ROM UND DIE FOLGEN BIS INS KAROLINGERREICH

 

 

1. Frühe Zivilisationen

2. Römische Welten

3. Volker, Wanderungen und Krisenzeiten (Zum Problem von Volk und Stamm / Das Schwinden des Imperiums)

4. Entstehung des Kapitalismus?

5. Anverwandlungen: Der Übergang in neue Königreiche

6. Nachantike Zwischenzeit des Westens

7. Merowinger

8. Karolinger bis zum großen Karl

9. Das 9. Jahrhundert

10.Städte

 

 

Frühe Zivilisationen

 

Vor allen Zivilisationen gab es bereits Ackerbau und Viehzucht, etwas Handwerk und in beschränktem Maße Handel. Was aber als weitere Grundvoraussetzung für Kapitalismus fehlt, ist die umfassende Unterdrückung der meisten Menschen in vielfältige Formen von Untertänigkeit hinein, verbunden mit ihrer weitgehenden Enteignung und Entrechtung. Dieser Prozess der Zivilisierung, in der deutschen Sprache meist als Hochkultur beschönigt, geschah, bevor er schriftliche Spuren hinterlassen konnte, weswegen die ersten Texte erst danach die neuen Verhältnisse als Selbstverständlichkeiten abhandeln können.

 

Wir können darum heute auch nicht mehr im Detail nachvollziehen, wie die frühen jungsteinzeitlichen Kulturen im Mittelmeerraum und östlich davon in Zivilisationen institutionalisierter Macht verwandelt wurden. Aber um 3000 v.d.Zt. gibt es bereits Zeugnisse dafür, große Steinanlagen in Stonehenge, der Bretagne, auf Malta und anderswo, die auf die Unterordnung vieler unter Einzelne hindeuten. Deutlicher wird das dann mit den Pyramiden im Niltal, der Massenarbeit von Tausenden für einen Herrscher, und mit den Tempelanlagen in Mesopotamien. Mächtige in großen Gräbern mit immer prächtigeren Grabbeigaben tauchen auf, eine Kriegerschicht wird mit ihren Waffen begraben. In den Gräbern tauchen zunehmend Leute mit Kriegsverletzungen auf. Die Macht über die Untertanen entsteht im Bündnis mit Priesterschaften und ihren ausgefeilten Kulten und Opferriten und durch die Verfügung über größere Massen an Kriegern im Dienste von Herren.

 

Damit kommt es zu einem neuen Schub der Beschleunigung von Veränderung. Inzwischen sind Schmelz- und Gießtechniken für Kupfer entwickelt worden, wobei die Verfügung über das Metall unter die Kontrolle der Mächtigen gerät. Dann wird Kupfer durch die Beimischung von Zinn zu Bronze gehärtet. Kupfer gab es zum Beispiel in Süden der iberischen Halbinsel und auf Zypern, der Kupferinsel, Zinn fast nur im heutigen Cornwall und in Armenien. Intensiver Handel vor allem rund um den Mittelmeerraum setzt ein.

 

Mit diesem Handel tritt der organisierte Krieg um Rohstoffe und Handelshoheit im heutigen Wortsinn auf, das Pferd wird als Reittier und Zugtier domestiziert und schließlich vor Streitwagen gespannt. Herrschaft und Krieg, Macht und Gewalt bilden eine Einheit. Es entstehen Despotien zwischen Ägypten und Mesopotamien und eine aristokratische Welt mit Häuptlingstum zum Beispiel im künftigen Hellas. Schriften werden für Verwaltung und Wirtschaft entwickelt, und dann für die Verschriftlichung von Gesetzen benutzt. Auch mit solchen Gesetzen, Willkürakten von Mächtigen, wird in die Tradierung und damit Fortentwicklung von Kultur eingegriffen, die zu erstarren beginnt und sich nur noch im Interesse der Mächtigen verändert. An die Stelle von Selbstorganisation von Menschen tritt immer stärker ihre Verwaltung durch eine Obrigkeit. Was heute als Fortschritt deklariert wird, ist der Beginn immer umfassenderer Unfreiheit der meisten, wobei der erste Gipfelpunkt im Orient liegt - einmal von entfernten asiatischen und amerikanischen Zivilisationen abgesehen, die auf die Entstehung von Kapitalismus keinen Einfluss haben werden.

 

Um 2000 v.d.Zt. wird Eurasien von riesigen Wanderungsbewegungen erschüttert, in die weite Züge indoeuropäischer Völker einbezogen sind, die dann eine große Sprachfamilie von Europa über Persien bis Indien bilden werden. Um 1200/800 ist die mykenische Welt und das Reich der Hethiter in Anatolien zerstört, das Pharaonenreich in einer schweren Krise. Dafür treten neue Völkerschaften auf, die als Vorläufer von Kelten und Germanen zusammengefasst werden, als Hellenen und Etrusker. Dazu kommt ein Handelsvolk im Nahen Osten, welches die Griechen Purpurleute nennen werden, die Phönizier.

 

Inzwischen tritt das Eisen zur Bronze hinzu, nicht zuletzt als Material für Waffen. Im östlichen Mittelmeerraum entstehen immer mehr Städte, in denen sich zu einer aristokratischen Oberschicht und einzelnen Herrschern Handwerker und Händler gesellen. Die Masse der Bevölkerung dort ist Herren untergeordnet, bei denen zum Beispiel Goldschmuck zum Statussymbol wird.

 

Die Phönizier haben ihre wichtigsten Städte wie Tyros zwischen Libanon und Palästina. Sie treiben Handel bis zur iberischen Halbinsel, richten Handelsstationen und dann dort neue Städte ein, wie Karthago und Gades (Cádiz). Bald folgen ihnen die ersten Griechenstädte wie Phokaia, welches um 600 Marsilia, das heutige Marseille gründet. Gölobalisierung beginnt bereits mit Kolonien und nach und nach kolonisieren Griechen die Küsten Siziliens, Süditaliens und eines künftigen Gallien, wobei sie im zukünftigen Katalonien mit Emporion (Ampurias) eine weitere große Stadt bauen. Nördlich der griechischen Sphäre entwickeln in Italien Etrusker Städtebünde.

 

Mit den Phöniziern entsteht eine Schrift auf Basis eines Alphabetes, leichter schreib- und lesbar, die die Griechen übernehmen, von ihnen die Etrusker, immer leicht abgewandelt, am Ende die Römer, von denen wir, der größte Teil Europas. sie wiederum heute haben. Die modernere Schrift und die zunehmenden Rechenkünste dienen der Verwaltung großer Besitzungen und dem Handel.

 

Nach langen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Etruskern, Griechen und Phöniziern beschränken sich die Griechen auf das östliche Mittelmeer, die Phönizier auf den Westteil, während die Etrusker zur italischen Landmacht werden. Daneben steigt unter etruskischem Einfluss Rom als Stadt auf, die dann den König abschüttelt und eine Adelsrepublik bildet. Großgrundbesitzende Herren bilden das Stadtregiment und vermeiden Konflikte mit dem produktiv arbeitenden Volk (populus), indem sie es in eine Verfassung einbinden, in der es aber tatsächlich immer relativ machtlos bleibt.

 

Inzwischen haben nördlich von alledem längst Wanderbewegungen von Skythen, Germanen und vor allem Kelten begonnen, die bald auch etwas mit einer merklichen Klimaabkühlung zu tun haben könnten. Kelten lassen sich in Nordspanien, im heutigen Frankreich, Britannien und in künftigen deutschen Landen nieder, später werden einige bis nach Anatolien ziehen.

 

Bei ihnen handelt es sich um eine sprachverwandte Gruppe von Völkern, die sich besonders durch Fortschritte in der Metallverarbeitung auszeichnen. Keltische Fürsten machen sich zu Herren von kleinen Stämmen, die in - römisch ausgedrückt - civitates zusammenleben, mit einem Oppidum als befestigtem Hauptort. Es handelt sich dabei um Kriegergesellschaften von erheblicher Militanz. Am Übergang von Stammeskultur zur Zivilisation geraten sie von Städten am Mittelmeer wie Phokaia und Massilia aus früh unter griechischen Einfluss.

 

Kurz nach 400 v.d.Zt. marschieren keltische Stämme in Norditalien ein und lassen sich dort nieder. Die anwachsende Stadt Rom lebt von Landwirtschaft, Handel und Handwerk, und deren Erfolg gewährleistete einigermaßen inneren Frieden. Die Stadt ist aber zugleich ein Verband von Kriegern zu Pferde und zu Fuß, der gerade erst aus etruskischen Zusammenhängen ausgeschert war, den König abgesetzt hatte, um eine aristokratische res publica folgen zu lassen. Derweil bilden sich in Hellas poleis heraus, Stadtstaaten von Händlern und Gewerbetreibenden, mit durchweg aristokratischen Strukturen durchsetzt, die ebenfalls ohne Könige auskommen wollen, was im radikaler sich entwickelnden Athen des fünften Jahrhunderts dann als "Demokratie" verspottet wird.

 

Die Etrusker werden zwischen Kelten und Römern zerrieben, seitdem auch Rom als Landmacht immer weiter expandiert. Wohl da die Kelten offenbar früh Geflügelzucht betrieben, nannten die Römer ihren norditalienischen Zweig "Galli" (Hähne), woraus ihr Siedlungsgebiet viel später zur Gallia wird, zu Gallien also (wie F. Werner meint). 385 plündern diese Gallier Rom, aber es gelingt den Römern, sie zurückzuschlagen und in ihr Territorium einzudringen. Die Stadtrepublik entwickelt sich zu einem „Reich“, welches Römer mit dem Begriff für die Reichweite militärischer Befehlsgewalt bezeichneten: Imperium.

 

Kurz vor 200 ist "Gallien", also Norditalien" erobert und seine Romanisierung beginnt. Schließlich wird in erbitterten Kämpfen das von Nordafrika ausstrahlende Reich der Karthager besiegt und unterworfen, wobei auch zwei hispanische Provinzen einverleibt werden können. Den Landweg zwischen Italien und Spanien erobert Rom dann noch gegen Ende des 2. Jahrhunderts und gründet eine Gallia Transalpina, die später nach ihrem Hauptort zur Narbonensis wird. Kurz zuvor hatte man sich auch Hellas einverleibt.

 

Derweil hatten Völkerschaften der germanischen Sprachfamilie längst begonnen, die Kelten von Norden her zu vertreiben. Der germanische Druck führt zu neuen keltischen Wanderbewegungen unter anderem der Belger, die sich im heutigen Südengland und gegenüber auf dem Festland niederlassen. Dabei kommt es aber gelegentlich auch zu Bündnissen von Germanen und Kelten wie dem der Kimbern und Teutonen, die gemeinsam die Alpen überqueren und ins römische Reich eindringen.

 

Von Germanen und Kelten wissen wir außer von den dürftigen Zeugnissen der Archäologie hauptsächlich durch römische Texte. Sie waren sich wohl nicht nur im Aussehen ähnlich, hochgewachsen, hellhäutig und mit hellen Haaren, sondern ihre Stammeskulturen waren auch verwandt bis darauf, dass der Weg in die Zivilisation, also in Herrschaftsstrukturen, bei Kelten schon weiter fortgeschritten war. Dazu gehörten stadtähnliche Siedlungen, von Fürsten beherrscht, und einer Art kriegerischer Oberschicht darunter. In der Eisenproduktion und ausgedehntem Handel lag ihre eine Stärke, die andere in furchterregendem Kriegertum..

 

Römische Welten

 

All das war mit enormen inneren Veränderungen im Machtbereich der Römer verbunden. Unruhen und die Schaffung eines großen gemeinsamen Marktes und Handelsraumes samt Folgen der vielen großen Kriege veränderten die urbs Roma und die Landschaften des Reiches. Die bäuerliche Landwirtschaft schwindet zunehmend und wird nach und nach immer mehr in den Großgrundbesitz jener Oberschicht integriert, die auch die politische Macht inne hat. Heimisches Handwerk wird von großräumiger Konkurrenz bedroht und von größeren „Firmen“. Es kommt zu gewaltiger Landflucht in immer neu entstehende Städte und insbesondere nach Rom selbst, wo ein riesiges Proletariat entsteht, eine Masse von Leuten, die nichts als proles, Nachkommen, mehr zu eigen haben.

 

Diese städtischen Massen müssen ruhiggestellt werden durch "private" und dann „staatliche“ (Gratis-)Lieferungen von Nahrungsmitteln und durch ein zum guten Teil ebenfalls kostenloses, in Rom fast tagtägliches Amüsierprogramm.

 

Der römische Stadtstaat schafft sich im Zuge seiner gigantischen Expansion zahlreiche städtische Ableger in den eroberten Gebieten, die immer mehr wie Rom zu sich selbst verwaltenden Einheiten werden, civitates. Zumindest die städtischen Bevölkerungen, von den überlegenen technischen, militärischen und den allgemeinen Lebensstandard betreffenden „Errungenschaften“ beeindruckt, werden „romanisiert“ und erhalten schließlich in der Kaiserzeit dasselbe Bürgerrecht wie die Leute in der urbs Roma und zumindest ähnliche ökonomische und "politische" Strukturen.

 

Mit der gewaltsamen Integration des großgriechischen Raumes geraten Teile der römischen Oberschicht in den Einflussbereich für überlegen erachteter griechischer Vorstellungs- und Lebenswelten, sie werden hellenisiert, und so treffen sie dann auf die ebenfalls hellenisch beeinflussten Gallier im Norden.

 

Die Expansion des imperialen Rom über die Alpen bis zur Donau und unter Caesar auch von der südlichen Gallia (Narbonensis) nach Norden und dann später auch nach Britannien geschieht unter dem Druck der germanischen Völker nach Süden und nach Westen. Damit nun sind die meisten Gebiete, in denen Kapitalismus entstehen wird, unter dem Dach römischer Zivilisation.

 

Caesar erklärt den Rhein zur Grenze zwischen Gallia und Germania, weiterhin einer terra incognita. Inzwischen geraten erste Germanenvölker unter einen gewissen Einfluss römischer Zivilisation und ihres die oberen Schichten betreffenden Wohlstandes. Zwischen Kelten und Germanen schieben sich am Rhein zwei Provinzen: Eine Germania mit Köln als Hauptort und eine zweite, deren Zentrum Mainz ist.

 

Als römisches Militär sich in der Gegend festsetzt, die es bald Palaestina nennen wird, trifft es dort wiederum auf ein bereits partiell hellenisiertes Judentum. Durch die griechischen Texte, die dann von Jesu Leben und Sterben künden, gelangt das sich wandelnde Christentum auch in den lateinischen Teil des Imperiums, wo es sich nach und nach und etwas anders anpasst als in der griechischen Hälfte.

 

Eine wesentliche Veränderung dieses römischen Reiches ist mit seiner intensiven Militarisierung im Zuge seiner Expansion verbunden. Dabei werden viele freie Bauern in die Städte vertrieben und adelige Großgrundbesitzer samt ihren Sklaven treten an ihre Stelle. Der Konsens der sowohl politischen wie ökonomischen Oberschicht zerbricht, als sich „Politiker“ an die Spitze von Volkshaufen und dann von Armeen stellen und auf diese Weise um eine Macht und ein Machtzentrum kämpfen, die das groß gewordene Reich zusammenhalten soll. In rund hundert Jahren ruinösem Bürgerkrieg kristallisiert sich mit Gaius Julius Caesar ein genialer Mann heraus, der sowohl begabter Militär wie Politiker ist, - und brutal wie seine Konkurrenten. Es gelingt ihm, de facto die stadtrepublikanische Verfasstheit auf der Basis militärischer Gewalt für das Reich außer Kraft zu setzen. Mit seiner Ermordung durch Vertreter des alten Stadtadels wird der Weg frei für einen Kompromiss: Die aristokratische Verfassung bleibt in Kraft, wird aber ergänzt durch einen Monarchen, der zugleich oberster militärischer Befehlshaber ist. Zunächst muss er sich neben dem Militär weiter auf den alten Adel stützen, was heißt geschickt zu lavieren, aber langsam wird die Bedeutung der Armee weiter steigen, nicht zuletzt auch, weil es gegen Kelten und Germanen, gegen Berber, Araber und Perser und viele andere in immer neuen Kriegen zu kämpfen gilt.

 

Octavian, der erste dieser neuen Monarchen, der sich als Caesar Augustus, als Erhabener also bezeichnet, fällt mit der Zeit seiner Regierung auch in die Zeit der frühen Jahre Jesu, von denen wir allerdings gar nichts wissen. Die Landschaften von Judäa, Galilea und Samaria sind unter römischer Militärgewalt, haben aber vorläufig einen gewissen Sonderstatus mit von Rom akzeptierten „eigenen“ Königen. Unser Jesus ist offenbar überhaupt nicht interessiert daran, welche Macht in der Region herrscht, da sie ohnehin mit dem von ihm angekündigten Weltenende untergehen würde. Man möge dem Kaiser seine Abgaben zahlen, um sinnlose Konflikte zu vermeiden. Andererseits fordert er aber nicht dazu auf, dem Tempel noch seinen Tribut zu zollen. Jesus ist also für die Römer völlig unbedeutend, sofern sie ihn überhaupt wahrnehmen, was kaum der Fall gewesen zu sein scheint. Bedrohlich für die Tempelpriesterschaft wird er erst, als er sie bewusst herausfordert.

 

Die sich im gesamten Mittelmeerraum bis nach Britannien und im Osten bis an Perserreiche ausbreitende "römische" Zivilisation, aus vielen Völkern und zwei Hauptsprachen (Latein und Griechisch) zusammengeschweißt, ist weiterhin und immer noch zunehmend eine städtische. Eine Oberschicht von immer mehr Senatoren, einer Art Reichsaristokratie (Demandt), und der Rat der Dekurionen kontrolliert diese Städte, versieht sie mit ihren prächtigen Stadthäusern, lebt aber zudem in luxuriösen Villen auf dem Lande von ihrem Großgrundbesitz mit immer abhängigeren bäuerlichen Produzenten. Unterhalb dieser nobilitas und städtischem Adel gibt es Händler und Handwerker, zunehmend staatlich organisiert, darunter die für Tagelohn arbeitende Plebs und die Sklaven. Die Mächtigeren dieser Oberschicht hielten sich seit der späten Republik eine Klientel, eine im Zweifelsfall auch bewaffnete Gefolgschaft.

 

Die Dekurionen oder Kurialen, Mitglieder der städtischen curia, reiche Großgrundbesitzer allesamt, sind für die Bauten, die Nahrungsversorgung, die Kulte und das Amüsierprogramm in der Stadt zuständig. Sie haben also nicht nur Privilegien, sondern auch Lasten, die siew zunächst für ehrenhaft ansehen. Im vierten Jahrhundert wird das Eintreiben der zunehmenden Steuern für das von außen stärker bedrohte Reich zur besonderen Belastung. Dieser imperiale Finanzbedarf wird ganz oben festgelegt, dann auf die Provinzen und schließlich von dort auf die Städte umgelegt und muss von diesen vor allem über die ländliche Produktion aufgebracht werden.

 

Über der civitas wölben sich die Provinzen mit ihrer Verwaltung und darüber die Zentrale Rom mit dem Senat und vor allem dem Kaiser, der sich als einigende Kraft auf das Militär stützt. Als alleiniger Gesetzgeber und über dem Gesetz stehend beansprucht er göttliche Kraft und Verehrung.

 

Nach der Eroberung Englands beginnt eine zweihundertjährige vergleichsweise Friedenszeit, in der die Pax Romana Handel und Wirtschaft fördert und aus den Völkern "Römer" macht, ohne das Land dabei aber völlig zu romanisieren. Dazu dient auch die Erweiterung des Bürgerrechtes auf alle Freien in immer mehr Gegenden, die sie zu cives aufwertet, zu demselben Recht gehörigen Stadt- und Staatsbürgern. Einer kleinen, aber mächtigen Oberschicht stehen so abhängige Bauern auf dem Lande und proletarisierte Massen in den Städten gegenüber, die zum Teil mit Nahrung, aber überall durch private und städtische Initiativen mit einem umfangreichen Amüsierprogramm versehen werden, ähnlich wie auch heutzutage: Theater mit Schauspiel überwiegend auf niedrigem, derbem Niveau, das Odeon, einer Art Variété, Rennbahnen, Arenen für Gladiatorenkämpfe und ähnlich brutale Spektakel und manches mehr. Massen: Solche Arenen hatten selbst in der Provinz Platz für bis zu über 30 000 Menschen. Dazu gehören auch die großen Bäderanlagen, den Griechen abgeschaut.

 

Das eher in vielem, vor allem der relativen Unabhängigkeit der Städte, civitates, dezentrale Reich hat als wesentliches zentralstaatliches Merkmal den Haushalt, dessen Einnahmen, die zu allererst die Heere finanzieren, zunehmend von der abhängigen Landbevölkerung erbracht werden müssen. Diese ist häufig in den aristokratischen Großgrundbesitz eingeordnet, der sich in einen kleinen, direkt bearbeiteten Herrenhof und viele Pachtgrundstücke der abhängigen Bauern teilte, die zudem noch Dienste auf dem Herrenhof leisten müssen und sich zunehmend der Gerichtshoheit der Herren unterstellen müssen. 332 verbietet dann Kaiser Konstantin diesen colones zur Sicherung der staatlichen Einnahmen, ihr Land zu verlassen, was ihre Abhängikeit vom Herren erblich macht. Das wird dann von den germanisch dominierten Nachfolgereichen zusammen mit großen Teilen der römischen Aristokratie übernommen werden. (Werner, S.216).

 

Als erhebliche technische Leistungen mögen die Gewölbe angeführt werden, mit denen Hallen (Basiliken) überspannt werden, und mit denen enorm lange Aquädukte für die Wasserversorgung der Städte und steinere Brücken gebaut werden. Ein solches technisches Niveau wird dann langsam in der Zeit wieder erreicht werden, in der Kapitalismus sich einzuwurzeln beginnt, nach dem ersten Jahr Tausend.

 

Handwerkliche Spitzenleistungen gibt es auch in der Keramik, der Glasproduktion und anderen Bereichen der Luxusproduktion für die Oberschicht.

 

****"Christianisierung"****

 

Mit der Auswanderung des Christentums aus dem Judentum gerät es in eine erheblich andere Welt als die seines Ursprungs. Während es sich in Syrien stärker ländlich einwurzelt, Jesus war eher kein (Groß)Städter, sondern vertraut mit dem Leben in kleinen Ortschaften, gelangt es im lateinischen und kerngriechischen Teil des Reiches zunächst in große Städte mit ihren ganz eigenen Strukturen, nach Alexandria, prächtigen anatolischen, also griechischen Metropolen und schnell auch in die Millionenstadt Rom. Der vielleicht aramäisch sprechende Jesus der Evangelien musste also zunächst ins Hebräische, dann ins Griechische und schließlich ins Lateinische übersetzt werden, mit einer jeweils verschiedenen Begrifflichkeit, die etwas unterschiedliche Vorstellungswelten ausdrückt.

 

Dabei gelangt Christentum in Verhältnisse extremer Unterschiede von arm und reich, von Macht und Ohnmacht, und von neuen Auffassungen von einem guten und schlechten Leben. Vor allem bauen Römer alle ihre Vorstellungen auf ihrer spezifischen Auffassung einer patriarchalen Familie auf, und das Christentum kann daran nicht vorbei. Damit aber ist das jesuanische „lasst alles stehn und liegen und folgt mir nach“, ganz jüdisch offenbar ausschließlich an Männer gerichtet, nicht mehr aufrechtzuerhalten.

 

Mit der patriarchalen Familie und der Sorge um Frau und Kind ist der neu definierte Gott nicht mehr als alleiniger Mittelpunkt fassbar. Und da er nicht mehr wiederkam, konnte man nicht auf Kinder für das eigene Alter verzichten, die Vorstellung einer Erlösung zu Lebzeiten schwand. Zudem erkennt die Kirche, dass sie offenbar Nachwuchs für ihre Gemeinden braucht, um nicht auszusterben. Was davon bleibt, ist ein Kult der Jungfräulichkeit für besonders Auserlesene, die dann zum Zeichen ihrer Heiligkeit besonders gewandet vorne in der Kirche sitzen und der Prozession voranschreiten dürfen. Was wiederum mit zunehmendem Misstrauen begleitet wird, sind Leute, die sich ohne kirchliche Hilfe zum Beispiel als Eremiten ganz selbständig mit ihrer eigenen Heiligung und Erlösung beschäftigen.

 

Familie hieß selten ein Oberschicht-Dasein als Großgrundbesitzer, für die meisten bedeutete es stattdessen arbeiten und Geld verdienen, um in einer Welt allgemeiner Lohnarbeit oder als zunehmend abhängiger Bauer zu überleben. Und aus alledem erwuchs dann das Bedürnis nach den Tröstungen des fast genauso allgemein vorhandenen Amüsierbetriebes. Und wer sonst nichts konnte oder wollte, ging schon damals zum Militär und wurde Soldat. Das zweite Jahrhundert ist bereits voller Texte, die beklagen, dass man Christen und Heiden immer weniger unterscheiden kann.

 

Aber da war ja die Kirche als Besonderheit. Die hatte zunächst kaum ein eigenes Gebäude, aber doch einen Raum, indem man sich traf. Organisiert wurden die Treffen von Presbytern, Ältesten, die später auf deutsch Priester heißen werden. Und solche Versammlungen im Raum einer civitas mit ihrem erheblichen Umland werden dann bald vom einem übergeordneten episcopos beaufsichtigt, der auf deutsch dann zum Bischof wird.

 

Solche Versammlungen sind für die meisten Menschen im Vergleich mit den römischen und griechischen Kulten mit ihren Zeremonien, dem Nebel des Geheimnisvollen und den sie begleitenden Festivitäten eigentlich nicht sehr attraktiv. Und so wird das dort veranstaltete Gedächtnismahl für das letzte Abendessen des "Herrn" mit seinen Aposteln immer stärker magisch aufgeladen, wobei dem Presbyter steigende Bedeutung zukommt. Ein Altar muss her, nicht mehr der nebenan, bei dem Tiere geopfert werden, sondern einer, an dem zeremonielle Gegenstände, die heilige Schrift und was auch immer abgelegt werden können. Immerhin haben die Christen ja auch ein Opfer, das ihres Gottes am Kreuz, welches man feiern kann. Und hatte nicht Jesus kurz vor seinem Tode gesagt, wie man lesen konnte, dass man sich beim Essen und Trinken an ihn erinnern sollte, den Wein wie sein Blut und das Fleisch wie sein Fleisch betrachten solle, um sich seines Opfertodes ganz handfest gemeinschaftlich zu erinnern?

 

Auf diese Weise entstand langsam die Messfeier, in die sich nach und nach die Vorstellung einschlich, dass sich dabei irgendwie Wein und feste Nahrung in Fleisch und Blut Jesu verwandeln, etwas, was allerdings erst im 11. Jahrhundert zum Dogma werden wird. Dafür sitzt man nicht mehr einfach weiter am runden Tisch und isst und trinkt, sondern der Priester reicht von der Altarseite aus besondere symbolische und darum kleine Portionen. So entsteht der zunehmend magisch besetzte Kirchenraum, in dem sich Priester und Gemeinde gegenübersitzen und später dann gegenüberstehen.

 

Mit der magischen Note, die das bekommt, beginnt das Sakramentalisieren bzw. Weihen von Speis und Trank und dann des Raumes, in dem das alles geschieht. Und wenn schon die Gemeinde immer mehr an Heiligkeit verliert, dann muss doch wenigstens der Priester daran gewinnen. Wie Jesus und seine Apostel soll er möglichst unbeweibt sein und seinen Geschlechtstrieb im Zaume halten. Er soll außerdem besitzlos sein wie Jesus; Spenden gehen dafür an die Institution und damit an Gott, wie auch bei den Heiden. Auf diese Weise soll er eine Art bezahlter Beamter der Gemeinde werden, den diese zu finanzieren hat. Das Priestertum der heidnischen Antike zieht so in neuem Gewand wieder ins Christentum ein.

 

Aus dem Ältesten, presbyteros der Gemeinde, wird so der Priester, und aus dem Aufseher über eine Anzahl Gemeinden, episcopos, der Bischof. Vollgültiger sacerdos wird dabei nur der Bischof, der alleine Priester und Kirchen weihen darf mit den magischen Kräften des Bindens und Lösens und ihrer Schlüsselgewalt, was sie zu direkten Nachfolgern der Apostel mit fast deren Status macht.

 

Auf diese Weise entsteht etwas noch nie dagewesenes, was auf deutsch später Kirche heißt, ursprünglich ekklesia, griechisch für eine Menschenversammlung, dann ein institutionalisierter und zunehmend in Bistümern zentralisierter Apparat beamteter Priester, überall im Reich einigermaßen gleich, denn es ging um denselben einen Gott und dieselbe eine heilige Schrift. Und im römischen Reich mit seinen städtischen Strukturen passt diese Kirche sich an die vorhandenen Strukturen an: Der Priester vor Ort, der Bischof für das ganze Territorium der civitas, der Metropolit darüber für mehrere civitates, bald auch archiepiscopus in latinisiertem Griechisch genannt und schließlich Erzbischof im Deutschen. Darüber wölbte sich noch das Patriarchat, und unter deren mehreren wird das von Rom für den lateinischen Westen nach und nach die Oberhand gewinnen, während die anderen später dem Islam bzw. der Bedeutungslosigkeit zum Opfer fallen.

 

Das römische Imperium gerät im Laufe der Zeit immer mehr in die Defensive und die militärischen Ausgaben steigen. Aus der Bürgerwehr der Stadtrepublik Rom ist längst eine Vielzahl professionalisierter Armeen geworden, die das Vielvölkerreich wiederspiegeln. Rom wird immer "unrömischer" auch unter dem Einfluss bedeutender werdender anderer orientalischer Kulte neben dem Christentum. Die steigende Abgabenlast der Oberschicht, ihr Entrée in die politische Macht der civitas, wird nach Möglichkeit an die Landbevölkerung weitergereicht, die dadurch in immer größere Abhängigkeit von den Magnaten gerät. Andererseits verleiden diese Abgaben der Oberschicht zunehmend das Vergnügen an der Leitung der res publica vor Ort, der öffentlichen Angelegenheiten in der civitas nämlich, und sie zieht sich stärker in das Privatleben zurück, auf ihre luxuriös ausgestatteten Landgüter. Das Imperium verliert seine wichtigste tragende Schicht, die Kurien schrumpfen immer mehr zusammen und die Rolle der Bischöfe in den civitates steigt damit erheblich, auch weil sich mit ihrem Amt durch Spenden immer mehr Besitz verbindet.

