NACHANTIKE (SOG. "FRÜHES MITTELALTER"): DEFINITIONEN III Derzeit in Arbeit

 

Merowingerreich

Karolinger

1000 Jahre Einübung in Herrenmenschentum und Untertänigkeit

Das Land (Eigentum, Verfügungsrechte und Arbeit)

Kirche im Frankenreich

Kloster im Frankenreich

 

 

 

 

Das Frankenreich unter den Merowingern

 

Die fränkische Reichsbildung beginnt in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts mit der Lösung des Merowingers Childerich samt seinem fränkischen "Stamm" aus dem westlichen Imperium. Sohn Chlodwig gelingt es dann, bis 511 ganz Gallien zu unterwerfen, dabei die Visigoten nach Spanien zu vertreiben und östliche Germanenstämme abhängig zu machen. Schließlich konvertiert er zum römisch-katholischen Christentum und dessen (Kriegs)Gott und nutzt die Bischofskirche als Herrschaftsinstrument. Die Zeit der Merowinger wird dabei von erheblicher Gewaltätigkeit gekennzeichnet sein, von Mord und Totschlag.

Er etabliert ein neuartiges Königtum für seine Familie, welches auf der Gefolgschaft freier fränkischer Krieger und insbesondere von deren reichen und mächtigen Amtsträgern beruht und auf der Zusammenarbeit mit der Bischofs-Kirche. Zudem übernimmt er die römischen Steuern und besitzt neben großen Ländereien einen Königsschatz.

 

Sein Reich basiert noch mehr als die römische Antike zuvor auf Landwirtschaft und weiter vor allem auf großem Grundbesitz. Der Handel hat längst erheblich abgenommen und konzentriert sich stärker auf Luxusgüter. Das Handwerk wiederum zieht sich stark, wenn auch nicht völlig, aufs Land zurück. Die teilweise stark zerstörten Städte verlieren weiter an Einwohnerschaft und werden nun neben den Bischöfen auch von comes, "Grafen" regiert, die über ihre Kompetenzen gelegentlich in Konflikt geraten.

 

Die verwickelte Geschichte der vielen Merowinger-Herrscher ist für die Entstehung des Kapitalismus nicht von Bedeutung. Wichtig ist aber, das eine Familie eine Dynastie bildet, die erst im 8. Jahrhundert erlischt und von einer anderen abgelöst wird. Dabei wird in germanischer Erbteilung das Reich immer wieder unter den Söhnen geteilt, zunächst in vier, und später in drei Teile: Neustrien, die zukünftige Kern-Francia, Austrien (Austrasien) im Osten und das einverleibte Burgund im Südosten. Der daran angeschlossene Südwesten, Aquitanien, entwickelt dabei im Laufe der Zeit gewisse Verselbständigungs-Tendenzen.

 

Die Reichsteilungen führen zu Kriegen gegeneinander, und seltenere einheitliche Herrschaft wird ebenfalls in der Regel mit Gewalt eingeleitet. Die Macht beruht einerseits auf der Unterstützung weltlicher Großer, die als duces für ganze Regionen und stadtsässige comes für den Herrscher amtieren, immer mehr Großgrundbesitz auf sich konzentrieren und Militär anführen, andererseits auf Unterstützung durch Bischöfe, die langsam immer mehr Ansätze in Richtung Stadtherrschaft entwickeln, auch als militärische Führer fungieren und selbst reiche Großgrundbesitzer werden, so wie ab dem 6. Jahrhundert auch große Adels-Klöster.

 

Fast alle Menschen leben auf dem Lande und teilen sich in freie Bauern, die selbst als Krieger dienen müssen (und dürfen), und unfreie Arbeitskräfte. Natürliche und von der Ober"schicht" verursachte Krisen veranlassen freie Bauern in ihrer Not, sich unter den "Schutz" der Reicheren und Mächtigeren zu stellen, wo sie in einer von Gewalt gekennzeichneten Kriegerwelt nicht gar dazu gezwungen werden.

 

Das Handwerk in den kleinen Städten versorgt wohl überwiegend die weltlichen und geistlichen Großen, die mit Kathedrale, wichtigen anderen Kirchen und Burg- bzw. Palastbauten bald die einzigen Steingebäude besitzen. Ansonsten bestehen Städte aus Holzhäusern, denen Land für Nahrungsmittel zugeordnet ist. Da römische Anlagen wie Straßenpflaster, Aquädukte, Thermen und Amüsierbauten mangels Geldgebern verfallen, werden sie als Baumaterial benutzt. Der Handel, der auch als Fernhandel nicht völlig untergeht, bedient überwiegend Luxusbedürfnisse von Kirche, Klöstern und weltlichen Großen, die sich ansonsten selbst versorgen (lassen). Zahlreiche regionale Münzstatten bedienen den Handel mit etwas Geld.

 

Das Christentum ist eng mit der weltlichen Macht verschränkt. Die Kernbotschaft(en) des evangelischen Jesus sind längst aus der religiösen Öffentlichkeit verschwunden und ersetzt durch eine Religion, die die jeweiligen Machtverhältnisse vertritt und insbesondere auch die Macht der Kirche, die diese mit ihrer Mittlerrolle zwischen Sünder und Gott begründet. Der Gläubige wird dabei zwischen Angst und Hoffnung gehalten.

Neben die Steuern, Zölle und anderen Abgaben für die Könige tritt bald der Zwang zur Abgabe eines Zehnten an die Kirche. Je mehr sich die Großen der Reiche der Kirche annähern, desto stärker wird ihre Neigung, dieser Land und andere Güter zu überlassen, vor allem, damit sie dort ein Totengedächtnis für sich einrichten, welches den Weg ins "Himmelreich" beschleunigen und die Reduktion der Sündenstrafen erreichen soll. Dies wird auch gefördert durch die Mission Columbans, mit der es zum Aufschwung von mit Mitgliedern von mächtigeren Familien besetzten Klöstern kommt. in deren Kirchen ebenfalls ihrer Toten durch das Gebet gedacht werden soll.

 

Unfreie Produzenten, kleine freie Bauern, Handwerker und manchmal schon zu einem gewissen Reichtum aufsteigende Händler konstituieren so die Basis und die Masse der Bevölkerung, wobei die Freien alle zur Heeresfolge verpflichtet sind. Darüber und von ihnen lebend ist die "Schicht" mächtigerer Herren, die immer wieder versuchen, eigene Spielräume für ihre Interessen gegenüber den Königen und gegeneinander zu erhalten. Zwar versuchen die Könige, Bischöfe und weltliche Große an ihre Höfe zu binden, aber die Verhältnisse sind immer wieder instabil. Hausmeier als hohe königliche Verwaltungschefs dienen dabei einerseits der Krone, verbünden sich aber andererseits mit Fraktionen des Großgrundbesitzes, um ihre Macht zu steigern.

 

 

Karolinger: Scheiterndes Großreich (derzeit in Arbeit)

 

Inzwischen gibt es mit den Franken und den Visigoten Spaniens zwei relativ mächtige Nachfolge-Reiche Westroms, während die Langobarden in Italien und die Angelsachsen in England keine zentrale Reichsbildung schaffen. Spanien wird bald (711) weitgehend von einer von Arabern geführten islamischen Armee überrollt werden, während in Küstenregionen Italiens Byzanz sich hält, welches aber bereits seine asiatischen und afrikanischen Großregionen an die Kalifen verloren hat. 

 

Unter den Großen im Frankenreich kristallieren sich im 7. Jahrhundert in Austrien (im Ostreich) vor allem zwei Familien heraus, die sich auf einen Arnulf, Bischof von Metz und dann "heiliger" Einsiedler, und auf einen Pippin ("den Älteren") berufen und sich schließlich durch Heirat miteinander vereinen. Beide Familien verfügen über große Ländereien und großen kriegerischen Anhang, müssen sich aber gegen andere Große und Hausmeier vor allem des Westens, von Neustrien also, der späteren Kern-Francia, durchsetzen.

 

687 siegt ein Pippin ("der Mittlere") über den nominellen König aller drei Reiche und seinen Hausmeier in der Schlacht von Tertry. Damit wird er de facto, wenn auch nicht nominell Herrscher des Gesamtreiches.

Anders als zuvor die Merowingerkönige, die nun zunehmend ein Schattendasein auf ihrem Hof führen, setzen Vertreter dieser Familie Alleinherrschaft gegen Erbteilung durch, indem sie die Mitkonkurrenten besiegen und umbringen. Auf diese Weise ist Pippins Sohn Karl erfolgreich, der später wegen seiner militärischen Siege und seines Machtstrebens "der Hammer" (Martell) genannt wird. Er instrumentalisiert dafür eine unter seiner Kontrolle stehende wehrhafte Bischofskirche und verschafft sich militärische Schlagkraft durch Förderung der großen Grundbesitz und Ämter häufenden aristokratischen Oberschicht.

 

Wie unter seinen Vorgängern führt er immer wieder neu Unterwerfung germanischer Völker unter fränkische Oberhoheit vermittels Zügen seiner Vasallenarmee nach Osten und Nordosten durch, wobei er fränkischen Einfluss mit Heidenmission verbindet. Im Südwesten geht es gegen die sich immer wieder verselbständigenden aquitanischen Großen und dann auch gegen die ins Herz des Frankenreiches vorstoßenden arabisch geleiteten Truppen, die zwischen 732 und 737 wieder über die Pyrenäen zurückgedrängt werden.

 

Der Papst bittet Karl um Hilfe gegen den Langobarden, welche Rom bedrohen, da er meint, nicht mehr auf die Hilfe von Byzanz setzen zu können. Diese Langobarden sind mit den Franken verbündet, aber es geht auch ohne fränkische Hilfe: Sie ziehen wieder ab von Rom.

 

Karl ("Martell") stirbt 741 und sein Reich wird unter drei Söhnen geteilt. Pippin gelingt es, den einen umbringen zu lassen und den anderen 747 ins Kloster abzudrängen. Daneben geht er gegen Alemannen und Bayern vor allem militärisch vor.

Seit Karl Martell konzentrieren sich die Karolinger auf unentwegte kriegerische Eroberungen und folgen darin ihren merowingischen Vorläufern. Selten ein Jahr ohne großen Heereszug in zu eroberndes Gebiet. Zunehmend werden die Eroberungskriege als Aktionen zur Missionierung von Heiden hochstilisiert. Christianisierung bedeutet dabei allerdings Kolonisierung und Zerstörung von inzwischen anzivilisierten Kulturen.

 

Pippin ("der Kleine") ist wohl größter Grundbesitzer im Reich und wohl auch der reichste und mächtigste. Entsprechend lässt er sich 751 im Einvernehmen mit dem Papst von den fränkischen Großen zum König erheben, nachdem man den letzten Merowinger abgesetzt hat. Voraussetzung für ein Königtum Pippins ist die Tatsache, dass das byzantinische Reich, welches in Teilen Italiens, darunter auch Rom, noch offiziell neben den Langobarden herrscht, den römischen Bischof nicht mehr gegenüber langobardischen Angriffen schützen kann, da es selbst von mehreren Seiten militärisch in die Zange genommen wird. Die Langobarden besetzen nun sogar Ravenna. Der Papst sucht eine neue Schutzmacht und findet sie in Pippin.

Stephan II. ruft ihn nur wenige Jahre später zur Hilfe, wird 754 von einer fränkischen Delegation in die Francia geleitet und von Pippin mit dem von Langobarden besetzten Teil des Dukats von Rom und dem von Ravenna beschenkt.

Germanisches Königsheil, welches sich vor allem im Krieg erweist, wird nun durch die Vorstellung eines von Gott eingesetzten und vom Papst geweihten Königtums überbaut. Pippin fällt darauf mitsamt seinen fränkischen Kriegern im Langobardenreich ein, bezwingt dessen König und eignet sich ein Drittel von dessen Schatz an. Dem Papsttum wiederum fallen erste von Franken eroberte Territorien zu, Grundlegung eines späteren Kirchenstaates.

 

Pippin selbst wendet sich für den Rest seiner Herrschaft vor allem der Eroberung Aquitaniens zu, die aber erst von Sohn Karl vollendet werden wird. Beim Tod des Vaters 768 beginnt ein Konkurrenzkampf zwischen den Brüdern Karl und Karlmann im aufgeteilten Reich, der mit dem Tod des letzteren 771 beendet wird.

 

Karl ("der Große") beginnt einen ersten von zahlreichen Kriegen gegen die Sachsen, begleitet von massiven Zerstörungen. 773 stehen die Langobarden wieder einmal vor Rom und Karl zieht mit Heeresmacht gegen sie, unterwirft sie und nimmt den Titel eines langobardischen Königs an. Nebenbei verschwindet nun auch die Familie Karlmanns. Es kommt zu einer ersten Begegnung mit dem Papst in Rom.

 

Die nur wenig anzivilisierten Sachsen werden sich rund dreißig Jahre gegen immer neue und immer brutalere Kriegszüge Karls wehren, die die Vernichtung sächsischer Lebensformen und Vorstellungswelt zum Ziel haben. Dabei steigert sich mit dem Widerstandswillen der einen die mörderische Gewalt und der möderische Zerstörungswille der Eroberer. Die von der Historie als "Große" titulierten Herrscher sind ganz offensichtlich weiterhin eher als terroristische Massenmörder zu bezeichnen.

 

Am Ende wird Sachsen in Bistümer und Grafschaften aufgeteilt und ins Reich Karls integriert. Diese Integration läuft wesentlich von oben nach unten und bezieht zuerst eine kollaborierende Oberschicht ein.

Mit der Eroberung von Girona (785) und Barcelona (801) wird eine spanische Mark gegründet, während es weder gelingt, die Basken ganz noch die Bretonen überhaupt ins Reich zu integrieren.

 

781 ist Karl in Rom und lässt die kleinen Söhne Pippin und Ludwig zu Königen von Langobardien und Aquitanien krönen und salben. Der Versuch, fünf Jahre später über Benevent Macht in Süditalien auszuüben, scheitert letztlich. Dabei gerät er aber in die Nähe zum byzantinischen Italien, während in Byzanz selbst wieder einmal der Bilderstreit tobt.

 

Inzwischen hat sich Bayern unter den Agilolfingern zu einem Stammesverband neuen Typs mit dem Zentrum Regensburg entwickelt, welcher mit seinen Herzögen im 8. Jahrhundert eng mit fränkischer Geschichte verbunden ist. Karl findet einen Vorwand, um gegen Tassilo in Bayern einzumarschieren und ihn zu unterwerfen. Ein Jahr später wird er von Karl samt seiner ganzen Familie ins Kloster gesperrt. Bayern wird in Grafschaften eingeteilt und fränkisch kontrolliert. Mit den Awaren gibt es nun neue Nachbarn, die auch militärisch unterjocht und ausgeplündert werden und nach Osten abziehen.

 

Inzwischen haben sich slawische Völkerschaften nach Norden ausgebreitet und an einigen Stellen die Elbe überschritten, wo Karl sie militärisch ausbremst und auf der Ostseite des Flusses erste Befestigungen anlegt.

 

Der Krieg ist die regelmäßige Sommerbeschäftigung des Königs und der wohlhabenderen Freien zu Pferde sowie der übrigen Freien als Infanterie. Schwerter, Lanzen, Äxte und Pfeil und Bogen dienen der Metzelei und dem Töten. Dabei nimmt der Anteil freier Bauern im Heer immer mehr ab und der teilweise mit Benefizien versehenen Vasallen (immer mehr zu Pferde) zu. Teilnehmer erwarten von ihrem Kriegsdienst nicht zuletzt auch Beute.

 

Basis der Machtausübung Karls sind die riesigen Ländereien aus karolingischer und merowingischer Herkunft, in riesige Domänen und darunter villae aufgeteilt, die weithin autark sind, was Ernährung und Handwerk angeht. Dazu kommt Kriegsbeute, kommen Tribute Unterworfener.

Da eine Pfalz den König und seinen großen Troß auch jetzt nur kurzzeitig ernähren kann und außerdem königliche Präsenz in den Reichsteilen vonnöten ist, ist sein Hof mit kurzen Pausen stetig unterwegs. Mit seinem "Hofstaat" zieht seine Kapelle, denn der siegverheißende Gott ist zunehmend auch ein zivilisierender, also der, mit dessen Propagierung sich Herrschaft immer weiter ausdehnen kann. Aus der Kapelle lassen sich schriftbegabte Leute für hohe Ämter bei Hofe ziehen, überhaupt erweitert sich höfisches Leben mit dem Reich.

 

Nach und nach wird die mit Bädern gesegnete Pfalz in Aachen zum veritablen Palast ausgebaut, wobei Vorbilder und Bauteile aus der italienischen Antike (Ravenna) dienstbar gemacht werden. Handwerker und Händler siedeln sich an, ein größerer Markt entsteht.

 

Die "Verwaltung" des Riesenreiches geschieht über Delegation. An die Söhne geht neben Italien und Aquitanien auch ein Dukat Le Mans. Darunter sind Grafen für die Gerichtsbarkeit und das Heeresaufgebot zuständig. Es entsteht eine Art Reichsaristokratie. Wiederum darunter sind größere Vornehme angesiedelt, dabei wehrhafte Bischöfe in den Städten. Wiederum darunter nimmt der Anteil freier Bauern weiter ab. Neben dieser tendenziell hierarchischen Struktur gibt es eine Kontrollebene, die von hochgestellten Königsboten eingelöst wird.

 

Das Frankenreich besteht weiterhin zu rund 95% aus Bauern, freien wie mehr oder weniger unfreien. Deren Produktivität ist sehr niedrig und nur bei sehr guten Ernten bleibt etwas für den Markt übrig, den eher die großen Domänen und der übrige Großgrundbesitz bedienen können. Entsprechend gering ist der Handel, und einer über weitere Strecken bedient Luxusbedürfnisse weniger Wohlhabender. Gefördert wird er durch den Versuch einer einheitlichen Münze für die vielen königlich kontrollierten Münzstätten.

 

Wichtiges Herrschaftsinstrument ist die Kirche, und Karl als gottgesandter Herrscher sorgt sich eingehend um deren Funktionsfähigkeit. Wie sein Palastbau in Aachen ist das Teil eines umfassenden Romanisierungsprogramms. Dazu gehört die Förderung lateinischer "Bildung" und die Unterstützung von Unterrichtung einer kleinen, im wesentlichen geistlichen Oberschicht, - auf die römische Antike hin orientiert. Dazu holt sich der Herrscher belesene Einzelne an seinen Hof und dafür beaufsichtigt Karl die Kirche und kontrolliert und beeinflusst ihre Glaubensinhalte auf großen Reichssynoden. Solche Romanisierung betrifft aber nur den Hof, wenige Gelehrte und wenige Spitzen von Kirche und Kloster.

 

Kurz vor 800 ist ein Papst Leo durch heftige Opposition in Rom von Karls Schutz abhängig geworden. 800 zieht er nach Rom und wird vom Papst zum Kaiser (imperator) gekrönt. Wichtig daran ist wohl vor allem, dass er die Verhältnisse in Rom in seinem herrschaftlichen Sinne regelt. Neben einem gewissen Prestigegewinn dürfte der Titel für ihn von geringer Bedeutung gewesen sein, weswegen die Titel-Konkurrenten in Byzanz nur beschränkten Protest einlegen.

