SPÄTANTIKE

 

Jesus, Kirche und Christentum.

Das Kaiserreich und der Weg zur Staatsreligion (Erlösungssehnsucht)

Völker, Stämme und Wanderungen

Neue Völker und das Schwinden des Imperiums

Die Barbaren im verfallenden Reich

 

 

Jesus, Kirche und Christentum

 

Mit den frühen Schriften der Juden haben wir ein fast einzigartiges Dokument für eine Etappe des Verschmelzungsprozesses von weltlicher und Priestermacht, die darum auch fundamentale Texte im Entstehungsprozess der nachantiken und mittelalterlichen Zivilisationen werden. Dabei bleiben sie den meisten Menschen bis auf Gruppen radikaler Protestanten bis heute unbekannt. Dagegen setzen die Texte der ursprünglichen Christen einen radikal antizivilisatorischen Akzent, der die jüdischen, eher innerweltlich gedachten Erlösungsphantasien in solche der Erlösung überhaupt von der "Welt" überführen. Mit der schrittweisen Integration dieser Religion in die Machtstrukturen des römischen Imperiums beginnen auch erste Teilaspekte einer Re-Judaisierung, die mit der Vertagung dieser Erlösung beginnen und in fast vollständiger Romanisierung der Kirche im Westreich enden. Damit kippt der antizivilisatorische Impetus so rabiat, dass die entstandene Kirche selbst zu einem Propagandainstrument der Machtstrukturen wird und das bis heute bleibt.

 

Diese jüdisch-frühchristliche Geschichtserzählung wird aber dann zu einem wesentlichen Teil der Vorgeschichte hin in jenes Mittelalter, in dem Kapitalismus entstehen wird. Darum soll das hier wenigstens in ganz groben Zügen angedeutet werden. Kapitalismus entsteht nicht aus religiösen Überzeugungen, sondern zunächst eher gegen diese, aber er wird in Machtstrukturen entstehen, die sich dieser Religion in ihrer mittelalterlichen Ausprägung ausdrücklich bedienen. Dabei ist zu beachten, dass alle in Zivilisationen hinein entwickelten Religionen Erlösungsphantasien enthalten, und das solche nicht nur die Erlösung von der Endgültigkeit des Todes enthalten, sondern damit verbunden auch Erlösung von den Bürden der Zivilisation hinein in ein paradiesisches Jenseits der bekannten Welt.

 

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Kurz vor dem Ende des antiken Judentums, unter römischer Oberherrschaft und unter Bedingungen starker Hellenisierung, zerfiel dieses offenbar zum Teil in zahlreiche Gruppen und Sekten. Ohne einen eigenen „souveränen“ Herrscher nahm die Autorität des Tempels und seiner Priesterschaft ab, es entstanden Räume, in denen Judentum neu definiert wurde. Auf erstaunliche Weise später wirkmächtig wurde ein Jesus, der uns als historische Figur kaum vorliegt. Früheste Texte, die ihn erwähnen, gibt es von einem stark hellenisierten Juden Paulus, der einige Zeit nach dem Tode Jesu mit ersten Christen in Kontakt kam und dann eine Art religiöse Erleuchtung hatte, die zu seiner Bekehrung führte, deren Ergebnisse er in Briefen an entstehende Gemeinden formulierte. Da wir über Jesus selbst nichts wissen, können wir nur in Verbindung mit den in den folgenden Jahrzehnten entstandenen Evangelien und der Apostelgeschichte erahnen, wie Paulus vorliegende, wohl vorwiegend mündliche Traditionen umformt und dabei bereits ein Stück weit entjudaisiert und hellenisiert.

 

Vom Leben Jesu und seinem Tod erfahren wir kaum etwas bei ihm, aber umso mehr über das paulinische Gottesbild und dessen Umformung des jüdischen in einen christlichen Gott. Die Evangelien wiederum berichten über Jesus hauptsächlich Legendäres und Wundersames, und es ist nicht einfach, daraus irgendwelche historischen Tatsachen abzuleiten, die, wenn überhaupt, dürftig bleiben. Fassbar wird vielleicht ein Mann aus Nazareth, der mit etwa 30 Jahren einem Johannes begegnet, der im Jordan Menschen tauft und schon damit aus dem jüdischen Rahmen fällt. Dieser Täufer, von dem wir sonst nichts erfahren, hat Jesus offenbar stark beeindruckt und beeinflusst, möglicherweise hat er ihm den Kern seiner Ansichten übermittelt.

 

Unser Jesus wird darauf zum radikalen Aussteiger aus allen anerkannten jüdischen Lebenszusammenhängen und zieht als eine Art Wanderprediger umher, wobei er seinen Lebensunterhalt aus Spenden und vielleicht auch mit Betteln ermöglicht. Vermutlich bezeichnet er sich nicht als (leiblichen?) Sohn Gottes, wie ihn die Evangelisten dann am Ende nennen, die seine Geschichte jeweils von hinten, von seinem Tod her aufzäumen werden. Dass er von einem Vatergott redet, soll wohl diesen selbst so für alle als „väterlich“ charakterisieren - jedenfalls für die, die ihm gehorsam sind.

 

In den Evangelien hat er davon nicht viel zu sagen und entwickelt auch sonst kaum so etwas wie Religion oder gar Theologie. Er verkündet vielmehr eine Art Ethik demütigender Gewaltfreiheit, radikaler Selbstlosigkeit, von Besitzlosigkeit als gottgewollter Armut, uneingeschränkter Friedfertigkeit außer gegenüber der Welt böser Dämonen, und zudem eine von völlig fehlender Sexualität, die in der radikalen Ablehnung auch von Ehe und Familie gipfelt. Kein Wunder, dass seine Anhängerschaft winzig bleibt und aus einigen weiblichen Verehrerinnen und einem kleinen Kreis von Männern besteht, die letztere mit ihm umherziehen. Das alles wird möglicherweise mit dem unmittelbar bevorstehenden Ende der Welt begründet, welchem die entkommen, die sich Jesus anschließen und mit ihm ziehen. Angesichts der nahen Wiederkunft eines neuen Paradieses werden Sexualität und Erzeugung von Nachwuchs erneut überflüssig werden.

 

Ich lasse die von den Evangelisten beschriebenen magischen Kräfte aus, mit denen er wie von Zauberhand Wasser in Wein verwandelt, Tote wieder zum Leben erweckt und selbst wie schwerelos auf einer Wasseroberfläche herumspaziert. Wichtiger sind seine Gleichnisse, in denen er die Welt nicht nur der Juden auf den Kopf stellt: Menschen sollen nicht nach ihrer (Arbeits)Leistung, sondern gemäß ihrer Gottesgläubigkeit vom väterlichen Gott ent- bzw. belohnt werden, Arme sind Gott näher als Reiche, deren Besitz ihnen das Himmelreich nahezu versperrt, und einsichtige, vorher lebenslange Sünder ebenfalls eher als diverse Muster jüdischer Rechtschaffenheit. Tempel, Priesterschaft und Opferkult scheinen kaum noch eine Rolle zu spielen.

 

Das Himmelreich wird nicht näher erklärt, aber es leitet sich wohl aus einem wiedergewonnenen jüdischen Paradies nach Erscheinen eines prophezeiten Messias ab. Jesus selbst lässt sich als Rabbi anreden, als eine Art jüdischer Fachmann für Religiöses, und er wird wohl erst nach seinem Tode zu einem Messias (Erlöser) gemacht, im Griechisch der Evangelisten dann christos und sotér. Und ohne diese Verwandlung eines Menschen Jesus in einen am Ende auch lateinischen christus wäre aus ihm auch nicht im Nachherein ein Religionsgründer geworden.

 

Nur zu vermuten ist, dass er aufgrund seiner Erfolglosigkeit sozusagen in der Höhle des Löwen auftaucht und im Jerusalemer Tempel randaliert. Bis dahin hatte er sich nur in ländlichen Kleinstädtchen fernab herumgetrieben, was offenbar kaum störte. Nun scheint er die Aufmerksamkeit, den Eklat zu suchen und bekommt ihn. Eine empörte Priesterschaft setzt bei der römischen Staatsmacht seinen Tod durch.

 

Soweit kann der Außenstehende folgen. Was nun in den Evangelien beschrieben wird, hat wohl damit zu tun, dass an sich jetzt die Jesusgeschichte zu Ende wäre, was seine wenigen Anhänger so nicht hinnehmen wollen. Und so beschreiben sie eine ganz und gar unglaubliche Geschichte, die offenbar damals dann eine gewisse Austrahlung für einige wenige hat. Aus ihr erst wird sich ein "Christentum" entwickeln.

Aus dem Menschen Jesus wird nun tatsächlich, wie es heißt, ein irgendwie leiblicher Sohn des jüdischen Gottes, oder anders verstanden, die Inkarnation (Fleischwerdung) Gottes auf Erden. Vermutlich fangen bald die ersten derer, die ihren (jüdischen) Gott dennoch weiter mit einem gewissen Monotheismus versehen, an, daran zu glauben, dass ihr Gott in Menschengestalt zu den Juden gekommen sei, denn Jesus ist nun mehr als ein Prophet, er wird selbst göttlich.

 

In völliger Verkehrung der Abrahamgeschichte, in der ein Menschenopfer von Gott abgelehnt wird, lässt sich also Gott selbst in Menschengestalt opfern.

Also erst im Tode selbst wird der Jesus der Evangelisten zu Gott als Gottes Sohn. Und da Götter unsterblich sind, muss er von den Toten "auferstehen". Damit das glaubhaft wird, behaupten die Evangelisten, dass man ihn kurz darauf in seiner Menschengestalt wiedererkannt habe, allerdings nun soweit vergöttlicht, als er unberührbar geworden sei. Jetzt fehlt nur noch jene Pfingstversammlung, bei der seine kleine Anhängerschar sich in Verzückung oder gar Raserei versetzt, um all das nun auch ganz fest zu glauben. (Ausführlich und textnah steht das alles in Anhang 1)

 

Da es hier um die Entstehung des Kapitalismus von 10. Jahrhundert an nach solchen recht legendären Ereignissen gehen soll, ist das wichtigste Moment des Ganzen zum Schluss deutlich hervorzuheben: Der zum Messias bzw. zu (einem?) Gott gewandelte Jesus verspricht im Kern Erlösung von jenem Menschsein, wie es allen Menschen in einer wahrnehmbaren Wirklichkeit zu eigen ist; also die Rück-Verwandlung der Menschen, die an ihn glauben, in Gottes Ebenbilder, denen Gott in Menschengestalt in seinem eigenen Reich erneut paradiesische Zustände jenseits von Raum und Zeit verspricht. Die ganze "irdische Welt" wird dabei untergehen, sie ist überflüssig geworden. Und denen, die nicht nach Jesu Vorgaben leben oder gar an seine Göttlichkeit glauben, blüht im selben Moment ewige Verdammnis. Von einem "lieben Gott" der deutschen Mittelschichten des 18./19. Jahrhunderts jedenfalls kann noch lange keine Rede sein. "Er" ist eher weiter von einer gewissen archaischen Grausamkeit.