 

Die Christen trennen zunehmend zwischen einem „römischen“ Alltag, der sich von dem der Nichtchristen kaum noch unterscheidet, und dem kirchlich gestalteten Leben daneben, welches vielfältigere Facetten bekommt. Konflikte mit der „heidnischen“ römischen Welt finden kaum statt, gelegentlich, eher selten, gibt es aber dabei kurze dramatische Phasen. Die Caesaren hatten sich, um sich unangreifbarer zu machen, eine gewisse Art von nicht klar definierter Göttlichkeit angeeignet, und wenn sie es aufgrund instabiler Verhältnisse für angebracht hielten, mussten die Untertanen ihnen kurz einmal als eine Art Ergebenheitserklärung opfern, entweder in bestimmten Gegenden oder im ganzen Reich. Das war an sich keine große Sache, aber eine Minderheit der besonders frommen Christen hielt daran fest, das nicht tun zu dürfen, da sie nur ihren eigenen Gott anerkannten.

 

Im Extremfall wurden sie dann für diesen Hochverrat bis hin zu einem damals gängigen, aber für uns heute oft grausamen Tod verurteilt. In ihrem öffentlichen Sterben bezeugten sie ihren Glauben, wie sie meinten, wurden also auf griechisch Märtyrer, und die laue Menge der Duckmäuser, die verständlicherweise brav opferte, um nach einer Karenzzeit wieder in der Gemeinde aufzutauchen, deklarierte sie dann manchmal zu besonders Heiligen, wie um sich hinter dem Faktum ihrer Besonderheit zu verstecken. Die stete Zunahme der Gemeindemitglieder belegt, dass es sich bei diesen Märtyrern allerdings meist um Ausnahmefälle handelte. (ausführlicher in Anhang 2)

 

Wie nicht anders zu erwarten, verändert das Christentum mit seiner Ausbreitung über Palästina hinaus seinen Charakter. Mit der Christianisierung des griechischen Raumes wird es hellenisiert, mit seinem Einzug im lateinischen Westen des Imperiums romanisiert. In Syrien mit seiner eigenen Sprache und seinen Lebensformen erobert es sich schneller das Land, anderswo zunächst die Städte.

 

Trotz deutlich zunehmender Mitgliedschaft bleibt die Kirche eine Minderheit im Reich der „Römer“. Aber mit dem Verfall der politischen Strukturen in den civitates, die zugleich Bistümer sind, gewinnen die Bischöfe an Gewicht und werden zu einem stabilisierenden Element. Ein Teil der Abgaben der Frommen wird für die Alimentation der vielen Armen verwendet, nach dem Jesuswort, dass, was ihnen gegeben wird, Gott gegeben werde. Die Kirchen sind so ein recht braver Ordnungsfaktor, ihre Mitglieder auf Untertänigkeit getrimmt und bis auf den Kaiserkult zur Gänze ins Reich integriert. Bischof wird man als christliches Mitglied der städtischen Oberschicht, und schon alleine dadurch wird die Identifikation der Kirche mit den römischen Machtstrukturen deutlich erleichtert. Die hohen Ämter der Kirche bieten eben auch eine Karriere jenseits des amtlichen cursus honorum, der Beamtenlaufbahn, und spendenfreudige reiche Christen versorgen die Kirche mit immer mehr Eigentum.

 

Zudem kommt es aus der Sakralisierung des Kaiseramtes heraus zunehmend zu einem Bündnis der Kaiser mit einem Gott, vor allem dem sol invictus, der unbesiegbaren Sonne, einer Art oberstem Kriegsgott. So ist es kaum verwunderlich, dass Kaiser Konstantin die Stabilisierung seines Reiches auch durch das Einvernehmen mit dieser monotheistischen Kirche als Ordnungsfaktor sucht. Von einer Bekehrung kann bei ihm wohl kaum die Rede gewesen sein, wenn man davon absieht oder darauf hinweist, dass er offenbar nach erfolgreicher Unterstützung durch Bischöfe zu einer Art Identifikation seines Haus- und Kriegsgottes Sol (der Sonne) mit dem christlichen Gott gelangt, wozu ihn wohl einige dieser Bischöfe animiert hatten. Im Zeichen des Kreuzes Kriege zu gewinnen, war wohl ihre Erfindung gewesen.

 

Die Bischöfe, ob soviel Anerkennung und Machtzuwachs sichtlich erfreut, lassen es dann zu, dass er sich bald als der Chef ihrer Kirche aufführt, denn sie werden dadurch zugleich mächtig aufgewertet. Konstantin ist wohl wenig am evangelischen Kern dieser merkwürdigen Religion interessiert, der ohnehin stetig an Bedeutung verliert, aber sehr an der Stabilität ihrer Organisation und Institution, weswegen ihn die bei Christen üblichen doktrinären Streitereien, die gang und gäbe sind und immer wieder in innerkirchliche Machtspiele ausarten, eher ärgerten und er sehr - und sehr erfolgreich - darauf drängt, dass eine einheitliche Doktrin sich durchsetzt, die damit zurande kommen muss, dass Christen Gott, seinen Sohn und einen ominösen Heiligen Geist gleichermaßen verehren und dabei zugleich behaupten, das sei ein und dieselbe Person. Ein für allemal klären und dann kein Meckern mehr zulassen war wohl die kaiserliche Devise.

 

(Genaueres in Anhang 2)

 

Man wird sich noch viele Jahrhunderte streiten, ob Jesus als Christus und Gottessohn nun auf Erden Mensch war oder nur so aussah und auftrat, von den Wundergeschichten einmal abgesehen. Und der Heilige Geist war ein besonderer Fall, es war der Gott, der zu den Menschen sprach und ihnen die heiligen Texte, "das Gesetz" auftrug. Die aber waren als Gottes Wort und unumstößliche Wahrheit absolut notwendig, denn ohne ihren Besitz, den nämlich ewiger Wahrheiten, war die Kirche nicht mit dem unduldsamen Absolutheitsanspruch ausgestattet, der ihre Macht begründete.

 

Im Verlauf des vierten Jahrhunderts, in dem diese Kirche den Weg in den Status einer alleinigen Staatsreligion beschreitet, wird aus der Unduldsamkeit im Bündnis mit den ganz und gar irdischen Mächten ein immer gnadenloserer Kampf gegen die „Heiden“, deren Heiligtümer am Ende zerstört, Priester erschlagen und die nun Ungläubigen mit allen Mitteln zur Taufe gezwungen werden. Christentum und Grausamkeit passen immer besser zusammen. Kurz darauf geht das lateinische Westreich zur Gänze in germanisch dominierten Nachfolgestaaten auf.

 

Dieser beispiellose und radikale Wandel vom paulinischen und evangelischen Jesus hinein in die triumphierende, doktrinäre und immer brutalere Kirche, vom Gott, der denen, die sich ihm ganz hingaben, gnädig war, und der auf Erden den Frieden verkündet haben soll, zum Gott des Schlachtenglücks, der zur Gänze in die Verfügung eines kirchlichen Apparates geraten ist, wird also abgeschlossen mit dem Ende jenes irdischen Reiches, in dessen Randzone er hineingeboren worden war.

 

Zum Wandel gehörte die Reintegration jüdischer Aspekte eines Kriegsgottes von enormer Militanz. Überhaupt werden die von Christen gesammelten jüdischen Texte nun zur Vorgeschichte ihres Christus, während der paulinische und evangelische Jesus selbst sich nur auf sehr wenige ausgewählte Passagen bezogen hatte. Damit nimmt man sie praktisch den Juden weg, die einfach nicht wahrhaben wollten, dass sich die Schrift (des nun Alten Testamentes) mit Jesus „erfüllt“ hatte und damit eigentlich erledigt ist. Die nächsten 600 Jahre werden Christen gegenüber Juden ein ambivalentes Verhältnis haben, immerhin hatten sie ihren Christus angekündigt. Aber der eher volkstümlich-zeremonielle Teil des neuen Synagogen-Judentums nach Zerstörung des Tempels war inzwischen durch einenandersartigen christlichen ersetzt worden und es gibt keine Verständigung mehr zwischen beiden Seiten. Andererseits sind Juden noch für viele Jahrhunderte als Geschäftsleute gefragt, die auch darum von den Mächtigen geschützt werden.

 

Ein weiterer Aspekt sowohl von Rejudaisierung als auch von Romanisierung wird die so ganz unevangelische Vorstellung, dass man durch Eigenleistung die bedrohlichen Folgen unausweichlicher Sündhaftigkeit lindern könne, durch Spenden, Opfergaben, Almosen. Zu diesem fast schon direkten Geschäftsverhältnis mit Gott trat früh für die Kirchenfrommen das über die Gnadenmittel der Kirche vermittelte. Dafür hilfreich wurde es, der Kirche Besitztümer zu überschreiben. Aus einem Teil der daraus resultierenden Einnahmen finanziert die Kirche städtische Armenpflege und übernimmt so Aufgaben der kurialen Oberschicht.

 

Mit dem Ende der Jerusalemer Christengemeinde und der paulinischen Missionszeit war der Glaube an die schnelle Wiederkehr des Messias/Christus erledigt, eigentlich die Grundlage des Glaubens nach Jesu Tod. Und da "Christen" sich nun daran gewöhnten, dass ihre Kinder und Kindeskinder im ganz diesseitigen Imperium Romanum leben und sich in dieses einpassen, entwickelt sich bis spätestens ins vierte Jahrhundert die Vorstellung, dass das Römerreich als christianisiertes das letzte Reich auf Erden sei, welches sein Ende erst mit dem Tag des Gerichtes finden würde, dem Weltenende. Römisches Reich und Christentum wurden so gleichgesetzt, und die germanisch dominierten Nachfolgereiche würden diese Vorstellung mit Hilfe ihrer Kirchen fortsetzen ("Die Ideologie des Mittelalters verlangte die Dauer des Römerreiches bis zum jüngsten Tag." Demandt in: Römer und Barbaren, S.19). Ein guter Christ sein heißt seitdem eben vor allem, ein gutes Mitglied des Imperiums der Römer zu sein. Christentum definiert sich dann bis heute aus der Integration der Religion in die jeweiligen Machtverhältnisse.

 

Der Widerspruch zwischen den radikalen Forderungen Jesu und christlicher Laienpraxis scheint zunächst zugleich aufgelöst: Christen verhalten sich in der Kirche so, wie diese es verlangt, und außerhalb so, wie es "das Leben" erfordert. Heiligkeit ist nur noch durch ein in manchem apostolisches Leben in mehr oder weniger abgetrennten Gemeinschaften oder als Eremit möglich, und das fast ungenierte Sündenleben der Laien gibt der Kirche ihre Existenzberechtigung. Im Auftrag ihres Gottes verschaffen sie denjenigen, die sich in ihr unter ihre Anforderungen beugen, einen Zugang zum Himmelreich, ohne dass man Jesus noch "folgen" muss.

 

(Das alles wiederum wird ausführlicher im Anhang 2)

 

Ganz so war es allerdings nicht: Für seltene interessiertere Geister und sensiblere Seelen war der Widerspruch, den sie lebten und der in ihnen vorhanden war, spürbar, was immer wiederkehrende Verunsicherung und Nachdenken nach sich ziehen konnte. Abendländisches Denken wird davon geprägt werden, und in einer kirchlich-religiös geschlossenen Welt einen lebhaften Diskurs und eine beispiellos tiefe Streit“kultur“ entfachen. Auch daran wird das Christentum samt seiner Kirche am Ende ganz zugrunde gehen.

 

Diese ernsthafte diskursive Welt wird aber mit dazu beitragen, Kapitalismus zu ermöglichen und wird ihm Räume schaffen. Aber wichtiger noch wird das religiös bestimmte Leben in Widersprüchen, aus denen ein so widersprüchliches Wirtschaften wie das von Kapitalverwertung dominierte seine Persönlichkeitsstrukturen wird ziehen können. Doch natürlich muss sich das alles erst einmal mit elementareren Bedürfnissen und passenden Machtstrukturen verbinden.

 

 

Völker, Wanderungen und Krisenzeiten

 

Menschen zeichnen sich wie alle Raubtiere durch aggressive Gier und Gewalt aus. Zu ihrem Überleben bedurften sie der Selbstbezähmung durch Kultur, die beides "sozialverträglich" domestiziert. Darauf aufbauende Zivilisationen kanalisieren Gier und Gewalt darüber hinaus für ihre Zwecke, nämlich in institutionalisierte Gewalt und Identifikation der ohnmächtigen Massen mit der Gier der Mächtigen. Insofern sind Gier und Gewalt keine spezifischen Momente der Völkerwanderungszeit gegen Ende des Imperium Romanum.

 

Der spät in die (deutsche) Geschichtsschreibung eingegangene Begriff Völkerwanderung operiert mit einem Volksbegriff, wie er außerhalb des germanischen Sprachbereichs ohnehin nicht möglich ist und wie er zu der Zeit, in der diese  "Völker" "wandern", so auch völlig fehlt. Ihn zum einen zu problematisieren, andererseits aber heute auch vor dem Zugriff der Propaganda-Agenturen von Staat und Kapital zu retten, scheint mir an dieser Stelle notwendig. Menschen nur noch in ihrer Funktion für Kapitalverwertung zu sehen, mag zwar für heute zunehmend zutreffen, hilft aber nicht, Vergangenheit davor zu verstehen.

 

****Exkurs: Zum Problem von Stamm und Volk****

 

Mit der Globalisierung der Wirtschaften der europäischen Staaten geht in der zweiten Häfte des 20. Jahrhunderts auch eine staatlich gesteuerte Internationalisierung der Bevölkerungen einher, und zwar in wesentlich größerem Maßstab als früher. Damit wird es nötig, das zu einem Abschluss zu bringen, was alle Zivilisationen von Anfang an anstreben, nämlich Volk als ethnisch indifferenten Untertanenverband zu definieren, als Bevölkerung des jeweiligen Raums der Herrschaft bzw. des Staatsgebietes nämlich. Im nächsten Schritt wird dann (heute) das Wort selbst insbesondere in der BRD systematisch suspekt gemacht und seine Benutzer werden massiver Diffamierung ausgesetzt.

 

Den Machthabern geht es dabei nicht darum, darauf zu verweisen, dass der Begriff selbst in seiner Bedeutung von dem Kontext abhängig ist, in dem er auftaucht, also zu problematisieren sei. Insbesondere in deutschen Landen wird stattdessen von den Nationalsozialisten ungeniert die Identifizierung von Volk und Rasse übernommen und dazu benutzt, denjenigen, der von einem historisch gewachsenen deutschen Volk zum Beispiel spricht, als Rassisten zu diffamieren und auszugrenzen. Damit wird die vom Dritten Reich und der DDR bereits in Angriff genommene Zerstörung historischer Erinnerung ungeniert fortgesetzt, und zwar mit dem offensichtlichen Ziel, die Menschen zur Gänze auf ihre Funktion für Kapital und Staat zu reduzieren.

 

Zurück in die fernere Vergangenheit. In der Geschichtsschreibung bis ins hohe Mittelalters kommen die meisten Menschen kaum vor. Das liegt einmal an der Quellenlage, denn in ihr gibt es im wesentlichen Tatenberichte der Mächtigen und diverser Heiliger, die damals alleine des Aufschreibens und Überlieferns würdig erschienen. Die Vielen, die (produktiv) arbeiten und darum die Ärmeren und Ohnmächtigeren sind, werden dabei kaum wahrgenommen und können sich schriftlich nicht äußern. Damit reproduzieren Historiker in ihren Texten das, was hier als Zivilisation verstanden werden soll, nämlich institutionalisierte Machtstrukturen, deren Vertreter sie selbst in der Regel sind.

 

Das germanische „Volk“ bedeutete wohl ursprünglich unter anderem eine Kriegerschar. Das spiegelt sich noch in den Ritterromanen um 1200, wo volc meist das Heer oder die Ritterschaft bedeutet. Aber in ihnen wird an einigen Stellen bereits jener Bedeutungswandel deutlich, der gelegentlich nun Bevölkerung zum Beispiel einer Stadt meint und dann zunehmend die Bevölkerung unterhalb des Adels, das gemeine volk Gottfrieds von Straßburg. "Volk" wird dann immer verächtlicher gebraucht werden, und zwar auch von den gehobeneren Kreisen des Bürgertums. Soweit handelt es sich um eine deutsche Besonderheit. (Vgl. Großkapitel Helden).

Im englischen Sprachraum wird das folc  nach der (franco)normannischen Eroberung zunehmend durch das romanische people ersetzt. Dies wiederum entstammt dem römischen (lateinischen) populus. Folc sinkt dann nach und nach ab, bis es vor allem die nichtadelige ländliche Bevölkerung meint.

Der populus der antiken Menschen des Römerreiches ist die förmlich von der Senatorenschicht abgetrennte Bevölkerung (senatus populusque Romanum) und wird den deutschen Oberschichten viel später dazu dienen, Unterschichten als "Pöbel" abzuqualifizieren. Im Altfranzösischen werden die gentes der Lateiner übernommen und so tauchen bei Chrétien de Troyes die genz menües als pueples, kleine Leute auf, die zugleich vilains sind, ein Wort, welches auch die Bauern bezeichnet und später dann allgemein Schurken und Halunken.

 

Von einem klaren, alles übergreifenden Volksbegriff (volc, folc, people, peuple) kann also nicht die Rede sein. Wenn wir noch etwas zurückgehen, landen wir bei dem etwas klareren, aber ebenfalls doch letztlich auch undeutlichen Stammesbegriff. Von Stämmen sprechen wir in der Antike und Nachantike in vielerlei Sinn. Es handelt sich um vorzivilisatorische bzw. anzivilisierte Volksgruppen und Völkerschaften mit einer gemeinsamen Sprache und ähnlichen oder gar gemeinsamen Kulten. Die zwei Stämme der Goten bilden sich heraus, als sie unter Heerführern unter Einbeziehung anderer Volksgruppen nach Südgallien bzw. Italien ziehen und dort sesshaft werden. Sie bilden Königreiche, Versuche von Zivilisationen unter dem Einfluss der romanischen Bevölkerungsmehrheit und verschwinden mit deren militärischer Zerstörung aus der Geschichte.

Die Franken bestehen aus mehreren wahrscheinlich miteinander verwandten Volksgruppen, die unter Chlodwig gewaltsam geeint werden. Im Laufe der Zeit im Bereich einer romanischen Bevölkerungsmehrheit ohne ethnische Identität sprachlich romanisiert, werden sie als Bewohner von (West)Francien zu Franzosen. Die Angeln geben den Namen für eine Inselbevölkerung, die aus Kelten und einwandernden germanischen Volksgruppen besteht. Als deutsch bezeichnen sich spätestens seit dem 9. Jahrhundert germanische Völkerschaften, die sich ganz vage einer gemeinsamen Sprachfamilie zugehörig fühlen. Und zu Spaniern werden in Fürstentümer gegliederte Völkerschaften der Halbinsel auch durch die Prädominanz des kastilischen Herrschergeschlechtes, so wie die Polen solche durch die Machtausweitung des Herrscherhauses eines kleinen slawischen Stammes werden.

 

Das, was Stämmen gemeinsam ist, Sprache, Lebensform und Kulte, oft auch eine mythische Ahnenreihe, beruht auch auf Gemeinsamkeiten im Bereich der Produktion von Nahrung und Handwerk. Als ideeller Verwandtschaftsverband basieren sie oft auf einer Vielfalt von wirklichen Verwandtschaftsverbänden. Mit ihrer Zivilisierung verschwinden sie, sofern sie nicht durch Marginalisierung weiterbestehen, wie manchmal in Lateinamerika, oder durch Abschottung voneinander, wie immer noch in immer kleineren Teilen Schwarzafrikas.

 

Die Problematik des Volksbegriffes in der historischen Rückschau wird vielleicht am deutlichsten in den Schwierigkeiten der Benennung jener Völkerscharen, die seit der späten Antike aus dem Inneren Asiens in Europa hereinbrechen, und die selbst keine Texte hinterlassen haben. Sie sind in der Regel nomadisierende Viehzüchter aus Steppengebieten, die sich für Raubzüge zu bewaffneten Reiterscharen zusammenfinden. Nach den Hunnen, von denen wir fast gar nichts wissen, tauchen die Awaren an den Grenzen des oströmischen Reiches auf, wo sie sich im Bereich von Pannonien niederlassen und ein Großreich bilden. Sie waren offenbar im Zuge der Bildung eines zentralasiatischen Reiches der Gök-Türken vertrieben worden und haben sich in Südosteuropa Bulgaren und andere Slawen dienstbar gemacht, die in ihrem Reich dann die große Masse der Bevölkerung stellen, und die unter dem awarischen Khan ebenfalls als Awaren gelten, während sie, sobald sie daraus ausscheren, eben oft auch als Bulgaren bzw. "Slawen" gelten.

Awaren sind also eine (durchaus zentralasiatisch aussehende) dünne Oberschicht wie die Franken in Gallien, in die als Völkerschaft untergebene Völker auch begrifflich eingegliedert werden. Aware ist man unter der Herrschaft des awarischen Khans. Die Bulgaren treten in die Geschichte mit ihrer Reichsbildung auf (ost)römischem Boden ein. Slawen nördlich des Balkans, die in von Germanen verlassene Landschaften einwandern, sind in Stammeskulturen siedelnde Bauern vor allem, die einen Angriff der Awaren auf Byzanz zum Aufstand unter einem fränkischen Kaufmann nutzen, um dann nach und nach unter die erst lokale und dann regionale Kontrolle einzelner mächtiger Familien zu gelangen, was zur Herausbildung von Völkern führt.  

 

Um es kurz zusammenzufassen: Stamm bzw. Volk lassen sich klarer fassen, wenn man sie unter einem klareren Begriff (traditioneller) Kulturen unterordnet, während sie unter den Bedingungen institutionalisierter Macht, also von Zivilisationen, dazu tendieren, zu verschwimmen und der von dieser Macht jeweils diktierten sprachlichen Form zu verfallen.

 

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Kulturen und Zivilisationen sei noch vermerkt: Zivilisationen kennen geographische Grenzen ihres Machtbereichs, die sie hinauszuschieben trachten, und die mit neuartigen Aspekten des Eigentumsbegriffes verbunden sind. Kulturen sind wesentlich mobiler. Auf früher Stufe wandern sie, manchmal sogar von Jahr zu Jahr, von einem Jagdrevier oder einem weniger fruchtbar gewordenen Boden zum nächsten. Den Bewohnern Nordamerikas wird das ab dem 16. Jahrhundert zum Verhängnis werden, denn die europäischen Einwanderer befinden, da die Einheimischen keine schriftlichen Rechtstitel auf immobiles Eigentum vorweisen können, haben sie dann auch überhaupt keine Rechte auf ihren Halbkontinent.

 

Die nomadischen Völkerschaften aus dem Nordosten des römischen Imperium wie auch die germanischen und keltischen stoßen mit den klar und deutlich markierten Grenzen (wie dem Limes oder dem Hadrianswall oder den Flussgrenzen) auf etwas für sie Fremdes und Neues. Grenzen sind mit grundsätzlicher Sesshaftigkeit und neuartigen Formen von Eigentum verbunden, das Überschreiten der römischen Grenzen, sei es über Verträge mit den dortigen Herren oder mit Gewalt, bietet ihnen nun bei Eingliederung in die Strukturen dieses Reiches selbst Sesshaftigkeit an und damit auch das Errichten eigener Grenzen bei Übernahme römischer Eigentumsvorstellungen.

 

****Das Schwinden des Imperiums****

 

Das „christliche“ Imperium des Westens zerbricht sowohl an seinen inneren Zuständen wie an äußeren Bedrohungen, und beide haben auch sehr viel miteinander zu tun. Während die Kaiser viel Militär im Osten bereits gegen Perser und andere einsetzen müssen, wird das Reich im Norden und Westen von Völkerscharen bedroht, deren Kern meist Leute aus der germanischen Sprachfamilie sind, oder aber, wie die Hunnen, aus Zentralasien stammen - wie auch jene Turkvölker, von denen eines später anfangen wird, dem Ostteil des Reiches den Garaus zu machen.

Griechen, Römer und Perser hatten die Stufe entwickelter Zivilisationen erreicht, während die innerasiatischen Reiterscharen wie auch die Germanen noch in mancher Hinsicht davor stehen. Es handelt sich um in Bewegung geratene, militarisierte Stammeskulturen. Dabei sind die zentralasiatischen Volksgruppen überwiegend auf kurz angelegte Raubzüge aus, während die germanisch dominierten Scharen, um die es im weiteren gehen wird, wenigstens zum Teil auch Neuansiedlung ins Visier nehmen.

 

Das Wort Stamm beruht auf der Vorstellung gemeinsamer Abstammung. Es soll hier Leute mit einer gemeinsamen Sprache, gemeinsamen Kulten, ähnlicher Lebensweise und Produktion benennen, die sich ganz auf der Basis von Tradition und ohne allgemeine Schriftlichkeit entwickeln. Der ebenso wenig klare Begriff „Volk“ soll für die hier beschriebene Zeit zunächst damit in etwa zusammenfallen. Davon zu unterscheiden ist der populus, das "Volk" von Rom, womit die Schicht unterhalb des Adels gemeint ist, ein schichtspezifischer Ausdruck also.

Diese germanischen Völker waren seit vielen Jahrhunderten in Kontakt mit den „Römern“, zum Teil von deren zivilisatorischen Errungenschaften beeindruckt, von ihrem „Wohlstand“; es gab Tauschgeschäfte, aber auch Kriege. Es fanden auch Versuche der Kaiser statt, Germanien zu erobern, die aber dauerhaft an der Rhein- und Donaugrenze endeten, und Versuche germanischer Verbände, seit 166 (Markomannen) in das Reich einzudringen.

 

Es kommt zunehmend zu Unruhen im Reich, Räuberbanden breiten sich aus, von Heeren erhobene Kaiser kämpfen gegeneinander. Stammesverbände der Vandalen, Goten und Burgunden beginnen, in Richtung Süden zu ziehen. Suevi schließen sich zu Alemannen zusammen. Es geht für immer mehr Volksgruppen zunächst einmal darum, ins Reich einzufallen, Beute zu machen und wieder zu verschwinden.

Als das persische Sassanidenreich immer stärker auf die römischen Grenzen im Osten drückt, wird das Gros römischer Truppen nach Osten abgezogen und im dritten Jahrhundert ist der Westen, insbesondere zunächst Gallien, zunehmend schutzlos Eindringlingen ausgeliefert, besonders den Alemannen im Süden und den Franken im Norden. Immer größere Teile Galliens erleiden erhebliche Zerstörungen. Im Nordosten wiederum dringen Goten immer erfolgreicher ins Reich ein.

 

Was dabei stattfindet, ist einmal, dass die Kaiser insbesondere des Westens Scharen von Kriegsgefangenen und dann einzelne germanische Heeresverbände in ihre Armeen aufnehmen, da sie diese nicht mehr hinreichend aus ihrem Reichsgebiet auffüllen können, und andererseits durch die Wirren der Zeit geringer besiedelte bzw. weniger kontrollierte Gebiete am Rande germanischen Volksgruppen überlassen. Diese dürfen sich dort unter kaiserlicher Oberhoheit ansiedeln, dabei aber ihre Lebensformen und ihre Selbst“verwaltung“ in einer gewissen Autonomie behalten. Das geschieht zum Beispiel mit einigen Gruppen von Franken, die sich im Nordwesten Galliens niederlassen. Von nun an werden Germanen in römischen Diensten gegen solche außerhalb des Reiches kämpfen. Während das Imperium dabei ein bisschen barbarischer wird, werden manche Germanen deutlich römischer.

 

Zum anderen unternehmen östliche Kaiser Versuche, eine Großgruppe von anbrandenden Goten, sogenannten Visigoten, am Nordrand des heutigen Griechenland unterzubringen, was aufgrund ständiger Konflikte misslingt, weswegen man sie in Auseinandersetzungen mit dem westlichen Reichsteil gegen diesen einzusetzen versucht. Am Ende führt dies zu einer Wanderung dieser militarisierten Volksgruppe (oder vielleicht besser Völkergruppe) durch Italien, bis es am Ende dem sterbenden Reich gelingen wird, sie in Südgallien anzusiedeln. (Siehe Anhang 4, Visigoten)

 

Derweil berennen Alemannen mit gelegentlichen Teilerfolgen die südliche Rheingrenze, und Vandalen und Sueben gelingt der Durchbruch durch Gallien bis in die iberische Halbinsel. In diesen Wirren zieht ein Westkaiser die römischen Truppen von Britannien ab, wo relativ schnell die Städte verfallen und eine starke Entromanisierung einsetzt, bis dann vor allem "heidnische" Jüten, Angeln und Sachsen dort einfallen und sich niederlassen werden.

 

Das angesichts der vielen Feinde überdehnte Reich wird unter Diokletian geteilt, Konstantin errichtet im griechischen Osten bei Byzanz eine neue Hauptstadt, Konstantinopel, mit einem eigenen Senat. Ende des vierten Jahrhunderts hat sich ein stabileres Ostrom vom Westen abgelöst, in dem das alte Rom immer mehr an Bedeutung verliert. Damit gerät es aus dem Gesichtskreis einer Untersuchung über die Anfänge des Kapitalismus, an deren Peripherie es existieren wird.

