Stadt 4: Italien und Spanien vom 12.Jh. bis 1250 (in Arbeit)

 

 

Kulturen? (Die Abschließung der Macht)

Konsulat

Stauferzeit in Italien

Contado

Die Gier, der Raub und der Krieg

Mailand

Genua

Pisa

Lucca

Florenz

Rom

Amalfi

Venedig (Der venezianische vierte Kreuzzug)

Konsulat in den Gebieten der Langue d'oc

Spanien

 

 

Kulturen?

 

Ich hatte zum besseren Verständnis von historischen Abläufen Kultur und Zivilisation voneinander unterschieden, wobei die eine sich über den Kult ethnisch definiert und Tradition als Entwicklung durch Erfahrung betreibt, während in Zivilisationen institutionalisierte Macht die Verfügung über Land und Leute und ihre Kulte an sich genommen hat und so Tradition als Selbstregulierung zumindest massiv verstümmelt. Zivilisationen sind also ihrem Wesen nach keine Kulturen und enthalten auch wenig davon.

 

Der Kulturbegriff der letzten Jahrhunderte ignoriert das und bezeichnet auch Lebensformen in Zivilisationen als Kultur, oder aber, ganz unterschiedlich davon, Artefakte einer gehobenen Wohnwelt oder aber, noch etwas ganz anderes, den Amüsierbereich. Dabei wird gerne mit Kultur auch das benannt, was das neuzeitliche Wort Kunst benennen möchte, welches derselben Unklarheit verfallen ist wie das neue Kultur-Wort. Dieses begriffslose Benennungschaos entspricht zunächst dem Legitimationsbedürfnis eines neuzeitlichen "Bürgertums", wie dieses im Deutschen missverständlich heißt, und zwar präzise in dessen Verfallszeit im 18./19. Jahrhundert. Noch mehr entspricht es heute der totalitären Propagandawelt aus hohlen und leeren Nebelworten, aus denen sich derzeit „politische Korrektheit“ zusammensetzt.

 

Ohne begriffliche Klarheit aber verfällt Geschichtsschreibung dem dümmlichen Gerede.

 

Christentum ist von Anfang an nicht kulturbildend, sondern in Zivilisationen eingebettet, von ihnen geprägt, -  und Kulturen massiv zerstörend. An die Stelle von Kultur tritt das, was ich in Ermangelung eines anderen Ausdrucks und recht missverständlich – als das Nebeneinander von Pseudokulturen bezeichnen möchte, kirchlicher, klösterlicher, adeliger, ländlicher und städtischer, natürlich dann auch noch zeitlich, regional und lokal verschieden. An der Stelle von Kulturen ist aber im Sinne von Klarheit der Begriff von Lebensformen mit ihren Vorstellungswelten besser.

 

Um einem idealisierenden Terminus zu folgen, handelt es sich auf den entstehenden Dörfern in begrenztem Umfang um neu entstehende Gemeinschaften, die ein kleines Stück weit sich in Selbstregulierung entfalten können, immer unter der Knute der Kirche und von Obrigkeiten und immer stärker differenziert in größere Bauern, kleinere hauptsächliche Selbstversorger  und armes Landproletariat. In dem Maße, in dem Dienste verschwinden und Abgaben in Geld geleistet werden, können solche Dorfgemeinschaften in engen Grenzen Erfahrung tradieren, soweit es von den Herren zugelassen wird. Wer diesen Rahmen durch Selbstdenken übertritt, ist der Verfolgung und dem Tod ausgesetzt.

 

Selbständiger agierender Handel und Handwerk in der Stadt sind einer ausgeklügelteren Obrigkeit unterworfen, die eher bei Partizipation reicher Händler noch zunimmt. Gemeinschaft reduziert sich hier auf den Betrieb und mehr oder weniger noch die Verwandtschaft. Was sich stattdessen herausbildet sind Gesellschaften, und zwar solche der produktiv und distributiv im selben Bereich tätigen Leute, Bruderschaften, Zünfte, Gilden. Mehr oder oft weniger zusammen mit Kirche, Stiften, Klöstern und im Norden eher wenigem weltlichem Adel wachsen sie zu einer politisch definierenden Gesamtgesellschaft, der Stadtgemeinde zusammen, die durch ihre Mauern wie durch ihre gemeinsame Obrigkeit definiert sind. Dabei entwickeln sich neben vielfältigen kirchlichen und klösterlichen Lebensformen auch ganz andere von Kaufleuten und Handwerkern.

 

Wenn wir also nun von einer städtischen Gemeinde als Konzentration vieler einzelner Gesellschaften und Individuen unter einer geistlichen wie weltlichen Obrigkeit reden, dann sind die Klammern der Ort, das Land, das Geschäft bzw. die Arbeit einerseits und die blanke Gewalt der Herren andererseits. Eine weitere Klammer ist das als Pflicht verordnete Christentum, von dem nur die Juden, solange sie geduldet werden, durch Privilegien ausgenommen sind.

 

***Die Abschließung der Macht***

 

Despotien trennen scharf zwischen Macht und Ohnmacht, andere Zivilisationen wie beispielsweise die Nachantike oder das frühe Mittelalter im lateinischen Abendland kennen unterschiedliche Formen der Partizipation privilegierter Gruppen. Immer aber ist der Anteil der Produzenten von Gütern an der Macht gering bis nicht vorhanden.

 

Die städtischen Zivilisationen des 10. und 11. Jahrhunderts in der Nordhälfte Italiens sind bis auf Venedig und Rom Teil des Königreiches Italien und ab Otto I. auch Teil jenes merkwürdigen Westkaiserreiches, welches einen römischen Königstitel für die deutschen Lande (und nicht nur sie) mit einem italienischen verbindet. Die bis auf Kaiser Otto III. selten anwesenden italienischen Könige operieren über Königsrechte, die an Markgrafen, Grafen und/oder Bischöfe delegiert sind. Dabei gehen über Privilegierungen immer mehr Rechte und Besitztümer an die Städte über.

 

In den Städten ist die Macht im wesentlichen in den Händen weniger an Rechten und Besitzungen Reicher und Mächtiger konzentriert, in deren Zentrum ein mehr oder weniger mächtiger Bischof steht. Ein größerer, in den Quellen nicht klar definierter Teil der Bevölkerung ist zumindest durch Anwesenheit an placita beteiligt, öffentlichen Gerichtsveranstaltungen, gelegentlich auch arenga genannt. Aus ihnen entsteht im 11. Jahrhundert die contio oder concio, in der sich zum Beispiel die Patarer-Bewegung punktuell gegen den reformunfreudigen Bischof stellt.

 

In den Konflikten um die Kirchenreform und dann den auch daraus resultierenden zwischen Päpsten und Königen/Kaisern verselbständigen sich die Städte immer mehr und betreiben zunehmend eigenständige Politik. Die markgräfliche Oberhoheit schwindet, früh im Piemont und mit dem Ende der mächtigen Mathilde in der Toskana zum Beispiel.

 

Das Machtvakuum wird gefüllt durch eine Beschleunigung auf dem Weg der Gemeindebildung: Das Gemeinsame, communis, wird zur Kommune. Ein Weg dazu führt über die Professionalisierung des Rechtswesens, welches seine erste große Zeit im 12. Jahrhundert hat, als Rechtsgelehrte zwar einerseits ein Feudalrecht kodifizieren, andererseits aber das ganz andere römische Recht immer stärker gegen die germanischen Volksrechte vertreten.

Ein zweiter Weg führt über die Professionalisierung der Macht, die von den hergebrachten hierarchischen Strukturen wegführt hin zu neuen. Während consules zunächst wohl ein anderes Wort für jene Machtgruppe ist, die durch die Verfügung über Land und Leute, durch Handel und Finanzgeschäfte reich und mächtig ist, die nunmehrigen nobiles, konzentriert es sich nun immer mehr auf Amtsträger, die sich ihre Legitimation nominell vom populus holen, fiktiv wie der Gemeindebegriff selbst. Das heißt, sie legitimieren sich auch nicht mehr kirchlich-religiös, sondern laikal. Dieses neue Machtzentrum nennt sich in Rom (nicht zufällig) ab 1143 Senat.

 

Diese Machtergreifung von Koalitionen aus grundbesitzendem Adel, Großhandel und Großfinanz findet in den verschiedenen Städten mal früher und mal später statt, und der Anteil der unterschiedlichen Machtgruppen an der neuen "politischen" Macht ist je nach den lokalen und regionalen Gegebenheiten sehr verschieden. Ausgeschlossen sind die Produzenten, Bauern, Handwerk und Lohnarbeit, also die Masse der Bevölkerung. Nur für zwei Kommunen sind wenige Vertreter des besonders gewinnträchtigen Handwerks unter den Konsuln zu finden. Immer aber hängt jener Status, der Macht bedeutet, sichtbar an der Verfügung über Land.

 

Was wohl geschieht ist keine bewusste Machtergreifung von sich kapitalistisch entwickelnden Machteliten gegen die bisherigen Hierarchien, sondern das an ihre Stelle Treten, als diese in den bürgerkriegsähnlichen Zuständen der Zeit des Konfliktes zwischen Kaiser und Papst ein Machtvakuum vorfinden. Dabei gibt es zunächst Adhoc-Gruppierungen, die dann langsam in festere Formen übergehen. (Wickham)

 

Die Kunst dieser neuen kollegialen und darum konfliktreichen Machtzentren besteht darin, ihre wirtschaftlichen Interessen nach außen erfolgreich gewalttätig zu vertreten, nach innen mit dem Schlagwort der Gerechtigkeit, iustitia, die Machtverhältnisse möglichst friedlich zu halten, und schließlich die Massen symbolisch an der Macht partizipieren zu lassen, um sie von dieser de facto fernzuhalten.

Ein wesentliches Moment in der Veranlassung der Massen, sich mit der Macht zu identifizieren, ist der Lokalpatriotismus, wie er sich in den Inschriften an der neuen Kathedrale von Pisa niederschlägt, Monument eines brutalen frühen Raubtier-Kapitalismus, oder in der geradezu perfekten Inszenierung der Macht in ihren Festivitäten in Venedig.

 

Gerade in den ehemaligen byzantinischen Enklaven Venedig und Rom stellt sich die von eher wenigen Mächtigen beherrschte Stadt in ihrer erwünschten Gemeinsamkeit in den Spektakeln von Prozessionen dar, geteilt in die Massen der Zuschauer und die in Marsch gesetzten Abteilungen von Kirche, Grundbesitz und beweglichem Kapital.

In Rom durchwandern sie, von Päpsten oder ihren Stellvertretern angeführt, alljährlich zum Teil sogar das ganze riesige Areal zwischen Lateranpalast und Vatikan. Diese wohlgeschmückten Festumzüge variieren den Streckenverlauf zu den verschiedenen Feiertagen, um möglichst große Gebiete einzubeziehen.

In Venedig, der Stadt mit der wohl bewusstesten und intensivsten Geschichtsfälschung als Propagandamittel, treten neben die kirchlichen dann relativ früh die politischen Festtage, obwohl schon die kirchlichen Manifestationen der Macht sind, wenn der Doge mit jener Entourage, mit der er sich zunehmend die Macht teilen muss, im Festgewand zur Messe schreitet, bevor es dann manchmal durch das Zentrum der Stadt geht.

 

 

Zivilisationen setzen nicht zuletzt eine gewisse Bevölkerungsdichte voraus. Unsere Entwicklungen hier stehen in engem Zusammenhang mit dem Anstieg der Bevölkerung in den betreffenden Städten. Zwar werden die neuen, sich nach unten abschließenden Machteliten nicht tatsächlich von den Massen delegiert, sondern das wird höchstens propagandistisch behauptet, aber schon Versammlungen von hunderten rechtlich "freier Bürger" sind demagogischer Manipulation ausgesetzt, bei tausenden dann werden sie zur Gänze unpraktikabel. Die im 19. Jahrhundert auch in der deutschen Sprache vorkommende Vorstellung von demokratischer Meinungsbildung ist bei größeren Menschenmengen entweder naiv oder böswillige Lüge. Aber nach dem wenigen, was aus dem 11./12. Jahrhundert überliefert ist, gibt es damals noch eine gewisse Öffentlichkeit, einen gewissen Zugang zu den Vorgängen in der Stadt, auch wenn die meisten Entscheidungsprozesse "politischer" Natur hinter dem Rücken der meisten stattfinden. Selbst eine damalige Großstadt mit 5 000, 10 000 oder gar 20 000 Einwohnern ist in ihren Strukturen noch einfach genug, dass der Einzelne unten etwas von dem nachvollziehen kann, was oben geschieht. Das wird sich in den darauf folgenden Jahrhunderten in den größeren Städten massiv ändern.

 

Anders gesagt: Selbst wenn die Delegation von Machtvollkommenheiten nicht zur Gänze von oben nach unten erfolgt wäre, sondern von unten nach oben, wäre sie Delegation gewesen, und damit Spezialistentum der Macht. Aber die neuartigen Städte entstehen aus der Verwandlung wirtschaftlicher in politische Macht und schon darum unter zunehmendem Ausschluss der meisten.

Man darf in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen, dass, bevor sich diese neuartige politische Sphäre in den Städten entwickelt, die immer ohnmächtigeren Massen der Bevölkerung bereits seit mehr als einem halben Jahrtausend darauf trainiert waren, hinzunehmen, dass eine allmächtige Kirche im Verein mit der militärischen Gewalt  alleine darüber bestimmte, was sie zu glauben und zu meinen hat. Diese Kirche aber trennte noch länger schon nicht mehr zwischen den machtpolitischen Realitäten und den Glaubensinhalten, sie waren und bleiben vielmehr eins. Die Geistlichen waren und sind - wortwörtlich zitiert - die Hirten und ihre Untertanen die Herde der Schafe. Wer die Herde verlässt, setzt sich in seiner Vorstellung Höllenqualen aus, und wem die Angst davor nicht reicht, der wird schon in dieser Welt physisch bedroht.

 

Konsulat

 

Zunehmend tauchen nun consules in den Urkunden auf, ohne dass ihr Amt näher beschrieben wird. Sie sind Vertreter der gesamten Stadtgemeinde und bald auch Heerführer. Am häufigsten dokumentiert ist ihre Richterfunktion, also das, was als Friedensherstellung benannt wird (Liber Pergaminus für Bergamo). Im 'Liber Cumanus' wird aus der Sicht Comos die Verteidigung der Stadt gegen Mailänder Militär (1118-27) beschrieben, und dort wird erwähnt, das Konsuln, meist als proceres bezeichnet, militärische Anführer bei der Verteidigung der Stadt sind. (Wickham(1), S.52f / S.56f).

Man weiß aus der Antike, dass Konsuln jährlich wechselnde Führungspersonen der Stadt waren und in Rom taucht das Wort denn auch seit dem 10. Jahrhundert für hochgestellte (reiche und mächtige) Personen auf. Anderswo werden duces oder comes so bezeichnet. 1098 taucht in Genua ein Amico Brusco auf, qui tunc erat civitatis consul, also nunmehr eine Amtsperson, die zeitlich gebunden ist. (Wickham(1), S.84) Anderswo lässt sich diese Vorstellung aber erst gegen Mitte des 12. Jahrhunderts feststellen.

 

Die erzählenden und urkundlichen Quellen sind zum Thema vorläufig dünn. Relativ früh tauchen in Asti im Piemont Konsuln auf, aber erst hundert Jahre später scheint die Macht des Bischofs gegenüber einer Art Gemeindebildung zurückzutreten. In so mancher norditalienischen Stadt scheinen die Konsuln im 12. Jahrhundert zur Entourage des Bischofs zu gehören. Manche sind Besitzer von Burgen, andere gelegentlich auch wohlhabende Händler mit Land im Hintergrund und andere Juristen mit wenig Landbesitz. Eine Vielfalt in allerlei Details unterschiedliche Entwicklungen finden in diesen Städten statt.

 

Wie man in das Konsulat kommt und wie sich Konsuln legitimieren, als sie sich an die Stelle königlich oder kirchlich legitimierter Macht setzen, bleibt zunächst unbekannt. Wickham meint, dass die Versammlung des concio "alternative Legitimierung für jene sich neu entwickelnde konsularische Praxis sei" (Wickham(1), S.63), wobei er sich vor allem auf Mailand bezieht, aber das Quellenmaterial ist dürftig.

1123 taucht in Bologna zum ersten Mal der Begriff consules auf als der von Vertretern einer Elite, die ihnen als popolo Gehorsam schwört. Laut Hyde ist popolo so wie compagna in Genua ein anderes Wort für Kommune (S.54). Wenn es da heißt, Wir, die Konsuln von Bologna, für uns und unseren Herrn Bischof Vittore und seine Nachfolger, mit unserem ganzen Bologneser populus ..., (in: Wickham(1), S.178), dann ist totus populus als Legitimierung nicht etwa die Bevölkerung oder das Volk von Bologna, obwohl das leise mitschwingen mag, sondern es handelt sich um vielleicht etwas mehr Leute als die etwa zwanzig städtischen Landbesitzer, die sich im Konsulat abwechseln.

 

Vermutlich ist die Legitimation der Macht der neuen Laien-Politiker in den Städten nicht deren größeres Problem. Zum einen sind sie hervorgegangen aus einer Tradition von Versammlungen, in denen sie ohnehin als boni homines, consules und manchmal auch sapientes Wortführer waren. Zum zweiten muss die Initiative zur Konfliktlösung, die Könige und ihre Amtsleute nicht mehr und damit auch Bischöfe immer weniger leisten können, von denen übernommen werden, die solche Konfliktlösungen auch durchsetzen können, und das heißt potentiell immer mit Gewalt. Schließlich müssen Städte handlungsfähig sein, wenn sie immer häufiger gegeneinander vor allem ökonomisch motivierte Kriege führen, mit denen sich die Bevölkerung oft genug identifiziert. Solche Kriege werden immer teurer und dafür müssen Abgaben durchgesetzt werden.

Alle solche Entscheidungsprozesse können nicht mehr im allgemeinen Diskurs der männliche "Vollbürger" stattfinden, sobald eine Stadt eine gewisse Größe überschritten hat. Andererseits lässt sich gerade in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts auch annehmen, dass politischer Einfluss nicht nur der eigenen Bereicherung und der seiner Verwandtschaft dient, sondern auch den Status von Leuten aufwerten und ihrer Eitelkeit dienen kann, die zwischen dem 11. und 17. Jahrhundert und bis ins 18. hinein besonders unverhohlen zu Tage tritt.

 

Nicht ganz klar bleibt auch, warum es Adelsfamilien gibt, die in das Konsulat streben, bis zur Mitte des Jahrhunderts aber auch solche, die das gar nicht tun bzw. nur sporadisch. In Pisa ist das Niveau der Familien, die in Mailand Kapitanen heißen, zunächst überhaupt kaum in der städtischen Politik vertreten. In Mailand wird in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die Stadt hauptsächlich von weniger Land besitzenden iudices vertreten.

 

Bezeichnend ist, dass bald zunehmend in Oberitalien und der Romagna diese Konsulate (manchmal anteilig) mit Vertretern von Capitanen, Valvassoren und Volk besetzt werden. Sobald dann beide Adelsgruppen gegen Ende des 12. Jahrhunderts "politisch", wenn auch nicht "ständisch", zu einem Adel zusammengewachsen sind, wird dem Adel nur noch die Hälfte der Sitze zuerkannt.

 

Die aus den Quellen erkennbaren Aufgaben der Herren der sich bildenden Gemeinde sind im wesentlichen dreierlei: Zum einen handelt es sich um die so schwierige Sicherung von Ruhe und Ordnung vermittels von Justiz, um die Führung der regelmäßig stattfindenden Kriege und schließlich um die friedlicheren Beziehungen nach außen, nicht zuletzt um Bündnispartner für kriegerische Aktionen zu finden.

 

Wesentlich ist, dass der Einfluss auf die Entscheidungen in der Stadt sich nicht wirklich verbreitert, sondern weiter auf Reichtum basiert, der immer auch in der Verfügung über Land und Leute seinen Status demonstriert. Während Stadt und Land immer kapitalistischer werden und in einer sich durchsetzenden Warenwelt aufgehen, wird das politische Gehabe immer aristokratischer und bleibt es bis ins 18. Jahrhundert, in manchen Regionen sogar ein wenig, bis es in Bolschewismus, Faschismus und Falange übergeht.

 

Oberto dall'Orto ist zwischen 1140 und 1171 neun Male Konsul in Mailand. Er ist ein eminenter Rechtsexperte in lombardischem, römischem und Gewohnheitsrecht. Sein wesentlicher Beitrag ist einer zum Lehns- bzw. Feudalrecht, welcher in die libri feudorum eingehen wird. Es ist kein Zufall, dass er sich mit dem beschäftigt, was am weitesten von dem entfernt ist, was neues Bürgertum in den Städten betrifft, nämlich der Hebung den Details persönlicher Beziehungen verpflichteter Lehns- und Vasallenbeziehungen auf das statische Niveau römischen Rechtes.