 

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Der zu Christus gewordene Jesus verspricht seine nahe Wiederkehr, bei der nicht nur wie bei seinem Tod der Jerusalemer Tempel wackelt, sondern alles Irdische mit Getöse untergeht. Die kleine Jerusalemer Gemeinde, in der Apostelgeschichte schon etwas historischer greifbar, wartet auf ihren Erlöser, konfrontiert mit der Feindseligkeit jüdischer Orthodoxie. Man lebt in Gütergemeinschaft in einer isolierten Männerwelt und bekräftigt sich wohl immer wieder gegenseitig die Gewissheit der Wiederkunft des Herrn.

 

Aber während "der Herr" erst einmal nicht kommt, taucht der von seiner Version eines Jesus und Gottes beeindruckte Paulus auf und verlangt, dass Juden kein Monopol auf diesen Erlöser haben dürften und hätten – er gehöre allen Menschen, die an ihn glauben, worunter er wohl vor allem die griechische, aber auch die lateinisch-römische Welt versteht. Das führt zum Streit, aber der erledigt sich spätestens, als die Jerusalemer Gemeinde mit dem Tempel und antiker jüdischer Geschichte zusammen untergeht.

 

Mit der Auswanderung des Christentums aus dem Judentum gerät es in eine erheblich andere Welt als die seines Ursprungs. Während es sich nebenan in Syrien stärker ländlich einwurzelt, Jesus war eher kein (Groß)Städter, sondern vertraut mit dem Leben in kleinen Ortschaften, gelangt es im lateinischen und kerngriechischen Teil des Reiches zunächst in große Städte mit ihren ganz eigenen Strukturen, nach Alexandria, prächtigen anatolischen, also griechischen Metropolen, und schnell auch in die Millionenstadt Rom. Der vielleicht aramäisch sprechende Jesus der Evangelien musste also zunächst ins Hebräische, dann ins Griechische und schließlich ins Lateinische übersetzt werden, mit einer jeweils verschiedenen Begrifflichkeit, die etwas unterschiedliche Vorstellungswelten ausdrückt.

 

Es entstehen vielerorts neue Zentren christlicher Gemeinden, also der Verehrung des menschgewordenen, getöteten und und auferstandenen Gottes. Mit der Verbreitung eines solchen Christentums aus dem jüdischen Kernraum hinaus beginnt aber sogleich seine radikale Substanz zu verwässern, wie man an vielen Stellen nachlesen kann. Nicht nur, dass der neue Gott noch stärker aus der Strenge jüdischer Orthodoxie gelöst wird, und dass er zum Gott aller wird, die an ihn glauben, er kommt, und das wird den Glauben an ihn stark verändern, nicht wie versprochen wieder, anders gesagt, man muss sich auf ein Leben einrichten, dass mit dem eigenen Tod endet, und hoffen, dass er doch irgendwann später zu ihren Gunsten eingreift. Irgendwann eben am "jüngsten", also letzten Tag.

 

Wie nicht anders zu erwarten, verändert das Christentum mit seiner Ausbreitung über Palästina hinaus überall seinen Charakter. Mit der Christianisierung des griechischen Raumes wird es hellenisiert, mit seinem Einzug im lateinischen Westen des Imperiums romanisiert. In Syrien mit seiner eigenen Sprache und seinen Lebensformen erobert es sich schneller das Land, anderswo zunächst die Städte.

 

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In dieser Situation entsteht Kirche.

 

Die Gemeinde hatte zunächst kaum ein eigenes Gebäude, aber doch einen Raum, indem man sich trifft. Organisiert werden die Treffen von Presbytern, Ältesten, die später auf deutsch Priester heißen werden. Und solche Versammlungen im Raum einer civitas mit ihrem erheblichen Umland werden bald vom einem übergeordneten episcopos beaufsichtigt, der auf deutsch dann zum Bischof wird.

So bekommen die Gemeinden Vereinscharakter, sie richten Ämter ein, eine Hierarchie entsteht, die zur Kirche wird, kyriakon, dem Haus des „Herrn“, und ekklesia, der organisierten Versammlung der Gläubigen. Kirchliche Ämter entwickeln ein Eigenleben und werden zugleich aufgewertet durch die Anzahl der ihnen zugeordneten Menschen. Anstatt bloß in der Erwartung der Wiederkunft Gottes zu leben und sich auf diese vorzubereiten, wie es einst Paulus verlangte, richtet man sich im Erdenleben ein und macht die ersten Kompromisse mit der Wirklichkeit.

 

Wenn man aber mehr Gläubige schaffen möchte, tritt man in Konkurrenz zu den antiken Kulten. Solche frühe Versammlungen sind für die meisten Menschen im Vergleich mit den römischen und griechischen Kulten mit ihren Zeremonien, dem Nebel des Geheimnisvollen und den sie begleitenden Festivitäten eigentlich nicht sehr attraktiv. Und so wird das dort veranstaltete Gedächtnismahl für das letzte Abendessen des "Herrn" mit seinen Aposteln immer stärker magisch aufgeladen, wobei dem Presbyter steigende Bedeutung zukommt. Ein Altar muss her, nicht mehr der nebenan, bei dem Tiere geopfert werden, sondern einer, an dem zeremonielle Gegenstände, die heilige Schrift und was auch immer abgelegt werden können. Immerhin haben die Christen ja auch ein Opfer, das ihres Gottes am Kreuz, welches man feiern kann. Und hatte nicht Jesus kurz vor seinem Tode gesagt, wie man lesen konnte, dass man sich beim Essen und Trinken an ihn erinnern sollte, den Wein wie sein Blut und das Fleisch wie sein Fleisch betrachten solle, um sich seines Opfertodes ganz handfest gemeinschaftlich zu erinnern?

 

Auf diese Weise entsteht langsam die Messfeier, in die sich nach und nach die Vorstellung einschlich, dass sich dabei irgendwie Wein und feste Nahrung in Fleisch und Blut Jesu verwandeln, etwas, was allerdings erst im 11. Jahrhundert zum Dogma werden wird. Dafür sitzt man nicht mehr einfach weiter am runden Tisch und isst und trinkt, sondern der Priester reicht von der Altarseite aus besondere symbolische und darum kleine Portionen. So entsteht der zunehmend magisch besetzte Kirchenraum, in dem sich Priester und Gemeinde gegenübersitzen und später dann gegenüberstehen.

 

Mit der magischen Note, die das bekommt, beginnt das Sakramentalisieren bzw. Weihen von Speis und Trank und dann des Raumes, in dem das alles geschieht. Und wenn schon die Gemeinde immer mehr an Heiligkeit verliert, dann muss doch wenigstens der Priester daran gewinnen. Wie Jesus und seine Apostel soll er möglichst unbeweibt sein und seinen Geschlechtstrieb im Zaume halten. Er soll außerdem besitzlos sein wie Jesus; Spenden gehen dafür an die Institution und damit an Gott, wie auch bei den Heiden. Auf diese Weise soll er eine Art bezahlter Beamter der Gemeinde werden, den diese zu finanzieren hat. Das Priestertum der heidnischen Antike zieht so in neuem Gewand wieder ins Christentum ein.

 

Aus dem Ältesten, presbyteros der Gemeinde, wird also der Priester, und aus dem Aufseher über eine Anzahl Gemeinden, episcopos, der Bischof. Vollgültiger sacerdos wird dabei nur der Bischof, der alleine Priester und Kirchen weihen darf mit den magischen Kräften des Bindens und Lösens und ihrer Schlüsselgewalt, was sie zu direkten Nachfolgern der Apostel mit fast deren Status macht.

 

Auf diese Weise entsteht etwas noch nie dagewesenes, was auf deutsch später Kirche heißt, ursprünglich ekklesia, griechisch für eine Menschenversammlung, dann ein institutionalisierter und zunehmend in Bistümern zentralisierter Apparat beamteter Priester, überall im Reich einigermaßen gleich, denn es ging um denselben einen Gott und dieselbe eine heilige Schrift. Und im römischen Reich mit seinen städtischen Strukturen passt diese Kirche sich an die vorhandenen Strukturen an: Der Priester vor Ort, der Bischof für das ganze Territorium der civitas, der Metropolit darüber für mehrere civitates, bald auch archiepiscopus in latinisiertem Griechisch genannt und schließlich Erzbischof im Deutschen. Darüber wölbte sich noch das Patriarchat, und unter deren mehreren wird das von Rom für den lateinischen Westen nach und nach die Oberhand gewinnen, während die anderen später dem Islam bzw. der Bedeutungslosigkeit zum Opfer fallen.

 

Und es braucht darüber hinaus eine attraktivere Botschaft als die Vertröstung auf eine immer fernere Zukunft. Die entstehende Kirche beginnt also, ihre neuen Mittel als Mittler zu Gott anzubieten, die an die Stelle Jesu treten. Ohne sie ist jetzt kein Heil und nur bei ihr ist jedwede Wahrheit.

 

Aus dem nicht mehr greifbaren Erlöser wird also die Kirche zum Erlöser, zum Mittler zwischen "Gott" und den Menschen. Mit dieser Macht ausgestattet, entscheidet sie nun zwischen heiligen und zu vernachlässigenden Texten des ersten Jahrhunderts und verändert dabei ihre Substanz immer mehr zu jener Religion, die dann bald als die der "Christen" immer doktrinärer fixiert wird.

 

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Dabei gelangt Christentum in Verhältnisse extremer Unterschiede von arm und reich, von Macht und Ohnmacht, und von neuen Auffassungen von einem guten und schlechten Leben. Vor allem bauen Römer alle ihre Vorstellungen auf ihrer spezifischen Auffassung einer patriarchalen Familie auf, und das Christentum kann daran nicht vorbei. Damit aber ist das jesuanische „lasst alles stehn und liegen und folgt mir nach“, ganz jüdisch offenbar ausschließlich an Männer gerichtet, nicht mehr aufrechtzuerhalten.

