ANHANG 7: DIE ZEITZEUGEN THIETMAR UND EKKEHARD

 

 

Die Welt des Thietmar von Merseburg (975-1018): Das Chronicon

 

Anders als Bernward von Hildesheim hat sich Thietmar sein Denkmal weniger mit Bauten und Kunstwerken gesetzt als mit seinem Text, der zunächst wohl dem Andenken an sein Seelenheil und den Interessen seines Bistums dienen sollte und sich dann doch zu einem breiter angelegten Geschichtswerk ausgedehnt hat.

 

Er stammt aus dem vornehmen Haus der Grafen von Walbeck im heutigen Sachsen-Anhalt. Der erste Graf Liuthar stirbt 929 im Kampf gegen Slawen. Sohn Liuthar II. ist in eine Verschwörung gegen Otto I. verstrickt, weshalb er sein Land erst einmal verliert und dann nur gegen erhebliche Zahlungen überwiegend zurück bekommt. Zur Sühne lässt er in Walbeck eine Kirche bauen.

Nach seinem Tod bekommt Sohn Siegfried die Grafschaft, und Sohn Liuthar III. wird Markgraf der Nordmark. Er wird mächtiger Unterstützer von Heinrich II.

auch gegen den Markgrafen von Meißen, der die Verlobung von Liuthars Sohn Werner mit seiner Tohter Liudgard hintertrieben hat. Dafür entführt der sie nun mit ihrem Einverständnis und heiratet sie nach dem Tod ihres Vaters. Kurz darauf erbt er die Nordmark. 1009 ermordet er einen gegen ihn intrigierenden Grafen am Hof des Königs und verliert die Mark und Benefizien, was ihn mit dem polnischen König konspirieren lässt. Am Ende bekommt er alles nur gegen eine hohe Strafzahlung zurück. Nach dem Tod von Liudgard entführt er eine weitere Frau, und zwar gegen ihren Willen. In diesem Zusammenhang stirbt er dann.

 

Auf Bruder Siegfried folgt in der Grafschaft Walbeck sein Sohn Heinrich, und dessen Bruder ist unser Thietmar hier. Mehrere Brüder werden Äbte und Bischöfe. Er selbst wird im Stift Quedlinburg und dann im Domstift von Magdeburg erzogen und erhält eine gute Ausbildung. Um 1000 wird er dort Mitglied. Er kauft sich in das Probstamt ein. 1004 wird er vom Erzbischof von Magdeburg in Gegenwart Kaiser Heinrichs II. zum Priester geweiht, was bereits seine Nähe zur Macht zeigt. 1009 dann macht ihn der Kaiser zum Bischof von Merseburg, dem er dafür aber einen Teil seines Erbes abgeben muss.

Das Bistum ist relativ klein und vergleichsweise schlecht ausgestattet, was Thietmar immer wieder beklagen wird. Auf diese Ausstattung und ihre Vermehrung scheint er ganz besonders sein Augenmerk gerichtet zu haben. Abgesehen von der Kenntnis einiger („heidnischer“) römischer Klassiker wie Vergil und Ovid erscheint sein „Christentum“ wie das seiner Zeitgenossen stark geprägt von seiner Überformung durch alttestamentarische und germanische Vorstellungen. Der Jesus der Evangelien und der Kirchenväter steht dagegen bis auf wenige Aspekte deutlich zurück.

 

Thietmar stellt sich selbst eher als aristokratischer Kriegerbischof denn als Seelenhirte dar, wozu alttestamentarische Vorstellungen auch besser passen. So stirbt seiner Ansicht nach Bischof Hildeward als verus Israelita, was als ein großes Lob gemeint ist. (IV,26) Otto I. beweint denn auch nach den Tod von Sohn Liudolf wie David den Absalom (II,12) und eine Verwandte ist mild wie Sarepta und keusch wie Judith. (VII,3) An Vergleichen aus dem Neuen Testament, welches eigentlich Christentum begründet, mangelt es weithin..

 

Wir sehen den Autor, wie er dem Schreiber einen Text diktiert, der wohl in der ersten Version vor allem an seinen Nachfolger gerichtet ist, um sein Angedenken aufrecht zu erhalten, denn „bei Christus leben alle Seligen durch ihre Tugenden, in dieser Welt aber durch ihre Schriften.“ (VI,64). Sein Hauptanliegen scheint jedoch schon von Anfang an weniger mit irdischer gloria (aber eben auch!) als dem Zugang zum Himmelreich zu tun zu haben, denn der Leser soll nach Lektüre „mit Tränen und Bitten das schreckliche Antlitz meines künftigen Richters versöhnen (examinatoris horridam faciem).“ Hier gibt er als Beispiel für seine Sünden an, er habe die Probstei von Walbeck durch Simonie erlangt, denn er hätte sie sonst nicht bekommen. (VI,43)

 

Einen klar abgesetzten Sündenbegriff entwickelt er aber ganz im Sinne des frühen Mitttelalters nicht, denn das inzwischen an sich christliche peccatum wird oft mit dem sehr weltlichen crimen (Verbrechen), der facinus (II,7), der schweren Untat oder dem delictus (IV,20) vertauscht. Gleich am Anfang schreibt er: crimina multa peregi (I Einleitung), ich habe viele Verbrechen begangen. Der Leser soll ihn darum (nach seinem Tod) „dem gierigen Rachen des Wolfes“ entreißen, der ihn „zerfleischt“ (VIII,12). Er benutzt dabei ein gängiges naives Höllenbild der Zeit.

 

Das Christentum hat sich einer Welt aristokratischen Kriegertums anverwandelt, und deren Wertvorstellungen in „christliche“ hinein idealisiert. Das funktioniert natürlich in der Wirklichkeit nur als inneres Gespaltensein.

Otto III. gab sich nach außen stets heiter; aber heimlich seufzte sein Gewissen wegen zahlreicher Vergehen, die er in stiller Nacht mit Wachen, intensiven Gebeten und Tränenströmen abzuwaschen versuchte. Oft fastete er die ganze Woche außer dem Donnerstag, und tat sich mit großen Almosen hervor.(IV,48)

Entsprechend schreibt er, dass er selbst nach außen „gut“ erscheine, aber sein Inneres beschädigt er mit pessimis cogitationibus (schlimmsten Gedanken) wie ein Schwein. (I,20)

 

Nun ist es die Tugend eines Christen, sich seiner Sündhaftigkeit bewusst zu sein, aber Thietmar stilisiert sie sogar zu eigenen Charakterfehlern hoch. Damit entlässt er sich aus einem christlichen Menschenbild, welches keinen „Charakter“ kennt, sondern eine der Besserung zugängliche Person:

Aber ich bin nichtswürdig (miser), sehr jähzornig, und nicht zur Besserung zu bringen, gierig, spöttisch obwohl zu verspotten. Ich verschone niemanden, wie ich sollte. Ich bin ein Schlemmer, und Heuchler, Geizhals und Verleumder und (…) peior sum, quam possit dici (schlimmer, als man ausdrücken kann).

Und er leitet die ganze Tirade schon ein mit dem, was sein Leser tun soll, so wie er es getan habe: Habe ich auch in diesem Leben wenig Gutes getan, tamen defunctorum semper memor sum. (so habe ich doch der Toten immer gedacht. IV,75) Der Toten gedenken aber heißt, die himmlischen Mächte für sie um Gnade, Begnadigung anzuflehen.

 

Der von Gott auf Erden eingesetzte oberste Richter ist fraglos der König/Kaiser, und nach seinem Bild ist es dort oben der himmlische dominus in seiner maiestas (Kap.1 Einleitung), also in machtvoller Vollkommenheit. Gott ist sol iustitiae (die Sonne der Gerechtigkeit), ist Richtergott, belohnt und bestraft, ist erster und oberster König (VI Einleitung). Die himmlische Welt ist die irdische in Perfektion.

 

Thietmar gibt eigene Verfehlungen an, und es handelt sich um Verstöße gegen Kirchenrecht oder weltliche Rechtstraditionen. Die auf das nahe Weltenende ausgerichteten ethischen Forderungen des evangelischen Jesus sind durch eine biedere Moral ersetzt, die sich eine bürgerliche Oberschicht in den Städten demnächst anverwandeln wird, indem sie sie auf ihr Wirtschaften und ihre Lebensformen hin zuschneidet.

Frühmittelalterlich sieht das so aus: Ein vom Teufel getriebener König kopuliert gegen ihren Widerstand in der Passionszeit mit seiner Frau. Das Kind ist an sich dem Teufel sicher, aber vielleicht kann man das Böse ein wenig mit Taufwasser abwaschen. Auch die legitime Ehe hat eben die Festtage einzuhalten, an denen man sich der Unreinheit zu enthalten hat. (I, 24/25)

 

Der germanischen Oberschicht war der Christengott als Gott des Krieges und des Schlachtenglücks nahe gebracht worden, den Leuten darunter wurde mit ihm Angst gemacht und diese dann mit Hoffnung versüßt: Was weltliche Macht auf Erden nicht richtet, führt Gott im Himmel dem Schwert der Gerechtigkeit zu. Andererseits greift er aber schon auf Erden ein: Er errichtet seine weltlichen Machtstrukturen, überreicht den (christlichen) Herren die Erde und greift im Ernstfall schon auch hier ein, besonders in geschichtsträchtigen Situationen. Der Einfall der Ungarn ist der Wille Gottes als Strafe für Sünden. Er schickt sie den Sündern an den Hals. Darauf müssen die Herren Buße tun und Gutes, damit sie diese Teufel in Menschengestalt besiegen können. (I,24)

 

Das do ut des einer heidnischen Antike ist voll ins „Christentum“ integriert. Gott ist gnädig genug, Sünder irgendwann zu seiner Rechten sitzen zu lassen, aber dafür muss man einiges tun, ähnlich wie man nur durch Leistung in die Nähe des königlichen Throns auf Erden gelangt. Und der König und die Kirche sagen, was zu tun ist. Gott genehme Opfer (Exequien) lösen zum Beispiel die Fesseln eines totgeglaubten Gefangenen in der Ferne.

