ZEIT DER MEROWINGER (Derzeit in Arbeit)

 

Nachantike und Anverwandlung oder Frühes Mittelalter

Volk und Stamm: Von Ilion nach Xanten

Das Frankenreich unter den Merowingern

Das Land

Stadt der Merowingerzeit (Trier / Italien)

Kirche

Kloster im Frankenreich (Iroschottische Mission)

Italien: Osthrogoten und Langobarden

Stadt und Land in Italien

Angelsachsen

Slawen

 

 

Nachantike und Anverwandlung oder frühes Mittelalter

 

Epochalisierung ist hilfreich, soweit sie hilft, Zeiträume nicht in Zahlenangaben unterzubringen, was einen Anschein von Exaktheit erweckt, der für die Kontinuität von den frühen Mittelmehr-Zivilisationen bis ins abendländische 18. Jahrhundert zumindest irreführend ist. Sie wird schädlich dort, wo sie solche Zeiträume für mehr hält als eine notdürftige Strukturierung menschlichen Vorstellungsvermögens.

 

Als belesene Vertreter der städtischen Welt des 14.-16. Jahrhundert besonders in Italien das Mittelalter erfinden und damit eine neue Qualität von Epochalisierung nach der, die aus der christlichen Heilsgeschichte erwuchs, ignorieren sie das Kontinuum, welches sie selbst hervorgebracht hatte, um sich auf die Höhe eines vorgestellten hohen Bildungsniveaus der römischen Antike zu hieven und die Zeit seit dem 5. Jahrhundert entsprechend als eine ungebildeter Finsternis und Dumpfheit anzusehen. Diese "gebildete" Arroganz und Ignoranz beherrscht seitdem den abendländischen Blick auf die Geschichte, der nun bald als Heilsgeschichte eines letztlich technisch gedachten Fortschritts stattfindet.

Bis ins neunzehnte Jahrhundert wird dieser Fortschritt dann von akademischen Eliten als geistiger formuliert, was in den Texten von Hegel kulminiert und auf niederstem Niveau auch alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts überlebt. Für die unbelesenen Massen ist der Blick in die Vergangenheit heute vor allem der auf ein niedrigeres Konsumniveau, welches Spott oder ungläubiges Lächeln auslöst.

 

Dabei hat es gewiss nie ein Mittelalter gegeben, welches sich von einem Vorher und Nachher klar abtrennen ließe. Das Ende der weströmischen Kaiserzeit ging langsam und ohne deutliche Bruchlinie vonstatten, und weder Petrarca noch das Konzil von Konstanz noch Kolumbus oder Luther markieren ein deutliches Ende einer Epoche.

 

Wenn hier von Antike und Nachantike, frühem Mittelalter seit etwa den Ottonen oder vielleicht auch erst nach ihnen, hohem und spätem Mitttelalter gesprochen wird, dann soll das die Zeitangaben so undeutlich lassen, wie es die tatsächlichen Kontinuitäten erfordern. Wenn dann hier für das 16.-18. Jahrhundert gelegentlich von "Neuzeit" gesprochen wird, ist das ein Tribut an gängige Epochalisierung, wiewohl wir lieber von drei Jahrhunderten schrittweiser Auflösung mittelalterlicher Strukturen reden möchten, die je nach Gegend im 18./19. Jahrhundert dann in jene Vorgänge von Entzivilisierung münden, die im 20. Jahrhundert in immer heftigeren Schüben ihren Abschluss findet.

 

Wenn man die Zeit zwischen dem auslaufenden weströmischen Imperium und den Macht-Krisen von 1776 und 1789 sinnvoll einteilen möchte, dann gibt es eine Mitte zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert, die die Geschichte in eine vorkapitalistische und eine kapitalistische teilt. Aber selbst das bleibt undeutlich, denn der Vorgang von Einwurzelung und Entfaltung kapitalistisch dominierter Strukturen findet in unterschiedlichen Gegenden zu unterschiedlichen Zeiten und manchmal viel später erst statt und braucht in Teilen Europas wesentlich länger.

Tatsächlich bringen selbst die politischen Katastrophen zwischen 1776/89 und dem jeweiligen Heute von Autor und Leser bislang keine klaren Bruchlinien hervor, denn die derzeit anhaltenden Prozesse von Entzivilisierung bei immer totalitäreren Staatsgebilden als oft schieren politischen Agenturen des inzwischen globalisierten Kapitals sind Konsequenz der vorausgehenden Kapitalbewegungen.

 

Hier soll als Kompromiss zwischen der sich den Ideologen des 15./16. Jahrhunderts anschließenden Epochalisierung, die bis heute die übliche ist, und einer sinnvolleren, den dominanten Linien des Kapitalismus folgenden, von einem kurzen Mittelalter zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert gesprochen werden so wie von einem langen, welches bis ins 18. Jahrhundert reicht.

 

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Auf (ehedem) römischem Boden siedelnd, ist der germanische Bevölkerungsanteil, die nun jeweils zunächst herrschende Volksgruppe, in den neuen Reichen oft gering, er beträgt bestenfalls schon mal um die zehn Prozent. Da die Germanen in Schriftlichkeit wenig geübt waren, übernehmen sie für die nun notwendigen Texte das vorgefundene Lateinische, welches im übrigen auch auf dem Kontinent die Sprache der überwältigenden Mehrheit der neuen Untertanen ist. Da sie überhaupt möglichst viel von jenen römischen „Errungenschaften“ übernehmen wollen, die einst ihre Begehrlichkeit geweckt hatten, arbeiten sie recht einvernehmlich mit den Resten römischer Oberschicht zusammen und behalten von römischen Strukturen, was immer möglich ist. Im Laufe der Zeit werden sie sich in vielen Gegenden mit ihr vermischen, um schließlich in ihr aufzugehen, nicht ohne dabei germanische Elemente einzubringen. Am Ende werden sie sogar in manchen Fällen ihre mitgebrachte Sprache verlieren. Die Namen der neuen Herren werden aber weithin auf die bodenständige Bevölkerung übergehen: Gallo-Römer haben dann fränkische Namen, Ibero-Römer visigotische.

 

Vandalen, Sueben, Visi- und Osthrogoten wie auch später die Langobarden scheitern dabei sowohl, weil sie sich die römischen Strukturen aufgrund ihrer Fremdheit nicht hinreichend anverwandeln können, als auch an äußeren Feinden. Auf diesem Wege gehen der dritten abendländischen Zivilisation nach der hellenischen und der römischen schließlich auch für Jahrhunderte der größte Teil der iberischen Halbinsel und Teile Süditaliens verloren – dazu ganz Nordafrika  für immer und zur Gänze. Auf der anderen Seite kann das zunächst überlebende Ostrom seinen südöstlichen Raum (bis hin nach Persien und der arabischen Halbinsel) nicht mehr halten – sein Raum bis tief in den Balkan wird nach und nach einem nun entstehenden islamischen Orient anheimfallen, dessen Einfluss bis heute noch dort hineinreicht, während inzwischen durch Masseneinwanderung der Islam zudem den größeren Teil Europas ethnisch und religiös zu verändern beginnt.

 

In den germanisch dominierten Nachfolgereichen Westroms findet auf dessen Boden also wenig Germanisierung statt, sondern vor allem eine sehr langsame Romanisierung der eingewanderten Germanen.

 

Kontinuität: Der Byzantiner Agathias schreibt um 580 über die Franken:

Die Franken sind ja keine Nomaden wie doch wohl einige von den Barbaren, sondern bedienen sich im allgemeinen der römischen Staatsordnung und Gesetzgebung und teilen im übrigen mit den Römern auch das Handels- und Erbrecht sowie auch das Handels- und Eherecht sowie die Gottesverehrung. Sie sind alle Christen und zwar ganz rechtgläubige. Sie haben in ihren Städten Beamte und Priester, feiern die Feste so wie wir und scheinen mir für ein Barbarenvolk sehr gesittet und gebildet; nur ihre barbarische Tracht und Sprache unterscheiden sie von den Römern. (Kaiser II, S.99f.)

 

Romanisierung findet ihre Grenzen dort, wo römische Strukturen aufgrund des weiter vonstatten gehenden Schwundes von Handel und Produktion nicht mehr aufrecht erhalten werden können und ersetzt werden müssen. 

 

Die römische Zivilisation war stadtzentriert und städtisch geprägt und am Ende durch ein militärisch fundiertes Kaisertum zusammengehalten worden. Die Städte hatten Schwundprozesse in der späten Kaiserzeit und dann massive Zerstörungen spätestens in der langen Völkerwanderungszeit erlitten, die nicht mehr durch Wiederaufbau ausgeglichen werden. Überhaupt nimmt die Bevölkerung in vielen Gegenden rapide ab. Viele Mitglieder der alten Oberschicht haben sich längst auf ihren Gütern auf dem Lande niedergelassen, an städtischer Obrigkeit sind oft fast nur die Bischöfe übriggeblieben. Die neuen Reiche müssen also eine Organisationsform schaffen, die eine einst bäuerliche germanische Kriegerschicht zusammenbringt mit den Resten römischer Zivilisation.

 

Die Häuptlinge der erobernden Stammesverbände übernehmen als Herrschertitel im neuen Reich einen, der bei den Römern einst einen eher schlechten Klang gehabt hatte: rex. Er hat eine germanische Entsprechung, die im Deutschen schließlich zu "König" wird. Ihr Herrschaftsbereich ist das regnum. Dies eingedeutscht als Reich entsprang dem althochdeutschen rîhhi, einem vieldeutigen Wort, welches die ganze Vielfalt des Adjektivs und Substantivs "reich" (an Macht und Möglichkeiten) umfasst. Das viel spätere Österreich ist entsprechend ursprünglich ostarrîchi, das Gebiet, welches im (Süd)Osten erobert wird und unter die Königsherrschaft gerät.

 

Damit ist „Reich“ grundsätzlich analog zu imperium gesetzt, der (letztlich militärischen) Befehlsgewalt und des Gebietes, in welchem diese gilt. Der imperator ist so der (vor allem militärische) Gebieter. Angelsächsische Könige werden sich gelegentlich mit diesem Titel schmücken, während er auf dem Kontinent auf die Karolinger übergehen wird. Auf dem Weg zu den Ereignissen von 800 wird über eine Übertragung des Reichsbegriffs des (west)römischen imperium auf den Frankenkönig nachgedacht, während ein solcher für Ostrom noch Bestand hat. Es wird dann noch kürzere Zeit dauern, bis aus dem imperator ein caesar, also „Kaiser“ wird, der noch später in Russland und Bulgarien dann Zar heißt.

 

Heerführer unter nachantiken Königen heißen ebenso lateinisch dux, woraus der deutsche Herzog wird. Und Leute, die neben den Bischöfen die königliche Gewalt in den gerade so überlebenden Städten und ihrem ländlichen Umfeld einzunehmen haben, werden so benannt wie einst die „Gefährten“ der Kaiser, nämlich comes, woraus dann über grafio die andersartigen deutschen "Grafen" werden. Alle zusammen bilden sie mit ihrer Gefolgschaft ein wenig wie im antiken Imperium die militia.

 

Die unterworfene, nun immer weniger römisch, sondern romanisch zu nennende Bevölkerungsmehrheit ist mit einer Ausnahme nicht nur lateinisch-sprachig, sondern auch lateinisch-christlich. Die Ausnahme ist Britannien, wo mit der Entromanisierung auch eine Entchristianisierung stattfindet. Nur die Visigoten waren schon vor ihrem Durchmarsch durch das ost- und weströmische Reich ansatzweise christianisiert worden, wenn auch in einer Form, die von der Westkirche abgelehnt wird.

 

Am Ende war das römische Imperium von einer Doppelstruktur geprägt gewesen, einer „weltlichen“ und einer geistlich-christlichen. Zeitliche Welt, saeculum, befasst sich mit dem Diesseits, den irdischen Dingen, und alles überzeitlich Geistliche gibt vor, auf ein "Jenseits" ausgerichtet zu sein. Civitates und Bistümer fallen zusammen, so wie die Zentralgewalt und das sich ansatzweise herausbildende geistliche Primat des römischen Bischofs.

Zudem ist das Christentum zur legitimatorischen Grundlage des Römerreiches geworden - alle legitime Macht kommt, so wird mit fester Stimme behauptet, von dem "christlichen" Gott, dem nunmehr einzig wahren.

 

Es ist also aus diesem und verwandten Gründen naheliegend, wenn die neuen Könige solches Christentum übernehmen, und zwar in seiner korrekten römischen Form. Solche Legitimation ist nötig, denn aus dem Führer eines einzelnen Heerzuges und dann dem Heerführer der Wanderungszeit wird der König (rex) zu einer Dauerinstitution in Krieg und Frieden. Das wird bei den Franken zumindest zwar durch Gewalt erreicht, durch die Erniedrigung bzw. Vernichtung des darunter und daneben existierenden Häuptlingstums, kann aber ohne solide Ideologie nicht dauerhaft aufrechterhalten werden.

 

Im Zuge der Integration des Christentums in die antik-römischen Machtstrukturen war der evangelische Jesussatz "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist", von seiner ursprünglichen Bedeutung: "Schert euch nicht um die irdischen Machtverhältnisse, da sie euch gar nichts bedeuten sollen" völlig verdreht worden in den, dass geistliche wie weltliche irdische Macht gottgewollt seien, eine völlig unjesuanische Formel. Der Weg der Sakralisierung königlicher Herrschaft wird sich in den nächsten Jahrhunderten erst noch verfestigen, bis er in so schrecklichen Sätzen wie dem von Otto von Freising enden kann: Cum enim omnis potestas a Deo sit, qui potestati resistit, Dei ordinationi resistit. (Weil alle Macht von Gott stammt, widersetzt sich Gottes Anordnung, wer sich der Macht (also: den Mächtigen) widersetzt. OttoGesta, S.144)

 

Innerer Frieden beruht in Zivilisationen auf Unterdrückung, die nur durch Verwandlung offener in latente Gewalt permanent wird (wie in der pax Romana), und die braucht neben Gratifikationen für die, die diese Androhung von Gewalt lokal und regional aufrechterhalten, zumindest für die Untertanen eine Ideologie, die Unterdrückung rechtfertigt.

 

Fundamental wirksam wird damals die augustinische Lehre von den zwei civitates bleiben, der himmlischen und der irdischen, derer, die in der Liebe zum "Herrn" im Himmel und der anderen, die in der Selbstliebe und der zu den irdischen Herren besteht. Die letzteren waren das römische Imperium und damit auch die westlichen Nachfolgestaaten. 494 wird sie in einem Brief von Papst Gelasius an Kaiser Anastasius (von Ostrom) erweitert durch die Lehre von den zwei nebeneinander bestehenden irdischen Gewalten, der weltlichen und der geistlichen, wobei letztere insoweit die überlegene sein soll, als sie beim "Jüngsten Gericht" dereinst auch über die Seelen der weltlichen Mächtigen Rechenschaft abzulegen hat.

 

Vorläufig bleibt derweil Ostrom, das griechische Byzanz, als Beispiel und Vorbild eines christlichen Reiches bestehen, was immer Christentum nun dort wieder bedeuten mag. Immerhin streben nach dem Ende Westroms Franken, Visi- und Ostrogoten nach kaiserlicher Anerkennung von dort.

 

Die neue Art von Königsherrschaft wird also nun durch ein eigenartiges Gemisch aus vorchristlichen und "christlichen", also römischen  Vorstellungen legitimiert, die letztere sich deshalb angeboten hatten, weil der christliche Anteil einer (römisch-christlichen) Zivilisation abgeschaut wird, die Herrschaft und Untertänigkeit in für die neuen Machthaber beneidenswerter Form geregelt hatte. Dabei hat die Ansiedelung der kriegerischen Scharen nicht nur Formen von Macht und Ohnmacht, von Besitz und Armut von der alten Zivilisation übernommen, sondern ergänzt diese noch durch eigene.

 

Nun ist allerdings das Christentum einer herrschenden germanischen Kriegerschicht nicht so recht in Übereinstimmung zu bringen mit dem einer entwickelten städtischen Zivilisation, wie es die römische vorher war. Die Probleme kann man in dem Geschichts- und Geschichtenbuch Gregors von Tour ausführlich verfolgen. Die neue germanische Oberschicht ist sesshaft geworden, ihre Könige haben die früheren Staatsdomänen zum großen Teil neben sonstiger Beute übernommen, und die Einwanderer haben sich auf Ländereien niedergelassen, die entweder herrenlos oder aber den alten Herren weggenommen worden sind. Sie werden zu einer Kriegerschicht, die das Leben auf großen Landgütern ebenso schätzt wie - anders als ihre römischen Vorbilder - den Kampf und Krieg.

 

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Zwei römische Eigenheiten verschwinden im Laufe der Zeit ganz und gar, das professionalisierte Soldatentum und der dreiteilige römische Name.

 

Die merowingische Königsherrschaft basierte ursprünglich ganz germanisch auf der Erhebung "aufs Schild" durch die (kriegerischen) Mächtigen, das heißt durch eine auf Akklamation beruhende Wahl, durch die man dux wurde, Heerführer, und durch die gleichzeitige Übernahme des ursprünglich davon personell getrennten zivilen, also sakralen indogermanischen Königtums, welches lateinisch mit rex bezeichnet wurde, griechisch mit basileus. Die zwei Säulen waren entsprechend die weltlichen und die geistlichen Großen des Herrschaftsbereiches. Die Volksversammlung war zugleich die Heeresversammlung auf dem Märzfeld (Mars) oder Maifeld (magis campus, großes Feld).

 

Dieses "Volk", die Freien, sind zugleich die Krieger und deren Spitzen eine Wurzel der entstehenden neuen Oberschicht. Dabei entwickelt sich schon in Ansätzen, dass sich Bauern zu Abhängigen, Grundholden lokaler Großer machen, in deren Schutz begeben und dadurch dem Wehrdienst entziehen, der ihre Landwirtschaft durch Abwesenheit ruiniert. Der "Holde" begibt sich in die "Huld" des lokalen Mächtigen, woraus später im christianisierten Deutsch die "Gnade" des gnädigen Herren wird. Die wenigen Quellen geben allerdings zu diesen Vorgängen kaum näheren Aufschluss als zum spätrömischen Patrozinium.

 

Immerhin gibt es später ein Urkundenformular aus Tours für das frühe 8. Jahrhundert: An den großmütigen Herrn ..., ich ... Da es allen wohlbekannt ist, dass es mir an Nahrung und Kleidung fehlt, habe ich mich bittend an Euer Erbarmen gewendet und habe frei beschlossen, mich in eure Herrschaft zu begeben, das heißt zu kommendieren. Und das habe ich auch getan.; es soll so sein, dass Ihr mir mit Speise und Kleidung helft und mir Unterhalt gebt, und zwar in dem Maße, wie ich euch dienen und mir damit Eure Hilfe verdienen kann. Bis zu meinem Tod muss ich Euch dienen und gehorchen, so wie ich es als freier Mann vermag, und Zeit meines Lebens werde ich mich Eurer Gewalt oder Herrschaft nicht entziehen können, sondern ich werde, solange ich lebe, unter Eurer Gewalt und Eurem Schutz bleiben. Und so sind wir übereingekommen, dass derjenige von uns beiden, der sich diesen Abmachungen entziehen wollte, seinem Vertragspartner ... Solidi zahlen muss und dass die Vereinbarung selbst in Kraft bleibt. (in Patzold, S.15)

 

Den Königen konnte das insofern recht sein, als sie dadurch für ihre Kriegszüge eine militärisch immer fähigere Gefolgschaft bekommen. Auf dem Weg in die Zeit Karls d.Gr. wird darüber hinaus die Reiterei militärisch immer wichtiger werden, und die Ausrüstung eines Reiters, des Ritters, ist vom durchschnittlichen freien Landmann nicht zu leisten. Auf dem Weg ins Hochmittelalter wird sie zum "adeligen" bzw. ritterlichen Privileg. 

In diesen Zusammenhang gehört der in seinen Ursprüngen dunkle Begriff des Vasallen. Das keltische gwas meinte wohl einen Knecht. "Der die Vasallität begründende Akt, die bis in die Antike zurückgehende Kommendation, bei welcher der >Mann< (homo) die gefalteten Hände in die sie umschließenden Hände des Herrn legte, war ursprünglich ein Verknechtungsritus, der allerdings nicht auf die niederen Schichten begrenzt blieb und im Übrigen auch nicht nur zur Besiegelung eines Vasallitätsverhältnisses diente. Die Vasallen allerdings, da besteht kein Zweifel, rekrutierten sich zunächst nur aus untergeordneten Leuten." (Fleckenstein, S.40)

Solche ursprünglich unfreien und dienstbaren vassi (pueri) können im 7.Jahrhundert auch schon Freie sein, und im 8. Jahrhundert wird das die Regel. (Patzold, S.17) Vasallität wird so zur immer mehr auch militärischen Dienstbarkeit freier Männer.

 

Es verschwindet auch der römische Name, dreiteilig wie Gaius Iulius Caesar und entsprechend aussagekräftig. An seine Stelle tritt die einteilige germanische Namensgebung, die deskriptiv ist und von Sieg, Stolz, Tugenden und deren Versinnbildlichung in Tieren zum Beispiel handelt. Familienzugehörigkeit ist nur an zweierlei erkennbar, einmal an dem ständigen Wiederauftauchen immer derselben Namen durch die Generationen, und zum anderen durch die gelegentliche Wiederholung derselben ersten Silbe, wie bei Chlodwig und Chlothar, später Ludwig und Lothar.

 

Um herausragende Personen besser zu bezeichnen, bekommen sie einen Beinamen wie Jahrzehnte nach seinem Tod der Carolus seinen magnus, zu Lebzeiten schon heißt Karl das Kind (muss als Kleinkind die Herrschaft antreten), Ludwig ist der Stammler (balbusus, hat einen Sprachfehler) und ein Karl ist der Kahle.

 

Ein frühes Beispiel, an dem man dann wieder die Entstehung eines Nachnamens als wahrhaftem Familiennamen betrachten kann, bietet in der ersten Häfte des 14. Jahrhunderts Francesco Petrarca. Sein Urgroßvater hieß Ser Garzo, dessen Sohn Ser Parenzo, Francescos Vater dann war der Ser Petracco bzw. Petrarca (Formen von Pietro). Der Erfinder der Sonette an Laura macht dann aus Francesco di Ser Petrarca einfach Francesco Petrarca. Der Nachname wird zum Markenzeichen für den, der mit Texten Ruhm sucht, gloria, und dessen Glorie eben ein möglichst unverwechselbares Etikett braucht.

 

Das Neue des sich so neu markierenden Individuums ist das Umfeld des sich mit Macht entfaltenden Kapitals, während der Familienname Kontinuität als Wiederaufnahme signalisiert, außerhalb der iberischen Halbinsel streng patrilinear. (Heers, La Naissance)

 

Volk und Stamm: Von Ilion nach Xanten

 

Bezeichnungen sind wichtig, denn sie geben dem Bezeichneten etwas, was ihm vorher gefehlt hat: eine Bedeutung, die man schriftlich fixieren kann, so dass sie einen Wert bekommt auf dem unruhigen Feld der Ansichten und Meinungen. Mit den Germanen ist das ganz schwierig, sie sind eine Erfindung der Kelten und Römer. Zwar wurde damals einmal erzählt, einer dieser merkwürdigen Volkshaufen und Sippschaften östlich des Rheins und nördlich der Donau hätte sich selbst so bezeichnet, und deshalb habe man alle so genannt, aber das lässt sich leider nicht verifizieren. Vielleicht haben in Nordgallien angesiedelte sogenannte Germanen, um sich einen Namen zu geben, der sie im schriftlich geregelten römischen Reich zu ordentlichen Partnern anhob, irgendwann angefangen, sich Franken zu nennen. Was das besagen soll, ist der Spekulation anheimgegeben, dass sie frank und frei seien, ist jedenfalls eine hübsche Deutung, die ihnen viel später selbst einfiel, als sie sehr an Wichtigkeit gewonnen hatten.

 

Im 5. Jahrhundert kommt es zum Aufstieg einer mächtigen Familie in diesem Gallien, in dem längst alle möglichen Völkerschaften angesiedelt worden waren oder sich selbst angesiedelt hatten, und sie begreift sich selbst als „fränkisch“. Aus ihr geht ein „König“ in einer nordgallischen Region hervor, der eine Dynastie gründet, die sich daran machte, das römische Erbe wenigstens in einer Provinz aufrechtzuerhalten. Dieser König aus der Familie der Merowinger lässt sich in Tournai 481 sowohl mit einer Menge germanisch geopferter Pferde wie mit den Amtsinsignien eines oströmischen Heerführers begraben. Er ist, wenn man so will, beides: Germane und Römer. Als Franke kann er beides sein.

 

Die Gründung eines Provinzreiches als Nachfolger des römischen Reiches braucht in der Folge Begründungen, die über die bloße Waffengewalt hinausgehen. Die eine findet der Reichsgründer Chlodwig dann in der Zuwendung zum siegreichen Schlachtengott, zu dem, den auch der römische Bischof vertrat, zum römisch-katholischen nämlich. Auf seiner Seite war man nicht nur siegreich, sondern auch immer im Recht. Zum zweiten ließ er seine Familie erhöhen, indem er sie aus einer sagenhaften Vergangenheit herleitete. Auf den Kriegsgott Wotan ließ sie sich nun allerdings nicht mehr wie früher noch zurückführen.

 

Zum anderen muss das neue Herrenvolk der Franken propagandistisch von einem unbedeutenden kleinen Haufen aufsteigen zu einer Bedeutung, die weit über bloße Macht der Schwerter, Lanzen und Streitäxte, über Hinterlist und Brudermord hinausreicht. Die Gewalt, auf der Macht beruht, muss verschönt werden durch eine schöne Geschichte.

 

Wir können dabei an vielen Beispielen sehen, dass die Franken keine verlässliche "Erinnerung" an "ihre Herkunft" hatten. Sie hatten eben auch keine definitive gemeinsame Herkunft. Ein sagenhaftes Beispiel liefert Gregor von Tours:

Viele erzählen aber, die Franken seien aus Pannonien gekommen und hätten sich zunächst an den Ufern des Rheins niedergelassen, dann seien sie über den Rhein gegangen und nach Thoringien gezogen, dort hätten sie nach Gauen und Stadtbezirken gelockte Könige über sich gesetzt, aus ihrem ersten und sozusagen adligsten Geschlecht.

 

Dass man damals über die fränkische Vergangenheit so wenig weiß, liegt nicht zuletzt daran, dass Franken, wie sie sich selbst im 6. Jahrhundert definieren, so vorher kaum existent waren. Irgendwann im 3. Jahrhundert beginnen Römer, fünf bis zehn verschiedene Völkerscharen unter dem Namen Franken zusammenzufassen und rechts des Niederrheins zu lokalisieren. Sie tauchen am Rhein auf, aber auch in Spanien und als "Piraten" zum Beispiel an der nordafrikanischen Küste. Bestimmte Germanen übernehmen den Begriff im römischen Militärdienst. In Pannonien findet sich die Grabinschrift von einem: Francus ego cives, miles romanus in armis. In seinen Waffen war er römischer Soldat, von seiner Herkunft ein Franke, der zugleich auch römischer Bürger war. (Geary, S. 86)

 

Zum Zweck der Aufladung fränkischer Geschichte mit Bedeutung werden die immer noch mächtigen Ruinen des römischen Xanten zum Ausgangspunkt einer Erzählung, die einmal eine römische war und ursprünglich eine griechische. In vollständiger Form wird diese Geschichte auf uns in einem Text überliefert, der kurz nach 700 geschrieben werden wird: im 'Buch der Geschichte der Franken' (Liber Historiae Francorum).

 

Danach sind die Trojaner nach dem Untergang ihrer Stadt nicht unter Aeneas über Karthago nach Rom gezogen, um dort die römische Geschichte anzuwerfen, sondern über das südosteuropäische Pannonien bis an den Niederrhein. Dort haben sie in Xanten ihr Troja wieder aufgebaut und dann das gemacht, was sie laut Vergil sagenhafterweise in Italien gemacht haben sollen: ein Reich gegründet. In diesem Reich wird dann nicht „trojanisch“ gesprochen, sondern eine Vielfalt von germanischen und romanischen Volkssprachen. Geschrieben wird von den Klerikern und Mönchen, die noch schreiben können, lateinisch – was sonst. Und einige von ihnen haben diese Geschichte erfunden, die sich so auch im dritten Buch der Fredegarschronik findet:

 

Über die ältesten Frankenkönige schrieb der heilige Hieronymus, was schon vorher die Geschichte des Dichters Vergil berichtet: Ihr erster König sei Priamus gewesen; als Troja durch die List des Odysseus erobert wurde, seien sie von dort fortgezogen und hätten dann Friga als ihren König gehabt; sie hätten sich geteilt, und der erste Volksteil wäre nach Mazedonien gezogen, der andere hätte unter Friga - sie wurden als Frigier bezeichnet - Asien durchzogen und sich am Ufer der Donau und am Ozean niedergelassen; dann hätten sie sich nochmals geteilt, und die Hälfte von ihnen sei mit ihrem König Francio nach Europa gezogen. Sie durchwanderten Europa und besetzten mit ihren Frauen und Kindern das Ufer des Rheins; nicht weit vom Rhein versuchten sie eine Stadt zu erbauen, die sie nach Troja benannten. (Das ist Xanten, die Colonia Trajana). (In Geary, S.84)

 

In der Zeit Karls ("des Großen") bezieht sich einer der begabtesten Hofautoren des Frankenherrschers, der Langobarde Paulus Diaconus, in seiner wohl indirekt von Karl in Auftragung gegebenen Geschichte des Bistums Metz, in dem ein heiliggesprochener karolingischer Stammvater Arnulf Bischof gewesen war, auf diese Fredegarschronik, indem er behauptet, einer der Söhne Arnulfs habe Anchises (tatsächlich: Ansegisel) geheißen, was daran erinnern solle, dass Anchises über Aeneas die fränkische Geschichte in Bewegung gesetzt habe: Denn der Stamm der Franken hat, wie die Alten lehrten, seinen Ursprung in dem Trojaner-Geschlecht. (Hägemann, S.47)

 

Die Begrifflichkeiten, um die es hier geht (Stamm, Volk, Nation), entstammen in ihrer modernen Gestalt der romantischen Vorstellungskraft des 18. und insbesondere 19. Jahrhunderts. Da dies mit der jakobinischen "Revolution" sowohl eine Blütezeit des Nationalismus wie die Zeit modernisierter Nationalstaaten wurde, verwob sich hier gelehrte Unkenntnis mit "politischen" Interessen.

 

Was daraufhin in der Geschichtsschreibung als "germanische Stämme" beschrieben wurde, waren keine ethnischen Einheiten, wie man annahm, mit eigener längerer Tradition und einem Fundus spezifischer Eigenheiten, sondern neue und zunächst recht fragile Gebilde, die in den kriegerischen Raubzügen und Eroberungen gegenüber dem römischen Reich entstanden sowie unter dem Druck aggressiver Nomaden- und Reitervölker aus dem Osten.

 

Die Bündnisse zwischen "Hunnen", "Goten", "Burgunden" und immer wieder West- und Ostrom zeigen, dass die kriegerischen Scharen in ihrem Auftreten Konföderationen unter kriegerischen Herrschern oder einfach Sammlungen von von diesen Unterworfenen waren. Das bekannteste Bündnis ist das, welches der Romane und kaum noch Römer Aetius 451 zustandebringt, als vor allem Westgoten, Burgunder, aber eben auch "Römer"  unter ihm die Hunnen des bis nach Orléans vorgedrungenen Attila auf den nicht mehr lokalisierbaren Katalaunischen Feldern schlagen.

 

Es gab in den römischen Reichen der langen Völkerwanderungszeit kein römisches Volk, sondern nur ein Volk von Rom, und das einigende Band war das einer spezifischen Zivilisation mit sehr in Bewegung und Auflösung geratenen Lebensformen - die im übrigen zwei dominante Sprachen hatte, das Lateinische und das Griechische, die das Reich ohnehin in zwei Welten teilten. Die Germanen wiederum hatten kein „völkisches“ Gemeinschaftsgefühl, „Volk“ waren einfach jene Freien, die mehr oder weniger eng zusammen lebten und kämpften.

 

Der Stammesbegriff andererseits verifiziert sich hier erst bei erfolgreicher Eroberung und Ansiedlung und bei gleichzeitiger Integration römischer Elemente. Die Vorstellung vom "Stamm" bezieht sich auf Abstammung, diese rechtfertigt sich nun aber erst, als regionale Abstammung und Sesshaftigkeit unter spezifischer Herrschaft fixiert werden.

 

Im Zuge der neuen Reichsbildungen vor allem auf dem Boden des ehemaligen römischen Reiches erübrigt sich der römische Volksbegriff (populus) und wird ersetzt durch einen anderen populus, der oft bald vage die unteren Ränge der Bevölkerung betrifft. Auf einem langen Weg bis ins hohe Mittelalter verschmelzen jeweils die romanischen bzw. germanischen Minderheiten mit der jeweiligen Mehrheit und diese Differenz wird ersetzt durch soziale Stratifikation: Dabei sinkt das "Volk" langsam herab, bis es zur Bezeichnung abhängiger ländlicher Bevölkerung im Herrschaftsraum wird. Insofern ist dann Volk etwas von regionaler Ausprägung und nicht einen Herrschaftsraum, ein Reich oder, im Sinne des 18./19. Jahrhunderts, eine "Nation" umfassend.

