SCHWELLENZEIT: DAS KLOSTER IM 10. JAHRHUNDERT

 

1. Kloster im 10. Jahrhundert

2. Cluny: Eine besondere Stiftung

3. Zwischen zwei Welten (Die Robertiner und "ihre" Klöster)

4. Klöster und Kapitalismus

5. Ekkehard von St.Gallen

 

 

 1. Kloster im 10. Jahrhundert (derzeit in Arbeit)

 

 

Die Idealvorstellung des benediktinischen Klosters nach seinem Regelwerk ist jene Autarkie, die es aus der Welt herausheben soll. In seinen Mauern ist man Gott nah und zumindest den Engeln ähnlich, was außerhalb nicht möglich sein kann. Die Klosterpforte mit einem bewährten Mönch als Pförtner soll vor allem die Welt draußen halten. Gästen soll die Klausur, der engere Klosterbereich, verschlossen bleiben. Mönche wiederum sollen in der stabilitas loci nicht außerhalb des claustrum wohnen oder sich aufhalten..

 

Das Funktionieren extremer Kasernierung von Männern (oder Frauen) auf engstem Raum verlangt nach Strukturen von bedingungslosem Gehorsam, auch wenn dies die Klöster nicht zu dauerhaft konfliktfreien Räumen macht, wie sich dort nachlesen lässt, wo solche Konflikte, die durchaus auch gewalttätig sein können, nach außen dringen. Aber der innerklösterliche Alltag war den Zeitgenossen draußen wie uns heute weitgehend verschlossen. Interna dringen selten nach außen.

 

Dort, wo das Prinzip durchgehalten wird, dass ein Mönch ohne besondere Erlaubnis oder besonderen Auftrag nicht aus den Klostermauern heraus darf, ist er lebenslang eingesperrt, was einmal seinen Erfahrungshorizont massiv einschränkt, zum anderen nach Kompensationen geradezu schreit. Was aber alltäglich vor allem nach Kompensation verlangte, ist das Verbot des Auslebens des Geschlechtstriebes.

 

In die Wirklichkeit von Klöstern, abgeschlossen, wie es schon ihr Name sagt, lässt sich nur schwer und nur an wenigen Stellen hineinschauen. Seltene Einblicke gibt es dort, wo Konflikte auftauchen, die nach außen getragen werden. Ein Grundzug mittelalterlichen Klosterlebens ist die Tendenz zur Abweichung von der vorgegebenen Klosterdisziplin, die zu immer neuen Reformbewegungen führt: Benedikt von Aniane, Cluny, die Zisterzienser, die Bettelorden.

Informationen darüber bleiben im kleinen Kreis derer, die davon lesen können und können nicht einfach verallgemeinert werden.

Am Ende des 10. Jahrhunderts klagt in den Historien des Richer von Reims ein Abt Rodulf, "dass manche Mönche bis zu den Ohren reichende Mützen und kostbare, farbige Kleidung trügen, ihre Kutte viel zu eng schnürten und weite Hosen aus feinem Gewebe, die kaum die Schamteile vor Blicken schützten, sowie enge Schnabelschuhe mit Ohren an den Seiten trügen." (in: Goetz, S.111)

 

In deutschen Landen sind viele Klöster Eigenklöster des Adels, andere sind Reichsklöster. Die von adeligen Familien gestifteten und ausgestatteten Klöster sind eine Art Pfalzort, wo der Herr, wann immer er möchte, Unterkunft findet und bewirtet wird; er verfügt über das Klostergut, das durch zahlreiche Schenkungen anderer bald weit über die ursprüngliche Stiftungsschenkung seitens des Gründers hinauswächst. Solche Schenkungen sind oft Prekarien, die dem Schenkenden gegen eine Zinsleistung an das Kloster die Nutzung auf Lebenszeit sichern. Das Klostergut von Aadorf (Thurgau) zum Beispiel sollte nach der Stiftung 890 nach einer urkundlichen Begründung nicht nur dem Gedenken der gräflichen Familie, sondern auch dem Nutzen des Grafen Udalrich und seiner Familie ebenso wie dem Lebensunterhalt der Brüder dienen.  (Goetz, S.83)

 

Bedeutende Klöster gehören in unserer Schwellenzeit zu den größten Grundherren und sind ausgesprochen wohlhabend. Das Kloster St. Gallen verfügt um 900 über fast 2000  Zinsbauern. St.Emmeran in Regensburg besitzt um 1030 dreiunddreißig Herrenhöfe, die jeweils ein Mönch für einige Zeit verwaltet. (Goetz, S.83, siehe Großkapitel 'Land'.)

Tatsächlich hängt ja die Größe der Kloster weiterhin an der Zahl der Mönche, die es mit seinen Besitzungen ernähren und versorgen kann. Um 900 hat St.Gallen 101 Mönche und St.Germain bei Paris 213, St.Denis 132 Mönche, 928 besitzt Fulda 142 Mönche, die dann im Verlauf des Jahrhunderts erheblich weniger werden. (Goetz, S.94f)

 

 

 

 

 

2. Cluny: Eine besondere Stiftung

 

Westfranzien zerfällt in einen Flickenteppich von Herrschaften, die von befestigten Plätzen aus mit Waffengewalt kontrolliert werden.

 

Über einige der größten Flickenteppiche im Süden des ehemaligen Gallien versuchte ein Wilhelm seine Herrschaft auszubreiten. Seine Familie zeichnete sich durch besondere Treue gegenüber den Karolingern aus und war darüber aufgestiegen (Cantarella, S.16ff). Da war unter Pippin ein Graf Theoderich von Autun, der wohl eine Tochter von Karl Martell heiratete. Sohn Wilhelm bekommt von Karl d.Gr. die Grafschaft Toulouse und die Spanische Mark anvertraut. Sohn Bernhard bekommt von Ludwig dem Frommen die Grafschaft Barcelona und die Markgrafschaft Septimanien dazu.

 
Bernhard heiratet 824 in Aachen Dhuoda, deren Schrift zur Erziehung ihrer abwesenden Söhne (842-43) erhalten geblieben ist und sieht seine Gemahlin selten, vielleicht zum letzten Mal kurz vor der Schlacht von Fontenoy, als in Uzès Sohn Bernhard gezeugt wird. (siehe Anhang 9 und 10)

844 wird Vater Bernhard von Karl dem Kahlen wegen Hochverrat hingerichtet und Sohn Wilhelm vier Jahre später, als er in den Fußstapfen des Vaters Aquitaniens Selbständigkeit gegen den Karolinger verteidigt, ebenfalls. Sohn Bernhard (Plantevelue) schafft es, den Kernbesitz zu erhalten. Er bekommt von Karl dem Kahlen Toulouse bestätigt, und dazu die Grafschaften von Razès, Rouerge, der Auvergne und von Limoges. Später unterstützt er den Sohn Karls des Kahlen, Ludwig den Stammler, der 877 dessen Nachfolger wird; danach dessen Söhne Ludwig III. und Karlmann. Als Dank dafür, dass er gegen Boso von Vienne kämpft, bekommt er noch die Grafschaften von Bourges und Mâcon dazu. Danach ist er auf der Seite von Kaiser Karl dem Dicken zu finden.

 

886 erbt unser Wilhelm das alles. In der Gründungsurkunde für Cluny ist dann ein Traditionsbruch enthalten: Er hat als seinen Herrn (senior) Odo anerkannt, den Grafen von Paris, Usurpator, denjenigen, der sich Anfang 888 zum König von Franzien hat krönen lassen. Odo stirbt 898. Aus einem Abstand von einem Dutzend Jahren bestätigt Wilhelm stolz seine Treue zu ihm. Die Ehefrau von Wilhelm ist Ingelberg(a), Tochter von Boso, der sich 897 als König der Provence bezeichnet. (Cantarella, S.17)

 

893 begibt sich Wilhelm in ein Bündnis mit dem Grafen von Autun und König Odo gegen Karl den Einfältigen, wofür er Saint-Julien de Brioude im Bereich der Diözese von Autun  als Eigenkloster erhält, also dort Laienabt wird. Der Graf der Auvergne, Markgraf von Gothien und Abt nennt sich nun dux. Herrschaft übt Wilhelm aus, indem er mit bewaffnetem Gefolge herumreist, in seinen einzelnen Herrschaften Gericht hält und Streitigkeiten schlichtet und kriegerische Auseinandersetzungen führt.

 

Die Zeiten sind schlecht für Klöster. Zum einen sind sie im Norden und Westen Westfranziens den Überfällen von Nordmännern und in anderen Gegenden denen der Sarazenen und Ungarn ausgesetzt, und die Gemeinschaften befinden sich des öfteren auf der Flucht. Da  müssen zum Beispiel die Mönche von Noirmoutier vor der Loiremündung 836 mit den Reliquien ihres heiligen Philibert bis nach Tournus an der Saône flüchten. 937 fliehen sie erneut, nun vor den Ungarn in die Auverne, um dann 949 auf Dauer nach Tournus zurückzukehren, wo sie dann für uns heute eine der schönsten romanischen Klosterkirchen hinterlassen haben.

 

Zudem standen viele Klöster unter der Kontrolle von Adeligen, die wie die Welfen und die Robertiner einen Teil ihrer Macht auf ihnen und ihren Besitz begründeten. Selbst im für Westfranzien so wichtigen Martinskloster in Tours wurde die Benediktregel nicht mehr so recht eingehalten. "Nahm gar wie im alten St.Benoît de Fleury-sur-Loire ein Adeliger die Abtschaft wahr, der mit Frau und Kindern und Jagdgesellschaft im Kloster wohnte" (Wollasch, S.20), so war ein Reformbedarf unübersehbar. Offenbar wurde auch der strenge Einschluss im Kloster nicht mehr befolgt, und da viele Mönche kaum noch lesen konnten, war ihre religiöse Bildung bescheiden.

 

Herzog Wilhelm von Aquitanien, gelegentlich der Fromme genannt, fällt zunächst nicht aus dem Rahmen, besitzt er doch mehrere Eigenklöster und firmiert in dem von St.Julien de Brioude in der Auvergne selbst als Abt. Reformansätze zu strengerer mönchischer Disziplin (griechisch: Askese) hatte es zuvor in Baume unter Abt Berno gegeben, wo auch der zweite Abt Odo als Mönch lebte. 