 

Erneute Nachfolgeregelungen folgen, wie die von 805/06 von Diedenhofen. Pippin soll nun zu Italien große Teile Alemanniens und Bayerns erhalten, Ludwig behält Aquitanien, dazu sollen Septimanien, die Provence und Burgund kommen, Sohn Karl soll die ungeteilte Francia erhalten, ergänzt durch Sachsen und Nordteile Alemanniens und Bayerns. Damit wird mit der traditionellen Merowingerregelung gebrochen, dass bei Erbteilungen jeder Erbe einen Anteil am Kernland der Krone erhält.

Als Karl sein Ende nahen sieht, sind seine Söhne Karl und Pippin bereits gestorben. Anders als es fränkisches Recht vorsieht, will der Kaiser 812 die Interessen von Pippins Sohn Bernhard gewahrt sehen, und übergibt ihm Italien. Ein Jahr später wird Ludwig dann in Aachen zum Mitkaiser erhoben.

 

 

Das Riesenreich soll unter Sohn Ludwig, den man später als den "Frommen" tituliert, und seinen Brüdern als kaiserliches Einheitsreich erhalten bleiben. Im Zusammenhang mit religiösen Reformen werden zunächst enge Gefolgsleute des Vaters vom Hof verwiesen und neue Berater gefunden. Die Abgehalfterten scharen in der Provinz Gefolgsleute um sich.

Zusammen mit Benedikt von Aniane, den er aus seinem aquitanischen Unterkönigtum mitbringt, wird versucht, die Benediktregel in den Klöstern strenger durchzusetzen und Klerikerkollegien an Kirchen einheitlicher zu regulieren. Kathedralkirchen und wichtige Klöster sollen unter Königsschutz und Immunität stärker zu einer einheitlichen Reichskirche als Herrschaftsinstrument zusammenwachsen. Dabei steigt das Selbstbewusstsein vor allem der westfränkischen Bischöfe, die sich manchmal bereits nicht nur wie Berater, sondern auch als "moralische" Aufseher über die Könige verhalten.

 

Zugleich wird die Integration der Sachsen ins Reich vorangetrieben, die ein Jahrhundert später bereits den König stellen werden. Die Aufteilungen des Großreiches unter drei Söhne geben diesen Würden, aber in ihren Augen zu wenig Macht. Als dann noch in einer neuen Ehe des Kaisers mit Judith aus einem Zweig der Welfenfamilie der Sohn Karl (später: "der Kahle") entspringt, dem nun aus dem Erbe der drei Söhne etwas abgezweigt werden soll, kommt es zu immer neuen Kriegen und Neuaufteilungen, in denen Brüder gegeneinander und in unterschiedlichen Koalitionen gegen den Vater kämpfen, der mehrmals abgesetzt und gedemütigt wird. 

 

840 stirbt Ludwig. Ein Jahr später treffen Lothar (Mittelreich) und Pippin II. (Aquitanien) bei Fontenoy in einem grausigen Blutbad auf Karl den Kahlen (Westreich) und Ludwig (Ostreich). Eine Einigung wird nötig, um die nun verhandelt wird. Im Vorfeld treffen Karl und Ludwig in Straßburg zusammen.

Bei den Straßburger Eiden fallen für das sich aufteilende fränkische Reich die Texte in zwei Sprachen aus: in eine romanische und einen althochdeutschen Dialekt.

Pro Deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, d'ist di en avant, in quant Deus savir et podir me dunat, si salvarai eo cist meon fradre Karlo, et in adiudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dist, in o quid il mi altresi fazet, et ab Ludher nul plaid numquam prindrai qui meon vol cist meon fradre Karle in damno sit.

In godes minna ind in thes christanes folches ind unser bedhero gehaltnissi fon thesemo dage frammordes so fram so mir got geuuizci indi mahd furgibit so haldih thesan minan bruodher soso man mit rehtu sinan bruodher scal in thiu thaz er mig so sama duo indi mit ludheren in nohheiniu thing ne gegango the minan uillon imo ce scadhen uuerdhen.

 

Die Kommunikation, vor allem die schriftliche, findet bei den Mächtigen in einem sich leicht verändernden Latein statt. Dieses entwickelt sich in den romanischen Regionen „im Volk“ zu Idiomen, die sich vom Lateinischen lösen. Zwischen Valencia und Venedig entsteht im Mittelmeerraum dabei ein gemeinsamer Raum der Verständigung, der auf der iberischen Halbinsel zu catalán wird, im westfränkischen Raum als langue d'oc bezeichnet, im Unterschied zur langue d'oeil im Norden.

Das ursprüngliche Galizien entwickelt seinen eigenen Dialekt, das Baskische bleibt bestehen, ebenso wie das Bretonisch-Keltische.

 

Im germanischen Raum entstehen in den sich konstituierenden Stammesregionen ebenfalls Dialekte, die sich unter dem Oberbegriff theodisc, Sprache des Volkes, versammeln. Die Dominanz einzelner Idiome über andere auf dem sehr langen Weg zu Nationalsprachen stellt sich später einmal durch wirtschaftliche Macht, zum anderen aber auch durch militärische Gewalt her, und damit auch über politische Vorherrschaft. Sogenannter „kultureller“ Einfluss wird immer davon abhängen.

 

Die Übersetzung in beide Sprachen bei Straßburg macht aber vor allem die Mitsprache der Großen beider Reiche an den Entscheidungen ihrer Könige möglich. Sie üben dann auch Druck aus bei dem langen Weg in eine Übereinkunft von Karl, Lothar und Ludwig 843 in Verdun, die ein westliches, ein mittleres und ein östliches Reich schafft. Grenzen sind einmal der Rhein, und im Westen Maas und Schelde. Burgund wird zerteilt, Italien fällt ans Mittelreich.

 

Von den geringen Herrschaftsinstrumenten des "großen" Karls, die ein großes Reich zusammenhielten, bleibt zunächst nur wenig mehr übrig als die Erinnerung. Strukturell herrscht Vasallität vor, die Großen eines Reiches oder Fürstentums sind Herrschern als Kriegeradel zur Treue in der Gefolgschaft in Krieg und Frieden verpflichtet, wofür sie als Gegenleistung entweder Versorgung oder aber Benefizien, Wohltaten an Land und Leuten erhalten. Vasallen aber schaffen sich Untervasallen, auf die der direkte Zugriff von Herrschern schwindet, und Vasallen und Untervasallen (in Italien Capitane und Valvassoren von bischöflichen Stadtherren) begeben sich bald aus Eigeninteresse in die Vasallität mehrerer Herren. Auf der Basis der Grundherrschaft eines Kriegeradels bildet sich so ein immer komplexeres Netzwerk persönlicher Beziehungen und Bindungen heraus, welches selbst die bescheidenen Ansätze ausgeprägterer Staatlichkeit beim großen Karl ersetzt.

 

Machtvollster Herrscher wird nun wohl Karl der Kahle in Westfrancien, dem es gelingt, sich in Aquitanien durchzusetzen und über Septimanien bis in die spanische Mark ausgreifen. Er stützt sich stark auf seine Vasallen in den Bischofskirchen, wobei unter Hinkmar von Reims dessen Bistum herauszuragen beginnt, und in den Klöstern, wo nicht selten adelige Laienäbte regieren, zu denen auch der König, wie in Saint-Denis, selbst zählt. Seit 852 steigt unter den großen Gefolgsleuten ein Robert auf, bald Graf von Anjou und der Touraine, dann auch von Blois und Orléans, Laienabt unter anderem von Marmoutier und St.Martin, beide in bzw. bei Tours. Ähnlich wie er gelingt es auch einem Grafen Balduin von Flandern für die Normannenabwehr, die immer dringlicher wird, eine Fürstendynastie zu bilden.

 

Im Ostreich erstarkt Ludwig (später etwas verfrüht "der Deutsche" genannt), der breite Adelsopposition im Westreich ausnutzt, um dort einzufallen. Erst die von Erzbischof Hinkmar von Reims aufgebotenen Bischöfe schaffen eine Gegenbewegung, die Ludwig vertreiben kann. 855 stirbt Lothar, und zuvor verteilt er sein Lotharingien von Nord nach Süd in drei Teilen unter seinen Söhnen. Darauf versucht Karl, dieses sich von Süden aus einzuverleiben, worauf ihm Ludwig wiederum entgegentritt. 870 schließlich wird das Mittelreich unter beiden im Vertrag von Meersen aufgeteilt.

 

Über die Provence gelingt es dem kahlen Karl dann noch, in Italien einzudringen und sich 875 mit der Kaiserwürde zu schmücken. Der Preis für seine Großreichspläne sind Zusagen an den Adel, die immer mehr auf eine Erblichkeit ihrer Lehen (und Ämter) hinauslaufen. An der Spitze des Adels übernehmen unter Karls Nachfolgern hochadelige Herren wie Vertreter der Welfen (Hugo Abbas), der Robert-Nachfolger wie Odo oder ein Gauzlin Machtpositionen. 879 lässt sich ein Boso in der Nähe von Vienne zum König der Provence und von Burgund wählen, erster Nichtkarolinger auf einem Thron, gegen den nun Hugo Abbas kämpft.

885 vereint der Ostfranke Karl "der Dicke", seit 881 Kaiser, für kurze Zeit noch einmal beide Frankenreiche. Er macht einen Bernhard zum Markgrafen von Aquitanien, Berengar von Friaul zu einem solchen in Italien und begründet so zwei weitere Fürstendynastien. Der Robertiner Odo wird erst Graf von Paris, bekommt nach Verteidigung der Stadt gegen die Normannen Roberts Erbe an der Loire dazu. 888 wird er König des Westfrankenreiches, ein weiterer Nichtkarolinger auf einem Thron, den Ostkönig Arnulf anerkennt.

 

Die Familie der Karolinger verschwindet mit dem 9. Jahrhundert im Osten, aus dem sich die deutschen Lande unter sächsischen und salisch-fränkischen Herrschern entwickeln werden, und Ende des 10. Jahrhunderts im Westen mit der Machtergreifung der Kapetinger. Der Osten zerfällt dabei in neuartige Stammesherzogtümer und der Westen in regionale Fürstentümern, über die die kapetingischen Könige dann zunächst bestenfalls wie ein primus inter pares verfügen. In Nord- und Mittelitalien steigen die Städte langsam mit ihrem Hinterland zu neuen Formen von Staatlichkeit auf.

 

Mit den Ostgoten, die Byzanz vernichtet, den Westgoten, die von einem nordafrikanischen Heer vernichtet und in den Norden der iberischen Halbinsel abgedrängt werden, den Karolingern, die mangels Nachwuchs nach einer Zeit des Niedergangs verschwinden, und dem von Normannen abgelösten angelsächsischen Königtum verschwinden die sich aus den Völkerwanderungen herleitenden Reiche. Im ostfränkischen Reich, in dem die „Franken“ nun räumlich und bevölkerungsmäßig eine kleine, sich neu definierende Minderheit sind, stellt sich bei den weltlichen und geistlichen Großen der inzwischen herausgebildeten Stämme neuen Typs, den eroberten Völkerschaften des alten Frankenreiches zusammen mit den ebenfalls theodisc sprechenden Ostfranken, ein nicht näher erklärtes Gemeinschaftsgefühl heraus, welches dazu führt, dass sie sich nach dem Aussterben ihres Karolinger-Zweiges nicht an die westfränkischen (weithin romanisierten) Karolinger um eine Herrschaftsübernahme wenden, sondern sich auf einen der Ihren einigen, den fränkischen Herzog Konrad aus einer anderen mächtigen Familie.

Da die Quellen nicht überzeugend hergeben, warum sie das tun, sind wir auf Vermutungen angewiesen. Die von mir bevorzugte ist, dass einer der Ihren die inzwischen entwickelten Stammesstrukturen am ehesten respektieren und keine starke Königsherrschaft aufkommen lassen würde. Mit der Entscheidung für Konrad stellen sich die Lothringer, kein sich ethnisch begründendes Stammesgebiet wie Alemannien, Bayern oder Sachsen, unter die Oberhoheit des westfränkischen Karolingers Karl („der Einfältige“). Lothringen ist einer der Reste des 843 geschaffenen Mittelreiches, welches nach seinem ersten König als Lotharingien bezeichnet wurde, und welches romanische und germanische Volksgruppen umfass (es reichte ursprünglich von Rom über die Provence bis nach Flandern).

 

Stämme als sich ethnisch definierende Zusammenhänge hatten sich im Osten im Kontakt mit den erobernden Frankenherrschern als regna in Fortsetzung alter Königreiche verfestigt. Die Position des Herzogs, dux, ist aber dabei nicht ethnisch definiert, sondern in ihrem Rang und Prestige gegenüber dem König einerseits und den Großen im Herzogtum andererseits. Insofern ist auch die Einsetzung der vielen Söhne, Enkel und Urenkel Heinrichs I. in Schwaben, Bayern, Kärnten und Lothringen nicht ungewöhnlich. Als Nebeneffekt werden sie dabei den Königen in Sachsen und Franken nicht ins Gehege kommen. (Keller, S.69ff)

 

Wir sind an den Wurzeln für jene Vorformen neuer Staatlichkeit angekommen, aus denen sich der „politische“ Rahmen für die Entwicklung von Kapitalismus ergeben wird, der zwar Ansätze von Staatlichkeit benötigt, aber keinen starken Staat, wie er dann später zunehmend auftreten wird, dann allerdings sich aus etablierten kapitalistischen Strukturen nährend. Die Schwäche der Monarchien, die sich nun entwickeln, liegt in dem Fehlen einer Verwaltung, eines Apparates, mit dem Herrschaft ausgeübt werden kann, anders gesagt, an der fehlenden Reichweite von Herrschaft. Stattdessen müssen Herrscher Verbündete suchen, „Freunde“, Getreue, an die dezentral Aufgaben delegiert werden.

 

 

 

Mindestens 1000 Jahre Einübung von Herrenmenschentum und Untertänigkeit.

 

Die germanischen Völkerschaften der Nachfolgereiche werden versuchen, möglichst viel von antik-römischen "Errungenschaften" zu bewahren und zu nutzen. Das wird ihnen nur sehr eingeschränkt gelingen. Was sie aber zur Gänze übernehmen und weiterentwickeln, ist das Machtinstrument der Kirche als Unterdrückungsinstrument und ist die Strukturierung der Völker in eine kleine Gruppe sehr gewaltbereiter Herren und in der Regel erfolgreich geduckter Knechte, Erbe einer langen Entwicklung seit spätestens der Bronzezeit.

 

Germanische und mit ihnen verbundene Völker waren schon vertraut mit dem Verhältnis von Herr und Knecht, im Kleinen über die Nutzung der Sklaverei, im Großen über Gefolgschaftsstrukturen im militärischen Verband. Aber mit der Integration eines durchzivilisierten Systems von Herrschaft und Knechtschaft zumindest werden sie sich auf Dauer auf der Höhe der römischen Antike halten können. Dieses werden sie dann bis ins 18. Jahrhundert n.d.Zt. weiterentwickeln und dann unter dem Eindruck der industriellen Revolution so umbauen, dass ein immer totalitärer (nicht immer despotischer) Staat in neuartigen Verfassungen die Machtverhältnisse, wenn auch mühsam, verschleiert.

 

Das Abendland, Land der untergehenden Sonne, Europa, wird dabei eine Sonderentwicklung auf unserer Erde weiterführen, wobei deren östliche Grenzen gegenüber den Landmassen Russlands und des Orients bzw. Asiens immer neu mit Gewalt abgegrenzt werden. Der Kern des Sonderfalls lässt sich als Kapitalismus beschreiben.

Dieser Kapitalismus wird in einem Maß durch Widersprüche gekennzeichnet sein, die sich als Ambivalenzen aus Verheißung und drohendem Unheil äußern, dass erst in der großen Industrialisierung des 19. Jahrhunderts die ersten Menschen beginnen, die Unheilskomponente etwas genauer zu entdecken. Vermutlich geschieht das schon damals zu spät.

 

Als historischer Grundwiderspruch des Kapitalismus wird sich der aus seiner befreienden und seiner zugleich unterjochenden Wirkung herausstellen und sicher nicht, wie wir inzwischen sehen können, als der zwischen Kapital und Arbeit, eine eher ideale Konstruktion. Das liegt vor allem an zwei Faktoren: Als Kapitalismus zu keimen beginnt, gibt es bereits ein Jahrtausend, vielleicht sollte man sagen mehrere Jahrtausende hindurch eine Einübung in die Macht weniger und die Ohnmacht vieler, und das geht soweit, dass sie beide als quasi natürlich, und in den Formulierungen damals religiös begründet installiert sind.

Der zweite Faktor besteht in der zunehmenden Komplexität der Strukturen, in denen Menschen leben, und in der Unfähigkeit zumindest der Ohnmächtigen, sie noch zu durchschauen. Ihre Hilflosigkeit wird sich dort erweisen, wo sie in mittelalterlichen Städten aufständisch werden, dabei aber in die Grenzen gelangen, die ihnen Kapitalverwertung setzt, oder in der Unfähigkeit der Bauern, in ihren großen Aufstandsversuchen noch eine Programmatik zu entwickeln, die ihren Ruin aufhält, der allerdings auch erst im zwanzigsten Jahrhundert seinen Abschluss finden wird.

 

Seit der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht, von Bergbau, Metallverarbeitung, Handwerk und Handel nimmt die humane Bevölkerung massiv zu und konzentrieren sich Menschenmassen in Städten, Brutstätten von komplexeren Zivilisationen. Die Organisation von Massen gelingt aber nur noch hierarchisch und dabei geben die meisten Menschen immer mehr Entscheidungsbefugnisse ab. Macht wird aber zum Selbstläufer, sie tendiert dazu, immer mehr Macht zu generieren. Dabei konkurrieren nicht mehr einzelne Menschen oder Gemeinschaften, sondern ganze Zivilisationen gewalttätig miteinander: Der auf Untertänigkeit basierende Krieg wird geboren und organisiert wiederum Untertanen unter Machthabern. Das Ganze wird begleitet von einer Kontrolle der Machthaber über die Köpfe der Menschen.

 

Im 9./10. Jahrhundert scheitern die Modelle der Mächtigen, Zivilisation wenigstens etwas an der römischen Antike zu orientieren. Es ist bezeichnend, dass nur wenige "Große", wie sie die Historiker nennen, sich an eine Neuorientierung machen, während fast alle Menschen ihnen zu folgen haben. Es ist bezeichnend, dass nur eine Gruppe in dem von der Macht gesetzten Rahmen etwas ausscheren kann: Es sind dies die Händler und frühe Finanzexperten, die einmal die Luxusbedürfnisse der Mächtigen bedienen und darüber hinaus Machtstrukturen so stabilisieren, dass die ohnmächtigen Massen für die Machthabenden funktionieren. Sie werden Ansätze von Kapitalismus entwickeln, der sich dann langsam darüber ausweitet, dass er an einzelnen Punkten direkt in die Produktion eingreift und sie ansonsten zum großen Teil von sich abhängig macht.

