STADT UND BÜRGER 3: DEUTSCHE LANDE / ÜBRIGES EUROPA (1000-1125)

 

Bischofsstädte in deutschen Landen (Trier, Köln, Mainz, Worms, Hildesheim, Würzburg, Augsburg)

Pilgerstädte

Städte weltlicher Fürsten

 

Frankreich

England

Skandinavien und der Osten

 

Bürger und Stadt

Exkurs: Zur Unklarheit im Wort "Bürger".

Von den Gemeinschaften zur Gemeinde

 

 

Nördlich der Alpen und ebenso nordwestlich wie nordöstlich gibt es eine Trennlinie zwischen als Siedlungen und Siedlungskerne überlebenden Städten des Imperium Romanum und Neugründungen in einer bis dahin städtelosen Welt: Städtelos waren zunächst Irland und Schottland ebenso wie Skandinavien, die deutschen Lande östlich des Rheins und nördlich der Donau und fast der ganze inzwischen slawische Bereich. Sonderfälle sind England, wo es nur sehr geringe Kontinuität gibt, und Flandern samt den nordöstlich davon gelegenen Niederlanden, wo sie komplett abbricht. Ein extremer Sonderfall ist die iberische Halbinsel, wo der christlich verbliebene Norden schon immer fast städtelos gewesen war, während die stadtzentrierte orientalische Kolonisatorenschicht (eine Oasen-Zivilisation) siedlungsmäßig auf dem größten Teil der Halbinsel eine beachtliche Kontinuität von den städtebildenden Phöniziern über Griechen, Römer, Visigoten und dann Araber, Berber und andere Völker aufrecht erhält.

 

Allen europäischen Städten gemeinsam ist, dass sie in Laufe der Zeit zu Brutstätten des Kapitalismus werden. Sie unterscheiden sich dabei im wesentlichen aufgrund der jeweils vorhandenen Machtstrukturen und des ökonomischen Umfeldes darin, wie schnell sie diesen Zustand erreichen und in welchem Maße. Nach der Nordhälfte und südlichen Seestädten Italiens und der westlichen Mittelmeerküste bis Barcelona wird Flandern dafür ein frühes Beispiel.

 

 

Bischofsstädte in deutschen Landen

 

Im Grunde verläuft die Entwicklung der Städte nördlich der Alpen in manchem nicht wesentlich anders als in Nord- und Mittelitalien, nur in vielen Regionen deutlich langsamer und eingebettet in Landschaften, die Könige, Herzöge, Grafen und Bischöfe unter ihrer Kontrolle zu halten versuchen. Dazu kommt, dass der Adel nicht so sehr aktiv in den Kapitalismus hineingezogen wird, vielmehr vor ihm aufs Land ausweicht, sofern er dort nicht schon immer war.

 

Da Bischofssitze seit der Spätantike (Synode von Serdica) in dem urbanen Zentrum von civitates zu liegen haben, kontrolliert der Bischof  von einer stadtähnlichen Siedlung aus ein geschlossenes geistliches Territorium, die Diözese, und daneben in dieser und außerhalb von ihr einen oft gewaltigen Flickenteppich an Besitztümern, Grund und Boden und Gebäuden, was Historiker „Hochstift“ nennen. Sein Ziel wird „Territorialisierung“ werden, also das geistliche mit einem möglichst ebenso geschlossenen weltlichen Gebiet in Übereinstimmung zu bringen.

 

Seit die Ottonen Bischofssitze als Stützpfeiler ihrer Herrschaft unterstützen, gewinnen mit ihnen die Städte an Bedeutung. Unter den Saliern nimmt die Bedeutung von Städten als Instrumenten von Herrschaft noch zu. Indem Bischöfe ihre Herrschaft in Stadt und Diözese ausbauen, beginnen ihre Eigeninteressen sich aber im Verlauf des 11. Jahrhunderts zu verselbständigen und zunehmend wie die weltlicher Fürsten gegen den König zu richten. Inzwischen werden Bischöfe, Vasallen des Königs mit allen Verpflichtungen weltlicher Vasallen immer mehr Herren in ihrem Bistum, was Voraussetzung ist für den Ausbau ihrer Städte. Nicht nur die Münze, sondern auch Zölle und Bergwerke, Forste und Wildbann kommen unter ihre Kontrolle, sowie immer mehr Grafschaftsrechte mit denselben. Daraus, und nicht nur aus den geistlichen Einnahmen, entstehen jene Städte, in denen sich dann nach und nach Kapitalismus einnisten kann.

 

Neben der Kathedrale und dem Bischofspalast steht das Gebäude des Domkapitels, also jenes Kollegiums, welches für den Bischof die geistlichen und weltlichen Angelegenheiten verwaltet und regelt. Ursprünglich wohnten und lebten sie zusammen nach einem Kanon aus Regeln (als Kanoniker), aber da ein immer größerer Teil von ihnen aus dem Adel kam, und sie eine adelige Lebensweise vorzogen, erwerben bzw. bauen sie bald große Höfe aus Stein (curiae) beim Dombezirk und leben dort vornehm und mit Dienerschaft. Um 1113 aßen sie in Würzburg immerhin noch zusammen, aber sie lebten nun getrennt in ihrem Stadtteil im Dombezirk. (Leng, S.58 – Bild S.35) Als Otto von Freising sein Kapitel 1158 reformieren möchte, scheitert er gegenüber den aristokratischen Domherrn, die keine vita communis mehr möchten (EhlersOtto, S. 148)

 

Domherren haben spezifische Aufgaben. Den Vorsitz hat der Propst als Vermögensverwalter, dann kommt der Dekan fürs Geistliche, der Scholaster für die Domschule, der Kantor für Musik und Gottesdienst, der Custos für den Domschatz usw. Nach und nach wird ein gesonderter Besitz des Kapitels vom bischöflichen Besitz abgetrennt und als praebenda (deutsch: Pfründe) auf die Domherren aufgeteilt. Damit wird das Amt hochgradig lukrativ.

Entsprechend wächst die Bedeutung des meist vorhandenen Rechtes, beim Tod eines Mitgliedes des Kapitels einen Nachfolger zu kooptieren, und so schieben die Kanoniker Kinder aus ihrer Verwndtschaft in die Ausbildung am Dom, um sie dann in ihr eigenes Kapitel aufzunehmen.

 

Nach dem Wormser Konkordat (1122) hat das Domkapitel das Wahlrecht für den Bischof, und es setzt dieses im 12. Jahrhundert auch in der Praxis durch. Dabei kommen immer mehr Adelige aus den eigenen Reihen auf den Bischofsstuhl. Bis tief ins 13. Jahrhundert werden Bischöfe in der Stadt und in ihrem Viertel residieren. Erst mit den dann zunehmenden Konflikten mit der Bürgergemeinde suchen sie sich Residenzen außerhalb, wie der Würzburger mit der zur Befestigung ausgebauten Marienburg.

 

Ähnliche geistlich geprägte Stadtviertel entstehen bei anderen Stiften mit ihren Stifts- bzw. Kapitelherren und im Umfeld von Klöstern mit ihren familiae. Regensburg wird so von seinem Dom St.Peter, drei Benediktinerabteien und vier Stiftskirchen dominiert, neben denen es auch zwei Pfalzen gibt.

Noch bis zu den Zeichnungen und Gemälden der Dürerzeit stellen sich deutsche Städte als von ihren Kirchtürmen geprägte Stadtlandschaften dar, während sie zumindest in der Nordhälfte Italiens bis ins späte Mittelalter von den Geschlechtertürmen dominiert werden. Dabei entstehen jenseits von Dom, Stift und Kloster mit ihren großen Grundherrschaften und dann auch später den Stadthöfen der Zisterzienserorden zunächst neue Quartiere für Wohnen und Arbeiten und in ihrer Mitte neue Pfarrkirchen. Ist die Kathedrale mit ihrem Bezirk eher adelig geprägt, so sind die Pfarreien der einzelnen Viertel eher bürgerlich dominiert.

 

Einigermaßen vornehme Steinhäuser (Höfe) mit Nebengebäuden bauen sich bald auch die wohlhabenderen Ministerialen, bischöfliche, königliche und manchmal auch andere. Sie sind zunächst noch unfrei, leisten als Ämter bezeichnete Dienste, also Aufgaben der Verwaltung von Machtbefugnissen: Sie regulieren den Markt, betreiben die Münze, die immer deutlicher hier zu einer bischöflichen wird, wirken bei der Rechtsprechung mit und verwalten die bischöflichen Güter. Zudem übernehmen sie militärische Aufgaben, werden also zu (unfreien) Kriegern neben dem Adel. Mit Pferd und Waffen werden sie bald zu denen gehören, die man später im deutschen Raum als Ritter bezeichnen wird, und werden so in zunehmende Freiheit aufsteigen. Entsprechend legen sie sich befestigte Häuser zu, Türme, werden in Burgen der Bischöfe eingesetzt und errichten sich dann auch eigene.

Die Spitze der Verwaltung und Gerichtsbarkeit bleibt allerdings vorläufig direkt in der Hand der Bischofskirche, wobei die Vogtei beim Übergang zum 12. Jahrhundert zunehmend durch einen Domherrn als camerarius urbis (Kämmerer) ersetzt wird, der die tatsächliche Arbeit dann an einen ministerialischen Kämmerer delegiert.

 

Ministeriale bekommen für ihre Dienste Grundbesitz und andere Einnahmequellen verliehen, die an Person und Amt gebunden sind, aber nach und nach erblich werden, zum Beispiel, indem die Söhne zur Schule geschickt und dann als Nachfolger durchgesetzt werden. Ministeriale können im Laufe der Zeit in den Adel aufsteigen, sie können aber auch als Unternehmer mit dem Großbürgertum verschmelzen und so einen Teil des Patriziates des späten Mittelalters bilden, nachdem sie schon im 12. Jahrhundert des öfteren den alten Adel an Reichtum übertreffen.

 

Die übrigen Gebäude sind wie überall bis nach 1100 im wesentlichen aus Holz (Fachwerk etc), mit Holz oder Stroh gedeckt, selten mit Glasfenstern versehen und genauso selten mit einer anderen Wärmequelle als dem offenen Herd. Darin leben in ihren Vierteln die Handwerker und kleinen Händler, oft zur Miete, und dort wohnt oft in Einzimmer-Behausungen die sich ausbreitende Lohnarbeit.

 

Zunehmend zusammen mit den Spitzen der Kaufmannschaft betreiben Ministeriale so die Verwaltung der Städte im Auftrag des Stadtherren und steigen oft im Zuge der Kommunalisierung an die Spitze eines neuen Bürgertums auf, welche sich schnell von den übrigen, zusammen mit den reichsten unter ihnen, als Meliorat, Patriziat abzusetzen versucht.

 

Der Einsatz von Ministerialen schiebt eine ganze Schicht zwischen Adel und „einfachem Volk“, mediatisiert also Formen von Herrschaft. In den Bistümern bedeutet das, dass Geistliche (und Mönche) von der Verwaltung des weltlichen Machtbereiches abgezogen werden können. Und bei Ausübung zunehmender Zwangsgewalt können Ministeriale nun auf ihre Auftraggeber verweisen.

 

Adam von Bremen kann denn auch recht polemisch über Bischof Adalbert von Hamburg-Bremen schreiben: Daher ließ er bei jeder Gelegenheit, wenn sich einer von ihnen vergangen hatte, den Schuldigen sofort einsperren oder seinen gesamten Besitz einziehen, und lachend versicherte er, leibliches Elend sei heilsam für die Seele, Güterverlust reinige von Vergehen. So kam es, dass auch seine obersten Verwalter, denen er selbst seine Stellvertretung anvertraut hatte, maßlos rafften und plagten.

 

Immer wieder wird erwähnt, dass sowohl adelige Vögte wie Ministeriale von den von ihnen kontrollierten Bauern erhöhte Abgaben und Dienstleistungen erlangen, worauf dann manchmal die eigentlichen Herren dieser Landleute einschreiten müssen, um den Frieden zu wahren. Oft waren wohl (wenn auch natürlich dann nicht dokumentiert) der Willkür Tür und Tor geöffnet.

 

Ein spezifisches Phänomen nördlich der Alpen ist nicht nur das langsame Verschwinden des Adels aus der bischöflichen Verwaltung, wo er durch Ministerialen ersetzt wird, so wie in Norditalien durch die untere Vavassoren-Schicht, sondern überhaupt seine Tendenz, sich aus den Städten zurückzuziehen. Als neue Siedler treten aber nun zunehmend Juden auf, die zum Teil bewusst von Bischöfen als Finanzleute in die Städte gezogen werden, und tendenziell eigene Gassen und dann auch Viertel bewohnen.

Ein Musterbeispiel dafür ist die Judenstadt, die der Bischof von Speyer 1084 gründet. "Das ist wohl die erste Gründung einer deutschen Stadtgemeinde, die alle Elemente enthält: Befreiter Bodenbesitz, privilegiertes Recht, Anerkennung von eigenem Recht und Gericht unter einem Rabbi, dem archisynagogus. Während ein stadtherrlicher Beamter, der tribunus urbis, dem Gericht über die Bürger vorsitzt, erhält bei den Juden ihr religiöser Gemeindevorsteher diese Funktion (...) nur der Bischof selbst als Stadtherr ist Appellationsinstanz. (Dilcher in: Frühgeschichte, S.42)

Juden betreiben damals vor allem Handel und Kreditgeschäfte und gehören mit zu den Spitzen der Kreise, die Kapital anhäufen.

 

Ehemalige Römerstädte erben oft Reste der santiken Ummauerung.

Die steinerne Ummauerung der Stadt erhöht nicht nur ihre Wehrhaftigkeit, sondern schließt sie auch sinnlich wahrnehmbar nach außen ab und fördert das Gemeinschaftsgefühl im Inneren. Um 1080  umgibt Bischof Burchard von Basel das Doppelareal von Münsterhügel (Bischof, Domklerus und Adel) und Gewerbesiedlung (Handwerker und Händler) im Birsigtal mit einer Mauer, um es im Konflikt zwischen Kaiser und Papst auf kaiserlicher Seite wehrhaft zu machen. Der Einschluss des "bürgerlichen" Suburbiums erst macht Basel sichtbar zu einer Stadt. Die Seelsorge für die Untertanen in zwei Pfarreien untersteht dem nun von Cluny reformierten Kloster St.Alban.

 

Konstanz besteht im 11. Jahrhundert aus dem Domhügel mit dem Marienmünster, der Bischofspfalz, "sowie weiteren Baulichkeiten des Bischofs und des Domkapitels, das Ganze umgeben von den wehrhaften Häusern und Wohntürmen der bischöflichen Ministerialen" (H.Maurer in: Investiturstreit, S.364). Während dieser Bereich burgartig ummauert ist, sind zwei weitere Siedlungen unbewehrt: Die Niederburg mit ihrem Weberhandwerk im Norden, und ihm Süden der Markt mit seinen (zum Teil Fern)Kaufleuten und der Pfarrei St.Stephan. Die wichtigsten Handelsbeziehungen reichen dabei nach Italien. Dennoch wird das Ganze erst im 12. Jahrhundert durch eine gemeinsame Mauer als mittelalterliche Stadt sichtbar.

 

1106 wird die Ummauerung ihrer Stadt durch Kölner Bürger eigenständig erweitert, was der Bischof nach Zahlung einer erheblichen Summe Geldes nachträglich genehmigt.

 

Stadt bedeutet dabei nicht nur die durch die gemeinsame Mauer sichtbare Einheit von Machthabern, Handel und Handwerk, die sich manchmal erst im späteren Mittelalter stärker vollzieht, sondern auch die durch Zuwanderung mögliche Tendenz, aus Gärten und anderen landwirtschaftlich genutzten oder "öden" Flächen in den Städten Bauland zu machen, was der Grundstücksspekulation Auftrieb gibt, und wodurch unbewegliche Güter in der Stadt immer wichtiger für Kapitalbildung werden.

Bis zum Ende des Mittelalters führt das früher oder später zu geschlossenen Bebauungen, dem Zusammenwachsen verschiedener durch Grünflächen getrennter Stadtkerne.

 

Der städtische Bauboom beginnt in Köln, Mainz, Metz, Lüttich und Konstanz schon vor der Jahrtausendwende, in Würzburg und Worms etwa um sie herum, in Hildesheim und Paderborn kurz danach, in Münster und Osnabrück um die Mitte des 11. Jahrhunderts. (KellerBegrenzung, S.66)

 

Ein frühes Dokument des Aufschwungs einer Bischofsstadt ist um 1016 das Lob des Wormser Domscholasters Hermann für seinen Bischof Burkhard: Mochten auch mehrere Männer wunderbarer Heiligkeit ihm auf dem Wormser Stuhl vorangegangen sein, so war im Vergleich zu seinem Pflanzen und Aufbauen diese Kirche in geistlichen und weltlichen Dingen vor ihm sozusagen gestaltlos. Dies bezeugen Klerus und Volk, in väterlicher Liebe erzogen, bezeugt die verschönerte und vergrößerte Stadt, bezeugt das mit Gütern und viel Besitz reich gemachte Bistum, bezeugen die Klöster und Stifte, die er äußerst dürftig vorfand und mit Schenkungen überreich ausstattete, oder gänzlich neu errichtete. (…) Strahlend von allen Gütern hinterließ er selig die Wormser Kirche im Mittagsglanz. (deutsch in KellerBegrenzung, S.121)

 

Schön, groß und reich zu sein zeichnet nun Bischofsstädte aus - und nicht nur sie. Über ein Jahrhundert später schwärmt Otto von Freising vom dicht bebauten und bevölkerten Mainz mit seinen wirtschaftlichen Grundlagen wie Wein, überhaupt ist das Rheintal hier in frumento et vino optima (regio) (Gesta Friderici, I,13 u. II,48)

 

Neben dem geistlichen und/oder weltlichen Sitz der Macht braucht eine Stadt die sie versorgende Handwerkerschaft und Händler, und erst die Summe aus diesen Komponenten macht eine Stadt aus. Schon seit dem 10. Jahrhundert wachsen Städte darum nicht nur durch das Anwachsen des unmittelbaren Personals der Macht, sondern auch durch eine steigende Zahl von Handwerkern und Händlern, die bis auf einzelne Fernhändler der familia von Bischof, Stift, Kloster oder weltlichen Großen zugeordnet sind.