 

 "Nation" ist nichts anderes als eine latinisierende Version von "Stamm". Es bedeutet ursprünglich nichts anderes als gemeinsame Abstammung, weswegen die nordamerikanischen „Indianer“ ihre Stämme auf englisch denn auch nations nannten. Indem es nicht zu einer deutschen Reichsbildung entsprechend der hin zu einem England oder Frankreich kommt, ist die Entwicklung dort umgekehrt: Anstelle der starken einigenden Zentrale oder der normativen Kraft des Kapitals, die ihre (Hoch)Sprache durchsetzt, setzt sich unter "deutsch" eine Vorstellung durch, die sich über die vorherrschende Sprache definiert und an keine Herrschaftsgrenzen gebunden wird - bis sich das im 20. Jahrhundert dann unter massiven Druck alliierter Siegermächte ändert.

 

So versuchten Römer, Germanen in die Begrifflichkeit ihrer Vorstellungswelt zu integrieren, und die übernehmen sie dann, ohne dabei in der römischen Vorstellungswelt aufzugehen.

 

Ein damit verbundenes anderes Beispiel ist es, wenn westliche Germanen ihre Vorstellungen des kuning oder cyning (mit seiner nicht ganz klaren sakralen Würde) mit der Heerführerschaft verbinden, die dann römisch dux (später Herzog) heißt, und dafür das Wort rex verwenden, den vorrepublikanischen und ziemlich sagenhaften König über die Römer. Als rex bezeichnen sich zunächst germanische magistri militum, Heermeister unter römischem Oberbefehl. Im Grab des ersten (?) Franken"königs" Childerich fand man einen Siegelring mit der Aufschrift Childerici regis. Kurz darauf nennt sich der gallorömische Heermeister Syagrius, der von Soissons aus herrscht und sein Amt recht unrömisch von seinem Vater Aegidius geerbt hat, laut Gregor von Tours rex Romanorum, ein „durch und durch barbarischer Titel“, wie Geary (S. 88) schreibt. Er ist gallorömischer, nicht germanischer Abstammung, befehligt aber für die noch nicht fränkisch eroberte Gegend um Soissons eine Art Privatarmee, die sich im wesentlichen wohl aus "Barbaren" zusammensetzt.

 

Heutige Bedeutungen des Wortes "Volk" haben ihre Wurzeln in gelehrten Vorstellungen des deutschen Humanismus und sind für das Mittelalter und alle Zeiten vorher völlig unbrauchbar. Schon im frühen Mittelalter mit seinen Abstufungen in Klerus, Adel und Volk wird der Volksbegriff zu einem Element sozialer Schichtung genauso wie in England, wo folc immer engere Bedeutungen erhält und fast verschwindet, ersetzt durch das ursprünglich altfränzösische people. Ein deutsches "Volk" im modernen Sinne kennt darum das Mittelalter nicht. Ähnlich ergeht es dem französischen peuple und dem italienischen popolo, die damals nicht ethnisch, sondern sozial definiert sind.

 

Das Mittelalter kennt dann zunehmend bereits Fremdenverachtung sowie eigene Überheblichkeit, gewinnt aber erst in seiner späten Phase Ansätze von dem, was man später Nationalismus nennen wird. Ursprünge dafür sind langandauernde kollektive gegenseitige Feindseligkeit, wie die Jahrhunderte der Kriege zwischen "englischen" und "französischen" Potentaten, wo insbesondere in Phasen allgemeiner Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung Fremdenfeindlichkeit geschürt wird.

 

Zuvor gibt es das gorilla-artige sich auf die Brust Trommeln von Kriegervölkern. Der Autor der Lex Salica spricht in der Einleitung vom berühmten Volk der Franken, von Gott gegründet, mutig im Krieg und beständig im Frieden, zum katholischen Glauben übergetreten, schon in den barbarischen Anfängen dieses Glaubens frei von jeder Häresie.... Mit Gewalt hat dieses Volk das schwere Joch abgeworfen, welches von den Römern auferlegt wurde, es ist das Volk, welches die Taufe empfangen hat und die Körper der heiligen Märtyrer mit Gold und Geschmeide bedeckt hat, welche die Römer verbrannt oder geköpft haben oder haben von den wilden Tieren verschlingen lassen. Diese etwas schräge Reminiszenz an die Vergangenheit wird aber die Verschmelzung der Oberschichten nicht aufhalten können.

 

Das Gemeinschaftsbewusstsein der „Franken“ entsteht erst durch zwei Männer und ihren Anhang: Childerich und seinen Sohn Chlodwig.

Der Autor der Einleitung der Lex Salica, die aus der Zeit des (ersten) Chlodwig stammt, spricht dort, wo sich Völkisches mit Religiösem mischt, vom

 berühmten Volk der Franken, von Gott gegründet, mutig im Krieg und beständig im Frieden, zum katholischen Glauben übergetreten, schon in den barbarischen Anfängen dieses Glaubens frei von jeder Häresie.... Mit Gewalt hat dieses Volk das schwere Joch abgeworfen, welches von den Römern auferlegt wurde, es ist das Volk, welches die Taufe empfangen hat und die Körper der heiligen Märtyrer mit Gold und Geschmeide bedeckt hat, welche die Römer verbrannt oder geköpft haben oder haben von den wilden Tieren verschlingen lassen.

 

Diese etwas schräge Reminiszenz an die Vergangenheit wird aber die Verschmelzung der Oberschichten nicht aufhalten können.

 

Das Reich der Merowinger

 

Da es hier um die Entstehung des Kapitalismus und seine erste Blütezeit im Mittelalter gehen soll, konzentriert sich unser Text inzwischen stärker auf das Frankenreich, weil es in seiner Ausdehnung unter Karl dem Großen bis auf Küsten Englands jene Regionen enthalten wird, in denen Kapitalismus als erstes Wurzeln schlagen wird: Nord- und Mittelitalien, das Rheintal und Flandern vor allem.

 

Unsere Kenntnisse von jenen Germanen, die später als "Franken" die Herrschaft in einem Westteil des Imperium Romanum antreten, sind dürftig, - wie bei jeder lange verschwundenen schriftlosen Kultur. Es gibt nur Texte, in denen Römer sich eine ihnen ferne und fremde Welt in ihre Begrifflichkeit anverwandelten. Daneben gibt es die Ergebnisse der Archäologie.

 

Im 4. Jh. tauchen in römischen Quellen gentes Francorum auf, also nicht ein Stamm, sondern mehrere. Inzwischen werden einzelne fränkische Verbände in Nordgallien als kriegspflichtige Bauern angesiedelt. Diese Laeten betreiben Handel mit den Gallorömern, man heiratet auch miteinander. (Scholz, S.16) Andere werden ins Heer integriert.

 

Die meisten Menschen waren wohl ursprünglich freie Bauern mitsamt von ihnen abhängigen Unfreien. Daneben gab es eine Welt von Kriegern, deren Verbindung mit der der Bauern unklar bleibt. Es gab keine Städte, die Leute lebten entweder auf Einzelgehöften oder in kleinen Weilern.

 

Wie zur Militarisierung in die römische Zivilisation kommt es zu einer solchen der germanischen "Barbaren". Bevor sie sich in dauerhafteren Stämmen formieren, wurde ein Teil von ihnen zu militärischen Verbänden. Bei immer mehr von ihnen wird der erfolgversprechendste Beruf der des Kriegers.

 

Krieger kämpfen, verteidigen, erobern, verletzen, töten, rauben, machen Beute, vergewaltigen auch. Ihre Legitimation ist das Schlachtenglück, der Erfolg in der Gewalttätigkeit. So fängt das zweite Buch von Gregors Frankengeschichte an:

Eo tempore Genobaude, Marcomere et Sunnone ducibus Franci in Germaniam prorupere, ac pluribus mortalium limite inrupto caesis, fertiles maxime pagus depopulati, Agrippinensi etiam Coloniae metum incusserunt.

Die Franken brachen also unter diesen Führern im (römischen) Germanien ein, durchbrachen die Grenzen und töteten viele, entvölkerten (verwüsteten) die fruchtbaren Gegenden dort und erfüllten selbst die Einwohner von Köln mit Angst.

 

Das ist der Blick eines Bischofs aus gallorömischem "Adel" zurück auf die, die dann zu seiner Zeit, im 6. Jahrhundert, die „weltliche“ Macht innehaben. Aber diese überfallartige Landnahme ist nur ein Aspekt.

Tatsächlich sickern Volkshaufen und Einzelpersonen, aus denen später die Franken werden, durch die ganze Kaiserzeit im Imperium ein, siedeln sich zum Teil friedlich an und werden vor allem in das römische Heer integriert, dem es inzwischen an heimischen Soldaten fehlt.

 

 

An der Ostgrenze Galliens sitzen im 5. Jahrhundert Friesen, Sachsen, Thüringer und Alemannen. Die Amorikaner sind in der Bretagne selbständig, den Süden beherrschen die Westgoten.

Die übrige Gallia nach 460 ist aufgeteilt zwischen den Heermeistern Childerich (Belgica II) und Aegidius im Norden, einem rheinfränkischen Reich von Köln und wohl solchen anderer fränkischer Häuptlinge, dem Moselland des frankorömischen Heermeisters und comes Arbogast und dem neuen Burgunderreich, ebenfalls mit dem Heermeisteramt betraut.

 

464 wird Aegidius ermordet und die gallorömischen Großen seines Gebietes machen einen comes Paulus zu ihrem Machthaber. Mit ihm schafft es der Merowinger"könig" Childerich, einen Vorstoß der Visigoten über die Loire abzuwehren. Mit Paulus werden erst Sachsen besiegt und dann werden zusammen mit den Sachsen Alemannen abgewehrt.

Im Bündnis mit gallorömischen Bischöfen aus wohl noch überwiegend senatorischem Adel, also den Stadtoberen, und im Bündnis mit gallorömischen Feldherren gelingt es Childerich, eine Art fränkisches Oberkönigtum für den Nordwesten Galliens herzustellen.

In der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts schwindet so römischer Einfluss auf Britannien und dann auch für Gallien. Die Heermeister dort sind zunehmend auf sich alleine gestellt.

 

Ein Großteil der römischen Truppen besteht aus „Germanen“, insbesondere im Norden aus „Franken“. Ihre zum Teil „germanischen“ Führer haben mit ihrem Militär römische militärische Traditionen bis hin zu Kleidung und Ausrüstung übernommen. Außerdem untersteht ihnen eine römische Verwaltung. Die einheimischen Gallorömer sind bald gewohnt, die militärische Macht in solchen Händen zu sehen und arrangieren sich.

 

Childerich, ohne handfeste Ordnungsmacht über sich, muss sich ebenfalls arrangieren. Sein ursprünglicher Befehlsbereich, das nach und nach eben zu seinem "Reich" wird, ist relativ stark von einer Minderheit germanisch-stämmiger Menschen besiedelt. Diese sind wohl im wesentlichen noch „Heiden“, und ohne handfeste „römische“ Oberhoheit dürften sie zunächst auch weniger (gallo)römischen Anpassungsdruck verspüren. Aber sie sind inzwischen gewohnt, neben „Römern“ zu leben.

 

Das Grab des Childerich in Tournai zeigt einen römischen Feldherrn germanischer Herkunft. Es liegt am Rand eines bestehenden Gräberfeldes, vermutlich unter einem Grabhügel. Am Fuße des Hügels befinden sich drei Pferdegräber mit insgesamt 21 Pferdeleichen, so wie auch im Fürstengrab selbst ein Pferdekopf gefunden wurde. Mitgegeben wurden dem Toten nach germanischer Sitte die Waffen, das Zaumzeug des Pferdes und 200 Silber- und 100 Goldmünzen. Eine goldene Zwiebelknopffibel weist ihn als römischen Amtsträger aus, Siegelring und goldener Armreif als König.

 

Spätestens um 460 übernehmen Rheinfranken Köln und Umgebung. Der Heermeister Aegidius kann sie nicht mehr vertreiben. Sie kontrollieren nun als Verbündete die niederrheinische Germania II. Aegidius hat sich, dabei zunehmend abgekoppelt von Rom, ein eigenes Reich zwischen Loire und Somme mit dem Zentrum Soissons errichtet und wehrt die Visigoten an der Loire ab. 464 beerbt ihn sein Sohn Syagrius. Inzwischen errichten Arigius und Sohn Arbogast eine Herrschaft mit dem Zentrum Trier. Die lateinische Sprache befindet sich hier offenbar bereits etwas auf dem Rückzug. Die Visigoten wiederum erobern Clermont und die Auvergne. Zwischen Genf und Lyon breitet sich ein Burgunderreich aus, welches im Süden den visigotischen Vormarsch bremst. Das Gebiet des späteren Bayern südlich der Donau verselbständigt sich und verliert seine Städte ("Hl." Severin).

 

476 verschwindet die Legitimation germanischer Heerführer durch einen weströmischen Kaiser zur Gänze. An seine Stelle tritt der oströmische, aber der ist weit weg und muss sich gerade mit der ostgotischen Eroberung Italiens abfinden. Dass 476 ein Endpunkt ist, stellt sich allerdings erst nach einer Weile heraus, als es in Rom keinen kaiserlichen Nachfolger mehr gibt.

 

 

Indem Childerichs Sohn Chlodwig (um 466-511) dann 486 den letzten römischen Heerführer Syagrius, Sohn des Aegidius, schlägt, einen rex Romanorum (Gregor von Tours), der das Gebiet um Soissons beherrscht, beendet er die imperiale römische Geschichte in Gallien zur Gänze. Syagrius flieht zu den Visigoten, wird aber später von ihnen ausgeliefert und getötet.

 

Schon als er um 482 die Herrschaft von seinem Vater erbt, schreibt ihm der einflussreiche (und bald heilige) Remigius, seit den 60er Jahren Bischof von Reims (St.Rémy):

Bischof Remigius an den hervorragenden Herrn und durch seine Verdienste glänzenden König Chlodwig. Es ist zu uns die laute Kunde gelangt, dass du die Verwaltung der Belgica Secunda übernommen hast. Es ist nicht überraschend, dass du so zu sein beginnst, wie deine Vorfahren immer gewesen sind. Mögest du insbesondere erwirken, dass Gottes Urteil sich nicht von dir wegwendet (...)

Du sollst deine Bischöfe hoch achten und auf ihren Rat immer Rücksicht nehmen; sobald du mit ihnen übereinstimmst, wird es deinem Land wohlergehen. Fördere dein Volk, richte die Unterdrückten auf, sorge für Witwen und Waisen... Dein Palast stehe allen offen, keiner soll ihn traurig verlassen. Mit Hilfe des vom Vater ererbten Vermögen befreie Gefangene und Sklaven... (Epistolae Austrasiacae 2, Üb. Kaiser II, S.84)

 

Es gelingt Chlodwig schließlich im Bündnis mit den Bischöfen, sein Reich gewaltsam bis zur Loire auszudehnen, bis wohin sich nun Franken ansiedeln. Paris soll ihm allerdings lange Zeit Widerstand geleistet haben. Wegen seiner rundherum durch Kastelle geschützten Lage und wegen des Standortes des Genoveva-Heiligtums, über welchem Chlodwig und nach seinem Tod seine Frau Chrodechilde eine Basilika erbauen, wird Paris eine Art Hauptort und bleibt es vom Prestige her oft auch bei Reichsteilungen bis zum Aufstieg der Karolinger.

 

Mit der Institutionalisierung einer Familie, der Merowinger, als Träger der Herrschaft, schwindet das alte germanische Heerkönigtum, das nun langsam ein Anachronismus wird, den Gregor anhand einer Königserhebung Sigiberts noch einmal beschreibt: Es sammelte sich um ihn das ganze Heer der Franken, hob ihn auf den Schild und machte ihn sich zum König. (inpositumque super clypeum sibi regem statuunt). (Gregor IV,51)

 

Chlodwig unterwirft um 491 die Thüringer und muss dann mit dem Burgunderkönig amicitia vereinbaren, während die Rheinfranken bis Trier vorstoßen und sich mit ihm verbünden. Er lässt verwandte Konkurrenten und andere Kleinfürsten brutal ermorden, wie Gregor von Tours überliefert.

 

Inzwischen hat der Osthrogote Theoderich im Einvernehmen mit den Franken Odoaker beseitigt. Dann kann Chlodwig bereits die Thüringer besiegen und 507 gelingt ihm die Eroberung der Auvergne.

Ein wesentlicher Motor der Veränderung im 5. Jahrhundert sind die Alemannen, die nach Nord-Burgund und in Richtung Rheinfranken drängen. Chlodwig bleibt wohl in seinem Expansionsdrang gar nichts anderes übrig, als sie militärisch zurückzuschlagen (506)

 

Schließlich konvertiert er zum (römisch-katholischen) Christentum des Schlachtengottes Kaiser Konstantins. Sowohl Gregor von Tours wie schon früher Bischof Avitus von Vienne betonen die Rolle des Kriegsglücks bei der Konversion.

Diesen Schritt tut er erst, als ihm klar ist, dass ihm auch die fränkischen Großen folgen und dann unter Mithilfe von Drohungen und Gewalt nach und nach das ganze "fränkische" Volk.

Chlodwigs Bekehrung und Taufe stilisiert Gregor zu einem Vorgang, der symbolhaft dem des Kaisers Konstantin gleichen soll, mit welchem erst die massenhafte Christianisierung der Römer begonnen hatte:

Er ging, ein neuer Konstantin, zum Taufbad hin, um sich rein zu waschen von dem alten Aussatz, und sich von den schmutzigen Flecken, die er sich zugefügt hatte, im frischen Wasser zu reinigen. (Procedit novus Constantinus ad lavacrum, deleturus leprae veteris morbum sordentesque maculas gestas antiquitus recenti latice deleturus (Gregor II,31)

 

Gregor als Erbe des gallorömischen Christentums beschreibt die frühe Christianisierung dieser fränkischen Krieger- und Herrenschicht als eine Adaption der Religion an germanische Kriegerideale. Bischof Avitus gratuliert in gedrechselter Rhetorik dem König zu seiner Taufe und fügt hinzu:

 

Er stellt sich vor, wie das unter dem Kriegshelm gepflegte Haar sich nun mit geweihter Ölung behelmte – wie der Panzer (tegmen loricarum) einmal abgelegt wurde und die makellosen Glieder im makellosen Weiß der Taufkleider glänzten. Möge diese weiche Gewandung … möge sie bewirken, dass euch die starren Waffen (rigor armorum) fortan nur um so kräftiger helfen: und was bisher das Glück geschenkt hat, die Heiligkeit (sanctitas) wird es nun vermehren. (Kaiser II, S.87ff)

 

Man sieht den gebildeten Bischof der römischen Oberschicht förmlich vor sich, wie er den Kriegsherr mit dem an sich so friedfertigen Christentum versöhnen möchte: Aus dem rauen Barbaren wird römische Körperlichkeit plus fränkischem crinis, dem langen Merowingerhaar, und wenigstens für einen Moment wird er zum unbewaffneten und ungepanzerten Menschen.

 

Es wird deutlich, wie weit der Weg einer Christianisierung bis zu den Zuständen des Hochmittelalters sein wird, und es wird erahnbar, dass zwischen der Theologie und der Laienwelt jener Graben bestehen bleibt, der zu einem der Keime der Pervertierung christlicher in "kapitalistische" Wertvorstellungen werden kann.

 

Laut Gregor verhilft der neue Gott Chlodwig kurz vor 500 zum Sieg in der Schlacht gegen die Alemannen. In dem längst sehr dualistisch ausgeformten Gegensatz zwischen dem Kriegsgott, der Schlachten gewinnen lässt und zu Macht verhilft einerseits, und dem Gegenspieler, dem Fürsten der Finsternis (Et quia princeps tenebrarum mille habet artes nocendi... Gregor VIII,34) andererseits, wird den Franken die Wahl leicht gemacht. Dabei ist unklar, wie viele von ihnen noch ihren germanischen Göttern anhingen, wie viele römischem Polytheismus und welche eventuell inzwischen Arianer geworden waren.

 

Als die beiden Heere zusammenstießen, kam es zu einem gewaltigen Blutbad, und Chlodwigs Heer war nahe daran, völlig vernichtet zu werden. Als er das sah, erhob er seine Augen zum Himmel … und er sprach: Jesus Christus … Hilfe, sagt man, gibst du den Bedrängten, Sieg denen, die auf dich hoffen - .gewährst du mir jetzt den Sieg über meine Feinde und erfahre ich so jene Macht, die das Volk, das deinem Namen sich weiht, an dir erprobt zu haben rühmt, so will ich an dich glauben... Denn ich habe meine Götter angerufen, aber ich erkenne, sie sind weit entfernt davon, mir zu helfen... Dich nun rufe ich an, und ich verlange danach, an dich zu glauben. Nur entreiße mich aus der Hand meiner Widersacher.“ (Gregor II,30)

 

Das klingt nach einer Erfindung von Gregor, aber es mag sein, dass der gewitzte Chlodwig mit dieser Geschichte sein eigenes Heer überzeugte, welches mit ihm zum Christentum übertreten soll. Weit jenseits der Verarbeitung der Konstantinslegende in eine Chlodwigslegende mögen Chlodwig allerdings handfestere Gründe zum Übertritt zur katholischen Religion veranlasst haben: Er nimmt damit den "Glauben" der großen lateinischen Bevölkerungsmehrheit in seinem Reich an, er bekommt dafür die Anerkennung durch den Kaiser, - und er bekommt ein effizientes Herrschaftsinstrument in die Hand. Kurz vor seinem Tod 511 zitiert er 32 Bischöfe zu einem Konzil, und er bestimmt offenbar wie ein Konstantin die Tagesordnung und die Ergebnisse.

 

Schließlich mag auch der Einfluss der 502 verstorbenen ("heiligen") Genovefa eine Rolle gespielt haben, die (vielleicht) so etwas wie eine Vorsteherin einer Art Stadtrat in Paris war und möglicherweise Chlodwigs Gemahlin Chrodechilde angeregt hat, missionarisch auf ihren Mann einzuwirken. Auf jeden Fall gibt es die Entscheidung von Chlodwig für Paris als Hauptort seines Reiches und für die Apostelkirche dort (später Sainte Geneviève) als Begräbniskirche.

 

Diese ebenso fromme wie "politische" Genovefa, von der wir zeittypisch so wenige gesicherte Erkenntnisse haben, nutzte bereits um 475 das Grab des bei den Christenverfolgungen des Kaisers Decius umgebrachten Missionsbischofs Dionysius zum Bau einer Basilika (französisch: Saint-Denis), die schnell ebenfalls Grablege der fränkischen Oberschicht wird. Hier wird man die Überreste von Königin Arnegunde, der um 585 gestorbenen Frau Chlothars I., finden. Später wird Saint-Denis zu einer Art Nationalheiligtum der französischen Könige werden.

 

Chlodwig wird übrigens auf den Brief des Bischofs Avitus reagieren und davon berichten, dass er, zumindest was die Kirche angeht, sie von den Grausamkeiten des Krieges (gegen die Westgoten) befreit habe:

Als erstes haben wir bezüglich des geistlichen Amtes aller Kirchen befohlen, dass keiner die Gott geweihten Frauen rauben möge, noch die Witwen, die erwiesenermaßen dem Dienst des Herrn geweiht sind ; das soll auch gelten für die Kleriker und die Söhne der oben genannten, sowohl der Kleriker als auch der Witwen, die bekanntermaßen mit ihnen in einem Haus wohnen; ebenso auch für die Sklaven der Kirchen, für die die Bischöfe beeiden, dass sie den Kirchen entzogen wurden. Zudem sollen diejenigen kriegsgefangenen Laien befreit werden, für die Bischöfe dies fordern. (in: Kaiser II, S.90)

 

Unversehens gibt es hier auch einen kleinen Einblick in das, was während Kriegszügen nicht nur damals überlicherweise so geschieht.

Das meiste, was Gregor beschreibt, beruht auf Hörensagen und seiner Fabulierkunst, aber, falls es nicht den Tatsachen entspricht, dann ist es doch wenigstens "glaubwürdig" für Zeitgenossen, also möglich bzw. wahrscheinlich für sie. Eine bezeichnende Geschichte aus dem zweiten Buch ist folgende:

  

In dieser Zeit wurden viele Kirchen von Chlodwigs Heer geplündert, weil er bis dahin von Irrtümern besessen war. So raubten sie auch in einer Kirche neben den übrigen schönen Gegenständen für den Kult eine Urne von wunderbarer Größe und Schönheit. Der Bischof jener Kirche schickt Boten an den König und verlangt, wenn schon sonst nichts, wenigstens die Urne zurückzubekommen. Der König antwortet dem Boten: Folge uns nach Soissons, wo wir die Beute verteilen werden. Wenn das Los mir jenes Gefäß zuteilt, werde ich dem Wunsch des Vaters nachkommen.

Als sie nun in Soissons ankommen, und die ganze Beute in der Mitte aufgestellt ist, sagt der König: 'Ich bitte euch, wackere Krieger, dass ihr mir außer dem, was mir aus der Beute zukommt, noch diese Urne - auf die er wies - nicht abschlagt.' Alle, die bei klarem Verstand waren, antworteten: 'Alles, ruhmreicher König, was wir hier sehen, ist dein, selbst wir sind deiner Herrschaft unterworfen. Du magst machen, was du willst; niemand vermag deiner Macht zu widerstehen.

Als sie dies gesagt hatten, erhob ein leichtsinniger, neidischer und wenig geschliffener Soldat seine (fränkische) Doppelaxt, berührte die Urne und sagte: Nichts sollst du davon bekommen, was dir das Los nicht ordentlich zuteilt'. Darob waren alle sehr erstaunt, der König aber zwang sich, die ihm zugefügte Verletzung mit ruhiger Geduld zu ertragen und gab die Urne, nachdem er sie entgegengenommen hatte, dem Boten der Kirche. Seinen Ärger verbarg er derweilen in seiner Brust.

Ein Jahr später gebot er allen Waffenfähigen, sich auf dem Marsfeld zu versammeln, und die richtige und ordentliche Bewaffnung zu überprüfen. Umgeben von allen kam er so zu dem, der auf die Urne geschlagen hatte, und sagte ihm: 'Niemand trägt hier seine Waffen so ungeschickt wie du; weder deine Lanze noch dein Schwert noch deine Axt sind zu gebrauchen'. Und er nahm seine Axt und warf sie auf die Erde. Als der Krieger sich ein wenig bückte, um sie aufzuheben, erhob der König seine Hände und schlug ihm mit seiner Doppelaxt auf den Kopf. 'So', sagte er, 'hast du in Soissons auf die Urne geschlagen'.

Der Mann war sofort tot und er befahl den übrigen, sich zu entfernen, denen er dadurch einen mächtigen Schrecken eingejagt hatte.

 

Was Gregor dann noch darunter schreibt, wirkt wie ein indirekter und nicht unbedingt abfälliger Kommentar: Viele Kriege führte er und viele Siege errang er. Im zehnten Jahr seiner Herrschaft trug er den Krieg zu den Thüringern und unterwarf sie seinen Befehlen. (Multa bella victuriasque fecit. Nam decimo regni sui anno Thoringis bellum intulit eosdemque suis diccionibus subiugavit.)

 

Gewalt und Grausamkeit? Es gibt keine Ordnung ohne Disziplin und Unterordnung, und Anarchie ginge auch zu Lasten eines Bischofs von Tours. Das Frankenreich der Merowinger entsteht im Krieg, und da geht es nicht ohne Gewalt und äußerste Härte ab. Spätestens in der Völkerwanderungszeit entwickelten Germanen ein Kriegerethos, - Freiheit, Waffenfähigkeit und Gefolgschaft auf dem Kriegszug fallen in eins. Mit der Christianisierung wird man dann dem Kriegertum in den geistlichen Stand, ins Mönchtum oder in die Unfreiheit entkommen können.

 

Andererseits steht diese Anekdote wenige Seiten vor der Bekehrung des Königs zum Christentum. Chlodwig ist noch soweit in seinen "Irrtümern" befangen, dass er auch Kirchen plündern lässt, anstatt sie zu beschützen.

 

Wichtiger aber sind zwei Dinge: Die Macht des Herrschers beruht auf seiner (kriegerischen) Gefolgschaft, und deren Beziehung zu ihm beruht sowohl auf Unterordnung (Disziplin) wie auf Teilhabe (Partizipation). Wenn wir annehmen, dass der germanische Kriegsführer ein primus inter pares war, dann beschreibt die Geschichte eine Übergangssituation: Die "Franken" sind unter Königen sesshaft geworden, Führerschaft überdauert nun den einzelnen Kriegszug und ist insofern institutionalisiert, als sie lebenslang dauern soll. Mitsprache ändert ihren Charakter, denn sie darf nicht mehr die dauerhafte Einrichtung des Königtums in Frage stellen.

 

Die übrige Gefolgschaft verhält sich noch nicht "höfisch", sondern klug, so wie es nicht höfisch ist, dem Widersprechenden mit der fränkischen Streitaxt öffentlich den Kopf einzuschlagen. Aber wir sind dahin unterwegs: Chlodwig ist ein begabter Herrscher, denn er kann sich selbst beherrschen. Er unterdrückt die impulsive Reaktion und inszeniert seine Bestrafung wie einen kalkulierten Staatsakt. Das wirkt wie Gerechtigkeit und nicht wie unkalkulierte Willkür aus dem Augenblick heraus.

 

So wie Gregor Chlodwig beschreibt, passt dazu seine List, ja, Hinterlist, mit der er sich fränkische Herrschaften einverleibt, wozu offenbar auch das Töten von Verwandten gehört, um Alleinherrscher in Nordgallien zu werden. Aber Gregor beschreibt das so, als ob Härte und Hinterhältigkeit allgemein unter den fränkischen Großen und bis hin zu einigen gallorömischen Bischöfen verbreitet sind, als Kampf aller gegen alle mit unterschiedlichen Koalitionen inklusive dazu gehöriger Treuebrüchen.

Der Krieg und die physische Gewalt stoßen kaum auf Kritik, weder bei den zivilisierten Römern noch bei den "Barbaren", die ein besonderes Kriegerethos mitbringen. Das Christentum hat den Krieg inzwischen als Teil des irdischen Lebens akzeptiert und mit des Augustinus Doktrin vom "gerechten Krieg" in seine Welt integriert.

 

Nebenbei gesagt: Schon 511 wird in den Kanones der Synode von Orléans deutlich, womit die Kirche seitdem kämpfen muss: Es wird den neuen Christen verboten, Ostern, Weihnachten und Pfingsten dem Kirchgang fernzubleiben und stattdessen in den Kapellen auf ihren Landgütern zu feiern. Es wird ihnen ebenfalls verboten, vor dem Ende der Messe die Kirche zu verlassen. Zudem wird nun exkommuniziert, wer an "Wahrsagungen, Deutungen der Wahrzeichen oder Orakel" glaubt (Scholz, S.82). Christianisierung braucht noch einen langen Weg.

 

 

Als Erbe Roms in Gallien ist es für Chlodwig offenbar naheliegend, ganz Gallien unter seine Gewalt zu bekommen. 507 schlägt Chlodwig mit seinem Heer samt Rheinfranken und Burgunden die (arianischen) Visigoten, erobert 508 Tolosa und vertreibt sie so auf die iberische Halbinsel.

Die heutige Provence wird in einer Gegenwehr Theoderichs vor der fränkischen Übernahme bewahrt, und laut Theoderich, wie Cassiodor schreibt, der römischen Freiheit zurückgegeben. Auf der anderen Seite des südlichen Gallien bleibt Septimanien diesseits der Pyrenäen den Visigoten erhalten, ein Landstrich, der später auch Gothia heißen wird.

 

 

Für soviel Erfolg wird seine Herrschaft von Byzanz mit einem römischen Titel anerkannt, die ihn geradezu auf eine Ebene mit Theoderich stellen und helfen, ihn gegen diesen zu positionieren. Gregor von Tours berichtet: Er empfängt von Kaiser Anastasius ein Schreiben, das ihn zum Konsul macht, und in der Basilika des seligen Martin legt er die Purpurtunika und Chlamys an, und setzt sich das Diadem aufs Haupt.

(Igitur ab Anastasio imperatore codecillos de consolato accepit, et in basilica beati Martini tunica blattea indutus et clamide, inponens vertice diademam. Tunc ascenso equite, aurum argentumque in itinere illo, quod inter portam atrii et eclesiam civitatis est, praesentibus populis manu propria spargens, voluntate benignissima erogavit, et ab ea die tamquam consul aut augustus est vocitatus. (Gregor II,38).

 

Der siegreiche und zum Konsul oder Augustus aufgewertete Chlodwig wirft also in Tours Gold- und Silberstücke unter das Volk wie ein römischer Kaiser. Ein Begriff von Herrscher und Volk tritt auch hier auf, der der lateinischen Sprache und den römischen Traditionen geschuldet ist und dabei ganz vage versucht, Neues zu bezeichnen. Mit populus finden wir jene Begriffsverwirrung, die dadurch entsteht, das antike lateinische Begriffe in neue Verhältnisse eingebracht werden. Tatsächlich ist Chlodwig aber wohl eher zum patricius ernannt worden (Scholz, S.59f).

