GEWERBE 6: DER NORDEN 1350-1520 (in Arbeit)

 

Finanzkapital

Geld

Hanse

Textilien

Bergbau und Metalle

Lebensmittel

Papier und Druck

"Kunst": Malerei

Massenproduktion und Kapitalkonzentration

Firmen

Zünftiges Handwerk in deutschen Landen (Gesellen / Krämer)

 

 

 

Finanzkapital

 

Wichtige Kreditgeber sind bis ins 14. Jahrhundert hinein im Norden Juden, Lombarden und Kawerschen/Karwenschen. Bis dahin sind sie auch im Warenhandel beteiligt, aus dem Juden dann verdrängt werden, worauf sie sich ganz auf eher kurzfristige Darlehen konzentrieren, die aufs Jahr umgerechnet Zinsfüße von 60-70% enthalten. "Bauern, Städter und Adelige standen in Schuldverhältnissen zu Juden, denen Gerichtsgefälle, Regalieneinkünfte, Pretiosen, Wertgegenstände, Arbeitsgerät, gewerbliche Rohstoffe, Dörfer und Burgen, ferner etwa auch die Kronen der pfälzischen Wittelsbacher verpfändet waren. In einem kleinen Gebiet an der Mosel hatten 29 jüdische Gläubiger insgesamt 217 Schuldner, darunter vor allem städtische Handwerker (Schuster, Schneider, Sattler)." (Isenmann, S.382)

 

1348/49 kommt es im Zusammenhang mit der Pest zu großen Judenpogromen. Seit etwa 1380 werden die Juden auch in deutschen Landen von dem Geschäft mit großen öffentlichen Anleihen verdrängt. An etwa 1385 kommt es zu großen Enteignungsaktionen, an denen zum Beispiel Nürnberger Großbürgertum wie die Behaim und Haller beteiligt sind. Der Nürnberger Ulman Stromer schreibt in seinem 'Püchel von mein geslechet und von abentewr' in neuhochdeutscher Übersetzung: Anno domini 1390 Jahr, da mussten die Juden ihre Schulden lassen.Da waren bei Herzog Friedrich von Bayern, die Bischöfe von Bamberg und von Würzburg und von Augsburg, der Burggraf von Nürnberg, die Grafen von Öttinge, die Grafen von Wertheim, unseres Herrn des römischen Königs Räte von Böhmen, viele Herren; und sie kamen überein aufgrund ihrer vom römischen König verliehenen Gewalt, dass unter den Herren und Städten niemand keinem Juden weder Hauptgut noch Zinsen geben soll und sie mussten alle Pfänder und Briefe wieder hergeben. (in: Fuhrmann, S.231f) 

 

Um 1500 ist das Geldgeschäft im wesentlichen in christlicher Hand. Verdrängt werden auch die Lombarden und Kawerschen, bis dahin mit obrigkeitlichen Konzessionen ausgestattet.

 

 

Bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts gibt es in deutschen Landen noch keine Banken, die denen in Norditalien ähneln, die insbesondere das bargeldlose Geschäft kontrollieren. In Flandern wie in süddeutschen Landen nördlich der Alpen nehmen Wechsler das Depot- und Depositengeschäft auf, verwahren Edelmetall, Schmuck und Geld. Geldwechsler nehmen dann seit der zweiten Hälfte des 14. Jhs. überdies Inkasso-Abwicklungen als Verlängerung des Depositengeschäfts in ihr Dienstleistungsangebot mit auf, d.h. sie zahlen Gelder zunächst auf mündliche, dann auch auf schriftliche Anweisungen hin aus.

In fünf Monaten 1368/69 schreibt eine Brügger Bank mit 1100 Konten täglich durchschnittlich 30 Transaktionen auf. (Goldthwaite, S.450) Allerdings hat Brügge nur rund 15 (größere) Banken im Vergleich zu 100-150 (kleineren) in Florenz.

Die andere Seite ist: "Überhaupt bedienten Nürnberger und Kölner Wechsler sogar in stärkerem Maße als ihre Kollegen aus Brügge Wechselbriefe des Großhandels." (Dirlmeier, S.52)

 

In deutschen Landen wird ein eigenständiges Konkursrecht entwickelt. "Das deutsche Konkursrecht geht nicht von einer wütenden Zusammenrottung der Gläubiger aus, einem concursus creditorum, wobei die Wechselbank des betrügerischen Wechslers umgestürzt, banco rutto gemacht wird, sondern ist eine eigentlich recht geniale Übertragung der Nachlassschuldenregelung auf die Lebenden. Der verschuldete Kaufmann muss - später nur noch symbolisch -  aus der Stadt fliehen, gilt danach als tot, so dass unter seinen Gläubigern eine Art Nachlassteilung eintreten kann." (Ebel in Isenmann, S.87)

 

Die Macht des süddeutschen Finanzkapitals,  insbesondere des aus Nürnberg und bald auch Frankfurt stammenden, und die Abhängigkeit von Fürsten, Königen und Kaisern davon wird im ausgehenden 14. Jahrhundert immer deutlicher, wie alleine schon mit dem Nürnberger Geld deutlich wird: Konrad Groß ist Finanzier Ludwigs des Bayern. Die Haller, Groß, Stromer und Tetzel sind maßgeblich an der Geldbeschaffung für den Kauf der Mark Brandenburg durch Karl IV. im Jahre 1373 beteiligt wie wohl 1412-1418 andere Nürnberger Familien beim Erwerb der Mark durch die Zollern. Nürnberger Geschlechter bevorschussen 1401 mit 55 000 Gulden die Florentiner Subsidien für König Ruprechts Kriegszug gegen Mailand und diskontieren die Wechsel. Ratsherren und Geldkaufleute unterstützen 1422-1427 durch diplomatische und finanzpolitische Maßnahmen die Reichsreformpläne König Sigmunds und dessen Abwehrkampf gegen die Kurürstenfronde unter Führung des Markgrafen Friedrich von Brandenburg, gegen den sie eine Kreditsperre verhängen. Dem Patrizier Ulrich Ortlieb verpfändet Sigmund um 1500 Gulden eine Krone. Danach löst dann Augsburger Kapital das Nürnberger bei Investitionen in fürstliche Macht ab.

 

Hanse

 

Um 1350 ist jene Entwicklung abgeschlossen, die aus den Kaufmanns-Fahrtgenossenschaften eine Städtehanse macht, den eher lockeren Städtebund der 1356 erstmals so erwähnten dudesche hense, der zwar keine Staatlichkeit ausbildet, aber ein Machtfaktor unter den Herrschaften des nordeuropäischen Raumes darstellt. In drei Hansen geteilt, sind sie nun aber der zunehmenden Konkurrenz Nürnberger Kaufleute, vor allem aber der Holländer und der Engländer ausgesetzt.

 

Im 14. Jahrhundert verliert Visby seine Bedeutung an Lübeck und andere Städte. und Lübeck bemüht sich nun um eine etwas straffere Organisation.

Wichtigste Niederlassungen sind der Petershof in Nowgorod, die Deutsche Brücke in Bergen, der Stalhof in London und die Niederlassung in Brügge, die im 16. Jahrhundert dann Kontore heißen werden. Zur Verwaltung und inneren Gerichtsbarkeit werden Vertretungen gewählt, die als Korporation ein Siegel führen dürfen. In diesen Niederlassungen leben die Kaufleute streng reglementiert in eigenen Vierteln und in Nowgorod und Bergen durch eine Mauer von der übrigen Bevölkerung getrennt. Es können schon mal mehrere hundert sein. Das alles erinnert an die Niederlassungen der Venezianer, Genuesen und anderer Italiener.

 

Die über hundert Städte versammeln sich in Abständen auf Hansetagen, jedes der Hansedrittel entsendet dabei acht Abgeordnete in diesen Kaufmannsrat, daneben veranstalten auch die Drittel eigene Tagungen.

 

Die Widerlegung mit ihren zwei Partnern wird im 15. Jahrhundert durch ein System von Außengesellschaften abgelöst, "und bei der Summierung aller Geschäftsbeziehungen existierten damit größere Handelsgesellschaften als in oberdeutschen Städten." (Fuhrmann, S.196)

 

Der Raum der Hanse ist in dem Sinne zweigeteilt, dass der Kernraum an der Ost- und Nordseeküste völlig vom Handel bestimmt wird, während die Städte weiter südlich im Binnenland eine Mischung als Handel und Produktion beherbergen. Köln ist stark von Tuch- und Metallgewerbe geprägt, Dortmund und Soest von Wolltuchproduktion und dem Metall des Umlandes, Soest und Werl von der Salzproduktion und Braunschweig von der von Waffen. Hier kann auch langsam das Verlagswesen Einzug halten.