Seine Verfügung über Ländereien ist zwar heute nicht mehr nachzuvollziehen, aber sein Mailänder Kollege Girardo Cagapisto, ebenfalls causidicus, Rechtsexperte in Feudalrecht, kann bequem von den Renditen aus seinem Land leben. Er ist etwa in derselben Zeit vierzehn Mal Konsul. (Wickham(1), S.49f)

 

Der Adelsstatus der Konsuln mit ihrer Verfügung über Land und Leute heißt nicht, dass sie, wie in Pisa und anderswo nicht zugleich Geschäfte machen. Die Sismondi verleihen wie die Dodi Geld und beziehen Mieten aus Immobilien in der Stadt, besitzen Läden am Markt und bald dort auch ein Warenhaus (fondaco).

Im nächsten Jahrhundert werden sie führend im Seidenhandel werden. Die Tendenz ist zunehmend, dass nicht spezifisch Landbesitz, sondern allgemeiner Reichtum den Rang bestimmt.

 

Die konsularische Kommune, wie sie sich im zwölften Jahrhundert entwickelt, basiert oft auf Gewalt zu ihrer Durchsetzung bzw. entsteht in gewalttätigen Zusammenhängen, und sie ist selbst in hohem Maße gewalttätig. Als Bündnis aus Adel, der zwischen kriegerischem Geist und Geschäftemacherei schwankt, und den reichsten Spitzen des Bürgertums, ist sie geprägt von Kämpfen einzelner Geschlechter, die selbst wieder Parteiungen gegeneinander bilden, die in der Stadt ausgetragen werden, und deren Ziel die Kontrolle der Stadt oder zumindest eine starke Position in ihr ist.

 

Dem widerspricht aber nicht, wenn Elke Goez  die Entstehung der konsularischen Kommune als kontinuierliche und weniger von Gewalt bestimmte Entwicklung beschreibt, denn die vielen, meist kurzen Ausbrücke von Gewalt lassen sich darin einordnen: "Noch drängte sich die städtische Führungselite an den Bischofshof, um dem geistlichen Stadtherrn beratend zur Seite zu stehen. Aber je mehr Rechte die Bischöfe veräußern mussten, desto nachdrücklicher pochten die Bürger auf die Umsetzung ihrer Ratschläge - ein schleichender Vorgang, der nicht zwangsläufig zu Unruhen oder Aufständen führen musste. Der Übergang von der bischöflichen Stadtherrschaft zur freien Kommune ist daher oftmals zeitlich kaum bestimmbar. In dem Moment, da die consulta, die Berater des Bischofs, ihre Vorschläge nicht mehr als Anregungen, sondern als Anweisungen verstanden, war die freie Kommune geboren." (Goez, S.124).

 

Was für ihre Akzentuierung des Geschehens spricht, ist die Identifizierung des Bischofs, seiner Kirche und ihres Heiligen mit der Stadt, was dieser so etwas wie eine ideelle Einheit gibt. Und dann wird die Diözese in der alten Grenze der civitas das für natürlich angesehene Territorium der Stadt, welches die neue Kommune für sich zu beanspruchen beginnt. Wenn der Bischof Metropolit, Erzbischof ist, wächst dieses zu beanspruchende Gebiet beträchtlich, für Genua und Pisa streckt es sich dann bis Sardinien und Korsika, für Mailand über achtzehn Bistümer in Norditalien.

 

Das Zentrum der Stadt bleiben Kathedrale, Bischofspalast und der zugehörige Platz, wo dann nach dem Scheitern Barbarossas auch ein Kommunalpalast gebaut wird, ein Ensemble, dann man sich in einigen Städten noch heute anschauen kann.

Dabei geht der Kathedralbau wie in Pisa zunehmend in die Initiative der Bürger über. 1099 wird so auch in Modena in Abwesenheit eines Bischofs eine neue Kathedrale gebaut, und eine weitere von der Bürgergemeinde 1107 in Cremona.

 

Aus dem deutschen Norden blickt Otto von Freising so darauf: Cumque tres inter eos ordines, id est capitaneorum, vavassorum, plebis, esse noscantur, ad reprimendam superbiam non de uno, sed de singulis predicti consules eliguntur, neve ad dominandi libidinem prorumpant, singulis pene annis variantur. (Gesta II,13) Drei Machtgruppen in der Stadt, der hohe Adel, die ursprünglich von ihm abhängige Ritterschaft darunter und die Plebs, die nicht vom Kriegerberuf bestimmte Schicht der Kapitaleigner, sucht ein Gleichgewicht der Kräfte durch Einigung auf consules iustitiae und consules communis zu erreichen, die den Bischöfen und Grafen die Integration der Oberschichten in der Stadt aus der Hand nimmt (Nicolangelo d'Acunto).

 

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Die Praxis dieser von Ort zu Ort verschiedenen konsularischen Ordnung ist im Einzelnen wenig dokumentiert. Konsuln sind immer mehrere, ein Kollegium, welches rein rechtlich der Versammlung der Kommune, also der cives (arenga oder parlamentum), verpflichtet ist, die wenige Geschlechter bzw. Parteien in der Regel kontrollieren. Für Florenz ist zudem für 1167 ein consilium dokumentiert. Ihre alltägliche Praxis geschieht davon unabhängig, bis hin zur letztendlichen Entscheidung über Krieg und Frieden, den Oberbefehl im Krieg, Aufsicht über städtische Steuern und Abgaben, neue Gesetze und die oberste Gerichtsbarkeit.

Neben dieser Kommune existiert zunächst weiter die commune militum, also die der Ritter, die ihre eigenen Hoheiten besitzt. (Raith, S.50)

 

Es sind in jeder Stadt wenige Geschlechter, die das Konsulat ausfüllen und beeinflussen. Sie vertreten im wesentlichen die Interessen einer kleinen Oberschicht und natürlich dabei zunächst ihre eigenen. Um das zu gewährleisten, wird der Kreis ihrer „Wähler“ immer mehr eingegrenzt. Dort, wo es, selten nur, nichtadeligen Reichen gelingt, zum Konsulat aufzusteigen, gelingt ihnen dann auch der Aufstieg in den Adel.

 

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Diese konsularische Teilhabe der führenden Schichten und Gruppen der Stadt an ihrer „Regierung“ und Verwaltung wird in den nächsten gut fünfzig Jahren zahlreichen nord- und mittelitalienischen Städten zuteil, in Asti, in Pisa, wo Heinrich IV. schon 1081 einem Zwölfmänner-Gremium erhebliche Befugnisse einräumt.

Dann in Arezzo, 1105 in Pavia und Pistoia, kurz darauf in Como, Bergamo, Cremona und Lucca, 1122/25 in Piacenza -  ziemlich zuletzt auch in dem sich spät so entwickelnden Florenz, 1138 dokumentiert. Zwölf Konsuln werden hier von einer kleinen Oberschicht auf jeweils ein Jahr gewählt, beraten von wiederum Konsuln der Kaufmannschaft der Calimala und der Ritterschaft der societas militum. Die Kommune entsteht aus korporativem Denken und Handeln und aus dem Prinzip der Kollegialität. Gerichtsbarkeit und die dazu gehörige Zwangsgewalt werden so unabhängig von jedem darüber stehenden Herrscher verliehen und ausgeübt, eine bis dato fast einzigartige Neuerung. 

 

Das Neue ist vor allem die Vorstellung, dass (kommunale) Autorität aus dem Zusammenschluss von Menschen hervorgehen kann und nicht aus einer Abordnung von oben, von Kaiser, König oder Gott entsteht, auch wenn diese Menschen nach Anerkennung durch weltliche Autorität und göttlichen Beistand drängen. Das betrifft genauso städtische Nachbarschafts- oder Pfarreiversammlungen, Zusammenschlüsse einzelner Gewerbe oder religiös fundierter Bruderschaften.

Ob ein Konsul aus den Reihen der Capitanei, der Valvassoren oder der pebejischen cives entstammt, scheint dessen Autorität nicht wesentlich beeinflusst zu haben. Im 12. Jahrhundert werden die mächtigsten Familien aus den verschiedenen rechtlich definierten Gruppen vielmehr zu einer neuen "politischen" Oberschicht zusammenwachsen. 

 

Neu ist dabei auch, dass die Friedenssicherung untereinander, eines der gemeinsamen Interessen, aus der Hand des Herrn, dessen Herrschaft sie begründete, in die bislang untergeordneter Einwohner übergeht. Zuvor hatte, wie in Pisa, der Bischof diese Aufgabe inne, indem er zum Beispiel unruhige Geschlechtern Gelder als Pfand für friedliches Verhalten abverlangte, was später die Kommune, wie in Florenz bezeugt, übernimmt. Frieden bedeutet Schutz und darum Bewaffnung, was aber nur die Mitglieder der Schwurgemeinschaft betrifft.

 

Die nord- und mittelitalienischen Kommunen entstehen in Interdependenz mit dem zugleich entstehenden Kapitalismus, fegen die gräfliche und bischöfliche Stadtherrschaft unter adeliger Führung weg, dabei Kirchenreform und Investiturstreit zur Autonomisierung nutzend, und benutzen dann die Schwäche kaiserlich/königlicher Macht, um sich auf den Weg zu etwas zu machen, was später einmal Souveränität genannt werden wird. Da dieser Vorgang zwar auf Kapitalisierung und zunehmender Waren- und Geldwirtschaft beruht, aber mit kriegerischer Gewalt vollzogen wird, siegen dabei zunächst die Experten für diese Form von Gewalt, der Adel und von ihm abhängige Krieger.

 

Generationen später werden die stilnovisti-Poeten diesen in der Erinnerung verklärten Adel idealisieren, indem sie den Begriff der Nobilität so benutzen, dass er in einen Adel der Tugendhaftigkeit und der Empfindsamkeit umdefiniert werden kann: Das eben sei wahrer Adel, behaupten sie. Zugleich verfällt niemand mehr als Dante in nostalgische Schwärmerei über einen alten Adel, dessen Werte von Kapitalismus, Warenwelt und Geld inzwischen verdorben seien.

 

Tatsächlich ist der städtische Adel der Epoche des Konsulats etwas neues insofern, als er zwar weiterhin noch auf Großgrundbesitz außerhalb der Stadt selbst beruht, aber dieser inzwischen in Produktion und Arbeitsverhältnissen im Sinne des neuen Kapitalismus modernisiert wird: Boden und Arbeit werden langsam zur Ware. Darüber hinaus basiert ein Teil seines Reichtums nun auch auf Investitionen in Handel und in Immobilien zum Beispiel. Martines erwähnt, dass die venezianische Ziani-Familie, die den Dogen stellte, hunderte von Häusern besaß, besonders im Rialto-Viertel und dazu alle um den Markusplatz und die Kathedrale. Weiteres Einkommen kommt aus Posten und Ämtern und Einkünften der Kommune dazu.

 

Zu traditionellen Rivalitäten, wie sie zum Beispiel um den Ehrbegriff kreisen oder um Eigentums- und Verfügungsfragen kommt nun zunehmend der Streit um die Besetzung einträglicher städtischer Ämter bzw. solcher, über die die Machtsphäre eines Geschlechts oder eines Bündnisses aus mehreren ausgebaut werden kann. Die einzelnen Adelsbündnisse mit ihren zum Teil durch unterirdische Gänge verbundenen Türmen von bis zu siebzig oder fast hundert Meter hohen Türmen, von denen Florenz allein rund hundert besessen haben soll, und die nur der Adel bauen durfte, trugen ihre gewaltsamen Konflikte immer wieder auf Straßen und Plätzen aus. Die jeweiligen Nachbarschaften wurden von ihnen kontrolliert und sie verlangten dort Loyalität. Kirchen und Plätze wurden von ihnen oft als ihr Eigentum oder Revier betrachtet.

 

Stauferzeit in Italien

 

Zwischen etwa 1100 und 1250 lässt sich für Norditalien und die Toskana ein frühes Aufblühen von Kapitalismus erkennen, welches von Handel und Finanzen teilweise bereits auf die Produktion übergreift. Das geht vom Bergbau über die Metallverarbeitung bis zu den Textilien.

 

Die Salier hatten versucht, durch Privilegierung kaisertreue Städte zu schaffen und die bischöflichen Stadtherren für sich einzuspannen. Derweil findet die Gemeindebildung statt, auf die dann die Staufer überall treffen und in die zunehmend Bürger einbezogen sind. 1130 setzt sich der Mailänder Stadtrat aus sieben Capitanen, sieben Valvassoren und sechs herausragenden Bürgern zusammen. Wesentlich für diese nord- und mittelitalienischen Stadtstaaten bleibt aber weiterhin der Ausschluss der Masse der produktiven Bevölkerung vom politischen Einfluss.

In ihrer gierigen Gewalttätigkeit geraten diese städtischen Gemeinden in direkter Nachfolge ihrer Stadtherren und hoch- und niederadeliger milites miteinander in immer wieder in Kriege ausartende Konflikte, insbesondere wo sie in ihrer territorialen Ausdehnung aneinanderstoßen. Diese Konflikte versucht Friedrich I. für seine Interessen einzuspannen. Auf dem ersten Italienzug des Herrschers ergreift er 1154 Partei für das königstreue Pavia und gegen Tortona, das seine und Paveser Truppen brutal plündern und zerstören. Die Städte bauen ihre Befestigungen aus.

 

In all diesen kriegerischen Auseinandersetzungen bildet sich die neue Zeit auch dadurch ab, dass neben adeliges Kriegertum aus Loyalität das Söldnertum als neuer Beruf tritt. Der Kaiser zieht 1174 zunehmend auch mit Söldnern nach Italien, und mit dem Aufstieg des Bürgertums und des kapitalistischen Wirtschaftens lösen diese auch in den Städten die adelig formierten Kriegerscharen ab. Kriege ohne Kapital und Kredit werden dabei immer unmöglicher. Die nur rechtlich begründete Rendite der Krone gerät dabei ins Hintertreffen gegen die handfester nutzbare der Städte.

 

Schließlich fangen Ende des 11. Jahrhunderts Autoren an, ihre Städte ausführlicher als Nachfolger Roms zu sehen (Carmen in victoriam Pisanorum) oder als Orte römischer Zivilisation wie das Bergamo des Moses de Brolo. Dabei werden Vergil, Sueton und andere verwendet. Einige Jahrzehnte später erscheinen die 'Mirabilia Urbis Romae', die stolz anhand der Ruinen die antike Vergangenheit der Stadt vorzeigen (um 1140). Heidnisches und Christliches stehen dabei noch nebeneinander, nicht verbunden wie zwei Jahrhunderte später bei Dante.

 

In Rom entsteht um 1143 in anachronistischer Rückbesinnung auf die antike Stadt und ihre "Größe" der Senat der städtischen Elite mit zwölf für auf kurze Zeit gewählten senatores consiliarii (Hyde, S.60). In diesem Kontext taucht dann Arnold von Brescia in der Stadt auf und wendet sich gegen die Verbindung weltlicher und geistlicher Macht des Papstes. Dieser wiederum wendet sich hilfesuchend an Friedrich Barbarossa, mit dessen Hilfe die Gefangennahme und Hinrichtung Arnolds auf dem Scheiterhaufen gelingt - 1155 erhält Friedrich auch dafür die Kaiserkrone.

 

Indem immer neue Ämter (officia) in der Kommune geschaffen werden, werden "bürgerliche" Karrieren an der Stelle von kriegerischen angeboten, für die eine Ausbildung als Richter oder Notar eine gute Voraussetzung ist. Ausbildung in den artes wird so eine alternative Karriereperspektive, Gemeindebildung und Verschriftlichung gehen dabei Hand in Hand.

 

Und je weiter Städte nach Süden vom mitteleuropäischen Einfluss entfernt waren, desto leichter ließ sich an altes römisches Recht wieder anknüpfen, und persönliche Freiheit und Freiheit von Grund und Boden als Ware formulieren. Das gilt bald auch für den Norden: „Die feudale und grundherrschaftliche Stände- und Bodenordnung Reichsitaliens befand sich erkennbar in voller Auflösung, weil alle Welt zu den freien Verkehrsformen des römischen Rechts zurückkehrte, und weder Papst noch Kaiser waren imstande, dem zu steuern.“ (Pitz, S.322)

„Denn dieses Recht war einst in einer Gesellschaft mit Markt- und Geldverkehr entstanden und darauf eingerichtet, kaufmännische Verhältnisse zu beurteilen und schriftliche Beweismittel zu würdigen, die die Beweiseide und Zweikämpfe des germanischen Rechts bei steigender Bildung und Kultur überflüssig machen konnten. Es waren die Bedürfnisse der städtischen Gesellschaften, ihres Grundstücks- und Wohnungsmarktes und ihrer kaufmännischen Berufe, die im Jahre 1045 in Konstantinopel und später in Bologna eine Rechtsschule ins Leben riefen, wo man die Anwendung dieses Rechts lehrte.“ (Pitz, S. 323)

 

Vermutlich war das römische Recht in italienischen Städten nie völlig in Vergessenheit geraten, aber der Beruf des Juristen war irgendwann mit dem Verfall der civitas verschwunden. Neuanfänge gibt es wohl in Pavia und insbesondere in Bologna. Ein wenig greifbarer Pepo befasst sich mit dem Codex Iustinianus, sein Schüler Irnerius scheint sich dann mit den Digesten beschäftigt und sie glossiert zu haben, wozu ihn laut Burchard von Ursberg Mathilde von Tuscien beauftragt haben soll. Nach seinem Tod haben dann vier Schüler, die quattuor doctores, in Bologna einen regulären Schulbetrieb eingerichtet, den Barbarossa schließlich privilegieren wird.

 

Juristen sind es auch, die die Kommunalisierung der Städte vorantreiben, indem sie in der Auseinandersetzung mit den Stauferkaisern, die die Städte fiskalisch abschöpfen möchten, die eigenen Möglichkeiten eines städtischen Fiskus erkunden, mit Progression der Abgaben nach Leistungsfähigkeit, mit Reduzierung von Naturalabgaben zugunsten von Geld, mit Abgaben auf Transport und Handel, königlichen Rechten also, und Verkaufsmonopolen auf Salz, Eisen, Wein und Mühlsteinen. (D'Acuto in 'Verwandlungen', S.84)

 

Das Besondere dieser Auseinandersetzungen ist neben den Heerzügen, Schlachten und Verwüstungen die steigende Verrechtlichung des Konfliktes, die Krone und Städte auf unterschiedliche Weise betreiben. Der Kaiser bringt bereits beim zweiten Italienzug in Roncaglia 32 Spitzenjuristen in Stellung, um die Regalien zu begründen, ohne aber den neuen kommunalen Gedanken grundsätzlich abzulehnen, der sich schließlich auch im deutschen Reichskern durchsetzt.

 

Das römische Recht war in Italien nie ganz verschwunden und war insbesondere in Pavia und Ravenna ein Stück weit in Erinnerung geblieben. Seine neuen Kenner stellen es und sich natürlich eher den Kaisern als den in ihm nicht enthaltenen Kommunen zur Verfügung. Lanfranco von Pavia berät Heinrich III., Petrus Crassus von Ravenna verteidigt Heinrich IV. gegen Gregor VII. und Irnerius von Bologna unterstützt Heinrich V., nachdem er Justinians 'Corpus Iuris' studiert hat (Hyde, S.63)

 

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Ghibellinische(waiblingische) und guelfische (welfische) Parteiungen in den Städten mögen im 12. Jahrhundert noch pro- und antistaufische Positionen darstellen. Nach dem Ende der Staufer verlieren sie teilweise diesen Sinn, auch wenn ghibellinischer Landadel und der kleinster Städte weiter dazu tendiert, kaisertreu zu sein.

Tatsächlich sortiert sich das aber komplexer: Der traditionelle Kontrahent einer ghibellinischen Stadt ist schon deshalb guelfisch und umgekehrt, wie das Beispiel von Florenz und Siena zeigt. Innerhalb der Städte definieren sich Adelsparteien nach demselben Muster. Kapitalfraktionen wiederum orientieren sich an Handelschancen und Finanzverbindungen, weshalb Pisa überwiegend ghibellinisch ist, während Genua die inneren Konflikte mit diesem Muster überzieht und eine schwankende Position innehat. Venedig hält sich heraus, wo immer es kann, und färbt seine weniger auffälligen Parteiungen deshalb auch nicht derart ein.

 

Diese Konflikte verlaufen in den Städten unterschiedlich brutal, aber die Sieger neigen oft dazu die Verlierer zu enteignen und zu verbannen.

 

 

Für den popolo, das Besitzbürgertum der Städte, ist die immer wieder ausbrechende Gewalt ein Störfaktor. Gegen die auf persönliche, nämlich familiäre Beziehungen aufgebauten Turmgesellschaften, Konsorterien,  genuesische alberghi und Adelsfraktionen und ihre Auseinandersetzungen stellen sich die oberste Schicht des popolo mit auf gemeinsamen Geschäftsinteressen basierenden Gilden, Zünften, oft artes genannt. Einige Jahrzehnte nach Einführung des Konsulats eingerichtet, formen so Geldverleiher und reiche Tuch- und Gewürzhändler Verbände, die Druck und Einfluss ausüben sollen. Ihren Führern gelingt damit das Eindringen in städtische Ämter.

