CHRISTENTUM UND KIRCHE IM 10. JAHRHUNDERT

 

1. Christentum

a: Teufel

b: Büßen

c: Der Gott des Krieges und des Friedens 

d: Ewigkeit

e.Heiligkeit

f: Reliquien

g: Glauben

2. Papsttum und Kirche

3. Adelige Geistlichkeit

a: Bernward von Hildesheim

b: Gandersheimer Streit

c: Welt des Thietmar von Merseburg

4. Die Kirche unten und das Christentum der meisten

 

 

Wer zwischen Glauben und Wissen unterscheidet, wird Wissenschaftlichkeit immer als einen stets kritisch zu erneuernden Versuch begreifen, der ohne die Gewissheit des Glaubens auskommt und die existentielle Ungewissheit menschlichen Daseins hinzunehmen bereit ist. Die Versuche hier, sich der Entstehung des Kapitalismus auf immer neuen Wegen zu nähern, verzichten auf jede Gewissheit eines Glaubens..

 

Diese Betrachtung, die sich auf keinen Gott berufen kann, ist aber getragen von dem Respekt vor jenen eher wenigen Christen, die ihre Religion als einen ernsthaften Versuch ansahen, auf die existentielle Mangelhaftigkeit menschlichen Selbstbewusstseins eine Antwort zu finden, wozu ein Bewusstsein von dem Unheil gehört, welches Menschen in die Welt bringen, - und sei es nur, indem sie ein solches definieren. Dieses Bewusstsein, Ursprung aller Kulte und Kulturen, wird der Kapitalismus mit seiner Tendenz zum Fortschritts-Optimismus im Laufe der Jahrhunderte immer mehr vertreiben, bis es gerade heute in der menschengemachten Bedrohung des Lebensraumes Erde wieder auftaucht.

 

Für diese wenigen ernsthaften Christen sind der tendenziell erratische Geschlechtstrieb als ursprünglicher Egoismus und das persönliche Eigentum über das Lebensnotwendige hinaus der Ursprung allen Übels. Als "Natur" des Menschen erkannt, gilt es ihnen, sie beide im Sinne eines lateinischen Kulturbegriffs zu überwinden. Darin vereinigten sich jüdische und hellenistische Vorstellungen, wie sie bei Paulus und den Evangelisten auftreten, und gewinnen im römisch-lateinischen Raum ein spezifisches Format.

 

Die radikale und zugleich einzig mögliche Lösung nach dem Ausbleiben des Erlösers war der offensichtlich nur wenigen gegebene Zustand der Heiligkeit, der als engelsgleiche oder wenigstens ähnliche Existenz versuchte, möglichst viel vom Zustand der Erlösung auf Erden schon vorwegzunehmen. Angestrebt wurde dabei kein Zustand des Leidens, sondern einer der glückseligen Freude, der aus den Mühen der Verleugnung bzw. Ablehnung der Menschennatur hervorgehen soll. Dies ist die Idee mönchischer Existenz. Dieser Zustand war dem Klerus aber deswegen nicht möglich, weil er sich mitten in jener Menschenwelt der Laien aufhielt, der dieser Anspruch nicht zuzumuten ist. Ein eheloser und unbeweibter Klerus ist schon bald nicht mehr allgemein durchsetzbar, schon gar nicht in den germanischen Nachfolgereichen, und die Neigung, das kollektive Eigentum der Kirchen so zu mehren, als ob es Privateigentum wäre, und Privateigentum als Teil eines klerikalen Status anzusehen, wird ebenfalls gängige Praxis spätestens seit dem vierten Jahrhundert.

 

Dass ausgerechnet diese lateinisch-“christliche“ Welt in ihrem Schoß den Kapitalismus gebären wird, also von der Schatzbildung zur allgemeinen Verwandlung von Schätzen in Kapital fortschreiten und parallel dazu einen nie dagewesenen sich verallgemeinernden Konsumismus hervorbringen wird, wirkt auf den ersten Blick paradox. Es wird auch nicht genügen, den Extremismus der Weltflucht und Naturverneinung auf der einen Seite, und die gewalttätige Besitzgier einer „christlichen“ Kriegerschar auf der anderen Seite als Grundlage anzusehen, sondern eher die Versöhnungsversuche beider Seiten als Rahmen.

 

Der Kapitalismus wird in einer radikal widersprüchlichen Welt entstehen, in der der Grundwiderspruch aus der immer neuen Versöhnung von Christentum und Gier, der Eintracht des eigentlich Unversöhnlichen, und zwar als immer radikalere Entchristianisierung aufgelöst wird. Im Verlauf dieser Entchristianisierung wird die Kirche die Rolle spielen, genau diese als christlich zu legitimieren. Sie wird ihr eigener Totengräber, was letztlich mit dem Absolut-Setzen geistlicher Macht im 11. Jahrhundert beginnt, zwar dann wieder zurückgenommen, aber in seinen Folgen nicht mehr rücknehmbar.

 

 

1. Frühmittelalterliches Christentum in der Welt

 

a: Der Teufel

 

Die Realität Gottes bewies sich daran, dass er belohnte und bestrafte, und zwar schon in dieser Welt. Man musste nur dran glauben. Sichtbar ist er allerdings nicht, und darum wird er bis ins späte Mittelalter auch selten abgebildet. Ersatzweise erscheint er in Menschengestalt und streift in Gestalt seines eigenen Sohnes fast wie ein griechischer Gott kurz einmal durch das irdische Jammertal. Die Realität Gottes bewies sich aber viel mehr an seinem Widersacher, dem Teufel, der durch das ganze Mittelalter eine reale und sehr anschauliche Person bleibt. Das ist auch kein Wunder, ist die Welt des evangelischen Jesus wie seiner jüdischen Zeitgenossen doch schon von teuflischen Dämonen durchsetzt, die niemand wie er wahrhaft austreiben kann.

 

Als Satanas ist er bei Juden der „Widersacher“ Gottes gewesen, sein Gegenspieler, bei den Griechen wird diese Vorstellung in den diabolos übersetzt und in seinen Verballhornungen wird dieses Wort dann für die Germanenmission übernommen.

 
Einen Teufel kannten die Germanen wohl nicht, wie auch keinen Sündenbegriff. Dafür kannten sie wie alle Indoeuropäer eine Zwischenwelt zwischen Menschen und Göttern, gute und böse Wesen, Feen, Dämonen usw. Dieser Volksglaube wird durchs Mittelalter anhalten, aber die Kirche wird irgendwann anfangen, danach zu streben, dem (sehr eingeschränkten) Monotheismus und der geistlichen wie weltlichen Monarchie auch einen solistischen Bösewicht zuzugesellen, einen Monosatanismus sozusagen einzurichten.

 

Theologisch wird er zum „Fürsten dieser Welt“, so wie Gott der der nächsten ist, weswegen diese verschwinden muss, ist sie doch missraten. Inhaltlich wird er zum Vertreter all dessen, was jeweils gerade verboten ist. Wer sich nicht auf den mühsamen Pfaden des Erlaubten hält, wird nicht im Himmel und ewiger Glückseligkeit, sondern in der Hölle mit ihren ewigen Qualen landen, die im Verlauf des Mittelalters immer sadistischer aufgeladen werden.


Diese Vorstellung vom Regiment des Teufels und den Höllenqualen setzte sich, wenn man allem, was überliefert ist, glauben kann, langsam immer mehr durch und wird von Königen und Bauern gleichermaßen „geglaubt“. Dem oder den Teufeln auf Erden ist ein jenseitiges Höllenreich zugeordnet, eine Parallelwelt zum Himmelreich, und mögen teuflische Versuchungen auf Erden auch attraktiv sein, so verwandeln sie sich nach dem Tod in ihre Umkehrungen, was noch Dante inspirieren wird, und sollen entsprechend die Sünder mit Schrecken erfüllen. Wenn dann auf höchster Ebene Papst Gregor VII. im Streit mit Heinrich IV. die Welt auffordert: Versucht ihn in jeder Weise der Hand des Teufels (de manu diaboli) zu entreißen, wo doch die Möglichkeit besteht, dass er es lieber dem Teufel als Christus zu folgen vorzieht (in Laudage/Schrör, S.129), so wird deutlich, dass an den Teufel auch in höchsten Kreisen kein Zweifel besteht. Und wenn das den König wenig beeindruckt, dann nicht, weil er nicht an das göttliche Gericht und die Höllenqualen glaubt, sondern eher den Papst für vom Teufel besessen hält.

 

Da die Laien zumindest außerstande waren, nicht immer wieder zu sündigen, gab es nur eine Möglichkeit, der Hölle zu entkommen, nämlich die Buße noch in diesem Leben. Im frühen Mittelalter wurde diese Buße im wesentlichen als Abbüßen einer Strafe verstanden, die von der Geistlichkeit verhängt wurde. Klassische Strafen waren zusätzliches längeres Fasten (wozu sexuelle Enthaltsamkeit gehörte), Pilgerfahrten oder das Ableisten von Geld oder Naturalien. Der Phantasie waren da aber kaum Grenzen gesetzt.


Der Teufel des Mittelalter ist eine Doppelgestalt: Einmal ist er auf Erden der Verführer, der Anbieter zahlloser Verlockungen. Andererseits ist er aber auch in der Hölle der grausame Folterer und Sadist. Die Trennlinie zwischen Attraktion und Schrecken setzen der Tod und das (irgendwann) folgende Gericht, bei dem nach mittelalterlicher Vorstellung eine richtige Gerichtsverhandlung stattfindet, in der die Qualifizierung für das ewige Leben untersucht und durch heilige Anwälte auf Seiten des Sünders zu dessen Gunsten beeinflusst werden kann. Im Muspilli heißt es: In diesem Gericht ist kein Mensch so schlau, dass er sich freilügen könnte (dar ni ist eo so listic man der dar iouuiht arliugan megi). Sich in den Himmel Tricksen geht also nicht, und das verstärkt die Angst.

 

Die Paradiesgeschichte als bildhafte Vorstellung des Austritts des Menschen aus der paradiesisch vorgestellten Natur und Eintritt in die Mühen der Kultur bestimmt diesen Punkt als den des Beginns eines sich selbst reflektierenden Denkens, also den der Textproduktion, und zugleich den der Selbstwahrnehmung als eines vom Geschlechtstrieb auf besondere Weise bestimmten Wesens. Dabei geht es um die menschliche Besonderheit, dass die Fortpflanzung mit einem besonders ausgeprägten Lustempfinden gekoppelt ist, welches das Begehren zu einem von ausgiebiger Lust machen kann.

 

Als klassische Sünde setzte sich also bald die sexuelle Unzucht (fornicatio) durch, wobei man das deutsche Wort auch mit Disziplinlosigkeit umschreiben könnte. Damit wird der Teufel vor allem zum Vertreter des sexuellen Begehrens, was sich in seinem animalischen Pferdefuß und seinen ebenso animalischen Ausdünstungen niederschlägt. Sexuelles Begehren als Gier wird als eine Form der Habgier angesehen, und dagegen wendet sich die um ein Gleichgewicht zwischen Himmel und Hölle bemühte mâze, wie sie später im mittelalterlichen Deutsch heißen wird, das Bemühen um das rechte Maß, eine Vorstellung für die Praxis der Laienwelt und Teil des späteren ritterlichen Ideals. Im Lateinischen ist das am ehesten die discretio.

 
Am männlichen Begehren ist die Frau schuld, „weil“ sie es in ihm entzündet. Die Frau, die das forciert, ist mit dem Teufel im Bunde. Damit schwankt das Teufelsbild zunehmend: Es oszilliert im Verlaufe des Mittelalters immer mehr zwischen dem abstoßend hässlichen Bösen und dem attraktiv-charmanten Bösen. Nur in letzterer Rolle taugt der Teufel ja als Verführer insbesondere der Frau, die dann den Mann verführt. Das sind die neurotischen Gefühlsambivalenzen im Menschen, die Freud so schön beschrieben hat, und die im völlig unbewältigten Zustand bipolare Strukturen herstellen, die in Hass und Aggression wie in fanatische Verehrung und Unterwerfung ausarten können.

 

Je stärker die Präsenz der Kirche wurde, desto mehr erlegte sie den Menschen ein Erziehungsprogramm auf, in dem sie ein Stück weit den Kulturen der Kelten, Germanen und Basken entwöhnt werden. Dies lässt sich als spirituelle Einübung in Untertänigkeit beschreiben: Der geistliche Vater verlangt den Laien-Kindern vollen Gehorsam ab. Dass die Kirche und das Kloster dabei auch ein eingeschränktes antikes Bildungsgut wie Aspekte der Stoa oder des Kynismus weitertradiert, bleibt davon ungestört.

 

Das teuflische Begehren einerseits und die Unterwerfung unter die himmlisch eingesetzten Vorgesetzten auf der anderen Seite findet seinen größten Widerspruch im christlich eingefärbten kriegerischen Adel, in dem der Stolz und die christliche Demut nur schwer miteinander in Einklang zu bringen sind. Durch das ganze Mittelalter hindurch werden nicht nur überzählige Kinder adeliger Familien ins Kloster gesteckt, ohne sie zu fragen, sondern es gibt immer wieder auch viele, die den Anforderungen aristokratischer Lebensführung aus eigenen Stücken entfliehen, das Schwert wortwörtlich begraben wie der Heilige Galgano, oder früher Kapitalverwertung entkommen wie der Francesco von Assisi. Dazu kommen dann ältere Semester, die der eitlen Mühen dieser Welt überdrüssig werden und gegen eine Schenkung um Eintritt in ein Kloster bitten. Der berühmteste von ihnen wird wohl Kaiser Karl V. werden

Und so wird das Mittelalter zwischen Aktivität, der vita activa, und kontemplativer Ruhe schwanken.

 

Wer sich mit dem Teufel in dieser Zeit und seiner Macht und Allgegenwart beschäftigt, kommt nicht um die gleichzeitige Ausdeutung der Taufe herum, die in dieser Form in der römischen Kirche Bestand haben wird: Es handelt sich um den rituellen Vorgang, in dem durch den Priester mithilfe des Taufpaten das Kind dem Teufel entrissen und in die Hand der allein rettenden Kirche gegeben wird.

Eines der frühesten althochdeutschen Zeugnisse, ein Taufgelöbnis, dokumentiert das. Erst wird dreimal dem Teufel widersagt und dann wird in einzelnen Erklärungen das Glaubensbekenntnis aufgesagt. Die ersten Sätze lauten in heutigem Deutsch:

 

Widersagst du dem Teufel? (Forsahhistu unholdun?) - Ich widersage. / Widersagst du den Werken und allen Wünschen des Teufels? - Ich widersage. / Widersagst du allen Blutopfern, die von den Heiden dargebracht werden, und allen Abgöttern und Götzenbildern, die sie als Gottheiten verehren? - Ich widersage. (E. von Steinmeyer (Hrsg), Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler, Berlin 1971 (1916), S.23ff)

 

Wehe dem Kind, das vor der Taufe oder Nottaufe starb. Es konnte nicht auf dem Kirchhof beerdigt werden, da dort nur die mit einer gewissen Aussicht auf die Himmelfahrt Platz bekamen, also nicht die Ungetauften und auch keine schweren Sünder.

 
Die klassische Teufelsaustreibung ist die Taufe, aber Exorzismus ist das Mittel, mit dem jedem auch in späterem Alter der Teufel ausgetrieben werden kann, so er von einem Besitz ergriffen hat. Da das öfter passiert, ist die Zahl der Exorzisten entsprechend groß.

 

Im Prozess der Kulturbildung verkörpert das Böse als Teufel oder ganzes Reich von Dämonen das Verdrängte und Verleugnete des Menschen, das unterirdisch Gewordene, was gleichwohl beziehungsweise gerade darum mit besonderer Macht ständig nach oben strebt.

 

Das Augenmerk richtet die Kirche auf das Medium, durch das der Teufel vor allem Zugang zu den irdischen Menschen gewinnt, das sexuelle Begehren als Begehren von Lust, das größte Laster des Menschen, der Urquell seiner Sündhaftigkeit. Der Auftrag aber, die Fleischeslust möglichst weitgehend abzutöten, und überhaupt alle Lasterhaftigkeit abzudrängen, schafft eine Unterwelt, in der sie aufgehoben bleibt. Dies ist eine Welt, die in bizarrsten Bildern und Geschichten in mehr oder minder pervertierter Form immer wieder nach oben drängt.

 

Jeder Prozess der Kultur, dem Menschen aufgezwungen, da er auf andere angewiesen ist, ist mit Leiden, Unterdrückung und Verdrängung verbunden. Der Vorgang der Zivilisierung, nun vor allem Aufgabe der Kirche, setzt darüber eine zweite Ebene, die von Institutionen, ein ambivalenter Vorgang, da die Kirche und die mit ihr verbundene weltliche Gewalt zwar genauso Internalisierung verlangen wie jede Kultur, andererseits das ins wenig bewusste Internalisierte extern aber auch in Gestalt der Machthaber und Amtspersonen auftritt und damit der vernünftigen Auseinandersetzung zugänglich wird. Dies wird ein zentrales Thema werden, sobald es Menschen im Hochmittelalter geben wird, die das Selbst-Denken in altneuer Form zu praktizieren anfangen.

Zurück zum Teufel: Die mittelalterlichen Texte und Bilder von der Hölle beschreiben eine Welt sadistisch quällustiger Teufelchen, denen keine Folter und keine Form der Peinigung fremd ist, und kaum versteckt tauchen da immer Anteile sexueller Aggression oder masochistischer Sehnsucht auf.

Den besten Weg an der Hölle vorbei direkt ins Himmelreich demonstrieren jene mittelalterlich ausgeformten antiken Märtyrerheiligen, fromme Glaubenszeugen, die diese Qualen bereits auf Erden hinter sich bringen: Von Pfeilen durchbohrt, verbrannt, zerschnitten, mit abgezogener Haut, abgeschnittenen Brüsten oder was immer sonst eine durch Verdrängung unbewältigte Sexualität an Phantasien und realen Praktiken zustande bringt. Die Alternative der nicht Verfolgten wird Selbstkasteiung, jener Teil der Askese, der nichts anderes als selbst zugefügte Qual ist, die in eine Lust verwandelt werden soll.

 

Der christlich-mittelalterliche Katalog der Laster bzw. in der kirchlichen Version, der Sünden, wird zugleich zu einem wunderbarer menschlicher Gelüste: Neben der sexuellen Lust gehört dazu jede Begierde, die als Gefräßigkeit abqualifiziert werden kann (Jesus hat wohl frugal geschmaust), als Besitzgier (Jesus hat Armut gepredigt), als Eitelkeit (Jesus wählt einen Esel statt eines Pferdes zum Ritt nach Jerusalem und in seinen Opfertod, mit dem er zum "Vater" zurückkehrt), als Stolz (dem Jesus als Gegenstück die Demut und Bescheidenheit vorlebte) usw.

 

Laster bzw. Sünden im Katalog der Kirche sind die Mittel, mit denen der Teufel die Menschen im Irdischen gefangen hält und von der Pilgerschaft zu Gott abhält. Für die christliche Priesterschaft sind sie das Fundament ihrer Existenzberechtigung: Nachdem die Kindstaufe den Säugling formell und mit höchst magischen Mitteln dem Teufel entreißt und der Kirche zuführt, ermöglicht sie mit Predigt und Zauberkräften den Weg zu Gott. Da dieser mit ständigen höchst natürlichen und zutiefst menschlichen Versuchungen gepflastert ist, bedarf es lebenslang stetig weiterer magischer Mittel, um den Zugriff des Teufels abzuwehren.

In der Phase der Missionierung, die im entstehenden deutschen Raum bis ins hohe Mittelalter reicht, sind Drohung und Verheißung zunächst auf jenen mächtigen Kriegergott, Kriegsgott bezogen, der den Braven gnädig und für die Bösen furchtbar ist. Er wird dem Alten Testament der Juden entnommen, und ist darum vorläufig nicht darstellbar. Statt Gott wird ein triumphierender Jesus als Christus/Messias dargestellt, und zunehmend auch eine sitzend-thronende Maria mit Kind als Gottesmutter. Der Teufel nimmt erst nach und nach an Bedeutung zu: Die Verheißung ist erst einmal wichtiger als die Drohung. 

 

b: Büßen

 

Da der Teufel in dieser Welt nach dem Willen Gottes und der Menschen herrscht, ist jeder ein Sünder. Die Germanen kannten keine Unterscheidung religiös oder weltlich definierter Vergehen, ihre Vorstellungswelt war tradierte Alltagskultur gewesen, eine Einheit. Die vorchristlichen Römer kannten keine Sünde, sondern nur Verstöße gegen die hergebrachten Kulte und auf der anderen Seite Rechtsverletzungen. Das Christentum ist, als sich Germanen in Franken, spanische Westgoten oder italienische Ostgoten verwandeln, von außen aufgesetzt. Die wichtigste Neuerung, die mühsam im Laufe von Jahrhunderten durchgesetzt werden muss, ist ein Bewusstsein von der eigenen (und allgemein-menschlichen) Sündhaftigkeit, der nicht einmal Päpste und allerfrömmste Kaiser entkommen. Das heißt, man kann sich weltlicher Vergehen einigermaßen enthalten, der Sünde aber eben nicht.

 

Die fränkischen Herrscher versuchen im Zuge der Christianisierung ihrer Herrschaft  die Vorstellung einer Einheit weltlicher und geistlicher Vergehen herzustellen, indem sie sich zu Herren über ihre Kirche machen. In der Praxis geht das aber nicht. Das Königsgericht und die gräflichen Gerichte verhandeln die Vergehen, die aus der Sicht der Herrschaft zu verhandeln sind. Die Kirche ist zuständig für all die Sünden, die für den weltlichen Arm keine Verbrechen sind, sondern „nur“ Sünde. Die Überschneidungen sind dabei allerdings erheblich, denn die Kirche übernimmt auch ganz weltliche Vergehen in ihren Sündenkatalog.

 

Die germanischen Volksrechte kannten als Strafe vor allem Geldzahlungen, im Verlauf fränkischer Herrschaft wird dieses Recht durch Grausamkeiten angereichtert: Todesstrafe auf immer mehr Missetaten bis hin zum Majestätsverbrechen bei Karl dem Großen, aber auch Handabhacken, Blenden etc.

 
Die Geldstrafenkataloge der Germanen finden nun eine Analogie in den Bußkatalogen für die Sünden. Vor der Busse steht die Beichte, das Bekennen der Sünde, welches ursprünglich öffentlich und persönlich und keine rein kirchliche Angelegenheit ist. Es kommt dafür in der Merowingerzeit zur Versammlung ganzer Ortschaften und zu großen Bittprozessionen. Genauso ist es in den Klöstern, in denen die Brüder sich untereinander die Beichte abnehmen. Dann wird zunächst eingeführt, dass Todsünden Priestern gebeichtet werden müssen. 

 

Im Grunde genommen wird dabei, besonders auch unter dem Einfluss Columbans, immer deutlicher die Vorstellung vertreten, dass jede Sünde eine entsprechende Buße als Äquivalent hat und darum durch Buße auch vergeben werden kann, - so wie es derzeit in Europa kurioserweise heißt, dass dem Verbrecher nach "Verbüßen" der Gefängnisstrafe kein Makel bleibt, er hat - was auch immer - abgebüßt. Dass all das nun rein gar nichts mehr mit dem evangelischen Jesus zu tun hat, ist offensichtlich, besonders auch, wenn man bedenkt, in welchem Umfang die Reue hinter der Buße zurücktritt.

 

Damit setzt sich auch die Vorstellung einer göttlichen Buchführung "droben" im Himmel fest, wo jede auch nur geringfügigste Missetat festgehalten und am Ende in einem Gerichtsverfahren mit den Bußleistungen abgewogen wird. Natürlich wird dadurch auch immer deutlicher gemacht, in welchem Maße der Mensch, insbesondere draußen "in der Welt" ein notorischer Sünder ist. Damit kommt er ohnehin, wird immer häufiger angedeutet, sowieso nicht gleich in paradiesische Zustände, sondern muss nach dem Tod nachbüßen, was dann irgendwann als "Fegefeuer" (Purgatorium) bezeichnet werden wird. Das wiederum macht außer Bußleistungen auch naheliegend, in ein Kloster zu investieren, in dem man mit Messen und Gebeten dafür sorgt, dass sich die postmortalen Bußleistungen (also Strafen) möglichst verkürzen. Wenn man sich dabei noch vorstellt, dass die Seelen solcher Verstorbener bei der Messe dann um den Altar schweben, um am wiedererstandenen Leib Christi teilzuhaben, bekommt man eine Vorstellung von Christentum latino-germanischer Art.

 

Der eklatanteste Fall öffentlicher Beichte samt Bußversprechen wird übrigens der von Karls Sohn, Kaiser Ludwig dem Frommen 833.

 

Die förmliche Verbindung von Beichte und Bußeröffnung bei Todsünden fand vor allem am „Aschermittwoch“ in der Kirche statt: „In einen Sack gekleidet, mit bloßen Füßen und niedergeschlagenen Augen, trat der Sünder vor den Bischof, der ihm Asche aufs Haupt streute, das Büßerhemd überwarf und das Strafmaß eröffnete, bevor er ihn feierlich aus der Kirche weisen ließ." (Riché, Welt der Karolinger, S.285)

 

Die jeweilige Buße für jede Sünde wird in Bußbüchern mit ihren Sündenkatalogen festgelegt. Darin gibt es das körperliche Kasteien (zum Beispiel mit Rutenschlägen), das zusätzliche Fasten, das Pilgern als Buße, das öftere Aufsagen von Gebeten oder ähnliches. Vermutlich hatte nie zuvor eine Institution mit ihren Beamten eine solch konsequente und intime Kontrolle und Machtausübung über Menschen gehabt.

 

Der große Theologe und Patriarch von Aquileia zur Zeit Karls, Paulinus, gibt genau an, wie die Buße eines Aristokraten aussieht, der seine Frau wegen des Verdachts auf Ehebruch getötet hatte:

Du darfst künftig keinen Wein und kein Bier trinken, außer an Ostern und Weihnachten darfst du auch kein Fleisch essen, du musst bei Wasser und Brot fasten. Du hast deine Zeit mit Fasten, Nachtwachen, Gebeten und Almosengeben zu verbringen. Es ist dir verboten, jemals Waffen zu tragen oder einen Kampf anzunehmen. Du darfst dich nicht wieder verheiraten, dir keine Konkubine nehmen und keine Unzucht treiben. Künftig wirst du kein Bad mehr nehmen und an keinem Gastmahl mehr teilnehmen. An der Kirche hast du dich, abgesondert von den übrigen, noch außerhalb der Vorhalle aufzuhalten. Empfiehl dich dem Gebet derer, die hinein- und hinausgehen... (In: Riché, Welt der Karolinger, S.285)

Also: Ihm war jede adelige Lebensführung verboten, stattdessen musste er leben wie ein Mönch, aber ohne den Halt, den ein Kloster dafür gab. Sich gar nicht mehr waschen zu dürfen war hier ebenfalls eine Form körperlicher Kasteiung, die über die Anforderungen diesbezüglich an Mönche hinausging. Und die öffentliche Demütigung und Erniedrigung dieses Hochadeligen Woche für Woche am Eingang der Kirche war fast schon eine Art Pranger späteren mittelalterlichen Städtewesens.

 

Was da berichtet wird, kann im 10. Jahrhundert auch in kleinerem Maßstab stattfinden und einen gnädigeren Priester finden. Ekkehard von St.Gallen erzählt  von der sündigen Zeugung des Iso, des später gelehrtesten Mönches von St.Gallen. Die zukünftigen Eltern haben zur Fastenzeit getrennte Betten, aber ausgerechnet am Karsamstag kam unter Führung des Versuchers zufällig (sic!) ihr Mann in jenes Gemach. Er trat zu ihr, und ohne dass sie sich sträubte, legte er sich an diesem heiligen Tage zu ihr. Der Frevel findet statt.

Es gibt danachTränen (...) und wieder zogen sie ihre Bußkleider an, die sie so viele Wochen hindurch getragen hatten. Und mit Asche bestreut und barfüßig fielen sie angesichts aller Bürger dem Priester des Ortes zu Füßen. Er aber billigte in gütiger Einsicht ihre Bußfertigkeit und gab ihnen Erlass, während das Volk laut für sie zu Gott rief; und da er sie aufgerichtet hatte, ließ er sie diesen Tag und diese Nacht zur Strafe vor dem Kirchenportal stehen und nicht am Abendmahl teilnehmen.  (...) Der Ostertag brach an; frühmorgens standen sie vor dem Portal, und wie das Kreuz vor der Messe herausgetragen wurde, folgten sie als die letzten. Der Priester aber führte sie unter Zustimmung des ganzen Volkes während des Kyrieleison herein und und wies ihnen zuhinterst einen Platz an. (Ekkehard, cap.30)


Analog zu dem germanischen Katalog der Geldstrafen konnte man sich allerdings von Bußhandlungen oft auch durch Geldzahlung loskaufen. Das führt bekanntlich bis zu den Exzessen, die den Zorn nicht nur Luthers hervorrufen werden.

Gerade das letzte Beispiel legt allerdings nahe, dass die Strenge gerade der sexuellen Vorschriften wie der Abstinenz in den Fastenzeiten oder vor der Messe für die Laien Heuchelei und direkte Lüge nach sich zieht.

Eine weitere Frage stellt sich, wenn wir hinzufügen, dass Ekkehard das Ehepaar als bene natus  bezeichnet, wohlgeboren, und nobilius, also wohl als edelfrei im Sinne des 10. Jahrhunderts. Die Leute in der Pfarrei als Öffentlichkeit dieses Vorgangs nennt er cives und populus. Die cives lassen sich für das 10. Jahrhundert wohl als Stadtbewohner (nicht "Bürger") bezeichnen und sind damals wohl weitgehend als "Volk" verschiedenen Stufen von Unfreiheit eingeordnet. Hätte der Priester sie ohne ihre Mitwirkung überhaupt vor einer solchen Öffentlichkeit so demütigen können? Aber Ekkehard beschreibt in seinen Anekdoten nicht unbedingt das historisch belegte, sondern das seiner Ansicht nach glaubwürdige. Und implizit dient auch diese Geschichte wie viele andere der Exemplifizierung des Vorranges der Caritas, also der Nächstenliebe, vor der Strenge des religiösen Gesetzes.

 

Wichtig ist aber vor allem, was da grundsätzlich geschieht: Die Kirche setzt ein umfassendes Erziehungsprogramm durch, welches man in Teilen auch als Umerziehungsprogramm, als innere Mission bezeichnen kann. Es ist ein Einübungsprogramm in ein "gutes", d.h. christliches Leben: Nicht stehlen, rauben, keine Gewalt gegen Schwächere, keine Aufsässigkeit gegen Obere, Reduktion der sexuellen Praxis auf die Ehe, Phasen der Enthaltsamkeit usw.

Zum Teil ist dies ein Programm der Entgermanisierung, zum Teil eines der Pazifizierung, zum Teil einfach der Integration in einen nun von oben verordneten Ordnungsrahmen und dazu gehörigen Machtapparat. Im Ergebnis werden die Menschen im Verlaufe des Mittelalters dabei nicht besser, aber anders.

Zivilisationen haben Strukturen, die keine autonomen Selbstregulierungen von Gemeinschaften mehr zulassen können. Das Mittelalter ersetzt sie durch die eng miteinander verbundenen geistlichen und weltlichen Gesetze. Mit diesen Setzungen von oben verlieren die Menschen dann aber auch die Fähigkeiten, ihre Verhältnisse selbst zu regulieren. Die doppelte Obrigkeit ist zwar eine Last, aber sie wird auch immer mehr zur unausweichlichen Notwendigkeit. Unterordnung und Untertänigkeit werden zum selbstverständlichen Normalfall, zum einzig denkbaren Ordnungsfaktor.

 

Versucht wird dabei damals, zeitgemäß verstandenes Christentum als Alltagsverhalten durchzusetzen, präzise das, was auch im Koran für den Islam formuliert wird und was Alltagspraxis rund um die Moschee wird. Es ist genau das, was in den sogenannten mosaischen seitenlangen Verordnungen erreicht werden soll und erst im Synagogen-Judentum durchgesetzt wird: Religion ist magisch begründete Lebensform, die von oben aufgezwungen wird.