Die nördlichen Hansestädte sind Handelsstädte, in denen es zusätzlich Schiffsbau, Fischverarbeitung, Böttcherei und Braugewerbe gibt. Ansonsten fehlt die Innovation im produktiven Sektor und das Handwerk bleibt im wesentlichen auf die Versorgung der eigenen Stadt beschränkt.

Zentraler Produktionszweig ist wohl wie zum Beispiel in Venedig der Schiffsbau, und wie dort wird er stark städtisch-staatlich reglementiert. Die Räte besitzen die Schiffsbauplätze, "Lastadien, die als unterschiedlich große Grundstücke gegen Zins zur Nutzung auf Zeit vergeben werden." (Schulz, S.193) Der Rat legt oft die Höchstlöhne der Schiffszimmerleute fest, verhindert deren Abwanderung und verbietet den Verkauf hansischer Schiffe. Den Schiffszimmerern wird bis ins 16. Jahrhundert keine zünftige Organisation erlaubt

Der Schiffsbau in Partnerschaften nach Anteilen an investiertem Kapital konnte auch die Zimmerermeister umfassen, und führte dann in die Partenreederei.

 

Fischverarbeitung und Transport auf und von Schonen nimmt im 14. Jahrhundert enorme Großen an. 1368 "transportierten 250 Schiffe allein aus Lübeck Heringe im Wert von 48 000 Mark Lübisch, was fast ebenso vielen Heringstonnen (zu je etwa einer Mark, gefüllt mit je 850 Stück) entsprach. Im Jahr 1400 gingen mehr als 550 lübische Schiffe bei Schonen vor Anker, die insgesamt etwa 65 000 Heringstonnen in Lübeck verzollten. (...) Danach dürfte der Heringsexport von Schonen in den Jahren um 1400 insgesamt bei 300 000 Tonnen gelegen haben." (Schulz, S.198). Zu letzterem Datum exportiert Lübeck alleine bereits um 2000 Tonnen Salz.

Zur Fischbewirtschaftung gehört die Böttcherei, aber Fässer sind überhaupt ein wesentlicher Aufbewahrungsort für zahlreiche Handelsgüter, nicht nur Wein und Bier, Öl, sondern auch für Honig, Wachs und Salz, Butter, Getreide und Fleisch. Aber auch Pelze werden so transportiert, Flachs, sogar Bücher, um sie vor Nässe zu schützen. Entsprechend mächtig ist das Handwerk, kann sogar eine zunftmäßige Organisation durchsetzen.

 

Mit der Einführung des Hopfens wird die Bierbrauerei in den Küstenstädten zwischen Bremen und Danzig zum Exportgewerbe. Das Braurecht bleibt am Grundstück und Haus, nicht an der Person des Brauers gebunden. In Hamburg gibt es gegen 1500 mehr als 500 Häuser mit Braurecht. Die Produktion wird nun immer mehr vom Nebenerwerb zum kapitalschweren Hauptgeschäft von Brauherren, die manchmal zur kleinen Gruppe der Ratsherren gehören, manchmal auch zu den sonstigen bedeutenden oder mittleren Handelsherren. Die Herren setzen Braumeister und deren Gehilfen gegen Lohn ein. Die Kapitalisierung samt Lohnarbeit führt dazu, dass sich keine Zünfte ausbilden können.

Die Bedeutung des Gewerbes lässt sich in Zahlen messen. "In der Hamburger Eidesliste von 1376 sind insgesamt 1075 Personen aufgeführt, die einem bürgerlichen Gewerbe nachgingen: 457 dieser Bürger werden als Brauer bezeichnet." (Schulz, S.203 mit Quelle) Das Hamburger Exportvolumen wird auf knapp 100 000 Tonnen geschätzt. In dieser Zeit soll die Hanse insgesamt bis zu eine Million Hektoliter jährlich exportiert haben. Lübeck hat um 1400 rund 180 Brauer, von denen rund 100 etwa 120 000 Hektoliter in den Export bringen.

 

Das ausgehende Mittelalter bedeutet auch den Niedergang der Hanse(n). Nichthansischer Handel dringt mit Unterstützung von Fürsten und Königen immer starker in hansisch privilegierte Domänen ein und Territorial- und Nationalstaaten dulden immer weniger die (städtischen) Sonderrechte. Die große Zeit vieler Städte ist vorbei. Brügge muss seine Rolle als Drehscheibe für Handel und Finanzen an Antwerpen abgeben, und die Atlantikroute um Europa und nach Übersee verändert den Handelsraum zur Gänze.

 

Textilien

 

Auch die Baumwolle stammt ursprünglich aus Indien und erstes großes Anbaugebiet wird dann Syrien, bis im 15. Jahrhundert Ägypten an Bedeutung gewinnt. Daneben wird es schon in islamischer Zeit im Fruchtwechsel auf Sizilien angebaut. Später gelangt es auf kalabrische und apulische Plantagen.

 

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts kaufen Händler aus Ulm, Augsburg und Nürnberg in Norditalien Baumwolle ein, die nun im oberschwäbischen Leinengebiet ebenfalls zu Barchent verarbeitet wird. "Der Barchent mit seinen kräftigen Farben war schon deswegen >in einer modisch bewussten, farb- und sinnenfreudigen Welt< beliebt, zumal er im Winter wärmte, im Sommer den Schweiß aufsaugte." (Fuhrmann, S.199).

Zwischen 1363 und 83 entsteht so ein großes Barchentrevier nordöstlich des Bodensees, welches sich von Basel über Augsburg, Ulm und Nördlingen ausdehnt. Binnen fünfzig Jahren wird man nördlich der Alpen von italienischen Einfuhren unabhängig und läuft innerhalb einiger Jahrzehnte der Lombardei den Rang ab. Ausfuhren gehen "bis nach Spanien und Portugal, in den Hanseraum und nach Polen" (Schulz, S.169).

 

Das Barchent ist kapitalintensiv und exportorientiert, wird nach Qualitätsmarken standardisiert und schon aus diesen Gründen verlegerisch überformt. In einer zweiten Welle in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts wird seine Produktion in Süddeutschland und Ungarn durch das Zusammenspiel von Landesherren, städtischer Obrigkeit und kaufmännischen Verlegern gefördert (Stromer). König Sigismund von Ungarn privilegiert 1411 in Kaschau Barchent, der Burggraf von Nürnberg fördert seine Produktion ab 1414 in Kulmbach zusammen mit der Firma Imhoff.

 

Textilproduktion in größerem Maßstab verbreitet sich überall in deutschen Landen. Hochwertiges Leinen kommt aus Brabant und Flandern, vieles aber auch aus Oberschwaben, aus dem Vogtland und der Lausitz.  Die ländliche Leinenproduktion von Sachsen über die Lausitz bis Schlesien wird ab dem 15. Jahrhundert durch Investitionen Nürnberger und Augsburger Unternehmer erheblich kapitalisiert. Dadurch, dass diese Firmen zugleich dort auch in den Bergbau einsteigen, wächst hier ein weiterer Wirtschaftsraum von europäischem Rang heran. 

Bis ins 14. Jahrhundert ist Köln ein Ort erheblicher Leinenproduktion, im 15. zudem auch der Herstellung von Barchent. Aber in dieser Zeit gewinnt vor allem die Seidenproduktion immer mehr an Gewicht. Seit 1373 ist ein Seidenamt belegt, die Gemeinde fördert inzwischen den Ankauf von Rohseide. Im Verlauf der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts verdoppelt sich der Ankauf des Rohstoffes und die Seidenproduktion übertrifft nun in Köln die der anderen Textilien. Als Besonderheit ist die Rolle der Frauen in der Produktion zu vermerken, die weibliche Zünfte der Garnmacherinnen und der Hauptseidmacherinnen sowie der Goldspinnerinnen wiedergeben (Schulz, S.173). Die Ehemänner dieser Frauen übernehmen den Ankauf des Rohstoffs und den Verkauf der Fertigprodukte.

