GEWERBE 4: GEWERBE, WAREN UND KONSUM (13. Jh. bis 1350)

 

Handelsraum im 13./14. Jahrhundert 

Hanse 1250-1350  (Kapital und Arbeit)

Süddeutschland

Firma und Geschäftsleben

Finanzkapital

Messen

Transport, Verkehr, Mobilität

Lebensmittel

Produktion (Textilien / Bergbau und Salz / Metall / Haushaltswaren / Glas)

Technik und Maschinen: Weitere Industrialisierung

Das Handwerk (Spezialisierung / Gesellen / Restriktionen )

Kapitalisierung und Verlagssystem (Verleger / Textilwirtschaft)

 

 

Die erste Blütezeit des Kapitalismus beruht ökonomisch auf der Einheit von zunehmender Produktion, zunehmender Bevölkerung und zunehmender Geldmenge, die schon seit dem 10. Jahrhundert voranschreitet. Die zunehmende landwirtschaftliche Produktion wird weiterhin von einer Herrenschicht abgeschöpft, deren Nachfrage auf den Konsum luxuriöserer Güter ausgerichtet ist. Sie ermöglicht das weitere Bevölkerungswachstum bis ins 14. Jahrhundert, welches wiederum in das Wachstum der Städte mündet. Die größeren Städte werden  dabei von Vertretern des Kapitals und alten Rentiers-Familien kontrolliert, die sie auf ihre Interessen hin ausrichten. Die Kosten städtischer Politik werden zunehmend über indirekte Steuern auf die Produzenten abgewälzt, zusätzlicher Geldbedarf wird über Kredite des Kapitals gedeckt, welche diesem weiteres Einkommen bieten.

 

Zunehmende Nachfrage der kleinen Herrenschicht und der wachsenden Städte lässt den Handel weiter zunehmen. In ihn vor allem und in das Finanzkapital  fließen die Gewinne aus den Geschäften, die die zunehmende Geldmenge ermöglicht. Produktion in Land und Stadt -  auch in fernen Ländern - erzeugt die Waren, mit denen Kapital dann Geschäfte macht.

 

Zum Wesen der Wirtschaft gehört auch in der ersten Blütezeit des Kapitalismus, dass sie wesentlich nachfrage-generiert ist und die Entwicklung weniger durch das Angebot forciert. "Modetrends entstanden bei Hof und nicht durch geschickte Vermarktung." (Spufford, S.304). Das heißt allerdings nicht, dass es immer Aufträge sein müssen, die Handel in Gang setzen. Große Teile insbesondere der Massengüter werden durch aus der Routine vorhersehbare Nachfrage in Handel gebracht. Erst die immer größere Beschleunigung der technischen Innovationen bei Konsumgütern im zwanzigsten Jahrhundert und ein rapide steigendes Konsumniveau werden jenen allgemeinen Konsumismus durchsetzen, bei dem das allerneueste Angebot erst die Nachfrage erzeugt, mobilisiert durch die dafür dienlichen Massenmedien und ihr unentwegtes Spektakel.

 

 

Handelsräume im 13. und 14. Jahrhundert

 

Handelsgüter für den Fernhandel sind im hohen Mittelalter auch einfachere Tuche – auch in den Orient. Norditalien liefert dafür zunächst Barchent. Aber die Masse des Handels des lateinischen Europas bleibt natürlich innereuropäisch. „Die Notariatsurkunden der genuesischen Archive lehren, dass die Stadt schon vor dem 13. Jh. Tücher aus Arras, Lille, Gent, Ypern, Douai, Amiens, Beauvais, Cambrai, Tournai, Provins und Montreuil ausführte.“ (Pirenne, S.141) Bald werden einige dieser Orte dann ganz von Flandern und Brabant abgelöst.

 

In der Boomphase des Handels im 13. Jahrhundert und oft auch noch bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts hinein erweitern sich die Warenmengen und das Angebot diversifiziert sich auch weiter, aber der Handelsraum erweitert sich kaum mehr und im Osten schwinden Handelswege.

 

Neben dem Handel im Mittelmeerraum und von dort nach Norden gibt es zwei zentrale Warenströme: Nordspanisches Eisen geht in die Niederlande und nach England und englische Wolle geht vornehmlich nach Flandern. Diese Wolle, von Zisterzienserabteien aus den (walisischen) Marschen und aus einem Landstreifen zwischen den Cotswolds und den Yorkshire Wolds gilt bis ins 14. Jahrhundert als die von bester Qualität.

Vom 12. bis ins 13. Jahrhundert betreiben flämische Händler den Handel, danach können größere italienische Firmen wie die Bardi und Peruzzi bessere Konditionen bieten (siehe...) und übernehmen. 1305 sollen so in einem Boomjahr aus England mehr als 45 000 Sack, also Wagenladungen, exportiert worden sein (Spufford, S.246). In den Krisen des 14. Jahrhunderts dann verringert sich die Zahl, aber es gehen immer noch erhebliche Mengen über den Stapel Calais nach Brügge. Dafür nimmt die Stoffproduktion in England selbst zu.

 

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Am Beispiel Englands lässt sich gut erkennen, was genauso auch auf dem Kontinent geschieht. Um 1200 liegt dort die jährliche Summe aus Import und Export bei um die 60 000 Pfund und hundert Jahre später bei rund 500 000, was nach Abzug der Inflation eine Verdreifachung bedeutet. Dazu gehört nicht nur eine entsprechende Vermehrung des Geldumlaufes, sondern auch eine erhebliche Erhöhung des Bevölkerungsanteils, welcher nicht mehr vorwiegend von agrarischer Produktion lebt, und zwar auf nunmehr rund 20%. (Dyer, S.212)

 

Aber in England werden bis tief ins späte Mittelalter keine großen Firmen wie in Italien gebildet, wenn auch kleine zeitgebundene Partnerschaften wie die von 1304 von John Chigwell und William de Flete. Beide bringen 40 Pfund in Waren ein und schicken dann Angestellte los. De Flete schickt Wein, Bohnen und Salz nach Schottland, was einen Gewinn von 25% einbringt. Chigwell wird von dem mächtigen schottischen Magnaten John Comyn eine Ladung Wolle und Häute angeboten, was soviel Kapitaleinsatz bedeutet, dass er sich noch mit einem Italiener verbindet. Sie reisen zu Comyns Burg, bezahlen für die Waren 220 Pfund, und verbrauchen dann noch 125 Pfund für die Verbringung nach St.Omer, wo alles für 396 Pfund verkauft wird, was einen Gewinn von 51 Pfund ausmacht. Sein Anteil an der englischen Partnerschaft bestand andererseits in einer Fracht von Färberwaid aus der Picardie, bei der etwas schief geht, was zu Konflikten zwischen den beiden Londonern führt (Dyer, S.216)

 

Überhaupt sind es zum größten Teil fremde Händler, die bis ins 14. Jahrhundert englische Waren exportieren. Der Handel konzentriert sich dabei auf Flandern und Brabant, die Gascogne und die iberische Halbinsel.

 

Auf dem Weg zur Dudeschen Hanse

 

Zusammenschlüsse

 

Die vielen neuen und aufstrebenden Städte im Ostseeraum müssen sich nach dem Ende des dänischen Großreiches (Schlacht von Bornhöved 1227), der Fixierung des staufischen Kaisertums auf Italien und dem  Niedergang staufischer Herrschaft nach 1240 zunehmend selbst um ihren Schutz und den ihres Handels kümmern. Hoheitliche Aufgaben erfüllen die Fürsten und die Städte, wobei die letzteren sich auf Schutz und Sicherheit der Kaufleute konzentrieren. Dies gilt besonders für ihre Sicherheit im Ausland.

 

Dabei kommt der nunmehr freien Stadt Lübeck eine besondere Rolle zu. Neben Brügge, das von einer Produktionsstätte zu einem Handelsort wird (im Unterschied zu Gent), entwickelt sich Lübeck schnell zum reinen Handelszentrum.

Insbesondere nach 1240 kommt es, ähnlich wie mit dem Rheinischen Bund etwas später, zunächst zu Bündnissen zwischen jeweils zwei Städten, die sich dann in regionale Städtebünde erweitern und auch das ganze (alte) Sachsen umfassen. Die Kooperation von Kaufleute-Hansen geht über in die von Hanse-Städten, deren Räte Agenturen von Handelsinteressen sind.

Zentrales Interesse dieser Bündnisse ist der Schutz der Handelswege zu Wasser und Land, die neben den gemeinen Räubern durch das Fehderecht des Adels mit seinen Verheerungen gefährdet sind. Mit solcher Außenpolitik gewinnen die Städte eine nie dagewesene de-facto-Souveränität.

 

1241 verbünden sich Lübeck und Hamburg zum Schutz der Straße zwischen ihnen. 1247 beschließen Hamburg und Braunschweig den gegenseitigen Schutz ihrer Kaufleute. "Ausdrücklich hielten die beiden Städte fest, dass im Falle einer Fehde ihrer Herren sie nichts gegen die sich in der Stadt befindlichen Kaufleute der Partnerstadt unternehmen wollten, sondern ihnen eine angemessene Abzugsfrist einräumen würden." (Kümper, S.89)

 

1259 schließen Lübeck, Wismar und Rostock dann zu dritt ein Bündnis gegen See- und Straßenräuber und Stralsund und Demmin zur selben Zeit einen ähnlichen Vertrag. Kurz darauf verbinden sich "Lübeck und Hamburg in einem Zustzvertrag zur Unterhaltung einer berittenen Truppe, die den Frieden auf der Straße sichern, und zur Ausrüstung von Schiffen auf der Elbe, die gegen Piraten vorgehen sollten." (Kümper, S.89).

Ähnliches geschieht in Nordwestdeutschland. Solche Bündnisse wird es unabhängig von der Entstehung der Gesamt-Hanse immer wieder geben und sie werden auch Nicht-Hanse-Städte einschließen. Zwei bilaterale Verträge verbinden die drei Städte Northeim, Münden und Göttingen miteinander.

 

Im westfälischen Raum ist man schon früher so weit. 1246 schließen sich die Bischofsstädte Münster, Osnabrück und weitere zum Schutz der Märkte und gegen adelige Friedensbrecher zusammen, sowie 1253 Münster, Dortmund, Soest und Lippstadt.

 

1267/68 beschwert sich ein Verbund sächsischer Städte zusammen mit Bremen, Hamburg, Stade und Lüneburg in Gent "darüber, dass ihre Kaufleute durch Arrest oder Beschlagnahme ihrer Waren für den Schaden eines Genter Händlers haften sollten, der sich sächsischen Gebiet Schaden erlitten hatte." (Kümper, S.91) Sie vertreten dabei auch alle anderen sächsischen Städte. "Sie betonen, dass sie selbst den Raub ihrer eigenen Güter durch die Hände der Tyrannen (...) nicht verhindern, genauso wenig also Fremde schützen könnten - und zwar ausdrücklich, weil sie sich in ihre Burgen zurückziehen." (s.o.)

 

Es kommt zu Handelsblockaden gegen Nowgorod (1277/78) und Norwegen und zu anderen Maßnahmen des Drucks auf Städte wie Brügge, um die eigenen Interessen durchzusetzen. Während sich Rudolf von Habsburg und seine Nachfolger ganz auf den Süden des Reiches stützen, machen die norddeutschen Städte selbständige Politik, allen voran Lübeck, welches an der schrittweisen Entmachtung Visbys arbeitet, welches weiter versucht, allgemeine Kaufmannsinteressen gegen die nun in den Städten gebündelten zu vertreten.

 

Mit ihrer weiträumigen Vernetzung schaffen Hanseleute 1280/82 ein Bündnis von Lübeck bis Riga zur Sicherung des Handels. 1283 kommt ein weiteres von Rostock dazu, an dem auch nordostdeutsche Fürsten beteiligt sind.

Bis 1280/90 erschließen Kaufleute aus Flandern, Friesland, dem Rheinland, Westfalen und Sachsen den Ostseeraum für die neue kapitalistische Zivilisation. Handwerker folgen und dann Bauern für das Hinterland. Zivilisierung wird in Europa längst wesentlich über Handel vermittelt, natürlich flankiert von Kirche und Militär.

Das weitere Zusammenwachsen der Hanse bis um 1300 geschieht dann über Konflikte, die die einzelnen Kontore betreffen (wie sie später heißen werden), und die weiter unten angesprochen werden.

Auf diese Weise werden seit Beginn des 13. Jahrhunderts ein westlicher Raum und ein östlicher miteinander verzahnt, also ein Gebiet von Flandern und England über Norddeutschland, Skandinavien bis ins nördliche Baltikum und den Norden der ehemaligen Rus. Das geschieht weitgehend unabhängig von dem großen Handelsraum des Mittelmeeres und wird bis 1250 intensiviert. Dabei geschieht der Fernhandel noch nicht in Direktfahrt, sondern in einzelnen Abschnitten, von unterschiedlichen Handelshäusern getragen. Im Westen sind die Flamen bis Mitte des 13. Jahrhunderts noch überall beteiligt, bis ihnen dann untersagt wird, aus dem Ostseeraum Waren zurück zu bringen.

 

Privilegien

 

Dieser riesige Raum bedeutet die Verflechtung einer damals einzigartig großen Summe an Kapitalien, die enorme Kaufkraft darstellt. Daraus resultiert die Macht, Privilegien einzusammeln, die wiederum Transaktionskosten während des Transportes regeln und niedrig halten,was vor allem Zölle und Verbrauchssteuern betrifft.

Später kommen dann solche dazu, die Rechtswege im Sinne der Kaufleute regeln und Mengen standardisieren sowie Qualitätsstandarte festlegen. Wenn Holz bei Danzig bereits vor dem Verladen auf Schiffe in Qualitätsgruppen eingeteilt wird oder Wachs in Nowgorod schon mit Wachssiegeln versehen wird, beschleunigt das den Verkauf am Ziel. Stuart Jenks vereinseitigt aber wohl etwas, wenn er feststellt, "die Senkung der Such-. Mess-, Vereinbarungs-, und Durchsetzungskosten (dürften) der entscheidende Konkurrenzvorsprung der Hansen (gewesen sein), der Grund, warum die Hanse so lange erfolgreich war." (in: Hanse, S.118)

Aber tatsächlich schafft die Hanse ohne Staat einen integrierten Handels mit für damals optimalen Handelsbedingungen, wie ihn auch einige der neuen Staaten intern anstreben und oft erst spät erreichen werden.

 

1243 regelt Wilhelm von Holland in seiner Grafschaft für die universos mercatores de Lubeca et de Homborch Geleitrechte und Zolltarife, also nun für alle Kaufleute dieser Städte und nicht bloß für solche, die sich zusammengeschlossen haben. (Kümper, S.95) Wenige Jahre später gewährt er den Kaufleuten von Dortmund, der Mark Brandenburg, von Bremen und am Ende auch von Soest die reduzierten Zölle wie sie die Lübecker zahlen.

