KONSUM, FREIZEIT, SPORT UND NATUR IM SPÄTEN MITTELALTER (14.-15.Jh.) (in Arbeit)

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Konsum und Freizeit im späten Mittelalter

Sport

Körperlichkeit, Sexus, Eros, Liebe

Natur und Landschaft

 

 

Konsum und Freizeit im späten Mittelalter (in Arbeit)

 

Der Kapitalismus entsteht in den frühen neuartigen Städten, in denen Handel und Konsum aufeinandertreffen, wozu meist auch Handwerk sich ansiedelt. In manchen der Städte dominiert der Handel samt Finanzgeschäften, in anderen eher der produktive Sektor, immer aber entwickelt sich neben dem Luxuskonsum der adeligen Herren und der bürgerlichen Oberschicht das, was hier als Massenkonsum verstanden werden soll. Das sind die Güter des täglichen und darüber hinaus im weiteren Sinne alltäglichen Bedarfs, also einmal Nahrungsmittel, dazu der textile Bedarf an Kleidung und anderen Tüchern, der Bedarf an sich verschleißenden Gerätschaften des Haushaltes und manches mehr.

 

Es entwickelt sich jene Dynamik aus steigendem Angebot und steigender Nachfrage, die Indikator für einen aufblühenden Kapitalismus ist. Im späten Mittelalter verschwimmt dabei zunehmend die Grenze zwischen dem, was am Massenkonsum noch benötigt und was schon selbst Luxuskonsum auf niederer Ebene ist. Auch die schweren Krisen des 14. Jahrhunderts stellen dabei nur kurze Einbrüche dar, die Entwicklung ist unaufhaltsam: Das Angebot schafft Nachfrage und die wiederum verselbständigt sich. Im Kapitalismus wächst Warenwelt unaufhörlich und übersteigt manchmal sogar die in Umlauf befindliche Geldmenge.

Motoren der Entwicklung sind Kapital und Arbeit; auch wenn nur wenige imstande sind, in größerem Umfang zu investieren, so arbeiten doch immer mehr gegen Lohn daran, das Investierte rentabel zu machen. Dabei expandieren Handel und Finanzen immer mehr, sie "wachsen", während große Teile des produktiven Handwerks in das Räderwerk der kapitalgetriebenen Warenwelt geraten und davon abhängig werden.

 

Aus den Texten und Bildern des späten Mittelalters lässt sich deutlich ablesen, wie sehr Konsum über das Notwendige hinaus das Wirtschaften vorantreibt, ein Vorgang, der bis heute anhalten wird. Es scheint so zu sein, als ob eine Konsumperspektive die Mühen des Alltags nun rechtfertigen soll. Dabei geht es nicht vor allem um ein "Mehr", sondern um das "Neue" als das immer wieder Begehrenswerte. Und wer beim Geldausgeben nicht mithalten kann, würde es dennoch gerne tun.

Eine Vorstellung vom Haushalt eines gehobeneren Bürgertums bietet der des Pfründners der Göttinger Pfarrerei St. Johannes und herzoglichen Kanzlers mit zwei Pfarrern und einer Magd im Haus. Um 1510 werden knapp 50 Mark ausgegeben, von denen zwei Drittel auf Speis und Trank entfallen, davon 60% auf Fleisch und Fisch, und 15 % auf übrige Ausgaben. Den Rest und die übrigen Einnahmen der Pfründe streicht der oft abwesende Pfründeninhaber für sich ein. (Karsten Igel in: Konsumentenstadt, S.164)

 

Herrschaftlicher Konsum hatte einst als Nachfrage den Weg in den Kapitalismus gewiesen, große fürstliche Höfe bleiben im späten Mittelalter nicht nur die größten Arbeitgeber, sondern auch die alles überragenden Konsumenten. An der Spitze steht der tägliche Nahrungsmittelverbrauch von zwischen 100 und 300 Anwesenden, der oft nur noch zum kleinen Teil aus Eigengütern kommt, und vor allem auf dem Markt besorgt werden muss. Dabei geben die Menge und Qualität der Lebensmittel Auskunft über den Status des Fürsten, wobei sie aber immer nach sozialer Abstufung auch in Menge und Qualität abgestuft werden: Am bescheidendsten werden die niedrigen Dienstboten versorgt. Gut versorgt werden müssen aber hundert und mehr Pferde in den Stallungen.

 

Große und wohlhabende Höfe müssen am Ende des Mittelalters 300 bis 450 Personen bezahlen und versorgen. An der Spitze stehen zehn bis zwanzig Räte mit ihren Dienern und Pferden, wobei einem gelehrter Rat schon mal doppelt so viel Einkommen (bis zu 500 Gulden) zugestanden wird wie einem höheren Adeligen. Zu den Räten gehört oft der Kanzler, der Haushofmeister, der Kammermeister und und der Futtermeister (wie 1494 in einer Liste des Innsbrucker Hofes). Dazu kommen eine Anzahl persönliche Dienstboten des Fürsten (darunter ein Barbier und mehrere Ofenheizer) und der Fürstin und ihrer oft zahlreichen Hofdamen, die selbst auch wieder Dienerinnen haben.

Es gibt eine ganze Anzahl Türhüter (für die beiden herrschaftlichen Apartements, die Küche usw.) und Torhüter, eine Anzahl Schreiber für verschiedene Bereiche, viele Träger für die Reisen, fünf bis zehn Stallknechte, mehrere Schlittenknechte, manchmal diverse Handwerker (gelegentlich mit 20-50 Gulden jährlich bestallt) und Leute für das Proviantmagazin.

Herren- und Damenküche beschäftigen jeweils mehrere Köche und ihre Helfer, in Innsbruck 1494 zum Beispiel vier Frauen für den Abwasch. Dazu kommt der Metzger als Speziualist. Beim wettinischen Hof sind ein Drittel der Ausgaben

(11 411 Gulden) für Küche und Keller bestimmt. (Spieß2, S.69) Den Batzen liefern nicht mehr eigene Güter, sondern der Markt, und das trifft dann besonders modische Südweine und exotische Gewürze sowieso.

 

Jeder Hof hat einen Kaplan, manche haben auch einen Arzt. Für die Jagd gibt es ebenfalls erhebliches Personal, darunter auch Hundeknechte, Falkner mit ihren Knechten, manchmal Vogelfänger

Der Unterhaltung dienen eher schlecht bezahlte Hofmusikanten, zu denen schon mal neun Sänger, Trompeter, Klarinettisten, Pfeifer, Lautenschläger, Tambourinist und Pauker gehören können. Narren scheinen obligat zu sein, sie können besonders geistreiche Witzereißer sein oder aber missgebildete (zum Beispiel Zwerge) oder geistig zurückgebliebene Menschen, deren Idiotie begeistert.

 

Auch größere Schlösser des ausgehenden Mittelalters nehmen nicht das ganze Personal auf, weswegen beim Schloss manchmal ein Herrenviertel und ein Gesindeviertel entstehen. In Burg bzw. Schloss schlafen alle Hofdamen manchmal in einem Raum, Edelleute zu viert und Gesinde zu vielen im selben Zimmer.

 

Zu der Versorgung mit Lebensmitteln kömmt die mit Sommer- und Winterkleidung, in einheitlichen Farben für die jeweiligen Rangstufen, die manchmal jährlich nach der neuesten Mode wechseln. "Bei der Hochzeit Herzog Georgs von Sachsen mit der polnischen Königstochter Barbara 1496 in Leipzig wurden für 3271 Gulden kostbare Stoffe wie Atlas, Barchent, Damast, Samt und Seide eingekauft, um das Hofgesinde als Einheit in gleicher Farbe auftreten zu lassen." (Spieß2, S.69) Fast ein Viertel der Ausgaben eines solchen Festes können auch für den Ankauf von Schmuck draufgehen, der nicht nur der eigenen Verzierung nach neuester Mode, sondern vor allem auch als Geschenk dient.

 

Überhaupt sind Fürstenhochzeiten wie die von Landshut 1475 mit manchmal tausenden von Gästen Zeiten eines enormen Konsums, wobei schon mal tausende von Pferden mit ihrem Bedarf an Futtergetreide eine weitere Art von Nachfrage darstellen, neben den 323 Ochsen, 490 Kälbern, 969 Schweinen und Ferkeln, 3295 Schafen und Lämmern sowie 11500 Gänsen für die menschlichen Gäste. (Spieß,2, S.94)

Ob 8000 oder 40 000 Gulden, die Ausgaben für den Hof übersteigen oft die Einnahmen, was der fürstlichen Verschuldung Vorschub leistet.

