NACHANTIKE (SOG. "FRÜHES MITTELALTER"): DEFINITIONEN III (Derzeit in Arbeit)

 

Merowingerreich

Karolinger

1000 Jahre Einübung in Herrenmenschentum und Untertänigkeit

Das Land (Grundherrschaft)

Stadt der Merowingerzeit (Trier / Italien) 

Stadt der Karolingerzeit (Norden / Italien / Venedig / Rom)

Kirche im Frankenreich

Kloster im Frankenreich

 

 

 

Das Frankenreich unter den Merowingern

 

Die fränkische Reichsbildung beginnt in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts mit der Lösung des Merowingers Childerich samt seinem fränkischen "Stamm" aus dem westlichen Imperium. Sohn Chlodwig gelingt es dann, bis 511 ganz Gallien zu unterwerfen, dabei die Visigoten nach Spanien zu vertreiben und östliche Germanenstämme abhängig zu machen. Schließlich konvertiert er zum römisch-katholischen Christentum und dessen (Kriegs)Gott und nutzt die Bischofskirche als Herrschaftsinstrument. Die Zeit der Merowinger wird dabei von erheblicher Gewaltätigkeit gekennzeichnet sein, von Mord und Totschlag.

Er etabliert ein neuartiges Königtum für seine Familie, welches auf der Gefolgschaft freier fränkischer Krieger und insbesondere von deren reichen und mächtigen Amtsträgern beruht und auf der Zusammenarbeit mit der Bischofs-Kirche. Zudem übernimmt er die römischen Steuern und besitzt neben großen Ländereien einen Königsschatz.

 

Sein Reich basiert noch mehr als die römische Antike zuvor auf Landwirtschaft und weiter vor allem auf großem Grundbesitz. Der Handel hat längst erheblich abgenommen und konzentriert sich stärker auf Luxusgüter. Das Handwerk wiederum zieht sich stark, wenn auch nicht völlig, aufs Land zurück. Die teilweise stark zerstörten Städte verlieren weiter an Einwohnerschaft und werden nun neben den Bischöfen auch von comes, "Grafen" regiert, die über ihre Kompetenzen gelegentlich in Konflikt geraten.

 

Die verwickelte Geschichte der vielen Merowinger-Herrscher ist für die Entstehung des Kapitalismus nicht von Bedeutung. Wichtig ist aber, das eine Familie eine Dynastie bildet, die erst im 8. Jahrhundert erlischt und von einer anderen abgelöst wird. Dabei wird in germanischer Erbteilung das Reich immer wieder unter den Söhnen geteilt, zunächst in vier, und später in drei Teile: Neustrien, die zukünftige Kern-Francia, Austrien (Austrasien) im Osten und das einverleibte Burgund im Südosten. Der daran angeschlossene Südwesten, Aquitanien, entwickelt dabei im Laufe der Zeit gewisse Verselbständigungs-Tendenzen.

 

Die Reichsteilungen führen zu Kriegen gegeneinander, und seltenere einheitliche Herrschaft wird ebenfalls in der Regel mit Gewalt eingeleitet. Die Macht beruht einerseits auf der Unterstützung weltlicher Großer, die als duces für ganze Regionen und stadtsässige comes für den Herrscher amtieren, immer mehr Großgrundbesitz auf sich konzentrieren und Militär anführen, andererseits auf Unterstützung durch Bischöfe, die langsam immer mehr Ansätze in Richtung Stadtherrschaft entwickeln, auch als militärische Führer fungieren und selbst reiche Großgrundbesitzer werden, so wie ab dem 6. Jahrhundert auch große Adels-Klöster.

 

Fast alle Menschen leben auf dem Lande und teilen sich in freie Bauern, die selbst als Krieger dienen müssen (und dürfen), und unfreie Arbeitskräfte. Natürliche und von der Ober"schicht" verursachte Krisen veranlassen freie Bauern in ihrer Not, sich unter den "Schutz" der Reicheren und Mächtigeren zu stellen, wo sie in einer von Gewalt gekennzeichneten Kriegerwelt nicht gar dazu gezwungen werden.

 

Das Handwerk in den kleinen Städten versorgt wohl überwiegend die weltlichen und geistlichen Großen, die mit Kathedrale, wichtigen anderen Kirchen und Burg- bzw. Palastbauten bald die einzigen Steingebäude besitzen. Ansonsten bestehen Städte aus Holzhäusern, denen Land für Nahrungsmittel zugeordnet ist. Da römische Anlagen wie Straßenpflaster, Aquädukte, Thermen und Amüsierbauten mangels Geldgebern verfallen, werden sie als Baumaterial benutzt. Der Handel, der auch als Fernhandel nicht völlig untergeht, bedient überwiegend Luxusbedürfnisse von Kirche, Klöstern und weltlichen Großen, die sich ansonsten selbst versorgen (lassen). Zahlreiche regionale Münzstatten bedienen den Handel mit etwas Geld.

 

Das Christentum ist eng mit der weltlichen Macht verschränkt. Die Kernbotschaft(en) des evangelischen Jesus sind längst aus der religiösen Öffentlichkeit verschwunden und ersetzt durch eine Religion, die die jeweiligen Machtverhältnisse vertritt und insbesondere auch die Macht der Kirche, die diese mit ihrer Mittlerrolle zwischen Sünder und Gott begründet. Der Gläubige wird dabei zwischen Angst und Hoffnung gehalten.

Neben die Steuern, Zölle und anderen Abgaben für die Könige tritt bald der Zwang zur Abgabe eines Zehnten an die Kirche. Je mehr sich die Großen der Reiche der Kirche annähern, desto stärker wird ihre Neigung, dieser Land und andere Güter zu überlassen, vor allem, damit sie dort ein Totengedächtnis für sich einrichten, welches den Weg ins "Himmelreich" beschleunigen und die Reduktion der Sündenstrafen erreichen soll. Dies wird auch gefördert durch die Mission Columbans, mit der es zum Aufschwung von mit Mitgliedern von mächtigeren Familien besetzten Klöstern kommt. in deren Kirchen ebenfalls ihrer Toten durch das Gebet gedacht werden soll.

 

Unfreie Produzenten, kleine freie Bauern, Handwerker und manchmal schon zu einem gewissen Reichtum aufsteigende Händler konstituieren so die Basis und die Masse der Bevölkerung, wobei die Freien alle zur Heeresfolge verpflichtet sind. Darüber und von ihnen lebend ist die "Schicht" mächtigerer Herren, die immer wieder versuchen, eigene Spielräume für ihre Interessen gegenüber den Königen und gegeneinander zu erhalten. Zwar versuchen die Könige, Bischöfe und weltliche Große an ihre Höfe zu binden, aber die Verhältnisse sind immer wieder instabil. Hausmeier als hohe königliche Verwaltungschefs dienen dabei einerseits der Krone, verbünden sich aber andererseits mit Fraktionen des Großgrundbesitzes, um ihre Macht zu steigern.

 

 

Karolinger: Scheiterndes Großreich (derzeit in Arbeit)

 

Inzwischen gibt es mit den Franken und den Visigoten Spaniens zwei relativ mächtige Nachfolge-Reiche Westroms, während die Langobarden in Italien und die Angelsachsen in England keine zentrale Reichsbildung schaffen. Spanien wird bald (711) weitgehend von einer von Arabern geführten islamischen Armee überrollt werden, während in Küstenregionen Italiens Byzanz sich hält, welches aber bereits seine asiatischen und afrikanischen Großregionen an die Kalifen verloren hat. 

 

Unter den Großen im Frankenreich kristallieren sich im 7. Jahrhundert in Austrien (im Ostreich) vor allem zwei Familien heraus, die sich auf einen Arnulf, Bischof von Metz und dann "heiliger" Einsiedler, und auf einen Pippin ("den Älteren") berufen und sich schließlich durch Heirat miteinander vereinen. Beide Familien verfügen über große Ländereien und großen kriegerischen Anhang, müssen sich aber gegen andere Große und Hausmeier vor allem des Westens, von Neustrien also, der späteren Kern-Francia, durchsetzen.

 

687 siegt ein Pippin ("der Mittlere") über den nominellen König aller drei Reiche und seinen Hausmeier in der Schlacht von Tertry. Damit wird er de facto, wenn auch nicht nominell Herrscher des Gesamtreiches.

Anders als zuvor die Merowingerkönige, die nun zunehmend ein Schattendasein auf ihrem Hof führen, setzen Vertreter dieser Familie Alleinherrschaft gegen Erbteilung durch, indem sie die Mitkonkurrenten besiegen und umbringen. Auf diese Weise ist Pippins Sohn Karl erfolgreich, der später wegen seiner militärischen Siege und seines Machtstrebens "der Hammer" (Martell) genannt wird. Er instrumentalisiert dafür eine unter seiner Kontrolle stehende wehrhafte Bischofskirche und verschafft sich militärische Schlagkraft durch Förderung der großen Grundbesitz und Ämter häufenden aristokratischen Oberschicht.

 

Wie unter seinen Vorgängern führt er immer wieder neu Unterwerfung germanischer Völker unter fränkische Oberhoheit vermittels Zügen seiner Vasallenarmee nach Osten und Nordosten durch, wobei er fränkischen Einfluss mit Heidenmission verbindet. Im Südwesten geht es gegen die sich immer wieder verselbständigenden aquitanischen Großen und dann auch gegen die ins Herz des Frankenreiches vorstoßenden arabisch geleiteten Truppen, die zwischen 732 und 737 wieder über die Pyrenäen zurückgedrängt werden.

 

Der Papst bittet Karl um Hilfe gegen den Langobarden, welche Rom bedrohen, da er meint, nicht mehr auf die Hilfe von Byzanz setzen zu können. Diese Langobarden sind mit den Franken verbündet, aber es geht auch ohne fränkische Hilfe: Sie ziehen wieder ab von Rom.

 

Karl ("Martell") stirbt 741 und sein Reich wird unter drei Söhnen geteilt. Pippin gelingt es, den einen umbringen zu lassen und den anderen 747 ins Kloster abzudrängen. Daneben geht er gegen Alemannen und Bayern vor allem militärisch vor.

Seit Karl Martell konzentrieren sich die Karolinger auf unentwegte kriegerische Eroberungen und folgen darin ihren merowingischen Vorläufern. Selten ein Jahr ohne großen Heereszug in zu eroberndes Gebiet. Zunehmend werden die Eroberungskriege als Aktionen zur Missionierung von Heiden hochstilisiert. Christianisierung bedeutet dabei allerdings Kolonisierung und Zerstörung von inzwischen anzivilisierten Kulturen.

 

Pippin ("der Kleine") ist wohl größter Grundbesitzer im Reich und wohl auch der reichste und mächtigste. Entsprechend lässt er sich 751 im Einvernehmen mit dem Papst von den fränkischen Großen zum König erheben, nachdem man den letzten Merowinger abgesetzt hat. Voraussetzung für ein Königtum Pippins ist die Tatsache, dass das byzantinische Reich, welches in Teilen Italiens, darunter auch Rom, noch offiziell neben den Langobarden herrscht, den römischen Bischof nicht mehr gegenüber langobardischen Angriffen schützen kann, da es selbst von mehreren Seiten militärisch in die Zange genommen wird. Die Langobarden besetzen nun sogar Ravenna. Der Papst sucht eine neue Schutzmacht und findet sie in Pippin.

Stephan II. ruft ihn nur wenige Jahre später zur Hilfe, wird 754 von einer fränkischen Delegation in die Francia geleitet und von Pippin mit dem von Langobarden besetzten Teil des Dukats von Rom und dem von Ravenna beschenkt.

Germanisches Königsheil, welches sich vor allem im Krieg erweist, wird nun durch die Vorstellung eines von Gott eingesetzten und vom Papst geweihten Königtums überbaut. Pippin fällt darauf mitsamt seinen fränkischen Kriegern im Langobardenreich ein, bezwingt dessen König und eignet sich ein Drittel von dessen Schatz an. Dem Papsttum wiederum fallen erste von Franken eroberte Territorien zu, Grundlegung eines späteren Kirchenstaates.

 

Pippin selbst wendet sich für den Rest seiner Herrschaft vor allem der Eroberung Aquitaniens zu, die aber erst von Sohn Karl vollendet werden wird. Beim Tod des Vaters 768 beginnt ein Konkurrenzkampf zwischen den Brüdern Karl und Karlmann im aufgeteilten Reich, der mit dem Tod des letzteren 771 beendet wird.

 

Karl ("der Große") beginnt einen ersten von zahlreichen Kriegen gegen die Sachsen, begleitet von massiven Zerstörungen. 773 stehen die Langobarden wieder einmal vor Rom und Karl zieht mit Heeresmacht gegen sie, unterwirft sie und nimmt den Titel eines langobardischen Königs an. Nebenbei verschwindet nun auch die Familie Karlmanns. Es kommt zu einer ersten Begegnung mit dem Papst in Rom.

 

Die nur wenig anzivilisierten Sachsen werden sich rund dreißig Jahre gegen immer neue und immer brutalere Kriegszüge Karls wehren, die die Vernichtung sächsischer Lebensformen und Vorstellungswelt zum Ziel haben. Dabei steigert sich mit dem Widerstandswillen der einen die mörderische Gewalt und der möderische Zerstörungswille der Eroberer. Die von der Historie als "Große" titulierten Herrscher sind ganz offensichtlich weiterhin eher als terroristische Massenmörder zu bezeichnen.

 

Am Ende wird Sachsen in Bistümer und Grafschaften aufgeteilt und ins Reich Karls integriert. Diese Integration läuft wesentlich von oben nach unten und bezieht zuerst eine kollaborierende Oberschicht ein.

Mit der Eroberung von Girona (785) und Barcelona (801) wird eine spanische Mark gegründet, während es weder gelingt, die Basken ganz noch die Bretonen überhaupt ins Reich zu integrieren.

 

781 ist Karl in Rom und lässt die kleinen Söhne Pippin und Ludwig zu Königen von Langobardien und Aquitanien krönen und salben. Der Versuch, fünf Jahre später über Benevent Macht in Süditalien auszuüben, scheitert letztlich. Dabei gerät er aber in die Nähe zum byzantinischen Italien, während in Byzanz selbst wieder einmal der Bilderstreit tobt.

 

Inzwischen hat sich Bayern unter den Agilolfingern zu einem Stammesverband neuen Typs mit dem Zentrum Regensburg entwickelt, welcher mit seinen Herzögen im 8. Jahrhundert eng mit fränkischer Geschichte verbunden ist. Karl findet einen Vorwand, um gegen Tassilo in Bayern einzumarschieren und ihn zu unterwerfen. Ein Jahr später wird er von Karl samt seiner ganzen Familie ins Kloster gesperrt. Bayern wird in Grafschaften eingeteilt und fränkisch kontrolliert. Mit den Awaren gibt es nun neue Nachbarn, die auch militärisch unterjocht und ausgeplündert werden und nach Osten abziehen.

 

Inzwischen haben sich slawische Völkerschaften nach Norden ausgebreitet und an einigen Stellen die Elbe überschritten, wo Karl sie militärisch ausbremst und auf der Ostseite des Flusses erste Befestigungen anlegt.

 

Der Krieg ist die regelmäßige Sommerbeschäftigung des Königs und der wohlhabenderen Freien zu Pferde sowie der übrigen Freien als Infanterie. Schwerter, Lanzen, Äxte und Pfeil und Bogen dienen der Metzelei und dem Töten. Dabei nimmt der Anteil freier Bauern im Heer immer mehr ab und der teilweise mit Benefizien versehenen Vasallen (immer mehr zu Pferde) zu. Teilnehmer erwarten von ihrem Kriegsdienst nicht zuletzt auch Beute.

 

Basis der Machtausübung Karls sind die riesigen Ländereien aus karolingischer und merowingischer Herkunft, in riesige Domänen und darunter villae aufgeteilt, die weithin autark sind, was Ernährung und Handwerk angeht. Dazu kommt Kriegsbeute, kommen Tribute Unterworfener.

Da eine Pfalz den König und seinen großen Troß auch jetzt nur kurzzeitig ernähren kann und außerdem königliche Präsenz in den Reichsteilen vonnöten ist, ist sein Hof mit kurzen Pausen stetig unterwegs. Mit seinem "Hofstaat" zieht seine Kapelle, denn der siegverheißende Gott ist zunehmend auch ein zivilisierender, also der, mit dessen Propagierung sich Herrschaft immer weiter ausdehnen kann. Aus der Kapelle lassen sich schriftbegabte Leute für hohe Ämter bei Hofe ziehen, überhaupt erweitert sich höfisches Leben mit dem Reich.

 

Nach und nach wird die mit Bädern gesegnete Pfalz in Aachen zum veritablen Palast ausgebaut, wobei Vorbilder und Bauteile aus der italienischen Antike (Ravenna) dienstbar gemacht werden. Handwerker und Händler siedeln sich an, ein größerer Markt entsteht.

 

Die "Verwaltung" des Riesenreiches geschieht über Delegation. An die Söhne geht neben Italien und Aquitanien auch ein Dukat Le Mans. Darunter sind Grafen für die Gerichtsbarkeit und das Heeresaufgebot zuständig. Es entsteht eine Art Reichsaristokratie. Wiederum darunter sind größere Vornehme angesiedelt, dabei wehrhafte Bischöfe in den Städten. Wiederum darunter nimmt der Anteil freier Bauern weiter ab. Neben dieser tendenziell hierarchischen Struktur gibt es eine Kontrollebene, die von hochgestellten Königsboten eingelöst wird.

 

Das Frankenreich besteht weiterhin zu rund 95% aus Bauern, freien wie mehr oder weniger unfreien. Deren Produktivität ist sehr niedrig und nur bei sehr guten Ernten bleibt etwas für den Markt übrig, den eher die großen Domänen und der übrige Großgrundbesitz bedienen können. Entsprechend gering ist der Handel, und einer über weitere Strecken bedient Luxusbedürfnisse weniger Wohlhabender. Gefördert wird er durch den Versuch einer einheitlichen Münze für die vielen königlich kontrollierten Münzstätten.

 

Wichtiges Herrschaftsinstrument ist die Kirche, und Karl als gottgesandter Herrscher sorgt sich eingehend um deren Funktionsfähigkeit. Wie sein Palastbau in Aachen ist das Teil eines umfassenden Romanisierungsprogramms. Dazu gehört die Förderung lateinischer "Bildung" und die Unterstützung von Unterrichtung einer kleinen, im wesentlichen geistlichen Oberschicht, - auf die römische Antike hin orientiert. Dazu holt sich der Herrscher belesene Einzelne an seinen Hof und dafür beaufsichtigt Karl die Kirche und kontrolliert und beeinflusst ihre Glaubensinhalte auf großen Reichssynoden. Solche Romanisierung betrifft aber nur den Hof, wenige Gelehrte und wenige Spitzen von Kirche und Kloster.

 

Kurz vor 800 ist ein Papst Leo durch heftige Opposition in Rom von Karls Schutz abhängig geworden. 800 zieht er nach Rom und wird vom Papst zum Kaiser (imperator) gekrönt. Wichtig daran ist wohl vor allem, dass er die Verhältnisse in Rom in seinem herrschaftlichen Sinne regelt. Neben einem gewissen Prestigegewinn dürfte der Titel für ihn von geringer Bedeutung gewesen sein, weswegen die Titel-Konkurrenten in Byzanz nur beschränkten Protest einlegen.

 

Erneute Nachfolgeregelungen folgen, wie die von 805/06 von Diedenhofen. Pippin soll nun zu Italien große Teile Alemanniens und Bayerns erhalten, Ludwig behält Aquitanien, dazu sollen Septimanien, die Provence und Burgund kommen, Sohn Karl soll die ungeteilte Francia erhalten, ergänzt durch Sachsen und Nordteile Alemanniens und Bayerns. Damit wird mit der traditionellen Merowingerregelung gebrochen, dass bei Erbteilungen jeder Erbe einen Anteil am Kernland der Krone erhält.

Als Karl sein Ende nahen sieht, sind seine Söhne Karl und Pippin bereits gestorben. Anders als es fränkisches Recht vorsieht, will der Kaiser 812 die Interessen von Pippins Sohn Bernhard gewahrt sehen, und übergibt ihm Italien. Ein Jahr später wird Ludwig dann in Aachen zum Mitkaiser erhoben.

 

 

Das Riesenreich soll unter Sohn Ludwig, den man später als den "Frommen" tituliert, und seinen Brüdern als kaiserliches Einheitsreich erhalten bleiben. Im Zusammenhang mit religiösen Reformen werden zunächst enge Gefolgsleute des Vaters vom Hof verwiesen und neue Berater gefunden. Die Abgehalfterten scharen in der Provinz Gefolgsleute um sich.

Zusammen mit Benedikt von Aniane, den er aus seinem aquitanischen Unterkönigtum mitbringt, wird versucht, die Benediktregel in den Klöstern strenger durchzusetzen und Klerikerkollegien an Kirchen einheitlicher zu regulieren. Kathedralkirchen und wichtige Klöster sollen unter Königsschutz und Immunität stärker zu einer einheitlichen Reichskirche als Herrschaftsinstrument zusammenwachsen. Dabei steigt das Selbstbewusstsein vor allem der westfränkischen Bischöfe, die sich manchmal bereits nicht nur wie Berater, sondern auch als "moralische" Aufseher über die Könige verhalten.

 

Zugleich wird die Integration der Sachsen ins Reich vorangetrieben, die ein Jahrhundert später bereits den König stellen werden. Die Aufteilungen des Großreiches unter drei Söhne geben diesen Würden, aber in ihren Augen zu wenig Macht. Als dann noch in einer neuen Ehe des Kaisers mit Judith aus einem Zweig der Welfenfamilie der Sohn Karl (später: "der Kahle") entspringt, dem nun aus dem Erbe der drei Söhne etwas abgezweigt werden soll, kommt es zu immer neuen Kriegen und Neuaufteilungen, in denen Brüder gegeneinander und in unterschiedlichen Koalitionen gegen den Vater kämpfen, der mehrmals abgesetzt und gedemütigt wird. 

 

840 stirbt Ludwig. Ein Jahr später treffen Lothar (Mittelreich) und Pippin II. (Aquitanien) bei Fontenoy in einem grausigen Blutbad auf Karl den Kahlen (Westreich) und Ludwig (Ostreich). Eine Einigung wird nötig, um die nun verhandelt wird. Im Vorfeld treffen Karl und Ludwig in Straßburg zusammen.

Bei den Straßburger Eiden fallen für das sich aufteilende fränkische Reich die Texte in zwei Sprachen aus: in eine romanische und einen althochdeutschen Dialekt.

Pro Deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, d'ist di en avant, in quant Deus savir et podir me dunat, si salvarai eo cist meon fradre Karlo, et in adiudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dist, in o quid il mi altresi fazet, et ab Ludher nul plaid numquam prindrai qui meon vol cist meon fradre Karle in damno sit.

In godes minna ind in thes christanes folches ind unser bedhero gehaltnissi fon thesemo dage frammordes so fram so mir got geuuizci indi mahd furgibit so haldih thesan minan bruodher soso man mit rehtu sinan bruodher scal in thiu thaz er mig so sama duo indi mit ludheren in nohheiniu thing ne gegango the minan uillon imo ce scadhen uuerdhen.

 

Die Kommunikation, vor allem die schriftliche, findet bei den Mächtigen in einem sich leicht verändernden Latein statt. Dieses entwickelt sich in den romanischen Regionen „im Volk“ zu Idiomen, die sich vom Lateinischen lösen. Zwischen Valencia und Venedig entsteht im Mittelmeerraum dabei ein gemeinsamer Raum der Verständigung, der auf der iberischen Halbinsel zu catalán wird, im westfränkischen Raum als langue d'oc bezeichnet, im Unterschied zur langue d'oeil im Norden.

Das ursprüngliche Galizien entwickelt seinen eigenen Dialekt, das Baskische bleibt bestehen, ebenso wie das Bretonisch-Keltische.

 

Im germanischen Raum entstehen in den sich konstituierenden Stammesregionen ebenfalls Dialekte, die sich unter dem Oberbegriff theodisc, Sprache des Volkes, versammeln. Die Dominanz einzelner Idiome über andere auf dem sehr langen Weg zu Nationalsprachen stellt sich später einmal durch wirtschaftliche Macht, zum anderen aber auch durch militärische Gewalt her, und damit auch über politische Vorherrschaft. Sogenannter „kultureller“ Einfluss wird immer davon abhängen.

 

Die Übersetzung in beide Sprachen bei Straßburg macht aber vor allem die Mitsprache der Großen beider Reiche an den Entscheidungen ihrer Könige möglich. Sie üben dann auch Druck aus bei dem langen Weg in eine Übereinkunft von Karl, Lothar und Ludwig 843 in Verdun, die ein westliches, ein mittleres und ein östliches Reich schafft. Grenzen sind einmal der Rhein, und im Westen Maas und Schelde. Burgund wird zerteilt, Italien fällt ans Mittelreich.

 

Von den geringen Herrschaftsinstrumenten des "großen" Karls, die ein großes Reich zusammenhielten, bleibt zunächst nur wenig mehr übrig als die Erinnerung. Strukturell herrscht Vasallität vor, die Großen eines Reiches oder Fürstentums sind Herrschern als Kriegeradel zur Treue in der Gefolgschaft in Krieg und Frieden verpflichtet, wofür sie als Gegenleistung entweder Versorgung oder aber Benefizien, Wohltaten an Land und Leuten erhalten. Vasallen aber schaffen sich Untervasallen, auf die der direkte Zugriff von Herrschern schwindet, und Vasallen und Untervasallen (in Italien Capitane und Valvassoren von bischöflichen Stadtherren) begeben sich bald aus Eigeninteresse in die Vasallität mehrerer Herren. Auf der Basis der Grundherrschaft eines Kriegeradels bildet sich so ein immer komplexeres Netzwerk persönlicher Beziehungen und Bindungen heraus, welches selbst die bescheidenen Ansätze ausgeprägterer Staatlichkeit beim großen Karl ersetzt.

 

Machtvollster Herrscher wird nun wohl Karl der Kahle in Westfrancien, dem es gelingt, sich in Aquitanien durchzusetzen und über Septimanien bis in die spanische Mark ausgreifen. Er stützt sich stark auf seine Vasallen in den Bischofskirchen, wobei unter Hinkmar von Reims dessen Bistum herauszuragen beginnt, und in den Klöstern, wo nicht selten adelige Laienäbte regieren, zu denen auch der König, wie in Saint-Denis, selbst zählt. Seit 852 steigt unter den großen Gefolgsleuten ein Robert auf, bald Graf von Anjou und der Touraine, dann auch von Blois und Orléans, Laienabt unter anderem von Marmoutier und St.Martin, beide in bzw. bei Tours. Ähnlich wie er gelingt es auch einem Grafen Balduin von Flandern für die Normannenabwehr, die immer dringlicher wird, eine Fürstendynastie zu bilden.

 

Im Ostreich erstarkt Ludwig (später etwas verfrüht "der Deutsche" genannt), der breite Adelsopposition im Westreich ausnutzt, um dort einzufallen. Erst die von Erzbischof Hinkmar von Reims aufgebotenen Bischöfe schaffen eine Gegenbewegung, die Ludwig vertreiben kann. 855 stirbt Lothar, und zuvor verteilt er sein Lotharingien von Nord nach Süd in drei Teilen unter seinen Söhnen. Darauf versucht Karl, dieses sich von Süden aus einzuverleiben, worauf ihm Ludwig wiederum entgegentritt. 870 schließlich wird das Mittelreich unter beiden im Vertrag von Meersen aufgeteilt.

 

Über die Provence gelingt es dem kahlen Karl dann noch, in Italien einzudringen und sich 875 mit der Kaiserwürde zu schmücken. Der Preis für seine Großreichspläne sind Zusagen an den Adel, die immer mehr auf eine Erblichkeit ihrer Lehen (und Ämter) hinauslaufen. An der Spitze des Adels übernehmen unter Karls Nachfolgern hochadelige Herren wie Vertreter der Welfen (Hugo Abbas), der Robert-Nachfolger wie Odo oder ein Gauzlin Machtpositionen. 879 lässt sich ein Boso in der Nähe von Vienne zum König der Provence und von Burgund wählen, erster Nichtkarolinger auf einem Thron, gegen den nun Hugo Abbas kämpft.

885 vereint der Ostfranke Karl "der Dicke", seit 881 Kaiser, für kurze Zeit noch einmal beide Frankenreiche. Er macht einen Bernhard zum Markgrafen von Aquitanien, Berengar von Friaul zu einem solchen in Italien und begründet so zwei weitere Fürstendynastien. Der Robertiner Odo wird erst Graf von Paris, bekommt nach Verteidigung der Stadt gegen die Normannen Roberts Erbe an der Loire dazu. 888 wird er König des Westfrankenreiches, ein weiterer Nichtkarolinger auf einem Thron, den Ostkönig Arnulf anerkennt.

 

Die Familie der Karolinger verschwindet mit dem 9. Jahrhundert im Osten, aus dem sich die deutschen Lande unter sächsischen und salisch-fränkischen Herrschern entwickeln werden, und Ende des 10. Jahrhunderts im Westen mit der Machtergreifung der Kapetinger. Der Osten zerfällt dabei in neuartige Stammesherzogtümer und der Westen in regionale Fürstentümern, über die die kapetingischen Könige dann zunächst bestenfalls wie ein primus inter pares verfügen. In Nord- und Mittelitalien steigen die Städte langsam mit ihrem Hinterland zu neuen Formen von Staatlichkeit auf.

