DIE STADT 7: 1350-1500 (in Arbeit)

 

 

Stadtbild

Die Stadt als Festung

Stadt und Umland

Patriziat: Verachtung nach unten

Unternehmerisches Kapital und Bürgerliche Mittelschicht

Unterschicht: Proletariat (Gesellen / Dienstboten / Kriminalität / Prostitution /Bettelwesen)

Stadtgemeinde in deutschen Landen (Politisierte Zünfte / Verfassung / Finanzen / Wirtschaftspolitik/  Recht / Schulwesen)

Die Hanse

Lübeck

Köln

Süddeutschland (Nürnberg)

 

England

Frankreich

Niederlande

Spanien

 

 

 

Die Krise des 14. Jahrhunderts ist wie viele Krisen seitdem schlimm für viele Menschen, aber gut für das weitere Aufblühen des Kapitalismus. In nicht wenigen Städten führt sie zu einem erheblichen Bevölkerungsschwund, der dann nach und nach wieder vom Land her aufgefüllt wird. Englische und deutsche Städte marschieren dann in eine zweite Blütezeit von Handel und Gewerbe. In deutschen Landen steht dafür zum Beispiel der Aufstieg von Köln, Lübeck und Nürnberg..

Die große Zeit der Stadtgründungen ist aber vorbei, nachdem schon in der letzten Zeit hauptsächlich Städte neu entstehen, die klein bleiben. Nach 1450 finden dann überhaupt kaum noch Städtegründungen statt. In Mitteleuropa leben am Ende um 1500 gut zwanzig Prozent der Menschen in Städten, davon viele in solchen Kleinstädten, die weit mehr unter herrschaftlicher Aufsicht stehen und denen viele der Einrichtungen größerer Städte fehlen. Sie machen über 90% aller deutschen Städte aus. Wenn gemeinhin heute von mittelalterlichen Städten die Rede ist, sind oft die größeren unter ihnen gemeint, solche wie Nördlingen mit 5000 Einwohnern oder wie Nürnberg, das es am Ende des 15. Jahrhunderts auf etwa 30 000 bringt..

Der Abstand von Orten mit Stadtrecht von einander beträgt nun meist deutlich weniger als eine Tagereise. Große Teile Europas sind in diesem Sinne "verstädtert", die großen Städte kontrollieren beträchtliche Teile des Landes und sind ein wichtiger Machtfaktor.

Dabei gehört für manchmal fast 20% der Bewohner größerer Städte immer noch Landwirtschaft zur Existenzgrundlage, und das meint mehr als das Halten eines Schweines oder einer Ziege und von Hühnern in der Stadt. Ein beträchtlicher Teil städtischer Ratsbeschlüsse ist immer noch mit der Regelung von Landwirtschaft befasst (Isenmann, S.22).

 

Der Zuzug vom Lande geht weiter und nimmt eher noch zu, wobei es häufiger nun die Wohlhabenderen sind, die in die Städte ziehen. Umgekehrt beginnen die ersten reich gewordenen Bürger wieder aufs Land zu ziehen und ihr Geld dort zu investieren. Handwerker ziehen von Stadt zu Stadt auf der Suche nach günstigen Bedingungen. Deutsche Handwerker beginnen gegen Ende des 14. Jahrhunderts sogar, sich in Rom, Venedig und Florenz niederzulassen. Handwerker vom Fach sind manchmal hochbegehrt.

 

Das späte Mittelalter ist zunächst die Blütezeit der Ratsverfassung, ob nun als patrizische oder unter Einschluss der Zünfte bzw. als solche einer Zunftregierung unter Einschluss des Patriziats. Dabei ist die zunehmend engere Verbindung einzelner Häuser des Großkapitals mit Königen und Fürsten, die beiderseitig gepflegt wird. Dabei werden Privilegien und Vorzugsbehandlungen gegen großzügige Geschenke verteilt, die damals noch nicht offiziell als Bestechung deklariert sind, Da in diesem Sinne Korruption schon durch das ganze Mittelalter der Normalfall ist, wird sie nicht als solche bezeichnet.

Zugleich "verbürgerlichen" Teile der königlichen Verwaltung und bald dann auch die "fortschrittlicher" Fürsten, die mit Vorliebe Juristen und andere Experten aus dem vorwiegend großbürgerlichen Milieu heranziehen. Zu diesem Zweck dienen auch vor allem die neuen deutschen Universitäten.

 

Immer von gewalttätigem Adel, Fürsten und manchmal auch von Königen bedroht, kommt es in den siebzigern und achtziger Jahren des 14. Jahrhunderts erst zu einem schwäbischen und dann einem rheinischen Städtebund, diem sich schnell miteinander verbünden. Es geht um jenen Frieden, der Sicherheit für Kapitalverwertung bietet, und den abwechselnd alle drei Gruppen bedrohen. Dazu verbünden sich die städtischen Oberschichten zu gegenseitiger Hilfe bei Aufständen und Revolten, die ihre politische Monopolstellung bedrohen. Es kommt zum sogenannten Städtekrieg, in dem 1388 die Grafen von Württemberg bei Döffingen und Ruprecht von der Pfalz bei Worms die Städte besiegen. Im Reichslandfrieden von Eger im folgenden Jahr müssen sie die Auflösung der Bünde hinnehmen.

Ein neuer schwäbischer Bund der Reichsstädte verfolgt zunächst bescheidenere Ziele und lässt sich auch nicht für König Sigmunds Reichsreformpläne einspannen. Mitte des 15. Jahrhunderts kommt es zu einem zweiten Städtekrieg, aber danach zerfällt die Städtepolitik in nicht mehr vereinbare Einzelinteressen. Die große Zeit mittelalterlicher Städte ist vorbei.

 

Dabei sind die Reichsstädte und freien Städte des späten deutschen Mittelalters sowie die italienischen Stadtstaaten ein Sonderfall der mittelalterlich-europäischen Geschichte. Städtische Autonomie in Flandern und den Niederlandern schwindet mit ihrer Integration in das burgundische Großreich und anderswo wird sie wie in dem französischen und den spanischen Königreich von den Herrschern erstickt.

 

Spätes Mittelalter und frühe Neuzeit gehen ineinander über und lassen sich kaum voneinander trennen. Einer der Wendepunkte ist der Rückgang der freien bzw. Reichsstädte und die zunehmende Aushöhlung städtischer Autonomie und ihre Unterwerfung unter den landesherrlichen Stadtherrn deutscher Lande. Er  "bürdet ihr wachsende Steuerlasten auf und integriert sie in den territorialen Verwaltungsaufbau und in das entstehende territoriale Wirtschaftssystem. Freie Städte, Reichsstädte und bedeutende hansische Städte, deren Autonomie am entschiedensten ausgebildet ist, werden zu einem Teil mediatisiert und landsässig oder geraten, in eine isolierte Insellage gedrängt, gegenüber den sie umgebenden Territorien in politische und wirtschaftliche Bedrängnis." (Isenmann, S.26)

 

Die Städte in den deutschen Fürstentümern sind für ihre fürstlichen Herren zuallererst Einnahmequelle und daneben Festungen zum Ausbau ihrer Territorien. Mit zunehmender Verwaltung meinen diese Fürsten, sie im 15. Jahrhundert direkter regieren zu können. In Brandenburg verbünden sich schon im 15. Jahrhundert die Kurfürsten Friedrich II. und Johann mit dem Adel gegen die Städte, um die Territorialisierung voranzutreiben. 1432 schließen sich Berlin und Cölln zu einer Gemeinde zusammen. Es kommt zu Konflikten zwischen Zünften und Rat. 1442 nutzt Kurfürst Friedrich das aus, um die Gesamtstadt wieder zu teilen, ihre Autonomie einzuschränken und ihr die Bündnisfähigkeit abzusprechen. 1488 nutzt Kurfürst Johann Unruhen in brandenburgischen Städten, um ihnen die Gerichtsbarkeit und das Münzrecht zu entziehen und den Rat seiner Kontrolle zu unterwerfen. 

Im 16. Jahrhundert ist es dann bei den Städten unter deutschen Fürsten mit der Autonomie zunehmend vorbei, sowie auch bei vielen süddeutschen Reichsstädten. Selbstverwaltung liegt nicht mehr im Interesse des größeren Kapitals, nachdem dieses seine Förderer vor allem in fürstlichen Kreisen sieht.

 

Die neuzeitliche Stadt ist dann meist, wie schon viel früher in Frankreich und Kastilien, integraler Teil von Flächenstaaten und Teil ihres Untertanenverbundes.

 

 

Stadtbild

 

Das heute einigen noch vertraute Bild eines mittelalterlichen Stadtensembles, soweit noch erhalten und natürlich durch Restaurierung überformt, entstammt dem spätesten Mittelalter bzw. der frühen Neuzeit. Älter sind nur manche Stadtmauern, einige Kirchen und burgartige Gemäuer, manchmal der Plan einzelner enger Gassen und die Plätze von Märkten.

Die großen Altstädte des heutigen Restdeutschland sind fast alle im Bombenhagel der Siegermächte bewusst in Schutt und Asche gelegt worden, um die deutsche Geschichte sichtbar zu vernichten, etwas, was Hitler schon in Südengland vormachte. Aber auch an stärker erhaltenen kleinen wie Rothenburg oder Dinkelsbühl lässt sich natürlich spätmittelalterliches bzw. frühzeitliches Leben nicht auf den ersten Blick erkennen. Der Blick des Reisenden des 15. Jahrhunderts ist auch nur eingeschränkt nützlich und nimmt gelegentlich bereits die oberflächliche Naivität des modernen Touristen vorweg. Ein Beispiel liefert die Schwärmerei des Enea Silvio Piccolomini, damals Kardinal von Siena, in seiner 'Germania':

 

Was für einen Anblick bietet diese Stadt! Welcher Glanz, welch liebliche Lage, welche Schönheiten, welche Kultur, welch vortreffliches Regiment! Was könnte man an ihr vermissen, was sie zu einer in jeder Beziehung vollkommenen Bürgergemeinde macht? Wenn man aus Unterfranken kommt und von Ferne die Stadt sieht, welche Großartigkeit, welche Schönheit bietet sich da schon dem Blick von außen! Und im Innern dann, welche Sauberkeit der Straßen, welche Eleganz der Häuser! Was gibt es Herrlicheres als die Kirche des hl. Sebaldus, was Prächtigeres als die Kirche des hl. Laurentius, was Stolzeres und Festeres als die Königsburg, was Bewundernswerteres als den Graben und die Stadtmauern! Wie viele Bürgerhäuser kann man dort finden, die für Könige geeignet werden! (Übersetzung A. Schmidt, in: Isenmann, S.17)

 

Was fast wie der Werbeprospekt einer modernen Tourismusbehörde klingt, ist immerhin vom Kenner der Schönheit toskanischer Städte des 15. Jahrhunderts geschrieben, die damals auf den ersten Blick wie Florenz oder Siena - viel moderner wirkten. Es ist der Blick eines Machthabers auf eine mächtige Stadt, und insofern ähnlich dem heutiger Touristen, die sich in aller Regel mit den Monumenten der Mächtigen und mit diesen selbst identifizieren.

Das Bild ist ungeniert die Wirklichkeit verfälschend, die gar nicht gesucht wird, denn sogenannte "Humanisten" wie dieser Piccolomini sind Meister im Idealisieren. Es fehlt die große Masse der Armen, die in Kellerlöchern und Einzimmerwohnungen wohnen, und der Bettler auf den Straßen, es fehlt die produktiv arbeitende Mehrheit der Bevölkerung, die in der vollkommenen Bürgergemeinde politisch rechtlos und einer kleinen Clique von Patriziern unterworfen sind, sich standesmäßig immer mehr abschließendem und sich aristokratisch gebendem Großkapital.

 

Das Wachstum der städtischen Bevölkerung durch Zuzug führt gelegentlich zur Zusammenlegung mehrerer benachbarter "Städte" zu einer Stadt mit einem Rat, einem Rathaus und Gericht an einem zentralen Markt wie dem in der Mitte von Rostock, wodurch die Gesamtstadt zu einem gemeinsamen Rechtsraum mit einer gemeinsamen Mauer wird. Duderstadt platzt offensichtlich 1436 aus allen Nähten, die enge Bebauung fördert Feuersbrünste, und so erlaubt ihr Mainzer Herr die Vereinigung mit der Neustadt und den Bau neuer Befestigungen um den Gesamtkomplex.

Städte wachsen, aber nicht mehr ihre Zahl. Und oft sind auch Altstadt, Neustadt und Vorstadt weiter getrennt. Selbst dort sind wiederum Klöster und Stifte als immune Bezirke separiert und mit eigenem Recht versehen. Überhaupt werden Klerus und Mönche gar nicht zur Stadtgemeinde gezählt, in der sie "exemt" sind, ausgenommen, eben keine Bürger der Stadt. Sichtbar wird das an den Mauern, die Bischofsstadt mit Domherren und den Bediensteten, Stifts- und Klosterbezirke abtrennen.

 

Zentrum der Stadt wird schon im hohen Mittelalter der einzige oder wichtigste Markt wie der Hauptmarkt in Trier. Über die Stadt verteilen sich dann andere Märkte, Viehmärkte, Fleischmärkte, Kornmärkte und andere wie beispielsweise in Trier. Nahe beim Hauptmarkt sind im späten Mittelalter das Rathaus, die Waage, der Pranger, die Stadtapotheke, oft zumindest ein zentrales Kaufhaus, und die immer aufwendigeren Häuser der mächtigen Oberschicht, die sich an manchen Orten als Patriziat, eine Art Stadtadel, ständisch abschotten.

In den besseren Gegenden liegen Gilde- und Zunfthäuser, Trinkstuben der Patriziergesellschaften und der übrigen Kaufleute-Gesellschaften, zudem städtische Tanz-, Trink-, Hochzeits- und Festhäuser wie der Mitte des 15. Jahrhunderts erbaute Kölner Gürzenich.

 

Vom Markt führen die Hauptstraßen zu den Toren, wobei mit größerer Entfernung und in besonders in Seitengassen das "Volk" lebt, die einfachen und ärmeren Leute und die geringschätzig behandelten Arten von Handwerken.

 

Entfernter ist manchmal das Zeughaus, die Waffenkammer der Stadt, die Schule, sind Getreidespeicher. Über die Stadt verteilt sind das Spital, zunehmend in weltlicher Hand, Herbergen und Wirtshäuser, Badestuben und Bordell, das sogenannte Frauenhaus. Außerhalb sind der Galgen und der Richtblock, das Leprosenhaus. All das gilt vor allem für die wenigen größeren Städte.

 

Inzwischen wird es üblicher, wichtige Plätze, Märkte und einige Hauptstraßen mit Kieseln oder behauenen Straßen zu pflastern, angeleitet von der Stadtregierung und hauptsächlich von den Anliegern bezahlt. Bürgersteige fehlen, immerhin gibt es inzwischen manchmal Rinnsteine für den Abfluss von Wasser und Abwasser.

 

Zentrales Gebäude jeden Viertels ist auch die Pfarrkirche, inzwischen nach gotischer Mode gebaut oder umgebaut. Einfluss hat dort die städtische Oberschicht, die auch zunehmend den Bau und die Instandhaltung finanziert. Ähnlich wie schon zuvor in Italien werden manchmal gotische Domneubauten überwiegend - wie in Regensburg - vom Patriziat finanziert, welches die Kathedrale dann auch ein Stück weit als ihre eigene betrachtet.

Die Verbindung von größerem Kapital und Kirche wird auch in ihrer weltlichen Nutzung deutlich, wie die Lübecker Marienkirche zeigt: "Sie war Versammlungsort der bürgerlichen Gemeinde und des Rats. Über der Bürgermeisterkapelle im ersten Stock wurde das Ratssilber (-schatz) verwahrt. Die Kapelle selbst diente den Bürgermeistern als Versammlungsort. Im Ratsgestühl fand die feierliche Einsetzung der Ratsherren und der Bürgermeister statt., die vor dem Gestühl Bittschriften entgegennahmen und Verfügungen ausstellten. Der Chor diente zu Gerichtssitzungen, ferner zu Versammlungen von Testamentsvollstreckern und Gläubigern. Die an der Marktseite angebaute St-Annenkapelle wurde Briefkapelle genannt, weil hier öffentliche Schreiber Urkunden ausfertigten." (Isenmann, S.60)

 

Erst in der beginnenden Neuzeit werden Juden feste Areale zugewiesen, wie 1462 in Frankfurt an der alten Stadtmauer in der Judengasse mit Synagoge, Ritualbad und Schule. 1516 taucht das Wort Ghetto für ein Judenviertel in Venedig auf. Im Nordosten der deutschen Lande leben Slawen oft in eigenen, ärmlicheren "Kiezen" am Rande.

 

Im späten Mittelalter treten vereinzelt in Städten wie Lübeck Verordnungen auf, die Bauherrn aus Feuerschutzgründen zur zunehmenden Steinbauweise veranlassen, die Regel sind aber Fachwerkbauten in Skelettbauweise. Manchmal auf einer Mauerbasis sitzt der Balken als Schwelle, darauf Ständer für die Etage, die mit senkrechten, waagerechten und schrägen Hölzern verbunden werden. Etagen darüber besitzen zwei getrennte Balkenlagen, zwischen denen die Balken für die Geschossdecken aufliegen. Auf den oberen horizontalen Balken sitzen dann die Ständer für die nächsthöhere Etage. Diese Bauweise erlaubt das Vorkragen der oberen Stockwerke, welches nicht nur Raum gewinnen lässt, sondern auch die jeweils unteren Etagen vor Regenwasser schützt.

 

Unter dem Haus ragt der Keller bis unter die Straße und den Hinterhof. Bei vornehmen Patriziern ist dieser wiederum umbaut mit Laubenumgang, Galerien und Treppentürmchen. Hier gibt es Ställe, Warenlager, Badstube, Gesindewohnungen und manches mehr.

 

Bauweise und Nutzung unterscheiden sich in einen nord- und einen süddeutschen Typus. Im Norden stehen zum Beispiel die Ständer enger nebeneinander als im Süden. Im Dielenhaus des Nordens mit hohem Satteldach wird in der hohen und großen Diele gewohnt und gearbeitet, bis dann Wohnräume abgetrennt werden.