 

Fast so wie dem Christengott fühlt Chlodwig sich dabei wohl dem längst heiligen Martin von Tours verpflichtet, dessen capa (Übergewand) bald in der königlich-fränkischen, danach benannten capella landen wird.

 

Die hierarchische Kirchenorganisation war von der Spät-Antike übernommen worden. In der Verfallszeit des Römerreiches sahen sich die Bischöfe aber immer mehr auf sich selbst gestellt. Die Funktionalisierung der Kirche für die Einheit des so rasch eroberten Reiches findet ihren ersten Höhepunkt in einem Reichskonzil 511 in Orléans mit reichsweiter Gesetzgebung, ein wenig nach dem Vorbild Konstantins.

Die Bischöfe dürfen dem König durchaus bei seiner Herrschaft beistehen, aber natürlich müssen sie dabei auf ihn hören, eher als umgekehrt. Im Text des Konzils von Orléans 511 schreiben die Bischöfe, Chlodwig habe ihnen "befohlen" (iussistis), zum Konzil zu kommen. Er habe Dinge gefordert (secundum voluntates vestrae) und praktisch die Tagesordnung bestimmt (titulos, quos dedistis).

In den ersten Kanones zum von spätem römischen Recht übernommenen Kirchenasyl wird dieses näher ausgestaltet und die Tendenz zu unblutiger Konfliktbeilegung beschritten. Fehde und Blutrache unterhalb der königlichen Ebene schränken nämlich die Herrschergewalt ein (Scholz, S.68)

Vor allem wird die Befehlsgewalt der Bischöfe über ihren Klerus betont und das bischöfliche Eigentum über alle Güter ihres Bistums, die zudem unveräußerlich sind. Soviel als möglich davon soll in die Armenfürsorge gehen.

 

Übrigens: Kurz nach 500 hat König Gundobad ein beachtlich großes Königreich Burgund geschaffen, welches von Basel bis Nevers und Avignon reicht. Schon einige Monate vor Chlodwigs Taufe gelingt es dann Bischof Avitus, Gundobads Sohn Sigismund zum Übertritt vom arianischen zum römischen Glauben zu bewegen.

 

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Die Landnahme der Stämme und Völkerschaften ist kaum dokumentiert. Teils wurden Stämmen Gebiete friedlich durch die Kaiser zugeteilt, teils werden sie im Auftrag erobert oder durch Eroberungen erweitert. Immer aber ist die Grundlage militärische Bedeutung und Macht.

So sind die neuen Könige zu allererst Heerführer und das, was ihnen vor allem Anerkennung verschafft, sind weiterhin erfolgreiche Kriegszüge. Sie belegen, dass sie im „Heil“ stehen, auch wenn dieses ihnen nun von einem nominell christlichen (Kriegs)Gott verliehen wird. Die edle Freiheit der Krieger, die ihnen dabei folgen, demonstrieren diese mit Waffengewalt, die sie im Konfliktfall auch in Machtkämpfen gegen ihre Kollegen im Reich wenden. Und der Freie, ob großer Gutsherr oder kleiner Bauer, ist per se Krieger, da er das Recht hat, Waffen zu tragen, und er verdient sich dies Recht mit der Pflicht, dem König in die jährlichen, meist sommerlichen Kriegszüge zu folgen.

 

Merowingische Könige werden über viel Land verfügen, das vielleicht aus dem römischen Fiskalgut herrührt. Dieses dient vor allem zur Versorgung des eigenen Hofes, aber auch zu Schenkungen. Dazu kommt ein Königsschatz, zu dem Beutestücke wie auch Steuern beitragen. Letztere basieren auf dem System, mit dem schon Diokletian sowohl Landbesitz wie Personen (Häupter) besteuerte, und die Merowinger führen auch die römischen Steuerlisten weiter. Dazu kommen dann wie schon in der römischen Kaiserzeit Sondersteuern, die schon mal einen Aufstand provozieren können, wie Gregor von Tours (V,28) berichtet.

 

Eine zentrale Säule merowingischer Königsherrschaft wird das Königsrecht der herumreisenden Könige mit ihren lokalen und regionalen Gerichtstagen. Bis ein Pippin (der Jüngere) die Königswürde in einem mit dem Papst eingefädelten Staatsstreich an sich reißt, bleiben die Merowinger formal im Vorsitz bei Versammlungen und oberstem Gericht.

 

Könige sind abhängig von der Gefolgschaft ihrer Krieger und von der Verlässlichkeit der Herzöge (duces) und Grafen, die sie in ihre Aufgaben einsetzen, die aber viele zeitraubende und aufwendige Tagesritte entfernt sind und nur geringer Aufsicht unterliegen. Zudem sind sie auf das Einvernehmen mit den Bischöfen angewiesen, die nicht geringen Einfluss auf die Schäfchen ihrer Herde und die Bewohner der nun deutlich verkleinerten Städte insbesondere haben.

Herrschaft beruht auf Macht, und die beruht auf Gewalt und Vertrag. Verträge sind nichtig ohne die Macht, die sie garantiert. Die frühmittelalterliche Macht zeigt sich durch Präsenz. Könige sind bis ins Hochmittelalter unterwegs, sowohl um die Dinge vor Ort zu erledigen, als auch, um sich mit ihrem Gefolge in Waffen und mit der kleinen königlichen Verwaltung zu zeigen.

 

Ungestörte Machtausübung bedeutet für die Könige innerer Friede, weswegen sie diesen zu ihren hohen Ziel erklären und wenigstens darin mit der Kirche übereinstimmen. Das bedeutet aber, dass die aggressiven Energien nach außen gelenkt werden müssen, wo durch eigene militärische Teilnahme Beute gemacht werden kann, nicht zuletzt auch, indem man Anteil an eroberten Gebieten bekommt. Der kriegerische Charakter der neuen Herren verlangt immer wieder danach.

 

Die teils mit Ämtern versehene Kriegerschicht (militia) und die Schicht der professionellen Betenden hatten die Verachtung produktiver Arbeit und des Geschäftssinns teils schon mitgebracht, die dann von der römischen Oberschicht noch verstärkt wird, und hat beides für unedel erkannt. Dass sowohl der private Reichtum der einen als auch der kollektive Reichtum der anderen von Dritten erarbeitet werden muss, wird als göttliche Verfügung erklärt.

 

Der Reichtum der höheren Herren beruht weiter auf großem Landbesitz. Gefolgsleute des Königs müssen also mit Land und Leuten ausgestattet sein oder werden, damit ihr Unterhalt und ihre Aufgaben gesichert sind. Im Kern geht es Bischofskirche und Kloster genauso. Die Kirche bekommt zwar außerdem den zunächst noch "freiwilligen" Zehnten, aber der sollte ja für geistliche Zwecke wie Kirchenbauten, Verwaltung und Almosen aufgewendet werden.

Die zunächst noch eher wenigen Klöster bedürfen des Grundbesitzes mit darauf arbeitenden Leuten zu ihrer Versorgung, denn Mönche sollen einen Gutteil ihres Tages mit dem Gebet, Messfeiern, Chorgesang und dem Studium der heiligen Schriften verbringen. Und darüber hinaus sollen Kirchengebäude, auch die von Klöstern, innen in jener Pracht ausgestattet sein, die die Pracht Gottes (und die Macht von Bischof oder Abt) wiederzugeben hat.

 

Im Verlauf der Nachantike bleiben Landbearbeitung und Handwerk überwiegend personell in die familiae der Herren als deren wirtschaftliche Basis integriert. Könige übernehmen den riesigen Großgrundbesitz des römischen fiscus und teilen sich in ihn mit einer hohen Herrenschicht, der Kirche und bald dann auch der Klöster. Daneben gibt es noch in größerem Umfang freie Bauern und weiter auch Sklaven.

 

In den verfallenden Städten geraten Handwerk und Handel, was schon im antiken Reich begonnen hatte, immer mehr unter die Aufsicht von Bischof, Graf und den Äbten von Klöstern, die sich hier ansiedeln und mit reichen Gaben der weltlichen Oberschicht bedacht, ebenfalls zu Herren über Ländereien und handarbeitende Bevölkerung aufsteigen.

 

Von römischer Staatlichkeit bleibt dabei immer weniger übrig. Es entsteht also kein Verband von cives gleichen Rechtes wie im Reich der Römer, sondern ein hochgradig instabiler Verbund von Personen bzw. Familien, die in unterschiedlichem Maße Vorrechte (Privilegien) wie auch Besitztümer einsammeln, und von denen wiederum die Masse der Bevölkerung abhängt, die solchen Familien zu- und eingeordnet wird. Instabilität wird die Entwicklung beschleunigen.

 

 

Die Einwanderung der Leute, die auch dadurch zu Franken werden, dass sie unter "fränkischer" Herrschaft geeint werden, "germanisiert" den Norden und den Osten. Dort bleiben aber für Jahrhunderte "römische" Inseln wie um Trier und im Randbereich der Merowinger-Herrschaft in Gegenden Bayerns, oder es bleibt ein römischer Einwohneranteil wie in Köln, wo er die Severinskirche bis um 500 fast alleine für christliche Bestattungen nutzt. Andererseits gibt es im romanischen Teil "germanische" Inseln. Beide verschwinden im Lauf der Jahrhunderte. Reichsbildung zerstört das Besondere von Minderheiten, und viele Germanen hatten ohnehin schon früh entschieden, dass für sie die römische Zivilisation in manchem die attraktivere sei.

 

Das Merowingerreich teilt sich dabei in kleinere germanische und größere romanische Sprachgebiete, die sprachliche Klammer ist das von der alten grundbesitzenden und der städtischen Oberschicht tradierte Latein, zudem die Sprache der Kirche, in die sich Chlodwig kurz vor 500 (vielleicht) nach dem Vorbild Konstantins nach gewonnener Schlacht einreiht.

 

Was auffällt ist, dass keine "ethnischen" bzw. "sprachlichen" Probleme überliefert sind. Schritt für Schritt wird man überall Franke, gleich, welches Idiom man spricht oder wo man seine Herkunft herleitet. Andererseits führt fränkische Siedlung in romanischen Gebieten - so viel lässt sich durch die Archäologie heute nachvollziehen, offenbar zunächst eher zu einem Nebeneinander, wo sich ein Miteinander vermeiden lässt. Die wenigen von Römern und Franken in Lothringen gemeinsam benutzten Friedhöfe scheinen so belegt worden zu sein, dass eine Seite von der einen, die andere von der anderen Gruppe genutzt wurde. (V.Bierbrauer erwähnt als Beispiel Dieue-sur-Meuse, in: Franken I, S.113)

 

Die fränkischen Quellen der Zeit sind lateinisch, und das ist die Begrifflichkeit, die unsere Betrachtung bis heute einfärbt. Der rex steht dabei unter dem Caesar. Bis 800 ist damit der oströmische Caesar formal der weltliche Oberherr der Christenheit - bis ein fränkischer Kaiser ihn im Westen ablöst. Von diesem rex leitet sich das regnum ab, was sich notdürftig mit Königtum, Königreich, königliche Herrschaft und ähnlichem übersetzen ließe; man sieht, es gibt keinen ganz adäquaten Begriff im Neuhochdeutschen dafür...

 

Wichtig ist zunächst, dass vor dem Hochmittelalter regnum keine unabhängig vom König gedachte Größe ist: Herrschaft entsteht mit dem Herrscher, mit seiner Person, und die Kontinuität ist weder territorial, noch ethnisch, sondern an seine Person und seine Familie gebunden. "Der Gedanke einer fingierten >juristischen Person< ist noch nicht geboren", schreibt Johannes Fried (in: Jussen, S.84)

 

Der Herrschaftsbereich geht so weit, wie ihn der König tatsächlich durchsetzen kann. Es gibt soweit keine Trennung in Vorstellung (verfasste Fiktion) und Wirklichkeit. Damit gibt es auch keinen "Staat", sondern nur Ansätze zu Institutionen, die Vorformen von Staatlichkeit werden können.

 

Um das etwas zu verstehen: Johannes Fried beschreibt (in: Jussen, S.74ff) den Unterschied zwischen romanisierten Franken und „dänischen“ Nordmannen am Beispiel von deren Einfall in Friesland, also "fränkischem" Einflussbereich, 810. Was Karl d.Gr. und seine Nachfolger suchen, ist der Kontakt zum feindlichen "König", in der Schlacht oder im Vertrag. Sie finden keinen. Für Franken ist längst Volk und Herrschaft eine Einheit geworden. Zu dieser Zeit ist das, was wir Frankenreich nennen, im Kern das Karolingerreich, Nachfolger des Merowingerreiches, und die Karolinger definieren, wer in diesem Sinne ein Franke ist.

 

Der Prozess der Veränderung, den die Leute durchlaufen hatten, als sie zu Franken wurden, wird in der Konfrontation mit diesen Nordmannen deutlich. Fried schreibt: "Wie sollten die Franken den als Volk oder als Völkergruppe gesehenen, doch zu Hause wohl zu wenig stabilen Sippen, großräumigen Kultbünden, gewissen Rechtsgemeinschaften und Dinggenossenschaften, aber noch kaum zu stabilen politischen Verbänden vereinten, nur in der Fremde zu kleineren oder größeren, in ihrer Zusammensetzung wechselnden und zugleich hochbeweglichen Kampfgruppen zusammengeschlossenen Vikingern entgegentreten? Wie sich auf ihre Sozialverfassung, welche die Franken als Ganzes kaum wahrzunehmen vermögen und die doch einer der Gründe für die hohe Mobilität und militärische Schlagkraft der >Normannen< ist, einstellen?" (in: Jussen, S,76)

 

Das Problem, welches die Römer mit den Germanen hatten, haben nun in anderer Form die Franken mit ihnen. Sie haben Vorstellungen einer Einheit von Volk und König, die so den Germanen völlig fehlte.

 

 

Im 5./6. Jahrhundert veranlassen Könige wie der Visigote Eurich und vielleicht schon Chlodwig die Aufzeichnung tradierter und leicht ans römische Recht angepasster Stammes-Rechte, die neben das römische Recht für die Romanen treten. Ihr archaischer Charakter wird besonders an der Lex Salica (Pactus Legis Salicae) deutlich: Sie handelt von Konfliktbewältigung in einer rein agrarischen Welt ohne Städte und Fernhandel, was vermuten lässt, dass in den Städten noch längere Zeit römisches Recht praktiziert wird. Königliche Gesetzgebung hingegen gibt es vor den Karolingern wohl kaum.

 

Dargestellt wird hier eine Welt von Hausherren und  Knechten, also Freien und mehr oder weniger Unfreien. Von Adel ist keine Rede, die Menschen sind in Freie (ingenui), Halbfreie (laeti) und Unfreie (servi) eingeteilt. Die proceres als Oberschicht tauchen erst in den Texten de Zeit Gregors von Tour auf.

Unter den Herren gilt es, Rache durch Entschädigung (Wergeld) zu vermeiden, welche Versöhnung schafft, sinngleich mit Sühne, die Frieden bedeutet.

Ganz germanisch sind die langen (Körper)Straflisten für Unfreie und Strafgeldlisten für Freie. Mit dem Allgemeinverbindlich-Machen solcher Strafsätze soll dem wilden Ausüben von Fehde und Blutrache Einhalt geboten werden.

Dabei fällt auf, "dass der Pactus legis Salicae bei den Straftatbeständen vor allem Delikte wie Raub, Mord oder Entführung behandelt, also Tatbestände, die eine Fehde oder die Blutrache nach sich ziehen konnten. Für andere Bereiche wie Kauf- oder Grundstücksrecht galt offenbar nach wie vor der Codex Theodosianus." (Scholz, S.77)

 

Königsherrschaft beginnt so mit ersten Versuchen der Pazifizierung der wehrfähigen Bevölkerung, ein Prozess, der bis ins späte (kurze) Mittelalter andauern wird. Befriedung wird aber immer Unterwerfung, Untertänig-Machen bedeuten.

Tatsächlich wird aber ein Fehderecht als eine Art Selbstjustiz fast durch die nächsten tausend Jahre bestehen bleiben, eben dort, wo man nicht friedlich zu seinem Recht zu kommen meint.

 

Im Wergeld, den Geldstrafen für Tötungsdelikte, zeigt sich eine gewisse Schichtung: Der Tod eines Galloromanen kostet 100 Schillinge, der eines freien Franken 200, galloromanische Mitglieder des Hofes kosten 300, das unmittelbare (fränkische) Gefolge des Königs 600 Schillinge. Hoch bewertet werden freie Frauen im gebärfähigen Alter. Was fehlt, ist der rechtliche Sonderstatus eines "Adels".

 

Richten Knechte und Mägde Schaden an, haftet der Herr dafür. Sie  selbst erleiden dafür (Körper)Strafen wie eine Vielzahl von Schlägen, was mit besonderer Härte auch die Sklaven betrifft. Konflikte unter Unfreien kann der Herr wohl nach Gutdünken regeln bzw.strafen.

In einem Dekret des merowinigischen Königs Childebert II. von 596 kommt auch als äußerstes Mittel die Todesstrafe vor, und zwar auf Frauenraub und Inzest. Frühformen des Galgens (patibulum) gibt es jedenfalls. (SchubertRäuber)

 

Das Rechtswesen zeigt, wie sich die neue Form der Herrschaft in ihren Vorstellungen zwischen germanischen und römischen Rechtsvorstellungen bewegt. Zunächst einmal wird hier germanisches Gewohnheitsrecht, welches jeder Kodifizierung widerstrebt, schriftlich fixiert. Germanische und römische Rechtsvorstellungen bestehen dabei nebeneinander.

 

 

Öffentliche Schulen verschwinden und es bleiben Privatlehrer für die, die es sich leisten können und wollen. Da das zivilisatorische Moment der Schriftlichkeit mit den Städten langsam verfällt und sich auf Kirche, Kloster und weltliche Oberschicht zurückzieht, entstehen dabei Strukturen, die vorwiegend auf Mündlichkeit und persönlichen Beziehungen beruhen.

Aufbewahrt wird die Erinnerung an antike Zeiten in (lateinischen) Texten, die vor allem in den Klöstern gesammelt und immer einmal wieder neu abgeschrieben werden. Dabei verblüfft heute das Nebeneinander antik-heidnischer und christlicher Schriften in den Bibiliotheken der Klöster, wobei die Texte aus dem monastischen Kontext belegen, dass das antike Heidentum mit Interesse gelesen und zitatweise wie nicht nur später bei Widukind von Corvey in den eigenen Text eingebunden wird. Aber man darf nicht vergessen, dass es weithin Angehörige adeliger Familien sind, die in den Klöstern leben. Eine gewisse Schriftlichkeit bleibt wie im iberischen Visigotenreich bei der Oberschicht bis zu den Großgrundbesitzern hinab wohl zunächst erhalten.

 

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Ein grundlegender Irrtum über das "Königtum" der Nachantike beruht darauf, dass wir heute Königtum und Monarchie gleichsetzen. Dabei stammt für das zukünftige Deutschland das erste Dokument mit monarchischen Vorstellungen von 929, als der sächsische König Heinrich I. anlässlich eines Besuches seiner Familie in der Abtei Reichenau nicht nur sich selbst, sondern auch den ältesten Sohn aus der Ehe mit Gemahlin Mathilde mit Namen Otto als König bezeichnet, nicht aber die anderen Söhne: Es gibt bei mehreren Söhnen zum ersten Mal einen, den ältesten mit der aktuellen Ehefrau, der damit zum Thronfolger designiert wird, als monarchus, Alleinherrscher. Voraussetzung ist (serielle) Monogamie, also: nur eine Ehefrau auf einmal...

 

Eines der germanischen Überbleibsel ist im Merowingerreich die Erbteilung, die im Frankenreich nach dem Tod des Reichsgründers Chodwig bei mehreren Söhnen und einem Königtum im Familienbesitz dazu führt, dass das Reich in schon etwas vorgegebene Bestandteile aufgeteilt wird, wobei der gemeinsame Reichsgedanke erhalten bleiben soll. Solche Teilkönigtümer, zu denen bald auch das angeschlossene und eigentlich nichtfränkische Burgund gehört, führen dann allerdings auch zu häufigen Kriegen gegeneinander, und da es sich gewissermaßen um Familienkriege handelt, mischen auch königliche Frauen dabei heftig mit, wobei eine besonders brutale Geschichte wohl zu einer der Keimzellen für das viel spätere Nibelungenlied wird.

 

Das Reich des ersten Chlodwig wird nach seinem Tod zu gleichen Teilen unter den vier Söhnen aufgeteilt. Es bleibt ein fränkischer Herrschaftsraum mit vier Herrschaftsbereichen. Das wiederholt sich, wann immer ein Merowinger als Herrscher stirbt.

Theuderich mit dem größten Reichsteil residiert in Reims, Chlodomer in Orléans, Childebert in Paris und Chlothar in Soissons.

 

Die Aufteilung erst in vier, später in drei Teilreiche wird dazu führen, dass sich einmal die Tendenz zu einem östlichen (Auster/Austrasien) Teilreich mit dem Hauptort Reims/Metz und einem westlichen (Neustrien) mit dem Hauptort Paris festsetzt, verstärkt durch die Orientierung des jeweiligen Adels auf "seinen" Hof. Zum anderen erwacht im zunehmend romanischen Burgund immer wieder mal die Erinnerung an vormalige Selbständigkeit. Und schließlich wird der nie sehr germanischen Einflüssen unterlegene Süden (Aquitanien, Provence) eine Tendenz zu eigenen Wegen bewahren.

 

Genauso machen es dann die Karolinger, bis hin zu der folgenschweren Teilung des Reichs Ludwigs des Frommen im 9. Jh. unter seinen Söhnen. Da treffen ein fehlendes rechtlich-institutionell fixiertes Territorium und die Tatsache aufeinander, dass Könige ihren Herrschaftsbereich mit Macht und Gewalt immer neu festlegen. Unsere Vorstellungen von stabiler Staatlichkeit fehlen völlig.

 

523 kommt es zu einem ersten Angriff auf Burgund. Nach kurzer Flucht in ein Kloster wird der Burgunder Sigismund mitsamt seiner Familie umgebracht. 532/34 wird aus Mord und Totschlag ein zweiter fränkischer Krieg gegen Burgund, und das burgundische Reich wird in die Teilreiche der Franken integriert. Das Wort Burgundia verschwindet dann für Jahrhunderte, bis es erst nach 843 wieder auftaucht.

 

Als dann Ostrom nach der Vernichtung des Vandalenreiches 534 unter Justinian die Rückeroberung Italiens beginnt, überlassen die Nachfolger Theoderichs die Gebiete nordwestlich den Franken unter den Söhnen Chlodwigs.

 

Das unter drei Söhnen aufgeteilte Thüringen ist derweil Bruderkämpfen ausgesetzt. Herminefred tötet Bruder Berthachar und führt dann mit Theuderich Krieg gegen den Bruder Baderich, der dabei getötet wird. 531 besiegt dann ein fränkisches Heer Herminefred. Chlothar heiratet Berthachars Tochter Radegunde und soll ihren Bruder umgebracht haben (s.u.: Kloster).

 

Childebert vertreibt die Visigoten aus großen Teilen des ihnen noch verbliebenen Aquitanien. In Gallien bleibt noch die Bretagne. Letztere wird nun von britischen Kelten besiedelt, die ihre Sprache mitbringen.

Chlodomers Erbe, er ist gegen Burgund gefallen, teilen sich Childebert und Chlotar, nachdem sie zwei Erbsöhne getötet haben und der dritte Geistlicher wird.

 

Schon 533 stirbt Theuderich und sein Sohn Theudebert kann sich gegen seine Onkel behaupten. 539 taucht er mit einem Heer plündernd in Norditalien auf. Er heiratet eine Tochter des Langobarden-Königs in Pannonien. 547 stirbt er und für den minderjährigen Sohn führt Hofmeister Conda die Regierung.

 

Mitte des 6. Jahrhunderts haben die Merowinger praktisch das gesamte alte Gallien und (römische) Germanien unter sich, dazu von fränkischen Duces kontrolliert Thüringen und Bayern. Dabei werden in die Gebiete Leute der merowingischen Oberschicht mit ihrem Kriegergefolge geschickt, ihren leudes, die kleine Siedlungsinseln zur Kontrolle des eroberten Gebietes bilden. In der Germania I werden aus solchen Kernzellen dann "fränkische" Gebiete, d.h. die Einheimischen werden in wenigen Generationen umgewidmet - etwa so, wie es den Franzosen am Ende mit dem Elsass gelingen wird.

 

Die kriegerische Machtübernahme einer fränkischen Familie mit ihrem kriegerischen Gefolge kennt keine ethnischen Grenzen. Ob Visigoten im romanischen Südgallien, Burgunden in der romanischen Sabaudia, Alemannen, Rheinfranken, Thüringer oder Friesen, später Bayern und Sachsen oder die Menschen beiderseits der Pyrenäen und selbst südlich der Alpen, für die herrschende Familie und ihr kriegerisches Gefolge handelt es sich immer um potentielle Untertanen, Objekte von Eroberung, Unterdrückung und Integration.

 

Das Erfolgsprogramm fränkischer Könige und ihres Gefolges beruht auch darauf, die enormen kriegerischen Energien von innen nach außen abzuleiten. Der Atlantik bis zum Ärmelkanal, Pyrenäen und Mittelmeer bilden natürliche Grenzen, ebenso das Hochgebirge nach Italien. Offen liegt jenes Land östlich des Rheins, welches von germanischen Nachbarvölkern besiedelt ist, vor allem Friesen, Sachsen, Thüringer, Chatten, Alemannen und nun langsam entstehende Bayern.

 

Unter den Nachfolgereichen des westlichen, lateinischen Teils des Imperiums fällt das Frankenreich seit seiner Entstehungszeit durch besondere oder wenigstens besonders dokumentierte Gewalttätigkeit auf, die an das Römerreich seit den frühen Bürgerkriegen erinnert. Ein Aspekt ist dabei sicherlich, dass es keine wirkliche Monarchie wie das Wahlkönigtum der Visigoten ausbildet. Stattdessen ist die Königsmacht zwar bis ins 9. Jahrhundert in der Hand von hintereinander zwei Familien, aber dabei oft geteilt unter mehrere Erben. Da zugleich die Vorstellung eines Reiches der Franken bestehen bleibt, rivalisieren die Erben untereinander bis in Kriege, Mord und Totschlag hinein.

 

Das Gefolge und damit dann auch die regionalen und lokalen Herren bei der Krone zu halten, ist durchweg mit dem Versprechen von siegreichen Kriegszügen, Ruhm und Beute in vielfältiger Form verbunden. Die jährliche Heeresversammlung im Frühjahr führt regelmäßig zum Aufbruch in den Krieg. Spätestens vor Wintereinbruch kehrt man dann zurück, um sich an den Früchten seines immer gottesfürchtigen Werkes zu erfreuen.

 

Waren Adel (die milites der nobilitas) und der Amtsadel der Kurialen im alten Imperium vor allem mit - im weitesten Sinne - Verwaltung betraut, bei zugleich professionalisiertem Militär,  so ist der "Adel" des Frankenreiches seinem zentralen Wesen nach Militär, Krieger eben, weswegen die in den höheren Ämtern aristokratisch besetzte Kirche des christlichen Kriegsgottes dort Krieg und Gewalt nicht nur rechtfertigt, sondern mitbetreibt.

Die fast schon Alltäglichkeit des Krieges und seine Verherrlichung führen zu einem Kriegerethos und zur Brutalisierung bis hin zu erheblicher Grausamkeit. Was in der Spätantike stärker in den Amüsierbetrieb und die professionalisierte Soldaten-Gewalttätigkeit abgedrängt war, bringt nun im Erfolgsfall auch jenseits davon Ruhm und Ehre. Einen düsteren Höhepunkt erreichten diese Hass- und Mordgeschichten mit den drei Machterben ab 567 und ihren vielen (zum Teil gleichzeitigen) Frauen, die in dem Konflikt zwischen Fredegunde und Brunichilde kulminiert, wie ihn Gregor von Tours beschreibt.

 

Ziel von Gewalt ist Macht und deren Ausübung dann möglichst ohne aufwendige Gewaltanwendung, das, was in Zivilisationen als innerer Friede gilt. Die geringen Machtmittel von Herrschern bis ins 10. Jahrhundert verlangen dabei durchgehend auch das Gespräch mit den Großen des Reiches, denn wenn man ihr (militärisches) auxilium, also ihre Hilfe braucht, dann muss man auch ihren Rat (consilium) annehmen, also ihren Einfluss. Aber Gesprächsteilnehmer haben Gewicht vor allem mit ihrem Gewaltpotential. 

Gewalt wird einerseits als solche und als Heldentum verherrlicht, andererseits aber auch religiös gerechtfertigt, - und damit zugleich ganz weltlich durch Schlagwörter wie Friede, Schutz, Gerechtigkeit, in denen sich Macht gerne spiegelt - sie inszeniert sich also doppelt.

 

 

555 stirbt Theudebald kinderlos und Childebert und Chlothar teilen sich in sein Reich. Aufstände der Thüringer und Sachsen gegen Chlothar werden niedergeschlagen und auch einer seines Sohnes Chramn, der mit seiner Familie in einer Hütte verbrannt wird. 558 stirbt Childebert und Chlothar erbt nun das ganze Frankenreich. Er wiederum stirbt 561.

 

Nach Chlothars Tod wird sein Reich unter den vier Söhnen in manchem ähnlich wie 511 aufgeteilt. Charibert erhält die zentrale Francia, Sigibert den Osten, Burgund geht an Gunthram, während Chilperichs Gebiet mit der Zentrale Soissons unklarer bleibt. Offenbar um das Reich zusammenzuhalten, veranstalten die Bischofe aller Reichsteile eine Synode.

Chilperich reißt den Königsschatz an sich, zieht nach Paris, von wo ihn die anderen Brüder wieder vertreiben. Ein Awareneinfall 562 führt (indirekt) zum Bürgerkrieg.

566 heiratet Sigibert mit Brunichild die Tochter des Visigoten-Königs. Chilperich heiratet nach Audovera und dann Fredegunde Brunichilds Schwester Galsvintha. Fredegunde kehrt bald zu Chilperich zurück und Galsvintha wird ermordet.

 

Als Charibert 567 stirbt, bilden sich drei Teilreiche heraus. Da ist das um Champagne und Auvergne vergrößerte Rheinfranken mit der Hauptstadt Reims bei bleibender Bedeutung von Köln, ein Gebiet, welches später Austrien genannt wird und welches zeitweilig das ganze östlich anschließende Germanien kontrolliert, dann ein Neustrien mit dem Hauptort Paris, welches zum Teil später als Francia firmieren wird, und ein zeitweilig bis ans Mittelmeer reichendes Burgund.

Es kommt zu heftigen Kriegen der Brüder, die gegenseitig ihre Reiche plündern und verwüsten. 575 wird Sigibert ermordet, angeblich auf Veranlassung von Fredegunde. 576 rettet dessen Dux Gundowald seinen Reichsteil für Sigiberts Sohn Childebert (II.).

 

Die zahlreichen Frauen der Könige hinter- und nebeneinander führen über ihre Söhne zu erheblichen kriegerischen Verwicklungen. Chilperichs Frau Fredegunde gebiert einen Sohn, was Merowech, zweiten Sohn der ersten königlichen Gemahlin Audovera, beunruhigt und aufsässig macht. Er heiratet Brunichilde, aber sein Vater erwischt ihn und sperrt ihn ein. Er kann entkommen, wird mit Gefolge gefangengenommen begeht Suizid, während sein Umfeld von Chilperich grausam getötet wird.

Chlodowech ist der dritte Sohn von Audovera. Fredegunde sorgt dafür, dass er gefangen genommen und getötet wird.

Gundowald, der von sich behauptet, unehelicher Sohn von Chlotar (I.) zu sein, flieht nach Konstantinopel, lässt sich vom Kaiser ausstatten, um dann so 582 ins Frankenland zurückzukehren. Inzwischen hat Dux Desiderius Rigunthe in Toulouse überfallen, die mit Brautschatz ins Visigotenland zieht, um Kömigssohn Leovigild zu heiraten. Zusammen mit Dux Mummolus und Gundowald geht es ins Limousin. In Brive-la-Gaillarde wird Gundowald zum König erhoben. Gunthram, der sich inzwischen des jungen Childebert (II.) bemächtigt hat, adoptiert diesen und setzt ihn als seinen Nachfolger ein. Gundowald gerät in seine Hände und er lässt ihn töten.

 

584 wird Chilperich umgebracht. Fredegunde begibt sich mit dem kurz zuvor geborenen Sohn Chlothar (II.) in den Schutz Gunthrams. Es kommt zu Auseinandersetzungen insbesondere um das Erbe Chilperichs. 587 einigen sich dann Gunthram, Childebert und seine Mutter Brunichilde mit Großen und Bischöfen in Andelot. Es kommt aber zu neuen Auseinandersetzungen.

592 stirbt Gunthram und sein Reich fällt an Childebert II., der schnell in das Reich Chlothars II. eindringt.

