ZWEITES AUFBLÜHEN DES KAPITALISMUS: 1360-1520 (in Arbeit)

 

Staaten

Obrigkeit und Untertänigkeit

Das Land in den deutschen Landen

Das Land in England am Ausgang des Mittelalters

 

 

Staaten

 

Staat ist ein außerordentlich unklarer Begriff. Das beginnt damit, das stato oder état im Mittelalter eine Bedeutung hat, die heute nur noch als Randbedeutung auftaucht. Man kann es sich einfach machen, und allen Zivilisationen Staatlichkeit unterschieben. Hier soll Staat für das lateinische Abendland in Übereinstimmung mit den meisten Historikern als ein territorial bestimmter Machtapparat definiert werden, in dem die Macht nicht mehr nur an bestimmten Personen, sondern unabhängig davon an Ämtern hängt, die Obrigkeit darstellen.

Wenn man nach Exaktheit strebt, bleibt diese Definition höchst unbefriedigend, und dies nicht zuletzt aus zwei Gründen: Bis ins 18./19. und zum Teil bis ins 20. Jahrhundert sind es Dynastien, die meist an der Spitze der Staaten stehen, und noch gravierender: Staatlichkeit wird im Mittelalter vor allem in Städten und von ihnen aus ausgebildet, wobei sich vor allem Städte in der Nordhälfte Italiens hervortun. In deutschen Landen bleibt sie weithin auf Städte beschränkt. Städte sind aber nicht souverän, wie man es von Staaten erwartet, sie haben einen Herrn über sich. Wo sie wie Städte in der Nordhälfte Italiens mit ihren Territorien ein gutes Stück weit in Richtung auf Souveränität vordringen, werden sie zur Beute von Despoten und damit von Familien und in der Neuzeit zur Beute fremder Mächte.

 

Das Wort Staatlichkeit soll nahelegen, dass sich Elemente eines Staates herausbilden, ohne dass im Vollbild von einem Staat gesprochen werden kann. Andere Elemente fehlen eben. Dabei ist die Entwicklung hin zu Staaten im späten Mittelalter ständig im Fluss, und sie schreitet in verschiedenen Teilen Europas sehr unterschiedlich voran. Früheste Ansätze zeigt das Königreich beider Sizilien unter den letzten Staufern, der Machtapparat der Päpste und der der französischen Könige, auf andere Weise der der englischen Potentaten und der von Aragon/Katalonien.

Wie alle Zivilisationen beruhen auch die entstehenden neuen Staaten von Anfang an auf sich selbst mehr oder weniger legalisierender Gewalttätigkeit und dann in ruhigeren Perioden auf andauernder Androhung von Gewalt, also auf Angst, die durch Identifikation mit der Macht abzuwehren ist. Nirgendwo wird das deutlicher als in der extremen Brutalität, mit der die französische Krone zwischen der Annektierung Okzitaniens samt terroristischer Ausrottung der Katharer und der ebenso brutalen Vernichtung des Templerordens, der jüdischen Bevölkerung und der Vertreibung der Lombarden vorgeht.

Anstatt sich mit der Ambivalenz von Ordnung und Unterordnung, die alle Zivilisationen begleitet, kritisch auseinanderzusetzen, werden Historiker sich bis heute mit der Macht identifizieren, diese sogar feiern, und Untertänigkeit, die in neuzeitlichen Staaten dann immer weiter zunimmt, als ein Naturphänomen ansehen. In den Apparat der Macht eingegliedert und von ihm finanziert, werden sie im 19. Jahrhundert vorsichtig Aspekte von Wissenschaftlichkeit mit solchen unreflektierter Propaganda verbinden, aber immer das propagandistische Element in den Vordergrund schieben.

