GEWERBE, WAREN UND KONSUM (13. Jh. bis 1350) (in Arbeit)

 

Handel im 13. und 14. Jahrhundert (Finanzkapital)

Technik und Maschinen: Weitere Industrialisierung

Das Handwerk (Spezialisierung / Gesellen / Restriktionen / Kapitalisierung)

Warenästhetik

Kleidermoden

 

 

Handel im 13. und 14. Jahrhundert

 

Bis in die große Krise des 14. Jahrhunderts erschließt sich ein weiterer riesiger Handesraum durch die Eroberungen und das Mongolenreich Dschengis Khans, den der Venezianer Marco Polo besucht. Über die Seidenstraße gelangen mit großen Karawanen "Seide, Pfeffer, Ingwer und andere Gewürze, Edelsteine, Lederwaren und Teppiche" nach Europa, während umgekehrt "Silber, Woll- und Leinentuche sowie Pferde" in den fernen Osten gelangen. Von Südchina wird eine Seeroute über den indischen Ozean bis in den persischen Golf und nach Afrika entwickelt (Gilomen, S.86)

 

Der durch die Kreuzzüge eher geförderte Orienthandel nimmt mit dem Scheitern der ursprünglichen Kreuzzugsidee beim Überfall auf Konstantinopel noch weiter zu. Immer neue Produkte versorgen Luxusbedürfnisse der Oberschichten, wie Reis, Orangen, Datteln, Feigen, Rosinen oder aber auch Parfum und Medikamente. Dazu kommen aber zunehmend Rohstoffe für die stärker kapitalisierten Zweige europäischer Produktion, wie Farbstoffe und Alaun, wie Rohseide und Baumwolle (cotone), und Luxusstoffe wie Damast, Musselin oder Gaze, jeweils nach den Hauptherkunftsorten benannt. Dafür erhält die islamische Welt Holz, Waffen und manchmal auch Sklaven.

 

Andere Handelsgüter für den Fernhandel sind im hohen Mittelalter einfachere Tuche – auch in den Orient. Norditalien liefert dafür zunächst Barchent. Aber die Masse des Handels des lateinischen Europas bleibt natürlich innereuropäisch. „Die Notariatsurkunden der genuesischen Archive lehren, dass die Stadt schon vor dem 13. Jh. Tücher aus Arras, Lille, Gent, Ypern, Douai, Amiens, Beauvais, Cambrai, Tournai, Provins und Montreuil ausführte.“ (Pirenne, S.141) Bald werden einige dieser Orte dann ganz von Flandern und Brabant abgelöst.

 

Eine besondere Rolle im christlichen Spanien nimmt Barcelona ein, wo der Werftenbau und die Privilegierung einer Handelsflotte Seehandel durch das ganze Mittelmeer fördern. Etwa zwei Drittel davon werden mit nordafrikanischen Städten betrieben, von denen zum Beispiel Wachs, Pfeffer und Alaun kommen. Später als in italienischen Städten wie Mailand liefern spanische Städte Tuche und Waffen, immerhin blüht in Barcelona im Spätmittelalter Tuchproduktion auf.

 

Am Beispiel Englands lässt sich gut erkennen, was genauso auch auf dem Kontinent geschieht. Um 1200 liegt dort die jährliche Summe aus Import und Export bei um die 60 000 Pfund und hundert Jahre später bei rund 500 000, was nach Abzug der Inflation eine Verdreifachung bedeutet. Dazu gehört nicht nur eine entsprechende Vermehrung des Geldumlaufes, sondern auch eine erhebliche Erhöhung des Bevölkerungsanteils, welcher nicht mehr vorwiegend von agrarischer Produktion lebt, und zwar auf nunmehr rund 20%. (Dyer, S.212)

 

Aber in England werden bis tief ins späte Mittelalter keine großen Firmen wie in Italien gebildet, aber doch kleine zeitgebundene Partnerschaften wie die von 1304 von John Chigwell und William de Flete. Beide bringen 40 Pfund in Waren ein und schicken dann Angestellte los. De Flete schickt Wein, Bohnen und Salz nach Schottland, was einen Gewinn von 25% einbringt. Chigwell wird von dem mächtigen schottischen Magnaten John Comyn eine Ladung Wolle und Häute angeboten, was soviel Kapitaleinsatz bedeutet, dass er sich noch mit einem Italiener verbindet. Sie reisen zu Comyns Burg, bezahlen für die Waren 220 Pfund, und verbrauchen dann noch 125 Pfund für die Verbringung nach St.Omer, wo alles für 396 Pfund verkauft wird, was einen Gewinn von 51 Pfund ausmacht. Sein Anteil an der englischen Partnerschaft bestand andererseits in einer Fracht von Färberwaid aus der Picardie, bei der etwas schief geht, was zu Konflikten zwischen den beiden Londonern führt (Dyer, S.216)

 

Die beiden zentralen Handelsstädte im Norden sind Brügge, das sich von einer Produktionsstätte zu einem Handelsort entwickelt (im Unterschied zu Gent), und Lübeck. Letzteres wird erst 1158 gegründet, aber sein Handel expandiert schnell nach dem 1160 auf Gotland gegründeten Wisby, von dort über Rostock (1218), Stralsund und Danzig (1230) Riga (seit um 1200), dann Dorpat (vor 1250) und Reval (um 1270).

Lübische, westfälische und sächsische Kaufleute gründen schon früh im 13. Jahrhundert eine Genossenschaft der Gotlandfahrer. Deren Reichweite umfasst dann Schonen, Riga, Smolensk und Nowgorod. Auf der anderen Seite privilegiert sie 1252 die flämische Gräfin Margarethe, wo die deutschen Kaufleute Waren aus Italien, England und Flandern vor allem in Brügge einkaufen können.

 

Süddeutscher Fernhandel geht von Städten wie Augsburg, Regensburg und Nurnberg aus und vermittelt vor allem zwischen den Champagnemessen und Südosteuropa (Horst Rabe). Deutsche Tuche haben noch kein Spitzenniveau, verbreiten sich aber als einfachere Massenware vor allem. Dazu kommen seit dem Ende des 12. Jahrhunderts die oberschwäbische Leinen- und bald auch Barchentprodukte. Fernhandel bedienen zudem metallverarbeitende Betriebe in Nürnberg, Goslar und Dortmund.

 

 

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Während der Handel im Norden seine erste Blütezeit erlebt, findet in Italien bereits eine zweite statt. Zwischen 1270 und 1300 werden der Kompass und die Seekarten verbessert und die Schiffe werden größer, was die Transportkosten senkt, das Risiko allerdings vergrößert. Mit dem größeren Waren-Volumen geht man dann dazu über, den Transportpreis nicht mehr so sehr nach Gewicht oder Platzbedarf der Waren zu berechnen, sondern nach ihrem Marktwert (Gilomen, S.93 für 1299/1309 als frühe Beispiele).

 

Nach der Aufteilung in Händler/Kapitaleigner und Transportunternehmen findet bereits im 12. Jahrhundert nicht zuletzt durch die Kreuzzüge eine Art handels-ökonomische Kolonisierung statt, die besonders den südlichen und östlichen Mittelmeerraum betrifft. Diese gemeinsamen Handelsstützpunkte norditalienischer Städte und dann auch solcher der Langue d'oc  werden seit dem Ende des 13. Jahrhunderts durch Filialen einzelner großer Firmen ergänzt, die sich in Umschlagsplätzen wie London oder Brügge niederlassen uind im Laufe der Zeit dann durchs ganze Jahr betrieben werden. Denn Kontakt zur Firmenzentrale halten professionelle Boten auifrecht.

Venedig entwickelt dabei früh das Geschäft auf Komissionsbasis, wobei der nicht in die Firma integrierte Kommissionär für die Abwicklung des Geschäftes vor Ort mit einem am Erlös gemessenen Anteil bezahlt wird.

 

Seit der Wende zum 14. Jahrhundert entwickeln Genuesen die Versicherung durch Dritte und in der Mitte des Jahrhunderts dann vereinfachte Formen durch Prämienzahlung. (Gilomen, S.91f)

 

Im Norden Italiens entwickelt sich um dieselbe Zeit ein vom Handelsgeschäft sich lösendes Bankwesen, welches Depositen zu verwalten beginnt, wobei es weniger um Zinsen als um bargeldlosen Zahlungsverkehr geht. Mit dem Firmen-Konto wird es möglich, als verdeckten Kredit zu überziehen, "wodurch reines Buchgeld geschaffen wurde." (Gilomen, S.92) Parallel zur Buchführung der Firma mit Soll und Haben entsteht eine solche bei venezianischen Banken.

 

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Als 1285 König Philipp IV. durch Heirat der Erbin die Champagne übernimmt, beginnt der Niedergang der Champagne-Messen. Es kommt zum Krieg gegen Flandern, flämische Waren werden auf den Messen beschlagnahmt, dann werden italienische Kaufleute maltraitiert und ein Export für französische Wolle und textile Halbfabrikate kommt dazu sowie schließlich der hundertjährige Krieg zwischen den Kronen Englands und Frankreichs mit seinen Zerstörungen.

Mit den Schiffsverbindungen zwischen England, Flandern und Italien endet die Bedeutung dieser Messen im 14. Jahrhundert.

 

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Im Verlauf des 13. Jahrhunderts wird jüdisches Finanzkapital durch die englische Krone soweit ausgeplündert, dass es zunehmend dann an Bedeutung verliert. Zwischen 1241 und 1255 verlangt Henry III von Juden noch einmal als besondere Steuern rund 66 000 Pfund, etwa die Hälfte ihres gesamten Kapitals. Daneben engagiert er sich fromm in ihrer Konversion via Druck. 1255 lässt er neunzehn Juden töten, die der Entführung und Kreuzigung eines kleinen Christenjungen angeklagt waren, und bestätigt damit die Vorstellung, dass Juden so etwas öfter täten.