Zentrum der europäischen Seidenproduktion wird Venedig mit seinen Brokatseiden und rund 3 000 Seidenwebern im 15. Jahrhundert. Die Verbreitung der Seidenzwirnmühle nördlich der Alpen wird durch Zunftbeschlüsse gestoppt, um die Arbeitsplätze der Spinnerinnen zu erhalten (1412 in Köln). Am Ende des 15. Jahrhundert setzt sich dann das Spinnrad mit Fußantrieb und Flügelspindel langsam durch.

 

Stärker noch als in der Mitte werden im Norden, insbesondere der Lombardei Segmente der Produktion wie die Spinnerei aus Kostengründen auf das Land verlagert. Dasselbe geschieht im 15. Jahrhundert auch in England und anderswo. Aus solchen Kostengründen verlagert man die komplette Produktion von Billigstoffen, also Massenware, immer mehr aufs Land. In Flandern wandert schon im 14. Jahrhundert fast die gesamte Tuchproduktion aus der Stadt. In Analogie zu Bergbau und Metallproduktion kann man nun von Städten und ihren Kapital dominierten Tuchrevieren sprechen.

 

 

Kapitalisierung in England führt zu Tuchmagnaten, die in Schafherden investieren und das Verlagssystem verlassen, um den ganzen Produktionsprozess unter ihre direkte Kontrolle zu bringen. Dafür kaufen sie Walkmühlen, Häuser, in denen das Spinnen stattfindet und Färbereien, das alles möglichst nahe beieinander, wobei sie die ganze Arbeitskraft fast "unter ein Dach" bekommen.

 

Eine wichtige Ware sind auch Felle, die zu Pelzen und Leder verarbeitet werden. Die Tiere werden noch nicht gezüchtet, sondern von russischen und baltischen Fallenstellern erlegt. Sie sind ein zentrales Handelsgut hansischer Händler von Nowgorod aus, wo es um 1386 allein rund 160 hansische Pelzhändler gegeben haben soll. Die unbehandelten Felle werden in Fässern nach Westen transportiert, wo Brügge zentraler Umschlagplatz  ist. Einzelne Firmen handeln so mit Zehntausenden von Fellen im Jahr. Im 14. Jahrhundert kann eine Schiffsladung schon einmal um die 100 000 Felle enthalten haben. (Spufford).

 

Bergbau und Metalle

 

Von den Krisen und Kontraktionen des 14. Jahrhunderts wird auch der Bergbau betroffen. Aber es halten sich die Eisenreviere im Forest of Dean, im Siegerland, der Oberpfalz, in Böhmen, der Steiermark und auf Elba. Zudem entstehen im 15. Jahrhundert auch neue Metallgewerbe-Landschaften im Bergischen Land, im Sauer- und Siegerland,  die in den folgenden Jahrhunderten Kontinuität beweisen.

 

Erfindungen werden breiter angewandt und neue kommen hinzu, wobei sich Nürnberg hervortut: Dort wird um 1390 der mechanische Drahtzug erfunden, um 1415 zudem die Drahtziehmühle, wobei Draht mittels eines Pleuelstangensystems maschinell hergestellt werden kann. Erfunden wird auch das Saiger-Verfahren, zuerst in einer Nürnberger Hütte 1419 angewandt. Dies Verfahren erlaubt ein besseres Differenzieren zwischen einzelnen Metallen beim Ausschmelzen der Erze, zum Beispiel das Aussaigen von Silber aus Rohkupfer mittels Einsatz von Blei. Vorteil ist zum Beispiel bei Kupferhütten, dass das so nun dazu gewonnene Silber frei der Vermarktung der Unternehmer zur Verfügung steht.

 

Erfunden wird in Nürnberg wohl auch das Verzinnen von Blechen. Um neben Wasserkraft auch Energie aus Holz vorzuhalten, beginnt der Unternehmer Peter Stromer um 1400 mit Forstwirtschaft.

 

Im fünfzehnten Jahrhundert steigt dann die Bedeutung des schwedischen Osmund-Eisens mit der Übernahme neuer Verhüttungstechniken an, um im 16. Jahrhundert in Nordeuropa vorherrschend zu werden.

 

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts werden in Mitteleuropa alte Bergwerke durch neue Wasserhebemaschinen und Saugpumpen reaktiviert.Das geht nur unter größerem Kapitaleinsatz, und so gehen sie in die Hände von Kapitalgesellschaften über.

 

Im Erzgebirge werden neue Silbervorkommen entdeckt, und daraus entwickelt sich eine Art Silverrush. Schneeberg entsteht ab 1470, St.Annaberg zwanzig Jahre später und nochmal eine Generation später Marienberg. Im Harz kommen Zellerfeld und Clausthal dazu. Ähnliche Vorkommen finden sich dann auch in der heutigen Slowakei und im Tiroler Inntal. Mit riesigen Kehrräder von bis zu zwölf Metern Höhe wird es möglich, bis zu 300 Meter tief in die Erde vorzustoßen. Immer mehr kaufmännisches Kapital fließt in die Erzgewinnung, wobei es auch zu neuen Techniken in der Herauslösung aus dem Gestein kommt.

 

Große Firmen von Handels- und Finanzkapital gründen solche des Bergbaus und der Verhüttung oder kaufen sich in sie so wie überhaupt in Sparten der Warenproduktion ein. Umgekehrt gelangen Familien wie die Fugger zum Beispiel vom Weben über den Textilhandel, Finanzgeschäfte bis in das Bergbaugeschäft.

 

Der Aufstieg des Nürnberger Metallgewerbes hängt an der Vernetzung der Stadt mit dem Oberpfälzer Bergbaugebiet. Dabei investiert Nürnberger Kapital nicht so sehr in den Erzabbau, sondern in die Weiterverarbeitung mit den Zentren Amberg, Sulzbach und Auerbach.

Man erzeugt mit wassergetriebenen Blasebälgen Roheisen; dies wird durch Hämmern von Schlackenresten befreit, "und nach erneuter Erhitzung zu Schienen von etwa 5 kg ausgeschmiedet". Dabei fällt "auf der Herdsohle das besonders reine Deicheleisen an, das überwiegend zu Blechen gehämmert" wird. Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts haben dann wohl in der Oberpfalz allein gut hundert Schienhämmer gearbeitet. (Schulz, S.178)

Ein Großteil des Eisens wird dann von Nürnberg aus entweder exportiert oder aber vor allem weiterverarbeitet.

 

1370 soll das Nürnberger Drahtziehergewerbe bereits siebzehn Betriebe umfasst haben. Zwischen 1399 und 1415 entwickeln Spezialisten und einige Kapitalgeber die erste Drahtziehmühle, und in den folgenden Jahren kommen zehn weitere dazu. "Dabei gelang es, die Kraft der Wassermühle so umzusetzen, dass mit Hilfe einer halbautomatischen Zange ein regelmäßiger, kräftiger Zug auf den zu verdünnenden Draht ausgeübt wurde , der durch eine enge Bohrung des Zieheisens geführt und dabei gestreckt wurde. Die Kraftübertragung erfolgte über eine vom Mühlrad getriebene "gekröpfte Welle" oder Pleuelstange, von der eine Zange bewegt wurde, die unter Last von einem übergleitenden Ring geschlossen wurde und sich bei Entlastung wieder öffnete. Der Drahtzieher musste im Wesentlichen nur für das jeweilige Ansetzen der Zange am Draht vor dem erneuten Zug sorgen. Dazu saß er auf einer Schaukel, um die Bewegung der Zange mitvollziehen zu können." (Schulz, S.182) Ende des 15. Jahrhunderts wird dann auch dieser Vorgang automatisiert.

Die Bedeutung dieser Maschine schlägt sich in der Bandbreite der Produkte nieder: "Nadeln, Heflteln (Sicherheitsnadeln), Nägel, Ketten, Musikinstrumenten-Saiten, Drahtsiebe, Drahtkratzen für die Tuchbereitung (Appretur) und Stahlringe für Kettenhemden. Weiterhin sind Nieten, Federnm, Häkchen, Ösen und Kettchen sowie verschiedene Zierelemente zu nennen." (Schulz, S.184). Auch solche Produkte werden über ganz Europa verkauft und im 16. Jahrhundert dann auch nach Afrika und Amerika.

