KÖRPER: KÖRPERLICHKEIT, SEXUS, EROS UND LIEBE (bis Anf.11. Jh.) (Das ganze Großkapitel ist noch sehr unbefriedigend ausgearbeitet)

 

Ganz unterschiedliche Körperlichkeit

Antike erotische Texte für das frühe Mittelalter: Das Lied der Lieder, Ovid und Paulus

Antike Körperlichkeit

Marien

Reinheit und Reinigung

Angst und Schrecken

Beherrschung und Kultur

 

Eigentlich müsste eine Geschichte der Entstehung des Kapitalismus wie jede Geschichte aus den Körpern der Menschen heraus geschrieben werden, aus ihrem Begehren zu leben, um sich fortzupflanzen, über das Menschen in der Regel nicht willentlich verfügen. Sie müsste dann den Dialog zwischen Kopf und Körper entwickeln, in dem der Kopf als Sitz vieler Sinne den Austausch mit der Außenwelt betreibt und reguliert und sich zum Herrscher über den Körper aufschwingen möchte, obwohl er ihm immer dienstbar bleiben muss.

 

Aber in die Körper kann man als Historiker noch weniger hineinschauen als in die Köpfe, von denen wenigstens das kleine Bisschen überliefert ist, was an Vorgängen darin in Texte hinein verschriftlicht wurde, allerdings in Rücksicht auf die eigene Selbstachtung und nicht zuletzt auch die Außenwirkung der Texte.

 

Damit bleibt Geschichte in gewissem Sinne ein armseliges Unterfangen, denn sie dringt nicht so recht vor bis zu dem, was den Kern des Menschen und seines Lebens ausmacht und neigt darum dazu, ihn als eine Art Kopffüßler darzustellen, dessen Körper als notwendiger Teil letztendlich irgendwie auch dazugehört. Die Vorstellungswelten der Historiker versuchen dabei oft, sich mit denen der in ihren Augen wichtigeren Menschen zu verbinden, um so jeweilige Wirklichkeit zu konstruieren.

 

Hier soll es zunächst vor allem um Körperlichkeit bis durchs frühe Mittelalter gehen, also bis in die Zeit des 11. Jahrhunderts hinein. Dafür steht eine relativ einheitliche Welt von Mitteleuropa bis zur iberischen Halbinsel und von den britischen Inseln bis Italien zur Verfügung, während Osteuropa und Skandinavien zunächst davon noch weitgehend ausgeschlossen sind. Aber so gut wie alles, was es dabei zu betrachten gibt, also noch erhalten ist, ist dem Zufall der Überlieferung ausgesetzt und stand zudem fast völlig unter der Kuratel der allein seligmachenden Kirche. Damit erfahren wir unmittelbar überhaupt nur über ganz Wenige etwas, jene vor allem, die Macht und korrekte Ansichten und Vorstellungen auf sich vereinten.

 

Ganz unterschiedliche Körperlichkeit

 

Körperlichkeit soll hier die Körper selbst und das Verhältnis zu ihnen meinen. Während die Jagd und vielleicht auch noch das Sammeln von Früchten und selbst eine naturnahe Viehzucht bei guter Ernährung gesunde Körper hervorbringen, lässt sich das weder von den Ackerbauern noch für viele Formen von Handwerk sagen. Einseitiges Training bestimmter Muskeln zuungunsten anderer, vielfach gebückte Haltung und für Bauern zumindest saisonal harte Arbeit und lange Arbeitszeiten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang treffen dann für das hier zentrale frühe Mittelalter unserer Schwellenzeit auf immer wieder mengenmäßig und qualitativ unzulängliche Ernährung. Was die Hygiene in Land und Stadt angeht, sind wir auf Vermutungen angewiesen, auch was Körperreinigung angeht, da oft das Wasser herangeschleppt werden muss und man für ausgiebige Ganzkörpersäuberung auf größere Fließgewässer oder Seen angewiesen ist.

 

Ganz im Gegensatz dazu lässt sich bei den Herren eine in der Jagd und der Einübung des Reitens und Kämpfens trainierte geradezu sportive Körperlichkeit annehmen, die in den wenigen Texten auch hervorgehoben wird. Für diese Leute, die nicht produktiv arbeiten müssen, sondern dafür andere ausnutzen, lässt sich eine Art Schönheitsideal vermuten, welches bei Männern auch im nordwestlichen Mittelmeerraum hohen Wuchs, helles Haar und helle Augen sowie Kraft und Stärke beinhaltet. Das gilt auch für "edle" Frauen, Herrinnen also, Damen später, die im wesentlichen ebenso von produktiver Arbeit ausgespart bleiben, wo sie nicht schiere Beschäftigung im textilen Bereich bedeutet. Frauen sollen vor allem kräftig sein, um viele Kinder zu bekommen.

 

In der Herrenschicht wird sexuelle Begehrlichkeit von Männern wohl ganz unverhohlen mit Mädchen und Frauen niederer Kreise ausgelebt, die dafür wohl ein appetitanregenderes Aussehen als die Fräulein bzw. Jungfrauen der Damenklasse haben, die von ihren Eltern möglichst gewinnbringend verheiratet werden oder ins Kloster gesteckt werden müssen. Wenn man - was immer gewagt ist - vom hohen auf das frühe Mittelalter zurückschließt, dann wäre wohl ein sexuelles Begehren stark einschränkendes weibliches Aussehen nicht unbedingt heiratsförderlich, denn es sind, wenn überhaupt damals die Herren, die ihren sexuellen Appetit am Aussehen potentieller Bräute orientieren,-  aber in der Regel dürfte das kein entscheidendes Kriterium sein, insbesondere wenn sich Jungmann und Jungfrau erstmals bei der Eheschließung in Augenschein nehmen.

 

Was all das angeht, was doch so wichtige Dinge im Leben der Menschen sind, können wir über die mehr als 90% der (arbeitenden) Bevölkerung noch viel weniger Aussagen machen. Hier geht es auch im Verhältnis der Geschlechter um die Not Wendendes, Ehe, Familie und Verwandtschaft sind lebensnotwendig und auf das wenige Wichtige konzentriert.

 

Aussehen wird weder bei der Geistlichkeit noch den Klosterleuten ignoriert, wie denn auch, aber eigentlich ist ihr Körper ja nur der lästige Leib der Seele, dem man eher wenig Beachtung schenken sollte. Während die Kirche von produktiver Arbeit so befreit ist wie die Kriegerschicht, mit der sie oberhalb der Gruppe der kleinen Pfarreipriester die edle Herkunft gemeinsam hat, sollte sie eigentlich des Körpertrainings auf der Jagd und in der Vorbereitung für den Kampf entsagen, was aber höhere Prälaten wohl zumindest vom Jagdvergnügen nicht immer abhält. Aber insgesamt fehlt der allgemeinen Geistlichkeit der wohlgeübte Körper, und das Ausleben des Geschlechtstriebes wird zwar geduldet, aber nicht unbedingt gutgeheißen, weswegen der sexuelle Blick auf die Körper nicht so offen betrieben werden kann.

 

Da Mönche und die geringere Zahl der Nonnen ebenfalls in der Regel aus edleren Kreisen stammen, ist das benediktinische Arbeitsgebot für die meisten auf die weniger beschwerlichen Tätigkeiten reduziert, von wenigen häuslicheren Verrichtungen einmal abgesehen. In ordentlich ausgestatteten Klostern haben Mönche allerdings wie der übrige Adel eine solidere, weniger krisengeschüttelte  Ernährung als die, die für sie arbeiten, auch wenn ihnen das edle Schlemmen und Bechern untersagt ist. Auch ohne sportive Übungen haben Mönche und Nonnen so eine höhere Lebenserwartung als die arbeitende Bevölkerung, was ihnen eine längere Wartezeit hin zu den doch eigentlich angestrebten Gründen des ewigen Chorgesangs im Angesicht ihres obersten Herrn gewährt.

 

Die bereits Ende des ersten Jahrhunderts recht ausgebildete christliche Leibfeindlichkeit als Abkehr von der (falschen) Welt als saeculum ist in den Nachfolgereichen des westlichen Imperiums vor allem auf das klösterliche Leben und die Eremitage beschränkt und wird von der weltlichen Herrenschicht auch nie erwartet. Bis ins hohe Mittelalter wird bei ihnen nicht einmal eheliche Treue durchgesetzt. Stattdessen wird sie denen, die ohnehin keiner der voluptates frönen können, immer wieder eingebleut, wozu die langandauernden Fastenzeiten eine schöne Übung sind, die auch das Ausleben sexueller Lust und nicht nur die Nahrungsaufnahme beschränken. Das Fasten wird öffentlich auch von der Herrenschicht betrieben, denn nur der Verzicht auf jede Form irdischer Lust ebnet eigentlich den Weg ins Himmelreich, was die Herren aber so kaum glauben, denn ihre Mühen um Macht und Reichtum wären unsinnig ohne den Genuss derselben.

 

Der Geschlechtstrieb verlangt nach seinem orgasmischen Ausleben in einer eigenartigen Mischung aus Schmerz und Lust, und das (natürliche) Ziel ist entgegen der heutigen politisch korrekten Propaganda in großen Teilen Europas die Fortpflanzung, auch wenn das inzwischen oft geleugnet wird. Entsprechend gibt es tatsächlich auch nur zwei (biologische) Geschlechter und daneben (biologische) Abarten, Pervertierungen, die Geschlechtlichkeit aus diesem Zusammenhang entfernen oder auch entfernen wollen. Männer-Gesellschaften neigen manchmal zu Homosexualität und Päderastie, und wenn wir bei der Kirche von heute auf früher schließen würden, dann wären sie auch damals dort zuhause gewesen. Falls das so war, war es von derselben Heimlichkeit umgeben wie in den letzten hundert Jahren, in denen immerhin mehr davon nach außen drang.

 

Die schiere Fortpflanzung wird der "Welt" allgemein zugestanden, sie entfernt allerdings aus der Heiligkeit, was man dann wieder wettmachen muss.

Nun beklagten schon die Kirchenväter, dass es schwer ist, den Trieb unter die Kontrolle eigener Willkür zu bringen, und die meisten Menschen haben auch im frühen Mittelalter wenig Neigung dahingehend. Für die Herrenschicht gibt es aber eine lange und auch in der Spätantike und im Mittelalter gepflegte Tradition der Sublimation, nämlich der Sublimierung des Sexus in den Eros, in das Erotische, wie sie auch für unsere Zeit für die wenigen Belesenen zugänglich bleibt, nämlich zum Beispiel im alttestamentarisch-jüdischen Buch der Lieder Salomos oder bei Ovid.

 

Der schlichte Gechlechtsakt als kurzes Abreagieren des Triebes, Zeugungsakt wird hier mit intensiveren Gefühlen gekoppelt, und zwar bis hin zu solchen, die dann kurze Lust und ausführliche Liebe verbinden sollen, also mit einem entfalteten Gefühlsleben.

 

Antike erotische Texte für das frühe Mittelalter: Das Lied der Lieder, Ovid und Paulus

 

Im Grunde lassen sich die beleseneren Vorstellungen von Liebe im Mittelalter, soweit verschriftlicht, vor allem auf drei Texte/Autoren zurückführen. Da ist zum ersten das späthebräische 'Lied der Lieder', lateinisch der 'cantus canticorum', ein aus dem sonstigen jüdischen Textgut herausfallender und auf jeden Fall gar nicht christlicher Text, der aber im Hochmittelalter allegorisch umdeklariert wird. Da sind die Versdichtungen des Ovid zum Thema Liebe (Liebeskunst, Amores und Remedia amores, aber auch die Heroides), die das Mittelalter hindurch Klöster beflügeln, wiewohl sie nach christlichen Vorstellungen eigentlich als frivol gelten mussten (insbesondere die ersten beiden), die aber im späteren Mittelalter auch einer klerikalen Umdeutung unterzogen werden. Und da ist schließlich das ganze dreizehnte und sehr schön klingende Kapitel des ersten Briefes des Paulus an die christliche Gemeinde in Korinth. (ich lasse den ganz anderen schönen Cicero-Text 'De amicita', - Von der Freundschaft - hier einmal außen vor).

 

Zunächst einmal ist festzustellen, dass das eine deutsche Wort "Liebe" in drei lateinische aufgeteilt war: Die caritas, die zur christlichen Nächstenliebe wird, die dilectio, die persönliche Zuneigung mit einem Unterton erotischer Sinnlichkeit, und amor, jene Liebe, die die ersten zwei Bedeutungsbereiche mitumfassen kann, aber auch die leibliche sexuelle Praxis enthält.