 

Die resurrectio mortuorum, die Auferstehung von den Toten, ist allerdings besonders für den noch recht stark in germanischen Vorstellungen verwurzelten Sachsenbischof ein Thema, welches er nicht mit letzter Konsequenz behandeln kann. Es ist dabei sowohl Verheißung wie Drohung.

Einerseits meint er im Sinne gebildeter Kirchenväter, die Körper lebten nicht weiter, denn supersunt animae (die Seelen bleiben) und sind beata aeternitate gaudentes (erfreuen sich einer glückseligen Ewigkeit II,44). Andererseits ist er noch voll in der germanischen Angst vor Wiedergängern befangen, die er nun in den Beweis für eine Auferstehung des Leibes verwandelt:

Ein Priester von Walsleben trifft auf dem Friedhof die Verstorbenen der letzten Zeit und redet mit ihnen (I,11). Dasselbe findet auf dem Friedhof der aecclesia mercatorum (Kirche der Kaufleute) in Magdeburg statt (St.Johannes I,12). Entsprechendes erfährt Bischof Balderich von Utrecht von seinem Priester. Ut dies vivis, sic nox est concessa defunctis, so wie der Tag den Lebenden gehört, so die Nacht den Toten. Und: Non oportet plus sapere mortalem, quam, ut sanctus ammonet Paulus, ad sobrietatem (mehr sollte man, wie Paulus ermahnt, davon nicht wissen). Er selbst hat nachts Tote reden und Holz fällen gehört. Für die Bekehrung der heidnischen Slawen, die, wie er meint, an kein Leben nach dem Tode glauben, ist das alles seiner Ansicht nach sehr anschauliches Material (I,14).

 

Wenn das aber so ist, werden sich die Menschen am Jüngsten Tag wieder begegnen: in die ultimo iterum sociari (VI,88), und das verstärkt natürlich die Vorstellung, dass sie das in einer Gestalt tun werden, die sie gegenseitig sich wiedererkennen lässt. In welchem Maße es allerdings nicht nur Verheißung, sondern zugleich bedrohlich ist, vor den strengen und „rächenden“ Richtergott zu treten, kann man aus einem Trostwort Thietmars entnehmen: Der Tag des Gerichts steht noch nicht bevor, wie Paulus sagt, denn zuvor muss erst der Antichrist erscheinen. (VIII,6) Es hat also noch Zeit bis zum Schreckenstermin.

 

Das hindert ihn (und seine Kirche) aber nicht, Heiligen und besonders geachteten Königen den ganz schnellen Durchgang zu Gott zuzuschreiben. Und dann sind nicht nur ihre Überreste wundertätig, sondern sie selbst – von oben herab. Fast beiläufig erklärt Thietmar, Heinrich II. sei durch Eingreifen (intercessio) des heiligen Lambert in Lüttich von einer Kolik befreit worden. (V,28).

 

Die Kirche hatte sich schon lange die Macht des kirchlichen Sündenerlasses angemaßt, der gerne auf der Grundlage eifrigen Spendens an sie erteilt und insbesondere natürlich den Ihren zuteil wird.

So erteilen die Bischöfe einem sterbenden Bischof Walthard von Magdeburg die indulgentia (VI,71), das höchste Gnadenmittel, welches sie in ihrer Verfügung haben. Aber der hatte schon zu Lebzeiten vorgesorgt: Die Schwachheit unseres Fleisches sühnte er durch viele bittere Tränen und unsäglich reiche Almosen (elemosinarum largitate VI,75). Nicht erwähnt wird, dass er die von den Abgaben der Gemeinde und dem Kirchengut finanziert. Mit „Schwäche“ (fragilitas) ist nicht nur die Sterblichkeit, sondern auch die damit verbundene Sündhaftigkeit gemeint. Dass er viel haben muss, um viel geben zu können, ist selbstverständlich. Die Masse der Bevölkerung seiner Diözese kommt in Thietmars Text ohnehin kaum vor, scheint nicht erwähnenswert – ein wenig im Unterschied zu Bernward von Hildesheims Schalten und Walten.

 

Mit Büßen und Almosen ist Thietmars Kollege also schon zu Lebzeiten fast in den Stand der Heiligkeit eingetreten. So erscheint er ihm denn auch leibhaftig in früher Morgenstunde und erklärt ihm, er habe seine Strafe schon verbüßt (also in kürzester Frist). Später erfährt Thietmar, Walthard sei an Allerheiligen vor Gott erschienen. (VI,79).

 

Man muss also etwas leisten auf Erden für eine beschleunigte Himmelfahrt. Bernward von Hildesheim baut die Kathedrale aus und stiftet St. Michael. Damit hat er nicht nur vor den Menschen durch - für damalige Verhältnisse - Monumentalbauten Eindruck gemacht, sondern nach eigener Ansicht seinen Weg zu Gott beschleunigt. Das ist dem nicht so wohlhabenden und wohl auch wenig kunstsinnigen Thietmar allerdings nicht gegeben.

 

Aber die absolutio (Erlösung) am dies iudicii (Tag des Gerichts, II,45) wird, wie schon erwähnt, auch ohne Bauten und allzu viele Almosen durch das Totengedenken (memoriae indiget salutari II,18) erreicht. Dafür stiften die mächtigeren Herren Kirchen und Klöster. Dessen bedarf der Bischof an sich nicht, hat er doch schon seine Kathedrale. Die Schrift lehrt, meint er, das Gebet für die Toten und die Wirksamkeit der Almosen für ihre absolutio (I,21). Das ist zwar eine gewagte Interpretation einer Textstelle des Alten Testamentes und hat mit dem evangelischen und paulinischen Jesus nichts zu tun, aber das macht nichts, wenn man nur dran glaubt.

 

Beispiele edler Damen für das Erlösungswerk an ihren Gatten gibt es denn auch zur Genüge: Judith versucht durch Almosen die Sünden ihres verstorbenen Mannes und Bayernherzogs zu sühnen (emendare II,40). Kaiserin Adelheid tut als Witwe alles, um die Seele ihres Gemahls Kaiser Ottos I. zu befreien (liberatio animae II,44) Nun hat Thietmar kein angetrautes Weib, welches ihn überlebt, aber dafür seinen Nachfolger im hohen Kirchenamt, dem er seinen Text vor allem hinterlässt.

 

Römische Verkirchlichung und darauf folgende Germanisierung des Christentums lassen eben vom evangelischen Jesus nur wenig übrig. Immerhin hatte dieser Almosen im Sinne seiner Forderung nach Besitzlosigkeit geboten, allerdings nicht so sehr als Eintrittspreis für das Himmelreich. Zudem war er mit der Macht eines Gottes wundertätig. Inzwischen sind aber längst auch die Heiligen im Himmel wundertätig auf Erden und entlasten damit den Heiland, der irgendwie inaktiv geworden ist. Ein Mönch mit Kopfschmerzen sitzt auf der cloaca, und da kommen Dämonen aus dem Lokus heraus und bedrohen ihn, was schon einmal bei gewissen Verdauungsbeschwerden geschehen kann. Aber vor denen schützt ihn dann prompt der heilige Veit (IV,72). Eine fromme Äbtissin vermehrt durch ein Wunder den ausgetrunkenen Wein für Gäste und wiederholt so das Weinwunder von Kana. (IV,33) Die dazu gehörige heilige Kanne Jesu ist inzwischen vielerorts in den Kirchenschätzen zu bewundern.

 

Dazu kommen heilige Objekte mit Zauberkraft: Eine Frau wird von einem üblen Gespenst (monstrum) bedroht, welches problemlos mit Heiligenreliquien und Weihwasser von einem Priester vertrieben wird. (VII,68) Der Bischof von Kolberg missioniert heidnische Slawen:

Er zerstörte und verbrannte heidnische Heiligtümer; er reinigte das von Dämonen bewohnte Meer, indem er vier mit heiligem Öl gesalbte Steine hineinwarf und Weihwasser aussprengte. (VII,72)

 

Wer solches glaubt, dem kündigen auch Kometen Seuchen und andere Plagen an (IV,10 und anderswo), waltet doch am Himmel eine göttliche Ordnung. Aber man muss sich bei solcher Deutung göttlicher „Zeichen“ deutlich von den Heiden abgrenzen, die ähnliches treiben: Die signa des Himmels kommen nämlich nicht vom Besprechen durch Hexen oder ähnlichem; es liegt vielmehr am Mond, wie Macrobius und andere Gelehrte bezeugen. (IV, 15)

 

Nun gibt es für Thietmar (und seine Untertanen) aber nicht nur heiligen Zauber, sondern auch böse Magie, und wenn ihm einmal der Kragen platzt über jemanden, dann kann auch er (sogar) eine Gräfin verwünschen:

Mögen alle Verwünschungen (maledicio), die der selige Hiob gegen sich aussprach, dieses Weib treffen; sie hat es verdient. So viel Leid (tantum mali) soll sie auf dieser Welt erfahren, dass sie wenigstens in der Zukunft auf Vergebung hoffen darf. (VII,49 )

Nun hatte Hiob sich über sich selbst beklagt und niemand „verwünscht“. Das wiederum war eigentlich Sache der oben erwähnten Hexen, aber vielleicht doch genauso wirksam wie bei ihnen.

 

Man sieht, die Ausbildung an heidnisch-antiken Klassikern hat hier wenig gefruchtet bei der Herstellung gedanklicher Klarheit. Das ist sicher bei Leo von Vercelli oder Gerbert von Aurillac anders, und auch der Bischof von Halberstadt überragt laut Thietmar in scientia, sowohl spiritualia vel etiam carnalia (den geistlichen und auch weltlichen Wissenschaften) die meisten (I,6). Aber generell kann man von einer wesentlich magischen Weltsicht ausgehen, in der Natur-Gesetzlichkeiten und übersinnliche Phänomene ineinander verschränkt sind, ohne sich zu widersprechen. Das ist sicherlich bei den vielen, die nicht durch eine Kloster- oder Domschule gegangen sind, noch viel stärker so.

 

So etwas wird man bei den ersten Anfängen des Kapitalismus beachten müssen, denn er entsteht auch aus solchen Wurzeln. Alltag und Kirche werden immer deutlicher getrennt. Die Trennung in das rationale Machtdenken des aristokratischen Bischofs und seinen magischen Glauben wird so etwas vorwegnehmen.