 

Mit den Ostgoten, die Byzanz vernichtet, den Westgoten, die von einem nordafrikanischen Heer vernichtet und in den Norden der iberischen Halbinsel abgedrängt werden, den Karolingern, die mangels Nachwuchs nach einer Zeit des Niedergangs verschwinden, und dem von Normannen abgelösten angelsächsischen Königtum verschwinden die sich aus den Völkerwanderungen herleitenden Reiche. Im ostfränkischen Reich, in dem die „Franken“ nun räumlich und bevölkerungsmäßig eine kleine, sich neu definierende Minderheit sind, stellt sich bei den weltlichen und geistlichen Großen der inzwischen herausgebildeten Stämme neuen Typs, den eroberten Völkerschaften des alten Frankenreiches zusammen mit den ebenfalls theodisc sprechenden Ostfranken, ein nicht näher erklärtes Gemeinschaftsgefühl heraus, welches dazu führt, dass sie sich nach dem Aussterben ihres Karolinger-Zweiges nicht an die westfränkischen (weithin romanisierten) Karolinger um eine Herrschaftsübernahme wenden, sondern sich auf einen der Ihren einigen, den fränkischen Herzog Konrad aus einer anderen mächtigen Familie.

Da die Quellen nicht überzeugend hergeben, warum sie das tun, sind wir auf Vermutungen angewiesen. Die von mir bevorzugte ist, dass einer der Ihren die inzwischen entwickelten Stammesstrukturen am ehesten respektieren und keine starke Königsherrschaft aufkommen lassen würde. Mit der Entscheidung für Konrad stellen sich die Lothringer, kein sich ethnisch begründendes Stammesgebiet wie Alemannien, Bayern oder Sachsen, unter die Oberhoheit des westfränkischen Karolingers Karl („der Einfältige“). Lothringen ist einer der Reste des 843 geschaffenen Mittelreiches, welches nach seinem ersten König als Lotharingien bezeichnet wurde, und welches romanische und germanische Volksgruppen umfass (es reichte ursprünglich von Rom über die Provence bis nach Flandern).

 

Stämme als sich ethnisch definierende Zusammenhänge hatten sich im Osten im Kontakt mit den erobernden Frankenherrschern als regna in Fortsetzung alter Königreiche verfestigt. Die Position des Herzogs, dux, ist aber dabei nicht ethnisch definiert, sondern in ihrem Rang und Prestige gegenüber dem König einerseits und den Großen im Herzogtum andererseits. Insofern ist auch die Einsetzung der vielen Söhne, Enkel und Urenkel Heinrichs I. in Schwaben, Bayern, Kärnten und Lothringen nicht ungewöhnlich. Als Nebeneffekt werden sie dabei den Königen in Sachsen und Franken nicht ins Gehege kommen. (Keller, S.69ff)

 

Wir sind an den Wurzeln für jene Vorformen neuer Staatlichkeit angekommen, aus denen sich der „politische“ Rahmen für die Entwicklung von Kapitalismus ergeben wird, der zwar Ansätze von Staatlichkeit benötigt, aber keinen starken Staat, wie er dann später zunehmend auftreten wird, dann allerdings sich aus etablierten kapitalistischen Strukturen nährend. Die Schwäche der Monarchien, die sich nun entwickeln, liegt in dem Fehlen einer Verwaltung, eines Apparates, mit dem Herrschaft ausgeübt werden kann, anders gesagt, an der fehlenden Reichweite von Herrschaft. Stattdessen müssen Herrscher Verbündete suchen, „Freunde“, Getreue, an die dezentral Aufgaben delegiert werden.

 

 

Mindestens 1000 Jahre Einübung von Herrenmenschentum und Untertänigkeit.

 

Die germanischen Völkerschaften der Nachfolgereiche werden versuchen, möglichst viel von antik-römischen "Errungenschaften" zu bewahren und zu nutzen. Das wird ihnen nur sehr eingeschränkt gelingen. Was sie aber zur Gänze übernehmen und weiterentwickeln, ist das Machtinstrument der Kirche als Unterdrückungsinstrument und ist die Strukturierung der Völker in eine kleine Gruppe sehr gewaltbereiter Herren und in der Regel erfolgreich geduckter Knechte, Erbe einer langen Entwicklung seit spätestens der Bronzezeit.

 

Germanische und mit ihnen verbundene Völker waren schon vertraut mit dem Verhältnis von Herr und Knecht, im Kleinen über die Nutzung der Sklaverei, im Großen über Gefolgschaftsstrukturen im militärischen Verband. Aber mit der Integration eines durchzivilisierten Systems von Herrschaft und Knechtschaft zumindest werden sie sich auf Dauer auf der Höhe der römischen Antike halten können. Dieses werden sie dann bis ins 18. Jahrhundert n.d.Zt. weiterentwickeln und dann unter dem Eindruck der industriellen Revolution so umbauen, dass ein immer totalitärer (nicht immer despotischer) Staat in neuartigen Verfassungen die Machtverhältnisse, wenn auch mühsam, verschleiert.

 

Das Abendland, Land der untergehenden Sonne, Europa, wird dabei eine Sonderentwicklung auf unserer Erde weiterführen, wobei deren östliche Grenzen gegenüber den Landmassen Russlands und des Orients bzw. Asiens immer neu mit Gewalt abgegrenzt werden. Der Kern des Sonderfalls lässt sich als Kapitalismus beschreiben.

Dieser Kapitalismus wird in einem Maß durch Widersprüche gekennzeichnet sein, die sich als Ambivalenzen aus Verheißung und drohendem Unheil äußern, dass erst in der großen Industrialisierung des 19. Jahrhunderts die ersten Menschen beginnen, die Unheilskomponente etwas genauer zu entdecken. Vermutlich geschieht das schon damals zu spät.

 

Als historischer Grundwiderspruch des Kapitalismus wird sich der aus seiner befreienden und seiner zugleich unterjochenden Wirkung herausstellen und sicher nicht, wie wir inzwischen sehen können, als der zwischen Kapital und Arbeit, eine eher ideale Konstruktion. Das liegt vor allem an zwei Faktoren: Als Kapitalismus zu keimen beginnt, gibt es bereits ein Jahrtausend, vielleicht sollte man sagen mehrere Jahrtausende hindurch eine Einübung in die Macht weniger und die Ohnmacht vieler, und das geht soweit, dass sie beide als quasi natürlich, und in den Formulierungen damals religiös begründet installiert sind.

Der zweite Faktor besteht in der zunehmenden Komplexität der Strukturen, in denen Menschen leben, und in der Unfähigkeit zumindest der Ohnmächtigen, sie noch zu durchschauen. Ihre Hilflosigkeit wird sich dort erweisen, wo sie in mittelalterlichen Städten aufständisch werden, dabei aber in die Grenzen gelangen, die ihnen Kapitalverwertung setzt, oder in der Unfähigkeit der Bauern, in ihren großen Aufstandsversuchen noch eine Programmatik zu entwickeln, die ihren Ruin aufhält, der allerdings auch erst im zwanzigsten Jahrhundert seinen Abschluss finden wird.

 

Seit der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht, von Bergbau, Metallverarbeitung, Handwerk und Handel nimmt die humane Bevölkerung massiv zu und konzentrieren sich Menschenmassen in Städten, Brutstätten von komplexeren Zivilisationen. Die Organisation von Massen gelingt aber nur noch hierarchisch und dabei geben die meisten Menschen immer mehr Entscheidungsbefugnisse ab. Macht wird aber zum Selbstläufer, sie tendiert dazu, immer mehr Macht zu generieren. Dabei konkurrieren nicht mehr einzelne Menschen oder Gemeinschaften, sondern ganze Zivilisationen gewalttätig miteinander: Der auf Untertänigkeit basierende Krieg wird geboren und organisiert wiederum Untertanen unter Machthabern. Das Ganze wird begleitet von einer Kontrolle der Machthaber über die Köpfe der Menschen.

 

Im 9./10. Jahrhundert scheitern die Modelle der Mächtigen, Zivilisation wenigstens etwas an der römischen Antike zu orientieren. Es ist bezeichnend, dass nur wenige "Große", wie sie die Historiker nennen, sich an eine Neuorientierung machen, während fast alle Menschen ihnen zu folgen haben. Es ist bezeichnend, dass nur eine Gruppe in dem von der Macht gesetzten Rahmen etwas ausscheren kann: Es sind dies die Händler und frühe Finanzexperten, die einmal die Luxusbedürfnisse der Mächtigen bedienen und darüber hinaus Machtstrukturen so stabilisieren, dass die ohnmächtigen Massen für die Machthabenden funktionieren. Sie werden Ansätze von Kapitalismus entwickeln, der sich dann langsam darüber ausweitet, dass er an einzelnen Punkten direkt in die Produktion eingreift und sie ansonsten zum großen Teil von sich abhängig macht.

 

Es entsteht so eine unheilige Dreifaltigkeit von "politischer" Macht, wirtschaftlicher und religiöser, die alle drei ineinander verschränkt sind, und die der Masse der untertänigen Bevölkerung meist einig gegenübertreten. Dabei wird Untertänigkeit immer weiter modernisiert werden. Für die Geschichtsschreibung bis heute gilt das als selbstverständlich, weshalb sie sich grundsätzlich als mit den Mächtigen verbündet sieht und so erst das Machtinstrument Religion begleitet und dann am Ende ersetzt.

 

Das Verhältnis von Herr und Knecht ist im Kern spätestens seit den bekannteren Anfängen der römischen Antike paternal strukturiert: Es ist im Interesse des Herrn, dass der Knecht gut für ihn funktioniert und im Interesse des Knechtes, dafür "Wohltaten" zu erhalten: Sicherung des Lebensunterhaltes und gelenkte Fütterung des emotionalen Haushaltes, was im römischen Imperium ein gewaltiges Amüsiergewerbe hervorruft. Nach so vielen Generationen der Untertänigkeit lässt sich überall beobachten, dass die Einlösung dieser beiden Elemente Untertänigkeit perpetuiert, ja sogar enthusiastisch bejahen lässt.

 

Erster Herr vor allem über alle Untertanen ist eine übermächtige und immer wieder auch bedrohliche außermenschliche Natur. Niemand weiß das besser als Menschen, die Landwirtschaft betreiben. Naturtümelei ist etwas für Wohlstandsverwöhnte, ansonsten drohen durch die Geschichte immer wieder Hunger, Durst und Not. Zivilisationen ringen bei steigenden Bevölkerungszahlen dieser Natur immer mehr ab, Römer transportieren Trinkwasser aus zig Kilometern Entfernung in die Städte und Getreide ebenso aus hunderten von Kilometern. Je mehr untertänige Menschenmassen, desto größer wird der Bedarf an solchen lebenswichtigen Gütern und dazu kommt noch vieles mehr. Wer von vielen elementaren Entscheidungen abgeschnitten ist, wird wünschend bis fordernd nach "oben" schauen und dankbar dafür sein, wenn ihm in seiner unfreien Abhängigkeit Versorgung zuteil wird. Dort, wo das geschieht, wird Untertänigkeit dann als angenehm empfunden.

 

Aber die Geschichte der Zivilisationen hat auch erwiesen, in welchem Maße untertänige Massen eine Bedrohung darstellen, nicht zuletzt auch für sich selbst. Ohne sie als Kanonenfutter gibt es nicht die Kriege, mit die größten Verbrechen der Menschheit mit fürstlichen und königlichen Schwerverbrechern. Ohne sie als von einem von ihnen nicht kontrollierten Wirtschaften gäbe es nicht die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen, die inzwischen einer absehbaren Katastrophe zusteuert.

Und, was besonders schwer wiegt: Je mehr den meisten Menschen Entscheidungen abgenommen werden, desto geringer wird auch ihr Gefühl von Eigenverantwortung: Wenn die Verantwortlichen ganz "da oben" angesiedelt sind, verschwindet das Ethos eines friedfertigen und menschengemäßen Miteinanders der meisten in den Gehorsam "nach oben", wie er heute unser ganzes Leben im ausgehenden Kapitalismus bestimmt, etwas angenehmer als in den Diktaturen drum herum, aber zunehmend von psychosozialer Verwahrlosung und der Latenz eines hohen Konfliktpotentials bestimmt.

 

 

Das Land (derzeit in Arbeit)

 

Die Germanen lebten wohl einst auf Einzelgehöften mit eigenen Äckern in kleinen Weilern, die Wald und Weide als Gemeinbesitz hatten. Ihr Haupt-Nahrungserwerb war die Viehzucht. Bis sie sich in Teilen des weströmischen Reiches niederlassen, hat zumindest eine Oberschicht bereits Annäherungen an Elemente römischer Zivilisation erreicht.

 

Im Zuge jener Wanderbewegungen, die sich dann als Eroberungen und zum großen Teil auch halbwegs friedliche Ansiedlungen erweisen, verbinden sich Kriegertum, alter und neuer (Groß)Grundbesitz miteinander zu neuen Formen von Nobilität und Edelfreiheit, neben alter und neuer Unfreiheit, und aus wichtigen Heerführern werden Könige. Die große Flächen umfassenden Reiche sind zudem nur durch eine Zwischenschicht zwischen Freien und Herrscher kontrollierbar, eine Art Hochadel, der mehr oder weniger vom Herrscher mit Amtsgewalten und Grundbesitz versehen wird.

Die umfassenden Formen ökonomischer und „politischer“ gestaffelter Halb- und Unfreiheit des Römerreiches wie zum Beispiel auch die Sklaverei werden dabei genauso übernommen wie die gesamte Begrifflichkeit mit ihren Titeln und Vorstellungen.

 

Im Grunde genommen versuchen Franken, Burgunden, Visigoten und bald auch Osthrogoten, das römische Imperium in ihren Bereichen soweit als möglich weiterzuführen und ihre Könige lassen sich dafür zunächst einmal vom oströmischen Cäsaren legitimieren. Die alte Nobilität bleibt zum Teil bestehen und beruht weiter auf Großgrundbesitz mit dazugehörigen abhängigen Bauern und Sklaven und wird nun durch eine germanische Oberschicht ergänzt. Darunter positionieren sich eingewanderte Freie mit neuem, manchmal großem Grundbesitz.

Während es im späten Kaiserreich eine Art geordnete Verfasstheit des Staatswesens gab, strukturieren sich die neuen Verhältnisse auch mit der Faust, der Waffe in der Hand und mit geschickter Heirats"politik". Dieselbe freie Oberschicht bildet auch die kirchliche Hierrarchie, die sich neben der weltlichen als grundbesitzender Machtfaktor etabliert.

 

Der Aufstieg bzw. die Weiterexistenz dieser Schicht nobler Privilegierter mit ihrem Gewaltmonopol ist für die Anfänge der neuen Reiche heute nur schlecht überliefert, und die Tatsache, dass die antik-römische Begrifflichkeit und Titulatur unter neueren Bedingungen in den von Geistlichen und Mönchen verfassten Texten weitergeführt wird, macht es nicht leichter.

 

Wem gehört das Land? Es gibt keine brauchbaren Karten und keine Kataster, aber besonders die Klöster entwickeln eigene Aufzeichnungen (Urbare). Im Grunde geht alle Verfügung über das Land vom König aus, so wie heute vom Staat. Es gibt nicht nur verliehenes Land, sondern auch Eigentum. Manche Bewohner besitzen so Land als allod und haben darüber hinaus Land, welches ihnen verliehen wurde. Besitz von und Verfügung über Land sind extrem ungleich verteilt, wie in allen Zivilisationen, und nicht wenige besitzen davon gar nichts.

 

 

Gegen Ende des 3. Jahrhunderts beginnt das Schrumpfen der Bevölkerung im römischen Gallien. Es wird vermutet, dass es teilweise bis ins 6. Jahrhundert anhält. Aber in der Merowingerzeit wächst die Bevölkerung nach Stabilisierung der Machtverhältnisse wieder und soll sich sogar innerhalb von vier Jahrhunderten verdoppeln. In einigen wenigen dichtbesiedelten Gebieten des Karolingerreiches soll am Ende eine ländliche Bevölkerung von 40 Menschen auf einen Quadratkilometer erreicht worden sein, wie im Großraum um Paris.

 

Der Verfall von Staatlichkeit und der antiken Stadt entlasten das Land und mit dem Untergang eines Teils der antiken Latifundien entsteht ein freies, von Kleinfamilien gestütztes Kleinbauerntum, welches die wesentliche Voraussetzung für Wachstum auf dem Lande wird. Vorantreiben werden das Wachstum aber vor allem die nachantiken Kleindomänen, deren Herren als neue ländliche Oberschicht nun vor Ort leben und ein direktes Interesse an der Bewirtschaftung des Bodens entwickeln, anders als die antiken stadtsässigen Latifundienbesitzer. Deren direkte Nachfolger, die hohen Herren von Kloster, Kirche und weltlichem Hochadel, tun hingegen oft bis weit in die hier so genannte Schwellenzeit wenig für die steigende Ineffizienz ihrer weit verstreuten Domänen.

 

Für die Merowingerzeit sind auf dem Land neben freien Bauern vor allem weilerartige Ansiedleungen um Gutshöfe mit unfreien Arbeitskräften bekannt. Der merowingische Bauernhof mit seiner Konzentration auf Viehzucht ist klein  und umfasst kaum mehr als 2-4 ha. Die dürftigen Quellen lassen vier Pferde und ebenso viele Kühe, 14 Schweine und 28 Schafe als Mittel zu (Klaus Herrmann in Bayerl, S.47). Eine wesentliche Veränderung in karolingischer Zeit ist die Zunahme des Getreideanbaus und damit verbundene Verringerung derViehzucht.

 

An der Mosel treten im 7. Jahrhundert bereits Siedlungen in Dorfgröße auf wie Mehring mit seinen etwa 165 Siedlern und darunter 65 Freien (Anton/Haverkamp, S.55).

 

Die Antike wie auch die Nachantike basierte nicht unwesentlich auf Sklavenarbeit. Der Nachschub kam bis durch die Nachantike bzw. das frühe Mittelalter aus Kriegen und anderen Überfällen wie auch Piraterie und - wohl in deutlich geringerem Maße - durch Verkauf von Kindern aus Armutsgründen. Mit ihnen wurde ein schwunghafter Handel betrieben, wobei es eine Anzahl zentrale Sklavenmärkte wie in Prag oder Mainz gab. Aber auf dem Weg ins 10. Jahrhundert nimmt die Bedeutung der Sklaverei im lateinischen Abendland ab. Dennoch, so Gilomen, allerdings ohne Belege: "Auch kleine Bauern besaßen zumindest einzelne Sklaven; noch um 800 galt es als Zeichen bitterer Armut für einen freien Mann, wenn er keinen Sklaven sein eigen nannte." (S.43). Die karolingische Gesetzgebung sah für jede Pfarrkirche eine Ausstattung mit mindestens vier Sklaven zur Bearbeitung der Kirchengüter vor. Zu Karls d.Gr. Vertrauten Alkuin wird gesagt, er besitze in seinen vier Abteien 20 000 Sklaven.

 

 

Technische Intensivierung entwickelt sich sehr langsam, dafür beginnt schon zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert jene Extensivierung vor allem durch Rodung, in der einzelne große Waldgebiete auf Reste in einer immer agrarischer geprägten Landschaft reduziert werden - und mit ihnen immer mehr Tierarten. In einer ersten Phase werden seit dem Ende des 3. Jahrhunderts verloren gegangene Nutzflächen zurückgewonnen, aber schon in der Karolingerzeit nimmt wohl auch Rodung nie zuvor intensiver genutzter Waldflächen zu. Vermutlich wird sie zumindest in Gallien nach dem 11. Jahrhundert nie mehr aus landwirtschaftlichen Gründen in diesem Umfang betrieben werden.

Praktisch gibt es wohl zwei Wege zu dieser Gewinnung neuer Nutzflächen. Entweder lassen Latifundienbesitzer oder Großbauern Sklaven diese Arbeit verrichten, oder aber sie beauftragen Kolonen oder freie Bauern damit und sichern ihnen dafür einen Anteil, wohl oft die Hälfte, als ihr Besitztum zu. Weniger "legaler" Raubbau an Wäldern und Feuchtwiesen wird wohl aus Eigeninitiative kleiner freier Bauern hervorgehen.

 

Vermutlich (wichtigste Qualifizierung von Äußerungen bis ins 10. Jahrhundert) setzt das durch Einführung technischer Neuerungen hervorgerufene Wachstum in der Landbewirtschaftung schon in der Karolingerzeit punktuell ein. Der Ackerbau ist zunächst extensive und knochenharte Zweifelderwirtschaft aus bewirtschafteter Fläche und Brache, wobei Ochsen Hakenpflüge ziehen, die in die Erde gedrückt werden müssen und manchmal vorne auch Räder besitzen (die carrucae). Erste hölzerne Beetpflüge, die die Schollen umwenden und das Pflügen in nur einer Richtung und nicht mehr Querpflügen ermöglichen, kommen wohl lokal seit dem 7. Jahrhundert an wenigen Orten Mitteleuropas auf, bleiben aber lange noch sehr selten.

 

Die einzige, aber enorm wichtige Maschine des Mittelalters stellt die Mühle dar, die es als Wassermühle schon im antik-römischen Kaiserreich gibt. Weitere Verbreitung scheint sie erst in der Karolingerzeit zu bekommen, und es gibt sie auch dort, wo es keinen bedeutenden Großgrundbesitz gibt (Bois, S.141). Die Prümer Grundherrschaft hat kurz vor 900 rund 50 Mühlen, das Kloster St.Germain-dés-Prés bei Paris in 12 seiner 23 Domänen insgesamt 57 Mühlen. (Goetz, S.120)

 

Eingebunden ist die Situation des Bauerntums wie überall seit der Bronzezeit in die Entwicklung der Kriegsführung. Das fränkische Heer ist zunächst im wesentlichen ein Heer freier Bauern. Das ändert sich langsam, als gepanzerte und schwerer bewaffnete Reiter immer wichtiger werden. 807 bestimmt Karl ("der Große"), dass nur noch selbst Heeresfolge leisten muss, wer mindestens drei Hufen besitzt oder ein Lehen besitzt. Die anderen müssen sich miteinander verbinden, um noch einen Mann in den Krieg schicken zu können. Wenn dann im 10./11. Jahrhundert nur noch Vasallen in den Krieg ziehen, bedeutet das eine Schwächung des denn auch immer mehr verschwindenden Bauerntums.

 

 

Der Weg in die Grundherrschaft (derzeit in Arbeit)

 

Grundherrschaft, ein Begriff heutiger Historiker, wird von Herren als Verfügung über Grund und Boden, über darauf arbeitende Menschen und oft auch als Gerichtsbarkeit über diese Menschen ausgeübt. Es handelt sich um ein von Gewalt begleitetes schieres Machtverhältnis, welches aus der Umformung der antiken Strukturen auf dem Lande hervorgeht, unter anderem auch aus dem langsamen Nachlassen der Bedeutung der Sklaverei.

Schon für das 7./8. Jahrhundert sind Urkunden überliefert, in denen Großgrundbesitzer einzelnen Sklaven die Ehe mit Freien erlauben und deren Kindern in Einzelfällen bereits die "Freiheit" versprochen wird. Solche Befreiung kann dann mit der Übergabe eines Mansus oder eines kleineren mansellus verbunden sein. In einem Urkundenformular des Mönches Marculf von 690 heißt es dann über diese Kinder: ihnen sei an Habe zugestanden, was immer sie erarbeiten mögen, allerdings müssen sie jährlich die auf den Boden bezogenen Abgaben, wie es Brauch ist für Freie, leisten (..., in: Kuchenbuch, S.92).

 

 

Die frühmittelalterliche Grundherrschaft entsteht wohl zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert im mittleren Seinegebiet mit seiner dichteren Bevölkerung und der Eignung für den Ausbau von Getreideproduktion. Von dort strahlt sie dann nach Norden, Osten und Süden aus (Gilomen, S. 31f, u.v.a.).

In West- wie Ostfranzien wohnen die meisten Herren der Merowingerzeit auf dem Lande, und zwar auf einer Art Gutshof, der villa oder curtis. Diese villa des Herrn wird größer, ebenso das Ackerland vor allem auch durch Rodungen, und mit dem saisonalen Charakter des Getreideanbaus (Pflügen, Aussaat, Ernte) wird es günstiger, Sklaven nicht mehr in großen Stil selbst zu unterhalten, sondern ihnen wie auch bislang freieren Bauern Land abzugeben, von dem sie sich selbst unterhalten.  Sie werden zu servi casati. Damit entsteht die Teilung in abhängige Bauernstellen und einem durch diese Bauern mittels Frondiensten bewirtschaftetem Herrenland. Damit verbunden ist die Teilung in mansi servili von Sklaven im Übergang zur Rechtsperson und Mansen klassischer Kolonen.

 

Die Namen mansus (von mansio, Gebäude) und die altdeutsche Entsprechung Hufe (huba) als Bezeichnung für die vom Herrn abhängigen Bauernstellen verbreiten sich mit diesen zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert. Es handelt sich wohl um die Übernahme des Wortes für den Hof des Bauern aus früheren Zeiten. Es ist keine Größenbenennung, denn innerhalb einer Grundherrschaft konnte sich die Fläche einer Manse schon mal um das zwanzig- oder dreißigfache unterscheiden.

 

Seit dem späten 6. Jahrhundert finden sich frühe Hinweise auf Frondienste, also deutlicher spezifizierte, die solche Arbeiten von der überall und immer einsetzbaren Sklavenarbeit unterscheiden. "Als Entstehungszeit der primär fromdienst-bezogenen Grundherrschaft kommt dem 7. Jahrhundert wohl die Schlüsselstellung zu, da zu Beginn des 8. Jahrhunderts diese Form voll ausgebildet ist und als 'Modell' propagiert wurde. (...) Aber genaue Hinweise auf dem Herrenland zugeordnete Frondienste sind erst mit dem 8. Jahrhundert belegt." (Kuchenbuch, S.242) Damit erst ist die Grundherrschaft aus auf den Hofstellen liegenden Diensten und Abgaben vollständig. Alle diese Vorgänge finden westlich des Rheins früher statt als östlich von ihm (Verhulst).

 

Krone, hohe Herren, mächtige Kirchen und vor allem Klöster besitzen die größten Ländereien. "Die Ausdehnung der Frondienstpflichten ist zuerst auf Königsgut und erst danach auf Kirchengütern erfolgt. Während die Frondienste zuerst von Kolonen und Sklaven verlangt wurden, sind sie später auf die Güter verlegt worden." (Gilomen, S.33). Diese Entwicklung ist allerdings Vermutung und kaum durch schriftliche Quellen zu belegen. Soweit noch erkennbar, dauern die auf der Hofstelle lastenden Frondienste zwischen 3 Tagen die Woche und 14 Tagen im Jahr (Bayerl, S.45)

 

Man muss aber etwas unterscheiden zwischen der sich entwickelnden Grundherrschaft der alten Latifundien von Kloster, Kirche und Grafen, Herzögen und Königen einerseits, wobei es im Mâconnais zum Beispiel nur vier, fünf solche "alte Adelige" neben dem Großgrundbesitz der Klöster und des Bischofs gibt, und der neuen, die aus großbäuerlichen Gütern entsteht, die mit der Ausbreitung und Ausweitung von Märkten und der Geldwirtschaft, dem Zukauf von Land und dem Abhängig-Werden verarmender Bauern zu Kleinadeligen aufsteigen. Solchen Großbauern, manchmal in den Urkunden schon nobiles genannt (Bois, S.74) gelingt es dann auch consuetudines, Gewohnheitsrechte für ihre herausragende Stellung zu beanspruchen. In diesen Zusammenhang gehört dann der Zugriff auf die lokale Pfarrkirche und ihren Zehnten, manchmal im Zusammenspiel mit dem zuständigen Bischof. Später geborene Söhne werden immer häufiger auf die geistliche Laufbahn geschickt, die schon lange eng mit weltlichen Karrieren verbunden ist.

 

Solche frühen Großbauern als werdende Grundherren machen höchstens 5-10% der Familien einer ländlichen Region aus, und ein stattlicher Teil von ihnen wird durch Erbteilung und Verschuldung selbst in Abhängigkeit geraten, und nur ein kleiner Teil wird zum neuen Adel aufsteigen, der sich im Mâconnais kurz vor dem Millennium mit den Begriffen nobilis und miles zu schmücken beginnt, Vorläufer des späteren Ritter-Titels (Bois, S.76). Dafür bedarf es dann schon der Verfügung über acht bis zehn Höfe mit Sklaven und seltener Kolonen und höchstens an die 40 ha Fläche. Dazu gehören dann große Teile des Waldes und bei Cluny des Weidelandes und der Herden von Schweinen, Rindern und Pferden. Man sucht die Nähe zu Graf und Bischof, um Aufstiegschancen abzusichern.

Diese Leute arbeiten nicht selbst produktiv, vergnügen sich mit der Jagd und dem Kriegertum. Man heiratet nun möglichst nur noch untereinander, gibt den Kindern familienspezifische Namen, und wird im nächsten Jahrhundert dann agnatische Linien ausbilden, in denen zunehmend der älteste Sohn den Hauptteil des Erbes übernimmt. (Georges Duby) Nach und nach bildet sich so ein Geschlechterbewusstsein heraus, charakteristisch für den neuen Adel.