 

Ein weiterer bedeutender Bereich der Nürnberger Wirtschaft wird seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Produktion von Schusswaffen, insbesondere von Handfeuerwaffen. Im 15. Jahrhundert werden sie dann zu Hunderten an Städte und Fürsten verkauft. In der zweiten Hälfte werden dann Hinterlader als Kammerbüchsen entwickelt, und am Ende des Jahrhunderts dann das selbstzündende Radschloss. Büchsenschmiede erreichen so Reichtum und Ansehen.

 

Neben der Eisenindustrie investiert Nürnberger Kapital, zum Teil in Kooperation mit Kapital aus anderen Teilen Mitteleuropas in den Abbau von Silber, Gold, Kupfer und Blei und die Herstellung von Halbfabrikaten daraus, und zwar zwischen Thüringen, Sachsen, Böhmen und Tirol. "Man trat durch den Erwerb von Kuxen, die teilweise stark gestückelte fungible Wertpapiere darstellen, in Gewerke ein, legte in Einzelfällen Hütten an, pachtete Gruben, bot schwachen Gewerken Verlag und versuchte, mit den Regalherren möglichst langfristige und monopolistische Lieferverträge abzuschließen. Diese sogenannten >Käufe< mit Vorauszahlung der kontrahierten Lieferung bedeuteten ein fundiertes Anleihesystem der öffentlichen Gewalten." (Isenmann, S.352)

Darüber hinaus wird die Nürnberger Hochfinanz in Ungarn, dem Karpatenraum mit seinen Vorkommen an Edel- und Buntmetallen investiv aktiv, überhaupt in ganz Südosteuropa, zusammen mit anderen süddeutschen Firmen.

 

Bedeutung erlangt Nürnberg auch mit der Musikinstrumenten-Herstellung, in der neben den leisen Geigen und Lauten vor allem metallene Instrumente herausragen, deren Musik für öffentliche Prachtentfaltung wie auch im Krieg eine herausragende Rolle spielt. Dafür haben vor allem Posaunen und Trompeten große Bedeutung, daneben Zinken, Bombarden und Flöten.  

 

Die Kapitalkonzentration im englischen Zinnbergbau nimmt erheblich zu: "Im frühen 14. Jh. wuchsen die königlichen Zinn- und Silberbergwerke im englischen Beer Alston zu 'Großbetrieben' mit 700 Lohnarbeitern empor.  Bei einem Zinnmagnaten standen 1357 in sechs Bergwerken Cornwalls 300 Menschen in Lohn und Brot. Die exportorientierte englische Zinnproduktion konnte vom Beginn des 14. Jhs. bis zu den 1430er Jahren von 680 000 auf 1,4 Millionen Pfund jährlich gesteigert werden." (Dirlmeier, S.34)

 

Das Gebiet um Maastricht, Lüttich, Aachen und Dinant erhält im 14. Jahrhundert Kupfer aus dem Harz und Zinn aus Cornwall und wird zudem eine Buntmetall-Exportregion. Als der Burgunder Philipp ("der Gute") 1466 Dinant vollständig zerstört, kommt allerdings dort die Produktion zum Erliegen. In dieser Zeit gewinnt aber dafür die Messingschlägerei in Nürnberg neues Renommée so wie besonders im 15. Jahrhundert die Kupferschlägerei von Köln.

Kupfer und Zinn werden aber auch an die Levante ausgeführt.

 

Auch im produzierenden Metallgewerbe nehmen Kapitalkonzentration und Firmengröße zu. Für 1457 ist von Thomas Dountons Londoner Zinnwerkstatt überliefert, dass er 18 Lehrlinge und Lohnarbeiter beschäftigt. (Dyer, S.320)

 

Das metallverarbeitende Handwerk gerät auch in Nürnberg immer mehr in Abhängigkeit von den kapitalintensiv hergestellten Rohstoffen und Halbfabrikaten. Andererseits vermehrt es sich dabei erheblich. Die zwischen Nürnberg und Oberpfalz hergestellten Halbfabrikate wie Stangen, Schienen, Draht und Blech werden eben von Nürnberger Handwerkern zu Fertigprodukten verarbeitet."Die Zahl der Nürnberger Handwerksmeister in der Eisenverarbeitung stieg von 409 im Jahrzehnt 1361-1370 auf 1335 am Ende des 15. Jahrhunderts." Gilomen, S.118). Dabei wird im Metallgewerbe nicht wie im Textilgewerbe nach Einzelschritten in Handwerksbetriebe zerlegt, sondern horizontal in verschiedene Produkte. Dabei setzt sich immer mehr Spezialisierung durch, die um 1500 knapp siebzig Sparten erreicht. Dadurch bleibt der handwerkliche Kleinbetrieb bei aller Abhängigkeit vom Kapital bestehen (Isenmann).

Um 1450 sind rund 45% aller Handwerksmeister Nürnbergs in der Metallverarbeitung tätig, zwei Drittel davon in der Eisenverarbeitung. Insbesondere bei den Messerern (die das Endprodukt zusammensetzen und den Verkauf leisten) stellt sich unterschiedliche Kapitalbildung ein, so dass einzelne Handwerker zu Verlegern aufsteigen. "Die großen Meister und Verleger beschäftigten zusätzlich selbständig tätige Stückwerker, die gegen Akkordlohn (Stückpreis) arbeiteten, und verpflichteten Klingenschmiede und Schleifer über die Vergabe von Krediten und Vorschüssen." (Schulz, S.181) 

 

Einen neuen Aufschwung nimmt auch die Waffenproduktion mit der Erfindung des Schießpulvers und der Artillerie. Worms besitzt bereits im 13. Jahrhundert ein Zeughaus. In Nürnberg und Straßburg, den großen Reichsstädten, werden nun auch in Geschützgießereien Kanonen hergestellt. Aber die Nürnberger Massenware bleiben leichte Brustharnische für Fußsoldaten, für die es im 14. Jahrhundert schon mal Aufträge für mehrere tausend gibt. Überhaupt holt nun die deutsche Rüstungsproduktion auf, während die französische und englische weiter zurückbleibt.

 

Eine massive Zunahme verzeichnet im 15. Jahrhundert der englische Kohlebergbau, in den auch Bischöfe wie der von Durham investieren, und wo das einzelne Bergwerk nun von um die 12 Arbeitern betrieben wird. Oft von Pferden betriebene Pumpen entsorgen dabei das Wasser. Um 1510 schickt Newcastle bereits jährlich um die 40 000 Tonnen Kohle überall hin, insbesondere aber auf dem Seeweg nach London. Kohle ist zu schwer, um es längere Strecken über Land zu ziehen, aber es kann mit Schiffen rentabel transportiert werden.

Ein zweites Kohlerevier steigt mit dem Maasraum um Lüttich langsam auf. Allein die Lütticher Minenbetreiber bilden schon im 14. Jahrhundert eine Zunft, die um die 2000 Mitglieder hat. Außerhalb des Nordwestens Europas bleibt Steinkohle aber vorläufig unbekannt.

 

Lebensmittel

 

Die im 14. Jahrhundert massiv sinkende Bevölkerung führt bei manchen Handelsgütern nur zu kurzfristigen Einbrüchen und Firmenkrisen, aber die Mengen der Massengüter im Nahrungsmittelbereich nehmen natürlich bis ins 15. Jahrhundert erheblich ab. So geht beispielsweise der Getreideanbau in Osteuropa, der den Westen versorgt hatte, deutlich zurück.

Andererseits bleibt eine Schicht, die weiter Luxusgüter nachfragt. Dazu gehören die süßeren Südweine aus Portugal und Südspanien, der Portwein und der Sherry, die sich vor allem in England zunehmender Beliebtheit bei den Wohlhabenden erfreuen, sowie auch im übrigen Westeuropa der Malvasier, erst von der Peloponnes und in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts dann aus Madeira.

 

In Norddeutschland bis nach Holland, Brabant und Flandern nimmt das zunehmend hochkapitalisierte Brauen von gehopftem Bier zu, und Städte wie Hamburg, Gouda oder Leuwen werden zu veritablen Brauereistädten für Exportbier. Mit der Zunahme des Bierkonsums im Norden nimmt dann der Anbau von Gerste wieder zu und es beginnen sich ganze Hopfenlandschaften zu bilden, die ihn massenhaft bis nach England exportieren.

 

Ähnlich gewichtig wie das venezianische Salz ist das Baiensalz von Bourgneuf, welches Nordfrankreich, die Niederlande, England und zum Teil auch Skandinavien versorgt. In deutschen Landen bleiben Lüneburg, Hallein und Halle an der Saale führend, bis schließlich Hall in Tirol dazukommt.

