Die Stadt im Norden (1250-1450)

 

Die Stadt als Wirtschaftsraum

Die Stadt als Festung

Stadtbild: Gebäude in der Stadt

Gemeinden in deutschen Landen

Technik und Maschinen: Erste Industrialisierung

Das Handwerk

Flandern, Frankreich

England

Spanien

Die Einbürgerung aristokratischer Lebensformen

(Hadlaub)

 

Die Stadt als Wirtschaftsraum

 

Der Vorgang der Zivilisierung steigert den Ressourcenverbrauch erheblich. Die wichtigste Grundlage allen Lebens ist das Wasser. Von Natur aus verbrauchen Menschen anderthalb bis drei Liter dafür geeignetes Trinkwasser, dazu kommen menschenspezifisch Wasser für das Kochen, Spülen, Waschen und Putzen, wo möglich dabei mehr als für das Trinken. Dazu findet Wasser Verwendung in vielen Gewerben und handwerklichen Tätigkeiten wie dem Bleichen und Färben. Damit dürfte der tägliche Pro-Kopf-Bedarf im Mittelalter zwischen 15 und 20 Litern gelegen sein (Schott, S.109).

Ummauerte mittelalterliche Städte, die ständig von außen bedroht werden konnten, müssen ihren Grundbedarf an Wasser aus ihrem Grundwasser decken. Wer die Möglichkeit dazu hat, besitzt einen privaten Ziehbrunnen, manchmal bis zu 800m tief gegraben und ausgemauert, von denen es je nach Größe der Stadt hunderte oder tausende gab. Wer sich keinen solchen Brunnen leisten konnte, musste das Wasser aus Fließgewässern holen und im späten Mittelalter zunehmend aus öffentlichen Brunnen, um die sich die Nachbarschaft kümmern muss. Nürnberg soll Mitte des 15. Jahrhunderts bereits mit rund 100 solcher Brunnen ausgestattet gewesen sein, "auf 300 Einwohner kam ein Grundwasserbrunnen." (Schott, S.111) Seit dem Hochmittelalter ist zudem der Beruf des Wasserträgers aus Paris oder London überliefert.

 

Zusätzlich gibt es seit Mitte des 13. Jahrhunderts Wasserleitungen aus Holzröhren von außerhalb (in Basel, Königsberg, Stralsund), idealerweise aus Quellen, sonst aber auch aus Bächen und Flüssen. Im 14. Jahrhundert haben dann mehr Städte solche Leitungssysteme, die das Leitungswasser auf mehrere öffentliche Fließbrunnen verteilen. Städtische Brunnenmeister sind dann dafür zuständig. Manchmal wie in Zürich wird Wasser mit einem Schöpfrad aus der Limmat geschöpft, so angehoben und dann durch Leitungen auf Brunnen verteilt.

Damit nehmen in den Städten die Badstuben und Badehäuser zu, in denen Bader als Friseur, Kosmetiker und Arzt fungieren und sich zunehmend auch Promiskuität und Prostitution mit ihren Geschlechtskrankheiten breitmachen, weswegen sie in der frühen Neuzeit überwiegend wieder abgeschafft werden.

 

Im Mittelmeerraum mit seinen geringen Niederschlägen im Sommer muss Wasser dort, wo Städte nicht direkt an Flüssen liegen, in großen gebauten Zisternen bevorratet werden wie zum Beispiel in Siena. Viel Wasser verbrauchende Wollverarbeitung wird dann außerhalb der Stadt betrieben, was den Städten Nachteile im Wettbewerb mit solchen einträgt, die im Stadtgebiet oder direkten Umfeld mit Wasserkraft betriebene Maschinen einsetzen können.

 

Nachdem Glaber für die erste Jahrtausendwende eine massive Zunahme des Kirchenbaus konstatiert hatte, wird das 13. Jahrhundert zu einer Blütezeit des Städtebaus, und zwar nun zunehmend in Steinbauweise. Dabei entstehen nicht nur zahlreiche neue Stadtviertel, sondern auch in den alten werden nun  manchmal Wohnhäuser aus Holz durch steinerne ersetzt. Selbst einzelne Handwerker leisten sich nun Steinhäuser (Leng, S.30 z.B. für Würzburg). Wegen der Feuergefahr werden jetzt, im späten Mittelalter, häufiger steinerne Kamine durchgesetzt und feuerfeste Dachziegel.

Solche "romanische" Stadtviertel sind allerdings nirgendwo mehr erhalten, hingegen einzelne Häuser wie der "Frankenturm" in Trier, das "Graue Haus" in Winkel im Rheingau, das "Haus zum Tein" in Mainz. Dort, wo es nach dem Bombenhagel des zweiten Weltkrieges überhaupt noch "mittelalterliche" Stadtkerne gibt, entstammen sie im wesentlichen dem Übergang zur frühen Neuzeit.

 

Das Stadtbild wird von steinerner Ummauerung, steinernen Kirchen mit ihren Türmen und von Geschlechtertürmen geprägt, wozu in Flandern noch die Belfriede gehören. Dennoch steigt bis zur großen Krise um 1350 wegen des vermehrten Bauens der Bedarf an Bauholz für Dachstühle, Treppen usw. Noch im späten Mittelalter wird der Bau der Münchener Frauenkirche rund 20 000 Baustämme erfordern, die über die Isar angeflößt werden (Schott, S.69). Der Brennholzbedarf von London um 1300 soll das Hundertfache der Städtfläche betragen haben (Schott, S.73)

Die Wälder schrumpfen und Holz wird knapper. 1294 erlässt Nürnberg die erste Waldordnung, die den übrig gebliebenen Reichswald schützen soll. 1309 befiehlt Kaiser Heinrich VII., den stark geschädigten Reichswald "wieder zu Wald zu machen". Der Wald wird zum Politikum. Nürnberg versucht, stark Holz verbrauchende Köhlereien, Glas- und Schmelzhütten aus den Reichswäldern zu verdrängen.

Die knapper werdende Ressource Holz macht dann zur Gänze aus Wäldern als Naturlandschaft forstwirtschaftlich betriebene Holzproduktion: An die Stelle von Eichen- und Buchenwäldern treten nun Holzplantagen aus schnellwachsenden Nadelbäumen, die häufiger abgeerntet werden können. Solches Saatgut von Nadelbäumen wird dann von Nürnberg auch nach Frankfurt verkauft, wo so wie auch im Schwarzwald Plantagenanbau von Nadelhölzern einsetzt. für 1359 wird von Erfurt berichtet, dass es seinen Stadtwald erstmals in "Schläge" für die systematische Abholzung und Neuaufforstung einteilt.

 

Wo große Flächen wie in der Lüneburger Heide komplett abgeholzt sind, muss Abhilfe aus der Ferne kommen. Lüneburg baut nun Floßkanäle, um Brennholz aus Mecklenburg flößen zu können. Lübeck bezieht Bauholz aus dem Ostseeraum, wo es in Danzig verhandelt wird. Das ohnehin waldarme Flandern bezieht sein Brennholz aus der Grafschaft Kent in Südengländ, später dann aus dem Einzugsgebiet der Weichsel, ebenfalls über Danzig. Hamburg versorgt sich aus böhmischen Wäldern und verschifft, was übrig bleibt, zunehmend in die Niederlande.

 

Zum Bauboom in den Städten gehört auch der städtische Brückenbau. Irgendwann zwischen 1220 und 1233 wird eine erste steinerne Brücke über den Main gebaut, und zwar bei Würzburg. Zudem gibt es neue steinere Mauerringe mit ihren Türmen und Toren. Die Bauwirtschaft wird zu einem stabilen Zweig städtischer Ökonomie, insbesondere, wenn Großbauten nicht nur Jahrzehnte, sondern manchmal wie die Kathedralen sogar Jahrhunderte in Anspruch nehmen.

 

Nach Holz und Getreide spielt auch Fleisch eine zentrale Rolle als allgemeines Einfuhrgut in die Städte. Dünn besiedelte Gebiete entfernt von verstädternden Räumen speizialisieren sich wie Teile Ungarns, Polens oder Frankreichs auf Rinderzucht. Ungarische Ochsen werden dann vermehrt im späten 14. Jahrhundert auf die Märkte in Venedig,  Frankfurt oder Aachen getrieben. Auf dem wöchentlichen Viehmarkt im elsässischen Sennheim werden sie dann von Aufkäufern aus oberrheinischen Städten erworben. im 15./16. Jahrhundert wird dann Ochsenhandel einer der wichtigsten Warenströme in Europa werden (Schott, S.79ff).

 

Mittelalterliche Städte, die Wasser, Nahrungsmittel, Holz und andere Rohstoffe und auch Fertigprodukte einführen, produzieren Lärm, verunreinigen die Luft, das Wasser und hinterlassen Abfälle. Dabei wird der Tag und Nacht andauernde hohe Lärmpegel heutiger großer Städte allerdings nicht erreicht, es gibt noch eine Nachtruhe und tags lassen sich die einzelnen Geräusche noch stärker auseinander differenzieren. Einzelne Gewerbe wie die Gerbereien verpesten die Luft vor Ort, dazu kommt der Rauch von verbranntem Holz für das Kochen und Heizen, aber die Mehrzahl der Städte sind von einer Größe, in der die Selbstreinigungskräfte der Luft zum Atmen noch ausreichen. 

 

Der einzelne Mensch produziert alleine durch Essen und Trinken Abfall, ungefähr 150g Fäkalien und und 1-2 Liter Urin, was für eine mittelalterliche Stadt von 5 000 Einwohnern 250 000 Tonnen Fäkalmasse und und 2500 Tonnen Urin im Jahr bedeutet. Das alleine bedeutet, dass der verstädterte Mensch als einziger unter allen Lebewesen eine enorme Masse an problematischem Dreck an einem Ort produziert. Da Menschen sich dennoch für etwas besseres als alle anderen Tiere hält, ist das Urinieren und Koten bei ihm schambesetzt und wird in Aborten absolviert. Das sind entweder Verschläge auf dem Hinterhof, unter denen Erdgruben oder ausgemauerte große Kammern die Fäkalien aufnehmen, die meist alle paar Jahre geleert werden mussten, wenn sie dann nicht durch neue ersetzt werden. Bei Geschoßbauten wird außen ein Aborterker mit einer Rohrleitung in die Grube angelegt.

Wo möglich werden, besonders von Klöstern und Hospitälern wie dem Hôtel Dieu in Beaune Fäkalien und andere Abfälle direkt in Bäche und Flüsse abgegeben, und im späten Mittelalter wird man sich zumindest in großen englischen Städten der Gefahren durch Verschmutzung bewusst.

 

Es fehlen noch die ungeheuerlichen Hausmüll-Mengen, wie wir sie seit dem zwanzigsten Jahrhundert kennen, und große Teile des Abfalls enthalten noch nicht die Vielzahl an Schadstoffen, wie sie zum Beispiel die chemische Industrie erfinden wird. Viele Materialien werden nicht weggeworfen, sondern wiederverwendet. Anderes landet auf der Straße, in Bächen und Flüssen. Städte wachsen wie in der Antike mit ihren Abfällen langsam in die Höhe, bis durch Aufpflasterung ein gewisses Niveau stabilisiert wird und die Straßen nun, sei es auch nur durch Niederschläge, gereinigt werden. Manchmal werden aber auch seichte Flussufer zwecks Landgewinnung mit Müll aufgefüllt, oder es werden aufgegebene Steinbrücke benutzt.

 

Die Stadt als Festung

 

Im Verlauf des hohen Mittelalters gewinnen Städte für Fürsten und Könige immer größere Bedeutung, und das nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in militärischer Hinsicht. Ein Vorrecht der Freiburger wird es im 12. Jahrhundert, nur noch auf eintägigen "Expeditionen" des fürstlichen Heeres mitziehen zu müssen. Zieht der Fürst aber zum königlichen Aufgebot, müssen Schuster und Stiefelmacher ihm soviel ihrer Produkte abliefern, wie er braucht.

 

Die Bürger werden überall verpflichtet, ihre Stadt mit Mauern, Türmen und befestigten Toren zu versehen. Aber das liegt zugleich auch im Eigeninteresse der Bürger, sich vor Überfallen zu schützen. Für Oldenburg verfügt der Graf 1345, eine künftige Ummauerung der Stadt solle an beiden Seiten bis an unsere Burg reichen und die Büprger werden verpflichtet, ihm gegen die Friesen des Umlandes beizustehen (in Hergemöller, S.349).

1352 genehmigt Kaiser Karl IV. Philipp von Münzenberg-Falkenstein die Verwandlung des Dorfes Hofheim in ein opidum, eine Kleinstadt. Schon die villa Hobeheim war mit Gräben, Planken und anderen Befestigungen gesichert worden. Nun soll sie mit Mauern, Türmen, Wällen, Brücken und anderen Befestigungen, die zur Befestigung von Kleinstädten nötig und üblich sind, gesichert werden (in Hergemöller, S.364)

Und so beschließt der Rat von Köln 1397: Ferner soll jeglicher Meister und Bruder dieser Zunft (der Kistenmacher) seinen Harnisch besitzen, nach seinem Vermögen... Für die Leineweber heißt es: Ein Meister der Stadt, der der Zunft drei Jahre gedient hat und vier Webstühle betreiben wolle, der soll vom vierten Webstuhl einen Harnisch unterhalten zum Nutzen der Stadt. (Engel/Jacob, S. 289/90).

 

Unübersehbar ist, dass die Handwerkerschaft auch schon rein zahlenmäßig das Gros der Verteidiger einer Stadt stellen. Dementsprechend sind die Zünfte bald die elementaren Einheiten der Bürger unter Waffen und das heißt nichts anderes, als dass sie in die Machtstrukturen ein- und untergeordnet werden.

Daneben sind längst Städte kriegführende Partei oder wenigstens Teil davon. Dementsprechend heißt es in einer Verordnung des Augsburger Stadtrates von 1360: In gleicher Weise soll man auch alle Handwerke hier in der Stadt nach Weisung des Rates aufteilen, wenn wir künftig in den Krieg ziehen wollten, und zwar so, dass ein Teil eines jeden Handwerks hier bleiben soll, wenn der andere die Stadt verlässt. (Engel/Jacob, S. 333)

 

Die Meister haben die Pflicht, ihre Wehrhaftigkeit gegenseitig zu kontrollieren.  1483 heißt es für Straßburg: Unsere Herren Meister, der Rat und die Einundzwanzig haben beschlossen, dass die Meister aller Handwerke zu Straßburg, jede Meisterschaft in ihrem Handwerk, von Haus zu Haus gehen und bei allen ihren Mitgliedern Ausrüstung, Geschütze und Gewehre besichtigen, auf dass sie alle gleichmäßig gerüstet seien und jeder besitze, was er besitzen soll. (Engel/Jacob, S. 335)

 

Kriegführung, also Militärdienst ist schon im Mittelalter hohe Bürgerpflicht. Unübersehbar wird dabei das Monopol des Adels zum Waffenführen durchbrochen, dem sich schon die nichtadeligen Söldnertruppen seit dem 12. Jahrhundert entzogen hatten.

 

Stadtbild: Gebäude in der Stadt

 

Sobald Wohngebäude zu freiem Eigentum werden, sind sie nicht nur Rendite- sondern auch Spekulationsobjekt. Zunächst leben vor allem Adel und bürgerliches größeres Kapital in Wohneigentum, die Masse der Handwerker lebt zur Miete und die Lohnarbeit unter ärmlichsten Verhältnissen in bescheidenen Kammern. Um den zentralen Markt entwickelt sich ein Honoratioren-Viertel mit immer höheren Grundstückskosten. Noch freie Grundstücke werden parzelliert und es wird immer verdichteter gebaut, je weniger Platz innerhalb der Mauern bleibt. Die Flächen für Gärten schrumpfen und abgesehen von den Marktplätzen gibt es um 1300 oft keine Freiflächen mehr. Eine Stadt wie Lübeck ist um 1300 eng parzelliert und komplett zugebaut.

 

Wenn Städte wachsen oder zusammenwachsen, entstehen Stadtteile, Alt- und Neustädte, in Bischofsstädten das oft burgartige Domviertel, Viertel, die von Klöstern oder Adelssitzen dominiert werden und solche von Handwerkern oder Händlern. Die Bürgerstadt ist zudem in Pfarreien eingeteilt, die manchmal mit den Vierteln identisch sind. Erst in der beginnenden Neuzeit werden Juden feste Areale zugewiesen, wie 1462 in Frankfurt an der alten Stadtmauer in der Judengasse. 1516 taucht das Wort Ghetto für ein Judenviertel in Venedig auf.

 

Zu den Niederlassungen der Zisterzienser kommen im 13. Jahrhundert ziemlich schnell die der Bettelorden, Franziskaner und Dominikaner, mit ihren bald Pfarrkirchen an Höhe und Größe übertreffenden Kirchengebäuden. Dazu werden nun häufiger von Bürgern errichtete Hospitaler, Hospize, Häuser für Kranke, Arme, Alte und Pilger.

 

Die Leute mit dem größten Reichtum und Sozialprestige wohnen zentral am Markt, und wenn es mehrere gibt am Hauptmarkt. Die ärmlichsten Häuser befinden sich meist an der Stadtmauer. Aber die Bevölkerung ist durchmischt, denn in den Dachgeschossen oder Hinterhäusern der Wohlhabenderen wohnt das Gesinde, wohnen Lehrlinge und Gesellen.

Auf dem täglichen oder Wochenmarkt stehen zunächst Bänke, Holzstände, Bretterbuden für das Feilbieten von Waren. Nach und nach kommen Ladengeschäfte rund um den Markt dazu und in Städten mit größerem Textilgewerbe als mehr oder weniger öffentliche Kaufhäuser Tuchhallen. Zentral liegt auch die wichtigste Pfarrkirche, der flämische Belfried und dann auch das Rathaus.

Manchmal siedeln sich spezifische Handwerker in einer Straße an, die aber oft auch nach dem Handwerk heißt, weil sich deren Zunfthaus dort befindet. Am Stadtrand und dort an Fließgewässern sind Gärber und Färber mit ihren Gewerben zu Hause.

 

Die Straßen sind zunächst wenig befestigt, und wenn dann mit Bohlen und Knüppen. Erst nach und nach kommt Steinpflasterung dazu. Die Straßenfronten sind eng bebaut, nur durch enge Spalte sind die Häuser getrennt. An den wichtigeren Straßen sind die begehrten Straßenfronten eher schmal, mit Werkstatt, Laden oder Kontor belegt, daneben eine Durchfahrt. Die Familie wohnt im Stockwerk darüber. Der Hof dahinter ist Lagerplatz, besitzt manchmal Gärten,meist einen Brunnen und oft den Abort, dahinter konnte noch ein Wohnhaus stehen. Die Keller sind oft in die Straße hineingebaut und durch einen Klappladen von dort zugänglich und belieferbar. Genauso sind die oberen Stockwerke überkragend in die Straßenflucht hineingebaut.