In der zweiten Häfte des 13. Jahrhunderts werden die Juden aus einzelnen Regionen in Frankreich ganz vertrieben, und 1290 verkündet Edward I ihre Vertreibung aus ganz England. Nachdem er einen großen Teil der Einziehung und Verwaltung von Zöllen und Steuern an die Firma Riccardi aus Lucca abgegeben hat, die ihn ständig mit Geld für seine Ausgaben versorgen, sind die jüdischen Kreditgeber überflüssig geworden.

Jüdisches Finanzkapital wird zwar bis in unsere Gegenwart eine gewisse Bedeutung haben, aber es hat seitdem seine manchmal fast monopolartige Stellung verloren. An die Stelle rückt auf ganzer Front neben norditalienischem Finanzkapital vor allem solches aus der Toskana.

 

 

Technik und Maschinen: Weitere Industrialisierung

 

Im dreizehnten Jahrhundert verbreiten sich Mühlen immer weiter  über den größten Teil Europas, und neben die allgegenwärtigen Getreidemühlen treten nun auch solche, die Oliven pressen, auch Nüsse zermahlen usw. Selbst Holz wird nun in (Säge)Mühlen gesägt.

Vor allem aber werden Mühlen in anderen Bereichen nun wichtiger. Es gibt mehr Schleifmühlen, Pochmühlen zum Aufbrechen des Erzes und Hammermühlen bis hin zu schweren Schmiedehämmern. Schmiedemühlen verbreiten sich überall.

Schließlich treiben Mühlen Blasebälge an, und dann werden gegen 1400 selbst große Hochöfen durch mit Wasserkraft betriebene Blasebälge möglich. Im 15. Jahrhundert werden dann noch Papiermühlen hinzukommen.

Es entstehen so frühe Industrielandschaften an Wasserläufen und möglichst in der Nähe von Erzvorkommen, während die enormen Mengen an Holz bzw.  Holzkohle als Brennmaterial für Öfen bald von weiter her kommen muss. Wasser- und Luftverschmutzung ziehen so auch außerhalb der Städte ein.

 

Der Eisenbedarf für Geräte und Rüstungsgüter nimmt enorm zu und vervielfacht sich in kürzeren Abständen. Der Erzabbau geht aus der direkten Unterordnung von Bannherrschaften in die Hände privater Genossenschaften über, die dem Bannherrn aber noch Abgaben zahlen. Die Hochöfen mit ihrem Kapitalbedarf geraten unter kommunale Aufsicht. Über all das gewinnt der Eisenhandel enorm an Bedeutung.

 

Auf dem Lande geraten Mühlen unter die Banngewalt des höheren Adels, der sie verpachtet, während sie in und bei den Städten unter deren Aufsicht stehen. Mitte des 14. Jahrhunderts verfügt eine Stadt wie Freiburg im Üchtland, heute frankophone Schweiz, über wohl mehr als 25 Mühlen. Die Stadt Lübeck selbst besitzt um 1280 deutlich weniger Mühlen, erzielt aber mit rund 300 Mark im Jahr für 1280 daraus den höchsten einzelnen städtischen Einnahmeposten. Ein Mühlenbau im 13. Jahrhundert schlug aber schon mit 560 Mark zu Buche (Wülfing in: Beiträge 2, S.67).

Die Errichtung einer solchen spezialisierten Wassermühle verlangte erhebliches Kapital und das Mieten von Fachkenntnis. Und so schließen sich gelegentlich mehrere Gewerbe (Tuche, Metallverarbeitung etc.), die von einer Mühle profitierten, zusammen, oder es bilden sich direkt gewinnorientierte Gesellschaften, die Mühlen errichten und betreiben. Müller sind dann oft deren Angestellte.

 

Maschineneinsatz fand nicht nur in dem Bereich des Schmiedens statt, sondern auch im Bergbau. Dazu trugen im Hochmittelalter die neuen Silberminen von Freiberg im Erzgebirge, der Toskana, von Iglau in Mähren und Kuttenberg in Böhmen bei. Erfunden werden so von Wasserkraft angetriebene Blasebälge für Schmelzöfen und solche, die von Dampfkraft angetrieben werden. Ein anderer wichtiger Aspekt kam schon dadurch zum Tragen, dass man nicht mehr nur an der Oberfläche, sondern tief in den Berg hinein grub. Das hatte zur Folge, dass einsickerndes Wasser entfernt werden musste, und dazu wurden Anlagen zum Wasserheben und zum Pumpen entwickelt, die selbst wieder wassergetrieben waren.

 

Insgesamt blieb natürlich maschinenbetriebene Produktion nur ein Teilbereich, und im handwerklichen Bereich herrschte bis in die Neuzeit direkte menschliche Arbeit vor.

 

(Glasherstellung)

 

Das Handwerk

 

Landwirtschaft und Handwerk bieten Grundlagen für die Entstehung von Kapitalismus, aber sie treiben ihn selbst nicht voran, sondern werden eher von ihm getrieben. Der Handwerksmeister ist zwar kleiner Kapitaleigner (Haus, Gerätschaften, Geld), aber sein flüssiges Kapital geht meist nicht weit über das für die Anschaffung von Rohstoffen, Halbfabrikaten und den Ersatz von Gerätschaften und den Unterhaltung vom Gesellen und Lehrling hinaus. Er ist also nur in geringem Umfang Unternehmer und sein Betrieb ist eher von Stabilität als Expansion gezeichnet – er betreibt nicht wesentlich Kapitalvermehrung und ist soweit auch nicht das, was hier als „Kapitalist“ bezeichnet wird.

 

Handwerk für sich schafft keinen Kapitalismus, dieser entfaltet sich erst dauerhaft von dort aus, wo das große Kapital aus (Fern)Handel und Finanzgeschäften sich mit diesem verbindet. Lübeck hat Handwerk zur Versorgung der Stadt selbst, gewinnt seinen Reichtum aber im wesentlichen aus dem Handel. Schon bald nach der Stadtgründung schwärmen von dort Kaufleute aus nach Schonen (Hering) und Gotland, wo Wisby zur Drehscheibe des Handels mit Nowgorod in der Rus wird, wo eine großgrundbesitzende Bojarenschicht Luxusbedarf hat.

 

Natürlich besitzt jenes vielfältige Handwerk, welches nicht unter die Kontrolle großer Firmen gerät, Kapital, wenn auch in relativ geringem Maße. Das sind kleinere Geldmittel und die Werkzeuge vor allem. In gewissem Sinne lassen sich auch Talent, Können und Wissen dazuzählen. In beschränktem Umfang gehört dazu auch unternehmerisches Geschick. Es steigen entsprechend auch immer wieder einmal Handwerker in die bürgerliche Oberschicht auf. Es ist auch nicht so, als ob die Vereinbarungen und Statuten der Zünfte im 13. Jahrhundert den Eindruck vermitteln, als ob die Absicht bestünde, die Betriebe kleinzuhalten, aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt, sowohl was Nachfrage, Rohstofferwerb und Möglichkeiten der Investition betrifft, und wo das anders ist, bei Textilien, Metallgewerbe und ähnlichem, übernimmt das große Kapital mit dem Verlagssystem in irgendeiner Form oder dem Maschineneinsatz die Kontrolle.

 

Die Aufwertung des Handwerks geht mehrere Wege: Kirche, höherer Adel und Fürsten profitieren von ihm als Warenkonsumenten, besonders von Luxusgütern, und sie profitieren teilweise von den Abgaben, die Handwerker leisten. Zugleich muss die Kirche ihre Positionen ändern, um die Handwerkerschaft nicht zu verlieren bzw. zu Gegnern zu machen (wie in Florenz im Krieg der Stadt gegen den päpstlichen Staat). Aber da alle Kirchen, Burgen, Paläste, Stadtwohnungen, Stadtmauern, Brücken usw. brauchen, kommen sie zuallererst nicht umhin, die mit dem Bauen verbundenen Handwerke anzuerkennen. Darüber hinaus war das Bauen neben dem Textilgewerbe und den metallverarbeitenden Handwerken der dritte wichtige Wirtschaftsbereich im Mittelalter. Allein für Lübeck wird geschätzt, dass zwischen 1250 und 1300 neben allen Großprojekten „über 1000 Steinhäuser“ gebaut wurden (Ranft in Hartmann (Hrsg), S.172). Dabei muss man allerdings bedenken, dass in diesem Zeitraum Teile der Stadt zweimal abbrennen. Aber ein anderes Beispiel: In Straßburg werden zwischen 1222 und 1300 allein 16 Klöster gebaut (Kammerer in Hartmann (Hrsg), S. 80)

 

Mehr noch als Bauhandwerk (Maurer, Steinmetze, Zimmerleute usw.) wird für kurze Zeit eingestellte Lohnarbeit eingesetzt. Alle bekommen zunehmend mehr Arbeit, weil die neue bürgerliche Gemeinde im 13. Jahrhundert immer mehr Großaufträge vergibt: Da ist die gotische Stadtkirche, die als Kontrapunkt zur Kathedrale gebaut wird, entweder in Gemeinschaftsfinanzierung mit dem Bischof oder ganz in bürgerlicher Regie. Da ist das Rathaus, entweder Neubau am zentralen Markt oder aber Ausbau eines schon vorhandenen und aufgekauften Bürgerhauses aus Stein. Da ist die Gerichtslaube am selben Markt, und dazu kommen die ersten Spitäler, Hospize usw. in bürgerlicher Regie, mit denen das große Kapital die Caritas des Bischofs zurückdrängt. Die wachsende Stadt bekommt eine neue Mauer mit ihren Toren und Türmen.