 

Mit der patriarchalen Familie und der Sorge um Frau und Kind ist der neu definierte Gott nicht mehr als alleiniger Orientierungspunkt fassbar. Und da er nicht mehr wiederkommt, kann man nicht auf Kinder für das eigene Alter verzichten, die Vorstellung einer Erlösung zu Lebzeiten schwindet. Zudem erkennt die Kirche, dass sie offenbar Nachwuchs für ihre Gemeinden braucht, um nicht auszusterben. Was davon bleibt, ist ein Kult der Jungfräulichkeit für besonders Auserlesene, die dann zum Zeichen ihrer Heiligkeit besonders gewandet vorne in der Kirche sitzen und der Prozession voranschreiten dürfen. Was wiederum mit zunehmendem Misstrauen begleitet wird, sind Leute, die sich ohne kirchliche Hilfe zum Beispiel als Eremiten ganz selbständig mit ihrer eigenen Heiligung und Erlösung beschäftigen.

 

Familie hieß nur für wenige ein Oberschicht-Dasein als Großgrundbesitzer, für die meisten bedeutet es stattdessen arbeiten und Geld verdienen, um in einer Welt allgemeiner Lohnarbeit oder als zunehmend abhängiger Bauer zu überleben. Und aus alledem erwächst dann das Bedürfnis nach den Tröstungen des fast genauso allgemein vorhandenen Amüsierbetriebes. Und wer sonst nichts kann oder will, geht schon damals zum Militär und wird Soldat.

Das zweite Jahrhundert ist bereits voller Texte, die beklagen, dass man Christen und Heiden alltäglich immer seltener unterscheiden könne.

 

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Die Christen trennen zunehmend zwischen einem „römischen“ Alltag, der sich von dem der Nichtchristen kaum noch unterscheidet, und dem kirchlich gestalteten Leben daneben, welches vielfältigere Facetten bekommt. Konflikte mit der „heidnischen“ römischen Welt finden kaum statt, gelegentlich, eher selten, gibt es aber dabei kurze dramatische Phasen. Die Caesaren hatten sich, um sich unangreifbarer zu machen, eine gewisse Art von nicht klar definierter Göttlichkeit angeeignet, und wenn sie es aufgrund instabiler Verhältnisse für angebracht hielten, mussten die Untertanen ihnen kurz einmal als eine Art Ergebenheitserklärung opfern, entweder in bestimmten Gegenden oder im ganzen Reich. Das war an sich keine große Sache, aber eine Minderheit der besonders frommen Christen hielt daran fest, das nicht tun zu dürfen, da sie nur ihren eigenen Gott anerkannten.

 

Im Extremfall wurden sie dann für diesen Hochverrat bis hin zu einem damals gängigen, aber für uns heute oft grausamen Tod verurteilt. In ihrem öffentlichen Sterben bezeugten sie ihren Glauben, wie sie meinten, wurden also auf griechisch Märtyrer, und die laue Menge der Duckmäuser, die verständlicherweise brav opferte, um nach einer Karenzzeit wieder in der Gemeinde aufzutauchen, deklarierte sie dann manchmal zu besonders Heiligen, wie um sich hinter dem Faktum ihrer Besonderheit zu verstecken. Die stete Zunahme der Gemeindemitglieder belegt, dass es sich bei diesen Märtyrern allerdings meist um Ausnahmefälle handelt. (ausführlicher in Anhang 3)

 

Das Caesarenreich und der Weg bis zur Staatsreligion

 

Nach der Eroberung Englands (43) beginnt eine zweihundertjährige vergleichsweise Friedenszeit im Westen, in der die Pax Romana Handel und Wirtschaft fördert und aus den eroberten Völkern "Römer" macht, ohne das Land dabei aber überall völlig zu romanisieren. Dazu dient auch die Erweiterung des Bürgerrechtes auf alle Freien in immer mehr Gegenden, die sie zu cives aufwertet, zu demselben Recht gehörigen Stadt- und Staatsbürgern. Einer kleinen, aber mächtigen Oberschicht stehen so Sklaven, abhängige Bauern auf dem Lande und proletarisierte Massen in den Städten gegenüber, die zum Teil mit Nahrung, aber überall durch private und städtische Initiativen mit einem umfangreichen Amüsierprogramm versehen werden, ähnlich wie auch heutzutage: Theater mit Schauspiel überwiegend auf niedrigem, derbem Niveau, das Odeon, einer Art Variété, Rennbahnen, Arenen für Gladiatorenkämpfe und ähnlich brutale Spektakel und manches mehr. Massen: Solche Arenen haben selbst in der Provinz Platz für bis zu über 30 000 Menschen. Dazu gehören auch die großen Bäderanlagen, den Griechen abgeschaut.

 

Mit Trajan erreicht das Reich seine größte Ausdehnung durch Eroberung von Armenien, Mesopotamien und Dakien. Dabei gerät es in Konflikt mit dem Partherreich. Seitdem gerät das Reich im Osten in die Defensive.

Unter Hadrian, aus reicher Familie italischer Kolonisten in der hispanischen Baetica,  konsolidisiert und verändert sich das inzwischen geschätzte 60 Millionen Einwohner umfassende Reich weiter, welches immer stärker auf den Kaiser ausgerichtet wird, der Heerführer und zugleich als divus vergöttlicht ist. Zentrum neuer Städte ist der Tempel des Kultes des aktuellen Kaisers. Im monumentalen Pantheon und seiner riesigen Phantasieresidenz bei Tivoli spiegelt sich der Reichsgedanke, der überall mit kaiserlichen Bauten repräsentiert wird.

Ein neuer Schub der Hellenisierung wird durch ihn eingeleitet, den seine Knabenliebe zu Antinoos, der nach seinem frühen und mysteriösen Tod ebenfalls vergöttlicht wird, ebenso repräsentiert wie die Errichtung eines Panhellenion in Athen und sein Amt eines Athener Archonten.

 

Das eher in vielem, vor allem der relativen Unabhängigkeit der Städte, civitates, dezentrale Reich hat als wesentliches zentralstaatliches Merkmal Kaiser, Heer und Haushalt, dessen Einnahmen, die zu allererst die Heere finanzieren, zunehmend von der abhängigen Landbevölkerung erbracht werden müssen. Diese ist inzwischen häufig in den aristokratischen Großgrundbesitz eingeordnet, der sich in einen kleinen, direkt bearbeiteten Herrenhof und viele Pachtgrundstücke der abhängigen Bauern teilt, die zudem noch Dienste auf dem Herrenhof leisten müssen und zunehmend der Gerichtshoheit der Herren unterstellt sind. 332 verbietet dann Kaiser Konstantin diesen colones zur Sicherung der staatlichen Einnahmen, ihr Land zu verlassen, was ihre Abhängigkeit vom Herren erblich macht. Das wird dann von den germanisch dominierten Nachfolgereichen zusammen mit großen Teilen der römischen Aristokratie übernommen werden. (Werner, S.216).

 

Als erhebliche technische Leistungen der römischen Antike mögen die Gewölbe angeführt werden, mit denen Hallen (Basiliken) überspannt werden, und mit denen enorm lange Aquädukte für die Wasserversorgung der Städte und steinere Brücken gebaut werden. Ein solches technisches Niveau wird dann langsam in der Zeit wieder erreicht werden, in der Kapitalismus sich einzuwurzeln beginnt, nach dem ersten Jahr Tausend.

Handwerkliche Spitzenleistungen gibt es auch in der Keramik, der Glasproduktion und anderen Bereichen der Luxusproduktion für die Oberschicht.

 

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Das römische Imperium gerät im Laufe der Zeit immer mehr in die Defensive und die militärischen Ausgaben steigen. Aus der Bürgerwehr der Stadtrepublik Rom ist längst eine Vielzahl professionalisierter Armeen geworden, die das Vielvölkerreich wiederspiegeln. Rom wird immer "unrömischer" auch unter dem Einfluss bedeutender werdender anderer orientalischer Kulte neben dem Christentum. Die steigende Abgabenlast der Oberschicht, ihr Entrée in die politische Macht der civitas, wird nach Möglichkeit an die Landbevölkerung weitergereicht, die dadurch in immer größere Abhängigkeit von den Magnaten gerät. Andererseits verleiden diese Abgaben der Oberschicht zunehmend das Vergnügen an der Leitung der res publica vor Ort, der öffentlichen Angelegenheiten in der civitas nämlich, und sie zieht sich stärker in das Privatleben zurück, auf ihre luxuriös ausgestatteten Landgüter. Das Imperium verliert seine wichtigste tragende Schicht, die Kurien schrumpfen immer mehr zusammen und die Rolle der Bischöfe in den civitates steigt damit erheblich, auch weil sich mit ihrem Amt durch Spenden immer mehr Besitz verbindet.

 

Trotz deutlich zunehmender Mitgliedschaft bleibt die Kirche eine Minderheit im Reich der „Römer“. Aber mit dem Verfall der politischen Strukturen in den civitates, die zugleich Bistümer sind, gewinnen die Bischöfe an Gewicht und werden zu einem stabilisierenden Element. Ein Teil der Abgaben der Frommen wird für die Alimentation der vielen Armen verwendet, nach dem Jesuswort, dass, was ihnen gegeben wird, Gott gegeben werde. Die Kirchen sind so ein recht braver Ordnungsfaktor, ihre Mitglieder auf Untertänigkeit getrimmt und bis auf den Kaiserkult zur Gänze ins Reich integriert. Bischof wird man als christliches Mitglied der städtischen Oberschicht, und schon alleine dadurch wird die Identifikation der Kirche mit den römischen Machtstrukturen deutlich erleichtert. Die hohen Ämter der Kirche bieten eben auch eine Karriere jenseits des amtlichen cursus honorum, der Beamtenlaufbahn, und spendenfreudige reiche Christen versorgen die Kirche mit immer mehr Eigentum.

 

Zudem kommt es aus der Sakralisierung des Kaiseramtes heraus zunehmend zu einem Bündnis der Kaiser mit einem Gott, vor allem dem sol invictus, der unbesiegbaren Sonne, einer Art oberstem Kriegsgott. So ist es kaum verwunderlich, dass Kaiser Konstantin die Stabilisierung seines Reiches auch durch das Einvernehmen mit dieser monotheistischen Kirche als Ordnungsfaktor sucht. Von einer Bekehrung kann bei ihm wohl kaum die Rede gewesen sein, wenn man davon absieht oder darauf hinweist, dass er offenbar nach erfolgreicher Unterstützung durch Bischöfe zu einer Art Identifikation seines Haus- und Kriegsgottes Sol (der Sonne) mit dem christlichen Gott gelangt, wozu ihn wohl einige dieser Bischöfe animiert hatten. Im Zeichen des Kreuzes Kriege zu gewinnen, war wohl ihre Erfindung gewesen.