Mit den größeren Hinterhöfen und beim Bau von Stadtmauern noch unbebauten Arealen gibt es in den Städten zunächst noch viele Grünflächen mit Gärten und Landwirtschaft. Was noch fehlt, sind öffentliche Parkanlagen, die eben auch noch nicht gebraucht werden.

Die Straßen haben Namen, aber keine Straßenschilder. Genauso wenig sind die Häuser nummeriert, stattdessen tragen sie oft Namen.

 

 

Stadtgemeinden in deutschen Landen

 

Mit dem Weg in die politische Gemeinde beginnt diese auch, selbständiger Beziehungen zu anderen zu knüpfen. 1208  kommt es zu einem Zollverttrag zwischen den cives von Worms und Speyer: Verhandelt werden gegenseitig gleich hohe Zölle für den Handel über Land und auf dem Rhein. Mit der nachlassenden staufischen Kontrolle über deutsche Lande gewinnt die städtische Friedenserhaltung an Bedeutung: Im November 1226 verbietet Heinrich (VII.)  im Interesse seines Vaters, der gerade besonders fürstlicher Unterstützung bedarf, auf einem Hoftag zu Würzburg einen Bund der Städte Mainz, Bingen, Worms, Speyer, Frankfurt, Gelnhausen und Friedberg gegen den Erzbischof von Mainz verboten. Dem Erzbischof wird nach Fürstenspruch zugestanden, dass das königliche Oppenheim nebenan keine Ministeriale, Bürger und andere Leute mehr aus Mainz aufnehmen und die schon dorthin gekommenen wieder zurückgeschickt werden.bildet sich ein Städtebund am Mittelrhein. 1227 werden alte Bündnisse zwischen Straßburg und Speyer erwähnt. 1230 begünstigt Heinrich dann wiederum ein Bündnis der Bürger von Lüttich und anderer Städte an der Maas gegen den Bischof, welches er ein Jahr später auf Druck seines Vaters verbieten muss.

1254 kommt es zum von Mainz und Worms ausgehenden Rheinischer Bund. Laut Hermann von Niederaltaich pax more Lombardicarum civitatum (in 'Verwandlungen', S.106). Auch Kleinstädte wie Bingen und Oppenheim treten bei.

 

****Die Macht über die Stadt und in ihr****

 

Übergeordnete Fürsten und Könige verleihen zunächst Stadtherren, aber dann auch Bürgern für ihren Teil der Stadt Rechte, die sie zu Bundesgenossen machen, oder sie begrenzen ihren Rechtsstatus wie Friedrich II., wenn er die geistlichen und weltlichen principes als Verbündete braucht. Aber es bleibt, anders als in Nord- und Mittelitalien, ein Herr über den Bürgern und ein Herr über dem Stadtherrn. Über den flämischen Städten steht ihr Graf und über diesem der französische oder römisch-deutsche König. Über dem Bischof steht der Erzbischof, der versucht, Fürstbischof zu werden und ein geschlossenes Territorium herzustellen, um mit Stammesherzögen gleichzuziehen. Der Würzburger wird das versuchen und bekommt dafür ein historisch wenig begründetes Herzogtum „Franken“ verliehen.

 

Nur einen Herrn über sich, nämlich den König und Kaiser, haben die freien Reichsstädte, die sich im 13. Jahrhundert herausbilden. Aber deren Geldbedarf und Schuldenmachen führt ähnlich wie bei manchem Landesfürsten unter ihnen dazu, dass Städte und insbesondere Reichsstädte an potentere Herren verpfändet werden und manchmal deren Auslösung auf sich warten lässt, worauf sich Städte manchmal selbst freikaufen. König Ludwig IV. ("der Bayer") privilegiert darum die Bürger von Frankfurt/Main damit dass sie durch uns und das Reich niemandem, aus welchem Grund auch immer, verpfändet werden sollen (... in Hergemöller, S.337)

 

Im Westen beginnen sich große Städte von ihren großen Landesherren zu lösen.

1254 tritt Straßburg dem Rheinischen Städtebund bei, 1262 siegt das Bürgerheer über das bischöfliche bei Hausbergen. Es folgt ein Friedensvertrag. Der Bischof bleibt für die nächsten Jahrzehnte noch Münzherr. Die Stadt Köln siegt 1288 in der Schlacht von Worringen über das erzbischöfliche Kurköln.

Aber die Entwicklung ist in deutschen Landen völlig ungleichmäßig. In Mainfranken behalten die geistlichen Herren ihre Städte fest im Griff, während gleichzeitig in den schwäbischen Reichsstädten Zunftverfassungen diskutiert werden. Bei kleineren Städten dauert der Vorgang der Gemeindebildung im 13. Jahrhundert noch an. Erst 1244 zum Beispiel wird zwischen der Äbtissin als Landesfürstin und der Gemeinheit der Ministerialen und Bürger von Essen ein Vertrag über eine gemeinsame Mauer um Stadt und Stift geschlossen.

 

Im späten Mittelalter werden überwiegend klein bleibende Städte neu gegründet, und zwar überwiegend auch von weniger mächtigen Herrschaften, wie die Verwandlung des Dorfes Hofheim/Taunus zum opidum 1352, welches denn auch keinen zur Gänze städtischen Charakter erreicht. Nach 1450 finden dann überhaupt kaum noch Städtegründungen statt. Was aber stattfindet ist ein Abringen von immer mehr bürgerlicher Selbstverwaltung gegenüber den Stadtherrn der Bischofsstädte bis manchmal hin zur bis auf symbolische Herrenrechte fast vollständigen Autonomie. Die Entwicklung verläuft aber in Gemeinden und Regionen ganz unterschiedlich.

Im 13. Jahrhundert wird oft ein jährlich neu zu wählender Stadtrat etabliert, der vor allem Interna von Handel und Handwerk kontrolliert. Dazu kommt wenigstens einmal im Jahr eine Bürgerversammlung, die in Magdeburg, wo Anwesenheitspflicht besteht, als Burding zum Beispiel Recht spricht. Hier wie anderswo ist der Burggraf der oberste Richter mit seltenen Gerichtsterminen, während darunter der Schultheiß regelmäßiger Gericht hält.

 

Eine weitere Entwicklung ist die Zusammenlegung mehrerer benachbarter "Städte" zu einer Stadt mit einem Rat, einem Rathaus und Gericht an einem zentralen Markt wie dem in der Mitte von Rostock, wodurch die Gesamtstadt zu einem gemeinsamen Rechtsraum mit einer gemeinsamen Mauer wird. Duderstadt platzt offensichtlich 1436 aus allen Nähten, die enge Bebauung fördert Feuersbrünste, und so erlaubt ihr Mainzer Herr die Vereinigung mit der Neustadt und den Bau neuer Befestigungen um den Gesamtkomplex.

 

Dort, wo Stadträte und städtische Ämter etabliert werden, beginnt das Ringen um die bürgerliche Macht in der Stadt, zunächst von einer Oligarchie bürgerlicher Oberschicht betrieben. Ähnlich wie noch besser dokumentiert in italienischen Städten werden immer neue Versuche unternommen, damit nicht einzelne Geschlechtergruppen die Kontrolle über die Stadt gewinnen. 

In Osnabrück beschließen 1348 die Ratsherren, Schöffen genannt (schepen), folgendes komplizierte Modell: Am 2. Januar müssen sich die Bürger (die einen eigenen Rock besitzen) vor dem Rathaus versammeln. Es herrscht strafbewehrte Anwesenheitspflicht. Die Schöffen würfeln derweil zwei der Ihren als Wahlmänner aus. Diese wiederum wählen sechzehn Wahlmänner aus den verschiedenen Stadtteilen nach festem Schlüssel, die wiederum aus denselben Stadtteilen nach demselben Schlüssel 16 neue Schöffen wählen, die gewissen Minimalqualifikationen genügen sollen.

Noch komplizierter wird es dort, wo dann das Handwerk in seinen Meistern mit der städtischen Oberschicht zusammen den Rat zu stellen hat, wie es 1375 nach einem heftigen Aufstand in Nordhausen beschlossen wird.

In Marburg wählen 1428 wählen Zünfte und "Gemeinde" ein Viermännergremium, welches zu den zwölf Schöffen offenbar der patrizischen Geschlechter und dem bisherigen Rat hinzukommt und einen neuen Rat bildet, wobei dann nach dem Tod eines Schöffen dieser jeweils durch einen Ratsherrn ersetzt wird. Die Gemeinde wählt jedes Jahr einen Bürgermeister aus der Reihe der Schöffen, die wiederum einen Unterbürgermeister aus der Reihe der Vier wählen.

1460 legt der Erzbischof von Köln offenbar im Einvernehmen mit den Honoratioren der Stadt fest, dass der Rat nicht mehr jährlich, sondern auf Lebenszeit von der Bürgergemeinde (den gemeynen burgern) gewählt wird, wobei die Schöffen des Erzbischofs dazu gehören. Beim Tode eines der Räte wählt eine von den Bürgern gewählte Gruppe der Vierundzwanzig einen Nachfolger. Schöffen, Ratsleute und genauso viele gewählte Bürger wählen Bürgermeister und Akzisemeister aus dem Kreis der Schöffen und Räte.

 

Der sich im hohen Mittelalter bereits andeutende Freiheitsbegriff als einer sich in Grenzen selbstverwaltenden Stadt bleibt bestehen. In diesem Sinne "gibt" der Graf von Oldenburg zum Beispiel 1345 die Stadt Oldenburg "frei" und meint damit, dass sie sich das Recht von Bremen geben soll.

 

 

Technik und Maschinen: Weitere Industrialisierung

 

Im dreizehnten Jahrhundert verbreiten sich Mühlen immer weiter  über den größten Teil Europas, und neben die allgegenwärtigen Getreidemühlen treten nun auch solche, die Oliven pressen, auch Nüsse zermahlen usw. Selbst Holz wird nun in (Säge)Mühlen gesägt.

Vor allem aber werden Mühlen in anderen Bereichen nun wichtiger. Es gibt mehr Schleifmühlen, Pochmühlen zum Aufbrechen des Erzes und Hammermühlen bis hin zu schweren Schmiedehämmern. Schmiedemühlen verbreiten sich überall.

Schließlich treiben Mühlen Blasebälge an, und dann werden gegen 1400 selbst große Hochöfen durch mit Wasserkraft betriebene Blasebälge möglich. Im 15. Jahrhundert werden dann noch Papiermühlen hinzukommen.

Es entstehen so frühe Industrielandschaften an Wasserläufen und möglichst in der Nähe von Erzvorkommen, während die enormen Mengen an Holz bzw.  Holzkohle als Brennmaterial für Öfen bald von weiter her kommen muss. Wasser- und Luftverschmutzung ziehen so auch außerhalb der Städte ein.

 

Der Eisenbedarf für Geräte und Rüstungsgüter nimmt enorm zu und vervielfacht sich in kürzeren Abständen. Der Erzabbau geht aus der direkten Unterordnung von Bannherrschaften in die Hände privater Genossenschaften über, die dem Bannherrn aber noch Abgaben zahlen. Die Hochöfen mit ihrem Kapitalbedarf geraten unter kommunale Aufsicht. Über all das gewinnt der Eisenhandel enorm an Bedeutung.

 

Auf dem Lande geraten Mühlen unter die Banngewalt des höheren Adels, der sie verpachtet, während sie in und bei den Städten unter deren Aufsicht stehen. Mitte des 14. Jahrhunderts verfügt eine Stadt wie Freiburg im Üchtland, heute frankophone Schweiz, über wohl mehr als 25 Mühlen.

Die Errichtung einer solchen spezialisierten Wassermühle verlangte erhebliches Kapital und das Mieten von Fachkenntnis. Und so schließen sich gelegentlich mehrere Gewerbe (Tuche, Metallverarbeitung etc.), die von einer Mühle profitierten, zusammen, oder es bilden sich direkt gewinnorientierte Gesellschaften, die Mühlen errichten und betreiben. Müller sind dann oft deren Angestellte.

 

Maschineneinsatz fand nicht nur in dem Bereich des Schmiedens statt, sondern auch im Bergbau. Dazu trugen im Hochmittelalter die neuen Silberminen von Freiberg im Erzgebirge, der Toskana, von Iglau in Mähren und Kuttenberg in Böhmen bei. Erfunden werden so von Wasserkraft angetriebene Blasebälge für Schmelzöfen und solche, die von Dampfkraft angetrieben werden. Ein anderer wichtiger Aspekt kam schon dadurch zum Tragen, dass man nicht mehr nur an der Oberfläche, sondern tief in den Berg hinein grub. Das hatte zur Folge, dass einsickerndes Wasser entfernt werden musste, und dazu wurden Anlagen zum Wasserheben und zum Pumpen entwickelt, die selbst wieder wassergetrieben waren.

 

Insgesamt blieb natürlich maschinenbetriebene Produktion nur ein Teilbereich, und im handwerklichen Bereich herrschte bis in die Neuzeit direkte menschliche Arbeit vor.

 

(Glasherstellung)

 

Das Handwerk

 

Landwirtschaft und Handwerk bieten Grundlagen für die Entstehung von Kapitalismus, aber sie treiben ihn selbst nicht voran, sondern werden höchstens punktuell von ihm getrieben. Der Handwerksmeister ist zwar kleiner Kapitaleigner (Haus, Gerätschaften), aber sein flüssiges Kapital geht meist nicht weit über das für die Anschaffung von Rohstoffen, Halbfabrikaten und den Ersatz von Gerätschaften und den Unterhaltung vom Gesellen und Lehrling hinaus. Er ist also nur in geringem Umfang Unternehmer und sein Betrieb ist eher von Stabilität als Expansion gezeichnet – er betreibt nicht wesentlich Kapitalvermehrung und ist soweit auch nicht das, was hier als „Kapitalist“ bezeichnet wird.

 

Handwerk für sich schafft keinen Kapitalismus, dieser entfaltet sich erst dauerhaft von dort aus, wo das große Kapital aus (Fern)Handel und Finanzgeschäften sich mit diesem verbindet. Lübeck hat Handwerk zur Versorgung der Stadt selbst, gewinnt seinen Reichtum aber im wesentlichen aus dem Handel. Schon bald nach der Stadtgründung schwärmen von dort Kaufleute aus nach Schonen (Hering) und Gotland, wo Wisby zur Drehscheibe des Handels mit Nowgorod in der Rus wird, wo eine großgrundbesitzende Bojarenschicht Luxusbedarf hat.

 

Natürlich besitzt jenes vielfältige Handwerk, welches nicht unter die Kontrolle großer Firmen gerät, Kapital, wenn auch in relativ geringem Maße. Das sind kleinere Geldmittel und die Werkzeuge vor allem. In gewissem Sinne lassen sich auch Talent, Können und Wissen dazuzählen. In beschränktem Umfang gehört dazu auch unternehmerisches Geschick. Es steigen entsprechend auch immer wieder einmal Handwerker in die bürgerliche Oberschicht auf. Es ist auch nicht so, als ob die Vereinbarungen und Statuten der Zünfte im 13. Jahrhundert den Eindruck vermitteln, als ob die Absicht bestünde, die Betriebe kleinzuhalten, aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt, sowohl was Nachfrage, Rohstofferwerb und Möglichkeiten der Investition betrifft, und wo das anders ist, bei Textilien, Metallgewerbe und ähnlichem, übernimmt das große Kapital mit dem Verlagssystem in irgendeiner Form oder dem Maschineneinsatz die Kontrolle.

 

Die Aufwertung des Handwerks geht mehrere Wege: Kirche, höherer Adel und Fürsten profitieren von ihm als Warenkonsumenten, besonders von Luxusgütern, und sie profitieren teilweise von den Abgaben, die Handwerker leisten. Zugleich muss die Kirche ihre Positionen ändern, um die Handwerkerschaft nicht zu verlieren bzw. zu Gegnern zu machen (wie in Florenz im Krieg der Stadt gegen den päpstlichen Staat). Aber da alle Kirchen, Burgen, Paläste, Stadtwohnungen, Stadtmauern, Brücken usw. brauchen, kommen sie zuallererst nicht umhin, die mit dem Bauen verbundenen Handwerke anzuerkennen. Darüber hinaus war das Bauen neben dem Textilgewerbe und den metallverarbeitenden Handwerken der dritte wichtige Wirtschaftsbereich im Mittelalter. Allein für Lübeck wird geschätzt, dass zwischen 1250 und 1300 neben allen Großprojekten „über 1000 Steinhäuser“ gebaut wurden (Ranft in Hartmann (Hrsg), S.172). Dabei muss man allerdings bedenken, dass in diesem Zeitraum Teile der Stadt zweimal abbrennen. Aber ein anderes Beispiel: In Straßburg werden zwischen 1222 und 1300 allein 16 Klöster gebaut (Kammerer in Hartmann (Hrsg), S. 80)

 

Mehr noch als Bauhandwerk (Maurer, Steinmetze, Zimmerleute usw.) wird für kurze Zeit eingestellte Lohnarbeit eingesetzt. Alle bekommen zunehmend mehr Arbeit, weil die neue bürgerliche Gemeinde im 13. Jahrhundert immer mehr Großaufträge vergibt: Da ist die gotische Stadtkirche, die als Kontrapunkt zur Kathedrale gebaut wird, entweder in Gemeinschaftsfinanzierung mit dem Bischof oder ganz in bürgerlicher Regie. Da ist das Rathaus, entweder Neubau am zentralen Markt oder aber Ausbau eines schon vorhandenen und aufgekauften Bürgerhauses aus Stein. Da ist die Gerichtslaube am selben Markt, und dazu kommen die ersten Spitäler, Hospize usw. in bürgerlicher Regie, mit denen das große Kapital die Caritas des Bischofs zurückdrängt. Die wachsende Stadt bekommt eine neue Mauer mit ihren Toren und Türmen.