 

Während Kaiserreich und Papststaat in einen über"nationalen" Rahmen eingebunden sind, entwickelt sich Staatlichkeit in Frankreich und England im späten Mittelalter wie auch in Teilen Ost-Mitteleuropas in Richtung auf das, was wir seit einiger Zeit als Nationalstaaten bezeichnen, eine spezifisch europäische Entwicklung. Gemeint ist, dass sich Herrscherfamilien in Jahrhunderten ihr eigenes Volk neuen Typs formen, in England schon unter angelsächsischen Königen und dann erneut seit dem 12. Jahrhundert, in Frankreich unter den Kapetingern. Dieses neuartige Volk ist der Verbund aller Untertanen, durch Gewalt, durch Heirat, durch Verträge zusammen gesammelt und nach und nach durch eine gemeinsame Sprache vereint. Die in der Regel willigen Untertanen nehmen auf die Dauer, der Macht und Gewalt gehorchend, diese neue Identität an und werden so zum Beispiel zu Franzosen.

Volksbildung kann aber auch von unten ausgehen, wie im Gemeinschaftsgefühl, welches sich in der Nordhälfte Italiens seit dem hohen Mittelalter ausbildet, oder verstärkt im späten Mittelalter unter Deutschen. Sie kann aber auch scheitern, wie es in der Neuzeit zur Gänze mit den Deutschen geschehen wird, oder wie sich in der ethnischen Zersplitterung Spaniens gelegentlich andeutet.

Tatsächlich ist es demagogische Gewalt, die aus Zivilisationen völkisch bestimmte Nationalstaaten hervorbringt und genauso demagogisch bestimmte Gewalt, die es schafft, im 19. und 20. Jahrhundert Deutschland immer wieder neu zu bestimmen, bis es im Biologismus der Nationalsozialisten untergeht und dann als schiere Agentur des globalisierten Kapitals auf nur noch sehr kleinem Raum sich auf den Weg macht, zu einem nicht mehr ethnisch bestimmten Vielvölkergebilde zu werden, dessen einziger Orientierungspol noch Kapitalverwertung ist, wie übrigens auch in den übrigen Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg dem Machtbereich der USA zugeschlagen werden.

 

Elemente von Staatlichkeit im späten Mittelalter sind die Konzentration der legalen Gewalt auf die Herrscher der neuartigen Reiche, die Konzentration von Einnahmen auf sie und damit die Monopolisierung militärischer Mittel, die Vereinheitlichung einer nach oben auf die Herrscher zielenden Justiz und die Einrichtung einer Verwaltung der sich verallgemeinernden Untertänigkeit. Dabei werden Lehensbindungen soweit genutzt, wie sie staatlicher Machtentfaltung nützlich sind, ansonsten aber durch das Instrument des Amtes ersetzt, wie es als erste die Normannen in beiden Sizilien vorgemacht hatten.

Wie es schon Kaiser Friedrich II. begann, wird der Herrscher nun immer intensiver sakralisiert, Religion also stärker als zuvor für Machtausübung instrumentalisiert und Kirche wo möglich tendenziell immer mehr in den Machtapparat eingebunden, was die französischen Herrscher mustergültig betreiben.

 

Konzentration, also Zentralisierung ist das wichtige Wort, und damit setzt sich ein zentraler Ort durch, der oft Residenz und Hauptstadt zugleich ist, wie Paris oder London. Hier werden die Aktenberge der immer mehr verschriftlichenden Verwaltung aufbewahrt, der Staatsschatz, und hier leben die anwachsenden Scharen zentraler "Beamten"schaft. Auf die Hauptstadt laufen die Wege zu, die ihre schnell zunehmende Bevölkerung versorgen, und dort bewegen sich die Leute hin, die an Macht und Einfluss partizipieren wollen.

 

Eine solche Hauptstadt im Vollbild wird Paris nach 1350 unter Karl V. und Karl VI. mit dem Ausbau des Louvre als königlichem Palast, mit den Palästen der regionalen Fürsten, der kirchlichen Potentaten und den Firmen-Dependancen.

 

(ff)

 

 

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England liefert neben italienischen Stadtstaaten wie Venedig die besten frühen Beispiele für den Einsatz von Handelspolitik für die allgemeine Machtpolitik. Das belegt das politische Manipulieren der Wollausfuhren zum Beispiel mit Abgabenaufschlägen gegenüber insbesondere Flandern wie das Monopolgehabe Venedigs seit dem 11. Jahrhundert.