 

Ansonsten gibt es zunächst nur in Nowgorod und seit 1252/53 in Flandern "eine gemeinsame Privilegierung der niederdeutschen Kaufleute, während ansonsten Einzelprivilegien für die Fernhändler einer Stadt vorherrschten." (Fuhrmann, S. 192)

In diesem Jahr erscheinen am Hofe der Gräfin Margarethe von Flandern Hamburger und Lübecker Ratsgesandte, die sich ausdrücklich als Vertreter aller Kaufleute und Städte des Römischen Reiches Köln, Dortmund, Soest und Münster sowie anderer mit ihnen verbundener Städte bezeichnen, um über Zölle und Privilegien besonders in Brügge und Damme zu verhandeln. (Kümper, S.95f)

 

Etwa in dieser Zeit ermäßigen dann die  Grafen von Holstein für alle Kaufleute aus Braunschweig, Magdeburg und umliegende Ortschaften den Hamburger Zoll.

 

England

 

1260 werden die deutschen Kaufleute der Londoner gildhalla gemeinsam von Henry III. privilegiert. Dort lässt sich 1266 die Hamburger Hanse neben der Kölner nieder, bald gefolgt von der Lübecker. Inzwischen betreiben die Ostseestädte längst Direkthandel mit England und Flandern. 1282 nötigen König Edward I. und die Londoner Stadtoberen nach andauernden Konflikten zwischen den drei Hansen die deutschen Kaufleute in London unter Vermittlung der Westfalen zum Zusammenschluss in der hansa Almanie, also einer deutschen Hanse, die gemeinsame Verpflichtungen wie die Instandhaltung des Stadttores Bishopsgate und den Wachdienst dort übernimmt, zudem die Zahlung von 40 Schillingen jährlich für die Gildehalle. Die Stadt gewährt die bisherigen Privilegien und die Wahl eines Aldermanns als gemeinsamen Sprechers.

1303 wird diese Handelsgenossenschaft noch einmal mit weitreichenden Privilegien ausgestattet. Dafür erwartet der König Zölle auf Tuch, Wolle, Wachs und Wein vor allem.

 

Um 1300 ist dann eine gildhala mercatorum Colonie et Alamanie dokumentiert, bald danach Österlingshalle genannt und dann Stalhof.

Hier "lebten die Kaufleute in kleinen Kammern, die sie vom Kontor mieteten; die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen. Einige wohnten zudem in der Umgebung zur Miete." Außerdem gibt es "ein >Rheinisches Weinhaus< in unmittelbarer Nähe des Kontors, eine Art Stammkneipe für die Hansen also." Man hat nur eine kleine Kapelle "und zählte ansonsten zum Pfarrbezirk von All Hallows the Great." (Kümper, S.135) 

 

Bis ins 15. Jahrhundert können die Kaufleute diese Niederlassung relativ selbständig verwalten, wobei sie zwei Ältermänner wählen, von denen einer in London geboren sein und Londoner Bürgerrecht besitzen muss.

 

Flandern

 

In Brügge tauchen deutsche Kaufleute erst viel später als in London oder Nowgorod auf, nämlich zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Anders als sonst leben die ausländischen Kaufleute hier nicht in einem kleinen abgegrenzten Bereich, sondern in speziellen Herbergen, und nur die Italiener kaufen oder mieten eigene Häuser.

1252/53 privilegiert die flämische Gräfin Margarethe in getrennten Urkunden die deutschen Kaufleute dort, wo sie Waren aus Italien, England und Flandern vor allem in Brügge einkaufen können. Es geht um rechtliche Verbesserungen, geringere Zölle und eine eigene Waage in Damme. (s.o.)

Briten bringen Wolle, Holländer und Friesen Vieh, Südwestfranzosen Wein, Spanier Wolle und Südfrüchte. Bremen liefert Bier, Osterlinge Pelze, Wachs, Asche und Getreide.

 

Dabei muss sich Brügge im 13. Jahrhundert erst einmal gegen die Konkurrenten Gent und Ypern, aber dann auch Antwerpen durchsetzen. Insbesondere in Antwerpen kooperieren Kaufleute von Hansestädten wie Dortmund, Braunschweig, Soest und Lübeck. 1315 verleiht der Herzog von Brabant deutschen und anderen Kaufleuten Zollfreiheiten dort und in Bergen op Zoom.

 

Für die Deutschen wird Brügge in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zur wichtigsten Niederlassung, aber es kommt immer wieder zu Konflikten mit der Stadt und ihren Handels-Maklern. Die Brügger neiden den Hanse-Leuten ihre Privilegien und versuchen, sie zu unterlaufen, die fremden Kaufleute wiederum halten sich immer weniger an die Vorgaben des Gastrechts wie das Verbot direkt untereinander zu handeln (Gästerecht). Es kommt zu Unruhen in der Stadt.

Im Sommer 1280 verhandeln Vertreter der deutschen und spanischen Kaufleute mit dem flämischen Grafen Guido. Der bietet ihnen Gastrecht in Aardenburg, wo sie sogar direkten Handel von Gast zu Gast betreiben dürfen. Zwei Jahre später holt sie Brügge zurück, wobei sie die neuerworbenen Privilegien teilweise behalten dürfen.

Die Konflikte in Brügge nehmen Anfang des 14. Jahrhunderts wieder zu, 1307 ziehen die deutschen Kaufleute wieder nach Aardenburg und kehren erst 1309 zurück, nachdem ihnen ein ganzes Privilegienpaket gewährt wird. 1313 wird der Stapelzwang für englische Wolle in Brügge eingeführt, von dem vor allem westfälische Kaufleute profitieren.

 

Mitte des 13. Jahrhunderts dürfen Flamen aus dem Ostseeraum keine Waren mehr zurückbringen. Nach 1270 nehmen ihnen Hansekaufleute zunehmend den Handel mit Wolle aus England ab, soweit er nicht ganz unter die Kontrolle italienischer Kaufleute gelangt. 1294 wird den Flamen und Friesen von den gemenen stede der Hanse ganz die Zufahrt zur Ostsee verboten. Brügge wird dennoch eine immer reichere kapitalistische Stadt durch Vermakelung des Handels und ein blühendes Gaststättengewerbe für die auswärtigen Händler und Finanziers.

 

In Brügge treffen englische und kastilische Wolle, niederländisches Vieh, südwestfranzösischer Wein und Gewürze aus dem Orient über Italien mit heimischem Geldgeschäft zusammen. Über die Hanseprivilegien in der Stadt kommt es ab 1280 immer wieder zu Konflikten und dem Weggang der Hansekaufleute.

 

Anfang des 14. Jahrhunderts wird dann die Gemeinschaft der deutschen Kaufleute mit Versammlungsrecht und dem Recht eigener Statuten anerkannt.

 

1347 teilen in Brügge die ghemenen coplude uten Romischen rike van Almanien sich das Kontor in einem ersten eigenen Statut in drei Abteilungen auf: die Kaufleute aus Lübeck, den wendischen Städten, aus Sachsen und was dazugehört bilden ein Drittel; Westfalen, Preußen und was dazugehört bilden ein Drittel; Westfalen, Preußen und was dazu gehört, ein weiteres; schließlich Gotland, Livland, Schweden und was dazugehört, ein drittes. (in: Hanse, S.60)

Seit 1356 trifft man sich auf Hansetagen, die dudesche hanse ist im Vollbild da.

 

Um 1340 hält ein unbekannter Autor den üblichen Wareneingang in Brügge fest:

Aus dem Königreich England kommen Wolle, Leder, Blei, Zinn, Kohle und Käse. Aus dem Königreich Norwegen kommen Gerfalken, Holz zum Bauen, gebrühte Häute, Butter, Talg, Fett und Pech sowie Ziegenhäute zur Herstellung von Korduanleder. Aus dem Königreich Dänemark kommen Zelter, Leder, Fett, Talg, Pottasche, Heringe und Speck. Aus dem Königreich Russland kommen Wachs und Feh. Aus dem Königreich Ungarn kommen Wachs, Goldbarren, und Silber. Aus dem Königreich Böhmen kommen Wachs, Silber und Schüsselzinn. Aus dem Königreich Deutschland kommen rheinischer Wein, Pech, Pottasche, Holz zum Bauen, Preußischblau, Eisen und Stahl. Aus dem Bistum Lüttich und den angrenzenden Gebieten kommen allerlei Waren aus gehämmertem und getriebenem Kupfer sowie große Holzbalken. (usw.usf., im Deutsch von Spufford, S,240)

 

Nordosten

 

Lübeck ist zuallererst Umschlagplatz für Salz und beliefert damit den ganzen Nordosten Europas. Der Osten liefert Pelze und Wachs, Holz und Holzprodukte wie Bleichasche, Pech, Teer und Harz. Mitteldeutschland bis hoch nach Mecklenburg bietet vor allem Getreide, welches Norwegen und die Niederlande dringend benötigen und welches dort als Druckmittel zum Erlangen von Privilegien eingesetzt werden kann.

 

1277 greifen Russen und Litauer gemeinsam Livland an, und die deutschen Nowgorodfahrer und ihre Städte beschließen eine Sperre des Weges nach Nowgorod. Damit wird eine Reihe von Blockaden eingeleitet, die (handels)politisch die werdenden Hansestädte zusammenbringen.

 

Auf Gotland geschieht dasselbe wie im ganzen kapitalistischen Europa: Die Landbewohner werden vom städtischen Wohlstand ausgeschlossen, indem das reiche Visby den Handel für sich monopolisiert. Ansprüche der übrigen Inselbewohner werden mit einer starken Mauer mit 44 Wehrtürmen abgewehrt. In dieser Zeit verliert die Gotländische Genossenschaft ihre Bedeutung an die Städte Lübeck und Visby.

Nach 1280/90 wird die Konkurrenz zwischen beiden um die Vormachtstellung intensiver. Ab 1280 verhindern die Lübecker den Zugang der Gotländer zur Nordsee und umgekehrt den der Flamen, Friesen und Engländer in die Ostsee. Handel und kriegerische Gewalt liegen weiter nahe beieinander.

1293 beschließt eine Versammlung wendischer Städte, den Oberhof für Nowgorod von Visby nach Lübeck zu verlegen. 1298 wird das Siegel der Genossenschaft praktisch abgeschafft.

 

Zwischen ungefähr 1280 und 1350 werden Kölner Englandhandel, die Gotländische Genossenschaft mit preußischen, westfälischen und wendischen Fahrgenossenschaften so intensiv verzahnt, dass ein großer Markt von London und Brügge über Bergen und Stockholm bis Nowgorod reicht. Dreh- und Angelpunkt und größter Profiteur wird im Westen Brügge und im Osten Lübeck.

Der Kaufmannsbund als politische Interessenvertretung wirtschaftlicher Handelsinteressen gerät immer einmal wieder in Konflikt mit den spezifischen Interessen einzelner Städte, wie der England-Orientierung Kölns. 1284 weigert sich das stark auf den Norwegenhandel ausgerichtete Bremen, am Krieg gegen Norwegen teilzunehmen und wird vom hansischen Seehandel ausgeschlossen, ein frühes Beispiel von "Verhansung". Bis ins 15. Jahrhundert wird das der Stadt noch zwei weitere Male geschehen.

 

Norwegen

 

Zunächst wird Bergen von englischen Schiffen aus (King's)Lynn mit Weizen versorgt, nach 1200 beginnen Hanseschiffe Wein zu liefern und dann auch Getreide. Um 1250 sind Konflikte beigelegt und der norwegische König erlässt erhebliche Handelsprivilegien, 1276 werden sie den Einheimischen gleichgestellt. Nun fangen Hansekaufleute an, nicht mehr nur für den Sommer zu kommen, sondern in Bergen zu überwintern, und kaufen, bauen und vor allem mieten dort Häuser, deren Grundstücke allerdings weiter der Kirche oder dem weltlichen Adel gehören.

 

In dieser durch Handel vermittelten Expansion werden die norwegischen Händler, Engländer und Flamen bald aus Bergen und dann auch gotländische Händler nach und nach von den Deutschen verdrängt.

Ähnlich wie wenige Jahre vorher beginnen die Einheimischen gegen die Privilegien der Deutschen zu protestieren und werden dabei vom König unterstützt.

 

1284 wird ein Englandfahrer-Schiff von den Norwegern angegriffen und geplündert. Darauf beschließen die wendischen Städte in Wismar eine Blockade am Sund, die die lebenswichtigen Produkte Getreide, Mehl und Malz umfasst und der sich die Städte Pommerns, Riga und einige Nordseestädte anschließen. Nur Bremen bleibt außen vor. Dieser bis dato wohl größte hansische Zusammenschluss erreicht mehr als sein unmitttelbares Ziel: "völlige Freiheit, in den norwegischen Häfen bis Bergen Handel zu treiben, im Inneren des Landes einzukaufen, zu verkaufen und Niederlassungen einzurichten, ohne königliche und örtliche Zölle zu entrichten, und die Waren ausschließlich auf ihren eigenen Schiffen zu befördern." (Dollinger, S.60)

 

Mit diesen Vorteilen können sie den Handel von der englischen Ostküste nach Norwegen ganz an sich reißen, nachdem die englische Krone zunächst im Konflikt mit Schottland und Frankreich jeden Export nach Norwegen verboten hatten, der das Hansemonopol in Norwegen erst so recht begründet. Sie kaufen Grundstücke im Landesinneren und verdrängen selbst dort Teile des norwegischen Einzelhandels.

Dazu kommen im 14. Jahrhundert deutsche Handwerker, Schumacher, Kürschner, Schneider Goldschmiede usw.  nach Bergen und verdrängen dort das heimische Handwerk, "so dass um 1400 etwa ein Drittel der etwa 6000 Bewohner Deutsche oder deutscher Herkunft" sind. (Fuhrmann, S.193) Versuche der Könige, die Deutschen Anfang des 14. Jahrhunderts wieder etwas zurückzudrängen, scheitern an der Schwäche von König und Bürgertum.

 

Norddeutsche Kaufleute sind zudem um 1251 an der Gründung von Kalmar und Stockholm beteiligt. Schwedische Exportgüter sind vor allem Kupfer und Eisen.

 

Im Jahr 1276 erlaubt der dänische König Erik den Stralsundern einen eigenen Beamten für die Zeit des Schonen-Marktes, der interne Konflikte schlichten darf. 1277 kommt die Befreiung vom Strandrecht und 1278 Zollfreiheit für die Märkte in Hvidanger hinzu. 1326 erlaubt ihnen Waldemar III., alljährlich vom 25. Juli bis 11. November durch einen Vogt die Blutgerichtsbarkeit ausüben zu lassen, Kleinhandel und Getränkeausschank zu betreiben und in seinem Reich zu althergebrachten Zolltarifen Waren frei ein- und auszuführen.