 

 

Die Merowingerkönige, solange sie tatsächlich herrschen, verfügen zunächst noch über eine gewisse Lesekunst und Schreiber für rechtlich wirksame Texte. Ländliche Pachtverträge in Schriftform gibt es auch noch im Frankenreich des 6. Jahrhunderts. Besonders altrömische Familien mit größeren Besitzungen pflegen  antikes Bildungsgut, wenn auch mit abnehmender Tendenz.

Inzwischen tauchen in den Quellen "bei Hofe" erste Ämter auf, der Pfalzgraf (comes palatii), der Hofmeister (domesticus) und der Hausmeier (maior domus).

 

Das spätrömische Steuersystem wird weitgehend übernommen, und vermutlich von Gallorömern weiter betrieben. Genauso sieht es mit dem Kern des römischen Kanzleiwesens aus.

 

*****

 

Nach dem Tod Childeberts II. 596 regiert Großmutter Brunichilde für die zwei minderjährigen Söhne Theudebert II. und Theuderich II. Fredegunde und ihr etwas älterer Sohn Chlothar (II.) besetzen Paris und andere Städte Richtung Loire. Ein Heer der Enkel Brunichildes wird geschlagen. Beide entzweien sich. 612 verhält Chlothar sich gegen Gebietsversprechen neutral, als Theuderich gegen seinen Bruder in den Krieg zieht. Am Ende unterliegt Theudebert und wird mit seinen Söhnen getötet.

Als Theuderich bald danach stirbt, unterstützt Brunichilde ihren minderjährigen Urenkel Sigibert. Aber nun laufen die Großen Burgunds zu Chlothar über.

Darunter sind die Arnulfinger, Vorläufer der Karolinger. Sie stammen aus dem Raum Prüm, Trier, Echternach, Metz, Verdun, wo sie großen Grundbesitz mit vielen darauf arbeitenden Menschen haben. Arnulf unterstützt König Chlothar II. dabei, Herr des Gesamtreiches zu werden: Nach dem Tod Theuderichs 613 fällt dieser Chlothar auf Anraten Arnulfs, Pippins und weiterer Großer in Austrasien ein. (Fredegarschronik, IV, c.40).  Sigibert und sein Bruder werden getötet.

Er beseitigt damit die Herrschaft Brunichilds (Brunhilde) über Austrien und Burgund.

Der ganze Charme merowingischer Herrschaft wird im weiteren erzählt: Er ließ Brunichild drei Tage lang verschiedenen Foltern aussetzen, dann gab er den Befehl, sie zuerst auf ein Kamel zu setzen und im ganzen Heer herumzuführen, und sie dann mit dem Haupthaar, einem Fuß und einem Arm an den Schwanz eines unmäßig bösartigen Pferdes zu binden. Dabei wurde sie durch die Hufe und den rasenden Lauf in Stücke gerissen. (s.o.IV, c.42)

 

Im Pariser Edikt von 614 schränkt Chlothar Königsrechte zugunsten des hohen fränkischen Adels ein und bestätigt als in Paris residierender (nomineller) Alleinherrscher in ihrem Sinne die Dreiteilung des Reiches in Neuster, Auster und Burgund. In der Vita des Columban wird berichtet, er habe die trium regnorum monarchia übernommen. 

Neustrien regiert er direkt und die beiden anderen patriae, wie sie nun heißen, jeweils über einen Hausmeier, maior domus, aus den Reihen der Großen als Verwaltungschef, wobei beide als Vertreter des Adels zunächst auch dessen Interessen repräsentieren. Auch andere Große werden dafür belohnt, seine Alleinherrschaft befördert zu haben, darunter Arnulf, der schon 614 zum Bischof von Metz gemacht wird und später zum Vormund des künftigen Dagobert I. von Austrien. Dieser Bischof ist verheiratet und hat zwei Söhne, deren einer sein übernächster Nachfolger auf dem Bischofsstuhl wird. 629 zieht er sich in die Vogesen zurück, und das weitere steht in seiner Vita:

 

Er nahm nun einige arme Mönche und Leprakranke zu sich, unter denen er mit eigenen Händen beständig die treuesten Knechtsdienste tat, zog ihnen die Schuhe von den Füßen und putzte sie, wusch ihnen häufig Kopf und Füße und richtete sogar an bestimmten Tagen ihre Betten mit größter Sorgfalt. Ja auch vor dem Küchendienst schauderte nicht zurück der heilige Bischof und Koch, der oft seine Hausgenossen speiste und selbst Hunger hatte. (in: Berschin2, S.89)

 

Er wird hinreichend heilig, dass man seinen Leichnam nach Metz überführt. Mit Karl d.Gr. beginnt dann seine Verehrung als Haus-Heiliger der Karolinger und die Metzer Kirche wird in St.Arnulf umgewidmet.

 

 

Im 7. Jahrhundert verschmelzen germanische Krieger und romanische Magnaten zur Gänze in einer fränkischen Oberschicht. Über erheblichen Grundbesitz und bewaffnete Gefolgschaften sowie über das Bischofsamt entgehen sie zunehmend der dauerhaften Kontrolle der merowingischen Zentralgewalten in den Teilreichen. Ihre Händel tragen sie nach hergebrachtem Fehde"recht" untereinander aus. Neben weltlichem Großgrundbesitz kontrollieren sie die Klöster mit ihrem Reichtum, die Städte, den Fiskus und das Amt des Majordomus, des Chefs der königlichen Verwaltung. Sogar viele eigene kleine Münzstätten werden von den regionalen Großen nun eingerichtet.

 

Das auf Eroberung basierende Großreich der Merowinger ist nicht dauerhaft von einer Zentrale aus zu halten, auch nicht dann, wenn es auf geteilte Herrschaftsbereiche einer Familie reduziert ist.

 

Schließlich verlangen Chefs austrischer Adelsfamilien, insbesondere der Bischof Arnulf von Metz und der mit ihm verbündete Hausmeier Pippin (der Ältere) die Einsetzung eines eigenen Königs, und Chlothar gibt ihnen 623 seinen Sohn Dagobert als Unterkönig für einen kleinen Teil Austrasien. Nun wird Pippin zu Dagoberts Hausmeier ernannt und Bischof Arnulf weiterer Berater bei Hofe. Es gelingt ihm dann mit Unterstützung austrasischer Großer Austrasien ganz unter sich zu vereinen.

 

629 verschafft Dagobert sich nach dem Tod seines Vaters Neustrien und Burgund, muss aber den Ansprüchen seines Bruders Charibert etwas nachgeben, der Gebiete im Süden Neustriens erhält und dann von Toulouse aus das Baskenland unterwirft. Der stirbt allerdings 632 und sein kleiner Sohn überlebt ihn nicht lange.

 

Dagobert stützt sich zunächst auf Pippin und Arnulf. Er macht dann Paris zu seiner Hauptstadt, wohin ihm Pippin folgt. Nach einiger Zeit (um 631) wird Pippin aber entmachtet (es heißt sogar, der König habe ihn gefangen gesetzt)

 

Inzwischen sind die Awaren durch Kaiser Heraclius besiegt worden. Deren Schwächung führt dazu, dass Slawen (Wenden) aus ihrem Einflussbereich austreten. Sie wählen den fränkischen Samo zu einer Art König und bekämpfen  die Awaren weiter. Als sich Dagobert gegen Samo wendet, wird er von diesem geschlagen, worauf sich auch die Sorben ihm anschließen. Bald darauf fallen die Wenden mehrmals in Thüringen ein und werden nun von Franken und Sachsen zurückgeschlagen.

 

Als Dagobert dann den kleinen Sohn Sigibert in Austrien (Metz) einsetzt, ist dieses möglicherweise fast wieder auf das alte Rheinfranken geschrumpft und der Kontrolle über Germanien östlich des Rheins beraubt. Dort wie im Norden Neustriens wird nun eifrig missioniert, um so mehr fränkischen Einfluss durchzusetzen.

Neue Aufstände von Basken und Bretonen müssen abgewehrt werden.

 

Inzwischen hat sich ein etwas prächtigerer Hof mit seinen Amtsträgern entwickelt, "an dem sich der König mit den Söhnen führender Familien traf, gemeinsam mit ihnen wichtige Themen besprach und wohl auch antike Texte las." (Scholz, S.196)

 

Dort, wo Dagobert für längere Zeit abwesend ist, machen sich die regionalen Großen daran, ihre Stellung auszubauen. In der Fredegars-Chronik heißt es zum Besuch des Königs in Burgund 628:

Seine Ankunft hatte die Bischöfe, die Großen, die im Reiche Burgund lebten, und die anderen Gefolgsleute in solche Furcht versetzt, dass sich jedermann wundern musste; die Armen aber, die nun zu ihrem Rechte kamen, hatte dies mit großer Freude erfüllt.

 

Tatsächlich musste sich niemand wundern. Indem die Macht der regionalen Großen durch machtvolle Präsenz reduziert wird, wird ihre Möglichkeit zu Übergriffen auf Mitkonkurrenten und die kleinen Leute beschnitten. Diese machtvolle Präsenz bedeutet Rechtsprechung, Konfliktentscheidung und auch das Bestrafen bis hin zum Töten derjenigen Granden, die sich partout nicht unterwerfen wollen. Kaum ist der König aber weitergezogen, lässt sein Einfluss wieder nach.

 

 

Um 635 vermählt Pippin seine Tochter Begga mit Arnulfs Sohn Ansegisel, erster Schritt hin zum Haus der Karolinger. Dadurch entsteht auf die Dauer eine so mächtige Familie, dass sie das austrasische Hausmeieramt vererben kann, es wird also nicht nur vom König, sondern auch vom übrigen Adel unabhängig. Diese Hausmeier müssen allerdings riesigen Grundbesitz anhäufen und große Adels-Gefolgschaften hinter sich versammeln, um an der Macht zu bleiben.

 

Nach Dagoberts Tod 639 übernehmen Pippin, nunmehr wieder Hausmeier, und der mit ihm eng verbundene Bischof Kunibert von Köln die Regentschaft für den jungen Austrasier Sigibert und verschaffen sich die Unterstützung austrasischer Großer.

Inzwischen drängen die Slawen nach Westen, vom Frankenreich noch ziemlich unbeachtet. 640 stirbt Pippin und sein Sohn Grimoald bleibt zwar Dux, wird aber nicht Hausmeier. Aber offenbar wird er Vormund des minderjährigen austrischen Sigibert III. Nach einem kurzen Krieg gegen aufständische Thüringer wird der Hausmeier ermordet. Um 650 redet ein Bischof diesen Grimoald als Hausmeier Grimoald, den Leiter des ganzen Hofes, ja des Reiches an. (Mühlbacher, S. 29) Grimoald veranlasst den König, seinen eigenen Sohn zu adoptieren, der nun Childebert heißt.

 

 656/57 stirbt Sigibert. Als nun im Laufe der Zeit auch König Sigibert starb, ließ Grimoald dessen kleinen Sohn mit Namen Dagobert die Haare abschneiden, schickte ihn mit Bischof Dido von Poitiers in die Fremde nach Irland und machte seinen eigenen Sohn zum König.  (Liber Historiae Francorum c.43)

 

Irgendwann danach geschieht laut dem 'Liber historiae Francorum' folgendes: Die Franken aber waren drüber sehr erzürnt, legten Grimoald einen Hinterhalt, ergriffen ihn und brachten ihn dem Frankenkönig (...) zur Verurteilung. In der Stadt Paris wurde er in einen Kerker geworfen, in schmerzvolle Fesseln gelegt und starb schließlich als gerechte Strafe für das, was er an seinem Herrn verübt hatte, unter heftigen Qualen. Damit ist die direkte Linie des älteren Pippin ausgestorben. Childebert kann einige Jahre lang in Austrien herrschen.

 

Für den anderen Sohn Chlodwig (II.) übernimmt Mutter Nanthild die Regentschaft über das erweiterte Neustrien (samt Burgund) als regnum Francorum, womit nun die Leute nördlich der Loire und westlich von Austrien zu "eigentlichen" Franken einer Francia werden, während diese wiederum die Menschen im Süden als "Römer" ansehen  und die im Osten eher als unfränkisch. (Werner, S.353)

 

 

Inzwischen gelingt es den Angeln, Sachsen und anderen aus demselben Raum stammenden Völkern, sich im 5. und 6. Jahrhundert in dem Teil Britanniens festzusetzen, der später England heißen wird. Im Unterschied zu den anderen germanischen Volksgruppen, die die Nachfolge des römischen Reiches antreten, gelingt es ihnen, eine durch Fusionierung entstehende eigene Sprache neben dem Latein der wenigen Gebildeten durchzusetzen, aber es wird lange dauern, bis sie ein gemeinsames Königreich bilden.

 

Wie schon angedeutet, hatte sich das römische Bistum/Patriarchat eine gewisse geistliche Führungsrolle im Westen angemaßt. Nach dem Untergang der Ostrogoten war es, wie der größte Teil Italiens, zunächst unter die Herrschaft Ostroms gelangt. Die Hauptstadt Konstantinopel nimmt bald wieder den alten griechischen Namen Byzantion (Byzanz) an und beansprucht, wo immer möglich, das alte Westreich für sich. Den Langobarden gelingt es dann nicht, ganz Italien unter ihre Kontrolle zu bringen. Rom und seine Umgebung, das alte griechische Neapel und einige andere Städte bleiben wenigstens nominell in byzantinischer Oberhoheit, dazu Teile der Ostküste von Venedig bis Bari.

 

Während Friesen und Sachsen sich auch jetzt nicht bezwingen lassen, werden Thüringer, Chatten, Alemannen und Bayern in Kriegen immer mal wieder unter fränkische Oberhoheit gebracht. Nicht nur dem Christentum wird so Verbreitung ermöglicht und in einigen Gegenden zudem fränkische Kolonisierung, sondern diese Völkerschaften werden dabei auch unter von fränkischen Königen abhängige Unterkönige gebracht.

Die Stabilisierung solcher fränkisch beeinflusster Herrschaft schafft einen neuen Stammesbegriff in zukünftigen deutschen Landen. Mustergültig dafür ist jenes große Völkergemisch, welches unter solch zentraler Führung zum Volk der Bayern zusammengeschweißt wird.

 

 

Um 649 wird Chlodwig II. mündig und heiratet eine Angelsächsin namens Balthild. Diese gewinnt eine starke Stellung in der Regierung und wird nach Chlodwigs Tod 657 Regentin in Neustrien (inklusive Burgund) für einen der drei Söhne, nämlich Chlothar (III.). Sie herrscht im Einvernehmen mit Bischöfen und Großen, die wohl 658 den Hausmeier Ebroin, Gegner der "Pippiniden", ins Amt hieven. Als der adoptierte Childebert 661/62 stirbt, wird der zweite Sohn Childerich (II.) als König nach Austrien geschickt. De facto herrscht nun Balthild in gewissem Umfang über das Gesamtreich, wobei Quellen einige Morde an Bischöfen als Herrschaftsmittel erwähnen.

 

Um 665 begibt sich Balthild in das von ihr gegründete Kloster Chelles und Chlothar III. wird Herrscher. Tatsächlich gewinnt aber Hausmeier Ebroin immer mehr Macht, dem Raffgier vorgeworfen wird. Es kommt zum Aufstand der Großen unter Bischof Leodegar von Autun. Ebroin wird gefangen genommen und im Kloster Luxueil inhaftiert. 673 wird dann der austrische (austrasische) König Childerich II. mit einer neustrischen Kusine verheiratet und eingeladen, nun über das Gesamtreich (bis 675) zu herrschen. Schließlich wird er von einer Adelsopposition gestürzt, die beide tötet und die einen Theuderich III. zum König macht, während Ebroin aus dem Kloster entkommt  und Leodegar tötet. Mit einem Marionettenkönig Chlodwig (III.), dem Königsschatz und einem eingesperrten Theuderich kann Ebroin sich nun daran machen, die Opposition gegen ihn umzubringen.

 

Schon um 670 gelingt die Erweiterung des pippinidischen Familienbesitzes, als "der mittlere" Pippin, Sohn der Begga und inzwischen letzter Erbe aus dem Hause Arnulfs und Pippins, mit Plektrud eine sehr vermögende Erbtochter heiratet, deren Familienbesitz über die Großregion vom Niederrhein bis zur Mosel verstreut ist.

Zum fränkischen Helden mit großem Charisma wird Pippin, als er den Mord an seinem Vater Ansegisel eigenhändig rächt. Hier verschmelzen archaische Vorstellungen von Ehre, Mut und Stolz miteinander, wie sie in zukünftigen Heldenliedern auftauchen werden. Seitdem wird Pippin auch als "David" tituliert. (Siehe: Rudolf Schieffer, Die Karolinger. Stuttgart, 2006, S.23) Die herrscherliche Leitfigur Kaiser Konstantin wird immer mehr durch sagenhafte altjüdische "Könige" ergänzt. Neutestamentarische (christliche) Texte taugen dafür nicht.

 

Die Duces Martin und Pippin herrschen in Austrien. Der nach Irland fortgeschickte Dagobert (II.) wird zurückgeholt, dann aber wohl auf Veranlassung Ebroins ermordet. Theuderich beansprucht nun die Herrschaft auch in Austrien. Dux Martin wird in einer Schlacht getötet, Pippin kann entkommen. Etwas später, um 680, veranlasst wohl Pippin (der Mittlere), die Ermordung Ebroins. In Neustrien/Burgund wird ein Waratto als Hausmeier eingesetzt.

Den Machtkampf der beiden Reichsteile entscheidet Pippins (der Mittlere) 687 in der Schlacht bei Tertry zu seinen Gunsten. 690 übernimmt Pippin das Hausmeieramt. Der belässt einen relativ entmachteten merowingischen König in Paris, für den bald ein Sohn Pippins, Grimoald (II.) die wirkliche Macht ausübt, und er selbst residiert vorwiegend in Köln als Hauptort Austriens mit seiner Gemahlin Plektrud: Ein König, ein Reich und zwei mächtige Hausmeier aus einer Familie großer weltlicher Grundbesitzer: Sie werden viel später Karolinger heißen.

 

Inzwischen beginnt sich im 7. Jahrhundert die Schreibkundigkeit besonders nördlich des Mittelmeerraumes nach und nach fast völlig in Klöster zurückzuziehen. Auch die Erinnerung an die frühen Texte der Christenheit wird in Schrift und Lebensform im wesentlichen nur dort noch gepflegt. Daneben erinnern sich einige belesene Bischöfe mit ihren Kenntnissen noch an die Vergangenheit.

 

 

Das Land (derzeit in Arbeit)

 

Auf dem Lande schwindet seit dem Zusammenbruch der pax romana ein Teil der villae (rusticae), der Güter vornehmen römischen Großgrundbesitzes, deren Inhaber aus Gründen der Sicherheit in die Städte fliehen. In Zeiten größerer Sicherheit kehren manche zurück. Dort wo Gegenden inzwischen nicht entvölkert sind, dominiert weiter Großgrundbesitz. Der übt die unmittelbare Macht auf dem Lande aus. Die vielen und großen Fiskalgüter des Römischen Reiches werden vermutlich vom neuen Königtum übernommen, woraus die Könige ihren Reichtum beziehen und ihre Gefolgschaften beschenken werden.

 

In der Merowingerzeit kommt es auch zu neuem großem Grundbesitz. Dem Testament des Bischofs Bertechramnus von Le Mans von 616 lässt sich entnehmen, dass sein Besitz mehr als 300 000 Hektar Grund und Boden umfasste.

 

In der späteren Kaiserzeit hatte sich das Klima verschlechtert, es gab niedrigere Temperaturen. Statt Weizen wird darum nun Roggen, Dinkel, Emmer und Hirse angebaut, von denen die letzteren nach der Ernte auch noch entspelzt werden müssen. Dabei sinkt insgesamt der Ertrag.

 

Die Germanen lebten wohl einst auf Einzelgehöften mit eigenen Äckern in kleinen Weilern, die Wald und Weide als Gemeinbesitz hatten. Ihr Haupt-Nahrungserwerb war die Viehzucht. Bis sie sich in Teilen des weströmischen Reiches niederlassen, hat zumindest eine Oberschicht bereits Annäherungen an Elemente römischer Zivilisation erreicht.

 

Im Zuge jener Wanderbewegungen, die sich dann als Eroberungen und zum großen Teil auch halbwegs friedliche Ansiedlungen erweisen, verbinden sich Kriegertum, alter und neuer (Groß)Grundbesitz miteinander zu neuen Formen von Nobilität und Edelfreiheit, neben alter und neuer Unfreiheit, und aus wichtigen Heerführern werden Könige. Die große Flächen umfassenden Reiche sind zudem nur durch eine Zwischenschicht zwischen Freien und Herrscher kontrollierbar, eine Art Hochadel, der mehr oder weniger vom Herrscher mit Amtsgewalten und Grundbesitz versehen wird.

Die umfassenden Formen ökonomischer und „politischer“ gestaffelter Halb- und Unfreiheit des Römerreiches wie zum Beispiel auch die Sklaverei werden dabei genauso übernommen wie die gesamte Begrifflichkeit mit ihren Titeln und Vorstellungen.

 

Die sehr weltliche Übernahme der römischen villa mit ihren Latifundien durch die neuen Herren wird schon im Verlauf der Merowingerzeit ergänzt durch ihre Übernahme durch die adelig geprägte Bischofskirche und die vom fränkischen Adel übernommenen Klöster. Im Verlauf der Nachantike bis in die Schwellenzeit hinein werden insbesondere letztere zu den wesentlichen Landbesitzern - durch sich oft fromm gebende Schenkungen und Erbschaften, die im 10. Jahrhundert dann des öfteren auch aus der Not geboren sind.

 

Im Grunde genommen versuchen Franken, Burgunden, Visigoten und bald auch Osthrogoten, das römische Imperium in ihren Bereichen soweit als möglich weiterzuführen und ihre Könige lassen sich dafür zunächst einmal vom oströmischen Cäsaren legitimieren. Die alte Nobilität bleibt zum Teil bestehen und beruht weiter auf Großgrundbesitz mit dazugehörigen abhängigen Bauern und Sklaven und wird nun durch eine germanische Oberschicht ergänzt. Darunter positionieren sich eingewanderte Freie mit neuem, manchmal großem Grundbesitz.

Während es im späten Kaiserreich eine Art geordnete Verfasstheit des Staatswesens gab, strukturieren sich die neuen Verhältnisse auch mit der Faust, der Waffe in der Hand und mit geschickter Heirats"politik". Dieselbe freie Oberschicht bildet auch die kirchliche Hierrarchie, die sich neben der weltlichen als grundbesitzender Machtfaktor etabliert.

 

Der Aufstieg bzw. die Weiterexistenz dieser Schicht nobler Privilegierter mit ihrem Gewaltmonopol ist für die Anfänge der neuen Reiche heute nur schlecht überliefert, und die Tatsache, dass die antik-römische Begrifflichkeit und Titulatur unter neueren Bedingungen in den von Geistlichen und Mönchen verfassten Texten weitergeführt wird, macht es nicht leichter.

 

Wem gehört das Land? Es gibt keine brauchbaren Karten und keine Kataster, aber besonders die Klöster entwickeln eigene Aufzeichnungen (Urbare). Im Grunde geht alle Verfügung über das Land vom König aus, so wie heute vom Staat. Es gibt nicht nur verliehenes Land, sondern auch Eigentum. Manche Bewohner besitzen so Land als allod und haben darüber hinaus Land, welches ihnen verliehen wurde. Besitz von und Verfügung über Land sind extrem ungleich verteilt, wie in allen Zivilisationen, und nicht wenige besitzen davon gar nichts.

 

 

Gegen Ende des 3. Jahrhunderts beginnt das Schrumpfen der Bevölkerung im römischen Gallien. Es wird vermutet, dass es teilweise bis ins 6. Jahrhundert anhält. Aber in der Merowingerzeit wächst die Bevölkerung nach Stabilisierung der Machtverhältnisse wieder und soll sich sogar innerhalb von vier Jahrhunderten verdoppeln. In einigen wenigen dichtbesiedelten Gebieten des Karolingerreiches soll am Ende eine ländliche Bevölkerung von 40 Menschen auf einen Quadratkilometer erreicht worden sein, wie im Großraum um Paris.

 

Der Verfall von Staatlichkeit und der antiken Stadt entlasten das Land und mit dem Untergang eines Teils der antiken Latifundien entsteht ein freies, von Kleinfamilien gestütztes Kleinbauerntum, welches die wesentliche Voraussetzung für Wachstum auf dem Lande wird. Vorantreiben werden das Wachstum aber vor allem die nachantiken Kleindomänen, deren Herren als neue ländliche Oberschicht nun vor Ort leben und ein direktes Interesse an der Bewirtschaftung des Bodens entwickeln, anders als die antiken stadtsässigen Latifundienbesitzer. Deren direkte Nachfolger, die hohen Herren von Kloster, Kirche und weltlichem Hochadel, tun hingegen oft bis weit in die hier so genannte Schwellenzeit wenig für die steigende Ineffizienz ihrer weit verstreuten Domänen.

 

Für die Merowingerzeit sind auf dem Land neben freien Bauern vor allem weilerartige Ansiedlungen um Gutshöfe mit unfreien Arbeitskräften bekannt. Der merowingische Bauernhof mit seiner Konzentration auf Viehzucht ist klein  und umfasst kaum mehr als 2-4 ha. Die dürftigen Quellen lassen vier Pferde und ebenso viele Kühe, 14 Schweine und 28 Schafe als Mittel zu (Klaus Herrmann in Bayerl, S.47). Eine wesentliche Veränderung in karolingischer Zeit ist die Zunahme des Getreideanbaus und damit verbundene Verringerung derViehzucht.

 

An der Mosel treten im 7. Jahrhundert bereits Siedlungen in Dorfgröße auf wie Mehring mit seinen etwa 165 Siedlern und darunter 65 Freien (Anton/Haverkamp, S.55).

 

Kleinere (freie) Bauern, die bei Gregor pauperes oder miseri heißen, besitzen zwar Land, Zugtiere, Karren, sogar Sklaven, sind aber ohnmächtig gegenüber größeren Herren. Der freie Kleinbauer mit seiner Subsistenzwirtschaft ist darum wie vorher und nachher immer in seiner Existenz gefährdet. Im 14. Kanon der Synode von Mâcon 585 steht dazu:

Durch die Klage einiger haben wir erfahren, dass, indem die Kanones und weltlichen Gesetze mit Füßen getreten werden, diejenigen, die zum Gefolge des Königs gehören und andere, die durch weltliche Macht aufgeblasen werden, nach fremdem Gut streben und ohne, dass von ihnen eine Klage eingeleitet oder ihnen eine gerichtliche Belangung zugestanden wurde, die armen Menschen (miseri) nicht allein von den Feldern, sondern auch aus ihren eigenen Häusern vertreiben. (in: Scholz, S.157)

 

In etwa dieser Zeit schreibt Gregor von Tours über einen Kämmerer König Chilperichs I.: Denn als er noch in Freiheit war, wurden seine Pferde und sein Vieh in die Saaten und Weinberge der armen Leute getrieben. Wenn das Vieh nun von denen, deren Arbeit es zugrunde richtete, hinausgetrieben wurde, wurden sie sogleich von seinen Leuten niedergemacht. (Gregor VII,22) Manchmal werden Bauern ganz vertrieben

 

 

Die Antike wie auch die Nachantike basierte nicht unwesentlich auf Sklavenarbeit. Der Nachschub kam bis durch die Nachantike bzw. das frühe Mittelalter aus Kriegen und anderen Überfällen wie auch Piraterie und - wohl in deutlich geringerem Maße - durch Verkauf von Kindern aus Armutsgründen. Mit ihnen wurde ein schwunghafter Handel betrieben, wobei es eine Anzahl zentrale Sklavenmärkte wie in Prag oder Mainz gab.

 

Aber auf dem Weg ins 10. Jahrhundert nimmt die Bedeutung der Sklaverei im lateinischen Abendland ab. Dennoch, so Gilomen, allerdings ohne Belege: "Auch kleine Bauern besaßen zumindest einzelne Sklaven; noch um 800 galt es als Zeichen bitterer Armut für einen freien Mann, wenn er keinen Sklaven sein eigen nannte." (S.43). Die karolingische Gesetzgebung sah für jede Pfarrkirche eine Ausstattung mit mindestens vier Sklaven zur Bearbeitung der Kirchengüter vor. Zu Karls d.Gr. Vertrauten Alkuin wird gesagt, er besitze in seinen vier Abteien 20 000 Sklaven.

 

Schon für das 7./8. Jahrhundert sind Urkunden überliefert, in denen Großgrundbesitzer einzelnen Sklaven die Ehe mit Freien erlauben und deren Kindern in Einzelfällen bereits die "Freiheit" versprochen wird. Solche Befreiung kann dann mit der Übergabe eines Mansus oder eines kleineren mansellus verbunden sein. In einem Urkundenformular des Mönches Marculf von 690 heißt es dann über diese Kinder: ihnen sei an Habe zugestanden, was immer sie erarbeiten mögen, allerdings müssen sie jährlich die auf den Boden bezogenen Abgaben, wie es Brauch ist für Freie, leisten (...in: Kuchenbuch, S.92).

 

Technische Intensivierung entwickelt sich sehr langsam, dafür beginnt schon zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert jene Extensivierung vor allem durch Rodung, in der einzelne große Waldgebiete auf Reste in einer immer agrarischer geprägten Landschaft reduziert werden - und mit ihnen immer mehr Tierarten. In einer ersten Phase werden seit dem Ende des 3. Jahrhunderts verloren gegangene Nutzflächen zurückgewonnen, aber schon in der Karolingerzeit nimmt wohl auch Rodung nie zuvor intensiver genutzter Waldflächen zu. Vermutlich wird sie zumindest in Gallien nach dem 11. Jahrhundert nie mehr aus landwirtschaftlichen Gründen in diesem Umfang betrieben werden.

Praktisch gibt es wohl zwei Wege zu dieser Gewinnung neuer Nutzflächen. Entweder lassen Latifundienbesitzer oder Großbauern Sklaven diese Arbeit verrichten, oder aber sie beauftragen Kolonen oder freie Bauern damit und sichern ihnen dafür einen Anteil, wohl oft die Hälfte, als ihr Besitztum zu. Weniger "legaler" Raubbau an Wäldern und Feuchtwiesen wird wohl aus Eigeninitiative kleiner freier Bauern hervorgehen.

 

Vermutlich (wichtigste Qualifizierung von Äußerungen bis ins 10. Jahrhundert) setzt das durch Einführung technischer Neuerungen hervorgerufene Wachstum in der Landbewirtschaftung schon in der Karolingerzeit punktuell ein. Der Ackerbau ist zunächst extensive und knochenharte Zweifelderwirtschaft aus bewirtschafteter Fläche und Brache, wobei Ochsen Hakenpflüge ziehen, die in die Erde gedrückt werden müssen und manchmal vorne auch Räder besitzen (die carrucae). Erste hölzerne Beetpflüge, die die Schollen umwenden und das Pflügen in nur einer Richtung und nicht mehr Querpflügen ermöglichen, kommen wohl lokal seit dem 7. Jahrhundert an wenigen Orten Mitteleuropas auf, bleiben aber lange noch sehr selten.

 

Die einzige, aber enorm wichtige Maschine des Mittelalters stellt die Mühle dar, die es als Wassermühle schon im antik-römischen Kaiserreich gibt. Weitere Verbreitung scheint sie erst in der Karolingerzeit zu bekommen, und es gibt sie auch dort, wo es keinen bedeutenden Großgrundbesitz gibt (Bois, S.141). Die Prümer Grundherrschaft hat kurz vor 900 rund 50 Mühlen, das Kloster St.Germain-dés-Prés bei Paris in 12 seiner 23 Domänen insgesamt 57 Mühlen. (Goetz, S.120)

 

Eingebunden ist die Situation des Bauerntums wie überall seit der Bronzezeit in die Entwicklung der Kriegsführung. Das fränkische Heer ist zunächst im wesentlichen ein Heer freier Bauern. Dabei besteht das merowingische Heer wohl überwiegend aus Fußtruppen, von dem die kleine berittene Oberschicht nicht einmal in den Waffen sehr abweicht. Man stieg wahrscheinlich vom Pferd, wenn es zum Kampf kam und mischte sich mit Gregors multitudo rustica. (Fleckenstein, S.33)

 

Die Bevölkerung im Pagus ist auf den Schutz des Herren in der Villa angewiesen (Erat enim villa in pago Vabrense, Gregor IX,12) und auf den bischöflichen und gräflichen Schutz. Der König ist in der Regel weit weg. Villen können Königsgut sein, Kirche oder Kloster gehören, königlichen Amtsträgern oder anderen Grundherren (cives).