 

Die Bischöfe, ob so viel Anerkennung und Machtzuwachs sichtlich erfreut, lassen es dann zu, dass er sich bald als der Chef ihrer Kirche aufführt, denn sie werden dadurch zugleich mächtig aufgewertet. Konstantin ist wohl wenig am evangelischen Kern dieser merkwürdigen Religion interessiert, der ohnehin stetig an Bedeutung verliert, aber sehr an der Stabilität ihrer Organisation und Institution, weswegen ihn die bei Christen üblichen doktrinären Streitereien, die gang und gäbe sind und immer wieder in innerkirchliche Machtspiele ausarten, eher ärgern und er sehr - und sehr erfolgreich - darauf drängt, dass eine einheitliche Doktrin sich durchsetzt, die damit zu Rande kommen muss, dass Christen Gott, seinen Sohn und einen ominösen Heiligen Geist gleichermaßen verehren und dabei zugleich behaupten, das sei ein und dieselbe Person. Ein für allemal klären und dann kein Meckern mehr zulassen war wohl die kaiserliche Devise. (Genaueres in Anhang 3)

 

Man wird sich noch viele Jahrhunderte streiten, ob Jesus als Christus und Gottessohn nun auf Erden Mensch war oder nur so aussah und auftrat, von den Wundergeschichten einmal abgesehen. Und der Heilige Geist war ein besonderer Fall, es war der Gott, der zu den Menschen sprach und ihnen die heiligen Texte, "das Gesetz" auftrug. Die aber waren als Gottes Wort und unumstößliche Wahrheit absolut notwendig, denn ohne ihren Besitz, den nämlich ewiger Wahrheiten, ist die Kirche nicht mit dem unduldsamen Absolutheitsanspruch ausgestattet, der ihre Macht begründet.

 

Im Verlauf des vierten Jahrhunderts, in dem diese Kirche den Weg in den Status einer alleinigen Staatsreligion beschreitet, wird aus der Unduldsamkeit im Bündnis mit den ganz und gar irdischen Mächten ein immer gnadenloserer Kampf gegen die „Heiden“, deren Heiligtümer am Ende zerstört, Priester erschlagen und die nun Ungläubigen mit allen Mitteln zur Taufe gezwungen werden. Christentum und Grausamkeit passen immer besser zusammen. Kurz darauf geht das lateinische Westreich zur Gänze in germanisch dominierten Nachfolgestaaten auf.

 

Dieser beispiellose und radikale Wandel vom paulinischen und evangelischen Jesus hinein in die triumphierende, doktrinäre und immer brutalere Kirche, vom Gott, der denen, die sich ihm ganz hingaben, gnädig war, und der auf Erden den Frieden verkündet haben soll, zum Gott des Schlachtenglücks, der zur Gänze in die Verfügung eines kirchlichen Apparates geraten ist, wird also abgeschlossen mit dem Ende jenes irdischen Reiches, in dessen Randzone er hineingeboren worden war.

 

Zum Wandel gehörte die Reintegration jüdischer Aspekte eines Kriegsgottes von enormer Militanz. Überhaupt werden die von Christen gesammelten jüdischen Texte nun zur Vorgeschichte ihres Christus, während der paulinische und evangelische Jesus selbst sich nur auf sehr wenige ausgewählte Passagen bezogen hatte. Damit nimmt man sie praktisch den Juden weg, die einfach nicht wahrhaben wollten, dass sich die Schrift (des nun Alten Testamentes) mit Jesus „erfüllt“ hatte und damit eigentlich erledigt ist. Die nächsten 600 Jahre werden Christen gegenüber Juden ein ambivalentes Verhältnis haben, immerhin hatten sie ihren Christus angekündigt. Aber der eher volkstümlich-zeremonielle Teil des neuen Synagogen-Judentums nach Zerstörung des Tempels ist inzwischen durch einen andersartigen christlichen ersetzt worden und es gibt keine Verständigung mehr zwischen beiden Seiten. Andererseits sind Juden noch für viele Jahrhunderte als Geschäftsleute gefragt, die auch darum von den Mächtigen geschützt werden.

 

Ein weiterer Aspekt sowohl von Rejudaisierung als auch von Romanisierung wird die so ganz unevangelische Vorstellung, dass man durch Eigenleistung die bedrohlichen Folgen unausweichlicher Sündhaftigkeit lindern könne, durch Spenden, Opfergaben, Almosen. Zu diesem fast schon direkten Geschäftsverhältnis mit Gott trat früh für die Kirchenfrommen das über die Gnadenmittel der Kirche vermittelte. Dafür hilfreich wird es, der Kirche Besitztümer zu überschreiben. Aus einem Teil der daraus resultierenden Einnahmen finanziert die Kirche städtische Armenpflege und übernimmt so Aufgaben der kurialen Oberschicht.

 

Mit dem Ende der Jerusalemer Christengemeinde und der paulinischen Missionszeit war der Glaube an die schnelle Wiederkehr des Messias/Christus erledigt, eigentlich die Grundlage des Glaubens nach Jesu Tod. Und da "Christen" sich nun daran gewöhnten, dass ihre Kinder und Kindeskinder im ganz diesseitigen Imperium Romanum leben und sich in dieses einpassen, entwickelt sich bis spätestens ins vierte Jahrhundert die Vorstellung, dass das Römerreich als christianisiertes das letzte Reich auf Erden sei, welches sein Ende erst mit dem Tag des Gerichtes finden würde, dem Weltenende. Römisches Reich und Christentum wurden so gleichgesetzt, und die germanisch dominierten Nachfolgereiche würden diese Vorstellung mit Hilfe ihrer Kirchen fortsetzen ("Die Ideologie des Mittelalters verlangte die Dauer des Römerreiches bis zum jüngsten Tag." Demandt in: Römer und Barbaren, S.19). Ein guter Christ sein heißt seitdem eben vor allem, ein gutes Mitglied des Imperiums der Römer zu sein. Christentum definiert sich dann bis heute aus der Integration der Religion in die jeweiligen Machtverhältnisse.

 

Der Widerspruch zwischen den radikalen Forderungen Jesu und christlicher Laienpraxis scheint zunächst zugleich aufgelöst: Christen verhalten sich in der Kirche so, wie diese es verlangt, und außerhalb so, wie es "das Leben" erfordert. Heiligkeit ist nur noch durch ein in manchem apostolisches Leben in mehr oder weniger abgetrennten Gemeinschaften oder als Eremit möglich, und das manchmal fast ungenierte Sündenleben der Laien gibt der Kirche ihre Existenzberechtigung. Im Auftrag ihres Gottes verschaffen sie denjenigen, die sich in ihr unter ihre Anforderungen beugen, einen Zugang zum Himmelreich, ohne dass man Jesus noch "folgen" muss. (Das alles wiederum wird ausführlicher im Anhang 3)

 

Ganz so war es allerdings nicht: Für seltene interessiertere Geister und sensiblere Seelen war der Widerspruch, den sie lebten und der in ihnen vorhanden war, spürbar, was immer wiederkehrende Verunsicherung und Nachdenken nach sich ziehen kann. Abendländisches Denken wird davon geprägt werden, und in einer kirchlich-religiös geschlossenen Welt einen lebhaften Diskurs und eine beispiellos tiefe Streit“kultur“ entfachen. Auch daran wird das Christentum samt seiner Kirche am Ende ganz zugrunde gehen.

 

Diese ernsthafte diskursive Welt wird mit dazu beitragen, Kapitalismus zu ermöglichen und wird ihm Räume schaffen. Aber wichtiger noch wird das religiös bestimmte Leben in Widersprüchen, aus denen ein so widersprüchliches Wirtschaften wie das von Kapitalverwertung dominierte seine Persönlichkeitsstrukturen wird ziehen können. Doch natürlich muss sich das alles erst einmal mit elementareren Bedürfnissen und passenden Machtstrukturen verbinden.

 

***Erlösungs-Sehnsüchte***

 

Der Wahnwitz des Kapitalismus braucht die Besonderheiten christlicher Religion als Voraussetzung, wie sich zeigen wird. Aber so wie der Kapitalismus nicht nur Wahnwitz ist, sondern zugleich ein sich verselbständigendes ungeheures und weltbewegendes Erfolgsprogramm, so hat das Christentum auch eine sehr verständliche anthropologisch fassbare Komponente, jene nämlich, einer vielen Menschen spätestens seit ihrer Zivilisierung innewohnenden Erlösungssehnsucht eine Perspektive zu bieten. Erlösung ist schließlich das jesuanische Schlüsselwort.

 

Vom Paradies bis zur verheißenen Wiedergeburt und Wiederkunft des getöteten Gottes lässt sich eine Geschichte menschlicher Unzufriedenheit mit sich selbst und den eigenen Lebensumständen erkennen, mit den so empfundenen Übeln dieser unserer Welt eben. Und das dem Judentum entschlüpfte Christentum ergibt dazu die bis dato radikalsten Erlösungsvorstellungen (und erlöse uns von dem Übel bzw. Bösen, heißt es bald im Paternoster).

 

Diese Unzufriedenheit scheint Konsequenz von Lebensformen zu sein, die sich mit der neolitischen Revolution einstellten: Produktives Eigentum an Land und Vieh und Werkzeugen unterscheidet nun Leute nicht mehr nach ihrem Talent allein, sondern auch nach ihrem Besitz. Die neue Mühsal produktiver Arbeit, die für die meisten in relative Armut und Not führt, wird noch verstärkt durch Abgaben, die an Tempelpriesterschaft und mit ihr verbündete aufsteigende Despoten zu errichten sind. Die Selbstregulierung der Menschen in Gemeinschaften wird nach und nach in einigen Gegenden ersetzt durch Gebote der Priester und Gesetze der mit ihnen verbündeten Despoten. Menschen geraten in die Strukturen von Zivilisationen, also unter institutionalisierte Herrschaft, zu deren Rechtfertigung auch der nun erfundene Krieg gehört, der die früheren gelegentlichen und gewaltsamen, aber notwendigen Rangeleien mit Nachbarn um Lebensraum ablöst.