 

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Das Wort "Freizeit" im allgemeinen heutigen Sinne kennt das Deutsche erst im 19. Jahrhundert. Produktive Arbeit reicht im Mittelalter von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und arbeitsfreie Zeit gibt es vor allem an (den vielen) Feiertagen. Diese sind in der Regel mit Kirchgang verbunden, aber oft auch mit Festivitäten.

 

Klerus und Klöster fallen aus dem Freizeit-Begriff, wie ihn die produktiv und auch distributiv sowie in der Verwaltung arbeitende Bevölkerung wenigstens in der Sache kennen, heraus und natürlich offiziell auch aus den damit verbundenen Vergnügungen. Aber natürlich sind sie Konsumenten mit zum Teil erheblicher Kaufkraft, da sie aber zum Teil über ihren Grundbesitz sich selbst ernähren und sogar für einen Markt produzieren können, fallen sie besonders, und im späten Mittelalter bereits ganz ungeniert, als Luxuskonsumenten auf.

Die Zisterzienser von Salem beispielsweise kaufen unter anderem über ihren Stadthof in Konstanz neben Fisch, sogar Meeresfisch, "Reis, Zucker, Olivenöl, Feigen und Mandeln sowie Gewürze und Früchte, die über die Alpen den Weg nach Norden fanden." (Karsten Igel in: Konsumentenstadt, S.160). Das sind für die meisten Menschen des Spätmittelalters unerschwingliche Güter. Die Zisterzienser von Eberbach kaufen in Köln "Gewürze wie Safran, Nelken, Ingwer, Cardamom, Galgant, Gelatine, Kalmus, Zimt, Pfeffer, Zucker sowie Rosinen und 1477 ein Korb Feigen." (s.o., S.161)  Dabei handelt es sich aber um besonders wohlhabende Klöster.

 

Ähnlichen Konsum-Luxus betreiben wohlhabendere Stifte und die Bischöfe mit ihren Domkapiteln. An die letzteren in Kammin liefert das pommersche Kloster Eldena (Greifswald) 1385zum Beispiel pflichtgemäß  "Gewürze wie Safran, Pfeffer und Muskat, sowie Rosinen und Feigen". (Karsten Igel in: Konsumentenstadt, S.162)

 

Ungefähr 3% der Einwohnerschaft von Städten wie Osnabrück und Freiburg sind Geistliche, die sowohl die Märkte beliefern wie auf ihnen einkaufen. Sie sind hoch privilegiert, was immer wieder zu Konflikten mit den weltlichen Produzenten und Händlern führt. (ff)

 

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Für den auf Grundbesitz basierenden Adel ergibt das Konzept "Freizeit" keinen Sinn. Er muss sich zwar um seinen Besitz und seine Einkünfte kümmern, kann aber, wo er wohlhabender ist, viel davon delegieren. Dazu kommen "feudale" Verpflichtungen mit Standesgenossen und übergeordneten Instanzen wie Anwesenheit bei Hofe etc.

 

Für den Konsum in der Stadt spielen die unterschiedlich häufigen Adelshöfe dort vermutlich nur eine geringe Rolle, da der Adel, wenn er sich dort und nicht auf seinem Landsitz aufhält, sich primär wohl aus seinen eigenen Gütern versorgt. Andererseits besucht er sie auch kurz, um Einkäufe zu tätigen oder tätigen zu lassen. Aber unabhängig davon, wo der Stadthof liegt, gibt es für den Luxus besondere städtische Märkte wie die von Köln, Frankfurt und Nürnberg, wobei der Besuch von Messen besonders wichtig ist. Daneben gibt es bereits eine Art Weihnachtsgeschäft, wobei offenbar besonders gerne renommierte (bzw. modische) Goldschmiede aufgesucht werden.

Städte und besonders auch Messen dort werden aber auch für ein abstrakteres Gut aufgesucht, nämlich zum Leihen von Geld, welches es am ehesten dort zu finden gibt. Dabei werden Kredite gegen Sicherheiten wie Grund und Boten aufgenommen und dann manchmal über lange Zeiträume samt Zinsen abgezahlt. Solche Renten können dann auch weiterverkauft werden (Schneider in: Konsumentenstadt, S.149f)

 

Zum städtischen Konsum in Adelskreisen gehören auch die Treffen der Rittergesellschaften in den Städten, in denen sie ihren Sitz haben. Dazu gehören umfangreiche Festessen dieser Adelsgesellschaften oft in ratseigenen Räumen, bei denen sich auch Ratsmitglieder einfinden.

 

Sport

 

Das verhältnismäßig wenig abwechslungsreiche Leben des Adels in deutschen Landen auf seinen Burgen wird vor allem mit Freizeitvergnügungen gefüllt, die sich aus seiner Bedeutung als Kriegerschicht ableiten. Das originäre Amüsement ist die Jagd zu Pferde, die durchaus auch Übungsmöglichkeit für kämpferische, "ritterliche" Betätigung ist. Dazu kommen im hohen Mittelalter die Turniere, der sportive Kampf. Deren Bedeutung nimmt in dem Maße zu, in dem die Ritter für die Kriege an Bedeutung verlieren.

Sport als Wettkampf nach festen Regeln findet an Fürstenhöfen des späten Mittelalters auch anderweitig statt, als Ballspiele oder Frühformen des Tennis, aber als Wirtschaftsfaktor relevant sind vor allem die Kampfspiele, für die keine Zelt"städte" bei Burgen mehr dienen, sondern die des Komforts und des Zuschauerpotentials wegen in die Städte bzw. an deren Rand verlegt werden.

 

1479 findet in Würzburg ein großes Turnier des süddeutschen Adels statt, für das um die 350 Wettkämpfer angenommen werden. Joachim Schneider schätzt, dass etwa 3200 Besucher dabei in die Stadt von rund 7000 Einwohnern kommen, (in: Konsumentenstadt, S.132f). Die reine Turnierorganisation haben mehrere Adelsgesellschaften inne, während Stadtherr und Rat der Stadt dafür die "Infrastruktur" (Schneider) bereitstellen. Nicht nur die Gasthäuser verdienen dabei, irgendwie müssen auch viele Bürger ohne Gastgewerbe Zimmer zur Verfügung gestellt haben, für die ein fester Betrag verordnet wird.

Um die Versorgung mit Nahrung zu sichern, werden für die Zeit des Turniers Marktabgaben und Zölle erlassen. Sollten die städtischen Händler für die Versorgung nicht reichen, so können auch ortsfremde Bäcker und Metzger in die Stadt gelassen werden. Für den Stadtherrn entstehen so keine zusätzlichen Einnahmen, eher im Gegenteil, aber dafür umso mehr für die Stadt und das ihr gehörende Gasthaus und für ihre Bürger. Für den Fürstbischof von Würzburg zählte wohl vor allem der Statusgewinn.

Für solche edle Festivitäten sitzen die Geldbeutel der adeligen Teilnehmer lockerer als sonst, denn Status und öffentlicher Luxuskonsum gehören zusammen. Wie das etwas kleinere Mainzer Turnier des folgenden Jahres erweist, werden erhebliche Mengen an (wohl höherwertigem) Wein und Bier,  Süßigkeiten wie Gewürzkuchen, sehr viel Fleisch und Fisch verzehrt, Reis, Mandeln und wohl auch "feinere" Gewürze (Schneider in: Konsumentenstadt, S.135ff). Mit den Lebensmitteln profitiert nicht nur der Handel, sondern auch das ganze Umland.

 

Neben dem Turnier als Sportfest gibt es auch die Feste, insbesondere Hochzeiten, als Rahmen für Turniere. Solche Turniere finden dann oft auf dem großen Marktplatz in der Stadt statt, aus dem die Marktbuden geräumt werden und Gelegenheiten für die vielen Zuschauer geschaffen werden müssen.

Nicht so sehr für ein Turnier geeignet, aber ebenfalls enorme Nachfrage nach Konsumgütern erzeugend sind die einige Wochen nach der Beerdigung erfolgenden fürstlichen Leichenbegängnisse mit ihrem Leichenschmaus, auch sie manchmal von tausenden von Gästen besucht.

