Stadt 6: Die Stadt im Norden (1250-1350)

 

Die Stadt als Wirtschaftsraum

Die Stadt als Festung

Bischofsstädte

Bergbaustädte

Kleinstädte

Stadtbild: Gebäude in der Stadt

Gemeinden in deutschen Landen (Recht / Politisierung der Zünfte / Regulierung /  Abgaben, Einnahmen / Ämter und Aufgaben / Schulen / Kirche / Städt. Geschichtsschreibung / Juden)

 

Flandern, Frankreich

England

 

Bürgerliches Selbstbewusstsein? (Ehrbarkeit)

Bürgerliches Selbstbewusstsein? Die Einbürgerung aristokratischer Lebensformen

(Hadlaub)

 

 

Spätmittelalterliche Städte haben rein rechtlich gesehen nirgendwo im lateinischen Abendland Souveränität erlangt, sie haben überall einen Herren. Tatsächlich befreien sie sich in der Nordhälfte Italiens ein gutes Stück weit davon mit der abklingenden Präsenz der Kaiser. Die signori und die oligarchischen Machtkollegien benehmen sich seit dem 13. Jahrhundert oft so, als ob sie souverän wären.

Die rund 80 reichsunmittelbaren, also direkt dem König unterstellten deutschen Städte gewinnen gewisse Freiräume, ebenso jene Bischofsstädte wie Regensburg, Straßburg, Mainz, Köln, Metz, Cambrai und andere, die weithin von ihren bischöflichen Herren unabhängig werden. In Flandern sind Arras, Lile, Douai,, Gent, Brügge und Ypern als Teil der Landstände direkt dem Fürsten unterstellt. Andere Städte sind unter den Fürsten mediatisiert.

 

Die Stadt als Wirtschaftsraum

 

Der Vorgang der Zivilisierung steigert den Ressourcenverbrauch erheblich. Die wichtigste Grundlage allen Lebens ist das Wasser. Von Natur aus verbrauchen Menschen anderthalb bis drei Liter dafür geeignetes Trinkwasser, dazu kommen menschenspezifisch Wasser für das Kochen, Spülen, Waschen und Putzen, wo möglich dabei mehr als für das Trinken. Dazu findet Wasser Verwendung in vielen Gewerben und handwerklichen Tätigkeiten wie dem Bleichen und Färben. Damit dürfte der tägliche Pro-Kopf-Bedarf im Mittelalter zwischen 15 und 20 Litern gelegen sein (Schott, S.109).

 

Ummauerte mittelalterliche Städte, die ständig von außen bedroht werden konnten, müssen ihren Grundbedarf an Wasser aus ihrem Grundwasser decken. Wer die Möglichkeit dazu hat, besitzt einen privaten Ziehbrunnen, manchmal bis zu 8m tief gegraben und ausgemauert, von denen es je nach Größe der Stadt hunderte oder tausende gab. Im reichen Regensburg soll fast jedes Anwesen im 13. Jahrhundert einen solchen Brunnen gehabt haben. Wer sich leisten konnte, musste das Wasser aus Fließgewässern holen und im späten Mittelalter zunehmend aus öffentlichen Brunnen, um die sich die Nachbarschaft kümmern muss. Nürnberg soll Mitte des 15. Jahrhunderts bereits mit rund 100 solcher Brunnen ausgestattet gewesen sein, "auf 300 Einwohner kam ein Grundwasserbrunnen." (Schott, S.111) Seit dem Hochmittelalter ist zudem der Beruf des Wasserträgers aus Paris oder London überliefert.

 

Mancherorts werden Fließgewässer in die Städte umgeleitet wie in Freiburg und Straßburg oder mit dem Ticinello nach Mailand.

 

Zusätzlich gibt es schon um 1200 in Goslar und seit Mitte des 13. Jahrhunderts häufiger Wasserleitungen aus Holzröhren von außerhalb (in Basel, Königsberg, Stralsund, London), idealerweise aus Quellen, sonst aber auch aus Bächen und Flüssen. Im 14. Jahrhundert haben dann mehr Städte solche Leitungssysteme, die das Leitungswasser auf mehrere öffentliche Fließbrunnen verteilen. Städtische Brunnenmeister sind dann dafür zuständig. Manchmal wie in Zürich wird Wasser mit einem Schöpfrad aus der Limmat geschöpft, so angehoben und dann durch Leitungen auf Brunnen verteilt.

Damit nehmen in den Städten die Badstuben und Badehäuser zu, in denen Bader als Friseur, Kosmetiker und Arzt fungieren und sich zunehmend auch Promiskuität und Prostitution mit ihren Geschlechtskrankheiten breitmachen, weswegen sie in der frühen Neuzeit überwiegend wieder abgeschafft werden.

 

Im Mittelmeerraum mit seinen geringen Niederschlägen im Sommer muss Wasser dort, wo Städte nicht direkt an Flüssen liegen, in großen gebauten Zisternen bevorratet werden wie zum Beispiel in Siena. In Spanien (Plasencia) und Italien (Perugia) werden nach maurischem oder antik-römischem Vorbild Städte manchmal mit Aquädukten versorgt.

Viel Wasser verbrauchende Wollverarbeitung wird dann außerhalb der Stadt betrieben, was den Städten Nachteile im Wettbewerb mit solchen einträgt, die im Stadtgebiet oder direkten Umfeld mit Wasserkraft betriebene Maschinen einsetzen können.

 

Nachdem Glaber für die erste Jahrtausendwende eine massive Zunahme des Kirchenbaus konstatiert hatte, wird das 13. Jahrhundert zu einer Blütezeit des Städtebaus, es wird geschätzt, dass es überhaupt um 1330/40 in deutschen Landen mehr Siedlungen gibt als jemals zuvor oder danach. "Um die Mitte des 11. Jhs. dauerte es zu Pferde oft noch mehrere Tagesreisen, um von einer Siedlung zur anderen zu gelangen. Um 1300 lag zwischen den Städten im allgemeinen nicht mehr als ein Tagesmarsch. (Dirlmeier, S.15) Bis dahin weitet sich auch das wirtschaftlich genutzte und verwertete Land aus.

 

Städtische Gebäude entstehen nun zunehmend in Steinbauweise. Dabei entstehen nicht nur zahlreiche neue Stadtviertel, sondern auch in den alten werden nun  manchmal Wohnhäuser aus Holz durch steinerne ersetzt. Selbst einzelne Handwerker leisten sich nun Steinhäuser (Leng, S.30 z.B. für Würzburg). Wegen der Feuergefahr werden jetzt, im späten Mittelalter, häufiger steinerne Kamine durchgesetzt und feuerfeste Dachziegel.

Solche "romanische" Stadtviertel sind allerdings nirgendwo mehr erhalten, hingegen einzelne Häuser wie der "Frankenturm" in Trier, das "Graue Haus" in Winkel im Rheingau, das "Haus zum Tein" in Mainz. Dort, wo es nach dem Bombenhagel des zweiten Weltkrieges überhaupt noch "mittelalterliche" Stadtkerne gibt, entstammen sie im wesentlichen dem Übergang zur frühen Neuzeit.

 

Das Stadtbild wird von steinerner Ummauerung, steinernen Kirchen mit ihren Türmen und von Geschlechtertürmen geprägt, wozu in Flandern noch die Belfriede kommen Dennoch steigt bis zur großen Krise um 1350 wegen des vermehrten Bauens der Bedarf an Bauholz für Dachstühle, Treppen usw. Der Bau eines Bürgerhauses verbraucht zwischen 12 und 36 Eichen und der des Dachstuhles einer kleineren Kirche um die 300 (Dirlmeier, S.9) Noch im späten Mittelalter wird der Bau der Münchener Frauenkirche rund 20 000 Baustämme erfordern, die über die Isar angeflößt werden (Schott, S.69). Der Brennholzbedarf von London um 1300 soll das Hundertfache der Städtfläche betragen haben (Schott, S.73)

 

Dazu wird der gewerbliche Holzbedarf immer größer. Die 375 Hamburger Brauereien von 1375 werden zum Beispiel von 104 Böttcherbetrieben versorgt. Daneben verbrauchen die Salzsiederei, Bergbau und Verhüttung und die zunehmende Glasproduktion immer mehr Holz.

 

Das bedeutet Raubbau an den Wäldern, sie schrumpfen und Holz wird knapper und deutlich teurer. 1226 kommt es im Rheingau zu einem ersten Rodungsverbot (Dirlmeier, S.10). Mitte des Jahrhunderts gibt es eine Waldordnung für das Kloster Ebersberg bei München und 1282 wird von Venedig das Fällen von Pinien in seinem Umland verboten. 1294 erlässt Nürnberg eine Waldordnung, die den übrig gebliebenen Reichswald schützen soll. 1309 befiehlt Kaiser Heinrich VII., den stark geschädigten Reichswald "wieder zu Wald zu machen". Der Wald wird zum Politikum. Nürnberg versucht, stark Holz verbrauchende Köhlereien, Glas- und Schmelzhütten aus den Reichswäldern zu verdrängen.

Die knapper werdende Ressource Holz macht dann zur Gänze aus Wäldern als Naturlandschaft forstwirtschaftlich betriebene Holzproduktion: An die Stelle von Eichen- und Buchenwäldern treten nun Holzplantagen aus schnellwachsenden Nadelbäumen, die häufiger abgeerntet werden können. Seit 1368 beginnt der Nürnberger Peter Stromer d.Ä. mit Nadelholzaussaat. Solches Saatgut von Nadelbäumen wird dann von Nürnberg auch nach Frankfurt verkauft, wo so wie auch im Schwarzwald Plantagenanbau von Nadelhölzern einsetzt. für 1359 wird von Erfurt berichtet, dass es seinen Stadtwald erstmals in "Schläge" für die systematische Abholzung und Neuaufforstung einteilt.

 

Wo große Flächen wie in der (nunmehr) Lüneburger Heide komplett abgeholzt sind, muss Abhilfe aus der Ferne kommen. Lüneburg baut nun Floßkanäle, um Brennholz aus Mecklenburg flößen zu können. Lübeck bezieht Bauholz aus dem Ostseeraum, wo es in Danzig verhandelt wird. Das ohnehin waldarme Flandern bezieht sein Brennholz aus der Grafschaft Kent in Südengländ, später dann aus dem dem deutschen Ostseeraum, dem Einzugsgebiet der Weichsel, ebenfalls über Danzig und selbst aus Norwegen. Hamburg versorgt sich aus böhmischen Wäldern und verschifft, was übrig bleibt, zunehmend in die Niederlande. Köln versorgt sich via Rhein aus dem Schwarzwald und dem Schweizer Jura.

 

Seit dem späten Mittelalter ziehen sich mit dem Schwinden natürlicher Wälder und dem Rückgang der Sümpfe und Moore, natürliche Restposten, Naturlandschaften auf kleine Reservate zurück, mit einem zunehmenden Schwund von Tier- und Pflanzenarten. Zivilisierung ist ganz selbstverständlich Vernutzung und  Verwertung von Natur und wird bis heute anhalten, wo sogenannte Naturschutzgebiete als Reservate des Tourismus herhalten müssen und einem tiefen Missverständnis von dem dienen, was Natur ausmacht.

 

Zum Bauboom in den Städten gehört auch der städtische Brückenbau. Irgendwann zwischen 1220 und 1233 wird eine erste steinerne Brücke über den Main gebaut, und zwar bei Würzburg. Zudem gibt es neue steinere Mauerringe mit ihren Türmen und Toren. Die Bauwirtschaft wird zu einem stabilen Zweig städtischer Ökonomie, insbesondere, wenn Großbauten nicht nur Jahrzehnte, sondern manchmal wie die Kathedralen sogar Jahrhunderte in Anspruch nehmen.

 

Nach Holz und Getreide spielt auch Fleisch eine zentrale Rolle als allgemeines Einfuhrgut in die Städte. Dünn besiedelte Gebiete entfernt von verstädternden Räumen speizialisieren sich wie Teile Ungarns, Polens oder Frankreichs auf Rinderzucht. Ungarische Ochsen werden dann vermehrt im späten 14. Jahrhundert auf die Märkte in Venedig,  Frankfurt oder Aachen getrieben. Auf dem wöchentlichen Viehmarkt im elsässischen Sennheim werden sie dann von Aufkäufern aus oberrheinischen Städten erworben. Im 15./16. Jahrhundert wird dann Ochsenhandel einer der wichtigsten Warenströme in Europa werden (Schott, S.79ff).

 

Mittelalterliche Städte, die Wasser, Nahrungsmittel, Holz und andere Rohstoffe und auch Fertigprodukte einführen, produzieren Lärm, verunreinigen die Luft, das Wasser und hinterlassen Abfälle. Dabei wird der Tag und Nacht andauernde hohe Lärmpegel heutiger großer Städte allerdings nicht erreicht, es gibt noch eine Nachtruhe und tagsüber lassen sich die einzelnen Geräusche noch stärker auseinander differenzieren. Einzelne Gewerbe wie die Gerbereien verpesten die Luft vor Ort und verdrecken Fließgewässer. Man versucht sie an den Rand der Städte abzudrängen, aber in Bern gelingt es zwischen 1314 und dem Ende des 15. Jahrhunderts nur etwa 60% dahin umzusiedeln. (Dirlmeier, S.11)

Dazu kommt der Rauch von verbranntem Holz für das Kochen und Heizen, aber die Mehrzahl der Städte sind von einer Größe, in der die Selbstreinigungskräfte der Luft zum Atmen noch ausreichen. Das stimmt Ende des 13. Jahrhunderts nicht mehr für eine Stadt wie London, wo Klagen über Luftverschmutzung durch das Verbrennen von Steinkohle zunehmen.

 

Der einzelne Mensch produziert alleine durch Essen und Trinken Abfall, ungefähr 150g Fäkalien und und 1-2 Liter Urin, was für eine mittelalterliche Stadt von 5 000 Einwohnern 250 000 Tonnen Fäkalmasse und und 2500 Tonnen Urin im Jahr bedeutet. Das alleine bedeutet, dass der verstädterte Mensch als einziger unter allen Lebewesen eine enorme Masse an problematischem Dreck an einem Ort produziert. Da Menschen sich dennoch für etwas besseres als alle anderen Tiere hält, ist das Urinieren und Koten bei ihm schambesetzt und wird in Aborten absolviert. Das sind entweder Verschläge auf dem Hinterhof, unter denen Erdgruben oder ausgemauerte große Kammern die Fäkalien aufnehmen, die meist alle paar Jahre geleert werden mussten, wenn sie dann nicht durch neue ersetzt werden. Bei Geschoßbauten wird außen ein Aborterker mit einer Rohrleitung in die Grube angelegt.

Wo möglich werden, besonders von Klöstern und Hospitälern wie dem Hôtel Dieu in Beaune Fäkalien und andere Abfälle direkt in Bäche und Flüsse abgegeben, und im späten Mittelalter wird man sich zumindest in großen englischen Städten der Gefahren durch Verschmutzung bewusst.

 

Es fehlen noch die ungeheuerlichen Hausmüll-Mengen, wie wir sie seit dem zwanzigsten Jahrhundert kennen, und große Teile des Abfalls enthalten noch nicht die Vielzahl an Schadstoffen, wie sie zum Beispiel die chemische Industrie erfinden wird. Viele Materialien werden nicht weggeworfen, sondern wiederverwendet. Anderes landet auf der Straße, in Bächen und Flüssen. Städte wachsen wie in der Antike mit ihren Abfällen langsam in die Höhe, bis durch Aufpflasterung ein gewisses Niveau stabilisiert wird und die Straßen nun, sei es auch nur durch Niederschläge, gereinigt werden. Manchmal werden aber auch seichte Flussufer zwecks Landgewinnung mit Müll aufgefüllt, oder es werden aufgegebene Steinbrücke benutzt.

 

Die Stadt als Festung

 

Im Verlauf des hohen Mittelalters gewinnen Städte für Fürsten und Könige immer größere Bedeutung, und das nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in militärischer Hinsicht. Ein Vorrecht der Freiburger wird es im 12. Jahrhundert, nur noch auf eintägigen "Expeditionen" des fürstlichen Heeres mitziehen zu müssen. Zieht der Fürst aber zum königlichen Aufgebot, müssen Schuster und Stiefelmacher ihm soviel ihrer Produkte abliefern, wie er braucht.