 

****Spezialisierung und Arbeitsteilung****

 

Vor der Spezialisierung des Handwerks steht seine Ausbreitung. Bei ungefähr 5300 Einwohnern um 1406 gibt es in Bautzen 40 Bäcker, 42 Schuhmacher und 17 Fleischer. (Karl Czok in: Beiträge, S. 113) Bei solchen Zahlen wird dann eine gewisse Spezialisierung naheliegend. In der Thorner Altstadt arbeiten um dieselbe Zeit an Meistern 38 Schlosser, 36 Messerschmiede und 14 Schmiede, ein bereits etwas aufgeschlüsseltes Metallgewerbe (s.o., S.125)

 

In Nürnberg steht lange die Metallbearbeitung an erster Stelle des Handwerks. Eine Liste von 1363, die fast alle Handwerksmeister aufführt, listet dabei detailliert zwanzig verschiedene Branchen der Metallverarbeitung mit 341 Meistern (von insgesamt 1 217) auf. (Engel/Jacob, S. 273)

 

Je stärker sich in den Städten bürgerlich-kapitalistische Strukturen herausbilden und diese nach Selbstregulierung trachten, desto mehr scheinen Frauen in bestimmte Bereiche abgedrängt zu werden. Wenn es wie in Köln im späten Mittelalter spezifisch weibliche Zünfte wie in der Seidenverarbeitung mit ihren (nur) weiblichen Lehrlingen gibt, dann verstärkt das den Eindruck, dass es eine Tendenz gibt, Frauen nach und nach aus vielen Handwerken ganz herauszudrängen und auf wenige zu konzentrieren. Dies hat nicht nur mit Strukturwandel im Handwerk bei immer stärkerer Kapitalisierung ganzer Wirtschaftszweige zu tun, sondern auch mit den Wandlungsprozessen bürgerlichen Selbstbewusstseins, die seiner originären Inkonsistenz geschuldet sind. Am Ende wird die Bürgersfrau massiv auf Haus und Kinder abgedrängt bzw. dahin privilegiert zu sein, während die Frauen der Lohnarbeit eine Schicht darunter zunehmen werden. Frauenrollen orientieren sich ohnehin am Punkt kapitalisierbaren Eigentums.

 

Immerhin stellen Frauen in Basel im frühen 15. Jahrhundert noch zu etwa einem Fünftel die Weber, Krämer und Kaufleute, und zu einem Sechstel die Metzger und Bäcker (Schulz, S.88) Ein Teil von ihnen führt den Betrieb nach Verwitwung weiter. Über sie und über Meistertöchter gelangen Gesellen von außerhalb durch Einheirat zu etwa einem Drittel für starken Fluktuationen in die Zünfte.

 

****Gesellen und Lehrlinge****

 

Im deutschen hohen Mittelalter sind Gesellen und Lehrlinge, deren Unterschiede sich erst langsam herauskristallisieren, zunächst durch individuelle Verträge an ihre Meister gebunden bzw. untergeordnet. In ihnen, die oft vor dem Zunftmeister nach einer Probezeit beschlossen werden, ist einerseits das Lehrgeld für die ein bis drei Lehrjahre festgesetzt, andererseits die Versorgung des Lehrlings mit Kost, Logis und Kleidung. Damit ist der Lehrjunge ein Stück weit in die Meisterfamilie aufgenommen. Die verpflichtet sich dann zu angemessener quasi väterlicher Fürsorge und der Junge zum entsprechenden Gehorsam und zur Geheimhaltung besonderer Fertigungsmethoden des Betriebes.

Am Ende erhält der Lehrling einen Brief, in dem ihm der Abschluss der Lehre, eheliche Geburt, Unbescholtenheit und Ehrbarkeit bestätigt werden. Damit kann er sich dann irgendwo, oft in der Fremde, bewerben (siehe den Abschnitt 'Ehrbarkeit')

 

Im Mittelalter hatten Meister nicht immer, sondern eher nur gelegentlich Lehrlinge und offenbar deswegen auch keinerlei Verpflichtung zur Ausbildung. Die Gesellenzeit danach ist wesentlich ungeregelter und dient offenbar vor allem der Erweiterung von Kenntnissen und Fähigkeiten. In einigen hochspezialisierten Bereichen findet schon seit dem 13. Jahrhundert eine Art Gesellenwandern statt, aber häufiger ist es erst nach 1400 dokumentiert.

Wenn der Geselle eine Meisterswitwe heiratete, bekam er fast hürdenlos die Mitgliedschaft in der Zunft, um den Betrieb weiterzuführen. Ansonsten musste der Geselle, falls von der Zunft angenommen, zunehmend ein Eintrittsgeld zahlen, zünftige Bewaffnung und zunehmend auch einen Vermögensnachweis  vorweisen.

 

Die Lehrzeit, mit 12, 13 oder 14 Jahren begonnen, ist selbstredend nicht nur eine Zeit der Ausbildung, sondern auch einer rigorosen Persönlichkeitsformung. Der wache Tag des Lehrjungen hat zur Gänze den Anforderungen des Marktes, dem Rhythmus der Arbeit und dem Gehorsam gegenüber dem Meister und seiner Frau zu genügen. Wenn Handwerksmeister nun die Mittelschicht eines städtischen Kleinbürgertums bilden, also einen Großteil der städtischen Bevölkerung, dann ist die Lehrzeit auch eine des Einübens in solche bürgerlichen Vorstellungen und Verhaltensweisen, zu denen auch ein hochgradig verbürgerliches Christentum gehört.

 

Mit dem Aufstieg des Handwerks wird es dann nötig, durch Regelungen der Obrigkeit nicht nur dieses selbst in seine "politischen" Schranken zu weisen, sondern insbesondere die Randexistenz der Gesellen in der städtischen Gesellschaft bzw. besser dem Gefüge von Gesellschaften in den Städten zu zementieren, denn nicht eine darunter stehende eigentumslose Arbeiterschaft, auf die an anderer Stelle eingegangen werden soll, sondern die Zusammenhänge, die Gesellen herstellen, bedrohen die hierarchischen Strukturen einer obrigkeitlich geordneten Stadt.

 

1358 versuchen die Augsburger Webergesellen durch eine Vereinigung mehr Lohn durchzusetzen. 1381 werden Nürnberger Schneidergesellen aus der Stadt gewiesen, weil sie eine solche Vereinigung anstrebten. 1385 verbietet der Hochmeister des Deutschordenslandes Versammlungen der Gesellen. 1390 kommt es zu Unruhen, die bis dahin führen, dass die Schmiedegesellen die Stadt Thorn verlassen. (Czacharowski in Beiträge 2, S.129) 1414 wird ein Bund von vierzehn Gerbergesellen in Straßburg verboten. Erlaubt sind religiös-karitative Vereinigungen, nicht mehr.

 

1436 verlangt eine Rheinische Gesellen- und Knechtsordnung die Unterordnung unter Bürgermeister und Rat: Es sollen auch in Zukunft weder die Handwerksmeister noch die Gesellen sich verbinden, vereinigen oder Bündnisse schließen und keinerlei Versammlungen unter sich haben ohne Erlaubnis und Zustimmung der Meister und des Rates. (…) Es sollen auch alle Handwerksgesellen und alle anderen dienenden Knechte, wer sie auch seien, künftig keine Trinkstuben oder gepachtete Häuser und Gärten aufsuchen und keine allgemeine Gesellschaft innehaben, wo sie zusammenkommen, es sei zum Essen oder zu sonst einem Anlass. (…) Sie können auch am Sonntag oder nach jeder Fastenzeit wegen ihrer Kerzen eine Zusammenkunft haben, doch dürfen sie diese Zusammenkunft nur durchführen nach vorheriger Ankündigung beim Zunftmeister. Dieser soll dann einen oder zwei Meister desselben Handwerks bestimmen, die an der Zusammenkunft teilzunehmen haben. (...) In Zukunft soll kein Handwerksgeselle und kein anderer dienender Knecht ein Schwert oder ein Langmesser oder einen Degen, kurz oder lang, oder eine andere Waffe tragen. (Engel/Jacob, S. 356)

 

****Restriktionen****

 

Dazu passt dann der Zusammenklang von Obrigkeit und Zunft in dem Abbau der Gewerbefreiheit im produzierenden Gewerbe, ganz anders als im Handel und Finanzwesen. Nach und nach wird die Konkurrenz eingeschränkt durch Erschwerung des innerstädtischen Zugangs zur Zunft und durch Ausschluss von handwerklichen Waren von außerhalb. Die neue bürgerliche Obrigkeit, in den Händen von großen Kapitaleignern, versucht überall, sie zu kontrollieren. „In einem so wichtigen Zentrum wie Nürnberg z.B. verblieben sie stets in enger Abhängigkeit zum Rat, der ihnen das Recht freier Zusammenkünfte ohne seine Einwilligung absprechen konnte und bisweilen so weit ging, Einsicht in ihre Korrespondenz mit auswärtigen Handwerkern zu verlangen.“ (Pirenne, S.177)

 

Manches spricht dafür, dass das Moment des Stasis, welches von Stadtherr und Rat verfügte Verordnungen und die der Zünfte selbst propagierten, nicht Realität wiederspiegelte. Das es überall arme Handwerker gab, zeigen Verfügungen wie die der Basler Gärtner von etwa 1265: Stirbt einer hier, der so arm ist, dass man ihn von seinem Vermögen nicht bestatten kann, so soll man ihn mit Hilfe der Almosen bestatten. Über hundert Jahre später heißt es in einer Augsburger Chronik von 1397: … denn es waren sehr viele arme, zu Grunde gerichtete Weber in der Stadt, und man meinte, die Weber hätten gern in der Stadt Mord gestiftet, um ihre Geldschulden loszuwerden. (Engel/Jacob, S. 297)

 

Handwerkerbranchen waren naturgemäß unterschiedlich wohlhabend, aber auch innerhalb der einzelnen Zunft gab es ärmere und reichere. Dazu kommt natürlich auch, dass wirtschaftlich erfolgreiche Handwerker zusätzlich Einkommen außerhalb des Handwerks erwirtschaften können und einige so zu reichen Unternehmern werden. Manche Handwerker strebten danach, zusätzlich zum eigenen Haus für Werkstatt, Laden und Wohnung Land zu besitzen, besonders einen Garten für die Selbstversorgung, dazu auch Acker- und Weideland und eine Scheune innerhalb der Mauern, aber in der Nähe eines Stadttores. War sein Handwerk begrenzt, so doch nicht sein Eigentum jenseits davon und die Möglichkeiten, die es ergab.

