KLOSTER 2: ROBERT D'ARBRISSEL, FONTREVAULT UND ZISTERZIENSER (i.A.)

 

Robert d'Abrissel

Fontevrault

Zisterzienser

 

 

Bei sich erwärmenden Temperaturen führt der Weg des lateinischen Abendlandes zu landwirtschaftlichen Produktionssteigerungen, zu Bevölkerungsvermehrung, zum Aufstieg neuartiger Städte und zu Vorformen späterer Nationalstaaten. Handel und Handwerk nehmen zu, es bildet sich immer mehr Kapital und Macht und Reichtümer konzentrieren sich in fürstlichen Händen. 

 

Eine neue Frömmigkeitsbewegung entsteht im 11. Jahrhundert, die gegenüber dem Rituellen und Zeremoniellen der benediktinischen Klöster und auch denen von Cluny eine stärkere Verinnerlichung des Glaubens bei Betonung der eigenen Gewissensinstanz entwickelt. Ein so bedeutender und gelehrter Mann wie der Abt Lanfranc von Bec erklärt in einem Brief, er würde entgegen der Regel sein Kloster verlassen, wenn ihm sein Gewissen aus Glaubensgründen den Aufenthalt nicht mehr erlauben würde. 

 

Ein Mönch namens Rainald, der in die Eremitenbewegung ausgebrochen war, "beklagte" gegenüber Ivo von Chartres in einem Brief "die Banalität des mönchischen Alltags, das ständige Geschwätz (sermo) über Essen,Trinken und Pitanzen, das Maulen über die Sparsamkeit des Abtes und über seine Bediensteten, das verbale Herumstreunen in der Welt draußen, das Interesse an Schlachtensiegen (regum ducumque pugnas et victorias)  und den ewigen Klatsch und Tratsch. (in der freien Übertragung von Rexroth, S.115)

 

Parallel zu den Reformern in der Kirche brechen Leute aus ihr aus. In der Vita des Stephan von Obazine heißt es: Und weil man kein schriftliches Recht irgendeiner Ordnung angenommen hatte, galten die Anweisungen des Meisters anstelle eines Gesetzes - Anweisungen, die nichts anderes lehrten als Demut, Gehorsam, Armut, Zucht und vor allem fortdauernde Liebe. (in Zisterzienser, S.26). Stephan von Muret, Gründer von Grandmont, soll gesagt haben, es gebe nur eine Regel, nämlich die des Evangeliums, was natürlich die römische Kirche nicht lange akzeptieren kann.

 

Leute wie Robert d'Arbrissel ziehen in Wälder, bilden Gemeinschaften, dann manchmal Klöster wie Fontevrault. Ihr charismatischer Anführer schreibt ihnen Statuten vor. 1084 zieht sich der ehemalige Reimser Domscholaster Bruno von Köln nach Chartreux bei Grenoble zurück, wo sich ihm andere anschließen, bis er dann 1091 eine neue Eremitengemeinschaft in Kalabrien gründet. Unter den in der Kartause von Chartreux Zurückgebliebenen entwickeln sich dann feste Ordensregeln, die der Prior aufschreiben lässt.

Sogar das unbelesene einfache Volk gerät an einigen Orten in Bewegung. Bernold von St. Blasien beschreibt in seiner Chronik für 1091 verblüfft, wie in Dörfern in Schwaben Leute anfangen, von einem urchristlichen Gemeinschaftsleben zu reden und versuchen, so etwas in die Praxis umzusetzen. Irgendwie passt das ein wenig zu den frommen Gesellschaften von Gewerbetreibenden, die sich in den Städten immer mehr herausbilden.

 

Das alles hat nicht zuletzt auch einen wirtschaftlichen Hintergrund. Im Zuge von steigender Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte, Aufschwung der Städte und städtischen Handwerks, Zunahme des Geldes und seiner Bedeutung lösen traditionelle Klöster wie das von St. Gallen nach und nach ihre Villifikationsverfassung auf, also die Trennung in Herrenland und Mansen abhängiger Bauern mit deren Abgaben und Dienstverpflichtungen, und gehen wie auch anderswo zu einer Art Rentengrundherrschaft über. Eines der Nachteile zeigt sich dann wie im weltlichen Bereich: Die geldlichen Abgabenverpflichtungen stagnieren eher, während der Geldwert sinkt. Manche traditionell benediktische Klöster geraten dabei in finanzielle Engpässe.

 

Daneben belasten besonders im Ostreich die Reichsdienste eine ehedem reiche und mächtige Abtei wie Fulda ebenso wie die zunehmenden Auseinandersetzungen mit Vasallen und Ministerialen. Kurz nach der Mitte des 12. Jahrhunderts beschreibt Abt Abt Markward die Situation, "wie die Ministerialen und Vasallen des Klosters einen großen Teil der Erträge der Fronhöfe aufzehren, jeweils die besten Hufen innerhalb der Villifikationen an sich reißen und sie als erbliche Lehen beanspruchen. Benachbarte Magnaten hätten außerdem viele Klostergüter und Villifikationen geraubt und wollten sie als Benefizien innehaben. Die Bauern nähmen selbständig Rodungen in den Klosterwäldern vor und legten dort Dörfer an." (Rösener in Staufer und Italien, S.297)

 

Robert d'Arbrissel

 

Robert d'Abrissel ist wohl um 1045 in der Bretagne geboren. Laut seinen beiden zeitgenössischen „Biographen“ ist er Sohn eines Priesters und wird später selbst Priester. Der Biograph seines Bekannten Bernhard von Thiron beschreibt für die Zeit:

Nun war es zu jener Zeit in der ganzen Normandie Sitte, dass die Priester in aller Öffentlichkeit jemanden zur Frau nahmen, dass sie Hochzeit feierten und Söhne und Töchter zeugten, denen sie in Übereinstimmung mit dem Erbrecht nach ihrem Ableben ihre Kirchen vermachten. Auch wenn sie ihre Töchter verheirateten, gaben sie ihnen häufig, wenn sie über keine anderen Besitzungen verfügten, eine Pfarrei zur Mitgift. (in Delarun, S.25f)

 

Noch 1074 lehnte eine Synode in Paris das Zölibat der Geistlichen als vernunft- und naturwidrig ab. Es wird vermutet, dass auch der Priester Robert sich eine Frau nahm. Dann beginnt die Kirchenreform ihren ersten Höhepunkt zu erreichen. Offenbar flieht Robert nach Paris, wo er stark unter ihren Einfluss gerät. Vielleicht ist er dort Schüler des Anselm de Laon. Die Ablehnung der hauptsächlichen Sünde des Fleisches führt zu einem inneren Ringen. Biograph Balderich schreibt: In ihm gab es eine Art innerer Auseinandersetzung (conflictus), ein Wüten des Geistes (mentis rugitus), ein durchdringendes Schluchzen des Leibes, die man als unmenschlich (crudelem) und gottfern (impium) bezeichnen könnte; kein Heilmittel gab es dafür, auf Dauer und viele raunten sich zu, dass es hier um etwas Außergewöhnliches und Extremes ginge, weit entfernt von unserer elenden Schwäche. (Balderich, Vita Roberti) Für die damalige Zeit wird das nicht psychologisch erklärt, sondern als das Ringen guter und böser Engel von außen um die Seele des Mannes.