 

Es entsteht so eine unheilige Dreifaltigkeit von "politischer" Macht, wirtschaftlicher und religiöser, die alle drei ineinander verschränkt sind, und die der Masse der untertänigen Bevölkerung meist einig gegenübertreten. Dabei wird Untertänigkeit immer weiter modernisiert werden. Für die Geschichtsschreibung bis heute gilt das als selbstverständlich, weshalb sie sich grundsätzlich als mit den Mächtigen verbündet sieht und so erst das Machtinstrument Religion begleitet und dann am Ende ersetzt.

 

Das Verhältnis von Herr und Knecht ist im Kern spätestens seit den bekannteren Anfängen der römischen Antike paternal strukturiert: Es ist im Interesse des Herrn, dass der Knecht gut für ihn funktioniert und im Interesse des Knechtes, dafür "Wohltaten" zu erhalten: Sicherung des Lebensunterhaltes und gelenkte Fütterung des emotionalen Haushaltes, was im römischen Imperium ein gewaltiges Amüsiergewerbe hervorruft. Nach so vielen Generationen der Untertänigkeit lässt sich überall beobachten, dass die Einlösung dieser beiden Elemente Untertänigkeit perpetuiert, ja sogar enthusiastisch bejahen lässt.

 

Erster Herr vor allem über alle Untertanen ist eine übermächtige und immer wieder auch bedrohliche außermenschliche Natur. Niemand weiß das besser als Menschen, die Landwirtschaft betreiben. Naturtümelei ist etwas für Wohlstandsverwöhnte, ansonsten drohen durch die Geschichte immer wieder Hunger, Durst und Not. Zivilisationen ringen bei steigenden Bevölkerungszahlen dieser Natur immer mehr ab, Römer transportieren Trinkwasser aus zig Kilometern Entfernung in die Städte und Getreide ebenso aus hunderten von Kilometern. Je mehr untertänige Menschenmassen, desto größer wird der Bedarf an solchen lebenswichtigen Gütern und dazu kommt noch vieles mehr. Wer von vielen elementaren Entscheidungen abgeschnitten ist, wird wünschend bis fordernd nach "oben" schauen und dankbar dafür sein, wenn ihm in seiner unfreien Abhängigkeit Versorgung zuteil wird. Dort, wo das geschieht, wird Untertänigkeit dann als angenehm empfunden.

 

Aber die Geschichte der Zivilisationen hat auch erwiesen, in welchem Maße untertänige Massen eine Bedrohung darstellen, nicht zuletzt auch für sich selbst. Ohne sie als Kanonenfutter gibt es nicht die Kriege, mit die größten Verbrechen der Menschheit mit fürstlichen und königlichen Schwerverbrechern. Ohne sie als von einem von ihnen nicht kontrollierten Wirtschaften gäbe es nicht die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen, die inzwischen einer absehbaren Katastrophe zusteuert.

Und, was besonders schwer wiegt: Je mehr den meisten Menschen Entscheidungen abgenommen werden, desto geringer wird auch ihr Gefühl von Eigenverantwortung: Wenn die Verantwortlichen ganz "da oben" angesiedelt sind, verschwindet das Ethos eines friedfertigen und menschengemäßen Miteinanders der meisten in den Gehorsam "nach oben", wie er heute unser ganzes Leben im ausgehenden Kapitalismus bestimmt, etwas angenehmer als in den Diktaturen drum herum, aber zunehmend von psychosozialer Verwahrlosung und der Latenz eines hohen Konfliktpotentials bestimmt.

 

 

Das Land (derzeit in Arbeit)

 

***Eigentum, Verfügungsrechte und Arbeit: Kontinuität und Wandel***(überarbeiten!)

 

Wem gehört das Land, von dem und auf dem die Menschen leben? Für heute lässt sich sagen, den meisten Menschen gehört wenig davon und oft gar keines. Wenigen wiederum gehört mehr davon. In der Regel wissen die Menschen kaum, wem was von dem Grund und Boden in Europa gehört. Seit dem Beginn kapitalistischer Entwicklung ist es nach und nach zu einer Ware wie alle anderen geworden, wird gekauft und verkauft und die Eigentumsrechte werden archiviert.

Darüber steht der Staat, zunehmend "politische" Agentur riesiger Kapitalien, die ihm nicht gehören, zu dessen Hoheitsrechten heute eine letztendliche Verfügung über allen Grund und Boden gehört. Letztlich kann er jeden mit der Begründung übergeordneter Interessen enteignen. Wem gehört das Land?

 

Heute ist jeder Quadratzentimeter Grund und Boden vergeben. Wer kein Land erbt, kann nur kaufen, was auf den Markt kommt. Wer nicht genug Geld hat und nicht erbt, steht und geht überall auf Land, welches ihm nicht gehört. Landlosigkeit aber ist eine Form von Ohnmacht, und die gibt es für viele Menschen Europas schon sehr lange.

Alles beginnt in der Jungsteinzeit mit Ackerbau und Gartenbau, mit denen sich Land unter der Bedingung von Sesshaftigkeit in Eigentum verwandelt. Dort, wo sich dann frühe Zivilisationen entwickeln, geschieht zweierlei vor allem: Die Unterschiede zwischen kleineren und  größeren Besitztümern entwickeln sich auseinander, und institutionalisierte Machthaber entwickeln Vorstellungen von Hoheit über alles Land in ihrem Herrschaftsraum.

 

Im Mittelmeerraum und daneben auch unter den Kelten vor allem entwickeln sich Formen von Häuptlingstum und daneben von Adel, wie wir das alles heute nennen. Bei den Hellenen, die die Lateiner dann Graeci nennen, sind diese Oberschichtleute mit großem Grundbesitz die aristoi, das heißt, die Besten, bei den Römern sind es die nobiles. Sie zeichnet vor allem aus, dass sie großen Landbesitz damit verbinden, andere darauf arbeiten zu lassen. Sie selbst werden zu vornehm für körperliche Arbeit und zeichnen sich stattdessen durch Waffenbesitz und darauf beruhende Gewalttätigkeit aus und durch die Kontrolle über gemeinsame Opferkulte vermittels einer Priesterschaft.

 

Mit zunehmender ländlicher Produktivität und spezialisierterem Handwerk siedeln Menschen in Orten zusammen, die sich zu Städten entwickeln. In ihnen wird Landlosigkeit zum Normalfall.

Konzentrieren wir uns nun auf die "Römer", die von einer solchen Stadt aus immer mehr Umland gewinnen und erobern. Zunehmend mehr Menschen wohnen dabei nicht mehr in der urbs Roma, betrachten sich aber weiterhin als Römer. Ihr gemeinsames Band ist neben der Sprache eine spezifische Hierarchisierung in Adel und Plebs, wobei erstere dank ihres großen Grundbesitzes die Macht im öffentlichen Raum besitzen, in der res publica.

 

Die einen arbeiten also, teils als freie Bauern, teils als Sklaven und Lohnarbeiter auf Großgrundbesitz, teils als Handwerker und Händler, die anderen kontrollieren das entstehende Staatswesen, führen das Militär an und genießen daneben den auf ihren Gütern generierten Wohlstand.

Immer noch sehr stark schematisierend, beruht die Macht des Großgrundbesitzers in der (latenten) Gewaltandrohung und grundsätzlich überhaupt auf Gewalt. Im Deutschen ist Walten Macht ausüben und Gewalt besagt, wie das im Kern geschieht. Insofern ist der Adelige ursprünglich auch ein Krieger. Wird seine Machtausübung institutionalisiert und das heißt vom Lateinischen abgeleitet zivilisiert, wird sie zueiner Art von Amtsausübung. Das nunmehr aristokratische oder noble Gemeinwesen, im Falle der urbs Roma die res publica Romana, delegiert die Gewaltausübung im wesentlichen an von der Republik beauftragte Gewalttäter, miles, die die militia bilden, das Militär, welches von Adel geleitet wird.

Nobilis verbindet sich zugleich mit dem Amt in der res publica, wobei es zu einer Ämterhierarchie kommt, die es in einem cursus, einer Laufbahn zu durchlaufen gilt. Natürlich ist die handfeste Basis der ehrenhaften Amtsausübung weiterhin Großgrundbesitz, der sich im Amt auch günstig erweitern lässt.

 

Im Verlauf der Verwandlung der res publica der Urbs Roma durch Eroberungen in einen Flächenstaat entsteht ein von einer Hauptstadt aus geleitetes Staatswesen, dessen wesentliche Basis Städte mit einer stadtsässigen Gruppe von Großgrundbesitzern sind, welche die Ämter darin einnimmt und sich durch einen überall ähnlichen "adeligen" Lebensstil, seine civilitas auszeichnet. Seine Spitze bildet die nobilitas der Senatoren, von denen es am Ende mehrere tausend geben wird. Am unteren Ende dieser stark und formell geschichteten Strukturen befinden sich die in immer größere Abhängigkeit vom Großgrundbesitz geratenden ländlichen Produzenten und eine städtische Schicht von Gewerbetreibenden.

Diese "römischen" Städte replizieren also ein Stück weit das Modell der urbs Roma. Aber was oben in Anführungsstrichen als "adelig" bezeichnet wurde, ist keine römische nobilitas, die ja aus dem städtischen Original, der Stadt Rom, hervorgegangen ist und an ihr oberstes Gremium, den Senat gebunden ist. Zwar bilden diese Leute die curia der Städte, ihren Verwaltungsrat, und sind selbst Großgrundbesitzer, die ihre Amtsbefugnisse entsprechend ehrenamtlich ausüben, aber als eigentlicher Adel gelten die in vielen Städten ansässigen Senatoren der Nobilität, auch wenn die Kurialen uns heute und den einwandernden Völkern damals wie Adel vorkommen.

 

Infolge der ständigen Kriege schwindet das freie Bauerntum besonders in Italien immer mehr dahin. Die einen geraten in Abhängigkeit vom teilweise nun riesigen Großgrundbesitz, die anderen wandern in die wachsenden Städte ab und werden dort oft zum städtischen Proletariat. Immer mehr Land in diesem Imperium gehört immer weniger Leuten.

 

Als im Großreich die Bedeutung des Militärs immer mehr zunimmt, bildet sich auf dieses gestützt eine Monarchie heraus, die wir heute unter Bezug auf den Namen ihres entscheidenden Vorläufers Caesar, der so zum Titel wird, als Kaiserreich bezeichnen. Da er eine militärische Befehlsgewalt innehat, deren Reichweite imperium genannt wird, tritt als Titel auch der des Imperators auf. Als Erhabener, augustus, und göttlicher, divus, kommen ihm oberste Priesterschaft und eine sakrale Aura zu. Als mit Konstantin die Christianisierung des Reiches beginnt, geht diese sakrale Funktion fast unauffällig auf den nunmehr bald mehr oder weniger christlichen Herrscher über.

Fast wie ein orientalischer Despot ist der Kaiser Herr über das riesige Heer, über die Kirche, einen großen Hofstaat und eine kaiserliche Beamtenschaft. Heer und Amtsinhaber bilden die militia, die nach Rang streng gestaffelt ist. Äußeres Zeichen des miles ist sein cingulum (militare), ein nach Rang ausgestatteter Gürtel. 

Wie bei den öffentlichen Kulten zuvor werden nun die Spitzen der kirchlichen Hierarchie von Vertretern dieser grundbesitzenden Oberschicht eingenommen. Das sogenannte Christentum rechtfertigt dabei schon lange den Reichtum und die Macht der Wenigen als gottgewollt und bezieht sich dabei immer deutlicher auf die antiken jüdischen Texte und die dort beschriebenen Machtverhältnisse.

 

Die germanischen Völkerschaften, die das westliche Reich übernehmen, waren zunächst wesentlich weniger geschichtet, und Krieger und freie Bauern (manchmal dasselbe) waren nicht unter derart ausgebildeten Formen von Staatlichkeit zivilisiert, ähnlich wie später auch zunächst nicht die sich in Ostmitteleuropa ansiedelnden Slawen. Die Germanen lebten wohl auf Einzelgehöften mit eigenen Äckern in kleinen Weilern, die Wald und Weide als Gemeinbesitz haben. Ihr Haupt-Nahrungserwerb war wohl die Viehzucht.

 

Im Zuge jener Wanderbewegungen, die sich dann als Eroberungen und zum großen Teil auch halbwegs friedliche Ansiedlungen erweisen, verbinden sich Kriegertum, alter und neuer (Groß)Grundbesitz miteinander zu neuen Formen von Nobilität und Edelfreiheit, neben alter und neuer Unfreiheit, und aus wichtigen Heerführern werden Könige. Die große Flächen umfassenden Reiche sind zudem nur durch eine Zwischenschicht zwischen Freien und Herrscher kontrollierbar, eine Art Hochadel, der mehr oder weniger vom Herrscher mit Amtsgewalten versehen wird.

Die umfassenden Formen ökonomischer und „politischer“ gestaffelter Halb- und Unfreiheit des Römerreiches wie zum Beispiel auch die Sklaverei werden dabei genauso übernommen wie die gesamte Begrifflichkeit mit ihren Titeln und Vorstellungen.

 

Im Grunde genommen versuchen Franken, Burgunden, Visigoten und bald auch Osthrogoten, das römische Imperium in ihren Bereichen soweit als möglich weiterzuführen und ihre Könige lassen sich dafür zunächst einmal vom oströmischen Cäsaren legitimieren. Die alte Nobilität bleibt zum Teil bestehen und beruht weiter auf Großgrundbesitz mit dazugehörigen abhängigen Bauern und Sklaven und wird nun durch eine germanische Oberschicht ergänzt. Darunter positionieren sich eingewanderte Edelfreie mit neuem, manchmal großem Grundbesitz.

 

Die Noblen besetzen weiter die Bischofsstellen und erhalten darüber hinaus weltliche Ämter zur Kontrolle der Städte, civitates, und ihres jeweiligen Umlandes, seit dem vierten Jahrhundert zugleich Diözese des Bistums. Dieser hohe Adel ist entweder als Krieger Führer einer örtlichen bzw. regionalen militia, oder delegiert im Falle der hohen Geistlichkeit diese Aufgabe an weltliche Herren.

Im Frankenreich setzt sich darüber die königliche Familie, welcher Kriegeradel und wehrfähige Bauern jährliche Heeresfolge zu leisten haben, bzw. dann mit den Reichsteilungen Familien königlicher Abstammung. Mit dem Recht des erfolgreich erobernden Heerführers nehmen die Könige gewissermaßen das Land ihres Machtbereichs in Besitz und verteilen einen Teil davon an ihre obersten Krieger weiter. Mit dem Land nehmen sie auch die entsprechenden Rechtstitel an sich und verleihen einen Teil davon an ihre obersten Untertanen.

Unter ihnen gibt es in militärischer und ziviler Doppelrolle duces und comites, hohen Adel und darunter jene Edelfreien, die sowohl Krieger sind wie auch Grundbesitzer. Während es im späten Kaiserreich eine Art geordnete Verfasstheit des Staatswesens gab, strukturieren sich die neuen Verhältnisse mit der Faust, der Waffe in der Hand und mit geschickter Heirats"politik". Dieselbe freie Oberschicht bildet auch die kirchliche Hierrarchie, die sich neben der weltlichen als Machtfaktor etabliert.

 

Eine gewisse Art von "Adel" steht also schon am Beginn der neuen Reiche, und sie baut auf der christlich-kaiserlichen römischen Oberschicht auf, die die Einwanderer mindestens in den Kernorten der civitates soweit möglich übernehmen und samt Titeln in ihre neuen Reiche einbauen. (K.F. Werner)

Sie definiert sich aus der Verbindung von Kriegertum und Amtsführung nun für den König als militia mit hinreichend großem Grundbesitz und Bevorrechtigung samt wahrem Glauben. Der höhere Klerus entstammt zunächst in der Regel wie schon unter römischer Herrschaft der senatorischen nobilitas und delegiert dabei die eigentliche Waffengewalt an die weltlichen Partner. Der Aufstieg bzw. die Weiterexistenz dieser Schicht nobler Privilegierter mit ihrem Gewaltmonopol ist für die Anfänge der neuen Reiche heute nur schlecht überliefert, und die Tatsache, dass die antik-römische Begrifflichkeit und Titulatur unter neueren Bedingungen in den von Geistlichen und Mönchen verfassten Texten weitergeführt wird, macht es nicht leichter.

 

Die sehr weltliche Übernahme der römischen villa mit ihren Latifundien durch die neuen Herren wird schon im Verlauf der Merowingerzeit ergänzt durch ihre Übernahme durch die adelig geprägte Bischofskirche und die vom fränkischen Adel übernommenen Klöster. Im Verlauf der Nachantike bis in die Schwellenzeit hinein werden insbesondere letztere zu den wesentlichen Landbesitzern - durch sich oft fromm gebende Schenkungen und Erbschaften, die im 10. Jahrhundert dann des öfteren auch aus der Not geboren sind.

 

Wem gehört das Land? Es gibt keine brauchbaren Karten und keine Kataster, aber besonders die Klöster entwickeln eigene Aufzeichnungen (Urbare). Im Grunde geht alle Verfügung über das Land vom König aus, so wie heute vom Staat. Es gibt nicht nur verliehenes Land, sondern auch Eigentum. Manche Bewohner besitzen Land als allod und haben darüber hinaus Land, welches ihnen verliehen wurde. Besitz von und Verfügung über Land sind extrem ungleich verteilt, wie in allen Zivilisationen, und manche besitzen davon gar nichts.

 

Ganz schwierig wird das Ganze durch die generelle Zweisprachigkeit. Schriftliches ist uns von Mönchen und der Geistlichkeit überliefert, die in ihrem fast noch "klassischen" Latein römische Verhältnisse in die neuen Reiche transportieren. Das regionale, nur gesprochene Volkslatein der Laien, würde es geschrieben, wiche davon immer mehr ab. Und die germanischen "Dialekte" oder Volkssprachen, ebenfalls zunächst nicht in schriftlicher Form, sind jedenfalls von ihrer Begrifflichkeit her kaum geeignet, römische Verhältnisse adäquat wiederzugeben, so wenig wie Christliches, wie es von der Kirche gepredigt wird.

 

Adel wird dabei erst auf dem Weg ins Hochmittelalter klar definiert werden, zusammen mit einem Ständebegriff. Vorher wird mit Vorstellungen von Herr und Knecht, dominus und servus, operiert, die gemeinsam zugleich Grundherrschaft und familia beinhalten. Das, was wir für diesen Zeitabschnitt als Adel vielleicht notdürftig zusammenfassen können, beinhaltet die Schicht von Grundherren, die sich aufgrund ihres Besitzes, ihrer Macht über andere  und ihrer besonderen Rechte als frei empfinden.

Anzumerken ist, dass Grundherrschaft ein neuzeitlicher Historikerbegriff ist.

 

Unter diesen Bedingungen leben die meisten Menschen schon in der Nachantike, dem frühen Mittelalter, wie es meist genannt wird. Mit den Herrschaften, die in Europa durch Eroberung entstehen, wird die Situation der römischen Antike, in welcher das Land im wesentlichen einer kleinen, reichen Oberschicht gehört, fortgeführt und noch ausgebaut.