 

Im späten Mittelalter dominiert Handelsinteresse über politischem, denn Politik ist inzwischen zur Gänze vom Kapital abhängig. Dabei verändern die Kriege ihren Charakter, sie verlieren immer mehr den Aspekt persönlicher größerer und kleinerer Fehden und gewinnen den wirtschaftlicher Zielsetzungen. Dabei gewinnt zunächst die Konkurrenz konzentrierter Kapitalien im Mittelmeerraum am Gewicht. Aus allgegenwärtigem Fehdewesen wird der in kurzen Abständen auftretende auf Expansion gerichtete Krieg mit zunehmend patriotischen Untertönen. Je mehr Regionen nach innen befriedet, also in zunehmende Untertänigkeit gezwungen werden, desto grausamer wird der Krieg nach außen, zunehmend professionalisierter und brutaler. Kaum eine Generation wird bis 1945 von ihm verschont werden und in den Geschichtsbüchern wird das pervertierte Raubtier Mensch gefeiert werden: Nicht die großen Verbrecher an der Spitze der Staaten, die periodisch wiederkehrend das große Grauen über die Menschen bringen, werden verurteilt werden, sondern die kleinen, relativ harmlosen alltäglichen, und dem entspricht das Bewusstsein der meisten Untertanen, die durch Propaganda und Druck, ererbte oder anerzogene Beschränktheit mitmachen und immer wieder auf die hohen Herren hereinfallen.

 

Auch im Inneren wird "Politik" immer stärker von wirtschaftlichen Gesichtspunkten geleitet. Insgesamt liefert noch im 14. Jahrhundert der englische Wollexport wesentliche Einnahmen für die Krone, weswegen die Kommerzialisierung seiner Abschöpfung durch Zölle schon mit den Riccardi und Frescobaldi einsetzte. Bis 1340 operieren für die Krone noch die Bardi und Perzii aus Florenz, die nicht zuletzt deshalb dann faillieren, weil die Krone am Ende ihre Schulden nicht mehr bedienen kann.  1337 setzt der König ein Konsortium heimischer Wollkaufleute ein, die ihm 200 000 Pfund vorab leihen und dafür ein Monopol auf den Wollexport vor allem erhalten. Damit beginnt jene Bildung größerer Firmen sich auch in England durchzusetzen, die es in Italien schon seit Jahrhunderten gab. Das Ganze war dann doch für die Beteiligten eine Nummer zu groß und die Krone muss einspringen. Aber 1343 wird dann erneut eine Gesellschaft von nunmehr 33 Kaufleuten gebildet, die dem König wiederum große Summen vorschießen und dafür die Wollzölle in ihre Hand bekommen.

 

Abgesehen davon verlässt sich der König nun immer mehr auf englisches Finanzkapital.Mit eine Spitzenposition erringt dabei unter Edward III ein Kaufmann aus Hull namens William de la Pole, der sowohl die Krone wie den höheren Adel mit Krediten bedient, dabei schwerreich wird und ein großes Vermögen dann in erheblichem Landbesitz anlegt. Unübersehbar dient größeres Kapital immer noch, bis ins 15. Jahrhundert hinein, nicht dem schieren Ziel seiner Vermehrung, sondern diese wiederum zielt ab einem bestimmten Punkt auf Aufstieg in den Adel, auf "aristokratisches" Gehabe und Lebensformen ab. (siehe: 'Einbürgerung aristokratischer Lebensformen' im Großkapitel Stadt 6.

 

Im 15. Jahrhundert geht dann die Wollausfuhr drastisch zurück, denn es werden nun immer mehr höherwertige Tuche im Land selbst produziert und auch exportiert.

