ZWEITES AUFBLÜHEN DES KAPITALISMUS: 1360-1520 (in Arbeit)

 

Staaten, Macht und Mächte

Der prächtige Hof der Machthaber

Krieg und Gewalt

Das zum Spektakel verkommende Rittertum

Kapital und Macht

Obrigkeit und Untertänigkeit

Das Land in den deutschen Landen (Hans Behem und Niklashausen)

Das Land in England am Ausgang des Mittelalters

 

 

Wenn hier gelegentlich ungeachtet aller Argumente dagegen sehr pragmatisch von einem im 15. Jahrhundert auslaufenden Mittelalter gesprochen wird, dann gibt es doch keine klare Grenze zu einer behaupteten, wie auch immer andersgearteten Neuzeit. Der Aufstieg des Kapitals wie der von Staatlichkeit kennt ein von unregelmäßigen Schwankungen betroffenes Kontinuum bis ins 18. Jahrhundert, die kirchliche Unterdrückung und Verdummung der Masse der Bevölkerung nimmt eher weiter zu, auch wenn es dann schließlich mehrere "Konfessionen" gibt, und das Feudalrecht verfeinert sich eher immer weiter, ehe es seit Ende des 18.Jahrhunderts in ersten Gegenden dem Fallbeil der Reformen zum Opfer fällt. Weder "Humanismus" noch "Rationalismus" oder "Aufklärung" erreichen die Masse der Menschen und prägen sie darum auch überhaupt nicht.

 

Das völlig Neue und Andere kommt erst mit dem Fabriksystem, welches das Handwerk und dann auch große Teile der Bauernschaft proletarisiert und dem sich schon lange entwickelnden Proletariat hinzufügt. Erst damit schwindet die Bedeutung jener Menschen, die bis dato das produktiv arbeitende Fundament der Macht waren.

 

 

Die Machtpolitik der Herrscher, die weiterhin als großes Unheil über die Menschen hinweggeht, wird allerdings bis zum Ersten Weltkrieg anhalten, inmitten von welchem Lenin als bislang einziger 1917 im Rahmen seines allerdings mit äußerster Brutalität durchgesetzten Phantasieprojektes "Kommunismus" den äußeren Frieden in den Mittelpunkt seines Handels stellt. Das Frieden nichts naturgemäßes ist, wird sich aber bald danach wieder herausstellen.

 

Zurück in die fernere Vergangenheit: Was sich im sogenannten "späten Mittelalter" immer mehr stabilisiert, sind von den Machthabern hergestellte Staatsgebilde, die eine neue Bedeutung von Volk  hervorbringen: Es wird immer deutlicher zur einem Herrscher untertanen Bevölkerung, die zu zwei Zwecken hauptsächlich zu dienen hat: Sie hat den Machthaber durch Abgaben zu dienen und aus ihr werden die Krieger rekrutiert, die die Macht der Herrscher erhalten und erweitern sollen.

 

Staatlichkeit neuen Typs bedarf enormer Geldsummen, zunächst für die Kriege, dann auch für die Hofhaltung und schließlich zunehmend für eine immer kostspieligere Verwaltung. In den Kriegen wird erfolgreich, wer genügend Untertanen hat, aus denen genug Geld herauszupressen ist. Zwar bildet sich im künftigen Frankreich im Zuge der über die Jahrhunderte immer wiederkehrenden Kriege mit der englischen Krone ein gewisser Nationalismus heraus, also die Vorstellung einer gemeinsamen Volkszugehörigkeit unter einem Herrscher, aber am Ende ist es sowohl bei der Verdrängung der anglonormannischen, der angevinischen wie der dann englischen Krone vom Kontinent Geld, welches den entscheidenden Ausschlag gibt, - nicht in der einzelnen Schlacht, sondern im Durchhaltevermögen der Herrscher.

 

Dabei ragt als Sonderfall das Herzogtum Burgund heraus, welches sich im 14. Jahrhundert immer mehr aus Frankreich herauslöst und 1384 mit einem Großteil der Niederlande verbindet. Nirgendwo mehr als hier wird deutlich, dass das, was sich langsam zu Staaten entwickelt, Privatsache von Fürsten und Königen ist, Familienangelegenheit von Dynastien. So etwas wird dann auch zur Ausgliederung der nördlichen wie der südlichen Niederlande niederdeutscher Sprache aus den deutschen Landen führen, wie der der Eidgenossenschaft oberdeutscher Sprache und der Sonderentwicklung des habsburgischen, ursprünglich bayrischen "Österreich" wie "Preußen".

 

Das Kaiserreich geht immer größerer Gebiete im Westen verlustig und hat kaum noch Einfluss auf Italien. Dafür verlagert sich sein Schwerpunkt unter den Herschern der Familie der Herren von Luxemburg weiter nach Osten und dann unter den Habsburgern in Richtung Südosten. Der Zusammenhalt bleibt gering, besonders gering dort, wo der Norden sich ein gutes Stück weit herauslöst und seine Eigenständigkeit in der Lösung von der römischen Kirche am Ende noch weiter demonstriert. Mit den Reformationen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wird sich diese Spaltung noch weiter vertiefen: An die Machthaber gekoppelte Konfessionen werden zum Machtfaktor.

 

Italien ist zunehmend in die Fürstentümer von Neapel, des Papstes, der Mailänder Visconti und Sforza aufgeteilt, in den Machtbereich der zeitweise ganz stark von den Medici beherrschten Republik Florenz und den der Republik Venedig. Von hochbezahlten Söldnerführern ausgetragene Kriege bestimmen schließlich die Halbinsel, in denen es um Kapital und Macht geht und deren Hauptleidtragende weiter die Landbevölkerung sind.

 

In Skandinavien verwickeln sich Dänemark, Schweden und Norwegen abwechselnd in Konflikte und Einigungstendenzen, in die insbesondere auch Holstein, Mecklenburg und die Hanse verwickelt sind, bis sie sich zur Gänze auseinanderdividiert haben. Im Osten entwickelt sich das ungarische Königreich unter verschiedenen Dynastien unabhängig, während Böhmen und Polen samt dem Deutschordensstaat sich gegenseitig Ländereien streitig machen.

 

Am Ende wird das Reich von Kiew zum ersten Kern eines Großrussland, während noch deutlich später aus der Vereinigung der kastilischen und der aragonesischen Kronlande unter Einbeziehung von Navarra und Granada Spanien entsteht, nachdem sich schon vorher ein Königreich Portugal abgelöst hat.

An die Stelle der gescheiterten Kolonialgeschichte im hochmittelalterlichen Nahen Osten tritt nun die über die atlantischen Inseln nach Westafrika und den Amerikas. Hier einigen sich die Königreiche Portugal und Spanien 1494 im Vertrag von Tordesillas, der Spanien die westliche und Portugal die östliche Hemisphäre zuspricht. England, Frankreich und die Niederlande werden sich nicht daran halten und mit kurzer Verzögerung selbst an den Aufbau von Kolonialreichen machen.

 

Nur am Rande sei angedeutet, das das Abendland in dieser Zeit nach der Katastrophe von Adrianopel 1365 mit 1371 und dem Untergang des serbisch-bulgarischen Heeres Teile des Balkans bis an die Grenze Ungarns verliert und am Ende auch seinen griechischen Teil. Mit Russland und dem islamisch dominierten Balkan trennen sich die Entwicklungen des geographischen Europa in drei Räume unterschiedlicher Zivilisationen auf, was seine Nachwirkungen bis heute haben wird.Zwei der drei Räume werden danach von der Entwicklung des Kapitalismus abgekoppelt sein.

 

Die meisten Historiker welcher Couleur auch immer werden bis heute vom Glanz der Mächtigen geblendet das ungeheure Elend, welches die Kriegerfürsten und ihr Adel über die Masse der Menschen bringen, relativ hintanstellen, um das Objekt ihrer Forschung nicht abzuwerten. Es ist dies aber das Elend der Ausplünderung der Vielen durch Abgaben und zunehmende Unterdrückung, insbesondere aber das der Kriege, von denen bis 1945 im lateinischen Abendland keine Generation verschont bleibt. Manche Generation wird vor Ort viele Male von kriegerischer Brutalität heimgesucht, für manche wird der Krieg zum Alltag. In fast allen Geschichtsbüchern seit damals fehlt der Ekel über die schrecklichen Widerwärtigkeiten, die dabei begangen werden und der Ekel vor denen, die dafür verantwortlich sind. Herrscher, die die Verantwortung für Elend und Schrecken tragen, noch heute mit blumigen Beinamen zu verzieren, zeigt, auf welcher Seite im Regelfall die Historikerzunft sich einreiht: Karl der Große, Alfonso der Sabio, Lorenzo der Magnifico, Friedrich der Große usw.

 

 

Staaten und Mächte

 

Staat ist bis ins zwanzigste Jahrhundert ein außerordentlich unklarer Begriff. Das beginnt damit, das stand, stato oder état im Mittelalter andere Bedeutungen hat als heute. Dazu gehören die Unterschiede in den verschiedenen Sprachen.

 

Staat (aus dem Lateinischen) und Stand (aus dem Germanischen) sind im sich entwickelnden Französischen beides état. Es gibt den Stand der Ehe, den état als Zustand der Kasse, aber eben auch den geistlichen Stand, den der Freien, die des Adels sind, und den von fast allen, die noch im französischen 15. Jahrhundert aus höfischer Sicht vilains sind, ein Wort, welches ursprünglich die Bauern bezeichnet und bald nur noch den dummen Pöbel bezeichnen wird. Als der Flame und Chronist am burgundischen Hof  Georges Chastellain über die drei Stände schreibt, hat er zum dritten nur folgendes zu sagen: Um nun zu dem dritten Gliede zu kommen,, das das Reich vollständig macht, so ist das der Stand der guten Städte, der Kaufleute und der Feldarbeiter, ein Stand, von dem es sich nicht ziemt, eine ebenso lange Darstellung zu geben wie von den anderen: aus dem Grunde, dass er an sich hoher Eigenschaften kaum fähig ist, weil er dienenden Ranges ist. (Chroniques, in: Huizinga, S.77)

 

Im Englischen kann man sogar state of the art sagen und damit den Zustand eines Gegenstandes auf neuestem Niveau eines gedachten oder propagierten Fortschritts meinen. Im Deutschen konnte man sich noch vor kurzem im vollen Staat präsentieren, also in Festtagsgewand auftreten.

 

Man kann es sich einfach machen, und allen Zivilisationen Staatlichkeit zuschreiben: Staatlichkeit bedeutet dann institutionalisierte Macht von Menschen über Menschen auf einem größeren Raum. Sie vereint ein wandelbares Gebiet mit Machthabern, einem von ihnen kontrollierten Kult bzw. einer staatstragenden Religion, der weitgehenden Instrumentalisierung der Untertanen mit einer alles überziehenden Schriftlichkeit. 

So etwas entsteht aber nicht von einem Tag auf den anderen und im langen Entstehungsprozess fehlen uns die schriftlichen Dokumente, die erst aus den Händen von (wirtschaftlichen bzw. "politischen") Machthabern hervorgehen. Bei  Germanen und Slawen lässt sich jenseits der stark auf Spekulation angewiesenen Archäologie solche frühe Zivilisierung nur unter dem Einfluss der römischen Antike und ihrer späten Nachfolger beobachten und nur vermittels ihrer Texte.