 

Spezialisierung, Arbeitsteilung:

In Nürnberg steht lange die Metallbearbeitung an erster Stelle des Handwerks. Eine Liste von 1363, die fast alle Handwerksmeister aufführt, listet dabei detailliert zwanzig verschiedene Branchen der Metallverarbeitung mit 341 Meistern (von insgesamt 1 217) auf. (Engel/Jacob, S. 273)

 

Je stärker sich in den Städten bürgerlich-kapitalistische Strukturen herausbilden und diese nach Selbstregulierung trachten, desto mehr scheinen Frauen in bestimmte Bereiche abgedrängt zu werden. Wenn es wie in Köln im späten Mittelalter spezifisch weibliche Zünfte wie in der Seidenverarbeitung mit ihren (nur) weiblichen Lehrlingen gibt, dann verstärkt das den Eindruck, dass es eine Tendenz gibt, Frauen nach und nach aus vielen Handwerken ganz herauszudrängen und auf wenige zu konzentrieren. Dies hat nicht nur mit Strukturwandel im Handwerk bei immer stärkerer Kapitalisierung ganzer Wirtschaftszweige zu tun, sondern auch mit den Wandlungsprozessen bürgerlichen Selbstbewusstseins, die seiner originären Inkonsistenz geschuldet sind. Am Ende wird die Bürgersfrau massiv auf Haus und Kinder abgedrängt bzw. dahin privilegiert zu sein, während die Frauen der Lohnarbeit eine Schicht darunter zunehmen werden. Frauenrollen orientieren sich ohnehin am Punkt kapitalisierbaren Eigentums.

 

Immerhin stellen Frauen in Basel im frühen 15. Jahrhundert noch zu etwa einem Fünftel die Weber, Krämer und Kaufleute, und zu einem Sechstel die Metzger und Bäcker (Schulz, S.88) Ein Teil von ihnen führt den Betrieb nach Verwitwung weiter. Über sie und über Meistertöchter gelangen Gesellen von außerhalb durch Einheirat zu etwa einem Drittel für starken Fluktuationen in die Zünfte.

 

****Gesellen und Lehrlinge****

 

Im deutschen hohen Mittelalter sind zunächst Gesellen und Lehrlinge, deren Unterschiede sich erst langsam herauskristallisieren, durch individuelle Verträge an ihre Meister gebunden bzw. untergeordnet. In ihnen, die oft vor dem Zunftmeister nach einer Probezeit beschlossen werden, ist einerseits das Lehrgeld für die ein bis drei Lehrjahre festgesetzt, andererseits die Versorgung des Lehrlings mit Kost, Logis und Kleidung. Damit ist der Lehrjunge ein Stück weit in die Meisterfamilie aufgenommen, der verpflichtet sich dann zu angemessener quasi väterlicher Fürsorge und der Junge zum entsprechenden Gehorsam und zur Geheimhaltung besonderer Fertigungsmethoden des Betriebes.

Am Ende erhält der Lehrling einen Brief, in dem ihm der Abschluss der Lehre, eheliche Geburt, Unbescholtenheit und Ehrbarkeit bestätigt werden. Damit kann er sich dann irgendwo, oft in der Fremde, bewerben (siehe den Abschnitt 'Ehrbarkeit')

 

Im Mittelalter hatten Meister nicht immer, sondern eher nur gelegentlich Lehrlinge und offenbar deswegen auch keinerlei Verpflichtung zur Ausbildung. Die Gesellenzeit danach ist wesentlich ungeregelter und dient offenbar vor allem der Erweiterung von Kenntnissen und Fähigkeiten. In einigen hochspezialisierten Bereichen findet schon seit dem 13. Jahrhundert eine Art Gesellenwandern statt, aber häufiger ist es erst nach 1400 dokumentiert.

Wenn der Geselle eine Meisterswitwe heiratete, bekam er fast hürdenlos die Mitgliedschaft in der Zunft, um den Betrieb weiterzuführen. Ansonsten musste der Geselle, falls von der Zunft angenommen, zunehmend ein Eintrittsgeld zahlen, zünftige Bewaffnung und zunehmend auch einen Vermögensnachweis  vorweisen.

 

Die Lehrzeit, mit 12, 13 oder 14 Jahren begonnen, ist selbstredend nicht nur eine Zeit der Ausbildung, sondern auch einer rigorosen Persönlichkeitsformung. Der wache Tag des Lehrjungen hat nun zur Gänze den Anforderungen des Marktes, dem Rhythmus der Arbeit und dem Gehorsam gegenüber dem Meister und seiner Frau zu genügen. Wenn Handwerksmeister nun die Mittelschicht eines städtischen Kleinbürgertums bilden, also einen Großteil der städtischen Bevölkerung, dann ist die Lehrzeit auch eine des Einübens in solche bürgerlichen Vorstellungen und Verhaltensweisen, zu denen auch ein hochgradig verbürgerliches Christentum gehörte.

 

Mit dem Aufstieg des Handwerks wird es dann nötig, durch Regelungen der Obrigkeit nicht nur dieses selbst in seine "politischen" Schranken zu weisen, sondern insbesondere die Randexistenz der Gesellen in der städtischen Gesellschaft bzw. besser dem Gefüge von Gesellschaften in den Städten zu zementieren, denn nicht eine darunter stehende eigentumslose Arbeiterschaft, auf die an anderer Stelle eingegangen werden soll, sondern die Zusammenhänge, die Gesellen herstellen, bedrohen die hierarchischen Strukturen einer obrigkeitlich geordneten Stadt.

 

1436 verlangt eine Rheinische Gesellen- und Knechtsordnung die Unterordnung unter Bürgermeister und Rat: Es sollen auch in Zukunft weder die Handwerksmeister noch die Gesellen sich verbinden, vereinigen oder Bündnisse schließen und keinerlei Versammlungen unter sich haben ohne Erlaubnis und Zustimmung der Meister und des Rates. (…) Es sollen auch alle Handwerksgesellen und alle anderen dienenden Knechte, wer sie auch seien, künftig keine Trinkstuben oder gepachtete Häuser und Gärten aufsuchen und keine allgemeine Gesellschaft innehaben, wo sie zusammenkommen, es sei zum Essen oder zu sonst einem Anlass. (…) Sie können auch am Sonntag oder nach jeder Fastenzeit wegen ihrer Kerzen eine Zusammenkunft haben, doch dürfen sie diese Zusammenkunft nur durchführen nach vorheriger Ankündigung beim Zunftmeister. Dieser soll dann einen oder zwei Meister desselben Handwerks bestimmen, die an der Zusammenkunft teilzunehmen haben. (...) In Zukunft soll kein Handwerksgeselle und kein anderer dienender Knecht ein Schwert oder ein Langmesser oder einen Degen, kurz oder lang, oder eine andere Waffe tragen. (Engel/Jacob, S. 356)

 

1358 versuchen die Augsburger Webergesellen mit einer Vereinigung mehr Lohn durchzusetzen. 1381 werden Nürnberger Schneidergesellen aus der Stadt gewiesen, weil sie eine Vereinigung anstrebten. 1414 wird ein Bund von vierzehn Gerbergesellen in Straßburg verboten. Erlaubt sind religiös-karitative Vereinigungen, nicht mehr.

 

****Restriktionen****

 

Dazu passt dann der Zusammenklang von Obrigkeit und Zunft in dem Abbau der Gewerbefreiheit im produzierenden Gewerbe, ganz anders als im Handel und Finanzwesen. Nach und nach wird die Konkurrenz eingeschränkt durch Erschwerung des innerstädtischen Zugangs zur Zunft und durch Ausschluss von handwerklichen Waren von außerhalb. Die neue bürgerliche Obrigkeit, in den Händen von großen Kapitaleignern, versucht überall, sie zu kontrollieren. „In einem so wichtigen Zentrum wie Nürnberg z.B. verblieben sie stets in enger Abhängigkeit zum Rat, der ihnen das Recht freier Zusammenkünfte ohne seine Einwilligung absprechen konnte und bisweilen so weit ging, Einsicht in ihre Korrespondenz mit auswärtigen Handwerkern zu verlangen.“ (Pirenne, S.177)

 

Manches spricht dafür, dass das Moment des Stasis, welches von Stadtherr und Rat verfügte Verordnungen und die der Zünfte selbst propagierten, nicht Realität wiederspiegelte. Das es überall arme Handwerker gab, zeigen Verfügungen wie die der Basler Gärtner von etwa 1265: Stirbt einer hier, der so arm ist, dass man ihn von seinem Vermögen nicht bestatten kann, so soll man ihn mit Hilfe der Almosen bestatten. Über hundert Jahre später heißt es in einer Augsburger Chronik von 1397: … denn es waren sehr viele arme, zu Grunde gerichtete Weber in der Stadt, und man meinte, die Weber hätten gern in der Stadt Mord gestiftet, um ihre Geldschulden loszuwerden. (Engel/Jacob, S. 297)

 

Handwerkerbranchen waren naturgemäß unterschiedlich wohlhabend, aber auch innerhalb der einzelnen Zunft gab es ärmere und reichere. Dazu kommt natürlich auch, dass wirtschaftlich erfolgreiche Handwerker zusätzlich Einkommen außerhalb des Handwerks erwirtschaften können und einige so zu reichen Unternehmern werden. Manche Handwerker strebten danach, zusätzlich zum eigenen Haus für Werkstatt, Laden und Wohnung Land zu besitzen, besonders einen Garten für die Selbstversorgung, dazu auch Acker- und Weideland und eine Scheune innerhalb der Mauern, aber in der Nähe eines Stadttores. War sein Handwerk begrenzt, so doch nicht sein Eigentum jenseits davon und die Möglichkeiten, die es ergab.

 

Die Tendenz zu immer weiteren Restriktionen im Handwerk steht dagegen. Bischof Volrad von Halberstadt verfügt 1289 folgendes für die Schuhmacher und Flickschuster, nämlich nicht nur, dass es keinem Auswärtigen desselben Handwerks erlaubt sein sollte, dieses Handwerk in der Stadt auszuüben, er hätte denn ihre gemeinsame Zustimmung dazu erlangt, egal, ob er neue Schuhe zu machen oder Reparaturen asuzuüben pflegte, sondern auch: von denen, die Schuhe reparieren, sollen nur acht sein, denen es erlaubt ist, alte Schuhe zu bearbeiten und zu reparieren, doch es dürfen sie nicht neue Sohlen, die von ihrem eigenen Geld gekauft worden sind, unter Schuhe setzen. Diese Flickschuster sollen sich nach den Befehlen des Zunftmeisters richten und ihm gehorchen. Außerdem: Jeder, der sich mit den alten Schuhen befasst, soll sich mit einem Gehilfen begnügen. (Engel/Jacob, S. 298)

 

Was sich in der Nordhälfte Italiens vollzog, fand also in deutschen Landen etwas später auch statt: Zünfte der sich diversifierenden Handwerke wurden zu einem Machtinstrument der Stärkeren über die Schwächeren. Hier wird in kleinem Maßstab dafür gesorgt, dass die ärmeren Flickschuster zahlenmäßig in der Minderheit bleiben, nur kleine Betriebe bilden und ihre Rohstoffe nicht frei auf dem Markt besorgen können. Schuhmacher wollen neue Schuhe verkaufen und haben nichts davon, wenn alte geflickt werden.

 

Die Einschränkung der Konkurrenz betrifft den Zuzug neuer Handwerker, aber auch den wirtschaftlichen Ausschluss von Handwerkern im Umland. In einer Chronik von 1411 heißt es, dass ...kein Bürger hier zu Augsburg, weder reich noch arm, weder Kaufleute noch andere Bürger, mit einem Weber, der auf dem Lande innerhalb von drei Meilen rings um die Stadt ansässig ist, irgendwelche Zusammenarbeit oder Geschäfte unterhalten soll. (Engel/Jacob, S. 314) 1470 verfügt der Kurfürst von Sachsen, dass auf eine Meile Weges um Chemnitz herum kein Handwerker wohnen und dort sein Handwerk betreiben soll und dass kein Dorfgastwirt selbst brauen oder fremdes Bier, es sei denn Chemnitzer Bier, das ganze Jahr über aussschenken soll. (Engel/Jacob, S. 315) So kann im Zusammenspiel von Fürst und städtischer Obrigkeit das Gewerbe und der Einzug von Abgaben besser kontrolliert werden.

 

Innerhalb der Städte wird hingegen auf bürgerlichen Wunsch die Konkurrenz der Klöster, der Laienorden der Teriarier und die der Beginen beschränkt, indem letzteren zum Beispiel die Anzahl der Webstühle vorgeschrieben wurde. Bei etwa 106 Beginenhäusern im Köln des 15. Jahrhunderts und etwa 1.500 Beginen spielt deren Wirtschaftskraft durchaus eine Rolle.

 

Der Übergang von der wirtschaftlichen zur (stadt)politischen Macht des großen Kapitals als Übernahme der obrigkeitlichen Funktionen vom Stadtherrn beinhaltete überall mehr oder weniger den Abschluss dieser neuen Oberschicht nach unten, die Monopolisierung der Macht. Daraus ergeben sich bald Konflikte mit Handwerk und Krämern, die partizipieren wollen, um ihre eigenen Interessen zu wahren.1248 wird in Freiburg im Breisgau der sich selbst ergänzende 24köpfige Stadtrat durch ein jährlich neu gewähltes ebenfalls 24-köpfiges Gremium bereichert. 1260 entsteht in Dortmund ein Wahlausschuss von je zwei Mitgliedern der sechs Handwerkergilden und sechs Mitgliedern der vornehmen Reinoldi-Gilde (Schulz in Hartmann (Hrsg), S.59f). All das muss erzwungen werden.

 

****Kapitalisierung der Produktion und Verlagssystem****

 

Die Anhäufung von Kapital beginnt im frühen und hohen Mittelalter in einer ersten Etappe im Bereich von Handel und Finanzen. Zwischen hohem und spätem Mittelalter kommt dann die größere Kapitalisierung von Bereichen der Produktion hinzu. Einzelne Firmen beginnen, je nach Gewinnerwartung mehr oder weniger in alle Bereiche zu investieren.

 

Der Schritt von Handwerkern ins Handelskapital soll zunächst genauso wie ihr Eintritt ins Verlegertum verhindert werden. Im Konstanzer Zunftbuch von 1411 heißt es dazu: Die Gerber sollen in Zukunft kein gegerbtes Leder mehr kaufen und wiederverkaufen. Haariges Leder dürfen sie kaufen, es gerben und dann wiederverkaufen. Und: Die Schuhmacher sollen gegerbtes Leder nur kaufen, wenn sie es selber verarbeiten wollen, ohne Ausnahme. (Engel/Jacob, S. 314)

 

Das kleine Handwerkskapital wird im wesentlichen in die Produktion von Waren für den örtlichen Bedarf und das direkte Umfeld der Städte eingesetzt. Aber es gibt Bereiche (Herstellung von Rüstungsgütern und Textilien vor allem) und Gegenden wie Flandern oder Norditalien, wo größere Kapitalien in die Gewerbe einfließen, weil es größere Exportchancen gibt. Zunächst wird dem Handwerk dann der Rohstoff vom Kapitalisten (Händler) geliefert und dann oft von demselben irgendwo in der Ferne vermarktet. Dabei kommt es zu einer Massenproduktion, die ganze Fertigungsketten umfassen kann, wie in der Tuchindustrie, die dadurch unter die Kontrolle einer Anzahl großer Firmen geraten. In diese Situation geraten Wollhandwerker in Florenz, Produzenten von Seidenstoffen in Lucca, Kupferschmiede in Dinant und metallverarbeitende Betriebe in Mailand. Auch in England geraten schon vor 1300 verschiedene Stadien der Tuchproduktion in ein solches Verlagssystem. Mitte des 15. Jahrhunderts besitzen in Yorkshire nur noch die Hälfte der Weber ihren eigenen Webstuhl. Einzelne Unternehmer-Magnaten besitzen dann gleich mehrere Walkmühlen. Ein Thomas Paycocke ist 1518 so reich, dass er nebenbei in seinem Testament jedem einzelnen Scherer, Kämmer, Kardierer, Spinner, Weber und Walker 12 Pennies vermachen kann. (Dyer, S.326) Wenn ein solcher Unternehmer bei seinem Wohnhaus dann Spinnhäuser, Walkmühle, Färberhäuser und sonstige Handwerker in der Nähe versammelt, hat er fast schon eine Fabrik zusammen.

 

Dort wo größere Investitionen in zum Beispiel von Wasserkraft betriebene Maschinen die Produktion verbilligen, übernimmt das große Kapital direkt die Produktion und verwandelt das Handwerk in schiere Lohnarbeit, Vorläufer einer viel späteren Industriearbeiterschaft. Das Kapital trennt sich zur Gänze von der Arbeit und die Arbeit weitgehend vom Fertigprodukt.

 

Solches „Exporthandwerk“, wie Pirenne es nannte, kann dort, wo es erfolgreich wird, Handel und Wandel einer ganzen Stadt monopolisieren, wie bei der Tuchproduktion in Florenz, von der im 14. Jahrhundert der Großteil der Bevölkerung abhängt, oder als in Gent von 50 000 Einwohnern über 4000 Weber sind und mehr als 1200 Walker, von denen alleine schon 10-20 000 Menschen direkt abhängen. Zwar wird weiter in räumlich getrennten Werkstätten oder Werkshallen gearbeitet, aber in solchen Fällen beherrschen bereits eine sehr überschaubare Anzahl von Familien und Firmen die Stadt.

 

Handwerksmeister sind dann oft weiter in „niederen“ Zünften angesiedelt oder Minderheit in mächtigeren, aber durch ihre städtischen Ämter und ihre Dominanz in den höheren Zünften werden Arbeit und Verdienst durch das große Kapital bestimmt.

 

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Das "Verlegen" von Produktion aus dem Kernbereich einer Firma  in dadurch abhängige Betriebe vornehmlich auf dem Lande als Vorlegen von Rohstoffen und Abnahme von Produkten für deren Vermarktung ist der wichtigste Weg in einen Kapitalismus, der nicht nur Handel und Finanzgeschäfte, sondern immer mehr die ganze Wirtschaft erfasst. Das beginnt in Mitteleuropa im 13. Jahrhundert vor allem in der Textilproduktion und knüpft dabei an die winterliche textile Eigenproduktion der Bauern an. Durch den Bevölkerungsanstieg und die Erbteilung von Höfen können ärmere Bauern von kapitalstärkeren Handwerkern und dann auch größeren Firmen dafür gewonnen werden, einfachere Arbeitsschritte in Heimarbeit zu erledigen.

Schon im 13. Jahrhundert entwickelt sich so in Konstanz, Ravensburg, Memmingen und noch kleineren Städtchen der Region ein Verlegertum, welches Flachs an Spinner und Weber wochenweise vergibt und dann die Garne und Leinentuche wieder zurücknimmt. Bezahlt werden die einzelnen Stücke und manchmal werden auch die Webstühle gestellt. Als Bleichmittel dient dabei Allgäuer Milch. Die Verfeinerung der Tuche findet dann wieder in der Stadt statt.

