ZEIT DER KAROLINGER (in Arbeit)

Karolinger

Grundherrschaft

Städte (Norden / Italien / Venedig / Rom)

Kirche

Kloster

 

 

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Karl Martell schützt 732 mit Tours die fränkischen, für die Herrschaft mit symbolischer Bedeutung versehenen Zentral-Reliquien des heiligen Martin vor der Inbesitznahme durch Berberfürsten, stellt die Kontrolle Chlodwigs über Aquitanien wieder her und sieht sich dann in der Provence (Arles, Avignon und dann Narbonne) burgundisch-maurischen Bündnissen gegenüber, die er aber besiegen kann. Für den kriegerischen fränkischen Gefolgschaftsführer gibt es vermutlich aber keine über seine unmittelbaren Machtinteressen hinausgehenden Visionen, wie sie erst viel später aufkommen.

 

Nachdem Karl Martell 732 den muslimischen Vormarsch ins Zentrum Europas gebremst hat, gelingt es dem fränkischen König Pippin, Septimanien einzunehmen und damit die islamische Herrschaft östlich der Pyrenäen ganz zu beenden. Den Leuten dort muss er aber ihr altes visigotisches Recht zugestehen. Karl d.Gr. scheitert dann mit seinem Feldzug über die Pyrenäen nach Zaragoza, dessen muslimischer Herrscher ihn zwar zur Hilfe gerufen hatte, aber der dann nicht durchsetzen kann, dass er in die Stadt gelassen wird. Dafür  verbündet sich nun bald die einst christlich-visigotische Familie der Banu Quasi (des Casius) im oberen Ebrogebiet mit den Franken.

 

Erfolgreicher sind Franken dann 785 bei der Einnahme von Gerona im später so genannten Katalonien, wo die Einwohner sie herbeigerufen hatten, wie auch die von Urgell und Cerdanya am Pyrenäenrand. Um 800 kann ein fränkisches Heer Barcelona einnehmen und einem Grafen Bera unterstellen, der fränkische und visigotische Vorfahren hat. Damit entsteht die spanische Mark des fränkischen Reiches, die ihre erste große Krise durchlebt, als sich Graf Bera auf Bündnisse mit muselmanischen Nachbarn einlässt, darauf abgesetzt wird und nach Aachen in die Verbannung gerät. Seine Nachfolger werden dann zunächst alles Franken sein.

Die Integration ins fränkische Reich bedeutet auch die in die römische Kirche mit ihren Vorstellungen, ihren Riten und ihrer Liturgie und dem Erzbistum Narbonne als Oberaufsicht. Zudem entstehen hier früher als anderswo an Westfranzien orientierte klösterliche Gemeinschaften. Sie bedeutet zudem erst Integration in die Grafschaftsverfassung und dann auch in die fränkischen Frühformen von Lehnsrecht und Vasallität. Früher als in den anderen christlichen Regionen Spaniens beginnt hier auch ein Städtewesen und die Integration in den Handel über die Mittelmeerhäfen.

 

 

Karolinger: Scheiterndes Großreich (derzeit in Arbeit)

 

Inzwischen gibt es mit den Franken und den Visigoten Spaniens zwei relativ mächtige Nachfolge-Reiche Westroms, während die Langobarden in Italien und die Angelsachsen in England keine zentrale Reichsbildung schaffen. Spanien wird bald (711) weitgehend von einer von Arabern geführten islamischen Armee überrollt werden, während in Küstenregionen Italiens Byzanz sich hält, welches aber bereits seine asiatischen und afrikanischen Großregionen an die Kalifen verloren hat. 

 

Unter den Großen im Frankenreich kristallieren sich im 7. Jahrhundert in Austrien (im Ostreich) vor allem zwei Familien heraus, die sich auf einen Arnulf, Bischof von Metz und dann "heiliger" Einsiedler, und auf einen Pippin ("den Älteren") berufen und sich schließlich durch Heirat miteinander vereinen. Beide Familien verfügen über große Ländereien und großen kriegerischen Anhang, müssen sich aber gegen andere Große und Hausmeier vor allem des Westens, von Neustrien also, der späteren Kern-Francia, durchsetzen.

 

687 siegt ein Pippin ("der Mittlere") über den nominellen König aller drei Reiche und seinen Hausmeier in der Schlacht von Tertry. Damit wird er de facto, wenn auch nicht nominell Herrscher des Gesamtreiches.

Anders als zuvor die Merowingerkönige, die nun zunehmend ein Schattendasein auf ihrem Hof führen, setzen Vertreter dieser Familie Alleinherrschaft gegen Erbteilung durch, indem sie die Mitkonkurrenten besiegen und umbringen. Auf diese Weise ist Pippins Sohn Karl erfolgreich, der später wegen seiner militärischen Siege und seines Machtstrebens "der Hammer" (Martell) genannt wird. Er instrumentalisiert dafür eine unter seiner Kontrolle stehende wehrhafte Bischofskirche und verschafft sich militärische Schlagkraft durch Förderung der großen Grundbesitz und Ämter häufenden aristokratischen Oberschicht.

 

Wie unter seinen Vorgängern führt er immer wieder neu Unterwerfung germanischer Völker unter fränkische Oberhoheit vermittels Zügen seiner Vasallenarmee nach Osten und Nordosten durch, wobei er fränkischen Einfluss mit Heidenmission verbindet. Im Südwesten geht es gegen die sich immer wieder verselbständigenden aquitanischen Großen und dann auch gegen die ins Herz des Frankenreiches vorstoßenden arabisch geleiteten Truppen, die zwischen 732 und 737 wieder über die Pyrenäen zurückgedrängt werden.

 

Der Papst bittet Karl um Hilfe gegen den Langobarden, welche Rom bedrohen, da er meint, nicht mehr auf die Hilfe von Byzanz setzen zu können. Diese Langobarden sind mit den Franken verbündet, aber es geht auch ohne fränkische Hilfe: Sie ziehen wieder ab von Rom.

 

Karl ("Martell") stirbt 741 und sein Reich wird unter drei Söhnen geteilt. Pippin gelingt es, den einen umbringen zu lassen und den anderen 747 ins Kloster abzudrängen. Daneben geht er gegen Alemannen und Bayern vor allem militärisch vor.

Seit Karl Martell konzentrieren sich die Karolinger auf unentwegte kriegerische Eroberungen und folgen darin ihren merowingischen Vorläufern. Selten ein Jahr ohne großen Heereszug in zu eroberndes Gebiet. Zunehmend werden die Eroberungskriege als Aktionen zur Missionierung von Heiden hochstilisiert. Christianisierung bedeutet dabei allerdings Kolonisierung und Zerstörung von inzwischen anzivilisierten Kulturen.

 

Pippin ("der Kleine") ist wohl größter Grundbesitzer im Reich und wohl auch der reichste und mächtigste. Entsprechend lässt er sich 751 im Einvernehmen mit dem Papst von den fränkischen Großen zum König erheben, nachdem man den letzten Merowinger abgesetzt hat. Voraussetzung für ein Königtum Pippins ist die Tatsache, dass das byzantinische Reich, welches in Teilen Italiens, darunter auch Rom, noch offiziell neben den Langobarden herrscht, den römischen Bischof nicht mehr gegenüber langobardischen Angriffen schützen kann, da es selbst von mehreren Seiten militärisch in die Zange genommen wird. Die Langobarden besetzen nun sogar Ravenna. Der Papst sucht eine neue Schutzmacht und findet sie in Pippin.

Stephan II. ruft ihn nur wenige Jahre später zur Hilfe, wird 754 von einer fränkischen Delegation in die Francia geleitet und von Pippin mit dem von Langobarden besetzten Teil des Dukats von Rom und dem von Ravenna beschenkt.

Germanisches Königsheil, welches sich vor allem im Krieg erweist, wird nun durch die Vorstellung eines von Gott eingesetzten und vom Papst geweihten Königtums überbaut. Pippin fällt darauf mitsamt seinen fränkischen Kriegern im Langobardenreich ein, bezwingt dessen König und eignet sich ein Drittel von dessen Schatz an. Dem Papsttum wiederum fallen erste von Franken eroberte Territorien zu, Grundlegung eines späteren Kirchenstaates.

 

Pippin selbst wendet sich für den Rest seiner Herrschaft vor allem der Eroberung Aquitaniens zu, die aber erst von Sohn Karl vollendet werden wird. Beim Tod des Vaters 768 beginnt ein Konkurrenzkampf zwischen den Brüdern Karl und Karlmann im aufgeteilten Reich, der mit dem Tod des letzteren 771 beendet wird.

 

Karl ("der Große") beginnt einen ersten von zahlreichen Kriegen gegen die Sachsen, begleitet von massiven Zerstörungen. 773 stehen die Langobarden wieder einmal vor Rom und Karl zieht mit Heeresmacht gegen sie, unterwirft sie und nimmt den Titel eines langobardischen Königs an. Nebenbei verschwindet nun auch die Familie Karlmanns. Es kommt zu einer ersten Begegnung mit dem Papst in Rom.

 

Die nur wenig anzivilisierten Sachsen werden sich rund dreißig Jahre gegen immer neue und immer brutalere Kriegszüge Karls wehren, die die Vernichtung sächsischer Lebensformen und Vorstellungswelt zum Ziel haben. Dabei steigert sich mit dem Widerstandswillen der einen die mörderische Gewalt und der möderische Zerstörungswille der Eroberer. Die von der Historie als "Große" titulierten Herrscher sind ganz offensichtlich weiterhin eher als terroristische Massenmörder zu bezeichnen.

 

Am Ende wird Sachsen in Bistümer und Grafschaften aufgeteilt und ins Reich Karls integriert. Diese Integration läuft wesentlich von oben nach unten und bezieht zuerst eine kollaborierende Oberschicht ein.

Mit der Eroberung von Girona (785) und Barcelona (801) wird eine spanische Mark gegründet, während es weder gelingt, die Basken ganz noch die Bretonen überhaupt ins Reich zu integrieren.

 

781 ist Karl in Rom und lässt die kleinen Söhne Pippin und Ludwig zu Königen von Langobardien und Aquitanien krönen und salben. Der Versuch, fünf Jahre später über Benevent Macht in Süditalien auszuüben, scheitert letztlich. Dabei gerät er aber in die Nähe zum byzantinischen Italien, während in Byzanz selbst wieder einmal der Bilderstreit tobt.

 

Inzwischen hat sich Bayern unter den Agilolfingern zu einem Stammesverband neuen Typs mit dem Zentrum Regensburg entwickelt, welcher mit seinen Herzögen im 8. Jahrhundert eng mit fränkischer Geschichte verbunden ist. Karl findet einen Vorwand, um gegen Tassilo in Bayern einzumarschieren und ihn zu unterwerfen. Ein Jahr später wird er von Karl samt seiner ganzen Familie ins Kloster gesperrt. Bayern wird in Grafschaften eingeteilt und fränkisch kontrolliert. Mit den Awaren gibt es nun neue Nachbarn, die auch militärisch unterjocht und ausgeplündert werden und nach Osten abziehen.

 

Inzwischen haben sich slawische Völkerschaften nach Norden ausgebreitet und an einigen Stellen die Elbe überschritten, wo Karl sie militärisch ausbremst und auf der Ostseite des Flusses erste Befestigungen anlegt.

 

Der Krieg ist die regelmäßige Sommerbeschäftigung des Königs und der wohlhabenderen Freien zu Pferde sowie der übrigen Freien als Infanterie. Schwerter, Lanzen, Äxte und Pfeil und Bogen dienen der Metzelei und dem Töten. Dabei nimmt der Anteil freier Bauern im Heer immer mehr ab und der teilweise mit Benefizien versehenen Vasallen (immer mehr zu Pferde) zu. Teilnehmer erwarten von ihrem Kriegsdienst nicht zuletzt auch Beute.

 

Basis der Machtausübung Karls sind die riesigen Ländereien aus karolingischer und merowingischer Herkunft, in riesige Domänen und darunter villae aufgeteilt, die weithin autark sind, was Ernährung und Handwerk angeht. Dazu kommt Kriegsbeute, kommen Tribute Unterworfener.

Da eine Pfalz den König und seinen großen Troß auch jetzt nur kurzzeitig ernähren kann und außerdem königliche Präsenz in den Reichsteilen vonnöten ist, ist sein Hof mit kurzen Pausen stetig unterwegs. Mit seinem "Hofstaat" zieht seine Kapelle, denn der siegverheißende Gott ist zunehmend auch ein zivilisierender, also der, mit dessen Propagierung sich Herrschaft immer weiter ausdehnen kann. Aus der Kapelle lassen sich schriftbegabte Leute für hohe Ämter bei Hofe ziehen, überhaupt erweitert sich höfisches Leben mit dem Reich.

 

Nach und nach wird die mit Bädern gesegnete Pfalz in Aachen zum veritablen Palast ausgebaut, wobei Vorbilder und Bauteile aus der italienischen Antike (Ravenna) dienstbar gemacht werden. Handwerker und Händler siedeln sich an, ein größerer Markt entsteht.

 

Die "Verwaltung" des Riesenreiches geschieht über Delegation. An die Söhne geht neben Italien und Aquitanien auch ein Dukat Le Mans. Darunter sind Grafen für die Gerichtsbarkeit und das Heeresaufgebot zuständig. Es entsteht eine Art Reichsaristokratie. Wiederum darunter sind größere Vornehme angesiedelt, dabei wehrhafte Bischöfe in den Städten. Wiederum darunter nimmt der Anteil freier Bauern weiter ab. Neben dieser tendenziell hierarchischen Struktur gibt es eine Kontrollebene, die von hochgestellten Königsboten eingelöst wird.

 

Das Frankenreich besteht weiterhin zu rund 95% aus Bauern, freien wie mehr oder weniger unfreien. Deren Produktivität ist sehr niedrig und nur bei sehr guten Ernten bleibt etwas für den Markt übrig, den eher die großen Domänen und der übrige Großgrundbesitz bedienen können. Entsprechend gering ist der Handel, und einer über weitere Strecken bedient Luxusbedürfnisse weniger Wohlhabender. Gefördert wird er durch den Versuch einer einheitlichen Münze für die vielen königlich kontrollierten Münzstätten.

 

Wichtiges Herrschaftsinstrument ist die Kirche, und Karl als gottgesandter Herrscher sorgt sich eingehend um deren Funktionsfähigkeit. Wie sein Palastbau in Aachen ist das Teil eines umfassenden Romanisierungsprogramms. Dazu gehört die Förderung lateinischer "Bildung" und die Unterstützung von Unterrichtung einer kleinen, im wesentlichen geistlichen Oberschicht, - auf die römische Antike hin orientiert. Dazu holt sich der Herrscher belesene Einzelne an seinen Hof und dafür beaufsichtigt Karl die Kirche und kontrolliert und beeinflusst ihre Glaubensinhalte auf großen Reichssynoden. Solche Romanisierung betrifft aber nur den Hof, wenige Gelehrte und wenige Spitzen von Kirche und Kloster.

 

Kurz vor 800 ist ein Papst Leo durch heftige Opposition in Rom von Karls Schutz abhängig geworden. 800 zieht er nach Rom und wird vom Papst zum Kaiser (imperator) gekrönt. Wichtig daran ist wohl vor allem, dass er die Verhältnisse in Rom in seinem herrschaftlichen Sinne regelt. Neben einem gewissen Prestigegewinn dürfte der Titel für ihn von geringer Bedeutung gewesen sein, weswegen die Titel-Konkurrenten in Byzanz nur beschränkten Protest einlegen.

 

Erneute Nachfolgeregelungen folgen, wie die von 805/06 von Diedenhofen. Pippin soll nun zu Italien große Teile Alemanniens und Bayerns erhalten, Ludwig behält Aquitanien, dazu sollen Septimanien, die Provence und Burgund kommen, Sohn Karl soll die ungeteilte Francia erhalten, ergänzt durch Sachsen und Nordteile Alemanniens und Bayerns. Damit wird mit der traditionellen Merowingerregelung gebrochen, dass bei Erbteilungen jeder Erbe einen Anteil am Kernland der Krone erhält.