Im Süden wohnt man im Obergeschoss. "Außerdem ist der Grundriss zweigeteilt. Auf der einen Seite befindet sich der Hauseingang und der Durchgang zum Hof (...) mit der Treppe zum Obergeschoss.  auf der anderen Seite liegen im Erdgeschoss Werkstatt und Laden. Im Obergeschoss mit den Wohnräumen wird die Längsteilung durch eine Querteilung in einzelne Wohnbereiche überlagert." (Isenmann, S.51)

 

Eine Besonderheit sind Geschlechtertürme, die zum Teil schon im hohen Mittelalter und gleichzeitig mit denen in Bologna und San Gimignano entstanden und inzwischen den vornehmen Stand dieser städtischen Herren des Kapitals aufzeigen sollen. In Regensburg stehen sie neben den Türmen der Dependancen auswärtiger Bischöfe und sind zum Teil noch heute erhalten. Ihr Erdgeschoss nimmt eine Kapelle auf, während das Wohngebäude daneben steht. In den beiden Nürnberger Pfarrbezirken St.Sebald und St.Lorenz gibt es 1430 noch 65 Wohntürme neben 3.556 Wohnhäusern (Fuhrmann, S.105).

 

In den Gebäuden der Reichen nimmt im späten Mittelalter der Wohnkomfort zu. Stühle und Tische, Schränke und Bettgestelle füllen die Räume. Reiche Bürger besitzen für den Wohnbereich einen von der Küche beheizten Kachelofen, der allerdings alle 10-20 Jahre von Grund auf renoviert werden muss.

 

Der kapitalistische Reichtum führt, später als in der Nordhälfte Italiens, zudem zu großbürgerlichen Landsitzen, wie den Weiherhäuschen der Patrizier Nürnbergs und Rothenburgs. Aber die Mehrzahl der Städter wohnt ohnehin weniger vornehm, oft in mehrgeschossigen Mietshäusern, die in Regensburg und Köln schon mal mit bis zu acht Mietparteien belegt sind. Ärmlicher noch sind die Buden oder Gaden/Katen aus Brettern und Flechtwerk, in denen Ärmere zur Miete hausen. Solche bescheidensten Behausungen gibt es in den Städten meist mehr als feste Häuser. Wem es dann nicht gelingt, über der Erde zu hausen, wohnt in Kellerverschlägen zur Miete. Auch das sind wohl oft recht viele. Wer mehr Glück hat, schafft es wenigstens, irgendwo Untermieter zu sein, ein Status, der auf dem Weg in die Neuzeit immer mehr zunimmt.

 

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts, in der beginnenden Neuzeit, gibt es erste Ansätze eines kommunalen Wohnungsbaus zwecks Gewerbeansiedlung. Ab 1488 errichtet der Nürnberger Rat für schwäbische Barchentweber die Reihenhaussiedlung der "Sieben Zeilen". "Die Häuser enthielten einen Arbeitskeller, eine Werkstatt im Erdgeschoss und einen Wohnbereich im Obergeschoss. Je drei Häuser waren zu einer Zeile zusammengeschlossen." (Isenmann, S.54)

 

Die Stadt als Festung

 

Kriegführung, also Militärdienst ist schon im Mittelalter hohe Bürgerpflicht. Unübersehbar wird dabei das Monopol des Adels zum Waffenführen durchbrochen, dem sich schon die nichtadeligen Söldnertruppen seit dem 12. Jahrhundert entzogen hatten. Städte sind kriegführende Partei oder wenigstens Teil davon, und wenn sie Selbstverwaltung (Autonomie) erlangt haben, auch aus eigener Entscheidung.

Kriege werden wie bei Fürsten wesentlich durch die Finanzkraft möglich und zudem entschieden. Und da sie immer wiederkehren, fördern sie den Ausbau eines Finanzwesens. Zu den enormen Kosten in Friedenszeiten gehört der Bau, Ausbau und die Unterhaltung der Verteidigungsanlagen, auch wenn die Masse der Arbeitskraft durch die Wehrpflicht der männlichen Einwohner abgedeckt wird.

Diese Wehrpflicht umfasst auch die regulären Wachdienste auf Mauern und Türmen, aber vor allem auch die Kriegszüge der Städte und die Verteidigung im Angriffsfall.  Aber all diese Bereiche werden dann teilweise auch professionalisiert und besoldet. Zudem sind der Rat und teilweise seine Bediensteten, Ärzte und Apotheker ausgenommen, sowie natürlich Klerus und Adel. Zudem haben die Juden schon im 13. Jahrhundert das Recht zum Waffentragen verloren.

 

Die Einteilung des Bürgerheeres orientiert sich wie in Italien zunächst an Stadtvierteln, Pfarreien oder ähnlichem.

Unübersehbar ist, dass die Handwerkerschaft schon rein zahlenmäßig das Gros der Verteidiger einer Stadt stellen. Dementsprechend sind die Zünfte bald oft die elementaren Einheiten der Bürger unter Waffen und das heißt nichts anderes, als dass sie in die Machtstrukturen ein- und untergeordnet werden.

Dementsprechend heißt es in einer Verordnung des Augsburger Stadtrates von 1360: In gleicher Weise soll man auch alle Handwerke hier in der Stadt nach Weisung des Rates aufteilen, wenn wir künftig in den Krieg ziehen wollten, und zwar so, dass ein Teil eines jeden Handwerks hier bleiben soll, wenn der andere die Stadt verlässt. (Engel/Jacob, S. 333)

 

Und so beschließt der Rat von Köln 1397: Ferner soll jeglicher Meister und Bruder dieser Zunft (der Kistenmacher) seinen Harnisch besitzen, nach seinem Vermögen... Für die Leineweber heißt es: Ein Meister der Stadt, der der Zunft drei Jahre gedient hat und vier Webstühle betreiben wolle, der soll vom vierten Webstuhl einen Harnisch unterhalten zum Nutzen der Stadt. (Engel/Jacob, S. 289/90).

 

Die Meister haben die Pflicht, ihre Wehrhaftigkeit gegenseitig zu kontrollieren.  1483 heißt es für Straßburg: Unsere Herren Meister, der Rat und die Einundzwanzig haben beschlossen, dass die Meister aller Handwerke zu Straßburg, jede Meisterschaft in ihrem Handwerk, von Haus zu Haus gehen und bei allen ihren Mitgliedern Ausrüstung, Geschütze und Gewehre besichtigen, auf dass sie alle gleichmäßig gerüstet seien und jeder besitze, was er besitzen soll. (Engel/Jacob, S. 335)

 

Immer häufiger tauchen in Städten Schützengilden mit Armbrust und Handfeuerwaffen auf, die regelmäßige Schießübungen abhalten und Schützenfeste mit Preisschießen veranstalten. Daraus entwickeln Räte von Städten städtische Schützenkorps, die neben ihrer Arbeit in der Freizeit trainieren. Als kleines stehendes Freizeitheer, welches für Einsätze bereits Sold erhält, dient es als Schutztruppe des Rates zur Aufrechterhaltung von "Ruhe und Ordnung", also der Ratsmacht, und als geschlossenes Corps im Kriegsfall. Hauptleute sind Patrizier oder voll professionelle Söldner.

 

Wohlhabendere Städte wie die Reichsstadt Lübeck verlassen sich nicht nur auf Bürgerwehr und landesherrlichen Schutz (hier im Auftrag des Königs), sondern bezahlen mit ihren Abgaben auch den Schutz durch jeweilige Landesherren mit und halten im Falle von Lübeck über 30 gepanzerte Pferde vor, Söldner, Geschütze und Armbrüste. Darüber hinaus finanziert diese Stadt wie auch andere Berittene, die den Convoys von Kaufleuten wie hier zwischen Hamburg und Lübeck schützen, und im Kriegsfall von Hansestädten auch schon mal hundert Soldaten.

 

Überhaupt nimmt im Bereich städtischer Fußsoldaten wie schon früher in Italien das Söldnerwesen zu. Anführer von Söldnertruppen sind gelegentlich wie in Italien und Frankreich kapitalkräftige Unternehmer, die Verträge schließen, die ihnen das Kapital liefern, um Söldner anzuwerben und zu bezahlen. Es gibt einen regelrechten Markt für Söldner, zu dem auch Städter und niedriger Landadel stoßen. Der Krieg wird zunehmend ein kapitalistisch strukturiertes Unternehmen.

 

Noch im 14. Jahrhundert kommen sowohl Handfeuerwaffen als auch frühe Geschütze auf. Das für Waffen und Rüstungen zuständige Handwerk wird durch Büchsenmeister und Leute, die Geschützrohre gießen ergänzt.

Vorläufig lassen sich aber Städte dabei durch Umbauten noch verteidigen. Dazu gehören vorgelagerte Zwinger, abgesenkte Mauern mit Schießscharten, Tore werden verdoppelt mit einem Innenhof und mit vorgelagerten Vorwerken, Barbakanen verstärkt.

Zwischen 1427 und 1452 baut das reiche Nürnberg sogar einen kompletten zweiten, äußeren Mauerring, von 5 km Länge und einer Höhe von 7-8 Metern. Alle rund 40 Meter gibt es einen der 123 Türme. Dazu fünf turmbewehrte Stadttore. Vor der Mauer entsteht ein Zwinger mit niedriger Mauer, davor ein großer und rund 10 Meter tiefer Graben. Alle Einwohner werden auf zehn Jahre zu Schanzdienst oder Ablösung durch Geld verpflichtet.

Das Vorfeld der Stadt wird oft für das freie Schussfeld von Bebauung freigehalten. Gassen in Tornähe können oft durch Ketten versperrt werden, manchmal auch Flüsse, und manche Straße wird zur Mauer hin verengt.

 

Das zunehmende Rüstungs- und Waffenarsenal der Städte wird nicht mehr in einfachen Rüstkammern, sondern in Zeughäusern gelagert, das explosive Pulver in Pulvertürmen. Die militärisch zu nutzenden Pferde stehen im städtischen Marstall-

 

Im Vorfeld von Städten werden manchmal Landwehren aufgebaut oder Burgen zur Vorverteidigung gekauft.

 

Stadt und Umland

 

Die bis ins 14. Jahrhundert wachsenden, dann zunächst wieder schrumpfenden und im 15. Jahrhundert manchmal dann die frühere Einwohnerzahl wiederherstellenden Städte sind für ihre alltägliche Versorgung in erster Linie von einem Umland in einem Umkreis von ein bis zwei Tagesreisen, also etwa 40 Kilometern abhängig. Köln mit seinen am Ende des Mittelalters etwa 40 000 Einwohnern brauchte dort eine Anbaufläche von rund 1800 km², während für Nürnberg bei deutlich weniger fruchtbaren Böden ca. 5000 km² geschätzt werden (Fuhrmann, S.110) Dabei handelt es sich vorwiegend um Getreide und natürlich wird ein Teil der Versorgung auch immer wieder von weiter her gesichert.

 

Noch vor den übrigen Nahrungsmitteln sind die Städte vom Grundnahrungsmittel Wasser abhängig. Dieses gelangt halbwegs sauber aus dem Umland in die Städte und verlässt diese verschmutzt, wobei man weithin auf die Reinigungskraft von Fließgewässern vertraut.

 

In einigen Aspekten ähnlich wie bei den italienischen contadi binden auch vor allem süddeutsche Städte ihr Umland an sich. Dies geschieht durch städtischen und privaten Ankauf von Boden, Weilern und ganzen Dörfern. Manche Städte gewinnen so größere Territorien.

Mit Unterstützung ihres Landesherrn gewinnt Görlitz so mit der Gerichtsherrschaft über rund 200 Dörfer sein "Weichbild" und reduziert dabei die Macht adeliger Grundherren. Auch reiche Lübecker Bürger erwerben im 14. Jahrhundert Gerichtsrechte im Umland. Anderswo geht die Grundherrschaft aus den Händen eines wirtschaftlich maroden Niederadels in die Hände städtischer Räte, Stifte, Spitäler oder anderer städtischer Einrichtungen über, die auch vorhandene Leibeigenschaft übernehmen. "Aus der Altmark liegen Zahlen vor, wonach im ausgehenden 14. Jahrhundert bis zu 40% der bäuerlichen Rentenleistungen in bürgerliche Hände flossen. Um 1500 waren im altbayerischen Dachau 12% aller Anwesen in der Hand Münchner Bürger." (Isenmann, S.236).

 

Das städtische Territorium ist kein Stadtstaat wie in Norditalien. Das Eigentum und die Rechte darin sind oft zersplittert, sind in den Händen einzelner Bürger oder verschiedener städtischer Institutionen. Die Territorien von Überlingen, Memmingen und Biberach beispielsweise sind etwa zur Hälfte in städtischem Spitalbesitz. Die Städte errichten nur eine Art territoriale Obrigkeit, die dann in der Neuzeit an der landesherrlichen Obrigkeit scheitern wird.

 

Städtische Territorien dienen einmal der Nahrungsversorgung durch erzwungen günstige Preise, denn das direkte bäuerliche Umland gerät wie schon früher in der Nordhälfte Italiens unter die städtische Knute. Des öfteren wird dabei im Interesse des städtischen das ländliche Handwerk dort verboten, des öfteren auch der Handel, den die Stadt monopolisiert.

Darüber hinaus kontrollieren die Territorien bildenden Städte auf diese Weise die Handelswege, die in die Stadt führen und aus ihr heraus. In geringerem Umfang erhöhen sich dabei auch direkt die Einnahmen für die Herren der Städte, wichtiger wird das in den sehr großen Territorien von Bern und Zürich.

Autonom gewordene Städte des späten Mittelalters betreiben nicht weniger Herrschaft und Machtpolitik als die früheren Herren des ländlichen Raumes, sondern eher mehr und intensivere als je zuvor.

 

Nürnberg eignet sich im Welttstreit mit dem Burggrafen das Gebiet der Reichslandvogtei an. Zwischen 1372 und 1427 werden der Lorenzer und der Sebalder Wald gekauft. Immer mehr Gebiete kommen hinzu, bis sie rund 1500 km² umfassen. "Während der Hussitenkriege organisierte die Stadt 1439 und in den folgenden Jahren 5813 wehrfähige bäuerliche Hintersassen in 670 Ortschaften militärisch in 44 Hauptmannschaften." (Isenmann, S.241). Die meisten dieser Hintersassen gehören Nürnberger Geschlechtern, die manchmal bis zu 200 Grundholden aufweisen können. Insgesamt summieren sich die bäuerlichen Nürnberger Hintersassen um 1500 auf etwa 25 000.

Etwa 830 km² erreichen die Ulmer Landgebiete im ausgehenden Mittelalter. Größter Landbesitzer wird allerdings Bern mit rund 9000 km² und etwa 100 000 Menschen bei einer Berner Einwohnerschaft von etwa 5000.

Selbst das kleine Rothenburg ob der Tauber erwirbt unter Bürgermeister Toppler zwischen 1383 und 1406 "für 45 000 Gulden im ganzen ein Gebiet von 450 km² (Isenmann, S.241), durchsetzt allerdings von Adelsgebieten. Im halben Umfang schützt ein Graben-Wall-System mit Heckenbewuchs dieses Areal.

Die Schwäbisch-Haller Landheg umfaßt rund 300 km².

 

Wo in Norddeutschland keine Territorialpolitik von den weniger produktiven und mehr kaufmännischen Städten betrieben wird, hindert das Kaufleute nicht, wie in Lübeck Höfe von oft verschuldeten Bauern aufzukaufen. Daneben eignen sich solche Städte Burgen und andere feste Plätze an, die die Handelswege beschützen.

 

Zugleich wird auf andere Weise Umland an die Stadt gebunden, nämlich durch Einsatz städtischen Kapitals und die Etablierung abhängiger Gewerbe. In Flandern wandert fast die gesamte Tuchherstellung von den Städten, die das Kapital vorhält, auf das Land. In England wandern zumindest Einzelschritte wie die Spinnerei auf das Land ab, wo sie geringere Kosten verursachen. Nicht nur in Oberschwaben und der Lombardei wird die Herstellung billiger Massenware aufs Land und in Kleinstädte ausgelagert.

Nicht immer geht das gut, manchmal entwickelt sich Gewerbe auf dem Land dann auch zur Konkurrenz und wird wieder bekämpft.

 

Ein Sonderfall der Bindung von Menschen aus dem Umland an die Stadt sind die sogenannten Pfahlbürger, die durch reichsrechtliche Bestimmungen wie Landfrieden immer wieder verboten werden, da sie die Einkünfte und Rechte ihrer bisherigen Herschaften mindern. Im Berner Umland sind sie dennoch sehr verbreitet und auch in Flandern.

 

Patriziat: Verachtung nach unten

 

Patrizier ist ein Wort, die erst vereinzelt nach 1500 und häufig dann erst im 17./18. Jahrhundert, nun zusammen mit "Patriziat", verbreitet ist.

 

1516 definiert der Nürnberger Ratskonsulent Dr. Christoph Scheuerl in einem Brief an Johann Staupitz: Es sein leut eins erbarn lebens und wandels, die ir narung mit eherlichen dapfern gewerben und nicht mit verachtem hantwerke uberkomen, außgenommen etlich wenig hantwerksleut, so in ansehelichem wesen schweben...

Und an anderer Stelle: Alles regiment unserer stat und gemainen nutzes steet in handen der so man geschlechter nennet, das sein nun soliche leut, dero anen und uranen vor langer zeit her auch im regiment gewest und uber uns geherscht haben, frembdlingso allda eingewurtzelt und das gemain völklein hat kainen gewalt: es steet inen auch nicht zu, dieweil aller gewalt von got, und das wolregirn gar wenigen und allein denen so vom schöpfer aller ding und der natur mit sonderlicher weyshait begabet sein verlihen ist. (in Isenmann, S.248 / 269).

 

Außerdem gehören dem Rat noch sogenannte acht genannte  und seit 1370 acht an Reichtum herausragende Handwerker an, die allerdings wenig Einfluss ausüben. Die acht Genannten stammen aus einem großen Rat von 300 bis 400 Genannten, die zwar insgesamt nicht ratsfähig, aber immerhin gerichtsfähig sind. Die acht Genannten, die der (kleine) Rat dazu kooptiert, müssen schier all von renten und zinsen ir genugsame narung haben. (in Isenmann, S.270), was heißt, dass ihr Erwerbsleben sie nicht von den Ratsgeschäften abhält.