 

Obrigkeit und Untertänigkeit

 

Originäre Untertänigkeit ist im Mittelalter die des ländlichen Produzenten gegenüber seinem Herrn. Sie bedeutet nicht völlige formale Rechtlosigkeit, aber tatsächliche Wehrlosigkeit gegenüber der Willkür des Herrn, sofern nicht eine über diesem stehende Herren-Instanz ihn in seine Schranken weist. Erst mit der Entwicklung des Kapitalismus eröffnen sich für diese ländliche Bevölkerung Rechtswege zur Eindämmung der herrschaftlichen Willkür, relativ früh in England und im Umfeld derjenigen Städte wie in Norditalien, die rechtliche Kontrolle über ihr Umland bekommen und dies in ihren verbürgerlichenden Rechtsraum einbeziehen.

 

 

Während Gefolgschaft, Lehnswesen und Vasallität im Kern auf Gegenseitigkeit beruhen, ist der spätmittelalterliche Weg der Einordnung in Oben und Unten, Obrigkeit und Untertänigkeit der einer klarer Unterordnung. Um 1000 taucht nach dem lateinischen ordo das althochdeutsche Wort ordinunga auf, welches im Mittelhochdeutschen dann zu ordenunge wird und eine weitere Bedeutung erhält. Im Raum der Machtstrukturen werden die (späteren) Bedeutungen von Anordnung, Unter- und Überordnung wichtig. Aus ihnen entsteht der dann nachmittelalterliche Staat, wie er in Städten bereits im späten Mittelalter vorgezeichnet ist.

Es geht um Strukturen von Befehl und Gehorsam, wie sie in der mittelalterlichen Familie, der darüber hinausgehenden familia mit ihrem Verhältnis von Freien zu Unfreien und in dem Verhältnis der einem Amt untergeordneten Person zu diesem Amt zu finden sind. Für die Familie formuliert das Herzog Ernst von Bayern zum Beispiel 1435 in einem Brief an seinen Sohn Albrecht: So sein wir eu auch von gottlicher gesaze und vaterlichen treuen wegen schuldig, das wir eur wirde, nuz und fromen stäticlich betrachten und bewaren, das wir auch als ein getreuer vatter gern tun wellen, und darinn gen eur lieb gar nichtz sparen; so seit ir uns von sönlicher undertenikeit wegen schuldig, in allen sachen gevolgig und gehorsam ze sein. (in: Spieß2, S.38)

Es handelt sich um ein (klassisches) Patriarchat von Gottes Gnaden, in dem absoluter Gehorsam mit Fürsorge belohnt wird. Dieses Prinzip wird in den Städten als Wohlfahrtssystem eingeführt, wobei dieses den Menschen nur sehr abgestuft und nach Einkommen zugute kommt, und wird dann auch für die Fürstentümer in Fürstenspiegeln und "politischen" Texten vorformuliert, ohne aber als Gemeinwohlgedanke bereits praktischen Eingang zu finden. Da auch das spätmittelalterliche Fürstentum in deutschen Landen auf den "Privat"interessen der Dynastie beruht, begründen diese das fürstliche Handeln im wesentlichen. 

 

Am französischen, burgundischen und einigen italienischen Höfen wie dem der Mailänder Sforza wird extreme Untertänigkeit im höfischen Zeremoniell besonders ausgebildet. Sforza schritten unter einem Baldachin wie chinesische Despoten. "In Burgund wurde vor dem Herrscher gekniet und die von ihm berührten Gegenstände mussten geküsst werden." (Spieß2, S.129) Die Tischdiener müssen sogar die Serviette und die Vorschneidemesser des Herrn küssen (s.o. S.131). Die deutschen Höfe hinken auch hier hinterher.

Philippe de Commynes berichtet (die Leute des Herzogs von Burgund sagten), die Deutschen seien schmutzug, würfen ihre Stiefel auf die schön bereiteten Betten und und hätten keinen Anstand wie wir, und so achteten sie sich weniger als vor ihrer Bekanntschaft. Die Deutschen dagegen missbilligten wie neidische Leute den großen Prunk. (in Spieß2, S.131)

 

Je weiter das höfische Zeremoniell ausgebildet wird, desto mehr setzt sich der Fürst (oder König) von seinen Hofleuten ab, wird gegenüber den restlichen Untertanen überhöht und seine Herrschaft nimmt despotische Züge an. Dieses despotische Regiment wird im späten Mittelalter besonders in den Fürstentümern der norditalienischen Stadtstaaten ausgebildet, die sich zum Teil bereits als offene Tyrannen gebärden.