 

Ähnliches geschieht in der Holzverarbeitung, "wo ländliche Schreiner Holzräder, Fassdauben oder Bettgestelle produzierten, die Endverarbeitung und das Beschlagen mit Eisenteilen dann aber in der Stadt ausgeführt wurde." (Schott, S.86)

 

In Köln sind in der Textilproduktion zunächst überwiegend die Handwerksmeister die Verleger, während kaufmännische Verleger im Metallgewerbe im Siegerland und Bergischen Land metallene Halbfabrikate herstellen lassen, die dann in Köln verfeinert und vermarktet werden.

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"Nürnberger Kaufleute konnten sich auf ein weiträumiges Hinterland und eine spezialisierte Metallproduktion stützen. Sie verlegten Hütten, Mühlen, Eisenhämmer, Blech- und Drahtwerke und ließen die dort gefertigten Halbfabrikate von städtischen Handwerkern zu Fertigprodukten verarbeiten, die Nürnbergs Ruf in die damals bekannte Welt trugen.“ (Engel/Jacob, S.140)

Für Anfang des 14. Jahrhunderts ist für Nürnberger Blechschmiede bereits ein Verlagswesen dokumentiert, in dem Handwerker Handwerkern Rohstoffe, Werkzeuge oder Geld „vorlegen“ und Halbfabrikate oder Fertigprodukte abnehmen und verkaufen. In einer Nürnberger Ratsurkunde wird genau das nämlich verboten: … Auch soll kein Bürger, er sei Schmied oder nicht, einen Schmied verlegen in einem Umkreis von sieben Meilen. (Engel/Jacob, S.299)

 

Im Runtingerbuch listet der Regensburger Kaufmann Mathäus Runtinger Verlagsverträge mit sieben Barchentwebern auf, deren erster so lautet: Es kaufte der alte Eyselein von mir am Mittwoch vor dem St.Laurentiustag 3 Zentner Baumwolle, je 1 Zentner für 11 Barchente weniger ¼, insgesamt 32 ¼ Barchente. Diese Barchente soll er mir bis Weihnachten liefern. Mir gab der alte Eyselein 33 Barchente am Weihnachtsabend. Ich bleibe dem Eyselein ¾ eines Barchents schuldig. (Engel/Jacb, S. 273).

 

Das Verlagssystem macht Handwerker erst zu richtigen Unternehmern im Sinne eines entfalteten Kapitalismus und verbreitert kapitalistische Strukturen durch die Investitionen von Handels- und Finanzkapital im produktiven Bereich. Das Land wird so zum Hinterland eines zunächst wesentlich städtischen Kapitalismus. Darüber hinaus wird mit der Zergliederung von Arbeitsprozessen, der Arbeitsteilung und Spezialisierung in der Produktion die Trennung des Produzenten vom Endprodukt betrieben und so das Fabriksystem vorbereitet. Während Marx vom Idiotismus des Landlebens schrieb, lässt sich viel gerechtfertigter von der Stupidisierung mancher handwerklicher Produktionsvorgänge reden.

 

Diese Entwicklung findet in Nord- und Mittelitalien viel früher statt, erfasst aber nach und nach ganz Europa. Erst in der Verbindung von Produktion, Handels- und Finanzkapital erreicht denn auch der frühe Kapitalismus seine erste Blüte - in Reichsitalien und Flandern seit dem 12., in deutschen Landen erst zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert und zum Teil noch später.

 

 

****Politisierung der Zünfte****

 

Im späten Hochmittelalter beginnen sich die Handwerkerzusammenschlüsse in Korporationen im juristischen Sinne (Hergemöller) zu verwandeln, was aber nicht allen Handwerken gelingt. Nach 1250 werden sie versuchen, an den Räten zu partizipieren, um ihre Interessen dort mit einzubringen. Es kommt zu teils gewaltsamen Erhebungen mit unterschiedlichem Erfolg. 1303 wird dann zum Beispiel für Trier bestimmt: Außerdem ist angeordnet worden, dass neun redliche Männer aus den Handwerken und zwar zwei von den Webern, einer von den Schlächtern, einer von den Schustern, einer von den Bäckern, einer von den Kürschnern, einer von den Krämern, einer von den Schmieden und Steinmetzen und einer von den Wagnern und Fassbindern und noch fünf von der Allgemeinheit, ebenfalls redliche Männer, durch den genannten Herrn Erzbischof und seine Nachfolger (…) zu Ratsherren ernannt werden sollen. (Engel/Jacob, S.43) Der Rat soll dann aus ihnen und den Schöffen gebildet werden, die allerdings alleine über Rechtsangelegenheiten zu entscheiden haben.

 

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sind dann zunächst die mächtigeren und reicheren Zünfte in den sich durchsetzenden Räten deutscher Städte vertreten, des öfteren nach Aufruhr oder Akten der Rebellion gegen eine "bürgerliche" Obrigkeit aus Ministerialen und reichen Kaufleuten. Dabei ist aber nicht daran zu denken, dass ein größerer Teil der Produzenten von Waren nun am Stadtregiment beteilt wäre oder die Stadt sich horizontaler strukturieren würde. Zunächst einmal ist der reine Handwerker viel zu unabkömmlich von seinem Betrieb. Zudem war die Beteiligung am Rat Ehrensache und unentgeltlich und darum selbst für manchen Kaufmann gelegentlich ein Problem. um dauerhafte ehrenamtliche Tätigkeiten zu übernehmen, weswegen die Beteiligung von Zunftvertretern an politischen Geschäften wohl fast völlig auf solche fällt, die eine so große Firma besitzen, dass sie dort vertrauenswürdige Stellvertreter in die Leitung einbinden können, oder außer dem Handwerk wesentlich noch von anderen Geschäften leben, von Wohnungsvermietungen etwa oder anderen Renten und sich damit der kleinen bürgerlichen Oberschicht annähern. Das wird bis in die heutigen Demokratien so bleiben, in denen die produktive Arbeit fast überhaupt nicht politisch vertreten wird.

 

Zum anderen liegt es von vorneherein im Interesse der entstehenden städtischen Obrigkeit, dass streng hierarchische Strukturen innerhalb der Zünfte entstehen, die an schon früher auftretende italienische Zustände erinnern. Schulz erwähnt dazu die Statuten der Straßburger Tuchscherer von 1362, in denen ein Meister der Zunft vorsteht, der "Büchse, Banner und Siegel" verwaltet, also die Instrumente der Machtausübung innerhalb der Zunft. Ihm zur Seite stehen vier Geschworene, die ebenfalls einen Schlüssel zur Kasse besitzen. "Gemeinsam besorgen, rügen und rechtfertigen sie die Gesetze und Gebote." Wenn der Stadtrat wechselt, wählen diese Fünfe zugleich auch ihre Nachfolger.

Innerhalb der Zunft ist ihren Befehlen Folge zu leisten, und förmliche Kritik an ihnen wird laut den Statuten mit einer Geldstrafe belegt. Wenn man dazu bedenkt, dass der Meister zugleich Ratsherr ist, was die gleichszeitigkeit des Wechsels mit dem des Rates erklärt, dann wird an diesem eher extremen Beispiel deutlich, wie sehr jene Zünfte, die zu politischem Einfluss kommen, wie die Tuchscherer oder die Gewandschneider, in die Interessenwelt der kleinen Oberschicht hineinwachsen.

Umgekehrt sieht es mit für die Stadt als ganzer wichtigen Bestimmungen aus. So kann die Zunft zwar Statuten zu "Qualitätskontrolle der Tuche, ihrer Besiegelung, Marktzulassung" usw. erlassen, aber sie sind um diese Zeit bereits solchen des Stadtrates untergeordnet.

 

Politisierung der Zünfte soll hier deren erwachenden Anspruch auf über reine Interessenvertretung hinausgehende aber die natürlich immer einschließende Beteiligung am Stadtregiment bezeichnen. Schulz spricht in etwa vom 14. Jahrhundert als der Zeit erkämpfter Teilhabe und vom 15. als der einer deutlichen zünftigen Dominanz im Rat, allerdings nicht überall und nicht in dem Sinne, dass den kleinbürgerlichen Interessen damit ein deutlicher inhaltlicher Durchbruch gelungen wäre.

 

Insbesondere in Süddeutschland war die die Räte dominierende Oberschicht in Ritter und Bürger (burger) geteilt, wobei die Bürger ein Patriziat alter Familien darstellten, welches sein Bürgertum von den bloßen Handwerkern absetzte. In an frühere italienische Verhältnisse gemahnender Weise fochten solche Geschlechter ihre Rivalitäten zum Beispiel in Straßburg seit Anfang des 14. Jahrhunderts zum Teil recht gewalttätig aus. Dort bildete sich mit der königlichen Doppelwahl 1314 daraus ein Konflikt zwischen einer habsburgisch-österreichischen und einer wittelsbachisch-bayrischen Partei, der andauerte und 1332 in massive Unruhen ausartete. Teile der "Bürger" und der in Zünften organisierten Handwerker nutzen nun die Gelegenheit, um beide patrizische Gruppen zu entwaffnen. In Zusammenarbeit mit Städten zwischen Mainz und Basel wurde ein 'Schwörbrief' verfasst, welcher 1334 neben acht Rittern und vierzehn Bürgern 25 Zunftvertreter in den Rat der Stadt schickt.  Das entspricht der etwa gleichzeitigen Baseler Ratsverfassung, die 12 Patrizier und 15 Zunftvertreter umfasst. Die Ritter verlieren hier wie anderswo im 14. Jahrhundert dann nach und nach ihre politischen Rechte und werden in den Städten politisch an den Rand gedrückt. (Schulz)

 

Ein anderer schwerwiegender Aspekt ist die Veränderung der Funktion der Zünfte durch ihre Eingliederung in die Verfassung der Stadt, die sie nicht nur zu militärischen, sondern zu politischen Einheiten macht, solchen eben auch, die nicht notwendig mit Stadtvierteln oder Pfarrbezirken übereinstimmen. Diese politische Einbindung nimmt ihnen dann wieder viel von politischer Schlagkraft als Interessenvertretung.

 

1331 beschreibt ein Brief des Bürgermeisters, des Schultheißen und des Rates von Esslingen an ihre Kollegen in Reutlingen ihre Zunftverfassung. An der Spitze stehen 13 Zunftmeister, die zusammen mit 5 gemain burger, also nicht handwerklichen Bürgern aus dem Rat den Bürgermeister wählen. Außer den Eichern und Weinziehern sind alle Handwerker in einer Zunft, zudem die Krämer und Händler, die Gärtner und Bauern der Stadt. Wer neu in die Stadt aufgenommen wird, kann sich seine Zunft frei wählen, ist aber zur Mitgliedschaft in einer verpflichtet (§21). Ohnehin sind in den Zünften unterschiedliche Handwerke vereint, wie Metzger , Fischer, Bader und Aderlasser in einer (§6). Der Meister darf dabei nur aus dem jeweils dominierenden Handwerk oder Gewerbe kommen, am obigen Beispiel aus dem der  Metzger. Nur die Kürschner haben ihre Organisation für sich, und sie wählen den Meister wie sie wollen (§13). (Dokument in Hergemöller, S.336ff)

 

In einer Urkunde der gemeind der antwerch zu Ulme von 1345 wird nach einer Zeit von unfrid und unzuht deutlich zwischen Handwerk und Bürgern (die nicht im Handwerk sind) unterschieden, wobei letztere die alten Geschlechter sind. Die Konflikte waren offenbar so heftig gewesen, dass ein Koalitionsverbot eingeführt wird: Es soll sich kein Bürger (nun sind es alle) ohne den Willen und die Erlaubnis der Ratsmehrheit mit einem anderen verbünden. Das Denunzieren solcher Bündnisse wird zur Pflicht. Beschworen wird schon lange nicht mehr die Freiheit, sondern der Friede in der Stadt, die Eintracht zwischen arm und reich, mächtig oder ungewaltiger.

 

Ein anderes Modell wird 1368 in Augsburg nach Speyrer Vorbild verwirklicht: Hier werden Patrizier in eine Geschlechterzunft eingebunden und 17 Gewerbezünfte daneben als Basis der Verfassung anerkannt. Überhaupt nimmt in dieser Zeit die Zahl der Zünfte erheblich zu, auch um mehr produktiv Tätige in die politische Ordnung zu verpflechten und verpflichten.

 

Am Beispiel Kölns lässt sich schön verfolgen, in welchem Maße in Städten die politische Integration der Zünfte immer totalitärere Züge neuzeitlicher Staatlichkeit beförderte. Hier hatten die gewalttätigen Auseinandersetzungen mehrerer alter Geschlechter, ähnlich wie Generationen zuvor in Straßburg, 1396 zur Erhebung einer kommunalen Bewegung geführt, die das politische Stadtbürgertum dann in 22 Gaffeln (politisierte Zünfte) einteilt, die nach ihrer wirtschaftlichen Bedeutung für die Stadt einen oder zwei Ratssitze zugeteilt bekommen, das Wollenamt sogar vier (in: Hergemöller, S.380ff, siehe auch: Schulz, S.65). Diese sechsunddreißig kooptieren dann jeweils 13 weitere Ratsherren, sogenannte Gebrachtsherren, um das Gewicht der traditionell mächtigen Familien zu stärken und dieser Rat wählt dann zwei Bürgermeister. Als zusätzliches Kontrollorgan wählt jede Gaffel zwei Vertreter in einen Rat der Vierundvierzig.

Alles halbe Jahr wird die Hälfte des Rates neu gewählt, wobei die Abgetretenen erst im dritten Jahr wieder neugewählt werden können.

Im 'Verbundbrief' dieser Stadtverfassung wird zudem eine Pflicht zur Zugehörigkeit zu einer der Gaffeln für alle Haushaltsvorstände festgelegt, in der dann Rechte und Pflichten wahrzunehmen seien (§13a). Damit ist wie in anderen Städten der Zeit die Zwangsmitgliedschaft eingeführt, wie wir sie noch heute als de-facto-Zwang zur Staatsbürgerschaft kennen und wie sie Traven im 'Totenschiff' so eindrucksvoll beklagen wird. Das Recht wird hier also vollkommen von der de-facto-Unterwerfung unter eine kleine, aber einflussreiche Obrigkeit abhängig gemacht, die Vollmacht bis in Details des stadtbürgerlichen Alltags wie Religion, Familienleben, Gewerbe, Militär, Festivitäten hat. Der steyde ere ind vryheit (...) ind eyn gemeyne beste als hohes Gut in Köln (Hergemöller, S.384) formuliert (Lokal)Patriotismus als Untertänigkeit der Untertanen (getruwe ind hoult zo sijn) in der neuen Staatlichkeit.

 

In Trier wird nach schweren Unruhen, die als Machtkämpfe zwischen den vier großen Ämtern (Zünften, und zwar der Weber, Metzger, Bäcker und Schuhmacher) und neun kleinen Ämtern ausgebrochen waren, 1434 ein Rat gebildet, den jeweils sieben gewählte Vertreter der beiden Gruppen, zwei Vertreter der Jakobi-Bruderschaft und die beiden Bürgermeister wählen und der dann durch die Schöffen ergänzt wird.

 

Zumindest die mächtigeren Zünfte, nun völlig politisiert, mit ihren durch Wohlhabenheit hervortretenden Spitzen kontrollieren jetzt solche Städte. Andererseits entstand eine bürgerliche Öffentlichkeit: „Die in den Zunft- und Gaffelhäusern anzutreffende politische Öffentlichkeit hatte ein spürbares Gewicht erlangt. Die hier geführten Diskussionen prägten spätere Stellungsnahmen im Rat, so dass sich der Ratsherr der entsprechenden Gaffel oder Zunft besser nicht allzuweit von der dort herrschenden Meinung und Stimmung entfernte. Viele der im Rat getroffenen Entscheidungen lassen den Bezug und die Rücksichtsnahme auf das, was man die Zunftöffentlichkeit nennen könnte, erkennen.“ (Schulz, S.66)

Diese Öffentlichkeit ist aber geprägt von dem Einfluss der Reichen und Mächtigen, die Opposition zu einer Sache von Heimlichkeiten hin ersticken kann. Was da stattfindet, ist eine oberflächliche, aber keine handfeste Beteiligung des durchschnittlichen kleinen Handwerkers. Schulz spricht darum davon, dass eine solche Verfassung nur „eine neue Führungsschicht und ansatzweise wiederum eine Oligarchie“ hervorbringt (s.o.)

 

Während in einigen Städten die alte bürgerliche Oberschicht in die Zünfte integriert wird, entstehen anderswo gemische Verfassungen. Nach schweren Unruhen teilt sich 1375 die politische Macht in Nordhausen in 25 Ratsmannen und 3 Ratsmeister, die durch die Handwerksmeister gewählt werden, während der Rest, "die Gemeinde" (gemeyne) durch ein Viermännergremium und einen Ratsmeister vertreten wird, sowie durch zwei von sechs Kämmerern und durch einen von zwei Vertretern der übrigen städtischen Ämter (in: Hergemöller, S.374ff). Ähnlich werden in Marburg 1428 zwölf Schöffen und die Vier aus der Gemeinde eingesetzt, wobei die Schöffen immerhin aus den Vieren einen Unterbürgermeister wählen (in: Hergemöller, S.406ff).

In Heilbronn geht der halbe Rat an die Mitglieder der Zünfte, die andere Hälfte an die patrizischen Geschlechter.

 

Die große Zeit des Einflusses der Zünfte im 14. und 15. Jahrhundert betrifft ohnehin nur wenige Gegenden und einige darüber hinaus existierte Städte. Von einer mächtigen Kaufmannschaft kontrollierte Handelsstädte wie Nürnberg, Frankfurt, Lübeck oder Hamburg bleiben weithin frei von zünftigem Mitwirken im Rat. Im Osten, von Mecklenburg bis Österreich, bleiben Zünfte über ihre eigenen Belange hinaus einflusslos, bis sie Mitte des 16. Jahrhunderts dann vom Kaiser mehr oder weniger verboten werden.

 

In den norddeutschen Hansestädten, durchweg von einer reichen Kaufmannschaft kontrolliert, versuchen Handwerker durch Aufstände in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts Einfluss auf die Ratsverfassung zu bekommen, was besonders für viele solche Revolten in Braunschweig auch durch das 15. Jahrhundert dokumentiert ist. In der Regel wurde dann schon einmal zeitweise eine deutliche Minderheit von Ratssitzen konzediert, aber die Vereinigung der Hanse war auch dadurch gekennzeichnet, dass sie gegenseitige Unterstützung für ein jeweils bedrohtes Patriziat versprach. 1417 und 18 wird dann auf zwei großen Hansetagen von 35 Städten unter Beisein des Kaisers, des Deutschen Ordens und einiger Fürsten eine Art "Verfassung" (Schulz) beschlossen, die auch das Versprechen enthielt, "jede Unruhe und jeden Umsturzversuch in einer Stadt mit allen Mitteln (Verhansung, Todesstrafe) zu verhindern.

