ITALIEN 2 (1300-1530) (in Arbeit)

 

Siena 1287-1355

Florenz 1310-48

Florenz 1348-78

Siena 1355-1400

Ciompi

Oberschicht

Florenz 1382-1421

Humanismus

Florenz von 1421 bis zur Habsburger Dominanz

Mailand

Venedig

Genua

Rom und der Kirchenstaat

Der Süden

 

In Italien ist für das späte Mittelalter massiv zu unterscheiden zwischen den hochkapitalistischen Stadtstaaten des Nordens und den beiden Sizilien im Süden.

Musterbeispiel für den Norden ist Florenz, welches mit seinen städtisch-kapitalistischen Interessen die Toskana dominiert. Die eroberten Städte werden in ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten stranguliert durch Unterbinden der Tuchproduktion mit Ausnahme des Wolltuchs von Prato und der Seide von Pescia. Das Land wird über starken Steuerdruck und andere Maßnahmen gezwungen, seine Erträge zugunsten der Städte und insbesondere von Florenz abschöpfen zu lassen, Der fehlende Anreiz für die Bauern führt zu weiterhin relativ geringer Produktivität insbesondere beim Getreideanbau. Entsprechend muss die Stadt Florenz immer wieder aus der Ferne einzukaufen.

 

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Der Popolo ist so wenig wie der Adel eine einheitliche Gruppe. Das „Volk“ als bürgerliche Kapitaleigner ist geschichtet nach der Profitabilität ihrer Gewerbe. Oben als Spitzen des Reichtums befindet sich der Seehandel und der Fernhandel über Land sowie die Geldwirtschaft. Mit Teilen des „Adels“, also der alten Familien, verbindet diese Leute ein gemeinsames wirtschaftliches Interesse, ebenso dort, wo Reichtum aus langsam kapitalistiertem Großgrundbesitz entsteht oder aus großem Immobilienbesitz in den Städten. Gegen sie gerichtet ist ihr politisches Interesse an entweder der Partizipation an den hergebrachten Adelsprivilegien oder stattdessen der Institutionalisierung solcher Ämter so, dass sie unter die allgemeine Verfügung des Großkapitals gelangen.

 

Das Papsttum macht vor, was in den Städten stattfindet: Papst Bonifaz VIII. ist primär ein Machtpolitiker, der sein Fürstentum, den päpstlichen Staat, im Konzert der Großmächte solide in Italien etablieren möchte und dafür europäische Politik betreibt. Das Jubeljahr 1300 dient auch zu diesem Zweck, aber das hindert Hunderttausende nicht daran, nach Rom zu pilgern, wo das das Geschäft befördert.

 

Eine neue Einnahmequelle ist die Besteuerung des ländlichen Territoriums um die Stadt herum und dann auch die Abgabenlast, die eroberte Städte zu tragen haben. Neue Steuern und Abgaben wurden erfunden, am Ende auch immer mehr indirekte Steuern auf immer mehr Waren. Das Eintreiben der Steuern wird zunehmend verpachtet, eine wichtige Einnahmequelle auch für die Pächter. Dazu kommen Kriegsanleihen, Zwangsanleihen und was immer den Mächtigen so an Neuerungen einfiel.

 

 

Im 13. Jahrhundert verbürgerlichen die Städte, werden zu politischen Einheiten, aber die immer weiter zunehmende Kapitalkonzentration führt zur politischen Entmachtung dieses mittleren Bürgertums. Bevor territoriale Fürsten von außen die Städte übernehmen, geraten sie entweder in die Hände neuer, nun „politisch“ begründeter Stadtherren meist aus dem Hochadel, oder aber die neue kapitalistische Oberschicht übernimmt die Stadtherrschaft und schließt sich dabei nach unten ab.

 

In Venedig entwickelte sich dieses oligarchische Element ziemlich bruchlos, da es hier sowohl an auf Großgrundbesitz gegründetem Adel fehlte, als auch das produktive Element durch die Dominanz des Fernhandels über See immer gering war. Andere Städte wie Genua, Bologna und Perugia pendeln zwischen despotischem und oligarchischem Regiment. In Florenz steigen die Medici nach und nach in eine de facto fürstliche Position auf, ohne die „republikanischen“ Strukturen zu beseitigen.

 

 

Siena 1287 - 1355

 

In Siena: Martines fasst dies System für die sogenannte 'Gute Regierung' zwischen 1287 und 1355 so zusammen (in mein Deutsch übersetzt):

 

„Die wichtigste exekutive Körperschaft der Guten Regierung, das concistoro, war ein Rat aus 9 Männern, die dort zwei Monate ihre Arbeit taten. Reiche Kaufleute,, Bankiers und eine Anzahl mittlere, aber solide Bürger gaben der Regierung der Neun ihre soziale Basis. Neureiche, Juristen, Ärzte und fast alle Adeligen waren von den regulären Schlüsselämtern ausgeschlossen. Die Neun kontrollierten direkt die Nominierungen für die allgemeine Legislative und für das führende Amt des Fiskus, die vier Provveditori di Biccherna. … Bis 1318 wählten die abtretenden Neun, der Podestà, der Capitano del Popolo und die vier Chefs der Mercanzia, der Gilde der Bankiers und Großhandelskaufleute in einer geheimen Versammlung die folgenden Neun.Ab 1318 wählte der allgemeine Rat die Neun in einem komplexen System des Los-Ziehens. Die Namen der für diese Würde Wählbaren wurden jedoch von den noch im Amt befindlichen Neun bestimmt. Dies bedeutete nicht die einzige Kontrolle, denn die Mitglieder des allgemeinen Rates wurden von einer Versammlung der Neun, des Podestà, der vier Provveditori di Biccherna, den vier Konsuln der Mercanzia und den Konsuln der Ritterschaft gewählt. Die Neun wählten ebenso die Provveditori und den Podestà.“ (S.207)

 

 

Florenz 1310-1348

 

1310 zieht König Heinrich VII. nach Italien und lässt sich in Rom krönen. Er hatte verkündet, ein Kaiser über allen Parteien zu sein, aber die Städte und das Regno unter Robert von Neapel sind misstrauisch. Es gelingt ihm auf dem Rückweg von der Krönung 1312 nicht, sich gegen Florenz zu behaupten. Sein Vorrat an Kriegern und Geld ist fast erschöpft. Im folgenden Sommer stirbt er in Buonconvento bei Siena an Fieber.

 

Adel und Großkapital waren in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu einer Machtelite verschmolzen, denen unter der Führung der übrigen Kaufleute und Bankiers als Popolanen das Kleinbürgertum und die Arbeiterschaft als popolo minuto gegenüberstehen.

 

1315 Reform der Besteuerung der Zünfte (artes). Bislang waren ihre Vermögen als Summe der Besitztümer der einzelnen Firmen zusammen geschätzt und kollektiv von den jeweiligen Zünften eingezogen worden. Nun kommt es zur staatlichen Abschöpfung eines Teils eines jeden Warenumsatzes. Zur Kontrolle werden alle Betriebe zur Buchführung verpflichtet. Im November 1315 wird dann festgelegt, dass auf kaufmännische Umsätze, wie Raith errechnet hat, rund 0,83% Steuern zu zahlen hat, während Ärzte, Richter, Bäcker, Schneider das Dreifache zahlen. Schlachter zahlen auf jedes Stück Vieh, Gastwirte für Einnahmen aus Übernachtungen auf jedes abgestellte Pferd und zudem rund 1,7% auf Essen und Getränke. Schon 1301 war es zu einer offiziellen Einteilung der Gewerbe gekommen, auf die nun zurückgegriffen wurde. Geschäfte im Wert von über 20 librae dürfen nur noch in Gegenwart eines vereidigten Beamten, des Sensals, abgewickelt werden.(Alles: Raith, S.83)

 

Die Masse der Wertschöpfung liegt in dieser Zeit beim produktiven Gewerbe, die großen Reichtümer werden aber von den Sozietäten im Handel und der Finanzwirtschaft gemacht. Dort sind in wenigen Jahren hohe Gewinne auf eingesetztes Kapital zu machen, in dieser Zeit zwischen 10 und 50% schwankend. Solche Gewinne schaffen die Strozzi, Bardi und Peruzzi.

 

Dem Reichtum der wenigen steht die Armut und relative Rechtlosigkeit der vielen gegenüber. Arbeitsverträge sind, sofern überhaupt vorhanden, kurzfristig. Die Löhne dienen höchstens zur notdürftigen Subsistenz. Während das Kapital in den 1252 eingeführten Goldflorinen rechnet, deren Edelmetallwert stabil blieb, wird in Silberwährung entlohnt, dessen Wert sich während des 13. und 14. Jahrhunderts laufend verschlechtert.

 

Die Arbeitszeit beginnt nach Sonnenaufgang nach der Frühmesse. Die ars lana hat überall Glocken aufgestellt, die zur Arbeit läuten. Arbeitsschluss ist bei Sonnenuntergang. Aufseher kontrollieren in den größeren Betrieben. Zwar gibt es außer den Sonntagen noch viele Feiertage, aber deren Zahl ist auf dem Weg in die „Neuzeit“ eher rückläufig

 

Arbeit unter den Bedingungen der Kapitalverwertung erbringt dasselbe Existenzminimum wie vorher unter einem Herrn auf dem Lande, aber nun als Teil der Warenwelt. Losgelöst vom Grund und Boden, auf/aus dem Erträge erwirtschaftet werden, ist der Arbeitende nun etwas weniger Wind und Wetter ausgesetzt, aber dafür den Konjunkturen des Marktes. Solange er Arbeit findet, ist die Arbeitszeit durchs Jahr gesehen nun länger, tendenziell weniger vielfältig, monotoner, und in der Arbeit dominieren viel stärker die Zwecksetzungen des Kapitaleigners. Seine Lebensperspektive ist wesentlich ungewisser geworden und er hat kaum mehr Rechte als vorher.

 

Arbeitskonflikte kommen vor mit Meistern bestückte Zunftgerichte, die ars lana besitzt sogar ein eigenes Gefängnis. (Raith, S.98) Versuche, sich zu organisieren, sind selten und werden brutal unterdrückt.

 

Frauenarbeit ist üblich und Kinderarbeit nicht selten. Besonders stark sind Frauen in der Spinnerei und Weberei vertreten. Grundsätzlich könnenen Frauen auch Meister werden und so Mitglied in einer Zunft. Aber das ist selten.

 

In den großen Städten findet Segregation statt. An zentralen Stellen massieren sich die Paläste der Reichen, an der Peripherie entstehen die Viertel mit den bezahlbaren Mietwohnungen der proletarisierten Massen. Die Pracht eines enormen Baubooms betrifft städtischen Adel und damit verwobene große bürgerliche Kapitaleigner, die Kirche und die Orden. Was Touristen heute bewundern, ist zu Stein geronnene Armut der Bauarbeiter und „Kunst“ als propagandistischer Luxus einer winzigen Oberschicht. In der Regel blieb den Armen nur die Identifikation mit Macht und Reichtum. Bei Großereignissen wie der Grundsteinlegung für die protzig groß konzipierte Kathedrale Santa Maria del Fiore konnten sie im Hintergrund anwesend sein, an keinen Entscheidungsprozessen beteiligt und gerade so als Arbeitskraft geduldet.

