RITTER 2: RITTER, MILITÄR UND KRIEG (13.Jh.)

 

Der englische knight und die gentry

 

 

Die Ritter des 12. Jahrhunderts sind, sehr allgemein gesprochen, hochgerüstete Krieger zu Pferde, deren Wesen in einer Mischung aus sportiver Kampfeslust und Geldgier besteht. Für ihre Ausrüstung brauchen sie eine entsprechende wirtschaftliche Grundlage, die in der Regel auf der Verfügung über Land und darauf arbeitenden Leuten beruht. Als professionelle Militärs sind sie keine Bauern oder Bürger, sondern Adel.

Im Mittelenglischen werden die altenglischen cniht (Knechte) zu knights, der mittelhochdeutsche Ritter ist ein Reiter, und das ist er auch als chevalier und caballero, also als Berittener. Im 12. Jahrhundert, mit der Herausbildung eines ritterlichen Idealbildes, führen sich auch Fürsten und Könige als Ritter auf. Aber andererseits ist technisch jeder berittene Militär mit Rüstung und Waffen, also wenigstens Schwert und Lanze, ein Ritter. Darum unterscheiden sich edle Ritter und Söldner zu Pferde im Kampf kaum voneinander, und da selbst der Adel zu Pferde im 12. Jahrhundert zunehmend, wenigstens teilweise bezahlt wird, und es ohnehin zuletzt oft um Geld geht, nimmt die Tendenz zu, eine Art eigenen (eigentlichen) Ritterstand vom unedlen Söldnertum abzugrenzen.

 

 

Der englische knight und die gentry

 

Der englische Ritter, knight, ist in mancherlei Hinsicht ein Sonderfall in der europäischen Geschichte, und zwar einer, der mit der frühen Kommerzialisierung feudaler Strukturen in England zusammenhängt. Wesentlicher Aspekt dabei ist, dass Besitz immer weniger wichtig wird und Einkommen entsprechend an Bedeutung gewinnt.

In England bedeutet das, dass Ritter zunehmend nicht mehr nur oder manchmal auch gar nicht mehr wesentlich Militärs sind, sondern in Ämter aufsteigen wie das des Sheriffs, an Gerichten beteiligt ist und im 13. Jahrhundert dann als Vertreter ihres shires im Parlament auftauchen. Entsprechend wird in den 1220er Jahren ein Mindesteinkommen für die Zugehörigkeit zur Ritterschaft festgesetzt, dass damals bei jährlich 15-20 Pfund liegt und oft eher etwas mehr beträgt. Ende des 13. Jahrhunderts steigt die Erwartung an ritterliches Einkommen auf 40 Pfund.

Natürlich sind eigentlich mittlere Barone mit einem Einkommen von über hundert Pfund auch Ritter, und Earls mit einem von mehreren tausend Pfund auch, aber sie sind erst einmal Barone, tenants- in-chief, und damit Leute, die viele Ritter als ihre tenants haben.

 

Ritter werden also langsam zu einer Art "Stand" innerhalb des Adels, dessen Mitglieder wie jeder Adel seit dem 11. Jahrhundert versuchen, ihre Güter, die sie von höherem Adel erhalten, in einer patrilinear und durch Primogenitur gekennzeichneten Familie zu halten und möglichst zu erhalten. Dabei wird versucht, jüngeren Söhnen möglichst durch Zukauf ein eigenes kleineres Gut zu überlassen und den Mädchen eine marriage portion.

 

Dieser Ritterstand verringert sich aus mehreren Gründen im 13. Jahrhundert und besonders in dessen erster Hälfte ganz erheblich, geht in manchen Gegenden auf ein Drittel zurück. Nicht seine militärische Funktion, die ohnehin immer mehr auch Söldner übernehmen, spielt dabei eine Rolle, sondern sein großer Bereich "ziviler" Aufgaben wie die Beteiligung an Juries und in Ämtern, also an der lokalen und regionalen Verwaltung im weitesten Sinne. Um einen knight irgendwo einzusetzen oder irgendwo hin zu entsenden, wird es wichtig, zu definieren, wer überhaupt ein solcher ist. Zu diesem Zweck wird wie auf dem Kontinent eine Art Initiationszeremonie eingeführt, zu der auch das Gürten mit dem Schwert, also das alte Anlegen des cingulum, gehört. Das bereits kostet zunehmend Geld, und dazu gehört eine möglichst eindrucksvolle Ausrüstung und eine militärische Gefolgschaft. Aufwand ist für den Ritter auch, dass jeweils zwölf von ihnen verpflichtet sind, an der grand jury der Grafschaft teilzunehmen, und wo es wenige von ihnen gibt, müssen sie oft mitmachen.

Solche Umwälzungen, die bis in die Verschuldung von Ritterfamilien führen konnten, und dann in Antijudaismus gegenüber jüdischen Schuldnern wie in den Reihen Simons de Montfort, können die Ritterschaft erheblich verkleinern. Mitte des 13. Jahrhunderts gibt es nur noch rund tausend Ritter, die so initiiert (dubbed) sind. Die Tendenz zur Kommerzialisierung und die Betonung des Einkommens (in cash) führt dabei nicht nur zum Abstieg ritterlicher Familien, sondern zum Aufstieg von Juristen und Verwaltungspersonal, das in Ritterfamilien einheiratet oder aber Güter absteigender Ritter aufkauft.