 

Der Form nach ist Grundherrschaft zunächst gegenüber halbfreien Bauern wie die Vasallität eine persönliche Beziehung auf Gegenseitigkeit und zum gegenseitigen Vorteil, allerdings mit einer ausgeprägter vertikalen Machtstruktur. Tatsächlich bedeuten die Verhältnisse innerhalb der familia des Grundherrn jedoch große Vielfalt von Formen der geringeren oder größeren Unfreiheit.

 

 

Nach und nach bildet sich mancherorts, besonders im fränkischen Kernland der Francia, die heute so genannte Villifikationsverfassung heraus, mit ihrer Trennung in den Herrenhof (villa) und die auf ihren Hufen siedelnden, vom Herrn persönlich abhängigen Bauern.  .


Zentrum der Grundherrschaft ist die villa oder curtis des Herrn, der Salhof, mit Wohngebäuden, Scheunen, Ställen und Werkstätten, Backhaus, Brauhaus bzw. Kelter, Spinn- und Webstuben, eventuell einem Fischteich. Wo möglich kommt dazu eine Wassermühle. Dort arbeiten Sklaven und Hörige. In den Werkstätten werden vor allem die Werkzeuge hergestellt und instandgehalten, die die Landwirtschaft braucht. Daneben gibt es die rein weiblich besetzten Textilwerkstätten in Frauenarbeitshäusern, geniciae, um 810 sind es beim Hof Staffelsee in Bayern 24 Frauen, die vor allem mit Leinen und Wolle arbeiten: Es gibt daselbst ein genitium, in dem sich 24 Frauen aufhalten. Wir fanden darin 5 wollene Gewänder mit 4 Gürteln und 5 Hemden. (in: Kuchenbuch, S.114) 

Solche häufiger anzutreffenden Frauenhäuser bieten bei großen Anwesen auch schon einmal Überschüsse für den Markt an. Die Hörigen bzw. Sklaven, die ganz dort arbeiten, servi non casati, hausen in einfachen Hütten, oft mit ein wenig Gartenland versehen.


Dieser Hof (lat. curtis) mit gelegentlich um die 500 ha ist mit Palisaden oder bei ganz vornehmen einer Steinmauer und Türmen umgeben und befestigt. "Alles in allem gewinnen wir weniger den Eindruck eines Bauernhofes als vielmehr den eines kleinen Dorfes" (Leiverkus in LHL, S.173), allerdings eines, welches streng hierarchisch gegliedert ist.

Überliefert ist das Inventar des königlichen Hofes von Annapes bei Lille von etwa 800 mit der Besonderheit eines Königshauses aus Stein "mit dem >Königssaal< und drei Zimmern, 11 Kammern, einem Keller und zwei Vorhallen. Innerhalb der umzäunten curtis befanden sich 17 weitere, einräumige Holzhäuser, ein Stall, eine Küche, ein Backhaus, zwei Scheuern und drei Geflügelställe. Den Eingang bildete ein Steintor mit Söller, von dem aus die Anweisungen gegeben wurden." (Goetz, S.119)

 

Das übrige Land des Herrn wird unter den Karolingern in Mansen oder Hufen aufgeteilt, die so groß sind, dass sie eine Familie ernähren können, zwischen einem und 10 ha meist. Dort leben die Hufenbauern, die in völlig verschiedenen Verhältnissen von Freiheit oder Unfreiheit für ihre Selbstversorgung arbeiteten, zudem zeitweilig Arbeitsleistungen direkt für den Herrn erbringen und dann auch noch einen Teil ihres Ernteertrages abgeben müssen. Für die Grundherrschaft Staffelsee des Bistums Augsburg heißt das zum Beispiel: Es gehören zu derselben curtis 23 besetzte mansi ingenuiles (...) 19 mansi serviles sind besetzt. (in: Kuchenbuch, S.114). Unbesetzte Mansen, also ohne sie bearbeitende Kleinfamilie, gibt es in fast allen großen Grundherrschaften.

Dazu kommen Abgaben zum Beispiel im Todesfall oder für die Erlaubnis einer Heirat mit jemandem außerhalb der Grundherrschaft. Diese Leistungen sind aber zunächst wohl gering im Vergleich mit den verheerenden Auswirkungen des Kriegsdienstes freier Bauern: lange Abwesenheit von Haus und Hof, Verletzungen und Verstümmelungen, Tod.

 

Ziel der gesamten Grundherrschaft ist insbesondere als Villifikation eine Art Autarkie, komplette Selbstversorgung für einen abgeschlossenen Bereich.

 

Daneben entwickelt sich jene Gutsverfassung, bei der sich der Herrenhof auf das Eintreiben von Abgaben mehr oder weniger Unfreier vorwiegend wohl in Form von Naturalien, aber vielleicht zum kleinen Teil auch schon in barer Münze beschränkt. Solche Hof-Ordnungen entstehen bis in die Frühzeit des hohen Mittelalters.Wenn es dann kaum unmittelbares Herrenland gibt, fallen auch die Frondienste weg, stattdessen werden im Süden Westfranziens und in Italien rund 10% der Ernte als taxa abgegeben. Der Eigentümer wird so zum Grundrentner von der Sorte, die dazu neigt, diese Einnahmen auf den Markt zu werfen und zu Geld zu machen.

In Burgund wiederum sollen Höfe bis ins 10. Jahrhundert noch vorwiegend "von zentral wohnenden" Sklaven bewirtschaftet worden sein. (Gilomen, S. 35) Auf solchen auch anderswo existierenden Gutsherrschaften "ist alles in herrschaftlicher Hand und Arbeitsregie" (Kuchenbuch, S.33).

Die Villifikation, also die Aufteilung in Salhof und die Mansen abhängiger Kolonen und Sklaven, entwickelt sich offenbar an einigen Stellen erst, während sie an anderen Stellen bereits wieder durch Aufteilung des Sallandes in Mansen und Ausgabe an Hufenbauern abgebaut wird. Dazu verändert sie sich durch (Erb)Teilung der Hufen, wobei mehr Produktivität Subsistenz auf weniger Land ermöglicht (Kuchenbuch, S.50).

 

Besonders mächtige Grundherren besitzen mehrere, manchmal zwanzig oder mehr solche Herrenhöfe mit Hufenland, die weit verstreut liegen können. Der am Rhein liegende Hof Friemersheim des Klosters Werden hatte Salland, unmittelbares Herrenland bei fünf Ortschaften, gut 122 Hufen in zwanzig Orten, von denen die meisten allerdings nicht allzu weit auseinander liegen. An der Spitze solcher Fronhöfe steht dann ein villicus oder maior, der den Komplex für den Herrn verwaltet. Ein solcher Verwalter ist ein minister, ein selbst abhängiger Dienstmann. Aus solchen Leuten wird sich ländliche Ministerialität entwickeln.

 

"Die Grundherrrschaft des Klosters Prüm war am Ende des 9. Jh. in drei Oberhöfe, Prüm, Münstereifel und St.Goar, eingeteilt, denen insgesamt 42 Herrschaftsgüter mit über 1600 ha Ackerland und 2118 Hufen angeschlossen waren. Das Kloster St.Germain-des-Prés besaß um 820 mindestens 23 Höfe mit über 4700 ha Salland und 1150 Hufen. Das Bistum Augsburg verfügte um 800 über neun Fronhöfe mit 1507 Hufen, von denen 1427 besetzt waren." (Goetz, S.120)

 

Schon in der Merowingerzeit kam es zu großem Grundbesitz. "Aus den Testament des Bischofs Bertechramnus von Le Mans aus dem Jahr 616 geht hervor, dass sein Besitz mehr als 300 000 Hektar Grund und Boden umfasste."

Über den Umfang des Grundbesitzes eines wohlhabenden weltlichen Herren erfahren wir aus der Zeit Karls d.Gr. dadurch, dass ein königlicher fidelis Otakar aus dem Wormsgau mit seiner Gemahlin Hruodswind (vielleicht, weil sie nur eine Tochter haben) nach und nach zumindest große Teile davon verschenken: An das Kloster Fulda geht 754 ein Wingert bei Wackernheim, 772 erhalten "die Mönche außerdem einen Herrenhof mitsamt einem Haus, das er selbst bewohnte, dazu die Hälfte seines Eigentums, das er in Wackernheim von seinen Eltern geerbt oder zwischenzeitlich hinzuerworben hatte, sowie die Hälfte seines Gutes in Saulheim." Allerdings alles erst nach dem Tode beider und ihrer Tochter. 774 gehen an Fulda unter derselben Bedingung "in Wackernheim eine weitere Hofstelle mitsamt Haus, einem Weingarten, einer Wiese und vier Unfreien". 775 gehen "die Hälfte von zwei Tagwerken Land" an eine zu Fulda gehörende Kirche in Bretzenheim. Dazu besitzen sie noch weitere Ländereien. (alles in und laut Patzold, S.29f). Dazu kommen jene beneficia an vier Orten, die nach dem Tode an den König zurückfallen, der offensichtlich der Bitte entspricht, sie dem Kloster Fulda zu schenken. "Allein in Mainz umfasste das beneficium 25 Hofstellen, 56 Unfreie und 16 Liten ("Halbfreie"), außerdem mehrere Weinberge." (s.o.). 

 

Nur zufällig ist etwas vom Umfang der geistlicher Grundherrschaften überliefert, wie vom Bistum Augsburg, dass es um 810 etwa "1427 besetzte und 80 unbesetzte Hufen" besäße (Rösener in: Römer und Barbaren, S.285).

Einen überschaubar großen Fronhof bekommen wir zur Zeit Karls d.Gr. im Urbar, dem Besitz- und Leistungsverzeichnis des Klosters Saint-Germain-des-Prés bei Paris mit seinen 23 Herrenhöfen um 830 und ca. 1700 Mansen "mehr als 30 000 Hektar Land" (Gilomen, S.35) laut dem unvollständigen Polyptichon des Abtes Irmino zum Beispiel folgendes mit: 

Das Kloster hat in Nuviliacus eine Herrenhufe mit reichlichen Nebengebäuden. Es hat dort zehn kleine Felder mit 40 Gewannen, darauf können 200 Scheffel Hafer gesät werden; Wiese neun Joch, von denen an Heu zehn Karren geerntet werden können. Es hat dort an Wald schätzungsweise drei Meilen in der Länge, in der Breite eine Meile, in dem 800 Schweine gemästet werden können. (...) Der Knecht Electeus und seine Frau, die Kolonin Landina, Eigenleute von Saint-Germain, bleiben in Nuviliacus, Er hat eine halbe Hufe, bestehend aus Ackerland sechs Gewann, aus Wiese ein halbes Joch. Er pflügt bei der Winterbestellung vier Ruten, bei der Frühjahrsbestellung 13. Er fährt Mist auf das Herrenfeld und tut und zahlt sonst nichts, wegen des Dienstes, den er dort übernimmt. (...) Es gibt in Nuviliacus sechseinhalb besetzte Hufen, die andere halbe ist unbesetzt. An Feuerstellen sind es 16. Sie erbringen für die Heeressteuer zwölf Hammel, für Kopfzins fünf Schilling vier Pfennig; 48 Hühner, 160 Eier, 600 Bretter und ebenso viele Schindeln, 54 Dauben und ebenso viele Reifen, 72 Fackeln. Sie machen zwei Weinfuhren und zweieinhalb Bretterfuhren im Mai, und einen halben Ochsen. (in: LHL, S.174)

 

Neben Dienst- und Sachleistungen ist also auch Geld zu erbringen, was bedeutet, dass die Hufenbauern Überschüsse auf dem Markt verkaufen müssen. Eine Hufe von vielleicht 14 ha konnte so im besten Falle auch einen geringen (relativen) Wohlstand erwirtschaften, wenn der Herr seinem Bauern nicht zu viel abpresste.

 

In Nogent L'Artaud gibt es zum Beispiel laut demselben Verzeichnis 24 1/2 mansi ingenuiles, die u.a. 205 Scheffel Wein zinsen,  74 Scheffel für die Schweinemast, dazu 20 1/2 Schweine, 4 Schafe, und Hühner samt Einern 74. Daneben gibt es 10 mansi serviles. Sie zinsen für die Schweinemast 21 1/2, Scheffel Wein. 8 1/2 Schafe, 650 Schindeln, 30 Hühner mit Eiern. (in: Kuchenbuch, S.125)

 

Abteien auch östlich des Rheins können inzwischen sogar  ein Vielfaches davon besitzen.

 

Einer der ganz großen Grundherren der Karolingerzeit ist das Kloster Prüm. Von ihm abhängig sind rund 3000 Höfe, die Mönche und Vasallen zu ernähren haben, besonders konzentriert um die Tochterklöster Münstereifel, St. Goar und Altrip. Viele weitere Höfe erstrecken sich aber "von Südholland bis Oberlothringen, , von der unteren Lahn bis an die mittlere Maas" und anderswo. (Kuchenbuch, S.18). In einem Urbar von 893, also vom Anfang unserer Schwellenzeit, sind sie aufgelistet.

In einer Urkunde von 886 schließt der lothringische Hochadelige und große Grundherr Hartmann einen Vertrag auf Gegenseitigkeit mit dem Abt dieses Klosters zum beiderseitigen Nutzen. Darin übergibt er dem Kloster einige Güter in bestimmten Gegenden, die er allerdings lebenslang weiter nutzen kann, um vom Kloster in anderen Gebieten Güter als beneficium verliehen zu bekommen - (zunächst nur auf Lebenszeit).

Zu den Herrenhöfen, verwaltet von maiores bzw. villici, gehört, wie detailliert beschrieben wird, das Herrenhaus, die Scheune und der Speicher. Auf Mansen sitzen mancipia, also Sklaven, die Äcker, Wiesen, Weiden und Wälder bewirtschaften. Andere Familien bewirtschaften Weinberge oder Mühlen. Sie leisten konkret benannte Dienste wie die Flachsverarbeitung und dann solche, für die nur die Zeitdauer angegeben ist (Pflügen, Transporte usw.). Daneben werden die Abgaben aufgelistet, die sie zu festen Terminen zu leisten haben.

Zu einem Hof gehört eine Kirche mit allem Zubehör und ein Priester, der zudem wiederum mit Ackerland von fünf Hufen, besetzt mit zinspflichtigen censualia mancipia, Forst für die Mast von 300 Schweinen und etwas Wingert ausgestattet ist. Die mancipia auf diesem Hof haben jährlich Wachs im Wert von sechs Denaren zur Beleuchtung der Kirche abzugeben.

 

 

Grundherrschaft bedeutet über den wirtschaftlichen Aspekt hinaus weitere Rechte. Das Reichsgut Karls ("des Großen") ist laut 'Capitulare de villis' wird von iudices für jeweils mehrere villae beaufsichtigt, die auch die Rechtsprechung über die Hörigen im Namen des Königs innehaben. Zur munt, dem Schutz der Hörigen, gehört dabei auch deren Gehorsamspflicht, denn der Grundherr übt eine Art Polizeigewalt über sie aus.

Die Privilegierungen des Prümer Klösters umfassen seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts auch Marktrechte, Zollfreiheiten und sogar Münzrechte wie in Münstereifel, alles das mit Abgaben an den Grundherrn verbunden. Der Anteil der Geldwirtschaft nimmt dabei langsam zu.

 

Grundherren können auch Bergwerks- oder Salinenbesitzer sein. Aber der Kern ihres Reichtums ist meist die Bearbeitung des Bodens, die Viehzucht und die Nutzung des Waldes. Indem sie auf ihrem Grund Mühlen bauen lassen, später Backstuben und Braustuben, wird jeder, der sie benutzen will, abgabenpflichtig.

 

Die Müller, Aufseher von Salinen, Schmiede, Hirten und Förster fallen aus dem bäuerlich-grundherrlichen Zusammenhang insofern heraus, als sie je ein spezifisches ministerium betreiben, so wie der Meier oder Villicus. Auf sie entfallen darum kaum Abgaben oder Dienste, aber sie verfügen oft dennoch über eigene Hufen.

Beispielhaft dafür ist die de molinis (...) ratio der Statuten des Klosters Corbie: Erstens, dass einem jeden Müller ein mansus und sechs Tagwerk an Land (ex bonuaria de terra) gegeben werden; weil wir wollen, dass er etwas hat, aufgrund dessen er das, was ihm zu tun befohlen wird, tun kann, und er jenes Mahlen gut und richtig macht: dass heißt, dass er Ochsen und anderes Vieh hat, mit denen er erarbeiten kann, wovon er und seine ganze Familie leben können; er soll Schweine, Gänse und Hühner füttern, die Mühle in Ordnung halten und alles Bauholz heranbringen, das zum Ausbessern jener Mühle dient, die Schleuse ausbessern, Mühlsteine heranbringen und alles, was eben dort nötig zu haben oder zu tun ist, soll er er haben und tun können. Und gleichermaßen wollen wir nicht, dass er irgend einen anderen Frondienst tut: weder mit dem Karren noch dem Pferd, er soll keinen Handdienst leisten, nicht pflügen, nicht ssäen, kein Getreide oder Heu einbringen, kein Getreide malzen, keinen Hopfen und kein Feuerholz zinsen oder sonst irgendetwas für die Herrschaft verrichten, sondern er diene ausschließlich sich und seiner Mühle. (...) Das, weil nämlich 2000 Scheffel Mehl von den Mühlen zu unserer Verfügung zum Kloster kommen müssen (... in: Kuchenbuch, S.115f)

 

In den größeren Rahmen der Grundherrschaft gehören auch freie Bauern, die aber zur Pfarrei der grundherrlichen Eigenkirche gehören und dem Pfarrer für seine "Leistungen" den Zehnten schuldig sind.

 

Rechtlich bleiben freie Bauern, die sich in eine Grundherrschaft begeben und dort auch ihr Land einbringen, in gewissem Sinne Freie, im Unterschied zu den mancipia des Herrenhofes. "... sie bleiben dem jeweiligen Grafen und natürlich dem König untergeordnet. Sie sind rechtlich frei, vom Grundherrn jedoch abhängig, denn er hat die niedere Gerichtsbarkeit und die Polizeigewalt über alle Angehörigen seiner Grundherrschaft." (Leiverkus in LHL, S.176)

 

********

 

In der ländlichen Grundherrschaft, in der die allermeisten Menschen am Ende leben, steht neben dem Bezug zum Herrn auch der zum Diener des höchsten Herrn, dem Priester. In dem fränkischen Eigenkirchen“system“ war der Stifter und Erbauer der Kirche auch der, der den Priester bestellte. In den Anfängen war das billigerweise oft einer seiner Knechte, dessen Vorbildung und geistlicher Lebenswandel vermutlich sehr zu wünschen übrig ließen. Der große Karl fordert, die Qualität der Priester zu heben, die Erfolge treten aber, wo überhaupt, erst Jahrhunderte später ein.


Die Verbindung von Grundherrschaft und Eigenkirche tendiert dazu, priesterliche Aktivitäten und kirchliches Leben auf den Grundherrn hin zu orientieren. In den vielen kirchlichen Festivitäten entwickelt sich aber ein eigenständiges Gemeindeleben. Dieses verbindet sich später mit gemeinsamen Verabredungen für die Landarbeit und anderes.

 

Erhalten ist aus der Zeit Karls d.Gr. (um 810) das Urbar, also Gesamtverzeichnis eines augsburgisch-bischöflichen Hofes in Staffelsee mit der Michaelskirche. Die Kirche selbst ist eine Art Schatzkammer: wir fanden einen Altar, mit Gold und Silber geschmückt, fünf vergoldete Reliquienschreine, mit glänzenden Edelsteinen und Kristallen verziert, dazu ein Kupfergefäß, teilweise vergoldet, ein kleines Reliquienkreuz aus vergoldetem Blattsilber mit einem Riegel, ein zweites kleines Reliquienkreuz aus Gold und Kristall, ein größeres Kreuz aus Gold und Silber mit durchscheinenden Edelsteinen. Es hängt über dem Altar eine teilvergoldete silberne Krone, die 2 Pfund wert ist. Und in der Mitte dieser Krone hängt ein kleines kupfernes, vergoldetes Kreuz und ein kristallener Apfel. Und in dieser Krone hängen kreisförmig 35 Reihen von Perlen in verschiedenen Farben. Es sind dort an angebrachtem Silber 3 Schillinge. Dort sind 4 goldene Ohrringe, 17 Pfennige wert. (usw.usf., in: Kuchenbuch, S.111)

 

Dann finden wir dort den Herrenhof und das Haus mit den übrigen Bauten, die zur Kirche gehören. Dem Hof sind zugeordnet 740 Joch Pflugland, Wiesen, die 610 Fuder Heu einbringen können. Von der Ernte fanden wir bloß die 30 Fuder, die wir an die 72 Pfründner gaben, (...) weiter ein zugerittenes Ross, 26 Ochsen, 20 Kühe, 1 Stier, 61 Stück Kleinvieh, 5 Kälber, 87 Schafe, 14 Lämmer, 17 Hammel, 58 Ziegen, 12 Böcklein, 40 Schweine, 50 Ferkel, 63 Gänse, 50 Küken.

Vorhanden ist ferner ein genitium mit 24 Frauen, die an Webstühlen arbeiten, Gebäude für andere vom Herrn abhängige Handwerker und die Hütten der den unmittelbaren Bereich des Herrenlandes bestellenden Landarbeiter.

Soweit das Herrenland, dazu kommen 23 Hufe, auf denen freie Bauern sitzen, von denen ein Teil gelegentlich Botendienste zu leisten und die Hälfte Kriegsdienste zu leisten hat. 19 Hufen sind mit mehr oder weniger unfreien Knechten besetzt, die drei der sechs Werktage Frondienste leisten müssen und deren Frauen ein Leinenhemd oder Stoff abzuliefern hatten. Insgesamt umfasst die Grundherrschaft zwischen 200 und 300 Menschen. (Alles nach Fried, S.220ff und Kuchenbuch, S.112))

 

Eine andere Größenordnung hat das von Königsboten 787 untersuchte Kloster Fontenelle in der Normandie (St.Wandrille, in den 'Gesta' der heiligen Väter dort aufgehoben), wobei die Mansen für die Hufen stehen:

Dies ist die Summe der Besitzungen dieses Klosters, die auf Befehl des unbesiegbaren Königs Karl dem Abt Landricus von Jumièges und dem Grafen Richard im 20. Jahr seines Königtums, dem Jahr des Todes des Abtes Wido. aufgezählt wurde. Zunächst das, was zum persönlichen Gebrauch der Mönche und zu ihrem Unterhalt zu gehören scheint: 1326 ungeteilte Mansen, 238 halbe Mansen, 18 zu Handdiensten (manuoperarii) verpflichtete Mansen, zusammen 1569, unbewirtschaftet 158 Mansen; sie haben 39 Mühlen.

Zur Versorgung der Mönche dienten knapp zwei Fünftel, der Rest stand dem Abt auch und vor allem für seinen Dienst am König zu. Dazu kommt: Als Lehen ausgetan (in beneficii relaxati) sind aber 2120 ganze, 40 halbe 235 zu Handdiensten verpflichtete Mansen, die zusammen 2395 ergeben, 156 unbesetzte, die Lehnsträger selbst haben 28 Mühlen. (Kuchenbuch, S.100, Fried, S. 363)

 

Das Kloster selbst gibt also Lehen aus, ist dabei selbst Vasall, über dem wiederum Vasallen stehen, die auf oberster Ebene einem Fürsten/König treu zu dienen haben. Sehr große Klöster können rund hundert Vasallen haben. Solche Vasallen als Grundherren besitzen vererbbares Allod, dann oft Gut, welches mit einem Amt oder einer Funktion verbunden sein kann, und Lehnsgut, beneficia. Aus der Verbindung von Grundherrschaft und Vasallität entfaltet sich feudales Rechtsgefüge.

 

 

Stadt

 

Während die Ereignisgeschichte der Machthaber für unser Thema der Entstehung von Kapitalismus zweitrangig ist, ist die Entwicklung der nachantiken Städte im lateinischen Abendland dafür von erstrangiger Bedeutung.

 

***Merowingerzeit***

 

Das urbane Zentrum der römischen civitas basierte vor allem auf dem Reichtum, den Großgrundbesitz einbrachte. Andere stadtartige Siedlungen waren Garnisonsstädte. Gewerbe und Handel spielten in beiden Fällen eine untergeordnete Rolle. Eine abgeschlossene Grundbesitzerschicht von dreißig bis hundert der reichsten Familien verwaltet die Stadt in der curia und besorgt ihren Ausbau. Oft haben diese Leute relativ freie Hand, den Frieden, also die Unterordnung der Masse der Bevölkerung aufrechtzuerhalten, mit der Auflage, Steuern (zunächst rund zehn Prozent der Ernte) abzuführen, die vor allem dem Unterhalt der großen Heere dienen. Unter dem Druck der militärisch-fiskalischen Bedürfnisse der Kaiser und ihres riesigen Reiches ziehen sich viele "römische" Großgrundbesitzer in Gallien und Hispanien bereits in der Spätzeit des Imperiums auf ihre Landgüter zurück, wo sie sich ihren städtischen Aufgaben entziehen und nach Selbstversorgung streben und von Steuervorteilen profitieren. Sie versorgen sich dabei nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit dem, was ihre eigenen Handwerker produzieren. Dieser Vorgang betrifft allerdings Italien und überhaupt den nördlichen Mittelmeerraum weniger als das übrige Reich (Hythe, S.13), weswegen wir dort im Mittelalter weiterhin städtische Wohnsitze des Adels vorfinden. Das wird denn auch einen der Unterschiede zwischen dem Norden und Süden des westfränkischen Galliens ausmachen.

 

Die kleineren Landbewohner wiederum stellen sich unter den Schutz der größeren, um der Belastung zu entkommen, und werden von ihnen abhängig. Damit diese colones nicht ganz der kaiserlichen Kontrolle entkommen, werden sie an die Scholle gebunden. Die Civitates werden nun den comites unterstellt, und als dann die Franken die Macht übernehmen, werden diese zu einer Art königlicher Amtsträger. (Becher, Chlodwig, S.240f)

 

Bischöfe und ihre Geistlichkeit sind seit dem vierten Jahrhundert von Steuern und Dienstpflichten befreit, was ihre Stellung attraktiver macht, sie werden zu einer Alternative zum weltlichen cursus honorum, dem üblichen Karriereweg durch die Ämter. Zunehmend übernehmen sie gerne die Zivilgerichtsbarkeit für ihre Herde, aus der dann im Laufe der nachrömischen Zeit der Bischof zum zentralen Gerichtsherr in seiner Stadt wird.

In der Übergangszeit hin zur fränkischen Herrschaft sind gallorömische Bischöfe oft große Landbesitzer und verfügen zumindest teilweise auch über Truppen. (Scholz, S.24) Spätestens unter den Merowingern übernehmen sie immer mehr Funktionen eines Stadtherrn und treten nun das Erbe der Kurialen an, unter den Merowingern müssen sie allerdings die Macht jeweils mit einem comes (civitatis) teilen. Das führt zu Konflikten (s.o. Gregor IV,39)

 

In den Bürgerkriegen und den Überfällen und Wanderbewegungen germanischer, asiatischer und dann slawischer, nordafrikanischer und orientalischer Völkerschaften finden massive Zerstörungen an den Städten statt. Städte werden darum ummauert und erhalten "Burgcharakter" (Schott), und so werden die einwandernden Germanen sie kennenlernen und später auch in ihren Volkssprachen benennen.

 

Franken, Alemannen und Angelsachsen übersetzen oft civitas mit Formen des Wortes Burg, was nichts anderes als einen befestigten Ort meint. Umgekehrt werden dann auch im frühen Mittelalter befestigte, im späteren Sinne wenig städtische Orte als civitas bezeichnet, wodurch das Wort vorübergehend eine erhebliche Bedeutungserweiterung erlebt. Das ändert sich erst auf dem Weg ins hohe Mittelalter, als das Wort Burg im Deutschen nach und nach seine engere Bedeutung bekommt, von der sich volkssprachlich stat und dann viel später Stadt ablöst.

 

In vielen einzelnen Provinzen reduziert sich Urbanität zunehmend auf eine Art Hauptstadt einer Großregion, in manchen wie südlich der Donau und in Pannonien verlieren Städte völlig jede Bedeutung. Die römische Zivilisation ist im Westen schon im Untergang begriffen, als germanisch dominierte Völkerschaften sie übernehmen.

 

Dennoch überlebt in den germanisch dominierten Nachfolgestaaten mit Resten eines Städtewesens auch ein Rest antiker Zivilisation, während es vor allem in den skandinavischen und osteuropäischen Weiten jenseits des Mittelmeerraumes zunächst eine fast städtelose, höchstens schwach anzivilisierte Welt gibt. Kapitalismus wird denn auch vor allem dort entstehen, wo es entweder eine gewisse urbane Kontinuität gibt, wie in der Nordhälfte Italiens oder am Rhein, oder wo neues Städtewesen auf ehedem imperialem Boden dadurch entsteht, dass überlebender Handel und Gewerbe dorthin ausstrahlen oder dort neu entstehen, wie etwa in Flandern.

 

 

Überall und auch in der Provence gehen Städte zugrunde, nur Arles hält sich. Marseille, Nîmes, Uzès, Carcassonne und Agde behalten eine gewisse Bedeutung, teilweise durch Handelsbeziehungen mit dem vorderen Orient, ebenso Toulouse, Poitiers und Vienne. Überlebende Städte sind inzwischen Festungen mit einem intakt gehaltenen Mauerring, wie auch das aufsteigende burgundische Dijon.