 

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Städte wachsen nur über die Zuwanderung vom Lande. Die Abwanderung in die Stadt macht dabei aus Handwerkern, die bislang oft zugleich Boden bearbeiteten, solche, die sich nun auf ihr Handwerk konzentrieren. Der Markt erlaubt es ihnen dann, die Herstellung von Rohstoffen von der von Zwischen- und Fertigprodukten abzutrennen. Die Spezialisierung, also Arbeitsteilung, erlaubt technische Verbesserungen. Die Einwanderung in die Städte macht zudem aus Leuten, die Land bearbeiteten, Lohnarbeiter, vor allem auch Tagelöhner, und noch darunter liegende städtische Armut.

 

Die Abwanderung aus Grundherrschaft und familia eines Herrn bedarf eigentlich dessen Genehmigung. Erfolgt sie fluchtartig, so kann der Herr ihn zunächst zurück reklamieren, wobei sich dann nach und nach eine alte Verjährungsformel auch hierfür durchsetzt: "Nach Jahr und Tag" macht Stadtluft frei, was man allerdings nicht missverstehen darf: Frei ist man danach nur von den Forderungen des alten Herrn, während man sich im 11. Jahrhundert sofort dann unter die Macht eines neuen begibt. Vielfältige Arten von Freiheit und horizontalere Bindungen wie in den vorzivilisierten Zeiten werden hingegen nie mehr wiederkommen. Mehr Freiheit wird es in Zukunft nur für den Markt, den Warenverkehr und die Entfaltung von Kapital geben.

 

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Stefan Weinfurter betont besonders die Rolle bischöflicher Großbauten, die Menschen in die Stadt zieht und ganze Stadtlandschaften schafft. Als Beispiel erwähnt er den hochadeligen Bischof Meinwerk von Paderborn (1009-1036): „Als er sein Bistum übernahm, war ihm der gerade im Aufbau begriffene Dom nicht prächtig genug, und er ließ unverzüglich, nur drei Tage nach seiner Ankunft in Paderborn, alles wieder abreißen und ein noch viel prächtigeres Werk beginnen. (…) Dazu kam eine neue große Kaiserpfalz nördlich des Domes mit einer kunstvollen Bartholomäus-Kapelle, die von griechischen Bauleuten errichtet wurde. Auf der Südseite entstand ein neuer Bischofspalast mit steinernen Mauern und besonders hohen Türmen. Westlich der Pfalz wurde das große Abdinghof-Kloster angelegt, im Osten das Busdorf-Stift.“ (WGeschichte, S.59)

Für die Versorgung der Klöster und Stifte entstehen Handwerkerviertel und das Händlerviertel mit Markt wird vergrößert. „Aus der alten Domburg wurde nun eine durch Klöster und Stiftskirchen ausgedehnte und nach einer weit ausgreifenden Idee prachtvoll gestaltete Bischofsstadt, geradezu eine >Bischofsresidenz<.“ (WGeschichte, S. 61)

 

Adam von Bremen berichtet um 1075 von den Plänen seines Erzbischofs Adalbert, einen neuen Dom nach dem Vorbild der großen Kathedrale von Benevent zu bauen. Dabei reißt er zahlreiche ältere Bauten ab, um Steine zu gewinnen. „Sobald wie möglich wollte er alles Abgerissene neu und schöner wieder aufbauen lassen; das Domkapitel sollte auch Speisesaal, Schlafraum, Keller und Werkstätten ganz aus Stein erhalten – wenn nur jetzt das Wichtigste, der Dombau, rasch voranschritt. Nicht selten wurde selbst kostbares liturgisches Gerät für die Baufinanzierung zerstört.“ In einer Hungernot sind dann keine Mittel für die Versorgung der Armen mehr da. (KellerBegrenzung S.64)

 

Die Arbeitskräfte kommen zunächst meist aus den Reihen der bischöflichen Hörigen, die von ihren Höfen abgezogen und an den Baustellen versammelt werden. Der Verfasser der Eichstätter Bischofsgeschichte schreibt um 1075 über den Abbruch alter Bauten und die Erbauung neuer und klagte dabei über die Folgen. Die Bevölkerung müsse bis zur Erschöpfung an solchen Projekten arbeiten, könne die Felder nicht mehr bestellen und verarme bis zur bittersten Not. Dabei müssen sie auch ihre Abgaben und Dienste weiter entrichten. (cap.29)

 

Ein weiteres Mittel, um die Einkünfte für den Stadtausbau zu steigern, ist die generelle Aneignung des Zehnten auch dort, wo er bislang von lokalen Eigenkirchen bzw. von Klöstern eingezogen wurde, wie es von den Erzbischöfen von Mainz und Osnabrück zum Beispiel dokumentiert ist. Wo das nicht anders gelingt, werden gelegentlich Urkunden gefälscht.

 

Andererseits berichtet ein Mönch von St.Trond bei Lüttich, der selbst den Neubau der Klosterkirche kritisch betrachtet, von der Begeisterung der Leute, die mitarbeiten müssen. Das ist nicht verwunderlich, ist doch die Identifikation mit der Macht und ihrem Protz und Prunk typisch für die Massen aller Zivilisationen, und in den Städten wird dies Phänomen sich selbst als Masse erlebender und verstehender Menschen nun immer deutlicher.

 

Ein anderes Beispiel ist der Pilgerort St.Trond, und der Zustrom von Pilgern ist eine enorme Geldeinnahme über die Spenden, die dann in Bauten investiert werden können. Aber weder diese Summen noch die Einnahmen aus der großen Grundherrschaft reichen, so dass Teile aus dem Kirchenschatz eingeschmolzen und verkauft werden müssen.  (KellerBegrenzung S.65/121f)

 

Andererseits sind Steigerung der Nahrungsproduktion, Bauboom, Konzentrierung von mehr Handwerk (auch Bauhandwerk) auf die Städte, Zunahme des Handels und der Geld- bzw. Marktwirtschaft Phänomene, in denen ein neuartiges Fortschrittsempfinden entsteht, welches parallel zum langsamen Auslaufen der bisherigen, christlich begründeten Weltuntergangsvorstellungen aufkommt.

 

Bischofsstädte bedienen mit ihren Handwerker- und Händlersiedlungen die Bedürfnisse des Klerus. Sie wachsen mit der bischöflichen Bautätigkeit, die auch Klöster und Stifte ansiedelt, die wiederum Handwerker und Händler anziehen. Stolz erklärt der Speyrer Bischof Rüdiger Hutzmann in einer Urkunde von 1084, (cum) ex Spirensi villa urbem facerem, er habe aus einer Ansiedlung mit dem neuen Judenviertel eine Stadt gemacht (in: Hergemöller, S.108).  Die bischöfliche Machtsteigerung wird dabei von Königen gefördert, um mit den Bischöfen mächtige Stützen der Macht zu erhalten.

Bischofsstädte werden so die frühesten Residenzstädte, deren Vergrößerung Macht und Ansehen der Bischöfe steigert, nicht zuletzt ihre Wirtschaftskraft. Mit dem Aufblühen der Märkte werden dann auch die Klöster in die Städte gezogen, wo sie Stadthöfe als Dependancen errichten.

Mit den mehr werdenden Regalien, die Bischöfe verwalten, ihren "Residenzen" und den darum gebauten Städten werden diese aber den Königen ähnlicher werdende Fürsten in ihrem "Reich". Aus Stützen der Macht werden sie dabei Leute, die an ihr stärker partizipieren wollen und das auch baulich demonstrieren. Hatte doch der ("römische") König abgesehen von seinen Pfalzen und daraus erwachsenden, in der Entwicklung nachhinkenden städtischen Orten selbst nichts entsprechendes vorzuweisen.

 

****Trier****

 

Direkt neben dem befestigten Domareal gründet der Erzbischof von Trier 958 den Hauptmarkt, und dem Grundriss der dann davon ausgehenden Straßen kann man noch heute nachgehen. Der rechtwinklige Grundriss der geplanten Römerstadt, den man noch auf der Karte sehen kann, ist damit verschwunden. Grundbesitzer errichten mehr und mehr Häuser, die sie vermieteten. Weber siedeln sich an einem umgeleiteten Bach an, wo heute noch die Straße Weberbach ist. Anfang des 12. Jahrhunderts werden die neuen südlichen Siedlungen mit einer neuen Stadtmauer befestigt, die an die Römermauer auf der anderen Seite anschließt. Die Stadtmauer wird ein Kennzeichen der hochmittelalterlichen Stadt, die immer eine Festung ist.

 

****Köln****

 

Mit den enormen Zerstörungen durch die Normannen 881 verliert Köln endgültig den Rest seiner antiken Gestalt. Im 10. Jahrhundert wächst es durch die Angliederung einer Rheinvorstadt um ein Viertel an. Ein großer Teil der Einwohnerschaft sind Mitglieder der kirchlichen familia, wobei zwei Gruppen in einem besonderen Verhältnis zur Bischofskirche stehen und in ihrer Nähe wohnen: Einmal die unfreien Dienstleute, Ministerialen, und zum anderen die unter besonderem Schutz des Bischofs stehenden ebenfalls unfreien Juden. Die Unfreiheit beider äußert sich darin, dass sie dem Bischof keinen Hofzins auf ihr Wohngebäude zahlen müssen. Einen solchen wiederum müssen, wenn auch in erträglichem Umfang, die Kaufleute der Rheinvorstadt und die sich aus dem Hofrecht der kirchlichen Herren emanzipierenden Handwerker zahlen: Er ist Ausweis einer gewissen Gewerbefreiheit (Erkens in: Frühgeschichte, S176)

 

Der Bischof ist wie auch anderswo Gerichtsherr, erhält Bann - und Zollabgaben und besitzt das Münzrecht. Neben diesen Regalien ist im 11. Jahrhundert die bischöfliche Marktaufsicht wichtig, die der Herr natürlich delegiert. Immer hin hat der wichtige Handelsort Köln im 11. Jahrhundert bereits zu Ostern, im Sommer und im Herbst jeweils eine große Messe.

Die inzwischen wohl größte deutsche Stadt ist einmal ein Produktionszentrum für Tuche geworden, für Glas, Töpferwaren und Goldschmiedearbeiten, die auch exportiert werden, aber vor allem ist es ein Handelszentrum für Salz, Metalle und Gewürze, Wein, Getreide, Sklaven und manches andere.

 

Zusammengehalten wird die Stadt durch die erzbischöfliche hohe geistliche und weltliche Gerichtsbarkeit, die von einem edelfreien Burggrafen ausgeübt wird, neben dem ein der Ministerialität entstammender Stadtvogt steht. Sie richten zu zweit und manchmal auch zusammen mit ihren Stellvertretern. 1103 wird dann für die Gesamtgemeinde ein Schöffenkollegium zum ersten Mal erwähnt.

 

Alleine sitzt der Burggraf nur dreimal im Jahr dem echten Ding (in Köln: Wizzigding) vor, welches nach dem Verlust der Kriminaljustiz an die gebotenen Dinge zur "Bürgerschaftsversammlung für kommunale Angelegenheiten" wird (U.Lewald in: Investiturstreit, S.376).

In Köln werden vier Pfarreien ab 1080 in den Quellen dokumentiert und wohl teilweise aus ihnen gehen dann Anfang des 12. Jahrhunderts die Kölner "Sondergemeinden" hervor.

Bei dem starken Wachstum von Stadt und Einwohnerschaft verlagert sich die  Aufgabe der Kriminaljustiz auf die entstehenden Sondergemeinden. Zu sieben von ihnen in der Altstadt im 12. Jahrhundert kommen die der "Immunitäten der großen Kölner Stifter sowie die Vorstädte Oversburg und Niederich, die erst 1106 in die Mauererweiterung einbezogen werden.

In den beiden letzteren gibt es dann dreimal im Jahr das echte Ding mit eigenem Grafen und Vogt (ein Doppelrichtertum) und als Besonderheit mit zwölf Schöffen, die auf Lebenszeit eingesetzt werden und Senatoren heißen. Dort wählen die bald in Bruderschaften bzw. Korporationen organisierten Honoratioren in Geburshäusern auf ein Jahr Vorsteher, „Meister“, die nach ihrem Rücktritt in einem Gremium erfahrener Honoratioren aufgehen. Für Niederich sind solche magistri civium um 1100 erwähnt, in den übrigen Pfarreien erst nach 1130. Nach Ablauf ihrer Amtszeit schließen sie sich zu einem Gremium von officiati zusammen, einer Art Hororatioren-Vorstand der Sondergemeinden.

In Köln tauchen denn auch früher als anderswo im deutschen Raum schriftliche Dokumente bürgerlichen Ursprungs auf, denn auf den echten Dingen werden nicht zuletzt Liegenschaftsangelegenheiten verhandelt: Es sind Grundbücher und damit Bürgerlisten der Kirchspiele, Urkunden über Immobiliengeschäfte und bald auch Erbangelegenheiten. Diese Dokumente werden in Truhen aufbewahrt und heißen darum Schreinskarten. Die erste überlieferte stammt wohl aus dem 2. Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts. Anzunehmen ist, dass hier eben der Wert von Immobilien so hoch ist, dass man sich der Eigentumsverhältnisse schriftlich versichern möchte.

Vermutet wird, dass diese ganze Entwicklung in St. Martin zwischen Römermauer und Rhein einsetzte, weil hier ein Großteil der Kaufleute in der Nähe des Heumarktes wohnt.

 

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Außer durch den Stadtherrn, seine Machtvollkommenheiten und seine Hochgerichtsbarkeit ist die Stadt noch nicht als Gemeinde verbunden und die Bürger verstehen sich offenbar auch noch nicht als "politische" Gemeinschaft. Das ändert sich wohl auch nicht durch einen Aufruhr, der aus gegebenem Anlass gegen den Bischof ausbricht, der offenbar zur Zeit der Ostermesse den Marktfrieden stört. "Informiert" sind wir darüber dank Lampert von Hersfeld, der deutlich mit dem Erzbischof sympathisiert.

 

1074 ist der Bischof von Münster zur Feier des Osterfestes Gast beim Erzbischof Anno von Köln. Für die Rückreise seines Gastes beschlagnahmt er durch seine Dienstleute (Ministerialen, bei Lampert, der einzigen Quelle: qui archiepiscopi domestica negocia curabant) ein bereits zu einer Handelsreise ausgerüstetes Schiff eines Kaufmanns für eigene Zwecke und will sämtliche Waren ausladen lassen. Das wird, nicht aufgrund von Widerrechtlichkeit, sondern wegen der Art des Auftretens der Ministerialen, als Willkürakt aufgefasst. Laut Lampert von Hersfeld findet der Sohn des betroffenen, der bürgerlichen Oberschicht angehörenden Kaufmanns genug Unterstützung, um das mit Gewalt zu verhindern. Nun kommt der Vogt mit seiner Mannschaft, um die Anordnung seines geistlichen Herrn durchzusetzen. Es kommt zum Handgemenge. Schließlich kehrt erst einmal Ruhe ein und das Schiff bleibt in der Hand seines Eigners.

 

Es gelingt dem jungen Bürgersmann, seine Freunde zum Aufstand nach dem Wormser Vorbild aufzurufen, an den sich weite Kreise der Bevölkerung, der vulgus intemperans anschließen. Lampert, für den Bischof Partei ergreifend, schreibt: Die Vornehmen schmieden läppische Pläne; unbeherrscht und umsturzlüstern tobt das Volk. Als wäre man vom Teufel besessen, ruft man in der ganzen Stadt nach den Waffen.

Der Erzbischof und sein Gast sind beim Essen, als die Aufständischen anrücken. Beide retten sich in den Dom. Die ersten erzbischöflichen Bediensteten, die sich wohl in den Weg stellen, werden erschlagen. Der Palast, die Schatzkammer und der Weinkeller werden geplündert, dann wird der Dom belagert. Die Bischöfe fliehen durch einen Geheimgang aus der Stadt. Die Aufständischen besetzen die Mauern, es kommt erneut zu Toten, und sie schicken dann Boten zum König um Hilfe.

Von Neuß aus organisiert der Erzbischof seine bewaffnete Rückkehr. Das bäuerliche Umland ist über die städtischen Untaten entsetzt. Als der Bischof dann nach vier Tagen mit einem Heer aus seinem Machtbereich gegen die Stadt marschiert, müssen die Kölner Bürger sich vor der Übermacht ergeben. Barfuß und im Büßerhemd ziehen sie dem geistlichen Machthaber entgegen. Danach entlässt der Erzbischof sein aus dem erzbischöflichen Terrritorium rekrutiertes Heer und fühlt sich wieder mit seiner städtischen Hausmacht sicher.

 

Laut Lampert fliehen 600 Kaufleuten (mercatores opulentissimi) aus der Stadt, eine sicher zu hoch gegriffene Zahl. Einige Anführer werden geblendet, andere gestäupt und geschoren, einige zu Stockschlägen verurteilt, andere zu hohen Geldstrafen.

Der Besitz der Kaufleute wird nun geplündert, wer sich wehrt, brutal bestraft: So wurde die Stadt, noch vor kurzem die volksreichste und nächst Mainz der Haupt- und Vorort aller rheinischen Städte, plötzlich fast völlig verödet. Wo bisher die Straßen die dichten Scharen von Fußgängern kaum fassen konnten, zeigt sich jetzt nur selten ein Mensch, und schauriges Schweigen herrscht an all den Stätten der Lust und des Genusses. (Lampert zu 1074)

 

Die Härte des Bischofs rührt wohl daher, dass er sich seine Rechte, so wie er sie in seiner Willkür sieht, nicht gewaltsam nehmen lässt, schon gar nicht beim Besuch eines Standesgenossen. Vielmehr wird die Übertragung von Aufgaben und Rechten an Bürger weiter seiner Gnade unterliegen und von seinen Interessen bestimmt bleiben.