 

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Für die Merowingerzeit sind auf dem Land neben freien Bauern vor allem weilerartige Ansiedleungen um Gutshöfe mit unfreien Arbeitskräften bekannt. Der merowingische Bauernhof mit seiner Konzentration auf Viehzucht war klein gewesen und umfasste kaum mehr als 2-4 ha. Die dürftigen Quellen lassen vier Pferde und ebenso viele Kühe, 14 Schweine und 28 Schafe als Mittel zu (Klaus Herrmann in Bayerl, S.47). Eine wesentliche Veränderung in karolingischer Zeit ist die Zunahme des Getreideanbaus.

 

An der Mosel treten im 7. Jahrhundert bereits Siedlungen in Dorfgröße auf wie Mehring mit seinen etwa 165 Siedlern und darunter 65 Freien (Anton/Haverkamp, S.55).

 

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Der Verfall von Staatlichkeit und der antiken Stadt entlasten das Land und mit dem Untergang eines Teils der antiken Latifundien entsteht ein freies, von Kleinfamilien gestütztes Kleinbauerntum, welches die wesentliche Voraussetzung für Wachstum auf dem Lande wird. Vorantreiben werden das Wachstum aber vor allem die nachantiken Kleindomänen, deren Herren als neue ländliche Oberschicht nun vor Ort leben und ein direktes Interesse an der Bewirtschaftung des Bodens entwickeln, anders als die antiken stadtsässigen Latifundienbesitzer. Deren direkte Nachfolger, die hohen Herren von Kloster, Kirche und weltlichem Hochadel, tun hingegen oft bis weit in die hier so genannte Schwellenzeit wenig für die steigende Ineffizienz ihrer weit verstreuten Domänen.

 

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Gegen Ende des 3. Jahrhunderts beginnt das Schrumpfen der Bevölkerung im römischen Gallien. Es wird vermutet, dass es teilweise bis ins 6. Jahrhundert anhält. Aber in der Merowingerzeit wächst die Bevölkerung nach Stabilisierung der Machtverhältnisse wieder und soll sich sogar innerhalb von vier Jahrhunderten verdoppeln. In einigen wenigen dichtbesiedelten Gebieten des Karolingerreiches soll am Ende eine ländliche Bevölkerung von 40 Menschen auf einen Quadratkilometer erreicht worden sein, wie im Großraum um Paris.

 

 

Technische Intensivierung entwickelt sich sehr langsam, dafür beginnt schon zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert jene Extensivierung vor allem durch Rodung, in der einzelne große Waldgebiete auf Reste in einer immer agrarischer geprägten Landschaft reduziert werden - und mit ihnen immer mehr Tierarten. In einer ersten Phase werden seit dem Ende des 3. Jahrhunderts verloren gegangene Nutzflächen zurückgewonnen, aber schon in der Karolingerzeit nimmt wohl auch Rodung nie zuvor intensiver genutzter Waldflächen zu. Vermutlich wird sie zumindest in Gallien nach dem 11. Jahrhundert nie mehr aus landwirtschaftlichen Gründen in diesem Umfang betrieben werden.

Praktisch gibt es wohl zwei Wege zu dieser Gewinnung neuer Nutzflächen. Entweder lassen Latifundienbesitzer oder Großbauern Sklaven diese Arbeit verrichten, oder aber sie beauftragen Kolonen oder freie Bauern damit und sichern ihnen dafür einen Anteil, wohl oft die Hälfte, als ihr Besitztum zu. Weniger "legaler" Raubbau an Wäldern und Feuchtwiesen wird wohl aus Eigeninitiative kleiner freier Bauern hervorgehen.

 

Vermutlich (wichtigste Qualifizierung von Äußerungen bis ins 10. Jahrhundert) setzt das durch Einführung technischer Neuerungen hervorgerufene Wachstum in der Landbewirtschaftung schon in der Karolingerzeit punktuell ein. Der Ackerbau ist zunächst extensive und knochenharte Zweifelderwirtschaft aus bewirtschafteter Fläche und Brache, wobei Ochsen Hakenpflüge ziehen, die in die Erde gedrückt werden müssen und manchmal vorne auch Räder besitzen (die carrucae). Erste hölzerne Beetpflüge, die die Schollen umwenden und das Pflügen in nur einer Richtung und nicht mehr Querpflügen ermöglichen, kommen wohl lokal seit dem 7. Jahrhundert an wenigen Orten Mitteleuropas auf.

 

Die einzige, aber enorm wichtige Maschine des Mittelalters stellt die Mühle dar, die es als Wassermühle schon im antik-römischen Kaiserreich gibt. Weitere Verbreitung scheint sie erst in der Karolingerzeit zu bekommen, und es gibt sie auch dort, wo es keinen bedeutenden Großgrundbesitz gibt (Bois, S.141).

 

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Die Antike wie auch die Nachantike basierte nicht unwesentlich auf Sklavenarbeit. Der Nachschub kam bis durch die Nachantike bzw. das frühe Mittelalter aus Kriegen und anderen Überfällen wie auch Piraterie und - wohl in deutlich geringerem Maße - durch Verkauf von Kindern aus Armutsgründen. Mit ihnen wurde ein schwunghafter Handel betrieben, wobei es eine Anzahl zentrale Sklavenmärkte wie in Prag oder Mainz gab. Aber auf dem Weg ins 10. Jahrhundert nimmt die Bedeutung der Sklaverei im lateinischen Abendland ab. Dennoch, so Gilomen allerdings ohne Belege: "Auch kleine Bauern besaßen zumindest einzelne Sklaven; noch um 800 galt es als Zeichen bitterer Armut für einen freien Mann, wenn er keinen Sklaven sein eigen nannte." (S.43). Die karolingische Gesetzgebung sah für jede Pfarrkirche eine Ausstattung mit mindestens vier Sklaven zur Bearbeitung der Kirchengüter vor. Zu Karls d.Gr. Vertrauten Alkuin wird gesagt, er besitze in seinen vier Abteien 20 000 Sklaven.

 

Der Weg ins Mittelalter II: Grundherrschaft

 

Über die rechtliche Situation der Unterschicht im 10. Jahrhundert, also fast aller, wissen wir wegen der Dürftigkeit der Quellen sehr wenig. Widukind sagt für Sachsen: Bis heute ist das Sachsenvolk (gens Saxonica) dreigeteilt in bezug auf Abstammung und Recht (genere ac lege), von dem Knechtsstatus abgesehen (preter condicitonem servilem. I,14). Der servus kann im Mittellateinischen ein Sklave sein oder ein anderer Status der Unfreiheit. Widukind setzt ihn wohl gleich mit dem vile mancipium (II,11). Ihm gilt im 10. Jahrhundert oft Verachtung bei denen, die uns Texte hinterlassen haben. Solche mehr oder weniger unfreie Familien können verkauft oder verschenkt werden (Widukind, Thietmar), allerdings oft nur mit dem Land, auf dem sie wohnen und arbeiten. Sie haben zumindest soweit Sklavenstatus (T. Reuter). Daneben ist der Handel mit Sklaven im 10. Jahrhundert ein Hauptzweig des Handels überhaupt.

 

Die Antike wie auch die Nachantike basierte nicht unwesentlich auf Sklavenarbeit. Der Nachschub kam bis durch die Nachantike bzw. das frühe Mittelalter aus Kriegen und anderen Überfällen wie auch Piraterie und - wohl in deutlich geringerem Maße - durch Verkauf von Kindern aus Armutsgründen. Mit ihnen wurde ein schwunghafter Handel betrieben, wobei es eine Anzahl zentrale Sklavenmärkte wie in Prag oder Mainz gab. Aber auf dem Weg ins 10. Jahrhundert nimmt die Bedeutung der Sklaverei im lateinischen Abendland ab. Dennoch, so Gilomen allerdings ohne Belege: "Auch kleine Bauern besaßen zumindest einzelne Sklaven; noch um 800 galt es als Zeichen bitterer Armut für einen freien Mann, wenn er keinen Sklaven sein eigen nannte." (S.43). Die karolingische Gesetzgebung sah für jede Pfarrkirche eine Ausstattung mit mindestens vier Sklaven zur Bearbeitung der Kirchengüter vor. Zu Karls d.Gr. Vertrauten Alkuin wird gesagt, er besitze in seinen vier Abteien 20 000 Sklaven.

 

Aber im 10. Jahrhundert erweisen sich rundum zu versorgende Sklaven unrentabler als abhängige Bauern auf ihren Hufen. Sklaven wachsen so erste "Menschenrechte" zu und zugleich werden freie Bauern in die Abhängigkeit gedrängt. Beide gehen mit abgestuften und zunächst auch individuell bemessenen Rechten in die Grundherrschaft ein, in der sie dann als früher Keim zukünftiger Bannherrschaft unter die direkte Gerichtsbarkeit des Herrn und zugleich unter seine Verfügung über die ländlichen Kirchen geraten.

 

Schon für das 7./8. Jahrhundert sind Urkunden überliefert, in denen Großgrundbesitzer einzelnen Sklaven die Ehe mit Freien erlauben und deren Kindern in Einzelfällen bereits die "Freiheit" versprochen wird. Solche Befreiung kann dann mit der Übergabe eines Mansus oder eines kleineren mansellus verbunden sein. In einem Urkundenformular des Mönches Marculf von 690 heißt es dann über diese Kinder: ihnen sei an Habe zugestanden, was immer sie erarbeiten mögen, allerdings müssen sie jährlich die auf den Boden bezogenen Abgaben, wie es Brauch ist für Freie, leisten (...in: Kuchenbuch, S.92).

 

Das Schwinden der Sklaverei auf dem Lande zugunsten von Zwischenstufen zwischen Unfreiheit und Freiheit wird dann im 10. Jahrhundert ein wesentlicher Aspekt, durch den die Nachantike in das Mittelalter übergeht.

 

Der unfreie und bald dann halbfreie servus ist wie schon unfreie Landbevölkerung in der Spätantike an den Boden und an seinen Herrn gebunden, dem er abgaben- und dienstpflichtig ist. Dieser ist nicht nur Grundherr als Herr über die Menschen darauf, sondern kann auch Gerichtsherr sein, ein Recht, welches aber oft auch nicht daran gekoppelt ist: Grundherr und Gerichtsherr können verschiedene Personen sein. Vermutlich haben in der Regel die Grundherrschaften Immunität, also die Gerichtsgewalt über die Bauern.

Wünsche nach mehr Freiheit werden noch von Thietmar  als presumptio bezeichnet, als Anmaßung, und vermutlich besteht ein beträchtliches Konfliktpotential. Für Thietmar von Merseburg jedenfalls bedeutet der plebeius furor, das Wüten der kleinen Leute, eine beachtlichte Bedrohung.

 

Für das 10. Jahrhundert fehlen aber weithin die Güterverzeichnisse, Urbare, die uns die Strukturen auf dem Lande näherbringen könnten.

 

Die frühmittelalterliche Grundherrschaft entsteht wohl zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert, nicht nur laut Gilomen im mittleren Seinegebiet mit seiner dichteren Bevölkerung und der Eignung für den Ausbau von Getreideproduktion. Von dort strahlt sie dann nach Norden, Osten und Süden aus (Gilomen, S. 31f). Die villa des Herrn wird größer, ebenso das Ackerland vor allem auch durch Rodungen, und mit dem saisonalen Charakter des Getreideanbaus (Pflügen, Aussaat, Ernte) wird es günstiger, Sklaven nicht mehr in großen Stil selbst zu unterhalten, sondern ihnen wie auch bislang freieren Bauern Land abzugeben, von dem sie sich selbst unterhalten.  Sie werden zu servi casati. Damit entsteht die Teilung in abhängige Bauernstellen und einem durch diese Bauern mittels Frondiensten bewirtschaftetem  Herrenland. Damit verbunden ist die Teilung in mansi servili von Sklaven im Übergang zur Rechtsperson und Mansen klassischer Kolonen.

Die Namen mansus (von mansio, Gebäude) und die altdeutsche Entsprechung Hufe (huba) als Bezeichnung für die vom Herrn abhängigen Bauernstellen verbreiten sich mit diesen zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert. Es handelt sich wohl um die Übernahme des Wortes für den Hof des Bauern aus früheren Zeiten. Es ist keine Größenbenennung, denn innerhalb einer Grundherrschaft konnte sich die Fläche einer Manse schon mal um das zwanzig- oder dreißigfache unterscheiden.

 

Seit dem späten 6. Jahrhundert finden sich frühe Hinweise auf Frondienste, also deutlicher spezifizierte, die solche Arbeiten von der überall und immer einsetzbaren Sklavenarbeit unterscheiden. "Als Entstehungszeit der primär fromdienst-bezogenen Grundherrschaft kommt dem 7. Jahrhundert wohl die Schlüsselstellung zu, da zu Beginn des 8. Jahrhunderts diese Form voll ausgebildet ist und als 'Modell' propagiert wurde. (...) Aber genaue Hinweise auf dem Herrenland zugeordnete Frondienste sind erst mit dem 8. Jahrhundert belegt." (Kuchenbuch, S.242) Damit erst ist die Grundherrschaft aus auf den Hofstellen liegenden Diensten und Abgaben vollständig. Alle diese Vorgänge finden westlich des Rheins früher statt als östlich von ihm (Verhulst).

 

Krone, hohe Herren, mächtige Kirchen und vor allem Klöster besitzen die größten Ländereien. "Die Ausdehnung der Frondienstpflichten ist zuerst auf Königsgut und erst danach auf Kirchengütern erfolgt. Während die Frondienste zuerst von Kolonen und Sklaven verlangt wurden, sind sie später auf die Güter verlegt worden." (Gilomen, S.33). Diese Entwicklung ist allerdings Vermutung und kaum durch schriftliche Quellen zu belegen. Soweit noch erkennbar, dauern die auf der Hofstelle lastenden Frondienste zwischen 3 Tagen die Woche und 14 Tagen im Jahr (Bayerl, S.45)

 

Man muss aber etwas unterscheiden zwischen der sich entwickelnden Grundherrschaft der alten Latifundien von Kloster, Kirche und Grafen, Herzögen und Königen einerseits, wobei es im Mâconnais zum Beispiel nur vier, fünf solche "alte Adelige" neben dem Großgrundbesitz der Klöster und des Bischofs gibt, und der neuen, die aus großbäuerlichen Gütern entsteht, die mit der Ausbreitung und Ausweitung von Märkten und der Geldwirtschaft, dem Zukauf von Land und dem Abhängig-Werden verarmender Bauern zu Kleinadeligen aufsteigen. Solchen Großbauern, manchmal in den Urkunden schon nobiles genannt (Bois, S.74) gelingt es dann auch consuetudines, Gewohnheitsrechte für ihre herausragende Stellung zu beanspruchen. In diesen Zusammenhang gehört dann der Zugriff auf die lokale Pfarrkirche und ihren Zehnten, manchmal im Zusammenspiel mit dem zuständigen Bischof. Später geborene Söhne werden immer häufiger auf die geistliche Laufbahn geschickt, die schon lange eng mit weltlichen Karrieren verbunden ist.

 

Solche frühen Großbauern als werdende Grundherren machen höchstens 5-10% der Familien einer ländlichen Region aus, und ein stattlicher Teil von ihnen wird durch Erbteilung und Verschuldung selbst in Abhängigkeit geraten, und nur ein kleiner Teil wird zum neuen Adel aufsteigen, der sich im Mâconnais kurz vor dem Millennium mti den Begriffen nobilis und miles zu schmücken beginnt, Vorläufer des späteren Ritter-Titels. (Bois, S.76) Dafür bedarf es dann schon der Verfügung über acht bis zehn Höfe mit Sklaven und seltener Kolonen und höchstens an die 40 ha Fläche. Dazu gehören dann große Teile des Waldes und bei Cluny des Weidelandes und der Herden von Schweinen, Rindern und Pferden. Man sucht die Nähe zu Graf und Bischof, um Aufstsiegschancen abzusichern.

Diese Leute arbeiten nicht selbst produktiv, vergnügen sich mit der Jagd und dem Kriegertum. Man heiratet nun möglichst nur noch untereinander, gibt den Kindern familienspezifische Namen, und wird im nächsten Jahrhundert dann agnatische Linien ausbilden, in denen zunehmend der älteste Sohn den Hauptteil des Erbes übernimmt. (Georges Duby) Nach und nach bildet sich so ein Geschlechterbewusstsein heraus, charakteristisch für den neuen Adel.

 

Der Form nach ist Grundherrschaft zunächst gegenüber halbfreien Bauern wie die Vasallität eine persönliche Beziehung auf Gegenseitigkeit und zum gegenseitigen Vorteil, allerdings mit einer ausgeprägter vertikalen Machtstruktur. Tatsächlich bedeuten die Verhältnisse innerhalb der familia des Grundherrn jedoch große Vielfalt von Formen der geringeren oder größeren Unfreiheit.

 

 

Nach und nach bildet sich mancherorts, besonders im fränkischen Kernland der Francia, die heute so genannte Villifikationsverfassung heraus, mit ihrer Trennung in den Herrenhof (villa) und die auf ihren Hufen siedelnden, vom Herrn persönlich abhängigen Bauern.  .


Zentrum der Grundherrschaft ist die villa des Herrn, der Salhof, mit Wohngebäuden, Scheunen, Ställen und Werkstätten, Backhaus, Brauhaus bzw. Kelter, Spinn- und Webstuben, eventuell einem Fischteich. Wo möglich kommt dazu eine Wassermühle. Dort arbeiten Sklaven und Hörige. In den Werkstätten werden vor allem die Werkzeuge hergestellt und instandgehalten, die die Landwirtschaft braucht. Daneben gibt es die rein weiblich besetzten Textilwerkstätten, um 810 sind es beim Hof Staffelsee in Bayern 24 Frauen, die vor allem mit Leinen und Wolle arbeiten: Es gibt daselbst ein genitium, in dem sich 24 Frauen aufhalten. Wir fanden darin 5 wollene Gewänder mit 4 Gürteln und 5 Hemden. (in: Kuchenbuch, S.114) 

Solche häufiger anzutreffenden Frauenhäuser bieten bei großen Anwesen auch schon einmal Überschüsse für den Markt an. Die Hörigen bzw. Sklaven, die ganz dort arbeiten, servi non casati, hausen in einfachen Hütten, oft mit ein wenig Gartenland versehen.


Dieser Hof (lat. curtis) mit gelegentlich um die 500 ha ist mit Palisaden oder bei ganz vornehmen einer Steinmauer und Türmen umgeben und befestigt. "Alles in allem gewinnen wir weniger den Eindruck eines Bauernhofes als vielmehr den eines kleinen Dorfes" (Leiverkus in LHL, S.173), allerdings eines, welches streng hierarchisch gegliedert ist.

 

Das übrige Land des Herrn wird unter den Karolingern in Mansen oder Hufen aufgeteilt, die so groß sind, dass sie eine Familie ernähren können, zwischen einem und 10 ha meist. Dort leben die Hufenbauern, die in völlig verschiedenen Verhältnissen von Freiheit oder Unfreiheit für ihre Selbstversorgung arbeiteten, zudem zeitweilig Arbeitsleistungen direkt für den Herrn erbringen und dann auch noch einen Teil ihres Ernteertrages abgeben müssen. Für die Grundherrschaft Staffelsee des Bistums Augsburg heißt das zum Beispiel: Es gehören zu derselben curtis 23 besetzte mansi ingenuiles (...) 19 mansi serviles sind besetzt. (in: Kuchenbuch, S.114). Unbesetzte Mansen, also ohne sie bearabeitende Kleinfamilie, gibt es in fast allen großen Grundherrschaften.