 

Um 1085 ist Robert in Rennes als Erzpresbyter des Bischofs Sylvester de la Guerche. Nach dessen Tod 1093 ist er in Angers, wo er studiert und beginnt, seinen Körper zu kasteien (d.h. zu quälen). Bischof Ivo von Chartres kritisiert ihn zum ersten Mal. 1096 trifft ihn dort Papst Urban II. und verleiht ihm den Titel seminiverbum, also Sähmann der heiligen Schrift. Damit hat er die offizielle Predigterlaubnis.

 

Dann geht er wie vor ihm Jesus und so viele andere in die "Wüste", die in Nord-Frankreich wie in Deutschland meist ein Wald war. Eines der direkteren Vorbilder könnte Romuald aus der Familie der Herzöge von Ravenna sein, der nach einer aristokratischen Jugend erst ins Kloster geht, um dann extrem asketischer Eremit in der Einöde zu werden. 1012 wird seine Gemeinschaft zum Orden der Kamaldulenser. Die Zellen verlassen diese Eremiten nur zum Gottesdienst, außer am Donnerstag, am Sonntag gibt es nur Wasser und Brot, und es herrscht absolutes Schweigegebot. An diesen beiden Tagen darf auch Gemüse gegessen werden. Im Kamaldulenserkloster von Fonteavellana wird Petrus Damiani erzogen, einer der ersten großen Verfechter der Kirchenreform.

 

Zu der Schar von Roberts Anhängern gehören Bernhard von Tiron, Vitalis von Savigny, Herveus von Saint-Trinité und Radulf von La Fûtaie, die allesamt später Klostergründer werden. (Werner Robl, Heloisas Herkunft. S. 86) Sein Biograph Balderich (Baudri) von Bourgeuil schreibt später (um 1120): Viele Menschen jeden Standes strömten zusammen. Es kamen arme und edle (nobiles) Frauen, Witwen und Jungfrauen, alte und junge, Buhlerinnen und solche, die Männer verschmähten. Es fällt auf, dass es sich im wesentlichen um das weibliche Geschlecht handelt, jedenfalls hebt der bischöfliche Biograph darauf ab.

 

1095 ist Robert mit Anhängern im Wald von Craon, wo er das Chorherrenstift von La Roe gründet, das aus einer Schenkung von Rainald von Craon hervorgeht. Laut Biograph trägt er ein Bußgewand aus Schweineborsten, schläft auf dem nackten Boden. Man muss ihn sich mit Zottelhaar und Rauschebart vorstellen. Er gründet den Konvent, verlässt ihn aber wieder, als dort vielen seiner Anhänger der Zugang verweigert wird. In Zukunft lässt er sich nur noch Magister (Meister) nennen, nam neque dominus neque abbas vocitari volebat. (Balderichs Vita Roberti)

 

1084 hatte Bruno von Köln die große Chartreuse (Kartause) in der Einöde bei Grenoble gegründet. 1098 wird Robert de Molesmes Citeaux gründen. Aber Robert zieht es noch einmal in die Welt hinaus. Mit seinen Anhängern, darunter viele Frauen, streift er umher und predigt, bis er sich zwar in Fontrevault niederlässt, aber sich immer wieder in „die Welt“ hinaustreiben lässt, auch darin ein Vorläufer des Franziskus von Assisi. Zwischendurch nimmt die Kritik der Geistlichkeit zu: Die Kirchenoberen schimpfen über diese Gemeinschaft von Männern und Frauen, besonders über die meretrices, was sich nicht einfach mit Hure im heutigen Sinn übersetzen lässt, sondern eher mit „Frauen, die nicht kirchlich sanktionierte Beziehungen zu Männern haben“. (Alfred Haverkamp: Neue Formen von Bindung und Ausgrenzung. Konzepte und Gestaltungen von Gemeinschaften an der Wende zum 12. Jahrhundert, in: Schneidmüller/Weinfurter, S...)

 

Ein Welt-Kleriker wie Robert darf nicht so herumlaufen, seine Kritik an der hohen Geistlichkeit ist unloyal, er wirft ihnen Geldgier und Doppelmoral vor, Bischof Marbod von Rennes schimpft: Des weiteren pflegst du in Predigten, in denen du das gewöhnliche Volk (vulgares turbas) und unwissende Menschen belehrst, nicht nur wie es sich ziemt die Anwesenden wegen ihrer Laster zu tadeln, sondern auch, wie es sich nicht ziemt, nicht nur den abwesenenden kirchlichen Stand, aber du zählst auch Verbrechen der Würdenträger auf, pflückst sie heraus, zerreißt sie.

 

Das ist schon schlimm genug und kündet von fehlendem geistlichem Corpsgeist. Aber am schwerwiegendsten ist, dass die Gemeinschaft dieses Robert mit Frauen von Hochmut und falschem Stolz kündet. Robert will wohl heiliger sein als alle bisherigen Heiligen. Das geht zu weit.

 

Marbod von Rennes weiß, worum es geht und beschreibt es Robert in einem Brief: Allein durch ihr Aussehen verströmen sie ein verführerisches Gift, das bis ins Mark dringt, und mit ihren unaufhörlichen Lockungen erregen sie die dunklen Zonen des Geistes. ... Nicht lange schläft man sicher in ihrer Nähe. (Jacques Delarun, s.o.. S. 66). Die bisherigen Heiligengeschichten beschrieben, wie der Teufel in (Phantasie-)Gestalt schöner Mädchen die Frommen zu verführen suchte. Der Widerstand dagegen war schlimm genug. Sich noch mehr zu kasteien, indem man seine Keuschheit der unmittelbaren Nähe von (realen) Frauen aussetzte, war haarsträubender Übermut, eine Überforderung jedenfalls für alle anderen.

 

Und Marbod behauptet auch gegenüber Robert, dass Schwangere zu ihm flüchten, andere wohl in seiner Umgebung schwanger werden und weggehen, um zu gebären. (aliae enim urgente partu fractis ergastulis elapsae sunt, aliae in ipsis ergastulis peperunt.) Andere allerdings loben ihn, wie die Bischöfe von Poitiers und Bourges. Aber er muss Konzessionen machen.