Immerhin scheinen die Kölner Bürger sich unterwürfig genug erwiesen zu haben, denn im folgenden Jahr gibt ihr Oberhaupt ihnen die kirchliche Gemeinschaft und sämtliche Güter zurück. Als er kurz darauf stirbt, kommt es zu einer achttägigen Stationsprozession von Kirche zu Kirche, es sind mindestens zwölf, und zwar offenbar unter großer Beteiligung der Bevölkerung. (Goez, S.131)

 

Klar ist, dass der Aufruhr situativ bedingt war und ohne darüber hinausgehendes Konzept bleibt. Zudem haben sich offenbar die Ministaeialen noch nicht hinreichend aus den hof- und dienstrechtlichen Bindungen an den Erzbischof gelöst, um zu Bündnispartnern der Bürger werden zu können. Ein großes Manko für uns heute ist allerdings, dass es nur die eine bürgerfeindliche Quelle gibt.

 

Übr dreißig Jahre später sieht die Lage bereits anders aus. Im Frühjahr 1106 ergreifen die Kölner Bürger Partei für den flüchtigen Heinrich IV. und lassen ihn in die Stadt. Als er Richtung Lüttich weiterflieht, scheitert die Verfolgung durch seinen Sohn, der muss umkehren und die Kölner lassen ihn nun nicht in die Stadt, worauf er sich nach Mainz zurückziehen muss. Dann kommt sein Vater zurück nach Köln, der Bischof wird vertrieben und der Kaiser leitet möglicherweise die Befestigung der Stadt, wobei die Vorstädte Oversburg, Niederich und St.Apostoln in den Mauerring einbezogen werden.

Man muss "der gemeinsamen Arbeit an der Stadtbefestigung eine hohe Bedeutung für das Zusammenwachsen der Bürgerschaft beimessen, erforderte sie doch eine gesamtstädtische Initiative zur Finanzierung und Koordinierung der Bauarbeiten wie auch zur Einhebung und Verwaltung der für den bevorstehenden Kampf ausgeschriebenen Kriegssteuern, der bella stipendia." (Erkens in: Frühgeschichte, S.185) Zudem sperren die Bürger den Rhein mit ihren Schiffen.und schließen laut einer Quelle eine coniurata conspiratio mit den Lütticher Bürgern (Translatio trium virginum)

 

Als Heinrich V. im Juli mit einem großen Heer anrückt, muss er zur Belagerung übergehen, die er nach gut drei Wochen aufzugeben gezwungen ist. Erst nach dem Tode Heinrichs IV. gibt Köln auf, lässt den Erzbischof wieder in die Stadt und bezahlt an den fünften Heinrich eine Art Strafe von 5.000 Mark.

1114 fallen sie von Heinrich V. wieder ab und der belagert Köln erneut, scheitert dann aber an einer Truppe Kölner Bogenschützen. 1119 wiederum öffnen sie ihm die Tore gegen den Willen des Erzbischofs und werden dafür mit dem Interdikt belegt.

In etwa dieser Zeit wohl (um 1115/20) benutzen sie das erste Siegel für eine deutsche Stadt, welches wohl das Schöffenkollegium aufbewahrt, und erweisen sich damit als eine Gemeinde, die eigene rechtlich relevante Dokumente aufsetzen und besiegeln kann, wenn auch wohl erst einmal nur im Auftrag des Stadtherrn.

 

****Mainz****

 

Nach der Mainzer Krönung Rudolfs von Rheinfelden zum König vertreiben die Mainzer ihren, diesen Gegenkönig unterstützenden, Bischof, ohne dass der Grund ganz klar wird. Er wird bis zu seinem Tod 1084 nicht mehr in die Stadt zurückkehren. 1098 wird Erzbischof Ruthart vertrieben und Heinrich IV. übt die direkte Stadtherrschaft nun aus. Als andererseits Erzbischof Adalbert vom König gefangen genommen wird, setzen die "Bürger" seine Rückkehr 1115 durch. Zum Dank privilegiert Adalbert die Bürger mit dem Recht, nur noch das städtische Gericht besuchen zu müssen.

 

Wie konfliktreich Stadtgeschichte auch noch in der Stauferzeit sein kann, zeigt das Beispiel Mainz. 1153 sorgt Friedrich Barbarossa für die Absetzung von Erzbischof Heinrich I. und die Einsetzung seines Kanzlers, des Ministerialen Arnold von Selenhofen. Dieser wird von den einflussreichen Kräften in der Stadt abgelehnt und im Juni 1160 im Kloster St.Jakob erschlagen. Im Juli wird Mainz darauf exkommuniziert und im Jahr drauf vom Papst gebannt. Im April 1163 hat der Kaiser Zeit, sich gegen die Rebellen zu wenden. Er nimmt der Stadt ihre Privilegien und lässt die um 900 von Bischof Hatto ausgebesserte antike Stadtmauer schleifen. Erst um 1200 sind dann Neubaumaßnahmen an den Mauern dokumentiert.

 

****Worms, Bischof und Kaiser****

 

Die sich mit einer Mauer umgebenden und vom Umland derart abtrennenden Stadtgemeinden entstehen in der Regel aus der „Mitverwaltung“ (Pitz) derjenigen Angelegenheiten, die aus den Vorrechten des jeweiligen Stadtherrn abgeleitet sind. In der Regel entsteht die städtische Gemeinde also in Zusammenarbeit mit ihrem Herrn und nicht gegen ihn. Tatsächlich wird Herrschaft nun dadurch erleichtert, dass das entstehende Bürgertum sich tatkräftig in sie einordnet. Wenn sich, wie oben schon erwähnt, der Bischof von Lüttich vor 1066 in Huy finanziell durch Mauer- und Kirchbau übernimmt und ihm die Kaufleute der Stadt anbieten, dafür seine Schulden zu übernehmen, dass er ihrer Schwurgemeinschaft dafür Teile der städtischen Verwaltung überlässt, muss er notgedrungen darauf eingehen. Indem Stadtherren, Fürsten und Könige dann in Urkunden Bürgern als Gemeinschaft gegenübertreten, beginnen sie diese auch anzuerkennen, und zwar über die Verleihung einzelner Rechte hinaus, - was Hergemöller als "epochalen Wandel" bezeichnet (S.10).

 

Ausnahmen gibt es in Sonderfällen wie der übermäßigen Bedrückung des Stadtvolkes mit Abgaben oder jener Wechselfälle der Geschichte, wie sie 1073 zur Vertreibung des Wormser Bischofs und seines kriegerischen Gefolges aus der Stadt führen. Im Sommer hatte Heinrich IV. eine Niederlage gegen die Sachsen erlitten. Die rheinischen Bischöfe wollen einen Gegenkönig wählen, und die Wormser benutzen offenbar die Gelegenheit, mit ihrem Bischof abzurechnen. Dabei geht es allerdings um seine Person und seine Position im Kampf zwischen Kaiser und Papst und nicht um das Wesen der Stadtherrschaft als solcher, die zunächst unangetastet bleiben wird.

Der Wormser Bischof hatte zuvor die von der Familie der Salier gehaltenen gräflichen Rechte an sich gerissen und so bereits Partei in den großen Konflikten im Reich ergriffen. Die Stadt ist allerdings noch weit von einer rechtlichen Gemeindebildung entfernt, weiter in die familiae mehrerer Herren geteilt, besitzt aber offenbar eine auch in Fernhandel engagierte Kaufmannschaft

 

Der konservative Kleriker Lamprecht von Hersfeld, der Heinrich III. im Unterschied zu seinem Nachfolger als vorbildlichen König schätzt und später von dem Kölner Aufstand gegen den von ihm verehrten Erzbischof Anno zurückblickt, ist über den Wormser Aufstand so empört wie Guibert von Nogent gegenüber dem von Laon.

Laut Lampert bildeten die Bürger eine Schwurgemeinschaft (coniuratio) und vertreiben die Krieger des Bischofs (milites episcopi) mit Waffengewalt aus der Stadt. Bischof Adalbert muss fliehen. Als der König  cum magna pompa in die Stadt einziehen kann, kommen ihm die nicht näher bezeichneten Bürger mit ihren Waffen entgegen:

...Sie kommen ihm bewaffnet und gerüstet entgegen, nicht um Gewalt zu gebrauchen, sondern damit er beim Anblick ihrer Menge, ihrer Rüstung (armorum apparatu) der großen Zahl kampfbereiter junger Männer in seiner Not erkenne, wie große Hoffnung er auf sie setzen könne. Bereitwillig geloben sie ihm Beistand, schwören ihm Treue, erbieten sich, jeder nach bestem Vermögen (ex sua re familiari) zu den Kosten der Kriegsführung beizutragen, und versichern ihm, Zeit ihres Lebens treu ergeben für seine Ehre (pro honore eius) kämpfen zu wollen (se militaturos). So hatte nun der König eine sehr stark befestigte Stadt (civitate munitissima potitus) in Händen, und sie war seitdem sein Hauptquartier, sie war die Schutzwehr seines Thrones, sie war für ihn, wie auch die Entscheidung fallen würde, ein sicherer Zufluchtsort, denn sie war stark bevölkert, sie war wegen der Stärke ihrer Mauern (murorum firmitate) uneinnehmbar, sie war infolge der Fruchtbarkeit der Umgebung außerordentlich reich und aufs Beste mit allen für einen Krieg notwendigen Vorräten versorgt. (Annales 1073. Groten S.81 und andere übernehmen das so)

 

An der Spitze steht wohl die reiche Oberschicht der Kaufleute, die beginnt, sich von der übrigen Bevölkerung noch stärker abzugrenzen, und die aus ihrem wirtschaftlichen Erfolg ein neues Selbstbewusstsein gewinnt. Interessant ist dabei das Phänomen einer durch Ummauerung zur Festung gewordenen Stadt, aber mehr noch die offensichtlich vorhandene massive Bewaffnung der Bürger. Unübersehbar ist die wirtschaftliche und militärische Bedeutung, die Lamprecht einer solchen Stadt bereits beimisst, - und man ist geneigt, auch von ihrer machtpolitischen Bedeutung und der ihrer Bürgerschaft, was immer damit auch genau benannt sein mag.

 

Für die Unterstützung bedankt sich Heinrich IV. mit Zollprivilegien und die Stadt wiederum damit, dass sie den Bischof weitgehend aus der Stadt ausgeschlossen hält, wodurch der König und danach auch sein Sohn die meiste Zeit (bis 1215) direkte Stadtherren sind. Die Abwesenheit eines Bischofs oder auch Erzbischofs scheint wie in Norditalien für das geistliche wie weltliche Leben in der Stadt problemlos zu sein.

 

****Hildesheim****

 

Außerhalb des ehemaligen Raumes des Imperium Romanum sind Bischofsstädte Neugründungen und diesen kann bereits eine Ansiedlung vorausgehen wie die Kaufmannssiedlung, aus der Bischofsstadt Hildesheim hervorgehen wird. Am Hellweg gelegen und geschützt durch Flussläufe war bereits im 7. Jahrhundert eine Ansiedlung entlang eines Straßenmarktes entstanden. Diese Siedlung wird so bedeutend, dass um 815 der Bischofssitz von Elze dorthin verlegt wird, auf einen Hügel in der Nähe. 852 beginnt der Dombau, im den bereits ein zweiter Siedlungskern entsteht, der die bischöflichen Interessen bedient.

Noch vor der Jahrtausendwende erhält die alte Kaufmannssiedlung das Marktrecht und bald danach seine Marktkirche. Inzwischen werden Dombezirk und Kaufsmannssiedlung jeweils mit Mauern umgeben. Mehrere Klöster siedeln sich an.

 

****Würzburg****

 

In Bischofsstädten ist die städtische Entwicklung eng verbunden mit der der Diözese, und dort, wo Bischöfe sich darüber hinaus engagieren, mit dem Reich und seinen übrigen Fürsten. Als Beispiel mag Würzburg im 11. Jahrhundert dienen, eine reiche und mächtige Diözese, in der es dem Bischof, wie eine Quelle behauptet, gelungen sein soll, bereits alle Grafschaften zu kontrollieren.

 

Städte entstehen nicht nur an einem Ort und in ihren Mauern, sondern als Teil sehr komplexer regionaler und überregionaler Machtgeflechte, in deutschen Landen noch komplizierterer als anderswo. Als Beispiel mag Würzburg gelten, wie es Rainer Leng so eindrücklich schildert (S.86-139). Im schrittweisen Loslösungsprozess der Bürgergemeinde aus der bischöflichen Stadtherrschaft darf zunächst einmal nicht vergessen werden, dass es „seine“ Stadt bleibt und dabei nach und nach zu der eines geistlichen Reichsfürsten wird.

 

Als seine Stadt ist es der Hauptort seiner klar definierten Diözese. Zugleich ist es aber Residenzort über seinen weltlichen Besitz, den Historiker heute als sein Hochstift bezeichnen. Als das Bistum von einem Vorfahren Karls de. Gr. gegründet wurde, hatte es zunächst den Zehnten aus Königsgütern erhalten, die weit über die Bistumsgrenzen hinausreichten. Durch Schenkungen kamen in den nächsten Jahrhunderten zahllose Güter im ganzen Raum deutscher Lande dazugekommen, in denen er sich von Verwaltern als Grundherr und Gerichtsherr vertreten ließ. Im späten Mittelalter wird der Bischof also über rund 2000 einzelne Besitzungen, Rechtstitel und Einnahmequellen verfügen, von denen der größere Teil allerdings in seiner Diözese und davon wieder ein stattlicher Teil rund um Würzburg liegt.

 

Er ist so der mächtigste Herrscher in seinem Bistum, aber beileibe nicht der einzige. Da reicht die Grafschaft Henneberg in sein Bistum hinein, während der Bischof in der Gegend von Meinigen Enklaven im Henneberger Hoheitsgebiet besitzt. Da ist die staufische Reichsstadt Schweinfurt mit ihrem Umland. Im Osten sind Sachsen, Bamberg und Nürnberg, im Süden Besitzungen derer von Hohenlohe, von Reichsstädten wie Rothenburg, im Westen sitzen die Herren von Wertheim und Rieneck auf ihren Burgen. Zwischen rund 40 bischöflichen Amtsburgen in der Diözese sind die Burgen anderer, kleinerer und kleinster Herren angesiedelt. Einige der Bischöfe versuchen, Besitz im fernen Norden oder in den Alpen gegen solchen in der Nähe einzutauschen, aber es wird nicht gelingen, ein solide zusammenhängendes Territorium zu erringen, was kleinere Herren für ihre Bereiche ebenfalls langsam versuchen. Der „fränkische“ Herzogstitel hilft dabei auch nur wenig.

 

1045 wird Adalbero Bischof, zeichnet sich durch reichliche Bautätigkeit aus, und engagiert sich dann während der Minderjährigkeit Heinrichs IV. bei Hofe. Im Sachsenkrieg beteiligt er sich mit seinem Aufgebot und ist auch persönlich zur Stelle.

Soweit sind die Bürger noch nicht sehr betroffen. Als Heinrich aber dann in Worms dafür sorgt, dass Adalberos Name trotz seiner Kritik am dortigen Beschluss 1076 unter das Dokument gerät, welches Papst Gregor den Gehorsam aufkündigt, ist der Bischof empört und distanziert sich. Er tritt auf die Seite jener Fürstenopposition, welche Rudolf von Rheinfelden wählt und begleitet ihn dann zur Krönung nach Mainz und dann bis nach Sachsen.

Als der Bischof dann in seine Kathedralstadt zurückkehren will, lassen ihn die Bürger nicht hinein. Zusammen mit Rudolf wird die Stadt vergeblich belagert. 1080 ist Adalbero einer der wenigen deutschen Bischöfe, die die zweite Bannung Heinrichs begrüßen. Nicht viel später ernennt Heinrich einen neuen Bischof. Unter dem zweiten Gegenkönig Hermann von Salm wird die Stadt erneut belagert, diesmal erfolgreich, der Bischof kann kurz in "seine" Stadt einziehen, um dann aber vom Kaiser erneut vertrieben zu werden und nun endgültig ins Exil zu gehen.

Es ist nicht nur der Bischof, der die Stadt in gewaltsame Auseinandersetzungen hineinzieht, es sind auch die Bürger selbst, die diese mit Waffengewalt in Beschlag nehmen, nicht um die Machtverhältnisse umzustürzen, sondern um ihre internen Interessen mit dem dafür besten Bündnispartner durchzusetzen. 

 

1105 kann Kaiser Heinrich IV. zum letzten Mal einen eigenen Kandidaten für den Bischofsstuhl durchsetzen, und zwar gegen einen anderen vom aufständischen Sohn bestimmten Anwärter. Als dieser 1121 stirbt, kommt es zum Konflikt. Der fünfte Heinrich setzt auf Gebhard von Henneberg, der gerade in Paris studierte. Aber dessen mächtige Familie stellt schon seit längerem den Würzburger Burggrafen mit seinen militärischen und gerichtlichen Zuständigkeiten. Dagegen steht das Domkapitel mit seinen Adelsfamilien, die keine Vorherrschaft eines aus ihren Reihen wollen. Und dagegen steht die aufstrebende Familie der Staufer, die einen anderen Kandidaten unterstützt, ebenso wie der mächtige Erzbischof von Mainz. Zwischen Domkapitel und dem Henneberger kommt es zum blutigen Kampf, es brennt in der Stadt und kommt zu Verwüstungen außerhalb. Irgendwann nach 1125 muss Gebhard fliehen. Ein neuer Bischof, Embricho, wird einhellig gewählt und unterstützt.