 

Mit Konstantin erringt zum ersten Mal mit einer straffen Monarchie mit sehr despotischen Zügen das dynastische Prinzip den Durchbruch. Als vergöttlicher Herrscher übernimmt er mit dem derzeitigen Christentum eine neue Herrschaftsideologie und die stabilen Strukturen der über das Reich verbreiteten kirchlichen Institutionen der Städte. Von nun an werden Kaiser und später Könige siebenhundert Jahre lang Konzilien abhalten und über die Doktrin der Kirche bestimmen. Den aufgewerteten Bischöfen aus der römischen Oberschicht ist das nur recht. Die germanischen Nachfolgereiche werden diese Einheit von Staat und Kirche übernehmen. Christliche Religion begründet seitdem sowohl Herrschaft wie die Ohnmacht der Massen.

Der christliche Kaiser Theodosius wird nach seinem Tode 395 wie seine Vorgänger zum divus erklärt, zur Gottheit, was seine Christen inzwischen kaum noch zu irritieren scheint. Aber wichtiger ist, dass der Kaiser weiter ihm innewohnende göttliche Kräfte besitzt und nun auch ein besonderes Verhältnis zum Christengott hat, welches sich nicht zuletzt im Schlachtenglück erweist. Er sorgt dafür, dass das göttliche Gesetz auch das seinige ist.

  

Die Verwaltung wird wie das Heer sehr hierarchisch nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam neu organisiert und heißt wie dieses militia. Beim Eintritt in die Beamtenschaft wie bei dem ins Militär erhält man einen nach Rang gestaffelten Gürtel (cingulum), an den wehrhafte Franken dann ein Schwert zumindest hängen werden. In einem ausführlichen Text hat K.F.Werner die Kontinuität dieser Militia als eines Adels aus Amt und Kriegertum bis tief ins Mittelalter beschrieben (WernerNaissance).

 

An seiner Spitze bleibt der Senatorenstand als erbliche nobilitas, die in den Städten des Reiches eine führende Rolle spielt. Ein Großteil der um 400 rund 2000 Senatoren des westlichen Roms nimmt selten oder nie an Senatssitzungen teil, hat aber sowohl Vorrechte wie erhebliche finanzielle Belastungen. Die reicheren unter ihnen haben Großgrundbesitz, der über die ganze Westhälfte des Imperiums verteilt ist, und eine ganze Anzahl luxuriös ausgestatteter Villen.

In der ständischen Ordnung darunter standen einst die Ritter, die aber längst nur noch formal als zweiter Rang der Beamtenschaft fungieren. Den dritten Stand bzw. Rang nehmen die Kurialen der Städte ein, und in ihn wird man inzwischen hineinverpflichtet, sobald man eine bestimmte Menge an Besitz angehäuft hat. Einst am Stadtregiment beteiligt, hatten sie inzwischen vor allem Pflichten wie die, das Amüsierprogramm der Stadt auszurichten und - noch drückender - für das von oben festgesetzte Steueraufkommen zu haften. Das führt dazu, dass immer mehr Kuriale, Dekurionen sich auf vielfältige Weise ihrem Ehrenstatus zu entziehen versuchen. 

 

Den Reichtum der grundbesitzenden Oberschicht und die Einnahmen des Kaisers erwirtschaften Kleinpächter auf dem Großgrundbesitz, Kolonen, die im 4. Jahrhundert an ihre Scholle auch bei Besitzerwechsel gebunden werden, während das verarmende freie Bauerntum, offenbar manchmal schlechter dastehend als die abnehmende Zahl der Sklaven, immer weniger wird. Kolonen besitzen jenseits ihrer Abhängigkeit Erbrecht, können theoretisch Eigentum besitzen, ein Kind anderer freier Bürger heiraten und vor Gericht auftreten. Aber in der alltäglichen Lebenswirklichkeit besagt das nicht viel.

 

Zur Plebs unterhalb des mit Ämtern versehenen (hier einmal so zusammengefassten) "Adels" gehören außer ihnen Handel und Handwerk. Alle Bereiche, die dem Staat der Spätantike lebenswichtig erscheinen, von dem Transport zu Wasser bis zu den Bäckereien, wird in die nunmehr Zwangsmitgliedschaft von staatlich kontrollierten Kollegien gedrängt. Ein freier Handel muss zunehmend mit einem staatlich gelenkten konkurrieren. Alles tendiert zu einer von der Staatsspitze her gelenkten "Planwirtschaft", die einerseits die Versorgung städtischer Massen, andererseits die finanziellen Erfordernisse des Militärs im Auge hat, eine Art Kriegswirtschaft also.

Dieser zentrale Plan wird im weniger wohlhabenden Westen des Reiches immer weniger funktionieren. Als germanisch dominierte Nachfolgereiche an seine Stelle treten, werden sie diesen Aspekt antiker Staatlichkeit ersetzen müssen.

 

Indem Adel die Bischofssitze besetzt und das Land über seine Latifundien kontrolliert, überlebt er direkt in die germanisch dominierten Reiche hinein, in denen er eine tragende Rolle behält und Träger der Romanisierung dieser Reiche wird. Überleben wird auch das System der Besteuerung der Person und des Grundbesitzes samt den Zöllen und anderen Abgaben. Der römische Staat geht in diesen neuen Reichen nicht unter, sondern verändert sich langsam (K.F.Werner)

 

Überleben wird auch anderes: An der Spitze der römischen Höfämter stehen "Gefährten" des Kaisers, die comes, die unter germanischer Führung dann von den civitates aus neben den Bischöfen das Umland kontrollieren, aber schon im christlichen Kaiserreich auch Truppen führen können. Grenzschutztruppen unterstehen jeweils einem dux (Führer), und das übrige Militär den magistri militum, Militärmeistern. Bei zunehmender Abwesenheit von Kaisern im Westen werden sie auch die Spitzen der Zivilverwaltung kontrollieren und nach und nach wie der princeps, der Erste, als Könige an Kaisers statt in ihrem Bereich herrschen.

 

Immer mehr nicht nur germanische Hilfstruppen werden in den Städten besonders Galliens stationiert und zusammen mit der Ansiedlung ihrer Angehörigen findet eine erste Welle von Germanisierung dort statt, während im Osten und Südosten des Landes Germanen zugleich immer stärker romanisiert werden.

 

Um 400 ist das Imperium immer noch eine auf große Städte konzentrierte Welt. Da ist die alte Hauptstadt Rom, die längst auf vielleicht bis zu einer Million Einwohner angewachsen ist, und die zunehmend von ihrer Vergangenheit zehrt, und von zwei West-Residenzen mit deutlich geringerer Bevölkerung abgelöst wird: Mailand und das immerhin noch von rund 80 000 Menschen bewohnte Trier. Im Osten gibt es das ägyptische Alexandria mit an die 300 000 Einwohnern und das syrische Antiochia mit vielleicht 250 000 Menschen, eine Größe, auf die inzwischen auch Konstantinopel angewachsen ist, die Ost-Residenz.

Unterhalb einer kleinen, oft immer noch in großem Luxus lebenden Oberschicht gibt es die städtischen Massen der Kleinhändler, Krämer, Handwerker, Tavernen- und Bordellinhaber, der vielen Tagelöhner und Arbeitslosen. Ihre Versorgung wird durch die großen Bauten von Wasserleitungen und die zum guten Teil staatlich organisierten Getreidelieferungen gewährleistet, die aus Nordafrika und insbesondere aus Ägypten kommen. Damit das für die städtischen Massen und zudem für die Heere funktioniert, wird von oben immer stärker in das Wirtschaftsleben eingegriffen, was diesem allerdings insbesondere im ärmeren Westen auf die Dauer nicht förderlich ist.

Neben dieser Infrastruktur, zu der auch zum Beispiel Badhäuser, große Bäderanlagen Straßen und Brücken gehören, dient auch ein großer Amüsierbereich dem Ruhigstellen der Massen, ihrer Untertänigkeit. Da sind die Theater, in der Regel eher modern gesprochen Variété-Veranstaltungen, der Zirkus mit seinen Tierhetzen zum Beispiel und die damit verwandten Sportarenen wie die Pferderennbahnen insbesondere im ganzen Ostteil des Reiches. Die Finanzierung dieses Unterhaltungsprogramms wenig christlicher Art war eine kostspielige Pflicht der städtischen Oberschicht, und es wird im Westen nicht etwa von der das allerdings wünschenden Kirche vertrieben werden, sondern absterben wegen der schwindenden Finanzmittel dafür. Idole der in solchen Veranstaltungen aufgeheizten Massen sind denn auch weniger Heilige als vielmehr Sportler, Schauspieler, Tänzerinnen etc., ganz so wie wieder seit dem zwanzigsten Jahrhundert.

Der Kampfcharakter des Sportes und des Zirkus lädt wie heute wieder zur Parteibildung ein, die sich dann auch schon mal "politisch" artikuliert (Fußball-Madrid gegen Fußball-Barcelona) und im Falle des Aufbaus besonderer Spannungen in Ausschreitungen und Straßenschlachten enden kann. Dennoch dient das Amüsierprogramm aber eher der Oberschicht zum Ruhigstellen städtischer Massen.

Dauerhaftere Unruhe erzeugen religiöse Parteiungen, seitdem die Kaiser sich des Christentums bedienen. Da sind die krawall-artigen Ausschreitungen gegen "Heiden", zunehmend auch schon mal gegen Juden, betrieben auch gelegentlich von Geistlichen, Mönchen und selbst Frauen, und dann kommen die zwischen unterschiedlichen christlichen Glaubensrichtungen hinzu, die sehr grob vereinfacht meist etwas damit zu tun haben, ob Jesus als Mensch, als Mensch und Gott zugleich oder nur als Gott gesehen wird. Solche Fragen werden im Osten noch Jahrhunderte weiterschwelen und in verwandelter Form im sogenannten Bilderstreit ihren Abschluss finden. Dass die städtischen Massen, die sich dabei engagieren, von den Feinheiten solcher Debatten nichts mitbekommen, hindert sie nicht daran, die Gelegenheiten zum Ausleben von Aggressionen zu nutzen, die sie üblicherweise unter dem Druck der Obrigkeit wegzuducken haben. 

Im Verlauf des enormen Schwundprozesses der Städte im Westen der nächsten Jahrhunderte wird dieser städtische Pöbel (populus) erheblich an Bedeutung verlieren, ohne aber überall zur Gänze zu verschwinden.

 

 

Entstehung des Kapitalismus?

 

Bis jetzt haben wir in an sich unziemlicher Kürze Jahrtausende hinter uns gebracht und es ist noch kein bisschen Kapitalismus vorgekommen. Es gab zuletzt, ohne dass extra groß darauf verwiesen wurde, Eigentum, Kapital, Arbeit, Arbeitsteilung, Geld, Waren, einen Markt bzw. ganz viele Märkte, Landwirtschaft, Handwerk, Produktion, Handel und Konsum von Waren – aber keinen Kapitalismus. Was fehlte dazu?

 

Nun, Kapital macht noch keinen Kapitalismus, auch viel Kapital nicht. Zunächst einmal ist zu klären, dass das Wort aus dem (Mittel)Lateinischen kommt und das benennt, was den Kopf bzw. das Haupt betrifft (capitalis). In italienischen Städten des späten Mittelalters mit ihrem blühenden Kapitalismus bezeichnet es beim Geschäft/Unternehmen die Hauptsache. Diese aber ist das, was nicht die Nebensache ausmacht, nämlich was für den persönlichen Konsum abgezweigt und damit dem (eigenen) Geschäft verloren geht, sondern das, was eingesetzt wird, um es zu vermehren, ohne dabei allzu viel physische (bzw. militärische) Gewalt einsetzen zu müssen.

 

Um Klarheit zu schaffen: Ein Handwerker, der Geräte, Rohstoffe und einen Lehrling hat, Dinge, Waren produziert und verkauft, dabei aber nur auf seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie abzielt, ist kein Kapitalist. Aber in bescheidenem Umfang  ist er ein Unternehmer, auch ein „Arbeitgeber“, nicht zuletzt ein Geschäftsmann. Was also macht ihn zum Kapitalisten: Es ist die Einstellung, einen Teil dessen, was er hat, wesentlich dafür einzusetzen, es zu vermehren, und zwar nicht, weil ihm noch zwei Kinder geboren werden oder seine verwitwete Schwester auch noch unterstützt werden muss, sondern weil dieses 'Mehr' Sinn der ganzen Unternehmung geworden ist. Kapital ist kein Ding, sondern ein Vorgang, in dem es begriffen ist, und das ist der seiner Vermehrung. Es wächst oder es ist nicht...

 

In diesem letzteren Sinne kann man schon sagen, dass es in der Antike dieser gerade angedeuteten tausend Jahre bereits insbesondere im Mittelmeerraum einzelne Kapitalisten gab, aber desungeachtet immer noch keinen Kapitalismus, wie er hier um der Klarheit willen definiert werden soll. Das liegt daran, dass einzelne Kapitalisten zwar gewiss wichtig waren, aber atypisch und nicht normbildend, und sie wurden von denen, die die Macht in Stadt und Land hatten, zwar benutzt, aber eher verächtlich betrachtet. Und außerdem - sie wurden nicht konstitutiv für die Reiche, die damals bestanden, sie waren ein Aspekt, der nicht ihr Wesen durchtränkte.

 

Das Ideal, dem die nachkamen, die sich das leisten konnten, war eher der Konsum als Kapitalbildung. Das hieß, der ausgedehnte Handel, die Produktion von Massenwaren und Luxusgütern, alles das zielte vor allem auf den Lebensgenuss einer Oberschicht ab, deren Basis landwirtschaftlich genutzter Großgrundbesitz war, also eine aristokratische Lebensweise. Es fehlt jenes städtische Bürgertum, aus dessen Reihen die kommen, welche innovativ in größerem Umfang Kapitalverwertung zu einem Selbstläufer machen werden. Im übrigen wird das sogenannte Christentum zwar ein wichtiger Faktor bei der Entstehung des Kapitalismus, in dem, was dann entfalteter Kapitalismus wird, hätte es aber gar nicht mehr entstehen können.

 

Das Entscheidende dabei ist, dass die Art von Städten, die zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert aufkommen, sich von den antiken grundlegend unterscheidet: In den letzteren kontrolliert eine grundbesitzende „aristokratische“ Oberschicht die Stadt, und zwar alleine, während sich in den neuen Städten, die zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert entstehen, Händler und reiche Handwerker mit adeligen Grundherren die Macht teilen werden und dann von ihnen in Form von Selbstverwaltung übernehmen. Aber zwischen der Antike und dieser Zeit liegt auch ein halbes Jahrtausend.

 

Wir reden von Kapital, aber das ist missverständlich, denn dabei handelt es sich um Vorgänge und Einstellungen zu Eigentum, und nicht um ein „Ding“. Der Vorgang ist der der Vermehrung oder wie Marx schrieb, der Verwertung von Eigentum (als Kapital) zum  alleinigen Zweck seiner Vermehrung. Um das zu verdeutlichen, sei auf zwei andere Möglichkeiten, mit (viel) Eigentum umzugehen, hingewiesen: Die eine ist, dass es verbraucht wird und so schwindet, oder dass es relativ statisch Einnahmen (in der Regel aus Grundbesitz) generiert, die dann konsumiert, also verbraucht werden. Das geschah vorwiegend im Mittelmeerraum.

 

Die andere ist die Schatzbildung, bei den germanisch dominierten Nachfolgereichen des weströmischen Imperiums üblich, und zwar bei Königen, Hochadel, Kirche und Kloster. Mustergültig als Königsschatz, der zentralen Insignie solcher Herrscher, wichtiger als Krone oder Szepter, wurde dieser in Kriegen zusammengerafft und -geraubt, danach durch Tribute von ihnen vergrößert, und seine Vermehrung mehrte Glanz und Ruhm königlicher Macht. Schätze aus Münzen, Gold und Silber, Perlen und Edelsteinen und Gefäßen, an die all solches kunstvoll appliziert wurde, dienten aber auch dem Ruhm Gottes und seines Bischofs oder Abtes. Schatzbildung war zudem auch das, was Hunnen, Awaren und manchmal Wikinger betrieben. Was fing man nun mit solchen Schätzen an: Was von ihnen nicht gehortet wird, wird zielgerichtet verschenkt.

 

Bis ins „Christentum“ hinein machten viele solche Völker noch etwas, was jeden Kapitalismus unmöglich erscheinen lässt: Sie gaben zumindest Teile solcher Schätze ihren Reichen und Mächtigen mit ins Grab, wo sie allerdings oft der Grabräuber harrten. Es gab schon damals die Gier, aber die Leute machten daraus kein Wirtschaftssystem.

 

Wenn wir uns noch einmal die germanisch dominierten Folgereiche einer Art Nachantike oder Spätantike anschauen: Unter denen, die etwas hatten und darum Macht hatten, war das Schenken, das Darbringen von Geschenken wichtiger als jeder Warenverkehr. Geschenke stellten Freundschaft her, ein eher vorkapitalistisches Verhältnis von Menschen zueinander, welches Kapitalverwertung dann geradezu privatisiert hat – sie wird von einer öffentlichen zu einer privaten Bindung.

 

Manche davor liegende Stammeskulturen waren durch ein damit verwandtes Verhalten gekennzeichnet, welches bis ins frühe Mittelalter hineinreichen wird: Gewählte Häuptlinge mussten Talente haben, die dazu führten, dass sie viel besaßen, denn sie mussten soviel haben, dass sie an ihre Leute verschenken konnten. Mit Kulturen des Schenkens wird der Kapitalismus aber ganz und gar aufräumen, denn das wird für ihn Verschleudern potentiellen Kapitals, also Verschwendung.

 

Zu Kapitalismus, so wie er hier verstanden werden soll, wird Kapitalverwertung erst da, wo sie „politische“ Macht, Weltanschauung und Lebensverhältnisse der großen Mehrheit der Menschen nachhaltig verändert und beeinflusst, und zwar so, dass das zunächst regional und am Ende weltweit irreversibel wird. Zur Erfolgsgeschichte des Kapitalismus gehört dabei zu allererst die Beschleunigung der Bevölkerungsvermehrung, und Irreversibilität heißt hier, um ein Beispiel zu geben, dass eine Rücknahme kapitalistischer Verhältnisse die Inkaufnahme eines Massensterbens bedeutet und die Mächtigen ihre Macht gekostet hätte. Das ist bis heute so geblieben, nur die Dimensionen haben sich weiter drastisch und beunruhigend verändert.

 

Kapitalismus ist nicht nur ein Verhältnis zum Eigentum, sondern auch eines zwischen Menschen. Die Veränderungen schlagen sich in Texten, auch kirchlichen, nieder, die zunehmend von Metaphern von Markt, Gewinn und Lohn wimmeln, aber auch in solchen, die genau das Überhandnehmen eines solchen „Denkens“ und das Ende „menschlicher“ Werte beklagen. Davon aber erst später mehr.

 

Kapitalverwertung als Vermehrung geschieht über Produktion, Vertrieb und Verkauf von Waren. Dabei muss ein Gewinn herausspringen, also ein lohnendes 'Mehr' - als geldwertes Kapital eingesetzt wurde. Was produziert wird, hängt an der Verkaufserwartung des Produktes; wie es produziert wird, hängt daran, wie niedrig man die Kosten drücken, also den Kapitaleinsatz senken kann. Einen anderen Inhalt hat Kapitalverwertung nicht.

Dabei schwindet jede Zielsetzung des Handelns, die sich nicht rechnen, in Zahlen wahrnehmen lässt, jeder Wert, der nicht auf einem Markt zu realisieren ist. Alles andere wird Privatsache, in Fluchträume abgeschoben – die erst im zwanzigsten Jahrhundert dann vom Kapitalismus auch noch fast zur Gänze ausgeräumt werden. Kapitalismus frisst sich durch die Wirklichkeit der Menschen und ihre naturräumliche Umwelt, drückt allem seinen Präge-Stempel auf und plündert es aus.

 

Er schlich sich zwischen dem zehnten und zwölften Jahrhundert ein, zunächst nur an wenigen Orten, breitete sich aus und wurde erst bemerkt und noch kaum verstanden, als es bereits keine Umkehr mehr zu geben schien. Er war ein ungeheures Erfolgsprogramm, ungefähr so umwälzend wie die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht und des Handwerks. Die Natur gab zu essen und trinken, und der Kapitalismus wurde als zweite, menschengemachte Natur verstanden, so unabänderlich wie die erste, und zunächst genauso die Menschen nährend.

 

Karl Marx spricht in kritischer Anlehnung an Adam Smith von einer (sogenannten) ursprünglichen Akkumulation von Kapital, und vertritt die an sich offensichtliche These, sie sei durch Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt zustande gebracht worden. In dem beschränkten historischen Horizont seiner drei Bände 'Kapital' trennt er nicht hinreichend klar zwischen der Anhäufung von Eigentum und der von Kapital. Das meiste große Eigentum, welches nach der Antike bis zur ersten Jahrtausendwende angehäuft wird, wird aber nicht direkt der Kapitalbildung dienen, also kapitalisiert werden, sondern dient jener Nachfrage, die Kapital erst entstehen lässt und dieses dann vergrößert.

Wenn wir der Frage nachgehen, woher solches großes Eigentum kommt, dann besagte die vormarxsche Theorie, dass es vorwiegend auf Talent und Fähigkeiten beruhte. Inzwischen ist klar, dass es auf Gewalt beruht, und oft unmittelbar auf Kriegen und ihren Folgen im Inneren wie im Äußeren.

Großes weltliches wie geistliches Eigentum ging entweder aus der Antike in die Zwischenzeit vor dem Mittelalter direkt über, oder es war Beute aus den Eroberungen und Ansiedlungen germanischer Völkerschaften und Ergebnis daraus hervorgehender Schenkungen. 

Dieser Reichtum besteht im Frankenreich wie vorher in dem der Römer im wesentlichen aus Großgrundbesitz und daraus resultierender Schatzbildung. Der Reichtum von Bischöfen im Merowingerreich kommt dann aus Schenkungen vor allem, aber auch aus kriegerischen Aktivitäten. Bei der Kirche ist allerdings der Privatbesitz jener Bischöfe, die ohnehin meist aus schwerreichen Familien stammten, und der für die Kernzeit des Merowingerreiches für einen Bischof Bertram von Le Mans auf 300 000 ha Land in Westgallien geschätzt wird (Brown2, S.127), vom Kirchenbesitz des Bistums zu trennen. Das ist natürlich nichts im Vergleich zu 85 000 Pfund Gold im Jahre 810 im Kirchenschatz des Patriarchen von Alexandria. 

Zum Besitz gehören dann die aufgehäuften Schätze, deren Bedeutung sich am besten an ihren kostbarsten Einzelstücken erkennen lässt, den Reliquienbehältern, die aus sinnlich unscheinbaren und schäbigen Knochen- und Holzstückchen oder Textilfetzen erst etwas hoch wertvolles machen. Eine zweite magische Transformation erhält dabei der materielle Wert, der dadurch weiter gesteigert wird: Reichtum und Heiligkeit fallen nun hier zusammen, so wie bei weltlichen Schätzen Reichtum und Status. Menschen werden bis heute dazu neigen, sinnlich Wahrgenommenes magisch zu überhöhen, um sich an so gewonnener Bedeutung zu laben. 

 

Zu guter letzt noch dieser Aspekt: Kapitalisten sind nicht sparsam beim Konsum, damit sie in der Not haben, sondern damit sie mehr Kapital bekommen, welches eben noch mehr werden soll. Kapital schwindet aber, sobald es nicht mehr wird, genauer gesagt, es verschwindet dann ganz. Ein kapitalistischer Markt nun aber, wie noch näher zu erläutern sein wird, ist nicht nur einer der Konkurrenz, wie jeder, sondern diese wird zum Schauplatz von Kämpfen um 'alles oder nichts'. Da Kapital per definitionem wächst, ist das Wachstum des einen eben manchmal auch der Niedergang des anderen.

Man konkurriert schließlich nicht primär um Qualität, Nützlichkeit oder ähnliches, was Handwerker einer Branche zunächst nebeneinander und sogar in derselben Straße und auf demselben Marktplatz bestehen lässt, sondern man konkurriert um den Markt selbst, jeden verfügbaren Markt. Es handelt sich um einen Machtkampf und im antiken Wortsinn nicht mehr um ein Wirtschaften, eine Ökonomie, oikonomeia, sondern um die Unterwerfung unter ein Prinzip, und unter ein Prinzip: Wachsen oder weichen. Nur wächst dabei nichts Lebendiges, sondern dieses vielmehr wird immer mehr aus der Welt verdrängt, bis am Ende das bald auch den Menschen blühen wird. So wie beim Essen und Trinken hauptsächlich Urin und Kot herauskommt, so beim Kapitalismus hauptsächlich Geld. Und so sieht denn unsere Welt heute auch aus. Man muss es nur ertragen können, hinzuschauen.

 

Aus alledem ergibt sich, dass Karl Marxens so einflussreiche Schematisierung der Geschichte, die von einer den Kapitalismus entwickelnden und tragenden Schicht des Bürgertums spricht und dabei gerne auch von einer späteren bürgerlichen Gesellschaft als kapitalistischer, das Augenmerk eher in eine falsche Richtung lenkt. Die zwei oft heute bürgerlich genannten "Gesellschaften", die städtisch mittelalterliche, die im Prozess der Verstaatlichung untergeht, und die recht andere neuzeitlich-städtische, von Verstaatlichung geprägte, die im 19./20. Jahrhundert je nach Gegend untergeht, werden zwar beide vom Kapitalismus geprägt werden, diesen aber nie selbst prägen: Kapitalismus genügt immer seinen sehr eigenen Gesetzen, und er kann das nur solange, wie er das hinter dem Rücken fast aller tut.  

 

Das Geld, die Gewalt und die Barbaren

 

In den noch bleibenden anderthalb Jahrhunderten des West-Imperiums lässt sich eine Gruppe von "salischen" Franken im Nordosten Galliens als Verbündete und Militär nieder, eine weitere Gruppe siedelt auf der Ostseite des Rheins um dann auch diesen dann zu überschreiten und ein Reich mit dem Zentrum Köln zu gründen. Südlich davon sind Alemannen an der Rheingrenze, die sie gelegentlich plündernd und brandschatzend überschreiten. Sie werden sich bald nach Süden in die heutige Schweiz ausdehnen. Ein Burgunderreich um Worms wird in einen Bereich südlich davon, um den Genfer See und die Sabaudia (nach der später das südlich anschließende Savoyen benannt wird) umgesiedelt. Sachsen besiedeln den späteren norddeutschen Raum, daran an schließen sich Thüringer. Südlich davon entsteht auf ehedem römischem Boden das Land der Bayern. Östlich der Germanen tauchen dann bald die ersten Slawen auf.

Vandalen und Sueben ziehen durch Gallien in beide Hispanien, wo die Sueben ein Reich etwa im heutigen Portugal errichten. Nördlich von alledem werden bald Angeln, Sachsen, Jüten und andere über das schon vom römischen Militär verlassene England hereinbrechen.

Von Norden brechen Visigoten ins Ostreich ein, die aber am Ende gegen das Westreich abgelenkt werden, schließlich Italien heimsuchen, um dann nach und nach in Südgallien eine von Rom genehmigte neue Heimat zu finden und erste Aufgaben in Hispanien. Als das Frankenreich nach Süden drängt, besiegt es schließlich die Visigoten, die daraufhin ein neues spanisches Reich schaffen, dabei die Vandalen nach Nordafrika abdrängen, wo diese die Römer beerben, und Goten werden dann auch das iberische Suebenland erobern und ihrem Reich einverleiben.

Italien wiederum gelangt unter die Herrschaft der Ostgoten, die schließlich von Ostrom unterworfen werden, das wiederum später von den Langobarden verdrängt wird.

 

Das Imperium der Römer ist überdehnt, das heißt, es findet zu keiner Form von Staatlichkeit, die diese riesigen Gebiete auf Dauer zusammenhält. Das Kaisertum war eine Reaktion auf die zunehmende Ausdehnung gewesen, aber es bedarf professionalisierter Heere, um die langen Grenzen überall nach außen zu halten. Diese kosten einen Großteil der kaiserlichen Einnahmen, die aus Produktion und Handel in Form von Steuern, Abgaben und Binnenzöllen herausgepresst werden mussen, vor allem aus der landwirtschaftlichen Produktion des Großgrundbesitzes.

 

Die Reglementierung des Wirtschaftslebens und die damit einhergehende Korruption entfremden dem Reich seine es bislang tragende Oberschicht, die laut Zosimus um 380 kaum noch unterscheiden mag zwischen der Ausplünderung durch Barbaren und den eigenen Staat (Lippold, S.113).

 

In ganzen Regionen nimmt die Bevölkerung ab und damit das Reservoir, aus dem Soldaten bezogen werden können.Die Verstädterung mit ihrem sehr engen Zusammenwohnen fördert die Ausbreitung von Seuchen, man vermutet heute darunter die Pocken, Masern, Malaria, Tuberkulose. Am Ende breitet sich auch die Lepra aus und nach dem Zusammenbruch des westlichen Imperiums die Beulenpest, die in größeren Städten möglicherweise bis zu einem Drittel der Bevölkerung auf einen Schlag hinwegraffen kann. (Gilomen, S.10)

 

Immer mehr Menschen werden, um das Steueraufkommen zu stärken und Versorgung sicherzustellen, an ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten gebunden, die oft auch zwangsweise erblich werden. Schließlich: Es gibt keinen Kapitalismus, der aus sich heraus Reichtümer generiert, und die staatlichen Zwangsmaßnahmen verhindern zusätzlich seine Entstehung.

 

Es bleibt den Kaisern offenbar nichts anderes übrig, als Barbaren ins Heer aufzunehmen, und frühe Beispiele sind seit dem späten 3. Jahrhundert Scharen germanischer Kriegsgefangener, die vor allem in verödeten Landstrichen in Nordgallien und dem zukünftigen Bayern mit der Verpflichtung zum Militärdienst als Bauern angesiedelt werden. Daneben stellen sich grenznahe Germanen von sich aus für den römischen Kriegsdienst mit seinen Versorgungsperspektiven zur Verfügung.