In Bordeaux scheinen "letzte Spuren städtischen Lebens" im 6. Jahrhundert zu verschwinden  und mit ihnen zeitweilig die Existenz von Bischöfen.

 

Etwas mehr Kontinuität scheint Autun, als Augustodunum eine der größten Städte der Gallia Romana, bewahrt zu haben. Hier zieht sich seit dem Ende des 4. Jahrhundert ein Siedlungsrest auf einen höchstgelegenen Südwinkel von nur noch 10 ha zurück, darin die Kathedrale St.Nazaire und eine Kirche Ste.Croix; alles übrige kirchliche Leben blieb ungeschützt im weiten Kreis der Mauertrümmer sowie im Nekropolbereich. Immerhin besteht in der civitas das 312 belegte palatium noch 866 mit einer Kirche St.Jean Baptiste, und die Grafen verfügen als Laienäbte über die wichtige Abtei St.Symphorian.

 

Das einst bedeutendere Paris, das antike Lutetia, später wird daraus Paris unter Anlehnung an den gallischen Stamm der Parisii, war schon in der späten Kaiserzeit auf die befestigte Seineinsel geschrumpft. Das dortige Palatium macht Chlodwig anch seinem Sieg über die Visigoten zu seiner cathedra regni, wie Gregor von Tours schreibt, seiner Residenz, wenn er denn anwesend ist.

 

Im 7. Jahrhundert breitet sich dann eine Kaufmannssiedlung mit ihren Pfarrkirchen beiderseits der Seine aus. In Abstand davon wird die wachsende Stadt von Klöstern wie Sainte-Geneviève oder Saint-Denis umgeben, letztere seit dem siebten Jahrhundert mit einer Herbstmesse ausgestattet.

Ende des 5. Jahrhunderts lässt Genoveva über dem Grab des hl. Dionysius eine Kapelle bauen. Über dem Grab der "heiligen" Genoveva wiederum wird eine Basilika gebaut. Möglicherweise lässt Childebert I. in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts auf der Seineinsel eine Kathedrale bauen: St.Étienne, also einen Stephansdom, der bis ins 12. Jahrhundert existieren wird. Die Kathedrale ist größer als alle anderen gallischen Kirchen. In etwa dieser Zeit entsteht auch das im 8. Jahrhundert dem hl.Germanus geweihte und dann so genannte St.Germain-des-Prés.

 

Im Norden des fränkischen Galliens überlebt kaum eine Stadt, nicht einmal in Flandern mit seiner später so reichen Städtelandschaft. Die Colonia Trajana (Xanten) ist bereits Mitte des 5. Jahrhunderts verlassen worden. Entlang des mittleren Rheins bleiben eine Anzahl Städte in kleinerem Umfang erhalten, wie Köln, Mainz und Worms, während am Oberrhein Straßburg beispielsweise zunächst fast völlig verschwindet.

Ein besonders instruktives Beispiel bildet die weströmische Kaiserresidenz Trier (Augusta Treverorum), deren Mauern einst fast 300 ha einschlossen bei einer Bevölkerung von gut 60 - 80 000 Einwohnern. Auf sie soll weiter unten eingegangen werden.

 

Köln lebt in seinem antiken Stadtplan in bescheidenem Umfang weiter. Es gibt eine gewisse Kontinuität von der spätantiken Bischofskirche zum mittelalterlichen Dom an derselben Stelle, und die Merowinger nutzen den Palast des römischen Statthalters weiter als Residenz. Neben der Mainzer befindet sich dort in der Nachantike die einzige Rheinbrücke, wichtig für den in geringem Umfang fortdauernden Handel. Daneben produzieren Handwerker in Köln weiterhin einfacher werdende Produkte. Andere Römerstädte wie Mainz und Speyer überleben nicht mehr in ihren Zentren, sondern in neuen Siedlungen am Rande bzw. nebendran.

 

Das römische Legionslager Regensburg wiederum überlebt dank seiner römischen Mauern. Seit dem 6. Jahrhundert dient der Ort den bayrischen Herzögen als Residenz, 739 entsteht dort ein Bischofssitz. Die Bebauung mit hölzernen Pfostenhäusern ist locker und von Grünflächen durchsetzt.

 

Fassen wir zusammen: Alle Städte Westroms in "christlicher" Hand verfallen zum größeren Teil oder ganz. Die Bauten rund ums Forum, die Tempel, auch die Insulae werden zu Ruinen. Die Bauten des Amüsiergewerbes, Theater, Amphitheater, Zirkus, Bäder werden zweckentfremdet oder als Steinbruch benutzt. Innerhalb des einst römischen Mauerrings entstehen, soweit es darin überhaupt noch Besiedlung gibt, weite unbebaute Flächen. Wasserversorgung und Abwasserentsorgung verfallen, die Lebensverhältnisse gleichen sich denen des Umlandes an. Dieser Niedergang der Städte vollzieht sich bis tief ins 7. Jahrhundert, zum Teil bis in die Karolingerzeit hinein.

 

Unter den Osthrogoten und dann Langobarden, den Burgunden, Franken, den Visigoten und Vandalen verfällt der gemeinsame weströmische Wirtschaftsraum. Der Handel nimmt ab und gerät zunehmend in die Hände von Syrern, Juden und später auch Friesen. Was an den Städten bleibt, ist, dass sie weiter auf dem Reichtum von Großgrundbesitz beruhen, der jetzt ganz besonders auch Kirche und Kloster gehört.

 

Die starke Verringerung des Fernhandels, des Handels überhaupt und der Bevölkerung der Städte hängen eng zusammen. Auch da, wo Städte nicht massiv zerstört werden, können die antiken Zusammenballungen von Menschen nicht mehr hinreichend versorgt werden, da eine immer weniger Überschüsse produzierende Landwirtschaft sie nicht mehr ernährt und sie nicht mehr aus der Ferne versorgt werden können. Die Kosten für Wasserversorgung sind nicht mehr auf antikem Niveau zu finanzieren und damit verfällt die Technik des Aquäduktbaus. Überhaupt geht die Bevölkerung allgemein massiv zurück, und eine gewisse Bevölkerungsdichte ist erste Voraussetzung für die Aufrechterhaltung von Städten.

 

In Fällen von häufiger auftretenden Hungersnöten wird arme Bevölkerung durch angekauftes oder gehortetes Getreide von Bischöfen ernährt, die meisten Menschen haben keine Geldreserven, ja, verfügen, wenn überhaupt, nur nach besonders guten Ernten kurzfristig über Geld, was sofort abgegeben oder ausgegeben wird.

 

Eine schwer abzuschätzende Rolle spielen zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert Seuchen, insbesondere die Beulenpest. Zwischen 541 und 544 sollen in Byzanz, so wird geschätzt, ca. 20 Prozent der Bevölkerung daran gestorben sein. Erwähnt wird sie in diesem Jahrhundert auch für Gallien und Italien. Schätzungen sprechen davon, dass die Bevölkerung auf dem Boden des Karolingerreiches zwischen 500 und 700 "um ein Drittel oder mehr" geschrumpft sein könnte (Manfred Vasold in: Römer und Barbaren, S.196ff). Aber das beruht wohl sicher nicht nur auf Seuchen, sondern auch auf Hungersnöten und überhaupt sporadischer Unterernährung.

Vereinzelte Zeugnisse belegen immer wieder Bevölkerungsschwund durch Pest und andere Seuchen. Mitte des 7. Jahrhunderts schreibt der Bischof von Clermont an seinen Kollegen in Cahors:

Da so schlechte Nachrichten über die Seuche aus Marseille kommen, die beinahe die gesamte Provence verheert und entvölkert, möge der Herr Wachen aussenden, damit niemand sich untersteht, von Cahors aus in diesen Tagen nach Rodez oder benachbarte Städte aufzubrechen, damit nicht etwa (...) dieses schlimme Übel über eure Stadt komme. Denn an den jenen Gegenden benachbarten Stellen sind Wachen aufgestellt worden, damit niemand zwecks Kaufs- oder Verkaufsgeschäften irgendeinen Zugang findet. Wenn ihr nicht in eifriger Vorsorge darum nachsucht, droht Lebensgefahr. (in: Fuhrmann, S.18)

 

 

Niedergang heißt meist nicht völliger Untergang. Zwar kannten die Germanen ursprünglich keine Städte, aber durch den Kontakt mit den Römern war ihnen deren Städtewesen bereits ein wenig vertraut. Der erste Kontakt wird Warenaustausch, ein weiterer der Militärdienst im römischen Heer, zudem wurden Germanen im Norden und Osten Galliens wie auch im Ostteil des Reiches angesiedelt. Entsprechend leben dann nach dem Ende des West-Imperiums Germanen und Romanen in den Rest-Städten nebeneinander.

 

Es verbleiben dabei in vermindertem Umfang Städte, Novum für Germanen. Zudem bleibt die römische Aufteilung in civitates, die Reichsteilungen der Merowinger werden sich manchmal daran orientieren. In jenen Städten, die als solche überleben, bleiben einzelne Techniken der Verwaltung und entsprechende Ämter.

 

Die Kontinuität der Einheit von befestigter Stadt und Pagus mit Villa und Vicus wird ein bestimmendes Moment der Übergangszeit zwischen Antike und sogenanntem Mittelalter, einer Kontinuität, die keine klaren Abgrenzungen erlaubt. Einen Gegensatz zwischen Stadt und Land, was Bevölkerung und Machtverhältnisse angeht, wird es erst seit dem eigentlichen Mittelalter geben, als der sich entfaltende Kapitalismus die Oberhand gewinnt und sich daran macht, das Land zu zerstören. (Heers, Moyen Age, Kap. 4 etc)

 

Dort, wo wie im germanischen Raum nicht ohnehin Städte fehlen, setzen sich aber doch fast überall agrarische Strukturen durch, am wenigstens noch an den Küsten Italiens und Südgalliens. Selbst das Handwerk zieht sich weiter aufs Land zurück und geht dann in die großen Grundherrschaften ein. Was zudem immer mehr abnimmt, ist ein Markt, auf dem sich Stadt und Land austauschen könnten, womit auch das Geld deutlich an Bedeutung verliert, auch wenn es nicht verschwindet.

 Die Nahrungsmittelproduktion geht nicht nur mit dem Bevölkerungsschwund zurück, sondern auch aufgrund sinkender Produktivität. Vieles an antiker technischer Innovation schwindet, nicht etwa, weil es ganz vergessen wird, sondern weil es niemand mehr gibt, der den technischen Standard aufrechterhalten kann.

 

 

Dass die Städte des römischen Westreiches nicht völlig mit ihm verschwinden, mag viele, auch lokal und regional verwurzelte Gründe haben, aber einige generelle scheinen doch herauszuragen. Der wichtigste ist, dass die Kirche als Haupterbe der Antike überlebt, und sie war von vorneherein im wesentlichen eine städtische Institution und wurde von Städtern betrieben. Spätestens mit dem Konzil von Serdika 343 war festgelegt worden, dass Bischofssitze nur an Orten größerer Bevölkerungsdichte eingerichtet werden sollen, und dieser Beschluss wird im nächsten halben Jahrtausend noch bekräftigt werden.

 

Als Städte dann im Sturm der Zeiten verwüstet werden, manchmal Reste der Oberschicht fliehen, Handwerk und Handel manchmal völlig zum Erliegen kommen, gibt es entweder eine Kontinuität der bischöflichen Institution oder aber die baldige Wiedererrichtung von Bistümern. Bischöfe wiederum verlangen als Herren über größere Ländereien nach der nahen Arbeitskraft von Handwerk und Handel und bald auch von Finanziers.

Kern der Neubesiedlung wird dann einerseits die Kathedralkirche, die auch insofern Kontinuität verspricht, als zunächst weiter romanische Oberschicht-Familien den Bischof stellen.

Zum Dombezirk mit seinen Wohnhäusern und Wirtschaftshöfen kommt ein kleiner Bereich in der Regel unfreier Handwerker, die die Geistlichkeit versorgen, wobei es sich bei solcher der Kathedrale sowie der Stiftskirchen um Adelige handelt, deren Nachfrage sowohl das lokale Gewerbe wie den Fernhandel fördert. Was verschwindet ist ein geschlossenes Stadtbild von imperial-römischen Ausmaßen. Zwischen besiedelten Flecken gibt es Ruinenlandschaften und zum Teil offenes Land für Gärten, sogar für Viehweiden oder gar neues Naturland.

Daneben bilden befestigte Palastbauten und Burgen Siedlungskerne. Der rheinfränkische König Sigibert residiert kurz vor 500 im Kölner Prätoriumspalast, in Trier dient die Palastaula („Basilika“) als Residenz.

 

Dazu kommen manchmal kleine Kaufmannssiedlungen und Gewerbebezirke (zunächst romanischer Provenienz) mit ihren Pfarrkirchen, die vor allem die lokalen Großen versorgen, von denen sie abhängig sind. Wohngebäude werden im wesentlichen aus Holz und Lehm (Fachwerk) und manchmal, eher selten, auf steinernem Fundament gebaut. Die Städte verwandeln dabei meist völlig ihr Gesicht. Die vorhandenen Straßen werden notdürftig geflickt. Das Abwassersystem der Römerzeit verschwindet, auf den Hausgrundstücken wird oft Kleinvieh gehalten, Kot und Unrat werden in Latrinengruben in der Nähe der Behausungen „entsorgt“. Als Heizung dienen offene Herdstellen. Manche römische Stadtmauern halten noch. Im 6. Jahrhundert sieht Dux Lupus der Champagne sich bedroht: Da jener aber sah, dass er in Gefahr war, (se in discrimine), brachte er seine Ehefrau in den Mauern der Stadt Laon in Sicherheit (tutatam infra urbis Lugduni Clavati murus) und floh selbst zum König Gunthram, coniugem suam, ad Guntchramnum regem confugit. (s.o. Gregor VI,4) Die Mauern der Stadt bieten hier weiter Schutz.

 

 

Mit dem Verfall des Imperium Romanum verfällt auch, wie schon gesagt, eine klare lateinische Begrifflichkeit. Ein Musterbeispiel liefert die „Stadt“, ursprünglich als urbs, oppidum, civitas, colonia und municipium halbwegs klar unterschieden. Am ehesten trifft dabei oppidum unseren späteren Stadt-Begriff, dort nämlich, wo es die ummauerte Stadt meint. Dann kann das Wort auch ein castrum bezeichnen, also eine Festung mit ihren Bewohnern wie das castrum Chinon zum Beispiel – im Unterschied zum vicus Chinon.

 

Die civitas ist kein einheitlicher „staatlicher“ bzw. „politischer“ Raum mehr, ihre territoriale Einheit bleibt nur noch als Diözese gewahrt, Bereich der Zuständigkeit des Bischofs. Als civitas wird oft nur noch der städtische Restkern wahrgenommen, vor allem der Dombezirk. In diesem Bereich im Besitz der Kirche herrscht Befreiung von Steuern und Abgaben, aber auch solche von der weltlichen Gerichtsbarkeit, sogenannte Immunität. (Groten, S.31f)

 

Eine Stadt ist Bischofssitz. Gregor betont die enge Verbindung von cives und episcopus. Mit Zustimmung der cives wird Brictius Bischof: Adeptum ergo consentientibus civibus pontificatus officium (Gregor II,1) Die Königin: Praetextatum vero episcopum egre suscoepit, quem cives Rhodomaginsis post excessum regis de exilio expetentes, cum grande laude civitati suae restituerunt. (Gregor VII,16) Bischof Magnulf sagt den civibus suis, sie sollten sich gegen Desiderius dux wappnen.(Gregor VII,27)

 

Der cives-Begriff wird aber immer unklarer, undeutlicher. Ein Bürgertum im römischen oder mittelalterlichen Sinne gibt es nicht, dafür eine Handvoll weltlicher Großer, deren Macht wie die der Kirche und der Klöster auf Grundbesitz beruht. An die Stelle des römischen Durchfütterns des Proletariats tritt die nicht unbeträchtliche kirchliche Armenfürsorge, die als Ordnungsfaktor auch Machtfaktor ist.

 

Die Beziehung zwischen comes und cives wird von Gregor eher vernachlässigt, stattdessen wird eher die gute Beziehung zwischen den „Bürgern“ und ihrem guten König herausgestellt, da dieser dem Bischof weniger in seinen Anteil am Stadtregiment hineinfunkt und im Falle König Gunthrams diesen laut Gregor sogar zu bestärken beabsichtigt: Digressus vero a Neverno ad Aurilianensem urbem (Orléans) venit, magnum se tunc civibus suis praebens. (er zeigt sich ihnen viel). Nam per domibus eorum invitatus abibat et prandia data libabat; multum ab his muneratus muneraque ipsis proflua benignitate largitus est. (Gregor VIII,1) Hier wird deutlicher noch als anderswo, dass Gregor geneigt ist, unter den anerkannten cives städtische Mittel- oder eher noch Oberschicht zu verstehen, wobei er sich den letzteren wohl am ehesten selbst zugehörig fühlen konnte.

 

Die Friedhöfe bleiben zunächst in römischer Tradition außerhalb der Städte. Während Romanen keine Grabbeigaben dazu legten, werden vornehmeren ("christlichen") Franken zum Beispiel zunächst weiter und bis tief ins 7. Jahrhundert Waffen, Schmuck und Wegzehrung für das Jenseits mitgegeben, zudem Amulette, die Unheil abwehren sollen (Dietmar/Trier, S.70 z.B.). Nur besonders mächtigen Herren gelingt es, ein Grab in den Kirchen zu erlangen, am besten in der Nähe der Heiligen, deren Gräber oder Reliquien sich dort befinden.

 

 

Bis tief ins siebte Jahrhundert bleibt tradiertes Handwerk, insbesondere exzellentes Kunsthandwerk (Glas, Emaille, Keramik, Elfenbeinschnitzerei, Goldschmiedekunst) auch in den Städten. Es gibt weiterhin Bauten aus Stein, aber bald nur noch für einen kleineren Kreis von Reichen und Mächtigen und für bedeutendere Kirchen, von denen allein Reims damals über zwanzig haben soll. Glockentürme und Querschiffe sind Erfindungen der Merowingerzeit. Erhalten geblieben ist bis heute kaum mehr als das Johannes-Baptisterium in Poitiers.

 

Datei:Poitiers-Baptistère Saint-Jean(côté sud).jpg

Das Baptisterium Saint-Jean in Poitiers, 4.Jh., 6.Jh. erhöht und Anbau einer Apsis, im 10.Jh.

auf seine heutige Größe reduziert

 

Das „städtische“ Gewerbe deckt für Jahrhunderte fast nur noch den lokalen Bedarf. Für Köln werden zum Beispiel Metall-, Glas- und Knochenbearbeitung (Kämme) nachgewiesen (Dietmar/Trier, S.107ff). Die außerhalb der Städte in ihren befestigten Villen residierenden Grundherren hatten schon seit der späten Kaiserzeit das Handwerk für ihren Bedarf auf ihren Besitz auf dem Land mitgenommen. Der vornehme Franke hat eventuell ein Stadthaus, aber er lebt vor allem auf seinem Grundbesitz auf dem Lande. „Der Kleriker Adalgisel Grimo, der 634 sein Testament machte, hatte ein Haus in Trier, er verfügte aber auch über sechs Landgüter und hatte Besitz in zehn weiteren.“ (Groten, S. 33)

 

Töpfermanufakturen entstehen in der späten Merowingerzeit neu, aber nun auf dem Lande, genauso wie die Herstellung gläserner Waren. Ähnlich ist es mit dem Metallgewerbe. So gibt es in Mitteleuropa „nirgendwo Städte (...), deren Wirtschaftsleben von einem über den örtlichen oder regionalen Bedarf hinaus produzierenden Exportgewerbe beherrscht wurde.“ (Pitz, S.80) Umgekehrt gibt es zunächst von Seiten der Grundherren auch wenig Ansporn, mehr landwirtschaftliche Produkte herzustellen, als sie selbst verbrauchen, und die Kirche unterstützt Selbstversorger-Wirtschaft als religiös wünschenswert.

 

Es gibt weiter Münzstätten im Frankenreich, insgesamt lassen sich rund 700 nachweisen, von denen viele aber nur kurzlebig sind, und es gibt entsprechend genug Münzen in Gold, Silber und Kupfer. Es gibt noch Märkte, bald sogar einige größere Jahrmärkte und die Nachfrage der Oberschicht nach Luxusgütern. Zölle und andere Abgaben werden eingenommen. Zölle an Häfen, Flüssen, Brücken und Straßen fließen in den Königsschatz (Scholz, S.216)

Entsprechend gibt es negotiatores, Händler (s.o.). Anlässlich der Pest in Marseille 588 schreibt Gregor von Tours:

Inzwischen war ein Schiff aus Spanien mit den üblichen Handelswaren im Hafen von Marseille angelandet worden, das den Keim dieser Krankheit fahrlässig mit sich gebracht hatte. Weil so viele Menschen von diesem Schiff Verschiedenes kauften, brach sofort in einem Haus, das von acht Menschen bewohnt war, die Krankheit aus (... Gregor IX,22)

 

Der Handel geht also massiv zurück, aber er verschwindet nicht völlig. Im nun fränkischen Gallien gibt es weiterhin regionalen Handel. In Marseille gehen immer noch einige Schiffe aus Byzanz und Italien mit Luxuswaren vor Anker.

Laut einer Urkunde von 716 erhält das Kloster Corbie damals im Hafen von Fos-sur-Mer bei Marseille u.a.: 10 000 Pfund Olivenöl, 30 Pfund wertvollstes Garum, 30 Pfund Pfeffer, 150 Pfund Kümmel, 2 Pfund Gewürznelken, 1 Pfund Zimt, 2 Pfund Lavendel, 50 Pfund Datteln, 100 Pfund Feigen, 100 Pfund Mandeln, 30 Pfund Pistazien, 100 Pfund Oliven, 150 Pfund Erbsen, 20 Pfund Reis, 10 Pfund Talg und 50 Rollen Papayrus. (Scholz, S.220)

 

Handel findet auch über Flüsse wie die Loire oder die Seine statt, die um so wichtiger werden, je mehr das Straßenwesen verfällt:

In diesen Tagen begab sich der Kaufmann Christophorus nach Orléans. Er hatte nämlich gehört, dass dorthin viel Wein hingebracht worden war. Er ging also hin, und nachdem er den Wein eingekauft hatte und dieser auf Kähnen verschifft worden war, begab er sich mit viel Geld, das er von seinem Schwiegervater empfangen hatte, mit zwei sächsischen Knechten zu Pferd auf den Heimweg. (Gregor, VII,46)

 

Wichtige Abnehmer sind neben den Herrschern und reichen Bischöfen die großen Klöster wie Saint Denis oder Corbie, die selbst eigene Händler beschäftigen. Bei Saint Denis entsteht daraus der große Jahrmarkt, eine Frühform der Messe, von König Dagobert I. gegründet, in dem bald neben Syrern und Juden auch Friesen und Angelsachsen (z.B. 709) als Händler auftreten.

 

Einzelne reiche Kaufleute sind dokumentiert, wie ein Julianus auf seinem Epitaph: Er häufte sehr viel Gold an, aber er verteilte es an die Armen. Er schickte viele Schätze voraus, denen er dann folgte. (in: Scholz, S. 219) Während sich hier die Gier in Frömmigkeit auflöst, wird sie anderswo durchgehalten, wie Gregor von Tours beschreibt (wenn es denn so stimmt):

Ein gewisser Mann in Lyon trachtete mit Mühe danach, eine Goldmünze zu bekommen, doch entflammt durch den verfluchten Hunger nach Gold wollte er mit diesem einen Goldstück seinen Geldbeutel füllen (...) Also kaufte er von dieser einen Goldmünze Wein und nachdem er ihn mit Wasser vermischt hatte, verkaufte er ihn wieder für Silbergeld und verdoppelte sein Geld. Dies machte er wieder und wieder und so ist er lange ein Anhänger des schändlichen Gewinns geworden, bis er 100 Goldmünzen (Solidi) aus dieser einen erworben hatte. (Liber in gloria confessorum, 10) Vielleicht beschreibt Gregor hier auch nur schematisch die Karriere eines Selfmade-Kapitalisten.

 

Solche Kaufleute scheinen sehr selbständig zu operieren und über ein Netzwerk von Informanten zu verfügen. Bezahlt wird in der Regel mit Geld.

 

Einen weiteren Einbruch in den Fernhandel wird dann die rasante Ausbreitung der islamischen Welt im 7. Jahrhundert, die 656 Ägypten und 711 Hispanien erreicht. Papyrus wie vieles anderes gelangt nicht mehr nach Europa und wird durch Pergament ersetzt. Solide Kapitalbildung gibt es kaum noch. Wir sind inzwischen noch weiter als in Zeiten antik-römischer Kaiser entfernt von irgendeinem Ansatz von Kapitalismus.

 

 

Eine Besonderheit sind die Handelsorte an der nördlichen Periferie des antiken Römerreiches oder außerhalb davon, immer aber an der Küste und/oder an Flüssen. Hier siedeln sich offenbar freie Menschen primär zum Zwecke des Handeltreibens an. Südlich von Boulogne ist Quentowik, südöstlich von Utrecht Dorestadt, auf Jütland Ribe, Haithabu an der Schlei und Birka am Mälarsee im heutigen Schweden, dessen Vorläuferort Helgö bereits im 5. Jahrhundert auch Metallverarbeitung betreibt.

 

In Friesland ragt Dorestad hervor, welches um 800 eine bedeutend größere Fläche als Mainz mit vielen tausend Einwohnern bedeckt. Es gibt dort auch eine Münzstätte und Schmiede, Kammacher und Bearbeiter von Bernstein. Friesen liefern vor allem Waren aus dem Rheinland nach England und kommen mit Sklaven zurück. Wohlhabende heidnische Kaufleute und freie Bauern prägen nach 670 eigene Silbermünzen mit dem Bild Wotans (Brown2, S303f). Kein Wunder, dass schon Merowingerkönige versuchen, die Kontrolle über das Gebiet zu erreichen, welches seine Freiheit auch gegen christliche Missionare verteidigt.

 

Eine weitere Handels"metropole" ist Haithabu mit um die 1000 Einwohnern und Handelsbeziehungen nach Skandinavien, in den slawischen Raum und das Rheinland. Tuche, Getreide, Wein, Keramik, Schmuck und Waffen des Südwestens werden gegen Pelze, Wachs, Honig und Sklaven aus dem Osten gehandelt. Handwerk verarbeitet Holz, Bernstein, Geweihe, es gibt Textil- und Glasproduktion, "Eisenverhüttung, Feinmetallverarbeitung, Bronzeguss und Goldschmiede..." (Fuhrmann, S.28). Es wird Spelzgerste und etwas Roggen angebaut, an Vieh werden Schweine zum Verzehr und Rinder vor allem als Zugtiere gehalten. Häuser haben eigenen Backofen und Brunnen.

 

Neben den in die familia des Grundherren eingereihten Händlern in dessen unmittelbaren Diensten gibt es auch reisende Fernhändler, die mehr Freiheit(en) genießen. Unter ihnen sind viele Friesen, so dass der Volksbegriff oft als Synonym für (freier) Händler auftaucht. In Mainz gibt es ein ganzes Friesenviertel, belegt sind sie auch in Straßburg, Worms, Köln und Duisburg. Neben ihnen treten besonders für den Fernhandel in südliche Richtung und über das Mittelmeer hinweg Juden und Syrer auf.

 

Für die erste Hälfte des 7.Jahrhunderts wird ein waffentüchtiger fränkischer Kaufmann Samo von Fredegar erwähnt, der mit seiner Handelskarawane gerade dann im Slawengebiet unterwegs ist, als man sich dort zum Aufstand gegen die Awaren rüstet, und der zum Anführer dieser Slawen wird, die dann auch noch in Kriege mit Franken und Alemannen geraten.

 

Schon ein Jahrhundert früher erzählt Gregor von Tours von der Bitte des Bischofs von Verdun an seinen König, ihm für die Bürger seiner Stadt Geld zu leihen: "Wenn diese Handel treiben und in unserer Stadt Abgaben, wie sie die übrigen leisten, erbringen, werden wir dein Geld mit Zinsen rechtmäßig zurückgeben." Der König gibt 7000 Goldmünzen, die der Bischof an die Bürger weitergibt. Doch diese wurden Handel treibend dadurch reich gemacht und gelten bis heute als vermögende Leute. Unabhängig davon, was an dieser Geschichte den Tatsachen entspricht, lobt ein Kirchenmann hier das Spiel von Investition und Gewinn und man erfährt nebenbei, dass es in Verdun eine ganze Anzahl handeltreibender Bürger gibt.

 

Rom ist um 900 von fast einer Million Einwohnern unter Augustus auf schätzungsweise 20 000 heruntergegangen, alle Orte im Frankenreich sind noch wesentlich kleiner, aber einige wenige, zum Beispiel Paris, werden danach bald deutlich an Einwohnerschaft zunehmen, Paris auch deswegen, weil es eine beispiellose Ansammlung von Reliquien wundertätiger und schutzbietender Art aufweist, so dass es bald bei den ständigen brutalen Normanneneinfällen zu einer Fluchtstätte für den "gallischen" Norden wird: Die Reliquien sollen vor den Feinden schützen.