 

In solche Zusammenhänge eingebettet entsteht die Bürgergemeinde einer deutschen Bischofsstadt, Opfer übergeordneter und überregionaler Konflikte, und sich dabei doch aus diesen Zusammenhängen ein Stück weit heraus emanzipierend. Mit dem Ende der Staufer und dem Interregnum werden solche Stadtkommunen selbst regionalen und überregionalen Zusammenhalt herstellen und dabei ihre Interessen vertreten. Gegen Ende des Mittelalters oder dieses vielleicht beendend werden Fürstbischöfe diesem bürgerlichen Emanzipationsprozess ein Ende setzen, wie der von Würzburg 1400, als ihm die Bürgerstadt militärisch unterliegt.

 

****Augsburg und die Konflikte um Kaiser und Papst****

 

Das antike Augsburg lebt als nachantiker und frühmittelalterlicher Bischofsort fort. Nach der Schlacht auf dem Lechfeld 955 wird Bischof Ulrich unter anderem mit dem Recht der Münzprägung belohnt. Die zunehmend bedeutendere Handelsstadt ist wie andere Bischofsstädte Teil jener Adelsfraktionen und Herrschaftsverbände, von denen königliche Macht abhängt.

1025 während des Italienzuges von König Konrad II. schließt sich der Welfe dem Aufstand des Schwabenherzoges Ernst an. Dazu heißt es bei Wipo in dem Tatenbericht über den König:

Ein gewisser Graf Welf in Schwaben, reich an Gütern und waffenstark, und Bischof Bruno von Augsburg hatten sich gegenseitig bekämpft und viel Übles durch Plündern und Brandschatzen im Reich angerichtet. Endlich drang der Graf in Augsburg ein, plünderte das Schatzhaus des Bischofs und verwüstete die ganze Stadt. Auf Druck des Kaisers erstattete er dem Bischof später alles zurück und entschädigte ihn. (in Schneidmüller, S.122)

 

Das aber ist harmlos im Vergleich zu dem, was die Zeit seit 1075 mit ihren Konflikten für eine Stadt wie Augsburg bedeutet. Ende 1074 fordert Papst Gregor Erzbischof Siegfried von Mainz auf, mit einigen seiner womöglich kritikwürdigen Bischöfe, über die er Untersuchungen anzustellen hatte, nach Rom zum Rapport antreten. Darunter ist Bischof Embriko von Augsburg. Der Rombesuch wird wohl nicht angetreten, und Embriko bleibt treu an der Seite Heinrichs.

 

Alles beginnt dann mit dem Einzug von Rudolf von Rheinfelden samt progregorianischen Bischöfen und Kardinallegaten im Sommer 1077. Bischof Embriko muss die Schuld seiner Kaisertreue bekennen, wird kurzerhand abgesetzt und darf nur provisorisch sein Amt weiter ausüben. Direkt danach stirbt er und es kommt zu einer Doppelwahl: Ein Wigolt wird von Teilen des Klerus und der bischöflichen militia zum Bischof gemacht, kurz darauf dann ein "schismatischer" Siegfried (II.), ein königlicher Kapellan.

1083 gelingt es denm Stauferherzog Friedrich von Schwaben mit Siegfried und dem Grafen die Welfenburg Siebnach zu zerstören. Wigolt kann sich gegenüber dem populus nicht durchsetzen und muss nach Füssen fliehen, wo er herstammt.

 

 

Anfang 1084 gelingt es dem bayrischen Herzog Welf IV. von der gregorianischen Partei, die Stadt unter Begleitung Wigolts mit einer List einzunehmen, die Stadt auszuplündern und zu verwüsten, wovon auch die Domkanoniker nicht ausgenommen werden, während Wigolt, nun im Amt, im Schutz des welfischen Heeres laut 'Annales Augustani' den Domschatz beraubt und unter seinen Anhängern verteilt. Siegfried kann fliehen. Erst als Heinrich IV. aus Italien zurückkehrt und sich auf dem anderen Lechufer niederlässt, flüchten die Besatzer. Bischof Siegfried wird wieder eingesetzt.

April 1088 gelingt es Welf IV. erneut, die Stadt einzunehmen, und nicht nur ihre (Stadt)Mauern zu zerstören, zu plündern und zu rauben. Wigolt taucht erneut dort auf und verschwindet dann wieder, um im selben Jahr zu sterben, während Bischof Siegfried von Welf in Ravensburg gefangengesetzt wird. Nachdem mehrere Versuche vom Welfen, vom Schwaben und vom Zähringer scheitern, antikaiserliche Bischöfe einzusetzen, die bald sterben, kann sich Siegfried 1090 mit Zahlung eines großen Lösegeldes freikaufen und nach Augsburg zurückkehren. 1092 gelingt es  der Bürgermiliz, einen weiteren bayrischen Angriff auf die Stadt zurückzuschlagen. 1094 versucht ein Abt von Kempten beim vom Vater abgefallenen Sohn Konrad in Italien das Bistum zu erlangen, stirbt aber dann.

Ende 1096 stirbt Siegfried und Heinrich IV. setzt den hochadeligen Herrmann aus dem Haus Cham-Vohburg ein, der offenbar mit der Waffengewalt seines Bruders der Stadt aufgedrängt wird. Ab 1100 schafft dieser Bischof Hermann die Aussöhnung mit Papst Paschalis II. und mit seinem Komkapitel. Ab 1106 gibt es neue Konflikte mit dem Papst, und dann besonders mit Gelasius II., der ihn bannt, weil er den Gegenpapst Gregor VIII. unterstützt. Erst nach der Anerkennung des Wormser "Konkordates" auf dem Laterankonzil kommt es zur Aussöhnung mit Calixtus II. (Alles nach Kreizer in: Kaufhold, S.7ff)

 

Klosterstädte

 

Klosterstädte unterscheiden sich von Bischofsstädten durch die nicht per se gegebene weltliche Macht und durch den besonderen Schutz, dessen sie bedürfen. Am Frauenkloster Essen, im 9. Jahrhundert gestiftet, wird es wohl bereits im 10. Jahrhundert einen Markt gegeben haben wie bei vielen Klöstern. König Heinrich III. privilegiert 1041 ausdrücklich einen solchen. Den Äbtissinnen gelingt es aber bis Mitte des 13. Jahrhunderts, als ein Mauerbau zusammen mit den Bürgern und Ministerialen beschlossen wird, den Ort ohne stadtgemeindlichen Charakter unter ihrer Kontrolle zu behalten. Und auch danach werden klösterliche Grundherrschaft und Stadt "eng verzahnt" bleiben (Th.Schilp).

 

Schon 944 wird für Cluny ein burgum erwähnt, welches neben dem castrum der Abtei seinen eigenen Frieden besitzt. Herzog Wilhelm von der Normandie vergibt seinem Kloster Bec licentiam burgum faciendi circa ipsum monasterium. (in: Frühgeschichte, S.7). In Beaupreau dürfen die Mönche von Saint Serge von Angers einen bourg errichten, der so groß sein darf wie sie es schaffen (Frühgeschichte, S.131).

 

Um 1070 bietet Raoul von Fougères den Mönchen von Marmoutier an, bei seinem castrum ein Priorat anzulegen, die Lage wegen ihrer angenehmen Schönheit. Dort dürfen sie Kirche und Wohngebäude anlegen und er fügt die Erlaubnis hinzu, einen burgus am Kopfende der Brücke über den besagten Fluss zu gründen. (…) Ich gewähre den Mönchen für das ganze Jahr den Zehnten auf alle Waren, die man dort auf den Markt kommen sieht und die Hälfte von der Messe, die jedes Jahr an der besagten Burg in der Oktave von Pfingsten stattfindet. (in Audebert/Treffort, S.112)

Hier entsteht ein Ort mit städtischen Qualitäten gemeinsam durch einen Burgherrn und ein Kloster, - und direkt neben beiden.

 

Schaffhausen entstand um die Jahrtausendwende an einer Furt des Rheines als kleine Handelsstation. 1045 erhält Graf Eberhard von Nellenburg das Münzrecht für Scafhusun. Mit der Gründung des Allerheiligenklosters 1049 durch die Nellenburger beginnt es erheblich zu wachsen. Der Sohn des Klostergründers schenkt 1080 die Stadt samt Markt- und Münzrecht und macht so den Abt zum Stadtherrn. Mitte des 12. Jahrhunderts gibt es in den Mauern bereits 112 bebaute Hofstätten, neun Bier- und zwei Weinschenken, und die Stadt hat wohl damals bereits mit dem Kloster rund tausend Einwohner (KellerBegrenzung, S.254). 1190 werden Stadt und Kloster reichsunmittelbar.

 

Um 826 gründet Bischof Radolf von Verona eine nach ihm benannte Cella, die dann mit Reliquien insbesondere des Apostels Markus ausgestattet und so zum Pilgerort wird. 1100 gründet der Abt von der Reichenau auf seinem Gebiet des Stiftes Ratolfiscella zusammen mit dem dortigen Vogt, dem dortigen Meier (villicus) und den Stiftsherren das Forum in villa Ratolfi, also auf dem Boden der dortigen Ansiedlung. Dort gibt es gegen eine Abgabe an den Meier das freie Eigentumsrecht über Immobilien und iusticia et libertas der Stadt Konstanz. Hörige des Stiftes sollen auf ihrer Scholle bleiben, wenn sie aber erst einmal Eigentum in der neuen Stadt erworben haben, sind sie dem städtischen Recht unterworfen. Da den Hörigen durch die Gründung die Nutzung von Wald und Allmende-Weide (ligna et pascua) eingeschränkt worden ist, wird ihnen das Recht auf Handel in der Stadt verliehen. Die Vogteirechte gehen an Reichenauer Ministeriale, die zusammen mit Meier und Schultheiß für die Gerichtsbarkeit in der Stadt und die Abgaben der nun verkleinerten Villifikation zustänbdig sind.

Bald wird die Stadt ummauert und mit Tortürmen versehen. Eigentliche Stadtrechte gibt es erst nach erneuter direkter Unterstellung unter den Reichenauer Abt 1267. Aufgrund der massiven Verschuldung der Abtei gelangt Radolfzell Ende des Jahrhunderts an die Habsburger.

 

Pilgerstädte

 

Das klassische Beispiel ist Santiago de Compostela: Lokale und regionale Interessen verbanden sich im 9. Jahrhundert mit dem Wunsch eines Königs von Asturien, einen zentralen Heiligen samt Heiligtum für den Abwehrkampf gegen die Mauren zu gewinnen. Entsprechend „fand“ man „am Ende der Welt“, wohin die Leiche des Apostel Jakobus nach populären Legenden gelangt sein soll, die heiligen Überreste und baute ihr eine Kirche.

 

Noch im 10. Jahrhundert zunächst überwiegend ein innerspanisches Heiligtum, entwickelte sich der kleine Ort im Zuge des Aufschwungs des Pilgerwesens im 11. Jahrhundert zur Stadt, die Reichtum über die Gaben der Pilger anhäufte. Dazu kam das Beherbungswesen, die Gastronomie und der Verkauf von Devotionalien, zu denen nicht zuletzt die unter anderem für manchen auch wohlschmeckende Jakobsmuschel als Pilgerabzeichen gehörte.

 

Die Fälschungen, aus denen heraus Santiago de Compostela erfunden wird, finden auch für schon bestehende Bischofsstädte statt. Im zehnten Jahrhundert scheint es zu einem Aufschwung des Pilgerns nach Limoges zum heiligen Martial gekommen zu sein. Die Bischöfe unterstützen eine Legendenbildung, die einen Bischof des 3.Jahrhunderts in einen Apostel Aquitaniens umdichten. Mit dem Neubau einer Klosterkirche durch Abt Odalrich wird diese Legendenbildung verstärkt, was die Pilgerströme verstärkt. Der sehr belesene Mönch Ademar von Chabannes kommt zu Studienzwecken aus dem Kloster St. Eparchius in Angoulême und unterstützt das mit Texten und der Musik zu einem Text, der angeblich von Martial stammen soll. Schließlich siedelt er mehrmals eine ganze Weile ganz in das Kloster mit der neuen Kirche um und schreibt Fälschungen, um Martial zu einem Zeitgenossen und Apostel Jesu zu machen, zu einem Juden übrigens obendrein. 1031 erkennt ein Papst die Apostel-Haftigkeit Martials an, wenigstens in einem von Ademar gefälschten Brief.

 

Limoges erlebt einen erheblichen Aufschwung, und Martial mit seinen Reliquien wird zum Zentrum einer regionalen Friedensbewegung. Das Kloster wird Mitte des 11. Jahrhunderts von den Cluniaszensern übernommen, die gegen Ende desselben die „Apostolizität“ anerkennen. Zu den Pilgerströmen nach Limogen kommen nun die Neubauten von Martialskirchen in vielen Regionen Aquitaniens. (nach: Richard Landes, Relics, Apocalypse, and the Deceits of History: Ademar of Chabannes, 989-1034. Cambridge HUP, 1995). 

Eine alte Pilgerstadt ist auch Tours mit seinem Heiligen Martin. Nicht überall entwickeln sich dann aber Städte, das abgelegene Conques mit seiner heiligen Fides führt nur zur Ansammlung weniger Häuser, wie auch das Rocamadour mit seiner schwarzen Jungfrau.

 

Wieder anders war der Aufstieg von Sint Truiden/Saint Trond. Hier gründete der wegen seiner Heiligkeit berühmte (St)Trudo um die Mitte des 7. Jahrhunderts ein Kloster. Der große Reichtum, den Scharen von Pilgern dem Kloster einbrachte, verhalf einer zunächst kleinen Siedlung daneben zum Aufstieg. Im 11. Jahrhundert wurde eine große Abteikirche gebaut, um dem großen Pilgerstrom gerecht zu werden.

 

Keller schreibt: Die Klostersiedlung von St.Trond soll wie eine belagerte Stadt ausgesehen haben, weil sich an allen Zugangswegen schon weit vor dem Ort Zelte, Laubhütten und andere provisorische Unterkünfte drängten. Die Kaufleute konnten mit Tragtieren, Karren und Wagen kaum herbeischaffen, was zur Versorgung solcher Menschenmengen notwendig war.“ (Begrenzung, S.222)

 

Bald danach wurde die entstehende Stadt erst mit Holzpalisaden, und dann mit einer Steinmauer (1129) umgeben. Sint Truiden verließ sich aber nicht wirtschaftlich auf die Pilgermassen, sondern entwickelte wohlhabende Handwerke mit mächtigen Zünften und einen ausgiebigen Tuchhandel bis nach England und Frankreich.

 

Städte weltlicher Fürsten

Neben Städten, die sich aus Bischofssitzen, Klöstern und Pilgerstätten entwickeln, gibt es auch solche, die aus dem Kern von Burgen, Pfalzen usw. entstehen. Schon lange vor der Römerzeit besiedelt, entwickelte sich in der Spätantike auf einem Hügel an einer Mainfurt eine Art römischer Vorposten. Den nehmen dann die Franken in Besitz und errichten spätestens im 8. Jahrhundert die Königspfalz von Franconofurd mit großem königlichem Landbesitz und königlichem Forst, wo 794 eine bedeutende Synode unter dem Vorsitz von Karl d.Gr. abgehalten wird. Daran nimmt auch Paulinus von Aquileja teil: in loco celebri, qui dicitur Franconofurd.

Im 9.Jahrhundert wird Frankfurt zeitweilig zu einem der wichtigsten ummauerten Orte mit Königspfalz im Ostreich, was die Stadt wachsen lässt. Durch den Handelsweg wird es zu einer Handelsstadt, während anderen weltlichen Stadtgründungen ausgesprochen produktive Grundlagen zu eigen sind, die oft mit Bergbau und Salzproduktion zu tun haben.

 

****Goslar****

 

Ein anderes Modell von Stadtentwicklung bietet Goslar. Dort war ein Dorf, und als man Mitte des 10. Jahrhundert im Rammelsberg die reichlichen Vorkommen an Silbererzen entdeckte, entstand eine Bergmannssiedlung. Das Bergwerk geht wohl direkt auf Otto I. zurück. Mit dem Untertagebau dort wird dann ein neues technisches Niveau des Ausplünderns des Planeten erreicht. Daneben entsteht eine „Marktsiedlung mit Kirche und Viereckplatz als neues Zentrum des Nahhandels.“ (Pitz, S. 201) Das Silber veranlasst Kaiser Heinrich II., die Pfalz Werla dorthin zu verlegen.

 

Aber das hat noch einen zweiten wesentlichen Grund. Werla war der Versammlungsort des widerspenstigen sächsischen Adels, und die (sächsischen) Könige besuchten die dort regelmäßig stattfindenden Tagungen, um sie zu kontrollieren. (Schubert in Bernward S.215) Ab 1009 sieht sich der König stark genug, die sächsischen Großen nach Goslar zu zwingen, in „seine“ Stadt.

1051 lässt Heinrich III. zum Neubau eines palatium eine Stiftskirche erbauen und das dazugehörige Stift St. Simon und Judas, welches der Ausbildung der Hofkleriker dienen soll. Zwei weitere Stifte kommen hinzu. Im Schutz der neuen Pfalz auf dem Liebfrauenberg entsteht eine Kaufmannssiedlung.

 

Dann werden Pfalz und Siedlung mit einer Befestigungsanlage umgeben. Anfang des 12. Jahrhunderts besteht die Stadt bereits aus vier Siedlungen mit ihren Pfarrkirchen. Laut Groten zeichnet sich hier „eine Stadt neuen Typs“ ab, die nicht mehr aus einem Bischofssitz entsteht, sondern aus einer Pfalz heraus, und die direkt dem König untersteht. Dabei wird die Stadt aber mit Stift und Kirchen fast wie ein Bischofssitz ausgestattet. 1131 wird sie zum ersten Mal als civitas bezeichnet, 1152 auch von Friedrich Barbarossa. 1219 erhält sie das Stadt-Privileg von Friedrich II.