 

Die Neusiedler insbesondere in Nordgallien genießen nicht volle Bürgerrechte und ihre Truppenteile stehen unter römischen Befehlshabern. Um 350 verteidigen bereits zum großen Teil germanischstämmige römische Soldaten das Reich gegen anbrandende germanische Stämme wie die Alemannen. Einzelne machen Karriere beim Militär und Mitte des vierten Jahrhunderts sind bereits knapp die Hälfte der römischen Heermeister (Magister militum) germanischer Abkunft, erlangen römische höfische Titel und stehen bald auch der dortigen Zivilverwaltung vor. Um 400 sind alle westlichen Heerführer germanischer Abkunft. Selbst in den römischen Truppen in Italien gewinnen germanisch-stämmige Führer und Soldaten das Übergewicht.

 

382 erhalten Goten im Norden des Ostreiches dann den Status von Föderaten, die sich selbst verwalten und von eigenen Heerführern befehligen lassen dürfen. Während die Kaiser notgedrungen auf Integration hoffen, ist doch das Römerreich ohnehin ethnisch ein Vielvölkerstaat unterhalb der kleinen Oberschicht, auch wenn es sich so nicht darstellt, entwickelt sich im Raum der Gebildeteren Besorgnis und schließlich verbale Aggression gegen die Überfremdung in Militär und Staatsapparat (Synesius, Ammianus Marcellinus und andere). Zu dieser Front kommt die zwischen immer mehr christianisiertem Staatsapparat und zunehmender christlicher Unduldsamkeit einerseits und einem tendenziell freigeistigeren Heidentum auf der anderen Seite, und schließlich noch auf christkatholischer Seite im Sinne des späten 4. Jahrhunderts Besorgnis bezüglich des Heidentums oder, fast noch schlimmer, der Häresie des Arianertums bei vielen Barbaren.

 

Als Kaiser Theodosius vor seinem Tod 395 dem Vandalen Stilicho, der wiederum mit dem Goten Gainas im Bunde ist, seine beiden Söhne und Nachfolger anvertraut, bricht sich das römische Misstrauen gegen die Fremden Bahn. Und es nimmt überhand, als die Rheingrenze und die Pannoniens nicht mehr gleichzeitig von Stilicho zu halten sind. 410 nehmen Visigoten unter Alarich Rom ein. Mit der Aufgabe Britanniens, den Westgoten in Südgallien, den Burgunden daneben, eines sich selbständiger formierenden Häuptlingstums von Franken in Nordgallien, einer abgeschnittenen iberischen Halbinsel und dann der Verselbständigung der Ostrogoten in Italien fällt das Westreich auseinander.

Als nun die neuen Reiche die Funktionen des Westkaisers jeweils für ihre Territorien übernehmen, ist es nur plausibel, das Amt des immer machtloseren Westkaisers dort für erledigt zu erklären.

 

Andererseits lässt sich der Frankenherrscher nach militärischer Herstellung seines Großreiches stolz von (Ost)Rom legitimieren, welches eine nominelle Oberhoheit behält. Der Ostgote Theoderich wiederum hatte mit Kaiser Zenon einen Vertrag geschlossen, wonach er mit seinem Heer den von dessen Heer zum de facto italischen König erhobenen Odoaker vertreiben und dann solange herrschen solle, bis der Kaiser selbst Italien übernehmen könne. Bis zum Schluss wird Theoderich vergeblich versuchen, vom Kaiser dauerhafte Herrschaftsbefugnisse für seine Amaler-Familie zu erhalten. Gegenüber Burgunden, Franken und Westgoten wird dieser germanische Herrscher über ein romanisches Italien versuchen, eine Art Oberhoheit über die übrigen Herrschaften des ehemaligen Westreiches zu erreichen, die ihn ein Stück weit als eine Art Erben des Westkaisertums hätte auszeichnen können.

 

Neue Völkerwanderungen werden das Ostreich dann später mehr und mehr bedrohen (Araber, Bulgaren, Turkvölker), bis es 1453 mit der Eroberung von Konstantinopel ganz vergeht.

 

Anverwandlung: Neue Königreiche

 

Wenn hier nun von Abendland, Okzident, dem Land der untergehenden Sonne die Rede sein wird, dann wird es sich um jenen von Hellenen, "Römern", Kelten und Germanen am Ende gemeinsam geprägten Raum einer gemeinsamen Zivilisation handeln, den das Kirchen-Christentum auf eigenartige Weise einfärbt, und der im Süden und Südosten gegenüber dem islamischen Orient schrumpfen und im Nordosten und Norden sich ausweiten wird. Mit dem Kapitalismus wird diese Zivilisation mit ihren Gemeinsamkeiten sich zunächst durch Kolonisierung  ein bischenüber die Welt ausbreiten, um dann aber seit dem 18. Jahrhundert durch eben diese Globalisierung des Kapitals nach und nach unterzugehen.

 

Auf (ehedem) römischem Boden siedelnd, ist der germanische Bevölkerungsanteil, die nun herrschende Volksgruppe, in den neuen Reichen gering, er beträgt bestenfalls schon mal um die zehn Prozent. Da die Germanen in Schriftlichkeit wenig geübt waren, übernehmen sie für die nun notwendigen Texte das vorgefundene Lateinische, welches im übrigen auch die Sprache der überwältigenden Mehrheit der neuen Untertanen ist. Da sie überhaupt möglichst viel von jenen römischen „Errungenschaften“ übernehmen wollen, die einst ihre Begehrlichkeit geweckt hatten, arbeiten sie recht einvernehmlich mit den Resten römischer Oberschicht zusammen und behalten von ihren Strukturen was immer möglich ist. Im Laufe der Zeit werden sie sich in vielen Gegenden mit ihr vermischen, um schließlich in ihr aufzugehen, nicht ohne dabei germanische Elemente einzubringen. Am Ende werden sie sogar fast überall ihre mitgebrachte Sprache verlieren. Die Namen der neuen Herren werden aber weithin auf die bodenständige Bevölkerung übergehen: Gallo-Römer haben dann fränkische Namen, Ibero-Römer visigotische.

 

Vandalen, Sueben, Visi- und Osthrogoten wie auch später die Langobarden scheitern dabei sowohl, weil sie die römischen Strukturen aufgrund ihrer Fremdheit nicht hinreichend weiterentwickeln können, als auch an äußeren Feinden. Auf diesem Wege gehen der (dritten) abendländischen Zivilisation schließlich auch für Jahrhunderte der größte Teil der iberischen Halbinsel und Teile Süditaliens verloren – dazu ganz Nordafrika für immer und zur Gänze. Auf der anderen Seite kann das zunächst überlebende Ostrom seinen südöstlichen abendländischen Raum (bis hin nach Persien und der arabischen Halbinsel) nicht mehr halten – sein Raum bis tief in den Balkan wird nach und nach einem nun entstehenden islamischen Orient anheimfallen, dessen Einfluss bis heute noch dort hineinreicht und inzwischen durch Masseneinwanderung den größten Teil Europas ethnisch und religiös zu verändern beginnt.

 

In den germanisch dominierten Nachfolgereichen Westroms findet auf dessen Boden also keine Germanisierung statt, sondern eine langsame Romanisierung der eingewanderten Germanen. Diese findet ihre Grenzen dort, wo römische Strukturen aufgrund des weiter vonstatten gehenden Schwundes von Handel und Produktion nicht mehr aufrecht erhalten werden können und ersetzt werden müssen. 

 

Die römische Zivilisation war stadtzentriert und städtisch geprägt und am Ende durch ein militärisch fundiertes Kaisertum zusammengehalten worden. Die Städte hatten massive Zerstörungen in der Völkerwanderungszeit erlitten, die nicht mehr ganz durch Wiederaufbau ausgeglichen wurden. Viele Mitglieder der Oberschicht hatten sich längst auf ihren Gütern auf dem Lande niedergelassen, an städtischer Obrigkeit waren oft fast nur die Bischöfe übriggeblieben. Die neuen Reiche müssen also eine Organisationsform schaffen, die eine einst bäuerliche germanische Kriegerschicht zusammenbringt mit den Resten der römischen Zivilisation.

 

Die Häuptlinge der erobernden Stammesverbände übernehmen als Herrschertitel im neuen Reich einen, der bei den Römern früher einen eher schlechten Klang gehabt hatte: rex. Er hat eine germanische Entsprechung, die im Deutschen schließlich zu König wird. Ihr Herrschaftsbereich ist das regnum. Dies eingedeutscht als Reich entsprang dem althochdeutschen rîhhi, einem vieldeutigen Wort, welches die ganze Vielfalt des Adjektivs und Substantivs "reich" (an Macht und Möglichkeiten) umfasst. Das spätere Österreich ist entsprechend ursprünglich ostarrîchi, das Gebiet, welches im (Süd)Osten erobert wird und unter die Königsherrschaft gerät.

Damit ist „Reich“ grundsätzlich analog zu imperium gesetzt, der (militärischen) Befehlsgewalt und des Gebietes, in welchem diese gilt. Der imperator ist so der Gebieter. Angelsächsische Könige werden sich gelegentlich mit diesem Titel schmücken, während er auf dem Kontinent auf die Karolinger übergeht. Auf dem Weg zu den Ereignissen von 800 wird über eine Übertragung des Reichsbegriffs des (west)römischen imperium auf den Frankenkönig nachgedacht, während ein solcher für Ostrom noch Bestand hat. Es wird dann noch kürzere Zeit dauern, bis aus dem imperator ein caesar, also „Kaiser“ wird, der noch später in Osteuropa dann Zar heißt. Heerführer unter ihnen heißen ebenso lateinisch dux, woraus der deutsche Herzog wird. Und Leute, die neben den Bischöfen die königliche Gewalt in den gerade so überlebenden Städten und ihrem ländlichen Umfeld einzunehmen haben, werden so benannt wie einst die „Gefährten“ der Kaiser, nämlich comes, woraus dann die deutschen Grafen werden. Alle zusammen bilden sie mit ihrer Gefolgschaft wie im antiken Imperium die militia.

 

„Neben den Bischöfen“: Die unterworfene, nun immer weniger römisch, sondern romanisch zu nennende Bevölkerungsmehrheit ist mit einer Ausnahme nicht nur lateinisch-sprachig, sondern auch lateinisch christlich. Die Ausnahme ist Britannien, wo mit der Entromanisierung auch eine Entchristianisierung stattfand. Nur die Visigoten waren aber schon vor ihrem Durchmarsch durch das ost- und weströmische Reich ansatzweise christianisiert worden, wenn auch in einer Form, die von der Westkirche abgelehnt wurde.

Nun war aber das römische Imperium am Ende von einer Doppelstruktur geprägt, einer „weltlichen“ und einer geistlich-christlichen. Welt, saeculum, befasste sich mit dem Diesseits, den irdischen Dingen, und alles Geistliche gab vor, auf ein "Jenseits" ausgerichtet zu sein. Civitates und Bistümer fielen zusammen, so wie die Zentralgewalt und das sich ansatzweise herausbildende geistliche Primat des römischen Bischofs.

Zudem war das Christentum zur legitimatorischen Grundlage des Reiches geworden - alle legitime Macht kam, so wurde mit fester Stimme behauptet, von dem christlichen Gott, dem einzig wahren.

 

Es ist also aus diesem und verwandten Gründen naheliegend, wenn die neuen Könige das Christentum übernahmen, und zwar in seiner korrekten römischen Form. Dazu entschließt sich jener Frankenkönig Chlodwig, dem es gelingt, die Franken mit Gewalt zu einen und die Visigoten aus Südgallien zu vertreiben. Das tut er erst, als ihm klar ist, dass ihm auch die fränkischen Großen folge und mit ihnen dann nach und nach das ganze fränkische Volk.

Von nun an legitimiert Christentum auch dort in den neuen germanisch dominierten Reichen Macht und Herrschaft als gottgewollt. Solche Legitimation ist nötig, denn aus dem Führer eines einzelnen Heerzuges und dann dem Heerführer der Wanderungszeit wird der König (rex) zu einer Dauerinstitution in Krieg und Frieden. Das wurde zwar durch Gewalt erreicht, durch die Erniedrigung bzw. Vernichtung des darunter existierenden Häuptlingstums, kann aber ohne solide Ideologie nicht dauerhaft aufrechterhalten werden. Ideologie soll hier Machtverhältnisse unterstützende Ideengebäude meinen, und das zentrale ist damals die Religion so wie heute die politische Propaganda.

Innerer Frieden beruht in Zivilisationen auf Unterdrückung, die nur durch Verwandlung offener in latente Gewalt permanent wird (wie in der pax Romana), und die braucht neben Gratifikationen für die, die diese Androhung von Gewalt aufrechterhalten, zumindest für die Unterdrückten eine Ideologie, die Unterdrückung rechtfertigt. Das wird bis heute so bleiben, wo allerdings derzeit das breite Angebot von Warenkonsum Ideologie nur als flankierende Maßnahme nötig macht, während es dort, wo es fehlt, den Staat substantiell gewalttätig sein lässt.

 

Fundamental wirksam wird damals die augustinische Lehre von den zwei civitates bleiben, der himmlischen und der irdischen, derer, die in der Liebe zum "Herrn" im Himmel und der anderen, die in der Selbstliebe und der zu den irdischen Herren besteht. Die letzteren waren das römische Imperium und damit auch die westlichen Nachfolgestaaten. Aus der Nachfolge Jesu und dem unmittelbar bevorstehenden Weltenende war damit eine sehr ausgefeilte Rechtfertigungslehre für die Unterwerfung der meisten Menschen unter staatliche Macht geworden. 494 wird sie in einem Brief von Papst Gelasius an Kaiser Anastasius (von Ostrom) erweitert durch die Lehre von den zwei nebeneinander bestehenden irdischen Gewalten, der weltlichen und der geistlichen, wobei letztere insoweit die überlegene sein soll, als sie beim "Jüngsten Gericht" dereinst über die Seele der weltlichen Mächtigen Rechenschaft abzulegen hat. 

Damit ist der messianische Charakter des evangelischen Jesus endgültig in sein kirchliches Gegenteil verkehrt, nämlich in die Rechtfertigung irdischer Machtvollkommenheiten.

 

Bis vor die Zeit der Kreuzzüge bleibt derweil Ostrom, das griechische Byzanz, als Beispiel und Vorbild eines christlichen Reiches, was immer Christentum nun dort wieder bedeuten mochte. Immerhin streben nach dem Ende Westroms Franken, Visi- und Ostrogoten nach kaiserlicher Anerkennung.

 

Die neue Art von Königsherrschaft wird also nun durch ein eigenartiges Gemisch aus vorchristlichen und "christlichen" Vorstellungen legitimiert, die letztere sich deshalb angeboten hatten, weil der christliche Anteil einer (römisch-christlichen) Zivilisation abgeschaut wird, die Herrschaft und Untertänigkeit in für die neuen Machthaber beneidenswerter Form geregelt hatte. Dabei hatte die Ansiedelung der kriegerischen Scharen nicht nur Formen von Macht und Ohnmacht, von Besitz und Armut von der alten Zivilisation übernommen, sondern ergänzte diese noch durch weitere. Letztlich übernahmen die Germanenvölker römische Strukturen und behielten sie bei, indem sie sie sich anverwandelten.

Das römische Christentum aber legitimierte spätestens seit seiner Romanisierung solche Strukturen und erweist sich zudem als enorm anpassungsfähig gegenüber deren Anverwandlungen. Die Visigoten in Spanien, bereits christlich, aber arianisch und nicht korrekt römisch, machen den Schritt hin zur korrekten ("katholischen") Religion im westlichen Abendland allerdings erst erheblich später.

 

Nun war allerdings das Christentum einer herrschenden germanischen Kriegerschicht nicht so recht in Übereinstimmung zu bringen mit dem einer entwickelten städtischen Zivilisation, wie es die römische vorher war. Die Probleme kann man in dem Geschichts- und Geschichtenbuch Gregors von Tour ausführlich verfolgen. Die neue germanische Oberschicht war sesshaft geworden, ihre Könige hatten die früheren Staatsdomänen zum großen Teil neben sonstiger Beute übernommen, und die Einwanderer hatten sich auf Ländereien niedergelassen, die entweder herrenlos geworden oder aber den alten Herren weggenommen worden waren. Sie werden zu einem Kriegeradel, der das Leben auf großen Landgütern ebenso schätzt wie den Kampf. Sie übernehmen zwar möglichst viel Komfort von der alten Oberschicht, bringen aber auch ein Gutteil vorzivilisatorischer (traditioneller) Werte mit.

Das, was der evangelische Jesus gepredigt hatte, war ihnen noch wesentlich fremder als vielen städtischen Römern zuvor. Also wird der spätrömische Gott des Schlachtenglücks nun noch einmal etwas umgewandelt, er herrscht jetzt wie ein König im Himmelreich mit seinen aus Engeln bestehenden Heerscharen und bekommt einen triumphierenden Jesus zugeordnet, einen, der eben im Tod seinen größten Triumph feiert. Petrus etwa kann dann zum edlen Recken werden, der tapfer sein Schwert für seinen Herrn schwingt. Es ist deutlich, dass das Alte Testament gegenüber dem Neuen nun noch einmal an Bedeutung gewinnt.

Dabei ist zukünftig für die meisten Leute Christentum das, was sie über die Priester und die Bilder in den Kirchen mitbekommen, wo jüdische und christliche Geschichten gleichwertig nebeneinander stehen. Für die Mächtigen wird gelegentlich, nach Momenten für die jeweilige Zeit exzessiver Gewalt und Grausamkeit, deutlich, dass es einen Widerspruch zwischen Religion und Praxis gibt, was zu demonstrativen Akten der Buße und Einkehr führen kann. Insgesamt stehen aber evangelische Lehre und "christliche" Lebenspraxis nebeneinander und werden das bis zum Ende der Christenheit auch bleiben.

 

Diese Germanisierung des Christentum machen zunächst im wesentlichen romanische Bischöfe der Oberschicht manchmal nur zögernd mit, und in ihrem Fundus heiliger Schriften bleibt weiterhin ein ganz anderer Jesus aufbewahrt, inzwischen zwar durch lateinische und griechische Kirchenväter und deren ebenfalls heilige Schriften anphilosophiert und dann eben auch romanisiert, aber doch eben auch dadurch zunächst weit entfernt von germanischem Fühlen und Denken. Mit einer gewissen Beharrlichkeit wird diese kirchliche Elite römisches Erbe bewahren.

 

Die miserable Quellenlage führt, von den damaligen Geschichtsschreibern noch befördert, später zu einer Vorstellung von Geschichte, in der die meisten Menschen fast gar nicht bzw. nur ganz am Rande vorkommen. Die Autoren aus der gebildeten Minderheit in Klerus und Kloster, im Umfeld der Mächtigen angesiedelt, halten die Unterwerfung der Meisten als Knechte oder halbe Sklaven (servi) unter Herren für eine gottgegebene Selbstverständlichkeit. Hatte nicht der Jesus der Evangelien gesagt, dass man den Herren geben soll, was ihnen gebührt und Gott das, was ihm gebührt? War nicht die Unterwerfung der Gläubigen unter Gott und seine Kirche und die unter die gottergebenen Herren auf Erden im Kern derselbe Vorgang? Da die Naherwartung der verheißenen Wiederkehr des „Herrn“ bei Paulus und den Evangelisten durch göttliche Gerichtsbarkeit irgendwann später „im Himmelreich“ bzw. einem „Jüngsten Gericht“ ersetzt worden war, woraus sich Kirche und dann seit dem vierten Jahrhundert auch „christliche“ Herrschaft begründete, waren beide Einrichtungen dauerhaft etabliert worden.

 

Die teils mit Ämtern versehene Kriegerschicht (militia) und die Schicht der professionellen Betenden hatten von der römischen Oberschicht die Verachtung produktiver Arbeit und des Geschäftssinns übernommen und beides für unedel erkannt. Dass der private Reichtum der einen und der kollektive Reichtum der anderen von anderen erarbeitet werden muss, wurde als göttliche Verfügung anerkannt, so wie das Herren-Recht, daraus ihre Herrenschaft als Herrschaft abzuleiten.

Im Verlauf des frühen Mittelalters bleiben so Landbearbeitung und Handwerk überwiegend personell in die familiae der Herren als deren wirtschaftliche Basis integriert. Der erste Anspruch der untersten Etage von Herren an Höhergestellte ist der Erhalt und Ausbau dieser Strukturen, die ihnen ein arbeitsfreies, wenn auch im weiteren Sinne nicht immer ganz müheloses Leben gewährleisten. Dasselbe gilt dann auch für die Herrenmenschen in der Kirche.

 

Daraus resultiert die Erwartung an Könige, immer neu auf jenen inneren Frieden durch Konfliktlösung hinzuwirken, der den Genuss des angesammelten Eigentums samt der dazu gehörenden Rechte garantiert. Das bedeutet aber, dass die aggressiven Energien nach außen gelenkt werden, wo durch eigene militärische Anteilnahme Beute gemacht werden kann, nicht zuletzt auch dadurch, dass man Anteil an eroberten Gebieten bekommt. Der Krieg wird so zum integralen Bestandteil des Frankenreiches.

 

Vorstellungen von einem einheitlichen Recht oder eines allen gemeinsamen Freiheitsbegriffs schwinden. Aspekte davon sowie von früheren Volksrechten, also tradierten Rechtsgewohnheiten werden aufgenommen und anverwandelt. Der massive Schwundprozess der Städte nimmt römischem Recht ein Stück weit die Grundlage einerseits, während das Sesshaftwerden der Kriegerscharen als Herrenschicht auf dem nun dominierenden Lande andererseits neue Strukturen hervorbringt.

Von oben nach unten werden einzelne Rechte vergeben, die als Privilegien, also Vorrechte verstanden werden. Sie werden mit Aufträgen und Aufgaben verbunden, die Herren an Herren weiter unten vergeben. Solche einzelnen Rechte können manchmal in beschränktem Umfang Modellcharakter bekommen, werden aber dadurch nicht allgemeines „Recht“.

 

Der Kern ist, dass die neuen Könige zu allererst Heerführer bleiben, und das, was ihnen vor allem Anerkennung verschafft, sind weiterhin erfolgreiche Kriegszüge. Sie belegen, dass sie im „Heil“ stehen, auch wenn dieses ihnen nun von einem nominell christlichen Gott verliehen wird. Und die edle Freiheit der Krieger, die ihnen dabei folgen, demonstrieren diese mit Waffengewalt, die sie im Konfliktfall auch gegen ihre Kollegen im Reich wenden. Und der Freie, ob großer Gutsherr oder kleiner Bauer, ist per se Krieger, da er das Recht hat, Waffen zu tragen, und verdient sich dies Recht mit der Pflicht, dem König in die jährlichen, meist sommerlichen Kriegszüge zu folgen.

 

Könige sind also abhängig von der Gefolgschaft ihrer Krieger und von der Verlässlichkeit der Herzöge und Grafen, die sie in ihre "Ämter" einsetzen, die aber viele zeitraubende und aufwendige Tagesritte entfernt sind und nur geringer Aufsicht unterliegen. Zudem sind sie auf das Einvernehmen mit den Bischöfen angewiesen, die nicht geringen Einfluss auf die Schäfchen ihrer Herde und die Bewohner der nun zunehmend bedeutungsloseren  Städte insbesondere haben.

 

Von römischer Staatlichkeit bleibt dabei immer weniger übrig. Es entsteht also kein Verband von cives gleichen Rechtes wie im Reich der Römer, sondern ein zunächst hochgradig instabiler Verbund von Personen bzw. Familien, die in unterschiedlichem Maße Vorrechte (Privilegien) einsammeln wie auch Besitztümer, und von denen wiederum die Masse der Bevölkerung abhängt, die solchen Familien zu- und eingeordnet wird. Instabilität wird die Entwicklung beschleunigen.

Es gibt Versuche, germanische Volksrechte aufzuschreiben und römisches Recht, soweit noch passend, anzuwenden, aber wichtiger sind im Alltag der meisten sich wie immer langsam verändernde Traditionen, in denen sich nichtschriftliche Rechtsvorstellungen entwickeln,- wie bei jenen Germanen, die weiter jenseits solcher Reiche leben. Recht wird so vor allem das, was funktioniert und darum für (ge)recht gehalten wird, was immer wieder zu Unstimmigkeiten führt, die dann kriegerisch ausgetragen werden können.

Da das zivilisatorische Moment der Schriftlichkeit mit den Städten langsam verfällt und sich auf Kirche, Kloster und weltliche Oberschicht zurückzieht, entstehen dabeiStrukturen, die auf Mündlichkeit und persönlichen Beziehungen beruhen.

 

In den verfallenden Städten geraten Handwerk und Handel, was schon im alten Rom begonnen hatte, immer mehr unter die Aufsicht von Bischof, Graf und den Äbten von Klöstern, die sich hier ansiedeln und mit reichen Gaben der weltlichen Oberschicht bedacht, ebenfalls zu Herren über Ländereien und handarbeitende Bevölkerung aufsteigen.

 

 

Nachantike/Spätantike:Zwischenzeit

 

Indem mit der städtischen Zivilisation, der Schriftlichkeit, der Warenproduktion und dem Handel eine ganze Welt auf weströmischem Boden nach und nach zurückgeht, entsteht zugleich eine ein wenig neue, andere, immer mehr ländliche und sehr kriegerische Welt, die auch fast alles an Voraussetzungen für die Entstehung von Kapitalismus, wie sie zuvor im Mittelmeerraum bestanden, hinter sich lässt. Sie lebt aber weiter auch von den antiken Hinterlassenschaften, bis diese mit dem Ende des Karolingerreiches überall fast aufgezehrt sind. Dann beginnen die in der Neuzeit so genannten "Renaissancen", die erst mit dem weitgehenden Verlust antiken Erbes Sinn machen und dieses nun deutlicher umdefinieren, ohne sich dessen dabei bewusst zu sein.

 

Aufbewahrt wird die Erinnerung in (lateinischen) Texten, die in den Klöstern gesammelt und immer einmal wieder neu abgeschrieben werden. Dabei verblüfft heute das Nebeneinander antik-heidnischer und christlicher Schriften in den Bibiliotheken der Klöster, wobei die Texte aus dem monastischen Kontext belegen, dass das antike Heidentum mit Interesse gelesen und zitatweise wie nicht nur bei Widukind von Corvey in den eigenen Text eingebunden wird. Eine gewisse Schriftlichkeit bleibt wie im iberischen Visigotenreich bei der Oberschicht bis zu den Großgrundbesitzern hinab wohl bis zum Ende erhalten. Die Merowingerkönige, solange sie noch tatsächlich herrschen, verfügen ebenfalls noch über eine gewisse Lesekunst und Schreiber für rechtlich wirksame Texte. Ländliche Pachtverträge in Schriftform gibt es auch noch im Frankenreich des 6. Jahrhunderts. Besonders altrömische Familien mit größeren Besitzungen pflegen solange auch noch antikes Bildungsgut, wenn auch mit abnehmender Tendenz.

 

Im 7. Jahrhundert beginnt sich dann die Schreibkundigkeit  besonders nördlich des Mittelmeerraumes nach und nach fast völlig in Klöster zurückzuziehen, weswegen wir diese neue Welt überwiegend aus Texten von Mönchen noch kennen. Auch die Erinnerung an die frühen Texte der Christenheit wird in Schrift und Lebensform im wesentlichen nur dort noch gepflegt. Daneben erinnern sich einige belesene Bischöfe mit ihren Kenntnissen noch an die Vergangenheit.

 

Herrschaft jenseits des Krieges versuchen die Merowinger-Könige nicht nur durch die Verteilung von Aufträgen und allgemeinen Aufgaben (Bauen, Militärdienst) auszuüben sowie durch eigene Präsenz, sondern sie versuchen sie auch hin und wieder nach römischem Vorbild und recht ungermanisch durch das Eintreiben von einer Art Steuern zu finanzieren, was immer wieder auf Widerstand trifft. Solche Abgaben auf immobiles Eigentum und per capita, pro Kopf vermitteln der germanischen Bevölkerung zudem den Eindruck, ihre Könige seien nicht genug im (Kriegs)Heil befindlich, um ihren Schatz durch Beute, Tribute und Schenkungen aufzufüllen (Elsbeth Orth in: Römer und Barbaren, S.176ff).

Im wesentlichen betreiben Könige also ihren Unterhalt und den ihres Hofes aus den Einnahmen aus dem riesigen eigenem Besitz, dessen Kern die ehemaligen römischen Staatsdomänen sind. Dabei residieren sie oft in den römischen Stadtpalästen.

 

Beauftragte des Königs in ihrem „Amt“ wiederum müssen mit Land und Leuten ausgestattet sein oder werden, damit ihr Unterhalt gesichert ist. Im Kern geht es Bischofskirche und Kloster genauso. Die Kirche bekommt zwar den Zehnten, aber der sollte ja für geistliche Zwecke wie Kirchenbauten, Verwaltung und Almosen aufgewendet werden.

Klöster andererseits bedürfen des Grundbesitzes mit darauf arbeitenden Leuten zu ihrer Versorgung, denn sie sollen einen Gutteil ihres Tages mit dem Gebet, Messfeiern, Chorgesang und dem Studium der heiligen Schriften verbringen. Und darüber hinaus sollen Kirchengebäude, auch die von Klöstern, innen in jener Pracht ausgestattet sein, die die Pracht Gottes (und die Macht von Bischof und Abt) wiederzugeben hat.

 

Die (weltlichen) Reichen und Mächtigen, allesamt Krieger, geben dafür insbesondere seit dem 7. Jahrhundert gerne viel. Einmal können sie so Kirchen und Klöster eng an sich binden oder sogar unter ihre Aufsicht und ihren Schutz stellen. Des weiteren bekommen sie die Möglichkeit, ähnlich wie Klerus und Mönche in größtmöglicher Nähe zu den Überresten von Heiligen bestattet zu werden, in denen göttliche Wunderkraft aufbewahrt ist, was für den Zugang zum Himmelreich von Vorteil sein kann. Zudem kann man größere Geschenke mit der Verpflichtung von Geistlichkeit und Klosterinsassen verbinden, regelmäßig für das Seelenheil insbesondere der verstorbenen Familienmitglieder zu beten und so die Vermeidung von Höllenqualen erreichen, die bei dem Lebenswandel der Laien eigentlich naheliegend waren.