Die Unterschiede diesbezüglich sind religiös nicht sehr groß, sie sind vielmehr regional verschieden, da sie auf unterschiedlichen historischen Voraussetzungen beruhen. Auch deshalb gibt es (jenseits der Kirche) im frühen Mittelalter kaum Hass der Religionen gegeneinander, sie betrachten sich vielmehr untereinander als Abweichungen, Verirrungen. Die wenigen christlichen Sätze über den Islam betrachten Mohammed als falschen Propheten, - und das ist alles.

 

Wie langsam dieses Erziehungsprogramm von Erfolg gekrönt wird, wird in dem Bußtext des Bischofs Burchard von Worms aus dem 11.Jh. deutlich, in dem im Fragenkatalog des Beichtvaters unter anderem noch folgende Fragen auftauchen:

Hasst du ein Grab geschändet? - Hast du Hexen aufgesucht? - Hast du Kircheneigentum geraubt? - Hast du solange getrunken, bis du dich erbrochen hast? - Hast du dich, wie es die Heiden am Neujahrstag tun, als Hirsch verkleidet? - Hast du Unzucht mit deiner Schwiegertochter betrieben? - Hast du Unzucht mit deiner Schwiegermutter betrieben? - Hast du Unzucht mit deiner Schwägerin begangen? - Hast du Inzest mit deiner Mutter begangen? - Hast du Inzest mit deiner Schwester begangen? - Hast du Sodomie mit Menschen oder Tieren begangen? - Hast du deinen Sohn oder deine Tochter absichtlich nach der Geburt getötet? - Hast du das Sperma deines Mannes getrunken, damit er dich dank deiner diabolischen Erregungen mehr liebt? - Hast du das gemacht, was die Frauen machen: Sie nehmen ihr Regelblut, vermischen es mit Speise oder Trank, geben es ihren Ehemännern, damit sie mehr für sie sich entflammen? (In Minois, Charlemagne, S.633ff)


Das harte Brot des Klerus ist es dabei, vor dem Erziehen ihrer Herde sich selbst erst einmal „in die Zucht“ zu nehmen. Für den, der christlich verstandene Keuschheit auf sich nimmt, wird das eigene Begehren oft zum Objekt umgewandelt, zu den Attacken eines Teufels, auf den dieses Begehren transferiert wird. Die sexuelle Phantasie wird oft durch nichts mehr beflügelt als eine unbefriedigende oder ausbleibende Triebabfuhr. In der Beichte ist der gelegentlich keusche Priester der Zeit den sexuellen Aktivitäten der Laien verbal ausgesetzt. In den Beichtkatalogen mit ihren Sünden und Strafen finden sich dann die ganzen Phantasien derjenigen wieder, die mit ihrer Keuschheit und ihren sündigen Gedanken zu kämpfen hatten. Bischof Theodulf von Orléans mahnt deshalb zur Zeit des großen Karl:

 

In den Beichtspiegeln sind viele Sünden aufgeführt, welche die Menschen besser nicht kennenlernen sollten. Auch sollte der Priester den Beichtenden nicht über alles befragen, damit dieser nicht nach der Beichte durch die Anstiftung des Teufels einem Laster verfalle, das er vorher gar nicht kannte. (deutsch in Riché, Welt der Karolinger, S. 73)

 

c: Der Gott des Krieges und des Friedens

 

Keine Entstehung des Kapitalismus ohne die rabiaten Widersprüche im Christentum des frühen und hohen Mittelalters. Zwar hätte es keine massive Christianisierung gegeben, wenn die neutestamentarische Substanz nicht für die Lebenswirklichkeit der meisten Christen einerseits völlig verloren gegangen wäre, aber andererseits musste diese Substanz nominell erhalten bleiben, war doch das Christentum wie das Judentum und der Islam eine Schriftreligion, also auf den ewigen, schriftlich niedergelegten Wahrheiten der Worte Gottes beruhend. Wer wenigstens irgendwie in der Nachfolge Jesu leben wollte, ging also in die inszenierte Einsamkeit oder ins Kloster, wer Christentum als schiere Unterwerfung unter die Kirche sah, die Laien, trennte völlig zwischen den Lehren Jesu und dem Alltag. Die Kirche sorgte dann dafür, dass er dennoch als christlich galt.

 

Ein uns völlig unbekannter historischer Jesus hatte das Judentum für sich und seine wenigen Anhänger offenbar massiv verändert, die Macht der Tempelpriester und ihres Kultes, Basis ihres Wohlstandes und ihrer Macht brechen und jede Beziehung zwischen Religion und weltlicher Macht abschneiden wollen. Massenhafte Christianisierung insbesondere von Nichtjuden gelang nur auf dem Wege, all das wieder zur Gänze zurückzunehmen. Eine neue Priesterschaft entsteht, und unter Kaiser Konstantin wird die Identifikation seines Hausgottes Sol, des Sonnengottes, mit dem christlichen Gott von den Bischöfen nicht nur hingenommen, sondern durch die Re-Identifikation mit dem altjüdischen Gott Jahwe noch vertieft.

 

Dieser aber war als Gott der in Jerusalem herrschenden kriegerischen Häuptlinge, „Könige“, ein auf ihre Machtausweitung hin ausgerichteter Gott, der Untertänigkeit unter ihn und unter die Herrscher gleichsetzte. Auf diese Weise war die Identität von Monarchie und Monotheismus erfunden worden. Und dieser Gott war gnädig gegenüber seinem „Volk“, wie man das später übersetzte, ein Gott des Krieges, der Eroberung und des Sieges. Als solchen konnte man ihn grundsätzlich Römern, Germanen und Kelten nahebringen, denn so jemand war ihnen grundsätzlich vorstellbar. Und die bischöflich erfundene Legende von Konstantins Sieg über seine Gegner in der Schlacht, nämlich im Zeichen des Kreuzes, hat den Gott Jesu dann zur Gänze wieder in den jüdischen Kriegs-Gott rückverwandelt, nur dass dieser inzwischen sozusagen internationalisiert ist und aus dem Opferkult der Tempelpriester eine Priesterschaft wurde, die über andere magische, sakramentale Zaubermittel verfügt.

 

Das Christentum siegt also, indem es sich (notgedrungen) selbst aufgibt, alle radikale Kritik Jesu (am seinerzeit vorherrschenden Judentum) ablegt, aber dennoch die Evangelien nicht verbrennen kann. Diese werden in Zeiten einer Entalphabetisierung von der Priesterschaft weggeschlossen, nach Zeitgeschmack interpretiert und tauchen erst wieder mit den evangelischen Erneuerungsbewegungen auf.

 

In diesem zeitgenössischen Gemälde in einer frommen Schrift wird Kaiser Heinrich II. von Gott/Christus gekrönt. Er ragt mit seinem Kopf bis fast in die Mitte jener Mandorla, in der Christus als Himmelskönig thront. Mögen die Füße auch noch auf dem Boden dieser Welt stehen, auf einer Ebene mit Heiligen, deren geringere Bedeutung durch die verminderte Körpergröße ausgedrückt wird, so ragt er doch bereits weit in die göttliche Sphäre hinein.

Seine Herrschaft beruht aber zu einem guten Teil auf militärischer Gewalt, die er nach innen durch Konsensbildung von oben wie alle sächsischen Könige und Kaiser zu ersetzen sucht.

Da der Himmel auch im Mittelalter ein Reich des Friedens ist, in extremem Gegensatz zur Gewalttätigkeit des 10./11. Jahrhunderts, wird er hier nicht als Krieger dargestellt. Aber zu den einst jüdischen himmlischen Heerscharen gehören längst auch mittelalterliche Ritter mit Waffen und Rüstung.

 

Altjüdische Engel sind Gottes Krieger, seit sie Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben und mit Gewalt eine Rückkehr verhinderten. Hier wird an der Abteikirche von Saulieu gezeigt, wie ein Engel das Schwert gegen Bileam hebt (12.Jh.) Wir alle kennen Erzengel in Ritterrüstung, oder den hl. Ritter Georg, der den Drachen tötet, um die keusche Jungfrau zu retten. Abbildungen von ihm werden allerdings erst populärer, als die Kirche das Kriegertum in neuer Form zu christianisieren versucht, also seiner Gewalt einen frommen Anschein zu verpassen versucht, den der evangelische Jesus gegenüber seinem wackeren Anhänger Petrus so massiv ablehnte. Dessen Attribut wird dann auch später der Schlüssel zum Himmelreich, sein Schwert wird wegretuschiert.

 

Im Portal von San Zeno am Rande des hochmittelalterlichen Verona erscheint der Bischof umgeben von seinem Militär, ohne das er seine Macht nicht ausüben kann. Vom Betrachter aus rechts gepanzerte Reiter ("Ritter"), links die Infanterie der kleinen Leute. Kirche, Macht und Krieg sind miteinander verschmolzen. Der Bischof ist Teil der militia, was Amtsinhaber und Heerführer meint. Er trägt offiziell selbst keine Waffen, aber sein Amt ist durchaus auch ein kriegerisches.

 

Am Dom zu Lucca kann man sehen, dass ein zweites, ganz anderes Idealbild ursprünglich neben dem christianisierten Kriegertum stand, nämlich das desjenigen, der sein Kriegertum ganz ablegt wie der römische Soldat Martin, der sogar Mönch und Bischof wird. Als Heiliger wird er allerdings zum Ausnahmefall erklärt, nicht zum regulären Vorbild. So wie er hier seinen Mantel mit dem Armen teilt, um kurz darauf das Militär zu verlassen, wird in der südlichen Toskana in der Spätzeit des frühen Mittelalter Galgano zum Heiligen, indem er sein Schwert in einen Stein stößt, sein erstes Wunder,  und von der Gewalttätigkeit in das Dasein eines Heiligen übergeht. Aber man kann auch wie der Bischof Ulrich von Augsburg heilig werde,  nämlich indem er mit seinem Heereskontigent 955, das Schwert in der Hand, auf das Lechfeld und in die Schlacht gegen die Ungarn reitet. Oder heilig gesprochen werden wie Bischof Bernward von Hildesheim, der etwas später wacker mit seinen Kriegern für seinen König und Kaiser den aufsässigen Römern die Stirn bietet.

 

Auch angelsächsische Bischöfe sterben gelegentlich in der Schlacht, wie 1056 ein Bischof von Hereford in einer Schlacht gegen Waliser. Bekannt ist die Abbildung vom normannischen Bischof auf dem Teppich von Bayeux, zu Pferde und in Rüstung, der allerdings der Korrektheit halber auf der Abbildung eine Keule statt eines Schwertes schwingt.

 

Menschen sind Raubtiere, welche durch Kulturen zahmer werden und deren Raubtiernatur in Zivilisationen gezähmt, aber gezielt benutzt wird. Die extreme Friedfertigkeit Jesu als radikale Nächstenliebe schwand in den ersten hundert Jahren nach seinem Tode dahin. Christen begannen, mit Gewalt gegen Nichtchristen vorzugehen, wurden römische Soldaten, amüsierten sich zum Teil bei den blutrünstigen Spektakeln in den Arenen und blieben im wesentlichen dieselben Menschen wie ihre heidnischen Nachbarn. Zugleich erzählte ihnen die Kirche aber von einem Jesus, der so völlig anders war.

 

Die Konsequenz ist die Aufspaltung mehrerer Sphären in den Menschen, zunächst in Ideal und Wirklichkeit, und dann in unterschiedliche Wahrnehmung in Alltag und kirchlich kontrolliertem religiösem Dasein. Heiligkeit ist für wenige da, und für die Mächtigeren vor allem wird das Töten, das Verwüsten, das Lügen und Rauben, das Huren und Beschimpfen christliche Normalität. Man betet für den Sieg in der Schlacht und den erfolgreichen Abschluss eines Handels und vermutlich die erfolgreiche Verführung eines Mädchens zu demselben Gott, an den sich auch Mönche und Nonnen wenden.

 

Während das römische Imperium danach suchte, wie alle Zivilisationen die Gewalttätigkeit aus dem Inneren nach außen zu wenden, werden die nächsten siebenhundert christlichen Jahre zu einer Zeit exzessiver innerchristlicher Gewalttätigkeit und Brutalität, unter der vor allem die produktiv arbeitenden Massen zu leiden haben, denn Fehden und Kriege werden im wesentlichen als Verwüstung und Verheerung betrieben, wie das schon damals heißt, die dem Gegner die wirtschaftliche Grundlage, in erster Linie die Ernährung entziehen sollen. Der altjüdische Kriegsgott sorgt nun für christliches Schlachtenglück, während der Gott der Caritas mit Almosen, Spenden und den Gebeten vor allem in Klostermauern zufriedengestellt werden soll. Während der evangelische Jesus ausdrücklich den bekehrten Sünder vorzog, ist der laienhafte Christ nun ein Sünder allzumal, von dem niemand verlangen wird, dass er sich in die Nachfolge Jesu begeben solle. Es genügt, dafür zu bezahlen, dass man an die Gnadenmittel der Kirche gelangt und möglichst viel zusätzlich an Kirche und Kloster spendet. Der christliche Kriegsgott ist Gott der Friedfertigkeit nur in der Unterwerfung des "Volkes" unter Kirche und weltliche Herren, gegen die Aufbegehren tödlich sein konnte.

 

Im Kern führte das zu gespaltenen Persönlichkeiten, zum Leben in unauflöslichen Widersprüchen. Wenn Menschen sich bis heute und zwar zunehmend die Wirklichkeit als fromme Lüge konstruieren, ist diese im frühen und hohen Mittelalter noch latent brüchig. Die Widersprüche sind zu offensichtlich zu groß, und immer wieder brechen Leute von Martin von Tours über den heiligen Galgano, den reichen Kaufmannssohn Franziskus bis zu den Häretikern des späten Mittelalters, die die Worte ihres Jesu ernst nehmen, aus dem gewohnten Alltag aus und suchen nach Auflösungen.

 

Das sind dann allerdings ganz wenige, die so weit gehen, und auf dem Weg ins spätere Mittelalter beginnt man die, die sich nicht als Heilige neutralisieren, also unter das Oberkommando der Kirche stellen lassen, bei lebendigem Leibe zu verbrennen, - unter dem Jubel und der Angstlust des Pöbels.

 

Die exzessive Widersprüchlichkeit in diesem sogenannten Christentum wird eine wesentliche Voraussetzung für das erste in sich extrem widersprüchliche „Wirtschaftssystem“. Kapitalverwertung wird zur lebenszerstörenden Lebensgrundlage, die alle Voraussetzungen für ein Leben jenseits ihrer eigenen Bedürfnisstruktur  unmöglich macht; sie formt den Planeten Erde so um, dass er in immer neuer Form ihr dienstbar gemacht ist und formuliert dabei als menschengemäß, was die Menschheit in absehbarer Zeit vernichten wird.

 

Das zentrale Moment der Kompartmentalisierung, des Abschottens der Seiten der Widersprüche voneinander bis zu deren Unkenntlichkeit schafft einen neuen Typus Mensch, der noch genauer zu untersuchen ist. Eine seiner persönlichen Qualitäten wird die Gleichzeitigkeit des Maulens und Murrens einerseits, die sich gerne moralisch kleidet, und des uneingeschränkten Mitmachens bei dem, was zugleich fasziniert und permanente Unzufriedenheit auslöst. Aber ist Kapitalismus etwas anderes als entkultiviertes Begehren und dessen Zügelung nur noch nach Maßgabe der Erfordernisse wundersamer Kapitalverwertung?

 

Jedoch zunächst einmal muss dieser Gott des irdischen Krieges und des himmlischen Friedens in den germanischen Nachfolgestaaten etabliert und durchgesetzt werde. Dies gelingt zum ersten Mal mit den karolingischen Reichsbildungen und ihrer neuartigen Verschränkung von weltlicher Macht, Kirche und Kloster. Das einzigartige Dokument dieser Verschmelzung germanischer und christlicher Elemente stellt Widukinds Sachsengeschichte dar, die schon gleich beginnt mit der Verherrlichung germanischen Reckentums sächsischer Art, dem ganz äußerlich ein christliches Gewand übergezogen ist.

 

König Heinrich I. als Modell ist nicht weniger durch Frömmigkeit (religiositate) als durch Tapferkeit mit den Waffen (armorum virtute) ausgezeichnet. (I,30). Nirgendwo im Text wird auch nur angedeutet, dass das beides etwa nicht zwei Seiten derselben Sache (heroisch kriegerischen Daseins) sein könnten. Deshalb kann Widukind (I,31) über Ottos I. Bruder Brun, den wir das Amt eines Erzbischofs und eines großen Herzogs zugleich bekleiden sahen, auch feststellen: Niemand soll ihn darum für strafwürdig/schuldhaft (culpabilem) ansehen, da wir vom heiligen Samuel und vielen anderen lesen, sie seien gleichermaßen Priester und Richter gewesen. Das alte Testament begründet so die radikale Abkehr vom evangelischen Jesus.

 

Reichsbischöfe stehen schon bei Karl d.Gr. wie Äbte größerer Klöster an der Spitze der militärischen Vasallenkontingente, die sie dem König für Kriegszüge zuzuführen haben. Dabei haben sie in Panzer und Helm zu erscheinen (loricas vel galeas). Offiziell dürfen sie selbst keine Waffen tragen, aber in den Quellen finden sich immer wieder Passagen, wo sie dem Kampfgetümmel so nahe sind, dass man sich das gar nicht anders vorstellen kann. Wo sie als großartige Krieger gelobt werden, wird allerdings meist nicht davon geredet, dass Blut an ihren Händen klebt. Tatsächlich tauchen sie dann im hohen und insbesondere späten Mittelalter nicht mehr sehr häufig in Waffen auf.

Auf dem Teppich von Bayeux sieht man den Halbbruder Wilhelms des Eroberers, Bischof Odo von Bayeux, in voller Panzerung in der Schlacht, allerdings nur mit einer Keule in der Hand, was wohl der frommen Nachbereitung des Geschehens geschuldet ist. Laut Wilhelm von Poitiers soll der Papst Alexander II. dem zukünftigen König die Petrusfahne übersandt haben. Vor der Schlacht soll Wilhelm bei einer Messe zugegen gewesen sein und sich dann Reliquien um den Hals gelegt haben. Es handelte sich demnach um ein frühes Beispiel eines besonders heiligen Krieges.

 

Im Buch der Wundergeschichten um die heilige Foy, die in Conques ihr Zuhause hatte, wird ein Mönch Gimon beschrieben: Die männliche (virilis) Begeisterung in diesem Mann zur Zeit, als er noch in der Welt war, verließ ihn nicht, als er in die Abtei eintrat, aber er wendete sie nun gegen die Übeltäter. Am Kopfteil seines Bettes im Schlafraum hängte er seinen Harnisch auf, seinen Helm, Spieß und Schwert sowie alle anderen Kriegswerkzeuge, so dass sie immer gleich zur Verfügung standen. Außerdem, wenn es zu einem Überfall von Eindringlingen kam, übernahm er selbst die Verteidigung. Er setzte sich an die Spitze einer bewaffneten Truppe, führte sie zum Angriff, stärkte mannhaft den Mut derer, die zitterten, und versprach ihnen oder entschädigte sie mit dem Sieg oder dem Ruhm der Märtyrer. (in Audebert/Treffort, S.111)

 

Das war vielleicht nicht typisch, aber es ist bezeichnend, dass es für den frommen Autor denkbar war.

 

Wie später bei auch bei Thietmar von Merseburg zu lesen sein wird, sind frühmittelalterliche Lebensentwürfe und Vorstellungswelten eher eine merkwürdige Mixtur aus Altjüdischem und Germanischem als dass sie viel mit dem evangelischen Jesus zu tun hätten. Dazu gehört dann auch bei Widukind, wie ein alttestamentarischer Moses zu posieren, als Heinrich I. am Rhein dem Feind auf dem anderen Ufer gegenübersteht. Er erhob die Hände flehend zu Gott und sprach: 'Gott, Urheber und Lenker aller Dinge, schau auf dein Volk, an dessen Spitze ich mit deinem Willen stehe, auf dass es den Feinden entrissen werde und daran alle Völker erkennen, dass gegen deinen Willen kein Sterblicher etwas vermag, der du allmächtig bist und lebst und herrschst in Ewigkeit. (II,17). Immer stärker wird sich durchs Mittelalter bis hin zu den britischen Puritanern die Vorstellung durchsetzen, jeweils die unmittelbare Nachfolge der alttestamentarischen Israeliten angetreten zu haben.

 

Dazu gehört auch die infernalische Grausamkeit und Mordlust, die dem frommen Mönch nicht einfällt zu kritisieren. Heinrich I. hat eine slawische Burg eingenommen: Die in der Burg gemachte Beute übergab er seinen Kriegern, alle Erwachsenen wurden getötet, die Jungen und Mädchen für die Gefangenschaft verschont. (I,35). Sie werden vermutlich als Sklaven benutzt oder verkauft werden. Es kommt zu einer neuen Schlacht: Alle Gefangenen wurden, so hatte man ihnen verheißen, am folgenden Tage geköpft. (I,36) Und ein letztes Beispiel von vielen: ...das Morden hielt an bis tief in die Nacht. Am nächsten Morgen wurde der Kopf des Kleinkönigs auf dem Feld ausgestellt, und um diesen herum wurden siebenhundert Gefangene enthauptet; Stoinefs Berater wurden die Augen ausgestochen und die Zunge abgeschnitten, dann ließ man ihn hilflos mitten unter den Leichnamen zurück.“ Durch solche Siege ist der Kaiser (Otto I.) berühmt geworden. (III,55) Widerwärtigste Barbarei ist das Kennzeichen von Zivilisationen.

 

Mildtätig (clemens) ist Heinrich I. dagegen gegen sächsische Verbrecher: sooft er daher sah, dass ein Dieb oder Räuber ein tapferer Mann und zum Krieg geeignet sei, erließ er ihm die gebührende Strafe, versetzte ihn in die Vorstadt von Merseburg, gab ihm Äcker und Waffen, befahl ihm, die Bürger zu schonen, gegen die Barbaren aber, so viel sie sich getrauten, Raubzüge zu unternehmen. (II,3) Da Mordbrennen, Rauben und Plündern Kriegerhandwerk ist, handelt es sich um eine eigentlich naheliegende Idee für den ebenso frommen wie wackeren König, und unser Mönch findet das offenbar auch.

 

Dieses kriegerische Christentum wird seinen Kriegsgott behalten. Der Mönch Lampert von Hersfeld schreibt um 1080 in seinen Annalen für das Jahr 1056, der bald zum Bischof von Bamberg erhobene Gunther habe eine Vision gehabt: Gott saß auf dem Throne seiner Herrlichkeit, schwang mit hoch erhobenem Arm ein bloßes Schwert mit großer Wucht und sprach zu den Umstehenden: "Ich will mich rächen an meinen Feinden, und es denen, die mich hassen, vergelten." Dieser Vision folgte unmittelbar eiin Sterben unter den Fürsten des Reiches. Und nachdem sich diese Vision erfüllt hatte, sah er wieder den Herrn in derselben Gestalt sitzen, doch hatte er nun das Schwert in die Scheide gesteckt und über seine Knie gelegt und sprach zu den Umstehenden: "Ein Feuer ist entzündet durch meinen Zorn und wird brennen bis in die unterste Hölle."

 

Es ist nicht verwunderlich, dass hier Gott nach den Büchern Mosis zitiert wird. Und es ist müßig, Belege dafür anzuführen, dass dieser alttestamentarische Kriegsgott den Christen erhalten bleiben wird, so wie ihn auch der Islam erbt und weiter für sich beansprucht.

 

Hundert Jahre vor dem Niederschreiben der Annalen hat aber bereits etwas neues mit den Friedensbewegungen begonnen, die das Kriegertum an ein christliches Krieger-Ethos anzubinden beginnen. Mit dem miles christianus eines heraufziehenden Rittertums beginnt die Verwandlung der Gewalttätigkeit im Christentum hin zu einer Verchristlichung von Gewalttätigkeit unter der Aufsicht der Kirche. 

Das wird aber auch nach 1122 nichts am Kriegertum der deutschen Bischöfe ändern. Und so heißt es dann in einem Lied der Carmina Burana: pro virga ferunt lanceam, / pro infula galeam, clipeum pro stola /  (…) / loricam pro alba / (…) pellem pro humerali / pro ritu seculari. Also Lanzen statt Hirtenstab, Helm statt Bischofsmütze, Schild statt Stloa, Panzer statt Albe, Pelzmantel statt Bischofsgewand. 

Durchs 12. Jahrhundert sind die Heerabteilungen deutscher Bischöfe immer noch wichtiger als die weltlicher Fürsten, von denen es allerdings auch bedeutend weniger gab.

 

d: Ewigkeit

 

Was Göttern zur Zeit der Evangelisten gemeinsam ist und vor den Menschen auszeichnet, ist ihre Unsterblichkeit. Darüber hinaus sind der jüdische und der ihm langsam wieder ähnlicher werdende christliche Gott allwissend, allmächtig, gerecht und eben – ewig.

 

Der Tod aber ist neben dem Schmerz der Urquell aller menschlichen Angst. Seine Endgültigkeit irgendwie zu leugnen ist wohl schon ein frühes Unterfangen der Menschheit gewesen. Frühe Kulturen haben zum Beispiel ihre Toten mumifiziert und in der Nähe aufbewahrt – auf irgendeine Weise waren sie dann noch da. Andere hatten Vorstellungen von einem Jenseits (dieser Welt), welches viel mit den Wert-und Wunschvorstellungen der Menschen zu tun hatte. Germanen und viele andere gaben ihren Toten lebensnotwendige Sachen, Nahrung, Kleidung, Waffen usw. mit, auch damit ihnen der Übergang in dieses Jenseits ermöglicht oder erleichtert wird.

 

Juden verbrannten ihre Toten nicht, weil sie glaubten, wenn der Tag der Erlösung käme, und zwar nur für sie, würde der Messias sie aufwecken und sie würden dann in einem exklusiven Paradies für Juden wieder zum Leben erwachen.

Der evangelische Jesus erklärte nicht wortwörtlich, er sei dieser Messias, aber seine Anhänger hielten ihn irgendwann dafür. Nur war er nicht mehr für jeden Juden zuständig, sondern nur noch für die, die so lebten wie er, nachdem er dank des Täufers seine Mission entdeckt hatte. Und sein Vater (nicht Joseph, sondern der da oben) würde, so sagte der Jesus der Jerusalemer Passion, dafür sorgen, dass sein Tod mit einem gewaltigen Donnerschlag diese Welt für seine Jünger ganz schnell in das paradiesische Jenseits verwandeln würde.

 

Das geschah nicht und er kam auch nicht wieder, wie seine Anhänger zunächst dachten, um dies sein Werk zu vollenden. So blieb nichts anderes, als auf Erden lebenslang auszuharren, so zu leben, wie Jesus das wollte, und das ewige Leben auf die Zeit nach dem Tod zu verlegen, von der niemand zurückkommt und erzählen könnte, dass es sich um eine vergebliche Hoffnung handelte.

 

Der Gott der Evangelisten war bereits im Ansatz ein Richtergott. Er würde wissen, wer für sein Himmelreich tauglich wäre (so wie die Apostel, die Anhänger Jesu also), und er würde alle anderen Leute nicht etwa ignorieren, sondern sie seinem kontrapunktischen Kollegen, dem Teufel überlassen. Zu diesem Gerichtstag kommt es aber erst mit dem vom christlichen Gott inszenierten Weltuntergang, denn Voraussetzung für das Jenseits war das Ende des Diesseits. Wann das sein würde, wurde zwar immer mal wieder vermutet, aber Genaues wusste man nicht, auch wenn Gelehrte versuchten, ein genaues Datum zu berechnen.

Schon die Mittelmeer-Antike und der Nahe Osten kannten eine mythische Abfolge von Zeitaltern, beginnend mit einem Goldenen und dann absteigend mit der Bezeichnung durch jeweils weniger edle Metalle. Daneben gibt es allerdings die Propagierung eines jeweils Goldenen Zeitalters durch Machthaber. Christliche Gelehrte führen das zusammen in der Benennung einer Reihe von Reichen in eher aufsteigender Linie, deren letztes das römische sei, welches dann auf die Nachfolgereiche übertragen wird. Am Ende dann steht das Weltengericht, welches in Zusammenhang gebracht wird mit der als Prophetie verstandenen sogenannten Apokalypse (Offenbarung) des Johannes.

 

Danach kündigt sich das Weltenende durch das Aufkommen von Irrlehren an. Nun nehmen diese dort zu, wo die Definitionen von Rechtgläubigkeit enger werden. In der Zeit, in der im 8. Jahrhundert unter anderem von Toledo ausgehend, bekundet wird, dass Jesus einerseits Mensch, andererseits in seine Göttlichkeit hinein von Gott quasi adoptiert worden sei, ein deutlicher Verstoß gegen das Symbolon von Nikäa, aber an sich nichts neues, sieht der gelehrte kantabrische Mönch Beatus aus dem Liébana-Tal das Ende für 800 voraus und kommentiert ausführlich den Apokalypse-Text.

In seiner Admonitio Generalis, der allgemeinen Ermahnung, erklärt Karl d. Gr.: Denn wir wissen, in der Endzeit werden falsche Lehrer sich erheben. Deshalb ihr Lieben, wollen wir uns mit ganzem Herzen in der Kenntnis der Wahrheit üben, damit wir denen widersprechen können, die sich ihr widersetzen. Und nach Toledo lässt Karl ausrichten: Hütet euch, dass die heiße Verschlagenheit des alten Feindes euren Geist nicht mancherorts verderbe und der Teufelsdienst im Innern nicht schlimmer werde als der Dienst für das verhasste Heidenvolk (des Islam) im Äußeren. Erwartet euren Erlöser, den ihr zum Urheber eures Heiles habt (beides nach Joh. Fried in: 798, S.28).

 

Wir wissen nicht, was Karl davon glaubte, und wieviel davon Instrument dafür ist, die Vereinheitlichung seiner Kirche für seine Herrschaftsausübung zu betreiben. Für die meisten Menschen war wohl nur wahrnehmbar, dass ihr König ein großer Glaubensstreiter ist. Als dann für das erste christliche Millenium der Weltuntergang samt Gericht mal wieder vorausgesagt wird, gehen viele Quellen gelassen darüber hinweg. Am Ende zählte für fast alle wohl eher das individuelle Schicksal nach dem Tode, jedenfalls mehr als die große weite Welt.

 

Immerhin kommt man selbst auf höherer Ebene schon früh zu der erfreulichen Annahme, dass besonders Fromme es schon früher schaffen könnten, sozusagen vorgezogen würden, weil Gott sie besonders liebe so wie Jesus seinen Jünger Johannes. Heilige wandern nun ohne Umwege zu Gott, über Papst Stephan schreibt Lampert von Hersfeld, er starb in Florenz und wanderte sicherlich, wie wir hoffen, aus diesem Tal der Tränen hinüber zu den Wonnen der Engel. Dafür zeugen die Zeichen und Wunder, durch die sein Grab in derselben Stadt bis zum heutigen Tag durch Gottes Fügung ausgezeichnet sind. (Annales zu 1058)

 

Um es noch einmal deutlich zu machen, der evangelische Jesus hatte zwar, selbst auferstanden, wie da nach seinem Tod behauptet wird, nie von der Auferstehung der Menschen geredet, sondern von seiner Rückkehr in Kürze, mit der für die, die ihm bis dahin gefolgt waren, das Reich Gottes anbrechen würde, wohl ganz in jüdischem Sinne in dieser Welt und keiner anderen. Die Rede von der menschlichen Auferstehung von den Toten konnte erst einsetzen, als er nicht wiederkam. Nur darum entsteht die Kirche mit ihren magischen Mitteln und all das, was sich daraus ergeben wird. 