 

Aber das Nürnberger Patriziat besteht nicht wie anderswo gegen Ende des Mittelalters aus reinen Rentiers, vielmehr wird Großhandel betrieben, dazu Finanzgeschäfte und Unternehmen in der frühen Montanindustrie. Anderswo wird wie in Ulm und Augsburg, eher ein reines Rentierdasein angestrebt, wie es eben auch der Adel weiter pflegt.

 

Das Kölner Patriziat beginnt sich ein, zwei Generationen nach dem Sieg der Partei der Overstolzen zu einem Patriziat abzuschließen. Ein Teil dieser Familien führt nun seine Abstammung auf mächtige städtische Geschlechter der späten Römerzeit Kölns zurück, kämpft ritterlich in Fehden und auf Turnieren und gibt dann dank seines Reichtums ein Unternehmerdasein zugunsten eines Rentierslebens auf.

Wenn so das aktivere Wirtschaftsleben auf unternehmerischere Kreise des Kapitals übergeht, wird es naheliegend, dass dieses auch größere Anteile an der Macht gewinnen möchte. Dabei überlebt die politische Macht des Patriziats 1370/71 einen sogenannten Weberaufstand und den Schöffenkrieg von 1375, um dann 1396 von den politischen Zünften, den Gaffeln, übernommen zu werden. Im Verbundbrief wird die Macht von 22 Gaffeln festgeschrieben, wobei sich das Patriziat in eine von fünf für sie vorgesehene Gaffeln eintragen muss. 1448 wird dann durch Erzbischof Diether auch das Schöffenamt seiner patrizischen Exklusivität beraubt.

 

Achtung ist im germanischen Sprachraum zunächst Beachtung, wie sie sich zum Beispiel in der Begrüßung äußert. Nicht beachtet wird der, der es nicht wert ist, er wird verachtet.

In der Sache teilen sich alle Zivilisationen in institutionalisierte Hochachtung und Verachtung, also Geringschätzung. Diese impliziert in aller Regel die Hochachtung des Müßiggangs  und die Verachtung körperlicher Arbeit, zumindest aller produktiven Arbeit. Im Mittelalter sind Aspekte des edlen Müßigganges (otium) der Krieg, die Jagd und andere Vergnügungen. Wer nicht dem otium nachgeht, ist mit seiner Negation, dem negotium beschäftigt, und als frühmittelalterlicher negotiator ein Händler.

Fernhändler sind bis in das hohe Mittelalter oft die einzigen freien unteradeligen Menschen, zunächst häufig Juden oder Orientalen. Je mehr sie Kapital anhäufen können, desto mehr trennen sie sich im eigenen Selbstwertgefühl von den produktiv Arbeitenden und versuchen, nach oben zum Adel hin aufzuschließen. Die Verachtung des Adels für den Nichtadeligen geht auf sie über als die des Großhändlers und zunehmend auch des Finanzkapitals auf Handwerk, Bauern und Lohnarbeit.

 

Im Verlauf des Mittelalters gewinnen Handwerksmeister und wohlhabendere Bauern an Selbstachtung (siehe Kapitel...), ohne aber dabei der Verachtung durch Adel und großes Kapital zu entgehen. Teile des großen Kapitals gewinnen dabei die vorher dem Adel vorbehaltene Titulatur und Anrede von "Herr" und "Dame", oft verbunden mit der Herrschaftsausübung in großen Städten. Dabei sind zudem zwei Gruppen von Herren im späten Mittelalter zu unterscheiden, jene nämlich, deren Geschlechter als ratsfähig gelten, und die, die draußen bleiben.

 

Die Abschließung eines Patriziats nimmt mit dem Aufstieg der Zünfte in manchen Städten eher noch zu. Dort, wo sie, anders als in Nürnberg zum Beispiel das Rathaus nicht mehr alleine benutzen dürfen, richten sie zunehmend exklusive Trinkstuben ein, manchmal Herrenstube genannt, wo sie unter sich bleiben können. Dasselbe gilt für ihre exklusiven Tanzveranstaltungen.

Wo es ein breites Patriziat gibt wie in Frankfurt, besitzt es im 15. Jahrhundert gleich fünf solcher Trinkstuben. Wo sich die Geschlechter wie in Straßburg verfeinden, sammeln sie ihren Anhang in getrennten Stuben wie die Zorn "Zum Hohensteg" und die Müllenheim "Zum Mühlstein".

 

Nach den Unruhen von 1368 schließt sich eine kleine Elite von etwa fünfzig Geschlechtern nicht den Zünften an, sondern gründet die Gesellschaft auf der Bürgerstube. 1383 sind es noch wenigstens 22 Geschlechter, die nun in der Herrenstube vereinigt sind. Die mit den Geschlechtern inzwischen durch Heirat verwandten reichen Kaufleute und einige Kramer und Weber bilden gegen Ende des 15. Jahrhunderts die Gesellschaft der Mehrer, die in der Bürgerstube verkehrt. Im 16. Jahrhundert werden ausgestorbene Geschlechter durch neuere reiche Familien ergänzt, zu denen dann auch die Fugger gehören werden.

 

In Lübeck gründet die Elite der Elite 1379 die Zirkelgesellschaft der städtischen "Junker", was 1450 zur Gründung der Kaufleute-Kumpanei führt. In Dortmund versammeln sich die Edelsten der Edlen des Rentierskapitals in einer Junkergesellschaft.

 

Um 1400 beschließt der Frankfurter Rat, dass Trinkstuben (der Herren) weder vom hantwercker noch von erbeitende tageloner betreten werden dürfen. Am Ende definieren die Ordnung der Herrentrinkstube von Nürnberg von 1489 und dann das Tanzstatut (der Herren) von 1521 in derselben Stadt als Herren wer sich ehrbar und redlich hält, nichts Unehrbars handelt oder Handwerk treibt. In der patrizischen Tanzstube auf dem Rathaus dürfen sich nur die beteiligen, die vor anderen den Vorgang haben und geehrt werden, daß sie und ihre Nachkommen dieser alten wohlhergebrachten Ehren sich gebrauchen mögen. .(alles in: Isenmann, S.246).

 

Im schwäbischen Raum gehört das Gegensatzpaar Müßggänger (miessiggenger), also Herr, und Handwerker im 15. Jahrhundert zur Amtssprache und in den norddeutschen Verfassungen ist eine möglichst ausführlich bekannte Familiengeschichte ohne Handarbeit Voraussetzung, um Ratsfähigkeit zu haben, also zur Herrenschicht zu gehören.

 

Diese Haltung reicht bis ins 20. Jahrhundert hinein und wird dann von sozialdemokratischer Politik unter den Bedingungen des neuen Konsumismus der Massen dahin transformiert, dass Handarbeit (für deutsche Ureinwohner) beschämend sei und darum auf ferne, und zum Teil zu importierende Völkerschaften übertragen werden solle, der ideologische Nachhall auf die Praxis des globalisierten Kapitals.

 

Kapital und bürgerliche Mittelschicht

 

Die städtischen Freiheiten des aufblühenden spätmittelalterlichen Kapitalismus schaffen erhebliche Auf- und Abstiegsmöglichkeiten. Für den Aufstieg aus kleinen Verhältnissen wird dabei neben bestimmten Talenten und ökonomischer Energie eine gewisse Schulbildung immer wichtiger.

 

Aufsteiger ins Kapital gibt es naturgemäß nur wenige, aber dafür nimmt die passive Partizipation am unternehmerischen Kapital zu. Die Firma der Hächstetter in Augsburg bietet schon Einlagen von zehn Gulden an. Höhere Bedienstete der Firmen wie Faktoren erhalten schon mal Einlagen ins Geschäft, um sie an dieses zu binden. Ansonsten kann manchmal eisernes Sparen dazu führen, dass auch kleine Leute geringfügig an Risiko und Gewinn des großen Kapitals partizipieren.

Wo Bergwerkskuxen stark gestückelt werden oder Anteile an Schiffahrtseigentum ist es ebenfalls möglich, sich so kleine Anteile anzueignen. Wenn Köln im 15. Jahrhundert Kleinrenten von einem Gulden an aufwärts ausgibt, allerdings mit deutlich geringerer Rendite aber größerer Sicherheit ausgestattet, wird ihr Kauf für viele zugänglich. "In Speyer etwa, einem führenden oberdeutschen Kapitalmarkt, waren zahlreiche Handwerker an großen Darlehen für die Grafen von Württemberg und eine Reihe von Reichsstädten beteiligt." (Isenmann, S.256)

 

Auf diese Weise erfolgt nach der Integration der Menschen in den Markt nun auch in kleinen Schritten die ganz handfeste durch Partizipation in den Kapitalismus.

 

Bürgerliche Mittelschicht ist ein moderner Sammelbegriff, der gewaltige Einkommensunterschiede und sehr unterschiedlichen Status umfasst. Ganz unten steht wie noch heute das mit den Händen arbeitende Dienstleistungsgewerbe, wie Bader und Bartscherer oder die Arbeitskräfte in Hospitälern. Nur wenig darüber stehen, ebenfalls wie noch heute, die Schneider und Flickschuster - und oft auch die Leineweber. Ganz oben ist man im Zeitalter "politischer Zünfte" dann, wenn man sogenannten Herrenzünften angehört und sich selbst so zu titulieren beginnt.

 

Das alles spiegelt sich in den Summen, die für die Zulassung zu Zünften gezahlt werden müssen. Anfang des 15. Jahrhunderts muss man in Nürnberg je nachdem zwischen 50 und 200 Gulden zahlen, in Lübeck zwischen 4 und 30 lübische Mark (Isenmann, S.258).

 

Eine neuartige und bereits in die Neuzeit verweisende Gruppe bürgerlicher Mittelschicht, die bis heute immer mehr zunehmen wird, bilden diejenigen, die durch "gelehrte" Ausbildung und nicht primär durch Eigentum ausgezeichnet sind. Eine große Untergruppe stellt dabei die der Juristen mit Hochschulstudium dar, die sich durch unterschiedliche Verwendung unterscheiden. Einige von ihnen gehören der weiteren Untergruppe städtischer Beamter und Angestellter an. Dazu kommen "gelehrte" Apotheker und Ärzte. Zusammen mit Drucker-Buchhändlern werden sie sich dann in einem neuzeitlichen Bildungsbürgertum zusammenfinden, welches in die Mittelschicht vor allem auch durch Eigentumsbildung aufsteigt.  Mit ihrer Zunahme wird aber die Vorstellung von auf Eigentum basierender bürgerlicher Selbständigkeit in einen neuen, neuzeitlichen Bürgerbegriff umschlagen, der mit seinen Ursprüngen immer weniger zu tun hat. Mit dem Untergang des bürgerlichen Bildungsbegriffs im zwanzigsten Jahrhundert werden sie alle im Phänomen einer durchkommerzialisten und weithin bildungslosen Masse solches Selbstverständnis verlieren.

 

Unterschicht: Proletariat

 

Kapitalismus als Integration der ländlichen Produktion in einen Markt, als Aufstieg der neuartigen Städte und Abhängig-Werden von immer mehr Lebensverhältnissen unter Vorgänge der Kapitalverwertung differenziert die Bevölkerung immer stärker in Gewinner und Verlierer. Zu den Verlierern gehören einmal die breite Schicht der Lohnarbeiter auf dem Land und in den Städten und darunter eine Schicht ausgesprochener Armut, die auf Bettelei und Almosen angewiesen ist.

In den Städten liegt die Macht in den Händen eines sich adelig gebenden Patriziats oder allgemeiner denen großer Kapitaleigner und dort, wo die Zünfte dann an der Macht partizipieren, ist das oft nur eine kleine Handwerker-Elite. Größeres Kapital und insbesondere Handwerk repräsentieren zwar zusammen das, was bis heute als bürgerlich gilt, sind aber im späten Mittelalter gelegentlich nur eine Minderheit der Bevölkerung. Die Mehrheit der Haushalte hat in der Regel aufgrund fehlenden Eigentums und zur Lohnarbeit gezwungen nicht einmal das Bürgerrecht. Darunter gibt es dann noch die absolute städtische Armut, die wenigstens um die 10% ausmacht und mit der Größe der Städte oft zunimmt.

 

Städtische Strukturen imitieren die alten auf dem Lande: Was beim Adel Ehre ist, wird in der Stadt Ehrbarkeit, und es sind nicht immer die größten Kapitalien, die in den Städten die größte Macht haben, sondern es ist der Status der Ehrbarkeit der quasi-aristokratischen Geschlechter, der sie ausmacht. Das wird schon ein wenig deutlich, wenn unehrliche Berufe wie die des Henkers oder des Bordelliers schon mal Wohlhabenheit mit sich bringen, niemals aber Ehrbarkeit. Das heißt, die neuen kapitalistischen Strukturen betten sich mit ihren Machtverhältnissen in die alten aristokratischen ein. Das wird tendenziell bis zur Entstehung des Massenkonsums im zwanzigsten Jahrhundert so bleiben.

 

Proletarisierung bedeutet in der mittelalterlichen Stadt vor allem fehlender Zugang zu mit Rechten und wirtschaftlicher Selbständigkeit verbundenem Eigentum, was dazu zwingt, seine Arbeitskraft auf dem Markt anzubieten oder aber zu betteln und auf Almosen angewiesen zu sein. Die Letzteren sind für die Bürger in der beginnenden Neuzeit ein Übel, die Ersteren als Dienstboten und übrige Lohnarbeiterschaft eine Notwendigkeit: Der Wohlstand der einen beruht immer (mehr) auf der Armut der anderen.

 

Die Unterschicht besitzt zunächst kein Bürgerrecht, schafft dann aber im Laufe des späten Mittelalters, da es immer mehr zur Voraussetzung für Erwerbsarbeit wird, gelegentlich den Zugang zu einem kleinen Bürgerrecht, eine Art Minderberechtigung für Schutz und Fürsorge, und manchmal auf dem Weg in die frühe Neuzeit auch ein volles Bürgerrecht, welches jedoch keine Teilnahme am politischen Geschehen erlaubt.

Das gilt allerdings nicht immer und überall. Seit 1382 müssen in Nürnberg Tagelöhner schwören, "das sie als einfache Beiwohner gleich welcher Ausbildung nur Tagewerk und kein Handwerk ausüben dürfen sowie auf eine mögliche Anordnung des Rats die Stadt verlassen" müssen (Fuhrmann, S.223)

 

Das Wirtschaften differenziert nicht nur durch Teilung der handwerklichen Arbeit und der Berufe, sondern auch durch die Teilung in Lohnarbeit auf der einen Seite und Eigentum bzw. Kapital auf der anderen. Dabei sind nur Teile der Lohnarbeit größeren Kapitalien zugeordnet wie im Bergbau, bei der Salzproduktion, beim Transportgewerbe usw. Andere Teile dienen den immer stärker "politischen" Machthabern, wie zum Beispiel Soldaten und kleine Beamte oder Dienstboten. Schließlich ist eine gewisse Zahl ins Handwerk als Gesellen und Lehrlinge integriert, wobei der Lohn überwiegend in nicht geldlich ausgezahlter Versorgung besteht. Im moderneren Sinne Lohnarbeit wird daraus überall dort, wo Industrialisierung Handwerk ablöst.

 

Differenzierung tut allerdings not. Zum einen muss Proletarisierung nicht Armut bedeuten, viele Gesellen und manche Dienstboten sind gut versorgt, einige Soldaten und Inhaber kleiner Ämter machen Karriere. Darüber hinaus ist der Gesellenstatus einer, der in der Regel in die Meisterschaft und den eigenen Betrieb führen soll.

Andererseits sind nicht wenige Handwerker und ganze Handwerkszweige zumindest am Rande der Armut und sinken immer mal wieder in diese ab. In der Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit wohnen immer mehr von ihnen zur Miete und mieten auch die Räumlichkeiten für Produktion und Verkauf. Manche von ihnen leben wie die allgemeine Armut in Kellerlöchern, Treppenverschägen, Einzimmer-Behausungen und bescheidenen Katen mit wenig Inventar. Der touristische Blick heute sieht nichts mehr davon, da all das spätestens im zwanzigsten Jahrhundert verschwindet.

 

Proletarisierung meint also kein breites Industrieproletariat, ein solches deutet sich höchstens in großen Montanrevieren an und führt bereits aus einem Mittelalter heraus, als es im 15. Jahrhundert unter die Kontrolle von in fernen Städten ansässigen großkapitalistischen Firmen gerät. Hier alleine kommt es denn auch schon zu größeren, neuzeitlich wirkenden Kämpfen zwischen Lohnarbeit und Kapital.

 

****Gesellen****

 

Im Verlaufe des späten Mittelalters erfahren die Knechte der Handwerksmeister eine sprachliche Aufwertung: Sie werden zu Gesellen. In diesem Vorgang beginnt sich dann auch der Lehrling vom Gesellen zu unterscheiden, und der Lehrvertrag vom Gesellenvertrag, Meist wird Gesellen, in der Regel unverheiratet, Kost und Logis geboten, manchmal auch Kleidung. Daneben gibt es für die Vertragszeit von einigen Wochen bis zu einem Jahr einen Arbeitslohn, der manchmal zusammen mit den übrigen Leistungen nicht sehr viel niedriger als das reine Einkommen des Meisters ist. Wo der von Zunft oder Rat regulierte Lohn für zu niedrig erachtet wird, kann es schon mal zu Lohnkämpfen kommen.

 

Gesellen sind so wie Studenten aufgrund der Jugend und Ungebundenheit ein unruhiges Element in den Städten. Dazu gehören Suff, lärmende Umzüge und offenbar häufige Nutzung der Prostitution. Oft haben sie Zugang zu den Zunftstuben, gelegentlich gelingt es ihnen, eigene Stuben für sich einzurichten.

Verboten wird ihnen aber die regelrechte Vereinigung, da boykottartige Streiks befürchtet werden, die Lohn und Arbeitszeit betreffen können. Boykott kann den Auszug von Gesellen eines Handwerks aus der Stadt bedeuten oder aber die Boykottierung misslieber Meister. Daneben versuchen Gesellen, Neuankömmlinge von solchen Meistern wegzulotsen. Stadträte reagieren mit Knechtsordnungen, oft auch bei der starken Mobilität der Gesellen im späten Mittelalter auf regionaler Ebene als der von Städtebünden.