 

Es erscheint (mir) sinnvoll, in unserem Zusammenhang einer Entstehungsgeschichte von Kapitalismus einen nicht allzu willkürlichen Staatsbegriff auf das lateinische Abendland zu beschränken, und zeitlich als Entstehungszeit auf die Zeit zwischen unserer Schwellenzeit und dem 18. Jahrhundert, in dem er im Vollbild definiert wird und erscheint. Ein Theoretisieren um einen allgemeineren Staatsbegriff, der die res publica Romana ebenso umfassen würde wie das chinesische Kaiserreich oder das Reich der Inka würde einen zu leeren Begriff entlassen, den wir lieber durch den der Zivilisationen ersetzen wollen.

 

Wenn ich hier Staat für das lateinische Abendland in Übereinstimmung mit den meisten Historikern als einen territorial bestimmten Machtapparat definiere, in dem die Macht nicht mehr nur an bestimmten Personen, sondern unabhängig davon an Ämtern hängt, die Obrigkeit darstellen, dann entsteht ein solcher Staat in unserem Raum - à la longue gesehen - durch die Aneignung von immer mehr Rechten und Machtvollkommenheiten durch im wesentlichen Könige und in deutschen Landen durch Fürsten, und das heißt umgekehrt, durch die stete Erweiterung allgemeiner Untertänigkeit.

Leider hat dieser langfristig gesehene Begriff einige Nachteile, auf kürzeren Strecken betrachtet. Frühformen von ausführlicherer Staatlichkeit werden im Mittelalter vor allem in Städten und von ihnen ausgehend ausgebildet, wobei sich zunächst vor allem Städte in der Nordhälfte Italiens hervortun. In deutschen Landen bleiben sie weithin zunächst auf Städte beschränkt. Städte sind aber nicht souverän, wie man es von Staaten erwartet, sie haben einen Herrn über sich. Wo sie sich von einem solchen am Nordrand des Mittelmeeres emanzipieren, fallen sie erst Despoten und dann Königreichen zum Opfer. Staatlichkeit nimmt also den Umweg über die Bildung neuartiger Städte.

Das verweist andererseits darauf, dass Staatsbildung im lateinischen Abendland eng verknüpft ist mit dem Aufstieg des Kapitalismus, Voraussetzung für seine Finanzierung und damit Orientierungspunkt für staatliches Handeln.

Zum anderen setzt sich solche Staatlichkeit nicht primär gegen Städte und Bauern durch, sondern gegen einen Adel, der Aspekte von Herrschaft für sich selbst in Anspruch nimmt. "Absolut", wie das Historiker später nennen werden, wird Staatsmacht erst dort, wo sie den Adel sich hinreichend unterordnen kann.

Von anderen Sonderfällen wie den Entwicklungen in der späteren Schweiz sei dabei erst einmal ganz abgesehen, wie auch der, dass die Autonomiebetrebungen von Hansestädten verhindern, dass die Hanse hinr3eichende Elemente von Staatlichkeit entwickelt.

 

Das Wort "Staatlichkeit" nun soll nahelegen, dass sich Elemente eines Staates herausbilden, ohne dass im Vollbild von einem Staat gesprochen werden soll. Andere Elemente fehlen eben. Dabei ist die Entwicklung hin zu Staaten im späten Mittelalter ständig im Fluss, und sie schreitet in verschiedenen Teilen Europas sehr unterschiedlich voran. Früheste Ansätze zeigt das Königreich beider Sizilien unter dem letzten Staufer, der Machtapparat der Päpste und der der französischen Könige, auf andere Weise der der englischen Potentaten und der von Aragon/Katalonien.

 

Wie alle Zivilisationen beruhen auch die entstehenden neuen Staaten von Anfang an auf sich selbst mehr oder weniger legalisierender Gewalttätigkeit und dann in ruhigeren Perioden auf andauernder Androhung von Gewalt, also auf Angst, die durch Identifikation mit der Macht abzuwehren ist. Nirgendwo wird das deutlicher als in der extremen Brutalität, mit der die französische Krone zwischen der Annektierung Okzitaniens samt terroristischer Ausrottung der Katharer und der ebenso brutalen Vernichtung des Templerordens, der jüdischen Bevölkerung und der Vertreibung der Lombarden vorgeht.

 

Die Königreiche und selbst die größeren deutschen Fürstentümer machen durch ihre schiere Größe den direkten Zugriff der zentralen Machthaber sehr schwierig, denn nichts ist damals schneller als der Tritt des Pferdes. Auch als Könige schon zentrale Orte und Residenzen haben, reisen sie noch herum, denn nur in der persönlichen Präsenz können sie solide Macht ausüben.

 

Feudale Rechtsformen führen dann dazu, dass man den höheren Adel vor allem auf die Zentrale verpflichten kann. Aber ortsfester wird Herrschaft erst, wenn man den höheren Adel in seinen Bestrebungen nach mehr Selbständigkeit einengen kann.

 

Vor und neben solchem persönlichem Zugriff muss überhaupt die Kenntnis der Ressourcen eines Landes möglichst erweitert werden. Was Wilhelm ("der Eroberer") für kurze Zeit mit seinem später so genannten "Doomsday Book" erreicht, schaffen französische Könige erst im 13./14. Jahrhundert, wie das Verzeichnis der Kirchengemeinden und Feuerstellen, welches die Valois 1328 erstellen lassen.

 

1375 geht in deutschen Landen Karl IV. für die neu erworbene Mark Brandenburg voran, indem er in einem "Landbuch" die Grundherrschaften detailliert verzeichnet: "Anhand eines zwölf Punkte umfassenden Fragebogens registrierten die Beamten 730 000 vermahlene Maß Getreide, erfassten 72 mittelgroße Städte, 51 Kleinstädte und 730 Dörfer., zählten rund 200 000 Einwohner und führten sämtliche Kirchspiele, Klöster, Kirchen, Gasthäuser, Brauereien, Fischteiche, Bergwerke, Forste, Zehnte, Steuern, Frondienste, Münzstätten, Einkünfte aus Feudalgerichtsbarkeit, Zöllen und Wegegeldern, geleitfreie Straßen, Gerichtsgebühren, Vasallen des Markgrafen und vieles mehr auf." (Monnet, S.77)

Der böhmische König und römische Kaiser hatte Unsummen aufbringen müssen, um sich das Land aneignen zu können, und möchte nun detailliert wissen, welche Einkünfte er dagegen setzen kann. 

 

Das römische König- und Kaiserreich ist das größte im lateinischen Abendland, und selbst ein so reisefreudiger Kaiser wie Karl IV. muss sehr viel Macht delegieren. Ersatzweise für ihn treten so Vikare auf, und für den deutschen Teil ist das bis zu seinem Tod Balduin von Trier, der nach und nach auch die Erzbistümer Mainz, Worms und Speyer kontrolliert. Auch seine Nachfolger als Reichsvikare werden Verwandte des Kaisers sein. Das gegen viel Geld an die Visconti und andere norditalienische Signori Vikariat für Reichsitalien bedeutete allerdings ebenso wenig einen Zugriff auf die Region wie das für Burgund, welches langsam dem Reich verloren geht.

 

Königliche bzw. fürstliche Herrschaft wird zunehmend von etwas begleitet, was man nun mit mehr Fug und Recht als Regierung bezeichnen kann. Das wird sich allerdings im römisch-deutschen Reich erheblich geringer ausbilden als beispielsweise unter der französischen Krone oder dann im Reich der Herzöge von Burgund. Während sich am Hof der hohe Adel samt den Prälaten versammelt, wird das alltägliche Regierungsgeschäft immer mehr der Kanzlei übertragen, in der die Bedeutung von Adel und dann auch Klerus abnimmt und Juristen vor allem an Bedeutung gewinnen - eine Art Gremium professionalisierter Politiker. Das hindert die Herrscher allerdings nicht daran, sich unabhängig davon von favorisierten Ratgebern leiten zu lassen, wie Kaiser Karl IV durch den ihm eng verbundenen Erzbischof von Prag. Daneben taucht zunehmend das große Kapital bei Hofe auf, auf dessen Kredite und von ihm generierte Abgaben die Herrscher immer mehr angewiesen sind. Beim Prager Hof Karls IV. sind das vor allem schwerreiche Nürnberger Bürger.

 

Genauso wie immer mehr Städte im lateinischen Abendland verschulden sich auch Fürsten und Könige zunehmend, da das Missverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben immer weiter auseinanderklafft. Kriege und prächtige Hofhaltung bei den einen, den englischen, burgundischen und französischen Königen zum Beispiel, und teure Einkäufe und Einheiraten von Gebieten bei den anderen, bei kaum jemand mehr als beim böhmisch-luxemburgischen vierten Karl, sorgen dafür, dass es kaum noch irgendwo ausgeglichene Haushalte gibt. Vom Reich hat Karl IV. beispielsweise etwa 170 000 Gulden direkte Einnahmen und vom Königreich Böhmen wohl über 350 000. Wenn er dafür Millionen ausgibt, muss er Städte und Rechte und was immer ihm zur Verfügung steht verpfänden. n0

 

Während Kaiserreich und Papststaat in einen über"nationalen" Rahmen eingebunden sind, entwickelt sich Staatlichkeit in Frankreich und England im "späten Mittelalter" wie auch in Teilen Ost-Mitteleuropas in Richtung auf das, was wir seit einiger Zeit als Nationalstaaten bezeichnen, eine spezifisch europäische Entwicklung. Gemeint ist, dass sich Herrscherfamilien in Jahrhunderten ihr eigenes Volk neuen Typs formen, in England schon unter angelsächsischen Königen und dann erneut seit dem 12. und insbesondere seit dem 15. Jahrhundert, in Frankreich unter den Kapetingern.

Dieses neuartige Volk ist der Verbund aller Untertanen, durch Gewalt, durch Heirat, durch Verträge zusammen gesammelt und nach und nach durch eine gemeinsame, mit Macht durchgesetzte Sprache vereint. Die in der Regel willigen Untertanen nehmen auf die Dauer, der Macht und Gewalt gehorchend, diese neue Identität an und werden so zum Beispiel zu Franzosen.

 

Volksbildung kann aber auch von unten ausgehen, wie im Gemeinschaftsgefühl, welches sich in der Nordhälfte Italiens seit dem hohen Mittelalter bei einigen ausbildet, oder verstärkt im späten Mittelalter unter einigen Deutschen. Sie kann aber auch scheitern, wie es in der "Neuzeit" zur Gänze mit den Deutschen geschehen wird, oder wie sich in der ethnischen Zersplitterung Spaniens gelegentlich andeutet.

Tatsächlich ist es demagogische Gewalt, die aus Zivilisationen völkisch bestimmte Nationalstaaten hervorbringt und genauso demagogisch bestimmte Gewalt, die es schafft, im 19. und 20. Jahrhundert Deutschland immer wieder neu zu bestimmen, bis es im Biologismus der Nationalsozialisten untergeht und dann als schiere Agentur des globalisierten Kapitals auf nur noch sehr kleinem Raum sich auf den Weg macht, zu einem nicht mehr ethnisch bestimmten Vielvölkergebilde zu werden, dessen einziger Orientierungspol noch Kapitalverwertung und Konsumismus sind, wie übrigens auch in den übrigen Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg dem Machtbereich der USA zugeschlagen werden.

 

In England taucht die volkssprachliche nacioun im 14. Jahrhundert auf.  Als Nation bzw. Volk versteht sich die neue völkische Mischung zunehmend seit der Abtrennung der Normandie und dem Ende des angevinischen Reiches, und zwar im 13. Jahrhundert. Verbunden ist das mit ersten Wellen von Ausländerfeindlichkeit und Angst vor Überfremdung der Macht ausübenden Oberschicht in derselben Zeit. Verstärkt wird das mit den Ergebnissen des Hundertjährigen Krieges, die England vom Kontinent abtrennen.