 

Für die Missionierung wird die Erwartung des allgemeinen Welten-Gerichtes als Weltuntergang tendenziell ersetzt durch die bald nach dem individuellen Tod einsetzende Gerichtsbarkeit für den jeweiligen Verstorbenen, was dem Drohcharakter der christlichen Botschaft auf den Einzelnen erheblichen Nachdruck verleiht. Schon das althochdeutsche und noch recht germanisch angehauchte 'Muspilli' aus dem 9. Jahrhundert beginnt folgendermaßen: Und dann kommt für den Menschen der Tag, an dem er sterben muss. Wenn sich dann die Seele (sela) auf den Weg macht und die Leibeshülle zurücklässt, kommt eine Schar von den Sternen des Himmels, eine andere aus dem Feuer der Hölle (fona pehhe), diese werden um die Seele kämpfen. In Sorge muss die Seele dann ausharren, bis entschieden ist, welcher der beiden Scharen sie zufällt. Denn wenn das Volk des Satans sie erringt, dann führt er sie unverzüglich dorthin, wo nur Leid auf sie wartet: in Feuer und Finsternis. Das ist in der Tat ein grauenvolles Urteil. Wenn aber die, die vom Himmel her kommen, die Seele holen und wenn sie den Engeln zuteil wird, dann geleiten diese sie schnell empor ins Reich des Himmels (in himilo rihhi). Dort ist Leben ohne Tod und Licht ohne Finsternis, eine Wohnung ohne Sorgen, dort leidet niemand an einer Krankheit. Wenn der Mensch im Paradies eine Wohnung, im Himmel ein Haus erhält, wird ihm Hilfe in Fülle zuteil

 

Anhand dieses Textes mag man ahnen, wie germanische Völker missioniert wurden bis hin zum anschaulichen hus in himile.

 

Gott und sein Reich sind also jenseits von Zeit und Raum und damit menschlichem Vorstellungsvermögen eigentlich nicht zugänglich. Im Grunde galt das auch für die Hölle, die nach der Antike an Format und Anschaulichkeit immer mehr zunahm. Ewige Seligkeit hingegen ist nicht vorstellbar, sie ist auf Erden nicht zu haben, und wenn man sich dann aus dem irdischen Leben dafür das herauspickte, was einem besonders gefiel, nahm die Kirche das hin, die Gebildeten in ihr wussten aber, dass der unaufhörliche Gesang der Engel, die Abwesenheit materieller Not und überhaupt allen Tuns und Lassens Hilfskrücken für die schlichten Gemüter und die zur Dummheit Erzogenen waren.

 

Natürlich wussten die frühmittelalterlichen Menschen, dass auch Christen in ihrem Grab verwesen. Auch wenn sie nicht vom Schwert zerstückelt, von der Lepra zerfressen oder vom hohen Alter gebeugt waren, blieb eigentlich à la longue nicht viel von ihnen übrig. Aber der evangelische Jesus hatte, behauptet die Kirche, die Auferstehung des Leibes versprochen und auch selbst vorgemacht. Den Laien, also fast allen, konnte  man nun kein ewiges Leben als Kranker, Zerstückelter oder gebrechlicher Greis als Angebot für den Glaubenswechsel und die Unterwerfung unter Kirche und weltliche Macht machen.

 

In der Trierer bebilderten Handschrift der Apokalypse, also der Offenbarung des Johannes, thront Christus als richtender Gott, assistiert von einigen Engeln, und unter ihm werden die gerade Auferstandenen als recht jung, gesund und munter abgebildet, natürlich nackt wie im ersten Paradies.

Darunter, neben dem Engel, der die für das Himmelreich Untauglichen dem bzw. einem Teufel übergibt, wird gezeigt, wie einfach der Zustand der gerade Auferstandenen aufzupolieren ist: Ein Engel befiehlt einem kopflosen und auch sonst in schlechtem Zustand befindlichen Auferstandenen, sich in die angemessene körperliche Verfassung derer über ihm zu begeben, in der alleine man vor Gott zu treten hat.

 

In seiner 'Vita sua' beschäftigt das Anfang des 12. Jahrhunderts Gilbert (Guibert) von Nogent im Zusammenhang mit Betrachtungen über die körperliche Schönheit seiner Mutter: Man sagt auch, dass unsere Körper, einmal unter die Auserwählten eingereiht, nach der Pracht des Körpers Christi gestaltet werden, und zwar so, dass die Hässlichkeit, durch einen Unfall oder durch natürliche Verwesung zugezogen, verbessert wird, wenn wir übereinstimmen mit dem auf dem Berge transfigurierten Sohn Gottes. (Ad hoc etiam nostra electorum corpora corporis claritati Christi configuranda dicuntur, ut foeditas, quae casu seu naturali corruptione contrahitur, ad regulam transfigurati in monte Dei Filii corrigitur. (Guibert, S.14)

Ähnlich äußert sich mehr als eine Generation später Otto von Freising zur Auferstehung der vera corpora in vera carnis substantia (Chronik VIII,27): Alle werden laut Augustinus auferstehen in jugendlicher Frische, und wer missgestaltet war, wird von Gott dafür geschönt werden. Frauen werden wie Männer auferstehen, aber die weiblichen Glieder  (membra feminea) werden nicht dem früheren Zweck angepasst sein, sondern der neuen Schönheit. (Chronik VIII,12, S.608) Es soll die Geschlechter weiter geben, aber nun wieder im paradiesisch geschlechtslosen Zustand.

 

Neben diese Vorstellung von einer leiblichen Auferstehung trat nach und nach, wie schon das 'Muspilli' zeigt, die von einer Unsterblichkeit dessen, was die Griechen psyche nannten, die Römer anima, und was dann in germanischen Sprachen als Seele übersetzt wurde. Diese entweicht danach mit dem Tod aus dem Körper und landet entweder bei Gott oder allen Teufeln. Der Körper ist dann als toter „entseelt“, ein Ausdruck, der sich gehalten hat. Die Seele wird für immateriell gehalten wie der Atemhauch, ist aber zugleich durchaus glücks-und leidensfähig. Aber der Gedanke von der Unsterblichkeit der Seele war weder vorstellbar noch darstellbar und darum eher ungeeignet bei der Propagierung des Christentums.

 

Die Vita des Erzbischofs Brun, des Bruders von Kaiser Otto d.Gr., berichtet davon, er habe sich auf dem Sterbebett "neugierig auf die Bekanntschaft mit vielen berühmten Männern gefreut, die er im Paradies machen werde." (WGoez, S. 79) Kaum vorstellbar, dass er damit materielose glückselige Seelen gemeint haben könnte.

 

Die Dualität von Leib und Seele/Geist wird dennoch konstitutiv für das Christentum der Gebildeten, während sie für germanische Völkerschaften zunächst nicht einmal sprachlich darstellbar war. Zudem sind die Höllenqualen, mit denen der neue Gott beim Auslaufen der Antike zunehmend droht, für die zu Missionierenden als körperliche Torturen wesentlich überzeugender als irgendeine Seelenpein.

Noch bei Otto von Freising taucht die Vorstellung einer doppelten Auferstehung auf, duas esse resurrectiones animae videlicet  et corporis. (Chronik VIII,10, S.604)

 

Wer meint, sich über diese Menschen damals lustig machen zu sollen, muss daran erinnert werden, dass der Wunsch der Vater des Glaubens ist, und dass Menschen üblicherweise und heute so wie früher in Welten leben, von denen sie wenig wissen und selbst, was sie wissen könnten, nicht zur Kenntnis nehmen wollen, und die im wesentlichen aus dem besteht, was ihnen vorgestellt wird, ergänzt durch das, was sie sich selbst darunter vorstellen. Darauf zu verzichten kommt fast allen auch heute unerträglich vor. Und ein drastisches Beispiel des letzten Jahrhunderts: Im Namen jenes Paradieses, welches Kommunismus genannt wurde, sind alleine in relativ kurzer Zeit mehr Menschen umgebracht worden als in dem ersten christlichen Jahrtausend für ihr Heidentum sterben mussten.

 

Wer in der Auvergne vom Tal des Lot in ein einsames Bachtal nach Süden abbog, um zur Kirche von Conques zu pilgern, landete unweigerlich vor diesem grandiosen Portal mit seiner Darstellung des Jüngsten Gerichts... und unweigerlich trifft dabei noch heute auf das Problem, dass es schwerfällt, darstellerisch dem Zustand der Seligkeit bei Gott, wie er vom Betrachter aus links dargestellt ist, jene Attraktivität abzugewinnen, die das Höllengewimmel rechts auszeichnet.

Tatsächlich hat die mittelalterliche Kirche viel mehr mit den ewigen Höllenqualen gedroht als den Leuten das Paradies schmackhaft zu machen, in dem die Leute links einfach nur herumstehen. War das Himmelreich letztlich unvorstellbar, so war schließlich die Hölle s schon auf Erden zu haben, und zwar die, die Menschen Menschen immer wieder bescherten. Vorbereitet war das Ganze zudem durch die frühen Märtyrer-Heiligen, für die man sich seit dem frühen Mittelalter immer neue Folterqualen ausdachte, durch die hindurch sie ihren Glauben bekannten. Frauen wurden die Brüste abgeschnitten, sie wurden aufs Rad gespannt, Männer wurden mit einer Unzahl Pfeilen bei lebendigem Leibe durchbohrt und was Menschen sich sonst so alles ausdenken können. Seit dem hohen Mittelalter wurden alle Gläubigen in den Kirchen mit Abbildungen dieser Folterqualen konfrontiert, einem Schreckenskabinett, in dem nicht nur die bösen heidnischen Täter diabolisiert, sondern Opfer zu Helden werden.

 

Die Hölle, das ist das zivilisierte Raubtier Mensch, welches Aggressionen verdrängen und ins Sadistische verformen muss, von wo sie im Unbewussten danach drängen,wieder an die Oberfläche zu gelangen. Und aus der unsäglichen Bewunderung gefolterter Menschen ließ sich jene Lust am Schrecken, am wirklichen Schrecken, so er nicht eigene Pein war, ganz fromm ausleben. 

 

Ganz wie im richtigen Leben schaut ein Oberteufel genüsslich zu, wie seine genauso teuflischen Gehilfen mit Menschen all das machen, was die wahrhaft diabolische Phantasie der Menschen sich jemals ausgedacht hat. Auch der Teufel thront als gekrönter Herrscher in seinem Reich.

Wie in der Trierer Apokalypse tragen die Verdammten Teilbekleidung, was ihre Nacktheit von der im Paradies deutlich unterscheidet, denn diese hier ist Obszönität und nicht Unschuld. Bösartige Schlangen ringeln sich und erinnern auch an die Verworfenheit Evas, die die sexuelle Gier in die Welt brachte.

Wir sind immer noch am Portal von Conques. Solche Höllendarstellungen wurden in der Regel mit dem Weltengericht verbunden und die Menschen begegneten ihnen an Kirchenportalen, später auch in den Kirchen selbst, dort aber meist als Wandmalereien. Dann werden sie eher wie am Friedhofsgebäude von Pisa dorthin verbannt, wo die Toten "ruhen". Wie schon einmal in der Antike kehrt dann die Verheißung stärker wieder an die Stelle der Drohung.

 

Diese toskanische Paradiesdarstellung des 15. Jhs., heute in der Pinakothek in Siena, zeigt einen Garten, in dem auffallend viele attraktive junge Damen der besseren Gesellschaft zusammen mit (einigen Herren) der Geistlichkeit lustwandeln. Hatte Dante für wenige Gebildete kurz nach 1300 zum ersten Mal ein Paradies ausführlich als Gegenwart Gottes beschrieben, was sich zwar in philosophierende Text-Bilder, aber nicht in solche echter Anschaulichkeit verwandeln ließ, so war auch dies Gemälde ein Versuch, das nicht Darstellbare sichtbar zu machen, dem sofort notgedrungen der religiöse Aspekt einigermaßen verloren geht. Dass ein so ästhetisch schönes Paradies keine Maurer, Marktweiber und Schankwirte enthält, liegt nicht nur am Auftraggeber, vermutlich ein reicher Kapitaleigner, dem die Vorstellung, mit seinem Personal und anderer Unterschicht in Ewigkeit zusammen zu sein, sicher zuwider war. Es liegt auch an einer massiven Säkularisierung seit dem Ende des 11. Jahrhunderts in den Städten, die längst mit Eva und Maria zunehmend erotische Attraktivität verband und Kirche/Religion und Alltag längst fast vollständig getrennt hatte.

 

Schon im 5. Jahrhundert hatte ein Dionysios Areopagita ausführlich einen hierarchisch gegliederten Himmel mit seinen Stufenordnungen unterschiedlicher Engelsscharen beschrieben. Diese Vorstellung verbreitet sich seit dem 9. Jahrhundert auch im lateinischen Europa. Bei Otto von Freising taucht sie als die einer himmlischen res publica wieder auf, einem um Gott aufgestellten Hofstaat aus Engeln, unter die sich die wenigen irdischen Heiligen nach ihrer Auferstehung einreihen, mit fleischlichen makellosen Körpern. Eingereiht in die Hierarchie der himmlischen Hofgesellschaft, befinden sie sich dabei Gott näher oder ferner. Alle aber jubeln aus Freude über die Herrlichkeit Gottes. Wenn wir schon irdische Könige und Kaiser in ihrer flüchtigen, vergänglichen Pracht mit Bewunderung und einer gewissen Freude sehen, von welch unvorstellbarer Freude (…) müssen dann alle durchströmt werden, die den König der Könige, den Schöpfer des Alls in seiner unvergleichlichen Pracht und Herrlichkeit sehen werden, umgeben von den himmlischen Heerscharen der Engel und Menschen. (Chronik VIII,33, S.674f).

 

Ewigkeit war Drohung und Verheißung. Denkbar war sie nur als Überwindung von Raum und Zeit. In solchen Kategorien denken konnten bis ins hohe Mittelalter nur wenige Mönche, die in antiken, insbesondere aus dem alten Griechenland stammenden Texten und ihren Übertragungen in lateinische Denkstrukturen belesen waren. Den Laien waren Paradies und Hölle ganz naive Vorstellungen von Glückseligkeit und Schmerz. Sie wurden ihnen beim regelmäßigen, weil vorgeschriebenen Kirchgang erzählt und bildlich dargeboten, zusammen mit der Erklärung, dass nur die magischen Mittel der Kirche sie vor dem ewigen Schrecken retten konnten.

 

Der Tod wird also ambivalent: Der Schrecken des Sterbens und des Verschwindens aus dieser Welt ist zugleich mit der Möglichkeit eines Wiedererwachens in einer anderen, besseren Welt verbunden. Dazu erhält, umfangreicher seit den Karolingern, die Sterbebegleitung durch den Priester elementare Bedeutung: Beichte und Bußsakrament, Waschung, Neueinkleidung, idealerweise Lagerung des Sterbenden in einer Kirche auf Asche und Stroh. Abbeten der sieben Bußpsalmen, Gesang der Allerheiligenliturgie. Es folgt die  heilige Salbung, letzte Ölung als spirituelle Wegzehrung ins Jenseits. Dazu kommen Gebete  wie das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis und Litaneien (Klagegebete und -Gesänge), die die ganz handfest vorgestellten Dämonen abwehren sollen, die im Moment des Todes die Seele in ihren Besitz bringen wollen. Schließlich die Kommunion. (vgl. LHL, S.133)

Positiv gesehen, findet so eine ausführliche Sterbebegleitung statt, die tröstlich wirken konnte und den Sterbenden nicht alleine lässt. Indem Angehörige, Freunde und Nachbarn dazu treten, wird das Sterben in das Leben, in den Alltag integriert.

 

Nach dem Tod Totenwaschung, Überführung zur Kirche, Totenmesse bei bedeutenderen Sterblichen, Geleit des Toten zum Grab und Begräbnis. Wohlhabendere werden in den Wochen nach dem Tod noch mit weiteren Totenmessen versorgt und mit jährlichen Gedächtnismessen. Audebert/Treffort zitieren ein Gebet anlässlich der Beerdigung aus dem 10. Jahrhundert:

 

Möge diese Seele niemals die Ränke der Dämonen ertragen müssen, denen sie begegnet, denn für sie hast du deinen einzigen Sohn auf die Erde geschickt. Befreie und erlöse diese Seele von den schrecklichen Abgründen der Hölle, denn du hast sie losgekauft um den Preis des Blutes deines einzigen Sohnes. Befreie und erlöse diese Seele von den brennenden Flammen der Dschehenna und rufe sie in die Süße des Paradieses. Oh du so guter Vater, mach dass sie nie spürt, , was in den Flammen brennt, was das Gesicht in den Qualen verzerrt. Sondern mach mit der siegreichen Barmherzigkeit deiner Größe, dass sie es verdient, beim Gericht den Züchtigungen zu entkommen und das Glück seligen Friedens und des ewigen Lichtes erhält. (S.141)

 

Die Beschäftigung mit ihren Toten ist besonders in jenen Familien wichtig, die ihren Status auf ihre Vorfahren zurückführen. Da das Jüngste Gericht unübersehbar noch aussteht, geht es inzwischen auch um das Heil der Seelen der Verstorbenen davor und damit um die Frage, wo diese sich befinden und wie es ihnen ergeht. Während die wahrhaft Heiligen gleich ins ewige Leben der Seligen aufsteigen, ruht der Körper des Normalsterblichen im Grab bis zur Wiederkehr Jesu, dem Tag des Gerichts und der Entscheidung, wo er, wiedervereint mit der Seele, sich bis in alle Ewigkeit aufhalten wird.

 

Eine aus dem Alten Testament entnommene und recht freundliche Vorstellung siedelt sie in „Abrahams Schoß“ an, wobei „Schoß“, der lateinische sinus, also auch Busen, einen Zustand friedvoller Geborgenheit darstellt. Eine andere besagt, dass der vorübergehende Aufenthalt für die meisten in einer Art Interims-Hölle angesiedelt sein sollte, was für die meisten schwer erträglich war.

Im Laufe der Zeit schleichen sich in die christliche Lehre völlig fremde Vorstellungen von einem Fegefeuer ein, einem quälenden Purgatorium, die erst im Hochmittelalter von der Kirche „offiziell“ übernommen werden. Voraussetzung dafür ist, dass die körperlosen Seelen mit einem Sensorium für Schmerz ausgestattet sein müssen, damit sie leidensfähig werden. Ein frühes und sehr poetisch beeindruckendes Beispiel für diese Vorstellung ist die Vision der Perpetua von ihrem im Kinderalter verstorbenen Bruder. (siehe Anhang …). Im 12. Jahrhundert wird Otto von Freising das ablehnen: Es gibt nur ein Gericht, wie schon bei Johannes angekündigt, und danach wird gelitten oder Glückseligkeit erlebt.

 

Solche Fegefeuer-Frühformen haben zwei Folgen: Zum einen begründet das die Gebete und Messen für die Toten, die ihnen diese Qualen erleichtern und die Chancen auf das Himmelreich für die Verstorbenen vergrößern sollen. Zum anderen hilft diese Vorstellung, mit den Toten in Kontakt zu treten, und – was bedrohlicher ist – ihnen vor allem nachts recht leibhaftig wiederzubegegnen.

 

Solche Wiedergänger-Vorstellungen gab es schon bei den Germanen und in vielen Kulturen, und gemeinhin wurde alles versucht, das bedrohliche Wiederauftauchen der Verstorbenen zu verhindern. Auf Berichte (geistlicher) Autoren im Hochmittelalter von solchen Begegnungen wird später einzugehen sein.

 

Schon sehr früh gibt es die ersten Vorläufer einer Vorstellung, dass die nicht so Heiligen durch eigenes Leiden und fromme Werke der Nachkommen vor dem Gericht die Waagschale zu ihren Gunsten beschweren könnten. Wir wissen von den meisten, kaum dokumentierten Menschen nicht, was sie dabei jeweils dachten und wie sie sich dazu ihre eigenen Vorstellungen bildeten. Von der weltlichen und geistlichen Oberschicht hingegen ist überliefert, dass sie einiges dafür tat, nicht in der Hölle zu landen, die sie eigentlich als Sünder verdient hatte: Man spendete an die Kirche und das Kloster reichlich, damit diese für sie beteten, und erwartete, dass solches Gebet im Himmelreich Wirkung zeigen würde, und dass sie (für sie) Almosen an die Armen austeilen würde.

 

Und so war das Mittelalter nicht christlich, wie Jesus es vorgelebt und gefordert hatte, sondern ganz anders so, wie es die Kirche sah. Aber solche Vorstellungswelten gehörten bis ins hohe Mittelalter immer dazu, prägten die Menschen mit, jedenfalls soweit, dass im Schoße dieser Vorstellungen der Kapitalismus geboren werden konnte, der am Ende mit Religion und Kirche massiv aufräumen würde. Eine ganz irdische Warenwelt würde wichtiger werden als jede Form von Heiligkeit. Diese würde dann in eine ideologisierende Form des Politischen eingehen: Das Heil sollte von nun an von dieser Welt sein.

 

e. Heiligkeit

 

Das Wort heilig bzw. sanctus spielt für den in griechischer Sprache propagierten Jesus der Evangelien keine Rolle: Ihm zu folgen heiligt nicht, sondern rettet. Heiligkeit gerät ins Christentum erst, als der Retter nicht wie versprochen wiederkommt, und zwar in der zunehmenden Übernahme von Aspekten antiker Kulte.

Da ist zum einen die Selbstheiligung durch ein Jesus in Armut und Reduzierung allen Begehrens imitierendes Leben, welches Eremiten zum Beispiel als "heilig" erscheinen ließ, und da sind auch die nach Bedürfnislosigkeit strebenden Jungfrauen. Den Schein der Heiligkeit gewinnen als nächstes die Märtyrer, also die in den Tod gehenden Glaubenszeugen. Mit dem Martin von Tours und dann auch besonders angesehenen Päpsten muss man nicht mehr den Märtyrertod sterben, um heilig zu erscheinen. Es genügt, bei entsprechend frommem Lebenswandel der Kirche besonders förderlich zu sein. Nun beweist sich Heiligkeit zunehmend an den Wundern, die Heilige veranstalten, und die dann auch von ihren Überresten ausgehen.

 

Eine besondere Rolle spielen Mönche und Nonnen, die weggesperrt von der "Welt". dem saeculum, kollektiv nach Heiligkeit streben, ohne dass jeder von ihnen gleich in den wachsenden Katalog von Heiligen aufgenommen wird. Aber gemeinsam wird all denen, die nach allgemeiner Meinung besondere Heiligkeit betreiben, dass sie sofort in den Himmel, also die ewige Seligkeit gelangen und nicht wie alle anderen bis zum Tag des Jüngsten Gerichtes warten müssen. In der Nähe Gottes und engelsähnlich haben sie entweder direkten Kontakt zu Gott oder aber zu dessen Entourage, den Erzengeln und Aposteln. Damit kann man sie als seine Fürsprecher in allerlei Not anrufen und sich ihrer Wunderkraft mit Hilfe ihrer Reliquien bedienen. Man macht sie zu Paten bzw. Patronen von Kirchen, die so nach ihnen benannt werden, was damit legitimiert wird, dass man Reliquien, Überreste von ihnen in den Altar oder unter ihn in die Krypta einbaut. Die Macht der Kirche ist eine ihrer Verfügung über magische Mittel, über "Wunder", Mirakel.

 

Heilig wird jemand lange nicht durch Verordnung, wie seit dem hohen Mittelalter durch "Kanonisierung", sondern durch das hohe Ansehen, welches durch Propaganda hergestellt wird bzw. sich einfach durch Verehrung einstellt. Propaganda heißt vor allem Legendenbildung und die darauf folgende Aufzeichnung der Wunderbarkeit des bzw. der Heiligen. Heiligkeit ist so zunächst eine Konvention. Das wird im Laufe der Zeit immer mehr ein Problem für die Kirche dort, wo heiligendes Leben offensichtlich nicht mehr der magischen Heilmittel der Kirche bedarf, wie bei auf Messfeier, Beichte und ähnliches verzichtenden Eremiten. Deshalb wird Heiligkeit immer mehr als ein Ausnahmephänomen propagiert, welches sich dem Regelwerk braver Normalchristen ausnahmsweise entziehen darf. Und daneben konzentriert sich Heiligkeit immer mehr auf Kirchenleute und besondere Koryphäen des kirchlich anerkannten monastischen Lebens, und die Kirche versucht, immer stärkeren Einfluss darauf zu bekommen, wer als heilig zu gelten hat.

 

Dieser Ausnahmecharakter von Heiligkeit hat viele Funktionen. Durch Heilige erhält die Kirche magische Wundermittel in die Hand, die die Besonderheit dieser Leute betont. Die Ausnahme darf die Regel bestätigen, dass Christen große Sünder sind und sein dürfen und dennoch mit kirchlicher Hilfe, aber auch nur durch sie, die ewigen Seligkeit erlangen und der Hölle damit entrinnen. Für den Normal-Christen sind Heilige, die einmal Menschen wie sie waren, mehr Ansprechpartner als der trinitarische und für sie fast unnahbare Gott. Dazu gehören in geringerem Umfang auch die Apostel und Maria, die erst später zur Himmelskönigin gekrönt wird, aber sie sind in ihrer Nähe zu Gott doch schon weiter entfernt. In der frommen Praxis frühmittelalterlicher Christen rückt dann Heiligenverehrung mehr noch als die Dreifaltigkeit in die Nähe von Vielgötterei: Mit ihren verschiedenen Zuständigkeiten erinnern Heilige "im Himmel" immer mehr an die der antiken Götter, die für Naturphänomene, Handel, Krieg und Frieden, das Glück einer Stadt zuständig waren und entsprechende Kulte hatten.

 

 

-Gerard und die Gerechtigkeit-

 

Gerard oder Gerald entstammte dem höheren Adel und war Graf von Aurillac, wo er ein Kloster gründete. Schon früh suchte er nach Heiligkeit, was damals nichts anderes als ein christliches Leben in Vollendung meinte, und da er nach allgemeiner Ansicht darin erfolgreich war, nannte man ihn nach seinem Tod einen „Heiligen“. Päpstliche Approbation war dafür noch nicht erforderlich, aber ein Bericht, in dem solche Heiligkeit beschrieben und beschreibend begründet wurde. Den verfasste der Abt Odo von Cluny kurz nach 900, damals einer der wichtigsten Kirchenführer in Europa. (in: Migne, Patrologia). Darin kommt auch folgende Episode vor:

 

Ende des 9. Jahrhunderts unternimmt Gerard mehrere Pilger-Reisen zu den heiligen Stätten Roms. Bei einer der Reisen kauft er in der Stadt einige Mäntel (pallia), besser gesagt: Überwürfe, einer davon von jener luxuriösen Sorte, wie sie in Konstantinopel/Byzantion für die feine Gesellschaft hergestellt wurden. Auf dem Rückweg nach Querung der Apeninnen machte er mit seinem Tross Station vor den Mauern des lombardischen Pavia. In der Nähe lagerten venezianische Händler, die Waren aus dem Orient verkauften, und die in den Franken aus Westfranzien Kunden witterten. Einer von ihnen kam zu Gerards Zelt und sah den kostbaren Mantel. Neugierig fragte er, was der denn wohl gekostet hätte, und als Gerard ihm freimütig antwortete, erklärte der Venezianer, dass so ein kostbares Stück selbst in Konstantinopel (der Zwischenstation zwischen Orient und Italien) viel teurer sei.

 

Man könnte annehmen, der Kaufmann habe das gesagt, um dem Grafen für sein gutes Geschäft zu schmeicheln (Hythe, Society and Politics, S.16), aber der hatte nun den Eindruck, er habe den Verkäufer in Rom um seinen „gerechten Preis“ betrogen. Umgehend schickte er einen Dienstboten (servus) zurück, um dort die Differenz zu bezahlen.

 

Wichtig ist nicht, ob diese Geschichte sich so zugetragen hat, sondern dass sie damals für möglich gehalten wurde; dass sie andererseits aber nur für einen Heiligen, also einen der wenigen frommen Christen typisch und darum bemerkenswert war. Und es ist unübersehbar, dass hier zwei Welten aufeinandertrafen, die damals noch völlig verschieden waren: Das immer dichter besiedelte und verstädternde Nord- und Mittelitalien mit seiner Handelsmetropole Venedig und das noch fast ganz landwirtschaftlich geprägte gebirgige Cantal mit seinen christlich überformten Vorstellungen vom gerechten Warentausch.

 

Wichtig ist aber, dass der Weg in die Heiligkeit seit einem halben Jahrtausend nicht mehr von jesuanischer Besitzlosigkeit geprägt sein musste, sondern sich mit einem prächtigen Lebensstil und gehobenem Warenkonsum vertrug. Zudem, was in dieser Geschichte nicht extra erwähnt wird, er passte auch schon durch diese ganze Zeit mit Gewalttätigkeit zusammen, jener nämlich, ohne die ein Graf nicht auskam, so wenig wie ein Bischof, der damals manchmal längst selbst bewaffneter Krieger zu Pferde war, wie auch der eine oder andere Abt.

 

Durchaus nahmhafte Historiker behaupten bis heute, die Kirche habe Widerstand geleistet gegen jene Entwicklung in den Kapitalismus, von deren Wurzeln hier eine auftaucht, der Handel mit Luxuswaren. Sie habe den Zins, den Kredit auf Zins und den Gewinn beim Warentausch verurteilt. Aber der in dieser Anekdote hier vertretene gerechte (iustus) Preis meint nichts anderes als den fairen Marktpreis, meint also den freien Markt als Regulativ. Tatsächlich gab es in den folgenden Jahrhunderten bis ins hohe Mittelalter kirchliche Schriften, die das Zinsnehmen von „Gläubigen“ ähnlich wie im Islam verboten, aber zu den großen Kreditgebern des frühen Mittelalters gehörten durchaus auch viele reiche Klöster, die selbst reicher waren als die meisten weltlichen Adelsfamilien, und der Luxuskonsum, wie er sich an den gräflichen Gewändern zeigt, war in den letzten 500 Jahren genauso Sache der meisten Bischöfe gewesen.

 

Der Profit stammt von einem lateinischen Verb, proficere welches unter anderem gewinnen oder nützlich sein meint, und das Wort taucht erst nach dem Mittelalter auf. Der von Marx definierte Unterschied zwischen Profit und Gewinn wurde selbst von erklärten Marxologen oft übersehen, und wir können ihn durchaus für das allerfrüheste Mittelalter ignorieren, da beides damals – noch vor allem Kapitalismus - gleichgesetzt wurde. Die Kirche sagte derweil, dass der Christ nur eines gewinnen solle, nämlich das Himmelreich, aber wo möglich schmückte sie das Inventar ihrer Kathedralen mit Gold und Silber und Edelsteinen, alles nur zum Lobe Gottes, und ebenso das Inventar der Bischofspaläste. Praktischerweise wurden allerdings kostbare Geschenke nicht an die Kirche oder den Bischof, sondern an den Patron der Kirche gemacht, man schenkte also ein kunstvoll graviertes Elfenbeintäfelchen oder ein edelsteingeschmücktes Trinkgefäß dem heiligen Johannes oder der heiligen Radegunde.

 

In den nächsten über tausend Jahren wird der gerechte Preis und der gerechtfertigte Gewinn zu einem Dauerthema. Um 900 ist er nur in der lateinischen Version überliefert. In den damals sich neuerdings deutsch (teodisc) verstehenden Landen bedeutete „recht“ gerade und richtig (im Englischen später: right). Rechts war die rechte Hand, mit der die meisten vor allem arbeiteten. Gerecht hieß damit „richtig gemacht“. Jenseits allen meist noch wenig verankerten Christentums war der gerechte Preis dabei allerdings einer, der sich aus Angebot und Nachfrage ergibt. Um 900 und besonders danach brachten diejenigen Bauern in Mitteleuropa, die einen Teil ihrer Leistungen an ihren Grundherrn in Geld zu erbringen hatten, diesen Teil ihrer Produkte auf den Wochenmarkt, wo sie dafür Gebühren entrichten mussten, und manchmal, in Zukunft sogar immer öfter, wurden sie mit einem Höchstpreis konfrontiert, den der Stadtherr oder ein Beamter des regionalen Herren festsetzte, um die Lebensmittelkosten besonders in Mangelzeiten niedrig zu halten. Damit wurde die bäuerliche Schufterei mit Zugochsen und Hakenpflug abgewertet zugunsten städtischer Interessen, was der Bauer gewiss nicht für gerecht hielt, der Städter aber schon. Gerecht ist daran schon damals nur, dass das Interesse der Mächtigen (hier über die Stadt) das der bäuerlichen Bevölkerung auf dem Lande überwog, denn der Stadtherr wollte Unruhen in seinem Bereich vermeiden.