 

1358 versuchen die Augsburger Webergesellen durch eine Vereinigung mehr Lohn durchzusetzen. 1381 werden Nürnberger Schneidergesellen aus der Stadt gewiesen, weil sie eine solche Vereinigung anstrebten. 1385 verbietet der Hochmeister des Deutschordenslandes Versammlungen der Gesellen. 1390 kommt es zu Unruhen, die bis dahin führen, dass die Schmiedegesellen die Stadt Thorn verlassen. (Czacharowski in Beiträge 2, S.129) 1414 wird ein Bund von vierzehn Gerbergesellen in Straßburg verboten. Erlaubt sind religiös-karitative Vereinigungen, nicht mehr.

 

1436 verlangt eine Rheinische Gesellen- und Knechtsordnung die Unterordnung unter Bürgermeister und Rat: Es sollen auch in Zukunft weder die Handwerksmeister noch die Gesellen sich verbinden, vereinigen oder Bündnisse schließen und keinerlei Versammlungen unter sich haben ohne Erlaubnis und Zustimmung der Meister und des Rates. (…) Es sollen auch alle Handwerksgesellen und alle anderen dienenden Knechte, wer sie auch seien, künftig keine Trinkstuben oder gepachtete Häuser und Gärten aufsuchen und keine allgemeine Gesellschaft innehaben, wo sie zusammenkommen, es sei zum Essen oder zu sonst einem Anlass. (…) Sie können auch am Sonntag oder nach jeder Fastenzeit wegen ihrer Kerzen eine Zusammenkunft haben, doch dürfen sie diese Zusammenkunft nur durchführen nach vorheriger Ankündigung beim Zunftmeister. Dieser soll dann einen oder zwei Meister desselben Handwerks bestimmen, die an der Zusammenkunft teilzunehmen haben. (...) In Zukunft soll kein Handwerksgeselle und kein anderer dienender Knecht ein Schwert oder ein Langmesser oder einen Degen, kurz oder lang, oder eine andere Waffe tragen. (Engel/Jacob, S. 356)

 

****Dienstboten****

 

Der Dienstbote ist ein sehr deutsches Wort, in anderen europäischen Sprachen handelt es sich oft eher um Domestiken, was von Haus und Haushalt abgeleitet ist. Bote leitet sich von (ge)bieten ab, einem Boten wird also etwas aufgetragen, oft eine Botschaft. Ein Dienst (ministerium) unterwirft jemanden einem Herrn. Im weitesten Sinne sind also im Spätmittelalter auch Inhaber eines Amtes Dienstboten, wobei der "Bote" auf einen Gebieter verweist. Hier soll das Wort aber auf jene Bedeutung hin verengt bleiben, die es spätestens in der Neuzeit erlangt: Auf Lohnarbeit im privaten Haushalt unter Bedingungen extrem geringer Bezahlung, die oft vorrangig von Mädchen und Frauen ausgeführt wird.

 

Solche Dienstboten dienen einmal der Befreiung der adeligen Dame von (manueller) Hausarbeit und zeigen mit ihrer Anzahl zugleich den Status des Hausherrn an. Sobald eine bürgerliche Oberschicht versucht, in möglichst vielen Bereichen mit dem Adel gleichzuziehen, beginnt sie auch damit, sich Dienstboten zuzulegen. Den meisten Handwerkern gelingt eine solche Karriere nicht, weswegen sie sich auch keine Dienstboten leisten: Die Hausarbeit bleibt bei der Hausfrau, die eben auch keine Dame wird.

 

Das neuartige (Selbst)Verständnis von Bürgertum in der Neuzeit mit der Einbeziehung auch wirtschaftlich unselbständiger Kreise und zunehmend mehr freier Berufe mit einem entsprechenden Konsumniveau in seine Reihen wird die Dienstbotenschar erheblich erweitern, bis im 19. Jahrhundert viele sich für eine Dame oder einen Herrn halten, die das mit Dienstboten ausweisen können. Aber das ist bereits eine sehr andere Welt.

Dienstboten sind im mittelalterlichen Haushalt das, was Gesellen und Lehrlinge in der Werkstatt sind: Angelernte Hilfskräfte, die aus ihrer Arbeit in der Regel so wenig Entlohnung in Geld ziehen, dass sie ohne das Angebot von Kost und Logis kaum überleben können. Sie sind strikt weisungsgebunden, unterliegen einem sehr engen System von Befehl und Gehorsam ähnlich dem eines Hundes gegenüber seinem Herrn.

 

Die typischen Dienstboten des bürgerlichen Haushaltes im späten Mittelalter sind proletarische Mädchen, die von den Eltern in den Dienst eines Herrn und seiner Dame gegeben werden. Dabei wird wenig bekannt von der sexuellen Macht der Herren über die Mädchen und Frauen, die erst in der Neuzeit dann immer deutlicher beschrieben wird. (ff)

 

 

****Kriminalität****

 

Die Befreiung der Menschen für den Markt und die sich immer mehr verallgemeinernde Warenwelt entlässt Menschen aus durch Tradition verfestigten persönlichen Bindungen vertikaler und horizontaler Art und entfaltet gerade in den Städten eine neue Art von Zivilisation. Diese wird (nur noch) durch Gesetze und Verordnungen geregelt, denen durch Unterordnung zu gehorchen ist. Zur situativ motivierten Kriminalität und den gelegentlich aufwallenden Aggressionen, allesamt durch mühsame Impulskontrolle einzudämmen, kommt zunehmend das, was man als professionelles Verbrechertum ansehen kann. Dabei wird klar unterschieden zwischen illegalem Diebstahl, Beutemachen und Mord und seinen legalisierten Formen in Fehde und Krieg, in der Willkür der legalen Abgaben und der legalisierten Gewalt der Obrigkeit. Dass in Zivilisationen dieselbe Handlung legal oder illegal sein kann, je nachdem, wer sie ausführt, wird dabei bis heute bestehen bleiben-

 

Ein großer Teil dessen, was im späten Mittelalter als Kriminalität angesehen wird, ist schiere Armutskriminalität und hat so vorwiegend mit Eigentumsdelikten zu tun. Dazu gehören Betrüger, Diebe und Straßenräuber, aber auch schon bandenmäßig organisiertes und professionalisiertes Verbrechertum.

Auf den Meeren tummeln sich Piraten, die Straßen werden von Räuberbanden unsicher gemacht.

Im 'Tagebuch eines Bürgers von Paris' aus der Mitte des 15. Jahrhunderts werden sogar Leute beschrieben, die berufsmäßig Kinder entführen, um den Eltern Lösegeld abzupressen. Wird dies nicht gezahlt, lassen sie die Kinder verhungern oder werfen sie ins Feuer. (Reliquet, S.194)

 

Kriminalität lässt sich damals als charakterlicher Defekt beschreiben oder als moralische Verworfenheit, aber sie lässt sich auch als unvollständige oder fehlende Integration in die Ehr- und Moralbegriffe, die Eigentums- und Machtverhältnisse verstehen. Während die reguläre Habgier der Oberschichten und ihre Luxusbedürfnisse samt ihrer legalen Gewalttätigkeit als ehrbar und ordentlich angesehen werden, gilt die irreguläre von Unterschichtleuten eben als verbrecherisch. Während die Kindesentführungen, der sexuelle Missbrauch und das Morden eines fast schon fürstlichen Gilles de Rais jahrelang ungehindert stattfinden kann und ohne sein übriges Verhalten vielleicht nie geahndet worden wäre, wird dieses, dort wo der Unterschicht-Verbrecher gefasst wird, auf das härteste geahndet.

 

Da es kaum Freiheitsstrafen gibt, nehmen die Körperstrafen bis hin zu den verschiedenen Tötungsarten von Verbrechern zu. Die Überführung des Täters vor Gericht konzentriert sich bei geistlichen wie weltlichen Gerichten einmal zunehmend auf Zeugenaussagen, vor allem aber auf das Geständnis des Täters. Um dieses zu erzwingen, wird immer mehr zur sogenannten peinlichen Befragung, also zur Folter übergegangen.

Mit dem Tode bestraft wird manchmal schon Diebstahl, Brandstiftung, auch Zauberei und Münzfälschung. Große Städte kennen im Schnitt eine bis zwei Todesstrafen im Jahr.

 

****Prostitution****

 

Wie in der Antike wird Prostitution auch durch das Mittelalter geduldet, offiziell nicht zuletzt, um ehrbare Mädchen und Frauen vor männlicher Sexualgier zu schützen. Zudem heiraten Städter erst, wenn sie einen eigenen Hausstand gründen können, und offiziell sind Frauen und Jungfrauen für sie ansonsten nicht zugänglich, was aber gelegentlich kein Hinderungsgrund ist, die Mädchen aber in die Ehrlosigkeit treibt.

Versucht wird, die Allgegenwart von Huren beim Gottesdienst, wo sie sich appetitanregend postieren, in den Wirtshäusern und auf den Hauptstraßen und Märkten zu verbieten. Stattdessen werden sie auf bestimmte Gassen abgedrängt und in vom Rat lizensierte Frauenhäuser, Bordelle also. Damit gelingt es auch, sie über die Abgaben der Bordelliers von der Stadt abzukassieren. Dies einträgliche Geschäft für die Stadt regelt der Rat mit Wochengeld für die Prostituierten und Umsatzbeteiligung samt Kost und Logis.

Das gelingt allerdings nur bei einer Mehrheit der Prostituierten, die bereit ist, ihrem "Gewerbe" offen und öffentlich nachzugehen und sich entsprechend registrieren zu lassen. Eine Minderheit verhökert aus Scham und um dem Abkassieren lizensierter Zuhälter zu entgehen ihre Reize lieber heimlich. Darüber hinaus werden die Huren in den vom Rat betriebenen Bordellen wie auch heutzutage zu sexuellen Dienstleistungen verpflichtet ohne Ansehen der Person und der Wünsche ihrer Kunden, was nicht jederfraus Sache ist.

Erlaubt ist die sexuelle Nutzung der Körper von Huren nur für unverheiratete Männer, Ehemännern und Geistlichen ist sie verboten, was aber kaum zu kontrollieren ist.

 

Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts nimmt eine Tendenz zu, Prostitution stärker an den Rand zu drängen, eine Tendenz der Moralisierung, die mit steigender Unmoral einhergeht und im 16. Jahrhundert massiv zunehmen wird. Die Tendenz zur Kriminalisierung wird Prostitution allerdings nicht verringern; vielmehr steht sie paradigmatisch für alles, was nun Kapitalismus ausmacht.

 

Wenn man Aeneas Silvius de Piccolomini glauben kann, der sich 1444/45 in Diensten König Friedrichs III. in Wien aufhält, ist dort Prostitution alltäglich: Wenn man morgens aufsteht und zur Kirche geht, stößt man oft auf die auf der Straße liegenden Leichen derer, die in der Nacht zuvor getötet worden sind. Wein im Haus zu verkaufen, wird nicht durch Geringschätzung behindert. Dies geschieht vielmehr ringsum aufgrund einer Verfügung der Bürgermeister, und so wird man kaum einen Bürger finden, der das Gewerbe nicht ausübt., wenn ihm Wein verkauft wird, um diesen als Schankwirt weiterrzuverkaufen. Sie heizen nämlich Stuben, richten eine Küche ein und rufen Zuhälter, Prostituierte und jede Art von Trinkern durch dafür eingestellte Menschen herbei. Und sie geben ihnen etwas Gekochtes umsonst, aber ein kleineres Maß Wein. so trinkt man, isst, spielt, streitet, bis der Weinkeller erschöpft ist. Die Menge widmet sich dem Bauch und ist gefräßig, was sie in der ganzen Woche verdient hat, wirft sie am Feiertag hinaus. Ein zerlumptes und unordentliches Volk, träge und arbeitsscheu, zieht durch die Stadt, eine große Zahl von Prostituierten. (Historia Austrialis, in: Fuhrmann, S. 214) Der vornehme Herr betreibt seine Beobachtungen allerdings nicht moralisch, sondern um seiner Verachtung für die Unterschichten Raum zu geben.

 

Dass es manchmal Armut ist, die Mädchen und Frauen in die Prostitution treibt, stört kaum, so wenig wie es heute in Mitteleuropa oft Arme aus fernen Ländern sind, die sich für die Prostitution anwerben oder pressen lassen. Wie heute findet auch im späten Mittelalter Mädchenhandel mit entsprechender Versklavung statt, was auch deswegen kaum stört, weil Sklaverei zwar selten geworden, aber nicht ganz verboten ist.

 

****Bettelwesen****

 

So wie der Geschlechtstrieb als Strafe Gottes eine Notdurft ist, die das Bordell legitimiert, so ist auch elende Armut im Mittelalter offiziell gottgewollt. Da andererseits Almosen wie fromme Stiftungen als sich Einkaufen in das ewige Paradies Gottes verstanden werden, ist der bettelnde Arme in diesem Sinne sogar ausgesprochen willkommen, da er eben Gelegenheit bietet, den Weg ins himmlische Paradies zu beschleunigen. Und so wie sich der Rat um den reibungslosen Ablauf im Bordell kümmert, so auch um ein wohlgeregeltes Bettlerwesen. Der Rat gibt Bettlerlizenzen und Bettelmarken aus und stellt oft ein Ratsmitglied ab, das für wohlgeordnete Abläufe sorgt. Fremde Bettler allerdings werden oft nur kurzzeitig zugelassen und bei größeren Zulauf auch gleich abgewiesen.

 

Weil dabei gelegentlich nicht so genau hingeschaut wird, ob jemand wirklich bedürftig ist, entwickelt sich das Betteln gelegentlich zu einem individuellen oder genossenschaftlich organisierten Geschäftszweig, als der er dann bis heute überlebt, heute oft als niederer Teilbereich organisierter Kriminalität.Für Zülpich ist für 1454 eine Bruderschaft der Bettler, Krüppel, Blinden und anderer Armer belegt, "für Frankfurt 1480 eine der Blinden und Lahmen." (Fuhrmann, S.214)

 

Es geht mit den Almosen weniger um Nächstenliebe, bei Christen üblicherweise mindestens so wenig verbreitet wie bei anderen Menschen, als um Eigenliebe, eben das sogenannte Seelenheil.

 

Nicht alle Bettler sind arbeitsscheues Volk, darunter gibt es auch echte Armut, obwohl sich mancher wirklich Arme eher schämt, als sein Elend öffentlich darzubieten. Zu den Armen, auch den konzessionierten Bettlern, gehören immer wieder auch in die Armut abgestiegene Handwerker. Als Habenichtse (habnits) bezeichnen sich im 15. Jahrhundert bei Besteuerungen etwa 60% der Bevölkerung in Augsburg oder München und in Köln erklären rund 70% aller Handwerker, die Kopfsteuer von einem Gulden, die sogenannte Armensteuer, nicht bezahlen zu können. Diese dazu erklärten städtischen Armen des späten Mittelalters sind aber nicht bettelarm und in der Regel auch nicht völlig eigentumslos und gehören nicht zu den 5-10% Almosenempfängern und Bettlern.

 

Die beginnende Neuzeit wird dann versuchen, professionalisiertes Betteln als ihrem immer säkulareren Arbeitsethos widersprechend zu verbieten und schiebt ansonsten die Armen in Armenhäuser und deutlich später in Arbeitshäuser ab.

 

Stadtgemeinde in deutschen Landen

 

Die herrschaftliche Macht in vielen größeren Städten verlagerte sich im hohen Mittelalter schrittweise von den Stadtherren auf eine städtische Oberschicht, die wirtschaftlich aus größeren Kapitaleignern besteht und rechtlich ursprünglich aus zunächst noch unfreien Dienstleuten der Herren, Ministeriale, die sich mit freien Kapitalisten zu einer Gruppe vereinen, die im späten Mittelalter die neue Obrigkeit bilden. Sie entwickeln ein dem Adel verwandtes stolzes Bewusstsein von der eigenen Herkunft, die gelegentlich so verfälscht wird wie bei jenen. Als quasi adelige Geschlechter schließen sie sich von der übrigen städtischen Bevölkerung ab und übernehmen auch dem Adel abgeschaute Lebensformen. Wo dieser Abschluss auch das Heiratsverhalten betrifft, werden sie zu dem, was manchmal dann als Patriziat bezeichnet wird.

 

Diese Geschlechter sind meist in ihrer gemeinsamen Machtausübung solidarisch gegenüber der Masse der nun von ihnen unterdrückten städtischen Bevölkerung, konkurrieren aber wie schon lange zuvor in Italien immer wieder auch miteinander, was zu erheblichen Gewaltausbrüchen und Fehden führen kann. Da sie Klientelen mit ähnlichen Funktionen wie adelige Gefolgschaften bilden, und sich ähnlich bewaffnen und in eigenen Turnieren ihre Gewalttätigkeit üben, bricht immer einmal wieder ein gewalttätiger Konflikt in den größeren Städten aus.

Die früh schon formulierte Idee der Stadt als Friedensraum gewinnt also nur eingeschränkt Wirklichkeit, so wie die Landfriedensvorstellungen keinen dauerhaften Frieden eines Landes bewirken. Da den Menschen und besonders den Männern grundsätzlich aber Aggression und Gewaltausübung von Natur her mitgegeben ist, gelingt es der neuen Obrigkeit auch bei den untergebenen Städtern nicht, Gewaltausbrüche zu verhindern, so wenig wie in den heutigen tendenziell totalitären Demokratien. Physische Gewalt und die oft härtere physische Arbeit der meisten Männer in der Stadt scheint dahin zu führen, dass in spätmittelalterlichen Städten anders als früher ein Frauenüberschuss entsteht.

 

****Politisierte Zünfte und Erweiterung der Obrigkeit****

 

Die Machtergreifung des großen Kapitals in den größeren Städten wurde offensichtlich zunächst von den neuartigen städtischen Untertanen als Fortschritt begriffen, da es die Gemeindebildung und Selbstverwaltung vorantrieb. Zudem gab es beim Anwachsen der städtischen Bevölkerung und Wirtschaft zunehmenden Regelungsbedarf, und zunächst waren wohl die regierenden Cliquen ohnehin die einzigen, die dazu imstande waren. Aber überall dort, wo Teile des Handels- und Finanzkapitals von der politischen Macht ausgeschlossen bleiben und zugleich einzelne Handwerkerzweige wohlhabender werden und ihre Zünfte stärker von reinen Berufsgenossenschaften zu politischen Einheiten werden, kommt es zu Forderungen nach politischer Partizipation, die des öfteren mit Gewalt ausgetragen werden.