Die Bedeutung des Lüneburger Salzes für die Handelsstadt Lübeck schlägt sich in dem über fünfzig Jahre des 14. Jahrhunderts erbauten Kanal von der Elbe bis zur Trave nieder, der über 50 Kilometer lang wird und zahlreiche Schleusen braucht. Aber Salz ist die Grundlage des riesigen Lübecker Handels: Es geht nach Bergen, von wo gesalzener Kabeljau und Stockfisch zurückgehen, die neunzig Prozent des dortigen Handels ausmachen, besonders aber nach Schonen, wo es die Heringsfischer benötigen. Der Salzhering geht dann auf Hanseschiffen vor allem nach den englischen Häfen Boston und (King's) Lynn. "Im Jahr 1494 wurden etwa 60 000 Fässer, also rund 7600 Tonnen, Salzhering produziert." (Spufford, S.226)

Von großer Bedeutung ist auch die Salzproduktion von Salins in der Franche-Comté. 1329 werden hier von der größten der drei Firmen, der Grande Saunerie,  72 000 Mauleselladungen von je 99 Kilogramm produziert. Mitte des 15. Jahrhunderts, als es mehr Aufzeichnungen gibt, ist die Produktion bereits auf die Hälfte gesunken. An Arbeitskräften steht diese Grande Saunerei immer noch mit rund 600 Arbeitern nur hinter dem Arsenal von Venedig zurück. Alle drei Firmen zusammen erwirtschaften einen Gewinn, der den Einnahmen Philipps ("des Guten") aus dem Herzogtum Burgund und der Grafschaft zusammen entspricht.

 

Bienenhonig ist überall lokal zu haben, aber Bienenwachs für den massenhaften Verbrauch für hochwertige Kerzen ist ein wichtiges Handelsgut der Hanse, Es kommt aus den großen osteuropäischen Wäldern und wird zwischen Nowgorod und dem preußischen Ordensland gehandelt und geht dann per Schiff bis nach Brügge und England. "Gegen Ende des 15. Jhs. wurden über London jährlich rund 100  Tonnen Bienenwachs eingeführt, während in Lynn und Boston etwas mehr direkt aus Lübeck angelandet wurde." (Spufford, S.229)

 

Papier und Druck

 

Mit der Papiermühle beginnt die deutliche Verbilligung des Materials. Nördlich der Alpen taucht sie 1338 in Troyes auf.

1390 richtet der große Teile Europas umgreifende Firmenkomplex von Ulman Stromer in Nürnberg durch Umbau die wohl erste deutsche Papiermühle ein. Man versucht, die Technik geheimzuhalten, was aber nicht lange gelingt. In der beginnenden Neuzeit wird Nürnberg dann auch zu einem Zentrum des Buchdrucks.

 

Um 1500 werden es dann in deutschen Landen rund fünfzig Papiermühlen sein. Dabei bleibt ein erheblicher Kapitalaufwand Voraussetzung, der sich aber offensichtlich wegen des großen Ausstoßes schnell rentiert.

Papier wird dabei allerdings auch nicht ansatzweise so billig wie in der heutigen Fabrikproduktion, aber es wird ein immer bedeutenderes Handelsgut.

 

Kommerzielle Buchproduktion beginnt im 13. Jahrhundert in Städten mit Universitäten, großen Residenzen und in Handelszentren. Bis tief ins 14. Jahrhundert beherrschen gut zwanzig Familien das Buchgeschäft in Paris vom Ankauf von Pergament und Papier über die Beschäftigung von Schreibern und Bebilderern bis zu Buchbindern und dem Verkauf. Verkauft wird alles, was gewünscht wird.

 

Zu der Papierproduktion kommt dann um 1460 (Gutenberg) der Druck mit beweglichen Lettern. In Köln lernt der englische Tuchhändler William Caxton den Buchdruck kennen und bringt dann eine Druckpresse nach Brügge mit.1473/74, wo er eine französische und eine englische Trojageschichte druckt. 1476 richtet er eine Druckerei in Westminster ein. Drucker sind dann auch die Verkäufer der Bücher.

 

Nachdem der Druck Bücher zunächst nur eingeschränkt verbilligt, werden sie dann erheblich preisgünstiger durch Massenproduktion. Das wird im 16. Jahrhundert dazu führen, dass wohlhabendere bürgerlich-protestantische Kreise im 16. Jahrhundert zumindest ein Buch im Haushalt haben werden, eine Bibel nämlich. Das Lesen wird dann auch durch verbesserte Lesebrillen für die einfacher werden, die sie benötigen.

 

Zwischen 1473  und 1513 veröffentlicht der Nürnberg Drucker, Verleger und Buchhändler Anton Koberger bereits mehr als 200 Werke. "Auf dem Höhepunkt seiner Geschäftstätigkeit betrieb er 24 Pressen und beschäftigte über 100 Arbeitskräfte: Setzer, Korrekturleser, Drucker, Illuminatoren und Buchbinder. Er besaß sogar eigene Papiermühlen." (Spufford, S.211)

 

"Kunst": Malerei

 

Der zunehmende Wohlstand führt dazu, dass in Flandern oder in der Toskana immer mehr Malerwerkstätten aus dem Boden schießen, deren Meister im Norden in Lukasgilden zünftig zusammengeschlossen sind oder aber im Süden anderen Zünften angehören. Was später romantisierend unter einem neuen Kunstbegriff zusammengefasst wird, wird so zu einem nicht unerheblichen Gewerbezweig, den nur Reichere nachfragen, der aber immer umsatzstärker wird.

 

Dasselbe gilt für die Produktion von Wandteppichen, die vor allem in Paris, dann in Arras und dann in den einst deutschen Niederlanden floriert. Reich bebildert, versuchen sie mit ihren technischen Möglichkeiten den "Realismus" der Ölmalerei nachzuvollziehen, wobei sie dieselben propagandistischen Ziele wie diese verfolgen, und oft großformatige kriegerische Heldentaten der Vergangenheit feiern. Ähnlich wie die Maler sind die großen Werkstätten in ihren flämischen Zentren in Zünften zusammengeschlossen.

Solche Wandteppiche sind oft noch wesentlich teurer als große Gemälde und ohnehin viel größer. Dafür geben Könige und Fürsten für sie auch viel mehr Geld aus als für Ölmalerei. König Jean II. von Franreich soll zwischen 1350 und 1364 mindestens 235 Tapisserien gekauft haben, Herzog Ludwig von Anjou hat mit 25 Jahren bereits 76 solche erworben und wird dann in einer Pariser Werkstatt unter anderem noch die riesigen, alleine sechs Meter hohen Apokalypse-Teppiche erwerben. Italienische Fürsten und polnische Könige tun es ihnen nach.

 

Kapitalkonzentration und Massenproduktion

 

In der zweiten Blütezeit des Kapitalismus zwischen 1350 und etwa 1500 breitet sich das Verlagssystem wie eine Krake über Gewerbezweige und ganze Gewerbelandschaften aus. Als zwischen etwa 1360 und 1430 mit politischer Förderung und Kapitaleinsatz mitteleuropäische Barchentproduktion die norditalienische überflügelt, entwickelt sich diese gleich im Verlagswesen.  Barchent ist ein Textilgewebe aus leinenen Kettfäden und Schussfäden aus Baumwolle. Es ist billiger als Wolltücher und durch Struktur wie Färbemöglichkeiten gefääliger für die neuen und immer wichtiger werdenden Modegewohnheiten.

Innerhalb von einer Generation erobert Barchent das oberschwäbische Leinwandrevier mit Ulm, Augsburg, Memmingen und anderen Städten und wird dort zum größten Gewerbezweig.

 

Im Runtingerbuch listet der Regensburger Kaufmann Mathäus Runtinger (1350-1407) Verlagsverträge mit sieben Barchentwebern auf, deren erster so lautet: Es kaufte der alte Eyselein von mir am Mittwoch vor dem St.Laurentiustag 3 Zentner Baumwolle, je 1 Zentner für 11 Barchente weniger ¼, insgesamt 32 ¼ Barchente. Diese Barchente soll er mir bis Weihnachten liefern. Mir gab der alte Eyselein 33 Barchente am Weihnachtsabend. Ich bleibe dem Eyselein ¾ eines Barchents schuldig. (Engel/Jacb, S. 273).