 

Die Bürger werden überall verpflichtet, ihre Stadt mit Mauern, Türmen und befestigten Toren zu versehen. Dabei liegt es zugleich auch in ihrem Eigeninteresse, sich vor Überfallen zu schützen.Manchmal wird in Bischofsstädten das Umland zur Verteidigung einbezogen. Bereits um 1200 sind für den Schutz von Mainz rund vierzig ländliche Siedlungen verpflichtet, "rheinaufwärts bis Oppenheim, rheinabwärts bis Ingelheim. Die Bewohner der Burgrechtorte hatten nicht nur die Verpflichtung zu Bau und Unterhalt eines Stadtmauerabschnitts, sie übernahmen - wie früher schon in Speyer und Worms - auch dessen Verteidigung." (Dirlmeier, S.31)

 

Für Oldenburg verfügt der Graf 1345, eine künftige Ummauerung der Stadt solle an beiden Seiten bis an unsere Burg reichen und die Bürger werden verpflichtet, ihm gegen die Friesen des Umlandes beizustehen (in Hergemöller, S.349).

1352 genehmigt Kaiser Karl IV. Philipp von Münzenberg-Falkenstein die Verwandlung des Dorfes Hofheim in ein opidum, eine Kleinstadt. Schon die villa Hobeheim war mit Gräben, Planken und anderen Befestigungen gesichert worden. Nun soll sie mit Mauern, Türmen, Wällen, Brücken und anderen Befestigungen, die zur Befestigung von Kleinstädten nötig und üblich sind, gesichert werden (in Hergemöller, S.364)

 

Bischofsstädte

 

Eine deutsche Besonderheit ist die Entstehung geistlicher Fürstentümer, also von Herrschaftsräumen, in denen das Kirchengut unveräußerlich und das ganze Gebilde unteilbar ist, wo nach dem Tod des Fürsten jedesmal neu gewählt werden muss und die Bischofsstadt zunächst in der Regel auch Residenz-bzw. Hauptstadt ist. 

Die jeweilige Neuwahl ist insbesondere in der Zeit des avignonesischen Papsttums ständig vom Schisma bedroht, wo bei der von Avignon Ernannte oft mit einem vom Domkapitel gewählten in juristische und militärische Konflikte gerät. Hat sich ein fürstlicher (Erz)Bischof durchgesetzt, muss er erst wieder neu die Beziehungen zu den mächtigen Familien in seinem Herrschaftsraum knüpfen.

Diese Familien drängen dann darauf, einen der Ihren im Domkapitel unterzubringen, wo er nicht nur an dessen Wohlstand partizipiert, sondern auch im Interesse seiner Familie mitregiert. In Köln und Straßburg sind die Domherrenstellen ganz auf den Hochadel beschränkt.

Die Bischofsstadt ist, wo möglich, Residenzstadt und zudem mit dem Dom auch die fürstliche Grablege. Es kommt zur Herausbildung eines geistlichen und eines weltlichen Hofes, der letzterer tendenziell etwas kleiner ist als der weltlicher Fürsten und für die Verwaltung mehr Kleriker einsetzt, die mit Pfründen abgefunden werden können. Solche Kirchenfürsten entlasten sich zunehmend von ihren klerikalen Aufgaben. Sie setzen Generalvikare, Offiziale und Weihbischöfe ein, die ihnen diesen Teil ihrer Aufgaben weithin abnehmen und konzentrieren sich auf den weltlichen Bereich ihrer Herrschaft. Viele leben im Konkubinat und betreiben dieses in eheähnlichen Formen.

 

Mit wohlhabenden Städten wie Köln, Mainz, Speyer Straßburg, Basel und Konstanz bekommen die geistlichen Fürsten dann Probleme, als "Bürger" die Stadt in die eigene Verwaltung übernehmen. In ärmeren Städten behalten die Bischöfe aber die Stadtherrschaft oder gewinnen sie wie in Würzburg wieder zurück.

Einen Nachteil haben die geistlichen Fürstentümer allemal: Sie müssen dem König relativ hohe Abgaben leisten, was dazu führt, dass hier relativ früh allgemeine Besteuerung einsetzt.

 

 

Bergbaustädte (in Arbeit)

 

Lebensmittel, Tuche und Metallprodukte treiben den Handel inzwischen vor allem voran. Eisen, Blei, Kupfer und Zinn sowie Silber lassen seit dem 10. Jahrhundert Städte aus dem Boden schließen und manchmal wie Altenberg  auch wieder vergehen, wenn das Erz versiegt. Hier suchte man Silber und Blei und gründet um 1200 einen Ort. "Während des 13. Jhs. hat man dort Bergbau, Handwerk und Landwirtschaft miteinander verbunden, betrieben wurden Übertage- und Pingenabbau, Schmelzöfen, Schmieden, Kleingewerbe wie Schuhmacherei sowie Getreideanbau auf Terrassenäckern." (Dirlmeier, S.17) In der Neuzeit findet noch sporadisch Bergbau bis 1914 statt, aber der Ort verfällt schon früh und verschwindet dann.

 

Kleinstädte (in Arbeit)

 

Zwischen 1250 und 1300 entstehen zwar dreimal so viele Städte wie zuvor im ganzen Mittelalter, aber sie werden meist nicht mehr zu großen wachsen. Dazu gehören die von Engländern besiedelten walisischen Burgstädte, die französischen villeneuves und bastides im von der Krone eroberten Süden vor allem. 

Solche kleinen Städte werden in deutschen Landen meist auch von weniger mächtigen Herrschaften  gegründet, wie die Verwandlung des Dorfes Hofheim/Taunus zum opidum 1352 zeigt, welches denn auch keinen zur Gänze städtischen Charakter erreicht. Solche Kleinstädte haben oft kaum tausend Einwohner, bestenfalls erreichen sie mehrere tausend. Zum Vergleich haben Mailand, Florenz und Venedig um 1300 etwa hunderttausend Einwohner, Gent und Brügge ungefähr 50 000, Köln knapp 40 000 Einwohner.

 

Stadtbild: Gebäude in der Stadt

 

Sobald Wohngebäude zu freiem Eigentum werden, sind sie nicht nur Rendite- sondern auch Spekulationsobjekt. Zunächst leben vor allem Adel und bürgerliches größeres Kapital in Wohneigentum, die Masse der Handwerker lebt zur Miete und die Lohnarbeit unter ärmlichsten Verhältnissen in bescheidenen Kammern. Um den zentralen Markt entwickelt sich ein Honoratioren-Viertel mit immer höheren Grundstückskosten. Noch freie Grundstücke werden parzelliert und es wird immer verdichteter gebaut, je weniger Platz innerhalb der Mauern bleibt. Die Flächen für Gärten schrumpfen und abgesehen von den Marktplätzen gibt es um 1300 oft keine Freiflächen mehr. Eine Stadt wie Lübeck ist um 1300 eng parzelliert und komplett zugebaut.

 

Wenn Städte wachsen oder zusammenwachsen, entstehen Stadtteile, Alt- und Neustädte, in Bischofsstädten das oft burgartige Domviertel, Viertel, die von Klöstern oder Adelssitzen dominiert werden und solche von Handwerkern oder Händlern. Die Bürgerstadt ist zudem in Pfarreien eingeteilt, die manchmal mit den Vierteln identisch sind.

 

Zu den Niederlassungen der Zisterzienser kommen im 13. Jahrhundert ziemlich schnell die der Bettelorden, Franziskaner und Dominikaner, mit ihren bald Pfarrkirchen an Höhe und Größe übertreffenden Kirchengebäuden. Dazu werden nun häufiger von Bürgern errichtete Hospitaler, Hospize, Häuser für Kranke, Arme, Alte und Pilger.

 

Die Leute mit dem größten Reichtum und Sozialprestige wohnen zentral am Markt, und wenn es mehrere gibt am Hauptmarkt. Die ärmlichsten Häuser befinden sich meist an der Stadtmauer. Aber die Bevölkerung ist durchmischt, denn in den Dachgeschossen oder Hinterhäusern der Wohlhabenderen wohnt das Gesinde, wohnen Lehrlinge und Gesellen.

Auf dem täglichen oder Wochenmarkt stehen zunächst Bänke, Holzstände, Bretterbuden für das Feilbieten von Waren. Nach und nach kommen Ladengeschäfte rund um den Markt dazu und in Städten mit größerem Textilgewerbe als mehr oder weniger öffentliche Kaufhäuser Tuchhallen. Zentral liegt auch die wichtigste Pfarrkirche, der flämische Belfried und dann auch das Rathaus.

Manchmal siedeln sich spezifische Handwerker in einer Straße an, die aber oft auch nach dem Handwerk heißt, weil sich deren Zunfthaus dort befindet. Am Stadtrand und dort an Fließgewässern sind Gärber und Färber mit ihren Gewerben zu Hause.

 

Die Straßen sind zunächst wenig befestigt, und wenn dann mit Bohlen und Knüppen. Erst nach und nach kommt Steinpflasterung dazu. Die Straßenfronten sind eng bebaut, nur durch enge Spalte sind die Häuser getrennt. An den wichtigeren Straßen sind die begehrten Straßenfronten eher schmal, mit Werkstatt, Laden oder Kontor belegt, daneben eine Durchfahrt. Die Familie wohnt im Stockwerk darüber. Der Hof dahinter ist Lagerplatz, besitzt manchmal Gärten,meist einen Brunnen und oft den Abort, dahinter konnte noch ein Wohnhaus stehen. Die Keller sind oft in die Straße hineingebaut und durch einen Klappladen von dort zugänglich und belieferbar. Genauso sind die oberen Stockwerke überkragend in die Straßenflucht hineingebaut.

Mit den größeren Hinterhöfen und beim Bau von Stadtmauern noch unbebauten Arealen gibt es in den Städten zunächst noch viele Grünflächen mit Gärten und Landwirtschaft. Was noch fehlt, sind öffentliche Parkanlagen, die eben auch noch nicht gebraucht werden.

Die Straßen haben Namen, aber keine Straßenschilder. Genauso wenig sind die Häuser nummeriert, stattdessen tragen sie oft Namen.

 

Die Städte wachsen nicht völlig planlos, auch wenn ihnen nicht wie bei Neugründungen Pläne vorgegeben werden. Aber erst im italienischen 13. Jahrhundert und hundert Jahre später in deutschen Landen gibt es eine Art Stadtverwaltung, die Stadtplanung konsequenter betreibt.

 

Stadtgemeinden in deutschen Landen

 

Übergeordnete Fürsten und Könige verleihen im Mittelalter zunächst Stadtherren, aber dann auch Bürgern für deren Teil der Stadt Rechte, die sie zu Bundesgenossen machen, oder sie begrenzen ihren Rechtsstatus wie Friedrich II., wenn er die geistlichen und weltlichen principes als Verbündete braucht. Aber es bleibt, stärker als in Nord- und Mittelitalien, ein Herr über den Bürgern und oft ein Herr über dem Stadtherrn. Über den flämischen Städten steht ihr Graf und über diesem der französische oder römisch-deutsche König. Über dem Bischof steht der Erzbischof, der versucht, Fürstbischof zu werden und ein geschlossenes Territorium herzustellen, um mit ehemaligen Stammesherzögen zum Beispiel gleichzuziehen. Der Würzburger wird das versuchen und bekommt dafür ein historisch wenig begründetes Herzogtum „Franken“ verliehen.

 

Nur einen Herrn über sich, nämlich den König und Kaiser, haben die freien Reichsstädte, die sich im 13. Jahrhundert herausbilden und die Historiker zunächst noch als Reichslandstädte führen. Der königliche Geldbedarf und Schuldenmachen führen dabei ähnlich wie bei manchem Landesfürsten unter ihnen dazu, dass Städte und insbesondere Reichsstädte an potentere Herren verpfändet werden und oft deren Auslösung auf sich warten lässt. Stattdessen werden Pfänder oft eher "von Dritten eingelöst oder vom Pfandinhaber weiterverpfändet" (Inge-MarenWülfing in: Beiträge 2, S.47). Das verhindern Städte dann bei entsprechender Finanzkräft, indem sie sich manchmal selbst freikaufen.

Schon Friedrich II hatte 1226 als hohes Privileg der Stadt Lübeck das ius de non alienando verliehen, also von der Gefahr befreit zu sein, an einen anderen Herrn als Lehen vergeben oder verpfändet zu werden (s.o., S.46).  König Ludwig IV. ("der Bayer") privilegiert darum die Bürger von Frankfurt/Main damit dass sie durch uns und das Reich niemandem, aus welchem Grund auch immer, verpfändet werden sollen (... in Hergemöller, S.337.) So etwas ist aber selten.

 

Verpfändungen nehmen aber auch in territorialen (Landes)Herrschaften nach der Stauferzeit rapide zu. Zu einer kurzen Phase der Geschichte der Stadt Tübingen beschreibt Jürgen Sydow: "Hatte die Stadt 1293 noch als Sicherungspfand für den Verkauf des Dorfes Reusten gedient, so mussten schon 1294 eine Reihe von Besitzungen und Einkünften in Tübingen an das nahegelegene pfalzgräfliche Hauskloster Bebenhausen verpfändet werden; um die Wende zum Jahre 1295 verkauft der in Tübingen sitzende Pfalzgraf Eberhard seinen Tübinger Besitz dann an den Grafen Gottfried aus der Seitenlinie Böblingen, der sich das Geld dazu durch den Verkauf des Dorfes Möhringen beschafft. Doch Graf Gottfried kann das Tübinger Stammgut der Familie nicht mehr halten und muss den gesamten Tübinger Eigenbesitz noch im gleichen Jahre 1295 an Bebenhausen weiterverkaufen. Das Kloster erhält dadurch nunmehr schon beachtliche Rechte, die Geldnot der Tübinger Grafen bzw. Pfalzgrafen hält jedoch an, so dass schließlich in den Jahren 1301-1302 die Zisterzienserabtei die ganze Stadt Tübingen einschließlich der Burg und des Amtes als Pfand als Pfand für ein neues Darlehen übernimmt." (in: Beiträge2, S.23)

Über Land, Städte und Menschen wird wie über Kapital verfügt, Marktverhältnisse bestimmen die Machtverhältnisse in spätmittelalterlichen deutschen Landen (und nicht nur dort).

 

Der Bürgerbegriff bleibt weiterhin etwas diffus und sowohl lokal wie zeitlich unterschiedlich. Formal ist es ein Rechtsbegriff, inhaltlich ist er auf großes, manchmal auch kleines Kapital, zumindest aber auf Eigentum beschränkt. In das Bürgerrecht muss man sich im Spätmittelalter einkaufen, und man muss Grund und Boden in der Stadt und oft auch ein Haus nachweisen, wobei sich die Bestimmungen immer wieder einmal ändern. (ff).

Wenn in Konstanz nur 30% Bürger sind, dann heißt das für die beisassen oder einwohner aber nicht, dass sie nicht das Gros der Abgaben und Leistungen der Bürger mittragen müssen. Zudem müssen sie in den Regel entweder denselben Eid wie die Bürger oder wenigstens einen ähnlichen leisten: Sie werden voll auf Treue und Gehorsam verpflichtet, also auf Untertänigkeit, eine Last, die andersartig ist als in der Grundherrschaft, aber nicht weniger schwer, und die sich immer detailfreudiger äußert.

 

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert beginnt sich entlang der rheinischen Bischofsstädte und im Norden ein zunächst manchmal jährlich neu zu wählender Stadtrat zu etablieren, der zunächst vor allem Interna von Handel und Handwerk kontrolliert. Bald setzt sich statt Wahl die Kooptation eines neuen Mitgliedes bei lebenslanger Zugehörigkeit durch. Ein Patriziat schließt sich politisch ab, dem neben reichen Kaufleuten auch niederer Adel und Ministeriale angehören.Wie Aristokraten lehnen diese Leute körperliche Arbeit und ausführliche Arbeitszeit überhaupt für sich ab und halten sich entsprechend für meliores, die lateinische Entsprechung zu aristos. Der Kapitalismus repliziert in der Stadt ein analoges Standesmodell zu dem ländlichen. Es wird erst mit dem Massenkonsum des sozialdemokratischen 20. Jahrhunderts verschwinden bzw. modifiziert werden.

 

Dazu kommt wenigstens einmal im Jahr eine Bürgerversammlung, die in Magdeburg, wo Anwesenheitspflicht besteht, als Burding zum Beispiel Recht spricht. Hier wie anderswo ist der stadtherrliche Burggraf der oberste Richter mit seltenen Gerichtsterminen, während darunter der Schultheiß regelmäßiger Gericht hält.

 

Die Schwäche des Königtums im Interregnum verbunden mit massiven Friedensstörungen führt zur steigenden Verselbständigung der Städte von ihren Herren. In Städten und um die Städte herum und über das Umland verstreut dienen zunächst Reichsministeriale dort, wo vorhanden, als ein stabilisierendes Element.

Im Westen beginnen sich große Städte von ihren großen Landesherren zu lösen.