Dazu kommen Abgaben zum Beispiel im Todesfall oder für die Erlaubnis einer Heirat mit jemandem außerhalb der Grundherrschaft. Diese Leistungen sind aber zunächst wohl gering im Vergleich mit den verheerenden Auswirkungen des Kriegsdienstes freier Bauern: lange Abwesenheit von Haus und Hof, Verletzungen und Verstümmelungen, Tod.

 

Ziel der gesamten Grundherrschaft ist aber insbesondere als Villifikation eine Art Autarkie, komplette Selbstversorgung für einen abgeschlossenen Bereich.

 

Daneben entwickelt sich jene Gutsverfassung, bei der sich der Herrenhof auf das Eintreiben von Abgaben mehr oder weniger Unfreier vorwiegend wohl in Form von Naturalien, aber vielleicht zum kleinen Teil auch schon in barer Münze beschränkt. Solche Hof-Ordnungen entstehen bis in die Frühzeit des hohen Mittelalters.Wenn es dann kaum unmittelbares Herrenland gibt, fallen auch die Frondienste weg, stattdessen werden im Süden Westfranziens und in Italien rund 10% der Ernte als taxa abgegeben. Der Eigentümer wird so zum Grundrentner von der Sorte, die dazu neigt, diese Einnahmen auf den Markt zu werfen und zu Geld zu machen.

In Burgund wiederum sollen Höfe bis ins 10. Jahrhundert noch vorwiegend "von zentral wohnenden" Sklaven bewirtschaftet worden sein. (Gilomen, S. 35) Auf solchen auch anderswo existierenden Gutsherrschaften "ist alles in herrschaftlicher Hand und Arbeitsregie" (Kuchenbuch, S.33).

Die Villifikation, also die Aufteilung in Salhof und die Mansen abhängiger Kolonen und Sklaven, entwickelt sich offenbar an einigen Stellen erst, während sie an anderen Stellen bereits wieder durch Aufteilung des Sallandes in Mansen und Ausgabe an Hufenbauern abgebaut wird. Dazu verändert sie sich durch (Erb)Teilung der Hufen, wobei mehr Produktivität Subsistenz auf weniger Land ermöglicht (Kuchenbuch, S.50).

 

Besonders mächtige Grundherren besitzen mehrere, manchmal zwanzig oder mehr solche Herrenhöfe mit Hufenland, die weit verstreut liegen können. Der am Rhein liegende Hof Friemersheim des Klosters Werden hatte Salland, unmittelbares Herrenland bei fünf Ortschaften, gut 122 Hufen in zwanzig Orten. An der Spitze solcher Fronhöfe steht dann ein villicus oder maior, der den Komplex für den Herrn verwaltet. Ein solcher Verwalter ist ein minister, ein selbst abhängiger Dienstmann. Aus solchen Leuten wird sich ländliche Ministerialität entwickeln.

 

Schon in der Merowingerzeit kam es zu großem Grundbesitz. "Aus den Testament des Bischofs Bertechramnus von Le Mans aus dem Jahr 616 geht hervor, dass sein Besitz mehr als 300 000 Hektar Grund und Boden umfasste."

Über den Umfang des Grundbesitzes eines wohlhabenden weltlichen Herren erfahren wir aus der Zeit Karls d.Gr. dadurch, dass ein königlicher fidelis Otakar aus dem Wormsgau mit seiner Gemahlin Hruodswind (vielleicht, weil sie nur eine Tochter haben) nach und nach zumindest große Teile davon verschenken: An das Kloster Fulda geht 754 ein Wingert bei Wackernheim, 772 erhalten "die Mönche außerdem einen Herrenhof mitsamt einem Haus, das er selbst bewohnte, dazu die Hälfte seines Eigentums, das er in Wackernheim von seinen Eltern geerbt oder zwischenzeitlich hinzuerworben hatte, sowie die Hälfte seines Gutes in Saulheim." Allerdings alles erst nach dem Tode beider und ihrer Tochter. 774 gehen an Fulda unter derselben Bedingung "in Wackernheim eine weitere Hofstelle mitsamt Haus, einem Weingarten, einer Wiese und vier Unfreien". 775 gehen "die Hälfte von zwei Tagwerken Land" an eine zu Fulda gehörende Kirche in Bretzenheim. Dazu besitzen sie noch weitere Ländereien. (alles in und laut Patzold, S.29f). Dazu kommen jene beneficia an vier Orten, die nach dem Tode an den König zurückfallen, der offensichtlich der Bitte entspricht, sie dem Kloster Fulda zu schenken. "Allein in Mainz umfasste das beneficium 25 Hofstellen, 56 Unfreie und 16 Liten ("Halbfreie"), außerdem mehrere Weinberge." (s.o.). 

 

Nur zufällig ist etwas vom Umfang der geistlicher Grundherrschaften überliefert, wie vom Bistum Augsburg, dass es um 810 etwa "1427 besetzte und 80 unbesetzte Hufen" besäße (Rösener in: Römer und Barbaren, S.285).

Einen überschaubar großen Fronhof bekommen wir zur Zeit Karls d.Gr. im Urbar, dem Besitz- und Leistungsverzeichnis des Klosters Saint-Germain-des-Prés bei Paris mit seinen 23 Herrenhöfen um 830 und ca. 1700 Mansen "mehr als 30 000 Hektar Land" (Gilomen, S.35) laut dem unvollständigen Polyptichon des Abtes Irmino zum Beispiel folgendes mit: 

Das Kloster hat in Nuviliacus eine Herrenhufe mit reichlichen Nebengebäuden. Es hat dort zehn kleine Felder mit 40 Gewannen, darauf können 200 Scheffel Hafer gesät werden; Wiese neun Joch, von denen an Heu zehn Karren geerntet werden können. Es hat dort an Wald schätzungsweise drei Meilen in der Länge, in der Breite eine Meile, in dem 800 Schweine gemästet werden können. (...) Der Knecht Electeus und seine Frau, die Kolonin Landina, Eigenleute von Saint-Germain, bleiben in Nuviliacus, Er hat eine halbe Hufe, bestehend aus Ackerland sechs Gewann, aus Wiese ein halbes Joch. Er pflügt bei der Winterbestellung vier Ruten, bei der Frühjahrsbestellung 13. Er fährt Mist auf das Herrenfeld und tut und zahlt sonst nichts, wegen des Dienstes, den er dort übernimmt. (...) Es gibt in Nuviliacus sechseinhalb besetzte Hufen, die andere halbe ist unbesetzt. An Feuerstellen sind es 16. Sie erbringen für die Heeressteuer zwölf Hammel, für Kopfzins fünf Schilling vier Pfennig; 48 Hühner, 160 Eier, 600 Bretter und ebenso viele Schindeln, 54 Dauben und ebenso viele Reifen, 72 Fackeln. Sie machen zwei Weinfuhren und zweieinhalb Bretterfuhren im Mai, und einen halben Ochsen. (in: LHL, S.174)

 

Neben Dienst- und Sachleistungen ist also auch Geld zu erbringen, was bedeutet, dass die Hufenbauern Überschüsse auf dem Markt verkaufen müssen. Eine Hufe von vielleicht 14 ha konnte so im besten Falle auch einen geringen (relativen) Wohlstand erwirtschaften, wenn der Herr seinem Bauern nicht zu viel abpresste.

 

In Nogent L'Artaud gibt es zum Beispiel laut demselben Verzeichnis 24 1/2 mansi ingenuiles, die u.a. 205 Scheffel Wein zinsen,  74 Scheffel für die Schweinemast, dazu 20 1/2 Schweine, 4 Schafe, und Hühner samt Einern 74. Daneben gibt es 10 mansi serviles. Sie zinsen für die Schweinemast 21 1/2, Scheffel Wein. 8 1/2 Schafe, 650 Schindeln, 30 Hühner mit Eiern. (in: Kuchenbuch, S.125)

 

Abteien auch östlich des Rheins können inzwischen sogar  ein Vielfaches davon besitzen.

 

Einer der ganz großen Grundherren der Karolingerzeit ist das Kloster Prüm. Von ihm abhängig sind rund 3000 Höfe, die Mönche und Vasallen zu ernähren haben, besonders konzentriert um die Tochterklöster Münstereifel, St. Goar und Altrip. Viele weitere Höfe erstrecken sich aber "von Südholland bis Oberlothringen, , von der unteren Lahn bis an die mittlere Maas" und anderswo. (Kuchenbuch, S.18). In einem Urbar von 893, also vom Anfang unserer Schwellenzeit, sind sie aufgelistet.

In einer Urkunde von 886 schließt der lothringische Hochadelige und große Grundherr Hartmann einen Vertrag auf Gegenseitigkeit mit dem Abt dieses Klosters zum beiderseitigen Nutzen. Darin übergibt er dem Kloster einige Güter in bestimmten Gegenden, die er allerdings lebenslang weiter nutzen kann, um vom Kloster in anderen Gebieten Güter als beneficium verliehen zu bekommen - (zunächst nur auf Lebenszeit).

Zu den Herrenhöfen, verwaltet von maiores bzw. villici, gehört, wie detailliert beschrieben wird, das Herrenhaus, die Scheune und der Speicher. Auf Mansen sitzen mancipia, also Sklaven, die Äcker, Wiesen, Weiden und Wälder bewirtschaften. Andere Familien bewirtschaften Weinberge oder Mühlen. Sie leisten konkret benannte Dienste wie die Flachsverarbeitung und dann solche, für die nur die Zeitdauer angegeben ist (Pflügen, Transporte usw.). Daneben werden die Abgaben aufgelistet, die sie zu festen Terminen zu leisten haben.

Zu einem Hof gehört eine Kirche mit allem Zubehör und ein Priester, der zudem wiederum mit Ackerland von fünf Hufen, besetzt mit zinspflichtigen censualia mancipia, Forst für die Mast von 300 Schweinen und etwas Wingert ausgestattet ist. Die mancipia auf diesem Hof haben jährlich Wachs im Wert von sechs Denaren zur Beleuchtung der Kirche abzugeben.

 

Die Privilegierungen des Prümer Klösters umfassen seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts auch Marktrechte, Zollfreiheiten und sogar Münzrechte wie in Münstereifel. Der Anteil der Geldwirtschaft nimmt deutlich zu.

 

Grundherren können auch Bergwerks- oder Salinenbesitzer sein. Aber der Kern ihres Reichtums ist meist die Bearbeitung des Bodens, die Viehzucht und die Nutzung des Waldes. Indem sie auf ihrem Grund Mühlen bauen lassen, später Backstuben und Braustuben, wird jeder, der sie benutzen will, abgabenpflichtig.

 

Die Müller, Aufseher von Salinen, Schmiede, Hirten und Förster fallen aus dem bäuerlich-grundherrlichen Zusammenhang insofern heraus, als sie je ein spezifisches ministerium betreiben, so wie der Meier oder Villicus. Auf sie entfallen darum kaum Abgaben oder Dienste, aber sie verfügen oft dennoch über eigene Hufen.

Beispielhaft dafür ist die de molinis (...) ratio der Statuten des Klosters Corbie: Erstens, dass einem jeden Müller ein mansus und sechs Tagwerk an Land (ex bonuaria de terra) gegeben werden; weil wir wollen, dass er etwas hat, aufgrund dessen er das, was ihm zu tun befohlen wird, tun kann, und er jenes Mahlen gut und richtig macht: dass heißt, dass er Ochsen und anderes Vieh hat, mit denen er erarbeiten kann, wovon er und seine ganze Familie leben können; er soll Schweine, Gänse und Hühner füttern, die Mühle in Ordnung halten und alles Bauholz heranbringen, das zum Ausbessern jener Mühle dient, die Schleuse ausbessern, Mühlsteine heranbringen und alles, was eben dort nötig zu haben oder zu tun ist, soll er er haben und tun können. Und gleichermaßen wollen wir nicht, dass er irgend einen anderen Frondienst tut: weder mit dem Karren noch dem Pferd, er soll keinen Handdienst leisten, nicht pflügen, nicht ssäen, kein Getreide oder Heu einbringen, kein Getreide malzen, keinen Hopfen und kein Feuerholz zinsen oder sonst irgendetwas für die Herrschaft verrichten, sondern er diene ausschließlich sich und seiner Mühle. (...) Das, weil nämlich 2000 Scheffel Mehl von den Mühlen zu unserer Verfügung zum Kloster kommen müssen (... in: Kuchenbuch, S.115f)

 

In den größeren Rahmen der Grundherrschaft gehören auch freie Bauern, die aber zur Pfarrei der grundherrlichen Eigenkirche gehören und dem Pfarrer für seine "Leistungen" den Zehnten schuldig sind.

 

Rechtlich bleiben freie Bauern, die sich in eine Grundherrschaft begeben und dort auch ihr Land einbringen, in gewissem Sinne Freie, im Unterschied zu den mancipia des Herrenhofes. "... sie bleiben dem jeweiligen Grafen und natürlich dem König untergeordnet. Sie sind rechtlich frei, vom Grundherrn jedoch abhängig, denn er hat die niedere Gerichtsbarkeit und die Polizeigewalt über alle Angehörigen seiner Grundherrschaft." (Leiverkus in LHL, S.176)

 

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In der ländlichen Grundherrschaft, in der die allermeisten Menschen am Ende leben, steht neben dem Bezug zum Herrn auch der zum Diener des höchsten Herrn, dem Priester. In dem fränkischen Eigenkirchen“system“ war der Stifter und Erbauer der Kirche auch der, der den Priester bestellte. In den Anfängen war das billigerweise oft einer seiner Knechte, dessen Vorbildung und geistlicher Lebenswandel vermutlich sehr zu wünschen übrig ließen. Der große Karl fordert, die Qualität der Priester zu heben, die Erfolge treten aber, wo überhaupt, erst Jahrhunderte später ein.


Die Verbindung von Grundherrschaft und Eigenkirche tendiert dazu, priesterliche Aktivitäten und kirchliches Leben auf den Grundherrn hin zu orientieren. In den vielen kirchlichen Festivitäten entwickelt sich aber ein eigenständiges Gemeindeleben. Dieses verbindet sich später mit gemeinsamen Verabredungen für die Landarbeit und anderes.

 

Erhalten ist aus der Zeit Karls d.Gr. (um 810) das Urbar, also Gesamtverzeichnis eines augsburgisch-bischöflichen Hofes in Staffelsee mit der Michaelskirche. Die Kirche selbst ist eine Art Schatzkammer: wir fanden einen Altar, mit Gold und Silber geschmückt, fünf vergoldete Reliquienschreine, mit glänzenden Edelsteinen und Kristallen verziert, dazu ein Kupfergefäß, teilweise vergoldet, ein kleines Reliquienkreuz aus vergoldetem Blattsilber mit einem Riegel, ein zweites kleines Reliquienkreuz aus Gold und Kristall, ein größeres Kreuz aus Gold und Silber mit durchscheinenden Edelsteinen. Es hängt über dem Altar eine teilvergoldete silberne Krone, die 2 Pfund wert ist. Und in der Mitte dieser Krone hängt ein kleines kupfernes, vergoldetes Kreuz und ein kristallener Apfel. Und in dieser Krone hängen kreisförmig 35 Reihen von Perlen in verschiedenen Farben. Es sind dort an angebrachtem Silber 3 Schillinge. Dort sind 4 goldene Ohrringe, 17 Pfennige wert. (usw.usf., in: Kuchenbuch, S.111)

 

Dann finden wir dort den Herrenhof und das Haus mit den übrigen Bauten, die zur Kirche gehören. Dem Hof sind zugeordnet 740 Joch Pflugland, Wiesen, die 610 Fuder Heu einbringen können. Von der Ernte fanden wir bloß die 30 Fuder, die wir an die 72 Pfründner gaben, (...) weiter ein zugerittenes Ross, 26 Ochsen, 20 Kühe, 1 Stier, 61 Stück Kleinvieh, 5 Kälber, 87 Schafe, 14 Lämmer, 17 Hammel, 58 Ziegen, 12 Böcklein, 40 Schweine, 50 Ferkel, 63 Gänse, 50 Küken.

Vorhanden ist ferner ein genitium mit 24 Frauen, die an Webstühlen arbeiten, Gebäude für andere vom Herrn abhängige Handwerker und die Hütten der den unmittelbaren Bereich des Herrenlandes bestellenden Landarbeiter.

Soweit das Herrenland, dazu kommen 23 Hufe, auf denen freie Bauern sitzen, von denen ein Teil gelegentlich Botendienste zu leisten und die Hälfte Kriegsdienste zu leisten hat. 19 Hufen sind mit mehr oder weniger unfreien Knechten besetzt, die drei der sechs Werktage Frondienste leisten müssen und deren Frauen ein Leinenhemd oder Stoff abzuliefern hatten. Insgesamt umfasst die Grundherrschaft zwischen 200 und 300 Menschen. (Alles nach Fried, S.220ff und Kuchenbuch, S.112))

 

Eine andere Größenordnung hat das von Königsboten 787 untersuchte Kloster Fontenelle in der Normandie (St.Wandrille, in den 'Gesta' der heiligen Väter dort aufgehoben), wobei die Mansen für die Hufen stehen:

Dies ist die Summe der Besitzungen dieses Klosters, die auf Befehl des unbesiegbaren Königs Karl dem Abt Landricus von Jumièges und dem Grafen Richard im 20. Jahr seines Königtums, dem Jahr des Todes des Abtes Wido. aufgezählt wurde. Zunächst das, was zum persönlichen Gebrauch der Mönche und zu ihrem Unterhalt zu gehören scheint: 1326 ungeteilte Mansen, 238 halbe Mansen, 18 zu Handdiensten (manuoperarii) verpflichtete Mansen, zusammen 1569, unbewirtschaftet 158 Mansen; sie haben 39 Mühlen.

Zur Versorgung der Mönche dienten knapp zwei Fünftel, der Rest stand dem Abt auch und vor allem für seinen Dienst am König zu. Dazu kommt: Als Lehen ausgetan (in beneficii relaxati) sind aber 2120 ganze, 40 halbe 235 zu Handdiensten verpflichtete Mansen, die zusammen 2395 ergeben, 156 unbesetzte, die Lehnsträger selbst haben 28 Mühlen. (Kuchenbuch, S.100, Fried, S. 363)

 

Das Kloster selbst gibt also Lehen aus, ist dabei selbst Vasall, über dem wiederum Vasallen stehen, die auf oberster Ebene einem Fürsten/König treu zu dienen haben. Sehr große Klöster können rund hundert Vasallen haben. Solche Vasallen als Grundherren besitzen vererbbares Allod, dann oft Gut, welches mit einem Amt oder einer Funktion verbunden sein kann, und Lehnsgut, beneficia. Aus der Verbindung von Grundherrschaft und Vasallität entfaltet sich feudales Rechtsgefüge.