 

Stadt und Handel

 

Die Hansestädte der Küste sind im wesentlichen auf Handel ausgerichtet, daneben gibt es Schiffsbau, Herstellung von Fässern und Brauereien. Wismar beispielsweise liefert Bier nach Skandinavien, Holland und Flandern. Das Hinterland der Ostseestädte liefert Getreide und Holz.

Binnenstädte der Hanse im Westen wiederum haben ein ausgeglicheneres Verhältnis zwischen Handel und produzierendem Gewerbe, welches auch an die Seehandelsstädte liefert.

 

Schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts sind städtische Räte und Fahrgenossenschaften personell ziemlich identisch und betreiben Politik als Interessenvertretung des Handels gegenüber ausländischen Fürsten. Wie schon früher in der Nordhälfte Italiens wird flagrant deutlich, dass abendländische Städte sich seit dem hohen Mittelalter durch Interessenidentität von Kapital insbesondere aus Handel und Politik auszeichnen. Die Einheit von Kapitalismus und Stadt macht ihre Besonderheit aus.

 

Neben Schutzbündnissen und Privilegiengewinn für ihre Kaufleute sind die Städte an effizientem Zahlungsverkehr und stabilen Währungen interessiert. Dagegen sprechen auch die vielen unterschiedlichen "gewachsenen" Währungen,weswegen man erste Währungsunionen beschließt. 1255 einigen sich Lübeck und Hamburg auf "einen gemeinsamen Münzfuß, also ein einheitliches Münzgewicht bei einheitlichem Feingehalt" (Kümper, S.181)

 

 

1300-1350

 

Den norddeutschen Fürsten war es bis um 1300 nicht gelungen, Lübeck (Graf von Holstein) und Wismar sowie Rostock (Fürst von Meklenburg) wieder unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Um 1300 versucht der Dänenkönig Erich (Erik) Menved an die expansionistische Politik Waldemars II. anzuknüpfen. Lübeck unterstellt sich seiner Schutzherrschaft gegen die Übergriffe des Fürsten von Holstein.

Rostock gerät gelegentlich eines Konfliktes mit Erik unter die Herrschaft Mecklenburgs. Um 1300 ist Mecklenburg nach Krieg mit Brandenburg in Finanznöten und überlässt dem dänischen König Erik VI. ("Menved") Rostock, welches dieser 1302 widerstandslos einnehmen kann.

1307 wird Lübeck von holsteinischen Truppen im Bündnis mit den Mecklenburgern belagert, bittet den dänischen König um Hilfe, der einen Frieden durchsetzt. Dafür muss die Stadt ihn 10 Jahre als Schutzvogt anerkennen und ihm jährlich 750 lübische Mark zahlen.

1308 bilden Stralsund, Greifswald, Rostock und Wismar ein Bündnis, dem Lübeck nicht effektiv angehören kann. 1311 muss Wismar gegen Erik und den Mecklenburger Potentaten kapitulieren, 1312 nach einem Handwerker-Aufstand Rostock. Stralsund kann sich mit Unterstützung des Markgrafen von Brandenburg halten. Aber die Konflikte haben die Finanzen der Städte erheblich angegriffen.

Im Bündnis mit Mecklenburg versucht Erik gegen Brandenburg auch Stralsund zu gewinnen, welches 1316 eine Belagerung übersteht.

 

1319 sterben sowohl Erik wie der Markgraf von Brandenburg und die Städte sind wieder weniger fürstlichen Ansprüchen ausgeliefert.

Das finanziell durch Eriks Eroberungspolitik ausgeblutete Dänemark versinkt in Anarchie. Das nutzt der holsteinische Graf Gerhard, um sich mit Schleswig belehnen zu lassen und starken Einfluss in Dänemark auszuüben. Es gibt deutsche Einwanderung dorthin, die 1332 zu dänischer Gegenwehr führt.

 

1332 gewinnt König Magnus von Schweden und Norwegen die Herrschaft über Schonen und  die Lage der deutschen Schonenfahrer verschlechtert sich. 1339 bestätigt Magnus aber die Privilegien.

 

1340 wird Gerhard ("Gert") ermordet, und sein Nachfolger greift Lübeck an, welches sich mit der Förderung der Thronbesteigung von Waldemar IV. ("Atterdag") Hilfe erhofft. Der übergibt Schonen an Schweden und verkauft seine Besitzungen in Estland für 19 000 Mark an den Deutschen Orden. Nachdem Waldemar IV. neuer dänischer König ist, lassen sich die Stralsunder und Lübecker ihre Rechte auf Schonen auch von ihm bestätigen, obwohl Schonen in jener Zeit nicht in seiner Hand ist. Dies zieht ihnen den Unwillen von König Magnus zu und geduldete Piraterie adeliger Herren.

 

In England fördert Edward I., nachdem er die Zolltarife für den Export von Wolle und Häute erhöht hat, 1303 die fremden Händler mit einer Carta Mercatoria, wie sie später heißt. Damit erhalten alle fremden Händler in England Niederlassungsrecht und das Recht, mit Ausländern und Einheimischen frei Großhandel zu treiben. Nachdem sich die englischen Händler dagegen wenden, werden diese Rechte auf die Hanseleute begrenzt. Immer mehr deutsche Kaufleute lassen sich in England nieder, erhalten relativ leicht das städtische Bürgerrecht und werden im Königreich dann oft auch den Einheimischen gleichgestellt.

 

Die Kölner führen vor allem weiter "Rheinwein" in England ein. Aus England wiederum werden vor allem Wolle und Metalle exportiert. Der Wollanteil beim hansischen Export von der Insel nimmt erst nach 1300 deutlich zu, und wird dann gegen 1340 ganz dominant.

 

Aus Preußen kommen Holz und Getreide. Holz brauchen die Niederlande vor allem als Bauholz und massenhaft für den Schiffsbau. Einiges geht rheinabwärts, aber Ende des 13. Jahrhunderts kommen bereits größere Mengen aus dem Hinterland von Wolgast, Anklam und Stettin. Als das nicht mehr reicht, kommen große Mengen aus dem Weichsel- und Dünagebiet und aus Litauen, die vor allem von Danzig aus verschifft werden. (SchubertAlltag, S.97)

 

Aus Russland werden Pelze und Wachs ausgeführt.

 

Der (späte) Aufstieg Englands als Produktionsstandort von Fertigprodukten führt bis 1340 dazu, dass kaum noch Tuche importiert werden. Zugleich beginnt eine zunehmende eigene Handelsschiffahrt der Hanse Konkurrenz zu machen. Aber noch 1343 erhalten Hansekaufleute Zollfreiheit auf Tuchausfuhren, ganz im Unterschied zu den eigenen Händlern.

 

Schon die ersten beiden Edward lassen sich von hansischen Kaufleutegruppen (noch überschaubare) Kredite geben. Edward III. hat dann hohen Finanzbedarf für den Krieg gegen Frankreich und erhält größere Summen von deutschen Kreditgebern, die aber nur einen kleinen Bruchteil dessen ausmachen, was englische und insbesondere italienische Finanziers leisten. 

1339 schließlich bildet sich ein westfälisches Finanzkonsortium, welches der Krone in den nächsten Jahren rund 26 000 Pfund leiht, für die es teilweise Wollausfuhr-Lizenzen und Zolleinnahmen erhält. 1344 kauft es dem König die vom Erzbischof von Trier die große Krone für 45 000 Écus d'Or zurück, und für rund 1300 die kleine von Köln.

 

Bald danach führen aber die Bankrotte der Bardi und Peruzzi und englische Feindseligkeit gegen solches finanzielles Engagement von Ausländern zu einem massiven Rückgang der Kredite.

 

Vom Herbst 1349 bis zum Frühjahr 1351 schließlich schlägt die Pest im Hanseraum zu, vom Rheintal sich bis in den Osten ausbreitend.

 

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Mitte des 14. Jahrhunderts taucht der Name Hanse endlich für alle norddeutschen Kaufleute, die miteinander kooperieren, auf, und zwar zum ersten Mal 1343 in einem Zollprivileg des norwegischen Königs für die mercatores de hansa Theutonicorum. Danach ist dann auch von den steden von der dudeschen hense die Rede.

 

***Hanse: Kapital und Arbeit*** (Materialsammlung)

 

Inzwischen reisen Fernkaufleute in der Regel nicht mehr selbst mit ihren Waren, sondern leiten ihre Firmen vom heimischen Kontor aus. Für die Kontakte wird Schriftlichkeit immer wichtiger. Mit ihrem Bildungshorizont und dem Verbleib in der Stadt können solche reiche Handelsherren nun auch die entstehenden Räte der Städte übernehmen, und zwar an den Küsten alleine, während gegen Ende des 13. Jahrhunderts im Binnenland (Erfurt, Braunschweig) auch Handwerker dorthin drängen.

Zumindest wenn der Kaufmann noch mitreiste, aber auch ansonsten reist das Hanseschiff oft noch mit viel Bargeld. Da im Osthandel mehr eingekauft wird als verkauft, was wohl auch mit der dortigen Kaufkraft zusammenhängt, wird oft noch direkt mit Silber bezahlt. Hier werden auch durch das späte Mittelalter Wechsel nicht möglich, da sie einigermaßen ausgeglichenen Zahlungsverkehr voraussetzen. (Hanse, S.107)

Es werden darum noch sehr lange Inhaberschuldverschreibungen eingesetzt, die sowohl auf den Gläubiger wie den Schuldner ausgestellt sind. "Da der Hansekaufmann, der Geld mit Hilfe des Schuldscheins aufnahm, dieses nach dem Verkauf der Waren auf der nächsten Messe selbst zurückzahlte, benötigte er keinen Bezogenen oder Akzeptanten, der wie beim Wechsel in seinem Auftrag zahlte." (Michael North)

Im Westhandel hingegen tauchen vereinzelt Wechsel ab 1290 auf, und nehmen dann langsam zu.

 

Der norddeutsche Hansekaufmann operiert entweder wie in Köln üblich alleine, oder aber seit dem 12. Jahrhundert häufiger mit einem oder seltener mehreren kurzzeitigen Teilhabern, von denen dann einer, nämlich der, welcher das geringere Kapital einbringt, mit der Ware mitzieht. In einer solchen vera societas wird entweder ein Kapitaleinsatz eins zu eins oder eins zu zwei eingehalten, während der Gewinn eins zu eins geteilt wird, nach Mannzahl, er in Süddeutschland und im Mittelmeerraum nach Markzahl, also entsprechend dem Kapitaleinsatz geteilt wird. Anders bei den Verlusten, die auch in der Hanse nach Markzahl geteilt werden.

Damit ist eine solche Gesellschaft (selschop, kumpaney) oder Widerlegung (wedderlegginghe) in den kapitalführenden Gesellschafter geteilt, der die Handelsreise macht (socius tranctans) und dabei alle Verantwortung oder Entscheidungen trägt, und den zu Hause bleibenden reinen Investor, den socius dormiens (Kümper, S.167ff)

Daneben kann eine Handelsfahrt mit einer Kommission (sendeve) beauftragt werden, und zwar ohne Risiko und Gewinn des Handelsreisenden bzw. der Gesellschaft. 

 

Hansehandel funktioniert so auf der Basis des Vertrauens, und der Freundschaft. Im lübischen Recht heißt das dann:

(...) derjenige, der das Gut verkaufen soll, der ist berechtigt, damit in jeder Hinsicht zu tun und zu lassen, was er will. Und der ihm sein Gut anvertraut hat, der muss ihm auch die Abrechnung darüber anvertrauen (beloven). Deshalb sieh auch untereinander zu, wem du dein Gut anvertraust. (in: Kümper, S.171f / 428)

 

Laut einem Lübecker Societates-Register für 1311-61 setzt sich die Widerlegung aus Kapitalinvestoren zusammen, die ihre Traktanten, also die mit der Ware Reisenden, aus dem familiären Bereich auswählen:

"Das Geld kam von den Etablierten, zu einem großen Teil von Ratsherren; der Traktant dagegen kam aus dem Nachwuchs, meist auch im engeren Sinne: Er war Sohn, Neffe, Schwager des Kapitalgebers oder anderweitig mit ihm verbunden." Dabei wird aber kein Familienvermögen eingesetzt, sondern jeweilige individuelle Einlagen. (Kümper, S.171)

 

Oft wird ein breitgefächertes Warenangebot aufgekauft oder versandt. Da es keine auf Dauer angelegte Handelsfirmen gibt, beteiligen sich hansische Kaufleute des Nordens oft zur gleichen Zeit an mehreren Geschäften. "Der Kaufmann Hermann Mornewech schloss in der Zeit von 1323 bis 1335 ausweislich des Lübecker Niederstadtbuchs 18mal Gesellschaftsverträge ab und erneuerte sie." (Isenmann, S.365)

 

 

 

Erst gegen das 15. Jahrhundert werden die überlieferten Quellen ergiebiger, was Kapital und Arbeit angeht. Einiges aber lässt sich ersehen: Der Handel per Schiff erzeugt zwei Arten von Kapitaleignern spätestens dann, wenn die Kaufleute sesshaft werden und von ihrem Büro aus agieren. Da ist einmal der Vertreter des Handelskapitals und zum anderen der Schiffsherr, der vom schipher zum Schiffer wird.

Beide Kapitalien sind aber oft ineinander verschränkt. Schiffer und gelegentlich auch die Seeleute beteiligen sich manchmal am Handel, und manche Kaufleute besitzen selbst ein Schiff oder Anteile, letztere auch, um sich Transportkapazitäten zu sichern. Falls man sie nicht (mehr) benötigt, kann man sie weiter verkaufen. Kapazitätsreserven werden auch dadurch erhalten, dass man denen, die keine Hansekaufleute sind, diese vorenthält, wofür es dann im 15. Jahrhundert mehr Dokumente gibt als zuvor.

 

Nicht verwunderlich ist, dass die Überlieferung über den Faktor Arbeitskraft, dessen Kapitaleinsatz bedürftig ist, für unsere Zeit hier miserabel ist, obwohl er die meisten Menschen im aufblühenden Handels-Kapitalismus umfasst. Auf eine Hansekogge entfallen derzeit bis zu zwanzig Mann Besatzung, die mit dem Segel befasst sind oder unten aus dem Schiff das stinkende Bilgewasser abpumpen müssen. 

Unter Deck gibt es keine Kojen für sie, und die Hängematten werden wohl erst den Einwohnern karibischer Inseln um 1500 abgeschaut, bevor sie dann ausgerottet werden. Man kriecht also zum Schlafen mit seinem Schlagsack zwischen die Waren.

 

Neben dem Proletariat an Bord gibt es das im Hafen, welches Lasten trägt oder mit Karren zieht oder - sobald sie auftauchen - die Treträder der Kräne bedient.