 

Um ihre Macht zu verstärken, integrieren sie weitere Gewerbe in ihre Verbände, bis diese gegen Ende des 12. Jahrhunderts in solche unterschiedlicher Geschäftsinteressen auseinanderfallen. Dabei bildet sich dann nach und nach eine Gilden/Zünfte-Hierarchie mit reicheren und darum auch mächtigeren artes an der Spitze. In Mailand mit seinem alle anderen Städte überragenden produzierenden Gewerbe und seinen vielen Ladeninhabern bricht die bürgerliche „Front“ bereits vor 1200 auseinander in die Credenza von San Ambrogio des kleinen Gewerbes und die Motta der reichen bürgerlichen Oberschicht.

 

Der zentrale Konflikt bricht aber zunächst aus zwischen der im wesentlichen vom städtischen „Adel“ beherrschten Kommune und dem popolo. Dazu organisieren sich die Popolanen in militärische Formationen der Nachbarschaften bzw. Pfarreien oder Vierteln. Es kommt zu Straßenkämpfen zwischen Popolo und Ritterschaft und dann zum Krieg mit den oberen Schichten des Adels. 1203 vertreibt der popolo in Lucca den Adel, um 1208 sind die Nachbarschaften in Siena unter Waffen. Unter den Gewaltausbrüchen im Adel und zwischen ihm und dem „Volk“ endet die erste Phase kommunaler Selbstverwaltung.

 

Contado

 

Nach und nach beginnen die Kommunen die Aufgabe der Gewinnung neuer landwirtschaftlicher Nutzflächen an sich zu reißen, um eine ständig wachsende städtische Bevölkerung zu versorgen. Zunächst beanspruchen die Städte einen direkten Umkreis um die Stadt für sich, den Lucca auf einen Radius von etwa 10 Kilometern definiert und andere toskanische Städte in derselben Größenordnungen. Hier versuchen sie den Bau und die Aufrechterhaltung von Burgen zu verhindern. Zu Florenz:  In besagtem 10-Kilometer-Radius kontrollieren städtische Familien im 11. Jahrhundert etwa zwei Drittel der Fläche, in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts werden das 92%, und danach sinkt diese Zahl wieder beträchtlich, als die Kontrolle über ein größeres Territorium angestrebt wird. (Wickham(2), S.254)

 

Daneben gibt es immer wieder Kämpfe um die Kontrolle des Territoriums drumherum, des contado, die mit den dort mächtigen Geschlechtern des grundbesitzenden alten Feudaladels ausgetragen werden, wie den Guidi in der Nähe von Florenz, den Aldobrandeschi bei Siena oder den Este bei Ferrara. Andere, wie die Adimari, Uberti, Ricasoli oder Buondelmonti für das Beispiel Florenz integrieren sich in die städtischen Zusammenhänge, ohne in ihren Lebensformen zu verbürgerlichen.

 

Der Kapitalismus hat seine erste Voraussetzung im Handel, aus dem Geldwirtschaft hervorgeht, die Handel, Produktion und Konsum verbindet. Umgekehrt sind die ersten Voraussetzungen für nach und nach kapitalistisch werdende Städte ein Nahrungsmittel produzierendes und Rohstoffe lieferndes Umland, welches die institutionalisierte Macht, ihren Gewaltapparat, und dann Handwerk und Händler versorgen. Die Kontrolle über ein solches Territorium, die Diözese bzw. den Contado, ist darum lebenswichtig. Das an Bedeutung abnehmende Amalfi wird seine Unabhängigkeit auch verlieren, weil es aus geographischen Gründen kein eigentliches Contado bilden kann, und das von Genua kann aus ähnlichen Gründen nur ligurische Küstenstreifen und dahinter ansteigende Berghänge gewinnen.

 

Die Vorstellung nord- und mittelitalienischer Städte, im Zuge ihrer Kapitalisierung das Gebiet der Diözese und noch darüber hinaus als zur Stadt gehörig anzusehen, die sich damit berechtigt sieht, es zu unterwerfen, ist einerseits aus der antiken civitas hergeleitet, ist aber andererseits ganz geprägt von dem, was sich als "bürgerlicher" Fortschrittsgedanke andeutet. Städtische Strukturen sind der Fortschritt, der sich über das Umland auszubreiten hat, auch wenn das so noch nicht formuliert wird.

 

Um 1091/92 treffen sich Pisaner "Bürger", wählen mehrere consules de Pisanis und einige boni homines aus dem nahen Valserchio, nachdem adelige milites vom Range lombardischer capitanei gewisse malae consuetudines eingeführt haben, erzwungene Burgdienste, Geld für Holzrechte und andere Allmende-Nutzung, Abgaben an Getreide und Leinen. Ein weiteres Dokument etwas später geht aus von solchen Beschwerden aus dem Umland, und zwar gegen die Bestimmungen, die Markgräfin Mathilde erlassen hatte. Da die Herren alle in Pisa selbst ansässig sind, kann von dort aus gegen sie vorgegangen werden. (Wickham(1), S.81f) Städtische Justiz kann zum Beispiel so auf das Land übergreifen. In Pisa gelingt es offenbar recht schnell, die Usurpation von seigneurialen Rechten zu verhindern.

 

Zunächst einmal handelt es sich aber um die norditalienische Besonderheit, dass "adelige" Geschlechter sich in das Machtgefüge an der Spitze der Städte, insbesondere die bischöflichen Lehnsmannschaften integrieren und ihre ländlichen Gebiete so mit der Stadt verbinden.Als obere Schicht der Lehns- und Amtsträger der bischöflichen Herren in den Städten und im Umland der Städte treten die Capitane auf. Sie üben dort von ihrer Burg die Herrschaft über einzelne Orte oder Pfarrsprengel aus, nehmen die Gerichtsbarkeit wahr, ziehen Abgaben ein und bedienen sich wiederum dafür ihrer Untervasallen, die sie ebenfalls mit Lehen ausstatten.

 

In zunehmendem Maße auch durch Heiratsverbindungen mit reichen Städtern werden sie die entscheidenden Machthaber in Stadt und Land und bilden zusammen mit den Valvassoren die Ritterschaft.

Da diese immer geschlossenere Territorien werden, geben sie "den ländlichen Räumen eine Organisationsform der Macht zurück, die sich nicht länger auf den Grundbesitz stützte, sondern eine Struktur nach Territorien wiederherstellte, die in der Poebene seit der Spätantike fehlte." (D'Acunto in 'Verwandlungen' S.78) Zugleich fehlt es den Territorien an Amtsgewalten, die aber in der Stadt vorhanden sind. Bei Otto von Freisings 'Gesta' ist dann tota illa terra bereits in städtischer Hand und Adel und niedere Stellung werden durchlässiger.

 

Dazu wird der Landadel gelegentlich gezwungen, an der Stadt zu partizipieren, soweit er das nicht freiwillig tut. Das bekannteste Beispiel für Widerstand dagegen sind die Guidi in der Toskana, die dort wohl mächtigste Familie. "In der nördlichen Toskana und dem romagnolischen Appenin verfügen sie in zweihundert Orten über Land und Leute" (WGoez, S.258) und entsprechend viele Burgen und andere feste Plätze. Eine besondere Burgen-Dichte besitzt dabei das Casentino, dass sie praktisch geschlossen kontrollieren.

 

Diese Guidi sind natürliche Bundesgenossen Barbarossas, der allerdings selten Gelegenheit hat, sie zu unterstützen. Und so wogt eine Art Dauerkrieg zwischen Florenz und dem Grafenhaus, berühmt auch seit dem Bündnis mit Mathilde von Canossa. Hier wird ein den Guidi zugeordnetes Kloster verwüstet, dort Land einer mit Florenz verbundenen Ortschaft - und das geht mit Pausen durch das ganze 12. Jahrhundert. In der Minderjährigkeit Guido Guerras III. nach 1157 hält sogar die Tante Sophia, Äbtissin von Pratovecchio, zu Pferd mit einer Schar Bewaffneter das Interesse der Familie aufrecht.

 

Florenz mit seinem stark gegliederten hügeligen Umland und den vielen kleinen Herrschaften wird bis ins 13. Jahrhundert brauchen, um alles unter Kontrolle zu bringen. Lucca hat es da etwas einfacher. In der Mitte des 12. Jahrhunderts übernimmt es seine Diözese als Contado in einer Reihe kurzer Gewaltakte.

 

Die Kontrolle eines Contado wird durch befestigte Orte gewährleistet, die auf dem incastellamento seit dem 10. Jahrhundert aufbauen. Bonvesin della Riva wird für Mailand 1288 rund 50 befestigte borghi, also Marktflecken oder Kleinstädte angeben, und etwa 150 Dörfer, zu denen eine Burg gehört. Das ist aber das Ergebnis einer Entwicklung vor allem des 11. und 12. Jahrhunderts. Damit gelingt es nord- und mittelitalienischen Städten in dieser Zeit, größere Territorien als die Seigneurs und Chatellains im entstehenden Frankreich zu erreichen, Prinzipate eher, Gemeinschaftsprojekte von Bischöfen und Kommunen.

 

Dort, wo das Land verpachtet und unterverpachtet ist, gelangen Gelder in die Städte, sobald die Eigentümer dort hinziehen oder dazu gezwungen werden. Umgekehrt müssen aber die Nahrungsmittel, die auf den städtischen Markt gelangen, dort bezahlt werden. Diese Preise niedrig zu halten, wird städtisches Interesse und das wird auch so bleiben.

 

Die Ausweitung des jeweiligen Territoriums als Überführung der Diözese in einen contado neuen Typs, wie das Otto von Freising erwähnt, führt zur Konkurrenz der Städte und immer wieder aufflackernden brutalen Kriegen. Klassische Beispiele sind die zwischen Genua und Pisa um den toskanischen und ligurischen Küstenraum und zwischen Florenz und Siena. Mailand erobert und zerstört die Nachbargemeinden Como und Lodi und verbietet ihren Markt. Solche Kriege sind zum großen Teil auf Zerstörung und auf Verwüstung des Landes und seiner Nahrungsproduktion aus. In ihnen entsteht eine Art urbaner Lokalpatriotismus, mit dem die Staufer dann zusammenstoßen bei ihrem Versuch der Wiederherstellung königlich/kaiserlicher Macht.

 

Die Contado-Bildung ist eine Frühform mittelalterlichen Kolonialismus, die mit Geld und offener Gewalt betrieben wird. Für Genua und Pisa sind dabei seit dem 11. Jahrhundert auch die Inseln einbezogen, vor allem Elba, Sardinien und Korsika. Venedig kolonisiert nach 1204 etwas moderner im griechischen Raum. Musterbeispiel einer klassischen Kolonie wird auf Jahrhunderte Kreta. Das Kolonialzeitalter beginnt nicht im 16., sondern spätestens im 12. Jahrhundert, und schon alleine deshalb leitet das 16. auch keine Neuzeit ein.

 

Ein Großteil des Adels gibt seine Burgen und sein Land an die Kommunen ab und nimmt sie von diesen als Lehen, wodurch sie zu Vasallen der neuen Gemeinden werden, zu deren Schwurgemeinschaft sie nun gehören. Da die Schutzherrschaft der Kaiser nur kurze Zeit überdauert und manchmal nur die Zeit des Heerzuges nach Italien, ist ein Machtvakuum vorhanden, welches die Städte mit ihren Formen von Selbstorganisation und Gemeindebildung auszufüllen suchten.

 

Die Abhängigkeit des grundbesitzenden Landadels, von Grafen, Bischöfen und Klöstern von städtischen Geldverleihern führt über Überschuldung zum Verlust des Landes an bürgerliche Kreise (Raith, S.62)

 

Mit dem Contado beginnt die Einrichtung und Ausrichtung einer ländlichen Infrastruktur auf die Stadt, die sich das Land unterwirft. 1179 beginnt man mit dem Bau eines Bewässerungskanals, des Tecinello, der vom Ticino, einem Nebenfluss des Po, abgeleitet wird und bis nach Mailand führt. Später wird er zu einem Schiffahrtskanal ausgebaut werden.

 

Die Gier, der Raub und der Krieg (in Arbeit)

 

Eigentum entsteht durch Aneignung, und seine Bedrohung und Verteidigung braucht Gewalt. Die Kapitalisierung von Eigentum setzt unter anderem eine bestimmte Größe voraus, die es erlaubt, einen Teil zu seiner Vermehrung einzusetzen. Dabei kann, sobald Kapitalismus sich zu entwickeln beginnt, und dabei der Kredit an Bedeutung gewinnt, ein Teil des anzuhäufenden Eigentums auch durch Kreditgewährung ersetzt werden.

 

Während die Raubtiernatur der weltlichen und geistlichen Herren sich jenseits der Alpen noch ganz auf Landgewinn konzentriert, sind Teile des Adel und unteradelige Eigentümer in Italien längst dabei, ihre Gier auf die Kapitalisierung eines Teils des Eigentums in Handel und bald auch Geldgeschäfte zu konzentrieren. Auf diese Weise werden Venedig und Amalfi etwa zur selben Zeit bereits im 10. Jahrhundert zu ansatzweise kapitalistischen Städten, Republiken, wie sie sich bald nennen werden.

Das Besondere beider ist, dass sie ohne Hinterland zunächst einmal nicht primär kriegerisch aggressiv agieren, sondern so operieren, dass sie ohne viel militärischen Aufwand ihren Handel expandieren lassen können.

 

Vorausgeschickt werden muss, dass wir über Kriege relativ wenig Handfestes erfahren, da die Berichterstatter oft keine Augenzeugen sind. Zudem sind sie praktisch immer Partei. Das Ergebnis ist, dass sie stereotype Kampfschilderungen übernehmen und einfügen. Wenn sie die furchtbaren Gewalttaten und Grausamkeiten als Heldentaten der jeweils bevorzugten Seite schildern, streifen sie nur in ebenso stereotypen Wendungen die Leiden insbesondere der Landbevölkerung, auf deren Rücken Kriegshandlungen vor allem ausgetragen werden.

 

Zurück zu unseren Städten: Ganz anders als Amalfi agieren jene Seestädte zwischen Pisa und Barcelona, die sich ihre Handelsräume gewaltsam gegen die muslimische Konkurrenz erobern. Bis gegen Ende des 11. Jahrhunderts operieren sie ähnlich wie diese zwischen Nordafrika, Sizilien und Spanien über nach Beute gierende Raubzüge und offene Piraterie. Schiffe werden gekapert, die Fracht geraubt, die Besatzungen, so sie überleben, gegen Lösegeld freigegeben oder in die Sklaverei verkauft.

Küstenstädte werden überfallen und ausgeraubt, Frauen vergewaltigt und Kinder zu Sklaven gemacht. Klöster und Weltgeistliche sind so beteiligt, wie auch islamische Geistlichkeit den dem Islam eh innewohnenden Krieg gegen die Ungläubigen anfeuert Im Zuge der Zurückdrängung islamischer Herrscher aus der Nordhälfte des Mittelmeeres (von Sizilien, Palästina, dem Südteil Kataloniens) nimmt die Tendenz zu, Gewaltakte durch Verträge zu beschließen. Aber die Gewalt bleibt, auch die von Muslimen gegen Muslime und die von Christen gegen Christen. Und die von Piraten wird im Mittelmeer mindestens bis ins 18. Jahrhundert weitergehen.

 

Währenddessen ist die Raffgier norditalienischer Binnenstädte auf Territorialgewinne aus, die Bildung von Contados, in denen die Städte das Land beherrschen und nach Möglichkeit ausbeuten. Dort wo Städte zusammenstoßen, wie im toskanischen Dreieck Lucca - Florenz - Siena oder bei den fortgeschrittensten lombardischen Städten, führt das zu Traditionsfeindschaften mit immer wieder aufflackernden Kriegen über Jahrhunderte hinweg, in denen Beute auch durch Plünderungen und Lösegeldzahlungen oder Tributgelder erreicht wird.

 

Neben dem Raub aus Beutegier steht an vorderer Stelle auch der von Machtsymbolen. Da sind einmal die (heilsbringenden) Reliquien, von denen ein Großteil ungeniert zusammengeraubt ist. Bekannteste Beispiele sind die von den "Heiligen Drei Königen", die nach Köln gehen, oder die vom noch heiligeren Evangelisten Markus, die von Venezianern in Alexandria geraubt werden.

Ob geraubt, gekauft oder geschenkt: Wundertätige Reliquien verstärken den Status einer Kirche, einer Stadt oder einer Herrschaft. Die Menschen sind kaum noch dümmer als heute: Sie wollen glauben, weil es sie von mühsamem und gefährlichem Nachdenken entlastet. Und: Wie in allen Zivilisationen zumindest wird der Raub durch seinen Erfolg legitimiert.

 

Anderes schon im Wort als solches gekennzeichnetes Raubgut von hohem symbolischen Wert sind die Spolien, die in Gebäude verbaut werden. Stolz verweisen die Pisaner damals auf die aus Palermo geraubten, die in der neuen Kathedrale verbaut werden. Die berühmtesten Beispiele stellt Venedig nach der Plünderung von Konstantinopel (ebenfalls bis heute) in seinem Stadtzentrum aus.

Das lateinische Wort spolium bedeutet Raub, Beute, Diebesgut. Für das Verbauen von solchem wird es erst in der sogenannten "Renaissance" verwendet. Seitdem wird es allerdings auch für das (halb)legale Nutzen (Plündern) antiker Bauten für Neu- und Umbauten in der Nachantike verwendet, welchem aus dem Fehlen baulichen Rohmaterials oder von Halbfabrikaten herrührt.

 

Die sogenannte Romanik als Baustil lässt sich unter anderem auch als Abwendung von Ostrom und Hinwendung zu weströmischen Wurzeln verstehen. Das Kloster Montecassino des Abtes Desiderius mit seinen Säulen, Kapitellen und Marmorblöcken vor allem aus Rom ist ebenso ein Beispiel wie der Dom von Salerno mit seinen antiken Spolien und dann der von Pisa.

Diese sich architektonisch, religiös und politisch von Ostrom trennende lateinische Welt verbindet sich mit der lateinischen Kirchenreform zu einem Ganzen. in dem der sich entfaltende Kapitalismus sowohl Wirkung wie Ursache sein kann, aber zunächst wesentlich die Handels-Städte bewegt.

 

Neben diese Arten von Raub tritt die Aufhäufung von Eigentum durch die latent oder offen zwangsweise Abschöpfung menschlicher Arbeit durch Abgaben und die Gewinnerzielung durch Investition von Kapital in menschliche Arbeit, die immer nach der möglichst billigsten, also schlechtest bezahlten Arbeit sucht. Das ist dann allerdings blühender Kapitalismus pur, wie wir ihn noch heute kennen.

 

Indem der Handel Rohstoffe liefert und Fertigprodukte in der Ferne verkauft, gewinnt er Einfluss auf das Handwerk. Das geschieht im lateinischen Mittelmeerraum deutlich früher als jenseits der Alpen. wird aber auch in Italien vor allem Sache der nächsten Jahrhunderte.

„(...) je weniger es den Handwerkern möglich ist, noch selbständig Handel zu treiben, umso mehr dringen die Händler und Bankiers in die Bereiche der Handwerker ein, indem sie sich als Verleger betätigten, Preise diktierten, die Rohstoffzufuhr steuerten und die Qualität vorschrieben... Die wichtigste Konsequenz war die, dass nicht mehr die unmittelbare Nachfrage beim Meister die Produktion bestimmte, sondern der Verleger, Geldgeber, der Händler oder Bankier.“ (Raith, S. 63)

 

Grundlage und Ziel ist die Abwertung produktiver Arbeit zugunsten der Abschöpfung von Landarbeit und dann des Gewinns aus Kapital. Das gelingt auch dadurch, dass die italienischen Städte sich als Gemeinden so konstituieren, dass sie zu schieren Organisationen des Großkapitals werden.

Ihr Streben nach contadi hat dann noch einen Nebeneffekt, der mit der Entstehung dieser Herrschaften von Städten über Land eng verpflochten ist. Inbesondere Finanzkapital legt einen Teil seiner Gewinne in Land außerhalb an und nutzt dies als Sicherheit, Garantie seiner Bonität. Dasselbe gilt für das noch risikoreichere Seehandelsgeschäft, welches aus ähnlichem Grund Landbesitz anhäuft. Im späteren Mittelalter, der italienischen sogenannten "Früh-Renaissance", kommt dazu noch das Statussymbol der ländlichen Villa, im Veneto wie an den sommerfrischen Berghängen bei Florenz und Genua.

 

Mailand

 

Mit der Einsetzung von Bischof Jordanus nach 1111 schwindet der Einfluss der Pataria weiter. 1113 kommt es zu einem opferreichen Kampf zwischen Anhängern Grossolans und Jordans. Dieser muss dann Grossolan 1115 finanziell abfinden, damit der förmlich von seinem Amt zurücktritt.

Zwei Elemente bestimmen zunehmend die Geschicke der Stadt. Einmal ist das der contio, eine breitere Versammlung, zum anderen ein kleiner Kreis einer mächtigen, sich selbst definierenden Führungselite. 