 

Nirgendwo ist dieser Wunderglaube aber stärker als in dem Glauben an die magische Kraft der heiligen Reliquien, und er scheint durch alle Schichten zu gehen. Otto I. lässt multa sanctorum corpora (viele Körper von Heiligen) von Italien nach Magdeburg bringen, damit dies Bollwerk nach Osten kraftvoll wird (II,16). Ein Krieger zieht mit mächtigen Reliquien in den Kampf und ist dadurch „unbesiegbar“, denn die Reliquien sind unbesiegbar (I, 23). Und kaum ist der inzwischen heilige Adalbert gestorben, schon wirkt er Wunder (mirabilia IV,44)

 

Die weltliche potestas, Macht, ist von Gott eingesetzt (ab eo constitutis) (VI,38, genauso VI,48). Das funktioniert deshalb, weil der Himmel zwar ein Reich des Friedens ist, aber der Herr dort oben für die da unten wie ein Gott des Kriegeradels wirkt. Otto I. erscheint ein Engel evaginato gladio (mit gezücktem Schwert), um ihm etwas aufzutragen (II,24). Engel haben nicht nur Flügel, sondern tragen, insbesondere die Erzengel (besonders Georg und Michael), bei Bedarf auch Waffen und werden auch so dargestellt. Es sind himmlische Ritter. Auch einige Heilige lassen sich derart verwenden: Der hl. Mauritius ist ein unbesiegbarer (invictissimus) dux (Kriegsführer II,30) Als Christi miles soll er im Krieg gegen Boleslaw helfen (VII,16)

 

Der Bischof einer Herrenschicht von Kriegern behauptet sogar, Heinrich biete alle seine ihm und Christus getreuen Vasallen auf. (VI,9) Irdische und himmlische Gefolgschaft gleichen sich aufs Haar. Der Krieg erweist sich denn auch als ein Aspekt des bischöflichen Amtes. Deshalb kann ein Ansfried als Knabe von seinem gräflichen Oheim an Erzbischof Brun von Köln zur Ausbildung als Krieger (ad res militares) übergeben werden (IV,31), oder besser gesagt, Thietmar kann das so schreiben. Brun wird vielleicht einen Experten für das Kriegshandwerk abstellen. Eigentlich darf der Klerus und insbesondere ein Bischof keine Waffen tragen, aber wenn er seinem militärischen Kontingent voran reitet, ist es besser, er hält sich nicht daran. Ein Bischof steht so in der Erzählung Thietmars im Kampf gegen die Ungarn. Er verliert ein Ohr, wird an weiteren Körperteilen verletzt und bleibt unter den Getöteten wie tot liegen. Dann aber kann er doch nach schwerem Kampf seinen Gegner töten (necare). Da erfüllte seine Herde und alle Christen Freude. Excipitur ab omnibus miles bonus in clero. Der ganze Klerus sieht in ihm einen guten Krieger (II,27)

 

Über zwei Bischöfe zumindest schreibt Thietmar aber auch etwas anderes: Sein Zeitgenosse Bischof Eid versucht ein Leben in der imitatio der vita apostolica zu führen, was etwas Besonderes zu sein scheint (VII,25), und Bischof Wolfgang von Regensburg sogar sequitur dominum Christum (folgt dem Herrn Christus, V Einleitung). Nun bekennt Thietmar von vorneherein, nicht nach der Nachfolge Jesu gestrebt zu haben. Aber mit solchen Äußerungen wie zuvor wird doch deutlich, dass ihm in einem Winkel seines Bewusstseins klar ist, dass Christentum eigentlich etwas anderes wäre, als was er so treibt. Und das belegt er dann auch mit Geschichten von einem Leben frommer Frauen oder gar geradezu schon zu Lebzeiten heiliger Eremiten.

 

Doch die Welt Thietmars ist nicht von diesen Leuten geprägt, sondern von Kriegen, Fehden und Meuchelmord. Für ihn (und wohl nicht nur für ihn) scheint das Normalität zu sein, und darum spielt in seiner Chronik auch nicht sich aus der Welt absetzende Heiligkeit, sondern aristokratisches Kriegertum die Hauptrolle und wird von ihm unumwunden gefeiert, wie man schon sehen konnte. Germanisches Kämpferethos scheint überall durch, nur mühsam gebändigt durch eine hierarchische Ordnung persönlicher Beziehungen. Kritiklos wird es vom Bischof bei seinen Verbündeten und Oberen bewundert.

 

König Heinrich I. kann alle Feinde callide viriliterque superare (mit Klugheit bzw. List und mannhaft, also tapfer besiegen. I,9). Er glänzt mit herrlichen Taten. (II. Einleitung). Von einem christianisierten bzw. zivilisierten Kriegerideal, wie es sich im 11./12. Jahrhundert entfalten wird, kann noch nicht die Rede sein. Otto I. zieht gegen Regensburg, eadem regione depopulata atque combusta rediit. Der von Thietmar gefeierte König entvölkert also die ganze Gegend mit ihren Christen und brennt sie nieder. (I,6) Der von ihm vorgezogene Königskandidat Ekkehard von Meißen optimus erat miles, war also ein unübertrefflicher Krieger (V,5), was ein hohes bischöfliches Lob darstellt. Dieser Ekkihardus ist im folgenden Abschnitt, vir domi miliciaeque laudabilis, ein in Frieden und Krieg ruhmreicher Mann, wie Trillmich übersetzt. Nur deshalb ist es eher schmählich als unchristlich, wenn es nach seiner Ermordung heißt: Man schnitt seinen Kopf ab und plünderte die Leiche aus. (V,6).

 

Überhaupt fehlt weitgehend jede Kritik an der landläufigen Grausamkeit der Krieger. Der böse Feind wird geblendet (IV,21 / IV,67), Papst Johannes verliert Zunge, Augen und Nase. Crescentius wird enthauptet und an den Beinen aufgehängt. (IV,30), und das sind zwar auch Christen, aber eben aufsässig gegenüber dem von Gott eingesetzten Kaiser. Der Bischof scheint von lakonischer Mitleidslosigkeit. Da wird jemand beim Raub am Kirchenschatz erwischt. Die gerechte Strafe ist, dass er mit gebrochenen Gliedern ans Rad gebunden wird (IV,67). Man kann geradezu die Genugtuung des Kirchenfürsten heraushören. Es genügt nicht, ihn zu töten, er muss vorher hinreichend gequält werden. Man muss damals schon ein heiliger Eremit wie der Nilus von Rossano sein, um solche Greuel zu beklagen.

 

Brutale Gewalt liegt überall (im Text und wohl auch in der Wirklichkeit) in der Luft, und was Beruf und Berufung des Kriegeradels ist, lastet als steter latenter Schrecken auf den gemeinen Leuten, die nur zwischen den Zeilen überhaupt vorkommen: Breisach ist von den Bischöfen von Straßburg und Basel besetzt, und täglich ritten ihre Krieger (milites) aus, um Pferdefutter zu beschaffen. (V,21) Es braucht wenig Phantasie, sich vorzustellen, wie das vonstatten geht. Überhaupt sind Burgen und befestigte Ortschaften schwer einzunehmen, also verheert, plündert, entvölkert und brandschatzt man das Land, wie Thietmar selbst die Taten seiner edlen Recken beschreibt. König Heinrich II. tut das mit dem Schwaben des Herzogs Hermann, der sich ihm nicht unterwerfen will, und dessen Mannen plündern wiederum den Straßburger Dom, rauben den Schatz (thesaurus) und stecken die Kirche an. (V,12) Doch weil es sich um einen edlen Herzog und eine heilige Kirche handelt, fügt unser Merseburger Bischof hinzu, dieser habe von der Schandtat nichts gewusst.

 

Die bösen Pavesen wiederum haben Heinrich II. bei seinem imperialen Italienzug aus ihrer Stadt geworfen, und der lässt sie zurückerobern. Ritter Wolfram rächte ihn (Giselbert), indem er ohne Schaden zu nehmen mitten in den feindlichen Haufen eindrang und einen von ihnen durch den Helm hindurch bis zur Kehle spaltete. (VI,8) Thietmars Gott sagt zwar, sein sei die Rache, aber der bischöfliche Gott wünscht sie sich auch von seinen Streitern. Hier wird der edle Wettstreit übrigens ausnahmsweise einmal anschaulich (bis zur Kehle gespalten), aber nachdem der fromme König die Truppen plündern lässt, was Kriegsrecht ist, zeigt er „Erbarmen“ (misericordia), indem er befiehlt, diejenigen Überlebenden, die sich ihm unterwerfen, nicht auch noch zu töten.

 

Der Krieg gehört nicht nur zum Christentum, sondern das Christentum ist längst vornehmlich Krieg. Da siegen Christen über Sarazenen 1016 bei La Spezia: … Gott machte den Sieg so vollständig, dass (…) die Sieger die Menge der Erschlagenen und der erbeuteten Waffen nicht zu zählen vermochten. Dabei wurde auch ihre Königin gefangen und wegen der Freveltaten ihres Gemahls enthauptet. Ihren goldenen, ringsum mit Edelsteinen verzierten Kopfschmuck nahm der Papst vor allen anderen an sich und sandte ihn später dem Kaiser als seinen Anteil, den man auf tausend Pfunde schätzte. Nach Verteilung der Beute kehrte das siegreiche Heer froh in die Heimat zurück und sang Loblieder zu Ehren des Siegers Christus (Christus triumphans VII,45)

 

Was bedeutete Adel bei diesen Kriegern? Der Begriff ist noch nicht klar definiert. Da ist einmal jene Freiheit, die sie zu Herren über die unfreie, da vielfältig von ihnen abhängige produktive Bevölkerung macht. Zudem sind die Noblen im Unterschied zu den noch verbliebenen wenigen freien Bauern „edel“, was sich durch ihren Besitz, ihr kriegerisches Dasein und überhaupt ihre Lebensform darstellt, Otto II. beispielsweise lebt nobiliter (III,1). Dazu gehören die entsprechenden mores, denn nobilitas wird durch moribus geschmückt (II,4)

 

Der Kriegeradel, zu dem auch Thietmar gehört, hat dabei virtus, was eigentlich Mannhaftigkeit heißt, aber hauptsächlich zur Tapferkeit geworden ist (V, Einleitung), während es bei den Damen zuallererst seit der christlichen Antike die Jungfräulichkeit meinte, aber längst auch die keusche Ehefrau, wobei Keuschheit nun (dies sehr antik römisch) die Treue und Unterwerfung unter die männliche Dominanz samt der unter die kirchlichen Sexualregeln meint.