Das wiederum zieht Vorteile nach sich: Eine Kirche, ein Kloster können so später zum Zentrum ihrer Familien werden, zum Versammlungsort und Identifikationspunkt. Es gibt keine Familiennahmen und vorläufig auch keine Burgen, nach denen man sich hätte benennen können, und die den Zusammenhalt und die Traditionsbildung gefördert hätten. Das tat nun bald das Totengedächtnis in Kirche und Kloster, die memoria, so wie es in den Stammesverbänden früher nur die mündliche Tradition in der Familie konnte.

 

In einer weithin schriftlosen Zeit bleibt die Christianisierung der meisten Leute in ein römisch-germanisches Glaubens-Konglomerat rudimentär, zudem mangelt es an Ausbildung eines immer häufiger selbst mehr oder weniger analphabetischen niederen Klerus, der sich oft mühsam seine eigene Glaubenslehre zusammenbastelt, um sie dann Leuten zu vermitteln, denen der Kern der Dinge hier ziemlich unverständlich erscheint, der dreifaltige und getötete und auferstandene Gott - und manches andere auch. Einiges davon kommt erst im hohen Mittelalter halbwegs an, manches wohl bei vielen nie... Immerhin bleiben die Wochentage meist weiter alten Göttern gewidmet, Mars in dem spanischen martes und Donar im deutschen Donnerstag zum Beispiel. Und das höchste christliche Fest wird in England und deutschen Landen nicht lateinisch pascha nach hebräisch pesach heißen, sondern Ostern (easter) nach der germanischen Frühlingsgöttin Eostre.

 

Was den Leuten leichter nahezubringen war, waren beschauliche oder eindrucksvolle alttestamentarische Geschichten, die Wundertaten Jesu und die magischen Kräfte, die von den Heiligen und ihren Überresten, den Reliquien ausgingen, denen die Kirchen geweiht sind. Von den ethisch-moralischen Geboten, die die Herrenschicht für sich eher wenig in Anspruch nimmt, kommt den einfachen Leuten dagegen mehr zugute: Sie resultieren für sie in der gehorsamen Unterwerfung, und zwar unter ihre weltlichen Herren wie unter die Geistlichkeit, und der Verpflichtung, untereinander Ruhe zu halten und keinen Anlass zum Streit zu liefern. Letzteres fiel ihnen offenbar nicht leicht, auch weil die alten Formen der Selbstregulierung und der Konsensbildung von Germanen durch die Hierarchisierung ihrer Welt ein Stück weit außer Kraft gesetzt worden sind. Romanen waren durch das lange Ducken unter die Staatsmacht anders vorgeformt, verändern sich aber ebenfalls unter den neuen Bedingungen.

 

Eines der germanischen Überbleibsel ist die Erbteilung, die im Frankenreich nach dem Tod des Reichsgründers Chodwig bei mehreren Söhnen und einem Königtum im Familienbesitz dazu führt, dass das Reich in schon vorgegebene Bestandteile aufgeteilt wird, wobei der gemeinsame Reichsgedanke erhalten bleiben soll. Solche Teilkönigtümer, zu denen bald auch das angeschlossene und eigentlich nichtfränkische Burgund gehört, führen dann auch zu häufigen Kriegen gegeneinander, und da es sich gewissermaßen um Familienkriege handelt, mischen auch königliche Frauen dabei heftig mit, woraus eine besonders brutale Geschichte wohl zu einer der Keimzellen für das viel spätere Nibelungenlied wird.

 

Die Visigoten, deren Königreich sich bald über den größten Teil der iberischen Halbinsel erstreckt, vermeiden solche (fränkische) Reichsteilungen, was ihnen eine gewisse Stabilität verleiht und auch dazu führt, dass sie mit Toledo zur Etablierung einer Monarchie eine zentrale Hauptstadt einführen können. Zwar folgt auch hier manchmal ein Sohn dem Vater auf den Thron, aber insgesamt gerät dieser nicht auf Dauer in den Besitz einer Familie, sondern wird oft von den Großen des Reiches neu vergeben. Andererseits verliert sich ihre kriegerische Kraft an der Solidität der Pyrenäengrenze, hinter der es nur noch einen kleinen visigotischen Restraum gibt, und an der Erfolglosigkeit, kantabrische und baskische Volksstämme im Norden zu erobern. Als dann 711 islamisierte und von Arabern angeführte Völkerschaften aus Nordafrika auftauchen, sind sie ihnen fast wehrlos ausgeliefert, und ihre Großen ziehen sich nun ihrerseits in den äußersten Norden zurück. (Sehr ausführlich dargestellt in Anhang 4)

 

Ostrom versucht bald, wenigstens Teile des westlichen Mittelmeerraumes zurückzuerobern und vernichtet dabei sowohl das italische Reich der Ostrogoten wie das der Vandalen in Nordafrika. Der zwischenzeitliche Versuch, sich an der Südküste Spaniens festzusetzen, ist genauso wenig von Dauer wie der in den übrigen Regionen. Nordafrika fällt in dieselben Hände wie Spanien und der italienische Süden, und Italien wird von den Langobarden erobert, die sich im Norden und der Mitte festsetzen und dort ein Königreich formen, welches der große Karl der Franken auf dem Weg zur Kaiserkrone erobern wird.

 

Den Angeln, Sachsen und anderen aus demselben Raum stammenden Völkern gelingt es, sich in dem Teil Britanniens festzusetzen, der später England heißen wird. Im Unterschied zu den anderen germanischen Volksgruppen, die die Nachfolge des römischen Reiches antreten, gelingt es ihnen, eine durch Fusionierung entstehende eigene Sprache neben dem Latein der wenigen Gebildeten durchzusetzen, aber es wird lange dauern, bis sie ein gemeinsames Königreich bilden. Dessen Erbe wird dann 1066 ein romanisierter Normannenherrscher mit seinem Heer antreten und das Altenglische in das Idiom der Unterschicht als „Volkssprache“ abdrängen.

 

Da es hier um die Entstehung des Kapitalismus und seine erste Blütezeit im Mittelalter gehen soll, konzentriert sich der Text nun stärker auf das Frankenreich, weil es in seiner Ausdehnung unter Karl dem Großen bis auf Teile Englands jene Regionen enthalten wird, in denen Kapitalismus als erstes Wurzeln schlagen wird: Ober- und Mittelitalien, das Rheintal und Flandern vor allem.

 

Das Erfolgsprogramm fränkischer Könige und ihres Gefolges beruhte darauf, die enormen kriegerischen Energien von innen nach außen abzuleiten. Der Atlantik bis zum Ärmelkanal, Pyrenäen und Mittelmeer bildeten natürliche Grenzen, ebenso die Hochgebirge nach Italien. Offen lag jenes Land östlich des Rheins, welches von germanischen Nachbarvölkern besiedelt war, vor allem Friesen, Sachsen, Thüringer, Chatten, Alemannen und Bayern.

 

Wie schon angedeutet, hatte sich das römische Bistum/Patriarchat eine gewisse geistliche Führungsrolle im Westen angemaßt. Nach dem Untergang der Ostrogoten war es, wie der größte Teil Italiens, zunächst unter die Herrschaft Ostroms gelangt. Die Hauptstadt Konstantinopel nahm bald wieder den alten griechischen Namen Byzantion (Byzanz) an und beanspruchte, wo immer möglich, das alte Westreich für sich. Den Langobarden gelingt es dann nicht, ganz Italien unter ihre Kontrolle zu bringen. Rom und seine Umgebung, das alte griechische Neapel und einige andere Städte bleiben wenigstens nominell in byzantinischer Oberhoheit, dazu Teile der Ostküste von Venedig bis Bari.

 

Aber es gibt in Rom gewissermaßen einen anderen Erben für das alte Westrom: Das entstehende Papsttum. Während die Stadt Rom einen rapiden Bevölkerungsverlust erleidet und seine städtischen Strukturen und Gebäude verfallen, hält der römische Bischof eine nicht nur kirchliche, sondern ein wenig auch imperiale Tradition aufrecht, sitzt er doch auf einem Thron in der alten Kaiserstadt. Nach dem Osten darf er seine Ansprüche allerdings nicht ausrichten, herrscht doch dort seine Schutzmacht, auf deren Wohlwollen er angewiesen ist, bald auch zum Schutz vor den Langobarden.

 

Nun hatte die Kirche aus der endredigierten Version der Evangelien – bzw. aus einer kleinen, vermutlich von ihr betriebenen Einfügung – Jesu Auftrag an Petrus entnommen, fleißig zu missionieren, also möglichst viele Menschen unter die Obhut der Kirche zu bringen. Das passt zwar nicht zu dem übrigen Evangelien-Text, aber der Kirche und auch den fränkischen Herrschern ins Konzept. Während nun Missionare in England versuchen, in etwas neuer Form an das anzuknüpfen, was da einst als Christentum vorhanden gewesen war, sind kaum anzivilisierte Germanen-Völker aber eher wenig geneigt, ihre eigenen Vorstellungen von der Welt ohne zum Teil gehörigen Widerstand aufzugeben. Das wiederum kommt dem kriegerischen Expansionsdrang der fränkischen Herrscher entgegen, die ihre Kriege darum nun religiös begründen können, wie vor ihnen altjüdische und zeitgleich mit ihnen erste muslimische Herrscher.

 

Während Friesen und Sachsen sich auch jetzt nicht bezwingen lassen, werden Thüringer, Chatten, Alemannen und Bayern in Kriegen immer mal wieder unter fränkische Oberhoheit gebracht. Nicht nur dem Christentum wird so Verbreitung ermöglicht und in einigen Gegenden zudem fränkische Kolonisierung, sondern diese Völkerschaften werden dabei auch unter von fränkischen Königen abhängige Unterkönige gebracht.

Die Stabilisierung solcher fränkisch beeinflusster Herrschaft schafft einen neuen Stammesbegriff in zukünftigen deutschen Landen. Mustergültig dafür ist jenes große Völkergemisch, welches unter solch zentraler Führung zum Volk der Bayern zusammengeschweißt werden wird.

 

Wenn man hier stehen bleibt und nicht vom späten Mittelalter aus, klüger geworden, wieder zurückschaut auf das, was bisher beschrieben wurde, wird man keine Anzeichen dafür finden, dass sich im lateinischen Abendland „Kapitalismus“ herausbilden wird. Weder das nachantike weströmisch-germanische Christentum, noch die Herrschaftsformen, die Formen des Wirtschaftens oder gar die weiter verfallenden Städte geben irgendeinen Hinweis darauf. Gebäude sind weitgehend aus Holz und Lehm, das Handwerk hat sich inzwischen vorwiegend aufs Land zurückgezogen, gehandelt werden nur noch wenige Luxusgüter für die von ihren großen, wirtschaftlich fast autarken Landgütern lebende Oberschicht, während die produktiven Volksmassen auf die schiere Subsistenz reduziert bleiben.

Geld zirkuliert nur noch in geringerem Umfang, es herrscht, sofern überhaupt, weithin Tauschhandel. Kapitalisten gibt es auch kaum noch welche, und es besteht auch kaum Bedarf an ihnen. Anders sieht es mit den großen Städten von Byzanz und bald auch der islamischen Welt aus, aber dort wird sich ohnehin kein Kapitalismus entwickeln.

 

Tatsächlich ist das Neue aber schon im Alten angelegt: In einer bestimmten Ausprägung des Christentums, im nie ganz verloren gehenden Erbe der mittelmeerischen Antike, in Resten von Städten, in denen Verluste zugleich zur Offenheit für Neues werden, in Herrschaftsformen und Strukturen der Machtverteilung, die noch zu anarchisch, zu unsicher für den Aufstieg von Kapitalverwertung sind, aber eine gewisse Offenheit (oder soll man Freiheit sagen?) besitzen, die zu Spielräumen werden kann.

 

Vor dem 10. bzw. 11. Jahrhundert scheitern sämtliche Reichsbildungen als Vorläufer von neuer Staatlichkeit, und ohne Erfolge in diesem Bereich wird kein Kapitalismus möglich sein. Zwar kann man vielleicht sagen, dass er am frühesten in jenem Italien keimt, welches bis ins 19. Jahrhundert durch keinen Flächenstaat zusammengefasst wird, aber andererseits entstehen dort mit den Stadtstaaten im Norden und in der Mitte früheste Vorformen kleinräumiger moderner Staatlichkeit, und die anders aber auch wie die deutschen Lande nicht geeinte Halbinsel steht bis 1250 mehr oder weniger in einem Schutzraum zwischen dem oströmisch-byzantinischen Reich und dem der ostfränkisch-deutschen Herrscher.

 

Ganz offensichtlich bedarf Kapitalismus zu seiner Entstehung eines solchen vorstaatlichen Schutzraumes, der gerade genug Sicherheit für seine Entfaltung bietet, andererseits aber nicht die Enge von Despotien bedeutet, die ihn im Ansatz strangulieren würden. Zur Dauerkrise von Herrschaft in Reichen, welche ihre Hand schützend über eine wirtschaftliche Entwicklung halten könnten, aus der dann Kapitalismus entstehen würde, kommt vor dem Mittelalter der Rückgang von Bevölkerung, besonders der in den Städten, die zunehmend verfallen und dann vielerorts bis ins 8./9. Jahrhundert stagnieren.

Dort, wo wie im germanischen Raum nicht ohnehin Städte fehlen, setzen sich nun fast überall agrarische Strukturen durch, am wenigstens noch an den Küsten Italiens und Südgalliens. Selbst das Handwerk zieht sich weitgehend aufs Land zurück und geht dann in die großen Grundherrschaften ein. Was zudem immer mehr abnimmt, ist ein Markt, auf dem sich Stadt und Land austauschen könnten, womit auch das Geld deutlich an Bedeutung verliert, auch wenn es nicht ganz verschwindet.

 

Die Nahrungsmittelproduktion geht nicht nur mit dem Bevölkerungsschwund zurück, sondern auch aufgrund sinkender Produktivität. Vieles an antiker technischer Innovation schwindet, nicht etwa, weil es ganz vergessen wird, sondern weil es niemand mehr gibt, der sie aufrechterhalten kann. Damit einher geht der Verlust von antik-mittelmeerischem Bildungsniveau, Unbelesenheit und Analphabetismus machen sich bis in die obersten Kreise breit. Vieles an dieser ruinösen Entwicklung wird erst gleichzeitig mit dem ersten Keimen kapitalistischer Vorformen aufgehalten und dann umgekehrt diese wiederum befördern.

 

Der Kapitalismus entsteht auf und in den Trümmern von rund fünfhundert Jahren spät- oder nachantiker Verfallszeit. Zwei zunächst germanisch dominierte Reiche aus dem Zusammenbruch des Imperium Romanum überdauern die Jahrtausendwende, einmal das der Angelsachsen, erst spät geeint und dann bald, 1066, von den Normannen überrannt, und zum anderen das im 9. Jahrhundert zweigeteilte Frankenreich, erst das der Merowinger, dann das der Karolinger und schließlich das der Kapetinger im Westen und der sächsischen, später salischen und dann staufischen Herrscher im Osten, welches erst im dreizehnten Jahrhundert weitgehend zerfällt.

 

Für die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus werden nur wenige Aspekte fruchtbar werden, indem sie ein wenig in die Zukunft weisen. Diese betreffen die Bereiche Herrschaft, Kirche und Kloster, Romanisierung und Wirtschaft.

 

****Mittelalter?****

 

Epochalisierung ist hilfreich, soweit sie hilft, Zeiträume nicht in Zahlenangaben unterzubringen, was einen Anschein von Exaktheit erweckt, der für die Kontinuitäten von den frühen Mittelmehr-Zivilisationen bis ins 18. Jahrhundert zumindest irreführend ist. Sie wird schädlich dort, wo sie in diesen Zeiträumen zuviel statisch gedachte Eigenschaften unterbringt, die dort nicht hineingehören.

Als belesene Vertreter der städtischen Welt des 14.-16. Jahrhundert besonders in Italien das Mittelalter erfinden und damit eine neue Qualität von Epochalisierung nach der, die aus der christlichen Heilsgeschichte erwuchs, ignorieren sie das Kontinuum, welches sie selbst hervorgebracht hatte, um sich selbst auf die Höhe eines vorgestellten hohen Bildungsniveaus der römischen Antike zu hieven und die Zeit seit dem 5. Jahrhundert entsprechend als eine ungebildeter Finsternis und Dumpfheit anzusehen. Diese "gebildete" Arroganz und Ignoranz beherrscht seitdem den lateinisch-abendländischen Blick auf die Geschichte, der als Heilsgeschichte eines letztlich technisch gedachten Fortschritts stattfindet.

Bis ins neunzehnte Jahrhundert wird dieser zutiefst technische Fortschritt von akademischen Eliten als geistiger formuliert, was in den Texten von Hegel kulminiert und auf niederstem Niveau auch alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts überlebt. Für die unbelesenen Massen heute ist der Blick in die Vergangenheit vor allem der in ein niederes Konsumniveau, welches Spott oder ungläubiges Lächeln auslöst. Dabei hat es gewiss nie ein Mittelalter gegeben, welches sich von einem Vorher und Nachher klar abtrennen ließe. Das Ende der weströmischen Kaiserzeit ging langsam und ohne deutliche Bruchlinie vonstatten, und weder Petrarca noch das Konzil von Konstanz noch Kolumbus oder Luther markieren ein deutliches Ende einer Epoche.

Wenn hier von Spät- oder Nachantike, frühem Mittelalter seit etwa den Karolingern, hohem und spätem Mitttelalter gesprochen wird, dann soll das die Zeitangaben so undeutlich lassen, wie es die tatsächlichen Kontinuitäten erfordern. Wenn man die Zeit zwischen dem auslaufenden weströmischen Imperium und den Katastrophen von 1776 und 1789 sinnvoll einteilen möchte, dann gibt es eine Mitte zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert, die die Geschichte in eine vorkapitalistische und eine kapitalistische teilt. Aber selbst das bleibt undeutlich, denn der Vorgang von Einwurzelung und Entfaltung kapitalistisch dominierter Strukturen findet in unterschiedlichen Gegenden zu unterschiedlichen Zeiten und manchmal viel später erst statt und braucht in Teilen Europas wesentlich länger als hier so angegeben.

Tatsächlich bringen selbst die politischen Katastrophen zwischen 1776 und dem jeweiligen Heute von Autor und Leser bislang keine klaren Bruchlinien hervor, denn die anhaltenden Prozesse von Entzivilisierung bei immer totalitäreren Staatsgebilden als schieren politischen Agenturen des inzwischen globalisierten Kapitals sind logische Konsequenz der vorausgehenden Kapitalbewegungen. 

 

Merowinger

 

Südgallien ist inzwischen ganz in den Händen eines visigotischen Reiches mit der Hauptstadt Tolosa (Toulouse). Nordöstlich davon behaupten die Burgunden, zunächst noch in römischen Diensten, nach Norden die alte Reichsgrenze gegen die Alamannen, und lösen sich dann als Königtum aus dem Imperium Romanum, dessen Strukturen zunächst übernehmend in einem Nebeneinander von römischem und burgundischen Recht.

 

Am Niederrhein hat sich um die Hauptstadt Köln ein rheinfränkisches Königreich gebildet, aus dessen vornehmeren Reihen höchste Beamte des Imperium Romanum stammen. Ab 450 sind sie in Ausgrabungen in Gelduba nachweisbar (siehe Anhang 5). Eine Volksgruppe, die dann auch unter die Franken gezählt werden wird, wird als laeti im nordgallischen Toxandrien angesiedelt, um es zu bevölkern und Soldaten zu stellen. Von dort sickern sie in südlichere Gegenden ein.

 

Unter den fränkischen Kleinfürstentümern in Nordgallien ragt bald unter einem Childerich eines um Tournai hervor, welches im Auftrag Roms ( des Kaiser-Nachfolgers Odoaker) erfolgreich gegen die Alemannen kämpft, 463 dann unter dem gallischen Heerführer Aegidius gegen die Westgoten. Dieser Aegidius befehligt ein bereits durch Burgunden und Goten von Italien abgeschnittenes Herrschaftsgebiet. Sohn Syagrius wird von Gregor von Tours als rex, also König bezeichnet, bis ihn Childerichs Sohn Chlodwig besiegt.

Der verselbständigt sich immer mehr, unterwirft weitere Gegenden, während die Rheinfranken bis Trier vorstoßen und sich mit Chlodwig verbünden.Dieser lässt verwandte Konkurrenten und andere Kleinfürsten brutal ermorden.

 

Dann kann er bereits die Thüringer besiegen und 507 gelingt ihm die Eroberung der Auvergne. Inzwischen hat der Osthrogote Theoderich im Bündnis mit den Franken Odoaker beseitigt. Dann geht es für Chlodwig erfolgreich gegen die Alemannen. Schließlich konvertiert er noch zum (römischen) Christentum des Schlachtengottes Kaiser Konstantins und schlägt 507 die (arianischen) Visigoten, erobert Tolosa und vertreibt sie auf die iberische Halbinsel. Zum Dank wird seine Herrschaft von Byzanz mit römischen Titeln anerkannt, die ihn geradezu auf eine Ebene mit Theoderich stellen und helfen, ihn gegen diesen zu positionieren. Fast mehr noch als dem Christengott fühlt er sich dabei dem längst heiligen Martin von Tours verpflichtet, dessen capa (Übergewand) bald in der königlich-fränkischen, danach benannten capella landen wird. 

Die Funktionalisierung der Kirche für die Einheit des so rasch eroberten Reiches findet ihren ersten Höhepunkt in einem Reichskonzil 511 mit reichsweiter Gesetzgebung. An die Stelle eines göttlichen Ahnen tritt nun der göttliche Auftrag des einzig wahren Gottes. Der Süden und der Norden Galliens, nun das Frankenreich, werden sich aber als stärker und schwächer romanisierte Gebiete danach kaum einander annähern.

 

Die heutige Provence wird in einer Gegenwehr Theoderichs vor der fränkischen Übernahme bewahrt, und laut Theoderich, wie Cassiodor schreibt, der römischen Freiheit zurückgegeben. Auf der anderen Seite des südlichen Gallien bleibt Septimanien diesseits der Pyrenäen den Visigoten erhalten, ein Landstrich, der später auch Gothia heißen wird.  Als dann unter Justinian die Rückeroberung Italiens einsetzt, überlassen die Nachfolger Theoderichs die Gebiete nördlich und westlich den Franken unter den Söhnen Chlodwigs, die die Provence, Burgund, große Teile Alemanniens und Bayern erobern, nachdem sie sich schon Thüringen einverleibt hatten. In Gallien fehlen außer Septimanien nur Vasconien, die baskische Gascogne also, und die Bretagne.  

 

Im Zuge der Erbteilungen unter den jeweiligen Söhnen bilden sich drei Teilreiche heraus. Da ist das um Champagne und Auvergne vergrößerte Rheinfranken mit der Hauptstadt Reims bei bleibender Bedeutung von Köln, welches später Austrien genannt wird und welches zeitweilig das ganze östlich anschließende Germanien kontrolliert, ein Neustrien mit dem Hauptort Paris, welches zum Teil später als Francia firmieren wird, und ein zeitweilig bis ans Mittelmeer reichendes Burgund.

614 gelingt es Chlotar II., sich als Alleinherrscher durchzusetzen. Von Paris aus regiert er alle Reichsteile, Neustrien direkt und die beiden anderen patriae, wie sie nun heißen, jeweils über einen Hausmeier, maior domus, als Verwaltungschef, wobei beide als Vertreter des Adels auch dessen Interessen repräsentieren.

 

Schließlich verlangen Chefs austrischer Adelsfamilien, insbesondere der Bischof Arnulf von Metz und der mit ihm verbündete Hausmeier Pippin (der Ältere) die Einsetzung eines eigenen Königs, und Chlothar gibt ihnen seinen Sohn Dagobert, der 629 nach dem Tod seines Vaters sich Neustrien und Burgund verschafft und dann Pippin gefangensetzt und Arnulf entmachtet, der sich ins Kloster Remiremont in den Vogesen begibt, was seiner baldigen Heiligkeit zuträglich werden wird. Als Dagobert dann einen Sohn in Austrien einsetzt, ist dieses fast wieder auf das alte Rheinfranken geschrumpft und der Kontrolle über Germanien östlich des Rheins beraubt.  

Nach Dagoberts Tod 639 übernimmt neben dem Austrasier Sigibert der andere Sohn  Chlodwig (II.) das erweiterte Neustrien (samt Burgund) als regnum Francorum, womit nun die Leute nördlich der Loire und westlich von Austrien zu "eigentlichen" Franken einer Francia werden, während diese wiederum die Menschen im Süden als "Römer" ansehen  und die im Osten eher als unfränkisch. (Werner, S.353)

 

Inzwischen ist die Christianisierung in den Reichsteilen vorangeschritten und hat auf Teile der Oberschicht Germaniens übergegriffen. Adel und Kirche sind beide an der Verwaltung des Reiches beteiligt, und mit dem Adel werden die Bistümer besetzt. Beteiligung an der Macht findet auf Konzilien statt, an denen auch Laien teilnehmen, und auf Hoftagen, auf denen wiederum auch Bischöfe auftreten. Besonders wichtige Bistümer wie Reims, Metz, Paris, Köln, Trier werden als Stützen des Reiches mit Königsgut ausgestattet, und die Bischöfe "wirkten oft im königlichen Dienst als Berater, Verwaltungsbeamte und Finanzleute" (Friedrich Prinz in: Römer und Barbaren, S.123).

 

Eine wichtige Rolle übernimmt in diesem Zusammenhang die iro-schottische Mission um 600, die stark mit dem Namen Columbans verbunden ist. Die daraus entstehenden neuartigen Klöster sind so attraktiv für den fränkischen Adel, dass der nun selbst welche gründet und ausstattet und sie an seine Familien bindet. "Die vom fränkischen Adel gegründeten Klöster standen im Einklang mit dessen vornehmem Status. Es waren große Klöster mit reich geschmückten Kirchen, in denen adelige Männer und Frauen ihren gewohnten Lebensstil trotz aller Hingabe an Gott beibehalten konnten." (Patrick J.Geary in: Römer und Barbaren, S.157).

Zugleich zieht ein neuer Heiligentyp ins Frankenreich ein: Es sind hocharistokratische und waffengewandte Bischöfe, mit denen sich auch der noch ziemlich heidnische Adel auf dem Lande identifizieren kann. Der Fortschritt der Christianisierung ist die zunehmende weitere Entchristlichung des Christentums.

 

Zwischen 639 und 687 übernehmen Hausmeier zunehmend die Macht in beiden Reichen, und zwischen denen von Neustrien (Ebroin) und Austrien (die vereinigte Familie von Arnulf und Pippin) entbrennt ein Machtkampf, der schließlich in der Schlacht bei Tertry zugunsten Pippins (des Mittleren) entschieden wird. Der belässt einen relativ entmachteten merowingischen König in Paris, für den bald ein Sohn Pippins, Grimoald (II.) die wirkliche Macht ausübt, und er selbst residiert vorwiegend in Köln als Hauptort Austriens mit seiner Gemahlin Plektrud: Ein König, ein Reich und zwei mächtige Hausmeier aus einer Familie großer weltlicher Grundbesitzer: Sie werden viel später Karolinger heißen.

 

Unter den Osthrogoten und dann Langobarden, den Burgunden, Franken, den Visigoten und Vandalen verfällt der gemeinsame weströmische Wirtschaftsraum. Der Handel nimmt ab und gerät zunehmend in die Hände von Syrern, Juden und später auch Friesen. In Fällen von Hungersnöten wird arme Bevölkerung durch angekauftes oder gehortetes Getreide von Bischöfen ernährt, die meisten Menschen haben keine Geldreserven, ja, verfügen, wenn überhaupt, nur nach besonders guten Ernten kurzfristig über Geld, was sofort abgegeben oder ausgegeben wird.

Aber es gibt weiter Münzstätten im Frankenreich und Münzen, es gibt Märkte, vermutlich sogar größere Jahrmärkte und die Nachfrage der Oberschicht nach Luxusgütern. Zölle und andere Abgaben werden eingenommen. Es gibt negotiatores, Händler. Bis tief ins siebte Jahrhundert bleibt tradiertes Handwerk, sogar exzellentes Kunsthandwerk (Glas, Emaille, Keramik, Elfenbeinschnitzerei, Goldschmiedekunst) in den Städten. Es gibt weiterhin Bauten aus Stein, aber bald nur noch für einen kleineren Kreis von Oberschicht und für bedeutendere Kirchen, von denen allein Reims über zwanzig haben soll. Glockentürme und Querschiffe sind Erfindungen der Merowingerzeit. Erhalten geblieben ist bis heute kaum mehr als das Johannes-Baptisterium in Poitiers.

Aber alles nimmt mit der Verringerung der städtischen Bevölkerung ab. Die meisten Städte und viele vici des Imperiums bleiben dabei kleiner bestehen oder werden in der Nähe wieder aufgebaut.

Einen weiteren Einbruch in den Fernhandel bildet zunächst die rasante Ausbreitung der islamischen Welt im 6. Jahrhundert, die 656 Ägypten und 711 Hispanien erreicht. Papyrus wie vieles anderes gelangt nicht mehr nach Europa und wird durch Pergament ersetzt. Solide Kapitalbildung gibt es kaum noch. Wir sind inzwischen noch weiter als in Zeiten antik-römischer Kaiser entfernt von irgendeinem Ansatz von Kapitalismus.

 

(Genaueres in Anhang 5)

 

Exkurs: Gewalt, Krieg und Frieden

 

Zivilisationen sind ihrem Wesen nach gewalttätig, und zwar nach innen bzw. unten und nach außen. Unter den Nachfolgereichen des westlichen, lateinischen Teils des Imperiums fällt das Frankenreich seit seiner Entstehungszeit durch besondere oder wenigstens besonders dokumentierte Gewalttätigkeit auf. Ein Aspekt ist dabei sicherlich, dass es keine wirkliche Monarchie wie das Wahlkönigtum der Visigoten ausbildet. Stattdessen ist die Königsmacht zwar bis ins 9. Jahrhundert in der Hand von hintereinander zwei Familien, aber dabei oft geteilt unter mehrere Erben. Da zugleich die Vorstellung eines Reiches der Franken bestehen bleibt, rivalisieren die Erben untereinander bis in Kriege, Mord und Totschlag hinein.

