KONSUM, FREIZEIT, SPORT UND NATUR IM SPÄTEN MITTELALTER (14.-15.Jh.) (in Arbeit)

 

Konsum und Freizeit im späten Mittelalter

Sport

Natur und Landschaft

 

 

Konsum und Freizeit im späten Mittelalter (in Arbeit)

 

Der Kapitalismus entsteht in den frühen neuartigen Städten, in denen Handel und Konsum aufeinandertreffen, wozu meist auch Handwerk sich ansiedelt. In manchen der Städte dominiert der Handel samt Finanzgeschäften, in anderen eher der produktive Sektor, immer aber entwickelt sich neben dem Luxuskonsum der adeligen Herren und der bürgerlichen Oberschicht das, was hier als Massenkonsum verstanden werden soll. Das sind die Güter des täglichen und darüber hinaus im weiteren Sinne alltäglichen Bedarfs, also einmal Nahrungsmittel, dazu der textile Bedarf an Kleidung und anderen Tüchern, der Bedarf an sich verschleißenden Gerätschaften des Haushaltes und manches mehr.

 

Es entwickelt sich jene Dynamik aus steigendem Angebot und steigender Nachfrage, die Indikator für einen aufblühenden Kapitalismus ist. Im späten Mittelalter verschwimmt dabei zunehmend die Grenze zwischen dem, was am Massenkonsum noch benötigt und was schon selbst Luxuskonsum auf niederer Ebene ist. Auch die schweren Krisen des 14. Jahrhunderts stellen dabei nur kurze Einbrüche dar, die Entwicklung ist unaufhaltsam: Das Angebot schafft Nachfrage und die wiederum verselbständigt sich. Im Kapitalismus wächst Warenwelt unaufhörlich und übersteigt manchmal sogar die in Umlauf befindliche Geldmenge.

Motoren der Entwicklung sind Kapital und Arbeit; auch wenn nur wenige imstande sind, in größerem Umfang zu investieren, so arbeiten doch immer mehr gegen Lohn daran, das Investierte rentabel zu machen. Dabei expandieren Handel und Finanzen immer mehr, sie "wachsen", während große Teile des produktiven Handwerks in das Räderwerk der kapitalgetriebenen Warenwelt geraten und davon abhängig werden.

 

Aus den Texten und Bildern des späten Mittelalters lässt sich deutlich ablesen, wie sehr Konsum über das Notwendige hinaus das Wirtschaften vorantreibt, ein Vorgang, der bis heute anhalten wird. Es scheint so zu sein, als ob eine Konsumperspektive die Mühen des Alltags nun rechtfertigen soll. Dabei geht es nicht vor allem um ein "Mehr", sondern um das "Neue" als das immer wieder Begehrenswerte. Und wer beim Geldausgeben nicht mithalten kann, würde es dennoch gerne tun.

Eine Vorstellung vom Haushalt eines gehobeneren Bürgertums bietet der des Pfründners der Göttinger Pfarrerei St. Johannes und herzoglichen Kanzlers mit zwei Pfarrern und einer Magd im Haus. Um 1510 werden knapp 50 Mark ausgegeben, von denen zwei Drittel auf Speis und Trank entfallen, davon 60% auf Fleisch und Fisch, und 15 % auf übrige Ausgaben. Den Rest und die übrigen Einnahmen der Pfründe streicht der oft abwesende Pfründeninhaber für sich ein. (Karsten Igel in: Konsumentenstadt, S.164)

 

Herrschaftlicher Konsum hatte einst als Nachfrage den Weg in den Kapitalismus gewiesen, große fürstliche Höfe bleiben im späten Mittelalter nicht nur die größten Arbeitgeber, sondern auch die alles überragenden Konsumenten. An der Spitze steht der tägliche Nahrungsmittelverbrauch von zwischen 100 und 300 Anwesenden, der oft nur noch zum kleinen Teil aus Eigengütern kommt, und vor allem auf dem Markt besorgt werden muss. Dabei geben die Menge und Qualität der Lebensmittel Auskunft über den Status des Fürsten, wobei sie aber immer nach sozialer Abstufung auch in Menge und Qualität abgestuft werden: Am bescheidendsten werden die niedrigen Dienstboten versorgt. Gut versorgt werden müssen aber hundert und mehr Pferde in den Stallungen.