1254 tritt Straßburg dem Rheinischen Städtebund bei, 1262 siegt das Bürgerheer über das bischöfliche bei Hausbergen. Es folgt ein Friedensvertrag. Der Bischof bleibt für die nächsten Jahrzehnte noch Münzherr. Die Stadt Köln siegt 1288 in der Schlacht von Worringen über das erzbischöfliche Kurköln.

Aber die Entwicklung ist in deutschen Landen völlig ungleichmäßig. In Mainfranken behalten die geistlichen Herren ihre Städte fest im Griff, während in den schwäbischen Reichsstädten erste Zunftverfassungen diskutiert werden. Bei kleineren Städten dauert der Vorgang der Gemeindebildung im 13. Jahrhundert noch an. Erst 1244 zum Beispiel wird zwischen der Äbtissin als Landesfürstin und der Gemeinheit der Ministerialen und Bürger von Essen ein Vertrag über eine gemeinsame Mauer um Stadt und Stift geschlossen.

 

Die süddeutschen Reichs(land)städte bekommen Stadträte erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wobei die Stadtherrschaft vom Ammann oder Schultheißt mit seinen Gerichtsbefugnissen vertreten wird, die allerdings oft bereits der kleinen städtischen Oberschicht entnommen werden. Sobald es gelingt, diese Amtsleute aus dem Vorsitz im Rat zu verdrängen, beginnt auch hier die Einrichtung des Bürgermeisters, wie es ihn schon seit Jahrzehnten in den rheinischen Bischofsstädten oder in Köln, Soest, Hildesheim, Lübeck, Wismar und anderswo gibt. Damit werden die stadtherrlichen Amtsleute immer mehr auf die hohe Gerichtsbarkeit abgedrängt.

 

Was aber derweil stattfindet ist ein Abringen von immer mehr bürgerlicher Selbstverwaltung gegenüber den Stadtherrn der Bischofsstädte manchmal hin zur bis auf symbolische Herrenrechte fast vollständigen Autonomie. Die Entwicklung verläuft aber in Gemeinden und Regionen ganz unterschiedlich.

 

Eine deutsche Eigenheit, auch etwas im Vergleich zur Contado-Bildung in Italien, ist die Ausbildung von Territorien im Umland vor allem einiger süddeutscher  Reichsstädte im wesentlichen durch Aufkaufen von Ländereien und Dörfern, wobei Bern, Zürich und Nürnberg hervorragen, aber selbst kleinere Städte wie Schwäbisch Hall oder Rothenburg nahe an die Größe kleiner Fürstentümer herankommen, dabei aber ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet einrichten können.

Nach Nürnberg wandern ländliche Ministeriale ein und bilden dort einen großen Teil des Patriziates, behalten aber ihre Landgüter. Berner Bürger kaufen Ländereien auf.

Jene Bischofsstädte, die nun langsam zu Freistädten werden, schaffen es mit wenigen Ausnahmen wie Metz und Straßburg selten, viel Umland zu kontrollieren.

Norddeutsche Handelsherren insbesondere der Hansestädte verzichten auf eine solche planmäßige Umlanderwerbung, und konzentrieren sich darauf, Adelssitze und insbesondere Burgen zu erwerben, um so ihre Handelswege im direkten Umkreis zu sichern.

 

****Recht, Verrechtlichung und Regulierung****

 

Zivilisierung ist die Herstellung von institutionalisierter Macht über Menschen, die im weitesten Wortsinn zu Untertanen werden. Die latente Gewalt äußert sich im Regeln von für die Mächtigen wichtigen Aspekten des Lebens der Untertanen. Die in Städten versammelten Menschenmassen des frühen Kapitalismus sind allerdings bereits oft auch schon zu viele, um ihr Leben und Wirtschaften selbst zu regulieren. Und so führt die Konzentration von Menschen und ihrer Tätigkeiten auf dem engen Raum der Stadt zu einer Welle von Verrechtlichung und Verschriftlichung von Recht.

 

Der sich im hohen Mittelalter bereits andeutende Freiheitsbegriff als einer sich in Grenzen selbstverwaltenden Stadt bleibt bestehen. In diesem Sinne "gibt" der Graf von Oldenburg zum Beispiel 1345 die Stadt Oldenburg "frei" und meint damit, dass sie sich das Recht von Bremen geben soll. Dabei entstehen Frühformen schriftlicher Verfassungen, die die Macht von feudalrechtlichen Herren über die Stadt und von neuen Machthabern in der Stadt mit ihren zunehmenden Kompetenzen regeln.

Dabei bilden sich lokale Stadtrechte heraus, die als Muster für viele andere vom Kapital kontrollierte Städte dienen, von Historikern so genannte Stadtrechtsfamilien entstehen.

 

Die Rechtsprechung bleibt oft zwischen dem Vertreter des Stadtherrn und den Machthabern der Bürger-Gemeinde geteilt, wobei diese langsam mehr Kompetenzen erhalten.

In Lübeck geht die Rechtsprechung schon im 13. Jahrhundert an die Stadt über, an den Rat also, der dann das eigentlich stadtherrliche Amt des Vogtes selbst übernimmt und verpachtet. In Frankfurt trennen sich im 13. Jahrhundert ministeriale Richter und bürgerliche Schöffen voneinander. Die Gerichtsbarkeit gerät so in die Hände des Rates, der Vertretung des größeren Kapitals, die oft das Schöffenamt in Personalunion ausübt. Der institutionellen Aufteilung der exekutiven, legislativen (also "Willkür"setzenden) und judikativen Gewalten steht die personelle Identität der Verfüger über diese Gewalten gegenüber. Zur Verdeutlichung: Die modernen Denokratien trennen die drei Gewalten personell, unterwerfen sie aber zugleich dem politisierten Staat als schierer Interessenvertretung des Kapitals. Gibt es in der vom Kapital betriebenen Stadt des späten Mittelalters realiter überhaupt keine Gewaltenteilung, so ist sie in der heutigen Demokratie durch die politische Verfügung über die Gewalten im Kern ein Truggebilde. Alle drei gehorchen denselben politisierten Interessen, von denen sie eingesetzt werden, und zwar von ganz oben bis nach unten.

 

 

Kennzeichen neuer Staatlichkeit wird im späten Mittelalter eine zunehmende Regulierungstätigkeit, und das wird in den deutschen Städten deutlicher noch als den entstehenden Territorialstaaten: Es gibt nun Verordnungen über Verordnungen, was bereits an die Regulierungswut heutiger europäischer Staaten gemahnt. "Dem Stadtrecht wohnte nach Ausbildung der Ratsverfassung unter dem Signum des bonum commune, des 'gemeinen Nutzen', die Tendenz inne, alle Lebensbereiche mit Satzungsrecht zu überziehen." (Dirlmeier, S.71) 

Das lässt sich deutlicher ausdrücken: Städte werden zu Urbildern des totalitären Staates, wie er sich in Europa heute überall durchgesetzt hat, wobei totalitär heißt, dass es grundsätzlich keine vor den Mächtigen geschützte Privatsphäre mehr gibt und keine Rechte mehr, die nicht verliehen werden, und zwar als "Willkür", wie es damals noch heißt, und das heißt, der Einzelne ist den Interessen des großen Kapitals uneingeschränkt unterworfen.

 

Damit schwindet die an Grund und Boden und Waffengewalt gebundene Adelsmacht alten Typs im Kern aus der Stadt und ebenso die mit ihr verbündete und auf dieselbe Basis gegründete Macht der früh- und hochmittelalterlichen Kirche, die ohnehin nun mit den stadtsässigen Orden konkurriert. Nach Christianisierung und Unterwerfung der Produzenten unter Grundherren ist dies die zweite, man könnte fast sagen revolutionäre Umwertung aller Werte, und es lässt sich sagen, dass die größeren Städte im Spätmittelalter regional unterschiedlich Inseln einer Neuzeit sind, verzahnt mit vorstaatlichen mittelalterlichen Mantelstrukturen, die sich nach dem Vorbild der Städte dann neuzeitlich modernisieren werden.

 

Die Regulierungswut der neuartigen Städte wird die der neuzeitlichen Staaten sehr lange übertreffen. Erst mit den wahnhaften Schreckensgebilden der Jakobiner und dann im zwanzigsten Jahrhundert überall mit den sogenannten parlamentarischen Demokratien und den ungenierteren Diktaturen werden Staaten den totalitären Charakter einnehmen, den Städte bereits im späten Mittelalter entwickeln.

All das bewirkt die Ablösung von Grund und Boden und die Befreiung der Produzenten und des Handels davon zugunsten beweglichen Kapitals. Es sind nicht Verfassungsgedanken, sondern Aspekte ökonomischer Interessen, die das befördern, aber parallel dazu beginnen Theoretiker, mit Verfassungsdiskussionen totalitärer Staatlichkeit den Weg zu bereiten, den dann Renaissance-Literaten in Utopien entfalten werden. Es ist aber dazu wichtig, zu begreifen, dass Verfassungsgedanken totalitären Strukturen den Weg bereiten werden. Das wird noch näher aufzeigen sein.

 

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Da bekanntlich Moralisieren wenig mehr bewirkt als das kurze Wohlgefühl derer, die sich situativ mit jeweiliger Moral identifizieren, wird der Verweis auf Lug und Trug die Entwicklung von Obrigkeit, Staatlichkeit in den Städten befördern: Die Menschen brauchen die Drohung mit dem Knüppel von oben, um „ehrlich“ zu sein.

Als ein spätes und darum sehr verallgemeinerndes von vielen Beispielen mag folgende Verordnung des Rates von Köln für 1397 gelten: Ferner, wer unzureichende Ware herstellt, über die Klage geführt würde, der zahlt sechs Schillinge zur Buße, so oft das geschähe, und er soll dazu dem Kläger den Schaden ersetzen. (Engel/Jacob, S. 290)

 

Und diese neue Obrigkeit wird nicht vor allem durch das so kritisierte Handwerk hervorgebracht werden, sondern durch eine neue Oberschicht aus Handels- und Finanzkapital zusammen mit der alten Herrschaft. Das Handwerk ist zunächst gehorsames Publikum.

 

Während das Handelskapital so langsam den Stadtherren immer mehr Machtvollkommenheit abgewinnt, bleibt es eine kleine Minderheit in den Städten. Schätzungen für die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts besagen, dass das, was damals als Handwerk gilt, etwa die Häfte der städtischen Bevölkerung umfasst.

 

Eine fast manische Regulierungswut ist Kennzeichen der Anfänge neuer Staatlichkeit, und das wird in den Städten deutlicher als den entstehenden Territorialstaaten mit Ausnahme des Siziliens Friedrichs II.. Es gibt Verordnungen über Verordnungen. 1256 erlässt Herzog Heinrich von Niederbayern eine Markt- und Gewerbeordnung für Landshut, in der es zum Beispiel heißt: Wir verordnen, dass 2 ½ Pfund Rindfleisch für 1 Pfennig verkauft werden und eben soviel Hammelfleisch oder 3 Pfund Ziegenfleisch. Und: Wir verordnen, dass zwei gute und mittelgroße Würste für 1 Pfennig verkauft werdensollen; sie dürfen nur aus reinem Schweinefleisch hergestellt sein. Oder: Zwei Brote, wohl geknetet, gesalzen und gesiebt, sollen für 1 Pfennig gegeben werden. Sogenanntes „Frisch“brot verbieten wir gänzlich. (Engel/Jacob, S. 266)

 

Aus der Zeit um 1270 gibt es eine Speyrer Tuchordnung, in der es zum Beispiel heißt: Das „Pfeit“ genannte Tuch soll ein Gewicht von 42 Pfund haben, davon sollen 3 Pfund aus Werg bestehen, aber nicht mehr; ein solches Tuch soll im rohgewebten Zustand, das ist roh, eine Länge von 45 Ellen und eine Breite von 3 ½ Ellen haben, aber im fertigen Zustand, das ist gewalkt, behält es noch eine Länge von 30 Ellen und eine Breite von 2 Ellen. (Engel/Jacob, S. 267)

 

1279 hebt der Würzburger Bischof das Verbot der Zünfte wieder auf. Dabei schränkt er den Zunftzwang etwas ein, indem er mehr Konkurrenz zulässt, aber für auswärtige Handwerker begrenzt: Wir verordnen auch, dass auswärtige Bäcker, wenn sie wollen, an drei Tagen in jeder Woche Weiß- und Schwarzbrot einführen dürfen... Ein bezeichnender Passus in dieser Verordnung lautet: Wir ordnen auch an, dass, wenn ein Schuhmacher bessere Schuhe zu machen und anzufertigen versteht als ein anderer in seiner Zunft, er deshalb den übrigen Schuhmachern keine Ausgleichszahlungen zu leisten braucht. (Engel/Jacob, S. 281f). Der Zunftzwang als eine Art interner Protektionismus einzelner Handwerker-Sparten schützt sie vor der Höherkapitalisierung und damit erweitertem Unternehmertum, ist aber dann zum Beispiel für den Stadtherren nicht mehr akzeptabel, wenn die Versorgung seiner Untertanen gefährdet wird.

 

Der Beispiele solcher detaillierter Verordnungswut werden in den Städten immer mehr. Staatlichkeit erweist sich in ihrer Kompetenz, die sich als Fürsorglichkeit gibt, und sie wird von den jeweiligen interessierten Kreisen dankbar aufgenommen.

 

Die Regulierung des städtischen Handwerks kann an der Stelle eines Landesfürsten oder geistlichen Stadtherrn auch vom Rat der Stadt geleistet werden, sobald ein solcher sich derartige Kompetenzen angeeignet hat. Im Berliner Stadtrecht von 1253 heißt es:

Allen, welche ein Handwerk betreiben, es seien Bäcker, Schuster, Fleischer oder welches Gewerbe auch immer, soll es nicht freistehen, in der Stadt, was man Innung nennt zu haben, es sei denn mit Willen und Erlaubnis der Ratsherren, und zwar nur so lange, wie es diesen beliebt und sie es wollen. (Engel/Jacob, S.283)

 

In einem Gesetz des Rates der Stadt München aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts heißt es: Es soll auch jeder Webermeister nur je einen Lehrknecht haben für drei Jahre und in dieser Zeit keinen weiteren, es sei denn, dass er seine Kinder das Handwerk lehre. Das ist deshalb so festgelegt worden, weil der Lehrknecht oft ein halbes oder ganzes Jahr gearbeitet hatte und bei einem Wollwirker saß und das Handwerk nicht konnte. Dadurch waren Werk und Tuch auch schlechter geworden. (Engel/Jacob, S. 286)

 

1386 heißt es für Konstanz: Es kamen Beschwerden vor die Zunftmeister, dass die Schneider einige Streitigkeiten in ihrem Handwerk hatten, nämlich dass etliche Meister viel Gesinde besaßen, andere dagegen keines bekommen konnten. (…) Deshalb haben der Bürgermeister und die Zunftmeister beschlossen, und das ist ihre feste Meinung, dass von nun an kein Schneider mehr Angestellte als fünf haben soll, denen er Lohn zahlt, es sei Frau oder Mann, und nicht mehr Lehrlinge als zwei. (Engel/Jacob, S. 289)

 

1397 vom Rat der Stadt Köln für die Kistenmacher: Ferner soll kein Mann von dieser Zunft am Abend länger arbeiten als bis acht Uhr und des morgens nicht früher als gegen vier Uhr anfangen. (Engel/Jacob, S. 289)

 

Der Beispiele solcher detaillierter Verordnungswut werden in den Städten immer mehr. Staatlichkeit erweist sich in ihrer Kompetenz, die sich als Fürsorglichkeit gibt, und sie wird von den jeweiligen interessierten Kreisen dankbar aufgenommen.

 

 

****Politisierung der Zünfte****

 

Im späten Hochmittelalter beginnen sich die Handwerkerzusammenschlüsse in Korporationen im juristischen Sinne (Hergemöller) zu verwandeln, was aber nicht allen Handwerken gelingt. Nach 1250 werden sie versuchen, an den Räten zu partizipieren, um ihre Interessen dort mit einzubringen. Es kommt zu teils gewaltsamen Erhebungen mit unterschiedlichem Erfolg. 1303 wird dann zum Beispiel für Trier bestimmt: Außerdem ist angeordnet worden, dass neun redliche Männer aus den Handwerken und zwar zwei von den Webern, einer von den Schlächtern, einer von den Schustern, einer von den Bäckern, einer von den Kürschnern, einer von den Krämern, einer von den Schmieden und Steinmetzen und einer von den Wagnern und Fassbindern und noch fünf von der Allgemeinheit, ebenfalls redliche Männer, durch den genannten Herrn Erzbischof und seine Nachfolger (…) zu Ratsherren ernannt werden sollen. (Engel/Jacob, S.43) Der Rat soll dann aus ihnen und den Schöffen gebildet werden, die allerdings alleine über Rechtsangelegenheiten zu entscheiden haben.