Da es sich um die kriegerische Machtübernahme einer fränkischen Familie mit ihrem kriegerischen Gefolge über eine Bevölkerung von vor allem mehr oder weniger romanisierten Kelten handelt, kennt die Herrenschicht keine ethnischen Grenzen. Ob Visigoten im romanischen Südgallien, Burgunden in der romanischen Sabaudia, Alemannen, Rheinfranken, Thüringer oder Friesen, später Bayern und Sachsen oder die Menschen beiderseits der Pyrenäen und selbst südlich der Alpen, für die beiden Familien und ihr kriegerisches Gefolge handelt es sich immer um potentielle Untertanen, Objekte von Eroberung, Unterdrückung und Integration. Als Reich gilt der Raum, den die Herrscherfamilie mehr oder weniger beherrscht, und Franken gibt es dort fast überall nur als kleine kolonisierende und kontrollierende Minderheit.

Das Gefolge und damit dann auch die regionalen und lokalen Herren bei der Krone zu halten, ist durchweg mit dem Versprechen von siegreichen Kriegszügen, Ruhm und Beute in vielfältiger Form verbunden. Die gemeinsame fränkische Herrscher-Geschichte bis ins 9. Jahrhundert ist immer wieder von brutaler Aggression nach außen gekennzeichnet. Die jährliche Heeresversammlung im Frühjahr führt regelmäßig zum Aufbruch in den Krieg. Spätestens vor Wintereinbruch kehrt man dann zurück, um sich an den Früchten seines immer gottesfürchtigen Werkes zu erfreuen.

 

Waren Adel (die milites der nobilitas) und der Amtsadel der Kurialen im alten Imperium vor allem mit - im weitesten Sinne - Verwaltung betraut, bei zugleich professionalisiertem Militär,  so ist der Adel des Frankenreiches seinem zentralen Wesen nach Militär, Krieger eben, weswegen die Kirche des christlichen Kriegsgottes dort Krieg und Gewalt nicht nur rechtfertigt, sondern mitbetreibt.

Die fast schon Alltäglichkeit des Krieges und seine Verherrlichung führen zu einem Kriegerethos und zur Brutalisierung der Menschen bis hin zu erheblicher Grausamkeit. Was in der Spätantike stärker in den Amüsierbetrieb und die professionalisierte Gewalttätigkeit abgedrängt war, bringt nun im Erfolgsfall auch jenseits davon Ruhm und Ehre. Informiert sind wir allerdings vor allem über Mord und Totschlag in der merowingischen Herrscherfamilie, angefangen bei Chlodwigs systematischem Töten und Morden aller Konkurrenten um die Macht, nicht zuletzt auch in der eigenen Familie. Einen düsteren Höhepunkt erreichten diese Hass- und Mordgeschichten mit den drei Machterben ab 567 und ihren vielen (zum Teil gleichzeitigen) Frauen, die in dem Konflikt zwischen Fredegunde und Brunichilde kulminiert, wie ihn Gregor von Tours beschreibt.

 

Ziel von Gewalt ist Macht und deren Ausübung dann möglichst ohne aufwendige Gewaltanwendung, das, was in Zivilisationen als innerer Friede gilt. Die geringen Machtmittel von Herrschern bis ins 10. Jahrhundert verlangen dabei durchgehend auch das Gespräch mit den Großen des Reiches, denn wenn man ihr (militärisches) auxilium, also ihre Hilfe braucht, dann muss man auch ihren Rat (consilium) annehmen. Aber Gesprächsteilnehmer haben Gewicht vor allem mit ihrem Gewaltpotential. 

Gewalt wird einerseits als solche und als Heldentum verherrlicht, andererseits aber auch religiös gerechtfertigt, - und zugleich ganz weltlich durch Schlagwörter wie Friede, Schutz, Gerechtigkeit, in denen sich Macht gerne spiegelt - sie inszeniert sich also doppelt.

 

Karolinger bis zum großen Karl

 

Aus der Verschmelzung von alter römischer nobilitas und germanischem Kriegeradel entsteht der fränkische Adel der Merowingerzeit, der als geistlicher und weltlicher Latifundienbesitzer Herr über den größten Teil des Landes und der Menschen darauf wird. Als solcher ist er Krieger oder zumindest Herr über ein kriegerisches Gefolge, und er übernimmt Amtsfunktionen in Kirche und "Staat". Mit der Schwächung des Königtums und dem Aufstieg der Hausmeier entsteht an der Spitze eine Fürstengruppe.

Princeps war einst nur der Kaiser gewesen, an seine Stelle traten dann die Könige, von denen aus sich alle Macht legitimiert. Nun fangen die karolingischen Hausmeier an der Macht an, sich als principes zu bezeichnen, und dann folgen die duces (Herzöge) von Burgund und Aquitanien und bald auch andere Herren über große Gebiete. Die zum Teil von fränkischen Königen und dann Hausmeiern eingesetzten Herrscher über die ostrheinischen germanischen Reiche schließen sich an. Sie alle bilden Dynastien aus und versuchen, die Macht in ihrer Familie zu halten. 

 

Mit der Familie der Karolinger kommt es zu einer Machtkonzentration im austrasischen Raum, dessen Adel stärker fränkisch geprägt blieb als der gallische Süden mit seinen intensiver überlebenden römischen/lateinischen Wurzeln. "Die nun weit über die Grenzen ihrer Heimat hinausschweifenden austrasischen Franken wurden die Partner in einer Konföderation sehr unterschiedlicher Regionen, wo einst mehr oder weniger ausdrücklich die Vorherrschaft der merowingischen Könige anerkannt worden war". (Brown2, S.296). Alles läuft mit der Schwäche des Hauses der Merowinger darauf hinaus, einen neuen Typus von Herrschaft als Königtum zu entwickeln, der neue Wege sucht, möglichst viel Macht über die Großen im Frankenreich zu etablieren.

 

Pippin (II.), der Mittlere, lässt sich in seiner königsgleichen Stellung den neustrischen Königsschatz ausliefern. Er selbst versucht von Austrien aus Friesen und Sachsen "abzuwehren", die der fränkischen Dominanz entkommen wollen. Er vereint unter sich den ererbten beträchtlichen Besitz der Arnulfinger um Metz und Verdun mit dem mütterlichen der Pippin-Familie zwischen Lüttich und Ardennen und gewinnt über die Heirat mit Plektrud deren Besitzungen um Trier herum. Wahrscheinlich ist er damit der größte Grundbesitzer im Reich, verfügt über zahllose abhängige Bauern und sklavenartige Hörige sowie über ein zahlreiches kriegerisches Gefolge auch von Kirchen und Klöstern her.

Kirche und weltliche Macht werden immer enger ineinander verschränkt. Beide sind in den Händen des kriegerisch ausgerichteten Großgrundbesitzer-Adels. Reichsgeschichte und Kirchengeschichte sind so untrennbar miteinander verbunden, und die Kirchen werden bis heute fast überall "obrigkeitsstaatlich" ausgerichtet bleiben. 

 

Was nach dem Tod Pippins übrigbleibt, ist ein legitimer Enkel, dessen Rechte Großmutter Plektrud vertritt, und ein Sohn aus einem Konkubinat, den sie gefangensetzt. Er kann dann entkommen und Plektrud zwingen, ihm Köln und Königsschatz auszuliefern. Danach ist dieser Karl, der später den Beinamen Martell (der Hammer) bekommt, in Kriegen gegen die Sachsen und die Neustrier erfolgreich und kontrolliert das Frankenreich und mehr oder weniger direkt ganz Germanien. Er setzt aus Legitimationsgründen merowingische Könige ein, die aber recht einflusslos bleiben.

 

Bischöfe etabliert er aus den Reihen seiner Gefolgsleute. Teils wohl aus Kirchenbesitz verleiht er Land als "Wohltat" (beneficium) zur Nutzung an eine Vasallenschaft, die daraus Kriegs- und Packpferd und eine immer ausführlichere Rüstung und Bewaffnung zu finanzieren hat, etwas ähnlich der praecaria, die Kirchen und Klöster als Großgrundbesitzer auf Zeit und gegen Zins verleihen. Solche etwas professionalisierteren Panzerreiter werden karolingischen Heeren und ihren Nachfolgern ihre enorme Durchschlagkraft verleihen.

 

Östlich des Rheins werden Straßen angelegt, die nicht nur den Handel, sondern auch Kriegszüge begünstigen, und mit Hilfe von Missionaren wird das schon begonnene Zerstörungswerk an den Stammeskulturen zwecks Zivilisierung konsequent fortgesetzt. In Aquitanien wie an den Mittelmeerküsten bis nach Italien nimmt die Bedrohung durch Raubzüge islamischer Gruppen immer mehr zu. Sie lassen sich schließlich nach dem Sieg über das Visigotenreich auf Sizilien, in Teilen Süditaliens und an Punkten der gallischen Mittelmeerküste nieder und behindern mit ihren Raubzügen den gesamten Mittelmeerhandel, der massiv zurückgeht.

732 schlägt Karl Martell sie zwischen Tours und Poitiers zurück, nachdem sie sich möglicherweisel des Martinsheiligtums bemächtigen wollten. Das steigert sein Renomée bei den einen, nicht aber zunächst bei den Aquitaniern, die er nun ebenfalls ausplündert und unter seine Knute bringt, so wie die Friesen direkt danach fast in einer Art Vernichtungsfeldzug. Schließlich ist er so mächtig, dass er nach dem Tod des Merowingerkönigs keinen Nachfolger mehr braucht.. 

 

Die Karolinger vermeiden inzwischen indirekt Reichsteilungen durch die Beseitigung von Familienmitgliedern, was schon Merowinger gelegentlich praktizierten. Die Söhne Pippin (III.) der Jüngere, Grifo und Karlmann teilen sich zunächst in das Reich. Letzterer unterstützt weiter den Einfluss angelsächsischer Missionare auf das Frankenreich, die besonders mit Bonifatius nicht nur bei von den Franken abhängigen Germanenvölkern missionieren und sie damit für die fränkische Eroberung präparieren, sondern die fränkische Kirche stärker an das römische Bistum und seine kirchlich-religiösen Vorstellungen anbinden wollen. Damit setzt ein Romanisierungsprozess ein, der bis ans Ende karolingischer Herrschaft andauern wird und besonders die germanischen Kirchen betrifft.

Der missionarische Reformeifer von Bonifatius, der nach Romanisierung des fränkischen Christentums und Anbindung der fränkischen Kirche an Rom strebt, bedeutet auch ihre stärkere Zentralisierung, welche sich in Reichssynoden niederschlägt, die dem König die Möglichkeit geben, sie, und zwar Bischöfe wie Äbte, stärker als Herrschaftsinstrument einzusetzen. Für die Päpste springt dabei wachsende Bedeutung in der lateinischen Welt heraus.

 

Karlmann geht 747 im langobardischen Exil ins Kloster. Grifo wird von Pippin in Kriegen ausgeschaltet, in denen er sich mit den Bayern, Aquitaniern und dann den Langobarden verbündet hatte. Schließlich lässt sich Pippin vielleicht nach altjüdischem Vorbild zum König salben.

Voraussetzung für ein Königtum Pippins ist die Tatsache, dass das byzantinische Reich, welches in Teilen Italiens, darunter auch Rom, noch offiziell neben den Langobarden herrscht, den römischen Bischof nicht mehr gegenüber langobardischen Angriffen schützen kann, da es selbst von mehreren Seiten militärisch in die Zange genommen wird. Die Langobarden besetzen nun sogar Ravenna. Der Papst sucht eine neue Schutzmacht und findet sie in Pippin, dem er samt seinen Nachkommen 754 das Königtum über die Franken zuspricht, welches der de facto bereits ausübt. Germanisches Königsheil, welches sich vor allem im Krieg erweist, wird nun durch die Vorstellung eines von Gott eingesetzten und vom Papst geweihten Königtums überbaut. Pippin fällt darauf mitsamt seinen fränkischen Kriegern im Langobardenreich ein, bezwingt dessen König und eignet sich ein Drittel von dessen Schatz an. Dem Papsttum wiederum fallen erste von Franken eroberte Territorien zu, Grundlegung eines späteren Kirchenstaates.

 

Seit Karl Martell bereits konzentrieren sich die Karolinger auf unentwegte kriegerische Eroberungen und folgen darin ihren merowingischen Vorläufern. Selten ein Jahr ohne großen Heereszug in zu eroberndes Gebiet. Zunehmend werden die Eroberungskriege als Aktionen zur Missionierung von Heiden hochstilisiert. Christianisierung bedeutet dabei allerdings Kolonisierung und Zerstörung von Kulturen. Dem fallen dann zunächst germanische, später slawische Völkerschaften zum Opfer. Aber Pippin selbst wendet sich für den Rest seiner Herrschaft vor allem der Eroberung Aquitaniens zu, die aber erst von Sohn Karl vollendet werden wird.

 

(Genaueres in Anhang 7) 

 

Karls lange Herrschaft von 768 bis 814 lässt sich unter drei Aspekte einteilen: Den des Kriegsführers und brutalen Eroberers, des Kaiser im Bündnis mit dem Papsttum, und den Anordner einer intensiven Romanisierung und weiteren Zivilisierung, also Intensivierung von Herrschaft.  

 

Zunächst steigert sich der Konflikt zwischen Karl und Bruder Karlmann, der 771 stirbt. Seine Witwe flieht mit den Kindern zu den Langobarden. Deren König übt für sie Druck auf den Papst aus, und Hadrian wiederum wendet sich an Karl. Bis 774 erobert der das Langobardenreich und macht sich selbst zu dessen König. Sieben Jahre später macht er Sohn Pippin zum Herrn eines "Königreiches Italien". 

Ab 772 beginnen Kriege erst zur Unterwerfung, dann zur regelrechten Eroberung und Frankisierung der Sachsen, die bis ins nächste Jahrhundert andauern. Dabei wird bald erfolgreich auf ein Bündnis mit Teilen der sächsischen Oberschicht gegen die eigenen Leute gesetzt. Das Frankenreich wird in eine gewaltige Kriegsmaschine verwandelt. Jedes Jahr im Frühjahr findet Mobilmachung statt, bis zu rund fünfhundert Grafen, gelegentlich hunderte von Bischöfen und Äbten müssen sich mit bewaffnetem Gefolge zu Pferde und Bauern zu Fuß versammeln und in vom König anbefohlene Kriege ziehen. Man folgt ihm aus anbefohlenem Gehorsam und mit der Hoffnung auf Ehre, Beute und Belohnung.

Mitten in die langandauernde und immer grausamer werdende Unterwerfung der Sachsen fällt die mit militärischen Drohgebärden und Hinterlist betriebene Entmachtung der bayrischen Agilolfinger und die Einverleibung ihres Herrschaftsbereiches, die Karl das Aufmarschgebiet gegen die Awaren liefert, die in mehreren Kriegszügen besiegt und ihres beträchtlichen Schatzes beraubt werden.

 

Das Reich wird bis zur Elbe und an die Grenze nach Skandinavien erweitert, schließt Bayern und Gebiete im Alpenraum ein und gliedert sich als Königreich der Langobarden große Teile Nord- und Mittelitaliens an. Zunehmend greift der große Karl dann militärisch und über einen Sohn als südgallischem Unterkönig auch noch bis über die Pyrenäen in Richtung Barcelona auf islamisch kontrolliertes Gebiet aus, wobei er am Ende scheitert.

 

Seine Versuche, diesem überdehnten Reich durch Einteilung in Grafschaften und Kontrolle durch Königsboten einen Zusammenhalt zu geben, scheitern bald nach seinem Ableben 814. Letztlich ist er wie seine Vorgänger im wesentlichen dort präsent, wo er gerade hinreist, das heißt im wesentlichen im nördlichen Kernland des Frankenreiches.

 

In dem Bewusstsein mangelnden Zusammenhaltes wird die Kirche immer stärker in seinen abgesehen von seinem großen Familienbesitz eher geringen Machtapparat eingespannt, der seine größte Präsenz in den jährlichen Kriegszügen mit ihrer allgemeinen Mobilisierung hat. Er verhält sich dabei fast wie ein fränkischer Konstantin als Herr seiner Kirche im göttlichen Auftrag, wobei er deren Effizienz durch intensive Reformbemühungen steigern möchte. Weltliche und kirchliche Macht fallen in ihm praktisch zusammen.

Noch 787 nehmen Vertreter des Papstes an einem Konzil in Nicäa teil, 794 reisen sie dann aber zu einem von Karl einberufenen, ebenso allgemeinen Konzil nach Frankfurt, wo nach den Vorstellungen Karls und seiner gelehrten Berater am Hof Häresien verurteilt, Angelegenheiten von Kirche und Kloster geregelt und vereinheitlicht werden. Dem Ostkaiser werden de facto die religiösen Befugnisse für den Westen abgesprochen. Es ist nur konsequent, wenn der Papst dann Karl in einem sakralen Akt in Rom zum von Gott gekrönten Augustus und Imperator macht, der ein römisches Imperium regiert und Beschützer der römischen Kirche sein soll. Wie Kaiser Konstantin bestimmt Karl längst über die korrekte Auslegung des christlichen Glaubens und deren Einhaltung. Mit einer ihm untergebenen fränkischen Kirche schafft er sich eine wichtige Klammer für sein wachsendes Reich, die er zu Lebzeiten unter seiner Kontrolle hält. Die Untertanen werden außerdem auch noch mit Eiden auf ihn verpflichtet.

 

Sein Imperatorentitel mag als Klammer zwischen Gebieten nördlich und südlich der Alpen dienen, gibt seinem Reich aber auf Dauer nicht mehr als etwas propagandistischen Glanz. Nach 800 bedarf er dafür, meint er, auch nicht mehr des Papstes. Sein Sohn Ludwig wird dieses Programm der Reform priesterlichen und mönchischen Lebens fortführen, welches ein langsam steigendes Bildungsniveau nach sich ziehen wird.

 

Die mehrmalige Begegnung mit Italien inspiriert Karl (d.Gr.) zum Ausbau weitergehender zivilisierender Strukturen in seinem Reich, was sich als Versuch durchgreifend gedachter Romanisierung zur Herrschaftssicherung beschreiben lässt. Alle Lebensbereiche werden von seinen Verordnungen erfasst, wobei vieles wenig umgesetzt oder von Dauer sein wird. Um solche Ansätze von Staatlichkeit überhaupt zu ermöglichen, soll in Kirche und Kloster das Lateinische in Schrift und Lektüre gefördert, das antik-römische Schulprogramm von Trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und Quadrivium (Mathematik etc.) stärker wiederbelebt werden. Wieweit die tatsächliche Wiederbelebung der Antike bis in die nächsten Jahrhunderte auf seine Bemühungen zurückzuführen ist, bleibt wohl unklar, aber sie wird voranschreiten, in Westfranzien und Italien schneller als im fränkischen Osten, der immer stärker von Gebieten bestimmt wird, die nie unter römischer Herrschaft standen.

 

(Genaueres in Anhang 8)

 

Das neunte Jahrhundert

 

Das Riesenreich soll unter Sohn Ludwig, den man später als den "Frommen" tituliert, und seinen Brüdern als kaiserliches Einheitsreich erhalten bleiben. Im Zusammenhang mit religiösen Reformen werden zunächst enge Gefolgsleute des Vaters vom Hof verwiesen und neue Berater gefunden. Die Abgehalfterten scharen in der Provinz Gefolgsleute um sich.

Zusammen mit Benedikt von Aniane, den er aus seinem aquitanischen Unterkönigtum mitbringt, wird versucht, die Benediktregel in den Klöstern strenger durchzusetzen und Klerikerkollegien an Kirchen einheitlicher zu regulieren. Kathedralkirchen und wichtige Klöster sollen unter Königsschutz und Immunität stärker zu einer einheitlichen Reichskirche als Herrschaftsinstrument zusammenwachsen.Dabei steigt das Selbstbewusstsein vor allem der westfränkischen Bischöfe, die sich manchmal bereits nicht nur wie Berater, sondern auch als "moralische" Aufseher über die Könige verhalten.

 

Zugleich wird die Integration der Sachsen ins Reich vorangetrieben, die ein Jahrhundert später bereits den König stellen werden. Die Aufteilungen des Großreiches unter drei Söhne geben diesen Würden, aber in ihren Augen zu wenig Macht. Als dann noch in einer neuen Ehe des Kaisers mit Judith aus einem Zweig der Welfenfamilie der Sohn Karl (später: "der Kahle") entspringt, dem nun aus dem Erbe der drei Söhne etwas abgezweigt werden soll, kommt es zu immer neuen Kriegen und Neuaufteilungen, in denen Brüder gegeneinander und in unterschiedlichen Koalitionen gegen den Vater kämpfen, der mehrmals abgesetzt und gedemütigt wird. 

 

840 stirbt Ludwig. Ein Jahr später treffen Lothar (Mittelreich) und Pippin II. (Aquitanien) bei Fontenoy in einem grausigen Blutbad auf Karl den Kahlen (Westreich) und Ludwig (Ostreich). Eine Einigung wird nötig, um die nun verhandelt wird. Im Vorfeld treffen Karl und Ludwig in Straßburg zusammen.

Bei den Straßburger Eiden fallen für das sich aufteilende fränkische Reich die Texte in zwei Sprachen aus: in eine romanische und einen althochdeutschen Dialekt.

Pro Deo amur et pro christian poblo et nostro commun salvament, d'ist di en avant, in quant Deus savir et podir me dunat, si salvarai eo cist meon fradre Karlo, et in adiudha et in cadhuna cosa, si cum om per dreit son fradra salvar dist, in o quid il mi altresi fazet, et ab Ludher nul plaid numquam prindrai qui meon vol cist meon fradre Karle in damno sit.

In godes minna ind in thes christanes folches ind unser bedhero gehaltnissi fon thesemo dage frammordes so fram so mir got geuuizci indi mahd furgibit so haldih thesan minan bruodher soso man mit rehtu sinan bruodher scal in thiu thaz er mig so sama duo indi mit ludheren in nohheiniu thing ne gegango the minan uillon imo ce scadhen uuerdhen.

 

Die Kommunikation, vor allem die schriftliche, findet bei den Mächtigen in einem sich leicht verändernden Latein statt. Dieses entwickelt sich in den romanischen Regionen „im Volk“ zu Idiomen, die sich vom Lateinischen lösen. Zwischen Valencia und Venedig entsteht im Mittelmeerraum dabei ein gemeinsamer Raum der Verständigung, der auf der iberischen Halbinsel zu catalán wird, im westfränkischen Raum als langue d'oc bezeichnet, im Unterschied zur langue d'oeil im Norden.

Das ursprüngliche Galizien entwickelt seinen eigenen Dialekt, das Baskische bleibt bestehen, ebenso wie das Bretonisch-Keltische.

 

Im germanischen Raum entstehen in den sich konstituierenden Stammesregionen ebenfalls Dialekte, die sich unter dem Oberbegriff theodisc, Sprache des Volkes, versammeln. Die Dominanz einzelner Idiome über andere auf dem sehr langen Weg zu Nationalsprachen stellt sich später einmal durch wirtschaftliche Macht, zum anderen aber auch durch militärische Gewalt her, und damit auch über politische Vorherrschaft. Sogenannter „kultureller“ Einfluss wird immer davon abhängen.

 

Die Übersetzung in beide Sprachen bei Straßburg macht aber vor allem die Mitsprache der Großen beider Reiche an den Entscheidungen ihrer Könige möglich. Sie üben dann auch Druck aus bei dem langen Weg in eine Übereinkunft von Karl, Lothar und Ludwig 843 in Verdun, die ein westliches, ein mittleres und ein östliches Reich schafft. Grenzen sind einmal der Rhein, und im Westen Maas und Schelde. Burgund wird zerteilt, Italien fällt ans Mittelreich.

 

Von den geringen Herrschaftsinstrumenten des "großen" Karls, die ein großes Reich zusammenhielten, bleibt zunächst nur wenig mehr übrig als die Erinnerung. Strukturell herrscht Vasallität vor, die Großen eines Reiches oder Fürstentums sind Herrschern als Kriegeradel zur Treue in der Gefolgschaft in Krieg und Frieden verpflichtet, wofür sie als Gegenleistung entweder Versorgung oder aber Benefizien, Wohltaten an Land und Leuten erhalten. Vasallen aber schaffen sich Untervasallen, auf die der direkte Zugriff von Herrschern schwindet, und Vasallen und Untervasallen (in Italien Capitane und Valvassoren von bischöflichen Stadtherren) begeben sich bald aus Eigeninteresse in die Vasallität mehrerer Herren. Auf der Basis der Grundherrschaft eines Kriegeradels bildet sich so ein immer komplexeres Netzwerk persönlicher Beziehungen und Bindungen heraus, welches selbst die bescheidenen Ansätze ausgeprägterer Staatlichkeit beim großen Karl ersetzt.

 

Machtvollster Herrscher wird nun wohl Karl der Kahle in Westfrancien, dem es gelingt, sich in Aquitanien durchzusetzen und über Septimanien bis in die spanische Mark ausgreifen. Er stützt sich stark auf seine Vasallen in den Bischofskirchen, wobei unter Hinkmar von Reims dessen Bistum herauszuragen beginnt, und in den Klöstern, wo nicht selten adelige Laienäbte regieren, zu denen auch der König, wie in Saint-Denis, selbst zählt. Seit 852 steigt unter den großen Gefolgsleuten ein Robert auf, bald Graf von Anjou und der Touraine, dann auch von Blois und Orléans, Laienabt unter anderem von Marmoutier und St.Martin, beide in bzw. bei Tours. Ähnlich wie er gelingt es auch einem Grafen Balduin von Flandern für die Normannenabwehr, die immer dringlicher wird, eine Fürstendynastie zu bilden.

 

Im Ostreich erstarkt Ludwig (später etwas verfrüht "der Deutsche" genannt), der breite Adelsopposition im Westreich ausnutzt, um dort einzufallen. Erst die von Erzbischof Hinkmar von Reims aufgebotenen Bischöfe schaffen eine Gegenbewegung, die Ludwig vertreiben kann. 855 stirbt Lothar, und zuvor verteilt er sein Lotharingien von Nord nach Süd in drei Teilen unter seinen Söhnen. Darauf versucht Karl, dieses sich von Süden aus einzuverleiben, worauf ihm Ludwig wiederum entgegentritt. 870 schließlich wird das Mittelreich unter beiden im Vertrag von Meersen aufgeteilt.

 

Über die Provence gelingt es dem kahlen Karl dann noch, in Italien einzudringen und sich 875 mit der Kaiserwürde zu schmücken. Der Preis für seine Großreichspläne sind Zusagen an den Adel, die immer mehr auf eine Erblichkeit ihrer Lehen (und Ämter) hinauslaufen. An der Spitze des Adels übernehmen unter Karls Nachfolgern hochadelige Herren wie Vertreter der Welfen (Hugo Abbas), der Robert-Nachfolger wie Odo oder ein Gauzlin Machtpositionen. 879 lässt sich ein Boso in der Nähe von Vienne zum König der Provence und von Burgund wählen, erster Nichtkarolinger auf einem Thron, gegen den nun Hugo Abbas kämpft.

885 vereint der Ostfranke Karl "der Dicke", seit 881 Kaiser, für kurze Zeit noch einmal beide Frankenreiche. Er macht einen Bernhard zum Markgrafen von Aquitanien, Berengar von Friaul zu einem solchen in Italien und begründet so zwei weitere Fürstendynastien. Der Robertiner Odo wird erst Graf von Paris, bekommt nach Verteidigung der Stadt gegen die Normannen Roberts Erbe an der Loire dazu. 888 wird er König des Westfrankenreiches, ein weiterer Nichtkarolinger auf einem Thron, den Ostkönig Arnulf anerkennt.

 

Die Familie der Karolinger verschwindet mit dem 9. Jahrhundert im Osten, aus dem sich die deutschen Lande unter sächsischen und salisch-fränkischen Herrschern entwickeln werden, und Ende des 10. Jahrhunderts im Westen mit der Machtergreifung der Kapetinger. Der Osten zerfällt dabei in neuartige Stammesherzogtümer und der Westen in regionale Fürstentümern, über die die kapetingischen Könige dann zunächst bestenfalls wie ein primus inter pares verfügen. In Nord- und Mittelitalien steigen die Städte langsam mit ihrem Hinterland zu neuen Formen von Staatlichkeit auf.

 

Mit den Ostgoten, die Byzanz vernichtet, den Westgoten, die von einem nordafrikanischen Heer vernichtet und in den Norden der iberischen Halbinsel abgedrängt werden, den Karolingern, die mangels Nachwuchs nach einer Zeit des Niedergangs verschwinden, und dem von Normannen abgelösten angelsächsischen Königtum verschwinden die sich aus den Völkerwanderungen herleitenden Reiche. Im ostfränkischen Reich, in dem die „Franken“ nun räumlich und bevölkerungsmäßig eine kleine, sich neu definierende Minderheit sind, stellt sich bei den weltlichen und geistlichen Großen der inzwischen herausgebildeten Stämme neuen Typs, den eroberten Völkerschaften des alten Frankenreiches zusammen mit den ebenfalls theodisc sprechenden Ostfranken, ein nicht näher erklärtes Gemeinschaftsgefühl heraus, welches dazu führt, dass sie sich nach dem Aussterben ihres Karolinger-Zweiges nicht an die westfränkischen (weithin romanisierten) Karolinger um eine Herrschaftsübernahme wenden, sondern sich auf einen der Ihren einigen, den fränkischen Herzog Konrad aus einer anderen mächtigen Familie.