 

Im Inventar des schwerreichen Herzogs von Berry von 1398 leisten den Tafeldienst neun Brotmeister, drei Mundschenke, acht Vorschneider, sechs Küchenmeister und dreiundzwanzig Kellermeister und Anrichter. Vierzig Suppenköche, Saucenköche, Wasserträger, Obstservierer usw. sind in der und für die Küche beschäftigt.

 

Große und wohlhabende Höfe in deutschen Landen müssen am Ende des Mittelalters 300 bis 450 Personen bezahlen und versorgen. An der Spitze stehen zehn bis zwanzig Räte mit ihren Dienern und Pferden, wobei einem gelehrter Rat schon mal doppelt so viel Einkommen (bis zu 500 Gulden) zugestanden wird wie einem höheren Adeligen. Zu den Räten gehört oft der Kanzler, der Haushofmeister, der Kammermeister und und der Futtermeister (wie 1494 in einer Liste des Innsbrucker Hofes). Dazu kommen eine Anzahl persönliche Dienstboten des Fürsten (darunter ein Barbier und mehrere Ofenheizer) und der Fürstin und ihrer oft zahlreichen Hofdamen, die selbst auch wieder Dienerinnen haben.

Es gibt eine ganze Anzahl Türhüter (für die beiden herrschaftlichen Apartements, die Küche usw.) und Torhüter, eine Anzahl Schreiber für verschiedene Bereiche, viele Träger für die Reisen, fünf bis zehn Stallknechte, mehrere Schlittenknechte, manchmal diverse Handwerker (gelegentlich mit 20-50 Gulden jährlich bestallt) und Leute für das Proviantmagazin.

Herren- und Damenküche beschäftigen jeweils mehrere Köche und ihre Helfer, in Innsbruck 1494 zum Beispiel vier Frauen für den Abwasch. Dazu kommt der Metzger als Speziualist. Beim wettinischen Hof sind ein Drittel der Ausgaben

(11 411 Gulden) für Küche und Keller bestimmt. (Spieß2, S.69) Den Batzen liefern nicht mehr eigene Güter, sondern der Markt, und das trifft dann besonders modische Südweine und exotische Gewürze sowieso.

 

Jeder Hof hat einen Kaplan, manche haben auch einen Arzt. Für die Jagd gibt es ebenfalls erhebliches Personal, darunter auch Hundeknechte, Falkner mit ihren Knechten, manchmal Vogelfänger

Der Unterhaltung dienen eher schlecht bezahlte Hofmusikanten, zu denen schon mal neun Sänger, Trompeter, Klarinettisten, Pfeifer, Lautenschläger, Tambourinist und Pauker gehören können. Narren scheinen obligat zu sein, sie können besonders geistreiche Witzereißer sein oder aber missgebildete (zum Beispiel Zwerge) oder geistig zurückgebliebene Menschen, deren Idiotie begeistert.

 

Auch größere Schlösser des ausgehenden Mittelalters nehmen nicht das ganze Personal auf, weswegen beim Schloss manchmal ein Herrenviertel und ein Gesindeviertel entstehen. In Burg bzw. Schloss schlafen alle Hofdamen manchmal in einem Raum, Edelleute zu viert und Gesinde zu vielen im selben Zimmer.

 

Zu der Versorgung mit Lebensmitteln kommt die mit Sommer- und Winterkleidung, in einheitlichen Farben für die jeweiligen Rangstufen, die manchmal jährlich nach der neuesten Mode wechseln. "Bei der Hochzeit Herzog Georgs von Sachsen mit der polnischen Königstochter Barbara 1496 in Leipzig wurden für 3271 Gulden kostbare Stoffe wie Atlas, Barchent, Damast, Samt und Seide eingekauft, um das Hofgesinde als Einheit in gleicher Farbe auftreten zu lassen." (Spieß2, S.69) Fast ein Viertel der Ausgaben eines solchen Festes können auch für den Ankauf von Schmuck draufgehen, der nicht nur der eigenen Verzierung nach neuester Mode, sondern vor allem auch als Geschenk dient.