 

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sind dann zunächst die mächtigeren und reicheren Zünfte in den immer häufigeren Räten deutscher Städte vertreten, des öfteren nach Aufruhr oder Akten der Rebellion gegen eine "bürgerliche" Obrigkeit aus Ministerialen und reichen Kaufleuten. Dabei ist aber nicht daran zu denken, dass ein größerer Teil der Produzenten von Waren nun am Stadtregiment beteilt wäre oder die Stadt sich horizontaler strukturieren würde. Zunächst einmal ist der reine Handwerker viel zu unabkömmlich von seinem Betrieb. Zudem war die Beteiligung am Rat Ehrensache und unentgeltlich und darum selbst für manchen Kaufmann gelegentlich ein Problem. um dauerhafte ehrenamtliche Tätigkeiten zu übernehmen, weswegen die Beteiligung von Zunftvertretern an politischen Geschäften wohl fast völlig auf solche fällt, die eine so große Firma besitzen, dass sie dort vertrauenswürdige Stellvertreter in die Leitung einbinden können, oder außer dem Handwerk wesentlich noch von anderen Geschäften leben, von Wohnungsvermietungen etwa oder anderen Renten und sich damit der kleinen bürgerlichen Oberschicht annähern. Das wird bis in die heutigen Demokratien so bleiben, in denen die produktive Arbeit fast überhaupt nicht politisch vertreten ist.

 

Zum anderen liegt es von vorneherein im Interesse der entstehenden städtischen Obrigkeit, dass streng hierarchische Strukturen innerhalb der Zünfte entstehen, die an schon früher auftretende italienische Zustände erinnern. Schulz erwähnt dazu die Statuten der Straßburger Tuchscherer von 1362, in denen ein Meister der Zunft vorsteht, der "Büchse, Banner und Siegel" verwaltet, also die Instrumente der Machtausübung innerhalb der Zunft. Ihm zur Seite stehen vier Geschworene, die ebenfalls einen Schlüssel zur Kasse besitzen. "Gemeinsam besorgen, rügen und rechtfertigen sie die Gesetze und Gebote." Wenn der Stadtrat wechselt, wählen diese Fünfe zugleich auch ihre Nachfolger.

Innerhalb der Zunft ist ihren Befehlen Folge zu leisten, und förmliche Kritik an ihnen wird laut den Statuten mit einer Geldstrafe belegt. Wenn man dazu bedenkt, dass der Meister zugleich Ratsherr ist, was die gleichszeitigkeit des Wechsels mit dem des Rates erklärt, dann wird an diesem eher extremen Beispiel deutlich, wie sehr jene Zünfte, die zu politischem Einfluss kommen, wie die Tuchscherer oder die Gewandschneider, in die Interessenwelt der kleinen Oberschicht hineinwachsen.

Umgekehrt sieht es mit für die Stadt als ganzer wichtigen Bestimmungen aus. So kann die Zunft zwar Statuten zu "Qualitätskontrolle der Tuche, ihrer Besiegelung, Marktzulassung" usw. erlassen, aber sie sind um diese Zeit bereits solchen des Stadtrates untergeordnet.

 

Politisierung der Zünfte soll hier deren erwachenden Anspruch auf über reine Interessenvertretung hinausgehende, aber die natürlich immer einschließende Beteiligung am Stadtregiment bezeichnen. Schulz spricht in etwa vom 14. Jahrhundert als der Zeit erkämpfter Teilhabe und vom 15. als der einer deutlichen zünftigen Dominanz im Rat, allerdings nicht überall und nicht in dem Sinne, dass den kleinbürgerlichen Interessen damit ein deutlicher inhaltlicher Durchbruch gelungen wäre.

 

Insbesondere in Süddeutschland ist die die Räte dominierende Oberschicht in Ritter und Bürger (burger) geteilt, wobei die Bürger ein Patriziat alter Familien darstellten, welches sein Bürgertum von den bloßen Handwerkern absetzte. In an frühere italienische Verhältnisse gemahnender Weise fechten solche Geschlechter ihre Rivalitäten zum Beispiel in Straßburg seit Anfang des 14. Jahrhunderts zum Teil recht gewalttätig aus. Dort bildet sich mit der königlichen Doppelwahl 1314 daraus ein Konflikt zwischen einer habsburgisch-österreichischen und einer wittelsbachisch-bayrischen Partei, der andauert und 1332 in massive Unruhen ausartet. Teile der "Bürger" und der in Zünften organisierten Handwerker nutzen nun die Gelegenheit, um beide patrizische Gruppen zu entwaffnen. In Zusammenarbeit mit Städten zwischen Mainz und Basel wird ein 'Schwörbrief' verfasst, welcher 1334 neben acht Rittern und vierzehn Bürgern 25 Zunftvertreter in den Rat der Stadt schickt. Das entspricht der etwa gleichzeitigen Baseler Ratsverfassung, die 12 Patrizier und 15 Zunftvertreter umfasst. Die Ritter verlieren hier wie anderswo im 14. Jahrhundert dann nach und nach ihre politischen Rechte und werden in den Städten politisch an den Rand gedrückt. (Schulz)

 

Ein anderer schwerwiegender Aspekt ist die Veränderung der Funktion der Zünfte durch ihre Eingliederung in die Verfassung der Stadt, die sie nicht nur zu militärischen, sondern zu politischen Einheiten macht, solchen eben auch, die nicht notwendig mit Stadtvierteln oder Pfarrbezirken übereinstimmen. Diese politische Einbindung nimmt ihnen dann wieder viel von politischer Schlagkraft als Interessenvertretung.

 

1331 beschreibt ein Brief des Bürgermeisters, des Schultheißen und des Rates von Esslingen an ihre Kollegen in Reutlingen ihre Zunftverfassung. An der Spitze stehen 13 Zunftmeister, die zusammen mit 5 gemain burger, also nicht handwerklichen Bürgern aus dem Rat den Bürgermeister wählen. Außer den Eichern und Weinziehern sind alle Handwerker in einer Zunft, zudem die Krämer und Händler, die Gärtner und Bauern der Stadt. Wer neu in die Stadt aufgenommen wird, kann sich seine Zunft frei wählen, ist aber zur Mitgliedschaft in einer verpflichtet (§21). Ohnehin sind in den Zünften unterschiedliche Handwerke vereint, wie Metzger , Fischer, Bader und Aderlasser in einer (§6). Der Meister darf dabei nur aus dem jeweils dominierenden Handwerk oder Gewerbe kommen, am obigen Beispiel aus dem der  Metzger. Nur die Kürschner haben ihre Organisation für sich, und sie wählen den Meister wie sie wollen (§13). (Dokument in Hergemöller, S.336ff)

 

In einer Urkunde der gemeind der antwerch zu Ulme von 1345 wird nach einer Zeit von unfrid und unzuht deutlich zwischen Handwerk und Bürgern (die nicht im Handwerk sind) unterschieden, wobei letztere die alten Geschlechter sind. Die Konflikte waren offenbar so heftig gewesen, dass ein Koalitionsverbot eingeführt wird: Es soll sich kein Bürger (nun sind es alle) ohne den Willen und die Erlaubnis der Ratsmehrheit mit einem anderen verbünden. Das Denunzieren solcher Bündnisse wird zur Pflicht. Beschworen wird schon lange nicht mehr die Freiheit, sondern der Friede in der Stadt, die Eintracht zwischen arm und reich, mächtig oder ungewaltiger.

 

Ein anderes Modell wird 1368 in Augsburg nach Speyrer Vorbild verwirklicht: Hier werden Patrizier in eine Geschlechterzunft eingebunden und 17 Gewerbezünfte daneben als Basis der Verfassung anerkannt. Überhaupt nimmt in dieser Zeit die Zahl der Zünfte erheblich zu, auch um mehr produktiv Tätige in die politische Ordnung zu verpflechten und verpflichten.

 

 

****Abgaben und Einnahmen****

 

Die Stadt und ihre Bürger haben Abgaben an ihren Herren zu zahlen. Diese unterscheiden sich von Ort zu Ort und von einer Landesherrschaft zur anderen. Ideal ist es für die bürgerliche Oberschicht, wenn die Abgaben pauschaliert und von dier Obrigkeit selbst eingezogen werden oder gar wie in der Reichsstadt Lübeck eine Gesamtpauschale aus allen Abgaben geleistet wird.

Ansonsten gehört zu solchen Abgaben ein Zins auf das eigene Grundstück, für das 1353 neugegründete Allenstein ein fester Zins von sechs Kulmer Pfennigen, und zwar in Anerkennung der Herrschaft (dominium) des Domkapitels des Bistums Ermland. In einer Urkunde von 1288 für die villa Düsseldorf heißt es, dass zudem die Bürger (opidani) von ihren innerhalb des Pfarrbezirkes Duseldorpe gelegenen Gütern (...) jährlich die Herbstbede und das Grafenfutter nach Gewohnheit dieser Pfarrei zu zahlen haben (in Hergemöller, S.326).

Gerichtsabgaben und Strafgelder gehen oft zu zwei Dritteln an den Herrn und zu einem Drittel an den Rat der Stadt, wie 1286 für Eutin bestimmt wird, während der Stadtherr von Oldenburg 1345 bestimmt, dass das Gerichtsgefälle des Vogteigerichtes ganz an ihn fällt. Daneben behält er Mühlen, den strom, Zoll, Zehnt und Münze und die daraus fließenden Einnahmen.

 

Mit den Abgaben und Aufgaben, die die Bürgergemeinde übernimmt, erhält sie auch das Recht, dafür Abgaben von ihren Mitgliedern zu verlangen. Um 1300 heißt es dazu im Freiberger Stadtrecht: Wenn die Stadt eine Steuer braucht, so soll sie von den Bürgern festgelegt werden, und zwar, wenn sie im geheimen Rat zusammen sind, entsprechend den Notwendigkeiten der Stadt. (Engel/Jacob, S.30) In der auf Bergbau gegründeten Stadt im Erzgebirge ist eine neue bürgerliche Obrigkeit fest etabliert, die ausführlich über ihre Untertanen verfügen kann. Ein lebensnotwendiges Minimum ist von der Steuer befreit, und den zu versteuernden Besitz muss jeder noch selbst einschätzen.

Zu Steuern auf das Vermögen kommen indirekte auf den Verbrauch, die einen Großteil städtischer Einnahmen ausmachen können. In der bischöflichen Urkunde zu Allenstein von 1353 werden solche Einkünfte aufgezählt: Zinsen vom Markt, von der Badestube, von den Fleischschrannen, Brotbänken, Schusterschemeln, Krämerbuden und Barbierschemeln, von der Waage und von allen sonstigen Gemeinde-Bürgern, die zu einem Dritteln dem Domkapitel, zu einem weiteren dem mit der Besiedelung der Stadt beauftragten Schultheißen Johannes von Leysen und im Rest der Gemeinde selbst zufallen.

 

Mit den Urkunden, die die Kämmerer der Stadt Lübeck schon für die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderte hinterlassen haben, lassen sich die städtischen Einnahmen einer sehr wohlhabenden Stadt recht gut verfolgen. Da sind zunächst die Abgaben der Gewerbetreibenden für städtische Einrichtungen wie "Gewandhaus, Pelzhaus, Lohhaus, Buden und Marktstände" (Wülfing in: Beiträge2, S. 51). Verkaufsstände im Kaufhaus oder auf dem Markt werden jedes Jahr neu verlost und dann gleich bezahlt, die Abgaben für die Plätze im Pelzhaus und Schlachthaus zum Beispiel sammeln die Meister (magister) für die Stadt ein. Die nur langsam steigenden Abgaben summieren sich zu höheren städtischen Einnahmen, weil es zwischen 1250 und 1350 immer mehr Handwerker gibt.

Abgaben für der Stadt gehörende Häuser und Grundstücke sind in der Form oft Renten, die auch zurückgekauft werden können.

Einkünfte aus Ämtern fallen für die bis 1294 verpachtete Vogtei an, danach zieht die Stadt Gerichtsabgaben direkter ein. Verpachtet sind auch die Waagen und, größter Posten städtischer Einnahmen, die städtischen Wasser-Mühlen, die 1280 zusammen mit ländlichen Wind- und Wassermühlen 264 Mark Pacht ergeben und zusätzlich Miete der dazu gehörigen Mietshäuser. Allerdings sind die Investitionen für den Mühlenbau erst einmal sehr hoch. An drei Stadttoren treiben zudem besoldete Zöllner die Zölle ein, über die sie dann mit der Stadt abrechnen.

Zu Einkünften aus der zur Stadt gehörenden Umgebung gehören Garten- und Weideland vor den Stadtmauern, die an städtische Bürger verpachtet werden, und die Abgaben von den zur Städt gehörenden Dörfern, deren Neugründiung oder Ankauf aber zunächst einmal ebenfalls sehr kostspielig ist.

 

Von den Einnahmen muss die Stadt Lübeck einmal die hohe Pauschale bezahlen, mit der die stadtherrlichen Rechte des Königs an dessen Rektoren, norddeutsche Landesherren, abgegolten werden, und daneben erhebliche reguläre Ausgaben wie für den Sold von zwei Schreibern, zwei Magistern, für Zöllner, Gerichtsschreiber, Boten, Büttel, einen Arzt und fünf Nachtwächter. 1316 zahlt die Stadt für Löhne und Gehälter ca 400 Mark, zu vergleichen mit 720 Mark an den jeweiligen königlichen Rektor.

 

Für besondere Fälle nimmt die Stadt Kredite bei ihren Bürgern auf, wie für die 560 Mark für einen Mühlenbau. Andererseits gibt sie selbst, auch aus politischen Gründen, selbst Kredite, wie ca 6000 lübische Mark für Rudolf von Habsburg 1290, die sie sich bei Kaufleuten in Erfurt auf zwei Monate leihen und danach durch Kredite bei flämischen Kaufleuten ablösen. (Wülfing in: Beiträge, S.66) Wie man sieht, sind Kämmerer solcher reicher Städte wesentlich versierter in Haushaltsführung als ihre fürstlichen und königlichen Kollegen in deutschen Landen und führen wohl Bücher wie Geschäftsleute großer Firmen. Das Kapital lehrt erst die Städte und dann die Fürsten, wie man geschäftsmäßig vorzugehen hat. Dabei wird deutlich, wie Macht und Herrschaft, das, was sich zunehmend heutigen Vortstellungen von Politik annähert, selbst zum Teil eine Art Geschäft wird.

 

Die Bereitwilligkeit, seinen Obolus zu entrichten, ist naturgemäß in den Städten nicht überwältigend, und vermutlich ist das Hinterziehen von Steuern durch falsche Angaben schon damals weit verbreitet. Entsprechend unbeliebt war wohl das Amt des Steuereinehmers, Steuermeisters, wie er in Augsburg heißt, und das offenbar keiner innehaben möchte. Entsprechend wird im Stadtrecht von 1276 verfügt, dass die zwölf jeweiligen Ratsherren drei Steuermeister aus ihrer Mitte wählen sollen mit Zetteln in kleinen Kugeln. Nach einem Jahr Dienst in diesem Amt soll man dann drei Jahre davon verschont bleiben. (Engel/Jacob, S.55)

 

***Ämter und Aufgaben****

 

Ämter gibt es nun immer mehr, und sie werden bezahlt: Den Stadtschreiber, den Stadtchirurgen, den Gefängniswärter und immer mehr andere. Die Bezahlung unterscheidet sie von politischen Ämtern, deren Wahl und Ehrenamtlichkeit sie auf jene Wohlhabenden begrenzt, die sich zugleich von ihren Unternehmungen regelmäßig entfernen können. Da sind die Kämmerer, die mit Einnahmen und Ausgaben befasst sind, und für Nordhausen werden 1375 noch der Siegelmeister, der Pflegmeister und der Baumeister erwähnt.

 

Als der Kölner Erzbischof 1259 seine Rechtsverordnung für Neuss erlässt, laut der zwei Amtsleute (officiati) für Angelegenheiten des Einkaufs, Verkaufs, der Schuld- und Verpfändungsgeschichte zuständig sind, werden sie durch Eid verpflichtet, unbeeinträchtigt von Bestechung, Hass, Begünstigung oder Einschüchterung die Wahrheit zu verfolgen (in Hergemöller, S.287). Das politische Amt ist seinem Wesen nach Partei und das bezahlte Amt offen für Korruption. Institutionalisierte Macht muss immer dazu gezwungen werden, mehr als ihr Eigeninteresse im Auge zu haben, und bekanntlich lässt sich das nur in beschränktem Umfang durchsetzen. Ihrem Wesen nach gehören Amt und Korruption zu allen Zeiten zusammen. Und so heißt es im Verbundbrief der Kölner Gaffelverfassung von 1396 von den Ratsmitgliedern, dass sie keine Gabe, oder Geld, Wertsachen, Bestechungsgelder, Liebesgaben oder Geschenke arglistig entgegennehmen dürfen (in Hergemöller S.393), was nichts anderes besagt, als dass dies geschieht.