Die Bevölkerung des Vicus ist für ihren Schutz manchmal auch auf die ummauerte Stadt bezogen. Zum vicus wird ein Weiler im übrigen durch die Errichtung einer Kirche, einer Pfarrkirche, die bei Gregor ecclesia heißt (Weidemann 2, S.97)

 

 

Stadt

 

Das urbane Zentrum der römischen civitas basierte vor allem auf dem Reichtum, den Großgrundbesitz einbrachte. Andere stadtartige Siedlungen waren Garnisonsstädte. Gewerbe und Handel spielten in beiden Fällen eine untergeordnete Rolle. Eine abgeschlossene Grundbesitzerschicht von dreißig bis hundert der reichsten Familien verwaltet die Stadt in der curia und besorgt ihren Ausbau. Oft haben diese Leute relativ freie Hand, den Frieden, also die Unterordnung der Masse der Bevölkerung aufrechtzuerhalten, mit der Auflage, Steuern (zunächst rund zehn Prozent der Ernte) abzuführen, die vor allem dem Unterhalt der großen Heere dienen. Unter dem Druck der militärisch-fiskalischen Bedürfnisse der Kaiser und ihres riesigen Reiches ziehen sich viele "römische" Großgrundbesitzer in Gallien und Hispanien bereits in der Spätzeit des Imperiums auf ihre Landgüter zurück, wo sie sich ihren städtischen Aufgaben entziehen und nach Selbstversorgung streben und von Steuervorteilen profitieren. Sie versorgen sich dabei nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit dem, was ihre eigenen Handwerker produzieren. Dieser Vorgang betrifft allerdings Italien und überhaupt den nördlichen Mittelmeerraum weniger als das übrige Reich (Hythe, S.13), weswegen wir dort im Mittelalter weiterhin städtische Wohnsitze des Adels vorfinden. Das wird denn auch einen der Unterschiede zwischen dem Norden und Süden des westfränkischen Galliens ausmachen.

 

Die kleineren Landbewohner wiederum stellen sich unter den Schutz der größeren, um der Belastung zu entkommen, und werden von ihnen abhängig. Damit diese colones nicht ganz der kaiserlichen Kontrolle entkommen, werden sie an die Scholle gebunden. Die Civitates werden nun den comites unterstellt, und als dann die Franken die Macht übernehmen, werden diese zu einer Art königlicher Amtsträger. (Becher, Chlodwig, S.240f)

 

Bischöfe und ihre Geistlichkeit sind seit dem vierten Jahrhundert von Steuern und Dienstpflichten befreit, was ihre Stellung attraktiver macht, sie werden zu einer Alternative zum weltlichen cursus honorum, dem üblichen Karriereweg durch die Ämter. Zunehmend übernehmen sie gerne die Zivilgerichtsbarkeit für ihre Herde, aus der dann im Laufe der nachrömischen Zeit der Bischof zum zentralen Gerichtsherr in seiner Stadt wird.

In der Übergangszeit hin zur fränkischen Herrschaft sind gallorömische Bischöfe oft große Landbesitzer und verfügen zumindest teilweise auch über Truppen. (Scholz, S.24) Spätestens unter den Merowingern übernehmen sie immer mehr Funktionen eines Stadtherrn und treten nun das Erbe der Kurialen an, unter den Merowingern müssen sie allerdings die Macht jeweils mit einem comes (civitatis) teilen. Das führt zu Konflikten (s.o. Gregor IV,39)

 

In den Bürgerkriegen und den Überfällen und Wanderbewegungen germanischer, asiatischer und dann slawischer, nordafrikanischer und orientalischer Völkerschaften finden massive Zerstörungen an den Städten statt. Städte werden darum ummauert und erhalten "Burgcharakter" (Schott), und so werden die einwandernden Germanen sie kennenlernen und später auch in ihren Volkssprachen benennen.

 

Franken, Alemannen und Angelsachsen übersetzen oft civitas mit Formen des Wortes Burg, was nichts anderes als einen befestigten Ort meint. Umgekehrt werden dann auch im frühen Mittelalter befestigte, im späteren Sinne wenig städtische Orte als civitas bezeichnet, wodurch das Wort vorübergehend eine erhebliche Bedeutungserweiterung erlebt. Das ändert sich erst auf dem Weg ins hohe Mittelalter, als das Wort Burg im Deutschen nach und nach seine engere Bedeutung bekommt, von der sich volkssprachlich stat und dann viel später Stadt ablöst.

 

In vielen einzelnen Provinzen reduziert sich Urbanität zunehmend auf eine Art Hauptstadt einer Großregion, in manchen wie südlich der Donau und in Pannonien verlieren Städte völlig jede Bedeutung. Die römische Zivilisation ist im Westen schon im Untergang begriffen, als germanisch dominierte Völkerschaften sie übernehmen.

 

Dennoch überlebt in den germanisch dominierten Nachfolgestaaten mit Resten eines Städtewesens auch ein Rest antiker Zivilisation, während es vor allem in den skandinavischen und osteuropäischen Weiten jenseits des Mittelmeerraumes zunächst eine fast städtelose, höchstens schwach anzivilisierte Welt gibt. Kapitalismus wird denn auch vor allem dort entstehen, wo es entweder eine gewisse urbane Kontinuität gibt, wie in der Nordhälfte Italiens oder am Rhein, oder wo neues Städtewesen auf ehedem imperialem Boden dadurch entsteht, dass überlebender Handel und Gewerbe dorthin ausstrahlen oder dort neu entstehen, wie etwa in Flandern.

 

 

Überall und auch in der Provence gehen Städte zugrunde, nur Arles hält sich. Marseille, Nîmes, Uzès, Carcassonne und Agde behalten eine gewisse Bedeutung, teilweise durch Handelsbeziehungen mit dem vorderen Orient, ebenso Toulouse, Poitiers und Vienne. Überlebende Städte sind inzwischen Festungen mit einem intakt gehaltenen Mauerring, wie auch das aufsteigende burgundische Dijon.

In Bordeaux scheinen "letzte Spuren städtischen Lebens" im 6. Jahrhundert zu verschwinden  und mit ihnen zeitweilig die Existenz von Bischöfen.

 

Etwas mehr Kontinuität scheint Autun, als Augustodunum eine der größten Städte der Gallia Romana, bewahrt zu haben. Hier zieht sich seit dem Ende des 4. Jahrhundert ein Siedlungsrest auf einen höchstgelegenen Südwinkel von nur noch 10 ha zurück, darin die Kathedrale St.Nazaire und eine Kirche Ste.Croix; alles übrige kirchliche Leben blieb ungeschützt im weiten Kreis der Mauertrümmer sowie im Nekropolbereich. Immerhin besteht in der civitas das 312 belegte palatium noch 866 mit einer Kirche St.Jean Baptiste, und die Grafen verfügen als Laienäbte über die wichtige Abtei St.Symphorian.

 

Das einst bedeutendere Paris, das antike Lutetia, später wird daraus Paris unter Anlehnung an den gallischen Stamm der Parisii, war schon in der späten Kaiserzeit auf die befestigte Seineinsel geschrumpft. Das dortige Palatium macht Chlodwig anch seinem Sieg über die Visigoten zu seiner cathedra regni, wie Gregor von Tours schreibt, seiner Residenz, wenn er denn anwesend ist.

 

Im 7. Jahrhundert breitet sich dann eine Kaufmannssiedlung mit ihren Pfarrkirchen beiderseits der Seine aus. In Abstand davon wird die wachsende Stadt von Klöstern wie Sainte-Geneviève oder Saint-Denis umgeben, letztere seit dem siebten Jahrhundert mit einer Herbstmesse ausgestattet.

Ende des 5. Jahrhunderts lässt Genoveva über dem Grab des hl. Dionysius eine Kapelle bauen. Über dem Grab der "heiligen" Genoveva wiederum wird eine Basilika gebaut. Möglicherweise lässt Childebert I. in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts auf der Seineinsel eine Kathedrale bauen: St.Étienne, also einen Stephansdom, der bis ins 12. Jahrhundert existieren wird. Die Kathedrale ist größer als alle anderen gallischen Kirchen. In etwa dieser Zeit entsteht auch das im 8. Jahrhundert dem hl.Germanus geweihte und dann so genannte St.Germain-des-Prés.

 

Im Norden des fränkischen Galliens überlebt kaum eine Stadt, nicht einmal in Flandern mit seiner später so reichen Städtelandschaft. Die Colonia Trajana (Xanten) ist bereits Mitte des 5. Jahrhunderts verlassen worden. Entlang des mittleren Rheins bleiben eine Anzahl Städte in kleinerem Umfang erhalten, wie Köln, Mainz und Worms, während am Oberrhein Straßburg beispielsweise zunächst fast völlig verschwindet.

Ein besonders instruktives Beispiel bildet die weströmische Kaiserresidenz Trier (Augusta Treverorum), deren Mauern einst fast 300 ha einschlossen bei einer Bevölkerung von gut 60 - 80 000 Einwohnern. Auf sie soll weiter unten eingegangen werden.

 

Köln lebt in seinem antiken Stadtplan in bescheidenem Umfang weiter. Es gibt eine gewisse Kontinuität von der spätantiken Bischofskirche zum mittelalterlichen Dom an derselben Stelle, und die Merowinger nutzen den Palast des römischen Statthalters weiter als Residenz. Neben der Mainzer befindet sich dort in der Nachantike die einzige Rheinbrücke, wichtig für den in geringem Umfang fortdauernden Handel. Daneben produzieren Handwerker in Köln weiterhin einfacher werdende Produkte. Andere Römerstädte wie Mainz und Speyer überleben nicht mehr in ihren Zentren, sondern in neuen Siedlungen am Rande bzw. nebendran.

 

Das römische Legionslager Regensburg wiederum überlebt dank seiner römischen Mauern. Seit dem 6. Jahrhundert dient der Ort den bayrischen Herzögen als Residenz, 739 entsteht dort ein Bischofssitz. Die Bebauung mit hölzernen Pfostenhäusern ist locker und von Grünflächen durchsetzt.

 

Fassen wir zusammen: Alle Städte Westroms in "christlicher" Hand verfallen zum größeren Teil oder ganz. Die Bauten rund ums Forum, die Tempel, auch die Insulae werden zu Ruinen. Die Bauten des Amüsiergewerbes, Theater, Amphitheater, Zirkus, Bäder werden zweckentfremdet oder als Steinbruch benutzt. Innerhalb des einst römischen Mauerrings entstehen, soweit es darin überhaupt noch Besiedlung gibt, weite unbebaute Flächen. Wasserversorgung und Abwasserentsorgung verfallen, die Lebensverhältnisse gleichen sich denen des Umlandes an. Dieser Niedergang der Städte vollzieht sich bis tief ins 7. Jahrhundert, zum Teil bis in die Karolingerzeit hinein.

 

Unter den Osthrogoten und dann Langobarden, den Burgunden, Franken, den Visigoten und Vandalen verfällt der gemeinsame weströmische Wirtschaftsraum. Der Handel nimmt ab und gerät zunehmend in die Hände von Syrern, Juden und später auch Friesen. Was an den Städten bleibt, ist, dass sie weiter auf dem Reichtum von Großgrundbesitz beruhen, der jetzt ganz besonders auch Kirche und Kloster gehört.

 

Die starke Verringerung des Fernhandels, des Handels überhaupt und der Bevölkerung der Städte hängen eng zusammen. Auch da, wo Städte nicht massiv zerstört werden, können die antiken Zusammenballungen von Menschen nicht mehr hinreichend versorgt werden, da eine immer weniger Überschüsse produzierende Landwirtschaft sie nicht mehr ernährt und sie nicht mehr aus der Ferne versorgt werden können. Die Kosten für Wasserversorgung sind nicht mehr auf antikem Niveau zu finanzieren und damit verfällt die Technik des Aquäduktbaus. Überhaupt geht die Bevölkerung allgemein massiv zurück, und eine gewisse Bevölkerungsdichte ist erste Voraussetzung für die Aufrechterhaltung von Städten.

 

In Fällen von häufiger auftretenden Hungersnöten wird arme Bevölkerung durch angekauftes oder gehortetes Getreide von Bischöfen ernährt, die meisten Menschen haben keine Geldreserven, ja, verfügen, wenn überhaupt, nur nach besonders guten Ernten kurzfristig über Geld, was sofort abgegeben oder ausgegeben wird.

 

Eine schwer abzuschätzende Rolle spielen zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert Seuchen, insbesondere die Beulenpest. Zwischen 541 und 544 sollen in Byzanz, so wird geschätzt, ca. 20 Prozent der Bevölkerung daran gestorben sein. Erwähnt wird sie in diesem Jahrhundert auch für Gallien und Italien. Schätzungen sprechen davon, dass die Bevölkerung auf dem Boden des Karolingerreiches zwischen 500 und 700 "um ein Drittel oder mehr" geschrumpft sein könnte (Manfred Vasold in: Römer und Barbaren, S.196ff). Aber das beruht wohl sicher nicht nur auf Seuchen, sondern auch auf Hungersnöten und überhaupt sporadischer Unterernährung.

Vereinzelte Zeugnisse belegen immer wieder Bevölkerungsschwund durch Pest und andere Seuchen. Mitte des 7. Jahrhunderts schreibt der Bischof von Clermont an seinen Kollegen in Cahors:

Da so schlechte Nachrichten über die Seuche aus Marseille kommen, die beinahe die gesamte Provence verheert und entvölkert, möge der Herr Wachen aussenden, damit niemand sich untersteht, von Cahors aus in diesen Tagen nach Rodez oder benachbarte Städte aufzubrechen, damit nicht etwa (...) dieses schlimme Übel über eure Stadt komme. Denn an den jenen Gegenden benachbarten Stellen sind Wachen aufgestellt worden, damit niemand zwecks Kaufs- oder Verkaufsgeschäften irgendeinen Zugang findet. Wenn ihr nicht in eifriger Vorsorge darum nachsucht, droht Lebensgefahr. (in: Fuhrmann, S.18)

 

 

Niedergang heißt meist nicht völliger Untergang. Zwar kannten die Germanen ursprünglich keine Städte, aber durch den Kontakt mit den Römern war ihnen deren Städtewesen bereits ein wenig vertraut. Der erste Kontakt wird Warenaustausch, ein weiterer der Militärdienst im römischen Heer, zudem wurden Germanen im Norden und Osten Galliens wie auch im Ostteil des Reiches angesiedelt. Entsprechend leben dann nach dem Ende des West-Imperiums Germanen und Romanen in den Rest-Städten nebeneinander.

 

Es verbleiben dabei in vermindertem Umfang Städte, Novum für Germanen. Zudem bleibt die römische Aufteilung in civitates, die Reichsteilungen der Merowinger werden sich manchmal daran orientieren. In jenen Städten, die als solche überleben, bleiben einzelne Techniken der Verwaltung und entsprechende Ämter.

 

Die Kontinuität der Einheit von befestigter Stadt und Pagus mit Villa und Vicus wird ein bestimmendes Moment der Übergangszeit zwischen Antike und sogenanntem Mittelalter, einer Kontinuität, die keine klaren Abgrenzungen erlaubt. Einen Gegensatz zwischen Stadt und Land, was Bevölkerung und Machtverhältnisse angeht, wird es erst seit dem eigentlichen Mittelalter geben, als der sich entfaltende Kapitalismus die Oberhand gewinnt und sich daran macht, das Land zu zerstören. (Heers, Moyen Age, Kap. 4 etc)

 

Dort, wo wie im germanischen Raum nicht ohnehin Städte fehlen, setzen sich aber doch fast überall agrarische Strukturen durch, am wenigstens noch an den Küsten Italiens und Südgalliens. Selbst das Handwerk zieht sich weiter aufs Land zurück und geht dann in die großen Grundherrschaften ein. Was zudem immer mehr abnimmt, ist ein Markt, auf dem sich Stadt und Land austauschen könnten, womit auch das Geld deutlich an Bedeutung verliert, auch wenn es nicht verschwindet.

 Die Nahrungsmittelproduktion geht nicht nur mit dem Bevölkerungsschwund zurück, sondern auch aufgrund sinkender Produktivität. Vieles an antiker technischer Innovation schwindet, nicht etwa, weil es ganz vergessen wird, sondern weil es niemand mehr gibt, der den technischen Standard aufrechterhalten kann.

 

 

Dass die Städte des römischen Westreiches nicht völlig mit ihm verschwinden, mag viele, auch lokal und regional verwurzelte Gründe haben, aber einige generelle scheinen doch herauszuragen. Der wichtigste ist, dass die Kirche als Haupterbe der Antike überlebt, und sie war von vorneherein im wesentlichen eine städtische Institution und wurde von Städtern betrieben. Spätestens mit dem Konzil von Serdika 343 war festgelegt worden, dass Bischofssitze nur an Orten größerer Bevölkerungsdichte eingerichtet werden sollen, und dieser Beschluss wird im nächsten halben Jahrtausend noch bekräftigt werden.

 

Als Städte dann im Sturm der Zeiten verwüstet werden, manchmal Reste der Oberschicht fliehen, Handwerk und Handel manchmal völlig zum Erliegen kommen, gibt es entweder eine Kontinuität der bischöflichen Institution oder aber die baldige Wiedererrichtung von Bistümern. Bischöfe wiederum verlangen als Herren über größere Ländereien nach der nahen Arbeitskraft von Handwerk und Handel und bald auch von Finanziers.

Kern der Neubesiedlung wird dann einerseits die Kathedralkirche, die auch insofern Kontinuität verspricht, als zunächst weiter romanische Oberschicht-Familien den Bischof stellen.

Zum Dombezirk mit seinen Wohnhäusern und Wirtschaftshöfen kommt ein kleiner Bereich in der Regel unfreier Handwerker, die die Geistlichkeit versorgen, wobei es sich bei solcher der Kathedrale sowie der Stiftskirchen um Adelige handelt, deren Nachfrage sowohl das lokale Gewerbe wie den Fernhandel fördert. Was verschwindet ist ein geschlossenes Stadtbild von imperial-römischen Ausmaßen. Zwischen besiedelten Flecken gibt es Ruinenlandschaften und zum Teil offenes Land für Gärten, sogar für Viehweiden oder gar neues Naturland.

Daneben bilden befestigte Palastbauten und Burgen Siedlungskerne. Der rheinfränkische König Sigibert residiert kurz vor 500 im Kölner Prätoriumspalast, in Trier dient die Palastaula („Basilika“) als Residenz.

 

Dazu kommen manchmal kleine Kaufmannssiedlungen und Gewerbebezirke (zunächst romanischer Provenienz) mit ihren Pfarrkirchen, die vor allem die lokalen Großen versorgen, von denen sie abhängig sind. Wohngebäude werden im wesentlichen aus Holz und Lehm (Fachwerk) und manchmal, eher selten, auf steinernem Fundament gebaut. Die Städte verwandeln dabei meist völlig ihr Gesicht. Die vorhandenen Straßen werden notdürftig geflickt. Das Abwassersystem der Römerzeit verschwindet, auf den Hausgrundstücken wird oft Kleinvieh gehalten, Kot und Unrat werden in Latrinengruben in der Nähe der Behausungen „entsorgt“. Als Heizung dienen offene Herdstellen. Manche römische Stadtmauern halten noch. Im 6. Jahrhundert sieht Dux Lupus der Champagne sich bedroht: Da jener aber sah, dass er in Gefahr war, (se in discrimine), brachte er seine Ehefrau in den Mauern der Stadt Laon in Sicherheit (tutatam infra urbis Lugduni Clavati murus) und floh selbst zum König Gunthram, coniugem suam, ad Guntchramnum regem confugit. (s.o. Gregor VI,4) Die Mauern der Stadt bieten hier weiter Schutz.

 

 

Mit dem Verfall des Imperium Romanum verfällt auch, wie schon gesagt, eine klare lateinische Begrifflichkeit. Ein Musterbeispiel liefert die „Stadt“, ursprünglich als urbs, oppidum, civitas, colonia und municipium halbwegs klar unterschieden. Am ehesten trifft dabei oppidum unseren späteren Stadt-Begriff, dort nämlich, wo es die ummauerte Stadt meint. Dann kann das Wort auch ein castrum bezeichnen, also eine Festung mit ihren Bewohnern wie das castrum Chinon zum Beispiel – im Unterschied zum vicus Chinon.

 

Die civitas ist kein einheitlicher „staatlicher“ bzw. „politischer“ Raum mehr, ihre territoriale Einheit bleibt nur noch als Diözese gewahrt, Bereich der Zuständigkeit des Bischofs. Als civitas wird oft nur noch der städtische Restkern wahrgenommen, vor allem der Dombezirk. In diesem Bereich im Besitz der Kirche herrscht Befreiung von Steuern und Abgaben, aber auch solche von der weltlichen Gerichtsbarkeit, sogenannte Immunität. (Groten, S.31f)

 

Eine Stadt ist Bischofssitz. Gregor betont die enge Verbindung von cives und episcopus. Mit Zustimmung der cives wird Brictius Bischof: Adeptum ergo consentientibus civibus pontificatus officium (Gregor II,1) Die Königin: Praetextatum vero episcopum egre suscoepit, quem cives Rhodomaginsis post excessum regis de exilio expetentes, cum grande laude civitati suae restituerunt. (Gregor VII,16) Bischof Magnulf sagt den civibus suis, sie sollten sich gegen Desiderius dux wappnen.(Gregor VII,27)

 

Der cives-Begriff wird aber immer unklarer, undeutlicher. Ein Bürgertum im römischen oder mittelalterlichen Sinne gibt es nicht, dafür eine Handvoll weltlicher Großer, deren Macht wie die der Kirche und der Klöster auf Grundbesitz beruht. An die Stelle des römischen Durchfütterns des Proletariats tritt die nicht unbeträchtliche kirchliche Armenfürsorge, die als Ordnungsfaktor auch Machtfaktor ist.

 

Die Beziehung zwischen comes und cives wird von Gregor eher vernachlässigt, stattdessen wird eher die gute Beziehung zwischen den „Bürgern“ und ihrem guten König herausgestellt, da dieser dem Bischof weniger in seinen Anteil am Stadtregiment hineinfunkt und im Falle König Gunthrams diesen laut Gregor sogar zu bestärken beabsichtigt: Digressus vero a Neverno ad Aurilianensem urbem (Orléans) venit, magnum se tunc civibus suis praebens. (er zeigt sich ihnen viel). Nam per domibus eorum invitatus abibat et prandia data libabat; multum ab his muneratus muneraque ipsis proflua benignitate largitus est. (Gregor VIII,1) Hier wird deutlicher noch als anderswo, dass Gregor geneigt ist, unter den anerkannten cives städtische Mittel- oder eher noch Oberschicht zu verstehen, wobei er sich den letzteren wohl am ehesten selbst zugehörig fühlen konnte.

 

Die Friedhöfe bleiben zunächst in römischer Tradition außerhalb der Städte. Während Romanen keine Grabbeigaben dazu legten, werden vornehmeren ("christlichen") Franken zum Beispiel zunächst weiter und bis tief ins 7. Jahrhundert Waffen, Schmuck und Wegzehrung für das Jenseits mitgegeben, zudem Amulette, die Unheil abwehren sollen (Dietmar/Trier, S.70 z.B.). Nur besonders mächtigen Herren gelingt es, ein Grab in den Kirchen zu erlangen, am besten in der Nähe der Heiligen, deren Gräber oder Reliquien sich dort befinden.

 

 

Bis tief ins siebte Jahrhundert bleibt tradiertes Handwerk, insbesondere exzellentes Kunsthandwerk (Glas, Emaille, Keramik, Elfenbeinschnitzerei, Goldschmiedekunst) auch in den Städten. Es gibt weiterhin Bauten aus Stein, aber bald nur noch für einen kleineren Kreis von Reichen und Mächtigen und für bedeutendere Kirchen, von denen allein Reims damals über zwanzig haben soll. Glockentürme und Querschiffe sind Erfindungen der Merowingerzeit. Erhalten geblieben ist bis heute kaum mehr als das Johannes-Baptisterium in Poitiers.

 

Datei:Poitiers-Baptistère Saint-Jean(côté sud).jpg

Das Baptisterium Saint-Jean in Poitiers, 4.Jh., 6.Jh. erhöht und Anbau einer Apsis, im 10.Jh.

auf seine heutige Größe reduziert

 

Das „städtische“ Gewerbe deckt für Jahrhunderte fast nur noch den lokalen Bedarf. Für Köln werden zum Beispiel Metall-, Glas- und Knochenbearbeitung (Kämme) nachgewiesen (Dietmar/Trier, S.107ff). Die außerhalb der Städte in ihren befestigten Villen residierenden Grundherren hatten schon seit der späten Kaiserzeit das Handwerk für ihren Bedarf auf ihren Besitz auf dem Land mitgenommen. Der vornehme Franke hat eventuell ein Stadthaus, aber er lebt vor allem auf seinem Grundbesitz auf dem Lande. „Der Kleriker Adalgisel Grimo, der 634 sein Testament machte, hatte ein Haus in Trier, er verfügte aber auch über sechs Landgüter und hatte Besitz in zehn weiteren.“ (Groten, S. 33)

 

Töpfermanufakturen entstehen in der späten Merowingerzeit neu, aber nun auf dem Lande, genauso wie die Herstellung gläserner Waren. Ähnlich ist es mit dem Metallgewerbe. So gibt es in Mitteleuropa „nirgendwo Städte (...), deren Wirtschaftsleben von einem über den örtlichen oder regionalen Bedarf hinaus produzierenden Exportgewerbe beherrscht wurde.“ (Pitz, S.80) Umgekehrt gibt es zunächst von Seiten der Grundherren auch wenig Ansporn, mehr landwirtschaftliche Produkte herzustellen, als sie selbst verbrauchen, und die Kirche unterstützt Selbstversorger-Wirtschaft als religiös wünschenswert.

 

Es gibt weiter Münzstätten im Frankenreich, insgesamt lassen sich rund 700 nachweisen, von denen viele aber nur kurzlebig sind, und es gibt entsprechend genug Münzen in Gold, Silber und Kupfer. Es gibt noch Märkte, bald sogar einige größere Jahrmärkte und die Nachfrage der Oberschicht nach Luxusgütern. Zölle und andere Abgaben werden eingenommen. Zölle an Häfen, Flüssen, Brücken und Straßen fließen in den Königsschatz (Scholz, S.216)

Entsprechend gibt es negotiatores, Händler (s.o.). Anlässlich der Pest in Marseille 588 schreibt Gregor von Tours:

Inzwischen war ein Schiff aus Spanien mit den üblichen Handelswaren im Hafen von Marseille angelandet worden, das den Keim dieser Krankheit fahrlässig mit sich gebracht hatte. Weil so viele Menschen von diesem Schiff Verschiedenes kauften, brach sofort in einem Haus, das von acht Menschen bewohnt war, die Krankheit aus (... Gregor IX,22)

 

Der Handel geht also massiv zurück, aber er verschwindet nicht völlig. Im nun fränkischen Gallien gibt es weiterhin regionalen Handel. In Marseille gehen immer noch einige Schiffe aus Byzanz und Italien mit Luxuswaren vor Anker.

Laut einer Urkunde von 716 erhält das Kloster Corbie damals im Hafen von Fos-sur-Mer bei Marseille u.a.: 10 000 Pfund Olivenöl, 30 Pfund wertvollstes Garum, 30 Pfund Pfeffer, 150 Pfund Kümmel, 2 Pfund Gewürznelken, 1 Pfund Zimt, 2 Pfund Lavendel, 50 Pfund Datteln, 100 Pfund Feigen, 100 Pfund Mandeln, 30 Pfund Pistazien, 100 Pfund Oliven, 150 Pfund Erbsen, 20 Pfund Reis, 10 Pfund Talg und 50 Rollen Papayrus. (Scholz, S.220)

 

Handel findet auch über Flüsse wie die Loire oder die Seine statt, die um so wichtiger werden, je mehr das Straßenwesen verfällt:

In diesen Tagen begab sich der Kaufmann Christophorus nach Orléans. Er hatte nämlich gehört, dass dorthin viel Wein hingebracht worden war. Er ging also hin, und nachdem er den Wein eingekauft hatte und dieser auf Kähnen verschifft worden war, begab er sich mit viel Geld, das er von seinem Schwiegervater empfangen hatte, mit zwei sächsischen Knechten zu Pferd auf den Heimweg. (Gregor, VII,46)

 

Wichtige Abnehmer sind neben den Herrschern und reichen Bischöfen die großen Klöster wie Saint Denis oder Corbie, die selbst eigene Händler beschäftigen. Bei Saint Denis entsteht daraus der große Jahrmarkt, eine Frühform der Messe, von König Dagobert I. gegründet, in dem bald neben Syrern und Juden auch Friesen und Angelsachsen (z.B. 709) als Händler auftreten.

 

Einzelne reiche Kaufleute sind dokumentiert, wie ein Julianus auf seinem Epitaph: Er häufte sehr viel Gold an, aber er verteilte es an die Armen. Er schickte viele Schätze voraus, denen er dann folgte. (in: Scholz, S. 219) Während sich hier die Gier in Frömmigkeit auflöst, wird sie anderswo durchgehalten, wie Gregor von Tours beschreibt (wenn es denn so stimmt):

Ein gewisser Mann in Lyon trachtete mit Mühe danach, eine Goldmünze zu bekommen, doch entflammt durch den verfluchten Hunger nach Gold wollte er mit diesem einen Goldstück seinen Geldbeutel füllen (...) Also kaufte er von dieser einen Goldmünze Wein und nachdem er ihn mit Wasser vermischt hatte, verkaufte er ihn wieder für Silbergeld und verdoppelte sein Geld. Dies machte er wieder und wieder und so ist er lange ein Anhänger des schändlichen Gewinns geworden, bis er 100 Goldmünzen (Solidi) aus dieser einen erworben hatte. (Liber in gloria confessorum, 10) Vielleicht beschreibt Gregor hier auch nur schematisch die Karriere eines Selfmade-Kapitalisten.

 

Solche Kaufleute scheinen sehr selbständig zu operieren und über ein Netzwerk von Informanten zu verfügen. Bezahlt wird in der Regel mit Geld.

 

Einen weiteren Einbruch in den Fernhandel wird dann die rasante Ausbreitung der islamischen Welt im 7. Jahrhundert, die 656 Ägypten und 711 Hispanien erreicht. Papyrus wie vieles anderes gelangt nicht mehr nach Europa und wird durch Pergament ersetzt. Solide Kapitalbildung gibt es kaum noch. Wir sind inzwischen noch weiter als in Zeiten antik-römischer Kaiser entfernt von irgendeinem Ansatz von Kapitalismus.

 

 

Eine Besonderheit sind die Handelsorte an der nördlichen Periferie des antiken Römerreiches oder außerhalb davon, immer aber an der Küste und/oder an Flüssen. Hier siedeln sich offenbar freie Menschen primär zum Zwecke des Handeltreibens an. Südlich von Boulogne ist Quentowik, südöstlich von Utrecht Dorestadt, auf Jütland Ribe, Haithabu an der Schlei und Birka am Mälarsee im heutigen Schweden, dessen Vorläuferort Helgö bereits im 5. Jahrhundert auch Metallverarbeitung betreibt.

 

In Friesland ragt Dorestad hervor, welches um 800 eine bedeutend größere Fläche als Mainz mit vielen tausend Einwohnern bedeckt. Es gibt dort auch eine Münzstätte und Schmiede, Kammacher und Bearbeiter von Bernstein. Friesen liefern vor allem Waren aus dem Rheinland nach England und kommen mit Sklaven zurück. Wohlhabende heidnische Kaufleute und freie Bauern prägen nach 670 eigene Silbermünzen mit dem Bild Wotans (Brown2, S303f). Kein Wunder, dass schon Merowingerkönige versuchen, die Kontrolle über das Gebiet zu erreichen, welches seine Freiheit auch gegen christliche Missionare verteidigt.

 

Eine weitere Handels"metropole" ist Haithabu mit um die 1000 Einwohnern und Handelsbeziehungen nach Skandinavien, in den slawischen Raum und das Rheinland. Tuche, Getreide, Wein, Keramik, Schmuck und Waffen des Südwestens werden gegen Pelze, Wachs, Honig und Sklaven aus dem Osten gehandelt. Handwerk verarbeitet Holz, Bernstein, Geweihe, es gibt Textil- und Glasproduktion, "Eisenverhüttung, Feinmetallverarbeitung, Bronzeguss und Goldschmiede..." (Fuhrmann, S.28). Es wird Spelzgerste und etwas Roggen angebaut, an Vieh werden Schweine zum Verzehr und Rinder vor allem als Zugtiere gehalten. Häuser haben eigenen Backofen und Brunnen.

 

Neben den in die familia des Grundherren eingereihten Händlern in dessen unmittelbaren Diensten gibt es auch reisende Fernhändler, die mehr Freiheit(en) genießen. Unter ihnen sind viele Friesen, so dass der Volksbegriff oft als Synonym für (freier) Händler auftaucht. In Mainz gibt es ein ganzes Friesenviertel, belegt sind sie auch in Straßburg, Worms, Köln und Duisburg. Neben ihnen treten besonders für den Fernhandel in südliche Richtung und über das Mittelmeer hinweg Juden und Syrer auf.

 

Für die erste Hälfte des 7.Jahrhunderts wird ein waffentüchtiger fränkischer Kaufmann Samo von Fredegar erwähnt, der mit seiner Handelskarawane gerade dann im Slawengebiet unterwegs ist, als man sich dort zum Aufstand gegen die Awaren rüstet, und der zum Anführer dieser Slawen wird, die dann auch noch in Kriege mit Franken und Alemannen geraten.