 

Im Kern geht es nicht darum, das Großkapital bzw. ein Patriziat von der Macht auszuschließen, und eine Teilhabe der meisten produktiven Gewerbe ist mangels Zeit, Geld und alleine schon deshalb auch Kenntnissen praktisch ausgeschlossen. Im Ergebnis wollen die Produzenten meist nur eine stärkere Berücksichtigung ihrer Interessen. Selbst dort, wo es vor allem in Süddeutschland zu einer Zunftverfassung kommt, partizipiert Patriziat bzw. größeres Kapital in nun eigenen Zünften oder Gilden an dieser. Und so wie es dem großen Kapital im zwanzigsten Jahrhundert gelingen wird, Arbeitervertreter auf ihre Seite zu ziehen, so geschieht das mit der Vertretung der produktiven Arbeit schon im späten Mittelalter.

 

Was man immerhin manchmal dabei gewinnt, ist die Abschaffung schierer Kooptation im Rat oder die lebenslanger automatischer Mitgliedschaft der Patrizier, oft ist es auch nur die Mitgliedschaft in einem erweiterten Rat. In vielen Hansestädten, aber zum Beispiel auch in Nürnberg regiert das Patriziat oder zumindest eine kleine Ratsclique in unterschiedlicher Form alleine weiter.

 

Am Beispiel Kölns lässt sich schön verfolgen, in welchem Maße in Städten die politische Integration der Zünfte immer totalitärere Züge neuzeitlicher Staatlichkeit befördert. Hier führen die gewalttätigen Auseinandersetzungen mehrerer alter Geschlechter, ähnlich wie Generationen zuvor in Straßburg, 1396 zur Erhebung einer kommunalen Bewegung, die die alleinige Macht von Richerzeche und Schöffen bricht und das politische Stadtbürgertum dann in 22 Gaffeln (politisierte Zünfte) einteilt, die nach ihrer wirtschaftlichen Bedeutung für die Stadt einen oder zwei Ratssitze zugeteilt bekommen, das Wollenamt sogar vier (in: Hergemöller, S.380ff, siehe auch: Schulz, S.65). Diese sechsunddreißig kooptieren dann jeweils 13 weitere Ratsherren, sogenannte Gebrachtsherren, um das Gewicht der traditionell mächtigen Familien zu stärken und dieser Rat wählt schließlich zwei Bürgermeister. Als zusätzliches Kontrollorgan wählt jede Gaffel zwei Vertreter in einen Rat der Vierundvierzig, der beim Beschluss über Krieg und Frieden, Bündnissen und sehr großen Ausgaben des Rates mitwirken darf.

Alles halbe Jahr wird die Hälfte des Rates neu gewählt, wobei die Abgetretenen erst im dritten Jahr wieder neugewählt werden können.

 

Im 'Verbundbrief' dieser Stadtverfassung wird zudem eine Pflicht zur Zugehörigkeit zu einer der Gaffeln für alle Haushaltsvorstände festgelegt, in der dann Rechte und Pflichten wahrzunehmen seien (§13a). Damit ist wie in anderen Städten der Zeit die politische Zwangsmitgliedschaft eingeführt, wie wir sie noch heute als de-facto-Zwang zur Staatsbürgerschaft kennen. Das Recht wird hier also vollkommen von der de-facto-Unterwerfung unter eine kleine, aber einflussreiche Obrigkeit abhängig gemacht, die Vollmacht bis in Details des stadtbürgerlichen Alltags wie Religion, Familienleben, Gewerbe, Militär, Festivitäten hat. Der steyde ere ind vryheit (...) ind eyn gemeyne beste als hohes Gut in Köln (Hergemöller, S.384) formuliert (Lokal)Patriotismus als Untertänigkeit der Untertanen (getruwe ind hoult zo sijn) in der neuen Staatlichkeit.

 

Tatsächlich geht die politische Cliquenbildung der Reichen und Mächtigen in Köln in Hinterzimmern immer weiter, was zu ständig neuen Beschwerden führt, die keine Abhilfe schaffen.

 

In Augsburg wird 1368 auf friedliche Weise eine Schwurgemeinschaft aus Handwerk und Geschlechtern eingeführt, in der die Zünfte eine Mehrheit im Rat gewinnen und das Recht, die Patrizier dort hinein zu wählen. Darüber hinaus gibt es einen patrizischen und einen zünftigen Bürgermeister. Der Rat bekommt Rechenschaftspflicht in Finanzsachen gegenüber der Gemeinde auferlegt und darf in Zukunft kein Ungeld mehr erheben.

 

In Ulm setzen die Zünfte 1397 den 'Großen Schwörbrief' durch, mit dem die nun 14 Zünfte einen bis drei Ratsherren entsenden, neben zehn nicht zünftigen Räten. Mitte des 16. Jahrhunderts wird Karl V. den Schwörbrief aufheben und die Zunftrechte wieder beschneiden.

 

In Trier wird nach schweren Unruhen, die als Machtkämpfe zwischen den vier großen Ämtern (Zünften, und zwar der Weber, Metzger, Bäcker und Schuhmacher) und neun kleinen Ämtern ausgebrochen waren, 1434 ein Rat gebildet, den jeweils sieben gewählte Vertreter der beiden Gruppen, zwei Vertreter der Jakobi-Bruderschaft und die beiden Bürgermeister wählen und der dann durch die Schöffen ergänzt wird.

 

Zumindest die mächtigeren Zünfte, nun völlig politisiert, mit ihren durch Wohlhabenheit hervortretenden Spitzen kontrollieren jetzt solche Städte. Andererseits entsteht eine bürgerliche Öffentlichkeit: „Die in den Zunft- und Gaffelhäusern anzutreffende politische Öffentlichkeit hatte ein spürbares Gewicht erlangt. Die hier geführten Diskussionen prägten spätere Stellungsnahmen im Rat, so dass sich der Ratsherr der entsprechenden Gaffel oder Zunft besser nicht allzuweit von der dort herrschenden Meinung und Stimmung entfernte. Viele der im Rat getroffenen Entscheidungen lassen den Bezug und die Rücksichtsnahme auf das, was man die Zunftöffentlichkeit nennen könnte, erkennen.“ (Schulz, S.66)

Diese Öffentlichkeit ist aber geprägt von dem Einfluss der Reichen und Mächtigen, die Opposition zu einer Sache von Heimlichkeiten hin ersticken kann. Was da stattfindet, ist eine oberflächliche, aber keine handfeste Beteiligung des durchschnittlichen kleinen Handwerkers. Schulz spricht darum davon, dass eine solche Verfassung nur „eine neue Führungsschicht und ansatzweise wiederum eine Oligarchie“ hervorbringt (s.o.)

 

Während in einigen Städten die alte bürgerliche Oberschicht in die Zünfte integriert wird, entstehen anderswo gemische Verfassungen. Nach schweren Unruhen teilt sich 1375 die politische Macht in Nordhausen in 25 Ratsmannen und 3 Ratsmeister, die durch die Handwerksmeister gewählt werden, während der Rest, "die Gemeinde" (gemeyne) durch ein Viermännergremium und einen Ratsmeister vertreten wird, sowie durch zwei von sechs Kämmerern und durch einen von zwei Vertretern der übrigen städtischen Ämter (in: Hergemöller, S.374ff). Ähnlich werden in Marburg 1428 zwölf Schöffen und die Vier aus der Gemeinde eingesetzt, wobei die Schöffen immerhin aus den Vieren einen Unterbürgermeister wählen (in: Hergemöller, S.406ff).

In Heilbronn geht der halbe Rat an die Mitglieder der Zünfte, die andere Hälfte an die patrizischen Geschlechter.

 

Die große Zeit des Einflusses der Zünfte im 14. und 15. Jahrhundert betrifft ohnehin nur wenige Gegenden und einige darüber hinaus existierende Städte. Von einer mächtigen Kaufmannschaft kontrollierte Handelsstädte wie Nürnberg, Frankfurt, Lübeck oder Hamburg bleiben weithin frei von zünftigem Mitwirken im Rat. Im Osten, von Mecklenburg bis Österreich, bleiben Zünfte über ihre eigenen Belange hinaus einflusslos, bis sie Mitte des 16. Jahrhunderts dann vom Kaiser mehr oder weniger verboten werden.

 

In den norddeutschen Hansestädten, durchweg von einer reichen Kaufmannschaft kontrolliert, versuchen Handwerker meist vergebens durch Aufstände in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts Einfluss auf die Ratsverfassung zu bekommen. Aber wie die Braunschweiger Schicht des Rades 1374-86 belegt, geht es weniger um "demokratische" Repräsentanz, sondern um wirtschaftliche Interessen, und zwar um die hohen Steuern, die bislang für den Erwerb von immer mehr Umland ausgegeben werden. Die Schichtmeker, vor allem wohlhabenderes Bürgertum entmachen 1374 den Rat aus den alten Geschlechtern, der im wesentlichen aus den Spitzen der Einwohnerschaft der vornehmen Altstadt besteht, richten acht Mitglieder hin und konfiszieren das Eigentum derer, die rechtzeitig geflohen sind. Bis 1386 wird dann eine neue Verfassung etabliert, die in den inneren Rat Vertreter aller fünf "Weichbilde"aufnimmt und in den Gesamtrat Vertreter vieler Gewerbe. Die Elite sind nun nicht mehr Kaufleute, die für eine aristokratische Lebensweise Interesse an immer mehr Landbesitz haben, sondern solche, die ihre Einkünfte weiter kapitalisieren. (Olaf Mörke in: Beiträge 2, S.149f)

 

In der Regel wird dem Handwerk in Hansestädten schon einmal zeitweise eine deutliche Minderheit von Ratssitzen konzediert, aber die Vereinigung der Hanse war auch dadurch gekennzeichnet, dass sie gegenseitige Unterstützung für ein jeweils bedrohtes Patriziat versprach. 1417 und 18 wird dann auf zwei großen Hansetagen von 35 Städten unter Beisein des Kaisers, des Deutschen Ordens und einiger Fürsten eine Art "Verfassung" (Schulz) beschlossen, die auch das Versprechen enthielt, "jede Unruhe und jeden Umsturzversuch in einer Stadt mit allen Mitteln (Verhansung, Todesstrafe) zu verhindern.

 

Nachdem die Räte die Aufsicht über die Zünfte gewinnen, setzen sie besonders im 15. Jahrhundert gelegentlich Höchstzahlen für einzelne Gewerbe fest und erschweren so den Zunftzugang (oder erleichtern ihn gegebenenfalls).

 

****Verfassung****

 

Der hochmittelalterliche Begriff Gemeinde, Kommune, bedeutet in größeren Städten bald nichts anderes mehr als wirtschaftlich gesehen die Machtübernahme des großen Kapitals und politisch gesehen die Machtausübung weniger Geschlechter. Nicht nur die Frauen, sondern auch fast alle Produzenten und der größte Teil des Detailhandels, also fast alle Menschen sind vom politischen Geschehen ausgeschlossen. Sie gelten als unwürdig und unfähig zur Partizipation. Dort, wo es Zünften im späten Mittelalter gelingt, zur Teilhabe an der Macht aufzusteigen, werden diese schnell in die obrigkeitsstaatlichen Vorstellungen integriert und tendieren zur Entrechtung ihrer Mitglieder. Dazu gehört, dass sie mit dem Patriziat eine gemeinsame Oligarchie bilden und wie deren Vertreter auf Lebenszeit gewählt werden. In reinen Zunftverfassungen der politischen Stadt werden die Patrizier in einer Zunft zusammengefasst, von der aus sie weiter erhebliche Macht ausüben können.

 

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass das rein produktive Gewerbe, von kurzen Phasen abgesehen und abgesehen von hochkapitalisierten Ausnahmen, von der politischen Macht ferngehalten bleibt, und das auch dort, wo Zünfte an der Macht partizipieren oder einzelne Handwerker in Räte aufsteigen. Zunftverfassungen der Städte bedeuten also keine Machtübernahme der produktiven Gewerbe, sondern den Übergang reicher und mächtiger Chefs einiger Zünfte in eine elitäre Machteilite. In Straßburg zum Beispiel führt das zu immer wiederkehrenden Konflikten über die Modalitäten des Übergangs in den Kreis der Konstofler (Isenmann, S.280f).

 

Da Räte nicht oder fast nicht bezahlt werden und zudem ein Fernbleiben von Ratssitzungen kaum erlaubt ist, Ratssitzungen in großen Städten am Ende des Mittelalters sogar wie in Nürnberg täglich stattfinden, und die Ratsherren viele darüber hinausgehende Ämter und Aufgaben übernehmen, ist die Beteiligung von Handwerkern und kleineren Kaufleuten kaum möglich. "Als die Handwerker in Rothenburg/Tauber 1450 ihre Ratsmitgliedschaft erzwangen , sahen sie sich bereits nach fünf Wochen genötigt, ihre Ämter niederzulegen, da ihnen die dringend benötigten Einkünfte aus ihrer Erwerbstätigkeit fehlten." (Fuhrmann, S.157)

 

Umgekehrt ist eine patrizische Verfassung nicht mit Behinderung des Handwerks auf der wirtschaftlichen Ebene verbunden. Wenn in Lübeck der Einfluss der Zünfte gering bleibt, heißt das nicht, dass das Handwerk nicht geschützt und gefördert wird.

 

In das oligarchische Stadtregiment passen die Strukturen der Zünfte gut hinein. Mancherorts wird zwar von der Versammlung der Meister der Zunftmeister und ein ihn begleitender Ausschuss meist für ein Jahr gewählt, aber dieser kontrolliert dann die Finanzen, kommandiert gegebenenfalls in Kriegs- und Feuerwehreinsätzen und ist für Streitschlichtung und Rechtsprechung zuständig, sowohl was die internen Konflikte der Zunft wie die Gewerbegerichtsbarkeit betrifft.

Im 15. Jahrhundert wird in Basel der Zwölferausschuss aus amtierenden und abtretenden Sechsern zu einem sich selbst wählenden Gremium mit praktisch lebenslanger Mitgliedschaft, in dem die jährlich alternierenden Zunftmeister gewählt werden. Auf diese Weise wird die Zunft von einer Zunftoligarchie beherrscht (Isenmann, S.316), die wiederum dem Rat der Stadt unterstellt ist und mit diesem kooperiert.

 

Insofern tendieren sogenannte Zunftverfassungen dazu, sich nicht wesentlich von solchen des großen Kapitals zu unterscheiden oder von betont patrizischem Stadtregiment wie in Nürnberg. Dort gehören bis ins 14. Jahrhundert die meisten Handwerke zu den sogenannten freien Künsten, bis ein Teil von ihnen dann durch den Rat reguliert wird. Gewerbliche Selbstorganisation und Brunderschaften sind verboten.

Daneben entstehen aus manchen von ihnen die geschworenen Handwerke, die sich durch einen vom Rat ausgesuchten und von ihm auf Treue und Gehorsam eingeschworenen Meister auszeichnen, der im Sinne des Rates das jeweilige Handwerk beaufsichtigt.

Eine dritte Gruppe sind rund 30 gesperrte Handwerke, das heißt solche, die als Exporthandwerke für den Großhandel so wichtig sind, dass Gesellen und Meister die Stadt nur mit Erlaubnis des Rates verlassen und keine Produktionsgeheimnisse nach außen tragen dürfen. Dazu gehören die für Nürnberg so wichtigen Metallhandwerke und solche, die Luxusgegenstände herstellen. Sie dürfen keine eigene Kasse und kein eigenes Haus besitzen, Zusammenkünfte müssen vom Rat genehmigt und beaufsicht werden, ebenso wie jeder Briefwechsel.

Solche gesperrte Handwerke werden in Lübeck die Bernstein verarbeitenden Paternostermacher (Rosenkränze) und viele Handwerke in Rothenburg/Tauber.

 

Formalrechtlich ist in vielen großen Städten des Reiches der Rat Haupt und Zentrum der politischen Macht. In ihn gelangt man nur, wenn man Kriterien einer Ratsfähigkeit erlangt. Dazu gehören Besitz, Einkommen und Abkömmlichkeit, was den gemeinen Handwerksmeister explizit oder indirekt ausschließt. Im Norden der deutschen Lande, wo eine Politisierung der Zünfte oft unterbunden wird, sind sie ohnehin nicht ratsfähig. Bremische "Ratsherren mussten für städtische Zwecke ein Pferd im Wert von 3 m (1303/08) bis 15 m (1428)  halten, gegen Zins eine Rente der Stadt einlösen oder dem Rat eine bestimmte Geldsumme leihen (16 m) und zum Mauerbau beitragen (1398: 4 m). Außerdem war Grundbesitz in der Stadt im Wert von 32 m (1330), später (1398, 1428, 1433) im Wert von mindestens 100 m vorausgesetzt." (Isenmann, S.259)

So detailliert ist das nicht überall, aber im Kern gleichen sich darin vor allem die norddeutschen die Verfassungen.

 

Die Obrigkeit (oberkeit) als politische Herrschaft von mächtigen Fraktionen des größeren Kapitals, als Stadtregiment, gliedert sich, nicht ganz anders als in der Nordhälfte Italiens, zunehmend aus dem Geschehen im Stadtrat aus und wird in kleine Ratsausschüsse, "geheime Stuben" und ähnliches verlagert. "Es handelt sich dabei um Gremien, in denen häufig auf Lebenszeit gewählte, geschäftserfahrene Ratsherren finanzwirtschaftliche, militärische und außenpolitische Aufgabenbereiche übernehmen, als Geheimnisträger keiner ständigen Rechenschaftspflicht gegenüber dem Rat unterliegen und wichtige Entscheidungen ohne Befragung von Kleinem Rat oder Großem Rat treffen oder den Rat doch wenigstens präjudizieren." (Isenmann, S.131)

 

In Straßburg regieren so drei "geheime Stuben" im 15. Jahrhundert. Da ist ein auf Lebenszeit besetztes Kollegium der "Dreizehner", welches als "Neuner" zu nächst Kriegführung und Außenpolitik betraf und nun zur zentralen Exekutive wird, die sich aus vier Patriziern (Konstoflern), vier Altammeistern und weiteren vier Zunftangehörigen zusammensetzt, allesamt vom Rat ausgesucht. Kontrolliert wird das ganze Stadtregiment von einem Kollegium der "Fünfzehner" aus fünf Patriziern und zehn Zunftbürgern, die allesamt dem Rat nicht angehören dürfen und neue Mitglieder kooptieren.Zudem besitzen sie die Gesetzgebungsinitiative. Schließlich gibt es noch eine Art Ältestenrat, der gelegentlich zur Beratung vom Großen Rat einberufen wird und dessen Mitglieder den Räten der Dreizehner und Fünfzehner entstammen und ebenfalls lebenslänglich eingesetzt sind. Immerhin gibt es eine Art Gemeindevertretung der Schöffen, wobei 20 Zünfte jeweils 15 Mitglieder entsenden. Sie muss aber vom Großen Rat einberufen werden und entscheidet nur über das, was der Rat ihr vorlegt.