 

Seitdem es einen Markt gibt, ist Gerechtigkeit eine Sache „politischer“ und wirtschaftlicher Macht. Klöster legten schon im frühen Mittelalter Speicher an, um Getreide bei guten Ernten zu horten und so den Marktpreis zu halten, und um es bei folgenden Missernten teurer auf den Markt zu bringen. Das heißt seit dem 19. Jahrhundert im Deutschen Spekulation und es lässt sich natürlich blendend rechtfertigen, schließlich ist es die Rechtfertigung, die Gerechtigkeit überhaupt erst herstellt, sie ist zu propagierende Ansichtssache, die zur Übereinkunft wird: Das Kloster sorgt für Notzeiten vor. Nach 1200 wird vom heiligen Thomas von Aquin der Gewinn beim Handel durch den hohen Aufwand des Transportes und des geschäftlichen Risikos gerechtfertigt, und auch das ist plausibel und darum „gerecht“.. Nur beim Geldverleih hapert es zunächst mit den Begründungen: Es ist Christenpflicht, jemandem in Not zu geben, ohne daraus einen Gewinn zu ziehen. Deshalb werden die christlichen Lombarden und die ebenso christlichen Kawerzen (aus Cahors) fast genauso verachtet wie die Juden: Diesen allen ist das Geldverleih-Geschäft schon im früheren Mittelalter erlaubt.

 

Das von oben verordnete Recht (ius) wird in den lateinischen Texten der Mächtigen als iustitia durchgesetzt, was praktizierte Gerechtigkeit meint. Für die Kirche ist es inzwischen gerecht, dass die einen (körperlich) arbeiten, die anderen beten und die dritten Krieg führen. Es ist auch gerecht, dass die, die körperlich und produktiv arbeiten, arm sind, denn solche Arbeit macht eben naturgemäß nicht reich und ist dennoch für alle notwendig. Für Handel und Kaufmannschaft ist gerecht, dass sie möglichst unbehindert auf den Märkten einen Gewinn erzielen, ihre Existenzgrundlage. Ihre iustitia aus Angebot und Nachfrage, aus Qualitätssicherung von Ware und Münzwert, aus Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit als Ideal entwickelt bürgerlichen Gerechtigkeitssinn: Durch Handel wird man reich, durch produktive Arbeit bleibt man eher arm, und wer gar nichts hat ist selber schuld, denn nur von nichts kommt nichts. Man bleibt darüber hinaus bei denselben Argumenten wie die Kirche: Es ist so, wie es ist, und Gott hat es so gewollt. Im hohen Mittelalter kommt wieder der gottlose Satz auf, jeder sei seines Glückes Schmied, und seitdem ist beides möglich. Gott/Natur/Schicksal bzw.fortuna und andererseits Eigenverantwortlichkeit, die sich diametral gegenüberstehen, können je nach Gusto und zur Not auch gleich hintereinander oder gar gleichzeitig als Argument angebracht erscheinen. Dem vulgärphilosophischen Geschwätz sind keine Grenzen mehr gesetzt.

 

Gleich sind an allen Versionen von „Gerechtigkeit“ nur die Maßeinheiten: Länge, Breite, Gewicht, Geldeinheit. Gerechtigkeit ist Angemessenheit, und diese ist unter den Bedingungen von Eigentum und Arbeitsteilung immer eine Machtfrage, ob eine naturgegebene oder eine menschlich gesetzte. Und dazu kommt: Der Faule hätte gerne etwas vom Fleißigen ab, der Dumme selten vom Klugen und der Aufrichtige manchmal vom Hinterhältigen, der den größeren Erfolg hat. Das aber führt hier zu weit vom Weg ab, nämlich am Ende direkt in die moderne Politik.

 

Der wichtigste Aspekt von Gerards Heiligkeit war aber laut Odo von Cluny nicht sein (letztlich marktorientierter) Gerechtigkeitssinn, sondern seine selbstgewählte zölibatäre Lebensweise und seine Keuschheit darüber hinaus. Darin übertraf der Laie große Teile des Klerus, die entweder verheiratet waren oder zumindest im Konkubinat mit Frauen lebten, woran sich damals kaum jemand störte. Jesu im Matthäus-Evangelium verankerte Forderung nach Besitzlosigkeit und Ehelosigkeit war schon eine Generation nach seinem Tod von Paulus für die weniger Frommen aufgehoben worden, auch wenn sie dann (zum ersten Mal) wenigstens noch eine Generation später in den Evangelien auftaucht. Sie beschränkt sich bald auf den höheren Klerus, der sich in den nachantiken Zeiten immer weniger daran hält, weswegen sie dann nur noch für die nun entstehenden klösterlichen Gemeinschaften gilt.

 

Der Jesus der Evangelien hatte ohnehin eine Vorstellung von Gerechtigkeit, die keine Kirche, kein Graf oder Kaufmann hätte ertragen können: In mehreren Gleichnissen des Lukasevangeliums wie dem vom verlorenen Sohn oder den Arbeitern im Weinberg zum Beispiel macht er Belohnung bzw. deren Höhe nicht vom Verdienst, also der Leistung abhängig, sondern ganz im Gegenteil: Der Weinbergsbesitzer zum Beispiel bezahlt am Ende des Tages den, der nur eine Stunde gearbeitet hat, mit demselben Silberstück wie den, der zwölf Stunden dabei war. Der (verlorene) Sohn kehrt wieder, nachdem er sein Erbteil verprasst und verhurt hat und wird von seinem Vater besser behandelt als der andere, der weiter brav bei ihm gearbeitet und ihn unterstützt hat. Damit lässt sich kein Staat machen, nicht wirtschaften, ja kaum leben, aber Jesus war schließlich laut Evangelisten vom nahen Weltende überzeugt und der darauf folgenden Umwertung aller Werte.

 

Das Kirchenchristentum des aufkommenden Kapitalismus betrachtete solche Geschichten mit großem Interesse: Da Kapital Ausdruck eines sehr irdischen Vermehrungsbegehrens ist, einer gewiss nicht aufs Himmelreich (was immer das sein mag) gerichteten Begierde, konnte der Klerus moralischen Druck auf die Kapitaleigner ausüben, sie am Gewinn der Investitionen zu beteiligen. Spenden an die Kirche erhöhten dann die Chance, trotz unchristlichen Wirtschaftens nicht nur an der Hölle vorbeizukommen, sondern durch kirchliche Fürbitten nach dem Hinscheiden eine beschleunigte Reise in paradiesische Gefilde anzutreten.

 

Seitdem gibt es in jeder Beziehung immer mindestens zwei Gerechtigkeiten, die derer, die etwas haben und die derer, die es gerne hätten zum Beispiel. Und es ist eine Faustregel geblieben: Üblicherweise hält der Mensch das, was er meint, tut und besitzt für gerecht, es sei denn, er findet, er tue zu viel dafür, dass er zu wenig hat. Das macht Gerechtigkeit zu einer moralischen Waffe, deren Besitz jede Menge Unheil rechtfertigen kann. Für den Biographen von Gerard von Aurillac war das noch einfacher: Sein Kloster war zwar schwerreich, aber er selbst war als Person rein rechtlich gesehen besitzlos. Und als ziemlich mächtiger Adeliger war Odo in einer guten Position, Gerechtigkeit zu definieren und Heiligkeit dazu. Das auf jeden Fall muss man ihm schon lassen...

 

f: Reliquien

 

Im Unterschied zu Judentum und Islam gewinnt das magische Moment im römischen Christentum immer mehr an Bedeutung, die sich dann noch einmal im Prozess der Germanisierung verstärkt. Sakralisierung der Kirche, Einführung von Sakramenten und magischen Handlungen bestimmten immer mehr den kirchlichen Raum und gingen bei der Laienschar dann Verbindungen mit Elementen früherer Natur“religion“ ein.

 

Die göttliche Dreifaltigkeit war schwer erfassbar außer in sehr weltlichen Analogien, wie der von Gott/Christus als kaiserlicher Triumphator und zugleich gestrenger Patriarch. Der heilige Geist wird in seiner Bewegung als Taube flugtauglich. Maria und die Apostel immerhin, allen voran der angebliche Kirchengründer Petrus, sind in Menschengestalt fassbar, wenn auch etwas entrückt. Mit den Heiligen, zunächst jenen Märtyrern, die kaiserlicher Macht getrotzt hatten und dafür starben, bekommt das Heilige, inzwischen zwar in den Himmel entschwebt, schließlich fast ganz und gar menschliche Gestalt.

 

Heiliges aber hat längst magische Kraft, und die Heiligen, über deren mutmaßlichen Überresten Kirchen gebaut werden, die so an der zu Knochen zerfallenen Heiligkeit Anteil bekommen, werden nicht nur Namenspatrone der Kirchen, sondern sie sind Vermittler zu Gott selbst. Man kann sich so direkt an sie wenden, und der Volksglauben spricht ihnen spezielle Ressorts zu, in denen sie in Anspruch genommen werden können.

 

Während der von antiken Philosophen beeindruckte Augustinus noch vom Tod des Leibes und der Auferstehung der Seele sprach, sprechen sich volkstümliche Wunschvorstellung und sich damit verbunden fühlende Lehrmeinung bald für die Auferstehung des Leibes aus. Heilige sind so einmal leibhaftig im Himmel beim leibhaftigen Gott Christus, und die Kraft, die sie dort entfalten, findet sich bald auch in ihren Überresten, lateinisch Reliquien wieder.

 

Ein dazu gehörender Aspekt war die spezifische christliche Wundergläubigkeit, die an die Wundertaten Jesu anknüpfen konnte. Die Fähigkeit Wunder zu vollbringen, zauberartige Magie, wird nun auf alles Heilige, insbesondere aber die Überreste der Heiligen selbst übertragen. Eine Reliquie ist im Umkehrschluss dann echt, wenn sie Wunder vollbringt. Natürlich ist es theologisch gesehen Gott, der das macht, aber das gilt nicht für die Anschauung der meisten Menschen.

 

Dabei gibt es bald sogar magische Übertragung der Wunderkraft durch Kontakt, wodurch Splitter des „heiligen“ Kreuzes, oder Reste vom Gewand des Gottessohnes magische Kraft bekommen. Dasselbe gilt auch von den Heiligen, deren Knochen oder gar ganzes Skelett natürlich wertvoller, also wundertätiger sind als etwas, was sie nur berührt hatten.

 

Klar, dass nun clevere Leute in Rom vor allem, aber auch anderswo, überall Leichenreste von Heiligen finden, von denen es Abertausende gibt, und sie verkaufen. Mit der Ausweitung des Christentums auf durch Krieg und Mission gewonnene Regionen wächst der Bedarf weiter, denn jede anständige Kirche braucht Reliquien, je mehr, desto besser.

 

Wurde jemand schon zu Lebzeiten für heilig erachtet, brechen manchmal wilde Streitereien und Schlägereien mit seinem Tod um den Besitz des Leichnams aus, den man möglichst ganz oder wenigstens zum Teil in seine Gewalt bringen möchte. Heilige Kadaver werden zudem schnell zerstückelt und Teile davon auch verschenkt.

 

Um 963 tut sich beim Italienzug Ottos I. der Hildesheimer Bischof Otwin folgendermaßen hervor:

 

„Er entwendete nämlich in Pavia den Leichnam des zweiten Stadtpatrons Epiphanius und brachte seinen Raub in der Abtei Reichenau in Sicherheit, aus deren Konvent er stammte. Trotz des erheblichen Aufsehens, das dieser Diebstahl entfachte, und trotz einer kaiserlichen Untersuchung des Vorfalls blieb der Dieb unentdeckt, der jedoch im Jahre 963 nach der Entlassung des Heeres im Triumphzug mit seiner Beute in Hildesheim einzog. Es kennzeichnet mittelalterliche Frömmigkeit wohl in besonderer Weise, dass man in Hildesheim und auch andernorts in Sachsen den Adventus des geraubten Heiligen festlich beging.“ (Althoff/Keller, S.187)

Von einem zweiten Reliquiendiebstahl in San Paolo fuori mura vor Rom wird ebenfalls berichtet. Dort entwendet der Bischof ungeniert einen Arm des hl. Timotheus. Von der Weihe der Krypta seines St.Michael wird von 66 dort eingebauten Reliquien berichtet, und ebensolche werden auch in die Kapitelle der Säulen der Kirche darüber eingemauert. Etwas ganz besonderes aber sind Splitter vom Kreuz Christi, die in einen kreuzförmigen Reliquienbehälter eingeschlossen werden.

 

Für das wundergläubige "Volk" wurde schon die Überführung von Heiligen oder wenigstens von Teilen von ihnen zu einem öffentlichen Festakt. Einhard schreibt über eine solche Translatio: Wegen der Menschenmenge konnte man bei Ankunft der Reliquien nicht sofort in die Kirche ziehen. Daher errichtete man erst draußen, unter freiem Himmel, einen Altar, stellte dahinter die Gebeine des Heiligen aus und feierte die Messe. Erst danach folgte der Einzug in die Kirche... (in: LHL, S.130)

Hatte sich eine Kirche oder ein Kloster in den Besitz besonders attraktiver Reliquien gebracht, so wurden sie zu einem Wallfahrtsort. Pilger erhoffen sich dort Heilung von Gebrechen und andere Wunscherfüllung. Für Kirche oder Kloster und den sich so entwickelnden Ort wird das zu einer erheblichen Einnahmequelle. Herbergswesen, Gaststätten, Tavernen, Handwerk und Handel beginnen zu florieren. Ein Musterbeispiel ist das Jakobsheiligtum von Santiago de Compostela.

 

Das Heilige, der Heilige oder wenigstens irgendetwas von ihm und das zugehörige Kirchengebäude verschmelzen zu einer Einheit, in der Wunderbares möglich wird. In dieser Einheit ist Nähe zu Gottes Allmacht, die alles kann, was er will und man sich wünscht. Und hier ist der Kern praktizierten Christentums zu sehen, welches sich damit unendlich weit von den jesuanischen Vorstellungen entfernt hat. Im katholischen Raum wird das bis ins zwanzigste Jahrhundert überleben.

 

Kirche hebelt so im Vorgriff auf das Himmelreich die „natürlichen“ Gesetze von Raum und Zeit aus, erfüllt damit eine mächtige menschliche Welt der Vorstellungen und wir können heute kaum noch die Wucht der Schläge nachvollziehen, als sie in den Reformationen, aus den Angeln gehoben wird. Dieser langwierige Vorgang wird allerdings nicht nur forciert, sondern auch abgefedert durch den Aufstieg einer nicht weniger wundersamen Warenwelt, deren Faszination immer mehr mit der des Mirakulösen mithalten kann.

 

Die erste Aufgabe von Reliquien ist aber nicht, spezifische Wunder zu vollbringen, sondern Orte erst so recht und gewissermaßen durch Übertragung zu heiligen. Sie leisteten das vor allem für und zugleich in Kirchen. Deren magische Qualitäten werden möglichst schon vor der Weihung, selbst ein magischer Akt, durch das Anbringen von Reliquien in oder unter dem Altar bzw. mehreren Altären, in der Krypta oder sogar in den Säulen des Kirchenschiffes erreicht. Wichtig ist es dabei vor allem, Reliquien des Heiligen, dem die Kirche geweiht ist, unterzubringen.

 

Bei den immer mehr Kirchen der Christenheit wird der Bedarf natürlich gewaltig und führt dazu, dass gewisse heilige Körperteile, Gewänder oder gar das Kreuz Christi geradezu mehrmals dafür herhalten müssen. Ganz offenbar irritiert das die Leute aber nicht, nimmt den Gegenständen nichts von ihrer Heiligkeit.

 

Ein Beispiel für weltliche Reliquiensammelei aus der bayrischen Stauferzeit erwähnt Rösener (Erinnerungskulturen) für den Grafen von Falkenstein: „Am 8. September 1164 erfolgte die Weihe der Burgkapelle in Neuburg durch Bischof Adalbert I. von Freising zu Ehren der hl. Dreifaltigkeit, der Jungfrau Maria und des hl. Kreuzes. Unter den zahlreichen Reliquien sind besonders solche von der Kleidung Marias, vom hl.Kreuz, vom Grab Christi und von Johannes dem Täufer hervorzuheben.“ (S.41) Eine Vielfalt von wertvollsten Reliquien für eine einzige Kapelle eines adeligen Herrn zeugt von den magischen Qualitäten des Glaubens, aber vor allem auch von dessen Wohlhabendheit.

 

Hin und wieder tauchen in den Quellen Hinweise dafür auf, dass nicht jeder von den magischen Qualitäten oder gar von der Authentizität solcher heiliger Überreste überzeugt ist. Als um 930 ein um Herausgabe entfremdeten Klostergutes bemühter Abt von Bobbio seine Vasallen zu einem Hoftag in Pavia zusammenruft, bringt er die knöchernen Überreste des Patrons, des hl. Columban mit, um sie mit deren magischer Kraft zu beeindrucken, was laut den 'Miracula sancti Columbani' bei einigen auch wirkt, lehnt sich einer von deren Untervasallen auf und möchte propter ossa caballina vel asinina quae huc detulistis (wegen einiger Pferde- oder Eselsknochen, die du hergebracht hast), nicht auf sein Gut verzichten (cap.22). Zu vermuten ist, dass mehr Leute so dachten, das aber oft tunlichst verschwiegen.

 

Glauben

 

Die mittelalterlichen Zivilisationen beruhen wie alle auf Kombinationen von Gewalt und Gläubigkeit, wobei letztere dazu dient, erstere in die Latenz zu bringen, also idealiter in eine schiere Drohgebärde zu verwandeln. Neben vielem anderem, was der eine oder andere mal hier und mal da glaubt, ist er mit Ausnahme der Juden und ihrem Sonderstatus dazu verpflichtet, ja gezwungen, zumindest so zu tun, als ob er an ein wie auch immer geartetes Christentum glaubt. Und ähnlich wie heute alle auf die jeweilige Verfassung verpflichtet werden und sie dabei kaum kennen und verstehen und das auch gar nicht erwartet wird, so ist den meisten frühmittelalterlichen Christen durch alle Schichten ihre heilige Schrift nicht durch Lektüre vertraut und der Kern der evangelisch-jesuanischen Botschaft wird ihnen auch weitgehend vorenthalten. Zudem sind die theologischen Spekulationen seit der Spätantike ihnen ohnehin unverständlich, wie übrigens auch vermutlich fast der gesamten niederen Geistlichkeit. Kurz gesagt: Was zu glauben ist, wird von oben verordnet und so formuliert, dass es den jeweils herrschenden Machtstrukturen dienlich ist.

 

So eingerichtet, hat Glauben den angenehmen Vorteil, einmal mühsames Selbstdenken zu ersparen und sich gemütlich im Vorgegebenen einrichten zu können, andererseits aber auch den, sich Diffamierung, Verfolgung und auf dem Weg ins hohe Mittelalter sich dann auch Folter und Tod zu ersparen. In diesem Sinne ist das Mittelalter christlich, auch wenn vieles von dem, was da gelehrt und zelebriert wird, für den Ungläubigen absurd wirkt und klingt. Wir wissen, dass es zumindest nach der ersten Jahrtausendwende solche Ungläubige gibt, und vermutlich viel mehr. als dokumentiert wird, denn es wird immer naheliegender, seinen Unglauben für sich zu behalten und höchstens bei Vertrauten zu äußern, - gerade so, wie politische Ungläubigkeit seit dem 18. Jahrhundert besser verheimlicht wird.

 

Frühere Kulturen und selbst noch alte Zivilisationen kannten das, was wir heute Kulte nennen, etwas anderes als Religion. Diese Kulte und selbst frühe Götterwelten sind von ihren Ursprüngen her an Naturgewalten gebunden und haben so eine gewisse, quasi nachvollziehbare Plausibilität. Diese verschwindet ganz grundlegend schon im römischen Christentum: Jesus bricht sein Versprechen und kehrt nicht wieder, wofür die Christen mit Formen von Wundern und Magie entschädigt werden, die dem common sense von Menschen seit der Jungsteinzeit flagrant widersprechen, oder anders ausgedrückt, aller seiner Erfahrung. Im 10. Jahrhundert beginnt das völlig Unwahrscheinliche immer größeren Raum einzunehmen, um dann ab dem 11. Jahrhundert immer mehr in Dogmen gefasst zu werden, wofür die Transsubstantiation als Musterbeispiel herhalten kann, also die magische Verwandlung schieren Weines in das Blut des Erlösers und von Brot in sein Fleisch, die der Gläubige sich dann beide einzuverleiben hat.

 

Christen sind dazu angehalten, andauernd das schier Unglaubliche zu glauben, zum Beispiel auch, dass eine Jungfrau einen (Gottes)Sohn gebären kann, das dreierlei Verschiedenes ein einheitliches Eines sein kann, das manchmal Blinde wieder sehen können, wenn sie sich in die Nähe eines Gefäßes mit besonderen Knochen begeben, dass das Eintauchen in vom Priester magisch verzaubertes Wasser einen Menschen irgendwelchen Teufeln entreißen kann, dass das Spenden von Gold und Silber an eine Kirche oder ein Kloster einen beschleunigten Weg zu einem Gott ermöglichen kann, der seinen Sohn geschickt hatte, um Armut als irdisches Ideal vorzuleben. Ja, man kann die Anwesenheit eines Teufels daran erkennen, dass man ihn wie einen Hund bellen oder wie ein Schwein grunzen hört. Vertreiben kann man ihn dann, indem man das Areal mit Weihwasser besprengt. Und vieles mehr...

 

Es geht nicht um Menschen, die anders als wir heute dumm genug waren, sich derart betrügen zu lassen. Sie waren genauso intelligent und klug wie Menschen heute, wie zum Beispiel solche, die an Hitler, Stalin oder die Demokratie glauben; und in der Regel wird man davon ausgehen können, dass selbst lesekundige Priester nicht meinten, dass sie ihre Herde betrogen.

Das ist wichtig, denn der Glaube an das Unglaubliche formt die Welt mit, die sich im 10./11. Jahrhundert dahin aufmacht, Kapitalismus entstehen zu lassen. Um das noch einmal anders deutlich zu machen: Die heiligen Schriften der Juden, allesamt sehr sagenhaft, sind mit ihrem Stammes-Chauvinismus wesentlich plausibler, lassen alles wunderbare als Verwunderliches bis auf wenige Ausnahmen aus und verlangen dem Juden eher Abgaben an den Tempel und relativ wenig aufwendige Regeln ab als Wunderglauben. Der Islam enthält im Kern nur eine Absonderlichkeit, dass nämlich ein dem Judentum entnommener Erzengel Mohammed den Koran einflüstert. Das sehr kleine Regelwerk, welches dem Muslim auferlegt ist, verlangt kaum so etwas wie einen ausgiebigen Wunderglauben.

 

Wenn philosophisch (aristotelisch) geschulte Leute später credo quia absurdum schreiben werden,also: ich glaube gerade deshalb, weil es unvernünftig ist, ist das ein Gedankengang, der den frühmittelalterlichen Christen weithin überhaupt nicht zugänglich ist. Vielmehr lernen sie, dass das, was sie zu glauben haben, eben höchste Gewissheit sei. Und wenn Gelehrte und Belesene im 11. Jahrhundert beginnen werden, zu versuchen, das Geglaubte auch noch mit der Vernunft nachzuvollziehen, so wird das der großen Mehrheit der mittelalterlichen Menschen unzugänglich bleiben.

 

ff.

 2. Papsttum und Kirche

 

Kirche entstand aus der Trennung von Priesterschaft und Gemeinde, also den Laien einerseits, und der Abspaltung eines monastischen Lebens als Eremit oder im Kloster andererseits. Die Priester wiederum organisierten sich in einem hierarchisch gegliederten Klerus, dessen Zentren die Städte als Mittelpunkt der civitates des römischen Reiches waren. Dort etablierte sich ein „Aufseher“ über die Priesterschaft, griechisch episcopos, deutsch viel später "Bischof", spanisch obispo. Mehrere civitates wiederum wurden von einem archiepiscopos beaufsichtigt, einem Erzbischof. Große Teile des Reiches wiederum unterstanden einem Patriarchen. Im weströmischen Reich war der Bischof von Rom ein solcher.

 

Begründet wird das alles dann durch das sicherlich später eingefügte Jesuswort an Petrus als Auftrag zur Kirchengründung, dem sowohl paulinische Texte wie die Apostelgeschichte mit ihrer Erwartung der Wiederkunft des Herrn widersprechen. Aber da es sich hier um die einzige Rechtfertigung der Macht einer hierarchisch gegliederten Institution handelte, überstieg es wohl das kritische Denkvermögen der Beleseneren in der Kirche und natürlich ihre handfesten Interessen, daran zu zweifeln.

 

Tatsächlich hat wohl der Autor ausgerechnet den ob seiner Gewalttätigkeit von Jesus gerügten Petrus dazu ausersehen, weil sein griechischer Name (petros lässt sich als Fels übersetzen) sich für das Wortspiel eignete, er sei der Fels, auf den Jesus baue: et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam (…) Et tibi dabo claves regni coelorum, et quodcunque ligaveris super terram, erat ligatum et in coelis, et quodcunque solveris super terram, erit solutum et in coelis (Matthäus XVI,18f: Und ich will dir die Schlüssel zum Himmelreich geben. Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.)

 

Die griechische ekklesia ließe sich problemlos als schlichte Versammlung der Gläubigen übersetzen, was sie wohl auch am Anfang war, wenn nicht die enorme Macht, die Petrus dann überantwortet wird, als die fast eines christos beschrieben wird, was auf eine bereits etablierte Kirche verweist, die für Jesus kurios gewesen wäre, der ausdrücklich im selben Evangelium darauf verweist, dass er kein Religionsgründer, sondern „Erfüller der Schrift“ der Juden sein möchte. Aber eine kritische Lektüre der Evangelien war undenkbar, und eine vernunftgemäße Interpretation war zwischen Augustinus und Abaelard ebenfalls nicht möglich.

 

Da man nun erzählte, dieser Petrus sei in Rom als Haupt seiner Gemeinde (so wie auch Paulus) als Märtyrer gestorben, verstärkte das jene Begründung einer herausragenden Rolle der Stadt, deren tiefster Grund die Tatsache war, dass es sich um die Hauptstadt des Weltreiches handelte, welches für ein Christentum und die entstehende Kirche zu gewinnen war. Daraus resultierte die für uns heute erstaunliche Behauptung, die Christianisierung sei von Rom ausgegangen.

 

Die vermutlich spätere Einfügung in Matthäus 16 begründet dabei nicht nur nachträglich die Entstehung einer Kirche, sondern eben auch die Macht derer, die sich selbst als Nachfolger Petri bezeichnen. Wenn der evangelische Jesus angeblich Petrus die Macht "zu binden und zu lösen" gibt (im Himmel wie auf Erden), dann lässt sich daraus ein totaler Machtanspruch ableiten. Andererseits lässt sich schon aus Paulus und dann aus Matthäus ein Nebeneinander geistlicher (privater) und weltlicher (öffentlich römischer) Mächte ableiten.

 

Da für Kirchenchristen das Heil über die Eucharistie und andere sakramentale Akte läuft, wird später die originäre tatsächliche Machtbefugnis von Päpsten die, einzelne Leute durch Verurteilung von diesen Vorgängen zuzulassen oder aber fernzuhalten., was durch die sogenannte Exkommunikation geschieht, oder noch schärfer, indem ganze Orte oder Länder dem Interdikt verfallen, dem Verbot an die Priesterschaft, dort ihres Amtes zu walten. Da nach Verfall des weströmischen Staatswesens die Bindekräfte persönlich werden, wird der Treueeid immer wichtiger. Aus Matthäus leiten die Päpste dann später auch das Recht ab, die Menschen von solchen Eiden zu lösen, was am Übergang vom frühen zum hohen Mittelalter immer wichtiger werden wird.

 

Über die augustinische Lehre von der himmlischen und der irdischen civitas und die gelasianische Zweigewaltentheorie auf Erden samt Papst Gregors IV. Behauptung von der Überlegenheit der geistlichen Gewalt ist das Papsttum doch abgesehen von seinem Führungsanspruch in Fragen der Lehre im wesentlichen das Bistum von Rom geblieben. Erst unter dem Schutz von Byzanz, dann dem der fränkischen Herrscher, bleibt es schwach.

 

Klöster und Klerus gehorchen unterschiedlichen Regeln, mit denen sie aus der Laienschar herausgehoben sind. Gemeinsam ist ihnen idealiter in der Nachfolge Jesu und der Apostel der Verzicht auf persönliches Eigentum, die Keuschheit als Verzicht auf das Ausleben des Geschlechtstriebes und überhaupt ein gemeinschaftliches Leben außerhalb bzw. am Rande der „Welt“, des saeculum (der Zeitlichkeit). Schließlich gehört dazu bei beiden der bedingungslose Gehorsam entweder gegenüber dem Abt oder gegenüber dem Vorgesetzten in der kirchlichen Hierarchie.

Saeculum meinte ursprünglich ein Zeitalter, eine Lebenszeit, dann auch ein Jahrhundert, wie es sich im spanischen siglo zum Beispiel erhalten hat. Im kirchlichen Sprachgebrauch wird daraus alles "Zeitliche" als "Welt" im Gegensatz zum zeitlos-ewigen Reich Gottes außerhalb der Welt. Im Sinne dieser Wortbedeutung lässt sich für die christliche Welt eine Epoche zunehmender Sakralisierung im 11. Jahrhundert feststellen, auf die die Umkehr in die Säkularisierung seit dem 12. Jahrhundert erfolgt. Am Ende bedeutet dann Säkularisierung Entkirchlichung bzw. Aufhebung von Klöstern, wie sie zum ersten Mal in der sogenannten großen französischen Revolution Programm wird.

 

Nachdem Priester das Exklusivrecht auf die Durchführung sakraler Handlungen mit ihren magischen Momenten bekommen hatten, Mittler zwischen ihrem Gott und den Laien wurden, werden sakrale Ansprüche wie der der Reinheit an sie nötig, um ihnen die entsprechende Autorität zu verschaffen. Andererseits fallen die hohen kirchlichen Ämter bald an Mitglieder der römischen Oberschicht, und mit Kaiser Konstantin wird der höhere Klerus eingeladen, Teilhaber an der weltlichen Macht zu sein.

Kaiserliche Familie und reiche Oberschicht versorgen die Kirche nun mit kompletten sakralen Gebäuden („Kirchen“), die über den Gebeinen von Märtyrern errichtet wurden, und mit Geschenken. Die Bischofskirche wird so zum kollektiven Eigentümer an immobilem Besitz und von Geld. Auf der Seite der „weltlichen“ Macht, die sie schützt und verstärkt, droht ihr von nun an „Verweltlichung“, besonders als sie dann Seite an Seite mit den weltlichen Herren der neuen, germanisch dominierten Reiche auftritt, und dafür mit immer größerem Grundbesitz und immer mehr Rechten ausgestattet wird.

 

Ähnlich erging es den Klöstern, die neben der Kirche existieren, die aber diese zu vereinnahmen versucht. Sie werden seit den Reformen des Columban immer mehr mit Mitgliedern der Oberschicht besetzt, und ähnlich wie die Kirche mit Grundbesitz versorgt. Die strengen Regeln einer Klostergründung tendieren dann immer wieder hin zu Lockerungen, worauf dann Klöster entweder der Auflösung entgegen gehen oder aber einer „Reform“, der Wiederherstellung der Ordnung.

 

Auf den Versammlungen der Kirche werden entsprechend immer wieder Reformen (Wiederherstellungen) beschlossen. Dass sie nicht dauerhaft umgesetzt werden, zeigt beispielsweise das bis Ende des Mittelalters immer wieder auftauchende Thema Zölibat, also Ehelosigkeit der Priester, welches weiter unten genauer angesprochen wird.