 

 

Sexus, Eros, Liebe

 

Zu den sich im Zuge dieser Arbeit herauskristallisierenden Thesen gehört, dass der Mensch nicht nur über den Kopf regiert, sondern auch und zuerst von seinem Körper getrieben wird. Was den Geschlechtstrieb betrifft, gibt es auch im Spätmittelalter nur wenige Möglichkeiten, der Wirklichkeit nahe zu kommen. Stattdessen gibt es drei Quellen, aus denen man nur mit Vorsicht schöpfen kann: Da ist die offizelle kirchliche Lehre, da sind literarische Texte, Skulpturen und Gemälde und wenige Texte, die unmittelbar auf Aspekte des Geschlechtslebens eingehen.

 

Für die Schicht der Fürsten und des hohen Adels fließen die Quellen weiterhin etwas stärker als für die Masse der Menschen. Die patriarchal und patrilinear strukturierte Dynastenfamilie trennt weiter massiv zwischen dem Keuschheitsgebot für die weibliche Nachkommenschaft und den wenig dokumentierten Freiheiten der männlichen. Eheschließungen dienen praktisch ausschließlich dynastischen Interessen und werden von den Eltern, im wesentlichen den Vätern beschlossen. Wohl meist kennen sich die Paare vor der Hochzeit nicht persönlich, haben sich oft auch nie vorher gesehen. Aber im späten Mittelalter werden zunehmend vorher Erkundigungen eingezogen, auch bezüglich des Sexualhindernisses herausragender Hässlichkeit. Sobald Maler hinreichende Techniken in gemalten Portraitbildern entwickelt haben, lässt man schon mal solche von den Bräuten anfertigen.

 

In der Regel wechselt die hochadelige bzw. fürstliche Braut zusammen mit den mitgebrachten Hofdamen mit der Hochzeit in ein ihr bis dato unbekanntes Umfeld und in das Bett eines ihr unbekannten Mannes. Damit das funktioniert, wird sie in die Unterwürfigkeit zum neuen Herrn erzogen. Nachdem er seine Tochter an Friedrich den Schönen verheiratet hat, schreibt ihr Jakob von Aragon: Wir bitten und ermahnen Euch, liebste Tocher (...), dass Ihr Eurem edlen und geschätzten Herrn und Gatten mit besonderer Furcht und Liebe folgt, der Euch nicht allein als Gatte verbunden, sondern Euch auch Eltern und Freunde ersetzen soll (... in: Spieß2, S.40) 

 

In deutschen Landen sind die hochadeligen und fürstlichen Ehefrauen meist deutlich stärker als in romanischen Ländern von der Außenwelt abgeschottet. Dabei haben beide getrennte Privatgemächer, Apartements, das weibliche ist das oder sind die "Frauenzimmer". Regulär schläft man also auch vom Beilager abgesehen getrennt voneinander. Kontakte der Frauen nach außen werden überwacht. "Briefe wurden laut verlesen und somit kontrolliert. Besuche waren nur im Beisein weiterer Personen erlaubt." (Spieß2, S.77)

Gelegentlich findet der Gottesdienst in getrennten Kapellen statt. Genauso nach Geschlechtern getrennt werden oft auch die Mahlzeiten eingenommen. Danach ist zweimal am Tag das gesellige Beisammensein von Männern und Frauen für etwa zwei Stunden möglich. "Die Hofdamen saßen in einer Reihe auf einer langen Bank und unterhielten ihre Gäste. Sie durften dabei nicht aufstehen oder sich mit einem Adeligen absondern. Das Tanzen war nur mit besonderer Erlaubnis des Hofmeisters gestattet. Klopfte der Türsteher dreimal an die Tür, war das Beisammensein beendet." (Spieß2, S.77)

Von den hohen Gemahlinnen wird nicht Verliebtheit, sondern gehorsame eheliche Liebe, eine Art solide Zuneigung erwartet, und natürlich noch solidere Fruchtbarkeit. Zehn oder mehr Kinder (vor allem Söhne) in die Welt zu setzen ist dabei keine Seltenheit, wenn der zumeist deutlich ältere Gemahl soweit durchhält. Das Beilager verweigert zu bekommen gilt als Strafe, Maßregelung, die gelegentlich weiblicherseits beklagt wird, da das den Status der Frau mindert.

 

Eheliche Treue gilt für Frauen als selbstverständlich, männliche dürfte eher die Ausnahme gewesen sein. Auch weil die jeweils hinreichende sexuelle Attraktivität der Damen nicht immer gegeben ist, richtet sich das sexuelle Begehren der Herren gerne auf Geliebte, die es gelegentlich bis zum Konkubinat schaffen und das als Statusverbesserung verstehen. Auf diese Weise zeugen hohe Herren manchmal mehr außereheliche als eheliche Kinder, wobei auch erstere in der Regel recht gut versorgt werden.

Der Kindersegen zeugt von der Potenz der Herren, mit der vermutlich gerne auch einmal geprotzt wird. Erweist sich die Gemahlin als unfruchtbar, belegt die Zahl der Bastarde zudem, wie potent der Herr dabei ist. Aber auch wenn die Gemahlin zehn, zwölf Kinder zur Welt bringt, also in der Ehe fast unentwegt schwanger ist, gibt es genügend Fälle, in denen Konkubinen fast genauso viele Kinder bekommen. Die männliche Potenz mit dem brav harten Glied und dem fruchtbildenden Sperma korreliert mit hochadelig-fürstlichem Kriegergehabe wie mit dem Jagderfolg.

 

Da es mehr fürstliche Witwen als Witwer gibt, muss deren Versorgung mit Witwensitz und Einkommen sichergestellt werden, wenn sie nicht als Regentin akzeptiert ist oder ein Sohn mit 14-18 Jahren die Regierung antritt. Solche Witwen sind in der Regel aufgrund ihrer Ausstattung gute Partien und werden manchmal aus vielerlei Gründen auch dazu gedrängt, eine weitere Heirat einzugehen.

 

Königliche Ehen werden oft zwischen Königreichen als Bündnisgrundlage geschlossen, die der deutschen Fürsten und Hochadeligen untereinander schaffen im Lauf der mittelalterlichen Jahrhunderte komplexe Verwandtschaftsbeziehungen, die oft große Teile des deutschen Raumes umspannen. Dabei werden angeheiratete Verwandte wie Blutsverwandte angeredet (mit Bruder, Mutter etc.) und dienen mindestens genauso der Durchsetzung von Interessen. Boten verbreiten manchmal intensiven Briefverkehr, man besucht sich gelegentlich bei Festen und schickt sich regelmäßig fürstliche Geschenke, die die Freundschaft erhalten sollen.

 

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Das Verhältnis zum eigenen und Körper des anderen ist natürlich geschlechtsspezifisch und schichtspezifisch, zudem situationsabhängig. In zwei höfischen Situationen, dem gemeinsamen Mahl und dem höfischen Tanz, wird das eingeübt, was öffentlich werden soll.

Tischsitten gab es wohl schon immer, spezifische höfische Manieren dabei wandern wohl aus Frankreich / Burgund und Italien ein. Im hohem Mittelalter werden sie wohl schon für den hohen Adel auch in deutschen Landen formuliert, aber an einzelnen Beispielen wird deutlich, dass sich einige davon nur langsam durchsetzen. Wir haben kaum Beschreibungen dessen, wie es wirklich bei Tisch zugeht, am ehesten finden wir beschrieben, wie es sein sollte, was in der Vielzahl der überlieferten Texte auch implizit aufzeigt, wie es zugleich nicht immer in der Praxis ist.

 

Das Essen samt Verdauen und Ausscheiden verbindet den Menschen so mit den Tieren wie die Geschlechtlichkeit. Je höher gestellt menschliche Wesen aufgrund behaupteter göttlicher Fügung sind, desto stärker versuchen sie sich öffentlich in ihren Manieren davon abzusetzen. In den Städten imitiert das dann eine bürgerliche Oberschicht aus Kapital und Amt in eher moderaterem Umfang und aus demselben Grund.

