WARENÄSTHETIK: NATUR, KAPITAL UND KONSUM (in Arbeit: Muss noch ganz erheblich aus- und umgearbeitet werden)

 

 

 

Dieses Paradiesgärtlein kann man sich im Frankfurter Städel anschauen; er wurde etwa hundert Jahre nach unserem Hadlaub-Lied und zweihundert Jahre nach Bertrant de Ventadorns Liedern gemalt, also etwa um 1410.

 

Hier fallen Eigenschaften der schon vergangenen neuen höfischen Liebeslieder, des dazugehörigen neuen Verhältnisses zu „Natur“ und ein neues, auch im höfischen Kontext verwandeltes Christentum mit eher bürgerlichen Elementen zusammen.

 

Zunächst einmal sieht man einen durch eine zinnenbewehrte Mauer abgeschlossenen möblierten Garten, in dem eine Maria sitzt, die durch ihre Krone als Himmelskönigin gekennzeichnet ist. Wenn wir die durch Symbolsprache erkennbare religiöse Zuordnung weglassen, sitzt da eine adelige oder großbürgerliche Frau im Garten und liest. Das ist neu, denn man las früher in der Schreibstube oder Bibliothek, und zwar stehend an einem Lesepult. Höfisch ist auch die Musikbegleitung, die das Lesen von aufmerksamer Gelehrsamkeit in einen Lesegenuss verwandelt. Die Versammlung von Leuten im Garten ist, wie es sich für eine Himmelskönigin gehört, eine von Heiligen und Engeln. Und natürlich ist dies ein hortus conclusus, ein abgeschlossener Garten als Symbol oder Metapher für die Jungfräulichkeit Mariens, deren Leib für männliches sexuelles Begehren verschlossen ist. Er selbst ist ein Garten der Heiligkeit.

 

Aber dies ist auch ein Picknick im Grünen, dem inzwischen etablierten gehobenen städtischen Bürgertum um 1400 so vertraut wie die sommerliche,Mahlzeit im baumbestandenen Burggarten, zu dem auch Blumen und Kräuter gehörten. In einem solchen Garten als Liebesnest trifft sich schon die Isolde des Gottfried von Straßburg mit ihrem Tristan.

 

Es handelt sich auf unserem Bild um einen Blumen- und Obstgarten, was ihn dem Paradiesgarten der Genesis ähnlich macht: Es ist ein müheloser, also ein weder bäuerlicher noch bürgerlicher Gemüsegarten, - Gemüse würde an Mühe und Arbeit erinnern. Hier aber treffen das himmliche, spirituelle Vergnügen an Lektüre mit dem sinnlichen an Musik, visueller Schönheit der „Natur“ und sinnlichem Geschmacks-Genuss, Essen und Trinken zusammen.

 

Für uns ist hier interessant, dass „Natur“ in ihrer Darstellung eine Fortentwicklung von der ist, die in den Minneliedern und den dazugehörigen Malereien schon auftritt. Es ist eine kulturell transformierte Natur, so wie die neue Liebe eine kulturelle Transformation des Geschlechtstriebes ist.

 

Der Paradiesgarten allerdings war für die meisten Menschen sowieso eher ein Traum, so wie das Schlaraffenland und vieles andere mehr.

 

Landschaft

 

Grundsätzliches

 

Im Konsum, deutsch: Verbrauch, findet sich jener Sinn der Ware, der für Kapitalismus elementar ist: der Verbrauch vernichtet sie. Wo er das nicht hinreichend tut, muss es die Mode tun oder kriegerische Gewalt, zwei konstitutive Elemente jedes Kapitalismus. Dabei ist Konsumption, also Verbrauch toter Ressourcen und vor allem lebendiger Natur, auch schon der Ausgangspunkt. Die haben Menschen mit allen Lebewesen gemeinsam, erst im Kapitalismus nimmt sie aber einen Umfang und ein Tempo an, wie es in der Geschichte unseres Planeten nie dagewesen war: Vor 1000 waren fast alle Menschen in Europa von Produktion und Kauf von Waren ausgeschlossen, neun, zehn Generationen später waren sie fast alle wenigstens ein bisschen in einen großen Warenmarkt integriert.

 

Ware und Konsum lassen sich in zwei Sphären aufspalten, in Waren für jenen Konsum im engeren und üblicheren Wortsinn, die „nur“ zum Verbrauch bestimmt sind, und solche, die wiederum nur für die Produktion und Verteilung von Waren zuständig sind, und die Marx Produktionsmittel nannte. Diese werden aber ebenfalls im Vorgang der Kapitalvermehrung („Verwertung“) verbraucht bzw. durch Innovation obsolet. Warenästhetik, um die es hier vor allem gehen soll, bezieht sich allerdings nur sehr eingeschränkt auf sie.

 

Das hat damit zu tun, dass die Gegenstände, die unmittelbar für die Produktion, den Transport, die Lagerung und den Verkauf von Waren eingesetzt werden, eine andere Qualität von „Gebrauchswert“ haben als die, die in einem nicht in den Prozess der Kapitalverwertung eingesetzten, privaten Konsum verbraucht werden. In der idealisierenden Politökonomie von Marx erscheint der Gegensatz von Gebrauchswert und Tauschwert klar definierte Größen abzustecken, dem ist aber leider nicht so in der historischen Wirklichkeit.

 

Immerhin kann man ihm ein gutes Stück weit folgen: Kapital ist jenes Eigentum, welches zu seiner Vermehrung eingesetzt wird. Im Vorgang seiner Verwertung, in dem es erst Kapital wird, wird es investiert, wobei am Ende immer Waren an einen Kunden gelangen sollen. Diese kann der Kapitalist selbst besitzen wie zum Beispiel Geld, selbst produziert haben oder aber aufkaufen und weiterverkaufen. Die wundersame Kapitalvermehrung geschieht durch den Einsatz von kapitalfinanzierten Rohstoffen, durch Kapital, welches in Produktionsmittel investiert ist und zunehmend durch Lohnarbeit, welche das Produkt schafft, das auf den Markt kommen soll.

 

Für den Kapitalisten ist die einzige Funktion, die seine Ware hat, die, auf einem Markt einen Tauschwert zu haben, der lohnenswert höher ist als das eingesetzte Kapital. Der Tauschwert ist eine vage Größe, während der Preis der Ware, in dem er sich verwirklicht (realisiert, sagt Marx, der da schon länger in England lebt), im Moment des Verkaufes von einer spekulativen zu einer berechenbaren wird. Dieses Ziel der Kapitalvermehrung, welches überhaupt erst Eigentum zu Kapital macht, ist also abhängig von einer Kundschaft, die die Waren kauft. Dazu, sagt Marx, muss die Ware einen Gebrauchswert haben, ein, wie man unschwer erkennen kann, etwas unglücklicher Begriff, denn er lässt sich nicht klar definieren, da dem Objektivieren ein subjektiver Faktor entgegensteht.

 

Die ursprüngliche Konsumption aller tierischen Lebewesen und darum auch des Menschen besteht in der von Pflanzen und/oder Tieren bzw. wenigstens Teilen von ihnen. Ihr Gebrauchswert besteht in ihrem Nährwert, da sie der Ernährung dienen, auf der alles Leben basiert. Das Leben der einen basiert auf dem Tod der anderen Lebewesen. Aber schon in vorkapitalistischen Zivilisationen stimmt das zumindest für Teile ihrer Mitglieder so einfach nicht mehr. Während sich in traditionellen Kulturen die Ernährung zunächst tatsächlich aufgrund der Erfahrung zahlreicher Generationen auf den Nährwert konzentriert, erhält sie später in Schichten, die mehr besitzen als sie benötigen, den Charakter eines Genussmittels, welches den Gaumenkitzel nicht mehr nur aus dem Nährwert oder auch gar nicht mehr daraus erlangt.

 

In diesem Moment löst sich der Gebrauchswert von einem klar definierbaren Nutzen und wird zu einer Sache sinnlichen „Genusses“. Die sinnliche Wahrnehmung und damit auch die Weise der Ansicht, Betrachtung des sinnlich Wahrgenommenen heißt im Altgriechischen aisthesis, und daraus hat sich im Deutschen im Zeitalter der Aufklärung (im 18. Jahrhundert) das Wort Ästhetik entwickelt. Warenästhetik ist ein Begriff, den ich zum ersten Mal 1971 bei Haug gefunden habe, dem moralisierend braven Schüler von Sartre und Marx. Ich werde versuchen, dem Begriff jene Sprengkraft zu geben, die beim wesentlich polit-ökonomisierenden Menschen notgedrungen fehlen muss.