 

****Regulierung****

 

Zivilisierung ist die Herstellung von Obrigkeit über Menschen, die zu Untertanen werden. Die latente Gewalt äußert sich im Regeln von für die Mächtigen wichtigen Aspekten des Lebens der Untertanen. Die in Städten versammelten Menschenmassen des frühen Kapitalismus sind allerdings bereits oft auch schon zu viele, um ihr Leben und Wirtschaften selbst zu regulieren.

Kennzeichen neuer Staatlichkeit wird im späten Mittelalter eine zunehmende Regulierungstätigkeit, und das wird in den deutschen Städten deutlicher noch als den entstehenden Territorialstaaten: Es gibt nun Verordnungen über Verordnungen.

 

 Da bekanntlich Moralisieren wenig mehr bewirkt als das kurze Wohlgefühl derer, die sich situativ mit der Moral identifizieren, wird der Verweis auf Lug und Trug die Entwicklung von Obrigkeit, Staatlichkeit in den Städten befördern: Die Menschen brauchen die Drohung mit dem Knüppel von oben, um „ehrlich“ zu sein.

Als ein spätes und darum sehr verallgemeinerndes von vielen Beispielen mag folgende Verordnung des Rates von Köln für 1397 gelten: Ferner, wer unzureichende Ware herstellt, über die Klage geführt würde, der zahlt sechs Schillinge zur Buße, so oft das geschähe, und er soll dazu dem Kläger den Schaden ersetzen. (Engel/Jacob, S. 290)

 

Und diese neue Obrigkeit wird nicht vor allem durch das so kritisierte Handwerk hervorgebracht werden, sondern durch eine neue Oberschicht aus Handels- und Finanzkapital zusammen mit der alten Herrschaft. Das Handwerk ist zunächst gehorsames Publikum.

 

Während das Handelskapital so langsam den Stadtherren immer mehr Machtvollkommenheit abgewinnt, bleibt es eine kleine Minderheit in den Städten. Schätzungen für die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts besagen, dass das, was damals als Handwerk gilt, etwa die Häfte der städtischen Bevölkerung umfasst.

 

Eine fast manische Regulierungswut ist Kennzeichen der Anfänge neuer Staatlichkeit, und das wird in den Städten deutlicher als den entstehenden Territorialstaaten mit Ausnahme des Siziliens Friedrichs II.. Es gibt Verordnungen über Verordnungen. 1256 erlässt Herzog Heinrich von Niederbayern eine Markt- und Gewerbeordnung für Landshut, in der es zum Beispiel heißt: Wir verordnen, dass 2 ½ Pfund Rindfleisch für 1 Pfennig verkauft werden und eben soviel Hammelfleisch oder 3 Pfund Ziegenfleisch. Und: Wir verordnen, dass zwei gute und mittelgroße Würste für 1 Pfennig verkauft werdensollen; sie dürfen nur aus reinem Schweinefleisch hergestellt sein. Oder: Zwei Brote, wohl geknetet, gesalzen und gesiebt, sollen für 1 Pfennig gegeben werden. Sogenanntes „Frisch“brot verbieten wir gänzlich. (Engel/Jacob, S. 266)

 

Aus der Zeit um 1270 gibt es eine Speyrer Tuchordnung, in der es zum Beispiel heißt: Das „Pfeit“ genannte Tuch soll ein Gewicht von 42 Pfund haben, davon sollen 3 Pfund aus Werg bestehen, aber nicht mehr; ein solches Tuch soll im rohgewebten Zustand, das ist roh, eine Länge von 45 Ellen und eine Breite von 3 ½ Ellen haben, aber im fertigen Zustand, das ist gewalkt, behält es noch eine Länge von 30 Ellen und eine Breite von 2 Ellen. (Engel/Jacob, S. 267)

 

1279 hebt der Würzburger Bischof das Verbot der Zünfte wieder auf. Dabei schränkt er den Zunftzwang etwas ein, indem er mehr Konkurrenz zulässt, aber für auswärtige Handwerker begrenzt: Wir verordnen auch, dass auswärtige Bäcker, wenn sie wollen, an drei Tagen in jeder Woche Weiß- und Schwarzbrot einführen dürfen... Ein bezeichnender Passus in dieser Verordnung lautet: Wir ordnen auch an, dass, wenn ein Schuhmacher bessere Schuhe zu machen und anzufertigen versteht als ein anderer in seiner Zunft, er deshalb den übrigen Schuhmachern keine Ausgleichszahlungen zu leisten braucht. (Engel/Jacob, S. 281f). Der Zunftzwang als eine Art interner Protektionismus einzelner Handwerker-Sparten schützt sie vor der Höherkapitalisierung und damit erweitertem Unternehmertum, ist aber dann zum Beispiel für den Stadtherren nicht mehr akzeptabel, wenn die Versorgung seiner Untertanen gefährdet wird.

 

Der Beispiele solcher detaillierter Verordnungswut werden in den Städten immer mehr. Staatlichkeit erweist sich in ihrer Kompetenz, die sich als Fürsorglichkeit gibt, und sie wird von den jeweiligen interessierten Kreisen dankbar aufgenommen.

 

Die Regulierung des städtischen Handwerks kann an der Stelle eines Landesfürsten oder geistlichen Stadtherrn auch vom Rat der Stadt geleistet werden, sobald ein solcher sich derartige Kompetenzen angeeignet hat. Im Berliner Stadtrecht von 1253 heißt es:

Allen, welche ein Handwerk betreiben, es seien Bäcker, Schuster, Fleischer oder welches Gewerbe auch immer, soll es nicht freistehen, in der Stadt, was man Innung nennt zu haben, es sei denn mit Willen und Erlaubnis der Ratsherren, und zwar nur so lange, wie es diesen beliebt und sie es wollen. (Engel/Jacob, S.283)

 

In einem Gesetz des Rates der Stadt München aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts heißt es: Es soll auch jeder Webermeister nur je einen Lehrknecht haben für drei Jahre und in dieser Zeit keinen weiteren, es sei denn, dass er seine Kinder das Handwerk lehre. Das ist deshalb so festgelegt worden, weil der Lehrknecht oft ein halbes oder ganzes Jahr gearbeitet hatte und bei einem Wollwirker saß und das Handwerk nicht konnte. Dadurch waren Werk und Tuch auch schlechter geworden. (Engel/Jacob, S. 286)

 

1386 heißt es für Konstanz: Es kamen Beschwerden vor die Zunftmeister, dass die Schneider einige Streitigkeiten in ihrem Handwerk hatten, nämlich dass etliche Meister viel Gesinde besaßen, andere dagegen keines bekommen konnten. (…) Deshalb haben der Bürgermeister und die Zunftmeister beschlossen, und das ist ihre feste Meinung, dass von nun an kein Schneider mehr Angestellte als fünf haben soll, denen er Lohn zahlt, es sei Frau oder Mann, und nicht mehr Lehrlinge als zwei. (Engel/Jacob, S. 289)

 

1397 vom Rat der Stadt Köln für die Kistenmacher: Ferner soll kein Mann von dieser Zunft am Abend länger arbeiten als bis acht Uhr und des morgens nicht früher als gegen vier Uhr anfangen. (Engel/Jacob, S. 289)

 

Der Beispiele solcher detaillierter Verordnungswut werden in den Städten immer mehr. Staatlichkeit erweist sich in ihrer Kompetenz, die sich als Fürsorglichkeit gibt, und sie wird von den jeweiligen interessierten Kreisen dankbar aufgenommen.

 

****Recht****

 

Die Rechtsprechung bleibt oft zwischen dem Vertreter des Stadtherrn und der Bürger-Gemeinde geteilt, wobei die Gemeinde immer mehr Kompetenzen erhält. in einer Gerichtsordnung von 1401 verfügt die Gemeinde von Rottweil in Gestalt ihres Rates bereits über die Rechtssprechung todeswürdiger Verbrechen und kann selbst Ratsmitglieder abstellen, die beim Verdacht eines Rechtsbruches Untersuchungen anstellen und so Rechtsfälle als Offizialdelikte behandeln (Hergemöller, S402).

Überhaupt treten nicht selten Ratsherren als Richter auf. Für Nördlingen wird so um 1450 festgelegt: Je ein Viertel aller Ratsherren, denen es rechtmäßig zufällt, soll allmonatlich das Gericht besetzen... (in Hergemöller S.421)

 

Die wichtigsten Rechtsvorschriften betreffen das Eigentum, welches sich am deutlichsten in den immer detaillierteren Regelungen des Erbrechtes fixiert. Gegenüber der Ehefrau als Erbin wird immer wieder das Erbrecht der Kinder hervorgehoben, dass sie nicht antasten darf. Reicht der Besitz der Witwe nicht aus, müssen die Kinder für sie sorgen.

Bei Strafverfahren gewinnt die eidliche Zeugenaussage zunehmend an Bedeutung. Weiterhin wird der Eid mit den Fingern am Kreuz bzw. einer Reliquie geleistet.

Rechtevertretung durch einen Fürsprecher oder Vorsprecher (Magdeburg) wird üblicher.

Für manche Fälle bleibt der gerichtliche Zweikampf zunächst bestehen: Wird der Beklagte besiegt, gilt er dann als schuldig und wird dem Richter zur Bestrafung übergeben.

 

****Abgaben und Einnahmen****

 

Die Stadt und ihre Bürger haben Abgaben an ihren Herren zu zahlen. Dazu gehört ein Zins auf das eigene Grundstück, für das 1353 neugegründete Allenstein ein fester Zins von sechs Kulmer Pfennigen, und zwar in Anerkennung der Herrschaft (dominium) des Domkapitels des Bistums Ermland. In einer Urkunde von 1288 für die villa Düsseldorf heißt es, dass zudem die Bürger (opidani) von ihren innerhalb des Pfarrbezirkes Duseldorpe gelegenen Gütern (...) jährlich die Herbstbede und das Grafenfutter nach Gewohnheit dieser Pfarrei zu zahlen haben (in Hergemöller, S.326).

Gerichtsabgaben und Strafgelder gehen oft zu zwei Dritteln an den Herrn und zu einem Drittel an den Rat der Stadt, wie 1286 für Eutin bestimmt wird, während der Stadtherr von Oldenburg 1345 bestimmt, dass das Gerichtsgefälle des Vogteigerichtes ganz an ihn fällt. Daneben behält er Mühlen, den strom, Zoll, Zehnt und Münze und die daraus fließenden Einnahmen.

 

Mit den Aufgaben, die die Bürgergemeinde übernimmt, erhält sie auch das Recht, dafür Abgaben von ihren Mitgliedern zu verlangen. Um 1300 heißt es dazu im Freiberger Stadtrecht: Wenn die Stadt eine Steuer braucht, so soll sie von den Bürgern festgelegt werden, und zwar, wenn sie im geheimen Rat zusammen sind, entsprechend den Notwendigkeiten der Stadt. (Engel/Jacob, S.30) In der auf Bergbau gegründeten Stadt im Erzgebirge ist eine neue bürgerliche Obrigkeit fest etabliert, die ausführlich über ihre Untertanen verfügen kann. Ein lebensnotwendiges Minimum ist von der Steuer befreit, und den zu versteuernden Besitz muss jeder noch selbst einschätzen.

Zu Steuern auf das Vermögen kommen indirekte auf den Verbrauch, die einen Großteil städtischer Einnahmen ausmachen können. Inm der bischöflichen Urkunde zu Allenstein von 1353 werden solche Einkünfte aufgezählt: Zinsen vom Markt, von der Badestube, von den Fleischschrannen, Brotbänken, Schusterschemeln, Krämerbuden und Barbierschemeln, von der Waage und von allen sonstigen Gemeinde-Bürgern, die zu einem Dritteln dem Domkapitel, zu einem weiteren dem mit der Besiedelung der Stadt beauftragten Schultheißen Johannes von Leysen und im Rest der Gemeinde selbst zufallen.

 

Die Bereitwilligkeit, seinen Obolus zu entrichten, ist naturgemäß nicht überwältigend, und vermutlich ist das Hinterziehen von Steuern durch falsche Angaben schon damals weit verbreitet. Entsprechend unbeliebt war wohl das Amt des Steuereinehmers, Steuermeisters, wie er in Augsburg heißt, und das offenbar keiner innehaben möchte. Entsprechend wird im Stadtrecht von 1276 verfügt, dass die zwölf jeweiligen Ratsherren drei Steuermeister aus ihrer Mitte wählen sollen mit Zetteln in kleinen Kugeln. Nach einem Jahr Dienst in diesem Amt soll man dann drei Jahre davon verschont bleiben. (Engel/Jacob, S.55)

 

***Ämter und Aufgaben****

 

Ämter gibt es nun immer mehr, und sie werden bezahlt: Den Stadtschreiber, den Stadtchirurgen, den Gefängniswärter und immer mehr andere. Die Bezahlung unterscheidet sie von politischen Ämtern, deren Wahl und Ehrenamtlichkeit sie auf jene Wohlhabenden begrenzt, die sich zugleich von ihren Unternehmungen regelmäßig entfernen können. Da sind die Kämmerer, die mit Einnahmen und Ausgaben befasst sind, und für Nordhausen werden 1375 noch der Siegelmeister, der Pflegmeister und der Baumeister erwähnt.

 

Als der Kölner Erzbischof 1259 seine Rechtsverordnung für Neuss erlässt, laut der zwei Amtsleute (officiati) für Angelegenheiten des Einkaufs, Verkaufs, der Schuld- und Verpfändungsgeschichte zuständig sind, werden sie durch Eid verpflichtet, unbeeinträchtigt von Bestechung, Hass, Begünstigung oder Einschüchterung die Wahrheit zu verfolgen (in Hergemöller, S.287). Das politische Amt ist seinem Wesen nach Partei und das bezahlte Amt offen für Korruption. Institutionalisierte Macht muss immer dazu gezwungen werden, mehr als ihr Eigeninteresse im Auge zu haben, und bekanntlich lässt sich das nur in beschränktem Umfang durchsetzen. Ihrem Wesen nach gehören Amt und Korruption zu allen Zeiten zusammen. Und so heißt es im Verbundbrief der Kölner Gaffelverfassung von 1396 von den Ratsmitgliedern, dass sie keine Gabe, oder Geld, Wertsachen, Bestechungsgelder, Liebesgaben oder Geschenke arglistig entgegennehmen dürfen (in Hergemöller S.393), was nichts anderes besagt, als dass dies geschieht.

 

Die städtische Zivilisation geteilter institutionalisierter Macht im Mittelalter führt zum latenten Konflikt zwischen dem, der die in seinem Amt versammelte Macht innehat, und dem, der ihr untertan ist. Zur alten Machtstruktur zwischen Kriegeradel und ihm untergebenen Produzenten kommt in der Stadt die zwischen Amtsinhaber und dem Amt Unterworfenen, Muster neuer Staatlichkeit. Rat und Ämter werden mit Schutzvorschriften gegen Kritik der neuen Untertanen gefeit. Für Magdeburg sieht das im 13. Jahrhundert zum Beispiel so aus: Wer einen Schöffen nach erfolgtem Urteilsspruch schilt, muss allen Schöffen Bußgeld und allen Richtern Gewettstrafen zahlen... (in Hergemöller, S.297).

 

Klassische Aufgabe ist weiter die Regelung des Marktgeschehens bis hin zur Bestimmung, welche Waren auf welchem Markt verkauft werden, wenn es denn mehrere gibt. Dazu kommt die rechtliche Lösung von Konflikten in der Bürgergemeinde und, schon sehr früh, die Beteiligung an der Verteidigung der Stadt und insbesondere auch Bau und Erhalt der Stadtmauern. Dabei geht es am Ende, und dann auch schon mal gegen den Stadtherrn, um die Verfügung über die Tore. 1276 stellt das Augsburger Stadtrecht fest: Es sollen auch die Tore dieser Stadt Augsburg für alle Zeiten in der Gewalt der Bürger sein und in sonst keiner Gewalt. Nur im Auftrag der Bürger und mit ihrer Vollmacht sollen die Tore verwaltet und bewacht werden. (Engel/Jacob, S.32) Als der Magdeburger Bischof dem Stadtpförtner die Schlüssel des Tores hinter dem Dom abnimmt, kommt es zur Drohung mit einem Aufstand, und er muss nachgeben (Magdeburger Schöppenchronik)

 

****Schulen****

 

Noch gravierender wird die Einrichtung von Bürgerschulen, die in Konkurrenz zu den kirchlichen treten. 1267 wird in Breslau eine solche etabliert mit der Begründung, dass das den Schulweg vieler Kinder verkürzen würde. In Lübeck wurde 1262 in Konkrrenz zur Domschule eine Lateinschule bei St. Jakobi gegründet, in Stendal 1338 eine ebensolche freie Schule. Als der Stadtrat dort dann auch noch Rektor und Lehrer ohne Absprache mit dem Dom-Scholastiker aussuchte, kam es zu Interdikt und Exkommunikation. 1342 kommt es dann zum Kompromiss: Für diese Schule sollen die Ratsleute einen Schulmeister bestimmen, wann und wen sie dazu wählen wollen, und den sollen sie unserem Scholastikus vorstellen. Ferner sollen die Eltern frei und ohne jede Beeinflussung, weder durch das Domkapitel noch durch die Stadt, entscheiden, auf welche Schule ihre Kinder gehen. (Engel/Jacob, S.109f) Schule ist längst ein Instrument der Machtausübung über die Beeinflussung der Kinder, die nun zunehmend dem kirchlichen Einfluss entzogen werden.

 

Das alles waren Lateinschulen. Aber das Bürgertum richtete daneben zahlreiche Schulen ein oder unterstützte sie, wie es in diesem Lübecker Dokument heißt, die man Schreibschulen nennt, welche die Bürger der Stadt besaßen, zum Nachteil und Schaden der Scholasterien. Diese Schreibschulen wurden von den Bürgern gegen den Willen und ohne Erlaubnis des zuständigen Domherrn unterhalten, und sie ließen die Kinder in diesen Schulen unterweisen und das Schreiben lehren, wofür sie den Lohn nahmen und in ihren Beutel steckten. Und davon wird im Kompromiss zwischen Dom und Bürgern beschlossen, nur noch vier zu erlauben, in denen man die Kinder das Lesen und Schreiben im Deutschen lehrt und sonst nichts. (Engel/Jacob, S. 110)

 

Daneben gab es aber immer mehr nicht offiziell deklarierten Unterricht privat oder in Klippschulen, die ebenfalls Elementaria des Lesens, Schreiben und Rechnens beibrachten und die zunehmend verboten wurden. Es gab zwar damals keine Schulpflicht als staatlichen Zwang, aber frühe „staatliche“ Reglementierung des Unterrichts. Es ging nicht um Bildung, sondern um korrekte Ausbildung und „Zucht“ in erster Linie.