 

Die angemahnten Tischmanieren beginnen mit einer weniger an Hygiene sondern am Auge des Betrachters orientierten Sauberkeit insbesondere der Hände. Während Wildtiere im Mittelalter den Menschen in der Regel bei der Säuberung ihres Körpers überlegen sind, achten sie beim Verspeisen ihrer Nahrung wenig darauf. Hier kann der Mensch sich demonstrativ und gut sichtbar dem Tier überlegen zeigen. Deshalb wird das Händewaschen verlangt, bei welchem einen in höheren Kreisen Dienstboten mit Schüssel und Tuch bedienen. Des weiteren wird erwartet, dass man seine Fingernägel gereinigt hat.

Wichtigste Regel dann beim Essen und Trinken ist, dass man nicht zeigt, dass es nicht wie bei Tieren um die Befriedigung von Hunger und Durst vor allem geht, sondern um ein "gesellschaftliches Ereignis". Ausgeschlossen werden soll also jene Gier, mit der Tiere Nahrung zu sich nehmen, und das heißt, Zurückhaltung zu üben, nicht unbedingt in der Menge insgesamt, aber in der Geduld, bis einem etwas zugeteilt, vorgelegt oder angeboten ist. Zurückhaltung heißt auch, dass man erst kaut und nicht etwas gleich gierig herunterschluckt.

Die eigenen (wenn auch gesäuberten) Hände kontaminieren quasi Speisen, weswegen man sie möglichst wenig dort einsetzen soll, wo in Schüsseln oder Schalen Essen für mehrere auf den Tisch kommt. Salz wird auch für den eigenen Teller nicht mit zwei Fingern verstreut, sondern mit einer Messerspitze. Die Hände haben sowieso auch auf dem Tisch und nicht darunter zu liegen, wo sie in die Nähe zum Unterleib geraten könnten oder zu wer weiß was zu gebrauchen wären.

Der Mundraum mit seiner Zunge und seinem Speichel soll im Idealfall mit Ekel belegt werden, immer aber möglichst wenig öffentlich werden. Lecken als die Zunge zeigen ist darum tabuisiert, schon gar das Ablecken der verschmutzen Finger, die unauffällig am Tischtuch (und nicht an der Kleidung!) abzuwischen sind, oder das Lecken bei Süßspeisen.

Den vom Speichel kontaminierten Löffel wischt man mit seiner Serviette ab, bevor man ihn zurückgibt, und mit Speichel in Berührung gekommene Speisen nimmt man nicht mehr aus dem Mund, insbesondere schon Gekautes, welches wie alles am weiteren Vorgang der Verdauung mit Ekel belegt wird. Deshalb sollte man Pinkeln und Scheißen, also die Vorgänge der Ausscheidung, vor dem Essen erledigt haben. Nicht nur würden die anderen beim Essen an Verdauung und Ausscheidung erinnert, es wäre auch unhöflich, das gemeinsame Mal deshalb zu verlassen.

Ganz übel angesehen werden das Rülpsen und Furzen, welches auch an mangelnde Körperbeherrschung gemahnt. Und so schreibt Erasmus von Rotterdam in seinem Fürstenspiegel: Weder auf seinem Stuhl hin und her wackelt von einem Schenkel auf den anderen, erweckt den Eindruck, als furze er gerade oder versuche, einen loszuwerden.

 

Das ist im Großen und Ganzen auch das Repertoire der übrigen Textstellen über Tischsitten im Spätmittelalter.

 

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Während im frühen Mittelalter Männer und Frauen kräftige Körper haben sollen, die einen zum Kämpfen und die anderen zum Kinderkriegen, entwickelt sich im sogenannten gotischen Stilideal insbesondere bei Frauen etwas Neues: Schmale überlange Taillen, relativ schmale Hüften und schlanke Hinterteile bei langen schlanken Beinen. Was dabei wortlos sichtbar wird, taucht in der Literatur erst relativ spät ausführlich und ungeniert ausgesprochen aus: Sexuelle Attraktivität der begehrten "Geliebten" zum Hervorrufen männlichen Appetites, und das, wobei Ehefrauen immer noch vor allem für das Kinderkriegen gut zu sein haben. 

Skulpturen und Gemälde trennen so die zu begehrende von der zu heiratenden Frau, so wie das schon die Minnelyrik vormachte. In den Heldenliedern um 1200 (siehe Großkapitel 'Helden') wird das nur angedeutet, und zwar einmal in der Trennung bloß dekorativer Jungfrauen von (potentiellen) Ehefrauen, und zum anderen in dem Aufkommen der Schneiderei und den an Teile des Leibes an-geschneiderten Gewändern. Andererseits geht die "Liebe" zwar über den Augensinn, aber die expliziten Körperformen bleiben dabei noch keusch ausgespart.

 

Bekanntlich entwickeln sich solche ästhetischen Ideale nach Großregionen immer weiter auseinander. Was in England, Frankreich, dem christlichen Spanien und deutschen Landen sich etwas unterschiedlich als Gotik entwickelt, greift in Italien stärker antike Ideale auf und mündet in frühe "Renaissancen" mit ihren andersartigen Verschlankungen.

Neben den Idealen gibt es die portraitierte und dokumentierte Wirklichkeit. 1475 schreibt der Kurfüst Albrecht Achilles von Brandenburg an seine Frau Anna, sie solle mit ihren Hofdamen tüchtig essen, das dir der arß fayßt und starck werd. Dann komen wir heim und finden, das dir und den junckfrauen die hindern türr sein, so wollen wir euch ungepfeffert nit lassen (...) So uns gott glückseliglich heimhilfet, wöllen wir dich mit dem jungen Albrecht und die jungfraun mit der rüten pfeffern. (...) Der jung Albrecht will starck werden. Auch sag der hofmeisterin, wir wöllen sie auch pfeffern in das groß arßloch. (in: Spieß2, S.78)

 

Einiges daran muss man als herzhafte und scherzhafte Übertreibung nicht zu ernst nehmen. Klar ist wohl, dass der Hintern (als originärer Ort der Anreizung des männlichen Geschlechtstriebes) für den ganzen Körper steht, der wohlgenährt aussehen soll. Das gotische Körperideal, in deutschen Landen ohnehin weniger verbreitet, ist allerdings auch gelegentlich dabei, gerade hier einem neuer Stämmigkeit zu weichen.

 

****Abarten****

 

Komplexere Lebensformen bedürfen der Geschlechtlichkeit zum Zwecke der Fortpflanzung von gemischten Varianten der Elternpaare. Ehe ( man muss inzwischen dazu sagen, natürlich von Mann und Frau), Familie und Verwandtschaft dienen dem Schutz des Nachwuchses und der Versorgung im Alter.  Das alles kann sich in Zivilisationen für die Machthaber ändern, sobald sie auf Kosten ihrer Untertanen leben. Die Kirche des Mittelalters kann für ihre höheren Ränge Ehelosigkeit verordnen oder gar Sexualität diabolisieren. Weltliche Herren können ihren Geschlechtstrieb außerhalb von Ehe und Familie halblegal ausleben.

 

Der sich von seinen natürlichen Zwecken verselbständigende Drang nach Triebabfuhr (siehe Großkapitel 'Anfänge') kann sich darüber hinaus auch bei einer kleinen Minderheit auf Objekte des gleichen Geschlechtes ausrichten und bei einer wohl noch kleineren auf Kinder hin desorientieren.

Kulturen basieren neben der Ernährung auf der Orientierung und Regulierung von Sexualität. Diese werden in die Zivilisationen übernommen, aber des öfteren von denen gebrochen, die die Macht dazu haben. Im abendländischen Mittelalter und der Neuzeit bis ins zwanzigste Jahrhundert ist Homosexualität als Sünde diffamiert und kriminalisiert, und zwar ebenso wie Päderastie mit Kindern vor der Geschlechtsreife. Diffamiert sind auch die Selbstbefriedigung und der Geschlechtsverkehr mit Tieren. Diese Kriminalisierung und zugleich Tabuisierung macht es äußerst schwierig, über solche Praktiken mehr als schiere Gerüchte zu erfahren. Immerhin können wir aus unseren Kenntnissen über den (katholischen) Klerus der letzten rund hundert Jahren erschließen, dass wohl schon früher das Zölibat dazu neigte, in homosexuelle und pädophile Neigungen auszuweichen. Daraus wohl auch resultiert seine intensive Verurteilungspraxis abartiger Sexualität.