 

Sobald eine Ware vor allem einen im Ästhetischen liegenden Nutzen hat, wie im Extremfall sogenannte Lebensmittel (fast) ohne Nährwert oder gar solche mit gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen, überwiegt ihr ästhetischer Wert den originären Nutzen. Der Kapitalismus operiert bei Konsumartikeln für den privaten Verbrauch, soweit er kann, mit diesem warenästhetischen Aspekt, er wäre ohne ihn gar nicht in die Welt gekommen. Das stimmt aber eben nur ganz begrenzt für jene Waren, die Marx in das weite Feld der Produktionsmittel einreihte, und deren Produktion im Laufe der Zeit für den Kapitalismus immer wichtiger wird.

 

Der Grund für spezifische Warenästhetik besteht in der erstaunlichen Bipolarität, auf der der Kapitalismus beruht, nämlich auf der von Sparsamkeit/Knappheit und Verschwendung. Die Sparsamkeit liegt beim Kapitalisten, der erst einmal Eigentum aufspart und dann so sparsam wie möglich einsetzt, damit es sich auch tatsächlich dabei vermehrt: Er spart es aus seinem Konsum aus, und er spart dann an den Kosten (für Rohstoffe, Arbeit, Transport usw.). Umgekehrt ist er darauf angewiesen, dass der Konsument mit dem, was er hat und zu Markte trägt, verschwenderisch umgeht, also möglichst viel Ware(n) kauft.

 

Die Knappheit im Kapitaleinsatz wird noch verstärkt, wenn mehrere Kapitalisten auf dem Markt konkurrieren, wobei bei gleicher Qualität (welcher Art auch immer) der Käufer immer den niedrigeren Preis vorzieht, weswegen in dieser Konkurrenz der Kapitalist mit der knappesten Kalkulation gewinnt. Er wird sich also beim Erwerb seiner Produktionsmittel auf jene Effizienz, jenen Nutzen konzentrieren, der ihm tatsächlich den größtmöglichen Gewinn beschert, und sich kaum durch warenästhetische Kriterien ablenken lassen. Umgekehrt wäre die seit dem 10./11. Jahrhundert steigende Warenflut für den privaten Konsum so gar nicht mehr an den Mann und die Frau zu bringen gewesen.

 

Warenästhetik dient also der Verstärkung, Anheizung des Konsums und darin der Durchsetzung der eigenen Waren in der Konkurrenz. Sie ist von einer ursprünglicheren naturgegebenen Sinnlichkeit zu unterscheiden, obwohl Warenästhetik sich davon zunächst nicht völlig lösen kann. Am Beispiel des ursprünglichsten menschlichen Bedürfnisses, der Ernährung, lässt sich das gut erklären. Der Geschmacksinn ist zum Zweck der Energiezufuhr eher auf süß geprägt, bitter warnt vor Giften und ähnlich Unzuträglichem, sauer wird nur begrenzt positiv wahrgenommen. Ähnlich wird potentielle Nahrung auch durch den Geruchs- und Gesichtssinn und manchmal auch ein wenig den Tastsinn eingeordnet.

 

Bis zur industriellen Produktion von Lebensmitteln seit dem 19. Jahrhundert blieb es auch dabei. Seitdem haben Lebensmittel visuelle Qualitäten angezüchtet bekommen, die vom Nährwert ablenken bzw. diesen vortäuschen können. Schon damit werden sie warenästhetisch umgeformt. Bei Halbfertig- und Fertigprodukten kann durch den Geschmack Nahrhaftigkeit vorgetäuscht oder Appetit auf bestimmte Geschmacksviarianten anerzogen werden. Die Verpackung kann einen Nährwert vortäuschen, der durch Gewöhnung längst als „Geschmack“ dominiert. Und ein Großteil der Menschen nimmt inzwischen als Lebensmittel deklarierte Waren zu sich, die in einigen Aspekten offensiv gesundheitsschädlich sind, was zum Beispiel durch die Gewöhnung an unmäßigen Zucker oder Salz möglich wird. Der Beispiele wären viele.

 

Produktionsmittel im weiten Marxschen Sinne sind hingegen in ihrer Verbreitung vom jeweiligen Wachstumspotential des Kapitals abhängig, dessen Zweckrationalität jede ästhetische Komponente fremd ist. Die Problematik des Begriffes Gebrauchswert, der der idealisierenden Gedankenwelt von Marx entstammte, die er so offensiv zu verleugnen suchte, zeigt sich noch in einem anderen Bereich, in dem auch die Begriffe Konsumwaren und Waren als Produktionsmittel unklar werden, nämlich in der Rüstungsindustrie, die neben der Bekleidungsindustrie den frühen Kapitalismus zwischen 1100 und 1300 dominierte. In dieser Zeit teilt sich die Rüstung auf in die ritterlich-höfische und die des in Lohnarbeit stehenden Kriegers, zunächst meist ein Infanterist.

 

In der Prunkrüstung des zunächst noch zu Pferde kämpfenden Adeligen wird das, was als lederne und metallene Schutzbekleidung und hölzerne mit Metall versetzte und dann ganz metallene Waffe den Krieger ausmachte, zu einer seinem ursprünglichen Zweck entzogenen Ware, aber eine auf dem Markt immer wichtiger werdende. Sie ist soweit ästhetisiert, dass sie für den originären Gebrauch kaum noch tauglich ist. Im Gegensatz dazu werden Rüstung und Waffen des nur noch für Geld kämpfenden Söldners bzw. Soldaten, nunmehr die Masse der Krieger, ganz auf Effizienz ausgelegt, denn er soll möglichst effizient verletzen und töten und zerstören.

 

Waffen sind Gebrauchs- und Verbrauchsartikel, wenn sie kriegerisch eingesetzt werden, und entstammen natürlich Warenproduktion. Sie werden aber zweckrational-effizient kaum warenästhetisch aufgewertet, da ihre Käufer sie nicht danach bewerten. Prunkrüstungen und Prunkwaffen, zunehmend vom Adel nachgefragt, unterliegen hingegen in hohem Maße ästhetischen Kriterien. In ihnen konkurriert der Adel anders als der Krieger auf dem Schlachtfeld und ihr Gebrauch unterliegt ästhetischen Kriterien.

 

Dass der Krieg der Vater aller Dinge sei (polemos patér), ein Heraklit in der Antike nachgesagter Satz, meint im heraklitischen Sinne, soweit man das noch nachvollziehen kann, dass der Streit, der Konflikt und nicht irgendeine Harmonie die Welt konstituiere. Aber der Krieg im engeren Wortsinn (polemos ist ein fast so schwierig ins Deutsche übersetzbares Wort wie das altarabische dschihad) ist mit den despotischen Zivilisationen und bis heute zum Normalfall geworden wie die dazwischen liegenden Friedenszeiten, und er ist so einer der Antriebe für die Entstehung des Kapitalismus geworden, und dies vor allem durch die steigende Nachfrage nach ausgeklügelteren Produkten der Metallindustrie.

 

Bekanntlich war der Krieg und seine Professionalisierung das Mittel zur immer größeren Ausweitung des Imperium Romanum (des militärischen Befehlsbereiches Roms) gewesen. Die Nachfolgereiche unter Führung germanischer Völkerschaften entstanden durch kriegerische Einwanderung und Eroberung und etablierten einen Adel, der eine Kriegerschicht war, die mit großem Grundbesitz entschädigt wurde. Der Kampf mit Waffen war sein erstes „Geschäft“, und Beute und Landbesitz der „Lohn“, Rüstungs- und Waffenproduktion also elementare frühe „handwerkliche“ Warenproduktion und erster Ort der Innovation.

 

In der frühmittelalterlichen Kriegergesellschaft war natürlich zunächst der Gebrauch und damit der Gebrauchswert der Waffen für den Kampf Voraussetzung für den Besitz von Waffen für die Zurschaustellung von Status als Prächtigkeit. Wenn Notker in seiner Vita Karoli beschreibt, wie Ludwig der Deutsche die Vorzüge eines Schwertes daran erklärt, dass er eines immer weiter biegt, ohne dass es zerbricht, es damit als flexibile et rigida für tauglich hält, während ein anderes zerbricht, macht er seinen kriegerischen Gebrauchswert deutlich, der mehr bedeute als Gold und Silber. (I, 29)

 

Massenproduktion eines solchen Gebrauchsgegenstandes war also etwas ganz anderes als Luxushandel, der Status und Luxus förderte. Aber in beiden Fällen waren im damaligen Latein artifices die Produzenten, sofern es sich nicht um Nahrungsmittel handelte.