 

***Trier***

 

Seit dem Beginn des 5. Jahrhunderts verliert Trier zunehmend seinen römischen Schutz und wird mehrmals vorübergehend von fränkischen Gruppen eingenommen. Dabei ist es erheblichen Verwüstungen ausgesetzt, die besonders auch den Dom betreffen. Seit den 60er Jahren gerät die Stadt in die Hände der Familie des romanisierten und christlichen Comes Arbogast. Zwei Jahrzehnte später nehmen sie Rheinfranken ein, und spätestens mit Chlodwigs Einnahme des Kölner Rheinfrankenreiches gelangt sie in seinen Machtbereich.

 

Teile der römischen Oberschicht fliehen vermutlich nach Westen ins Innere Galliens, ein weiterer Teil der Bevölkerung wird nach diversen Eroberungen und Plünderungen wahrscheinlich verschleppt. Aber die Liste der Bischöfe und die weiter vorwiegend romanische Bevölkerung bedeuten auch Kontinuität. Auf den Gräbern bis ins 8. Jahrhundert tauchen weiter 67% römische, 23% griechische und nur 6% germanische Namen auf. Gesprochen wird in der Stadt und Diözese vorläufig vor allem ein moselländisch-romanisches Idiom mit kleinen fränkischen Sprachinseln. (Anton/Haverkamp, S.13ff)

 

Der größte Teil der Stadt verfällt in Ruinen und mit ihm das rechtwinklige römische Straßennetz. Was bleibt, sind die großen Monumentalgebäude wie der Dom, die von den Franken in eine Königspfalz umgewandelte Palastaula („Basilika“), die in eine Grafenburg umgewandelten Kaiserthermen und die in ein Kloster umgewandelten Getreidespeicher an der Mosel. Dazu kommen die römischen Gründungen St.Eucharius/St.Matthias und St. Maximin. Immerhin etwa das Dreifache der von Mauern umschlossenen Fläche von Mainz oder Köln bleibt der Stadt mit einer Mauerlänge von 6400 Metern und nur noch vielleicht 5000 Einwohnern.

 

Um den Dom und andere zentrale Orte entwickeln sich dann Siedlungskerne mit einem schon mittelalterlich anmutenden Gassengewirr. Trier wird von einer geplanten zu einer neuen, nun ungeplant wachsenden Stadt. Zwischen ihren in manchem eher ländlichen Siedlungskernen gibt es Gärten, Äcker, Viehweiden und wüstes Gelände. Handel und Handwerk nehmen in hohem Maße ab und die Geldwirtschaft kommt vorübergehend (fast?) zum Erliegen. Dem Bischof gelingt es als Erbe der res publica und durch Schenkungen an erhebliche Besitzungen zu gelangen, zum Beispiel den von Dörfern in Stadtnähe und im territorium (Gregor von Tours), also dem Gebiet der antiken civitas.

 

Im Trierer Land setzt fränkische Besiedlung in Tälern im 6. Jahrhundert ein. Fränkische Große übernehmen die Villen der Römerzeit. Herren legen Gutshöfe an, um die sich Abhängige ansiedeln und die von Unfreien bearbeitet werden. Von Taufkirchen ausgehend wird das Land missioniert.

 

Trier entwickelt eine Metropolstellung gegenüber Metz, Toul und Verdun und die Bischöfe stehen in enger Verbindung zu den merowingischen Königen. Irgendwann in der Merowingerzeit tauchen zwei Märkte in der Stadt auf. In den ersten Jahrzehnten des 7. Jahrhunderts bildet sich eine fränkische Grafschaft im pagus Treverensis heraus. Aus Eigenkirchen bei aufkommender Grundherrschaft entstehen Pfarreien auf dem Lande.

 

****

 

Der Kapitalismus wird nicht gegen Kirche und Kloster entstehen. Zwar war nach dem Gebot der Evangelien fast völlig Eigentum oder gar Zinsnehmen, also das Nutzen Ziehen aus der Armut anderer von Christen gegenüber Christen verboten, und die Kirche wird das Zinsverbot später, in der kapitalistischen Anfangsphase, auch deutlicher wiederholen. Aber schon in der Merowingerzeit hält sie sich selbst nicht daran, wenn es opportun erscheint. Gregor erwähnt schon in seiner Geschichte von Tours für die Zeit um 540, wie ein Bischof von Verdun sich an König Theudebert um einen Kredit wendet, auf dass wir damit unsere Bürger zu unterstützen (cives nostros relevare) vermögen; und wenn sie durch ihre Geschäfte den Handel in unserer Stadt auf dieselbe Höhe gebracht haben, wie ihn andere Städte haben, werden wir dir dein Geld mit den genehmigten Zinsen (cum usuris legitimis) zurückgeben. (X,34)

 

Wenn man hier stehen bleibt und nicht vom späten Mittelalter aus, klüger geworden, wieder zurückschaut auf das, was bisher beschrieben wurde, wird man kaum Anzeichen dafür finden, dass sich im lateinischen Abendland „Kapitalismus“ herausbilden wird. Weder das nachantike weströmisch-germanische Christentum, noch die Herrschaftsformen, die Formen des Wirtschaftens oder gar die weiter verfallenden Städte geben irgendeinen Hinweis darauf. Gebäude sind weitgehend aus Holz und Lehm, das Handwerk hat sich inzwischen vorwiegend aufs Land zurückgezogen, gehandelt werden nur noch wenige Luxusgüter für die von ihren großen, wirtschaftlich fast autarken Landgütern lebende Oberschicht, während das produktive Volk vorwiegend auf die schiere Subsistenz reduziert bleibt.

Geld zirkuliert nur noch in geringerem Umfang, es herrscht, wo überhaupt, weithin Tauschhandel. Kapitalisten gibt es auch kaum noch welche, und es besteht auch immer weniger Bedarf an ihnen. Anders sieht es mit den großen Städten von Byzanz und bald auch der islamischen Welt aus, aber dort wird sich schon gar kein Kapitalismus entwickeln.

 

Tatsächlich ist das Neue aber schon im Alten angelegt: In einer bestimmten Ausprägung des Christentums, im nie ganz verloren gehenden Erbe der mittelmeerischen Antike, in Resten von Städten, in denen Verluste zugleich zur Offenheit für Neues werden, in Herrschaftsformen und Strukturen der Machtverteilung, die noch zu anarchisch, zu unsicher für den Aufstieg von Kapitalverwertung sind, aber eine gewisse Offenheit (oder soll man Freiheit sagen?) besitzen, die zu Spielräumen wird werden können.

 

***Italien***

 

Die süd- und mittelitalienischen Stadtlandschaften, seit den Zeiten Großgriechenlands intakt, verschwinden als solche zum großen Teil. Weiter nördlich ist nach Versanden des Hafens Velia, das griechische Elea, verfallen. Eine Neugründung wird von der Malaria hingerafft. Ähnlich versanden Häfen wie der von Paestum und die Stadt verfällt. In der Bucht von Neapel enden Puteolum, Misenum und Cumae in Ruinen, nur Neapel hält sich in kleinerem Umfang. Musterbeispiel einer Neugründung wird dann das castrum Amalfi als eine Art Fluchtburg vor den Langobarden.

 

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass in der Südhälfte der Halbinsel etwa die Hälfte der Städte verschwinden und damit auch viele Bischofssitze. Der allmähliche Niedergang der einstigen Millionenstadt Rom ist besonders eklatant, die Stadt ist nun praktisch in den Händen ihrer besonders herausgehobenen Bischöfe, die allerdings mit dem Patrimonium Petri noch über hunderte von Landgütern verfügen, aus denen Nahrungsmittel und Geld fließen, bis viele von ihnen, in Sizilien und Süditalien gelegen, im 8. Jahrhundert von Byzanz annektiert werden.

Latium ist inzwischen fast städtelos. Ähnlich ergeht es der Küste bis hoch nach Genua.

 

Insgesamt aber überleben in der Nordhälfte Italiens mehr als drei Viertel aller Städte, insbesondere die mit einem Bischofssitz. Bologna verfällt zwar in eine gewisse Bedeutungslosigkeit, wie so manche andere Stadt, aber Ravenna blüht als Verwaltungszentrum mit seinen finanzstarken Bischöfen vorläufig weiter auf, sowie die Langobarden-Hauptstadt Pavia, in der die Abgaben zusammenfließen und literate Bildung weiterlebt. Für die Karolinger wird die alte Römerstadt Verona wichtig, günstig erreichbar aus dem Norden und mit einer Königspfalz ausgestattet. 

Im Raum der Po-Mündung fliehen die Menschen in die Lagune, woraus später Venedig hervorgehen wird. 523 beschreibt Cassiodor in idealisierter Form ein intaktes Gemeinwesen: Ihr nennt sehr viele Schiffe euer eigen (...) ihr lebt wie die Seevögel, eure Behausungen sind verstreut über die Oberfläche des Wassers. Die Festigkeit des Bodens, auf dem ihr steht, ist abhängig von Weidengerten und Flechtwerk; dennoch zaudert ihr nicht, ein solch zerbrechliches Bollwerk der Wildheit des Meeres entgegenzusetzen. Euer Volk verfügt über einen großen Reichtum, die Fische, die für alle ausreichen. Bei euch gibt es keinen Unterschied zwischen arm und reich, ihr esst alle dieselbe Nahrung, eure Häuser sind alle ähnlich. Neid, der die übrige Welt regiert, ist euch fremd. Ihr verwendet all eure Kraft auf die Salzfelder; aus ihnen erwächst euer Wohlergehen, und sie verleihen euch Macht, all jene Dinge zu erwerben, die ihr selbst nicht habt. Denn es mag Menschen geben, die wenig Verlangen nach Gold verspüren, doch keiner kann ohne Salz leben. (so in: Crowley, S.17f)

 

Das einst große Aquileja ist menschenleer. Noch als Paulinus von Karl d.Gr. 787 als Patriarch dorthin geschickt wird, klagt er, wohl leicht übertreibend: Einst warst du eine Stadt edler Menschen, nun bist du zum Bauernkaff geworden; einst warst du eine Stadt der Könige, nun bist du nur noch eine Ansammlung bäuerlicher Hütten. (MGH, Poetae Latini I).

 

Unter langobardischer Herrschaft verschwinden die Kurien nach und nach. Die antiken Großbauten verfallen und die Ruinen dienen als Steinbruch. Als unter den Langobarden wieder Kirchen gestiftet und gebaut werden, sind sie vergleichsweise klein, wenn auch innen langsam wieder reicher ausgeschmückt. Neue Wohnhäuser sind oft aus Holz, mit Abstand zum Nachbarn, der mit Gärten ausgefüllt wird.

 

Eine gewisse Kontinuität bewahrt sich unter anderen Mailand. Die breite und hohe Stadtmauer mit ihren Türmen, ihren neun Toren und den Türmen der Zugbrücken scheint immer wieder ausgebessert worden zu sein. Auf dem Forum wird weiter ein Markt abgehalten, Straßen bleiben gepflastert und das Wasser für die Bäder läuft noch über ein Aquädukt, wie ein Loblied auf die Stadt von 739 stolz berichtet.

Die im vierten Jahrhundert erbaute Kathedrale am Stadtrand ist aber der wichtigste erhaltene Monumentalbau aus der Römerzeit. In der Nähe des Forums erhebt sich als zweites Machtzentrum die Königspfalz, deren Bedeutung erst mit dem Niedergang des Königtums im 10. Jahrhundert schwinden wird.

 

Eine gewisse Kontinuität dichter Bebauung in Teilen des den römischen Grundriss beibehaltenden Lucca lässt sich aus archäologischen Befunden annehmen. Die Häuser sind aus Holz, Ziegeln oder Steinen, wobei letztere wohl überwiegen. Königspfalz und Münze sind in der Nähe des Forums, die Kathedrale an anderer Stelle bildet den zweiten Machtpol. Der dritte ist die Pfalz (curtis) des Herzogs außerhalb der Mauern. Überliefert sind Händler, Handwerker vor allem für den Luxusbedarf und die Münzer. Vor den Mauern sind burgi, Vorstädte.

 

Auch langobardische Könige fördern den Handel und regulieren das Handwerk. Der Handel zahlt Zölle und die Märkte liefern (kaum dokumentierte) Abgaben. Seit Urzeiten ist Salz elementares Handelsgut. Es muss von den Lagunen der Adria, der Küste südlich von Pisa und von der Tibermündung überall hin geliefert werden. Für das 8. Jahrhundert ist Salzhandel von Commacchio an der Mündung des Po für seine Ebene dokumentiert.

Für einzelne handwerkliche Leistungen werden Preise fixiert und einige Handwerke sind laut den seltenen Quellen in ministeria organisiert.

 

 

Städte der Karolingerzeit

 

***Der Norden***

 

Städte entwickeln sich weiter, wenn sie einen dauerhaften Kern besitzen, der auch Überfälle und Zerstörungen übersteht, eine Kathedrale oder eine weltliche Festung - und Zuwanderung von außen bekommen. Die damit verbundene Institution sichert das Überleben. Im Norden angesiedelte Kaufmannssiedlungen wie Dorestad, Tiel oder Haithabu mit einigen Handwerkern zur Versorgung der Kaufleute und Kirchgebäuden hingegen verschwinden, nachdem sie zerstört werden. Sie können anderweitig ersetzt werden.

Man darf nicht vergessen, dass mit dem 6. Jahrhundert die Sicherheit des lateinischen Abendlandes nicht mehr dauerhaft gegeben ist, im späten siebten Jahrhundert beginnt die Expansion der arabischen Welt und des Islam, die bis ins 11. Jahrhundert den ganzen lateinischen Mittelmeerraum mit Piraterie heimsucht. 838 tauchen zum Beispiel nordafrikanische Piraten vor Marseille auf, und durch das ganze 9. Jahrhundert bedrohen sie das Rhônetal und die Provence wie auch die italienischen Küsten.

Im 9./10. Jahrhundert kommen dazu die Verheerungen und Zerstörungen durch eben solches Piratentum skandinavischer Gruppen in der Nordsee und bis zum Atlantik, sogenannter Wikinger und Nordmannen. Seit 841 bedrohen sie die nördlichen Küstenlinien und insbesondere die Mündungsgebiete von Rhein, Seine, Loire und Gironde. Von festen Lagern dort dringen sie ins Inland vor und bedrohen und verwüsten die Städte. 882 fallen sie zum Beispiel in Trier ein.

 

Solche Bedrohungen werden Anfang des 10. Jahrhunderts für die Normannen gebannt und Anfang des 11. für die Sarazenen, die aber dann immer noch den größten Teil der iberischen Halbinsel und Sizilien kontrollieren.

Und schließlich ist da die im 10. Jahrhundert immer drückendere Bedrohung durch die Ungarn.

 

 

Einen festen Kern der desungeachtet sich neu entwickelnden Städte bildet neben dem Dom oder an seiner Stelle die Pfalz, wie sie König Pippin in Aachen errichten lässt, und die durch einen prachtvollen Neubau von König Karl ersetzt wird, zu dem auch die Marienkirche gehört und ein neues Bad, in dem der Kaiser mit seinem Hof die Thermalquellen nutzen kann. Hohe Geistlichkeit und weltliche Große bauen dort ihre kleinen "Höfe", Bedienstete kommen dazu, Handwerker und ein Markt mit Händlern, darunter Juden. Darüber hinaus gibt es Gebäude für die  Lagerung von Nahrung und große Stallungen und drumherum Landwirtschaft.

Größere Pfalzen werden auch an anderen Orten errichtet, die da herum wachsen, wie Ingelheim, Nimwegen und Paderborn. Allerdings bieten Pfalzorte nicht immer die Gewähr dafür, dass dort auch dauerhaft eine städtische Siedlung entsteht, wie Tribur/Trebur und Grone beispielsweise belegen.

 

Aber die Pfalz von franconovurd wird zum Musterbeispiel dafür, wie ein königliches palatium sich aufmacht, im hohen Mittelalter dann zu einer der wichtigsten Städte im "römischen" Reich zu werden. Gelegen an einem Handelsweg mit einer Furt durch den Main, war der Fluss selbst noch wichtiger für den Transport von Getreide aus östlicheren Gebieten nach Mainz. Hier lag ein karolingischer Fiskalbezirk, der "insgesamt mindestens zwölf königliche >Villae< (Fronhöfe) mit knapp 1400 Morgen Ackerland umfasst haben dürfte, Wiesen und Wald, das Land der 112 abhängigen Bauernstellen, die das Urbar nennt, sowie die Lehen der Vasallen nicht mitgerechnet. (...) Die königliche Villa Frankfurt, deren Lage auf dem heutigen Domhügel zu suchen ist, verfügte allein über 450 Morgen Ackerland." (Joh.Fried in: 794, S.26f)

794 wird dieser Ort durch eine große Synode erheblichen Anschub bekommen, als Große aus Italien, West- und Ostfranken und Nordspanien hier zusammenkommen. Für Karls langen, siebenmonatigen Aufenthalt zwischen Feldzügen gegen die Sachsen und die Awaren muss es feste, wenn auch weithin nicht steinerne Gebäude geben, eine Kirche, die allerdings nicht repräsentativ genug ist für die Aufnahme des Leichnams der dort sterbenden königlichen Gemahlin Fastrada, die dann in Mainz beerdigt wird. Dazu Wirtschaftsgebäude und dazu gehörige Arbeitskräfte.

Karls Sohn Ludwig der Fromme wird dann die Pfalz vergrößern, die eine Generation später von Ludwig ("dem Deutschen") noch ein Salvatorstift erhält.

 

Ob eine Pfalz Zukunft als Kern einer bedeutenderen Stadt hat, ist damals aber noch nicht abzusehen. Die viel prächtigere Ingelheimer Pfalz der Karolinger, aus Stein gebaut wie die von Aachen und Nimwegen (Einhard), mit ihrem Königssaal von 14 x 30 m, hat in ihrer Nähe dörfliche Ansiedlungen, von denen eine viel später sogar ummauert wird, aber in der Nähe von Mainz wird daraus keine Stadt, sondern eine Reichsburg mit reichem ländlichem Siedlungsgebiet.

 

Unser Wissen über die Städte der Karolingerzeit ist sehr gering, es gibt nur spärliche Informationen. Autun bleibt fränkisch-burgundische Vorzeigepfalz und wird später im 9./10. Jahrhundert Münzort in Händen der Bischöfe. "Eine bürgerliche Siedlung im weiten Abstande zur Domburg bildete sich aber erst im 11./12.  Jahrhundert um das Forum" ( H.Stoob in: Frühgeschichte, S.12). Erst 814 taucht für Bordeaux" am äußersten Winkel der antiken Mauer der Dom St. André" auf und der Ort funktioniert wieder als Bischofsstadt. "Ein suburbium belebte sich erst seit Ausgang des 11. Jahrhunderts (s.o., S. 11)

Paris verliert unter den stärker östlich orientierten Karolingern zum Beispiel im Vergleich zu Metz enorm an Bedeutung. Der Hauptstadtcharakter wird am ehesten seit dem "großen" Karl durch Aachen ersetzt. Während nun Stadt und Bischof an Bedeutung verlieren, wird St. Denis in der Nähe immer bedeutender.

Seit 845 wird die Stadt mehrmals von Normannen überfallen, geplündert und gebrandschatzt. Die Bevölkerung unter dem Robertiner Graf Odo und Bischof Gauzlin hält hinter den spätantiken Mauern der Seineinsel dann 885-86 einer Belagerung stand.

 

 

In der Merowingerzeit gewinnt Regensburg mit einer Pfalz samt Heiligengrab und dem Stift Niedermünster an Bedeutung. Mit der schrittweisen Machtübernahme der Karolinger gewinnt die Stadt um 740 mit Kloster St.Emmeran. vor 778 durch den Dombezirk und das 833 erstmalig erwähnte Obermünster, brennt aber 891 ab. Als Ort des Handels mit den Slawen vor allem auch mit Sklaven ist für 934 ein Markt belegt. Wenige Jahrzehnte nach der Jahrtausendwende tauchen dort Juden auf.

 

Kontinuität bieten nicht nur die alten Bischofs-civitates. Im Gebiet von Duisburg gab es schon bronze- und eisenzeitliche Siedlungen. Gegenüber besteht auf Krefelder Gebiet das römische Kastell Gelluba (Gellep) an der Kreuzung zwischen Rhein und Hellweg. (siehe …)  Als dessen Hafen verlandet, steigt Duisburg als Handelsplatz auf. Spätestens um 922 ist für Dispargum eine königliche Pfalz zu vermuten, die von den Sachsenkaisern häufiger besucht wird, Der Ort wird mit Wall, Graben und einer ersten Mauer befestigt.

 

Das Handwerk verharrt weiter vorwiegend auf dem Lande. Weber im Status von Sklaven stellen die Tuche auf dem Gutshof her, nur in Nordgallien gibt es noch städtische Zentren für die Erzeugung hochwertiger Stoffe. In einer Aufzählung Karls d. Gr. für seine Krongüter (Capitulare de Villis) heißt es dann: Jeder Amtmann soll in seinem Bezirk tüchtige Handwerker zur Hand haben: Grob-, Gold- und Silberschmiede, Schuster, Drechsler, Stellmacher, Schildmacher, Fischer, Falkner, Seifensieder, Brauer – Leute, die Bier-Apfel- und Birnmost oder andere gute Getränke zu bereiten verstehen -, Bäcker, die Semmeln für unseren Hofhalt backen, Netzmacher, die Netze für die Jagd, für Fisch- und Vogelfang zu fertigen wissen, und sonstige Dienstleute, deren Aufzählung zu umständlich wäre. (Schulz, S. 24) Nur große Güter konnten natürlich eine solche Vielfalt aufweisen.

Zum Kloster Corbie gehören 822 zahlreiche Handwerker, Schuster, Tuchwalker, Schmiede, Schildmacher, Pergamenter, Schleifer, Gießer, Stellmacher. Zu welchem Herrengut die Handwerker auch gehören, sie arbeiten in persönlicher Abhängigkeit von ihren Herren.

 

Der Kapitalismus wird nicht gegen Herrscher, Adel und Kirche entstehen, sondern auch und zunächst vor allem aus deren Konsumbedarf heraus. Dazu bedarf es nicht nur der Händler, die Luxusgüter aus fernen Gegenden heranschaffen, sondern auch der Handwerker vor Ort, beide in die familia der Herren eingeordnet. Handwerker werden von ihnen zur Ausbildung in der Goldschmiedekunst zu Meistern anderer Herren geschickt, der Erzbischof Ebo von Reims (gest.851) bietet „einigen artifices Wohnungen an, um sie in seine Stadt zu ziehen; und Ludwig der Fromme offeriert ihm aus der Schar seiner Hörigen einen Goldschmied als Geschenk.“ (Nonn, S.60)

 

Für die fränkischen Könige wird der Handel nicht nur aus Konsumenteninteresse wichtig, sondern auch dadurch, dass sie einen Teil des Gewinns, in etwa 10 Prozent, als Zoll abschöpfen, und dokumeniert ist der zumindest für die Ostgrenzen zum Slawenland. Förderung des Handels führt auch zu einem Sonderstatus der Juden als einzigen akzeptierten Nichtchristen im Reich. Und da Christen offiziell nicht am äußerst lukrativen Sklavenhandel teilnehmen können, den Juden ihre Religion nicht verbot, werden sie als Händler geradezu gefördert. Wichtige Sklavenmärkte der Karolingerzeit sind offenbar Verdun und Mainz, zwei damals besonders mächtige Bischofsstädte.

 

Der Handel wird  auch durch immer wieder neue Schutzerklärungen der Herrscher für Fernhändler, und zwar für den Aufenthalt am Markt und die Wege dorthin und wieder von dort weg, gefördert, wobei unter den Ottonen dann oft auf die Rechtsmodelle wichtiger Handelsstädte wie Köln, Mainz oder Regensburg verwiesen wird.  Dabei wird gelegentlich auch unmittelbar das persönliche Interesse von Kaisern und Königen am Gelingen des Handels angesprochen.

 

Oft wird am städtischen Handels-Ort eine Münze eingerichtet. Er wird zum Finanzplatz. 744 veranlasst der Hausmeier Pippin der Jüngere, dass Bischöfe in ihren civitates ständige (Wochen)Märkte einrichten sollen. (MG Capit.1, 12).

 

Nachdem das Gold zunehmend in den wirtschaftlich stärkeren byzantinischen Raum abgeflossen ist oder als Schatz gehortet wird, führen die späten Merowinger eine neue Silberwährung ein. Karl der Große legt dafür neue Einheiten fest, den Pfennig (denarius), den Schilling (solidus), die Mark und das Pfund (libra). Aber selbst bei der kleinsten Einheit ist der Wert zu hoch für den alltäglichen Gebrauch. „Im Alltag herrschte der Tauschhandel.“ (Groten, S. 34) Tributzahlungen in Kriegszügen unterworfener Völker werden oft in Vieh bezahlt, wie zeitweilig laut Fredegar die Sachsen an die Merowinger jährlich 500 Kühe abgeben müssen.

Überhaupt wird Münzgeld östlich des Rheins in der ganzen Karolingerzeit selten, und "das reiche Kloster Fulda bezahlte im Jahre 827 urbar gemachtes Land mit 8 Schwertern, 5 Stücken Tuch, 4 Stück Vieh, einem Pferd und zwei paar Ohrringen" (Michael North in: Römer und Barbaren, S.303)

Dennoch nimmt wahrscheinlich spätestens unter dem großen Karl der Geldumlauf wieder etwas zu. Grundherrn erwirtschaften mit ihren abhängige Bauern und Handwerkern gelegentliche Überschüsse, die auf Märkte an Bischofssitzen und Klöstern gelangen und manchmal gegen Geld getauscht werden. Das betrifft Lebensmittel, aber auch Tuche vor allem.

Geld konzentriert sich zunehmend in den Händen von Königen und hohem Adel. Dieser kann nun wieder mehr Luxusartikel nachfragen, die von Fernhändlern geliefert werden, die von den Herrschern dafür privilegiert werden. Könige, hoher Adel und Stadtherren beginnen verstärkt repräsentative und bequemere Steingebäude zu errichten wie Karl in Aachen, welches danach zur Stadt wächst. Mehr Kirchen und Paläste werden wieder aus Stein gebaut. Im 9. und 10. Jahrhundert entsteht so ein neues Baugewerbe, welches selbst bei niedrigen Löhnen viel Geld verschlingt, auch wenn die meiste Arbeit als Dienst am Grundherrn verrichtet wird.

Überhaupt findet der langsame Wirtschaftsaufschwung vor allem im Rahmen von Grundherrschaften statt, deren Zentrum auch wie bei Bischöfen und einigen Grafen in Städten liegen kann. In diese eingegliedert sind agrarische Produzenten, Handwerk und ein Großteil des Handels. Zugleich Voraussetzung und Folge des entstehenden Kapitalismus seit dem 10. Jahrhundert wird die schrittweise Ausgliederung dieser Bereiche aus den familiae solcher Herren.

 

 

Neben dem Interesse weltlicher Macht an der Nutzung kirchlicher Strukturen im Herrschaftsinteresse scheint auf den ersten Blick der Anteil weltlichen Interesses an der Renovierung und dem Ausbau der Städte gering. Die Welt der Merowinger und Karolinger zumindest besteht zunächst aus großen Flächen urbar gemachten Landes, die aber eingegliedert sind in noch viel größere Flächen von Wäldern, Sümpfen, Heideflächen und anderem Ödland, „Wüste“ eben, wie das damals auch heißt. Und das Augenmerk scheint im wesentlichen auf solchen großen Gebieten landwirtschaftlicher Produktion mit ihrem handwerklichen Anteil zu liegen.

Aber so ganz stimmt das Bild nicht. Karolinger regieren zwar von Pfalzen aus, aber Pfalzen und andere befestigte Plätze adeliger Großer entstehen entweder im Zusammenhang solcher städtischer Siedlungen oder sie können solche sogar befördern. Und die Herrscher der neuen Reiche haben die überlebenden und sich neu bildenden Städte immer im Blick. Sie geben Verordnungen für sie heraus und versuchen diese Orte in die überwiegend agrarisch geprägten Strukturen ihrer Machtbereiche zu integrieren. Seitdem Karolinger die Rechte in der Stadt als Regalien an sich gezogen haben, vergeben sie sie zunehmend an treue Anhänger, insbesondere Bischöfe.

 

822 erklärt Ludwig I. ("der Fromme"), auf Wunsch des Bischofs von Paderborn, seinen Bischofssitz einschließlich der ihm zugehörigen Sachen und Hörigen unter unseren Schutz und unter den Schirm unserer Gerichtsfreiheit zu stellen (...) auf dass sich kein öffentlicher Richter oder sonst jemand, der rechtsprechende Gewalt innehat, unterstehen soll, in die Kirchengebäude, Ortschaften, Feldfluren oder sonstigen Besitztümer der vorgedachten Kirche einzudringen (...) um dort gemäß dem gerichtlichen Brauch Verhöre durchzuführen, Friedensbußen zu erheben, Häuser oder Hütten zu errichten, Burgen auszuheben, die Leute dieser Kirche ohne Grund zu unterdrücken oder um dort zu beliebiger Zeit irgendwelche Erhebungen oder unerlaubte Forderungen einzuziehen, - womit deutlich wird, was offenbar stattfindet.

