NACHANTIKE ("FRÜHES MITTELALTER")

 

 

Der Übergang in neue Königreiche

Merowinger

Die Städte im Norden (Trier)

Italien

Stadt und Land in Italien

Karolinger bis zum "großen" Karl

Das 9. Jahrhundert im Norden

Städte im Norden: 8./9. Jh. (Trier)

Italien unter den Karolingern (in Arbeit)

Stadt und Land in Italien (Venedig / Rom / Das Land))

 

 

Epochalisierung ist hilfreich, soweit sie hilft, Zeiträume nicht in Zahlenangaben unterzubringen, was einen Anschein von Exaktheit erweckt, der für die Kontinuitäten von den frühen Mittelmehr-Zivilisationen bis ins 18. Jahrhundert zumindest irreführend ist. Sie wird schädlich dort, wo sie in diesen Zeiträumen zuviel statisch gedachte Eigenschaften unterbringt.

 

Als belesene Vertreter der städtischen Welt des 14.-16. Jahrhundert besonders in Italien das Mittelalter erfinden und damit eine neue Qualität von Epochalisierung nach der, die aus der christlichen Heilsgeschichte erwuchs, ignorieren sie das Kontinuum, welches sie selbst hervorgebracht hatte, um sich auf die Höhe eines vorgestellten hohen Bildungsniveaus der römischen Antike zu hieven und die Zeit seit dem 5. Jahrhundert entsprechend als eine ungebildeter Finsternis und Dumpfheit anzusehen. Diese "gebildete" Arroganz und Ignoranz beherrscht seitdem den lateinisch-abendländischen Blick auf die Geschichte, der als Heilsgeschichte eines letztlich technisch gedachten Fortschritts stattfindet.

Bis ins neunzehnte Jahrhundert wird dieser zutiefst technische Fortschritt von akademischen Eliten als geistiger formuliert, was in den Texten von Hegel kulminiert und auf niederstem Niveau auch alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts überlebt. Für die unbelesenen Massen heute ist der Blick in die Vergangenheit vor allem der in ein niedrigeres Konsumniveau, welches Spott oder ungläubiges Lächeln auslöst. Dabei hat es gewiss nie ein Mittelalter gegeben, welches sich von einem Vorher und Nachher klar abtrennen ließe. Das Ende der weströmischen Kaiserzeit ging langsam und ohne deutliche Bruchlinie vonstatten, und weder Petrarca noch das Konzil von Konstanz noch Kolumbus oder Luther markieren ein deutliches Ende einer Epoche.

 

Wenn hier von Spät- und Nachantike, frühem Mittelalter seit etwa den Karolingern oder vielleicht auch erst nach ihnen, hohem und spätem Mitttelalter gesprochen wird, dann soll das die Zeitangaben so undeutlich lassen, wie es die tatsächlichen Kontinuitäten erfordern.

 

Wenn man die Zeit zwischen dem auslaufenden weströmischen Imperium und den Katastrophen von 1776 und 1789 sinnvoll einteilen möchte, dann gibt es eine Mitte zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert, die die Geschichte in eine vorkapitalistische und eine kapitalistische teilt. Aber selbst das bleibt undeutlich, denn der Vorgang von Einwurzelung und Entfaltung kapitalistisch dominierter Strukturen findet in unterschiedlichen Gegenden zu unterschiedlichen Zeiten und manchmal viel später erst statt und braucht in Teilen Europas wesentlich länger.

Tatsächlich bringen selbst die politischen Katastrophen zwischen 1776 und dem jeweiligen Heute von Autor und Leser bislang keine klaren Bruchlinien hervor, denn die derzeit anhaltenden Prozesse von Entzivilisierung bei immer totalitäreren Staatsgebilden als schieren politischen Agenturen des inzwischen globalisierten Kapitals sind Konsequenz der vorausgehenden Kapitalbewegungen.

 

Hier soll als Kompromiss zwischen der sich den Ideologen des 15./16. Jahrhunderts anschließenden Epochalisierung, die bis heute die übliche ist, und einer sinnvolleren, den dominanten Linien des Kapitalismus folgenden, von einem kurzen Mittelalter zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert gesprochen werden so wie von einem langen, welches bis ins 18. Jahrhundert reicht.

 

Anverwandlung: Neue Königreiche im Westen

 

Auf (ehedem) römischem Boden siedelnd, ist der germanische Bevölkerungsanteil, die nun zunächst herrschende Volksgruppe, in den neuen Reichen oft gering, er beträgt bestenfalls schon mal um die zehn Prozent. Da die Germanen in Schriftlichkeit wenig geübt waren, übernehmen sie für die nun notwendigen Texte das vorgefundene Lateinische, welches im übrigen auch auf dem Kontinent die Sprache der überwältigenden Mehrheit der neuen Untertanen ist. Da sie überhaupt möglichst viel von jenen römischen „Errungenschaften“ übernehmen wollen, die einst ihre Begehrlichkeit geweckt hatten, arbeiten sie recht einvernehmlich mit den Resten römischer Oberschicht zusammen und behalten von römischen Strukturen was immer möglich ist. Im Laufe der Zeit werden sie sich in vielen Gegenden mit ihr vermischen, um schließlich in ihr aufzugehen, nicht ohne dabei germanische Elemente einzubringen. Am Ende werden sie sogar in manchen Fällen ihre mitgebrachte Sprache verlieren. Die Namen der neuen Herren werden aber weithin auf die bodenständige Bevölkerung übergehen: Gallo-Römer haben dann fränkische Namen, Ibero-Römer visigotische.

 

Vandalen, Sueben, Visi- und Osthrogoten wie auch später die Langobarden scheitern dabei sowohl, weil sie sich die römischen Strukturen aufgrund ihrer Fremdheit nicht hinreichend anverwandeln können, als auch an äußeren Feinden. Auf diesem Wege gehen der (dritten) abendländischen Zivilisation schließlich auch für Jahrhunderte der größte Teil der iberischen Halbinsel und Teile Süditaliens verloren – dazu ganz Nordafrika für immer und zur Gänze. Auf der anderen Seite kann das zunächst überlebende Ostrom seinen südöstlichen abendländischen Raum (bis hin nach Persien und der arabischen Halbinsel) nicht mehr halten – sein Raum bis tief in den Balkan wird nach und nach einem nun entstehenden islamischen Orient anheimfallen, dessen Einfluss bis heute noch dort hineinreicht und inzwischen durch Masseneinwanderung den größten Teil Europas ethnisch und religiös zu verändern beginnt.

 

In den germanisch dominierten Nachfolgereichen Westroms findet auf dessen Boden also wenig Germanisierung statt, sondern vor allem eine langsame ansatzweise Romanisierung der eingewanderten Germanen. Diese findet ihre Grenzen auch dort, wo römische Strukturen aufgrund des weiter vonstatten gehenden Schwundes von Handel und Produktion nicht mehr aufrecht erhalten werden können und ersetzt werden müssen. 

 

Die römische Zivilisation war stadtzentriert und städtisch geprägt und am Ende durch ein militärisch fundiertes Kaisertum zusammengehalten worden. Die Städte hatten Schwundprozesse in der späten Kaiserzeit und dann massive Zerstörungen spätestens in der langen Völkerwanderungszeit erlitten, die nicht mehr durch Wiederaufbau ausgeglichen werden. Viele Mitglieder der alten Oberschicht haben sich längst auf ihren Gütern auf dem Lande niedergelassen, an städtischer Obrigkeit sind oft fast nur die Bischöfe übriggeblieben. Die neuen Reiche müssen also eine Organisationsform schaffen, die eine einst bäuerliche germanische Kriegerschicht zusammenbringt mit den Resten der römischen Zivilisation.

 

Die Häuptlinge der erobernden Stammesverbände übernehmen als Herrschertitel im neuen Reich einen, der bei den Römern früher einen eher schlechten Klang gehabt hatte: rex. Er hat eine germanische Entsprechung, die im Deutschen schließlich zu "König" wird. Ihr Herrschaftsbereich ist das regnum. Dies eingedeutscht als Reich entsprang dem althochdeutschen rîhhi, einem vieldeutigen Wort, welches die ganze Vielfalt des Adjektivs und Substantivs "reich" (an Macht und Möglichkeiten) umfasst. Das spätere Österreich ist entsprechend ursprünglich ostarrîchi, das Gebiet, welches im (Süd)Osten erobert wird und unter die Königsherrschaft gerät.

 

Damit ist „Reich“ grundsätzlich analog zu imperium gesetzt, der (militärischen) Befehlsgewalt und des Gebietes, in welchem diese gilt. Der imperator ist so der Gebieter. Angelsächsische Könige werden sich gelegentlich mit diesem Titel schmücken, während er auf dem Kontinent auf die Karolinger übergehen wird. Auf dem Weg zu den Ereignissen von 800 wird über eine Übertragung des Reichsbegriffs des (west)römischen imperium auf den Frankenkönig nachgedacht, während ein solcher für Ostrom noch Bestand hat. Es wird dann noch kürzere Zeit dauern, bis aus dem imperator ein caesar, also „Kaiser“ wird, der noch später in Russland und Bulgarien dann Zar heißt. Heerführer unter ihnen heißen ebenso lateinisch dux, woraus der deutsche Herzog wird. Und Leute, die neben den Bischöfen die königliche Gewalt in den gerade so überlebenden Städten und ihrem ländlichen Umfeld einzunehmen haben, werden so benannt wie einst die „Gefährten“ der Kaiser, nämlich comes, woraus dann die andersartigen deutschen "Grafen" werden. Alle zusammen bilden sie mit ihrer Gefolgschaft ein wenig wie im antiken Imperium die militia.

 

Die unterworfene, nun immer weniger römisch, sondern romanisch zu nennende Bevölkerungsmehrheit ist mit einer Ausnahme nicht nur lateinisch-sprachig, sondern auch lateinisch-christlich. Die Ausnahme ist Britannien, wo mit der Entromanisierung auch eine Entchristianisierung stattfand. Nur die Visigoten waren schon vor ihrem Durchmarsch durch das ost- und weströmische Reich ansatzweise christianisiert worden, wenn auch in einer Form, die von der Westkirche abgelehnt wird.

 

Am Ende war das römische Imperium von einer Doppelstruktur geprägt, einer „weltlichen“ und einer geistlich-christlichen. Welt, saeculum, befasst sich mit dem Diesseits, den irdischen Dingen, und alles Geistliche gibt vor, auf ein "Jenseits" ausgerichtet zu sein. Civitates und Bistümer fallen zusammen, so wie die Zentralgewalt und das sich ansatzweise herausbildende geistliche Primat des römischen Bischofs.

Zudem ist das Christentum zur legitimatorischen Grundlage des Reiches geworden - alle legitime Macht kommt, so wird mit fester Stimme behauptet, von dem christlichen Gott, dem nunmehr einzig wahren.

 

Es ist also aus diesem und verwandten Gründen naheliegend, wenn die neuen Könige das Christentum übernehmen, und zwar in seiner korrekten römischen Form. Solche Legitimation ist nötig, denn aus dem Führer eines einzelnen Heerzuges und dann dem Heerführer der Wanderungszeit wird der König (rex) zu einer Dauerinstitution in Krieg und Frieden. Das wird bei den Franken zumindest zwar durch Gewalt erreicht, durch die Erniedrigung bzw. Vernichtung des darunter existierenden Häuptlingstums, kann aber ohne solide Ideologie nicht dauerhaft aufrechterhalten werden.

 

Im Zuge der Integration des Christentums in die antik-römischen Machtstrukturen war der evangelische Jesussatz "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist", von seiner ursprünglichen Bedeutung: "Schert euch nicht um die irdischen Machtverhältnisse, da sie euch gar nichts bedeuten sollen" völlig verdreht worden in den, dass geistliche wie weltliche irdische Macht gottgewollt seien, eine völlig unjesuanische Formel. Der Weg der Sakralisierung königlicher Herrschaft wird sich in den nächsten Jahrhunderten erst noch verfestigen, bis er in so schrecklichen Sätzen wie dem von Otto von Freising enden kann: Cum enim omnis potestas a Deo sit, qui potestati resistit, Dei ordinationi resistit. (Weil alle Macht von Gott stammt, widersetzt sich Gottes Anordnung, wer sich der Macht (den Mächtigen) widersetzt. OttoGesta, S.144)

 

Innerer Frieden beruht in Zivilisationen auf Unterdrückung, die nur durch Verwandlung offener in latente Gewalt permanent wird (wie in der pax Romana), und die braucht neben Gratifikationen für die, die diese Androhung von Gewalt aufrechterhalten, zumindest für die Untertanen eine Ideologie, die Unterdrückung rechtfertigt.

 

Fundamental wirksam wird damals die augustinische Lehre von den zwei civitates bleiben, der himmlischen und der irdischen, derer, die in der Liebe zum "Herrn" im Himmel und der anderen, die in der Selbstliebe und der zu den irdischen Herren besteht. Die letzteren waren das römische Imperium und damit auch die westlichen Nachfolgestaaten. Aus der Nachfolge Jesu und dem unmittelbar bevorstehenden Weltenende ist damit eine sehr ausgefeilte Rechtfertigungslehre für die Unterwerfung der meisten Menschen unter staatliche Macht geworden. 494 wird sie in einem Brief von Papst Gelasius an Kaiser Anastasius (von Ostrom) erweitert durch die Lehre von den zwei nebeneinander bestehenden irdischen Gewalten, der weltlichen und der geistlichen, wobei letztere insoweit die überlegene sein soll, als sie beim "Jüngsten Gericht" dereinst über die Seele der weltlichen Mächtigen Rechenschaft abzulegen hat. 

Damit ist der messianische Charakter des evangelischen Jesus endgültig in sein kirchliches Gegenteil verkehrt, nämlich in die Rechtfertigung irdischer Machtvollkommenheiten.

 

Vorläufig bleibt derweil Ostrom, das griechische Byzanz, als Beispiel und Vorbild eines christlichen Reiches bestehen, was immer Christentum nun dort wieder bedeuten mochte. Immerhin streben nach dem Ende Westroms Franken, Visi- und Ostrogoten nach kaiserlicher Anerkennung von dort.

 

Die neue Art von Königsherrschaft wird also nun durch ein eigenartiges Gemisch aus vorchristlichen und "christlichen" Vorstellungen legitimiert, die letztere sich deshalb angeboten hatten, weil der christliche Anteil einer (römisch-christlichen) Zivilisation abgeschaut wird, die Herrschaft und Untertänigkeit in für die neuen Machthaber beneidenswerter Form geregelt hatte. Dabei hatte die Ansiedelung der kriegerischen Scharen nicht nur Formen von Macht und Ohnmacht, von Besitz und Armut von der alten Zivilisation übernommen, sondern ergänzte diese noch durch eigene.

 

Die Visigoten in Spanien, bereits christlich, aber arianisch und nicht korrekt römisch, machen den Schritt hin zur korrekten ("katholischen") Religion im westlichen Abendland allerdings erst erheblich später.

Diese Visigoten, deren Königreich sich bald über den größten Teil der iberischen Halbinsel erstreckt, vermeiden solche (fränkische) Reichsteilungen, was ihnen eine gewisse Stabilität verleiht und auch dazu führt, dass sie mit Toledo zur Etablierung einer Monarchie eine zentrale Hauptstadt einführen können. Zwar folgt auch hier manchmal ein Sohn dem Vater auf den Thron, aber insgesamt gerät dieser nicht auf Dauer in den Besitz einer Familie, sondern wird oft von den Großen des Reiches neu vergeben. Andererseits verliert sich ihre kriegerische Kraft an der Solidität der Pyrenäengrenze, hinter der es nur noch einen kleinen visigotischen Restraum gibt, und an der Erfolglosigkeit, kantabrische und baskische Volksstämme im Norden zu erobern. Als dann 711 islamisierte und von Arabern angeführte Völkerschaften aus Nordafrika auftauchen, sind sie ihnen fast wehrlos ausgeliefert, und ihre Großen ziehen sich nun ihrerseits in den äußersten Norden zurück. (Sehr ausführlich dargestellt in Anhang 5)

 

Nun ist allerdings das Christentum einer herrschenden germanischen Kriegerschicht nicht so recht in Übereinstimmung zu bringen mit dem einer entwickelten städtischen Zivilisation, wie es die römische vorher war. Die Probleme kann man in dem Geschichts- und Geschichtenbuch Gregors von Tour ausführlich verfolgen. Die neue germanische Oberschicht ist sesshaft geworden, ihre Könige haben die früheren Staatsdomänen zum großen Teil neben sonstiger Beute übernommen, und die Einwanderer haben sich auf Ländereien niedergelassen, die entweder herrenlos oder aber den alten Herren weggenommen worden sind. Sie werden zu einer Kriegerschicht, die das Leben auf großen Landgütern ebenso schätzt wie - anders als ihre römischen Vorbilder - den Kampf.

 

Das, was der evangelische Jesus gepredigt hatte, war ihnen noch wesentlich fremder als vielen städtischen Römern zuvor. Also wird der spätrömische Gott des Schlachtenglücks nun noch einmal etwas umgewandelt, er herrscht jetzt wie ein König im Himmelreich mit seinen aus Engeln bestehenden Heerscharen und bekommt einen triumphierenden Jesus zugeordnet, einen, der nun eben gerade im Tod seinen größten Triumph feiert. Petrus etwa kann dann zum edlen Recken werden, der tapfer sein Schwert für seinen Herrn schwingt. Es ist deutlich, dass das Alte Testament gegenüber dem Neuen nun noch einmal an Bedeutung gewinnt.

Dabei ist zukünftig für die meisten Leute Christentum das, was sie über die Priester und die Bilder in den Kirchen mitbekommen, wo inzwischen jüdische und christliche Geschichten gleichwertig nebeneinander stehen. Für die Mächtigen wird gelegentlich, nach Momenten für die jeweilige Zeit exzessiver Gewalt und Grausamkeit, deutlich, dass es einen Widerspruch zwischen Religion und Praxis gibt, was zu demonstrativen Akten der Buße und Einkehr führen kann. Alles in allem stehen aber nun evangelische Lehre und "christliche" Lebenspraxis gegeneinander und werden das bis zum Ende der Christenheit auch weithin bleiben.

 

In einer weithin schriftlosen Zeit bleibt die Christianisierung der meisten Leute in ein römisch-germanisches Glaubens-Konglomerat rudimentär, zudem mangelt es an Ausbildung eines immer häufiger selbst mehr oder weniger analphabetischen niederen Klerus, der sich oft mühsam seine eigene Glaubenslehre zusammenbastelt, um sie dann Leuten zu vermitteln, denen der Kern der Dinge ziemlich unverständlich erscheinen muss, der dreifaltige und getötete und auferstandene Gott - und manches andere auch. Einiges davon kommt erst im hohen Mittelalter halbwegs an, manches wohl bei vielen nie. Immerhin bleiben die Wochentage meist weiter alten Göttern gewidmet, Mars in dem spanischen martes und Donar im deutschen Donnerstag zum Beispiel. Und das höchste christliche Fest wird in England und deutschen Landen nicht lateinisch pascha nach hebräisch pesach heißen, sondern Ostern (easter) nach der germanischen Frühlingsgöttin Eostre.

 

Was den Leuten leichter nahezubringen war, waren beschauliche oder eindrucksvolle alttestamentarische Geschichten, die Wundertaten Jesu und die magischen Kräfte, die von den Heiligen und ihren Überresten, den Reliquien ausgingen, denen die Kirchen geweiht sind. Von den ethisch-moralischen Geboten, die die Herrenschicht für sich eher wenig in Anspruch nimmt, kommt den einfachen Leuten dagegen mehr zugute: Sie resultieren für sie in der gehorsamen Unterwerfung, und zwar unter ihre weltlichen Herren wie unter die Geistlichkeit, und der Verpflichtung, untereinander Ruhe zu halten und keinen Anlass zum Streit zu liefern. Letzteres fiel ihnen offenbar nicht leicht, auch weil die alten Formen der Selbstregulierung und der Konsensbildung von Germanen durch die Hierarchisierung ihrer Welt ein Stück weit außer Kraft gesetzt worden sind. Romanen waren durch das lange Ducken unter die Staatsmacht anders vorgeformt, verändern sich aber ebenfalls unter den neuen Bedingungen.

 

Diese partielle Germanisierung des Christentums machen zunächst im wesentlichen romanische Bischöfe der Oberschicht manchmal nur zögernd mit, und in ihrem Fundus heiliger Schriften bleibt weiterhin ein ganz anderer Jesus aufbewahrt, inzwischen zwar durch lateinische und griechische Kirchenväter und deren ebenfalls heilige Schriften anphilosophiert und dann eben auch romanisiert, aber doch eben auch dadurch zunächst weit entfernt von traditionellem germanischem Fühlen und Denken. Mit einer gewissen Beharrlichkeit wird diese kirchliche Elite versuchen, römisches Erbe zu bewahren.

 

Die miserable Quellenlage führt, von den damaligen Geschichtsschreibern noch befördert, später zu einer Vorstellung von Geschichte, in der die meisten Menschen fast gar nicht bzw. nur ganz am Rande vorkommen. Die Autoren aus der gebildeten Minderheit in Klerus und Kloster, im Umfeld der Mächtigen angesiedelt, halten die Unterwerfung der meisten als Knechte oder halbe Sklaven (servi) unter Herren für eine gottgegebene Selbstverständlichkeit. Hatte nicht der Jesus der Evangelien gesagt, dass man den Herren geben soll, was ihnen gebührt und Gott das, was ihm gebührt? War nicht die Unterwerfung der Gläubigen unter Gott und seine Kirche und die unter die gottergebenen Herren auf Erden im Kern derselbe Vorgang? Da die Naherwartung der verheißenen Wiederkehr des „Herrn“ bei Paulus und den Evangelisten durch göttliche Gerichtsbarkeit irgendwann später im Eingangsbereich eines Himmelreiches ersetzt worden war, woraus sich Kirche und dann seit dem vierten Jahrhundert auch „christliche“ Herrschaft begründete, waren beide Einrichtungen dauerhaft etabliert worden.

 

Die teils mit Ämtern versehene Kriegerschicht (militia) und die Schicht der professionellen Betenden hatten  die Verachtung produktiver Arbeit und des Geschäftssinns teils schon mitgebracht, die dann von der römischen Oberschicht noch verstärkt wird, und beides für unedel erkannt. Dass sowohl der private Reichtum der einen als auch der kollektive Reichtum der anderen von Dritten erarbeitet werden muss, wurde als göttliche Verfügung erklärt, so wie das Herren-Recht, daraus ihre Herrenschaft als Herrschaft abzuleiten.

 

Im Verlauf der Nachantike bleiben Landbearbeitung und Handwerk überwiegend personell in die familiae der Herren als deren wirtschaftliche Basis integriert. Könige übernehmen den riesigen Großgrundbesitz des römischen fiscus und teilen sich in ihn mit einer hohen Herrenschicht, der Kirche und bald dann auch der Klöster. Daneben gibt es noch in größerem Umfang freie Bauern.

Der erste Anspruch der untersten Etage von Herren an Höhergestellte ist der Erhalt und Ausbau dieser Strukturen, die ihnen ein arbeitsfreies, wenn auch im weiteren Sinne nicht immer ganz müheloses Leben gewährleisten. Dasselbe gilt dann auch für die Herrenmenschen in der Amtskirche.

 

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Die Landnahme der Stämme und Völkerschaften ist kaum dokumentiert. Teils wurden Stämmen Gebiete friedlich durch die Kaiser zugeteilt, teils wurden sie im Auftrag erobert oder durch Eroberungen erweitert. Immer aber ist die Grundlage ihre militärische Bedeutung und Macht.

So sind die neuen Könige zu allererst Heerführer, und das, was ihnen vor allem Anerkennung verschafft, sind weiterhin erfolgreiche Kriegszüge. Sie belegen, dass sie im „Heil“ stehen, auch wenn dieses ihnen nun von einem nominell christlichen (Kriegs)Gott verliehen wird. Die edle Freiheit der Krieger, die ihnen dabei folgen, demonstrieren diese mit Waffengewalt, die sie im Konfliktfall auch in Machtkämpfen gegen ihre Kollegen im Reich wenden. Und der Freie, ob großer Gutsherr oder kleiner Bauer, ist per se Krieger, da er das Recht hat, Waffen zu tragen, und er verdient sich dies Recht mit der Pflicht, dem König in die jährlichen, meist sommerlichen Kriegszüge zu folgen.