 

Frühe Kulturen mussten bereits die Zähmung und Selbstbezähmung von Triebenergien betreiben, damit Menschen solide gemeinschaftsfähig werden konnten. Die daraus erwachsenden Frustrationen konnten aber noch in den eigenen Lebenszusammenhang eingeordnet werden. Zur gemeinschaftlichen Selbstbezähmung kamen aber nun „von oben“ die neuen Zwänge, die institutionalisierte Mächtige ausübten. Zur Selbst-Domestikation der Menschen, ihrer Kultivierung, kam also die Zivilisierung. Das alles verlangt nach begründender Erklärung, die aus den Positionen der Macht heraus geliefert wird. Der Schmerz des ständig einzuübenden Verzichtes war anders offenbar nicht erträglich.

 

In Zivilisationen findet also ein verdoppeltes Frustrationserlebnis statt. Das lateinische frustrare bedeutet unter anderem zunichte machen und vereiteln und gelangt erst spät in die psychologische Fachsprache. Frustration wird dabei vom Vorgang des Vereitelns zu dem Gefühl, welches dieser auslöst: man ist frustriert.

Dieses Phänomen tritt schon im Prozess früher kultureller Domestikation auf und nimmt dort zu, wo produktive Arbeit überhand nimmt: Das moderne Deutsch spricht davon, dass man sich dabei "überwinden" muss.

Frühe Kulturen bis ins Neolithikum hinein schaffen es, große Teile der Impulskontrolle zu regulieren, geradezu zu automatisieren. Dss Gefühl der Frustration ist dabei soweit ins Unterbewusste verdrängt, dass es nur noch in emotionalen Ausbrüchen zu Tage tritt, die in Zivilisationen weithin kriminalisiert werden.

In zivilisierter Untertänigkeit muss diese selbst so reguliert werden, dass sie im Regelfall als sogenannte Selbstverständlichkeit auftritt. Zur Domestikation der Kultur tritt also als neue die der Unterwerfung unter den Willen der Machthaber, was nicht nur durch Verdrängung, sondern dabei auch mittels Identifikation mit den Machthabern gelingt. Aber Verdrängung begleitet von nun an mehr denn je den Alltag der Menschen. Was verdrängt wird, verschwindet aber nicht, sondern taucht an anderer Stelle irgendwann wieder auf, und dort wird es recht häufig von Erlösungsphantasien aufgefangen. Das Faszinierende am Weg in das Mittelalter wird, dass die neuen Machthaber, anders oder zumindest stärker als orientalische Despoten, selbst in solchen Erlösungssehnsüchten gefangen sein können.

 

Das Christentum als Partner der Macht, also die Kirche, fördert diese Sehnsüchte, indem es zugleich zunehmend Angst macht. Das gelingt ihr dadurch, dass sie für alle den Tod als Erlösung vom Leben der Mühen, Anstrengungen und Gefahren nicht nur abschafft, sondern den "Sündern", also denen, die sich nicht rigoros der Kirche unterwerfen, eine ewige postmortale Existenz in Höllenqualen verspricht. Erlösung ist also nicht mehr einfach die vom Tod, sondern die von den immer grausamer ausgestalteten Torturen danach, sie wird also immer dringlicher.

 

Im Rahmen solcher Vorstellungen wird eben Kapitalismus auch entstehen. Solche extremen messianischen Erlösungsphantasien, wie sie das Christentum basierend auf jüdischen Vorformen bedient, waren zumindest selten. Germanischer Pessimismus mit Weltuntergangsvorstellungen oder altgriechische Vorstellungen von der tragischen Existenz der Menschen waren häufiger, sowie auch Kulte und Göttervorstellungen, die einen gewissen dieseitigen Optimismus förderten.

 

Kern des christlichen Erlösungsgedankens ist der vorausgegangene behauptete Durchgang durch Leid und Tod als Aufopferung Gottes, der eben auch das bislang gebräuchliche Tieropfer ablöst und so Tempel und Priesterschaft überflüssig macht. Gott opfert sich kurzzeitig in Menschengestalt für die, auf die das hinreichenden Eindruck macht. Passion, Sterben und Auferstehung machen dann die Vorgänge aus, um die Christentum religiös kreisen wird, worüber es die radikalen und für die meisten unerfüllbaren Vorstellungen Jesu dann eben auch wird vernachlässigen können. Sie werden nun den sehr wenigen "Heiligen" vorbehalten bleiben.

 

Das ist alles deshalb wichtig, weil, wie sich zeigen wird, der Kapitalismus solche Erlösungssehnsüchte säkularisieren wird. Er bietet neue Karrieren, neue Wege zu Reichtum, erweiterten Warenkonsum und immer größere Amüsierwelten: Erlösung schon im Diesseits. Das alles sind, um in einer notwendigen Abwandlung des Freudschen Diktums zu sprechen, Kompensationen für das Unbehagen in der Zivilisation, jene Gratifikationen, die die alltäglichen Frustrationen erträglicher und ihre Verdrängung leichter machen.

 

Völker und das Schwinden des Imperiums

 

Das „christliche“ Imperium des Westens zerbricht sowohl an seinen inneren Zuständen wie an äußeren Bedrohungen, und beide haben auch sehr viel miteinander zu tun. Während die Kaiser viel Militär im Osten bereits gegen Perser und andere einsetzen müssen, wird das Reich im Norden und Westen von Völkerscharen bedroht, deren Kern meist Leute aus der germanischen Sprachfamilie sind, oder aber, wie die Hunnen, aus Zentralasien stammen - wie auch Ungarn, Mongolen und jene Turkvölker, von denen eines später anfangen wird, dem Ostteil des Reiches den Garaus zu machen.

Griechen, Römer und Perser haben die Stufe entwickelter Zivilisationen erreicht, während die innerasiatischen Reiterscharen wie auch die Germanen noch in mancher Hinsicht davor stehen. Es handelt sich um in Bewegung geratene, militarisierte Stammeskulturen. Dabei sind die zentralasiatischen Volksgruppen überwiegend auf kurz angelegte Raubzüge aus, während die germanisch dominierten Scharen, um die es im weiteren gehen wird, nach und nach auch Neuansiedlung ins Visier nehmen.

 

Das Wort Stamm beruht auf der Vorstellung gemeinsamer Abstammung. Es soll hier Leute mit einer gemeinsamen Sprache, gemeinsamen Kulten, ähnlicher Lebensweise und Produktion benennen, die sich ganz auf der Basis von Tradition und ohne allgemeine Schriftlichkeit entwickeln.

 

Bei Stämmen handelt es sich um vorzivilisatorische bzw. anzivilisierte Volksgruppen und Völkerschaften mit einer gemeinsamen Sprache, ähnlichem Wirtschaften und ähnlichen oder gar gemeinsamen Kulten. Die zwei Stämme der Goten bilden sich heraus, als sie unter Heerführern unter Einbeziehung anderer Volksgruppen nach Südgallien bzw. Italien ziehen und dort sesshaft werden. Sie bilden Königreiche, Versuche von Zivilisationen unter dem Einfluss der romanischen Bevölkerungsmehrheit und verschwinden mit ihrer militärischer Zerstörung aus der Geschichte.

Die Franken bestehen aus mehreren wahrscheinlich miteinander verwandten Volksgruppen, die unter Chlodwig gewaltsam geeint werden. Im Laufe der Zeit im Bereich einer romanischen Bevölkerungsmehrheit ohne ethnische Identität sprachlich romanisiert, werden sie als Bewohner von (West)Francien zu Franzosen. Die Angeln geben den Namen für eine Inselbevölkerung, die aus anglisierten Kelten und einwandernden germanischen Volksgruppen besteht.

 

Das, was Stämmen gemeinsam ist, Sprache, Lebensform und Kulte, oft auch eine mythische Ahnenreihe, beruht auch auf Gemeinsamkeiten im Bereich der Produktion von Nahrung und Handwerk. Als ideeller Verwandtschaftsverband basieren sie oft auf einer Vielfalt von wirklichen Verwandtschaftsverbänden. Mit ihrer Zivilisierung verschwinden sie, sofern sie nicht durch Marginalisierung weiterbestehen, wie manchmal in Lateinamerika, oder durch Abschottung voneinander, wie immer noch in immer kleineren Teilen Schwarzafrikas.

 

Der ebenso wenig klare Begriff „Volk“ soll für die hier beschriebene Zeit zunächst damit in etwa zusammenfallen. Davon zu unterscheiden ist der populus, das "Volk" von Rom, womit die Schicht unterhalb des Adels gemeint ist, ein schichtspezifischer Ausdruck also. Beide Volksbegriffe werden sich von nun an in einem steten Wandel befinden.

Der spät in die (deutsche) Geschichtsschreibung eingegangene Begriff Völkerwanderung operiert mit einem Volksbegriff, wie er außerhalb des germanischen Sprachbereichs nicht möglich ist und wie er zu der Zeit, in der diese  "Völker" "wandern", so auch völlig fehlt.

 

Das germanische „Volk“ bedeutete wohl ursprünglich unter anderem eine Kriegerschar. Das spiegelt sich noch in den deutschen Ritterromanen um 1200, wo volc meist das Heer oder die Ritterschaft bedeutet. Aber in ihnen wird an einigen Stellen bereits jener Bedeutungswandel deutlich, der gelegentlich nun Bevölkerung zum Beispiel einer Stadt meint und dann zunehmend die Bevölkerung unterhalb des Adels, das gemeine volk Gottfrieds von Straßburg. "Volk" wird dann immer verächtlicher gebraucht werden, und zwar auch von den gehobeneren Kreisen des Bürgertums. Soweit handelt es sich um eine deutsche Besonderheit. (Vgl. Großkapitel im Anhang: 'Helden').

 

Im englischen Sprachraum wird das folc nach der (franco)normannischen Eroberung zunehmend durch das romanische people ersetzt. Dies wiederum entstammt dem römischen (lateinischen) populus. Folc sinkt dann nach und nach ab, bis es vor allem die nichtadelige ländliche Bevölkerung meint.

Der populus der antiken Menschen des Römerreiches ist die förmlich von der Senatorenschicht abgetrennte Bevölkerung (senatus populusque Romanum) und wird den deutschen Oberschichten viel später dazu dienen, Unterschichten als "Pöbel" abzuqualifizieren. Im Altfranzösischen werden die gentes der Lateiner übernommen und so tauchen bei Chrétien de Troyes die genz menües als pueples, kleine Leute auf, die zugleich vilains sind, ein Wort, welches auch die Bauern bezeichnet und später dann allgemein Schurken und Halunken.