 

Der Stadtstaat mit seinem Territorium lädt dabei zum Lokalpatriotismus ein, Vorläufer des Nationalismus. Kriege helfen der Armut, sich mit dem Reichtum zu identifizieren. Aber es gibt keinerlei direkte Äußerungen dieser in aller Regel illiteraten Leute, die auf uns heute überkommen sind. In den Texten und Bildern derjenigen, die nicht dazugehören, sind die Massen ein Randphänomen, Kulisse, oder sie werden ignoriert. In Boccaccios 'Decamerone' tauchen immerhin die kleinen Geschäftsleute der bürgerlichen Unterschicht auf, Handwerker, Gastwirte usw.

 

In den Konflikten zwischen verschiedenen Gruppen des Kapitals spielt das wachsende Proletariat der lohnabhängigen Besitzlosen eine wichtige Rolle insofern, als es von Parteiungen, wie sie sich in den schwarzen und weißen Guelfen herauskristallisiert hatten, zunehmend eine Rolle als manövrierbare Masse auf den Straßen und Plätzen bekommt.

 

 

Krieg gegen Lucca: 1315 Niederlage von Montecatini, 1325 bei Altopascio. Nur noch 500 Mann heimisches Militär, daneben 1500 Deutsche, Franzosen und Katalanen. Verzehnfachung des Defizits zwischen 1303 und 1338.

 

April 1328-29 Hungersnot, im 'Specchio Umano' des Getreidehändlers Domenico Lenzi beschrieben: Leute flüchten vom Land in die Stadt, wo jetzt Getreide subventioniert und gratis an Hungernde ausgeteilt wird. Freier Verkauf am Orsanmichele eingestellt. Militär sucht nach gehorteten Vorräten. Im Juni waren die Vorräte aufgebraucht. Erst 1331 waren die alten Getreidepreise wieder da.

 

1328 Regiment der Spitzen von Cambio, Calimala, Lana und Seta

 

Die Arte della Lana übeflügelt die Calimala an Einfluss. Teurer Eintritt. 1332 hat sie 672 Mitglieder bei vielleicht bis zu 30 000 Menschen in der Wollindustrie. 1332 neuer Zunftpalast mit Brutusbild: Er hatte als erster Konsul Roms seine Söhne zum Tode verurteilt, weil sie die Monarchie wiederherstellen wollten, der Legende nach.

 

Firma der Alberti del Giudice mit Vertretern in Venedig, Neapel, Bologna und anderswo. 1321 Übergang vom Handel mit (flämischen) Tuchen zur Tuchmanufaktur in Florenz. Kombinieren nun Handel, Produktion und Geldgeschäfte. Drittgrößte Firma hinter den Bardi und Peruzzi.

 

Rund 1000 Magnaten in Florenz, rund 20 000 Popolanen mit Bürgerrecht.

 

November 1333 Regenfluten, Überschwemmungen, im Baptisterium bis hoch zum Altar. Giovanni Villani: „Ich habe diese Meinung über die Flut. Mit Hilfe der Naturgesetze hat Gott uns wegen unserer außerordentlichen Sünden gerichtet.“

 

Zunehmende Finanzierung der Staatsschuld neben den indirekten Steuern über Anleihen, die wiederum über die indirekten Steuern finanziert wurden.1338 leihen die Bardi der Stadt rund 40 000 Florinen, die Strozzi 20 000.

 

1339 erklärt Edward III. praktisch seine Zahlungsunfähigkeit. 1343 Bankrott der Peruzzi, 1346 der Bardi. Zwischen 1333 und 1346 gibt es 350 bankrotte Firmen. Run der ausländischen Gläubiger. Massive Rezession, Preisverfall.

 

Für 1340 schreibt Villani von 15 000 Toten einer Epidemie.

 

1342 wird von Kreisen der Oberschicht Brienne de Gauthier, mit dem Titel Herzog von Athen versehen, in die Stadt gerufen und mit quasi despotischen Mitteln ausgestattet. Er bedient sich zunehmend der Unterstützung durch den popolo minuto und das besitzlose und politisch rechtlose Proletariat, denen er neue Formen der Organisierung und politische Beteiligung zuspricht. Ein Jahr später setzt nach Vertreibung des Herzogs die Reaktion ein. Dagegen wiederum wenden sich die Arbeiter insbesondere der Wollverarbeitung, Raith spricht von einer ersten übergreifenden „Arbeitsniederlegung“ und von „Streik“ (S.43)

 

1341/42 ist die Gemeinde praktisch bankrott, trotz eines Zinsmoratoriums auf öffentliche Anleihen und immer weiter steigende Steuern auf Brot und Getreide. März 1342 bieten die Unternehmer-Eliten Walter de Brienne den Oberfehl über die florentinischen Truppen an. Bardi, Frescobaldi und Pazzi dürfen aus der Verbannung zurückkehren.

 

Frieden mit Lucca, drastische Senkung der Militärausgaben, Rückforderung illegal angeeigneten Komunalbesitzes durch Oberschicht-Familien. Die Färber dürfen aus der Kontrolle der Lana und eine eigene Zunft gründen. Kleine Händler und Handwerker dürfen Gonfaliere della Giustizia und Priore werden. Die Wollarbeiter dürfen sich organisieren und so in Prozessionen mitmarschieren. Für das Johannisfest ordnet er an, dass die Prozession nicht mehr nach Nachbarschaften, sondern nach Zünften geordnet sein soll.

 

Arbeiter rotten sich vor dem Lanapalast zusammen und schreien: Tod dem Magistrat und den Reichen. Das Großkapital organisiert die Vertreibung Walters und stachelt dazu Massendemonstrationen an. Er flieht.

 

Der Rat der Vierzehn senkt die Steuern der Reichen und schafft die Wollfärberzunft ab.

 

September 1343 Demonstrationen der Mittel- und Unterschicht. Paläste der Pazzi, Bardi, Cavalcanti, Frescobaldi werden gestürmt und gebrandschatzt. Die Prioratsverfassung und die Ordinamenti werden wieder in Kraft gesetzt. 530 Adelige verlassen ihren Magnatenstatus und lassen sich verbürgerlichen, nachdem Magnaten der Zugang zu politischen Ämtern gesperrt wird.

 

Regierung der mittleren und kleinen Zünfte. Aufstieg vieler Neubürger in die Politik. Giovanni Villani: „Wir stehen jetzt unter der Herrschaft der Handwerker und kleinen Leute.“

 

Frieden mit Pisa und Lucca, revoltierende Städte werden aus der Florentiner Oberhoheit entlassen.

 

Bankrotte von Bankhäusern gehen weiter.

 

Hungersnöte zwischen 1340 und 47 aus Witterungsbedingungen

 

1345 Monte als gemeinsamer Topf aller städtischen Anleihen, die auf 5% Zinsen reduziert und vereinheitlicht werden. Anleihscheine können auf dem Markt gehandelt werden.

 

1346 wird die Inquisition aus der Stadt vertrieben. Interdikt mit wenig Wirkung folgt.

 

Aufstieg des Seidengeschäftes. Die Arte de la Seta (Porta Santa Maria) schafft es, ihren Anteil am Priorat in kurzer Zeit mehr als zu verdoppeln. Arbeiterwiderstand wird mit der Todesstrafe beantwortet.

 

1347 Aufhebung des Interdikts unter Vermittlung der Franziskaner, die selbst Anteile an der Staatsschuld halten.

 

Winter 1347 reist die Pestwelle von Sizilien nach Norden.

 

 

Künstler sind weiter Handwerker, aber jetzt werden einige berühmt und steigen sozial auf. Arnolfo da Cambio. Der Wohlstand führt zu steigenden Investitionen in „Kunst“. Giotto di Bondone ist in der Zunft der Ärzte, Apotheker und Gewürzhändler. Er besitzt zumindest ein Haus und einen Webstuhl, die er vermietet. 1334 Oberster Meister der Dombauhütte. Ausmalung der Kapellen der Bardi und Peruzzi von Santa Croce. Campanile des Doms. Selbständiger Turm des Bürgertums mit Reliefs des Andrea Pisano, auf denen bürgerliche Berufe abgebildet sind.

 

Bildhauer und Goldschmied Andrea Pisano. 1330-36 südliche Bronzetür des Baptisteriums. 1340 nach Tod Giottos oberster Dombaumeister.

 

Florenz 1348-78

 

Im 12. und 13. Jahrhundert wächst die Bevölkerung insgesamt und insbesondere die der Städte rapide an. Unter anderem wegen der Epidemien des 14. Jahrhundert schrumpft sie dann ganz massiv, wird oft halbiert und holt erst teilweise bis 1500 wieder auf. Für Florenz wird die Bevölkerung von 1338 auf 95 000 geschätzt, 1526 sind es erst wieder etwa 50 000. (Martines, S.230). Preise sinken und Renditen für eingesetztes Kapital. Die „Wirtschaft“ schrumpft. Das hat aber viele verschiedene Ursachen.

 

In Genua sinkt der Umsatz an Fernhandelswaren schon vor der großen Pest von 1348 massiv. Danach sinkt er er noch einmal um mehr als die Hälfte, ähnlich wie die Bevölkerungszahl.

 

 

 

Die Pest, was immer sich genau unter diesem Namen verbarg, schlug in großen Städten stärker zu als auf dem Lande, wo sie ganze Gegenden ausließ. Im Extremfall konnte sie schon einmal die Hälfte der Bevölkerung in kürzester Zeit hinraffen, in Florenz wird gemeinhin von einem Drittel, also mehreren zehntausend ausgegangen. Nachdem der Chronist Giovanni Villani von ihr heimgesucht wurde, schrieb sein Sohn Matteo die Chronik weiter: „Die niederen Schichten waren nach dem großen Sterben reicher und verdorbener als zuvor. Sie wollten nicht mehr in ihren überkommenen Berufen arbeiten. Sie verlangten plötzlich teure und exquisite Dinge für das tägliche Leben, und das brachte die ganze Stadt durcheinander. Die Diener, Dienstmädchen und Stalljungen verlangten einen Mindestlohn von 12 Florinen fürs Jahr und die Tüchtigen wollten sogar 18-22 Florinen. Und die Arbeiter verlangten dreimal so viel Lohn wie üblich.“

 

Vermutlich waren anteilig mehr kleine Leute als solche der Oberschicht der Epidemie erlegen. Dadurch stiegen die Löhne, und zunächst teilweise stärker als die Preise. Matteo übertreibt gerne wie sein Vater, und als Besitzbürger und Kapitaleigner entdecken sie die Veränderungen zunächst an dem „Personal“, dem Heer von weiblichen und männlichen Dienstboten, die gehobene bürgerliche Lebensführung erst ermöglichen.

 

Im Zuge dieser Entwicklung gelang es der Unterschicht der Selbständigen, die Zahl der arti minori von sieben auf vierzehn zu verdoppeln, durch Ausdifferenzierung und durch Zünftigwerden neuer Sparten. Die arti maiori wiederum werden durch Aufsteiger (auch aus den „kleineren“ Zünften) und die Nachkommen von Zuwanderern vor allem aus dem Contado aufgefüllt.

 

Die Pest von 1348 bringt nur eine Krise auf ihren Höhepunkt, welche schon vorher anfing, und am ausgeprägtesten in der Nordhälfte Italiens. Es handelte sich um eine erste Wachstumskrise des Kapitals, die durch das Massensterben nur noch weiter verstärkt wurde.