 

Könige fördern Städte aus demselben wirtschaftlichen Interesse wie Bischöfe und weltliche Fürsten: Als Stützpunkte für die Ausbildung von Territorien und als Einnahmequelle. Zu solchen gehören das thüringische Frankenhausen und Lüneburg, beide auf Salz gebaut.

 

 

Das antike castrum Boppard am Mittelrhein bleibt kontinuierlich besiedelt und als fränkischer Königshof und Münzstätte erhalten. Die Sachsenkaiser halten sich dort gelegentlich auf. 1050 erhält die Stadt unter Heinrich III. Marktrechte, unter seinem Nachfolger Zoll, immer Reichsministerialien unterstellt, die dort auf ihren Adelshöfen leben. Heinrich IV. kauft seinen Ministerialen in Boppard Häuser ab, lässt sie abreißen und vergrößert so den Marktplatz. (KellerBegrenzung, S.64)

Auf dem Stadtsiegel von 1236 nennt sich Boppard "freie Stadt des Reiches", inzwischen verwaltet von einem Senat des Adels und einem der Bürger. Beim Niedergang Friedrichs II. staufisch gesinnt, schließt sich die Stadt 1254 dem Rheinischen Städtebund an.

 

In den hundert Jahren Salierherrschaft vervielfacht sich die Einwohnerschaft und die Fläche für das königlich/kaiserlich geförderte Speyer, eben nicht nur eine Bischofs- sondern nun auch eine Kaiserstadt auf das Fünffache der Fläche. Da das Flächenwachstum mit dem Bevölkerungswachstum des öfteren nicht Schritt halten kann, wird vom Hausbau mit in die Erde versenkten Pfosten zum Aufbau auf steinernem Fundament übergegangen und auch dadurch mehrgeschossiges Bauen ermöglicht.

Mit der Verteilung von Rechten erst an Einzelne und dann an Gruppen werden Neu“Bürger“ dann geradezu angelockt.

 

 

Frankreich

 

Die Entwicklung der alten Bischofsstädte zur hochmittelalterlichen Stadt lässt sich in ausgiebigen Spaziergängen in den heutigen Altstädten von Tours und Poitiers noch sehr schön nachvollziehen. Im Osten von Tours liegt die alte Römerstadt mit ihrer Kathedrale, mit einer von Karl dem Kahlen renovierten Mauer. Im Westen (dem heute ergiebigeren Altstadtteil) entsteht um die Basilika des heiligen Martin ein burgus, der Anfang des zehnten Jahrhunderts ummauert wird. Zwischen beiden Orten liegt freies Feld mit der Abtei Saint-Julien, 933 renoviert und ebenfalls Ziel von Pilgerfahrten. Auch dort siedeln sich Handwerker und Händler an, bis beide Orte zu einer Stadt zusammenwachsen. Nachdem dann um 1130 auf Kosten von Grundherren eine Brücke über die Loire gebaut wird, entsteht dort die nächste Vorstadt. Der Unterhalt der Durchgangsstraße wird ebenfalls von den Grundherren aufgebracht, die darauf mit gesteigerten Abgaben rechnen können.

 

Die weiter in den römischen Mauern gelegene Stadt Poitiers war nur locker bebaut, zu den Häusern gehörten Gemüse- oder Weingärten (Pitz, S. 170). Die meisten dieser Häuser, wenn sie nicht Kirchen, oder Behausungen der wenigen Großen in der Stadt waren, wurden weiter bis ins hohe Mittelalter aus Holz, Lehm und Stroh gebaut. Das Zentrum ist die cité um die Kathedrale Notre-Dame-La-Grande und der Palast der Herzöge von Aquitanien..

Vor einem der Stadttore existierte ein Straßenmarkt, und außerhalb entwickeln sich in spätkarolingischer Zeit bereits Ansiedlungen um das Stift Saint-Hilaire (ummauert) und um das Kloster Saint-Cyprien, die beide im 11. Jahrhundert burgus heißen. In diesem Jahrhundert kommen zu weiteren Klostern wie dem der heiligen Radegunde neue Vorstädte wie Saint-Cyprien auf der anderen Loire-Seite und nach 1070 Saint-Saturnin hinzu und ein weiterer (Wochen)Markt. Etwas flussabwärts entsteht der Markthaften Montierneuf. Inzwischen genießen die in einer Straße versammelten Waffenschmiede bereits europäisches Ansehen. Poitiers wird am Ende, im hohen Mittelalter, aus sechs Siedlungskernen zusammenwachsen.

 

Unterentwickelt ist das Städtewesen in der Bretagne und ihrem Umfeld. Rennes und Nantes bestehen aus gräflichem, bischöflichem und monastischem Kern, in deren Nähe sich bourgs kleiner Produzenten ansiedeln. Auch Le Mans besitzt noch kein geschlosseneres Stadtbild.

Weiter entwickelt ist Angers unter seiner Grafendynastie, die unter Fulko Nerra ihren Höhepunkt erreicht. Kerne der Stadt sind die gräfliche Burg, die bischöfliche samt Kathedrale und Domherren und drei, vier weitere geistliche Machtzentren. Die wiederum haben alle ihre familia und curia und schon damit ein großes Nachfragepotential auf dem Markt. Insbesondere auf dem Jahrmarkt im September kommt dazu Angebot und Nachfrage aus dem ganzen Anjou. Ende des 11. Jahrhunderts haben sich hier reiche bürgerliche Familien etabliert: Aimery le Riche, Bürger und Kaufmann, hat laut den Mönchen von Saint-Aubin, einen unerschöpflichen Reichtum angehäuft. Dazu besitzt er laut ihnen einen bourg, also wohl einen ganzen Straßenzug. Wie sein Bruder Andefred, ebenfalls Kaufmann, steigt er Ende des Jahrhunderts über gräfliche Dienste in die Ritterschaft auf (Chédeville in: Frühgeschichte S.125)

 

Um 1000 nimmt das Phänomen der Burgus-Gründungen, von Märkten an kleinen Stadtkernen überhaupt zu. Vor Saintes entwickelt sich Saint-Vivien so wie es einen burgus vor Le Puy gibt, vor Albi und Toulouse. Der Kathedralbereich sollte frei von Geschäften bleiben. 

Neugründungen lehnen sich an Klöster wie Mont-Saint-Michel, Cluny, Saint-Jean-d'Angely oder Vézelay an, Orte, an denen Pilgerströme Geschäfte versprechen, oder an Burgen wie Chinon oder Cognac oder verwachsen mit der Kathedral-Cité. Überhaupt entstehen mit der Zergliederung Frankreichs  in eine Vielzahl von Burgherrschaften zahlreiche, zunächst kleinere burgi wie in Vendôme, wo es im 10. Jahrhundert eine wichtige Burg gibt, neben der der Graf von Anjou 1033 ein Kloster stiftet und die Entstehung eines burgus erlaubt. Burg und Ort tauchen 1092 als oppidum mit Münze und Messe auf (Ehlers, S.69f)

 

Da Paris seit dem Ende des 10. Jahrhunderts durchgängig Hauptort des werdenden Frankreichs bleibt, hat es eine Entwicklung durchgemacht, die die Stadt auf dem Weg ins hohe Mittelalter auf Spaziergängen heute kaum noch nachvollziehbar macht. Das antike Lutetia, in der Chlodwigzeit als Parisiorum castellum in seiner Bedeutung geschrumpft, konzentrierte sich immer mehr auf die Seine-Insel, auf der das römische Praetorium stand, die Bischofskirche dazukam und die merowingische Konigspfalz.

Die alte römische Stadt auf der linken Seineseite mit ihren frühmittelalterlichen Überbauungen war im Normannensturm 856 zerstört worden. Erneuert werden dann nur die wichtigen Klöster und Kirchen. Der Rest wird zu Gärten und Wingerten.

 

Handwerker und Händler siedelten sich um die Kerne, den königlichen Hof und die Klöster an, die Güter nachfragen. Im 10. Jahrhundert entsteht bereits auf dem rechten Ufer eine Siedlung von Handwerkern und Händlern. Zentrum der Stadtteile werden Pfarrkirchen wie die von Saint Jacques. Ein erster Markt wird im 11. Jahrhundert angelegt.

Als Hauptstadt und Residenz nimmt die Stadt im 12. Jahrhundert einen erheblichen Aufschwung. Aber Hauptstadt heißt noch nicht, dass der König alleiniger Stadtherr ist. Der Ostteil der Île de la Cité untersteht weiterhin dem Bischof, ebenso rechts der Seine der Burgus von Saint-Germain-lAuxerrois. Andere Herren kontrollieren weitere Stadtgebiete. Aber seinen Aufschwung verdankt die Stadt wohl vor allem den Königen.

Zwischen 1111 und 1129 entstehen drei Steinbrücken, die beide Flussteile über die zentrale Insel verbinden und etwa in dieser Zeit wird der Ort rechts der Seine ummauert.

 

Die Domschule bringt mit Wilhelm (Guillaume) von Champeaux einen bedeutenden Gelehrten hervor, der im Leben Abaelards eine Rolle spielt. Wilhelm zieht sich 1108 zur Kapelle Saint-Victor zurück, und dort gründet Ludwig VI dann die gleichnamige Abtei, die ein Zentrum abendländischer Gelehrsamkeit wird. Aus der ganzen Christenheit, besonders aus England, Italien und den deutschen Landen, strömen junge Leute herbei, die in Paris nun lernen wollen. Nicht mehr lange, und in Paris wird aus der Domschule die erste Universität entspringen. Auf der Insel und links davon hausen immer mehr Scholaren, in der Regel zur Miete, was der Stadt Einnahmen bringt. Steigende Nachfrage der Studenten treibt die Preise in die Höhe.

Der König greift ein, indem er zum Teil Städten Charten mit einzelnen Rechten gewährt. Von 1121 ist ein königliches Privileg der Gilde der Kaufleute (mercatores) überliefert. Die Weintransporte auf der Seine werden von Abgaben befreit. Wenige Jahre später wird von Mühlen an der Seine berichtet. 1123 gibt er ein weitrechendes Privileg an die Hanse der Wasserkaufleute (marchands de l'eau), jener, die von Paris aus den Handel auf der Seine vor allem betreiben, - eine der Gründungsurkunden eines neuen, städtischen Paris, die mehrmals erneuert und erweitert werden wird.

 

Laon als königlich-französische Stadt entwickelt sich ganz anders: Sie teilt sich in den König (Turmburg), den Bischof (Palast und Kathedrale), „bürgerliche“ Honoratioren (proceres) und Unfreie (servi). Es kommt zur Kommunebildung der städtischen Grundbesitzer nach 1100. Gut überliefert ist der Aufstand von Laon zwischen 1110 und 1114. Dabei gibt es Koalitionen zwischen ritterlichen Herren wie den Coucy und der Stadt mit ihren nicht adeligen burgenses gegen den dortigen Bischof und dem Landadel, den proceres urbi. Erstere leben in der bourg außerhalb der Mauern der Kathedralstadt, letztere drinnen.

 

Guibert, Abt von Nogent-sur-Coucy, beschreibt in 'De Vita sua' die Ereignisse in Laon 1112:

Am nächsten Tag, als der Bischof und Erzdiakon Gautier nach der Mittagsmesse dabei waren, Geld zusammeln, kam es plötzlich in der ganzen Stadt zu einem Tumult mit Männern, die „commune!“ schrien. Dann … attackierte eine große Menge von Bürgern den bischöflichen Palast, bewaffnet mit Rapieren, zweiseitigen Schwertern, Bögen und Äxten, dabei Knüppel und Lanzen tragend. Sobald diese plötzliche Attacke entdeckt war, sammelten sich die Adeligen von allen Seiten um den Bischof, hatten sie doch geschworen, ihm gegen einen solchen Angriff Hilfe zu leisten, wenn es denn dazu käme. (III,8)

Und dann erklärt er: Kommune, dieses neue und ganz schlimme Wort heißt, dass Zensualen den geschuldeten üblichen Kopfzins einmal im Jahr entrichten und bei Rechtsverletzungen die gesetzliche Strafe bezahlen, aber von sonstigen Zinsleistungen, wie man sie Hörigen auferlegt, gänzlich frei sind.

Der Bischof Ivo von Chartes hält die Kommunen für einen Verstoß gegen kanonisches Recht.

 

Nach vier Jahren Anarchie ist die in den Kämpfen ausgebrannte Kathedrale wiederhergestellt und der Erzbischof konstatiert die Wiederherstellung des „Gehorsams“. Aber 1128 lesen wir, dass der König der Stadt gewisse Freiheiten verliehen hat. Fronarbeiten, kirchliche Willkürjustiz und willkürliche Steuern werden abgeschafft. (Institutio Pacis), die der Aufrechterhaltung des Friedens, der Ordnung des Marktes und des bürgerlichen Grundbesitzes vor allem außerhalb der Stadt dient, Basis des Reichtums dieser „bürgerlichen“ Elite. Im 12. Jahrhundert zieht sich der Adel wie zum Beispiel der Kastellan des Bischofs und die Burgherren aus der Stadt auf ihre Ländereien zurück.

 

Communis ist zunächst der gemeinsame Besitz, dann werden es die gemeinsamen Angelegenheiten, gemeinsame Aktivitäten wie Bau und Erhalt der Stadtmauer und die Verteidigung der Stadt. Dazu kommen in Frankreich die Aufsicht über den Markt und die Gewerbe, die von den Stadtherren immer weniger wahrgenommen werden. Dazu gehören dann auch die Abgaben, die die Versammlung der Bürger für die Verwaltung ihrer Stadt erhebt. In Frankreich entstehen solche Bürgergemeinden manchmal aus den Konflikten zwischen bischöflichen Stadtherren, einer städtischen Oberschicht, mächtigen Adeligen auf dem Lande und den königlichen Interessen, die außerhalb seines engen Machtbereichs das Bündnis mit den Städten suchten.

 

Ziel der französischen Kommunalbewegung war es von Anfang an, den Frieden einer öffentlichen Ordnung herzustellen, der anders nicht zu haben war, nachdem der Bischof, sein Vogt, Äbte, Graf. feudaler Adel und entstehendes Bürgertum um die Macht konkurrieren. Schon 1027 verbündeten sich Einwohner von Noyon mit dem Bischof gegen den königlichen Vogt und vertreiben ihn. Städtischer Adel verbündet sich besonders im Süden mit den Bürgern. Aus grundherrlichen städtischen Gerichten mit stadtbürgerlichen Schöffen wird bürgerliches Selbstbewusstsein gezogen. 1050 gelingt es solchen Leuten, in Saint-Jean-d'Angely Steuerbefreiungen und Handelsvergünstigungen zu bekommen.

 

1070 verschwören sich die cives von Le Mans mit Unterstützung des Bischofs, der Kleriker und der Bauern des Umlandes gegen neue Steuern des Herrn de Sillé. Man unternimmt einen erfolglosen Feldzug gegen benachbarten Feudaladel und gewinnt nach einer Quelle Anteil an der Gerichtsbarkeit. Es handelt sich um kleine Leute, Handwerker, die ihre eigenen Produkte verkaufen "plus riches de leur traiavail que de leur capital, incapables de soutenir une action de quelque durée" (Chédeville in: Frühgeschichte, S.122)

 

In Cambrai geht dem Aufstand gegen den Stadtherrn im Frühjahr 1077 ein vielleicht damit verbundener Konflikt voraus. Ein Priester namens Ramihrdus predigt im Umland so, dass er eine große Anhängerschaft erhält. Das erregt das Misstrauen des Bischofs, der eine Untersuchung anberaumt, die nichts Inkriminierendes ergibt. Endgültige Klarheit soll der Empfang der Hostie erbringen. Den verweigert der Priester aus der Hand eines Habgierigen, eines Simonisten vielleicht sogar. Das erregt die anwesende Geistlichkeit so sehr, dass sie ihn zum Lehrer für Ketzerei erklären, aus der Kirche herausschleppen und dann verbrennen. (Chronicon Sancti Andreae Castri Cameracesii. III,3) Gregor VII. exkommuniziert den Bischof darauf zunächst.

 

Zu etwa dieser Zeit, wohl kurz darauf, bilden die Bürger in Abwesenheit ihres Bischofs, ihres geistlichen wie weltlichen Oberhauptes, eine conspiratio, die ihrem Stadtherrn die Rückkehr nur erlaubt, wenn er ihnen erlaubt, sich als communia zu formieren. In ihr soll das städtische Gewohnheitsrecht fixiert und die Steuerlast reduziert werden. Die Geistlichkeit macht mit, weil sie den Bischof für zu anhänglich an den Kaiser hält (Favier) Sie scheitern nach kurzem Nachgeben des Stadtherrn an der Unterstützung, die der Graf des Hennegaus dem Bischof bietet. Der wiederum billigt Valenciennes eine Kommune zu. 30 Jahre später macht Kaiser Heinrich V. einen zweiten Anlauf der Bürger von Cambrai zugunsten des Bischofs zunichte.

 

1099 kommt es zu einer Verschwörung in Beauvais, in der die Bürger den Bischof zwingen, ihre Gewohnheiten anzuerkennen, ihnen Rechtsstatus zu verleihen. Im selben Jahr kommt es zum Friedensschwur in Rouen. 1109 bewilligt Bischof Baudry für Noyon eine Charta städtischer Rechte und legt sie König Ludwig VI. zur Bestätigung vor.

 

Insgesamt aber entstehen die bürgerlichen Stadtgemeinden nicht aus dem Konflikt mit dem Institut des Stadtherrn, sondern überwiegend einvernehmlich mit diesem. Er gewährt ihnen die Freiheiten, die zur Gemeindebildung führen, aus eigenem Interesse.

 

Die französischen Könige unterstützen das Bürgertum wirtschaftlich sehr bewusst, bis sie sich auf dieses stützen können. In ihrem unmittelbaren Machtbereich aber vermeiden sie von vorneherein, dass Bürger dabei allzu viel politischen Einfluss gewinnen. Dagegen unterstützen sie die Kommunalbewegung außerhalb der Krondomäne, um fürstliche Konkurrenten zu schwächen.