 

 

Kirche (muss überarbeitet werden)

 

Das Flickwerk der Endredaktion der Evangelien, Lebensgeschichte Jesu, Passion, Auferstehung, Himmelfahrt, angekündigte Wiederkehr begründet die von den Autoren berichtete Gleichgültigkeit Jesu gegenüber der weltlichen und zunächst auch priesterlichen Macht (in Palästina). Kurz zusammengefasst wendet sich der evangelische Jesus gegen jede Rebellion gegenüber der römischen Besatzungsmacht, da diese in die "Welt" verzettelt und damit von der Erringung des "Himmelreiches" abhält. Mit dem göttlichen Erlösungswerk würde alle irdische Macht ohnehin in Bälde untergehen. 

Nachdem sich die Erlösung auf immer unbestimmtere Zeit verabschiedet hat, passt es aber zu der neuen Diesseitigkeit der "Christen", diese Gleichgültigkeit des (verschwundenen) Erlösers nun in eine Bejahung der irdischen Machtverhältnisse umzudeuten. Da die Kirche immer mehr Machtfaktor wird und werden will, arrangiert sie sich zunächst mit den irdischen Mächten und bejaht sie dann rückhaltlos auf dem Weg in den konstantinischen Machtapparat.

 

Von der evangelischen Botschaft bleibt so fast nichts mehr übrig. Die Kirche vertritt seit ihrer Entstehung die Gegensätze von arm und reich, mächtig und ohnmächtig als gottgewollt. Dass Großgrundbesitzer aus der Landarbeit von Sklaven und Kolonen ihren Anteil abschöpfen, ist es ebenfalls. Aber sie übernimmt aus der aristokratischen Grundhaltung der römischen Oberschicht auch die Verachtung für Gewerbe, Handel und Finanzgeschäfte. Dabei entwickelt sie die Vorstellung von einem gerechten Preis von Waren auf dem Markt, der nicht auf Angebot und Nachfrage gründet. Alles darüber hinaus ist Preiswucher. Zins auf Land oder andere Immobilien hingegen ist christlich, da der Zahlende Nutzen gewinnt. Kaufleute jedoch, die mehr als den pretium iustum verlangen, sind Wucherer, und wer Geld gegen Zinsen verleiht, ist ein ganz schlimmer Sünder, denn er nutzt die Not, den Bedarf anderer aus. Dabei bleibt die Vorstellung ganz außen vor, dass Geld als Kapital (ausschließlich) investiert wird, um es zu vermehren, - ein Manko, welches der antiken Vorstellung von Geld entspricht. (Gilomen, S.8f)

 

Der neue Widerspruch im sich entfaltenden Christentum zwischen paulinischen und evangelischen Botschaften einerseits und der kirchlich verwalteten Realität andererseits ist nicht nur einzigartig unter den drei (Schrift)Religionen, sondern auch verglichen mit allen Opfer- und Ritualkulten. Für die meisten Christen, denen ihre Religion ausschließlich durch die Kirche vermittelt wird, ist dieser elementare Widerspruch aber vorläufig nicht wahrnehmbar.

 

Zwischen dem armen Wanderprediger Jesus und einer immer reicheren und mächtigeren Kirche gibt es bald nur noch ein Bindeglied, den offiziellen Kanon heiliger Schriften des 1. Jahrhunderts, der einerseits nicht abgeschafft werden kann, da er als Grundlage der Kirche diente, andererseits aber zur Praxis der Kirche und ihrer Gläubigen in immer größeren Widerspruch tritt. Auf dem Weg von der Antike ins Mittelalter hilft der Kirche dabei die zunehmende Illiteratheit der allermeisten Menschen, die anstelle des Evangeliums nun eine von der Kirche bereinigte und tendenziell etwas andere frohe Botschaft geboten bekommen – es sei denn, man nähme als eigentliche, unchristlich-frohe Botschaft, dass das angekündigte Weltenende noch nicht eingetreten ist und die Geschichte der Menschheit mit einer gewissen Kontinuität noch weitergeht.

 

Die radikale und zugleich einzig mögliche Lösung nach dem Ausbleiben des Erlösers ist der offensichtlich nur wenigen gegebene Zustand der Heiligkeit, der als engelsgleiche oder wenigstens ähnliche Existenz versucht, möglichst viel vom Zustand der Erlösung auf Erden schon vorwegzunehmen. Angestrebt wird dabei kein Zustand des Leidens, sondern einer der glückseligen Freude, der aus den Mühen der Verleugnung bzw. Ablehnung der Menschennatur hervorgehen soll. Dies ist die Idee mönchischer Existenz.

Dieser Zustand ist dem Klerus aber deswegen nicht möglich, weil er sich mitten in jener Menschenwelt der Laien aufhält, der dieser Anspruch nicht zuzumuten ist. Ein eheloser und unbeweibter Klerus ist schon bald nicht mehr allgemein durchsetzbar, schon gar nicht in den germanischen Nachfolgereichen, und die Neigung, das kollektive Eigentum der Kirchen so zu mehren, als ob es Privateigentum wäre, und Privateigentum als Teil eines klerikalen Status anzusehen, wird ebenfalls gängige Praxis spätestens seit dem vierten Jahrhundert.

 

 

Das Christentum ist ein Resultat einer hellenistischen und dann römischen Überfremdung insbesondere der Oberschichten in Palästina, hat also seine Wurzeln nicht mehr in kulturellen Gemeinschaften, sondern in einer Misch-Zivilisation aus heimischen und angeeigneten fremden Elementen. Es tritt dann in einen hochzivilisierten hellenisierten Raum des römischen Imperiums ein, um schließlich auf "barbarische" Kulturen zu treffen, für die Zivilisierung, Überfremdung und Christianisierung zugleich stattfinden. Der christliche Grundwiderspruch trifft so auf den zwischen Macht und Ohnmacht bzw. Besitz und Proletarisierung.

 

Mit dem Ende des weströmischen Imperiums bedeutet Christianisierung für die Nachfolgereiche entweder Unterwerfung unter die Religion der militärischen Machthaber oder aber Missionierung, die vor allem da erfolgreich ist, wo sie militärisch abgesichert wird. Immer aber bedeutet sie Zerstörung tradierter kultureller Elemente als Zivilisierung.

 

Auf dem Weg von der Antike ins Mittelalter verwandelt sich das Christentum für die allermeisten Neubekehrten in eine Sammlung disparater Geschichten und Geschichtchen, deren zentrale Botschaft immer die Unterwerfung unter die Kirche und die mit ihr verbündeten weltlichen Herren ist. Dem dient dabei das Kuriosum, dass diejenigen sagenhaften Geschichten, die im Alten Testament mit seinen mythischen Königen, sagenhaften Kriegern, Helden und Heldinnen den von Priestern entwickelten jüdischen Nationalmythos ausmachen, immer größere Bedeutung gewinnen. Direkt nebenan werden dabei aber weiter die jüdischen Nachbarn als Menschen zweiter Klasse behandelt, oft geduldet, gelegentlich verfolgt. Die Kritik, die der Jesus des Paulus und der Evangelien am Judentum formulierte, wird so substantiell ignoriert und zugleich zum Vorwand für die gelegentlich schlechte Behandlung der aktuellen Juden.

 

 

Widersprüche über Widersprüche. Der evangelische Jesus hatte wohl Armut und Besitzlosigkeit propagiert, aber seit dem Bündnis mit der antiken Macht gewinnt die Kirche Reichtum durch Schenkungen, mit denen sich immer mehr weltliche Herren in das Himmelreich einkaufen. Dieser Reichtum wird mit der Armut der Produzenten erkauft. Schon in den Reichen der Westgoten und Franken werden prächtige Bischofspaläste zu den herausragenden (steinernen) Gebäuden in den rudimentär gewordenen Städten, und Bischöfe häufen sowohl privaten wie kirchlichen Reichtum an. Bevor die Luxusbedürfnisse einer altneuen weltlichen Herrenschicht den Fernhandel wieder ankurbeln, sind es Luxusbedürfnisse der Kirche (und der Klöster), die Kirchen und Paläste schmücken. Und die „wichtigeren“ Kirchen und Klöster sammeln nicht nur Grundbesitz, entwickeln nicht nur Pracht, sondern häufen Schätze an, Gold, Silber, Edelsteine, wertvolle Tücher usw..

 

Der legitimatorische Dreh, mit dem eine reiche Kirche und reiche Klöster der Masse der Armen und mit ihrer Körperkraft Arbeitenden gegenübertritt, besteht darin, dass der klerikale und klösterliche Reichtum Gemeineigentum von Kollegien sei, die dieses im Namen Gottes und der Heiligen verwalteten. Zudem wird die sakrale Prachtentfaltung als eine zum Lobe Gottes deklariert. Die Massen der armen und illiteraten Landbevölkerung lebt zunächst wohl mit diesem und anderen Widersprüchen, ohne darauf Gedanken zu verschwenden, ist ihre Christianisierung doch nicht weit gediehen und weit entfernt von den Gedanken eines Paulus oder eines Evangelisten – dafür ganz nahe dran an den realen Machtverhältnissen und dem eigenen Überlebenskampf. Eklatant werden diese Widersprüche erst in den Städten, wenn dort die Anhäufung von Besitz, von Geld und (zunächst kleinen) Kapitalien jenes Begehren nach Besitz und nach immer mehr davon auch in weltliche Hände bringt, ohne dass diese dafür eine kirchlich abgesegnete Legitimation beibringen können, die über vermutlich nicht immer überzeugende prätendierte Gottgewolltheit hinausgeht.

 

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Da für Kirchenchristen das Heil über die Eucharistie und andere sakramentale Akte läuft, wird später die originäre tatsächliche Machtbefugnis von Päpsten die, einzelne Leute zu diesen Vorgängen zuzulassen oder aber von ihnen fernzuhalten., was durch die sogenannte Exkommunikation geschieht, oder noch schärfer, indem ganze Orte oder Länder dem Interdikt verfallen, dem Verbot an die Priesterschaft, dort ihres Amtes zu walten. Da nach Verfall des weströmischen Staatswesens die Bindekräfte persönlich werden, wird der religiös gestaltete Treueeid immer wichtiger. Aus Matthäus leiten die Päpste dann später auch das Recht ab, die Menschen von solchen Eiden zu lösen, was am Übergang vom frühen zum hohen Mittelalter immer wichtiger werden wird.

 

Über die augustinische Lehre von der himmlischen und der irdischen civitas und die gelasianische Zweigewaltentheorie auf Erden samt Papst Gregors IV. Behauptung von der Überlegenheit der geistlichen Gewalt ist das Papsttum doch abgesehen von seinem Führungsanspruch in Fragen der Lehre im wesentlichen das Bistum von Rom geblieben. Erst unter dem Schutz von Byzanz, dann dem der fränkischen Herrscher, bleibt es schwach.

 

Klöster und Klerus gehorchen unterschiedlichen Regeln, mit denen sie aus der Laienschar herausgehoben sind. Gemeinsam ist ihnen idealiter in der Nachfolge Jesu und der Apostel der Verzicht auf persönliches Eigentum, die Keuschheit als Verzicht auf das Ausleben des Geschlechtstriebes und überhaupt ein gemeinschaftliches Leben außerhalb bzw. am Rande der „Welt“, des saeculum (der Zeitlichkeit). Schließlich gehört dazu bei beiden der bedingungslose Gehorsam entweder gegenüber dem Abt oder gegenüber dem Vorgesetzten in der kirchlichen Hierarchie.

Saeculum meinte ursprünglich ein Zeitalter, eine Lebenszeit, dann auch ein Jahrhundert, wie es sich im spanischen siglo zum Beispiel erhalten hat. Im kirchlichen Sprachgebrauch wird daraus alles "Zeitliche" als "Welt" im Gegensatz zum zeitlos-ewigen Reich Gottes außerhalb der Welt. Im Sinne dieser Wortbedeutung lässt sich für die christliche Welt eine Epoche zunehmender Sakralisierung im 11. Jahrhundert feststellen, auf die die Umkehr in die Säkularisierung seit dem 12. Jahrhundert erfolgt. Am Ende bedeutet dann Säkularisierung Entkirchlichung bzw. Aufhebung von Klöstern, wie sie zum ersten Mal in der sogenannten großen französischen Revolution Programm wird.

 

Nachdem Priester das Exklusivrecht auf die Durchführung sakraler Handlungen mit ihren magischen Momenten bekommen haben, Mittler zwischen ihrem Gott und den Laien werden, werden sakrale Ansprüche wie der einer "Reinheit" an sie nötig, um ihnen die entsprechende Autorität zu verschaffen. Andererseits fallen die hohen kirchlichen Ämter bald an Mitglieder der römischen Oberschicht, und mit Kaiser Konstantin wird der höhere Klerus eingeladen, Teilhaber an der weltlichen Macht zu sein.

Kaiserliche Familie und reiche Oberschicht versorgen die Kirche nun mit kompletten sakralen Gebäuden („Kirchen“), die über den Gebeinen von Märtyrern errichtet wurden, und mit Geschenken. Die Bischofskirche wird so zum kollektiven Eigentümer an immobilem Besitz und von Geld. Auf der Seite der „weltlichen“ Macht, die sie schützt und verstärkt, droht ihr von nun an „Verweltlichung“, besonders als sie dann Seite an Seite mit den weltlichen Herren der neuen, germanisch dominierten Reiche auftritt, und dafür mit immer größerem Grundbesitz und immer mehr Rechten ausgestattet wird.

 

Ähnlich erging es den Klöstern, die neben der Kirche existieren, die aber diese zu vereinnahmen versucht. Sie werden seit den Reformen des Columban immer mehr mit Mitgliedern der Oberschicht besetzt, und ähnlich wie die Kirche mit Grundbesitz versorgt. Die strengen Regeln einer Klostergründung tendieren dann immer wieder hin zu Lockerungen, worauf dann Klöster entweder der Auflösung entgegen gehen oder aber einer „Reform“, der Wiederherstellung der Ordnung.

 

Auf den Versammlungen der Kirche werden ebenso immer wieder Reformen (Wiederherstellungen) beschlossen. Dass sie nicht dauerhaft umgesetzt werden, zeigt beispielsweise das bis Ende des Mittelalters immer wieder auftauchende Thema Zölibat, also Ehelosigkeit der Priester, welches weiter unten genauer angesprochen wird.

Da die Kirche eine Institution zur Verwaltung ewiger Wahrheiten ist, kann für sie Reformieren nur Erneuerung im Sinne von etwas Altem, Vorgegebenem sein. Der eher neuzeitliche Reformbegriff, der Veränderung als neuartige Verbesserung meint, ist bereits ein Kind des sehr späten Kapitalismus.

 

Bei der Auseinandersetzung um die Führungsrolle in der Kirche gewinnt Rom, was in der Zeit der Auflösung des weströmischen Reiches von Papst Leo ("dem Großen") ausformuliert wird. Zunehmend übernehmen Päpste wie Gregor ("der Große") in ihrer Stadt wie auch Bischöfe in anderen Städten des lateinischen Abendlandes zivile und militärische Funktionen, wobei sie auf Widerstand des stadtrömischen Adels stoßen. 

 

In einem ist die Kirche der weltlichen Macht weit voraus: Noch in der Merowingerzeit bildet sich im Verbund von geistlicher und weltlicher Macht die Pflicht des Gläubigen zur Zahlung einer decima, eines Kirchenzehnten heraus, einer damals allgemeinen Einkommenssteuer, die immer mehr auf alle weltlichen Einkünfte ausgedehnt wird. Da Bischöfe davon aus jeder Pfarrei ein Drittel ungefähr einbehalten, haben sie ein ganz besonderes Einkommen neben dem aus den eigenen Grundherrschaften in ihrer Diözese und darüber hinaus und neben den Einnahmen aus bis ins hohe Mittelalter steigenden Rechten (Münzrecht usw.) 

Dazu entwickeln die römischen Päpste weitere Einkommensquellen aus ihren über Italien verstreuten Gütern, die als Patrimonium Sancti Petri bezeichnet werden und aus einem sich vor allem über Latium erstreckenden Herrschaftsraum über ihre Diözese hinaus, den die Langobarden dann gefährden, was zum Hilferuf an die Frankenherrscher führt.

 

Die Verklammerung von Kirche und Macht erreicht, wie schon einmal in der Endphase des römischen Reiches (siehe Anhang 2) einen neuen Gipfelpunkt mit der Annäherung karolingischer Herrscher und der Päpste, also den römischen Bischöfen, die ein geistliches Primat über die „katholische“ Kirche beanspruchen, und endet in der päpstlichen Kaiserkrönung Karls.

 

Darunter besteht eine Bischofskirche, die "geistliche" Macht mit der weltlichen eines großen Grundherren mit seiner abhängigen Bevölkerung und mit Ansätzen von Herrschaft über die eher noch weiter verfallenden Städte zunächst in Kokurrenz mit einem Grafen"amt" verbindet. Weltliche Grundherrschaft wiederum kontrolliert Kirche in ihrem Bereich, errichtet bescheidene Kirchengebäude als Pfarren und bestellt Pfarrer dafür, die in der Regel kaum dafür ausgebildet sind. Auch von Grundherren gestiftete Klöster geraten unter ihre weltliche Kontrolle.

 

Mit dem Verfall der kaiserlichen Zentralgewalt unter den Kindern und Enkeln des großen Karl wird die Kirche als Klammer und Ordnungsfaktor noch wichtiger. Benedikt von Aniane vertritt eine von Ludwig dem Frommen unterstützte Klosterreform, die die Klöster im Reich vereinheitlichen soll, und mit der Institutio canonicorum Aquisgranensis (Aachener Institution) von 816 soll so etwas im kaiserlichen Sinne auch für die Kirche erreicht werden.

 

Vorbild für die nun erneut verlangte vita communis ist Augustinus, der schon in seinem Elternhaus in Thagaste und dann als Bischof von Hippo mit seinen Klerikern in einer Art klösterlicher Gemeinschaft lebte.

Regularkanoniker, auch Augustiner-Chorherren genannt, legen ein Gelübde auf ihr Domstift (Hochstift) oder Kollegiatstift (Niederstift) ab und wählen unter den beiden überlieferten Augustinusregeln entweder die maßvollere Version Praeceptum / ordo antiquus oder der strengeren Observanz folgend die Version Ordo monasterii / ordo novus aus. Ein so oder ähnlich einheitlich geregeltes Leben wenigstens des hohen Domklerus in Ehelosigkeit, Gemeinschaft und kirchlichem Gemeineigentum soll also nun durchgesetzt werden, um Kirche auch im Interesse weltlicher Herrschaft zu stabilisieren. Das gelingt aber nicht überall und auf Dauer.

Vielmehr geraten die Kirche und das Kloster in den gewalttätigen Wirren des neunten Jahrhunderts immer mehr in Abhängigkeit von fürstlichen und kleineren weltlichen Herren, deren Schutz sie bedürfen, dabei gleichzeitig von ihnen bedroht.