 

 

Ursprüngliches

 

Schon bevor Waren ästhetische Qualitäten erhielten, schmückten sich Menschen, wie wir das heute formulieren würden. Als erstes deformierten sie dabei - und schon in Steinzeitkulturen - gelegentlich den Kopf, die Lippen des Mundes, den Hals, später die

Füße von Frauen. Sie bemalten Gesicht und Körper, tätowierten sich und behängten sich mit Ketten. Die erste Etappe der Globalisierung begann auch mit dem Handel mit Bernsteinen, Edelsteinen und anderem Glitzerkram.

In frühen Zivilisationen kommen besondere Bekleidungen für bestimmteÄmter, besondere Frisuren und anderer Kopfschmuck dazu

 

Die Ästhetisierung von Produkten menschlicher Arbeit beginnt ganz früh, dort, wo Menschen sie sich leisten können. Das Wort schön bezeichnet ursprünglich im Germanischen und Althochdeutschen das, was man als rein, sauber, glänzend ansehen konnte, wozu auch gehörte, dass es „glatt“ war und so schimmern konnte. Das Wort „Schmuck“ fehlte in dieser Zeit noch, ebenso wie das Wort „Pracht“ in seiner neuhochdeutschen Bedeutung. Aber gerade diese beiden heutigen Wörter benennen etwas, was vor allem Kapitalismus ästhetisch wichtig ist. Dafür gab es die „Zier“, aus dem Adjektiv „zier“ abgeleitet, welches wiederum laut Herkunftsduden „glänzend, prächtig, herrlich“ im heutigen Wortsinn bedeutete.

 

Macht und Status haben zwar zunächst mit Gewalt und den Identifizierungswünschen sich Unterwerfender zu tun, aber letztere werden durch die Ästhetisierung von Macht und Gewalt erleichtert, und Macht und Status werden überhaupt jenseits unmittelbarer

Gewaltausübung durch Ästhetisierung erst sichtbar. Konstantin baut den Christen riesige Basiliken, die mächtig wirken, was die Bischöfe und ihre Christen an ihn bindet. Die Merowinger-Könige versuchen im 7. Jahrhundert soweit mitzuhalten, wie sie können. Und nachdem Bonifatius um 730 die heilige Eiche in Geismar gefällt hat, möchte

er aus England besonders prächtige Bibel-Handschriften mit goldenen Lettern

geschickt bekommen, damit dem fleischlichen Sinn der Heiden Verehrung für die heilige Schrift eingeprägt werden möge. (in Brown2, S.17) In der Regel wurden solche Prachthandschriften allerdings von Mönchen hergestellt, um den "fleischlichen Sinn"

der Christen zu betören. Gemeinhin wurde dann gesagt, das mache man zur Ehre Gottes, so, als ob man ihm auch so einen fleischlichen Sinn unterstellen würde. 

 

 Die wohl spanische Pilgerin Egeria, die um 385 ins "heilige Land" kam, beschrieb folgendermaßen die Golgathakirche: Der Schmuck ist wahrlich zu wunderbar für Worte. Man sieht nur Gold und Edelsteine und Seide (...) Die Anzahl und das Gewicht der Kerzen, Lichter, Lampen und was sie sonst beim Gottesdienst verwenden ist unvorstellbar (...) Sie sind unbeschreiblich so wie das großartige Gebäude selbst. Es wurde von Konstantin erbaut und (...) geschmückt mit Gold, Mosaik und kostbarem Marmor, so reich wie es das Reich hergab. (so in Brown2, S.53) Was heute typisches touristisches Staunen wäre, war damals fromme Ehrfurcht.

 

Die Merowingerbischöfe taten es Konstantin im Maß ihrer Möglichkeiten nach. Gregor von Tours schreibt in seinen 'Historiae' über die Kathedrale seiner Heimatstadt Clermont: In ihr ist man der Furcht Gottes inne und einer großen Helligkeit, und die dort beten, bemerken oft, dass ein süßer Duft sie anweht. Ringsum hat das Heiligtum Wände, die mit Mosaiken und vielerlei Marmor geschmückt sind. (II,16) Gesichts- und Geruchssinn verbinden sich zur Wahrnehmbarkeit des nicht wahrnehmbaren Gottes, was Ehrfurcht hervorruft. 

 

Es förderte schließlich aber eine Bauwirtschaft, sobald es im Frühmittelalter zu einer Ästhetisierung des eigentlichen Kirchengebäudes kam, aus der ein erster nachantiker „Stil“ hervorgehen wird. In seinen 'Fünf Bücher der Geschichte' schreibt der burgundische Mönch Rudolf (Rodolfus) Glaber für die Mitte des 11. Jahrhunderts:

 

Fast im ganzen Erdkreis erneuerte man die Gotteshäuser. Obwohl die meisten gut und schön gebaut waren und es gar nicht erforderlich gewesen wäre, versuchte doch jede christliche Gemeinschaft, die anderen dadurch zu übertreffen, dass sie ein noch schöneres besaß. Es war gleichsam so, als würde die Welt selbst, nachdem sie, sich schüttelnd, das Alter abgeworfen hatte, allerorten ein hell leuchtendes Kleid aus Kirchen anlegen. Damals bauten die Gläubigen fast alle Kirchen der Bischofssitze prachtvoll aus und ebenso viele andere Klöster und auch die kleineren Kirchen in den Dörfern. (III,4)

 

Neu, hell, leuchtend, prachtvoll, alles lateinisch, lässt sich schwer anschaulich machen. Es handelt sich um Kirchen aus Naturstein, Holz und Lehm. Der Verdacht liegt nahe, dass schöner und prachtvoller vor allem größer und technisch perfekter (zum Beispiel mit geraderen Mauern) meint. Ausbauen heißt vor allem Vergrößern.

 

Am Ende kann Weinfurter zusammenfassen: "Nur wenig Karolingisches hat die Mitte des 11. Jahrhunderts überlebt." (Geschichte, S.58)

 

Beim Kirchenneubau des Klosters von St.Trond bei Lüttich, der nur deshalb stattfand, damit das Gebäude größer und prächtiger wurde, wurden die Säulen „wegen der Schönheit des Steins in der Gegend von Worms beschafft und zu Schiff nach Köln transportiert. Eine jubelnde Menschenmenge habe sie – gewissermaßen um die Wette und ohne jede Hilfe von Zugtieren, selbst die Maas ohne Brücke überquerend -von dort bis zum Kloster gezogen: über Aachen und Maastricht eine Strecke von mindestens hundertdreißig Kilometern.“ (KellerBegrenzung, S.65)

 

Das, was in der Neuzeit als Kunst bezeichnet wird, ziert bis ins hohe Mittelalter die Macht der Wenigen, und zwar sowohl die der geistlichen wie der weltlichen Großen. Nur sie können sich steinerne Architektur, Bildhauerkunst, Malerei und Goldschmiedearbeiten leisten.

 

Neben die Waffen- und Rüstungsproduktion trat zunehmend eine Tuchproduktion, die auf Schafswolle, Hanf (Leinen), Seide und Leder bzw. Pelzen beruhte. Sie befriedigte zunächst Luxusbedürfnisse einer adeligen und dann auch einer bürgerlichen Oberschicht, bevor schließlich Massenproduktion daneben trat. Die zweite frühe kapitalistische Städtelandschaft nach der italienischen entstand in Flandern durch eine Verknüpfung günstiger Umstände mit Brügge, Gent, Ypern und mindestens fünfzig anderen dicht nebeneinander liegenden Städten. Hier wie dann auch an der Scheldemündung, der mittleren Maas, im Rheintal von Straßburg bis Köln war der städtische Kapitalismus in Territorien eingebettet, die von hochadeligen Herren kontrolliert wurden, Grafen, Herzögen, Königen, die den Kapitalismus ökonomisch förderten, seine politische Macht aber für sich instrumentalisieren wollten.