 

England

 

Die meisten größeren englischen Städte sind nicht wie die deutschen Bischofstädte mediatisiert, sondern bleiben unter der direkten Königsherrschaft, die dieser durch seine Sheriffs ausüben lässt, die ihre Ämter pachten und sich dafür an den Städtern schadlos halten, was durchaus Konflikte hervorrufen kann. Sheriffs leiten denn auch die städtischen Versammlungen. Dabei entwickelt sich aber ähnlich wie auf dem Kontinent durch königliche Privilegien eine neue städtische „Gesellschaft“.

 

Eine englische byrig bzw. porta, von denen es etwa 60 am Ende des angelsächsischen Königsreiches gibt, zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Münzstätte mit wenigstens einem Münzer besitzt, was zumindest ein wenig Handel vermuten lässt. Die meisten dieser Orte haben um 1000 deutlich weniger als tausend Einwohner. Die vier größten mit über 5000 Einwohnern sind damals wohl London, Winchester, York und Lincoln, vielleicht in dieser Reihenfolge. Burhriht (Burgrecht) unterscheidet sie von dem landriht drumherum. Die "Bürger" halten ihre Immobilie(n) gegen Zins als Eigentum, haben eigene Gerichtsbarkeit und schulden dem König eine spezifische Abgabe (farm).

Auffällig ist, dass eine Kathedrale auch in kleinen Orten stehen konnte und größere Städte nur kleine Kirchen und oft kein Kloster enthielten.

Wichtigere Städte haben von den Königen bereits spezifische Rechte erhalten. Bürger in London sacken zum Beispiel die Zölle in ihrem Hafen ein. Exeter und Dover sind Verhandlungspartner der Könige, in Dover und Canterbury gibt es städtische Gilden der bürgerlichen Oberschicht.

 

Einige Städte wachsen wie kontinentale Bergbaustädte mit der Ausbeutung von Bodenschätzen zu klassischen Gewerbestädten heran. Exeter wird Handelsort für das Zinn aus Cornwall, von dem um 1160 etwa 60 Tonnen pro Jahr aus der Erde geholt werden und etwa 600  1214, worauf das Potential dann bald erschöpft sein wird. (Carpenter, S.45) Im Forst von Dean wird Eisenerz gefördert und zu Roheisen geschmiedet, um dann in Gloucester zu Eisenwaren wie Hufeisen, Eisenrädern und Fassbändern verarbeitet zu werden. In der Gegend von Corfe mit seiner mächtigen Burg wird Marmor aus der Erde gebrochen.

Wichtigster Exportartikel neben dem Zinn bleibt die Wolle, und wichtigster Importartikel ist Wein, zunächst aus Anjou und Poitou, und mit dem Verlust dieser Gebiete 1203/1224 wird dann die Gascogne das Weinimportland für die englische Aristokratie und Wein beschäftigt die Häfen von Bristol, Portsmouth und Southampton.

 

Die nördlichste Stadt in England ist York, und Schottland kennt bis zu den normannischen Eroberungen noch keine Städte, ebensowenig wie Wales. Es gibt in beiden Regionen auch keine Münzen und kaum Geldwirtschaft, der walisische Handel mit Irland konzentriert sich auf Sklaven.

 

Bereits König Edgar (959-75) setzte eine einheitliche königliche Münze durch, deren Bild in London hergestellt wird und die dann in zahlreichen Orten (boroughs des Domesday Books) im Reich geschlagen werden. Der Monetarisierung des Landes entspricht erheblicher Handel. In London sind um 1000 schon Händler aus der Normandie, Flandern und den Rheinlanden nachgewiesen. Aufgeführt wird einmal Wolle und zum anderen Zinn aus Cornwall vor allem.

 

Für den Normannenherzog Wilhelm müssen englische Städte bereits reich genug gewesen sein, um sie sich zur Beute zu machen. Nach der Eroberung werden die größeren von ihnen mit Zwingburgen versehen, um sie hinreichend unterjochen zu können. Manche Städte wie Bury St.Edmunds wachsen trotz den Verwüstungen der Eroberung deutlich an, wobei der Zuwachs dort zur Hälfte auf Klerikern, Nonnen und Rittern beruht, zur anderen Hälfte auf Bäcker, Bierbrauer (Ale), Schneider, Waschfrauen, Schuster, Köche, Träger etc., die Abt, Kleriker, Mönche und Ritter versorgen. Meist aber richtet die normannische Eroberung erst einmal erhebliche Schäden an. (Soweit nach Susan Reynolds in: Frühgeschichte, S.214f)

 

Im Domesday Book von 1086 tauchen etwa hundert burgi auf, was etwa den byrigan der Angelsachsen entspricht, und dreizehn civitates, welche früher ceaster geheißen hätten. Aus burhwara und burgliod werden nun burgenses.

 

Wie auf dem Kontinent tritt hier in vielem dieselbe Entwicklung ein: Auch hier wird der Boden zu einer frei verfügbaren Ware, Neuankömmlinge werden nach Jahr und Tag persönlich frei, wenn sie von keinem Herrn zurückgefordert werden, Abgaben auf den Erlebnisfall werden reduziert, Gewerbefreiheit wird erklärt und die Zuständigkeit der städtischen Gerichte für ihre Bürger.

 

Nach und nach werden auch Schottland und in geringem Maße Wales in den internationalen Markt integriert. Anglonormannische Gründungen wie Chepstow, Pembroke, Cardiff, Carmarthen und Haverford bringen es am Ende auf über 1000 Einwohner, ebenso wie in Schottland Perth, Edinburgh, Berwick, Roxburth und Dunfermline.

 

Skandinavien und der Nordosten

 

Die Skandinavier sind vor allem Bauern, und neben den Leuten, die Raubzüge unternehmen, gibt es auch Händler. Überhaupt sind die Grenzen zwischen beiden manchmal etwas verwischt. Die westlichen Skandinavier, heutige Dänen und Norweger, richten dabei ihr Augenmerk in der Wikingerzeit auf das Frankenreich und die britischen Inseln, während die heutigen Schweden sich (dem späteren) Russland zuwenden. Sie fahren den Dnepr und seine Nebenflüsse entlang, errichten befestigte Stützpunkte, die die Slawen gorod nannten.

 

„Konstantinos Porphyrogenetos erzählt, wie sich die Skandinavier, von den Slawen „Russen“ genannt, während des 10. Jhs. jährlich nach der Schneeschmelze mit ihren Schiffen in Kiew versammelten. Die Flotille fährt sodann langsam auf dem Dnjepr abwärts … Das Meer einmal erreicht, segelt man längs der Küste nach Konstantinopel, dem Ziel der langen und beschwerlichen Reise. Dort besitzen die Russen ihr eigenes Quartier, und Verträge, deren ältester ins 9. Jh. zurückreicht, regeln ihren Handel mit der großen Stadt.“ (Pirenne, S.26f)

Von dort empfangen sie ihr Christentum, ihre Schrift und überhaupt zahlreiche zivilisatorischen Impulse.

Die zahlreichen Funde griechischer und arabischer Münzen auf Gotland zeigen, wie skandinavische Seefahrer den Norden Europas mit Byzanz und dem Orient verbinden.

 

Was das Städtewesen betrifft, so sind wir auf die dürftigen Angaben Adams von Bremen in seiner Hamburger Kirchengeschichte angewiesen, auf Münzfunde und die geringen archäologischen Befunde. Danach waren Schleswig (vorher Haithabu) und Ripen herausragende Seehäfen und Fernhändlerorte, Roskilde Residenz der dänischen Könige, Odense eine civitas magna, Lund civitas und Bischofssitz und Helsingborg ein Piratennest. Diese Orte werden im 11. Jahrhundert allesamt Münzstätten, was zu der Vermutung geführt hat, sie besäßen auch Märkte.

Im 11. Jahrhundert klingt die Wikingerzeit aus, es kommt zu stabilerer Dorfbildung über die Christianisierung, da nun eine Kirche samt Friedhof den Mittelpunkt der Ansiedlung bildet und nicht mehr so einfach verlegt werden kann. Manche protostädtische Siedlung scheint aus solch einer dörflichen hervorgegangen zu sein und ist im 11. Jahrhundert immer noch stark landwirtschaftlich bestimmt.

 

Wie die germanischen so kennen auch die slawischen Kulturen vor der Christianisierung und einhergehender Zivilisierung keine Städte. Das gilt im 11. Jahrhundert auch für den ostelbischen Raum, wo Ansätze aus Burg und Suburbium erst später im Zuge der deutschen Kolonisierung zu Städten werden.

Böhmen ist noch im 11. Jahrhundert dünn (slawisch) besiedelt und kennt zu nächst nur einen größeren Ort, der sich um die Prager Burg, den Dom, ein Kloster und eine Kaufmannssiedlung als zentrale Residenz entwickelt. entwickelt. Von dort aus werden in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts an vier Burgen Kollegiatsstifte gegründet als Dependancen der Herrschaft: Olmütz, Bunzlau, Leitmeritz, Wychehgrad.

 

Der Vorläufer Nowgorods (Neuburgs) scheint eine warägische Händler- und Kriegersiedlung gewesen zu sein,  in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts bereits gekrönt von der Burg einer Statthalters des Kiewer Fürsten. Im 11. Jahrhundert (nach Christianisierung) wird der Ort neugegründet als Nowgorod und mit einer Sophienkathedrale versehen. Dazu kommt ein Marktplatz (torg), eine Fernhändlersiedlung und ein kleines Handwerker-Quartier. Der Ort ist eine Vielvölkersiedlung, in der finno-urgrische, slawische, skandinavische und deutsche Elemente auftauchen.

 

Bürger und Stadt

 

Der römische Begriff des cives wird als städtische Oberschicht bis ins Mittelalter tradiert, wobei er allerdings immer unklarer wird. Das ändert sich dann erst mit Vorgängen der Verrechtlichung in der Stadt, die von Seiten der Herrschaft vorangetrieben werden. Im 11. Jahrhundert tauchen in Würzburg zum ersten Mal in einer Urkunde sieben cives urbani auf, die von Bischof, Domherren und Minsterialen unterschieden sind (Leng, S.47)

 

1084 wird Gebhard (III.), Bruder des Zähringer-Herzogs Berthold (II.), von der papstfreundlichen Partei auf die Konstanzer cathedra gehievt. Heinrich IV. setzt im Frühjahr 1092 den St-Gallener Mönch Arnold dagegen, den der St.Gallener Abt Ulrich dann mit Gewalt in die Stadt einzuführen versucht. Das scheitert an der Gegenwehr der "Bürger": sed civibus ad arma concurrentibus et forti pertinacia resistentibus inacti recesserunt, heißt es in der Petershausener Chronik über das Militär des Abtes, welches die cives dann noch bis auf St. Gallener Gebiet verfolgen bei H.Maurer in: Investiturstreit, S.367). War bislang in den Quellen zu Konstanz nur von mercatores die Rede, so entsteht in der Situation der gemeinsamen Verteidigung der Stadt bei den geistlichen Autoren die Wahrnehmung einer soweit einheitlichen untertänigen Einwohnerschaft als cives. Diese sind offensichtlich (begrenzt) waffenfähig und zudem nicht nur als produktiv und distributiv Arbeitende und Abgaben Leistende für den Bischof wichtig, sondern auch als Teil seines militärischen Potentials.

 

1105 nennt der Bischof von Halberstadt die Bewohner seines locus, Ortes, cives forenses, Marktbürger, die bereits seit längerer Zeit mit Rechten ausgestattet worden seien (in:Hergemöller, S.117)

 

Im Hofrecht des Bischofs Burchard von Worms (etwa 1125) sind laut Schulz alle jene Stadtbewohner gemeint, „sofern sie als Gerichtsgemeinde an der selbständigen städtischen Hochgerichtsbarkeit teilhaben und über erblichen Grundbesitz innerhalb der Stadt verfügen. Vor allem findet sich der Begriff der cives oder concives im Zusammenhang mit der Sicherung des Marktfriedens (in macello publico) durch die städtische Marktgemeinde (in conventu concivium).“ (S.35)

 

Das deutsche Wort Burg bezeichnet im frühen Mittelalter jeden befestigten Ort und damit auch die Reste urbaner Zentren einer civitas. Noch um 1100 heißt Köln im Annolied die sconistir burge, also die schönste Stadt. Als dann zunehmend steinerne Burgen auf Anhöhen oder als Wasserbrugen auf dem flachen Lande errichtet werden, konzentriert sich der Wortsinn auf diese.

In den Vorstädten (burgi) der Handwerker und Händler bürgert sich dann im westfränkischen Raum nach 1000 für diese der Begriff burgensis ein, der zukünftige bourgeois. 1066 unterscheidet der Bischof von Lüttich die burgenses ville von uns sers / son sierf, also den Hörigen (s.u.). Im deutschen Sprachraum, wo im 11. Jahrhundert die „Stadt“ als Ortsbezeichnung die „Burg“ abzulösen begann, wird dieser westfränkisch-lateinische Ausdruck übernommen, zum ersten bekannten Mal in Mainz 1099.

 

1075 erneuert der Abt der Reichenau ein Privileg Ottos III. für Markt und Münze in der villa Alospach (Allensbach). aber es ist noch von Einwohnern, oppidi villanis, die Rede, die das Recht haben, mercatores, also Kaufleute zu sein, soweit sie nicht im Wein- und Ackerbau beschäftigt sind (in: Hergemöller, S.106).

 

Langsam wird das Wort Bürger im deutschen Raum häufiger. Aber der „Bürger“ bleibt Untertan des meist bischöflichen Stadtherrn, der in einer Würzburger Urkunde von 1181 noch von einem burgensis noster spricht (Leng, S.47) Cives und Bürger sind dabei in vielen Urkunden weiterhin nicht klar umrissene Begriffe, und es gibt kaum Möglichkeiten, heute definitiv festzustellen, wer dazugehörte.

 

Bürger bleibt im lateinischen burgenses meist im Plural und ist mehr nur als die Ersetzung eines lateinischen durch ein germanisch verwurzeltes Wort. „Die Entscheidung von Stadtbewohnern des 11. Jahrhunderts für die Selbstbezeichnung 'Bürger' signalisiert einen fundamentalen Bewusstseinswandel, ein neues Selbstverständnis, das an die Stelle der Benennung nach der Gruppenzugehörigkeit (z.B. zu einer familia) die Identifizierung mit der Stadt gesetzt hat. Aus der Einzigartigkeit seiner Stadt leitete der Bürger Stolz und Ehre ab.“ (Groten, S.70)

 

Wer waren die cives bzw. burgenses, die ihre Stadt zunehmend gestalteten und verwalteten? Darüber sind aus zwei Gründen zum Teil nur Vermutungen anzustellen. Zum einen liegt das an der Dürftigkeit der Quellen, zum anderen an der damals rechtlich kaum fixierten und überhaupt noch nicht standardisierten Begrifflichkeit. Die Anfänge sind bei Handwerk und Handel zu suchen, die persönliche Bindungen in geldliche verwandeln (Zensualität z.B.) und bei den städtischen Ministerialen, die ins großbürgerliche Lager wechseln und aus denen ein stattlicher Teil des Patriziats hervorgehen wird.

Einen solchen Mainzer Ministerialen mit Namen Wignand, der in manchem bürgerliches Unternehmertum ähnlich wie wohl viele Valvassoren in Norditalien betreibt, erwähnt Büttner: "Er verfügt über Grundbesitz im Rheingau und über Rheinmühlen vor Mainz; er gibt an das Hirsauer Reformkloster Komburg 120 Hufen, die er zuvor mit eignenen Mitteln aufgekauft hatte; er errichtet in Hirsau Wirtschaftsgebäude und Werkstätten unter Abt Gebhard von 1092 an; er besitzt enge Verbindung zu der Stadtmainzer Abtei St.Alban; er ist befreundet mit dem Kämmerer Embricho und dem iudex Hartwin.  (in: Investiturstreit, S.358)

 

Ein Zinspflichtiger kann ein jeweiliges Bürgerrecht erlangen und Bürger beiderlei Geschlechts konnten sich in Zinspflicht begeben. Man konnte aber auch Teil der familia zum Beispiel des Regensburger Klosters St. Emmeran bleiben und zugleich völlig selbständig Handel in Kiew treiben. Verbürgerlichung kannte viele Wege.

 

Die Begriffe bleiben unklar. Ein Ministerialer konnte miles oder Verwaltungsbeamter sein, er konnte die Sache des Bischofs, des Herzogs oder der Bürger betreiben. In Köln sind burgenses oder cives im 11./12. Jahrhundert oft Ministeriale, die ihren Einfluss oder ihr Vermögen "weit weniger ihrer ehemals dienstlichen Stellung als vielmehr ihrer Tätigkeit im Waren-und Geldhandel verdanken. (...) Diese Bürger haben Kirchen gebaut und Klöster reich dotiert, aber sie warten auch, dass ihnen die Pfarrwahl und die kirchliche Vermögensverwaltung weitgehend überlassen bleibt; die Plätze in den stadtkölnischen Klöstern beanspruchen sie für ihre Kinder." (U.Lewald in: Investiturstreit, S.393)

 

 

Im 13. Jahrhundert kann jemand ausdrücklich auch selbst als bischöflicher Ministerialer Bürger im rechtlichen Sinne sein, nachdem zuvor Ministerialität zwingend Unfreiheit bedeutete. Ein Bürger kann zum Meliorat gehören, wie es in Städten wie Regensburg seit dem 11. Jahrhundert auftaucht, und damit in den Rat oder die höheren Ämter gelangen, oder aber als einfacher Handwerker oder Ladenbesitzer davon ausgeschlossen sein.

 

Mit dem immer häufiger aufkommenden Wort Bürger muss man vorsichtig sein: Es bezeichnet einmal Menschen mit Formen von Eigentum: Haus, Betrieb/Firma, oder wie irgendwann im 12. Jahrhundert für Freiburg/Breisgau festgelegt wird, wer allgemein Eigentum im Wert von wenigstens einer Mark besitzt, und bald darauf muss er ein Grundstück und Haus darauf besitzen.