 

Entweder 909 oder 910 stiftet dieser Graf Wilhelm von Mâcon, Herzog von Aquitanien, einer der mächtigsten Herrscher im ehemaligen Gallien, in besagter Grafschaft das Kloster Cluny. Da die Stiftungsurkunde viel über die damalige Welt und das neue Kloster erzählt, sei hier näher darauf eingegangen.

 

Für alle, die klar erfassen können, was Gott verfügt hat für irgendwelche Reichen, dass sie, so sie guten Gebrauch von den Gütern machen, die sie vorübergehend (transitorie) besitzen, gute Prämien (praemia) erzielen können, die für immer bleiben (semper mansura); das nämlich, was das Wort Gottes als möglich aufzeigt und jedem rät, wo es sagt: Reichtum des Mannes, Erlösung seiner Seele. (Sprüche 13)

 

Darum habe ich, Wilhelm, durch Gottes Gnade (dono Dei) Graf und Herzog, indem ich sorgfältig erwog und im Rahmen des Zulässigen Vorkehrung treffen wollte zu meiner Rettung, es für eine gute Tat sowie für absolut notwendig gehalten, einen Teil der Güter, die mir für eine Zeit gewährt wurden (temporaliter collatae sunt), zum Gewinn (emolumentum) für meine Seele herzugeben.

 

Ich bin in der Tat damit so überhäuft, dass ich nicht vom höchsten Gericht gerügt werden möchte, alles für das Wohl meines Körpers auszugeben, sondern mich eher, wenn das höchste Los mir alles geraubt haben wird, freuen könnte, dass mir etwas davon geblieben ist.


Der Teil, den der Graf und Herzog spendieren möchte, ist sehr wenig gemessen an dem vielen, worüber er verfügt, aber es wird reichen, um das zeitweilig später mächtigste und einflussreichste Kloster der lateinischen Christenheit zu gründen und auszustatten. Die Formulierungen stammen wohl von einem Kleriker in Diensten Wilhelms, der schreibkundig ist und jenen religiösen Kompromiss formulieren kann, der für die fränkischen Herren nach den Völkerwanderungen plausibel erscheint: Man darf erhebliche Macht und großen Reichtum ansammeln, sollte aber mit einem kleinen Teil davon sich einen Platz im Himmel, also im „ewigen Leben“ erkaufen.

 

Es gilt, nach der Mahnung von Christus zu verfahren: Ich werde mir seine Armen zu Freunden machen, und ich werde einen Entgelt von den Gerechten erhalten“ (Iustorum mercedem accipiam). Also sei allen kundgetan,die in der Einheit des Glaubens leben und die Barmherzigkeit von Christus erwarten,so wie sie aufeinander folgen und leben werden bis zum Untergang des Saeculums (ad saeculum consummationem).

 
Die “Armen“, um die es hier geht, sind nicht die Hungerleider, sondern die absichtlich Armen, Mönche also, die die „Welt“ zugunsten des Reiches Gottes verachten. Der antike Tausch, ich gebe ein Opfer und bekomme dafür etwas zurück, der einen symbolischen Akt gegen eine handfeste Gegengabe setzte, wird eigentlich seit dem frühmittelalterlichen Christentum dadurch verändert, dass das Opfer Jesu, seine Selbstaufopferung, alle weiteren Opfer überflüssig macht. Andererseits heißt es bei Jesus, dass der Besitz (Reichtum) an die Erde bindet und die Seele daran hindert, dem Himmelreich entgegenzustreben. Also ersetzt der Reiche das Opfer durch das Geschenk, mit dem er sich im eigenen Bewusstsein ein Stück Himmelreich erkauft.

 

Für die Liebe Gottes und unseres Erlösers Jesus Christus übertrage ich die folgenden Güter aus meinem mir rechtlich zustehenden Eigentum aus meiner Herrschaft in die der heiligen Apostel Petrus und Paulus, und das heißt, die Villa von Cluny, die am Fluss Grauna liegt, mit dem Hof (cortile) und dem herrschaftlichen Teil (manso indominicato) und die Maria, der heiligen Gebärerin von Gott, und dem heiligen Petrus geweihte Kapelle, die dort ist, mit allem, was dazu gehört, herrschaftlichen Gebäuden, Kapellen, Abhängigen beiderlei Geschlechts, Weinbergen, Feldern, Wiesen, Wäldern, Gewässern und Wasserläufen, Mühlen, Zugangswegen und Ausfahrten, kultiviert und unkultiviert.

 
Was hier beschrieben wird, ist eine spätkarolingische Grundherrschaft, ein in sich fast autarkes Gebiet, bevölkert (wohl) von einem Verwalter des Grafen und einer Schar offensichtlich bereits in völlige Abhängigkeit von Herr und Scholle geratener Landleute, die mit den „Sachen“ wie eine Sache nun den Herrn wechseln.

Neu daran ist, dass Wilhelm mit seiner Stiftung eine wirkliche Schenkung verbindet: Er verzichtet auf jede Nutzung der Erträge schon zu seinen Lebzeiten. (Wollasch)

 

Alle diese Güter befinden sich in der Grafschaft Mâcon oder deren Umgebung, und jedes davon ist klar abgegrenzt (terminis conclusae). Alle diese Dinge übergebe ich, Wilhelm mit meiner Frau Ingelberga, den obengenannten Aposteln, zuerst aus (wegen der) Gottesliebe (pro amore die), dann um der Seele meines über mir stehenden (senioris) Königs Odo willen, der meines Vaters und meiner Mutter, für das von mir und meiner Frau, unser Heil von Seele und Körper, und nicht weniger für die Errettung von Avana, die mir die selbigen Güter testamentarisch vermacht hat, und auch für die Seelen der Brüder und Schwestern und unserer Neffen, und aller Verwandter beiderlei Geschlechtes, unserer Getreuen (Vasallen etc), die uns zu Diensten stehen, und dann auch für das Wohlergehen (statu) und die Unversehrtheit (integritate) der katholischen Religion. ...

 

... Ich bestimme mit dieser Gabe, dass in Cluny ein Regular-Kloster errichtet wird zu Ehren der heiligen Apostel Petrus und Paulus und sich hier Mönche versammeln,, die nach der Regel des heiligen Benedikt leben und die übergebenen Güter in Ewigkeit besitzen, behalten, haben und verwalten, so, dass dort ein verehrungswürdiges Haus (Orationis domicilium) des Gebetes mit Gelübden und Anrufungen gläubig aufgesucht wird. Und dort sucht man und begehrt man mit aller Begierde und heißem Verlangen das himmlische Leben und dort werden Reden, Anrufungen, Anflehungen an den Herrn gerichtet, sowohl für mich wie für alle die, derer oben gedacht wurde. ...

 
„Gedacht wurde“: Das Wort in der Urkunde ist memoria, und sie hat zwei Seiten: Da ist die familia des Grafen/Herzogs, der zu gedenken heißt, eine Familientradition, Genealogie aufzubauen, die die sehr irdische Legitimität des zu (v)ererbenden Familiengutes samt den (Amts)Titeln bewahrt, nicht zuletzt durch die aufgemauerte Form des Klosters; da ist das Gedächtnis der schon Verstorbenen wie des Königs von (West)Franzien oder der Schwester Avana, die mit Gebeten durch den weiteren Weg ins ewige Seelenheil zu geleiten sind, und da ist die Hoffnung auf das entsprechende Gedächtnis im aufzubauenden Kloster, das den Tod des Stifters und seiner Frau überdauern soll.

 
... Und diese Mönche mit allen oben angesprochenen Gütern sollen unter der Macht und Herrschaft (potestate et dominatione) des Abtes Berno stehen, der ihnen, solange er lebt, nach den Regeln vorstehen soll nach bestem Wissen und Können. Und nach seinem Tod haben die Mönche das Recht und die Macht, als ihren Abt und Rektor einen von ihrem Orden zu wählen, gemäß dem, wie es Gott gefällt und nach der Regel des heiligen Benedikt, unbehindert in dieser religiösen Wahl von unserem Einspruch oder dem der Macht irgendeiner anderen Person. Alle fünf Jahre sollen die vorgenannten Mönche für die Illuminierung des Heiligen Stuhls zehn Solidi zahlen, und sie haben den Schutz der Apostel selbst und des römischen Pontifex.

 

Typisch für die unruhigen Zeiten ist der wiederkehrende Verweis „nach bestem Wissen und Können“, der Leistungen personalisiert, so wie schon oben der Verweis darauf, dass die gestifteten Besitzungen des Grafen klar abgegrenzt sind: Es gibt dafür ansonsten kein Katasteramt und keine sonderlich brauchbaren Karten.

 

Fast neu ist nicht die Einsetzung des ersten Abtes durch den herrschaftlichen Stifter, der hier einen bewährten und bewährt frommen Mönch aus der Oberschicht wählt, sondern die direkte Unterstellung unter die Päpste, die mit dem Lateranpalast abgesprochen sein musste (ihr gilt die symbolische Zahlung). Ein Vorläufer war ein Graf von Roussillon gewesen, der seine Stiftung Vézelay bereits dem Papst unterstellt hatte. Aber wohlwissend, dass der fern ist, kümmerte er sich selbst um dessen Schutz, während Wilhelm, um auch nur den Anschein eines Eigenkirchenrechtes abzulegen, es quasi schutzlos hinterlässt.

 

Neu ist zudem, dass nach dem Tod von Berno die Mönche in freier Wahl, unbeeinflusst von weltlichen Herren und Kirchen“fürsten“, ihre Äbte selbst wählen sollen. Tatsächlich werden die Äbte ihre Nachfolger designieren und das dann anerkennen lassen. Klosterreform nach dem Vorbild von Cluny wird zuallererst heißen, dass der weltliche Einfluss auf die Interna des Klosterlebens zurückgedrängt werden soll: Das mönchische Ideal bekommt wieder einen anerkannten Eigenwert als Inseldasein „in der Welt“. Tatsächlich heißt das, dass sich Klöster als große Wirtschaftsunternehmen und Machtfaktoren stärker verselbständigen. 

 

Tatsächlich wird das Kloster auf weltlichen Schutz angewiesen sein, und um ihn zu erlangen, muss man dafür natürlich etwas tun. Aber der Graf und Herzog betont noch einmal, dass...