 

1117 entfaltet ein Erdbeben zerstörerische Wirkung in der Lombardei, und das ist eine gute Gelegenheit zur Inszenierung geistlicher und weltlicher Macht. Man versammelt sich vor den Augen des "Volkes" auf dem zentralen Platz: Der Erzbischof und die Konsuln stellten zwei Bühnen auf; auf der einen standen und saßen der Erzbischof mit den Bischöfen, Äbten und führenden Kirchenleuten; auf der anderen die Konsuln mit in Gesetzen und Rechtsbräuchen erfahrenen Männern. Und überall um sie herum war eine unzählige Menge von Klerikern und Laien, einschließlich von Frauen und Jungfrauen, die auf das Beerdigen der Laster und die Wiederbelebung der Tugenden warteten. (Landulf Junior, englisch in: Wickham(1), S.1)

Tatsächlich delegierten natürlich die Herren die Arbeit an den Bühnen (theatra) an niedere Arbeiter. Das Naturereignis wird als Strafe Gottes dargestellt, und seine geistlichen und weltlichen Stellvertreter auf Erde, als solche sichtbar erhöht, sollen eine Ordnung wiederherstellen, die diesem Gott gefällig ist.

 

Um dieselbe Zeit und vielleicht beim selben Ereignis fällen die neunzehn Konsuln ein Urteil vor einem arengo, einst eine Art Volksversammlung. Bei ihnen sind viele capitanei und vavassores und daneben der Erzbischof und seine Geistlichkeit.

 

Laut Landulf bewegt Erzbischof Jordanus 1118 den contio militum et civium dazu, aus Rache für eine Tötung Krieg gegen Como zu beginnen. Offenbar benötigt er seine Zustimmung. 1126/27 gelingt es, den Erzbischof als Stadtherrn weiter zu entmachten. Als nämlich der zukünftige Anselm V. sich gegen den Willen der Gemeinde zum Empfang des Palliums nach Rom begeben möchte, werden die erzbischöflichen Burgen besetzt und vorübergehend unter die Kontrolle der Gemeinde gestellt.

1128 entscheidet der contio cleri et populi, der neue Erzbischof Anselm V. solle Konrad, den Gegenkönig Lothers, zum König von Italien krönen. Das geschieht dann auch in Monza. Um 1132 bitten die consules Mediolanensium et universus populus einen weltlichen Herrn um Unterstützung für einen Krieg gegen Cremona. 1135 initiiert ein popularis contio den Sturz Anselms.

 

Inzwischen urteilen Konsuln bereits in weiterhin öffentlichen Gerichtssachen meist um Land und Herrenrechte in der Umgebung von Mailand. Diese Veranstaltungen "bestehen aus einer Gruppe von Konsuln, die einen Streit anhören, üblicherweise auf einem speziellen öffentlichen Platz, als der sich immer mehr der Broletto nahe der Kathedrale etabliert, und zwar vor dem Gebäude, welches schon 1138 als domus consulatus bezeichnet wird, wobei einer von ihnen - üblicherweise ein iudex - das Urteil im Einverständnis, concordia, der anderen verkündet." (Wickham(1), S.34)

 

1130 verkündet ein Konsul ein Urteil und zweiundzwanzig Konsuln bestätigen es. Es ist das einzige Dokument, in dem gesagt wird, dass einige Konsuln Kapitane sind, andere Valvassoren und einige cives. (s.o.S.36) 1138 fehlt der Adel offenbar unter den Konsuln. 1140 und 1141 bilden sie wieder immerhin die Hälfte von ihnen. Danach werden sie zur Minderheit und Rechtskundige nehmen ihre Stelle ein.

 

Ein Teil des "Adels" zieht erzbischöfliche Ämter vor, andere meinen offensichtlich, dass sie aus der Teilnahme an der Gemeindebildung keine Vorteile ziehen. Aber es gibt auch andere, "aristokratische" Familien mit zahlreichen Ländereien zwischen den Seen des Alpenrandes und dem Po, die weiter häufig Konsuln stellen. Es ist nicht einfach, jene iudices und cives mit Konsulstitulierung von ihnen zu unterscheiden, da sie ebenfalls über erhebliches Land verfügen. Aber allgemein lässt sich wohl sagen. dass die erzbischöfliche Entourage und die Gruppen, die die Konsuln stellen, sich nun personell trennen.

 

Auch das von einer weltlichen Spitzengruppe beherrschte Mailand befestigt seine Stadt dann stärker gegen die kaiserliche Bedrohung. Otto von Freising schreibt, Mailand ist mit einer Mauer umgeben, und außen fließt wie ein Fluss ein breiter, mit Wasser gefüllter Graben um sie herum, den der Konsul der Stadt erst im Jahre vorher aus Furcht vor dem künftigen Krieg vorausschauend hatte anlegen lassen. (Gesta,III,40)

 

Über Legaten versucht Friedrich Einfluss auf die Auswahl der Konsuln in den Städten zu nehmen, wobei Mailand sich widersetzt, besiegt und verwüstet wird. Rainald von Dassel, als Reichskanzler dabei, entführt für sein Erzbistum Köln die Reliquien der heiligen drei Könige. Es bildet sich eine mächtige Liga lombardischer Städte, die von Mailand angeführt wird mit dem Ziel, ihre neuen kommunalen Verfasstheiten als moderne Form der Staatlichkeit gegen die „universalistische“ des Reiches zu verteidigen. Bei Legnano siegt die kommunale Streitmacht über den Kaiser und im Frieden von Konstanz 1183 setzt sich die Kommunalverfassung durch, bei bald nur noch auf dem Papier stehenden übriggebliebenen Rechten der Krone.

 

Ende des 12. Jahrhundert ist Mailand auf annähernd 100 000 Einwohner angeschwollen, ein Erfolg seiner Wirtschaft udn seiner erfolgreichen Gewalttätigkeit, die Hand in Hand gehen. Es ist inzwischen eine Metropole europäischer Waffenproduktion und anderer Eisenwaren sowie eher billiger Massen-Tuche aus Wolle und Barchent. Eisen wird aber inzwischen auch schon in der Brianza zwischen Comer See und Mailand gefördert. Walken und Bleichen ist ebenfalls ins nördliche Umland verlegt.  Das unterworfene Monza produziert ebenfalls Tuche. In nördlich gelegenen Städten herrscht noch wirkliche Konkurrenz, und das beschwört immer wieder Unterwerfungsversuche herauf. Cremona produziert weiter Leinen, Piacenza Barchent und Bergamo Stahl. Wenn gerade Frieden herrscht, sind solche Städte aber auch Handelspartner Mailands.

 

Genua

 

Gegen Ende des 11. Jahrhunderts ist Italien bestückt mit Städten auf dem Weg in die Gemeindebildung, die teils ihren Wohlstand vorrangig auf Handel und Finanzen begründen, wie die Seestädte Pisa, Genua, Amalfi, Venedig, teils stärker auf Produktion, wie die Binnenstädte Lucca, Mailand und Brescia. Sie alle, am wenigsten Amalfi und Venedig, versuchen ihr Umland recht gewalttätig in ein städtisch kontrolliertes Territorium zu verwandeln, wobei sie auf Grafen, Markgrafen und kleinere Orte treffen. Man baut Kastelle, verbrennt und zerstört die des anderen und verwüstet das Land des Gegners. In Tuscien (Toskana) konkurrieren Lucca und das nahegelegene Pisa, wobei sich schon mal Pistoia, Volterra, Florenz oder Siena jeweils als Bündnispartner anbieten. An der Küste konkurrieren Pisa und Genua um dazwischen liegende Plätze und insbesondere um Sardinien und Korsika, für die die Päpste und die Kaiser die Hoheit beanspruchen.

Die Geschichte Genuas und Pisas ist dabei im 12. Jahrhundert durch ständige kriegerische Auseinandersetzungen eng miteinander verknüpft.

 

Vermutlich schon seit dem späteren 11. Jahrhundert dienen in Genua drei Arten von Firmenkonstruktionen dem Seehandel. Zunächst werden sie meist zwischen zwei Parteien hergestellt. Die commenda verbindet einen Partner, der zur See fährt, mit einem, der nur Kapital beigibt und dafür am Gewinn beteiligt wird. Mit ihr haben junge Leute ohne Kapital Aufstiegschancen im Seehandel. In der societas tragern beide Seiten Kapital bei, wobei der mitfahrende Kaufmann den größeren Anteil am Gewinn bekommt. In der See-Anleihe schließlich borgt sich der eine Partner Geld für eine Unternehmung und verspricht, eine deutlich höhere Summe zurückzuzahlen, falls das Schiff sicher zurückkehrt. (Epstein, S.56) Eine Besonderheit ist es dann noch, wenn ein Unternehmer selbst ein Schiff besitzt.

Reiche Adelige wie die della Volta verkaufen schon einmal ein Kastell oder Land, investieren in Firmen, während sie zugleich in Machtpositionen in der Stadt stehen. Bei Erfolg im Handel geht ein Teil des Gewinns, wie auch bei den Doria, wieder in Landbesitz. Nach und nach können auch kleinere Eigentümer Anteile an Unternehmungen erwerben, was die Anzahl der Kapitalisten erweitert.

 

Handel gleicht die Differenz zwischen Überschuss und Mangel an Gütern profitabel aus, die dadurch zu Waren werden. Das unternehmerische Talent besteht darin, jeweils immer über die Situation informiert zu sein, wie auch zudem über das Risiko der Seefahrt. Aufwand und Risiko haben die Gewinnperspektive zu bestimmen. Was gehandelt wird und an wen, ist dabei eher geringfügig bedeutsam. Ähnlich wie bei Amalfi und Venedig spielen heimische Produkte eine geringe Rolle, von Haus aus wird Silber beigetragen, welches aus Raub, Landbesitz oder anderer Eigentumsentwicklung stammen.

 

Das Verhältnis der Stadt nach außen, seine "Politik", wird vom Kampf um Marktanteile rund ums Mittelmeer bestimmt und um Sicherheit unterwegs. An Kapitalrendite orientierte Handelsstädte sind dabei nicht weniger gewalttätig als "feudale" Herren im Binnenland, wobei Raubzüge und erklärte Kriege ineinander übergehen und beide von Piraterie durchsetzt sind. Die Gewalttätigkeit muss durch Kredite vorfinanziert werden, die nicht immer durch das Ergebnis zurückgezahlt werden können. Insgesamt wächst mit ihnen ein über die gesamte Nordhälfte Italiens operierendes Finanzkapital, wie es nicht nur in Piacenza zu Hause ist.

 

In Seehandelsstädten wie Amalfi, Venedig oder Genua ist das Handwerk den Handelsinteressen untergeordnet. Zunftartige Zusammenschlüsse gewinnen keinen Einfluss auf die Politik der Stadt und diese fördert sie auch nicht. Berufsgenossenschaften kommen nicht über den Status religiös zentrierter Bruderschaften heraus.

 

Zehn Jahre nach Beginn der Beteiligung am Kreuzzug besitzt Genua ein Handelsquartier in Jerusalem und die Stadt Dschibelet. Damit nimmt es direkter teil am Orienthandel mit Gewürzen und Färbemitteln. Zusätzlich zum Kommerz mit den christlichen Kreuzfahrerstaaten und natürlich der Zwischenstation Sizilien beginnt der direkte Handel mit der muslimischen Welt, vor allem über Alexandria.

 

Die Beziehungen zu den Kreuzfahrern hindern weder die Pisaner noch die Genoesen an guten Beziehungen zu moslemischen Herrschern, und so bekommen sie Privilegien vom almohadischen Herrscher über Nordafrika und von christlichen Potentaten in den Kreuzfahrerstaaten. Bald betreiben sie auch Zwischenhandel zwischen muslimischen Städten. In derselben Zeit beginnen die Genuesen ein Übergewicht im Seehandel von provenzalischen Häfen aus zu gewinnen und dazu wirtschaftliche Privilegien in Montpellier und Narbonne. Religion begründet mal Gewalttätigkeit, mal spielt sie auch überhaupt keine Rolle. Das Kapital steht grundsätzlich über Glaubensfragen, wenn es opportun ist. In dieser Beziehung gleichen sich Christen und Muslime.

 

Spätestens ab 1222 dienen die Konsuln nur noch für ein Jahr, können aber wie Caffaro, der Schreiber der Stadtgeschichte, immer wieder einmal gewählt werden, er selbst insgesamt fünfmal. Bis 1130 sind es die Konsuln der Kommune und der placita, wie er schreibt, und darüber auch Heerführer, danach werden beide getrennt und die consules de placitis treten extra auf. Für die ersten Jahrzehnte wird erwähnt, dass Konsuln Gericht halten in parlamento, was Wickham als Urteilen vor größeren Volksmengen versteht. Tun sie dies in compagna, bedeutet das wohl, dass sie es im Rahmend er ganzen neuen Kommune tun.

 

Unter den Konsuln sind auch die großen Familien der Doria und Spinola vertreten, aber dieser hohe Stadt"adel" dominiert das Konsulat nicht. Meist handelt sich eher um eine etwas darunter angesiedelte juristische und kommerzielle Oberschicht, die sich dabei beteiligt. (Wickham(1), S.165, und dort: "nearly every leading Genoese family was also involved in commerce.")

 

Die ersten Jahrzehnte nach dem ersten Kreuzzug nutzen die Konsuln, um zum einen Ligurien zunehmend unter seine Kontrolle zu bringen. Kastelle und Küstenorte werden gekauft oder unterworfen, hoher Adel wird gezwungen, in der Stadt Genua zu wohnen und dort der Compagna beizutreten.

 Gleichzeitg wird auch Krieg gegen Pisa um Sardinien und Korsika geführt (1119-1130 zum Beispiel). 

Neben dem Krieg finden diplomatische Offensiven statt. 1120 zum Beispiel reist eine genuesische Delegation nach Rom, die 500 Silbermark gleich an hohe Geistlichkeit verteilt, die sie sich zu 25% von römischen Bankiers leihen. Zudem versprechen sie Papst Calixt II. 1200 Silbermark und der römischen Kurie 300, um die geistliche Hoheit über Korsika zu erlangen. Ein halbes Jahr später nimmt der Papst den Pisanern die von Urban II. gewährte Unterordnung der korsischen Bischöfe weg. Um das Ergebnis zu verfestigen, schickt Genua eine Flotte von 80 Galeeren vor Porto Pisano. 1123 wird das Ganze nach einer Pisaner Eingabe noch einmal bestätigt.

1133 wertet Papst Innozenz II. Genua zum Erzbistum auf und gibt der Stadt Korsika als Lehen, was der Papst sich mit einem jährlichen Pfund  Gold belohnen lässt. Nachdem Genua so diese Insel unter seiner Kontrolle hat, beginnt es sich stärker Sardinien zuzuwenden.

 

Die Zeit um 1130/40 nutzen die Genuesen, um mit einem Almoravidenfürsten Frieden zu schließen und dann auf Raubzug gegen das ebenso musulmanische Bugia (Bougie) in der nordafrikanischen Kabylei zu fahren. Dann wird ein Vertrag mit Marseille geschlossen, der in einen mit dem marokkanischen Kalifat mündet. Genua lässt sich mit Händlern in dem marokkanischen Ceuta und dem heute algerischen Bougie dauerhaft nieder, dessen Kerzenwachs den französischen Kerzen ihren Namen geben wird. In derselben Zeit, 1137/38, sichert Genua seinen Handel mit zahlreichen provenzalischen Seestädtchen ab.

Während Venedig schon lange (mit Unterbrechungen) und Pisa seit mehreren Jahrzehnten Handelsprivilegien in Konstantinopel besitzen, gelingt den Genuesen aber weiterhin keine solche Übereinkunft.

Dafür gewährt König Konrad II. ihnen Ende 1138 das Münzrecht. Dieses wird an ein hochadeliges Konsortium für 1700 Lire auf vierzehn Monate verpachtet. Familien wie die Doria, Embriaco und della Volta teilen sich Anteile. (Epstein, S. 44)

 

Die kurze Zeit des Friedens zwischen Genua und Pisa nutzen beide, um den Grafen von Montpellier in ein Bündnis gegen den Grafen von St.Gilles zu zwingen, welches diesem eine Niederlage beibringt und erfreuliche Zahlungen von 2000 Silbermark. (Langer, S.20)

Derweil hat Florentiner Militär die Vorstadt des alten Rivalen Siena niedergebrannt, das wiederum mit dem (Land)Grafen Guido Guerra verbündet ist. Florenz verbündet sich mit Pisa gegen Lucca und Guido Guerra, während die beiden Städte bereits in Scharmützel um territoriale Gewinne verwickelt sind, die jetzt in einen längeren Krieg ausarten.

 

Von 1143 ist eine Art Verfassungsdokument der Gemeinde von Genua erhalten. Danach sind die Konsuln Regierung, die nach Mehrheit entscheidet, und oberste Richter auch für Mordfälle. Darunter gibt es Richter für geringere Verbrechen.

Krieg und Frieden so wie Steuererhebung ist von der Zustimmung eines Rates abhängig, wohl eines Ausschusses der Compagna. Turmbau und Waffentragen sind an die Zustimmung der Konsuln gebunden.

 

Die Mitgliedschaft in der Compagna ist Voraussetzung zur Wahl zum Konsul oder Schatzmeister wie die für Handelsreisen oder den Transport von Waren von und aus Genua. Sie ist offensichtlich nur einer kleinen Oberschicht zugänglich. Auch diese darf keine Waren aus dem pisanischen Machtbereich einführen, die mit Genueser Waren konkurrieren.

 

Neben Beute und Tributen zieht die Stadt Einkünfte aus einer Kopfsteuer auf fremde Kaufleute, eine Abgabe von 5% auf Waren, die Fremde in den Hafen bringen, und aus Zöllen. All dies neben Gewalt überzeugt ligurische Orte, sich unter Genueser Hoheit zu begeben. Dazu kommen Zölle auf Güter, die über Land in das Genueser Gebiet gelangen und Umsatzsteuern auf Salz und andere Güter.

 

Handelsinteressen, Geldgier, Raubzüge und Kriege bestimmen weiter die Städte. Inzwischen unterliegen in Spanien die Almoraviden gegen aufständische Machthaber und die Almohaden beginnen von Marokko aus die Eroberung des islamischen Spaniens. Die reiche Stadt Almería verselbständigt sich dabei und gerät so ins Visier genuesischer Begierden.1136 greift eine genuesische Flotte von zwölf Schiffen Bougie an, die mit über 8000 Lire Beute zurückkehrt. 1137 senden 22 Galeeren Drohpotential vor Almería aus.

 

Einer ersten Flotte gelingt es 1146, von Almería 113 000 Maravidies zu erpressen, von denen 25 000 sofort bezahlt werden. Dann zieht die Flotte vor dem Wintereinbruch wieder ab.

Es kommt zum Vertrag mit Alfons von Kastilien über eine gemeinschaftliche Eroberung von Almería, Der Kastilier verspricht einen Handelsplatz in der Stadt und Geld und 20 000 Maravedies für den Bau von Belagerungsmaschinen. Danach kommt es mit Ramon Berenguer von Barcelona (der demnächst Petronilla von Aragon heiraten wird) zu einem ähnlichen Vertrag für die Eroberung von Tortosa.

 

Genua nimmt einen hohen Kredit u.a. von Finanziers in Piacenza auf, um 63 Galeeren und 164 weitere Schiffe mit Mannschaften auszurüsten, die ihnen an Land 12 000 Militärs liefern (Epstein, S.50). Im Herbst 1147 fällt die Stadt, die Burgbesatzung rettet ihr Leben gegen 130 000 Maravedies. 10 000 Frauen und Kinder werden nach Genua (vermutlich) in die Sklaverei geführt und nach Begleichung der Schulden werden die Genuesen rund 43 000 Maravedies eingenommen haben. (Langer, S. 32). Teile von Almería werden zunächst einmal zerstört. Die Stadt verarmt vorübergehend und der genuesische Anteil wird an Ottone Bonvillano abgegeben, da Genua das nicht selbst verwalten kann. 1157 wird die Stadt allerdings schon an die Almohaden fallen.

 

In derselben Zeit verhilft eine aus dem Norden zum Kreuzzug ziehende Flotte zur Eroberung Lissabons durch den portugiesischen Potentaten.

 

Ein Teil der genuesischen Flotte zieht nur bis Barcelona, wo man dem Grafen versprochen hatte, sich an der Eroberung Tortosas zu beteiligen, die dann 1148 auch gelingt, was aber Genua nur bescheidene Handelsvorteile dort einbringt. Die neuen Schulden der Stadt werden dann erstmal durch die Verpachtung der ihnen zugefallenen Zölle wieder abgelöst. Der genuesische Anteil von Tortosa geht an ein Konsortium Genueser Kapitaleigner.

 

Die Verschuldung Genuas führt schnell zu einem Frieden mit Pisa. Dazu kommt ein zehnjähriger Waffenstillstand mit dem Herrscher von Valencia, der dafür auch Tribut zahlen muss.

Die Schulden Genuas insbesondere aus der Eroberung Tortosas bringen deren Konsuln dazu, 1150 die Gebühren aus dem Geldwechsel in der Stadt auf 29 Jahre an eine mächtige lokale Familie zu verpfänden. Für dieselbe Zeit werden alle neuen genuesischen Besitzungen in Tortosa verpachtet. 1154 geschieht dasselbe für die Besitzungen in Dschibelet, Antiochia und Laodicea. Im selben Jahr gewinnt die Stadt 16 649 Maravedies durch den Verkauf aller ihrer Anteile an Tortosa an den Grafen von Barcelona und einigt sich mit den Gläubigern in Piacenza.