 

Die Tendenz zu immer weiteren Restriktionen im Handwerk steht dagegen. Bischof Volrad von Halberstadt verfügt 1289 folgendes für die Schuhmacher und Flickschuster, nämlich nicht nur, dass es keinem Auswärtigen desselben Handwerks erlaubt sein sollte, dieses Handwerk in der Stadt auszuüben, er hätte denn ihre gemeinsame Zustimmung dazu erlangt, egal, ob er neue Schuhe zu machen oder Reparaturen asuzuüben pflegte, sondern auch: von denen, die Schuhe reparieren, sollen nur acht sein, denen es erlaubt ist, alte Schuhe zu bearbeiten und zu reparieren, doch es dürfen sie nicht neue Sohlen, die von ihrem eigenen Geld gekauft worden sind, unter Schuhe setzen. Diese Flickschuster sollen sich nach den Befehlen des Zunftmeisters richten und ihm gehorchen. Außerdem: Jeder, der sich mit den alten Schuhen befasst, soll sich mit einem Gehilfen begnügen. (Engel/Jacob, S. 298)

 

Was sich in der Nordhälfte Italiens vollzog, fand also in deutschen Landen etwas später auch statt: Zünfte der sich diversifierenden Handwerke wurden zu einem Machtinstrument der Stärkeren über die Schwächeren. Hier wird in kleinem Maßstab dafür gesorgt, dass die ärmeren Flickschuster zahlenmäßig in der Minderheit bleiben, nur kleine Betriebe bilden und ihre Rohstoffe nicht frei auf dem Markt besorgen können. Schuhmacher wollen neue Schuhe verkaufen und haben nichts davon, wenn alte geflickt werden.

 

Die Einschränkung der Konkurrenz betrifft den Zuzug neuer Handwerker, aber auch den wirtschaftlichen Ausschluss von Handwerkern im Umland. In einer Chronik von 1411 heißt es, dass ...kein Bürger hier zu Augsburg, weder reich noch arm, weder Kaufleute noch andere Bürger, mit einem Weber, der auf dem Lande innerhalb von drei Meilen rings um die Stadt ansässig ist, irgendwelche Zusammenarbeit oder Geschäfte unterhalten soll. (Engel/Jacob, S. 314) 1470 verfügt der Kurfürst von Sachsen, dass auf eine Meile Weges um Chemnitz herum kein Handwerker wohnen und dort sein Handwerk betreiben soll und dass kein Dorfgastwirt selbst brauen oder fremdes Bier, es sei denn Chemnitzer Bier, das ganze Jahr über aussschenken soll. (Engel/Jacob, S. 315) So kann im Zusammenspiel von Fürst und städtischer Obrigkeit das Gewerbe und der Einzug von Abgaben besser kontrolliert werden.

 

Innerhalb der Städte wird hingegen auf bürgerlichen Wunsch die Konkurrenz der Klöster, der Laienorden der Teriarier und die der Beginen beschränkt, indem letzteren zum Beispiel die Anzahl der Webstühle vorgeschrieben wurde. Bei etwa 106 Beginenhäusern im Köln des 15. Jahrhunderts und etwa 1.500 Beginen spielt deren Wirtschaftskraft durchaus eine Rolle.

 

Der Übergang von der wirtschaftlichen zur (stadt)politischen Macht des großen Kapitals als Übernahme der obrigkeitlichen Funktionen vom Stadtherrn beinhaltete überall mehr oder weniger den Abschluss dieser neuen Oberschicht nach unten, die Monopolisierung der Macht. Daraus ergeben sich bald Konflikte mit Handwerk und Krämern, die partizipieren wollen, um ihre eigenen Interessen zu wahren.1248 wird in Freiburg im Breisgau der sich selbst ergänzende 24köpfige Stadtrat durch ein jährlich neu gewähltes ebenfalls 24-köpfiges Gremium bereichert. 1260 entsteht in Dortmund ein Wahlausschuss von je zwei Mitgliedern der sechs Handwerkergilden und sechs Mitgliedern der vornehmen Reinoldi-Gilde (Schulz in Hartmann (Hrsg), S.59f). All das muss erzwungen werden.

 

****Kapitalisierung der Produktion und Verlagssystem****

 

Die Anhäufung von Kapital beginnt im frühen und hohen Mittelalter in einer ersten Etappe im Bereich von Handel und Finanzen. Zwischen hohem und spätem Mittelalter kommt dann die größere Kapitalisierung von Bereichen der Produktion hinzu. Einzelne Firmen beginnen, je nach Gewinnerwartung mehr oder weniger in alle Bereiche zu investieren.

 

Der Schritt von Handwerkern ins Handelskapital soll zunächst genauso wie ihr Eintritt ins Verlegertum verhindert werden. Im Konstanzer Zunftbuch von 1411 heißt es dazu: Die Gerber sollen in Zukunft kein gegerbtes Leder mehr kaufen und wiederverkaufen. Haariges Leder dürfen sie kaufen, es gerben und dann wiederverkaufen. Und: Die Schuhmacher sollen gegerbtes Leder nur kaufen, wenn sie es selber verarbeiten wollen, ohne Ausnahme. (Engel/Jacob, S. 314)

 

Das kleine Handwerkskapital wird im wesentlichen in die Produktion von Waren für den örtlichen Bedarf und das direkte Umfeld der Städte eingesetzt. Aber es gibt Bereiche (Herstellung von Rüstungsgütern und Textilien vor allem) und Gegenden wie Flandern oder Norditalien, wo größere Kapitalien in die Gewerbe einfließen, weil es größere Exportchancen gibt. Zunächst wird dem Handwerk dann der Rohstoff vom Kapitalisten (Händler) geliefert und dann oft von demselben irgendwo in der Ferne vermarktet. Dabei kommt es zu einer Massenproduktion, die ganze Fertigungsketten umfassen kann, wie in der Tuchindustrie, die dadurch unter die Kontrolle einer Anzahl großer Firmen geraten. In diese Situation geraten Wollhandwerker in Florenz, Produzenten von Seidenstoffen in Lucca, Kupferschmiede in Dinant und metallverarbeitende Betriebe in Mailand. Auch in England geraten schon vor 1300 verschiedene Stadien der Tuchproduktion in ein solches Verlagssystem. Mitte des 15. Jahrhunderts besitzen in Yorkshire nur noch die Hälfte der Weber ihren eigenen Webstuhl. Einzelne Unternehmer-Magnaten besitzen dann gleich mehrere Walkmühlen. Ein Thomas Paycocke ist 1518 so reich, dass er nebenbei in seinem Testament jedem einzelnen Scherer, Kämmer, Kardierer, Spinner, Weber und Walker 12 Pennies vermachen kann. (Dyer, S.326) Wenn ein solcher Unternehmer bei seinem Wohnhaus dann Spinnhäuser, Walkmühle, Färberhäuser und sonstige Handwerker in der Nähe versammelt, hat er fast schon eine Fabrik zusammen.

 

Dort wo größere Investitionen in zum Beispiel von Wasserkraft betriebene Maschinen die Produktion verbilligen, übernimmt das große Kapital direkt die Produktion und verwandelt das Handwerk in schiere Lohnarbeit, Vorläufer einer viel späteren Industriearbeiterschaft. Das Kapital trennt sich zur Gänze von der Arbeit und die Arbeit weitgehend vom Fertigprodukt.

 

Solches „Exporthandwerk“, wie Pirenne es nannte, kann dort, wo es erfolgreich wird, Handel und Wandel einer ganzen Stadt monopolisieren, wie bei der Tuchproduktion in Florenz, von der im 14. Jahrhundert der Großteil der Bevölkerung abhängt, oder als in Gent von 50 000 Einwohnern über 4000 Weber sind und mehr als 1200 Walker, von denen alleine schon 10-20 000 Menschen direkt abhängen. Zwar wird weiter in räumlich getrennten Werkstätten oder Werkshallen gearbeitet, aber in solchen Fällen beherrschen bereits eine sehr überschaubare Anzahl von Familien und Firmen die Stadt.

 

Handwerksmeister sind dann oft weiter in „niederen“ Zünften angesiedelt oder Minderheit in mächtigeren, aber durch ihre städtischen Ämter und ihre Dominanz in den höheren Zünften werden Arbeit und Verdienst durch das große Kapital bestimmt.