Als Karl sein Ende nahen sieht, sind seine Söhne Karl und Pippin bereits gestorben. Anders als es fränkisches Recht vorsieht, will der Kaiser 812 die Interessen von Pippins Sohn Bernhard gewahrt sehen, und übergibt ihm Italien. Ein Jahr später wird Ludwig dann in Aachen zum Mitkaiser erhoben.

 

 

Das Riesenreich soll unter Sohn Ludwig, den man später als den "Frommen" tituliert, und seinen Brüdern als kaiserliches Einheitsreich erhalten bleiben. Im Zusammenhang mit religiösen Reformen werden zunächst enge Gefolgsleute des Vaters vom Hof verwiesen und neue Berater gefunden. Die Abgehalfterten scharen in der Provinz Gefolgsleute um sich.

Zusammen mit Benedikt von Aniane, den er aus seinem aquitanischen Unterkönigtum mitbringt, wird versucht, die Benediktregel in den Klöstern strenger durchzusetzen und Klerikerkollegien an Kirchen einheitlicher zu regulieren. Kathedralkirchen und wichtige Klöster sollen unter Königsschutz und Immunität stärker zu einer einheitlichen Reichskirche als Herrschaftsinstrument zusammenwachsen. Dabei steigt das Selbstbewusstsein vor allem der westfränkischen Bischöfe, die sich manchmal bereits nicht nur wie Berater, sondern auch als "moralische" Aufseher über die Könige verhalten.

 

Zugleich wird die Integration der Sachsen ins Reich vorangetrieben, die ein Jahrhundert später bereits den König stellen werden. Die Aufteilungen des Großreiches unter drei Söhne geben diesen Würden, aber in ihren Augen zu wenig Macht. Als dann noch in einer neuen Ehe des Kaisers mit Judith aus einem Zweig der Welfenfamilie der Sohn Karl (später: "der Kahle") entspringt, dem nun aus dem Erbe der drei Söhne etwas abgezweigt werden soll, kommt es zu immer neuen Kriegen und Neuaufteilungen, in denen Brüder gegeneinander und in unterschiedlichen Koalitionen gegen den Vater kämpfen, der mehrmals abgesetzt und gedemütigt wird. 

 

840 stirbt Ludwig. Ein Jahr später treffen Lothar (Mittelreich) und Pippin II. (Aquitanien) bei Fontenoy in einem grausigen Blutbad auf Karl den Kahlen (Westreich) und Ludwig (Ostreich). Eine Einigung wird nötig, um die nun verhandelt wird. Im Vorfeld treffen Karl und Ludwig in Straßburg zusammen.

Bei den Straßburger Eiden fallen für das sich aufteilende fränkische Reich die Texte in zwei Sprachen aus: in eine romanische und einen althochdeutschen Dialekt.

Pro Deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, d'ist di en avant, in quant Deus savir et podir me dunat, si salvarai eo cist meon fradre Karlo, et in adiudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dist, in o quid il mi altresi fazet, et ab Ludher nul plaid numquam prindrai qui meon vol cist meon fradre Karle in damno sit.

In godes minna ind in thes christanes folches ind unser bedhero gehaltnissi fon thesemo dage frammordes so fram so mir got geuuizci indi mahd furgibit so haldih thesan minan bruodher soso man mit rehtu sinan bruodher scal in thiu thaz er mig so sama duo indi mit ludheren in nohheiniu thing ne gegango the minan uillon imo ce scadhen uuerdhen.

 

Die Kommunikation, vor allem die schriftliche, findet bei den Mächtigen in einem sich leicht verändernden Latein statt. Dieses entwickelt sich in den romanischen Regionen „im Volk“ zu Idiomen, die sich vom Lateinischen lösen. Zwischen Valencia und Venedig entsteht im Mittelmeerraum dabei ein gemeinsamer Raum der Verständigung, der auf der iberischen Halbinsel zu catalán wird, im westfränkischen Raum als langue d'oc bezeichnet, im Unterschied zur langue d'oeil im Norden.

Das ursprüngliche Galizien entwickelt seinen eigenen Dialekt, das Baskische bleibt bestehen, ebenso wie das Bretonisch-Keltische.

 

Im germanischen Raum entstehen in den sich konstituierenden Stammesregionen ebenfalls Dialekte, die sich unter dem Oberbegriff theodisc, Sprache des Volkes, versammeln. Die Dominanz einzelner Idiome über andere auf dem sehr langen Weg zu Nationalsprachen stellt sich später einmal durch wirtschaftliche Macht, zum anderen aber auch durch militärische Gewalt her, und damit auch über politische Vorherrschaft. Sogenannter „kultureller“ Einfluss wird immer davon abhängen.

 

Die Übersetzung in beide Sprachen bei Straßburg macht aber vor allem die Mitsprache der Großen beider Reiche an den Entscheidungen ihrer Könige möglich. Sie üben dann auch Druck aus bei dem langen Weg in eine Übereinkunft von Karl, Lothar und Ludwig 843 in Verdun, die ein westliches, ein mittleres und ein östliches Reich schafft. Grenzen sind einmal der Rhein, und im Westen Maas und Schelde. Burgund wird zerteilt, Italien fällt ans Mittelreich.

 

Von den geringen Herrschaftsinstrumenten des "großen" Karls, die ein großes Reich zusammenhielten, bleibt zunächst nur wenig mehr übrig als die Erinnerung. Strukturell herrscht Vasallität vor, die Großen eines Reiches oder Fürstentums sind Herrschern als Kriegeradel zur Treue in der Gefolgschaft in Krieg und Frieden verpflichtet, wofür sie als Gegenleistung entweder Versorgung oder aber Benefizien, Wohltaten an Land und Leuten erhalten. Vasallen aber schaffen sich Untervasallen, auf die der direkte Zugriff von Herrschern schwindet, und Vasallen und Untervasallen (in Italien Capitane und Valvassoren von bischöflichen Stadtherren) begeben sich bald aus Eigeninteresse in die Vasallität mehrerer Herren. Auf der Basis der Grundherrschaft eines Kriegeradels bildet sich so ein immer komplexeres Netzwerk persönlicher Beziehungen und Bindungen heraus, welches selbst die bescheidenen Ansätze ausgeprägterer Staatlichkeit beim großen Karl ersetzt.

 

Machtvollster Herrscher wird nun wohl Karl der Kahle in Westfrancien, dem es gelingt, sich in Aquitanien durchzusetzen und über Septimanien bis in die spanische Mark ausgreifen. Er stützt sich stark auf seine Vasallen in den Bischofskirchen, wobei unter Hinkmar von Reims dessen Bistum herauszuragen beginnt, und in den Klöstern, wo nicht selten adelige Laienäbte regieren, zu denen auch der König, wie in Saint-Denis, selbst zählt. Seit 852 steigt unter den großen Gefolgsleuten ein Robert auf, bald Graf von Anjou und der Touraine, dann auch von Blois und Orléans, Laienabt unter anderem von Marmoutier und St.Martin, beide in bzw. bei Tours. Ähnlich wie er gelingt es auch einem Grafen Balduin von Flandern für die Normannenabwehr, die immer dringlicher wird, eine Fürstendynastie zu bilden.

 

Im Ostreich erstarkt Ludwig (später etwas verfrüht "der Deutsche" genannt), der breite Adelsopposition im Westreich ausnutzt, um dort einzufallen. Erst die von Erzbischof Hinkmar von Reims aufgebotenen Bischöfe schaffen eine Gegenbewegung, die Ludwig vertreiben kann. 855 stirbt Lothar, und zuvor verteilt er sein Lotharingien von Nord nach Süd in drei Teilen unter seinen Söhnen. Darauf versucht Karl, dieses sich von Süden aus einzuverleiben, worauf ihm Ludwig wiederum entgegentritt. 870 schließlich wird das Mittelreich unter beiden im Vertrag von Meersen aufgeteilt.

 

Über die Provence gelingt es dem kahlen Karl dann noch, in Italien einzudringen und sich 875 mit der Kaiserwürde zu schmücken. Der Preis für seine Großreichspläne sind Zusagen an den Adel, die immer mehr auf eine Erblichkeit ihrer Lehen (und Ämter) hinauslaufen. An der Spitze des Adels übernehmen unter Karls Nachfolgern hochadelige Herren wie Vertreter der Welfen (Hugo Abbas), der Robert-Nachfolger wie Odo oder ein Gauzlin Machtpositionen. 879 lässt sich ein Boso in der Nähe von Vienne zum König der Provence und von Burgund wählen, erster Nichtkarolinger auf einem Thron, gegen den nun Hugo Abbas kämpft.

885 vereint der Ostfranke Karl "der Dicke", seit 881 Kaiser, für kurze Zeit noch einmal beide Frankenreiche. Er macht einen Bernhard zum Markgrafen von Aquitanien, Berengar von Friaul zu einem solchen in Italien und begründet so zwei weitere Fürstendynastien. Der Robertiner Odo wird erst Graf von Paris, bekommt nach Verteidigung der Stadt gegen die Normannen Roberts Erbe an der Loire dazu. 888 wird er König des Westfrankenreiches, ein weiterer Nichtkarolinger auf einem Thron, den Ostkönig Arnulf anerkennt.

 

Die Familie der Karolinger verschwindet mit dem 9. Jahrhundert im Osten, aus dem sich die deutschen Lande unter sächsischen und salisch-fränkischen Herrschern entwickeln werden, und Ende des 10. Jahrhunderts im Westen mit der Machtergreifung der Kapetinger. Der Osten zerfällt dabei in neuartige Stammesherzogtümer und der Westen in regionale Fürstentümern, über die die kapetingischen Könige dann zunächst bestenfalls wie ein primus inter pares verfügen. In Nord- und Mittelitalien steigen die Städte langsam mit ihrem Hinterland zu neuen Formen von Staatlichkeit auf.

 

Mit den Ostgoten, die Byzanz vernichtet, den Westgoten, die von einem nordafrikanischen Heer vernichtet und in den Norden der iberischen Halbinsel abgedrängt werden, den Karolingern, die mangels Nachwuchs nach einer Zeit des Niedergangs verschwinden, und dem von Normannen abgelösten angelsächsischen Königtum verschwinden die sich aus den Völkerwanderungen herleitenden Reiche. Im ostfränkischen Reich, in dem die „Franken“ nun räumlich und bevölkerungsmäßig eine kleine, sich neu definierende Minderheit sind, stellt sich bei den weltlichen und geistlichen Großen der inzwischen herausgebildeten Stämme neuen Typs, den eroberten Völkerschaften des alten Frankenreiches zusammen mit den ebenfalls theodisc sprechenden Ostfranken, ein nicht näher erklärtes Gemeinschaftsgefühl heraus, welches dazu führt, dass sie sich nach dem Aussterben ihres Karolinger-Zweiges nicht an die westfränkischen (weithin romanisierten) Karolinger um eine Herrschaftsübernahme wenden, sondern sich auf einen der Ihren einigen, den fränkischen Herzog Konrad aus einer anderen mächtigen Familie.

Da die Quellen nicht überzeugend hergeben, warum sie das tun, sind wir auf Vermutungen angewiesen. Die von mir bevorzugte ist, dass einer der Ihren die inzwischen entwickelten Stammesstrukturen am ehesten respektieren und keine starke Königsherrschaft aufkommen lassen würde. Mit der Entscheidung für Konrad stellen sich die Lothringer, kein sich ethnisch begründendes Stammesgebiet wie Alemannien, Bayern oder Sachsen, unter die Oberhoheit des westfränkischen Karolingers Karl („der Einfältige“). Lothringen ist einer der Reste des 843 geschaffenen Mittelreiches, welches nach seinem ersten König als Lotharingien bezeichnet wurde, und welches romanische und germanische Volksgruppen umfass (es reichte ursprünglich von Rom über die Provence bis nach Flandern).

 

Stämme als sich ethnisch definierende Zusammenhänge hatten sich im Osten im Kontakt mit den erobernden Frankenherrschern als regna in Fortsetzung alter Königreiche verfestigt. Die Position des Herzogs, dux, ist aber dabei nicht ethnisch definiert, sondern in ihrem Rang und Prestige gegenüber dem König einerseits und den Großen im Herzogtum andererseits. Insofern ist auch die Einsetzung der vielen Söhne, Enkel und Urenkel Heinrichs I. in Schwaben, Bayern, Kärnten und Lothringen nicht ungewöhnlich. Als Nebeneffekt werden sie dabei den Königen in Sachsen und Franken nicht ins Gehege kommen. (Keller, S.69ff)

 

Wir sind an den Wurzeln für jene Vorformen neuer Staatlichkeit angekommen, aus denen sich der „politische“ Rahmen für die Entwicklung von Kapitalismus ergeben wird, der zwar Ansätze von Staatlichkeit benötigt, aber keinen starken Staat, wie er dann später zunehmend auftreten wird, dann allerdings sich aus etablierten kapitalistischen Strukturen nährend. Die Schwäche der Monarchien, die sich nun entwickeln, liegt in dem Fehlen einer Verwaltung, eines Apparates, mit dem Herrschaft ausgeübt werden kann, anders gesagt, an der fehlenden Reichweite von Herrschaft. Stattdessen müssen Herrscher Verbündete suchen, „Freunde“, Getreue, an die dezentral Aufgaben delegiert werden.

 

 

 

Der Weg in die Grundherrschaft (derzeit in Arbeit)

 

Einfügen:

Das ändert sich langsam, als gepanzerte und schwerer bewaffnete Reiter immer wichtiger werden. 807 bestimmt Karl ("der Große"), dass nur noch selbst Heeresfolge leisten muss, wer mindestens drei Hufen besitzt oder ein Lehen besitzt. Die anderen müssen sich miteinander verbinden, um noch einen Mann in den Krieg schicken zu können. Wenn dann im 10./11. Jahrhundert nur noch Vasallen in den Krieg ziehen, bedeutet das eine Schwächung des denn auch immer mehr verschwindenden Bauerntums.

 

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Grundherrschaft, ein Begriff heutiger Historiker, wird von Herren als Verfügung über Grund und Boden, über darauf arbeitende Menschen und oft auch als Gerichtsbarkeit über diese Menschen ausgeübt. Es handelt sich um ein von Gewalt begleitetes schieres Machtverhältnis, welches aus der Umformung der antiken Strukturen auf dem Lande hervorgeht, unter anderem auch aus dem langsamen Nachlassen der Bedeutung der Sklaverei.

Schon für das 7./8. Jahrhundert sind Urkunden überliefert, in denen Großgrundbesitzer einzelnen Sklaven die Ehe mit Freien erlauben und deren Kindern in Einzelfällen bereits die "Freiheit" versprochen wird. Solche Befreiung kann dann mit der Übergabe eines Mansus oder eines kleineren mansellus verbunden sein. In einem Urkundenformular des Mönches Marculf von 690 heißt es dann über diese Kinder: ihnen sei an Habe zugestanden, was immer sie erarbeiten mögen, allerdings müssen sie jährlich die auf den Boden bezogenen Abgaben, wie es Brauch ist für Freie, leisten (..., in: Kuchenbuch, S.92).

 

Die frühmittelalterliche Grundherrschaft entsteht wohl zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert im mittleren Seinegebiet mit seiner dichteren Bevölkerung und der Eignung für den Ausbau von Getreideproduktion. Von dort strahlt sie dann nach Norden, Osten und Süden aus (Gilomen, S. 31f, u.v.a.).

In West- wie Ostfranzien wohnen die meisten Herren der Merowingerzeit auf dem Lande, und zwar auf einer Art Gutshof, der villa oder curtis. Diese villa des Herrn wird größer, ebenso das Ackerland vor allem auch durch Rodungen, und mit dem saisonalen Charakter des Getreideanbaus (Pflügen, Aussaat, Ernte) wird es günstiger, Sklaven nicht mehr in großen Stil selbst zu unterhalten, sondern ihnen wie auch bislang freieren Bauern Land abzugeben, von dem sie sich selbst unterhalten.  Sie werden zu servi casati. Damit entsteht die Teilung in abhängige Bauernstellen und einem durch diese Bauern mittels Frondiensten bewirtschaftetem Herrenland. Damit verbunden ist die Teilung in mansi servili von Sklaven im Übergang zur Rechtsperson und Mansen klassischer Kolonen.