 

Hersendis ist Tochter Huberts III. de Campania (de Champagne), ein treuer Gefolgsmann des angevinischen Grafen, der im Norden des Anjou auf Schloss Durtal hauste, einem Lehen von Gottfried Martell. Eine Urgroßmutter von Hersendis soll eine Montmorency gewesen sein, eine Ururgroßmutter eine Heloisa. (Robl, Herkunft, S. 97f)

 

Nach 1080 wurde Hersendis zum ersten Mal verheiratet (Robl, Herkunft, S.91), dann noch einmal mit Wilhelm von Montsoreau, das bei Candes liegt, wo Martin von Tours starb, dem Dorf, dem man dann den heiligen Leichnam stahl. Wilhelm hatte aus erster Ehe einen Sohn Walter, der am Ende seines Lebens Fontevrault beitritt. Um 1087 stirbt Wilhelm und wohl irgendwann nach 1092 schließt sich Hersendis Robert d'Arbrissel an, sie verschmähte das Ihre, wodurch sie über den Adel hinausstrahlte, wie Balderich in der Vita Roberti berichtet.

 

Als er sah, dass die Menge seiner Anhänger immer mehr wurde, und um nichts unüberlegt zu tun, weil er die Frauen und Männer unterbringen musste, wo sie ohne Angst vor Skandalen zusammensein und leben konnten, und wenn es ihm zuteil würde, einen einsamen Ort zu finden... (Vita des Balderich). Sie gründen ein Konvent im Tal der fons ebraldi, wobei sie das Grundstück von einer Riveria geschenkt bekamen, die in der Nachbarschaft lebte. Amor fraternus fordert Robert für dort, brüderliche Liebe, etwas, was eher selten war in seiner Welt.

 

Es gab einen unbebauten und wüsten Ort, voller dornigem Gesträuch, das von altersher Fons Ebraldi genannt wurde, fern aller menschlicher Behausungen, etwa zwei Meilen von der Cella von Candes entfernt, an das Bistum Poitiers angrenzend. Dieses Wäldchen, eine Art Gestrüpp, wählte er, damit darin Gottes neue Familie und sein neues Heer (nova familia et novus exercitus) wohne und arbeite. Als Geschenk einiger Eigentümer empfing er es und führte die ungesonderten (promiscuos) Rekruten der Christenheit dorthin. (Vita des Balderich) Der Ort ist auch ganz in der Nähe des Schlosses von Montsoreau und steht zudem unter dem besonderen Schutz des Bischofs Peter II. von Poitiers, der ein Freund Roberts ist.

 

Hinter den nun folgenden Landschenkungen stand, so Werner Robl (Herkunft, S. 115ff) die eigene und die angeheiratete Familie der Hersendis. Das mag auch ihre herausragende Stellung in dem entstehenden Kloster erklären (und vice versa).

 

Die Vorwürfe führen also dazu, dass Robert sich in Fontevrault niederlässt, wo die Geschlechter fein säuberlich in getrennte Teilklöster separiert werden können, so dass sie wenigstens in verschiedenen Räumlichkeiten untergebracht sind: Die „Jungfrauen“ kommen ins Marienkloster, die anderen ins Magdalenenkloster. Zu denen gehören auch ehemalige „Prostituierte“, vielleicht sind das zum Teil auch einfach von der Kirchenreform verjagte Frauen von Priestern. Insgesamt rund 300 Frauen sollen hier zusammenleben. Daneben ist das Männergebäude. Zusätzlich gibt es noch eine Abteilung, in der Aussätzige leben, die von der Gemeinschaft betreut werden. Die Frauen sollen in der Klausur beten, die Männer draußen arbeiten. Damit wird den Frauen eine höhere Stellung als den Männern in der Klosterhierarchie zugeordnet.

 

So wie das Kloster allerdings heute baulich dasteht, ist es im wesentlichen das

 

Fontevraud (wp)

 

Werk der Äbtissin Petronilla, die in Roberts Abwesenheit und insbesondere nach seinem Tod ein monumentales Anwesen bauen lässt. Indirekt erfahren wir aber, wie ein Teil der Amtskirche mit Roberts Vorstellungen noch nach seiner Niederlassung in Fontevrault und der Klostergründung mit seiner Geschlechtertrennung umging. In seinem wütenden Verteidigungsbrief gegen die Anwürfe Abaelards verweist Roscelin um 1120 darauf, er habe seinerseits sich nicht gegen Robert gewandt, den Abaelard offenbar als Zeugen gegen Roscelin angerufen hat, (Hos autem quos in exemplum trahis, dominum videlicet Anselmum Cantuariensem et Robertum bonae vitae bonique testimonii homines nunquam persecutus sum, licet quaedam eorum dicta et facta reprehendenda videantur. Nec mirum, quia videmus nunc per speculum in aemigmate(1. Cor XII, 12)).

 

Aber Einwände gab es eben doch:

Denn ich habe gesehen, dass der Herr Robert Frauen, die ihren Männern entronnen sind (a viris suis fugientes), auch als diese sie zurückhaben wollten und auch auf die Aufforderung des Bischofs von Angers, sie zurückzugeben, diese ungehorsam bis zum Tod hartnäckig bei sich behielt. Betrachte, wie unvernünftig diese Tat ist. Wenn nämlich eine Frau dem Mann das Geschuldete verweigert, und deswegen jener dazu gezwungen wird, Ehebruch zu begehen, so ist die Schuld der Veranlasserin größer als die des Handelnden. Die Frau muss also des Ehebruchs angeklagt werden, wenn sie ihren Mann abweist, der dann später aus Not sündigt. Wie also soll Robert, wenn er diese bei sich behält und versorgt, schuldfrei und unbeteiligt an diesem Verbrechen sein? Jene würde dies nämlich keineswegs tun, wenn sie nicht einen fände, der sie bei sich behält (Illa enim nequaquam hoc faceret, nisi qui eam retineret inveniret. (Das lateinische Original habe ich aus: Werner Robl: www.abaelard.de/abaelard/060011rosceschmaeh.)

 

Als einziger kasteit sich Robert weiter, indem er die körperliche Nähe zu den Frauen sucht, und dabei Enthaltsamkeit übt. Auch ein Abt Gottfried von Vendôme schilt ihn deshalb: Du erlaubst, wie man sagt, dass irgendwelche Frauen dir allzu vertraulich beiwohnen, mit denen du dich oft vertraulich unterhältst, und du errötest nicht dabei, dass du mit und unter ihnen schläfst. ... Du hast eine neue Art von Martyrium erfunden, eine Art, die bis jetzt noch nicht angewandt worden ist und die fruchtlos ist. Denn man kann keinerlei Frucht, keinerlei Nutzen ziehen aus dem, was gegen die Vernunft ist.