Darüber hinaus wird der Bischofskirche Abgabenfreiheit zugesichert, denn die Erträge aus ihrem Besitz gestehen wir der Armenkasse und auch dem Unterhalt der Wachslichter der vorgenannten Kirche zu, womit vornehm umschrieben ist, dass die Kirche (eigentlich) kein Betrieb ist, der der Besitzmehrung dient. Das Ganze soll dann auch finanzieren, dass diese Kirche für das ewige Seelenheil des Kaisers, seiner Gattin und Familie fleißig betet. (in Hergemöller, S.62f)

 

Schon 787/89 ist in Bremen Dom und Bischofssitz errichtet worden, wobei der Markt dem König untersteht. Erst König Arnulf (von Kärnten) verleiht 888 detaillierter dem Bremer Bischof das Recht, einen Markt abzuhalten, Münzen zu schlagen und die Zölle einzunehmen. Im 10. Jahrhundert kommt dazu immer expliziter auch die Gerichtsimmunität. Städte setzen sich immer deutlicher vom Land ab.

Einen Siedlungsansatz gibt es in Würzburg wenigstens seit dem 6. Jahrhundert. Wohl 741 richtet Bonifatius einen Bischofssitz ein. Unter Ludwig dem Frommen erhalten die Bischöfe Markt-, Münz- und Zollrecht. Es gibt Kaufleute, vor allem aber Handwerker und Weinbergarbeiter, die Hintersassen des Bischofs und des Domklerus sind. Im 9. Jahrhundert wird eine bedeutende Domschule erwähnt.

 

Zu Pfalz und Bischofssitz kommen Klöster und klosterähnliche Institutionen mit ganz ähnlichen materiellen Bedürfnissen in den Städten, aber auch als Neugründungen auf dem Lande, wo sie wie am Beispiel Gent manchmal Kern für neue städtische Siedlungen werden.

Schließlich wird Eroberung und Zivilisierung „heidnischer“ Gebiete auch mit Hilfe der Neugründung von Bistümern und Klöstern betrieben, wodurch potentielle Zentren für Stadtbildung entstehen.

 

Besonders in Westfranzien entstehen Städte neu an großen Klöstern wie St. Martial in Limoges, St. Vaast in Arras, St. Front in Perigueux. Äbte wohldotierter Klöster sind oft so mächtige Herren wie Bischöfe und weltliche Magnaten. Bei Klöstern lassen sich Händler nieder, das Handwerk konzentriert sich manchmal dort aus ländlicher Grundherrschaft heraus. Ein Markt entsteht, mit Buden, Tavernen, und dem Kloster als Herrn fallen darüber Abgaben und Rechte zu. Dabei konkurrieren Klöster, Bischöfe und weltliche Herren auch gewalttätig miteinander. 

 

Ein gutes Beispiel ist das Prümer Tochterkloster Münstereifel. Als 844 die Knochen der Heiligen Chrysanthus und Daria dorthin überführt werden, setzt bald eine Wallfahrt dorthin ein, die wirtschjaftlich bedeutend genug ist für die Anlage eines Marktes. einer Münze und einer Zollstätte, von deren Einnahmen zwei Drittel an das Kloster fallen sollen (in: Hergemöller, S.68f).

800 erhält der Abt von Corvey für die weiter entfernte Siedlung Horhusen (Niedermarsberg) an einer Furt das Markt- und Münzrecht und für Mons Eresburg (Obermarsberg) das Zollrecht.

908 erlaubt Ludwig IV. ("das Kind") dem Bischof von Eichstätt für den Ort beim Kloster einen öffentlichen Handelsmarkt sowie eine Münze errichten und einen Zoll erheben zu dürfen, so wie es bei den übrigen Handelsorten (mercationum locis) Brauch ist, sowie einige Befestigungen in seinem Bistum gegen den Ansturm der Heiden ausbauen zu dürfen. Zusammenfassend heißt das, eine Stadt zu errichten (urbem construere), wobei die Einkünfte aus ihr dem Kloster zufließen sollen. Zudem verfügt der Bischof nun alleine über die Nutzung der Wälder. Das sind nur einige Beispiele.

 

Ähnlich wie im ehemaligen Germanien entstehen in Flandern im 9. und 10. Jahrhundert Städte aus Vorstädten an Burgen der Bischöfe und an Klöstern und an befestigten Plätzen der nun erstmals für dort erwähnten Grafen. Sie werden Zentren der nun langsam einsetzenden unmittelbaren Entstehungsgeschichte von Kapitalismus werden, zusammen mit oberitalienischen Städten. Beim späteren Gent werden im 7. Jahrhundert die beiden Klöster St. Pieter und St. Bavo gegründet, von denen Siedlungen mit von den Klöstern abhängigen Beschäftigten ausgehen.

 

Im 9. und 10. Jahrhundert nimmt (sehr) langsam das „städtische“ Gewerbe zu. Wichtiger aber ist die Entstehung einer „Marktwirtschaft“. Markt konnte natürlich kein germanisches Wort sein. Es stammt von merx ab, der Ware, und vom mercatus, dem Ort, an dem Handel getrieben wird (mercari).

Marktwirtschaft verlangt Geldwirtschaft, und dem dienen die Münzreformen Karls d. Großen. Sie verlangt aber vor allem zumindest einen zentralen Impuls, um in Gang zu kommen. Und den bietet der Wunsch einer Oberschicht, die die wirtschaftlichen Möglichkeiten hat, an jenes Geld zu kommen, welches gegen Luxus eingetauscht werden kann.

 

Luxus ist eine humanistische Entlehnung aus dem Lateinischen, welche im Deutschen dann Verschwendung, Prunk, Pracht bezeichnet, also einen moralischen Unterton bekommt. Das ist in Spätantike und Mittelalter oft anders. Prunkvolle Waffen, Prunkgewänder, entsprechender Schmuck, prachtvolles Geschirr dienen nicht nur ästhetischem Vergnügen, sondern mit diesem auch dem Vorzeigen eines herausgehobenen Status. Damit ist der potens, der Reiche und Mächtige, nicht nur ein hervorragender und als solcher zunehmend privilegierter Krieger, sondern mit der Anhäufung vorzeigbarer Luxusgüter auch Vertreter eines herausgehobenen Lebensstils. Vorbildlich dafür sind die wohlhabenderen Kirchen und Klöster, die ihre Prachtentfaltung damit rechtfertigen, dass sie dem Lobe Gottes dienen solle. Tatsächlich dienen sie wenn nicht zuerst dann doch zugleich dem Ansehen der jeweiligen klerikalen Mächtigen.

 

Der Übergang von der Schatzbildung zur Kapitalbildung hat viele Wurzeln. Die gerade angesprochene verlangt zuallererst agrarische Überschussbildung der Grundbesitzer, und den Verkauf des Überschusses auf einem vorläufig nahe gelegenen Markt. Dies wird durch einen zweiten Schritt vereinfacht, indem man den abhängigen Bauern ermöglicht, selbst Überschüsse zu erzielen und diese auf dem Markt zu verkaufen, dafür dann dem Herrn aber eine Rente zu zahlen. Dies wird im wesentlichen eine Entwicklung des Hochmittelalters.

Die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion wird Bevölkerungswachstum hervorbringen, welches mehrfach Voraussetzung für die Entstehung des Kapitalismus wird: Dieser verlangt einmal eine gewisse Bevölkerungsdichte, aus dieser resultiert Abwanderung in die Städte, und daraus ergibt sich deren Wachstum.

Parallel dazu müssen die Fernhändler, immer noch zu einem Teil Orientalen, Kapital bilden, damit sie weit voneinander entfernt einkaufen und verkaufen können. Wenn sie Kredit haben, können sie dafür Kredit bekommen und damit schießen dann Finanziers gegen einen Zins vor, was erst später sich realisieren soll.

Damit alles das sich entwickelt, muss die Produktivität in der Landwirtschaft erhöht werden, wodurch ein Innovationsdruck entsteht, den dann erst eine erste Kapitalisierung der Landwirtschaft einlösen kann.

 

All dies würde einzelne Kapitalisten hervorbringen, aber noch keinen Kapitalismus. Damit es dazu kommt, müssen die Städte sich weiterentwickeln und als Produzenten und Konsumenten an Bedeutung gewinnen. Dabei muss jenes neue Bürgertum entstehen, welches die mittelalterliche Welt so massiv verwandeln wird.

 

Unter Markt verstand man zunächst einen Markttag, der zu bestimmtem Datum an bestimmtem Ort stattfand, und zwar vor allem auf dem Lande und in der Nähe der Orte der Nahrungsmittelproduktion. In dem Maße, indem solche Märkte wichtiger werden, werden sie mit einer Abgabe belegt, zugleich aber weiter privilegiert.

 

Bis in die Zeit der Karolinger wird das alte Recht der urbanen Kerne der civitates tradiert, weiter Märkte abzuhalten. Andererseits wird es ein grundherrliches Recht, überall landwirtschaftliche Märkte abzuhalten. Daneben wird geistlichen Herren von den fränkischen Königen zunehmend ein Marktrecht verliehen. Ziel mächtigerer Herren wird es nun, den eigenen Markt vom Zoll zu befreien, ihn insofern immun zu machen. Dann genießen sie das Recht auf Standgebühren, ohne dafür Abgaben zahlen zu müssen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich bei zunehmender Marktdichte die Vorstellung, dass die Könige das Recht der Konzessionierung solcher Märkte hätten, da vor ihren Gerichten geklagt wird, wenn die Konkurrenz solcher Orte und Tage überhand nimmt. (Pitz, S. 132)

 

Einen Schritt weiter sind wir mit den Vorschriften Karls des Kahlen von 864 über die Marktaufsicht der Bischöfe und Grafen im Edikt von Pîtres. Die betreffen die „Kontrolle von Maß und Gewicht, Preisbestimmung, Warenprüfung und Beaufsichtigung der Handwerker.“ (Pitz, S. 134, MG Capit. 2, 273) Markt-Wirtschaft entsteht so neu unter der strengen Aufsicht und aus den Interessen von Herrschern und Machthabern heraus. Etwa um 900 ist das königliche Marktregal im ostfränkischen Reich voll ausgebildet. Aber das Regal wird an den Grundherrn vergeben. Grundsätzlich gilt: „Die Ordnung des Marktes ist herrschaftlich.“ (Ennen, S.66)

 

Märkte sind der Ort, an dem Grundherren ihre Überschüsse verkaufen und dafür Luxusgüter nicht zuletzt aus Fernhandel kaufen. Daneben ist Salz, selten vor Ort vorhanden, ein überall begehrtes Gut. Es kommt aus Reichenhall, Hallein, Schwäbisch-Hall und Lüneburg. Marktordnungen werden Bräuche, die dann rechtlich tradiert werden. Indem Zoll und Münze dazu kommen, entsteht ein abgesonderter Wirtschaftsraum, aus dem ein herrschaftlicher Rechtsraum werden wird.

In diesem Raum gewinnen Stadtherren Banngewalt, also das Recht, im Interesse des lokalen Friedens zu gebieten und zu verbieten. Auf diese Weise werden sie erst eigentlich zu Stadtherren.

Auch das Recht zur Prägung der Münze erhöht das Einkommen der Stadtherren. Dabei gilt die Münze nur für den Ort der Prägung, fremde Münzen müssen also eingetauscht werden, was dazu führt, dass Münzer zugleich auch zu Geldwechslern werden und zu Teilen einer städtischen Oberschicht wie am Gericht beteiligte Schöffen, beide Gruppen im Dienste des Herren.

 

Vermutlich steigt die Bevölkerung in West- und Ostfranzien wie im Norden und der Mitte Italiens zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert in einigen Gegenden langsam wieder an. Jedenfalls werden neue Ländereien aus Wald, Heide und anderem „Ödland“ für die Landwirtschaft erschlossen. Ein neuartiger Pflug, der die Erde nicht mehr nur anritzt, sondern umpflügt, kommt auf und setzt sich bis ins hohe Mittelalter in immer mehr Gegenden durch. In derselben Zeit entwickelt sich auch an ersten Orten die Dreifelderwirtschaft, welche ebenfalls die Produktivität erhöht, so wie man auch in diesen Jahrhunderten nach und nach an einigen Orten beginnt, das Pferd als Zugtier einzusetzen. Die Zahl der Wassermühlen als früher Maschineneinsatz nimmt zu. Das Verhältnis zur "Natur" wird wie in der römischen Antike, dort wo sie nicht idyllisiert wird,  durch Effizienzdenken bestimmt, welches sie als unnütze und in Nutzlandschaft zu verwandelnde "Wüste" betrachtet.  Für die Vielen, die ihr Überleben dieser Natur durch Arbeit abringen, hat sie bedrohliche Züge, was durch die neue Religion gefördert wird.

Bevölkerungswachstum und wachsende landwirtschaftliche Produktivität sind es denn auch vor allem, die die Städte wieder wachsen lassen.

 

Marktorte, ländliche Siedlungen und auch die Neustädte und burgi ziehen Leute an, die sich dort niederlassen. Unter den Handwerkern, die ihre Produkte auf dem Markt verkaufen, gibt es die Unfreien, die auf Herrenhöfen im Marktort oder seiner Umgebung arbeiten, dann persönlich Unfreie, aber in ihrem Gewerbe Freie, die auch auf eigene Rechnung arbeiten und verkaufen können, und eine Minderheit persönlich freier und wirtschaftlich unabhängiger Leute.

 

Ähnlich treten neben den meist unfreien Kaufleuten, die Handel im Auftrag ihrer Herren betreiben, nach und nach immer mehr einheimische freie auf, so mancher ein wohlhabender Handwerker, der von der eigenen Handarbeit, die er selbst auf den Markt bringt, dazu übergeht, Rohstoffe und Produkte anderer auf dem Markt zu verkaufen. Im frühen Mittelalter gelangen solche Leute zuerst in Italien zu Reichtum. Anderen gelingt es, durch Handel außerhalb der dem Herrn zustehenden Zeit wohlhabend zu werden. Handel ist also für Unfreie ein guter Weg zu einem Wohlstand, der dann auch in die Freiheit führen kann.

 

Während Grund und Boden, selbst Ernteerträge und die handwerkliche Produktion, soweit nachzuvollziehen waren, dass daraus Abgaben errechnet werden können, lässt sich das Geld des Kaufmannes zumindest zu einem guten Teil vor solchen Nachforschungen verstecken. Ludwig der Fromme ist möglicherweise der erste, der darauf kommt, durch Münzverrufung dabei Abgaben wenigstens indirekt zu erreichen: Dabei werden alle Pfennigmünzen für ungültig erklärt und durch neue ersetzt. Wer immer sie bei den Münzstätten umtauschen möchte, muss den „Schlagschatz“ bezahlen, eine willkürlich erhobene Gebühr für die Münzprägung. Natürlich war bekannt, wer über beträchtliche Summen Geldes verfügte, und gelegentlich wurde auch so versucht, zumindest an einen kleinen Teil davon heranzukommen.

 

Außerhalb Italiens und einiger Stadtlandschaften wie am Rhein waren Handel und Gewerbe aber im 9. Jahrhundert noch nicht auf Städte konzentriert, sondern blieben im wesentlichen auf dem Lande. In den fränkischen Reichen auch noch des 9. Jahrhunderts sind Städte und Märkte auch formal meist kaum herausgehoben, sie sind Teile der Grafschaften – es gibt kaum einen so verstandenen Gegensatz zwischen Stadt/Markt und Land. Unter den Karolingern werden die gräflichen Gerichte allerdings als Schöffengerichte aus herausgehobenen Einwohnern, die neben den übrigen Großen in der Stadt ein dezidiertes Vorschlagsrecht für die Zusammensetzung haben, zu einer Art Vorläufer für Gemeindeorgane. Aber von solchen ist man noch weit entfernt.

 

Im westslawischen Raum entstehen nach der slawischen Besiedlung Herrschaften, die in Burgen hausen, an die sich Siedlungen anschließen, die bis über 1000 Häuser umfassen können (wie Lublin im 8. Jahrhundert). Diese im 9. Jahrhundert mit einem Wall umgebenen Orte besitzen Handwerker und Händler.

 

***Italien***

 

Kontinuität geschieht dadurch, dass die oft romanischen Mehrheiten weiter nach römischem Recht leben. Sie resultiert aber auch daraus, das römische Vorstellungen von Stadt (welche auch sonst!) weiter existieren. In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts kann Isidor von Sevilla im Visigotenreich so in seiner lateinischen Etymologie schreiben: Civitas ist die Vielzahl der Menschen, geeint durch das Band der Gemeinschaft, benannt nach den cives, als nach den Einwohnern der Stadt selbst, denn es schließt zur Gemeinschaft zusammen und enthält das Leben der Vielen. Denn urbs sind die Mauern selbst, aber die civitas wird nicht wegen der Steine, sondern aufgrund der cives so genannt. (XV,2). Dass urbs nun nicht mehr Roma, sondern das Gebäudeensemble benennt, ist neu, aber der Rest ist römisch-antik.

Der 'Versus di Verona' vom Ende des 8. Jahrhunderts sieht Kontinuität gerade in den Baulichkeiten: Eine große und berühmte Stadt erhebt sich in Italien, in Venetien, wie Isidor lehrt, die seit der Antike Verona genannt wird. Sie ist in quadratischer Form gebaut, fest von Mauern umschlossen, achtundvierzig Türme ragen aus dem Mauerring hervor, von denen acht sehr hoch sind und die anderen überragen. Sie hat ein hohes Labyrinth von großer Ausdehnung, aus dem niemand, der einmal eingetreten ist, imstande ist, wieder herauszukommen (… das Amphitheater wohl), ein weites, geräumiges und mit Steinen gepflastertes Forum, in dem sich auf jeder der vier Seiten ein großer Bogen befindet, Plätze wundervoll gepflastert mit behauenen Steinen, Tempel, erbaut und geweiht in alter Zeit der Luna, dem Mars, der Minerva, dem Jupiter und der Venus, dem Saturn und der Sonne, die mehr als alles andere glänzt. (in: Staufer und Italien, S.217)

 

Im 8./9. Jahrhundert dürfte die Bedeutung italienischer Städte und des Handels stärker zunehmen als nördlich der Halbinsel.

Die zwischen dem Vertreter des Königs und dem (Erz)Bischof geteilte Macht bleibt in Mailand bestehen, aber ganz langsam neigt sich das größere Gewicht manchen Bischöfen zu. Das asemblatorio, der Ort der allgemeinen Versammlung, befindet sich im 9. Jahrhundert bereits auf dem Platz vor der Kathedrale.

 

Im sich kontinuierlich weiter entwickelnden Lucca ist die Kathedrale längst größter Landbesitzer. In das übrige Land im von der Stadt beherrschten Umland teilen sich andere Kirchen und etwa zwanzig große weltliche Landbesitzer, von denen ein Teil in der Stadt wohnt. Wohlhabenderes Handwerk erwirbt selbst kleineren Grundbesitz. Grund und Boden bestimmen den Status der Menschen. (Wickham, S.85f)

 

Eine gewisse Dominanz schafft der Handel vielleicht in wenigen Küstenstädten, und vielleicht schließt er ganz langsam in Mailand, Cremona und natürlich Venedig zu den landbesitzenden Großen auf. 852 ist ein erster Zusammenstoß zwischen Cremonenser Händlern und ihrem Bischof über die Hafenzölle bekannt.

Ziel des Handels ist aber Geld, mit dem Land gekauft werden kann, denn nicht Handel, sondern Grund und Boden bedeutet Status.

 

Für das Handwerk sind magistri dokumentiert, was eine gewisse Organisation andeutet. "Schon im 8. und 9. Jahrhundert gibt es Belege für einen weiten Bereich von Handwerken: Bearbeiter von Gold, Silber, Kupfer und Eisen; Hersteller von Leder, Tuchen, Seife; Erbauer von Häusern und Schiffen. Es gab sogar Salzproduktion, Suchen mit Pfannen nach Gold und Silberabbau." (in meinem Deutsch: Wickham, S.89)

 

Im Süden steigt neben der Stadt Benevent ab etwa 780 Salerno als zweite Residenz der Duces von Benevent auf. Um 840 löst sich Amalfi von napolitanischer Kontrolle.

 

Die Entwicklungen im Raum der Mittelmeerküste Galliens, welches sich bald zum fränkischen Westreich entwickeln wird, ähneln denen Italiens.

 

Schließlich sei noch kurz Hispanien erwähnt, die iberische Halbinsel, zum größten Teil bald unter islamischer Herrschaft, in der die antiken Städte weiterentwickelt werden, dabei aber nicht jene Strukturen ansteuern, die Kapitalismus entwickeln helfen, weswegen die christliche Rückeroberung Neuanfänge mit sich bringen wird. Immerhin dürften um 900 in Cordoba an die 100 000 Einwohner gelebt haben, als in den Frankenreichen größere Städte ein paar tausend besitzen, 40 000 in Toledo und vielleicht 25 000 in Granada. Handwerk und Handel florieren weit mehr als in der christlichen Welt, aber die Verbindung von Despotie und Islam erlaubt es nicht, Voraussetzungen für ein Bürgertum zu bilden.

 

Nur der wenig urbanisierte Norden bleibt in den Händen derer, die sich als Nachfahren der Visigoten sehen. Als erstes stadtartiges Gebilde entsteht dann im 9.-11.Jahrhundert das galizische Santiago de Compostela und bald darauf das asturische Oviedo und León, das leonesische Zamora und das kastilische Burgos.

 

 

***Venedig***

 

Ein Sonderfall ist Venedig, welches wohl als Fluchtziel vor den Bedrohungen der Hunnen, Goten und Langobarden entsteht, also erst nach dem Untergang des römischen Westreiches.Während die Langobarden das Binnenland beherrschen, behält Byzanz ein Gebiet aus Häfen und Inseln, welches als Exarchat von Ravenna bezeichnet wird. Im Raum Venedig amtet ein Unterbeamter des Exarchen, ein dux, ein Militärführer also. In der Volkssprache wird daraus viel später der Doge.

Venedig gehört so zu den italienischen Restgebieten unter byzantinischer Herrschaft, gehört aber zugleich weiter dem römisch-lateinischen Christentum an. Ein Patriarchat lässt sich auf der Insel Grado nieder, und nach längerer Friedenszeit unter den Langobarden kehrt ein zweites nach Aquileia zurück.

 

Vielleicht in einer Absetzbewegung von Byzanz ist, als es dort unter Kaiser Leo III. zu Unruhen kommt, in Venedig die Wahl eines dux Ursus überliefert. Vorübergehend kommt es wohl wieder zu direkter Herrschaft der Kaiser, aber 742 wird ein Sohn des Ursus wieder zum Dogen gewählt, wie es heißt von einer Volksversammlung. Der macht Malamocco auf dem Lido zu seinem Herrschaftszentrum. Venedig gerät immer mehr aus dem Blickwinkel von Byzanz.

 

Im Gegensatz zu allen anderen bedeutenden italienischen Städten ist Venedig keine alte Bischofsstadt, sondern gehört zu Grado. Aquileia begründet dagegen schon gegen Ende des 8. Jahrhunderts seinen kirchlichen Machtanspruch mit der Legende, der Evangelist Markus sei dorthin gereist, um einen ersten Patriarchen einzusetzen. Danach dann habe es ihn nach Alexandria gezogen, um dort ebenfalls ein Patriarchat einzurichten.

 

Da Venedig fast ausschließlich vom Seehandel abhängt, "verbürgerlicht" die Stadt früher als andere: Ohne Festland gibt es keine Grundherrschaft und später keine Feudalstrukturen. Die soziale Schichtung beruht also wesentlich auf Eigentum und Kapital. Ihre Bevölkerung setzt sich zunehmend aus Kapitalisten und für diese Arbeitende zusammen.

 

Schon mit der Kaiserkrönung Karls 800 gerätt Venedig in das Spannungsfeld zwischen den beiden Kaisern, welches es zu nutzen sucht.

809/10 versucht Pippin auf einem Heerzug von Chioggia aus, Venedig anzugreifen worauf das Zentrum  nun nach Rialto (rivo alto) mitten in der Lagune verlegt wird. Vermutlich errichtet schon der (offiziell byzantinische) dux Agnello Partecipazzo in diesen Jahren seinen Amtssitz dorthin, wo heute der Dogenpalast steht.

Zudem kämpft Venedig wie einige andere italienische Städte mit dem Malariaproblem. Pisa wird sich bald mit dem Versuch beschäftigen, Sumpfgebiete verlanden zu lassen. Zunächst reicher und größer als Rialto ist Torcello im nördlichen, schilfbewachsenen Lagunenteil, mit Kathedrale, Kirchen und Palästen reich ausgestattet. Aber nach und nach bis ins 12. Jahrhundert hinein werden die Einwohner weiter südlich ins Zentrum der Lagune umziehen.

 

Unter der wohl führenden Partecipazio-Familie verteilt sich im 9. Jahrhundert die Macht wohl auf mehrere sich adelig gebende Handelshäuser. Dux Johannes (Partecipazio) ist, obwohl auch Grundbesitzer auf dem Festland, laut seinem Testament kurz vor seinem Tod noch mit 1200 Pfund solidi Investor in Seehandel. 

 

In dieser Zeit beginnt Venedig die nördliche Adria unter seine Kontrolle zu bringen und zur Seemacht aufzusteigen. Die Stadt entwickelt sich unter einem dux/Dogen relativ unabhängig von den byzantinischen Oberherren, den allerdings 812 Kaiser Karl für Kaiser Michael I. im Frieden von Aachen bestätigt. Aber Venedig regelt seine Außenbeziehungen wohl zunehmend selbst.

 

Die Siedlungskerne Venedigs bestehen noch aus eher kleinen Holzhäusern mit kleinen Flächen für den Anbau von Gemüse, Wein und die Haltung einiger Schweine und Kühe.

Ohne Festland entwickelt sich kein Großgrundbesitz, sondern eine Oberschicht aus Händlern und mit ihnen frühe Geldwirtschaft. Sobald sich muslimische Herrscher an den Südküsten des Mittelmeers festgesetzt haben, beginnen Venezianer mit ihnen Handel zu betreiben, gegen die Wünsche der Päpste und von Byzanz.

 

827 lässt der aquilegische Patriarch Maxentius auf einer Synode zu Mantua verkünden, Grado sei nur eine ganz normale Pfarrei unter seiner Herrschaft. Das veranlasst die Venezianer zu einem Gegenschritt. Unter seinem wohlhabenden Dogen Guistiniano werden 828 die Reliquien (der mutmaßliche Leichnam) des heiligen Markus mit anderen Handelswaren aus Alexandria herausgeschmuggelt, um der Stadt Prestige zu verleihen. Damit sie nicht geraubt werden können, werden sie so gut versteckt, dass man sie später kaum wiederfinden kann.

 

Mit dem Bau der Markuskirche wird Venedig dann auch zur Pilgerstadt. Das Wahlamt des Dogen wird nicht erblich, aber dafür wie das päpstliche auf Lebenszeit verliehen, und ist im 9. und 10. Jahrhundert vor allem in den Händen weniger reicher Familien.

 

840 werden der Stadt im Pactum Lotharii die bisherigen Privilegien bestätigt, ohne dass Byzanz noch Erwähnung findet.

 

Seit dem 8. Jahrhundert dringen kroatische Siedler auf die dalmatinische Küste vor, wo sie Piratennester einrichten, von denen aus sie einen Kleinkrieg mit venezianischen Schiffen führen und Tribute für deren Sicherheit erpressen. Das wird bis ins 10. Jahrhundert so weitergehen.

 

Die Venezianer beginnen mit einem Flottenbau-Programm. Zu Bündnissen mit lateinischen Kaisern kommen im 9. Jahrhundert solche mit Byzanz und mit muslimischen Herrschern hinzu. Die Handelsinteressen der städtischen Oberschicht lassen sie immer aggressiver werden.

883/89 wird Comacchio an der Po-Mündung erobert und niedergebrannt, womit Venedig die Kontrolle über den regionalen Salzhandel bekommt und in den nächsten Jahrzehnten erlangt die Stadt die Hegemonie über Istrien. Der Frachtverkehr von Norditalien nach Konstantinopel gerät immer mehr in ihre Hand.

 

 

***Rom***

 

Eine kleine Gruppe mächtiger Familien regiert die Stadt zusammen mit dem Papst, ausgehend von hohen juristischen und Verwaltungs-Ämtern wie dem des Primicerius und des Arcarius oder dem des magister militum. Daneben besetzen sie die geistlichen Spitzenämter der nahen Bistümer oder der Titularkirchen und der Diakonien. Aus ihnen wird sich später das Kardinalskollegium entwickeln.

 

Im Verlauf des 8. Jahrhunderts entzieht sich die Stadt immer mehr byzantinischem Einfluss, von dem es sich im Bündnis mit den Franken dann ganz löst. Dabei begreifen sich die Päpste dann als souveräne Herren der Stadt, da sie vermeiden, im Frankenreich aufzugehen. Indem sie sich als Erben des byzantinischen imperialen Landes begreifen, nimmt ihr Landbesitz noch einmal zu.