 

Die Namen mansus (von mansio, Gebäude) und die altdeutsche Entsprechung Hufe (huba) als Bezeichnung für die vom Herrn abhängigen Bauernstellen verbreiten sich mit diesen zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert. Es handelt sich wohl um die Übernahme des Wortes für den Hof des Bauern aus früheren Zeiten. Es ist keine Größenbenennung, denn innerhalb einer Grundherrschaft konnte sich die Fläche einer Manse schon mal um das zwanzig- oder dreißigfache unterscheiden.

 

Seit dem späten 6. Jahrhundert finden sich frühe Hinweise auf Frondienste, also deutlicher spezifizierte, die solche Arbeiten von der überall und immer einsetzbaren Sklavenarbeit unterscheiden. "Als Entstehungszeit der primär fromdienst-bezogenen Grundherrschaft kommt dem 7. Jahrhundert wohl die Schlüsselstellung zu, da zu Beginn des 8. Jahrhunderts diese Form voll ausgebildet ist und als 'Modell' propagiert wurde. (...) Aber genaue Hinweise auf dem Herrenland zugeordnete Frondienste sind erst mit dem 8. Jahrhundert belegt." (Kuchenbuch, S.242) Damit erst ist die Grundherrschaft aus auf den Hofstellen liegenden Diensten und Abgaben vollständig. Alle diese Vorgänge finden westlich des Rheins früher statt als östlich von ihm (Verhulst).

 

Krone, hohe Herren, mächtige Kirchen und vor allem Klöster besitzen die größten Ländereien. "Die Ausdehnung der Frondienstpflichten ist zuerst auf Königsgut und erst danach auf Kirchengütern erfolgt. Während die Frondienste zuerst von Kolonen und Sklaven verlangt wurden, sind sie später auf die Güter verlegt worden." (Gilomen, S.33). Diese Entwicklung ist allerdings Vermutung und kaum durch schriftliche Quellen zu belegen. Soweit noch erkennbar, dauern die auf der Hofstelle lastenden Frondienste zwischen 3 Tagen die Woche und 14 Tagen im Jahr (Bayerl, S.45)

 

Man muss aber etwas unterscheiden zwischen der sich entwickelnden Grundherrschaft der alten Latifundien von Kloster, Kirche und Grafen, Herzögen und Königen einerseits, wobei es im Mâconnais zum Beispiel nur vier, fünf solche "alte Adelige" neben dem Großgrundbesitz der Klöster und des Bischofs gibt, und der neuen, die aus großbäuerlichen Gütern entsteht, die mit der Ausbreitung und Ausweitung von Märkten und der Geldwirtschaft, dem Zukauf von Land und dem Abhängig-Werden verarmender Bauern zu Kleinadeligen aufsteigen. Solchen Großbauern, manchmal in den Urkunden schon nobiles genannt (Bois, S.74) gelingt es dann auch consuetudines, Gewohnheitsrechte für ihre herausragende Stellung zu beanspruchen. In diesen Zusammenhang gehört dann der Zugriff auf die lokale Pfarrkirche und ihren Zehnten, manchmal im Zusammenspiel mit dem zuständigen Bischof. Später geborene Söhne werden immer häufiger auf die geistliche Laufbahn geschickt, die schon lange eng mit weltlichen Karrieren verbunden ist.

 

Solche frühen Großbauern als werdende Grundherren machen höchstens 5-10% der Familien einer ländlichen Region aus, und ein stattlicher Teil von ihnen wird durch Erbteilung und Verschuldung selbst in Abhängigkeit geraten, und nur ein kleiner Teil wird zum neuen Adel aufsteigen, der sich im Mâconnais kurz vor dem Millennium mit den Begriffen nobilis und miles zu schmücken beginnt, Vorläufer des späteren Ritter-Titels (Bois, S.76). Dafür bedarf es dann schon der Verfügung über acht bis zehn Höfe mit Sklaven und seltener Kolonen und höchstens an die 40 ha Fläche. Dazu gehören dann große Teile des Waldes und bei Cluny des Weidelandes und der Herden von Schweinen, Rindern und Pferden. Man sucht die Nähe zu Graf und Bischof, um Aufstiegschancen abzusichern.

Diese Leute arbeiten nicht selbst produktiv, vergnügen sich mit der Jagd und dem Kriegertum. Man heiratet nun möglichst nur noch untereinander, gibt den Kindern familienspezifische Namen, und wird im nächsten Jahrhundert dann agnatische Linien ausbilden, in denen zunehmend der älteste Sohn den Hauptteil des Erbes übernimmt. (Georges Duby) Nach und nach bildet sich so ein Geschlechterbewusstsein heraus, charakteristisch für den neuen Adel.

 

Der Form nach ist Grundherrschaft zunächst gegenüber halbfreien Bauern wie die Vasallität eine persönliche Beziehung auf Gegenseitigkeit und zum gegenseitigen Vorteil, allerdings mit einer ausgeprägter vertikalen Machtstruktur. Tatsächlich bedeuten die Verhältnisse innerhalb der familia des Grundherrn jedoch große Vielfalt von Formen der geringeren oder größeren Unfreiheit.

 

 

Nach und nach bildet sich mancherorts, besonders im fränkischen Kernland der Francia, die heute so genannte Villifikationsverfassung heraus, mit ihrer Trennung in den Herrenhof (villa) und die auf ihren Hufen siedelnden, vom Herrn persönlich abhängigen Bauern.  .


Zentrum der Grundherrschaft ist die villa oder curtis des Herrn, der Salhof, mit Wohngebäuden, Scheunen, Ställen und Werkstätten, Backhaus, Brauhaus bzw. Kelter, Spinn- und Webstuben, eventuell einem Fischteich. Wo möglich kommt dazu eine Wassermühle. Dort arbeiten Sklaven und Hörige. In den Werkstätten werden vor allem die Werkzeuge hergestellt und instandgehalten, die die Landwirtschaft braucht. Daneben gibt es die rein weiblich besetzten Textilwerkstätten in Frauenarbeitshäusern, geniciae, um 810 sind es beim Hof Staffelsee in Bayern 24 Frauen, die vor allem mit Leinen und Wolle arbeiten: Es gibt daselbst ein genitium, in dem sich 24 Frauen aufhalten. Wir fanden darin 5 wollene Gewänder mit 4 Gürteln und 5 Hemden. (in: Kuchenbuch, S.114) 

Solche häufiger anzutreffenden Frauenhäuser bieten bei großen Anwesen auch schon einmal Überschüsse für den Markt an. Die Hörigen bzw. Sklaven, die ganz dort arbeiten, servi non casati, hausen in einfachen Hütten, oft mit ein wenig Gartenland versehen.

 

Dieser Hof (lat. curtis) mit gelegentlich um die 500 ha ist mit Palisaden oder bei ganz vornehmen einer Steinmauer und Türmen umgeben und befestigt. "Alles in allem gewinnen wir weniger den Eindruck eines Bauernhofes als vielmehr den eines kleinen Dorfes" (Leiverkus in LHL, S.173), allerdings eines, welches streng hierarchisch gegliedert ist.

Überliefert ist das Inventar des königlichen Hofes von Annapes bei Lille von etwa 800 mit der Besonderheit eines Königshauses aus Stein "mit dem >Königssaal< und drei Zimmern, 11 Kammern, einem Keller und zwei Vorhallen. Innerhalb der umzäunten curtis befanden sich 17 weitere, einräumige Holzhäuser, ein Stall, eine Küche, ein Backhaus, zwei Scheuern und drei Geflügelställe. Den Eingang bildete ein Steintor mit Söller, von dem aus die Anweisungen gegeben wurden." (Goetz, S.119)

 

Das übrige Land des Herrn wird unter den Karolingern in Mansen oder Hufen aufgeteilt, die so groß sind, dass sie eine Familie ernähren können, zwischen einem und 10 ha meist. Dort leben die Hufenbauern, die in völlig verschiedenen Verhältnissen von Freiheit oder Unfreiheit für ihre Selbstversorgung arbeiteten, zudem zeitweilig Arbeitsleistungen direkt für den Herrn erbringen und dann auch noch einen Teil ihres Ernteertrages abgeben müssen. Für die Grundherrschaft Staffelsee des Bistums Augsburg heißt das zum Beispiel: Es gehören zu derselben curtis 23 besetzte mansi ingenuiles (...) 19 mansi serviles sind besetzt. (in: Kuchenbuch, S.114). Unbesetzte Mansen, also ohne sie bearbeitende Kleinfamilie, gibt es in fast allen großen Grundherrschaften.

Dazu kommen Abgaben zum Beispiel im Todesfall oder für die Erlaubnis einer Heirat mit jemandem außerhalb der Grundherrschaft. Diese Leistungen sind aber zunächst wohl gering im Vergleich mit den verheerenden Auswirkungen des Kriegsdienstes freier Bauern: lange Abwesenheit von Haus und Hof, Verletzungen und Verstümmelungen, Tod.

 

Ziel der gesamten Grundherrschaft ist insbesondere als Villifikation eine Art Autarkie, komplette Selbstversorgung für einen abgeschlossenen Bereich.

 

Daneben entwickelt sich jene Gutsverfassung, bei der sich der Herrenhof auf das Eintreiben von Abgaben mehr oder weniger Unfreier vorwiegend wohl in Form von Naturalien, aber vielleicht zum kleinen Teil auch schon in barer Münze beschränkt. Solche Hof-Ordnungen entstehen bis in die Frühzeit des hohen Mittelalters.Wenn es dann kaum unmittelbares Herrenland gibt, fallen auch die Frondienste weg, stattdessen werden im Süden Westfranziens und in Italien rund 10% der Ernte als taxa abgegeben. Der Eigentümer wird so zum Grundrentner von der Sorte, die dazu neigt, diese Einnahmen auf den Markt zu werfen und zu Geld zu machen.

In Burgund wiederum sollen Höfe bis ins 10. Jahrhundert noch vorwiegend "von zentral wohnenden" Sklaven bewirtschaftet worden sein. (Gilomen, S. 35) Auf solchen auch anderswo existierenden Gutsherrschaften "ist alles in herrschaftlicher Hand und Arbeitsregie" (Kuchenbuch, S.33).

Die Villifikation, also die Aufteilung in Salhof und die Mansen abhängiger Kolonen und Sklaven, entwickelt sich offenbar an einigen Stellen erst, während sie an anderen Stellen bereits wieder durch Aufteilung des Sallandes in Mansen und Ausgabe an Hufenbauern abgebaut wird. Dazu verändert sie sich durch (Erb)Teilung der Hufen, wobei mehr Produktivität Subsistenz auf weniger Land ermöglicht (Kuchenbuch, S.50).

 

Besonders mächtige Grundherren besitzen mehrere, manchmal zwanzig oder mehr solche Herrenhöfe mit Hufenland, die weit verstreut liegen können. Der am Rhein liegende Hof Friemersheim des Klosters Werden hatte Salland, unmittelbares Herrenland bei fünf Ortschaften, gut 122 Hufen in zwanzig Orten, von denen die meisten allerdings nicht allzu weit auseinander liegen. An der Spitze solcher Fronhöfe steht dann ein villicus oder maior, der den Komplex für den Herrn verwaltet. Ein solcher Verwalter ist ein minister, ein selbst abhängiger Dienstmann. Aus solchen Leuten wird sich ländliche Ministerialität entwickeln.

 

"Die Grundherrrschaft des Klosters Prüm war am Ende des 9. Jh. in drei Oberhöfe, Prüm, Münstereifel und St.Goar, eingeteilt, denen insgesamt 42 Herrschaftsgüter mit über 1600 ha Ackerland und 2118 Hufen angeschlossen waren. Das Kloster St.Germain-des-Prés besaß um 820 mindestens 23 Höfe mit über 4700 ha Salland und 1150 Hufen. Das Bistum Augsburg verfügte um 800 über neun Fronhöfe mit 1507 Hufen, von denen 1427 besetzt waren." (Goetz, S.120)

 

 

Über den Umfang des Grundbesitzes eines wohlhabenden weltlichen Herren erfahren wir aus der Zeit Karls d.Gr. dadurch, dass ein königlicher fidelis Otakar aus dem Wormsgau mit seiner Gemahlin Hruodswind (vielleicht, weil sie nur eine Tochter haben) nach und nach zumindest große Teile davon verschenken: An das Kloster Fulda geht 754 ein Wingert bei Wackernheim, 772 erhalten "die Mönche außerdem einen Herrenhof mitsamt einem Haus, das er selbst bewohnte, dazu die Hälfte seines Eigentums, das er in Wackernheim von seinen Eltern geerbt oder zwischenzeitlich hinzuerworben hatte, sowie die Hälfte seines Gutes in Saulheim." Allerdings alles erst nach dem Tode beider und ihrer Tochter. 774 gehen an Fulda unter derselben Bedingung "in Wackernheim eine weitere Hofstelle mitsamt Haus, einem Weingarten, einer Wiese und vier Unfreien". 775 gehen "die Hälfte von zwei Tagwerken Land" an eine zu Fulda gehörende Kirche in Bretzenheim. Dazu besitzen sie noch weitere Ländereien. (alles in und laut Patzold, S.29f). Dazu kommen jene beneficia an vier Orten, die nach dem Tode an den König zurückfallen, der offensichtlich der Bitte entspricht, sie dem Kloster Fulda zu schenken. "Allein in Mainz umfasste das beneficium 25 Hofstellen, 56 Unfreie und 16 Liten ("Halbfreie"), außerdem mehrere Weinberge." (s.o.). 

 

Nur zufällig ist etwas vom Umfang der geistlicher Grundherrschaften überliefert, wie vom Bistum Augsburg, dass es um 810 etwa "1427 besetzte und 80 unbesetzte Hufen" besäße (Rösener in: Römer und Barbaren, S.285).

Einen überschaubar großen Fronhof bekommen wir zur Zeit Karls d.Gr. im Urbar, dem Besitz- und Leistungsverzeichnis des Klosters Saint-Germain-des-Prés bei Paris mit seinen 23 Herrenhöfen um 830 und ca. 1700 Mansen "mehr als 30 000 Hektar Land" (Gilomen, S.35) laut dem unvollständigen Polyptichon des Abtes Irmino zum Beispiel folgendes mit: 

Das Kloster hat in Nuviliacus eine Herrenhufe mit reichlichen Nebengebäuden. Es hat dort zehn kleine Felder mit 40 Gewannen, darauf können 200 Scheffel Hafer gesät werden; Wiese neun Joch, von denen an Heu zehn Karren geerntet werden können. Es hat dort an Wald schätzungsweise drei Meilen in der Länge, in der Breite eine Meile, in dem 800 Schweine gemästet werden können. (...) Der Knecht Electeus und seine Frau, die Kolonin Landina, Eigenleute von Saint-Germain, bleiben in Nuviliacus, Er hat eine halbe Hufe, bestehend aus Ackerland sechs Gewann, aus Wiese ein halbes Joch. Er pflügt bei der Winterbestellung vier Ruten, bei der Frühjahrsbestellung 13. Er fährt Mist auf das Herrenfeld und tut und zahlt sonst nichts, wegen des Dienstes, den er dort übernimmt. (...) Es gibt in Nuviliacus sechseinhalb besetzte Hufen, die andere halbe ist unbesetzt. An Feuerstellen sind es 16. Sie erbringen für die Heeressteuer zwölf Hammel, für Kopfzins fünf Schilling vier Pfennig; 48 Hühner, 160 Eier, 600 Bretter und ebenso viele Schindeln, 54 Dauben und ebenso viele Reifen, 72 Fackeln. Sie machen zwei Weinfuhren und zweieinhalb Bretterfuhren im Mai, und einen halben Ochsen. (in: LHL, S.174)

 

Neben Dienst- und Sachleistungen ist also auch Geld zu erbringen, was bedeutet, dass die Hufenbauern Überschüsse auf dem Markt verkaufen müssen. Eine Hufe von vielleicht 14 ha konnte so im besten Falle auch einen geringen (relativen) Wohlstand erwirtschaften, wenn der Herr seinem Bauern nicht zu viel abpresste.