 

Das zumindest im späten Mittelalter Homosexualität und Päderastie in den herrschaftlichen Kreisen stillschweigend  geduldet wurden, belegt der Fall des hochadeligen Gilles de Rais (1404-40). Als Extrembeispiel bezeugt er zudem wohl die auch allgemein wenig harmlose Nähe von Aggression, Gewalt und Grausamkeit zum Geschlechtstrieb.

Dabei sind wir allerdings im wesentlichen auf die Gerichtsakten jenes Prozesses angewiesen, der ihm den Tod bringt, und dessen Qualität als Ort einer Wahrheitsfindung wie damals üblich durchaus problematisch ist. Das liegt einmal daran, dass er als Inquisitionsprozess in besonderem Maße mit der Folter droht, was die Qualität von Aussagen und Bekenntnissen deutlich herabsetzt, zum anderen daran, dass das Verfahren von seinen politischen Gegnern, einem Bischof und einem Herzog angestrengt wird, die beide erheblich von einer Verurteilung profitieren werden.

 

Großvater und Vater haben bereits große Besitzungen zusammengetragen, als die Eltern von Gilles in jungen Jahren sterben, als zweiter der Vater 1415 in der Schlacht von Azincourt. Im Prozess wird Gilles aussagen, die weitere Erziehung durch den Großvater Jean de Craon habe ihn zu einem lasterhaften Menschen gemacht.

Der junge Mann wird dann durch den Großvater dazu veranlasst, die Erbtochter Catherine de Thouars zu enführen, deren Vater gerade gestorben ist. 1422 erteilt die Kirche den Dispens von zu großer Verwandtschaft und es kann geheiratet werde. Der Großvater beherrscht nun für seinen Erben ein großes Gebiet von der südlichen Bretagne bis ins Anjou und Poitou mit einer ganzen Anzahl von Schlössern und großem Reichtum. Er gilt als raffgierig und räuberisch, belegt ist zum Beispiel durch einen Rechtsspruch, dass er die Schiffer und Kaufleute auf der Loire mit erpresserisch hohen Zöllen ausplünderte.

Als nächstes überfällt Gilles seine Schwiegermutter und setzt sie gefangen, um so an ihren Witwenanteil zu gelangen. Der königliche Einspruch bleibt wirkungslos. Der junge Edelmann wird zwar eine Tochter Marie haben, aber viel Eheleben dürfte für den jungen Homosexuellen nicht stattgefunden haben.

 

Gegen 1425 tritt Gilles auf die Seite Karls VII. über, der in Bourges residiert, während Henry V. in Paris Hof hält. Sein Gönner wird La Trémoille. Unter dem erfahrenen Krieger La Jumellière ist er in einzelnen Scharmützeln für seinen König erfolgreich, was ihm einen Platz am Hofe sichert.

1429 wird Jeanne d'Arc dem königlichen Hof in Chinon zugeführt. Gilles de Rais wird ihr zugeordnet und ist dann offenbar bravourös an der Eroberung von Orléans beteiligt. Im Sommer 1429 wird er zum Marschall von Frankreich ernannt. Kurz darauf steht er neben Jeanne d'Arc. als ihr König Karl VII. in Reims gesalbt wird. Im Jahr darauf scheitert der Angriff auf Paris und der Untergang von Jeanne beginnt, die im Mai 1431 von den Engländern verbrannt wird. Damit ist die militärische Laufbahn von Gilles schon fast am Ende.

 

1432 lässt er durch seine Leute Yolanda von Aragon überfallen und ausrauben. Jean de Craon stirbt und Gilles hat nun freie Hand. In seinen Ausagen vor Gericht 1440 heißt es;

Befragt nach dem Ort und der Zeit, wo er begonnen habe, das Verbrechen der Sodomie zu begehen, antwortete er: >In der Burg von Chantocé<. Zeit und Jahr behauptete er nicht mehr zu wissen, aber er habe begonnen, diese Dinge zu tun, in dem Jahr, da sein Ahn, der Herr von La Suzé, verstarb.

Und: Befragt nach dem Ort, an dem er die bewussten Verbrechen beging,, nach der Zeit, zu der er damit begann, und nach der Zahl der Ermordeten, antwortete er und sagte: >Zum ersten in der Burg von Chantocé, und zwar in dem Jahr, in dem der Herr von La Suzé - sein Ahn - verstarb<, an welchem Ort er mehrere Kinder in großer Zahl tötete und töten ließ - über die Zahl ist er sich nicht sicher.

 

Der ganze Bereich menschlicher Sexualität, insbesondere aber der der Homosexualität, homosexueller Pädophilie und der Beziehung zwischen Sexualität und Gewalt ist im letzten halben Jahrhundert in der obskuranten Sphäre politischer Korrektheit in das Dunkel fehlender Aufklärung geraten, in ein Reich mit massiven Drohungen versehener diverser Propaganda. Soviel allerdings ist klar: Homosexuelle Orientierung, ob nun angeboren oder in der Kindheit erworben, wirkt sich früh auf das Leben der Betroffenen aus. Bis zur Legalisierung in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wird sie dabei in der Regel verdeckt ausgeübt und natürlich gilt das auch für das Mittelalter.

 

Man kann annehmen, dass Gilles Fasziniertsein von der androgyn und in Männerkleidung auftretenden "Jungfrau von Orléans' etwas mit seiner Homosexualität zu tun hat, ebenso wie man vermuten kann, dass diese in den militärischen Männerhorden des Hundertjährigen Krieges ihren Platz hat, in denen allerdings heterosexuelles Vergewaltigen von weiblicher Zivilbevölkerung weitaus üblicher ist. Aber belegt wird seine sexuelle Orientierung erst seit 1432, denn für diesen Zeitraum von 1432-40 erst gibt es Zeugenaussagen über Kindesentführungen, in denen sich seine Homosexualität auf kindliche und jugendliche Opfer konzentriert

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Da sich Homosexualität als Abart von Geschlechtlichkeit völlig vom Ziel der Fortpflanzung entfernt, neigt sie stärker zur Promiskuität und - soweit bekannt - auch stärker in Richtung Pädophilie als Hetero-Sexualität. Die im Mittelalter gängige Beschränkung des ehelichen Vollzuges auf die Geschlechtsreife des Mädchens, also seine Empfängnis-Fähigkeit, fällt bei (männlicher) Homosexualität als Orientierungsfaktor eher weg, und die Akteure können sich dann eher auf die Attraktivität junger Sexualobjekte fixieren: Die Mehrzahl der bekannten Opfer Gilles de Rais befinden sich in der Pubertät (sind zwischen acht und sechzehn Jahre alt), gelten als außerordentlich "schön" und erinnern so an pädophile Ideale im antiken Hellas.

 

Männliche Homosexualität hat unter anderem zwei idealtypische Seiten: Die eine ist mit dem Bild frauenverachtender aggressiver und manchmal gewaltverherrlichender Maskulinität verbunden, wie sie Gilles in den "legalen" Kriegszügen wie in seinen mehr oder weniger rechtlich nicht abgedeckten Raubzügen und Überfällen ausleben kann, bis er dann auf eine andere Seite umschwenkt, die ihm womöglich ohnehin mehr liegt. Es handelt sich um jene Form männlicher Homosexualität, die früher des öfteren im Deutschen als "schwul" bezeichnet wurde: Männer zeigen dann (pseudo?)weibliche Züge, die im Extremfall bis zum Transvestitentum reichen können, Eitelkeit im Auftreten, einen preziösen Ästhetizismus, das, was üblicherweise gemeinhin als "Verweichlichung" oder Effeminierung beschrieben wurde. 

Nachdem die Kriegerkarriere des Gilles de Rais 1433 zur Gänze zum Erliegen gekommen ist, erweist sich wohl diese zweite Seite als die dominante. Schon als Krieger hatte Gilles wenig dafür getan, seinen Herrschaftsbereichwie sein Großvater konsequent auszuweiten, er ist eher ein auf schieren Ruhm und Haudegen-Ehre eingestellter Ritter. Nun beginnt in Zeiten ohne kriegerischen Einsatz für den König eine exorbitante Prachtentfaltung, in der er große Teile seines Vermögens verschwendet, während er gleichzeitig im Verborgenen Knaben sexuell missbraucht und dabei ermordet.