 

Könige sind also abhängig von der Gefolgschaft ihrer Krieger und von der Verlässlichkeit der Herzöge und Grafen, die sie in ihre Aufgaben einsetzen, die aber viele zeitraubende und aufwendige Tagesritte entfernt sind und nur geringer Aufsicht unterliegen. Zudem sind sie auf das Einvernehmen mit den Bischöfen angewiesen, die nicht geringen Einfluss auf die Schäfchen ihrer Herde und die Bewohner der nun zunehmend bedeutungsloseren Städte insbesondere haben.

 

Ungestörte Machtausübung bedeutet für die Könige innerer Friede, weswegen sie diesen zu ihren hohen Ziel erklären und wenigstens damit mit der Kirche übereinstimmen. Das bedeutet aber, dass die aggressiven Energien nach außen gelenkt werden müssen, wo durch eigene militärische Teilnahme Beute gemacht werden kann, nicht zuletzt auch, indem man Anteil an eroberten Gebieten bekommt. Der kriegerische Charakter der neuen Herren verlangt immer wieder danach.

 

Der Reichtum der höheren Herrschenschicht beruht weiter auf großem Landbesitz. Gefolgsleute des Königs müssen also mit Land und Leuten ausgestattet sein oder werden, damit ihr Unterhalt gesichert ist. Im Kern geht es Bischofskirche und Kloster genauso. Die Kirche bekommt zwar außerdem den Zehnten, aber der sollte ja für geistliche Zwecke wie Kirchenbauten, Verwaltung und Almosen aufgewendet werden.

Klöster bedürfen des Grundbesitzes mit darauf arbeitenden Leuten zu ihrer Versorgung, denn sie sollen einen Gutteil ihres Tages mit dem Gebet, Messfeiern, Chorgesang und dem Studium der heiligen Schriften verbringen. Und darüber hinaus sollen Kirchengebäude, auch die von Klöstern, innen in jener Pracht ausgestattet sein, die die Pracht Gottes (und die Macht von Bischof oder Abt) wiederzugeben hat.

 

Vorstellungen von einem einheitlichen Recht oder eines gemeinsamen Freiheitsbegriffs schwinden. Aspekte davon sowie von früheren Volksrechten, also tradierten Rechtsgewohnheiten werden aufgenommen und anverwandelt. Der massive Schwundprozess der Städte nimmt römischem Recht ein Stück weit die Grundlage einerseits, während das Sesshaftwerden der Kriegerscharen als Herrenschicht auf dem nun dominierenden Lande andererseits neue Strukturen hervorbringt.

Von oben nach unten werden einzelne Rechte vergeben, die als Privilegien, also Vorrechte verstanden werden. Sie werden mit Aufträgen und Aufgaben verbunden, die Herren an Herren weiter unten vergeben. Solche einzelnen Rechte können manchmal in beschränktem Umfang Modellcharakter bekommen, werden aber dadurch nicht allgemeines „Recht“.

 

Von römischer Staatlichkeit bleibt dabei immer weniger übrig. Es entsteht also kein Verband von cives gleichen Rechtes wie im Reich der Römer, sondern ein zunächst hochgradig instabiler Verbund von Personen bzw. Familien, die in unterschiedlichem Maße Vorrechte (Privilegien) wie auch Besitztümer einsammeln, und von denen wiederum die Masse der Bevölkerung abhängt, die solchen Familien zu- und eingeordnet wird. Instabilität wird die Entwicklung beschleunigen.

 

Im 5./6. Jahrhundert veranlassen Könige wie der Visigote Eurich und vielleicht schon Chlodwig die Aufzeichnung tradierter und leicht ans römische Recht angepasster Stammes-Rechte, die neben das römische Recht für die Romanen treten. Ihr archaischer Charakter wird besonders an der Lex Salica deutlich: Sie handelt von Konfliktbewältigung in einer rein agrarischen Welt ohne Städte und Fernhandel. Königliche Gesetzgebung gibt es vor den Karolingern wohl kaum.

 

Dargestellt wird eine Welt von Hausherren und  Knechten, also Freien und mehr oder weniger Unfreien. Unter den Herren gilt es, Rache durch Entschädigung (Wergeld) zu vermeiden, welche Versöhnung schafft, sinngleich mit Sühne, die Frieden bedeutet. Tatsächlich wird ein Fehderecht als eine Art Selbstjustiz fast durch die nächsten tausend Jahre bestehen bleiben, eben dort, wo man nicht friedlich zu seinem Recht zu kommen meint.

.Richten Knechte und Mägde Schaden an, haftet der Herr dafür. Sie  selbst erleiden dafür (Körper)Strafen wie eine Vielzahl von Schlägen, was mit besonderer Härte auch die Sklaven betrifft. Konflikte unter Unfreien kann der Herr wohlnach Gutdünken regeln bzw.strafen.

In einem Dekret des merowinigischen Königs Childebert II. von 596 kommt auch als äußerstes Mittel die Todesstrafe vor, und zwar auf Frauenraub und Inzest. Frühformen des Galgens (patibulum) gibt es jedenfalls. (SchubertRäuber)

 

Da das zivilisatorische Moment der Schriftlichkeit mit den Städten langsam verfällt und sich auf Kirche, Kloster und weltliche Oberschicht zurückzieht, entstehen dabei Strukturen, die vorwiegend auf Mündlichkeit und persönlichen Beziehungen beruhen.

Aufbewahrt wird die Erinnerung an antike Zeiten in (lateinischen) Texten, die in den Klöstern gesammelt und immer einmal wieder neu abgeschrieben werden. Dabei verblüfft heute das Nebeneinander antik-heidnischer und christlicher Schriften in den Bibiliotheken der Klöster, wobei die Texte aus dem monastischen Kontext belegen, dass das antike Heidentum mit Interesse gelesen und zitatweise wie nicht nur später bei Widukind von Corvey in den eigenen Text eingebunden wird. Aber man darf nicht vergessen, dass es vorwiegend Angehörige adeliger Familien sind, die in den Klöstern leben. Eine gewisse Schriftlichkeit bleibt wie im iberischen Visigotenreich bei der Oberschicht bis zu den Großgrundbesitzern hinab wohl zunächst erhalten.

 

In den verfallenden Städten geraten Handwerk und Handel, was schon im alten Rom begonnen hatte, immer mehr unter die Aufsicht von Bischof, Graf und den Äbten von Klöstern, die sich hier ansiedeln und mit reichen Gaben der weltlichen Oberschicht bedacht, ebenfalls zu Herren über Ländereien und handarbeitende Bevölkerung aufsteigen.

 

Franken unter den Merowingern

 

Da es hier um die Entstehung des Kapitalismus und seine erste Blütezeit im Mittelalter gehen soll, konzentriert sich der Text nun stärker auf das Frankenreich, weil es in seiner Ausdehnung unter Karl dem Großen bis auf Teile Englands jene Regionen enthalten wird, in denen Kapitalismus als erstes Wurzeln schlagen wird: Nord- und Mittelitalien, das Rheintal und Flandern vor allem.

 

Südgallien ist inzwischen ganz in den Händen eines visigotischen Reiches mit der Hauptstadt Tolosa (Toulouse). Nordöstlich davon behaupten die Burgunden, zunächst noch in römischen Diensten, nach Norden die alte Reichsgrenze gegen die Alamannen, und lösen sich dann als Königtum aus dem Imperium Romanum, dessen Strukturen zunächst übernehmend in einem Nebeneinander von römischem und burgundischen Recht.

 

Am Niederrhein hat sich um die Hauptstadt Köln ein rheinfränkisches Königreich gebildet, aus dessen vornehmeren Reihen höchste Beamte des Imperium Romanum stammen. Ab 450 sind sie in Ausgrabungen in Gelduba nachweisbar (siehe Anhang 6). Eine Volksgruppe, die dann auch unter die Franken gezählt werden wird, wird als laeti im nordgallischen Toxandrien angesiedelt, um es zu bevölkern und Soldaten zu stellen. Von dort sickern sie in südlichere Gegenden ein.

 

Unter den fränkischen Kleinfürstentümern in Nordgallien ragt bald unter einem Childerich eines um Tournai hervor, welches im Auftrag Roms (des Kaiser-Nachfolgers Odoaker) erfolgreich gegen die Alemannen kämpft, 463 dann unter dem gallischen Heerführer Aegidius gegen die Westgoten. Dieser Aegidius befehligt ein bereits durch Burgunden und Goten von Italien abgeschnittenes Herrschaftsgebiet. Sohn Syagrius wird später von Gregor von Tours als rex, also König bezeichnet, bis ihn Childerichs Sohn Chlodwig besiegt.

Der verselbständigt sich immer mehr, unterwirft weitere Gegenden, während die Rheinfranken bis Trier vorstoßen und sich mit Chlodwig verbünden. Dieser lässt verwandte Konkurrenten und andere Kleinfürsten brutal ermorden.

 

Dann kann er bereits die Thüringer besiegen und 507 gelingt ihm die Eroberung der Auvergne. Inzwischen hat der Osthrogote Theoderich im Bündnis mit den Franken Odoaker beseitigt. Dann geht es für Chlodwig erfolgreich gegen die Alemannen. Schließlich konvertiert er noch zum (römischen) Christentum des Schlachtengottes Kaiser Konstantins.  Diesen Schritt tut er erst, als ihm klar ist, dass ihm auch die fränkischen Großen folgen und mit ihnen dann nach und nach das ganze fränkische Volk.

 

507 schlägt er die (arianischen) Visigoten, erobert Tolosa und vertreibt sie auf die iberische Halbinsel. Zum Dank wird seine Herrschaft von Byzanz mit römischen Titeln anerkannt, die ihn geradezu auf eine Ebene mit Theoderich stellen und helfen, ihn gegen diesen zu positionieren. Fast mehr noch als dem Christengott fühlt er sich dabei dem längst heiligen Martin von Tours verpflichtet, dessen capa (Übergewand) bald in der königlich-fränkischen, danach benannten capella landen wird. 

Die Funktionalisierung der Kirche für die Einheit des so rasch eroberten Reiches findet ihren ersten Höhepunkt in einem Reichskonzil 511 mit reichsweiter Gesetzgebung. An die Stelle eines göttlichen Ahnen tritt nun der göttliche Auftrag des einzig wahren Gottes. Der Süden und der Norden Galliens, nun das Frankenreich, werden sich aber als stärker und schwächer romanisierte Gebiete danach kaum einander annähern.

 

Kurz nach 500 hat König Gundobad ein beachtlich großes Königreich Burgund geschaffen, welches von Basel bis Nevers und Avignon reicht. Schon einige Monate vor Chlodwigs Taufe gelingt es Bischof Avitus, Gundobads Sohn Sigismund zum Übertritt vom arianischen zum römischen Glauben zu bewegen. 532 wird aus Mord und Totschlag ein fränkischer Krieg gegen Burgund. Nach kurzer Flucht in ein Kloster wird Sigismund mitsamt seiner Familie umgebracht und das burgundische Reich wird in das der Franken integriert. Das Wort Burgundia verschwindet dann für Jahrhunderte, bis es nach 843 wieder auftaucht.

 

Da es sich um die kriegerische Machtübernahme einer fränkischen Familie mit ihrem kriegerischen Gefolge über eine Bevölkerung von vor allem mehr oder weniger romanisierten Kelten handelt, kennt die Herrenschicht keine ethnischen Grenzen. Ob Visigoten im romanischen Südgallien, Burgunden in der romanischen Sabaudia, Alemannen, Rheinfranken, Thüringer oder Friesen, später Bayern und Sachsen oder die Menschen beiderseits der Pyrenäen und selbst südlich der Alpen, für die beiden Familien und ihr kriegerisches Gefolge handelt es sich immer um potentielle Untertanen, Objekte von Eroberung, Unterdrückung und Integration. Als Reich gilt der Raum, den die Herrscherfamilie mehr oder weniger beherrscht, und Franken gibt es dort fast überall nur als kleine kolonisierende und kontrollierende Minderheit.

 

Das Erfolgsprogramm fränkischer Könige und ihres Gefolges beruht darauf, die enormen kriegerischen Energien von innen nach außen abzuleiten. Der Atlantik bis zum Ärmelkanal, Pyrenäen und Mittelmeer bildeten natürliche Grenzen, ebenso die Hochgebirge nach Italien. Offen lag jenes Land östlich des Rheins, welches von germanischen Nachbarvölkern besiedelt war, vor allem Friesen, Sachsen, Thüringer, Chatten, Alemannen und Bayern.

 

Unter den Nachfolgereichen des westlichen, lateinischen Teils des Imperiums fällt das Frankenreich seit seiner Entstehungszeit durch besondere oder wenigstens besonders dokumentierte Gewalttätigkeit auf. Ein Aspekt ist dabei sicherlich, dass es keine wirkliche Monarchie wie das Wahlkönigtum der Visigoten ausbildet. Stattdessen ist die Königsmacht zwar bis ins 9. Jahrhundert in der Hand von hintereinander zwei Familien, aber dabei oft geteilt unter mehrere Erben. Da zugleich die Vorstellung eines Reiches der Franken bestehen bleibt, rivalisieren die Erben untereinander bis in Kriege, Mord und Totschlag hinein.

 

Eines der germanischen Überbleibsel ist die Erbteilung, die im Frankenreich nach dem Tod des Reichsgründers Chodwig bei mehreren Söhnen und einem Königtum im Familienbesitz dazu führt, dass das Reich in schon vorgegebene Bestandteile aufgeteilt wird, wobei der gemeinsame Reichsgedanke erhalten bleiben soll. Solche Teilkönigtümer, zu denen bald auch das angeschlossene und eigentlich nichtfränkische Burgund gehört, führen dann allerdings auch zu häufigen Kriegen gegeneinander, und da es sich gewissermaßen um Familienkriege handelt, mischen auch königliche Frauen dabei heftig mit, wobei eine besonders brutale Geschichte wohl zu einer der Keimzellen für das viel spätere Nibelungenlied wird.

 

Herrschaft jenseits des Krieges versuchen die Merowinger-Könige nicht nur durch die Verteilung von Aufträgen und allgemeinen Aufgaben (Bauen, Militärdienst) auszuüben sowie durch eigene Präsenz, sondern sie versuchen sie auch hin und wieder nach römischem Vorbild und recht ungermanisch durch das Eintreiben von einer Art Steuern zu finanzieren, was immer wieder auf Widerstand trifft. Solche Abgaben auf immobiles Eigentum und per capita, pro Kopf vermitteln der germanischen Bevölkerung den Eindruck, ihre Könige seien nicht genug im (Kriegs)Heil befindlich, um ihren Schatz durch Beute, Tribute und Schenkungen aufzufüllen (Elsbeth Orth in: Römer und Barbaren, S.176ff).

Im wesentlichen betreiben Könige also ihren Unterhalt und den ihres Hofes aus den Einnahmen aus dem riesigen eigenen Besitz, dessen Kern die ehemaligen römischen Staatsdomänen sind. Dabei residieren sie oft in den alt-römischen Stadtpalästen.

 

Das Gefolge und damit dann auch die regionalen und lokalen Herren bei der Krone zu halten, ist durchweg mit dem Versprechen von siegreichen Kriegszügen, Ruhm und Beute in vielfältiger Form verbunden. Die gemeinsame fränkische Herrscher-Geschichte bis ins 9. Jahrhundert ist immer wieder von brutaler Aggression nach außen gekennzeichnet. Die jährliche Heeresversammlung im Frühjahr führt regelmäßig zum Aufbruch in den Krieg. Spätestens vor Wintereinbruch kehrt man dann zurück, um sich an den Früchten seines immer gottesfürchtigen Werkes zu erfreuen.

 

Waren Adel (die milites der nobilitas) und der Amtsadel der Kurialen im alten Imperium vor allem mit - im weitesten Sinne - Verwaltung betraut, bei zugleich professionalisiertem Militär,  so ist der Adel des Frankenreiches seinem zentralen Wesen nach Militär, Krieger eben, weswegen die in den höheren Ämtern aristokratisch besetzte Kirche des christlichen Kriegsgottes dort Krieg und Gewalt nicht nur rechtfertigt, sondern mitbetreibt.

Die fast schon Alltäglichkeit des Krieges und seine Verherrlichung führen zu einem Kriegerethos und zur Brutalisierung der Menschen bis hin zu erheblicher Grausamkeit. Was in der Spätantike stärker in den Amüsierbetrieb und die professionalisierte Soldaten-Gewalttätigkeit abgedrängt war, bringt nun im Erfolgsfall auch jenseits davon Ruhm und Ehre. Informiert sind wir allerdings vor allem über Mord und Totschlag in der merowingischen Herrscherfamilie, angefangen bei Chlodwigs systematischem Töten und Morden aller Konkurrenten um die Macht, nicht zuletzt auch in der eigenen Familie. Einen düsteren Höhepunkt erreichten diese Hass- und Mordgeschichten mit den drei Machterben ab 567 und ihren vielen (zum Teil gleichzeitigen) Frauen, die in dem Konflikt zwischen Fredegunde und Brunichilde kulminiert, wie ihn Gregor von Tours beschreibt.

 

Ziel von Gewalt ist Macht und deren Ausübung dann möglichst ohne aufwendige Gewaltanwendung, das, was in Zivilisationen als innerer Friede gilt. Die geringen Machtmittel von Herrschern bis ins 10. Jahrhundert verlangen dabei durchgehend auch das Gespräch mit den Großen des Reiches, denn wenn man ihr (militärisches) auxilium, also ihre Hilfe braucht, dann muss man auch ihren Rat (consilium) annehmen. Aber Gesprächsteilnehmer haben Gewicht vor allem mit ihrem Gewaltpotential. 

Gewalt wird einerseits als solche und als Heldentum verherrlicht, andererseits aber auch religiös gerechtfertigt, - und zugleich ganz weltlich durch Schlagwörter wie Friede, Schutz, Gerechtigkeit, in denen sich Macht gerne spiegelt - sie inszeniert sich also doppelt.

 

Die heutige Provence wird in einer Gegenwehr Theoderichs vor der fränkischen Übernahme bewahrt, und laut Theoderich, wie Cassiodor schreibt, der römischen Freiheit zurückgegeben. Auf der anderen Seite des südlichen Gallien bleibt Septimanien diesseits der Pyrenäen den Visigoten erhalten, ein Landstrich, der später auch Gothia heißen wird.  Als dann Ostrom nach der Vernichtung des Vandalenreiches 534 unter Justinian die Rückeroberung Italiens einsetzt, überlassen die Nachfolger Theoderichs die Gebiete nördlich und westlich den Franken unter den Söhnen Chlodwigs, die auch die Provence, große Teile Alemanniens und Bayern erobern, nachdem sie sich schon Thüringen einverleibt hatten. In Gallien fehlen außer Septimanien nur Vasconien, die baskische Gascogne also, und die Bretagne.  

Bis 552 zerstört Ostrom dann auch das italische Reich der Ostrogoten. Der zwischenzeitliche Versuch, sich an der Südküste Spaniens festzusetzen, ist allerdings genauso wenig von Dauer wie der in den übrigen Regionen.

 

Inzwischen gelingt es den Angeln, Sachsen und anderen aus demselben Raum stammenden Völkern, sich im 5. und 6. Jahrhundert in dem Teil Britanniens festzusetzen, der später England heißen wird. Im Unterschied zu den anderen germanischen Volksgruppen, die die Nachfolge des römischen Reiches antreten, gelingt es ihnen, eine durch Fusionierung entstehende eigene Sprache neben dem Latein der wenigen Gebildeten durchzusetzen, aber es wird lange dauern, bis sie ein gemeinsames Königreich bilden.

 

 

Wie schon angedeutet, hatte sich das römische Bistum/Patriarchat eine gewisse geistliche Führungsrolle im Westen angemaßt. Nach dem Untergang der Ostrogoten war es, wie der größte Teil Italiens, zunächst unter die Herrschaft Ostroms gelangt. Die Hauptstadt Konstantinopel nahm bald wieder den alten griechischen Namen Byzantion (Byzanz) an und beanspruchte, wo immer möglich, das alte Westreich für sich. Den Langobarden gelingt es dann nicht, ganz Italien unter ihre Kontrolle zu bringen. Rom und seine Umgebung, das alte griechische Neapel und einige andere Städte bleiben wenigstens nominell in byzantinischer Oberhoheit, dazu Teile der Ostküste von Venedig bis Bari.

 

In Rom gibt es gewissermaßen noch einen anderen Erben für das alte Westrom: Das entstehende Papsttum. Während die Stadt Rom einen rapiden Bevölkerungsverlust erleidet und seine städtischen Strukturen und Gebäude verfallen, hält der römische Bischof eine nicht nur kirchliche, sondern ein wenig auch imperiale Tradition aufrecht, sitzt er doch auf einem Thron in der alten Kaiserstadt. Nach dem Osten darf er seine Ansprüche allerdings nicht ausrichten, herrscht doch dort seine Schutzmacht, auf deren Wohlwollen er angewiesen ist, bald auch zum Schutz vor den Langobarden.

 

Nun hatte die Kirche aus der endredigierten Version der Evangelien – bzw. aus einer kleinen, vermutlich von ihr betriebenen Einfügung – Jesu Auftrag an Petrus entnommen, fleißig zu missionieren, was inzwischen heißt, möglichst viele Menschen unter die Obhut der (Petrus-)Kirche zu bringen. Das passt zwar nicht zu dem übrigen Evangelien-Text, aber der Kirche und auch den fränkischen Herrschern ins Konzept. Während nun Missionare in England versuchen, in etwas neuer Form an das anzuknüpfen, was da einst als Christentum vorhanden gewesen war, sind manche kaum anzivilisierte Germanen-Völker eher wenig geneigt, ihre eigenen Vorstellungen von der Welt ohne zum Teil gehörigen Widerstand aufzugeben. Das wiederum kommt dem kriegerischen Expansionsdrang der fränkischen Herrscher entgegen, die ihre Kriege darum religiös begründen können, wie vor ihnen altjüdische und dann zeitgleich mit ihnen erste muslimische Herrscher.

 

Während Friesen und Sachsen sich auch jetzt nicht bezwingen lassen, werden Thüringer, Chatten, Alemannen und Bayern in Kriegen immer mal wieder unter fränkische Oberhoheit gebracht. Nicht nur dem Christentum wird so Verbreitung ermöglicht und in einigen Gegenden zudem fränkische Kolonisierung, sondern diese Völkerschaften werden dabei auch unter von fränkischen Königen abhängige Unterkönige gebracht.

Die Stabilisierung solcher fränkisch beeinflusster Herrschaft schafft einen neuen Stammesbegriff in zukünftigen deutschen Landen. Mustergültig dafür ist jenes große Völkergemisch, welches unter solch zentraler Führung zum Volk der Bayern zusammengeschweißt werden wird.

 

Die Merowingerkönige, solange sie noch tatsächlich herrschen, verfügen zunächst noch über eine gewisse Lesekunst und Schreiber für rechtlich wirksame Texte. Ländliche Pachtverträge in Schriftform gibt es auch noch im Frankenreich des 6. Jahrhunderts. Besonders altrömische Familien mit größeren Besitzungen pflegen solange auch noch antikes Bildungsgut, wenn auch mit abnehmender Tendenz.

 

Im 7. Jahrhundert beginnt sich dann die Schreibkundigkeit besonders nördlich des Mittelmeerraumes nach und nach fast völlig in Klöster zurückzuziehen, weswegen wir diese neue Welt nun fast ganz nur noch aus Texten von Mönchen kennen. Auch die Erinnerung an die frühen Texte der Christenheit wird in Schrift und Lebensform im wesentlichen nur dort noch gepflegt. Daneben erinnern sich einige belesene Bischöfe mit ihren Kenntnissen noch an die Vergangenheit.

 

Im Zuge der Erbteilungen unter den jeweiligen Söhnen bilden sich drei Teilreiche heraus. Da ist das um Champagne und Auvergne vergrößerte Rheinfranken mit der Hauptstadt Reims bei bleibender Bedeutung von Köln, ein Gebiet, welches später Austrien genannt wird und welches zeitweilig das ganze östlich anschließende Germanien kontrolliert, dann ein Neustrien mit dem Hauptort Paris, welches zum Teil später als Francia firmieren wird, und ein zeitweilig bis ans Mittelmeer reichendes Burgund.

614 gelingt es Chlotar II., sich als Alleinherrscher durchzusetzen. Von Paris aus regiert er alle Reichsteile, Neustrien direkt und die beiden anderen patriae, wie sie nun heißen, jeweils über einen Hausmeier, maior domus, als Verwaltungschef, wobei beide als Vertreter des Adels auch dessen Interessen repräsentieren.