 

Elemente von Staatlichkeit im späten Mittelalter sind die Konzentration der legalen Gewalt auf die Herrscher der neuartigen Reiche, die Konzentration von Einnahmen auf sie und damit die Monopolisierung militärischer Mittel, die Vereinheitlichung einer nach oben auf die Herrscher zielenden Justiz und die Einrichtung einer Verwaltung der sich verallgemeinernden Untertänigkeit. Dabei werden Lehensbindungen soweit genutzt, wie sie staatlicher Machtentfaltung nützlich sind, ansonsten aber durch das Instrument des Amtes ersetzt, wie es als erste die Normannen in beiden Sizilien vorgemacht hatten.

Wie es schon Kaiser Friedrich II. begann, wird der Herrscher nun immer intensiver sakralisiert, Religion also stärker noch als zuvor für Machtausübung instrumentalisiert und Kirche wo möglich tendenziell immer mehr in den Machtapparat eingebunden, was die französischen Herrscher mustergültig betreiben.

 

Konzentration, also Zentralisierung ist das wichtige Wort, und damit setzt sich ein zentraler Ort durch, der oft Residenz und Hauptstadt zugleich ist, wie Paris oder London. Hier werden die Aktenberge der immer mehr verschriftlichenden Verwaltung aufbewahrt, der Staatsschatz, und hier leben die anwachsenden Scharen zentraler "Beamten"schaft, zum guten Teil Juristen. Auf die Hauptstadt laufen die Wege zu, die ihre schnell zunehmende Bevölkerung versorgen, und dort bewegen sich die Leute hin, die an Macht und Einfluss partizipieren wollen.

 

Eine solche Hauptstadt im Vollbild wird Paris nach 1350 unter Karl V. und Karl VI. mit dem Ausbau des Louvre als königlichem Palast, mit den Palästen der regionalen Fürsten, der kirchlichen Potentaten und den Firmen-Dependancen. Der unter den Fittichen der französischen Krone erzogene Luxemburger Fürst Karl (der vierte als König und Kaiser) versucht dem mit Prag nachzueifern, vergrößert die Stadt enormdurch die Anlage einer Neustadt, die viermal so groß wie die Altstadt ist und rund vierzig Kirchen zählt.

Er legt zudem ein persönliches großes Bauprogramm mit der Prager Burg, die er mit Blei und darüber dünnem Gold eindeckt, der Residenz von Vysehrad, dem Veitsdom, für den er Spitzenkräfte wie Peter Parler einsetzt, dem Rathaus und mehreren Kirchen vor. Allein in die Schatzkammern von St.Veit wandern "nicht weniger als 300 kostbare Textilien, 150 Kleinodien, darunter 13 Statuettenreliquiare aus Silber und 27 Reliquienbüsten aus Gold, sowie 200 Prachthandschriften". (Monnet, S.156)

Am Ende übertrifft Prag an Fläche mit drei großen Marktplätzen die meisten Städte des lateinischen Abendlandes und ist mit 40 000 Einwohnern nach Paris und Gent die drittgrößte Stadt nördlich der Alpen.

 

Staatlichkeit entwickeln in deutschen Landen am ehesten größere Städte, daneben auf dem Weg in die frühe Neuzeit erste Fürstentümer. Die römischen Könige/Kaiser selbst verfügen jenseits ihres Haus-Territoriums über keine derartigen Möglichkeiten. Mit einem fehlenden deutschen Staat fehlt auch ein entsprechendes Staatsvolk, was erhebliche Konsequenzen haben wird.

 

So gelingt es Herrscherhäusern, den Nordwesten der deutschen Lande, die damals Niederlande heißen, auszugliedern und damit auch sprachlich von der deutschen Entwicklung abzukoppeln. Ähnliches geschieht im Süden mit der  deutschen Schweiz und ganz spät, 1866, mit dem Ausschluss der übrigen Alpenländer, im Konflikt zwischen den preußischen Hohenzollern und den österreichischen Habsburgern militärisch erzwungen.

 

Zu Italienern werden die Menschen erst dadurch, dass sie sich als Mitglieder eines gemeinsamen Sprachraumes begreifen, was mit dem Zurückdrängen des Occitanischen im Piemont beginnt und im späten Mittelalter bereits zum Herausbilden zweier idiomatischer Räume führt: Dem vom toskanischen Dialekt dominierten Norden und den miteinander verwandten Dialekten des Südens, dominiert vom Napoletanischen und dem Insel-Sizilischen. Bis tief ins 19. Jahrhundert werden so gewissermaßen zwei Italien bestehen bleiben, auch wenn

Italia eben nicht nur ein geographischer Begriff ist, sondern auch die Erinnerung daran, einst Kernland des Imperium Romanum gewesen zu sein.

 

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England liefert neben italienischen Stadtstaaten wie Venedig die besten frühen Beispiele für den Einsatz von Handelspolitik für die allgemeine Machtpolitik. Das belegt das politische Manipulieren der Wollausfuhren zum Beispiel mit Abgabenaufschlägen gegenüber insbesondere Flandern wie das Monopolgehabe Venedigs seit dem 11. Jahrhundert.

 

Im späten Mittelalter dominiert Handelsinteresse über politischem, denn Politik ist inzwischen zur Gänze vom Kapital abhängig. Dabei verändern die Kriege ihren Charakter, sie verlieren immer mehr den Aspekt persönlicher größerer und kleinerer Fehden und gewinnen den wirtschaftlicher Zielsetzungen. Dabei gewinnt zunächst die Konkurrenz konzentrierter Kapitalien im Mittelmeerraum am Gewicht. Aus allgegenwärtigem Fehdewesen wird der in kurzen Abständen auftretende auf Expansion gerichtete Krieg mit zunehmend patriotischen Untertönen. Je mehr Regionen nach innen befriedet, also in zunehmende Untertänigkeit gezwungen werden, desto grausamer wird der Krieg nach außen, zunehmend professionalisierter und brutaler. Kaum eine Generation wird bis 1945 von ihm verschont werden und in den Geschichtsbüchern wird das pervertierte Raubtier Mensch gefeiert werden: Nicht die großen Verbrecher an der Spitze der Staaten, die periodisch wiederkehrend das große Grauen über die Menschen bringen, werden verurteilt werden, sondern die kleinen, relativ harmlosen alltäglichen, und dem entspricht das Bewusstsein der meisten Untertanen, die durch Propaganda und Druck, ererbte oder anerzogene Beschränktheit mitmachen und immer wieder auf die hohen Herren hereinfallen.

 

Auch im Inneren wird "Politik" immer stärker von wirtschaftlichen Gesichtspunkten geleitet. Insgesamt liefert noch im 14. Jahrhundert der englische Wollexport wesentliche Einnahmen für die Krone, weswegen die Kommerzialisierung seiner Abschöpfung durch Zölle schon mit den Riccardi und Frescobaldi einsetzte. Bis 1340 operieren für die Krone noch die Bardi und Perzii aus Florenz, die nicht zuletzt deshalb dann faillieren, weil die Krone am Ende ihre Schulden nicht mehr bedienen kann.  1337 setzt der König ein Konsortium heimischer Wollkaufleute ein, die ihm 200 000 Pfund vorab leihen und dafür ein Monopol auf den Wollexport vor allem erhalten. Damit beginnt jene Bildung größerer Firmen sich auch in England durchzusetzen, die es in Italien schon seit Jahrhunderten gab. Das Ganze war dann doch für die Beteiligten eine Nummer zu groß und die Krone muss einspringen. Aber 1343 wird dann erneut eine Gesellschaft von nunmehr 33 Kaufleuten gebildet, die dem König wiederum große Summen vorschießen und dafür die Wollzölle in ihre Hand bekommen.

 

Abgesehen davon verlässt sich der König nun immer mehr auf englisches Finanzkapital.Mit eine Spitzenposition erringt dabei unter Edward III ein Kaufmann aus Hull namens William de la Pole, der sowohl die Krone wie den höheren Adel mit Krediten bedient, dabei schwerreich wird und ein großes Vermögen dann in erheblichem Landbesitz anlegt. Unübersehbar dient größeres Kapital immer noch, bis ins 15. Jahrhundert hinein, nicht dem schieren Ziel seiner Vermehrung, sondern diese wiederum zielt ab einem bestimmten Punkt auf Aufstieg in den Adel, auf "aristokratisches" Gehabe und Lebensformen ab. (siehe: 'Einbürgerung aristokratischer Lebensformen' im Großkapitel Stadt 6.)

 

Im 15. Jahrhundert geht dann die Wollausfuhr drastisch zurück, denn es werden nun immer mehr höherwertige Tuche im Land selbst produziert und auch exportiert.

 

 

Der prächtige Hof der Machthaber (gerade in Arbeit)

 

Der Hof, die curia, gewinnt schon im 12. Jahrhundert, besonders bei den englischen und französischen Königen und einigen Fürsten nördlich des Mittelmeerraumes, ein Zentrum, so wie mit Paris und Westminster. In deutschen Landen gewinnt zwar das "Reich" kein solches, aber schon Heinrich ("der Löwe") konzentriert mehr Aufmerksamkeit auf Braunschweig als auf seine anderen Aufenthaltsorte und die geistlichen Fürsten haben eine Hauptstadt von Amts wegen.

Die Kombination von Hauptstadt und Residenz nimmt danach überall zu. Das hat schon alleine mit den größeren Archiven, dem Kassenwesen, Anfängen einer Beamtenschaft und der zunehmenden politisch-militärischen Macht in immer weniger Händen zu tun. Dazu kommt, dass es manchen Königen und Fürsten zunehmend gelingt, den direkt untergebenen jeweiligen Hochadel dazu zu bringen, weiter zu reisen, um Anwesenheit bei Hofe zu ermöglichen.

 

Größe und dargestellter Reichtum von Hauptstadt, Residenz und Hof demonstrieren Macht. Pracht ist Macht, und sie muss letztlich von den produktiv arbeitenden Menschen und dem Kapital finanziert werden. Was die Herren der italienischen Stadtstaaten und dann die burgundischen Herzöge an Prachtentfaltung vormachen, findet sich schnell auch am französischen Hof und dem des angevinischen Großreiches. Aus dem Raum des heutigen Frankreichs dringt das alles nach Osten und wird bis ins 18. Jahrhundert für die Potentaten der deutschen Lande Vorbildcharakter haben, während Franzosen die Deutschen wegen ihres steten Zurückgeblieben-Seins in diesen Dingen verachten werden. Die Identifikation insbesondere der Autoren, Lakaien der Mächtigen, mit ihren Machthabern wird sich dabei widerspiegeln in der Bewunderung der Massen für das Protz-Gehabe derer, die sie in Ohnmacht verharren lassen.

 

Tatsächlich werden in allen Zivilisationen die meisten Menschen zugleich zu denen, die die Mächtigen mit ihrer Arbeit finanzieren wie zu den reinen Zuschauern der Macht, und das wird bis heute so bleiben. Das Zuschauen und das Bewundern wird dabei vor allem Sache jener großen Städte, die sich zu Residenzen der Mächtigen entwickeln, und wo die Untertanen besonders stark als Masse auftreten können. Dort fällt am ehesten auch etwas von Prunk und Protz als ein mehr oder weniger großer Brosamen auf die ab, die die Höfe beliefern und bedienen.