 

Das christlich-lateinische Mittelalter tut sich dabei semantisch so schwer wie jede darauf folgende Neuzeit in ihren Volkssprachen. In dem erst kürzlich aufgefundenen Briefwechsel zweier Liebender aus dem Hochmittelalter wirbeln alle drei Begriffe durcheinander und werden dann sicherheitshalber in einer Satzperiode auch schon einmal alle drei aufgeführt. (Ex epistulis duorum amantium, zweisprachig bei Manesse, Zürich, 2005)

 

Buchstabe aus dem Hohelied Salomons in der Kathedrale Winchester

 

Das Lied der Lieder, das gewiss wenig mit einem König Salomo zu tun hat ("Hohelied Salomonis" ist ein Fehl-Titel), wirkt bei genauerem Lesen (in meinem Fall in lateinischen Übersetzungen) wie eine Liedsammlung mit Liedern, die von unterschiedlichen Personen gesungen werden. Es gibt keinerlei wahrnehmbaren religiösen Kontext, weswegen es wohl ein Glücksfall ist, dass dieser pagane ("heidnische") Text in die heiligen Schriften der Juden und Christen geraten ist.

 

Es handelt sich um den Lobpreis sinnlicher Liebe zwischen einem Mann und einem Mädchen (Sulamith) und einen sehr sinnlichen Lobpreis von Geliebtem und Geliebter. Das ganze wird in eine Kulturlandschaft des vorderen Orient eingebettet, deren sinnliche Schönheit, Fruchtbarkeit genauso gepriesen werden wie ihre Eignung zum Stelldichein des Liebespaares:

 

Er küsse mich mit Küssen seines Mundes, denn deine Liebe ist köstlicher als Wein. An Duft gar köstlich sind deine Salben, ausgegossenes Salböl ist dein Name. Darum lieben dich die Mädchen...

Ein Myrthenbeutelchen ist mir mein Geliebter, das zwischen meinen Brüsten ruht. Eine Blütentraube vom Hennastrauch ist mir mein Geliebter ...

Siehe, du bist schön, deine Augen blicken wie Tauben

Siehe, auch du bist schön, mein Geliebter, und hold, und unser Lager ist frisches Grün. ...

Seine Linke liegt unter meinem Kopf und seine Rechte umfasst mich...

Siehe, schön bist du, meine Freundin. Siehe, du bist schön! Deine Augen leuchten wie Tauben hinter deinem Schleier hervor. ... Wie eine karmesinrote Schnur sind deine Lippen, und dein Mund ist lieblich. Wie eine Granatapfelscheibe schimmert deine Schläfe hinter deinem Schleier hervor...

Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwester, meine Braut. Du hast mir mein Herz geraubt mit einem einzigen Blick aus deinen Augen...

Esst Freunde, trinkt und berauscht euch an der Liebe...

Die Biegungen deiner Hüften sind wie Halsgeschmeide, ein Werk von Künstlerhand. Dein Schoß ist eine runde Schale. ... deine Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge der Gazelle...

 

Komm, mein Geliebter, lass uns aufs Feld hinausgehen! Wir wollen unter Hennasträuchern die Nacht verbringen. Wir wollen uns früh aufmachen zu den Weinbergen, wollen sehen, ob der Weinstock treibt, die Weinblüte ausgegangen ist, ob die Granatapfelbäume blühen. Dort will ich dir meine Liebe schenken... (etc.)

 

Für die mittelalterliche Liebeslyrik sind solche Zeilen ergiebig, weil sie helfen, eine Erniedrigung der Frau in der erotischen Begegnung zu vermeiden, sie ist genauso aktiv Liebende wie der Mann. Zum anderen helfen diese Zeilen auch, der Abwertung des Eros durch Kirche und Kloster entgegenzutreten, sinnliche Lust tritt hier ohne jede Form der Abwertung, sozusagen unbefangen auf.

 

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Fast zeitgleich mit den Briefen des Paulus schreibt Ovid seine 'Amores', seine 'Liebeskunst' und seine 'Heilmittel' gegen die Liebe' und vermutlich werden sie dazu beitragen, dass er von Kaiser Augustus ans Schwarze Meer verbannt wird.

 

In dieser von eleganter, sich von Zeile zu Zeile schwingender Poesie beflügelten Dichtung propagiert ein lyrisches Ich einen uneingeschränkten erotischen Hedonismus. Dass dieser dann im Mittelalter so enormen Einfluss ausüben wird, zeigt zum einen, wie wenig - später - dieses Mittelalter überhaupt noch verstanden wurde, bekannt war, erklärt sich aber andererseits aus der Parallelität von unbeschränkter Gottesliebe und schrankenlosem Eros. In beiden Fällen geht es um die Haltung eines bedingungslosen Absolutismus.

 

In den Briefen zwischen der Äbtissin Heloissa und dem Mönch und Priester Peter Abaelard ebenso wie in seiner in Briefform gehaltenen Autobiographie wird es um 1100 nur so von Ovidzitaten wimmeln. Abaelard war wegen seines Verhältnisses und seines Verhaltens gegenüber Heloissa nächtens überfallen und kastriert worden. In ihren Briefen geht es mehr als alles andere um die Frage nach Wegen der Sublimierung des erotischen Strebens – von der wilden Begierde hin zur Süße eines friedlichen Liebens.

 

Zunächst zu Ovid. Wer immer im 18./19. Jahrhundert seine Tochter Corinna nannte, sollte Ovid gelesen haben. In der Prosaübersetzung von Michael von Albrecht aus dem ersten Buch der 'Amores' das fünfte Gedicht:

 

Es war heiß, und der Tag war schon über die Mittagsstunde vorgerückt; ich streckte meine Glieder mitten auf dem Bett aus, um mich auszuruhen. Ein Fensterladen war etwas geöffnet, der andere geschlossen, ein Licht, wie wir es vom Walde kennen, zart wie die Dämmerung, wenn die Sonne entflieht oder wenn die Nacht vergangen, der Tag aber noch nicht angebrochen ist. Auf solches Licht haben scheue Mädchen Anspruch; dort kann schüchterne Zurückhaltung (timidus pudor) hoffen, ein Versteck zu finden. Sieh, da kommt Corinna, gehüllt in eine Tunika ohne Gürtel; das gescheitelte Haar fällt ihr offen über den schneeweißen Hals: So soll die schöne Semiramis in ihr Brautgemach gegangen sein oder Lais, die vielgeliebte. Ich entriss ihr das Kleid, das freilich zu dünn war, um sonderlich zu stören. Sie aber kämpfte darum, sich damit zu bedecken. Doch da sie kämpfte wie eine, die nicht siegen will, fiel sie mühelos durch eigenen Verrat. Als sie mir hüllenlos vor Augen stand, war an ihrem ganzen Körper nirgends ein Makel zu finden: Welche Schultern, welche Arme habe ich gesehen und berührt! Wie bot sich die Form ihrer Brüste dem Fingerdruck dar! Wie schlank war der Leib unter dem straffen Busen ( planus sub pectore venter)! Wie edel die Wölbung der Hüfte, wie jugendlich der Schenkel! Wozu Einzelnes aufzählen? Alles, was ich sah, war vollkommen. Nackt, wie sie war, drückte ich sie immer wieder an mich. Wer kennt das Weitere nicht? Ermattet ruhten wir beide. Mögen mir solche Mittage oft zuteil werden! (Reclam-Heftchen UB Nr.1361)

 

Der erotische Hedonismus des Ovid vermittelt in seinen frühen Gedichten im Unterschied zum philosophischen des Epikur ein Gefühl spielerischer Leichtigkeit, was neben dem Inhalt auch die Sprachform im lateinischen Original hergibt. Diese Idealisierung des sinnlichen Eros gelingt nur als poetische Verzauberung, und die ist ein Spiel. Dessen eines Element ist das spielerische Verschränken von Keuschheit und Begehren; in anderen Gedichten kommt das zweite Element dazu, die Liebe schlägt Wunden, die nach Heilung drängen (der Pfeil des Amor).

 

Ovids 'Ars amatoria', Liebeskunst, unterrichtet in der Erfüllung erotischen Begehrens und in der Schmerzvermeidung. Die 'Remedia', die Abhilfen, konzentrieren sich auf letzteres. Am kunstvollsten sind am Ende die 'Heroides', die Liebesbriefe verlassener Frauen, in denen nur noch der Schmerz und die Erinnerung bleibt.

 

Auf der Suche nach den Gründen des enormen Einflusses Ovids im lateinischen Mittelalter bis in den kirchlichen und klösterlichen Bereich hinein ist sicher zunächst auf die große Kunstfertigkeit zu verweisen. Des weiteren ist das Verabsolutieren der Liebe etwas, was eine gewisse Analogie zur Liebesbotschaft des Neuen Testamentes aufweist: Wer sich ihm ganz hingibt, findet im christlichen Gott DEN Gott der Liebe, nur ist angestrebt, dieses Lieben ganz von irdischem Begehren zu lösen.

 

In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts bereits wird dieser Ovid Unterrichtstext in Schulen des Klerus, und verbreitet sich unter ihm derart, dass er nun lateinische Liebesgedichte unter seinem Einfluss dichtet und verbreitet. Das ist nicht verwunderlich, denn ein großer Teil dieses Klerus hat durchaus ein eigenes Sexualleben mit Frauen.

 

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Ein anderer antiker Text

 

In seiner wohl einflussreichsten und schönsten Text-Passage redet Paulus zu den Korinthers mit Engelszungen über die mächtigsten Gottesgaben, die charísmata ta kreítona:

 

Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönernes Erz, oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte, und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnisse und hätte allen Glauben also, dass ich Berge versetzte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.

 

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellet sich nicht ungeberdig, sie suchet nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbitten, sie trachtet nicht nach Schaden. Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit. Sie verträget alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.

 

Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden, und die Sprachen aufhören werden, und die Erkenntniß aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stückwerk.

 

Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Da ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, und war klug wie ein Kind, und hatte kindliche Anschläge, da ich aber ein Mann ward, that ich ab, was kindisch war.

 

Wir sehen itzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ichs stückweise, dann aber werde ichs erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Strebet nach der Lieb (Diókete ten agápen... Ad Corinthos I, XIII)

 

Agape, die Liebe, um die es geht, ist hier einmal tatsächlich eine Himmelsmacht. Und dazu passt, dass Paulus in diesem Text so nahe an einem vulgarisierten Platonismus dran ist wie nirgendwo sonst: Des Paulus Definition der Liebe ist die seines Gottes, jenes "Einen", von dem alles ausgeht und in das alles, so es seine Gnade annimmt, wieder hinfließt. Das "through a glass, darkly" der King-James-Bibel (wer denkt heute dabei nicht an Lewis Carroll) gemahnt an Platos Höhlengleichnis, in dem Menschen Schatten von Schatten sehen, und Platos meditativ-mystische Ideenschau wird im Mittelalter wieder auftauchen.

 

Nur ist diese wunderschöne Liebesbotschaft eine, die auf die Ablösung von allem "fleischlichen" Begehren abzielt. Es ist präzise jene Botschaft, die Jesus in Markus X,17 dem reichen Jüngling gab. Das Streben nach der Liebe ist das Streben nach Gott, von Glaube und Hoffnung begleitet. Jeder soll sich nach Maßgabe seiner Talente von allem irdischen Begehren lösen und es soweit als möglich auf Gott richten. Eine Form von Erotisierung ist allerdings auch dies, der Sublimierung und Transformation libidinöser Energien hin auf ein religiös definiertes Ziel.

 

Antike Körper

 

Mit den Völkerwanderungen trifft germanische Kunstfertigkeit auf die antik-römische und nicht zuletzt auf heidnisch-römische. Die ersten drei Beispiele hier weiter unten standen Künstlern des frühen Mittelalters wohl nicht als Vorbilder zwecks Umarbeitung zur Verfügung, aber sie zeigen etwas von der breiten Palette antiker erotischer Kunst, die ihnen kaum völlig unbekannt war.