 

 

Bürgerliche Obrigkeitsvorstellungen scheinen vor allem auf zwei Fundamenten zu ruhen. Das eine beinhaltet die Gewährleistung von Kapitalbewegung, ein Regelwerk, welches dessen Interessen Vorrang gibt. Darum sind Marktrecht und Kaufmannsrecht Vorstufen für Stadtrecht. Das zweite Fundament sind kleinbürgerliche Ordnungsvorstellungen, die auf die Auflösungstendenzen durch den Kapitalismus reagieren. Diese haben mit der Massierung von Menschen in Städten zu tun, mit Proletarisierung, Verelendung und Marginalisierung von immer mehr Menschen. Dies wird offenbar als Bedrohungspotential erlebt und gesehen, und die vielfältigen Regulierungsmaßnahmen dienen der Gegenwehr.

 

 

Rechtlose Räume auch für die bäuerliche und selbst die kleinstädtische Unterschicht entstehen überall in Gebieten und Perioden extremer Gewalttätigkeit, bei Fehden und in Kriegen. In der Spätphase des Hundertjährigen Krieges mit einem englischen König in Paris und einem französischen in Bourges, die beide wenig Zugriff auf große Teile Frankreichs haben, scheint schiere Angst bei den unteren Schichten um sich gegriffen zu haben, wie das Beispiel Gilles de Rais zeigt, der womöglich vierzehn Jahre lang ungehindert durch seine Entourage vorwiegend männliche Kinder und Jugendliche aus Dörfern, Klein- und Vorstädten auf seine Burgen/Schlösser entführen lassen kann, um sie dort sexuell zu missbrauchen und dabei grausam zu foltern und zu töten (siehe Großkapitel...). Zwar handelt es sich zum Teil um verwaiste Kinder, Bettler oder zumindest Nachwuchs von unterem Kleinbürgertum, aber Eltern, Verwandte und Bekannte trauen sich erst im Vorfeld des von Kirche und weltlicher Gewalt eingeleiteten Prozesses, öffentliche Aussagen dazu zu machen.

 

 Das Land in den deutschen Landen (in Arbeit)

 

Von der Antike bis durchs Mittelalter zieht sich eine Geschichte der Unterdrückung und Entrechtung der Produzenten, insbesondere derer auf dem Lande. Sie ist ein Kennzeichen aller Zivilisationen, nimmt aber durch den Aufstieg des Kapitalismus im lateinischen (und zunehmend volkssprachlichen) Abendland besondere Formen an.

Durch die steigende Bedeutung des Marktes und der Warenproduktion kommt es im späten Mittelalter zu einer massiven Differenzierung auf dem Lande: Einige wohlhabende Bauern setzen sich ab vom Rest und schaffen es manchmal, den ländlichen Adel an Wohlstand und Konsumniveau zu übertreffen, ohne dessen Standesvorteile zu erreichen. Ein Großteil der Bauern gerät unter den Einfluss städtischer oder ländlicher Obrigkeit, wobei die Subsistenzproduktion immer noch eine große Rolle spielt. Darunter ist ländliche Armut entstanden, die neben unzureichender oder fehlender eigener Landwirtschaft immer mehr in Lohnarbeit gerät, wo sie nicht in die Städte abwandert.

 

Herren haben alle, Bürger wie Bauern, und manchmal gestaffelt in verschiedene Stufen von Obrigkeit: Ganz oben der schwache König, darunter starke Fürsten und in den sich stärker emanzipierenden Städten eine besonders drückende Obrigkeit des mächtiger werdenden Patriziats. So wie Handwerker im späten Mittelalter versuchen, an der Macht in der Stadt teilzuhaben, so versuchen auch Bauern, vor allem unter der Führung der Wohlhabenderen, sporadisch ihren rechtlichen Spielraum zu erweitern.