 

Tatsächlich beginnt der Verkauf von Rechten und Gütern an Bürger und Kleriker aus Nantes und Angers bereits um 1429 (Reliquet, S.53). Insgesamt errechnen die Erben nach seinem Tod ein verschwendetes Gesamtvermögen von fast 200 000 écus, das Vermögen eines großen Fürsten.

 

Zu den großen dauerhaften Ausgaben gehört eine stets neu und prächtig eingekleidete mit einem Gehalt versehene Garde aus zweihundert Reitern mit Pagen und Schildknappen und einem prachtvollen Herold, die keine andere Aufgabe mehr haben, als ein ritterlich-fürstliches Schauspiel zu bieten.

Wohl noch wichtiger und kostspieliger werden religiös-kirchliche Ausgaben. Auch wenn er bereits Jugendliche sexuell missbrauchend ermordet und bald Alchemie praktizieren und Teufelsbeschwörungen inszenieren lassen wird, um an Geld (Gold) zu kommen, ist Gilles zugleich auch ganz im Sinne der Kirche frommer Christ. Wie  für die Kirche bestehen für ihn Gott und Teufel als gleichgewichtige Antagonisten, aber anders als diese wendet er sich nun gleichgewichtig an beide.

 

Wie die Herzöge von Aquitanien lässt er sich prachtvoll als Kanonikus von Saint-Hilaire in Poitiers einführen. Dann kommt es 1435 zur zweiten Institutionalisierung ganz erheblicher Ausgaben: Er gründet in der Nähe seines chateau von Machecoul eine prächtige Stiftskirche zum Gedenken an die unschuldigen Kinder in Bethlehem, zum Heil und zur Errettung seiner Seele (in: Reliquet, S.54). Inzwischen hat er wohl schon eine ganze Anzahl Knaben ermordet, aber ganz im Sinne mittelalterlichen Christentums, bloß sehr extrem ausgelegt, hält er Sünde und Absolution auch in seinem Fall für verbindbar.

 

Zur Stiftung gehören ein Vikar, ein Dechant, ein Archidiakon, der Schatzmeister, Kanoniker, ein Kapitel fast wie an einer Kathedrale, alle von ihm ernannt und ausgestattet "mit Renten, Einkünften und Besitzungen" (in: Reliquet, S.55) Das Kollegium besteht aus 25-30 Personen, mit Gefolge etwa 50 Leute, die er alle großzügig bezahlt und mit kostbaren Prunkgewändern ausstattet, wie die Erben später beklagen, Chorhemden aus feinstem Stoff, Überröcke und Kappen aus erlesenem Tuchund mit Pelzwerk gefüttert, als wären sie Männer von höchstem Stand und größter Gelehrsamkeit und von rechts wegen in Amt und Würden. (Reliquet, s.o.)

 

Diese an große Opernaufführungen des 19. Jahrhunderts erinnernde Truppe begleitet den Edelmann auf seinen Reisen, wobei mehrere Leute eine der beiden Orgeln tragen müssen. Überhaupt Kirchenmusik: Gilles schafft auch eine Kantorei mit einem Knabenchor vorpubertärer Stimmlagen, wobei er die Knaben zumindest teilweise sexuell missbraucht und dann manchmal samt ihren Eltern mit Gütern und Geld belohnt.

 

Letzer Höhepunkt seiner Verschwendungssucht wird 1435 die Feier zur Befreiung von Orléans, die der Edelmann teils selbst finanziert und ausrichtet und dabei wohl teure Mysterienspiele aufführen lässt. Inzwischen verleiht er schon seine Juwelen, borgt sich Geld. Inzwischen hat er im Poitou alles außer den Besitzungen seiner Frau verschwendet, im Anjou sind ihm noch zwei Burgen geblieben und dazu die Besitzungen in der Bretagne.

Die Verwandtschaft inklusive der offenbar nicht mehr mit ihm lebenden Ehefrau wendet sich wegen der nicht mehr standesgemäßen Verschwendung an den Papst, der darauf die Stiftung von Machecoul nicht anerkennt, und dann an König Karl VII., der ihm im Juli 1235 wegen seiner unstandesgemäßen Verschwendung verbietet, weitere Ländereien mit Ausnahme der bretonischen zu verkaufen.

Tatsächlich ist die Bretagne noch nicht klar in das französische Königreich integriert. Dort interessieren sich der Herzog Jean V. und der Nantaiser Bischof Jean de Malestroit, Berater des Herzogs, für Gilles Besitzungen.

 

Hauptanklagepunkt der Kirche gegen Gilles de Rais wird die Ketzerei, weswegen der Vertreter des französischen Inquisitors hinzugezogen wird. Dabei spielen Alchemie und Dämonen- bzw. Teufelsbeschwörungen eine Rolle, wobei diese laut Gerichtsakten in einem engen Zusammenhang gesehenwerden.

Alchemie ist ein aus dem Griechischen über das Arabische ins lateinische Abendland gelangtes Wort, in dem sich vorwissenschaftliche, mystische und Macht- und Geldgier betreffende Elemente fanden. Gilles de Rais gelangt offenbar schon früh an ein Buch, in dem es unter anderen auch einen alchemistischen Text gab. Im Maße der Verschwendung seines Reichtums wird der Aspekt der Verwandlung von Quecksilber, welches als flüssiges Silber angesehen wurde, in Silber und Gold offenbar immer wichtiger.

 

Ein Pariser Goldschmied wird ebenso engagiert wie diverse Italiener, ganz offensichtlich allesamt Betrüger, die den Baron offenbar gehörig ausnehmen. Er richtet Öfen in seinen Schlössern ein, eine Art Laboratorien, und lässt sie dort machen, natürlich ohne Erfolg. Je mehr Gilles in Geldnöte kommt, desto intensiver unterstützt er alchemistische Praktiken. Zumindest ein Prelati inszeniert für ihn zugleich Teufelsbeschwörungen und unterstützt ihn bei seinen Kindstötungen. Ihn findet der von Gilles beauftragte Priester Eustache Blanchet im Frühjahr 1439 in der Toskana und bringt ihn dazu, mit ihm zu seinem Auftraggeber zu reisen. Prelati ist selbst ebenfalls Geistlicher und nach eigner Aussage Experte in Poesie, Geomantie, Alchemie und manch anderen "Künsten".

 

Um 1435 beginnen in verstärktem Maße solche rituellen Anrufungen des Teufels, wofür ihm sein Kumpan Gilles de Sillé "Experten" sucht, unter anderem einen Arzt, die allesamt den edlen Baron um sein Geld betrügen. Da werden Kreise gezogen, magische Zeichen eingraviert und Beschwörungsformeln benutzt. In dem Geständnis Gilles vor Gericht heißt es: Er war in Machecoul wie auch an anderen Orten dabei, vor allem, um zu sehen, wie auf dem Boden der Kreis geschlagen wurde oder eine kreisförmige Figur, die in die Erde geritzt wurde, was notwendig ist bei dieser Art von Beschwörung, wenn man den Teufel sehen, mit ihm sprechen und einen Pakt mit ihm schließen will. (in: Reliquet, S.65)

 

Gilles verspricht dem Teufel schriftlich, ihm alles zu geben außer seine Seele und eine Verkürzung seines Lebens. Und weiter heißt es in seinem Geständnis: Er wollte von ihm Wissen, Macht und Reichtum verlangen, um so wieder in den früheren Zustand von Macht und Herrschaft zurück zu gelangen. (in: Reliquet, S.67).

Einen Gipfel erreichen diese Beschwörungen mit der vom Experten empfohlenen Opferung von Hand, Herz, vielleicht auch Auge und Ohr eines Kindes, die Gilles und Prelati unabhängig voneinander vor Gericht bezeugen.

 

In einem Netz aus Alchemie, Magie und sexuell aufgeladenen Kindstötungen wird der Baron gefangen und von einer Gefolgschaft aus niederem Adel, Bürgern und Unterschicht-Dienstboten unterstützt und ausgenommen. Er ist von naiver Gläubigkeit sowohl was die Lehren der Kirche wie die von "Ketzern" angeht. Das alles wird zwar in großer Heimlichkeit betrieben, kann aber in den chateaux und bei der engen Verwandtschaft kaum verborgen geblieben sein, ist vermutlich auch als Hörensagen in die Dörfer abhängiger Bauern der Umgebung gelangt. Gerüchte und Stimmen, wie es in den Prozessakten heißt, munkeln vom Treiben des hohen Edelmannes, und die Eltern, Verwandten und Bekannten der vielen verschwundenen Kinder fragen nach.