Keine der drei Abbildungen vermittelt eine negative, abwertende Einstellung zur menschlichen Sexualität, das erste und vierte feiern eine verfeinerte Erotik, im ersten Fall ausgesprochen sublim, im letzten von verschmitzterer Deutlichkeit. Erst in Bildhauerei der Romanik wird solch ästhetisierte Erotik wieder wahrgenommen werden, um dann stärkere Aufmerksamkeit in der sogenannten Frührenaissance zu gewinnen. Vorsichtige Annäherungen an das im zweiten Bild Dargestellte, wird die Buchmalerei des Hochmittelalters entwickeln, und die fröhlich-übertreibende Darstellung des kuriosen Phallusträgers wird in obszön-grotesteker und zweifellos moralisierend abschreckender Version sich in kirchlich-klösterlichen Kleinplastiken vage Entsprechungen bei anderer Absicht finden. Letztlich wird diese Art erotisierter Körperlichkeit zwar ganz spät auf Nachahmung stoßen, aber der enorme Bruch, den das Christentum markiert, wird die Wiedererstehung vergleichsweise unbefangener Sexualität unmöglich machen

 

Die Venus, welche nach hinten, auf ihre wohlgeformten Pobacken schaut, wird mit folgender Geschichte des Athenaios in Verbindung gebracht: Danach geht der Name auf die Geschichte zweier Mädchen aus Syrakus zurück. Sie stritten sich, welche von ihnen den schöneren Hintern habe. Ein vorbeigehender junger Mann wurde aufgefordert, als Schiedsrichter darüber zu urteilen. Er entschied für die Ältere und vermählte sich mit ihr. Sein Bruder heiratete die jüngere der beiden Schwestern. Die Mädchen, die durch die Ehen reich geworden waren, errichteten daraufhin einen der Aphrodite geweihten Tempel in Syrakus. Die dort aufgestellte Statue blickte über ihre Schulter und versuchte ihren Hintern zu sehen (Buch zwölf der Deipnosophistai, aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Aphrodite_Kallipygos)

 

Das mittlere Bild aus einem Haus der wohlhabenden Oberschicht von Pompeii beschreibt einen wohl lustvollen Koitus, der es nicht nötig hat, sich durch irgendetwas zu rechtfertigen. Noch im hohen Mittelalter wird der Beischlaf in Buchmalerei und Kleinskulptur nur angedeutet werden, was allerdings in letzterer nicht hindert, männliche und weibliche Geschlechtsteile darzustellen, allerdings nicht, um sie zu feiern.

 

Der priapische Mann links soll zum Lachen anregen. Sein Penis ist so abartig riesengroß, dass der arme Mann ihn an einem Band vor sich hertragen muss. Phalloi als Artefakte und Kultgegenstände waren in der griechischen und römischen Antike nicht selten und konnten sowohl auf Fruchtbarkeit wie auf sexuelle Lust verweisen. Erst angstgeleitete christliche Sexualmoral und darauf dann später aufbauender pornographischer Blick verstellen den Zugang zu so einem Gemälde.

 

Der Übergang von der römischen zur romanischen Kunst wird, wie Weir/Jerman überzeugend dargestellt haben, nirgendwo deutlicher als beim Motiv des Dornenausziehers, des spinarius, wie er zum Beispiel auf dem römischen Kapitol durch das ganze Mittelalter sichtbar war, und wohl in ähnlicher Gestalt auch anderswo.

Das erotische Moment der Nacktheit des ebenmäßigen Körpers ist so nicht mehr nachvollziehbar, seitdem das zwanzigste Jahrhundert die zunehmende Entblößung als "Natürlichkeit" feiert, während für Antike und das Mittelalter die weitgehende Verhüllung des Menschen durch Bekleidung alltäglich und selbstverständlich war und erst im frühkapitalistischen Spätmittelalter erste massivere Auflösungstendenzen dabei sichtbar werden.

Dass die wie nebenbei durch das Dornausziehen erfolgte Blossstellung von Penis und Hoden im Kunstwerk erotisch und nicht pornographisch gemeint ist, was sie heute in solchen Fällen eher wäre, ist nach Christentum und Kapitalismus in der Verbindung von Sexualangst und damit zusammenhängender Kommerzialisierung der Sexualität nicht mehr leicht wahrnehmbar.

 

Eine kulturell in den Alltag eingeordnete Geschlechtlichkeit ist sicher nie unproblematisch gewesen, aber doch wohl weit entfernt von den Kuriositäten, in die das Christentum verfiel. Die römische Zivilisation hatte aber bereits insbesondere in den wohlhabenderen Kreisen zu einer Verselbständigung, Emanzipation des Sexuellen aus Bindungen geführt, die einen Alltag formten. Die Bereitwilligkeit, mit der insbesondere Frauen höherer Kreise auf die christliche Forderung nach Heiligung durch Keuschheit eingingen, kann auch als Reaktion darauf gesehen werden.

 

Ein völlig unbefangener Umgang mit Geschlechtlichkeit ist für Menschen wohl kaum möglich (siehe Kap....), und Sexus und affirmativ propagierte "Natürlichkeit" zu vereinen zeugt entweder von der Unkenntnis von Natur, wie sie in den spätkapitalistischen Strukturen üblich geworden ist, oder aber von der Lösung des Geschlechtstriebes aus der Bindung an den Gefühlshaushalt, einem Abspaltungsprozess, wie er derzeit in der konsumistischen Einheitswelt mit Macht propagiert wird.

 

Marien

 

In einer von Männern dominierten Welt der Spätantike und des Frühmittelalters ist überall noch im wesentlichen der männliche Blick auf die Dinge erhalten. In diese Welt müssen die evangelischen Mariengestalten eingeordnet werden, erstaunlicherweise mit dem selben Namen ausgestattet, aber doch auch verschieden. Sie entsprechen alle nicht dem idealen Frauenbild früher katholischer Kirchenlehrer. Dass die Gottesmutter Modell für Jungfräulichkeit trotz Ehemann und einer gewissen Kinderschar sein soll, ist dabei eine Sache. Eine andere ist, dass die wohl interessanteste der Marien, die als Summe der drei übrigen Marien dann später gerne Magdalena genannt wird, weil eine von ihnen aus Magdala stammt, und die weniger den legendären Herkunfts- und Kindergeschichten um Jesus, sondern seinem Erwachsenenalter zugeordnet ist, wobei zwei der drei Marien, aus denen sie dann später zusammengesetzt wird, offenbar eine "große Sünderin" bzw. voller Dämonen waren, was man damals naheliegenderweise mit Prostitution verbinden könnte.

 

Der Gott der theoligischen Text ist geschlechtslos, auch wenn er dominus und pater ist. Er begehrt nicht, sondern er schenkt denen, die sich ihm unterwerfen. In den jüdischen und evangelischen Texten aber taucht er immer wieder als Vatergott auf. Bei Johannes und Paulus erklärt sich das folgendermaßen: Er ist ganz Geist, reiner Geist, und die beiden gehen davon aus, dass mehr Geist sich beim Mann versammle als bei der Frau. Deshalb hat die Frau in der ekklesia auch zu schweigen.

 

Wenn man sich etwas durch die spätantiken Texte arbeitet, dann kommt die Vermutung auf, dass die so ausführliche und augenfällige Ausstattung der Frauen als Objekt männlichen Begehrens, fürs Kinderkriegen und deren frühe Ernährung sie stärker als Geschlechtswesen wahrnehmbar macht als den Mann. Zudem sind die wohl damit verbundene andere Art sozialer Kompetenz, wie man das heute nennt, und der regulär etwas anders strukturierte Gefühlshaushalt mitverantwortlich. Tendenziell sind die Talentschwerpunkte bei Männern und Frauen etwas anders verteilt. Im Zweifelsfall ist darum der christliche Gott nicht nur vom grammatischen Geschlecht her männlich, auch wenn er anders als bei Griechen und Römern kein mythologisches Geschlechtsleben führt.

 

Das Mysterium der Gottessohnschaft hat notwendig im Gefolge, dass Jesus einmal ein Mann ist, Sohn eines Vaters, andererseits aber kein Geschlechtsleben haben kann, denn sonst wäre er ein Mensch wie alle anderen. Das ist er aber nicht als fleischgewordenes Wort Gottes, Verkünder einer allumfassenden Liebesbotschaft, die keine begehrende, sondern eine schenkende Liebe ist, Verkünder der Abkehr von einer vom Satan bzw. den Dämonen kontaminierten Welt, von der es sich abzukehren gilt zugunsten ewiger Seligkeit.

 

Er ist darum in den Evangelien ein Mann ohne Geschlechtstrieb, was nicht explizit thematisiert wird. Seine wenigen Äußerungen zur menschlichen Geschlechtlichkeit sind durch die Bank widersprüchlich: Einmal deutet er die Unauflöslichkeit der Ehe an, einmal fordert er den Bruch mit Ehe und Familie. Die vitale Triebhaftigkeit des Menschen wird dabei weithin ignoriert, aber sie wird bei ihm auch kaum diabolisiert.

 

Eine ganz eigenartige Rolle spielen dabei die Frauen in den Evangelien, die nicht in den Kreis der Apostel aufgenommen werden, aber angeblich zu seiner engsten und überzeugtesten Anhängerschaft gehören.

 

Eva hatte die Sünde in die Welt gebracht, Maria den Erlöser davon, Maria Magdalena aber wird im Mittelalter zu der Frau, die bewies, wie man durch Unterwerfung und Abkehr von der Welt auch als Frau in die Gnade gelangen kann. Mit den drei aus den Evangelien fusionierten Mariengestalten hat das wenig zu tun.

 

Die Maria aus Magdala des Lukas war eine Frau, „von der waren sieben Dämonen ausgefahren.“ Sie hatte also sieben Lastern gedient, folgte nun aber Jesus aus Liebe nach Jerusalem und ist am Ende die, die seinen Leichnam nach dem Sabbat mit parfümierten Ölen einbalsamieren möchte. Sie begegnet einem von ihr für einen Gärtner gehaltenen Mann (noli me tangere), entdeckt in ihm den Auferstandenen und verkündet das den „Jüngern“.

Eine zweite Maria ist eine Hure im Haus eines Pharisäers (ebenfalls bei Lukas), die spontan vor ihm niederkniete, ihm die Füße salbte und von Jesus darauf in den Stand der Reinheit erhoben wurde: „Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat mich sehr geliebt.“

Eine dritte Maria erleben wir bei Markus und Matthäus in einem Haus in Bethanien: Auch diese Frau nimmt spontan ein Glas mit „Nardenöl“ und gießt es auf Jesu Haupt. Laut Johannes heißt auch diese Frau Maria und ist die Schwester von Martha und Lazarus. Bei Lukas sitzt sie gerne zu Füßen Jesu und lauscht seinen Worten.

 

Aus diesen drei Frauen macht Papst Gregor der Große eine einzige, der Einfachheit halber, und das wird dann zur mittelalterlichen Tradition. Interessanter wäre die Frage nach einem erotischen Moment, denn alle drei Frauen werden von Jesus nicht angenommen, weil sie irgendein Schuld- oder Sündenbewusstsein zeigten, sondern weil sie Jesus „liebten“. Zumindest bei der Maria aus Magdala ist diese Liebe so groß, dass sie Jesus nach Jerusalem folgt, seinen Tod erlebt und seine Auferstehung. Dem Zeugnis der Evangelien nach ist sie eine konsequentere Jüngerin als fast alle männlichen Apostel zusammen und im Unterschied zu ihnen Zeugin der beiden wichtigsten christlichen Ereignisse, der von Opfertod und Auferstehung. Schon an dieser Stelle wird deutlich, dass die Evangelien wohl jeweils aus mehr als einer Quelle schöpfen.

 

Zu verwegenen Spekulationen gibt das alles keinen Anlass: Den Liebesbekundungen der Frauen (knien, salben, nachfolgen etc) tritt Jesus mit Worten der Vergebung, des Verzeihens gegenüber, das ist hier seine (einzige) Gegenliebe. Die Liebe dieser Frauen zu analysieren, fehlt jedes Textmaterial.

 

Das Konzept der Evangelisten hinterlässt Widersprüche: Wenn Jesus nicht nur ganz Gott, sondern auch „ganz Mensch“ war, dann müsste er sexuelles Begehren am eigenen Leibe erfahren haben. Die Auseinandersetzung damit, die Unterdrückung der Triebhaftigkeit wäre ein gewaltiges Thema seines Lebens, sie findet aber in den Texten nicht statt. Nicht er, sondern die Evangelisten würden also ein Konzept systematischer Verleugnung hier betreiben. Stattdessen lässt sich in die drei Frauen eine Liebe mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit hineinlesen, jedenfalls mit einer Komponente von Sinnlichkeit – sie berühren Jesu, schmücken ihn mit wohlduftenden Kostbarkeiten, scheinen deshalb auch recht wohlhabend zu sein im Gegensatz zu ihm, der allen, aber auch allen Besitz ablehnte. Ein weiterer Widerspruch, der jeden Armutsbewegten und überzeugten Bettler betriffen wird.

 

Mehr bleibt nicht als die vage Vermutung, die Leidenschaftlichkeit seiner sublimen Liebesbotschaft habe Frauen angezogen und eine sehr weibliche Flamme der Liebe (in einem sehr hochmittelalterlich-abendländischen Sinne) in ihnen angezündet. Dann wäre es das vielleicht damals dort seltene männliche Angebot einer nicht begehrenden, sondern gebenden Liebe, welches diese Frauen in ihren Bann gezogen hätte.