 

Zwei zukünftige gegensätzliche Bewegungen deuten sich an: Die der Vernunft, des Rationalisierens, deren vornehmster Vertreter bald Anselm von Canterbury wird, und die Entwicklung eines sensibleren Gefühlshaushaltes, wie er sich im poetischen Frauendienst darstellen wird.

 

Robert überschreitet keine Grenzen, sondern er lotet ihren äußersten Rand aus. Indem er die Nähe zur Frau zur äußersten Kasteiung macht, wertet er sie zugleich erheblich auf, schon alleine, indem er ihre Nähe als Geistlicher überhaupt zulässt. In der Keuschheit bei der Begegnung mit der Frau erfährt er den Geschlechtstrieb als höchsten Schmerz und höchste Lust. In diesem Schmerz befindet er sich im Zustand höchster Heiligkeit. Indem er das im Doppelkloster von Männern und Frauen in Fontrevault in deutlich geringerem Maße zum Dauerzustand macht, als besondere Heiligkeit und höchste Sublimierung des Geschlechtstriebes, gewinnt er seine ganz eigene Passion, das Leiden in einer Liebe zu Gott und seinen Nächsten. So fremd, wie das heute wirken mag, es ist eine zentrale Wurzel weiterer abendländischer Kultur geworden.

 

Fontevrault.

 

Indem die Leitung des Klosters und die höhere Arbeit des Gebetes an die Frauen fällt, ihnen die Männer unterworfen sind, entspricht er ein wenig dem, was gleichzeitig beim Aufschwung des Kultes der Muttergottes Maria passiert. In derselben Zeit kommt es auch zum Kult der Maria Magdalena, der ehemaligen „Hure“, die Jesus keusch die Füße wäscht. Im Magdalenenkloster sind dementsprechend entlaufene Ehefrauen und ehemalige sogenannte „Huren“ versammelt, alles Frauen mit sexuellen Erfahrungen und in der Regel mit schlechten. In der keuschen Verehrung ihres heiligen Robert gewinnen sie nun auch eine neue erotische Dimension.

 

Dies ist dieselbe Zeit, in der aquitanische Troubadoure beginnen, neue Liebesvorstellungen zu entwickeln, die literarisch in der Verehrung einer unerreichbaren Dame gipfeln werden. Der deutsche Minnesang wird folgen. Die Liebe als caritas, „himmlische Liebe“, wird verweltlicht als Liebe zur Hohen Frau, so dass es auch im säkularen Raum gelingt, die begehrende (cupiditas) von der gebenden Liebe zu unterscheiden. Wilhelm von Aquitanien wird im alten Okzitanisch erst sehr sinnlich-erotische Gedichte schreiben, dann eine Frau beschimpfen, die ihn zugunsten von Fontrevault verlässt, um dann aber doch die „hohe Minne“ zu entdecken, die nicht erobernde und manchmal auch vergewaltigende, wie es damals wohl nicht selten war.

 

Der Geschlechtstrieb und das sexuelle Begehren, insbesondere bei Männern, ist die ursprünglichste Quelle menschlicher Aggression. Beim neuen Mönchtum entwickelt sich seine radikalste Ablehnung, aber es entdeckt langsam, dass es nicht mehr die Frau ist, hinter der sich der Teufel versteckt, sondern dass der Teufel im Manne selbst drinnen steckt. Indem Robert sich seiner Sexualität stellt, stellt er sich am Ende der Aufgabe, mit ihr nicht mehr gegen Frauen fertig zu werden, nicht mehr in ihrer massiven Abwertung, sondern im Umgang mit sich selbst. Dabei wird das Christentum in eine Innerlichkeit hineinversetzt werden, die sich in den Mutter-Kind-Bildnissen der Marien der späteren Gotik beispielsweise niederschlagen wird.

 

Wie weit Robert seiner Zeit voraus ist, zeigt sich bei seinem Sterben 1117. Er ruft den Klerus der Gegend zusammen, um sie als Zeugen zu haben für seine Verfügung, dass die adelige Petronilla Äbtissin wird, die das väterliche Erbe verlassen hatte und seine Schülerin gewesen war, wie es in der Vita Andreae heißt: Eine Frau mit Macht über Männer. Eine adelige Frau, die verwitwet ist und Mutter, keine Jungfrau, eine Frau mit sexueller Erfahrung. Sie wird auch die spirituelle Leiterin. Den Männern stellt er frei, (deswegen) das Kloster zu verlassen und offensichtlich nimmt das ein Teil auch wahr.

 

 

Der Kampf um den Leichnam des beinahe Heiligen

 

Die Reliquie als Fetisch in eine Theologie zu integrieren, die sich bemüht, nach der Anverwandlung aristotelischer Gedankengänge in die lateinische Welt eine neue Anverwandlung in eine lateinisch-christliche Welt zustande zu bringen, gelingt nicht gedanklich-philosophisch, sondern nur aus der letztlich aristokratisch-antiken Vorstellung heraus, dass nur wenige berufen sind und die anderen als Herde (von Schafen oder gar Lämmern) eben ertragen und eingegattert werden müssen.

 

Das scholastische, also schulmäßige Philosophieren, welches seine erste Blüte direkt neben der Entdeckung des neuen lyrischen Ichs hat, wobei beide sich gegenseitig weitgehend ignorieren, systematisiert die altgriechische Philosophie so, wie sie sie nun versteht: Von Gott aus und nicht mehr vom denkenden Menschen. Da Gott alles ist, und der Mensch an ihm nur denkend teilhaben kann, verehrend denkend, partizipiert eben jeder am geschlossenen System so, wie er kann, und diejenigen, die fast alle sind, dürfen aufgrund ihrer geistigen Minderleistungen daneben bestehen – auch das hat Gott so gewollt.

 

Das schulmäßige Philosophieren, die Gelehrsamkeit, ist genauso nur etwas für wenige wie auch das neue lyrische Ich. Die meisten sind durch ihren Alltag davon ausgeschlossen und wohl ohnehin zu solchen intellektuellen bzw. sensiblen Höhenflugen nicht imstande. In der Reliquie und überhaupt dem Fetischisieren von Gegenständen wird etwas für fast alle angeboten. Jesus war ein Gegner der Gelehrsamkeit gewesen, ein Freund des schlichten Gemütes. Dieses braucht das sinnliche Angebot. In ihm kann sich die Volksfrömmigkeit der Schafsherde entfalten, wie damals die Gemeinde der Weltkirche genannt wird. Über sie wacht der Hirte und der Hirte der Hirten mit dem bischöflichen Krummstab, also dem Hirtenstab. Das weltlichen Herren unterworfene Volk wird auch geistlich verächtlich behandelt – es ist zu dumm für Theologie.