Für die meisten Menschen scheint längst die Verteilung von Macht und Ohnmacht eine gottgegebene bzw. naturgegebene Sache zu sein, die man sich nicht mehr anders vorstellen kann. Zudem werden die Verhältnisse gerade mit dem Aufstieg des Kapitalismus immer komplizierter und undurchschaubarer, und Angst und Desorientierung führen zur Akzeptanz der eigenen Ohnmacht. Man duckt nach oben und tritt nach unten, und so wird es auch bleiben.

 

Nichts schöner, als wenn Macht sich als öffentliches Spektakel inszeniert, beim Einzug in eine Stadt, beim öffentlichen Teil einer Fürstenhochzeit, beim Turnier vor den Stadtmauern usw.  Auch die Trauerzeremonien beim Tod eines Fürsten werden zu solchen Gelegenheiten. 1378 dauern sie in Prag für Karl IV. ganze siebzehn Tage. Elf Tage wird der Leichnam in der Prager Burg aufgebahrt,

"bedeckt mit einem langen Mantel aus Purpur und Gold, auf dem Kopf die Reichskrone, zu seiner Rechten das Szepter, zu seiner Linken Schwert und Reichsapfel als Insignien seiner Kaiserwürde. Links neben dem Kopf lag die böhmische Krone, rechts davon die lombardische. Hunderte von Kerzen erhellten den Raum.Nach dieser Zurschaustellung (...) trug man den Leichnam in einer Prozession (...) von der Burg hinab über die Brücke in die Altstadt und von dort vor fast 7000 Schaulustigen durch die Neustadt. Der Katafalk war mit einem goldenen Baldachin überspannt, den zwölf gerüstete Ritter trugen, und von den Bannern aller Länder Böhmens und des Heiligen Römischen Reiches. Vorweg gingen fast 600 schwarz gekleidete Kerzenträger." Ständevertreter, solche der Stadt und der Zünfte marschieren mit. "Den Bschluss der Prozession bildeten 500 Ritter, Adelige und Herren und rund 50 Prunkkutschen, in denen auch die Kaiserin und die Gemahlin König Wenzels saßen (...). Vier Tage lang wurde der Leichnam in jeder der großen Prager Kirchen aufgebahrt und dann in den Veitsdom überführt" (... Monnet, S.181) 

 

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Favoritentum: Die Höfe des 14./15. Jahrhunderts werden vom eifersüchtigen Konkurrenzgehabe der Höflinge gekennzeichnet, welches die Herren der Höfe durch Favoritentum noch verstärken werden. Am französischen Hof sind das der mignon und die mignonne zum Beispiel, zu denen dann noch die maitresse en titre kommt, die Haupt-"Geliebte" des Herrn.

 

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***Das Lob des einfachen Lebens***

 

Die selbstverständliche Verachtung des Hofes für die, die ihn letztlich alleine finanzieren müssen, wird (nicht nur) in Burgund und Frankreich von den höheren Herren ergänzt durch verlogene und recht stereotype Mitleidsbekundungen für Armut und Elend derselben, insbesondere der Landbevölkerung, die durch die Kriege der Herren immer wieder geschunden wird. Insbesondere hohe Kleriker, Bischöfe und die Großautoren lieben solche Tiraden, ohne etwas zu ändern. Besonders beliebt ist der Hinweis, dass alle Menschen bzw. Adam und Eva nackt geboren werden, Vous estes tous d'une pel revestuz, wie Deschamps dichtet: ihr seid alle nur mit einer Haut bekleidet.

 

Aus den stereotypen Naturerwähnungen höfischer Lyrik und unter Imitation antiker Dichtung hat sich das Schäferidyll entwickelt, welches als perverses Zitat in Inszenierungen höfischer Prächtigkeit eingeht. Man ist zwar noch nicht bei den Verwirrtheiten zwischen Bastien/Bastienne und Marie Antoinette angekommen, und die als keusch erotisierten Schäfermädchen bedienen noch recht unverhohlen die Lüsternheit von Höflingen, aber der Weg ist eingeschlagen.

 

Eustache Deschamps, wie seine Kollegen Schreiberling hoher Herren und bei ihnen hochbeliebt, bringt solche Zeilen zustande wie: Ich will von nun an mich bewegen / Im mittleren Stand (Estat moien), das ist mein Sinn, / Den Krieg lassen und als Landmann leben: / Denn Kriegführen ist nur Verdammnis. (so in Huizinga, S. 180) Noch kurioser dann folgendes: Ein Arbeiter und ein armer Fuhrmann / Geht schlecht gekleidet, zerrissen und barfuß, / Doch beim Schaffen gewinnt er seine Arbeit lieb / Und bringt sein Werk fröhlich zu Ende. / Nachts schläft er gut (... in Huizinga, S.181)

 

Klar, dass kein Mitglied des Kriegeradels oder höfischer Gesellschaften dazu neigt, sich der Landarbeit hinzugeben, die sie ja zugleich auch zutiefst verachten. Es handelt sich um Pose, das Wesen von Dichtung. Und wenn bei den Zwischenspielen höfischer Festivitäten Schäfer und Schäfermädchen auftreten, letztere, um die Atmosphäre erotisch aufzuladen, dann erinnert das schon an die aristokratische Pastourelle, jenes schlichte Gedicht, in dem sich der Rittersmann des brav-schlichten Landmädchens bemächtigt, was nicht nur in der Dichtung geschieht.

 

Krieg und Gewalt

 

Das Imperium Romanum versuchte, den Krieg außerhalb der eigenen Grenzen zu halten, ähnlich wie die EU seit dem Zweiten Weltkrieg. In den rund 1500 Jahren dazwischen ist der Krieg in Europa fast soviel Alltag wie der Frieden. Kaum eine Generation wird irgendwo davon verschont. Dabei sind Frieden und Schutz der Untertanen oberste Aufgabe in der Rechtfertigungsideologie von Königen und Fürsten.

 

Der Jesus der Evangelien lehnte jede Gewalt zwischen Menschen ab, aber im römischen Reich duldete die Kirche, dass Christen Soldaten wurden und begann dann, "gerechte Kriege" zu rechtfertigen. Die von gewalttätigen Kriegerhorden errichteten Nachfolgestaaten betrachteten den christlichen als einen Kriegsgott und ihre massive Gewalttätigkeit als christlich gerechtfertigt. Als im 10. Jahrhundert das (sogenannte) Mittelalter einsetzt, ist kriegerische Gewalttätigkeit längst eine gottgegebene Normalität.

 

Wehrloses Opfer dieses grausamen Treibens sind im Mittelalter vor allem die Menschen auf dem Lande, während der Krieg, Kampf und Gewalt den Herren als erster Lebenszweck gelten. Sobald eine unteradelige Oberschicht in Städten beginnt, dort Macht auszuüben, beginnt auch diese, unter Einspannung der städtischen Bevölkerung Kriege zu führen, mit am frühesten in Teilen Italiens, wo die Städte gegeneinander kämpfen. 

Wenn dann im hohen Mittelalter das Söldnerwesen um sich greift, nährt es sich immer mehr von der Landbevölkerung. Es gibt zumindest in Zivilisationen keine schichtspezifische Friedfertigkeit, das Raubtier Mensch hält nur (noch?) dort still, wo es massiv diszipliniert wird, seine Gewalttätigkeit explodiert aber dann um so mehr, sobald sie von oben gefordert wird.

 

Während die Herrenwelt den Krieg als großes Vergnügen beschreiben lässt, entwickeln die Leidtragenden einen Sinn für die Freuden des Friedens im wesentlichen in den Zeiten seiner Abwesenheit. Die klerikal geleiteten Friedensbewegungen des 10./11. Jahrhunderts in einigen Regionen treten nicht allgemein gegen Krieg und Gewalt auf, sondern nur zum teilweisen Schutz der waffenlosen Schwachen, was aber kaum irgendwo gelingt. Kriege gegen Andersgläubige werden dann ab dem 11. Jahrhundert für heilig erklärt. Und dann ziehen die Priester zur geistlichen Betreuung der Krieger mit in die dauernden Kriege und segnen die Waffen, zuerst das Schwert beim Ritterschlag.

 

Klöster und Bistümer stellen bewaffnete Kontingente, Äbte und Bischöfe, ja Päpste ziehen auf Heerzügen mit, nicht selten sogar in Rüstung und mit Waffen. Damit fehlt es der Friedfertigkeit an Vertretern. Kein Wunder, dass diese allgemeine Gewalttätigkeit einen ganzen Wirtschaftszweig (wie in allen Zivilisationen) hervorruft, der an hervorragender Stelle neben der Textilwirtschaft im lateinischen Abendland den Kapitalismus vorantreibt. Und wie noch heute konzentriert sich Rüstungswirtschaft auf wenige spezialisierte Regionen.

 

Soviel noch einmal zur Erinnerung an schon vorher Gesagtes. Im hohen Mittelalter entwickelt sich die Produktion von Spitzenware in Norditalien, vor allem Mailand und Brescia. Im späten Mittelalter kommen Köln und insbesondere Nürnberg dazu. Wenn dann Waffen und Rüstungen nach Zuflieferungen aus spezialisierten Gebieten in den Rüstungsmetropolen zusammengesetzt werden, kommen Schwertklingen zum Beispiel erst aus Toledo und dann aus Solingen. Wenn Kettenhemden immer mehr durch Rüstungen aus Panzerplatten ersetzt werden, können diese auch aus anderen Städten kommen.

 

Während mit Gold, Perlen und Edelsteinen besetzte Prunkrüstungen nur zum Vorzeigen von Reichtum dienen, kann die wirkliche militärische Ausrüstung als Massenware  über Leben und Tod des Trägers entscheiden. Darum die Spezialisierung im Handwerk und die Konzentration auf wenige Orte, die Qualität liefern und die zum großen Teil von militärischen Gütern leben wie Mailand. Im späten Mittelalter wird dann militärische Produktion und ihr Handel immer mehr auch Sache großer, weitverzweigter Mischfirmen mit viel Kapital. Der durch die Überlieferung seiner geschäftlichen Unterlagen bekannte Francesco Datini aus Prato liefert in jungen Jahren Mailänder Waffen an das päpstliche Avignon und baut dann später Schwerter aus Klingen aus Solingen und Griffen und Scheiden aus Italien zusammen (Spufford, S.97). Noch später wird er vor allem ein Textilmagnat.

 

Für den Ritter gehört zur militärischen Ausrüstung auch mindestens ein dafür spezifisch geeignetes Schlachtross sowie mindestens ein dafür geeignetes Packpferd und eines für den Knappen. Die besten Hengste kommen wohl im späten Mittelalter aus der Lombardei und aus Kastilien. Aber nicht nur solche Pferdezucht gehört zur Kriegswirtschaft, sondern auch eine große Anzahl von Sattlern und Herstellern entsprechenden Zaumzeugs. Aber auch Teile der Landwirtschaft sind in die kriegswichtige Produktion direkt einbezogen, und zwar über die Produktion von Hafer und von Heu.

 

Ende des 14. Jahrhunderts werden Geschütze mit Steinkugeln immer effektiver. Entsprechend müssen Befestigungen ausgebaut werden. Inzwischen werden auch die "Handbüchsen" immer "besser" und ergänzen die Armbrustschützen. Schon vorher hatten die Bogenschützen erfolgreich bewiesen, dass der ritterliche Nahkampf durch solche Distanzwaffen an Bedeutung verliert.

