich wie Produktionsmittel nur sekundär ästhetischen Kriterien unterliegen, wenn überhaupt.

 

Aber dann erreicht diese Entwicklung auch Prunkwaffen und prächtigere Tuche. Produzenten und Händler müssen nun auf der Höhe der Moden sein, die ästhetisch normierend wirken. Macht, Reichtum und sexuelle Attraktivität sollen, je nach Ware, in dieser repräsentiert sein. Zunächst wird schierer Luxus (im heutigen Wortsinn) demonstriert, zum Beispiel durch das Durchwirken der Stoffe mit Silber- und Goldfäden, das Applizieren von Perlen und anderem (teurem) Schmuck.

 

Ganz anders als seit dem späten 20. Jahrhundert in der sogenannten westlichen Welt, wo die Orientierungspunkte der Wohlhabenderen eher Slums, Prostituierte und Ganovenmilieus sind, folgt die Geschmacksbildung und das modische Verhalten im späteren Mittelalter der Moden bei Bürgern und Bauern den Entwicklungen im höheren Adel. Dabei sorgen nach Maßgabe des Geldbeutels und vermittelt durch Luxusgesetze bescheidenere Ausführungen für Darstellung des Status.

Als im 14. Jahrhundert ein modisches "Seidenfieber" ausbricht mit den Luxusstoffen Damast und Brokat, können ohnehin nur sehr "Betuchte" daran teilnehmen. Schon im 12. Jahrhundert wird Lucca Handelszentrum für Seide und verschickt Stoffe nach Paris, Brügge und London. Im 13. Jahrhundert beginnen dann auch Venedig und Paris mit Seidenspinnerei, die schließlich auch auf Köln übergreift. Während Moden von oben nach unten absinken, bleiben Modestoffe davon natürlich ausgeschlossen.

 

 

Im Zuge der Entwicklung höfischen Lebens für eine etwas breitere Schicht höheren Adels kommt es immer deutlicher zum Reichtum und Macht demonstrierenden Luxus durch den Kleiderschnitt, die Schneiderei, die Entwicklung von der Abzeichnung der Körper in der Bewegung in weiter Bekleidung zu der Abbildung der Körper in enger Bekleidung. Hintern, Hüften, Taillen, Brüste, Arme werden in der eng anliegenden Kleidung zur Schau gestellt, wobei sich die Körperlichkeit verändert (siehe dort). Wo die Männer Muskeln und breite Schultern zeigen, sind es bei Frauen Rundungen und Längen. Die Kleidung wird immer offensiver sexualisiert.

 

Dazu gehört bei den höfischen Damen eine Konkurrenz der Entblößung, die vorläufig auf den Halsausschnitt begrenzt bleibt, das sogenannte Dékolleté. Was im zwanzigsten Jahrhundert zunächst mit den Rocklängen und ihrem Auf und Ab geschieht, bis dann die kompletten Beine von vielen öffentlich entblößt werden, geschieht in zögerlicherer Form mit jener Körperpartie, die nackt den Blick auf die weiblichen Brüste lenken soll. Form und Größe des Ausschnitts wird von nun an von den Moden und der Macht der Damen bestimmt.

 

Die Sexualisierung der Bekleidung der höfischen Welt geht einher mit der Erfindung einer neuen, an die Antike anknüpfenden Vorstellung von Liebe als erotischem Zeitvertreib, einer Vergnügung im Spiel mit dem Geschlechtstrieb. Sie führt zu einer Erotisierung der gehobenen Warenwelt, die nach und nach immer unverhohlener wird. Ästhetisierung ist Erotisierung, jene, die nicht nur die menschlichen Körper, sondern auch den Luxuskonsum durchdringt. Sobald der Kriegeradel nicht mehr nur im Krieg und dem Erwerb von Macht und Gütern, sondern immer stärker auch im höfischen Lebensstil seinen Lebensinhalt sieht, wird sich die Erotisierung des Alltags durchsetzen.

 

Analog zum An- und Abschwellen des Geschlechtstriebes, auch in seiner höfischen Sublimität, gibt es von nun an das Auf und Ab der Moden, des immer wieder Neuen also, welches das Begehren entzünden soll. Das Neue als das Andere kann dabei durchaus immer exotischer, ja bizarrer werden. Für das hohe Mittelalter beschreibt Keller das Folgende als symptomatisch: „Selbst in Polen wusste man Schleier und Gürtel aus Zürich zu schätzen, in Florenz, dem Zentrum einer eigenen Wollproduktion von europäischem Rang, kleidete sich der Stadtadel in das feine scharlachrote Tuch aus Ypern, während sich das Volk dort an die etwas gröbere, grüngefärbte Ware aus Cambrai hielt.“ (Begrenzung, S. 263)

(Genaueres im Großkapitel 'Körper 4')

 

****Ästhetik und Religion auf dem Weg ins hohe Mittelalter****

 

Gold, Silber, Edelsteine, Elfenbein: Mit dem Aufstieg des Christentums, nun kirchlich und staatlich institutionalisiert seit Kaiser Konstantin, lassen sich Pracht bzw. Luxusdarbietung, Reichtum und Macht nicht mehr von einander und was die Kirchen betrifft, auch nicht mehr von Religiosität und Frömmigkeit trennen. Insofern unterscheidet sich Kirche auch nicht von weltlicher Macht.