 

Hier werden in manchem Strukturen heutiger Demokratien vorweggenommen, in denen wesentliche Entscheidungen außerhalb der eigentlichen Verfassungsorgane und hinter dem Rücken der Öffentlichkeit stattfinden. Das beste Beispiel dafür heute in der BRD ist, dass die verdeckt stattfindende zigmillionenfache Auffüllung der bundesdeutschen Bevölkerung durch außereuropäische Völkerscharen und die Verwandlung in einen Vielvölkerstaat nie von einer demokratischen Beschlussfassung begleitet war.

 

Nicht vom Rat besetzt, aber von ihm eingesetzt sind dienende Ämter in zunehmender Zahl, an deren Spitze Ratsschreiber stehen, zunächst mit Pfründen versehene Kleriker, dann später recht gut besoldete Notare mit Schreibgehilfen. Sie bieten auch Rechtsberatung, neben besoldeten Rechtsberatern, Konsulenten,  mit akademischer (juristischer) Ausbildung. Darunter stehen Dienstboten im Rathaus, militärisches Personal, Büttel, Henker und Folterknechte, bald auch Lehrer, Stadtärzte, die die Räte zum Beispiel bei Seuchen beraten, Apotheker und städtische Hebammen, Steuereinnehmer, Leute für die Waage, den Zoll und die Münze, für das Bauamt und die Forstverwaltung.

 

Die politische Rechtlosigkeit der underthon und der gemeinen manne, wie der Ulmer Rat um die Mitte des 15. Jahrhunderts die politisch rechtlosen Massen bezeichnet, ist also schon im späten Mittelalter voll ausgebildet. Das ist im ausdrücklichen Interesse der fürstlichen Stadtherren und der Könige, deren Partner die großen Kapitaleigner sind. Da diese Machtcliquen nun auch de facto Herrschaft ausüben, werden sie auch als "Herren" (domini) angeredet. Ihre Macht leiten sie in Reichsstädten vom König ab, darüber hinaus aber wie die von Fürsten von Gott. Die Macht des Patriziats in Nürnberg fasst der Ratskonsulent Dr. Christoph Scheuerl 1516 dann so zusammen: das gemain völklein hat kainen gewalt: es steet inen auch nicht zu, dieweil aller gewalt von gott und das wolregirn gar wenigen und allein denen so vom schöpfer aller ding und der natur mit sonderlicher wayshait begabet sein verlihen hat. (in: Isenmann, S.132) Gott ist inzwischen etwas in die Verfassung verschwunden, aber der Rest ist geblieben und verschärft worden: Im Spätmittelalter werden wenigstens noch Entscheidungen über Krieg und Frieden und finanzielle Mehrbelastungen einer Bürgerversammlung oder wenigstens einem großen Rat zur Abstimmung vorgelegt, während der Bundestag zum Beispiel heute ein schieres Gremium uninformierter Akklamation durch die Regierungsparteien mit Fensterreden für die Massenmedien ist.

 

Der fiktive Vertragscharakter der Stadt als "Gemeinde" entfaltet sich zunächst in einer Vielzahl von separaten gesetzten Rechten und Pflichten, die vom Ende des 13. bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts zunehmend in gesammelter Form aufgeschrieben werden.

Unter dem Einfluss von römischem und kanonischem Recht beginnen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts professionelle Juristen erst mit der Systematisierung und dann der Reform eines nun vereinheitlichten Stadtrechtes, wie in der Nürnberger Reformation von 1479. Damit setzt so etwas wie modernes Verfassungsdenken ein, welches nun auch die ius magistratus der Oberschicht mehr oder weniger fiktiv zu legitimieren sucht.

In dieser frühen Neuzeit beginnt auch, ursprünglich ausgehend von der altgriechischen politeia über die lateinische politia das Wort policey in den deutschen Sprachraum zu gelangen, als Verwaltung eines Fürstentums oder einer Stadt. Die andere Entlehnung aus polis gelangt erst im 17. Jahrhundert als Politik über das französische politique in den deutschen Sprachraum.

 

Gute policey ist neben der Sicherheit des Marktgeschehens und des städtischen Umfeldes als Rahmenbedingung vor allem die Verlässlichkeit von Maßen, Gewichten und anderen Einheiten der Waren sowie von deren Qualität, für die amtliche und amtlich anerkannte Bedienstete zuständig sind. Manches wie die Waage wird gelegentlich verpachtet. Anderes wird von einer Art städtischer Gewerbeaufsicht kontrolliert, wozu auch die Qualität der Lebensmittel gehört.

In manchen Städten vermittelten städtisch lizensierte Makler (Unterkäufer) zwischen Verkauf und Kauf großer Warenpartien, wobei sie auf Quantität und Qualität zu achten haben.

Gute Polizei ist aber auch städtische Vorratshaltung vor allem von Getreide in Speichern, damit die Basisversorgung in der Stadt und damit der Frieden unter den Konsumenten gesichert ist.

 

Diese Polizeigewalt der Städte im spätmittelalterlichen Sinne, also die Reichweite von "Politik" umfasst den gesamten öffentlichen Raum und macht erst am Eingang der Privathäuser und Wohnungen halt. Zunehmend wird die Sauberkeit von Straßen und Plätzen kontrolliert, Baurecht und Baupolizei werden zumindest für die festeren Häuser der Wohlhabenden in den Kernbereichen der Stadt eingesetzt, um den guten Zustand der Gebäude zu gewährleiten, denn der maist Tail der Menschen, besonder unter den gemainen, wil und muß zu seinem Nutz gezwungen werden. (Windsheimer Reformation). Anders gesagt, der erzwungene Verlust der Eigenverantwortung in Zivilisationen muss auch in der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Stadt durch ein System von Befehl und Gehorsam erzwungen werden, welches dann bis heute immer weiter verfeinert wird.

Die Detailfreude dieser Polizeigewalt kennt keine Grenzen. Da Luxus im anschwellenden Konsumismus des städtischen Spätmittelalters Konkurrenzverhalten beim Warenkonsum auslösen kann, was bis in Verschuldung und Bankrott führen mag, wird er für alle möglichen bürgerlichen Festlichkeiten wie Taufe, Hochzeit und Trauerfeiern ganz detailliert begrenzt nach Menge und Qualität. Kleiderordnungen sollen übermäßige Ausgaben für Pelze, teure Stoffe und Schmuckbesatz begrenzen.

Da Kleidung und Schmuck gerne als Ausdruck von Macht und Status genutzt werden, wird gelegentlich für einzelne Gruppen ein unterschiedliches Niveau an Prächtigkeit festgelegt. 1462 wird einem Ausgburger Patrizier, weil er städtische Gelder unterschlagen hat, zur Strafe verboten, "Zobel und Marder, Seide und Samt, Schmuck, Gold und Silber, d.h. die sichtbarsten Statussymbole der patrizischen Oberschicht, zu tragen." (Isenmann, S.259)

 

Das Verbot von in die Verschuldung treibenden Glücksspielen treibt diese in den Untergrund oder in von der Stadt konzessionierte Spielhöllen.

Das anarchische Element des Geschlechtstriebes soll auch in der Kleidung eingedämmt werden. Allzu offenherzige Dekolletés bei Frauen, hurenähnliches Schminken und falsche Haarteile, und übermäßig gestaltete Hosenlätze bei Männern oder abartig verlängerte "Schnäbel" von Schnabelschuhen, alles zunehmend beliebt, sollen begrenzt bleiben.

Die Tendenz zum Suff und zu beziehungslosem Geschlechtsverkehr bei Fastnacht/Karneval und anderen Festivitäten wird immer aufs neue bekämpft wie auch solche Tänze und Tanzvergnügen, die dem gegenseitigen sexuellen Aufgeilen Vorschub leisten.

 

Dort, wo Stadträte und städtische Ämter etabliert werden, beginnt das Ringen um die bürgerliche Macht in der Stadt, zunächst von einer Oligarchie bürgerlicher Oberschicht betrieben. Ähnlich wie noch besser dokumentiert in italienischen Städten werden immer neue Versuche unternommen, damit nicht einzelne Geschlechtergruppen die Kontrolle über die Stadt gewinnen. 

In Osnabrück beschließen 1348 die Ratsherren, Schöffen genannt (schepen), folgendes komplizierte Modell: Am 2. Januar müssen sich die Bürger (die einen eigenen Rock besitzen) vor dem Rathaus versammeln. Es herrscht strafbewehrte Anwesenheitspflicht. Die Schöffen würfeln derweil zwei der Ihren als Wahlmänner aus. Diese wiederum wählen sechzehn Wahlmänner aus den verschiedenen Stadtteilen nach festem Schlüssel, die wiederum aus denselben Stadtteilen nach demselben Schlüssel 16 neue Schöffen wählen, die gewissen Minimalqualifikationen genügen sollen.

 

Noch komplizierter wird es dort, wo dann das Handwerk in seinen Meistern mit der städtischen Oberschicht zusammen den Rat zu stellen hat, wie es 1375 nach einem heftigen Aufstand in Nordhausen beschlossen wird.

In Marburg wählen 1428 wählen Zünfte und "Gemeinde" ein Viermänner-Gremium, welches zu den zwölf Schöffen offenbar der patrizischen Geschlechter und dem bisherigen Rat hinzukommt und einen neuen Rat bildet, wobei dann nach dem Tod eines Schöffen dieser jeweils durch einen Ratsherrn ersetzt wird. Die Gemeinde wählt jedes Jahr einen Bürgermeister aus der Reihe der Schöffen, die wiederum einen Unterbürgermeister aus der Reihe der Vier wählen.

1460 legt der Erzbischof von Köln offenbar im Einvernehmen mit den Honoratioren der Stadt fest, dass der Rat nicht mehr jährlich, sondern auf Lebenszeit von der Bürgergemeinde (den gemeynen burgern) gewählt wird, wobei die Schöffen des Erzbischofs dazu gehören. Beim Tode eines der Räte wählt eine von den Bürgern gewählte Gruppe der Vierundzwanzig einen Nachfolger. Schöffen, Ratsleute und genauso viele gewählte Bürger wählen Bürgermeister und Akzisemeister aus dem Kreis der Schöffen und Räte.

 

****Finanzen****

 

Mit der städtischen Selbstverwaltung beginnt auch die Verschriftlichung, zunächst in Ratsbüchern, dann in solchen einzelner Ämter, wie die Grundbücher oder die Buchführung über die Finanzen. Mit der Verbilligung des Papiers durch Papiermühlen beginnen dann im 15. Jahrhundert die zunächst noch moderaten Aktenansammlungen.

 

Die städtischen Einnahmen regelte jeder Rat für seine Stadt. Direkte Vermögenssteuern konnten dabei erheblich sein wie in Nürnberg, oder aber es überwiegen indirekte wie in Köln. Ihren Ursprung haben direkte Steuern in den Abgaben an die jeweiligen Herren, die die Stadt einsammelte und weitergab. Dabei behielt sie Überschüsse, aus denen sich Steuern entwickeln. Dazu werden gelegentliche Steuern - wie schon erwähnt - nach und nach in regelmäßige verwandelt. Die indirekten Steuern (Ungeld) werden vom Stadtherrn erworben und damit begründet, dass man Mauern, Straßen, Brücken damit baut oder erhält. Sie haben teilweise ihren Ursprung in Regalien. Dort, wo Steuern auf Brot, Bier, Wein und Salz einen wesentlichen Teil der Einnahmen ausmachen, geschieht das zu Lasten der Ärmeren, während (eher niedrige) Vermögenssteuern zwischen 1% und 5%  auch die Wohlhabenden treffen. In vielen Städten stellen auch Rentenverkäufe eine ganz erhebliche Einnahmequelle dar.

Steuerehrlichkeit versucht man weiter mit massiven Strafen bei Hinterziehung herzustellen.

 

Wo diese Einnahmen punktuell nicht ausreichen, verschuldet sich die Stadt, indem sie Darlehen bei einzelnen kapitalkräftigen Bürgern oder Bürgerkonsorzien aufnimmt. Daneben wird Geld am Rentenmarkt aufgenommen, eine gut verzinste Geldanlage auch für Auswärtige und zum Beispiel auch für Adelige. Dabei nehmen Leibrenten zugunsten widerverkäuflicher Renten ab. In Augsburg "bestimmte der Rat 1457, dass Leibrenten nur noch an Pbervierzigjährige verkauft werden sollten; drei Jahre später ordnete Nürnberg an, dass Neuerwerber das 60. Lebensjahr vollendet haben mussten." (Fuhrmann, S.160).

 

Der Batzen der städtischen Ausgaben betrifft den Krieg und den Machtausbau der Städte, also den Bau von Befestigungsanlagen, Kosten von Waffen und Rüstung, Söldnern und Kriegen. Einen weiteren größeren Posten liefert oft der Schuildendienst und zudem die Finanzierung von Verwaltung. Ähnlich wie bei Fürsten und Königen fallen dabei Kosten für öffentliche Wohlfahrt im weitesten Sinne extrem gering aus, nicht zuletzt, weil große Teile davon privat finanziert werden.

Verwaltungskosten wiederum haben viel mit den städtischen Finanzen zu tun.

 

****Städtische Wirtschaftspolitik****

 

Die vom Großkapital direkt regierte wie die von Zünften beherrschte "autonome" Stadt btreibt im wirtschaftlichen Interesse und dem der Aufrechterhaltung des inneren Friedens selbst aktive Wirtschaftspolitik. Dabei geht es zunächst um die Gewährleistung der Versorgung der Bevölkerung mit Getreide und Brot, und mit dem Getreide auch der Versorgung mit Bier, dem Ersatz für eher schlechtes (Trink)Wasser.

 

Dazu gehört in großen Städten die Einrichtung von Getreidespeichern für Notzeiten, manchmal auch von Salzspeichern. Des weiteren kaufen Räte bei Getreidemangel in der Ferne (teuer) ein und geben das Getreide dann verbilligt an die Einwohnerschaft ab. In Mangelsituationen werden auch Zölle und Geleitgelder reduziert und manchmal die Einnahmen dann durch erhöhte Verbrauchssteuern ersetzt. Dadurch wiederum kann der Verbrauch (auf das Nötigste) gesenkt werden.

"Die Stadt Basel musste im Finanzjahr 1438/39 für die Beschaffung von Getreide eine Schuld von 21 404 Gulden kontrahieren, was der Höhe eines ganzen Jahresbudgets entsprach. Köln stellte 1462 den verantwortlichen Kornherren zur Auffüllung der Getreidevorräte bei niedrigem Preisniveau 13 834 Mark (Rechnungswährung) bereit, die durch den Verkauf von Leibrenten aufgebracht worden waren." (Isenmann, S.388)

 

Ein weiteres obrigkeitliches Mittel ist gelegentlich wie in Nürnberg die allgemeine Festsetzung von (gerechten) Preisen von Brot, Fleisch, Fisch, Bier und Wein aus Versorgungsgründen, wobei Güter, die durch den Fernhandel in die Stadt gelangen, wie Getreide, Vieh, Salz und Gewürze, in der Regel davon ausgenommen sind, um die Versorgung nicht zu behindern. Oft wird auch das Gewicht von Produkten der Nahrungsmittelgewerbe wie Brot festgesetzt, um die Qualität zu garantieren. Das von Zünften regierte Zürich hingegen setzt für Brot und Fisch keine Preisbindung fest.

 

Alle Vorgänge von Kauf und Verkauf in (und vor) der Stadt sind streng reglementiert, um nicht notwendigen und preistreibenden Zwischenhandel zu unterbinden. Im Köln des 15. Jahrhunderts überwachen diese Vorgänge über hundert mehr oder weniger amtliche Personen.

Fremde Händler dürfen nur en gros verkaufen, so lange Städter an den Waren interessiert sind, und dürfen nicht untereinander kaufen und verkaufen. Stapelwaren müssen beim Betreten städtischen Hoheitsgebietes dort angeboten werden, und der Händler darf mit ihnen nur weiterziehen, nachdem die Bedürfnisse der Städter befriedigt sind. Vor den Toren der Stadt Händler abzufangen, um deren Waren dann in der Stadt teurer zu verkaufen, ist streng verboten.

Daneben wird auch von der Obrigkeit insofern rationiert, als Wein und andere wichtige Konsumgüter nur in dem Maße vom Bürger eingekauft werden dürfen, wie er sie auch selber verbraucht. Schierer Zwischenhandel mit dem bloßen Ziel des Gewinns, das heißt der Preiserhöhung ist also in jedem Fall verboten.

 

Daneben erlassen Räte oft auch Höchstlöhne für allgemein als lebenswichtig angesehene Arbeiten wie die der Müller, Bäcker, Bauhandwerker. Als letzteren das in Köln im 14. Jahrhundert zu wenig ist, wird ihnen auch die Abwanderung verboten.

Wo wie in der Textilstadt Ulm Produkte der Barchentweberei das wichtigste Exportgut sind, wird im Sinne der Exporteure (1403) dafür gesorgt, dass die Weber auf dem Lande bleiben und nicht in die Stadt ziehen, damit sie im Krisenfall nicht der Stadt zur Last fallen. Andererseits wird ihnen erlaubt, ohne stärkere Reglementierung ihre Produkte auf dem städtischen Markt abzusetzen. Eigentlich überall wird das Handwerk soweit gefördert, wie das dem Handel dient.

 

Von einem freien Markt kann also schon soweit nicht die Rede sein. Wie die Kirche vertritt auch das Stadtregiment die Lehre vom gerechten Preis, als welcher natürlich auch seine Preisfestsetzungen gelten. Üblicherweise besteht die Kirche darauf, Verfahren wegen Wucher, also die Übertretung eines gerechten Preises, vor ihr Gericht zu bringen, aber seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gibt es wie zum Beispiel in Köln auch städtische (weltliche) Wucherverbote, die vor städtischen Gerichten abgehandelt werden. Man zahlt dann entweder erhebliche Geldstrafen, oder, wenn man das nicht kann, bezahlt man mit Verbannung.