Dann sind das Leute mit bestimmten Rechten (als Freiheiten), aber die bürgerliche Verfasstheit der Stadt bedeutet die Herrschaft von Vertretern des Großkapitals unter Ausschluss all der „Bürger“ mit gering kapitalisierten Firmen, die oft auch nicht als solche bezeichnet werden. Die Herrschaft des politisch bestimmenden Bürgertums aber ist Obrigkeit neuen Stils, nicht weniger drückend, sondern eben anders und in manchem immer ausführlicher in ihrem Regulierungsdrang. Die Masse der Menschen in der Stadt wird soweit berücksichtigt, als sie ruhiggestellt werden muss, und das besonders dann, wenn sie selten (einmal) in Aufruhr gerät.

 

Zum Begriff „Bürger“ kommt der der Stadt. 1080/1120 taucht an einer Stelle des Annoliedes für Köln zum ersten Mal statt „Burg“ das Wort stat auf. In der Gründungsurkunde des Zähringerherzogs Konrad für Freiburg taucht dieses allerdings noch als Markt (forum) auf, um erst einige Jahrzehnte später in den (durchweg lateinischen) Dokumenten zur civitas zu werden. Allerdings tauchen hier auch nur Kaufleute (mercatores) als burgenses der Gründung auf (in: Hergemöller, S.124ff).

Im 12. Jahrhundert verbreitet sich diese Bezeichnung über den ganzen deutschsprachigen Raum. Anders als im westfränkisch/französischen Raum, wo ville aus villa hervorgeht, wird hier ein ganz eigener Begriff für das neue Gebilde geschaffen, und zwar offenbar aus der Bürgerschaft heraus. „Das nachrückende Wort muss in besonderer Weise geeignet gewesen sein, eine neue Stadtidee auszudrücken. Kern dieser neuen Idee wäre die Stadt als privilegiertes Wirtschaftszentrum gewesen, die Anreicherung der Bischofsstadt als religiöses Zentrum und Ort der Heilsvermittlung mit ihrer großen bis in die Antike zurückreichenden Tradition mit dem Aspekt der Wirtschaftsmetropole.“ (Groten, S.89)

 

Die Stadt bleibt allerdings eine Burg und wird es immer mehr im Sinne einer Festung. Die neue Bezeichnung verweist nur darauf, dass es mit dem entstehenden Bürgertum eine Art neue Trägerschaft für den Festungsbau gibt.

 

Exkurs: Zur Unklarheit im Wort "Bürger"

 

Was ein Bürger sei oder gar, was man als bürgerlich bezeichnen könnte, ist durch die Zeiten und die Räume des lateinischen Abendlandes (im Unterschied zum griechisch/slawischen) immer reichlich unklar geblieben. Das hat auch damit zu tun, dass das Wort nicht dem lateinischen Vokabular entstammt, mit dem die Gebildeteren miteinander verkehrten, sondern germanischen Volkssprachen, unter anderem dem Fränkischen. Das Wort „Bürger“ schlich sich so langsam ein, um dann sogar in lateinischen Texten aufzutreten, im germanischen Skandinavien, England, den deutschen Landen, aber auch in den beiden entstehenden „französischen“ Sprachräumen und in Italien.

 

Am Anfang stand die Burg, ein befestigter Ort (statt), in dem altenglisch burgware leben, die Verteidiger der Burg, althochdeutsch burgari. Das Wort Burg (oder Berg wie in Nürnberg) geht dem Wort Stadt voraus, (im Westfrankenreich bourg, in Italien borgo) irgendwann im späten Mittelalter werden darin steter leben, aber lange vorher heißen sie überwiegend bereits Bürger (mittellateinisch: burgenses). Als solche sind sie aber bald nicht mehr einfache Stadtbewohner, sondern Leute mit bestimmten Rechten. Diese sind zunächst untereinander und vor allem von Stadt zu Stadt verschieden.

 

Solche Rechte sind aber zunächst beschränkt auf Leute, die immobiles Eigentum besitzen, meist ein Haus, in dem sie wohnen.

 

Es entstehen Stadtrechte, in denen Bürgerrechte enthalten sind, die nun für alle Bürger gelten, und vor allem auch Bürgerpflichten, aus denen ja überhaupt erst die Rechte hervorgegangen sind. Zum immobilen Besitz des Bürgers kommt das feste Einkommen, welches nicht aus eigener abhängiger Arbeit herkommt. Der Bürger ist ein kleinerer oder größerer Geschäftsmann, mehr oder weniger ein Unternehmer, ob nun Schuster oder Bankier. Alle anderen sind eher unbürgerlich oder sogar völlig unterständisch wie auch Henker und Huren.

 

Aber das Wort behält wie so viele im früheren Mittelalter eine gewisse Unklarheit, soweit es nicht lokal und zeitlich konkret definiert ist. Sicher ist nur, dass der Adel und die Geistlichkeit nicht bürgerlich sind. Das wird bald ständisch definiert, der Adelige ist ein Krieger, der seinen Wohlstand auf der Verfügung über Land und Leute, also auf die Landbewirtschaftung von ihm Abhängiger gründet. Das hindert Adelige nicht, selbst in Geschäfte zu investieren, die vornehmlich Bürgerliche betreiben, aber damit sind sie noch keine Geschäftsleute, jedenfalls noch nicht im hohen Mittelalter nördlich Italiens. Seitdem Adelige sich nach ihrer zentralen Burg benennen, kann man am Geschlechter-Namen ihren Adel ablesen, und das wird Bürgerlichen so bald nicht zugestanden. Deren Familien-Namen erst später im Mittelalter haben eher mit ihrem Handwerk, Geschäftszweig, ihrem Herkunftsort oder ähnlichem zu tun.

 

Zwischen Adel und Bürger oder eher neben beiden stehen vor allem in deutschen Landen jene servientes, herausgehobene Dienstleute des Adels und der Herrscher, die bald auch Ministeriale heißen werden, zunächst noch unfrei, aber sich dann manchmal entweder in den Adel aufschwingend oder aber ins Bürgertum. Wenn sie bürgerlich werden, dann begeben sie sich in das inzwischen herausgebildete obere Bürgertum hinein, welches sich von den meisten Handwerkern absetzt und von den kleinen Buden- und Ladenbesitzern. Dieses obere Bürgertum zieht seinen Reichtum aus Geldwirtschaft und größerem Handel vor allem, wobei dann Gewinne auch in jene Produktionszweige gesteckt werden, die sich manufakturartig rationalisieren lassen. Es ist dies die Unternehmerschicht des größeren und großen Kapitals,welches wirtschaftliche Entwicklung vor allem vorantreibt

 

Im Verlaufe des hohen Mittelalters trennt sich also „Bürgertum“ in das kleine der meisten Handwerker und Besitzer kleiner Läden und das große des Kapitals der größeren und ganz großen Investitionen auf. Letzteres sorgt dafür, dass es die „politische“ Kontrolle über die Stadt bekommt und deren wichtigste Ämter besetzt. Zugleich hat es die Mittel, den Adel nicht nur machtmäßig, sondern auch von der Lebensform her zu imitieren, und ihn im Konsumniveau sogar manchmal zu übertreffen. Als Patrizier imitieren diese Geschlechter dann sogar deren Gebrauch der eigenen Familiengeschichte zur Begründung einer herausragenden Stellung.

 

In vielem steht so die bürgerliche Oberschicht dem Adel näher als ihren kleinbürgerlichen Kollegen, die sich manchmal sogar mit den unbürgerlichen „Arbeitern“ verbünden, aber vor längerer Solidarisierung mit ihnen zurückschrecken. Gemeinsam ist diesen grob eingeteilt zwei bürgerlichen Gruppen, dass ihnen mit dem Adelsprädikat auch die adeligen Vorrechte fehlen. Was also ist bürgerlich und beiden Gruppen gemeinsam: Eigentum, welches sich (manchmal zur Not) kapitalisieren lässt oder welches genau dazu da ist, zudem bürgerliche Rechte in der Stadt, und sonst nicht viel mehr.

 

Dort, wo das Mittelalter schwindet, früher oder später, bilden sich territoriale Herrschaften heraus, Fürstentümer oder Königreiche, die die Städte mehr und mehr oder zur Gänze einkassieren und den Bürgern viel von ihren bürgerlichen Rechten oder Freiheiten nehmen, jedenfalls soweit sie die Sphäre des Politischen betreffen. Das größere Kapital hat längst Adel und Fürsten finanziell von sich abhängig gemacht und kann sich im großen und ganzen darauf verlassen, dass die nun weithin ihre Interessen vertreten; sie brauchen nicht mehr selbst politische Ämter einzunehmen, damit sich ihre Interessen durchsetzen, das machen inzwischen die sich immer weiter entwickelnden neuen Formen von Staatlichkeit. Bürgerlich bleiben diese Leute im Geschäft, privat leben sie mehr und mehr wie wohlhabender Adel.

 

Der Begriff „bürgerlich“ geht nun in den Städten mehr und mehr auf neue Gruppen über. Das sind neben dem Handwerk und den Ladenbesitzern vor allem die gehobeneren Agenten der neuen Staatlichkeit (der Verwaltung vor allem). Dazu kommen die immer gefragteren, durch Schulbildung oder gar Universitätsstudium ausgezeichneten und sich immer weiter verbreitenden sogenannten „freien“ Berufe“: Ärzte, Apotheker, Notare, Anwälte, Lehrer und viele andere. Aus den freien Künsten, artes liberales bildungsmäßig hervorgegangen, sind diese Leute meist selbständig, aber durch ihre Edukation und ihr Einkommen aus der Masse der wenig Besitzenden herausgehoben.

 

Während die wenigen Eigner größeren Kapitals sich mit den fürstlich-staatlichen Interessen zu identifizieren suchen, bleiben sie standesmäßig weiter Bürgerliche, soweit sie nicht geadelt werden, - mögen sie auch noch so sehr hochadeliger Lebensführung nacheifern. Als bürgerlich betrachten sich aber nun vor allem die zu Untertanen der neuen Staatlichkeit herabgestuften kleinen Geschäftsleute, die höheren Verwaltungsbeamten und die Vertreter der freien Berufe. Man kann sehr deutlich sehen, dass diese Leute wenig miteinander gemeinsam haben. Zunächst sind sie negativ definiert: Sie sind keine Adeligen und besitzen keine großen Kapitalien andererseits, stehen damit unter diesen beiden Gruppen. Nach „unten“ befinden sie sich im Gegensatz zu Bauern und „Arbeitern“, das heißt außerhalb der Sphäre der Produktion.

 

Was sie eint, ist vor allem ein gewisser mittlerer Lebensstandard als Konsumniveau. Darauf aufbauend setzen sie gegen den adeligen Ehrbegriff weiter den der Ehrbarkeit, der sich gerne als Rechtschaffenheit artikuliert und der moralisierte Untertänigkeit meint. Was sie von den Unterschichten trennt, ist, dass sie Handarbeit als ihrer unwürdig betrachten, ähnlich wie das für den Adel selbstverständlich ist. Dementsprechend wird die Hausfrau zur „Dame“, indem sie manuelle Arbeiten von Dienstboten verrichten lässt, und nach und nach wird auch der Mann zum „Herrn“, indem er sich abhängig Beschäftigte hält. Mit dieser Titulatur und dem Lebensstil versuchen solche Bürger Adel und Großkapital in kleinem Stil zu imitieren. Am Ende werden sie sich als „Herr“ Schmidt oder „Herr“ Müller anreden lassen, obwohl sie keine Herren sind und nie waren.

 

Vom Freiheitsdrang als Wunsch nach politischer Partizipation in ihrer Stadt, dem Selbstbewusstsein auf sich selbst gestellter Geschäftsleute, eben dem, was sich im Mittelalter als „bürgerlich“ herausbildet, ist notgedrungen kaum noch etwas übrig. An deren Stelle ist Identifikation mit der Obrigkeit und Verachtung nach unten getreten. Dass man weiter von Bürgertum redet, obwohl die Masse der „neuen Bürger“ wenig nur noch mit denen von früher zu tun haben, mag daran liegen, dass die neuen Bürger aus den Unterschichten genau deshalb aufgestiegen sind, um nun ebenfalls ein bürgerliches Leben führen zu können. Es sind so im eigenen Bewusstsein Lebensstil und Konsumniveau vor allem, die den Bürger ausmachen.

 

Die Unklarheit dessen, was einen Bürger ausmacht, so wie er sich in deutschen Landen nun sieht, führt dazu, dass das Wort irgendwann im Englischen durch das der Mittelschichten (middle classes) ersetzt wird. Im Französischen verengt sich das Wort bourgeois immer mehr, ähnlich wie im Spanischen der burguéso.

 

Von einer „bürgerlichen Gesellschaft“ zu sprechen, ist in mehrerlei Hinsicht unsinnig. Zum einen verschleiert das Soziologen-Kauderwelsch mit dem Fehlgebrauch des Wortes Gesellschaft, dass ein Untertanenverbund gemeint ist, in dem Mächtige sich Bevölkerung als Untertanen zuordnen, es findet kein sich einander Zugesellen statt, schon gar nicht bei den Massen in den modernen sogenannten Demokratien. In den mittelalterlichen Städten bilden sich zwar Gesellschaften, aber keine „Gesellschaft“ im Singular, und geprägt werden sie nicht von einem Bürgertum, sondern primär von den Verwertungsbedürfnissen großer Kapitalien und den politischen Bedürfnissen adeliger und fürstlicher Herren, - und daneben von mit diesen allen in immer größeren Widerspruch tretenden kleinen Gewerbetreibenden und Geschäftsleuten. Es entsteht eine städtische Zivilisation neuen Typs, aber keine bürgerliche Gesellschaft. Es entstehen auch keine bürgerlichen Wertvorstellungen, sondern die völlig verschiedenen von großem Kapital und Kleinbürgertum, neben der Unterschicht und zunächst noch vor ihr der Hauptanteil der Bevölkerung in den Städten.-

 

Der Versuch städtischer Mittelschichten neuen Typs, sich in der Neuzeit als „bürgerlich“ zu definieren, versammelt sie in einer untertänigen Mediokrität zwischen Fürsten und Großkapital einerseits und Bauern und Arbeiterschaft andererseits, die mit mittelalterlichem Bürgertum nichts mehr zu tun hat. Dass Kapital, wahrnehmbar üblicherweise als (viel) Geld, zwar nicht die Welt regiert, aber ihr ihren Stempel aufdrückt, macht sie kapitalistisch und nicht bürgerlich.

 

Einen klaren Begriff von „bürgerlich“ gibt es weiter nicht. Das hindert aber nicht eine Ausbildung von zwei gleichermaßen kuriosen Benennungen von Bürgerlichkeit, der eines kapitalistischen Großbürgertums und der eines von dessen Bewegungen und denen des Staates geprägten untertänigen Kleinbürgertums. Darunter wird das Volk verortet, einmal verächtlich als Name für die Unterschichten gebraucht, zugleich aber auch für die bäuerliche Landbevölkerung, von wohlhabenden Städtern seit dem späten Mittelalter idyllisiert und seit dem 18. Jahrhundert auch romantisiert, um dann als Wort seitdem systematisch politisch missbraucht zu werden.

 

Als das große Kapital ab 1776/89 den Staat zu seiner unmittelbaren politischen Agentur macht, entzweit sich der Untertanenverband zur Gänze in der Industrialisierung in Großkapital, die pseudobürgerlichen Mittelschichten und eine Industriearbeiterschaft. Das Ganze wird nicht als „Gesellschaft“ zusammengehalten, sondern durch die politische Organisierung einer industrialisierten Zivilisation in Form von Nationalstaaten.

 

Wenn der Adel im 18. Jahrhundert mit seinen bis dahin alle prägenden Lebensformen abdankt und den Industriekapitänen und großen Handelshäusern nach und nach die Macht als Gestaltungshoheit überlässt, hat sich das Wort „Bürgerlichkeit“ längst auf die es prägenden Kreise freier Berufe. selbständiger Geschäftsleute und von Verwaltungsbeamten konzentriert, die darunter einen schulischen Bildungsbegriff und eine bestimmte Mittelschicht-Lebensweise verstehen, die sich in der Lektüre von Romanen und gehobenerem Musik- und Kunstgeschmack niederschlagen soll. Das Verschwinden dieser Schicht, die bis in die Gegenwart zwischen Kapital und Arbeit zerrieben wurde, sollte eigentlich den Blick dafür öffnen, dass es sich eine bürgerliche Scheinwelt zusammengedichtet hatte, um der rauheren Wirklichkeit zu entfliehen.

 

Gewiss, das Bündnis von Mittelschichten und Großkapital hatte die Demokratien und als ihr elementares Gut den Rechtsstaat hervorgebracht, eine Form, der der Inhalt immer mehr abhanden kommt, aber aus Gründen der Klarheit über historische Zustände und Vorgänge sollte der Ausdruck „bürgerliche Gesellschaft“ aus dem Vokabular verschwinden. Ein Begriff war er nie, hatte er doch immer nur dafür gesorgt, Dinge nicht begreifen zu müssen und zu wollen.

 

Von den Gesellschaften zur Gemeinde I.

 

Frühe mittelalterliche städtische "Gemeinden" sind deutlich vom Land abgetrennte Siedlungsverdichtungen aus Grundherrschaften, Handwerk und Handel, rechtlich privilegiert und wirtschaftlich aus dem Umland herausragend. Mit ihren divergierenden Interessen bilden die Einwohner nur ausnahmsweise eine Gemeinschaft, mal gegen den Stadtherrn, mal gegen Feinde von außen, im wesentlichen herrschen zivilisatorische Strukturen von Befehl und Gehorsam vor. Stattdessen entwickeln sie Gesellschaften, solche des Domklerus, der Klöster, der Münzer, der übrigen Handwerker, der Händler. Wichtigstes Ziel der mittelalterlichen Stadt wird die Generierung von Geld und insbesondere von Kapital in "bürgerlicher" und Reichtum in Herrenhand.