Da die Kirche eine Institution zur Verwaltung ewiger Wahrheiten ist, kann für sie Reformieren nur Erneuerung im Sinne von etwas Altem, Vorgegebenem sein. Der eher neuzeitliche Reformbegriff, der Veränderung als neuartige Verbesserung meint, ist bereits ein Kind des späteren Kapitalismus und bedeutet im heutigen Sprachgebrauch politische Anpassung an die globalen Veränderungen in den Kapitalverwertungsprozessen.

 

In einem ist die Kirche der weltlichen Macht weit voraus: Noch in der Merowingerzeit bildet sich im Verbund von geistlicher und weltlicher Macht die Pflicht des Gläubigen zur Zahlung einer decima, eines Kirchenzehnten heraus, einer damals allgemeinen Einkommenssteuer, die immer mehr auf alle weltlichen Einkünfte ausgedehnt wird. Da Bischöfe davon aus jeder Pfarrei ein Drittel ungefähr einbehalten, haben sie ein ganz besonderes Einkommen neben dem aus den eigenen Grundherrschaften in ihrer Diözese und darüber hinaus und neben den Einnahmen aus bis ins hohe Mittelalter steigenden Rechten (Münzrecht usw.) 

Dazu entwickeln die römischen Päpste weitere Einkommensquellen und nicht zuletzt auch die aus einem beanspruchten eigenen fürstlichen Herrschaftsraum über ihre Diözese hinaus, der am Ende des Hochmittelalters sich dann zum sogenannten Kirchenstaat auswächst.

 

Die Verklammerung von Kirche und Macht erreicht, wie schon einmal in der Endphase des römischen Reiches (siehe Anhang 2) einen neuen Gipfelpunkt mit der Annäherung karolingischer Herrscher und der Päpste, also den römischen Bischöfen, die ein geistliches Primat über die „katholische“ Kirche beanspruchen, und endet in der päpstlichen Kaiserkrönung Karls.

 

Darunter besteht eine Bischofskirche, die "geistliche" Macht mit der weltlichen eines großen Grundherren mit seiner abhängigen Bevölkerung und mit Ansätzen von Herrschaft über die eher noch weiter verfallenden Städte zunächst in Kokurrenz mit einem Grafen"amt" verbindet. Weltliche Grundherrschaft wiederum kontrolliert Kirche in ihrem Bereich, errichtet bescheidene Kirchengebäude als Pfarren und bestellt Pfarrer dafür, die in der Regel kaum dafür ausgebildet sind. Auch von Grundherren gestiftete Klöster geraten unter ihre weltliche Kontrolle.

 

Mit dem Verfall der kaiserlichen Zentralgewalt unter den Kindern und Enkeln des großen Karl wird die Kirche als Klammer und Ordnungsfaktor noch wichtiger. Benedikt von Aniane vertritt eine von Ludwig dem Frommen unterstützte Klosterreform, die die Klöster im Reich vereinheitlichen soll, und mit der Institutio canonicorum Aquisgranensis (Aachener Institution) von 816 soll so etwas im kaiserlichen Sinne auch für die Kirche erreicht werden.

 

Vorbild für die nun erneut verlangte vita communis ist Augustinus, der schon in seinem Elternhaus in Thagaste und dann als Bischof von Hippo mit seinen Klerikern in einer Art klösterlicher Gemeinschaft lebte.

Regularkanoniker, auch Augustiner-Chorherren genannt, legen ein Gelübde auf ihr Domstift (Hochstift) oder Kollegiatstift (Niederstift) ab und wählen unter den beiden überlieferten Augustinusregeln entweder die maßvollere Version Praeceptum / ordo antiquus oder der strengeren Observanz folgend die Version Ordo monasterii / ordo novus aus. Ein so oder ähnlich einheitlich geregeltes Leben wenigstens des hohen Domklerus in Ehelosigkeit, Gemeinschaft und kirchlichem Gemeineigentum soll also nun durchgesetzt werden, um Kirche auch im Interesse weltlicher Herrschaft zu stabilisieren. Das gelingt aber nicht überall und auf Dauer.

Vielmehr geraten die Kirche und das Kloster in den gewalttätigen Wirren des neunten Jahrhunderts immer mehr in Abhängigkeit von fürstlichen und kleineren weltlichen Herren, deren Schutz sie bedürfen, dabei gleichzeitig von ihnen bedroht.

 

Die Autorität Karls über die Kirche schwindet ausgerechnet unter jenem Sohn Ludwig, der als der Fromme in die Geschichtsbücher eingehen wird. In seinem Fürstenspiegel für Ludwigs Sohn Pippin, 'De Institutione Regia', rekurriert der einflussreiche Jonas, Bischof von Orléans, bereits wieder auf die gelasianische Zweischwerter-Theorie:

Da das geistliche Amt eine solche Autorität besitzt, und eine solch gewichtige Entscheidungsmacht, dass sie für die Könige selbst vor Gott Rechenschaft abzulegen haben, ziemt es sich, was sage ich, ist es nötig, dass wir uns ständig mit eurem Seelenheil befassen und das unsere wachsamen Ermahnungen euch hindern zu irren – Gott schütze euch davor - (…) Das königliche Amt ist ganz besonders das, das Volk Gottes mit Billigkeit und Gerechtigkeit zu regieren (...) In der Tat, der König muss zuallererst der Verteidiger der Kirchen und der Diener Gottes sein. (Nach dem Französischen in Audebert/Treffort, S.18))

 

Zugleich bleibt Jonas aber ein treuer Anhänger Ludwigs, wie er zum Beispiel auf dem Konzil von Paris 829 beweist. Als ein solcher weist sich auch Hinkmar aus, der 822 zur Ausbildung an den Hof Ludwigs des Frommen zu Aachen geschickt wird. Er wird Vertrauter des Kaisers und danach Vertrauter des westfränkischen Königs Karls des Kahlen und als solcher 845 Bischof von Reims.

 

882 richtet er kurz vor seinem Tod an den westfränkischen König Karlmann in Quierzy einen als 'Admonitio Hincmari ... ad episcopi et ad regem Karolomannum' betitelten Text, der als 'De ordine palatii' in die Geschichtsschreibung eingehen wird. Der erste Teil ist eine Art Einleitung, in der die königliche Gewalt nicht zuletzt im Verhältnis zur geistlichen dargestellt wird:

 

So möge denn der Herr König begreifen, zu welchem Amte (officium) er aufgestiegen ist, und er möge hören auf die warnende Mahnung des Königs der Könige, der ihm ebenso wie anderen Königen sagt: „Und nun, ihr Könige, habt Einsicht, lasst euch belehren (…) Wie daher der selige Papst Gelasius im Brief an Kaiser Anastasius aus der heiligen Schrift zeigt, und wie auch in den Akten der kürzlich beim Märtyrergrab der hl. Macra gefeierten Synode enthalten ist, sind es zwei, von denen (...) diese Welt hauptsächlich regiert wird: die geheiligte Autorität der Priester und die königliche Gewalt. 

Es folgt dann, dass die Bischöfe Aufseher (episcopoi) seien. Aufgabe der Aufseher ist es, dem ihm anvertrauten Volk (populo) durch Beispiel und Lehre unablässig zu verkünden, wie es zu leben hat. (Kap.III) Schließlich heißt es, ganz im Sinne des evangelischen Jesus: Es gilt, Gott mehr (zu) fürchten als menschliche Satzung. (S.73)

 

Außer auf Papst Gelasius bezieht sich Hinkmar für die Rolle von geistlicher und weltlicher Gewalt auf die kurz zurückliegenden Synode von Firmes (April 881), die er maßgeblich beeinflusst hatte.

 

In 'De ecclesiis et capellis' wird das in einen großen Zusammenhang gestellt: Wahrlich, Christus ist das Haupt der Christenheit, und die Kirche, die der Körper Christi ist, setzt sich aus zu Engeln gewordenen Heiligen, den lebenden und den toten Christen, zusammen. Derart sieht man, dass sie den Körper bildet, der die unterschiedlichen Glieder vereinigt. (in Audebert/Treffort, S. 70) Der Himmel reicht so, wie dann auch bei Herrscherdarstellungen des 11. Jahrhunderts, bis in die Erde hinein, und vermittels der Kirche leben die noch irdisch Lebendigen und die auferstandenen Toten und die, die noch der Auferstehung harren, in einer Gemeinschaft zusammen.

 

Für die Verselbständigung des Papsttums und Zentralisierung der Kirche steht mehr als andere Nikolaus I., Papst von 858-867. Seine Machtposition belegte er im Konflikt mit König Lothar II. (von Lotharingien), der sich wegen Kinderlosigkeit 862 von seiner Ehefrau trennen möchte, um die Konkubine Waltrada zu heiraten, mit der er bereits einen Sohn hatte. Zwei Aachener Synoden genehmigen ihm das, worauf sich Hinkmar von Reims mit Rückendeckung Karls des Kahlen dagegen und an Nikolaus wendet. Nikolaus exkommuniziert nun die Synoden und die die Scheidung betreibenden beiden Erzbischöfe.

 

Etwa in der Zeit kommt es zum Konflikt mit Ostrom, da sich Nikolaus intensiv für die Slawenmission engagiert. Im Konflikt mit dem neuen Patriarchen Photius exkommuniziert Nikolaus ihn zunächst (863,) wobei er sich mit Byzanz über die filioque-Frage so entzweit, dass der östliche Patriarch 867 gegen ihn den Bannfluch (anathema) erlässt.

 

Im letzten Kanon des Konzils von 863 wird die päpstliche Position deutlich:

 Wenn jemand den Dogmen, Anweisungen, Verboten, Sanktionen oder Dekreten , wie sie heiligmäßig vom Haupt des apostolischen Stuhls erlassen werden, handele es sich um den katholischen Glauben, die kirchliche Disziplin, die Ermahnung der Gläubigen, die Züchtigung der Missetäter, Interdikte, die gegenwärtige oder zukünftige Übel betreffen, nicht folgt, er sei verflucht. (Nach Audebert/Treffort, S.18)

 

Abt Regino von Prüm schreibt einige Jahrzehnte später lobend und etwas übertreibend über ihn: Seit dem seligen Gregor kann ihm kein Bischof, der in der Stadt Rom auf den Sitz des Pontifex erhoben wurde, verglichen werden. Den Königen und Tyrannen gebot er und beherrschte sie durch seine Autorität, als ob er der Herr der Welt gewesen wäre. Er zeigte sich demütig, süß, fromm und wohlwollend gegenüber den gewissenhaften Bischöfen und Priestern , die die Vorschriften des Herrn beachteten, furchtbar und von äußerster Härte für die nicht Frommen und die, die vom rechten Weg abwichen. (Nach Audebert/Treffort, S.18f)

 

Der Investiturstreit des hohen Mittelalters kündigt sich schon leise an, wenn auch nur in solchen Texten, denn in der Praxis sind Päpste vor allem Bischöfe ihrer Diözese, darüber hinaus mit der Realisierung ihres Patrimonium Petri beschäftigt. Zu den Bistümern jenseits der Alpen besteht wenig Kontakt und fast keine Oberaufsicht, und selbst in Italien ist der tatsächliche Einfluss gering. „Die Umgebung der Päpste in dieser Zeit ist so lokal und provinziell wie im allgemeinen der päpstliche Wirkungsbereich.“ (Tellenbach in Bernward, S.74)

 

Bald nach Nikolaus versinkt das Papsttum dann im Strudel der Machtkämpfe des stadtrömischen Adels. Als Wilhelm von Aquitanien 910 seine Stiftung Cluny unter den Schutz des Papstes stellte, wurde das Papsttum mit Personen wie gerade Sergius III. aus dem stadtrömischen Adel heraus besetzt. Viele seiner Nachfolger werden eingekerkert oder ermordet. Dabei wird das Papstamt zum Machtinteresse vor allem zweier berüchtigter adeliger Damen, Theodora und ihre Tochter Marozia, deren Zeit ein Historiker boshaft als "Pornokratie" bezeichnet hat.


Theodora macht Johannes X. zum Papst, der wird aber von Marozia gestürzt und eingekerkert. Darauf setzt sie Päpste durch, am Ende 931 mit Johannes XI. offenbar ihren eigenen Sohn von Papst Sergius III. Marozia selbst heiratet zunächst den Markgrafen Alberich von Spoleto, dann dessen Kollegen von Tuszien und 932 König Hugo von Burgund/Italien. Diesen will Alberich nicht dulden, der ihn verjagt und Marozia in den Kerker steckt. Darauf herrscht er 22 Jahre unangefochten als Fürst und Senator der Römer. 936 setzt er Papst Leo VII. ein, der sich dafür bedankt, indem er mit Hilfe von Abt Odo von Cluny das Ehebündnis von Alberich ("Fürst und Senator aller Römer")  mit Hugo von Italien einfädelt und sich zudem als Judenverfolger auszeichnet. 939 setzt er Stephan VIII, auf den "heiligen Stuhl" und lässt ihn Politik zugunsten Ludwigs IV. von Westfranzien machen.

Das hindert Alberich allerdings nicht daran, Abt Odo mit der Reform aller Klöster in Rom zu betrauen und mit der Aufsicht über eine eigene Klosterstiftung, Sta Maria auf dem Aventin.

 

Die Schwäche des römischen Bischofs zeigt der Streit um die Besetzung des Erzbistums Reims zwischen 925 und 948, bei dem Päpste nacheinander untereinander verfeindete Kandidaten ebenso verfeindeter weltlicher Fürsten unterstützen, ohne sich aber tatsächlich durchsetzen zu können.

 

Unter den sächsischen Kaisern werden sie zwar wieder zu Juniorpartnern der weltlichen Macht, aber dies nicht aus eigener Kraft. Bedeutenderen eigenen Einfluss üben sie dann „in der Planung, der Finanzierung und Führung von Kriegen“ aus, „wie Johannes X. gegen die Sarazenen und Benedikt VIII. gegen byzantinische Angriffe.“ (s.o.)

Noch Johannes XIII. (965-72), von Otto d.Gr. unterstützt, eng verbunden mit seinem Sohn, ist ein Verwandter Alberichs II.

 

Die Schwäche königlicher Macht und das Fehlen von Kaisern, die einen größeren Anspruch als den einer Regionalmacht haben, führt im 9. Jh. zur Zersplitterung Nord- und Mittelitaliens in Herrschaften von castrum und Stadt aus als Voraussetzung für regionale Fürstentümer. Die Päpste, nun selbst regionale Herrscher, erstarken dabei.

 

Anfang des 10. Jahrhunderts kommt es zu einer monastischen Erneuerungsbewegung, an deren Anfang die Stiftung eines Klosters in Cluny durch einen großen weltlichen Herrn stand. Unter dem direkten Schutz des Papstes sollte hier mönchisches Leben in aller benediktinischen Strenge ohne weltliche Einflüsse praktiziert werden. Diese Reform strahlte über das ganze lateinische Abendland aus und wurde ergänzt durch die lothringischer und anderer Reformklöster. (siehe Kap. Kloster im 10.Jh.)

 

In derselben Zeit beginnen Könige aus der sächsischen Familie der Liudolfinger (Ottonen) im ostfränkischen Reich damit, ihre Herrschaft stärker auf die Bischöfe zu stützen. Bischöfe werden eigentlich von Klerus und Gemeinde gewählt, was im 10. Jahrhundert heißt, dass der höhere Domklerus sich (oft) für einen aus ihren Reihen entscheidet. Aber weltliches Machtinteresse sorgt dafür, dass Könige oder andere Fürsten solche Leute in ihrer Hofkapelle heranziehen und dann dem Bistum auch schon mal gegen dessen erklärten Willen aufoktroyieren.

 

Nun gab es das Bewusstsein einer Einheit von weltlicher und geistlicher Macht, nicht zuletzt über die seit den Karolingern verstärkte Sakralität des Königtums, weswegen dieser Brauch bis ins 11. Jahrhundert ausgedehnt werden konnte. Aber das, worauf Kloster- und Kirchenreformen abzielten, den autonomen Raum eines konsequent (kirchlich definiert) christlichen Lebens, wurde dabei grundlegend gefährdet. Neben das nicht regulär umgesetzte Zölibat in der Priesterschaft trat dabei ein zweites Problem, der Vorwurf durchgängiger Korruption.

 

Wer ein geistliches Amt wollte, zeigte sich beim jeweiligen weltlichen Herrn dafür erkenntlich. Je einträglicher dieses Amt war, desto größer der Obulus, der dafür entrichtet wurde. In der Reformbewegung nach der Jahrtausendwende wird das unter den Vorwurf der Simonie fallen. Zusammen mit dem erneut verweltlichenden Lebensstil von Bischöfen und Klerus baut sich so ins 11. Jahrhundert eine Art kirchlicher Reformstau auf, der Schritt für Schritt in den Konflikt zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt münden wird. Er wird dort in dem massiven Konflikt zwischen Königen und Papsttum kulminieren, wo Kirche und weltliche Zentralgewalt am stärksten verknüpft sind, im salischen Kaiserhaus eben.

 

Unter den sächsischen Königen und Kaisern wurde die Kirche (und so manches Kloster) durch Privilegierung und Ausstattung fast zur Gänze in den weltlichen Machtapparat integriert. Umgekehrt waren Macht und Reichtum elementare Ziele von Bischöfen und Klöstern, beide in den Händen einer adeligen Herrenschicht. Entsprechend konnten jederzeit Konflikte zwischen Bischöfen aufbrechen, wie anlässlich der Einrichtung des Erzbistums Magdeburg unter den Ottonen. Konflikte gab es aber auch zwischen ihnen über die klerikale Hoheit über Klöster, wie der Gandersheimer Streit aus der Zeit der Minderjährigkeit Ottos III. zeigt. Dort ging es um die Machtentfaltung der Hildesheimer Bischöfe und Mainzer Erzbischöfe.

Dessen Schwester Sophia sollte dort als Nonne eingekleidet werden, und, von königlicher Abkunft, wollte sie ihr Nonnenkleid nicht vom Hildesheimer Bischof, sondern vom Mainer Erzbischof Willigis empfangen. Damit wäre ein hochgestellter Hinweis darauf gegeben worden, zu welcher Diözese das reiche und mächtige Kloster gehörte. Im Vorfeld der Zeremonie wurde der Streit dann so beigelegt, dass beide für die königliche Nonne die Zeremonie (zusammen!) abhielten, wobei aber insgesamt die Hildesheimer Anteile überwogen: Er darf die übrigen Novizinnen investieren ( wie es die Lebensgeschichte Bischof Bernwards von Hildesheim darstellt).

Einige Jahre später kochte der Konflikt anlässlich der Weihe eines Kirchen-Neubaus wieder hoch. Dem Hildesheimer Bischof werden von den Nonnen die Opfergaben der Messfeier vor die Füße geworfen, um zu verhindern, dass er die Weihe abschließt. Erzbischof Willigis wird von seinem bischöflichen Amtsbruder daran gehindert, seinerseits die Weihe durchzuführen. Beide müssen zu Otto III. nach Rom fahren, um dort eine Entscheidung zu suchen.

 

Papsttum und höherer Klerus sind unter den Sachsenkaisern weiter von den Reformpositionen des 11. Jahrhunderts weit entfernt. 991 wird, es geht mal wieder um Reims, auf der Synode von Saint-Basle-de-Vercy, Bischof Arnulf abgesetzt und Gerbert von Aurillac eingesetzt. In einer Rede lobt der Bischof von Orléans die großen Päpste der Vergangenheit und wendet sich scharf gegen die skandalösen Päpste der Gegenwart, deren einer Gerbert nun ablehnt. Auf einer weiteren Versammlung in Chelles 994 wird die Autorität der Vergangenheit über Neuerungen gestellt, die Päpste willkürlich einführten. Das Ganze allerdings ist weniger ein zukunftsweisender Grundsatzstreit als vielmehr ein Machtkampf, in den ebenso auch weltliche Große verwickelt sind.

 

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Was hat die Kirche mit der Entstehung des Kapitalismus zu tun? Auf den ersten Blick in dieser Zeit noch nichts. Aber jenseits der sich andeutenden Konflikte über das Primat spiritueller und weltlicher Gewalt (Macht) ist die Kirche fest in den weltlichen Bereich eingewoben: Sie finanziert sich nicht nur über den Zehnten und weitere derartige Abgaben, über deren Zwangscharakter sie übrigens keinen Zweifel aufkommen lässt, sondern genauso wie die weltlichen Herren wesentlich über Großgrundbesitz, was wie selbstverständlich wirkt, kommen die Herren der Kirche doch aus der weltlichen Oberschicht.. Ein nicht zu unterschätzendes Vorrecht ist die Befreiung von Abgaben an Herren, was in den Städten viele Jahrhunderte später zu Konflikten mit dem Bürgertum führen wird, welches ihr darum unlauteren Wettbewerb vorwerfen wird.

 

Darüber hinaus ist das Christentum vorrangig eine städtische Religion, sind die Bistumszentren doch die ehemaligen und neuen civitates. Zusammen mit Klöstern in Missionsgebieten, an die sich damals oft städtische Siedlungskerne anlehnen, findet von ihnen aus die Christianisierung statt, die in stattlichen Teilen Europas noch aussteht. Solche Städte wiederum versorgen durch Handwerk und Handel die geistlichen und weltlichen Herren mit Konsumgütern vor allem. Kirche wird mit den Städten den Aufstieg des Bürgertums fördern und deren Teilhabe am Stadtregiment nach und nach dulden und zum Teil begrüßen.

 

Schließlich ist die Kirche ein weltweit einzigartiges Gebilde. Im Bündnis mit der weltlichen Macht, zugleich aber organisatorisch von ihr getrennt, wird sie im Verein mit den fränkischen Machthabern vor allem immer zentralistischer, hierarchischer, diktatorischer, auch wenn diese Strukturen in den nächsten Jahrhunderten erst zu hoher Effizienz ausgebaut werden. In Verwaltungsapparat, Schriftlichkeit, Verrechtlichung und manchem anderen nimmt sie nach und nach immer mehr „moderne“ Staatlichkeit vorweg. Dabei ist ihr auf Großgrundbesitz begründeter Reichtum oft größer als der weltlicher Herren, und kann weder durch Erbteilungen, Mitgift oder ähnliches geschmälert werden.

 

3. Die adelige Geistlichkeit

 

Die gewichtigen Ämter der Kirche gelangen im römischen Reich bald in die Hände einer belesenen Oberschicht, unter der die Romanisierung der Religion betrieben wird. Die Christianisierung in den germanischen Nachfolgereichen geschieht vor allem von oben nach unten: Erst nehmen die Herrscher das nunmehr zusätzlich unter germanische Einflüsse geratende Christentum an und dann erst die Masse des Volkes. Auf diese Weise bleibt die Kirche weiterhin unter der Kontrolle der grundbesitzenden Oberschicht. Sie wird als städtisch basierte Organisation zu einer der Herrscher und des Adels.

 

Karl d.Gr. sieht sich ähnlich wie Kaiser Konstantin als selbsternanntes Oberhaupt dieser Kirche, welches weltliche Macht und geistliche Legitimation vereint. Dasselbe gilt für seine Nachfolger. Bistümer wiederum werden von Mitgliedern mächtiger Familien verwaltet. Kurz gesagt handelt es sich um eine aristokratische Einrichtung, in der die produktiv arbeitende Bevölkerung als unterworfene, Abgaben leistende und auf sie verpflichtete Schicht dient. Diese Kirche spiegelt die weltlichen Machtstrukturen und sorgt dafür, dass sie mit derselben Härte durchgesetzt werden wie schon seit den Zeiten der Missionierung.

 

Höherer Adel, wie er sich unter den Bedingungen neuer Bildung von Reichen und Fürstentümern im 10./11.Jahrhundert entwickelt, wird in der Familie vererbt wie Besitz und Rechte. Hohe geistliche Ämter sind für Mitglieder dieser Familien eine Alternative: Sie implizieren hohen Adel und entsprechende Macht als Ziel einer Karriere. Darum versuchen Familien, sie möglichst für längere Zeit des Bischofsamtes zu bemächtigen. In Limoges wird der Bischofsstuhl ab 969 sukzessive von drei Familien der Vizegrafen besetzt. Von der Mitte des 10. bis in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts hält eine hochadelige Familie das Amt in seiner Hand, von Onkel zu Neffe, von Bruder zu Bruder usw. Bischof und Hochadel operieren in einer Familie auf gleicher Höhe und Hand in Hand. 

 

Ein gutes Beispiel für hochadeliges Selbstbewusstsein jener Schicht, die die hohen Kirchenämter einnimmt, liefert Gerhards Lebensbeschreibung jenes Bischofs Ulrich von Augsburg, der eine herausragende Rolle in der Schlacht auf dem Lechfeld spielen und heiliggesprochen werden wird. Er wird von den Eltern zur Erziehung ins hochadelige Kloster Sankt Gallen gebracht und erhält dann einen Karriereposten beim Augsburger Bischof. Danach macht er eine Pilgerreise nach Rom. Als er zurückkommt, ist ein neuer Bischof im Amt: Dieser war nicht von so hohem Adel, dass Ulrich in seinen Dienst hätte treten mögen. Und weil inzwischen sein Vater gestorben war, ging er ins Elternhaus zurück und übernahm die Versorgung der Mutter (…) und verwaltete alles, so gut es in seinen Kräften stand. (in: WGoez, S.28) Erst vierzehn Jahre später wird er als naher Verwandter des Herzogs Burchard von König Heinrich I. zum Bischof ernannt und lebt dann zwischen dem, was er unter persönlicher Frömmigkeit versteht, und sehr weltlichem Königsdienst.

 

Auf dem Land ist die Kirche unter der direkten Kontrolle der Grundherren, die kleine Kirchengebäude aus Holz bauen und Hörige als Pfarrer einsetzen. Die illiterate Landbevölkerung entwickelt einen christlich-heidnischen Synkretismus, der vermutlich von theologischem Unverständnis geprägt ist und versucht, entweder vorchristliche Vorstellungen in das Christentum zu übertragen oder aber alte natur“religiöse“ Vorstellungen parallel weiterzupflegen. Da das Christentum längst, was das Gottesbild angeht, dem alten Judentum angenähert worden ist, sind neben den Geschichten der Evangelien auch die des Alten Testamentes zumindest gleichwertig präsent: Auf diese Geschichten vor allem dürfte sich das „christliche“ Vorstellungsvermögen der Landbevölkerung und der illiteraten Städter konzentriert haben, also auf Mythisches, Legendäres und Sagenhaftes.

 

Da laut Kirchenordnung Bischofssitze in ehemaligen, überlebenden oder neuen Städten angesiedelt sein müssen, gibt es eine gewisse Ferne der aristokratischen Kirche zur Masse der Bevölkerung. Dafür bieten Bistümer Kerne für den Aufstieg neuartiger Städte, ähnlich wie Klöster, königliche Pfalzen und andere Fürstensitze. Bischöfe herrschen dabei als geistliche Herren über das Umland, welches die Diözese bildet, und als weltliche Herren zumindest soweit über die Stadt, wie ihr „rechtlich“ definierter Immunitätsbezirk reicht und wie sie mit königlichen Privilegien, den Regalien ausgestattet werden. Darüber hinaus herrschen sie ganz weltlich wie die weltliche Oberschicht über die bischöflichen Grundherrschaften und über jenen Privatbesitz, den sie in ihr Amt mitbringen.

 

Herrschaft bedeutet auch Machtausübung zum Schutz der Menschen in Stadt und Land. Wenn in meinen Texten hier von einer gewissen Militarisierung der Kirche gesprochen wird, hat dies nicht nur mit der Abstammung der meisten Bischöfe aus dem Kriegeradel zu tun, sondern auch mit der stets drohenden Gewalt von außen, seien es einfallende Fremdvölker oder benachbarte oder gar im Bistum residierende Adelige. Und da kriegerische Handlungen meist mit der Verwüstung des Landes einhergehen, ist die geistliche Herde und die unmittelbar abhängige familia dann heftigst mit betroffen. Des weiteren ist Herrschaft auch Sorge um das Wohl der Anvertrauten in Notzeiten, die vor allem die Ernährung betrafen. In Hungerjahren lässt dann schon mal ein Bischof für seine Leute ganze Schiffsladungen oder Wagenkonvois mit Getreide kaufen und heranschaffen. Kirche lässt sich so sehr gut als klassische patriarchalische Einrichtung bezeichnen. 

 

Seit die sächsischen Herrscher aus der Familie der Liudolfinger über das Ostfranken-Reich herrschen, nimmt diese sehr weltliche Ausstattung der Bistümer durch die Könige immer mehr zu, um sie als Verbündete der Herrscher zu gewinnen und wirtschaftlich und militärisch so potent zu machen, dass sie diese mit ihrem stattlichen Hof bewirten und ihnen auf Heer- und Kriegszügen (was sich kaum klar unterscheiden lässt) folgen zu können. Im Laufe des 10. Jahrhunderts werden sie so zur wichtigsten Stütze königlicher Macht. Familien der grundbesitzenden Oberschicht geben nachgeborene Söhne gelegentlich in Domschulen, wo der Klerikernachwuchs herangebildet wird, so wie andere wie auch Töchter im selben kindlichen Alter in Klöster abgegeben werden. Damit ist den Söhnen nach Ausbildung eine höhere Klerikerlaufbahn offen, die über Protektion des Königs und von Fürsten dann stattfinden kann. Dabei können mächtige Familien, wie schon gesagt, Bistümer auch schon mal über Generationen besetzen.

 

Bischof sein heißt also je nach wirtschaftlicher Potenz Macht zu haben. Diese auszuüben wird normalerweise an eine Art klerikale Administration und an weltliche Beamte (Vögte als militärische Vollstreckungsbeamte der weltlichen Gewalt) delegiert. Die Verwaltung durch den Domklerus beinhaltet sowohl die des Kirchengutes wie auch die vieler geistlicher wie der liturgischen Aufgaben. Dieser Domklerus wird seit dem 8. Jahrhundert Reformen unterworfen.

 

Die Kirche des großen Karl als wichtiger Teil seines Machtapparates soll latinisiert und romanisiert werden. (Genaueres dazu im Großkapitel 'Der große Karl'). Wie selbstverständlich setzt Karl also Bischöfe (und Äbte) ein, die mit dem Auftrag versehen werden, sich selbst weiter zu bilden und zugleich minimale Ansprüche dieser Art an die untergeordneten Priester weiterzugeben. In Metz hatte schon Bischof Chrodegang nach 755 eine feste Regel für seinen Domklerus eingeführt. "So entstand in Metz ein dem liturgischen Rhythmus folgendes Gemeinschaftsleben des Klerus innerhalb eines claustrum mit täglichem capitulum, mit gemeinsamer Küche sowie Räumen zum Essen und Schlafen, geleitet vom Bischof, dem der primicerius oder archidiaconus als ständiger Vertreter sowie die Inhaber niedrigerer Ämter (...) zur Seite standen." (Schieffer)

 

Diese zeitweilige Sonderregel wird 816 in Aachen unter dem Einfluss vor allem von Benedikt von Aniane durch eine institutio canonicorum für alle Dom- und Stiftsherren abgelöst (und durch eine entsprechende und kürzere Regel für Stiftsdamen). Für die geistlichen Herren wird allgemein ein Leben in Gemeinschaft, gemeinsames Essen und Schlafen wie natürlich auch das gemeinsame Gebet verfügt. Dabei dürfen sie allerdings daneben noch persönliches Eigentum besitzen und ein eigenes Haus zum Beispiel, in das sie sich tagsüber zwischendurch auch zurückziehen konnten. Privatbesitz und kirchliches "gemeinsames" Eigentum sind deutlich getrennt.

Auch diese vergleichsweise milde Kanonikerregel scheint aber nur wenig zur tatsächlichen Reform der Geistlichkeit beigetragen zu haben, wie die bis in die Kirchenreform des 11. Jahrhunderts anhaltenden Klagen erweisen werden.