 

Man ist aber dabei nur illustris, was ausgesprochen edel meint (II,19), wenn man eine ausgesprochen gute Ahnentafel hat. Der schon erwähnte Erzbischof Walthard von Magdeburg, den der König im ersten Anlauf, obwohl von den Domherren gewählt, am Bischofsamt gehindert hatte, wird von Thietmar so gelobt: Er stammte von edelsten Ahnen, machte seinem ererbten Adel nie Unehre... (VI,75) Da kommt dann der Ruhm des „Hauses“, des Stammbaums dazu. Die kaiserliche Schwester Mathilde hat innata sibi a parentibus summis gloria, ist also in die Glorie ihrer allerhöchsten Verwandtschaft hineingeboren.(IV,60)

 

Dass solche Herrenmenschen auch schon mal, wie einige sächsische, Christen an Heiden verkaufen, was Heinrich II. auf einer Synode verbieten lässt (VI,28), oder, wie von Markgraf Gunzelin verlautet, er Abhängige in den familiae an Juden verkauft haben soll, die sie dann vermutlich an Heiden weiterverkauften (VI,54), ist wohl unerfreulich, gehört verboten, nimmt ihnen aber offenbar wenig von ihrem (christlichen) Adel.

 

Die Bischöfe und der Domklerus sind ganz selbstverständlich in aller Regel Teil dieser nobilitas. Sie wurden von ihren Eltern als Kinder in klösterliche und nun immer häufiger kirchliche Schulen geschickt, um in der Kirche Karriere zu machen und Macht und Einfluss ihrer Familie dort zu stärken. Sie bleiben eng mit dem Kriegeradel verbunden, und so kann Thietmar über Erzbischof Tagino lobend schreiben: Er liebte Männer von edler Herkunft und Lebensart (nobiles), ignobiles verachtete er nicht, hatte sie aber nicht in seiner Nähe. (VI,65).

 

Die Könige und Kaiser setzen sich darüber nur hinweg, wenn es ihrer Machtentfaltung einmal zuträglich ist. Thietmar erwähnt eine solche Ausnahme: Otto II. macht Kanzler Willigis zum Mainzer Erzbischof, obwohl viele wegen seiner niedrigen Herkunft dagegen waren. Seine Mutter war eine paupercula, aber wenigstens bona, und Gott macht ihr Kind wenigstens später den Edlen gleich. (III,5).

 

Bei solchen Vorstellungen ist es vielleicht nicht völlig verwunderlich, dass das geistliche Amt eines Bischofs in Thietmars Text kaum vorkommt. So heißt es vom schon erwähnten „hochwürdigen“ Bischof Wolfgang von Regensburg, er sei ein pius pastor, ein frommer Hirte (V,42), aber das war es auch schon. Eine Ausnahme gibt es ihm ganzen Text: Ein Erzbischof reist durch seine Diözese Merseburg, suos docendo et confirmando (unterweisend und firmend, übersetzt Trillmich). Nachts kontrollierte er die „Brüder“, ob sie weiterschliefen oder zur Matutin gingen. (III,11)

 

Breiten Raum nehmen stattdessen die kirchlichen Machtfragen ein. Ganz oben in der Hierarchie steht da das Verhältnis Kaiser-Papst im Raum, wobei Thietmar bereits ins Zweifeln gerät. So setzt Otto I. den in/iuste angeklagten Papst Benedikt ab, der doch direkt unter Christus steht und über den nur Gott richten darf (II,28) Andererseits maßt sich der stadtrömische Große Crescentius kaiserliche Rechte an, als er den Johannes zum Papst macht. (IV,30) Darf der Kaiser also, wie er das auch tut, Päpste einsetzen, aber nicht absetzen?

 

Eine Etage drunter greifen sächsische Könige und Kaiser massiv in kirchliche Strukturen ein und verändern sie eigenmächtig. Otto III. richtet zum Beispiel ein Erzbistum in Gnesen ein, ohne die Zustimmung davon Betroffener einzuholen. Thietmar schreibt: ut spero legitime (IV,45), er hofft, dass das legitim sei, was impliziert, dass es völlig illegitim ist, was man seinem Kaiser aber nicht offen aufs Tablett legt.

 

Die Sachsenkönige schaffen sich eine stärkere Machtbasis unter den Reichsbischöfen und setzen ihre Kandidaten für die wichtigeren Bistümer gegen das Wahlrecht des örtlichen Klerus durch. Thietmars Haltung ist zwiespältig wie in so manchen anderen Fragen. So erwähnt er für die Zeit König Heinrichs I., dass aufgrund von dessen Schwäche Herzog Arnulf von Baiern alle Bistümer selbst vergeben kann. Aber das Recht stehe eigentlich nur Königen und Kaisern zu, denn sie stehen zu Recht über den pastoribus, da Christus sie eingesetzt hat. (I,26)

 

Andererseits ist Kritik an königlicher Handlungsweise implizit in der Erwähnung derselben enthalten, wenn es dabei zum Konflikt kommt. So sendet Heinrich II. seinen Kaplan Wigbert nach Magdeburg voraus, um den einstimmigen Willen der Brüder zu erreichen. (für die Wahl Taginos) Der Propst Walthart aber versucht das altgebräuchliche Wahlrecht der Domherren durchzusetzen, und sie wählen darauf ihn. Doch Heinrich setzt mit Druck seinen Kandidaten durch und in cathedram expiscopalem ipse constituit. (setzt ihn selbst auf den bischöflichen Thron. V,40/41) Noch deutlicher in der Ausdrucksweise ist folgende Passage: Auf Geheiß des Königs (iussu regis) inthronisiert (inthronizavit) Bischof Arnulf den Erzbischof Walthard nach dem Tod seines Vorgängers. Er war der einst von ihm abgelehnte Kandidat des Klerus gewesen, deshalb muss jetzt die königliche Rolle sehr deutlich hervorgehoben werden. (VI,68)

 

Nur einmal wird Thietmar in seiner Kritik an königlicher Willkür sehr deutlich. Als nämlich der Erzbischof von Trier starb, wählte man gemeinsam seinen Kaplan Adalbero, den Bruder der Königin und immaturus iuvenis, mehr aus Furcht vor dem König als aus Liebe zur Religion (quam amore religionis).“ (VI,35) Über die Trierer Querelen um den Bischofsstuhl wird es zum Krieg kommen.

 

Wiewohl sich Thietmar einmal selbst der Simonie, also des Ämterkaufes bzw. der Bestechung bezichtigt, oder vielleicht auch deswegen, beschuldigt er damit bei Gelegenheit solche, die nicht seine volle Sympathie genießen. Bischof Ohtrich besticht mit pecunia alle Großen und insbesondere die Römer, denen immer alles käuflich (venalia) ist, um Bischof zu werden. (III,13) Der Metzer Bischof wird mit 1000 Pfund Gold und Silber bestochen (III,16), und der Erzbischof von Magdeburg verhindert seinen Abgang aus Magdeburg durch große Geldzahlungen (magna pecunia) an Mittelsleute. (IV,46)

 

Geld spielt um die erste Jahrtausendwende bereits eine große Rolle. Es befindet sich als gemünztes und ungemünztes Gold und Silber im wesentlichen in den Händen weltlicher und geistlicher Großer und im Klosterschatz. Es ist Teil von Kriegsbeute und erstrebenswerter Besitz, es wandert in Form von Geschenken von Hand zu Hand und es finanziert vorwiegend Luxus. Wie gerade erwähnt, kann man sich davon auch Ämter erkaufen. Die Kirche steckt damit allerdings inmitten jener Gier nach Besitz und Macht, die der evangelische Jesus und der paulinische Christus als Ablenkung vom Weg zu Gott benannt hatten.

 

Das dritte Begehren, welches von der Nachfolge Jesu abhält, gewinnt im Text Thietmars kaum Raum. Vielleicht sind seine oben erwähnten ebenso geheimen wie schlimmen Gedanken damit befasst. Dass der Geschlechtstrieb gerade für den Klerus eigentlich ein gewichtiges Thema wäre, kommt nur an einer Stelle durch, als er erwähnt, dass der Erzbischof Friedrich von Mainz ein vir abstemius, also enthaltsam sei. (II,35) Das sagt er wohl einmal, weil dieser fromme Mann im Konflikt mit dem König gestanden hatte, wie um ihn zu verteidigen. Andererseits ist aber bezeichnend, dass man das bei einem Bischof überhaupt erwähnenswert findet.

 

Ansonsten taucht Sexualität nur noch dreimal auf, wenn man von den Passagen über die Schlechtigkeit der „Moderne“ einmal absieht, auf die weiter unten kurz eingegangen wird. In allen drei Fällen, und das ist bemerkenswert, sind sexuelles Begehren und Besitzgier ganz eng miteinander verschränkt: Heinrich I. iuvenili exarsit amore, entbrennt also in jugendlicher Liebe zu Hatheburg, und zwar ob huius pulchritudinem et hereditatis divitiarumque utilitatem, wegen ihrer Schönheit und der Brauchbarkeit ihres reichlichen Erbes, und das, obwohl sie als Witwe den Schleier genommen hat (scriret velatam 1,5), also eigentlich für ihn unantastbar sein müsste. Später brennt er heimlich und lichterloh wegen der Schönheit und des Besitzes jener Jungfrau, mit Namen Mathilde (ob pulchritudinem et rem cuiusdam virginis, nomine Mathildis, secreto flagravit1,9)

 

Als nächster dann gewinnt Otto I. vermittels Geschenken (donis) Ethelheidam (Adelheid)und gewinnt mir ihr dann auch noch Pavia (II,5). Offizielle adelige Verbindungen sind solche von Besitzungen und Machtstrukturen. Wenn eine solche durch Verliebtheit und sexuelles Begehren gestiftet wird, ist das nicht nur die Ausnahme, sondern sicher damals bedenklich. Beruhigend ist dann die Erwähnung des Reichtums der Begehrten, weil sie als stabilisierendes, einer Ordnung verpflichtetes Element anzusehen ist. Und im Fall des großen Otto und seiner Adelheid werden Feuer und Flamme gar nicht erwähnt, sondern es wird darauf verwiesen, dass er mit ihrer Hand das italienische Königreich der Langobarden gewinnt.