 

Mit dem langsamen Verschwinden des Senates wuchs der römische Bischof als größter Landbesitzer in die Rolle des Stadtherrn hinein. Als solcher übernimmt er nun auch die Versorgung der sich verringernden Bevölkerung mit Getreide. Schon im 7. Jahrhundert, immer noch unter byzantinischer Hoheit, ist die Kirche auch im weiten Umland mit ihrer ausgeprägten Verwaltung fast monopolartiger Grundbesitzer.  Die Päpste vergeben ihr Land an die Kirchen der Stadt. Ein sich neu formierender Krieger"adel" beginnt Grund und Boden im Umland der Stadt zu pachten. Damit kann die Kirche bzw. können die Kirchen der Stadt ihren Besitz in etwa halten, zugleich gewinnen sie eine sie schützende militärische Klientel. (Wickham(2), S.21f)

Wo es im weiten Umland nicht stadtrömischer kirchlicher Besitz ist, gehört das Land zum Großgrundbesitz von Klöstern wie Farfa und Subiaco oder zu Bischöfen wie denen von Sutri und Tivoli.

 

Das Amt des Papstes bedeutet Macht, eine eigene Klientel mit Land und lukrativen Ämtern zu bereichern und wird entsprechend umkämpft. Im 9. Jahrhundert wird das immer deutlicher. 882 wird Johannes VIII. ermordet, während zugleich Sarazenen immer mehr in Latium einfallen. 898 wird das bedeutende Kloster Farfa geplündert und besetzt. 897 wird Nachfolger Stephan VI. ebenfalls ermordet, während die islamische Gefahr weiter zunimmt.

 

 

Kirche (muss überarbeitet werden)

 

Das Flickwerk der Endredaktion der Evangelien, Lebensgeschichte Jesu, Passion, Auferstehung, Himmelfahrt, angekündigte Wiederkehr begründet die von den Autoren berichtete Gleichgültigkeit Jesu gegenüber der weltlichen und zunächst auch priesterlichen Macht (in Palästina). Kurz zusammengefasst wendet sich der evangelische Jesus gegen jede Rebellion gegenüber der römischen Besatzungsmacht, da diese in die "Welt" verzettelt und damit von der Erringung des "Himmelreiches" abhält. Mit dem göttlichen Erlösungswerk würde alle irdische Macht ohnehin in Bälde untergehen. 

Nachdem sich die Erlösung auf immer unbestimmtere Zeit verabschiedet hat, passt es aber zu der neuen Diesseitigkeit der "Christen", diese Gleichgültigkeit des (verschwundenen) Erlösers nun in eine Bejahung der irdischen Machtverhältnisse umzudeuten. Da die Kirche immer mehr Machtfaktor wird und werden will, arrangiert sie sich zunächst mit den irdischen Mächten und bejaht sie dann rückhaltlos auf dem Weg in den konstantinischen Machtapparat.

 

Von der evangelischen Botschaft bleibt so fast nichts mehr übrig. Die Kirche vertritt seit ihrer Entstehung die Gegensätze von arm und reich, mächtig und ohnmächtig als gottgewollt. Dass Großgrundbesitzer aus der Landarbeit von Sklaven und Kolonen ihren Anteil abschöpfen, ist es ebenfalls. Aber sie übernimmt aus der aristokratischen Grundhaltung der römischen Oberschicht auch die Verachtung für Gewerbe, Handel und Finanzgeschäfte. Dabei entwickelt sie die Vorstellung von einem gerechten Preis von Waren auf dem Markt, der nicht auf Angebot und Nachfrage gründet. Alles darüber hinaus ist Preiswucher. Zins auf Land oder andere Immobilien hingegen ist christlich, da der Zahlende Nutzen gewinnt. Kaufleute jedoch, die mehr als den pretium iustum verlangen, sind Wucherer, und wer Geld gegen Zinsen verleiht, ist ein ganz schlimmer Sünder, denn er nutzt die Not, den Bedarf anderer aus. Dabei bleibt die Vorstellung ganz außen vor, dass Geld als Kapital (ausschließlich) investiert wird, um es zu vermehren, - ein Manko, welches der antiken Vorstellung von Geld entspricht. (Gilomen, S.8f)

 

Der neue Widerspruch im sich entfaltenden Christentum zwischen paulinischen und evangelischen Botschaften einerseits und der kirchlich verwalteten Realität andererseits ist nicht nur einzigartig unter den drei (Schrift)Religionen, sondern auch verglichen mit allen Opfer- und Ritualkulten. Für die meisten Christen, denen ihre Religion ausschließlich durch die Kirche vermittelt wird, ist dieser elementare Widerspruch aber vorläufig nicht wahrnehmbar.

 

Zwischen dem armen Wanderprediger Jesus und einer immer reicheren und mächtigeren Kirche gibt es bald nur noch ein Bindeglied, den offiziellen Kanon heiliger Schriften des 1. Jahrhunderts, der einerseits nicht abgeschafft werden kann, da er als Grundlage der Kirche diente, andererseits aber zur Praxis der Kirche und ihrer Gläubigen in immer größeren Widerspruch tritt. Auf dem Weg von der Antike ins Mittelalter hilft der Kirche dabei die zunehmende Illiteratheit der allermeisten Menschen, die anstelle des Evangeliums nun eine von der Kirche bereinigte und tendenziell etwas andere frohe Botschaft geboten bekommen – es sei denn, man nähme als eigentliche, unchristlich-frohe Botschaft, dass das angekündigte Weltenende noch nicht eingetreten ist und die Geschichte der Menschheit mit einer gewissen Kontinuität noch weitergeht.

 

Die radikale und zugleich einzig mögliche Lösung nach dem Ausbleiben des Erlösers ist der offensichtlich nur wenigen gegebene Zustand der Heiligkeit, der als engelsgleiche oder wenigstens ähnliche Existenz versucht, möglichst viel vom Zustand der Erlösung auf Erden schon vorwegzunehmen. Angestrebt wird dabei kein Zustand des Leidens, sondern einer der glückseligen Freude, der aus den Mühen der Verleugnung bzw. Ablehnung der Menschennatur hervorgehen soll. Dies ist die Idee mönchischer Existenz.

Dieser Zustand ist dem Klerus aber deswegen nicht möglich, weil er sich mitten in jener Menschenwelt der Laien aufhält, der dieser Anspruch nicht zuzumuten ist. Ein eheloser und unbeweibter Klerus ist schon bald nicht mehr allgemein durchsetzbar, schon gar nicht in den germanischen Nachfolgereichen, und die Neigung, das kollektive Eigentum der Kirchen so zu mehren, als ob es Privateigentum wäre, und Privateigentum als Teil eines klerikalen Status anzusehen, wird ebenfalls gängige Praxis spätestens seit dem vierten Jahrhundert.

 

 

Das Christentum ist ein Resultat einer hellenistischen und dann römischen Überfremdung insbesondere der Oberschichten in Palästina, hat also seine Wurzeln nicht mehr in kulturellen Gemeinschaften, sondern in einer Misch-Zivilisation aus heimischen und angeeigneten fremden Elementen. Es tritt dann in einen hochzivilisierten hellenisierten Raum des römischen Imperiums ein, um schließlich auf "barbarische" Kulturen zu treffen, für die Zivilisierung, Überfremdung und Christianisierung zugleich stattfinden. Der christliche Grundwiderspruch trifft so auf den zwischen Macht und Ohnmacht bzw. Besitz und Proletarisierung.

 

Mit dem Ende des weströmischen Imperiums bedeutet Christianisierung für die Nachfolgereiche entweder Unterwerfung unter die Religion der militärischen Machthaber oder aber Missionierung, die vor allem da erfolgreich ist, wo sie militärisch abgesichert wird. Immer aber bedeutet sie Zerstörung tradierter kultureller Elemente als Zivilisierung.

 

Auf dem Weg von der Antike ins Mittelalter verwandelt sich das Christentum für die allermeisten Neubekehrten in eine Sammlung disparater Geschichten und Geschichtchen, deren zentrale Botschaft immer die Unterwerfung unter die Kirche und die mit ihr verbündeten weltlichen Herren ist. Dem dient dabei das Kuriosum, dass diejenigen sagenhaften Geschichten, die im Alten Testament mit seinen mythischen Königen, sagenhaften Kriegern, Helden und Heldinnen den von Priestern entwickelten jüdischen Nationalmythos ausmachen, immer größere Bedeutung gewinnen. Direkt nebenan werden dabei aber weiter die jüdischen Nachbarn als Menschen zweiter Klasse behandelt, oft geduldet, gelegentlich verfolgt. Die Kritik, die der Jesus des Paulus und der Evangelien am Judentum formulierte, wird so substantiell ignoriert und zugleich zum Vorwand für die gelegentlich schlechte Behandlung der aktuellen Juden.

 

 

Widersprüche über Widersprüche. Der evangelische Jesus hatte wohl Armut und Besitzlosigkeit propagiert, aber seit dem Bündnis mit der antiken Macht gewinnt die Kirche Reichtum durch Schenkungen, mit denen sich immer mehr weltliche Herren in das Himmelreich einkaufen. Dieser Reichtum wird mit der Armut der Produzenten erkauft. Schon in den Reichen der Westgoten und Franken werden prächtige Bischofspaläste zu den herausragenden (steinernen) Gebäuden in den rudimentär gewordenen Städten, und Bischöfe häufen sowohl privaten wie kirchlichen Reichtum an. Bevor die Luxusbedürfnisse einer altneuen weltlichen Herrenschicht den Fernhandel wieder ankurbeln, sind es Luxusbedürfnisse der Kirche (und der Klöster), die Kirchen und Paläste schmücken. Und die „wichtigeren“ Kirchen und Klöster sammeln nicht nur Grundbesitz, entwickeln nicht nur Pracht, sondern häufen Schätze an, Gold, Silber, Edelsteine, wertvolle Tücher usw..

 

Der legitimatorische Dreh, mit dem eine reiche Kirche und reiche Klöster der Masse der Armen und mit ihrer Körperkraft Arbeitenden gegenübertritt, besteht darin, dass der klerikale und klösterliche Reichtum Gemeineigentum von Kollegien sei, die dieses im Namen Gottes und der Heiligen verwalteten. Zudem wird die sakrale Prachtentfaltung als eine zum Lobe Gottes deklariert. Die Massen der armen und illiteraten Landbevölkerung lebt zunächst wohl mit diesem und anderen Widersprüchen, ohne darauf Gedanken zu verschwenden, ist ihre Christianisierung doch nicht weit gediehen und weit entfernt von den Gedanken eines Paulus oder eines Evangelisten – dafür ganz nahe dran an den realen Machtverhältnissen und dem eigenen Überlebenskampf. Eklatant werden diese Widersprüche erst in den Städten, wenn dort die Anhäufung von Besitz, von Geld und (zunächst kleinen) Kapitalien jenes Begehren nach Besitz und nach immer mehr davon auch in weltliche Hände bringt, ohne dass diese dafür eine kirchlich abgesegnete Legitimation beibringen können, die über vermutlich nicht immer überzeugende prätendierte Gottgewolltheit hinausgeht.

 

****

 

Da für Kirchenchristen das Heil über die Eucharistie und andere sakramentale Akte läuft, wird später die originäre tatsächliche Machtbefugnis von Päpsten die, einzelne Leute zu diesen Vorgängen zuzulassen oder aber von ihnen fernzuhalten., was durch die sogenannte Exkommunikation geschieht, oder noch schärfer, indem ganze Orte oder Länder dem Interdikt verfallen, dem Verbot an die Priesterschaft, dort ihres Amtes zu walten. Da nach Verfall des weströmischen Staatswesens die Bindekräfte persönlich werden, wird der religiös gestaltete Treueeid immer wichtiger. Aus Matthäus leiten die Päpste dann später auch das Recht ab, die Menschen von solchen Eiden zu lösen, was am Übergang vom frühen zum hohen Mittelalter immer wichtiger werden wird.

 

Über die augustinische Lehre von der himmlischen und der irdischen civitas und die gelasianische Zweigewaltentheorie auf Erden samt Papst Gregors IV. Behauptung von der Überlegenheit der geistlichen Gewalt ist das Papsttum doch abgesehen von seinem Führungsanspruch in Fragen der Lehre im wesentlichen das Bistum von Rom geblieben. Erst unter dem Schutz von Byzanz, dann dem der fränkischen Herrscher, bleibt es schwach.

 

Klöster und Klerus gehorchen unterschiedlichen Regeln, mit denen sie aus der Laienschar herausgehoben sind. Gemeinsam ist ihnen idealiter in der Nachfolge Jesu und der Apostel der Verzicht auf persönliches Eigentum, die Keuschheit als Verzicht auf das Ausleben des Geschlechtstriebes und überhaupt ein gemeinschaftliches Leben außerhalb bzw. am Rande der „Welt“, des saeculum (der Zeitlichkeit). Schließlich gehört dazu bei beiden der bedingungslose Gehorsam entweder gegenüber dem Abt oder gegenüber dem Vorgesetzten in der kirchlichen Hierarchie.

Saeculum meinte ursprünglich ein Zeitalter, eine Lebenszeit, dann auch ein Jahrhundert, wie es sich im spanischen siglo zum Beispiel erhalten hat. Im kirchlichen Sprachgebrauch wird daraus alles "Zeitliche" als "Welt" im Gegensatz zum zeitlos-ewigen Reich Gottes außerhalb der Welt. Im Sinne dieser Wortbedeutung lässt sich für die christliche Welt eine Epoche zunehmender Sakralisierung im 11. Jahrhundert feststellen, auf die die Umkehr in die Säkularisierung seit dem 12. Jahrhundert erfolgt. Am Ende bedeutet dann Säkularisierung Entkirchlichung bzw. Aufhebung von Klöstern, wie sie zum ersten Mal in der sogenannten großen französischen Revolution Programm wird.

 

Nachdem Priester das Exklusivrecht auf die Durchführung sakraler Handlungen mit ihren magischen Momenten bekommen haben, Mittler zwischen ihrem Gott und den Laien werden, werden sakrale Ansprüche wie der einer "Reinheit" an sie nötig, um ihnen die entsprechende Autorität zu verschaffen. Andererseits fallen die hohen kirchlichen Ämter bald an Mitglieder der römischen Oberschicht, und mit Kaiser Konstantin wird der höhere Klerus eingeladen, Teilhaber an der weltlichen Macht zu sein.

Kaiserliche Familie und reiche Oberschicht versorgen die Kirche nun mit kompletten sakralen Gebäuden („Kirchen“), die über den Gebeinen von Märtyrern errichtet wurden, und mit Geschenken. Die Bischofskirche wird so zum kollektiven Eigentümer an immobilem Besitz und von Geld. Auf der Seite der „weltlichen“ Macht, die sie schützt und verstärkt, droht ihr von nun an „Verweltlichung“, besonders als sie dann Seite an Seite mit den weltlichen Herren der neuen, germanisch dominierten Reiche auftritt, und dafür mit immer größerem Grundbesitz und immer mehr Rechten ausgestattet wird.

 

Ähnlich erging es den Klöstern, die neben der Kirche existieren, die aber diese zu vereinnahmen versucht. Sie werden seit den Reformen des Columban immer mehr mit Mitgliedern der Oberschicht besetzt, und ähnlich wie die Kirche mit Grundbesitz versorgt. Die strengen Regeln einer Klostergründung tendieren dann immer wieder hin zu Lockerungen, worauf dann Klöster entweder der Auflösung entgegen gehen oder aber einer „Reform“, der Wiederherstellung der Ordnung.

 

Auf den Versammlungen der Kirche werden ebenso immer wieder Reformen (Wiederherstellungen) beschlossen. Dass sie nicht dauerhaft umgesetzt werden, zeigt beispielsweise das bis Ende des Mittelalters immer wieder auftauchende Thema Zölibat, also Ehelosigkeit der Priester, welches weiter unten genauer angesprochen wird.

Da die Kirche eine Institution zur Verwaltung ewiger Wahrheiten ist, kann für sie Reformieren nur Erneuerung im Sinne von etwas Altem, Vorgegebenem sein. Der eher neuzeitliche Reformbegriff, der Veränderung als neuartige Verbesserung meint, ist bereits ein Kind des sehr späten Kapitalismus.

 

Bei der Auseinandersetzung um die Führungsrolle in der Kirche gewinnt Rom, was in der Zeit der Auflösung des weströmischen Reiches von Papst Leo ("dem Großen") ausformuliert wird. Zunehmend übernehmen Päpste wie Gregor ("der Große") in ihrer Stadt wie auch Bischöfe in anderen Städten des lateinischen Abendlandes zivile und militärische Funktionen, wobei sie auf Widerstand des stadtrömischen Adels stoßen. 

 

In einem ist die Kirche der weltlichen Macht weit voraus: Noch in der Merowingerzeit bildet sich im Verbund von geistlicher und weltlicher Macht die Pflicht des Gläubigen zur Zahlung einer decima, eines Kirchenzehnten heraus, einer damals allgemeinen Einkommenssteuer, die immer mehr auf alle weltlichen Einkünfte ausgedehnt wird. Da Bischöfe davon aus jeder Pfarrei ein Drittel ungefähr einbehalten, haben sie ein ganz besonderes Einkommen neben dem aus den eigenen Grundherrschaften in ihrer Diözese und darüber hinaus und neben den Einnahmen aus bis ins hohe Mittelalter steigenden Rechten (Münzrecht usw.) 

Dazu entwickeln die römischen Päpste weitere Einkommensquellen aus ihren über Italien verstreuten Gütern, die als Patrimonium Sancti Petri bezeichnet werden und aus einem sich vor allem über Latium erstreckenden Herrschaftsraum über ihre Diözese hinaus, den die Langobarden dann gefährden, was zum Hilferuf an die Frankenherrscher führt.

 

Die Verklammerung von Kirche und Macht erreicht, wie schon einmal in der Endphase des römischen Reiches (siehe Anhang 2) einen neuen Gipfelpunkt mit der Annäherung karolingischer Herrscher und der Päpste, also den römischen Bischöfen, die ein geistliches Primat über die „katholische“ Kirche beanspruchen, und endet in der päpstlichen Kaiserkrönung Karls.

 

Darunter besteht eine Bischofskirche, die "geistliche" Macht mit der weltlichen eines großen Grundherren mit seiner abhängigen Bevölkerung und mit Ansätzen von Herrschaft über die eher noch weiter verfallenden Städte zunächst in Kokurrenz mit einem Grafen"amt" verbindet. Weltliche Grundherrschaft wiederum kontrolliert Kirche in ihrem Bereich, errichtet bescheidene Kirchengebäude als Pfarren und bestellt Pfarrer dafür, die in der Regel kaum dafür ausgebildet sind. Auch von Grundherren gestiftete Klöster geraten unter ihre weltliche Kontrolle.

 

Mit dem Verfall der kaiserlichen Zentralgewalt unter den Kindern und Enkeln des großen Karl wird die Kirche als Klammer und Ordnungsfaktor noch wichtiger. Benedikt von Aniane vertritt eine von Ludwig dem Frommen unterstützte Klosterreform, die die Klöster im Reich vereinheitlichen soll, und mit der Institutio canonicorum Aquisgranensis (Aachener Institution) von 816 soll so etwas im kaiserlichen Sinne auch für die Kirche erreicht werden.

 

Vorbild für die nun erneut verlangte vita communis ist Augustinus, der schon in seinem Elternhaus in Thagaste und dann als Bischof von Hippo mit seinen Klerikern in einer Art klösterlicher Gemeinschaft lebte.

Regularkanoniker, auch Augustiner-Chorherren genannt, legen ein Gelübde auf ihr Domstift (Hochstift) oder Kollegiatstift (Niederstift) ab und wählen unter den beiden überlieferten Augustinusregeln entweder die maßvollere Version Praeceptum / ordo antiquus oder der strengeren Observanz folgend die Version Ordo monasterii / ordo novus aus. Ein so oder ähnlich einheitlich geregeltes Leben wenigstens des hohen Domklerus in Ehelosigkeit, Gemeinschaft und kirchlichem Gemeineigentum soll also nun durchgesetzt werden, um Kirche auch im Interesse weltlicher Herrschaft zu stabilisieren. Das gelingt aber nicht überall und auf Dauer.

Vielmehr geraten die Kirche und das Kloster in den gewalttätigen Wirren des neunten Jahrhunderts immer mehr in Abhängigkeit von fürstlichen und kleineren weltlichen Herren, deren Schutz sie bedürfen, dabei gleichzeitig von ihnen bedroht.

 

Die Autorität Karls über die Kirche schwindet ausgerechnet unter jenem Sohn Ludwig, der als "der Fromme" in die Geschichtsbücher eingehen wird. In seinem Fürstenspiegel für Ludwigs Sohn Pippin, 'De Institutione Regia', rekurriert der einflussreiche Jonas, Bischof von Orléans, bereits wieder auf die gelasianische Zweischwerter-Theorie:

Da das geistliche Amt eine solche Autorität besitzt, und eine solch gewichtige Entscheidungsmacht, dass sie für die Könige selbst vor Gott Rechenschaft abzulegen haben, ziemt es sich, was sage ich, ist es nötig, dass wir uns ständig mit eurem Seelenheil befassen und das unsere wachsamen Ermahnungen euch hindern zu irren – Gott schütze euch davor - (…) Das königliche Amt ist ganz besonders das, das Volk Gottes mit Billigkeit und Gerechtigkeit zu regieren (...) In der Tat, der König muss zuallererst der Verteidiger der Kirchen und der Diener Gottes sein. (Nach dem Französischen in Audebert/Treffort, S.18))

 

Zugleich bleibt Jonas aber ein treuer Anhänger Ludwigs, wie er zum Beispiel auf dem Konzil von Paris 829 beweist. Als ein solcher weist sich auch Hinkmar aus, der 822 zur Ausbildung an den Hof Ludwigs des Frommen zu Aachen geschickt wird. Er wird Vertrauter des Kaisers und danach Vertrauter des westfränkischen Königs Karls des Kahlen und als solcher 845 Bischof von Reims.

 

882 richtet er kurz vor seinem Tod an den westfränkischen König Karlmann in Quierzy einen als 'Admonitio Hincmari ... ad episcopi et ad regem Karolomannum' betitelten Text, der als 'De ordine palatii' in die Geschichtsschreibung eingehen wird. Der erste Teil ist eine Art Einleitung, in der die königliche Gewalt nicht zuletzt im Verhältnis zur geistlichen dargestellt wird:

 

So möge denn der Herr König begreifen, zu welchem Amte (officium) er aufgestiegen ist, und er möge hören auf die warnende Mahnung des Königs der Könige, der ihm ebenso wie anderen Königen sagt: „Und nun, ihr Könige, habt Einsicht, lasst euch belehren (…) Wie daher der selige Papst Gelasius im Brief an Kaiser Anastasius aus der heiligen Schrift zeigt, und wie auch in den Akten der kürzlich beim Märtyrergrab der hl. Macra gefeierten Synode enthalten ist, sind es zwei, von denen (...) diese Welt hauptsächlich regiert wird: die geheiligte Autorität der Priester und die königliche Gewalt. 

Es folgt dann, dass die Bischöfe Aufseher (episcopoi) seien. Aufgabe der Aufseher ist es, dem ihm anvertrauten Volk (populo) durch Beispiel und Lehre unablässig zu verkünden, wie es zu leben hat. (Kap.III) Schließlich heißt es, ganz im Sinne des evangelischen Jesus: Es gilt, Gott mehr (zu) fürchten als menschliche Satzung. (S.73)

 

Außer auf Papst Gelasius bezieht sich Hinkmar für die Rolle von geistlicher und weltlicher Gewalt auf die kurz zurückliegenden Synode von Firmes (April 881), die er maßgeblich beeinflusst hatte.

 

In 'De ecclesiis et capellis' wird das in einen großen Zusammenhang gestellt: Wahrlich, Christus ist das Haupt der Christenheit, und die Kirche, die der Körper Christi ist, setzt sich aus zu Engeln gewordenen Heiligen, den lebenden und den toten Christen, zusammen. Derart sieht man, dass sie den Körper bildet, der die unterschiedlichen Glieder vereinigt. (in Audebert/Treffort, S. 70) Der Himmel reicht so, wie dann auch bei Herrscherdarstellungen des 11. Jahrhunderts, bis in die Erde hinein, und vermittels der Kirche leben die noch irdisch Lebendigen und die auferstandenen Toten und die, die noch der Auferstehung harren, in einer Gemeinschaft zusammen.

 

Für die Verselbständigung des Papsttums und Zentralisierung der Kirche steht mehr als andere Nikolaus I., Papst von 858-867. Seine Machtposition belegte er im Konflikt mit König Lothar II. (von Lotharingien), der sich wegen Kinderlosigkeit 862 von seiner Ehefrau trennen möchte, um die Konkubine Waltrada zu heiraten, mit der er bereits einen Sohn hatte. Zwei Aachener Synoden genehmigen ihm das, worauf sich Hinkmar von Reims mit Rückendeckung Karls des Kahlen dagegen und an Nikolaus wendet. Nikolaus exkommuniziert nun die Synoden und die die Scheidung betreibenden beiden Erzbischöfe.

 

Etwa in der Zeit kommt es zum Konflikt mit Ostrom, da sich Nikolaus intensiv für die Slawenmission engagiert. Im Konflikt mit dem neuen Patriarchen Photius exkommuniziert Nikolaus ihn zunächst (863,) wobei er sich mit Byzanz über die filioque-Frage so entzweit, dass der östliche Patriarch 867 gegen ihn den Bannfluch (anathema) erlässt.

 

Im letzten Kanon des Konzils von 863 wird die päpstliche Position deutlich:

 Wenn jemand den Dogmen, Anweisungen, Verboten, Sanktionen oder Dekreten , wie sie heiligmäßig vom Haupt des apostolischen Stuhls erlassen werden, handele es sich um den katholischen Glauben, die kirchliche Disziplin, die Ermahnung der Gläubigen, die Züchtigung der Missetäter, Interdikte, die gegenwärtige oder zukünftige Übel betreffen, nicht folgt, er sei verflucht. (Nach Audebert/Treffort, S.18)

 

Abt Regino von Prüm schreibt einige Jahrzehnte später lobend und etwas übertreibend über ihn: Seit dem seligen Gregor kann ihm kein Bischof, der in der Stadt Rom auf den Sitz des Pontifex erhoben wurde, verglichen werden. Den Königen und Tyrannen gebot er und beherrschte sie durch seine Autorität, als ob er der Herr der Welt gewesen wäre. Er zeigte sich demütig, süß, fromm und wohlwollend gegenüber den gewissenhaften Bischöfen und Priestern , die die Vorschriften des Herrn beachteten, furchtbar und von äußerster Härte für die nicht Frommen und die, die vom rechten Weg abwichen. (Nach Audebert/Treffort, S.18f)

 

Der Investiturstreit des hohen Mittelalters kündigt sich schon leise an, wenn auch nur in solchen Texten, denn in der Praxis sind Päpste vor allem Bischöfe ihrer Diözese, darüber hinaus mit der Realisierung ihres Patrimonium Petri beschäftigt. Zu den Bistümern jenseits der Alpen besteht wenig Kontakt und fast keine Oberaufsicht, und selbst in Italien ist der tatsächliche Einfluss gering. „Die Umgebung der Päpste in dieser Zeit ist so lokal und provinziell wie im allgemeinen der päpstliche Wirkungsbereich.“ (Tellenbach in Bernward, S.74)

 

In derselben Zeit wird eine Konstantinische Schenkung erfunden, die im Kern besagt, dass Kaiser, als er sich nach Byzanz zurückzog, den Westteil des Reiches den Päpsten überlässt. "Als Zeichen seiner kaiserlichen Stellung habe Konstantin Silvester und seinen Nachfolgern unter anderem das Phrygium verliehen, das als schneeweiße Kopfbedeckung für die goldene Krone stand, den purpurfarbenen Mantel und die scharlachrote Tunika sowie das Szepter und andere Herrschaftsinsignien; er habe festgelegt, dass die Päpste das Phrygium bei Prozessionen zur Nachahmung Unseres Reiches tragen dürften." (Borgolte, S.76)

 

 

Kloster (derzeit in Arbeit)

 

Der Weg der Entstehung von Klöstern führt nicht über die Kirche, sondern über Einsiedler, die jene Welt fliehen, welche die Kirche nur (bald zusammen mit der "weltlichen" Macht) verwaltet. Alles auf die (irdische) Welt gerichtete Begehren soll dabei auf das zum Überleben Notwendige reduziert werden, damit der Mensch weitgehend zu jenem Geistwesen wird, als welches allein er dann ja nach dem Tod in die himmlische Gegenwart Gottes gelangen kann. Diese Übung heißt im Griechischen wie auch andere askesis.

 

Grundsätzlich hinderlich auf dem Weg der wenigen Frommen ist der menschliche Geschlechtstrieb, und zwar laut den Kirchenvätern (insbesondere Augustinus) deshalb, weil er mit dem ersten Sündenfall der Willkür der Menschen entzogen wurde: Das sexuelle Begehren überfällt die Menschen eben auch völlig gegen deren Willen. Damit hält es vom Weg in die ewige Seligkeit ab, der vor allem ein Weg möglichst kontinuierlichen Gebetes ist, um den Anfechtungen des Leibes zu entkommen.

Der Weg in die Heiligkeit als Nachfolge eines nicht mehr anwesenden und so bald auch nicht mehr wiederkehrenden Jesus führt konsequenterweise in die Absonderung von den Menschen, besonders der Männer von Mädchen und Frauen.

 

Klöster entstehen ursprünglich aus dem geregelten Zusammensiedeln von Einsiedlern in einer abgeschlossenen Ansiedlung, wie es schon im Konzept des ägyptischen Pachomius in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts vorgesehen ist. Die Askese als Weg zu Gott soll von der Selbstversorgung des Einzelnen zu der Autarkie der klösterlichen Gemeinschaft übergehen.