Da die Quellen nicht überzeugend hergeben, warum sie das taten, sind wir auf Vermutungen angewiesen. Die von mir bevorzugte ist, dass einer der Ihren die inzwischen entwickelten Stammesstrukturen am ehesten respektieren und keine starke Königsherrschaft aufkommen lassen würde. Mit der Entscheidung für Konrad stellen sich die Lothringer, kein sich ethnisch begründendes Stammesgebiet wie Alemannien, Bayern oder Sachsen, unter die Oberhoheit des westfränkischen Karolingers Karl („der Einfältige“). Lothringen ist einer der Reste des 843 geschaffenen Mittelreiches, welches nach seinem ersten König als Lotharingien bezeichnet wurde, und welches romanische und germanische Volksgruppen umfass (es reichte ursprünglich von Rom über die Provence bis nach Flandern).

 

Stämme als sich ethnisch definierende Zusammenhänge hatten sich im Osten im Kontakt mit den erobernden Frankenherrschern als regna in Fortsetzung alter Königreiche verfestigt. Die Position des Herzogs, dux, ist aber dabei nicht ethnisch definiert, sondern in ihrem Rang und Prestige gegenüber dem König einerseits und den Großen im Herzogtum andererseits. Insofern ist auch die Einsetzung der vielen Söhne, Enkel und Urenkel Heinrichs I. in Schwaben, Bayern, Kärnten und Lothringen nicht ungewöhnlich. Als Nebeneffekt werden sie dabei den Königen in Sachsen und Franken nicht ins Gehege kommen. (Keller, S.69ff)

 

Wir sind an den Wurzeln für jene Vorformen neuer Staatlichkeit angekommen, aus denen sich der „politische“ Rahmen für die Entwicklung von Kapitalismus ergeben wird, der zwar Ansätze von Staatlichkeit benötigt, aber keinen starken Staat, wie er dann später zunehmend auftreten wird, dann allerdings sich aus etablierten kapitalistischen Strukturen nährend. Die Schwäche der Monarchien, die sich nun entwickeln, liegt in dem Fehlen einer Verwaltung, eines Apparates, mit dem Herrschaft ausgeübt werden kann, anders gesagt, an der fehlenden Reichweite von Herrschaft. Stattdessen müssen Herrscher Verbündete suchen, „Freunde“, Getreue, an die dezentral Aufgaben delegiert werden.

 

10. Städte

Die mittelalterliche Stadt hat ihren Ausgangspunkt in der römischen civitas. Diese verliert zur Zeit ihrer Christianisierung zunehmend ihre Selbstverwaltung antiken Typs, und dann unter den Zerstörungs-Schlägen germanischer und aus Innerasien stammender Völkerschaften zu einem guten Teil ihr Aussehen.

Der Niedergang des antik-römischen Städtewesens vollzieht sich dabei in zwei Etappen. Die erste findet in der zweiten Hälfte der Kaiserzeit statt, die zweite in der Übergangszeit zwischen Antike und sogenanntem Mittelalter. Dennoch überlebt in den germanisch dominierten Nachfolgestaaten mit Resten eines Städtewesens auch ein Rest antiker Zivilisation, während es vor allem in den skandinavischen und osteuropäischen Weiten jenseits des Mittelmeerraumes zunächst eine fast städtelose, höchstens anzivilisierte Welt gibt. Kapitalismus wird denn auch vor allem dort entstehen, wo es entweder eine gewisse urbane Kontinuität gibt, wie in der Nordhälfte Italiens oder am Rhein, oder wo neues Städtewesen auf ehedem imperialem Boden dadurch entsteht, dass überlebender Handel und Gewerbe dorthin ausstrahlen oder dort neu entstehen, wie etwa in Flandern.

 

Das urbane Zentrum der römischen civitas basierte vor allem auf dem Reichtum, den Großgrundbesitz einbrachte. Andere stadtartige Siedlungen waren Garnisonsstädte. Gewerbe und Handel spielten in beiden Fällen eine untergeordnete Rolle. Eine abgeschlossene Grundbesitzerschicht von dreißig bis hundert der reichsten Familien verwaltet die Stadt und besorgt ihren Ausbau. Oft haben diese Leute relativ freie Hand, den Frieden, also die Unterordnung der Masse der Bevölkerung, aufrechtzuerhalten, mit der Auflage, Steuern (rund zehn Prozent der Ernte) abzuführen, die vor allem dem Unterhalt der großen Heere dienen. Unter dem Druck der militärisch-fiskalischen Bedürfnisse der Kaiser und ihres riesigen Reiches ziehen sich viele "römische" Großgrundbesitzer in Gallien und Hispanien bereits in der Spätzeit des Imperiums auf ihre Landgüter zurück, wo sie nach Selbstversorgung streben und von Steuervorteilen profitieren. Sie versorgen sich dabei nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit dem, was ihre eigenen Handwerker produzieren. Dieser Vorgang betrifft allerdings Italien und überhaupt den nördlichen Mittelmeerraum weniger als das übrige Reich (Hythe, S.13), weswegen wir dort im Mittelalter weiterhin städtische Wohnsitze des Adels vorfinden. Das wird denn auch einen der Unterschiede zwischen dem Norden und Süden des westfränkischen Gallien ausmachen.

In vielen einzelnen Provinzen reduziert sich Urbanität zunehmend auf eine Art Hauptstadt einer Großregion, in manchen wie südlich der Donau und in Pannonien verlieren Städte völlig jede Bedeutung. Die römische Zivilisation ist im Westen schon im Untergang begriffen, als germanische Völkerschaften sie übernehmen. 

 

Die Bischöfe treten nach und nach das Erbe dieser Honoratioren an. Sie teilen sich im fränkischen Modell dann die Macht mit den comes (civitatis), die sie zunehmend daraus zu verdrängen versuchen. 

 

Bischöfe und ihre Geistlichkeit sind seit dem vierten Jahrhundert von Steuern und Dienstpflichten befreit, was ihre Stellung attraktiver macht, sie werden zu einer Alternative zum weltlichen cursus honorum, dem üblichen Karriereweg durch die Ämter. Zunehmend übernehmen sie gerne die Zivilgerichtsbarkeit für ihre Herde, aus der dann im Laufe der nachrömischen Zeit der Bischof zum Gerichtsherr in seiner Stadt wird.

 

In den Bürgerkriegen und den Überfällen und Wanderbewegungen germanischer, asiatischer und dann slawischer, nordafrikanischer und orientalischer Völkerschaften finden massive Zerstörungen an den Städten statt. Städte werden darum ummauert und erhalten "Burgcharakter" (Schott), und so werden die einwandernden Germanen sie kennenlernen und später auch in ihren Volkssprachen benennen.

 

Gewerbe und Handel gehen mit der Einwohnerschaft zurück. Ein Teil der Städte verschwindet ganz, einige werden an anderer, weniger gefährdeter Stelle wieder aufgebaut. Mit den neuen Herren verschwinden die Rahmenbedingungen für die antiken Städte, sie ändern ihren Charakter, soweit sie in irgendeiner Form überleben. Was bleibt, ist, dass sie weiter auf dem Reichtum von Großgrundbesitz beruhen, der jetzt ganz besonders auch Kirche und Kloster gehört.

 

Franken, Alemannen und Angelsachsen übersetzen oft civitas mit Formen des Wortes Burg, was nichts anderes als einen befestigten Ort meint. Umgekehrt werden dann auch im frühen Mittelalter befestigte, im späteren Sinne wenig städtische Orte als civitas bezeichnet, wodurch das Wort vorübergehend eine erhebliche Bedeutungserweiterung erlebt. Das ändert sich erst auf dem Weg ins hohe Mittelalter, als das Wort Burg im Deutschen nach und nach seine engere Bedeutung bekommt, von der sich volkssprachlich stat und dann später Stadt ablöst.

 

Die süditalienischen Stadtlandschaften, seit den Zeiten Großgriechenlands intakt, verschwinden weithin. Weiter nördlich ist nach Versanden des Hafens Velia, das griechische Elea, verfallen. Eine Neugründung wird von der Malaria hingerafft. Ähnlich versanden Häfen wie der von Paestum und die Stadt verfällt. In der Bucht von Neapel enden Puteolum, Misenum und Cumae in Ruinen, nur Neapel hält sich in kleinerem Umfang. Musterbeispiel einer Neugründung wird dann das castrum Amalfi als eine Art Fluchtburg vor den Langobarden.

 

Der allmähliche Niedergang der einstigen Millionenstadt Rom ist besonders eklatant, die Stadt ist nun praktisch in den Händen ihrer besonders herausgehobenen Bischöfe, die allerdings mit dem Patrimonium Petri noch über hunderte von Landgütern verfügen, aus denen Nahrungsmittel und Geld fließen, bis viele von ihnen, in Sizilien und Süditalien gelegen, im 8. Jahrhundert von Byzanz annektiert werden.

Latium ist inzwischen fast städtelos. Ähnlich ergeht es der Küste bis hoch nach Genua. Bologna verfällt in Bedeutungslosigkeit, nur Ravenna blüht als Verwaltungszentrum mit seinen finanzstarken Bischöfen vorläufig weiter auf, sowie die Langobarden-Hauptstadt Pavia, in der die Abgaben zusammenfließen und literate Bildung weiterlebt. Für die Karolinger wird die alte Römerstadt Verona wichtig, günstig erreichbar aus dem Norden und mit einer Königspfalz ausgestattet. 

Im Raum der Po-Mündung fliehen die Menschen in die Lagune, woraus später Venedig hervorgehen wird. Das einst große Aquileja ist menschenleer. Als Paulinus von Karl d.Gr. 787 als Patriarch dorthin geschickt wird, klagt er, wohl leicht übertreibend: Einst warst du eine Stadt edler Menschen, nun bist du zum Bauernkaff geworden; einst warst du eine Stadt der Könige, nun bist du nur noch eine Ansammlung bäuerlicher Hütten. (MGH, Poetae Latini I).

 

Auch in der Provence gehen Städte zugrunde, nur Arles hält sich nebenan. Nîmes, Uzès, Carcassonne und Agde behalten eine gewisse Bedeutung, ebenso Toulouse, Poitiers und Vienne. Überlebende Städte sind inzwischen Festungen mit einem intakt gehaltenen Mauerring, wie auch das aufsteigende burgundische Dijon.

In Bordeaux scheinen "letzte Spuren städtischen Lebens" im 6. Jahrhundert zu verschwinden  und mit ihnen zeitweilig die Existenz von Bischöfen. Erst "814 lässt sich am äußersten Winkel der antiken Mauer der Dom St. André belegen (...) Ein suburbium belebte sich erst seit Ausgang des 11. Jarhunderts (... H.Stoob in: Frühgeschichte, S. 11)

Etwas mehr Kontinuität scheint Autun, als Augustodunum eine der größten Städte der Gallia Romana bewahrt zu haben. "Hier zog sich seit dem ausgehenden 4. Jahrhundert ein Siedlungsrest auf einen höchstgelegenen Südwinkel von nur noch 10 ha zurück, darin lagen die Kathedrale St.Nazaire und eine Kirche Ste.Croix; alles übrige kirchliche Leben blieb ungeschützt im weiten Kreise der Mauertrümmer sowie im Nekropolbereich; immerin bestand in der civitas das 312 belegte palatium noch 866 mit einer Kirche St.Jean Bapt., und die ortszuständigen Grafen verfügen als Laienäbte über die wichtige Abtei St.Symphorian. Autun war fränkisch-burgundische Vorzeigepfalz und später im 9./10. Jahrhundert Münzort in Händen der Bischöfe. Eine bürgerliche Siedlung im weiten Abstande zur Domburg bildete sich aber erst im 11./12.  Jahrhundert um das Forum" (... s.o., S.12)

 

Das einst bedeutendere Paris war schon in der späten Kaiserzeit auf die befestigte Seineinsel geschrumpft. Im dortigen Palatium residiert Chlodwig, wenn er anwesend ist. Im 7. Jahrhundert breitet sich dann eine Kaufmannssiedlung mit ihren Pfarrkirchen beiderseits der Seine aus. In Abstand davon wird die wachsende Stadt von Klöstern wie Sainte-Geneviève oder Saint-Denis umgeben.

 

Im Norden des fränkischen Galliens überlebt kaum eine Stadt, nicht einmal in Flandern mit seiner später so reichen Städtelandschaft. Die Colonia Trajana (Xanten) ist bereits Mitte des 5. Jahrhunderts verlassen worden. Entlang des mittleren Rheins bleiben eine Anzahl Städte in kleinerem Umfang erhalten, wie Köln, Mainz und Worms, während am Oberrhein Straßburg beispielsweise zunächst fast völlig verschwindet.

 

Ein besonders instruktives Beispiel bildet die weströmische Kaiserresidenz Trier (Augusta Treverorum), deren Mauern einst fast 300 ha einschlossen bei einer Bevölkerung von gut 60 - 80 000 Einwohnern. Mit der Aufgabe des römischen Schutzes flieht die Oberschicht, wenn auch nicht vollständig, nach Westen ins Innere Galliens, ein weiterer Teil der Bevölkerung wird nach diversen Eroberungen verschleppt. Der größte Teil der Stadt verfällt in Ruinen und mit ihm das rechtwinklige römische Straßennetz. Was bleibt, sind die großen Monumentalgebäude wie der Dom, die von den Franken in eine Königspfalz umgewandelte Palastaula („Basilika“), die in eine Grafenburg umgewandelten Kaiserthermen und die in ein Kloster umgewandelten Getreidespeicher an der Mosel. Um den Dom und andere zentrale Orte entwickeln sich dann Siedlungskerne mit einem schon mittelalterlich anmutenden Gassengewirr. Trier wird von einer geplanten zu einer neuen, nun ungeplant wachsenden Stadt. Zwischen ihren eher ländlichen Ansiedlungen gibt es Gärten, Äcker, Viehweiden und wüstes Gelände.

 

Köln lebt in seinem antiken Stadtplan in bescheidenem Umfang weiter. Es gibt eine gewisse Kontinuität von der spätantiken Bischofskirche zum mittelalterlichen Dom an derselben Stelle, und die Merowinger werden den Palast des römischen Statthalters als Residenz weiter nutzen. Andere Römerstädte wie Mainz und Speyer leben nicht mehr in ihren Zentren weiter, sondern in neuen Siedlungen am Rande.

 

In Britannien verlässt die nur oberflächlich romanisierte keltische Bevölkerung die Städte, die nun „den Anblick größerer Dörfer mit einigen öffentlichen Gebäuden darboten.“ (Pitz, S. 59) Dies änderte sich auch nicht mit der Ankunft der germanischen Völkerschaften, die selbst keine urbanen Traditionen besitzen. Mit ihnen verschwinden auch die Bistümer, die auf dem westlichen Kontinent Keimzellen für das Wiederaufleben der Städte bieten.

Canterbury verliert zunächst seinen städtischen Charakter, obwohl es einen Siedlungsrest behält. Mit der Missionierung erhält es eine Kathedrale, wird später Erzbistum, dort entsteht dann auch die erste Münzstätte des sächsischen Englands.

 

London besitzt wie fast alle Römerstädte Englands keine Siedlungskontinuität, wird aber wegen seiner Verkehrslage von Sachsen neu gegründet. Es wird allerdings keine Residenz und scheitert auch zunächst mit einer Bistumsgründung (St.Paul) an der Konkurrenz des übermächtigen Canterbury. Auch Orte wie Chichester oder Winchester sind Neugründungen lange nach dem Verfall der Römerstädte. Letztere entsteht um einen königlichen Burgbezirk und um die Kathedrale. Dazwischen liegt weithin unbebautes, vielleicht landwirtschaftlich genutztes Gelände.

Keine Kontinuität der Besiedlung besitzen auch Exeter und Bath, nur für York wird sie von einigen aufgrund archäologischer Reste vermutet.

 

Schließlich Hispanien, die iberische Halbinsel, zum größten Teil bald unter islamischer Herrschaft, in der die antiken Städte weiterentwickelt werden, dabei aber nicht jene Strukturen ansteuern, die Kapitalismus entwickeln helfen, weswegen die christliche Rückeroberung Neuanfänge mit sich bringen wird. Nur der wenig urbanisierte Norden bleibt in den Händen derer, die sich als Nachfahren der Visigoten sehen. Als erstes stadtartiges Gebilde entsteht dann im 9.-11.Jahrhundert das galizische Santiago de Compostela und bald darauf das asturische Oviedo und León.

 

Fassen wir zusammen: Alle Städte Westroms in "christlicher" Hand verfallen zum größeren Teil oder ganz. Die Bauten rund ums Forum, die Tempel, auch die Insulae werden zu Ruinen. Die Bauten des Amüsiergewerbes, Theater, Amphitheater, Zirkus, Bäder werden zweckentfremdet oder als Steinbruch benutzt. Innerhalb des einst römischen Mauerrings entstehen, soweit es darin überhaupt noch Besiedlung gibt, weite unbebaute Flächen. Wasserversorgung und Abwasserentsorgung verfallen, die Lebensverhältnisse gleichen sich denen des Umlandes an. Dieser Niedergang der Städte vollzieht sich bis tief ins 7. Jahrhundert, zum Teil bis in die Karolingerzeit hinein.

 

Die starke Verringerung des Fernhandels, des Handels überhaupt und der Bevölkerung der Städte hängen eng zusammen. Auch da, wo Städte nicht massiv zerstört werden, können die bisherigen Zusammenballungen von Menschen nicht mehr hinreichend versorgt werden, da eine immer weniger Überschüsse produzierende Landwirtschaft sie nicht mehr ernährt und sie nicht mehr aus der Ferne versorgt werden können. Die Kosten für Wasserversorgung sind nicht mehr auf antikem Niveau zu finanzieren. Überhaupt geht die Bevölkerung allgemein massiv zurück, und eine gewisse Bevölkerungsdichte ist erste Voraussetzung für die Aufrechterhaltung von Städten.

 

Niedergang heißt meist nicht völliger Untergang. Zwar kannten die Germanen ursprünglich keine Städte, aber durch den Kontakt mit den Römern war ihnen deren Städtewesen bereits vertraut. Der erste Kontakt war Warenaustausch, ein weiterer der Militärdienst im römischen Heer, zudem wurden Germanen im Norden und Osten Galliens wie auch im Ostteil des Reiches angesiedelt. Entsprechend leben dann nach dem Ende des West-Imperiums Germanen und Romanen in den Rest-Städten nebeneinander.

Kontinuität geschieht dadurch, dass die oft romanischen Mehrheiten weiter nach römischem Recht leben. Sie resultiert aber auch daraus, das römische Vorstellungen von Stadt (welche auch sonst!) weiter existieren. In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts kann Isidor von Sevilla im Visigotenreich so in seiner lateinischen Etymologie schreiben: Civitas ist die Vielzahl der Menschen, geeint durch das Band der Gemeinschaft, benannt nach den cives, als nach den Einwohnern der Stadt selbst, denn es schließt zur Gemeinschaft zusammen und enthält das Leben der Vielen. Denn urbs sind die Mauern selbst, aber die civitas wird nicht wegen der Steine, sondern aufgrund der cives so genannt. (XV,2). Dass urbs nun nicht mehr Roma, sondern das Gebäudeensemble benennt, ist neu, aber der Rest ist römisch-antik.

Der 'Versus di Verona' vom Ende des 8. Jahrhunderts sieht Kontinuität gerade in den Baulichkeiten: Eine große und berühmte Stadt erhebt sich in Italien, in Venetien, wie Isidor lehrt, die seit der Antike Verona genannt wird. Sie ist in quadratischer Form gebaut, fest von Mauern umschlossen, achtundvierzig Türme ragen aus dem Mauerring hervor, von denen acht sehr hoch sind und die anderen überragen. Sie hat ein hohes Labyrinth von großer Ausdehnung, aus dem niemand, der einmal eingetreten ist, imstande ist, wieder herauszukommen (… das Amphitheater wohl), ein weites, geräumiges und mit Steinen gepflastertes Forum, in dem sich auf jeder der vier Seiten ein großer Bogen befindet, Plätze wundervoll gepflastert mit behauenen Steinen, Tempel, erbaut und geweiht in alter Zeit der Luna, dem Mars, der Minerva, dem Jupiter und der Venus, dem Saturn und der Sonne, die mehr als alles andere glänzt. (in: Staufer und Italien, S.217) 

 

Eine schwer abzuschätzende Rolle spielen zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert Seuchen, insbesondere die Beulenpest. Zwischen 541 und 544 sollen in Byzanz, so wird geschätzt, ca. 20 Prozent der Bevölkerung gestorben sein. Erwähnt wird sie in diesem Jahrhundert auch für Gallien und Italien. Schätzungen sprechen davon, dass die Bevölkerung auf dem Boden des Karolingerreiches zwischen 500 und 700 "um ein Drittel oder mehr" geschrumpft sein könnte (Manfred Vasold in: Römer und Barbaren, S.196ff). Aber das beruht wohl sicher nicht nur auf Seuchen, sondern auch auf Hungersnöten und überhaupt sporadischer Unterernährung.

 

Dass die Städte des römischen Westreiches nicht völlig mit ihm verschwinden, mag viele, auch lokal und regional verwurzelte Gründe haben, aber einige generelle scheinen doch herauszuragen. Der wichtigste ist, dass die Kirche als Haupterbe der Antike überlebt, und sie war von vorneherein im wesentlichen eine städtische Institution und wurde von Städtern betrieben. Spätestens mit dem Konzil von Serdika 343 war festgelegt worden, dass Bischofssitze nur an Orten größerer Bevölkerungsdichte eingerichtet werden sollen, und dieser Beschluss wird in dem nächsten halben Jahrtausend noch bekräftigt werden.

Als Städte dann im Sturm der Zeiten verwüstet werden, manchmal Reste der Oberschicht fliehen, Handwerk und Handel manchmal völlig zum Erliegen kommen, gibt es entweder eine Kontinuität der bischöflichen Institution oder aber die baldige Wiedererrichtung von Bistümern. Bischöfe wiederum verlangen als Herren über größere Ländereien nach der nahen Arbeitskraft von Handwerk und Handel und bald auch von Finanziers.

Kern der Neubesiedlung wird dann einerseits die Kathedralkirche, die auch insofern Kontinuität verspricht, als zunächst weiter romanische Oberschicht-Familien den Bischof stellen. Daneben bilden befestigte Palastbauten und Burgen Siedlungskerne. Der rheinfränkische König Sigibert residiert kurz vor 500 im Kölner Prätoriumspalast, in Trier dient die Palastaula („Basilika“) als Residenz.

 

Dazu kommen manchmal kleine Kaufmannssiedlungen und Gewerbebezirke (zunächst romanischer Provenienz) mit ihren Pfarrkirchen, die vor allem die lokalen Großen versorgen, von denen sie abhängig sind. Wohngebäude werden im wesentlichen aus Holz und Lehm (Fachwerk) und manchmal, eher selten, auf steinernem Fundament gebaut. Die Städte verwandeln völlig ihr Gesicht. Die vorhandenen Straßen werden notdürftig geflickt. Das Abwassersystem der Römerzeit verschwindet, auf den Hausgrundstücken wird oft Kleinvieh gehalten, Kot und Unrat werden in Latrinengruben in der Nähe der Behausungen „entsorgt“. Als Heizung dienen offene Herdstellen.

 

Wichtigster Bauherr für Steinbauten ist nun der Bischof, überhaupt die Kirche. Ein Bürgertum im römischen oder mittelalterlichen Sinne gibt es nicht, dafür eine Handvoll weltlicher Großer, deren Macht wie die der Kirche und der Klöster auf Grundbesitz beruht. An die Stelle des römischen Durchfütterns des Proletariats tritt die nicht unbeträchtliche kirchliche Armenfürsorge, die als Ordnungsfaktor auch Machtfaktor ist.

 

Die Friedhöfe bleiben zunächst außerhalb der Städte in römischer Tradition. Während Romanen keine Grabbeigaben dazu legten, werden vornehmeren ("christlichen") Franken zum Beispiel zunächst weiter, bis tief ins 7. Jahrhundert, Waffen, Schmuck und Wegzehrung für das Jenseits mitgegeben, zudem Amulette, die Unheil abwehren sollen (Dietmar/Trier, S.70 z.B.). Nur besonders mächtigen Herren gelingt es, ein Grab in den Kirchen zu erlangen, am besten in der Nähe der Heiligen, deren Gräber oder Reliquien sich dort befinden.

 

Die civitas ist kein einheitlicher „staatlicher“ bzw. „politischer“ Raum mehr, ihre territoriale Einheit bleibt nur noch als Diözese gewahrt, Bereich der Zuständigkeit des Bischofs. Der cives-Begriff wird immer unklarer, undeutlicher. Als civitas wird oft nur noch der städtische Restkern wahrgenommen, vor allem der Dombezirk. In diesem Bereich im Besitz der Kirche herrscht Befreiung von Steuern und Abgaben, aber auch solche von der weltlichen Gerichtsbarkeit, sogenannte Immunität. (Groten, S.31f)

 

Das „städtische“ Gewerbe deckt für Jahrhunderte nur noch den lokalen Bedarf. Für Köln wurde zum Beispiel Metall-, Glas- und Knochenbearbeitung (Kämme) nachgewiesen (Dietmar/Trier, S.107ff). Die außerhalb der Städte in ihren befestigten Villen residierenden Grundherren hatten schon seit der späten Kaiserzeit das Handwerk für ihren Bedarf auf ihren Besitz auf dem Land mitgenommen. Der vornehme Franke hat eventuell ein Stadthaus, aber er lebt vor allem auf seinem Grundbesitz auf dem Lande. „Der Kleriker Adalgisel Grimo, der 634 sein Testament machte, hatte ein Haus in Trier, er verfügte aber auch über sechs Landgüter und hatte Besitz in zehn weiteren.“ (Groten, S. 33)

 

Weber im Status von Sklaven stellen die Tuche auf dem Gutshof her, nur in Nordgallien gibt es noch städtische Zentren für die Erzeugung hochwertiger Stoffe. In einer Aufzählung Karls d. Gr. für seine Krongüter (Capitulare de Villis) heißt es dann: Jeder Amtmann soll in seinem Bezirk tüchtige Handwerker zur Hand haben: Grob-, Gold- und Silberschmiede, Schuster, Drechsler, Stellmacher, Schildmacher, Fischer, Falkner, Seifensieder, Brauer – Leute, die Bier-Apfel- und Birnmost oder andere gute Getränke zu bereiten verstehen -, Bäcker, die Semmeln für unseren Hofhalt backen, Netzmacher, die Netze für die Jagd, für Fisch- und Vogelfang zu fertigen wissen, und sonstige Dienstleute, deren Aufzählung zu umständlich wäre. (Schulz, S. 24) Nur große Güter konnten natürlich eine solche Vielfalt aufweisen.

Zum Kloster Corbie gehören 822 zahlreiche Handwerker, Schuster, Tuchwalker, Schmiede, Schildmacher, Pergamenter, Schleifer, Gießer, Stellmacher. Zu welchem Herrengut die Handwerker auch gehören, sie arbeiten in persönlicher Abhängigkeit von ihren Herren.

 

Töpfermanufakturen entstehen in der späten Merowingerzeit neu, aber nun auf dem Lande, genauso wie die Herstellung gläserner Waren. Ähnlich ist es mit dem Metallgewerbe. So gibt es in Mitteleuropa „nirgendwo Städte (...), deren Wirtschaftsleben von einem über den örtlichen oder regionalen Bedarf hinaus produzierenden Exportgewerbe beherrscht wurde.“ (Pitz, S.80) Umgekehrt gibt es zunächst von Seiten der Grundherren auch wenig Ansporn, mehr landwirtschaftliche Produkte herzustellen, als sie selbst verbrauchen, und die Kirche unterstützt Selbstversorger-Wirtschaft als religiös wünschenswert.

 

In England setzt im 5. Jahrhundert die Geldwirtschaft ganz aus, die römischen Kupfermünzen der kleinen Leute verschwinden auch auf dem Kontinent, und die Goldmünzen der Großen dienen vor allem der Schatzbildung, der Belohnung von Freunden und Gefolge und dem Einkauf ins Himmelreich. Dabei wird auch die Münzprägung eine Sache lokaler und regionaler Großer und entgleitet den über sie Herrschenden ein gutes Stück weit.

 

Der Handel geht massiv zurück, aber er verschwindet nicht völlig in der Merowingerzeit. Im nun fränkischen Gallien gibt es weiterhin regionalen Handel. In Marseille gehen immer noch einige Schiffe aus Byzanz und Italien mit Luxuswaren vor Anker. Handel findet auch über Flüsse wie die Loire oder die Seine statt, die um so wichtiger werden, je mehr das Straßenwesen verfällt. Wichtige Abnehmer sind neben den Herrschern und reichen Bischöfen die großen Klöster wie Saint Denis oder Corbie, die selbst eigene Händler beschäftigen. Bei Saint Denis entsteht daraus der große Jahrmarkt, eine Frühform der Messe, in dem bald neben Syrern und Juden auch Friesen und Angelsachsen als Händler auftreten.

 

Eine Besonderheit sind die Handelsorte in Friesland, unter denen Dorestad hervorragt, welches um 800 eine bedeutend größere Fläche als Mainz bedeckt. Friesen liefern vor allem Waren aus dem Rheinland nach England und kommen mit Sklaven zurück. Wohlhabende heidnische Kaufleute und freie Bauern prägen nach 670 eigene Silbermünzen mit dem Bild Wotans (Brown2, S303f). Kein Wunder, dass schon Merowingerkönige versuchen, die Kontrolle über das Gebiet zu erreichen, welches seine Freiheit auch gegen christliche Missionare verteidigt.

 

Neben den in die familia des Grundherren eingereihten Händlern in dessen unmittelbaren Diensten gibt es auch reisende Fernhändler, die mehr Freiheit(en) genießen. Für die erste Hälfte des 7.Jahrhunderts wird ein waffentüchtiger fränkischer Kaufmann Samo von Fredegar erwähnt, der mit seiner Handelskarawane gerade dann im Slawengebiet unterwegs ist, als man sich dort zum Aufstand gegen die Awaren rüstet, und der zum Anführer dieser Slawen wird, die dann auch noch in Kriege mit Franken und Alemannen geraten.