Von den Bauern am Gestade, den Stedingern, bis zu den Revolten des 14. Jahrhunderts werden die Bauern dabei zerrieben zwischen der Tatsache, dass ihr Revoltieren seine Ursache in den Rahmenbedingungen hat, die der Kapitalismus geschaffen hatte, und der Tatsache, dass sie letztlich diese Rahmenbedingungen sprengen wollen, was am deutlichsten in dem englischen Bauernaufstand von 1381 wird.

Das heißt, die vagen Vorstellungen von Freiheit und Rechten, nicht selten christlich geprägt, reichen nicht zu einem umsetzbaren Programm. Geprägt von zahllosen Generationen der Unterwerfung und Unterdrückung schaffen sie keine konzeptionelle Perspektive mehr. Am Ende wird der späte Kapitalismus mit der Industrialisierung der Landwirtschaft und der einhergehenden Kapitalkonzentration auf dem Lande die bäuerliche Landwirtschaft im zwanzigsten Jahrhundert zerstören, so wie fast parallel dazu das produktive Handwerk verschwindet.

 

 

Das Land in England am Ausgang des Mittelalters

 

Je größer die estates, desto mehr ziehen sich die großen Lords aus der Beschäftigung mit ihrer Landbewirtschaftung zurück, die nun von Großbauern und einem Typ von Agrarunternehmern vorangetrieben wird. Bis um 1500 verschwindet die feudal abhängige Bauernschaft fast völlig, sei es, dass sie dem Herrn davonläuft, sei es, dass ihre Dienste und Abgaben im Ereignisfall durch Geldzahlungen (Renten) abgelöst sind. Lohnarbeit in der Landwirtschaft nimmt dadurch deutlich zu.

 

Für große Teile des Adels ist Landwirtschaft im späten Mittelalter ein Geschäftszweig fast wie andere auch. Die feudalen Dienste abhängiger Bauern schwinden, die Domänen werden oft verpachtet, !ausgefarmt". Die Domänen der Canterbury Abbey werden um 1390 komplett verpachtet, und die des Erzbischofs zu fast zwei Dritteln. Damit gewinnen die Herren einen fixen jährlichen Betrag, um dessen Einbringen sich der "Farmer" nun kümmern muss. Selbst der Erhalt von Gebäuden wird oft auf ihn übertragen. Klöster eignen sich Pfarreien mit deren Einnahmen an und ersetzen die rectors durch billigere vicars.

Diese Pachten summieren sich mit den "Renten", die die übrigen tenants zahlen. Die Bevölkerungsverluste des 14. Jahrhunderts helfen, den Umfang ihres Landes zu vergrößern, die smallholders steigen etwas auf und die (fast) landlose Landarbeit geht stark zurück. Die realen Renten der Landhalter sinken tendenziell und die Herren müssen feststellen, dass ihre Einnahmen aus der Landwirtschaft etwas sinken.

Barone lassen nun einen Teil ihrer manor-houses verfallen und konzentrieren ihr Wohnen auf einen oder wenige Burgen, die nun zu palastartigen Residenzen werden.

In der Konsequenz geht der Adel vom Ackerbau stärker zur Viehzucht über, die weniger arbeitsintensiv ist.

 

 

 

Der niedere Adel prägt das Land mit konsolidierten bzw. vergrößerten Gütern. Im 15. Jahrhundert muss ein "Ritter" ein vom Land stammendes Einkommen von wenigstens 40 Pfund haben, ein Esquire von 20, ein Gentleman von 10 Pfund. Sie haben herrschaftliche Häuser im Unterschied zu Bauern, ihr Status wird an der Zahl ihrer Dienerschaft sichtbar und an ihrem Anteil an der Lokal-Verwaltung der sich ausbauenden Staatlichkeit.

 

Wie der höhere Adel tendiert auch die Gentry dazu, ihre Domänen zu verpachten und stattdessen selbst dem Hochadel als Verwalter zu dienen, oder aber bei Gelegenheit zur Armee zu gehen und vor allem in den juristischen Professionen zu arbeiten. Das Recht als Herrschaftsmittel der Mächtigen gewinnt immer mehr an Bedeutung.