 

Die städtische Zivilisation geteilter institutionalisierter Macht im Mittelalter führt zum latenten Konflikt zwischen dem, der die in seinem Amt versammelte Macht innehat, und dem, der ihr untertan ist. Zur alten Machtstruktur zwischen Kriegeradel und ihm untergebenen Produzenten kommt in der Stadt die zwischen Amtsinhaber und dem Amt Unterworfenen, Muster neuer Staatlichkeit. Rat und Ämter werden mit Schutzvorschriften gegen Kritik der neuen Untertanen gefeit. Für Magdeburg sieht das im 13. Jahrhundert zum Beispiel so aus: Wer einen Schöffen nach erfolgtem Urteilsspruch schilt, muss allen Schöffen Bußgeld und allen Richtern Gewettstrafen zahlen... (in Hergemöller, S.297).

 

Klassische Aufgabe ist weiter die Regelung des Marktgeschehens bis hin zur Bestimmung, welche Waren auf welchem Markt verkauft werden, wenn es denn mehrere gibt. Dazu kommt die rechtliche Lösung von Konflikten in der Bürgergemeinde und, schon sehr früh, die Beteiligung an der Verteidigung der Stadt und insbesondere auch Bau und Erhalt der Stadtmauern. Dabei geht es am Ende, und dann auch schon mal gegen den Stadtherrn, um die Verfügung über die Tore. 1276 stellt das Augsburger Stadtrecht fest: Es sollen auch die Tore dieser Stadt Augsburg für alle Zeiten in der Gewalt der Bürger sein und in sonst keiner Gewalt. Nur im Auftrag der Bürger und mit ihrer Vollmacht sollen die Tore verwaltet und bewacht werden. (Engel/Jacob, S.32) Als der Magdeburger Bischof dem Stadtpförtner die Schlüssel des Tores hinter dem Dom abnimmt, kommt es zur Drohung mit einem Aufstand, und er muss nachgeben (Magdeburger Schöppenchronik)

 

****Schulen****

 

Noch gravierender wird die Einrichtung von Bürgerschulen, die in Konkurrenz zu den kirchlichen treten. 1267 wird in Breslau eine solche etabliert mit der Begründung, dass das den Schulweg vieler Kinder verkürzen würde. In Lübeck wurde 1262 in Konkrrenz zur Domschule eine Lateinschule bei St. Jakobi gegründet, in Stendal 1338 eine ebensolche freie Schule. Als der Stadtrat dort dann auch noch Rektor und Lehrer ohne Absprache mit dem Dom-Scholastiker aussuchte, kam es zu Interdikt und Exkommunikation. 1342 kommt es dann zum Kompromiss: Für diese Schule sollen die Ratsleute einen Schulmeister bestimmen, wann und wen sie dazu wählen wollen, und den sollen sie unserem Scholastikus vorstellen. Ferner sollen die Eltern frei und ohne jede Beeinflussung, weder durch das Domkapitel noch durch die Stadt, entscheiden, auf welche Schule ihre Kinder gehen. (Engel/Jacob, S.109f) Schule ist längst ein Instrument der Machtausübung über die Beeinflussung der Kinder, die nun zunehmend dem kirchlichen Einfluss entzogen werden.

 

Das alles waren Lateinschulen. Aber das Bürgertum richtete daneben zahlreiche Schulen ein oder unterstützte sie, wie es in diesem Lübecker Dokument heißt, die man Schreibschulen nennt, welche die Bürger der Stadt besaßen, zum Nachteil und Schaden der Scholasterien. Diese Schreibschulen wurden von den Bürgern gegen den Willen und ohne Erlaubnis des zuständigen Domherrn unterhalten, und sie ließen die Kinder in diesen Schulen unterweisen und das Schreiben lehren, wofür sie den Lohn nahmen und in ihren Beutel steckten. Und davon wird im Kompromiss zwischen Dom und Bürgern beschlossen, nur noch vier zu erlauben, in denen man die Kinder das Lesen und Schreiben im Deutschen lehrt und sonst nichts. (Engel/Jacob, S. 110)

 

Daneben gab es aber immer mehr nicht offiziell deklarierten Unterricht privat oder in Klippschulen, die ebenfalls Elementaria des Lesens, Schreiben und Rechnens beibrachten und die zunehmend verboten wurden. Es gab zwar damals keine Schulpflicht als staatlichen Zwang, aber frühe „staatliche“ Reglementierung des Unterrichts. Es ging nicht um Bildung, sondern um korrekte Ausbildung und „Zucht“ in erster Linie.

 

****Kirche****

 

Schließlich bleibt noch die „Kommunalisierung“ eines großen Teils des kirchlichen Lebens. Bleibt auch die Bischofskirche mit dem zugehörigen Raum so wie Stift und Kloster in rechtlicher Beziehung „exterritorial“, so verbürgerlichen doch zunächst die Pfarrkirchen. In Engel/Jacob (S.122) heißt es zu Lübeck: „Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts kann die Lübecker Marienkirche als Ratskirche gelten, in der auch Akte des städtischen Lebens stattfanden. Sie war für Rat und Gemeinde Ort der Versammlungen, zu denen die Ratsglocke rief. Diese läutete auch die Zeit, bevor weithin sichtbar Uhren auf den Kirchtürmen diese Aufgabe erfüllten. In der Marienkirche wurden Rechtshandlungen vollzogen, über der Bürgermeisterkapelle im Obergeschoss in der Trese (…) Ratsschatz und städtische Urkunden aufbewahrt. 21 Kapellen und 40 Nebenaltäre bezeugen die Stiftungsfreudigkeit Lübecker Kaufleute.“ Auch große Teile der Finanzierung des Dombauwerks kommen von bürgerlicher Seite, die dann auch mitzureden hat.

Verbürgerlicht wird auch ein Teil der Armen- und Krankenpflege. Das älteste noch halbwegs erhaltene (gotische) Bürgerspital Deutschlands ist das "Heilig-Geist-Hospital" in Mainz in der Rentengasse.

 

Mit der Verbürgerlichung der Kirche kam eine zunehmende Symbiose zwischen Geistlichkeit und Kapital zu ihrem ersten Abschluss, was sich entsprechend auf die religiösen Inhalte auswirkte. Dabei sollten die punktuellen Konflikte zwischen geistlichem Stadtherrn und Bürgern und zwischen Kirche/Kloster und größerem weltlichem Kapital zum Beispiel um die geistlichen Privilegien nicht den Eindruck verwischen, dass es eine Art übergeordnete und grundlegende Gemeinsamheit zwischen beiden Seiten bei Machtausübung und ökonomischer Interessenlage gibt. Die Politisierung des Kapitals und die Verweltlichung des Klerus gehen dabei Hand in Hand.

 

Der Geldbedarf einer an sich reichen Kirche resultierte nicht nur aus ihrer immer luxuriöseren Ausstattung, die in den höfischen Lebenswandel von Fürstbischöfen münden wird, sondern auch aus dem steigenden Bedarf an Mitteln für die Machtausübung, zu denen nicht nur die für die Repräsentation ihrer Machtvollkommenheit dienen. Wo es politisch opportun war, wurde auf das Verbot des Nehmens von Zinsen für Christen verwiesen, aber es war in der Regel opportun, Juden, also Ungläubige, zu fördern, deren Geldgeschäfte auch für die höhere Geistlichkeit nützlich waren. Außerdem hatte es sich schon lange eingeschlichen, dass christlichen „Lombarden“ (woher sie auch immer kamen) und christlichen „Kawertschen“, ursprünglich Leute aus Cahors, als eine Art Gewohnheitsrecht das Zinsnehmen, also der Wucher (usuria) zugestanden wurde.

 

Als der Trierer Erzbischof 1262 hoch verschuldet ist, lockt er vier Lombarden mit hohen Privilegien in seine Stadt und verdeckt einen Kredit an ihn, indem er sie ein hohes Schutzgeld für sechs Jahre im Voraus zahlen lässt: Wir erlauben auch, heißt es in dem Dokument, und lassen zu, dass sie in dieser Stadt und Niederlassung aus ihrem Vermögen und ihrem Geld Nutzen ziehen und damit nach ihrem Wunsch und Wohlgefallen Geschäfte machen können. Auch werden wir – das versprechen wir aufrichtig – sie nicht wegen ihrem Geldhandel und Geschäftes irgendwie bestrafen, werden sie keineswegs dafür zur Verantwortung ziehen, dass sie ihr Geschäft mit weniger Recht betrieben haben, und werden keinerlei Klage gegen sie vorbringen, durch die sie an ihrem Besitz oder ihrer Person irgendwie geschädigt oder irgendwie beschädigt werden könnten; lieber überlassen wir sie in diesem Punkt ihrem Gewissen.

 

Das ist wohl der erste umfassende geistliche Freibrief für „Wucher“ als christliches Privileg in den deutschen Landen, der erhalten ist. Dem Bischof ist im 13. Jahrhundert sehr wohl noch klar, dass er damit eine zwischen Geiz und Habgier angesiedelte schwere Sünde massiv unterstützt, und diese auf das Gewissen des Sünders abzuladen zeigt, dass er als kirchlicher Machthaber auf ein solches offenbar verzichten kann, sozusagen als Hausherr der kirchlichen Gnadenmittel. Und da er weiß, dass Geldgeber für Konsumkredite wie die, die er von den vier Lombarden erwartet, bei den Schuldnern eher unbeliebt sind (was Juden sporadisch schon einmal brutal zu spüren bekommen), fügt er gleich noch hinzu, dass bei ihm privilegiertert Wucher unter seinem besonderen Schutz steht: Wir werden auch nicht zulassen, dass sie von wem auch immer angegriffen, gestört oder auch belästigt werden; denn außerdem geben wir diesen unseren Bürgern das Versprechen, sie mit all ihrem Hab und Gut wie unsere eigenen Bürger zu verteidigen, zu bewahren und gegen alle und jeden zu beschützen. (In: Engel/Jacob, S. 198)

 

In der ganzen Urkunde ist die Handschrift dieser Lombarden zu spüren, die wussten, dass man gerne Kredite annahm, aber nur ungerne dafür haften mochte, wenn man sie nicht mehr bedienen konnte. Das ist bis heute so geblieben, wo Leute gerne leichtfertig Kredite von Banken nehmen, und diesen dann die Schuld geben, wenn sie sie nicht zurückzahlen können.

 

Wenn das, was oft geduldete Praxis, aber offiziell als Sünde eben auch illegal war, von geistlichen Herren legalisiert wird, dann ziehen die Bürgergemeinden nach. Im Kern wird, und das durchaus auch schon in der Merowingerzeit, in der Praxis zwischen gerechtfertigter Aufwandsentschädigung und Wucher als überzogenem Zins unterschieden, wie das die Scholastik zu erklären sucht. Und so ist von 1383 ein Konstanzer Dokument überliefert, in dem Zinsen für Konsumdarlehen für ein Jahr auf 11% Zinsen begrenzt werden, vorzeitig zurückgezahlte auf 10%, und kurzfristigere Darlehen auf bis zu 50% Jahreszins.

 

Eine Besonderheit im Raum frühkapitalistisch werdender Städte sind die Armutsbewegungen des 12./13. Jahrhunderts, unter denen der Bettelorden der Minoriten (fratres minores, Franziskaner) besonders herausragt. Anders als bei den Zisterziensern, die nun auch ihre Niederlassungen in den Städten haben, zeigt sich im Nebeneinander von bürgerlichem Wirtschaften und Bettelorden die Kompartmentalisierung im Inneren städtischer Menschen als äußeres Phänomen.

 

Inzwischen hatte sich längst die Vorstellung durchgesetzt, dass es für diejenigen, die einst in den „Himmel“ gelangen würden, nach dem Tod erst einmal eine Reinigungszeit für die begangenen Sünden geben würde, das Purgatorium oder „Fegefeuer“. Mit genau zu beziffernden Geldleistungen konnte nun denn auch der Ablass von Tagen oder Wochen oder im Extremfall der ganzen postmortalen Leidenszeit erkauft werden, natürlich offiziell nur verbunden mit entsprechender Reue.

Die nicht mehr auf Verfügung über Land und abhängige Bauern basierenden Bettelorden mit ihren Bußpredigern machen sich diese Entwicklung zunutze und finanzieren sich und ihre Kirchen über zu zahlenden Ablass. Damut verbunden sind es besonders Gelehrte aus ihren Orden, die Geldgeschäfte und den daraus resultierenden Gewinn zu rechtfertigen beginnen und damit die alte Verdammung des Wuchers auf eine kleine Gruppe jener reduzieren, bei denen Wucher nun als exzessive Profitgier ausgelegt wird.

 

****Städtische Geschichtsschreibung****

 

Italien

um 1270 Annales Wormatienses: erstes Beispiel stadtbürgerlicher Geschichtsschreibung

 

****Juden****

 

Um 1300 gehen heutige Schätzungen von ca. 100 000 Juden in deutschen Landen aus, bei zwei großen, vielleicht eintausend Menschen umfassenden Gemeinden in Erfurt und Nürnberg. Das deutet an, dass sich Juden dort versammeln, wo viel Kapital oder Kapitalbedarf vorhanden ist. Juden schließen sich in der Regel aus religiösen Gründen selbst von den regulär verachteten Ungläubigen ab, seit dem 13. Jahrhundert entwickelt sich die Tendenz, sie auch von christlicher Seite stärker in Viertel auszuschließen.

Ihre Privilegierung als kaiserliche Kammerknechte durch den Staufer Friedrich II., die sie wie überall in Europa zu einer Finanzquelle für die Herrscher macht, schützt sie im 14. Jahrhundert nicht mehr durchgehend, als immer rigorosere Zivilisierung und damit auch Entkultivierung der Massen insbesondere in Städten Wahnvorstellungen wie die vom Morden christlicher Kinder oder vom Hostienfrevel in Wellen überhand nehmen. Förderlich ist dafür auch die offizielle Verfolgung und Vertreibung aus Frankreich 1291/1306. 

Schon 1287-89 kommt es zu einer Verfolgung am Mittelrhein mit mehreren hundert Toten, wenig später zu den Rindfleisch-Pogromen mit mehreren tausend Toten in Süddeutschland vor allem. 1336-38 folgen die Armleder-Pogrome, und in der ersten großen Pestwelle dann zu flächendeckenden Verfolgungen, begleitet von der dritten wahnhaften Beschuldigung, der aus Frankreich importierten von der Brunnenvergiftung.

 

Zwei Dinge kommen zusammen: Die Mächtigen in Stadt und Land können längst jüdische Kredite durch christliche ablösen, Juden werden weniger dafür benötigt und ihr Reichtum nimmt entsprechend tendenziell ab, obwohl manche bis durch die Neuzeit im Finanzgeschäft bleiben. Mindestens genauso wichtig ist aber das Phänomen wahnhafter Massenhysterie, welches die Konzentration von immer mehr Menschen an jeweils einem Ort in Verbindung mit der Trennung von Kapital und Arbeit und massiver psychosozialer Entwurzelung hervorbringt und welches bis heute immer weiter zunimmt.

 

Drahtzieher können wie bei den Judenverfolgungen in Erfurt und Straßburg schon mal aus interessierten Kreisen des Kapitals mit seiner neuen politischen Macht kommen, wichtiger ist aber, das weitgehende Entkultivierung und ihr Ersatz durch eine aus der wirtschaftlichen Realität abgedrängte, auf Formelhaftes reduzierten Religion sich mit einer durch Komplexität immer unverständlicheren menschengemachten Welt verbinden. In Wellen der Massenhysterie wird Verständnis durch wahnhafte Extrem-Vereinfachungen ersetzt, die manchmal auch in massive Ablenkungsmanöver aus den Anstrengungen des Verstandes ausarten.

Im Kern hat die Verfolgung jüdischer Religionsgemeinschaften im späten Mittelalter keine religiösen, sondern ökosoziale und massenpsychologische Wurzeln. Sie wäre ein Randphänomen in der allgemeinen Gewalttätigkeit und Grausamkeit des Mittelalters, wenn sie nicht zusammengehörte mit dem Hass auf Ketzer und dem langsam einsetzenden Hexenwahn samt den dazugehörigen grausamen Verfolgungen.