 

In Nogent L'Artaud gibt es zum Beispiel laut demselben Verzeichnis 24 1/2 mansi ingenuiles, die u.a. 205 Scheffel Wein zinsen,  74 Scheffel für die Schweinemast, dazu 20 1/2 Schweine, 4 Schafe, und Hühner samt Einern 74. Daneben gibt es 10 mansi serviles. Sie zinsen für die Schweinemast 21 1/2, Scheffel Wein. 8 1/2 Schafe, 650 Schindeln, 30 Hühner mit Eiern. (in: Kuchenbuch, S.125)

 

Abteien auch östlich des Rheins können inzwischen sogar  ein Vielfaches davon besitzen.

 

Einer der ganz großen Grundherren der Karolingerzeit ist das Kloster Prüm. Von ihm abhängig sind rund 3000 Höfe, die Mönche und Vasallen zu ernähren haben, besonders konzentriert um die Tochterklöster Münstereifel, St. Goar und Altrip. Viele weitere Höfe erstrecken sich aber "von Südholland bis Oberlothringen, , von der unteren Lahn bis an die mittlere Maas" und anderswo. (Kuchenbuch, S.18). In einem Urbar von 893, also vom Anfang unserer Schwellenzeit, sind sie aufgelistet.

In einer Urkunde von 886 schließt der lothringische Hochadelige und große Grundherr Hartmann einen Vertrag auf Gegenseitigkeit mit dem Abt dieses Klosters zum beiderseitigen Nutzen. Darin übergibt er dem Kloster einige Güter in bestimmten Gegenden, die er allerdings lebenslang weiter nutzen kann, um vom Kloster in anderen Gebieten Güter als beneficium verliehen zu bekommen - (zunächst nur auf Lebenszeit).

Zu den Herrenhöfen, verwaltet von maiores bzw. villici, gehört, wie detailliert beschrieben wird, das Herrenhaus, die Scheune und der Speicher. Auf Mansen sitzen mancipia, also Sklaven, die Äcker, Wiesen, Weiden und Wälder bewirtschaften. Andere Familien bewirtschaften Weinberge oder Mühlen. Sie leisten konkret benannte Dienste wie die Flachsverarbeitung und dann solche, für die nur die Zeitdauer angegeben ist (Pflügen, Transporte usw.). Daneben werden die Abgaben aufgelistet, die sie zu festen Terminen zu leisten haben.

Zu einem Hof gehört eine Kirche mit allem Zubehör und ein Priester, der zudem wiederum mit Ackerland von fünf Hufen, besetzt mit zinspflichtigen censualia mancipia, Forst für die Mast von 300 Schweinen und etwas Wingert ausgestattet ist. Die mancipia auf diesem Hof haben jährlich Wachs im Wert von sechs Denaren zur Beleuchtung der Kirche abzugeben.

 

 

Grundherrschaft bedeutet über den wirtschaftlichen Aspekt hinaus weitere Rechte. Das Reichsgut Karls ("des Großen") ist laut 'Capitulare de villis' wird von iudices für jeweils mehrere villae beaufsichtigt, die auch die Rechtsprechung über die Hörigen im Namen des Königs innehaben. Zur munt, dem Schutz der Hörigen, gehört dabei auch deren Gehorsamspflicht, denn der Grundherr übt eine Art Polizeigewalt über sie aus.

Die Privilegierungen des Prümer Klösters umfassen seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts auch Marktrechte, Zollfreiheiten und sogar Münzrechte wie in Münstereifel, alles das mit Abgaben an den Grundherrn verbunden. Der Anteil der Geldwirtschaft nimmt dabei langsam zu.

 

Grundherren können auch Bergwerks- oder Salinenbesitzer sein. Aber der Kern ihres Reichtums ist meist die Bearbeitung des Bodens, die Viehzucht und die Nutzung des Waldes. Indem sie auf ihrem Grund Mühlen bauen lassen, später Backstuben und Braustuben, wird jeder, der sie benutzen will, abgabenpflichtig.

 

Die Müller, Aufseher von Salinen, Schmiede, Hirten und Förster fallen aus dem bäuerlich-grundherrlichen Zusammenhang insofern heraus, als sie je ein spezifisches ministerium betreiben, so wie der Meier oder Villicus. Auf sie entfallen darum kaum Abgaben oder Dienste, aber sie verfügen oft dennoch über eigene Hufen.

Beispielhaft dafür ist die de molinis (...) ratio der Statuten des Klosters Corbie: Erstens, dass einem jeden Müller ein mansus und sechs Tagwerk an Land (ex bonuaria de terra) gegeben werden; weil wir wollen, dass er etwas hat, aufgrund dessen er das, was ihm zu tun befohlen wird, tun kann, und er jenes Mahlen gut und richtig macht: dass heißt, dass er Ochsen und anderes Vieh hat, mit denen er erarbeiten kann, wovon er und seine ganze Familie leben können; er soll Schweine, Gänse und Hühner füttern, die Mühle in Ordnung halten und alles Bauholz heranbringen, das zum Ausbessern jener Mühle dient, die Schleuse ausbessern, Mühlsteine heranbringen und alles, was eben dort nötig zu haben oder zu tun ist, soll er er haben und tun können. Und gleichermaßen wollen wir nicht, dass er irgend einen anderen Frondienst tut: weder mit dem Karren noch dem Pferd, er soll keinen Handdienst leisten, nicht pflügen, nicht ssäen, kein Getreide oder Heu einbringen, kein Getreide malzen, keinen Hopfen und kein Feuerholz zinsen oder sonst irgendetwas für die Herrschaft verrichten, sondern er diene ausschließlich sich und seiner Mühle. (...) Das, weil nämlich 2000 Scheffel Mehl von den Mühlen zu unserer Verfügung zum Kloster kommen müssen (... in: Kuchenbuch, S.115f)

 

In den größeren Rahmen der Grundherrschaft gehören auch freie Bauern, die aber zur Pfarrei der grundherrlichen Eigenkirche gehören und dem Pfarrer für seine "Leistungen" den Zehnten schuldig sind.

 

Rechtlich bleiben freie Bauern, die sich in eine Grundherrschaft begeben und dort auch ihr Land einbringen, in gewissem Sinne Freie, im Unterschied zu den mancipia des Herrenhofes. "... sie bleiben dem jeweiligen Grafen und natürlich dem König untergeordnet. Sie sind rechtlich frei, vom Grundherrn jedoch abhängig, denn er hat die niedere Gerichtsbarkeit und die Polizeigewalt über alle Angehörigen seiner Grundherrschaft." (Leiverkus in LHL, S.176)

 

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In der ländlichen Grundherrschaft, in der die allermeisten Menschen am Ende leben, steht neben dem Bezug zum Herrn auch der zum Diener des höchsten Herrn, dem Priester. In dem fränkischen Eigenkirchen“system“ war der Stifter und Erbauer der Kirche auch der, der den Priester bestellte. In den Anfängen war das billigerweise oft einer seiner Knechte, dessen Vorbildung und geistlicher Lebenswandel vermutlich sehr zu wünschen übrig ließen. Der große Karl fordert, die Qualität der Priester zu heben, die Erfolge treten aber, wo überhaupt, erst Jahrhunderte später ein.


Die Verbindung von Grundherrschaft und Eigenkirche tendiert dazu, priesterliche Aktivitäten und kirchliches Leben auf den Grundherrn hin zu orientieren. In den vielen kirchlichen Festivitäten entwickelt sich aber ein eigenständiges Gemeindeleben. Dieses verbindet sich später mit gemeinsamen Verabredungen für die Landarbeit und anderes.

 

Erhalten ist aus der Zeit Karls d.Gr. (um 810) das Urbar, also Gesamtverzeichnis eines augsburgisch-bischöflichen Hofes in Staffelsee mit der Michaelskirche. Die Kirche selbst ist eine Art Schatzkammer: wir fanden einen Altar, mit Gold und Silber geschmückt, fünf vergoldete Reliquienschreine, mit glänzenden Edelsteinen und Kristallen verziert, dazu ein Kupfergefäß, teilweise vergoldet, ein kleines Reliquienkreuz aus vergoldetem Blattsilber mit einem Riegel, ein zweites kleines Reliquienkreuz aus Gold und Kristall, ein größeres Kreuz aus Gold und Silber mit durchscheinenden Edelsteinen. Es hängt über dem Altar eine teilvergoldete silberne Krone, die 2 Pfund wert ist. Und in der Mitte dieser Krone hängt ein kleines kupfernes, vergoldetes Kreuz und ein kristallener Apfel. Und in dieser Krone hängen kreisförmig 35 Reihen von Perlen in verschiedenen Farben. Es sind dort an angebrachtem Silber 3 Schillinge. Dort sind 4 goldene Ohrringe, 17 Pfennige wert. (usw.usf., in: Kuchenbuch, S.111)

 

Dann finden wir dort den Herrenhof und das Haus mit den übrigen Bauten, die zur Kirche gehören. Dem Hof sind zugeordnet 740 Joch Pflugland, Wiesen, die 610 Fuder Heu einbringen können. Von der Ernte fanden wir bloß die 30 Fuder, die wir an die 72 Pfründner gaben, (...) weiter ein zugerittenes Ross, 26 Ochsen, 20 Kühe, 1 Stier, 61 Stück Kleinvieh, 5 Kälber, 87 Schafe, 14 Lämmer, 17 Hammel, 58 Ziegen, 12 Böcklein, 40 Schweine, 50 Ferkel, 63 Gänse, 50 Küken.

Vorhanden ist ferner ein genitium mit 24 Frauen, die an Webstühlen arbeiten, Gebäude für andere vom Herrn abhängige Handwerker und die Hütten der den unmittelbaren Bereich des Herrenlandes bestellenden Landarbeiter.

Soweit das Herrenland, dazu kommen 23 Hufe, auf denen freie Bauern sitzen, von denen ein Teil gelegentlich Botendienste zu leisten und die Hälfte Kriegsdienste zu leisten hat. 19 Hufen sind mit mehr oder weniger unfreien Knechten besetzt, die drei der sechs Werktage Frondienste leisten müssen und deren Frauen ein Leinenhemd oder Stoff abzuliefern hatten. Insgesamt umfasst die Grundherrschaft zwischen 200 und 300 Menschen. (Alles nach Fried, S.220ff und Kuchenbuch, S.112))

 

Eine andere Größenordnung hat das von Königsboten 787 untersuchte Kloster Fontenelle in der Normandie (St.Wandrille, in den 'Gesta' der heiligen Väter dort aufgehoben), wobei die Mansen für die Hufen stehen:

Dies ist die Summe der Besitzungen dieses Klosters, die auf Befehl des unbesiegbaren Königs Karl dem Abt Landricus von Jumièges und dem Grafen Richard im 20. Jahr seines Königtums, dem Jahr des Todes des Abtes Wido. aufgezählt wurde. Zunächst das, was zum persönlichen Gebrauch der Mönche und zu ihrem Unterhalt zu gehören scheint: 1326 ungeteilte Mansen, 238 halbe Mansen, 18 zu Handdiensten (manuoperarii) verpflichtete Mansen, zusammen 1569, unbewirtschaftet 158 Mansen; sie haben 39 Mühlen.

Zur Versorgung der Mönche dienten knapp zwei Fünftel, der Rest stand dem Abt auch und vor allem für seinen Dienst am König zu. Dazu kommt: Als Lehen ausgetan (in beneficii relaxati) sind aber 2120 ganze, 40 halbe 235 zu Handdiensten verpflichtete Mansen, die zusammen 2395 ergeben, 156 unbesetzte, die Lehnsträger selbst haben 28 Mühlen. (Kuchenbuch, S.100, Fried, S. 363)

 

Das Kloster selbst gibt also Lehen aus, ist dabei selbst Vasall, über dem wiederum Vasallen stehen, die auf oberster Ebene einem Fürsten/König treu zu dienen haben. Sehr große Klöster können rund hundert Vasallen haben. Solche Vasallen als Grundherren besitzen vererbbares Allod, dann oft Gut, welches mit einem Amt oder einer Funktion verbunden sein kann, und Lehnsgut, beneficia. Aus der Verbindung von Grundherrschaft und Vasallität entfaltet sich feudales Rechtsgefüge.

 

Städte der Karolingerzeit

 

***Der Norden***

 

Städte entwickeln sich weiter, wenn sie einen dauerhaften Kern besitzen, der auch Überfälle und Zerstörungen übersteht, eine Kathedrale oder eine weltliche Festung - und Zuwanderung von außen bekommen. Die damit verbundene Institution sichert das Überleben. Im Norden angesiedelte Kaufmannssiedlungen wie Dorestad, Tiel oder Haithabu mit einigen Handwerkern zur Versorgung der Kaufleute und Kirchgebäuden hingegen verschwinden, nachdem sie zerstört werden. Sie können anderweitig ersetzt werden.

Man darf nicht vergessen, dass mit dem 6. Jahrhundert die Sicherheit des lateinischen Abendlandes nicht mehr dauerhaft gegeben ist, im späten siebten Jahrhundert beginnt die Expansion der arabischen Welt und des Islam, die bis ins 11. Jahrhundert den ganzen lateinischen Mittelmeerraum mit Piraterie heimsucht. 838 tauchen zum Beispiel nordafrikanische Piraten vor Marseille auf, und durch das ganze 9. Jahrhundert bedrohen sie das Rhônetal und die Provence wie auch die italienischen Küsten.

Im 9./10. Jahrhundert kommen dazu die Verheerungen und Zerstörungen durch eben solches Piratentum skandinavischer Gruppen in der Nordsee und bis zum Atlantik, sogenannter Wikinger und Nordmannen. Seit 841 bedrohen sie die nördlichen Küstenlinien und insbesondere die Mündungsgebiete von Rhein, Seine, Loire und Gironde. Von festen Lagern dort dringen sie ins Inland vor und bedrohen und verwüsten die Städte. 882 fallen sie zum Beispiel in Trier ein.

 

Solche Bedrohungen werden Anfang des 10. Jahrhunderts für die Normannen gebannt und Anfang des 11. für die Sarazenen, die aber dann immer noch den größten Teil der iberischen Halbinsel und Sizilien kontrollieren.

Und schließlich ist da die im 10. Jahrhundert immer drückendere Bedrohung durch die Ungarn.

 

 

Einen festen Kern der desungeachtet sich neu entwickelnden Städte bildet neben dem Dom oder an seiner Stelle die Pfalz, wie sie König Pippin in Aachen errichten lässt, und die durch einen prachtvollen Neubau von König Karl ersetzt wird, zu dem auch die Marienkirche gehört und ein neues Bad, in dem der Kaiser mit seinem Hof die Thermalquellen nutzen kann. Hohe Geistlichkeit und weltliche Große bauen dort ihre kleinen "Höfe", Bedienstete kommen dazu, Handwerker und ein Markt mit Händlern, darunter Juden. Darüber hinaus gibt es Gebäude für die  Lagerung von Nahrung und große Stallungen und drumherum Landwirtschaft.

Größere Pfalzen werden auch an anderen Orten errichtet, die da herum wachsen, wie Ingelheim, Nimwegen und Paderborn. Allerdings bieten Pfalzorte nicht immer die Gewähr dafür, dass dort auch dauerhaft eine städtische Siedlung entsteht, wie Tribur/Trebur und Grone beispielsweise belegen.

 

Aber die Pfalz von franconovurd wird zum Musterbeispiel dafür, wie ein königliches palatium sich aufmacht, im hohen Mittelalter dann zu einer der wichtigsten Städte im "römischen" Reich zu werden. Gelegen an einem Handelsweg mit einer Furt durch den Main, war der Fluss selbst noch wichtiger für den Transport von Getreide aus östlicheren Gebieten nach Mainz. Hier lag ein karolingischer Fiskalbezirk, der "insgesamt mindestens zwölf königliche >Villae< (Fronhöfe) mit knapp 1400 Morgen Ackerland umfasst haben dürfte, Wiesen und Wald, das Land der 112 abhängigen Bauernstellen, die das Urbar nennt, sowie die Lehen der Vasallen nicht mitgerechnet. (...) Die königliche Villa Frankfurt, deren Lage auf dem heutigen Domhügel zu suchen ist, verfügte allein über 450 Morgen Ackerland." (Joh.Fried in: 794, S.26f)

794 wird dieser Ort durch eine große Synode erheblichen Anschub bekommen, als Große aus Italien, West- und Ostfranken und Nordspanien hier zusammenkommen. Für Karls langen, siebenmonatigen Aufenthalt zwischen Feldzügen gegen die Sachsen und die Awaren muss es feste, wenn auch weithin nicht steinerne Gebäude geben, eine Kirche, die allerdings nicht repräsentativ genug ist für die Aufnahme des Leichnams der dort sterbenden königlichen Gemahlin Fastrada, die dann in Mainz beerdigt wird. Dazu Wirtschaftsgebäude und dazu gehörige Arbeitskräfte.