 

Von einem klaren, alles übergreifenden Volksbegriff (volc, folc, people, peuple) kann also nicht die Rede sein.

 

Die Problematik des Volksbegriffes in der historischen Rückschau wird vielleicht am deutlichsten in den Schwierigkeiten der Benennung jener Völkerscharen, die seit der späten Antike aus dem Inneren Asiens in Europa hereinbrechen, und die selbst keine Texte hinterlassen haben. Sie sind in der Regel nomadisierende Viehzüchter aus Steppengebieten, die sich für Raubzüge zu bewaffneten Reiterscharen zusammenfinden. Nach den Hunnen, von denen wir fast gar nichts wissen, tauchen die Awaren an den Grenzen des oströmischen Reiches auf, wo sie sich im Bereich von Pannonien niederlassen und ein Großreich bilden. Sie waren offenbar im Zuge der Bildung eines zentralasiatischen Reiches der Gök-Türken vertrieben worden und haben sich in Südosteuropa Bulgaren und andere Slawen dienstbar gemacht, die in ihrem Reich dann die große Masse der Bevölkerung stellen, und die unter dem awarischen Khan ebenfalls als Awaren gelten, während sie, sobald sie daraus ausscheren, eben oft auch als Bulgaren bzw. "Slawen" gelten.

Awaren sind also eine (durchaus zentralasiatisch aussehende) dünne Oberschicht wie die Franken in Gallien, in die als Völkerschaft untergebene Völker auch begrifflich eingegliedert werden. Aware ist man unter der Herrschaft des awarischen Khans. Die Bulgaren treten in die Geschichte mit ihrer Reichsbildung auf (ost)römischem Boden ein. Slawen nördlich des Balkans, die in von Germanen verlassene Landschaften einwandern, sind in Stammeskulturen siedelnde Bauern vor allem, die einen Angriff der Awaren auf Byzanz zum Aufstand unter einem fränkischen Kaufmann nutzen, um dann nach und nach unter die erst lokale und dann regionale Kontrolle einzelner mächtiger Familien zu gelangen, was zur Herausbildung von Völkern führt. 

 

Stammes-Kulturen bzw.. Völker sind im Unterschied zu Zivilisationen mobiler. Auf früher Stufe wandern sie, manchmal sogar von Jahr zu Jahr, von einem Jagdrevier, Weidegrund oder einem weniger fruchtbar gewordenen Boden zum nächsten. Den Bewohnern Nordamerikas wird das ab dem 16. Jahrhundert zum Verhängnis werden, denn die europäischen Einwanderer befinden, da die Einheimischen keine schriftlichen Rechtstitel auf immobiles Eigentum vorweisen können, haben sie eben auch überhaupt keine Rechte auf ihren Halbkontinent.

 

Der Begriff Völkerwanderung taucht Ende des 18. Jahrhunderts unter anderem bei Friedrich Schiller auf und wird dann im 19. Jahrhundert schnell populär. Das ist deswegen kurios, weil das Wort "wandern" gerade dabei ist, einen erneuten Bedeutungswandel durchzumachen, den hin zu einer neuartigen Freizeitbeschäftigung zu Fuß. Zuvor hatte das Wort bestimmte Formen notwendigen Reisens benannt, wie bei der Gesellenwanderung.

Ursprünglich hatte Wandern seine Bedeutung als sich irgendwo hin wenden, aufmachen, in Bewegung setzen. Das konnte für die, die es sich leisten konnten, zu Pferde geschehen, auch schon mal unter Mitnahme von Karren für das Gepäck.

Zu den Ursachen, warum sich Teile von Völkern oder gar ganze in Bewegung setzten, um nicht mehr zurückzukehren, sind wir auf Vermutungen angewiesen, die hier nicht wiederholt werden müssen. Der Grund dafür ist, dass es sich um höchstens ein wenig anzivilisierte Völker handelt, die keine Texte hinterlassen haben. Erschließen lässt sich, dass fehlende Zivilisierung eine geringere Ortsfestigkeit der Besiedlung bedeutet. Innerasiatische Steppenvölker wiederum waren als Viehzüchter ohnehin Nomaden.

Absichten wiederum lassen sich aus dem entnehmen, was diese "wandernden" Völker tatsächlich tun. Sie suchen ganz offensichtlich neuen Siedlungsraum, wobei sie beim Aufbruch offenbar nocht nicht ganz sicher wissen, wo sie genau hinwollen. Das lässt sich für die gotisch dominierten Völkerscharen so nachvollziehen, und jene Sueben, die sich am Ende auf dem Gebiet des heutigen Portugal niederlassen, werden das sicher bei ihrem Aufbruch noch nicht so geplant haben, so wenig wie die dann neben ihnen siedelnden Vandalen.

 

Solche militarisierten Völkerscharen in Bewegung ernähren sich, so ist anzunehmen, von dem, was sie unterwegs vorfinden. Ganz auf Beute aus sind innerasiatische Reiterscharen wie auch so manche größere Truppe von Germanen, die nach Erfolg dann wieder zurückkehren. Beide Verhaltensweisen gehen aber manchmal auch ineinander über. Die Beute kann aber dauerhaftere Begehrlichkeiten wecken.

 

Die notdürftigen Sammelbegriffe Kelten und Germanen lassen sich nur halbwegs als Sprachfamilien definieren. In der römischen Kaiserzeit werden die Kelten überwiegend romanisiert, und jenseits der Grenzen sitzen in Mitteleuropa nun Stämme, die später einmal als germanisch identifiziert werden. Dazu gehören am Oberrhein seit etwas vor 300 die Alemannen, welche die Römer über den Rhein verdrängen, und weiter nördlich zum Beispiel die später als Franken zusammengefassten Stämme. Insgesamt handelt es sich um zunehmend militarisierte freie Bauern.

 

Die nomadischen Völkerschaften aus dem Nordosten des römischen Imperium wie auch die germanischen und keltischen stoßen mit den klar und deutlich markierten Grenzen (wie dem Limes, dem Hadrianswall oder den Flussgrenzen) auf etwas für sie Fremdes und Neues. Grenzen sind mit grundsätzlicher Sesshaftigkeit und neuartigen Formen von Eigentum verbunden, das Überschreiten der römischen Grenzen, sei es über Verträge mit den dortigen Herren oder mit Gewalt, bietet ihnen nun bei Eingliederung in die Strukturen dieses Reiches selbst Sesshaftigkeit an und damit auch das Errichten eigener Grenzen bei Übernahme römischer Eigentumsvorstellungen.

 

Diese germanischen Völker waren seit vielen Jahrhunderten in Kontakt mit den „Römern“, zum Teil von deren zivilisatorischen Errungenschaften beeindruckt, von ihrem „Wohlstand“ vor allem. Es gab Tauschgeschäfte, aber auch Kriege. Es fanden auch Versuche der Kaiser statt, Germanien zu erobern, die aber dauerhaft an der Rhein- und Donaugrenze endeten, und Versuche germanischer Verbände, seit 166 (Markomannen) in das Reich einzudringen.

 

Den "Römern", also der reichen und mächtigen Oberschicht, den Profiteuren der Expansion des Reiches, war es nicht gelungen, alle Teile ihres Reiches gleichermaßen zu romanisieren. Nicht einmal ihre Sprache konnten sie überall durchsetzen. Die gemeinsame Zivilisation schuf auch keine völkische (ethnische) Gemeinsamkeit. Wo das römische Militär abzieht, wie früh aus dem späteren England, schwindet die "Romanitas" recht schnell. Im cisalpinen Gallien, in Hispanien und Nordafrika gibt es Tendenzen der Verselbständigung.

 

 

Es kommt zunehmend zu Unruhen im Reich, Räuberbanden breiten sich aus, von Heeren erhobene Kaiser kämpfen gegeneinander. Stammesverbände der Vandalen, Goten und Burgunden beginnen, in Richtung Westen und Süden zu ziehen. Suevi schließen sich zu Alemannen zusammen. Es geht für immer mehr Volksgruppen zunächst einmal darum, ins Reich einzufallen, Beute zu machen und wieder zu verschwinden.

Als das persische Sassanidenreich immer stärker auf die römischen Grenzen im Osten drückt, wird das Gros römischer Truppen nach Osten abgezogen und im dritten Jahrhundert ist der Westen, insbesondere zunächst Gallien, zunehmend schutzlos Eindringlingen ausgeliefert, besonders den Alemannen im Süden und den Franken im Norden. Immer größere Teile Galliens erleiden erhebliche Zerstörungen. Im Nordosten wiederum dringen Goten immer erfolgreicher ins Reich ein.

 

Was dabei stattfindet, ist einmal, dass die Kaiser insbesondere des Westens Scharen von Kriegsgefangenen und dann einzelne germanische Heeresverbände in ihre Armeen aufnehmen, da sie diese nicht mehr hinreichend aus ihrem Reichsgebiet auffüllen können, und andererseits durch die Wirren der Zeit geringer besiedelte bzw. weniger kontrollierte Gebiete am Rande germanischen Volksgruppen überlassen. Diese dürfen sich dort unter kaiserlicher Oberhoheit ansiedeln, dabei aber ihre Lebensformen und ihre Selbst“verwaltung“ in einer gewissen Autonomie behalten. Das geschieht zum Beispiel mit einigen Gruppen von Franken, die sich im bevölkerungsarmen Nordosten Galliens niederlassen. Von nun an werden Germanen in römischen Diensten gegen solche außerhalb des Reiches kämpfen. Während das Imperium dabei ein kleines bisschen barbarischer wird, werden manche Germanen deutlich römischer.

 

Zum anderen unternehmen östliche Kaiser Versuche, eine Großgruppe von anbrandenden Goten, sogenannten Visigoten, am Nordrand des heutigen Griechenland unterzubringen, was aufgrund ständiger Konflikte misslingt, weswegen man sie in Auseinandersetzungen mit dem westlichen Reichsteil gegen diesen einzusetzen versucht. Am Ende führt dies zu einer Wanderung dieser militarisierten Volksgruppe (oder vielleicht besser Völkergruppe) durch Italien, bis es am Ende dem sterbenden Reich gelingen wird, sie in Südgallien anzusiedeln. (Siehe Anhang 5, Visigoten)

 

Derweil berennen Alemannen mit gelegentlichen Teilerfolgen die südliche Rheingrenze, und Vandalen und Sueben gelingt der Durchbruch durch Gallien bis auf die iberische Halbinsel. In diesen Wirren zieht ein Westkaiser die römischen Truppen von Britannien ab, wo relativ schnell die Städte verfallen und eine starke Entromanisierung einsetzt, bis dann vor allem "heidnische" Jüten, Angeln und Sachsen dort einfallen und sich niederlassen werden.