 

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Das "Verlegen" von Produktion aus dem Kernbereich einer Firma  in dadurch abhängige Betriebe vornehmlich auf dem Lande als Vorlegen von Rohstoffen und Abnahme von Produkten für deren Vermarktung ist der wichtigste Weg in einen Kapitalismus, der nicht nur Handel und Finanzgeschäfte, sondern immer mehr die ganze Wirtschaft erfasst. Das beginnt in Mitteleuropa im 13. Jahrhundert vor allem in der Textilproduktion und knüpft dabei an die winterliche textile Eigenproduktion der Bauern an. Durch den Bevölkerungsanstieg und die Erbteilung von Höfen können ärmere Bauern von kapitalstärkeren Handwerkern und dann auch größeren Firmen dafür gewonnen werden, einfachere Arbeitsschritte in Heimarbeit zu erledigen.

Schon im 13. Jahrhundert entwickelt sich so in Konstanz, Ravensburg, Memmingen und noch kleineren Städtchen der Region ein Verlegertum, welches Flachs an Spinner und Weber wochenweise vergibt und dann die Garne und Leinentuche wieder zurücknimmt. Bezahlt werden die einzelnen Stücke und manchmal werden auch die Webstühle gestellt. Als Bleichmittel dient dabei Allgäuer Milch. Die Verfeinerung der Tuche findet dann wieder in der Stadt statt.

 

Ähnliches geschieht in der Holzverarbeitung, "wo ländliche Schreiner Holzräder, Fassdauben oder Bettgestelle produzierten, die Endverarbeitung und das Beschlagen mit Eisenteilen dann aber in der Stadt ausgeführt wurde." (Schott, S.86)

 

In Köln sind in der Textilproduktion zunächst überwiegend die Handwerksmeister die Verleger, während kaufmännische Verleger im Metallgewerbe im Siegerland und Bergischen Land metallene Halbfabrikate herstellen lassen, die dann in Köln verfeinert und vermarktet werden.

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"Nürnberger Kaufleute konnten sich auf ein weiträumiges Hinterland und eine spezialisierte Metallproduktion stützen. Sie verlegten Hütten, Mühlen, Eisenhämmer, Blech- und Drahtwerke und ließen die dort gefertigten Halbfabrikate von städtischen Handwerkern zu Fertigprodukten verarbeiten, die Nürnbergs Ruf in die damals bekannte Welt trugen.“ (Engel/Jacob, S.140)

Für Anfang des 14. Jahrhunderts ist für Nürnberger Blechschmiede bereits ein Verlagswesen dokumentiert, in dem Handwerker Handwerkern Rohstoffe, Werkzeuge oder Geld „vorlegen“ und Halbfabrikate oder Fertigprodukte abnehmen und verkaufen. In einer Nürnberger Ratsurkunde wird genau das nämlich verboten: … Auch soll kein Bürger, er sei Schmied oder nicht, einen Schmied verlegen in einem Umkreis von sieben Meilen. (Engel/Jacob, S.299)

 

Im Runtingerbuch listet der Regensburger Kaufmann Mathäus Runtinger Verlagsverträge mit sieben Barchentwebern auf, deren erster so lautet: Es kaufte der alte Eyselein von mir am Mittwoch vor dem St.Laurentiustag 3 Zentner Baumwolle, je 1 Zentner für 11 Barchente weniger ¼, insgesamt 32 ¼ Barchente. Diese Barchente soll er mir bis Weihnachten liefern. Mir gab der alte Eyselein 33 Barchente am Weihnachtsabend. Ich bleibe dem Eyselein ¾ eines Barchents schuldig. (Engel/Jacb, S. 273).

 

Das Verlagssystem macht Handwerker erst zu richtigen Unternehmern im Sinne eines entfalteten Kapitalismus und verbreitert kapitalistische Strukturen durch die Investitionen von Handels- und Finanzkapital im produktiven Bereich. Das Land wird so zum Hinterland eines zunächst wesentlich städtischen Kapitalismus. Darüber hinaus wird mit der Zergliederung von Arbeitsprozessen, der Arbeitsteilung und Spezialisierung in der Produktion die Trennung des Produzenten vom Endprodukt betrieben und so das Fabriksystem vorbereitet. Während Marx vom Idiotismus des Landlebens schrieb, lässt sich viel gerechtfertigter von der Stupidisierung mancher handwerklicher Produktionsvorgänge reden.

 

Diese Entwicklung findet in Nord- und Mittelitalien viel früher statt, erfasst aber nach und nach ganz Europa. Erst in der Verbindung von Produktion, Handels- und Finanzkapital erreicht denn auch der frühe Kapitalismus seine erste Blüte - in Reichsitalien und Flandern seit dem 12., in deutschen Landen erst zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert und zum Teil noch später.

 

Warenästhetik

 

Der Übergang von der Ästhetik des frühen zur Warenästhetik des hohen und besonders des späten Mittelalters, vermutlich unmerklich für die Zeitgenossen, beginnt in den Momenten, in denen sich Handel und dann auch Produktion von einem konkreten persönlichen Auftrag lösen, also für einen „anonymen“ Markt produzieren und dort ausstellen. Das geschieht natürlich nicht bei jenen Kostbarkeiten, auf denen Produzent bzw. Händler unter keinen Umständen sitzenbleiben darf, sondern zunächst bei Massenwaren, die aufgrund ihres handfesten Nutzens ähnlich wie Produktionsmittel nur sekundär ästhetischen Kriterien unterliegen, wenn überhaupt.

 

Aber dann erreicht diese Entwicklung auch Prunkwaffen und prächtigere Tuche. Produzenten und Händler müssen nun auf der Höhe der Moden sein, die ästhetisch normierend wirken. Macht, Reichtum und sexuelle Attraktivität sollen, je nach Ware, in dieser repräsentiert sein. Zunächst wird schierer Luxus (im heutigen Wortsinn) demonstriert, zum Beispiel durch das Durchwirken der Stoffe mit Silber- und Goldfäden, das Applizieren von Perlen und anderem (teurem) Schmuck.

 

Im Zuge der Entwicklung höfischen Lebens für eine etwas breitere Schicht höheren Adels kommt immer deutlicher zum Reichtum und Macht demonstrierenden Luxus durch den Kleiderschnitt, die Schneiderei, die Entwicklung von der Abzeichnung der Körper in weiter Bekleidung zu der Abbildung der Körper in enger Bekleidung. Hintern, Hüften, Taillen, Brüste, Arme werden in der eng anliegenden Kleidung zur Schau gestellt, wobei sich die Körperlichkeit verändert (siehe dort). Wo die Männer Muskeln und breite Schultern zeigen, sind es bei Frauen Rundungen und Längen. Die Kleidung wird immer offensiver sexualisiert.

 

Dazu gehört bei den höfischen Damen eine Konkurrenz der Entblößung, die vorläufig auf den Halsausschnitt begrenzt bleibt, das sogenannte Dékolleté. Was im zwanzigsten Jahrhundert zunächst mit den Rocklängen und ihrem Auf und Ab geschieht, bis dann die kompletten Beine von vielen öffentlich entblößt werden, geschieht in zögerlicherer Form mit jener Körperpartie, die nackt den Blick auf die weiblichen Brüste lenken soll. Form und Größe des Ausschnitts wird von nun an von den Moden und der Macht der Damen bestimmt.

 

Die Sexualisierung der Bekleidung der höfischen Welt geht einher mit der Erfindung einer neuen, an die Antike anknüpfenden Vorstellung von Liebe als erotischem Zeitvertreib, einer Vergnügung im Spiel mit dem Geschlechtstrieb. Sie führt zu einer Erotisierung der gehobenen Warenwelt, die nach und nach immer unverhohlener wird. Ästhetisierung ist Erotisierung, jene, die nicht nur die menschlichen Körper, sondern auch den Luxuskonsum durchdringt. Sobald der Kriegeradel nicht mehr nur im Krieg und dem Erwerb von Macht und Gütern, sondern immer stärker auch im höfischen Lebensstil seinen Lebensinhalt sieht, wird sich die Erotisierung des Alltags durchsetzen.

 

Analog zum An- und Abschwellen des Geschlechtstriebes, auch in seiner höfischen Sublimität, gibt es von nun an das Auf und Ab der Moden, des immer wieder Neuen also, welches das Begehren entzünden soll. Das Neue als das Andere kann dabei durchaus immer exotischer, ja bizarrer werden. Für das hohe Mittelalter beschreibt Keller das Folgende als symptomatisch: „Selbst in Polen wusste man Schleier und Gürtel aus Zürich zu schätzen, in Florenz, dem Zentrum einer eigenen Wollproduktion von europäischem Rang, kleidete sich der Stadtadel in das feine scharlachrote Tuch aus Ypern, während sich das Volk dort an die etwas gröbere, grüngefärbte Ware aus Cambrai hielt.“ (Begrenzung, S. 263)

 

****Ästhetik und Religion auf dem Weg ins hohe Mittelalter****

 

Gold, Silber, Edelsteine, Elfenbein: Mit dem Aufstieg des Christentums, nun kirchlich und staatlich institutionalisiert seit Kaiser Konstantin, lassen sich Pracht bzw. Luxusdarbietung, Reichtum und Macht nicht mehr von einander und was die Kirchen betrifft, auch nicht mehr von Religiosität und Frömmigkeit trennen. Insofern unterscheidet sich Kirche auch nicht von weltlicher Macht.