 

Frühe Bezeichnung für Dome war Monasterium (Münster), und was den Dombezirk vom Kloster unterschied, war eine gewisse Öffnung nach außen, zu den Laien hin, der „Herde“. Dennoch konnten die Gebäude des Domklerus im 9. Jahrhundert auch als claustrum bezeichnet werden (R. Schieffer in Bernward, S. 269), so wie einfache Kirchen zum Beispiel in Ravenna auch als monasterium bezeichnet wurden (Jäggi, S.107 u.a.), Ausdruck fehlender klarer Trennung zwischen mönchischer Heiligkeit und Weltklerus.

Dieser Klerus entstammt adeligen Familien, ebenso wie Mönche, Nonnen und Bischöfe.

Welche Lebensweise das normalerweise nach sich zog, lässt sich im Negativum der idealisierten Lebensweise der Hildesheimer Domherren unter Bischof Bernward in der Zusammenfassung von R. Schieffer ablesen: "So ernst sei damals dort der Dienst für Gott genommen worden, dass man sich bei der kanonikalen Lebensform einer 'mönchischen Zucht' (districtione monastica) erfreuen mochte. Unerbittlich sei bereits jede Verspätung beim Chorgebet, am gemeinsamen Esstisch oder im Schlafsaal geahndet worden, und innerhalb der Klausur habe man eher noch mehr auf Strenge gehalten als in der Schule, was das tägliche Schreibpensum sowie die auswendige Beherrschung der liturgischen Texte und Gesänge anging. Auffällige Kleidung habe man so wenig erstrebt wie reichliches Essen, die schlichte Denkungsart dem höfischen Witz vorgezogen und um des geistlichen Auftrags willen jeden Ehrgeiz in der äußeren Welt aufgegeben." (in: Bernward, S.270)

 

Solche Disziplin eröffnet höhere Karrieren, und so werden die sächsischen Könige und Kaiser aus den Reihen der Hildesheimer Kanoniker immer wieder Leute in ihre Hofkapelle ziehen und sie (dann) zu Bischöfen im Reich machen.

 

Der Bischof als geistlicher wie weltlicher Fürst hat seinen Palast, ebenfalls im Dombezirk, der gegen die Gefahren von außen ummauert wird. Kathedrale, Domherren und Bischofspalast bilden so den durch große Steingebäude herausragenden Kern der sich neu entwickelnden Städte, neben dem es noch Klosterbezirke oder befestigte Plätze mächtiger weltlicher Herren (Grafen, Herzöge, Könige) geben kann. An diesen orientieren sich holzgebaute Bezirke von Handwerkern und Händlern, die zunächst der Versorgung von Kirche, Kloster und „Burg“ dienen.

 

Viele Historiker konstatieren für das Ottonenreich einen langsamen Veränderungsprozess, der allerdings erst im 11. Jahrhundert deutlich wird. Grundsätzlich ist der höhere, geweihte Klerus der Welt nur insoweit zugewandt, als er sich mit den Laien, der „Seelsorge“ und dem Zelebrieren von Magie für sie beschäftigt ist. Daraus zieht die Kirche ihre Rechtfertigung. Ansonsten soll er selbst – seinem Ideal gemäß – ebenfalls weltabgewandt sein. Dieses Ideal trifft sich mit koenobitischen Mönchtum im gemeinsamen Leben an der Kathedrale, an dem einige Bischöfe im 10. Jahrhundert wenigstens punktuell teilhaben.

 

Das ändert sich in dem Maße, in dem Bischöfe zunehmend umfangreichere weltliche Aufgaben für ihre Stadt und ihr Umland wahrnehmen, und sie in die Reichs“politik“ integriert werden. Mit dem weltlichen Aspekt ihrer Macht, zu dem auch Teilnahme an Hoftagen, Heerzügen und Kriegen verbunden ist, werden sie welt-orientierter, ähnlich wie auch die Domherren. Am Ende nähern wir uns der Trennung in die Kirche mit ihren geistlichen Aufgaben, die die Bischöfe in ihrer zum Teil häufigen Abwesenheit ohnehin delegieren, und der Kirche als weltlicher Macht, die sich im 11. Jahrhundert als Hochstift herauskristallisieren wird. „Das neue Bischofsideal ist durch eine Hinwendung zum tätigen Leben, zur vita activa als Vorstufe eines Amtsgedankens, einer Verantwortung des Bischofs für seine Diözese gekennzeichnet.“ (Schubert in Bernward, S.101)

 

Während die von Cluny, Gorze und vielen anderen Orten ausgehenden Reformversuche das klassische benediktinische Mönchtum zu bewahren und zu retten versuchen, wird es doch in seiner Bedeutung immer weiter durch Bischofskirche und Papsttum verdrängt, mit denen sich die Könige des römisch-deutschen Reiches immer deutlicher verbünden. Auf diesem Wege wird die Belesenheit und Gelehrsamkeit ein Stück weit aus dem Monopol der Klöster entlassen und findet zunehmend eine neue Bleibe in den Domschulen, in denen die eingeübte Demut des klösterlichen Skribenten einem neuen intellektuellen Selbstbewusstsein weicht, welches sich stärker antiken (auch heidnischen) Autoren öffnet.

 

Status ist zugleich reale ökonomische und militärische Macht, die an der Person und direkt um sie herum sichtbar gemacht werden muss. Eine aristokratische Kirche braucht große Besitzungen, um nicht nur mit allem Lebensnotwendigen versorgt zu werden und den Dienst am König, das servitium regis zu leisten, sondern um zudem mit der Pracht ausgestattet zu sein, die den gehobenen Status widerspiegelt. Das alles hat mit dem evangelischen Jesus der Besitz- und Gewaltlosigkeit nichts mehr zu tun. Andererseits wäre weder den meisten antiken Römern des vierten Jahrhunderts noch den meisten Menschen der Nachfolgereiche ein evangelisches Leben in der Nachfolge Jesu zu vermitteln gewesen. 

Offiziell besitzen Adelskloster und Kirche nur als gemeinsam deklarierten Besitz, aber der macht auf dem Weg ins Mittelalter bereits einen Großteil des Landes aus. Darum gehört kirchlicher Besitz (nominell) den jeweiligen Heiligen, man beschenkt nicht so sehr den Bischof oder Abt, sondern den Heiligen Johannes oder Martin, aber die Wirklichkeit sieht anders aus: Die Größe der Kathedrale und ihre Ausstattung künden tatsächlich von Macht und Status des Bischofs und sind sein höchst persönliches Anliegen. Gold, Silber und Edelsteine, Elfenbein und Marmor dienen offiziell dem Lobe Gottes, aber es war kaum von dem des Abtes oder Bischofs zu trennen...

 

Ekkehard (IV) von Sankt Gallen berichtet von einer Italienfahrt des mächtigen Mainzer Erzbischofs Hatto im Auftrag des Königs. Man sagte aber, aus Misstrauen gegen seine Mainzer habe er alles, was er an Schätzen besaß, mit sich geführt, um es bis zu seiner Wiederkehr seinem Kumpan anzuvertrauen, und der war Salomo, Bischof von Konstanz und Abt von Sankt Gallen (Ekkehard, S.56). Vor allem Gefäße aus Gold und Edelsteine werden erwähnt. Das alles wird aus der Mitte des 11. Jahrhunderts erzählt, von der aus der Reichtum des Bischofs als sein persönlicher auftaucht. So heißt es denn auch wenig später geradezu beiläufig: Jener reiche Mann kehrte aus Italien sehr reich zurück... (cap.23). Das klingt wenigstens nach persönlicher Bereicherung.

 

Bischöfe sind Machthaber und Herrscher in einem doppelten Reich: Sie sind je nach Privilegierung Herren über ihre Stadt. Sie sind zudem Herrscher in ihrem Kirchenbezirk über den Klerus und über alle Laien, soweit es kirchliche Belange betrifft, und dann ganz weltlich auch über die erheblichen Besitzungen, über die sie für ihr Bistum verfügen. Die liegen nicht nur im Bereich ihres kirchlichen Regiments, sondern können über das ganze Reich und darüber hinaus verstreut sein, natürlich hauptsächlich nicht allzu weit entfernt. Dazu kommt der persönliche Besitz, den der Bischof mitbringen und grundsätzlich auch behalten kann.

 

Diese Bischofskirche hat eine Kontinuität seit der späten Zeit des römischen Imperiums erlebt, wie es sie nirgendwo auf Seiten weltlicher Herrschaft gab. Das Amt, in der Regel nicht in der Verfügung von wechselnden Dynastien und auch nicht ethnisch definiert, gibt der Kirche als Institution eine Modernität, wie sie sich auf weltlicher Seite erst seit dem hohem Mittelalter langsam herauszubilden beginnt. Mit dem Amtscharakter kirchlicher Würdenträger einher geht auch eine Verrechtlichung, die, aus der römischen Antike hergeleitet, wenigstens theoretisch immer präsent ist, während weltliche Macht auf personale Beziehungen rekurriert und im 10. Jahrhundert zunächst einen Tiefpunkt erreicht, was römisches oder heutiges Rechtsverständnis angeht.

 

Schließlich kennt Bischofskirche auch eine auf alledem fußende Vorstellung von Verwaltung, deren solider Kern in der Verwaltung der Kirche, der kirchlichen Betreuung der Laienschar und der kirchlichen Einnahmen fußt.

 

Kirchliches Recht beruhte vor allem auf Konzilsbeschlüssen und päpstlichen Festlegungen, auf denen immer neue Bestimmungen aufbauen, was eine damals einzigartige Normierung von Machtausübung bedeutet, die immer wieder einmal auch in den weltlichen Bereich ausgreift. Sammlungen solcher Beschlüsse, Vorstellungen und Ansichten wie die des Abtes Regino von Prüm Anfang des 10. Jahrhunderts sind noch kein Gesetzbuch, aber ein erster Weg dahin, wie er für weltliche Machtausübung in diesem Jahrhundert völlig fehlt und wohl auch gar nicht vorstellbar ist. Ein solches Handbuch für (kirchliche) Amtsausübung und Verwaltung in modernerer Form stellt dann über hundert Jahre später Bischof Burchard von Worms zusammen, das 'Decretum'. Es wird sich in wenigen Jahrzehnten über die Reichsgrenzen hinaus nach Reichsitalien und Frankreich als vorbildhaft verbreiten.

 

Parallel dazu schreibt er ein 'Hofrecht' für die in seiner Grundherrschaft existierenden Laien auf. Als Stadtherren, Kirchenherren und Ausübende großer Grundherrschaft bereiten Bischöfe so Aspekten neuer Staatlichkeit den Weg, jener, die ihren Ausgangspunkt in den entstehenden neuartigen Städten hat, in denen der Keim des Kapitalismus sich ansiedelt. Dieser braucht und fördert einen Ordnungsrahmen, in dem „Wirtschaften“ als Kapitalverwertung Normen als Sicherheiten braucht, andererseits aber Freiräume zu seiner Entwicklung. Aber wenn wir damit ins 11. Jahrhundert gelangen, dann steht dort Kapitalismus immer noch in seinen ersten Anfängen. Die Rasanz der Entwicklung zeigt sich daran, dass er ein, zwei Jahrhunderte später, je nach Gegend, für die meisten Menschen solche Veränderungen zustande gebracht haben wird, dass er in ihren Augen bereits unumkehrbar geworden ist, als brillianteste und brutalste Revolution in der Menschheitsgeschichte, nach denen der Jungsteinzeit und der frühen Zivilisationen als Despotien.

 

Zwei relativ gut dokumentierte Beispiele solcher aristokratischen Bischöfe aus der späten Zeit sächsischer Kaiser: Bernward von Hildesheim und Thietmar von Merseburg, sollen hier folgen.

 

a: Bischof Bernward von Hildesheim

 

Der um 960 in hohen sächsischen Adel hineingeborene Bernward hat einen Bruder Tammo, der Freund und Heerführer Kaiser Ottos III. werden wird, und einen Onkel Folcmar, der einer der Hildesheimer Domherren ist. Der übergibt den Jungen der dortigen Domschule, wo ihn der Scholaster Thangmar unterrichtet, der dereinst zu seinem Biographen werden wird. Dann ist es wohl wieder Folcmar, der den jungen Mann bei Hofe, also bei Kaiser Otto II. und Theophanu einführt. Er wird dort zum Notar, also zum Hofschreiber, aulicus scriba doctus wird er sich später selbst nennen.

 

Dann steigt er zum Chef dieser Notare auf, wo er zehn Jahre lang tätig ist und dabei den Kaiser überall hin und bis durch Italien begleitet. Nachdem Erzbischof Willigis von Mainz ihn zum Priester geweiht hat, steigt er in den Kern der Hofkapelle auf und wird um 988 von der verwitweten Theophanu zum Erzieher ihres Sohnes, des noch unmündigen Otto III. berufen. Von nun an ist er dauernd bei Hof und unterstützt die Kaiserin in ihrer „Regentschaft“.

 

992 stirbt der Hildesheimer Bischof und bald darauf wird er dessen Nachfolger. Als Bischof ist er Haupt der Priesterschaft seiner Diözese, die er zu überwachen und zu verwalten hat. Er leitet die Liturgie, organisiert die hohen Kirchenfeste und zelebriert regelmäßig die Messe, wenn er denn anwesend ist. Er sammelt kirchenrechtliche Schriften, denn noch vor der weltlichen Macht sind Bischofskirchen darauf bedacht sind, ihre Rechte zu erfassen und zu fixieren.

Auf einer sächsischen Synode unter der Aufsicht des Kaisers vertritt er 1019 das Zölibat der Priester gegen die Sitte, dass Leute, die bei Antritt des Priesteramtes aus dem Hörigenstatus entlassen wurden, eine Freie heiraten und dann Kirchengut an sie abtreten. Er sorgt für Armenspeisungen. Er befestigt den immunen, ihm allein unterstehenden Dombezirk mit hohen Mauern. Für seine Stadt, zu der eine Pfarrei samt Hospital mit dazugehörigen Handwerkern und Händlern gehört, übt er das Marktrecht aus.

 

Gegen normannische Piraten und abodritische Slawen errichtet er im Nordosten der Diözese zwei Burgen, für die er vom Kaiser gräfliche Rechte bekommt. Die Domburg ist von massigen Mauern umgeben, die Wehrburgen im Norden sind durch Erdwälle geschützt, mit einer hölzernen Mauer davor und mit Holzgebäuden darin. Sie entsprechen damaligen sächsischen Adelsburgen.

Er lässt eigene Münzen mit seinem Abbild prägen, bis dato ein seltenes Unterfangen bei Bischöfen. Die militärische Gewalt im Innern seines Machtbereiches delegiert er an einen Vogt, den er sich erwählt. Auf den bischöflichen Gütern auf dem Lande lässt er zum Teil steinerne Kirchen erbauen, ein Novum in dieser Zeit, und er besteht darauf, dass Landpfarrer ihren Teil des Zehnten einbehalten dürfen und nicht an die weltlichen Herren der Kirchen abgeben müssen.

 

Über viele Jahre kämpft er darum, dass er das traditionell und wohl widerrechtlich ihm unterstellte Stift Gandersheim mitsamt seinen Abgaben in seinem Bistum bleibt und nicht dem Mainzer Erzbischof untergeordnet wird. Zu diesem Zweck reist er sogar nach Italien, wo ihn der Kaiser in seinem Anliegen unterstützt. Dort ist ohnehin ein Hildesheimer Heer unter seinem Bruder Tammo an der Seite des Kaisers. Unter Otto II. werden einmal 50 gepanzerte Reiter erwähnt, die das Bistum für den Kaiser als Verstärkung zu schicken hat.

 

Seinen persönlichen Besitz wird Bernward später ganz in seiner Stiftung St. Michael aufgehen lassen. Solange aber führt er ihn in seinem Eigentum weiter.

Seit seiner Gründung durch Ludwig den Frommen 815 hat das Bistum Grundbesitz und geldwerte Rechte geschenkt bekommen. Die dazu spärlichen Quellen erwähnen zum Beispiel Güter bei drei Moselorten, bei Boppard am Mittelrhein, in Ingelheim, Geisenheim im Rheingau, in Duisburg, bei Pavia und natürlich vor allem im sächsischen Umfeld der Kathedrale. (Bünz in Bernward, S.233f) Der Bischof und mit ihm das Bistum bekommt so ein Viertel bis Drittel des Zehnten aller, die ihn zahlen können, aber zudem die Einkünfte aus der Grundherrschaft der vielen Landgüter. Diese bestehen aus den vermarkteten Einnahmen der Herrenhöfe und den Abgaben und geldwerten Arbeitsleistungen der dort produktiv Arbeitenden.

Nicht von Bernward, sondern von anderen Bischöfen der Zeit ist überliefert, dass solche Einkünfte auch mit erheblicher Härte der geistlichen Herren gegenüber den auf ihrem Grund lebenden und arbeitenden Menschen eingetrieben wurden.

 

Modern und etwas anachronistisch gesprochen ist der Bischof in hohem Maße „Politiker“, der zwischen den unterschiedlichen und sich oft widersprechenden Interessen weltlicher und geistlicher Großer vermitteln muss, um den Frieden aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Diese Aufgabe geht weit über seinen Amtsbereich hinaus.

So organisiert er 1001 in Pavia einen Hoftag für den Kaiser: … wo die Bischöfe und Grafen von ganz Ligurien seine Ankunft erwarteten. Er richtete ihnen die Aufträge des Kaisers aus und verhandelte in einer Versammlung viel mit ihnen über die Bedürfnisse des Staates. Denn seinem Rate gehorchten alle, weil sie wussten, wie sehr er vom Kaiser geliebt wurde. Leo, der Bischof von Vercelli, ein gelehrter, redegewandter Mann, lud ihn mit höchster Ehre und Liebe in seine Stadt. Mit Mühe erlangte er seine Einwilligung, worauf er ihm vorauseilend, mit einer großen Schar der Geistlichkeit und des Volkes, die zum Lobe Gottes Psalmen sangen, ihm entgegenzog; er ließ die Glocken läuten und empfing ihn mit nicht geringerem Aufwand, als wenn der Papst selbst gekommen wäre. Zu seinem Dienst ließ er alles mit Überfluss und Pracht, wie man nur verlangen konnte, beschaffen und ehrte ihn mit auserlesenen Geschenken: auch gab er ihm Begleiter mit, die am folgenden Tag aufs reichlichste für ein Unterkommen sorgten. (Vita Bernwardi Kap. 27, deutsch in Bernward, S.103)

 

Abgesehen davon, dass der Biograph den Rang seines Bischofs vielleicht etwas arg betont, lässt sich die weltliche Seite seiner Aufgaben hier vielleicht deutlicher erkennen, als wenn man ihn nur im Zusammenhang mit seinem Panzerreiter-Kontingent in Rom sieht. Bezeichnend ist die Kombination von Beredsamkeit, Gelehrtheit und Prachtentfaltung, mit denen Leo vielleicht seinem deutschen (sächsischen) Kollegen einiges voraus hat. Deutlich wird im Zeremoniell auch, dass hier zwei Fürsten aufeinandertreffen, die wie weltliche Große die Herstellung von Freundschaft mit Geschenken besiegeln, ein Erbe früherer Stammeskulturen.

Dann trifft er sich in Burgund in diplomatischer Mission mit dem dortigen König Rudolf.

 

Bernward unterstützt zunächst gegen Heinrich II. Ekkehard von Meißen. Dafür muss er  dann für Heinrich ein Heeresaufgebot gegen Balduin von Flandern stellen. Eine Pilgerreise über St. Denis nach Tours bringt ihn in einem anderen Auftrag mit dem westfränkischen König zusammen.

 

Wir sind in vorkapitalistischen Zeiten, in denen eine kleine Schicht grundbesitzender Herren der produktiv arbeitenden und untertänigen Masse der Land-Bevölkerung gegenübersteht. Die Landwirtschaft ist immer noch nur zum kleinen Teil marktorientiert, sie dient der (minimalen) Subsistenz der Produzenten und der Versorgung der Herren (und Damen) und wird nur zum kleinen Teil versilbert. Dennoch verfügen die Bischöfe über Geld, mit dem sie Waren kaufen können. Das sind vor allem Gegenstände des häuslichen Luxus und der kirchlichen Prachtausstattung. Damit werden Handwerker von nah und fern beauftragt und darüber auch Händler, die Waren auch aus dem Orient vermitteln.

Es wird aber kaum Kapital angehäuft, das Geld dient vielmehr im wesentlichen der Schatzbildung, und da kirchliche Kathedralen traditionell Schatzkammern haben bzw. solche Schätze öffentlich ausstellen, sind sie zum Teil bis heute erhalten geblieben. Dazu gehören Reliquienbehälter, Kreuze, das Geschirr zum Zelebrieren der Messe und anderes mehr. Schätze sind aber auch in den Kirchen selbst verbaut und sind anders als in königlichen Palästen und denen der Spitzen des Hochadels erhalten geblieben.

 

Dabei fehlt der Zeit ein seit einigen Jahrhunderten geläufiger Kunstbegriff, der sich aus dem allgemeinen der artes materiales ablösen wird. Das betrifft Altäre und Taufbecken, freskierte Wände, später auch Kanzeln, dazu werden bald auch die ersten bildhaften Kirchenfenster gehören. Im engeren Sinne Schmuck als Schatzbildung stellen die Bronzetüren dar, die Bernward für seinen Dom herstellen ließ, die geschnitzte Goldene Madonna und die große bebilderte Bronzesäule für St. Michael.

 

Für die Kapitalbildung verloren ist auch alles, was der Bischof als Bauherr investiert. So lässt er eine Kapelle für eine Kreuzesreliquie errichten, die er bald zur Pfarrkirche aufwertet. 1010 lässt er dann den Grundstein für eine für damalige Verhältnisse riesige Klosterkirche legen (St.Michael), eine dreischiffige Basilika mit zwei Querhäusern und zwei Chören. Die Krypta und die Säulen des Langhauses werden reichlich mit Reliquien versehen und zudem werden Kirche und das dazu erbaute Kloster mit einem reichen Kirchenschatz ausgestattet. Zur wesentlichen Ausstattung gehörten zudem „18 große Haupthöfe (curtes) mit 416 Hufen, dreizehn Kirchen und zehn Mühlen samt allem Zubehör an Land und Leuten, Rechten und Einkünften“ (H.J.Schuffels in Bernward, S.41).

Im Kern hat sich der Bischof mit St.Michael seine höchsteigene Grabeskirche geschaffen. Er lässt sich denn auch in der Krypta beisetzen, umgeben von den Resten vieler Heiliger und wohl in dem Bewusstsein, auch gleich zu ihnen aufzusteigen. In diesem Sinne hat er sich mit seinen irdischen Leistungen, den Bauten und Ausschmückungen des Doms und manch anderem samt - wie er selbst wohl meinte - sonstigem gottgefälligem Leben einen Platz im Himmelreich erdient und verdient.

 

Bauten der Kirche und der Herrscher sind auch insofern noch für die Kapitalbildung verloren, als mit ihnen keine Baufirmen betreut werden, sondern eine Vielzahl von einzelnen Spezialisten vom Maurer und Steinmetz bis zu dem, der Pläne für das Ganze schafft. Die niedere Arbeit wird aber weitgehend mit Subsistenz-Löhnen, oft von Tag zu Tag, versehen, die zwar Geldzirkulation fördern, aber nicht für Kapitalbildung ausreichen, und die Arbeiter sind oft ohnehin die eigenen dienstverpflichteten Grundholden.

 

 b: Der Gandersheimer Streit als Beispiel bischöflicher Machtausübung

 

Nach der brutalen Eroberung Sachsens durch Karl d.Gr. begann dessen „Pazifizierung“ als dauerhafte Unterwerfung nicht zuletzt auch durch Christianisierung und Aufrichtung kirchlicher und klösterlicher Strukturen. Nach der Etablierung des Bistums Hildesheim unter einem Mainzer Erzbischof macht sich der vierte Bischof Altfrid aus sächsischem Hochadel im Einvernehmen mit König Ludwig „dem Deutschen“ daran, sächsische Große seines Bistums dazu zu ermuntern, Familienstifte einzurichten. Er überzeugt  auch seinen Vetter Liudolf samt Gemahlin Oda, ein solches Hausstift in Gandersheim zu gründen und reist darauf nach Rom, um von dort Reliquien mitzubringen, die die Stiftung heiligen würden.

 

Nun gibt es damals keine präzise Kartographie und keine Karten, die den Verlauf von Bistumsgrenzen genau festlegen. Das Kanonissenstift sollte aber verkehrsgünstig liegen und Einnahmen bringen, und es wurde so recht eigenwillig südlich des Flüsschens Gande (damals Eterna) gegründet, welches nach allgemeiner Ansicht bislang die Bistumsgrenze bildete. Indem der Bischof es dort situiert und ihm dann noch einiges Land zuordnet, ist damit eine gewisse Fläche dem Mainzer Bistum stillschweigend genommen worden.

 

Von dort also entnimmt der Hildesheimer Bischof nun auch den Zehnten und eine gewisse Kontrolle über „sein“ Kloster, obwohl die eigentlichen Gründer ihm Reichsunmittelbarkeit zugesichert und es damit bischöflicher Aufsicht entzogen hatten. Die Mainzer finden, sie seien eigentlich die rechtmäßigen Herren, die Hildesheimer aber investieren ungeniert Äbtissinnen und Kanonissen, also kanonisch lebende Jungfrauen (kleiden sie ein und weihen sie Gott.) Die einen haben also Recht und die anderen ein (fragwürdiges?) Gewohnheitsrecht.

 

Nun war das Kloster in besonderem Maße ein Zuhause für allerhöchste Tochter geworden, darunter auch für eine Tochter Kaiser Ottos II., Sophia, die dort zunächst die Stiftsschule durchlief und 987 mit 22 Jahren den Schleier nehmen soll. Nach Hildesheimer Darstellung möchte die statusbewusste Prinzessin vom höherrangigen und viel mächtigeren Mainzer Bischof Willigis und nicht vom Hildesheimer Bischof Osdag geweiht werden, vermutlich aber standen die Äbtissin und ihre hochadelige Damenschar dahinter, die den rechtlichen und fiskalischen Zugriffen/Übergriffen des Hildesheimer Bischofs entkommen wollen.

 

Es kommt zum Streit vor Otto III., der königlichen Mutter Theophanu und vielen Bischöfen - und zu einem Kompromiss: Willigis soll das Hochamt abhalten, mit dem Hildesheimer gemeinsam Sophia einkleiden und dem ist dann die Investitur bzw. Velation der übrigen Jungfrauen überlassen.(Thangmar, Vita Bernwardi). Danach herrscht kurz Ruhe, bis Sophia etwas eigenmächtig 994 bis 997 das Kloster verlässt und sich am kaiserlichen Hof aufhält. Der inzwischen auf der Hildesheimer cathedra thronende Hildesheimer Bischof Bernward schafft es dann, ihren Einfluss und den von Erzbischof und Kanzler Willigis bei Hofe zurückzudrängen, und die junge Frau muss wieder ins Kloster zurück. Der Konflikt zwischen Kanonissen und Hildesheim über das Leisten der Abgaben aber bleibt.

 

Im Jahre 1000 ist die inzwischen abgebrannte Stiftskirche wieder aufgebaut und muss neu geweiht werden. Die ältliche Abtissin überträgt die Organisation für die großangelegte Feier auf ihre vermutliche Nachfolgerin, Sophia, die nun die Weihung durch Willigis erbittet. Bischof Bernward ist ebenfalls eingeladen. Im letzten Moment muss der Mainzer seine Ankunft und damit die Feier um eine Woche verschieben. Bernward erscheint aber schon zum ursprünglichen Termin und beginnt mit der Messe ohne seinen Kollegen. Die frommen Frauen, über soviel Hinterlist empört, behindern nun den Fortgang der heiligen Handlung, indem sie dem hohen Priester die Weihegeschenke vor die Füße werfen, ein unerhörter Vorgang.

 

Als dann Willigis erscheint, hat Bernward das Weite gesucht, und dafür den Bischof von Schleswig und seine Domherren dagelassen. Als Willigis nun das Hochamt abgehalten und dem Kloster den Besitz seines Zehnten bestätigt hat, wird er von der Partei des Hildesheimers an der Kirchenweihe (offenbar mit Gewalt) gehindert.

 

Zur Klärung der Frage kündigt Willigis eine regionale Synode an, was Bernward veranlasst, nach Rom zu reisen, um bei Kaiser und Papst sein vermeintliches Recht bestätigt zu bekommen, was auch geschieht. Aber eine letzte Entscheidung soll dann auf einer Synode in der sächsischen Pfalz Pöhlde fallen.

 

Nun wiederum verhindert Willigis das Auftreten der päpstlichen Gesandten und die Verlesung des römischen Begleitschreibens durch die Inszenierung eines Tumultes seiner Gefolgschaft in der Kirche und seine heimliche Abreise. Die Legaten sprechen darauf gegen ihn die Suspendierung vom Amt aus, was er wie sein Anhang ignorieren.

 

Als nächstes wird der zurückgekehrte Hildesheimer Bischof daran gehindert, auf Mainzer Boden ein Kirchenfest in einem ihm gehörenden Stift zu feiern, und als er auf dem Rückweg nach Gandersheim will, überfallen ihn Mainzer und Gandersheimer Krieger. Das Gerangel geht nun von einer weiteren ergebnislosen Synode bis zu einem Konzil von Todi in Umbrien, unter Freundschaftsbekundungen des Kaisers Ottos III. für seinen Hildesheimer Freund und ehemaligen Erzieher und Lehrer. Der Kaiser stirbt aber 1002 und Bernward verliert damit seinen wichtigsten Verbündeten, während die Kanonissen weiter ohne geweihte Kirche leben müssen.

 

Eine Synode unter Kaiser Heinrich II. schließlich entscheidet 1007 für Hildesheim bei Gegenleistungen des Bischofs. Die Weihe läuft dann endlich so ab, dass die Kirche selbst von beiden Bischöfen geweiht wird, Bernward aber die Weihe der einzelnen Altäre unter Bischöfe seiner Wahl aufteilt, wonach Willigis in feierlicher Rede auf seine Ansprüche verzichtet, um dann als Erzbischof das Hochamt abzuhalten.

 

Ein Nachfolger von Willigis versucht noch einmal Einfluss auf einen Nachfolger von Bernward zu nehmen, was scheiterte, und König Konrad II. bestimmt schließlich und zum Abschluss der Querelen 1028 die Hoheit Hildesheims und die Abtrennung einiger Gandersheimer Grundherrschaften zugunsten von Mainz.

 

Bischöfe sind also geistliche Herren, die Messen abhalten und Kanonissen den Schleier überreichen, aber sie sind auch weltliche Herren mit einem kriegerischen Gefolge („Vasallen“), die vor Gewalttaten auch gegeneinander nicht zurückschrecken. Als solche sind sie Grundherren, die auch über die auf ihrem Grund arbeitenden Menschen verfügen und Herren über Grundherren. Als Erste im Reich zusammen mit fürstlichem Hochadel kämpfen sie um Macht, wobei diese (natürlich) nur dem geistlichen Wohl ihrer Gläubigen dienen soll.

 

Das Papsttum wiederum kann ihnen bislang wenig anhaben, denn es kann seine Macht in der Ferne im Konfliktfall kaum durchsetzen. Und selbst Könige und Kaiser haben nur eingeschränkte Möglichkeiten, Streitfälle zu lösen, wenn sie dabei die Autonomie der Bischofskirche gefährden. Das alles wird sich erst dadurch ändern, dass Päpste bald versuchen werden, die päpstliche Zentralgewalt zu stärken, und zwar sowohl gegenüber der ihnen dann untergebenen Kirche wie auch gegenüber einer weltlichen Gewalt, die sich in kirchliche Belange einmischt.

 

c: Die Welt des Thietmar von Merseburg (O vos christicole: in der Einleitung zu Kap.1)

 

Anders als Bernward hat sich Thietmar sein Denkmal weniger mit Bauten und Kunstwerken gesetzt als mit seinem Text, der zunächst wohl dem Andenken an sein Seelenheil und den Interessen seines Bistums dienen sollte und sich dann doch zu einem breiter angelegten Geschichtswerk ausgedehnt hat.