 

Das angesichts der vielen Feinde überdehnte Reich wird unter Diokletian geteilt, Konstantin errichtet im griechischen Osten bei Byzanz eine neue Hauptstadt, Konstantinopel, mit einem eigenen Senat. Ende des vierten Jahrhunderts hat sich ein stabileres Ostrom vom Westen abgelöst, in dem das alte Rom immer mehr an Bedeutung verliert. Damit gerät der Osten aus dem Gesichtskreis einer Untersuchung über die Anfänge des Kapitalismus, an deren Peripherie er existieren wird.

 

Mit Konstantin erringt zum ersten Mal mit einer straffen Monarchie mit sehr despotischen Zügen das dynastische Prinzip den Durchbruch. Als vergöttlicher Herrscher übernimmt er mit dem derzeitigen Christentum eine neue Herrschaftsideologie und die stabilen Strukturen der über das Reich verbreiteten kirchlichen Institutionen der Städte. Von nun an werden Kaiser und später Könige siebenhundert Jahre lang Konzilien abhalten und über die Doktrin der Kirche bestimmen. Den aufgewerteten Bischöfen aus der römischen Oberschicht ist das nur recht. Die germanischen Nachfolgereiche werden diese Einheit von Staat und Kirche übernehmen. Christliche Religion begründet seitdem sowohl Herrschaft wie die Ohnmacht der produktiven Massen.

Der christliche Kaiser Theodosius wird nach seinem Tode 395 wie seine Vorgänger zum divus erklärt, zu einer Art Gottheit, was seine Christen inzwischen kaum noch zu irritieren scheint. Aber wichtiger ist, dass der Kaiser weiter ihm innewohnende göttliche Kräfte besitzt und nun auch ein besonderes Verhältnis zum Christengott hat, welches sich nicht zuletzt im Schlachtenglück erweist. Er sorgt dafür, dass das göttliche Gesetz auch das seinige ist (bzw. vice versa).

  

Die Verwaltung wird wie das Heer sehr hierarchisch nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam neu organisiert und heißt wie dieses militia. Beim Eintritt in die Beamtenschaft wie bei dem ins Militär erhält man einen nach Rang gestaffelten Gürtel (cingulum), an den wehrhafte Franken dann ein Schwert zumindest hängen werden. In einem ausführlichen Text hat K.F.Werner die Kontinuität dieser Militia als eines Adels aus Amt und Kriegertum bis tief ins Mittelalter beschrieben (WernerNaissance).

 

An seiner Spitze bleibt der Senatorenstand als erbliche nobilitas, die in den Städten des Reiches eine führende Rolle spielt. Ein Großteil der um 400 rund 2000 Senatoren des westlichen Roms nimmt selten oder nie an Senatssitzungen teil, hat aber sowohl Vorrechte wie erhebliche finanzielle Belastungen. Die reicheren unter ihnen haben Großgrundbesitz, der über die ganze Westhälfte des Imperiums verteilt ist, und eine ganze Anzahl luxuriös ausgestatteter Villen.

In der ständischen Ordnung darunter standen einst die Ritter, die aber längst nur noch formal als zweiter Rang der Beamtenschaft fungieren. Den dritten Stand bzw. Rang nehmen die Kurialen der Städte ein, und in ihn wird man inzwischen hineinverpflichtet, sobald man eine bestimmte Menge an Besitz angehäuft hat. Einst am Stadtregiment beteiligt, haben sie inzwischen vor allem Pflichten wie die, das Amüsierprogramm der Stadt auszurichten und - noch drückender - für das von oben festgesetzte Steueraufkommen zu haften. Das führt dazu, dass immer mehr Kuriale, Dekurionen sich auf vielfältige Weise ihrem Ehrenstatus zu entziehen versuchen. 

 

Den Reichtum der grundbesitzenden Oberschicht und die Einnahmen des Kaisers erwirtschaften Sklaven und Kleinpächter auf dem Großgrundbesitz, Kolonen, die im 4. Jahrhundert an ihre Scholle auch bei Besitzerwechsel gebunden werden, während das verarmende freie Bauerntum, offenbar manchmal schlechter dastehend als die auch abnehmende Zahl der Sklaven, immer weniger wird. Kolonen besitzen jenseits ihrer Abhängigkeit Erbrecht, können theoretisch Eigentum besitzen, ein Kind anderer freier Bürger heiraten und vor Gericht auftreten. Aber in der alltäglichen Lebenswirklichkeit besagt das nicht viel.

 

Zur Plebs unterhalb des mit Ämtern versehenen (hier einmal so zusammengefassten) "Adels" gehören außer ihnen Handel und Handwerk. Alle Bereiche, die dem Staat der Spätantike lebenswichtig erscheinen, von dem Transport zu Wasser bis zu den Bäckereien, wird in die nunmehr Zwangsmitgliedschaft von staatlich kontrollierten Kollegien gedrängt. Ein freier Handel muss zunehmend mit einem staatlich gelenkten konkurrieren. Alles tendiert zu einer von der Staatsspitze her gelenkten "Planwirtschaft", die einerseits die Versorgung städtischer Massen, andererseits die finanziellen Erfordernisse des Militärs im Auge hat, eine Art Kriegswirtschaft also.

Dieser zentrale "Plan" wird im weniger wohlhabenden Westen des Reiches immer weniger funktionieren. Als germanisch dominierte Nachfolgereiche an seine Stelle treten, werden sie diesen Aspekt antiker Staatlichkeit ersetzen müssen.

 

Indem Adel die Bischofssitze besetzt und das Land über seine Latifundien kontrolliert, überlebt er direkt in die germanisch dominierten Reiche hinein, in denen er eine tragende Rolle behält und Träger der Romanisierung dieser Reiche wird. Überleben wird auch das System der Besteuerung der Person und des Grundbesitzes samt den Zöllen und anderen Abgaben. Der römische Staat geht in diesen neuen Reichen nicht unter, sondern verändert sich langsam (K.F.Werner)

 

Überleben wird auch anderes: An der Spitze der römischen Höfämter stehen "Gefährten" des Kaisers, die comes, die unter germanischer Führung dann von den civitates aus neben den Bischöfen das Umland kontrollieren, aber schon im christlichen Kaiserreich auch Truppen führen können. Grenzschutztruppen unterstehen jeweils einem dux (Führer), und das übrige Militär den magistri militum, Militärmeistern. Bei zunehmender Abwesenheit von Kaisern im Westen werden sie auch die Spitzen der Zivilverwaltung kontrollieren und nach und nach wie der princeps, der Erste, als Könige an Kaisers statt in ihrem Bereich herrschen.

 

Es bleibt den Kaisern offenbar nichts anderes übrig, als Barbaren ins Heer aufzunehmen, und frühe Beispiele sind seit dem späten 3. Jahrhundert Scharen germanischer Kriegsgefangener, die vor allem in verödeten Landstrichen in Nordgallien und dem zukünftigen Bayern mit der Verpflichtung zum Militärdienst als Bauern angesiedelt werden. Daneben stellen sich grenznahe Germanen von sich aus für den römischen Kriegsdienst mit seinen Versorgungsperspektiven zur Verfügung. Man kann davon ausgehen, dass Gewalttätigkeit vielen Germanen wie anderen europäischen Völkerschaften nicht fremd ist.

 

Die Neusiedler insbesondere in Nordgallien genießen nicht volle Bürgerrechte und ihre Truppenteile stehen unter römischen Befehlshabern. Um 350 verteidigen bereits zum großen Teil germanischstämmige römische Soldaten das Reich gegen anbrandende germanische Stämme wie die Alemannen. Einzelne machen Karriere beim Militär und Mitte des vierten Jahrhunderts sind bereits knapp die Hälfte der römischen Heermeister (Magister militum) germanischer Abkunft, erlangen römische höfische Titel und stehen bald auch der dortigen Zivilverwaltung vor. Um 400 sind alle westlichen Heerführer germanischer Abkunft. Selbst in den römischen Truppen in Italien gewinnen germanisch-stämmige Führer und Soldaten das Übergewicht.

 

Immer mehr nicht nur germanische Hilfstruppen werden in den Städten besonders Galliens stationiert und zusammen mit der Ansiedlung ihrer Angehörigen findet eine erste Welle von Germanisierung dort statt, während im Osten und Südosten des Landes Germanen zugleich immer stärker romanisiert werden.

 

Um 400 ist das Imperium immer noch eine auf große Städte konzentrierte Welt. Da ist die alte Hauptstadt Rom, die längst auf vielleicht bis zu einer Million Einwohner angewachsen war, und die zunehmend von ihrer Vergangenheit zehrt, und von zwei West-Residenzen mit deutlich geringerer Bevölkerung abgelöst wird: Mailand und das immerhin noch von rund 80 000 Menschen bewohnte Trier. Im Osten gibt es das ägyptische Alexandria mit an die 300 000 Einwohnern und das syrische Antiochia mit vielleicht 250 000 Menschen, eine Größe, auf die inzwischen auch Konstantinopel angewachsen ist, die Ost-Residenz.

 

Unterhalb einer kleinen, oft immer noch in großem Luxus lebenden Oberschicht gibt es die städtischen Massen der Kleinhändler, Krämer, Handwerker, Tavernen- und Bordellinhaber, der vielen Tagelöhner und Arbeitslosen. Ihre Versorgung wird durch die großen Bauten von Wasserleitungen und die zum guten Teil staatlich organisierten Getreidelieferungen gewährleistet, die aus Nordafrika und insbesondere aus Ägypten kommen. Damit das für die städtischen Massen und zudem für die Heere funktioniert, wird von oben immer stärker in das Wirtschaftsleben eingegriffen, was diesem allerdings insbesondere im ärmeren Westen auf die Dauer nicht förderlich ist.

 

Neben dieser Infrastruktur, zu der auch zum Beispiel Badhäuser, große Bäderanlagen Straßen und Brücken gehören, dient auch ein großer Amüsierbereich dem Ruhigstellen der Massen, ihrer Untertänigkeit. Da sind die Theater, in der Regel eher modern gesprochen Variété-Veranstaltungen, der Zirkus mit seinen Tierhetzen zum Beispiel und die damit verwandten Sportarenen wie die Pferderennbahnen insbesondere im ganzen Ostteil des Reiches. Die Finanzierung dieses Unterhaltungsprogramms wenig christlicher Art ist wie schon erwähnt -  eine kostspielige Pflicht der städtischen Oberschicht, und es wird im Westen nicht etwa von der das allerdings wünschenden Kirche vertrieben werden, sondern absterben wegen der schwindenden Finanzmittel dafür. Idole der in solchen Veranstaltungen aufgeheizten Massen sind denn auch weniger Heilige als vielmehr Sportler, Schauspieler, Tänzerinnen etc., ganz so wie wieder spätestens seit dem zwanzigsten Jahrhundert.