 

Die wesentliche Kritik daran blieb implizit, in einem sich davon zur Gänze lösenden Leben. Das ändert sich nur langsam im Prozess des Aufstieges der Städte und mit den Frühformen von Kapitalismus. Ein früher Vertreter einer Auseinandersetzung, die Ästhetisches immerhin streift, wenn auch nur unter religiösen Kriterien, ist Bernhard von Clairvaux mit seiner 'Apologia', in der zisterziensisches Gedankengut streitbar gegen das der Klöster unter der Aufsicht von Cluny antritt. Unter der Überschrift 'Über Gemälde und Skulpturen, Gold und Silber in den Klöstern' heißt es, um zunächst auf das Grundsätzliche einzugehen, über Kirchen und Kirchenschmuck:

Ich will jetzt zu größeren Mißständen kommen, die aber deswegen als geringer erscheinen, weil sie gang und gebe sind. Ich übergehe die grenzenlose Höhe der Bethäuser, ihre übermäßige Länge und unnötige Breite, den kostspieligen Glanz und die bis ins kleinste ausgearbeiteten Abbildungen. Dies alles zieht den Blick des Betenden auf sich und hindert die Andacht.

Soweit haben wir es mit der schon oben erwähnten Konkurrenz von Kirchen in Größe und Zierrat zu tun. Im weiteren geht es um die Unterscheidung von Mönchskirchen und Kirchen für das Volk:

Freilich, Bischofe gehen von einer anderen Voraussetzung aus als Mönche. Wir wissen ja, dass jene den Weisen wie den Dummen verpflichtet sind, und dass sie darum die Andacht des fleischlich gesinnten Volkes mit augenfälligem Schmuck wecken, denn mit geistigem können sie es nicht. Wir haben uns aber schon vom Volk zurückgezogen, wir haben für Christus alles Kostbare und Blendende der Welt verlassen, wir haben, um Christus zu gewinnen, alles für Unrat gehalten, was schön glänzt, was durch Wohllaut schmeichelt, was lieblich duftet, süß schmeckt und sich angenehm berühren lässt, kurz, alle Ergötzlichkeiten des Körpers.

Das Ästhetische wird hier detailliert als das den Sinnen Angenehme und darum dem ernsthaften Christen Bedrohliche beschrieben. Dass Zisterzienserkirchen der neuen gotischen Mode, also dem gerade modern werdenden Stil entsprechend gebaut werden, unterschlägt er, denn sie sollen zugleich völlig schmucklos sein, und nur das zählt für ihn. Wie sehr religiös motivierte kritische Ästhetik und Kapitalismuskritik hier mehr oder weniger unbewusst zusammengehen, kann man dann folgender Passage entnehmen:

Das ist die Kunst, durch die Geld ausgesät wird, damit es sich vervielfache. Man gibt es aus, damit es sich vermehre, und die Verschwendung bringt noch mehr Reichtum. Eben durch den Anblick dieser aufwendigen, aber Bewunderung erregenden Eitelkeiten werden die Menschen mehr zum Geben als zum Beten gedrängt. So wird Reichtum durch Reichtum abgeschöpft, so zieht Geld Geld an, weil - ich weiß nicht, wie es kommt - dort großzügiger gespendet wird, wo man größeren Reichtum bemerkt. Die Augen weiden sich an den mit Gold bedeckten Reliquien, und schon öffnet sich der Geldbeutel.

 

Diese doch recht deutlich am evangelischen Jesus orientierte Kritik an Kirche und am traditionellen benediktinischen Kloster geht längst am Hauptstrom der Entwicklung vorbei. Theophilus Presbyter als herausragendes Beispiel schwärmt zur selben Zeit (um 1120) von dem, was Griechenland an Arten und Mischungen der verschiedenen Farben besitzt, was Russland an kunstvoll ausgeführten Emailarbeiten und an mannigfaltigen Arten des Niello kennt, was Arabien an Treibarbeit, Guss oder durchbrochener Arbeit unterschiedlicher Art auszeichnet, was Italien an verschiedenartigen Gefäßen sowie an Stein- und Beinschnitzerei mit Gold ziert, was Frankreich an kostbarer Mannigfaltigkeit der Fenster schätzt, was das an feiner Arbeit in Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Holz und Stein geschickte Deutschland lobt. (De diversis artibus, I,51)

Dabei geht es nicht mehr spezifisch um kirchliche oder klösterliche Kunst, denn solche Kunstfertigkeit beliefert genauso weltliche Kreise, und es findet auch nicht mehr nur in Klosterwerkstätten, sondern in solchen in den Städten statt. Zwei bis drei Generationen später kann Köln beispielsweise bereits rund zwölf bürgerliche Goldschmiede-Werkstätten vorweisen, und vom Metallverarbeitungs-Zentrum Huy sind im selben 12. Jahrhundert bereits Schmiede als Kunsthandwerker namentlich überliefert. (Schulz, S.115f)

 

Die Reaktion der Kirche in der Person des Karinals Lotario de Segni, des späteren Papstes Innozenz III., erfolgt um 1195 im zweiten Teil seiner Schrift 'De miseria humanae conditionis': Was gibt es Eitleres, als den Tisch zu schmücken mit verzierten Tüchern und Messern mit Elfenbeingriffen, mit goldenen Kannen, silbernen Schalen, mit Kelchen und Gläsern, Weinkrügen und Schüsseln, Suppentellern und Löffeln, mit Gabeln und Salzfäßchen, mit Terrinen und Ölgefäßen, mit Dosen und Fächern. Und wahrlich, es steht geschrieben: >Bei seinem Tod wird der Mensch nichts von alledem mit sich nehmen, und sein Ruhm wird nicht mit ihm hinabsteigen<. (in: Spieß2, S.89)

Dies Vanitas-Thema mit seiner Verbindung mit dem Memento Mori wird bis tief ins Barockzeitalter hinein populär bleiben, ohne aber sonderlichen Einfluss auf die Praxis der meisten Menschen zu haben: Die Dichotomisierung des Bewusstseins wird vorläufig zumindest ein christliches Spezifikum bleiben.

Der Papst übrigens dieses Textes wird nach seinem Tode seines prunkvollen Leichengewandes beraubt werden.

 

Zur Frage der Ästhetik gilt für weltliche wie geistliche und monastische Herren weiterhin: Schönheit hat etwas mit dem sinnlichen wie dem Marktwert der Materialien zu tun. Für den Mönch und späteren Abt Lampert von Hersfeld ist Reichtum auch für Kirche und Kloster wesentliche Anzeige des Erfolges. Kunst und Protz sind dann dasselbe. Das reicht bei weitem nicht, um die Entstehung des Kapitalismus zu erklären, denn das gilt für alle entwickelten Zivilisationen der Welt. Aber die Identifizierung von Wert und Marktwert ist eine nicht unwesentliche Voraussetzung.

 

****Die Magie des Ästhetischen****

 

Der erste Wert von Edelsteinen liegt, im Unterschied zu Gold und Silber, in der magischen Übertragung von Werten auf sie, die im Farblichen und dem Funkeln und Glänzen bereits einen kindlich-naiven Basiswert haben. Schon in der Bibel spielen sie eine Rolle (Ingrid Weber in 'Verwandlungen', S. 319). Im Mittelalter wird ihnen Heilkraft zugeschrieben, wie Hildegard von Bingen in ihrer 'Physica' darlegt. Neben all dem macht ihre relative Seltenheit ihren Wert aus, der sie für die Schatzbildung und dann die Vermögensanlage tauglich macht. 

 

Moden und Renaissancen

 

Die neuen germanisch dominierten Reiche versuchen zwar, wo irgend möglich, antike Strukturen zu übernehmen, aber diese verfallen immer weiter mit ihrer Basis, den städtischen Lebensformen, die mit ihrer herrschenden Schicht zu verschwinden drohen. Aber was jenseits der Kriegerwelt mit ihrer neuen Sesshaftigkeit an Zivilisation vorhanden ist, bleibt spätrömisch: Schrift und Sprache, Religion, Gebäude, Straßen. Es verfällt allerdings fortwährend, langsam, aber stetig. 

 

 

****Kleidermoden****

 

Das lateinische Hochmittelalter erfindet die Kleidermoden und überhaupt die Mode als Aspekt eines neuartigen Konsumbetriebes. Im nachherein werden solche Moden bis hin zum Rokoko als "Stile" bezeichnet werden.

 

Da der lateinische stilus das Schreibgerät war, meint "Stil" im ausgehenden italienischen Mittelalter den Schreibstil, wie er im Ausdruck dolce stil nuovo wohl zum ersten Mal auftritt, als Dante damit die norditalienische Variante der neuen Liebeslyrik bezeichnet. Der im Zentrum Franciens im 12. Jahrhundert entwickelte neue Baustil gilt lange als der "fränkische" bzw. später "französische", und wird erst in der Renaissance (von Vasari) verächtlich als "gotisch" abgewertet.

 

Das französische Wort mode kommt erst am Ende des Mittelalters auf, und à la mode kann jemand erst im 16. Jahrhundert sein, als das Wort auch bald ins Deutsche übernommen wird. (Wir übersehen hier zunächst einmal das schon frühmittelalterliche modernus). Vom lateinischen modus, also der Art und Weise von etwas, abgeleitet, ergänzt es zunächst die hochmittelalterliche manière, vom lateinischen manus, Hand, also die Handhabung von etwas. Vor allem im Plural auch die Verhaltensformen, Manieren bezeichnend., gelangt es mit den "französischen" Schreibmoden der Liebeslyrik und des Heldenliedes, der "französischen" Baumode (der Gotik) und der neuen "französischen" Kleidermode mit einer Verspätung von fünfzig bis hundert Jahren in die deutschen Lande, vor allem in jene, die an das kapetingische und burgundische Königreich sowie die nordöstlichen Grafschaften romanischer Sprache angrenzten.