 

Er stammt aus dem vornehmen Haus der Grafen von Walbeck. Mehrere Brüder werden Äbte und Bischöfe. Er selbst wird im Stift Quedlinburg und dann im Domstift von Magdeburg erzogen und erhält eine gute Ausbildung. Um 1000 wird er dort Mitglied. Er kauft sich in das Probstamt ein. 1004 wird er vom Erzbischof von Magdeburg in Gegenwart Kaiser Heinrichs II. zum Priester geweiht, was bereits seine Nähe zur Macht zeigt. 1009 dann macht ihn der Kaiser zum Bischof von Merseburg, dem er dafür aber einen Teil seines Erbes abgeben muss.

Das Bistum ist relativ klein und vergleichsweise schlecht ausgestattet, was Thietmar immer wieder beklagen wird. Auf diese Ausstattung und ihre Vermehrung scheint er ganz besonders sein Augenmerk gerichtet zu haben. Abgesehen von der Kenntnis einiger („heidnischer“) römischer Klassiker wie Vergil und Ovid erscheint sein „Christentum“ wie das seiner Zeitgenossen stark geprägt von seiner Überformung durch alttestamentarische und germanische Vorstellungen. Der Jesus der Evangelien und der Kirchenväter steht dagegen bis auf wenige Aspekte deutlich zurück.

 

Thietmar stellt sich selbst eher als aristokratischer Kriegerbischof denn als Seelenhirte dar, wozu alttestamentarische Vorstellungen besser passen. So stirbt seiner Ansicht nach Bischof Hildeward als verus Israelita, was als ein großes Lob gemeint ist (IV,26) Otto I. beweint denn auch nach den Tod von Sohn Liudolf wie David den Absalom (II,12) und eine Verwandte ist mild wie Sarepta und keusch wie Judith (VII,3) Solche Vergleiche fehlen weithin aus dem Neuen Testament, welches eigentlich Christentum begründet.

 

Wir sehen den Autor, wie er dem Schreiber einen Text diktiert, der wohl in der ersten Version vor allem an seinen Nachfolger gerichtet war, um sein Angedenken aufrecht zu erhalten, denn „bei Christus leben alle Seligen durch ihre Tugenden, in dieser Welt aber durch ihre Schriften.“ (VI,64). Sein Hauptanliegen schien aber schon von Anfang an weniger mit irdischer gloria (aber eben auch!) als dem Zugang zum Himmelreich zu tun zu haben, denn der Leser soll nach Lektüre „mit Tränen und Bitten das schreckliche Antlitz meines künftigen Richters versöhnen (examinatoris horridam faciem).“ Hier gibt er als Beispiel für seine Sünden an, er habe die Probstei von Walbeck durch Simonie erlangt, denn er hätte sie sonst nicht bekommen. (VI,43)

 

Einen klar abgesetzten Sündenbegriff entwickelt er aber ganz im Sinne des frühen Mitttelalters nicht, denn das inzwischen an sich christliche peccatum wird oft mit dem sehr weltlichen crimen (Verbrechen), der facinus (II,7), der schweren Untat oder dem delictus (IV,20) vertauscht. Gleich am Anfang schreibt er: crimina multa peregi (I Einleitung), ich habe viele Verbrechen begangen. Der Leser soll ihn darum (nach seinem Tod) „dem gierigen Rachen des Wolfes“ entreißen, der ihn „zerfleischt“ (VIII,12). Er benutzt dabei ein gängiges naives Höllenbild der Zeit.

 

Das Christentum hat sich einer Welt aristokratischen Kriegertums anverwandelt, und deren Wertvorstellungen in „christliche“ hinein idealisiert. Das funktioniert natürlich in der Wirklichkeit nur als inneres Gespaltensein. Otto III. gab sich nach außen stets heiter; aber heimlich seufzte sein Gewissen wegen zahlreicher Vergehen, die er in stiller Nacht mit Wachen, intensiven Gebeten und Tränenströmen abzuwaschen versuchte. Oft fastete er die ganze Woche außer dem Donnerstag, und tat sich mit großen Almosen hervor.(IV,48) Entsprechend schreibt er, dass er selbst nach außen „gut“ erschien, aber sein Inneres beschädigte er mit pessimis cogitationibus (schlimmsten Gedanken) wie ein Schwein. (I,20)

 

Nun ist es die Tugend eines Christen, sich seiner Sündhaftigkeit bewusst zu sein, aber Thietmar stilisiert sie sogar zu eigenen Charakterfehlern hoch. Damit entlässt er sich aus einem christlichen Menschenbild, welches keinen „Charakter“ kennt, sondern eine der Besserung zugängliche Person: Aber ich bin nichtswürdig (miser), sehr jähzornig, und nicht zur Besserung zu bringen, gierig, spöttisch obwohl zu verspotten. Ich verschone niemanden, wie ich sollte. Ich bin ein Schlemmer, und Heuchler, Geizhals und Verleumder und (…) peior sum, quam possit dici (schlimmer, als man ausdrücken kann). Und er leitet die ganze Tirade schon ein mit dem, was sein Leser tun soll, so wie er es getan habe: Habe ich auch in diesem Leben wenig Gutes getan, tamen defunctorum semper memor sum. (so habe ich doch der Toten immer gedacht. IV,75) Der Toten gedenken aber heißt, die himmlischen Mächte für sie um Gnade, Begnadigung anzuflehen.

 

Der von Gott auf Erden eingesetzte oberste Richter ist fraglos der König/Kaiser, und nach seinem Bild ist es dort oben der himmlische dominus in seiner maiestas (Kap.1 Einleitung), also in machtvoller Vollkommenheit. Gott ist sol iustitiae (die Sonne der Gerechtigkeit), ist Richtergott, belohnt und bestraft, ist erster und oberster König (VI Einleitung). Die himmlische Welt ist die irdische in Perfektion.

 

Thietmar gibt eigene Verfehlungen an, und es handelt sich um Verstöße gegen Kirchenrecht oder weltliche Rechtstraditionen. Die auf das nahe Weltenende ausgerichteten ethischen Forderungen des evangelischen Jesu sind durch eine biedere Moral ersetzt, die sich eine bürgerliche Oberschicht in den Städten demnächst anverwandeln wird, indem sie sie auf ihr Wirtschaften und ihre Lebensformen hin zuschneidet. Frühmittelalterlich sieht das so aus: Ein vom Teufel getriebener König kopuliert gegen ihren Widerstand in der Passionszeit mit seiner Frau. Das Kind ist an sich dem Teufel sicher, aber vielleicht kann man das Böse ein wenig mit Taufwasser abwaschen. Auch die legitime Ehe hat eben die Festtage einzuhalten, an denen man sich der Unreinheit zu enthalten hat. (I, 24/25)

 

Der germanischen Oberschicht war der Christengott als Gott des Krieges und des Schlachtenglücks nahegebracht worden, den Leuten darunter wurde mit ihm Angst gemacht und diese dann mit Hoffnung versüßt: Was weltliche Macht auf Erden nicht richtet, führt Gott im Himmel dem Schwert der Gerechtigkeit zu. Andererseits greift er aber schon auf Erden ein: Er errichtet seine weltlichen Machtstrukturen, überreicht den (christlichen) Herren die Erde und greift im Ernstfall schon auch hier ein, besonders in geschichtsträchtigen Situationen. Der Einfall der Ungarn ist der Wille Gottes als Strafe für Sünden. Er schickt sie den Sündern an den Hals. Darauf müssen die Herren Buße tun und Gutes, damit sie diese Teufel in Menschengestalt besiegen können. (I,24)

 

Das do ut des einer heidnischen Antike ist voll ins „Christentum“ integriert. Gott ist gnädig genug, Sünder irgendwann zu seiner Rechten sitzen zu lassen, aber dafür muss man einiges tun, ähnlich wie man nur durch Leistung in die Nähe des königlichen Throns auf Erden gelangt. Und der König und die Kirche sagen, was zu tun ist. Gott genehme Opfer (Exequien) lösen zum Beispiel die Fesseln eines totgeglaubten Gefangenen in der Ferne.

 

Die resurrectio mortuorum, die Auferstehung von den Toten, ist allerdings besonders für den noch recht stark in germanischen Vorstellungen verwurzelten Sachsenbischof ein Thema, welches er nicht mit letzter Konsequenz behandeln kann. Es ist dabei sowohl Verheißung wie Drohung.

 

Einerseits meint er im Sinne gebildeter Kirchenvöter, die Körper lebten nicht weiter, denn supersunt animae (die Seelen bleiben) und sind beata aeternitate gaudentes (erfreuen sich einer glückseligen Ewigkeit II,44). Andererseits ist er noch voll in der germanischen Angst vor Wiedergängern befangen, die er nun in den Beweis für eine Auferstehung des Leibes verwandelt: Ein Priester von Walsleben trifft auf dem Friedhof die Verstorbenen der letzten Zeit und redet mit ihnen (I,11). Dasselbe findet auf dem Friedhof der aecclesia mercatorum (Kirche der Kaufleute) in Magdeburg statt (St.Johannes I,12). Entsprechendes erfährt Bischof Balderich von Utrecht von seinem Priester. Ut dies vivis, sic nox est concessa defunctis, so wie der Tag den Lebenden gehört, so die Nacht den Toten. Und: Non oportet plus sapere mortalem, quam, ut sanctus ammonet Paulus, ad sobrietatem (mehr sollte man, wie Paulus ermahnt, davon nicht wissen). Er selbst hat nachts Tote reden und Holz fällen gehört. Für die Bekehrung der heidnischen Slawen, die, wie er meint, an kein Leben nach dem Tode glauben, ist das alles seiner Ansicht nach sehr anschauliches Material (I,14).

 

Wenn das aber so ist, werden sich die Menschen am Jüngsten Tag wieder begegnen: in die ultimo iterum sociari (VI,88), und das verstärkt natürlich die Vorstellung, dass sie das in einer Gestalt tun werden, die sie gegenseitig sich wiedererkennen lässt. In welchem Maße es allerdings nicht nur Verheißung, sondern zugleich bedrohlich ist, vor den strengen und „rächenden“ Richtergott zu treten, kann man aus einem Trostwort Thietmars entnehmen: Der Tag des Gerichts steht noch nicht bevor, wie Paulus sagt, denn zuvor muss erst der Antichrist erscheinen. (VIII,6) Es hat also noch Zeit bis zum Schreckenstermin.

 

Das hindert ihn (und seine Kirche) aber nicht, Heiligen und besonders geachteten Königen den ganz schnellen Durchgang zu Gott zuzuschreiben. Und dann sind nicht nur ihre Überreste wundertätig, sondern sie selbst – von oben herab. Fast beiläufig erklärt Thietmar, Heinrich II. sei durch Eingreifen (intercessio) des heiligen Lambert in Lüttich von einer Kolik befreit worden. (V,28).

 

Die Kirche hatte sich schon lange die Macht des kirchlichen Sündenerlasses angemaßt, der gerne auf der Grundlage eifrigen Spendens an sie erteilt und insbesondere natürlich den Ihren zuteil wird.

So erteilen die Bischöfe einem sterbenden Bischof Walthard von Magdeburg die indulgentia (VI,71), das höchste Gnadenmittel, welches sie in ihrer Verfügung haben. Aber der hatte schon zu Lebzeiten vorgesorgt: Die Schwachheit unseres Fleisches sühnte er durch viele bittere Tränen und unsäglich reiche Almosen (elemosinarum largitate VI,75). Nicht erwähnt wird, dass er die von den Abgaben der Gemeinde und dem Kirchengut finanziert. Mit „Schwäche“ (fragilitas) ist nicht nur die Sterblichkeit, sondern auch die damit verbundene Sündhaftigkeit gemeint. Dass er viel haben muss, um viel geben zu können, ist selbstverständlich. Die Masse der Bevölkerung seiner Diözese kommt in Thietmars Text ohnehin kaum vor, scheint nicht erwähnenswert – im Unterschied zu Bernward von Hildesheims Schalten und Walten.

 

Mit Büßen und Almosen ist Thietmars Kollege also schon zu Lebzeiten fast in den Stand der Heiligkeit eingetreten. So erscheint er ihm denn auch leibhaftig in früher Morgenstunde und erklärt ihm, er habe seine Strafe schon verbüßt (also in kürzester Frist). Später erfährt Thietmar, Walthard sei an Allerheiligen vor Gott erschienen. (VI,79).

 

Man muss also etwas leisten auf Erden für eine beschleunigte Himmelfahrt. Bernward von Hildesheim baut die Kathedrale aus und stiftet St. Michael. Damit hat er nicht nur vor den Menschen durch - für damalige Verhältnisse - Monumentalbauten Eindruck gemacht, sondern nach eigener Ansicht seinen Weg zu Gott beschleunigt. Das ist dem nicht so wohlhabenden und wohl auch wenig kunstsinnigen Thietmar allerdings nicht gegeben.

 

Aber die absolutio (Erlösung) am dies iudicii (Tag des Gerichts, II,45) wird, wie schon erwähnt, auch ohne Bauten und allzu viele Almosen durch das Totengedenken (memoriae indiget salutari II,18) erreicht. Dafür stiften die mächtigeren Herren Kirchen und Klöster. Dessen bedarf der Bischof an sich nicht, hat er doch schon seine Kathedrale. Die Schrift lehrt, meint er, das Gebet für die Toten und die Wirksamkeit der Almosen für ihre absolutio (I,21). Das ist zwar eine gewagte Interpretation einer Textstelle des Alten Testamentes und hat mit dem evangelischen und paulinischen Jesus nichts zu tun, aber das macht nichts, wenn man nur dran glaubt.

 

Beispiele edler Damen für das Erlösungswerk an ihren Gatten gibt es denn auch zur Genüge: Judith versucht durch Almosen die Sünden ihres verstorbenen Mannes und Bayernherzogs zu sühnen (emendare II,40). Kaiserin Adelheid tut als Witwe alles, um die Seele ihres Gemahls Kaiser Ottos I. zu befreien (liberatio animae II,44) Nun hat Thietmar kein angetrautes Weib, welches ihn überlebt, aber dafür seinen Nachfolger im hohen Kirchenamt, dem er seinen Text vor allem hinterlässt.

 

Römische Verkirchlichung und darauf folgende Germanisierung des Christentums lassen eben vom evangelischen Jesus nur wenig übrig. Immerhin hatte der Almosen im Sinne seiner Forderung nach Besitzlosigkeit geboten, allerdings nicht so sehr als Eintrittspreis für das Himmelreich. Zudem war er mit der Macht eines Gottes wundertätig. Inzwischen sind aber längst auch die Heiligen im Himmel wundertätig auf Erden und entlasten damit den Heiland, der irgendwie inaktiv geworden ist. Ein Mönch mit Kopfschmerzen sitzt auf der cloaca, und da kommen Dämonen aus dem Lokus heraus und bedrohen ihn, was schon einmal bei gewissen Verdauungsbeschwerden geschehen kann. Aber vor denen schützt ihn dann prompt der heilige Veit (IV,72). Eine fromme Äbtissin vermehrt durch ein Wunder den ausgetrunkenen Wein für Gäste und wiederholt so das Weinwunder von Kana. (IV,33) Die dazu gehörige heilige Kanne Jesu ist inzwischen vielerorts in den Kirchenschätzen zu bewundern.

 

Dazu kommen heilige Objekte mit Zauberkraft: Eine Frau wird von einem üblen Gespenst (monstrum) bedroht, welches problemlos mit Heiligenreliquien und Weihwasser von einem Priester vertrieben wird. (VII,68) Ähnliche Wunderdinge vollbringt die Kirche mancherorts bis heute - aber zurück zu damals: Der Bischof von Kolberg missioniert heidnische Slawen: Er zerstörte und verbrannte heidnische Heiligtümer; er reinigte das von Dämonen bewohnte Meer, indem er vier mit heiligem Öl gesalbte Steine hineinwarf und Weihwasser aussprengte. (VII,72)

 

Wer solches glaubt, dem kündigen auch Kometen Seuchen und andere Plagen an (IV,10 und anderswo), waltet doch am Himmel eine göttliche Ordnung. Aber man muss sich bei solcher Deutung göttlicher „Zeichen“ deutlich von den Heiden abgrenzen, die ähnliches treiben: Die signa des Himmels kommen nämlich nicht vom Besprechen durch Hexen oder ähnlichem; es liegt vielmehr am Mond, wie Macrobius und andere Gelehrte bezeugen. (IV, 15)

 

Nun gibt es für Thietmar (und seine Untertanen) aber nicht nur heiligen Zauber, sondern auch böse Magie, und wenn ihm einmal der Kragen platzt über jemanden, dann kann auch er (sogar) eine Gräfin verwünschen: Mögen alle Verwünschungen (maledicio), die der selige Hiob gegen sich aussprach, dieses Weib treffen; sie hat es verdient. So viel Leid (tantum mali) soll sie auf dieser Welt erfahren, dass sie wenigstens in der Zukunft auf Vergebung hoffen darf. (VII,49 ) Nun hatte Hiob sich über sich selbst beklagt und niemand „verwünscht“. Das wiederum war eigentlich Sache der oben erwähnten Hexen, aber vielleicht doch genauso wirksam wie bei ihnen.

 

Man sieht, die Ausbildung an heidnisch-antiken Klassikern hat hier wenig gefruchtet bei der Herstellung gedanklicher Klarheit. Das ist sicher bei Leo von Vercelli oder Gerbert von Aurillac anders, und auch der Bischof von Halberstadt überragend laut Thietmar in scientia, sowohl spiritualia vel etiam carnalia (den geistlichen und auch weltlichen Wissenschaften) die meisten (I,6). Aber generell kann man von einer durch und durch magischen Weltsicht ausgehen, in der Naturgesetzlichkeiten und übersinnliche Phänomene ineinander verschränkt sind, ohne sich zu widersprechen. Das ist sicherlich bei den vielen, die nicht durch eine Kloster- oder Domschule gegangen sind, noch viel stärker so.

 

So etwas wird man bei den ersten Anfängen des Kapitalismus beachten müssen, denn er entsteht auch aus solchen Wurzeln. Anders gesagt, das zweckrationale Denken bei der wundersamen Kapitalvermehrung wird zum Beispiel die Kosten, die mit der Investition einher gehen, so unterschlagen, als gäbe es sie gar nicht. Alltag und Kirche werden immer deutlicher getrennt. Die Trennung in das rationale Machtdenken des aristokratischen Bischofs und seinen magischen Glauben wird so etwas vorwegnehmen.

 

Nirgendwo ist dieser Wunderglaube aber stärker als in dem Glauben an die magische Kraft der heiligen Reliquien, und er scheint durch alle Schichten zu gehen. Otto I. lässt multa sanctorum corpora (viele Körper von Heiligen) von Italien nach Magdeburg bringen, damit dies Bollwerk nach Osten kraftvoll wird (II,16). Ein Krieger zieht mit mächtigen Reliquien in den Kampf und ist „unbesiegbar“ dadurch, denn die Reliquien sind unbesiegbar (I, 23). Und kaum ist der inzwischen heilige Adalbert gestorben, schon wirkt er Wunder (mirabilia IV,44)

 

Die weltliche potestas, Macht, ist von Gott eingesetzt (ab eo constitutis) (VI,38, genauso VI,48). Das funktioniert deshalb, weil der Himmel zwar ein Reich des Friedens ist, aber der Herr dort oben für da unten wie ein Gott des Kriegeradels wirkt. Otto I. erscheint ein Engel evaginato gladio (mit gezücktem Schwert), um ihm etwas aufzutragen (II,24). Engel haben nicht nur Flügel, sondern tragen, insbesondere die Erzengel (besonders Georg und Michael), bei Bedarf auch Waffen und werden auch so dargestellt. Es sind himmlische Ritter. Auch einige Heilige lassen sich derart verwenden: Der hl. Mauritius ist ein unbesiegbarer (invictissimus) dux (Kriegsführer II,30) Als Christi miles soll er im Krieg gegen Boleslaw helfen (VII,16)

 

Der Bischof einer Herrenschicht von Kriegern behauptet sogar, Heinrich biete alle seine ihm und Christus getreuen Vasallen auf. (VI,9) Irdische und himmlische Gefolgschaft gleichen sich aufs Haar. Der Krieg erweist sich denn auch als ein Aspekt des bischöflichen Amtes. Deshalb kann ein Ansfried als Knabe von seinem gräflichen Oheim an Erzbischof Brun von Köln zur Ausbildung als Krieger (ad res militares) übergeben werden (IV,31), oder besser gesagt, Thietmar kann das so schreiben. Brun wird vielleicht einen Experten für das Kriegshandwerk abstellen. Eigentlich darf der Klerus und insbesondere ein Bischof keine Waffen tragen, aber wenn er seinem militärischen Kontingent voran reitet, ist es besser, er hält sich nicht daran. Ein Bischof steht so in der Erzählung Thietmars im Kampf gegen die Ungarn. Er verliert ein Ohr, wird an weiteren Körperteilen verletzt und bleibt unter den Getöteten wie tot liegen. Dann aber kann er doch nach schwerem Kampf seinen Gegner töten (necare). Da erfüllte seine Herde und alle Christen Freude. Excipitur ab omnibus miles bonus in clero. Der ganze Klerus sieht in ihm einen guten Krieger (II,27)

 

Über zwei Bischöfe zumindest schreibt Thietmar aber auch etwas anderes: Sein Zeitgenosse Bischof Eid versucht ein Leben in der imitatio der vita apostolica zu führen, was etwas Besonderes zu sein scheint (VII,25), und Bischof Wolfgang von Regensburg sogar sequitur dominum Christum (folgt dem Herrn Christus, V Einleitung). Nun bekennt Thietmar von vorneherein, nicht nach der Nachfolge Jesu gestrebt zu haben. Aber mit solchen Äußerungen wie zuvor wird doch deutlich, dass ihm in einem Winkel seines Bewusstseins klar ist, dass Christentum eigentlich etwas anderes wäre, als was er so treibt. Und das belegt er dann auch mit Geschichten von einem Leben frommer Frauen oder gar geradezu schon zu Lebzeiten heiliger Eremiten.

 

Aber die Welt Thietmars ist nicht von diesen Leuten geprägt, sondern von Kriegen, Fehden und Meuchelmord. Für ihn (und wohl nicht nur für ihn) scheint das Normalität zu sein, und darum spielt in seiner Chronik auch nicht sich aus der Welt absetzende Heiligkeit, sondern aristokratisches Kriegertum die Hauptrolle und wird von ihm unumwunden gefeiert, wie man schon sehen konnte. Germanisches Kämpferethos scheint überall durch, nur mühsam gebändigt durch eine hierarchische Ordnung persönlicher Beziehungen. Kritiklos wird es vom Bischof bei seinen Verbündeten und Oberen bewundert.

 

König Heinrich I. kann alle Feinde callide viriliterque superare (mit Klugheit bzw. List und mannhaft, also tapfer besiegen. I,9). Er glänzt mit herrlichen Taten. (II. Einleitung). Von einem christianisierten bzw. zivilisierten Kriegerideal, wie es sich im 11./12. Jahrhundert entfalten wird, kann noch nicht die Rede sein. Otto I. zieht gegen Regensburg, eadem regione depopulata atque combusta rediit. Der von Thietmar gefeierte König entvölkert also die ganze Gegend mit ihren Christen und brennt sie nieder. (I,6) Der von ihm vorgezogene Königskandidat Ekkehard von Meißen optimus erat miles, war also ein unübertrefflicher Krieger (V,5), was ein hohes bischöfliches Lob darstellt. Dieser Ekkihardus ist im folgenden Abschnitt, vir domi miliciaeque laudabilis, ein in Frieden und Krieg ruhmreicher Mann, wie Trillmich übersetzt. Nur deshalb ist es eher schmählich als unchristlich, wenn es nach seiner Ermordung heißt: Man schnitt seinen Kopf ab und plünderte die Leiche aus. (V,6).

 

Überhaupt fehlt weitgehend jede Kritik an der landläufigen Grausamkeit der Krieger. Der böse Feind wird geblendet (IV,21 / IV,67), Papst Johannes verliert Zunge, Augen und Nase. Crescentius wird enthauptet und an den Beinen aufgehängt. (IV,30), und das sind zwar auch Christen, aber eben aufsässig gegenüber dem von Gott eingesetzten Kaiser. Der Bischof scheint von lakonischer Mitleidslosigkeit. Da wird jemand beim Raub am Kirchenschatz erwischt. Die gerechte Strafe ist, dass er mit gebrochenen Gliedern ans Rad gebunden wird (IV,67). Man kann geradezu die Genugtuung des Kirchenfürsten heraushören. Es genügt nicht, ihn zu töten, er muss vorher hinreichend gequält werden. Man muss damals schon ein heiliger Eremit wie der Nilus von Rossano sein, um solche Greuel zu beklagen.

 

Brutale Gewalt liegt überall (im Text und wohl auch in der Wirklichkeit) in der Luft, und was Beruf und Berufung des Kriegeradels ist, lastet als steter latenter Schrecken auf den gemeinen Leuten, die nur zwischen den Zeilen überhaupt vorkommen: Breisach ist von den Bischöfen von Straßburg und Basel besetzt, und täglich ritten ihre Krieger (milites) aus, um Pferdefutter zu beschaffen. (V,21) Es braucht wenig Phantasie, sich vorzustellen, wie das vonstatten geht. Überhaupt sind Burgen und befestigte Ortschaften schwer einzunehmen, also verheert, plündert, entvölkert und brandschatzt man das Land, wie Thietmar selbst die Taten seiner edlen Recken beschreibt. König Heinrich II. tut das mit dem Schwaben des Herzogs Hermann, der sich ihm nicht unterwerfen will, und dessen Mannen plündern wiederum den Straßburger Dom, rauben den Schatz (thesaurus) und stecken die Kirche an. (V,12) Doch weil es sich um einen edlen Herzog und eine heilige Kirche handelt, fügt unser Merseburger Bischof hinzu, dieser habe von der Schandtat nichts gewusst.

 

Die bösen Pavesen wiederum haben Heinrich II. bei seinem imperialen Italienzug aus ihrer Stadt geworfen, und der lässt sie zurückerobern. Ritter Wolfram rächte ihn (Giselbert), indem er ohne Schaden zu nehmen mitten in den feindlichen Haufen eindrang und einen von ihnen durch den Helm hindurch bis zur Kehle spaltete. (VI,8) Thietmars Gott sagt zwar, sein sei die Rache, aber der bischöfliche Gott wünscht sie sich auch von seinen Streitern. Hier wird der edle Wettstreit übrigens ausnahmsweise einmal anschaulich (bis zur Kehle gespalten), aber nachdem der fromme König die Truppen plündern lässt, was Kriegsrecht ist, zeigt er „Erbarmen“ (misericordia), indem er befiehlt, diejenigen Überlebenden, die sich ihm unterwerfen, nicht auch noch zu töten.

 

Der Krieg gehört nicht nur zum Christentum, sondern das Christentum ist längst vornehmlich Krieg. Da siegen Christen über Sarazenen 1016 bei La Spezia: … Gott machte den Sieg so vollständig, dass (…) die Sieger die Menge der Erschlagenen und der erbeuteten Waffen nicht zu zählen vermochten. Dabei wurde auch ihre Königin gefangen und wegen der Freveltaten ihres Gemahls enthauptet. Ihren goldenen, ringsum mit Edelsteinen verzierten Kopfschmuck nahm der Papst vor allen anderen an sich und sandte ihn später dem Kaiser als seinen Anteil, den man auf tausend Pfunde schätzte. Nach Verteilung der Beute kehrte das siegreiche Heer froh in die Heimat zurück und sang Loblieder zu Ehren des Siegers Christus (Christus triumphans VII,45)

 

Was bedeutete Adel bei diesen Kriegern? Der Begriff ist noch nicht klar definiert. Da ist einmal jene Freiheit, die sie zu Herren über die unfreie, da vielfältig von ihnen abhängige produktive Bevölkerung macht. Zudem sind die Noblen im Unterschied zu den noch verbliebenen wenigen freien Bauern „edel“, was sich durch ihren Besitz, ihr kriegerisches Dasein und überhaupt ihre Lebensform darstellt, Otto II. beispielsweise lebt nobiliter (III,1). Dazu gehören die entsprechenden mores, denn nobilitas wird durch moribus geschmückt (II,4)

 

Der Kriegeradel, zu dem auch Thietmar gehört, hat dabei virtus, was eigentlich Mannhaftigkeit heißt, aber hauptsächlich zur Tapferkeit geworden ist (V, Einleitung), während es bei den Damen zuallererst seit der christlichen Antike die Jungfräulichkeit meinte, aber längst auch die keusche Ehefrau, wobei Keuschheit nun (dies sehr antik römisch) die Treue und Unterwerfung unter die männliche Dominanz samt der unter die kirchlichen Sexualregeln meint.

 

Man ist aber dabei nur illustris, was ausgesprochen edel meint (II,19), wenn man eine ausgesprochen gute Ahnentafel hat. Der schon erwähnte Erzbischof Walthard von Magdeburg, den der König im ersten Anlauf, obwohl von den Domherren gewählt, am Bischofsamt gehindert hatte, wird von Thietmar so gelobt: Er stammte von edelsten Ahnen, machte seinem ererbten Adel nie Unehre... (VI,75) Da kommt dann der Ruhm des „Hauses“, des Stammbaums dazu. Die kaiserliche Schwester Mathilde hat innata sibi a parentibus summis gloria, ist also in die Glorie ihrer allerhöchsten Verwandtschaft hineingeboren.(IV,60)

 

Dass solche Herrenmenschen auch schon mal, wie einige sächsische, Christen an Heiden verkaufen, was Heinrich II. auf einer Synode verbieten lässt (VI,28), oder, wie von Markgraf Gunzelin verlautet, er Abhängige in den familiae an Juden verkauft haben soll, die sie dann vermutlich an Heiden weiterverkauften (VI,54), ist wohl unerfreulich, gehört verboten, nimmt ihnen aber offenbar wenig von ihrem (christlichen) Adel.

 

Die Bischöfe und der Domklerus sind ganz selbstverständlich in aller Regel Teil dieser nobilitas. Sie wurden von ihren Eltern als Kinder in klösterliche und nun immer häufiger kirchliche Schulen geschickt, um in der Kirche Karriere zu machen und Macht und Einfluss ihrer Familie dort zu stärken. Sie bleiben eng mit dem Kriegeradel verbunden, und so kann Thietmar über Erzbischof Tagino lobend schreiben: Er liebte Männer von edler Herkunft und Lebensart (nobiles), ignobiles verachtete er nicht, hatte sie aber nicht in seiner Nähe. (VI,65).

 

Die Könige und Kaiser setzen sich darüber nur hinweg, wenn es ihrer Machtentfaltung einmal zuträglich ist. Thietmar erwähnt eine solche Ausnahme: Otto II. macht Kanzler Willigis zum Mainzer Erzbischof, obwohl viele wegen seiner niedrigen Herkunft dagegen waren. Seine Mutter war eine paupercula, aber wenigstens bona, und Gott macht ihr Kind wenigstens später den Edlen gleich. (III,5).

 

Bei solchen Vorstellungen ist es vielleicht nicht völlig verwunderlich, dass das geistliche Amt eines Bischofs in Thietmars Text kaum vorkommt. So heißt es vom schon erwähnten „hochwürdigen“ Bischof Wolfgang von Regensburg, er sei ein pius pastor, ein frommer Hirte (V,42), aber das war es auch schon. Eine Ausnahme gibt es ihm ganzen Text: Ein Erzbischof reist durch seine Diözese Merseburg, suos docendo et confirmando (unterweisend und firmend, übersetzt Trillmich). Nachts kontrollierte er die „Brüder“, ob sie weiterschliefen oder zur Matutin gingen. (III,11)

 

Breiten Raum nehmen stattdessen die kirchlichen Machtfragen ein. Ganz oben in der Hierarchie steht da das Verhältnis Kaiser-Papst im Raum, wobei Thietmar bereits ins Zweifeln gerät. So setzt Otto I. den in/iuste angeklagten Papst Benedikt ab, der doch direkt unter Christus steht und über den nur Gott richten darf (II,28) Andererseits maßt sich der stadtrömische Große Crescentius kaiserliche Rechte an, als er den Johannes zum Papst macht. (IV,30) Darf der Kaiser also, wie er das auch tut, Päpste einsetzen, aber nicht absetzen?