 

Schon ein Jahrhundert früher erzählt Gregor von Tours von der Bitte des Bischofs von Verdun an seinen König, ihm für die Bürger seiner Stadt Geld zu leihen: "Wenn diese Handel treiben und in unserer Stadt Abgaben, wie sie die übrigen leisten, erbringen, werden wir dein Geld mit Zinsen rechtmäßig zurückgeben." Der König gibt 7000 Goldmünzen, die der Bischof an die Bürger weitergibt. Doch diese wurden Handel treibend dadurch reich gemacht und gelten bis heute als vermögende Leute. Unabhängig davon, was an dieser Geschichte den Tatsachen entspricht, lobt ein Kirchenmann hier das Spiel von Investition und Gewinn und man erfährt nebenbei, dass es in Verdun eine ganze Anzahl handeltreibender Bürger gibt.

 

Rom ist um 900 von fast einer Million Einwohnern unter Augustus auf schätzungsweise 20 000 heruntergegangen, alle Orte im Frankenreich sind noch wesentlich kleiner, aber einige wenige, zum Beispiel Paris, werden danach bald deutlich an Einwohnerschaft zunehmen, Paris auch deswegen, weil es eine beispiellose Ansammlung von Reliquien wundertätiger und schutzbietender Art aufweist, so dass es bald bei den ständigen brutalen Normanneneinfällen zu einer Fluchtstätte für den "gallischen" Norden wird: Die Reliquien sollen vor den Feinden schützen.

 

***Trier***

 

Seit dem Beginn des 5. Jahrhunderts verliert Trier zunehmend seinen römischen Schutz und wird mehrmals vorübergehend von fränkischen Gruppen eingenommen. Dabei ist es erheblichen Verwüstungen ausgesetzt, die besonders auch den Dom betreffen. Seit den 60er Jahren gerät die Stadt in die Hände der Familie des romanisierten und christlichen Comes Arbogast. Zwei Jahrzehnte später nehmen sie Rheinfranken ein, und spätestens mit Chlodwigs Einnahme des Kölner Rheinfrankenreiches gelangt sie in seinen Machtbereich.

 

Teile der römischen Oberschicht fliehen vermutlich nach Westen ins Innere Galliens, ein weiterer Teil der Bevölkerung wird nach diversen Eroberungen und Plünderungen wahrscheinlich verschleppt. Aber die Liste der Bischöfe und die weiter vorwiegend romanische Bevölkerung bedeuten auch Kontinuität. Auf den Gräbern bis ins 8. Jahrhundert tauchen weiter 67% römische, 23% griechische und nur 6% germanische Namen auf. Gesprochen wird in der Stadt und Diözese vorläufig vor allem ein moselländisch-romanisches Idiom mit kleinen fränkischen Sprachinseln. (Anton/Haverkamp, S.13ff)

 

Der größte Teil der Stadt verfällt in Ruinen und mit ihm das rechtwinklige römische Straßennetz. Was bleibt, sind die großen Monumentalgebäude wie der Dom, die von den Franken in eine Königspfalz umgewandelte Palastaula („Basilika“), die in eine Grafenburg umgewandelten Kaiserthermen und die in ein Kloster umgewandelten Getreidespeicher an der Mosel. Dazu kommen die römischen Gründungen St.Eucharius/St.Matthias und St. Maximin. Immerhin etwa das Dreifache der von Mauern umschlossenen Fläche von Mainz oder Köln bleibt der Stadt mit einer Mauerlänge von 6400 Metern und nur noch vielleicht 5000 Einwohnern.

 

Um den Dom und andere zentrale Orte entwickeln sich dann Siedlungskerne mit einem schon mittelalterlich anmutenden Gassengewirr. Trier wird von einer geplanten zu einer neuen, nun ungeplant wachsenden Stadt. Zwischen ihren in manchem eher ländlichen Siedlungskernen gibt es Gärten, Äcker, Viehweiden und wüstes Gelände. Handel und Handwerk nehmen in hohem Maße ab und die Geldwirtschaft kommt vorübergehend (fast?) zum Erliegen. Dem Bischof gelingt es als Erbe der res publica und durch Schenkungen an erhebliche Besitzungen zu gelangen, zum Beispiel den von Dörfern in Stadtnähe und im territorium (Gregor von Tours), also dem Gebiet der antiken civitas.

 

Im Trierer Land setzt fränkische Besiedlung in Tälern im 6. Jahrhundert ein. Fränkische Große übernehmen die Villen der Römerzeit. Herren legen Gutshöfe an, um die sich Abhängige ansiedeln und die von Unfreien bearbeitet werden. Von Taufkirchen ausgehend wird das Land missioniert.

 

Trier entwickelt eine Metropolstellung gegenüber Metz, Toul und Verdun und die Bischöfe stehen in enger Verbindung zu den merowingischen Königen. Irgendwann in der Merowingerzeit tauchen zwei Märkte in der Stadt auf. In den ersten Jahrzehnten des 7. Jahrhunderts bildet sich eine fränkische Grafschaft im pagus Treverensis heraus. Aus Eigenkirchen bei aufkommender Grundherrschaft entstehen Pfarreien auf dem Lande.

 

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Der Kapitalismus wird nicht gegen Kirche und Kloster entstehen. Zwar war nach dem Gebot der Evangelien fast völlig Eigentum oder gar Zinsnehmen, also das Nutzen Ziehen aus der Armut anderer von Christen gegenüber Christen verboten, und die Kirche wird das Zinsverbot später, in der kapitalistischen Anfangsphase, auch deutlicher wiederholen. Aber schon in der Merowingerzeit hält sie sich selbst nicht daran, wenn es opportun erscheint. Gregor erwähnt schon in seiner Geschichte von Tours für die Zeit um 540, wie ein Bischof von Verdun sich an König Theudebert um einen Kredit wendet, auf dass wir damit unsere Bürger zu unterstützen (cives nostros relevare) vermögen; und wenn sie durch ihre Geschäfte den Handel in unserer Stadt auf dieselbe Höhe gebracht haben, wie ihn andere Städte haben, werden wir dir dein Geld mit den genehmigten Zinsen (cum usuris legitimis) zurückgeben. (X,34)

 

Wenn man hier stehen bleibt und nicht vom späten Mittelalter aus, klüger geworden, wieder zurückschaut auf das, was bisher beschrieben wurde, wird man kaum Anzeichen dafür finden, dass sich im lateinischen Abendland „Kapitalismus“ herausbilden wird. Weder das nachantike weströmisch-germanische Christentum, noch die Herrschaftsformen, die Formen des Wirtschaftens oder gar die weiter verfallenden Städte geben irgendeinen Hinweis darauf. Gebäude sind weitgehend aus Holz und Lehm, das Handwerk hat sich inzwischen vorwiegend aufs Land zurückgezogen, gehandelt werden nur noch wenige Luxusgüter für die von ihren großen, wirtschaftlich fast autarken Landgütern lebende Oberschicht, während das produktive Volk vorwiegend auf die schiere Subsistenz reduziert bleibt.

Geld zirkuliert nur noch in geringerem Umfang, es herrscht, wo überhaupt, weithin Tauschhandel. Kapitalisten gibt es auch kaum noch welche, und es besteht auch immer weniger Bedarf an ihnen. Anders sieht es mit den großen Städten von Byzanz und bald auch der islamischen Welt aus, aber dort wird sich schon gar kein Kapitalismus entwickeln.

 

Tatsächlich ist das Neue aber schon im Alten angelegt: In einer bestimmten Ausprägung des Christentums, im nie ganz verloren gehenden Erbe der mittelmeerischen Antike, in Resten von Städten, in denen Verluste zugleich zur Offenheit für Neues werden, in Herrschaftsformen und Strukturen der Machtverteilung, die noch zu anarchisch, zu unsicher für den Aufstieg von Kapitalverwertung sind, aber eine gewisse Offenheit (oder soll man Freiheit sagen?) besitzen, die zu Spielräumen wird werden können.

 

 

Christentum und Kirche (derzeit in Arbeit)

 

Was Christianisierung nach der "Bekehrung" Chlodwigs und seiner Gefolgsleute für die meisten Menschen im Frankenreich bedeutet, lässt sich nur ganz vage erahnen. Zunächst einmal wird die Adaption von Religion an das antike römische Imperium und seine Machtstrukturen weitergeführt. Sich etwas verändernde Macht-, Besitz- und Einkommensverhältnisse sind also in ihrer extremen Unterschiedlichkeit weiter gottgewollt: Christentum wird weiter an die (nun) herrschenden Verhältnisse zu deren Rechtfertigung angepasst.

 

Die meisten Menschen leben auf dem Lande, produzieren dort Lebensmittel und sind schriftunkundig. Sie sind auf die mündliche Propaganda von Missionaren und dann wohl teilweise entfernten Priestern und ihren Kirchlein angewiesen, die ihnen wohl wenig von den Kernbotschaften des paulinischen und des (ohnehin längst widersprüchlichen) evangelischen Jesus mitteilen. Die etwas später entwickelten theologischen Kerngedanken werden ohnehin für die nächsten fünfzehnhundert Jahre den meisten Menschen fremd und unverständlich bleiben.

 

Auf dem Weg von der Antike ins Mittelalter verwandelt sich das Christentum für die allermeisten Neubekehrten vor allem in eine Sammlung disparater Geschichten und Geschichtchen, deren zentrale Botschaft immer die Unterwerfung unter die Kirche und die mit ihr verbündeten weltlichen Herren ist. Dem dient dabei das Kuriosum, dass diejenigen sagenhaften Geschichten, die im Alten Testament mit seinen mythischen Königen, sagenhaften Kriegern, Helden und Heldinnen den von Priestern entwickelten jüdischen Nationalmythos ausmachen, immer größere Bedeutung gewinnen. Direkt nebenan werden dabei aber weiter die jüdischen Nachbarn als Menschen zweiter Klasse behandelt, oft geduldet, gelegentlich verfolgt. Die Kritik, die der Jesus des Paulus und der Evangelien am Judentum formulierte, wird so substantiell ignoriert und zugleich zum Vorwand für die gelegentlich schlechte Behandlung der aktuellen Juden.

 

Was die meisten Menschen damals im Frankenland an "Christlichem" glauben, ist nur indirekt nachzuvollziehen. So beklagt die Kirche, dass die Sonntagsruhe nicht hinreichend eingehalten würde, was nun schärfer bestraft werden soll, und dass es zu wenig Opfergaben an Brot und Wein für die Altäre gebe. Sowohl die Ausführung der Strafen als Buße wie die Opfergaben würden aber sündentilgend wirken. (Scholz, S.155)

Man kann also immer besser mit seinem Gott Handel treiben, so, wie man ihn auch um etwas bitten kann, wie um eine gute Ernte oder ein Ende der Pest.

 

Der allgemeine Glaubenseifer scheint nicht immer sehr überzeugend gewesen zu sein, wie der Kanon einer Synode belegt: Er "verbot Laien, in der Kirche oder in der Vorhalle (atrium) Auseinandersetzungen zu beginnen, Waffen zu tragen und irgendjemanden zu verwunden oder zu töten. Kanon 19 untersagte, während der Kirchweihfeiern oder der Märtyrerfeste im Atrium oder in der Säulenhalle (porticus) der Kirche unanständige Lieder vorzutragen. Insbesondere sollten Frauenchöre keine unanständigen Gesänge zu Gehör bringen." (Scholz, S.236)

 

 

 

Vom niederen Klerus unterhalb des Hofstaates der Bischöfe ist wenig bekannt.

Klöster und Klerus gehorchen unterschiedlichen Regeln, mit denen sie aus der Laienschar herausgehoben sind. Gemeinsam ist ihnen idealiter in der Nachfolge Jesu und der Apostel der Verzicht auf persönliches Eigentum, die Keuschheit als Verzicht auf das Ausleben des Geschlechtstriebes und überhaupt ein gemeinschaftliches Leben außerhalb bzw. am Rande der „Welt“, des saeculum (der Zeitlichkeit). Schließlich gehört dazu bei beiden der bedingungslose Gehorsam entweder gegenüber dem Abt oder gegenüber dem Vorgesetzten in der kirchlichen Hierarchie.

Saeculum meinte ursprünglich ein Zeitalter, eine Lebenszeit, dann auch ein Jahrhundert, wie es sich im spanischen siglo zum Beispiel erhalten hat. Im kirchlichen Sprachgebrauch wird daraus alles "Zeitliche" als "Welt" im Gegensatz zum zeitlos-ewigen Reich Gottes außerhalb der Welt. Im Sinne dieser Wortbedeutung lässt sich für die christliche Welt eine Epoche zunehmender Sakralisierung im 11. Jahrhundert feststellen, auf die die Umkehr in die Säkularisierung seit dem 12. Jahrhundert erfolgt. Am Ende bedeutet dann Säkularisierung Entkirchlichung bzw. Aufhebung von Klöstern, wie sie nach Henry VIII. zum ersten Mal wieder in der sogenannten großen französischen Revolution Programm wird.

 

Die radikale und zugleich einzig mögliche Lösung nach dem Ausbleiben des Erlösers ist der offensichtlich nur wenigen gegebene Zustand der Heiligkeit, der als engelsgleiche oder wenigstens ähnliche Existenz versucht, möglichst viel vom Zustand der Erlösung auf Erden schon vorwegzunehmen. Angestrebt wird dabei kein Zustand des Leidens, sondern einer der glückseligen Freude, der aus den Mühen der Verleugnung bzw. Ablehnung der Menschennatur hervorgehen soll. Dies ist die Idee mönchischer Existenz.

Dieser Zustand ist dem Klerus aber deswegen nicht möglich, weil er sich mitten in jener Menschenwelt der Laien aufhält, der dieser Anspruch nicht zuzumuten ist. Ein eheloser und unbeweibter Klerus ist schon bald nicht mehr allgemein durchsetzbar, schon gar nicht in den germanischen Nachfolgereichen, und die Neigung, das kollektive Eigentum der Kirchen so zu mehren, als ob es Privateigentum wäre, und Privateigentum als Teil eines klerikalen Status anzusehen, wird ebenfalls gängige Praxis spätestens seit dem vierten Jahrhundert.

 

 

 

Die Kirche hatte aus der endredigierten Version der Evangelien – bzw. aus einer kleinen, vermutlich von ihr betriebenen Einfügung – Jesu Auftrag an Petrus entnommen, fleißig zu missionieren, was inzwischen heißt, möglichst viele Menschen unter die Obhut der (Petrus-)Kirche zu bringen. Das passt zwar nicht zu dem übrigen Evangelien-Text, aber der Kirche und auch den fränkischen Herrschern ins Konzept. Während nun Missionare in England versuchen, in etwas neuer Form an das anzuknüpfen, was da einst als Christentum vorhanden gewesen war, sind manche kaum anzivilisierte Germanen-Völker eher wenig geneigt, ihre eigenen Vorstellungen von der Welt ohne zum Teil gehörigen Widerstand aufzugeben. Das wiederum kommt dem kriegerischen Expansionsdrang der fränkischen Herrscher entgegen, die ihre Kriege nun auch religiös begründen können, wie vor ihnen altjüdische und dann bald auch erste muslimische Herrscher.

 

Damit zieht ein neuer Heiligentyp ins Frankenreich ein: Es sind hocharistokratische und waffengewandte Bischöfe, mit denen sich auch der noch ziemlich heidnische Adel auf dem Lande identifizieren kann. Der Fortschritt der Christianisierung ist die zunehmende weitere Entchristlichung des Christentums.

Um 674 wird auf einer Synode deutlich, was für Kleriker das sind: Ihnen wird nun nämlich verboten, wie Laien zur Jagd zu gehen, sie sollen keine Waffen mehr tragen und überhaupt auch nicht gänzlich verweltlichen. (Scholz, S.246)

 

Auf Synoden wird immer wieder gemahnt, Ämterkäuflichkeit, Ämterhäufung oder Entfremdung von Kirchenvermögen zu verhindern, was das belegt, was tatsächlich stattfindet. Bischöfen werden ihre Imunitätsbezirke bestätigt, was ihre Macht stärkt, andererseits sorgen die Könige dafür, ihnen genehme Prälaten einzusetzen. Leute wie Desiderius sind z.B. Schatzmeister am Hof (des Dagobert), bevor er Bischof von Cahors wird, oder werden zumindest vom Hof geformt wie Eligius, am Ende Bischof von Noyon.

 

Auf den Versammlungen der Kirche werden immer wieder Reformen (Wiederherstellungen) beschlossen. Dass sie nicht dauerhaft umgesetzt werden, zeigt beispielsweise das bis Ende des Mittelalters immer wieder auftauchende Thema Zölibat, also Ehelosigkeit der Priester, welches weiter unten genauer angesprochen werden wird.

Da die Kirche eine Institution zur Verwaltung ewiger Wahrheiten ist, kann für sie Reformieren nur Erneuerung im Sinne von etwas Altem, Vorgegebenem sein. Der eher neuzeitliche Reformbegriff, der Veränderung als neuartige Verbesserung meint, ist bereits ein Kind des sehr späten Kapitalismus.

 

 

Ganz langsam und insbesondere, wo es mit der Macht der Merowingerfamilie bergab geht, gelingt es den Bischöfen, die Macht ihres comes zu verringern und ihre eigene zu steigern, bis sie diese in ihre eigene Verwaltung integrieren und selbst ernennen. Auf einem langen Weg bis ins Hochmittelalter werden die Bischöfe vielerorts praktisch zu Stadtherren aufsteigen.

 

Inzwischen ist die Christianisierung in den Reichsteilen vorangeschritten und hat auf Teile der Oberschicht Germaniens übergegriffen. Adel und Kirche sind beide an der Verwaltung des Reiches beteiligt, und aus dem Adel werden die Bistümer besetzt. Beteiligung an der Macht findet auch auf Konzilien statt, an denen gelegentlich auch Laien teilnehmen, und auf Hoftagen, auf denen wiederum auch Bischöfe auftreten. Besonders wichtige Bistümer wie Reims, Metz, Paris, Köln, Trier werden als Stützen des Reiches mit Königsgut ausgestattet, und die Bischöfe "wirkten oft im königlichen Dienst als Berater, Verwaltungsbeamte und Finanzleute" (Prinz, S.123).

 

 

Widersprüche über Widersprüche. Der evangelische Jesus hatte wohl Armut und Besitzlosigkeit propagiert, aber seit dem Bündnis mit der antiken Macht gewinnt die Kirche Reichtum durch Schenkungen, mit denen sich immer mehr weltliche Herren in das Himmelreich einkaufen. Dieser Reichtum wird mit der Armut der Produzenten erkauft. Schon in den Reichen der Westgoten und Franken werden prächtige Bischofspaläste zu den herausragenden (steinernen) Gebäuden in den rudimentär gewordenen Städten, und Bischöfe häufen sowohl privaten wie kirchlichen Reichtum an. Bevor die Luxusbedürfnisse einer altneuen weltlichen Herrenschicht den Fernhandel wieder ankurbeln, sind es Luxusbedürfnisse der Kirche (und der Klöster), die Kirchen und Paläste schmücken. Und die „wichtigeren“ Kirchen und Klöster sammeln nicht nur Grundbesitz, entwickeln nicht nur Pracht, sondern häufen Schätze an, Gold, Silber, Edelsteine, wertvolle Tücher usw..

 

Der legitimatorische Dreh, mit dem eine reiche Kirche und reiche Klöster der Masse der Armen und mit ihrer Körperkraft Arbeitenden gegenübertritt, besteht darin, dass der klerikale und klösterliche Reichtum Gemeineigentum von Kollegien sei, die dieses im Namen Gottes und der Heiligen verwalteten. Zudem wird die sakrale Prachtentfaltung als eine zum Lobe Gottes deklariert. Die Massen der armen und illiteraten Landbevölkerung lebt zunächst wohl mit diesem und anderen Widersprüchen, ohne darauf Gedanken zu verschwenden, ist ihre Christianisierung doch nicht weit gediehen und weit entfernt von den Gedanken eines Paulus oder eines Evangelisten – dafür ganz nahe dran an den realen Machtverhältnissen und dem eigenen Überlebenskampf. Eklatant werden diese Widersprüche erst in den Städten, wenn dort die Anhäufung von Besitz, von Geld und (zunächst kleinen) Kapitalien jenes Begehren nach Besitz und nach immer mehr davon auch in weltliche Hände bringt, ohne dass diese dafür eine kirchlich abgesegnete Legitimation beibringen können, die über vermutlich nicht immer überzeugende prätendierte Gottgewolltheit hinausgeht.

 

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Da für Kirchenchristen das Heil über die Eucharistie und andere sakramentale Akte läuft, wird später die originäre tatsächliche Machtbefugnis von Päpsten die, einzelne Leute zu diesen Vorgängen zuzulassen oder aber von ihnen fernzuhalten., was durch die sogenannte Exkommunikation geschieht, oder noch schärfer, indem ganze Orte oder Länder dem Interdikt verfallen, dem Verbot an die Priesterschaft, dort ihres Amtes zu walten. Da nach Verfall des weströmischen Staatswesens die Bindekräfte persönlich werden, wird der religiös gestaltete Treueeid immer wichtiger. Aus Matthäus leiten die Päpste dann später auch das Recht ab, die Menschen von solchen Eiden zu lösen, was am Übergang vom frühen zum hohen Mittelalter immer wichtiger werden wird.

 

Über die augustinische Lehre von der himmlischen und der irdischen civitas und die gelasianische Zweigewaltentheorie auf Erden samt Papst Gregors IV. Behauptung von der Überlegenheit der geistlichen Gewalt ist das Papsttum doch abgesehen von seinem Führungsanspruch in Fragen der Lehre im wesentlichen das Bistum von Rom geblieben. Erst unter dem Schutz von Byzanz und dann dem der fränkischen Herrscher bleibt es schwach.

 

Eine Besonderheit des westlichen Christentums wird die extreme Ausweitung des Inzestverbotes, die unter den Merowingern schon im 6. Jahrhundert einsetzt. Waren im alttestamentarischen Judentum nur die engsten Verwandten davon betroffen, wie auch in der römischen Antike, so weitet sich das schon 511 auf die Witwe des Bruders und und die Schwester der Ehegattin aus. 535 kommt dann das Eheverbot mit der Kusine oder der Witwe des Onkels dazu. Das wird im Laufe der Zeit noch weiter ausgedehnt und gibt dann später der Kirche das machtintensive und lukrative Erteilen von Ausnahmen in die Hand.

Verboten wird ab 533 auch die Ehe zwischen Christen und Juden, die im übrigen auch von Juden selbst verboten wird.

 

Bei der Auseinandersetzung um die Führungsrolle in der Kirche gewinnt Rom, was in der Zeit der Auflösung des weströmischen Reiches von Papst Leo ("dem Großen") ausformuliert wird. Zunehmend übernehmen Päpste wie Gregor ("der Große") in ihrer Stadt wie auch Bischöfe in anderen Städten des lateinischen Abendlandes zivile und militärische Funktionen, wobei sie auf Widerstand des stadtrömischen Adels stoßen.

 

In einem ist die Kirche der weltlichen Macht weit voraus: Noch in der Merowingerzeit bildet sich im Verbund von geistlicher und weltlicher Macht die Pflicht des Gläubigen zur Zahlung einer decima, eines Kirchenzehnten heraus, einer damals allgemeinen Einkommenssteuer, die immer mehr auf alle weltlichen Einkünfte ausgedehnt wird. Noch im 6. Jahrhundert, nämlich auf einer Synode zu Mâcon, verpflichtet die Kirche zum Zehnten auf alle Erträge, damit sich die Kirche ganz auf ihre geistlichen Aufgaben konzentrieren könne.

Da Bischöfe davon aus jeder Pfarrei ein Drittel ungefähr einbehalten, haben sie ein ganz besonderes Einkommen neben dem aus den eigenen Grundherrschaften in ihrer Diözese und darüber hinaus und neben den Einnahmen aus bis ins hohe Mittelalter steigenden Rechten (Münzrecht usw.) 

Dazu entwickeln die römischen Päpste weitere Einkommensquellen aus ihren über Italien verstreuten Gütern, die als Patrimonium Sancti Petri bezeichnet werden und aus einem sich vor allem über Latium erstreckenden Herrschaftsraum über ihre Diözese hinaus, den die Langobarden dann gefährden, was zum Hilferuf an die Frankenherrscher führt.

 

 

Kloster (derzeit in Arbeit)

 

Der Weg der Entstehung von Klöstern führt nicht über die Kirche, sondern über Einsiedler, die jene Welt fliehen, welche die Kirche nur (bald zusammen mit der "weltlichen" Macht) verwaltet. Alles auf die (irdische) Welt gerichtete Begehren soll dabei auf das zum Überleben Notwendige reduziert werden, damit der Mensch weitgehend zu jenem Geistwesen wird, als welches allein er dann ja nach dem Tod in die himmlische Gegenwart Gottes gelangen kann. Diese Übung heißt im Griechischen wie auch manch andere askesis.

 

Grundsätzlich hinderlich auf dem Weg der wenigen Frommen ist der menschliche Geschlechtstrieb, und zwar laut den Kirchenvätern (insbesondere Augustinus) deshalb, weil er mit dem ersten Sündenfall der Willkür der Menschen entzogen wurde: Das sexuelle Begehren überfällt die Menschen eben auch völlig gegen deren Willen. Damit hält es vom Weg in die ewige Seligkeit ab, der vor allem ein Weg möglichst kontinuierlichen Gebetes ist, um den Anfechtungen des Leibes zu entkommen.

Der Weg in die Heiligkeit als Nachfolge eines nicht mehr anwesenden und so bald auch nicht mehr wiederkehrenden Jesus führt konsequenterweise in die Absonderung von den Menschen, besonders der Männer von Mädchen und Frauen.

 

Klöster entstehen ursprünglich aus dem geregelten Zusammensiedeln von Einsiedlern in einer abgeschlossenen Ansiedlung, wie es schon im Konzept des ägyptischen Pachomius in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts vorgesehen ist. Die Askese als Weg zu Gott soll von der Selbstversorgung des Einzelnen zu der Autarkie der klösterlichen Gemeinschaft übergehen.

 

Der namensgebende Kern eines Klosters als Ort der Weltflucht ist deshalb das claustrum, der von der (übrigen) Welt abgeschlossene Gebäudeteil, die Klausur eben, die den Mönchen alleine vorbehalten ist. Aus ihm ist für die Mönche mit der übrigen Welt auch das weibliche Geschlecht ausgeschlossen, und damit jenes Werkzeug des Teufels, welches sie vom Erstreben des ewigen Lebens abhält (und vice versa natürlich auch).

Die Idealvorstellung des benediktinischen Klosters nach seinem Regelwerk wird dann jene Autarkie, die es aus der Welt herausheben soll. In seinen Mauern ist man Gott nah und zumindest den Engeln ähnlich, was außerhalb nicht möglich sein kann. Die Klosterpforte mit einem bewährten Mönch als Pförtner soll vor allem die "Welt" draußen halten. Gästen soll die Klausur, der engere Klosterbereich, verschlossen bleiben. Mönche wiederum sollen in der stabilitas loci nicht außerhalb des claustrum wohnen oder sich aufhalten.

 

Abgeschlossen von der "Welt" heißt nicht, dass Klöster nicht in der Nähe von Städten entstehen, was in Gallien sehr häufig der Fall ist. Solche, die wie Columbans Luxeuil tatsächlich in einer einsamen Gegend entstehen, werden, so sie berühmt werden, durch Besucher an die "Welt" angeschlossen. Anderen schließt sich im Laufe der Zeit eine Handwerker- oder sogar Kaufleutesiedlung an. was bis zur Gründung einer Stadt führen kann (neben vielen anderen St.Gallen)

 

Schon vor dem Regelwerk von Benedikt von Nursia besteht der Alltag im Kloster aus Beten, dem Singen von Psalmen, der Lektüre heiliger Schriften, schließlich der Vermeidung fast jeglichen Gespräches, wodurch der monachos erreichen sollte, auch in der Gemeinschaft ein wenig einsam zu sein und dem Gerede und dem Geschwätz des Laienalltags zu entkommen.

 

Bevor Klöster in der Francia groß und mächtig werden, sind sie oft als überschaubare Einheiten in ehemaligen römischen Gutshäusern auf dem Lande untergebracht. "Der von einem Kreuzgang eingefasste Klosterhof, den man im westlichen Europa überall findet, hat sein Vorbild in dem offenen Säulengang, der sich in der Mitte jedes römischen Landhauses befand." (Brown2, S.177) Besitz gab es zunächst kaum, nur eine Bibel war mit Sicherheit vorhanden, und das Nachsinnieren über die Inhalte dieser heiligen Schrift war neben dem Gebet eine der Hauptaufgaben.

 

Neben der zunehmend von einer Oberschicht kontrollierten Kirche und unabhängig von ihr entstanden, entwickelt diese bald das Bedürfnis, sich die Klöster zu unterwerfen, um zu verhindern, dass dort ein konkurrierendes Christentum entsteht. Als der bald heilige Martin in und bei Tours laut den wenigen erhaltenen Nachrichten Bischofsamt und Mönchtum in einer Person verbindet, ist dieser Weg auf eine besondere Weise gewiesen. (siehe …)

 

Zwischen etwa 360 und 430 lebt der sehr belesene und des Griechischen kundige Johannes Cassian, der erst nach Palästina pilgert und dann viele Jahre in Ägypten verbringt und dortige klösterliche Gemeinschaften kennenlernt. Das alles verarbeitet er in einem Text und in der Gründung des Klosters St. Victor bei Marseilles. Der orientalische Einfluss mag dazu geführt haben, dass er sich besonders intensiv der sexuellen Enthaltsamkeit der Mönche widmet, ihren (verbotenen) Intimbeziehungen untereinander und dem Problem des nächtlichen Samenergusses.

 

Nach Anerkennung von Klöstern durch eine von ihren Machtpositionen her aristokratische Kirche werden sie durch Spenden und dann sogar von weltlichen Herren betriebene Klostergründungen samt weltlicher Ausstattung verändert. Sie besitzen nun eine innere Klausur, in die nur Mönche hineindürfen, eine äußere Ummauerung oder wenigstens Abgrenzung, die über den inneren spirituellen Bereich hinaus der allgemeinen Lebensführung der Mönche dient, und dann zunehmend draußen Großgrundbesitz samt darauf lebenden Arbeitskräften, und zwar im Prinzip so wie weltliche Herren und oft in wesentlich größerem Umfang.

 

Ähnlich wie diese weltlichen Herren, die aus ihrem großen Grundbesitz idealiter (fast) alles abschöpfen, was sie zu ihrer Lebensführung brauchen, können sich auch Klöster selbst versorgen, was aber beide Seiten nicht davon abhält, Überschüsse zu verhandeln bzw. nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten Luxusgüter einzuhandeln.

Klöster werden so auf dem Weg ins frühe Mittelalter oft potente Wirtschaftsunternehmen, die von gleichgeschlechtlichen, sehr autoritär strukturierten Kollektiven betrieben werden. Mit dem weithin im Dunkel der Geschichte der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts verbleibenden Benedikt von Nursia taucht dann ein Regelwerk auf, welches er für sein Kloster Monte Cassino geschrieben haben soll, und welches das Klosterwesen durch seine Vorbildstellung verändert und vereinheitlicht.

 

Die Idealvorstellung des benediktinischen Klosters nach seinem Regelwerk ist jene Autarkie, die es aus der Welt herausheben soll. In seinen Mauern ist man Gott nah und zumindest den Engeln ähnlich, was außerhalb nicht möglich sein kann. Die Klosterpforte mit einem bewährten Mönch als Pförtner soll vor allem die Welt draußen halten. Gästen soll die Klausur, der engere Klosterbereich, verschlossen bleiben. Mönche wiederum sollen in der stabilitas loci nicht außerhalb des claustrum wohnen oder sich aufhalten. Müssen sie das Kloster doch vorübergehend mit Erlaubnis des Abtes verlassen, gilt folgendes, um nicht allzu sehr durch die Begegnung mit der "Welt" Schaden zu nehmen:

Von der Reise zurückgekehrt, sollen sich die Brüder noch am selben Tag zu allen kanonischen Gebetsstunden am Schluss des Gottesdienstes zu Boden werfen und alle um ein Gebet bitten um der Fehler willen, die ihnen vielleicht auf der Reise durch Sehen oder Hören von etwas Bösem oder durch unnützes Reden unterlaufen sind. Und keiner nehme sich heraus, einem anderen alles zu berichten, was er außerhalb des Klosters sah und hörte; denn das richtet großen Schaden an. (67)

 

Je hochgesonnener das Ideal, dessen Basis die Regeln des Benedikt bleiben, desto mehr weicht die Wirklichkeit von ihm ab. Das quälendste Thema ist durchgehend die Bewältigung des Geschlechtstriebes, die schon Benedikt zu detaillierten Anordnungen veranlasste, wie denen des Verbringens der Nacht: Jeder soll in einem gesonderten Bett schlafen... Wenn möglich sollen alle in einem Raum schlafen... In diesem Raum soll ständig ein Licht brennen bis zum Morgen. Sie sollen angekleidet schlafen... Die jüngeren Brüder sollen ihre Betten nicht nebeneinander haben, sondern zwischen denen der älteren. (22)

In seiner Magna Katechesis schreibt der byzantinische Abt Theodoros Studites seinen Mönchen um 800 vor: Fasst vor allem euer Glied nicht an und starrt nicht auf eure Nacktheit, sonst ruft ihr den Fluch des Kain auf euch herab (...) Denn die porneia (Unzucht) beginnt schon, bevor man den Körper eines anderen berührt. (...) Und wenn die Natur ihr Recht fordert, so kauere dezent nieder und lass Wasser. Sieh nicht nach, was da herauskommt und unterlass es, dein Glied mit den Fingern anzufassen. (in: Mazo Karras, S.94)

 

Das Funktionieren der Kasernierung von Männern (oder Frauen) auf engstem Raum verlangt nach Strukturen von bedingungslosem Gehorsam, auch wenn dies die Klöster nicht zu dauerhaft konfliktfreien Räumen macht, wie sich dort nachlesen lässt, wo solche Konflikte, die durchaus auch gewalttätig sein konnten, nach außen dringen. Aber der innerklösterliche Alltag war den Zeitgenossen draußen wie uns heute weitgehend verschlossen. Interna dringen selten nach außen.