 

Kleidung war traditionell "Tracht", also das, was "man trägt", und sie war traditionell bereits mehr als nur Tracht, als sie nicht nur vor der Witterung schützte und das bedeckte, was man sich schämte zu entblößen. Bereits im frühen Mittelalter begannen die Wohlhabenden und Mächtigen, sich im Rahmen dieser Tracht durch die Qualität der Materialien und die Ausführung von denen zu unterscheiden, die sie unter sich sahen.

 

Der Bauer des frühen Mittelalters trägt drunter naturfarbenes Hemd und Unterhose, darüber einen Umhang, und derbe, einfache Schuhe. Materialien sind Wolle und Leinen. "Der Adelige der Karolingerzeit hingegen trägt einen Rock mit schmalen Ärmeln, der mit kostbaren Edelsteinen geschmückt ist, und einen Gürtel (...) Dazu gehören weiße Handschuhe und ein geschlitzter Umhang, der mit einer Fibel festgehalten wird." Damen sind besonders gekleidet: "Ein Unterkleid mit weiten Ärmeln wird von einem Umhang bedeckt. Die Taille ist eng und wird von einem edelsteinbesetzten Gürtel geziert. Auf dem Haupt befindet sich ein kostbarer Schleier oder eine aufwendig gearbeitete Haube; das Haar ist mit Schleifen und Haarnadeln zurechtgemacht." (Lieverkus in LHL, S. 186f)

 

Generell trug man einen lose fallenden Rock, der von Schultern und Armen bis zu den Fußknöcheln herabfiel. Die Bekleidung von Männern und Frauen unterschied sich dabei nur wenig. Die Allegorie der Arithmetik der Herrad von Landsberg vom Ende des 12. Jahrhunderts zeigt an einem dem Thema entsprechend relativ keusch angezogenen Exemplar die wesentlichen Neuerungen, die die gotische Frauenmode betreffen und damit zugleich die Mode für Frauen ins Leben rufen:

 

Bild

 

Dadurch, dass man in Franzien den "Schnitt" in die Kleiderherstellung einführte, konnte man körpernahe, hautnahe Bekleidung herstellen. Hautnah wird das Damenkleid (zunächst) der Oberschicht von den Schultern bis zu den Hüften, oft auch an den Armen. Damit muss der Ritter nicht mehr erahnen, wie der Körper der Dame beschaffen ist, er kann es sehen. Diese Körpernahe ist auch der erste Ausgangspunkt für die Entstehung einer geschlechtsspezifischen Kleidung und für die Herausstellung des Geschlechtlichen.

 

Hautnah wird die Kleidung nicht nur dadurch, dass sie zugeschnitten wird, sondern auch dadurch, dass sie - oft seitlich - geschnürt wird. (Wie man bei der Superbia der Herrad von Landsberg sehen kann). Das Schnüren ist nötig, weil es noch keine Knopflöcher gibt, die sich dann aber auch im 14. Jahrhundert verbreiten, um die hautnahe Kleidung nun etwas bequemer zu schließen. Wo das Kleid nicht ganz hauteng am Oberkörper anliegt, wird es gegürtet und so die Taille definiert. Die lange, schmale gotische Taille der Damen und die Hervorhebung der Brüste wird auf diese Weise bewerkstelligt und zur Mode. Zugleich werden bei den Vornehmen die Stoffe dünner, so dass einige vermeinen, durch die Kleidung des nackten Körpers ansichtig zu werden. Auf jeden Fall werden die weiblichen Brüste nun wesentlich offenbarer als früher.

 

Um 1270 beschreibt Konrad von Würzburg in seinem Minneroman 'Engelhard', wie das Ergebnis bei den Männern ankam:

 

dô truoc diu schoene ein hemde von sîden (Seide) an ir lîbe, daz nie deheime wîbe ein kleid so rehte wol gezam (gepasst hatte). ez was sô kleine (fein), als ich vernam, daz man dar durch ir wîze hût (ihre weiße Haut)... sach liuhten (sah leuchten) bî den zîten. mit golde zuo den sîten gebrîset (Mit Goldfäden an der Seite geschnürt) was ir lîp dar în. man sach ir senften brüstelin (zarten Brüstchen) an dem kleide reine storzen harte kleine ( sehr zierlich hervortreten), als ez zwên epfel waeren.

 

Das "Hemd" ist das, was wir heute Kleid nennen. Über das Hemd konnte noch eine Überbekleidung, zum Beispiel eine Art vorne offener Mantel kommen.

 

daz hemde stuont gelenket nâch einem fremden schrôte (war nach ungewöhnlichem Schnitt geformt) und suochte sô genôte an ir lîp vil ûz erkorn (passte sich so genau ihrem auserkorenen Körper an) daz man des haete wol gesworn daz diu saeldenbaere (Wunderbare) einhalp (oberhalb) des gürtels waere nacket unde enbloezet gar. (Zeilen 3034ff und 3078ff; In:Bumke, Höfische Kultur 1, S.192)

 

Im fünften Teil des 'Willehalm' des Wolfram von Eschenbach trägt die Königin einen kostbaren Mantel: der mantl muos offener snüere Pflegn... ze etlîchen zîten si ein teil ûf swanc: swes ouge denne drunder dranc, der sah den blic von pard

 

Von den Rundungen von Hintern und Hüften fällt das Kleid dann weit, manchmal sehr weit über die Knöchel bis zum Boden. Der sexuelle Reiz des Oberkörpers - you (don`t) get what you see - mit dem die Frau sich als Objekt sexuellen Begehrens anbietet, wird so konterkariert durch das weite Verhüllen der Schenkel, die in die Scham und Scheide münden. Andererseits konnte die Dame durch geschickte Bewegungen das Kleid zwischen den Beinen so fallen lassen, dass diese wieder betont werden. Die Dame bietet sich also als Objekt der neuen Liebeslyrik dar.

 

Die massive Erotisierung der Leiber war eine extreme Gegenposition zur christlichen Kirche und ihrer Ermahnung, das Seelenheil nicht durch weltliche Gelüste zu gefährden. Entsprechend kracht es auch zwischen Geistlichkeit und der Laienwelt der Mächtigen. Im 'Reinfried von Braunschweig' trifft sich dann die geistliche mit der weltlichen Kritik im Heldenroman von der Orientfahrt Heinrichs des Löwen:

 

des muoz mich nemen wunder grôz, daz sî mê denn halber blôz gânt on des gürtels lenge (oberhalb des Gürtels). ir kleit sint alsô enge daz ez mich lasters vil ermant, wan ir in dem rocke spant der lîp mit lasterlîcher pfliht (mit lasterhafter Bereitwilligkeit). (in: Bumke, Höfische Kultur 1, S.208)

 

Zunächst allerdings bleibt die Dame allerdings noch vom Halsansatz bis zum Fuß bekleidet, bedeckt. Die eigentliche Entblößung wird eine Sache des Spätmittelalters und der Neuzeit. Wenn Riwalîn im Prozess des sich Verliebens in Blanscheflur an sie denkt, fällt ihm folgendes ein:

 

. do er dô sîn âventiure / von sîner Blanschefliure / von ende her betrahtete / und allez sunder ahtete: / ir hâr, ir stirne, ir tinne, / ir wange, ir munt, ir kinne, / den vröuderîchen ôstertac, / der lachende in ir ougen lac. (Zeilen 921ff)

 

Was er also unmittelbar sieht, ist ihr Gesicht. Was auf dem Markt weiblicher Machtspiele dann als erstes entblößt wird, ist ein immer größerer Halsausschnitt, das Décolleté.

 

Mit dieser Kleidung wird die Dame im Unterschied zur Frau "aus dem Volk" unbeweglicher. Da das Kleid über den Boden schleppt, ist es nur noch für Innenräume und zu Pferde (im Damensitz) brauchbar. Zudem wird es gelegentlich mit immer längeren Schleppen besetzt, die beim Gehen gerafft oder von Mägden hinter der Dame hergetragen werden müssen. Kriemhild trägt im Nibelungenlied bei feierlichem Anlass eine solche Schleppe, die von zweien getragen wird.

 

Ähnlich funktionslos und dekorativ sind die immer längeren angenähten Endstücke der Ärmel. Die höfische Dame dekoriert sich zum Luxusgegenstand, der seine Zeit mit textilem Arbeiten verbringt und tatsächlich hauptsächlich zur Fortpflanzung in dynastischer Absicht dient.

 

Kostbare und farbenprächtige Stoffe gehören dazu, ebenso wie bei den Herren, die jetzt ebenso den Moden des Kleiderluxus verfallen wie die Damen. Die Abbildung aus dem 'Hortus deliciarum' zeigt den Antichristen als König und daneben seinen Gehilfen in modischem Hemd, Beinkleidern und der Tendenz zum Vorzeigen von immer mehr (Ober)Schenkeln nach dem Stand von etwa 1180.