 

Eine Etage drunter greifen sächsische Könige und Kaiser massiv in kirchliche Strukturen ein und verändern sie eigenmächtig. Otto III. richtet zum Beispiel ein Erzbistum in Gnesen ein, ohne die Zustimmung davon Betroffener einzuholen. Thietmar schreibt: ut spero legitime (IV,45), er hofft, dass das legitim sei, was impliziert, dass es völlig illegitim ist, was man seinem Kaiser aber nicht offen aufs Tablett legt.

 

Die Sachsenkönige schaffen sich eine stärkere Machtbasis unter den Reichsbischöfen und setzen ihre Kandidaten für die wichtigeren Bistümer gegen das Wahlrecht des örtlichen Klerus durch. Thietmars Haltung ist zwiespältig wie in so manchen anderen Fragen. So erwähnt er für die Zeit König Heinrichs I., dass aufgrund von dessen Schwäche Herzog Arnulf von Baiern alle Bistümer selbst vergeben kann. Aber das Recht stehe eigentlich nur Königen und Kaisern zu, denn sie stehen zu Recht über den pastoribus, da Christus sie eingesetzt hat. (I,26)

 

Andererseits ist Kritik an königlicher Handlungsweise implizit in der Erwähnung derselben enthalten, wenn es dabei zum Konflikt kommt. So sendet Heinrich II. seinen Kaplan Wigbert nach Magdeburg voraus, um den einstimmigen Willen der Brüder zu erreichen. (für die Wahl Taginos) Der Propst Walthart aber versucht das altgebräuchliche Wahlrecht der Domherren durchzusetzen, und sie wählen darauf ihn. Doch Heinrich setzt mit Druck seinen Kandidaten durch und in cathedram expiscopalem ipse constituit. (setzt ihn selbst auf den bischöflichen Thron. V,40/41) Noch deutlicher in der Ausdrucksweise ist folgende Passage: Auf Geheiß des Königs (iussu regis) inthronisiert (inthronizavit) Bischof Arnulf den Erzbischof Walthard nach dem Tod seines Vorgängers. Er war der einst von ihm abgelehnte Kandidat des Klerus gewesen, deshalb muss jetzt die königliche Rolle sehr deutlich hervorgehoben werden. (VI,68)

 

Nur einmal wird Thietmar in seiner Kritik an königlicher Willkür sehr deutlich. Als nämlich der Erzbischof von Trier starb, wählte man gemeinsam seinen Kaplan Adalbero, den Bruder der Königin und immaturus iuvenis, mehr aus Furcht vor dem König als aus Liebe zur Religion (quam amore religionis).“ (VI,35) Über die Trierer Querelen um den Bischofsstuhl wird es zum Krieg kommen.

 

Wiewohl sich Thietmar einmal selbst der Simonie, also des Ämterkaufes bzw. der Bestechung bezichtigt, oder vielleicht auch deswegen, beschuldigt er damit bei Gelegenheit solche, die nicht seine volle Sympathie genießen. Bischof Ohtrich besticht mit pecunia alle Großen und insbesondere die Römer, denen immer alles käuflich (venalia) ist, um Bischof zu werden.(III,13) Der Metzer Bischof wird mit 1000 Pfund Gold und Silber bestochen (III,16), und der Erzbischof von Magdeburg verhindert seinen Abgang aus Magdeburg durch große Geldzahlungen (magna pecunia) an Mittelsleute. (IV,46)

 

Geld spielt um die erste Jahrtausendwende bereits eine große Rolle. Es befindet sich als gemünztes und ungemünztes Gold und Silber im wesentlichen in den Händen weltlicher und geistlicher Großer und im Klosterschatz. Es ist Teil von Kriegsbeute und erstrebenswerter Besitz, es wandert in Form von Geschenken von Hand zu Hand und es finanziert vorwiegend Luxus. Wie gerade erwähnt, kann man sich davon auch Ämter erkaufen. Die Kirche steckt damit allerdings inmitten jener Gier nach Besitz und Macht, die der evangelische Jesus und der paulinische Christus als Ablenkung vom Weg zu Gott benannt hatten.

 

Das dritte Begehren, welches von der Nachfolge Jesu abhält, gewinnt im Text Thietmars kaum Raum. Vielleicht sind seine oben erwähnten ebenso geheimen wie schlimmen Gedanken damit befasst. Dass der Geschlechtstrieb gerade für den Klerus eigentlich ein gewichtiges Thema wäre, kommt nur an einer Stelle durch, als er erwähnt, dass der Erzbischof Friedrich von Mainz ein vir abstemius, also enthaltsam sei. (II,35) Das sagt er wohl einmal, weil dieser fromme Mann im Konflikt mit dem König gestanden hatte, wie um ihn zu verteidigen. Andererseits ist aber bezeichnend, dass man das bei einem Bischof überhaupt erwähnenswert findet.

 

Ansonsten taucht Sexualität nur noch dreimal auf, wenn man von den Passagen über die Schlechtigkeit der „Moderne“ einmal absieht, auf die weiter unten kurz eingegangen wird. In allen drei Fällen, und das ist bemerkenswert, sind sexuelles Begehren und Besitzgier ganz eng miteinander verschränkt: Heinrich I. iuvenili exarsit amore, entbrennt also in jugendlicher Liebe zu Hatheburg, und zwar ob huius pulchritudinem et hereditatis divitiarumque utilitatem, wegen ihrer Schönheit und der Brauchbarkeit ihres reichlichen Erbes, und das, obwohl sie als Witwe den Schleier genommen hat (scriret velatam 1,5), also eigentlich für ihn unantastbar sein müsste. Später brennt er heimlich und lichterloh wegen der Schönheit und des Besitzes jener Jungfrau, mit Namen Mathilde (ob pulchritudinem et rem cuiusdam virginis, nomine Mathildis, secreto flagravit1,9)

 

Als nächster dann gewinnt Otto I. vermittels Geschenken (donis) Ethelheidam (Adelheid)und gewinnt mir ihr dann auch noch Pavia (II,5). Offizielle adelige Verbindungen sind solche von Besitzungen und Machtstrukturen. Wenn eine solche durch Verliebtheit und sexuelles Begehren gestiftet wird, ist das nicht nur die Ausnahme, sondern sicher damals bedenklich. Beruhigend ist dann die Erwähnung des Reichtums der Begehrten, weil sie als stabilisierendes, einer Ordnung verpflichtetes Element anzusehen ist. Und im Fall des großen Otto und seiner Adelheid werden Feuer und Flamme gar nicht erwähnt, sondern es wird darauf verwiesen, dass er mit ihrer Hand das italienische Königreich der Langobarden gewinnt.

Die parallele Stelle bei Widukind, auf die Thietmar sich bezieht, ist noch etwas deutlicher, denn hier versuchte er mit Geschenken aus Gold die Liebe der Königin zu ihm als vorteilhaft erscheinen zu lassen, wie Rotter/Schneidmüller so schön übersetzen: amorem reginae super se probare temptavit. (III,9)

 

Weltliche Große, Könige insbesondere, befriedigen ihren Geschlechtstrieb oft auch mit Geliebten oder flüchtigen Begegnungen, was so selbstverständlich ist, dass es bei Thietmar keine Erwähnung findet. Überhaupt ist das ein heikles Thema für einen Kleriker, nicht zuletzt auch, weil ein Teil des Klerus illegitim verheiratet ist oder Konkubinen bzw. Geliebte hat. Umso ungenierter kann er von jenem Begehren schreiben, welches mit ganz materiellem Besitz zu tun hat.

 

Für ihn und andere scheint der Erwerb von Grundherrschaften, ganz weltlichen Rechten und Besitztümer eine hohe Aufgabe von Bischöfen zu sein (und nicht nur des weltlichen Adels). Da es mit anderem etwas hapert, konzentriert sich Thietmar auf das, was im weitesten Sinne sein bzw. der Kirche Schatz ist. So heißt es über Heinrich II: Er schenkte uns ein mit Gold und einer Elfenbeintafel geschmücktes Evangelium, einen edelsteinverzierten goldenen Kelch mit einer Patene und einem Röhrchen, 2 Kreuze, silberne Lampen und einen großen Kelch aus gleichem Material mit Patene und Röhrchen. (VI,102)

 

Dann schon gegen Ende seines langen Textes ermahnt er seinen diesen lesenden Nachfolger in der Übersetzung von Trillmich: Mit milder Hand hat der Kaiser unserer Kirche folgendes geschenkt: ein Stück vom siegreichen hl.Kreuz samt anderen Heiligenreliquien; einen goldenen, prächtig mit Edelsteinen verzierten Altar; eine mit kostbaren Steinen geschmückte Goldbüchse; ein sowohl auf seine wie unsere Kosten verziertes Vermögensverzeichnis samt zwei Weihrauchbehältern und einen Silberbecher. Das müssen wir nicht nur bewahren, sondern auch mehren. (VIII,14) Zwischen den Zeilen schwebt die Tatsache, dass Bischof Thietmar sich deutlich mehr vom König erwartet hatte.

 

Besitz wird nicht kapitalisiert, er ist noch Selbstzweck und schieres Mittel zu altmodischer Machtausübung. Die Geschenkelisten oben deuten auf noch etwas: Pracht, Prunk und Protz sind nötig, um den Status zu zeigen und zu symbolisieren. Otto I. lässt Marmor, Gold und Edelsteine (gemmisque) aus Italien nach Magdeburg schaffen (II,17). Königlich heißt prunkvoll, wer unterstellt sich schon einem Machthaber, der seine Macht nicht auch so darbieten kann. Hochaltäre wie der des Doms von Magdeburg sind golden, mit Edelsteinen und Bernstein geschmückt oder sonstigen Kostbarkeiten, ein Schatz für sich neben dem eigentlichen Domschatz (thesaurus, IV,65) Und inmitten all dieser Schätze in der Kirche tritt der Bischof in besonders hervorragendem, reichem Bischofsornat auf, wie es Erzbischof Tagino zum Beispiel beschaffte (VI,65).

 

Von Bischof Bernward von Hildesheim haben wir schon gehört, dass er sich mit zwei monumentalen Kirchen quasi hoch in den Himmel baut. Bischöfe versuchen, wo sie nur konnten, durch große Neubauten oder Umbauten ihre Bedeutung zu vergrößern, die Kirche von Verden zeichnet sich darum durch magnitudo und qualitas aus (II,32 Größe und Pracht) und die neue Domkirche von Bamberg ist so prachtvoll, wie es dem König gebührt (ut summo decuit regi, in ominibus hanc ornatam vidi. VI,60) Bevor die also eine Bischofskirche oder ein Haus Gottes ist, ist sie ein Kaiserdom.

 

Soviel Prunk und Protz ist nicht nur unmittelbarer Bewunderung anheimgegeben, sondern dient auch der Inszenierung weltlicher und geistlicher Macht in bewegten Bildern. Otto I. lässt sich an Festtagen dreimal in prächtiger Prozession von Bischöfen und anderen Priestern mit Kreuzen, Heiligenreliquien und Rauchfässern zur Kirche geleiten (II,30) Man trägt auch draußen herum, was drinnen an Schätzen versammelt und so sonst den Augen der gemeinen Menge zum Teil entzogen ist. Bei eigentlich kirchlichen Festivitäten, die Reichtum zur Schau stellen, vermischt sich Religiöses und säkulares Spektakel in aller Öffentlichkeit und oft auch zum Vergnügen des gemeinen Volkes. Die Weihe des Halberstadter Domes findet „zur Freude aller“ in divinis laudibus et in negotiis secularibus statt, also mit dem Lob Gottes und sehr weltlichen Vergnügungen (IV,18). Die Könige feiern mit großem Gefolge und Spektakel all diese vielen Kirchenfeste. Ein solches Fest der Passionszeit in Ingelheim magis honorifice ac potestative numquam fuit. (VII,54 es machte mit seiner Pracht alle Ehren und gab mit seinem Glanz die königliche Macht wieder). Bei der Aufnahme von Thietmar in St.Mauritius, ins Domstift, gibt es wenigstens ein zweitägiges Festmahl, welches immerhin acceptabile ist (IV,16), also wohl allen gefallen hat.

 

Klöster sind zwar ein wichtiger Teil der Welt der Herren des frühen Mittelalters, aber sie kommen bei Thietmar auch fast nur im Zusammenhang von Verwicklungen der Macht und der Mächtigen vor. Entsprechend steht der sächsische Bischof den Reformbewegungen der Zeit verständnislos und ablehnend gegenüber. So berichtet er dann zum Beispiel, dass die meisten Mönche weinend ihr Kloster verlassen, weil ein Reformabt von außen eingesetzt wird, (VII,13) und bringt ihnen wohl Verständnis entgegen. Über Bischof Gebhard von Regensburg klagen die Mönche von St.Emmeran: Beste alte Gewohnheiten (culta) hebt er auf, um Neues ist er sehr bemüht. Er verlässt die patria (Trillmich übersetzt: Heimat) mit den ihm Anvertrauten, und Fremdes, mag es auch noch so fern sein, pflegt er mit überflüssigem Aufwand (VI,41).

 

Zum Lebensumfeld gehören auch Verortung und ethnisches Selbstverständnis. Während Vorgänger Widukind von Corvey noch ganz Sachse ist, öffnet sich bei Thietmar ganz zaghaft ein deutscher Horizont, der Westfranken, Italiener, Ungarn, Slawen und Skandinavier ausgrenzt. Es fehlt aber noch eine entsprechende Begrifflichkeit. Wenn bei ihm die Ungarn („Awaren“) die Waffen „gegen uns“ (adversum nos) erheben (II,9), bleibt schon mal in der Schwebe, ob damit nur die Sachsen oder schon die werdenden Deutschen gemeint sind. Aber dies „uns“ bezieht sich doch oft noch auf Sachsen. Einmal taucht aber schon das Wort 'deutsch' auf, bezeichnenderweise, als der „italienische“ Arduin contra Theutonicos kämpft (V,26).

 

Ein Begriff im Übergang ist die lateinische patria. Wenn Kaiser Otto I. zur defensio communis patriae in Magdeburg ein Erzbistum gründet (II,20), dann könnte mit dem Vaterland auch nur Sachsen gemeint sein mit seinen Konflikten mit den Elbslawen, ebenso wenn er Magdeburg unterstützt zum salus patriae communis, dem Heil des gemeinsamen Vaterlandes (II,3). Das ist aber nicht mehr so eindeutig, wenn er sagt, dass die Vorfahren ihren Herren immer treu gewesen seien und wacker gegen fremde Völker (extraneas nationes) und nicht gegeneinander gekämpft hätten (VI,48), denn das muss sich nicht mehr nur auf die Sachsen beziehen, sondern kann für alle deutschen „Stämme“ gelten, die natürlich auch als nationes und regna bezeichnet werden.

 

Extraneus heißt außerhalb befindlich oder fremd, fremdländisch. Und damit gemeint sind eben die außerhalb des deutschen Sprachraumes existierenden Völker. Die Griechen zum Beispiel „fallen solita callidate“, mit gewohnter Hinterhältigkeit über Gesandte Ottos I. her (II.15). Sie sind eben anders als „wir“, genau wie die Römer, die „falsch“ sind (IV,48). Überhaupt: Im Römer- und Langobardenland herrscht „viel Hinterlist“ (insidia VII,2).

 

Die Abgrenzung von den Italienern ist natürlich eine Antwort auf die imperialen Phantasien sächsischer Kaiser, die einerseits beeindrucken, denen aber viele dennoch wenig abgewinnen können. Die von den Griechen ist vielleicht eine Reaktion auf die Annäherungsversuche der Westkaiser an die des Ostens.

 

Die Abgrenzung von Skandinaviern und Slaven als kriegerische Nachbarn der kriegerischen Sachsen macht dieses gleich wieder zur wesentlichen patria. Seine eigene Verwandtschaft geriet durch wikingische Piraten zwecks Lösegelderpressung in Gefangenschaft und er selbst in eine bedrohliche Lage. Heinrich zwingt ihnen zurecht Tribut (censum) auf. Zudem werden Dänen et Northmannos dazu gebracht Christi iugum portare, Christi Joch zu tragen. Aber wer seiner Kenntnis nach alle neun Jahre Menschen- und Tieropfer darbringt, hat es nicht anders verdient (I,16).

 

Schwieriger ist es mit den Slawen, ebenfalls Heiden und ein Teil der Bevölkerung seiner Diözese. Da ist die nie ausgesprochene Ähnlichkeit der Bedrohung slawischer Kultur durch die Sachsen mit der Zerstörung der sächsischen durch die Franken, die gerade einmal zweihundert Jahre her ist.

 

Dass Liutizen ihre Götter mit Opfern gnädig stimmen (IV,13), klingt recht vertraut. Und wenn er schreibt, dass die Slawen alles mit suorum auxilio deorum verheerten, (III,19) also mit der Hilfe ihrer Götter, dann machen das die Christen mit der ihres dreieinigen Gottes auch. Am deutlichsten wird die Äußerung, man zwinge die frei geborenen Milzener unter das Joch der Knechtschaft (servitutis iugo, V,7). Besser wäre es wohl, sie durch ständiges Predigen und Taufen zu bekehren und nicht so vorzugehen wie der Vorgänger von Thietmar: ...den heiligen Hain Schteitbar, der bei den Anwohnern immer in göttlichem Ansehen gestanden hatte, und der seit Urzeiten niemals verletzt worden war, ließ er völlig vernichten. (VI,37)

 

Überhaupt scheint er sich für seine slawischen Untertanen und Nachbarn interessiert zu haben und auch ihre Sprache zu beherrschen. So schreibt er zum Beispiel über den heiligen und befestigten Ort Riedegost im Deutsch von Trillmich: In der Burg befindet sich nur ein kunstfertig errichtetes, hölzernes Heiligtum, das auf einem Fundament aus Hörnern verschiedenartiger Tiere besteht. Außen schmücken seine Wände, soviel man sehen kann, verschiedene, prächtig geschnitzte Bilder von Göttern und Göttinnen. Innen aber stehen von Menschenhand gemachte Götter, jeder mit eingeschnitztem Namen; furcherregend sind sie mit Helmen und Panzern bekleidet (…) Für das Heiligtum gibt es besondere Priester. Man versammelt sich zum Opfer für die Götzen oder zur Sühnung ihres Zorns (iram placare) (...) Jede Region dieses Landes hat ihren Tempel und ihr besonderes, von den Ungläubigen verehrtes Götzenbild. (...) Ihr unsagbarer Zorn aber wird durch Menschen- und Tierblut besänftigt. (…) Über allen, die zusammen Liutizen heißen, steht kein besonderer Herrscher. Wenn sie in ihrer Volksversammlung (consilium) Fragen erörtern, müssen alle einmütig der Ausführung eines Unternehmens zustimmen. (VI,23ff)

 

Insgesamt ist der älter werdende Bischof fest in seiner Zeit und ihren Vorstellungen verwurzelt. Nur zwei Dinge scheinen ihn zu irritieren. Einmal berichtet er folgendes: Auf einem Zug gegen die Dänen werde malae irrisionis in clericos exclamatio laut, die a malis hominibus noch heute zu hören sei (III,6) Auch andernorts im Text dringt schon mal durch, dass Kirche und Christentum trotz oder wegen Christianisierung nicht überall rundherum beliebt sind.

 

Das andere wird zweimal angesprochen. Da ist von einer Gräfin Christina die Rede: Sie, die ihre guten Taten heimlich vollbrachte, war ganz anders als die Frauen, die zu den modernen (modernos) gehörten. Ein großer Teil von ihnen bekleidet seinen Leib unziemlich, und zeigen allen Liebhabern (amatoribus) offen, quod venale habet in se, was Trillmich mit: was sie feilzubieten haben übersetzt, (…) absque omni pudore coram procedit speculum tocius populi. Also: Ohne alle Scham lassen sie sich vom Volk beschauen. IV,63) Der bitterböse Ton gipfelt in der Parallelisierung von guter Tat und heimlich einerseits und Schamlosigkeit und offen andererseits.

 

Vier Kapitel später wird das wieder aufgenommen: Heute aber (apud modernos) herrscht mehr als recht und üblich Freiheit zur Sünde (libertas peccandi), und so treiben nicht nur viele verführte Mädchen (ancillae), sondern auch ein Teil der Ehefrauen noch zu Lebzeiten ihres Gatten Ehebruch, von fleischlicher Begierde zu schädlicher Lust getrieben. Sie stiften ihre Liebhaber an, ihre Ehemänner umzubringen, um mit ihnen dann zusammenzuleben. Heute gibt es keine harte Strafe mehr (poena gravis) dafür, und so wird die neue Gewohnheit (consuetudo), wie ich befürchte, immer mehr gepflegt. (VIII,3)

 

Man könnte auf den ersten Blick meinen, man wäre plötzlich tausend Jahre weiter gesprungen, wenn man vom Gattenmord einmal absieht. Oder aber man befände sich wenigstens in einer Stadt der Gotik, in der das Schneiderhandwerk die Erotisierung der Frauenleiber durch neue Mode betreibt. Wer also sind die „Modernen“ der ersten Jahrtausendwende, die Männer mit ihrer Kleidung sexuell aufreizen und wie tun sie das mit den damaligen Möglichkeiten? Durchbricht tatsächlich mitten im frühen Mittelalter das Bedürfnis nach sexueller Lust die Schranken von Ehe und Familie? Thietmar meint sicherlich dabei Mitglieder der adeligen Kriegerschicht, denn um das Leben des gemeinen Volkes in seinem Erfahrungsraum kümmert er sich wohl weniger und hat ihnen gegenüber auch kaum sonderliche Erwartungen. Die ancillae (Mägde) der zweiten Passage könnten vielleicht Huren sein, aber wäre das für Sachsen jetzt erst etwas Neues? Vermutlich kannten die vorzivilisatorischen Sachsen so etwas noch nicht, aber das lag zweihundert Jahre zurück.

 

Das alles wird noch näher zu untersuchen sein, denn in solchen Passagen kommen wir den damaligen Menschen vielleicht etwas näher als im übrigen Text.

 

Die Kirche unten und bei den meisten

 

Die Welt des lateinischen frühen Mittelalters ist zerteilt in Grundherrschaften, über denen adelige Herren, selbst vielfache Grundherren, stehen, und über ihnen Fürsten und Könige. Unter den wenigen Freien existieren die mehr oder weniger Unfreien, und das sind fast alle. Durch alle diese Gliederungen hindurch geht eine weitere, die von Kirche und weltlicher Macht, von Klerus und Laien. Dabei ist der Klerus strukturell wiederum in die weltlichen Strukturen eingeordnet: Bischöfe und Domherren sind adelig, manche Priester stehen dem Populus, der Plebs näher, wie das "Volk" damals manchmal genannt wird.

 

In die Diözese, die nicht mit den weltlichen Machtstrukturen identisch ist, sind für den Kirchenalltag der Menschen die Pfarreien eingesetzt. Mit Pfarre und Bistum gibt die Kirche so eine klare Territorialisierung vor, wie sie im weltlichen Bereich erst im 12./13. Jahrhundert angestrebt wird. 

Schon unter den Karolingern wird deutlich, dass nicht nur allgemein Religion und Kirche Herrschaftsinstrument ist, sondern dass die Pfarrei neben der sich weiter ausweitenden Grundherrschaft die Basis des herrschaftlichen Disziplinierungs- und Unterdrückungsapparates zu sein hat. Sie strukturiert den Lebensalltag der meisten Menschen so wie die Pflichten gegenüber den weltlichen Herren, ist aber als feiertäglicher Raum von den Mühen produktiver Arbeit abgehoben.

 

In einem Brieftext des Erzbischofs von Lyon an den Bischof von Langres um 853 heißt es so: Auf dass die Plebs ruhig in ihren Pfarreien und den Kirchen, zu denen sie gehört, lebe, wo sie die heilige Taufe empfängt, wo sie Körper und Blut des Herrn empfängt, wo sie die Gewohnheit pflegt, die Feierlichkeiten der Messe anzuhören, wo sie vom Priester die Strafen für ihre Verbrechen/Sünden empfängt, den Besuch bei Krankheit, wo man außerdem von ihnen die Zehnten und die ersten Früchte abverlangt. (in Audebert/Treffort, S.84) 

Zu ergänzen wäre noch die Beteiligung des Priesters beim Tod des Menschen.

 

Die aktive Mitgliedschaft in der Pfarrei war nicht einfach nur Pflicht, sie war unumgänglich. Während Juden mehr oder weniger in rechtlicher Sonderstellung ein Dasein in der lateinischen Christenheit erlaubt wurde, konnte ein Nichtjude nur im Rahmen einer Pfarrei überhaupt existieren. Und ohne die Hilfe des Priesters war es nicht einfach nur unmöglich, dereinst "durch die Pforten des Paradieses" zu schreiten, sondern man landete, wie einem ständig vorgehalten wurde, in jenen ewig währenden Folterkellern, die Hölle hießen.

Deshalb gab es dort, wo keine Pfarrkirche war, wenigstens eine einfache Kapelle, zu der der Priester mit einem tragbaren Altar regelmäßig hinreiste.

 

Wenn man den überlieferten Texten glauben kann, dann beruht die Unterwerfung der Menschen unter die Knute der Kirche neben offener Gewalt seit der Missionierung im wesentlichen in Drohgebärden: Eine Hölle perverser Folterqualen wird angedroht und ausgemalt und daneben der vergleichsweise bequeme Weg der Unterwerfung unter einen kirchlich bestimmten Alltag samt allerdings erheblicher Abgaben benannt. Indem Bilder aus den Schrecken der Apokalypse, dem ultimativen Krieg der Welten, benutzt werden, wird Angst verbreitet, eine Methode, die zwischen hohem und spätem Mittelalter noch verfeinert wird:  Wehe, wenn die Trompeten des Jüngsten Gerichts eine nach der anderen erschallen! 

 

Die Pflicht zur regelmäßigen Teilnahme an der sonn- und feiertäglichen Messe war im wesentlichen ein Mittel zur Disziplinierung der Menschen vor Ort. Nicht nur verstanden sie kein Wort von der lateinischen Messe, sie sahen auch nicht das Entscheidende, was bei einem ihnen dabei den Rücken zukehrenden Priester vor sich ging, noch konnten sie die merkwürdige Theologie von der Dreifaltigkeit Gottes, soweit sie etwas davon mitbekamen, anders als in ihre vorchristlichen Vorstellungen übersetzen.

 

Das war der Kirche bekannt. Und so vollzog sich denn auch die Messe nach dem Vortrag des Bibelabschnitts im sermo, der Predigt, im wesentlichen in Ermahnungen zu braver Untertänigkeit und Friedfertigkeit untereinander, so wie sie ja insbesondere bei Protestanten bis heute im wesentlichen eine Art politische Propaganda primitivster Art enthält, den wahren Kern aller drei Schriftreligionen, wie er sich bei der Christenheit allerdings erst nach mehreren Generationen herausbildet.

 

Im 10. Jahrhundert hat sich allenthalben ein weiteres Disziplinierungsmittel durchgesetzt: Die Beichte vor dem Priester, die weithin die vor der Gemeinde ablöst. Dort wird ein Katalog von dem abgearbeitet, was abwechselnd Sünde und Verbrechen (crimen) heißt, und der von oben so verordnet wird wie in den später entstehenden Staaten Gesetze.

 

Nach kanonischem Recht entsteht eine Pfarrei nur dort, wo sie so dotiert ist, dass sie sich selbst trägt. Erweitert wird solcher Besitz durch Spenden von Laien, und dazu kommt die decima, der Zehnte, der allerdings spätestens im Karolingerreich nicht direkt an einen Priester, sondern die Diözese fließt, die einen Teil einbehält, und dazu kommen die ersten Früchte an Pflanze und Tier in regelmäßigen Abständen.

Die Kirchensteuer ist ein lateinisch-christliches Spezifikum, Ausdruck der engen Verbindung von weltlicher und geistlicher Macht. Spätestens im 10. Jahrhundert ist sie eine Steuer auf alle Einkünfte, und damit ist die Kirche den späteren Staaten weit voraus in der Ausplünderung ihrer Untertanen.

 

Daran möchten sich allerdings weltliche Herren beteiligen, die aufgrund eigener Stiftung die Pfarre als ihr Eigentum betrachten oder aber wenigstens versuchen, sich die Erträge daraus anzueignen. Im zehnten Jahrhundert beginnt die Kirche zunehmend, dagegen anzukämpfen, was dann auch als Aspekt in die Wurzeln einer Friedensbewegung eingeht. 

 

Die Pfarrkirche ist ein in seiner Gründung extra konsakrierter sakraler Raum zusammen mit dem Friedhof, meist durch eine symbolische Mauer eingehegt. In diesem Raum erhält sich darum ein vorchristlich gegründetes Asylrecht. Sie gehört zu einer Gemeinschaft, die dort ihr erstes Zentrum hat. Pfarrei ist so erste Gemeindebildung vor aller anderen, mit dem gemeinsamen Recht kirchlicher Versorgung, allerdings unter der Bedingung vollständiger Unterordnung. Und die Priester haben ein durchaus materielles Interesse, dass es eher Zu- als Abwanderung bei ihrer "Herde" gibt, kommen doch zu den allgemeinen Abgaben zunehmend noch die bei kirchlichen Dienstleistungen wie der Taufe dazu.

 

Was die Laien und insbesondere die produktiv tätigen Menschen tatsächlich glaubten, lässt sich nur vermuten, obwohl es für die Entstehungszeit des Kapitalismus mindestens so wichtig ist wie das, was sie glauben sollten. Das lateinische und dann durch die zunächst germanisch dominierten Reiche latinisierte Europa wird erst ab dem 5. Jahrhundert mehr oder weniger gewaltsam flächendeckend christianisiert, die Sachsen beispielsweise erwischt es erst um 800. Die Herrscher und die Oberschicht der Nachfolgereiche nutzen die Religion als Mittel zur Institutionalisierung von Macht und als Instrument der Eroberung und Kolonisierung. Bis zur Jahrtausendwende ist kein sonderliches Interesse der Mächtigen daran erkennbar, was ihre Untergebenen glauben, solange sie die Macht der Kirche durch Beteiligung an ihren Ritualen, Zeremonien und durch Abgaben anerkennen.

Die Kirche unterhalb der Adelsschicht dürfte nach den wenigen erhaltenen Hinweisen theologisch ungebildet, ja weithin illiterat gewesen sein und ähnlich wie die Laien, denen sie vorgesetzt ist, Elemente vorchristlicher Kulte und Bräuche mit christlichen vermischt haben. Fasziniert waren die Leute wohl eher von den magischen Aspekten des frühmittelalterlichen Christentums, die immer weiter ausgebaut werden, als vom evangelischen Jesus, von dem sie vermutlich nicht viel mehr erfuhren, als dass sein Ende ein triumphaler Tod war, der ihn längst bis an ferne Ende der Welt den Menschen entrückte.

Gott, Kirche, Könige, Fürsten, und adelige Grundherren bildeten eine Welt, unter die es sich zu ducken gilt und die religiös begründet wird: Die Macht kommt von Gott wie die Ohnmacht, und es gilt zu gehorchen. Inwieweit sich Leute über christliche Vorstellungen wunderten, kann vor den dokumentierten Häresien des 11. Jahrhunderts nur vermutet werden.

Die freieren Geister der Antike sind uns nur als Intellektuelle überliefert, und solche sind in den neuen Reichen bis ins 11. Jahrhundert nur ihm Rahmen der Kirche möglich, die der geistigen Freiheit immer engere Grenzen setzt. Wie intensiv und in wieweit die produzierende und unterworfene Unterschicht irgendetwas Christliches glaubte, bleibt uns heute unbekannt, überhaupt ist Glaube als Haltung jenseits aller Erfahrung, das eben, was Religion im Unterschied zu vorreligiösen Kulten ausmacht, nur in den daraus erwachsenden Handlungen wahrnehmbar, und nicht im (in der Regel) erzwungenen Bekenntnis.