 

Zumindest die Rohstofflieferung und der Handel mit dem Fertigprodukt liegen in der Hand größerer Kapitalien. Dazu gehört Massenproduktion nach einheitlichen und dem Markt bekannten Qualitätsstandarden. Die Ware wird immer weniger nur auf Messen verkauft, sondern direkt in den Städten, wo die Kunden sitzen.

 

Leinenreviere verbleiben insbesondere in Nordostdeutschland, in Sachsen zum Beispiel, wo einfache Leintücher hergestellt werden, dann nach Süddeutschland geschickt werden, um dort veredelt zu werden. Auch da tritt Kapital dazwischen.

Eine Metropole der Barchentproduktion ist zunächst auch Köln, bis es sich dann stärker auf die Seidentücher konzentriert.

 

Mitte des 15. Jahrhunderts besitzen in Yorkshire nur noch die Hälfte der Weber ihren eigenen Webstuhl. Einzelne Unternehmer-Magnaten besitzen dann gleich mehrere Walkmühlen. Ein Thomas Paycocke ist 1518 so reich, dass er nebenbei in seinem Testament jedem einzelnen Scherer, Kämmer, Kardierer, Spinner, Weber und Walker 12 Pennies vermachen kann. (Dyer, S.326) Wenn ein solcher Unternehmer bei seinem Wohnhaus dann Spinnhäuser, Walkmühle, Färberhäuser und sonstige Handwerker in der Nähe versammelt, hat er fast schon eine Fabrik zusammen.

 

Die Kapitalkonzentration in der Stadt und das Verlagssystem greifen im Textilbereich auf das Land über und verwandeln es teilweise in Gewerbegebiete. Im östlichen Mitteldeutschland entstehen reine Weberdörfer. Das Bergische Land mit seinem Wasserreichtum liefert für die Kölner Produktion von Textilien und Lederwaren Walkmühlen, Lohnmühlen, Färbereien und Bleichen. In einem sehr weiten Wortsinn lässt sich von der partiellen Industrialisierung ganzer ländlicher Regionen reden.

 

"1408 faillierte z.B. die Firma des Kaspar Vetter, dessen Geschlecht zu den reichsten Familien Rothenburgs und Donauwörths gehörte, bankrott gingen die Nürnberger Gesellschaften Stromer-Ortlieb und Kamerer-Seiler. Im folgenden Jahrzehnt verschwanden weitere Nürnberger Familien - die Kreß, Pirckheimer und Mandel - aus dem Handel in Venedig und Lübeck, den sie über Jahrzehnte bestimmt hatten." (Fuhrmann in Dirlheimer, S.184)

 

Daneben wird der Bergbau dadurch kapitalintensiver, dass mit dem tieferen Eindringen in die Erde dort mit dem eindringenden Wasser gerungen werden muss. Dasselbe betrifft die immer kunstvolleren Hochöfen sowie Saigerhütten und ähnliches. (Siehe Großkapitel Stadt 7, Nürnberg)

 

Das Saigerverfahren verbreitet sich dann. Ab 1472 schließen sich "mehrere Grafen von Mansfeld und von Henneberg mit technischen und kaufmännischen Unternehmern in Gesellschaften zum Betrieb von Saigerhütten" im Mansfelder Land und überhaupt im Thüringer Wald zusammen. (Schubert, S.11) Ende des 15. Jahrhunderts wird Jakob Fugger damit in Schwaz (Tirol) erhebliche Summen einnehmen.

 

Ähnliches wie für Nürnberg lässt sich von Köln sagen. Kölner und Aachener Unternehmer gewinnen die Kontrolle über die Eisen- und Bleigewinnung in der Nordeifel. Kölner Kaufleute gewinnen Einfluss "auf siegerländische und nassauische Eisenproduktionsstätten, auf die Stahlreviere von Brekkerfeld, Attendorn und Rademvorwald. Durch Monopolverträge sicherte sich Köln 1463 die gesamte Produktion der dortigen Stahlschmiedegilden." (Isenmann, S. 355)

 

Kaufleute betreiben in Rostock die Werften und zunehmend die großen Brauereien Norddeutschlands.

 

Druckereien im ausgehenden 15. Jahrhundert bleiben meist noch eher kleine Betriebe, aber wie Koberger in Nürnberg gibt es erste, die an mehreren Orten eine größere Zahl von Gesellen beschäftigen. In der Regel produzieren solche oft an Universitäten ausgebildete Leute, nicht selten Kleriker, die Bücher nicht nur, sondern verkaufen sie auch.

 

Wenn in der Produktion von Metall- und Tongefäßen das Personal über zwei bis drei Leute hinausgeht, wird bereits die Größe eines üblichen mittelalterlichen Handwerksbetriebes überschritten. Bei einem Betrieb, der im späten Mittelalter Gerätschaften und Gefäße aus Zinn herstellt, und der zwischen zehn und zwanzig Leute beschäftigt, nähern wir uns fabrikmäßigen Verhältnissen, wie auch dort, wo Mühlen verschiedene metallverarbeitende Produktionslinien gleichzeitig bedienen. Dazu gehört, dass Mühlen Ende des 15. Jahrhunderts gleichzeitig Schmiedehämmer und Blasebälge bedienen und so Gußeisen herstellen können.

 

Solche Betriebsgrößen und Mühlanlagen verlangen mehr als das minimale Kapital, mit dem Handwerksbetriebe normal ausgestattet sind. Hier konzentriert sich Kapital nicht mehr nur in Finanz- und Handelsunternehmen, sondern in der Produktion selbst, und es ist nicht mehr vor allem Adel, der hier investiert, sondern eben zunehmend Bürgertum. So schließen sich 1417 in Rostock Kaufleute zu einer Firma zusammen, die 14 Mühlen aufkauft und durch einen Mühlenmeister bewirtschaften lässt. (Isenmann, S.356)

 

Während die Manufakturen der frühen Neuzeit zum großen Teil fürstlich subventionierte Luxusproduktion betreiben (Gobelins, Porzellan etc.), sind die größeren und kapitalkräftigeren Produktions-Firmen des späten Mittelalters vorwiegend auf Massenproduktion mittlerer und unterer Qualität aus. Das verlangt natürlich Massenkonsum an Gebrauchswaren und entsprechend kaufkräftige Massen, wie sie im 15. Jahrhundert üblich werden. Der Kapitalismus führt unübersehbar zu steigendem Wohlstand breiterer Schichten bis ins Handwerk und dem wohlhabenderen Teil der Bauernschaft.

 

Kapitalkonzentration führt in einzelnen Branchen zur Firmenkonzentration. Die Zahl der Töpfereien geht zurück und die übriggebliebenen haben entsprechend höheren Ausstoß.

In großen Städten differenzieren sich im Exportgewerbe arme und reiche Handwerksbetriebe heraus. In Köln gehen reichere Weberbetriebe dazu über, wie Verleger über arme Betriebe zu verfügen. "In Straßburg gingen aus dem Kreis reicher Handwerker die Tucher hervor, die Spinner und Weber für sich arbeiten ließen und nur noch die Produktion leiteten und kontrollierten."(Isenmann, S.356)

Seit etwa 1440 entstehen in Görlitz in der Tuchproduktion "Meistereien" in den Händen von reichen Meistern und Kaufleuten, die schon an Manufakturen gemahnen (Karl Czok in: Beiträge 2, S.107). Es sind Betriebe, "in denen abhängige Meister, gelernte und ungelernte Hilfskräfte Tuch im kompletten Fertigungsprozess herstellen." (Isenmann, S.356)

 

Bei den Brauern in Oxford führt das von einer Zahl von über 250 im Jahre 1311 zu ungefähr 24 im frühen 16. Jahrhundert. Ein wesentlicher Grund ist die Nutzung des Hopfens für die Bierproduktion, wobei niederländisches Bier das englische Ale zurückdrängt. Mit Hopfen gebrautes Bier schmeckt nicht nur anders, sondern bedeutet erheblich erhöhte Haltbarkeit. Damit kann Bier auch für fernere Märkte produziert und dorthin transportiert werden. Es wird zum Massenprodukt selbst für Handel über Regionen hinweg. Und da die neuartigen Braukessel über 20 Pfund kosten, wird das Brauen großer Mengen nun zur Sache kapitalkräftiger Unternehmer, auch wenn das Ale nicht ganz vom Markt verschwindet.