 

****Kirche****

 

Schließlich bleibt noch die „Kommunalisierung“ eines großen Teils des kirchlichen Lebens. Bleibt auch die Bischofskirche mit dem zugehörigen Raum so wie Stift und Kloster in rechtlicher Beziehung „exterritorial“, so verbürgerlichen doch zunächst die Pfarrkirchen. In Engel/Jacob (S.122) heißt es zu Lübeck: „Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts kann die Lübecker Marienkirche als Ratskirche gelten, in der auch Akte des städtischen Lebens stattfanden. Sie war für Rat und Gemeinde Ort der Versammlungen, zu denen die Ratsglocke rief. Diese läutete auch die Zeit, bevor weithin sichtbar Uhren auf den Kirchtürmen diese Aufgabe erfüllten. In der Marienkirche wurden Rechtshandlungen vollzogen, über der Bürgermeisterkapelle im Obergeschoss in der Trese (…) Ratsschatz und städtische Urkunden aufbewahrt. 21 Kapellen und 40 Nebenaltäre bezeugen die Stiftungsfreudigkeit Lübecker Kaufleute.“ Auch große Teile der Finanzierung des Dombauwerks kommen von bürgerlicher Seite, die dann auch mitzureden hat.

Verbürgerlicht wird auch ein Teil der Armen- und Krankenpflege. Das älteste noch halbwegs erhaltene (gotische) Bürgerspital Deutschlands ist das "Heilig-Geist-Hospital" in Mainz in der Rentengasse.

 

Mit der Verbürgerlichung der Kirche kam eine zunehmende Symbiose zwischen Geistlichkeit und Kapital zu ihrem ersten Abschluss, was sich entsprechend auf die religiösen Inhalte auswirkte. Dabei sollten die punktuellen Konflikte zwischen geistlichem Stadtherrn und Bürgern und zwischen Kirche/Kloster und größerem weltlichem Kapital zum Beispiel um die geistlichen Privilegien nicht den Eindruck verwischen, dass es eine Art übergeordnete und grundlegende Gemeinsamheit zwischen beiden Seiten bei Machtausübung und ökonomischer Interessenlage gibt. Die Politisierung des Kapitals und die Verweltlichung des Klerus gehen dabei Hand in Hand.

 

Der Geldbedarf einer an sich reichen Kirche resultierte nicht nur aus ihrer immer luxuriöseren Ausstattung, die in den höfischen Lebenswandel von Fürstbischöfen münden wird, sondern auch aus dem steigenden Bedarf an Mitteln für die Machtausübung, zu denen nicht nur die für die Repräsentation ihrer Machtvollkommenheit dienen. Wo es politisch opportun war, wurde auf das Verbot des Nehmens von Zinsen für Christen verwiesen, aber es war in der Regel opportun, Juden, also Ungläubige, zu fördern, deren Geldgeschäfte auch für die höhere Geistlichkeit nützlich waren. Außerdem hatte es sich schon lange eingeschlichen, dass christlichen „Lombarden“ (woher sie auch immer kamen) und christlichen „Kawertschen“, ursprünglich Leute aus Cahors, als eine Art Gewohnheitsrecht das Zinsnehmen, also der Wucher (usuria) zugestanden wurde.

 

Als der Trierer Erzbischof 1262 hoch verschuldet ist, lockt er vier Lombarden mit hohen Privilegien in seine Stadt und verdeckt einen Kredit an ihn, indem er sie ein hohes Schutzgeld für sechs Jahre im Voraus zahlen lässt: Wir erlauben auch, heißt es in dem Dokument, und lassen zu, dass sie in dieser Stadt und Niederlassung aus ihrem Vermögen und ihrem Geld Nutzen ziehen und damit nach ihrem Wunsch und Wohlgefallen Geschäfte machen können. Auch werden wir – das versprechen wir aufrichtig – sie nicht wegen ihrem Geldhandel und Geschäftes irgendwie bestrafen, werden sie keineswegs dafür zur Verantwortung ziehen, dass sie ihr Geschäft mit weniger Recht betrieben haben, und werden keinerlei Klage gegen sie vorbringen, durch die sie an ihrem Besitz oder ihrer Person irgendwie geschädigt oder irgendwie beschädigt werden könnten; lieber überlassen wir sie in diesem Punkt ihrem Gewissen.

 

Das ist wohl der erste umfassende geistliche Freibrief für „Wucher“ als christliches Privileg in den deutschen Landen, der erhalten ist. Dem Bischof ist im 13. Jahrhundert sehr wohl noch klar, dass er damit eine zwischen Geiz und Habgier angesiedelte schwere Sünde massiv unterstützt, und diese auf das Gewissen des Sünders abzuladen zeigt, dass er als kirchlicher Machthaber auf ein solches offenbar verzichten kann, sozusagen als Hausherr der kirchlichen Gnadenmittel. Und da er weiß, dass Geldgeber für Konsumkredite wie die, die er von den vier Lombarden erwartet, bei den Schuldnern eher unbeliebt sind (was Juden sporadisch schon einmal brutal zu spüren bekommen), fügt er gleich noch hinzu, dass bei ihm privilegiertert Wucher unter seinem besonderen Schutz steht: Wir werden auch nicht zulassen, dass sie von wem auch immer angegriffen, gestört oder auch belästigt werden; denn außerdem geben wir diesen unseren Bürgern das Versprechen, sie mit all ihrem Hab und Gut wie unsere eigenen Bürger zu verteidigen, zu bewahren und gegen alle und jeden zu beschützen. (In: Engel/Jacob, S. 198)

 

In der ganzen Urkunde ist die Handschrift dieser Lombarden zu spüren, die wussten, dass man gerne Kredite annahm, aber nur ungerne dafür haften mochte, wenn man sie nicht mehr bedienen konnte. Das ist bis heute so geblieben, wo Leute gerne leichtfertig Kredite von Banken nehmen, und diesen dann die Schuld geben, wenn sie sie nicht zurückzahlen können.

 

Wenn das, was oft geduldete Praxis, aber offiziell als Sünde eben auch illegal war, von geistlichen Herren legalisiert wird, dann ziehen die Bürgergemeinden nach. Im Kern wird, und das durchaus auch schon in der Merowingerzeit, in der Praxis zwischen gerechtfertigter Aufwandsentschädigung und Wucher als überzogenem Zins unterschieden, wie das die Scholastik zu erklären sucht. Und so ist von 1383 ein Konstanzer Dokument überliefert, in dem Zinsen für Konsumdarlehen für ein Jahr auf 11% Zinsen begrenzt werden, vorzeitig zurückgezahlte auf 10%, und kurzfristigere Darlehen auf bis zu 50% Jahreszins.

 

Eine Besonderheit im Raum frühkapitalistisch werdender Städte sind die Armutsbewegungen des 12./13. Jahrhunderts, unter denen der Bettelorden der Minoriten (fratres minores, Franziskaner) besonders herausragt. Anders als bei den Zisterziensern, die nun auch ihre Niederlassungen in den Städten haben, zeigt sich im Nebeneinander von bürgerlichem Wirtschaften und Bettelorden die Kompartmentalisierung im Inneren städtischer Menschen als äußeres Phänomen.

 

Inzwischen hatte sich längst die Vorstellung durchgesetzt, dass es für diejenigen, die einst in den „Himmel“ gelangen würden, nach dem Tod erst einmal eine Reinigungszeit für die begangenen Sünden geben würde, das Purgatorium oder „Fegefeuer“. Mit genau zu beziffernden Geldleistungen konnte nun denn auch der Ablass von Tagen oder Wochen oder im Extremfall der ganzen postmortalen Leidenszeit erkauft werden, natürlich offiziell nur verbunden mit entsprechender Reue.

Die nicht mehr auf Verfügung über Land und abhängige Bauern basierenden Bettelorden mit ihren Bußpredigern machen sich diese Entwicklung zunutze und finanzieren sich und ihre Kirchen über zu zahlenden Ablass. Damut verbunden sind es besonders Gelehrte aus ihren Orden, die Geldgeschäfte und den daraus resultierenden Gewinn zu rechtfertigen beginnen und damit die alte Verdammung des Wuchers auf eine kleine Gruppe jener reduzieren, bei denen Wucher nun als exzessive Profitgier ausgelegt wird.

 

****Städtische Geschichtsschreibung****

 

um 1270 Annales Wormatienses: erstes Beispiel stadtbürgerlicher Geschichtsschreibung

 

Flandern, Frankreich

 

Die Tuchproduktion scheint sich früh in das Verlagswesen einerseits und das Unternehmertum reiner Tuchfabrikanten aufgeteilt zu haben. Die starke Stellung dieses Produktionszweiges scheint sich dann darin auszudrücken, dass das flämische Kapital sich um 1250 von den Champagnemessen zurückzieht und die Händler zu Hause empfängt. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts nehmen dann die Konflikte mit England zu, dessen Auseinandersetzungen mit der französischen Krone in Konflikt geraten mit der Tatsache, dass die Grafschaft Flandern zum großen Teil ein Lehen des französischen Königs ist. Auch das führt dann zum Niedergang der flämischen Tuchindustrie, in dem Brügge im wesentlichen eine Handelsstadt wird, während Gent sich andererseits vom Fernhandel zurückzieht und vorwiegend Produktionsstandort wird, was es bis zum Ende der sogenannten industriellen Revolution auch bleibt. Ansonsten beschränkt es sich auf den Regionalhandel vor allem mit Getreide.

 

Im späten 13. Jahrhundert baut sich Brügge einen zweiten, äußeren Mauerring, ebenfalls mit einem parallelen Kanal, dessen Wasserspiegel etwa einen Meter höher liegt als der innere Kanalring, "dadurch konnten Kanäle vom äußeren zum inneren Ring durch das Gefälle Wassermühlen antreiben und die notwendige Wasserversorgung mit frischem Wasser für Färber und Walker sicherstellen. Ein Leitungssystem, das zahlreiche Brunnen in der Stadt versorgte, wurde durch eine Wasserkunst (Waterhuis) gespeist: Von Pferden getrieben wurde durch eine Eimerkette Wasser aus dem äußeren Ring auf das Dach des Waterhuis geschöpft,von wo es in das städtische Netz eingespeist wurde und zahlreiche Brunnen in der Stadt mit Wasser versorgte. Dieses Leitungssystem, entstanden Ende des 13. Jahrhunderts, war der Stolz Brügges." (Schott, S.57f)

 

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts kontrollieren in Gent 39 Familien die Stadt, als 13 Schöffen, 13 Ratsmitglieder und 13 ledige. In Brügge werden die Schöffen aus den Führungskreisen der lokalen Hanse ausgewählt, damals eine reine Händlervereinigung. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts können dann auch Leute der Mittelschichten in die Hansa und damit in die Stadtpolitik aufsteigen. In Gent sind es vor allem Weber und Tuchwalker, die immer offensiver politische Teilhaberschaft verlangen. Dort wie in Brügge werden Aufstände niedergeschlagen.

Bis dahin arbeiten Grafen und städtische Oberschicht Hand in Hand. Als dann König Philipp der Schöne versucht, die flämischen Grafen auszuschalten, um Flandern seiner Krondomäne einzuverleiben, verbündet er sich mit der städtischen Oberschicht, während der Graf sich an die kleinen Leute, das heißt die entstehenden neuen Zunfteliten und aufstrebende Krämer hält. In letzterem Bündnis entsteht der flämische „Patriotismus“, der sich erst gegen Frankreich und später gegen Habsburg wenden wird. Mit dem Sieg der städtischen Milizen bei Koortrijk (Courtrai) wird dann das politische Monopol des Großkapitals zugunsten des gehobenen Handwerks und Kleingewerbes aufgebrochen.

Eine politische Autonomie wird Brügge allerdings nie erreichen.

 

Mit den Konflikten um die Anfänge des Hundertjährigen Krieges und dem Handelskrieg Englands gegen Flandern wird dann deutlich, wie stark die Wirtschaft an politische Machtverhältnisse gebunden ist. Flämische Städte beginnen, die Weberei in ihrem Umland zu zerstören, um sich selbst zu halten. Gent setzt Stapelzwang für Getreide durch.

 

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Eine besondere Rolle nimmt in dieser Zeit der Bergbau ein, wird doch die Metallbearbeitung insbesondere auch in der Produktion von Rüstungsgütern zweiter Motor einer Entwicklung in Kapitalismus hinein, ob nun in Mailand, Nürnberg oder Dinant. Dabei sind es überwiegend (freie) Bauern, die als Teil ihres Lebensunterhaltes Berge „abbauen“ und sich dafür zusammenschließen. Dadurch bleiben die technischen Möglichkeiten aufgrund fehlender Kapitalisierung begrenzt. Das betrifft besonders die Alpenländer und Böhmen. Viel begrenzter ist der Abbau von Kohle, der nur in der direkten Umgabung zum Befeuern heimischer Herde benutzt wird.

 

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In Frankreich verdoppelt sich die Bevölkerung zwischen 1000 und 1300, was sich in den hohen Bevölkerungszahlen der Städte niederschlägt. Paris hat etwa um 1300 ungefähr 70 000 Einwohner. Die Magistrate einer reichen Oberschicht machen es den Königen gleich und belasten ihre Bürger mit Kopf- und Vermögenssteuern sowie indirekten Steuern, wobei sie sich von vielem ausnehmen. Das niedere Bürgertum verbündet sich zunehmend mit dem König, was dazu führt, dass unter Philipp dem Schönen immer mehr Städte in diesem Bündnis auf ihre kommunalen Freiheiten verzichten und sich direkt dem König unterstellen, um ihre materiellen Interessen zu sichern. Als erste macht das Sens 1318 (Ehlers, S.190f)

 

Der Hundertjährige Krieg schädigt dann französische Städte massiv, die immer mehr Geld für den Mauerbau ausgeben müssen, um zu möglichst uneinnehmbaren Festungen zu werden. Einen enormen Aufschwung erleben dafür bretonische Küstenstädte, Rennes, Nantes, Quimper und andere. Zur Produktion von Tuchen und Metallwaren kommt hier der Schiffsbau. 

 

England

 

Um 1300 besitzt England eine ausgedehnte Stadtlandschaft  mit rund 550 Marktorten von durchschnittlich 750 Einwohnern auf dem untersten Niveau, weiter oben etwa zwanzig Städte mit über 5000 und vier Städten über 10 000 Einwohnern, nämlich Norwich, Bristol, York und Winchester, alles Seehandelsstädte. Das ist etwas unter dem Niveau mitteleuropäischer und weit unter dem norditalienischer Verstädterung.

 

Ein Teil der englischen Städte wird von den Epidemien der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts massiv getroffen. Um 1300 wird von einer Einwohnerschaft von 80 000 ausgegangen, 1377 sind davon rund 50 000 übrig geblieben, die bis 1520 dann auf etwa 60 000 anwachsen. Boston, Lincoln und York verlieren durch die Pest die Hälfte ihrer Bevölkerung. In Winchester gibt es um 1300 an Pfarrkirchen 54,  um 1400 sind es 33, und um 1500 werden nur noch 26 benutzt.

Häuser werden zu Ruinen, neue Räume in Städten werden wieder zu Gärten. Aber insgesamt erholt sich die städtische Bevölkerung wieder bis ins frühe 16. Jahrhundert und macht dann wieder etwa 20% der Gesamtbevölkerung aus.

 

Der englische und walisische borough und der schottische burgh (burgus) definiert sich in der Regel aus dem Recht, dort frei über seinen Grund und Boden zu verfügen und eine feste Miete bzw. Pacht (rent) zu zahlen. Das ist eine weitere Definition als die gemeinhin für deutsche Lande gemachte. Dazu kommt allerdings, dass solche Orte nicht mehr wesentlich von Landwirtschaft leben.

Wenn "Städte", also boroughs zu Parlamenten Edwards I einberufen werden, genügen sie allerdings nicht einmal immer diesen Ansprüchen.

Andererseits sagt das Etikett borough ohnehin nichts über die Wirtschaftskraft einer englischen Stadt aus. Westminster hat den Status einer vill, eines Dorfes, wie manche Stadt, die ohne die Patronage eines Lords entstand. Boston ist ein wohlhabender Handelsort, obwohl es von Amtsleuten des Lords regiert wird.

 

Aber fast alle Städte haben wenigstens einen Herrn, oft den Gründer. Meist im Einvernehmen mit ihm regulieren zu ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten im 13. Jahrhundert durch Kaufmannsgilden selbst, bis dahin, dass sie eine feste fee farm an ihren Herren für alle Abgaben zahlen und deren Eintreibung selbst unternehmen. Städtische Oberschicht bildet wie in deutschen Landen die Juroren eines Gerichts und übernimmt innerstädtische Ämter. Insbesondere Abteien versuchen ihre Städte einzuschränken; solange Cirencester (Gloucestershire) königlich war, galt es als borough mit burgesse tenure, als es 1131 an die dort neu gegründete Abtei fiel, versuchte diese die Bürger wieder als Dörfler zu behandeln. Die Mönche von Bury St.Edmunds versuchen wiederum, die Bildung einer Kaufmannsgilde zu unterdrücken (Dyer, S.220).

Bürger wird man entweder, indem man das Bürgerrecht erbt, es durch einen Lehrlingsstatus erwirbt oder es kauft. In Dunfermline kostet es enorme 40 Schillinge, was zwei Drittel der eigentlich bürgerlichen Einwohner davon abhält es zu kaufen (Dyer, S.315)

 

Mit königlicher Charter versehende Städte regeln ihre Angelegenheiten im 13. Jahrhundert mit einem Rat und einem Bürgermeister (mayor) selbst, weswegen solche Privilegierungen bei Städtern sehr beliebt sind. Eigene Amtsleute sind für die pauschale Abfuhr einer Abgabensumme zuständig. Lincoln bezahlt König Johann darum 200 Pfund für eine solche Carta. 

Bürgermeister halten städtisches Gericht, arbeiten mit den Meistern der Gilden zusammen, überwachen Handwerker der Nahrungsbranchen und regulieren die Märkte. Unter ihnen nehmen städtische Amtsträger zu.