Wichtig wird sie dadurch, dass sie ein frühes klassisches Phänomen für Ausgrenzung zwecks Schaffung eines künstlich hergestellten wahnhaften Feindbildes als Erklärungsmuster für "Welt" ist. Im Hass puritanischer Engländer und dann ihrer nordamerikanischen Kolonien auf Katholiken, der 1776 kulminiert, im Hass der Republik auf ihre Gegner in Frankreich ab 1789, und dann in den Feindseligkeiten von "Links" und "Rechts" seit dem 19. Jahrhundert wird deutlich, das die Grausamkeiten von in die Massen gesätem Wahnverhalten säkularen Ursprungs sind, mag auch immer einmal Religion oder pseudoreligiöse Politik hineinspielen.

Natürlich spielt auch die über ihre heilige Schrift vermittelte jüdische Arroganz eine gewisse Rolle, der angemaßte völkische Charakter ihrer Religion, der fehlende Integrationswille der meisten. Aber letztlich hat nicht all das, seit der späten Antike geläufig, zu jener Vertreibung der Juden aus deutschen Landen vor allem nach Osteuropa geführt, wo sie das Deutsche ins Jiddische überführen, dem sie bis ins zwanzigste Jahrhundert treu bleiben, als sie von osteuropäischen Pogromen verfolgt, wieder in die vermeintlich "liberaleren" deutschen Lande zurückkehren, um dann fabrikmäßig in Massen ermordet zu werden.

 

Flandern, Frankreich

 

Zurück ins späte Mittelalter. Die Tuchproduktion scheint sich früh in das Verlagswesen einerseits und das Unternehmertum reiner Tuchfabrikanten aufgeteilt zu haben. Die starke Stellung dieses Produktionszweiges scheint sich dann darin auszudrücken, dass das flämische Kapital sich um 1250 von den Champagnemessen zurückzieht und die Händler zu Hause empfängt. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts nehmen dann die Konflikte mit England zu, dessen Auseinandersetzungen mit der französischen Krone in Konflikt geraten mit der Tatsache, dass die Grafschaft Flandern zum großen Teil ein Lehen des französischen Königs ist. Auch das führt dann zum Niedergang der flämischen Tuchindustrie, in dem Brügge im wesentlichen eine Handelsstadt wird, während Gent sich andererseits vom Fernhandel zurückzieht und vorwiegend Produktionsstandort wird, was es bis zum Ende der sogenannten industriellen Revolution auch bleibt. Ansonsten beschränkt es sich auf den Regionalhandel vor allem mit Getreide.

 

Im späten 13. Jahrhundert baut sich Brügge einen zweiten, äußeren Mauerring, ebenfalls mit einem parallelen Kanal, dessen Wasserspiegel etwa einen Meter höher liegt als der innere Kanalring, "dadurch konnten Kanäle vom äußeren zum inneren Ring durch das Gefälle Wassermühlen antreiben und die notwendige Wasserversorgung mit frischem Wasser für Färber und Walker sicherstellen. Ein Leitungssystem, das zahlreiche Brunnen in der Stadt versorgte, wurde durch eine Wasserkunst (Waterhuis) gespeist: Von Pferden getrieben wurde durch eine Eimerkette Wasser aus dem äußeren Ring auf das Dach des Waterhuis geschöpft,von wo es in das städtische Netz eingespeist wurde und zahlreiche Brunnen in der Stadt mit Wasser versorgte. Dieses Leitungssystem, entstanden Ende des 13. Jahrhunderts, war der Stolz Brügges." (Schott, S.57f)

 

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts kontrollieren in Gent 39 Familien die Stadt, als 13 Schöffen, 13 Ratsmitglieder und 13 ledige. In Brügge werden die Schöffen aus den Führungskreisen der lokalen Hanse ausgewählt, damals eine reine Händlervereinigung. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts können dann auch Leute der Mittelschichten in die Hansa und damit in die Stadtpolitik aufsteigen. In Gent sind es vor allem Weber und Tuchwalker, die immer offensiver politische Teilhaberschaft verlangen. Dort wie in Brügge werden Aufstände niedergeschlagen.

Bis dahin arbeiten Grafen und städtische Oberschicht Hand in Hand. Als dann König Philipp der Schöne versucht, die flämischen Grafen auszuschalten, um Flandern seiner Krondomäne einzuverleiben, verbündet er sich mit der städtischen Oberschicht, während der Graf sich an die kleinen Leute, das heißt die entstehenden neuen Zunfteliten und aufstrebende Krämer hält. In letzterem Bündnis entsteht der flämische „Patriotismus“, der sich erst gegen Frankreich und später gegen Habsburg wenden wird. Mit dem Sieg der städtischen Milizen bei Koortrijk (Courtrai) wird dann das politische Monopol des Großkapitals zugunsten des gehobenen Handwerks und Kleingewerbes aufgebrochen.

Eine politische Autonomie wird Brügge allerdings nie erreichen.

 

Mit den Konflikten um die Anfänge des Hundertjährigen Krieges und dem Handelskrieg Englands gegen Flandern wird dann deutlich, wie stark die Wirtschaft an politische Machtverhältnisse gebunden ist. Flämische Städte beginnen, die Weberei in ihrem Umland zu zerstören, um sich selbst zu halten. Gent setzt Stapelzwang für Getreide durch.

 

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Eine besondere Rolle nimmt in dieser Zeit der Bergbau ein, wird doch die Metallbearbeitung insbesondere auch in der Produktion von Rüstungsgütern zweiter Motor einer Entwicklung in Kapitalismus hinein, ob nun in Mailand, Nürnberg oder Dinant. Dabei sind es überwiegend (freie) Bauern, die als Teil ihres Lebensunterhaltes Berge „abbauen“ und sich dafür zusammenschließen. Dadurch bleiben die technischen Möglichkeiten aufgrund fehlender Kapitalisierung begrenzt. Das betrifft besonders die Alpenländer und Böhmen. Viel begrenzter ist der Abbau von Kohle, der nur in der direkten Umgabung zum Befeuern heimischer Herde benutzt wird.

 

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In Frankreich verdoppelt sich die Bevölkerung zwischen 1000 und 1300, was sich in den hohen Bevölkerungszahlen der Städte niederschlägt. Paris hat etwa um 1300 ungefähr 70 000 Einwohner. Die Magistrate einer reichen Oberschicht machen es den Königen gleich und belasten ihre Bürger mit Kopf- und Vermögenssteuern sowie indirekten Steuern, wobei sie sich von vielem ausnehmen. Das niedere Bürgertum verbündet sich zunehmend mit dem König, was dazu führt, dass unter Philipp dem Schönen immer mehr Städte in diesem Bündnis auf ihre kommunalen Freiheiten verzichten und sich direkt dem König unterstellen, um ihre materiellen Interessen zu sichern. Als erste macht das Sens 1318 (Ehlers, S.190f)

 

Der Hundertjährige Krieg schädigt dann französische Städte massiv, die immer mehr Geld für den Mauerbau ausgeben müssen, um zu möglichst uneinnehmbaren Festungen zu werden. Einen enormen Aufschwung erleben dafür bretonische Küstenstädte, Rennes, Nantes, Quimper und andere. Zur Produktion von Tuchen und Metallwaren kommt hier der Schiffsbau. 

 

England

 

Um 1300 besitzt England eine ausgedehnte Stadtlandschaft  mit rund 550 Marktorten von durchschnittlich 750 Einwohnern auf dem untersten Niveau, weiter oben etwa zwanzig Städte mit über 5000 und vier Städten über 10 000 Einwohnern, nämlich Norwich, Bristol, York und Winchester, alles Seehandelsstädte. Das ist etwas unter dem Niveau mitteleuropäischer und weit unter dem norditalienischer Verstädterung.

 

Der englische und walisische borough und der schottische burgh (burgus) definiert sich in der Regel aus dem Recht, dort frei über seinen Grund und Boden zu verfügen und eine feste Miete bzw. Pacht (rent) zu zahlen. Das ist eine weitere Definition als die gemeinhin für deutsche Lande gemachte. Dazu kommt allerdings, dass solche Orte nicht mehr wesentlich von Landwirtschaft leben.

Wenn "Städte", also boroughs zu Parlamenten Edwards I einberufen werden, genügen sie allerdings nicht einmal immer diesen Ansprüchen.

Andererseits sagt das Etikett borough ohnehin nichts über die Wirtschaftskraft einer englischen Stadt aus. Westminster hat den Status einer vill, eines Dorfes, wie manche Stadt, die ohne die Patronage eines Lords entstand. Boston ist ein wohlhabender Handelsort, obwohl es von Amtsleuten des Lords regiert wird.

 

Aber fast alle Städte haben wenigstens einen Herrn, oft den Gründer. Meist im Einvernehmen mit ihm regulieren zu ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten im 13. Jahrhundert durch Kaufmannsgilden selbst, bis dahin, dass sie eine feste fee farm an ihren Herren für alle Abgaben zahlen und deren Eintreibung selbst unternehmen. Städtische Oberschicht bildet wie in deutschen Landen die Juroren eines Gerichts und übernimmt innerstädtische Ämter. Insbesondere Abteien versuchen ihre Städte einzuschränken; solange Cirencester (Gloucestershire) königlich war, galt es als borough mit burgesse tenure, als es 1131 an die dort neu gegründete Abtei fiel, versuchte diese die Bürger wieder als Dörfler zu behandeln. Die Mönche von Bury St.Edmunds versuchen wiederum, die Bildung einer Kaufmannsgilde zu unterdrücken (Dyer, S.220).

Bürger wird man entweder, indem man das Bürgerrecht erbt, es durch einen Lehrlingsstatus erwirbt oder es kauft. In Dunfermline kostet es enorme 40 Schillinge, was zwei Drittel der eigentlich bürgerlichen Einwohner davon abhält es zu kaufen (Dyer, S.315)

 

Mit königlicher Charter versehende Städte regeln ihre Angelegenheiten im 13. Jahrhundert mit einem Rat und einem Bürgermeister (mayor) selbst, weswegen solche Privilegierungen bei Städtern sehr beliebt sind. Eigene Amtsleute sind für die pauschale Abfuhr einer Abgabensumme zuständig. Lincoln bezahlt König Johann darum 200 Pfund für eine solche Carta. 

Bürgermeister halten städtisches Gericht, arbeiten mit den Meistern der Gilden zusammen, überwachen Handwerker der Nahrungsbranchen und regulieren die Märkte. Unter ihnen nehmen städtische Amtsträger zu.

 

Weitgehende Selbstverwaltung bedeutet auch im 13. Jahrhundert und darüber hinaus Machtausübung einer Oberschicht, wie auch in deutschen Landen bis zu den Kämpfen der Zünften um Partizipation. Weber dürfen so schon mal wie in Leicester nicht für Auftraggeber außerhalb der Stadt arbeiten und ihnen wird in Winchester verboten, Tuch selbst auch zu färben oder gar zu verkaufen.Metzgern wird verboten, ihren Talg selbst in Kerzen zu verwandeln.

Dieser Oberschicht wird auch immer wieder einmal unterstellt, beim Einsammeln der Abgaben sich selbst zu begünstigen und die kleinen Leute auszuplündern. Zudem versuchen diejenigen, die selbst Lohnarbeit nutzen, den Preis der Arbeit möglichst niedrig zu halten. 1364 setzen 18 Schuhmachermeister von Bristol in den Regeln Höchstlöhne für ihr Gewerbe fest und verbieten das Abwerben von Arbeitskräften von einem Meister zu einem anderen.

Tuchhändler haben vor allem Interesse an der Kontrolle der Qualität der Arbeit der Färber, die sich stark auf den Marktwert auswirkt. In Bristol sucht 1407 der Bürgermeister zwei Färbermeister aus, die überall Qualitätskontrollen durchführen. Zuvor waren die Exporte Bristoler Tuche stark gesunken.

Andere Regulierungen sind eher am Gemeinwohl orientiert. Zwischenhändlern wird so oft verboten, Getreide vor der Stadt aufzukaufen und dann abzuwarten und auf einen höheren Preis zu spekulieren. Brotpreise werden manchmal an den Preis des Getreides gekoppelt und der Preis von Ale an den von Malz. Metzger werden vor Gericht gezogen wegen überhöhten Fleischpreisen.

Überhaupt lässt sich an den vielen Gerichtsverfahren erahnen, wie oft Regulierungen nicht eingehalten werden.

 

In England wird die Vereinigung von Händlern und Handwerkern als Ansprechpartner für König und Barone eher gerne gesehen, während in Schottland Handwerker-Vereinigungen bis tief ins 15. Jahrhundert noch verboten sind. Überall aber werden wie auf dem Kontinent Assoziationen der Lohnarbeiter untersagt, der Gesellen wie der Maurer oder derer, die Fachwerke ausfachen. Selbst wo sie sich als religiöse Bruderschaften geben, werden sie unterdrückt, aus Angst, dass von dort höhere Lohnforderungen ausgehen könnten.

Tatsächliche religiöse Bruderschaften bürgerlichen Zuschnitts hingegen sind hoch angesehen, sie sind auf eine kleine Oberschicht eingeschränkt, die sich selbst verwaltet, erhebliche Summen einsammelt und davon schon mal einen eigenen Priester und Schulmeister unterhält und eine Gildenhalle (guildhall) wie die Holy Trinity Guild in Wisbech (Cambridgeshire) im 15. Jahrhundert (Dyer, S.317)

 

Für etwa 1200 wird die Londoner Bevölkerung auf etwa 40 000 geschätzt und hundert Jahre später hat es mit vielleicht 80 000 Menschen etwa die Hälfte der Größe von Paris, auch wenn sie dann durch die Epidemien auf 50 000 schrumpft, um sich dann um 1500 wieder bei 60 000 zu stabilisieren.

Immerhin soll es Anfang des 14. Jahrhunderts bereits 354 Tavernen und 140 Kirchen besitzen (Carpenter, S.44). Es ist nun Residenz (Tower, Westminster), Bischofsstadt (St.Paul's), Finanzzentrum (New Temple), Handelszentrum, was vor allem den Reichtum der Stadt ausmacht, und Zentrum der Tuchproduktion.

Eine solche Stadt wird im 13. Jahrhundert bereits aus etwa zehn Counties versorgt, wobei die Getreidelieferungen manchmal über 50 Meilen zurücklegen, bevor sie in die Sadt gelangen. Die Fleischmengen, die in der Metropole zunehmend verbraucht werden, werden aus Nordengland und Wales als Viehherden herangetrieben.

 

London hat nicht nur eine überproportional große Oberschicht, sondern auch die Dependancen der Magnaten aus den Regionen, von denen es um 1520 rund 75 gibt (laut Dyer, S.304).Während der wesentliche Wohlsitz des Adels auf dem Lande bleibt, hat er öfter wie auch die Zisterzienser Dependancen in der Stadt, sei es als Warenlager, sei es zur Beherbergung von Amtsleuten, die dort Handel für ihre Herren betreiben.

In dem Maße, in dem London zusammen mit Westminster zu einer Art Hauptstadt wird, erwerben die großen kirchlichen und weltlichen Magnaten entlang des Strand und in den vornehmen Suburbien von Holborn und Southwark vornehme Stadthäuser, wo man wohnt, während man den königlichen Haushalt besucht, die hohen Gerichtshöfe und das Parlament. Stein aus Caen wird für solche herrschaftlichen Gebäude herbeigeschafft.

 

Dazu kommt ein gewaltiges Beherbergungsgewerbe für die Gentry von außerhalb, die jedes Jahr an den Parlamentssitzungen teilnimmt. Und alle diese Leute kaufen gerne in London ein, wo die Auswahl an Luxusgütern größer ist. Während zum Beispiel anderswo Städte vielleicht nur einen Goldschmied haben, sind es in London 1477 schon 180, und ihre Zahl nimmt weiter zu. Grocers haben eine größere Auswahl an Gewürzen.

 

In London lassen sich besser als anderswo unternehmerische Karrieren starten. Richard Whittington zum Beispiel hat als jüngerer Sohn eines Ritters aus Gloucestershire wenig Chancen, Land zu erben, er geht mit einem kleinen Startkapital nach London, wird um 1380/90  ein reicher mercer (Stoffhändler), der die Barone und den königlichen Haushalt mit Seide beliefert, kann dann an die Könige Richard II und Henry IV Geld verleihen, steigt zudem in den Wollhandel ein und wird schließlich mehrmals Bürgermeister von London. (Dyer, S.304)

 

Auch um ihre dominierende Stellung im Königreich durchzusetzen, organisieren sich die Londoner Kaufleute in zwei Vereinigungen, die den Handel mit Wolle und Tuchen kontrollieren: Die staplers und die merchant adventurers, die letztere vor allem den Handel mit den Niederlanden beherrschen. Viele Großkaufleute verhandeln eine Vielzahl von Produkten, sowlh Tuche, Getreide, andere Nahrungsmittel und Wein, und dabei nicht nur Luxuswaren, sondern auch solche für den Massenkonsum, der immer mehr zunimmt. 100 und mehr Pfund Einkommen sind keine Seltenheit. Teile des Adels wirken inzwischen arm dagegen.