 

Zur Gewalt nach außen kommt für italienische Handelsstädte die zunehmendere Gewalt im Inneren. Die Stadt unternimmt Versuche, sich innerhalb ihrer Mauern als Friedenszone zu definieren, es gelingt aber nicht, das öffentliche Waffentragen mit Schwertern und Dolchen zu verhindern oder den Kampf der führenden Familien mit ihrer Klientel in ihren Nachbarschaften zu verhindern.

 

1155 berichtet der Genueser Caffaro von der Verstärkung der dortigen res publica  mit Mauern und Toren - die komunale Selbständigkeit soll gegen den einmarschierenden Kaiser geschützt werden. Und - die neue kommunale Einung und Einigkeit soll sichtbar sein. Verstärkt werden auch die Burgen an den Bergpässen ins Inland.

Für 1158/59, also nach Roncaglia heißt es in Caffaros Genueser Annalen: Tag und Nacht ohne Unterlass tragen die Männer und Frauen, die in Genua waren, Steine und Kalk zur Mauer, so dass sie innerhalb von acht Tagen so viel und Lobenswertes vollbracht haben, wie in einem Jahr keine andere italienische Stadt vollbracht haben könnte. Die übrigen Teile, die die weite Mauer nicht umfing, wurden in drei Tagen mit sehr hohen Wehrbauten befestigt, die aus Schiffsbäumen hergestellt wurden, und mit vielen Wehrerkern und mit großen Schilden, so dass sie ohne Schaden der Belgaerung von ganz Italien, der Toskana und Deutschland würden widerstehen können, es sei denn, Gott, der Herr, würde es anders wollen. (in: Staufer und Italien)

 

Der byzantinische Herrscher kommt jetzt nach Genua, um seinerseits gegen die Normannen unter König Wilhelm zu ziehen, und bietet nun endlich auch 1155 den Genuesen gegen deren Unterstützung einen Handelsposten (embolum) in Konstantinopel an (den die Pisaner nebenan sieben Jahre später zerstören werden). Genua treibt aber Handel mit Kaiser und König. 1156 gelingt es Wilhelm, Aufstände in Süditalien zu unterdrücken und die Griechen zu besiegen. Dabei bekommt er erhebliche griechische Gelder in seine Gewalt. Darauf sieht sich der Papst genötigt, ihn mit ganz Sizilien, Kalabrien und Apulien zu belehnen, um wenigstens nominelle Oberhoheit zu wahren.

 

Genua verbündet sich jetzt mit den Normannen und erhält Handels-Vergünstigungen in Messina und Palermo und das Versprechen des Ausschlusses provenzalischer Händler vom Handel mit sizilischen Städten des Normannenreiches. Die nordwestliche Mittelmeerküste soll exklusiv in genuesische Hand gelangen.

 

Als der Westkaiser wieder mit großem Heer nach Italien zieht, neigen die Genuesen dazu, Mailand zu unterstützen, während Pisa versucht, Frieden in seinem tuscischen Hinterland unter Herzog Welf herzustellen, um so die Hände frei für die Unterstützung des Kaisers zu bekommen. In Roncaglia werden die Regalien für  Norditalien verkündet, Genua wird mit militärischen Drohungen zur Zahlung von 1000 Mark Silber (...) und zur Einstellung des begonnenen Mauerbaus verpflichtet (OttoGesta, S.534, IV,12), woran es sich aber nicht hält.

 

Im Spiel der Mächte verbindet sich nun der byzantinische Kaiser mit jenem Papst, der wiederum beginnt, die lombardischen Städte zu unterstützen, denen auch Genua anhängt. Eine genuesische Flotte erzwingt derweil die Öffnung von Valencia für den Handel Genuas und die Zahlung der dabei entstandenen Kriegskosten durch die islamische Stadt.

 

Die Genuesen liefern den Pisanern erneut erfolgreich Seegefechte vor der provenzalischen Küste. Sie können auch erhebliche Summen aus ihrer Sardinienpolitik ziehen und weiteres Umfeld unterwerfen. Derweil wird die Stadt aber zum Beispiel 1161 von Parteikämpfen unter Anführerschaft mächtiger und kapitalkräftiger Familien und unter Zuhilfenahme von hunderten von Söldnern zerrüttet.

 

1162 erobert Kaiser Friedrich Mailand, belässt aber Genua seine de-facto-Autonomie, während ligurische große Herren weiter offen zum Kaiser stehen. Zugleich unterstützt Genua den Gegenpapst Viktor.

 

Inzwischen beginnen die sich über drei Jahrzehnte erstreckenden gewalttätigen Kämpfe zwischen den verschiedenen führenden Genueser Familien, die bis in die 90er Jahre immer wieder aufflackern.

 

Lucca und Genua verbünden sich 1162 gegen Pisa, welches seinen Einfluss so über Land ausdehnt, dass es erstere Stadt zeitweilig vom Meer abschneiden kann. Pisaner überfallen zusammen mit anderen Italienern die genuesische Kolonie in Konstantinopel, vertreiben die Genuesen und rauben deren Besitz im Wert von  10 000 Lire. 1164 bestätigt Kaiser Friedrich Barisone als König über Sardinien, wofür er ihm 4000 Mark bezahlen soll, die er nicht hat. Er wendet sich um Hilfe an Genua, die das dazu benutzen, die Insel zu kolonisieren. 1165 wendet sich Pisa an den Kaiser und bezahlt ihm 13 000 Lire für die Insel. Im selben Jahr bezahlt Genua an den Grafen Raimund von der Provence 1300 Silbermark, damit er Pisa nicht unterstützt. Solche Kosten müssen mit neuen Abgaben in der Stadt aufgebracht werden.

Doch dann, überfordert von den ewigen Kriegsanstrengungen, gelingt 1169 ein Friede von Pisa mit Genua, der Pisas Handel fast vollständig von der nordwestlichen Mittelmeerküste abdrängt und seine Ansprüche auf Vorherrschaft über Sardinien beendet. Aus diesem Grund hält der Friede nicht.

 

Inzwischen war 1168 den Genuesen ein neuer Platz bei Konstantinopel zugesprochen worden, den wiederum die Venezianer 1170 zerstören werden. Der pisanische Handelsplatz war wohl schon 1167 aus der Stadt an die Peripherie verlagert worden. In Ägypten steigen derweil Nureddin und sein Neffe Saladin auf, die die Versuche des Königs von Jerusalem, Nordägypten zu erobern, trotz pisanischer Unterstützung zunichte machen. Immerhin wird in dem "Heiligen Land" pisanischer Handel dadurch gefördert.

 

All diese äußeren Aktivitäten hindern Adelsfraktionen wie die der della Volta nicht daran, zwischen 1164 und 69 immer wieder bürgerkriegsähnliche Zustände in der Stadt herzustellen. Dabei geht es offenbar um reine Machtkämpfe, die bald in reine Aktionen von Rache und Gegenrache ausarten.

 

Der genuesisch-pisanische Friede hält nur kurz, wie nicht anders zu erwarten war. Überfälle auf Pisaner, Verwüstung von diesmal korsischen Landstrichen, auf der anderen Seite Piraterie gegen Handelsschiffe. Die Genuesen verbünden sich mit Byzanz und damit gegen den Westkaiser, der antikaiserliche Papst versucht sich anzuschließen. Genua beschäftigt den pisanischen Piraten Trepedicinus damit, vor pisanischem Gebiet Unheil anzurichten. 1170 werden die Genuesen mit einem neuen Handelsplatz innerhalb von Konstantinopel neben den Pisanern belohnt. Wenig später werden die Pisaner allerdings auch, nachdem sie kurzzeitig vertrieben worden waren, wieder mit ihrem angestammten Handelsplatz ausgestattet. Der Ostkaiser möchte die zu selbständigen Venezianer bestrafen und braucht dazu viele Schiffe.

1171 plündern die Venezianer den genuesischen Handelsposten, was Byzanz mit der Verhaftung von ihnen und der Beschlagnahmung all ihrer Güter im ganzen Reich beantwortet.

 

Um 1170 schreibt Benjamin von Tudela über Genua: Die Stadt ist von einer Mauer umgeben. Kein König herrscht über ihre Bewohner, sondern Richter, die jene nach ihrem Willen einsetzten. Jeder Bewohner der Stadt hat einen Turm an seinem Haus. Wenn es in der Stadt Streit gibt, bekämpfen sie einander von der Turmspitze aus. (in Staufer und Italien, S.220) Wenn also kein äußerer Feind kommt, brechen die inneren Feindseligkeiten aus.

 

Genua schickt um 1172 Galeeren gegen Pisa. Erzbischof Christian von Mainz erhält von Genua 2300 Lire, worauf er sich mit seinen eigenen Truppen gegen Pisa wendet. Aber inzwischen zieht ein Malaspina mit aufgewiegelten Orten unter Genueser Hoheit nun gegen genuesische Festungen. Genua bildet, um die Kosten zu senken, eine eigene Miliz, indem es Leute zu Rittern schlägt, anstatt fast nur mit teuren Söldnern zu operieren. Ansonsten sucht es allerdings auch Verbündete wie Massa, deren Wohlwollen die Stadt wiederum teuer bezahlen muss. Die Kriegskosten steigen weiter und Genua muss eine sehr hohe Vermögenssteuer erlassen.

 

Pisaner und Genuesen kaufen sich etwa um diese Zeit abwechselnd wieder einmal mit größeren Summen bei den sardischen Potentaten ein, die mal der einen, mal der anderen Seite zuneigen, tatsächlich aber ihre Unabhängigkeit zunächst nicht aufgeben. Nordwestlich davon schließen die Genuesen einen Pakt mit dem aufstrebenden Grafen Raimund von Toulouse, der seine Macht bis Arles und Nizza ausweiten möchte, und enorme Handelsprivilegien für genuesische Händler verspricht, was er aber nicht halten muss, weil er sich 1176 mit Alfonso von Aragon über die Einflusszonen einigt.

 

Als Kaiser Friedrich 1174 wieder in Italien einmarschiert, sind die Machtverhältnisse geklärt: Genua kontrolliert die nordwestliche Mittelmeerküste und im wesentlichen Sardinien, Pisa Teile seines Hinterlandes. Danach kehrt endlich 1175 in der ausgebluteten und immer wieder neu verwüsteten Region ein etwas dauerhafterer Friede ein, erst zwischen Pisa und Genua und zwischen Florenz und Siena, dann bis 1182 einer von Pisa und Lucca, 1184 einer zwischen Lucca und Florenz. Innerhalb Genuas kommt es aber ab 1179 erneut wieder zwischen bürgerkriegsartigen Situationen, vor allem zwischen den Familien der della Volta und der de Curia. Sippschaften und Nachbarschaften verschmelzen immer mehr zu den alberghi, die ihre Türme stärker befestigen und mit ihrer Anhängerschaft gegeneinander kämpfen.

 

Dennoch wächst Genua in rasantem Tempo sowohl was seine Fläche wie seine Einwohnerschaft betrifft. Abgesehen von ein wenig Verfeinerung von Halbfabrikaten von Textilien beruht der Aufstieg der Stadt - fast zur Gänze - auf seinem Handel. Dabei werden ähnlich wie anderswo weiterhin vor allem Handelskontrakte auf Zeit entwickelt (commenda), Geldwechsler gehen zur Kontoführung über und machen Überweisungen von einem Konto auf ein anderes möglich. Mehr als anderswo noch integriert sich der Adel in den Kommerz und manchmal, wie bei den im Contado beheimateten Grafen von Lavagna, wird aus Adel ganz bewusst bürgerliches Großkapital, in diesem Fall das der Familie der Fieschi im 13. Jahrhundert (Hyde, S. 71). Ähnlich wie in Venedig beruht ohnehin die ganze Stadt auf Handel, weswegen sie keine gesonderte Organisationsform der Händler schafft, wie beispielsweise Florenz. Die Stadt selbst als Kommune wird zur Handelsgenossenschaft.

 

Während bei Hattin das Kreuzfahrerheer untergeht, stiftet Papst Clemens III. Frieden zwischen Genua und Pisa, während in Genua selbst weiterhin immer wieder bürgerkriegsähnliche Zustände ausbrechen. Diese nehmen erst ab, als Anführer einzelner Fraktionen zum Kreuzzug aufbrechen, wie ein Embriaco, ein Doria und ein della Volta. Nachdem Genuesen an der Belagerung von Akkon teilnehmen, werden sie von Konrad von Montferrat mit Privilegien in Tyros belohnt.

 

1190 geht Genua zum ersten Mal zur Einrichtung des Podestà über, allerdings bleibt er vom Wohlwollen der einzelnen Fraktionen abhängig. 1192 kehrt man zum Konsulat und bald zu neuen inneren Unruhen zurück. Als die Kämpfe 1194 überhand nehmen, wird erneut zur Regierung eines Podestà übergegangen, und nun bleibt es erst einmal dabei.

 

1195 unterstützt eine genuesische Flotte Heinrich VI. bei der Eroberung Siziliens, ohne daraus handfeste Vorteile zu gewinnen. Ligurien gerät immer mehr unter die Kontrolle seiner Hauptstadt. Während die Kämpfe mit Pisa immer wieder neu aufbrechen, bemächtigt sich Venedig eines großen Teiles von Byzanz, was Genua dort jeden Zugang versperrt.

 

Pisa

 

Pisa bietet inzwischen schon mehr als ein Jahrhundert lang den florierenden Hafen für Waren in die Toskana und aus ihr heraus. Ähnlich wie Genua steigt die Stadt im wesentlichen über ihren Handel auf. Wie bei fast allen anderen Städten Nord- und Mittelitaliens greifen Handel, organisierter Raub und Krieg eng ineinander.

 

Die Stadt ist zwischen 1101 und 1110 an der Eroberung zahlreicher Städte Palästinas beteiligt, der terra sancta christlicher Propaganda. Es unterstützt den Normannen Tancred bei der Eroberung seines Territoriums, was Pisa Stadtviertel in Antiochia und Laodicea einbringt, übrigens weit weg vom "Heiligen Land". Um diese gefährliche Beziehung zwischen Pisa und den Normannen zu lockern, erhält die Stadt von Byzanz in einer Bulle von 1111 ein Stadtviertel (fondaco) in Konstantinopel neben dem von Amalfi, Keine Abgaben auf die Einfuhr von Gold und Silber, nur 4% Zoll auf Importwaren und 10% auf Exporte.

 

An der Küste gibt es Hafenanlagen mit ihrer Infrastruktur und Handelskontore. An die Spitze dieser kleinen Kolonien entsendet Pisa Konsule. Daneben gibt es Lehnsgüter, auf denen in einer Art Plantagenwirtschaft Rohstoffe angebaut und wie Zuckerrohr mit Mühlen verarbeitet und für den Export vorbereitet werden.

 

Neben Baumwolle, Zucker und Rohseide, Indigo, Glas- und Metallwaren aus dem Nahen Osten verhandeln die italienischen Städte im vorderen Orient Güter, die aus Indien, der südostasiatischen Inselwelt und China dorthin gelangen. Dazu gehören Gewürze, Edelmetalle, Edelsteine und Seide.

Während die Kreuzritter sich auf schnell wieder gefährdete Landherrschaften konzentrieren, baut das große Kapital italienischer Seestädte sich Handelsimperien auf.

 

Während Genua nach der Provence und der Südküste Spaniens auszugreifen beginnt, ist Pisa in Teilen Nordafrikas fest etabliert, insbesondere pflegt es gute Beziehungen zu den Herrschern von Tunis, die auch die Handelsstadt Bougie kontrollieren. Die fondachi dort haben allerdings nicht die Rechte von Handelsniederlassungen im byzantinischen Reich, sondern stehen unter der Kontrolle muslimischer Verwalter, die auch darauf achten, dass die Händler sie nicht verlassen.

 

Die mehrmalige längere Abwesenheit von Bischöfen in den 80er Jahren und dann wieder zwischen 1098 und 1106 schwächt deren Machtstellung, und da auch der königliche und markgräfliche Einfluss kaum noch spürbar ist, sind es Versammlungen weltlicher Mächtiger, die in ein langsam immer geregelteres Konsulat münden. 1109/10 tauchen in Dokumenten Pisaner Konsuln als Repräsentanten der Stadt auf, allerdings noch neben dem Erzbischof. Aber schon 1111 macht Alexios Komnenos einen Handelsvertrag mit Pisa, bei dem der Erzbischof nicht mehr vorkommt, dafür aber die Pisaner Konsuln (hypatoi, so in: Wickham(1), S.89). 1112 werden Konsuln und populus erwähnt, wie sie selbständig ein Gerichtsurteil über eine Eigentumsfrage fällen. Danach mischt sich der Erzbischof nicht mehr in das weltliche Gerichtswesen ein.

 

Für die Zeit seit den 1080er Jahren schreibt Wickham: "the body that formalised itself to confront the power-vacuum was the city assembly, in which members of the élite, as army leaders and sapientes and consules, had a relatively informal leadership." (Wickham(1), S.112) Dies zu einem formalisierteren Amt zu formen, wird Aufgabe des 12. Jahrhunderts sein. Was das für die Zukunft einer laikalen Selbstverwaltung bedeuten wird, dürfte für die Beteiligten damals allerdings kaum absehbar gewesen sein.

 

Auffällig ist, dass das Konsulat des 12. Jahrhunderts in Pisa von einer stärker kommerziell ausgerichteten Oberschicht ausgeübt wird, während die wenigen "aristokratischen", auf Land, Leuten und Kastellen basierend, sich dabei zurückhalten. Damit ist das in etwa die Gruppe, die in den vierziger Jahren den römischen Senat gründen wird.

 

Allerdings ist der geistliche Herr zugleich größter Grundbesitzer in seinem Bistum und hält dadurch auch nicht wenige konsularische Familien in feudaler Abhängigkeit. Und wenn dann einige Jahrzehnte später professionelle Iudices zu Gericht sitzen werden, heißt es immer noch, sie seien vom Erzbischof und den Konsuln auserwählt, - bis dann nach und nach der Erzbischof dabei nicht mehr erwähnt wird.

 

Das, was Historiker hier gerne als Gemeindebildung bezeichnen, ist wesentlich die Abspaltung einer Gruppe reicher und mächtiger "weltlicher" Herren von dem kirchlichen Machtzentrum unter der Bedingung nur noch nominellen Königtums und die Übernahme von Justiz und von Entscheidungen über Außen- und Innenpolitik für den Laienteil der Bevölkerung. Der dürfte weitgehend weiter von allen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen sein (und wird das bis heute bleiben). Er taucht in den Dokumenten zwar manchmal mit der  Formel et populus oder ähnlichen auf, dürfte aber kaum mehr beteiligt sein, auch wenn in vielen Fällen von "Versammlungen" die Rede ist, und man sich fragen mag, ob da "Volk" wenigstens als Zuhörer bzw. Zuschauer anwesend sei.

 

Als im August 1113 eine Flotte unter pisanischer Führung (vielleicht 300 Schiffe) und Militär aus Lucca, dem Languedoc und Katalonien (zusammen 120 Schiffe) mit päpstlichem Segen die Balearen angreift, sind verständlicherweise die Genuesen nicht dabei. (Mitterauer, S.146) Man überwintert in Barcelona, erobert 1114 Ibiza und 1115 die Medina Mayurka (Palma). Wer nicht flieht, wird versklavt. Aber am Ende erobern Almoraviden die Inseln 1116 zurück.

Das 'Liber Maiolichinus de gestis Pisanorum illustribus' ist ein dazu wohl von den Stadtoberen in Auftrag gegebenes Propagandawerk. Angeführt werden die Pisaner danach von zwölf Konsuln, ihrem Erzbischof und ihrem Vizegrafen. Der Raub- und Eroberungszug wird, wie nicht anders zu erwarten, religiös begründet. Wichtiger ist, dass der Krieg in der Propaganda ein einigendes Band von cives bzw. populus herstellt, die zur Gemeinschaft verschmelzen. Gemeindebildung und brutales Kriegswesen gehen wie fast überall Hand in Hand.

Wie beim 'Carmen in victoria Pisanorum'  und anderen derartigen Texten wird deutlich, wie sehr Kirche und Geistliche bzw. Religion und der verherrlichte Krieg zusammengehören. Das geht so weit, dass Erzbischof Daimbert den Kriegszug begleitet. In einem Text heißt es, der Papst selbst habe ihn an die Spitze des Kriegszuges gestellt. Es wird aber auch deutlich, in welch hohem Maße Dichtung und Propaganda der Mächtigen oder für sie eine Einheit bilden.

 

Nach und nach ziehen sich die Pisaner aber vom Handel mit der iberischen Mittelmeerküste stärker zurück, da hier die Katalanen unter dem Grafen von Barcelona mit den Genuesen zusammenarbeiten, denn beider Interessengebiete stoßen östlich der Provence aufeinander.

 

Pisa und Genua sind nicht nur, meist als Konkurrenten, in ligurische und tuscische Orte und Herrschaften eingebunden, sondern auch in die große Politik. Da sind einmal die römischen Könige bzw. Kaiser, die ganz Italien beanspruchen, genauso wie die byzantinischen Kaiser. Manchmal versuchen beide auch Bündnisse, insbesondere gegen die süditalienischen Normannen. Dabei steht Pisa meist auf westkaiserlicher Seite, ungeachtet der Tatsache, dass Konstantinopel für sie ein wichtiger Handelsplatz ist, wie für Genua, welches tendenziell eher als Gegner des Westkaisers auftritt.