 

Überhaupt sind Fürstenhochzeiten wie die von Landshut 1475 mit manchmal tausenden von Gästen Zeiten eines enormen Konsums, wobei schon mal tausende von Pferden mit ihrem Bedarf an Futtergetreide eine weitere Art von Nachfrage darstellen, neben den 323 Ochsen, 490 Kälbern, 969 Schweinen und Ferkeln, 3295 Schafen und Lämmern sowie 11500 Gänsen für die menschlichen Gäste. (Spieß,2, S.94)

Ob 8000 oder 40 000 Gulden, die Ausgaben für den Hof übersteigen oft die Einnahmen, was der fürstlichen Verschuldung Vorschub leistet.

 

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Irgendwo zwischen Konsum und Schatzbildung liegt das fürstliche Ansammeln prachtvoller kunsthandwerklicher Produkte. Als Herzog Jean de Berry 1416 starb, "wurden seine Tapisserien auf achtundzwanzigtausend livres geschätzt, seine Juwelen und Manuskripte auf hundertdreißigtausend und sein von Jacquemart de Hesdin gemalter Psalter allein auf viertausend." (Reliquet, S.127) Soviel Prunk und Pracht ist Statussymbol und zum eigenen Vergnügen bestimmt, kann aber jederzeit auf dem Markt veräußert werden, wobei die sich wandelnden Moden aber über den Materialwert hinaus den Marktpreis auch sinken lassen können.

Der hohe Wert von Büchern liegt am Pergament, besonders aber an der aufwendigen Beschriftung und den immer luxuriöseren Bebilderungen und zeugt nicht immer von hoher Belesenheit der Besitzer. 1435 verkauft der immer knappere Gilles de Rais unter anderem einen Sueton, einen Valerius Maxismus, einen Ovid  und Augustinus, ohne aber auf der Höhe solcher Texte anzukommen.

 

Wandteppiche, Fresken und Buchmalerei machen deutlich, dass "Kunst" eine Sache der Reichen und Mächtigen ist und natürlich auch bleiben wird.

 

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Das Wort "Freizeit" im allgemeinen heutigen Sinne kennt das Deutsche erst im 19. Jahrhundert. Produktive Arbeit reicht im Mittelalter von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und arbeitsfreie Zeit gibt es vor allem an (den vielen) Feiertagen. Diese sind in der Regel mit Kirchgang verbunden, aber oft auch mit Festivitäten.

 

Klerus und Klöster fallen aus dem Freizeit-Begriff, wie ihn die produktiv und auch distributiv sowie in der Verwaltung arbeitende Bevölkerung wenigstens in der Sache kennen, heraus und natürlich offiziell auch aus den damit verbundenen Vergnügungen. Aber natürlich sind sie Konsumenten mit zum Teil erheblicher Kaufkraft, da sie aber zum Teil über ihren Grundbesitz sich selbst ernähren und sogar für einen Markt produzieren können, fallen sie besonders, und im späten Mittelalter bereits ganz ungeniert, als Luxuskonsumenten auf.

Die Zisterzienser von Salem beispielsweise kaufen unter anderem über ihren Stadthof in Konstanz neben Fisch, sogar Meeresfisch, "Reis, Zucker, Olivenöl, Feigen und Mandeln sowie Gewürze und Früchte, die über die Alpen den Weg nach Norden fanden." (Karsten Igel in: Konsumentenstadt, S.160). Das sind für die meisten Menschen des Spätmittelalters unerschwingliche Güter. Die Zisterzienser von Eberbach kaufen in Köln "Gewürze wie Safran, Nelken, Ingwer, Cardamom, Galgant, Gelatine, Kalmus, Zimt, Pfeffer, Zucker sowie Rosinen und 1477 ein Korb Feigen." (s.o., S.161)  Dabei handelt es sich aber um besonders wohlhabende Klöster.