 

ff

 

 

Süddeutschland

 

Im Kern gibt es jetzt zwei große Wirtschafts- und Handelsräume im lateinischen Abendland, und der im hohen Mittelalter jedenfalls noch wichtigste hat die Nordhälfte Italiens als Zentrum und umspannt das ganze Mittelmeergebiet. Der andere umfasst das Gebiet der Hanse von Flandern bis über die Ostsee. Mehrere bedeutende Handelswege über die Alpen ins Rhonetal, zum Rhein und vom Schwarzen Meer nach Norden verbinden beide Regionen. Erst langsam entwickelt sich ein dritter Wirtschaftsraum dazwischen, und zwar zwischen Oberschwaben und Nürnberg.

 

Süddeutscher Fernhandel geht von Städten wie Augsburg, Regensburg und Nurnberg aus und vermittelt vor allem zwischen den Champagnemessen und Südosteuropa (Horst Rabe). Deutsche Tuche haben noch kein Spitzenniveau, verbreiten sich aber als einfachere Massenware vor allem. Dazu kommen seit dem Ende des 12. Jahrhunderts die oberschwäbische Leinen- und bald auch Barchentprodukte. Fernhandel bedienen zudem metallverarbeitende Betriebe in Nürnberg, Goslar und Dortmund.

Einen frühen Familienbetrieb in Nürnberg um 1300 bilden die vier miteinander verwandten Holzschuher, die auf flämischen Märkten dokumentiert sind. Eine andere Nürnberger Firma ist die der Stromer-Ortlieb: "Die Stromer hatten sich vor 1336 im Eisenerzrevier der Oberpfalz als Hammerherren und Montanunternehmer engagiert, sie waren seit 1350 als Fernhändler in Mailand erfolgreich, man findet sie gleich anderen Nürnbergern in Venedig und Lyon, in Ofen, Breslau und Krakau, in den Niederlanden und am Oberrhein, sie waren als Finanziers der römischen Könige in die Reichspolitik verstrickt und in hochspekulativen Wechselgeschäften tätig." (Dirlmeier, S.43)

 

 

Firma und Geschäftsleben (in Arbeit)

 

Sobald der Großkaufmann meist zu Hause in seiner Schreibstube bleibt, lange nach dem mittelmeerischen Kollegen, führt er immer ausführlichere Rechnungsbücher. Dabei wird neben der Lese- auch die Schreibkunst immer wichtiger.

 

 

Der ehrliche Kaufmann als Fernhändler zumindest dürfte der Regelfall gewesen sein, da er für seine Geschäfte auf seinen "guten Namen" angewiesen ist. Das heißt aber nicht, dass immer wieder betrogen wird. Um 1300 schreibt zum Beispiel der Rat von Eisenach an den von Lübeck,

(...) dass wir Euer Ansuchen wegen Maßnahmen gegen Betrügereien im Hopfenhandel befolgen wollen und befriedigend zur Ausführung bringen werden. Dagegen erbitten wir freundlich und ehrerbietig von Euch, dass Ihr zusammen mit den Landesherren und mit den Euch benachbarten Städten anordnet, dass auch in die Mitte der Fässer Heringe von der gleichen Qualität wie oben und unten gelegt wird: Von mehreren Seiten wird nämlich Klage erhoben (...) dass die Heringe, die von Euch ausgeführt werden, oben und unten in den Fässern gut und frisch und in der Mitte wertlos und faul sind. (in: Dollinger, S. 559f)

 

 

 

Finanzkapital

 

Im Verlauf des 13. Jahrhunderts wird jüdisches Finanzkapital durch die englische Krone soweit ausgeplündert, dass es zunehmend dann an Bedeutung verliert. Zwischen 1241 und 1255 verlangt Henry III. von Juden noch einmal als besondere Steuern rund 66 000 Pfund, etwa die Hälfte ihres gesamten Kapitals. Daneben engagiert er sich fromm in ihrer Konversion via Druck. 1255 lässt er neunzehn Juden töten, die der Entführung und Kreuzigung eines kleinen Christenjungen angeklagt waren, und bestätigt damit die Vorstellung, dass Juden so etwas öfter täten.

In der zweiten Häfte des 13. Jahrhunderts werden die Juden aus einzelnen Regionen in Frankreich ganz vertrieben, und 1290 verkündet Edward I ihre Vertreibung aus ganz England. Nachdem er einen großen Teil der Einziehung und Verwaltung von Zöllen und Steuern an die Firma Riccardi aus Lucca abgegeben hat, die ihn ständig mit Geld für seine Ausgaben versorgen, sind die jüdischen Kreditgeber überflüssig geworden. 1306 vertreibt Philipp IV. die Juden aus Frankreich.

 

Um 1300 lebten schätzungsweise 100 000 Juden im römischen Reich, vielleicht um die tausend davon jeweils in Nürnberg und Erfurt. Zunächst aus eigenem Antrieb in eigenen Vierteln abgesondert, nimmt die Ghettobildung im 14. Jahrhundert auch auf äußeren Druck zu, bis es dann in den großen Pestjahren 1348-50 zu massiven Pogromen kommt, die rund vierhundert Gemeinden betreffen und hundert davon vernichten.

 

Jüdisches Finanzkapital wird zwar bis in unsere Gegenwart eine gewisse Bedeutung haben, aber es hat seitdem seine manchmal fast monopolartige Stellung verloren. An die Stelle rückt auf ganzer Front neben norditalienischem Finanzkapital vor allem solches aus der Toskana.

 

Neben den Juden betreiben Leute aus Cahors (Cahorsini / Kawerschen) und Lombarden aus Asti, Piacenza und anderen Orten das Wechsel- und Kreditgeschäft in England, Nordfrankreich, Flandern und am Rhein. Ähnlich wie ihre jüdischen Kollegen liefern sie gegen hohe Zinsen von 22-30% und mehr konsumtive Kredite gegen Faustpfänder und geben große Darlehen an Städte, Adel und Fürsten. Ähnlich auch wie die Juden schon vorher werden sie in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts nördlich der Alpen immer stärkerem Druck ausgesetzt und schließlich durch neue Geld- und Handelshäuser wie der Kölner Stralen-Kalthof-Gesellschaft überall verdrängt.

 

Nördlich der Alpen wird die Rente zur wichtigsten Kreditform mit zentralen Märkten wie in Frankfurt und Straßburg. Käufer sind vor allem Adel, Kirche und städtisches Großkapital, aber das Rentengeschäft ist insgesamt eine weit verbreitete Form der Kapitalanlage und des Kredits. Der Käufer gibt auf diese Weise kapitalisiertes Geld an einen Verkäufer, der dafür eine Rente zahlt, und eine Immobilie als Sicherheit stellt, die bei Nichtzahlung an den Käufer fällt.

Es gibt die Ewigrente, deren Zinsfuß anfangs bei 15% liegt und im Verlauf des Mittelalters auf 5% sinkt, und daneben die Leibrente auf das Leben des Käufers, die mit seinem Tod erlischt, und deren Zinsfuß etwa doppelt so hoch ist.

 

Renten hatten einerseits die Funktion, Kapital aufzunehmen, worauf vor allem der öffentliche Kredit beruht, Kapital einigermaßen abgesichert unterzubringen und bei kleinen Leuten, sich für Notfälle etwas abzusichern, etwa Krankheit und Alter, und wegen des letzteren treten besonders Frauen als Käufer auf. Außerdem kaufen Eltern Leibrenten für ihre Kinder und nutzen sie selbst bis zu deren Auszug aus dem Elternhaus. Daneben werden mit Renten fromme Stiftungen, Pfründe und karitative Einrichtungen abgesichert.

Schon im 14. Jahrhundert wird das Rentenpapier verkäuflich, vererbbar, als Mitgift übergeben und vieles mehr, als es zu einem frühen, auf Immobilien basierenden Wertpapier macht. Damit ist es in der Nähe des nun ebenfalls aufkommenden Grundpfandrechtes, bei dem eine Immobilie als Pfand gegen eine Summe Geldes eingesetzt wird.

 

Im 14. Jahrhundert wird es üblich, Renten mit einer Ablösungsklausel zu versehen, so dass der Verkäufer die Rente mit einer Rückkaufmöglichkeit kündigen kann. Im 15. Jahrhundert wird es dann üblicher werden, dass ein Kündigungsrecht beider Seiten schon von vorneherein eingeräumt wird.

 

Gegen Ende des Mittelalters sind Rentengeschäfte so üblich, dass 30-50% mancher Städte dabei belastet werden. Die stets mit reichlich Geld versehene Kirche spielt eine große Rolle als Kapitalanbieter auf dem Rentenmakrt, auch weil sie selbst im Besitz vieler gestifteter Renten ist. Das Großkapital der Städte, wie am Beispiel Lübecks belegt ist, bildet manchmal "eine geschlossene rentenkaufende Schicht." (Isenmann, S.386). Bei den Handwerkern gibt es viermal so viele Rentenschuldner wie Rentengläubiger.

 

Die Kirche macht wenige Einwände gegen Rentengeschäfte, da das Kapital ursprünglich nicht rückerstattet wird. Im 15. Jahrhundert werden dann bestimmte Rentengeschäfte sogar päpstlich anerkannt.

 

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Im Norden wird mit dem Niedergang der Champagnemessen Brügge zum wichtigsten Umschlagplatz für Waren und Geld, insbesondere auch für die kirchlichen Gelder, die aus Skandinavien und Osteuropa zu den Päpsten fließen.

 

 

Messen

 

Im 13. Jahrhundert nimmt auf Messen neben dem Warenhandel  das Kreditgeschäft immer mehr zu. Wie beim Kapital selbst findet auch bei Messestandorten ein Konzentrationsprozess statt, bei dem solche Messen überleben, die als Standort auch eine bedeutende, marktorientierte Produktion und eine aktive Kaufmannschaft besitzen (Irsigler). Dazu gehört zum Beispiel Provins. Den Champagneorten schadet der zunehmende Einfluss der französischen Krone und sie unterliegen der Konkurrenz von Ypern, Brügge, Antwerpen und Bergen-op-Zoom auf der einen Seite und von Chalon-sur-Saone für den Warenhandel und der Pariser Lendit-Messe für den Geldhandel auf der anderen Seite. Um 1350 ziehen sich die letzten italienischen Banken von den Champagnemessen zurück.

 

Im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts entfaltet sich ein fester Messezyklus im Niederrheingebiet. Da ist zunächst Aachen, dann folgt Duisburg am vierten Fastensonntag, dann folgen Utrecht und Köln an Ostern, Utrecht an Johannis, Köln am Anfang August, Duisburg am 24. August, Utrecht am 8. September, Aachen an Michaelis, Köln am 23. Oktober und am Schluss zu Martini wieder Utrecht. Auf diesen Messen werden Süddeutschland und die Niederlande miteinander verbunden, allerdings scheitert diese Kooperation, nachdem Köln 1259 endgültig sein allgemeines Stapelrecht durchsetzt.

 

Schon im 13. Jahrhundert nahm der Direkthandel von Kaufleuten mit dem Zielort zu, wobei Faktoreien und überhaupt Handelsniederlassungen helfen. Damit wird für manchen der Termindruck der Messen eher hinderlich. Nicht mehr große Messezyklen, sondern nur noch einzelne Messen an zentralen wichtigen Orten können sich behaupten. 1317 werden Messen in Antwerpen gegründet und beginnen, Brügge den Rang abzulaufen. Dazu kommt der englische Wollstapel in der Stadt.

Pendant zu Antwerpen und damit abgestimmt werden im 14. Jahrhundert die beiden vierzehntägigen Frankfurter Messen, aus denen sich im 15. Jahrhundert Frankfurt als zentraler deutscher Finanzplatz entwickeln wird.

 

Transport, Verkehr und Mobilität

 

Die große Zeit des Brückenbaus und nun auch vermehrt von Steinbrücken ist in Mitteleuropa das 13. Jahrhundert. Vorläufig sind Brücken noch nicht nur wirtschaftlichen Zwecken gewidmet, sondern gelten als frommes Werk. Beiträge können Ablass erwirken. Brücken, Spitäler und Pilgerherbergen können so gelegentlich benachbart sein. Finanzierung und ebenfalls kostspieliger Unterhalt von Brücken wird häufig genossenschaftlich betrieben, wobei ihr Häuser, Gärten und Grundrenten zugeordnet werden.

Brücken werden dann immer länger, wie die ab 1357 vom Architekten Peter Parler erbaute Prager Karlsbrücke mit 505 Metern und die Rhonebrücke Pont Saint-Esprit von Saint-Saturnin-du Port mit 1000 Metern.

 

Der Transport über kleinere Flüsse wird durch immer mehr Mühlbauten an schmalen Gewässern behindert, aber vor allem auch durch die Erfindung von immer mehr Flusszöllen durch kleinere Herrschaften.Dazu kommt die Einführung des Stapelrechtes, welches den Gewinn mindert wie auch das jeweils zweimalige Umladen der Ware.

 

In Brüssel gibt es mit La Chaussée ab 1326 ein Straßenamt, dass neben Abgaben und Gebühren auch über Ländereien verfügt, um die Straßen in Schuss zu halten.

Kanalbau in Flandern, wobei Kanäle manchmal in guten Zeiten im Einzelfall bis zu 10 000 geschätzte Lastkähne befördern.

 

Schlimm sind die vielen Kriege, die oft weiträumig umfahren werden müssen. Alltäglich ist aber das Räuber-Unwesen, welches vor allem weiter die großen Wälder heimsucht und große Strecken kaum bewohnten Ödlandes. Da gibt es sowohl das Bandenwesen aus dem "Volk" wie vor allem das Raubrittertum, niederer Adeliger, welchen die von den Stadtstaaten und nach Territorialisierung strebenden Fürsten die für standesmäßig erachtete Machtgrundlage nehmen. In deutschen Landen stehen die Sickingen und viele andere ritterliche Geschlechter für diese Entwicklung. Die Könige/Kaiser haben hier das Geleitrecht für Handelstransporte schon im hohen Mittelalter an regionale Herren abgegeben. Solche bewaffnete Eskorten müssen aber von den Beschützten selbst teuer bezahlt werden. Städtebünde versuchen, die Burgen der räuberischen Ritter zu schleifen. Da das alles aber nur wenig hilft, gibt es im ausgehenden Mittelalter Handbücher, die von der relativen Sicherheit bestimmter Wege und den zuständigen Eskorten handeln

 

"Reisende, die von Nürnberg zum Markt in Frankfurt am Main wollten, wurden zunächst von einer Nürnberger Eskorte begleitet, erhielten aber bald ein Geleit der Markgrafschaft Brandenburg, dann wiederum eine Eskorte des Bistums Würzburg, weiteres Geleit stellten die Grafschaft Wertheim und das Kurfürstentum Mainz, und schließlich gelangten sie in die Obhut der Frankfurter Eskorte." (Spufford, S.165)

 

Günstiger als auf Flüssen wird der Warentransport vor allem durch Küstenschiffahrt. Auf Nord- und Ostsee transportieren Hansekaufleute ihre Waren mit Koggen, wobei sie in der Regel mit wohl zwischen fünfzig und einhundert Tonnen beladen sind, in einzelnen Fällen tragen sie mehr. Sie sind gut 20 m lang, sechs bis sieben Meter breit und besitzen am Heck seit dem 13. Jahrhundert ein kleines Kastell wohl für Kapitän und Steuermann.  Sie haben rund 10-20 Leute Besatzung.