 

Das zum Spektakel verkommende Rittertum (derzeit in Arbeit)

 

Der Niedergang des Rittertums deutet sich schon in seiner Blütezeit im 12. Jahrhundert an, als Söldner als Ergänzung für Ritterheere eingesetzt werden, veritable Ritter zu Söldnern werden oder aber sich mit zusätzlichen Summen zur ohnehin ihnen zustehenden Beute vergüten lassen. Der Höhepunkt der Ritterromane um 1200 geht dann in den Anfang des Niedergangs über, im Niveau der Literatur wie in der kriegerischen Wirklichkeit.

Was immer das nun immer detaillierter entwickelte Lehnsrecht formulieren mag, die Vasallität verliert langsam an Bedeutung. Immer mehr hohe Herren müssen Vasallen zugestehen, nur noch in begrenztem Umfang ihnen in den Krieg zu folgen, nur für kurze Zeit oder gar nur noch in deren Herrschaftsbereich.

Der andere Zug der Zeit ist der Aufstieg ganz und gar unritterlicher Waffen, genauer gesagt, der Distanzwaffen. Den Anfang machen Abteilungen von Bogenschützen, die immer kriegsentscheidender auftreten. Unritterlich sind auch steinerne Geschosse, die es allerdings schon seit der Antike gibt, die aber immer größere Entfernungen überbrücken können, bis sie schließlich aus Kanonenrohren abgeschossen werden und dann neben Hand-Feuerwaffen auftreten.

 

Aber daneben gibt es auch weiter Ritterheere und ein immer ausführlicher idealisiertes Rittertum. Da ritterliche Gewalttätigkeit von der Kirche sakralisiert wurde, wenn es nur gegen die Richtigen geht, besonders gegen die gerade nicht korrekten Christen und die "Heiden", setzt sich Rittertum früh von unten nach oben durch, und schon im 12. Jahrhundert ist ein König wie selbstverständlich auch Ritter und ritterlichen Idealen verpflichtet.

 

Vor allem mit dem Kreuzzugsgedanken, dem heiligen Krieg gegen Heiden, war das Rittertum aufgestiegen. Mit der Erweiterung des Kreuzzugsgedankens gegen Ketzer, nämlich die Katharer, also gegen christliche Konkurrenten der römischen Kirche und der Verbindung mit dem Eroberungskrieg des französischen Königs, und schließlich dem Scheitern der Heerfahrten gegen den Islam im Nahen Osten verliert Rittertum seinen ersten Glanz, um dann bei Crécy (1346) und Nikopolis (1396) unterzugehen.  

 

Das Ideal eines christlich beeinflussten Kriegerethos hatte ohnehin im Krieg wie in der Fehde keine Praxis gefunden, wie auch, wenn nur noch die Bestie Mensch gefragt ist. Wo nicht mit List und Tücke gemetzelt und zerstückelt wird, ist Geldgier der einzige Hemmschuh: Wertvollste Beute sind vornehme Gefangene, für die man reiches Lösegeld erzwingen kann. Wer so etwas nicht bieten kann, wird oft genug Opfer bestialischer ritterlicher Grausamkeit. Im Krieg gegen Gent von 1382 erwischen die französischen Ritter vierzig Genter Getreideschiffer, die sie verstümmeln und mit ausgestochenen Augen zur Stadt schicken, wie Froissart berichtet. 

 

Die Ehre, honor, ist das verschönernde Idealwort für Machtgier, aber für die, die das Selbstbild von Rittertum aufrechterhalten, wird im sogenannten späten Mittelalter die gloria, der Ruhm des Kriegers immer wichtiger. Über Karl ("den Kühnen") schreibt Commynes: Er trachtete nach großem Glanz des Ruhms (gloire), welcher das war, was ihn mehr als alles andere zu seinen Kriegen bewog; und so gern hätte er jenen alten Fürsten geglichen, von denen nach ihrem Tode so viel gesprochen worden ist. (in: Huizinga, S.91) Tatsächlich treten Ritter wie auch Söldner vor allem als Mordbrenner und Vergewaltiger auf, als der Schrecken der wehrlosen Landbevölkerung.

 

Was bleibt ist Rittertum als "ästhetisches Ideal" (Huizinga), welches als festliches Spektakel von denen, die es sich finanziell leisten können, und sei es auf Pump,  inszeniert wird. Dazu dienen Hoftage und höfische Feste, die niedere an höhere Herren binden sollen, und nach dem Scheitern der alten Ritterorden beim Verteidigen ihres "Heiligen Landes" neuartige Orden, die feierliche Formen von Festivitäten praktizieren, wie der vom französischen König Jean II. ("le Bon") 1351 kreierte Orden der 'Chevaliers Nostre Dame de la Noble Maison' , auch Sternenorden genannt. "In dem Edlen Haus zu Saint-Ouen bei Saint Denis hatten sie eine 'table d'onneur', an der bei den Feierlichkeiten die drei tapfersten Prinzen, die drei tapfersten Bannerherren (bannerets) und die drei tapfersten Ritter (bachelers) Platz nehmen mussten." (Huizinga, S.114).

Der am luxuriösesten ausgestattete Orden wird der burgundische vom Goldenen Vließ. Er ist mit einem Kanzler, Schatzmeister, Sekretär und einem Wappenkönig (Toison d'Or) ausgestattet, der wiederum sein Gefolge und seine Herolde hat.

Man schwört Eide, macht Gelübde und stattet Rittertum mit einer ebenso kuriosen wie prächtigen Theatralik aus.

 

In den Bereich des Spektakulären gehören einzelne Aktionen von Wagemut oder die kleiner Gruppen. In ihnen scheinen sich Ritter mit ihren literarischen Vorbildern zu identifizieren, wobei gelegentlich gerade solche Akte von Kühnheit dem Kriegserfolg zuwider laufen können. In den Bereich des Theatralischen gehört die prunkvolle Ausstattung fürstlicher Feldlager, laut Molinet haben einige Herren "ihr Zelt 'par plaisance' in der Form eines Kastells aufrichten lassen, mit Galerien und Gärten ringsum." (in: Huizinga, S.139)

 

Da Rittertum eine Sache des ganzen lateinischen Abendlandes wird und sein Ideal in aus unterschiedlichen Reichen und Herrschaften stammenden Heeren gegen Heiden und Ketzer findet, verendet es auch an dem im späten Mittelalter immer deutlicher aufkommenden, zunächst noch etwas verschwommenen  Nationalismus, dessen Hassgebärden jeder Form von Ritterlichkeit den Garaus machen. Der von Jean de Bueil, der "Geißel der Engländer" 1466(1483) geschriebene 'Jouvencel' propagiert die Lust am Krieg bereits wie Kriegsromane des 19. und frühen 20. Jahrhunderts:

Es ist ein fröhlich Ding um den Krieg (...) Man liebt einander so sehr im Krieg. Sieht man seine Sache für gut an, und sieht man sein Blut trefflich kämpfen, so steigt einem die Träne ins Auge. In das redliche und fromme Herz kommt eine Süßigkeit, wenn man seinen Freund sieht, der so wacker seinen Leib einsetzt, um das Gebot unseres Schöpfers zu halten und zu erfüllen. Und dann nimmt man sich vor, mit ihm zu sterben oder zu leben und ihn um der Liebe willen nicht zu verlassen. Daher kommt ein solches Entzücken, dass keiner, der es nicht erfahren hat, sagen könnte, welch ein Gut das ist. (usw., in: Huizinga, S.98)

 

Man fühlt sich an die Heroisierung des poilu oder der Armee in Zeiten der Weimarer Republik erinnert: Kamaraderie als Schundroman.

 

Kapital und Macht

 

Die politische und militärische Macht gehört oberhalb städtischer Staatlichkeit Fürsten, die wirtschaftliche liegt beim Kapital. Beide sind aufeinander angewiesen, aber natürlich ist die militärische Gewalt übergeordnet. Das Kapital leiht den andauernd verschuldeten Herren mit ihrem immer größeren Finanzbedarf weiterhin Geld und erhält dafür auszubeutende Pfänder von Minen, Münzen, Zöllen bis zu Steuern. Aber es gibt auch direkte Pfänder. Giovanni di Bicci de Medici leiht Papst Johannes XXIII. Geld und erhält dafür von ihm prachtvolle Juwelen, die Papst Martin V. 1519 wieder einlöst. 1439 leiht ein Konsortium von Bankiers Papst Eugen IV. 40 000 Florin, wofür es die mit Juwelen ausgestattete Tiara erhält. Viel später leiht Tommaso Portinari dem Erzherzog Maximilian Geld und erhält dafür ein mit Juwelen übersätes Reliquiar.

 

Geld an Potentaten zu verleihen pflegt zunächst die machtpolitische Landschaft, aber es bringt immer wieder auch direkte konkrete Gewinne ein. Ein typisches Beispiel ist die Anweisung König Edwards III. an seine Zöllner 1340, im Jahr von Sluis, in der zunächst die Ausfuhrzölle auf englische Wolle benannt werden und es dann zur Finanzierung seines Krieges mit der französischen Krone heißt:

(...) wegen 3000 Säcken Wolle und 1100 Pfund Sterling, wofür wir und andere einigen der (...) Kaufleute (...) verpflichtet sind, und wofür sich der Gesamtbetrag einschließl Pfund ich Zinsen und Zölle, auf 18 100 Pfund Sterling beläuft; und ebenso wegen der 4000 Pfund Sterling, den Schildgulden zu 18 Groschen von Tours gerechnet, welche die genannten Kaufleute für uns in Brüssel binnen 10 Tagen nach der Ankunft des (...) Konrad Clypping in Flandern zu zahlen übernommen haben, und wegen der 4300 Pfund Sterling, die für uns in gleicher Weise 15 Tage nach der genannten Auszahlung in Brüssel bezahlt werden sollen (...) haben wir den obengenannten Kaufleuten bewilligt, dass die erwähnten Zölle (...) wo immer Zollerhebung vorgeschrieben ist, von denselben Kaufleuten oder ihren Verwaltern eingenommen werden, und zwar so lange, bis die genannten Summen und die Beträge, die sie uns noch leihen werden, zurückerstattet sind. (in: Dollinger, S.509f)

 

Das Finanzieren der Päpste durch die Medici führt 1466 dazu, dass sie die Vermarktung der Alaun-Minen von Tolfa erhalten, die sie mit päpstlicher Hilfe zu einem Monopol auszubauen versuchen. 1476 geht dieser Vertrag an die Pazzi über, und dann an andere italienische Firmen. Damit geht das Monopol des Genuesen Benedetto Zaccaria zu Ende, der es für die kleinasiatischen Alaunminen von Phokäa gehalten hatte und damit zum Großkapitalisten aufgestiegen war.

Überhaupt gehören Minen und Münzen bis ins 15. Jahrhundert zu den Haupt-Entschädigungen von fürstlicher Seite für das Ausleihen von Geldern durch Italiener. Das ändert sich dann mit dem Aufstieg der Habsburger, die aufs engste mit süddeutschen Firmen wie denen der Fugger verbunden sind.