Der Kampfcharakter des Sportes und des Zirkus lädt wie heute wieder zur Parteibildung ein, die sich dann auch schon mal "politisch" artikuliert (Fußball-Madrid gegen Fußball-Barcelona) und im Falle des Aufbaus besonderer Spannungen in Ausschreitungen und Straßenschlachten enden kann. Dennoch dient das Amüsierprogramm aber eher der Oberschicht zum Ruhigstellen städtischer Massen.

 

Dauerhaftere Unruhe erzeugen religiöse Parteiungen, seitdem die Kaiser sich des Christentums bedienen. Da sind die krawall-artigen Ausschreitungen gegen "Heiden", zunehmend auch schon mal gegen Juden, betrieben auch gelegentlich von Geistlichen, Mönchen und selbst Frauen, und dann kommen die zwischen unterschiedlichen christlichen Glaubensrichtungen hinzu, die sehr grob vereinfacht meist etwas damit zu tun haben, ob Jesus als Mensch, als Mensch und Gott zugleich oder nur als Gott gesehen wird. Solche Fragen werden im Osten noch Jahrhunderte weiterschwelen und in verwandelter Form im sogenannten Bilderstreit ihren Abschluss finden. Dass die städtischen Massen, die sich dabei engagieren, von den Feinheiten solcher Debatten nichts mitbekommen, hindert sie nicht daran, die Gelegenheiten zum Ausleben von Aggressionen zu nutzen, die sie üblicherweise unter dem Druck der Obrigkeit wegzuducken haben. 

Im Verlauf des enormen Schwundprozesses der Städte im Westen der nächsten Jahrhunderte wird dieser städtische Pöbel (populus) erheblich an Bedeutung verlieren, ohne aber überall zur Gänze zu verschwinden.

 

"Barbaren" im schwindenden Reich

 

In den noch bleibenden anderthalb Jahrhunderten des West-Imperiums lässt sich eine Gruppe von "salischen" Franken im Nordosten Galliens als Verbündete und Militär nieder, eine weitere Gruppe siedelt auf der Ostseite des Rheins, um dann auch diesen zu überschreiten und ein Reich mit dem Zentrum Köln zu gründen. Südlich davon sind Alemannen an der Rheingrenze, die sie gelegentlich plündernd und brandschatzend überschreiten. Sie werden sich bald nach Süden in die heutige Schweiz ausdehnen.

 

Um 400 kommen die aus dem heutigen Polen stammenden Burgunden bei Mainz an, 406/07 soll ein burgundischer "König" Gundahar rund 80 000 Burgunden in einem Reich in der Gegend von Worms ansiedeln. Als er versucht, sein Reich in die Gallia Belgica auszudehnen, wird er 436 von Aetius geschlagen. Irgendwann danach wandern die restlichen Burgunden um den Genfer See und in das Gebiet der Sabaudia, etwas nördlich des heutigen Savoyen, ab, wo sie ein neues Reich begründen. 451 finden wir sie auf der Seite des Aetius im Kampf gegen die Hunnen, bei denen möglicherweise ein anderer burgundischer Trupp mitkämpft

 

Sachsen besiedeln den späteren norddeutschen Raum, daran an schließen sich Thüringer. Südlich davon entsteht auf ehedem römischem Boden das Land der Bayern. Östlich der nach Westen und Süden abziehenden Germanen tauchen dann bald die ersten Slawen auf.

Vandalen, Sueben und Alanen ziehen durch Gallien 409 in beide Hispanien, wo die Sueben ein Reich etwa im heutigen Portugal errichten. Nördlich von alledem werden bald Angeln, Sachsen, Jüten und andere über das schon vom römischen Militär verlassene England hereinbrechen.

 

Von Norden brechen Visigoten immer heftiger ins Ostreich ein, die aber am Ende gegen das Westreich abgelenkt werden, schließlich Italien heimsuchen, um dann 418 in Südgallien eine von Kaiser Honorius genehmigte neue Heimat zu finden - und erste Aufgaben in Hispanien. Als das Frankenreich nach Süden drängt, besiegt es schließlich die Visigoten, die daraufhin ein neues spanisches Reich schaffen, dabei die Vandalen nach Nordafrika abdrängen, wo diese die Römer beerben, und Goten werden dann auch das iberische Suebenland erobern und ihrem Reich einverleiben. (siehe Anhang 5)

 

 

Das Imperium der Römer ist überdehnt, das heißt, es findet zu keiner Form von Staatlichkeit, die diese riesigen Gebiete auf Dauer zusammenhält. Das Kaisertum war eine Reaktion auf die zunehmende Ausdehnung gewesen, aber es bedarf professionalisierter Heere, um die langen Grenzen überall nach außen zu halten. Diese kosten einen Großteil der kaiserlichen Einnahmen, die aus Produktion und Handel in Form von Steuern, Abgaben und Binnenzöllen herausgepresst werden mussen, vor allem aus der landwirtschaftlichen Produktion des Großgrundbesitzes.

 

Die Reglementierung des Wirtschaftslebens und die damit einhergehende Korruption entfremden dem Reich seine es bislang tragende Oberschicht, die laut Zosimus um 380 kaum noch unterscheiden mag zwischen der Ausplünderung durch Barbaren und der durch den eigenen Staat (Lippold, S.113).

 

In ganzen Regionen nimmt die Bevölkerung ab und damit das Reservoir, aus dem Soldaten bezogen werden können.Die Verstädterung mit ihrem sehr engen Zusammenwohnen fördert die Ausbreitung von Seuchen, man vermutet heute darunter die Pocken, Masern, Malaria, Tuberkulose. Am Ende breitet sich auch die Lepra aus und nach dem Zusammenbruch des westlichen Imperiums die Beulenpest, die in größeren Städten möglicherweise bis zu einem Drittel der Bevölkerung auf einen Schlag hinwegraffen kann. (Gilomen, S.10)

 

Immer mehr Menschen werden, um das Steueraufkommen zu stärken und die Versorgung sicherzustellen, an ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten gebunden, die oft auch zwangsweise erblich werden. Schließlich: Es gibt keinen Kapitalismus, der aus sich heraus Reichtümer generiert, und die staatlichen Zwangsmaßnahmen verhindern zusätzlich seine Entstehung.

 

 

382 erhalten Goten im Norden des Ostreiches dann den Status von Föderaten, die sich selbst verwalten und von eigenen Heerführern befehligen lassen dürfen. Während die Kaiser notgedrungen auf Integration hoffen, ist doch das Römerreich ohnehin ethnisch ein Vielvölkerstaat unterhalb der kleinen Oberschicht, auch wenn es sich so nicht darstellt, entwickelt sich im Raum der Gebildeteren Besorgnis und schließlich verbale Aggression gegen die Überfremdung in Militär und Staatsapparat (Synesius, Ammianus Marcellinus und andere). Zu dieser Front kommt die zwischen immer mehr christianisiertem Staatsapparat und zunehmender christlicher Unduldsamkeit einerseits und einem tendenziell freigeistigeren Heidentum auf der anderen Seite, und schließlich noch auf christkatholischer Seite im Sinne des späten 4. Jahrhunderts Besorgnis bezüglich des Heidentums oder, fast noch schlimmer, der Häresie des Arianertums bei vielen Barbaren.

 

Als Kaiser Theodosius vor seinem Tod 395 dem Vandalen Stilicho, der wiederum mit dem Goten Gainas im Bunde ist, seine beiden Söhne und Nachfolger anvertraut, bricht sich das römische Misstrauen gegen die Fremden Bahn. Und es nimmt überhand, als die Rheingrenze und die Pannoniens nicht mehr gleichzeitig von Stilicho zu halten sind. 410 nehmen Visigoten unter Alarich Rom ein.

Die Kaiser haben längst das militärische Imperium fremden Befehlshabern überlassen, und Aetius kann wenigstens noch Italien und Gallien halbwegs zusammenhalten. Mit der Aufgabe Britanniens, den Westgoten in Südgallien, den Burgunden daneben, eines sich selbständiger formierenden Häuptlingstums von Franken in Nordgallien, einer abgeschnittenen iberischen Halbinsel und dann der Verselbständigung der Ostrogoten in Italien fällt das Westreich auseinander.

475 macht der Diplomat und Heerführer Orestes seinen noch recht jungen Sohn als Romulus Augustus zum Kaiser. Laut Procopius revoltiert die Armee, die bezahlt werden möchte. 476 tötet der Offizier Odoaker Orestes und schickt seinen Sohn in Pension in den Süden. Noch einmal versucht er mit imperialen Truppen dem Reich eine Ordnung zu geben und Frieden herzustellen.

 

Als aber nun die neuen Reiche die Funktionen des Westkaisers jeweils für ihre Territorien übernehmen, ist es nur plausibel, das Amt des immer machtloseren Westkaisers dort für erledigt zu erklären.

 

Andererseits lässt sich der Frankenherrscher nach militärischer Herstellung seines Großreiches stolz von (Ost)Rom legitimieren, welches eine nominelle Oberhoheit behält. Der Ostgote Theoderich wiederum hatte mit (Ost)Kaiser Zenon einen Vertrag geschlossen, wonach er 488 mit seinem Heer den von dessen Heer zum de facto italischen König erhobenen Odoaker vertreiben und dann solange herrschen solle, bis der Kaiser selbst Italien übernehmen könne. Bis zum Schluss wird Theoderich vergeblich versuchen, vom Kaiser dauerhafte Herrschaftsbefugnisse für seine Amaler-Familie zu erhalten. Gegenüber Burgunden, Franken und Westgoten wird dieser germanische Herrscher über ein wesentlich romanisches Italien versuchen, eine Art Oberhoheit über die übrigen Herrschaften des ehemaligen Westreiches zu erreichen, die ihn ein Stück weit als eine Art Erben des Westkaisertums hätte auszeichnen können.

 

Neue Völkerwanderungen werden das Ostreich dann später mehr und mehr bedrohen (Araber, Bulgaren, Turkvölker), bis es 1453 mit der Eroberung von Konstantinopel ganz vergeht.