 

Krisen der Kapitalverwertung treten immer an Punkten auf, an denen sein inhärentes Wachstum gebremst oder ganz aufgehalten wird. Diese hier betraf vor allem Italien, für dessen größte Firmen nun deutlich wird, dass sie zwar an der Macht über ihre jeweilige Stadt partizipieren können, aber der Willkür großer Fürsten und Könige unterlegen sind. Dies wird zum Beispiel daran deutlich, wie englische Könige in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts mit den Krediten florentiner Firmen umgehen können, so dass diese in den Bankrott geraten.

 

Ein wesentlicher Faktor in den nord- und mittelitalienischen Städten ist die feste Etablierung des Großkapitals im politischen Bereich der Städte, der Renten interessanter machte als unternehmerische Rendite. Das große Kapital, fest in politischen Posten verankert, zieht immer mehr Einkommen daraus. Mit dem Erwerb großer Territorien durch die neuen Stadtstaaten fließt ein stattlicher Anteil kaufmännischen Kapitals aufs Land ab, in risikoärmere Investitionen in Landgüter. Das gilt für Florenz schon im vierzehnten Jahrhundert und für Venedig im fünfzehnten, als die Seewege sich verengen und stattdessen die große Landmasse des Veneto dazugewonnen wird.

 

Zugleich erweisen sich die Grenzen des Wachstums aber sozusagen zu Hause. Zentrales Element in der Entwicklung des frühen Kapitalismus war der Krieg gewesen, jener nämlich, der Städten Handelsräume aufschloss und zugleich in der Rüstungsproduktion Nachfrage schuf. Kriege aber kosten Geld, bevor sie dann bei Erfolg Einnahmen nach sich ziehen. 1266 soll Florenz bereits 16000 eigene Leute für einen Krieg unter Waffen gehalten haben, die monatlich ca. 35 000 Florin gekostet haben sollen (Hyde, S.183) Nachdem bereits das 13. Jahrhundert fremde Söldner in Italien sah, schaffte sich Florenz 1305 zusätzlich eine Truppe von Katalanen an, die in den Krieg mit Pistoia ziehen sollte und ebenfalls bezahlt werden musste. Als Heinrich von Luxemburg auf Italienfahrt ging, brachte er Söldner ins Land, die blieben. 1327 zog Ludwig der Bayer nach Italien, und seine Söldner verkaufen von ihrer Garnison Lucca aus die Stadt an einen Genuesen, nachdem sie vorher einen Visconti zum Signore gemacht hatten. 1345 entlassen die Pisaner Söldnerhaufen, die sie gegen Florenz eingesetzt hatten, und die sich dann in Norditalien verselbständigen. Marodierendes Söldnerunwesen verselbständigt sich und bedroht die Lande.

 

Der Krieg ist einer der Gründe, warum Städte ein effizientes Finanzwesen aufbauen und dann auch die monarchischen Territorialstaaten, Dieses wiederum fördert Kriege. Aber deren Überhandnehmen kann Kapitalverwertung dann auch empfindlich stören. Die Kosten nehmen überhand, der Krieg von Florenz gegen Verona 1338 kostete laut Giovanni Villani rund 600 000 Goldflorine. Die städtischen Einnahmen müssen entsprechend erhöht werden, und dies geschieht in Florenz zwar einmal durch Erhöhung der für das Kapital ertragreichen Staatsanleihen, aber ab einem bestimmten Punkt können diese nicht mehr mit den erwarteten Zinsen zurückgezahlt werden.Ab 1340 gibt es verzinste Zwangsumlagen.

Wenn aber dann die indirekten Steuern steigen, wird Geld aus jenen Kreisläufen abgezogen, die es am Ende in die Taschen des großen Kapitals spülen. Und zum anderen finden Kriege vor allem außerhalb der schwer befestigten Städte statt, wodurch die Ernährung der städtischen Bevölkerung gefährdet wird.

 

 

Klimatische Katastrophen mit ihren Hungersnöten, Epidemien und die fast Allgegenwart des Krieges erklären noch nicht hinreichend die große Wirtschaftskrise Mitte des 14. Jahrhunderts, obwohl die enormen Schrumpfungen der Bevölkerung das Wachstum des Kapitals vorübergehend nicht nur zum Stillstand bringen, sondern es auch schrumpfen lassen. Man wird wohl auch von einer ersten jener zyklischen Krisen des Kapitalismus ausgehen müssen, die auf Phasen der Expansion nun immer wieder folgen werden, und aus denen veränderte Verhältnisse einen erneuten Aufschwung der Konjunktur bewerkstelligen, solange geographisch und von den natürlichen Gegebenheiten her neue Ressourcen kommen.

 

Die Verschuldung der Stadt vor allem bei ihrem Großkapital ist in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bereits so groß, dass keine Tilgung mehr zu erwarten ist. Staatsschuld wird der Normalfall. Die Zinsen auf die Schulden werden nun von der Stadt einseitig festgelegt, um neue machen zu können. Kommunale Schuldscheine werden dann auch frei handelbar, allerdings mit Abschlägen auf den Nominalwert.

 

Politik ist in letzter Instanz nun immer Vertretung ökonomischer Interessen, und das weniger kapitalkräftige Gewerbe und das wachsende Proletariat waren die Leidtragenden. Nach wenigen Generationen oligarchischer Machtausübung erhoben sie sich in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts, um auf ganzer Linie zu scheitern. Die Raspanti werden aus der Stadt vertrieben, die, so geschwächt, in die Hände des Papstes und des Adels fällt. Symbol der neuen Macht wird die Festung des päpstlichen Gouverneurs, die die Massen 1375 schleifen, worauf der Adel fliehen muss und die Raspanti die Stadt wieder übernehmen.

 

Der Markt als oberstes Regulativ schaffte Mobilität, Durchlässigkeit der Schichten und eine neue Unübersichtlichkeit. Als Ordnungsfaktor bot sich ein Verband nichtmagnatischer großer Kapitaleigner an, der ein schon traditionell lokalpatriotisch gefärbtes Etikett benutzend sich als 'Parte Guelfa' aufstellte. Religiös eingerahmt, formierte sie sich als Schwurgemeinschaft zur gegenseitigen Unterstützung, „wie es die tun, die durch Blutsbande vereint sind... Wenn einer von uns von jemandem beleidigt oder erzürnt wird, so ist jeder von uns verpflichtet, ihm mit seinem Leben und Eigentum zu helfen, ihn zu verteidigen und zu rächen und darauf zu reagieren, als ob es ihn selbst beträfe...“.

 

Das ist keine großstädtische Oberschichtversion einer N'drangheta, aber es hat etwas davon, mit dem Unterschied, nicht nur ein ökonomischer, sondern unmittelbar auch ein politischer Interessenverband zu sein. Dabei werden Aspekte magnatischer Geschlechterbindung (Ehre etc.) in eine Assoziation reicher Unternehmer übertragen, die als pressure-group auch kriminelle Mittel (vendetta) nicht scheut.

 

1358 gelingt es dieser „Partei“, die Vergabe der städtischen Ämter zu kontrollieren. Bedrohliche Gegner werden als „Ghibellinen“ öffentlich diffamiert, bedroht und verurteilt. Eine Ebene darunter sind die von einer Mehrheit der „Konsuln“ der Schwurgemeinschaft ohne Öffentlichkeit ausgesprochenen „Ermahnungen“, die Gegner davon abhalten, Ämter anzustreben.

 

Daneben gibt es weiter den Konflikt zwischen den alten Magnatengeschlechtern, die von den hohen Ämtern oft ausgeschlossen waren, und die sich um die Albizzi scharten, und den jüngeren, stärker auf großem mobilen Kapital fußenden Familien, die sich zu dieser Zeit um die Ricci versammelten, Spitzenleute der „größeren“ Zünfte vor allem.

 

1370/71 Dürre, Hungersnot, Viehseuchen, die Nahrungspreise steigen.1374 Monatelanger Regen, dann Pest

 

Während die Guelfenpartei in den 60er Jahren des 14. Jahrhunderts weiter die Stadt kontrollierte, werden 1373 die Albizzi und Ricci für zehn Jahre von allen Ämtern ausgeschlossen. Die Parte Guelfa war für die Rückkehr der Päpste nach Rom eingetreten. Salvestro de Medici schafft ein Bündnis der antiguelfischen Oberschicht mit Kreisen des mittleren Kapitals. Der Nachschub englischer Wolle verknappte sich durch den Hundertjährigen Krieg und genauso die Nachfrage nach florentiner Textilien. Es kommt nach 1367 zu Unruhen von Färbern und Wollarbeitern. Viele Leute beginnen zu hungern und protestieren gegen die Guelfen-Clique. 1375 antipäpstliches Bündnis mit Mailand. Otto di balìa sollen Krieg gegen den Papst vorbereiten.

 

1376 Interdikt, die Florentiner werden aus Avignon verbannt. Kurz darauf verkündet Gregor XI. den Kreuzzug gegen Florenz. Salvestro de Medici sorgt dafür, dass die Kirchen Zwangsabgaben leisten und 1377, dass Kirchenvermögen eingezogen wird. Geißlerzüge von Tausenden durch die Stadt. März 1378 stirbt der Papst.

 

Päpste verbündet mit schwarzen Guelfen, Florenz erklärt Papst Gregor XI. den Krieg, der verhängt über die Stadt das Interdikt. Kassiert die florentinischen Vermögen in Avignon.

 

Siena 1355-1400

 

1355 wird die Regierung des Großkapitals, der „Neun“, in Siena genauso gewaltsam gestürzt. Der Anlass ist wiederum militärische Bedrohung von außen, durch die Ankunft Karls IV. Hier wird der Palast der Lana, der Wollmanufakteure, geschleift, Symbol des städtischen Großkapitals. Eine neue Regierung der „Zwölf“ (dodicini) wird eingesetzt, die 1368 in drei Anläufen gestürzt wird. Die Unruhen produzieren Hunger bei den Arbeiter-Massen, die 1371 in jene Häuser einbrechen, in denen größere Getreidevorräte vorhanden waren. Nach und nach werden das Gefängnis und der Palazzo Pubblico gestürmt.

 

In der neuen Regierung der „Fünfzehn“ sind schließlich 12 Riformatori vertreten, die sich aber schließlich, ein Bündnis von mittlerem und oberem Bürgertum, gegen die Radikalisierung der Massen wenden. Das Ovile-Viertel mit seinen in der Compagnia del Bruco organisierten Textilarbeitern wird erobert und viele Männer und Frauen werden massakriert. Die wiederhergestellte Macht des mittleren und großen Kapitals wird dann 1384 von einem Heer exilierter Adeliger (Tolomei, Salimbeni, Piccolomini etc.) überwältigt und die Riformatori werden entmachtet. Die neue Regierung der Zehn enthielt vier „Zwölfer“ der neuen Mittelschicht, vier „Neuner“ der reichen Oberschicht und zwei Vertreter des unteren Bürgertums, die aber keine Riformatori waren. (Martines, S.182f)

 

Ciompi

 

Den Hintergrund bieten Verschwörungen in den herrschenden Kreisen, aus denen mehrere Vertreter des oberen Bürgertums gedachten, sich der Massen zu bedienen. Dazu kommt die alltägliche Armut der Vielen, kommen die steigenden Brotpreise, das Elend der scheinselbständigen Färber, Kardierer, Scherer und Verfeinerer der Wolle, die oft bei dem ihnen vorgesetzten Kapital verschuldet sind und selbst nicht als zunftfähig angesehen werden, während die Lana ihre Arbeit durch detaillierte Vorschriften detailliert kontrolliert. Dazu das verständlicherweise als ungerecht angesehene System von Steuern und Abgaben und die Bereicherungsstrategien der Oberschicht am städtischen Vermögen und den kommunalen Finanzen.