 

Die enge Verbindung von Kapital und politischer Macht prägt alle Fürstentümer seit dem 13. Jahrhundert und die Staatenwelt bis heute. Ein prominentes Musterbild ist Tommaso Portinari, der 1440 als Vertreter der Medici in Brügge ankommt, und seit 1466 in dem vom burgundischen Herzog für seinen Schatzmeister erbauten Palast residiert, den Piero de Medici kauft. Portinari wird Ratgeber des Herzogs, sorgt für Geld gegen Zölle im Hafen von Gravelines und einem Monopol im Alaunverkauf. Zudem ist er am Aufbau einer kleinen Galeerenflotte beteiligt. 1481 muss die Medici-Bank in Brügge schließen und Portinari trennt sich von der Firma. Er bleibt zunächst in Brügge und tritt schließlich sogar in diplomatische Dienste bei Kaiser Maximilian, bevor er 1501 stirbt. (Goldthwaite, S.241)

 

Ein Ausnahmefall ist der Unternehmer und Politiker Lorenzo de Medici, der seine Geldleihen systematisch für seine politischen Ziele nutzt und sich damit ökonomisch schadet. 1477 hat er durch große Anleihen beim englischen Hof solche Schulden gemacht, dass er seine englische Zweigstelle schließen und die Schulden zu der in Brügge transferieren muss. Als dann darauf Karl der Kühne stirbt, muss er dessen enorme Schulden und solche seiner Entourage streichen. 1478 geht die Bank in Venedig bankrott und im Jahr drauf schließt die Filiale in Mailand, die hauptsächlich den Sforza-Herzog bediente. Schon 1474 verliert er seinen Einfluss beim Papst an Genuesen und 1476 den Vertrag für das Tolfa-Alaun an die Pazzi. Mit deren Verschwörung und Mordkomplott 1478, hinter der der Erzbischof von Pisa, ein Salviati, und Papst Sixtus IV. stehen,  nimmt der Niedergang größere Ausmaße an, der Papst erklärt zusammen mit Neapel Florenz den Krieg, konfisziert Medici-Eigentum in Rom, während König Ferrante von Neapel die Bank in Neapel schließt und alles Eigentum der Familie konfisziert. Danach versucht Lorenzo Florenz in einer Art Machtbalance in Italien zu halten. 1492, als er stirbt, steht das ganze Medici-Imperium vor dem Bankrott.

 

Einen Sonderfall im Verhältnis von Kapital und Macht stellt auch im späten Mittelalter die Papstkirche dar, mit der in Avignon eines der wichtigsten lateinisch-europäischen Handels- und Finanzzentren entsteht. Als 1353 mit Innozenz VI. ein neuer Versuch unternommen wird, einen Kirchenstaat auf italienischem Boden mit militärischen Mitteln herzustellen, um so die Rückkehr nach Rom zu gewährleisten, steigt der päpstliche Finanzbedarf noch einmal. Ihn bedient vor allem das Netzwerk "guelfischer" florentinischer Firmen. Gelder werden zunehmend in das militärische Hauptquartier nach Perugia transferiert.

 

Mit dem Schisma von 1378 bedienen die Firmen aus Florenz vor allem, aber nicht auschließlich den römischen Papst, während der avignonesische sich auf Firmen aus Lucca, Asti, Genua und Bologna stützt. Dahinter stehen keine religiösen Bedenken, sondern es kommt immer darauf an, zu welchem Machtblock die Operationsbasis der Firmen gehört.

Unter Urban VI. mit seinem instabilen Territorialstaat gelingt es für einige Zeit den Guinigi aus Lucca beim Papst die Oberhand zu gewinnen, da sie alleine über ihre Zweigstellen in Brügge und London kirchliche Einkünfte von dort nach Rom tranferieren können. In den 1390er Jahren übernehmen wieder Florentiner Firmen, insbesondere die Alberti, Ricci und Medici. Insbesondere Vieri di Cambio de Medici gelingt es, über römische Geschäfte zu einem der reichsten Männer in Florenz aufzusteigen.

Die Finanzverwaltung der Päpste wird im Amt eines depositario konzentriert, welches in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts Medicis und Bankiers aus ihrem Umfeld besetzen. Der vergibt Geldleihen an den päpstlichen Schatzmeister, und kann dafür Depositen anderer Firmen verwalten, die mit der Verwaltung päpstlicher Einkünfte betraut werden. Die Karriere der römischen Firma der Vieri di Cambio de Medici beginnt mit der persönlichen Freundschaft zu Papst Johannes XXIII. (Baldassare Cossa), den er mit erheblichen Geldern bei seinen politischen Zielen unterstützt. Der römische Zweig des Medici-Firmenkonglomerats macht von 1420-35 gut 60 Prozent des gesamten Profits aus.

 

Mit der Expansion des Kapitalismus wird auch Staatlichkeit ausgebaut und damit der Geldbedarf von Herrschaft. Die politisch Mächtigen leben von ihrem aus Macht resultierenden Kredit und verschulden sich. Der römische König, verhältnismäßig machtloser Herr über die deutschen Lande, hat dabei die geringsten finanziellen Ressourcen. Analog zum eigentlichen Kapital betrachtet er seine Städte als kapitalisierbar und verpfändet sie, wie 1376 Donauwörth an die bayrischen Herzöge für 60 000 Gulden, was mit zur Entstehung des Schwäbischen Städtebundes beiträgt. Feuchtwangen geht für 5000 Gulden an den Burggrafen von Nürnberg, Weil für 40 000  Gulden an Graf Eberhard von Württemberg.

Das deutsche Wahlkönigtum lässt sich als ein frühes Beispiel politischer Korruption beschreiben. Das beginnt bei den immer immenser werdenden Bestechungsgeldern für die Kurfürsten bei der Königswahl und führt dann zu den Bestechungsgeldern für die vorzeitige Kür des Königssohnes, wie Wenzels unter der Herrschaft Karls IV., was zum Beispiel zur Verpfändung von Donauwörth führt. 

Die Tatsache, dass sich Städte und ländliche Gebiete quasi kapitalisieren lassen, befördert die Hausmachtpolitik der Könige. Eroberung und Ausbau von Hausmacht kosten aber wiederum viel Geld, welches nicht zuletzt geliehen werden muss als Vorschuss auf neue Einnahmen.

Rechte vergeben Könige spätestens seit dem 12. Jahrhundert nur gegen klingende Münze, sie werden verkauft. 1276 schon müssen sich die Augsburger kleine Fortschritte städtischer Freiheit von Rudolf von Habsburg durch Erlass der königlichen Schulden erkaufen.

 

Der oben erwähnte Karl IV. aus dem Hause Luxemburg kauft den Wttelsbachern 1373 für eine halbe Million Gulden die Mark Brandenburg ab. Alleine die schwäbischen Reichsstädte sollen dafür 140 000 Gulden aufbringen. Die entstehenden Landesherren verhalten sich im Kern nicht anders.

Die Möglichkeit der Kapitalisierung von produktiv und distributiv wirtschaftlich tätigen Untertanen wird den Kredit der Mächtigen ausbauen und damit bis heute das System der Staatsverschuldung, der Staatsschuld verewigen. Seitdem werden die Untertanen als Kredit schaffendes Kapital der Staaten behandelt. Ihre Zahl um jeden Preis zu steigern ist darum eines der Staatsziele.

 

 

Obrigkeit und Untertänigkeit

 

Originäre Untertänigkeit ist im Mittelalter die des ländlichen Produzenten gegenüber seinem Herrn. Sie bedeutet nicht völlige formale Rechtlosigkeit, aber tatsächliche Wehrlosigkeit gegenüber der Willkür des Herrn, sofern nicht eine über diesem stehende Herren-Instanz ihn in seine Schranken weist. Erst mit der Entwicklung des Kapitalismus eröffnen sich für diese ländliche Bevölkerung Rechtswege zur Eindämmung der herrschaftlichen Willkür, relativ früh in England und im Umfeld derjenigen Städte wie in Norditalien, die rechtliche Kontrolle über ihr Umland bekommen und dies in ihren verbürgerlichenden Rechtsraum einbeziehen.

 

 

Während Gefolgschaft, Lehnswesen und Vasallität im Kern auf Gegenseitigkeit beruhen, ist der spätmittelalterliche Weg der Einordnung in Oben und Unten, Obrigkeit und Untertänigkeit der einer klarer Unterordnung. Um 1000 taucht nach dem lateinischen ordo das althochdeutsche Wort ordinunga auf, welches im Mittelhochdeutschen dann zu ordenunge wird und eine weitere Bedeutung erhält. Im Raum der Machtstrukturen werden die (späteren) Bedeutungen von Anordnung, Unter- und Überordnung wichtig. Aus ihnen entsteht der dann nachmittelalterliche Staat, wie er in Städten bereits im späten Mittelalter vorgezeichnet ist.

Es geht um Strukturen von Befehl und Gehorsam, wie sie in der mittelalterlichen Familie, der darüber hinausgehenden familia mit ihrem Verhältnis von Freien zu Unfreien und in dem Verhältnis der einem Amt untergeordneten Person zu diesem Amt zu finden sind. Für die Familie formuliert das Herzog Ernst von Bayern zum Beispiel 1435 in einem Brief an seinen Sohn Albrecht: So sein wir eu auch von gottlicher gesaze und vaterlichen treuen wegen schuldig, das wir eur wirde, nuz und fromen stäticlich betrachten und bewaren, das wir auch als ein getreuer vatter gern tun wellen, und darinn gen eur lieb gar nichtz sparen; so seit ir uns von sönlicher undertenikeit wegen schuldig, in allen sachen gevolgig und gehorsam ze sein. (in: Spieß2, S.38)

Es handelt sich um ein (klassisches) Patriarchat von Gottes Gnaden, in dem absoluter Gehorsam mit Fürsorge belohnt wird. Dieses Prinzip wird in den Städten als Wohlfahrtssystem eingeführt, wobei dieses den Menschen nur sehr abgestuft und nach Einkommen zugute kommt, und wird dann auch für die Fürstentümer in Fürstenspiegeln und "politischen" Texten vorformuliert, ohne aber als Gemeinwohlgedanke bereits praktischen Eingang zu finden. Da auch das spätmittelalterliche Fürstentum in deutschen Landen auf den "Privat"interessen der Dynastie beruht, begründen diese das fürstliche Handeln im wesentlichen. 

 

Am französischen, burgundischen und einigen italienischen Höfen wie dem der Mailänder Sforza wird extreme Untertänigkeit im höfischen Zeremoniell besonders ausgebildet. Sforza schritten unter einem Baldachin wie chinesische Despoten. "In Burgund wurde vor dem Herrscher gekniet und die von ihm berührten Gegenstände mussten geküsst werden." (Spieß2, S.129) Die Tischdiener müssen sogar die Serviette und die Vorschneidemesser des Herrn küssen (s.o. S.131). Die deutschen Höfe hinken auch hier hinterher.

Philippe de Commynes berichtet (die Leute des Herzogs von Burgund sagten), die Deutschen seien schmutzug, würfen ihre Stiefel auf die schön bereiteten Betten und und hätten keinen Anstand wie wir, und so achteten sie sich weniger als vor ihrer Bekanntschaft. Die Deutschen dagegen missbilligten wie neidische Leute den großen Prunk. (in Spieß2, S.131)

 

Je weiter das höfische Zeremoniell ausgebildet wird, desto mehr setzt sich der Fürst (oder König) von seinen Hofleuten ab, wird gegenüber den restlichen Untertanen überhöht und seine Herrschaft nimmt despotische Züge an. Dieses despotische Regiment wird im späten Mittelalter besonders in den Fürstentümern der norditalienischen Stadtstaaten ausgebildet, die sich zum Teil bereits als offene Tyrannen gebärden.