Spannend wirkt dann auch noch die Tatsache, dass die Stauferkaiser über weite Strecken Gegenpäpste bevorzugen, die nicht mit der bald aufständischen Lombardei verbündet sind, wobei beide Päpste dann um Zustimmung auch in Genua und Pisa werben, wie ohnehin überall. Die Päpste selbst nehmen vielerorts in Italien weltliche Hoheitsrechte neben den geistlichen in Anspruch, nicht zuletzt, um so als durchaus weltlicher Machtfaktor gegen den römischen Adel auftreten zu können.

Mit Kaiser Friedrich ("Barbarossa") beginnt der Krieg gegen die zunehmende Zahl lombardischer Städte, die das Kaisertum als Belastung erleben, und wiederum versuchen, Genua als Bündnispartner zu gewinnen, insbesondere von Mailand aus. Macht und Herrschaft müssen überall und immer wieder mit Gewalt hergestellt werden...

 

Handelsinteressen und die Suche nach Reichtümern, also Geldgier führen dazu, das Genua und Pisa oft in kriegerische Aktionen verwickelt sind, mal gegen ligurische oder tuscische Herren und Städte, oft auch miteinander. Dabei werden ganze Landschaften auf das brutalste verwüstet. Diese vielen kriegerischen Aktionen finden ihre Höhepunkte in Seegefechten, in denen es vor allem um die Vorherrschaft an der nordwestlichen Mittelmeerküste geht, nachdem im  östlichen Mittelmeer Venedig dominiert. Dabei verschwimmt der Unterschied zwischen Seekrieg und Piraterie, und manche Schiffskommandanten machen schon einmal Beute auf eigene Rechnung oder wechseln zum Feind.

 

Die in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts immer wieder neu aufkommenden Scharmützel und Kriege insbesondere zwischen der ligurischen und der tuscischen Seehandelsstadt werden 1132/33 mit dem gemeinsamen Interesse von Papst Innozenz II. und dem römischen König Lothar, sich gegen das Bündnis von Gegenpapst Anaklet II. und des Normannenkönigs Roger von Sizilien zu wenden und Robert von Capua zu unterstützen, unterbrochen, die beider Flotten dafür brauchen. Roberts (II.) langobardisches Fürstentum liegt zwischen dem Kirchenstaat und dem Herzogtum Neapel und versucht sich mit Unterstützung des Kaisers aus der vassallitischen Unterordnung unter das Normannenreich zu entkommen. 

Um Genua mitzuziehen, wird es wie schon früher Pisa, zum Erzbistum erhoben, und Korsika wird in nördliche Bistümer unter Genua und südliche unter Pisa geteilt, was über die Kirchenhoheit hinaus weltliche Begehrlichkeiten unterstützt. Dafür erhält Pisa nun wesentlich mehr Einfluss auf Sardinien.

Insbesondere in die sardischen Hafenstädte wandern immer mehr pisanische Händler und Handwerker ein. Die Domopera gewinnt mehr Landgüter und die Kontrolle über Silberminen und Salinen. Die extrem niedrigen Löhne sardischer Landarbeiter machen die Ausfuhr von Getreide, Wein, Häuten und Wolle lukrativ. Pisanisches Stapelrecht führt dazu, dass Getreide und Metalle erst einmal in die Mutterstadt gebracht werden müssen.

 

Das Unternehmen scheitert vor Rom, Lothar muss außerhalb im Lateran gekrönt werden, und dann ziehen Innozenz, Lothar und die Flotte wieder ab nach Pisa. Im folgenden Jahr zahlt Robert eine erhebliche Summe, um die Pisaner damit zu bewegen, ihm mit einer Flotte dabei beizustehen, Capua zurück zu gewinnen. Das scheitert, und quasi als Entschädigung plündern die Pisaner das eigentlich mit ihnen verbündete Amalfi und seine wohlhabenden Nachbarstädtchen vernichtend aus. Darauf gelingt es den nachsetzenden Normannen, knapp 600 Pisaner in ihre Hände zu bekommen, Unterpfand für erhebliches Lösegeld. Robert muss in die deutschen Lande ziehen und seine Herrschaft ist zu Ende.

 

Lothar schickt einen Markgrafen in die Toskana, wo sich Lucca, Florenz und Guido Guerra gegen die kaiserliche Herrschaft erheben, und Pisa nur darauf wartet, dass Lucca geschwächt wird. Lothar trifft 1136 dort ein und genießt pisanische Unterstützung. Florenz muss den vertriebenen. kaiserlich eingestellten Erzbischof Gottfried zurücknehmen und Lucca an Lothar erhebliche Summen zahlen, um eine Plünderung zu vermeiden.

Der Kaiser zieht dann mit einer pisanischen Flotte nach Neapel, wo Roger seine Belagerung aufgeben muss, und es gelingt ihnen sogar die Einnahme von Salerno. Unterwegs nutzen die Pisaner 1137 die Gelegenheit, erneut die Nachbarstädte Amalfis brutal zu plündern, während dieses selbst sich mit einer erheblichen Summe an den Kaiser von demselben Schicksal freikauft. Die eroberten und zum Teil ausgeplünderten Gebiete fallen nach Abzug des Heeres bald wieder an König Roger.

 

Inzwischen haben die Pisaner militärische Erfolge gegen Lucca erzielt und Lösegeld verheißende Gefangene gemacht. Derweil erleidet Florenz eine Niederlage gegen Siena, Arezzo und Guido Guerra. Abgesandte des römischen Königs Konrad erreichen dann einen kurzen Frieden zwischen Pisa und Lucca, der aber schnell wieder noch 1148 in einen Vormarsch Luccas, nun verbündet mit Pistoia und Prato, mündet. 1149 wechseln die Florentiner auf die Seite Luccas, was Guido Guerra veranlasst, zu den Pisanern überzugehen. Die wiederum können ein Bündnis mit dem immer noch durch Schulden gebeutelten Genua erreichen.

 

Der sich entfaltende Kapitalismus ist ein Kind des Krieges, Handel und Gewalttätigkeit sind zwei Seiten einer Medaille. Gier ist der Vater aller Dinge. Derweil verbünden sich auf der Ebene der Großreiche Byzanz und der römische König einmal wieder, während der normannische König Roger Byzanz nun direkter angreift. König Konrad muss in deutschen Landen gegen Welf kämpfen, der mit Roger verbündet ist. Florenz verbündet sich derweil mit Lucca und Pistoia, Pisa mit dem Grafen Guido Guerra. Konrad lässt durch deutsche Bischöfe den Versuch unternehmen, die Toskana zu befrieden, um freie Hand gegen Roger zu bekommen, ein schwieriges Unterfangen.

 

Um 1152 überfallen Pisaner auf einem Handelsschiff ihre ägyptischen Passagiere, werfen die Männer über Bord, teilen dann Frauen, Kinder und Gepäck unter sich auf. Mühsam muss wieder Frieden mit dem ägyptischen Potentaten verhandelt werden (Quellen bei Langer, S.52). Zwischen dem einzelnen großen Kapital und den Gemeinden gibt es Einigkeit immer nur punktuell.

 

Nun zieht Friedrich ("Barbarossa") nach Italien, verlangt in Roncaglia Unterwerfung. Eilig werden überall Stadtmauern befestigt oder erneuert, wie auch in Genua und Pisa. Ob kaisertreu oder stauferfeindlich, alle Städte beharren auf ihren kommunalen Errungenschaften. In den Annalen des kaiserfreundlichen Pisa heißt es: Im Februar, März und April des Jahres 1157 umrundeten (die Konsuln) die gesamte Stadt Pisa sowie Konzica mit hölzernen Türmen, burgähnlichen Vorbauten und Wehrerkern aufgrund der Angst vor der Ankunft von Friedrich, König der Römer. (in: Staufer und Italien, S.211)

 

Der Durchzug nach Süden gegen die Normannen scheitert an der Unlust der deutschen Großen, die nach Hause wollen, auch wenn Pisa schon beutelustig eine Flotte ausgerüstet hat.

 

Gegenüber den krisengeschüttelten Finanzen Genuas konsolidiert Pisa seinen Haushalt besser. Dabei übernimmt die Domopera immer mehr die Einnahmen aus Außenposten wie dem in Byzanz und deren Verwaltung, erhält immer mehr Bankcharakter. Von Byzanz selbst (Griechenland) erwarten die italienischen Seestädte vor allem Getreide, Speiseöl. Salz und Baumwolle.

 

Während der Kaiser in Italien neue Probleme durch alte Lösungen bekämpfen will, gibt die Stadt ein Rechtsbuch für sich in Auftrag, welches ab 1160  als constituta legis et usus erscheint.

 

Pisa bleibt auf der Seite des Westkaisers und sein Erzbischof, der den kaiserlichen Gegenpapst nicht anerkennt, muss fliehen. Papst Alexander findet dafür Aufnahme in Genua, Mailand fällt an Friedrich I., und nun flieht der Papst auf genuesischen Schiffen nach Montpellier. Der Kaiser belehnt Pisa mit großen Gebieten und gibt ihm erhebliche Handelsvorteile, - auch in dem noch zu erobernden Normannenreich im Süden. Aber dann bekommt Genua vom Kaiser, um es zu gewinnen, ebenfalls entsprechende Privilegien, insbesondere für die provenzalische Küste, aber auch für Süditalien. Das wiederum geschieht sehr zum Missfallen des pisanischen Kapitals.

So wird der Konflikt zwischen Pisa und Genua geschürt, die Pisaner von Konstantinopel überfallen 1162 die genuesischen Nachbarn, rauben ihr Lager aus und vertreiben sie,  so dass sie in ihre Heimatstadt flüchten müssen. Darauf erklärt Genua Pisa offiziell den Krieg. Beide Seiten versuchen mit Geld Verbündete zu finden. Wichtigster Verbündeter Genuas wird Katalonien. Friedrich I. ("Barbarossa") spricht Pisa die Küste von Portovenere bis Civitavecchia samt den Inseln davor zu, was aber nur moralische Unterstützung ist. Immerhin geht es dabei um das Eisenerz von Elba, den dazu gehörigen Hafen Piombino, und das erzreiche Massa Marittima und seinen Schmelzöfen vor allem im Küstenbereich.

 

Dem kaiserlichen Verbündeten Pisa nimmt der Normannenkönig nun alle Privilegien, da er einen erneuten Kriegszug nach Süditalien befürchtet. Einer der Iudices, quasi-fürstlicher Barone auf Sardinien, schafft es in Verhandlungen, vom Westkaiser das Königtum über die Insel und die anderen "Richter" zu erlangen. Die Genuesen unterstützen ihn in der Absicht, über ihn Einfluss auf das Eiland zu bekommen. Die Pisaner drohen dagegen mit ihrer Flotte und fallen auf Sardinien ein. Auf diese Weise scheitert das ganze Unterfangen.

 

Zwischen Pisa und Genua herrscht derweil eine Art Kaperkrieg. Der Kaiser gibt nun 1165 Pisa Sardinien zu Lehen, welches darauf pisanische Mannschaften offenbar ausplündern. Hauptkriegsschauplatz wird aber die provenzalische Küste, vor der es zu Seegefechten kommt. Genua kann nun Lucca als Verbündeten gewinnen und hält sich so den Rücken frei.

 

Herbst 1166 marschiert Kaiser Friedrich wieder in Italien ein, immer noch auch entschlossen, Süditalien in seine Gewalt zu bringen. Der genuesisch-pisanische Krieg stört aber dabei, da er deren Flotten braucht. Rainald von Dassel schafft es nicht, dort einen soliden Frieden herzustellen, gewinnt aber die Pisaner für die Stellung einer Flotte. Derweil schließen die Genuesen mit Alfonso von Aragon einen Vertrag zum erheblichen Nachteil Pisas. Als Zugabe schenkt der aragonesische Herrscher Genua zwei bei Barcelona beschlagnahmte pisanische Schiffe. Die genuesische Flotte kann in der nächsten Zeit pisanische Handelsschiffe von der nordwestlichen Mittelmeerküste fernhalten. Und der Graf von Barcelona formuliert ein Handelsverbot für pisanische Schiffe zwischen Nizza und der Ebromündung, welches 1169 noch verschärft wird.

 

Nach und nach entwickelt sich ein lombardischer Städtebund, der die Härte kaiserlicher Verwaltung mindern möchte. Beim nächsten Italienzug Friedrichs unterstützen ihn die Pisaner, aber bei seiner Wendung Richtung Rom verlangen sie, dass die feindlichen Genuesen von dem Kriegszug ausgeschlossen werden sollten. Sie würden dafür ihre Flotte verdoppeln. Es kommt zu einem vorüebrgehenden Erfolg, Gegenpapst Paschalis krönt Friedrich in der Peterskirche. Danach verwüsten und plündern pisanische Schiffe die Tibermündung. Schließlich aber erledigt sich der deutsche Feldzug wie so mancher mit einer mächtigen Seuche.

 

Im westlichen Mittelmeer findet weiter Piraterie beider Städte, von Pisa und Genua, statt, wobei auch sizialianische Schiffe, manchmal als lachende Dritte, eingreifen. Inzwischen rüstet Pisa ein großes Heer (mit erheblichen Summen) aus, welches über das Gebiet von Lucca herfallen soll. Die bekommen darauf Beistand von Genua, was 1171 den Krieg erst einmal beendet. Dazu schenkt Genua den Lucchesen 600 pisanische Gefangene, die nun gegen lucchesische in Pisaner Hand ausgetauscht werden können. Damit kann auf teure Auslösung verzichtet werden. Außerdem gelingt Genua ein Vertrag mit dem Herrscher von Aragon, der gegen den pisanischen Handel an der okzitanischen Küste gerichtet ist. Fast im Gegenzug gewährt Pisa den Florentinern, die den pisanischen Hafen benötigen, besondere Vorrechte auf pisanischen Schiffen.

 

 

Inzwischen ist Kaiser Friedrich praktisch aus Italien verjagt. Der schickt 1172 Erzbischof Christian von Mainz nach Genua, um in dem Dreieck Genua, Lucca und Pisa Frieden herzustellen und kaiserliche Interessen zu vertreten. Nach Einigungen mit den beiden ersteren droht er Pisa mit dem Entzug aller kaiserlichen Privilegien und dem Bann. Als Friedrich dann wieder auf einen Unterwerfungszug nach Italien will, gelingt es Christian, alle Seiten auf einen erneuten Frieden und Gefangenenaustausch zu verpflichten. Aber derweil haben sich Pisa und Florenz verabredet, die kaiserliche Festung San Miniato mitten in der Toskana gemeinsam zu überfallen. Als Christian davon erfährt, lässt er die pisanischen und florentinischen Gesandten bei sich verhaften.

 

Erneut ist allgemeiner Krieg. Auf kaiserlicher Seite kämpfen nun Siena und Graf Guido Guerra gegen Pisa, das wiederum verwüstet auch Luccheser Gebiet.

Derweil zerstören die Genuesen 1187 zum ersten Mal Bonifacio und erobern es dann 1195 endgültig.

 

Inzwischen nimmt der Niedergang der Kreuzfahrer-Herrschaften nicht zuletzt durch innere Streitereien seinen Lauf. Nach Hattin 1187 erobert Saladin 1188 die Stadt Jerusalem. Derweil teilt sich im wenig heiligen Land der Machtkampf in zwei Lager auf. Auf der einen Seite Konrad von Montferrat mit Genua, dem einen Ritterorden und dem französischen König, auf der anderen Guido von Lusignan mit den Tempelrittern und dem englischen König. Der Papst schickt eine pisanische Flotte unter Erzbischof Ubald als Legaten nach Palästina, die sofort zwischen die Fronten gerät. Am Ende wird Heinrich von Champagne König von Jerusalem (ohne die Stadt) und Guido Herr über Zypern, wohin jetzt nach und nach Kreuzritter und Vertreter aus italienischen Handelsstädten flüchten werden.

 

Für die von Kapitalinteresse geprägten Seestädte ist der Krieg die Fortsetzung der Geschäfte mit gewalttätigeren Mitteln. Von einzelnen Raubzügen und individueller Piraterie wird er immer mehr planmäßiger Teil der "Außenpolitik". Profiteure sind dabei neben denen, die direkt Beute machen diejenigen, die ihn ausrüsten und die, die danach von Handelsvorteilen profitieren.

Um 1200 baut sich die Republik Pisa ein großes Arsenal, Tersana genannt. Wie in Venedig dient es vorwiegend zum Bau militärisch genutzter Galeeren, die auch zur Vermietung oder zum Verkauf angeboten werden. Als Otto IV. einen Kriegszug nach Sizilien unternehmen will, bauen ihm die Pisaner in nur vier Monaten dort mehr als 40 Galeeren und andere Schiffe. (Mitterauer, S.183)

 

Krieg in Mittelitalien: Im Kern sind die Handelsstädte Genua und Pisa, die Gewerbestädte Lucca und Florenz und das aufsteigende Finanzzentrum Siena als wesentliche Beteiligte nicht anders selbst zerstört worden als durch zwischenzeitliche innere Kämpfe der Reichen und Mächtigen, die sich weniger gegen Gebäude als gegen Personen richten, - aber die ganze Wut des Krieges trifft die Landbevölkerung und die Bewohner kleiner Ortschaften, abgesehen von der Schädigung von Handelskarawanen und Handelsschiffen zur See. Zu Schaden kommt natürlich auch das professionalisierte Kriegs"handwerk", aber das ist ja immerhin sein selbstgewähltes Metier. Ziel ist die ganze Zeit die Kontrolle über Handelsräume, Handelswege, das Erreichen von Handelserleichterungen und Plätzen, an denen der Handel und das sich daraus entwickelnde Finanzwesen sich geschützt niederlassen können.

 

Die wesentliche Finanzierung des kriegerischen Unheils übernahmen zunächst die selbst, die das Geld dazu hatten, der Adel und die kapitalstarken Familien und Firmen, die auch die Konsuln stellen und das "Volk" in seinen gelegentlichen Versammlungen dirigieren. Je mehr die Stadtstaaten mit einer (zu konsolidierenden) Staatsschuld operieren, desto mehr wird deren Zinslast auf die Masse der Konsumenten abgewälzt.

 

Lucca (in Arbeit)

 

Als Stadt im Binnenland stützt sich Lucca mehr auf eigene Produktion als Venedig oder Amalfi. Seehandel funktioniert im wesentlichen nur über die Vermittlung pisanischer Häfen.

Dort, wo Kapital in Handel und Geldgeschäften bereits angesammelt war, geht zunächst kleines Kapital in die Imitation byzantinischer Seidentücher, und Mitte des 12. Jahrhunderts bedient die Stadt damit bereits einen europäischen Markt. Mit diesem Produkt sind sie dann auch mit die ersten Italiener, die auf Champagnemessen auftauchen. Ende des Jahrhunderts lassen die Firmen schon Agenten die Geschäfte in der Ferne abwickeln.

 

Markgräfin Mathilde konzentriert ihre Aktivitäten eher auf Lucca als auf Pisa, weswegen die kommunale Entwicklung dort später einsetzt. Erst um 1119/1120, also Jahrzehnte später, werden Konsuln für die Stadt erwähnt, allerdings wohl noch in Abhängigkeit vom Bischof. Wann sie tatsächlich zum ersten Mal (vorher?) auftauchen, bleibt allerdings wie bei anderen italienischen Städten unbekannt. Am Beispiel der dominanten Avvocati-Familie, einer der reichsten und mächtigsten der Stadt, veranschaulicht Wickham, dass offenbar nicht alle führenden Kreise gleich an dieser Institution interessiert sind. Stattdessen bevorzugt diese Familie zunächst prestigeträchtige kaiserlich verliehene "Ämter" und Titel und den Status eines bischöflichen Advokaten. Offenbar  steigt aber das Ansehen des Konsulats in den nächsten Jahrzehnten, denn nach der Mitte des Jahrhunderts entsendet auch dieses Geschlecht Mitglieder in dies Amt. (Wickham(1), S.19f)

In den nächsten Jahrzehnten der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts scheinen sich die Konsuln vom Bischof zu lösen, der dann in den Dokumenten immer weniger auftaucht. Von den consules maiores der oberen Kreise lösen sich dann Richter-Konsuln, Rechtskundige mit wenig oder keinem Land.

 

Florenz und Arezzo

 

Die spätere wirtschaftliche und machtpolitische Bedeutung von Florenz kann man im 12. Jahrhundert nur erahnen. Auch die Quellenlage ist dünn. Zwar werden hier Konsuln schon 1138 erwähnt, aber erst ab den 70er Jahren gewinnen sie an Bedeutung. Alter Adel zieht sich besonders nach 1100 auf seine Burgen auf dem Lande zurück, in den erst noch zu unterwerfenden Contado. Dort finden nun stärker Tendenzen von Territorialisierung statt.

 

Neue städtische Oberschicht wie die Giandonati und Visdomini scheinen noch keinen Bedarf an formalisierten Ämtern zu haben und eine formale Versammlung scheint für ihre Beteiligung am Stadtregiment auch nicht nötig zu sein.

In den 1170er Jahren dann scheint das Konsulat stärker verankert zu werden. Zu den Giandonati und anderen stoßen nun Familien wie die Fifanti und die Uberti, dazu auch solche, die kaum Land haben und stattdessen Finanzgeschäfte machen, vielleicht sogar noch niederere Kreise.  Da im 12. Jahrhundert die Unterwerfung des Contado zunimmt, ist allerdings mit einer wenigstens dafür effizienten Stadtregierung zu rechnen.