Schon ein Jahrhundert früher erzählt Gregor von Tours von der Bitte des Bischofs von Verdun an seinen König, ihm für die Bürger seiner Stadt Geld zu leihen: "Wenn diese Handel treiben und in unserer Stadt Abgaben, wie sie die übrigen leisten, erbringen, werden wir dein Geld mit Zinsen rechtmäßig zurückgeben." Der König gibt 7000 Goldmünzen, die der Bischof an die Bürger weitergibt. Doch diese wurden Handel treibend dadurch reich gemacht und gelten bis heute als vermögende Leute. Unabhängig davon, was an dieser Geschichte den Tatsachen entspricht, lobt ein Kirchenmann hier das Spiel von Investition und Gewinn und man erfährt nebenbei, dass es in Verdun eine ganze Anzahl handeltreibender Bürger gibt.

 

Die meisten Bischofsstädte verschwinden in der Merowingerzeit nicht ganz. Zum Dombezirk mit seinen Wohnhäusern und Wirtschaftshöfen kommt ein kleiner Bereich in der Regel unfreier Handwerker, die die Geistlichkeit versorgen, wobei es sich bei solcher der Kathedrale sowie der Stiftskirchen um Adelige handelt, deren Nachfrage sowohl das lokale Gewerbe wie den Fernhandel fördert. Was nach und nach geschwunden ist, ist ein geschlossenes Stadtbild von imperial-römischen Ausmaßen. Zwischen besiedelten Flecken gibt es Ruinenlandschaften und zum Teil offenes Land für Gärten, sogar für Viehweiden oder gar neues Naturland.

 

Rom ist um 900 von fast einer Million Einwohnern unter Augustus auf schätzungsweise 20 000 heruntergegangen, alle Orte im Frankenreich sind noch wesentlich kleiner, aber einige, zum Beispiel Paris, werden danach bald rapide an Einwohnerschaft zunehmen, Paris auch deswegen, weil es eine beispiellose Ansammlung von Reliquien wundertätiger und schutzbietender Art aufweist, so dass es insbesondere bei den ständigen brutalen Normanneneinfällen zu einer Fluchtstätte für den "gallischen" Norden wird: Die Reliquien sollen vor den Feinden schützen.

 

Der Kapitalismus wird nicht gegen Herrscher, Adel und Kirche entstehen, sondern auch und zunächst vor allem aus deren Konsumbedarf heraus. Dazu bedarf es nicht nur der Händler, die Luxusgüter aus fernen Gegenden heranschaffen, sondern auch der Handwerker vor Ort, beide in die familia der Herren eingeordnet. Handwerker werden von ihnen zur Ausbildung in der Goldschmiedekunst zu Meistern anderer Herren geschickt, der Erzbischof Ebo von Reims (gest.851) bietet „einigen artifices Wohnungen an, um sie in seine Stadt zu ziehen; und Ludwig der Fromme offeriert ihm aus der Schar seiner Hörigen einen Goldschmied als Geschenk.“ (Nonn, S.60)

 

Für die fränkischen Könige wird der Handel nicht nur aus Konsumenteninteresse wichtig, sondern auch dadurch, dass sie einen Teil des Gewinns, in etwa 10 Prozent, als Zoll abschöpfen, und dokumeniert ist der zumindest für die Ostgrenzen zum Slawenland. Förderung des Handels führt auch zu einem Sonderstatus der Juden als einzigen akzeptierten Nichtchristen im Reich. Und da Christen offiziell nicht am äußerst lukrativen Sklavenhandel teilnehmen können, den Juden ihre Religion nicht verbot, werden sie als Händler geradezu gefördert. Wichtige Sklavenmärkte der Karolingerzeit sind offenbar Verdun und Mainz, zwei damals besonders mächtige Bischofsstädte.

 

Der Handel wird  auch durch immer wieder neue Schutzerklärungen der Herrscher für Fernhändler, und zwar für den Aufenthalt am Markt und die Wege dorthin und wieder von dort weg, gefördert, wobei unter den Ottonen dann oft auf die Rechtsmodelle wichtiger Handelsstädte wie Köln, Mainz oder Regensburg verwiesen wird.  Dabei wird gelegentlich auch unmittelbar das persönliche Interesse von Kaisern und Königen am Gelingen des Handels angesprochen.

Kontinuität bieten nicht nur die alten Bischofs-civitates. Im Gebiet von Duisburg gab es schon bronze- und eisenzeitliche Siedlungen. Gegenüber besteht auf Krefelder Gebiet das römische Kastell Gelluba (Gellep) an der Kreuzung zwischen Rhein und Hellweg. (siehe …)  Als dessen Hafen verlandet, steigt Duisburg als Handelsplatz auf. Spätestens um 922 ist für Dispargum eine königliche Pfalz zu vermuten, die von den Sachsenkaisern häufiger besucht wird, Der Ort wird mit Wall, Graben und einer ersten Mauer befestigt.   

 

Der Kapitalismus wird nicht gegen Kirche und Kloster entstehen. Zwar war nach dem Gebot der Evangelien fast völlig Eigentum oder gar Zinsnehmen, also das Nutzen Ziehen aus der Armut anderer von Christen gegenüber Christen verboten, und die Kirche wird letzteres später, in der kapitalistischen Anfangsphase, auch deutlicher wiederholen. Aber schon in der Merowingerzeit hält sie sich selbst nicht daran, wenn es opportun erscheint. Gregor erwähnt schon in seiner Geschichte von Tours für die Zeit um 540, wie ein Bischof von Verdun sich an König Theudebert um einen Kredit wendet, auf dass wir damit unsere Bürger zu unterstützen (cives nostros relevare) vermögen; und wenn sie durch ihre Geschäfte den Handel in unserer Stadt auf dieselbe Höhe gebracht haben, wie ihn andere Städte haben, werden wir dir dein Geld mit den genehmigten Zinsen (cum usuris legitimis) zurückgeben. (Zehntes Buch, III,34)

 

Oft wird am städtischen Handels-Ort eine Münze eingerichtet. Er wird zum Finanzplatz. 744 veranlasst der Hausmeier Pippin der Jüngere, dass Bischöfe in ihren „Städten“ ständige Märkte einrichten sollen. (Groten, S. 33).

 

Nachdem das Gold zunehmend in den wirtschaftlich stärkeren byzantinischen Raum abgeflossen ist oder als Schatz gehortet wird, führen die späten Merowinger eine neue Silberwährung ein. Karl der Große legt dafür neue Einheiten fest, den Pfennig (denarius), den Schilling (solidus), die Mark und das Pfund (libra). Aber selbst bei der kleinsten Einheit ist der Wert zu hoch für den alltäglichen Gebrauch. „Im Alltag herrschte der Tauschhandel.“ (Groten, S. 34) Tributzahlungen in Kriegszügen unterworfener Völker werden oft in Vieh bezahlt, wie zeitweilig laut Fredegar die Sachsen an die Merowinger jährlich 500 Kühe abgeben müssen.

Überhaupt wird Münzgeld östlich des Rheins in der ganzen Karolingerzeit selten, und "das reiche Kloster Fulda bezahlte im Jahre 827 urbar gemachtes Land mit 8 Schwertern, 5 Stücken Tuch, 4 Stück Vieh, einem Pferd und zwei paar Ohrringen" (Michael North in: Römer und Barbaren, S.303)

Dennoch nimmt wahrscheinlich spätestens unter dem großen Karl der Geldumlauf wieder etwas zu. Grundherrn erwirtschaften mit ihren abhängige Bauern und Hadnwerkern gelegentliche Überschüsse, die auf Märkte an Bischofssitzen und Klöstern gelangen und manchmal gegen Geld getauscht werden. Das betrifft Lebensmittel, aber auch Tuche vor allem.

Geld konzentriert sich zunehmend in den Händen von Königen und hohem Adel. Dieser kann nun wieder mehr Luxusartikel nachfragen, die von Fernhändlern geliefert werden, die von den Herrschern dafür privilegiert werden. Könige, hoher Adel und Stadtherren beginnen verstärkt repräsentative und bequemere Steingebäude zu errichten wie Karl in Aachen, welches danach zur Stadt wächst. Mehr Kirchen und Paläste werden wieder aus Stein gebaut. Im 9. und 10. Jahrhundert entsteht so ein neues Baugewerbe, welches selbst bei niedrigen Löhnen viel Geld verschlingt, auch wenn die meiste Arbeit als Dienst am Grundherrn verrichtet wird.

Überhaupt findet der langsame Wirtschaftsaufschwung vor allem im Rahmen von Grundherrschaften statt, deren Zentrum auch wie bei Bischöfen und einigen Grafen in Städten liegen kann. In diese eingegliedert sind agrarische Produzenten, Handwerk und ein Großteil des Handels. Zugleich Voraussetzung und Folge des entstehenden Kapitalismus seit dem 10. Jahrhundert wird die schrittweise Ausgliederung dieser Bereiche aus den familiae solcher Herren.

 

Städte entwickeln sich weiter, wenn sie einen dauerhaften Kern besitzen, der auch Überfälle und Zerstörungen übersteht, eine Kathedrale oder eine weltliche Festung - und Zuwanderung von außen bekommen. Die damit verbundene Institution sichert das Überleben. Im Norden angesiedelte Kaufmannssiedlungen wie Dorestad, Tiel oder Haithabu mit einigen Handwerkern zur Versorgung der Kaufleute und Kirchgebäuden hingegen verschwinden, nachdem sie zerstört werden. Sie können anderweitig ersetzt werden.

Man darf nicht vergessen, dass mit dem 6. Jahrhundert die Sicherheit des lateinischen Abendlandes nicht mehr dauerhaft gegeben ist, im späten siebten Jahrhundert beginnt die Expansion der arabischen Welt und des Islam, die bis ins 11. Jahrhundert den ganzen lateinischen Mittelmeerraum mit Piraterie heimsucht. 838 tauchen zum Beispiel nordafrikanische Piraten vor Marseille auf, und durch das ganze 9. Jahrhundert bedrohen sie das Rhônetal und die Provence wie auch die italienischen Küsten.

Im 9./10. Jahrhundert kommen dazu die Verheerungen und Zerstörungen durch eben solches Piratentum skandinavischer Gruppen in der Nordsee und bis zum Atlantik, sogenannter Wikinger und Nordmannen. Seit 841 bedrohen sie die nördlichen Küstenlinien und insbesondere die Mündungsgebiete von Rhein, Seine, Loire und Gironde. Von festen Lagern dort dringen sie ins Inland vor und bedrohen und verwüsten die Städte. Solche Bedrohungen werden Anfang des 10. Jahrhunderts für die Normannen gebannt und Anfang des 11. für die Sarazenen, die aber dann immer noch den größten Teil der iberischen Halbinsel und Sizilien kontrollieren.

Und schließlich ist da die im 10. Jahrhundert immer drückendere Bedrohung durch die Ungarn.

 

Einen festen Kern der desungeachtet sich neu entwickelnden Städte bildet neben dem Dom oder an seiner Stelle die Pfalz, wie sie König Pippin in Aachen errichten lässt, und die durch einen prachtvollen Neubau von König Karl ersetzt wird, zu dem auch die Marienkirche gehört und ein neues Bad, in dem der Kaiser mit seinem Hof die Thermalquellen nutzen kann. Hohe Geistlichkeit und weltliche Große bauen dort ihre kleinen "Höfe", Bedienstete kommen dazu, Handwerker und ein Markt mit Händlern, darunter Juden. Darüber hinaus gibt es Gebäude für die  Lagerung von Nahrung und große Stallungen und drumherum Landwirtschaft.

Größere Pfalzen werden auch an anderen Orten errichtet, die da herum wachsen, wie Ingelheim, Nimwegen und Paderborn. Allerdings bieten Pfalzorte nicht immer die Gewähr dafür, dass dort auch dauerhaft eine städtische Siedlung entsteht, wie Tribur/Trebur und Grone beispielsweise belegen.

 

Aber die Pfalz von franconovurd wird zum Musterbeispiel dafür, wie ein königliches palatium sich aufmacht, im hohen Mittelalter dann zu einer der wichtigsten Städte im "römischen" Reich zu werden. Gelegen an einem Handelsweg mit einer Furt durch den Main, war der Fluss selbst noch wichtiger für den Transport von Getreide aus östlicheren Gebieten nach Mainz. Hier lag ein karolingischer Fiskalbezirk, der "insgesamt mindestens zwölf königliche >Villae< (Fronhöfe) mit knapp 1400 Morgen Ackerland umfasst haben dürfte, Wiesen und Wald, das Land der 112 abhängigen Bauernstellen, die das Urbar nennt, sowie die Lehen der Vasallen nicht mitgerechnet. (...) Die königliche Villa Frankfurt, deren Lage auf dem heutigen Domhügel zu suchen ist, verfügte allein über 450 Morgen Ackerland." (Joh.Fried in: 794, S.26f)

794 wird dieser Ort durch eine große Synode erheblichen Anschub bekommen, als Große aus Italien, West- und Ostfranken und Nordspanien hier zusammenkommen. Für Karls langen, siebenmonatigen Aufenthalt zwischen Feldzügen gegen die Sachsen und die Awaren muss es feste, wenn auch weithin nicht steinerne Gebäude geben, eine Kirche, die allerdings nicht repräsentativ genug ist für die Aufnahme des Leichnams der dort sterbenden königlichen Gemahlin Fastrada, die dann in Mainz beerdigt wird. Dazu Wirtschaftsgebäude und dazu gehörige Arbeitskräfte.

Karls Sohn Ludwig der Fromme wird dann die Pfalz vergrößern, die eine Generation später von Ludwig ("dem Deutschen") noch ein Salvatorstift erhält.

 

Ob eine Pfalz Zukunft als Kern einer bedeutenderen Stadt hat, ist damals aber noch nicht abzusehen. Die viel prächtigere Ingelheimer Pfalz der Karolinger, aus Stein gebaut wie die von Aachen und Nimwegen (Einhard), mit ihrem Königssaal von 14 x 30 m, hat in ihrer Nähe dörfliche Ansiedlungen, von denen eine viel später sogar ummauert wird, aber in der Nähe von Mainz wird daraus keine Stadt, sondern eine Reichsburg mit reichem ländlichem Siedlungsgebiet.

 

Neben dem Interesse weltlicher Macht an der Nutzung kirchlicher Strukturen im Herrschaftsinteresse scheint auf den ersten Blick der Anteil weltlichen Interesses an der Renovierung und dem Ausbau der Städte zunächst gering. Die Welt der Merowinger und Karolinger zumindest besteht auf den ersten Blick aus großen Flächen urbar gemachten Landes, die aber eingegliedert sind in noch viel größere Flächen von Wäldern, Sümpfen, Heideflächen und anderem Ödland, „Wüste“ eben, wie das damals auch heißt. Und das Augenmerk scheint im wesentlichen auf solchen großen Gebieten landwirtschaftlicher Produktion mit ihrem handwerklichen Anteil zu liegen.

Aber so ganz stimmt das Bild nicht. Pfalzen und andere befestigte Plätze adeliger Großer entstehen entweder im Zusammenhang solcher städtischer Siedlungen oder sie können solche sogar befördern. Und die Herrscher der neuen Reiche haben die überlebenden und sich neu bildenden Städte immer im Blick. Sie geben Verordnungen für sie heraus und versuchen diese Orte in die überwiegend agrarisch geprägten Strukturen ihrer Machtbereiche zu integrieren.

 

822 erklärt Ludwig I. ("der Fromme"), auf Wunsch des Bischofs von Paderborn, seinen Bischofssitz einschließlich der ihm zugehörigen Sachenund Hörigen unter unseren Schutz und unter den Schirm unserer Gerichtsfreiheit zu stellen (...) auf dass sich kein öffentlicher Richter oder sonst jemand, der rechtsprechende Gewalt innehat, unterstehen soll, in die Kirchengebäude, Ortschaften, Feldfluren oder sonstigen Besitztümer der vorgedachten Kirche einzudringen (...) um dort gemäß dem gerichtlichen Brauch Verhöre durchzuführen, Friedensbußen zu erheben, Häuser oder Hütten zu errichten, Burgen auszuheben, die Leute dieser Kirche ohne Grund zu unterdrücken oder um dort zu beliebiger Zeit irgendwelche Erhebungen oder unerlaubte Forderungen einzuziehen, - womit deutlich wird, was offenbar stattfindet.

Darüber hinaus wird der Bischofskirche Abgabenfreiheit zugesichert, denn die Erträge aus ihrem Besitz gestehen wir der Armenkasse und auch dem Unterhalt der Wachslichter der vorgenannten Kirche zu, womit vornehm umschrieben ist, dass die Kirche kein Betrieb ist, der der Besitzmehrung dient. Das Ganze soll dann auch finanzieren, dass diese Kirche für das ewige Seelenheil des Kaisers, seiner Gattin und Familie fleißig betet. (in Hergemöller, S.62f)

 

Schon König Arnulf (von Kärnten) verleiht 888 detaillierter dem Bischof von Bremen das Recht, einen Markt abzuhalten, Münzen zu schlagen und die Zölle einzunehmen. Im 10. Jahrhundert kommt dazu immer expliziter auch die Gerichtsimmunität. Städte setzen sich immer deutlicher vom Land ab.

 

Zu Pfalz und Bischofssitz kommen Klöster und klosterähnliche Institutionen mit ganz ähnlichen materiellen Bedürfnissen in der Stadt, aber auch als Neugründungen auf dem Lande, wo sie wie am Beispiel Gent manchmal Kern für neue städtische Siedlungen werden.

Schließlich wird Eroberung und Zivilisierung „heidnischer“ Gebiete auch mit Hilfe der Neugründung von Bistümern und Klöstern betrieben wodurch potentielle Zentren für Stadtbildung entstehen.

 

Besonders in Westfranzien entstehen Städte neu an großen Klöstern wie St. Martial in Limoges, St. Vaast in Arras, St. Front in Perigueux. Äbte wohldotierter Klöster sind oft so mächtige Herren wie Bischöfe und weltliche Magnaten. Bei Klöstern lassen sich Händler nieder, das Handwerk konzentriert sich manchmal dort aus ländlicher Grundherrschaft heraus. Ein Markt entsteht, mit Buden, Tavernen, und dem Kloster als Herrn fallen darüber Abgaben und Rechte zu. Dabei konkurrieren Klöster, Bischöfe und weltliche Herren auch gewalttätig miteinander. 

 

Ein gutes Beispiel ist das Prümer Tochterkloster Münstereifel. Als 844 die Knochen der Heiligen Chrysanthus und Daria dorthin überführt werden, setzt bald eine Wallfahrt dorthin ein, die wirtschjaftlich bedeutend genug ist für die Anlage eines Marktes. einer Münze und einer Zollstätte, von deren Einnahmen zwei Drittel an das Kloster fallen sollen (in: Hergemöller, S.68f).

800 erhält der Abt von Corvey für die weiter entfernte Siedlung Horhusen (Niedermarsberg) an einer Furt das Markt- und Münzrecht und für Mons Eresburg (Obermarsberg) das Zollrecht.

908 erlaubt Ludwig IV. ("das Kind") dem Bischof von Eichstätt für den Ort beim Kloster einen öffentlichen Handelsmarkt sowie eine Münze errichten und einen Zoll erheben zu dürfen, so wie es bei den übrigen Handelsorten (mercationum locis) Brauch ist, sowie einige Befestigungen in seinem Bistum gegen den Ansturm der Heiden ausbauen zu dürfen. Zusammenfassend heißt das, eine Stadt zu errichten (urbem construere), wobei die Einkünfte aus ihr dem Kloster zufließen sollen. Zudem verfügt der Bischof nun alleine über die Nutzung der Wälder. Das sind nur einige Beispiele.

 

Ähnlich wie im ehemaligen Germanien entstehen in Flandern im 9. und 10. Jahrhundert Städte aus Vorstädten an Burgen der Bischöfe und an Klöstern und an befestigten Plätzen der nun erstmals für dort erwähnten Grafen. Sie werden Zentren der nun langsam einsetzenden unmittelbaren Entstehungsgeschichte von Kapitalismus werden, zusammen mit oberitalienischen Städten. Beim späteren Gent werden im 7. Jahrhundert die beiden Klöster St. Pieter und St. Bavo gegründet, von denen Siedlungen mit von den Klöstern abhängigen Beschäftigten ausgehen.

 

Im 9. und 10. Jahrhundert nimmt (sehr) langsam das „städtische“ Gewerbe zu. Wichtiger aber ist die Entstehung einer „Marktwirtschaft“. Markt konnte natürlich kein germanisches Wort sein. Es stammt von merx ab, der Ware, und vom mercatus, dem Ort, an dem Handel getrieben wird (mercari).

Marktwirtschaft verlangt Geldwirtschaft, und dem dienen die Münzreformen Karls d. Großen. Sie verlangt aber vor allem zumindest einen zentralen Impuls, um in Gang zu kommen. Und den bietet der Wunsch einer Oberschicht, die die wirtschaftlichen Möglichkeiten hat, an jenes Geld zu kommen, welches gegen Luxus eingetauscht werden kann.

 

Luxus ist eine humanistische Entlehnung aus dem Lateinischen, welche im Deutschen dann Verschwendung, Prunk, Pracht bezeichnet, also einen moralischen Unterton bekommt. Das ist in Spätantike und Mittelalter oft anders. Prunkvolle Waffen, Prunkgewänder, entsprechender Schmuck, prachtvolles Geschirr dienen nicht nur ästhetischem Vergnügen, sondern mit diesem auch dem Vorzeigen eines herausgehobenen Status. Damit ist der potens, der Reiche und Mächtige, nicht nur ein hervorragender und als solcher zunehmend privilegierter Krieger, sondern mit der Anhäufung vorzeigbarer Luxusgüter auch Vertreter eines herausgehobenen Lebensstils. Vorbildlich dafür sind die wohlhabenderen Kirchen und Klöster, die ihre Prachtentfaltung damit rechtfertigen, dass sie dem Lobe Gottes dienen solle. Tatsächlich dienen sie wenn nicht zuerst dann doch zugleich dem Ansehen der jeweiligen klerikalen Mächtigen.

 

Der Übergang von der Schatzbildung zur Kapitalbildung hat viele Wurzeln. Die gerade angesprochene verlangt zuallererst agrarische Überschussbildung der Grundbesitzer, und den Verkauf des Überschusses auf einem vorläufig nahe gelegenen Markt. Dies wird durch einen zweiten Schritt vereinfacht, indem man den abhängigen Bauern ermöglicht, selbst Überschüsse zu erzielen und diese auf dem Markt zu verkaufen, dafür dann dem Herrn aber eine Rente zu zahlen. Dies wird im wesentlichen eine Entwicklung des Hochmittelalters.

Die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion wird Bevölkerungswachstum hervorbringen, welches mehrfach Voraussetzung für die Entstehung des Kapitalismus wird: Dieser verlangt einmal eine gewisse Bevölkerungsdichte, aus dieser resultiert Abwanderung in die Städte, und daraus ergibt sich deren Wachstum.

Parallel dazu müssen die Fernhändler, immer noch zu einem Teil Orientalen, Kapital bilden, damit sie weit voneinander entfernt einkaufen und verkaufen können. Wenn sie Kredit haben, können sie dafür Kredit bekommen und damit schießen dann Finanziers gegen einen Zins vor, was erst später sich realisieren soll.

Damit alles das sich entwickelt, muss die Produktivität in der Landwirtschaft erhöht werden, wodurch ein Innovationsdruck entsteht, den dann erst eine erste Kapitalisierung der Landwirtschaft einlösen kann.

 

All dies würde einzelne Kapitalisten hervorbringen, aber noch keinen Kapitalismus. Damit es dazu kommt, müssen die Städte sich weiterentwickeln und als Produzenten und Konsumenten an Bedeutung gewinnen. Dabei muss jenes neue Bürgertum entstehen, welches die mittelalterliche Welt so massiv verwandeln wird.

 

Unter Markt verstand man zunächst einen Markttag, der zu bestimmtem Datum an bestimmtem Ort stattfand, und zwar vor allem auf dem Lande und in der Nähe der Orte der Nahrungsmittelproduktion. In dem Maße, indem solche Märkte wichtiger werden, werden sie mit einer Abgabe belegt, zugleich aber weiter privilegiert.

 

Bis in die Zeit der Karolinger wird das alte Recht der urbanen Kerne der civitates tradiert, weiter Märkte abzuhalten. Andererseits wird es ein grundherrliches Recht, überall landwirtschaftliche Märkte abzuhalten. Daneben wird geistlichen Herren von den fränkischen Königen zunehmend ein Marktrecht verliehen. Ziel mächtigerer Herren wird es nun, den eigenen Markt vom Zoll zu befreien, ihn insofern immun zu machen. Dann genießen sie das Recht auf Standgebühren, ohne dafür Abgaben zahlen zu müssen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich bei zunehmender Marktdichte die Vorstellung, dass die Könige das Recht der Konzessionierung solcher Märkte hätten, da vor ihren Gerichten geklagt wird, wenn die Konkurrenz solcher Orte und Tage überhand nimmt. (Pitz, S. 132)

 

Einen Schritt weiter sind wir mit den Vorschriften Karls des Kahlen von 864 über die Marktaufsicht der Bischöfe und Grafen im Edikt von Pîtres. Die betreffen die „Kontrolle von Maß und Gewicht, Preisbestimmung, Warenprüfung und Beaufsichtigung der Handwerker.“ (Pitz, S. 134) Markt-Wirtschaft entsteht so neu unter der strengen Aufsicht und aus den Interessen von Herrschern und Machthabern heraus. Etwa um 900 ist das königliche Marktregal im ostfränkischen Reich voll ausgebildet. Aber das Regal wird an den Grundherrn vergeben. Grundsätzlich gilt: „Die Ordnung des Marktes ist herrschaftlich.“ (Ennen, S.66)

 

Vermutlich steigt die Bevölkerung in West- und Ostfranzien wie im Norden und der Mitte Italiens zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert in einigen Gegenden langsam wieder an. Jedenfalls werden neue Ländereien aus Wald, Heide und anderem „Ödland“ für die Landwirtschaft erschlossen. Ein neuartiger Pflug, der die Erde nicht mehr nur anritzt, sondern umpflügt, kommt auf und setzt sich bis ins hohe Mittelalter in immer mehr Gegenden durch. In derselben Zeit entwickelt sich auch an ersten Orten die Dreifelderwirtschaft, welche ebenfalls die Produktivität erhöht, so wie man auch in diesen Jahrhunderten nach und nach an einigen Orten beginnt, das Pferd als Zugtier einzusetzen. Die Zahl der Wassermühlen als früher Maschineneinsatz nimmt zu. Das Verhältnis zur "Natur" wird wie in der römischen Antike, dort wo sie nicht idyllisiert wird,  durch Effizienzdenken bestimmt, welches sie als unnütze und in Nutzlandschaft zu verwandelnde "Wüste" betrachtet.  Für die Vielen, die ihr Überleben dieser Natur durch Arbeit abringen, hat sie bedrohliche Züge, was durch die neue Religion gefördert wird.

Bevölkerungswachstum und wachsende landwirtschaftliche Produktivität sind es denn auch vor allem, die die Städte wieder wachsen lassen.

 

Marktorte, ländliche Siedlungen und auch die Neustädte und burgi ziehen Leute an, die sich dort niederlassen. Unter den Handwerkern, die ihre Produkte auf dem Markt verkaufen, gibt es die Unfreien, die auf Herrenhöfen im Marktort oder seiner Umgebung arbeiten, dann persönlich Unfreie, aber in ihrem Gewerbe Freie, die auch auf eigene Rechnung arbeiten und verkaufen können, und eine Minderheit persönlich freier und wirtschaftlich unabhängiger Leute.

 

Ähnlich treten neben den meist unfreien Kaufleuten, die Handel im Auftrag ihrer Herren betreiben, nach und nach immer mehr einheimische freie auf, so mancher ein wohlhabender Handwerker, der von der eigenen Handarbeit, die er selbst auf den Markt bringt, dazu übergeht, Rohstoffe und Produkte anderer auf dem Markt zu verkaufen. Im frühen Mittelalter gelangen solche Leute zuerst in Italien zu Reichtum. Anderen gelingt es, durch Handel außerhalb der dem Herrn zustehenden Zeit wohlhabend zu werden. Handel ist also für Unfreie ein guter Weg zu einem Wohlstand, der dann auch in die Freiheit führen kann.

 

Während Grund und Boden, selbst Ernteerträge und die handwerkliche Produktion, soweit nachzuvollziehen waren, dass daraus Abgaben errechnet werden können, lässt sich das Geld des Kaufmannes zumindest zu einem guten Teil vor solchen Nachforschungen verstecken. Ludwig der Fromme ist möglicherweise der erste, der darauf kommt, durch Münzverrufung dabei Abgaben wenigstens indirekt zu erreichen: Dabei werden alle Pfennigmünzen für ungültig erklärt und durch neue ersetzt. Wer immer sie bei den Münzstätten umtauschen möchte, muss den „Schlagschatz“ bezahlen, eine willkürlich erhobene Gebühr für die Münzprägung. Natürlich war bekannt, wer über beträchtliche Summen Geldes verfügte, und gelegentlich wurde auch so versucht, zumindest an einen kleinen Teil davon heranzukommen.

 

Außerhalb Italiens und einiger Stadtlandschaften wie am Rhein waren Handel und Gewerbe aber im 9. Jahrhundert noch nicht auf Städte konzentriert, sondern blieben im wesentlichen auf dem Lande. In den fränkischen Reichen auch noch des 9. Jahrhunderts sind Städte und Märkte auch formal meist kaum herausgehoben, sie sind Teile der Grafschaften – es gibt kaum einen so verstandenen Gegensatz zwischen Stadt/Markt und Land. Unter den Karolingern werden die gräflichen Gerichte allerdings als Schöffengerichte aus herausgehobenen Einwohnern, die neben den übrigen Großen in der Stadt ein dezidiertes Vorschlagsrecht für die Zusammensetzung haben, zu einer Art Vorläufer für Gemeindeorgane. Aber von solchen ist man noch weit entfernt.