 

Die wichtigsten Fetische (man denke nur, der biblische Jesus hätte davon gewusst!) sind die Reliquien, die Überbleibsel der und des Heiligen. Sie sind wunderbar und wundertätig zugleich, Mittler zwischen dem Unfassbaren und der schlichten Menschenseele. Als die Trobador-Lyrik und das scholastische Denken beginnt, beginnt sich direkt daneben auch der Reliquienkult bis ins Unsägliche zu steigern. Die Überreste der Heiligen werden dabei zu kostbaren Wertsachen. Bevor ich das am Beispiel von Robert d'Arbrissel erzähle, sei nur als Seitenvermerk erwähnt, dass Kapitalismus ohne die Fetischisierung toter Dinge nicht denkbar wäre, auch wenn das nur ein Charakterzug seiner Entstehung ist.

 

 

Zisterzienser

 

Ein Robert wird 1044 Mönch des Klosters Moûtier-la-Celle in Troyes, 1053 Prior, und 1068 zum Abt von Saint-Michel-de-Tonnerre, zwar cluniaszensisch, aber offenbar nicht streng genug. Er kehrt nach Troyes zurück, wird dann Prior von Saint-Ayoul in Provins. Um 1074 laden ihn Eremiten in einem Wald in der Nähe ein, ihre Führung zu übernehmen und er gründet mit päpstlicher Erlaubnis mit ihnen die Abtei Molesmes. 

Er soll laut Ordericus Vitalis um 1094 seinen Mönchen erklärt haben, sie befolgten die Regel Benedikts nicht mehr, seien auf Reichtum aus und ein bequemes Leben. Die weisen das empört von sich. Robert zieht sich in ein kleines Kloster in der Nähe zurück, muss aber auf päpstliche Anweisung in seine Abteil zurückkehren. 1098 zieht er mit mehreren anderen aus dem Kloster aus und gründet in einer "Einöde" das Kloster Citeaux. Dem Regelbruch des Auszugs wird das Argument entgegengestellt, dass der Grund Regeleinhaltung sei (rectitudo regulae im 'Exordium parvum'). Erstaunlicherweise unterstützt der päpstliche Legat und Erzbischof von Lyon nun das Vorhaben.

 

Die Gemeinschaft möchte nicht mehr von den bislang üblichen Einkommensquellen leben, der Arbeit der abhängigen Bauern und den Abgaben, die sie leisten, nicht einmal vom Zehnten der eigenen Kirchen. Vielmehr wollen sie ihren Unterhalt aus der Arbeit auf ihrem eigenen Grund und Boden gewinnen. Schenkungen nehmen sie gerne an, bewirtschaften sie aber dann nur direkt.

Und direkte geistliche Gegenleistungen, wie sie für Cluniaszenser elementar wichtig sind, lehnen sie wie die Franziskaner bald ab, halten das aber dann nicht durch. Von dem englischen Heinrich II. ist überliefert, dass er als Buße für die Ermordung von Erzbischof Thomas von Canterbury (1179) nicht nur an Grandmontenser und Fontevrault (und andere) viel Geld stiftete, sondern auch 2.000 Pfund Silbergeld an Zisterzienser.  

 

In der 'Carta Caritatis Prior' von vor 1119 heißt es: In diesem Dekret bestimmten die genannten Brüder und legten für ihre Nachfahren fest, um einem künftigen Bruch des gegenseitigen Friedens vorzubeugen, durch welchen Vertrag, auf welche Art und Weise, ja vielmehr mit welcher Liebe ihre Mönche, dem Leibe nach auf Abteien in verschiedenen Weltgegenden verstreut, dem Geiste nach unzertrennbar miteinander vereint bleiben sollten. Diesem Dekret wollten sie den Namen Carta Caritatis geben, denn e schließt jede Belastung durch Abgaben aus und hat so allein die Liebe (caritas) und das Wohl der Seelen (animae utilitas) in göttlichen und menschlichen Dingen zum Ziel. (in Zisterzienser, S.29f)

 

Im selben Text wird die radikale Vereinheitlich des Alltags in allen Klöstern festgelegt, nämlich dass: … die Bräuche, ihr Gesang und alle für die Gebetszeiten bei Tag und Nacht und für die Messe notwendigen Bücher, mit denen des Neuklosters übereinstimmen, damit in unseren Handlungen keine Uneinigkeit herrscht; vielmehr wollen wir in der einen Liebe, unter der einen Regel und nach den gleichen Bräuchen leben. (s.o., S.92)  

 

Aus dem Kapitel von Citeaux entwickelt sich mit den Neugründungen das Generalkapitel, in dem die Äbte aller Klöster gemeinschaftlich alle Angelegenheiten des so gegründeten ersten großen Ordens besprechen und entscheiden.

Es handelt sich um einen ersten Orden: Die immer neuen Tochter- und Tochterstochtergründungen der Zisterzienser werden dadurch zusammengehalten, dass alle dieselben Gewohnheiten wie dort streng einhalten, was von den Äbten der jeweils übergeordneten Klöster regelmäßig überprüft werden soll. Einmal im Jahr sollen sich alle Äbte in einem Generalkapitel treffen, welches Äbte bei Verfehlungen auch absetzen kann. Ein wenig ist das Ganze wie eine große Firma organisiert. Die Autonomie des Klosters im Sinne der Benediktregel ist damit abgeschafft. Beim Tod Bernhards 1153 gibt es bereits 344 zisterziensische Konvente. Ein Triumph für den Orden wird dann, als mit Eugen III (1145-53) ein Zisterzienser Papst wird. Am Ende der Stauferzeit ist die Zahl ihrer Klöster bereits auf 647 angestiegen, womit sie fast schon ihre Höchstzahl erreicht haben.

 

Visitationen sollen über die Einhaltung der Ordensregel wachen. Aber in der Anfangszeit stagniert die Ausbreitung der "Zisterzienser" etwas, bis sie von Bernhards charismatischem Auftreten und seinen Texten Schubkraft erhält. 