 

... die selbigen Mönche weder unter unserem Joch stehen (iugio subiiciantur) noch dem unserer Verwandten noch dem irgendeiner anderen irdischen Macht, auch nicht unter der königlichen Pracht. Ich beschwöre Gott und bei Gott, bei allen seinen Heiligen und in Hinblick auf den Tag des schrecklichen Gerichtes, dass keiner der weltlichen Fürsten, kein Graf, kein Bischof und auch nicht der Pontifex des obengenannten Heiligen Stuhls auf die Güter dieser Diener Gottes, übergreifen darf, sie zerstückeln, verringern, verändern, jemandem als beneficium geben oder über ihnen irgendeine Autorität einrichten darf (Praelatum constituat) gegen ihren Willen.

 
Es folgen Beschwörungen, Verwünschungen, Verfluchungen derjenigen, die es wagen sollten, die Integrität und Autonomie des Klosters anzutasten, was darauf verweist, wie oft damals so etwas geschah. Das (Ver)Fluchen und Verwünschen ist übrigens seit der Spätantike zu einem Monopol des höheren christlichen Klerus geworden und wird vom "christlichen" Adel in seine Sphäre übernommen, was Kirche und Kloster gutheißen, soweit es in ihrem Sinne geschieht.

Wollasch begründet die Befreiung des Klosters aus den Händen des Gründers mit der Erfahrung, dass Erben solcher Gründer die Klöster existentiell gefährdeten. Und Karl Schmid vertieft das für den ddeutschen Südwesten so: "Die Erben eines adeligen Eigenklosters waren es, die dieses durch Besitzstreitigkeiten und Adelsfehden in der Regel zugrunde richteten. Es lag demnach wohl oft an der noch mangelnden Stabilität adeliger Herrschaft, dass die Adelsklöster, um über die Zeit hinweg unbeeinträchtigt existieren zu können, den noch immer allein wirksamen königlichen Schutz, d.h. die libertas als Reichsklosteroder doch eine solche in der Abhängigkeit einer Reichskirche, einer Bischofskirche oder Reichsabtei benötigten." (in:Investiturstreit, S.305)

 

Vorher noch wird auf eine zweite Aufgabe des Klosters aus der Sicht des Stifters verwiesen, nämlich sein Wunsch,...

...dass ihr euch immer mit höchster Anstrengung, in dem Maße, wie es die Gelegenheit und der Ort ermöglichen, in Werken der Barmherzigkeit gegenüber den Schwachen, den Armen, den Fremden, den Pilgern übt.

 
An sich war das ohnehin Aufgabe der Klöster, aber für Cluny und die mit ihm verbundenen Klöster wird es eine besondere. Anzumerken wäre, dass es (kriegerische) Gewalt war, auf der der Besitz des mächtigen Stifters beruhte, sei es des ererbten, erheirateten oder eroberten. Kriegerische Gewalt ist auch vonnöten, um ihn zu bewahren. Anzumerken wäre auch, dass die Behandlung der dem Kloster übereigneten servi vermutlich nicht so ganz vom Geist der christlichen Nächstenliebe geleitet war. Zu fragen wäre, wie das Kloster, integriert in die kriegerische Welt von Grundherren und weltlichen Mächtigen, mit ihnen umging.

 

 

3. Zwischen zwei Welten

 

Das Bild des frühen Mittelalters ist durch seine überlieferten Protagonisten geprägt von dem Gegensatz zwischen radikaler Frömmigkeit und extremer Härte, ja Grausamkeit. An der Linie der sogenannten Wilhelmiden lässt sich das Pendeln zwischen den Gegensätzen und der Versuch der Versöhnung zwischen beiden Seiten studieren.

 

Wenn wir mit dem "Christentum" des Stifters von Cluny beginnen, dann lassen sich Grundthemen erkennen. Da ist der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod und eine göttliche Gerichtsbarkeit mit der Drohung ewiger Verdammnis wegen der irdischen Schuld dessen, über den geurteilt wird. Da ist das (christliche) Schuldbewusstsein dessen, der auf sehr irdische Weise Macht und Reichtum angehäuft hat. Schließlich ist da die Vorstellung, dass man sich dennoch auf zwei Wegen ein gutes ewiges Leben erkaufen kann. Zunächst gibt man ein kleines bisschen von seinem Eigentum an eine fromme Gemeinschaft ab und tut damit ein "gutes Werk"; und dann verpflichtet man diese Frommen, für immer (bis zu dessen Erlösung) für das Seelenheil des Stifters zu beten.

 

An zwei Vorfahren, Wilhelm von Gellone und Dhuoda, und an einem Zeitgenossen des Stifters, dem Grafen Gerald von Aurillac, lässt sich betrachten, wie Versuche aussehen, christliche Ansprüche und irdische Erfordernisse zusammenzubringen. (Siehe Anhang 10)

 

Wollasch zur Vita des Gerald: "Den Adeligen zeigte sie die Möglichkeit, mächtig und reich zu bleiben und dennoch heilig zu werden: in einer Auffassung der eigenen Herrschaft nämlich, die Herrschaft als von Gott gegebene Verantwortung für die dem Herrschenden Anvertrauten bezeichnet, auch den Unfreien gerecht wird und den Armen hilft, Gerald von Aurillac wird darüber hinaus geradezu als Mönch im Grafengewand dargestellt, der seine conversio heimlich vornahm, die Tonsur unter der Kopfbedeckung verbarg, im Verborgenen betete und sich kasteite und nach außen als wahrhaft christlicher Graf auftrat." (in: Investiturstreit, S.284)

 

Der Einfluss der Gründung Clunys wird schnell sichtbar, als ein Gefolgsmann Wilhelms 917 Bourg-Dieu in Déols (Indre) mit fast demselben Wortlaut an Cluny überträgt.. 929 überträgt mit ähnlichem Wortlaut die Schwester des Königs Rudolf von Hochburgund Romainmôtier an Cluny.

 

Der erste Abt Berno aus burgundischem höherem Adel war entgegen der Benediktregel von der kleinen Schar der Mönche nicht gewählt worden. Seine Nähe zur weltlichen Macht hilft wohl, dass bald Sauxillanges (Issoire) und Souvigny (Allier) ebenfalls Cluny unterstellt werden.

 

926 sieht Berno sein Ende kommen und er designiert einen Verwandten und Odo zur Nachfolge in jeweils einer Klostergruppe. Unter Odos Leitung steht auch Cluny, welches sich in Gemeinschaft mit fünf anderen Klöstern nicht mehr so schutzlos fühlt.

 

Odo vertritt Weltflucht als Konsequenz aus der Gewalttätigkeit seiner Zeit, die das nahe Weltenende ankündigt. In dem Gemeinschaftsleben der Apostelgeschichte sieht er das Vorbild für die Klöster. In seiner Darstellung von Gerald von Aurillac gibt er ein Vorbild für einen christlichen Hochadeligen. Er kämpft gegen den Fleischgenuss der Mönche, gegen Privateigentum und andere "Unsitten" unter ihnen.

 

Das Leben dieser reformierten Mönche soll von einer Hauptmesse, der Totenmesse, sechs bis sieben Stunden des Gebetes, der meditativen Lektüre, Fastenperioden und körperlicher Arbeit bestimmt sein. Außerhalb der kurzen Schlafenszeit soll der Alltag aus unaufhörlichem Gottesdienst bestehen. Einschlafen zwischendrin wegen Übermüdung wird nicht geduldet.

 

Immer mehr Klöster werden nun von ihren Herren an Cluny zwecks Reform und Aufsicht übertragen, oft wohl gegen Widerstand zumindest einer Mehrzahl der Mönche. Andererseits gibt es ein päpstliches Privileg von 931 durch Johannes XI., welches Cluny erlaubt, Mönche aufzunehmen, die aus der Regelwidrigkeit ihres Klosters fliehen. Zudem, noch weitreichender, erlaubt er Cluny die Aufsicht über zur Reform übergebene Eigenklöster adeliger Herren. Daraus entsteht ein Klosterverbund über große Teile Europas, deren Gemeinsamkeit in der gemeinsamen Disziplin besteht, wobei besonders abhängige Klöster zudem keinen Abt mehr wählen, sondern einen Prior von Cluny ausgewählt bekommen.

 

Am Beispiel von St.Benoit bei Fleury an der Loire beschreibt Wollasch nach der Vita Odonis, dass Reform nicht immer notwendig Unterordnung bedeutet.Vom westfränkischen König Rudolf an den Grafen Elisardus übertragen, rief dieser "Odo von Cluny zur Reform nach Fleury. Odo kam, und mit ihm manche Mächtige, darunter Herzog Hugo der Große von Francien. Da steigen die Mönche von Felury auf die Dächer des Klosters und begrüßten die Ankömmlinge mit Steinen und Wurfgeschossen. Eine Delegation des Klosters trat mit Königsurkunden heraus, um zu beweisen, dass Fleury nie einem anderen Kloster unterworfen sein könnte. Odo von Cluny unterlief daraufhin den Angriff, indem er Bischöfe und Grafen, die mkit ihm gekommen waren, stehen ließ, nach dreitägiger Verhandlung allein das Königskloster betrat und den Mönchen versicherte: Pacifice veni, adeo ut neminem laedam, nulli noceam, sed ut inccorectos regulariter corrigam. Er tastete nicht den Rechtsstand des Benmediktklosters an und wurde schließlich von den Mönchen eingelassen." (in: Investiturstreit, S.286)

 

Des Abtes Beziehungen zu Fürsten, Königen und Päpsten, hohe Politik sozusagen, gewährt dem Kloster den Schutz, den Päpste nicht leisten können. Damit ist der Abt viel auf Reisen, dabei nicht zuletzt auch nach Rom. Zu den Unterstützern gehören die hochburgundischen Welfen, die Grafen vom Périgord und von Toulouse, der Robertiner Herzog Hugo der Große, König Rudolf von Frankreich und Alberich in Rom. (Wollasch in: Investiturstreit, S.281)

 

Wie inzwischen üblich wird der nächste Abt Aymard von seinem Vorgänger designiert und dann von den Mönchen abzeptiert. Die Zahl der Mönche und die der Schenkungen nimmt zu. Immer mehr Adelige wollen auf dem Klosterfriedhof bestattet und in die Gebetsgemeinschaft des Klosters aufgenommen werden.