 

Ähnlichen Konsum-Luxus betreiben wohlhabendere Stifte und die Bischöfe mit ihren Domkapiteln. An die letzteren in Kammin liefert das pommersche Kloster Eldena (Greifswald) 1385zum Beispiel pflichtgemäß  "Gewürze wie Safran, Pfeffer und Muskat, sowie Rosinen und Feigen". (Karsten Igel in: Konsumentenstadt, S.162)

 

Ungefähr 3% der Einwohnerschaft von Städten wie Osnabrück und Freiburg sind Geistliche, die sowohl die Märkte beliefern wie auf ihnen einkaufen. Sie sind hoch privilegiert, was immer wieder zu Konflikten mit den weltlichen Produzenten und Händlern führt. (ff)

 

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Für den auf Grundbesitz basierenden Adel ergibt das Konzept "Freizeit" keinen Sinn. Er muss sich zwar um seinen Besitz und seine Einkünfte kümmern, kann aber, wo er wohlhabender ist, viel davon delegieren. Dazu kommen "feudale" Verpflichtungen mit Standesgenossen und übergeordneten Instanzen wie Anwesenheit bei Hofe etc.

 

Für den Konsum in der Stadt spielen die unterschiedlich häufigen Adelshöfe dort vermutlich nur eine geringe Rolle, da der Adel, wenn er sich dort und nicht auf seinem Landsitz aufhält, sich primär wohl aus seinen eigenen Gütern versorgt. Andererseits besucht er sie auch kurz, um Einkäufe zu tätigen oder tätigen zu lassen. Aber unabhängig davon, wo der Stadthof liegt, gibt es für den Luxus besondere städtische Märkte wie die von Köln, Frankfurt und Nürnberg, wobei der Besuch von Messen besonders wichtig ist. Daneben gibt es bereits eine Art Weihnachtsgeschäft, wobei offenbar besonders gerne renommierte (bzw. modische) Goldschmiede aufgesucht werden.

Städte und besonders auch Messen dort werden aber auch für ein abstrakteres Gut aufgesucht, nämlich zum Leihen von Geld, welches es am ehesten dort zu finden gibt. Dabei werden Kredite gegen Sicherheiten wie Grund und Boten aufgenommen und dann manchmal über lange Zeiträume samt Zinsen abgezahlt. Solche Renten können dann auch weiterverkauft werden (Schneider in: Konsumentenstadt, S.149f)

 

Zum städtischen Konsum in Adelskreisen gehören auch die Treffen der Rittergesellschaften in den Städten, in denen sie ihren Sitz haben. Dazu gehören umfangreiche Festessen dieser Adelsgesellschaften oft in ratseigenen Räumen, bei denen sich auch Ratsmitglieder einfinden.

 

Sport

 

Das verhältnismäßig wenig abwechslungsreiche Leben des Adels in deutschen Landen auf seinen Burgen wird vor allem mit Freizeitvergnügungen gefüllt, die sich aus seiner Bedeutung als Kriegerschicht ableiten. Das originäre Amüsement ist die Jagd zu Pferde, die durchaus auch Übungsmöglichkeit für kämpferische, "ritterliche" Betätigung ist. Dazu kommen im hohen Mittelalter die Turniere, der sportive Kampf. Deren Bedeutung nimmt in dem Maße zu, in dem die Ritter für die Kriege an Bedeutung verlieren.

Sport als Wettkampf nach festen Regeln findet an Fürstenhöfen des späten Mittelalters auch anderweitig statt, als Ballspiele oder Frühformen des Tennis, aber als Wirtschaftsfaktor relevant sind vor allem die Kampfspiele, für die keine Zelt"städte" bei Burgen mehr dienen, sondern die des Komforts und des Zuschauerpotentials wegen in die Städte bzw. an deren Rand verlegt werden.