 

1112 tritt Bernhard mit sechs seiner Brüder, einem Onkel und über zwanzig anderen in Citeaux ein. Im 'Exordium Magnum' heißt es: Denn Gott in seiner Gnade sandte der Gemeinschaft zu ein und derselben Zeit so viele gebildete und vornehme Kleriker und ebenso Laien, die in der Welt mächtig und angesehen waren, dass dreißig gleichzeitig mit Eifer ins Noviziat traten. (in Zisterzienser, S.32)

1115 gründet er das Tochterkloster clara vallis, Clairvaux, nach dem er dann benannt wird. Dass die frühen Zisterzienser Wert auf adeligen Rang und eine gewisse Belesenheit legen, belegt für die Folgezeit Ordericus Vitalis: Viele edle Krieger und tiefsinnige Philosophen (nobiles athletae et profundi sophistae) strömten zu ihnen wegen der einzigartigen Neuheit ihres Lebens. Bildung wird aber bei den Zisterziensern eher auf das Lesen geistlicher Texte zurückgefahren, was für ihre Bibliotheken einen geringeren thematischen Umfang bedeutet. Sapientia wird über scientia gestellt, was die Bettelorden hundert Jahre später deutlich ändern werden.

 

 In seiner 'Apologia ad Gullelmum abbatem' wendet er sich um 1125 an Wilhelm von Thierry gegen cluniaszensische Gewohnheiten. Da ist von gewaltigen Fischmengen die Rede, da werden vier oder fünf Gänge verschlungen. (20) Wenn aber die Adern vom hineingeschütteten Wein voll sind, und der Kopf ihnen schwankt, stehen sie dann nicht vom Tisch auf nur um zu schlafen? (21) Der ganze Kirchenschmuck wird abgetan, der bislang bei Benediktinern eher zum Glauben anregen soll.

Innerlichkeit als Abschließung von der äußeren Sinnenwelt formuliert Bernhard so: Schließe die Fenster, verriegle die Zugänge, verstopfe sorgfältig die Löcher! So wirst du, wenn kein neuer hinzukommt, den alten Schmutz wegputzen können. (Ad clericos de conversione). Die Augenlust wird zum Feind des Glaubens.

 

Überhaupt wird die Idee immer deutlicher, Frömmigkeit durch Verinnerlichung mit Einfachheit des Äußeren zu verbinden. Der fehlende Kirchturm soll von der üblichen Adelskirche lösen, und die Funktionalität der Klosteranlage soll die Gleichförmigkeit des Klosterlebens mehr verdeutlichen als ein allen gemeinsamer Bauplan. Bauliche Besonderheit werden die getrennten Chöre für Mönche und Konversen, ergänzt durch getrennte Kircheneingänge, wobei allerdings beide beim Stundengebet und den Messen gleichzeitig anwesend sind.

Die Wände der Kirche sollen kahl bleiben, ohne Fresken und Tafelmalerei, (fast) ohne Skulpturen. Bunte Glasfenster und die skulptierten bildhaften Kapitelle sollen fehlen wie auch kostbare Fußböden. Während spätere Abbildungen von der Bautätigkeit der Mönche künden, übernehmen sie doch nur eine grobe Bauleitung und lassen Spezialisten arbeiten.

Liturgische Geräte sollen fast alle nicht silbern oder golden sein, wie die 'Capitula' vorschreibt. Im Laufe der Jahrzehnte lässt sich das allerdings immer weniger durchhalten, insbesondere wenn solch kostbar-prächtiges Gerät als Schenkung dazukommt. Dasselbe gilt für Handschriften, die zunächst nicht illuminiert sein dürfen, aber dies dann doch bald des öfteren sind.

Das alles wird auf die Dauer nicht durchgehalten, wie schon Caesarius von Heisterbach belegt. Dabei muss man überhaupt sehen, dass Bernhard zwar sehr einflussreich ist, aber doch eher eine Extremposition im Orden vertritt.

  

Die erhebliche ausgeweitete cluniaszensische Liturgie wird textlich eingeschränkt, um dem einzelnen Text des Stundengebetes wieder mehr Bedeutung zu geben. Tonumfang und Verzierungen beim Gesang werden zurückgenommen wie auch die einsetzende Mehrstimmigkeit mit ihrer Kopfstimme.

Die memoria der Stiftertoten und die dazugehörigen Armenspeisungen werden gegenüber den Cluniaszensern dadurch massiv eingeschränkt, dass das individuelle Totengedenken durch pauschale Gebete an wenigen Tagen ersetzt wird.  Stifterbilder und Wappen werden zunächst untersagt, was sich gegenüber ihnen nicht durchhalten lässt. Tatsächlich werden dann Zisterzienserklöster wie Fürstenfeld für die Wittelsbacher und Doberan später für die Herzöge von Mecklenburg eine Art fürstliche Hausklöster mit der Begräbnisstätte für die Familie. Zudem wird immer mehr dem Wunsch von Laien nachgegeben, auf den Friedhöfen der Klöster begraben zu werden. 

Das Essen wird vereinfacht, Weißbrot wird in der Regel bald verboten, ebenso wie Fett und Fleisch, außer für Kranke, Konversen und Lohnarbeiter. Teure Gewürze wie Pfeffer sind ebenfalls untersagt. Das Schweigegebot wird strikter eingehalten.

 

Die Kritik blieb bald nicht aus. Ordericus Vitalis schreibt: Viele edle Gottesstreiter und Sucher tieferer Wahrheit laufen ihnen zu wegen der Neuheit ihres ausgefallenen Auftretens (…) Unter die guten Menschen mischen sich aber auch die Heuchler, die (…) die Menschen betrügen und dem Volk ein gewaltiges Theater vorspielen. (in EhlersOtto, S. 96) 

 

Die Tendenz zu Einfachheit und Schmucklosigkeit hilft natürlich dabei, Einkünfte zu kapitalisieren. Was bei den Cluniaszensern noch Schatzbildung ist, wird nun für Investitionen frei. Die vielen Neubauten verschlingen viel Geld, und so werden auch nur schon bestehende Klöster in den Orden aufgenommen, die wirtschaftlich solide sind. 

Aber zumindest in der Anfangszeit bedeutet der Vorrang innerer vor äußeren Bildern eine auf Vorstellungsvermögen beruhende gesteigerte Sensibilisierung des Nervenkostüms, die sich in Visionen niederschlagen kann - wenn schon keine wirkliche Gefühlsintensität.

 

Zisterzienser siedeln im Westen und auch in deutschen Landen oft auf Schenkungen bereits erschlossenen Kulturlandes. Nicht nur in Spanien werden sie zur Stärkung fürstlicher Herrschaft etabliert. Ramón Berenguer IV stiftet so zusammen mit hochadeligen Familien wie den Montcada die bald mächtigen Klöster von Poblet und Santes Creus in Katalonien, wobei sich die enge Verbindung zum Herrscherhaus bei ersterem noch heute deutlich erkennen lässt, und in Galizien werden ähnliche königliche Privilegierungen gemacht.