 

Zwischen 1098 und 1142 tauchen Konsuln wie auch früher anderswo hauptsächlich als Ehrentitel auf. Immerhin zweimal, 1110 und 1129 zerstört eine universitas der Stadt die Bischofsburg, die zugleich Grafenburg ist. 1153 taucht ein rector et gubernator als Vertreter der Gemeinde auf, in presentia populi in parlamento. Nachdem Einvernehmen mit dem Bischof hergestellt wird, zieht dieser mit seiner Kathedrale in die Stadt. Gegen Ende des Jahrhunderts wird eine Gemeinde von Konsuln regiert, die aus wohlhabenden, aber nicht hochadeligen Familien stammen, die sich nicht durch Burgbesitz auszeichnen. (Wickham(1), S.184f)

 

Rom

 

Die Entwicklung Roms in eine erfolgreiche kapitalistische Stadt verlangsamt sich aufgrund ihrer Besonderheiten. In den Anfängen des 12. Jahrhunderts wird Mailand die Stadt an Einwohnerzahl überholen. Bald werden das auch Venedig und Paris tun, letztere als Residenzstadt von Königen vor allem.

 

Die Macht des römischen Bischofs/Papstes über "seine" Stadt war ein Stück weit im Konflikt mit den Kaisern zerrieben worden. Zudem sind die Päpste inzwischen Herren, die in der europaweiten Machtpolitik mitspielen, was ihnen nun offensichtlich wichtiger ist als die Details stadtrömischer Probleme, die immer mehr den Stadtpräfekten, selbst weiterhin (reiche und mächtige) Römer, überlassen bleiben.

 

Paschalis II. kann es bis 1105 mit drei Gegenpäpsten militärisch aufnehmen und herrscht dann unangefochten bis 1118. Als er 1108 nach Apulien aufbricht, kann er sich auf einen Pierleone und einen Frangipane als Statthalter verlassen. Allerdings hat er nun die Corsi und Tuskulanen gegen sich.

 

Nach dem Ende des Schismas unter Paschalis II. zeigt sich, dass die Spitzenämter der Justiz die mächtigsten Familien nicht mehr interessieren. Nur dem Amt des Städtpräfekten bleibt erhebliche Macht erhalten, aber es ist nun geradezu erblich in den Händen der Corsi-Familie. Die Frangipane wollen ihren Einfluss erweitern und stoßen auf den Widerstand der Corsi, der Pierleoni und der Normanni vor allem.

 

Inzwischen ist der sich zur Curia entwickelnde päpstliche Hof immer mehr von Fremden besetzt, die sich wenig für die übrigen römischen Verhältnisse interessieren und nur die Nachfrage nach Waren, insbesondere luxuriösen, anheizen.

Mit dem Aufstieg der Curia verschwinden die Placita als auf Versammlungen begründete Justiz. Diese wird stärker professionalisiert. In derselben Zeit wird der päpstliche Hof zum ersten Mal curia genannt (1089) und entwickelt sich dann analog zu weltlichen Fürstenhöfen. Er besteht zunächst aus den Kardinälen und mit dem jeweiligen Papst verbundenen weltlichen Mächtigen, und dazu kommen dann "Beamte" wie ein camerarius. Ab 1101 ist dieser Hof auch häufiger oberster Gerichtshof für kanonisches Recht betreffende Fälle im ganzen lateinischen Abendland. Für 1141 beschreibt Abt Hariulf von Oldenburg einen solchen Fall, "wo Papst Innozenz II. mit seinen Kardinalen in tribunal residebat wobei Romanum nobiliores zu seinen Füßen stehen und sitzen: eine Art Mischung aus Hof als Entourage und Gerichtshof." (Wickham(2), S.402)

 

"In 1145, we have the conclusion of an elaborate court case that had already begun under Celestine II. in 1143, over the possession of an estate on the Gianicolo (...) This case was delegated by Celestine to Seniorile, urbane prefecture causidicus, an experienced judge who turns up in several major cases in the period, who acted with utmost care in his own curia, hearing Roman-law arguments, looking at the documents, going out to inspect the bounds of the estate, hearing and interrogating witnesses, listening to more Roman law, looking at more documents, going back to the estate, and finally giving sentence - both as delegatus iudex of the pope and as electus arbiter by the parties - in front of an authoritative group, three palatine judges plus a iudex dativus and another legal expert (all of whom give him formal consilium), nine other iudices, advocates, and scrinarii, and an usually large and influential group of witnesses." (Wickham(2), S.404 mit Quellen).

 

Dies ist das Ende germanisch beeinflusster Justiz mit Eiden, Zweikämpfen und anderen Gottesurteilen und der Weg in jene professionelle Justiz der Inquisition, der Untersuchung, wie sie dann auch die Ketzerprozesse bestimmen wird. All das wird wesentlich zu jenem Prozess beitragen, den wir Verstaatlichung nennen können.

 

1111 kommt es zu antipäpstlichem, und das heißt in dem Fall auch antikaiserlichem Aufruhr von Römern auf dem Petersplatz angelegentlich der Kaiserkrönuing, und Paschalis II. gerät für zwei Monate in die Hände Heinrichs V.  Kaiserliche Truppen verwüsten die Getreidefelder außerhalb der Stadt.

1116 gelingt es einer Gemeinschaft böser Menschen, Pietro Corsi als Stadtpräfekten und damit als Nachfolger seines Vaters einzusetzen. Als Paschalis das zu verhindern versucht, vertreibt ihn nach Unruhen bei der Messe an Osterdonnerstag und der Ostermontag-Prozession eine römische Menge, ein tumultus populi plebisque aus der Stadt, in die er erst kurz vor seinem Tod im Januar 1118 wieder zurückkehren kann. Vermutlich gibt es weitere solche Schritte der Säkularisierung der Macht durch punktuell sich bildende Aktionsgruppen jener Elite, die hier wie auch sonst manchmal populus heißt.

Als darauf der päpstliche Kanzler als Gelasius II. zum Papst gewählt wird, lehnen ihn die Frangipane ab und setzen ihn gefangen.  Darauf versammeln sich Vertreter der Regionen Roms auf dem Kapitol unter Führung dieses Pietro Corsi und setzen seine Freilassung durch. Aber dann erscheint Heinrich V. in Rom mit seinem Gegenpapst Gregor VIII. Gelasius flieht kurz, kehrt dann zurück, wird von den Frangipane bedroht, kurz von einer Menge geschützt, muss aber dann für immer aus der Stadt fliehen.

 

Diese wilden Jahre unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von den Mailänder Auseinandersetzungen Generationen zuvor. Es sind keine formellen Versammlungen beteiligt, die Gruppierungen wechseln etwas die Mitglieder und der Kaiser spielt eine erhebliche Rolle, so wie der über einen Erzbischof erheblich durch die Kirchenreformen an Status erhöhte Papst mit seinen großen politischen Ambitionen.

Die mächtigen Familien, ob nun Frangipane, Corsi, Pierleoni und wer auch sonst, sind nicht antipäpstlich, gruppieren sich aber auch Konflikte produzierend und unterstützend um sich bekämpfende Päpste. 1119-20 gelingt es dann Calixt II. unter anderem mit erheblichen Geldsummen fast alle hinter sich zu vereinen. Laut den 'Annales Romani' verteilt er pecunia in der Stadt und viele equites und pedites leisten ihm fidelitas. (in: Wickham(2), S.428) 1121 kann er den letzten Gegenpapst Heinrichs V. besiegen.

Mag auch das Papsttum immer wieder in Krisen geraten, es vereint erhebliche Reichtümer. Um an ihnen zu partizipieren, versuchen reiche Familien in seinen Umkreis zu gelangen. Nur wer zu wenig besitzt, muss seine Aktivitäten aus dem Umfeld der anderen mächtigen Kirchen heraus entwickeln.

 

1124 erkaufen sich die Frangipane die Unterstützung der Pierleoni und Corsi mit Landgeschenken und setzen ihren Kandidaten bei den Kardinalen als Honorius II. durch. Als dieser 1130 stirbt, treffen sich zwei Kardinalsgruppen getrennt, um einen Frangipane-nahen Papst Innozenz II. mit Unterstützung der Corsi zu wählen, während die Gegenpartei am selben Tag mit Anaklet II. einen Pietro Pierleoni, Kardinalpriester von Sta Maria in Trastevere wählt. Innozenz findet Zuflucht im Haus von Leone Frangipane und muss dann aus der Stadt fliehen.  Die Frangipane wechseln schnell zu Anaklet über und dann 1132 wieder zu Innozenz. Innozenz genießt bald erhebliche Anerkennung von europäischen Königen und wird vom renommierten Bernhard von Clairvaux unterstützt, aber kann erst beim Tod von Anaklet 1138 zurückkehren.

 

Inzwischen haben selbst die hohen Ämter der päpstlichen Stadtherrschaft, primicerius und arcarius, an Status und Bedeutung verloren. Immer wieder taucht für die Häupter hoher Adelsfamilien der Ehrentitel Konsul auf, ohne sich aber in Richtung auf ein Amt zu konkretisieren. 1127 dann vergibt ein Leone, Romanorum consul zusammen mit hohen Adeligen (drei Frangipane und ein Sant'Eustachius), una cum sexaginta senatoribus et cuncto populo Romano urbis  ein Privileg für die Schiffe an das Kloster Montecassino, ohne das der Papst Erwähnung findet. (Wickham(2), S.437)

 

Benennungen wie Adel (oder aristocracy) und das Bezeichnen von "Schichten" entsprechen auch in Rom nicht den Verhältnissen einer frühkapitalistischen Stadt in großen Teilen Italiens. Reichtum strebt nach jenem Luxus, der später mit "adelig" gleichgesetzt werden wird, und nach entsprechenden Lebensformen. Eine der mächtigsten Familien des 12. Jahrhunderts, die Frangipane, entstammt jener Stadtbevölkerung, die im 10. Jahrhundert als plebs bezeichnet wird. Ende des Jahrhunderts sind sie längst einflussreich, aber noch Handwerker und Händler. Auf dem Weg in die Unterstützerschaft der gregorianischen Partei sind sie bereits Pächter großen Grundbesitzes in und außerhalb Roms. Mitte des 12. Jahrhunderts kontrollieren sie von Terracina aus die Marittima nördlich davon.

Neben den Frangipane und oft als deren Kontrahenten steigen etwas später die Pierleoni auf, konvertierte Juden, die wohl mit Geldgeschäften und anderen kommerziellen Unternehmungen Erfolg haben. Zwar verbessern auch sie ihren Status mit Verfügung über Land (in deutlich geringerem Maße) und erwerben wenigstens ein Kastell, aber der Kommerz bleibt ihr wesentliches Standbein. Mehr auf Land und Kastelle stützen sich die Corsi, denen es über größere Zeiträume gelingt, das Amt des Stadtpräfekten für ihre Familie zu monopolisieren.

Spitzenfamilien wie die Frangipane kontrollieren dabei nur vielleicht sechs Kastelle, immerhin aber erheblichen Landbesitz. Damit stehen sie weit zurück hinter den Spitzenfamilien der Toskana zum Beispiel. Anders als die bleiben die meisten aber stadtorientiert. Die Tuskulanerfamilie, die in der Stadt Rom keine Rolle mehr spielen, verfügt immerhin 1140 über rund zehn Burgen im Raum ihrer größten Macht um Tusculum herum. Die sich dann von den Tuskulanern abspaltende Colonna-Familie wiederum hält Ende des Jahrhunderts zwölf Burgen, bevor dann im 13. Jahrhundert ein Colonna-Kardinal dafür sorgt, dass sich ihr Reichtum erheblich ins Baroniale ausweitet.

 

Es ist nicht mehr nur die Verfügung über Land und Leute sowie befestigte Häuser, sondern eben auch die über Geld und Geschäftsbeziehungen, die eine Oberschicht prägt, die es zunächst nicht für gewinnbringend hält, in eine kommunale Bewegung eintreten, die hin zum Senat führen wird. Wichtig bleibt päpstliche Patronage. Da fließen dann nicht nur Geld und günstige Entscheidungen: Innozenz II. vermittelt vermutlich 1142 die Verheiratung einer Frangipane-Tochter mit einem noch reicheren gräflichen Erben aus der Romagna und Alexander III. die eines Frangipane mit einer Nichte des byzantinischen Kaisers Manuel I.

 

Unterhalb des mit allen Vorbehalten so zu benennenden "Adels" gewinnt eine breitere Schicht etwas weniger wohlhabender Elite, ebenfalls equites, berittene Krieger, an Bedeutung, die wenigstens zum Teil auf wohlhabendem Handwerk (Goldschmied, Metzger), auf juristischen Positionen (iudex, advocatus) und Immobilienbesitz in der Stadt beruht, manchmal auch auf Verfügung über Mühlen, und stärker in Geldgeschäften Gewinne erzielt. Dabei können sie schon mal bis an die hundert Pfund verleihen, zum Beispiel als Teil eines Konsortiums an die Päpste oder an Klöster. In einzelnen Fällen besitzen sie inzwischen auch Turmhäuser.

Sie sind so Kaufleute oder üben freie Berufe aus, und die zusätzlichen Gewinne aus Land geben ihnen eine gewisse Wohlhabendheit. Unter ihnen sind die Handarbeiter als Pächter angesiedelt, wie bei dem Adel, und eine kleine bewaffnete Klientel, wenn es gilt, die eigenen Interessen mal gewaltsam durchzusetzen oder zu verteidigen.

Der Senat wird sich demnächst im wesentlichen aus ihnen zusammensetzen.

 

Als Innozenz II. nach Rom zurückkehrt, zerstört er die Kirche, die an Anaklet erinnert, baut sie neu auf und lässt sein Abbild in der Apsis in Mosaik darstellen. Er bestimmt den vermeintlichen Hadrians-Sarkophag zu seinem Sarg und mehrt den Reichtum seiner Papareschi-Familie, die er mit Land und Ämtern versorgt. Anaklet-Anhänger verlieren ihre Kardinalswürde. Mit Sta Maria in Trastevere schafft er eine erste Kirche, die wieder spätantike Ausmaße hat. Die imperiale Symbolik soll ihn wohl mindestens auf eine Stufe mit dem Kaiser stellen.

Zudem umgibt er sich mit Rechtsexperten, die er fest besoldet. Der päpstliche Hof, an dem Römer kaum noch eine Rolle spielen, zieht immer mehr Rechtsfälle an sich und da dabei immer mehr Geld eine Rolel spielt, kann man von weiter zunehmender Korruption reden. Zahlreiche mächtige Adelsherren zieht er an seinen Hof und belohnt ihre Anhänglichkeit mit Land.Die Frangipane werden die Marittima erhalten, die Latrone Civitavecchia und zusätzlich das Amt des Stadtpräfekten. Nachdem die Pierleoni zu ihm überschwenken, erhalten sie immensa pecunia (Chronica Castrensis). Es lohnt sich, Innozenz zu unterstützen.

Dabei entwickelt sich ein monarchischer Fürstenhof, gegen den sich vermutlich die Opposition derjenigen weniger Vermögenden aufbaut, die nun nach eigenen Einfluss-Möglichkeiten suchen.

 

Schon 1027 erklärt Konrad II. nur römisches Recht für Rom zulässig. Die Bezüge zu dem Justinianischen Rechtssystem nehmen zu. Dabei handelt es sich aber wohl im wesentlichen um ein noch wenig formalisiertes Gewohnheitsrecht in der Stadt. Vermutlich vor allem Bologneser Einfluss beginnen Rechtsexperten, causidici, sich auf Justinian zu beziehen. Über ihre Ausbildung ist allerdings nichts bekannt.

Unter Innozenz II. beginnen iudices und advocati auf die constitutiones et leges zu schwören und dafür ein festes Gehalt zu bekommen. Andererseits sind die Urteile des nun kommenden Senates noch von einem gewissen Pragmatismus gekennzeichnet. (Wickham(2))

 

Innozenz scheitert militärisch gegen Roger II. und wird 1139 sogar kurz gefangen genommen. 1142-43 führt er die Stadt in einen erfolgreichen Krieg gegen Tivoli, gewährt den Verlierern dann aber relativ sanfte Bedingungen: Keine Zerstörung der Stadtmauern und der städtischen Selbstverwaltung. Dafür erkennt die Stadt die päpstliche Herrschaft an, nicht aber die der Stadt Rom.

Vielleicht auch deswegen erhebt sich, als er schon im Sterben liegt, der populus, wie es in den Quellen heißt, gegen ihn und Teile des mächtigen Adels um ihn herum. Populus ist hier jene sich weniger aristokratisch gebende, aber ebenfalls wohlhabende Machtelite, die keinen Zugang zum Bündnis des Papstes mit den wenigen herausragend mächtigen Familien findet.

 

Die neuen Herren der Stadt gründen auf dem Kapitol einen "Senat" unter bewusster Anspielung auf die Antike und damit eine politische Gemeinde. Es handelt sich um wohlhabende Juristen, Notare, Anführer einzelner Stadtteile, Geldverleiher und selten wenige wohl zu Wohlstand gelangte Handwerker. Solche Leute können teilweise schon von städtischen Immobilien oder kleineren Grundstücken außerhalb der Stadt wie Rentiers leben, aber ohne Kastelle oder Stadtpaläste. Sie stellen wohl die Masse der berittenen Miliz der Stadt (militia der equites). Es sind dies die Leute, die in manchen anderen Städten die Konsuln stellen.

 

Dieser Senat führt kollektive Gerichtsverfahren durch, die einerseits wohl auch unter dem Einfluss des rechtserfahrenen Teils seiner Mitglieder stattfinden, andererseits aber eine anderswo stattfindende Professionalisierung der Justiz eher verlangsamen.

 

Ein Jahr später versucht Papst Lucius II., sie vom Kapitol zu verdrängen, was vielleicht kurzfristig gelingt, aber was der populus dann (wohl gewaltsam) verhindert. Wieder ein Jahr später wendet dieser Senat sich gegen den 1145 gewählten Papst Eugen III., der sich weigert, ihn anzuerkennen.Da die Senatoren Sankt Peter kontrollieren, kann er dort nicht geweiht werden. Er flieht ins nördliche Latium und verbündet sich dort militärisch mit Tivoli, Tusculum und den Normenn.

Man erkennt dem Papst seine regalia, also weltlichen Rechte ab und setzt an die Stelle des Stadtpräfekten einen Pierleoni als patricius,. Man zerstört Häuser von mächtigen Papstanhängern

 

Zwischen 1145 und 1149 kommt es zum Kompromiss: Der Papst erkennt im September 1145 den Senat an, wobei er nun das Amt des Stadtpräfekten und 1149 die "Regalien" zurückerhält. Der Senat schwört zudem gegen Erhalt einer größeren Geldsumme (500 Pfund) dem Papst die Treue.

1151 wird ein senatorisches palatium auf dem Kapitolshügel erbaut. Man hat einen Schreiber und führt ein Siegel..

 

Damit hat die Stadt nun eine Art säkulare Regierung wie es auch anderswo geschieht, und zugleich einen geistlichen Herrscher. Dies ist auch die Zeit, in der Arnold von Brescia in Rom ist und Anhänger unter den Senatoren zählt.

In dieser Zeit schreibt Eugen, Arnold habe einen bäurischen Pöbel (rusticana turba) ohne Noble und Große aufgehetzt, einhundert ständige Senatoren zu wählen und zwei Konsuln. Aber er muss weiter nachgeben.

 

1155 verhängt Papst Hadrian IV. das Interdikt über Rom wegen Arnold. Der muss kurz vor der Osterprozession fliehen. Er wird von Friedrich ("Barbarossa) auf dem Weg zur Kaiserkrönung gefangen genommen, dem Stadtpräfekten ausgeliefert und dann hingerichtet. Die Krönung findet dann trotzdem in Spannungen zwischen Papst und Kaiser statt und unter städtischen Unruhen.

 

In der Zeit von 1159 und 1188 sind die Päpste selten in Rom, wodurch sich die Macht des Senates stabilisiert. 1188 kehrt Clemens III. im Frieden mit dem Senat in die Stadt zurück. In dieser Situation beginnt die sich inzwischen immer mehr als Hochadel formierende Gruppe ihre Abstinenz vom Senat aufzugeben und dominiert ihn schon bald danach unter dem starken Einfluss von Innozenz III. Damit wird die "Kommune" aber zunehmend Teil eines eigenartigen päpstlichen Fürstenstaates. Neue, nunmehr immer begründeter als Aristokraten zu bezeichnende Mächtige bauen sich mit seiner Hilfe und der seiner Nachfolger als "Barone" Machtzentren in Latium auf. Innozenz gelingt es dabei, aus einem Netzwerk solcher Herrschaften einen geschlosseneren Kirchenstaat aufzubauen.