 

Ähnlich kommt Maiolus in sein Amt. Wollasch spricht von "Zustimmungswahl". Da immer mehr Klöster nun zu Cluny gehören, wird Maiolus zum Reiseabt. 972 wird er dabei von Sarazenen gefangen genommen, die 1000 Pfund Silber als Lösegeld erpressen. Inzwischen ist Kaiserin Adelheid, Verehrerin Clunys, längst zum Bindeglied zum Kaiserreich aufgestiegen. Ein Papst aus Cluny wird sie bald heiligsprechen und ein anderer ihr Leben als Heiligenlegende aufschreiben.

 

Unter diesem Abt wird der Grafensohn und Mönch von Cluny Wilhelm von Volpiano zum Reformator von 40 Klöstern, ausgehend seiner Zeit als Abt von St.Bénigne in Dijon, wo ihm die bisherigen Mönche fortlaufen, als er mit neuer Mannschaft ankommt.1001 reformiert er im Auftrag des normannischen Herzogs Fécamp und 1003 Fruttuaria, eine Stiftung des Arduin von Ivrea. Er unternimmt neue Versuche, die Kunst des Lesens unter den Mönchen zu verbreiten.

 

Für die zunehmende Zahl von Mönchen in Cluny wird in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts eine neue Säulenbasilika mit Querschiff und Seitenschiffen erbaut, im Osten mit halbrunder Chorapsis und Nebenchören als Verlängerung der Seitenschiffe. Hier wie anderswo auch beginnt die Baukunst der Romanik.

 

In dieser Zeit beginnt die Niederschrift der Gebräuche, consuetudines von Cluny. "In diesem Text wird den Gang des Kirchenjahres hindurch der Ablauf des Tages für den Mönch in Cluny völlig auf die Liturgie hingeordnet, auf die mönchischen Tageszeiten, zu denen das Chorgebet stattfand, und auf die Messfeier. So sehr wurde die Gemeinschaft in ihren gemeinsamen Gottesdienst gestellt, dass der Text der ältesten aus Cluny erhaltenen Gewohnheiten klösterlichen Lebens nahezu nur Aussagen zur Liturgie zu entnehmen sind." (Wollasch, S.96)

 

Bei Radulf Glaber liest sich das in seiner Historia so: In diesem Kloster, das kann ich selbst bezeugen, gibt es einen Brauch,, der sich nur durch die gewaltige Anzahl der Mönche verwirklichen lässt; und diesem Brauch gemäß werden tatsächlich von der ersten Stunde des Tages bis zur Ruhezeit ohne Unterlass Messen gefeiert. Dies geschah mit so viel Würde, so viel Frömmigkeit und so viel Verehrung, dass man eher meinen könnte, Engel walten zu sehen als Menschen

 

Anderes erfahren wir erst später aus Reiseberichten. Ein Ulrich von Zell beschreibt nach 1079 die Gewohnheiten von Cluny. Da heißt es über die späten Nachtstunden: Die Pause (nach dem Nachtoffizium) pflegt sinnvoll genutzt zu werden, so dass der Prior des Klosters insgeheim die ganze Klausur durchsuchen kann; er schaut nämlich nach, ob alle Türen der Klausur verschlossen sind; er durchmustert das Dormitorium von einem Ende zum anderen, ebenso die Latrinen. Er geht weiter zum Krankenhaus, um in jeder Beziehung nachzusehen, wie sich die Kranken befinden. Durch die Marienkirche kehrt er in die Klosterkirche zurück. Keinen Altar, an den irgendeiner der Brüder herantreten könnte, lässt er ununtersucht, um nachzusehen, wer dort sei und was er dort treibe. (Nonn, S.138)

 

Mit dem Zerfall von Burgund wird die Grafschaft Mâcon immer selbständiger und in dieser Grafschaft Cluny mit seinen Töchterklöstern und Grundherrschaften. 986 übt der Abt von Cluny bereits in seinem Bereich eine von allen übergeordneten Mächten gelöste Gerichtsbarkeit aus, eingebettet in eine Welt, in der einfache Seigneurs von Hörigen wie Freien wie principes Steuern erheben. Der gräfliche Einfluss gegenüber den Herren unter ihm schwindet immer mehr.

 

Opposition erfährt Cluny hauptsächlich von bischöflicher Seite, wie das satirische 'Carmen ad Rotbertum regem' des Bischofs Adalbero von Laon belegt.Darin wird das Bündnis Adel - Cluny kritisiert und die Machtanmaßung gegenüber dem Bischofsamt.

 

Der nächste Abt Odilo, wie seine Vorgänger aus dem Hochadel, wird wieder vom alten Abt kooptiert und dann 993/94 "gewählt", wobei die Großen von Burgund hinzugezogen werden. Das Kloster gerät in die Adelsfehden, wird beraubt und beteiligt sich an der Gottesfriedensbewegung, die auch in einer Reformbewegung für die Weltkirche mündet. Selbst Äbte und Bischöfe unterlassen Reisen wegen zu großer Unsicherheit.

 

Sicherer als Gottesfrieden ist das Bündnis mit den Adeligen der Umgebung. "Bebautes Land, mit allem, was sich darauf befand, verlieh das Kloster auf Lebenszeit an Adelige. Der Zins, den sie dafür an Cluny zu entrichten hatten, brachte zwar meist weniger ein, als wenn das Land in Eigenbewirtschaftung geblieben wäre. Wertvoller für die Mönche war der Schutz, den die Landesempfänger der Abtei nun schuldig waren. Während die Burgherren das geliehene Land zum Auf- und Ausbau ihrer Herrschaft einsetzen konnten, wurden sie von den Cluniaszensern zur Wahrung des klösterlichen Interesses gewonnen. Die wiederum gewannen aus der engen Verbindung mit Cluny etwas für ihr "Seelenheil".

 

Das bedeutet nicht nur frühen Übergang zur Rentenwirtschaft, sondern über die enge Bindung von Adeligen auch Förderung von Laien, die kleine an Cluny gebundene Priorate stiften, die die regionale Macht Clunys verstärken.

 

Der riesige Grundbesitz von Cluny im südöstlichen Burgund ist in 32 Dekanien geteilt, von hörigen Laien, quasi Ministerialialen mit Aufstiegschancen verwaltet. Immer mehr Arbeitsbereiche im Randbereich des Klosters werden ebenfalls von solchen hörigen Laien betrieben, die in Einzelfällen auch Mönche werden können, was den beißenden Spott des Cluny-Gegners Bischof Adalbero von Laon hervorruft.

 

Ein gewaltiger Bereich ist inzwischen die tägliche Armenfürsorge geworden, über deren Kosten Äbte gelegentlich schon mal klagen. Diese Armen werden allerdings zum regelmäßigen gemeinsamen Beten parallel zu den Mönchen angehalten, was auch kontrolliert wird.Am Gründonnerstag werden dann von den Mönchen den Massen von Armen die Füße gewaschen, getrocknet und geküsst, - Übung in Demut.

 

Der Machtbereich von Cluny wächst und wächst. 998 sollen ihm 38 Klöster gehören, Mitte des 11. Jahrhunderts sind es etwa 70. Immer mehr kleinere Klöster kommen noch hinzu, die als Priorate von Cluny aus verwaltet werden. Immer wertvollere Geschenke aus Silber und Gold, mit Edelsteinen besetzt, gehen an das Mutterkloster. Mit Cluny zwei entsteht eine viel größere Abtei.

 

Beim Tod Abt Hugos von Sémur 1109 umfasst der Machtbereich von Cluny fast 1500 Abteien und Prioreien. Im 11. Jahrhundert ist der Abt von Cluny einer der mächtigsten Herren mit seinen Vasallen, Zinsbauern und Domänen, ganz legal nur dem Papst untertan, der weit weg ist. Und wie ein Fürst greift er immer mehr in die große europäische Politik ein.

Hugo von Semur, 1049-1109 Abt von Cluny, spricht denn auch von der Cuniascensis ecclesia, was die Papstkirche verständlicherweise nicht übernimmt. Seine ekklesia ist die Gesamtheit der von hier kontrollierten und reformierten Klöster. Sein Abtsstab wird als Szepter bezeichnet und ist Ausdruck von Herrschaft. Entsprechend beginnt er, mehr Macht über reformierte und zu reformierende Klöster auszuüben. Wollasch spricht von "monastischer Herrschaft" über andere Klöster (in: Investiturstreit, S.291)

 

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Mit Cluny beginnt eine Welle von Klosterreformen, indem sich andere Klöster von dort reformieren lassen, zunächst in der burgundischen Nachbarschaft und dann über das ganze lateinische Europa hinweg. Im Kern soll dabei die Wiederherstellung des Lebens nach den Regeln des Benedikt von Nursia und ihrer Fassung durch Benedikt von Aniane betrieben werden. Da aber klösterlicher Alltag darin nicht bis in Details festgelegt ist, entwickeln Klöster sowieso eigene consuetudines, Gebräuche. Nun werden die von Cluny mehr oder weniger auf zu reformierende Klöster übertragen.

 

Viele von ihnen unterstellen sich ganz Cluny und verzichten dabei auf einen eigenen Abt. Ihr Abt ist dann der des Mutterklosters, der in den Tochterklöstern als seine Beauftragte Prioren einsetzt. In solchen und häufigen Fällen ist damit die klösterliche Autonomie ausgehöhlt.

Die Reformen können von den Klöstern selbst ausgehen oder aber von der Stifterfamilie, die Cluny einlädt, dort eine strengere Lebensform einzuführen. Mit den Reformen entziehen sich die „cluniaszensischen“ Klöster wie ihre Mutter der Einflussnahme durch weltliche Große, - aristokratische Einrichtungen bleiben sie aber allemal.

 

Das Ganze ist eingebunden in eine neue Frömmigkeits-Bewegung, die auch einige Bischöfe und weltliche Große ergreift. In Lothringen finden sich Männer, Laien wie Kleriker und Eremiten, zusammen, um 934 das verfallene Kloster Gorze mit Unterstützung des Bischofs von Metz neu zu gründen, um es ebenfalls mit strenger benedikinischer Rigorosität zu erfüllen. Von dort strahlt die Bewegung durch Lothringen nach Stablo, Metz, Moyenmoutier und Trier aus, wo St.Maximin ein neues Zentrum bildet, welches unter anderen auf Köln, Magdeburg und Hildesheim Einfluss hat.