 

Mit Wechsel- und Rentengeschäften zum Beispiel kann man aber relativ ungeschoren Zins erlangen. Überhaupt ist der gerechte Preis eine ideelle Größe und sehr flexibel handhabbar.

Neben dem ursprünglich kirchlich entwickelten Preis entwickeln Städte im Zuge ihrer Wirtschaftspolitik die genauso vage ideelle Vorstellung vom Gemeinwohl. Tatsächlich bedeutet dies implizit für die städtische Obrigkeit den Zustand inneren Friedens, für Leute wie die Autoren der um 1439 am Oberrhein entstandenen 'Reformatio Sigismundi' inzwischen längst propagandistisch gewordene Gerechtigkeitsvorstellungen.

 

Städte bilden Bündnisse und Vereinigungen wie die Städtehanse, aber darunter herrscht erhebliche Konkurrenz unter ihnen. Als sich vor allem in Süddeutschland im 15. Jahrhundert Barchent zu einem Exporterfolg auf dem damaligen "Weltmarkt" entwickelt, und Augsburg und Ulm davon profitieren, fördert Nürnberg gegen Ende die Ansiedlung von Barchentwebern in der Stadt und schenkt 1488 20 Barchentwebern aus Augsburg, Ulm und zwei anderen Orten Bürgerrecht und Meisterschaft und baut 21 Weberhäuschen, die günstig vermietet werden.

1499 verhandelt Nürnberg mit einem Koblenzer Geschützgießer über dessen Übersiedlung. Grundsätzlich versuchen Städte, talentierte Handwerker abzuwerben und insbesondere dem Export-Handwerk günstige Bedingungen zu bieten. Das ändert aber nichts daran, dass sich große Teile des Handwerks nicht allzu weit vom Existenzminimum entfernen. Gefördert wird, was der Kapitalverwertung dient und gedrückt, wo man dafür niedrige Preise braucht-

 

****Recht****

 

Die fast vollständige Machtübernahme des Kapitals in den Städten geschieht über seine Macht zur willkürlichen Setzung des Rechtes und über die Rechtsprechung. Nicht das adelige Recht der Waffen, sondern die Verfügung der allerdings selbst an die eigenen Gesetze gebundenen Obrigkeit über das Verhalten der Untertanen bei meist nur noch latenter Gewaltandrohung stellt die neue Staatlichkeit her.

 

In einer Gerichtsordnung von 1401 verfügt die Gemeinde von Rottweil in Gestalt ihres Rates bereits über die Rechtssprechung todeswürdiger Verbrechen und kann selbst Ratsmitglieder abstellen, die beim Verdacht eines Rechtsbruches Untersuchungen anstellen und so Rechtsfälle als Offizialdelikte behandeln (Hergemöller, S402).

Überhaupt treten nicht selten Ratsherren als Richter auf. Für Nördlingen wird so um 1450 festgelegt: Je ein Viertel aller Ratsherren, denen es rechtmäßig zufällt, soll allmonatlich das Gericht besetzen... (in Hergemöller S.421)

 

Die wichtigsten Rechtsvorschriften betreffen das Eigentum, welches sich am deutlichsten in den immer detaillierteren Regelungen des Erbrechtes fixiert. Gegenüber der Ehefrau als Erbin wird immer wieder das Erbrecht der Kinder hervorgehoben, dass sie nicht antasten darf. Reicht der Besitz der Witwe nicht aus, müssen die Kinder für sie sorgen.

 

In den neuen Städten verschwindet die alte germanische Vorstellung von der Wiederherstellung des Rechtsfriedens durch Bußzahlungen und Wergelder zur Gänze, die neue Staatlichkeit tritt stärker zwischen Täter und Opfer und entrechtet die Opfer zunehmend, ein Vorgang, der bis heute anhalten wird und inzwischen dazu geführt hat, dass in Ländern wie der BRD die meisten Verbrechen und selbst Gewalttaten de facto kaum noch geahndet werden, sofern die Ahndung nicht geldliche Vorteile für den Staat mit sich bringt.

 

Der Schutz des Friedens betrifft die ganze Stadt, besonders aber die Gegend um Rathaus und Marktplatz und wie in Nürnberg auch das Wirtshaus und das Bordell, zudem gibt es den geschützten Raum des Hausfriedens, der nur bei Verfolgung eines Straftäters gebrochen werden darf.

 

Bei Strafverfahren gewinnt die eidliche Zeugenaussage zunehmend an Bedeutung. Weiterhin wird der Eid mit den Fingern am Kreuz bzw. einer Reliquie geleistet. Rechtevertretung durch einen Fürsprecher oder Vorsprecher (Magdeburg) wird üblicher. Dabei bleiben in der Praxis die Ärmeren und Statusniedrigeren in der Stadt eher auf der Strecke, die auch den zunehmenden Spitzfindigkeiten der Prozessführung weniger gewachsen sind, wie zum Beispiel Nikolaus von Kues kritisch feststellt. Auch das wird aber im Kern so bleiben, wenn heute Staatsbürger gegen großes Kapital und Staat zu klagen versuchen.

 

Für manche Fälle bleibt der gerichtliche Zweikampf zunächst noch bestehen: Wird der Beklagte besiegt, gilt er dann als schuldig und wird dem Richter zur Bestrafung übergeben. In der Regel verschwinden allerdings seit dem hohen Mittelalter Gottesurteil und Zweikampf als Konzessionen der alten Stadtherren an die neue Obrigkeit. Darüber hinaus verschwinden auch die Eideshelfer zugunsten echter Zeugen: Das große Kapital an der Macht braucht zwar die Durchsetzung seiner Interessen, aber dazu gehört eine möglichst hohe Rechtssicherheit als Basis jenes Friedens, der seine Entfaltung erst ermöglicht.

 

****Schulwesen****

 

Über die städtischen Schulen weiß man Genaueres erst in der beginnenden Neuzeit. Im 15. Jahrhundert nehmen die vier bürgerlichen Nürnberger Lateinschulen durchschnittlich etwa 200 Schüler auf, die in einem Raum in drei Klassen aufgeteilt sind. Die Eltern haben Schulgeld und Sachabgaben zu leisten und den Schülern wird als elitärer Gruppe der Umgang mit schulisch Ungebildeten untersagt. Offizielle Umgangssprache in diesen Schulen ist meist Latein, die deutsche Sprache wird nur zeitweilig als Unterrichtssprache erlaubt. In diesen Ganztagesschule wird auch der Einübung des liturgischen Chorgesangs breiter Raum eingeräumt und manchmal wird um 1500 auch ars humanitatis angeboten, die Unterrichtung römischer Klassiker wie der Aeneis.

 

Diese stark kirchlich beeinflussten Eliteschulen werden in manchen Städten durch deutsche Schreib- und Rechenschulen ergänzt, die von der Stadt konzessionierte private Unternehmungen der Schulmeister sind. Solche Schreib- und Rechenlehrer gelten als Handwerker, die zu Meistern (Magistern) ausgebildet sind.

 

 

Die Hanse

 

Ganz anders als der Mittelmeerraum mit seinem massiven Konkurrenzkampf zwischen Staatstaaten und Königreichen hat sich im Nord- und Ostseeraum aus dem Verbund von Händlern einer Stadt und eines Handelszieles im 14. Jahrhundert ein machtvoller Städtebund entwickelt, der seine Interessen zur Not auch mit massiver Gewalt verfolgt. Im Westen sind zunächst Brügge und dann zunehmend Antwerpen die zentralen Umschlagplätze, im Zentrum steht Lübeck. Der Handelsraum umfasst Flandern, England, Norddeutschland bis zum Baltikum, Skandinavien und Russland. Lübisches Recht und niederdeutsche Sprache verbinden die Räume ebenso wie ein Netzwerk von Privilegien.

 

Der Hanse-Finanzplatz Brügge wird von Italienern beherrscht

 

Lübeck

 

Das zur Gänze vom Handel beherrschte Lübeck hat eine relativ breite Schicht von Fernkaufleuten, die im gesamten Hanseraum operieren und zudem Einkünfte aus Renten, Krediten und Schiffsanteilen haben. Eine Etage darunter ist Handel angesiedelt, der nur eine Region bearbeitet, und sind Schiffsreeder, Großbrauer und reiche Gewandschneider.

 

Im Rat sitzen nur Kaufleute, die sich schon vor der Mitte des 13. Jahrhunderts Nachrücker kooptieren, deren Ratsmitgliedschaft im 14. Jahrhundert auf Lebenszeit erweitert wird.

 

1379 wird von neun Geschlechtervertretern die Zirkelgesellschaft als Elite der Elite gegründet.. Man pflegt einen adeligen Lebensstil und lässt sich als "Junker" bezeichnen.

Daneben gründet sich aus reichen Fernhändlern Mitte des 15. Jahrhunderts die 'Kaufleute-Kompanie' um den künftigen Bürgermeister Hinrich Castorp (Bürgermeister von 1462-88).

Während um 1465 19 von 20 Räten noch aus der Zirkelgesellschaft stammen, sind es nach 1480 nur noch etwa zwei Drittel, ergänzt durch Vertreter der Kaufleute-Kompanie. Vermögende Händler-Familien, die erst in jüngerer Zeit nach Lübeck gezogen waren, versammeln sich in der Greveraden-Kompanie, die unter dem Zirkel und der Kaufleute-Kompanie angesiedelt ist, und die nach 1500 zunehmend mehr Mit5glieder im Rat stellen kann.

 

 

Köln

 

Köln hat ähnlich wie Nürnberg eine ausgewogene Struktur aus Handel, Finanzen und Gewerbe. In der Hanse nimmt es eine Sonderrolle ein, da es durch ein streng betriebenes Stapelrecht und seine Ausrichtung auf Antwerpen statt Brügge aus dem Rahmen fällt. Der herausragendes Gewerbe bleibt bis in die früheste Neuzeit die Textilproduktion, deren verlegerische Organisation anders als sonst wesentlich von erfolgreichen Handwerkern betrieben wird. Zur Wolle kommt mit Tirtey ein Mischgewebe aus Wolle und Leinen und im fünfzehnten Jahrhundert Barchent. Die Baumwolle dafür kommt aus Brügge. 

Unternehmerisch unterstützte Massenproduktion wird von der Stadt durch Qualitätskontrolle und Einteilung in drei Qualitätsstufen sowie feste Maße unterstützt.

Neben diesen Tuchen steigt die Seidenstoffproduktion weiter an, in der Köln im Norden bis durch das 15. Jahrhundert eine Vorrangstellung in der Nordhälfte Europas einnimmt.

 

Ein wesentliches Kölner Handelsgut ist entsprechend auch das von Färbemitteln auf Pflanzenbasis. In Köln wird so Waid aus dem Umland verhandelt und Krapp vom Oberrhein. Im 15. Jahrhundert beginnt dann die Konkurrenz von Färbemitteln aus Afrika und Asien (Indigo-Blau).

 

Fast so wichtig wie die Tuchproduktion ist die von Metallwaren. "Roheisen, Stahl und Halbfabrikate sowie Fertigwaren erwarben die Kölner vornehmlich im Bergischen Land, dem (märkischen) Sauerland, dem Siegerland, der Eifel und dem Hunsrück." (Fuhrmann, S.145)

Solingen liefert Scheren und Messer in hoher Qualität, in Elberfeld und der Umgebung von Remscheid entstehen Sicheln und Sensen, aus Plettenberg kommen Drahte und Schuhschnallen, aus dem Siegerland Nägel und gusseiserne Öfen. Die Stadt Köln selbst konzentriert sich auf Harnische und die Veredelung von Halbfabrikaten.

 

Der Kölner Handel erstreckte sich fast wie der Nürnbergs über einen großen Teil Europas. Mit dem Stapelrecht können die städtischen Einnahmen an indirekten Steuern gesteigert werden. Um es zu umgehen, nehmen manche auswärtige Händler das Bürgerrecht an, und sie werden gegen Ende des 15. Jahrhunderts geradezu dazu gedrängt. Ab 1508 müssen Faktoren auswärtiger Handelshäuser dies sogar tun. Damit fließt weniger Reichtum aus der Stadt ab.

Bis ins fünfzehnte Jahrhundert ist der Handel von Wein aus dem Elsass, vom Mittelrhein und von der Mosel von großer Bedeutung, von Köln geht der Wein dann in die Hansestädte. Im Verlauf des Jahrhunderts geht er dann wegen des Aufschwungs des Bieres als Grundgetränk zurück. Für den Wein bringen Kölner Händler Fisch aus Nord- und Ostsee zurück.

Rinderherden werden von der Ost- und Nordseeküste in das Umland von Köln getrieben, dort noch einmal auf den Weiden gemästet und dann in der Stadt verkauft.

 

Die politische Verfasstheit Kölns besteht wie in vielen anderen großen Städten in deutschen Landen inzwischen in der Diktatur einer Fraktion alter Geschlechter des Kapitals. Im 14. Jahrhundert sind es 15 Familien, die "etwa zwei Drittel aller Führungspositionen" besetzen (Fuhrmann)

Dagegen schließen sich Kaufleute zusammen, die in der Regel wohlhabenden Goldschmiede und vor allem reiche, als Verleger tätige Weber. 1370 beginnen Unruhen mit einem Bannerlauf, in dem die Opposition in einer Demonstration dte Stadtfahne durch die Stadt trägt.

Darauf wird der Rat durch ein Gremium von fünfzig Mitgliedern zum Weiten Rat ergänzt, wobei die Zunftvertreter in der Regel Kaufleute sind. Die Riecherzeche wird ihrer Rechte beraubt und auch die Sondergemeinden verlieren ihren politischen Einfluss.

Siebzehn Monate dauert die Macht der Weberanführer, und sie machen sich nicht beliebt dadurch, dass sie die indirekten Steuern auf Tuche durch ein Weinungeld ersetzen, welches viel mehr Leute trifft. Daneben werden auf Grundbesitz direkte Steuern erhoben. Auch Ärmere können nun das Bürgerrecht erhalten.

 

Die in Gaffeln organisierten Kaufleute verbünden sich mit anderen Zünften gegen die Weberherrschaft. Im November 1371 besiegen sie mit Söldnern die Weber und ihre Partei in einer Schlacht. "Bereits im folgenden Jahr schrumpfte der Weite Rat auf 31 Köpfe, deren Kompetenzen jetzt vornehmlich in der Kontrolle des Finanzwesens lagen, nur noch einige Goldschmiede vertraten das handwerkliche Element." (Fuhrmann, S.141f) Webern, Schmieden und Schneidern wird nun der Waffenbesitz verboten. Die Zünfte werden stärker vom Rat überwacht, seine Qualitätskontrolle nimmt als Machtmittel zu. Das Weinungeld wird beseitigt und die Tuchakzise wieder eingeführt.

 

1388 zeigte das Kapital noch einmal Einmütigkeit bei der Gründung der Universität. 1396 wird dann von den Kaufleuten und Zünften die Geschlechterherrschaft beendet. Kurz darauf verkünden Bürgermeister, Rat und Zünfte gemeinsam den Verbundbrief. eine Verfassung, die das politische Köln in 22 Gaffeln einteilt, von denen vier aus Kaufleuten bestehen. Die Gaffeln wählen je nach Größe einen oder zwei Ratsherren, das Wollenamt vier. Dieser Rat kooptiert weitere dreizehn, und der Rat besteht dann aus 49 Mitgliedern. Die Amtszeit ist ein Jahr, jeweils im Juni und Dezember scheidet die Hälfte aus. Wiederwahl ist erst nach zwei Jahren möglich. Für militärische Unternehmungen und große Ausgaben muss jede Gaffel zwei weitere Mitglieder hinzuziehen, was die Entscheidung auf 93 Vertreter verteilt.

 

Tatsächlich herrschen weiter Kaufleute, da reine Handwerker selten von ihrem Betrieb abkömmlich sind. Darüber hinaus gelingt es nach 1441 einer kleinen Gruppe, erst die Wiederwahl der Bürgermeister nach der Pause von zwei Jahren zu betreiben und schließlich auch die Kooptation neuer Ratsmitglieder.

Es gibt vergebliche Aufstände, auch gegen die Zerrüttung der Finanzen, gegen Unterschlagung, Günstlingswirtschaft und Ämtermissbrauch, aber in die Neuzeit hinein gelingt es einer kleinen Clique von Familien, die Macht in der Stadt zu bewahren.

 

Süddeutschland

 

In Süddeutschland bilden Geschlechter einer Stadt Handelsgesellschaften mit zunehmendem Kapitaleinsatz. Die Beziehungen gehen stark nach Italien und Spanien, aber auch nach Flandern und England. "Die Ravensburger Gesellschaft unterhielt im Verlauf ihrer Entwicklung Niederlassungen (Gelieger) in Venedig (nur bis 1474), Mailand, Genua, Genf, Lyon, Avignon (...), Barcelona, Saragossa, Valencia, Brügge (bis 1485) und später Antwerpen (seit 1485), Nürnberg und Wien." (Gilomen, S.111).

 

Deutsche Gesellschaften hatten sich bis zur Abwanderung des Kapitals von Brügge nach Antwerpen Ende des 15. Jahrhunderts von großen Finanzgeschäften ferngehalten, bis sich dann die Hochstetter vor 1486 am Antwerpener Geldmarkt etablieren, und nach ihnen 1494 Jakob Fugger und eine Anzahl Jahre später die Welser. Basis für den Aufstieg solcher Firmen sind allerdings die Erze Sachsens, Mährens, Schlesiens und Tirols.

 

Städtebünde sind seit dem Rheinischen von 1254 Ausdruck städtischer Autonomie und großbürgerlichen Selbstbewusstseins. 1349 verbünden sich 25 schwäbische Reichsstädte auf vier Jahre, um gegen die Verpfändungspolitik Karls IV. gewappnet zu sein. 1371 wird ein neues von 31 Städten gegründet, welches allerdings 1376 die Verpfändung ihres Mitgliedes Donauwörth nicht verhindern kann.