 

1043 geht es in einem Brief von Abt Siegfried von Gorze an Abt Poppo von Stablo um die kanonische Unkorrektheit der Ehe von Agnes von Poitou mit dem König. „Daneben gab der Abt auch seiner Sorge Ausdruck, dass in diesen Zeiten allerorten und gerade auch am Königshof eine neuartige Prunksucht ausgebrochen sei, dass man sich in Kleidung, Haartracht, Rüstung und Reiterei nun herausputze und sich dabei am Vorbild der der Bewohner des Westfrankenreiches (Francisci) orientiere.“ (WeinfurterGeschichte, S.88)

 

Karl der Große trägt zu bestimmten Festtagen ein kostbares Königsgewand, während er alltäglich in gewöhnlicher fränkischer Tracht herumgelaufen sein soll. In Einhards Karls-Vita heißt es :

Bei festlichen Gelegenheiten schritt er in einem mit Gold durchwirkten Kleide und mit Edelsteinen besetzten Schuhen einher, den Mantel durch eine Spange zusammengehalten, auf dem Haupte ein aus Gold und Edelsteinen verfertigtes Diadem

 

Bild

 

Die Abbildung zeigt den Karolinger Lothar I. um 840. Der goldene Mantel ist mit einer vermutlich kostbaren Fibel verschlossen. Darüber eine ebenfalls goldfarbene Tunika, beides mit Edelsteinen übersä, wie auch die Krone. Langstab (noch kein Szepter) und Zeremonialschwert sehen ebenfalls goldfarben aus und zahlreiche Edelsteine sind appliziert. Selbst die Schuhe sehen goldfarben aus und das Kissen auf dem Faltstuhl hat goldene Flecken, während selbst der kleine Teppich zu Füßen des Herrschers nicht nur goldfarben ist, sondern ebenfalls von Edelsteinen geziert. (Laudage in LHL S.93)  

 

Bei allem bisher gesagten ist Ausdruck ästhetischer Vorstellungen mit Bedeutung aufgeladen, und in gewissem Sinne wird das auch so bleiben.

 

Was in obiger Klage über "Prunksucht" deutlich wird, wird sich in deutschen Landen in der Salier- und Stauferzeit weiter verstärken. Der Adel und insbesondere die Fürsten unter ihnen stellen ihren Status zur Schau, indem sie sich schmücken, und der Schmuck musste zwei Kriterien erfüllen, und zwar teuer, also kostbar, und kunstvoll, also technisch auf dem neuesten Stand sein. Da die Geistlichkeit solches in ihren Kirchen, und Kirchenfürsten in ihren Palästen ebenfalls betreiben, sind die Mahnungen eher selten und zudem wirkungslos.

Die Moden, die sich entwickeln, und die wir im großen Maßstab später als "Stile" zu erfassen suchen, lassen sich an den immer schneller werdenden Veränderungen in der Bekleidung und der Haartracht deutlich wahrnehmen, wobei sich in deutschen Landen Einflüsse aus dem Westen und Süden erkennen lassen.

 

Zwischen Spätantike und hohem Mittelalter verteilt sich der große Grundbesitz aber auch zu einem guten Teil auf von adeligen Mönchen bewohnte Klöster und von adeligen Klerikern besetzte Bischofskirchen. Sie alle können auf ihrem Grund von abhängiger Arbeit produzierte Nahrungsmittel auf den Markt bringen und dafür Luxusgüter einkaufen, die nicht in ihrer Abhängigkeit und in ihrem Umfeld hergestellt werden. Sie werden über Fernhandel von dort hergebracht, wo man technisch weiter ist oder entsprechende klimatische Bedingungen hat, nicht zuletzt aus Nordafrika, dem Orient und Asien.

 

Bischofskirchen und wohlhabendere Klöster, denen irgendwann im Mittelalter vielleicht die Hälfte des immobilen Besitzes im lateinisch-christlichen Europa gehört, bewahren und setzen zunächst die ästhetischen Normen ihrer Zeit. Dies auch deswegen, weil fast nur sie über Steingebäude verfügen, die selbst ästhetische Standarde setzen und Schätze sicher bewahren können, neben einigen wenigen Königen und Fürsten.

 

Schatzbildung kommt vor jeder Warenästhetik, wird aber in sie hineinwirken. Zunächst sind da die heiligen Gebrauchsgegenstände einer Kirche, goldene und silberne Kelche, Monstranzen, Tabernakel, Gefäße zur Aufbewahrung von Reliquien und kostbare Textilien. Bischöfe bauen sich steinere Residenzen, in denen ebenfalls ähnliche Schätze aufbewahrt werden. Neben Gold und Silber wird alles nach Möglichkeit mit Edelsteinen verziert, dazu kommen Stücke aus Elfenbein.

 

Schätze dienen der Zurschaustellung, dem öffentlichen Prunk, aber sie sind auch Reserven für Notzeiten. Neben solcher Prächtigkeit gab es die geldlichen und geldwerten Einnahmen, die Kirchen und Klöster gelegentlich auch zu Kreditinstituten für den weltlichen Adel werden lassen.

 

Prächtigkeit gilt für die Adelskirche und das Adelskloster als hohes Gut. Über die adelige Schwester des Bischofs Burchard von Worms heißt es vor 1025 in dessen Vita: Diese Dame (domina) war nämlich sehr begabt für Frauenarbeiten (opera mulieribus) und höchst tüchtig,, und sie hatte für die verschiedensten Textilarbeiten angelernte Frauen (feminas doctas) um sich; in der Herstellung prächtiger Kleidung übertraf sie aber viele Frauen. (Nonn, S.71) So viel aristokratische Wertorientierung führt am Ende dazu, dass sie Abtissin wird.

 

Ekkehard von Sankt Gallen lobt um 900 einen Mönch Tuotilo als große Künstlerpersönlichkeit, der ein Kreuz der heiligen Maria … aus dem Gold und Geschmeide wunderbar herrichten ließ. Gold, Silber, Elfenbein sind seine Materialien. (Nonn, S.165) Ein Evangeliar, schreibt derselbe Autor, ließ der Abt von St. Gallen von einem Mönch Sintram schreiben, um den mit seinen Tafeln prunkenden Band mit Hattos Gold- und Edelsteinen zu schmücken. (s.o.S.171)

 

Das fängt aber mit dem Beginn der nachantiken Reiche schon an. Recht bekannt ist die Karriere des Goldschmiedes Eligius zum Hofhandwerker von Merowinger-Königen, dann zum Bischof und schließlich zum Heiligen (!). In seiner Vita heißt es von König Chlothar (II.): Dieser König nämlich wollte sich einen besonders feinen Sattel aus Gold und Edelsteinen anfertigen lassen. Das Werk erregte die Bewunderung des Königs, und so stellte er für den Gebrauch des Königs viele Gerätschaften aus Gold und Edelsteinen her, und viele Grabmäler von Heiligen aus Gold, Silber und Edelsteinen...(Nonn, S.77)

 

Vor aller späteren Warenästhetik fallen mehrere Dinge auf: Die ästhetischen Normen, die nach dem Mittelalter für den neu zu entwickelnden Kunstbegriff auftauchen, scheinen nur eine geringe Rolle zu spielen, und das Niveau antiker Kunstfertigkeit scheint verfallen zu sein. Ästhetik konzentriert sich auf den Warenwert der Materialien und ihre zusätzliche Möglichkeit, zu glänzen und zu funkeln, wie das bislang für viele Formen der Schatzbildung galt. Bildliche Darstellungen wiederum kämpfen mit den technischen Darstellungsmöglichkeiten und konzentrieren sich stark auf den korrekten Inhalt, der wiedergegeben werden soll.

 

Zunächst aus warenästhetischen Zusammenhängen noch herausgenommen präsentiert sich frühmittelalterliche Buchmalerei, die zum guten Teil aus den Skriptorien von Klöstern kommt und weder aus Lohnarbeit stammt noch für einen Markt bestimmt ist. Die derart freien Räume betreffen zwar nicht die Inhalte, die vorwiegend an die (religiösen) Texte gebunden sind, aber doch die Gestaltungskunst, die sich aus der Antike herausentwickelt und langsam auch vom byzantinischen Einfluss löst.