 

Die wesentliche Kritik daran blieb implizit, in einem sich davon zur Gänze lösenden Leben. Das ändert sich nur langsam im Prozess des Aufstieges der Städte und mit den Frühformen von Kapitalismus. Ein früher Vertreter einer Auseinandersetzung, die Ästhetisches immerhin streift, wenn auch nur unter religiösen Kriterien, ist Bernhard von Clairvaux mit seiner 'Apologia', in der zisterziensisches Gedankengut streitbar gegen das der Klöster unter der Aufsicht von Cluny antritt. Unter der Überschrift 'Über Gemälde und Skulpturen, Gold und Silber in den Klöstern' heißt es, um zunächst auf das Grundsätzliche einzugehen, über Kirchen und Kirchenschmuck:

Ich will jetzt zu größeren Mißständen kommen, die aber deswegen als geringer erscheinen, weil sie gang und gebe sind. Ich übergehe die grenzenlose Höhe der Bethäuser, ihre übermäßige Länge und unnötige Breite, den kostspieligen Glanz und die bis ins kleinste ausgearbeiteten Abbildungen. Dies alles zieht den Blick des Betenden auf sich und hindert die Andacht.

Soweit haben wir es mit der schon oben erwähnten Konkurrenz von Kirchen in Größe und Zierrat zu tun. Im weiteren geht es um die Unterscheidung von Mönchskirchen und Kirchen für das Volk:

Freilich, Bischofe gehen von einer anderen Voraussetzung aus als Mönche. Wir wissen ja, dass jene den Weisen wie den Dummen verpflichtet sind, und dass sie darum die Andacht des fleischlich gesinnten Volkes mit augenfälligem Schmuck wecken, denn mit geistigem können sie es nicht. Wir haben uns aber schon vom Volk zurückgezogen, wir haben für Christus alles Kostbare und Blendende der Welt verlassen, wir haben, um Christus zu gewinnen, alles für Unrat gehalten, was schön glänzt, was durch Wohllaut schmeichelt, was lieblich duftet, süß schmeckt und sich angenehm berühren lässt, kurz, alle Ergötzlichkeiten des Körpers.

Das Ästhetische wird hier detailliert als das den Sinnen Angenehme und darum dem ernsthaften Christen Bedrohliche beschrieben. Dass Zisterzienserkirchen der neuen gotischen Mode, also dem gerade modern werdenden Stil entsprechend gebaut werden, unterschlägt er, denn sie sollen zugleich völlig schmucklos sein, und nur das zählt für ihn. Wie sehr religiös motivierte kritische Ästhetik und Kapitalismuskritik hier mehr oder weniger unbewusst zusammengehen, kann man dann folgender Passage entnehmen:

Das ist die Kunst, durch die Geld ausgesät wird, damit es sich vervielfache. Man gibt es aus, damit es sich vermehre, und die Verschwendung bringt noch mehr Reichtum. Eben durch den Anblick dieser aufwendigen, aber Bewunderung erregenden Eitelkeiten werden die Menschen mehr zum Geben als zum Beten gedrängt. So wird Reichtum durch Reichtum abgeschöpft, so zieht Geld Geld an, weil - ich weiß nicht, wie es kommt - dort großzügiger gespendet wird, wo man größeren Reichtum bemerkt. Die Augen weiden sich an den mit Gold bedeckten Reliquien, und schon öffnet sich der Geldbeutel.

 

Diese doch recht deutlich am evangelischen Jesus orientierte Kritik an Kirche und am traditionellen benediktinischen Kloster geht längst am Hauptstrom der Entwicklung vorbei. Theophilus Presbyter als herausragendes Beispiel schwärmt zur selben Zeit (um 1120) von dem, was Griechenland an Arten und Mischungen der verschiedenen Farben besitzt, was Russland an kunstvoll ausgeführten Emailarbeiten und an mannigfaltigen Arten des Niello kennt, was Arabien an Treibarbeit, Guss oder durchbrochener Arbeit unterschiedlicher Art auszeichnet, was Italien an verschiedenartigen Gefäßen sowie an Stein- und Beinschnitzerei mit Gold ziert, was Frankreich an kostbarer Mannigfaltigkeit der Fenster schätzt, was das an feiner Arbeit in Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Holz und Stein geschickte Deutschland lobt. (De diversis artibus, I,51)