Die parallele Stelle bei Widukind, auf die Thietmar sich bezieht, ist noch etwas deutlicher, denn hier versuchte er mit Geschenken aus Gold die Liebe der Königin zu ihm als vorteilhaft erscheinen zu lassen, wie Rotter/Schneidmüller so schön übersetzen: amorem reginae super se probare temptavit. (III,9)

 

Weltliche Große, Könige insbesondere, befriedigen ihren Geschlechtstrieb oft auch mit Geliebten oder flüchtigen Begegnungen, was so selbstverständlich ist, dass es bei Thietmar keine Erwähnung findet. Überhaupt ist das ein heikles Thema für einen Kleriker, nicht zuletzt auch, weil ein Teil des Klerus illegitim verheiratet ist oder Konkubinen bzw. Geliebte hat. Umso ungenierter kann er von jenem Begehren schreiben, welches mit ganz materiellem Besitz zu tun hat.

 

Für ihn und andere scheint der Erwerb von Grundherrschaften, ganz weltlichen Rechten und Besitztümer eine hohe Aufgabe von Bischöfen zu sein (und nicht nur des weltlichen Adels). Da es mit anderem etwas hapert, konzentriert sich Thietmar auf das, was im weitesten Sinne sein bzw. der Kirche Schatz ist. So heißt es über Heinrich II: Er schenkte uns ein mit Gold und einer Elfenbeintafel geschmücktes Evangelium, einen edelsteinverzierten goldenen Kelch mit einer Patene und einem Röhrchen, 2 Kreuze, silberne Lampen und einen großen Kelch aus gleichem Material mit Patene und Röhrchen. (VI,102)

 

Dann schon gegen Ende seines langen Textes ermahnt er seinen diesen lesenden Nachfolger in der Übersetzung von Trillmich: Mit milder Hand hat der Kaiser unserer Kirche folgendes geschenkt: ein Stück vom siegreichen hl.Kreuz samt anderen Heiligenreliquien; einen goldenen, prächtig mit Edelsteinen verzierten Altar; eine mit kostbaren Steinen geschmückte Goldbüchse; ein sowohl auf seine wie unsere Kosten verziertes Vermögensverzeichnis samt zwei Weihrauchbehältern und einen Silberbecher. Das müssen wir nicht nur bewahren, sondern auch mehren. (VIII,14) Zwischen den Zeilen schwebt die Tatsache, dass Bischof Thietmar sich deutlich mehr vom König erwartet hatte.

 

Besitz wird nicht kapitalisiert, er ist noch Selbstzweck und schieres Mittel zu altmodischer Machtausübung. Die Geschenkelisten oben deuten auf noch etwas: Pracht, Prunk und Protz sind nötig, um den Status zu zeigen und zu symbolisieren. Otto I. lässt Marmor, Gold und Edelsteine (gemmisque) aus Italien nach Magdeburg schaffen (II,17). Königlich heißt prunkvoll, wer unterstellt sich schon einem Machthaber, der seine Macht nicht auch so darbieten kann. Hochaltäre wie der des Doms von Magdeburg sind golden, mit Edelsteinen und Bernstein geschmückt oder sonstigen Kostbarkeiten, ein Schatz für sich neben dem eigentlichen Domschatz (thesaurus, IV,65) Und inmitten all dieser Schätze in der Kirche tritt der Bischof in besonders hervorragendem, reichem Bischofsornat auf, wie es Erzbischof Tagino zum Beispiel beschaffte (VI,65).

 

Von Bischof Bernward von Hildesheim haben wir schon gehört, dass er sich mit zwei monumentalen Kirchen quasi hoch in den Himmel baut. Bischöfe versuchen, wo sie nur konnten, durch große Neubauten oder Umbauten ihre Bedeutung zu vergrößern, die Kirche von Verden zeichnet sich darum durch magnitudo und qualitas aus (II,32 Größe und Pracht) und die neue Domkirche von Bamberg ist so prachtvoll, wie es dem König gebührt (ut summo decuit regi, in ominibus hanc ornatam vidi. VI,60) Bevor die also eine Bischofskirche oder ein Haus Gottes ist, ist sie ein Kaiserdom.

 

Soviel Prunk und Protz ist nicht nur unmittelbarer Bewunderung anheimgegeben, sondern dient auch der Inszenierung weltlicher und geistlicher Macht in bewegten Bildern. Otto I. lässt sich an Festtagen dreimal in prächtiger Prozession von Bischöfen und anderen Priestern mit Kreuzen, Heiligenreliquien und Rauchfässern zur Kirche geleiten (II,30) Man trägt auch draußen herum, was drinnen an Schätzen versammelt und so sonst den Augen der gemeinen Menge zum Teil entzogen ist. Bei eigentlich kirchlichen Festivitäten, die Reichtum zur Schau stellen, vermischt sich Religiöses und säkulares Spektakel in aller Öffentlichkeit und oft auch zum Vergnügen des gemeinen Volkes. Die Weihe des Halberstadter Domes findet „zur Freude aller“ in divinis laudibus et in negotiis secularibus statt, also mit dem Lob Gottes und sehr weltlichen Vergnügungen (IV,18). Die Könige feiern mit großem Gefolge und Spektakel all diese vielen Kirchenfeste. Ein solches Fest der Passionszeit in Ingelheim magis honorifice ac potestative numquam fuit. (VII,54 es machte mit seiner Pracht alle Ehren und gab mit seinem Glanz die königliche Macht wieder). Bei der Aufnahme von Thietmar in St.Mauritius, ins Domstift, gibt es wenigstens ein zweitägiges Festmahl, welches immerhin acceptabile ist (IV,16), also wohl allen gefallen hat.

 

Klöster sind zwar ein wichtiger Teil der Welt der Herren des frühen Mittelalters, aber sie kommen bei Thietmar auch fast nur im Zusammenhang von Verwicklungen der Macht und der Mächtigen vor. Entsprechend steht der sächsische Bischof den Reformbewegungen der Zeit verständnislos und ablehnend gegenüber. So berichtet er dann zum Beispiel, dass die meisten Mönche weinend ihr Kloster verlassen, weil ein Reformabt von außen eingesetzt wird, (VII,13) und bringt ihnen wohl Verständnis entgegen. Über Bischof Gebhard von Regensburg klagen die Mönche von St.Emmeran: Beste alte Gewohnheiten (culta) hebt er auf, um Neues ist er sehr bemüht. Er verlässt die patria (Trillmich übersetzt: Heimat) mit den ihm Anvertrauten, und Fremdes, mag es auch noch so fern sein, pflegt er mit überflüssigem Aufwand (VI,41).

 

Zum Lebensumfeld gehören auch Verortung und ethnisches Selbstverständnis. Während Vorgänger Widukind von Corvey noch ganz Sachse ist, öffnet sich bei Thietmar ganz zaghaft ein deutscher Horizont, der Westfranken, Italiener, Ungarn, Slawen und Skandinavier ausgrenzt. Es fehlt aber noch eine entsprechende Begrifflichkeit. Wenn bei ihm die Ungarn („Awaren“) die Waffen „gegen uns“ (adversum nos) erheben (II,9), bleibt schon mal in der Schwebe, ob damit nur die Sachsen oder schon die werdenden Deutschen gemeint sind. Aber dies „uns“ bezieht sich doch oft noch auf Sachsen. Einmal taucht aber schon das Wort 'deutsch' auf, bezeichnenderweise, als der „italienische“ Arduin contra Theutonicos kämpft (V,26).

 

Ein Begriff im Übergang ist die lateinische patria. Wenn Kaiser Otto I. zur defensio communis patriae in Magdeburg ein Erzbistum gründet (II,20), dann könnte mit dem Vaterland auch nur Sachsen gemeint sein mit seinen Konflikten mit den Elbslawen, ebenso wenn er Magdeburg unterstützt zum salus patriae communis, dem Heil des gemeinsamen Vaterlandes (II,3). Das ist aber nicht mehr so eindeutig, wenn er sagt, dass die Vorfahren ihren Herren immer treu gewesen seien und wacker gegen fremde Völker (extraneas nationes) und nicht gegeneinander gekämpft hätten (VI,48), denn das muss sich nicht mehr nur auf die Sachsen beziehen, sondern kann für alle deutschen „Stämme“ gelten, die natürlich auch als nationes und regna bezeichnet werden.

 

Extraneus heißt außerhalb befindlich oder fremd, fremdländisch. Und damit gemeint sind eben die außerhalb des deutschen Sprachraumes existierenden Völker. Die Griechen zum Beispiel „fallen solita callidate“, mit gewohnter Hinterhältigkeit über Gesandte Ottos I. her (II.15). Sie sind eben anders als „wir“, genau wie die Römer, die „falsch“ sind (IV,48). Überhaupt: Im Römer- und Langobardenland herrscht „viel Hinterlist“ (insidia VII,2).

 

Die Abgrenzung von den Italienern ist natürlich eine Antwort auf die imperialen Phantasien sächsischer Kaiser, die einerseits beeindrucken, denen aber viele dennoch wenig abgewinnen können. Die von den Griechen ist vielleicht eine Reaktion auf die Annäherungsversuche der Westkaiser an die des Ostens.

 

Die Abgrenzung von Skandinaviern und Slaven als kriegerische Nachbarn der kriegerischen Sachsen macht dieses gleich wieder zur wesentlichen patria. Seine eigene Verwandtschaft geriet durch wikingische Piraten zwecks Lösegelderpressung in Gefangenschaft und er selbst in eine bedrohliche Lage. Heinrich zwingt ihnen zurecht Tribut (censum) auf. Zudem werden Dänen et Northmannos dazu gebracht Christi iugum portare, Christi Joch zu tragen. Aber wer seiner Kenntnis nach alle neun Jahre Menschen- und Tieropfer darbringt, hat es nicht anders verdient (I,16).