 

Schließlich verlangen Chefs austrischer Adelsfamilien, insbesondere der Bischof Arnulf von Metz und der mit ihm verbündete Hausmeier Pippin (der Ältere) die Einsetzung eines eigenen Königs, und Chlothar gibt ihnen seinen Sohn Dagobert, der 629 nach dem Tod seines Vaters sich Neustrien und Burgund verschafft und dann Pippin gefangensetzt und Arnulf entmachtet, der sich ins Kloster Remiremont in den Vogesen begibt, was seiner baldigen Heiligkeit zuträglich werden wird. Als Dagobert dann einen Sohn in Austrien einsetzt, ist dieses fast wieder auf das alte Rheinfranken geschrumpft und der Kontrolle über Germanien östlich des Rheins beraubt.  

Nach Dagoberts Tod 639 übernimmt neben dem Austrasier Sigibert der andere Sohn  Chlodwig (II.) das erweiterte Neustrien (samt Burgund) als regnum Francorum, womit nun die Leute nördlich der Loire und westlich von Austrien zu "eigentlichen" Franken einer Francia werden, während diese wiederum die Menschen im Süden als "Römer" ansehen  und die im Osten eher als unfränkisch. (Werner, S.353)

 

Inzwischen ist die Christianisierung in den Reichsteilen vorangeschritten und hat auf Teile der Oberschicht Germaniens übergegriffen. Adel und Kirche sind beide an der Verwaltung des Reiches beteiligt, und mit dem Adel werden die Bistümer besetzt. Beteiligung an der Macht findet auf Konzilien statt, an denen auch Laien teilnehmen, und auf Hoftagen, auf denen wiederum auch Bischöfe auftreten. Besonders wichtige Bistümer wie Reims, Metz, Paris, Köln, Trier werden als Stützen des Reiches mit Königsgut ausgestattet, und die Bischöfe "wirkten oft im königlichen Dienst als Berater, Verwaltungsbeamte und Finanzleute" (Friedrich Prinz in: Römer und Barbaren, S.123).

 

Eine wichtige Rolle übernimmt in diesem Zusammenhang die iro-schottische Mission um 600, die stark mit dem Namen Columbans verbunden ist. Die daraus entstehenden neuartigen Klöster sind so attraktiv für den fränkischen Adel, dass der nun selbst welche gründet und ausstattet und sie an seine Familien bindet. "Die vom fränkischen Adel gegründeten Klöster standen im Einklang mit dessen vornehmem Status. Es waren große Klöster mit reich geschmückten Kirchen, in denen adelige Männer und Frauen ihren gewohnten Lebensstil trotz aller Hingabe an Gott beibehalten konnten." (Patrick J.Geary in: Römer und Barbaren, S.157).

Zugleich zieht ein neuer Heiligentyp ins Frankenreich ein: Es sind hocharistokratische und waffengewandte Bischöfe, mit denen sich auch der noch ziemlich heidnische Adel auf dem Lande identifizieren kann. Der Fortschritt der Christianisierung ist die zunehmende weitere Entchristlichung des Christentums.

 

Die (weltlichen) Reichen und Mächtigen, allesamt Krieger, geben christliche Institutionen insbesondere seit dem 7. Jahrhundert gerne viel. Einmal können sie so Kirchen und Klöster eng an sich binden oder sogar unter ihre Aufsicht und ihren Schutz stellen. Des weiteren bekommen sie die Möglichkeit, ähnlich wie Klerus und Mönche in größtmöglicher Nähe zu den Überresten von Heiligen bestattet zu werden, in denen göttliche Wunderkraft aufbewahrt ist, was für den Zugang zum Himmelreich von Vorteil sein soll. Zudem kann man größere Geschenke mit der Verpflichtung von Geistlichkeit und Klosterinsassen verbinden, regelmäßig für das Seelenheil insbesondere der verstorbenen Familienmitglieder zu beten und so die Vermeidung von Höllenqualen erreichen, die bei dem Lebenswandel der Laien eigentlich naheliegend sind.

Das wiederum zieht Vorteile nach sich: Eine Kirche, ein Kloster können so später zum Zentrum ihrer Familien werden, zum Versammlungsort und Identifikationspunkt. Es gibt keine Familiennahmen und vorläufig auch keine Burgen, nach denen man sich hätte benennen können, und die den Zusammenhalt und die Traditionsbildung gefördert hätten. Das tut nun bald das Totengedächtnis in Kirche und Kloster, die memoria, so wie es in den Stammesverbänden früher nur die mündliche Tradition in der Familie konnte.

 

Zwischen 639 und 687 übernehmen Hausmeier zunehmend die Macht in beiden Reichen, und zwischen denen von Neustrien (Ebroin) und Austrien (die vereinigte Familie von Arnulf und Pippin) entbrennt ein Machtkampf, der schließlich in der Schlacht bei Tertry zugunsten Pippins (des Mittleren) entschieden wird. Der belässt einen relativ entmachteten merowingischen König in Paris, für den bald ein Sohn Pippins, Grimoald (II.) die wirkliche Macht ausübt, und er selbst residiert vorwiegend in Köln als Hauptort Austriens mit seiner Gemahlin Plektrud: Ein König, ein Reich und zwei mächtige Hausmeier aus einer Familie großer weltlicher Grundbesitzer: Sie werden viel später Karolinger heißen.

 

Unter den Osthrogoten und dann Langobarden, den Burgunden, Franken, den Visigoten und Vandalen verfällt der gemeinsame weströmische Wirtschaftsraum. Der Handel nimmt ab und gerät zunehmend in die Hände von Syrern, Juden und später auch Friesen. In Fällen von Hungersnöten wird arme Bevölkerung durch angekauftes oder gehortetes Getreide von Bischöfen ernährt, die meisten Menschen haben keine Geldreserven, ja, verfügen, wenn überhaupt, nur nach besonders guten Ernten kurzfristig über Geld, was sofort abgegeben oder ausgegeben wird.

Dort, wo wie im germanischen Raum nicht ohnehin Städte fehlen, setzen sich nun fast überall agrarische Strukturen durch, am wenigstens noch an den Küsten Italiens und Südgalliens. Selbst das Handwerk zieht sich weiter aufs Land zurück und geht dann in die großen Grundherrschaften ein. Was zudem immer mehr abnimmt, ist ein Markt, auf dem sich Stadt und Land austauschen könnten, womit auch das Geld deutlich an Bedeutung verliert, auch wenn es nicht ganz verschwindet.

 Die Nahrungsmittelproduktion geht nicht nur mit dem Bevölkerungsschwund zurück, sondern auch aufgrund sinkender Produktivität. Vieles an antiker technischer Innovation schwindet, nicht etwa, weil es ganz vergessen wird, sondern weil es niemand mehr gibt, der sie aufrechterhalten kann.

 

Aber es gibt weiter Münzstätten im Frankenreich und Münzen, es gibt Märkte, vermutlich sogar größere Jahrmärkte und die Nachfrage der Oberschicht nach Luxusgütern. Zölle und andere Abgaben werden eingenommen. Es gibt negotiatores, Händler. Bis tief ins siebte Jahrhundert bleibt tradiertes Handwerk, sogar exzellentes Kunsthandwerk (Glas, Emaille, Keramik, Elfenbeinschnitzerei, Goldschmiedekunst) in den Städten. Es gibt weiterhin Bauten aus Stein, aber bald nur noch für einen kleineren Kreis von Oberschicht und für bedeutendere Kirchen, von denen allein Reims über zwanzig haben soll. Glockentürme und Querschiffe sind Erfindungen der Merowingerzeit. Erhalten geblieben ist bis heute kaum mehr als das Johannes-Baptisterium in Poitiers.

Aber alles nimmt mit der Verringerung der städtischen Bevölkerung ab. Die meisten Städte und viele vici des Imperiums bleiben dabei kleiner bestehen oder werden in der Nähe wieder aufgebaut.

Einen weiteren Einbruch in den Fernhandel bildet zunächst die rasante Ausbreitung der islamischen Welt im 6. Jahrhundert, die 656 Ägypten und 711 Hispanien erreicht. Papyrus wie vieles anderes gelangt nicht mehr nach Europa und wird durch Pergament ersetzt. Solide Kapitalbildung gibt es kaum noch. Wir sind inzwischen noch weiter als in Zeiten antik-römischer Kaiser entfernt von irgendeinem Ansatz von Kapitalismus. (Genaueres in Anhang 6)

 

Wenn man hier stehen bleibt und nicht vom späten Mittelalter aus, klüger geworden, wieder zurückschaut auf das, was bisher beschrieben wurde, wird man keine Anzeichen dafür finden, dass sich im lateinischen Abendland „Kapitalismus“ herausbilden wird. Weder das nachantike weströmisch-germanische Christentum, noch die Herrschaftsformen, die Formen des Wirtschaftens oder gar die weiter verfallenden Städte geben irgendeinen Hinweis darauf. Gebäude sind weitgehend aus Holz und Lehm, das Handwerk hat sich inzwischen vorwiegend aufs Land zurückgezogen, gehandelt werden nur noch wenige Luxusgüter für die von ihren großen, wirtschaftlich fast autarken Landgütern lebende Oberschicht, während das produktive Volk vorwiegend auf die schiere Subsistenz reduziert bleibt.

Geld zirkuliert nur noch in geringerem Umfang, es herrscht, sofern überhaupt, weithin Tauschhandel. Kapitalisten gibt es auch kaum noch welche, und es besteht auch immer weniger Bedarf an ihnen. Anders sieht es mit den großen Städten von Byzanz und bald auch der islamischen Welt aus, aber dort wird sich kein Kapitalismus entwickeln.

 

Tatsächlich ist das Neue aber schon im Alten angelegt: In einer bestimmten Ausprägung des Christentums, im nie ganz verloren gehenden Erbe der mittelmeerischen Antike, in Resten von Städten, in denen Verluste zugleich zur Offenheit für Neues werden, in Herrschaftsformen und Strukturen der Machtverteilung, die noch zu anarchisch, zu unsicher für den Aufstieg von Kapitalverwertung sind, aber eine gewisse Offenheit (oder soll man Freiheit sagen?) besitzen, die zu Spielräumen wird werden können.

 

Städte im Norden

 

Die mittelalterliche Stadt hat ihren Ausgangspunkt in der römischen civitas. Diese verliert zur Zeit ihrer Christianisierung zunehmend ihre Selbstverwaltung antiken Typs, und durch gelegentliche Zerstörungen germanischer und aus Innerasien stammender Völkerschaften sowie zurückgehende Finanzierung zunehmend ihr intaktes Aussehen.

Der Niedergang des antik-römischen Städtewesens vollzieht sich dabei in zwei Etappen. Die erste findet in der zweiten Hälfte der Kaiserzeit statt, die zweite in der Übergangszeit zwischen Antike und sogenanntem Mittelalter. Dennoch überlebt in den germanisch dominierten Nachfolgestaaten mit Resten eines Städtewesens auch ein Rest antiker Zivilisation, während es vor allem in den skandinavischen und osteuropäischen Weiten jenseits des Mittelmeerraumes zunächst eine fast städtelose, höchstens schwach anzivilisierte Welt gibt. Kapitalismus wird denn auch vor allem dort entstehen, wo es entweder eine gewisse urbane Kontinuität gibt, wie in der Nordhälfte Italiens oder am Rhein, oder wo neues Städtewesen auf ehedem imperialem Boden dadurch entsteht, dass überlebender Handel und Gewerbe dorthin ausstrahlen oder dort neu entstehen, wie etwa in Flandern.

 

Das urbane Zentrum der römischen civitas basierte vor allem auf dem Reichtum, den Großgrundbesitz einbrachte. Andere stadtartige Siedlungen waren Garnisonsstädte. Gewerbe und Handel spielten in beiden Fällen eine untergeordnete Rolle. Eine abgeschlossene Grundbesitzerschicht von dreißig bis hundert der reichsten Familien verwaltet die Stadt und besorgt ihren Ausbau. Oft haben diese Leute relativ freie Hand, den Frieden, also die Unterordnung der Masse der Bevölkerung aufrechtzuerhalten, mit der Auflage, Steuern (zunächst rund zehn Prozent der Ernte) abzuführen, die vor allem dem Unterhalt der großen Heere dienen. Unter dem Druck der militärisch-fiskalischen Bedürfnisse der Kaiser und ihres riesigen Reiches ziehen sich viele "römische" Großgrundbesitzer in Gallien und Hispanien bereits in der Spätzeit des Imperiums auf ihre Landgüter zurück, wo sie nach Selbstversorgung streben und von Steuervorteilen profitieren. Sie versorgen sich dabei nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit dem, was ihre eigenen Handwerker produzieren. Dieser Vorgang betrifft allerdings Italien und überhaupt den nördlichen Mittelmeerraum weniger als das übrige Reich (Hythe, S.13), weswegen wir dort im Mittelalter weiterhin städtische Wohnsitze des Adels vorfinden. Das wird denn auch einen der Unterschiede zwischen dem Norden und Süden des westfränkischen Gallien ausmachen.

 

In vielen einzelnen Provinzen reduziert sich Urbanität zunehmend auf eine Art Hauptstadt einer Großregion, in manchen wie südlich der Donau und in Pannonien verlieren Städte völlig jede Bedeutung. Die römische Zivilisation ist im Westen schon im Untergang begriffen, als germanisch dominierte Völkerschaften sie übernehmen. 

 

Die Bischöfe treten nach und nach das Erbe dieser städtischen Honoratioren an. Sie teilen sich im fränkischen Modell dann die Macht mit den comes (civitatis), die sie zunehmend daraus zu verdrängen versuchen. 

 

Bischöfe und ihre Geistlichkeit sind seit dem vierten Jahrhundert von Steuern und Dienstpflichten befreit, was ihre Stellung attraktiver macht, sie werden zu einer Alternative zum weltlichen cursus honorum, dem üblichen Karriereweg durch die Ämter. Zunehmend übernehmen sie gerne die Zivilgerichtsbarkeit für ihre Herde, aus der dann im Laufe der nachrömischen Zeit der Bischof zum Gerichtsherr in seiner Stadt wird.

 

In den Bürgerkriegen und den Überfällen und Wanderbewegungen germanischer, asiatischer und dann slawischer, nordafrikanischer und orientalischer Völkerschaften finden massive Zerstörungen an den Städten statt. Städte werden darum ummauert und erhalten "Burgcharakter" (Schott), und so werden die einwandernden Germanen sie kennenlernen und später auch in ihren Volkssprachen benennen.

 

Gewerbe und Handel gehen mit der Einwohnerschaft zurück. Ein Teil der Städte verschwindet ganz, einige werden an anderer, weniger gefährdeter Stelle wieder aufgebaut. Mit den neuen Herren verschwinden die Rahmenbedingungen für die antiken Städte, sie ändern ihren Charakter, soweit sie in irgendeiner Form überleben. Was bleibt, ist, dass sie weiter auf dem Reichtum von Großgrundbesitz beruhen, der jetzt ganz besonders auch Kirche und Kloster gehört.

 

Franken, Alemannen und Angelsachsen übersetzen oft civitas mit Formen des Wortes Burg, was nichts anderes als einen befestigten Ort meint. Umgekehrt werden dann auch im frühen Mittelalter befestigte, im späteren Sinne wenig städtische Orte als civitas bezeichnet, wodurch das Wort vorübergehend eine erhebliche Bedeutungserweiterung erlebt. Das ändert sich erst auf dem Weg ins hohe Mittelalter, als das Wort Burg im Deutschen nach und nach seine engere Bedeutung bekommt, von der sich volkssprachlich stat und dann später Stadt ablöst.

 

Auch in der Provence gehen Städte zugrunde, nur Arles hält sich nebenan. Marseille, Nîmes, Uzès, Carcassonne und Agde behalten eine gewisse Bedeutung, teilweise durch Handelsbeziehungen mit dem vorderen Orient, ebenso Toulouse, Poitiers und Vienne. Überlebende Städte sind inzwischen Festungen mit einem intakt gehaltenen Mauerring, wie auch das aufsteigende burgundische Dijon.

In Bordeaux scheinen "letzte Spuren städtischen Lebens" im 6. Jahrhundert zu verschwinden  und mit ihnen zeitweilig die Existenz von Bischöfen.

 

Etwas mehr Kontinuität scheint Autun, als Augustodunum eine der größten Städte der Gallia Romana bewahrt zu haben. "Hier zog sich seit dem ausgehenden 4. Jahrhundert ein Siedlungsrest auf einen höchstgelegenen Südwinkel von nur noch 10 ha zurück, darin lagen die Kathedrale St.Nazaire und eine Kirche Ste.Croix; alles übrige kirchliche Leben blieb ungeschützt im weiten Kreise der Mauertrümmer sowie im Nekropolbereich; immerin bestand in der civitas das 312 belegte palatium noch 866 mit einer Kirche St.Jean Bapt., und die ortszuständigen Grafen verfügen als Laienäbte über die wichtige Abtei St.Symphorian.

 

Das einst bedeutendere Paris war schon in der späten Kaiserzeit auf die befestigte Seineinsel geschrumpft. Im dortigen Palatium residiert Chlodwig, wenn er anwesend ist. Im 7. Jahrhundert breitet sich dann eine Kaufmannssiedlung mit ihren Pfarrkirchen beiderseits der Seine aus. In Abstand davon wird die wachsende Stadt von Klöstern wie Sainte-Geneviève oder Saint-Denis umgeben, letztere seit dem siebten Jahrhundert mit einer Herbstmesse ausgestattet.

 

Im Norden des fränkischen Galliens überlebt kaum eine Stadt, nicht einmal in Flandern mit seiner später so reichen Städtelandschaft. Die Colonia Trajana (Xanten) ist bereits Mitte des 5. Jahrhunderts verlassen worden. Entlang des mittleren Rheins bleiben eine Anzahl Städte in kleinerem Umfang erhalten, wie Köln, Mainz und Worms, während am Oberrhein Straßburg beispielsweise zunächst fast völlig verschwindet.

Ein besonders instruktives Beispiel bildet die weströmische Kaiserresidenz Trier (Augusta Treverorum), deren Mauern einst fast 300 ha einschlossen bei einer Bevölkerung von gut 60 - 80 000 Einwohnern. Auf sie soll weiter unten gesondert eingegangen werden.

 

Köln lebt in seinem antiken Stadtplan in bescheidenem Umfang weiter. Es gibt eine gewisse Kontinuität von der spätantiken Bischofskirche zum mittelalterlichen Dom an derselben Stelle, und die Merowinger nutzen den Palast des römischen Statthalters weiter als Residenz. Neben der Mainzer ist das in der Nachantike die einzige Rheinbrücke, wichtig für den in geringem Umfang fortdauernden Handel. Daneben prodzieren Handwerker dort weiter einfacher werdende Produkte. Andere Römerstädte wie Mainz und Speyer leben nicht mehr in ihren Zentren weiter, sondern in neuen Siedlungen am Rande.

 

Das römische Legionslager Regensburg überlebt dank seiner römischen Mauern. Seit dem 6. Jahrhundert dient der Ort den Bayrischen Herzögen als Residenz , 739 entsteht dort ein Bischofssitz. Die Bebauung mit hölzernen Pfostenhäusern ist locker und von Grünflächen durchsetzt.

 

In Britannien verlässt die nur oberflächlich romanisierte keltische Bevölkerung die Städte, die nun „den Anblick größerer Dörfer mit einigen öffentlichen Gebäuden darboten.“ (Pitz, S. 59) Dies änderte sich auch nicht mit der Ankunft der germanischen Völkerschaften, die selbst keine urbanen Traditionen besitzen. Mit ihnen verschwinden auch die Bistümer, die auf dem westlichen Kontinent Keimzellen für das Wiederaufleben der Städte bieten.

In ganz England setzt im 5. Jahrhundert die Geldwirtschaft ganz aus, die römischen Kupfermünzen der kleinen Leute verschwinden auch auf dem Kontinent, und die Goldmünzen der Großen dienen vor allem der Schatzbildung, der Belohnung von Freunden und Gefolge und dem Einkauf ins Himmelreich. Dabei wird auch die Münzprägung eine Sache lokaler und regionaler Großer und entgleitet den über sie Herrschenden ein gutes Stück weit.

 

Canterbury verliert zunächst seinen städtischen Charakter, obwohl es einen Siedlungsrest behält. Mit der Missionierung erhält es eine Kathedrale, wird später Erzbistum, dort entsteht dann auch die erste Münzstätte des sächsischen Englands.

 

London besitzt wie fast alle Römerstädte Englands keine Siedlungskontinuität, wird aber wegen seiner Verkehrslage von Sachsen neu gegründet. Es wird allerdings keine Residenz und scheitert auch zunächst mit einer Bistumsgründung (St.Paul) an der Konkurrenz des übermächtigen Canterbury. Auch Orte wie Chichester oder Winchester sind Neugründungen lange nach dem Verfall der Römerstädte. Letztere entsteht um einen königlichen Burgbezirk und um die Kathedrale. Dazwischen liegt weithin unbebautes, vielleicht landwirtschaftlich genutztes Gelände.

Keine Kontinuität der Besiedlung besitzen auch Exeter und Bath, nur für York wird sie von einigen aufgrund archäologischer Reste vermutet.

 

Fassen wir zusammen: Alle Städte Westroms in "christlicher" Hand verfallen zum größeren Teil oder ganz. Die Bauten rund ums Forum, die Tempel, auch die Insulae werden zu Ruinen. Die Bauten des Amüsiergewerbes, Theater, Amphitheater, Zirkus, Bäder werden zweckentfremdet oder als Steinbruch benutzt. Innerhalb des einst römischen Mauerrings entstehen, soweit es darin überhaupt noch Besiedlung gibt, weite unbebaute Flächen. Wasserversorgung und Abwasserentsorgung verfallen, die Lebensverhältnisse gleichen sich denen des Umlandes an. Dieser Niedergang der Städte vollzieht sich bis tief ins 7. Jahrhundert, zum Teil bis in die Karolingerzeit hinein.

 

Die starke Verringerung des Fernhandels, des Handels überhaupt und der Bevölkerung der Städte hängen eng zusammen. Auch da, wo Städte nicht massiv zerstört werden, können die antiken Zusammenballungen von Menschen nicht mehr hinreichend versorgt werden, da eine immer weniger Überschüsse produzierende Landwirtschaft sie nicht mehr ernährt und sie nicht mehr aus der Ferne versorgt werden können. Die Kosten für Wasserversorgung sind nicht mehr auf antikem Niveau zu finanzieren. Überhaupt geht die Bevölkerung allgemein massiv zurück, und eine gewisse Bevölkerungsdichte ist erste Voraussetzung für die Aufrechterhaltung von Städten.

 

Eine schwer abzuschätzende Rolle spielen zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert Seuchen, insbesondere die Beulenpest. Zwischen 541 und 544 sollen in Byzanz, so wird geschätzt, ca. 20 Prozent der Bevölkerung gestorben sein. Erwähnt wird sie in diesem Jahrhundert auch für Gallien und Italien. Schätzungen sprechen davon, dass die Bevölkerung auf dem Boden des Karolingerreiches zwischen 500 und 700 "um ein Drittel oder mehr" geschrumpft sein könnte (Manfred Vasold in: Römer und Barbaren, S.196ff). Aber das beruht wohl sicher nicht nur auf Seuchen, sondern auch auf Hungersnöten und überhaupt sporadischer Unterernährung.

Vereinzelte Zeugnisse belegen Bevölkerungsschwund durch Nachfahren der Pest aus der Zeit Justinians und andere Seuchen. Mitte des 7. Jahrhunderts schreibt der Bischof von Clermont an seinen Kollegen in Cahors: Da so schlechte Nachrichten über die Seuche aus Marseille kommen, die beinahe die gesamte Provence verheert und entvölkert, möge der Herr Wachen aussenden, damit niemand sich untersteht, von Cahors aus in diesen Tagen nach Rodez oder benachbarte Städte aufzubrechen, damit nicht etwa (...) dieses schlimme Übel über eure Stadt komme. Denn an den jenen Gegenden benachbarten Stellen sind Wachen aufgestellt worden, damit niemand zwecks Kaufs- oder Verkaufsgeschäften irgendeinen Zugang findet. Wenn ihr nicht in eifriger Vorsorge darum nachsucht, droht Lebensgefahr. (in: Fuhrmann, S.18)

 

Niedergang heißt meist nicht völliger Untergang. Zwar kannten die Germanen ursprünglich keine Städte, aber durch den Kontakt mit den Römern war ihnen deren Städtewesen bereits vertraut. Der erste Kontakt war Warenaustausch, ein weiterer der Militärdienst im römischen Heer, zudem wurden Germanen im Norden und Osten Galliens wie auch im Ostteil des Reiches angesiedelt. Entsprechend leben dann nach dem Ende des West-Imperiums Germanen und Romanen in den Rest-Städten nebeneinander.