 

Weitgehende Selbstverwaltung bedeutet auch im 13. Jahrhundert und darüber hinaus Machtausübung einer Oberschicht, wie auch in deutschen Landen bis zu den Kämpfen der Zünften um Partizipation. Weber dürfen so schon mal wie in Leicester nicht für Auftraggeber außerhalb der Stadt arbeiten und ihnen wird in Winchester verboten, Tuch selbst auch zu färben oder gar zu verkaufen.Metzgern wird verboten, ihren Talg selbst in Kerzen zu verwandeln.

Dieser Oberschicht wird auch immer wieder einmal unterstellt, beim Einsammeln der Abgaben sich selbst zu begünstigen und die kleinen Leute auszuplündern. Zudem versuchen diejenigen, die selbst Lohnarbeit nutzen, den Preis der Arbeit möglichst niedrig zu halten. 1364 setzen 18 Schuhmachermeister von Bristol in den RegelnHöchstlöhne für ihr Gewerbe fest und verbieten das Abwerben von Arbeitskräften von einem Meister zu einem anderen.

Tuchändler haben vor allem Interesse an der Kontrolle der Qualität der Arbeit der Färber, die sich stark auf den Marktwert auswirkt. In Bristol sucht 1407 der Bürgermeister zwei Färbermeister aus, die überall Qualitätskontrollen durchführen. Zuvor waren die Exporte Bristoler Tuche stark gesunken.

Andere Regulierungen sind eher am Gemeinwohl orientiert. Zwischenhändlern wird so oft verboten, Getreide vor der Stadt aufzukaufen und dann abzuwarten und auf einen höheren Preis zu spekulieren. Brotpreise werden manchmal an den Preis des Getreides gekoppelt und der Preis von Ale an den von Malz. Metzger werden vor Gericht gezogen wegen überhöhten Fleischpreisen.

Überhaupt lässt sich an den vielen Gerichtsverfahren erahnen, wie oft Regulierungen nicht eingehalten werden.

 

In England wird die Vereinigung von Händlern und Handwerkern als Ansprechpartner für König und Barone eher gerne gesehen, während in Schottland Handwerker-Vereinigungen bis tief ins 15. Jahrhundert noch verboten sind. Überall aber werden wie auf dem Kontinent Assoziationen der Lohnarbeiter untersagt, der Gesellen wie der Maurer oder derer, die Fachwerke ausfachen. Selbst wo sie sich als religiöse Bruderschaften geben, werden sie unterdrückt, aus Angst, dass von dort höhere Lohnforderungen ausgehen könnten.

Tatsächliche religiöse Bruderschaften bürgerlichen Zuschnitts hingegen sind hoch angesehen, sie sind auf eine kleine Oberschicht eingeschränkt, die sich selbst verwaltet, erhebliche Summen einsammelt und davon schon mal einen eigenen Priester und Schulmeister unterhält und eine Gildenhalle (guildhall) wie die Holy Trinity Guild in Wisbech (Cambridgeshire) im 15. Jahrhundert (Dyer, S.317)

 

Für etwa 1200 wird die Londoner Bevölkerung auf etwa 40 000 geschätzt und hundert Jahre später hat es mit vielleicht 80 000 Menschen etwa die Hälfte der Größe von Paris, auch wenn sie dann durch die Epidemien auf 50 000 schrumpft, um sich dann um 1500 wieder bei 60 000 zu stabilisieren.

Immerhin soll es Anfang des 14. Jahrhunderts bereits 354 Tavernen und 140 Kirchen besitzen (Carpenter, S.44). Es ist nun Residenz (Tower, Westminster), Bischofsstadt (St.Paul's), Finanzzentrum (New Temple), Handelszentrum, was vor allem den Reichtum der Stadt ausmacht, und Zentrum der Tuchproduktion.

Eine solche Stadt wird im 13. Jahrhundert bereits aus etwa zehn Counties versorgt, wobei die Getreidelieferungen manchmal über 50 Meilen zurücklegen, bevor sie in die Sadt gelangen. Die Fleischmengen, die in der Metropole zunehmend verbraucht werden, werden aus Nordengland und Wales als Viehherden herangetrieben.

 

London hat nicht nur eine überproportional große Oberschicht, sondern auch die Dependancen der Magnaten aus den Regionen, von denen es um 1520 rund 75 gibt (laut Dyer, S.304).Während der wesentliche Wohlsitz des Adels auf dem Lande bleibt, hat er öfter wie auch die Zisterzienser Dependancen in der Stadt, sei es als Warenlager, sei es zur Beherbergung von Amtsleuten, die dort Handel für ihre Herren betreiben.

In dem Maße, in dem London zusammen mit Westminster zu einer Art Hauptstadt wird, erwerben die großen kirchlichen und weltlichen Magnaten entlang des Strand und in den vornehmen Suburbien von Holborn und Southwark vornehme Stadthäuser, wo man wohnt, während man den königlichen Haushalt besucht, die hohen Gerichtshöfe und das Parlament. Stein aus Caen wird für solche herrschaftlichen Gebäude herbeigeschafft.

 

Dazu kommt ein gewaltiges Beherbergungsgewerbe für die Gentry von außerhalb, die jedes Jahr an den Parlamentssitzungen teilnimmt. Und alle diese Leute kaufen gerne in London ein, wo die Auswahl an Luxusgütern größer ist. Während zum Beispiel anderswo Städte vielleicht nur einen Goldschmied haben, sind es in London 1477 schon 180, und ihre Zahl nimmt weiter zu. Grocers haben eine größere Auswahl an Gewürzen.

 

In London lassen sich besser als anderswo unternehmerische Karrieren starten. Richard Whittington zum Beispiel hat als jüngerer Sohn eines Ritters aus Gloucestershire wenig Chancen, Land zu erben, er geht mit einem kleinen Startkapital nach London, wird um 1380/90  ein reicher mercer (Stoffhändler), der die Barone und den königlichen Haushalt mit Seide beliefert, kann dann an die Könige Richard II und Henry IV Geld verleihen, steigt zudem in den Wollhandel ein und wird schließlich mehrmals Bürgermeister von London. (Dyer, S.304)

 

Auch um ihre dominierende Stellung im Königreich durchzusetzen, organisieren sich die Londoner Kaufleute in zwei Vereinigungen, die den Handel mit Wolle und Tuchen kontrollieren: Die staplers und die merchant adventurers, die letztere vor allem den Handel mit den Niederlanden beherrschen. Viele Großkaufleute verhandeln eine Vielzahl von Produkten, sowlh Tuche, Getreide, andere Nahrungsmittel und Wein, und dabei nicht nur Luxuswaren, sondern auch solche für den Massenkonsum, der immer mehr zunimmt. 100 und mehr Pfund Einkommen sind keine Seltenheit. Teile des Adels wirken inzwischen arm dagegen.

 

Manche Städte überleben die Pestzeit ziemlich gut, indem sie auf die zunehmend florierende Tuchproduktion setzen. Salisbury mit seinen vielen Webern und Walkern (insgesamt wohl beschäftigt das Textilgewerbe ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung) erlebt dadurch keine Einbußen, Exeter kann deshalb seine Einwohnerschaft zwischen 1377 und 1524 mehr als verdoppeln und Worcester steigert seine Einwohnerschaft ebenfalls in dieser Zeit wegen der Textilproduktion. Hier sind dann im 16. Jahrhundert rund 40% der arbeitenden Bevölkerung beschäftigt. (Dyer, S.321) Einzelne Leute können auch in solchen Städten unternehmerische Karrieren machen und gelgentlich so reich werden, dass sie in kleineren Städten ein Drittel der städtischen Steuern zahlen. Andere kleinere Städte wie Stroud in Gloucestershire werden nun erst gegründet und wachsen dann ohne baroniale oder königliche Privilegien aufgrund ihrer textilen Wirtschaftskraft.

 

Dort, wo Städte nach der Pest wieder wachsen oder überhaupt properieren, sind es vor allem die nun höheren Löhne, die Leute anziehen.  Baufacharbeiter können im 15. Jahrhundert 6 Pennies am Tag verdienen und mancher ständig beschäftigte Zimmermann bringt es auf 6 Pfund im Jahr.

 

Ein immer wichtigerer Aspekt städtischen Wirtschaftens wird der Gewinn aus immobilem Eigentum. Bürger als freeholders kaufen Grundstücke oder Häuser und vermieten sie weiter. Im 13. Jahrhundert lassen sich aus einem Grundstück 20 Schillinge Miete ziehen, und diese wird dann bald auch auf Monate aufgeteilt.

Der Bristoler Kaufmann John de Cardiff gewinnt so Anfang des 14. Jahrhunderts 22 Pfund jährlich aus Mietzahlungen. Insbesondere wo aus Klöstern Städte hervorgingen, investieren diese in Grundstücke und vermieten diese bzw. Häuser. Um 1300 gehört der Abtei von Canterbury etwa ein Drittel der Stadt, welches jährlich ungefähr 110 Pfund an Mieten/Pachten einbringt. (Dyer, S.198) Da lohnt es sich dann auch, selbst ein einfaches neues Haus für vielleicht 10 Pfund in Auftrag zu geben, die bald wieder hereingeholt sind.

Dasselbe geschieht dann zum Teil auch mit den festen Marktständen, zum Teil schon mit einem Obergeschoss als Lagerraum, die manchmal von Kapitaleignern gebaut oder aufgekauft und dann für gelegentlich jährlich 10 Schillinge vermietet werden, der Pacht für 20 acres Ackerland.

Der Wohnungsmarkt geht durch die Verluste des 14. Jahrhunderts natürlich zurück, aber zieht dann wieder langsam an. Nicht zuletzt Klöster investieren "spekulativ" in Hausbau, wie die Westminster Abbey, was wiederum Laien als Investoren anzieht und den Ort bei London aufblühen lässt. Wer kann, deckt sein Dach nun nicht mehr mit Schilf oder Holzschindeln, sondern mit Ziegeln oder Schiefer. Innenwände repräsentativer Häuser werden mit Holz ausgestattet (wainscoting) oder mit farbigen oder bebilderten Tüchern behängt. Teppiche und Kissen nehmen zu.

 

Etwa die Hälfte aller Stadtgründungen des 12. und 13. Jahrhunderts wird von großen Baronen betrieben, in die andere Hälfte teilen sich kirchliche Baronien und der König. Städte erhalten immer Marktrecht und meist einen Jahrmarkt. Die Städter zahlen eine Rente für ihren Grund und Boden samt Behausung, über den sie aber frei verfügen können. Sie können in ihrer Stadt abgabenfrei Handel betreiben.

Das Interesse der Barone an Stadtgründungen beruht darauf, dass sie von einem Grund, der landwirtschaftlich 1 Pfund einbringt, bei Besiedelung mit einer Stadt als Basis wenigstens 4 Pfund Renten, wozu noch weitere Einnahmen kommen. Der Bischof von Norwich zieht aus den Gerichtseinnahmen für Bishop's (später: King's) Lynn um 1300 bereits etwa 40 Pfund jährlich (Dyer, S.146). Aber für den Adel bleiben ländliche Anwesen in der Summe finanziell immer noch wichtiger.

 

Einer von etwa zwanzig Stadtbewohnern in England ist um 1300 ein Kleriker ("maybe": Dyer, S.195). Mit festem Einkommen spielen sich eine wichtige Rolle für die Nachfrage auf dem städtischen Markt und damit für die Umverteilung von Einkommen vom Land in die Stadt. Zudem fungieren sie als Schreiber und Lehrer.

 

In Wales dienen Stadtgründungen ähnlich wie in Ostelbien der Kolonisierung des Landes und seiner Überfremdung durch die Mächtigeren und ihre Leute. Wo sie bei von englischen Baronen oder Königen gebauten Festungen entstehen, werden sie mit Engländern oder auch flämischen Einwanderern beschickt. Das ist in Schottland anders, in dessen (Süd)Osten seit dem frühen Mittelalter langsam angelsächsische Bevölkerung eingesickert war und wo im hohen Mittelalter "Anglisierung" durch die schottischen Könige selbst als Einführung anglo-normannischer ("nordfranzösischer") Strukturen samt feudaler Aspekte im Eigeninteresse betrieben wird.

 

 

Bürgerliches Selbstbewusstsein: Ehrbarkeit

 

In einem Zeugnis des Rates von Frankfurt/Oder für einen Schuhmacher steht geschrieben: Sie bekennen (…) dass Valentin Weicherstoff (…) bei uns in dieser Stadt von diesen frommen Leuten in einem rechten, echten Ehebett nach christlicher Ordnung gezeugt und geboren wurde; seitens aller seiner vier Ahnen rechter deutscher Art ist, von Vater und Mutter frei, niemandes Eigen, nicht von Müllern, Zöllnern, Leinewebern, Badern, Schäfern und nicht von Schankwirten oder Spielleuten abstammt. (…) Seine Eltern haben sich bei uns ehrlich und fromm geführt, standen in gutem Ruf und waren nützlich und redlich (…) so dass die Zeugen (…) nichts anderes von ihm wissen oder erfahren haben als Ehre, Redlichkeit, Liebe und alles Gute (…) (Engel/Jacob, S. 293)

 

Ehrbar sein heißt also, bürgerliche Freiheit genießen, nicht von unehrbaren Eltern stammen, ehelich geboren zu sein und - eine Besonderheit des deutschen Nordostens - in vierter Generation ein Deutscher (und kein Slawe) zu sein. Müller gab es eben vor den Stadtmauern, Schäfer besaßen oft die Herden nicht, die sie hüten mussten, und waren unbürgerlich eigentumslos, andere Menschen betrieben von vorneherein unehrenhafte Tätigkeiten wie Bader, Schankwirte, Bordellbetreiber und ihre Belegschaft oder Henker.

 

In den Verfassungstexten des späten Mittelalters wie dem Kölner Verbundbrief von 1396 taucht immer wieder der Begriff vom ehrbaren Mann und Bürger als Teilhaber an der politischen Macht auf.

 

 

Die Einbürgerung adeliger Lebensformen

 

Das Bürgertum entsteht auch deswegen langsam und mit unterschiedlichen Charakterzügen, weil es auf keine Vorbilder zurückgreifen kann. Es muss sich sozusagen „selbst erfinden“. Auch aus legitimatorischen Gründen greift ein kleiner Kreis entstehender bürgerlicher Oberschicht auf römische Vorbilder zurück, mögen diese auch relativ unpassend sein. Man nannte sich Senatoren, wählte Konsuln usw.

 

Erwähnt wurde schon, dass bei reichlichen Gewinnen aus eingesetztem Kapital Teile nicht mehr reinvestiert, sondern in einem Landgut angelegt werden, dies zuerst wohl in Italien. Auf diesem lässt sich, quasi in der Sommerfrische, adelige Lebensweise imitieren. Dazu gehört ein sich erweiterndes Personal, gehören kostbare Kleider und wertvoller Hausrat. Auf diese Weise erhöht auch ein kleiner Kreis von Bürgern nun die Nachfrage nach Luxusgütern. Wer es nicht bis zu einem solchen vornehmen Gut bringt, hat manchmal wenigstens soviel erwirtschaftet, dass er einen Teil seines Gewinns in Grund und Boden anlegen kann. Beliebt ist zudem die Anlage in Gebäude, die vermietet werden, und das konnten schon mal zehn oder zwanzig sein. Einige Kapitalisten werden so zu weniger risikobereiten Rentiers, wenigstens mit einem Teil ihrer Gewinne.

 

Ende des 11. Jahrhunderts ist in Venedig die Kaufleute-Familie Ziani belegt, die vor allem mit Konstantinopel wohl Handel treibt. Nach dort 1171 die vezenzianischen Kaufleute gefangen genommen werden, konzentriert sie sich auf Kleinasien und Sizilien. 1172 wird Sebastianus ein Ziani Doge, 1205-1229 sein Sohn Petrus. Petrus konzentriert sich auf das Kreditgeschäft und scheidet als Doge aus dem Handel aus.  Sein Sohn Marcus ist dann nur noch in Finanzgeschäften nachweisbar. 

Immer hin sammelt die Familie seit 1160 Salinen, Weinberge und Gemüsegärten auf dem Festland und Häuser und Grundstücke in der Stadt. Marcus ist dann Rentier mit nun auch reichlich Grundbesitz um Padua und Treviso, heiratet eine Tochter des Markgrafen von Este und ahmt den Lebensstil norditalienischer Adeliger nach (alles nach Fuhrmann in 'Verwandlungen', S.386)

1288 wird Bonvesin de la Riva berichten, reiche Mailänder würden der Beizjagd mit Habichten und Sperbern im Umland der Stadt frönen, einst reines Vergnügen des Adels.

 

Die Aneignung adeliger Lebensformen durch das obere Bürgertum wird dann nach unten weitergereicht. Hatte einst der englische Adel noch Pelzborten aus Eichhörnchenfell getragen, so leisten sich das im 15. Jahrhundert die Handwerkersfrauen, und der Adel muss auf Marder und anderes umsteigen.

 

Bereits im 13. Jahrhundert gehen Teile des Bürgertums so weit, selbst das Turnierwesen für sich in die Städte zu bringen. Einer der Wohlbetuchten, ein Brun von Schönebeck, schrieb von Magdeburg aus höfische Briefe, die er nach Goslar, Hildesheim, Braunschweig, Quedlinburg, Halberstadt und anderen Städten schickte. Darin luden die Konstablen (wie sich diese Patrizier nannten) alle Kaufleute, die sich im Ritterspiel üben wollten, nach Magdeburg ein. Man hatte dort eine hübsche Frau namens Feie, die man demjenigen geben wollte, dem es gelang, sie durch Zucht und Tapferkeit zu gewinnen. (...) Die aus Goslar kamen mit in Decken gehüllten Pferden, die aus Braunschweig erschienen mit grünen Decken und grüner Kleidung, und die von anderen Städten trugen auch ihre besonderen Wappen und Farben.

Als sie vor die Stadt kamen, weigerten sie sich hineinzureiten, ohne vorher eine Lanze gebrochen zu haben. Dies geschah auch. Zwei Konstablen zogen vor die Stadt, stellten sich ihnen entgegen und empfingen sie mit ihren Lanzen. In der Zwischenzeit war der Gral (die Arena) auf der Marsch vorbereitet; man hatte dort viele Zelte und Hütten aufgebaut. An einem Baum auf dieser Marsch hingen die Schilde aller Konstablen, die im Gral waren.