Die Navigation in den nördlichen Meeren leistet vor allem ein Fahren in Sichtweite der Küste. Neben anderen Landmarken werden erste künstliche Orientierungspunkte geschaffen, 1226 mit dem Turm vor Travemünde oder seit 1306 mit einem Leuchtfeuer bei Hiddensee. Als Ausguk dient das Vorkastell und im Verlauf des 13. Jahrhunderts kommt der Mastkorb dazu. In Ufernähe hilft auch das Senklot und wo alles das nicht nutzbar ist, hilft der Polarstern. Schließlich beginnt man mit einem Vorläufer des Kompasses: Man wirft eine Nadel in einen mit Wasser gefüllten Behälter und magnetisiert sie mit einem Magnetstein. (Kümper, S.157)

 

Größer als Koggen sind die norditalienischen Karacken und Galeeren.

 

Von der ersten bis in die zweite Blütezeit des Kapitalismus (bis um 1450) macht die Segelschifffahrt solche Fortschritte, dass auch dort, wo das nicht ohnehin vonnöten ist, aus Kostengründen vom Überlandtransport auf den zur See umgestiegen wird. "Die Transportkosten von einem Sack Wolle für die Strecke von London nach Libourne an Bord eines auf der Rückfahrt befindlichen Schiffes, das Wein geliefert hatte, lag inklusive der an der Gironde zu entrichtenden Zölle bei etwa einem florentinischen Goldflorin. Die Überlandkosten dieses Sacks vom Entladen in Libourne bis zum Beladen einer Galeere in Aigues Mortes beliefen sich auf ungefähr acht Goldflorins." (Spufford, S.301). Dabei war die Seestrecke etwa doppelt so lang.

Dabei ist auch die Schnelligkeit bei günstigen Winden ein Faktor. Pisanische Galeeren können so manchmal bis zu 160 Kilometer am Tag zurücklegen.

Natürlich kommt es für die Rentabilität des Seeweges zumindest vorläufig noch darauf an, was geladen ist. Wertvolle leichte und wenig Raum einnehmende Waren wie Gewürze oder Baumwolle werden durch den Transport nur geringfügig verteuert, oft nur um 5-10 Prozent, während Getreide von Sizilien nach Pisa sich um 40-50 Prozent verteuern kann. Der Getreidehandel verbleibt darum weitgehend in zwei von einander getrennten Handelsräumen, dem Mittelmeer einerseits und dem Ost- Nordseeraum andererseits.

 

Neben dem Transportwesen auf weiteren Strecken gibt es das für die tägliche Versorgung der Städte aus dem Umland. Während die Basisernährung mit Getreide beim Wachstum der Städte gelegentlich nun vom Fernhandel übernommen wird, wird von den Bauern alles das unentwegt geliefert, was frisch bleiben muss: Gemüse und Salate, Eier, Milch und das Fleisch von Kleinvieh. (ff)

 

Lebensmittel

 

Die geographische und mengenmäßige Expansion des Handels hängt einmal an der Zunahme einer adeligen wie großbürgerlichen Schicht von Luxuskonsumenten und deren steigender Nachfrage, vor allem aber auch an der Massennachfrage nach Gütern des täglichen Bedarfs, der durch ständig steigende Bevölkerung und langsam steigende Kaufkraft vieler befeuert wird. Das sind nicht nur Tuche, sondern auch allgemein nützliche Haushaltsgegenstände und vor allem Lebensmittel.

Städte des frühen Mittelalters ernährten sich noch aus ihrem nahen Umfeld, die größeren im hohen Mittelalter müssen Teile ihrer Ernährung bereits aus entfernteren Gegenden sichern, und im späten Mittelalter bei immer größeren Städten wird Fernhandel mit Massen von Lebensmitteln immer üblicher.  Insbesondere Getreide muss für alle größeren Städte zum Teil aus sehr entfernten Gegenden herbeigeschafft werden.

 

In den Hungerkrisen im Norden des frühen 14. Jahrhunderts wird es sogar rentabel, dass der westliche Mittelmeerraum bis nach England hin Getreide liefert. Andererseits gelangt im Extremfall sogar Getreide aus dem Ostseeraum in den Süden. Von dort gelangen Getreideschiffe nach Flandern, wo das Getreide dann umgeschlagen und bis nach England gelangt, und im Bordelais und in Portugal gegen Wein getauscht wird.

Das dünn besiedelte Hinterland der Ostsee beliefert aber vor allem den Nordteil Europas. Dort geht der Getreideanbau erst mit dem massiven Bevölkerungsrückgang durch das 14. Jahrhundert zurück, um dann nach und nach im 15./16. Jahrhundert mit dem neuen Wachstum erneut bis tief in die Neuzeit hinein zur Kornkammer Nordeuropas zu werden.

 

Immer mehr Fleisch gelangt in die Städte durch über viele hundert Kilometer getriebene Ochsen, Schafe usw. Städter verbrauchen dabei sowieso mehr als die Landbevölkerung.

 

Neben Getreide und Fleisch ist Fisch ein elementares Handelsgut, denn fast ein Drittel des Jahres ist dem Christenmenschen der Fleichverzehr verboten. Schlüsselfunktionen haben hier Köln mit seinem Stapelrecht, welches Südwestdeutschland versorgt, Lübeck, welches Salz in den Ostseeraum liefert und dafür Fisch verhandelt. Von Yarmouth wiederum wird Fisch bis auf die iberische Halbinsel und Norditalien verbracht.

Fisch wird einmal eingesalzen, Bücklinge werden geräuchert, und Stockfisch ist meist luftgetrockneter Kabeljau oder Dorsch von der norwegischen Küste, oft über Bergen in den Handel gebracht. Salzheringe und Stockfische müssen dann tagelang gewässert werden, um den Zustand der Genießbarkeit zurück zu erhalten.

 

Im 13. Jahrhundert ist Wein oft minderer Qualität bis nach England noch Grundnahrungsmittel, da er bis dorthin angebaut werden kann. Mit der Abkühlung des Klimas wird er dann im Norden langsam zur begehrten Luxusware, die aber aus der Gascogne und dem Auxerre noch als Massenware nach England gelangt. Allein aus Bordeaux sollen in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts jährlich um die 800 000 Hektoliter Richtung England ausgeführt worden sein. Vom Auxerre gelangen erhebliche Mengen über die Seine in das schnell wachsende Paris.

 

Im 14. Jahrhundert beginnt Bier auch dank des Einsatzes von Hopfen den Wein als Grundnahrungsmittel zu verdrängen, nicht nur wegen seines höheren Kaloriengehaltes und der nunmehr größeren Haltbarkeit, sondern auch, weil es langsam billiger wird. Das betrifft vor allem Norddeutschland, von wo Brauereien das Bier in die Niederlande liefern. Mit dem Import von Hopfen beginnt man dann auch dort solches Bier zu brauen.

 

Produktion

 

****Textilien****

 

In der ersten Blütezeit des Kapitalismus sind die Niederlande das wichtigste Produktionsgebiet für Wolltücher. Hier ist die Produktion in das Zunftsystem eingeordnet, in dem die wichtigsten Produktionsschritte eigene Zünfte haben. Der Handel von Rohstoffen und Fertigprodukten ist nicht in der Hand heimischen Handelskapitals, und wird so nicht von ihm dominiert. Weber können hier zu Unternehmern werden, die die Tuche von Kollegen aufkaufen, fertigstellen lassen und dann auf dem lokalen Markt verkaufen, von wo es in den Fernhandel geht.

 

Die Leinenproduktion war ursprünglich bäuerliches Handwerk als Nebenerwerb von Flachsbauern, die dieselbe Pflanze auch für die Produktion von Leinöl anbauen. Mit der Gewöhnung breiterer Kreise an leinene Unterwäsche und mehr Bettwäsche entstehen Regionen, die sich sowohl auf Flachsanbau und Leinenproduktion konzentrieren, wie in Schwaben nördlich des Bodensees.

Über Normierung und Qualitätskontrolle gelingt es städtischen Unternehmern im 12. und 13. Jahrhundert, ähnlich wie in der Wollbranche die Kontrolle über die Arbeitsschritte zu erreichen. Konstanzer Kaufleute sind Ende des 13. Jahrhunderts dann in eigenen Häusern auf allen vier Champagnemessen vertreten. Für 1296 sind Walkmühlen am Rhein erwähnt (Schulz, S.166)

Zünftig werden die Konstanzer Leineweber erst spät und nach 1370 dann geringe Mitwirkung beim Stadtrat.

 

Leinene Luxusprodukte werden immer feiner bis hin zur Durchsichtigkeit, wie sie auf Gemälden des 15. Jahrhunderts auftaucht.

 

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Die Tatsache, dass Bauern in nicht wenigen Regionen nicht nur oder nicht einmal mehr hauptsächlich Lebensmittel anbauen, sondern Rohstoffe für die Warenproduktion vornehmlich in den Städten verstärkt die Kommerzialisierung der Landbewirtschaftung und ihre Abhängigkeit von der Stadt. Das betrifft Schafswolle, Tierhäute, aber auch den Flachsanbau für die Leinenproduktion. Für einige Regionen wird der großflächige Anbau von Waid für das Blaufärben von Textilien fast zur Monoku  ltur, wie für Hunderte thüringischer Dörfer. "Viermal im Jahr konnte die ergiebige Pflanze abgeerntet werden. Noch auf dem Land mahlte man die Blätter mithilfe von großen Mahlsteinen zu einem Faserbrei, den Frauen und Kinder in handliche Ballen von etwa 10 Zentimeter Größe formten und trocknen ließen. Nur in Erfurt durfte der Rohstoff danach weiterverarbeitet werden. Waidhändler brachten die Trockenware in die Stadt und ließen sie von Waidknechten bearbeiten. Die zerkleinerten Ballen begossen die Knechte mit Wasser und Urin, ließen sie unter mehrmaligem Wenden vergaren, bis eineascheartige Masse entstand. Die unangenehme, stinkende Arbeit brachte nach sechs bis sieben Monaten die begehrte Waidasche hervor, die in Holzfässer abgefüllt in den Export nach Görlitz, Nürnberg, Lübeck oder Flandern ging." (Schneider-Ferber, S.86)

 

 

****Bergbau und Salz****

 

Eine besondere Rolle nimmt in dieser ersten Blütezeit des Kapitalismus bereits der Bergbau ein, wird doch die Metallbearbeitung insbesondere auch in der Produktion von Rüstungsgütern zweiter Motor einer Entwicklung in Kapitalismus hinein, ob nun in Mailand, Nürnberg oder Dinant. Dabei sind es zunächst in manchen Gegenden noch überwiegend (freie) Bauern, die als Teil ihres Lebensunterhaltes Berge „abbauen“ und sich dafür zusammenschließen. Dadurch bleiben die technischen Möglichkeiten aufgrund fehlender Kapitalisierung begrenzt. Das betrifft besonders die Alpenländer und Böhmen.

 

Im 13. Jahrhundert nimmt die Nachfrage nach Stahl, Kupfer und Zinn erheblich zu, aber auch von Silber und Gold. Die erste Blüte des Kapitalismus steigert insgesamt die Nachfrage nach Rohstoffen und dabei eben auch die Bedeutung des Bergbaus. Die bekannte Welt ist noch deutlich kleiner als im 16. Jahrhundert, aber es gibt keine Bedenken, ihre Ressourcen unwiderbringlich und brachial auszuplündern.

 

Im frühen Mittelalter besitzen die Könige das Bergregal, das heißt das oberste Nutzungsrecht für die Bodenschätze. Im hohen Mittelalter wird dieses in deutschen Landen weitgehend von ihnen auf diejenigen Fürsten übertragen, die auch damit anfangen, Landesherrschaft zu entwickeln. Dabei lässt sich zwischen den politisch wichtigen Edelmetallen unterscheiden, aus denen Münzen geschlagen werden, über deren Schlagschatz die Fürsten verfügen, und den wirtschaftlich wichtigen Eisenerzen und Buntmetallen, die in die Produktion und

den Handel fließen.

 

Der Reichtum der Przemysliden und ihrer Luxemburger Nachfolger beruht im 13. und 14. Jahrhundert in hohem Maße auf den Silbervorkommen von Iglau und Kuttenberg."Beide schürften in den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts jährlich 20 Tonnen Silbererz und damit fast ein Drittel der in Kontinentaleuropa gehandelten Mengen." (Monnet, S.147) Im 14. Jahrhundert lässt die Produktion etwas nach, aber Kuttenberg bleibt zweitgrößte Stadt Böhmens. Dort wird das Silber auch direkt in Prager Groschen verarbeitet. "Zuständig hierfür waren in der Prager Kanzlei tätige oder mit dem Hof verbundene Vertreter der großen Nürnberger Hochfinanz- und Kaufmannsfamilien, allen voran der Schlick, Groß und Stromer, die immer komplexere Kredit-Bank- undWechselgeschäfte beherrschten, und zudem den Kurswert der Münzen steuerten, indem sie zwischen 1355 und 1365 allmählich Gewicht und Feinsilbergehalt des Prager Groschens senkten." (Monnet, S.147)

 

Die Verbindung von Bergbau mit Verhüttung und manchmal auch Metallhandwerk schafft schon im hohen Mittelalter ganze Industriereviere. Die Ausplünderung der Erde macht dabei solche Fortschritte, dass nach 1200 die deutschen Kupferreserven nicht mehr ausreichen. Ab 1220 investieren darum deutsche Unternehmer bereits im schwedischen Falun, um dort das begehrte Kupfer aus der Erde zu holen. Aber es finden sich noch keine Aussagen darüber, dass die Ressourcen des Planeten endlich sind und sie werden auch für die nächsten Jahrhunderte fehlen. Die immer größere Gier, die der Kapitalismus entwickelt, schürt jene Bedenkenlosigkeit, wie sie auch die kleinen Konsumenten bis heute kennzeichnet.

 

Insgesamt bleibt der Abbau von Kohle sehr begrenzt, die meist nur in der direkten Umgabung zum Befeuern heimischer Herde in England oder im Lütticher Raum benutzt wird.

Aber zu den bisherigen Kohlevorkommen werden im 14. Jahrhundert auch die von Südwales und Northumberland erschlossen. "Von England aus wurden 1377 und 1378 jährlich ca. 6600 Tonnen Kohle nach Frankreich, in die Niederlande und in die Hansestädte an der Ostsee verschifft." (Dirlmeier, S.33)

 

Nach und nach nähert sich Bergbau in älteren Revieren einem Stillstand, da es dauern wird, bis man mit dem eindringenden Wasser in Stollen und Schächten umgehen lernt. Handhaspeln reichen nur bis zu maximal 5o Meter tief und selbst die inzwischen erfundenen von Pferden angetriebenen Göpelwerke reichen nicht mehr aus. Man muss nun horizontale Stollen zur Ableitung des Wassers bauen, wobei der gerade erfundene Kompass zur Orientierung dienlich ist.