Karls Sohn Ludwig der Fromme wird dann die Pfalz vergrößern, die eine Generation später von Ludwig ("dem Deutschen") noch ein Salvatorstift erhält.

 

Ob eine Pfalz Zukunft als Kern einer bedeutenderen Stadt hat, ist damals aber noch nicht abzusehen. Die viel prächtigere Ingelheimer Pfalz der Karolinger, aus Stein gebaut wie die von Aachen und Nimwegen (Einhard), mit ihrem Königssaal von 14 x 30 m, hat in ihrer Nähe dörfliche Ansiedlungen, von denen eine viel später sogar ummauert wird, aber in der Nähe von Mainz wird daraus keine Stadt, sondern eine Reichsburg mit reichem ländlichem Siedlungsgebiet.

 

Unser Wissen über die Städte der Karolingerzeit ist sehr gering, es gibt nur spärliche Informationen. Autun bleibt fränkisch-burgundische Vorzeigepfalz und wird später im 9./10. Jahrhundert Münzort in Händen der Bischöfe. "Eine bürgerliche Siedlung im weiten Abstande zur Domburg bildete sich aber erst im 11./12.  Jahrhundert um das Forum" ( H.Stoob in: Frühgeschichte, S.12). Erst 814 taucht für Bordeaux" am äußersten Winkel der antiken Mauer der Dom St. André" auf und der Ort funktioniert wieder als Bischofsstadt. "Ein suburbium belebte sich erst seit Ausgang des 11. Jahrhunderts (s.o., S. 11)

Paris verliert unter den stärker östlich orientierten Karolingern zum Beispiel im Vergleich zu Metz enorm an Bedeutung. Der Hauptstadtcharakter wird am ehesten seit dem "großen" Karl durch Aachen ersetzt. Während nun Stadt und Bischof an Bedeutung verlieren, wird St. Denis in der Nähe immer bedeutender.

Seit 845 wird die Stadt mehrmals von Normannen überfallen, geplündert und gebrandschatzt. Die Bevölkerung unter dem Robertiner Graf Odo und Bischof Gauzlin hält hinter den spätantiken Mauern der Seineinsel dann 885-86 einer Belagerung stand.

 

 

In der Merowingerzeit gewinnt Regensburg mit einer Pfalz samt Heiligengrab und dem Stift Niedermünster an Bedeutung. Mit der schrittweisen Machtübernahme der Karolinger gewinnt die Stadt um 740 mit Kloster St.Emmeran. vor 778 durch den Dombezirk und das 833 erstmalig erwähnte Obermünster, brennt aber 891 ab. Als Ort des Handels mit den Slawen vor allem auch mit Sklaven ist für 934 ein Markt belegt. Wenige Jahrzehnte nach der Jahrtausendwende tauchen dort Juden auf.

 

Kontinuität bieten nicht nur die alten Bischofs-civitates. Im Gebiet von Duisburg gab es schon bronze- und eisenzeitliche Siedlungen. Gegenüber besteht auf Krefelder Gebiet das römische Kastell Gelluba (Gellep) an der Kreuzung zwischen Rhein und Hellweg. (siehe …)  Als dessen Hafen verlandet, steigt Duisburg als Handelsplatz auf. Spätestens um 922 ist für Dispargum eine königliche Pfalz zu vermuten, die von den Sachsenkaisern häufiger besucht wird, Der Ort wird mit Wall, Graben und einer ersten Mauer befestigt.

 

Das Handwerk verharrt weiter vorwiegend auf dem Lande. Weber im Status von Sklaven stellen die Tuche auf dem Gutshof her, nur in Nordgallien gibt es noch städtische Zentren für die Erzeugung hochwertiger Stoffe. In einer Aufzählung Karls d. Gr. für seine Krongüter (Capitulare de Villis) heißt es dann: Jeder Amtmann soll in seinem Bezirk tüchtige Handwerker zur Hand haben: Grob-, Gold- und Silberschmiede, Schuster, Drechsler, Stellmacher, Schildmacher, Fischer, Falkner, Seifensieder, Brauer – Leute, die Bier-Apfel- und Birnmost oder andere gute Getränke zu bereiten verstehen -, Bäcker, die Semmeln für unseren Hofhalt backen, Netzmacher, die Netze für die Jagd, für Fisch- und Vogelfang zu fertigen wissen, und sonstige Dienstleute, deren Aufzählung zu umständlich wäre. (Schulz, S. 24) Nur große Güter konnten natürlich eine solche Vielfalt aufweisen.

Zum Kloster Corbie gehören 822 zahlreiche Handwerker, Schuster, Tuchwalker, Schmiede, Schildmacher, Pergamenter, Schleifer, Gießer, Stellmacher. Zu welchem Herrengut die Handwerker auch gehören, sie arbeiten in persönlicher Abhängigkeit von ihren Herren.

 

Der Kapitalismus wird nicht gegen Herrscher, Adel und Kirche entstehen, sondern auch und zunächst vor allem aus deren Konsumbedarf heraus. Dazu bedarf es nicht nur der Händler, die Luxusgüter aus fernen Gegenden heranschaffen, sondern auch der Handwerker vor Ort, beide in die familia der Herren eingeordnet. Handwerker werden von ihnen zur Ausbildung in der Goldschmiedekunst zu Meistern anderer Herren geschickt, der Erzbischof Ebo von Reims (gest.851) bietet „einigen artifices Wohnungen an, um sie in seine Stadt zu ziehen; und Ludwig der Fromme offeriert ihm aus der Schar seiner Hörigen einen Goldschmied als Geschenk.“ (Nonn, S.60)

 

Für die fränkischen Könige wird der Handel nicht nur aus Konsumenteninteresse wichtig, sondern auch dadurch, dass sie einen Teil des Gewinns, in etwa 10 Prozent, als Zoll abschöpfen, und dokumeniert ist der zumindest für die Ostgrenzen zum Slawenland. Förderung des Handels führt auch zu einem Sonderstatus der Juden als einzigen akzeptierten Nichtchristen im Reich. Und da Christen offiziell nicht am äußerst lukrativen Sklavenhandel teilnehmen können, den Juden ihre Religion nicht verbot, werden sie als Händler geradezu gefördert. Wichtige Sklavenmärkte der Karolingerzeit sind offenbar Verdun und Mainz, zwei damals besonders mächtige Bischofsstädte.

 

Der Handel wird  auch durch immer wieder neue Schutzerklärungen der Herrscher für Fernhändler, und zwar für den Aufenthalt am Markt und die Wege dorthin und wieder von dort weg, gefördert, wobei unter den Ottonen dann oft auf die Rechtsmodelle wichtiger Handelsstädte wie Köln, Mainz oder Regensburg verwiesen wird.  Dabei wird gelegentlich auch unmittelbar das persönliche Interesse von Kaisern und Königen am Gelingen des Handels angesprochen.

 

Oft wird am städtischen Handels-Ort eine Münze eingerichtet. Er wird zum Finanzplatz. 744 veranlasst der Hausmeier Pippin der Jüngere, dass Bischöfe in ihren civitates ständige (Wochen)Märkte einrichten sollen. (MG Capit.1, 12).

 

Nachdem das Gold zunehmend in den wirtschaftlich stärkeren byzantinischen Raum abgeflossen ist oder als Schatz gehortet wird, führen die späten Merowinger eine neue Silberwährung ein. Karl der Große legt dafür neue Einheiten fest, den Pfennig (denarius), den Schilling (solidus), die Mark und das Pfund (libra). Aber selbst bei der kleinsten Einheit ist der Wert zu hoch für den alltäglichen Gebrauch. „Im Alltag herrschte der Tauschhandel.“ (Groten, S. 34) Tributzahlungen in Kriegszügen unterworfener Völker werden oft in Vieh bezahlt, wie zeitweilig laut Fredegar die Sachsen an die Merowinger jährlich 500 Kühe abgeben müssen.

Überhaupt wird Münzgeld östlich des Rheins in der ganzen Karolingerzeit selten, und "das reiche Kloster Fulda bezahlte im Jahre 827 urbar gemachtes Land mit 8 Schwertern, 5 Stücken Tuch, 4 Stück Vieh, einem Pferd und zwei paar Ohrringen" (Michael North in: Römer und Barbaren, S.303)

Dennoch nimmt wahrscheinlich spätestens unter dem großen Karl der Geldumlauf wieder etwas zu. Grundherrn erwirtschaften mit ihren abhängige Bauern und Handwerkern gelegentliche Überschüsse, die auf Märkte an Bischofssitzen und Klöstern gelangen und manchmal gegen Geld getauscht werden. Das betrifft Lebensmittel, aber auch Tuche vor allem.

Geld konzentriert sich zunehmend in den Händen von Königen und hohem Adel. Dieser kann nun wieder mehr Luxusartikel nachfragen, die von Fernhändlern geliefert werden, die von den Herrschern dafür privilegiert werden. Könige, hoher Adel und Stadtherren beginnen verstärkt repräsentative und bequemere Steingebäude zu errichten wie Karl in Aachen, welches danach zur Stadt wächst. Mehr Kirchen und Paläste werden wieder aus Stein gebaut. Im 9. und 10. Jahrhundert entsteht so ein neues Baugewerbe, welches selbst bei niedrigen Löhnen viel Geld verschlingt, auch wenn die meiste Arbeit als Dienst am Grundherrn verrichtet wird.

Überhaupt findet der langsame Wirtschaftsaufschwung vor allem im Rahmen von Grundherrschaften statt, deren Zentrum auch wie bei Bischöfen und einigen Grafen in Städten liegen kann. In diese eingegliedert sind agrarische Produzenten, Handwerk und ein Großteil des Handels. Zugleich Voraussetzung und Folge des entstehenden Kapitalismus seit dem 10. Jahrhundert wird die schrittweise Ausgliederung dieser Bereiche aus den familiae solcher Herren.

 

 

Neben dem Interesse weltlicher Macht an der Nutzung kirchlicher Strukturen im Herrschaftsinteresse scheint auf den ersten Blick der Anteil weltlichen Interesses an der Renovierung und dem Ausbau der Städte gering. Die Welt der Merowinger und Karolinger zumindest besteht zunächst aus großen Flächen urbar gemachten Landes, die aber eingegliedert sind in noch viel größere Flächen von Wäldern, Sümpfen, Heideflächen und anderem Ödland, „Wüste“ eben, wie das damals auch heißt. Und das Augenmerk scheint im wesentlichen auf solchen großen Gebieten landwirtschaftlicher Produktion mit ihrem handwerklichen Anteil zu liegen.

Aber so ganz stimmt das Bild nicht. Karolinger regieren zwar von Pfalzen aus, aber Pfalzen und andere befestigte Plätze adeliger Großer entstehen entweder im Zusammenhang solcher städtischer Siedlungen oder sie können solche sogar befördern. Und die Herrscher der neuen Reiche haben die überlebenden und sich neu bildenden Städte immer im Blick. Sie geben Verordnungen für sie heraus und versuchen diese Orte in die überwiegend agrarisch geprägten Strukturen ihrer Machtbereiche zu integrieren. Seitdem Karolinger die Rechte in der Stadt als Regalien an sich gezogen haben, vergeben sie sie zunehmend an treue Anhänger, insbesondere Bischöfe.

 

822 erklärt Ludwig I. ("der Fromme"), auf Wunsch des Bischofs von Paderborn, seinen Bischofssitz einschließlich der ihm zugehörigen Sachen und Hörigen unter unseren Schutz und unter den Schirm unserer Gerichtsfreiheit zu stellen (...) auf dass sich kein öffentlicher Richter oder sonst jemand, der rechtsprechende Gewalt innehat, unterstehen soll, in die Kirchengebäude, Ortschaften, Feldfluren oder sonstigen Besitztümer der vorgedachten Kirche einzudringen (...) um dort gemäß dem gerichtlichen Brauch Verhöre durchzuführen, Friedensbußen zu erheben, Häuser oder Hütten zu errichten, Burgen auszuheben, die Leute dieser Kirche ohne Grund zu unterdrücken oder um dort zu beliebiger Zeit irgendwelche Erhebungen oder unerlaubte Forderungen einzuziehen, - womit deutlich wird, was offenbar stattfindet.

Darüber hinaus wird der Bischofskirche Abgabenfreiheit zugesichert, denn die Erträge aus ihrem Besitz gestehen wir der Armenkasse und auch dem Unterhalt der Wachslichter der vorgenannten Kirche zu, womit vornehm umschrieben ist, dass die Kirche (eigentlich) kein Betrieb ist, der der Besitzmehrung dient. Das Ganze soll dann auch finanzieren, dass diese Kirche für das ewige Seelenheil des Kaisers, seiner Gattin und Familie fleißig betet. (in Hergemöller, S.62f)

 

Schon 787/89 ist in Bremen Dom und Bischofssitz errichtet worden, wobei der Markt dem König untersteht. Erst König Arnulf (von Kärnten) verleiht 888 detaillierter dem Bremer Bischof das Recht, einen Markt abzuhalten, Münzen zu schlagen und die Zölle einzunehmen. Im 10. Jahrhundert kommt dazu immer expliziter auch die Gerichtsimmunität. Städte setzen sich immer deutlicher vom Land ab.

Einen Siedlungsansatz gibt es in Würzburg wenigstens seit dem 6. Jahrhundert. Wohl 741 richtet Bonifatius einen Bischofssitz ein. Unter Ludwig dem Frommen erhalten die Bischöfe Markt-, Münz- und Zollrecht. Es gibt Kaufleute, vor allem aber Handwerker und Weinbergarbeiter, die Hintersassen des Bischofs und des Domklerus sind. Im 9. Jahrhundert wird eine bedeutende Domschule erwähnt.

 

Zu Pfalz und Bischofssitz kommen Klöster und klosterähnliche Institutionen mit ganz ähnlichen materiellen Bedürfnissen in den Städten, aber auch als Neugründungen auf dem Lande, wo sie wie am Beispiel Gent manchmal Kern für neue städtische Siedlungen werden.

Schließlich wird Eroberung und Zivilisierung „heidnischer“ Gebiete auch mit Hilfe der Neugründung von Bistümern und Klöstern betrieben, wodurch potentielle Zentren für Stadtbildung entstehen.

 

Besonders in Westfranzien entstehen Städte neu an großen Klöstern wie St. Martial in Limoges, St. Vaast in Arras, St. Front in Perigueux. Äbte wohldotierter Klöster sind oft so mächtige Herren wie Bischöfe und weltliche Magnaten. Bei Klöstern lassen sich Händler nieder, das Handwerk konzentriert sich manchmal dort aus ländlicher Grundherrschaft heraus. Ein Markt entsteht, mit Buden, Tavernen, und dem Kloster als Herrn fallen darüber Abgaben und Rechte zu. Dabei konkurrieren Klöster, Bischöfe und weltliche Herren auch gewalttätig miteinander. 

 

Ein gutes Beispiel ist das Prümer Tochterkloster Münstereifel. Als 844 die Knochen der Heiligen Chrysanthus und Daria dorthin überführt werden, setzt bald eine Wallfahrt dorthin ein, die wirtschjaftlich bedeutend genug ist für die Anlage eines Marktes. einer Münze und einer Zollstätte, von deren Einnahmen zwei Drittel an das Kloster fallen sollen (in: Hergemöller, S.68f).

800 erhält der Abt von Corvey für die weiter entfernte Siedlung Horhusen (Niedermarsberg) an einer Furt das Markt- und Münzrecht und für Mons Eresburg (Obermarsberg) das Zollrecht.