 

Salvestro de Medici entmachtet die otto della guerra aus artes des popolo grasso, Adel und einem Vertreter des popolo minuto. Im Mai lässt er sich zum Gonfaliere di Giustizia wählen, dem die städtischen Milizen unterstehen. Er verlangt am 18. Juli die Einhaltung der Ordinamenti. Als die Magnaten sich zu wehren drohen, mobilisiert er den popolo minuto und die Arbeiterschaft. Die stürmen Häuser der Reichen. Die ersten Paläste werden in Brand gesteckt. Das Gefängnis wird geöffnet. Vier auswärtige Tuchhändler werden aufgehängt. Salvestro tritt ab, die Forderungen der städtischen Massen gehen auf Lohnerhöhungen und politische Teilhabe. Forderungen nach einer Zunft für die bislang Unzünftigen.Straffreiheit für die Aufständischen, Verringerung der Körperstrafen für kleine Schuldner, eine Art zweijähriges Schuldenmoratorium.

 

Der aus einer Kammacherfamilie stammende Michele di Lando wird 1378 zum Gonfaliere di Giustizia gewählt. Drei neue Zünfte der Wollhandwerker, der bei Färbern und Webern Beschäftigten und der Werkstattarbeiter ansonsten. (Raith, S.47)

 

Preisstop gegen Metzger durchgesetzt. Die Ciompi wählen die otto santi del popolo di Dio. Versammeln sich in Camaldoli. Rückkehr in die Stadt wird mit Waffengewalt verhindert.

 

Anfang Juli nähern sich die kleinen Zünfte dem popolo di Dio an. Neues Priorat des neuen Groß-Kapitals und der kleinen Zünfte samt der neugebildeten. 29. Juli: Drei Zünfte der Wollarbeiter, eine der Färber, Tuchwäscher und Tuchspanner samt Kremplern und Seifensiedern und eine kleiner Textilhandwerker (Schneider, Hutmacher, Strumpfwirker).

 

Am 20. Juli 1378 verschärfen sich die Spannungen und ein zunächst friedlicher Marsch der Massen führt zur Stürmung des Regierungspalastes.Eine Regierung des unteren Bürgertums wird etabliert. Die Steuer auf Getreidemühlen wird abgeschafft, die Salzsteuer halbiert. Alles Getreide auf florentinischem Territorium wird in die Stadt gebracht und Maßnahmen gegen das spekulative Horten von Getreide werden ergriffen. Privat angeeignetes kommunales Eigentum soll rückgeführt werdenund eine Komminssion soll die städtischen Finanzen der letzten Jahrzehnte überprüfen. Am meisten konnte dann die Forderung nach einer allgemeinen direkten Steuer die Privilegien der Reichen bedrohen.

 

5. August Ende des Interdikts, inzwischen ist die Wirtschaft fast zum Erliegen gekommen.

 

Das Ganze eskalierte schließlich in einer Demonstration dieser Ciompi unter Führung der „Acht Heiligen des Gottesvolkes“ vor San Marco, mit neuen Forderungen: Eine zehnjährige Suspendierung der Zinszahlungen aus dem Fond der Staatsschuld, dem monte commune, da dieser die Steuerlast verschärfe, und ein zweijähriges Schuldenmoratorium.

 

Das Fass zum Überlaufen brachte dann am 28 August die Forderung, die Prioren der Stadtregierung sollten sich einen Eid von den „Acht Heiligen“ abnehmen lassen.

 

Damit wandte sich das mittlere Bürgertum ganz von den Ciompi ab, und die reicheren Zünfte verbanden sich mit den tradierten Staatsorganen unter Leitung des Gonfaliere de la Giustizia zum Gegenschlag.

 

31. August Versammlung des popolo di Dio vor dem Priorenpalast. Die städtische Miliz tritt dagegen an.

 

Die überall eine Sonderrolle spielende Metzgerzunft war die Speerspitze der blutigen Vernichtung der Rebellen, die getötet bzw. später hingerichtet wurden oder flohen. Die zwischen bürgerlicher Existenz und proletarischer Wirklichkeit schwankenden kleinen Produzenten wurden von der Stadtpolitik ausgeschlossen und ihre neugegründeten Zünfte wieder verboten.

 

Die gelegentlich populären Begriffe Revolution und Klassenkampf treffen die Sache beide nicht. Es lässt sich weder objektiv noch subjektiv eine Klasse der Kapitaleigner finden, vielmehr zerfallen diese in sehr divergierende handfeste Interessen. Darüber hinaus hat die Auslagerung vieler Arbeitsvorgänge unter der Kontrolle des Kapitals, wie man sie bei der Textilwirtschaft nicht nur in Florenz beobachten kann, in dieser Zeit die Grenze zwischen Kapital und Arbeit nach unten hin fast aufgelöst. Erst die weitere Proletarisierung der Arbeit wird einen klaren Unterschied erkennen lassen, der aber über die Jahrhunderte selten politisch wird.

 

Die Wendung der Unterschichten in Florenz richtet sich auch nicht gegen die Kapitalisierung und Verallgemeinerung des Warencharakters, schon damals für niemanden auch nur denkbar, da die Lebensgrundlagen fast aller darauf beruhten. Tatsächlich hätte ein Erfolg der Ciompi die Machtverhältnisse in der Stadt verändert, aber nicht auf den Kopf gestellt. Je radikaler und weniger politisch Teile von ihnen wurden, desto weniger hatten sie ein machbares Konzept. Eine Rebellion ist keine Revolution. Die einzige, die weiterhin stattfand, war die Revolutionierung aller Verhältnisse und Lebensbereiche durch den Kapitalismus, die bis heute, und seit dem 15./16. Jahrhundert mehr und mehr global, voranschreitet.

 

Was es in den „republikanischen“ Städten, von Oligarchien beherrscht, gab, war eine politische Klasse. Da war die kleine Minderheit der männlichen Bevölkerung, die eine Art politisches Bürgerrecht hatte, und von denen ein großer Teil in den tradierten legislativen Versammlungen saß, in Florenz um die 600 Männer, und da waren je nach Größe der Stadt einige zehn bis einige hundert Männer, die immer wieder in den kurzzeitig zu besetzenden Ämtern und kollegialen Räten auftauchten.

 

Oligarchie hieß, dass die mächtigeren (und reicheren) städtischen Familien sich abschlossen und die Ämter und Ratsposten, die immer nur für kurze Zeit, oft für zwei Monate besetzt wurden wie das florentiner Priorat, und dann erst nach zwei, drei Jahren erneut von demselben wieder besetzt werden konnten, quasi unter sich aufteilten, indem ihre Mitglieder durch diese Machtpositionen „rotierten“ (Martines).

 

De facto war die kleine politische Klasse noch einmal geschichtet, wobei die Wählbarkeit in die wichtige obere Etage von Listen abhing, in die die wählbaren Kandidaten eingetragen wurden, was die mächtigen Familien unter sich abmachten. Gewählt wurde dann entweder offen oder geheim, wobei die Mächtigen Mittel und Wege fanden, dass in Venedig zum Beispiel immer wieder dieselben 30 bis 40 Männer in die wichtigsten Ämter gewählt wurden (Martines, S.207)

 

Am 1. September neues Priorat, welches die neue Zunft des popolo minuto (?) auflöst. Am 5. September werden drie Anführer der Ciompi hingerichtet.

 

Januar 1382 werden alle neuen Zünfte aufgelöst.

 

 

Oberschicht

 

Mitte des 14. Jahrhunderts sind laut Giovanni Villani ca. 30 000 Menschen direkt von der Tuchproduktion abhängig, die aber von nur etwa 200 Unternehmern kontrolliert wird. Dieser Konzentrationsprozess wird durch dieses und das folgende Jahrhundert weiter voranschreiten.

 

Die Einrichtung eines einheitlichen Staatshaushaltes und dessen Kreditfinanzierung neben der Willkür indirekter Steuern ist für die Politiker der kleinen Oberschicht geradezu eine Einladung für immer höhere Staatsverschuldung, an der sie als Hauptkreditgeber profitieren und wofür sie immer neue innovative Wege finden. Während die Expansion des produktiven und des distributiven Kapitals an der internationalen Konkurrenz immer mal wieder auf Grenzen stößt, wie auch Venezianer und Großkapital anderer italienischer Städte erfahren müssen, wächst auch so die Bedeutung des Finanzkapitals, und mit ihm die der Arte di Cambio. Der seit Generationen etablierte Reichtum beginnt, wie einzelne Unternehmerväter entdecken können, eine Rentiersneigung bei Söhnen zu entwickeln, die Donato Velluti zum Beispiel als Neigung zu „aristokratischer“ Lebensweise statt unternehmerischer Initiative beschreibt. Die Neigung zu Luxuskonsum und adeligen Betätigungen wie der Jagd gehört dazu, aber auch eine zunehmende Bildung mit Neigungen zu Poesie und Musik und vor allem hin zum nächsten Jahrhundert zum Studium der humanitates und darüber zur Verherrlichung eines republikanischen Roms mit seiner cives-Oberschicht, die die Politik der civitas kontrollierte und trug.

 

Diese Aristokratisierung der bürgerlichen Oberschicht findet ihren deutlichsten Niederschlag in dem nun recht üblichen Landgut von adeligem Gepräge. Dirlmeier fasst zusammen: "Im Sieneser Contado standen im 14. Jh.80 Prozent, um 1400 im Aretiner sogar 90 Prozent und 1427 im Florentiner Umland 68 Prozent des Kulturlandes in stadtbürgerlichem Eigentum." (Dirlmeier, S. 35).

 

Während der alte Adel dabei an Bedeutung verliert, schließt sich die kapitalistische Oberschicht immer stärker von der Masse der Bevölkerung ab, indem sie eine neue Mischung aus bürgerlichem Geschäftswesen und patrizischer Familienpolitik betreibt. Diese Familien bürgerlichen Reichtums sind keine großen Geschlechterverbände mehr, sondern enger begrenzt, wie es Kapitalbesitz vorgibt. Die Firma ist ein Verband aus dem oder mehreren Kapitaleignern, mit einer ganzen Anzahl an Investoren, die auf Zeit, aber überwiegend immer wieder in dieselben Firmen investieren. Der Firmenname ist der Familienname des wichtigsten Kapitaleigners. Er besitzt inzwischen eben so einen wie zuvor die adeligen Geschlechter.

 

Die Binnenstrukturen waren patriarchalisch und patrilinear, womöglich mehr als je zuvor aufgrund der Eingrenzung der Familie. Die Ehen waren Firmenbündnisse, von Vätern vereinbart und von ihnen vor Notaren beurkundet. Mit der Mitgift wurde das Ganze dann eine geschäftliche und insofern bindende Transaktion. Religion und Kirche spielten keine Rolle, anders als bei denen, die sich ohnehin keinen Notar leisten konnten und darum die Neuerung der kirchlichen Verehelichung, also quasi der Beurkundung durch den Priester in Anspruch nahmen.

 

Die so schon rechtlich Verheirateten nahmen dann brav die sposalizio vor, der Notar gibt dem Bräutigam den Ring, den dieser der Braut auf den Finger schiebt. Was noch bleibt, ist der feierliche Weg der Braut in Begleitung von Leuten des Bräutigams zu dessen Haus. Wieviel Ehe- und Familienleben aus einer so quasi bürgerlich-dynastischen Verindung hervorgeht, lässt sich nicht nur daraus erahnen, sondern ergibt sich auch aus der Tatsache, dass der Ehemann und dann Familienvater ein in Politik und Geschäft hochbeschäftigter Mann ist.