 

Für diese großen Bergbaukomplexe bedarf es zunehmender Kapitalisierung. In einzelnen, noch wenigen Bereichen beginnt schon im 12. Jahrhundert unternehmerisches Kapital und Lohnarbeit in den Bergbau einzuziehen. Im 13. Jahrhundert kommt erstes verlegerisches Handeln auf, zum Beispiel in Goslar, wo Kapitaleigner Grubenanteile erwerben und dort unter verschiedenen Verhältnissen von Abhängigkeit arbeiten lassen. Aber das bleiben bis ins 15. Jahrhundert nördlich der Alpen eher Ausnahmen.

Mit der Zunahme der Lohnarbeit eines Bergbau-Proletariats entstehen Arbeitersiedlungen in Grubennähe. mit Kirche und Friedhof, manchmal ganze Bergbaustädte.

 

Die Kapitalisierung des Eisenhüttengewerbes erreicht parallel dazu die Steiermark und die Oberpfalz. Wasserräder betreiben Erzmühlen und Pochwerke sowie Blasebälge von Schmelzwerken. Die Schmelzhütten beginnen in die Höhe zu wachsen und erreichen in der Toskana dann bald drei Meter, um schließlich in der frühen Neuzeit zu Hochöfen zu werden.

 

Kapitalstarkes Großbürgertum der Städte investiert nun in diese Bereiche und wird dabei noch reicher. Hundert Jahre später ist der Kölner Tideman Lemberg so kapitalstark, dass er 1347 für jährliche 3500 Mark die Zinngruben Cornwalls pachten kann. Überhaupt fließt Kapital längst durch Europa, als ob es keine Grenzen gäbe.

 

Ein Nebenprodukt des Bergbaus sind die Anfänge der Chemie als Proto-Wissenschaft (bei der Alchemisten eine eher untergeordnete Rolle spielen) und als Industriezweig. Man lernt aus der Produktion und dem Einsatz von Schwefel, Alaun, Vitriol und der Mineralfarben.

 

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Salzproduktion bedurfte schon im hohen Mittelalter gelegentlich eines gewissen Kapitaleinsatzes, was im späten zur Regel wird. Um 1205 soll die Produktion in Lüneburg bereits auf 5000 Tonnen angewachsen sein. Sie steigert sich seit dem Privileg von 1257 ganz erheblich. In den drei letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts verdreifacht sie sich auf 15 000 Tonnen bei 54 Siedehäusern mit je vier Pfannen. Eigentümer sind inzwischen kirchliche Institutionen, die an rund 80 in einem Verband zusammengeschlossene Sülfmeister-Geschlechter verpachten, die auch den Salz-Handel im Ostseeraum kontrollieren.

Das Salz von Hallein liegt auf dem Land des Salzburger Bischofs, der es an viele Pächter vergibt, die sich zu einem Verband zusammenschließen. Transportiert wird es über den Inn bis Passau und geht von dort nach Oberösterreich und Böhmen.

 

****Metallwaren****

 

In der Produktion von Metallwaren gibt es nicht nur Spezialisierung vor Ort, sondern auch Spezialisierung von Orten auf bestimmte Waren, für die es einen "Ruf" auf dem europäischen Markt gibt. Dirlmeier listet Blech von Amberg, Messer aus Solingen, (Platten)Rüstungen aus Mailand, Geschütze aus Lüttich als Beispiele auf.

Der "Ruf" solcher lokaler/regionaler Produkte hat sicher etwas mit Qualität zu tun, so dass Waffen aus Köln oder Nürnberg in großen Teilen Europas und auch in Norditalien Verbreitung finden. Das ist nicht dasselbe wie Mode im Textilbereich, aber beide, Mode und Ruf, beginnen den europäischen Markt mit einer ganz eigenen Form von "Öffentlichkeit" zu beherrschen.

Dazu gehört der Ruf der dinanderie, der Messingwaren aus Dinant und benachbarter Städte, wo die Massenproduktion weiter zunimmt, da nach Holz und dann Töpferwaren nun Gefäße aus Messing immer geläufiger werden.Um 1310 werden alleine nach dem englischen Hafen Hull sieben Schiffsladungen Messingtöpfe eingeführt, "von denen eine 11 400 Artikel umfasste." (Spufford, S,202)

 

Besonders regional spezialisiert bleibt die Produktion von Waffen und Rüstungen. Hier ragen im Norden nur Köln und Nürnberg heraus,

 

****Glas****

 

Im 14. Jahrhundert entsteht eine böhmische Glasproduktion auch für Buntglas, die aber bis ins 16. Jahrhundert nicht die Qualität venezianischer Glaswaren erreicht, dafür aber billiger ist und so auch über weitere Entfernungen verkauft wird.

 

 

Technik und Maschinen: Weitere Industrialisierung (in Arbeit)

 

Im dreizehnten Jahrhundert verbreiten sich Mühlen immer weiter  über den größten Teil Europas, und neben die allgegenwärtigen Getreidemühlen treten nun auch solche, die Oliven pressen, auch Nüsse zermahlen usw. Selbst Holz wird nun in (Säge)Mühlen gesägt.

Vor allem aber werden Mühlen in anderen Bereichen nun wichtiger. Mühlen für die Tuchherstellung wie Walkmühlen oder Seidenzwirnmühlen zum Beispiel werden immer häufiger, machen diese von Kapital abhängig und nehmen dem Handwerk Verdienstmöglichkeit, die sie nun anderswo suchen müssen. Entsprechend gibt es gelegentlich Gegenwehr (s.w.u.)

 

Der Eisenbedarf für Geräte und Rüstungsgüter nimmt enorm zu und vervielfacht sich in kürzeren Abständen. Das treibt den Erzabbau und die Schmiedekunst sowie den Eisenhandel voran.

Der Erzabbau geht aus der direkten Unterordnung von Bannherrschaften in die Hände privater Genossenschaften über, die dem Bannherrn aber noch Abgaben zahlen. Es gibt weiterhin Erzabbau im bäuerlichen Familienbetrieb, aber der Kapitaleinsatz städtischer Unternehmer nimmt zu, die damit Vorschuss auf das Arbeitsergebnis leisten, was zu einer frühen Form von Verlegertum führt.

 

Anschub für technische Innovation liefert die Gier nach Silber. Schon im Hochmittelalter wurden die neuen Silberminen von Freiberg im Erzgebirge, der Toskana, von Iglau in Mähren und Kuttenberg in Böhmen entdeckt. Im 12. Jahrhundert gibt es bereits unternehmerisches Handeln im Edel- und Buntmetallsektor. Kapitaleinsatz und Lohnarbeit nehmen zu, im 13. Jahrhundert investieren Goslarer Verleger in Grubenanteile.

 

Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass man nun nicht mehr nur an der Oberfläche, sondern tief in den Berg hinein gräbt. Das hat zur Folge, dass einsickerndes Wasser entfernt werden musste, und dazu werden Anlagen zum Wasserheben und zum Pumpen entwickelt, die selbst wieder wassergetrieben sind.

 

Erfunden werden von Wasserkraft angetriebene Pochmühlen zum Aufbrechen des Erzes, mit Wasserkraft betriebene Blasebälge für Schmelzöfen und solche, die von Dampfkraft angetrieben werden. Dann werden gegen 1400 selbst große Hochöfen durch mit Wasserkraft betriebene Blasebälge möglich.  Hochöfen mit solchem Kapitalbedarf geraten unter kommunale Aufsicht.

 

Es gibt mehr Schleifmühlen und Hammermühlen bis hin zu schweren Schmiedehämmern. Schmiedemühlen verbreiten sich überall.

Es entstehen so frühe Industrielandschaften an Wasserläufen und möglichst in der Nähe von Erzvorkommen, während die enormen Mengen an Holz bzw.  Holzkohle als Brennmaterial für Öfen bald von weiter her kommen müssen. Wasser- und Luftverschmutzung ziehen so auch außerhalb der Städte ein.

 

Die Errichtung solcher spezialisierter Wassermühlen verlangt erhebliches Kapital und das Mieten von Fachkenntnis. Und so schließen sich gelegentlich mehrere Gewerbe (Tuche, Metallverarbeitung etc.), die von einer Mühle profitierten, zusammen, oder es bilden sich direkt gewinnorientierte Gesellschaften, die Mühlen errichten und betreiben. Müller sind dann oft deren Angestellte.

 

Auf dem Lande geraten Mühlen unter die Banngewalt des höheren Adels, der sie verpachtet, während sie in und bei den Städten unter deren Aufsicht stehen. Mitte des 14. Jahrhunderts verfügt eine Stadt wie Freiburg im Üchtland, heute frankophone Schweiz, über wohl mehr als 25 Mühlen. Die Stadt Lübeck selbst besitzt um 1280 deutlich weniger Mühlen, erzielt aber mit rund 300 Mark im Jahr für 1280 daraus den höchsten einzelnen städtischen Einnahmeposten. Ein Mühlenbau im 13. Jahrhundert schlug aber schon mit 560 Mark zu Buche (Wülfing in: Beiträge 2, S.67).

 

Insgesamt blieb natürlich maschinenbetriebene Produktion nur ein Teilbereich, und im handwerklichen Bereich herrschte bis in die Neuzeit direkte menschliche Arbeit vor. Immerhin nimmt die Tendenz zur Mechanisierung zu mit dem Handspinnrad und dem Trittwebstuhl.

Immer kleinere und feinere Instrumente und Gerätschaften werden hergestellt. Dazu gehört der Kompass, der nicht die Orientierung auf hoher See ermöglicht, sondern auch die unter Tage beim Bergbau.

Für Altersweitsichtige kommt die Brille auf, zunächst ein Glas am Stiel, dann die Brille mit zwei Gläsern, die auf der Nase eingeklemmt wird. In Murano (Venedig) werden solche Brillen schon Ende des 13. Jahrhunderts in Serie hergestellt.

 

Mit den mechanischen und dann automatischen Uhren beginnt mit der Uhrzeit ein sehr neuartiges Zeitgefühl. Zunächst an Kirchtürmen befestigt, beginnt die Kombination von Uhr und Glockenschlag das Leben der Menschen zu regulieren. Sies nimmt noch zu mit der Automatisierung des stündlichen Glockenschlages. Das persönliche Zeitgefühl mit den Begrenzungen Sonnenaufgang und Untergang wird nun durch ein von mechanischen Geräten hergestelltes abgelöst, so wie das Thermometer nach 1700 subjektives Wärmegefühl durch das objektive des Quecksilbers ablöst. Damit wird auch abgewertet, wenn einem die Zeit zu kurz oder zu lang wird.

In Nürnberg wird schon im 13. Jahrhundert festgelegt, dass die Arbeitszeit der Schlachter und der Schmiede mit dem Läuten zur Frühmesse beginnt, in Flandern richtet sich nun die Tuchindustrie nach den Kirchturmsglocken und selbst im Bergbau (ohne Orientierung am Sonnenstand) werden bald portable Uhren für den Schichtwechsel eingesetzt.

 

Neben den Maschinen treten insbesondere in der Landwirtschaft und in der Tuchproduktion neue Geräte auf. Mit der Mitte des 13. Jahrhunderts beginnt die langsame Ergänzung der Handspindel durch das Spinnrad mit horizontaler Spindel, die durch ein großes Antriebsrad bewegt wird, welches ebenfalls das Spulen bewegt. Damit verdoppelt sich die Produktivität und es wird eine feinere und gleichmäßigere Qualität erreicht.

In derselben Zeit beginnen auch horizontale Webstühle aufzutreten. "Beim Trittwebstuhl konnte der Weber die >Fächer<, durch die er das Schiffchen mit den Fäden hindurch schoss, schneller und gleichmäßiger öffnen und schließen und so Qualität wie Produktivität erhöhen. Man schätzt, dass ein geübter Weber 20 Schuss pro Minute schaffen oder in einer Stunde ein Tuch von 60 Zentimetern Länge fertig stellen konnte. Allerdings war bei einem einzelnen Arbeiter die Breite der Stoffbahn auf etwa 70 Zentimeter beschränkt; im 13. Jahrhundert wurde aber in Flandern ein Zweimann-Trittwebstuhl erfunden, der diesen Mangel behob und eine sprunghafte Zunahme der Tuchherstellung ermöglicht hat." (Borgolte, S.128f)

 

Das Handwerk

 

Landwirtschaft und Handwerk bieten Grundlagen für die Entstehung von Kapitalismus, aber sie treiben ihn selbst nicht voran, sondern werden eher von ihm getrieben. Der Handwerksmeister ist zwar oft kleiner Kapitaleigner (Haus, Gerätschaften, Geld), aber sein flüssiges Kapital geht meist nicht weit über das für die Anschaffung von Rohstoffen, Halbfabrikaten und den Ersatz von Gerätschaften und den Unterhalt vom Gesellen und bald auch Lehrling hinaus. Er ist also nur in geringem Umfang Unternehmer und sein Betrieb ist eher von Stabilität als Expansion gezeichnet – er betreibt meist nicht wesentlich Kapitalvermehrung und ist soweit auch nicht das, was hier als „Kapitalist“ bezeichnet wird.

 

Handwerk für sich schafft keinen Kapitalismus, dieser entfaltet sich erst dauerhaft von dort aus, wo das große Kapital aus (Fern)Handel und Finanzgeschäften sich mit diesem verbindet. Lübeck hat Handwerk zur Versorgung der Stadt selbst, gewinnt seinen Reichtum aber im wesentlichen aus dem Handel. Schon bald nach der Stadtgründung schwärmen von dort Kaufleute aus nach Schonen (Hering) und Gotland, wo Wisby zur Drehscheibe des Handels mit Nowgorod in der Rus wird, wo eine großgrundbesitzende Bojarenschicht Luxusbedarf hat. Nürnberg ist in hohem Maße eine Handwerkerstadt, aber nur jene produzierenden Gewerbe, die vor allem Waren für den Export herstellen, sind an der Entfaltung des Kapitalismus unmittelbar beteiligt.

 

Natürlich besitzt jenes vielfältige Handwerk, welches nicht unter die Kontrolle großer Firmen gerät, Kapital, wenn auch in relativ geringem Maße. Das sind kleinere Geldmittel und die Werkzeuge vor allem. In übertragenem Sinne lassen sich auch Talent, Können und Wissen dazuzählen. In beschränktem Umfang gehört dazu auch unternehmerisches Geschick. Es steigen entsprechend auch immer wieder einmal Handwerker in die bürgerliche Oberschicht auf. Es ist auch nicht so, als ob die Vereinbarungen und Statuten der Zünfte im 13. Jahrhundert generell den Eindruck vermitteln, als ob die Absicht bestünde, die Betriebe kleinzuhalten, aber ihre Möglichkeiten sind begrenzt, sowohl was Nachfrage, Rohstofferwerb und Möglichkeiten der Investition betrifft, und wo das anders ist, bei Textilien, Metallgewerbe und ähnlichem, übernimmt das große Kapital mit dem Verlagssystem in irgendeiner Form und/oder dem Maschineneinsatz die Kontrolle.