 

Wenn man der Vita (in den MGH) und der Erzählung von Werner Goez folgt, dann war Johannes ein Sohn freier lothringischer Bauern, der es zu einigen Wohlstand bringt, einem Haus in Toul zum Beispiel und mehr. Das ermöglicht ihm, als Erwachsener Schulwissen nachzuholen, wobei er auch mit asketisch lebenden Nonnen in Berührung kommt, die ihn beeindrucken. Er wird Vegetarier und schließlich Eremit in den Ardennen.

 

Er trifft auf den seine eigene Form von Askese lebenden Kleriker und Grammatiklehrer Bernacer aus Toul und sie ziehen zum Michaelsheiligtum auf dem Monte Galgano in Nordapulien. Über den Besuch mehrerer namhafter Klöster geht es zurück nach Lothringen. Die beiden tun sich mit einem Touler Archidiakon zusammen, der aus der Kirche in die Einsamkeit geflohen war, einem weiteren reichen Bauernsohn, wobei man gelegentlich in Erdlöchern hauste, und einem weiteren Touler Archidiakon, der seinen Besitz verschenkt und sich zwecks Askese zurückgezogen hatte, und mit anderen mehr.

 

933 erlaubt ihnen der Metzer Bischof, den Betrieb des verlassenen Klosters von Gorze wieder aufzunehmen. Es gibt mehr Chordienst und mehr Gebetszeit als sonst üblich und strenges Einhalten der durch den besonderen Wunsch nach Askese geprägten Gewohnheiten, die sich bald herausbilden. Durch Schenkungen floriert das Kloster, welches wie Cluny und andere zu einer Art landwirtschaftlichem Musterbetrieb wird (Werner Goez). Es gibt Fischteiche, Gehege zur Vogelzucht, Mühlen, eine Saline, Werkstätten. Gorze wird schnell so berühmt, dass der lothringische Herzog von dort Mönche holt, die das altehrwürdige St. Maximin bei Trier reformieren, von wo dann Reformbewegungen durch das ganze römisch-deutsche Reich gehen.

 

Was so ohne adelige Stifter als selbständige asketische Gemeinschaftsgründung beginnt, endet in Frankreich, in deutschen Landen und in Italien im 10./11. Jahrhundert meist in Unterordnung unter die Kirche. Aber zunächst finden hier eben auch nichtadelige und sich aus dem adeligen Kontext herausbegebende Männer ein Ventil für Sinnsuche und Unternehmenslust, für technische und wirtschaftliche Innovation, für neue Karrieren bis hinauf zur Abtswürde und damit verbundener weltlicher Macht unter geistlicher Flagge. Sobald sich kapitalistische Strukturen verbreitern, entwickelt sich darin dann ein neues Feld für Abenteuer und sozialen Aufstieg, manchmal am Anfang ebenfalls von – nun allerdings erzwungener - Askese oder zumindest Sparsamkeit begleitet.

 

In deutschen Landen, wo Klöster nicht als so „verlottert“ galten, mussten weltliche Große zur Durchsetzung von Reformen oft hart durchgreifen, Mönche verließen empört das Kloster, um dann wieder zurückzukehren, da sie in der „Welt“ nicht Fuß fassen konnten.

 

Solch reformiertes Mönchtum, welches das saeculum stärker außen vor lassen möchte, und sich im Kern weder mit dem Seelenheil der Laien noch mit Mission befasst, wird dennoch ein Machtfaktor nach außen. Das betrifft nicht nur seine wirtschaftliche Macht, die noch einmal ansteigt, sondern die Neigung von Äbten, und ganz herausragend denen von Cluny, in den Konflikten „draußen“ (manchmal friedensstiftend) zu intervenieren. Das führt bis zu Vermittlungsversuchen zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII.

 

Im deutschen Raum sind die mächtigen „Reichsklöster“ unter den Ottonen ähnliche Stützen königlicher Herrschaft wie die Bischöfe. „...schon in ottonischer Zeit führten beispielsweise die Äbte von Lorsch (Bergstraße) und Weißenburg (Elsass) dem Kaiser je fünfzig Gepanzerte für den Italienkrieg zu, mehr als die Bischöfe von Worms, Konstanz oder Freising.“ (WGoez, S.55)

 

Dabei gewinnen Nonnenklöster an Bedeutung, in denen Mädchen des Adels bis hoch in die königliche Familie ohne Verehelichung Karriere machen und dann in die Machtkämpfe eingreifen können. Wie drastisch Herrscher dabei durchgreifen und sich über monastisches „Recht“ hinwegsetzen, benennt Thietmar von Merseburg an einem Beispiel: Auf massiven Druck von Otto I. wird die „kaum zwölfjährige“ Hathui aus seiner Familie Äbtissin eines Klosters, fast unmittelbar, nachdem sie – offenbar zu diesem Zweck – den Schleier genommen hatte (Thietmar, II,42). Nun wird von Mädchen im frühen Mittelalter erwartet, recht früh erwachsen zu werden (die dreizehnjährige Godila gebiert einem Onkel Thietmars bereits seinen ersten Sohn IV,39), aber hier handelt es sich dennoch um einen mehrfachen schweren Regelbruch.

 

Königliche Töchter wie Sophia in Gandersheim machen als Nonnen und dann Äbtissinnen Karriere. Bei Thietmar von Merseburg liest sich das so über Theophanus Töchter: De fructu ventris sui decimas (den Zehnten) Deo obtulit filias suas, I. ad Quidilingeburga Aethelheidam nomine, alteram ad Gonnesheim, quae Sophia dicitur. (IV,10)

Äbtissin Mathilde in der civitas Quedlinburg ist eine Art Regentin für das Reich, als Otto III. in Italien ist (Thietmar IV,41)

 

Unentwegt werden sowieso benediktinische Regeln gebrochen, wie als um 980, wie Thietmar berichtet (IV,57), ein Polenherrscher die Nonne Oda aus dem Kloster Calbe bei Magdeburg heiratet, immerhin Tochter eines Markgrafen. Sed propter salutem patriae et corroborationem pacis necessariae not venit hoc ad discidium, das Reichsinteresse und die Friedenswahrung lassen die Mächtigen beide Augen zudrücken.

 

Aus solchen Voraussetzungen wird deutlich, das Klosterreform im (deutschen) Reich von Seiten des hohen Adels und der Könige (Heinrich II., Konrad II) vor allem auf wirtschaftliche Effektivierung und die Herstellung innerer Disziplin fördernde Maßnahmen abzielte. Aber im Bewusstsein der Zeit ist das nicht von „Religiosität“ zu trennen, Religion und Machtausübung bilden eine untrennbare Einheit.

 

***Die Robertiner und "ihre" Klöster***

 

Klöster sind über ihre Besitzungen ein lokaler und manchmal auch regionaler wirtschaftlicher Machtfaktor, "politisch" werden sie das über den weltlichen Schutz, den sie genießen, und über ihr Ansehen.

Die weltliche Macht wiederum herrscht tatsächlich über ihr militärisches Potential, aber sie bedarf der religiösen Legitimierung. Daraum bedarf sie der kirchlichen und klösterlichen Partner, die ihr nicht nur Militär zuführen, sondern sie auch religiös absichern. Darum werden Bischöfe und Äbte nach Möglichkeit von ihr eingesetzt.

 

Der Weg der Familie der Robertiner zum Königtum im 9. und 10. Jahrhundert und schließlich zum Königtum in Familienbesitz führt auch über die Verfügung über Kirchen und insbesondere Klöster. Christentum der Herrenmenschen ist derzeit schiere Gewaltausübung und fromme Begleitmusik im sakralen Gesang.

Irgendwann vor 888 hatte Odo, der Sohn Roberts ("des Tapferen"), die Verfügung über das Kloster St. Denis gewonnen. Das war bedeutsam, denn als er König wird, verfügt er damit über die Grablege einiger merowingischer und karolingischer Könige. 897 bestätigt ihm der Karolingerkönig Karl den "Besitz" dieses zukünftigen "Nationalheiligtums". Als Odo ein Jahr später stirbt, wird seine Leiche dorthin überführt. Später kommen Hugo ("Magnus") und Hugo ("Capet") dazu.

 

Inzwischen hatte die Familie der "Robertiner" sich längst in ihrem Machtbereich eine ganze Anzahl "königlicher" Abteien angeeignet, Marmoutier, St. Martin von Tours, St.Aignan in Orléans, St.Germain des Prés und manche andere. Robert ("der Tapfere") sorgt dafür, dass sein jüngster Sohn Robert sie als Laienabt kontrolliert.

 

In der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts stieg Fleury an der Loire mit der Überführung der Überreste des überaus heiligen Benedikt von Nursia aus dem zerstörten Montecassino zu einem bedeutenden Pilgerort auf.In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts wird Herzog Rudolf, Schwager König Roberts I., Herr über das Mâconnais, zum dem Cluny gehört. Robertiner unterstützen dann die Reform von Fleury durch Cluny und später auch die von St.Denis durch dieselben.

Als sich im Verlauf des 10. Jahrhunderts immer deutlicher Orléans als Hauptort robertinischer Macht erweist, gewinnt auch das rund 35 Kilometer entfernte Fleury an Bedeutung. Ende des Jahrhunderts und Anfang des nächsten sind die Äbte Abbo und Gauzlin enge Vertraute der Könige Hugo ("Capet") und Roberts II., die sie letztlich in ihre Ämter gebracht haben. Abbo reist denn auch in königlichem Auftrag in diplomatischer Mission nach Rom. Robert II. macht Gauzlin neben seinem Abtsamt auch zum Erzischof von Bourges.

 

Kirchen und Klöster sind längst schon die größten Grundbesitzer und mit ihrer Macht über die dort ansässigen und arbeitenden Bauern von enormer Bedeutung.