 

Die Dame verfügt im steinernen Palast des Oberschichtmannes über so viele Dienstboten, darunter auch immer noch gelegentlich Sklaven als Statussymbol, dass sie im Kern beschäftigungslos ist. Kinder werden kurz nach der Geburt und für etwa zwei Jahre zu bezahlten Ammen aufs Land weggeschickt, beachtlich viele sterben dort, und sie gelangen danach in professionelle Kinderbetreuung und dann zu Hauslehrern. Diese Familie ist Versorgungsinstitut für reiche Frauen und Reproduktionsinstitut als Ort der Begründung geschäftlichen Eifers: Die Firma ist ein Familienbetrieb.

 

Die Kinder gehören zum Vater, und wenn die Frau verwitwet, fallen sie an seine Familie zurück, insbesondere im Falle ihrer Wiederverheiratung (in eine andere Firma).Sie gehören praktisch auch dem Vater. Söhne entkommen erst mit der Verheiratung der väterlichen Gewalt, und sie heiraten spät, im Schnitt Anfang dreißg, während Töchter möglichst früh verheiratet werden. Geschäftsfähigkeit erreichte der Sohn vorher nur durch einen Vertrag vor dem Notar, in dem er emanzipiert wurde, also aus den Händen der väterlichen Gewalt herausgelangte, was ab 1355 in einer Liste bei der Mercanzia niedergelegt wird.

 

Die Stadt wird ein öffentlicher Raum zur Zelebrierung großbürgerlichen Reichtums und seiner Macht, sie wächst nicht mehr wie zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, sondern sie dient nun planvoll seiner Inszenierung, für die die Vertreter des Großkapitals einen Großteil ihres für den Konsum bestimmten Geldes abzweigen. Häuser werden abgerissen, um Straßen zu begradigen und zu verbreitern, sogar Kirchen werden abgerissen, um große Plätze zu schaffen, wie beim Stadtpalast und beim Dom. Die Städte verlassen den Typus einer mittelalterlichen Stadt und werden modern, bis sie dann im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts ihre Urbanität verlieren.

 

Die Unternehmerschaft plant, auch unter Beteilung des mittleren Bürgertums und der Zünfte, den neuen Dom (hier ist die Arte della Lana federführend), während die Seide-Zunft den Getreidemarkt von Orsanmichele in eine Kirche umbaut. Die nun voll in den Kapitalismus und seine neuen Werte integrierte Kirche und die Bettelorden werden baulich zu Geschöpfen des hochkapitalisierten Bürgertums. Die Kirche Orsanmichele wird mit den sehr weltlichen Bildnissen der Zünfte geschmückt und der Campanile des Doms, der eigentlich ein bürgerlicher Prunkturm und kein Kirchturm mehr ist, mit den Abbildungen des Handwerks.

 

Das Großkapital baut Kapellen an die Kirchen der Bettelorden an, die deutlich als ihre Einrichtung markiert werden, und versieht sie mit Bilderschmuck, dessen Themen religiös sind, dessen Ausführung allerdings der Verherrlichung der Geldgeber dient. Diese Selbstdarstellung setzt die ökonomische Konkurrenz des Kapitals als Verherrlichung von Reichtum fort. In dieser Konkurrenz kommt es zu einem Wettlauf um den technischen Fortschritt in der Bildhauerei und Malerei, deren Hauptaufgabe nicht mehr Ausdruck von Religiosität, sondern technische Perfektion ist, die bis weit ins 15. Jahrhundert Kopie „der Natur“ sein soll, also realistischer Illusionismus. Das ist die rasante Veränderung der Malerei zwischen Giotto und Masaccio, die Räumlichkeit und/oder Volumen der Körper, manchmal auch Detailgenauigkeit als technische Leistung vorführt. In dieser Konkurrenz des großen Kapitals werden Künstlerpersönlichkeiten über ihre Werke ermöglicht, und der Status dieser Leute steigt und ihr Wohlstand.

 

In der Baukunst entstehen die privaten Bürgerpaläste des Großkapitals parallel zu den Palästen der politischen Macht, der ungenierte Protz der Reichen entlädt sich in einer Tendenz zu immer mehr baulicher Größe, in der die ästhetisch immer weniger ansprechende Leere der sich vergrößerenden Innenräume durch von der Architektur abgelösten Bilderschmuck kompensiert wird. Kathedralen werden monumental und reizen dabei die Grenzen des noch gerade so technisch machbaren aus, man sehe die von Siena und Florenz, die so an Größe konkurrieren wie die jeweiligen Kapitalassoziationen an sich imperial gebender Macht. In den immer gigantischeren Kuppelkonstruktionen erweist sich der voll entfaltete Kapitalismus als ein rein technisches Projekt, wie es dann in St.Peter in Rom seinen abstoßenden Höhepunkt erreichen wird.

 

Während das Moment der ästhetischen Innovation in Malerei und Bildhauerei bedeutsam wird, verliert es in dem Größenwahn der Kirchenbauten jene Qualitäten, welche in den Städten der aufstrebenden Monarchien die bürgerlichen Kathedralbauten der Gotik leisten. Die kalte Formelhaftigkeit toskanischer Renaissancebauten nominell sakraler Provenienz mit dem Charme von Bahnhofshallen oder klassizistischer Kurstadteinrichtungen steht dabei neben dem klotzartigen Protz immer schmuckloserer Fassaden der Privatpaläste, deren Regelmäßigkeit die ihrer internationalisierten Geschäftswelt wiedergeben, und die bis ins 16. Jahrhundert vor allem durch immer weiter gesteigerte Größe auffallen.

 

Malerei und Bildhauerei lassen sich aber nicht darauf reduzieren. Sie sind nicht nur immer Luxusprodukte der Konsum- und Repräsentationsfreude des großen Kapitals, vielmehr entwickelt sich Kunst dabei ganz langsam und beim einen mehr und beim anderen eher weniger zu einem sehr persönlichen Ausdrucksmittel des Künstlers, der damit zunächst fast unmerklich aus dem Rahmen des rein Kunsthandwerklichen heraustritt. Zwar schaffen diese Leute Konsumwaren für einen Markt reicher Auftraggeber, aber diese, auf der Suche nach dem repräsentativ Besonderen und selbst keine Künstler, werden in den innovativen Sog der geschmacksbildenden Konkurrenz dieser kleinen Warenproduzenten besonderer Art hineingezogen. Dabei bleibt, dass der Künstler nicht unmittelbar für einen Markt, sondern erst auf Nachfrage eines Auftraggebers arbeitet, wie ursprünglich jeder Handwerker. Aber Künstler arbeiten nicht nur im Rahmen jener aktuellen Moden, die wir später Stile nennen, sondern treiben diese selbst voran und geben ihnen mehr als zuvor eine individuelle Handschrift.

 

 

Florenz 1382-1421

 

1380-94 ist Luigi Marsili, Augustinermönch von San Spirito, wieder in Florenz. Einflussreicher Mann des Gesprächskreises in einer Villa des Bankiers Antonio degli Alberti. Hatte noch Petrarca kennengelernt (?). Bekannt mit Coluccio Salutati. Seit 1375 Kanzler von Florenz. Ist reicher Notar von Beruf. Bis 1437 Niccolò Niccoli aus der Kaufmannschaft. 1396 kommt Manuel Chrysolaras nach Florenz: Griechischunterricht. Leonardo Bruni geboren 1369 in Arezzo, studierte Griechisch bei Chrysolaras. Lobschreiber von Florenz

 

 

In Florenz sind es rund 4o -70 Familien, die die Stadt kontrollieren, weitere Magnatenfamilien werden dabei verbürgerlicht. Die Oligarchie resultiert aus der Tatsache, dass keine Familie in ihrem Wirtschaftszweig eine Art Monopolstellung erringen konnte, und alle so auf ein gedeihliches Miteinander angewiesen waren. Als die Alberti als reichste Familie zu viel Einfluß zu bekommen drohen, werden sie ausgewiesen.

 

Je oligarchischer das Stadtregiment in Florenz wurde, desto peinlicher wurde auf den Anschein einer nicht manipulierten Ämterzuteilung geachtet. Dabei galt eine mathematische, nicht eine repräsentative „Gerechtigkeit“: Die Ämter wurden auf die vier Viertel bzw. die sechszehn gonfaloni gleich verteilt, allerdings ungeachtet der Stärke der Bevölkerung dort. Aber ausgesuchte Gremien von immer engerer Mitgliedschaft stellten die Listen der Wählbaren zusammen, die aus einer Vielzahl von Säckchen gezogen wurden, die vorher in der Sakristei einer Kirche von eingeschworenen Geistlichen bewacht wurden. Und mehrere hintereinandergeschaltete Kontrollgremien sorgten dafür, dass immer wieder dieselben Namen gezogen wurden, mal für dieses, mal für jenes Amt.

 

Laut Martines sind vor der Kontrolle der Stadt durch die Medici die, die ständig in irgendwelchen Ämtern auftauchen, rund hundert Leute, und rund vierhundert, die seltener an ein wichtiges Amt gelangen. Im 15. Jahrhundert schließt sich die erste Gruppe, zu der die Ridolfi, Guicciardini,, Albizzi, Strozzi, Ruccelai, Soderini, Salviati und andere Namen gehören, immer mehr ab, nachdem vorher Einzelne aus der zweiten Gruppe wie die Gaddi, Pucci und Pandolfini noch aufsteigen konnten. (S.213)

 

Die Spitzen des Stadtregiments wie das Priorat in Florenz ordneten sich dann noch Beratergremien zu, die aus derselben oligarchischen Schicht kamen. Beratungen unter dem Gonfaliere della Giustizia dauerten solange, bis eine Zweidrittel-Mehrheit gefunden war.

 

 

Die Macht der Spitzen der Renaissance-Exekutiven beschreibt Martines so: „Nicht nur konnten sie Leute verhaften, verurteilen und hinrichten.; sie konnten auch Verfassungsgarantien suspendieren. Sie konnten die legislativen Versammlungen umgehen, den Krieg erklären, Steuern erheben, oder das Gemurmel der Gemeinschaft per Dekret zum Schweigen bringen.“ (S.219) Anders gesagt, es gab keine wirkliche Gewaltenteilung oder Rechtstaatlichkeit, aber in Krisenzeiten haben die derzeitigen Demokratien Mittel und Wege, diese ebenfalls auszuhebeln, wie durch das Ausrufen des Notstandes zum Beispiel.

 

Der wohl wichtigste Unterschied zu heute in den Renaissance-Oligarchien war wohl das direkte Stadtregiment als Staatsregierung des großen Kapitals. Dieses, politisch geworden, partizipierte persönlich in Ämtern oder durch seine Beteiligung in beratenden Gremien, war politisch allgegenwärtig und in seinen Spitzen einigermaßen komplett vertreten. Erst als aus Stadtstaaten, die gerne als Republiken bezeichnet werden, territoriale Fürstentümer werden, und als Italien unter französischen, kaiserlichen, und dann spanischen Einfluss gerät, beginnt der Rückzug des Großkapitals aus der direkten Politik, die längst von seiner Properität ihre eigene abhängig machen muss.