 

Eine Besonderheit stellen jene süddeutschen Metzger dar, die sich manchmal sogar in Gesellschaften zusammenschließen, um große Mengen an Tuchen zu erwerben, die sie "in Ungarn oder der Walachei gegen Ochsen eintauschten, um diese wiederum auf den Heimatmärkten mit Gewinn zu veräußern. Die Anschubfinanzierung für diese Geschäfte sicherten nicht selten Kredite." (Fuhrmann, S.199)

 

Die Aufwertung des Handwerks geht mehrere Wege: Kirche, höherer Adel und Fürsten profitieren von ihm als Warenkonsumenten, besonders von Luxusgütern, und sie profitieren teilweise von den Abgaben, die Handwerker leisten. Zugleich muss die Kirche ihre Positionen ändern, um die Handwerkerschaft nicht zu verlieren bzw. zu Gegnern zu machen (wie in Florenz im Krieg der Stadt gegen den päpstlichen Staat). Aber da alle Kirchen, Burgen, Paläste, Stadtwohnungen, Stadtmauern, Brücken usw. brauchen, kommen sie zuallererst nicht umhin, die mit dem Bauen verbundenen Handwerke anzuerkennen. Darüber hinaus war das Bauen neben dem Textilgewerbe und den metallverarbeitenden Handwerken der dritte wichtige Wirtschaftsbereich im Mittelalter. Allein für Lübeck wird geschätzt, dass zwischen 1250 und 1300 neben allen Großprojekten „über 1000 Steinhäuser“ gebaut wurden (Ranft in Hartmann (Hrsg), S.172). Dabei muss man allerdings bedenken, dass in diesem Zeitraum Teile der Stadt zweimal abbrennen. Aber ein anderes Beispiel: In Straßburg werden zwischen 1222 und 1300 allein 16 Klöster gebaut (Kammerer in Hartmann (Hrsg), S. 80)

 

Mehr noch als Bauhandwerk (Maurer, Steinmetze, Zimmerleute usw.) wird für kurze Zeit eingestellte Lohnarbeit eingesetzt. Alle bekommen zunehmend mehr Arbeit, weil die neue bürgerliche Gemeinde im 13. Jahrhundert immer mehr Großaufträge vergibt: Da ist die gotische Stadtkirche, die als Kontrapunkt zur Kathedrale gebaut wird, entweder in Gemeinschaftsfinanzierung mit dem Bischof oder ganz in bürgerlicher Regie. Da ist das Rathaus, entweder Neubau am zentralen Markt oder aber Ausbau eines schon vorhandenen und aufgekauften Bürgerhauses aus Stein. Da ist die Gerichtslaube am selben Markt, und dazu kommen die ersten Spitäler, Hospize usw. in bürgerlicher Regie, mit denen das große Kapital die Caritas des Bischofs zurückdrängt. Die wachsende Stadt bekommt eine neue Mauer mit ihren Toren und Türmen.

 

Generell ist Zeit der Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Wo mittels Türmer Glocken die Stunden schlagen, gibt es einen weiteren Orientierungspunkt, zudem gibt es manchmal Sonnenuhren an den Türmen. Genauere Arbeitszeiten liefern dann im Verlauf des 14. Jahrhunderts Turmuhren mit Zifferblatt, die bald Zeit- und Termindruck mit Glockenspiel und bewegten Figuren schönen wie ab 1354 in Straßburg.

Mechanische Uhren spielen vorerst weiterhin auf dem Lande kaum eine Rolle, ohnehin ist das Wetter wichtiger als genaue Zeit. Die Glocken schlagen zum Kirchgang. Aber in den Städten verändern sie das Leben bald nachhaltig. Arbeitszeiten und Termine können enger gesetzt werden.

Neben dem Sonntag gibt es so viele Feiertage, dass regional und lokal etwas unterschiedlich durchschnittlich fünf Tage in der Woche gearbeitet wird, natürlich nicht regelmäßig, denn der Samstag ist nicht arbeitsfrei.

 

****Spezialisierung und Arbeitsteilung****

 

Vor der Spezialisierung des Handwerks steht seine Ausbreitung. Bei ungefähr 5300 Einwohnern um 1406 gibt es in Bautzen 40 Bäcker, 42 Schuhmacher und 17 Fleischer. (Karl Czok in: Beiträge, S. 113) Bei solchen Zahlen wird dann eine gewisse Spezialisierung naheliegend. "Weiß- und Schwarzbäcker verarbeiteten Weizen bzw. Roggen. Weiterhin sind Brezel-, Pfefferkuchen-, Zucker-, und Pastetenbäcker ebenso zu nennen wie Lebküchner, Semmler oder Fladner." (Fuhrmann, S. 199). Knochenhauer trennen sich von Metzgern.

 

In der Thorner Altstadt arbeiten um dieselbe Zeit an Meistern 38 Schlosser, 36 Messerschmiede und 14 Schmiede, ein bereits etwas aufgeschlüsseltes Metallgewerbe (Karl Czok in: Beiträge, S.125)

 

Was die vertikale Arbeitsteilung bei der Textilproduktion ist die horizontale bei den Metallwaren. Ein Extrembeispiel liefert Bonvesin de la Riva aus Mailand 1288, "dass dort mehr als 20 Handwerksmeister mit ihren Gehilfen nichts außer Messingglöckchen für die Halsriemen der Pferde verfertigten." (Dirlmeier, S. 39)

Im Paris des 13. Jahrhunderts ist von rund 40 eisenverarbeitenden Handwerkszweigen die Rede.

 

In Nürnberg steht lange die Metallbearbeitung an erster Stelle des Handwerks. Eine Liste von 1363, die fast alle Handwerksmeister aufführt, listet dabei detailliert zwanzig verschiedene Branchen der Metallverarbeitung mit 341 Meistern (von insgesamt 1 217) auf. (Engel/Jacob, S. 273)

 

Dominanter werden in Städten Gewerbe und ihre Vereinigungen, deren Waren regional oder gar in die Ferne gehandelt werden. Das betrifft im Metallsektor Mailand ebenso wie Nürnberg, die Tuchproduktion in Florenz wie in Gent oder die Brauer in Hamburg.

 

Je stärker sich in den Städten bürgerlich-kapitalistische Strukturen herausbilden und diese nach Selbstregulierung trachten, desto mehr scheinen Frauen in bestimmte Bereiche abgedrängt zu werden. Wenn es wie in Köln im späten Mittelalter spezifisch weibliche Zünfte wie in der Seidenverarbeitung mit ihren (nur) weiblichen Lehrlingen gibt, dann verstärkt das den Eindruck, dass es eine Tendenz gibt, Frauen nach und nach aus vielen Handwerken ganz herauszudrängen und auf wenige zu konzentrieren. Dies hat nicht nur mit Strukturwandel im Handwerk bei immer stärkerer Kapitalisierung ganzer Wirtschaftszweige zu tun, sondern auch mit den Wandlungsprozessen bürgerlichen Selbstbewusstseins, die seiner originären Inkonsistenz geschuldet sind. Am Ende wird die Bürgersfrau massiv auf Haus und Kinder abgedrängt bzw. dahin privilegiert zu sein, während die Frauen der Lohnarbeit eine Schicht darunter zunehmen werden. Frauenrollen orientieren sich ohnehin am Punkt kapitalisierbaren Eigentums.

 

Immerhin stellen Frauen in Basel im frühen 15. Jahrhundert noch zu etwa einem Fünftel die Weber, Krämer und Kaufleute, und zu einem Sechstel die Metzger und Bäcker (Schulz, S.88) Ein Teil von ihnen führt den Betrieb nach Verwitwung weiter. Über sie und über Meistertöchter gelangen Gesellen von außerhalb durch Einheirat zu etwa einem Drittel für starken Fluktuationen in die Zünfte.

 

****Gesellen und Lehrlinge****

 

Im deutschen hohen Mittelalter sind Gesellen und Lehrlinge, deren Unterschiede sich erst langsam herauskristallisieren, zunächst durch individuelle Verträge an ihre Meister gebunden bzw. untergeordnet. In Lehrverträgen, die oft vor dem Zunftmeister nach einer Probezeit beschlossen werden, ist einerseits das Lehrgeld für die ein bis drei Lehrjahre festgesetzt, andererseits die Versorgung des Lehrlings mit Kost, Logis und Kleidung. Damit ist der Lehrjunge ein Stück weit in die Meisterfamilie aufgenommen. Die verpflichtet sich dann zu angemessener quasi väterlicher Fürsorge und der Junge zum entsprechenden Gehorsam und zur Geheimhaltung besonderer Fertigungsmethoden des Betriebes.

Am Ende erhält der Lehrling einen Brief, in dem ihm der Abschluss der Lehre, eheliche Geburt, Unbescholtenheit und Ehrbarkeit bestätigt werden. Damit kann er sich dann irgendwo, oft in der Fremde, bewerben (siehe den Abschnitt 'Ehrbarkeit')

 

Die Lehrzeit, mit 12, 13 oder 14 Jahren begonnen, ist selbstredend nicht nur eine Zeit der Ausbildung, sondern auch einer rigorosen Persönlichkeitsformung. Der wache Tag des Lehrjungen hat zur Gänze den Anforderungen des Marktes, dem Rhythmus der Arbeit und dem Gehorsam gegenüber dem Meister und seiner Frau zu genügen. Wenn Handwerksmeister nun die Mittelschicht eines städtischen Kleinbürgertums bilden, also einen Großteil der städtischen Bevölkerung, dann ist die Lehrzeit auch eine des Einübens in solche bürgerlichen Vorstellungen und Verhaltensweisen, zu denen auch ein hochgradig verbürgerliches Christentum gehört.

 

Im Mittelalter hatten Meister nicht immer, sondern eher nur gelegentlich Lehrlinge und offenbar deswegen auch keinerlei Verpflichtung zur Ausbildung. Die Gesellenzeit danach ist wesentlich ungeregelter und dient offenbar vor allem der Erweiterung von Kenntnissen und Fähigkeiten. In einigen hochspezialisierten Bereichen findet schon seit dem 13. Jahrhundert eine Art Gesellenwandern statt, aber häufiger ist es erst nach 1400 dokumentiert.

Wenn der Geselle eine Meisterswitwe heiratet, bekommt er fast hürdenlos die Mitgliedschaft in der Zunft, um den Betrieb weiterzuführen. Ansonsten muss der Geselle, falls von der Zunft angenommen, zunehmend ein Eintrittsgeld zahlen, zünftige Bewaffnung und häufiger auch einen Vermögensnachweis  vorweisen.

 

 

 

Mit dem Aufstieg des Handwerks wird es dann nötig, durch Regelungen der Obrigkeit nicht nur dieses selbst in seine "politischen" Schranken zu weisen, sondern insbesondere die Randexistenz der Gesellen in der städtischen Gesellschaft bzw. besser dem Gefüge von Gesellschaften in den Städten zu zementieren, denn nicht eine darunter stehende eigentumslose Arbeiterschaft, auf die an anderer Stelle eingegangen werden soll, sondern die Zusammenhänge, die Gesellen herstellen, bedrohen die hierarchischen Strukturen einer obrigkeitlich geordneten Stadt.

 

****Restriktionen****

 

Dazu passt dann der Zusammenklang von Obrigkeit und Zunft in dem Abbau der Gewerbefreiheit im produzierenden Gewerbe, ganz anders als im Handel und Finanzwesen. Nach und nach wird die Konkurrenz eingeschränkt durch Erschwerung des innerstädtischen Zugangs zur Zunft und durch Ausschluss von handwerklichen Waren von außerhalb. Die neue bürgerliche Obrigkeit, in den Händen von großen Kapitaleignern, versucht überall, Handwerk zu kontrollieren. In dem wichtigen Handels- und Gewerbestandort Nürnberg z.B., allerdings auch ein Extremfall, "verblieben sie stets in enger Abhängigkeit zum Rat, der ihnen das Recht freier Zusammenkünfte ohne seine Einwilligung absprechen konnte und bisweilen so weit ging, Einsicht in ihre Korrespondenz mit auswärtigen Handwerkern zu verlangen.“ (Pirenne, S.177)

 

Manches spricht dafür, dass das Moment der Stasis, welches von Stadtherr und Rat verfügte Verordnungen und die der Zünfte selbst propagierten, nicht Realität wiederspiegelte. Dass es überall arme Handwerker gab, zeigen Verfügungen wie die der Basler Gärtner von etwa 1265: Stirbt einer hier, der so arm ist, dass man ihn von seinem Vermögen nicht bestatten kann, so soll man ihn mit Hilfe der Almosen bestatten.

 

Zünfte versuchen immer mal wieder, Mechanisierung durch Maschinen zu verhindern, die ihnen Arbeit und Verdienst nimmt. Im 12. und 13. Jahrhundert wenden sie sich in Rouen, Caen, Mecheln, Ypern und Brügge gegen die Einführung von Walkmühlen, was immerhin dazu führt, dass qualitätsvolles Tuch weiter in Handarbeit gewalkt wird.

 

Handwerkerbranchen waren naturgemäß unterschiedlich wohlhabend, aber auch innerhalb der einzelnen Zunft gab es ärmere und reichere. Dazu kommt natürlich auch, dass wirtschaftlich erfolgreiche Handwerker zusätzlich Einkommen außerhalb des Handwerks erwirtschaften können und einige so zu reichen Unternehmern werden. Manche Handwerker streben danach, zusätzlich zum eigenen Haus für Werkstatt, Laden und Wohnung Land zu besitzen, besonders einen Garten für die Selbstversorgung, dazu auch Acker- und Weideland und eine Scheune innerhalb der Mauern, aber in der Nähe eines Stadttores. Ist sein Handwerk begrenzt, so doch nicht sein Eigentum jenseits davon und die Möglichkeiten, die es ergab.

 

Die Tendenz zu immer weiteren Restriktionen im Handwerk steht dagegen. Bischof Volrad von Halberstadt verfügt 1289 folgendes für die Schuhmacher und Flickschuster, nämlich nicht nur, dass es keinem Auswärtigen desselben Handwerks erlaubt sein sollte, dieses Handwerk in der Stadt auszuüben, er hätte denn ihre gemeinsame Zustimmung dazu erlangt, egal, ob er neue Schuhe zu machen oder Reparaturen auszuüben pflegte, sondern auch: von denen, die Schuhe reparieren, sollen nur acht sein, denen es erlaubt ist, alte Schuhe zu bearbeiten und zu reparieren, doch es dürfen sie nicht neue Sohlen, die von ihrem eigenen Geld gekauft worden sind, unter Schuhe setzen. Diese Flickschuster sollen sich nach den Befehlen des Zunftmeisters richten und ihm gehorchen. Außerdem: Jeder, der sich mit den alten Schuhen befasst, soll sich mit einem Gehilfen begnügen. (Engel/Jacob, S. 298)

 

Was sich in der Nordhälfte Italiens vollzog, fand also in deutschen Landen etwas später auch statt: Zünfte der sich diversifierenden Handwerke wurden zu einem Machtinstrument der Stärkeren über die Schwächeren. Hier wird in kleinem Maßstab dafür gesorgt, dass die ärmeren Flickschuster zahlenmäßig in der Minderheit bleiben, nur kleine Betriebe bilden und ihre Rohstoffe nicht frei auf dem Markt besorgen können. Schuhmacher wollen neue Schuhe verkaufen und haben nichts davon, wenn alte geflickt werden.