Zum Bündnis mit hohem Adel, Fürsten und Königen sind sie schon deshalb gezwungen, weil sie sich nicht in eigener Regie militärisch verteidigen dürfen. Dabei sind die Begehrlichkeiten groß, an ihren Grund und ihre Kirchenschätze zu gelangen. Andererseits leben in diesen Klöstern im wesentlichen Adelige, von noch höherem Adel geleitet. Daraus entwickeln sich erhebliche Bindekräfte mit Fraktionen der weltlichen Macht. Mustergültig dafür wird in Westfranzien St. Denis werden.

 

Frühmittelalterliche Klöster und der Weg in den Kapitalismus

 

Während das 10./11. Jahrhundert die Ideologie von den drei Ständen der Betenden, der Kämpfenden und der (Land)Arbeitenden entwickelt, gibt es tatsächlich doch nur zwei Hauptgruppen: Die Freien und Noblen auf der einen Seite und die produktiv arbeitenden mehr oder weniger Unfreien auf der anderen. Während der evangelische Jesus Besitzlosigkeit forderte, häufen Bistümer und viele Klöster immer größere Besitzungen an. Das Besondere an den Klöstern ist, dass der einzelne Mönch kaum Eigentum haben darf, für das Kollektiv der Mönche aber wünschenswert ist, dass es reich wird. Damit kann es zum wichtigen Machtfaktor werden und zudem in seiner Prächtigkeit besonders eindrucksvoll die Interessen der weltlichen Machthaber vertreten. 

 

Während dabei der einzelne Mönch in seinem Kollektiv täglich in einem System von Befehl und Gehorsam steht, üben die Äbte die antike Macht des Patriarchen über sein Geschlecht bzw. seine "Familie" aus und verkehren zugleich mit den weltlichen Großen ihrer Zeit auf Augenhöhe. Die Äbte von Cluny sind, offensichtlich von der stabilitas loci des einfachen benediktinischen Mönches ausgenommen und oft wie Reisekönige im lateinischen Europa unterwegs, verkehren regelmäßig in Rom auch mit jenen Päpsten, die wegen größtmöglicher Verworfenheit berüchtigt waren, mit Kaisern und mit Königen wie den römischen, französischen und englischen. Ihre Besitzungen sind nicht der Zersplitterung im Erbfall unterworfen, sondern werden durch ständig neue Spenden vergrößert. Während das Erbeuten neuer Besitzungen durch kriegerische Gewalt den weltlichen Adel hohen Risiken aussetzt, und Unfruchtbarkeit der wirtschaftlichen Unternehmung Adelsfamilie gar ein Ende setzt, müssen Klöster nur durch den Eindruck von Frömmigkeit und wirtschaftlicher Effizienz glänzen, um immer reicher zu werden. Wie die ständig reicher werdende Adelskirche warten (sozusagen) ihre enormen Besitzungen dann darauf, kapitalisiert zu werden, also von Schätzen in Kapital verwandelt zu werden.  

 

Viele einzelne Bewegungen führen in jene große, die als Entstehung des Kapitalismus bezeichnet werden kann. Da sind am Anfang steigende Produktivität in der Nahrungsmittelproduktion und der übrigen Landbewirtschaftung auch durch technische Innovation, steigender Reichtum der großen Grundherren, insbesondere ihrer Oberschicht in den Fürstentümern und Reichen und damit steigende Nachfrage nach Luxusgütern vor allem, da ist punktuelle Kapitalanhäufung im Fernhandel, neuer Aufschwung von Markt und Geldwirtschaft, und da sind die Trennung in religiöse Frömmigkeit und weltliche Rücksichtslosigkeit und manches mehr als erste Voraussetzungen.

 

An alledem sie die Klöster bis ins späte Mittelalter an vorderster Front beteiligt. In technischer Hinsicht sind sie oft Vorreiter in der Organisation ihrer Grundherrschaften, in der Steigerung der Produktivität dort, in der Nutzung des Wassers und der Wasserkraft durch Mühlen, in der Urbarmachung von "Ödland".

Im baskischen Álava zum Beispiel kontrollieren die Mönche von San Millian de Cogolla und San Pedro de Cardena die Salinen.

 

Ihre Schatzbildung ist gelegentlich enorm und wird in Notzeiten auch zur Kreditgewährung eingesetzt. Klöster fragen Luxusgüter in entsprechendem Umfang zu ihrer Ausstattung nach, die ihnen dann durch Schenkungen vor allem zukommen, aber auch Spezialisten im Baubereich und anderem. (siehe ...)

An manchen Klöstern siedeln sich Märkte an, zusammen mit Handwerk und Handel. Daraus können ganze Städte entstehen. Zu den hoheitlichen Rechten, die Klöstern verliehen werden, gehört manchmal auch das Münzrecht, wie für Prüm in der Eifel, Tournus und Sankt Martin in Tours oder auch Cluny, das Münzstätten in Niort und Saint-Jean d'Angely im Auftrag der aquitanischen Herzöge betreibt. 

 

Kapitalismus wird hierarchisch als Machtausübung im Betrieb durch Befehl und Gehorsam strukturiert, und die kann nirgendwo besser vorgemacht werden als in Klöstern, die selbst als wirtschaftliche Unternehmungen große "Firmen" sind. Noch wichtiger wird das dort vorgegebene Arbeitsethos, welches sich zwar weniger in produktiver Arbeit als in geistlichen Mühen äußert, aber hier zum ersten Mal als Wert an sich im ora et labora äußert, wobei selbst produktive Arbeit als gottgefällig jenseits jeder sonstigen Nützlichkeit formuliert wird: Mühsal als Vermeidung von Sünden und zur Ehre Gottes.

 

In mancher Hinsicht wirkt das frühe Kloster wie eine Einübung in Aspekte des Kapitalismus. Da ist der absolute Gehorsam, der sich in dem Machtverhältnis zwischen Kapital und Arbeit wiederfindet, da ist die Betonung der Pünktlichkeit und die genaue Einteilung der Abläufe jeden Tages, die immer wiederkehren. Und da ist die Arbeitsdisziplin. Otiositas inimica est animae, Müßiggang ist der Feind der Seele, heißt es schon in den Benediktregeln (48). ...deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Zeiten mit heiliger Lesung beschäftigt sein. Und weiter: Wenn aber örtliche Umstände oder die Armut es erfordern, dass sie sich selbst mit der Erntearbeit abgeben, sollen sie sich nicht betrüben, denn sie sind dann wahrhaftig Mönche, wenn sie von ihrer Hände Arbeit leben...

 

Armut (paupertas) ist zwar ein jesuanisches Ideal, aber dann keines mittelalterlicher Mönchskollektive. Die Eigentumslosigkeit des Einzelnen korrespondiert nämlich in vielen mit dem Willen zu Reichtum und Macht der Unternehmung Kloster. 

 

Aber so recht Kapitalisten werden Klöster erst mit den Zisterziensern werden, und dann allerdings zu solchen der besonders innovativen Art - wenn auch in Besitzstrukturen, die Kollektivismus und Privatkapitalismus miteinander verbinden werden. 

Deren Aufstieg allerdings wird mit dem wirtschaftlichen Niedergang der traditionellen Klöster einhergehen.

 

5. Ekkehard (IV.) und St.Gallen im 10. Jahrhundert

 

Um 612 gründet Gallus, ein irischer Mönch und Gefährte des Columban, an der Steinach in einiger Entfernung von Bodensee eine Einsiedlerzelle. Um 720 wird ein Otmar als Gründer eines (zönobitischen) Klosters an diesem Ort eingesetzt und bevölkert dieses mit rätischen (romanisierten) Mönchen, die später durch Vertreter alemannischer Adelsfamilien abgelöst werden, die das Kloster mit Grundbesitz beschenken. Die karolingischen Hausmeier machen Konstanz zu einem Zentrum fränkischer Herrschaft und greifen von dort auf das Kloster über. 757 setzt Pippin der Jüngere die Benediktregel durch und St.Gallen wird dem Bistum Konstanz unterstellt. Auf dem Weg zu Pippin wird Otmar von Grafen des Bischofs überfallen und eingekerkert. Er stirbt 759 in der Gefangenschaft. Der Bischof setzt nun seinen Kandidaten als Abt durch, und als er kurz darauf stirbt, übernimmt der Abt das Bischofsamt in Personalunion.

Unter Abt Gozbert erhält St. Gallen 818 von Ludwig dem Frommen dann doch ein Immunitätsprivileg und die Erhebung zum reichsunmittelbaren Kloster. Es wird zu einer wichtigen Stütze der fränkischen Herrschaft in Alemannien. Im Skriptorium entstehen bedeutende biblische und "wissenschaftliche" Texte. In den Kämpfen der Söhne Ludwigs des Frommen wird das Kloster dann in Mitleidenschaft gezogen. 841 setzt Ludwig der Deutsche seinen Kaplan Grimald, also einen Weltgeistlichen, als Abt durch, der vor allem die Beziehungen zum Hof pflegt und einen Mönch für die Aufsicht über das geistliche Leben bestimmt. Unter einem Abt Salomo kommt es 890 bis 919 zu einer erneuten Blütezeit, mit der die Geschichten des Ekkehard (IV.) beginnen, die dann nach 970 abbrechen.

926 fliehen die Mönche vor den Umgarn auf ihre Wasserburg bei Lindau und zu einer Fluchtburg in den Wäldern. Die Ungarn beschädigen das Kloster, brennen den seit etwa 720 entstandenen Ort, inzwischen eine kleine Stadt, nieder und morden die Einsiedlerin Wiborada. 937 legt ein Klosterschüler Feuer, welches dem Kloster erneuten Schaden zufügt.

 

Ekkehard wächst offenbar in der Sankt-Gallener Klosterschule zum Mönch heran und wird dann dort Magister, bis er nach ab 1022 als Magister in Mainz unterrichtet, um dort bis zum Tod Bischof Aribos 1031 zu bleiben und dann wieder als Lehrer nach St.Gallen zurückzukehren, wo er wohl vor 1060 stirbt.