 

Jenseits des Mysteriösen und der Spekulationen lässt sich verfolgen, was mit der fusionierten Maria Magdalena bis ins Zeitalter der Säkularisierungen geschieht. Eine Spur führt nach ins 6. Jahrhundert nach Ephesus, wo die griechische Christenheit die spezielle Magdalenische Maria verehrt, deren Begräbnisstätte man dort "entdeckt", und deren Verehrung dann über England zu Beginn des Hochmittelalters anfängt, die lateinische Christenheit zu durchdringen, wo sie wieder in fusionierter Form auftritt.

 

Eine synthetisierte Magdalena wird in der hochmittelalterlichen Basilika von Sainte-Marie-Madeleine im burgundischen Vézelay begraben, was erhebliche Pilgerströme fördert.

Laut der 'Legenda aurea' wiederum wurde Maria Magdalena mit Maria des Kleophas, Martha von Bethanien und Lazarus von Juden auf einem segellosen Schiff ausgesetzt, landet in dem französischen Fischerdorf Saintes-Maries-de-la-Mer bei Marseille und missioniert dann in der Provence. Verehrt wird dort auch eine Dienerin, die mit den drei Marien gekommen sein soll, die schwarze Sarah, eine Patronin der Roma und Sinti.

Die letzten 30 Jahre ihres Lebens soll Maria Magdalena als Einsiedlerin in einer Höhle im Massif de la Sainte-Baume verbracht haben.

 

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Die Muttergottes-Maria ist eine ganz andere Sache. Abgesehen davon, dass es biologischer Unfug ist, von einer Jungfrau zu sprechen, die ein Kind gebärt, gibt es auch kaum evangelische Hinweise auf eine jungfräuliche Gottesgebärerin, ein ziemliches Unikum im abendländischen Raum. Aber im zweiten Jahrhundert drängen bereits kirchliche Kreise darauf, die Virginität dieser Maria festzuschreiben. Wie denn auch soll ein von zwei Menschen im Koitus hergestellter Mensch ein Sohn Gottes sein. Andererseits ist aber Insemination durch ein geschlechtsloses Geistwesen eigentlich auch nicht möglich. Die Antwort kann nur in der behaupteten Allmacht Gottes bestehen.

 

Wie diese merkwürdige Vorstellung bis ins frühe Mittelalter aufgenommen wurde, lässt sich kaum noch feststellen. In diesem tauchen dann aber vermehrt Muttergottes- Statuen auf, neben dem gekreuzigten Jesus noch seltene Freiplastiken. Sitzende derbe, kräftig-gedrungen gebaute und wohl in der Regel bemalte Frauengestalten halten dabei ein Jesuskind auf dem Schoß.  Oft sind sie das einzige oder wenigstens zentrale Kultbild in der Kirche, manche gelten als wundertätig und ziehen Pilger an.

 

Wieviel Gefühlsausdruck die Anbetenden in den Statuen entdecken können, bleibt unklar, fehlen den Bildhauern und -Schnitzern dafür doch noch die technischen Mittel, aber was jeder sehen kann, ist verehrenswürdige Mutterschaft, die an sich immer mit Sexualität zu verbinden wäre. Das klobig Majestätische der Figuren drückt allerdings auch Macht und Herrschaft aus.

 

Vermutlich sind diese Figuren insbesondere für Frauen wichtiger als der noch nicht darstellbare Herrgott und der in dieser Zeit noch am Kreuz triumphierende Jesus, eine seltsame Gestalt, und der ohnhin nur als Taube symbolisiert dargestellte heilige Geist. Wie Frauen damals damit umgehen, dass das Kind angeblich zwar ohne Zeugungsakt/wirkliche Empfängnis und ohne sexuelle Lustentfaltung, aber mit den Belastungen der Schwangerschaft und des Gebärens ans Licht der Welt kam, muss offenbleiben. Ein die höheren, insbesondere auch höheren kirchlichen Kreisen erfassender Marienkult wird sich erst im 11. Jahrhundert verbreiten, etwa zeitgleich mit dem Aufkommen von mehr Kapital in den Städten, aber nicht leicht damit in Bezug zu setzen.

 

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Das erotische Element antiker Zivilisation scheint in den germanisch dominierten Reichen danach zu verschwinden, zumindest erfahren wir davon auch noch durch das frühe Mittelalter kaum mehr etwas. Es fehlen auch Überbleibsel, die Näheres über das Verhältnis zum eigenen Körper belegen, völlig für die Masse der Menschen, und indirekt nur über den Schmuck, der Kleidung insbesondere der Oberschicht-Frauen begleitet. Texte, von Geistlichen geschrieben, belegen hingegen die Propagierung einer christlich verstandenen Körperfeindlichkeit. Das Ideal, die Heiligkeit, wird weiter mit bewusster Vernachlässigung des eigenen Körpers verbunden, denn er ist das Gefäß der Sünde, welches den Zugang zur christlich definierten "Seele" und Vergeistigung verhindert. Dabei bleibt das alles widersprüchlich, wenn hohe Geistlichkeit am Hofe Karls d.Gr., des Kahlen oder der Sachsenkaiser auch ganz irdischer Prächtigkeit nicht abgeneigt sind. Die Oberschicht kommt insgesamt nicht dauerhaft mit sich ins Reine, was die Verbindung gewalttätigen Kriegertums und Zusammenraffens von Reichtum mit christlicher Botschaft betrifft. In einem langen Weg wird erst der Kapitalismus alles dem Kapitalinteresse unterwerfen und dabei Religion gänzlich verdrängen, ein Weg, der erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts abgeschlossen werden wird. Im frühen Mittelalter wird mehr und intensiver als zuvor das genaue Gegenteil propagiert.

 

Letztlich fehlt der Weltabgewandtheit des evangelischen Jesus der Synoptiker noch der Zug zur Vergeistigung, den dann das Evangelium des Johannes hineinbringt. Dieses Element gelangt dann stärker in die Kirche durch die Verwicklung mit antiker Philosophie in etwas popularisierterer Form. Klar ist aber, dass die meisten Menschen damit höchstens konfrontiert werden, um in ihnen Schuldbewusstsein und Untertanenmentalität, "Sklavenseelen" zu erzeugen.

 

Reinheit und Reinigung

 

Die Regungen des Körpers abzuwerten als solche, die vom Streben hin zu Gott ablenken, bleibt Leitgedanke kirchlicher Doktrin. Die Seele von ihnen zu reinigen, ist der Hauptgedanke, und dazu gilt es, sich den magischen Mitteln der Kirche zu unterwerfen. Je mehr die Seele von der Verunreinigung durch den Körper geläutert wird, desto christlicher wird sie.

 

Es geht hier um jenen in den Zwiespalt geratenen Blick des gebeugten Hauptes auf seinen nackten Leib, um die Entstehungsgeschichte einer gelegentlich frenetisch werdenden Angst vor sich selbst, um Ekel, Scham und Schuld als Motoren eines Unheils, das sich dann verselbständigt. Und es geht um die immer umfangreicheren Strategien, das alles zu verleugnen. Es geht um die Entstehung von Angst und von Angstabwehr-Strategien neuen Typs.

 

Zu allererst geht es um den Ekel, die Abscheu vor Verdauung und Ausscheidung als Teil von Lebendigkeit. Dazu kommt der Ekel Heiliger vor der eigenen Sexualität, dem eigenen Blut und Sperma. Mit dem Ekel verbunden ist die Scham, indem sich der sinnliche Ekel mit den moralischen Schuldgefühlen verbindet. Damit formt sich etwas aus, was schon Kulturen vor allen Zivilisationen beschäöftigt hat, etwas elementar menschliches, welches im Christentum dann zur Gänze pervertiert wird.

 

Diese massiven moralischen Schuldgefühle haben ihre mir bekannten Ursprünge im vorderen Orient und dann in der Spätantike, sie verbinden sich dabei mit enormen Aggressionen, und von christlicher Seite werden sie zum Teil autoaggressiv, das heißt, vom Träger der Aggressionen gegen sich selbst gewendet.

 

Das immer wiederkehrende Stichwort für all das ist die Reinheit, die Phantasie von einem möglichst unlebendigen Körper, dem der vom Kopf herkommende Geist den Schmutz austreibt. Nichts glänzt so rein wie Gold und Silber, das "edle" Metall aus dem Geist der Mathematik, aus der "reinen" Welt der Zahlen, bei Kant dann das Reich der "reinen" Vernunft. Gold oxydiert nicht, wird so wenig befleckt wie der weibliche Körper der Jungfrau durch das Sperma. Gold in gleichgewichtigen Stücken, unzerstörbar, ewig, lässt sich abwiegen, zählen, addieren und subtrahieren im Zustand ewiger Reinheit. Seine phantasierte Potenz endet in der Unendlichkeit. Man kann es nicht essen, nicht trinken, es führt dem Körper keine Lustgefühle zu, es ist eben rein. Kein Urin und Kot, kein Blut und Sperma gehen aus ihm hervor. Gold stirbt nicht. Der Gott des Abendlandes wird am Ende das Gold, das Silber und daraus das Geld, sein heiliger Geist transferiert in die Kapitalverwertung, ein sehr komplexer Vorgang.

 

Gott wird durch das Mittelalter mit Silber und Gold geopfert, mit dem Opfer jener Lebendigkeit, die Gold und Silber ans Tageslicht fördert, und mit den Opfern an Leben und Lebendigkeit, die Gold in den Besitz von Menschen bringen.

Im Mittelalter entstehen die frühen Tafelbilder auf Goldgrund, es sind Kultbilder, deren Heiligkeit sich auch in dem reinsten Metall äußert. Diese Bilder kosten schon alleine vom Materialwert her Unsummen, denn das Gold ist echt. Gott ist gülden, denn er versinnbildlicht die Reinheit. Gott ist prächtig, denn in seinem Glanz ist aller phantasierte Reichtum aus Reinheit versammelt.

 

Der christliche Gott ist dabei der Tod aller Lebendigkeit zugunsten eines Triumphes des Geistes, des heiligen Geistes. Er ist das wahre Leben, das Leben in einer anderen Welt zuungunsten alles Lebendigen auf Erden.

 

Bereits die alten Griechen und insbesondere die antiken Römer kannten einen Kult der Reinheit, den heute zu verstehen uns schwerfällt. Er bezieht sich auf Hestía bzw. Vesta, die Göttin des Herdfeuers. In Rom befand sich an prominenter Stelle auf dem Forum ihr Tempel und das Wohngebäude der virgines Vestalis, der sechs bis sieben Priesterinnen des göttlichen Herdfeuers. Dieses wurde von ihnen bewacht und ständig geschürt; nur zum Tag des Jahresanfangs wurde es rituell gelöscht und dann neu entfacht. Es handelt sich dabei um ein Relikt aus grauer Vorzeit, dessen Bedeutung in der römischen Zivilisation erstarrt.

 

Reinheit: Der Pontifex Maximus sucht eine neue Vestalin unter sechs-bis zehnjährigen Mädchen aus, die für die nächsten dreißig Jahre in der Gemeinschaft der Priesterinnen als Jungfrauen leben. Die ersten zehn Jahre werden sie unterrichtet, die letzten zehn unterrichten sie selbst.

Keuschheit: Eine unkeusche Vestalin wurde nach dem Gesetz lebendig begraben, das heißt, vom Erdboden entfernt, was sehr selten geschah (Plutarch). Reinheit und Ehrbarkeit fallen zusammen: Die angehende Vestalin muss aus einer ehrbaren Familie kommen, der Vater darf keinen unehrenhaften Tätigkeiten nachgehen.

Reinlichkeit: Die Vestalinnen säubern den Tempel mit Wasser aus der „heiligen“ Quelle der Nymphe Egeria. Dort hatte sich der Sage nach Numa Pompilius mit ihr getroffen und das Priestertum der Vestalinnen begründet.

 

Ihre Reinheit macht es möglich, dass sie rechtlich römischen Männern fast gleichgestellt sind, anders als die übrigen römischen Mädchen und Frauen, die immer unter der Kuratel eines männlichen Tutors stehen, wie auch später im lateinischen und griechischen Mittelalter.

 

Feuer und Reinheit wurden in der Antike oft nahe beieinander gesehen. In der Spätantike wird dann versucht, Jungfräulichkeit und Reinheit gedanklich zusammenzubringen, um so den Status der Virginität der Priesterinnen zu erklären. Es ließe sich aber genauso erklären, dass die Jungfräulichkeit alleine es möglich macht, dass sie überhaupt als Frauen Priester sein konnten, ein Amt, welches ansonsten nur Männer innehaben (auch das ein mittelalterliches Erbe aus der römischen Antike). Anerkannt ist die nicht jungfräuliche Frau nur als mater familiae, als Matrone, und als solche kann sie nur für das Feuer des eigenen Herdes zuständig sein.