 

 

Ein immer wichtigerer Aspekt städtischen Wirtschaftens wird der Gewinn aus immobilem Eigentum. Bürger als freeholders kaufen Grundstücke oder Häuser und vermieten sie weiter. Im 13. Jahrhundert lassen sich aus einem Grundstück 20 Schillinge Miete ziehen, und diese wird dann bald auch auf Monate aufgeteilt.

Der Bristoler Kaufmann John de Cardiff gewinnt so Anfang des 14. Jahrhunderts 22 Pfund jährlich aus Mietzahlungen. Insbesondere wo aus Klöstern Städte hervorgingen, investieren diese in Grundstücke und vermieten diese bzw. Häuser. Um 1300 gehört der Abtei von Canterbury etwa ein Drittel der Stadt, welches jährlich ungefähr 110 Pfund an Mieten/Pachten einbringt. (Dyer, S.198) Da lohnt es sich dann auch, selbst ein einfaches neues Haus für vielleicht 10 Pfund in Auftrag zu geben, die bald wieder hereingeholt sind.

Dasselbe geschieht dann zum Teil auch mit den festen Marktständen, zum Teil schon mit einem Obergeschoss als Lagerraum, die manchmal von Kapitaleignern gebaut oder aufgekauft und dann für gelegentlich jährlich 10 Schillinge vermietet werden, der Pacht für 20 acres Ackerland.

Der Wohnungsmarkt geht durch die Verluste des 14. Jahrhunderts natürlich zurück, aber zieht dann wieder langsam an. Nicht zuletzt Klöster investieren "spekulativ" in Hausbau, wie die Westminster Abbey, was wiederum Laien als Investoren anzieht und den Ort bei London aufblühen lässt. Wer kann, deckt sein Dach nun nicht mehr mit Schilf oder Holzschindeln, sondern mit Ziegeln oder Schiefer. Innenwände repräsentativer Häuser werden mit Holz ausgestattet (wainscoting) oder mit farbigen oder bebilderten Tüchern behängt. Teppiche und Kissen nehmen zu.

 

Etwa die Hälfte aller Stadtgründungen des 12. und 13. Jahrhunderts wird von großen Baronen betrieben, in die andere Hälfte teilen sich kirchliche Baronien und der König. Städte erhalten immer Marktrecht und meist einen Jahrmarkt. Die Städter zahlen eine Rente für ihren Grund und Boden samt Behausung, über den sie aber frei verfügen können. Sie können in ihrer Stadt abgabenfrei Handel betreiben.

Das Interesse der Barone an Stadtgründungen beruht darauf, dass sie von einem Grund, der landwirtschaftlich 1 Pfund einbringt, bei Besiedelung mit einer Stadt als Basis wenigstens 4 Pfund Renten, wozu noch weitere Einnahmen kommen. Der Bischof von Norwich zieht aus den Gerichtseinnahmen für Bishop's (später: King's) Lynn um 1300 bereits etwa 40 Pfund jährlich (Dyer, S.146). Aber für den Adel bleiben ländliche Anwesen in der Summe finanziell immer noch wichtiger.

 

Einer von etwa zwanzig Stadtbewohnern in England ist um 1300 ein Kleriker ("maybe": Dyer, S.195). Mit festem Einkommen spielen sich eine wichtige Rolle für die Nachfrage auf dem städtischen Markt und damit für die Umverteilung von Einkommen vom Land in die Stadt. Zudem fungieren sie als Schreiber und Lehrer.

 

In Wales dienen Stadtgründungen ähnlich wie in Ostelbien der Kolonisierung des Landes und seiner Überfremdung durch die Mächtigeren und ihre Leute. Wo sie bei von englischen Baronen oder Königen gebauten Festungen entstehen, werden sie mit Engländern oder auch flämischen Einwanderern beschickt. Das ist in Schottland anders, in dessen (Süd)Osten seit dem frühen Mittelalter langsam angelsächsische Bevölkerung eingesickert war und wo im hohen Mittelalter "Anglisierung" durch die schottischen Könige selbst als Einführung anglo-normannischer ("nordfranzösischer") Strukturen samt feudaler Aspekte im Eigeninteresse betrieben wird.

 

Bürgerliches Selbstbewusstsein? (Ehrbarkeit)

 

Es wird nie ein allgemein und klar definiertes Bürgertum gebe, was sich schon alleine darin ausdrückt, dass ein entsprechender Begriff, wie es ihn im Neuhochdeutschen gibt, in den meisten anderen Sprachen verschwindet. Es gibt eine Art "ständischer" Definition, die Bürger unterhalb des Adels und oberhalb einer städtischen Unterschicht und der Bauern ansiedelt. Aber daraus entsteht nie ein Gefühl von Gemeinsamkeit. Großhandel und Finanzen grenzen sich deutlich vom Handwerk und den Krämern ab und versuchen bis ins späte Mittelalter, letztere möglichst vom Stadtregiment auszuschließen.

Dennoch entwickelt sich zunächst ein gemeinsames bürgerliches Ethos, welches die adelige Ehre in die bürgerliche Ehrbarkeit verwandelt. In ihr summiert sich das, was im Kern zunächst einmal den Markt reguliert: Der marktgerechte Preis, die Ehrlichkeit beim Deklarieren der Ware nach Gewicht, Menge, Qualität und die brave Unterordnung unter Formen der Marktregulierung, also Untertänigkeit, und manches mehr wie die Heiligung von Ehe und Familie als solidem Kern von Betrieb, Geschäft und Unternehmen.

Das alles fällt aber, wie weiter unten zu beschreiben sein wird, dann im Verlauf des Mittelalters auseinander in die Ehrbarkeit der Bürger, die in ihrer Stadt zu Hause sind und mit ihrer Geschäftigkeit verbleiben, und den großen Händlern und Finanziers, der unternehmerischen Kapitaleigner, die zu Partnern des Adels und der hohen Höfe werden und sich in einer weiteren Welt umtun. Dabei wird dann deutlich, dass (klein)bürgerliche Ehrbarkeit sich zu einer Welt der Zwänge, ausgesprochen autoritärer Strukturen und eines engen Horizontes entwickelt.

 

In einem Zeugnis des Rates von Frankfurt/Oder für einen Schuhmacher steht geschrieben: Sie bekennen (…) dass Valentin Weicherstoff (…) bei uns in dieser Stadt von diesen frommen Leuten in einem rechten, echten Ehebett nach christlicher Ordnung gezeugt und geboren wurde; seitens aller seiner vier Ahnen rechter deutscher Art ist, von Vater und Mutter frei, niemandes Eigen, nicht von Müllern, Zöllnern, Leinewebern, Badern, Schäfern und nicht von Schankwirten oder Spielleuten abstammt. (…) Seine Eltern haben sich bei uns ehrlich und fromm geführt, standen in gutem Ruf und waren nützlich und redlich (…) so dass die Zeugen (…) nichts anderes von ihm wissen oder erfahren haben als Ehre, Redlichkeit, Liebe und alles Gute (…) (Engel/Jacob, S. 293)

 

Ehrbar sein heißt also hier, bürgerliche Freiheit(en) genießen, nicht von unehrbaren Eltern stammen, ehelich geboren zu sein und - eine Besonderheit des deutschen Nordostens - in vierter Generation ein Deutscher (und kein Slawe) zu sein. Müller gab es eben vor den Stadtmauern, Schäfer besaßen oft die Herden nicht, die sie hüten mussten, und waren unbürgerlich eigentumslos, andere Menschen betrieben von vorneherein unehrenhafte Tätigkeiten wie Bader, Schankwirte, Bordellbetreiber und ihre Belegschaft oder Henker.

 

In den Verfassungstexten des späten Mittelalters wie dem Kölner Verbundbrief von 1396 taucht immer wieder der Begriff vom ehrbaren Mann und Bürger als Teilhaber an der politischen Macht auf. In Tübingen führt das bereits in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts dazu, dass sich eine "gehobene bürgerliche Schicht"  selbst als "Ehrbarkeit" bezeichnet.  (J.Sydow in: Beiträge2, S.21)

 

 

Die Einbürgerung adeliger Lebensformen

 

Das "Bürgertum" als Rechtsgruppe entsteht auch deswegen langsam und mit unterschiedlichen Charakterzügen, weil es auf keine Vorbilder zurückgreifen kann. Es muss sich sozusagen „selbst erfinden“. Auch aus legitimatorischen Gründen greift ein kleiner Kreis entstehender bürgerlicher Oberschicht auf römische Vorbilder zurück, mögen diese auch relativ unpassend sein. Man nannte sich Senatoren, wählte Konsuln usw.

Spätestens im 10. Jahrhundert wird in einigen Gegenden als zweites Vorbild der ersten Großkapitalisten der (höhere) Adel angesehen. Das dann in den nächsten Jahrhunderten entstehende Patriziat der bürgerlichen "Geschlechter" imitiert bis in dynastische Familienvorstellungen hinein adelige Gedankenwelten und Lebensformen. In der Konsequenz behandeln sie nach Möglichkeit das nun sich herausbildende neuartige "Volk", nämlich die kleinen Leute, mit obrigkeitlichem Rigorismus, den dann neuzeitliche Staatlichkeit übernehmen wird.

 

Erwähnt wurde schon, dass bei reichlichen Gewinnen aus eingesetztem Kapital Teile nicht mehr reinvestiert, sondern in einem Landgut angelegt werden, dies zuerst wohl in Italien. Auf diesem lässt sich, quasi in der Sommerfrische, adelige Lebensweise imitieren. Dazu gehört ein sich erweiterndes Personal, gehören kostbare Kleider und wertvoller Hausrat. Auf diese Weise erhöht auch ein kleiner Kreis von Bürgern nun die Nachfrage nach Luxusgütern. Wer es nicht bis zu einem solchen vornehmen Gut bringt, hat manchmal wenigstens soviel erwirtschaftet, dass er einen Teil seines Gewinns in Grund und Boden anlegen kann. Beliebt ist zudem die Anlage in Gebäude, die vermietet werden, und das konnten schon mal zehn oder zwanzig sein. Einige Kapitalisten werden so zu weniger risikobereiten Rentiers, wenigstens mit einem Teil ihrer Gewinne.

 

Ende des 11. Jahrhunderts ist in Venedig die Kaufleute-Familie Ziani belegt, die vor allem mit Konstantinopel wohl Handel treibt. Nach dort 1171 die vezenzianischen Kaufleute gefangen genommen werden, konzentriert sie sich auf Kleinasien und Sizilien. 1172 wird Sebastianus ein Ziani Doge, 1205-1229 sein Sohn Petrus. Petrus konzentriert sich auf das Kreditgeschäft und scheidet als Doge aus dem Handel aus.  Sein Sohn Marcus ist dann nur noch in Finanzgeschäften nachweisbar. 

Immer hin sammelt die Familie seit 1160 Salinen, Weinberge und Gemüsegärten auf dem Festland und Häuser und Grundstücke in der Stadt. Marcus ist dann Rentier mit nun auch reichlich Grundbesitz um Padua und Treviso, heiratet eine Tochter des Markgrafen von Este und ahmt den Lebensstil norditalienischer Adeliger nach (alles nach Fuhrmann in 'Verwandlungen', S.386)

1288 wird Bonvesin de la Riva berichten, reiche Mailänder würden der Beizjagd mit Habichten und Sperbern im Umland der Stadt frönen, einst reines Vergnügen des Adels.

 

Die Aneignung adeliger Lebensformen durch das obere Bürgertum wird dann nach unten weitergereicht. Hatte einst der englische Adel noch Pelzborten aus Eichhörnchenfell getragen, so leisten sich das im 15. Jahrhundert die Handwerkersfrauen, und der Adel muss auf Marder und anderes umsteigen.

 

Bereits im 13. Jahrhundert gehen Teile des Bürgertums so weit, selbst das Turnierwesen für sich in die Städte zu bringen. Einer der Wohlbetuchten, ein Brun von Schönebeck, schrieb von Magdeburg aus höfische Briefe, die er nach Goslar, Hildesheim, Braunschweig, Quedlinburg, Halberstadt und anderen Städten schickte. Darin luden die Konstablen (wie sich diese Patrizier nannten) alle Kaufleute, die sich im Ritterspiel üben wollten, nach Magdeburg ein. Man hatte dort eine hübsche Frau namens Feie, die man demjenigen geben wollte, dem es gelang, sie durch Zucht und Tapferkeit zu gewinnen. (...) Die aus Goslar kamen mit in Decken gehüllten Pferden, die aus Braunschweig erschienen mit grünen Decken und grüner Kleidung, und die von anderen Städten trugen auch ihre besonderen Wappen und Farben.

Als sie vor die Stadt kamen, weigerten sie sich hineinzureiten, ohne vorher eine Lanze gebrochen zu haben. Dies geschah auch. Zwei Konstablen zogen vor die Stadt, stellten sich ihnen entgegen und empfingen sie mit ihren Lanzen. In der Zwischenzeit war der Gral (die Arena) auf der Marsch vorbereitet; man hatte dort viele Zelte und Hütten aufgebaut. An einem Baum auf dieser Marsch hingen die Schilde aller Konstablen, die im Gral waren.

Am nächsten Morgen, nachdem die Gäste die Messe gehört und gegessen hatten, zogen sie vor den Gral und betrachteten ihn. Jeder Gast durfte an einen Schild schlagen. Der Jüngling, dem dieser Schild gehörte, trat hervor, um mit ihm zu kämpfen.; so geschah es bei allen. Schließlich war es ein alter Kaufmann aus Goslar, der Frau Feie gewann. Er führte sie mit sich fort, verheiratete sie und stattete sie so reichlich aus, dass sie von ihrem wilden Lebenswandel abließ. (Engel/Jacob, S. 218)

 

Bürgerliche Werte halten hier offensichtlich gerade so weit, bis der Reichtum für adelige Verhaltensweisen vorhanden ist. Dass das alles eher substanzlos ist, ist um 1280 wohl schon kein Problem mehr, ist doch der Adel selbst dabei, sich immer mehr in solches Amüsierverhalten aufzulösen, wo er sich das noch leisten kann. Dass Gral, Artusrunde und ähnliches im Bürgertum angekommen sind, zeigt, wie sehr sie zu jener Art von Unterhaltungsliteratur geworden sind, welche recht sinnentleert konsumiert wird. Und die morgendliche Pflichtübung der Messe zeigt, dass das Kirchenchristentum zu einem leeren Ritual geworden ist, einem Teil bürgerlicher Lebensformen, der ebenso bedeutsam und bedeutungslos ist wie ritterliche Rituale.

Dass man als Preis des Turniers eine attraktive Prostituierte auswählte, zeigt, wie fest Prostitution in den Städten etabliert und für unverheiratete junge Männer geradezu als Ventil anerkannt war, um die Bürgermädchen zu schützen. Was der alte Kaufmann aus Goslar mit ihr trieb, verschweigt des Sängers Höflichkeit. Bemerkenswert ist, dass es ihm gelingt, sie ehrbar zu verheiraten, was sicher auch an der "Mitgift" für sie liegt.

 

Turnierverbote hatten Päpste und Kirchen unentwegt ausgesprochen, allerdings fast ohne jede Wirkung. Turnierverbote der Städte für ihre Bürger wie für Nürnberger 1362 sind vorübergehend geringfügig erfolgreicher (um des allgemeinen Friedens willen), Aber für 1446 wird aus Nürnberg sogar berichtet, dass Gesellen ein Stechen veranstalteten, bei dem einer der 44 Beteiligten sogar zu Tode kam.

Jagd und Turnier gehen im Französischen in den Begriff Sport ein (desportes) und der gelangt von dort nach England. Die Jagd war in der Regel den Bürgern untersagt, ansonsten konnten sie sich beteiligen: Sport und Spaß sind Gratifikationen für die Mühen der Kapitalverwertung, die man den Leuten nicht nehmen konnte, bis die Reformation und besonders die englischen Puritaner härter durchgriffen.

 

Zur Nachahmung hinzu kommt in Einzelfällen der Versuch des Aufstiegs in adelige Kreise, besonders dort, wo es gelingt, bürgerliche Töchter dank reichlicher Mitgift und durch Geschenke durch Einheirat in die untersten Kreise des Adels aufsteigen zu lassen.