 

Wie der hohe Adel stellt Gentry von Ackerbau auf Viehzucht um, wobei manche Schafherden sich an Kopfzahl in wenigen Jahrzehnten verdoppeln. Eigenes Land und manchmal auch wiederrechtlich Gemeinschaftsland wird durch das ganze 15. Jahrhundert und bis ins 16. eingezäunt und in Weideland konvertiert, Land der tenants wird zum selben Zweck aufgekauft. Auf diesem Wege verschwinden manchmal ganze Weiler.

Solche Gentry sind ländliche Geschäftsleute, die auch in Eisenwerke, Ziegeleien, Glasproduktion , Brauereien, Steinbrüche und vieles anderes investieren

 

Anders als Gentry sind die farmer, die ganze Domänen pachten oder Grangien der Zisterzienser, kein Adel. Da sie nur feste Beträge an die Herren abliefern, können sie zunehmend selbst entscheiden, wie sie sie erwirtschaften udn es wie ihr eigenes Land behandeln. Ähnlich wie der noch direkt Land bewirtschaftende Hochadel und die Gentry stellen sie ebenfalls einen Gutteil des Ackerlandes auf Viehzucht um, vor allem auf Schafe, aber auch auf Rinderzucht. Es beginnt eine Entwicklung, die die Ernährung wohlhabenderer Engländer von Gemüse und Getreide auf Fleisch (beef) umstellt, eine Entwicklung, die der Kochkunst wenig zuträglich sein wird.

 

Kapitalkräftige bürgerliche Chefs von Wollverarbeitern, Kleiderproduzenten, Schlachtereien und anderen, die landwirtschaftliche Produkte als Rohstoffe brauchen, beginnen, Domänen aufzukaufen und werden zu sogenannten "Gentlemen Farmern".

 

Die eigentliche Bauernschaft nimmt nicht nur durch die Unglücksfälle des 14. Jahrhunderts ab, sie wird zum Teil geradezu durch Schaf und Ochsen vom Land vertrieben. Nachdem die Entwicklung schon weit gediehen ist, wird Thomas More (Morus) 1516 schreiben, dass das einst sanfte Schaf zu einem Menschenfresser geworden sei. Ein Jahr später wird die Regierung unter Kardinal Wolsey eine Untersuchungskomission einsetzen, die das allgemeine Niederreißen von Häusern und die Verwandlung von Ackerland in Weiden untersuchen soll - natürlich mit geringen Konsequenzen. Tatsächlich besagen Schätzungen, dass zwischen 1320 und 1520 eine halbe Million Häuser auf dem Lande verlassen werden.

 

Die übriggebliebenen Dörfer des späten Mittelalters entwickeln sich zu Dorfgemeinschaften. Ab 1334 sind diese gemeinsam verantwortlich für das Einsammeln der Steuern, und daneben entwickelt sich die Einrichtung einer poor box für die Armen.

Viel Dorfleben kreist auch um die Dorfkirche. Churchwardens werden gewählt, die Gelder für den Erhalt der Kirche einsammeln. Immer häufiger wird neben der Kirche eine kleine Gemeindehalle gebaut, wo man sich treffen kann und wo sogenannte church ales stattfinden, Feste, bei denen der Gewinn aus ausgeschenktem Ale und Essen in den Erhalt der Kirche geht, - etwas ähnliches wie Kirchweihfeste in deutschen Landen.

 

Generell lässt sich sagen, dass der "Lebensstandard" der meisten Bauern im 15. Jahrhundert zugenommen hat. Sie verkaufen mehr Überschüsse auf dem Markt und erwerben dafür mehr Kleidungsstücke, mehr Einrichtungsgegenstände und mehr häusliche Gerätschaften. Das gilt vor allem für die bäuerliche Oberschicht der yeomen, die oft über 80 acres und mehr verfügen, aber auch noch für die husbandmen darunter, aber natürlich nicht für die Schicht der labourers, die bei wenigen acres Land weiter auf Lohnarbeit angewiesen sind, um zu überleben. Der Bedarf an ihnen nimmt durch die ausgeweitete Viehzucht deutlich ab.