 

Heiliges Feuer und heiliges Wasser: Die Vestalinnen wachen über das eine und bedienen sich des anderen. An beiden Elementaria hängt kultisch-symbolisch und rituell das Heil der Gemeinschaft der Römer, zum Beispiel auch das Kriegsheil. Aber Feuer und Wasser sind auch ganz praktisch Grundlagen einer bäuerlichen Kultur, aus der dieser Kult herkam und die er überlebt.

 

Ehelosigkeit, Virginität, Askese sind ansonsten keine römischen Lebensformen sonderlicher Ehrbarkeit oder Tugendhaftigkeit, ganz im Gegenteil. Der im Neuen Testament entwickelte religiöse Sündenbegriff fehlt den Römern ursprünglich völlig. Vergehen gegen die Götter sind kultische Vergehen und damit qualitativ den übrigen Verbrechen benachbart. Die menschliche Sexualität, eingebunden in Ehe und Familie, bedeutet höchste Ehrbarkeit, etwas anders auch als bei den alten Griechen. Darum werden die Kirchenväter, wenn auch Propagandisten der Jungfräulichkeit und der sexuellen Askese, die Vestalinnen eher mit Abscheu betrachten. Sie repräsentieren kurioserweise eine Welt, in der menschliche Sexualität nicht abqualifiziert ist.

 

Das magisch-kultische Element und seine Rituale, bei Paulus und beim Jesus der Evangelisten nicht vorhanden, was ihre Vorstellungen ebenso neuartig macht wie die ansonsten durchaus anderen des Prinzen Gautama Siddharta (Buddha), schleichen sich erst langsam in die sich entwickelnde Kirche ein. Was immer beim letzten Abendessen Jesu mit seinen Anhängern geschah: In der bei Markus, Matthäus und Lukas fast gleichlautenden Beschreibung der Zeremonie, die Jesus mit Brot und Wein veranstaltet, bleibt dieser Vorgang einmalig. Die Ritualisierung des Abendmahles bis hin zur Zeremonie der Transsubstantiation in der Messe sind allesamt kirchliche Innovationen ohne jede evangelische Begründung.

 

Aber der kultische Charakter der Reinheit und Reinlichkeit, wie sie im Vestatempel zelebriert wurden, wird von der kirchlichen Christenheit in die kultische Reinheit ihrer rein männlichen Priesterschaft übernommen. Der Gemeindeälteste, presbýteros, der im 2. Jahrhundert zum Priester aufsteigt, wie er später eingedeutscht heißt, wird zum männlichen Gegenstück vestalischer Jungfräulichkeit erklärt. Dies erscheint nötig, um seine Mittlerschaft zwischen Gott und den Menschen, wie sie sich in den Sakramenten nach und nach darstellt, wirksam zu machen.

 

Reinheit: Wenden wir uns dem Text des Kirchenvaters Hieronymus zu, in dem er die lebenslange Jungfräulichkeit Mariens gegen den Ketzer Helvidius begründet und verteidigt:

 

Wenn du so streitsüchtig bist, dann will ich dich mit deiner eigenen Auffassung schlagen. Du darfst überhaupt keinen Zwischenraum einfügen zwischen Geburt und Beiwohnung. Du darfst mir auch nicht etwa kommen mit der Vorschrift: "Wenn eine Frau empfangen und einen Sohn geboren hat, soll sie unrein sein sieben Tage lang, wie zur Zeit ihrer monatlichen Reinigung. Und am achten Tage soll sie das Fleisch seiner Vorhaut beschneiden. Dreiunddreißig Tage soll sie daheim bleiben im Blute ihrer Reinigung und nichts Heiliges anrühren u. s. w.". Sofort soll Joseph zudringlich werben; sofort soll von ihm das Prophetenwort gelten: "Gegen die Frauen sind sie geworden wie geile Hengste; ein jeder wieherte nach der Gattin seines Nächsten". Wie könnte man sonst die Worte rechtfertigen: "Er erkannte sie nicht, bis sie ihren Sohn gebar", wenn Joseph nachher die Zeit der Reinigung noch abwartet, wenn die so lange verhaltene Begierlichkeit von neuem um vierzig Tage verschoben wird? Die Mutter liegt noch im Blute da, die Ammen nehmen den weinenden Knaben in Empfang, der Gatte aber umarmt die erschöpfte Gattin. Unter solchen Umständen muß dann der eheliche Verkehr beginnen, nur damit der Evangelist nicht gelogen habe. Wie kann man so etwas von der Mutter des Erlösers und von einem gerechten Manne annehmen? Da gab es keine Hebammen oder anderer Frauen Geschäftigkeit. Sie selbst wickelte das Kind in Windeln; sie selbst war Mutter und Geburtshelferin. "Und sie legte es", so heißt es weiter, "in die Krippe, weil in der Herberge kein Platz war". Diese Stelle entkräftet auch die Phantastereien der Apokryphen, da Maria in eigener Person das Kind in Windeln wickelte; auch gestattet sie nicht, daß der eheliche Verkehr, wie Helvidius es will, gepflegt wurde, da hierzu in der Unterkunft kein Platz war. (Adversus Helvidius de perpetua virginitate b.Mariae)

 

Helvidius stützt sich hier offensichtlich auf Matthäus I, 25: Kaì ouk egínosken autén, héos ou éteke tón hýion autés tòn protótokon, kaì ekálese tò ónoma autoú Iesoún. Was man Hieronymus nicht vorwerfen kann, sind völlige Ehe- und Sexualfeindlichkeit, aber schon das Operieren mit Spitzfindigkeiten in seiner Textauslegung, die unter anderem zwischen wortwörtlichen Übernahmen und dann wieder dem Bestehen auf übertragenen Bedeutungen sich zusammensetzen.

 

Der rhetorische Trick hier besteht darin, das "bis" (héos) in ein "sofort nachdem" zu verwandeln, und da geht es dann um das Erregen von Ekel im Leser: Da ist der weit geöffnete blutüberströmte Schoß der Mutter und da ist das gigantische Geschlechtsteil des "geilen Hengstes" und daneben das Kind, dessen zarte Haut erst einmal zu reinigen wäre.

 

Aber man soll sich nicht täuschen, dieser an Cicero und den großen Stoikern geschulte Hieronymus ähnlich wie Augustinus vermittelt den Ekel nicht einfach um des Ekels willen. Er ist eher Illustration, sinnliches Entgegenkommen, um jene Reinheitsvorstellung zu belegen, die im Kern nicht Reinlichkeit, sondern Vergeistigung, Spiritualität meint. In seiner Beschreibung des Weges der Paula in die Heiligkeit heißt es bei ihm:

Weiter geht es nach der Stadt No, die später Alexandria genannt wurde, und zur Stadt des Herrn, Nitria, wo Tag für Tag durch die reinigende Lauge der Tugendübungen der Schmutz vieler abgewaschen wird.

 

Der abzuwaschende Schmutz ist der der Sinnlichkeit, deren Wahrnehmungen vom spiritus ablenken. Ein ganzes Stück vorher schreibt unser Hieronymus nämlich über diese Paula:

Nach dem Tode ihres Gatten hat sie bis zum Tage ihres eigenen Hinscheidens niemals mit einem Manne zusammen gespeist, wenn er auch noch so heilig, ja selbst mit der bischöflichen Würde bekleidet war. Bäder besuchte sie nur bei gefährlicher Krankheit.

 

Was dem spätantiken oder mittelalterlichen Frommen als Reinheit der Heiligkeit erscheint, löst tendenziell beim neuzeitlichen Menschen Ekel aus. Bevor also die Suche nach der Beziehung von Ekel, Geschlechtlichkeit und Christentum fortgesetzt werden kann, muss ein erster Klärungsversuch darüber stattfinden, wie Ekel sinnvoll zu verstehen sei.

 

Wichtig ist immerhin einmal festzuhalten, dass es bei der Verbindung von Christentum und Ekel und Scham nicht um jene Verbindung geht, die der Puritanismus und die Prüderie der Neuzeit hervorgebracht haben. Es ist wohl eben nicht so, dass der Ekel Sexualfeindlichkeit herstellt und Körperfeindlichkeit, sondern dass letztere erst zum Ekel und zur Abscheu führen.

 

Die Debatten der Zeiten zwischen Augustinus und Albertus Magnus darüber, ob es im Paradies vor dem Sündenfall ein Geschlechtsleben und sexuelle Lust gegeben habe, konzentrieren sich nicht darauf, geschlechtslose Wesen im Paradiese vorzustellen, also "Engel", sondern die insbesondere beim Mann so unwillkürlichen Regungen und Erregungen (Erektionen, Samenergüsse) der Willkür des Mannes anheimzustellen, also seiner "Vernunft" zu übergeben ("zurück" zu geben). Im frühen Christentum löst die Sexualität also keinen Ekel aus, der in allgemeine Sexualfeindlichkeit eingeht, was ganz unantik gewesen wäre, sondern der Ekel entsteht daraus, dass es selbst die recht Heiligen schwer damit haben, sich soweit von den Unwillkürlichkeiten ihrer Geschlechtlichkeiten zu lösen, dass sie ihren Willen der Bewegung hin zu Gott unterordnen können.

 

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Augustinus (354-430) schreibt im 69. Kapitel eines 'Enchiridion' oder 'Buch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe' (De fide, spe et caritate 69.)':

Dass etwas Derartiges auch nach diesem Leben geschieht, ist nicht unglaublich; es läßt sich die Frage schon aufwerfen – vielleicht wird sie gelöst, vielleicht bleibt sie ungelöst–, ob eine Anzahl von Gläubigen durch eine Art von Fegefeuer gerettet wird, und zwar schneller oder langsamer, je nachdem sie die mehr oder weniger vergänglichen Güter geliebt haben. Natürlich kommen dabei keine solchen Menschen in Frage, von denen es heißt: „Sie werden das Reich Gottes nicht besitzen“, wenn sie nicht auf Grund einer entsprechenden Buße Nachlaß für diese schweren Vergehen erhalten. Ich habe aber absichtlich gesagt: „auf Grund einer entsprechenden Buße“, weil solche Leute nicht unfruchtbar im Almosengeben sein dürfen. Dieser Tugend schreibt ja die Heilige Schrift eine solche Kraft zu, daß der Herr nach seiner eigenen Voraussage den zu seiner Rechten Stehenden nur die Fruchtbarkeit im Almosengeben, den zu seiner Linken Stehenden aber gerade die Unfruchtbarkeit hierin anrechnen wird; denn zu den ersteren wird er sagen: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, empfanget das Reich!“, zu den letzterenaber: „Fort mit euch in das ewige Feuer!“

 

Heiligkeit ist Reinheit, und nur die reinen Heiligen werden von Gott in seinem Reich angenommen werden. Das schon von Tertullian als refrigerium oder als "Abrahams Schoß" bezeichnete Fegefeuer erhält seine erste dogmatische Ausformung bei Papst Gregor d.Gr. in seinen 'Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum':

Man muss glauben,dass es vor dem Gericht für gewisse leichte Sünden noch ein Reinigungsfeuer gibt, weil die ewige Wahrheit sagt, dass, wenn jemand wieder den Heiligen Geist lästert, ihm "weder in dieser noch in der zukünftigen Welt "vergeben wird. Aus diesem Ausspruch geht hervor, dass einige Sünden in dieser, andere in jener Welt nachgelassen werden können.

Die "ewige Wahrheit" ist hier das Matthäus-Evangelium.

 

Vom ursprünglichen Wortsinn her wird "Reinheit" hergestellt durch das Abscheiden von allem, was nicht zu etwas dazugehört. Soweit stimmt es mit dem lateinischen purus überein und wird in nichts so veranschaulicht wie dem Gold. Dieses purus enthält aber auch die Bedeutung von "sittlich rein", die manchmal mit dem althochdeutschen "sauber" gemeint ist. Sittlich rein meint dann im christlichen Sinne sündenfrei. Die Bedeutungsverschiebung zwischen "sauber" und "rein" ist noch in dem Werbeslogan für ein Waschmittel: "wäscht nicht nur sauber, sondern rein" enthalten, der zwar abstrus, aber wirksam war.

 

Damit sind wir bei der Verbindung der Vorstellungen von Sünde und Schmutz, die der Sünde jene sinnliche Anschaulichkeit gibt, die es erlaubt, im Extremfall Ekel vor ihr zu empfinden. Auf der korrekten metaphorischen Ebene wird der Schmutz abgewaschen (Wasser!) oder durch das Feuer gereinigt. Auf der Ebene alltäglicher Wirklichkeit wird die Sünde gebüßt, und die Buße ist ursprünglich keine Strafe, sondern eine Chance auf das ewige Leben. Mit der zunehmenden Popularisierung der Vorstellung vom Purgatorium, dem Ort der Reinigung, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, wird für diesen Ort nun als Abschreckung die reinigende Kraft des Feuers gewählt

 

Um dieses purgierende Feuer zu reduzieren bzw. zu vermeiden, wird nun einmal nach dem Tod des Angehörigen um seine Seele im Gebet gerungen, zum anderen wird auf dem Weg der Buße möglichst viel Sündenschuld schon in diesem Leben abgetragen. Die Buße wird als Waschvorgang anschaulich dargestellt.