 

Die Autorität Karls über die Kirche schwindet ausgerechnet unter jenem Sohn Ludwig, der als "der Fromme" in die Geschichtsbücher eingehen wird. In seinem Fürstenspiegel für Ludwigs Sohn Pippin, 'De Institutione Regia', rekurriert der einflussreiche Jonas, Bischof von Orléans, bereits wieder auf die gelasianische Zweischwerter-Theorie:

Da das geistliche Amt eine solche Autorität besitzt, und eine solch gewichtige Entscheidungsmacht, dass sie für die Könige selbst vor Gott Rechenschaft abzulegen haben, ziemt es sich, was sage ich, ist es nötig, dass wir uns ständig mit eurem Seelenheil befassen und das unsere wachsamen Ermahnungen euch hindern zu irren – Gott schütze euch davor - (…) Das königliche Amt ist ganz besonders das, das Volk Gottes mit Billigkeit und Gerechtigkeit zu regieren (...) In der Tat, der König muss zuallererst der Verteidiger der Kirchen und der Diener Gottes sein. (Nach dem Französischen in Audebert/Treffort, S.18))

 

Zugleich bleibt Jonas aber ein treuer Anhänger Ludwigs, wie er zum Beispiel auf dem Konzil von Paris 829 beweist. Als ein solcher weist sich auch Hinkmar aus, der 822 zur Ausbildung an den Hof Ludwigs des Frommen zu Aachen geschickt wird. Er wird Vertrauter des Kaisers und danach Vertrauter des westfränkischen Königs Karls des Kahlen und als solcher 845 Bischof von Reims.

 

882 richtet er kurz vor seinem Tod an den westfränkischen König Karlmann in Quierzy einen als 'Admonitio Hincmari ... ad episcopi et ad regem Karolomannum' betitelten Text, der als 'De ordine palatii' in die Geschichtsschreibung eingehen wird. Der erste Teil ist eine Art Einleitung, in der die königliche Gewalt nicht zuletzt im Verhältnis zur geistlichen dargestellt wird:

 

So möge denn der Herr König begreifen, zu welchem Amte (officium) er aufgestiegen ist, und er möge hören auf die warnende Mahnung des Königs der Könige, der ihm ebenso wie anderen Königen sagt: „Und nun, ihr Könige, habt Einsicht, lasst euch belehren (…) Wie daher der selige Papst Gelasius im Brief an Kaiser Anastasius aus der heiligen Schrift zeigt, und wie auch in den Akten der kürzlich beim Märtyrergrab der hl. Macra gefeierten Synode enthalten ist, sind es zwei, von denen (...) diese Welt hauptsächlich regiert wird: die geheiligte Autorität der Priester und die königliche Gewalt. 

Es folgt dann, dass die Bischöfe Aufseher (episcopoi) seien. Aufgabe der Aufseher ist es, dem ihm anvertrauten Volk (populo) durch Beispiel und Lehre unablässig zu verkünden, wie es zu leben hat. (Kap.III) Schließlich heißt es, ganz im Sinne des evangelischen Jesus: Es gilt, Gott mehr (zu) fürchten als menschliche Satzung. (S.73)

 

Außer auf Papst Gelasius bezieht sich Hinkmar für die Rolle von geistlicher und weltlicher Gewalt auf die kurz zurückliegenden Synode von Firmes (April 881), die er maßgeblich beeinflusst hatte.

 

In 'De ecclesiis et capellis' wird das in einen großen Zusammenhang gestellt: Wahrlich, Christus ist das Haupt der Christenheit, und die Kirche, die der Körper Christi ist, setzt sich aus zu Engeln gewordenen Heiligen, den lebenden und den toten Christen, zusammen. Derart sieht man, dass sie den Körper bildet, der die unterschiedlichen Glieder vereinigt. (in Audebert/Treffort, S. 70) Der Himmel reicht so, wie dann auch bei Herrscherdarstellungen des 11. Jahrhunderts, bis in die Erde hinein, und vermittels der Kirche leben die noch irdisch Lebendigen und die auferstandenen Toten und die, die noch der Auferstehung harren, in einer Gemeinschaft zusammen.

 

Für die Verselbständigung des Papsttums und Zentralisierung der Kirche steht mehr als andere Nikolaus I., Papst von 858-867. Seine Machtposition belegte er im Konflikt mit König Lothar II. (von Lotharingien), der sich wegen Kinderlosigkeit 862 von seiner Ehefrau trennen möchte, um die Konkubine Waltrada zu heiraten, mit der er bereits einen Sohn hatte. Zwei Aachener Synoden genehmigen ihm das, worauf sich Hinkmar von Reims mit Rückendeckung Karls des Kahlen dagegen und an Nikolaus wendet. Nikolaus exkommuniziert nun die Synoden und die die Scheidung betreibenden beiden Erzbischöfe.

 

Etwa in der Zeit kommt es zum Konflikt mit Ostrom, da sich Nikolaus intensiv für die Slawenmission engagiert. Im Konflikt mit dem neuen Patriarchen Photius exkommuniziert Nikolaus ihn zunächst (863,) wobei er sich mit Byzanz über die filioque-Frage so entzweit, dass der östliche Patriarch 867 gegen ihn den Bannfluch (anathema) erlässt.

 

Im letzten Kanon des Konzils von 863 wird die päpstliche Position deutlich:

 Wenn jemand den Dogmen, Anweisungen, Verboten, Sanktionen oder Dekreten , wie sie heiligmäßig vom Haupt des apostolischen Stuhls erlassen werden, handele es sich um den katholischen Glauben, die kirchliche Disziplin, die Ermahnung der Gläubigen, die Züchtigung der Missetäter, Interdikte, die gegenwärtige oder zukünftige Übel betreffen, nicht folgt, er sei verflucht. (Nach Audebert/Treffort, S.18)

 

Abt Regino von Prüm schreibt einige Jahrzehnte später lobend und etwas übertreibend über ihn: Seit dem seligen Gregor kann ihm kein Bischof, der in der Stadt Rom auf den Sitz des Pontifex erhoben wurde, verglichen werden. Den Königen und Tyrannen gebot er und beherrschte sie durch seine Autorität, als ob er der Herr der Welt gewesen wäre. Er zeigte sich demütig, süß, fromm und wohlwollend gegenüber den gewissenhaften Bischöfen und Priestern , die die Vorschriften des Herrn beachteten, furchtbar und von äußerster Härte für die nicht Frommen und die, die vom rechten Weg abwichen. (Nach Audebert/Treffort, S.18f)

 

Der Investiturstreit des hohen Mittelalters kündigt sich schon leise an, wenn auch nur in solchen Texten, denn in der Praxis sind Päpste vor allem Bischöfe ihrer Diözese, darüber hinaus mit der Realisierung ihres Patrimonium Petri beschäftigt. Zu den Bistümern jenseits der Alpen besteht wenig Kontakt und fast keine Oberaufsicht, und selbst in Italien ist der tatsächliche Einfluss gering. „Die Umgebung der Päpste in dieser Zeit ist so lokal und provinziell wie im allgemeinen der päpstliche Wirkungsbereich.“ (Tellenbach in Bernward, S.74)

 

In derselben Zeit wird eine Konstantinische Schenkung erfunden, die im Kern besagt, dass Kaiser, als er sich nach Byzanz zurückzog, den Westteil des Reiches den Päpsten überlässt. "Als Zeichen seiner kaiserlichen Stellung habe Konstantin Silvester und seinen Nachfolgern unter anderem das Phrygium verliehen, das als schneeweiße Kopfbedeckung für die goldene Krone stand, den purpurfarbenen Mantel und die scharlachrote Tunika sowie das Szepter und andere Herrschaftsinsignien; er habe festgelegt, dass die Päpste das Phrygium bei Prozessionen zur Nachahmung Unseres Reiches tragen dürften." (Borgolte, S.76)

 

 

Kloster (derzeit in Arbeit)

 

Der Weg der Entstehung von Klöstern führt nicht über die Kirche, sondern über Einsiedler, die jene Welt fliehen, welche die Kirche nur (bald zusammen mit der "weltlichen" Macht) verwaltet. Alles auf die (irdische) Welt gerichtete Begehren soll dabei auf das zum Überleben Notwendige reduziert werden, damit der Mensch weitgehend zu jenem Geistwesen wird, als welches allein er dann ja nach dem Tod in die himmlische Gegenwart Gottes gelangen kann. Diese Übung heißt im Griechischen wie auch andere askesis.

 

Grundsätzlich hinderlich auf dem Weg der wenigen Frommen ist der menschliche Geschlechtstrieb, und zwar laut den Kirchenvätern (insbesondere Augustinus) deshalb, weil er mit dem ersten Sündenfall der Willkür der Menschen entzogen wurde: Das sexuelle Begehren überfällt die Menschen eben auch völlig gegen deren Willen. Damit hält es vom Weg in die ewige Seligkeit ab, der vor allem ein Weg möglichst kontinuierlichen Gebetes ist, um den Anfechtungen des Leibes zu entkommen.

Der Weg in die Heiligkeit als Nachfolge eines nicht mehr anwesenden und so bald auch nicht mehr wiederkehrenden Jesus führt konsequenterweise in die Absonderung von den Menschen, besonders der Männer von Mädchen und Frauen.

 

Klöster entstehen ursprünglich aus dem geregelten Zusammensiedeln von Einsiedlern in einer abgeschlossenen Ansiedlung, wie es schon im Konzept des ägyptischen Pachomius in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts vorgesehen ist. Die Askese als Weg zu Gott soll von der Selbstversorgung des Einzelnen zu der Autarkie der klösterlichen Gemeinschaft übergehen.

 

Der namensgebende Kern eines Klosters als Ort der Weltflucht ist deshalb das claustrum, der von der (übrigen) Welt abgeschlossene Gebäudeteil, die Klausur eben, die den Mönchen alleine vorbehalten ist. Aus ihm ist für die Mönche mit der übrigen Welt auch das weibliche Geschlecht ausgeschlossen, und damit jenes Werkzeug des Teufels, welches sie vom Erstreben des ewigen Lebens abhält (und vice versa natürlich auch).

Die Idealvorstellung des benediktinischen Klosters nach seinem Regelwerk wird dann jene Autarkie, die es aus der Welt herausheben soll. In seinen Mauern ist man Gott nah und zumindest den Engeln ähnlich, was außerhalb nicht möglich sein kann. Die Klosterpforte mit einem bewährten Mönch als Pförtner soll vor allem die "Welt" draußen halten. Gästen soll die Klausur, der engere Klosterbereich, verschlossen bleiben. Mönche wiederum sollen in der stabilitas loci nicht außerhalb des claustrum wohnen oder sich aufhalten.

 

Abgeschlossen von der "Welt" heißt nicht, dass Klöster nicht in der Nähe von Städten entstehen, was in Gallien sehr häufig der Fall ist. Solche, die wie Columbans Luxeuil tatsächlich in einer einsamen Gegend entstehen, werden, so sie berühmt werden, durch Besucher an die "Welt" angeschlossen. Anderen schließt sich im Laufe der Zeit eine Handwerker- oder sogar Kaufleutesiedlung an. was bis zur Gründung einer Stadt führen kann (neben vielen anderen St.Gallen)

 

Schon vor dem Regelwerk von Benedikt von Nursia besteht der Alltag im Kloster aus Beten, dem Singen von Psalmen, der Lektüre heiliger Schriften, schließlich der Vermeidung fast jeglichen Gespräches, wodurch der monachos erreichen sollte, auch in der Gemeinschaft ein wenig einsam zu sein und dem Gerede und dem Geschwätz des Laienalltags zu entkommen.

 

 

Bevor Klöster in der Francia groß und mächtig werden, sind sie oft als überschaubare Einheiten in ehemaligen römischen Gutshäusern auf dem Lande untergebracht. "Der von einem Kreuzgang eingefasste Klosterhof, den man im westlichen Europa überall findet, hat sein Vorbild in dem offenen Säulengang, der sich in der Mitte jedes römischen Landhauses befand." (Brown2, S.177) Besitz gab es zunächst kaum, nur eine Bibel war mit Sicherheit vorhanden, und das Nachsinnieren über die Inhalte dieser heiligen Schrift war neben dem Gebet eine der Hauptaufgaben.

 

Neben der zunehmend von einer Oberschicht kontrollierten Kirche und unabhängig von ihr entstanden, entwickelt diese bald das Bedürfnis, sich die Klöster zu unterwerfen, um zu verhindern, dass dort ein konkurrierendes Christentum entsteht. Als der bald heilige Martin in und bei Tours laut den wenigen erhaltenen Nachrichten Bischofsamt und Mönchtum in einer Person verbindet, ist dieser Weg auf eine besondere Weise gewiesen. (siehe …)

 Nach Anerkennung von Klöstern durch eine von ihren Machtpositionen her aristokratische Kirche werden sie durch Spenden und dann sogar von weltlichen Herren betriebene Klostergründungen samt weltlicher Ausstattung verändert. Sie besitzen nun eine innere Klausur, in die nur Mönche hineindürfen, eine äußere Ummauerung oder wenigstens Abgrenzung, die über den inneren spirituellen Bereich hinaus der allgemeinen Lebensführung der Mönche dient, und dann zunehmend draußen Großgrundbesitz samt darauf lebenden Arbeitskräften, und zwar im Prinzip so wie weltliche Herren und oft in wesentlich größerem Umfang.

 

Ähnlich wie diese weltlichen Herren, die aus ihrem großen Grundbesitz idealiter (fast) alles abschöpfen, was sie zu ihrer Lebensführung brauchen, können sich auch Klöster selbst versorgen, was aber beide Seiten nicht davon abhält, Überschüsse zu verhandeln bzw. nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten Luxusgüter einzuhandeln.

Klöster werden so auf dem Weg ins frühe Mittelalter oft potente Wirtschaftsunternehmen, die von gleichgeschlechtlichen, sehr autoritär strukturierten Kollektiven betrieben werden. Mit dem weithin im Dunkel der Geschichte der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts verbleibenden Benedikt von Nursia taucht dann ein Regelwerk auf, welches er für sein Kloster Monte Cassino geschrieben haben soll, und welches das Klosterwesen durch seine Vorbildstellung verändert und vereinheitlicht.

 

Die Idealvorstellung des benediktinischen Klosters nach seinem Regelwerk ist jene Autarkie, die es aus der Welt herausheben soll. In seinen Mauern ist man Gott nah und zumindest den Engeln ähnlich, was außerhalb nicht möglich sein kann. Die Klosterpforte mit einem bewährten Mönch als Pförtner soll vor allem die Welt draußen halten. Gästen soll die Klausur, der engere Klosterbereich, verschlossen bleiben. Mönche wiederum sollen in der stabilitas loci nicht außerhalb des claustrum wohnen oder sich aufhalten. Müssen sie das Kloster doch vorübergehend mit Erlaubnis des Abtes verlassen, gilt folgendes, um nicht allzu sehr durch die Begegnung mit der "Welt" Schaden zu nehmen:

Von der Reise zurückgekehrt, sollen sich die Brüder noch am selben Tag zu allen kanonischen Gebetsstunden am Schluss des Gottesdienstes zu Boden werfen und alle um ein Gebet bitten um der Fehler willen, die ihnen vielleicht auf der Reise durch Sehen oder Hören von etwas Bösem oder durch unnützes Reden unterlaufen sind. Und keiner nehme sich heraus, einem anderen alles zu berichten, was er außerhalb des Klosters sah und hörte; denn das richtet großen Schaden an. (67)

 

Je hochgesonnener das Ideal, dessen Basis die Regeln des Benedikt bleiben, desto mehr weicht die Wirklichkeit von ihm ab. Das quälendste Thema ist durchgehend die Bewältigung des Geschlechtstriebes, die schon Benedikt zu detaillierten Anordnungen veranlasste, wie denen des Verbringens der Nacht: Jeder soll in einem gesonderten Bett schlafen... Wenn möglich sollen alle in einem Raum schlafen... In diesem Raum soll ständig ein Licht brennen bis zum Morgen. Sie sollen angekleidet schlafen... Die jüngeren Brüder sollen ihre Betten nicht nebeneinander haben, sondern zwischen denen der älteren. (22)

 

Das Funktionieren der Kasernierung von Männern (oder Frauen) auf engstem Raum verlangt nach Strukturen von bedingungslosem Gehorsam, auch wenn dies die Klöster nicht zu dauerhaft konfliktfreien Räumen macht, wie sich dort nachlesen lässt, wo solche Konflikte, die durchaus auch gewalttätig sein konnten, nach außen dringen. Aber der innerklösterliche Alltag war den Zeitgenossen draußen wie uns heute weitgehend verschlossen. Interna dringen selten nach außen.

 

In Weiterentwicklung anderer Klosterregeln wird im benediktinischen Text der Weg in die Integration in die neuen weltlichen Zusammenhänge betrieben. Aus der radikalen wird eine moderate Weltflucht, die der Askese ein wenig ihre früher hochgelobte Lebensfeindlichkeit nimmt.

Heiligende anachoretische Bedürfnislosigkeit konnte bislang als hygienische Verwahrlosung und schierer Müßiggang (miss?)verstanden werden, wie man noch beim geheiligten Hieronymus nachlesen kann. Benedikt hebt den Lebensstandard, was Sauberkeit, Ernährung und ähnliches angeht, und lehnt Betätigungslosigkeit („Müßiggang“) als der Heiligung schädlich ab. Mönche sollten sich von nun an arbeitsteilig um die gemeinsame Haushaltsführung kümmern, um Kochen, Backen, Putzen, Gärtnern, um Handwerkliches usw. Das so entstehende Arbeitsethos (Arbeit vertreibt das Böse) wird bis tief in die Geschichte des Kapitalismus hinein wirkmächtig bleiben, auch wenn Klöster immer wieder dazu neigten, große Teile produktiver Arbeit auszulagern.

 

Nun wird das täglich siebenmalige gemeinschaftliche (Pflicht)Gebet in den Mittelpunkt des klösterlichen Lebens gerückt. Dazu kommt später die gemeinschaftliche Veranstaltung der Messe, was eine (Kloster)Kirche zum baulichen Zentrum der Einrichtung macht. Mit dem Kirchengebäude rückt das Kloster aber der Institution Kirche näher, während der Eremit und so manche klösterliche Gemeinschaft beider bislang nicht bedurften. Die kirchlich geweihte Kirche braucht den geweihten Priester, einen kirchlichen Beamten also, denn Klöster sind bei aller Autonomie in die kirchliche Organisation eingebunden. Kein Wunder, dass Papst Gregor der Große in seiner Generationen später geschriebenen Heiligenlegende so von diesem Benedikt beeindruckt ist.

 

Bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Abt:Im Kapitel 71 heißt es:

Wenn jemand merkt, dass der Obere gegen ihn erzürnt ist, werfe er sich sogleich ohne Zögern auf den Boden und bleibe zu seinen Füßen liegen und leiste solange Genugtuung, bis sich die Erregung durch den Segensspruch gelöst hat.

 

Klöster waren ohnehin pädagogische Anstalten, in denen Menschen mit großer Mühe lernen sollten, ihr Leben ganz Gott und der Erlangung von Heiligkeit zu widmen. Dazu stehen Mönche unter fast ständiger Aufsicht, bei Verstößen gegen die Ordnung folgt sofortige Bestrafung, bis zur körperlichen Züchtigung.

Schon bei Benedikt steht, dass auf Ungehorsam gegen eine Klosterregel zweimalige Ermahnugn folgt, dann folgt die öffentliche Zurechtweisung, ist diese nutzlos, folgt der Ausschluss vom gemeinsamen Essen und vom Chordienst. 