908 erlaubt Ludwig IV. ("das Kind") dem Bischof von Eichstätt für den Ort beim Kloster einen öffentlichen Handelsmarkt sowie eine Münze errichten und einen Zoll erheben zu dürfen, so wie es bei den übrigen Handelsorten (mercationum locis) Brauch ist, sowie einige Befestigungen in seinem Bistum gegen den Ansturm der Heiden ausbauen zu dürfen. Zusammenfassend heißt das, eine Stadt zu errichten (urbem construere), wobei die Einkünfte aus ihr dem Kloster zufließen sollen. Zudem verfügt der Bischof nun alleine über die Nutzung der Wälder. Das sind nur einige Beispiele.

 

Ähnlich wie im ehemaligen Germanien entstehen in Flandern im 9. und 10. Jahrhundert Städte aus Vorstädten an Burgen der Bischöfe und an Klöstern und an befestigten Plätzen der nun erstmals für dort erwähnten Grafen. Sie werden Zentren der nun langsam einsetzenden unmittelbaren Entstehungsgeschichte von Kapitalismus werden, zusammen mit oberitalienischen Städten. Beim späteren Gent werden im 7. Jahrhundert die beiden Klöster St. Pieter und St. Bavo gegründet, von denen Siedlungen mit von den Klöstern abhängigen Beschäftigten ausgehen.

 

Im 9. und 10. Jahrhundert nimmt (sehr) langsam das „städtische“ Gewerbe zu. Wichtiger aber ist die Entstehung einer „Marktwirtschaft“. Markt konnte natürlich kein germanisches Wort sein. Es stammt von merx ab, der Ware, und vom mercatus, dem Ort, an dem Handel getrieben wird (mercari).

Marktwirtschaft verlangt Geldwirtschaft, und dem dienen die Münzreformen Karls d. Großen. Sie verlangt aber vor allem zumindest einen zentralen Impuls, um in Gang zu kommen. Und den bietet der Wunsch einer Oberschicht, die die wirtschaftlichen Möglichkeiten hat, an jenes Geld zu kommen, welches gegen Luxus eingetauscht werden kann.

 

Luxus ist eine humanistische Entlehnung aus dem Lateinischen, welche im Deutschen dann Verschwendung, Prunk, Pracht bezeichnet, also einen moralischen Unterton bekommt. Das ist in Spätantike und Mittelalter oft anders. Prunkvolle Waffen, Prunkgewänder, entsprechender Schmuck, prachtvolles Geschirr dienen nicht nur ästhetischem Vergnügen, sondern mit diesem auch dem Vorzeigen eines herausgehobenen Status. Damit ist der potens, der Reiche und Mächtige, nicht nur ein hervorragender und als solcher zunehmend privilegierter Krieger, sondern mit der Anhäufung vorzeigbarer Luxusgüter auch Vertreter eines herausgehobenen Lebensstils. Vorbildlich dafür sind die wohlhabenderen Kirchen und Klöster, die ihre Prachtentfaltung damit rechtfertigen, dass sie dem Lobe Gottes dienen solle. Tatsächlich dienen sie wenn nicht zuerst dann doch zugleich dem Ansehen der jeweiligen klerikalen Mächtigen.

 

Der Übergang von der Schatzbildung zur Kapitalbildung hat viele Wurzeln. Die gerade angesprochene verlangt zuallererst agrarische Überschussbildung der Grundbesitzer, und den Verkauf des Überschusses auf einem vorläufig nahe gelegenen Markt. Dies wird durch einen zweiten Schritt vereinfacht, indem man den abhängigen Bauern ermöglicht, selbst Überschüsse zu erzielen und diese auf dem Markt zu verkaufen, dafür dann dem Herrn aber eine Rente zu zahlen. Dies wird im wesentlichen eine Entwicklung des Hochmittelalters.

Die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion wird Bevölkerungswachstum hervorbringen, welches mehrfach Voraussetzung für die Entstehung des Kapitalismus wird: Dieser verlangt einmal eine gewisse Bevölkerungsdichte, aus dieser resultiert Abwanderung in die Städte, und daraus ergibt sich deren Wachstum.

Parallel dazu müssen die Fernhändler, immer noch zu einem Teil Orientalen, Kapital bilden, damit sie weit voneinander entfernt einkaufen und verkaufen können. Wenn sie Kredit haben, können sie dafür Kredit bekommen und damit schießen dann Finanziers gegen einen Zins vor, was erst später sich realisieren soll.

Damit alles das sich entwickelt, muss die Produktivität in der Landwirtschaft erhöht werden, wodurch ein Innovationsdruck entsteht, den dann erst eine erste Kapitalisierung der Landwirtschaft einlösen kann.

 

All dies würde einzelne Kapitalisten hervorbringen, aber noch keinen Kapitalismus. Damit es dazu kommt, müssen die Städte sich weiterentwickeln und als Produzenten und Konsumenten an Bedeutung gewinnen. Dabei muss jenes neue Bürgertum entstehen, welches die mittelalterliche Welt so massiv verwandeln wird.

 

Unter Markt verstand man zunächst einen Markttag, der zu bestimmtem Datum an bestimmtem Ort stattfand, und zwar vor allem auf dem Lande und in der Nähe der Orte der Nahrungsmittelproduktion. In dem Maße, indem solche Märkte wichtiger werden, werden sie mit einer Abgabe belegt, zugleich aber weiter privilegiert.

 

Bis in die Zeit der Karolinger wird das alte Recht der urbanen Kerne der civitates tradiert, weiter Märkte abzuhalten. Andererseits wird es ein grundherrliches Recht, überall landwirtschaftliche Märkte abzuhalten. Daneben wird geistlichen Herren von den fränkischen Königen zunehmend ein Marktrecht verliehen. Ziel mächtigerer Herren wird es nun, den eigenen Markt vom Zoll zu befreien, ihn insofern immun zu machen. Dann genießen sie das Recht auf Standgebühren, ohne dafür Abgaben zahlen zu müssen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich bei zunehmender Marktdichte die Vorstellung, dass die Könige das Recht der Konzessionierung solcher Märkte hätten, da vor ihren Gerichten geklagt wird, wenn die Konkurrenz solcher Orte und Tage überhand nimmt. (Pitz, S. 132)

 

Einen Schritt weiter sind wir mit den Vorschriften Karls des Kahlen von 864 über die Marktaufsicht der Bischöfe und Grafen im Edikt von Pîtres. Die betreffen die „Kontrolle von Maß und Gewicht, Preisbestimmung, Warenprüfung und Beaufsichtigung der Handwerker.“ (Pitz, S. 134, MG Capit. 2, 273) Markt-Wirtschaft entsteht so neu unter der strengen Aufsicht und aus den Interessen von Herrschern und Machthabern heraus. Etwa um 900 ist das königliche Marktregal im ostfränkischen Reich voll ausgebildet. Aber das Regal wird an den Grundherrn vergeben. Grundsätzlich gilt: „Die Ordnung des Marktes ist herrschaftlich.“ (Ennen, S.66)

 

Märkte sind der Ort, an dem Grundherren ihre Überschüsse verkaufen und dafür Luxusgüter nicht zuletzt aus Fernhandel kaufen. Daneben ist Salz, selten vor Ort vorhanden, ein überall begehrtes Gut. Es kommt aus Reichenhall, Hallein, Schwäbisch-Hall und Lüneburg. Marktordnungen werden Bräuche, die dann rechtlich tradiert werden. Indem Zoll und Münze dazu kommen, entsteht ein abgesonderter Wirtschaftsraum, aus dem ein herrschaftlicher Rechtsraum werden wird.

In diesem Raum gewinnen Stadtherren Banngewalt, also das Recht, im Interesse des lokalen Friedens zu gebieten und zu verbieten. Auf diese Weise werden sie erst eigentlich zu Stadtherren.

Auch das Recht zur Prägung der Münze erhöht das Einkommen der Stadtherren. Dabei gilt die Münze nur für den Ort der Prägung, fremde Münzen müssen also eingetauscht werden, was dazu führt, dass Münzer zugleich auch zu Geldwechslern werden und zu Teilen einer städtischen Oberschicht wie am Gericht beteiligte Schöffen, beide Gruppen im Dienste des Herren.

 

Vermutlich steigt die Bevölkerung in West- und Ostfranzien wie im Norden und der Mitte Italiens zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert in einigen Gegenden langsam wieder an. Jedenfalls werden neue Ländereien aus Wald, Heide und anderem „Ödland“ für die Landwirtschaft erschlossen. Ein neuartiger Pflug, der die Erde nicht mehr nur anritzt, sondern umpflügt, kommt auf und setzt sich bis ins hohe Mittelalter in immer mehr Gegenden durch. In derselben Zeit entwickelt sich auch an ersten Orten die Dreifelderwirtschaft, welche ebenfalls die Produktivität erhöht, so wie man auch in diesen Jahrhunderten nach und nach an einigen Orten beginnt, das Pferd als Zugtier einzusetzen. Die Zahl der Wassermühlen als früher Maschineneinsatz nimmt zu. Das Verhältnis zur "Natur" wird wie in der römischen Antike, dort wo sie nicht idyllisiert wird,  durch Effizienzdenken bestimmt, welches sie als unnütze und in Nutzlandschaft zu verwandelnde "Wüste" betrachtet.  Für die Vielen, die ihr Überleben dieser Natur durch Arbeit abringen, hat sie bedrohliche Züge, was durch die neue Religion gefördert wird.

Bevölkerungswachstum und wachsende landwirtschaftliche Produktivität sind es denn auch vor allem, die die Städte wieder wachsen lassen.

 

Marktorte, ländliche Siedlungen und auch die Neustädte und burgi ziehen Leute an, die sich dort niederlassen. Unter den Handwerkern, die ihre Produkte auf dem Markt verkaufen, gibt es die Unfreien, die auf Herrenhöfen im Marktort oder seiner Umgebung arbeiten, dann persönlich Unfreie, aber in ihrem Gewerbe Freie, die auch auf eigene Rechnung arbeiten und verkaufen können, und eine Minderheit persönlich freier und wirtschaftlich unabhängiger Leute.

 

Ähnlich treten neben den meist unfreien Kaufleuten, die Handel im Auftrag ihrer Herren betreiben, nach und nach immer mehr einheimische freie auf, so mancher ein wohlhabender Handwerker, der von der eigenen Handarbeit, die er selbst auf den Markt bringt, dazu übergeht, Rohstoffe und Produkte anderer auf dem Markt zu verkaufen. Im frühen Mittelalter gelangen solche Leute zuerst in Italien zu Reichtum. Anderen gelingt es, durch Handel außerhalb der dem Herrn zustehenden Zeit wohlhabend zu werden. Handel ist also für Unfreie ein guter Weg zu einem Wohlstand, der dann auch in die Freiheit führen kann.

 

Während Grund und Boden, selbst Ernteerträge und die handwerkliche Produktion, soweit nachzuvollziehen waren, dass daraus Abgaben errechnet werden können, lässt sich das Geld des Kaufmannes zumindest zu einem guten Teil vor solchen Nachforschungen verstecken. Ludwig der Fromme ist möglicherweise der erste, der darauf kommt, durch Münzverrufung dabei Abgaben wenigstens indirekt zu erreichen: Dabei werden alle Pfennigmünzen für ungültig erklärt und durch neue ersetzt. Wer immer sie bei den Münzstätten umtauschen möchte, muss den „Schlagschatz“ bezahlen, eine willkürlich erhobene Gebühr für die Münzprägung. Natürlich war bekannt, wer über beträchtliche Summen Geldes verfügte, und gelegentlich wurde auch so versucht, zumindest an einen kleinen Teil davon heranzukommen.

 

Außerhalb Italiens und einiger Stadtlandschaften wie am Rhein waren Handel und Gewerbe aber im 9. Jahrhundert noch nicht auf Städte konzentriert, sondern blieben im wesentlichen auf dem Lande. In den fränkischen Reichen auch noch des 9. Jahrhunderts sind Städte und Märkte auch formal meist kaum herausgehoben, sie sind Teile der Grafschaften – es gibt kaum einen so verstandenen Gegensatz zwischen Stadt/Markt und Land. Unter den Karolingern werden die gräflichen Gerichte allerdings als Schöffengerichte aus herausgehobenen Einwohnern, die neben den übrigen Großen in der Stadt ein dezidiertes Vorschlagsrecht für die Zusammensetzung haben, zu einer Art Vorläufer für Gemeindeorgane. Aber von solchen ist man noch weit entfernt.

 

Im westslawischen Raum entstehen nach der slawischen Besiedlung Herrschaften, die in Burgen hausen, an die sich Siedlungen anschließen, die bis über 1000 Häuser umfassen können (wie Lublin im 8. Jahrhundert). Diese im 9. Jahrhundert mit einem Wall umgebenen Orte besitzen Handwerker und Händler.

 

***Italien***

 

Kontinuität geschieht dadurch, dass die oft romanischen Mehrheiten weiter nach römischem Recht leben. Sie resultiert aber auch daraus, das römische Vorstellungen von Stadt (welche auch sonst!) weiter existieren. In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts kann Isidor von Sevilla im Visigotenreich so in seiner lateinischen Etymologie schreiben: Civitas ist die Vielzahl der Menschen, geeint durch das Band der Gemeinschaft, benannt nach den cives, als nach den Einwohnern der Stadt selbst, denn es schließt zur Gemeinschaft zusammen und enthält das Leben der Vielen. Denn urbs sind die Mauern selbst, aber die civitas wird nicht wegen der Steine, sondern aufgrund der cives so genannt. (XV,2). Dass urbs nun nicht mehr Roma, sondern das Gebäudeensemble benennt, ist neu, aber der Rest ist römisch-antik.

Der 'Versus di Verona' vom Ende des 8. Jahrhunderts sieht Kontinuität gerade in den Baulichkeiten: Eine große und berühmte Stadt erhebt sich in Italien, in Venetien, wie Isidor lehrt, die seit der Antike Verona genannt wird. Sie ist in quadratischer Form gebaut, fest von Mauern umschlossen, achtundvierzig Türme ragen aus dem Mauerring hervor, von denen acht sehr hoch sind und die anderen überragen. Sie hat ein hohes Labyrinth von großer Ausdehnung, aus dem niemand, der einmal eingetreten ist, imstande ist, wieder herauszukommen (… das Amphitheater wohl), ein weites, geräumiges und mit Steinen gepflastertes Forum, in dem sich auf jeder der vier Seiten ein großer Bogen befindet, Plätze wundervoll gepflastert mit behauenen Steinen, Tempel, erbaut und geweiht in alter Zeit der Luna, dem Mars, der Minerva, dem Jupiter und der Venus, dem Saturn und der Sonne, die mehr als alles andere glänzt. (in: Staufer und Italien, S.217)

 

Im 8./9. Jahrhundert dürfte die Bedeutung italienischer Städte und des Handels stärker zunehmen als nördlich der Halbinsel.

Die zwischen dem Vertreter des Königs und dem (Erz)Bischof geteilte Macht bleibt in Mailand bestehen, aber ganz langsam neigt sich das größere Gewicht manchen Bischöfen zu. Das asemblatorio, der Ort der allgemeinen Versammlung, befindet sich im 9. Jahrhundert bereits auf dem Platz vor der Kathedrale.

 

Im sich kontinuierlich weiter entwickelnden Lucca ist die Kathedrale längst größter Landbesitzer. In das übrige Land im von der Stadt beherrschten Umland teilen sich andere Kirchen und etwa zwanzig große weltliche Landbesitzer, von denen ein Teil in der Stadt wohnt. Wohlhabenderes Handwerk erwirbt selbst kleineren Grundbesitz. Grund und Boden bestimmen den Status der Menschen. (Wickham, S.85f)

 

Eine gewisse Dominanz schafft der Handel vielleicht in wenigen Küstenstädten, und vielleicht schließt er ganz langsam in Mailand, Cremona und natürlich Venedig zu den landbesitzenden Großen auf. 852 ist ein erster Zusammenstoß zwischen Cremonenser Händlern und ihrem Bischof über die Hafenzölle bekannt.

Ziel des Handels ist aber Geld, mit dem Land gekauft werden kann, denn nicht Handel, sondern Grund und Boden bedeutet Status.