Dabei geht es nicht mehr spezifisch um kirchliche oder klösterliche Kunst, denn solche Kunstfertigkeit beliefert genauso weltliche Kreise, und es findet auch nicht mehr nur in Klosterwerkstätten, sondern in solchen in den Städten statt. Zwei bis drei Generationen später kann Köln beispielsweise bereits rund zwölf bürgerliche Goldschmiede-Werkstätten vorweisen, und vom Metallverarbeitungs-Zentrum Huy sind im selben 12. Jahrhundert bereits Schmiede als Kunsthandwerker namentlich überliefert. (Schulz, S.115f)

 

Die Reaktion der Kirche in der Person des Karinals Lotario de Segni, des späteren Papstes Innozenz III., erfolgt um 1195 im zweiten Teil seiner Schrift 'De miseria humanae conditionis': Was gibt es Eitleres, als den Tisch zu schmücken mit verzierten Tüchern und Messern mit Elfenbeingriffen, mit goldenen Kannen, silbernen Schalen, mit Kelchen und Gläsern, Weinkrügen und Schüsseln, Suppentellern und Löffeln, mit Gabeln und Salzfäßchen, mit Terrinen und Ölgefäßen, mit Dosen und Fächern. Und wahrlich, es steht geschrieben: >Bei seinem Tod wird der Mensch nichts von alledem mit sich nehmen, und sein Ruhm wird nicht mit ihm hinabsteigen<. (in: Spieß2, S.89)

Dies Vanitas-Thema mit seiner Verbindung mit dem Memento Mori wird bis tief ins Barockzeitalter hinein populär bleiben, ohne aber sonderlichen Einfluss auf die Praxis der meisten Menschen zu haben: Die Dichotomisierung des Bewusstseins wird vorläufig zumindest ein christliches Spezifikum bleiben.

Der Papst übrigens dieses Textes wird nach seinem Tode seines prunkvollen Leichengewandes beraubt werden.

 

Zur Frage der Ästhetik gilt für weltliche wie geistliche und monastische Herren weiterhin: Schönheit hat etwas mit dem sinnlichen wie dem Marktwert der Materialien zu tun. Für den Mönch und späteren Abt Lampert von Hersfeld ist Reichtum auch für Kirche und Kloster wesentliche Anzeige des Erfolges. Kunst und Protz sind dann dasselbe. Das reicht bei weitem nicht, um die Entstehung des Kapitalismus zu erklären, denn das gilt für alle entwickelten Zivilisationen der Welt. Aber die Identifizierung von Wert und Marktwert ist eine nicht unwesentliche Voraussetzung.

 

****Die Magie des Ästhetischen****

 

Der erste Wert von Edelsteinen liegt, im Unterschied zu Gold und Silber, in der magischen Übertragung von Werten auf sie, die im Farblichen und dem Funkeln und Glänzen bereits einen kindlich-naiven Basiswert haben. Schon in der Bibel spielen sie eine Rolle (Ingrid Weber in 'Verwandlungen', S. 319). Im Mittelalter wird ihnen Heilkraft zugeschrieben, wie Hildegard von Bingen in ihrer 'Physica' darlegt. Neben all dem macht ihre relative Seltenheit ihren Wert aus, der sie für die Schatzbildung und dann die Vermögensanlage tauglich macht. 

 

****Künstler und Kunsthandwerk****

 

Die frühesten Ansätze zu jenem Kunstbegriff, wie er in der sogenannten Renaissance ausgebildet wird, liefert die namentliche Überlieferung besonders herausragender Kunsthandwerker. Sie stimmt zeitlich überein mit dem Übergang von der Romanik zur Gotik. Das ist hier deswegen wichtig, weil diese eine kontinuierliche Entwicklung insbesondere der Baukunst von der Spätantike bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts abrupt abbricht und innerhalb weniger Jahrzehnte etwas völlig neues entwickelt, einen Stil nämlich, der sich als solcher zum ersten Mal nach der Antike seiner selbst bewusst ist und in der Ablehnung des Alten, der sogenannten Romanik, eine neue Art von ästhetischem Bewusstsein entwickelt. 