 

Anfänge

 

Der Übergang von der Ästhetik des frühen zur Warenästhetik des hohen und besonders des späten Mittelalters, vermutlich unmerklich für die Zeitgenossen, beginnt in den Momenten, in denen sich Handel und dann auch Produktion von einem konkreten persönlichen Auftrag lösen, also für einen „anonymen“ Markt produzieren und dort ausstellen. Das geschieht natürlich nicht bei jenen Kostbarkeiten, auf denen Produzent bzw. Händler unter keinen Umständen sitzenbleiben darf, sondern zunächst bei Massenwaren, die aufgrund ihres handfesten Nutzens ähnlich wie Produktionsmittel nur sekundär ästhetischen Kriterien unterliegen, wenn überhaupt.

 

Aber dann erreicht diese Entwicklung auch Prunkwaffen und prächtigere Tuche. Produzenten und Händler müssen nun auf der Höhe der Moden sein, die ästhetisch normierend wirken. Macht, Reichtum und sexuelle Attraktivität müssen, je nach Ware, in dieser repräsentiert sein. Zunächst wird schierer Luxus (im heutigen Wortsinn) demonstriert, zum Beispiel durch das Durchwirken der Stoffe mit Silber- und Goldfäden, das Applizieren von Perlen und anderem (teurem) Schmuck.

 

Im Zuge der Entwicklung höfischen Lebens für eine etwas breitere Schicht höheren Adels kommt immer deutlicher zum Reichtum und Macht demonstrierenden Luxus durch den Kleiderschnitt, die Schneiderei, die Entwicklung von der Abzeichnung der Körper in weiter Bekleidung zu der Abbildung der Körper in enger Bekleidung. Hintern, Hüften, Taillen, Brüste, Arme werden in der eng anliegenden Kleidung zur Schau gestellt, wobei sich die Körperlichkeit verändert (siehe dort). Wo die Männer Muskeln und breite Schultern zeigen, sind es bei Frauen Rundungen und Längen. Die Kleidung wird immer offensiver sexualisiert.

 

Dazu gehört bei den höfischen Damen eine Konkurrenz der Entblößung, die vorläufig auf den Halsausschnitt begrenzt bleibt, das sogenannte Dékolleté. Was im zwanzigsten Jahrhundert zunächst mit den Rocklängen und ihrem Auf und Ab geschieht, bis dann die kompletten Beine von vielen öffentlich entblößt werden, geschieht in zögerlicherer Form mit jener Körperpartie, die nackt den Blick auf die weiblichen Brüste lenken soll. Form und Größe des Ausschnitts wird von nun an von den Moden und der Macht der Damen bestimmt.

 

Die Sexualisierung der Bekleidung der höfischen Welt geht einher mit der Erfindung einer neuen, an die Antike anknüpfenden Vorstellung von Liebe als erotischem Zeitvertreib, einer Vergnügung im Spiel mit dem Geschlechtstrieb. Sie führt zu einer Erotisierung der gehobenen Warenwelt, die nach und nach immer unverhohlener wird. Ästhetisierung ist Erotisierung, jene, die nicht nur die menschlichen Körper, sondern auch den Luxuskonsum durchdringt. Sobald der Kriegeradel nicht mehr nur im Krieg und dem Erwerb von Macht und Gütern, sondern immer stärker auch im höfischen Lebensstil seinen Lebensinhalt sieht, wird sich die Erotisierung des Alltags durchsetzen.

 

Analog zum An- und Abschwellen des Geschlechtstriebes, auch in seiner höfischen Sublimität, gibt es von nun an das Auf und Ab der Moden, des immer wieder Neuen also, welches das Begehren entzünden soll. Das Neue als das Andere kann dabei durchaus immer exotischer, ja bizarrer werden. Für das hohe Mittelalter beschreibt Keller das Folgende als symptomatisch: „Selbst in Polen wusste man Schleier und Gürtel aus Zürich zu schätzen, in Florenz, dem Zentrum einer eigenen Wollproduktion von europäischem Rang, kleidete sich der Stadtadel in das feine scharlachrote Tuch aus Ypern, während sich das Volk dort an die etwas gröbere, grüngefärbte Ware aus Cambrai hielt.“ (Begrenzung, S. 263)

 

Ästhetik und Religion auf dem Weg ins hohe Mittelalter

 

Gold, Silber, Edelsteine, Elfenbein: Mit dem Aufstieg des Christentums, nun kirchlich und staatlich institutionalisiert seit Kaiser Konstantin, lassen sich Pracht bzw. Luxusdarbietung, Reichtum und Macht nicht mehr von einander und was die Kirchen betrifft, auch nicht mehr von Religiosität und Frömmigkeit trennen. Insofern unterscheidet sich Kirche auch nicht mehr von weltlicher Macht.

 

Nachdem Bonifatius um 730 beim späteren Geismar eine heilige Eiche fällte, erbat er sich aus England prächtigere Handschriften der Bibel mit goldenen Lettern (...) damit dem fleischlichen Sinn der Heiden Verehrung für die Heilige Schrift eingeprägt werden möge. (in Brown2, S 17) Schon zuvor waren sie für den "fleischlichen Sinn" der Christen hergestellt worden, der sich von dem der Heiden nur durch höhere Ansprüche unterschied.

Peter Brown meint, dass Goldschmiede in den germanischen Nachfolgereichen der Antike höher geschätzt wurden als Maler, "denn die magische Kunst des Goldschmieds bestand darin, kostbares Material, Edelsteine, Gold und Silber (…) zu Symbolen der Macht zu verbinden und zu verdichten." (Brown2, S. 341)  In den Reliquienbehältern, durchs frühe bis ins hohe Mittelalter die ersten Objekte von fränkischer Goldschmiedekunst gelingt die noch magischere Kunst, den unsichtbaren Gott des armen Jesus im Reichtum gestalteter Kostbarkeit aufscheinen zu lassen. Im Namen dieses evangelischen Rabbis, der sicher nach seiner Taufe keine Münzen in die Hand genommen hätte, werden nun Tempel und Kreuzeszeichen und ähnliche christliche Symbole auf Silbermünzen geprägt.

 

Die wesentliche Kritik daran blieb implizit, in einem sich davon zur Gänze lösenden Leben. Das ändert sich nur langsam im Prozess des Aufstieges der Städte und mit den Frühformen von Kapitalismus. Ein früher Vertreter einer Auseinandersetzung, die Ästhetisches immerhin streift, wenn auch nur unter religiösen Kriterien, ist Bernhard von Clairvaux mit seiner 'Apologia', in der zisterziensisches Gedankengut streitbar gegen das der Klöster unter der Aufsicht von Cluny antritt. Unter der Überschrift 'Über Gemälde und Skulpturen, Gold und Silber in den Klöstern' heißt es, um zunächst auf das Grundsätzliche einzugehen, über Kirchen und Kirchenschmuck:

Ich will jetzt zu größeren Mißständen kommen, die aber deswegen als geringer erscheinen, weil sie gang und gebe sind. Ich übergehe die grenzenlose Höhe der Bethäuser, ihre übermäßige Länge und unnötige Breite, den kostspieligen Glanz und die bis ins kleinste ausgearbeiteten Abbildungen. Dies alles zieht den Blick des Betenden auf sich und hindert die Andacht.

Soweit haben wir es mit der schon oben erwähnten Konkurrenz von Kirchen in Größe und Zierrat zu tun. Im weiteren geht es um die Unterscheidung von Mönchskirchen und Kirchen für das Volk:

Freilich, Bischofe gehen von einer anderen Voraussetzung aus als Mönche. Wir wissen ja, dass jene den Weisen wie den Dummen verpflichtet sind, und dass sie darum die Andacht des fleischlich gesinnten Volkes mit augenfälligem Schmuck wecken, denn mit geistigem können sie es nicht. Wir haben uns aber schon vom Volk zurückgezogen, wir haben für Christus alles Kostbare und Blendende der Welt verlassen, wir haben, um Christus zu gewinnen, alles für Unrat gehalten, was schön glänzt, was durch Wohllaut schmeichelt, was lieblich duftet, süß schmeckt und sich angenehm berühren lässt, kurz, alle Ergötzlichkeiten des Körpers.