 

Für das Handwerk sind magistri dokumentiert, was eine gewisse Organisation andeutet. "Schon im 8. und 9. Jahrhundert gibt es Belege für einen weiten Bereich von Handwerken: Bearbeiter von Gold, Silber, Kupfer und Eisen; Hersteller von Leder, Tuchen, Seife; Erbauer von Häusern und Schiffen. Es gab sogar Salzproduktion, Suchen mit Pfannen nach Gold und Silberabbau." (in meinem Deutsch: Wickham, S.89)

 

Im Süden steigt neben der Stadt Benevent ab etwa 780 Salerno als zweite Residenz der Duces von Benevent auf. Um 840 löst sich Amalfi von napolitanischer Kontrolle.

 

Die Entwicklungen im Raum der Mittelmeerküste Galliens, welches sich bald zum fränkischen Westreich entwickeln wird, ähneln denen Italiens.

 

Schließlich sei noch kurz Hispanien erwähnt, die iberische Halbinsel, zum größten Teil bald unter islamischer Herrschaft, in der die antiken Städte weiterentwickelt werden, dabei aber nicht jene Strukturen ansteuern, die Kapitalismus entwickeln helfen, weswegen die christliche Rückeroberung Neuanfänge mit sich bringen wird. Immerhin dürften um 900 in Cordoba an die 100 000 Einwohner gelebt haben, als in den Frankenreichen größere Städte ein paar tausend besitzen, 40 000 in Toledo und vielleicht 25 000 in Granada. Handwerk und Handel florieren weit mehr als in der christlichen Welt, aber die Verbindung von Despotie und Islam erlaubt es nicht, Voraussetzungen für ein Bürgertum zu bilden.

 

Nur der wenig urbanisierte Norden bleibt in den Händen derer, die sich als Nachfahren der Visigoten sehen. Als erstes stadtartiges Gebilde entsteht dann im 9.-11.Jahrhundert das galizische Santiago de Compostela und bald darauf das asturische Oviedo und León, das leonesische Zamora und das kastilische Burgos.

 

 

***Venedig***

 

Ein Sonderfall ist Venedig, welches wohl als Fluchtziel vor den Bedrohungen der Hunnen, Goten und Langobarden entsteht, also erst nach dem Untergang des römischen Westreiches.Während die Langobarden das Binnenland beherrschen, behält Byzanz ein Gebiet aus Häfen und Inseln, welches als Exarchat von Ravenna bezeichnet wird. Im Raum Venedig amtet ein Unterbeamter des Exarchen, ein dux, ein Militärführer also. In der Volkssprache wird daraus viel später der Doge.

Venedig gehört so zu den italienischen Restgebieten unter byzantinischer Herrschaft, gehört aber zugleich weiter dem römisch-lateinischen Christentum an. Ein Patriarchat lässt sich auf der Insel Grado nieder, und nach längerer Friedenszeit unter den Langobarden kehrt ein zweites nach Aquileia zurück.

 

Vielleicht in einer Absetzbewegung von Byzanz ist, als es dort unter Kaiser Leo III. zu Unruhen kommt, in Venedig die Wahl eines dux Ursus überliefert. Vorübergehend kommt es wohl wieder zu direkter Herrschaft der Kaiser, aber 742 wird ein Sohn des Ursus wieder zum Dogen gewählt, wie es heißt von einer Volksversammlung. Der macht Malamocco auf dem Lido zu seinem Herrschaftszentrum. Venedig gerät immer mehr aus dem Blickwinkel von Byzanz.

 

Im Gegensatz zu allen anderen bedeutenden italienischen Städten ist Venedig keine alte Bischofsstadt, sondern gehört zu Grado. Aquileia begründet dagegen schon gegen Ende des 8. Jahrhunderts seinen kirchlichen Machtanspruch mit der Legende, der Evangelist Markus sei dorthin gereist, um einen ersten Patriarchen einzusetzen. Danach dann habe es ihn nach Alexandria gezogen, um dort ebenfalls ein Patriarchat einzurichten.

 

Da Venedig fast ausschließlich vom Seehandel abhängt, "verbürgerlicht" die Stadt früher als andere: Ohne Festland gibt es keine Grundherrschaft und später keine Feudalstrukturen. Die soziale Schichtung beruht also wesentlich auf Eigentum und Kapital. Ihre Bevölkerung setzt sich zunehmend aus Kapitalisten und für diese Arbeitende zusammen.

 

Schon mit der Kaiserkrönung Karls 800 gerätt Venedig in das Spannungsfeld zwischen den beiden Kaisern, welches es zu nutzen sucht.

809/10 versucht Pippin auf einem Heerzug von Chioggia aus, Venedig anzugreifen worauf das Zentrum  nun nach Rialto (rivo alto) mitten in der Lagune verlegt wird. Vermutlich errichtet schon der (offiziell byzantinische) dux Agnello Partecipazzo in diesen Jahren seinen Amtssitz dorthin, wo heute der Dogenpalast steht.

Zudem kämpft Venedig wie einige andere italienische Städte mit dem Malariaproblem. Pisa wird sich bald mit dem Versuch beschäftigen, Sumpfgebiete verlanden zu lassen. Zunächst reicher und größer als Rialto ist Torcello im nördlichen, schilfbewachsenen Lagunenteil, mit Kathedrale, Kirchen und Palästen reich ausgestattet. Aber nach und nach bis ins 12. Jahrhundert hinein werden die Einwohner weiter südlich ins Zentrum der Lagune umziehen.

 

Unter der wohl führenden Partecipazio-Familie verteilt sich im 9. Jahrhundert die Macht wohl auf mehrere sich adelig gebende Handelshäuser. Dux Johannes (Partecipazio) ist, obwohl auch Grundbesitzer auf dem Festland, laut seinem Testament kurz vor seinem Tod noch mit 1200 Pfund solidi Investor in Seehandel. 

 

In dieser Zeit beginnt Venedig die nördliche Adria unter seine Kontrolle zu bringen und zur Seemacht aufzusteigen. Die Stadt entwickelt sich unter einem dux/Dogen relativ unabhängig von den byzantinischen Oberherren, den allerdings 812 Kaiser Karl für Kaiser Michael I. im Frieden von Aachen bestätigt. Aber Venedig regelt seine Außenbeziehungen wohl zunehmend selbst.

 

Die Siedlungskerne Venedigs bestehen noch aus eher kleinen Holzhäusern mit kleinen Flächen für den Anbau von Gemüse, Wein und die Haltung einiger Schweine und Kühe.

Ohne Festland entwickelt sich kein Großgrundbesitz, sondern eine Oberschicht aus Händlern und mit ihnen frühe Geldwirtschaft. Sobald sich muslimische Herrscher an den Südküsten des Mittelmeers festgesetzt haben, beginnen Venezianer mit ihnen Handel zu betreiben, gegen die Wünsche der Päpste und von Byzanz.

 

827 lässt der aquilegische Patriarch Maxentius auf einer Synode zu Mantua verkünden, Grado sei nur eine ganz normale Pfarrei unter seiner Herrschaft. Das veranlasst die Venezianer zu einem Gegenschritt. Unter seinem wohlhabenden Dogen Guistiniano werden 828 die Reliquien (der mutmaßliche Leichnam) des heiligen Markus mit anderen Handelswaren aus Alexandria herausgeschmuggelt, um der Stadt Prestige zu verleihen. Damit sie nicht geraubt werden können, werden sie so gut versteckt, dass man sie später kaum wiederfinden kann.

 

Mit dem Bau der Markuskirche wird Venedig dann auch zur Pilgerstadt. Das Wahlamt des Dogen wird nicht erblich, aber dafür wie das päpstliche auf Lebenszeit verliehen, und ist im 9. und 10. Jahrhundert vor allem in den Händen weniger reicher Familien.

 

840 werden der Stadt im Pactum Lotharii die bisherigen Privilegien bestätigt, ohne dass Byzanz noch Erwähnung findet.

 

Seit dem 8. Jahrhundert dringen kroatische Siedler auf die dalmatinische Küste vor, wo sie Piratennester einrichten, von denen aus sie einen Kleinkrieg mit venezianischen Schiffen führen und Tribute für deren Sicherheit erpressen. Das wird bis ins 10. Jahrhundert so weitergehen.

 

Die Venezianer beginnen mit einem Flottenbau-Programm. Zu Bündnissen mit lateinischen Kaisern kommen im 9. Jahrhundert solche mit Byzanz und mit muslimischen Herrschern hinzu. Die Handelsinteressen der städtischen Oberschicht lassen sie immer aggressiver werden.

883/89 wird Comacchio an der Po-Mündung erobert und niedergebrannt, womit Venedig die Kontrolle über den regionalen Salzhandel bekommt und in den nächsten Jahrzehnten erlangt die Stadt die Hegemonie über Istrien. Der Frachtverkehr von Norditalien nach Konstantinopel gerät immer mehr in ihre Hand.

 

 

***Rom***

 

Eine kleine Gruppe mächtiger Familien regiert die Stadt zusammen mit dem Papst, ausgehend von hohen juristischen und Verwaltungs-Ämtern wie dem des Primicerius und des Arcarius oder dem des magister militum. Daneben besetzen sie die geistlichen Spitzenämter der nahen Bistümer oder der Titularkirchen und der Diakonien. Aus ihnen wird sich später das Kardinalskollegium entwickeln.

 

Im Verlauf des 8. Jahrhunderts entzieht sich die Stadt immer mehr byzantinischem Einfluss, von dem es sich im Bündnis mit den Franken dann ganz löst. Dabei begreifen sich die Päpste dann als souveräne Herren der Stadt, da sie vermeiden, im Frankenreich aufzugehen. Indem sie sich als Erben des byzantinischen imperialen Landes begreifen, nimmt ihr Landbesitz noch einmal zu.

 

Mit dem langsamen Verschwinden des Senates wuchs der römische Bischof als größter Landbesitzer in die Rolle des Stadtherrn hinein. Als solcher übernimmt er nun auch die Versorgung der sich verringernden Bevölkerung mit Getreide. Schon im 7. Jahrhundert, immer noch unter byzantinischer Hoheit, ist die Kirche auch im weiten Umland mit ihrer ausgeprägten Verwaltung fast monopolartiger Grundbesitzer.  Die Päpste vergeben ihr Land an die Kirchen der Stadt. Ein sich neu formierender Krieger"adel" beginnt Grund und Boden im Umland der Stadt zu pachten. Damit kann die Kirche bzw. können die Kirchen der Stadt ihren Besitz in etwa halten, zugleich gewinnen sie eine sie schützende militärische Klientel. (Wickham(2), S.21f)

Wo es im weiten Umland nicht stadtrömischer kirchlicher Besitz ist, gehört das Land zum Großgrundbesitz von Klöstern wie Farfa und Subiaco oder zu Bischöfen wie denen von Sutri und Tivoli.

 

Das Amt des Papstes bedeutet Macht, eine eigene Klientel mit Land und lukrativen Ämtern zu bereichern und wird entsprechend umkämpft. Im 9. Jahrhundert wird das immer deutlicher. 882 wird Johannes VIII. ermordet, während zugleich Sarazenen immer mehr in Latium einfallen. 898 wird das bedeutende Kloster Farfa geplündert und besetzt. 897 wird Nachfolger Stephan VI. ebenfalls ermordet, während die islamische Gefahr weiter zunimmt.

 

Kirche

 

Die Verklammerung von Kirche und Macht erreicht, wie schon einmal in der Endphase des römischen Reiches einen neuen Gipfelpunkt mit der Annäherung karolingischer Herrscher und der Päpste, also den römischen Bischöfen, die ein geistliches Primat über die „katholische“ Kirche beanspruchen, und endet in der päpstlichen Kaiserkrönung Karls.

 

Darunter besteht eine Bischofskirche, die "geistliche" Macht mit der weltlichen eines großen Grundherren mit seiner abhängigen Bevölkerung und mit Ansätzen von Herrschaft über die eher noch weiter verfallenden Städte zunächst in Kokurrenz mit einem Grafen"amt" verbindet. Weltliche Grundherrschaft wiederum kontrolliert Kirche in ihrem Bereich, errichtet bescheidene Kirchengebäude als Pfarren und bestellt Pfarrer dafür, die in der Regel kaum dafür ausgebildet sind. Auch von Grundherren gestiftete Klöster geraten unter ihre weltliche Kontrolle.

 

Mit dem Verfall der kaiserlichen Zentralgewalt unter den Kindern und Enkeln des großen Karl wird die Kirche als Klammer und Ordnungsfaktor noch wichtiger. Benedikt von Aniane vertritt eine von Ludwig dem Frommen unterstützte Klosterreform, die die Klöster im Reich vereinheitlichen soll, und mit der Institutio canonicorum Aquisgranensis (Aachener Institution) von 816 soll so etwas im kaiserlichen Sinne auch für die Kirche erreicht werden.

 

Vorbild für die nun erneut verlangte vita communis ist Augustinus, der schon in seinem Elternhaus in Thagaste und dann als Bischof von Hippo mit seinen Klerikern in einer Art klösterlicher Gemeinschaft lebte.

Regularkanoniker, auch Augustiner-Chorherren genannt, legen ein Gelübde auf ihr Domstift (Hochstift) oder Kollegiatstift (Niederstift) ab und wählen unter den beiden überlieferten Augustinusregeln entweder die maßvollere Version Praeceptum / ordo antiquus oder der strengeren Observanz folgend die Version Ordo monasterii / ordo novus aus. Ein so oder ähnlich einheitlich geregeltes Leben wenigstens des hohen Domklerus in Ehelosigkeit, Gemeinschaft und kirchlichem Gemeineigentum soll also nun durchgesetzt werden, um Kirche auch im Interesse weltlicher Herrschaft zu stabilisieren. Das gelingt aber nicht überall und auf Dauer.

Vielmehr geraten die Kirche und das Kloster in den gewalttätigen Wirren des neunten Jahrhunderts immer mehr in Abhängigkeit von fürstlichen und kleineren weltlichen Herren, deren Schutz sie bedürfen, dabei gleichzeitig von ihnen bedroht.

 

Die Autorität Karls über die Kirche schwindet ausgerechnet unter jenem Sohn Ludwig, der als "der Fromme" in die Geschichtsbücher eingehen wird. In seinem Fürstenspiegel für Ludwigs Sohn Pippin, 'De Institutione Regia', rekurriert der einflussreiche Jonas, Bischof von Orléans, bereits wieder auf die gelasianische Zweischwerter-Theorie:

Da das geistliche Amt eine solche Autorität besitzt, und eine solch gewichtige Entscheidungsmacht, dass sie für die Könige selbst vor Gott Rechenschaft abzulegen haben, ziemt es sich, was sage ich, ist es nötig, dass wir uns ständig mit eurem Seelenheil befassen und das unsere wachsamen Ermahnungen euch hindern zu irren – Gott schütze euch davor - (…) Das königliche Amt ist ganz besonders das, das Volk Gottes mit Billigkeit und Gerechtigkeit zu regieren (...) In der Tat, der König muss zuallererst der Verteidiger der Kirchen und der Diener Gottes sein. (Nach dem Französischen in Audebert/Treffort, S.18))

 

Zugleich bleibt Jonas aber ein treuer Anhänger Ludwigs, wie er zum Beispiel auf dem Konzil von Paris 829 beweist. Als ein solcher weist sich auch Hinkmar aus, der 822 zur Ausbildung an den Hof Ludwigs des Frommen zu Aachen geschickt wird. Er wird Vertrauter des Kaisers und danach Vertrauter des westfränkischen Königs Karls des Kahlen und als solcher 845 Bischof von Reims.

 

882 richtet er kurz vor seinem Tod an den westfränkischen König Karlmann in Quierzy einen als 'Admonitio Hincmari ... ad episcopi et ad regem Karolomannum' betitelten Text, der als 'De ordine palatii' in die Geschichtsschreibung eingehen wird. Der erste Teil ist eine Art Einleitung, in der die königliche Gewalt nicht zuletzt im Verhältnis zur geistlichen dargestellt wird:

 

So möge denn der Herr König begreifen, zu welchem Amte (officium) er aufgestiegen ist, und er möge hören auf die warnende Mahnung des Königs der Könige, der ihm ebenso wie anderen Königen sagt: „Und nun, ihr Könige, habt Einsicht, lasst euch belehren (…) Wie daher der selige Papst Gelasius im Brief an Kaiser Anastasius aus der heiligen Schrift zeigt, und wie auch in den Akten der kürzlich beim Märtyrergrab der hl. Macra gefeierten Synode enthalten ist, sind es zwei, von denen (...) diese Welt hauptsächlich regiert wird: die geheiligte Autorität der Priester und die königliche Gewalt. 