 

1479 findet in Würzburg ein großes Turnier des süddeutschen Adels statt, für das um die 350 Wettkämpfer angenommen werden. Joachim Schneider schätzt, dass etwa 3200 Besucher dabei in die Stadt von rund 7000 Einwohnern kommen, (in: Konsumentenstadt, S.132f). Die reine Turnierorganisation haben mehrere Adelsgesellschaften inne, während Stadtherr und Rat der Stadt dafür die "Infrastruktur" (Schneider) bereitstellen. Nicht nur die Gasthäuser verdienen dabei, irgendwie müssen auch viele Bürger ohne Gastgewerbe Zimmer zur Verfügung gestellt haben, für die ein fester Betrag verordnet wird.

Um die Versorgung mit Nahrung zu sichern, werden für die Zeit des Turniers Marktabgaben und Zölle erlassen. Sollten die städtischen Händler für die Versorgung nicht reichen, so können auch ortsfremde Bäcker und Metzger in die Stadt gelassen werden. Für den Stadtherrn entstehen so keine zusätzlichen Einnahmen, eher im Gegenteil, aber dafür umso mehr für die Stadt und das ihr gehörende Gasthaus und für ihre Bürger. Für den Fürstbischof von Würzburg zählte wohl vor allem der Statusgewinn.

Für solche edle Festivitäten sitzen die Geldbeutel der adeligen Teilnehmer lockerer als sonst, denn Status und öffentlicher Luxuskonsum gehören zusammen. Wie das etwas kleinere Mainzer Turnier des folgenden Jahres erweist, werden erhebliche Mengen an (wohl höherwertigem) Wein und Bier,  Süßigkeiten wie Gewürzkuchen, sehr viel Fleisch und Fisch verzehrt, Reis, Mandeln und wohl auch "feinere" Gewürze (Schneider in: Konsumentenstadt, S.135ff). Mit den Lebensmitteln profitiert nicht nur der Handel, sondern auch das ganze Umland.

 

Neben dem Turnier als Sportfest gibt es auch die Feste, insbesondere Hochzeiten, als Rahmen für Turniere. Solche Turniere finden dann oft auf dem großen Marktplatz in der Stadt statt, aus dem die Marktbuden geräumt werden und Gelegenheiten für die vielen Zuschauer geschaffen werden müssen.

Nicht so sehr für ein Turnier geeignet, aber ebenfalls enorme Nachfrage nach Konsumgütern erzeugend sind die einige Wochen nach der Beerdigung erfolgenden fürstlichen Leichenbegängnisse mit ihrem Leichenschmaus, auch sie manchmal von tausenden von Gästen besucht.

 

 

Natur und Landschaft

 

 

Dieses Paradiesgärtlein kann man sich im Frankfurter Städel anschauen; er wurde etwa hundert Jahre nach dem Hadlaub-Lied und zweihundert Jahre nach Bertrant de Ventadorns Liedern gemalt, also etwa um 1410.

 

Hier fallen Eigenschaften der schon vergangenen neuen höfischen Liebeslieder, des dazugehörigen neuen Verhältnisses zu „Natur“ und ein neues, auch im höfischen Kontext verwandeltes Christentum mit eher bürgerlichen Elementen zusammen.

 

Zunächst einmal sieht man einen durch eine zinnenbewehrte Mauer abgeschlossenen möblierten Garten, in dem eine Maria sitzt, die durch ihre Krone als Himmelskönigin gekennzeichnet ist. Wenn wir die durch Symbolsprache erkennbare religiöse Zuordnung weglassen, sitzt da eine adelige oder großbürgerliche Frau im Garten und liest. Das ist neu, denn man las früher in der Schreibstube oder Bibliothek, und zwar stehend an einem Lesepult. Höfisch ist auch die Musikbegleitung, die das Lesen von aufmerksamer Gelehrsamkeit in einen Lesegenuss verwandelt. Die Versammlung von Leuten im Garten ist, wie es sich für eine Himmelskönigin gehört, eine von Heiligen und Engeln. Und natürlich ist dies ein hortus conclusus, ein abgeschlossener Garten als Symbol oder Metapher für die Jungfräulichkeit Mariens, deren Leib für männliches sexuelles Begehren verschlossen ist. Er selbst ist ein Garten der Heiligkeit.