Als Karl erhebliche Gelder braucht, um seinen Sohn Wenzel durch Bestechung zum König wählen zu lassen, vereinigen sich zunächst 14, bald 18 Städte unter Führung Ulms, über die Karl IV. im Herbst 1376 die Reichsakt verhängt. Der König kann Ulm nicht einnehmen, aber wenigstens das Umland verwüsten. Mai 1377 kann ein städtisches Heer das von Graf Ulrich von Württemberg bei Reutlingen schlagen. Die Reichsacht wird aufgehoben, die Städte huldigen Wenzel unter der Bedingung, nicht verpfändet zu werden.

1385 hat der Schwäbische Städtebund 40 Mitglieder und verbündet sich mit der Schweizerischen Eidgenossenschaft.  Parallel dazu gibt es einen neuen Rheinischen Städtebund gegen ritterliche Übergriffe und Gewaltakte, der sich mit dem schwäbischen verbündet.

1388 kommt es zum ersten großen Städtekrieg nach Übergriffen der bayrischen Herzöge und der Gefangennahme des Salzburger Erzbischofs Pilgrim. 1388 unterliegt ein städtisches Heer dem des Grafen Eberhart von Württemberg in der Nähe von Stuttgart. Kurz darauf besiegt Pfalzgraf Rudolf das Heer des Rheinischen Bundes bei Worms.

 

In den 1440er Jahren gewinnt ein Schwäbischer Bund noch einmal an Bedeutung, die im Markgrafenkrioeg 1448-53 gipfelt. Im Kern geht es um die Überfälle von Markgraf Albrecht Achilles von Brandenburg auf das Umland von Nürnberg, die im Leerfischen von Fischweihern gipfeln. Es gelingt kurzfristig, den Zollern zurückzuschlagen.

 

Während Augsburg und Nürnberg unaufhaltsam aufsteigen, sinkt die Bedeutung Regensburgs im 15. Jahrhundert. Schon nach den Unruhen der 1330er Jahre verließen viele Fernkaufleute die Stadt. Zudem diversifizieren sich die Handelswege, und der Transitstandort Regensburg verliert dabei an Bedeutung. Schließlich schadet es der Stadt wohl auch, dass das produzierende Gewerbe immer eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Weiteren Schaden fügen die Hussitenunruhen im frühen 15. Jahrhundert den Handelsbeziehungen nach Böhmen zu, und schließlich ist die Stadt komplett vom Territorium der Wittelsbacher umschlossen, die seine Wege bei fehlender Willfährigkeit nun jederzeit blockieren können.

 

****Nürnberg**** (in Arbeit)

 

Die Tatsache, dass das Handwerk in Nürnberg ökonomisch eine wichtige Rolle spielt, während es politisch außen vor bleibt, hat wohl etwas damit zu tun, dass das Handels- und Finanzkapital ganz erheblich selbst in die gewerbliche Produktion investiert. Möglicherweise führt die Errichtung einer Augsburger Zunftherrschaft 1368 dazu, dass der Rat 1370 acht Handwerkervertreter kooptiert, die nicht mitentscheiden dürfen, aber auf diese Weise informiert sind.

Seit 1392 tauchen 13 ältere und 13 jüngere Bürgermeister auf, die paarweise für vier Wochen die Ratssitzungen leiten.

 

In Nürnberg wird um 1390 der mechanische Drahtzug erfunden, um 1415  zudem die Drahtziehmühle, wobei Draht mittels eines Pleuelstangensystems maschinell hergestellt werden kann. Erfunden wird auch das Saiger-Verfahren, zuerst in einer Nürnberger Hütte 1419 angewandt. Dies Verfahren erlaubt ein besseres Differenzieren zwischen einzelnen Metallen beim Ausschmelzen der Erze, zum Beispiel das Aussaigen von Silber aus Rohkupfer mittels Einsatz von Blei. Vorteil ist zum Beispiel bei Kupferhütten, dass das so nun dazu gewonnene Silber frei der Vermarktung der Unternehmer zur Verfügung steht.

 

Erfunden wird in Nürnberg wohl auch das Verzinnen von Blechen. Um neben Wasserkraft auch Energie aus Holz vorzuhalten, beginnt der Unternehmer Peter Stromer um 1400 mit Fortwirtschaft.

 

Das metallverarbeitende Handwerk gerät immer mehr in Abhängigkeit von den kapitalintensiv hergestellten Rohstoffen und Halbfabrikaten. Andererseits vermehrt es sich dabei erheblich. Die zwischen Nürnberg und Oberpfalz hergestellten Halbfabrikate wie Stangen, Schienen, Draht und Blech werden eben von Nürnberger Handwerkern zu Fertigprodukten verarbeitet."Die Zahl der Nürnberger Handwerksmeister in der Eisenverarbeitung stieg von 409 im Jahrzehnt 1361-1370 auf 1335 am Ende des 15. Jahrhunderts." Gilomen, S.118). Dabei wird im Metallgewerbe nicht wie im Textilgewerbe nach Einzelschritten in Handwerksbetriebe zerlegt, sondern horizontal in verschiedene Produkte. Dadurch bleibt der handwerkliche Kleinbetrieb bei aller Abhängigkeit vom Kapital bestehen (Isenmann).

Um 1450 sind rund 45% aller Handwerksmeister Nürnbergs in der Metallverarbeitung tätig, zwei Drittel davon in der Eisenverarbeitung.

 

Neben der Eisenindustrie investiert Nürnberger Kapital, zum Teil in Kooperation mit Kapital aus anderen Teilen Mitteleuropas in den Abbau von Silber, Gold, Kupfer und Blei und die Herstellung von Halbfabrikaten daraus, und zwar zwischen Thüringen, Sachsen, Böhmen und Tirol. "Man trat durch den Erwerb von Kuxen, die teilweise stark gestückelte fungible Wertpapiere darstellen, in Gewerke ein, legte in Einzelfällen Hütten an, pachtete Gruben, bot schwachen Gewerken Verlag und versuchte, mit den Regalherren möglichst langfristige und monopolistische Lieferverträge abzuschließen. Diese sogenannten >Käufe< mit Vorauszahlung der kontrahierten Lieferung bedeuteten ein fundiertes Anleihesystem der öffentlichen Gewalten." (Isenmann, S.352)

 

1390 errichtet Ulman Stromer in Nürnberg die wohl erste deutsche Papiermühle. Man versucht, die Technik geheimzuhalten, was aber nicht lange gelingt. Inb der beginnenden Neuzeit wird Nürnberg dann auch zu einem Zentrum des Buchdrucks.

 

Das Netz der Handelsrechte weitet sich für Nürnberger Kaufleute im 14. und 15. Jahrhundert weiter aus. 1415 privilegiert König Ferdinand I. von Aragon die Nürnberger Kaufleute mit freiem Handel in seinem Reich. Darüberhinaus wird die Nürnberger Hochfinanz in Ungarn, dem Karpatenraum mit seinen Vorkommen an Edel- und Buntmetallen investiv aktiv, überhaupt in ganz Südosteuropa, zusammen mit anderen süddeutschen Firmen.

 

Im 15. Jahrhundert wird die politische Verfasstheit Nürnbergs immer deutlicher zur Diktatur einer Elite-Gruppe des Kapitals, die sich sowohl vom übrigen Kapital wie von der übrigen Bevölkerung immer mehr abschließt. Der kleine Rat ergänzt sich immer mehr selbst beim Tod eines Mitgliedes, was noch als Wahl gilt. Dieser Vorgang ist geheim und sein Ergebnis wird am Osterdienstag bekanntgegeben, allerdings nur dem Großen Rat.

Die Finanzen werden von den drei Losungern gehalten, insbesondere von den zweien aus den alten Geschlechtern, während der Vertreter des Handwerks am Rande bleibt. 1516 erklärt dazu Christoph Scheuerl d.Ä.: Welcher nun von diesen zwei Losungern als erster das Amt besetzt, der ist im ganzen Rat der Vornehmste und der Oberste, von jedermann geachtet. (in: Fuhrmann, S.136)

Ihre Rechnungen werden von einer Gruppe von sieben "Älteren Herren" geprüft, die im 15. Jahrhundert zusammen mit den beiden Geschlechter-Losungern das später "Geheimer Rat" genannte Gremium bilden, welches alle Entscheidungen des Rates vorberät. Damit verbunden sind die drei Obersten Hauptleute, für die innere und äußere Sicherheit zuständig. Deren Erster steigt in den Kreis der Älteren Herren auf, bis die Ämter von Losungern und Hauptleuten miteinander verschmelzen.

 

Unter den vielen Unternehmer-Familien, die um 1500 über ein Vermögen von

30 000 bis 100 000 Gulden verfügen, gehören nur wenige jenem die Stadtpolitik beherrschenden Patriziat an, welches sich 1521 im Tanzstatut abschließt, also im Zugang zum Geschlechtertanz. Es ist also anzunehmen, dass die Diktatur der alten Kapitalisten-Familien die Interessen des übrigen Großkapitals einschließen, denn sie kann ohne große Konflikte etabliert werden.

 

 

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Textilproduktion in größerem Maßstab verbreitet sich überall in deutschen Landen. Besonders in Köln werden Seidentuche hergestellt, wobei es zum Sonderfall von Frauenzünften für die Produktion kommt, während die Männer den Rohstoff besorgen und die Fertigprodukte verkaufen. Zentrum der europäischen Seidneproduktion wird allerdings Venedig mit seinen Brokatseiden und rund 3 000 Seidenwebern im 15. Jahrhundert. Die Verbreitung der Seidenzwirnmühle nördlich der Alpen wird durch Zunftbeschlüsse gestoppt, um die Arbeitsplätze der Spinnerinnen zu erhalten (1412 in Köln). Am Ende des 15. Jahrhundert setzt sich dann das Spinnrad mit Fußantrieb und Flügelspindel langsam durch.

 

Hochwertiges Leinen kommt aus Brabant und Flandern, vieles aber auch aus Oberschwaben, aus dem Vogtland und der Lausitz. Von der zweiten Hälfte des 14. bis zur ersten des 15. Jahrhunderts verbreitet sich die Barchentproduktion zwischen Basel, Augsburg und Regensburg.

 

England

 

Ein Teil der englischen Städte wird von den Epidemien der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts massiv getroffen. Um 1300 wird von einer Einwohnerschaft von 80 000 ausgegangen, 1377 sind davon rund 50 000 übrig geblieben, die bis 1520 dann auf etwa 60 000 anwachsen. Boston, Lincoln und York verlieren durch die Pest die Hälfte ihrer Bevölkerung. In Winchester gibt es um 1300 an Pfarrkirchen 54,  um 1400 sind es 33, und um 1500 werden nur noch 26 benutzt.

Häuser werden zu Ruinen, neue Räume in Städten werden wieder zu Gärten. Aber insgesamt erholt sich die städtische Bevölkerung wieder bis ins frühe 16. Jahrhundert und macht dann wieder etwa 20% der Gesamtbevölkerung aus.

 

Manche Städte überleben die Pestzeit ziemlich gut, indem sie auf die zunehmend florierende Tuchproduktion setzen. Salisbury mit seinen vielen Webern und Walkern (insgesamt wohl beschäftigt das Textilgewerbe ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung) erlebt dadurch keine Einbußen, Exeter kann deshalb seine Einwohnerschaft zwischen 1377 und 1524 mehr als verdoppeln und Worcester steigert seine Einwohnerschaft ebenfalls in dieser Zeit wegen der Textilproduktion. Hier sind dann im 16. Jahrhundert rund 40% der arbeitenden Bevölkerung beschäftigt. (Dyer, S.321) Einzelne Leute können auch in solchen Städten unternehmerische Karrieren machen und gelgentlich so reich werden, dass sie in kleineren Städten ein Drittel der städtischen Steuern zahlen. Andere kleinere Städte wie Stroud in Gloucestershire werden nun erst gegründet und wachsen dann ohne baroniale oder königliche Privilegien aufgrund ihrer textilen Wirtschaftskraft.

 

Dort, wo Städte nach der Pest wieder wachsen oder überhaupt properieren, sind es vor allem die nun höheren Löhne, die Leute anziehen.  Baufacharbeiter können im 15. Jahrhundert 6 Pennies am Tag verdienen und mancher ständig beschäftigte Zimmermann bringt es auf 6 Pfund im Jahr.

 

Frankreich (in Arbeit)

 

Nach der Niederlage von Poitiers und der Gefangennahme des Königs übernimmt 1356 der prévôt des marchands Étienne Marcel die Führung einer Reformbewegung, die ihre Wurzeln in den Generalständen hatte. Als er sich kurz mit der Jacquerie zusammentut, wenden sich auch die Städter gegen ihn und ermorden ihn.

1383 kommt es zum Aufstand der Maillotins wegen der Wiedereinführung indirekter Steuern, den die drei regierenden Herzöge niederschlagen, wonach sie den Verban der Marchands beseitigen und das Amt des Prévôts abschaffen. Bis 1412, unter den Bourgignons, wird dann das alte bürgerliche Regiment wieder hergestellt.

 

Bei den ab 1412 gewählten Prévôts des marchands und Schöffen findet man noch eine Mehrheit von Händler und Handwerkern: Kurzwarenhändler, Pelzhändler, Geldwechsler. Zwischen 1412 und 1420 sind einige Fleischer dabei. Ab 1445 wird die Vogtei der Händler hingegen von königlichen Beamten, Juristen oder Finanziers ausgefüllt, die bis in die 1450er Jahre in der Maison aux Piliers residieren.

 

1436 geht die kleine englische Garnison unter dem Aufstand der Pariser unter und 1437 marschiert Charles VII. ein, ohne aber nun dauerhaft dort zu residieren. Ständeversammlungen finden in Tours oder Orléans statt.

 

Auch die übrigen französischen Städte werden durch den Hundertjährigen Krieg geschädigt und verlieren ihre internationalen Handelsverbindungen.

 

Niederlande

 

In den niederen Landen verläuft die Verstädterung schneller als irgendwo sonst nördlich der Alpen. Um 1300 leben rund 20% der Einwohner in Städten, 1450 sind es rund ein Drittel und in Holland um 1500 sogar etwa 45 Prozent.

 

Anders als in anderen Gegenden Europas wird die Steuerfreiheit von Adel, Klerus und Klöstern hier erheblich eingeschränkt.

 

Seit 1384 sind die Herzöge von Burgund zugleich Grafen von Flandern. 1437 scheitert eine Revolte Brügges gegen die Zentralisierungsbestrebungen der Burgunder, die Stadt wird zwar flämischer Vorort, aber verliert ihre Privilegien. 1453 unterliegt Genf nach langen Kämpfen und verliert Teile seiner Autonomie.

 

Zwischen etwa 1390 und 1460 verteuert sich die städtische Arbeitskraft erheblich, danach lässt das Bevölkerungswachstum die Löhne sinken.

 

Im 15. Jahrhundert verlagert sich der Schwerpunkt kapitalistischer Fortentwicklung nach Norden, zum einen nach Antwerpen und zum anderen nach Holland. Auf den Rückgang flämischer Tuchproduktion reagiert Flandern mit einem Einfuhrverbot für englische Tuche, die nun über Antwerpen auf den Kontinent gelangen. Der Zwin versandet, und damit wird Sluis für größere Schiffe unerreichbar.

 

Holländer dringen in den Getreidehandel des Hansebereiches ein und schmälern die Bedeutung des Brügger Hansekontors. In Gent kann die Krise der Tuchproduktion durch Brauer, Fischhändler, Fleischer sowie die Schiffahrt nur teilweise kompensiert werden. Weber verbünden sich gegen die Walker mit der kaufmännischen Oberschicht, es kommt zu Unruhen.

 

Spanien

 

Neben den im Welthandel über drei Kontinente dominierenden italienischen und flämischen bzw. niederländischen Städten behauptet sich in der zweiten Hälfte des 14. und ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts Barcelona. Neben dem katalanischen Hauptort schwingen sich auch Valencia und Palma de Mallorca zu Finanzplätzen mit einem Geldmarkt für Kredite auf.

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts schwindet aber außerhalb Kataloniens bereits der Einfluss der städtischen Oberschicht auf die Verwaltung der Stadt mit zum Beispiel in Kastilien der Einsetzung lebenslanger königlicher Regidores, die wiederum zusammen mit Bürgermeistern die Beamten der Stadt einsetzen und selbst die Finanzen verwalten. Inzwischen (1325) werden auch Bündnisse zwischen Städten verboten. Mit der zusätzlichen Einsetzung königlicher Corregidores wird dann die städtische Selbstverwaltung zur Gänze erstickt. In derselben Zeit setzt die kastilische Krone eine allgemeine Umsatzsteuer durch, die gerade auch städtische Konsumenten trifft, die sie durch den Preisaufschlag bezahlen müssen. Diese alcabala trägt erheblich dazu bei, dass sich die königlichen Einnahmen zwischen etwa 1300 und der Mitte des Jahrhunderts verdreifachen.

 

In Barcelona vertieft sich der Gegensatz zwischen der kleinen Herrenschicht mit ihrem Landbesitz und ihrem Finanzkapital, die die Politik der Stadt kontrollieren und sich in der Biga organisieren, und der in der Busca vereinten Kaufleute, und Handwerker mit Schwerpunkt auf die Textilproduktion. Der im Kern wirtschaftliche Konflikt wird dadurch entschieden, dass der in Italien abwesende König sich auf die Seite der Busca schlägt, um so auch die Cortes und die Generalität zu spalten und zu schwächen. Er setzt schließlich 1453 als Statthalter für Katalonien einen Vertreter des niederen Adels ein, der wiederum als consellers in den Stadtrat gegen den Widerstand des Patriziats gemäßigte Vertreter der Busca lanciert. Diese wiederum setzen dann eine protektionistische Politik für ihre Textilwirtschaft durch.

 

Dieselbe Unterstützung städtischen Bürgertums als Bündnispartner setzt Alfonso auch auf Mallorca durch, wo die wohlhabenderen Städter nicht nur ihre Stadt, sondern auch das Land mit seinen kleineren Orten kontrollieren. Diese Auswärtigen, forans, versuchen gegen die zunehmenden Belastungen durch immer höhere Abgaben und politische Entrechtung zu rebellieren, also Palma de Mallorca einzunehmen, Dagegen schickt der König italienische Söldner, die saccomani, die die Rebellion blutig unterdrücken und danach harte Strafen einfordern.

 

In den kriegerischen Ereignissen zwischen 1462-72 kommt es dann zum Niedergang Barcelonas, der erst durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert wieder etwas überwunden wird.