 

Gemeindebildung besteht in der Partizipation einer großbürgerlich-ministerialen Oberschicht an den Rechten und der Masse der Menschen an den Pflichten durch ihre Einvernahme. Je komplexer die städtischen Strukturen werden, desto mehr wandelt sich Herrschaft in Obrigkeit, Übungsfeld für neuartige Staatlichkeit in deutschen Landen und der Nordhälfte Italiens zum Beispiel.

 

****Aufgaben****

 

Aus den cives werden im Laufe der Zeit in den Urkunden immer häufiger die burgenses, die sich über die gewerblichen Zusammenschlüsse auch zur Gänze für Gemeinschaftsaufgaben zusammenschließen.

 

Mittelalterliche Städte sind in gewissem Sinne Großburgen, also Festungen, und ein wesentlicher Zug ihrer Verbürgerlichung wird, dass die Bürger für Bau und Unterhalt der Festungsanlagen zuständig werden. Mit solchen Aufgaben sind Kosten und Arbeit verbunden, und wenn die cives Aufgaben und Kosten übernehmen, wie die Kaufleute von Saint-Omer um 1080 für die Pflasterung von Straßen und den Bau der Stadtmauer, zieht das Rechte und ein Gemeinschaftsgefühl nach sich. Die Befestigung der Stadt liegt im gemeinsamen Interesse des Stadtherrn bzw. der Herren in der Stadt und zugleich der Bürger und fördert so deren Partizipation.

 

Zur Mauer gehören Tore, die von Wächtern bewacht werden, denen ein Torgeld zu geben ist, ebenso wie Zölle auf einzuführende Waren, ein wesentlicher Teil städtischer Einnahmen. Zur Nacht werden die Tore für jedermann geschlossen. Im hohen Mittelalter gehören zu den Toren bereits oft Tortürme und zur Mauer überhaupt zunehmend Türme. Vor den Mauern werden Gräben ausgehoben, die oft mit Wasser gefüllt sind.

 

Anfang des 12. Jahrhunderts gibt Kaiser Heinrich IV. einem Kölner Schöffenkollegium von viri illustri den Auftrag, die Stadtbefestigung zu erweitern, eine Aufgabe und ein Recht, die damit bereits an die Bürger übergegangen waren.

 

Da die Bürger auch zunehmend die Verteidigung der Mauern übernehmen, dürfen sie sich in begrenztem Umfand bewaffnen. Bürgerliche Waffen dürfen zu Hause aufbewahrt werden, schweres Gerät wird im Zeughaus der Stadt aufbewahrt, wobei wir uns aber schon dem späten Mittelalter nähern.

 

1066 beteiligen sich die Bürger von Huy mit einem Teil ihres Besitzes zusammen mit dem Bischof am Wiederaufbau der Kirche des Kollegiatsstiftes Notre Dame von Huy. Dafür erhalten sie von ihm die libertas ville, also die städtische Freiheit und die Aufsicht über das castrum für die Zeit zwischen dem Ableben eines Bischofs und der Einsetzung eines neuen. Bürger sind also wohlhabend genug, um ihrem Bischof für einen Kirchenbau erheblich unter die Arme greifen zu können. Zudem erfahren wir aus der Urkunde, dass Hörige in die Stadt einwandern und nun vom Bischof als Herrn der Stadt einen gewissen Rechtsschutz erhalten, der sie zu Hoienses macht, und wenige Absätze später zu bourgeois, die dem "Frieden" der Stadt (pais) unterstehen und der dortigen Rechtsprechung (Hergemöller, S.96ff).

In Laval (Maine) mit dem Kern aus Kirche und Burg samt burgus und Pfarrkirche und verstreuten burgi teils noch ohne Pfarrei bilden die Bewohner Brüderschaften, um den Bau einer Dreifaltigkeitskirche zu finanzieren (Chédeville in: Frühgeschichte, S.133)

 

Immer neue Aufgaben kommen hinzu, die Wasserqualität der städtischen Brunnen muss gewährleistet werden und die Fäkalien- und Abwasserbeseitigung so geregelt sein, dass nicht allzu viel Gesundheitsgefährdung davon ausgeht. Die Verhältnisse auf den Märkten müssen geordnet und Konflikte müssen juristisch geregelt werden. Immer mehr dieser Kosten und anderen Aufwand erfordernden Angelegenheiten überlässt der die Hoheit ausübende Stadtherr den Bürgern. So entsteht neben den kirchlichen und klösterlichen Räumen mit eigenem Recht auch ein bürgerlicher Raum mit dem seinen.

 

Am besten dokumentiert ist die Entwicklung vom frühen zum hohen Mittelalter für die deutschen Lande in Köln, welches in dieser Zeit auf über 20 000 Einwohner kommt. Im normalerweise wohl einvernehmlichen Zusammenspiel zwischen bürgerlicher Oberschicht und erzbischöflichem Stadtherrn werden die Aufgaben in der Stadt, zum Teil rechtlich Regalien, die vom König verliehenen Rechte, verwaltet, und zwar von Bürgern im Auftrag ihres Herrn. Das betrifft vor allem das Schöffengericht, die Wahrnehmung des Zollrechtes und die von Bürgern betriebene Münze.

 

****Rechte****

 

Zunächst sind Städte rechtlich ähnlich organisiert wie Grundherrschaften, wobei neben dem Bischof und Klöstern auch hohe adelige Herren auftreten. Wenn dabei oft immer deutlicher den Bischöfen die Stadtherrschaft zufällt, so haben doch auch andere Herren in der Stadt grundherrliche Rechte über die Leute ihrer familia, genauso wie auf dem Lande, wobei sich diese Rechte je nach Herr etwas unterscheiden konnten.

Das ändert sich im Verlauf des 11. Jahrhunderts, nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit der Kirchenreform, die eine Entflechtung von geistlichem und weltlichem Bereich anstrebt, tatsächlich aber eine Tendenz zur Emanzipation des weltlichen vom geistlichen Sektor erreicht und zugleich unbeabsichtigt wie durch die Hintertür zu einer Verweltlichung der Kirche führt.

 

In den Städten entwickeln sich nun eigene Rechtsvorstellungen, die zunächst vor allem den Interessen der Kaufleute, dann aber auch der Handwerker dienen. Im Kern kreisen sie um das Eigentum und seinen Schutz. Daraus entwickelt sich ein eigenes städtisches Recht im Unterschied zum hergekommenen Landrecht. Dabei wird vor allem der Zweikampf als letzte Entscheidung über Recht und Unrecht zunehmend durch Eide und Zeugenaussagen ersetzt. Schon im Freiburger Stadtrecht des 12. Jahrhunderts heißt es, ein Zweikampf als Rechtsentscheid sei nur dort zulässig, wo Blut geflossen, geraubt oder getötet wurde. Kaufmann und Handwerker sind keine Krieger.

 

Bürger beteiligen sich an der rechtlichen Regelung ihrer eigenen Angelegenheiten, die zunächst vor allem Interna des Marktgeschehens betreffen. 1105 bestätigt der Bischof von Halberstadt seinen Marktbürgern die Kontrolle und Bemessung der Fleischpreise und das Festlegen von Maßen und Gewichten, sowie die zu solchen Angelegenheiten benötigte Marktgerichtsbarkeit (in Hergemöller, S.116)

 

Immerhin können schon im 11. Jahrhundert einige Bürger soviel flüssiges Kapital aufhäufen, dass sie zu Kreditgebern für Fürsten und Hochadel werden. Sie können es sich in Einzelfällen bereits leisten, Kirchen bauen zu lassen und den Herren Rechte abzukaufen.(Pirenne, S.160f)

 

Zunächst partizipiert seit dem 11. Jahrhundert nach und nach eine städtische Oberschicht als Schöffen (scabini) an der unteren Gerichtsbarkeit des Stadtherrn, zum Beispiel in Nordfrankreich. Partizipation ist das Schlüsselwort: Mit den Aufgaben, die ein städtisches "Bürgertum" übernimmt, gewinnen sie Mitverantwortung, vom Mauerbau über die Marktaufsicht und anderweitige Regulierung interner Angelegenheiten.

 

Bei Hildesheim verfügen der Domprobst und das Moritzstift für die flämischen Neusiedler, dass der Vogt als oberster Richter immerhin für die gerade gegründete Dammstadt einen magister civilis als Stellvertreter haben soll (Hergemöller, S.34).

 

Zum entstehenden "Stadtrecht" gehört überall die Gerichtsbarkeit. Für Freiburg heißt es schon 1120, dass Konflikte unter den Bürgern auf Grundlage des gewohnheitsmäßigen und gewillkürten Rechtes aller Kaufleute entschieden werden sollen (Hergemöller, S.127). 1101 wird in Speyer in einer Urkunde Heinrichs IV. von einem commune ius civium gesprochen, dem alle cives bzw. forenses unterstehen (bei Büttner in: Investiturstreit, S.354). Der Weg von den vielen verliehenen Rechten zu einem Recht für die Untertanen ist eingeschlagen.Aber es entsteht weiter über viele Einzelprivilegierungen, wie die von den Bürgern Speyers hochgeschätzten Privilegien von 1111: "Befreiung vom buteil,Gewährung des Erbrechts für die Einwohner, Zollfreiheit, Freiheit vom Besuch auswärtiger Vogteigerichte" etc. (Büttner in: Investiturstreit, S.354ff). Während das Recht so langsam bürgerlicher wird, untersteht die Gerichtsbarkeit aber weiter dem bischöflichen tribunus urbis.

 

Die Einordnung der Bürger in die städtische Gerichtsbarkeit ist dabei ihre Ausgliederung aus den Rechtsordnungen des ländlichen Raumes. Ein wichtiges Recht gewährt der Mainzer Bischof 1119 seinen Bürgern, das ius de non evocandi, welches die Bürger davor schützt, vor ein auswärtiges Gericht geladen zu werden. Schon im Privileg Heinrichs V. für Speyer von 1111 heißt es: Wir wollen ferner, dass keiner unserer Bürger (civium nostrrorum) gezwungen werde, außerhalb der städtischen Gemarkung (extra urbis ambitum) die Gerichtsverhandlung seines Vogtes aufzusuchen. (in Hergemöller, S.122)

Dazu gehört auch die Bestimmung aus den frühen Privilegien für Freiburg/Breisgau, dass Auswärtige nicht gegen Bürger auftreten können.

 

Wichtigste Rechte sind dabei die des Eigentums und einer möglichst belastungsfreien Ausübung von Handel und Gewerbe. Frühestes Beispiel für letzteres ist das Zollprivileg Heinrichs IV. für die Wormser, die den König in höchster Not unterstützt hatten, und der ihnen Zollfreiheit in den der Königsmacht unterstehenden Orten bislang zahlen mussten. (in: Hergemöller, S.102). 1120 erlässt Herzog Konrad für die Freiburger Neusiedler den Zoll auf seinem Gebiet (§6).

 

Überall wird immer wieder sehr deutlich vor allem das Eigentumsrecht der Bürger festgelegt. Bei der Gründung von Radolfzell legt der Abt der Reichenau 1100 fest, dass zum ius fori, dem Marktrecht nach dem Muster von Konstanz, auch gehört, Grund zu kaufen, zu verkaufen und ungehindert freies Eigentum zu besitzen (in Hergemöller, S.112).

 

Die wichtigste Erweiterung des Eigentumsrechtes ist seine freie Vererbbarkeit, für die die Todfallabgaben wegfallen müssen. 1111 legt Heinrich V. für Speyer, den Ort kaiserlicher Grablege, zum Beispiel Folgendes fest: Alle, die jetzt in der Stadt Speyer wohnen oder dort in Zukunft wohnen wollen, woher sie auch kommen und welchen Standes sie zuvor gewesen sind, haben wir von einem üblen und schändlichen Gewohnheitsrecht befreit, nämlich von der Auslieferung des Teils ihrer Hinterlassenschaft, das man gemeinhin „buteil“ nennt, wodurch die gesamte Stadt durch übergroße Verarmung zugrunde gerichtet worden wäre; und zwar haben wir sowohl sie selbst als ihre Erben davon befreit.

Zunächst auffallend ist die implizite Erweiterung bürgerlicher Rechte auf Leute, die in die Stadt einwandern und aus der möglicherweise persönlichen Abhängigkeit von dem Herrn von außerhalb herkommen. Das wird am Schluss ergänzt durch die Festsetzung: Wenn jemand einen Hof oder ein Haus Jahr und Tag unwidersprochen in Besitz gehabt hat, soll er sich gegenüber niemandem, der davon gewusst hat, nach dieser Frist verantworten müssen. Das gilt natürlich zunächst nur für Speyer.

Mit dem uneingeschränkten Erbrecht wird ein schon de facto zumindest vorhandenes Eigentumsrecht vertieft, wie dann auch noch in folgendem Passus: Kein Burggraf und kein Bote irgendeines Herrn darf sich in seines Herrn Auftrag erdreisten, den Bäckern oder Fleischern oder allen anderen Menschen in der Stadt irgendein Stück ihrer Habe gegen ihren Willen wegzunehmen. Damit ist das Eigentumsrecht auch nicht mehr an einen Status oder bürgerliche Rechte gebunden, wenn man den Satz wörtlich nimmt.

Aber die kaiserliche Urkunde ist natürlich an die Bürger gerichtet oder vielmehr das, was man mit dem sehr unklaren Begriff damals erfasste, und zwar in ihrer Gesamtheit: Die Münze darf auch kein Machthaber leichter machen oder irgendwie entwerten, nur mit Zustimmung der gesamten Bürgerschaft darf er sie verändern. (Alles in Engel/Jacob, S.25f bzw. Hergemöller, S.118ff) Wie diese „gesamte Bürgerschaft“ genau aussah oder wie und wo sie sich versammelte, bleibt ungewiss, ähnlich wie in den italienischen Quellen der Zeit.

 

1120 lädt Herzog Konrad Kaufleute zur Ansiedlung im neugegründeten Freiburg auch mit folgendem Paragraphen (5a) ein: Wenn einer meiner Bürger stirbt, sollen dessen Ehefrau und ihre Kinder alles, was der Ehemann hinterlassen hat, ohne Einschränkung behalten (in: Hergemöller, S.127). Das Erbrecht beinhaltet dabei nicht nur das abgabenfreie Vererben, sondern auch das Recht der Nachkommen auf ihr Erbe. Als wichtiger Teil des Eigentumsrechtes werden dann die Bestimmungen im Verlauf des Mittelalters immer detaillierter.

 

 

Ein nächster Schritt wird die Vereinheitlichung eines nun gemeinsamen Rechtes in der Stadt (unter Ausschluss des Klerus). 1113 legt Heinrich V. zum Beispiel fest, dass in Worms für alle dasselbe Ehe- und Erbrecht gelten sollte. Alle Bürger dürfen nun abgabenfrei untereinander heiraten und genauso abgabenfrei ihren Besitz vererben, wodurch die Familienbetriebe gesichert wurden. Mit dem einheitlicher werdenden Stadtrecht wird ein allgemeineres Bürgerrecht möglich, welches bei Neugründungen ohnehin naheliegt.

 

Solche neuartigen Städte entstehen im wesentlichen aus übereinstimmenden Interessen eines Stadtherrn mit der Oberschicht seiner städtischen Kaufmannschaft. Wenn der Bischof von Halberstadt 1105 seinen „Marktbürgern“ „bürgerliche Rechte und Satzungen“ bestätigte, dann fand er selbst das neue Gewohnheitsrecht unterstützenswert. So dürfen die Bürger selbst „Abgaben auf den Verkauf von Fleisch“ festsetzen. Sie sollen das Nachbarschaftsgericht (burmal) pflegen, Maße und Gewichte selbst kontrollieren und Verstöße selbst ahnden. (Groten, S.104f) Die Bürger entlasten also die Herrschaft und gewinnen dabei einen Raum eigener Gestaltungsfreiheit.

 

 

****Pfarrei und Stadtteil****

 

Zu einer Stadt gehört in dieser Zeit neben dem oder den Zentren der Herren zumindest eine Handwerker- und Händlersiedlung, und die ist im christlichen Raum undenkbar ohne wenigstens eine Kirche. Diese ist zunächst in der Regel noch recht klein, muss aber möglichst viele Leute fassen, da regelmäßiger Kirchgang Christenpflicht ist. Ab einer gewissen Bevölkerungszahl und dann mit der Entstehung mehrerer Stadtteile müssen mehrere Pfarrkirchen gebaut werden. Wie es auf dem Land feste Einzugsbereiche für Pfarrkirchen gibt, so auch in den Städten. Die Menschen sind für Abgaben, Dienste und kultische Pflichten jeweils auf eine Pfarrkirche bzw. Pfarrei verpflichtet, und solche können wie schon unter Bischof Burchard in Worms sich zu vier Pfarrbezirken auswachsen, die auch Verwaltungsfunktionen einnehmen können.

Im Rahmen von Pfarreien findet der Alltag der Menschen, insbesondere der der reinen Fußgänger statt. Man trifft sich ständig im Gottesdienst, "Taufen und Totengedenken, Feiern und kirchliches Gericht im Send (für Köln) werden gemeinsam erlebt." (Erkens in: Frühgeschichte, S.179)

Stadtteile sind darum konzentriert auf ihre Pfarrkirche, oft ist die Pfarrei mit ihrer Nachbarschaft und ihren Geburen (Nachbarn) für einen Abschnitt der Stadtmauer zuständig. Vermutlich ist für die Einteilung in Pfarreien wie zum Beispiel später in Soest oft der Erzbischof zuständig.

In der Freiburger Gründungsurkunde von 1120 wird den Bürgern die Wahl der Pfarrer und bald darauf auch die Einsetzung des Küsters zugesagt. Für das 13. Jahrhundert ist in Köln die Pfarrerwahl durch "die Gemeinde" dokumentiert.