 

Zwei Aspekte kommen wohl zusammen: Da ist einmal bei den "kleinen Leuten" die Angst vor dem offenbar notorisch gewalttätigen Edelmann und seiner Entourage, aber etwas anderes scheint für die Zeit bezeichnender. Alchemie ist bei Adel und Bürgern im 15. Jahrhundert groß in Mode und wird für sich von der Kirche meist geduldet, wenn nicht sogar Kirchenmänner selbst sie betreiben. Der Glaube an einen mächtigen Teufel oder an viele Teufel wird von der Kirche selbst gefördert. Ketzerei ist dabei nicht die Teufelsaustreibung, wie sie die Kirche praktiziert, sondern nur der Pakt mit ihm, ein direktes Konkurrenzunternehmen zu den magischen Praktiken der Kirche.

Wenn man für die Zeit bis tief ins 15. Jahrhundert heute noch von Mittelalter spricht, dann sind dessen Strukturen doch seit dem 14. Jahrhundert in voller Auflösung begriffen. Dabei trennt sich immer mehr ein Strang rationalistischer Denkweisen, wie er gerne auch mit Begriffen wie Humanismus und Frührenaissance versehen wird, von einem anderen, der immer stärker irrationale Züge annimmt, magische, mystische, nun stärker versehen mit pseudowissenschaftlichem Abrakadabra. Aus dem volkstümlichen Glauben an Feen, Dämonen und Hexen, der eher nun stärker in mächtigere Schichten aufsteigt, wird ein sich dann in der Neuzeit intensivierender Verfolgungswahn mit konsequenterer Brutalität, der bis heute immer wieder in Wellen große Gruppen der Menschen befällt. Nichts ist dabei deutlicher als der Erlösungswahn der Bolschewiken, die für einen dann am Ende nie angestrebten Kommunismus ebenso über Leichenberge geht wie der Rassenwahn der hitlertreuen Nationalsozialisten mit seinen menschheits-erlösenden Phantasien, beide pseudowissenschaftlich verziert und massenhaft Menschen in ihren Bann ziehend.

Erlösungsphantasien voraus gehen Ängste bis in die Paranoia hinein, die sich im späten Mittelalter, welches zugleich frühe Neuzeit ist, pseudowissenschaftlich konkretisieren, um erträglich zu werden. Die Schattenseite aufstrebender Wissenschaftlichkeit wird ihr durchgehender Missbrauch. Das sagt aber nur wenig über die Persönlichkeitsstruktur unseres Barons de Rais aus, die heute weitgehend unzugänglich ist. Immerhin wird sie durch auch für damalige Verhältnisse kindliche Naivität ausgezeichnet, eine geradezu ungeheuerliche Gutgläubigkeit bei offenbar geringer Bildung, die zwar Lesen und Schreiben und Lateinkenntnisse umfasst, aber ein infantiles Urteilsvermögen.

 

Gilles de Rais Untergang beginnt einerseits mit dem 1435 in dem königlichen Interdikt gegen ihn  kulminierenden Kampf der Verwandtschaft gegen seine Verschwendung ihres (potentiellen) Erbes, in dem sich auch der König neben dem Papst gegen ihn wendet, andererseits mit den materiellen Begehrlichkeiten des Bischofs von Nantes und herzoglichen Kanzlers und des Herzogs der Bretagne selbst auf die verbliebenen Besitzungen des Barons in ihrem Machtbereich. Bis zur Verbereitung des Prozesses gegen ihn 1440 geht es weder um die baroniale Homosexualität, noch seine eher ins Pädophile reichenden Neigungen, die ohnehin nicht dergestalt präzisiert werden. Es geht auch zunächst nicht um die Verbindung pervertierter Sexualität mit dem Vergnügen am Töten und an abartigster Grausamkeit. Grausamkeit praktiziert die Kirche ohnehin selbst mit ihren Folterpraktiken und die weltliche Macht in den Greueln des Hundertjährigen Krieges.

 

Aus den Quellen lässt sich ersehen, dass die Gegner des Barons zunehmend darauf warten, einen Anlass zu finden, der ihnen dann Gelegenheit gibt, sich an seinen noch übriggebliebenen Besitzungen zu bereichern. Diesen Anlass liefert Gilles de Rais dann in seinem Konflikt mit Ferron, der in seinen Überfall auf ihn in der Kirche St.Étienne mündet.

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Gilles de Rais ist historisch interessant als Musterbeispiel eines dekadenten großen Feudalherren, der sich dem nähert, was deutsche Geschichtsschreibung dann als Raubrittertum bezeichnen wird, und besonders auch als Exemplar einer Zeit, in der magische Vorstellungen sowohl den kirchlichen Rahmen wie auch den ländlichen Raum verlassen und in das Bürgertum und die adelige Oberschicht aufsteigen. Dabei nehmen Buchproduktionen zu, die immer pseudowissenschaftlicheren Charakter annehmen. In den Quellen der Zeit des perversen Barons tauchen mehrmals solche Schriften auf.

 

Aber eindrucksvoller noch kommen mit ihm als Extremfall sexuelle Aspekte zum Vorschein, die die Geschichtsschreibung über das späte Mittelalter eher ängstlich unter Verschluss hält. Insofern ist der Prozess mit seinen erhaltenen Dokumenten ein ungewöhnlicher Glücksfall.

Es handelt sich dabei genau genommen um zwei hintereinander ablaufende Prozesse, einen geistlichen und einen weltlichen. Das Material, welches vorher über den Baron gesammelt wurde, und welches dann zur Anklage führt, stellt seine Ketzerei als Hauptübel in den Mittelpunkt und bewirkt so, dass die geistliche Prozessleitung an den regionalen Inquisitor übertragen wird. Dabei meint hier Ketzerei nicht Häresie, also das Vertreten anderer (christlicher) Glaubensinhalte, als sie die allein seligmachende Kirche vertritt. Gilles de Rais behält seinen katholischen Kinderglauben bis zum Tod bei. Ketzerei vielmehr sind vor allem die Teufelsbeschwörungen und in geringerem Umfang auch die Alchemie, die der Baron betreiben lässt.

 

Inquisition heißt Untersuchung, und das benennt ein neuartiges, nun schon seit einiger Zeit praktiziertes Gerichtsverfahren, welches ursprünglich Häretiker durch Untersuchung ihrer Häresie aburteilen sollte, welches aber inzwischen bis in weltliche Gerichtsverfahren abfärbte. Nicht mehr Gottesurteile, Zweikämpfe oder ähnliches soll nun der Wahrheitsfindung dienen, sondern Zeugenaussagen und andere Beweise. Dieses "rationalere" Verfahren führt auch dazu, dass mehr schriftlich dokumentiert wird. Wäre diese Inquisition nicht oft brutales Machtmittel in den Händen der Kirche gewesen, könnte man es durchweg als Fortschritt im Interesse von Angeklagten betrachten, wenn man davon absehen könnte, dass die oft grausamen Verfahren der Gottesurteile nun durch die Folter oder zumindest ihre Androhung abgelöst werden.

 

Wie das neue, moderne Verfahren in derselben Zeit politisch und kirchlich systematisch missbraucht werden kann, belegt der Prozess gegen Jeanne d'Arc, der in manchem Ähnlichkeiten mit dem gegen Gilles de Rais aufweist. Auch ihr werden ketzerische Untaten vorgeworfen und sexuelle Abartigkeiten, wobei ihr androgynes Auftreten in Männerkleidung und ihr angemaßtes Kriegertum eine nicht geringe Rolle spielen.

Handelt es sich bei Johanna um einen bösartigen Schauprozess, so lässt sich bei dem gegen Gilles de Rais nur wenige Jahre später eher unterstellen, dass hier für damalige Verhältnisse vergleichsweise faktennah vorgegangen wird. Das mag vor allem damit zu tun haben, dass es sich um einen der (einst) reichsten und mächtigsten Feudalherren in Frankreich handelt, wohl aber auch damit, dass es reiches Zeugenmaterial gibt, man also wohl nicht systematisch zu fälschen braucht.