Am nächsten Morgen, nachdem die Gäste die Messe gehört und gegessen hatten, zogen sie vor den Gral und betrachteten ihn. Jeder Gast durfte an einen Schild schlagen. Der Jüngling, dem dieser Schild gehörte, trat hervor, um mit ihm zu kämpfen.; so geschah es bei allen. Schließlich war es ein alter Kaufmann aus Goslar, der Frau Feie gewann. Er führte sie mit sich fort, verheiratete sie und stattete sie so reichlich aus, dass sie von ihrem wilden Lebenswandel abließ. (Engel/Jacob, S. 218)

 

Bürgerliche Werte halten hier offensichtlich gerade so weit, bis der Reichtum für adelige Verhaltensweisen vorhanden ist. Dass das alles eher substanzlos ist, ist um 1280 wohl schon kein Problem mehr, ist doch der Adel selbst dabei, sich immer mehr in solches Amüsierverhalten aufzulösen, wo er sich das noch leisten kann. Dass Gral, Artusrunde und ähnliches im Bürgertum angekommen sind, zeigt, wie sehr sie zu jener Art von Unterhaltungsliteratur geworden sind, welche recht sinnentleert konsumiert wird. Und die morgendliche Pflichtübung der Messe zeigt, dass das Kirchenchristentum zu einem leeren Ritual geworden ist, einem Teil bürgerlicher Lebensformen, der ebenso bedeutsam und bedeutungslos ist wie ritterliche Rituale.

Dass man als Preis des Turniers eine attraktive Prostituierte auswählte, zeigt, wie fest Prostitution in den Städten etabliert und für unverheiratete junge Männer geradezu als Ventil anerkannt war, um die Bürgermädchen zu schützen. Was der alte Kaufmann aus Goslar mit ihr trieb, verschweigt des Sängers Höflichkeit. Bemerkenswert ist, dass es ihm gelingt, sie ehrbar zu verheiraten, was sicher auch an der "Mitgift" für sie liegt.

 

Turnierverbote hatten Päpste und Kirchen unentwegt ausgesprochen, allerdings fast ohne jede Wirkung. Turnierverbote der Städte für ihre Bürger wie für Nürnberger 1362 sind vorübergehend geringfügig erfolgreicher (um des allgemeinen Friedens willen), Aber für 1446 wird aus Nürnberg sogar berichtet, dass Gesellen ein Stechen veranstalteten, bei dem einer der 44 Beteiligten sogar zu Tode kam.

Jagd und Turnier gehen im Französischen in den Begriff Sport ein (desportes) und der gelangt von dort nach England. Die Jagd war in der Regel den Bürgern untersagt, ansonsten konnten sie sich beteiligen: Sport und Spaß sind Gratifikationen für die Mühen der Kapitalverwertung, die man den Leuten nicht nehmen konnte, bis die Reformation und besonders die englischen Puritaner härter durchgriffen.

 

Zur Nachahmung hinzu kommt in Einzelfällen der Versuch des Aufstiegs in adelige Kreise, besonders dort, wo es gelingt, bürgerliche Töchter dank reichlicher Mitgift und durch Geschenke durch Einheirat in die untersten Kreise des Adels aufsteigen zu lassen.

 

Viele zu Reichtum gelangte Bürger investierten aber nicht zuletzt auch in ihr Seelenheil, wie es beim Adel schon lange üblich war. Eine winzige bürgerliche Oberschicht fand auch Zugang zu den vom Adel dominierten Klöstern, wo man unter anderem Töchter abladen konnte, die nicht gewinnbringend zu verheiraten waren und die nun regulär auch für das Heil ihrer Familie beten konnten. Um 1180 schaffen es breitere bürgerliche Schichten in Köln, genug zusammen zu bekommen, um ein Frauenkloster zu stiften, welches für ihre Kreise offen war, das Makkabäerkloster.

Inzwischen beteiligen sich Bürger auch stärker am Bau von Kirchen und an deren dekorativer Ausgestaltung. In einzelnen eklatanten Fällen wird sogar testamentarisch die Spende des größten Teils des erwirtschafteten Vermögens an Kirchen und Klöster bestimmt.

 

Der Reliquienkult war von einer aristokratischen Kirche und ebensolchen Klöstern auch für die breite Schar der Laien konzipiert worden. Der Besitz besonders wirksamer Reliquien führte zu den Geschäften, die Kirche und Klöster damit machten: Spenden gegen Seelenheil. Vom Pilgerwesen profitierten aber von Anfang an auch Handwerk und Handel.

Das „Entdecken“ und der Handel mit Reliquien wird bald zu einer Spezialität wenig kirchlicher Leute, die entdeckten, dass man auch auf diese Weise Geld verdienen kann. Für bürgerlich gestiftete Kirchen und Klöster beteiligen sich nun auch Bürger an der Jagd nach Reliquien.

 

Bürger nehmen damit der Kirche einen Teil ihrer Rolle als größter Bauherr der Stadt ab, so wie sie in das Fast-Monopol des Adels und der adeligen Kirche auf Grund und Boden eingreifen. Die andere wichtige Rolle der Kirche seit der Antike war die Armenfürsorge. Sobald ein städtisches Bürgertum finanziell dazu in der Lage ist, beteiligt es sich daran nicht mehr nur mit Spenden an die Kirche, sondern mit eigenen Einrichtungen. Etwa um 1180 beginnen in Köln auch rein bürgerliche Stiftungen von Hospitälern für Arme und Kranke, etwas, was dann in immer mehr Städten üblich wird.

 

In den bürgerlicher geprägten Städten kommt es zu einer Verweltlichung im Namen der Religion. Neben die vom Adel geprägten kirchlichen und klösterlichen Einrichtungen treten „christliche“ Einrichtungen eines Bürgertums, welches christliche Vorstellungen teils in Ehrbarkeitsvorstellungen aufhebt, die mit dem evangelischen Christentum in extremem Widerspruch stehen, sie teils örtlich und zeitlich massiv vom Geschäftsgebaren trennt und so Bekenntnis und Alltag in eigentlich sich widersprechenden Abteilungen aufhebt.

 

Die geringe Christianisierung, was die schwer verdaulichen und den meisten fast völlig unbekannten paulinischen und evangelischen Texte betrifft, wird also nur in Ketzertum und ihm verdächtig nahestehenden Frömmigkeitsbewegungen intensiviert. Zugleich wird nicht nur eine Verweltlichung der Trägerschaft ursprünglich kirchlicher Einrichtungen wahrnehmbar, sondern auch eine solche, die sich in Kirchenkritik als Kritik am oft wenig frommen Klerus entlädt. Dazu ist zu vermuten, dass in Randgruppen, bei Armen und Vagabunden Christianisierung zum Teil kaum ankommt; jedenfalls sind erste Anzeichen wenigstens nun endlich überliefert, die belegen, dass es auch Skepsis oder Ablehnung gegen kirchlich-christliche Doktrinen gab. Naturgemäß lässt sich in einer Zeit, in der Christentum Pflicht war, wenig darüber in Erfahrung bringen.

 

Hadlaub in der Manessehandschrift

Um 1300, also in der Spätzeit der Entdeckung eines neuen lyrischen Ichs im christlichen Abendland, eines sensibilisierten gefühlvollen Individuums, kam es zur Sammlung dieser Dichtkunst in einer Handschrift, die zudem mit vielen Illustrationen "illuminiert" wurde.

Unser Hadlaub, um den es hier geht, ist ein später "Minne"sänger, einer der kunstvollsten im deutschsprachigen Raum, und ihm ist eine ganz besondere Buchmalerei gewidmet: Sie illustriert untereinander die Anfänge der ersten zwei Lieder, die in dieser Handschrift aufgeschrieben sind.

Es handelt sich um Lieder, die gesungen wurden, aber leider überliefert die Handschrift nicht die Musik, wie es zum Beispiel Handschriften der Trobador-Lyrik aus dem okzitanischen Raum zwischen Katalonien und Nordwest-Italien tun.

 

Das Bild ist zweigeteilt, da es von zwei Liedern erzählt, aber es ist zugleich in eine Einheit gestellt durch die Kirche rechts, in die die Dame unten auf den ersten Blick hineinzugehen im Begriff scheint, während das Gebäude im oberen Bild mit dem Kirchturm den rechten Bildrand ausfüllt.

 

Hadlaub ist wohl eine Art kritischer Spätvollender der neuen lyrischen Form, vielleicht auch deshalb hat Gottfried Keller ihm eine ganze Erzählung gewidmet. Mit Hadlaub gewinnt diese neue Lyrik ein neues Format, sie bekommt balladesk- erzählende Momente und sie enthält Brüche. Die Zeit des Minnesangs und des fin amor geht ihrem Ende entgegen.

 

Das besondere an der Buchmalerei zu den Hadlaub-Liedern ist, dass sie etwas davon wiederspiegelt. Nicht nur erzählen die beiden Bilder das, was im Lied "erzählt" wird, anders zumindest als die meisten Illuminationen der Handschrift, sondern sie enthalten noch ein ausuferndes erzählerisches Moment, den Mann nämlich, der scheinbar beziehungslos zu beiden Szenen und den Liedern die Kirchturm-Glocke läutet.

 

Ich bleibe zunächst bei dem, was für das nicht sonderlich mit Kenntnissen bewaffnete Auge unmittelbar erkennbar ist. Im unteren Bild wendet eine frühgotisch gekleidete Dame mit gotischem Schwung ihren Körper dem geöffneten Eingang der Kirche zu, während ihr Kopf sich mit dem Gesicht zurückwendet, wobei der überlange Hals dem damaligen weiblichen Schönheitsideal entspricht, die Körper werden auch dadurch länger, schlanker, eleganter. Die machtvoll gedrungenen romanischen Körperformen weichen solchen, die verletzlicher, empfindsamer werden.

 

Ihr Blick gilt dem zu ihr hin gebückten und sich auch durch die Beugung der Knie vor ihr verneigenden Mann hinter ihr, der durch Stab, Hut und Brotbeutel als Pilger ausgestattet ist. Sie trägt ein Hündchen in ihrem einen Arm, er hält ihr mit einer Hand ein vermutlich beschriftetes Papier entgegen. Ebenso emblematisch wie der Hund als Symbol unbedingter Treue ist das Wappen auf der anderen Seite, der Kontrapunkt auch zur Kirche, denn es lässt sich wohl als Teufel deuten.

 

Damit ist die Begegnung zwischen der Dame beim Kirchgang und dem als Pilger verkleideten fahrenden Sänger (und um ihn handelt es sich) aber noch keineswegs aufgeklärt. Dazu werde ich auf den betreffenden Liedtext eingehen.

 

Im oberen Bild fehlt diese extreme emblematische Polarität, der zeichenhaft dargestellte Widerspruch, vielmehr geben sich der durch seinen Aufzug als Spielmann erklärte Sänger und die Dame hier die Hand. Das aber geschieht offenbar gegen den Willen der Dame, deren Schoßhund hier ihre innere Haltung demonstriert: Er beißt den Sänger in die Hand. Das lässt die Vermutung zu, dass der Hund im unteren Bild, so wie er dargestellt wird, den Pilger-Sänger anbellt. Die Schönheit der (hohen) Minne als Kunstform wird drastisch durchbrochen.

 

Zur Erzählung im oberen Bild gehört aber noch mehr: Jeweils zwei Personen hinter dem eigenartigen Paar scheinen jeweils Mann bzw. Frau zu unterstützen und gar in das Geschehen einzugreifen. Zudem lassen sich aus dem Bild drei hintereinander gelagerte Vorgänge erschließen: Der Sänger wird angesichts der verehrten/begehrten Dame ohnmächtig, diese wird offenbar darauf veranlasst, ihm die Hand zu geben, worauf der Hund den Sänger in die Hand beißt.

 

Ferne, fremde Welt, diese Welt unserer Vorfahren von vor 700- 800 Jahren, und sie erscheint noch ferner und fremder, auf den ersten Blick noch unerklärlicher, wenn wir die beiden zugrundeliegenden Liedtexte zur Hand nehmen.

Aber damals entstehen Grundlagen, Wurzeln dessen, wer wir heute sind, und wir zehren immer noch ein wenig von ihnen, auch wenn wir uns kaum noch mit ihnen auseinandersetzen.

 

Um den Ton des mittelhochdeutschen Liedes ein wenig ins Gefühl zu bekommen, hier die ersten vier Zeilen im Original:

 

 

Ach mir was lange / nâch ir sô wê gesîn: / dâ von dâchte ich vil ange / daz ir daz würde schîn

 

Und nun ein Übersetzungsversuch ins Neuhochdeutsche: Ach, mir war lange / nach ihr so weh gewesen: / Darum war ich sehr darauf bedacht, / dass sie das merken sollte.

Ich nahm mir ihre Beachtung / im Gewand eines Pilgers / so heimlich, wie es ging / als sie aus der Mette kam.

Ich hatte voll Sehnsuchtsklagen / einen Brief, an dem ein Haken war. / Den hing ich an ihr Gewand vor Anbruch des Tages / so dass sie es nicht bemerkte.

Mir deuchte, sie dachte: / „Ist das ein Verrückter? / Was wollte er in meiner Nähe, / etwa um mich anzufassen?“

Sie fürchtete sich sehr, / meine Herrin wunderschön. / Doch schwieg sie um ihrer Ehre willen. / Ganz schnell entkam sie mir.

Ich hatte mich geeilt bei ihr, / damit sie bald nach Hause käme, / dass niemand den Brief an ihr sah. / Ungesehen brachte sie ihn heim.

Was sie da mit ihm machte / wurde mir nicht gesagt /ob sie ihn fortwarf oder behielt. / Das tut meiner Liebe weh.

Las sie ihn mit ganzem Sinn / so fand sie Seligkeit, / tiefe Rede von Minne / welche Not ich im Herzen tragen.

Sie tat aber nicht so, / als hätte sie je von meiner Not erfahren. / Oh weh, Frau, reine, liebenswerte, / du verwundest mich sehr.

 

Die physische Konstitution von Menschen ist seit vielen Jahrzehntausenden in etwa die gleiche geblieben, ihre Persönlichkeitsstrukturen haben sich aber in dieser Zeit immer wieder verändert. Die zweihundert Jahre neue, christlich-abendländische Lyrik ist Ausdruck eines solchen Veränderungsprozesses, dessen Spuren in uns immer noch mehr oder weniger nachleben.

 

Solche Lieder wie das obige wurden zwischen 1100 und 1300 von zum Teil fahrenden Sängern an Höfen vorgetragen, in der Hoffnung auf Anerkennung und Geschenke. Der erste bekannte Trobador, Wilhelm von Aquitanien, war ein Hochadeliger, Walter von der Vogelweide kam vermutlich aus niedereren Kreisen und bekam am Ende als Lohn ein Lehen ab, unser Hadlaub war wahrscheinlich ein Züricher Bürgerssohn.

  

Der „Hof“, die curia, von dem vor einiger Zeit der Ausdruck "höfische" Kultur abgeleitet wurde, war ursprünglich ein oft aus Holz gebauter Gutshof, der so hieß, weil er von hölzernen Palisaden umgeben war. Um die erste Jahrtausendwende unserer Zeitrechnung begann dann der Burgenbau aus Stein, der in deutschen Landen erst im 12. Jahrhundert häufiger wird: Ein Großteil der Produktion, die ursprünglich im Gutshof angesiedelt war, wurde aus dem Hof, der jetzt eine Burg ist, ausgelagert, dafür wurden dort Krieger untergebracht.

 

Solche festen Wohnstätten, nach denen sich später Adelige benannten, wurden einmal möglich, weil der Herr mehrerer Gutshöfe dafür sorgte, dass sie alle in der Nähe zueinander lagen, so dass er nicht mehr ständig von einem Hof zum anderen reisen musste, und zum anderen dadurch, dass für Errichtung und Versorgung genügend vom Herrn abhängige Arbeitskräfte zur Verfügung standen. Schließlich wurden Produktion und Konsum für die Herren stärker voneinander getrennt. Dabei verschwindet die frühmittelalterliche Grundherrschaft zunehmend, und damit die Einteilung in den Fronhof (villa/curia) des Herrn mit seinen ihm (ge)hörigen dort Arbeitenden und den frühen "Bauern" auf ihren dem Herrn gehörenden Hufen/Mansen, die zu Diensten und Abgaben verpflichtet waren.

 

"Höfische" Wohnsitze im neueren Wortsinn werden die festen Häuser (im alten deutsch: hus/stein) durch den zunehmenden Wohlstand und eine damit zusammenhängende verfeinerte Lebensweise. Aber davon später mehr.

Unser Lied beschreibt einen liebenden, der Minne dienenden Mann, der sich nach langer Zeit traut, sich seiner von ihm verehrten und begehrten Frau zu nähern, und zwar dort, wo sie regelmäßig und auch alleine auftaucht, nämlich beim Kirchgang. Mit seinem ihr heimlich zugesteckten Brief will er ihr seine Liebe gestehen, in der Hoffnung, dass sie ihn erhört.

 

Die frouwe des Liedes leitet sich von dem altdeutschen Namen für Herr ab, sie ist also hier eine Herrin. Wenn sie als "Weib" (wîp) benannt würde, wie es zum Beispiel Walter von der Vogelweide manchmal tut, hätte das in etwa die Bedeutung, die heute das Wort Frau hat (sie wäre "irgendeine" Frau).

Herr konnte man nicht ohne Knecht sein, ein Knecht war in der Regel jung, übte deshalb eine dienende Rolle aus und und war ursprünglich wehrhaft, d.h. auch bewaffnet. Der Knecht, aus dem sich der englische knight entwickelte, der Ritter also, war im deutschen Sprachraum ein Knabe, mittelhochdeutsch auch knappe, manchmal der Lehrling für den Ritterberuf, das professionelle Kriegerdasein, in Okzitanien war er der escudier oder donzel, der dem "Ritter" unmittelbar zu Diensten stand.

 

Dass Bauern „Knechte“ haben, kommt erst später mit der bäuerlichen Landwirtschaft, und es meint zunächst auch den unverheirateten jungen Mann, der (noch) kein produktives Eigentum hat, also nichts, was ihm eigenständige Produktion ermöglichte.

 

Herrin ist diese frouwe also in einem doppelten Sinne: Sie hat einmal Knaben und Mägde (Mädchen) unter sich und zudem hat sie im Kontext des Liedes einen, der sich aus eigenem Antrieb in ihren Dienst gestellt hat: Den, der es sich zum Lebensunterhalt oder zum Vergnügen zur Aufgabe gemacht hat, (unter anderem) von Liebe zu singen, der Minnesänger oder, okzitanisch, trobador. Dieser, auf mittelfranzösisch auch troubadour, ist einer, der etwas findet (neufranzösisch: trouver), und was er findet, ist das, was er erfindet: seine Texte und die dazugehörige Musik.