 

Dass die Städte des römischen Westreiches nicht völlig mit ihm verschwinden, mag viele, auch lokal und regional verwurzelte Gründe haben, aber einige generelle scheinen doch herauszuragen. Der wichtigste ist, dass die Kirche als Haupterbe der Antike überlebt, und sie war von vorneherein im wesentlichen eine städtische Institution und wurde von Städtern betrieben. Spätestens mit dem Konzil von Serdika 343 war festgelegt worden, dass Bischofssitze nur an Orten größerer Bevölkerungsdichte eingerichtet werden sollen, und dieser Beschluss wird in dem nächsten halben Jahrtausend noch bekräftigt werden.

Als Städte dann im Sturm der Zeiten verwüstet werden, manchmal Reste der Oberschicht fliehen, Handwerk und Handel manchmal völlig zum Erliegen kommen, gibt es entweder eine Kontinuität der bischöflichen Institution oder aber die baldige Wiedererrichtung von Bistümern. Bischöfe wiederum verlangen als Herren über größere Ländereien nach der nahen Arbeitskraft von Handwerk und Handel und bald auch von Finanziers.

Kern der Neubesiedlung wird dann einerseits die Kathedralkirche, die auch insofern Kontinuität verspricht, als zunächst weiter romanische Oberschicht-Familien den Bischof stellen. Daneben bilden befestigte Palastbauten und Burgen Siedlungskerne. Der rheinfränkische König Sigibert residiert kurz vor 500 im Kölner Prätoriumspalast, in Trier dient die Palastaula („Basilika“) als Residenz.

 

Dazu kommen manchmal kleine Kaufmannssiedlungen und Gewerbebezirke (zunächst romanischer Provenienz) mit ihren Pfarrkirchen, die vor allem die lokalen Großen versorgen, von denen sie abhängig sind. Wohngebäude werden im wesentlichen aus Holz und Lehm (Fachwerk) und manchmal, eher selten, auf steinernem Fundament gebaut. Die Städte verwandeln völlig ihr Gesicht. Die vorhandenen Straßen werden notdürftig geflickt. Das Abwassersystem der Römerzeit verschwindet, auf den Hausgrundstücken wird oft Kleinvieh gehalten, Kot und Unrat werden in Latrinengruben in der Nähe der Behausungen „entsorgt“. Als Heizung dienen offene Herdstellen.

 

Wichtigster Bauherr für Steinbauten ist nun der Bischof, überhaupt die Kirche. Ein Bürgertum im römischen oder mittelalterlichen Sinne gibt es nicht, dafür eine Handvoll weltlicher Großer, deren Macht wie die der Kirche und der Klöster auf Grundbesitz beruht. An die Stelle des römischen Durchfütterns des Proletariats tritt die nicht unbeträchtliche kirchliche Armenfürsorge, die als Ordnungsfaktor auch Machtfaktor ist.

 

Die Friedhöfe bleiben zunächst außerhalb der Städte in römischer Tradition. Während Romanen keine Grabbeigaben dazu legten, werden vornehmeren ("christlichen") Franken zum Beispiel zunächst weiter und bis tief ins 7. Jahrhundert Waffen, Schmuck und Wegzehrung für das Jenseits mitgegeben, zudem Amulette, die Unheil abwehren sollen (Dietmar/Trier, S.70 z.B.). Nur besonders mächtigen Herren gelingt es, ein Grab in den Kirchen zu erlangen, am besten in der Nähe der Heiligen, deren Gräber oder Reliquien sich dort befinden.

 

Die civitas ist kein einheitlicher „staatlicher“ bzw. „politischer“ Raum mehr, ihre territoriale Einheit bleibt nur noch als Diözese gewahrt, Bereich der Zuständigkeit des Bischofs. Der cives-Begriff wird immer unklarer, undeutlicher. Als civitas wird oft nur noch der städtische Restkern wahrgenommen, vor allem der Dombezirk. In diesem Bereich im Besitz der Kirche herrscht Befreiung von Steuern und Abgaben, aber auch solche von der weltlichen Gerichtsbarkeit, sogenannte Immunität. (Groten, S.31f)

 

Das „städtische“ Gewerbe deckt für Jahrhunderte nur noch den lokalen Bedarf. Für Köln wird zum Beispiel Metall-, Glas- und Knochenbearbeitung (Kämme) nachgewiesen (Dietmar/Trier, S.107ff). Die außerhalb der Städte in ihren befestigten Villen residierenden Grundherren hatten schon seit der späten Kaiserzeit das Handwerk für ihren Bedarf auf ihren Besitz auf dem Land mitgenommen. Der vornehme Franke hat eventuell ein Stadthaus, aber er lebt vor allem auf seinem Grundbesitz auf dem Lande. „Der Kleriker Adalgisel Grimo, der 634 sein Testament machte, hatte ein Haus in Trier, er verfügte aber auch über sechs Landgüter und hatte Besitz in zehn weiteren.“ (Groten, S. 33)

 

Töpfermanufakturen entstehen in der späten Merowingerzeit neu, aber nun auf dem Lande, genauso wie die Herstellung gläserner Waren. Ähnlich ist es mit dem Metallgewerbe. So gibt es in Mitteleuropa „nirgendwo Städte (...), deren Wirtschaftsleben von einem über den örtlichen oder regionalen Bedarf hinaus produzierenden Exportgewerbe beherrscht wurde.“ (Pitz, S.80) Umgekehrt gibt es zunächst von Seiten der Grundherren auch wenig Ansporn, mehr landwirtschaftliche Produkte herzustellen, als sie selbst verbrauchen, und die Kirche unterstützt Selbstversorger-Wirtschaft als religiös wünschenswert.

 

Der Handel geht massiv zurück, aber er verschwindet nicht völlig in der Merowingerzeit. Im nun fränkischen Gallien gibt es weiterhin regionalen Handel. In Marseille gehen immer noch einige Schiffe aus Byzanz und Italien mit Luxuswaren vor Anker. Handel findet auch über Flüsse wie die Loire oder die Seine statt, die um so wichtiger werden, je mehr das Straßenwesen verfällt. Wichtige Abnehmer sind neben den Herrschern und reichen Bischöfen die großen Klöster wie Saint Denis oder Corbie, die selbst eigene Händler beschäftigen. Bei Saint Denis entsteht daraus der große Jahrmarkt, eine Frühform der Messe, in dem bald neben Syrern und Juden auch Friesen und Angelsachsen als Händler auftreten.

 

Eine Besonderheit sind die Handelsorte an der Periferie des antiken Römerreiches oder außerhalb davon, immer aber an der Küste und/oder an Flüssen. Hier siedeln sich offenbar freie Menschen primär zum Zwecke des Handeltreibens an. Südlich von Boulogne ist Quentowik, südöstlich von Utrecht Dorestadt, auf Jütland Ribe, Haithabu an der Schlei und Birka am Mälarsee im heutigen Schweden, dessen Vorläuferort Helgö bereits im 5. Jahrhundert zudem Metallverarbeitung betreibt.

 

In Friesland, ragt Dorestad hervor, welches um 800 eine bedeutend größere Fläche als Mainz mit vielen tausend Einwohnern bedeckt. Es gibt dort auch eine Münzstätte und Schmiede, Kammacher und Bearbeiter von Bernstein. Friesen liefern vor allem Waren aus dem Rheinland nach England und kommen mit Sklaven zurück. Wohlhabende heidnische Kaufleute und freie Bauern prägen nach 670 eigene Silbermünzen mit dem Bild Wotans (Brown2, S303f). Kein Wunder, dass schon Merowingerkönige versuchen, die Kontrolle über das Gebiet zu erreichen, welches seine Freiheit auch gegen christliche Missionare verteidigt.

 

Eine weitere Handels"metropole" ist Haithabu mit um die 1000 Einwohnern und Handelsbeziehungen nach Skandinavien, in den slawischen Raum und das Rheinland. Tuche, Getreide, Wein, Keramik, Schmuck und Waffen des Südwestens werden gegen Pelze, Wachs, Honig und Sklaven aus dem Osten gehandelt. Handwerk verarbeitet Holz, Bernstein, Geweihe, es gibt Textil- und Glasproduktion, "Eisenverhüttung, Feinmetallverarbeitung, Bronzeguss und Goldschmiede..." (Fuhrmann, S.28). Es wird Spelzgerste und etwas Roggen angebaut, an Vieh werden Schweine zum Verzehr und Rinder vor allem als Zugtiere gehalten. Häuser haben eigenen Backofen und Brunnen.

 

Neben den in die familia des Grundherren eingereihten Händlern in dessen unmittelbaren Diensten gibt es auch reisende Fernhändler, die mehr Freiheit(en) genießen. Unter ihnen sind viele Friesen, so dass der Volksbegriff oft also Synonym für (freier) Händler auftaucht. In Mainz gibt es ein ganzes Friesenviertel, belegt sind sie auch in  Straßburg, Worms, Köln und Duisburg. Neben ihnen treten besonders für den Fernhandel in südliche Richtung und über das Mittelmeer hinweg Juden und Syrer auf.

 

Für die erste Hälfte des 7.Jahrhunderts wird ein waffentüchtiger fränkischer Kaufmann Samo von Fredegar erwähnt, der mit seiner Handelskarawane gerade dann im Slawengebiet unterwegs ist, als man sich dort zum Aufstand gegen die Awaren rüstet, und der zum Anführer dieser Slawen wird, die dann auch noch in Kriege mit Franken und Alemannen geraten.

Schon ein Jahrhundert früher erzählt Gregor von Tours von der Bitte des Bischofs von Verdun an seinen König, ihm für die Bürger seiner Stadt Geld zu leihen: "Wenn diese Handel treiben und in unserer Stadt Abgaben, wie sie die übrigen leisten, erbringen, werden wir dein Geld mit Zinsen rechtmäßig zurückgeben." Der König gibt 7000 Goldmünzen, die der Bischof an die Bürger weitergibt. Doch diese wurden Handel treibend dadurch reich gemacht und gelten bis heute als vermögende Leute. Unabhängig davon, was an dieser Geschichte den Tatsachen entspricht, lobt ein Kirchenmann hier das Spiel von Investition und Gewinn und man erfährt nebenbei, dass es in Verdun eine ganze Anzahl handeltreibender Bürger gibt.

 

Die meisten Bischofsstädte verschwinden in der Merowingerzeit nicht ganz. Zum Dombezirk mit seinen Wohnhäusern und Wirtschaftshöfen kommt ein kleiner Bereich in der Regel unfreier Handwerker, die die Geistlichkeit versorgen, wobei es sich bei solcher der Kathedrale sowie der Stiftskirchen um Adelige handelt, deren Nachfrage sowohl das lokale Gewerbe wie den Fernhandel fördert. Was nach und nach geschwunden ist, ist ein geschlossenes Stadtbild von imperial-römischen Ausmaßen. Zwischen besiedelten Flecken gibt es Ruinenlandschaften und zum Teil offenes Land für Gärten, sogar für Viehweiden oder gar neues Naturland.

 

Rom ist um 900 von fast einer Million Einwohnern unter Augustus auf schätzungsweise 20 000 heruntergegangen, alle Orte im Frankenreich sind noch wesentlich kleiner, aber einige, zum Beispiel Paris, werden danach bald rapide an Einwohnerschaft zunehmen, Paris auch deswegen, weil es eine beispiellose Ansammlung von Reliquien wundertätiger und schutzbietender Art aufweist, so dass es insbesondere bei den ständigen brutalen Normanneneinfällen zu einer Fluchtstätte für den "gallischen" Norden wird: Die Reliquien sollen vor den Feinden schützen.

 

Der Kapitalismus wird nicht gegen Kirche und Kloster entstehen. Zwar war nach dem Gebot der Evangelien fast völlig Eigentum oder gar Zinsnehmen, also das Nutzen Ziehen aus der Armut anderer von Christen gegenüber Christen verboten, und die Kirche wird letzteres später, in der kapitalistischen Anfangsphase, auch deutlicher wiederholen. Aber schon in der Merowingerzeit hält sie sich selbst nicht daran, wenn es opportun erscheint. Gregor erwähnt schon in seiner Geschichte von Tours für die Zeit um 540, wie ein Bischof von Verdun sich an König Theudebert um einen Kredit wendet, auf dass wir damit unsere Bürger zu unterstützen (cives nostros relevare) vermögen; und wenn sie durch ihre Geschäfte den Handel in unserer Stadt auf dieselbe Höhe gebracht haben, wie ihn andere Städte haben, werden wir dir dein Geld mit den genehmigten Zinsen (cum usuris legitimis) zurückgeben. (Zehntes Buch, III,34)

 

***Trier***

 

Seit dem Beginn des 5. Jahrhunderts verliert die Stadt zunehmend ihren römischen Schutz und wird mehrmals vorübergehend von fränkischen Gruppen eingenommen. Dabei ist sie erheblichen Verwüstungen ausgesetzt, die besonders auch den Dom betreffen. Seit den 60er Jahren gerät sie in die Hände der Familie des romanisierten und christlichen Comes Arbogast. Zwei Jahrzehnte später nehmen sie Rheinfranken ein, und spätestens mit Chlodwigs Einnahme des Kölner Rheinfrankenreiches 510 gelangt sie in seinen Machtbereich.

 

Teile der römischen Oberschicht fliehen vermutlich nach Westen ins Innere Galliens, ein weiterer Teil der Bevölkerung wird nach diversen Eroberungen und Plünderungen wahrscheinlich verschleppt. Aber die Liste der Bischöfe und die weiter vorwiegend romanische Bevölkerung bedeuten auch Kontinuität. Auf den Gräbern bis ins 8. Jahrhundert tauchen weiter 67% römische, 23% griechische und nur 6% germanische Namen auf. Gesprochen wird in der Stadt und Diözese vorläufig weiter vor allem ein moselländisch-romanisches Idiom mit kleinen fränkischen Sprachinseln. (Anton/Haverkamp, S.13ff)

 

Der größte Teil der Stadt verfällt in Ruinen und mit ihm das rechtwinklige römische Straßennetz. Was bleibt, sind die großen Monumentalgebäude wie der Dom, die von den Franken in eine Königspfalz umgewandelte Palastaula („Basilika“), die in eine Grafenburg umgewandelten Kaiserthermen und die in ein Kloster umgewandelten Getreidespeicher an der Mosel. Dazu kommen die römischen Gründungen St.Eucharius/St.Matthias und St. Maximin. Immerhin etwa das Dreifache der von Mauern umschlossenen Fläche von Mainz oder Köln bleibt der Stadt mit einer Mauerlänge von 6400 Metern und nur noch vielleicht 5000 Einwohnern.

 

Um den Dom und andere zentrale Orte entwickeln sich dann Siedlungskerne mit einem schon mittelalterlich anmutenden Gassengewirr. Trier wird von einer geplanten zu einer neuen, nun ungeplant wachsenden Stadt. Zwischen ihren in manchem eher ländlichen Siedlungskernen gibt es Gärten, Äcker, Viehweiden und wüstes Gelände. Handel und Handwerk nehmen in hohem Maße ab und die Geldwirtschaft kommt vorübergehend (fast?) zum Erliegen. Dem Bischof gelingt es als Erbe der res publica und durch Schenkungen an erhebliche Besitzungen zu gelangen, zum Beispiel den von Dörfern in Stadtnähe und im territorium (Gregor von Tours), also dem Gebiet der antiken civitas.

 

Im Trierer Land setzt fränkische Besiedlung in Tälern im 6. Jahrhundert ein. Fränkische Große übernehmen die Villen der Römerzeit. Herren legen Gutshöfe an, um die sich Abhängige ansiedeln und die von Unfreien bearbeitet werden. Von Taufkirchen ausgehend wird das Land missioniert.

 

Trier entwickelt eine Metropolstellung gegenüber Metz, Toul und Verdun und die Bischöfe stehen in enger Verbindung zu den merowingischen Königen. Irgendwann in der Merowingerzeit tauchen zwei Märkte in der Stadt auf. In den ersten Jahrzehnten des 7. Jahrhunderts bildet sich eine fränkische Grafschaft im pagus Treverensis heraus. Aus Eigenkirchen bei aufkommender Grundherrschaft entstehen Pfarreien auf dem Lande.

 

 

Italien in der früheren Nachantike

 

Italien ist zunächst einmal ein geographischer Begriff als Halbinsel, die im Norden durch Gebirge abgeschlossen wird. Manchmal werden die nahe gelegenen Inseln zugeordnet, vor allem Sizilien, Sardinien, Korsika und Elba. Bis ins 19. Jahrhundert ist es kein politischer Begriff, so wenig wie ein Deutschland. In der frühen Mittelmeer-Antike ist es geteilt in anzivilisierte einheimische Völkerschaften und die griechische (Kolonial)Sphäre vor allem entlang der südlichen Küsten. Mit dem Aufstieg der Stadt Rom zu einer Territorialmacht stülpt es dem restlichen Italien seine sich langsam wandelnden Machtstrukturen über und weitgehend auch seine Sprache. Aber es bleiben regionale Unterschiede bestehen, und auch als sich das Imperium über den ganzen Mittelmeerraum und darüber hinaus nach Norden und Osten ausdehnt, ist Italien keine "politische" Einheit.

Mit dem Schwinden des Imperiums im lateinischen Westen zerfällt auch Italien wieder stärker in Regionen, von denen sich drei Großregionen geographisch abgrenzen lassen: Die Poebene als Norden, das gebirgige Mittelitalien und der Süden, weithin Bergland bis auf die Tiefebene Apuliens. Aus dem schriftlich fixierten klassischen Latein entwickeln sich dabei nach und nach unterschiedliche "romanische" Volkssprachen, so wie auch auf der iberischen Halbinsel. Verständigungsschwierigkeiten werden wie in den deutschen Landen durch eine immer weniger volkssprachliche lateinische lingua franca besonders im schriftlichen Bereich überbrückt.

Es entsteht kein Italienisch, Französisch oder Spanisch, aber eine gewisse Nähe romanischer Idiome vom Piemont über die Provence bis nach Katalonien.

 

Als die Osthrogoten ab 489 im Auftrag des einzigen übriggebliebenen (ost)römischen Kaisers Italien erobern, um Odoaker zu vertreiben, ändern sie wenig an den vorgefundenen Strukturen. Odoaker wird 493 in Ravenna ermordet und Theoderich nennt sich princeps Romanus als Stellvertreter des Kaisers in Italien und zugleich rex, also König. In manchem, wie in seinem Verhältnis zu Franken und Visigoten, verhält er sich wie eine Art Westkaiser des alten Imperiums, der sich an Trajan und Valentinian I. orientiert. Wichtige Bischöfe wie die von Mailand und Pavia gehen zu ihm über.  Die rund 100 000 Einwanderer leben eher neben der romanisierten Bevölkerung als dass sie über sie herrschen.

Mit seinem Tod 526 schwindet die Legitimation ostgotischer Herrschaft im Auftrag von Konstantinopel, und das Gotenreich gerät in innere Konflikte. 535 schickt Kaiser Justinian ein Heer nach Italien, aber erst in den Jahren ab 562 ist die oströmische Herrschaft über die Halbinsel wieder hergestellt. Die dreißig Jahre Kriege verwüsten Italien in bis dato beispiellosem Maße.

 

Zunächst bleiben grundsätzliche antike Strukturen erhalten, mehr noch als anderswo. Da ist eine militärisch fundierte Zentralgewalt, der rex, da sind die halb autonomen Städte, da ist die auf Großgrundbesitz beruhende lokale bzw. regionale Macht. Die großen konsularischen Straßen mit ihren Brücken funktionieren weiter. Stattliche Teile des Landes bleiben erst einmal entwaldet mit allen ökologischen Folgeschäden, nachdem erst einmal die sie tragende Erde verschwunden ist. Nur das malariaverseuchte Marschland insbesondere an Flussmündungen breitet sich wieder aus.

 

In Rom verliert der Senat in den Gotenkriegen seine Stadtherrschaft und der Stadtbischof beginnt ihn mit seinen inzwischen reichen Besitzungen zu ersetzen. Auch in Pavia und Mailand werden reiche Bischöfe Sprecher ihrer Städte und beginnen, Funktionen der Städträte der antiken reichen Oberschicht zu übernehmen.

 

Der Einmarsch der Langobarden ab 568 beendet nach vierzehn Jahren die kurze byzantinische Episode. Nach vierzig Jahren in der römischen Provinz Pannonien haben sie erste Elemente der römischen Zivilisation sich angeeignet. Die meisten sind allerdings noch "heidnisch". Eroberte Gebiete werden duces, Herzögen übergeben. Pavia muss drei Jahre belagert werden, bevor es fällt. Inzwischen fallen maraudierende Truppenteile in Burgund ein und besetzen im Süden Spoleto und Benevent, wo sie ebenfalls Herzogtümer errichten. Dann wird Anführer Alboin ermordet und wenig später sein Nachfolger Cleph. In den nächsten Jahrzehnten können Byzantiner Militärs und ganze Truppenteile kaufen und für sich kämpfen lassen.Vom Nordwesten dringen mehrmals fränkische Truppen ein. Schließlich geben sich die byzantinischen Kaiser um 600 mit dem zufrieden, was sie an Küstenregionen behalten können.

Diese Kriegszeit zwischen 568 und 605 bedeutet nach dem langen Gotenkrieg eine zweite Zerstörungswelle für Italien. Die Eroberung verläuft weniger organisiert und oft wohl weitaus räuberischer als beispielsweise die Etablierung des fränkischen Reiches in Gallien. Über einen Verschmelzungsprozess zwischen der kleinen langobardischen Krieger-Minderheit und der nunmehrigen alteingesessenen "römischen" Mehrheit ist wenig überliefert, aber im Verlauf des 7. Jahrhunderts wird die langobardische Sprache zum Beispiel verschwinden.

 

In den Jahren nach 600 gelingt es König Agilulf, eine gewisse Oberhoheit über einen Teil der langobardischen Herzogtümer zu gewinnen. Das "italienische" Königtum stabilisiert sich und geht in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts auf eine angeheiratete bayrische Linie über. Dabei kommt es aber immer wieder zu Königen, die staatsstreichartig die Macht übernehmen. Langobardisches und römisches Recht herrschen nebeneinander, so wie arianisches Christentum in der Provinz und katholisches am Hof in Pavia.

 

Nach dem Vorbild Ravennas und eines vorgestellten Konstantinopel wird Pavia zu einer Art Hauptstadt ausgebaut, mit dem umgebauten gotischen Königspalast und möglichst prächtigen Kirchen, von den Königen gegründet. Grammatiker und Rechtskundige siedeln sich an. Neben königlichen Notaren tauchen zunehmend königliche Ämter auf. Alte imperiale Rechte behält er weiter für sich: Münzprägung, Preisfestsetzung, Befestigungsrecht.

Die Grundsteuer zur imperialen Finanzierung der Armee fällt weg. das Militär finanziert sich über das Land, das ihm übertragen wird. Befehlshaber werden die Herzöge, selbst in ihrem Gebiet größte Landbesitzer mit einem eigenen Gefolge. Erste finanzielle Grundlage des Königtums ist sein Landbesitz, daneben gibt es Handelsabgaben, Importzölle, Hafenabgaben (Wickham, S.40).

 

Das langobardische Italien ist wie das byzantinische städtezentriert. Neben der königlichen Hauptstadt gibt es die städtischen Residenzen der herzöglichen Heerführer bzw. Gastalden und daneben die strukturierenden Elemente dicht beieinander angesiedelter Bischofsstädte. Die Macht basiert einmal auf der Verfügung über Militär, zum anderen auf großem Grundbesitz.

 

Anfang des 8. Jahrhunderts zerstört sich die "bayrische" Dynastie in Pavia selbst. Einige der folgenden Könige erreichen eine erhebliche Machtfülle, kontrollieren die südlichen Herzogtümer stärker, sind erfolgreich gegen Byzanz und wie Liutbrand im Bündnis mit Karl Martell gegen die islamische Invasion im Frankenreich. Als Byzanz als Schutzmacht ausfällt und Liutprands Truppen bedrohlich auf römisches Territorium vordringen, lehnt Karl Martell noch jede Hilfe für Papst Gregor III. ab. Aber in der Zeit des Langobardenkönigs Ratchis nähern sich Fraanken und Päpste an, was 752 zur Anerkennung der karolingischen Usurpation der fränkischen Krone führt. 

751 besetzt König Aistulf, Bruder von Ratchis, Ravenna und verlangt eine Art Oberhoheit über Rom und insbesondere sein Territorium. 1754/55 marschiert Pippin III. ein und erreicht von Aistulf die Übergabe des ganzen Exarchats Ravenna an den Papst. Der Vertrag muss ein Jahr später noch einmal erneuert werden. König Desiderius herrscht von 757 bis 774 unter der Doppelbedrohung durch Franken und Päpste, die die Einheit seines Reiches in der Mitte durch den Kirchenstaat zerschnitten haben, was er am Ende mit der Unterstützung der Ravennesen zu revidieren sucht. Nun holt Papst Hadrian I., eine mächtige Figur, Kald ("den Großen"), inzwischen Alleinherrscher, zu Hilfe. Nach langer und am Ende erfolgreicher Belagerung von Pavia und Verona übernimmt er nun die Langobardenkrone für sich.