 

Der Übergang von der wirtschaftlichen zur (stadt)politischen Macht des großen Kapitals als Übernahme der obrigkeitlichen Funktionen vom Stadtherrn beinhaltete überall mehr oder weniger den Abschluss dieser neuen Oberschicht nach unten, die Monopolisierung der Macht. Daraus ergeben sich bald Konflikte mit Handwerk und Krämern, die partizipieren wollen, um ihre eigenen Interessen zu wahren.1248 wird in Freiburg im Breisgau der sich selbst ergänzende 24köpfige Stadtrat durch ein jährlich neu gewähltes ebenfalls 24-köpfiges Gremium bereichert. 1260 entsteht in Dortmund ein Wahlausschuss von je zwei Mitgliedern der sechs Handwerkergilden und sechs Mitgliedern der vornehmen Reinoldi-Gilde (Schulz in Hartmann (Hrsg), S.59f). All das muss erzwungen werden.

 

Kapitalisierung der Produktion und Verlagssystem (in Arbeit)

 

Die Anhäufung von Kapital beginnt im frühen und hohen Mittelalter in einer ersten Etappe im Bereich von Handel und Finanzen. Zwischen hohem und spätem Mittelalter kommt dann die größere Kapitalisierung von Bereichen der Produktion hinzu. Einzelne Firmen beginnen, je nach Gewinnerwartung mehr oder weniger in alle Bereiche zu investieren. Mit familienzentrierten Kapitalgesellschaften geht dann die "Schere" zwischen arm und reich auch im unteradeligen Raum so weit auseinander, wie wir es bis heute kennen.

 

Die Produktion gewerblicher Waren wird zunächst gefördert durch das Bevölkerungswachstum und eine entsprechend steigende Nachfrage. Dem entspricht zunächst eine Zunahme der Zahl der Handwerker und dabei auch ihre Spezialisierung. Zur Steigerung der Produktion tragen dann aber zunehmend in einigen Bereichen Verbesserungen manchmal immer aufwendigerer Gerätschaften und der Einsatz vor allem wassergetriebener Maschinen bei. Darüber hinaus befeuert die Zunahme des Groß- und Fernhandels die Produktion.

 

All das fördert die Kapitalisierung des produktiven Sektors, die allerdings erst in der Industrialisierung des 18. bis 20. Jahrhunderts ihren Abschluss findet. Manche Bereiche wie die Schuhmacher, die Kürschner, Goldschmiede oder das Bäckerhandwerk bleiben davon ausgenommen, andere zumindest zum Teil. Aber natürlich wirken sich Vorgänge von Kapitalisierung in einigen Bereichen auf alle anderen mehr oder weniger aus.

Waren es zunächst Hochadel, Fürsten und Könige, die in Abhängigkeit vom Kapital gerieten, so breitet sich diese Abhängigkeit nun auf einen großen Teil der Bevölkerung aus. Nicht nur steigende Arbeitsteiligkeit macht abhängiger, wenn irgendwo dabei Produktion kapitalisiert wird, sondern auch, wenn der Weg vom Rohstoff zum Fertigprodukt an irgendeinem Punkt durch Kapitaleinsatz gekennzeichnet ist.

Die Tendenzen zur Investition von Kapital in Bereiche der Produktion markiert so mit dem Spätmittelalter eine zweite Etappe der Entfaltung von Kapitalismus und wird hier als seine frühe Blütezeit bezeichnet. Es wird deutlich, dass zunehmend mehr Kapital als Potential zur Verfügung steht, oft zunächst als Kredit, und immer neue Wege für seinen Einsatz sucht.

 

Kapital als risikobehaftete Macht schafft ihre wesentlichen Abhängigkeiten noch nicht in der Verwandlung von Massen in Lohnarbeiter wie seit dem 18./19. Jahrhundert, sondern in der Abhängigkeit der Menschen vom Warenmarkt und in vor allem indirekten Formen der Abhängigkeit von Produktion von Kapitaleinsatz. Dabei gelingt es manchmal Produzenten selbst, zu unternehmerischen Kapitaleignern zu werden. Es wird noch zu untersuchen sein, wo und wie das im Einzelnen geschehen kann bei Zunftrestriktionen und politischer Aufsicht des Großkapitals über die Städte und ihr Umland.

 

Der Schritt von Handwerkern ins Handelskapital soll zunächst oft ganz explizit genauso wie ihr Eintritt ins Verlegertum verhindert werden. Noch im Konstanzer Zunftbuch von 1411 heißt es dazu: Die Gerber sollen in Zukunft kein gegerbtes Leder mehr kaufen und wiederverkaufen. Haariges Leder dürfen sie kaufen, es gerben und dann wiederverkaufen. Und: Die Schuhmacher sollen gegerbtes Leder nur kaufen, wenn sie es selber verarbeiten wollen, ohne Ausnahme. (Engel/Jacob, S. 314)

 

Das geringe Handwerkskapital wird im wesentlichen in die Produktion von Waren für den örtlichen Bedarf und das direkte Umfeld der Städte eingesetzt. Aber es gibt Bereiche (Herstellung von Rüstungsgütern, überhaupt Metallwaren, und Textilien vor allem) und Gegenden wie Flandern, überhaupt Nordwesteuropa oder Norditalien, wo schon im 13. Jahrhundert größere Kapitalien in die Gewerbe einfließen, weil es größere Exportchancen gibt. Wo es Zünften nicht gelingt, Fernhandel und Großhandel zu organisieren, springen Kapitaleigner ein. Das betrifft einmal die kostengünstige Besorgung größerer Mengen von Rohstoffen wie den Absatz von Massenwaren über große Fernhandelsdistanzen, wobei die Abnehmer oft mit erheblichem zeitlichem Verzug bezahlen, "da sie selbst noch auf ausstehende Mittel warteten. So konnte ein halbes oder ganzes Jahr vergehen, bevor der Preis des Fertigproduktes beglichen wurde." (Fuhrmann, S.208)

 

Zunächst wird dem Handwerk dann der Rohstoff vom Kapitalisten geliefert und danach oft von demselben irgendwo in der Ferne vermarktet. Dabei kommt es zu neuartiger Massenproduktion, die ganze Fertigungsketten umfassen kann, wie in der Tuchindustrie, die dadurch unter die Kontrolle einer Anzahl großer Firmen gerät. In diese Situation geraten Wollhandwerker in Florenz und Flandern, Barchenttuchhersteller in Oberschwaben, Produzenten von Seidenstoffen in Lucca, Kupferschmiede in Dinant und metallverarbeitende Betriebe in Mailand. Auch in England geraten schon vor 1300 verschiedene Stadien der Tuchproduktion in ein solches Verlagssystem.

 

Dabei gewinnt Handels- und Finanzkapital zusätzliche Marktmacht, denn zwischen dem Preis für die Abgabe des Rohstoffes und dem für die Abnahme des Fertigproduktes verliert der Handwerker die Kontrolle über seine Einnahmen. Noch massiver wird diese Abhängigkeit, wenn der Kapitaleigner auch teure Gerätschaften wie Webstühle stellt, und der Handwerker so de facto zum Lohnarbeiter in seiner eigenen Werkstatt herabsinkt, es sei denn, er hat noch Zeit, daneben auf eigene Rechnung zu produzieren.

 

Für Fuhrmann (S.209) gibt es auch Vorteile für die Handwerker, wenn ihnen trotz fehlender Kapitalien der Zufluss von Rohstoffen und der Abfluss der Fertigprodukte garantiert wird, und damit regelmäßig Geld fließt. Aber die Ursache der Unterwerfung unter das Verlagssystem ist wohl schiere Markt-Notwendigkeit.

 

Dort wo größere Investitionen in zum Beispiel von Wasserkraft betriebene Maschinen die Produktion verbilligen, übernimmt das große Kapital direkt die Produktion und verwandelt das Handwerk in schiere Lohnarbeit, Vorläufer einer viel späteren Industriearbeiterschaft. Das Kapital trennt sich zur Gänze von der Arbeit und die Arbeit weitgehend vom Fertigprodukt.

Die jährliche Arbeitszeit beschränkt sich in solchen vielfältigen neuen Formen von Lohnarbeit durch Feiertage  auf in etwa maximal 265 Tage, dazu kommt sporadische, aber wohl häufige Arbeitslosigkeit in diesem Zeitraum. Zwar weiß man aus dieser Zeit wenig vom Lohnniveau, aber Lohnarbeit, oft tageweise bezahlt, bedeutet in der Regel zumindest sporadische Armut und die Notwendigkeit von Nebenbeschäftigungen in der Familie.

 

„Exporthandwerk“, wie schon Pirenne es nannte, kann dort, wo es erfolgreich wird, Handel und Wandel einer ganzen Stadt monopolisieren, wie bei der Tuchproduktion in Florenz, von der im 14. Jahrhundert der Großteil der Bevölkerung abhängt, oder als in Gent von 50 000 Einwohnern über 4000 Weber sind und mehr als 1200 Walker, von denen alleine schon 10-20 000 Menschen direkt abhängen. Zwar wird weiter in räumlich getrennten Werkstätten oder Werkshallen gearbeitet, aber in solchen Fällen beherrschen bereits eine sehr überschaubare Anzahl von Familien und Firmen die Stadt.

 

Handwerksmeister sind dann oft weiter in „niederen“ Zünften angesiedelt oder Minderheit in mächtigeren, aber durch ihre städtischen Ämter und ihre Dominanz in den höheren Zünften werden Arbeit und Verdienst durch das große Kapital bestimmt. Diese Entwicklung wird im 14./15. Jahrhundert weiter zunehmen.

 

****Verleger****

 

Die Trennung von Produktion von dem Kernbereich einer Firma in abhängige Betriebe auch auf dem Lande als Vorlegen von Rohstoffen und Abnahme von Produkten für deren Vermarktung oder Stellung von Gerätschaften ist der wichtigste Weg in einen Kapitalismus, der nicht nur Handel und Finanzgeschäfte, sondern immer mehr die ganze Wirtschaft erfasst. Das beginnt in Mitteleuropa im 13. Jahrhundert vor allem in der Textilproduktion und knüpft dabei an die winterliche textile Eigenproduktion der Bauern an. Durch den Bevölkerungsanstieg und die Erbteilung von Höfen können ärmere Bauern von kapitalstärkeren Handwerkern und dann auch größeren Firmen dafür gewonnen werden, einfachere Arbeitsschritte in Heimarbeit zu erledigen.

Schon im 13. Jahrhundert entwickelt sich so in Konstanz, Ravensburg, Memmingen und noch kleineren Städtchen der Region ein Verlegertum, welches Flachs an Spinner und Weber wochenweise vergibt und dann die Garne und Leinentuche wieder zurücknimmt. Bezahlt werden die einzelnen Stücke und manchmal werden auch die Webstühle gestellt. Als Bleichmittel dient dabei Allgäuer Milch. Die Verfeinerung der Tuche findet dann wieder in der Stadt statt.

 

Ähnliches geschieht in der Holzverarbeitung, wo zum Beispiel "ländliche Schreiner Holzräder, Fassdauben oder Bettgestelle produzierten, die Endverarbeitung und das Beschlagen mit Eisenteilen dann aber in der Stadt ausgeführt wurde." (Schott, S.86)

 

In Köln sind es in der Textilproduktion in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zunächst "Kaufleute, die über das Gewandschnittmonopol verfügten. Im 14. Jahrhundert sind dann vor allem Weber als Handwerker-Verleger zu belegen." (Fuhrmann in Dirlmeier, S.179), während kaufmännische Verleger im Metallgewerbe im Siegerland und Bergischen Land metallene Halbfabrikate herstellen lassen, die dann in Köln verfeinert und vermarktet werden.

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"Nürnberger Kaufleute konnten sich auf ein weiträumiges Hinterland und eine spezialisierte Metallproduktion stützen. Sie verlegten Hütten, Mühlen, Eisenhämmer, Blech- und Drahtwerke und ließen die dort gefertigten Halbfabrikate von städtischen Handwerkern zu Fertigprodukten verarbeiten, die Nürnbergs Ruf in die damals bekannte Welt trugen.“ (Engel/Jacob, S.140)

Für Anfang des 14. Jahrhunderts ist für Nürnberger Blechschmiede bereits ein Verlagswesen dokumentiert, in dem Handwerker Handwerkern Rohstoffe, Werkzeuge oder Geld „vorlegen“ und Halbfabrikate oder Fertigprodukte abnehmen und verkaufen. Das lässt sich indirekt belegen, denn in einer Nürnberger Ratsurkunde wird genau das nämlich verboten: … Auch soll kein Bürger, er sei Schmied oder nicht, einen Schmied verlegen in einem Umkreis von sieben Meilen. (Engel/Jacob, S.299) Verlagswesen herrscht auch in der Nürnberger Produktion der Platten für Rüstungen.

Dasselbe gilt für Messer aus Passau und Messingwaren aus Braunschweig.

 

In York, Bristol, Coventry und Norwich organisieren merchant tinners die Verarbeitung des Zinns im Verlagssystem.

 

Das Verlagssystem macht wenige Handwerker und viele Kaufleute und Finanziers erst zu richtigen Unternehmern im Sinne eines entfalteten Kapitalismus und verbreitert kapitalistische Strukturen durch die Investitionen von Handels- und Finanzkapital im produktiven Bereich. Das Land wird so dabei zum Hinterland eines zunächst wesentlich städtischen Kapitalismus. Darüber hinaus wird insbesondere im textilen Bereich mit der Zergliederung von Arbeitsprozessen, der Arbeitsteilung und Spezialisierung in der Produktion die Trennung des Produzenten vom Endprodukt betrieben und so das Fabriksystem vorbereitet. Während Marx vom Idiotismus des Landlebens schrieb, lässt sich viel gerechtfertigter von der Stupidisierung mancher handwerklicher Produktionsvorgänge reden.

 

Diese Entwicklung findet in Nord- und Mittelitalien viel früher statt, erfasst aber nach und nach ganz Europa. Erst in der Verbindung von Produktion, Handels- und Finanzkapital erreicht denn auch der frühe Kapitalismus seine erste Blüte - in Reichsitalien und Flandern seit dem 12., in deutschen Landen erst zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert und zum Teil noch später.