Im Kapitel 43 legt er zum Thema Pünktlichkeit fest: Kommt nun einer zur Feier der Nachtwachen erst nach dem Gloria des 94. Psalms, den wir deshalb sehr gedehnt und langsam gesungen haben wollen, stehe er nicht an seinem Platz im Chor, sondern als allerletzter oder an einem abgesonderten Platz, den der Abt für derart Nachlässige bestimmt hat, damit sie von ihm und allen anderen gesehen werden. Dort bleibt er, bis er am Schluss des Gottesdienstes durch öffentliche Genugtuung Buße tut.

 

Man stelle sich dieses Regelwerk für Mitglieder des hochmütigen fränkischen Adels vor! „,Angesichts des ausgeprägten, hochempfindlichen Standesbewusstseins und Ehrgefühls, das die Menschen jener Zeit und Gesellschaft leitete, bedurfte es einer allerdings heroischen Selbstverleugnung, sich dem Regiment eines Abts zu unterwerfen.“ (Brown in 2, S.176f)

 

Das gilt bis ins hohe Mittelalter noch mehr für Nonnenklöster, deren physisch handfestere Jungfräulichkeit als besonders bedroht gesehen wird und für die sowieso größere Schutzbedürftigkeit angenommen wird. Deswegen werden Nonnen auch noch konsequenter eingesperrt als Mönche. Im Kloster wird also in enormer Detailliertheit etwas gelernt, was in der Grundherrschaft für die, die nicht Herren, sondern Knechte sind, alltägliche Wirklichkeit ist: Unterordnung, Unterwerfung, Gehorsam, der Kern jeder Herrschaft und Staatlichkeit.  

 

Autoritäre Strukturen: Es gibt die uneingeschränkte Unterordnung unter den Abt, den dominus (Herrn) und abbas (hebräisch für Vater), aber auch die Kompetenzen der Ämter darunter, des Dekans als Stellvertreter des Abtes und des Probstes (praepositus) als Aufseher über die wirtschaftlichen Belange sowie solcher für die alltäglichen Belange des klösterlichen Lebens wie das des Zellerars für Geräte, Kleidung und Lebensmittel-Vorräte. Schließlich gibt es die Autorität des Älteren für den Jüngeren: "Der Jüngere sollte dem Älteren stets Platz machen und sich erst wieder setzen, wenn der Ältere es ihm gestattet." (Goetz, S.93)

Die Selbstdisziplin des Eremiten wird hier also ergänzt bzw. ersetzt durch die ständige Kontrolle der Mitbrüder und der Vorgesetzten, was sicher nötig ist, um so viele natürliche Regungen zu unterdrücken. Hilfreich dazu ist sicher auch der gemeinsam begangene Teil des Tages mit Beten/Gesang, Schlafen und Essen. Der Rest soll mit Lektüre und eher leichter Arbeit verbracht werden, wozu Gartenarbeit, leichte handwerkliche Tätigkeiten und Schreibarbeit gehören, wozu auch für einige Krankenpflege, Armenfürsorge und Küchendienst kommen.

 

Neben das siebenmalige Chorgebet mit Psalmen, Lobgesängen, Hymnensingen und Bibelstellen und neben die tägliche Messe tritt für den benediktinischen Mönch die tägliche Versammlung in dem Saal, in dem dann unter anderem von dem Lektor ein Kapitel der Benediktsregel vorgelesen wird. Danach werden die Dienste der Mönche eingeteilt, d.h. vorgelesen. Todesfälle von Mönchen und Stiftern werden bekanntgegeben, danach müssen sich Mönche eigener Verfehlungen anklagen bzw. die anderer denunzieren. Der Abt entscheidet, befiehlt körperliche Züchtigungen, die dann vor allen ausgeführt werden, oder Ausschluss vom gemeinsamen Mahl oder von der Kommunion. Ansonsten hält der Abt Ansprachen oder Vorträge, verkündet Neuigkeiten aus der Welt der Kirche und der weltlichen Macht. Zudem können hochgestellte Potentaten beim Kapitel anwesend sein.

 

In mancher Hinsicht wirkt das frühe Kloster wie ein Übungsfeld für Aspekte des Kapitalismus. Da ist der absolute Gehorsam, der sich in dem Machtverhältnis zwischen Kapital und Arbeit wiederfindet, da ist die Betonung der Pünktlichkeit und die genaue Einteilung der Abläufe jeden Tages, die immer wiederkehrt, und da ist die Arbeitsdisziplin. Otiositas inimica est animae, Müßiggang ist der Feind der Seele, heißt es schon in den Benediktregeln (48). ...deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Zeiten mit heiliger Lesung beschäftigt sein. Und weiter: Wenn aber örtliche Umstände oder die Armut es erfordern, dass sie sich selbst mit der Erntearbeit abgeben, sollen sie sich nicht betrüben, denn sie sind dann wahrhaftig Mönche, wenn sie von ihrer Hände Arbeit leben...

 

Man liest schon hier richtig: Armut (paupertas) ist zwar ein jesuanisches Ideal, aber keines mittelalterlicher Mönche. Die Eigentumslosigkeit des Einzelnen korrespondiert nämlich mit dem grundsätzlichen Willen zu Reichtum und Macht des Kollektivs.

 

 

Für fromme Christen war der Mensch mit dem Sündenfall zu einer Missgeburt geworden, die überhaupt nur durch die Annahme des Opfertodes Jesu die Chance der Erlösung "von dem Übel/Bösen" erreichen kann. Durch die Annäherung an ein Leben im Heil soll diese Gnade Gottes angenommen werden. Durch ihre Fürbitten beziehen die Mönche (und Nonnen) die Laienschar in ihr die Menschen heilendes (heiligendes) Werk mit ein. Dieses Gebet für die Sünder draußen begründet die Schenkungen der weltlichen Mächtigen, die so die Angst vor dem Gericht nach dem Tod und die vor den Höllenqualen verringern kann.  

 

Da Klöster durch Schenkungen über großen Grundbesitz mit abhängigen bis unfreien Arbeitskräften verfügen und zudem sehr viel Handwerk an Laien delegierten, eignen sie sich für eine Mischung aus ritualisierter Frömmigkeit und fromm-aristokratischer Lebensweise insofern, als sie sehr viel Handarbeit delegieren. Sie werden so auch zu einem standesgemäßen Aufenthaltsort edelfreier Nachkommenschaft, die anderweitig für die Familien nicht günstiger unterzubringen ist, und da Klöster aufgrund ihrer wirtschaftlichen Macht zu politischen Machtfaktoren werden, versuchen mächtige Familien, dort die Abtspositionen einzunehmen und Klöster fast zu Familienunternehmen zu machen.

 

Einen ersten Höhepunkt erreicht diese Aristokratisierung der Klöster mit dem Aufenthalt des Iren Columban in Luxeuil in den Vogesen. Die meisten der zweihundert Mönche  dort entstammen den vornehmsten Familien Franciens, und das Kloster zeichnet sich durch ein religiöses Heldentum büßerischer Askese aus, welches das Heldentum fränkischer Krieger im Krieg fast übertraf. Dabei wird es zur Kadettenanstalt für zukünftige Inhaber reicher Bistümer des 7. Jahrhunderts wie Eligius, der ebenso reich war wie er heilig wird, oder Wandregesil, der St.Wandrille gründen wird.

Das Klosterwesen beginnt zu florieren, um 600 gibt es im Frankenland bereits etwa 120 Klöster, und hundert Jahre später sind es rund 450. Dazu gehören Doppelklöster wie Faremoutiers und Chelles, in denen schon mal Damen des Hochadels als Äbtissinnen über Männer und Frauen herrschen, eine für die Männer des fränkischen Adels dort besonders heiligmäßige Form asketischen Martyriums, wie zu vermuten ist.

Und manche Kloster werden reicher und reicher, denn der Bedarf an klösterlicher Gebetsarbeit und an Messen für die sündigen Familienmitglieder draußen steigt mit ihrem zunehmenden Sündenbewusstsein. 

 

Recht früh setzt sich die Tendenz durch, Kinder möglichst früh, nämlich mit oder vor Eintritt der Pubertät als Oblaten ins Kloster zu schicken. Kinder aufnehmen heißt eben auch, sie frühzeitig für ein Klosterleben erziehen und formen zu können. Von "spiritueller" Berufung kann dabei nicht die Rede sein. Das war aber nicht einfach nur manchmal eine Art Abschiebehaft von Teilen des Nachwuchses, der so versorgt wurde, diese Kinder sollen vielmehr lernen, lebenslang für die enge Verwandtschaft draußen zu beten und auch anderweitig deren Interessen drinnen zu vertreten. Schließlich waren Klöster schon in der Zeit der Karolinger ein enormer Machtfaktor.

 

Für den Adel und die Herrscher sind die Klöster nicht nur Machtfaktoren, sondern auch solche einer eigenartigen frühmittelalterlichen Religiosität. Als integraler Bestandteil von gewalttätigen Machtstrukturen und eines den offiziell hochgehaltenen Evangelien diametral widersprechenden Lebenswandels dienen sie der Delegation des Einhaltens christlicher Gebote. Mönche sind stellvertretend für den übrigen Adel einigermaßen so fromm und heilig, wie es die Kirche eigentlich vorschreibt. Darum können sie es übernehmen, durch kultische Handlungen wie Gebete und spezielle Messen dem Adel "draußen" in der Welt zu helfen, die Hölle zu vermeiden, jene, die sie auf Grund ihres Lebenswandels „eigentlich“ nach dem Tod erwartete, was wenigstens einige wohl auch glaubten.

"Die Mönche des Klosters Aadorf im Thurgau, des Hausklosters des Linzgaugrafen Udalrich im späteren 9. Jh., sollten beispielsweise täglich drei Messen und wöchentlich drei Psalter für die verstorbenen sowie eine Messe für das Heil der lebenden Familienmitglieder singen. Zunächst gedachte man der Eingetragenen einzeln, als deren Zahl aber überhand nahm, musste man sich mit einem summarischen Gedächtnis begnügen." (Goetz, S.76)

 

Nicht überall gab es da allerdings ein so beeindruckendes Spektakel wie in Centula nordwestlich von Amiens, wo der von Karl ("dem Großen") gesandte Laienabt Angilbert drei Mönchschöre organisierte, die sich unentwegt durch die Abteikirche und zwischen der Marienkirche und der dem hl. Benedikt geweihten hin und her bewegen und dabei den Lobgesang Gottes anstimmen. (Fried, S.352f). Aber überall sind sie der Ersatz für regulär sehr unchristliche Lebensführung "in der Welt".

 

Hatte die Familie eines weltlichen Großen ein Kloster gegründet, so kann man dort nachgeborene Söhne und ebenfalls Töchter in herausragender Stellung unterbringen. 852 gründet Graf Liudolf, Stammvater der Liudolfinger und Ottonen, das Kloster Gandersheim, und sorgt dafür, dass seine Töchter, die damals 12-jährige Hathumod, dann Gerberga und schließlich Christina, dieses leiten.

 

Naheliegend ist es dann natürlich auch, dass man dies Kloster zur Grablege der eigenen Familie macht, und so werden zum Beispiel Liudolf und Gemahlin Oda in Gandersheim begraben. Zudem wird der adelige Familiensinn und sein genealogisches Element gestärkt, wenn ihrer nach dem Tode in Kirche und Kloster regelmäßig gedacht wird, was man allerdings durch Stiftungen und Spenden vorher „bezahlen“ muss.

 

Neben dem wohlhabenderen Adel sind Klöster als Reichsklöster auch direkt den Königen unterstellt, entweder weil Könige sie selbst gegründet haben oder aber weil sie ihnen übertragen wurden. Um sie als Mittel zur Herrschaftsausübung nutzen zu können, erhalten sie Privilegien, wie 818 St.Gallen die freie Abtswahl (bei Zustimmungsrecht des Königs) und die Immunität durch Ludwig ("den Frommen").

"Damit war das Kloster unmittelbar dem König unterstellt und der Amtsgewalt des Grafen entzogen; die königlichen Amtsträger durften den Immunitätsbezirk zur Ausübung ihrer Amtsgeschäfte, etwa um Gericht abzuhalten oder Abgaben einzutreiben, nicht mehr betreten. Die Klöster wurden dadurch in ihrer Verwaltung autonomund durften selbst Gericht über die in der Immunität lebenden Menschen halten." (Goetz, S.84)

 

Dafür sind Reichsklöster zu Abgaben und dem servitium regis verpflichtet. 854 hat St.Gallen beispielsweise zwei Pferde und zwei Schilde abzuliefern. Zum Königsdienst gehört die Beherbergung und Verköstigung des Königs und seines Gefolges ähnlich wie in einer Königspfalz. Eine weitere Verpflichtung ist der Kriegsdienst, für den Äbte dem König Klostervasallen zuführen, oft genauso viele Panzerreiter wie Bischöfe. Äbte dienen darüber hinaus als Königsboten und anderweitig im Herrschaftsapparat.

"Abt Grimald von St.Gallen (841-72) war zugleich Abt von Weißenburg im Elsaß (einer ebenfalls bedeutenden Reichsabtei) und vor allem als Erzkanzler Ludwigs des Deutschen Vorsteher der königlichen Kanzlei und der Hofkapelle, die für den Gottesdienst am Hof ebenso verantwortlich war wie für den gesamten königlichen Schriftverkehr. Es ist begreiflich, dass er kaum noch im Kloster anwesend war" (Goetz, S.87)

 

 

Die Benediktregel ist weder bis Anfang des 9. Jahrhunderts als einzige für verbindlich erklärt worden, noch wird sie sonderlich genau eingehalten. Die einschneidendste Reform in Richtung genauerer Befolgung benediktinischer Pflichten beginnt ein fränkischer Grafensohn, der zu diesem Zweck in Aniane bei Montpellier ein Reformkloster gründet und sich selbst als Mönch ganz programmatisch in Benedikt umbenennt. Andere südgallische Klöster schließen sich seiner Reform an, was auf die Unterstützung Ludwigs (des Frommen) dort zurückgeführt werden mag. Als dieser 814 auf Vater Karl folgte, nimmt er Benedikt mit an den Hof. 816-19 wird dort neben der neuen und allgemeinverbindlichen Kanonikerregel eine entsprechende für die Klöster beschlossen. Und zwar wird das nun für alle eine streng ausgelegte Benediktregel, die sogar in den Details festgelegte "Gewohnheiten", consuetudines, absteckt. Damit wird das Ziel des "großen" Karl, Zentralisierung und damit Vereinheitlichung voranzutreiben, neben der Geistlichkeit auch für die Klöster gefordert. Das Problem ist nur, dass es wenig Mittel zur Durchsetzung gibt.

 

Die Aristokratisierung der Klöster, die zur Abschließung der fränkischen Klöstern von nichtadeligen Kreisen führt, tendiert natürlich dazu, der Arbeit möglichst viel Gewicht wieder zu nehmen, offiziell begründet durch den Wunsch nach stärkerer Spiritualisierung des klösterlichen Alltags, wie es Cluny eindrücklich als Dominanz des Liturgischen formulieren wird. Schon Benedikt von Aniane hatte zwei tägliche Hochämter und das Abbeten von 137 Psalmen durch jeden Mönch zur Pflicht erklärt.

 

Neben der wohlhabenderen Oberschicht und den Königen dient das Kloster über seine Kirche auch als Pfarrkirche und damit dem einfachen Volk. Im 9. Jahrhundert nimmt dabei die Zahl der geweihten Mönche als Kleriker erheblich zu.

"In St.Germain-des-Prés bei Paris bildeten die geweihten Mönche im 8. Jh. noch die Minderheit, im Laufe des 9. Jh. aber erreichte fast jeder Mönch im Laufe seines Lebens einen Weihegrad; im Jahre 838 waren in St.Denis 65% der Mönche geweiht; in St.Gallen besaßen 42 von den 101 Mönchen des Jahres 895 allein die Priesterweihe." (Goetz, S.77)

 

Damit verbunden wird die Tatsache, dass Klöster Schulen anschließen, die zunächst die eigenen Leute, insbesondere die als Kinder dem Kloster gegebenen pueri oblati unterrichten, zum anderen aber auch die Geistlichen des Weltklerus. In seiner 'Admonitio generalis' fordert Karl ("der Große") schon 789, dass jedes Kloster eine solche Schule und Schulbücher haben soll. Dazu passt, dass das Kloster einer ausgesprochenen Schriftreligion eine Bibliothek besitzt und eine Schreibstube, das scriptorium, in dem vor allem Texte kopiert werden.

 

Neben dem Kontakt mit dem einfachen Volk als Pfarrkirche nimmt der äußere Bereich des Klosters auch Pilger und Arme auf und verköstigt und (manchmal) bekleidet sie. Große Klöster besitzen für diesen Zweck Xenodochien, wörtlich Fremdenhäuser, von denen die Armenhäuser im 9. Jahrhundert abgetrennt werden. Solche karitativen Einrichtungen können auch der Versorgung von Kranken dienen.

 

Zu all den vielen Außenbeziehungen der Klöster kommen noch die Gebetsverbrüderungen einzelner Klöster miteinander.

"Am Beginn stand der sog. Totenbund von Atigny von 762: 22 Bischöfe, 5 Abtbischöfe und 17 Äbte verpflichteten sich dort gegenseitig, beim Tod eines der Verschworenen jeweils 100 Psalmen zu singen und 100 Messen (...) zu lesen.

(...) nach der Verbrüderung zwischen St.Gallen und der Reichenau (um 800) sollten die Priester beim Tod eines Mönchs aus dem anderen Kloster jeweils drei Messen lesen und die übrigen Brüder einen Psalm und eine Vigilfeier singen; am siebten Tag wurden dann noch einmal 30 Psalmen gesungen, am 30. Tag schließlich wiederum eine Messe gelesen bzw. 50 Psalmen gesungen." (Goetz, S.99)

 

 

Es waren übrigens vielleicht die Klöster, die neben dem König die sogenannte Villifikation mit ihrer Trennung in Salland mit Herrenhof, den für Klöster ein Verwalter übernehmen konnte, und der Verhufung von Bauernland vorantrieben. Klösterliche Grundherrschaften sind so weithin aus dem Aufgabenbereich der Mönche ausgegliedert, deren Arbeit sich auf Garten und Selbstversorger-Handwerk zurückzieht, was den Mönchen Zeit für Arbeit an ihrem Seelenheil gibt.

 

Finanziert werden Klöster und Mönche über fromme Spenden, dazu kommt das Arbeitsgebot des Benedikt in seiner Ordensregel. Zu der Handarbeit der Mönche selbst soll auch die von am Rande des Klosters angesiedelten Handwerkern kommen. Mit den Reformbeschlüssen von 816/17 soll der Anteil dieser Handwerker dann verstärkt werden, damit die Mönche sich stärker auf ihre geistlichen Ziele hin orientieren können. Der sogenannte St.Gallener Klosterplan, kurz darauf entworfen, benennt um die Klausur Brauerei, Bäckerei, Mühlen, ein Handwerkerhaus der Schuster, Sattler, Drechsler, Gerber, Schwertfeger und Schildmacher, Goldschmiede, Eisenschmiede und Walker. Im Bereich des Klosters Corbie werden viele verschiedene Handwerker erwähnt. Landarbeit über die beschauliche Tätigkeit in einem Klostergarten hinaus sollen abhängige Bauern leisten. Große Klöster reservieren darüber hinaus Hufen für Leute, die eben auch handwerkliche Produkte abzuliefern haben.