 

Schwieriger ist es mit den Slawen, ebenfalls Heiden und ein Teil der Bevölkerung seiner Diözese. Da ist die nie ausgesprochene Ähnlichkeit der Bedrohung slawischer Kultur durch die Sachsen mit der Zerstörung der sächsischen durch die Franken, die gerade einmal zweihundert Jahre her ist.

 

Dass Liutizen ihre Götter mit Opfern gnädig stimmen (IV,13), klingt recht vertraut. Und wenn er schreibt, dass die Slawen alles mit suorum auxilio deorum verheerten, (III,19) also mit der Hilfe ihrer Götter, dann machen das die Christen mit der ihres dreieinigen Gottes auch. Am deutlichsten wird die Äußerung, man zwinge die frei geborenen Milzener unter das Joch der Knechtschaft (servitutis iugo, V,7). Besser wäre es wohl, sie durch ständiges Predigen und Taufen zu bekehren und nicht so vorzugehen wie der Vorgänger von Thietmar:

...den heiligen Hain Schteitbar, der bei den Anwohnern immer in göttlichem Ansehen gestanden hatte, und der seit Urzeiten niemals verletzt worden war, ließ er völlig vernichten. (VI,37)

 

Überhaupt scheint er sich für seine slawischen Untertanen und Nachbarn interessiert zu haben und auch ihre Sprache zu beherrschen. So schreibt er zum Beispiel über den heiligen und befestigten Ort Riedegost im Deutsch von Trillmich:

In der Burg befindet sich nur ein kunstfertig errichtetes, hölzernes Heiligtum, das auf einem Fundament aus Hörnern verschiedenartiger Tiere besteht. Außen schmücken seine Wände, soviel man sehen kann, verschiedene, prächtig geschnitzte Bilder von Göttern und Göttinnen. Innen aber stehen von Menschenhand gemachte Götter, jeder mit eingeschnitztem Namen; furcherregend sind sie mit Helmen und Panzern bekleidet (…) Für das Heiligtum gibt es besondere Priester. Man versammelt sich zum Opfer für die Götzen oder zur Sühnung ihres Zorns (iram placare) (...) Jede Region dieses Landes hat ihren Tempel und ihr besonderes, von den Ungläubigen verehrtes Götzenbild. (...) Ihr unsagbarer Zorn aber wird durch Menschen- und Tierblut besänftigt. (…) Über allen, die zusammen Liutizen heißen, steht kein besonderer Herrscher. Wenn sie in ihrer Volksversammlung (consilium) Fragen erörtern, müssen alle einmütig der Ausführung eines Unternehmens zustimmen. (VI,23ff)

 

Insgesamt ist der älter werdende Bischof fest in seiner Zeit und ihren Vorstellungen verwurzelt. Nur zwei Dinge scheinen ihn zu irritieren. Einmal berichtet er folgendes: Auf einem Zug gegen die Dänen werde malae irrisionis in clericos exclamatio laut, die a malis hominibus noch heute zu hören sei (III,6) Auch andernorts im Text dringt schon mal durch, dass Kirche und Christentum trotz oder wegen Christianisierung nicht überall rundherum beliebt sind.

 

Das andere wird zweimal angesprochen. Da ist von einer Gräfin Christina die Rede:

Sie, die ihre guten Taten heimlich vollbrachte, war ganz anders als die Frauen, die zu den modernen (modernos) gehörten. Ein großer Teil von ihnen bekleidet seinen Leib unziemlich, und zeigen allen Liebhabern (amatoribus) offen, quod venale habet in se, was Trillmich mit: was sie feilzubieten haben übersetzt, (…) absque omni pudore coram procedit speculum tocius populi. Also: Ohne alle Scham lassen sie sich vom Volk beschauen. IV,63)

Der bitterböse Ton gipfelt in der Parallelisierung von guter Tat und heimlich einerseits und Schamlosigkeit und offen andererseits.

 

Vier Kapitel später wird das wieder aufgenommen:

Heute aber (apud modernos) herrscht mehr als recht und üblich Freiheit zur Sünde (libertas peccandi), und so treiben nicht nur viele verführte Mädchen (ancillae), sondern auch ein Teil der Ehefrauen noch zu Lebzeiten ihres Gatten Ehebruch, von fleischlicher Begierde zu schädlicher Lust getrieben. Sie stiften ihre Liebhaber an, ihre Ehemänner umzubringen, um mit ihnen dann zusammenzuleben. Heute gibt es keine harte Strafe mehr (poena gravis) dafür, und so wird die neue Gewohnheit (consuetudo), wie ich befürchte, immer mehr gepflegt. (VIII,3)

 

Man könnte auf den ersten Blick meinen, man wäre plötzlich tausend Jahre weiter gesprungen, wenn man vom Gattenmord einmal absieht. Oder aber man befände sich wenigstens in einer Stadt der Gotik, in der das Schneiderhandwerk die Erotisierung der Frauenleiber durch neue Mode betreibt. Wer also sind die „Modernen“ der ersten Jahrtausendwende, die Männer mit ihrer Kleidung sexuell aufreizen und wie tun sie das mit den damaligen Möglichkeiten? Durchbricht tatsächlich mitten im frühen Mittelalter das Bedürfnis nach sexueller Lust die Schranken von Ehe und Familie? Thietmar meint sicherlich dabei Mitglieder der adeligen Kriegerschicht, denn um das Leben des gemeinen Volkes in seinem Erfahrungsraum kümmert er sich wohl weniger und hat ihnen gegenüber auch kaum sonderliche Erwartungen. Die ancillae (Mägde) der zweiten Passage könnten vielleicht Huren sein, aber wäre das für Sachsen jetzt erst etwas Neues? Vermutlich kannten die vorzivilisatorischen Sachsen so etwas noch nicht, aber das lag zweihundert Jahre zurück.

 

Das alles wird noch näher zu untersuchen sein, denn in solchen Passagen kommen wir den damaligen Menschen vielleicht etwas näher als im übrigen Text.

 

 

Ekkehard (IV.) und St.Gallen im 10./11. Jahrhundert

 

Um 612 gründet Gallus, ein irischer Mönch und Gefährte des Columban, an der Steinach in einiger Entfernung von Bodensee eine Einsiedlerzelle. Um 720 wird ein Otmar als Gründer eines (zönobitischen) Klosters an diesem Ort eingesetzt und bevölkert dieses mit rätischen (romanisierten) Mönchen, die später durch Vertreter alemannischer Adelsfamilien abgelöst werden, die das Kloster mit Grundbesitz beschenken. Die karolingischen Hausmeier machen Konstanz zu einem Zentrum fränkischer Herrschaft und greifen von dort auf das Kloster über. 757 setzt Pippin der Jüngere die Benediktregel durch und St.Gallen wird dem Bistum Konstanz unterstellt. Auf dem Weg zu Pippin wird Otmar von Grafen des Bischofs überfallen und eingekerkert. Er stirbt 759 in der Gefangenschaft. Der Bischof setzt nun seinen Kandidaten als Abt durch, und als er kurz darauf stirbt, übernimmt der Abt das Bischofsamt in Personalunion.

Unter Abt Gozbert erhält St. Gallen 818 von Ludwig dem Frommen dann doch ein Immunitätsprivileg und die Erhebung zum reichsunmittelbaren Kloster. Es wird zu einer wichtigen Stütze der fränkischen Herrschaft in Alemannien. Im Skriptorium entstehen bedeutende biblische und "wissenschaftliche" Texte. In den Kämpfen der Söhne Ludwigs des Frommen wird das Kloster dann in Mitleidenschaft gezogen. 841 setzt Ludwig der Deutsche seinen Kaplan Grimald, also einen Weltgeistlichen, als Abt durch, der vor allem die Beziehungen zum Hof pflegt und einen Mönch für die Aufsicht über das geistliche Leben bestimmt. Unter einem Abt Salomo kommt es 890 bis 919 zu einer erneuten Blütezeit, mit der die Geschichten des Ekkehard (IV.) beginnen, die dann nach 970 abbrechen.

926 fliehen die Mönche vor den Umgarn auf ihre Wasserburg bei Lindau und zu einer Fluchtburg in den Wäldern. Die Ungarn beschädigen das Kloster, brennen den seit etwa 720 entstandenen Ort, inzwischen eine kleine Stadt, nieder und morden die Einsiedlerin Wiborada. 937 legt ein Klosterschüler Feuer, welches dem Kloster erneuten Schaden zufügt.

 

Ekkehard wächst offenbar in der Sankt-Gallener Klosterschule zum Mönch heran und wird dann dort Magister, bis er nach ab 1022 als Magister in Mainz unterrichtet, um dort bis zum Tod Bischof Aribos 1031 zu bleiben und dann wieder als Lehrer nach St.Gallen zurückzukehren, wo er wohl vor 1060 stirbt.

Die gegen Ende seines Lebens geschriebenen 'Casus Sancti Galli' beruhen offensichtlich weit überwiegend auf Hörensagen im Kloster, also mündlicher Tradition. Ihr "Wahrheitsgehalt" sowohl in vielen Details wie auch in den historischen Einordnungen ist darum oft zweifelhaft und mehreren propagandistischen Zielen untergeordnet, deren wichtigstes wohl die implizite wie explizite Kritik an den von Lothringen ausgehenden "gallischen" und "schismatischen" Reformbewegungen seiner alten Tage ist, wie er sie nennt. Ekkehard schreibt wohl zu Zeiten des Abtes Nortpert, der Schüler des im lothringischen Stablo regierenden Reformabtes Poppo gewesen war. "Ekkehards Hass gegen diesen Poppo von Stablo ist unübersehbar. In einigen seiner Glossen beschimpfte er den Reformer und dessen Lehrer, Richard von St.Vannes, als Heuchler, Trunkenbold und Werkzeug des Teufels." (Steffen Patzold in: Ekkehard, S.302). So spricht er denn auch von einem monastischen Schisma, welches sie von den "Galliern" erdulden (tempora, que a Gallis patimur, monachorum scismatis, Ekkehard, S.264). Ziel der 'Casus' ist es offernsichtlich, gewisse Freiheiten im Umgang mit der Benediktregel als harmlos für das Florieren eines Klosters darzustellen.