 

Ein Gutteil der Produktion der nunmehr schnell aufsteigenden englischen Tuchproduktion bedient solche Massen, und wo wie in Flandern vornehmlich hochwertige Stoffe hergestellt wurden, bricht nun englische billige Exportware für die Massen der Unterschicht ein.

 

Das gemahnt schon etwas an den viel breiter angelegten Massenkonsum der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts insbesondere in den USA, während der der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts mit seiner globalisierten Arbeitsteilung immer mehr Quantität mit stetig sinkender Qualität verbinden wird und mit zunehmenden Zwängen: Wer neue Konsumwaren nicht mehr bezieht, scheidet aus dem Arbeitsmarkt und inzwischen auch aus der Welt schneller "Informationen" aus.

 

An Moden orientiertes Konsumverhalten charakterisiert schon den Adel des hohen Mittelalters, insbesondere als in der Zeit des gotischen Stils die modischen Veränderungen sich beschleunigen. Die städtischen Bürger ziehen so schnell mit, wie sie können, was insbesondere die Kleidermoden angeht, was das Tuch- und Schneidergewerbe massiv fördert, auch dadurch, dass man nun nach Möglichkeit mehr Kleidungsstücke zum wechseln besitzt, insbesondere bei leinener Unterbekleidung, Bettwäsche und Tischwäsche. Am Ende des Mittelalters gibt es auch für kleinere Geldbeutel modische Waren kleiner Größe, die in England die haberdasher von den mercer ablösen. Hauben, Hüte, Börsen, Haarnadeln und Schnallen gehören dazu, die in einer Art Massen- und Serienproduktion bei verminderter Qualität zum gesteigerten Konsumverhalten einladen. Dazu kommen Strumpfhalter und -bänder, Busenbänder und -tücher, Seidentücher usw.

 

Firmen

 

Italienische Großunternehmen sind zunächst denen nördlich der Alpen in ihrer Entwicklung um Jahrhunderte voraus. Erst im 15. und 16. Jahrhundert schließen die auf und übertreffen dann die italienischen. Dabei werden die Verträge ihrer Anteilseigner ebenfalls ,nur auf kürzere Sicht geschlossen, Bei den Augsburger Meuting 1436 auf fünf Jahre, bei der Großen Ravensburger Gesellschaft immer jeweils auf sechs Jahre.

 

Anders als in Norddeutschland formieren sich im deutschen Süden große Handelsgesellschaften. Die Nürnberger verbinden dabei Fernhandel mit Waren mit unternehmerischen Investitionen in Bergbau und Metallgewinnung mit Verlagswesen, "Giralgeldschöpfung mit Bankgeschäft, Ämter- und Regalienpacht." (Isenmann, S.377)

 

Die größte Firma ist die Große Ravensburger Handelsgesellschaft, die von 1386 bis 1530 existiert. An ihr sind durch die Zeiten über hundert Familien im wesentlichen aus schwäbischen Reichsstädten beteiligt Ende des 15. Jahrhunderts sind es achtzig) und fast genauso viele Gesellen. Geleitet wird der riesige Betrieb von drei "Regierern", ein Gremium von neun "Herren" aus den Gesellschaftern beaufsichtigt das Unternehmen, errechnet den Gewinn und verteilt ihn.

"Die Gesellschaft exportierte Leinwand und Barchent aus Oberdeutschland, Textilien aus Oberitalien und aus den Niederlanden sowie Metallwaren aus Nürnberg. Sie importierte den teuren Safran, Gewürze, Edelsteine, Perlen, Korallen, Südfrüchte, Reis, Zucker, Leder, Wolle und noch weitere Produkte ausländischer Märkte." (Isenmann, S.377)

Niederlassungen gibt es in Hamburg, in Köln, Antwerpen, Brügge und London, in Wien, Ofen, Breslau, in Italien (Mailand, Venedig, Genua), Savoyen (Genf), Frankreich (Lyon, Avignon) und Spanien (Valencia, Zaragoza)

 

Ähnliche, aber kleinere solche Firmen gibt es in allen größeren süddeutschen Städten. Das Kapital der Ravensburger beträgt um 1500 mehr als 150 000 Gulden, das der Augsburger Fugger wenig später bereits über 200 000, wozu noch Immobilien im Wert von rund 30 000 Gulden kommen.

 

Hans Fugger zieht 1367 aus dem schwäbischen Dorf Graben im Lechfeld nach Augsburg um, tritt in die dortige Weberzunft ein und heiratet die Tochter eines Zunftmeisters. Sohn Andreas betätigt sich dann bereits als Tuchhändler. 1463 treten die Fugger in die Zunft der Kaufleute ein. Sie betreiben zunächst Barchenthandel, führen Baumwolle ein und arbeiten verlegerisch.

In einer weiteren Stufe operieren sie im Anleihegeschäft, wobei sie sich Kredite nicht in Zinsen auszahlen lassen, sondern in Silber zu festen Preisen, das sie dann teurer weiterverkaufen dürfen. Auf diese Weise verkehren sie schon mit Kaiser Maximilian.

Kupfer und Silber werden das große Geschäft mit riesigen Gewinnen. Hohe Herren legen ihr Vermögen bei ihnen an. 1525 verfügt die Firma über 2 Millionen Gulden. Inzwischen operieren sie im Fernhandel mit Waren, im Verlag in Textilien und Bergbau, als Direkt-Unternehmer im europäischen Bergbau bis nach Spanien und der Vermarktung der Montanprodukte. Ihr Arm reicht bis nach Westindien, also Süd- und Mittelamerika. Dazu kommen Finanzgeschäfte, die Pachten der Einkünfte aus den spanischen Ritterorden, Steuerpacht und allgemeine Bankgeschäfte.

 

In deutschen Landen fehlen oft Schulen, und angehende Geschäftsleute in Handel und Finanzen lernen oft in den Firmen und auf Reisen. Bis ans Ende des Mittelalters fehlen auch die Bücher, mit denen man Rechnen oder Fremdsprachen lernen könnte. Junge Leute beweisen, dass es auch der Schulen für das Erlernen aller wichtigen Kenntnisse und Fertigkeiten nicht bedarf, wenn man nur lernen möchte und das Talent dabei besitzt:

 

"Der Nürnberger Christoph Scheuerl empfahl 1488 in seinem >Regiment< für den jungen Hieronymus Haller, der sich nach Venedig zu gehen anschickte, während seines dortigen Lehraufenthaltes den Morgen beim Rechenmeister zu verbringen, sich während des restlichen Vormittags und am Nachmittag bei den Kaufleuten im Fondaco dei Tedeschi aufzuhalten und ständig Wissenswertes und Neues über Veränderungen bei Waren und Preisen in sein Täfelchen aufzuzeichnen. Desgleichen sollte er alles, was er in An- und Verkauf, mit Banken und Zahlungen handle, ohne sich auf sein Gedächtnis zu verlassen, sofort in sein Täfelchen notieren, in sein Kopier- und Schuldbuch schreiben oder wenigstens in sein Journal eintragen." (Isenmann, S.359)

 

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts beginnt ganz zaghaft das Ersetzen der lateinischen durch die arabischen Ziffern, was aber bis in die früheste Neuzeit auf deutschen Ämtern und vor Gericht noch nicht anerkannt wird, nicht zuletzt wohl, weil man dort noch keine arabischen Zahlen kennt. 1518 erscheinen dann im deutschen Raum die ersten Rechenbücher von Heinrich Schreiber und Adam Riese.

 

Wichtigste schriftliche Aufzeichnungen bei Firmen sind die Bücher, in die Schulden und Kredite eingetragen werden, da der Kredit bis in die frühe Neuzeit wegen des Mangels an Bargeld (Münzen) und Edelmetallen der Vater des Geschäftes bleibt.

 

Zünftiges Handwerk in deutschen Landen (in Arbeit)

 

Im 15. Jahrhundert prägen nicht nur Kirchen und immer repräsentativere Steinbauten vornehmer Geschlechter und Kapitaleigner das Stadtbild, sondern auch die Zunfthäuser, nach deren Gewerbe oft die Straßen benannt werden. Hier wird bei Speis und (vor allem auch) Trank beraten und gefeiert. Daneben sind die Zünfte in den jeweils von ihnen bevorzugten Kirchen mit Altären und Kapellen präsent. 