Das Ästhetische wird hier detailliert als das den Sinnen Angenehme und darum dem ernsthaften Christen Bedrohliche beschrieben. Dass Zisterzienserkirchen der neuen gotischen Mode, also dem gerade modern werdenden Stil entsprechend gebaut werden, unterschlägt er, denn sie sollen zugleich völlig schmucklos sein, und nur das zählt für ihn. Wie sehr religiös motivierte kritische Ästhetik und Kapitalismuskritik hier mehr oder weniger unbewusst zusammengehen, kann man dann folgender Passage entnehmen:

Das ist die Kunst, durch die Geld ausgesät wird, damit es sich vervielfache. Man gibt es aus, damit es sich vermehre, und die Verschwendung bringt noch mehr Reichtum. Eben durch den Anblick dieser aufwendigen, aber Bewunderung erregenden Eitelkeiten werden die Menschen mehr zum Geben als zum Beten gedrängt. So wird Reichtum durch Reichtum abgeschöpft, so zieht Geld Geld an, weil - ich weiß nicht, wie es kommt - dort großzügiger gespendet wird, wo man größeren Reichtum bemerkt. Die Augen weiden sich an den mit Gold bedeckten Reliquien, und schon öffnet sich der Geldbeutel.

 

Diese doch recht deutlich am evangelischen Jesus orientierte Kritik an Kirche und am traditionellen benediktinischen Kloster geht längst am Hauptstrom der Entwicklung vorbei. Theophilus Presbyter als herausragendes Beispiel schwärmt zur selben Zeit von dem, was Griechenland an Arten und Mischungen der verschiedenen Farben besitzt, was Russland an kunstvoll ausgeführten Emailarbeiten und an mannigfaltigen Arten des Niello kennt, was Arabien an Treibarbeit, Guss oder durchbrochener Arbeit unterschiedlicher Art auszeichnet, was Italien an verschiedenartigen Gefäßen sowie an Stein- und Beinschnitzerei mit Gold ziert, was Frankreich an kostbarer Mannigfaltigkeit der Fenster schätzt, was das an feiner Arbeit in Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Holz und Stein geschickte Deutschland lobt. (De diversis artibus, I,51)

Dabei geht es nicht mehr spezifisch um kirchliche oder klösterliche Kunst, denn solche Kunstfertigkeit beliefert genauso weltliche Kreise, und es findet auch nicht mehr nur in Klosterwerkstätten, sondern in solchen in den Städten statt. Zwei bis drei Generationen später kann Köln beispielsweise bereits rund zwölf bürgerliche Goldschmiede-Werkstätten vorweisen, und vom Metallverarbeitungs-Zentrum Huy sind im selben 12. Jahrhundert bereits Schmiede als Kunsthandwerker namentlich überliefert. (Schulz, S.115f)

Zur Frage der Ästhetik gilt für weltliche wie geistliche und monastische Herren weiterhin: Schönheit hat etwas mit dem sinnlichen wie dem Marktwert der Materialien zu tun. Für den Mönch und späteren Abt Lampert von Hersfeld ist Reichtum auch für Kirche und Kloster wesentliche Anzeige des Erfolges. Kunst und Protz sind dann dasselbe. Das reicht bei weitem nicht, um die Entstehung des Kapitalismus zu erklären, denn das gilt für alle entwickelten Zivilisationen der Welt. Aber die Identifizierung von Wert und Marktwert ist eine nicht unwesentliche Voraussetzung.

 

Die Magie des Ästhetischen

 

Der erste Wert von Edelsteinen liegt, im Unterschied zu Gold und Silber, in der magischen Übertragung von Werten auf sie, die im Farblichen und dem Funkeln und Glänzen bereits einen kindlich-naiven Basiswert haben. Schon in der Bibel spielen sie eine Rolle (Ingrid Weber in 'Verwandlungen', S. 319). Im Mittelalter wird ihnen Heilkraft zugeschrieben, wie Hildegard von Bingen in ihrer 'Physica' darlegt. Neben all dem macht ihre relative Seltenheit ihren Wert aus, der sie für die Schatzbildung und dann die Vermögensanlage tauglich macht. 

 

Moden und Renaissancen

 

Die neuen germanisch dominierten Reiche versuchen zwar, wo irgend möglich, antike Strukturen zu übernehmen, aber diese verfallen immer weiter mit ihrer Basis, den städtischen Lebensformen, die mit ihrer herrschenden Schicht zu verschwinden drohen. Aber was jenseits der Kriegerwelt mit ihrer neuen Sesshaftigkeit an Zivilisation vorhanden ist, bleibt spätrömisch: Schrift und Sprache, Religion, Gebäude, Straßen. Es verfällt allerdings fortwährend, langsam, aber stetig. 

 

 

Kleidermoden

 

Das lateinische Hochmittelalter erfindet die Kleidermoden und überhaupt die Mode als Aspekt eines neuartigen Kulturbetriebs. Im nachherein werden solche Moden bis hin zum Rokoko als "Stile" bezeichnet werden.

 

Da der lateinische stilus das Schreibgerät war, meint "Stil" im ausgehenden italienischen Mittelalter den Schreibstil, wie er im Ausdruck dolce stil nuovo wohl zum ersten Mal auftritt, als Dante damit die norditalienische Variante der neuen Liebeslyrik bezeichnet. Der im Zentrum Franciens im 12. Jahrhundert entwickelte neue Baustil gilt lange als der "fränkische" bzw. später "französische", und wird erst in der Renaissance (von Vasari) verächtlich als "gotisch" abgewertet.

 

Das französische Wort mode kommt erst am Ende des Mittelalters auf, und à la mode kann jemand erst im 16. Jahrhundert sein, als das Wort auch bald ins Deutsche übernommen wird. (Wir übersehen hier zunächst einmal das schon frühmittelalterliche modernus). Vom lateinischen modus, also der Art und Weise von etwas, abgeleitet, ergänzt es zunächst die hochmittelalterliche manière, vom lateinischen manus, Hand, also die Handhabung von etwas. Vor allem im Plural auch die Verhaltensformen, Manieren bezeichnend., gelangt es mit den "französischen" Schreibmoden der Liebeslyrik und des Heldenliedes, der "französischen" Baumode (der Gotik) und der neuen "französischen" Kleidermode mit einer Verspätung von fünfzig bis hundert Jahren in die deutschen Lande, vor allem in jene, die an das kapetingische und burgundische Königreich sowie die nordöstlichen Grafschaften romanischer Sprache angrenzten.

 

Kleidung war traditionell "Tracht", also das, was "man trägt", und sie war traditionell bereits mehr als nur Tracht, als sie nicht nur vor der Witterung schützte und das bedeckte, was man sich schämte zu entblößen. Bereits im frühen Mittelalter begannen die Wohlhabenden und Mächtigen, sich im Rahmen dieser Tracht durch die Qualität der Materialien und die Ausführung von denen zu unterscheiden, die sie unter sich sahen.

 

Der Bauer des frühen Mittelalters trägt drunter naturfarbenes Hemd und Unterhose, darüber einen Umhang, und derbe, einfache Schuhe. Materialien sind Wolle und Leinen. "Der Adelige der Karolingerzeit hingegen trägt einen Rock mit schmalen Ärmeln, der mit kostbaren Edelsteinen geschmückt ist, und einen Gürtel (...) Dazu gehören weiße Handschuhe und ein geschlitzter Umhang, der mit einer Fibel festgehalten wird." Damen sind besonders gekleidet: "Ein Unterkleid mit weiten Ärmeln wird von einem Umhang bedeckt. Die Taille ist eng und wird von einem edelsteinbesetzten Gürtel geziert. Auf dem Haupt befindet sich ein kostbarer Schleier oder eine aufwendig gearbeitete Haube; das Haar ist mit Schleifen und Haarnadeln zurechtgemacht." (Lieverkus in LHL, S. 186f)

 

Generell trug man einen lose fallenden Rock, der von Schultern und Armen bis zu den Fußknöcheln herabfiel. Die Bekleidung von Männern und Frauen unterschied sich dabei nur wenig. Die Allegorie der Arithmetik der Herrad von Landsberg vom Ende des 12. Jahrhunderts zeigt an einem dem Thema entsprechend relativ keusch angezogenen Exemplar die wesentlichen Neuerungen, die die gotische Frauenmode betreffen und damit zugleich die Mode für Frauen ins Leben rufen:

 

Bild

 

Dadurch, dass man in Franzien den "Schnitt" in die Kleiderherstellung einführte, konnte man körpernahe, hautnahe Bekleidung herstellen. Hautnah wird das Damenkleid (zunächst) der Oberschicht von den Schultern bis zu den Hüften, oft auch an den Armen. Damit muss der Ritter nicht mehr erahnen, wie der Körper der Dame beschaffen ist, er kann es sehen. Diese Körpernahe ist auch der erste Ausgangspunkt für die Entstehung einer geschlechtsspezifischen Kleidung und für die Herausstellung des Geschlechtlichen.