Es folgt dann, dass die Bischöfe Aufseher (episcopoi) seien. Aufgabe der Aufseher ist es, dem ihm anvertrauten Volk (populo) durch Beispiel und Lehre unablässig zu verkünden, wie es zu leben hat. (Kap.III) Schließlich heißt es, ganz im Sinne des evangelischen Jesus: Es gilt, Gott mehr (zu) fürchten als menschliche Satzung. (S.73)

 

Außer auf Papst Gelasius bezieht sich Hinkmar für die Rolle von geistlicher und weltlicher Gewalt auf die kurz zurückliegenden Synode von Firmes (April 881), die er maßgeblich beeinflusst hatte.

 

In 'De ecclesiis et capellis' wird das in einen großen Zusammenhang gestellt: Wahrlich, Christus ist das Haupt der Christenheit, und die Kirche, die der Körper Christi ist, setzt sich aus zu Engeln gewordenen Heiligen, den lebenden und den toten Christen, zusammen. Derart sieht man, dass sie den Körper bildet, der die unterschiedlichen Glieder vereinigt. (in Audebert/Treffort, S. 70) Der Himmel reicht so, wie dann auch bei Herrscherdarstellungen des 11. Jahrhunderts, bis in die Erde hinein, und vermittels der Kirche leben die noch irdisch Lebendigen und die auferstandenen Toten und die, die noch der Auferstehung harren, in einer Gemeinschaft zusammen.

 

Für die Verselbständigung des Papsttums und Zentralisierung der Kirche steht mehr als andere Nikolaus I., Papst von 858-867. Seine Machtposition belegte er im Konflikt mit König Lothar II. (von Lotharingien), der sich wegen Kinderlosigkeit 862 von seiner Ehefrau trennen möchte, um die Konkubine Waltrada zu heiraten, mit der er bereits einen Sohn hatte. Zwei Aachener Synoden genehmigen ihm das, worauf sich Hinkmar von Reims mit Rückendeckung Karls des Kahlen dagegen und an Nikolaus wendet. Nikolaus exkommuniziert nun die Synoden und die die Scheidung betreibenden beiden Erzbischöfe.

 

Etwa in der Zeit kommt es zum Konflikt mit Ostrom, da sich Nikolaus intensiv für die Slawenmission engagiert. Im Konflikt mit dem neuen Patriarchen Photius exkommuniziert Nikolaus ihn zunächst (863,) wobei er sich mit Byzanz über die filioque-Frage so entzweit, dass der östliche Patriarch 867 gegen ihn den Bannfluch (anathema) erlässt.

 

Im letzten Kanon des Konzils von 863 wird die päpstliche Position deutlich:

 Wenn jemand den Dogmen, Anweisungen, Verboten, Sanktionen oder Dekreten , wie sie heiligmäßig vom Haupt des apostolischen Stuhls erlassen werden, handele es sich um den katholischen Glauben, die kirchliche Disziplin, die Ermahnung der Gläubigen, die Züchtigung der Missetäter, Interdikte, die gegenwärtige oder zukünftige Übel betreffen, nicht folgt, er sei verflucht. (Nach Audebert/Treffort, S.18)

 

Abt Regino von Prüm schreibt einige Jahrzehnte später lobend und etwas übertreibend über ihn: Seit dem seligen Gregor kann ihm kein Bischof, der in der Stadt Rom auf den Sitz des Pontifex erhoben wurde, verglichen werden. Den Königen und Tyrannen gebot er und beherrschte sie durch seine Autorität, als ob er der Herr der Welt gewesen wäre. Er zeigte sich demütig, süß, fromm und wohlwollend gegenüber den gewissenhaften Bischöfen und Priestern , die die Vorschriften des Herrn beachteten, furchtbar und von äußerster Härte für die nicht Frommen und die, die vom rechten Weg abwichen. (Nach Audebert/Treffort, S.18f)

 

Der Investiturstreit des hohen Mittelalters kündigt sich schon leise an, wenn auch nur in solchen Texten, denn in der Praxis sind Päpste vor allem Bischöfe ihrer Diözese, darüber hinaus mit der Realisierung ihres Patrimonium Petri beschäftigt. Zu den Bistümern jenseits der Alpen besteht wenig Kontakt und fast keine Oberaufsicht, und selbst in Italien ist der tatsächliche Einfluss gering. „Die Umgebung der Päpste in dieser Zeit ist so lokal und provinziell wie im allgemeinen der päpstliche Wirkungsbereich.“ (Tellenbach in Bernward, S.74)

 

In derselben Zeit wird eine Konstantinische Schenkung erfunden, die im Kern besagt, dass Kaiser, als er sich nach Byzanz zurückzog, den Westteil des Reiches den Päpsten überlässt. "Als Zeichen seiner kaiserlichen Stellung habe Konstantin Silvester und seinen Nachfolgern unter anderem das Phrygium verliehen, das als schneeweiße Kopfbedeckung für die goldene Krone stand, den purpurfarbenen Mantel und die scharlachrote Tunika sowie das Szepter und andere Herrschaftsinsignien; er habe festgelegt, dass die Päpste das Phrygium bei Prozessionen zur Nachahmung Unseres Reiches tragen dürften." (Borgolte, S.76)

 

Kloster

 

Für den Adel und die Herrscher sind die Klöster nicht nur Machtfaktoren, sondern auch solche einer eigenartigen frühmittelalterlichen Religiosität. Als integraler Bestandteil von gewalttätigen Machtstrukturen und eines den offiziell hochgehaltenen Evangelien diametral widersprechenden Lebenswandels dienen sie der Delegation des Einhaltens christlicher Gebote. Mönche sind stellvertretend für den übrigen Adel einigermaßen so fromm und heilig, wie es die Kirche eigentlich vorschreibt. Darum können sie es übernehmen, durch kultische Handlungen wie Gebete und spezielle Messen dem Adel "draußen" in der Welt zu helfen, die Hölle zu vermeiden, jene, die sie auf Grund ihres Lebenswandels „eigentlich“ nach dem Tod erwartete, was wenigstens einige wohl auch glaubten.

"Die Mönche des Klosters Aadorf im Thurgau, des Hausklosters des Linzgaugrafen Udalrich im späteren 9. Jh., sollten beispielsweise täglich drei Messen und wöchentlich drei Psalter für die verstorbenen sowie eine Messe für das Heil der lebenden Familienmitglieder singen. Zunächst gedachte man der Eingetragenen einzeln, als deren Zahl aber überhand nahm, musste man sich mit einem summarischen Gedächtnis begnügen." (Goetz, S.76)

 

Nicht überall gab es da allerdings ein so beeindruckendes Spektakel wie in Centula nordwestlich von Amiens, wo der von Karl ("dem Großen") gesandte Laienabt Angilbert drei Mönchschöre organisierte, die sich unentwegt durch die Abteikirche und zwischen der Marienkirche und der dem hl. Benedikt geweihten hin und her bewegen und dabei den Lobgesang Gottes anstimmen. (Fried, S.352f). Aber überall sind sie der Ersatz für regulär sehr unchristliche Lebensführung "in der Welt".

 

Hatte die Familie eines weltlichen Großen ein Kloster gegründet, so kann man dort nachgeborene Söhne und ebenfalls Töchter in herausragender Stellung unterbringen. 852 gründet Graf Liudolf, Stammvater der Liudolfinger und Ottonen, das Kloster Gandersheim, und sorgt dafür, dass seine Töchter, die damals 12-jährige Hathumod, dann Gerberga und schließlich Christina, dieses leiten.

 

Naheliegend ist es dann natürlich auch, dass man dies Kloster zur Grablege der eigenen Familie macht, und so werden zum Beispiel Liudolf und Gemahlin Oda in Gandersheim begraben. Zudem wird der adelige Familiensinn und sein genealogisches Element gestärkt, wenn ihrer nach dem Tode in Kirche und Kloster regelmäßig gedacht wird, was man allerdings durch Stiftungen und Spenden vorher „bezahlen“ muss.

 

Neben dem wohlhabenderen Adel sind Klöster als Reichsklöster auch direkt den Königen unterstellt, entweder weil Könige sie selbst gegründet haben oder aber weil sie ihnen übertragen wurden. Um sie als Mittel zur Herrschaftsausübung nutzen zu können, erhalten sie Privilegien, wie 818 St.Gallen die freie Abtswahl (bei Zustimmungsrecht des Königs) und die Immunität durch Ludwig ("den Frommen").

"Damit war das Kloster unmittelbar dem König unterstellt und der Amtsgewalt des Grafen entzogen; die königlichen Amtsträger durften den Immunitätsbezirk zur Ausübung ihrer Amtsgeschäfte, etwa um Gericht abzuhalten oder Abgaben einzutreiben, nicht mehr betreten. Die Klöster wurden dadurch in ihrer Verwaltung autonomund durften selbst Gericht über die in der Immunität lebenden Menschen halten." (Goetz, S.84)

 

Dafür sind Reichsklöster zu Abgaben und dem servitium regis verpflichtet. 854 hat St.Gallen beispielsweise zwei Pferde und zwei Schilde abzuliefern. Zum Königsdienst gehört die Beherbergung und Verköstigung des Königs und seines Gefolges ähnlich wie in einer Königspfalz. Eine weitere Verpflichtung ist der Kriegsdienst, für den Äbte dem König Klostervasallen zuführen, oft genauso viele Panzerreiter wie Bischöfe. Äbte dienen darüber hinaus als Königsboten und anderweitig im Herrschaftsapparat.

"Abt Grimald von St.Gallen (841-72) war zugleich Abt von Weißenburg im Elsaß (einer ebenfalls bedeutenden Reichsabtei) und vor allem als Erzkanzler Ludwigs des Deutschen Vorsteher der königlichen Kanzlei und der Hofkapelle, die für den Gottesdienst am Hof ebenso verantwortlich war wie für den gesamten königlichen Schriftverkehr. Es ist begreiflich, dass er kaum noch im Kloster anwesend war" (Goetz, S.87)

 

 

Die Benediktregel ist weder bis Anfang des 9. Jahrhunderts als einzige für verbindlich erklärt worden, noch wird sie sonderlich genau eingehalten. Die einschneidendste Reform in Richtung genauerer Befolgung benediktinischer Pflichten beginnt ein fränkischer Grafensohn, der zu diesem Zweck in Aniane bei Montpellier ein Reformkloster gründet und sich selbst als Mönch ganz programmatisch in Benedikt umbenennt. Andere südgallische Klöster schließen sich seiner Reform an, was auf die Unterstützung Ludwigs (des Frommen) dort zurückgeführt werden mag. Als dieser 814 auf Vater Karl folgte, nimmt er Benedikt mit an den Hof. 816-19 wird dort neben der neuen und allgemeinverbindlichen Kanonikerregel eine entsprechende für die Klöster beschlossen. Und zwar wird das nun für alle eine streng ausgelegte Benediktregel, die sogar in den Details festgelegte "Gewohnheiten", consuetudines, absteckt. Damit wird das Ziel des "großen" Karl, Zentralisierung und damit Vereinheitlichung voranzutreiben, neben der Geistlichkeit auch für die Klöster gefordert. Das Problem ist nur, dass es wenig Mittel zur Durchsetzung gibt.

 

Die Aristokratisierung der Klöster, die zur Abschließung der fränkischen Klöstern von nichtadeligen Kreisen führt, tendiert natürlich dazu, der Arbeit möglichst viel Gewicht wieder zu nehmen, offiziell begründet durch den Wunsch nach stärkerer Spiritualisierung des klösterlichen Alltags, wie es Cluny eindrücklich als Dominanz des Liturgischen formulieren wird. Schon Benedikt von Aniane hatte zwei tägliche Hochämter und das Abbeten von 137 Psalmen durch jeden Mönch zur Pflicht erklärt.

 

Neben der wohlhabenderen Oberschicht und den Königen dient das Kloster über seine Kirche auch als Pfarrkirche und damit dem einfachen Volk. Im 9. Jahrhundert nimmt dabei die Zahl der geweihten Mönche als Kleriker erheblich zu.

"In St.Germain-des-Prés bei Paris bildeten die geweihten Mönche im 8. Jh. noch die Minderheit, im Laufe des 9. Jh. aber erreichte fast jeder Mönch im Laufe seines Lebens einen Weihegrad; im Jahre 838 waren in St.Denis 65% der Mönche geweiht; in St.Gallen besaßen 42 von den 101 Mönchen des Jahres 895 allein die Priesterweihe." (Goetz, S.77)

 

Damit verbunden wird die Tatsache, dass Klöster Schulen anschließen, die zunächst die eigenen Leute, insbesondere die als Kinder dem Kloster gegebenen pueri oblati unterrichten, zum anderen aber auch die Geistlichen des Weltklerus. In seiner 'Admonitio generalis' fordert Karl ("der Große") schon 789, dass jedes Kloster eine solche Schule und Schulbücher haben soll. Dazu passt, dass das Kloster einer ausgesprochenen Schriftreligion eine Bibliothek besitzt und eine Schreibstube, das scriptorium, in dem vor allem Texte kopiert werden.

 

Neben dem Kontakt mit dem einfachen Volk als Pfarrkirche nimmt der äußere Bereich des Klosters auch Pilger und Arme auf und verköstigt und (manchmal) bekleidet sie. Große Klöster besitzen für diesen Zweck Xenodochien, wörtlich Fremdenhäuser, von denen die Armenhäuser im 9. Jahrhundert abgetrennt werden. Solche karitativen Einrichtungen können auch der Versorgung von Kranken dienen.

 

Zu all den vielen Außenbeziehungen der Klöster kommen noch die Gebetsverbrüderungen einzelner Klöster miteinander.

"Am Beginn stand der sog. Totenbund von Atigny von 762: 22 Bischöfe, 5 Abtbischöfe und 17 Äbte verpflichteten sich dort gegenseitig, beim Tod eines der Verschworenen jeweils 100 Psalmen zu singen und 100 Messen (...) zu lesen.

(...) nach der Verbrüderung zwischen St.Gallen und der Reichenau (um 800) sollten die Priester beim Tod eines Mönchs aus dem anderen Kloster jeweils drei Messen lesen und die übrigen Brüder einen Psalm und eine Vigilfeier singen; am siebten Tag wurden dann noch einmal 30 Psalmen gesungen, am 30. Tag schließlich wiederum eine Messe gelesen bzw. 50 Psalmen gesungen." (Goetz, S.99)

 

 

Es waren übrigens vielleicht die Klöster, die neben dem König die sogenannte Villifikation mit ihrer Trennung in Salland mit Herrenhof, den für Klöster ein Verwalter übernehmen konnte, und der Verhufung von Bauernland vorantrieben. Klösterliche Grundherrschaften sind so weithin aus dem Aufgabenbereich der Mönche ausgegliedert, deren Arbeit sich auf Garten und Selbstversorger-Handwerk zurückzieht, was den Mönchen Zeit für Arbeit an ihrem Seelenheil gibt.

 

Finanziert werden Klöster und Mönche über fromme Spenden, dazu kommt das Arbeitsgebot des Benedikt in seiner Ordensregel. Zu der Handarbeit der Mönche selbst soll auch die von am Rande des Klosters angesiedelten Handwerkern kommen. Mit den Reformbeschlüssen von 816/17 soll der Anteil dieser Handwerker dann verstärkt werden, damit die Mönche sich stärker auf ihre geistlichen Ziele hin orientieren können. Der sogenannte St.Gallener Klosterplan, kurz darauf entworfen, benennt um die Klausur Brauerei, Bäckerei, Mühlen, ein Handwerkerhaus der Schuster, Sattler, Drechsler, Gerber, Schwertfeger und Schildmacher, Goldschmiede, Eisenschmiede und Walker. Im Bereich des Klosters Corbie werden viele verschiedene Handwerker erwähnt. Landarbeit über die beschauliche Tätigkeit in einem Klostergarten hinaus sollen abhängige Bauern leisten. Große Klöster reservieren darüber hinaus Hufen für Leute, die eben auch handwerkliche Produkte abzuliefern haben.