 

Vor allem im zunehmend deutschen Osten siedeln die weißen Mönche auf den immer noch großen Flächen sogenannten Ödlandes, von Heide, Wäldern, Marschen, Sümpfen. Während sie selbst ein Leben als „Religiöse“ führen, lassen sie ans Kloster angeschlossene Laienbrüder, die Konversen, die Arbeit gegen Kost und Logis verrichten. Daneben arbeiten diese auf entfernten Höfen, den Grangien, unter Leitung eines Mönches.

 

Diese Wirtschaftshöfe sollen laut laut Statuten in der Nähe der Klöster liegen, damit die Mönche von dort in ihre Klosterkirche eilen und ihren Gebetspflichten nachkommen können, was bald nicht mehr so stimmt. Die Höfe sind mit Wohngebäuden, Scheunen und Ställen ausgerüstet, zudem mit Backstuben, manchmal mit Brauhäusern und vor allem oft auch mit Mühlen, die zum Mahlen von Getreide, Nüssen und Oliven verwandt werden, aber auch als Walk-, Loh- und Sägemühlen. Die Lohe wird für die Gerberei verwendet. Zunächst sind Werkstätten für den Eigenbedarf an Kleidung, Schuhen und anderem an das Kloster angeschlossen, aber es gelingt des Öfteren, Überproduktion zu erzielen und handwerkliche Produktion ganz auf die Grangien zu verlagern.

Dort wird auch gelegentlich Holz zu Holzkohle verarbeitet, Eisenerz wird gewonnen und verhüttet. Salz und Steinkohle werden, wo vorhanden, abgebaut. 

 

Konverse sind (mindere) Mönche in einer Gemeinschaft neben den Mönchen, mit weniger geistlichen und mehr weltlichen (Arbeits)Pflichten versehen. Ihr Bildungsgrad war unwesentlicher und so konnten zum Beispiel nicht mehr erfolgreich wirtschaftende Bauern oder Bauernsöhne hier ein Auskommen finden. Auf die Dauer konnten Klöster mehr Konverse als Mönche haben.

 

Zusätzlich stellen die Mönche auch Lohnarbeiter ein und nutzen die freie Arbeit von „Gästen“. Lohnarbeiter werden bei ihnen als eigenständige Gruppe so genannt und treten damit zum ersten Mal auch auf dem Lande ins Blickfeld.

 

Bereits im Verlauf des 12. Jahrhunderts werden Grangien aber auch verpachtet und nicht mehr selbst bewirtschaftet. 1208 wird das für Einzelfälle vom Generalkapitel bereits erlaubt. Im 13. Jahrhundert beginnt dann der Rückgang der Konversenzahlen, was den Übergang zur Rentenwirtschaft beschleunigt. 

 

Damit fallen Zisterzienser von vorneherein aus den benediktinischen Klosterlandschaften mit ihren „feudalen“ Strukturen heraus, da sie weder Fronarbeit noch abhängige Bauern kennen. Aber beim Aufstieg ihrer Kloster als frühkapitalistischer Einrichtungen schwindet der benediktinische Sinn der Arbeit als Selbstversorgung. Wirtschaften wird zunehmend mit Marktgeschehen und Gewinnstreben verbunden. Sogar Darlehensgeschäfte können dabei eine gewisse Rolle spielen: Kapital wird so in Produktion, Handel und Bankierstätigkeiten in einer Hand investiert.

Klöster vergeben dabei Kredite gegen Land als Pfand, dessen Nutzung den Mönchen bis zur Rückzahlung zugestanden wird, womit sie das selbstgesetzte Wucherverbot umgehen.  

 

Die Klöster auf dem Lande dringen dadurch in die Städte, legen dort große Niederlassungen mit stattlichen Bauten an und nehmen so auch an den Machtspielen in der Stadt teil. Im jährlichen Generalkapitel spielt darum das Wirtschaften eine immer zentralere Rolle.

Für die Bauern im Umfeld der Klöster sind die Gründungen oft ein Problem. Anstelle der Streubesitzungen traditioneller benediktinischer Klöster treten große kompakte Flächen von Grundbesitz, die mit den kleinen Flächen von Herren abhängiger Bauern kollidieren und auf diese Druck ausüben. Zumindest erwähnt das Manzano so für Galizien (Manzano, S. 358f).

 

Nach und nach werden die Beziehungen zur weltlichen Macht nicht nur als Stifter und Spender immer wichtiger. Sie sind schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts als Gäste der Äbte willkommen und wohnen dann im 13. Jahrhundert nicht mehr in dem gewöhnlichen Gästehaus, sondern beim Abt in dessen nun abgetrenntem und zunehmend herrschaftlichen Gebäude. 

 

Die fehlende Grundherrschaft führt dazu, dass Zisterzienser zu idealen Partnern von Fürsten beim Landesausbau und bei der Ostkolonisation werden, wobei sie in letzterer neben den Prämonstratensern von herausragender Bedeutung sind.

 

Die enge Verbindung zwischen Zisterziensern und Staufern, die dem Aufstieg des Ordens sehr förderlich ist, hält bis zu deren Ende an. Viele der staufischen Zollprivilegien seit Konrad und Friedrich Barbarossa gehen an die Zisterzienser. In der Chronik des Klosters S.Mariae de Ferraria heißt es für 1224, dass Friedrich II. auf Anraten der Kurie Konversen aus allen Zisterzienserabteien Siziliens, Apuliens und der Terra di Lavoro erhielt, die er als Aufseher über Klein- und Großviehherden und über andere Angelegenheiten einsetzte oder für den Bau von kaiserlichen Burgen und von Stadthöfen (domicilia) in allem Städten des Reiches, wo sie noch keine Häuser für ihren Aufenthalt hatten. Es geht dabei allerdings nicht um das eigentliche Bauen, sondern um Aufsichtsfunktionen. 1238 beauftragt er einen Konversen aus Ferraria mit der Bauleitung für das Brückentor von Capua (in 'Verwandlungen', S.241f).

 

Zisterzienser spielen zudem eine große Rolle bei den niederländischen Landgewinnungen. „Auf dem Gebiete von Hulst besaß die Abteil von Dunes im 13. Jahrhundert allein 5 000 Morgen eingedeichten , neben 2 400 Morgen nicht eingedeichten Grundes.“ (Pirenne, S.79) Zisterzienser-Grangien können tausende von Schafen zum Beispiel halten.