 

Erst Konflikte zwischen Alberti und Albizzi, die mit der Verbannung der ersteren endeten. Dann Oligarchie unter den zwei Polen Maso degli Albizzi und Niccolò da Uzzano. Pratiche der Prioren. Von den Kanzlern protokolliert. Hier können einige hundert Großbürger verbal am Stadtregiment partizipieren. Giovanni Cavalcanti meint, dass aber die wesentlichen Entscheidungen jeder Öffentlichkeit entzogen waren.

 

1384 Einverleibung von Arezzo, 1390 von Montepulciano.

 

Herzog Giangaleazzo Visconti in Mailand kontrolliert immer größere Teile der Toscana (Siena, Pisa), von Umbrien (Perugia) und Bologna. Steht kurz vor der Stadt Florenz, als er 1402 stirbt.

 

1399 neue Geißlerzüge

 

1400/1411 Pest

 

1406 Belagerung von Pisa, welches schließlich erobert wird.

 

1419 stirbt Papst Johannes XXIII. (Baldassare Cossa) in Florenz, nachdem ihn das Konzil von Konstanz abgelehnt hatte, und ihn sein Bankier Giovanni de Medici untergebracht hatte. 1419/20 residiert Martin V. im Westflügel von Santa Maria Novella, bevor er nach Rom kann.

 

1421 wird Livorno gekauft und Florenz wird zunehmend zur Seemacht.

 

Während Krieg, Hunger und Pest wüten, schmückt sich die Stadt und die Künstler steigen ähnlich wie die humanistischen Gelehrten auf. 1401 Ausschreibung für die Ostttür des Baptisteriums, die Lorenzo Ghiberti gewinnt vor einer Bürgerkommission. 1412 beauftragt ihn die Calimala mit dem Johannes für Orsanmichele, der 2.55 Meter groß wird. Ein Sohn von Taddeo Gaddi wird Wollhändler, ein zweiter Kaufmann und Vertreter von Datini in Venedig. Die letzte Tür des Baptisteriums feiert die großbürgerliche Stadt. 1420 gewinnt Brunelleschi den Wettbewerb für die Domkuppel. Ist mehr Techniker als Künstler.

 

1390 neues Fest der drei Weisen aus dem Morgenland. 1417 Bruderschaft Compagnia die Magi dokumentiert.

 

 

Der Umschwung: 14./15. Jahrhundert

 

Die ausländische Waren-Konkurrenz nimmt zu, und im Zuge der Konzentrationsprozesse auch das Volumen des Kapitals für die Aufrechterhaltung des Einkommens. In Roovers Portrait des Seidenunternehmers Andrea Banchi (1372-1462), der schließlich zur kleinen reichen Spitze von Unternehmern in Florenz gehört, wird deutlich, wie es schwieriger, mühsamer wird, sein Kapital noch gewinnbringend produktiv einzusetzen. Dazu gehört der Überblick über die vielen einzelnen Arbeitsgruppen, die noch in keiner Manufaktur oder gar Fabrik zusammen arbeiten, sondern in voneinander getrennten Gruppen von meist höchstens 6 Leuten, alle hoch spezialisiert in einem bereits ähnlich wie die Wolltextilherstellung extrem arbeitsteiligen Gewerbe. Nach der Investition in die vielen einzelnen Arbeitsschritte kam die in den Laden in Florenz und in den Handel andernorts, nach Genf, Rom; Neapel, Paris, Brügge, Barcelona. Dabei wurde europaweit konkurriert mit vielen anderen Firmen, und es ging nicht nur um die Qualität der Tuche, sondern um ihr Mithalten mit den neuesten Moden.

 

Andrea Banchi wird sehr reich, aber der Preis ist, dass er wenig Zeit für einträgliche Politik oder den Genuss seines Reichtums hat. Großkaufleute, Bankiers und Finanzspekulanten erwirtschaften in derselben Zeit ein Vielfaches auf bequemerem Wege.

 

Der zunehmende Reichtum und Luxus des großen Kapitals lässt durch die Generationen die unternehmerische Initiative erlahmen. Es findet sich nicht einmal mehr genug adeliger Nachwuchs für die Führungspositionen in der venezianischen Flotte. Der Anteil des in Produktion und Handel investierten Kapitals nimmt ab. In den venezianischen Handelsniederlassungen finden sich immer weniger Kaufleute bzw. ihre höheren Angestellten ein. Es gibt mehr Luxusleben im Palazzo auf dem Lande.

 

Falls man beim Großkapital von Bürgersinn sprechen kann, so besteht der in der Wahrung seiner Interessen bei aller Konkurrenz untereinander. Letztlich verbirgt sich das hinter den Texten der neuen Literaten, die von Gemeinsinn, Friedenswahrung und Gerechtigkeit sprechen. Diese Leute finanzieren sich aus politischen Ämtern, aus der Staatsschuld, zahlen wenig Steuern und vermeiden diese, soweit sie können. Sie sind auch die Profiteure der zahllosen Kriege, in denen sie wirtschaftliche Konkurrenz zu schädigen oder zu untewerfen suchen. Für 1390 berichtet Martines, dass die unterworfenen Städte 80% des gesamten Haushaltes der Stadt Mailand unter Giangaleazzo Visconti trugen. Nur ein Drittel des venezianischen Haushaltes von 1463 stammte aus der Stadt Venedig selbst, und nur ein Bruchteil davon aus direkten Steuern, die die herrschende Schicht belastet hätten.

 

Die Kriege wiederum, die wenn erfolgreich, zum Reichtum der Reichen beitrugen, wurden zunächst mit Erhöhung der Belastungen für die Masse der Bevölkerung finanziert und nur selten durch außerordentliche Abgaben der Oberschicht. Das ändert erst im 15. und 16. Jahrhundert mit der Zunahme direkter Steuern und dem Wertverlust von Investitionen in die Staatsschuld. Langsam führen die staatlichen Bedürfnisse zur Strangulierung einzelner Wirtschaftszweige und zu einem Ende des Wirtschaftswachstums (Martines S. 252).

 

Wer immer die „Errungenschaften“ der italienischen Stadtstaaten zwischen 1100 und 1500 feiert oder sich an ihren Resten heute touristisch erfreut, feiert mit all dem, womit er sich heute identifizieren kann, vor allem den Aufstieg des Kapitalismus, das heißt, von Kapitalisierung und Warenwelt. Aus dem Aufstieg der größeren Kapitaleigner, jener, denen in größerem Umfang unternehmerisches Handeln möglich war, und ihrer Verschmelzung mit Teilen des Adels entsteht eine ökonomisch definierte Gruppe, die den Staat kontrolliert und mit seiner Hilfe die Masse der Bevölkerung. Diese ist auf dem Land dem Zugriff des Kapitals ausgesetzt, was sie in die Städte fliehen lässt, wo sie den Konjunkturen des Wetters, der Epidemien, der Politik und damit des periodisch wiederkehrenden Hungers ausgesetzt sind, andererseits aber auf die Almosen der Reichen und die karitativen Leistungen des Staates hoffen können.

 

Martines geht davon aus, dass die Löhne tendenziell fallen, während die Lebenshaltungskosten steigen, das Ganze nur unterbrochen durch Katastrophen wie die Pest von 1348. Arbeitsverträge dauern maximal nur ein Jahr, Arbeiter können aber auch nur für einen Tag eingestellt werden. Löhne wie für städtische Bauarbeiter können in Naturalien ausgezahlt werden, oder in Geld, welches auch nur die schiere Subsistenz umfasst. Alte und Kranke sind auf ihre Verwandten angewiesen und alle zusammen auf ein schwer durchschaubares Glück. Am Ende kommt es zu Auswanderungswellen von Facharbeitern in Venedig im Schiffsbau und in Florenz im Textilgewerbe

 

Das zunehmende technische Raffinement führt zu immer stärkerer Arbeitsteilung. Ohne die Maschinen der sogenannten industriellen Revolution war menschliche Arbeitskraft die wesentliche Energie. Anstelle des späteren Fabriksystems ist die Arbeit in verschiedenste Arbeitsgänge aufgeteilt, die unterschiedlichen und lokal getrennten Werkstätten zugeteilt sind. Diese hängen, was den Rohstoff oder das vorgefertigte Produkt angeht, vom Kapitaleigner ab, so wie oft auch, was die Werkzeuge betrifft.

 

Auf einem Markt, der seit der Antike mehrere Kontinente umfasste, herrschte zunehmende Konkurrenz. Ohne nationale Gesetzgebung zur Hebung der Kaufkraft und Eingrenzung der Konkurrenz waren die Unternehmer auf das Drücken der „Einkommen“ des neuen Proletariats angewiesen. Stattdessen gaben sie nach erfolgreicher Kapitalverwertung Almosen und spendeten für Kirchen, Orden und deren Gebäude. Dazu gehören die Kunstwerke, deren Inhalte formal weiter christliche bleiben, auch wenn sie in ihrer Ausgestaltung immer mehr verweltlichen. Aber: „The images of ragged workers and poor folk in the frescoes of Masaccio, Cosimo Tura, and Filippino Lippi are not fictions...“. (Martines, S. 261)

 

Humanismus

 

Das Wort Humanismus ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, wenn es irgendeinen Sinn machen soll, müsste es von den studia humanitatis des sogenannten Mittelalters abgeleitet werden, der Grammatik und Rhetorik, wozu in der kapitalistischen „bürgerlichen“ Stadt die Ethik, die Dichtkunst und die Geschichtsschreibung kommen.

 

Die Sprache ist das Lateinische und über dieses später auch das Griechische. Es ist die Wiedergewinnung eines klassischen Lateins der beiden Jahrhunderte vor und nach Augustus, jenes von Cicero, Vergil, Horaz, Senca. Schon vor Petrarca beginnt die Orientierung auf ein solches „klassisches“, das heißt idealisiertes Rom, welches römische Geschichtsschreiber mit ihren Heroisierungen und ihren Oberschichtidealen für bare Münze nahm. Schon daraus ist ablesbar, dass es sich um eine Angelegenheit weniger handelte.

 

Die meisten Humanisten identifizierten sich mit den Interessen der städtischen Oberschicht. In der Rhetorik fanden sie die Fertigkeit, die sie der Politik andienen konnten: In den Reden, den Korrespondenzen, der Diplomatie, im politischen Teil des Rechtswesens. Als Gelehrte brauchten sie Mäzene oder einen privilegierten Platz in der entstehenden Welt der neuen Herren, dieser „Humanismus“ war eine Sache weniger Individuen, die sich aus der scholastischen Welt der Universitäten lösten. Zudem war er politisch in dem Sinne, dass er aus dem Studium der Alten legitimatorische Rezepte für die neuen Mächtigen und ihren Staat entwickeln wollte.

 

Dabei gewann er zwei Eigenarten: Aus der versuchten Identifikation des neuen Zeitalters mit dem „klassischen“ Rom entsprang die Überzeugung von einem dunklen Zeitalter dazwischen, von tausend Jahren der illiteraten Barbarei. Die Idee eines „Mittelalters“ wird geboren. Und damit wird eine Zeit kirchenchristlicher Blüte übersprungen, was die vom Kapital langsam vorangetriebene Säkularisierung begleitet. Im Verlauf weniger Jahrhunderte wird aus der in diesen tausend Jahren vertretenen Überzeugung, dass schon vor Jesu Geburt „heidnische“ Autoren christliches Gedankengut vorweggenommen hätten, ein davon immer unabhängigeres Interesse an diesen in ihrer antiken Umgebung für sich genommen „säkularen“ Autoren – ein anachronistisches Attribut, ist das saeculum im Gegensatz zum Himmelreich doch eine christliche Idee per se.