Das Selbstbewusstsein des Handwerks spiegelt sich auch in einem steigenden Bildungsniveau, welches neben Lesen und Schreiben und den gewerblichen Fachkenntnissen zu einem weiteren Horizont führt. Dazu kommt mit dem Meistersang ein volkstümlich-künstlerisches Feld. Der wird in eigenen Singschulen erlernt, wo Strophenform, Melodie und andere Regeln vorgegeben werden. Danach sind Meistersinger in eigenen Bruderschaften vereint. Selbständiger Gesang wird dann über Literaturkenntnisse und andere Anregungen erworben.

Daneben ist das Handwerk führend in der Fastnacht in den Umzügen, beim Mummenschanz, bei Tänzen und bei den Fastnachtspielen vertreten,die allerdings gerne und insbesondere nach der Reformation von der Obrigkeit verboten werden.

 

Die Zünfte pendeln zwischen der Funktion, Interessenvertretung ihres Gewerbes zu sein, und der, durch ihre Unterordnung unter Rat und politisches Großkapital als Instrument der Kontrolle durch die Obrigkeit zu funktionieren. Ein florierendes Handwerk ist dabei im Kern durchaus im Interesse der politisch wie wirtschaftlich Mächtigen, ganz anders als im 19. und 20. Jahrhundert, als diese das produktive Handwerk zur Gänze untergehen lassen.

 

Es gibt also Gemeinsamkeiten im Interesse. Politisch kann es zum Beispiel aus Gründen des inneren Friedens manchmal sinnvoll erscheinen, Innovationen zu vermeiden. 1412/13 verbietet so der Kölner Rat die Einfuhr von Seidenzwirnmühlen durch den süddeutschen Kaufmann Walter Kesinger (Dirlmeier, S.36), um nicht zu viele Arbeitsplätze zu gefährden. Genausogut kann aber eine vom Patriziat streng regierte und Handwerkervereinigungen massiv unterdrückende Stadt wie Nürnberg Innovationen zum Beispiel im Metallbereich fördern.

 

Rat und Zünfte sind sich zunehmend einig in der Einschränkung der Konkurrenz, die den kleinen Handwerksbetrieb schützt. Dies geschieht durch massive Begrenzung der Betriebsgröße, des Großgeräts wie der Webstühle, durch Absatzquoten, Verteilung der Aufträge durch die Zunft, kollektiven Messebesuch oder das Verhandeln nicht selbst produzierter Waren wie das Verbot von Werbung (Isenmann, S.344). Zudem kann die Menge und der Preis beim Rohstoffkauf reguliert werden, die Lohnkosten und Marktpreise können limitiert werden und, was ganz zentral ist, die Qualität wird kontrolliert.

 

Die Einschränkung der Konkurrenz betrifft den Zuzug neuer Handwerker, aber oft auch den wirtschaftlichen Ausschluss von Handwerkern im Umland. In einer Chronik von 1411 heißt es, dass ...kein Bürger hier zu Augsburg, weder reich noch arm, weder Kaufleute noch andere Bürger, mit einem Weber, der auf dem Lande innerhalb von drei Meilen rings um die Stadt ansässig ist, irgendwelche Zusammenarbeit oder Geschäfte unterhalten soll. (Engel/Jacob, S. 314) 1470 verfügt der Kurfürst von Sachsen, dass auf eine Meile Weges um Chemnitz herum kein Handwerker wohnen und dort sein Handwerk betreiben soll und dass kein Dorfgastwirt selbst brauen oder fremdes Bier, es sei denn Chemnitzer Bier, das ganze Jahr über aussschenken soll. (Engel/Jacob, S. 315) So kann im Zusammenspiel von Fürst und städtischer Obrigkeit das Gewerbe und der Einzug von Abgaben besser kontrolliert werden.

 

In der Wirklichkeit gibt es aber einen massiven Widerspruch zwischen dem Schutz des (kleinen) Handwerksbetriebes, wie ihn Zünfte und Räte formulieren, und seiner Gefährung durch Abhängigwerden einmal vom Handelskapital und zum anderen von reich gewordenem Handwerk selbst.

 

Innerhalb der Städte wird hingegen auf bürgerlichen Wunsch die Konkurrenz der Klöster, der Laienorden der Teriarier und die der Beginen beschränkt, indem letzteren zum Beispiel die Anzahl der Webstühle vorgeschrieben wird. Bei etwa 106 Beginenhäusern im Köln des 15. Jahrhunderts und etwa 1.500 Beginen spielt deren Wirtschaftskraft durchaus eine Rolle.

 

Die vielen Regulierungen sollen das Handwerk schützen, aber sie schützen zumindest Teile davon auch weiterhin nicht vor Armut. In einer Augsburger Chronik von 1397 heißt es: … denn es waren sehr viele arme, zu Grunde gerichtete Weber in der Stadt, und man meinte, die Weber hätten gern in der Stadt Mord gestiftet, um ihre Geldschulden loszuwerden. (Engel/Jacob, S. 297)

 

****Gesellen****

 

Gesellen sind einem Meister zugeordnete Arbeitskräfte, die auf dem Weg in die (sogenannte) Neuzeit zunehmend weniger Kost und Logis und stärker ersatzweise einen kleinen Lohn erhalten. Ihre Bindung an Meister, ihre fachspezifische Ausbildung samt Kenntnissen und Fertigkeiten unterscheiden sie von einem beliebig einsetzbaren Industrieproletariat. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein, andererseits stehen sie außerhalb der politischen Verfasstheit der Städte, an der bestenfalls Meister partizipieren.

 

Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts bilden sie analog zu den Zünften eigene Gesellenvereinigungen aus, um ihre Interessen zu vertreten. Voreiter sind Schuhmacher, Schneider, Schmiede und Bäcker. Man organisiert Treffen, hilft wandernden Gesellen-Kollegen, gute Meister zu finden, boykottiert unehrliche Meister, richtet eigene Trinkstuben ein. Mit gemeinsamer Kasse werden Plätze in Spitälern erworben und Herbergen für wandernde Gesellen eingerichtet. 

Boykott schlechter Meister und punktuelle, eher seltene Streiks führen zur Verfolgung der Gesellenvereine durch die Zünfte und die städtische Obrigkeit.

In der Konsequenz entwickeln sich Gesellenvereine oft zu (religiös eingefassten) Bruderschaften. Schulz beschreibt für um 1500, wie die Bruderschaft der Colmarer Bäckergesellen über die Stiftungen großer und sehr teurer Prozessionskerzen (in einem Fall 124 Gulden) mit den Badergesellen um den prominenten Ehrenplatz bei der Fronleichnamsprozession konkurrieren (Schulz, S.252f)

 

Die Wanderung als Teil des Gesellendaseins setzt sich im 15. Jahrhundert immer mehr durch, verpflichtend wird es allerdings erst im Verlauf des 16. Die meisten Wanderungen betreffen den deutschen Sprachraum, der auch dadurch stärker (wenn auch nicht politisch) zusammenwächst. Nicht wenige schaffen es aber auch bis London, nach Norwegen, in französische Städte, insbesondere auch nach Rom. Im 16. Jahrhundert mit seinem zunehmenden Nationalismus, seiner Fremdenfeindlichkeit und der zunehmenden konfessionellen Bigotterie schwindet dieser europäische Radius.

 

****Krämer****

 

Einen Sonderfall stellen in den Städten die Krämer dar, die von der Größe her oft in etwa einem Handwerksbetrieb entsprechen und wie dieser dem Zunftzwang unterliegen. Im Unterschied zum Handwerker verkaufen sie aber nicht Selbstproduziertes, sondern ein gemischtes Angebot an Waren (nur) aus anderen Orten. Dabei unterliegen sie eigentlich im Unterschied zum Großhandel dem Marktzwang, aber sie tendieren auch dazu, von zuhause aus zu verkaufen. Vor der Übermacht des Großhandels werden sie dadurch geschützt, dass diesem wiederum der Kleinhandel untersagt ist.

 

Der Mangel an umlaufender Münze tendiert dazu, dass Krämer auf Kredit einkaufen und auch wieder verkaufen. Dabei können dann in der Spätzeit der zweiten Blüte des mittelalterlichen Kapitalismus erhebliche Umsätze erreicht werden, was manchmal dazu führt, dass sie Zutritt zu der politischen Macht in der Stadt gewinnen.