 

 

****Ästhetik des Luxus als Demonstration von Macht und Status****

 

Mustergültig für die Entwicklung eines demonstrativen Luxus ist der Text über den Einzug Kaiser Friedrichs II. 1235 ohne großes Truppenaufgebot in den deutschen Landen, dessen Ziel die Absetzung seines Sohnes Heinrich war:

 

Er aber fuhr, wie es der kaiserlichen Macht geziemt, in großer Pracht und Herrlichkeit einher, mit vielen Wagen, beladen mit Gold und Silber, Batist und Purpur, Edelsteinen und kostbarem Gerät, mit vielen Kamelen und Dromedaren. Viele Sarazenen und Äthiopier, verschiedener Künste kundig, mit Affen und Leoparden, bewachen sein Gold und seine Schätze. So gelangte er inmitten einer zahlreichen Menge von Fürsten und Rittern bis nach Wimpfen. (Fortsetzung Gottfrieds von Viterbo zu Eberbach in Eickels/Brüsch, S.275)

 

Man muss neben den Schätzen und der bewusst zur Schau gestellten Exotik auch noch die blitzenden Rüstungen und bunten Bekleidungen vor Augen haben, die Begleitmusik hören und den zu vermutenden Jubel des Publikums, zu dem sich vermutlich auch die Armen in einigem Abstand gesellten. Eine Etage über der Blüte eines frühen Kapitalismus, diesen unsichtbar machend, bewegen sich Fürsten in einem Aufzug, der ein wenig an Zirkus und ein wenig an orientalische Despotie erinnert.

 

Auch weltlicher Luxus als fürstlicher, herrschaftlicher, ist von Anfang an Schatzbildung. Der Schatz bedeutet Reichtum, der wiederum zeichnet neben "edlem Kriegertum" Macht aus, wie zum Beispiel Lampert von Hersfeld um 1080 immer wieder betont. Das ist zunächst einmal aus vorkapitalistischen Zeiten übernommen und genauso von orientalischen Despoten bekannt. Reichtum ist eine Art Mengenangabe, man besitzt viel, von dem, was reich macht. Zwischen den salischen Kaisern und dem späten Staufer zeichnet sich aber ein Unterschied ab: Erstere stellen Reichtum vor allem durch immer imposantere Bauten aus, der übrige bleibt eher wenigen vorbehalten. Bei Friedrich II. wird Reichtum an mobilen Werten bereits für eine breite und staunende Menge von Gaffern propagandistisch verwendet. Zu den Hochzeitsvorbereitungen von Isabella mit Kaiser Friedrich II. in England schreibt Roger von Wendover:

Der Aufwand für diese Hochzeit aber war derartig, dass es fast über königlichen Reichtum hinauszugehen schien. Denn zur Ehre der Kaiserin wurde eine Krone aus reinstem Gold und mit kostbaren Edelsteinen in kunstvollster Arbeit hergestellt, auf der vier englische Könige, Märtyrer und Bekenner, vom König eigens als Schutzheilige seiner Schwester bestimmt, dargestellt waren. Die goldenen Ringe und Münzen, die mit wertvollen Steinen kunstvoll verziert waren, der übrige schimmernde Schmuck, die seidenen und leinenen Kleider und Ähnliches, was Augen und Herzen der Frauen zu berücken und mit Sehnsucht zu erfüllen pflegt, verliehen ihr einen solchen Glanz, dass alles märchenhaft erschien. Und in den unterschiedlichen Festgewändern aus Seide, Wolle und Leinen von unterschiedlicher Farbe und kaiserlicher Pracht erstrahlte sie derartig,  (…) Alle Gefäße ferner sowohl die für Wein als auch die für Speisen, waren aus reinstem Silber oder Gold, und sogar sämtliche Kochtöpfe - und dies erschien allen überflüssig - waren aus reinstem Silber. (in Eickels/Brüsch, S.289f) Zudem waren die Pferde für die Überführung der Braut mit vergoldetem Zierrat ausgestattet.

 

Im Schmuck der angehenden Kaiserin stellt der englische König seine Macht in Form von Reichtum für eine relativ große Öffentlichkeit aus. Es ist so, als ob er einen kurzen Einblick in seine Schatzkammer werfen ließe. Mehrmals wird dabei der Ausdruck "kunstvoll" verwendet: Ein Schatz besteht nicht nur aus geldwertem Material, sondern auch aus "kunsthandwerklichen" Produkten, wie man das neuhochdeutsch ausdrückt. Die Kunstfertigkeit des Handwerkers veredelt den schieren Reichtum und drückt ihm weitere Botschaften auf, wie hier die der Veredelung schierer Macht der englischen Krone durch christliche Gesinnung.

Zu bemerken ist ferner, dass Roger hier zudem explizit auf die besondere weibliche Eitelkeit abzuzielen scheint. So erwähnt er zudem beim Einzug in Köln dass Isabella merkte, dass alle und besonders die edlen Matronen, die auf ihren Söllern saßen, ihr Antlitz zu sehen wünschten, nahm sie Hut und Schleier ab, so dass alle sie ungehindert ansehen konnten.  (in Eickels/Brüsch, S. 291)