 

 

Bürgerliche Obrigkeitsvorstellungen scheinen vor allem auf zwei Fundamenten zu ruhen. Das eine beinhaltet die Gewährleistung von Kapitalbewegung, ein Regelwerk, welches dessen Interessen Vorrang gibt. Darum sind Marktrecht und Kaufmannsrecht Vorstufen für Stadtrecht. Das zweite Fundament sind kleinbürgerliche Ordnungsvorstellungen, die auf die Auflösungstendenzen durch den Kapitalismus reagieren. Diese haben mit der Massierung von Menschen in Städten zu tun, mit Proletarisierung, Verelendung und Marginalisierung von immer mehr Menschen. Dies wird offenbar als Bedrohungspotential erlebt und gesehen, und die vielfältigen Regulierungsmaßnahmen dienen der Gegenwehr.

 

 

Rechtlose Räume auch für die bäuerliche und selbst die kleinstädtische Unterschicht entstehen überall in Gebieten und Perioden extremer Gewalttätigkeit, bei Fehden und in Kriegen. In der Spätphase des Hundertjährigen Krieges mit einem englischen König in Paris und einem französischen in Bourges, die beide wenig Zugriff auf große Teile Frankreichs haben, scheint schiere Angst bei den unteren Schichten um sich gegriffen zu haben, wie das Beispiel Gilles de Rais zeigt, der womöglich vierzehn Jahre lang ungehindert durch seine Entourage vorwiegend männliche Kinder und Jugendliche aus Dörfern, Klein- und Vorstädten auf seine Burgen/Schlösser entführen lassen kann, um sie dort sexuell zu missbrauchen und dabei grausam zu foltern und zu töten (siehe Großkapitel...). Zwar handelt es sich zum Teil um verwaiste Kinder, Bettler oder zumindest Nachwuchs von unterem Kleinbürgertum, aber Eltern, Verwandte und Bekannte trauen sich erst im Vorfeld des von Kirche und weltlicher Gewalt eingeleiteten Prozesses, öffentliche Aussagen dazu zu machen.

 

 Das Land in den deutschen Landen

 

Von den frühesten Zivilisationen über die Antike bis durchs lange Mittelalter zieht sich eine Geschichte von Unterdrückung und Entrechtung der Produzenten, insbesondere derer auf dem Lande. Sie ist ein Kennzeichen aller Zivilisationen, nimmt aber durch den Aufstieg des Kapitalismus im lateinischen (und zunehmend volkssprachlichen) Abendland besondere Formen an.

 

Technische Neuerungen gibt es in der Landwirtschaft des 14./15. Jahrhunderts kaum, aber frühere setzen sich nun stärker durch. So verändert sich die Getreideernte durch die sich nun durchsetzende Sense, was zu ergiebigerem Stroh führt, welches für die Stallungen eingesetzt wird.

 

Die Grundherren haben längst die Masse ihres Landes in immer längerer Zeitpacht ausgegeben, die ihnen Geldeinnahmen bieten, mit denen sie selbst Lebensnotwendiges nicht mehr direkt von ihrem Grund und Boden beziehen, sondern via Geldeinnahmen auf dem städtischen Markt.

Nicht die Grundherrschaft schwindet dabei, sondern ihre seit der Nachantike entwickelte Form. Die Ablösung der Dienste fördert die Konzentration der Bauern auf ihre Eigenwirtschaft, nötigt sie aber zum Verkauf ihrer Überschüsse auf dem Markt gegen Geld, welches zum guten Teil dann an den Grundherrn geht. Die Abhängigkeit vom Markt ist nun aber zugleich Konjunktur-Abhängigkeit.

 

Für niederen Adel mit kleinen Grundherrschaften vermindern sich die Einnahmen durch sinkende Getreidepreise und Renteneinnahmen.Im 14. Jahrhundert sollen sich die Einnahmen der Ritterschaft der Ortenau zum Beispiel halbiert haben (Rösener, S.263). Einige Adelige übernehmen Funktionen in der wachsenden Landesherrschaft, andere werden Söldner, manche werden einfach zu Raubrittern.

"Aus den Jahren 1364/65 liegt ein Bericht des Drosten von Meppen vor, worin von einem Raubzug des Grafen Otto von Tecklenburg die Rede ist. Der Tecklenburger raubte z.B. aus Dahlem 24 Kühe und 1005 Schafe, aus Haselünne92 Kühe und 80 Pferde und aus Holte 111 Kühe, 50 Schweine, 15 Pferde und sonstige Wertsachen in beträchtlicher Höhe; dabei wurden in Holte auch zwei Bauern erschlagen. Fehdeführung und Plündern war außer bei größeren Herren wie den Grafen von Tecklenburg vor allem bei den kleinadeligen Gruppen weitverbreitet. 1395 wurde der Schlichtungshof in Garen, ein Gut des Klosters Gertrudenberg, von solchen Raubrittern heimgesucht; trotz der über sie verhängten Strafen kamen sie noch ein zweites Mal und nahmen etliche Schweine, Pferde und Ochsen mit." (Rösener, S.265)

 

Neben dem Rauben bleiben vor allem zwei Möglichkeiten: Man kann versuchen, die Abgaben zu erhöhen bzw. neue zu erfinden, mit dem möglichen Nachteil, dass die Bauern dann abwandern, oder man kann dann das genaue Gegenteil tun, um neue Bauern anzulocken. Je nach Zeit und Gegend wird mal mehr das eine oder das andere versucht.

 

Durch die steigende Bedeutung des Marktes und der Warenproduktion kommt es im späten (kurzen) Mittelalter zu einer massiven Differenzierung auf dem Lande: Einige wohlhabende Bauern setzen sich ab vom Rest und schaffen es manchmal, den ärmeren Teil des ländlichen Adels an Wohlstand und Konsumniveau zu übertreffen, ohne dessen Standesvorteile zu erreichen. Entsprechend werden die Kleiderverordnungen, die im hohen Mittelalter einsetzen, weiter fortgesetzt, was deren geringe Wirksamkeit bezeugt.

Im Lindauer Reichsabschied von 1497 heißt es, dass der gemain Pawersmann und arbaitend Leut in Stetten oder auf dem Land kain Tuch anmachen oder tragen sollen, des die Ele über ainen halben gulden kostet; auch sollen sie kainerley Gold, Perlen, Samat, Seiden noch gestückelt claider tragen, noch ihren Weibern noch Kindern zu tragen gestatten. (in: Rösener, S.104)

Solche Bestimmungen wie auch die Predigten von Bußpredigern wie Geiler von Kaysersberg über bäuerlichen Kleiderluxus und Verschwendungssucht betreffen natürlich vor allem eine inzwischen etablierte bäuerliche Oberschicht und übertreiben manchmal auch etwas. So schreibt der ebenfalls elsässische Prediger und Humanist Jakob Wimpfeling einige Zeit vor 1500:

Durch Reichtum sind die Bauern in unserer Gegend und in manchen Theilen Deutschlands üppig und übermütig geworden. Ich kenne Bauern, die bei der Hochzeit von Söhnen oder Töchtern so viel Aufwand machen, dass man dafür ein Haus und ein Ackergütchen nebst einem kleinen Weinberg kaufen könnte. Sie sind in ihrem Reichtum oft wahrhaft verschwenderisch in Nahrung und Kleidung und trinken kostbare Weine. (in: Rösener, S.106)

 

Ein Großteil der Bauern gerät unter den Einfluss städtischer oder ländlicher Obrigkeit, wobei die Subsistenzproduktion immer noch eine große Rolle spielt. Darunter ist ländliche Armut entstanden, die neben unzureichender oder fehlender eigener Landwirtschaft immer mehr in Lohnarbeit gerät, wo sie nicht in die Städte abwandert.

 

Die Nahrungsproduktion bleibt weiterhin von der Witterung abhängig, und lange kalte Winter, verregnete oder von längerer Dürre betroffene Sommer und andere Plagen sowie Kriege führen weiter zu Hungersnöten, die dann oft Stadt und Land betreffen. Eine von 1438 betrifft gleichzeitig England, Frankreich und die deutschen Lande, von wo eine Thüringische Chronik berichtet:

In diesem 1438ten Jahr war große Teuerung in Thüringen und andern Landen, also dass die Leute Hungers starben und in Dörfern, Flecken und Straßen tot niederfielen und lange Zeit unbegraben lagen (...) Und dieweil die Leute also tot lange Zeit hin und wider unbegraben lagen, so ward die Luft davon vergiftet und entstand auf solche Teuerung daraus ein ganz geschwinde Pestilenz und ein grausam Sterben und starben noch viel mehr Leute daran denn vormals aus Hungersnot gestorben, also dass manch Dorf, ja auch viel Städtlein gar ausstarben und darinnen kein Mensch zu finden war. (in: Rösener, S.118)

 

 

Einen Sonderfall des deutschen Spätmittelalters stellt die Entstehung der ostelbischen Gutsherrschaft dar. Hier kann der Ritteradel die Schwäche der Territorialherren ausnutzen und seine Rechte als Gerichtsherr erweitern, "mit deren Hilfe er die bäuerliche Freizügigkeit faktisch aufheben und die Frondienste bei Bedarf erheblich ausdehnen konnte. (...) Die territoriale Geschlossenheit der sich herausbildenden Gutsherrschaft war insbesondere mit einer Verstärkung der personalen Bindungen verbunden: Der Gutsherr war zugleich Grundherr, Gerichtsherr, Leibherr und häufig auch unterste Instanz der landesherrlichen Verwaltung." (Rösener, S.271)

 

Herren haben alle, Bürger wie Bauern, und manchmal gestaffelt in verschiedene Stufen von Obrigkeit: Ganz oben der schwache König, darunter immer stärkere Fürsten und in den sich stärker emanzipierenden Städten eine besonders drückende Obrigkeit des mächtiger werdenden Patriziats. So wie Handwerker im späten Mittelalter versuchen, an der Macht in der Stadt teilzuhaben, so versuchen auch Bauern, vor allem unter der Führung der Wohlhabenderen, sporadisch ihren rechtlichen Spielraum zu erweitern.

Von den Bauern am Gestade, den Stedingern, bis zu den Revolten des 14. Jahrhunderts werden die Bauern dabei zerrieben zwischen der Tatsache, dass ihr Revoltieren seine Ursache in den Rahmenbedingungen hat, die der Kapitalismus geschaffen hatte, und der Tatsache, dass sie letztlich diese Rahmenbedingungen sprengen wollen, was am deutlichsten in dem englischen Bauernaufstand von 1381 wird.

Das heißt, die vagen Vorstellungen von Freiheit und Rechten, nicht selten christlich geprägt, reichen nicht zu einem umsetzbaren Programm. Geprägt von zahllosen Generationen der Unterwerfung und Unterdrückung schaffen sie keine konzeptionelle Perspektive mehr. Am Ende wird der späte Kapitalismus mit der Industrialisierung der Landwirtschaft und der einhergehenden Kapitalkonzentration auf dem Lande die bäuerliche Landwirtschaft im zwanzigsten Jahrhundert zerstören, so wie fast parallel dazu das produktive Handwerk verschwindet.

 

***Hans Behem und Niklashausen***

 

1476 wird der in der Nähe von Würzburg geborene, vielleicht 16 bis 18 Jahre alte Viehhirte Hans Behem (Böhm) von Marienerscheinungen bewegt, die wohl auf den Einfluss eines Wanderpredigers, jedenfalls eines Geistlichen zurückgehen.

Im Frühjahr 1476 ruft er die Menschen zu einer Wallfahrt zu einem Marien-Kirchlein nach Niklashausen im Taubertal auf.

Den Wallfahrern verspricht er im Namen der Jungfrau Maria vollkommenen Ablass von ihren Sünden, wenn sie nur Buße tun.