 

1219 ist Stephen de Fretwell soweit verschuldet, dass er dem Abt von Eynsham seine mehreren hundert acres in Oxfordshire überlassen müssen gegen ein bescheidenes Haus im Ort bei niedriger Miete allerdings, mit Krämern und Bediensteten der Abtei als Nachbarn, und angewiesen auf Lebensmittel von der Abtei. Dafür wird der Abt die Schulden des nunmehr aus dem Kleinadel abgestiegenen bezahlen und so seine Ländereien, die Stephen als Pfänder gegeben hatte, auslösen, die Hälfte davon behalten und die andere Hälfte an ihn zurückgeben.

 

Später wird man kleinere (und absteigende) Ritter und aus der Ritterschaft absteigende Esquires und darunter Gentlemen als Gentry zusammenfassen, die die lokale Verwaltung und Gerichtsbarkeit gemeinsam übernimmt. Zudem steigt solche Gentry zu Domänenverwaltern (der desmesnes) der tenants-in-chief, also der Barone auf, die inzwischen unmittelbar nichts mehr mit der Ebene der ländlichen Produktion zu tun haben, und sich hauptsächlich für die Abrechnungen ihrer Beauftragten interessieren.

Anders als in deutschen Landen bilden die mächtigeren Barone außerhalb der walisischen Marken keine Fürstentümer, auch wenn manche mit riesigen honours (der Summe ihrer Güter und Rechte) gelegentlich darauf abzielen. 1166 haben so die Ferrers in ihrer honour 45 tenants, was sie theoretisch dazu verpflichtet, dem König im Kriegsfall 79 Ritter oder ersatzweise scutage zu stellen. Der größte tenant muss davon neun aufbieten. Der ganze baroniale Besitz ist über vierzehn Counties verstreut, mit der Burg von Tutbury im Zentrum. (Carpenter, S.405)

 

Mit der (Magna) Carta wird zum ersten Mal definiert, was eine Baronie ist, nämlich durch die Festlegung, dass ein baronialer Erbe 100 Pfund relief für die Übernahme seines Erbes an den König zu zahlen hat. Damit wird es nötig, festzulegen, wer Baron ist, denn alle darunter haben weniger zu zahlen, und die tenants unter dem Herrn eben auch an diesen. Dabei wird deren Land im 12. Jahrhundert ebenfalls erblich.

 

Diese finanziellen Festlegungen der Standeszugehörigkeit innerhalb des Adels, verbunden mit den langsam durch Geldzahlungen abgelösten Arbeitsleistungen unfreier Bauern und den Abgaben in Geld von freien Bauern und den (nicht an der Produktion direkt beteiligten) tenants an die jeweiligen Herren bzw. deren Verwalter kommerzialisieren die gerade erst gut hundert Jahre alten feudalen Zusammenhänge derart, dass sie zu einer formalen Hülle für ganz andere Strukturen werden.

Herren bedienen sich zunehmend der militärischen und verwalterischen Dienste von Leuten, die nicht mehr in einem feudalen Abhängigkeitsverhältnis von ihnen stehen und die mit Geld entlohnt werden. Ein Musterbeispiel sind die ritterlichen Gefolge, mit denen sich Herren umgeben. William Marshal, Earl of Chepstow und Pembroke, hat zu 12 der 18 Ritter, mit denen er sich meist umgibt, keinerlei feudale Beziehungen mehr.

Dieselbe Situation entsteht dort, wo große Herren Leute, welche in ihrem Raum Ämter bekleiden, und nicht mehr nur das des Sheriffs, in nicht mehr feudale Abhängigkeit bringen. Damit versuchen sie den Einfluss des Königs, der diese Ämter besetzt, für ihre Gegend zu reduzieren. In den Unruhen um 1260 wird unter anderem der Vorwurf verbreitet, das Sheriffs und königliche Richter nur noch die Interessen von Magnaten vertreten, die sie mit fees auf ihrer Gehaltsliste haben.

Schließlich werden Dienste welcher Art auch immer weniger mit Land belohnt, da solches nur selten noch gerade zur Verfügung steht, es ist längst verteilt, sondern mit Geld oder mit mit Geld dotierten Ämtern. Das beginnt schon beim König. Edward bezahlt so einmal an 18 englische Lords über 22 000 Mark, für die sie 225 Ritter für seinen Kreuzzug stellen sollen.

 

Knights und Gentry mit ihren vielleicht 10 000 Familien um 1300 halten zusammen mehr Land als die Barone. Das kann der einzelnen Familie bis zu 100 Pfund im Jahr einbringen oder auch nur 5. Kleinere Gentry betreibt ihr Land überwiegend in demesne, bewirtschaftet es also direkt und oft über Lohnarbeit. Im 13. Jahrhundert kostet alleine ein Pferd für den Kampf durchschnittlich 6 Pfund, und dann bleibt wenig Einkommen übrig, um sich noch Aussehen und Status eines niederen Adeligen zu bewahren.

 

Gentry neigt also dazu, Söhne studieren zu lassen, insbesondere das Recht, eine gute Vorbildung für Verwalterstellen bei den großen Baronen. Dafür gibt es manchmal bereits schriftliche Anstellungsverträge und eine jährliche Bezahlung. Aber Juristen werden auch sonst zunehmend gebraucht. Wenn das Geld aus solchen Beschäftigungen dann dazu ausreicht, ist das zentrale Betreben, Land zuzukaufen, um in größerem Umfang für den Markt produzieren zu können.