 

Hautnah wird die Kleidung nicht nur dadurch, dass sie zugeschnitten wird, sondern auch dadurch, dass sie - oft seitlich - geschnürt wird. (Wie man bei der Superbia der Herrad von Landsberg sehen kann). Das Schnüren ist nötig, weil es noch keine Knopflöcher gibt, die sich dann aber auch im 14. Jahrhundert verbreiten, um die hautnahe Kleidung nun etwas bequemer zu schließen. Wo das Kleid nicht ganz hauteng am Oberkörper anliegt, wird es gegürtet und so die Taille definiert. Die lange, schmale gotische Taille der Damen und die Hervorhebung der Brüste wird auf diese Weise bewerkstelligt und zur Mode. Zugleich werden bei den Vornehmen die Stoffe dünner, so dass einige vermeinen, durch die Kleidung des nackten Körpers ansichtig zu werden. Auf jeden Fall werden die weiblichen Brüste nun wesentlich offenbarer als früher.

 

Um 1270 beschreibt Konrad von Würzburg in seinem Minneroman 'Engelhard', wie das Ergebnis bei den Männern ankam:

 

dô truoc diu schoene ein hemde von sîden (Seide) an ir lîbe, daz nie deheime wîbe ein kleid so rehte wol gezam (gepasst hatte). ez was sô kleine (fein), als ich vernam, daz man dar durch ir wîze hût (ihre weiße Haut)... sach liuhten (sah leuchten) bî den zîten. mit golde zuo den sîten gebrîset (Mit Goldfäden an der Seite geschnürt) was ir lîp dar în. man sach ir senften brüstelin (zarten Brüstchen) an dem kleide reine storzen harte kleine ( sehr zierlich hervortreten), als ez zwên epfel waeren.

 

Das "Hemd" ist das, was wir heute Kleid nennen. Über das Hemd konnte noch eine Überbekleidung, zum Beispiel eine Art vorne offener Mantel kommen.

 

daz hemde stuont gelenket nâch einem fremden schrôte (war nach ungewöhnlichem Schnitt geformt) und suochte sô genôte an ir lîp vil ûz erkorn (passte sich so genau ihrem auserkorenen Körper an) daz man des haete wol gesworn daz diu saeldenbaere (Wunderbare) einhalp (oberhalb) des gürtels waere nacket unde enbloezet gar. (Zeilen 3034ff und 3078ff; In:Bumke, Höfische Kultur 1, S.192)

 

Im fünften Teil des 'Willehalm' des Wolfram von Eschenbach trägt die Königin einen kostbaren Mantel: der mantl muos offener snüere Pflegn... ze etlîchen zîten si ein teil ûf swanc: swes ouge denne drunder dranc, der sah den blic von pard

 

Von den Rundungen von Hintern und Hüften fällt das Kleid dann weit, manchmal sehr weit über die Knöchel bis zum Boden. Der sexuelle Reiz des Oberkörpers - you (don`t) get what you see - mit dem die Frau sich als Objekt sexuellen Begehrens anbietet, wird so konterkariert durch das weite Verhüllen der Schenkel, die in die Scham und Scheide münden. Andererseits konnte die Dame durch geschickte Bewegungen das Kleid zwischen den Beinen so fallen lassen, dass diese wieder betont werden. Die Dame bietet sich also als Objekt der neuen Liebeslyrik dar.

 

Die massive Erotisierung der Leiber war eine extreme Gegenposition zur christlichen Kirche und ihrer Ermahnung, das Seelenheil nicht durch weltliche Gelüste zu gefährden. Entsprechend kracht es auch zwischen Geistlichkeit und der Laienwelt der Mächtigen. Im 'Reinfried von Braunschweig' trifft sich dann die geistliche mit der weltlichen Kritik im Heldenroman von der Orientfahrt Heinrichs des Löwen:

 

des muoz mich nemen wunder grôz, daz sî mê denn halber blôz gânt on des gürtels lenge (oberhalb des Gürtels). ir kleit sint alsô enge daz ez mich lasters vil ermant, wan ir in dem rocke spant der lîp mit lasterlîcher pfliht (mit lasterhafter Bereitwilligkeit). (in: Bumke, Höfische Kultur 1, S.208)

 

Zunächst allerdings bleibt die Dame allerdings noch vom Halsansatz bis zum Fuß bekleidet, bedeckt. Die eigentliche Entblößung wird eine Sache des Spätmittelalters und der Neuzeit. Wenn Riwalîn im Prozess des sich Verliebens in Blanscheflur an sie denkt, fällt ihm folgendes ein:

 

. do er dô sîn âventiure / von sîner Blanschefliure / von ende her betrahtete / und allez sunder ahtete: / ir hâr, ir stirne, ir tinne, / ir wange, ir munt, ir kinne, / den vröuderîchen ôstertac, / der lachende in ir ougen lac. (Zeilen 921ff)

 

Was er also unmittelbar sieht, ist ihr Gesicht. Was auf dem Markt weiblicher Machtspiele dann als erstes entblößt wird, ist ein immer größerer Halsausschnitt, das Décolleté.

 

Mit dieser Kleidung wird die Dame im Unterschied zur Frau "aus dem Volk" unbeweglicher. Da das Kleid über den Boden schleppt, ist es nur noch für Innenräume und zu Pferde (im Damensitz) brauchbar. Zudem wird es gelegentlich mit immer längeren Schleppen besetzt, die beim Gehen gerafft oder von Mägden hinter der Dame hergetragen werden müssen. Kriemhild trägt im Nibelungenlied bei feierlichem Anlass eine solche Schleppe, die von zweien getragen wird.

 

Ähnlich funktionslos und dekorativ sind die immer längeren angenähten Endstücke der Ärmel. Die höfische Dame dekoriert sich zum Luxusgegenstand, der seine Zeit mit textilem Arbeiten verbringt und tatsächlich hauptsächlich zur Fortpflanzung in dynastischer Absicht dient.

 

Kostbare und farbenprächtige Stoffe gehören dazu, ebenso wie bei den Herren, die jetzt ebenso den Moden des Kleiderluxus verfallen wie die Damen. Die Abbildung aus dem 'Hortus deliciarum' zeigt den Antichristen als König und daneben seinen Gehilfen in modischem Hemd, Beinkleidern und der Tendenz zum Vorzeigen von immer mehr (Ober)Schenkeln nach dem Stand von etwa 1180.

 Hortus Deliciarum - Antichrist.jpg

 

 

Ausgehend von im Kern derselben frühmittelalterlichen Bekleidung wie die Frauen verengt sich das Hemd jetzt auch bei den Männern am Oberkörper und den Armen. und wird nach unten weiter oder aber aufgeschlitzt. So wie die Damen nun Taille und Brüste betonen, so die Herren die Beine. Diese sind entweder nackt oder von eng anliegenden Beinkleidern, den (beiden) Hosen bedeckt. Um Hintern und Genitalien trug der Mann nun, da sein Rock immer kürzer wurde oder vorne hochgeschlitzt, eine eng anliegende Art Unterhose, die bruoch im Mittelhochdeutschen, welche den Punkt benennen, wo aus dem Leib die beiden Schenkel aufbrechen. Die wurde immer häufiger an die Hosen angeknüpft (zum Beispiel durch Hosenbänder), woraus die englischen breeches am Ende zu trousers (mit keltischer Wurzel) werden und die neuzeitlichen deutschen "Hosen" im 16. Jahrhundert entstehe

 

Im Kern zeigt der Herr damit mehr von seiner sexuellen Attraktivität (?) als die Dame, und je höher oben der männliche "Rock" aufhörte, desto näher kam man der spätmittelalterlichen Situation, wo der Mann seinen "Bruch" darbot, und damit das, was sich zeitgleich in der immer mächtiger werdenden Wölbung der Ritterrüstung über dem Penis manifestierte. Zudem entwickelte die Gotik mehr noch bei den Männern als bei den Frauen die kunstvolle Schlitzung am Gewand, bei den Herren besonders an den Beinkleidern, die nun entweder die nackte Haut oder aber eine feine Leinenunterlegung darboten. Was bei den Damen der Leib und die Brust, werden bei den Herren recht intensiv die Beine. Beim Reiterspiel, dem Buhurt der Ritter auf Tintajoêl in Gottfrieds 'Tristan' schaut die Damenwelt zu und spricht über Riwalîns Darbietung:

 

der ist ein saeliger man: / wie saeleclîche stêt im an / allez daz, daz er begât! / wie gâr sîn lîp ze wunsche stât! / wie gânt im sô gelîche in ein / diu sîniu keiserlîchen bein! (Zeile 705ff)

 

Und als Jung-Tristan zum ersten Mal auf Hof von König Marke erscheint, heißt es nach Beschreibung seiner übrigen Schönheit: sîne vüeze und sîniu bein, / dar an sîne schoene almeistic schein, / diu stuonden sô ze prîse wol, / als man'z an manne prisen sol. (Zeilen 3341ff). Dieser Blick findet statt, wiewohl sein Gewand nâch sînem lîbe gesniten ist und heute der Leib also die Aufmerksamkeit (neben dem Gesicht) auf sich ziehen würde.