 

Dem reformerischen Vereinheitlichungsdrang der Praxis der Benediktregeln und deren buchstabentreuer Stricktheit setzt er eine Vielfalt entgegen, die auf den unterschiedlichen Persönlichkeiten beruht, die er an herausragenden Beispielen exemplifiziert. Entsprechend betont er den Geist der Regeln gegen ihre Buchstabentreue (Steffen Pätzold, s.o.). Dafür zitiert er auch den Bischof Arnulf von Toul:

Denn nicht über eine einzige Bahn und Regel (unius tramite et regule via) wird das Himmels- und Gottesreich erstiegen; weil es mitten unter uns ist, dürfen die einen so, die anderen aber so emporklimmen (... und dann ein Jesus-Wort aufgreifend:) Und so viele Wohnungen im Reiche des Vaters sind, so viele Wege (vie) (...) führen, wofern ich nicht irre, hinein. (Ekkehard, S.202)

 

Ekkehard erklärt diese unterschiedlichen Wege im selben Geiste deutlich irdischer aus der unterschiedlichen natura der Mönche, ihrer unterschiedlichen Persönlichkeit also. Das macht er vor allem am Beispiel der verschiedenen, immer aber herausragenden Charaktereigenschaften und Talente von Notker Balbulus (der Stammler), Tuotilo und Ratpert deutlich. Solche Talente streifen aber nur am Rande das Thema Frömmigkeit, und so redet er über Notker denn auch als den Gelehrten, Maler und Arzt, um ihn darzustellen (cap.123). Das die "Natur" für Theologen der eher diabolische Gegenpol zum Himmelreich und zu jeder Form von Heiligkeit ist, ignoriert er ungeniert.

 

Dies ist ein Bild klösterlichen Lebens des 10. Jahrhunderts, welches erst im 11. entworfen wird, aber es mag implizit verdeutlichen, was cluniaszensische und dann lothringische Reformer bewegt. So lässt etwa Ekkehard den Bischof von Chur über St. Gallen gegenüber Otto II. urteilen: Wenn der Gerechte sich selbst Gesetz ist, dann habt ihr keine regeltreueren (magis regulares) Mönche in eurem Reich. (Ekkehard, S.204) Das ist offensichtlich eine sehr gewagte Auslegung von Regeltreue.

 

Wir haben es hier nur mit einem Text aus einem Kloster zu tun, aber zugleich immerhin mit einem, der in manchem jene detaillierten Einblicke ins Klosterleben gibt, die ansonsten meist fromm verschwiegen werden. Fast nichts erfahren wir dabei zum Thema Sexualität, welches von seiten der Klöster ohnehin regulär totgeschwiegen wird. Immerhin geht es kurz einmal um die jeweils in deren Zuhause stattfindende Unterrichtung schöner Frauen und implizite gegenseitige Verdächtigungen.

 

Im Kern wird deutlich und vom Autor verteidigt, dass Mönche des Klosters in vielen Punkten von der Benediktregel abweichen, - ohne aber deren "Geist" zu verlassen.

Offenbar gibt es dabei erhebliche Konkurrenz zwischen den Klöstern, wie zwischen Reichenau und St.Gallen, die den Reichenauer Abt veranlasst, sich in St.Gallen einzuschleichen, um Regelverstöße zu entdecken. Er wird dabei entdeckt und kommt nur knapp an Prügel vorbei. Und so wird das Kloster auch bei Otto d.Gr. denunziert, der eine große Untersuchungskommission schickt.

 

Die Klausur schließt eigentlich die Mönche von der übrigen Menschheit ab. Tatsächlich gelangen immer wieder andere, eben auch hochgestellte Laien hinein. Und so heißt es zur Zeit von Abt Notker: Selber habe ich vor den Zeiten des monastischen Schismas, wie wir sie von den Galliern (Lothringern) erdulden müssen (also schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts), erlebt, dass Grafen und andere mächtige Herren, Gefolgsleute auch von St.Gallen, um der Freude willen an Festtagen unseren Prozessionen durch das Klosterinnere zu folgen, - junge und alte Männer (...) - in Mönchsröcke gehüllt mit uns marschierten, wohin wir nur immer gingen. Und auch im Refektorium habe ich ihrer acht, die freilich verdiente Männer waren, an einem Ostertag beim Abt und bei den Dekanen im Mönchshabit zu Tische sitzen sehen. (cap.136). Man verkleidet also Laien in Mönchskutten, wenn man sie in die Klausur einlässt.

 

Umgekehrt sollen die Mönche aufgrund der Verpflichtung zur stabilitas loci ihr Kloster regulär nicht verlassen. Daran scheint man sich aber nur wenig zu halten, es genügt offenbar der des öfteren gegebene Dispens des Abtes. Musterbeispiel ist der Autor selbst, der sein Kloster für viele Jahre verlässt, um unter dem Mainzer Erzbischof dort eine Schule zu leiten. Ein anderer Lehrer, Ratpert, betont extra, dass er im Jahr nur zwei paar Schuhe verbraucht habe, so selten habe er das Kloster verlassen. Ausgehen nannte er den Tod, und oft beschwor er unter Umarmungen den reisefrohen (itinerarius) Tuotilo, sich vorzusehen. (Ekkehard, S.79) Tuotilo aber zog mit Erlaubnis der Äbte, unter denen er diente, und meist sogar auf ihre Weisung, durch viele Länder um der Kunst (artificia) und der Wissenschaft (doctrinas) willen. (Ekkehard, S.88) Dabei sind Mönche ohnehin schon aus wirtschaftlichen Gründen, für Verkauf und Einkauf und für die Verwaltung der Güter zum Beispiel unterwegs.

 

Der junge Wolo gehörte zu jenen Vornehmen (nobiliores), die häufiger vom Weg abwichen und dafür mit Worten und Schlägen gezüchtigt werden. Seiner Freiheit offenbar gegen seinen Willen beraubt, steigt er gerne den Glockenturm hoch, um wenigstens so etwas von der Gegend zu Gesicht zu bekommen und stürzt dabei dann zu Tode. Notker träumt es darauf laut Ekkkehard, Ratpert erscheine ihm und sage über Wolo: Ihm sind viele Sünden vergeben, denn er hat viel geliebt. (Ekkehard, S.100). Das ist zwar laut Lukas-Evangelium ein Zitat Jesu, aber eines, welches Kirche und Kloster natürlich nicht teilen konnte und in diesem Kontext eigentlich für frivol hätte halten müssen. Dass eifriges Sündigen durch viel Caritas aufgewogen werden könnte, wäre der Ruin des mittelalterlichen Christentums gewesen.

 

Wolo steigt auf den Turm des Klosters, um die Welt der Freiheit außerhalb der Klostermauern mit den Augen zu ersehnen. Aber in massiven Krisen zeigt sich, dass viele der Mönche froh sind, wenn sie mehr Freiheiten erhalten. Nach Klosterbrand und Renovierung im 10. Jahrhundert heißt es: Die Brüder, die sich nach dem Brand ans Vagabundieren gewöhnt hatten, nötigte (der Abt) Craloh schließlich, ständig in der Klausur zu leben, zu gebotener Stunde zu schweigen und zu sprechen, die Regel täglich anzuhören und auszuüben ... aber: dazwischen ließ er ihnen, gleichwie Novizen, Freiheiten zukommen, die sogar wider die Regel waren (Ekkehard, cap.70).

Dennoch gilt er den Mönchen als zu streng, und er muss darum für zwei Jahre zum König fliehen. Danach kostet es Bischof Ulrich von Augsburg, einst selbst im Kloster erzogen, erhebliche Mühe, Abt und Mönche wieder miteinander zu versöhnen.

 

Ein wesentlicher Punkt ist individuelles Eigentum, im Kloster eigentlich verboten, aber die Gerüchte sagen, dass es in St.Gallen einige gebe, die reich an eigenem Besitz, verwöhnter lebten (cap.98). Das unter anderem veranlasst den Reichenauer Abt Ruodmann, das Kloster beim Kaiser zu denunzieren. Ekkehard kontert das in seinem Text damit, das Ruodmann reiche jährliche Erträge beiseite schaffte (cap.101), also: für sich selbst.

 

Benedikt verbietet alltäglichen Fleischgenuss im Kloster, dem schwächlichen Abt Purchard aber erlaubt laut Ekkehard der Konstanzer Bischof ausdrücklich, Fleisch zu essen und der darf es sogar Mönchen nach eigenem Urteil erlauben. Bischof Dietrich von Metz meint dazu über die Sankt Galler: Einen vortrefflicheren Mönch aber werde ich, glaube ich, niemals sehen, als einer von ihnen war, der manchmal Fleisch verzehrte (cap.105).

 

Daneben liebt dieser fromme Abt Purchard ganz aristokratisch herrliche Pferde. Dieser Vater nun ist laut Ekkehard vortrefflich, und ihm sind durch lange Übung die Tugenden bereits zur zweiten Natur geworden (in naturam iam vertenti, Ekkehard, S. 176). Man ahnt nicht nur, welche Privilegien Äbte im üblichen Kloster des 10. Jahrhunderts haben, sondern dass sie ihre Liebhabereien auch im Zusammenspiel mit mächtigen Bischöfen ausüben können. Das wird denn auch keine Reform mehr ändern.

Überhaupt scheint der Feischgenuss bei den Mönchen weit verbreitet gewesen zu sein, was ein Bischof damit kommentiert, er habe keine besseren Mönche als solche Liebhaber des Fleischgenusses gekannt: Nur einige dagegen haben in Räumlichkeiten, die der Abt innerhalb der vier eigenen Wände zur Verfügung stellte, auch Fleisch von Vierfüßlern genossen. Einen vortrefflicheren Mönch aber werde ich, glaube ich, niemals sehen, als einer von denen war, die manchmal (interdum) Fleisch aßen. (Ekkehard, S.212)

 

Ekkehard beklagt das zeitweise geringe Eigentum des Klosters, welches zu einem ärmlichen Lebenswandel führe, der geradezu zu Regelverstößen einladen könne. Höchste Aufgabe des Abtes sei es entsprechend, unter anderem durch gute Beziehungen zu fürstlichen und königlichen Höfen den Besitz des Klosters zu mehren. Diese Aufgabe scheint jedenfalls wichtiger zu sein als das Durchsetzen einer monastischen disciplina nach den Buchstaben der Benediktregel.