Als sichtbares Zeichen dazu fordert er Schmuck, seidene Schnüre, Brusttücher, spitzige Schuhe und sonstigen Tand als Opfergaben. Ein großer Teil der Opfergaben, wie Kleidungsstücke, Zöpfe, Haarnetze, Musikinstrumente, Spielzeug etc. werden öffentlich auf einen Scheiterhaufen geworfen und verbrannt. Danach predigt er den Wallfahrern eine Art Himmelreich auf Erden: Die Habgier von Fürsten, Adel und der hohen Geistlichkeit samt aller Eitelkeit werde bald von Gott beseitigt werden. Standesunterschiede, Abgaben und Frondienste sollten abgeschafft werden. Privatbesitz an Feldern, Wiesen, Weiden, Wäldern und Gewässern sollen in Gemeinbesitz (Allmende) verwandelt werden. Jeder solle seinen Lebensunterhalt mit eigner Hände Arbeit verdienen und brüderlich mit den Bedürftigen teilen.

 

Seine Predigten werden von immer mehr Zuhörern begeistert aufgenommen, die ihn schnell als „Heiligen Jüngling“ und „Propheten“ zu verehren beginnen. Im kurzen Zeitraum von drei Monaten soll er mehr als 70.000 Anhänger gewonnen haben. Bei Niklashausen entsteht im Juni 1476 ein riesiges Feldlager, welches  rund 40.000 Menschen beherbergt haben soll, vor allem Bauern, aber auch einige Bürger und niedrige Adelige.

 

Die kirchliche und weltliche Obrigkeit, vor allem der Fürstbischof von Würzburg, Rudolf II. von Scherenberg, verfolgt die entstehende Massenbewegung mit zunehmender Sorge, vor allem wohl mit Angst vor einem allgemeinen Bauernaufstand, aber auch vor sinkendem kirchlichem Einfluss. Er schickt Geistliche zu Hans Behem, der aber offenbar aufrichtig an seine Mission glaubt und in diesem Sinne gut argumentieren kann, wobei ihm ein Mönch bei theologischen Problemen unterstützt.

Vom Fürstbischof beauftragte Kundschafter schreiben auf, was der schlichte Mensch so predigt: die priester sagen, ich sy eyn ketzer und wollen mich verbrennen. Wusten sy waß ean ketzer were, sie erkenntten, daß sie ketzer weren und ich keyner. Verbrennen sy mich aber, wee inen. (...) Welchs mensch den Tauberthall begryfft, der erlange auch all volkommelich gnade; und wan er sterbe, so fare er von mond uff zu hymmel. (in: SchubertAlltag, S.270)

 

Darauf befiehlt der Fürstbischof, Hans Behem heimlich nach Würzburg zu entführen und einzusperren. Darauf marschieren ein Großteil der Wallfahrer  nach Würzburg. Sie werden mit Lügen zum Abzug bewegt und dabei wird dann auf sie geschossen. Einige werden verfolgt und getötet.

 

Dem Laienprediger werden der Vorwurf der Ketzerei und des Aufrufs zum Aufruhr gemacht. Im Verhör stellt er sich als naiver Analphabet heraus. Man meint aber zu erkennen, dass er unter den Einfluss von Gedanken des von der römischen Kirche bestellten (anerkannten) Wanderpredigers Johannes Capistranus geraten sei, worauf man einen ausführlicheren Prozess vermeidet.

 

Hans wird nun also im Schnellverfahren als Ketzer zum Tode verurteilt und am 19. Juli 1476 in Würzburg auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Darauf werden dann Propagandalügen des Würzburger Fürstbischofs über ihn unters Volk gebracht.

Weil die Wallfahrt nach Niklashausen weitergeht, wird die Marienkapelle dort nach einiger Zeit auf  Betreiben des Mainzer Erzbischofs abgerissen.

(Wikipedia / Klaus Arnold, Niklashausen (1980))

 

 

Das Land in England am Ausgang des Mittelalters

 

Je größer die estates, desto mehr ziehen sich die großen Lords aus der Beschäftigung mit ihrer Landbewirtschaftung zurück, die nun von Großbauern und einem Typ von Agrarunternehmern vorangetrieben wird. Bis um 1500 verschwindet die feudal abhängige Bauernschaft fast völlig, sei es, dass sie dem Herrn davonläuft, sei es, dass ihre Dienste und Abgaben im Ereignisfall durch Geldzahlungen (Renten) abgelöst sind. Lohnarbeit in der Landwirtschaft nimmt dadurch deutlich zu.

Rösener fasst das so zusammen: "Der Leibeigenenstatus der Bauernstellen wurde in der Regel zu einer Erbzinsleihe, der copyhold tenure, gemildert. Im Umfeld dieser günstigen Besitzrechtsentwicklung war das Zinslehen kaum noch von freiem Landbesitz zu unterscheiden. Die englischen Feudalrenten waren relativ niedrig, und die Mittel der Grundherren, die Freizügigkeit der Bauern zu kontrollieren oder gar einzuschränken, waren in der Alltagspraxis so begrenzt, dass im ausgehenden 15. Jahrhundert die meisten feudalen Beschränkungen fast ganz verschwunden waren." (Rösener, S.270)

 

Für große Teile des Adels ist Landwirtschaft im späten Mittelalter ein Geschäftszweig fast wie andere auch. Die feudalen Dienste abhängiger Bauern schwinden, die Domänen werden oft verpachtet, "ausgefarmt". Die Domänen der Canterbury Abbey werden um 1390 komplett verpachtet, und die des Erzbischofs zu fast zwei Dritteln. Damit gewinnen die Herren einen fixen jährlichen Betrag, um dessen Einbringen sich der "Farmer" nun kümmern muss. Selbst der Erhalt von Gebäuden wird oft auf ihn übertragen. Klöster eignen sich Pfarreien mit deren Einnahmen an und ersetzen die rectors durch billigere vicars.

Diese Pachten summieren sich mit den "Renten", die die übrigen tenants zahlen. Die Bevölkerungsverluste des 14. Jahrhunderts helfen, den Umfang ihres Landes zu vergrößern, die smallholders steigen etwas auf und die (fast) landlose Landarbeit geht stark zurück. Die realen Renten der Landhalter sinken tendenziell und die Herren müssen feststellen, dass ihre Einnahmen aus der Landwirtschaft etwas sinken.

Barone lassen nun einen Teil ihrer manor-houses verfallen und konzentrieren ihr Wohnen auf einen oder wenige Burgen, die dadurch zu palastartigen Residenzen werden.

In der Konsequenz geht der Adel vom Ackerbau stärker zur Viehzucht über, die weniger arbeitsintensiv ist.

 

 

Der niedere Adel prägt das Land mit konsolidierten bzw. vergrößerten Gütern. Im 15. Jahrhundert muss ein "Ritter" ein vom Land stammendes Einkommen von wenigstens 40 Pfund haben, ein Esquire von 20, ein Gentleman von 10 Pfund. Sie haben herrschaftliche Häuser im Unterschied zu Bauern, ihr Status wird an der Zahl ihrer Dienerschaft sichtbar und an ihrem Anteil an der Lokal-Verwaltung der sich ausbauenden Staatlichkeit.

 

Wie der höhere Adel tendiert auch die Gentry dazu, ihre Domänen zu verpachten und stattdessen selbst dem Hochadel als Verwalter zu dienen, oder aber bei Gelegenheit zur Armee zu gehen und vor allem in den juristischen Professionen zu arbeiten. Das Recht als Herrschaftsmittel der Mächtigen gewinnt immer mehr an Bedeutung.

 

Wie der hohe Adel stellt Gentry von Ackerbau auf Viehzucht um, wobei manche Schafherden sich an Kopfzahl in wenigen Jahrzehnten verdoppeln. Eigenes Land und manchmal auch wiederrechtlich Gemeinschaftsland wird durch das ganze 15. Jahrhundert und bis ins 16. eingezäunt und in Weideland konvertiert, Land der tenants wird zum selben Zweck aufgekauft. Auf diesem Wege verschwinden manchmal ganze Weiler.

Solche Gentry sind ländliche Geschäftsleute, die auch in Eisenwerke, Ziegeleien, Glasproduktion , Brauereien, Steinbrüche und vieles anderes investieren

 

Anders als Gentry sind die farmer, die ganze Domänen pachten oder Grangien der Zisterzienser, kein Adel. Da sie nur feste Beträge an die Herren abliefern, können sie zunehmend selbst entscheiden, wie sie sie erwirtschaften udn es wie ihr eigenes Land behandeln. Ähnlich wie der noch direkt Land bewirtschaftende Hochadel und die Gentry stellen sie ebenfalls einen Gutteil des Ackerlandes auf Viehzucht um, vor allem auf Schafe, aber auch auf Rinderzucht. Es beginnt eine Entwicklung, die die Ernährung wohlhabenderer Engländer von Gemüse und Getreide auf Fleisch (beef) umstellt, eine Entwicklung, die der Kochkunst wenig zuträglich sein wird.

 

Kapitalkräftige bürgerliche Chefs von Wollverarbeitern, Kleiderproduzenten, Schlachtereien und anderen, die landwirtschaftliche Produkte als Rohstoffe brauchen, beginnen, Domänen aufzukaufen und werden zu sogenannten "Gentlemen Farmern".

 

Die eigentliche Bauernschaft nimmt nicht nur durch die Unglücksfälle des 14. Jahrhunderts ab, sie wird zum Teil geradezu durch Schaf und Ochsen vom Land vertrieben. Nachdem die Entwicklung schon weit gediehen ist, wird Thomas More (Morus) 1516 schreiben, dass das einst sanfte Schaf zu einem Menschenfresser geworden sei. Ein Jahr später wird die Regierung unter Kardinal Wolsey eine Untersuchungskomission einsetzen, die das allgemeine Niederreißen von Häusern und die Verwandlung von Ackerland in Weiden untersuchen soll - natürlich mit geringen Konsequenzen. Tatsächlich besagen Schätzungen, dass zwischen 1320 und 1520 eine halbe Million Häuser auf dem Lande verlassen werden.

 

Die übriggebliebenen Dörfer des späten Mittelalters entwickeln sich zu Dorfgemeinschaften. Ab 1334 sind diese gemeinsam verantwortlich für das Einsammeln der Steuern, und daneben entwickelt sich die Einrichtung einer poor box für die Armen.

Viel Dorfleben kreist auch um die Dorfkirche. Churchwardens werden gewählt, die Gelder für den Erhalt der Kirche einsammeln. Immer häufiger wird neben der Kirche eine kleine Gemeindehalle gebaut, wo man sich treffen kann und wo sogenannte church ales stattfinden, Feste, bei denen der Gewinn aus ausgeschenktem Ale und Essen in den Erhalt der Kirche geht, - etwas ähnliches wie Kirchweihfeste in deutschen Landen.

 

Generell lässt sich sagen, dass der "Lebensstandard" der meisten Bauern im 15. Jahrhundert zugenommen hat. Sie verkaufen mehr Überschüsse auf dem Markt und erwerben dafür mehr Kleidungsstücke, mehr Einrichtungsgegenstände und mehr häusliche Gerätschaften. Das gilt vor allem für die bäuerliche Oberschicht der yeomen, die oft über 80 acres und mehr verfügen, aber auch noch für die husbandmen darunter, aber natürlich nicht für die Schicht der labourers, die bei wenigen acres Land weiter auf Lohnarbeit angewiesen sind, um zu überleben. Der Bedarf an ihnen nimmt durch die ausgeweitete Viehzucht deutlich ab.