 

Die Sünde ist Verunreinigung, bedeutet Schmutz. Kot und Urin sind Schmutz, der Rotz aus der Nase, das Ohrenschmalz, Fürze verunreinigen die Luft, der Mensch ist ein Schmutzproduzent. Das Sperma verursacht Befleckung bei Mann und Frau, nur Marias Empfängnis ist unbefleckt. Das Menstruationsblut befleckt, ist Schmutz und stinkt bald.

 

Der menschliche Körper ist ein Verunreiniger und er bedeutet die Verunreinigung der Seele. Das griechische hygieinós heißt "gesund". Ins Deutsche kommt das Wort Hygiene erst im 18. Jahrhundert und es verengt die Bedeutung ganz auf das, was im Hochmittelalter als höfischer Manierenkatalog auftaucht, bevor es im 19. Jahrhundert dann im medizinischen Raum bedeutsam wird. Was das frühe Christentum bereits fordert, ist Seelenhygiene.

 

Es gibt keinen Grund, den frühmittelalterlichen Menschen für einen Dreckspatzen zu halten; die sogenannten Naturvölker, die weit mehr Kulturvölker waren als wir heute, schätzten eine gewisse Sauberkeit durchaus, wo sie denn zu haben war. Erst nach dem Mittelalter schwindet eine allgemeine Badekultur, an der mit ihren bescheidenen Mitteln auch die unteren Schichten teilhatten.

 

Angst und Schrecken

 

Die Angst ist etymologisch aus der Enge ableitbar, der lateinischen angustia. Sie unterscheidet sich von der Furcht durch die größere Unbestimmtheit des Auslösers, die es schwerer macht, mit ihr umzugehen. Angst besteht vor dem Übermächtigen, Furcht vor dem Mächtigen. Die Enge in der Angst ist die innere Beklemmung mit Atemnot und/oder Unruhe, die wehrlos machen, während die Furcht eher bewusste Reaktionen hervorruft, Maßnahmen der Abwehr von Bedrohung oder der Unterwerfung.

Dass die Angst als Wort eher ein deutsches Phänomen ist, nimmt ihr nichts von ihrer universalen Anwesenheit. Worte und Wirklichkeit stimmen eh nie ganz überein, auch wo Wirklichkeit wahrgenommen wird, und Sprachen sind alle sozusagen unterschiedlich defizitär bzw. ausdrucksstark.

 

Das (deutsche) Schrecken ist ursprünglich ein (Auf)Springen, und die übertragene spätere Bedeutung betont das Plötzliche, Unvorhergesehene. Die körperliche Seite besteht im kurzen Stillstehen des Herzens und des Atems. Scham, Angst und Schrecken entsprechen so unterschiedlichen spürbaren bis sichtbaren körperlichen Vorgängen. Die Scham ist u.a. bezogen auf das Verbotene, der Schrecken u.a. auf das nicht weglachbare Obszöne, überhaupt alles, was unvorbereitet auftaucht, die Furcht wiederum auf die definitive Gefahr, nur die Angst scheint beziehungslos zu sein, sie ist latent und bricht bei ganz unterschiedlichen Anlässen aus.

 

Ich wage einmal die vorläufige Behauptung, dass die Angst im Kern bezogen ist auf die vom Willen unabhängigen Triebregungen, auf das Getriebensein des Menschen, oder besser gesagt auf das unterschwellig lauernde Bewusstsein davon. Sie entspräche dann jener menschlichen Wahrnehmung von sich selbst als dessen, der nicht unbeschränkter Herr im eigenen Haus ist. Das mittelhochdeutsche Gegenwort wäre dann der Mut, der ursprünglich die Tätigkeit des Strebens, nach etwas Trachtens, Verlangens benennt. Bewusstes Begehren ist noch im hohen Mittelalter muoten, das, was der Lehnsmann betreiben muss, wenn er nach dem Tod des Lehnsherrn von dessen Erben sein Lehen erneut begehrt.  Während sich dann gegen Ende des Mittelalters die Angst auf die Feigheit zuspitzt, bewegt sich der Mut hin zur Tapferkeit.

 

Auf diese Weise wäre die Angst das Gefühl des passiven Ausgeliefertseins und der Mut das Gefühl aktiver Bewältigung. Im Mut ist dann der Mensch Herr seiner Gefühle und in der Angst verengt sich die Physis und schnürt die Gefühle ab.

 

Menschen können sich nicht nur bewusst mit ihrer Triebhaftigkeit auseinandersetzen (und dabei zum Beispiel Angst abbauen), sie wissen auch darum, dass sie schlussendlich zu nichts anderem getrieben werden als dem Tod, einem absehbaren Ende, dem durch Fortpflanzung die Spitze genommen werden soll. Angst hat also zwei Seiten zumindest: Eine existenzielle, die die latente wie permanente Bedrohung durch den Tod auslöst, und eine psychische, die in der latenten wie permanenten Bedrohung durch die eigene Triebhaftigkeit besteht, die niemals ganz beherrschbar wird, auch wenn zum Beispiel extreme christliche Asketen wie hinduistische Yogis oder Fakire bezeugen, wie weit man doch Herr im Hause werden kann. Um den Preis, den die ersteren dafür manchmal zahlen bzw. von anderen einfordern, wird es hier noch gehen.

 

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Die Angst ist ein existentielles Phänomen, in Zivilisationen darüber hinaus ein strukturbildendes. In ihr etabliert sich dann mit Gewaltandrohung versehene menschliche Machtausübung, die nicht mehr bloß situativ, sondern dauerhaft verankert ist. Diese Form der Furcht vor den Herren, durch Einübung in internalisierte Angst transformiert, gerät dann beim jeweils Untertanen in die Latenz und wird bis in die Körper eingeschrieben. Akut wird sie in Unterwerfungsgesten gebändigt, in geduckter Haltung ausgedrückt. Aufrecht geht nur der (Angst)Freie, eine Rolle, die vor allem das Kriegertum des Mittelalters einnimmt, soweit es nicht selbst vor einem Mächtigeren duckt.

 

Davon erfahren wir für das frühe Mittelalter wenig, eher ein kleines bisschen mehr über die Furcht, die als Gottesfurcht eingebleut wird und vor allem die Furcht der Knechte vor den Herrn meint, unmittelbar eben den geistlichen Herren. Sie erzeugt zusammen mit dem Gefühl der Ausweglosigkeit die Unterwerfung, wie sie für alle Zivilisationen nötig ist, und sie betrifft die nicht unbeträchtliche Zahl der Sklaven des frühen Mittelalters genauso wie die vielen an Grundherren gebundenen und mehr oder weniger leibeigenen Bauern, also besonders nördlich der Alpen, in West- und Ostfranzien vor allem, fast alle Menschen.

 

Eine andere Form konkreter Furcht ist für den Norden überliefert. Abgeschnitten von einem Verhältnis zur Natur, welches über die Interessen der Herren hinausgeht, mit denen sich der Alltag der Knechte zu beschäftigen hat, wird jene vorzivilisatorische Vorstellung von einer über die wirklichen Lebewesen hinaus belebten "Natur" zunehmend zu einem Glauben an angstmachende und furchterregende Geister, Dämonen, Feen, Kobolde, Wiedergänger und von vielem mehr. Den konstruktiven Umgang damit verbietet die Kirche und die Unterwerfung unter Herreninteressen. Dabei sind hier in einer gewissen Heimlichkeit Objekte für Angst und Furcht leichter lokalisierbar als in der Ausweglosigkeit der Untertänigkeit. Einiges von solchem Geisterglauben besteht auch neben den magischen Zaubereien der Kirche selbst bei hohen ostfränkischen Kirchenherren insbesondere östlich des Rheins dann fort. 

ff.

 

Exkurs: Beherrschung und Kultur (Sigmund Freud gewidmet)

 

Herr ist man immer über etwas oder jemand, und sei es nur ein wenig über sich selbst. Letzteres erreicht man vor allem über die Internalisierung der Ansprüche mächtiger Anderer. Das betrifft sowohl Männer wie Frauen, auch wenn der "Herr" männlichen Geschlechts ist. Da der Vorläufer des deutschen "Herrn", was mit "hehr", mit "geachtet, würdig sein" zu tun hat (was der senior der römischen Antike war, der zum seigneur wie signore wird) aus demselben Stamm wie das Wort "Frau" herkommt, war diese sinngemäß die Herrin, wie sie denn auch in der frühen Neuzeit tatsächlich genannt wird, als die frouwe langsam ihre moderne Bedeutung erhält (sie löst das wîp ab, welches nun weiter abgewertet wird).

 

Im romanischen Raum des Mittelalters wird der senior durch die seniora ergänzt, und der volkssprachlich bis auf den "Don" verschwindende dominus durch die domina, die zur italienischen donna (okzitanisch dompna) und zur französischen (ma)dame mutiert.

 

Insofern kann man getrost die (Selbst)Beherrschung auf Männer wie Frauen beziehen. Sie ist zunächst der Verzicht auf das Ausleben von Triebregungen, dann die Beschränkung der eigenen Emotionalität und am Ende in extremo die Auferlegung von Restriktionen auf das Gefühlsleben.

 

Sigmund Freud beschreibt die Zusammenhänge des Vorgangs der Triebbefriedigung als „Lustprinzip“, als den steten Wechsel von Lust, Mangel als Unlust, Triebbefriedigung als erneuten Moment der Lust. Für den Menschen sieht das so aus:

 

"Es ist, wie man merkt, einfach das Programm des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt. Dies Prinzip beherrscht die Leistung des seelischen Apparates vom Anfang an; an seiner Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader mit der ganzen Welt , mit dem Makrokosmos ebenso wie mit dem Mikrokosmos. Es ist überhaupt nicht durchführbar, alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihm; man möchte sagen, die Absicht, dass der Mensch „glücklich“ sei, ist im Plan der „Schöpfung“ nicht enthalten. Was man im strengsten Sinne Glück heißt, entspringt der eher plötzlichen Befriedigung hoch aufgestauter Bedürfnisse und ist seiner Natur nach nur als episodisches Phänomen möglich. Jede Fortdauer einer vom Lustprinzip ersehnten Situation ergibt nur ein Gefühl von lauem Behagen; wir sind so eingerichtet, dass wir nur den Kontrast intensiv genießen können, den Zustand nur sehr wenig." ('Das Unbehagen in der Kultur', II)

 

Da Leben nur möglich ist, indem es sich selbst hervorbringt, lässt sich erahnen, dass der Fortpflanzungstrieb überhaupt das Lebendigste, Intensivste ist, was wir von uns kennen. Tatsache ist nun, dass dieser Sexualtrieb – was sich bei Primaten schon erahnen lässt – beim Menschen übermächtig wird: Abgesehen von den Besonderheiten von Kindheit und Alter unterliegt er beim Menschen keiner (saisonalen) Periodizität mehr als der des Wechsels zwischen Aufbau und Abbau jener triebhaften Spannung, die nach Befriedigung drängt. Tiere haben eine kürzere oder längere Fortpflanzungssaison, bei den kleinsten Affen ein Tag, bei Hirschen bis zu anderthalb Monate, die wohl am Geburtendatum hängt, welches durch Klima, Vegetation bzw. Verfügbarkeit von Beutetieren gebunden ist.

 

"Vermutlich hing die Gründung der Familie damit zusammen, dass das Bedürfnis genitaler Befriedigung nicht mehr wie ein Gast auftrat, der plötzlich bei einem erscheint und nach seiner Abreise lange nichts mehr von sich hören lässt, sondern sich als Dauermieter beim einzelnen niederließ. Damit bekam das Männchen ein Motiv, das Weib oder allgemeiner: die Sexualobjekte bei sich zu behalten; die Weibchen, die sich von ihren hilflosen Jungen nicht trennen wollten, mussten auch in deren Interesse beim stärkeren Männchen bleiben." ('Unbehagen', IV)

 

Auch hier versucht Freud eine Analogie zwischen dem heranwachsenden Einzelnen und dem Prozess der Kulturbildung, der Menschwerdung im Allgemeinen herzustellen. Dabei zerstört er die kindliche Unschuldsvermutung, wie sie das Christentum formulierte, und erklärt den Menschen von Anbeginn zu einem Geschlechtswesen. Die noch nicht genital fixierte kindliche Sexualität ist erst einmal ungerichtet und übt sich dann daran, beliebige und notwendige Objekte des Begehrens zu finden. Die des erwachsenen Menschen ist im Kern nicht mehr ausschließlich auf die Fortpflanzung ausgerichtet, sondern vermittelt sich primär als spannungslösende Befriedigung in der kurzen Phase der Lust. Im Fetischismus erinnern sich Erwachsene an die kindliche Fähigkeit beliebiger Besetzung von Gegenständen mit ihrem nun genital zentrierten Begehren. In der Fetischisierung von Waren werden diese jenseits unmittelbarer Nützlichkeit zu Objekten des Begehrens.