 

Der namensgebende Kern eines Klosters als Ort der Weltflucht ist deshalb das claustrum, der von der (übrigen) Welt abgeschlossene Gebäudeteil, die Klausur eben, die den Mönchen alleine vorbehalten ist. Aus ihm ist für die Mönche mit der übrigen Welt auch das weibliche Geschlecht ausgeschlossen, und damit jenes Werkzeug des Teufels, welches sie vom Erstreben des ewigen Lebens abhält (und vice versa natürlich auch).

Die Idealvorstellung des benediktinischen Klosters nach seinem Regelwerk wird dann jene Autarkie, die es aus der Welt herausheben soll. In seinen Mauern ist man Gott nah und zumindest den Engeln ähnlich, was außerhalb nicht möglich sein kann. Die Klosterpforte mit einem bewährten Mönch als Pförtner soll vor allem die "Welt" draußen halten. Gästen soll die Klausur, der engere Klosterbereich, verschlossen bleiben. Mönche wiederum sollen in der stabilitas loci nicht außerhalb des claustrum wohnen oder sich aufhalten.

 

Abgeschlossen von der "Welt" heißt nicht, dass Klöster nicht in der Nähe von Städten entstehen, was in Gallien sehr häufig der Fall ist. Solche, die wie Columbans Luxeuil tatsächlich in einer einsamen Gegend entstehen, werden, so sie berühmt werden, durch Besucher an die "Welt" angeschlossen. Anderen schließt sich im Laufe der Zeit eine Handwerker- oder sogar Kaufleutesiedlung an. was bis zur Gründung einer Stadt führen kann (neben vielen anderen St.Gallen)

 

Schon vor dem Regelwerk von Benedikt von Nursia besteht der Alltag im Kloster aus Beten, dem Singen von Psalmen, der Lektüre heiliger Schriften, schließlich der Vermeidung fast jeglichen Gespräches, wodurch der monachos erreichen sollte, auch in der Gemeinschaft ein wenig einsam zu sein und dem Gerede und dem Geschwätz des Laienalltags zu entkommen.

 

 

Bevor Klöster in der Francia groß und mächtig werden, sind sie oft als überschaubare Einheiten in ehemaligen römischen Gutshäusern auf dem Lande untergebracht. "Der von einem Kreuzgang eingefasste Klosterhof, den man im westlichen Europa überall findet, hat sein Vorbild in dem offenen Säulengang, der sich in der Mitte jedes römischen Landhauses befand." (Brown2, S.177) Besitz gab es zunächst kaum, nur eine Bibel war mit Sicherheit vorhanden, und das Nachsinnieren über die Inhalte dieser heiligen Schrift war neben dem Gebet eine der Hauptaufgaben.

 

Neben der zunehmend von einer Oberschicht kontrollierten Kirche und unabhängig von ihr entstanden, entwickelt diese bald das Bedürfnis, sich die Klöster zu unterwerfen, um zu verhindern, dass dort ein konkurrierendes Christentum entsteht. Als der bald heilige Martin in und bei Tours laut den wenigen erhaltenen Nachrichten Bischofsamt und Mönchtum in einer Person verbindet, ist dieser Weg auf eine besondere Weise gewiesen. (siehe …)

 Nach Anerkennung von Klöstern durch eine von ihren Machtpositionen her aristokratische Kirche werden sie durch Spenden und dann sogar von weltlichen Herren betriebene Klostergründungen samt weltlicher Ausstattung verändert. Sie besitzen nun eine innere Klausur, in die nur Mönche hineindürfen, eine äußere Ummauerung oder wenigstens Abgrenzung, die über den inneren spirituellen Bereich hinaus der allgemeinen Lebensführung der Mönche dient, und dann zunehmend draußen Großgrundbesitz samt darauf lebenden Arbeitskräften, und zwar im Prinzip so wie weltliche Herren und oft in wesentlich größerem Umfang.

 

Ähnlich wie diese weltlichen Herren, die aus ihrem großen Grundbesitz idealiter (fast) alles abschöpfen, was sie zu ihrer Lebensführung brauchen, können sich auch Klöster selbst versorgen, was aber beide Seiten nicht davon abhält, Überschüsse zu verhandeln bzw. nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten Luxusgüter einzuhandeln.

Klöster werden so auf dem Weg ins frühe Mittelalter oft potente Wirtschaftsunternehmen, die von gleichgeschlechtlichen, sehr autoritär strukturierten Kollektiven betrieben werden. Mit dem weithin im Dunkel der Geschichte der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts verbleibenden Benedikt von Nursia taucht dann ein Regelwerk auf, welches er für sein Kloster Monte Cassino geschrieben haben soll, und welches das Klosterwesen durch seine Vorbildstellung verändert und vereinheitlicht.

 

Die Idealvorstellung des benediktinischen Klosters nach seinem Regelwerk ist jene Autarkie, die es aus der Welt herausheben soll. In seinen Mauern ist man Gott nah und zumindest den Engeln ähnlich, was außerhalb nicht möglich sein kann. Die Klosterpforte mit einem bewährten Mönch als Pförtner soll vor allem die Welt draußen halten. Gästen soll die Klausur, der engere Klosterbereich, verschlossen bleiben. Mönche wiederum sollen in der stabilitas loci nicht außerhalb des claustrum wohnen oder sich aufhalten. Müssen sie das Kloster doch vorübergehend mit Erlaubnis des Abtes verlassen, gilt folgendes, um nicht allzu sehr durch die Begegnung mit der "Welt" Schaden zu nehmen:

Von der Reise zurückgekehrt, sollen sich die Brüder noch am selben Tag zu allen kanonischen Gebetsstunden am Schluss des Gottesdienstes zu Boden werfen und alle um ein Gebet bitten um der Fehler willen, die ihnen vielleicht auf der Reise durch Sehen oder Hören von etwas Bösem oder durch unnützes Reden unterlaufen sind. Und keiner nehme sich heraus, einem anderen alles zu berichten, was er außerhalb des Klosters sah und hörte; denn das richtet großen Schaden an. (67)

 

Je hochgesonnener das Ideal, dessen Basis die Regeln des Benedikt bleiben, desto mehr weicht die Wirklichkeit von ihm ab. Das quälendste Thema ist durchgehend die Bewältigung des Geschlechtstriebes, die schon Benedikt zu detaillierten Anordnungen veranlasste, wie denen des Verbringens der Nacht: Jeder soll in einem gesonderten Bett schlafen... Wenn möglich sollen alle in einem Raum schlafen... In diesem Raum soll ständig ein Licht brennen bis zum Morgen. Sie sollen angekleidet schlafen... Die jüngeren Brüder sollen ihre Betten nicht nebeneinander haben, sondern zwischen denen der älteren. (22)

 

Das Funktionieren der Kasernierung von Männern (oder Frauen) auf engstem Raum verlangt nach Strukturen von bedingungslosem Gehorsam, auch wenn dies die Klöster nicht zu dauerhaft konfliktfreien Räumen macht, wie sich dort nachlesen lässt, wo solche Konflikte, die durchaus auch gewalttätig sein konnten, nach außen dringen. Aber der innerklösterliche Alltag war den Zeitgenossen draußen wie uns heute weitgehend verschlossen. Interna dringen selten nach außen.

 

In Weiterentwicklung anderer Klosterregeln wird im benediktinischen Text der Weg in die Integration in die neuen weltlichen Zusammenhänge betrieben. Aus der radikalen wird eine moderate Weltflucht, die der Askese ein wenig ihre früher hochgelobte Lebensfeindlichkeit nimmt.

Heiligende anachoretische Bedürfnislosigkeit konnte bislang als hygienische Verwahrlosung und schierer Müßiggang (miss?)verstanden werden, wie man noch beim geheiligten Hieronymus nachlesen kann. Benedikt hebt den Lebensstandard, was Sauberkeit, Ernährung und ähnliches angeht, und lehnt Betätigungslosigkeit („Müßiggang“) als der Heiligung schädlich ab. Mönche sollten sich von nun an arbeitsteilig um die gemeinsame Haushaltsführung kümmern, um Kochen, Backen, Putzen, Gärtnern, um Handwerkliches usw. Das so entstehende Arbeitsethos (Arbeit vertreibt das Böse) wird bis tief in die Geschichte des Kapitalismus hinein wirkmächtig bleiben, auch wenn Klöster immer wieder dazu neigten, große Teile produktiver Arbeit auszulagern.

 

Nun wird das täglich siebenmalige gemeinschaftliche (Pflicht)Gebet in den Mittelpunkt des klösterlichen Lebens gerückt. Dazu kommt später die gemeinschaftliche Veranstaltung der Messe, was eine (Kloster)Kirche zum baulichen Zentrum der Einrichtung macht. Mit dem Kirchengebäude rückt das Kloster aber der Institution Kirche näher, während der Eremit und so manche klösterliche Gemeinschaft beider bislang nicht bedurften. Die kirchlich geweihte Kirche braucht den geweihten Priester, einen kirchlichen Beamten also, denn Klöster sind bei aller Autonomie in die kirchliche Organisation eingebunden. Kein Wunder, dass Papst Gregor der Große in seiner Generationen später geschriebenen Heiligenlegende so von diesem Benedikt beeindruckt ist.

 

Bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Abt:Im Kapitel 71 heißt es:

Wenn jemand merkt, dass der Obere gegen ihn erzürnt ist, werfe er sich sogleich ohne Zögern auf den Boden und bleibe zu seinen Füßen liegen und leiste solange Genugtuung, bis sich die Erregung durch den Segensspruch gelöst hat.

 

Klöster waren ohnehin pädagogische Anstalten, in denen Menschen mit großer Mühe lernen sollten, ihr Leben ganz Gott und der Erlangung von Heiligkeit zu widmen. Dazu stehen Mönche unter fast ständiger Aufsicht, bei Verstößen gegen die Ordnung folgt sofortige Bestrafung, bis zur körperlichen Züchtigung.

Schon bei Benedikt steht, dass auf Ungehorsam gegen eine Klosterregel zweimalige Ermahnugn folgt, dann folgt die öffentliche Zurechtweisung, ist diese nutzlos, folgt der Ausschluss vom gemeinsamen Essen und vom Chordienst. 

Im Kapitel 43 legt er zum Thema Pünktlichkeit fest: Kommt nun einer zur Feier der Nachtwachen erst nach dem Gloria des 94. Psalms, den wir deshalb sehr gedehnt und langsam gesungen haben wollen, stehe er nicht an seinem Platz im Chor, sondern als allerletzter oder an einem abgesonderten Platz, den der Abt für derart Nachlässige bestimmt hat, damit sie von ihm und allen anderen gesehen werden. Dort bleibt er, bis er am Schluss des Gottesdienstes durch öffentliche Genugtuung Buße tut.

 

Man stelle sich dieses Regelwerk für Mitglieder des hochmütigen fränkischen Adels vor! „,Angesichts des ausgeprägten, hochempfindlichen Standesbewusstseins und Ehrgefühls, das die Menschen jener Zeit und Gesellschaft leitete, bedurfte es einer allerdings heroischen Selbstverleugnung, sich dem Regiment eines Abts zu unterwerfen.“ (Brown in 2, S.176f)

 

Das gilt bis ins hohe Mittelalter noch mehr für Nonnenklöster, deren physisch handfestere Jungfräulichkeit als besonders bedroht gesehen wird und für die sowieso größere Schutzbedürftigkeit angenommen wird. Deswegen werden Nonnen auch noch konsequenter eingesperrt als Mönche. Im Kloster wird also in enormer Detailliertheit etwas gelernt, was in der Grundherrschaft für die, die nicht Herren, sondern Knechte sind, alltägliche Wirklichkeit ist: Unterordnung, Unterwerfung, Gehorsam, der Kern jeder Herrschaft und Staatlichkeit.  

 

Autoritäre Strukturen: Es gibt die uneingeschränkte Unterordnung unter den Abt, den dominus (Herrn) und abbas (hebräisch für Vater), aber auch die Kompetenzen der Ämter darunter, des Dekans als Stellvertreter des Abtes und des Probstes (praepositus) als Aufseher über die wirtschaftlichen Belange sowie solcher für die alltäglichen Belange des klösterlichen Lebens wie das des Zellerars für Geräte, Kleidung und Lebensmittel-Vorräte. Schließlich gibt es die Autorität des Älteren für den Jüngeren: "Der Jüngere sollte dem Älteren stets Platz machen und sich erst wieder setzen, wenn der Ältere es ihm gestattet." (Goetz, S.93)

Die Selbstdisziplin des Eremiten wird hier also ergänzt bzw. ersetzt durch die ständige Kontrolle der Mitbrüder und der Vorgesetzten, was sicher nötig ist, um so viele natürliche Regungen zu unterdrücken. Hilfreich dazu ist sicher auch der gemeinsam begangene Teil des Tages mit Beten/Gesang, Schlafen und Essen. Der Rest soll mit Lektüre und eher leichter Arbeit verbracht werden, wozu Gartenarbeit, leichte handwerkliche Tätigkeiten und Schreibarbeit gehören, wozu auch für einige Krankenpflege, Armenfürsorge und Küchendienst kommen.

 

Neben das siebenmalige Chorgebet mit Psalmen, Lobgesängen, Hymnensingen und Bibelstellen und neben die tägliche Messe tritt für den benediktinischen Mönch die tägliche Versammlung in dem Saal, in dem dann unter anderem von dem Lektor ein Kapitel der Benediktsregel vorgelesen wird. Danach werden die Dienste der Mönche eingeteilt, d.h. vorgelesen. Todesfälle von Mönchen und Stiftern werden bekanntgegeben, danach müssen sich Mönche eigener Verfehlungen anklagen bzw. die anderer denunzieren. Der Abt entscheidet, befiehlt körperliche Züchtigungen, die dann vor allen ausgeführt werden, oder Ausschluss vom gemeinsamen Mahl oder von der Kommunion. Ansonsten hält der Abt Ansprachen oder Vorträge, verkündet Neuigkeiten aus der Welt der Kirche und der weltlichen Macht. Zudem können hochgestellte Potentaten beim Kapitel anwesend sein.

 

In mancher Hinsicht wirkt das frühe Kloster wie ein Übungsfeld für Aspekte des Kapitalismus. Da ist der absolute Gehorsam, der sich in dem Machtverhältnis zwischen Kapital und Arbeit wiederfindet, da ist die Betonung der Pünktlichkeit und die genaue Einteilung der Abläufe jeden Tages, die immer wiederkehrt, und da ist die Arbeitsdisziplin. Otiositas inimica est animae, Müßiggang ist der Feind der Seele, heißt es schon in den Benediktregeln (48). ...deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Zeiten mit heiliger Lesung beschäftigt sein. Und weiter: Wenn aber örtliche Umstände oder die Armut es erfordern, dass sie sich selbst mit der Erntearbeit abgeben, sollen sie sich nicht betrüben, denn sie sind dann wahrhaftig Mönche, wenn sie von ihrer Hände Arbeit leben...

 

Man liest schon hier richtig: Armut (paupertas) ist zwar ein jesuanisches Ideal, aber keines mittelalterlicher Mönche. Die Eigentumslosigkeit des Einzelnen korrespondiert nämlich mit dem grundsätzlichen Willen zu Reichtum und Macht des Kollektivs.

 

 

Für fromme Christen war der Mensch mit dem Sündenfall zu einer Missgeburt geworden, die überhaupt nur durch die Annahme des Opfertodes Jesu die Chance der Erlösung "von dem Übel/Bösen" erreichen kann. Durch die Annäherung an ein Leben im Heil soll diese Gnade Gottes angenommen werden. Durch ihre Fürbitten beziehen die Mönche (und Nonnen) die Laienschar in ihr die Menschen heilendes (heiligendes) Werk mit ein. Dieses Gebet für die Sünder draußen begründet die Schenkungen der weltlichen Mächtigen, die so die Angst vor dem Gericht nach dem Tod und die vor den Höllenqualen verringern kann.  

 

Da Klöster durch Schenkungen über großen Grundbesitz mit abhängigen bis unfreien Arbeitskräften verfügen und zudem sehr viel Handwerk an Laien delegierten, eignen sie sich für eine Mischung aus ritualisierter Frömmigkeit und fromm-aristokratischer Lebensweise insofern, als sie sehr viel Handarbeit delegieren. Sie werden so auch zu einem standesgemäßen Aufenthaltsort edelfreier Nachkommenschaft, die anderweitig für die Familien nicht günstiger unterzubringen ist, und da Klöster aufgrund ihrer wirtschaftlichen Macht zu politischen Machtfaktoren werden, versuchen mächtige Familien, dort die Abtspositionen einzunehmen und Klöster fast zu Familienunternehmen zu machen.

 

Einen ersten Höhepunkt erreicht diese Aristokratisierung der Klöster mit dem Aufenthalt des Iren Columban in Luxeuil in den Vogesen. Die meisten der zweihundert Mönche  dort entstammen den vornehmsten Familien Franciens, und das Kloster zeichnet sich durch ein religiöses Heldentum büßerischer Askese aus, welches das Heldentum fränkischer Krieger im Krieg fast übertraf. Dabei wird es zur Kadettenanstalt für zukünftige Inhaber reicher Bistümer des 7. Jahrhunderts wie Eligius, der ebenso reich war wie er heilig wird, oder Wandregesil, der St.Wandrille gründen wird.

Das Klosterwesen beginnt zu florieren, um 600 gibt es im Frankenland bereits etwa 120 Klöster, und hundert Jahre später sind es rund 450. Dazu gehören Doppelklöster wie Faremoutiers und Chelles, in denen schon mal Damen des Hochadels als Äbtissinnen über Männer und Frauen herrschen, eine für die Männer des fränkischen Adels dort besonders heiligmäßige Form asketischen Martyriums, wie zu vermuten ist.

Und manche Kloster werden reicher und reicher, denn der Bedarf an klösterlicher Gebetsarbeit und an Messen für die sündigen Familienmitglieder draußen steigt mit ihrem zunehmenden Sündenbewusstsein. 

 

Recht früh setzt sich die Tendenz durch, Kinder möglichst früh, nämlich mit oder vor Eintritt der Pubertät als Oblaten ins Kloster zu schicken. Kinder aufnehmen heißt eben auch, sie frühzeitig für ein Klosterleben erziehen und formen zu können. Von "spiritueller" Berufung kann dabei nicht die Rede sein. Das war aber nicht einfach nur manchmal eine Art Abschiebehaft von Teilen des Nachwuchses, der so versorgt wurde, diese Kinder sollen vielmehr lernen, lebenslang für die enge Verwandtschaft draußen zu beten und auch anderweitig deren Interessen drinnen zu vertreten. Schließlich waren Klöster schon in der Zeit der Karolinger ein enormer Machtfaktor.

 

Für den Adel und die Herrscher sind die Klöster nicht nur Machtfaktoren, sondern auch solche einer eigenartigen frühmittelalterlichen Religiosität. Als integraler Bestandteil von gewalttätigen Machtstrukturen und eines den offiziell hochgehaltenen Evangelien diametral widersprechenden Lebenswandels dienen sie der Delegation des Einhaltens christlicher Gebote. Mönche sind stellvertretend für den übrigen Adel einigermaßen so fromm und heilig, wie es die Kirche eigentlich vorschreibt. Darum können sie es übernehmen, durch kultische Handlungen wie Gebete und spezielle Messen dem Adel "draußen" in der Welt zu helfen, die Hölle zu vermeiden, jene, die sie auf Grund ihres Lebenswandels „eigentlich“ nach dem Tod erwartete, was wenigstens einige wohl auch glaubten.

"Die Mönche des Klosters Aadorf im Thurgau, des Hausklosters des Linzgaugrafen Udalrich im späteren 9. Jh., sollten beispielsweise täglich drei Messen und wöchentlich drei Psalter für die verstorbenen sowie eine Messe für das Heil der lebenden Familienmitglieder singen. Zunächst gedachte man der Eingetragenen einzeln, als deren Zahl aber überhand nahm, musste man sich mit einem summarischen Gedächtnis begnügen." (Goetz, S.76)

 

Nicht überall gab es da allerdings ein so beeindruckendes Spektakel wie in Centula nordwestlich von Amiens, wo der von Karl ("dem Großen") gesandte Laienabt Angilbert drei Mönchschöre organisierte, die sich unentwegt durch die Abteikirche und zwischen der Marienkirche und der dem hl. Benedikt geweihten hin und her bewegen und dabei den Lobgesang Gottes anstimmen. (Fried, S.352f). Aber überall sind sie der Ersatz für regulär sehr unchristliche Lebensführung "in der Welt".

 

Hatte die Familie eines weltlichen Großen ein Kloster gegründet, so kann man dort nachgeborene Söhne und ebenfalls Töchter in herausragender Stellung unterbringen. 852 gründet Graf Liudolf, Stammvater der Liudolfinger und Ottonen, das Kloster Gandersheim, und sorgt dafür, dass seine Töchter, die damals 12-jährige Hathumod, dann Gerberga und schließlich Christina, dieses leiten.

 

Naheliegend ist es dann natürlich auch, dass man dies Kloster zur Grablege der eigenen Familie macht, und so werden zum Beispiel Liudolf und Gemahlin Oda in Gandersheim begraben. Zudem wird der adelige Familiensinn und sein genealogisches Element gestärkt, wenn ihrer nach dem Tode in Kirche und Kloster regelmäßig gedacht wird, was man allerdings durch Stiftungen und Spenden vorher „bezahlen“ muss.

 

Neben dem wohlhabenderen Adel sind Klöster als Reichsklöster auch direkt den Königen unterstellt, entweder weil Könige sie selbst gegründet haben oder aber weil sie ihnen übertragen wurden. Um sie als Mittel zur Herrschaftsausübung nutzen zu können, erhalten sie Privilegien, wie 818 St.Gallen die freie Abtswahl (bei Zustimmungsrecht des Königs) und die Immunität durch Ludwig ("den Frommen").

"Damit war das Kloster unmittelbar dem König unterstellt und der Amtsgewalt des Grafen entzogen; die königlichen Amtsträger durften den Immunitätsbezirk zur Ausübung ihrer Amtsgeschäfte, etwa um Gericht abzuhalten oder Abgaben einzutreiben, nicht mehr betreten. Die Klöster wurden dadurch in ihrer Verwaltung autonomund durften selbst Gericht über die in der Immunität lebenden Menschen halten." (Goetz, S.84)

 

Dafür sind Reichsklöster zu Abgaben und dem servitium regis verpflichtet. 854 hat St.Gallen beispielsweise zwei Pferde und zwei Schilde abzuliefern. Zum Königsdienst gehört die Beherbergung und Verköstigung des Königs und seines Gefolges ähnlich wie in einer Königspfalz. Eine weitere Verpflichtung ist der Kriegsdienst, für den Äbte dem König Klostervasallen zuführen, oft genauso viele Panzerreiter wie Bischöfe. Äbte dienen darüber hinaus als Königsboten und anderweitig im Herrschaftsapparat.

"Abt Grimald von St.Gallen (841-72) war zugleich Abt von Weißenburg im Elsaß (einer ebenfalls bedeutenden Reichsabtei) und vor allem als Erzkanzler Ludwigs des Deutschen Vorsteher der königlichen Kanzlei und der Hofkapelle, die für den Gottesdienst am Hof ebenso verantwortlich war wie für den gesamten königlichen Schriftverkehr. Es ist begreiflich, dass er kaum noch im Kloster anwesend war" (Goetz, S.87)

 

 

Die Benediktregel ist weder bis Anfang des 9. Jahrhunderts als einzige für verbindlich erklärt worden, noch wird sie sonderlich genau eingehalten. Die einschneidendste Reform in Richtung genauerer Befolgung benediktinischer Pflichten beginnt ein fränkischer Grafensohn, der zu diesem Zweck in Aniane bei Montpellier ein Reformkloster gründet und sich selbst als Mönch ganz programmatisch in Benedikt umbenennt. Andere südgallische Klöster schließen sich seiner Reform an, was auf die Unterstützung Ludwigs (des Frommen) dort zurückgeführt werden mag. Als dieser 814 auf Vater Karl folgte, nimmt er Benedikt mit an den Hof. 816-19 wird dort neben der neuen und allgemeinverbindlichen Kanonikerregel eine entsprechende für die Klöster beschlossen. Und zwar wird das nun für alle eine streng ausgelegte Benediktregel, die sogar in den Details festgelegte "Gewohnheiten", consuetudines, absteckt. Damit wird das Ziel des "großen" Karl, Zentralisierung und damit Vereinheitlichung voranzutreiben, neben der Geistlichkeit auch für die Klöster gefordert. Das Problem ist nur, dass es wenig Mittel zur Durchsetzung gibt.

 

Die Aristokratisierung der Klöster, die zur Abschließung der fränkischen Klöstern von nichtadeligen Kreisen führt, tendiert natürlich dazu, der Arbeit möglichst viel Gewicht wieder zu nehmen, offiziell begründet durch den Wunsch nach stärkerer Spiritualisierung des klösterlichen Alltags, wie es Cluny eindrücklich als Dominanz des Liturgischen formulieren wird. Schon Benedikt von Aniane hatte zwei tägliche Hochämter und das Abbeten von 137 Psalmen durch jeden Mönch zur Pflicht erklärt.

 

Neben der wohlhabenderen Oberschicht und den Königen dient das Kloster über seine Kirche auch als Pfarrkirche und damit dem einfachen Volk. Im 9. Jahrhundert nimmt dabei die Zahl der geweihten Mönche als Kleriker erheblich zu.

"In St.Germain-des-Prés bei Paris bildeten die geweihten Mönche im 8. Jh. noch die Minderheit, im Laufe des 9. Jh. aber erreichte fast jeder Mönch im Laufe seines Lebens einen Weihegrad; im Jahre 838 waren in St.Denis 65% der Mönche geweiht; in St.Gallen besaßen 42 von den 101 Mönchen des Jahres 895 allein die Priesterweihe." (Goetz, S.77)

 

Damit verbunden wird die Tatsache, dass Klöster Schulen anschließen, die zunächst die eigenen Leute, insbesondere die als Kinder dem Kloster gegebenen pueri oblati unterrichten, zum anderen aber auch die Geistlichen des Weltklerus. In seiner 'Admonitio generalis' fordert Karl ("der Große") schon 789, dass jedes Kloster eine solche Schule und Schulbücher haben soll. Dazu passt, dass das Kloster einer ausgesprochenen Schriftreligion eine Bibliothek besitzt und eine Schreibstube, das scriptorium, in dem vor allem Texte kopiert werden.

 

Neben dem Kontakt mit dem einfachen Volk als Pfarrkirche nimmt der äußere Bereich des Klosters auch Pilger und Arme auf und verköstigt und (manchmal) bekleidet sie. Große Klöster besitzen für diesen Zweck Xenodochien, wörtlich Fremdenhäuser, von denen die Armenhäuser im 9. Jahrhundert abgetrennt werden. Solche karitativen Einrichtungen können auch der Versorgung von Kranken dienen.

 

Zu all den vielen Außenbeziehungen der Klöster kommen noch die Gebetsverbrüderungen einzelner Klöster miteinander.

"Am Beginn stand der sog. Totenbund von Atigny von 762: 22 Bischöfe, 5 Abtbischöfe und 17 Äbte verpflichteten sich dort gegenseitig, beim Tod eines der Verschworenen jeweils 100 Psalmen zu singen und 100 Messen (...) zu lesen.

(...) nach der Verbrüderung zwischen St.Gallen und der Reichenau (um 800) sollten die Priester beim Tod eines Mönchs aus dem anderen Kloster jeweils drei Messen lesen und die übrigen Brüder einen Psalm und eine Vigilfeier singen; am siebten Tag wurden dann noch einmal 30 Psalmen gesungen, am 30. Tag schließlich wiederum eine Messe gelesen bzw. 50 Psalmen gesungen." (Goetz, S.99)

 

 

Es waren übrigens vielleicht die Klöster, die neben dem König die sogenannte Villifikation mit ihrer Trennung in Salland mit Herrenhof, den für Klöster ein Verwalter übernehmen konnte, und der Verhufung von Bauernland vorantrieben. Klösterliche Grundherrschaften sind so weithin aus dem Aufgabenbereich der Mönche ausgegliedert, deren Arbeit sich auf Garten und Selbstversorger-Handwerk zurückzieht, was den Mönchen Zeit für Arbeit an ihrem Seelenheil gibt.

 

Finanziert werden Klöster und Mönche über fromme Spenden, dazu kommt das Arbeitsgebot des Benedikt in seiner Ordensregel. Zu der Handarbeit der Mönche selbst soll auch die von am Rande des Klosters angesiedelten Handwerkern kommen. Mit den Reformbeschlüssen von 816/17 soll der Anteil dieser Handwerker dann verstärkt werden, damit die Mönche sich stärker auf ihre geistlichen Ziele hin orientieren können. Der sogenannte St.Gallener Klosterplan, kurz darauf entworfen, benennt um die Klausur Brauerei, Bäckerei, Mühlen, ein Handwerkerhaus der Schuster, Sattler, Drechsler, Gerber, Schwertfeger und Schildmacher, Goldschmiede, Eisenschmiede und Walker. Im Bereich des Klosters Corbie werden viele verschiedene Handwerker erwähnt. Landarbeit über die beschauliche Tätigkeit in einem Klostergarten hinaus sollen abhängige Bauern leisten. Große Klöster reservieren darüber hinaus Hufen für Leute, die eben auch handwerkliche Produkte abzuliefern haben.