 

Viele zu Reichtum gelangte Bürger investierten aber nicht zuletzt auch in ihr Seelenheil, wie es beim Adel schon lange üblich war. Eine winzige bürgerliche Oberschicht fand auch Zugang zu den vom Adel dominierten Klöstern, wo man unter anderem Töchter abladen konnte, die nicht gewinnbringend zu verheiraten waren und die nun regulär auch für das Heil ihrer Familie beten konnten. Um 1180 schaffen es breitere bürgerliche Schichten in Köln, genug zusammen zu bekommen, um ein Frauenkloster zu stiften, welches für ihre Kreise offen war, das Makkabäerkloster.

Inzwischen beteiligen sich Bürger auch stärker am Bau von Kirchen und an deren dekorativer Ausgestaltung. In einzelnen eklatanten Fällen wird sogar testamentarisch die Spende des größten Teils des erwirtschafteten Vermögens an Kirchen und Klöster bestimmt.

 

Der Reliquienkult war von einer aristokratischen Kirche und ebensolchen Klöstern auch für die breite Schar der Laien konzipiert worden. Der Besitz besonders wirksamer Reliquien führte zu den Geschäften, die Kirche und Klöster damit machten: Spenden gegen Seelenheil. Vom Pilgerwesen profitierten aber von Anfang an auch Handwerk und Handel.

Das „Entdecken“ und der Handel mit Reliquien wird bald zu einer Spezialität wenig kirchlicher Leute, die entdeckten, dass man auch auf diese Weise Geld verdienen kann. Für bürgerlich gestiftete Kirchen und Klöster beteiligen sich nun auch Bürger an der Jagd nach Reliquien.

 

Bürger nehmen damit der Kirche einen Teil ihrer Rolle als größter Bauherr der Stadt ab, so wie sie in das Fast-Monopol des Adels und der adeligen Kirche auf Grund und Boden eingreifen. Die andere wichtige Rolle der Kirche seit der Antike war die Armenfürsorge. Sobald ein städtisches Bürgertum finanziell dazu in der Lage ist, beteiligt es sich daran nicht mehr nur mit Spenden an die Kirche, sondern mit eigenen Einrichtungen. Etwa um 1180 beginnen in Köln auch rein bürgerliche Stiftungen von Hospitälern für Arme und Kranke, etwas, was dann in immer mehr Städten üblich wird.

 

Joachim Schneider spricht davon, dass "die herrschaftliche Adelskultur die Leitkultur bildete, die eine große Faszination ausstrahlte." (in: Konsumentenstadt, S.129). Abgesehen von dem üblich unklaren Kulturbegriff, der eigentlich Lebensformen und Freizeitverhalten meint, lässt sich davon immerhin festhalten, dass der frühe Kapitalismus des Mittelalters alle weltlichen Gruppen und selbst die Prälaten und Äbte in dem Maße erfasst, in dem sie Zugang zu Kapital haben, und dass sie, so das der Fall ist, adeligem Wohnen, Kleiden und Amüsierverhalten nacheifern, soweit es ihnen erlaubt wird. Anders gesagt, kleinbürgerliche Lebensformen und Freizeit-Unterhaltung ist davon soweit ausgenommen, wie es an Mitteln fehlt und notwendige Sparsamkeit bzw. Luxusgesetze und ähnliches sie einschränkt.

 

In den bürgerlicher geprägten Städten kommt es zu einer Verweltlichung im Namen der Religion. Neben die vom Adel geprägten kirchlichen und klösterlichen Einrichtungen treten „christliche“ Einrichtungen eines Bürgertums, welches christliche Vorstellungen teils in Ehrbarkeitsvorstellungen aufhebt, die mit dem evangelischen Christentum in extremem Widerspruch stehen, sie teils örtlich und zeitlich massiv vom Geschäftsgebaren trennt und so Bekenntnis und Alltag in eigentlich sich widersprechenden Abteilungen aufhebt.

 

Die geringe Christianisierung, was die schwer verdaulichen und den meisten fast völlig unbekannten paulinischen und evangelischen Texte betrifft, wird also nur in Ketzertum und ihm verdächtig nahestehenden Frömmigkeitsbewegungen intensiviert. Zugleich wird nicht nur eine Verweltlichung der Trägerschaft ursprünglich kirchlicher Einrichtungen wahrnehmbar, sondern auch eine solche, die sich in Kirchenkritik als Kritik am oft wenig frommen Klerus entlädt. Dazu ist zu vermuten, dass in Randgruppen, bei Armen und Vagabunden Christianisierung zum Teil kaum ankommt; jedenfalls sind erste Anzeichen wenigstens nun endlich überliefert, die belegen, dass es auch Skepsis oder Ablehnung gegen kirchlich-christliche Doktrinen gab. Naturgemäß lässt sich in einer Zeit, in der Christentum Pflicht war, wenig darüber in Erfahrung bringen.

 

Hadlaub in der Manessehandschrift

Um 1300, also in der Spätzeit der Entdeckung eines neuen lyrischen Ichs im christlichen Abendland, eines sensibilisierten gefühlvollen Individuums, kam es zur Sammlung dieser Dichtkunst in einer Handschrift, die zudem mit vielen Illustrationen "illuminiert" wurde.

Unser Hadlaub, um den es hier geht, ist ein später "Minne"sänger, einer der kunstvollsten im deutschsprachigen Raum, und ihm ist eine ganz besondere Buchmalerei gewidmet: Sie illustriert untereinander die Anfänge der ersten zwei Lieder, die in dieser Handschrift aufgeschrieben sind.

Es handelt sich um Lieder, die gesungen wurden, aber leider überliefert die Handschrift nicht die Musik, wie es zum Beispiel Handschriften der Trobador-Lyrik aus dem okzitanischen Raum zwischen Katalonien und Nordwest-Italien tun.

 

Das Bild ist zweigeteilt, da es von zwei Liedern erzählt, aber es ist zugleich in eine Einheit gestellt durch die Kirche rechts, in die die Dame unten auf den ersten Blick hineinzugehen im Begriff scheint, während das Gebäude im oberen Bild mit dem Kirchturm den rechten Bildrand ausfüllt.

 

Hadlaub ist wohl eine Art kritischer Spätvollender der neuen lyrischen Form, vielleicht auch deshalb hat Gottfried Keller ihm eine ganze Erzählung gewidmet. Mit Hadlaub gewinnt diese neue Lyrik ein neues Format, sie bekommt balladesk- erzählende Momente und sie enthält Brüche. Die Zeit des Minnesangs und des fin amor geht ihrem Ende entgegen.

 

Das besondere an der Buchmalerei zu den Hadlaub-Liedern ist, dass sie etwas davon wiederspiegelt. Nicht nur erzählen die beiden Bilder das, was im Lied "erzählt" wird, anders zumindest als die meisten Illuminationen der Handschrift, sondern sie enthalten noch ein ausuferndes erzählerisches Moment, den Mann nämlich, der scheinbar beziehungslos zu beiden Szenen und den Liedern die Kirchturm-Glocke läutet.

 

Ich bleibe zunächst bei dem, was für das nicht sonderlich mit Kenntnissen bewaffnete Auge unmittelbar erkennbar ist. Im unteren Bild wendet eine frühgotisch gekleidete Dame mit gotischem Schwung ihren Körper dem geöffneten Eingang der Kirche zu, während ihr Kopf sich mit dem Gesicht zurückwendet, wobei der überlange Hals dem damaligen weiblichen Schönheitsideal entspricht, die Körper werden auch dadurch länger, schlanker, eleganter. Die machtvoll gedrungenen romanischen Körperformen weichen solchen, die verletzlicher, empfindsamer werden.

 

Ihr Blick gilt dem zu ihr hin gebückten und sich auch durch die Beugung der Knie vor ihr verneigenden Mann hinter ihr, der durch Stab, Hut und Brotbeutel als Pilger ausgestattet ist. Sie trägt ein Hündchen in ihrem einen Arm, er hält ihr mit einer Hand ein vermutlich beschriftetes Papier entgegen. Ebenso emblematisch wie der Hund als Symbol unbedingter Treue ist das Wappen auf der anderen Seite, der Kontrapunkt auch zur Kirche, denn es lässt sich wohl als Teufel deuten.

 

Damit ist die Begegnung zwischen der Dame beim Kirchgang und dem als Pilger verkleideten fahrenden Sänger (und um ihn handelt es sich) aber noch keineswegs aufgeklärt. Dazu werde ich auf den betreffenden Liedtext eingehen.

 

Im oberen Bild fehlt diese extreme emblematische Polarität, der zeichenhaft dargestellte Widerspruch, vielmehr geben sich der durch seinen Aufzug als Spielmann erklärte Sänger und die Dame hier die Hand. Das aber geschieht offenbar gegen den Willen der Dame, deren Schoßhund hier ihre innere Haltung demonstriert: Er beißt den Sänger in die Hand. Das lässt die Vermutung zu, dass der Hund im unteren Bild, so wie er dargestellt wird, den Pilger-Sänger anbellt. Die Schönheit der (hohen) Minne als Kunstform wird drastisch durchbrochen.

 

Zur Erzählung im oberen Bild gehört aber noch mehr: Jeweils zwei Personen hinter dem eigenartigen Paar scheinen jeweils Mann bzw. Frau zu unterstützen und gar in das Geschehen einzugreifen. Zudem lassen sich aus dem Bild drei hintereinander gelagerte Vorgänge erschließen: Der Sänger wird angesichts der verehrten/begehrten Dame ohnmächtig, diese wird offenbar darauf veranlasst, ihm die Hand zu geben, worauf der Hund den Sänger in die Hand beißt.

 

Ferne, fremde Welt, diese Welt unserer Vorfahren von vor 700- 800 Jahren, und sie erscheint noch ferner und fremder, auf den ersten Blick noch unerklärlicher, wenn wir die beiden zugrundeliegenden Liedtexte zur Hand nehmen.

Aber damals entstehen Grundlagen, Wurzeln dessen, wer wir heute sind, und wir zehren immer noch ein wenig von ihnen, auch wenn wir uns kaum noch mit ihnen auseinandersetzen.

 

Um den Ton des mittelhochdeutschen Liedes ein wenig ins Gefühl zu bekommen, hier die ersten vier Zeilen im Original:

 

 

Ach mir was lange / nâch ir sô wê gesîn: / dâ von dâchte ich vil ange / daz ir daz würde schîn

 

Und nun ein Übersetzungsversuch ins Neuhochdeutsche: Ach, mir war lange / nach ihr so weh gewesen: / Darum war ich sehr darauf bedacht, / dass sie das merken sollte.

Ich nahm mir ihre Beachtung / im Gewand eines Pilgers / so heimlich, wie es ging / als sie aus der Mette kam.

Ich hatte voll Sehnsuchtsklagen / einen Brief, an dem ein Haken war. / Den hing ich an ihr Gewand vor Anbruch des Tages / so dass sie es nicht bemerkte.

Mir deuchte, sie dachte: / „Ist das ein Verrückter? / Was wollte er in meiner Nähe, / etwa um mich anzufassen?“

Sie fürchtete sich sehr, / meine Herrin wunderschön. / Doch schwieg sie um ihrer Ehre willen. / Ganz schnell entkam sie mir.

Ich hatte mich geeilt bei ihr, / damit sie bald nach Hause käme, / dass niemand den Brief an ihr sah. / Ungesehen brachte sie ihn heim.

Was sie da mit ihm machte / wurde mir nicht gesagt /ob sie ihn fortwarf oder behielt. / Das tut meiner Liebe weh.

Las sie ihn mit ganzem Sinn / so fand sie Seligkeit, / tiefe Rede von Minne / welche Not ich im Herzen tragen.

Sie tat aber nicht so, / als hätte sie je von meiner Not erfahren. / Oh weh, Frau, reine, liebenswerte, / du verwundest mich sehr.

 

Die physische Konstitution von Menschen ist seit vielen Jahrzehntausenden in etwa die gleiche geblieben, ihre Persönlichkeitsstrukturen haben sich aber in dieser Zeit immer wieder verändert. Die zweihundert Jahre neue, christlich-abendländische Lyrik ist Ausdruck eines solchen Veränderungsprozesses, dessen Spuren in uns immer noch mehr oder weniger nachleben.

 

Solche Lieder wie das obige wurden zwischen 1100 und 1300 von zum Teil fahrenden Sängern an Höfen vorgetragen, in der Hoffnung auf Anerkennung und Geschenke. Der erste bekannte Trobador, Wilhelm von Aquitanien, war ein Hochadeliger, Walter von der Vogelweide kam vermutlich aus niedereren Kreisen und bekam am Ende als Lohn ein Lehen ab, unser Hadlaub war wahrscheinlich ein Züricher Bürgerssohn.

  

Der „Hof“, die curia, von dem vor einiger Zeit der Ausdruck "höfische" Kultur abgeleitet wurde, war ursprünglich ein oft aus Holz gebauter Gutshof, der so hieß, weil er von hölzernen Palisaden umgeben war. Um die erste Jahrtausendwende unserer Zeitrechnung begann dann der Burgenbau aus Stein, der in deutschen Landen erst im 12. Jahrhundert häufiger wird: Ein Großteil der Produktion, die ursprünglich im Gutshof angesiedelt war, wurde aus dem Hof, der jetzt eine Burg ist, ausgelagert, dafür wurden dort Krieger untergebracht.

 

Solche festen Wohnstätten, nach denen sich später Adelige benannten, wurden einmal möglich, weil der Herr mehrerer Gutshöfe dafür sorgte, dass sie alle in der Nähe zueinander lagen, so dass er nicht mehr ständig von einem Hof zum anderen reisen musste, und zum anderen dadurch, dass für Errichtung und Versorgung genügend vom Herrn abhängige Arbeitskräfte zur Verfügung standen. Schließlich wurden Produktion und Konsum für die Herren stärker voneinander getrennt. Dabei verschwindet die frühmittelalterliche Grundherrschaft zunehmend, und damit die Einteilung in den Fronhof (villa/curia) des Herrn mit seinen ihm (ge)hörigen dort Arbeitenden und den frühen "Bauern" auf ihren dem Herrn gehörenden Hufen/Mansen, die zu Diensten und Abgaben verpflichtet waren.

 

"Höfische" Wohnsitze im neueren Wortsinn werden die festen Häuser (im alten deutsch: hus/stein) durch den zunehmenden Wohlstand und eine damit zusammenhängende verfeinerte Lebensweise. Aber davon später mehr.

Unser Lied beschreibt einen liebenden, der Minne dienenden Mann, der sich nach langer Zeit traut, sich seiner von ihm verehrten und begehrten Frau zu nähern, und zwar dort, wo sie regelmäßig und auch alleine auftaucht, nämlich beim Kirchgang. Mit seinem ihr heimlich zugesteckten Brief will er ihr seine Liebe gestehen, in der Hoffnung, dass sie ihn erhört.

 

Die frouwe des Liedes leitet sich von dem altdeutschen Namen für Herr ab, sie ist also hier eine Herrin. Wenn sie als "Weib" (wîp) benannt würde, wie es zum Beispiel Walter von der Vogelweide manchmal tut, hätte das in etwa die Bedeutung, die heute das Wort Frau hat (sie wäre "irgendeine" Frau).

Herr konnte man nicht ohne Knecht sein, ein Knecht war in der Regel jung, übte deshalb eine dienende Rolle aus und und war ursprünglich wehrhaft, d.h. auch bewaffnet. Der Knecht, aus dem sich der englische knight entwickelte, der Ritter also, war im deutschen Sprachraum ein Knabe, mittelhochdeutsch auch knappe, manchmal der Lehrling für den Ritterberuf, das professionelle Kriegerdasein, in Okzitanien war er der escudier oder donzel, der dem "Ritter" unmittelbar zu Diensten stand.

 

Dass Bauern „Knechte“ haben, kommt erst später mit der bäuerlichen Landwirtschaft, und es meint zunächst auch den unverheirateten jungen Mann, der (noch) kein produktives Eigentum hat, also nichts, was ihm eigenständige Produktion ermöglichte.

 

Herrin ist diese frouwe also in einem doppelten Sinne: Sie hat einmal Knaben und Mägde (Mädchen) unter sich und zudem hat sie im Kontext des Liedes einen, der sich aus eigenem Antrieb in ihren Dienst gestellt hat: Den, der es sich zum Lebensunterhalt oder zum Vergnügen zur Aufgabe gemacht hat, (unter anderem) von Liebe zu singen, der Minnesänger oder, okzitanisch, trobador. Dieser, auf mittelfranzösisch auch troubadour, ist einer, der etwas findet (neufranzösisch: trouver), und was er findet, ist das, was er erfindet: seine Texte und die dazugehörige Musik.