 

ff

 

Stadt und Land in Italien

 

Die süd- und mittelitalienischen Stadtlandschaften, seit den Zeiten Großgriechenlands intakt, verschwinden zum großen Teil. Weiter nördlich ist nach Versanden des Hafens Velia, das griechische Elea, verfallen. Eine Neugründung wird von der Malaria hingerafft. Ähnlich versanden Häfen wie der von Paestum und die Stadt verfällt. In der Bucht von Neapel enden Puteolum, Misenum und Cumae in Ruinen, nur Neapel hält sich in kleinerem Umfang. Musterbeispiel einer Neugründung wird dann das castrum Amalfi als eine Art Fluchtburg vor den Langobarden.

 

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass in der Südhälfte der Halbinsel etwa die Hälfte der Städte verschwinden und damit auch viele Bischofssitze. Der allmähliche Niedergang der einstigen Millionenstadt Rom ist besonders eklatant, die Stadt ist nun praktisch in den Händen ihrer besonders herausgehobenen Bischöfe, die allerdings mit dem Patrimonium Petri noch über hunderte von Landgütern verfügen, aus denen Nahrungsmittel und Geld fließen, bis viele von ihnen, in Sizilien und Süditalien gelegen, im 8. Jahrhundert von Byzanz annektiert werden.

Latium ist inzwischen fast städtelos. Ähnlich ergeht es der Küste bis hoch nach Genua.

 

Insgesamt aber überleben in der Nordhälfte Italiens mehr als drei Viertel aller Städte, insbesondere die mit einem Bischofssitz. Bologna verfällt zwar in eine gewisse Bedeutungslosigkeit, wie so manche andere Stadt, aber Ravenna blüht als Verwaltungszentrum mit seinen finanzstarken Bischöfen vorläufig weiter auf, sowie die Langobarden-Hauptstadt Pavia, in der die Abgaben zusammenfließen und literate Bildung weiterlebt. Für die Karolinger wird die alte Römerstadt Verona wichtig, günstig erreichbar aus dem Norden und mit einer Königspfalz ausgestattet. 

Im Raum der Po-Mündung fliehen die Menschen in die Lagune, woraus später Venedig hervorgehen wird. 523 beschreibt Cassiodor in idealisierter Form ein intaktes Gemeinwesen: Ihr nennt sehr viele Schiffe euer eigen (...) ihr lebt wie die Seevögel, eure Behausungen sind verstreut über die Oberfläche des Wassers. Die Festigkeit des Bodens, auf dem ihr steht, ist abhängig von Weidengerten und Flechtwerk; dennoch zaudert ihr nicht, ein solch zerbrechliches Bollwerk der Wildheit des Meeres entgegenzusetzen. Euer Volk verfügt über einen großen Reichtum, die Fische, die für alle ausreichen. Bei euch gibt es keinen Unterschied zwischen arm und reich, ihr esst alle dieselbe Nahrung, eure Häuser sind alle ähnlich. Neid, der die übrige Welt regiert, ist euch fremd. Ihr verwendet all eure Kraft auf die Salzfelder; aus ihnen erwächst euer Wohlergehen, und sie verleihen euch Macht, all jene Dinge zu erwerben, die ihr selbst nicht habt. Denn es mag Menschen geben, die wenig Verlangen nach Gold verspüren, doch keiner kann ohne Salz leben. (so in: Crowley, S.17f)

 

Das einst große Aquileja ist menschenleer. Noch als Paulinus von Karl d.Gr. 787 als Patriarch dorthin geschickt wird, klagt er, wohl leicht übertreibend: Einst warst du eine Stadt edler Menschen, nun bist du zum Bauernkaff geworden; einst warst du eine Stadt der Könige, nun bist du nur noch eine Ansammlung bäuerlicher Hütten. (MGH, Poetae Latini I).

 

Unter langobardischer Herrschaft verschwinden die Kurien nach und nach. Die antiken Großbauten verfallen und die Ruinen dienen als Steinbruch. Als unter den Langobarden wieder Kirchen gestiftet und gebaut werden, sind sie vergleichsweise klein, wenn auch innen langsam wieder reicher ausgeschmückt. Neue Wohnhäuser sind oft aus Holz, mit Abstand zum Nachbarn, der mit Gärten ausgefüllt wird.

 

Eine gewisse Kontinuität bewahrt sich unter anderen Mailand. Die breite und hohe Stadtmauer mit ihren Türmen, ihren neun Toren und den Türmen der Zugbrücken scheint immer wieder ausgebessert worden zu sein. Auf dem Forum wird weiter ein Markt abgehalten, Straßen bleiben gepflastert und das Wasser für die Bäder läuft noch über ein Aquädukt, wie ein Loblied auf die Stadt von 739 stolz berichtet.

Die im vierten Jahrhundert erbaute Kathedrale am Stadtrand ist aber der wichtigste erhaltene Monumentalbau aus der Römerzeit. In der Nähe des Forums erhebt sich als zweites Machtzentrum die Königspfalz, deren Bedeutung erst mit dem Niedergang des Königtums im 10. Jahrhundert schwinden wird.

 

Eine gewisse Kontinuität dichter Bebauung in Teilen des den römischen Grundriss beibehaltenden Lucca lässt sich aus archäologischen Befunden annehmen. Die Häuser sind aus Holz, Ziegeln oder Steinen, wobei letztere wohl überwiegen. Königspfalz und Münze sind in der Nähe des Forums, die Kathedrale an anderer Stelle bildet den zweiten Machtpol. Der dritte ist die Pfalz (curtis) des Herzogs außerhalb der Mauern. Überliefert sind Händler, Handwerker vor allem für den Luxusbedarf und die Münzer. Vor den Mauern sind burgi, Vorstädte.

 

Auch langobardische Könige fördern den Handel und regulieren das Handwerk. Der Handel zahlt Zölle und die Märkte liefern (kaum dokumentierte) Abgaben. Seit Urzeiten ist Salz elementares Handelsgut. Es muss von den Lagunen der Adria, der Küste südlich von Pisa und von der Tibermündung überall hin geliefert werden. Für das 8. Jahrhundert ist Salzhandel von Commacchio an der Mündung des Po für seine Ebene dokumentiert.

Für einzelne handwerkliche Leistungen werden Preise fixiert und einige Handwerke sind laut den seltenen Quellen in ministeria organisiert.

 

 

Die Landwirtschaft verharrt weiter wie im Merowingerreich bei Spaten, Hacke und Sichel, obwohl es vereinzelte Pflüge gibt. Angebaut werden weiter Getreide, Wein und Oliven, was durch Bohnen und Obst ergänzt wird. Ergänzt wird das vielleicht durch ein Schwein, eine Kuh und ein paar Hühner, aber zu vermuten ist, dass nur die langobardischen Einwanderer etwas mehr Viehzucht betreiben und Hirten in den Gebirgen. Getreide ist Grundnahrungsmittel, in der Poebene eher Roggen und in der Toskana Weizen, und seine Erträge traditioneller Zweifelder-Wirtschaft sind wie im fränkischen Reich sehr gering.

 

Offenbar gibt es einen beträchtlichen Anteil kleiner freier Bauern, die ihr Land besitzen und sich im wesentlichen selbst versorgen. Soweit sie auf den nahen kleinen Markt kommen, versorgen sie sich wohl mit

Manche kleine landbesitzende Bauern pachten dazu, und viele andere sind zur Gänze Pächter. Die Pachten dürften in Anteilen von dem bestehen, was die Bauern für sich selbst anbauen (Wickham, S.95).

Bischöfen, anderen Kirchen und Klöstern gelingt es ebenso wie einzelnen weltlichen Herren, langsam immer mehr Großgrundbesitz anzuhäufen.

 

Unter langobardischer Herrschaft bilden sich Dörfer, in denen freie Besitzbauern, freie und unfreie Pächter und Sklaven zusammen hausen. Der Anteil an Sklaven begann schon im späten West-Imperium zurückzugehen und nimmt weiter ab. Der Besitz größerer Herren wird zumindest im Norden von Herrenhöfen aus organisiert, die in durch Dienste bewirtschaftetes direktes Herrenland und die Pachthöfe geteilt sind. Im Süden und insbesondere in Sizilien fehlen solche Dienste wohl, und es gibt nur die geldwerten Abgaben der Pächter.

 

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Das Karolinger-Reich bis zum großen Karl

 

Aus der Verschmelzung von alter römischer nobilitas und germanischem Kriegeradel entsteht der fränkische Adel der Merowingerzeit, der als geistlicher und weltlicher Latifundienbesitzer Herr über den größten Teil des Landes und der Menschen darauf wird. Als solcher ist er Krieger oder zumindest Herr über ein kriegerisches Gefolge, und er übernimmt Amtsfunktionen in Kirche und "Staat". Mit der Schwächung des Königtums und dem Aufstieg der Hausmeier entsteht an der Spitze eine Fürstengruppe.

Princeps war einst nur der Kaiser gewesen, an seine Stelle traten dann die Könige, von denen aus sich alle Macht legitimiert. Nun fangen die karolingischen Hausmeier an der Macht an, sich als principes zu bezeichnen, und dann folgen die duces (Herzöge) von Burgund und Aquitanien und bald auch andere Herren über große Gebiete. Die zum Teil von fränkischen Königen und dann Hausmeiern eingesetzten Herrscher über die ostrheinischen germanischen Reiche schließen sich an. Sie alle bilden Dynastien aus und versuchen, die Macht in ihrer Familie zu halten. 

 

Mit der Familie der Karolinger kommt es zu einer Machtkonzentration im austrasischen Raum, dessen Adel stärker fränkisch geprägt blieb als der gallische Süden mit seinen intensiver überlebenden römischen/lateinischen Wurzeln. "Die nun weit über die Grenzen ihrer Heimat hinausschweifenden austrasischen Franken wurden die Partner in einer Konföderation sehr unterschiedlicher Regionen, wo einst mehr oder weniger ausdrücklich die Vorherrschaft der merowingischen Könige anerkannt worden war". (Brown2, S.296). Alles läuft mit der Schwäche des Hauses der Merowinger darauf hinaus, einen neuen Typus von Herrschaft als Königtum zu entwickeln, der neue Wege sucht, möglichst viel Macht über die Großen im Frankenreich zu etablieren.

 

Pippin (II.), der Mittlere, lässt sich in seiner königsgleichen Stellung den neustrischen Königsschatz ausliefern. Er selbst versucht von Austrien aus Friesen und Sachsen "abzuwehren", die der fränkischen Dominanz entkommen wollen. Er vereint unter sich den ererbten beträchtlichen Besitz der Arnulfinger um Metz und Verdun mit dem mütterlichen der Pippin-Familie zwischen Lüttich und Ardennen und gewinnt über die Heirat mit Plektrud deren Besitzungen um Trier herum. Wahrscheinlich ist er damit der größte Grundbesitzer im Reich, verfügt über zahllose abhängige Bauern und sklavenartige Hörige sowie über ein zahlreiches kriegerisches Gefolge auch von Kirchen und Klöstern her.

Kirche und weltliche Macht werden immer enger ineinander verschränkt. Beide sind in den Händen des kriegerisch ausgerichteten Großgrundbesitzer-Adels. Reichsgeschichte und Kirchengeschichte sind so untrennbar miteinander verbunden, und die Kirchen werden bis heute fast überall "obrigkeitsstaatlich" ausgerichtet bleiben. 

 

Was nach dem Tod Pippins übrigbleibt, ist ein legitimer Enkel, dessen Rechte Großmutter Plektrud vertritt, und ein Sohn aus einem Konkubinat, den sie gefangensetzt. Er kann dann entkommen und Plektrud zwingen, ihm Köln und Königsschatz auszuliefern. Danach ist dieser Karl, der später den Beinamen Martell (der Hammer) bekommt, in Kriegen gegen die Sachsen und die Neustrier erfolgreich und kontrolliert das Frankenreich und mehr oder weniger direkt ganz Germanien. Er setzt aus Legitimationsgründen merowingische Könige ein, die aber recht einflusslos bleiben.

 

Bischöfe etabliert er aus den Reihen seiner Gefolgsleute. Teils wohl aus Kirchenbesitz verleiht er Land als "Wohltat" (beneficium) zur Nutzung an eine Vasallenschaft, die daraus Kriegs- und Packpferd und eine immer ausführlichere Rüstung und Bewaffnung zu finanzieren hat, etwas ähnlich der praecaria, die Kirchen und Klöster als Großgrundbesitzer auf Zeit und gegen Zins verleihen. Solche etwas professionalisierteren Panzerreiter werden karolingischen Heeren und ihren Nachfolgern ihre enorme Durchschlagkraft verleihen.

 

Östlich des Rheins werden Straßen angelegt, die nicht nur den Handel, sondern auch Kriegszüge begünstigen, und mit Hilfe von Missionaren wird das schon begonnene Zerstörungswerk an den Stammeskulturen zwecks Zivilisierung konsequent fortgesetzt. In Aquitanien wie an den Mittelmeerküsten bis nach Italien nimmt die Bedrohung durch Raubzüge islamischer Gruppen immer mehr zu. Sie lassen sich schließlich nach dem Sieg über das Visigotenreich auf Sizilien, in Teilen Süditaliens und an Punkten der gallischen Mittelmeerküste nieder und behindern mit ihren Raubzügen den gesamten Mittelmeerhandel, der massiv zurückgeht.

732 schlägt Karl Martell sie zwischen Tours und Poitiers zurück, nachdem sie sich möglicherweisel des Martinsheiligtums bemächtigen wollten. Das steigert sein Renomée bei den einen, nicht aber zunächst bei den Aquitaniern, die er nun ebenfalls ausplündert und unter seine Knute bringt, so wie die Friesen direkt danach fast in einer Art Vernichtungsfeldzug. Schließlich ist er so mächtig, dass er nach dem Tod des Merowingerkönigs keinen Nachfolger mehr braucht.. 

 

Die Karolinger vermeiden inzwischen indirekt Reichsteilungen durch die Beseitigung von Familienmitgliedern, was schon Merowinger gelegentlich praktizierten. Die Söhne Pippin (III.) der Jüngere, Grifo und Karlmann teilen sich zunächst in das Reich. Letzterer unterstützt weiter den Einfluss angelsächsischer Missionare auf das Frankenreich, die besonders mit Bonifatius nicht nur bei von den Franken abhängigen Germanenvölkern missionieren und sie damit für die fränkische Eroberung präparieren, sondern die fränkische Kirche stärker an das römische Bistum und seine kirchlich-religiösen Vorstellungen anbinden wollen. Damit setzt ein Romanisierungsprozess ein, der bis ans Ende karolingischer Herrschaft andauern wird und besonders die germanischen Kirchen betrifft.

Der missionarische Reformeifer von Bonifatius, der nach Romanisierung des fränkischen Christentums und Anbindung der fränkischen Kirche an Rom strebt, bedeutet auch ihre stärkere Zentralisierung, welche sich in Reichssynoden niederschlägt, die dem König die Möglichkeit geben, sie, und zwar Bischöfe wie Äbte, stärker als Herrschaftsinstrument einzusetzen. Für die Päpste springt dabei wachsende Bedeutung in der lateinischen Welt heraus.

 

Karlmann geht 747 im langobardischen Exil ins Kloster. Grifo wird von Pippin in Kriegen ausgeschaltet, in denen er sich mit den Bayern, Aquitaniern und dann den Langobarden verbündet hatte. Schließlich lässt sich Pippin vielleicht nach altjüdischem Vorbild zum König salben.

Voraussetzung für ein Königtum Pippins ist die Tatsache, dass das byzantinische Reich, welches in Teilen Italiens, darunter auch Rom, noch offiziell neben den Langobarden herrscht, den römischen Bischof nicht mehr gegenüber langobardischen Angriffen schützen kann, da es selbst von mehreren Seiten militärisch in die Zange genommen wird. Die Langobarden besetzen nun sogar Ravenna. Der Papst sucht eine neue Schutzmacht und findet sie in Pippin, dem er samt seinen Nachkommen 754 das Königtum über die Franken zuspricht, welches der de facto bereits ausübt. Germanisches Königsheil, welches sich vor allem im Krieg erweist, wird nun durch die Vorstellung eines von Gott eingesetzten und vom Papst geweihten Königtums überbaut. Pippin fällt darauf mitsamt seinen fränkischen Kriegern im Langobardenreich ein, bezwingt dessen König und eignet sich ein Drittel von dessen Schatz an. Dem Papsttum wiederum fallen erste von Franken eroberte Territorien zu, Grundlegung eines späteren Kirchenstaates.

 

Seit Karl Martell bereits konzentrieren sich die Karolinger auf unentwegte kriegerische Eroberungen und folgen darin ihren merowingischen Vorläufern. Selten ein Jahr ohne großen Heereszug in zu eroberndes Gebiet. Zunehmend werden die Eroberungskriege als Aktionen zur Missionierung von Heiden hochstilisiert. Christianisierung bedeutet dabei allerdings Kolonisierung und Zerstörung von Kulturen. Dem fallen dann zunächst germanische, später slawische Völkerschaften zum Opfer. Aber Pippin selbst wendet sich für den Rest seiner Herrschaft vor allem der Eroberung Aquitaniens zu, die aber erst von Sohn Karl vollendet werden wird. (Genaueres in Anhang 8)

 

Karls lange und traditionell überschätzte Herrschaft von 768 bis 814 lässt sich unter drei Aspekte einteilen: Den des Kriegsführers und brutalen Eroberers, des Kaiser im Bündnis mit dem Papsttum, und den Auftraggeber einer intensiveren Romanisierung und weiteren Zivilisierung, also Intensivierung von Herrschaft.  

 

Zunächst steigert sich der Konflikt zwischen Karl und Bruder Karlmann, der 771 stirbt. Seine Witwe flieht mit den Kindern zu den Langobarden. Deren König übt für sie Druck auf den Papst aus, und Hadrian wiederum wendet sich an Karl. Bis 774 erobert der das Langobardenreich und macht sich selbst zu dessen König. Sieben Jahre später macht er Sohn Pippin zum Herrn eines "Königreiches Italien". 

Ab 772 beginnen Kriege erst zur Unterwerfung, dann zur regelrechten Eroberung und Frankisierung der Sachsen, die bis ins nächste Jahrhundert andauern. Dabei wird bald erfolgreich auf ein Bündnis mit Teilen der sächsischen Oberschicht gegen die eigenen Leute gesetzt. Das Frankenreich wird in eine gewaltige Kriegsmaschine verwandelt. Jedes Jahr im Frühjahr findet Mobilmachung statt, bis zu rund fünfhundert Grafen, gelegentlich hunderte von Bischöfen und Äbten müssen sich mit bewaffnetem Gefolge zu Pferde und Bauern zu Fuß versammeln und in vom König anbefohlene Kriege ziehen. Man folgt ihm aus anbefohlenem Gehorsam und mit der Hoffnung auf Ehre, Beute und Belohnung.

Mitten in die langandauernde und immer grausamer werdende Unterwerfung der Sachsen fällt die mit militärischen Drohgebärden und Hinterlist betriebene Entmachtung der bayrischen Agilolfinger und die Einverleibung ihres Herrschaftsbereiches, die Karl das Aufmarschgebiet gegen die Awaren liefert, die in mehreren Kriegszügen besiegt und ihres beträchtlichen Schatzes beraubt werden.

 

Das Reich wird bis zur Elbe und an die Grenze nach Skandinavien erweitert, schließt Bayern und Gebiete im Alpenraum ein und gliedert sich als Königreich der Langobarden große Teile Nord- und Mittelitaliens an. Zunehmend greift der große Karl dann militärisch und über einen Sohn als südgallischem Unterkönig auch noch bis über die Pyrenäen in Richtung Barcelona auf islamisch kontrolliertes Gebiet aus, wobei er am Ende scheitert.

 

Seine Versuche, diesem überdehnten Reich durch Einteilung in Grafschaften und Kontrolle durch Königsboten einen Zusammenhalt zu geben, scheitern bald nach seinem Ableben 814. Letztlich ist er wie seine Vorgänger im wesentlichen dort präsent, wo er gerade hinreist, das heißt im wesentlichen im nördlichen Kernland des Frankenreiches. Seine Grenzen findet selbst sein Ansatz von Gesetzgebung an der Autonomie des "Hauses" des mächtigeren Freien, das, was nicht zuletzt auch dessen Freiheit ausmacht.

 

In dem Bewusstsein mangelnden Zusammenhaltes wird die Kirche immer stärker in seinen abgesehen von seinem großen Familienbesitz eher geringen Machtapparat eingespannt, der seine größte Präsenz in den jährlichen Kriegszügen mit ihrer allgemeinen Mobilisierung hat. Er verhält sich dabei fast wie ein fränkischer Konstantin als Herr seiner Kirche im göttlichen Auftrag, wobei er deren Effizienz durch intensive Reformbemühungen steigern möchte. Weltliche und kirchliche Macht fallen in ihm praktisch zusammen.

Noch 787 nehmen Vertreter des Papstes an einem Konzil in Nicäa teil, 794 reisen sie dann aber zu einem von Karl einberufenen, ebenso allgemeinen Konzil nach Frankfurt, wo nach den Vorstellungen Karls und seiner gelehrten Berater am Hof Häresien verurteilt, Angelegenheiten von Kirche und Kloster geregelt und vereinheitlicht werden. Dem Ostkaiser werden de facto die religiösen Befugnisse für den Westen abgesprochen. Es ist nur konsequent, wenn der Papst dann Karl in einem sakralen Akt in Rom zum von Gott gekrönten Augustus und Imperator macht, der ein römisches Imperium regiert und Beschützer der römischen Kirche sein soll. Wie Kaiser Konstantin bestimmt Karl längst über die korrekte Auslegung des christlichen Glaubens und deren Einhaltung. Mit einer ihm untergebenen fränkischen Kirche schafft er sich eine wichtige Klammer für sein wachsendes Reich, die er zu Lebzeiten unter seiner Kontrolle hält. Die Untertanen werden außerdem auch noch mit Eiden auf ihn verpflichtet.

 

Sein Imperatorentitel mag als Klammer zwischen Gebieten nördlich und südlich der Alpen dienen, gibt seinem Reich aber auf Dauer nicht mehr als etwas propagandistischen Glanz. Nach 800 bedarf er dafür, meint er, auch nicht mehr des Papstes. Sein Sohn Ludwig wird dieses Programm der Reform priesterlichen und mönchischen Lebens fortführen, welches ein langsam steigendes Bildungsniveau nach sich ziehen wird.

 

Die mehrmalige Begegnung mit Italien inspiriert Karl (d.Gr.) zum Ausbau weitergehender zivilisierender Strukturen in seinem Reich, was sich als Versuch durchgreifend gedachter Romanisierung zur Herrschaftssicherung beschreiben lässt. Alle Lebensbereiche werden von seinen Verordnungen (Kapitularien) erfasst, wobei vieles wenig umgesetzt oder von Dauer sein wird. Um solche Ansätze von Staatlichkeit überhaupt zu ermöglichen, soll in Kirche und Kloster das Lateinische in Schrift und Lektüre gefördert, das antik-römische Schulprogramm von Trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und Quadrivium (Mathematik etc.) stärker wiederbelebt werden. Wieweit die tatsächliche Wiederbelebung der Antike bis in die nächsten Jahrhunderte auf seine Bemühungen zurückzuführen ist, bleibt wohl unklar, aber sie wird voranschreiten, in Westfranzien und Italien schneller als im fränkischen Osten, der immer stärker von Gebieten bestimmt wird, die nie unter römischer Herrschaft standen. (Genaueres in Anhang 9)

 

Das neunte Jahrhundert im Norden

 

Das Riesenreich soll unter Sohn Ludwig, den man später als den "Frommen" tituliert, und seinen Brüdern als kaiserliches Einheitsreich erhalten bleiben. Im Zusammenhang mit religiösen Reformen werden zunächst enge Gefolgsleute des Vaters vom Hof verwiesen und neue Berater gefunden. Die Abgehalfterten scharen in der Provinz Gefolgsleute um sich.