Die gegen Ende seines Lebens geschriebenen 'Casus Sancti Galli' beruhen offensichtlich weit überwiegend auf Hörensagen im Kloster, also mündlicher Tradition. Ihr "Wahrheitsgehalt" sowohl in vielen Details wie auch in den historischen Einordnungen ist darum oft zweifelhaft und mehreren propagandistischen Zielen untergeordnet, deren wichtigstes wohl die implizite wie explizite Kritik an den von Lothringen ausgehenden "gallischen" und "schismatischen" Reformbewegungen seiner alten Tage ist, wie er sie nennt. Ekkehard schreibt wohl zu Zeiten des Abtes Nortpert, der Schüler des im lothringischen Stablo regierenden Reformabtes Poppo gewesen war. "Ekkehards Hass gegen diesen Poppo von Stablo ist unübersehbar. In einigen seiner Glossen beschimpfte er den Reformer und dessen Lehrer, Richard von St.Vannes, als Heuchler, Trunkenbold und Werkzeug des Teufels." (Steffen Patzold in: Ekkehard, S.302). So spricht er denn auch von einem monastischen Schisma, welches sie von den "Galliern" erdulden (tempora, que a Gallis patimur, monachorum scismatis, Ekkehard, S.264). Ziel der 'Casus' ist es offernsichtlich, gewisse Freiheiten im Umgang mit der Benediktregel als harmlos für das Florieren eines Klosters darzustellen.

 

Dem reformerischen Vereinheitlichungsdrang der Praxis der Benediktregeln und deren buchstabentreuer Stricktheit setzt er eine Vielfalt entgegen, die auf den unterschiedlichen Persönlichkeiten beruht, die er an herausragenden Beispielen exemplifiziert. Entsprechend betont er den Geist der Regeln gegen ihre Buchstabentreue (Steffen Pätzold, s.o.). Dafür zitiert er auch den Bischof Arnulf von Toul: Denn nicht über eine einzige Bahn und Regel (unius tramite et regule via) wird das Himmels- und Gottesreich erstiegen; weil es mitten unter uns ist, dürfen die einen so, die anderen aber so emporklimmen (... und dann ein Jesus-Wort aufgreifend:) Und so viele Wohnungen im Reiche des Vaters sind, so viele Wege (vie) (...) führen, wofern ich nicht irre, hinein. (Ekkehard, S.202)

 

Ekkehard erklärt diese unterschiedlichen Wege im selben Geiste deutlich irdischer aus der unterschiedlichen natura der Mönche, ihrer unterschiedlichen Persönlichkeit also. Das macht er vor allem am Beispiel der verschiedenen, immer aber herausragenden Charaktereigenschaften und Talente von Notker Balbulus (der Stammler), Tuotilo und Ratpert deutlich. Solche Talente streifen aber nur am Rande das Thema Frömmigkeit, und so redet er über Notker denn auch als den Gelehrten, Maler und Arzt, um ihn darzustellen (cap.123). Das die "Natur" für Theologen der eher diabolische Gegenpol zum Himmelreich und zu jeder Form von Heiligkeit ist, ignoriert er ungeniert.

 

Dies ist ein Bild klösterlichen Lebens des 10. Jahrhunderts, welches erst im 11. entworfen wird, aber es mag implizit verdeutlichen, was cluniaszensische und dann lothringische Reformer bewegt. So lässt etwa Ekkehard den Bischof von Chur über St. Gallen gegenüber Otto II. urteilen: Wenn der Gerechte sich selbst Gesetz ist, dann habt ihr keine regeltreueren (magis regulares) Mönche in eurem Reich. (Ekkehard, S.204) Das ist offensichtlich eine sehr gewagte Auslegung von Regeltreue.

 

Wir haben es hier nur mit einem Text aus einem Kloster zu tun, aber zugleich immerhin mit einem, der in manchem jene detaillierten Einblicke ins Klosterleben gibt, die ansonsten meist fromm verschwiegen werden. Fast nichts erfahren wir dabei zum Thema Sexualität, welches von seiten der Klöster ohnehin regulär totgeschwiegen wird. Immerhin geht es kurz einmal um die jeweils in deren Zuhause stattfindende Unterrichtung schöner Frauen und implizite gegenseitige Verdächtigungen.

 

Im Kern wird deutlich und vom Autor verteidigt, dass Mönche des Klosters in vielen Punkten von der Benediktregel abweichen, - ohne aber deren "Geist" zu verlassen.

Offenbar gibt es dabei erhebliche Konkurrenz zwischen den Klöstern, wie zwischen Reichenau und St.Gallen, die den Reichenauer Abt veranlasst, sich in St.Gallen einzuschleichen, um Regelverstöße zu entdecken. Er wird dabei entdeckt und kommt nur knapp an Prügel vorbei. Und so wird das Kloster auch bei Otto d.Gr. denunziert, der eine große Untersuchungskommission schickt.

 

Die Klausur schließt eigentlich die Mönche von der übrigen Menschheit ab. Tatsächlich gelangen immer wieder andere, eben auch hochgestellte Laien hinein. Und so heißt es zur Zeit von Abt Notker: Selber habe ich vor den Zeiten des monastischen Schismas, wie wir sie von den Galliern (Lothringern) erdulden müssen (also schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts), erlebt, dass Grafen und andere mächtige Herren, Gefolgsleute auch von St.Gallen, um der Freude willen an Festtagen unseren Prozessionen durch das Klosterinnere zu folgen, - junge und alte Männer (...) - in Mönchsröcke gehüllt mit uns marschierten, wohin wir nur immer gingen. Und auch im Refektorium habe ich ihrer acht, die freilich verdiente Männer waren, an einem Ostertag beim Abt und bei den Dekanen im Mönchshabit zu Tische sitzen sehen. (cap.136). Man verkleidet also Laien in Mönchskutten, wenn man sie in die Klausur einlässt.

 

Umgekehrt sollen die Mönche aufgrund der Verpflichtung zur stabilitas loci ihr Kloster regulär nicht verlassen. Daran scheint man sich aber nur wenig zu halten, es genügt offenbar der des öfteren gegebene Dispens des Abtes. Musterbeispiel ist der Autor selbst, der sein Kloster für viele Jahre verlässt, um unter dem Mainzer Erzbischof dort eine Schule zu leiten. Ein anderer Lehrer, Ratpert, betont extra, dass er im Jahr nur zwei paar Schuhe verbraucht habe, so selten habe er das Kloster verlassen. Ausgehen nannte er den Tod, und oft beschwor er unter Umarmungen den reisefrohen (itinerarius) Tuotilo, sich vorzusehen. (Ekkehard, S.79) Tuotilo aber zog mit Erlaubnis der Äbte, unter denen er diente, und meist sogar auf ihre Weisung, durch viele Länder um der Kunst (artificia) und der Wissenschaft (doctrinas) willen. (Ekkehard, S.88) Dabei sind Mönche ohnehin schon aus wirtschaftlichen Gründen, für Verkauf und Einkauf und für die Verwaltung der Güter zum Beispiel unterwegs.

 

Der junge Wolo gehörte zu jenen Vornehmen (nobiliores), die häufiger vom Weg abwichen und dafür mit Worten und Schlägen gezüchtigt werden. Seiner Freiheit offenbar gegen seinen Willen beraubt, steigt er gerne den Glockenturm hoch, um wenigstens so etwas von der Gegend zu Gesicht zu bekommen und stürzt dabei dann zu Tode. Notker träumt es darauf laut Ekkkehard, Ratpert erscheine ihm und sage über Wolo: Ihm sind viele Sünden vergeben, denn er hat viel geliebt. (Ekkehard, S.100). Das ist zwar laut Lukas-Evangelium ein Zitat Jesu, aber eines, welches Kirche und Kloster natürlich nicht teilen konnte und in diesem Kontext eigentlich für frivol hätte halten müssen. Dass eifriges Sündigen durch viel Caritas aufgewogen werden könnte, wäre der Ruin des mittelalterlichen Christentums gewesen.

 

Wolo steigt auf den Turm des Klosters, um die Welt der Freiheit außerhalb der Klostermauern mit den Augen zu ersehnen. Aber in massiven Krisen zeigt sich, dass viele der Mönche froh sind, wenn sie mehr Freiheiten erhalten. Nach Klosterbrand und Renovierung im 10. Jahrhundert heißt es: Die Brüder, die sich nach dem Brand ans Vagabundieren gewöhnt hatten, nötigte (der Abt) Craloh schließlich, ständig in der Klausur zu leben, zu gebotener Stunde zu schweigen und zu sprechen, die Regel täglich anzuhören und auszuüben ... aber: dazwischen ließ er ihnen, gleichwie Novizen, Freiheiten zukommen, die sogar wider die Regel waren (Ekkehard, cap.70).

Dennoch gilt er den Mönchen als zu streng, und er muss darum für zwei Jahre zum König fliehen. Danach kostet es Bischof Ulrich von Augsburg, einst selbst im Kloster erzogen, erhebliche Mühe, Abt und Mönche wieder miteinander zu versöhnen.

 

Ein wesentlicher Punkt ist individuelles Eigentum, im Kloster eigentlich verboten, aber die Gerüchte sagen, dass es in St.Gallen einige gebe, die reich an eigenem Besitz, verwöhnter lebten (cap.98). Das unter anderem veranlasst den Reichenauer Abt Ruodmann, das Kloster beim Kaiser zu denunzieren. Ekkehard kontert das in seinem Text damit, das Ruodmann reiche jährliche Erträge beiseite schaffte (cap.101), also: für sich selbst.

 

Benedikt verbietet alltäglichen Fleischgenuss im Kloster, dem schwächlichen Abt Purchard aber erlaubt laut Ekkehard der Konstanzer Bischof ausdrücklich, Fleisch zu essen und der darf es sogar Mönchen nach eigenem Urteil erlauben. Bischof Dietrich von Metz meint dazu über die Sankt Galler: Einen vortrefflicheren Mönch aber werde ich, glaube ich, niemals sehen, als einer von ihnen war, der manchmal Fleisch verzehrte (cap.105).

 

Daneben liebt dieser fromme Abt Purchard ganz aristoikratisch herrliche Pferde. Dieser Vater nun ist laut Ekkehard vortrefflich, und ihm sind durch lange Übung die Tugenden bereits zur zweiten Natur geworden (in naturam iam vertenti, Ekkehard, S. 176). Man ahnt nicht nur, welche Privilegien Äbte im üblichen Kloster des 10. Jahrhunderts haben, sondern dass sie ihre Liebhabereien auch im Zusammenspiel mit mächtigen Bischöfen ausüben können. Das wird denn auch keine Reform mehr ändern.