 

In Weiterentwicklung anderer Klosterregeln wird im benediktinischen Text der Weg in die Integration in die neuen weltlichen Zusammenhänge betrieben. Aus der radikalen wird eine moderate Weltflucht, die der Askese ein wenig ihre früher hochgelobte Lebensfeindlichkeit nimmt.

Heiligende anachoretische Bedürfnislosigkeit konnte bislang als hygienische Verwahrlosung und schierer Müßiggang (miss?)verstanden werden, wie man noch beim geheiligten Hieronymus nachlesen kann. Benedikt hebt den Lebensstandard, was Sauberkeit, Ernährung und ähnliches angeht, und lehnt Betätigungslosigkeit („Müßiggang“) als der Heiligung schädlich ab. Mönche sollten sich von nun an arbeitsteilig um die gemeinsame Haushaltsführung kümmern, um Kochen, Backen, Putzen, Gärtnern, um Handwerkliches usw. Das so entstehende Arbeitsethos (Arbeit vertreibt das Böse) wird bis tief in die Geschichte des Kapitalismus hinein wirkmächtig bleiben, auch wenn Klöster immer wieder dazu neigten, große Teile produktiver Arbeit auszulagern.

 

Nun wird das täglich siebenmalige gemeinschaftliche (Pflicht)Gebet in den Mittelpunkt des klösterlichen Lebens gerückt. Dazu kommt später die gemeinschaftliche Veranstaltung der Messe, was eine (Kloster)Kirche zum baulichen Zentrum der Einrichtung macht. Mit dem Kirchengebäude rückt das Kloster aber der Institution Kirche näher, während der Eremit und so manche klösterliche Gemeinschaft beider bislang nicht bedurften. Die kirchlich geweihte Kirche braucht den geweihten Priester, einen kirchlichen Beamten also, denn Klöster sind bei aller Autonomie in die kirchliche Organisation eingebunden. Kein Wunder, dass Papst Gregor der Große in seiner Generationen später geschriebenen Heiligenlegende so von diesem Benedikt beeindruckt ist.

 

Bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Abt:Im Kapitel 71 heißt es:

Wenn jemand merkt, dass der Obere gegen ihn erzürnt ist, werfe er sich sogleich ohne Zögern auf den Boden und bleibe zu seinen Füßen liegen und leiste solange Genugtuung, bis sich die Erregung durch den Segensspruch gelöst hat.

 

Klöster waren ohnehin pädagogische Anstalten, in denen Menschen mit großer Mühe lernen sollten, ihr Leben ganz Gott und der Erlangung von Heiligkeit zu widmen. Dazu stehen Mönche unter fast ständiger Aufsicht, bei Verstößen gegen die Ordnung folgt sofortige Bestrafung, bis zur körperlichen Züchtigung.

Schon bei Benedikt steht, dass auf Ungehorsam gegen eine Klosterregel zweimalige Ermahnugn folgt, dann folgt die öffentliche Zurechtweisung, ist diese nutzlos, folgt der Ausschluss vom gemeinsamen Essen und vom Chordienst. 

Im Kapitel 43 legt er zum Thema Pünktlichkeit fest: Kommt nun einer zur Feier der Nachtwachen erst nach dem Gloria des 94. Psalms, den wir deshalb sehr gedehnt und langsam gesungen haben wollen, stehe er nicht an seinem Platz im Chor, sondern als allerletzter oder an einem abgesonderten Platz, den der Abt für derart Nachlässige bestimmt hat, damit sie von ihm und allen anderen gesehen werden. Dort bleibt er, bis er am Schluss des Gottesdienstes durch öffentliche Genugtuung Buße tut.

 

Man stelle sich dieses Regelwerk für Mitglieder des hochmütigen fränkischen Adels vor! „,Angesichts des ausgeprägten, hochempfindlichen Standesbewusstseins und Ehrgefühls, das die Menschen jener Zeit und Gesellschaft leitete, bedurfte es einer allerdings heroischen Selbstverleugnung, sich dem Regiment eines Abts zu unterwerfen.“ (Brown in 2, S.176f)

 

Das gilt bis ins hohe Mittelalter noch mehr für Nonnenklöster, deren physisch handfestere Jungfräulichkeit als besonders bedroht gesehen wird und für die sowieso größere Schutzbedürftigkeit angenommen wird. Deswegen werden Nonnen auch noch konsequenter eingesperrt als Mönche. Im Kloster wird also in enormer Detailliertheit etwas gelernt, was in der Grundherrschaft für die, die nicht Herren, sondern Knechte sind, alltägliche Wirklichkeit ist: Unterordnung, Unterwerfung, Gehorsam, der Kern jeder Herrschaft und Staatlichkeit.  

 

Autoritäre Strukturen: Es gibt die uneingeschränkte Unterordnung unter den Abt, den dominus (Herrn) und abbas (hebräisch für Vater), aber auch die Kompetenzen der Ämter darunter, des Dekans als Stellvertreter des Abtes und des Probstes (praepositus) als Aufseher über die wirtschaftlichen Belange sowie solcher für die alltäglichen Belange des klösterlichen Lebens wie das des Zellerars für Geräte, Kleidung und Lebensmittel-Vorräte. Schließlich gibt es die Autorität des Älteren für den Jüngeren: "Der Jüngere sollte dem Älteren stets Platz machen und sich erst wieder setzen, wenn der Ältere es ihm gestattet." (Goetz, S.93)

Die Selbstdisziplin des Eremiten wird hier also ergänzt bzw. ersetzt durch die ständige Kontrolle der Mitbrüder und der Vorgesetzten, was sicher nötig ist, um so viele natürliche Regungen zu unterdrücken. Hilfreich dazu ist sicher auch der gemeinsam begangene Teil des Tages mit Beten/Gesang, Schlafen und Essen. Der Rest soll mit Lektüre und eher leichter Arbeit verbracht werden, wozu Gartenarbeit, leichte handwerkliche Tätigkeiten und Schreibarbeit gehören, wozu auch für einige Krankenpflege, Armenfürsorge und Küchendienst kommen.

 

Neben das siebenmalige Chorgebet mit Psalmen, Lobgesängen, Hymnensingen und Bibelstellen und neben die tägliche Messe tritt für den benediktinischen Mönch die tägliche Versammlung in dem Saal, in dem dann unter anderem von dem Lektor ein Kapitel der Benediktsregel vorgelesen wird. Danach werden die Dienste der Mönche eingeteilt, d.h. vorgelesen. Todesfälle von Mönchen und Stiftern werden bekanntgegeben, danach müssen sich Mönche eigener Verfehlungen anklagen bzw. die anderer denunzieren. Der Abt entscheidet, befiehlt körperliche Züchtigungen, die dann vor allen ausgeführt werden, oder Ausschluss vom gemeinsamen Mahl oder von der Kommunion. Ansonsten hält der Abt Ansprachen oder Vorträge, verkündet Neuigkeiten aus der Welt der Kirche und der weltlichen Macht. Zudem können hochgestellte Potentaten beim Kapitel anwesend sein.

 

In mancher Hinsicht wirkt das frühe Kloster wie ein Übungsfeld für Aspekte des Kapitalismus. Da ist der absolute Gehorsam, der sich in dem Machtverhältnis zwischen Kapital und Arbeit wiederfindet, da ist die Betonung der Pünktlichkeit und die genaue Einteilung der Abläufe jeden Tages, die immer wiederkehrt, und da ist die Arbeitsdisziplin. Otiositas inimica est animae, Müßiggang ist der Feind der Seele, heißt es schon in den Benediktregeln (48). ...deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Zeiten mit heiliger Lesung beschäftigt sein. Und weiter: Wenn aber örtliche Umstände oder die Armut es erfordern, dass sie sich selbst mit der Erntearbeit abgeben, sollen sie sich nicht betrüben, denn sie sind dann wahrhaftig Mönche, wenn sie von ihrer Hände Arbeit leben...

 

Man liest schon hier richtig: Armut (paupertas) ist zwar ein jesuanisches Ideal, aber keines mittelalterlicher Mönche. Die Eigentumslosigkeit des Einzelnen korrespondiert nämlich mit dem grundsätzlichen Willen zu Reichtum und Macht des Kollektivs.

 

 

Für fromme Christen war der Mensch mit dem Sündenfall zu einer Missgeburt geworden, die überhaupt nur durch die Annahme des Opfertodes Jesu die Chance der Erlösung "von dem Übel/Bösen" erreichen kann. Durch die Annäherung an ein Leben im Heil soll diese Gnade Gottes angenommen werden. Durch ihre Fürbitten beziehen die Mönche (und Nonnen) die Laienschar in ihr die Menschen heilendes (heiligendes) Werk mit ein. Dieses Gebet für die Sünder draußen begründet die Schenkungen der weltlichen Mächtigen, die so die Angst vor dem Gericht nach dem Tod und die vor den Höllenqualen verringern kann.  

 

Da Klöster durch Schenkungen über großen Grundbesitz mit abhängigen bis unfreien Arbeitskräften verfügen und zudem sehr viel Handwerk an Laien delegierten, eignen sie sich für eine Mischung aus ritualisierter Frömmigkeit und fromm-aristokratischer Lebensweise insofern, als sie sehr viel Handarbeit delegieren. Sie werden so auch zu einem standesgemäßen Aufenthaltsort edelfreier Nachkommenschaft, die anderweitig für die Familien nicht günstiger unterzubringen ist, und da Klöster aufgrund ihrer wirtschaftlichen Macht zu politischen Machtfaktoren werden, versuchen mächtige Familien, dort die Abtspositionen einzunehmen und Klöster fast zu Familienunternehmen zu machen.

 

Recht früh setzt sich die Tendenz durch, Kinder möglichst früh, nämlich mit oder vor Eintritt der Pubertät als Oblaten ins Kloster zu schicken. Kinder aufnehmen heißt eben auch, sie frühzeitig für ein Klosterleben erziehen und formen zu können. Von "spiritueller" Berufung kann dabei nicht die Rede sein. Das ist aber nicht einfach nur manchmal eine Art Abschiebehaft von Teilen des Nachwuchses, der so versorgt wurde, diese Kinder sollen vielmehr lernen, lebenslang für die enge Verwandtschaft draußen zu beten und auch anderweitig deren Interessen drinnen zu vertreten. Schließlich werden Klöster schon bald ein enormer Machtfaktor.

 

 

***Iroschottische Mission***

 

Die für den Bestand des Frankenreiches wichtige Integration der Erobererschicht in Kirche und Kloster erhält einen bedeutenden Anstoß aus Irland, und das ist wenig verwunderlich, denn in manchen Punkten waren keltische und germanische Kulturen miteinander verwandter als beide mit spätrömischer Zivilisation.

 

Irland wurde im 5. Jahrhundert christianisiert. Der spätere Landesheilige Patrick versuchte nach gallischem Vorbild eine Kirche aufzubauen, aber seine bischöfliche Kirchenorganisation verschwand bald wieder. Die irische Insel stand vorher nie unter römischem Einfluss, kannte keine Städte und war ähnlich wie Germanien ohne Zentren, stattdessen aus realen und ideellen überschaubaren Verwandtschaftsverbänden zusammengesetzt.

 

In diesen Großsippen oder Kleinstämmen entwickelten sich mönchische Gemeinschaften, deren Äbte aus der Sippe kamen und deren Amt bald erblich wurde. Über ihnen stand niemand außer ihrem Gott.

 

Die „irische Mission“ unterscheidet sich massiv von der späteren angelsächsischen, die von einem Bündnis von päpstlicher mit weltlich-christlicher Macht und Mission ausgehen wird. Im wesentlichen handelt es sich um umherwandernde, „pilgernde“ Mönche, für die das Reisen als Pilgerschaft (peregrinatio) eine Form christlicher Lebensweise bedeutet, ohne dass sie dafür eines Auftrags bedürfen.

 

Für das Merowingerreich wird am einflussreichsten Columban, der 590 mit zwölf Gefährten im Frankenreich ankommt und an königlichen Höfen zunächst gut aufgenommen wird. Er wird etwa zwanzig Jahre in Burgund bleiben und dort bedeutende Klöster gründen und prägen. Es gibt mehrere Klosterregeln, aber bis ins 8. Jahrhundert keine einheitliche, weshalb er seinen Einfluss voll einbringen kann.

 

Die Kontrolle über seine Klöster behält er selbst, was ihn in heftige Konflikte mit den burgundischen Bischöfen bringt. Als er dann noch die in der germanischen Oberschicht übliche Polygamie im burgundischen Herrscherhaus anklagt und die unehelichen Kinder des Königs nicht taufen will, wird er eingesperrt. Irgendwann nach 603 verlässt er das Frankenreich, um am Ende in Italien zu landen und das einflussreiche Kloster Bobbio zu gründen.

 

Columban übt enormen Einfluss auf den fränkischen "Adel" aus. „Er verkörperte eine Form strengen und furchtlosen Christentums, die weder Ausdruck gallorömischer Kultur noch von den Bischöfen geschaffen war. Darüber hinaus wurde sie von einem Heiligen propagiert, der sich nicht von der Welt abwandte, sondern enge Beziehungen zu den mächtigen Familien des gesamten nördlichen Frankenreiches unterhielt.“ (Geary, S.173)

 

Columbans Klöster zeichnen sich u.a. durch enorme Strenge aus. Die meisten der zweihundert Mönche von Luxeuil entstammen den vornehmsten Familien Franciens, und das Kloster zeichnet sich durch ein religiöses Heldentum büßerischer Askese aus, welches das Heldentum fränkischer Krieger im Krieg fast übertraf. Dabei wird es zur Kadettenanstalt für zukünftige Inhaber reicher Bistümer des 7. Jahrhunderts wie Eligius, der ebenso reich war wie er heilig wird, oder Wandregesil, der St.Wandrille gründen wird.

Bezüglich Annegreys für die Mönche heißt es, dass sie

Gott die durch die Züchtigung des Fleisches und die Strafe des Hungers abgetöteten Glieder darbrachten und sich bemühten, die Vorschrift der Religion unverletzt zu bewahren. Jede körperliche Lust wurde durch harte Strenge gebrochen, damit freilich die Räuberin der Tugenden aller Verbrechen beraubt werde. (in: Scholz, S.201) Von sechs Schägen für Nachlässigkeiten ist die Rede.

 

 

Für die Welt-Gemeinden kommen unter diesem Einfluss die Bußbücher hinzu, in denen Bußleistungen für begangene Sünden aufgeführt werden. "Nun wird die Ablösung der Bußleistung durch Geldzahlungen an den Priester möglich, der dem Sünder dafür die Absolution gewährte und die Messe zur Reinigung der Seele feierte." (Scholz, S.202)

 

Die so entstehenden neuartigen Klöster sind derart attraktiv für die fränkische Oberschicht, dass sie nun selbst welche gründet und ausstattet und sie an seine Familien bindet. "Die vom fränkischen Adel gegründeten Klöster standen im Einklang mit dessen vornehmem Status. Es waren große Klöster mit reich geschmückten Kirchen, in denen adelige Männer und Frauen ihren gewohnten Lebensstil trotz aller Hingabe an Gott beibehalten konnten." (Geary(1), S.157).

 

Zunächst treten Mitglieder von Familien der fränkischen Oberschicht in Klostergründungen Columbans ein, bald beginnt aber eine für über tausend Jahre wichtige Neuerung: Die großen Familien gründen auf ihrem Besitz „eigene“ Klöster, in die vor allem Familienmitglieder eintreten, die auch die Spitze der Klosterhierarchie einnehmen. Diese fränkischen "Adelsklöster", die später die Regel des Columban mit der des Benedikt verbinden und dabei den asketischen Aspekt weiter zurückdrängen, werden zu regionalen kulturellen Zentren, die zugleich adelige Familienzentren sind.

 

Die (weltlichen) Reichen und Mächtigen, allesamt Krieger, geben christlichen Institutionen insbesondere seit dem 7. Jahrhundert gerne viel. Einmal können sie so Kirchen und Klöster eng an sich binden oder sogar unter ihre Aufsicht und ihren Schutz stellen. Des weiteren bekommen sie die Möglichkeit, ähnlich wie Klerus und Mönche in größtmöglicher Nähe zu den Überresten von Heiligen bestattet zu werden, in denen göttliche Wunderkraft aufbewahrt ist, was für den Zugang zum Himmelreich von Vorteil sein soll. Zudem kann man größere Geschenke mit der Verpflichtung von Geistlichkeit und Klosterinsassen verbinden, regelmäßig für das Seelenheil insbesondere der verstorbenen Familienmitglieder zu beten und so die Vermeidung von Höllenqualen erreichen, die bei dem Lebenswandel der Laien eigentlich naheliegend sind.

Das wiederum zieht Vorteile nach sich: Eine Kirche, ein Kloster können so später zum Zentrum ihrer Familien werden, zum Versammlungsort und Identifikationspunkt. Es gibt keine Familiennahmen und vorläufig auch keine Burgen, nach denen man sich hätte benennen können, und die den Zusammenhalt und die Traditionsbildung gefördert hätten. Das tut nun bald das Totengedächtnis in Kirche und Kloster, die memoria, während es in den Stammesverbänden früher nur die mündliche Tradition in der Familie konnte.

 

Regentin Balthild wird nicht nur wegen blutiger Beseitigung von Opposition erwähnt, sondern auch für zwei Klostergründungen: Um 658 gründet sie das Nonnenkloster Chelles bei Paris, welches auch ihr Alterssitz werden wird, und in etwa derselben Zeit das Männerkloster Corbie, das sie reichhaltig ausstattet.

Danach "hatten der Bischof, die Geistlichen und der Vogt der Kirche von Amiens keine Verfügungsgewalt über die Klostergüter oder dem Kloster dargebrachte Geschenke, der Bischof musste die Weihe der Altäre und der vom Abt ausgewählten Geistlichen kostenlos vornehmen, er durfte das Kloster nur auf Einladung des Abtes betreten und der Mönchsgemeinschaft stand die Wahl des Abtes zu..." (Scholz, S.240)

Ähnliche Privilegien erhät auch St.Denis, um regelmäßig für den Bestand des Reiches zu beten.

 

Das Klosterwesen beginnt zu florieren, um 600 gibt es im Frankenland bereits etwa 120 Klöster, und hundert Jahre später sind es rund 450. Dazu gehören Doppelklöster wie Faremoutiers und Chelles, in denen schon mal Damen des Hochadels als Äbtissinnen über Männer und Frauen herrschen, eine für die Männer des fränkischen Adels dort besonders heiligmäßige Form asketischen Martyriums, wie zu vermuten ist.

Und manche Kloster werden reicher und reicher, denn der Bedarf an klösterlicher Gebetsarbeit und an Messen für die sündigen Familienmitglieder draußen steigt mit ihrem zunehmenden Sündenbewusstsein.

 

 

Italien in der früheren Nachantike: Osthrogoten und Langobarden

 

Italien ist zunächst einmal ein geographischer Begriff als Halbinsel, die im Norden durch Gebirge abgeschlossen wird. Manchmal werden die nahe gelegenen Inseln zugeordnet, vor allem Sizilien, Sardinien, Korsika und Elba. Bis ins 19. Jahrhundert ist es kein politischer Begriff, so wenig wie ein Deutschland. In der frühen Mittelmeer-Antike ist es geteilt in anzivilisierte einheimische Völkerschaften und die griechische (Kolonial)Sphäre vor allem entlang der südlichen Küsten. Mit dem Aufstieg der Stadt Rom zu einer Territorialmacht stülpt es dem restlichen Italien seine sich langsam wandelnden Machtstrukturen über und weitgehend auch seine Sprache. Aber es bleiben regionale Unterschiede bestehen, und auch als sich das Imperium über den ganzen Mittelmeerraum und darüber hinaus nach Norden und Osten ausdehnt, ist Italien keine wirkliche Einheit.

Mit dem Schwinden des Imperiums im lateinischen Westen zerfällt es auch wieder stärker in Regionen, von denen sich drei Großregionen geographisch abgrenzen lassen: Die Poebene als Norden, das gebirgige Mittelitalien und der Süden, weithin Bergland bis auf die Tiefebene Apuliens. Aus dem schriftlich fixierten klassischen Latein entwickeln sich dabei nach und nach unterschiedliche "romanische" Volkssprachen, so wie auch auf der iberischen Halbinsel. Verständigungsschwierigkeiten werden wie in den deutschen Landen durch eine immer weniger volkssprachliche lateinische lingua franca besonders im schriftlichen Bereich überbrückt.

Es entsteht kein Italienisch, Französisch oder Spanisch, aber eine gewisse Nähe romanischer Idiome vom Piemont über die Provence bis nach Katalonien.

 

 

Nach 454 lösen sich Teile der Goten als Ost(hro)goten aus dem hunnischen Machtbereich und siedeln dann als Foederaten der Römer in Pannonien. Um 460 ist der Königssohn Theoderich Geisel in Konstantinopel. Ab 474 setzt er sich nach seiner Rückkehr als König durch.

 

484 ist Theoderich Konsul in Konstantinopel. Nach erneuten Konflikten mit dem Kaiser kommt es zu einem Abkommen: Im Auftrag des Kaisers Zenon zieht Theoderich mit vielleicht hunderttausend vorwiegend Osthrogoten nach Italien, welches er für (Ost)Rom erobern soll. Er siegt bei Verona und nach einer dreijährigen Belagerung mit zahlreichen Kämpfen um Ravenna ermordet Theoderich den römischen Patricius Odoaker und sein Gefolge. Theoderich nennt sich nun princeps Romanus als Stellvertreter des Kaisers in Italien und zugleich rex, also König. Von Ostrom wird er als Stellvertreter des Kaisers anerkannt.

 

In manchem, wie in seinem Verhältnis zu Franken und Visigoten, verhält er sich wie eine Art Westkaiser des alten Imperiums, der sich an Trajan und Valentinian I. orientiert. Wichtige Bischöfe wie die von Mailand und Pavia gehen zu ihm über.  Die rund 100 000 Einwanderer leben vorläufig eher neben der romanisierten Bevölkerung, als dass sie über sie herrschen.

 

Die Goten erhalten Wohnraum und ein Drittel des Steueraufkommens der Städte, wovon sie sich Grundbesitz kaufen können. Viele römische Strukturen werden übernommen. Dem "Volk" von Rom verspricht er, dass die "Staatsverwaltung" weiter in römischen Händen bleibe, dass die Gesetze bleiben sollen und die Getreideversorgung.

 

Zunächst bleiben grundsätzliche antike Strukturen erhalten, mehr noch als anderswo. Da ist eine militärisch fundierte Zentralgewalt, der rex, da sind die halb autonomen Städte, da ist die auf Großgrundbesitz beruhende lokale bzw. regionale Macht. Die großen konsularischen Straßen mit ihren Brücken funktionieren weiter. Stattliche Teile des Landes bleiben erst einmal entwaldet mit allen ökologischen Folgeschäden, nachdem erst einmal die Bodenkrume verschwunden ist. Nur das malariaverseuchte Marschland insbesondere an Flussmündungen breitet sich wieder aus.

 

Die Unterscheidung in gotische Arianer und römische Katholiken ist einer der Gründe für fehlende Integration in die einheimische Bevölkerung, die gleichzeitig der westlichen Konkurrenzmacht der Franken in Gallien gelingen wird.

Theoderich selbst heiratet die Schwester Chlodwigs und verheiratet sein Töchter an Herrscher der neuen germanischen Reiche. Er selbst betrachtet sich nun als eine Art Oberherr im ehemaligen Westreich.

Für die Nachfolge ist der  Gemahl seines einzigen Kindes Amalaswintha, Eutharich, vorgesehen. Der stirbt aber 523. Daraufhin bestimmt er seinen Enkel Athalarich zum Thronerben, der aber bei Theoderichs Tod 526 erst zehn Jahre alt ist.

535 wird Amalaswintha von ihrem Vetter Theodehad umgebracht. Kaiser Justinian nutzt das, um seinen Feldherrn Belisar nach Sizilien zu schicken. Als er Neapel einnimmt, setzen die Goten Witila als König ein. 540 nimmt Belisar Ravenna ein. Dann entsteht ihm in Totila noch einmal ein Gegenspieler, der erst 552 besiegt wird.

Die zehn Kriegsjahre verwüsten Italien in seit dem Aufstieg Roms nie dagewesenem Maße. In derselben Zeit fallen auch die merowingischen Franken in Norditalien ein und richten große Verwüstungen an. Bis 565 hat sie der byzantinische Feldherr Narses wieder weitgehend verdrängt. Bis dato hatte Rom immerhin noch 100 000 Einwohner gehabt, gut ein Zehntel der früheren Bevölkerung. Die Zahl reduziert sich jetzt auf 10-20 000 und die römische Pracht dient als Steinbruch und Viehstall.

Der Senat verliert in den Gotenkriegen seine Stadtherrschaft und der senatorische Adel verschwindet. Der Stadtbischof beginnt, mit seinen inzwischen reichen Besitzungen noch deutlicher Stadtherr zu werden. Auch in Pavia und Mailand werden reiche Bischöfe Sprecher ihrer Städte und beginnen, Funktionen der Städträte der antiken reichen Oberschicht zu übernehmen.

 

Italia wird einem praefectus praetorio unterstellt und wie eine eroberte Provinz von Konstantinopel aus regiert. Abgesehen von wenigen Privilegien ist die Stadt Rom jetzt eine unter vielen im Reich, und eine kleine im Vergleich zu den oströmischen Städten noch dazu.

 

Schon das späte römische Reich war zunehmend militarisiert worden, seit Justinian werden die byzantinischen Gebiete Italiens, immer aufs neue bedroht, zu Militärherrschaften, von magistri militi und in kleineren Untereinheiten von tribuni kontrolliert. Herrschaften wie Amalfi oder Sorrent werden zu castra, Neapel wird zu einer befestigten Stadt. Auch die Bereiche von Capua und Salerno zum Beispiel werden von Militärkommandanten beherrscht.

 

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546 werden die Langobarden von Byzanz in Pannonien angesiedelt. Nach vierzig Jahren in der römischen Provinz haben sie erste Elemente der römischen Zivilisation sich angeeignet. Die meisten sind allerdings noch "heidnisch"

 

Kurz darauf, 568, erobern die Langobarden nach vierzehn Jahren byzantinischer Herrschaft unter Alboin die Nordhälfte Italiens bis auf Ravenna und Rom, der Süden bleibt zum Teil byzantinisch. Ihr Kernland mit der größten langobardischen Siedlungsdichte wird später nach ihnen Lombardei heißen. Sie entwickeln ein Königtum, eroberte Gebiete werden duces, Herzögen übergeben. Pavia muss drei Jahre belagert werden, bevor es fällt. Inzwischen fallen maraudierende Truppenteile in Burgund ein und besetzen im Süden Spoleto und Benevent, wo sie ebenfalls Herzogtümer errichten, die sich allerdings bald verselbständigen. Dann wird Anführer Alboin ermordet und wenig später sein Nachfolger Cleph. In den nächsten Jahrzehnten können Byzantiner Militärs und ganze Truppenteile kaufen und für sich kämpfen lassen.Vom Nordwesten dringen mehrmals fränkische Truppen ein. Schließlich geben sich die byzantinischen Kaiser um 600 mit dem zufrieden, was sie an Küstenregionen behalten können.

 

 

Eine schöne Beschreibung von ihrem Äußeren gibt der langobardische Historiker Paulus Diaconus, ein Zeitgenosse Karls d.Gr., der außer ihren vielleicht namensgebenden langen Bärten noch folgendes in seiner 'Historia Langobardorum' erwähnt:

Nacken und Hinterkopf hatten sie glattgeschoren, die anderen Haare hingen ihnen über die Wangen bis zum Mund herab und waren in der Mitte der Stirn gescheitelt. Ihre Kleidung war weit und meist aus Leinen, wie sie die Angelsachsen tragen, zum Schmuck mit breiten Streifen von anderer Farbe verbrämt. Ihre Schuhe waren oben fast bis zum großen Zeh offen und durch herübergezogene lederne Riemen zusammengehalten.

(Buch 4, Kapitel 22: Siquidem cervicem usque ad occipitium radentes nudabant, capillos a facie usque ad os dimissos habentes, quos in utramque partem in frontis discrimine dividebant. Vestimenta vero eis erant laxa et maxime linea, qualia Anglisaxones habere solent, ornata institis latioribus vario colore contextis. Calcei vero eis erant usque ad summum pollicem pene aperti et alternatim laqueis corrigiarum retenti. Postea vero coeperunt osis uti, super quas equitantes tubrugos birreos mittebant.)

 

Die Langobarden sind Gruppen von Arimanni, von freien wehrhaften Männern. Sie siedeln sich vor allem in unkultivierten Gebieten an, den gualdo (Wald= Wildnis). Die unterworfenen Römer werden verknechtet und von den germanischen Kriegern dominiert. Tatsächlich kommt es dann zu einer Integration der römischen Mehrheit in die langobardische Minderheit, was sich in den Namensgebungen niederschlägt. (Jean-Pierre Martin, Les Lombards, derniers barbares du monde romain, in: http://www.clio.fr/BIBLIOTHEQUE/les_lombards_derniers_barbares_du_monde_romain.asp)

 

Unter der drohenden fränkischen Gefahr verbünden sich langobardische Herrscher mit Byzanz. Zunächst sind sie von römischen Herrschern noch völlig verschieden: Von den Großen des Volkes gewählt, umgibt sie keine mystisch-sakrale Aura. Sie bilden auch keine Dynastien und es gibt keine Krönung. Seine Herzöge (duces) kann der König nie völlig sich unterwerfen, während diese versuchen, ihre Grafen (comes) zu ihren direkten Untergebenen zu machen.

 

Die Kriegszeit zwischen 568 und 605 bedeutet nach dem langen Gotenkrieg eine zweite Zerstörungswelle für Italien. Die Eroberung verläuft weniger organisiert und oft wohl weitaus räuberischer als beispielsweise die Etablierung des fränkischen Reiches in Gallien. Über einen Verschmelzungsprozess zwischen der kleinen langobardischen Krieger-Minderheit und der nunmehrigen alteingesessenen "römischen" Mehrheit ist wenig überliefert, aber im Verlauf des 7. Jahrhunderts wird die langobardische Sprache zum Beispiel verschwinden.

 

In den Jahren nach 600 gelingt es König Agilulf, eine gewisse Oberhoheit über einen Teil der langobardischen Herzogtümer zu gewinnen.

 

Im Kernland der Römer werden die Langobarden bald noch stärker romanisiert als die Franken in Gallien. So haben sie kein Reise-Königtum, sondern eine Hauptstadt, zunächst Mailand, später Pavia. Herzöge haben ebenfalls Hauptstädte mit Palast und Verwaltung wie Benevent oder Salerno. Dort umgeben sie ihren „Hof“ mit ihren gasindi, den Hofleuten. Sie nehmen immer mehr römische Attribute in ihre Titel auf, wie vir excellentissimus oder gloriosissimus. (s.o.)

 

Der König ist größter Grundbesitzer und kann indirekte Steuern und Dienste einfordern. Seine Güter lässt er von Gastalden verwalten, sein Reich von Königsboten. Als die Franken in Italien einfallen und das langobardische Königtum beseitigen, stoßen sie auf Germanen, die unter direktem römischem Einfluss weder Vasallität noch Feudalismus ausgebildet haben, wiewohl sie andererseits auch nicht imstande sind, politisch-rechtliche Vorstellungen der Römer umzusetzen.

 

Das "italienische" Königtum stabilisiert sich und geht in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts auf eine angeheiratete bayrische Linie über. Dabei kommt es aber immer wieder zu Königen, die staatsstreichartig die Macht übernehmen. Langobardisches und römisches Recht herrschen nebeneinander, so wie arianisches Christentum in der Provinz und katholisches am Hof in Pavia.

 

Nach dem Vorbild Ravennas und eines vorgestellten Konstantinopel wird Pavia zu einer Art Hauptstadt ausgebaut, mit dem umgebauten (osthro)gotischen Königspalast und möglichst prächtigen Kirchen, von den Königen gegründet. Grammatiker und Rechtskundige siedeln sich an. Neben königlichen Notaren tauchen zunehmend königliche Ämter auf. Alte imperiale Rechte behält der König weiter für sich: Münzprägung, Preisfestsetzung, Befestigungsrecht.

Die Grundsteuer zur imperialen Finanzierung der Armee fällt weg, das Militär finanziert sich über das Land, das ihm übertragen wird. Befehlshaber werden die Herzöge, selbst in ihrem Gebiet größte Landbesitzer mit einem eigenen Gefolge. Erste finanzielle Grundlage des Königtums ist sein Landbesitz, daneben gibt es Handelsabgaben, Importzölle, Hafenabgaben (Wickham, S.40).