Zusammen mit Benedikt von Aniane, den er aus seinem aquitanischen Unterkönigtum mitbringt, wird versucht, die Benediktregel in den Klöstern strenger durchzusetzen und Klerikerkollegien an Kirchen einheitlicher zu regulieren. Kathedralkirchen und wichtige Klöster sollen unter Königsschutz und Immunität stärker zu einer einheitlichen Reichskirche als Herrschaftsinstrument zusammenwachsen.Dabei steigt das Selbstbewusstsein vor allem der westfränkischen Bischöfe, die sich manchmal bereits nicht nur wie Berater, sondern auch als "moralische" Aufseher über die Könige verhalten.

 

Zugleich wird die Integration der Sachsen ins Reich vorangetrieben, die ein Jahrhundert später bereits den König stellen werden. Die Aufteilungen des Großreiches unter drei Söhne geben diesen Würden, aber in ihren Augen zu wenig Macht. Als dann noch in einer neuen Ehe des Kaisers mit Judith aus einem Zweig der Welfenfamilie der Sohn Karl (später: "der Kahle") entspringt, dem nun aus dem Erbe der drei Söhne etwas abgezweigt werden soll, kommt es zu immer neuen Kriegen und Neuaufteilungen, in denen Brüder gegeneinander und in unterschiedlichen Koalitionen gegen den Vater kämpfen, der mehrmals abgesetzt und gedemütigt wird. 

 

840 stirbt Ludwig. Ein Jahr später treffen Lothar (Mittelreich) und Pippin II. (Aquitanien) bei Fontenoy in einem grausigen Blutbad auf Karl den Kahlen (Westreich) und Ludwig (Ostreich). Eine Einigung wird nötig, um die nun verhandelt wird. Im Vorfeld treffen Karl und Ludwig in Straßburg zusammen.

Bei den Straßburger Eiden fallen für das sich aufteilende fränkische Reich die Texte in zwei Sprachen aus: in eine romanische und einen althochdeutschen Dialekt.

Pro Deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, d'ist di en avant, in quant Deus savir et podir me dunat, si salvarai eo cist meon fradre Karlo, et in adiudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dist, in o quid il mi altresi fazet, et ab Ludher nul plaid numquam prindrai qui meon vol cist meon fradre Karle in damno sit.

In godes minna ind in thes christanes folches ind unser bedhero gehaltnissi fon thesemo dage frammordes so fram so mir got geuuizci indi mahd furgibit so haldih thesan minan bruodher soso man mit rehtu sinan bruodher scal in thiu thaz er mig so sama duo indi mit ludheren in nohheiniu thing ne gegango the minan uillon imo ce scadhen uuerdhen.

 

Die Kommunikation, vor allem die schriftliche, findet bei den Mächtigen in einem sich leicht verändernden Latein statt. Dieses entwickelt sich in den romanischen Regionen „im Volk“ zu Idiomen, die sich vom Lateinischen lösen. Zwischen Valencia und Venedig entsteht im Mittelmeerraum dabei ein gemeinsamer Raum der Verständigung, der auf der iberischen Halbinsel zu catalán wird, im westfränkischen Raum als langue d'oc bezeichnet, im Unterschied zur langue d'oeil im Norden.

Das ursprüngliche Galizien entwickelt seinen eigenen Dialekt, das Baskische bleibt bestehen, ebenso wie das Bretonisch-Keltische.

 

Im germanischen Raum entstehen in den sich konstituierenden Stammesregionen ebenfalls Dialekte, die sich unter dem Oberbegriff theodisc, Sprache des Volkes, versammeln. Die Dominanz einzelner Idiome über andere auf dem sehr langen Weg zu Nationalsprachen stellt sich später einmal durch wirtschaftliche Macht, zum anderen aber auch durch militärische Gewalt her, und damit auch über politische Vorherrschaft. Sogenannter „kultureller“ Einfluss wird immer davon abhängen.

 

Die Übersetzung in beide Sprachen bei Straßburg macht aber vor allem die Mitsprache der Großen beider Reiche an den Entscheidungen ihrer Könige möglich. Sie üben dann auch Druck aus bei dem langen Weg in eine Übereinkunft von Karl, Lothar und Ludwig 843 in Verdun, die ein westliches, ein mittleres und ein östliches Reich schafft. Grenzen sind einmal der Rhein, und im Westen Maas und Schelde. Burgund wird zerteilt, Italien fällt ans Mittelreich.

 

Von den geringen Herrschaftsinstrumenten des "großen" Karls, die ein großes Reich zusammenhielten, bleibt zunächst nur wenig mehr übrig als die Erinnerung. Strukturell herrscht Vasallität vor, die Großen eines Reiches oder Fürstentums sind Herrschern als Kriegeradel zur Treue in der Gefolgschaft in Krieg und Frieden verpflichtet, wofür sie als Gegenleistung entweder Versorgung oder aber Benefizien, Wohltaten an Land und Leuten erhalten. Vasallen aber schaffen sich Untervasallen, auf die der direkte Zugriff von Herrschern schwindet, und Vasallen und Untervasallen (in Italien Capitane und Valvassoren von bischöflichen Stadtherren) begeben sich bald aus Eigeninteresse in die Vasallität mehrerer Herren. Auf der Basis der Grundherrschaft eines Kriegeradels bildet sich so ein immer komplexeres Netzwerk persönlicher Beziehungen und Bindungen heraus, welches selbst die bescheidenen Ansätze ausgeprägterer Staatlichkeit beim großen Karl ersetzt.

 

Machtvollster Herrscher wird nun wohl Karl der Kahle in Westfrancien, dem es gelingt, sich in Aquitanien durchzusetzen und über Septimanien bis in die spanische Mark ausgreifen. Er stützt sich stark auf seine Vasallen in den Bischofskirchen, wobei unter Hinkmar von Reims dessen Bistum herauszuragen beginnt, und in den Klöstern, wo nicht selten adelige Laienäbte regieren, zu denen auch der König, wie in Saint-Denis, selbst zählt. Seit 852 steigt unter den großen Gefolgsleuten ein Robert auf, bald Graf von Anjou und der Touraine, dann auch von Blois und Orléans, Laienabt unter anderem von Marmoutier und St.Martin, beide in bzw. bei Tours. Ähnlich wie er gelingt es auch einem Grafen Balduin von Flandern für die Normannenabwehr, die immer dringlicher wird, eine Fürstendynastie zu bilden.

 

Im Ostreich erstarkt Ludwig (später etwas verfrüht "der Deutsche" genannt), der breite Adelsopposition im Westreich ausnutzt, um dort einzufallen. Erst die von Erzbischof Hinkmar von Reims aufgebotenen Bischöfe schaffen eine Gegenbewegung, die Ludwig vertreiben kann. 855 stirbt Lothar, und zuvor verteilt er sein Lotharingien von Nord nach Süd in drei Teilen unter seinen Söhnen. Darauf versucht Karl, dieses sich von Süden aus einzuverleiben, worauf ihm Ludwig wiederum entgegentritt. 870 schließlich wird das Mittelreich unter beiden im Vertrag von Meersen aufgeteilt.

 

Über die Provence gelingt es dem kahlen Karl dann noch, in Italien einzudringen und sich 875 mit der Kaiserwürde zu schmücken. Der Preis für seine Großreichspläne sind Zusagen an den Adel, die immer mehr auf eine Erblichkeit ihrer Lehen (und Ämter) hinauslaufen. An der Spitze des Adels übernehmen unter Karls Nachfolgern hochadelige Herren wie Vertreter der Welfen (Hugo Abbas), der Robert-Nachfolger wie Odo oder ein Gauzlin Machtpositionen. 879 lässt sich ein Boso in der Nähe von Vienne zum König der Provence und von Burgund wählen, erster Nichtkarolinger auf einem Thron, gegen den nun Hugo Abbas kämpft.

885 vereint der Ostfranke Karl "der Dicke", seit 881 Kaiser, für kurze Zeit noch einmal beide Frankenreiche. Er macht einen Bernhard zum Markgrafen von Aquitanien, Berengar von Friaul zu einem solchen in Italien und begründet so zwei weitere Fürstendynastien. Der Robertiner Odo wird erst Graf von Paris, bekommt nach Verteidigung der Stadt gegen die Normannen Roberts Erbe an der Loire dazu. 888 wird er König des Westfrankenreiches, ein weiterer Nichtkarolinger auf einem Thron, den Ostkönig Arnulf anerkennt.

 

Die Familie der Karolinger verschwindet mit dem 9. Jahrhundert im Osten, aus dem sich die deutschen Lande unter sächsischen und salisch-fränkischen Herrschern entwickeln werden, und Ende des 10. Jahrhunderts im Westen mit der Machtergreifung der Kapetinger. Der Osten zerfällt dabei in neuartige Stammesherzogtümer und der Westen in regionale Fürstentümern, über die die kapetingischen Könige dann zunächst bestenfalls wie ein primus inter pares verfügen. In Nord- und Mittelitalien steigen die Städte langsam mit ihrem Hinterland zu neuen Formen von Staatlichkeit auf.

 

Mit den Ostgoten, die Byzanz vernichtet, den Westgoten, die von einem nordafrikanischen Heer vernichtet und in den Norden der iberischen Halbinsel abgedrängt werden, den Karolingern, die mangels Nachwuchs nach einer Zeit des Niedergangs verschwinden, und dem von Normannen abgelösten angelsächsischen Königtum verschwinden die sich aus den Völkerwanderungen herleitenden Reiche. Im ostfränkischen Reich, in dem die „Franken“ nun räumlich und bevölkerungsmäßig eine kleine, sich neu definierende Minderheit sind, stellt sich bei den weltlichen und geistlichen Großen der inzwischen herausgebildeten Stämme neuen Typs, den eroberten Völkerschaften des alten Frankenreiches zusammen mit den ebenfalls theodisc sprechenden Ostfranken, ein nicht näher erklärtes Gemeinschaftsgefühl heraus, welches dazu führt, dass sie sich nach dem Aussterben ihres Karolinger-Zweiges nicht an die westfränkischen (weithin romanisierten) Karolinger um eine Herrschaftsübernahme wenden, sondern sich auf einen der Ihren einigen, den fränkischen Herzog Konrad aus einer anderen mächtigen Familie.

Da die Quellen nicht überzeugend hergeben, warum sie das taten, sind wir auf Vermutungen angewiesen. Die von mir bevorzugte ist, dass einer der Ihren die inzwischen entwickelten Stammesstrukturen am ehesten respektieren und keine starke Königsherrschaft aufkommen lassen würde. Mit der Entscheidung für Konrad stellen sich die Lothringer, kein sich ethnisch begründendes Stammesgebiet wie Alemannien, Bayern oder Sachsen, unter die Oberhoheit des westfränkischen Karolingers Karl („der Einfältige“). Lothringen ist einer der Reste des 843 geschaffenen Mittelreiches, welches nach seinem ersten König als Lotharingien bezeichnet wurde, und welches romanische und germanische Volksgruppen umfass (es reichte ursprünglich von Rom über die Provence bis nach Flandern).

 

Stämme als sich ethnisch definierende Zusammenhänge hatten sich im Osten im Kontakt mit den erobernden Frankenherrschern als regna in Fortsetzung alter Königreiche verfestigt. Die Position des Herzogs, dux, ist aber dabei nicht ethnisch definiert, sondern in ihrem Rang und Prestige gegenüber dem König einerseits und den Großen im Herzogtum andererseits. Insofern ist auch die Einsetzung der vielen Söhne, Enkel und Urenkel Heinrichs I. in Schwaben, Bayern, Kärnten und Lothringen nicht ungewöhnlich. Als Nebeneffekt werden sie dabei den Königen in Sachsen und Franken nicht ins Gehege kommen. (Keller, S.69ff)

 

Wir sind an den Wurzeln für jene Vorformen neuer Staatlichkeit angekommen, aus denen sich der „politische“ Rahmen für die Entwicklung von Kapitalismus ergeben wird, der zwar Ansätze von Staatlichkeit benötigt, aber keinen starken Staat, wie er dann später zunehmend auftreten wird, dann allerdings sich aus etablierten kapitalistischen Strukturen nährend. Die Schwäche der Monarchien, die sich nun entwickeln, liegt in dem Fehlen einer Verwaltung, eines Apparates, mit dem Herrschaft ausgeübt werden kann, anders gesagt, an der fehlenden Reichweite von Herrschaft. Stattdessen müssen Herrscher Verbündete suchen, „Freunde“, Getreue, an die dezentral Aufgaben delegiert werden.

 

Städte im Norden (8./9.Jh)

 

Städte entwickeln sich weiter, wenn sie einen dauerhaften Kern besitzen, der auch Überfälle und Zerstörungen übersteht, eine Kathedrale oder eine weltliche Festung - und Zuwanderung von außen bekommen. Die damit verbundene Institution sichert das Überleben. Im Norden angesiedelte Kaufmannssiedlungen wie Dorestad, Tiel oder Haithabu mit einigen Handwerkern zur Versorgung der Kaufleute und Kirchgebäuden hingegen verschwinden, nachdem sie zerstört werden. Sie können anderweitig ersetzt werden.

Man darf nicht vergessen, dass mit dem 6. Jahrhundert die Sicherheit des lateinischen Abendlandes nicht mehr dauerhaft gegeben ist, im späten siebten Jahrhundert beginnt die Expansion der arabischen Welt und des Islam, die bis ins 11. Jahrhundert den ganzen lateinischen Mittelmeerraum mit Piraterie heimsucht. 838 tauchen zum Beispiel nordafrikanische Piraten vor Marseille auf, und durch das ganze 9. Jahrhundert bedrohen sie das Rhônetal und die Provence wie auch die italienischen Küsten.

Im 9./10. Jahrhundert kommen dazu die Verheerungen und Zerstörungen durch eben solches Piratentum skandinavischer Gruppen in der Nordsee und bis zum Atlantik, sogenannter Wikinger und Nordmannen. Seit 841 bedrohen sie die nördlichen Küstenlinien und insbesondere die Mündungsgebiete von Rhein, Seine, Loire und Gironde. Von festen Lagern dort dringen sie ins Inland vor und bedrohen und verwüsten die Städte. 882 fallen sie zum Beispiel in Trier ein.

 

Solche Bedrohungen werden Anfang des 10. Jahrhunderts für die Normannen gebannt und Anfang des 11. für die Sarazenen, die aber dann immer noch den größten Teil der iberischen Halbinsel und Sizilien kontrollieren.

Und schließlich ist da die im 10. Jahrhundert immer drückendere Bedrohung durch die Ungarn.

 

 

Einen festen Kern der desungeachtet sich neu entwickelnden Städte bildet neben dem Dom oder an seiner Stelle die Pfalz, wie sie König Pippin in Aachen errichten lässt, und die durch einen prachtvollen Neubau von König Karl ersetzt wird, zu dem auch die Marienkirche gehört und ein neues Bad, in dem der Kaiser mit seinem Hof die Thermalquellen nutzen kann. Hohe Geistlichkeit und weltliche Große bauen dort ihre kleinen "Höfe", Bedienstete kommen dazu, Handwerker und ein Markt mit Händlern, darunter Juden. Darüber hinaus gibt es Gebäude für die  Lagerung von Nahrung und große Stallungen und drumherum Landwirtschaft.

Größere Pfalzen werden auch an anderen Orten errichtet, die da herum wachsen, wie Ingelheim, Nimwegen und Paderborn. Allerdings bieten Pfalzorte nicht immer die Gewähr dafür, dass dort auch dauerhaft eine städtische Siedlung entsteht, wie Tribur/Trebur und Grone beispielsweise belegen.

 

Aber die Pfalz von franconovurd wird zum Musterbeispiel dafür, wie ein königliches palatium sich aufmacht, im hohen Mittelalter dann zu einer der wichtigsten Städte im "römischen" Reich zu werden. Gelegen an einem Handelsweg mit einer Furt durch den Main, war der Fluss selbst noch wichtiger für den Transport von Getreide aus östlicheren Gebieten nach Mainz. Hier lag ein karolingischer Fiskalbezirk, der "insgesamt mindestens zwölf königliche >Villae< (Fronhöfe) mit knapp 1400 Morgen Ackerland umfasst haben dürfte, Wiesen und Wald, das Land der 112 abhängigen Bauernstellen, die das Urbar nennt, sowie die Lehen der Vasallen nicht mitgerechnet. (...) Die königliche Villa Frankfurt, deren Lage auf dem heutigen Domhügel zu suchen ist, verfügte allein über 450 Morgen Ackerland." (Joh.Fried in: 794, S.26f)

794 wird dieser Ort durch eine große Synode erheblichen Anschub bekommen, als Große aus Italien, West- und Ostfranken und Nordspanien hier zusammenkommen. Für Karls langen, siebenmonatigen Aufenthalt zwischen Feldzügen gegen die Sachsen und die Awaren muss es feste, wenn auch weithin nicht steinerne Gebäude geben, eine Kirche, die allerdings nicht repräsentativ genug ist für die Aufnahme des Leichnams der dort sterbenden königlichen Gemahlin Fastrada, die dann in Mainz beerdigt wird. Dazu Wirtschaftsgebäude und dazu gehörige Arbeitskräfte.

Karls Sohn Ludwig der Fromme wird dann die Pfalz vergrößern, die eine Generation später von Ludwig ("dem Deutschen") noch ein Salvatorstift erhält.

 

Ob eine Pfalz Zukunft als Kern einer bedeutenderen Stadt hat, ist damals aber noch nicht abzusehen. Die viel prächtigere Ingelheimer Pfalz der Karolinger, aus Stein gebaut wie die von Aachen und Nimwegen (Einhard), mit ihrem Königssaal von 14 x 30 m, hat in ihrer Nähe dörfliche Ansiedlungen, von denen eine viel später sogar ummauert wird, aber in der Nähe von Mainz wird daraus keine Stadt, sondern eine Reichsburg mit reichem ländlichem Siedlungsgebiet.

 

Unser Wissen über die Städte der Karolingerzeit ist sehr gering, es gibt nur spärliche Informationen. Autun bleibt fränkisch-burgundische Vorzeigepfalz und wird später im 9./10. Jahrhundert Münzort in Händen der Bischöfe. "Eine bürgerliche Siedlung im weiten Abstande zur Domburg bildete sich aber erst im 11./12.  Jahrhundert um das Forum" ( H.Stoob in: Frühgeschichte, S.12). Erst 814 taucht für Bordeaux" am äußersten Winkel der antiken Mauer der Dom St. André" auf und der Ort funktioniert wieder als Bischofsstadt. "Ein suburbium belebte sich erst seit Ausgang des 11. Jahrhunderts (s.o., S. 11)

Mit der Machtübernahme der Karolinger gewinnt Regensburg weiter an Bedeutung, brennt aber 891 ab. Als Ort des Handels mit den Slawen vor allem auch mit Sklaven ist für 934 ein Markt belegt. Wenige Jahrzehnte nach der Jahrtausendwende tauchen dort Juden auf.

 

Kontinuität bieten nicht nur die alten Bischofs-civitates. Im Gebiet von Duisburg gab es schon bronze- und eisenzeitliche Siedlungen. Gegenüber besteht auf Krefelder Gebiet das römische Kastell Gelluba (Gellep) an der Kreuzung zwischen Rhein und Hellweg. (siehe …)  Als dessen Hafen verlandet, steigt Duisburg als Handelsplatz auf. Spätestens um 922 ist für Dispargum eine königliche Pfalz zu vermuten, die von den Sachsenkaisern häufiger besucht wird, Der Ort wird mit Wall, Graben und einer ersten Mauer befestigt.

 

Das Handwerk verharrt weiter vorwiegend auf dem Lande. Weber im Status von Sklaven stellen die Tuche auf dem Gutshof her, nur in Nordgallien gibt es noch städtische Zentren für die Erzeugung hochwertiger Stoffe. In einer Aufzählung Karls d. Gr. für seine Krongüter (Capitulare de Villis) heißt es dann: Jeder Amtmann soll in seinem Bezirk tüchtige Handwerker zur Hand haben: Grob-, Gold- und Silberschmiede, Schuster, Drechsler, Stellmacher, Schildmacher, Fischer, Falkner, Seifensieder, Brauer – Leute, die Bier-Apfel- und Birnmost oder andere gute Getränke zu bereiten verstehen -, Bäcker, die Semmeln für unseren Hofhalt backen, Netzmacher, die Netze für die Jagd, für Fisch- und Vogelfang zu fertigen wissen, und sonstige Dienstleute, deren Aufzählung zu umständlich wäre. (Schulz, S. 24) Nur große Güter konnten natürlich eine solche Vielfalt aufweisen.

Zum Kloster Corbie gehören 822 zahlreiche Handwerker, Schuster, Tuchwalker, Schmiede, Schildmacher, Pergamenter, Schleifer, Gießer, Stellmacher. Zu welchem Herrengut die Handwerker auch gehören, sie arbeiten in persönlicher Abhängigkeit von ihren Herren.

 

Der Kapitalismus wird nicht gegen Herrscher, Adel und Kirche entstehen, sondern auch und zunächst vor allem aus deren Konsumbedarf heraus. Dazu bedarf es nicht nur der Händler, die Luxusgüter aus fernen Gegenden heranschaffen, sondern auch der Handwerker vor Ort, beide in die familia der Herren eingeordnet. Handwerker werden von ihnen zur Ausbildung in der Goldschmiedekunst zu Meistern anderer Herren geschickt, der Erzbischof Ebo von Reims (gest.851) bietet „einigen artifices Wohnungen an, um sie in seine Stadt zu ziehen; und Ludwig der Fromme offeriert ihm aus der Schar seiner Hörigen einen Goldschmied als Geschenk.“ (Nonn, S.60)

 

Für die fränkischen Könige wird der Handel nicht nur aus Konsumenteninteresse wichtig, sondern auch dadurch, dass sie einen Teil des Gewinns, in etwa 10 Prozent, als Zoll abschöpfen, und dokumeniert ist der zumindest für die Ostgrenzen zum Slawenland. Förderung des Handels führt auch zu einem Sonderstatus der Juden als einzigen akzeptierten Nichtchristen im Reich. Und da Christen offiziell nicht am äußerst lukrativen Sklavenhandel teilnehmen können, den Juden ihre Religion nicht verbot, werden sie als Händler geradezu gefördert. Wichtige Sklavenmärkte der Karolingerzeit sind offenbar Verdun und Mainz, zwei damals besonders mächtige Bischofsstädte.

 

Der Handel wird  auch durch immer wieder neue Schutzerklärungen der Herrscher für Fernhändler, und zwar für den Aufenthalt am Markt und die Wege dorthin und wieder von dort weg, gefördert, wobei unter den Ottonen dann oft auf die Rechtsmodelle wichtiger Handelsstädte wie Köln, Mainz oder Regensburg verwiesen wird.  Dabei wird gelegentlich auch unmittelbar das persönliche Interesse von Kaisern und Königen am Gelingen des Handels angesprochen.

 

Oft wird am städtischen Handels-Ort eine Münze eingerichtet. Er wird zum Finanzplatz. 744 veranlasst der Hausmeier Pippin der Jüngere, dass Bischöfe in ihren „Städten“ ständige Märkte einrichten sollen. (Groten, S. 33).

 

Nachdem das Gold zunehmend in den wirtschaftlich stärkeren byzantinischen Raum abgeflossen ist oder als Schatz gehortet wird, führen die späten Merowinger eine neue Silberwährung ein. Karl der Große legt dafür neue Einheiten fest, den Pfennig (denarius), den Schilling (solidus), die Mark und das Pfund (libra). Aber selbst bei der kleinsten Einheit ist der Wert zu hoch für den alltäglichen Gebrauch. „Im Alltag herrschte der Tauschhandel.“ (Groten, S. 34) Tributzahlungen in Kriegszügen unterworfener Völker werden oft in Vieh bezahlt, wie zeitweilig laut Fredegar die Sachsen an die Merowinger jährlich 500 Kühe abgeben müssen.

Überhaupt wird Münzgeld östlich des Rheins in der ganzen Karolingerzeit selten, und "das reiche Kloster Fulda bezahlte im Jahre 827 urbar gemachtes Land mit 8 Schwertern, 5 Stücken Tuch, 4 Stück Vieh, einem Pferd und zwei paar Ohrringen" (Michael North in: Römer und Barbaren, S.303)

Dennoch nimmt wahrscheinlich spätestens unter dem großen Karl der Geldumlauf wieder etwas zu. Grundherrn erwirtschaften mit ihren abhängige Bauern und Hadnwerkern gelegentliche Überschüsse, die auf Märkte an Bischofssitzen und Klöstern gelangen und manchmal gegen Geld getauscht werden. Das betrifft Lebensmittel, aber auch Tuche vor allem.