 

Es sei kurz angemerkt, dass die Erklärungsmuster Freuds wie die der unkritischen positiven Wissenschaften auf einer Welt aus Ursachen und Absichten beruhen. Dabei hat der Mensch sich nie absichtsvoll entwickelt, sondern jenseits aller seiner Absichten - die Evolution ruht in sich selbst. Daraus wird zu erklären sein, dass kausale Erklärungsmuster, die aus intentionalen entstanden sind, die Dinge unserem Verstand anpassen und damit eine Welt konstruieren, die unsere Psyche beruhigen soll, deren bewusster Teil sich an Absichten und Ursachen orientiert. In kausalen Strukturen ist der Weg von der Erklärung zur Rechtfertigung nicht weit. Absicht und Ursache zerren dabei auseinander, was zusammengehört und was vor der Neuzeit einmal vor allem in zeitlichen Relationen erlebt wurde.

 

Die vitalen Triebe treten im Lebewesen nicht nur aggressiv fordernd auf, sondern sie werden zunächst auch aggressiv ausgelebt. Höher entwickelte Lebewesen ernähren sich von Lebewesen, vorwiegend solchen anderer Arten: Sie töten, lösen die Nahrung auf, verdauen sie und scheiden alles Unbrauchbare aus. Was natürlich ist, wird für den heutigen "zivilisierten" Menschen gerade mit seinem christlichen Hintergrund egoistisch und grausam. Leben ist darauf aus, zur Befriedigung des eigenen Interesses Leben zielgerichtet zu vernichten. Das hindert Menschen nicht am Appetit und der Nahrungsaufnahme, aber in Kulturen führt es zu Schuldgefühlen, die kultisch abgearbeitet werden. Der Ursprung dieser Schuldgefühle kann natürlich nicht in der menschlichen Grausamkeit liegen, sondern er muss dort liegen, wo die Wahrnehmung dieser Grausamkeit als einer solchen ermöglicht wird.

 

In Kulturen und mehr noch in fortgeschrittenen Zivilisationen führt es zudem zum Ekel. Die menschlichen Ausscheidungs- und Fortpflanzungsorgane und alles Ausgeschiedene selbst werden für den Gesichtssinn wie insbesondere für den Geruchssinn unleidlich. Wir stehen in einer besonderen Linie von Primaten, deren Geruchsorgane sich seit Jahrmillionen zugunsten einer besonderen Art des Sehens zurückgebildet haben. Das Riechen ist das stärker der Willkür entzogene Sinnesorgan, im Unterschied zum Sehen lässt es sich kaum vermeiden.

 

Mit dem Ekel verbindet sich die Scham. An diesem Punkt beschreibt Freud, was er „organische Verdrängung“ nennt, (...) „die den Weg zur Kultur gebahnt hat“, - etwas versteckt in eine Anmerkung:

 

"Es wäre auch unverständlich, dass der Mensch den Namen seines treuesten Freundes in der Tierwelt als Schimpfwort verwendet, wenn der Hund nicht durch zwei Eigenschaften die Verachtung des Menschen auf sich zöge, dass er ein Geruchtstier ist, das sich vor Exkrementen nicht scheut, und dass er sich seiner sexuellen Funktionen nicht schämt." ('Unbehagen', IV, Anmerkung)

 

In einer weiteren Anmerkung zum selben Kapitel kommen wir gleich zum zweiten vitalen Antrieb allen Lebens: An der Tatsache des "Inter urinas et faeces nascimur" (wir werden zwischen Urin und Faeces geboren) nehmen fast alle Neurotiker und viele außer ihnen Anstoß.

 

Die spezifische menschliche Sexualität war wohl derjenige Moment organischer Entwicklung, in dem der Mensch "zum Menschen wurde". Im Umgang mit ihr wurde er zum Kulturwesen. Dazu bedurfte es der sozialen Bindungen, aus denen Familie entsteht. Diese sind aber nur möglich unter Einhalten von Verboten, die ein sich Versagen von Formen der Triebbefriedigung beinhalten, bzw. ein Hemmen des Sexualtriebes, wobei es Freud darum geht, was dabei im Menschen bzw. beim Menschen geschieht. Voraussetzung für das Verständnis ist, dass Triebe dort nicht weniger werden oder gar verschwinden, wo sie nicht ausgelebt werden, also Befriedigung finden, sondern an Kraft eher zunehmen:

 

"Man darf sagen, die Aufgabe der Bewältigung einer so mächtigen Regung wie des Sexualtriebes anders als auf dem Wege der Befriedigung ist eine, die alle Kräfte eines Menschen in Anspruch nehmen kann. Die Bewältigung durch Sublimierung, durch Ablenkung der sexuellen Triebkräfte vom sexuellen Ziele weg auf höhere kulturelle Ziele gelingt einer Minderzahl, und wohl auch dieser nur zeitweilig, am wenigsten leicht in der Lebenszeit feuriger Jugendkraft.

(...) Denn der psychische Wert der Sexualbefriedigung erhöht sich mit ihrer Versagung

(...) Das sexuelle Verhalten eines Menschen ist oft vorbildlich für seine ganze sonstige Reaktionsweise in der Welt." ('Die „kulturelle“ Sexualmoral und die moderne Nervosität')

 

Während der altsteinzeitliche Jäger und Sammler möglicherweise keine Bedenken hatte, sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu ernähren und soweit im Tierreich verbleiben konnte, steht ihm im sexuellen Bereich kein bedenkenloses Triebleben mehr zu.

 

Dazu kommt, dass Menschen gegenseitig offensichtlich eine höhere Neigung zu aggressivem Verhalten bis in die Zerstörung des anderen entwickelten, als sie ohnehin ansonsten im Tierreich vorhanden ist. Das mag mit der gehemmten Triebabfuhr zusammenhängen, mag aber in vorzivilisatorischen Kulturen auch mit dem Bedarf an größeren Lebensräumen bei zunehmenden Populationen zusammenhängen. Diese gesteigerte Aggression durch die Kulturbildung wird in ihr kanalisiert, d.h. kulturell ausgerichtet.

 

In Zivilisationen mit ihren höheren Bevölkerungszahlen ist die Gewalt verrechtlicht und wird zum Monopol des Staates. Kriegerische Gewalt wird nun nicht mehr kulturell vermittelt, sondern von den Mächtigen im Staat angeordnet und in ihrem Interesse durchgeführt.

 

Zurück zu den Kulturen:

 

"Diese Ersetzung der Macht des einzelnen durch die der Gemeinschaft ist der entscheidende kulturelle Schritt. Ihr Wesen besteht darin, dass sich die Mitglieder der Gemeinschaft in ihren Befriedigungsmöglichkeiten beschränken, während der einzelne keine solche Schranke kannte." ('Unbehagen' III)

 

Als Erben eines abendländischen Bewusstseins können wir formulieren, der Mensch wird vom Naturwesen zum Kulturwesen, oder besser, er entwickelt die Kultur in der Natur. Dabei verwandelt er Unmittelbarkeit in kulturelle Vermitteltheit, solche, die nur solange erfolgreich ist, wie Erfahrung sie nicht bricht und nur solange, wie sie tagtäglich eingeübt wird.

 

Der Geschlechtstrieb ist genauso aggressiv wie der nach Nahrungsaufnahme trachtende, er wird genauso aggressiv empfunden und geht genauso aggressiv vor. Das gilt bis hin zum aggressiven Eindringen des erregten Mannes in die zu befruchtende Frau. Unter Menschenaffen gibt es eine ganze Palette offen aggressiven Verhaltens von Männchen gegenüber Weibchen. Die Erotisierung des Sexuellen verändert das Verhalten und die Vorstellungen, nicht aber den Trieb selbst.

 

Im Moment der Bindung des Mannes an die Frau als Mutter seiner Kinder muss das aggressive Moment des Geschlechtstriebes in ein konstruktiv-produktives umgeformt werden. Es ist davon auszugehen, dass die fehlende notwendige Übereinstimmung der Aspekte von Lust und Fortpflanzung in der Sexualität, die, wie Freud sagt, den ganzen Körper zur "erogenen Zone" machen können, und die sexuelle Interaktion damit ein Stück weit von dem Fortpflanzungsziel trennen, dabei helfen, den Sexus erotisch zu transformieren, so dass die konstruktiv-produktiven die aggressiven Anteile übertreffen.

 

Da die ausbleibende Befriedigung von Hunger und Durst zum Tod führt, wird sie als erste Notwendigkeit erlebt und der Geschlechtstrieb gilt als sekundär. Zudem bewirkt der Umgang mit ihm beim Menschen Vorgänge, die aus der Verhaltensveränderung Veränderungen in ihm bewirken, die wiederum auf sein Verhalten einwirken. Das alles auf einer Stufe der Entwicklung des Nahrungserwerbs.

 

Kultur ist so ein Vorgang der Bezähmung der eigenen Triebhaftigkeit, einer der Domestikation. Triebhaftigkeit und Aggression gehören dabei zusammen als zwei Betrachtungsweisen einer Sache.

 

"Welcher Mittel bedient sich die Kultur, um die ihr entgegenstehende Aggression zu hemmen, unschädlich zu machen, vielleicht auszuschalten? ... Wir können (das) an der Entwicklungsgeschichte des einzelnen studieren. Was geht mit ihm vor, um seine Aggressionslust unschädlich zu machen? Etwas sehr Merkwürdiges, das wir nicht erraten hätten und das doch so naheliegt. Die Aggression wird introjiziert, verinnerlicht, eigentlich aber dorthin zurückgeschickt, woher sie gekommen ist, also gegen das eigene Ich gewendet. Dort wird sie von einem Anteil des Ichs übernommen, das sich als Über-Ich dem übrigen entgegenstellt und nun als „Gewissen“ gegen das Ich dieselbe strenge Aggressionsbereitschaft ausübt, die das Ich gerne an anderen, fremden Individuen befriedigt hätte. Die Spannung zwischen dem gestrengen Über-Ich und dem ihm unterworfenen Ich heißen wir Schuldbewusstsein; sie äußert sich als Strafbedürfnis. Die Kultur bewältigt also die gefährliche Aggressionslust des Individuums, indem sie es schwächt, entwaffnet und durch eine Instanz in seinem Inneren, wie durch eine Besatzung in der eroberten Stadt, überwachen lässt." ('Unbehagen' VII)

 

Ich möchte lieber schreiben, dass Kultur die innere Kolonisierung des Menschen durch den Menschen zur Schaffung überschaubarer menschlicher Gemeinschaften ist, so wie Zivilisierung den Menschen zunächst zusätzlich einer äußer(lich)en Form von Staatsgewalt unterwirft. Womit wir bei zwei Wörtern angelangt sind, die es in sich haben. (Vgl. Natur und Kultur in ...

 

Freud schreibt auch da von Kultur, wo Franzosen eher von civilisation reden würden, wobei er den technischen Fortschritt, die Künste und die Ausformung von Machtverhältnissen alle einbezieht. Tatsächlich beginnt bei ihm Kultur mit der Menschwerdung des Menschen, seiner Sonderentwicklung im Tierreich.