 

Das langobardische Italien ist wie das byzantinische städtezentriert. Neben der königlichen Hauptstadt gibt es die städtischen Residenzen der herzöglichen Heerführer bzw. Gastalden und daneben die strukturierenden Elemente dicht beieinander angesiedelter Bischofsstädte. Die Macht basiert einmal auf der Verfügung über Militär, zum anderen auf großem Grundbesitz.

 

 

Zunächst arianisch, wenden sie sich im siebten Jahrhundert dem Katholizismus zu. Der irische Columban gründet Anfang des 7. Jahrhunderts das Kloster von Bobbio, in Zusammenarbeit mit dem Papst entsteht im Dukat Spoleto am Ende des Jahrhunderts Farfa, und ein halbes Jahrhundert später kommt es im Zusammenspiel von Papst und Dukat von Benevent zum Wiederaufbau des früher von Langobarden zerstörten Klosters von Monte Cassino, einer Gründung Benedikts.

 

Vor den monotheistischen Schriftreligionen aus dem Orient war „Religion“ (in Ermangelung eines besseren Wortes) das Zentrum der traditionellen Kultur. Religion nun wird auch hier als Herrschaftsinstrument von Priestern und weltlicher Macht von oben durchgesetzt. Dort, wo das römische Christentum auf Germanen trifft, findet sich eine Übereinstimmung, was vaterrechtliche Vorstellungen angeht, während die Vorstellung einer praktizierter Sexualität inhärenten Sündhaftigkeit Germanen zunächst fremd ist.

 

Wie komplex sich das Zusammentreffen von Christentum und Germanen auswirken wird, lässt sich an Vorstellungen erkennen, wie sie das Gesetzeswerk des Liutprand für langobardische Frauen festlegt. In seinem Kapitel 204 findet sich einerseits die Bestimmung, dass die Frau ihr Leben lang im mundium, der germanischen munt des Mannes verbleibt, also des Vaters, des Ehemannes, danach des Sohnes. Das heißt, sie ist frei über ihren freien Vater und Mann. Sie ist aber immer unter seiner rechtlichen Vormundschaft.

Andererseits muss der zukünftige Ehemann ihr vor der Hochzeitsnacht Geschenke machen (und nachher), und auf die Hochzeitsnacht folgt die „Morgengabe“ von einem Viertel seines Eigentums. Die rechtliche Ohnmacht wird also durch erhebliche wirtschaftliche Macht kompensiert. Diese quarta wird im Süden Italiens bis in die Neuzeit hinein erhalten bleiben als germanisches Element einer Stärkung der weiblichen Situation. (Jean-Pierre Martin, Les Lombards, derniers barbares du monde romain. http://www.clio.fr/BIBLIOTHEQUE/les_lombards_derniers_barbares_du_monde_romain.asp)

 

Definierte Weiblichkeit verbindet natürlich sexuelle Momente mit ökonomischen und rechtlichen. Die rechtliche Bindung an den Mann als Unterordnung hat wenigstens einen doppelten Aspekt: Damit kontrolliert er einmal die Fortpflanzung als seine eigene und die Verfügbarkeit seines Objektes des Begehrens. Zum anderen steht die Frau als Eigentümerin eines beachtlichen Teils des Familienbesitzes unter seiner Aufsicht.

Die ansonsten erhebliche Eigentumsfähigkeit der Frau zeichnet sie als „Freie“ im germanischen Sinn aus und als aus einem solchen Haushalt kommend. In wesentlichen Aspekten ist das im Frankenreich ähnlich.

Italien ist nun in zwei Rechtsräume geteilt: Das byzantinisch fortentwickelte römische Recht kontrolliert Venetien, das Exarchat Ravenna, Rom, Neapel und die Küsten Süditaliens, den Rest beherrschen langobardische Rechtsvorstellungen neben antik-römischen.

 

Der byzantinische „große purpurgeborene Imperator, von Gott gekrönt und geliebt“, wie er von den napoletanischen Duces angeredet wird, erlaubt den italienischen Territorialherrschern seines Reiches entsprechende Phantasie-Titel und eine Imitation seines sakral-orientalisierenden Auftretens. Langobardische Herrscher im Süden beginnen, in Ermangelung einer eigenen entsprechenden Tradition, die Byzantiner ebenfalls zu imitieren.

 

Die Macht aller dieser Militärherrscher beruht auf eigenem Grundbesitz, ebenso wie die der Bischöfe, mit denen sie sich in der Macht teilen müssen. Der große Grundbesitz wird aber nicht "feudal" vermittelt, sondern direkt verwaltet.

 

Besonders interessant werden die Strukturen dort, wo langobardische Eroberungen von den Byzantinern rückerobert werden, wie Otranto, Bari, Kalabrien, insgesamt um 1000 als Katepanat Italien zusammengefasst. Hier durchdringen sich altgriechische Elemente einer ursprünglichen Bevölkerung mit römischen, langobardischen und byzantinischen Elementen, in einer griechisch-lateinischen Mischkultur, in der sich die Langobarden natürlich nach und nach für das Lateinische entscheiden.

 

Anders entwickelt sich das langobardische Dukat von Benevent, die patria beneventana, dem es um 630 gelingt, Neapel das castrum von Salerno zu entreißen. Die Schwäche von Byzanz ausnutzend, dringt Benevent dann bis nach Bari, Brindisi und Cosenza vor. Zwischen 840 und 870 wird Bari dann allerdings sarazenisches Emirat, um danach von einem Bündnis aus Ludwig II. und Basileios I. zurückerobert zu werden.

 

Von Benevent trennt sich dann das Fürstentum Salerno ab und von diesem die Graftschaft Capua. Diesem Zug zur Dezentralisierung der Prinzipate entspricht darauf deren Neigung, kleine Herrschaften zu schlucken: Neapel gelingt das am Ende mit Sorrent, Salerno mit Amalfi zum Beispiel.

 

 

Stadt und Land in Italien

 

Die süd- und mittelitalienischen Stadtlandschaften, seit den Zeiten Großgriechenlands intakt, verschwinden als solche zum großen Teil. Weiter nördlich ist nach Versanden des Hafens Velia, das griechische Elea, verfallen. Eine Neugründung wird von der Malaria hingerafft. Ähnlich versanden Häfen wie der von Paestum und die Stadt verfällt. In der Bucht von Neapel enden Puteolum, Misenum und Cumae in Ruinen, nur Neapel hält sich in kleinerem Umfang. Musterbeispiel einer Neugründung wird dann das castrum Amalfi als eine Art Fluchtburg vor den Langobarden.

 

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass in der Südhälfte der Halbinsel etwa die Hälfte der Städte verschwinden und damit auch viele Bischofssitze. Der allmähliche Niedergang der einstigen Millionenstadt Rom ist besonders eklatant, die Stadt ist nun praktisch in den Händen ihrer besonders herausgehobenen Bischöfe, die allerdings mit dem Patrimonium Petri noch über hunderte von Landgütern verfügen, aus denen Nahrungsmittel und Geld fließen, bis viele von ihnen, in Sizilien und Süditalien gelegen, im 8. Jahrhundert von Byzanz annektiert werden.

Latium ist inzwischen fast städtelos. Ähnlich ergeht es der Küste bis hoch nach Genua.

 

Insgesamt aber überleben in der Nordhälfte Italiens mehr als drei Viertel aller Städte, insbesondere die mit einem Bischofssitz. Bologna verfällt zwar in eine gewisse Bedeutungslosigkeit, wie so manche andere Stadt, aber Ravenna blüht als Verwaltungszentrum mit seinen finanzstarken Bischöfen vorläufig weiter auf, sowie die Langobarden-Hauptstadt Pavia, in der die Abgaben zusammenfließen und literate Bildung weiterlebt. Für die Karolinger wird die alte Römerstadt Verona wichtig, günstig erreichbar aus dem Norden und mit einer Königspfalz ausgestattet. 

Im Raum der Po-Mündung fliehen die Menschen in die Lagune, woraus später Venedig hervorgehen wird. 523 beschreibt Cassiodor in idealisierter Form ein intaktes Gemeinwesen: Ihr nennt sehr viele Schiffe euer eigen (...) ihr lebt wie die Seevögel, eure Behausungen sind verstreut über die Oberfläche des Wassers. Die Festigkeit des Bodens, auf dem ihr steht, ist abhängig von Weidengerten und Flechtwerk; dennoch zaudert ihr nicht, ein solch zerbrechliches Bollwerk der Wildheit des Meeres entgegenzusetzen. Euer Volk verfügt über einen großen Reichtum, die Fische, die für alle ausreichen. Bei euch gibt es keinen Unterschied zwischen arm und reich, ihr esst alle dieselbe Nahrung, eure Häuser sind alle ähnlich. Neid, der die übrige Welt regiert, ist euch fremd. Ihr verwendet all eure Kraft auf die Salzfelder; aus ihnen erwächst euer Wohlergehen, und sie verleihen euch Macht, all jene Dinge zu erwerben, die ihr selbst nicht habt. Denn es mag Menschen geben, die wenig Verlangen nach Gold verspüren, doch keiner kann ohne Salz leben. (so in: Crowley, S.17f)

 

Das einst große Aquileja ist menschenleer. Noch als Paulinus von Karl d.Gr. 787 als Patriarch dorthin geschickt wird, klagt er, wohl leicht übertreibend: Einst warst du eine Stadt edler Menschen, nun bist du zum Bauernkaff geworden; einst warst du eine Stadt der Könige, nun bist du nur noch eine Ansammlung bäuerlicher Hütten. (MGH, Poetae Latini I).

 

Unter langobardischer Herrschaft verschwinden die Kurien nach und nach. Die antiken Großbauten verfallen und die Ruinen dienen als Steinbruch. Als unter den Langobarden wieder Kirchen gestiftet und gebaut werden, sind sie vergleichsweise klein, wenn auch innen langsam wieder reicher ausgeschmückt. Neue Wohnhäuser sind oft aus Holz, mit Abstand zum Nachbarn, der mit Gärten ausgefüllt wird.

 

Eine gewisse Kontinuität bewahrt sich unter anderen Mailand. Die breite und hohe Stadtmauer mit ihren Türmen, ihren neun Toren und den Türmen der Zugbrücken scheint immer wieder ausgebessert worden zu sein. Auf dem Forum wird weiter ein Markt abgehalten, Straßen bleiben gepflastert und das Wasser für die Bäder läuft noch über ein Aquädukt, wie ein Loblied auf die Stadt von 739 stolz berichtet.

Die im vierten Jahrhundert erbaute Kathedrale am Stadtrand ist aber der wichtigste erhaltene Monumentalbau aus der Römerzeit. In der Nähe des Forums erhebt sich als zweites Machtzentrum die Königspfalz, deren Bedeutung erst mit dem Niedergang des Königtums im 10. Jahrhundert schwinden wird.

 

Eine gewisse Kontinuität dichter Bebauung in Teilen des den römischen Grundriss beibehaltenden Lucca lässt sich aus archäologischen Befunden annehmen. Die Häuser sind aus Holz, Ziegeln oder Steinen, wobei letztere wohl überwiegen. Königspfalz und Münze sind in der Nähe des Forums, die Kathedrale an anderer Stelle bildet den zweiten Machtpol. Der dritte ist die Pfalz (curtis) des Herzogs außerhalb der Mauern. Überliefert sind Händler, Handwerker vor allem für den Luxusbedarf und die Münzer. Vor den Mauern sind burgi, Vorstädte.

 

Auch langobardische Könige fördern den Handel und regulieren das Handwerk. Der Handel zahlt Zölle und die Märkte liefern (kaum dokumentierte) Abgaben. Seit Urzeiten ist Salz elementares Handelsgut. Es muss von den Lagunen der Adria, der Küste südlich von Pisa und von der Tibermündung überall hin geliefert werden. Für das 8. Jahrhundert ist Salzhandel von Commacchio an der Mündung des Po für seine Ebene dokumentiert.

Für einzelne handwerkliche Leistungen werden Preise fixiert und einige Handwerke sind laut den seltenen Quellen in ministeria organisiert.

 

 

Die Landwirtschaft verharrt weiter wie im Merowingerreich bei Spaten, Hacke und Sichel, obwohl es vereinzelte Pflüge gibt. Angebaut werden weiter Getreide, Wein und Oliven, wozu Bohnen und Obst kommen. Ergänzt wird das vielleicht durch ein Schwein, eine Kuh und ein paar Hühner, aber zu vermuten ist, dass nur die langobardischen Einwanderer etwas mehr Viehzucht betreiben und Hirten in den Gebirgen. Getreide ist Grundnahrungsmittel, in der Poebene eher Roggen und in der Toskana Weizen, und die Erträge traditioneller Zweifelder-Wirtschaft sind wie im fränkischen Reich sehr gering.

 

Offenbar gibt es einen beträchtlichen Anteil kleiner freier Bauern, die ihr Land besitzen und sich im wesentlichen selbst versorgen. Soweit sie auf den nahen kleinen Markt kommen, versorgen sie sich dort wohl mit Waren.

Manche kleine landbesitzende Bauern pachten dazu, und viele andere sind zur Gänze Pächter. Die Pachten dürften in Anteilen von dem bestehen, was die Bauern für sich selbst anbauen (Wickham, S.95).

Bischöfen, anderen Kirchen und Klöstern gelingt es ebenso wie einzelnen weltlichen Herren, langsam immer mehr Großgrundbesitz anzuhäufen.

 

Unter langobardischer Herrschaft bilden sich Dörfer, in denen freie Besitzbauern, freie und unfreie Pächter und Sklaven zusammen hausen. Der Anteil an Sklaven begann schon im späten West-Imperium zurückzugehen und nimmt weiter ab. Der Besitz größerer Herren wird zumindest im Norden von Herrenhöfen aus organisiert, die in durch Dienste bewirtschaftetes direktes Herrenland und die Pachthöfe geteilt sind. Im Süden und insbesondere in Sizilien fehlen solche Dienste wohl, und es gibt nur die geldwerten Abgaben der Pächter.

 

 

Angelsachsen

 

Als die Römer nach Britannien kommen, sind die Inseln allesamt von Kelten besiedelt, so wie auch große Teile des Kontinents. Wie bei Germanen und Slawen handelt es sich bei ihnen um eine Völkerfamilie mit verwandten Sprachen.

 

Die britischen Kelten lassen sich sprachlich trennen in die gälischen Iren, von denen eine Gruppe einen Teil des späteren Schottland erobert, wo sie als Scoten auftreten, neben ihren Nachbarn, den Pikten, wie sie die Römer wegen ihrer furchterregenden Tätowierungen nennen. Eine dritte Gruppe umfasst die Waliser und die Leute von Cornwall und Devon, von denen einige vermutlich vor den eindringenden Angelsachsen fliehen und sich als Bretonen am Nordzipfel Galliens niederlassen, der später Bretagne heißt. Eine weitere Gruppe besteht aus Untergruppen im Rest des heutigen England, die mit dem Auftreten der Angelsachsen bald ganz verschwinden.

 

Keltische Sozialstrukturen in Britannien bezeichnen wir heute verallgemeinert mit dem Clan-System, also mit einer Form von Verwandtschaftsgruppen, die zusammen lose Verbände bilden, die sich wiederum als verwandt verstehen, auch sprachlich und religiös verwandt sind und meist ähnlich wirtschaften. Clans haben einen Häuptling, der kein Herrscher ist, darüber bildet sich eine Art Königtum (nicht: Königreich) aus, auf das der Begriff „Herrschaft“ schon eher ein wenig passt.

 

Das zu beachten ist wichtig, denn Staatlichkeit, wie sie zum Beispiel die Römer am Ende ausbilden, drängt das Phänomen der Verwandtschaft durch Veramtung von Machtstrukturen stärker in einen privaten Bereich ab.

 

407 ziehen sich zumindest ein Großteil der römischen Truppen von Britannien aufs Festland zurück. Römerstädte wie Canterbury oder Winchester verfallen, Landvillen werden aufgegeben. Von der Römerzeit bleibt in Britannien nach dem Zusammenbruch des Reiches wenig übrig außer Ruinen, mit einer Ausnahme: Seit das Christentum im römischen Machtbereich (imperium) Staatsreligion ist, waren auch die romanisierten Kelten Christen.

 

 

In Britannien verlässt die nur oberflächlich romanisierte keltische Bevölkerung die Städte, die nun „den Anblick größerer Dörfer mit einigen öffentlichen Gebäuden darboten.“ (Pitz, S. 59) Dies ändert sich auch nicht mit der Ankunft der germanischen Völkerschaften, die selbst keine urbanen Traditionen besitzen. Mit ihnen verschwinden auch die Bistümer, die auf dem westlichen Kontinent Keimzellen für das Wiederaufleben der Städte bieten.

In England setzt im 5. Jahrhundert die Geldwirtschaft ganz aus, die römischen Kupfermünzen der kleinen Leute verschwinden tendentiell auch auf dem Kontinent, und die Goldmünzen der Großen dienen vor allem der Schatzbildung, der Belohnung von Freunden und Gefolge und dem Einkauf ins Himmelreich. Dabei wird auch die Münzprägung eine Sache lokaler und regionaler Großer und entgleitet den über sie Herrschenden ein gutes Stück weit.

 

Canterbury verliert zunächst seinen städtischen Charakter, obwohl es einen Siedlungsrest behält. Mit der Missionierung erhält es eine Kathedrale, wird später Erzbistum, dort entsteht dann auch die erste Münzstätte des sächsischen Englands.

 

London besitzt wie fast alle Römerstädte Englands keine Siedlungskontinuität, wird aber wegen seiner Verkehrslage von Sachsen neu gegründet. Es wird allerdings keine Residenz und scheitert auch zunächst mit einer Bistumsgründung (St.Paul) an der Konkurrenz des übermächtigen Canterbury. Auch Orte wie Chichester oder Winchester sind Neugründungen lange nach dem Verfall der Römerstädte. Letztere entsteht um einen königlichen Burgbezirk und um die Kathedrale. Dazwischen liegt weithin unbebautes, vielleicht landwirtschaftlich genutztes Gelände.

Keine Kontinuität der Besiedlung besitzen auch Exeter und Bath, nur für York wird sie von einigen aufgrund archäologischer Reste vermutet.

 

 

Die Wanderbewegungen germanischer Volksgruppen treffen auf ein Gebiet, das dem heutigen England entspricht, und das bereits durch den Einfall der Franken im nördlichen Gallien vom kontinentalen romanisierten Keltentum getrennt wird. Gemeinhin werden diese romanisierten und christianisierten keltischen Völkerschaften auf den Inseln als Briten zusammengefasst. Zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert werden sie von Kent bis zur Isle of Wight von „heidnischen“ (nicht christianisierten) Jüten überrannt, und von ebensolchen „Sachsen“, die gelegentlich damals auch „Friesen“ genannt werden, und die von Sussex bis Wessex (Dorset etc.) und Middelsex mit dem verfallenen London und bis Essex siedeln. Nördlich davon lassen sich die Angeln nieder, die Königreiche in East-Anglia, im Zentrum (Mercia) und im Norden (Northumbria) bilden, wobei die Nordgrenze die zum heutigen Schottland bleibt, die alte Grenze des imperium romanum. Alle diese Leute kommen wohl aus dem heutigen Norddeutschland bzw. den heutigen Niederlanden.

 

Der einzige Bericht dazu stammt vom keltisch-britischen Kleriker Gildas ('De excidio et conquestu Britanniae'). Danach führen die Einfälle von Pikten zuerst zu einem Hilferuf an Aetius, und um 500 an die Sachsen. Den Zustand Britanniens beschreibt Gildas dann so: Könige hat Britannien, aber Tyrannen; Richter hat es, aber ruchlos. Sie plündern und terrorisieren oftmals, aber die Unschuldigen; sie verteidigen und schützen, aber die Schuldigen und Diebe; sie haben viele Frauen, aber Huren und Verführerinnen; sie schwören beständig, aber Meineide; sie legen Gelübde ab, aber erzählen fast sofort Lügen; sie führen Krieg, aber Bürgerkriege und ungerechte; sie jagen Diebe, die mit ihnen am Tisch sitzen. (in: Sarnowsky, S.18)

 

Es ist weder bekannt, wie viele Leute kommen, noch ist ihre Verbreitung archäologisch im Detail nachweisbar. Die Unterscheidung in einzelne Reiche unterschiedlicher Völkerschaften ist zunächst einem Bericht des Kirchenhistorikers Beda aus dem frühen 8. Jh. geschuldet. Sie lässt sich als Gründungssage eines neuen "englischen" Selbstbewusstseins begreifen, die einen Stammes- und Volksbegriff aufnimmt, der sich erst nach der germanischen Landnahme entwickelt.

 

Die altenglischen Dialekte, die sie im Laufe der Zeit ausbilden, sind eng verwandt mit dem Altdeutschen Norddeutschlands und ein wenig auch mit dem Alt-Friesischen. Nach Britannien kommen allerdings keine kompletten Stämme, sondern einzelne Verbände, aber sie bringen die germanischen Sozialstrukturen mit, die mit den keltischen verwandt sind: Die Basis bilden in Familien bzw. Haushalte geteilte freie Bauern, ceorl, der deutsche „Kerl“, der sich auch im „Karl“ niedergeschlagen hat. In ganz Europa wird dieser Freie, der das Land bearbeitet, langsam in seiner Freiheit beschränkt. Im Deutschen bleibt die Erinnerung an ihn bestehen in der Wendung, jemand sei „ein ganzer Kerl“. Andererseits wird der Bauer im Deutschen dann zum „dummen Bauern“. In England wird im Mittelalter aus dem ceorl später der churl und mit der systematischen Abwertung wird dann churlish zur Eigenschaft eines Menschen mit ungehobeltem, rüpelhaftem Benehmen.

 

Darüber steht ein "Adel", dessen wesentliche Kennzeichen das Kriegertum und der größere Grundbesitz sind. Adel versucht Gefolgschaften zu bilden, die durch Treue einerseits und Schutz im weitesten Sinne andererseits gekennzeichnet sind. Die (persönlichen) Beziehungen sind kaum rechtlich fixiert, sondern zeichnen sich durch hohe persönliche Verbindlichkeit aus (idealiter bis in den Tod). In diesen Strukturen ist der Verrat, die Untreue das wohl schwerste Vergehen.

 

König (erst bretwalda, später cyning) ist man mit und „über“ die, die einem Gefolgschaft leisten. Es gibt also ein Königtum, aber kein geographisch fixiertes Königreich. Ein erfolgreicher König ist einer, der seine Macht erhält und erweitert, mehr Gefolgschaft gewinnt, die selbst Gefolgschaft hinter sich hat. Anlass zum Streit mit den Nachbarn gibt es oft, und das Kriegerethos drängt geradezu immer wieder nach Waffengängen mit der Hoffnung auf Beute.

 

Auf die Dauer führt das dazu, dass zeitweilig die anglischen Königreiche von Mercia und dann die vom sächsischen Wessex ein Oberkönigtum für ganz Südengland bis zum Fluss Humber errichten.

 

Langsam bildet sich eine Art Hochadel heraus, der immer öfter mit dem König zusammen ist, mit ihm berät, seine Entscheidungen mit herbeiführt und mit ihm besondere Ereignisse feiert. Dies sind die "Gesellen" des Königs, seine Gesellschaft, altenglisch: gesith, in den lateinischen Urkunden comes, Gefährte, woraus über den französischen Umweg conte später der count wird, und das county, ein neueres Wort für Grafschaft. Aus den Gesellen des Königs wird später mittelenglisch die company. Aus ihr entwickelt sich ganz langsam ansatzweise so etwas wie ein königlicher Hof, dessen geringe Schriftlichkeit auf Latein abgefasst ist. Das andere Wort für Graf, earl kommt erst durch die dänischen Überfälle nach England, und hieß bei den Dänen eorl, was einen mächtigen Freien beschreibt, der mit seinen Hieb- und Stichwaffen auf das fuchtbarste umzugehen weiß.

 

Unterhalb der freien Bauern existiert die aus der angelsächsischen Eroberung resultierende Schicht der Unfreien, die zu Dienstleistungen verpflichtet werden, aber langsam ethnisch in der Minderheitsschicht der Eroberer aufgehen und ihre Sprache mit den übrigen Traditionen verlieren. Das ganze Land wird dabei schrittweise in Grafschaften (shires) aufgeteilt - so wie parallel dazu in Bistümer. Die wiederum sind in sogenannte Hundertschaften geteilt, in denen nach germanischer Tradition Gericht gehalten wird. Das Königtum und auch der sich bildende Hochadel (nobility) haben auf den Alltag der Menschen auf dem Lande und in den sich wieder entwickelnden Städten nur wenig Einfluss; sie sind für die meisten Menschen alltäglich weit weg. Für die Freien ist auch die Abgabenlast zunächst sehr gering. Den Alltag bestimmen die Jahreszeiten, die Ernten und mit der Christianisierung dann der christliche Festkalender, der im Vergleich zu heute ein Vielfaches an Feiertagen umfasst.

 

Die Christianisierung der germanisierten Engländer wird von Rom aus durchgeführt, und zwar unter Papst Gregor dem Großen, der damit seine Bedeutung für das lateinische Abendland betonen möchte. Es ist der König Ethelbert von Kent, selbst mit einer christlichen Fränkin verheiratet, der um 595 um Missionare bittet, wohl, um an Rang zu den fränkischen Herrschern etwas aufzuschließen. Der erste Missionar der Jüten, Sachsen und Angeln in Britannien wird ein Papst Gregor aus seinem Kloster vertrauter Mönch Augustinus. Er darf sich bei der königlichen Residenz in der in Ruinen liegenden römischen Stadt Purovernum niederlassen, die die neuen Herren dort Cantwarabyrig nennen, woraus das Erzbistum Canterbury wird, zu dem später noch das von York kommt.

 

Zunächst klingt etwas zu optimistisch, was Papst Gregor dann an den Patriarchen von Antiochia schreibt: Alldieweil das Volk der Angeln (angli) draußen in einer Ecke der Welt bis jetzt bei der falschen Anbetung von Klötzen und Steinen verblieb, beschloss ich (...) einen Mönch meines Klosters (...) hinzusenden, diesem Volk zu predigen (...) Und eben jetzt haben uns Briefe erreicht (...) dass er sowohl als auch die, welche mit ihm gesandt wurden, mit solchen Wundern leuchten, dass in den Zeichen, die sie sehen lassen, die Wunder der Apostel wieder aufzuleben scheinen. (in Brown2, S.175)

 

Im Kern müssen zuerst die Herrscherfamilien bekehrt werden, in deren Machtbereich dann Bistümer entstehen. Stirbt dann ein christianisierter König in der Schlacht, kann es sein, dass erst einmal wieder Schluss ist mit der neuen Religion. Pfarreien andererseits sind die Stiftungen lokaler Adeliger, die dadurch die Kontrolle über ihre Priester und deren bekehrte Gemeinde erhalten.

 

Nicht ganz anders als in der übrigen Germania findet die Mission im Bündnis von Missionar und weltlicher Macht statt. Nicht selten wehren sich Germanen erbittert gegen den Verlust ihrer eigenen Überzeugungen und müssen mit Gewalt dazu gezwungen werden. Für die Herrscher in England andererseits hat die Christianisierung ähnliche Vorteile wie schon damals für Kaiser Konstantin und inzwischen auch für die fränkischen Herrscher in Gallien: Sie schafft ein neues, aufgesetztes Netz von Strukturen, die Herrschaft und später Verwaltung erleichtern. Zu diesem Zweck dürfen Bischöfe und später Äbte langsam in den Rang hoher Adeliger aufsteigen.

 

Die Missionierung der Angelsachsen gerät in Konflikt mit der keltisch-britischen Kirche. Getragen wird sie von der Hierarchisierung der Strukturen, wie auch von der zunehmenden Konzentration auf Themen wie die der Ehe und der Sexualität. Papst Gregor empfiehlt den Missionaren, die germanischen Heiligtümer nicht zu zerstören, sondern in christliche umzuwidmen, und zudem auch die heidnischen Feiertage unter christlicher Umdeutung beizubehalten, damit die Getauften, wenn ihnen äußerlich einige Freuden erhalten bleiben, den inneren Freuden leichter zustimmen können, denn zweifellos ist es unmöglich, schwerfälligem Verstande alles auf einmal wegzunehmen. (In Beda, zitiert nach: Sarnowsky, S. 23)

 

Bis ins 7. Jahrhundert wird diese römische Mission immer wieder durch heidnische Aufstände dagegen behindert. Zugleich missionieren Iren in Schottland, die über die aus Irland eingewanderten Scoten kommen. Ihr erstes Zentrum wird das Kloster Iona, dass in irischer Tradition zugleich ein Bistum wird.

 

Im 7. Jahrhundert gelingt es den irischen Missionaren zunächst, auch in Nordengland Fuß zu fassen. Ihr Zentrum dort wird das Kloster Lindisfarne. Aber danach werden sie von den römisch orientierten Konkurrenten zurückgedrängt. 672 kommt es zu einer ersten gesamtenglischen Synode in Hertford. Kurz darauf beginnt die angelsächsische Mission auf dem Kontinent.

731 wird Beda Venerabilis in seiner 'Historia ecclesiastica gentis Anglorum' zwei Dinge feststellen: Das eine ist, dass aus den germanischen Stämmen Englands durch das einigende Band der römischen Religion ein "Volk" entsteht, eine gens. Jedenfalls sieht er das so. Zum zweiten wird die Benennung dieses Volkes, die Papst Gregor noch aus Unkenntnis der anderen als angli bezeichnete, nun dauerhaft als pars pro toto etabliert: Die Angeln werden für alle die stehen, aus denen Engländer werden.

 

Die heidnisch-germanischen Könige in Britannien leiteten ihre Herkunft von Gott Wotan (altenglisch: woden) ab, so wie Macht sich in Stammeskulturen oft aus einem heiligen/magischen Urgrund ableitet. Damit ist es nun mit der Christianisierung vorbei. Als Ersatz wird nach ein, zwei Jahrhunderten, wohl vom Frankenreich abgeschaut, die vom Geistlichen vorgenommene Salbung mit heiligem Öl bei der Krönung durchgeführt, die den König magisch-rituell zu einem Beauftragten des Christengottes macht.

 

Macht und Herrschaft werden zwar in den nächsten tausend Jahren langsam nach Legalisierung streben, aber die Sehnsucht nach dem magischen Zauber, mit dem Legitimität umgeben scheint, wird bleiben. Legalität verlangt Kenntnisse und Verständnis für rechtliche Formulierungskünste, Legitimität spricht hingegen direkt zum Gefühl.

 

Die Christianisierung ist ein Prozess der Überfremdung, zugleich aber einer der Zivilisierung und Pazifizierung. Die Gewalttätigkeit der Völkerwanderungszeit wird nun ergänzt durch den – zunächst Germanen wenig verständlichen – christlichen Friedensgedanken, zu dessen oberstem Träger das frühmittelalterliche und in der Praxis eher wenig friedfertige Papsttum wird. Sehr viel Frieden entsteht dadurch erst einmal nicht. Andererseits versucht das Christentum die Sexualität zu moralisieren und einzugrenzen, und die Gewalttätigkeit in den Dienst der Kirche zu stellen..

 

 

Was Christianisierung aus Rom für England dann leistet ist eine erneute Romanisierung, so wie seit Bonifatius auch für das Frankenreich und die germanischen Nachbarn. Als Beispiel erwähnt Peter Brown einen Adeligen aus Northumbria, Benedict Biscop (628-90), der Klostergründer und Mönch wird. "Benedikt pilgerte im Laufe seines Lebens sechsmal nach Rom, zum ersten Mal im Jahre 653. Den Namen Benedikt hatte er aus Vereehrung für Sankt Benedikt, den Verfasser der benediktinischen Regel, angenommen. Von seiner Grand Tour des christlichen Italien brachte dieser nordische Magnat eine ganze Bibliothek mit zurück ans Ufer des Tyne und überdies einen Singmeister, der die Angelsachsen lehren konnte, wie man in der Peterskirche in Rom sang, dazu Reliquien, Ikonen, Seidenstickereien (die allein drei große Landgüter wert waren), gallische Gläser und >Maurer. die ihm eine Kirche bauen konnten, nach der römischen Art, die er von jeher liebte<." (Brown 2, S.252f)

 

Slawen

 

Eine letzte Wanderbewegung sei noch kurz angemerkt, über deren Frühzeit man heute fast nichts weiß. Es handelt sich um die Leute der slawischen Sprachfamilie,die sich aus awarischer Abhängigkeit befreien und

die vielleicht vom nördlichen Karpatenraum sich ausbreiten um dann ab dem 6. Jahrhundert als Wenden und Slawen in Texten aufzutauchen. Wann genau sie an Elbe und Order ankommen, ist nicht bekannt, aber sie breiten sich östlich dann bis zum Don aus und südlich bis zum so entstehenden Bulgarien. Kontakte der Franken mit ihnen sind gering, fast gar nichts ist zu Beziehungen nach Skandinavien bekannt, wo ebenfalls vorzivilisatorische Kulturen existieren, über die man auch nur wenig weiß.