Solches demonstriert Ekkehard gleich am Anfang seines Textes lobend an Salomo, Hochadeliger mit besten Verbindungen zum Hof, von erheblichem Reichtum, den er auch in teure Geschenke für St.Gallen anlegt, mit Gold und Silber verschönt, wonach es ihm gelingt, mit dem zweifelhaften Titel eines Praemonachus bis in die Klausur vordringen zu können. Schließlich wird er Mönch. Der Abt behandelte ihn milder (delicatius) als Mönch gleichsam von Hof (de palatio) und bevorzugte ihn vor allen, die unter ihm ihren Dienst taten (militabant). (Ekkehard, S.34) Kein Wunder, dass er dann dort Abt wird und bald darauf außerdem Bischof von Konstanz. Mit Gold und Silber verschönte Prächtigkeit umgibt ihn.

Der König kommt zu Besuch und bietet ein Festmahl. Der Lektor erklärt dabei: Die Liebe (caritas), die kein Unrecht kann begehen, sie durfte die Zucht mit Fug verschmähen. Niemand sprach, dies oder das sei eigentlich verwehrt (...) Nie atmeten sie dort in der Klosterluft von Wild und Fleisch den gewürzten Duft. Gaukler tanzten und sprangen; Musikanten spielten und sangen. Niemals erlebte der Saal des Gallus von sich aus solchen Jubelschall. Der König, unter dem Klang der Lieder, schaute auf die gesetzteren (graviores) Brüder und lachte über einige von ihnen, denn da ihnen alles neu war, verzogen sich ihre Mienen. (Ekkehard, S.44)

Das passt zu jener anderen Anekdote, in der der noch junge Salomo die jungfräuliche Tochter eines Gastgebers schwängert. Sie büßt das, damit. dass sie Nonne und später Äbtissin wird, für ihn war das offenbar ein üblicher Fehltritt.

Das Gegenteil ist Hartmann, der vor lauter Frömmigkeit die Güter des Klosters vernachlässigt und den Meiern zuviel Freiheiten lässt, was laut Ekkehard zum Niedergang des klösterlichen Wohlstandes führt.

 

Benediktinische Klöster sind im frühen Mittelalter nicht gewaltfrei, alle physische Gewalt wie die Prügelstrafe hat aber vom Abt und vom Kapitel auszugehen. So wird der widerspenstige Wolo häufig (wenn auch vergeblich) mit Worten und Schlägen gezüchtigt. Gewalttätigkeit unter den Mönchen kommt aber nicht nur in St.Gallen vor. Dort wird ein Sindolf, der hinter den Regelverstößen der Mönche herspioniert, offenbar mit Zustimmung unseres Autors mit Peitschenhieben heftig verprügelt und wird dabei übel zugerichtet (cap.36).

 

Mönche gehören zu jener militia, die waffenlos zu bleiben hat. Tuotilo, einmal wieder auf Reisen, kann dazu beitragen, eine Räuberbande mit einem großen Holzknüppel niederzukämpfen. Sollte die wiederkommen, würden seine Reisigen ihn mit einer erbeuteten Lanze versorgen. Beim großen Ungarneinfall vergessen die Mönche natürlich das Gebot der Gewaltlosigkeit. Der Abt heißt die kräftigeren unter den Brüdern die Waffen ergreifen (arma sumere) und rüstete das Gesinde; selber zog er (,,,) den Panzer an, streifte Kukulle und Stola darüber und gebot den Brüdern, ein Gleiches zu tun. (...) Es wurden Wurfspieße verfertigt, aus Filzstoffen Panzer hergestellt, Schleudern geflochten, aus zusammengefügten Brettern und Korbgeflechten Schilde nachgebildet, Sparren und Knüttel zugespitzt und in der Herdglut gehärtet. (Ekkehard, S.114) Man zieht sich dann aber doch in eine Burg bzw. in den Wald zurück, wohlwissend, dass man sich so kaum wehren könne, während die Ministerialen des Klosters wenig Kampfgeist zeigen.

Als die Gefahr vorüber ist und die Ungarn abgezogen sind, legen die Mönche die Waffen nieder und gewöhnen sich wieder an den himmlischen Kriegsdienst (militia caelestis).

Spontane Prügeleien im Kloster kommen wohl auch, wenngleich selten vor. Als der unbeliebte Sandrat Schlechtes über sich reden hört, springt er auf ihn zu und versetzte ihm, der hochgeboren, aber auch hochgebildet war, einen tüchtigen Backenstreich. Jener aber, viel kräftiger als er, schoss im Nu den Arm vor und schlug ihm mit der Faust mächtig gegen die Schläfe und ließ ihn halb tot zu boden sinken. Dafür wird er denn auch hart mit Rutenstreichen gezüchtigt (cap141).

 

Der rituell-spirituelle Alltag der Mönche kommt nur am Rande vor, was mehrere Erklärungen nahelegt. Einmal, dass er als alltägliche Routine nicht besonders zu erwähnen wäre, und zum anderen, dass er für den Autor gegenüber anderen Aspekten geringere Bedeutung hat. Wichtig ist ihm zum Beispiel, dass die Söhne des Adels im Kloster im Saitenspiel unterrichtet werden, von jenem Tuotilo, der zugleich in der Dichtkunst so gut ist, dass er damit für Unterhaltung sorgen kann ( er ist serio et ioco festivus, Ekkehard S.79). Überhaupt gehören Scherze und Späße, hilaritas, zum mönchischen Alltag (cap.110/112 z.B.). Über Abt Notker heißt es denn auch: ... sein Frohsinn (hilaritas), der ihm gewissermaßen von Natur aus zu eigen war und unter heutigen Verhältnissen dem Luxus zugeschrieben werden mag, lässt sich nur zum Teil beschreiben (cap.134). Bei diesem Mann, largifluo in omni hilaritate, taucht denn auch wieder einmal die natura auf, hier als persönliche Disposition zur Heiterkeit, jener, die den Reformern des 11. Jahrhunderts eher abgehen wird. Für unseren Autor aber ist er ein "vortrefflicher Abt".

 

Von Ratpert, dem Magister, schreibt Ekkehard: Emsig in der Schule tätig, kümmerte er sich meist nicht um Tageszeiten und Messen, indem er sagte: "Gute Messen hören wir, sooft wir lehren, sie zu halten." Und wiewohl er als größtes Verbrechen für ein Kloster die Straflosigkeit bezeichnete, kam er doch nur, wenn man ihn rief, zum Kapitel; denn ihm sei, wie er sagte, das schwierigste Amt, zu kapiteln und zu strafen (officium capitulandi et puniendi) anvertraut. (Ekkehard, S.78) Natürlich ist es ein krasser Regelverstoß, häufig bei Messe und Kapitelsitzung abwesend zu sein, den wichtigsten gemeinschaftlichen Pflichten eines Mönches, und seine Lehrtätigkeit für gleichwertig zu halten. Aber bei seinem Tod ist man einigermaßen sicher, dass er umgehend im Paradies landen würde.

 

Hervorgehoben wird stattdessen jene disciplina, die im unbedingten Gehorsam (gegenüber dem Abt vor allem) besteht, und von der Ekkehard berichtet, dass sie eine hervorragende Tugend der Gallener Mönche darstelle, und sie ist immerhin der Inbegriff der Regel (cap.107).

 

Auch wenn die stark anekdotisch gefärbten Klostergeschichten sich im Einzelnen kaum verifizieren lassen, dürften sie, was das Maß an Regelverstößen angeht, eher untertreiben, und was ihre Art betrifft, wohl grundsätzlich nicht aus der Luft gegriffen sein.

 

Am Ende des 10. Jahrhunderts klagt in den Historien des Richer von Reims ein Abt Rodulf, "dass manche Mönche bis zu den Ohren reichende Mützen und kostbare, farbige Kleidung trügen, ihre Kutte viel zu eng schnürten und weite Hosen aus feinem Gewebe, die kaum die Schamteile vor Blicken schützten, sowie enge Schnabelschuhe mit Ohren an den Seiten trügen." (in: Goetz, S.111)

 

Wer selbst kein Vertreter strenger mönchischer Disziplin im Sinne der wortwörtlichen Befolgung der Benediktregel ist, kann leicht mit Ekkehards Anliegen sympathisieren, dass klösterlicher Alltag vor allem Rücksicht zu nehmen hat auf die unterschiedlichen "Naturen" der Mönche, dass er ihre Talente (vor allem Schreiben, Dichten, Musizieren, Malen, schöne Reliefs etc herstellen) zu berücksichtigen und zu fördern hat und das strenge Bescheidenheit beim Essen und Wein zum Beispiel dem nicht förderlich seien, so wenig wie das uneingeschränkte Eingesperrtsein in der Klausur.

Die von ihm beschriebenen unentwegten Regelverstöße, die er dem 10. Jahrhundert zuordnet, werden weithin von den Autoritäten, die sie von außerhalb begutachten, gutgeheißen, was einmal heißen könnte, dass sie gängige Praxis waren, zum anderen aber auch, dass das Kloster viele mächtige Gönner hat, von denen nicht wenige bereits aus der Klosterschule hervorgegangen waren.

Was den "Geist" der Benediktregel betrifft, so mag Ekkehard vielleicht nicht ganz unrecht gehabt haben, war diese doch wohl ursprünglich darauf aus gewesen, übermäßige weltverachtende Askese einzudämmen. Andererseits schimmert bei ihm aber durch, was Klosterleben durch Nachantike und frühes Mittelalter auszeichnet: Eine stete Tendenz zur Nachlässigkeit in der disciplina, irgendwann dann entweder von Reformen gefolgt oder aber, auch nicht selten, dem Untergang des Klosters.