 

Eine Möglichkeit dahin nennt Freud Verdrängung des Triebes oder eher eines Teiles, Abdrängung in Form einer Umwandlung: "Wenn eine Triebstrebung der Verdrängung unterliegt, so werden ihre libidinösen Anteile in Symptome, ihre aggressiven Anteile in Schuldgefühl umgesetzt." ('Unbehagen', VIII)

 

Unübersehbar sind das weithin unbewusste, wenn auch nachvollziehbare Vorgänge, in denen Menschen mehr oder weniger neurotisch werden, wie Freud das nennt. Wesentlich bewusster und raffinierter ist die Verfeinerung des Triebhaften in seiner Verwandlung. In diesem Vorgang bringt Freud die Künste unter. Die Triebsublimierung ist ein besonders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung... ('Unbehagen' III)

 

"Über alle diese Vorgänge wacht das Über-Ich als Gewissen und Zensor, in dem Forderungen, die von außen gestellt werden, als eigene wahrgenommen werden. Wir haben es also mit der Internalisierung jener Anforderungen zu tun, die Menschen ein gemeinschaftliches Leben ermöglichen: Man darf ... annehmen, dass aller innere Zwang, der sich in der Entwicklung des Menschen geltend macht, ursprünglich, d.h. in der Menschheitsgeschichte, nur äußerer Zwang war." ('Zeitgemäßes über Krieg und Tod', I)

 

Die produktiven Ziele der Kultur müssen mit den zerstörerischen Komponenten der Aggression umgehen, was Freud als Erziehungsprozess bezeichnet. Unter dem Eindruck der Bezähmung des Aggressiven findet auch eine Erotisierung von Aspekten des Sexuellen statt: "Man lernt das Geliebtwerden als einen Vorteil schätzen, wegen dessen man auf andere Vorteile verzichten darf." Und: "Durch die Zumischung der erotischen Komponenten werden die eigensüchtigen Triebe in soziale umgewandelt." Etwas später: "Die Kultureinflüsse leiten dazu an, dass immer mehr von den eigensüchtigen Strebungen durch erotische Zusätze in altruistische, soziale verwandelt werden." ('Zeitgemäßes', I)

 

Wenn man genau hinschaut (und man möge mich korrigieren), dann entwickelt sich der Mensch einmal in der Entwicklung von Bewusstsein - das sich in Sprache darstellt - einem formulierenden (Welt schaffenden) Ich, welches nur ermöglicht wird, indem es große Teile des im Hirn verankerten Eigenen ins Unbewusste, Freuds ES, abtrennt, um Kultur zu ermöglichen, und gleichzeitig in einer von Freud ÜBER-ICH genannten regierenden Instanz, die die verinnerlichten, ursprünglich äußerlichen Anforderungen der Kultur als quasi eigene speichert, damit Gemeinschaft entsteht als alltägliche Routine, über die nicht ständig neu entschieden werden muss.

 

Im unmittelbaren Zusammenhang dazu steht der zweite, sozusagen gleichzeitige Weg, in dem die Bezähmung aggressiver Impulse soziale Einstellungen und Haltungen hervorbringt, wobei der Geschlechtstrieb oder Aspekte von ihm erotisiert werden.

 

"Eros und Ananke sind ... die Eltern der menschlichen Kultur geworden. Der erste Kulturerfolg war, dass nun auch eine größere Anzahl von Menschen in Gemeinschaft bleiben konnten.(...) Diese Personen machen sich von der Zustimmung des Objekts unabhängig, indem sie den Hauptwert vom Geliebtwerden auf das eigene Lieben verschieben, sie schützen sich gegen dessen Verlust, indem sie ihre Liebe nicht auf einzelne Objekte, sondern in gleichem Maße auf alle Menschen richten, und sie vermeiden die Schwankungen der genitalen Liebe dadurch, dass sie von deren Sexualziel ablenken, den Trieb in eine zielgehemmte Regung verwandeln." ('Unbehagen' IV)

 

Dies klingt fast so erfreulich oder zumindest beruhigend wie der in den Schulklassen und von der Politik gepredigte Fortschrittsglaube. Aber der Schein trügt und der Vorgang ist in Schmerzhaftes und Bedrohliches eingebettet. Noch einmal:

"Wenn eine Triebstrebung der Verdrängung unterliegt, so werden ihre libidinösen Anteile in Symptome, ihre aggressiven Anteile in Schuldgefühl umgesetzt." ('Unbehagen', VIII)

 

Ausgehend davon, dass das Über-Ich Auslöser von Schuldgefühlen ist, die auf der Verdrängung und Umformung aggressiver Triebregungen beruhen, kommt es zur Verdopplung des triebhaften Strebens in ein bewusstes partielles oder vollständiges Nein bei gleichzeitigem Weiterbestehen des ins Unbewusste abgedrängten Triebanteils. Freud spricht dabei von Ambivalenz, die als Ambivalenz im Gefühlsleben erlebbar ist. Je stärker die Gefühle, desto stärker auch ihr ins Unbewusste verdrängter Konterpart. Nirgendwo wird das so deutlich, wie wenn Liebe in Hass umschlägt, oder, wäre hinzuzufügen, wenn aggressive Wut in sexuelles Begehren umschlägt und umgekehrt. Die Erotisierung des Sexus gibt ihm eine sadomasochistische Qualität, deren eklatanten Ausbruch allerdings erst die Zivilisationen markiert.

 

"...das Schuldgefühl ist der Ausdruck des Ambivalenzkonflikts, des ewigen Kampfes zwischen dem Eros und dem Destruktions – oder Todestrieb. Dieser Konflikt wird angefacht, sobald den Menschen die Aufgabe des Zusammenlebens gestellt wird." ('Unbehagen', VII) Und wenige Zeilen später: "Ist die Kultur der notwendige Entwicklungsgang von der Familie zur Menschheit, so ist unablösbar mit ihr verbunden, als Folge des mitgeborenen Ambivalenzkonflikts, als Folge des ewigen Haderns zwischen Liebe und Todesstreben, die Steigerung des Schuldgefühls vielleicht bis zu Höhen, die der einzelne schwer erträglich findet."

 

Im Schuldgefühl findet sich der Ursprung der „Religionen“, besser, des kultischen Umgangs mit der Natur, was Freud indirekt andeutet: "Die Religionen wenigstens haben die Rolle des Schuldgefühls in der Kultur nie verkannt." ('Unbehagen', VIII)

 

Hier wird es notwendig werden, die Kulte von den Religionen abzusetzen, für das Abendland insbesondere von Judentum, Christentum und Islam. Es ist nicht sinnvoll, in Europa von Religion zu sprechen vor Durchsetzung eines Christentums, für das überhaupt erst der Begriff „Religion“ entwickelt wurde.

 

Nietzsches 'Jenseits von Gut und Böse' entwickelte vor Freud in einer Art tastender Selbstanalyse, dass die abendländische christlich geprägte "Moral" ein böses Instrument im Spiel von Macht und Ohnmacht ist, und entdeckte im Ressentiment wie in der Heuchelei Auswüchse dieser Moral. Der Arzt Freud verbindet Selbstanalyse mit der des unmittelbaren Gegenübers und entwickelt dabei eine analytisch-therapeutische Distanz, die ihn athletischer Anspruchs- und Anforderungsthesen enthebt. Er schreibt am Eingang zu obigem Kapitel des 'Unbehagens' entgegen aller Konstruktionen von Religion und philosophierender Ethik:

 

"Ein ursprüngliches, sozusagen natürliches Unterscheidungsvermögen für Gut und Böse darf man ablehnen. Das Böse ist oft gar nicht das dem Ich Schädliche oder Gefährliche, im Gegenteil auch etwas, was ihm erwünscht ist, ihm Vergnügen bereitet. ('Unbehagen' VII) Und an anderer Stelle heißt es bei ihm zur Erklärung: Die Untersuchung zeigt ... dass das tiefste Wesen des Menschen in Triebregungen besteht, die elementarer Natur, bei allen Menschen gleichartig sind und auf die Befriedigung gewisser ursprünglicher Bedürfnisse zielen. Diese Triebregungen sind an sich weder gut noch böse." ('Zeitgemäßes über Krieg und Tod', I)

 

Polemisch formuliert und in ein Bonmot verwandelt ist das Böse jenes Gute, welches im Prozess der Menschwerdung den Verboten der Kultur zum Opfer fällt. "Es war ihm vor allem versagt, sich der außerordentlichen Vorteile zu bedienen, die der Gebrauch von Lüge und Betrug im Wettkampfe mit den Nebenmenschen schafft." ('Zeitgemäßes über Krieg und Tod', I).

 

Lüge und Betrug gegenüber dem anderen entspricht die Illusion von einem selbst. "Illusionen empfehlen sich uns dadurch, dass sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen genießen lassen. Wir müssen es dann ohne Klage hinnehmen, dass sie irgend einmal mit einem Stück der Wirklichkeit zusammenstoßen, an dem sie zerschellen." ('Zeitgemäßes', I) Mit der Illusion betrügen wir uns um die eigene Beunruhigung.

 

Die Menschwerdung als kultureller Prozess wird bei Freud im Umgang mit der sozial bedingten Hemmung seiner Triebe beschrieben. Er setzt dabei den Vorgang des Heranwachsens des Einzelnen mit dem Hineinwachsen der Menschheit in die Kultur analog, wenn nicht gar gleich:

 

"Diese primitiven Regungen (Aggression und Geschlechtstrieb) legen einen langen Entwicklungsweg zurück, bis sie zur Betätigung beim Erwachsenen zugelassen werden. Sie werden gehemmt, auf andere Ziele und Gebiete gelenkt, gehen Verschmelzungen miteinander ein, wechseln ihre Objekte, wenden sich zum Teil gegen die eigene Person. Reaktionsbildungen gegen gewisse Triebe täuschen die inhaltliche Verwandlung derselben vor, als ob aus Egoismus - Altruismus, aus Grausamkeit - Mitleid geworden wäre. Diesen Reaktionsbildungen kommt zugute, dass manche Triebregungen fast von Anfang an in Gegensatzpaaren auftreten, ein sehr merkwürdiges ... Verhältnis, das man die "Gefühlsambivalenz" benannt hat. Am leichtesten zu beobachten und vom Verständnis zu bewältigen ist die Tatsache, dass starkes Lieben und starkes Hassen so häufig miteinander bei derselben Person vereint vorkommen. Die Psychoanalyse fügt dem zu, dass die beiden entgegengesetzten Gefühlsregungen nicht selten auch die nämliche Person zum Objekt nehmen." ('Zeitgemäßes',I)

 

Was am individuellen Menschen betrachtet wird, geschieht in der Interaktion zwischen Individuen. Kulturbildung ist Gemeinschaftsbildung. Die Entstehung von Kultur ist die Entstehung der Familie. Darüber hinaus kann die Archäologie und die Ethnologie für steinzeitliche Kulturen die Ausbildung von kleinen Gruppen aus mehreren Familien vermutbar machen, die Gemeinschaft bilden in einer gemeinsamen Lebensweise.

 

"Der Vorteil eines kleineren Kulturkreises, dass er dem Trieb einen Ausweg an der Befeindung der Außenstehenden gestattet, ist nicht geringzuschätzen. Es ist immer möglich, eine größere Menge von Menschen in Liebe aneinander zu binden, wenn nur andere für die Äußerung der Aggression übrigbleiben. ... Nachdem der Apostel Paulus die allgemeine Menschenliebe zum Fundament seiner christlichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste Intoleranz des Christentums gegen die draußen Verbliebenen eine unvermeidliche Folge geworden..." ('Unbehagen', V)

 

Hier taucht eine Schwierigkeit auf, an deren Rand sich Freud nur selten begibt: Der archäologisch erschließbare "Kulturkreis", in dem dem Anschein nach eine gemeinsame "Kultur" vorliegt, kann große Regionen umfassen. während Kultur als primär Gemeinschaft hervorbringender Prozess nur kleine, für jeden einzelnen überschaubare Gemeinschaften hervorbringt, hervorbringen soll.

 

Dabei setzt ein über wirkliche Gemeinschaft hinausgehendes Bewusstsein von Gemeinsamkeit ein, welches tatsächlich nicht mehr auf Gemeinschaft, wesentlich eine Erfahrung, sondern auf einer Vorstellung von Ähnlichkeit beruht. In der abendländischen Völkerwanderungszeit lässt sich vage erschließen, wie wirkliche, überschaubare Gemeinschaften sich über kulturelle Ähnlichkeiten soweit in ihrer Vorstellung miteinander verbinden, dass man später von Stämmen reden kann, ideellen Abstammungsgemeinschaften, die auf dem gemeinsamen Kult und dann auch dem gemeinsamen Mythos beruhen.

 

Die ideale Voraussetzung für diesen Vorgang ist der Krieg, das heißt die Erfindung des gemeinsamen Feindes, das noch heute weithin funktionierende Instrument zur Beseitigung wirklicher Gemeinschaft durch vorgestellte Gemeinsamkeit und zudem der Vater aller zivilisatorischen Anstrengungen und damit des Staates.

 

Warum steht meine Auswahl von Freuds psychoanalytischen Ansichten zur Kultur im Kapitel über Körperlichkeit? Die Antwort liegt auf der Hand: Körperlichkeit benennt in diesem Wortgebrauch die kulturelle Ausformung des beseelten Körpers.

 

Warum nun setze ich diese Freudschen Ansichten hintenan? Die Antwort ist genauso offensichtlich: Freud begründet meine eigenen Ansichten nicht, seine Texte liegen ihnen auch nicht zugrunde, aber ich könnte dasselbe nicht in dieser Klarheit, Präzision und Konsistenz formulieren. Und das liegt daran, dass seine Ansichten zwar meine nicht begründen, sie aber in nicht geringem Maße beeinflusst haben. Und das ist etwas anderes...