 Hortus Deliciarum - Antichrist.jpg

 

 

Ausgehend von im Kern derselben frühmittelalterlichen Bekleidung wie die Frauen verengt sich das Hemd jetzt auch bei den Männern am Oberkörper und den Armen. und wird nach unten weiter oder aber aufgeschlitzt. So wie die Damen nun Taille und Brüste betonen, so die Herren die Beine. Diese sind entweder nackt oder von eng anliegenden Beinkleidern, den (beiden) Hosen bedeckt. Um Hintern und Genitalien trug der Mann nun, da sein Rock immer kürzer wurde oder vorne hochgeschlitzt, eine eng anliegende Art Unterhose, die bruoch im Mittelhochdeutschen, welche den Punkt benennen, wo aus dem Leib die beiden Schenkel aufbrechen. Die wurde immer häufiger an die Hosen angeknüpft (zum Beispiel durch Hosenbänder), woraus die englischen breeches am Ende zu trousers (mit keltischer Wurzel) werden und die neuzeitlichen deutschen "Hosen" im 16. Jahrhundert entstehe

 

Im Kern zeigt der Herr damit mehr von seiner sexuellen Attraktivität (?) als die Dame, und je höher oben der männliche "Rock" aufhörte, desto näher kam man der spätmittelalterlichen Situation, wo der Mann seinen "Bruch" darbot, und damit das, was sich zeitgleich in der immer mächtiger werdenden Wölbung der Ritterrüstung über dem Penis manifestierte. Zudem entwickelte die Gotik mehr noch bei den Männern als bei den Frauen die kunstvolle Schlitzung am Gewand, bei den Herren besonders an den Beinkleidern, die nun entweder die nackte Haut oder aber eine feine Leinenunterlegung darboten. Was bei den Damen der Leib und die Brust, werden bei den Herren recht intensiv die Beine. Beim Reiterspiel, dem Buhurt der Ritter auf Tintajoêl in Gottfrieds 'Tristan' schaut die Damenwelt zu und spricht über Riwalîns Darbietung:

 

der ist ein saeliger man: / wie saeleclîche stêt im an / allez daz, daz er begât! / wie gâr sîn lîp ze wunsche stât! / wie gânt im sô gelîche in ein / diu sîniu keiserlîchen bein! (Zeile 705ff)

 

Und als Jung-Tristan zum ersten Mal auf Hof von König Marke erscheint, heißt es nach Beschreibung seiner übrigen Schönheit: sîne vüeze und sîniu bein, / dar an sîne schoene almeistic schein, / diu stuonden sô ze prîse wol, / als man'z an manne prisen sol. (Zeilen 3341ff). Dieser Blick findet statt, wiewohl sein Gewand nâch sînem lîbe gesniten ist und heute der Leib also die Aufmerksamkeit (neben dem Gesicht) auf sich ziehen würde.

 

In Frankreich kam schon im 11. Jahrhundert die Mode auf, sich die Barthaare abzurasieren, was bislang nur dem Klerus (wie die Tonsur) zustand. Die Haarpracht wurde länger und mit der Brennschere wurden künstliche Locken hergestellt. Am Ende kommen noch die höfischen Schnabelschuhe dazu, und der Modegeck ist komplett (Geck war das mittelalterliche Wort für den Narren).

 

Also: Das Reformchristentum in Kloster und Kirche, Minnesang und Heldenepik, höfische Pracht und Geselligkeit, Erotisierung der Bekleidung, zunehmende Bedeutung des Geldes (Dreifelderwirtschaft, neuer Pflug, Entstehung der Dörfer und Gemeindebildung in den Städten, Aufstieg des Fernhandels etc) finden alle in etwa gleichzeitig statt.

 

Der Kern all unserer Betrachtungen ist der beseelte, d.h. lebendige Körper der Menschen, und in der Bekleidung macht sich nun ein Trend zur vorgetragenen Schamlosigkeit breit, der als Erotisierung allerdings mit der Scham kalkuliert. Ohne die vorherige Verhüllung wären die neuen Enthüllungen keine Erotisierung, sondern schiere Nacktheit. Wenn Kulturen in südlichen Breiten vielleicht nur den Genitalbereich und den Analbereich bedeckten, war dies schließlich keine Schamlosigkeit, keine Erotisierung, sondern vermutlich besonders disziplinierte Schamhaftigkeit, wie Duerr in seinen fünf Bänden insgesamt überzeugend dargelegt hat.

 

 

****Künstler und Kunsthandwerk****

 

Die frühesten Ansätze zu jenem Kunstbegriff, wie er in der sogenannten Renaissance ausgebildet wird, liefert die namentliche Überlieferung besonders herausragender Kunsthandwerker. Sie stimmt zeitlich überein mit dem Übergang von der Romanik zur Gotik. Das ist hier deswegen wichtig, weil diese eine kontinuierliche Entwicklung insbesondere der Baukunst von der Spätantike bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts abrupt abbricht und innerhalb weniger Jahrzehnte etwas völlig neues entwickelt, einen Stil nämlich, der sich als solcher zum ersten Mal nach der Antike seiner selbst bewusst ist und in der Ablehnung des Alten, der sogenannten Romanik, eine neue Art von ästhetischem Bewusstsein entwickelt. 

 

 

****Ästhetik des Luxus als Demonstration von Macht und Status****

 

Mustergültig für die Entwicklung eines demonstrativen Luxus ist der Text über den Einzug Kaiser Friedrichs II. 1235 ohne großes Truppenaufgebot in den deutschen Landen, dessen Ziel die Absetzung seines Sohnes Heinrich war:

 

Er aber fuhr, wie es der kaiserlichen Macht geziemt, in großer Pracht und Herrlichkeit einher, mit vielen Wagen, beladen mit Gold und Silber, Batist und Purpur, Edelsteinen und kostbarem Gerät, mit vielen Kamelen und Dromedaren. Viele Sarazenen und Äthiopier, verschiedener Künste kundig, mit Affen und Leoparden, bewachen sein Gold und seine Schätze. So gelangte er inmitten einer zahlreichen Menge von Fürsten und Rittern bis nach Wimpfen. (Fortsetzung Gottfrieds von Viterbo zu Eberbach in Eickels/Brüsch, S.275)

 

Man muss neben den Schätzen und der bewusst zur Schau gestellten Exotik auch noch die blitzenden Rüstungen und bunten Bekleidungen vor Augen haben, die Begleitmusik hören und den zu vermutenden Jubel des Publikums, zu dem sich vermutlich auch die Armen in einigem Abstand gesellten. Eine Etage über der Blüte eines frühen Kapitalismus, diesen unsichtbar machend, bewegen sich Fürsten in einem Aufzug, der ein wenig an Zirkus und ein wenig an orientalische Despotie erinnert.

 

Auch weltlicher Luxus als fürstlicher, herrschaftlicher, ist von Anfang an Schatzbildung. Der Schatz bedeutet Reichtum, der wiederum zeichnet neben "edlem Kriegertum" Macht aus, wie zum Beispiel Lampert von Hersfeld um 1080 immer wieder betont. Das ist zunächst einmal aus vorkapitalistischen Zeiten übernommen und genauso von orientalischen Despoten bekannt. Reichtum ist eine Art Mengenangabe, man besitzt viel, von dem, was reich macht. Zwischen den salischen Kaisern und dem späten Staufer zeichnet sich aber ein Unterschied ab: Erstere stellen Reichtum vor allem durch immer imposantere Bauten aus, der übrige bleibt eher wenigen vorbehalten. Bei Friedrich II. wird Reichtum an mobilen Werten bereits für eine breite und staunende Menge von Gaffern propagandistisch verwendet. Zu den Hochzeitsvorbereitungen von Isabella mit Kaiser Friedrich II. in England schreibt Roger von Wendover:

Der Aufwand für diese Hochzeit aber war derartig, dass es fast über königlichen Reichtum hinauszugehen schien. Denn zur Ehre der Kaiserin wurde eine Krone aus reinstem Gold und mit kostbaren Edelsteinen in kunstvollster Arbeit hergestellt, auf der vier englische Könige, Märtyrer und Bekenner, vom König eigens als Schutzheilige seiner Schwester bestimmt, dargestellt waren. Die goldenen Ringe und Münzen, die mit wertvollen Steinen kunstvoll verziert waren, der übrige schimmernde Schmuck, die seidenen und leinenen Kleider und Ähnliches, was Augen und Herzen der Frauen zu berücken und mit Sehnsucht zu erfüllen pflegt, verliehen ihr einen solchen Glanz, dass alles märchenhaft erschien. Und in den unterschiedlichen Festgewändern aus Seide, Wolle und Leinen von unterschiedlicher Farbe und kaiserlicher Pracht erstrahlte sie derartig,  (…) Alle Gefäße ferner sowohl die für Wein als auch die für Speisen, waren aus reinstem Silber oder Gold, und sogar sämtliche Kochtöpfe - und dies erschien allen überflüssig - waren aus reinstem Silber. (in Eickels/Brüsch, S.289f) Zudem waren die Pferde für die Überführung der Braut mit vergoldetem Zierrat ausgestattet.

 

Im Schmuck der angehenden Kaiserin stellt der englische König seine Macht in Form von Reichtum für eine relativ große Öffentlichkeit aus. Es ist so, als ob er einen kurzen Einblick in seine Schatzkammer werfen ließe. Mehrmals wird dabei der Ausdruck "kunstvoll" verwendet: Ein Schatz besteht nicht nur aus geldwertem Material, sondern auch aus "kunsthandwerklichen" Produkten, wie man das neuhochdeutsch ausdrückt. Die Kunstfertigkeit des Handwerkers veredelt den schieren Reichtum und drückt ihm weitere Botschaften auf, wie hier die der Veredelung schierer Macht der englischen Krone durch christliche Gesinnung.

Zu bemerken ist ferner, dass Roger hier zudem explizit auf die besondere weibliche Eitelkeit abzuzielen scheint. So erwähnt er zudem beim Einzug in Köln dass Isabella merkte, dass alle und besonders die edlen Matronen, die auf ihren Söllern saßen, ihr Antlitz zu sehen wünschten, nahm sie Hut und Schleier ab, so dass alle sie ungehindert ansehen konnten.  (in Eickels/Brüsch, S. 291)