 

Von enormer wirtschaftlicher Bedeutung werden auch die englischen Zisterzienser, die vor allem die Schafzucht auf der Insel ausbauen und sie damit zum wichtigsten Exporteur von Wolle machen. Ihre agrarische Orientierung hindert sie allerdings daran, zu bedeutenden Textilproduzenten zu werden. Im späten dreizehnten Jahren liefert die schottische Melrose Abbey fünfzig "Sack" Wolle jährlich an italienische Händler, was einer Herde von etwa 12 000 Schafen entspricht (Carpenter, S.39). Überhaupt sind Zisterzen eng in den Markt integriert, für den sie im wesentlichen produzieren. Geld schießen ihnen Firmen aus Lucca und Florenz vor, welches dann mit Wolle entgolten wird.

Um 1300 gibt es rund hundert Zisterzen in England, viele davon mit zehn bis zwanzig Grangien ausgestattet. Die Grangien sind aus dem Feld- und Flursystem der Dörfer herausgenommen und bilden einen Block für sich, d.h. sie bleiben auch dem dörflichen Gemeinschaftsleben fern. Ähnlich wie auf dem Kontinent investieren sie auch in Gewerbe, zum Beispiel Gerbereien.

Mit der Gratisarbeit von Konversen, mit fester Lohnarbeit und Tagelöhnern und mit ihrer Marktorientierung sind englische Klöster ähnlich wie die auf dem Kontinent frühe kapitalistische Unternehmungen auf der Basis von Landbesitz.

 

Ähnliches wird auch für Spanien im 13. Jhrhundert beschrieben, wo ebenfalls von Zisterziensern oft Viehzucht betrieben wird, und zwar auf der Basis königlicher Privilegierungen.

 

Ein verbunden mit dem Aufschwung der Städte bilden die Zisterzienser gerade in deutschen Landen einen wesentlichen Faktor für den Aufstieg des Kapitalismus. Dazu gehört ein für Klöster ziemlich neues Erwerbsstreben. „Auf der Basis von zahlreichen Käufen, Tauschhandlungen und Schenkungen vergrößerten die Mönche ihren Landbesitz im Umkreis der Grangien, arrondierten die Ackerflächen und suchten möglichst zusammenhängende Hofgemarkungen herzurichten. Bei der Vergrößerung von Hofflächen schreckten die Zisterzienser auch nicht davor zurück, zielbewusst Bauernland aufzukaufen, Bauernhöfe und Dörfer niederzulegen und den so gewonnenen Boden dem Grangienland hinzuzufügen.“ (Rösener in Staufer und Italien, S.300)

 

Das Geld kommt aus Überschüssen an Getreide, Wein und Produkten aus der Viehwirtschaft, von Rindern und Schafen vor allem, die auf den Märkten nahegelegener Städte verkauft werden. Da Zisterzienser der Fleischgenuss untersagt ist, sind die Mengen an Fleisch für den Markt besonders hoch. Mit solchem Geld wird die Effizienz durch Düngung und optimales Zugvieh gesteigert und neues Land dazugekauft. Südwestdeutsche Grangien erreichen mit bis zu 200 ha das Vier-bis Fünffache eines durchschnittlichen weltlichen Herrenhofes. (Rösener, s.o.)

 

In zweiter Linie gelangen auch die Überschüsse aus der handwerklichen Arbeit auf dem Klosterhof (Schuhe, Kleider etc) auf den städtischen Markt.

 

1136 wird das Kloster Eberbach im Rheingau gestiftet. 1163 besitzt das Kloster bereits dank Schenkungen geistlicher und weltlicher Herren und Zukauf 16 Grangien zwischen dem hessischen Ried, Darmstadt und Rheinhessen. Um 1200 hat es etwa 300 Mönche und Konversen, die erhebliche Überschüsse erwirtschaften. An die städtischen Märkte wird neben Getreide und Vieh vor allem Wein verkauft. Dieser wird vom Kloster Reichartshausen am Rhein mit klostereigenen Schiffen vor allem rheinabwärts transportiert, wobei man von erheblichen Zollprivilegien profitiert. 1162 ist ein Stadthof in Köln mit umfangreichen Wirtschaftsgebäuden dokumentiert, der einen großen Teil des Kölner Weinmarktes versorgt. 1177 gibt es einen solchen Hof (curia) auch in Mainz. Kloster Eberbach ist eine erhebliche, und bewusst kapitalistisch ausgerichtete Wirtschaftsmacht mit dann 16 Grangien um 1300.

 

1142 wird Kloster Schönau bei Heidelberg vom Wormser Bischof Burchard II. gegründet und mit Mönchen aus Eberbach ausgestattet. Zwischen der Rheinpfalz und dem unteren Neckarraum entsteht ein Wirtschaftsimperium mit vierzehn Grangien und dem dazugehörigen Streubesitz, gefördert schließlich vor allem von der Familie des Pfalzgrafen. Stadthöfe entstehen in Heidelberg um 1200 (mit erheblichen Privilegien) , 1216 wird Worms erwähnt, wo der Pfalzgraf Quartier bezieht. „Das Kloster Schönau besaß in Worms Bürgerrecht und konnte seine Produkte dort zollfrei einführen und lagern. Der Verkauf von Klosterprodukten war dagegen an die übliche Ungeldabgabe gebunden.“ (Rösener, s.o.) Der Stadthof zu Speyer bekommt 1224 seine Zoll- und Steuerprivilegien vom Bischof bestätigt. Dazu kam etwas später ein Hof in Frankfurt.

 

Würzburg um 1170: „Die wirtschaftlich überaus erfolgreichen Zisterziensermönche errichteten dort einen großen Hof, welcher der Verwaltung ihrer Güter in und um Würzburg diente. Auch als Absteige, später als Studienhaus, vor allem aber als Lager- und Verkaufsstelle für ihre in Eigenbau hergestellten Waren und für überschüssige Naturalabgaben wurde der Stadthof benutzt. Er umfasste ein ganzes kleines Stadtviertel innerhalb der alten Stadtbefestigung, gelegen an der heutigen Karmeliterstraße zwischen Bronnbacher Gasse und Innerem Graben.“ (Leng, S.31)

 

Eine Besonderheit zisterziensischer Entwicklung wird der in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts "explosionsartig ansteigende Aufstieg" (P.Johanek) von Frauenklöstern, die nun schneller wachsen als es jemals zuvor bei den Männerklöstern der Fall war.

Im weiteren Verlauf dieses Jahrhunderts nimmt aber die Bedeutung der weißen Mönchen in vielen Gegenden Europas ab, was nicht zuletzt auch durch das Aufkommen der neuen und nunmehr populäreren Bettelorden verursacht wird. Es gibt darum immer weniger Schenkungen an sie.