 

Aber dies ist auch ein Picknick im Grünen, dem inzwischen etablierten gehobenen städtischen Bürgertum um 1400 so vertraut wie die sommerliche,Mahlzeit im baumbestandenen Burggarten, zu dem auch Blumen und Kräuter gehörten. In einem solchen Garten als Liebesnest trifft sich schon die Isolde des Gottfried von Straßburg mit ihrem Tristan.

 

Es handelt sich auf unserem Bild um einen Blumen- und Obstgarten, was ihn dem Paradiesgarten der Genesis ähnlich macht: Es ist ein müheloser, also ein weder bäuerlicher noch bürgerlicher Gemüsegarten, - Gemüse würde an Mühe und Arbeit erinnern. Hier aber treffen das himmliche, spirituelle Vergnügen an Lektüre mit dem sinnlichen an Musik, visueller Schönheit der „Natur“ und sinnlichem Geschmacks-Genuss, Essen und Trinken zusammen.

 

Für uns ist hier interessant, dass „Natur“ in ihrer Darstellung eine Fortentwicklung von der ist, die in den Minneliedern und den dazugehörigen Malereien schon auftritt. Es ist eine transformierte Natur, so wie die neue Liebe eine Transformation des Geschlechtstriebes ist.

 

Der Paradiesgarten allerdings war für die meisten Menschen sowieso eher ein Traum, so wie das Schlaraffenland und vieles andere mehr.

 

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Das Bewusstsein von einer Natur als zu schützender (biologischer) Lebensgrundlage fehlt noch völlig. Das "Land", nun im Unterschied zur Stadt, dient der Erzeugung von Nahrung und Rohstoffen und wird soweit wie möglich ausgebeutet. Wald und Feld sind Jagdgrund des Adels, also sein Sportgelände. Exotische Tiere wie Löwen und Affen werden in Zoos und Käfige eingesperrt und gelten als Statussymbole und Ausdruck von Reichtum, werden angegafft und gerne auch verschenkt. Reittiere, Last- und Arbeitstiere werden oft geschunden und gequält. Hunde werden zu Schoßtierchen degeneriert und als solche missbraucht.

 

 

In dem kurz vor 1340 von Ambrogio Lorenzetti gemalten Bild von den Auswirkungen der guten Regierung im Palazzo Pubblico zu Siena reiten Städter hinaus in das Seneser Umland, um sich wohlbestellte Felder und Weiden anzuschauen.

Das Bild ist Teil der malerischen Darstellung politischer Propaganda der gerade führenden Gruppierung in der Stadt. Aber zugleich ist es ein frühes Beispiel der langsam einsetzenden Verselbständigung von "Landschaft" in der Malerei. 

 

Die so gemeinte Landschaft hat aber noch keinen Begriff im Mittelalter. Das "Land" kann zwar bereits von der Stadt unterschieden sein, als ländlicher, dörflicher Raum, und es wird im späten Mittelalter bereits ästhetisch ausgedeutet, so wie der Mensch mit dem Porträtbild, aber es ist noch auf keinen klaren Begriff gebracht. (siehe auch Großkapitel 'Helden')

Landschaft ist im späten Mittelalter Asudruck eines ständisch gegeliderten Gebietes:. Ernst Schuibert zitiert für das Tirol von 1363: "Die Landschaft gemeinlich, edel und uneldel, arm und reich." (Schubert, S.42) Gemeint ist hier die Summe aus Bauern und Adel. In Würtemberg taucht der Begriff zum ersten Mal 1457 auf, wo damit die Vertreter von Ämtern und Städten gemeint sind (s.o.)

 

ff