Überhaupt scheint der Feischgenuss bei den Mönchen weit verbreitet gewesen zu sein, was ein Bischof damit kommentiert, er habe keine besseren Mönche als solche Liebhaber des Fleischgenusses gekannt: Nur einige dagegen haben in Räumlichkeiten, die der Abt innerhalb der vier eigenen Wände zur Verfügung stellte, auch Fleisch von Vierfüßlern genossen. Einen vortrefflicheren Mönch aber werde ich, glaube ich, niemals sehen, als einer von denen war, die manchmal (interdum) Fleisch aßen. (Ekkehard, S.212)

 

Ekkehard beklagt das zeitweise geringe Eigentum des Klosters, welches zu einem ärmlichen Lebenswandel führe, der geradezu zu Regelverstößen einladen könne. Höchste Aufgabe des Abtes sei es entsprechend, unter anderem durch gute Beziehungen zu fürstlichen und königlichen Höfen den Besitz des Klosters zu mehren. Diese Aufgabe scheint jedenfalls wichtiger zu sein als das Durchsetzen einer monastischen disciplina nach den Buchstaben der Benediktregel.

Solches demonstriert Ekkehard gleich am Anfang seines Textes lobend an Salomo, Hochadeliger mit besten Verbindungen zum Hof, von erheblichem Reichtum, den er auch in teure Geschenke für St.Gallen anlegt, mit Gold und Silber verschönt, wonach es ihm gelingt, mit dem zweifelhaften Titel eines Praemonachus bis in die Klausur vordringen zu können. Schließlich wird er Mönch. Der Abt behandelte ihn milder (delicatius) als Mönch gleichsam von Hof (de palatio) und bevorzugte ihn vor allen, die unter ihm ihren Dienst taten (militabant). (Ekkehard, S.34) Kein Wunder, dass er dann dort Abt wird und bald darauf außerdem Bischof von Konstanz. Mit Gold und Silber verschönte Prächtigkeit umgibt ihn.

Der König kommt zu Besuch und bietet ein Festmahl. Der Lektor erklärt dabei: Die Liebe (caritas), die kein Unrecht kann begehen, sie durfte die Zucht mit Fug verschmähen. Niemand sprach, dies oder das sei eigentlich verwehrt (...) Nie atmeten sie dort in der Klosterluft von Wild und Fleisch den gewürzten Duft. Gaukler tanzten und sprangen; Musikanten spielten und sangen. Niemals erlebte der Saal des Gallus von sich aus solchen Jubelschall. Der König, unter dem Klang der Lieder, schaute auf die gesetzteren (graviores) Brüder und lachte über einige von ihnen, denn da ihnen alles neu war, verzogen sich ihre Mienen. (Ekkehard, S.44)

Das passt zu jener anderen Anekdote, in der der noch junge Salomo die jungfräuliche Tochter eines Gastgebers schwängert. Sie büßt das, damit. dass sie Nonne und später Äbtissin wird, für ihn war das offenbar ein üblicher Fehltritt.

Das Gegenteil ist Hartmann, der vor lauter Frömmigkeit die Güter des Klosters vernachlässigt und den Meiern zuviel Freiheiten lässt, was laut Ekkehard zum Niedergang des klösterlichen Wohlstandes führt.

 

Benediktinische Klöster sind im frühen Mittelalter nicht gewaltfrei, alle physische Gewalt wie die Prügelstrafe hat aber vom Abt und vom Kapitel auszugehen. So wird der widerspenstige Wolo häufig (wenn auch vergeblich) mit Worten und Schlägen gezüchtigt. Gewalttätigkeit unter den Mönchen kommt aber nicht nur in St.Gallen vor. Dort wird ein Sindolf, der hinter den Regelverstößen der Mönche herspioniert, offenbar mit Zustimmung unseres Autors mit Peitschenhieben heftig verprügelt und wird dabei übel zugerichtet (cap.36).

 

Mönche gehören zu jener militia, die waffenlos zu bleiben hat. Tuotilo, einmal wieder auf Reisen, kann dazu beitragen, eine Räuberbande mit einem großen Holzknüppel niederzukämpfen. Sollte die wiederkommen, würden seine Reisigen ihn mit einer erbeuteten Lanze versorgen. Beim großen Ungarneinfall vergessen die Mönche natürlich das Gebot der Gewaltlosigkeit. Der Abt heißt die kräftigeren unter den Brüdern die Waffen ergreifen (arma sumere) und rüstete das Gesinde; selber zog er (,,,) den Panzer an, streifte Kukulle und Stola darüber und gebot den Brüdern, ein Gleiches zu tun. (...) Es wurden Wurfspieße verfertigt, aus Filzstoffen Panzer hergestellt, Schleudern geflochten, aus zusammengefügten Brettern und Korbgeflechten Schilde nachgebildet, Sparren und Knüttel zugespitzt und in der Herdglut gehärtet. (Ekkehard, S.114) Man zieht sich dann aber doch in eine Burg bzw. in den Wald zurück, wohlwissend, dass man sich so kaum wehren könne, während die Ministerialen des Klosters wenig Kampfgeist zeigen.

Als die Gefahr vorüber ist und die Ungarn abgezogen sind, legen die Mönche die Waffen nieder und gewöhnen sich wieder an den himmlischen Kriegsdienst (militia caelestis).

Spontane Prügeleien im Kloster kommen wohl auch, wenngleich selten vor. Als der unbeliebte Sandrat Schlechtes über sich reden hört, springt er auf ihn zu und versetzte ihm, der hochgeboren, aber auch hochgebildet war, einen tüchtigen Backenstreich. Jener aber, viel kräftiger als er, schoss im Nu den Arm vor und schlug ihm mit der Faust mächtig gegen die Schläfe und ließ ihn halb tot zu boden sinken. Dafür wird er denn auch hart mit Rutenstreichen gezüchtigt (cap141).

 

Der rituell-spirituelle Alltag der Mönche kommt nur am Rande vor, was mehrere Erklärungen nahelegt. Einmal, dass er als alltägliche Routine nicht besonders zu erwähnen wäre, und zum anderen, dass er für den Autor gegenüber anderen Aspekten geringere Bedeutung hat. Wichtig ist ihm zum Beispiel, dass die Söhne des Adels im Kloster im Saitenspiel unterrichtet werden, von jenem Tuotilo, der zugleich in der Dichtkunst so gut ist, dass er damit für Unterhaltung sorgen kann ( er ist serio et ioco festivus, Ekkehard S.79). Überhaupt gehören Scherze und Späße, hilaritas, zum mönchischen Alltag (cap.110/112 z.B.). Über Abt Notker heißt es denn auch: ... sein Frohsinn (hilaritas), der ihm gewissermaßen von Natur aus zu eigen war und unter heutigen Verhältnissen dem Luxus zugeschrieben werden mag, lässt sich nur zum Teil beschreiben (cap.134). Bei diesem Mann, largifluo in omni hilaritate, taucht denn auch wieder einmal die natura auf, hier als persönliche Disposition zur Heiterkeit, jener, die den Reformern des 11. Jahrhunderts eher abgehen wird. Für unseren Autor aber ist er ein "vortrefflicher Abt".

 

Von Ratpert, dem Magister, schreibt Ekkehard: Emsig in der Schule tätig, kümmerte er sich meist nicht um Tageszeiten und Messen, indem er sagte: "Gute Messen hören wir, sooft wir lehren, sie zu halten." Und wiewohl er als größtes Verbrechen für ein Kloster die Straflosigkeit bezeichnete, kam er doch nur, wenn man ihn rief, zum Kapitel; denn ihm sei, wie er sagte, das schwierigste Amt, zu kapiteln und zu strafen (officium capitulandi et puniendi) anvertraut. (Ekkehard, S.78) Natürlich ist es ein krasser Regelverstoß, häufig bei Messe und Kapitelsitzung abwesend zu sein, den wichtigsten gemeinschaftlichen Pflichten eines Mönches, und seine Lehrtätigkeit für gleichwertig zu halten. Aber bei seinem Tod ist man einigermaßen sicher, dass er umgehend im Paradies landen würde.

 

Hervorgehoben wird stattdessen jene disciplina, die im unbedingten Gehorsam (gegenüber dem Abt vor allem) besteht, und von der Ekkehard berichtet, dass sie eine hervorragende Tugend der Gallener Mönche darstelle, und sie ist immerhin der Inbegriff der Regel (cap.107).

 

Auch wenn die stark anekdotisch gefärbten Klostergeschichten sich im Einzelnen kaum verifizieren lassen, dürften sie, was das Maß an Regelverstößen angeht, eher untertreiben, und was ihre Art betrifft, wohl grundsätzlich nicht aus der Luft gegriffen sein.

Wer selbst kein Vertreter strenger mönchischer Disziplin im Sinne der wortwörtlichen Befolgung der Benediktregel ist, kann leicht mit Ekkehards Anliegen sympathisieren, dass klösterlicher Alltag vor allem Rücksicht zu nehmen hat auf die unterschiedlichen "Naturen" der Mönche, dass er ihre Talente (vor allem Schreiben, Dichten, Musizieren, Malen, schöne Reliefs etc herstellen) zu berücksichtigen und zu fördern hat und das strenge Bescheidenheit beim Essen und Wein zum Beispiel dem nicht förderlich seien, so wenig wie das uneingeschränkte Eingesperrtsein in der Klausur.

Die von ihm beschriebenen unentwegten Regelverstöße, die er dem 10. Jahrhundert zuordnet, werden weithin von den Autoritäten, die sie von außerhalb begutachten, gutgeheißen, was einmal heißen könnte, dass sie gängige Praxis waren, zum anderen aber auch, dass das Kloster viele mächtige Gönner hat, von denen nicht wenige bereits aus der Klosterschule hervorgegangen waren.

Was den "Geist" der Benediktregel betrifft, so mag Ekkehard vielleicht nicht ganz unrecht gehabt haben, war diese doch wohl ursprünglich darauf aus gewesen, übermäßige weltverachtende Askese einzudämmen. Andererseits schimmert bei ihm aber durch, was Klosterleben durch Nachantike und frühes Mittelalter auszeichnet: Eine stete Tendenz zur Nachlässigkeit in der disciplina, irgendwann dann entweder von Reformen gefolgt oder aber, auch nicht selten, dem Untergang des Klosters.