 

Als Begriff einer spezifischen Form von „Bildung“ als Aspekt von Zivilisierung entwickelt dieser Humanismus auch einen spezifischen Kulturbegriff, der bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein gängig bleiben wird: Kultur ist der zivilisierende Begleiter von Macht und Reichtum, und eine schichtspezifische Angelegenheit. Es wird bis ins 18. Jahrhundert dauern, dass bei der langsam sterbenden Bauernschaft und Handwerkerschaft eine „Volkskultur“ entdeckt werden wird. Dazwischen werden diejenigen, die sich selbst für Bürger halten, sich mit den Verhaltensweisen, Lebensformen und der Kunst der Mächtigen und in Wirtschaft und Politik Herrschenden identifizieren. Reste davon haben sich in den nach „unten“ gesunkenen Anreden wie Herr, Sir, Monsieur und Senor (Caballero) erhalten.

 

Was dabei auch schwand, war das „mittelalterliche“ Interesse an Philosophie, welches auf die Universitäten abgedrängt wurde, wo die Scholastik akademisch erstarrte. Das theoretische Interesse schwand zugunsten eines, welches nach praktischer, politischer Anwendung drängte. Dabei entwickelte sich aber als etwas Neues die Philologie, die sich auf die Rekonstruktion der in der Überlieferung verdorbenen Texte der „Klassiker“ konzentrierte und dabei ein kritisches Lesen entwickelte. Am bekanntesten heute ist Lorenzo Vallas kritische Lektüre der „Konstantinischen Schenkung an das Papsttum“, die er 1440 als Fälschung entlarvte. Hier kommen mustergültig „wissenschaftliches“ Arbeiten, politisches Interesse und Säkularisierungstendenz zusammen. 'Elegantiarum linguae Latinae libri sex' wird zu einem Meisterwerk historisch-kritischer Philologie. Als Juristensohn aus niederem Adel steigt er durch seine studierende Belesenheit der Klassiker auf an den Hof des Königs von Aragon, umd schließlich an den päpstlichen Hof, um als Rhetorik-Professor zu enden. Inzwischen sind humanistische Karrieren auch an der Universität möglich.

 

Die langsame Entchristianisierung der Weltsicht, die Verlagerung der Ursachen in innerweltliche Zusammenhänge, schafft zwar eine neue Geschichtsbetrachtung zumindest was die Geschichte der eigenen Stadt betrifft, wie man an der Entwicklung der Chroniken der Villani Vater und Sohn bis zur Geschichte von Florenz des Macchiavelli sehen kann. Menschliche Interessen, Absichten und Zwecke beginnen die Weltsicht zu bestimmen.

 

Die Anfänge dieses Humanismus gehen vor allem auf jene Gruppe zurück, die Schriftlichkeit (Notare) und Rechtskundigkeit (Juristen) miteinander verbanden und dann in den neuen politischen Strukturen ihrer Stadt einsetzten: Ein Musterbeispiel ist Dantes Lehrer Brunetto Latini. Prägender wird ihr Einfluss erst nach und nach, als sich ihre Nützlichkeit zur Legitimierung der neu etablierten Machtstrukturen erweist. Nun finden sie Mäzene und höhere politische Ämter, eine neue Aufstiegsmöglichkeit für Leute aus den unteren Kreisen des Bürgertums, deren Ansichten und Karrieren dann bis ins 16. Jahrhundert auffallend übereinstimmen.

 

Es gibt gewiss kein Zeitalter des Humanismus, wie seit dem 19. Jahrhundert vom Katheder herunter verkündet wurde. Die sogenannten Humanisten sind wohl die kleinste Minderheit in den Städten zwischen 1200 und 1600. Ihr Einfluss reichte gerade so weit, wie sie unter den Mächtigen Anklang fanden, wobei das Niveau ihres Denkens dort dann von Ausnahmen abgesehen entsprechend sank.

 

Prägender waren ganz andere Leute wie der zum Observantenorden nach altfranziskanischem Ideal stoßende Bernadin von Siena, der als eine Art Wanderprediger durch Ober- und Mittelitalien zog und gegen Wucher, Gewalttätigkeit und Luxus predigte und „die Würde des Menschen als Geschöpf Gottes“ vertrat. Seine Predigten zogen naturgemäß vor allem die städtischen Massen an, aber selbst die reiche Oberschicht nutzte sein Auftreten zur Erbauung, in der Regel wohl, ohne dass es ihr Verhalten nachhaltig veränderte.

 

Das „Christentum“ hatte sich in der Praxis längst mit dem Kapitalismus versöhnt, von dem Kirche und Orden profitierten, und seine Vertreter trachteten nur noch danach, es zu moralisieren, vergeblich natürlich. Zivilisieren ließ sich das Kapital nur insoweit, als es dem eigenen Interesse entsprach, und dieser Vorgang stieß speziell in Italien noch einmal auf enge Grenzen.

 

Florenz von 1421 bis zur Habsburger Dominanz

 

1427 legt die Stadt ein Vermögenskataster für die Einziehung der innerstädtischen direkten Steuern an. In diesem Jahr verfügen rund 100 Familien, knapp 1 Prozent der Haushalte, bereits über ein Viertel des Gesamtvermögens in der Stadt. Von den rund 120 000 Einwohnern vor der großen Pest sind nur noch 38 000 übriggeblieben, die Mitte des 16. Jahrhunderts wieder auf 60 000 ansteigen wird.

 

Der Machtkonflikt konzentriert sich auf die Familien degli Albizzi und die Medici. 1433 wird Cosimo de Medici nach Venedig verbannt, um 1434 wieder zurückzukehren. Aus dem Hintergrund zieht er nun die Fäden in der Stadt. Das gegen Mailand gerichtete Bündnis mit Venedig wird gelockert und ein Ausgleich mit Mailand angestrebt.

Sohn Lorenzo ("Il Magnifico") herrscht mit der Härte eines Signore. Seinen Sohn Giovanni kann er zum Kardinal machen, nach Lorenzos Tod 1492 wird er 1513 wird er zum Papst Leo X.

 

Mit dem Italienzug von Charles VI. muss sich Piero de Medici dessen Forderungen unterwerfen, dann wird die Familie vertrieben und kann erst 1512 zurückkehren. 1527-32 wird sie erneut vertrieben. 1537 machen die Habsburger Cosimo zum ersten Herzog der Toskana. Die Stadt ist nun politisch und finanziell geschwächt, während sie immer noch eine reiche Oberschicht beherbergt.

 

Mailand

 

Im späten Mittelalter wird deutlich, dass die größeren Städte fast überall in Europa auch zu neuen, und intensiveren Formen von Herrschaft und Machtausübung tendieren. Entweder kontrollieren kleine Kreise des größeren Kapitals die Städte, manchmal vorübergehend durch ebenso kleine Kreise einer Handwerkerelite assistiert, oder aber es setzen sich neue Despoten mit ihren Familien durch, in deutschen Landen eher selten und meist nur für kürzere Zeit, in der Nordhälfte Italiens eher als Regelfall.

 

Wie schon einst die Podestà sind auch die Signori (Herren) ein Versuch der großkapitalistischen Oberschicht, einmal innere Konflikte durch eine Herrschaftsform zu verringern, die nun erhebliche Gewaltmittel in die Hände bekommen soll, und zum anderen Kaft für expansive Kriege nach außen zu gewinnen.

Mailand ist anders als Venedig eine Stadt, die ein Gleichgewicht zwischen Handel und produktiven Gewerben hält. Dabei dominieren für den Export Textil- und Metallproduktion, Mailand wird noch vor Nürnberg eine Waffen- und Rüstungsschmiede Europas.

Vor der Mitte des 14. Jahrhunderts wird eine Mauer vollendet, die Mailand zur flächengrößten Kommune Italiens macht. Natürliche Wasserläufe und Kanäle durchziehen die Stadt, und an ihrem Lauf haben sich Färber und Gerber niedergelassen. Mühlen dienen dem Mahlen des Getreides, industrieller Produktion und treiben Sägewerke an. Die handwerklich organisierte Produktion, weitaus bedeutender als in Venedig, greift wie dort nicht in die Politik ein.

 

Die Visconti fördern aus eigenem Interesse die Wirtschaft der Stadt und deren Machtstellung, die sie mit der eigenen identifizieren. Neben der Wirtschaftsförderung betreiben die Despoten eine expansive Politik nach außen, nachdem Lodi und Como schon längst von Mailand unterworfen waren. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts machen sich die Visconti Asti, Bergamo, Brescia, Cremona, Novara, Piacenza, Parma und Pavia untertan.

Zwischen 1371 und 75 kann Bernabò Visconti die Reggio Emilia annektieren. Dieser Expansionsdrang soll durch ein Bündnis von Florenz und dem Kirchenstaat gebremst werden.

 

Ihren Fürstenstatus demonstrieren die Visconti, indem sie Ende des 14. Jahrhunderts in ein Kastell am Stadtrand ziehen. 1386 wird als bedeutendes Prestigeprojekt mit dem Bau eines neuen, großdimenasionierten Domes begonnen.

Zweimal, 1385-88 und 1402-12 gelingt es anderen Familien, die Visconti kurzzeitig abzulösen. In dieser Zeit gelingt es Venedig, die Kontrolle über Bergamo und Brescia zu gewinnen.

 

Sie setzen die Erblichkeit ihres "Amtes" durch, die Ludwig der Bayer und Karl IV. damit bestätigen, dass sie ihnen das Reichsvikariat über die Stadt verleihen. 1395 lässt sich Gian Galeazzo Visconti von König Wenzel zum Herzog ernennen.

 

1447 endet mit dem Tod des erbenlosen Filippo Maria Visconti die Herrschaft der Familie. Versuche, die alte Republik wiederzubeleben, scheitern in gewalttätigen inneren Konflikten. Der ehemalige Kondottiere Francesco Sforza, Schwiegersohn des letzten Visconti, gewinnt dabei die Oberhand. Er erobert zunächst Städte in der Lombardei und wird 1450 in Mailand als Signore anerkennt. 1454 macht er sich zum Herzog. Noch einmal kommt es unter seiner Despotie zu wirtschaftlichem Wohlstand.

 

Die Schwäche der italienischen Stadtstaaten wird schon beim Italienzug von Charles VIII. deutlich. Sein Nachfolger Ludwig XII. dringt 1499 in das Herzogtum ein, welches nun im wesentlichen fremden Mächten ausgeliefert ist.

Bellinzona und Locarno gehen an die Eidgenossenschaft verloren, Parma und Piacenza an den Kirchenstaat.

1535 übernimmt Spanien Mailand.

 

 

Venedig

 

Die wichtigsten italienischen (See)Handelsstädte im späten Mittelalter bleiben Genua und Venedig und dazu kommt das aufgestiegene Florenz, nachdem es Pisa annektiert hat und bevor es um 1480 der venezianischen Konkurrenz unterliegt. Während Genua und Florenz sich auf das westliche Mittelmeer konzentrieren, liegen Venedigs Interessen traditionell stärker im Osten.

 

Ungefähr 5% der städtischen Bevölkerung gehören einer Art Stadtadel an, der die politischen Geschäfte betreibt. Im Verlauf des 14. Jahrhunderts nimmt der Reichtum auch jenseits dieser Gruppe zu.