 

In Frankreich kam schon im 11. Jahrhundert die Mode auf, sich die Barthaare abzurasieren, was bislang nur dem Klerus (wie die Tonsur) zustand. Die Haarpracht wurde länger und mit der Brennschere wurden künstliche Locken hergestellt. Am Ende kommen noch die höfischen Schnabelschuhe dazu, und der Modegeck ist komplett (Geck war das mittelalterliche Wort für den Narren).

 

Also: Das Reformchristentum in Kloster und Kirche, Minnesang und Heldenepik, höfische Pracht und Geselligkeit, Erotisierung der Bekleidung, zunehmende Bedeutung des Geldes (Dreifelderwirtschaft, neuer Pflug, Entstehung der Dörfer und Gemeindebildung in den Städten, Aufstieg des Fernhandels etc) finden alle in etwa gleichzeitig statt.

 

Der Kern all unserer Betrachtungen ist der beseelte, d.h. lebendige Körper der Menschen, und in der Bekleidung macht sich nun ein Trend zur vorgetragenen Schamlosigkeit breit, der als Erotisierung allerdings mit der Scham kalkuliert. Ohne die vorherige Verhüllung wären die neuen Enthüllungen keine Erotisierung, sondern schiere Nacktheit. Wenn Kulturen in südlichen Breiten vielleicht nur den Genitalbereich und den Analbereich bedeckten, war dies schließlich keine Schamlosigkeit, keine Erotisierung, sondern vermutlich besonders disziplinierte Schamhaftigkeit, wie Duerr in seinen fünf Bänden insgesamt überzeugend dargelegt hat.

 

 

Künstler und Kunsthandwerk

 

Die frühesten Ansätze zu jenem Kunstbegriff, wie er in der sogenannten Renaissance ausgebildet wird, liefert die namentliche Überlieferung besonders herausragender Kunsthandwerker. Sie stimmt zeitlich überein mit dem Übergang von der Romanik zur Gotik. Das ist hier deswegen wichtig, weil diese eine kontinuierliche Entwicklung insbesondere der Baukunst von der Spätantike bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts abrupt abbricht und innerhalb weniger Jahrzehnte etwas völlig neues entwickelt, einen Stil nämlich, der sich als solcher zum ersten Mal nach der Antike seiner selbst bewusst ist und in der Ablehnung des Alten, der sogenannten Romanik, eine neue Art von ästhetischem Bewusstsein entwickelt. 

 

 

Ästhetik des Luxus als Demonstration von Macht und Status

 

Mustergültig für die Entwicklung eines demonstrativen Luxus ist der Text über den Einzug Kaiser Friedrichs II. 1235 ohne großes Truppenaufgebot in den deutschen Landen, dessen Ziel die Absetzung seines Sohnes Heinrich war:

 

Er aber fuhr, wie es der kaiserlichen Macht geziemt, in großer Pracht und Herrlichkeit einher, mit vielen Wagen, beladen mit Gold und Silber, Batist und Purpur, Edelsteinen und kostbarem Gerät, mit vielen Kamelen und Dromedaren. Viele Sarazenen und Äthiopier, verschiedener Künste kundig, mit Affen und Leoparden, bewachen sein Gold und seine Schätze. So gelangte er inmitten einer zahlreichen Menge von Fürsten und Rittern bis nach Wimpfen. (Fortsetzung Gottfrieds von Viterbo zu Eberbach in Eickels/Brüsch, S.275)

 

Man muss neben den Schätzen und der bewusst zur Schau gestellten Exotik auch noch die blitzenden Rüstungen und bunten Bekleidungen vor Augen haben, die Begleitmusik hören und den zu vermutenden Jubel des Publikums, zu dem sich vermutlich auch die Armen in einigem Abstand gesellten. Eine Etage über der Blüte eines frühen Kapitalismus, diesen unsichtbar machend, bewegen sich Fürsten in einem Aufzug, der ein wenig an Zirkus und ein wenig an orientalische Despotie erinnert.

 

Auch weltlicher Luxus als fürstlicher, herrschaftlicher, ist von Anfang an Schatzbildung. Der Schatz bedeutet Reichtum, der wiederum zeichnet neben "edlem Kriegertum" Macht aus, wie zum Beispiel Lampert von Hersfeld um 1080 immer wieder betont. Das ist zunächst einmal aus vorkapitalistischen Zeiten übernommen und genauso von orientalischen Despoten bekannt. Reichtum ist eine Art Mengenangabe, man besitzt viel, von dem, was reich macht. Zwischen den salischen Kaisern und dem späten Staufer zeichnet sich aber ein Unterschied ab: Erstere stellen Reichtum vor allem durch immer imposantere Bauten aus, der übrige bleibt eher wenigen vorbehalten. Bei Friedrich II. wird Reichtum an mobilen Werten bereits für eine breite und staunende Menge von Gaffern propagandistisch verwendet. Zu den Hochzeitsvorbereitungen von Isabella mit Kaiser Friedrich II. in England schreibt Roger von Wendover:

Der Aufwand für diese Hochzeit aber war derartig, dass es fast über königlichen Reichtum hinauszugehen schien. Denn zur Ehre der Kaiserin wurde eine Krone aus reinstem Gold und mit kostbaren Edelsteinen in kunstvollster Arbeit hergestellt, auf der vier englische Könige, Märtyrer und Bekenner, vom König eigens als Schutzheilige seiner Schwester bestimmt, dargestellt waren. Die goldenen Ringe und Münzen, die mit wertvollen Steinen kunstvoll verziert waren, der übrige schimmernde Schmuck, die seidenen und leinenen Kleider und Ähnliches, was Augen und Herzen der Frauen zu berücken und mit Sehnsucht zu erfüllen pflegt, verliehen ihr einen solchen Glanz, dass alles märchenhaft erschien. Und in den unterschiedlichen Festgewändern aus Seide, Wolle und Leinen von unterschiedlicher Farbe und kaiserlicher Pracht erstrahlte sie derartig,  (…) Alle Gefäße ferner sowohl die für Wein als auch die für Speisen, waren aus reinstem Silber oder Gold, und sogar sämtliche Kochtöpfe - und dies erschien allen überflüssig - waren aus reinstem Silber. (in Eickels/Brüsch, S.289f) Zudem waren die Pferde für die Überführung der Braut mit vergoldetem Zierrat ausgestattet.

 

Im Schmuck der angehenden Kaiserin stellt der englische König seine Macht in Form von Reichtum für eine relativ große Öffentlichkeit aus. Es ist so, als ob er einen kurzen Einblick in seine Schatzkammer werfen ließe. Mehrmals wird dabei der Ausdruck "kunstvoll" verwendet: Ein Schatz besteht nicht nur aus geldwertem Material, sondern auch aus "kunsthandwerklichen" Produkten, wie man das neuhochdeutsch ausdrückt. Die Kunstfertigkeit des Handwerkers veredelt den schieren Reichtum und drückt ihm weitere Botschaften auf, wie hier die der Veredelung schierer Macht der englischen Krone durch christliche Gesinnung.

Zu bemerken ist ferner, dass Roger hier zudem explizit auf die besondere weibliche Eitelkeit abzuzielen scheint. So erwähnt er zudem beim Einzug in Köln dass Isabella merkte, dass alle und besonders die edlen Matronen, die auf ihren Söllern saßen, ihr Antlitz zu sehen wünschten, nahm sie Hut und Schleier ab, so dass alle sie ungehindert ansehen konnten.  (in Eickels/Brüsch, S. 291)