Geld konzentriert sich zunehmend in den Händen von Königen und hohem Adel. Dieser kann nun wieder mehr Luxusartikel nachfragen, die von Fernhändlern geliefert werden, die von den Herrschern dafür privilegiert werden. Könige, hoher Adel und Stadtherren beginnen verstärkt repräsentative und bequemere Steingebäude zu errichten wie Karl in Aachen, welches danach zur Stadt wächst. Mehr Kirchen und Paläste werden wieder aus Stein gebaut. Im 9. und 10. Jahrhundert entsteht so ein neues Baugewerbe, welches selbst bei niedrigen Löhnen viel Geld verschlingt, auch wenn die meiste Arbeit als Dienst am Grundherrn verrichtet wird.

Überhaupt findet der langsame Wirtschaftsaufschwung vor allem im Rahmen von Grundherrschaften statt, deren Zentrum auch wie bei Bischöfen und einigen Grafen in Städten liegen kann. In diese eingegliedert sind agrarische Produzenten, Handwerk und ein Großteil des Handels. Zugleich Voraussetzung und Folge des entstehenden Kapitalismus seit dem 10. Jahrhundert wird die schrittweise Ausgliederung dieser Bereiche aus den familiae solcher Herren.

 

 

Neben dem Interesse weltlicher Macht an der Nutzung kirchlicher Strukturen im Herrschaftsinteresse scheint auf den ersten Blick der Anteil weltlichen Interesses an der Renovierung und dem Ausbau der Städte gering. Die Welt der Merowinger und Karolinger zumindest besteht zunächst aus großen Flächen urbar gemachten Landes, die aber eingegliedert sind in noch viel größere Flächen von Wäldern, Sümpfen, Heideflächen und anderem Ödland, „Wüste“ eben, wie das damals auch heißt. Und das Augenmerk scheint im wesentlichen auf solchen großen Gebieten landwirtschaftlicher Produktion mit ihrem handwerklichen Anteil zu liegen.

Aber so ganz stimmt das Bild nicht. Karolinger regieren zwar von Pfalzen aus, aber Pfalzen und andere befestigte Plätze adeliger Großer entstehen entweder im Zusammenhang solcher städtischer Siedlungen oder sie können solche sogar befördern. Und die Herrscher der neuen Reiche haben die überlebenden und sich neu bildenden Städte immer im Blick. Sie geben Verordnungen für sie heraus und versuchen diese Orte in die überwiegend agrarisch geprägten Strukturen ihrer Machtbereiche zu integrieren. Seitdem Karolinger die Rechte in der Stadt als Regalien an sich gezogen haben, vergeben sie sie zunehmend an treue Anhänger, insbesondere Bischöfe.

 

822 erklärt Ludwig I. ("der Fromme"), auf Wunsch des Bischofs von Paderborn, seinen Bischofssitz einschließlich der ihm zugehörigen Sachenund Hörigen unter unseren Schutz und unter den Schirm unserer Gerichtsfreiheit zu stellen (...) auf dass sich kein öffentlicher Richter oder sonst jemand, der rechtsprechende Gewalt innehat, unterstehen soll, in die Kirchengebäude, Ortschaften, Feldfluren oder sonstigen Besitztümer der vorgedachten Kirche einzudringen (...) um dort gemäß dem gerichtlichen Brauch Verhöre durchzuführen, Friedensbußen zu erheben, Häuser oder Hütten zu errichten, Burgen auszuheben, die Leute dieser Kirche ohne Grund zu unterdrücken oder um dort zu beliebiger Zeit irgendwelche Erhebungen oder unerlaubte Forderungen einzuziehen, - womit deutlich wird, was offenbar stattfindet.

Darüber hinaus wird der Bischofskirche Abgabenfreiheit zugesichert, denn die Erträge aus ihrem Besitz gestehen wir der Armenkasse und auch dem Unterhalt der Wachslichter der vorgenannten Kirche zu, womit vornehm umschrieben ist, dass die Kirche (eigentlich) kein Betrieb ist, der der Besitzmehrung dient. Das Ganze soll dann auch finanzieren, dass diese Kirche für das ewige Seelenheil des Kaisers, seiner Gattin und Familie fleißig betet. (in Hergemöller, S.62f)

 

Schon 787/89 ist in Bremen Dom und Bischofssitz errichtet worden, wobei der Markt dem König untersteht. Erst König Arnulf (von Kärnten) verleiht 888 detaillierter dem Bremer Bischof das Recht, einen Markt abzuhalten, Münzen zu schlagen und die Zölle einzunehmen. Im 10. Jahrhundert kommt dazu immer expliziter auch die Gerichtsimmunität. Städte setzen sich immer deutlicher vom Land ab.

Einen Siedlungsansatz gibt es in Würzburg wenigstens seit dem 6. Jahrhundert. Wohl 741 richtet Bonifatius einen Bischofssitz ein. Unter Ludwig dem Frommen erhalten die Bischöfe Markt-, Münz- und Zollrecht. Es gibt Kaufleute, vor allem aber Handwerker und Weinbergarbeiter, die Hintersassen des Bischofs und des Domklerus sind. Im 9. Jahrhundert wird eine bedeutende Domschule erwähnt.

 

Zu Pfalz und Bischofssitz kommen Klöster und klosterähnliche Institutionen mit ganz ähnlichen materiellen Bedürfnissen in den Städten, aber auch als Neugründungen auf dem Lande, wo sie wie am Beispiel Gent manchmal Kern für neue städtische Siedlungen werden.

Schließlich wird Eroberung und Zivilisierung „heidnischer“ Gebiete auch mit Hilfe der Neugründung von Bistümern und Klöstern betrieben, wodurch potentielle Zentren für Stadtbildung entstehen.

 

Besonders in Westfranzien entstehen Städte neu an großen Klöstern wie St. Martial in Limoges, St. Vaast in Arras, St. Front in Perigueux. Äbte wohldotierter Klöster sind oft so mächtige Herren wie Bischöfe und weltliche Magnaten. Bei Klöstern lassen sich Händler nieder, das Handwerk konzentriert sich manchmal dort aus ländlicher Grundherrschaft heraus. Ein Markt entsteht, mit Buden, Tavernen, und dem Kloster als Herrn fallen darüber Abgaben und Rechte zu. Dabei konkurrieren Klöster, Bischöfe und weltliche Herren auch gewalttätig miteinander. 

 

Ein gutes Beispiel ist das Prümer Tochterkloster Münstereifel. Als 844 die Knochen der Heiligen Chrysanthus und Daria dorthin überführt werden, setzt bald eine Wallfahrt dorthin ein, die wirtschjaftlich bedeutend genug ist für die Anlage eines Marktes. einer Münze und einer Zollstätte, von deren Einnahmen zwei Drittel an das Kloster fallen sollen (in: Hergemöller, S.68f).

800 erhält der Abt von Corvey für die weiter entfernte Siedlung Horhusen (Niedermarsberg) an einer Furt das Markt- und Münzrecht und für Mons Eresburg (Obermarsberg) das Zollrecht.

908 erlaubt Ludwig IV. ("das Kind") dem Bischof von Eichstätt für den Ort beim Kloster einen öffentlichen Handelsmarkt sowie eine Münze errichten und einen Zoll erheben zu dürfen, so wie es bei den übrigen Handelsorten (mercationum locis) Brauch ist, sowie einige Befestigungen in seinem Bistum gegen den Ansturm der Heiden ausbauen zu dürfen. Zusammenfassend heißt das, eine Stadt zu errichten (urbem construere), wobei die Einkünfte aus ihr dem Kloster zufließen sollen. Zudem verfügt der Bischof nun alleine über die Nutzung der Wälder. Das sind nur einige Beispiele.

 

Ähnlich wie im ehemaligen Germanien entstehen in Flandern im 9. und 10. Jahrhundert Städte aus Vorstädten an Burgen der Bischöfe und an Klöstern und an befestigten Plätzen der nun erstmals für dort erwähnten Grafen. Sie werden Zentren der nun langsam einsetzenden unmittelbaren Entstehungsgeschichte von Kapitalismus werden, zusammen mit oberitalienischen Städten. Beim späteren Gent werden im 7. Jahrhundert die beiden Klöster St. Pieter und St. Bavo gegründet, von denen Siedlungen mit von den Klöstern abhängigen Beschäftigten ausgehen.

 

Im 9. und 10. Jahrhundert nimmt (sehr) langsam das „städtische“ Gewerbe zu. Wichtiger aber ist die Entstehung einer „Marktwirtschaft“. Markt konnte natürlich kein germanisches Wort sein. Es stammt von merx ab, der Ware, und vom mercatus, dem Ort, an dem Handel getrieben wird (mercari).

Marktwirtschaft verlangt Geldwirtschaft, und dem dienen die Münzreformen Karls d. Großen. Sie verlangt aber vor allem zumindest einen zentralen Impuls, um in Gang zu kommen. Und den bietet der Wunsch einer Oberschicht, die die wirtschaftlichen Möglichkeiten hat, an jenes Geld zu kommen, welches gegen Luxus eingetauscht werden kann.

 

Luxus ist eine humanistische Entlehnung aus dem Lateinischen, welche im Deutschen dann Verschwendung, Prunk, Pracht bezeichnet, also einen moralischen Unterton bekommt. Das ist in Spätantike und Mittelalter oft anders. Prunkvolle Waffen, Prunkgewänder, entsprechender Schmuck, prachtvolles Geschirr dienen nicht nur ästhetischem Vergnügen, sondern mit diesem auch dem Vorzeigen eines herausgehobenen Status. Damit ist der potens, der Reiche und Mächtige, nicht nur ein hervorragender und als solcher zunehmend privilegierter Krieger, sondern mit der Anhäufung vorzeigbarer Luxusgüter auch Vertreter eines herausgehobenen Lebensstils. Vorbildlich dafür sind die wohlhabenderen Kirchen und Klöster, die ihre Prachtentfaltung damit rechtfertigen, dass sie dem Lobe Gottes dienen solle. Tatsächlich dienen sie wenn nicht zuerst dann doch zugleich dem Ansehen der jeweiligen klerikalen Mächtigen.

 

Der Übergang von der Schatzbildung zur Kapitalbildung hat viele Wurzeln. Die gerade angesprochene verlangt zuallererst agrarische Überschussbildung der Grundbesitzer, und den Verkauf des Überschusses auf einem vorläufig nahe gelegenen Markt. Dies wird durch einen zweiten Schritt vereinfacht, indem man den abhängigen Bauern ermöglicht, selbst Überschüsse zu erzielen und diese auf dem Markt zu verkaufen, dafür dann dem Herrn aber eine Rente zu zahlen. Dies wird im wesentlichen eine Entwicklung des Hochmittelalters.

Die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion wird Bevölkerungswachstum hervorbringen, welches mehrfach Voraussetzung für die Entstehung des Kapitalismus wird: Dieser verlangt einmal eine gewisse Bevölkerungsdichte, aus dieser resultiert Abwanderung in die Städte, und daraus ergibt sich deren Wachstum.

Parallel dazu müssen die Fernhändler, immer noch zu einem Teil Orientalen, Kapital bilden, damit sie weit voneinander entfernt einkaufen und verkaufen können. Wenn sie Kredit haben, können sie dafür Kredit bekommen und damit schießen dann Finanziers gegen einen Zins vor, was erst später sich realisieren soll.

Damit alles das sich entwickelt, muss die Produktivität in der Landwirtschaft erhöht werden, wodurch ein Innovationsdruck entsteht, den dann erst eine erste Kapitalisierung der Landwirtschaft einlösen kann.

 

All dies würde einzelne Kapitalisten hervorbringen, aber noch keinen Kapitalismus. Damit es dazu kommt, müssen die Städte sich weiterentwickeln und als Produzenten und Konsumenten an Bedeutung gewinnen. Dabei muss jenes neue Bürgertum entstehen, welches die mittelalterliche Welt so massiv verwandeln wird.

 

Unter Markt verstand man zunächst einen Markttag, der zu bestimmtem Datum an bestimmtem Ort stattfand, und zwar vor allem auf dem Lande und in der Nähe der Orte der Nahrungsmittelproduktion. In dem Maße, indem solche Märkte wichtiger werden, werden sie mit einer Abgabe belegt, zugleich aber weiter privilegiert.

 

Bis in die Zeit der Karolinger wird das alte Recht der urbanen Kerne der civitates tradiert, weiter Märkte abzuhalten. Andererseits wird es ein grundherrliches Recht, überall landwirtschaftliche Märkte abzuhalten. Daneben wird geistlichen Herren von den fränkischen Königen zunehmend ein Marktrecht verliehen. Ziel mächtigerer Herren wird es nun, den eigenen Markt vom Zoll zu befreien, ihn insofern immun zu machen. Dann genießen sie das Recht auf Standgebühren, ohne dafür Abgaben zahlen zu müssen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich bei zunehmender Marktdichte die Vorstellung, dass die Könige das Recht der Konzessionierung solcher Märkte hätten, da vor ihren Gerichten geklagt wird, wenn die Konkurrenz solcher Orte und Tage überhand nimmt. (Pitz, S. 132)

 

Einen Schritt weiter sind wir mit den Vorschriften Karls des Kahlen von 864 über die Marktaufsicht der Bischöfe und Grafen im Edikt von Pîtres. Die betreffen die „Kontrolle von Maß und Gewicht, Preisbestimmung, Warenprüfung und Beaufsichtigung der Handwerker.“ (Pitz, S. 134) Markt-Wirtschaft entsteht so neu unter der strengen Aufsicht und aus den Interessen von Herrschern und Machthabern heraus. Etwa um 900 ist das königliche Marktregal im ostfränkischen Reich voll ausgebildet. Aber das Regal wird an den Grundherrn vergeben. Grundsätzlich gilt: „Die Ordnung des Marktes ist herrschaftlich.“ (Ennen, S.66)

 

Märkte sind der Ort, an dem Grundherren ihre Überschüsse verkaufen und dafür Luxusgüter nicht zuletzt aus Fernhandel kaufen. Daneben ist Salz, selten vor Ort vorhanden, ein überall begehrtes Gut. Es kommt aus Reichenhall, Hallein, Schwäbisch-Hall und Lüneburg. Marktordnungen werden Bräuche, die dann rechtlich tradiert werden. Indem Zoll und Münze dazu kommen, entsteht ein abgesonderter Wirtschaftsraum, aus dem ein herrschaftlicher Rechtsraum werden wird.

In diesem Raum gewinnen Stadtherren Banngewalt, also das Recht, im Interesse des lokalen Friedens zu gebieten und zu verbieten. Auf diese Weise werden sie erst eigentlich zu Stadtherren.

Auch das Recht zur Prägung der Münze erhöht das Einkommen der Stadtherren. Dabei gilt die Münze nur für den Ort der Prägung, fremde Münzen müssen also eingetauscht werden, was dazu führt, dass Münzer zugleich auch zu Geldwechslern werden und zu Teilen einer städtischen Oberschicht wie am Gericht beteiligte Schöffen, beide Gruppen im Dienste des Herren.

 

Vermutlich steigt die Bevölkerung in West- und Ostfranzien wie im Norden und der Mitte Italiens zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert in einigen Gegenden langsam wieder an. Jedenfalls werden neue Ländereien aus Wald, Heide und anderem „Ödland“ für die Landwirtschaft erschlossen. Ein neuartiger Pflug, der die Erde nicht mehr nur anritzt, sondern umpflügt, kommt auf und setzt sich bis ins hohe Mittelalter in immer mehr Gegenden durch. In derselben Zeit entwickelt sich auch an ersten Orten die Dreifelderwirtschaft, welche ebenfalls die Produktivität erhöht, so wie man auch in diesen Jahrhunderten nach und nach an einigen Orten beginnt, das Pferd als Zugtier einzusetzen. Die Zahl der Wassermühlen als früher Maschineneinsatz nimmt zu. Das Verhältnis zur "Natur" wird wie in der römischen Antike, dort wo sie nicht idyllisiert wird,  durch Effizienzdenken bestimmt, welches sie als unnütze und in Nutzlandschaft zu verwandelnde "Wüste" betrachtet.  Für die Vielen, die ihr Überleben dieser Natur durch Arbeit abringen, hat sie bedrohliche Züge, was durch die neue Religion gefördert wird.

Bevölkerungswachstum und wachsende landwirtschaftliche Produktivität sind es denn auch vor allem, die die Städte wieder wachsen lassen.

 

Marktorte, ländliche Siedlungen und auch die Neustädte und burgi ziehen Leute an, die sich dort niederlassen. Unter den Handwerkern, die ihre Produkte auf dem Markt verkaufen, gibt es die Unfreien, die auf Herrenhöfen im Marktort oder seiner Umgebung arbeiten, dann persönlich Unfreie, aber in ihrem Gewerbe Freie, die auch auf eigene Rechnung arbeiten und verkaufen können, und eine Minderheit persönlich freier und wirtschaftlich unabhängiger Leute.

 

Ähnlich treten neben den meist unfreien Kaufleuten, die Handel im Auftrag ihrer Herren betreiben, nach und nach immer mehr einheimische freie auf, so mancher ein wohlhabender Handwerker, der von der eigenen Handarbeit, die er selbst auf den Markt bringt, dazu übergeht, Rohstoffe und Produkte anderer auf dem Markt zu verkaufen. Im frühen Mittelalter gelangen solche Leute zuerst in Italien zu Reichtum. Anderen gelingt es, durch Handel außerhalb der dem Herrn zustehenden Zeit wohlhabend zu werden. Handel ist also für Unfreie ein guter Weg zu einem Wohlstand, der dann auch in die Freiheit führen kann.

 

Während Grund und Boden, selbst Ernteerträge und die handwerkliche Produktion, soweit nachzuvollziehen waren, dass daraus Abgaben errechnet werden können, lässt sich das Geld des Kaufmannes zumindest zu einem guten Teil vor solchen Nachforschungen verstecken. Ludwig der Fromme ist möglicherweise der erste, der darauf kommt, durch Münzverrufung dabei Abgaben wenigstens indirekt zu erreichen: Dabei werden alle Pfennigmünzen für ungültig erklärt und durch neue ersetzt. Wer immer sie bei den Münzstätten umtauschen möchte, muss den „Schlagschatz“ bezahlen, eine willkürlich erhobene Gebühr für die Münzprägung. Natürlich war bekannt, wer über beträchtliche Summen Geldes verfügte, und gelegentlich wurde auch so versucht, zumindest an einen kleinen Teil davon heranzukommen.

 

Außerhalb Italiens und einiger Stadtlandschaften wie am Rhein waren Handel und Gewerbe aber im 9. Jahrhundert noch nicht auf Städte konzentriert, sondern blieben im wesentlichen auf dem Lande. In den fränkischen Reichen auch noch des 9. Jahrhunderts sind Städte und Märkte auch formal meist kaum herausgehoben, sie sind Teile der Grafschaften – es gibt kaum einen so verstandenen Gegensatz zwischen Stadt/Markt und Land. Unter den Karolingern werden die gräflichen Gerichte allerdings als Schöffengerichte aus herausgehobenen Einwohnern, die neben den übrigen Großen in der Stadt ein dezidiertes Vorschlagsrecht für die Zusammensetzung haben, zu einer Art Vorläufer für Gemeindeorgane. Aber von solchen ist man noch weit entfernt.

 

Im westslawischen Raum entstehen nach der slawischen Besiedlung Herrschaften, die in Burgen hausen, an die sich Siedlungen anschließen, die bis über 1000 Häuser umfassen können (wie Lublin im 8. Jahrhundert). Diese im 9. Jahrhundert mit einem Wall umgebenen Orte besitzen Handwerker und Händler.

 

***Trier*** (gerade in Arbeit)

 

Die hocharistokratischen Bischöfe Triers scheinen seit dem Ende des 7. Jahrhunderts eng verbunden mit den gerade aufsteigenden Arnulfingern und Pippiniden, was auch die Besetzung des Äbtissinnenstuhls von St. Irminen mit Freunden und Verwandten der Familie zeigt. Unter Pippin dem Jüngeren wird Trier zu einer zentralen Münzstätte im Frankenreich. Um 700 werden die Klöster Prüm und Echternach gegründet.

Die Besitzungen und Rechte der Bischöfe nehmen immer mehr zu. In der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts gelingt die Ausweitung bischöflicher Macht auf Dietkirchen (Lahn) und an die Nahe.

 

772 begrenzt Karl ("d.Gr.") die Bischofsmacht durch seine Grafschaftsverfassung. Die Grafen übernehmen bischöfliche Herrschaftsrechte. In seinem Leben des Hl. Willibrod beschreibt Alkuin um 800 Trier "als eine alte und mächtige Stadt, die von Mauern, Türmen und Klosteranlagen mit Scharen von Klerikern und Mönchen umgeben war." (in: Anton/Haverkamp, S.88)

 

In den Reichsteilungen wird Trier Teil des Mittelreiches.

 

882 fallen Normannen in Trier ein, wie Regino von Prüm berichtet: Sie brechen also mit allen ihren Streitkräften aus ihrem befestigten Lager hervor und erobern Trier, die berühmteste Stadt Galliens (...). Hier ruhten sie bis zum heiligen Ostertage die vom Marsch ermüdeten Glieder aus und verwüsteten das ganze Gebiet der Stadt ringsum von Grund auf; dann lassen sie die Stadt in Flammen aufgehen und führen ihre Schwaren nach Metz. Als dies der Bischof dieser Stadt erfuhr, vereinigte er sich mit Bischof Bertulf und dem Grafen Adalhard und rückt jenen aus eigenem Entschlusse zum Kampf entgegen. Es kam zum Kampf und die Normannen blieben Sieger. (in: Fuhrmann, S.23)

 

 

Italien unter den Karolingern (in Arbeit)

 

Mit Karl I. ("dem Großen") beginnt für viele Jahrhunderte eine lange Kette "italienischer" Könige, in der Regel irgendwann auch Kaiser, die mit wenigen Ausnahmen ihr Königreich nur selten überhaupt betreten und es nach und nach auch immer weniger beherrschen. Viel ändert sich zunächst nicht. Nach und nach werden langobardische Herzöge durch fränkische (und alemannische) Grafen ersetzt, was vor Ort wenig bedeutet. Das gallische Franken und das langobardische Italien hatten sich recht ähnlich entwickelt. Macht beruht schon länger nicht mehr auf der Besteuerung, sondern dem Besitz von Land und der Verfügung über dort produzierende Leute. 

 

Völkisch ändert sich wenig, Italien wird nicht durch Masseneinwanderung fränkisch. Am ehesten führt die Unterwerfung unter die fränkische Krone zu einer stärkeren Integration von Langobarden und Vorbevölkerung in der nun fränkischen Nordhälfte der Halbinsel. Langobardische Große bleiben, soweit sie nicht rebellieren, im Besitz ihrer Ländereien und ihrer Macht. Recht schnell steigen sie in der neuen, fränkisch kontrollierten Hierarchie wieder in hohe Ämter auf wie nach 800 die Aldobrandeschi-Familie in Lucca, deren Mitglieder zu Bischöfen und Grafen werden (Wickham, S.74).

 

Erst jetzt ist durchgehend von einem Königreich Italien die Rede, von dem das fränkische Heer aber nur den Norden und das Herzogtum Spoleto erobert hat. Die Päpste halten nicht nur das große römische Territorium, sondern auch das Exarchat Ravenna für ihrem Machtbereich, was dazu führt, dass Spoleto ein Stück weit autonom bleibt. Das Herzogtum Benevent demonstriert trotz gelegentlicher fränkischer Überfalle seine Unabhängigkeit, indem sich seine Duces als princeps, Fürsten bezeichnen. Gaeta und Salerno sind zunächst noch unbedeutende castra. Arichis II. von Benevent umgibt um 780 Salerno mit einem weiten Mauerring, baut sich dort einen Palast und macht die Stadt zur zweiten seines Reiches (Wickham, S.149)

Byzanz verfügt nominell noch über Venedig, Neapel und das castrum Amalfi, etwas deutlicher über Kalabrien und Otranto.

 

Auf Pippin folgt Bernhard und dann Lothar, dem der Kaisertitel gegeben wird, der dadurch nicht an Bedeutung gewinnt. 843 kommt es zum Bruch zwischen Ludwig ("dem Frommen") und Lothar, und die Unterstützer Lothars strömen nach Italien, wo sie mit Lehen aus Kirchenbesitz versorgt werden. Fränkisch geprägte Gesetzgebung nimmt zu. 850 wird Ludwig II. als Kaiser sein Nachfolger bis 875, ein Herrscher, der seine ganze Regierungszeit in Italien verbringt. Sein Interesse an den nördlichen Karolingerreichen bleibt gering.

 

Die immer labile Macht nachantiker Könige bedarf der Loyalität ihrer regionalen und lokalen Vertreter, die bis zu Karl ("dem Großen") vor allem durch Kriege mit der Erwartung von Ruhm und Beute hergestellt wird. Ludwig II.gelingt das zeitweilig mit Kriegen gegen Benevent und gegen den "Sultan" von Bari, den allerdings erst eine byzantinische Seeblockade 871 besiegen kann.