Das Großkapital schließt sich nach 1300 als eine besondere Form von Stadtadel ab. Im Großen Rat, aus dem alle Amtsträger kommen, sitzen nur Adelige. Um 1350 kontrollieren rund vierzig adelige Geschlechter das Stadtregiment. Nach und nach wird der Zugang zu Ämtern immer ungenierter erkauft, im sechzehnten Jahrhundert fast in einer Art öffentlicher Auktion, wobei die Kaufsumme dann als Geschenk an den Staat geht. (Martines S.217)

 

Im Großen Rat, der Adelsversammlung der rund Zweieinhalbtausend, findet nichts statt, was nicht im Collegio aus Doge, seinen sechs Räten und sechzehn Ministern und den drei Chefs der Quarantía, der obersten Kriminaljustiz vorbesprochen war. Von dort gehen die Vorgaben an den Senat der 230, der sie an die große Versammlung weitergeht.

Nun erlassen 120 gewählte Mitglieder eines Senates die Gesetze und vertreten die Außenpolitik. Ein Rat der Zehn ist oberstes Gericht. Aus einem Großen Rat von am Ende des MIttelalters rund 2000 Mitgliedern werden zeitlich eng begrenzt Ämter besetzt. Kontinuität gewährt eine professionalisierte Verwaltung.

 

1310 Aufstand des Bahamonte Tiepolo mit dem zu vermutenden Versuch der Errichtung einer Signorie über den Stadtadel.

 

Nach 1300 setzt sich die Galeere aus Schiffstyp in Venedig durch. Teile der Besatzung sind bewaffnet und kampferprobt. Man fährt im Konvoi unter dem Befehl eines staatlichen capitano, manchmal von Kriegsgaleeren begleitet.

 

Die Eroberung von Treviso 1339 bleibt zunächst ein Einzelfall auf dem Festland, aber nach und nach entwickelt sich eine Partei für die Eroberung eines Contado.

Während Venedig sein Stapelrecht vehement aufrechterhält, gelingt es 1346 Nürnberger Kaufleuten als Gegenmaßnahme bei Kaiser Ludwig dem Bayern durchzusetzen, dass den Venezianern der Direkthandel im Reich mit Ausnahme von Köln untersagt wird.

1358 Verlust von Dalmatien an Ungarn

Mit dem 15. Jahrhundert kommt es dann zum Ausbau der venezianischen terra ferma durch eine neue Führungsgruppe in der Stadt. Zwischen 1404 und 1406 werden Padua, Vicenza, Verona und kleinere Territorien unterworfen. Mit Feltre und Belluno kommen Waldgebiete dazu und die Kontrolle von Alpenübergängen. Zwangsanleihen finanzieren die gewaltigen Kriegsanstrengungen. Daneben gelingt es auch, wieder an der dalmatinischen Küste Fuß zu fassen. 

 

Mit dem riesigen Gebiet, welches zum Veneto wird und eine Familie eigener Dialekte pflegt (zu denen im Belluno das Ladinische und Kimbrische kommen) versorgt sich nun Venedig mit Lebensmittel und Rohstoffen, nicht zuletzt auch mit Holz aus den Alpen.

 

1423 stellt der Doge Mocenigo eine Bilanz auf: "Danach verfügte Venedig über 300 Schiffe und 45 Galeeren, 19 000 Matrosen fuhren hier zur See, die staatliche Werft beschäftigte 3 000 Zimmerleute und 3 000 Kalfaterer. Import und Export über Venedig beliefen sich auf je 10 Millionen Dukaten." (Gilomen, S.109) So wie Venedig schon im hohen Mittelalter für den Ostteil der Poebene über ein Monopol im Salzhandel verfügte, so monopolisiert es auch den Pfefferimport.

 

Nachdem jahrhundertelang die politische Macht bei einer kleinen Gruppe des Großkapitals liegt, wird dann 1423 die Volksversammlung auch offiziell und per Gesetz abgeschafft und 1462 das Wort commune durch dominium bzw. signoría ersetzt (Fuhrmann, S.60)

 

Auf der Rialtoinsel gibt es viele Gemeinschaften ausländischer Kaufleute, unter denen die Deutschen eine zahlenmäßig große Rolle spielen. Rund 100 deutsche Kaufleute wohnen zeitweise im 15. Jahrhundert im Fondaco dei Tedeschi, und sie besitzen dort feste Räume und feste Sitzplätze an einer der beiden Tafeln. Deutsche Gastwirte versorgen sie und deutsche Bäcker.

 

Der Handel mit asiatischen Gewürzen bleibt auch nach 1400 zunächst eine Domäne der Venezianer, die rund drei Viertel von der Levanteküste nach Venedig bringen. Dort erwerben zum Beispiel süddeutsche Kaufleute Pfeffer, Zimt, Muskat, Gewürznelken  und Ingwer, wo es dann in den Detailhandel in Mitteleuropa geht.

 

1470 verliert Venedig eine entscheidende Seeschlacht gegen die Osmanen und verliert 1479 große Teile ihrer Besitzungen in der Ägäis. 1489 erhalten sie immerhin Zypern. 1499 kommt es zu einer erneuten Niederlage in einer Seeschlacht, worauf auch fast alle Besitzungen in Festland-Griechenland verloren gehen.

1494 marschiert der französische König Charles VIII. in Italien ein, um seine Ansprüche auf Neapel durchzusetzen. Dabei besucht Philippe de Commynes Venedig: Ich war sehr erstaunt, als ich diese Stadt liegen sah und so viele Glockentürme, Klöster und so große Gebäude erblickte, die alle im Wasser waren; und das Volk hat keine andere Möglichkeit des Vorwärtskommens als in diesen Gondeln. (...) Und zum Canal Grande: ich habe hier Schiffe von vierhundert Tonnen und mehr dicht bei den Häusern gesehen; ich glaube, sie ist die schönste Straße der ganzen Welt (...) Die Häuser sind sehr groß und hoch von gutem Stein, und die alten alle bemalt. Die anderen, die seit hundert Jahren gebaut worden sind, haben alle Fassaden aus weißem Marmor, der hundert Meilen weit aus Istrien kommt; auch haben sie für die Vorderfront noch viele große Blöcke aus Porphyr und Serpention (...) Venedig ist die eindrucksvollste Stadt, die ich jemals gesehen habe (..., Memoiren, in: Fuhrmann, S.110)

 

Genua

 

Ein ähnliches Monopol vergibt Kaiser Michael VIII. Palaiologos für das Alaun aus Phokäa gegen Abgaben an die adeligen Genuesen Benedetto und Manuele Zaccaria, di es zwischen 1275 und 1455 halten. Das gibt ihnen enorme Macht, da dieser Stoff für die Gerberei, Textilfärberei und Glasproduktion wichtig ist.

Um 1463 werden bei Tolfa im Kirchenstaat Alaunvorkommen entdeckt. Papst Pius II. sorgt dafür, dass eine dafür geschaffene Monopolgesellschaft Abbau und Handel übernimmt. Den Handel mit türkischem Alaun versucht er dann für die ganze Christenheit zu verbieten. Mit König Ferrante von Neapel trifft er dann Vereinbarungen, um den Preis des Alauns hochzuhalten.

 

Eine weitere Schlüsselrolle spielt für Genua der Besitz der Insel Chios, über die der Handel mit türkischen Produkten läuft.

 

Rom und der Kirchenstaat

 

Für 1300 wird zum ersten Mal ein sogenanntes Heiliges Jahr ausgerufen, um sehr konzentriert Pilgerströme anzulocken.

 

Der Nachfolger von Bonifaz VIII. stirbt 1304. Ein mehr als ein Jahr dauerndes, von französischem Klerus dominiertes Konklave wählt dann den Erzbischof von Bordeaux als Clemens V, der den französischen König in allen Punkten unterstützt und nach kurzem Aufenthalt in Lyon 1309 nach Avignon übersiedelt.

 

Mit der Abwanderung der Päpste nach Avignon verschärfen sich die inneren Konflikte.

1347 errichtet Cola di Rienzo eine gegen Papst und Adel gerichtete Herrschaft in Rom. 1354 wird er ermordet.

Der wirtschaftliche Rückschlag durch die Abwesenheit der Päpste wird ergänzt durch den Aufstieg popolaner Familien und zunehmende kommunale Selbstverwaltung. Nach der Rückkehr der Päpste schwächt dann das Schisma erneut die Bedeutung der Stadt für die päpstliche Machtentfaltung.

 

Als Pilgerstadt bleibt Rom aber durch das späte Mittelalter bedeutend.Für 1350 wird trotz Pest ein zweites Heiliges Jahr ausgerufen. Inzwischen ist die Lehre von dem praktisch unerschöpflichen Gnadenschatz ausgearbeitet, den die Heiligen durch die Zeiten mit ihren guten und wundersamen Werken angesammelt haben und den die Kirche (!) verwaltet. Mit dem Ablass, den sie in besonderem Umfang bei den Heiligen Jahren in Rom vergibt und auch ansonsten anfängt zu verkaufen, wird zwar offiziell nicht die Sündenschuld der Menschen getilgt, aber ihre Strafzeit im Fegefeuer/Purgatorium verringert.

 

 

Daneben lassen sich Handwerker - auch in großem Maße aus deutschen Landen - hier nieder: Deutsche Bäcker und Schuhmacher haben hier ihre eigenen Bruderschaften, daneben gibt es deutsche Weber, Goldschmiede, Bader und Barbiere, schließlich auch deutsche Buchdrucker.

 

Bis 1378 regieren die Päpste in Avignon, wo nun ein Großteil der kirchlichen Reichtümer hinfließt und die päpstliche Hofhaltung stattfindet mit den Kardinälen und dem riesigen Personal. Ende des 14. Jahrhunderts hat das Papsttum praktisch seine Stadtherrschaft durchgesetzt.

 

1417 ist Rom dann wieder zur Gänze Zentrum der römisch-christlichen Welt.

Nach und nach wird Rom in eine Renaissancestadt umgebaut. Die Päpste lassen die mächtigen Adelsburgen schleifen, die nun als prächtige Paläste wiedererstehen. Kurz vor der Mitte des 15. Jahrhunderts entsteht der Plan einer neuen gigantomanischen Peterskirche, der allerdings nicht bei allen Römern Zustimmung findet.

 

Der Süden

 

Mit der sogenannten sizilischen Vesper 1282 gelingt es dem Haus Aragón, Sizilien zu erobern, und die Anjou behalten nur Festland-Sizilien mit der Hauptstadt Neapel. In Kriegen bis ins 14. Jahrhundert versuchen beide Seiten, den anderen zu besiegen.

 

Inselsizilien duldet unter der zentralisierten Herrschaft des Hauses Aragon im 14./15. Jahrhundert keine 1282 angeklungene kommunale Bewegung und solche städtische Dominanz wie im Norden Italiens. Die Produktivität im Getreideanbau ist deshalb auch etwa doppelt so hoch wie in der Toskana, und im Mazzaratal  angebautes Getreide ist dadurch ein in die Ferne gehandeltes wichtiges Exportprodukt.

Kleinbauern verkaufen und erwerben Waren auf einem offenerem Markt als im Norden und spezialisieren sich auf Produkte wie Wein und Öl, produzieren im Nebenerwerb Seide und arbeiten saisonal in der zunehmenden Zuckerproduktion. Der fürstliche Flächenstaat operiert eben hier ganz anders als mit konzentrierterem Kapital Handel und Finanzen betreibenden und die Tuchproduktion kontrollierenden Stadtstaaten.

 

Der kapitalistisch-bürgerliche Stadtstaat erweist sich nicht nur hier als wesentlich brutaler als fürstlich-landesherrliche Staatlichkeit.