Tatsächlich geschieht das endgültige und ausführlichste Geständnis Gilles erst unter der Androhung der Folter, aber die Aussagen aller Angeklagten finden immerhin nicht erst im "peinlichen Verhör" statt. Zudem passen sie zueinander, obwohl sie laut Gerichtsakten ganz unabhängig voneinander stattfinden, und sie passen zu den Aussagen der Eltern, Verwandten und Bekannten der Kinder und Jugendlichen, die umgebracht wurden bzw. für diese verschwunden waren.

 

Die juristische Seite ist aber hier nur insofern wichtig, als sie mit der Glaubwürdigkeit der Nachrichten zu tun hat, ansonsten geht es um die sexuelle Psychopathologie. Gilles de Rais ist sechsunddreißig, als ihm der Prozess gemacht wird. Er ist wohl von klein auf homosexuell, was ihn vielleicht, wenn es denn sein Kind ist, nicht daran hindert, pflichtschuldigst eine Tochter Marie zu zeugen. Ansonsten hat er wohl nur Geschlechtsverkehr mit Knaben und jungen Männern, zum Beispiel mit zum Teil namentlich bekannten Knaben des Chors der von ihm gegründeten und finanzierten Stiftskirche. Er trieb seine abscheulichen Ausschweifungen mit den Kindern seiner Kapelle (Reliquet, S.73), liebte ihren Gesang aber so sehr, dass er sie nicht auch noch ermordete. Ab dem Alter von spätestens achtundzwanzig Jahren lässt er sich zudem Kinder und Jugendliche von seinen Kumpanen wie Gilles de Sillé und von seinen Dienstboten wie Henriet und Poitou (Étienne Corillaut) zuführen. Letzterer sagt dazu aus: Besagter Gilles de Rais rühmte sich manchmal, dass er mehr Lust darin finde, Knaben und Mädchen zu töten oder ihnen den Hals abzuschneiden oder sie töten zu lassen und sie schmachten und sterben zu sehen, ihre Köpfe und Gliedmaßen zu zerstückeln und das Blut fließen zu sehen, als wenn er Unzucht mit ihnen triebe (in Reliquet, S. 72).

 

Die Transformation natürlicher sexueller (männlicher) Aggression in grausame Gewalttätigkeit bzw. gewalttätige Grausamkeit ist also ab einem gewissen Alter bei ihm weit gediehen. Dennoch handelt es sich um sexuelle Gewalt, wie sie auch in den Aussagen an anderer Stelle, aus Prüderie etwas gekürzt wiedergegeben,  aufgezeigt wird: Um seine widernatürliche Unzucht zu treiben und seine wollüstige Begierde zu befriedigen, nahm besagter Gilles de Rais seine Rute oder männliches Glied in eine seiner beiden Hände, rieb oder zog daran oder erigierte es, dann legte er es zwischen die Schenkel oder Beine der genannten Mädchen oder Knaben, wobei er das natürliche Gefäß der Mädchen aussparte, und dies tat er mit großer Lust und Inbrunst und wollüstiger Begierde, bis der Samen sich über ihren Bauch ergoß. (in Reliquet, S. 73)

 

 

 

 

 

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Natur und Landschaft

 

 

Dieses Paradiesgärtlein kann man sich im Frankfurter Städel anschauen; er wurde etwa hundert Jahre nach dem Hadlaub-Lied und zweihundert Jahre nach Bertrant de Ventadorns Liedern gemalt, also etwa um 1410.

 

Hier fallen Eigenschaften der schon vergangenen neuen höfischen Liebeslieder, des dazugehörigen neuen Verhältnisses zu „Natur“ und ein neues, auch im höfischen Kontext verwandeltes Christentum mit eher bürgerlichen Elementen zusammen.

 

Zunächst einmal sieht man einen durch eine zinnenbewehrte Mauer abgeschlossenen möblierten Garten, in dem eine Maria sitzt, die durch ihre Krone als Himmelskönigin gekennzeichnet ist. Wenn wir die durch Symbolsprache erkennbare religiöse Zuordnung weglassen, sitzt da eine adelige oder großbürgerliche Frau im Garten und liest. Das ist neu, denn man las früher in der Schreibstube oder Bibliothek, und zwar stehend an einem Lesepult. Höfisch ist auch die Musikbegleitung, die das Lesen von aufmerksamer Gelehrsamkeit in einen Lesegenuss verwandelt. Die Versammlung von Leuten im Garten ist, wie es sich für eine Himmelskönigin gehört, eine von Heiligen und Engeln. Und natürlich ist dies ein hortus conclusus, ein abgeschlossener Garten als Symbol oder Metapher für die Jungfräulichkeit Mariens, deren Leib für männliches sexuelles Begehren verschlossen ist. Er selbst ist ein Garten der Heiligkeit.

 

Aber dies ist auch ein Picknick im Grünen, dem inzwischen etablierten gehobenen städtischen Bürgertum um 1400 so vertraut wie die sommerliche,Mahlzeit im baumbestandenen Burggarten, zu dem auch Blumen und Kräuter gehörten. In einem solchen Garten als Liebesnest trifft sich schon die Isolde des Gottfried von Straßburg mit ihrem Tristan.

 

Es handelt sich auf unserem Bild um einen Blumen- und Obstgarten, was ihn dem Paradiesgarten der Genesis ähnlich macht: Es ist ein müheloser, also ein weder bäuerlicher noch bürgerlicher Gemüsegarten, - Gemüse würde an Mühe und Arbeit erinnern. Hier aber treffen das himmliche, spirituelle Vergnügen an Lektüre mit dem sinnlichen an Musik, visueller Schönheit der „Natur“ und sinnlichem Geschmacks-Genuss, Essen und Trinken zusammen.

 

Für uns ist hier interessant, dass „Natur“ in ihrer Darstellung eine Fortentwicklung von der ist, die in den Minneliedern und den dazugehörigen Malereien schon auftritt. Es ist eine transformierte Natur, so wie die neue Liebe eine Transformation des Geschlechtstriebes ist.

 

Der Paradiesgarten allerdings war für die meisten Menschen sowieso eher ein Traum, so wie das Schlaraffenland und vieles andere mehr.

 

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Das Bewusstsein von einer Natur als zu schützender (biologischer) Lebensgrundlage fehlt noch völlig. Das "Land", nun im Unterschied zur Stadt, dient der Erzeugung von Nahrung und Rohstoffen und wird soweit wie möglich ausgebeutet. Wald und Feld sind Jagdgrund des Adels, also sein Sportgelände. Exotische Tiere wie Löwen und Affen werden in Zoos und Käfige eingesperrt und gelten als Statussymbole und Ausdruck von Reichtum, werden angegafft und gerne auch verschenkt. Reittiere, Last- und Arbeitstiere werden oft geschunden und gequält. Hunde werden zu Schoßtierchen degeneriert und als solche missbraucht.

 

 

In dem kurz vor 1340 von Ambrogio Lorenzetti gemalten Bild von den Auswirkungen der guten Regierung im Palazzo Pubblico zu Siena reiten Städter hinaus in das Seneser Umland, um sich wohlbestellte Felder und Weiden anzuschauen.

Das Bild ist Teil der malerischen Darstellung politischer Propaganda der gerade führenden Gruppierung in der Stadt. Aber zugleich ist es ein frühes Beispiel der langsam einsetzenden Verselbständigung von "Landschaft" in der Malerei. 

 

Die so gemeinte Landschaft hat aber noch keinen Begriff im Mittelalter. Das "Land" kann zwar bereits von der Stadt unterschieden sein, als ländlicher, dörflicher Raum, und es wird im späten Mittelalter bereits ästhetisch ausgedeutet, so wie der Mensch mit dem Porträtbild, aber es ist noch auf keinen klaren Begriff gebracht. (siehe auch Großkapitel 'Helden')

Landschaft ist im späten Mittelalter Asudruck eines ständisch gegeliderten Gebietes:. Ernst Schuibert zitiert für das Tirol von 1363: "Die Landschaft gemeinlich, edel und uneldel, arm und reich." (Schubert, S.42) Gemeint ist hier die Summe aus Bauern und Adel. In Würtemberg taucht der Begriff zum ersten Mal 1457 auf, wo damit die Vertreter von Ämtern und Städten gemeint sind (s.o.)

 

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