, so wie auf der anderen Seite Bonifaz II. von Tuscien Flottenkommandos gegen das muslimische Nordafrika führt.

 

Zum anderen müssen sie mit Land ausgestattet werden, um regionale und lokale Macht zu fundieren. Das muss dann und wird nun durch mehr Gesetzgebung flankiert, durch kontrollierende Königsboten (missi) und durch eine Aufwertung loyaler kirchlicher Großer als mögliches Gegengewicht gegen die Grafen.

In Italien unter fränkischer Herrschaft werden die Gesetze wohl schriftlich über die Grafen vermittelt. Gericht wird gehalten mittels scabini, im Deutschen später Schöffen, kleine Landbesitzer vor Ort. Die missi sind vermutlich oft selbst Grafen, die wohl nicht selten Eigeninteresse mit ihrem Auftrag verbinden.

 

Die Langobarden hatten sich wenig in kirchliche Belange eingemischt. Unter den Karolingern werden nun auch in Italien kirchliche Große stärker in das Regierungshandeln integriert. Wie schon in der gallischen Francia dient dazu auch offensive Kirchengesetzgebung, direktes Hineinregieren in kirchliche Belange. Bischöfe sind in den Städten ohnehin schon oft die größten Landbesitzer und es ist naheliegend, dass die Könige ihnen gefällige Leute in das Amt einsetzen. Wenn die dann noch richterliche Funktionen bekommen, sind sie solange es keine Konflikte zwischen Kirche und Königtum gibt, durchaus wichtige Instrumente für königliches Regieren.

 

Vielerorts müssen sich die Bischöfe die Macht mit den Grafen teilen. Sind sie loyal gegenüber den Königen, können sie zu enormer Macht aufsteigen wie die Familie eines Suppo, 817 selbst Graf in Brescia, dessen Familie sich im 9. Jahrhundert auf Piacenza, Parma bis ins Piemont ausbreitet und zeitweilig bis Spoleto. Überall häufen sie erheblichen Landbesitz und Ämter an und schaffen schließlich die Verheiratung einer der ihren, Angilberta, mit Ludwih II.

 

Um 812 erscheint der bayrische Bonifaz als Graf in Lucca. Er und sein gleichnamiger Sohn schaffen es, erst das Arnotal zu kontrollieren und dann sogar Einfluss in Korsika zu bekommen. Als der zweite Bonifaz sich 833 gegen Lothar auf die Seite Ludwigs ("des Frommen") stellt, wird er enteignet, aber sein Sohn Adalbert taucht nach der Reichsteilung von 843 bald in Lucca als Markgraf der Toskana auf, dem Norden des alten Tusciens. Er baut sich bald zum de facto obersten Gerichtsherr auf und eignet sich immer mehr königliche Gewalt an, während er unter sich keine Machtentfaltung mehr zulässt. Dagegen kommen auch die zahlreichen Bischofseinsetzungen Ludwigs II. nicht mehr an. Nach 875, als das Königreich in Bürgerkriegen versinkt, besitzt er ein praktisch selbständiges Reich.

 

Ludwig II. (840/44-75) ist der letzte "italienische" König im Vollbesitz königlicher Macht, die er über Verwaltung, Königsboten, Grafen und Bischöfe ausübt. Aber er besitzt keinen männlichen Erben und Nachfolger. Seine zwei Onkel in West- und Ostfranzien besitzen nun gleiche Nachfolgerechte und der resultierende Konflikt wird dem Königtum seine Macht nehmen.

In den nächsten 150 Jahren wird die Verwaltung fast zum Erliegen kommen, Grafen werden gewöhnlicher Hochadel, der ähnlich wie Bischöfe Eigeninteresse über die des zerfallenden Königreichs stellt.

Auf Ludwig II. folgen mehrere meist abwesende Karolinger, deren letzter, Karl ("der Dicke), Sohn Ludwigs ("des Deutschen") 887 stirbt. Die Nordhälfte Italiens versinkt für knapp zwei Jahrzehnte in bürgerkriegsartige Kämpfe der Markgrafen von Friaul und Spoleto. Im Hintergrund stehen westfrankische, burgundische oder deutsche Ansprüche.

Nachdem die Karolingerfamilie nicht mehr die einzigen möglichen Herrscher sind, weitet sich das Potential der Prätendenten. 891 gelingt es Guido/Wido von Spoleto, als erster Nichtkarolinger den Kaisertitel an sich zu nehmen. 898 stirbt sein Sohn Lambert.

 

 

Während die Frankenherrscher Norditalien erobern, kontrolliert Byzanz immer noch Sizilien, die Südhälfte Kalabriens und Otranto, während sich das Dukat Neapel immer mehr verselbständigt. Das übrige Gebiet gerät in die Hände des beneventanischen Dux Arichis II.

In der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts gerät Benevent in innere Wirren. Sarazenen setzen sich in Bari fest und bald dann in Agropoli und am Garigliano, von wo aus sie Überfälle auf die christlichen Gebiete starten. Um 840 verselbständigen sich Gaeta und Amalfi von Neapel.

849 löst sich Salerno von Benevent, worauf Capua wiederum beginnt, sich von Salerno zu lösen, was um 860 abgeschlossen ist. Kurz danach beginnt Byzanz mit der Rückeroberung von Bari (876), nimmt bald danach Tarent ein und dann den Rest von Apulien. Salerno wird eine Art byzantinischer Klientel"staat". Inzwischen schaffen Sarazenen die Eroberung ganz Siziliens.

 

ff

 

Stadt und Land in Italien

 

Kontinuität geschieht dadurch, dass die oft romanischen Mehrheiten weiter nach römischem Recht leben. Sie resultiert aber auch daraus, das römische Vorstellungen von Stadt (welche auch sonst!) weiter existieren. In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts kann Isidor von Sevilla im Visigotenreich so in seiner lateinischen Etymologie schreiben: Civitas ist die Vielzahl der Menschen, geeint durch das Band der Gemeinschaft, benannt nach den cives, als nach den Einwohnern der Stadt selbst, denn es schließt zur Gemeinschaft zusammen und enthält das Leben der Vielen. Denn urbs sind die Mauern selbst, aber die civitas wird nicht wegen der Steine, sondern aufgrund der cives so genannt. (XV,2). Dass urbs nun nicht mehr Roma, sondern das Gebäudeensemble benennt, ist neu, aber der Rest ist römisch-antik.

Der 'Versus di Verona' vom Ende des 8. Jahrhunderts sieht Kontinuität gerade in den Baulichkeiten: Eine große und berühmte Stadt erhebt sich in Italien, in Venetien, wie Isidor lehrt, die seit der Antike Verona genannt wird. Sie ist in quadratischer Form gebaut, fest von Mauern umschlossen, achtundvierzig Türme ragen aus dem Mauerring hervor, von denen acht sehr hoch sind und die anderen überragen. Sie hat ein hohes Labyrinth von großer Ausdehnung, aus dem niemand, der einmal eingetreten ist, imstande ist, wieder herauszukommen (… das Amphitheater wohl), ein weites, geräumiges und mit Steinen gepflastertes Forum, in dem sich auf jeder der vier Seiten ein großer Bogen befindet, Plätze wundervoll gepflastert mit behauenen Steinen, Tempel, erbaut und geweiht in alter Zeit der Luna, dem Mars, der Minerva, dem Jupiter und der Venus, dem Saturn und der Sonne, die mehr als alles andere glänzt. (in: Staufer und Italien, S.217)

 

Im 8./9. Jahrhundert dürfte die Bedeutung italienischer Städte und des Handels stärker zunehmen als nördlich der Halbinsel.

Die zwischen dem Vertreter des Königs und dem (Erz)Bischof geteilte Macht bleibt in Mailand bestehen, aber ganz langsam neigt sich das größere Gewicht manchen Bischöfen zu. Das asemblatorio, der Ort der allgemeinen Versammlung, befindet sich im 9. Jahrhundert bereits auf dem Platz vor der Kathedrale.

 

Im sich kontinuierlich weiter entwickelnden Lucca ist die Kathedrale längst größter Landbesitzer. In das übrige Land im von der Stadt beherrschten Umland teilen sich andere Kirchen und etwa zwanzig große weltliche Landbesitzer, von denen ein Teil in der Stadt wohnt. Wohlhabenderes Handwerk erwirbt selbst kleineren Grundbesitz. Grund und Boden bestimmen den Status der Menschen. (Wickham, S.85f)

 

Eine gewisse Dominanz schafft der Handel vielleicht in wenigen Küstenstädten, und vielleicht schließt er ganz langsam in Mailand, Cremona und natürlich Venedig zu den landbesitzenden Großen auf. 852 ist ein erster Zusammenstoß zwischen Cremonenser Händlern und ihrem Bischof über die Hafenzölle bekannt.

Ziel des Handels ist aber Geld, mit dem Land gekauft werden kann, denn nicht Handel, sondern Grund und Boden bedeutet Status.

 

Für das Handwerk sind magistri dokumentiert, was eine gewisse Organisation andeutet. "Schon im 8. und 9. Jahrhundert gibt es Belege für einen weiten Bereich von Handwerken: Bearbeiter von Gold, Silber, Kupfer und Eisen; Hersteller von Leder, Tuchen, Seife; Erbauer von Häusern und Schiffen. Es gab sogar Salzproduktion, Suchen mit Pfannen nach Gold und Silberabbau." (in meinem Deutsch: Wickham, S.89)

 

Im Süden steigt neben der Stadt Benevent ab etwa 780 Salerno als zweite Residenz der Duces von Benevent auf. Um 840 löst sich Amalfi von napolitanischer Kontrolle.

 

Die Entwicklungen im Raum der Mittelmeerküste Galliens, welches sich bald zum fränkischen Westreich entwickeln wird, ähneln denen Italiens.

 

Schließlich sei noch kurz Hispanien erwähnt, die iberische Halbinsel, zum größten Teil bald unter islamischer Herrschaft, in der die antiken Städte weiterentwickelt werden, dabei aber nicht jene Strukturen ansteuern, die Kapitalismus entwickeln helfen, weswegen die christliche Rückeroberung Neuanfänge mit sich bringen wird. Immerhin dürften um 900 in Cordoba an die 100 000 Einwohner gelebt haben, als in den Frankenreichen größere Städte ein paar tausend besitzen, 40 000 in Toledo und vielleicht 25 000 in Granada. Handwerk und Handel florieren weit mehr als in der christlichen Welt, aber die Verbindung von Despotie und Islam erlaubt es nicht, Voraussetzungen für ein Bürgertum zu bilden.

 

Nur der wenig urbanisierte Norden bleibt in den Händen derer, die sich als Nachfahren der Visigoten sehen. Als erstes stadtartiges Gebilde entsteht dann im 9.-11.Jahrhundert das galizische Santiago de Compostela und bald darauf das asturische Oviedo und León, das leonesische Zamora und das kastilische Burgos.

 

***Venedig***

 

Ein Sonderfall ist Venedig, welches wohl als Fluchtziel vor den Bedrohungen der Hunnen, Goten und Langobarden entsteht, also erst nach dem Untergang des römischen Westreiches.Während die Langobarden das Binnenland beherrschen, behält Byzanz ein Gebiet aus Häfen und Inseln, welches als Exarchat von Ravenna bezeichnet wird. Im Raum Venedig amtet ein Unterbeamter des Exarchen, ein dux, ein Militärführer also. In der Volkssprache wird daraus viel später der Doge.

Venedig gehört so zu den italienischen Restgebieten unter byzantinischer Herrschaft, gehört aber zugleich weiter dem römisch-lateinischen Christentum an. Ein Patriarchat lässt sich auf der Insel Grado nieder, und nach längerer Friedenszeit unter den Langobarden kehrt ein zweites nach Aquileia zurück.

 

Vielleicht in einer Absetzbewegung von Byzanz ist, als es dort unter Kaiser Leo III. zu Unruhen kommt, in Venedig die Wahl eines dux Ursus überliefert. Vorübergehend kommt es wohl wieder zu direkter Herrschaft der Kaiser, aber 742 wird ein Sohn des Ursus wieder zum Dogen gewählt, wie es heißt von einer Volksversammlung. Der macht Malamocco auf dem Lido zu seinem Herrschaftszentrum. Venedig gerät immer mehr aus dem Blickwinkel von Byzanz.

 

Im Gegensatz zu allen anderen bedeutenden italienischen Städten ist Venedig keine alte Bischofsstadt, sondern gehört zu Grado. Aquileia begründet dagegen schon gegen Ende des 8. Jahrhunderts seinen kirchlichen Machtanspruch mit der Legende, der Evangelist Markus sei dorthin gereist, um einen ersten Patriarchen einzusetzen. Danach dann habe es ihn nach Alexandria gezogen, um dort ebenfalls ein Patriarchat einzurichten.

 

Da Venedig fast ausschließlich vom Seehandel abhängt, "verbürgerlicht" die Stadt früher als andere: Ohne Festland gibt es keine Grundherrschaft und später keine Feudalstrukturen. Die soziale Schichtung beruht also wesentlich auf Eigentum und Kapital. Ihre Bevölkerung setzt sich zunehmend aus Kapitalisten und für diese Arbeitende zusammen.

 

Schon mit der Kaiserkrönung Karls 800 gerätt Venedig in das Spannungsfeld zwischen den beiden Kaisern, welches es zu nutzen sucht.

809/10 versucht Pippin auf einem Heerzug von Chioggia aus, Venedig anzugreifen worauf das Zentrum  nun nach Rialto (rivo alto) mitten in der Lagune verlegt wird. Vermutlich errichtet schon der (offiziell byzantinische) dux Agnello Partecipazzo in diesen Jahren seinen Amtssitz dorthin, wo heute der Dogenpalast steht.

Zudem kämpft Venedig wie einige andere italienische Städte mit dem Malariaproblem. Pisa wird sich bald mit dem Versuch beschäftigen, Sumpfgebiete verlanden zu lassen. Zunächst reicher und größer als Rialto ist Torcello im nördlichen, schilfbewachsenen Lagunenteil, mit Kathedrale, Kirchen und Palästen reich ausgestattet. Aber nach und nach bis ins 12. Jahrhundert hinein werden die Einwohner weiter südlich ins Zentrum der Lagune umziehen.

 

Unter der wohl führenden Partecipazio-Familie verteilt sich im 9. Jahrhundert die Macht wohl auf mehrere sich adelig gebende Handelshäuser. Dux Johannes (Partecipazio) ist, obwohl auch Grundbesitzer auf dem Festland, laut seinem Testament kurz vor seinem Tod noch mit 1200 Pfund solidi Investor in Seehandel. 

 

In dieser Zeit beginnt Venedig die nördliche Adria unter seine Kontrolle zu bringen und zur Seemacht aufzusteigen. Die Stadt entwickelt sich unter einem dux/Dogen relativ unabhängig von den byzantinischen Oberherren, den allerdings 812 Kaiser Karl für Kaiser Michael I. im Frieden von Aachen bestätigt. Aber Venedig regelt seine Außenbeziehungen wohl zunehmend selbst.

 

Die Siedlungskerne Venedigs bestehen noch aus eher kleinen Holzhäusern mit kleinen Flächen für den Anbau von Gemüse, Wein und die Haltung einiger Schweine und Kühe.

Ohne Festland entwickelt sich kein Großgrundbesitz, sondern eine Oberschicht aus Händlern und mit ihnen frühe Geldwirtschaft. Sobald sich muslimische Herrscher an den Südküsten des Mittelmeers festgesetzt haben, beginnen Venezianer mit ihnen Handel zu betreiben, gegen die Wünsche der Päpste und von Byzanz.

 

827 lässt der aquilegische Patriarch Maxentius auf einer Synode zu Mantua verkünden, Grado sei nur eine ganz normale Pfarrei unter seiner Herrschaft. Das veranlasst die Venezianer zu einem Gegenschritt. Unter seinem wohlhabenden Dogen Guistiniano werden 828 die Reliquien (der mutmaßliche Leichnam) des heiligen Markus mit anderen Handelswaren aus Alexandria herausgeschmuggelt, um der Stadt Prestige zu verleihen. Damit sie nicht geraubt werden können, werden sie so gut versteckt, dass man sie später kaum wiederfinden kann.

 

Mit dem Bau der Markuskirche wird Venedig dann auch zur Pilgerstadt. Das Wahlamt des Dogen wird nicht erblich, aber dafür wie das päpstliche auf Lebenszeit verliehen, und ist im 9. und 10. Jahrhundert vor allem in den Händen weniger reicher Familien.

 

840 werden der Stadt im Pactum Lotharii die bisherigen Privilegien bestätigt, ohne dass Byzanz noch Erwähnung findet.

 

Seit dem 8. Jahrhundert dringen kroatische Siedler auf die dalmatinische Küste vor, wo sie Piratennester einrichten, von denen aus sie einen Kleinkrieg mit venezianischen Schiffen führen und Tribute für deren Sicherheit erpressen. Das wird bis ins 10. Jahrhundert so weitergehen.

 

Die Venezianer beginnen mit einem Flottenbau-Programm. Zu Bündnissen mit lateinischen Kaisern kommen im 9. Jahrhundert solche mit Byzanz und mit muslimischen Herrschern hinzu. Die Handelsinteressen der städtischen Oberschicht lassen sie immer aggressiver werden.

883/89 wird Comacchio an der Po-Mündung erobert und niedergebrannt, womit Venedig die Kontrolle über den regionalen Salzhandel bekommt und in den nächsten Jahrzehnten erlangt die Stadt die Hegemonie über Istrien. Der Frachtverkehr von Norditalien nach Konstantinopel gerät immer mehr in ihre Hand.

 

***Rom***

 

Eine kleine Gruppe mächtiger Familien regiert die Stadt zusammen mit dem Papst, ausgehend von hohen juristischen und Verwaltungs-Ämtern wie dem des Primicerius und des Arcarius oder dem des magister militum. Daneben besetzen sie die geistlichen Spitzenämter der nahen Bistümer oder der Titularkirchen und der Diakonien. Aus ihnen wird sich später das Kardinalskollegium entwickeln.

 

Im Verlauf des 8. Jahrhunderts entzieht sich die Stadt immer mehr byzantinischem Einfluss, von dem es sich im Bündnis mit den Franken dann ganz löst. Dabei begreifen sich die Päpste dann als souveräne Herren der Stadt, da sie vermeiden, im Frankenreich aufzugehen. Indem sie sich als Erben des byzantinischen imperialen Landes begreifen, nimmt ihr Landbesitz noch einmal zu.

 

Mit dem langsamen Verschwinden des Senates wuchs der römische Bischof als größter Landbesitzer in die Rolle des Stadtherrn hinein. Als solcher übernimmt er nun auch die Versorgung der sich verringernden Bevölkerung mit Getreide. Schon im 7. Jahrhundert, immer noch unter byzantinischer Hoheit, ist die Kirche auch im weiten Umland mit ihrer ausgeprägten Verwaltung fast monopolartiger Grundbesitzer.  Die Päpste vergeben ihr Land an die Kirchen der Stadt. Ein sich neu formierender Krieger"adel" beginnt Grund und Boden im Umland der Stadt zu pachten. Damit kann die Kirche bzw. können die Kirchen der Stadt ihren Besitz in etwa halten, zugleich gewinnen sie eine sie schützende militärische Klientel. (Wickham(2), S.21f)

Wo es im weiten Umland nicht stadtrömischer kirchlicher Besitz ist, gehört das Land zum Großgrundbesitz von Klöstern wie Farfa und Subiaco oder zu Bischöfen wie denen von Sutri und Tivoli.

 

Das Amt des Papstes bedeutet Macht, eine eigene Klientel mit Land und lukrativen Ämtern zu bereichern und wird entsprechend umkämpft. Im 9. Jahrhundert wird das immer deutlicher. 882 wird Johannes VIII. ermordet, während zugleich Sarazenen immer mehr in Latium einfallen. 898 wird das bedeutende Kloster Farfa geplündert und besetzt. 897 wird Nachfolger Stephan VI. ebenfalls ermordet, während die islamische Gefahr weiter zunimmt.

 

***Das Land***

 

Die Teilung des ländlichen Status in Großgrundbesitz mit Herrenhöfen, kleine freie (Besitz)Bauern, die allerdings langsam weniger werden, und freie sowie unfreie Pächter und immer weniger Sklaven bleibt. Dazu erwerben Städter wie wohlhabende Handwerker (Goldschmiede z.B.) Grund. Der Großgrundbesitz der Kathedralen, anderer Kirchen und der Klöster nimmt bis ins 10. Jahrhundert zu.

 

Das Land wird einerseits durch Erbteilung vor allem immer stärker fragmentiert, andererseits gelingt es großen Klöstern wie Bobbio, das Land ganzer Dörfer unter ihre Kontrolle zu bekommen. Freie Pächter unterschreiben Verträge als libellarii, die meisten unterliegen weiter einem Gewohnheitsrecht. Immer wieder vergeben aus unbekannten Gründen einzelne freie (Besitz)Bauern oder gar ganze Gruppen ihr Land an Kirche oder Kloster, verschenken pder verkaufen es, um es zur Pacht und gegen Dienst, oft offenbar für einen Tag in der Woche, zurückzuerhalten. Erbenlose Bauern schenken ebenfalls öfter testamentarisch ihr Land an geistliche Herren.

 

Verarmung, der Druck des Zehnten, der Wunsch nach Schutz bzw. erpresserische Manöver der Mächtigen spielen wohl eine Rolle. Widerstand taucht im wesentlichen in der Gesetzgebung seit der späteren Langobardenzeit im Echo repressiver Maßnahmen wie harter Strafen auf. 

Wie überall im Karolingerreich tendieren zwei Entwicklungen zu einer Pächterschicht: Lage und Status kleiner freier  Bauern verschlechtert sich in Richtung Abhängigkeit von Herren, und die Unfreiheit andererseits tendiert in eine Art Halbfreiheit, wie bei sich freikaufenden Sklaven. Herrenhöfe werden verpachtet, entsprechend schwinden die Arbeitsdienste, und der Pachtzins wird bis ins 10. Jahrhundert immer mehr in Geld geleistet.

 

Es gibt bis Ende des 9. Jahrhunderts keinen Adelsbegriff, es gibt nur reichere und weniger reiche Freie, die alle formal zum Militärdienst und zur Beteiligung an Gerichten und den fränkischen placita berechtigt bzw. verpflichtet sind. Germanisches Erbe sind die weit gefassten wichtigen horizontalen Verwandtschaftsverbände, die sehr strikt patrilinear geordnet sind und so Frauen in aller Regel Männern unterordnen. Die seltene starke Rolle von Frauen wird entsprechend mit Misstrauen betrachtet.

Unter anderem aus diesen Verbänden rekrutieren sich die Eideshelfer bei Gericht und aus ihnen leitet sich auch das Fehderecht ab, welches sehr unrömisch ist. In stärkerem Maße formalisiert lässt sich da auch der Zweikampf als Rechtsentscheid einordnen. Beides betrifft vor allem Gewalttaten, während vor Gericht vor allem Eigentumskonflikte - im wesentlichen über Land - auftauchen. In den Zeugenlisten der Urteile stellt sich Status dar und in den Unterschriften vage Anzeichen einer wesentlich höheren Literalität als nördlich der Alpen.

 

Auch wenn es keinen adeligen Rechtsstatus gibt, gibt es doch eine Art Oberschicht reicher und mächtiger Männer (Familien), der auf Landbesitz gründet. Bei genügend solchem Besitz bekommt man Zugang zum Hof eines Herzogs/(Mark)Grafen und eine Etage darüber beim König. Das alles spielt sich dann in der Stadt ab. Zugang zum Herrschaftsapparat kann dann solcher zu Ämtern bedeuten und darüber wieder zu mehr Land.

Wer es sich leisten kann, hält sich ein bewaffnetes Gefolge, welches über Geschenke funktioniert. Bei den Langobarden sind das die gasindii, bei den Franken heißen sie vassi. Indem die Zahl der dem König direkt zugeordneten Freien immer mehr abnimmt und die Gefolge von Oberschichtherren zunehmen, findet ein Prozess der Dezentralisierung statt, welcher im 10. Jahrhundert alle Ansätze von Staatlichkeit zusammenbrechen lassen wird. Diese Entwicklung verschärft sich mit den Ansätzen juristischer Funktionen der Herren über ihre Pächter. (Wickham, S.129ff)

Versuche königlicher Gesetzgebung seit dem 7. Jahrhundert, das Absinken der kleinen freien Landbewohner zu verhindern, werden bis ins 9. Jahrhundert anhalten, aber im Resultat erfolglos sein.