 

Rom hat mit der päpstlichen Kurie und dem Senat nun zwei Gerichtsinstanzen, anders als Norditalien, wo eine kleine laikale Oberschicht die ganze Gerichtsbarkeit übernimmt. Anders als bei der Kurie und anders als im Norden bildet der Senat kollektive Gerichtsgremien aus. Man erhebt vor dem ganzen Senat Klage, der bildet einen Ausschuss mit Beratung durch Rechtsexperten, untersucht und beurteilt, und der Senat verkündet dann das Urteil. Schreiber notieren das Urteil mit Begründung durch das Verfahren, eine Neuerung, denn von den kurialen Fällen erfährt man nur durch den Text der Partei, die gewonnen hat. (Wickham(2), S.407)

 

Nach etwa 1130 steigen die Hauspreise und es werden, so weit die Quellen reichen, auch häufiger Häuser verkauft. Ab 1069 sind schon erste Turmhäuser dokumentiert, im 12. Jahrhundert werden sie häufiger und Ende des Jahrhunderts wird ihr militärischer Charakter immer deutlicher. "The citiscape thus became militarized." (Wickham(2), S.161)

Viele städtische Immobilien sind weiter in Kirchenbesitz und wichtiger Teil ihrer wirtschaftlichen Operationen, Ähnlich wie bei dem kirchlich besessenen Agrarland Latiums sind die Mieten eher niedrig und dafür die Eingangsgebühren hoch. schätzungsweise ein Drittel bis die Hälfte des Kaufpreises. Immer noch sind Mieten und Pachten langfristig angelegt und können mehrere Generationen umgreifen.

 

Geld spielt eine immer wichtigere Rolle. Mit der Reformkirche des 11. Jahrhunderts steigt die juristische Rolle der Päpste, und Verfahren müssen bezahlt und Entscheidungsträger bestochen werden. Als Genuesen 1120 einen Beschluss in Rom gegen pisanische Privilegien erwirken wollen, müssen sie dafür an geistliche und weltliche Große insgesamt rund 1800 Pfund Silber auszahlen. Ein Großteil der Summe muss bei Geldverleihern besorgt werden, und deren Geschäfte blühen auch durch den steten Geldbedarf derer, die beim Papst ihr Recht oder Unrecht suchen.

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts steigt der Geldbedarf der Päpste so wie der anderer großer Fürsten. Alexander III. (1159-81) wird auf diese Weise von den Malabranca und Frangipane bedient. Die Frangipane bekommen zum Beispiel 1178 drei Viertel der päpstliche Einnahmen aus Benevent gegen 250 verliehene Silberpfunde. (Wickham(2), S. 165, dort auch andere Beispiele).

 

Der römische Handel vor allem mit Luxuswaren konkurriert auf geringerem Niveau mit dem Pisas und Genuas, erreicht Ende des Jahrhunderts die Champagnemessen und das Rheinland. Mit dem erstarkenden Papsttum gewinnt er dabei einen bedeutenden Förderer. Die Grundbedürfnisse der römischen Bevölkerung können aber vom Umland und dem städtischen Handwerk gedeckt werden. Andererseits gibt es im weiten Hinterland keine bedeutenderen Städte, an die römische Waren abzugeben wären.

 

Zum Kapitalismus gehört unter anderem auch ein hohes Niveau des Geldumlaufs. In Rom läuft viel Geld am päpstlichen Hof zusammen, aber erhebliche Teile davon fließen dann auf verschiedenen Wegen auch in die Stadt, im wesentlichen zunächst ihre kleine Oberschicht. An den Ostermontags-Prozessionen streut der Klerus Geld an die Menge aus, Ausdruck auch davon, dass Geld und Kirche zusammengehören. "in 1059 Hildebrand sent pecunya to Rome to Leone di Benedetto Christiano, the ancestor of the Pierleoni, so that the 'Roman populus was divided' against Benedict X.; in 1062 Hildebrand and Leone distributed pecunia per urbem 'all night long' to prevent the coronation of Cadalo of Parma as pope the next day; once Cadalo ran out of money (pecunia deficiente) his backers left him, so he had to return to Parma." (Wickham(2), S.172).

Um sein Santiago de Compostela zum Erzbistum aufzuwerten, schickt Bischof Diego Gélmirez erhebliche Mengen an Geschenken in Gold und Silber nach Rom. Der Beispiele gibt es wohl erheblich mehr, als bis heute überliefert sind.

 

Amalfi

 

Am Ende wird die wenig kriegerische Handelsmacht Amalfi zwischen dem mit dem Westkaiser verbündeten Pisa und dem Normannenreich zerrieben. Das Bündnis mit Kaiser Lothar (gegen die Normannen) gibt der aufsteigenden toskanischen Metropole Rückendeckung für zwei blitzartige Überfälle auf Amalfi 1135 und 1137, sozusagen en passant, bei denen es massive Zerstörungen erleidet und damit seine bisherige herausragende Bedeutung im Mittelmeerraum verliert.

 

Unter König Roger II., der seit 1131 Dux von Amalfi ist, behält die Stadt ein gewisses Maß an Selbstverwaltung, allerdings fördert er vor allem das ihm eher zugetane Ravello. Allerdings nehmen die Abgaben, die nun in normannische Taschen fließen, erheblich zu.

 

Dennoch treiben amalfitanische Kaufleute weiter von diversen Häfen aus Seehandel, die Stadt und ihre Nebenorte prosperieren, neue Bauten entstehen. Nach 1170 kann der spanische Jude Benjamin de Tudela immer noch feststellen: Die nichtjüdischen Bewohner dieser Gegend sind Händler, die mit ihren Waren herumziehen. Sie säen nicht und sie ernten nicht, weil sie auf hohen Bergen und felsigen Hügeln wohnen, sondern kaufen alles für Geld. Dennoch besitzen sie viel Obst, denn die Umgebung ist ein Land von Weinbergen und Ölbäumen. (so in: Morressey, S.39)

 

Der Reichtum einzelner Amalfitaner ist immer noch beträchtlich. 1179 lässt Sergio Muscettola aufwendige Bronzetüren für den Dom von Ravello anfertigen, für die er einen Kunsthandwerker aus dem apulischen Trani holt.

 

Aber immer mehr Großkapital wandert nun aus. Die schwerreiche Familie de Comite Maurone hat ihre Familienzentrale um 1200 in Venedig, während ein Zweig unter dem venezianischen Herzog von Naxos, Marco Sanudo, von 1228 bis 1251 eine Niederlassung und Land auf Andros besitzt. 

 

Andererseits steigen mit dem Niedergang der Handelsstadt Kapitaleigner und Arbeit auf Tuchproduktion und andere produktive Gewerbe um. Dabei entstehen Plätze, platee, um die herum sich Werkstätten und Läden ansiedeln, oftmals nach verschiedenen Gewerben unterschieden.

Im nicht kriegerischen Amalfi (ein seltener Fall!) sind die Städte ähnlich wie Venedig nicht ummauert. Der knappe Platz an den steilen Hängen lässt die Gebäude mit bis zu fünf Stockwerken in die Höhe wachsen. Dabei wird die Bautätigkeit noch bis tief ins späte Mittelalter anhalten. Auch geringerer Handel, zunehmende Produktion und ein sich ins 13. Jahrhundert noch ausweitendes Finanzkapital ermöglichen immer noch einen gewissen Wohlstand.

 

Als Heinrich VI. Sizilien erobert, steht Amalfi auf seiner Seite, während Ravello mit seinen Beziehungen zu Apulien Tancred von Lecce unterstützt. Unter Friedrich II. nimmt die Autonomie der Stadt weiter ab. 1220 lässt der Kaiser die Münze schließen. Unter den Anjou reduziert sich der Handel fast ganz auf italienische Küstenschiffahrt. Die Macht der Stadt ist dahin, aber der Wohlstand einer Oberschicht bleibt noch weiter bestehen.

Daneben bleibt Salerno ein wichtiger Handelsstandort und bedeutende Messezentrale. Aber die süditalienischen Städte stagnieren, während die im Norden weiter wachsen.

 

Der Sonderfall Venedig

 

Mit Pisa, Genua und anderen Handelsstädten entdeckt Venedig die Möglichkeiten, die die Kreuzzüge bieten. Es nimmt sowohl am ersten wie am zweiten 1123 teil. Als erstes profitieren Venezianer mit der Übernahme von einem Drittel der Stadt Tyros 1122, der ersten direkt von Venedig aus regierten Kolonie. Die Ansprache des Dogen von 1123 macht die Verbindung von Kommerz und Religion deutlich: Venezianer, mit welch unsterblichem Ruhm und Glanz wird euer Name durch diese Unternehmung bedeckt werden? Welchen Lohn werdet ihr von Gott erhalten? Ihr werdet die Bewunderung Europas und Asiens ernten. Das Banner des heiligen Markus wird triumphierend über fernen Ländern wehen. Neue Gewinne, neue Quellen von Größe werden sich dieser höchst edlen Stadt eröffnen. (...) Lasst euch beflügeln durch den heiligen Eifer der Religion, werdet zu einem Beispiel für ganz Europa und eilt zu den Waffen, denkt an Ehre und Preis, denkt an den Triumph (... in: Crowley, S.39)

 

Direkt nach der Eroberung von Tyros beginnen die Venezianer dort mit der Zuckerproduktion, die sie später auch auf ihre Kolonie Kreta übertragen werden.

 

In Konstantinopel, Dschidda, Alexandria und Akkon laden venezianische Schiffe nun Gewürze, Seide, wertvolle Waffen und anderes, die über Karawanen orientalischer Händler aus Indien, Persien und China ans Mittelmeer geschafft worden waren. "Im Austausch lieferte Venedig an den Orient Wolle und Wolltuche, Metall, Rohmaterialien wie Teer und Pech, somit Güter, die aus Nordeuropa über die Champagne-Messen nach Venedig gelangt waren." (Schott, S.63). Aus Tripolis kommt Seide, aus Tyros Glas. "Über den Hafen Akkon konnte man zu Heilzwecken einsetzbaren Rhabarber von der Wolga erwerben, tibetischen Moschus, Zimt und Pfeffer, Muskatnuss, Gewürznelken, Aloe und Kampfer, Elfenbein aus Indien und Afrika sowie Datteln aus Arabien." (Crowley, S.38) 

 

Das venezianische Viertel von Konstantinopel soll im 12. Jahrhundert auf 12 000 Menschen anwachsen und Byzanz beklagt seine Handelsabhängigkeit von Venedig. 1111 schon bekommt Pisa dort Handelsrechte und ein eigenes Viertel und 1156 ebenfalls Genua. Rivalitäten zwischen den Italienern nehmen zu.

 

Formal gipfelt weiter die Regierung in einem einzelnen Dogen. Unterhalb von ihm organisiert sich das große Kapital erst in einem colloquium, dem bald viri sapienti angehören, qui preerant consilio. Das ist 1143 ein gewählter Rat, gleichzeitig mit der Bildung des Senates in Rom. 1148 hat der Doge bei seinem Amtsantritt gegenüber cuncto communi Venetico populo eine Art Amtseid geleistet.

Aus dem Rat wird langsam die hohe Geistlichkeit verdrängt, und er erhält zunehmenden Einfluss auf die Entscheidungen des Dogen und am Ende im Konfliktfall die letzte Entscheidung. Dieser Rat wird immer weiter wachsen und im nächsten Jahrhundert bereits mehrere hundert Mitglieder umfassen, dabei aber durch Einrichtung anderer Institutionen zunehmend an Macht verlieren.

 

In den Texten byzantinischer Autoren wie Niketas Choniates wird Feindseligkeit gegen die verspürten Anmaßungen der Fremden deutlich. 1171 lässt das wieder erstarkte Kaisertum unter Manuel I. Komnenos viele der vielleicht 10 000 venezianischen Kaufleute ergreifen und einsperren und ihre Waren und ihr Geld konfiszieren. Als eine venezianische Flotte zum Gegenangriff übergeht, scheitert sie auch daran, dass eine Seuche ausbricht, die die Schiffe bei ihrer Rückkehr dann auch nach Venedig mitbringen. Der Doge Vitalis II. Michiel wird dafür verantwortlich gemacht und 1172 ermordet.

Seitdem bestimmt ein Ausschuss von vierzig (1229 werden es einundvierzig) Honoratioren den neuen Dogen. Dieser muss eine immer längere Liste vor allem von Pflichten beschwören, die aufgeschrieben Vorläufer einer Art Verfassung wird (Rösch, S.117).

Die alte größere Versammlung, der Maggior Consiglio, tritt in den Hintergrund, akklamiert nur noch dem gewählten Dogen. Es gibt keine davon abgelöste Organisation der Kaufmannschaft, diese ist der Stadtstaat selbst. " In jungen Jahren betreibt der Großunternehmer Handel, im Alter Politik. Handwerk und Krämer ordnen sich darunter ein, da ihr Wohlstand an dem der Oberschicht hängt. Ihre Organisationen regeln Interna, das gesellige Zusammenleben und werden zu karitativen Einrichtungen." (Schott, S.63)

 

Für einige Jahre übernehmen Genuesen und Pisaner die Positionen Venedigs, aber 1182 werden im Zusammenhang mit den Kämpfen zwischen Alexios II. Komnenos und Andronikos I. alle Lateiner in Konstantinopel, es sollen mehrere Zehntausende vor allem Genuesen und Pisaner sein, in einem Pogrom abgeschlachtet. Dem Vertreter das Papstes wird der Kopf abgeschlagen, an den Schwanz eines Hundes gebunden und durch die Stadt geschleift. Rund 4000 überlebende Italiener werden als Sklaven an die Seldschuken verkauft. (Hansen, S.144f)

Inzwischen hatte 1180 wieder einmal Zara das venezianische Joch abgeschüttelt und sich dem (christlichen) König von Ungarn unterstellt.

1187 erobert Sultan Saladin nach der Schlacht von Hattin Jerusalem und in der Folge scheitert der Kreuzzug der Könige.

Venedig konzentriert seinen Orienthandel für einige Jahre auf Alexandria, bevor es dann wieder in kleinen Schritten nach Byzanz zurückkehren kann, was es mittels Bündnissen mit den Normannen forciert. 1198, im Jahr des Kreuzzugaufrufs von Innozent III., wird es noch einmal weitreichend von Byzanz privilegiert, aber das gegenseitige Misstrauen bleibt.

 

1192 wird der greise und erblindete Enrico Dandolo, Chef einer reichen und mächtigen Fernhändler-Familie, zum Dogen gewählt. Noch bevor er zum "Kreuzzug" aufbricht, wird unter ihm mit dem grosso eine ebenso schwere wie reine Silbermünze eingeführt, die den Handel auch dadurch erleichtert, dass ihr Silbergewicht auch in Zukunft nicht verringert werden wird. Mit solcher Eigenschaft wird sie zu einer dominanten Währung im Mittelmeerraum.

 

Der Staatshaushalt wird einmal durch Besteuerung des über Venedig hinausreichenden Handels finanziert, bei weniger als einem Prozent dennoch insgesamt eine erhebliche Summe. Höhere Abgaben gibt es wie überall zu der Zeit auf Lebensmittel, wodurch die einflusslose und ärmere Mehrheit der Bevölkerung einen Riesenanteil des Staatshaushaltes beiträgt. Zudem beginnt man nun langsam auch im Kriegsfall mit Zwangsanleihen bei den Reichen, welche aus den Ergebnissen des Krieges mit Zinsen zurückgezahlt werden.

 

***Der venezianische Vierte Kreuzzug: Gewalttätiger Handelskapitalismus***

 

Bei diesem Kreuzzug verbinden sich drei Mächte, von denen die ersten beiden bereits wesentlich der Vergangenheit angehören: Da ist einmal die römische Papstkirche, die sich aus der Dominanz weltlicher Macht lösen wollte und dadurch ihren Einfluss verliert. Sie will diesen Kreuzzug, muss dann aber ohnmächtig dabei zuschauen, wie er verläuft. Dann ist da der auf der Verfügung über Land und Leute gegründete Kriegeradel, der vorwiegend auf Eroberung und Beute aus ist, dem wahren Kern aller Kreuzzüge, und der sich damit wird abfinden lassen. Und da ist das venezianische Handels- und Finanzkapital, welches von den Kriegern für sich ein riesiges Handelsimperium erobern lässt.

 

Anlässlich eines Turniers in der Champagne nehmen 1199 der dortige Graf und Ludwig von Blois das Kreuz, und dann stößt Graf Balduin von Flandern dazu.

Der Landweg über den Balkan und Anatolien wird schnell als zu beschwerlich und gefährlich ausgeschlossen.

 

Nur Venedig verfügt aber über genügend Schiffe bzw. die Kapazitäten für hinreichend viele Schiffsneubauten für eine große militärische Expedition in das sogenannte Heilige Land. Der päpstliche Legat Kardinal Soffredo verhandelt also mit der Stadt. Die verlangt vom Papst die Aufhebung des Handelsverbotes mit der islamischen Welt und insbesondere mit Ägypten, welches man ohnehin nicht eingehalten hatte. Der Papst muss klein beigeben und beschränkt das Verbot auf kriegswichtige Materialien, Eisen, Hanf, entflammbare Gegenstände, Waffen Galeeren, Segelschiffe oder Holz. Damit erhält Venedig das Riesengeschäft der Ausstattung eines Seeheeres gegen den Sultan bei Erlaubnis der Beibehaltung fast aller Handelsgeschäfte mit dessen Herrschaftsraum.

 

1201 kommen Gesandte der Barone aus der Champagne und dem Brie, aus Flandern, Hainault und Blois, um mit dem über neunzigjährigen und längst erblindeten Dogen Enrico Dandolo und seinen Vertretern das Geschäftliche zu besprechen. Unter den Vertretern der Champagne befindet sich Geoffroi de Villehardouin, der das venezianische Angebot überliefert hat:

Wir werden Lastschiffe herstellen für 4500 Pferde und 9000 Pferdeknechte und Schiffe für 4500 Ritter und 20 000 Kriegsknechte zu Fuß und für all dieses Kriegsvolk und diese Pferde wird die Vereinbarung die sein, dass die Schiffe unter der Bedingung für neun Monate Lebensmittel mitführen, dass man für jedes Pferd vier Mark und für jeden Mann zwei Mark gibt. Diese ganze Flotte werden wir für euch ein Jahr halten von dem Tage an, an dem wir aus dem Hafen von Venedig heraussegeln, und den Dienst Gottes und der Kreuzfahrer zu leisten. Die zuvor einzeln aufgeführte Summe beträgt also 94 000 Mark, und wir werden noch soviel darüber hinaus leisten, dass wir euch fünfzig Kriegsgaleeren zum Geleite unter der Vereinbarung mitgeben, dass wir, solange unsere Gemeinschaft andauert, von allen Eroberungen an Land und Gut zu Wasser und zu Lande die eine Hälfte bekommen und ihr die andere

 

Die Gesandten stimmen recht schnell zu und dann auch die in der Markuskirche und auf dem Platz davor versammelte Menge an Venezianern. Die Preise halten sich im Rahmen des Üblichen, und dass Venedig selbst so viele Galeeren finanziert, beeindruckt ebenfalls. Unübersehbar handelt es sich nicht um eine "bewaffnete Pilgerfahrt", wie Historiker den Ersten Kreuzzug schöngeredet haben, sondern um einen (Rück)Eroberungskrieg, wobei hinter den Kulissen das Kriegsziel etwas offengehalten wird, ob man nun direkt Jerusalem erobern wolle oder über den Umweg von Kairo und Alexandria. Für Venedig verspricht es so oder so riesige Beute. Am 24. Juni 1202 soll es losgehen.

 

Schließlich wird die Gesamtsumme noch auf 85 000 Mark heruntergehandelt, aber die Gesandten müssen die erste Anzahlung bereits vom Geldmarkt am Rialto leihen. Darauf beginnen die Venezianer mit dem Schiffsbau im Arsenal und an anderen Orten. Die ganze Wirtschaft wird für den Kriegszug umgestellt, die Handelsschiffe werden zurückgeholt, um daran teilzunehmen. Getreide für den Schiffszwieback wird gekauft, zudem Wein. Ein grosso wird massenhaft als kleine Silbermünze geprägt, um die Arbeiten zu bezahlen.

 

Die Kreuzfahrer treffen mit Monaten Verspätung ein, im Sommer 1202 sind es statt der 33 000 erst 12 000. Die Ritter aus Burgund und der Provence hatten sich inzwischen entschlossen, von Marseille aus in See zu stechen. Damit können die Ausgaben Venedigs mit den vereinbarten Summen für jeden Einzelnen nicht bezahlt werden. Die Stadt verschuldet sich immer mehr.  Die kleinen Leute von der Infanterie, die in der Stadt nicht unterkommen können, braten in der Sommerhitze auf dem Lido, wo man ihnen Zelte aufgestellt hat, um sie von der Stadt fernzuhalten, und sollen nun außerdem noch weitere Zahlungen leisten, wie Clari, einer von ihnen, berichtet. 35 000 Silbermark Schulden bleiben.

 

Unruhen drohen auszubrechen und dem Dogen bleibt nichts anderes übrig, als den Kreuzfahrern ihre nunmehrigen Schulden zu stunden. Um das in der Stadt durchzusetzen, beschließt der Greis, am Kreuzzug teilzunehmen. In geheimen Absprachen setzte er zudem durch, dass als erste Etappe des Krieges das abtrünnige Zara (heute Zadar) für Venedig rückerobert werden solle, sozusagen als erste Rate der Schuldenabtragung durch die Kreuzfahrer. Das aber ist eine christliche Stadt, seit 1186 unter einem christlichen Herrscher, dem ungarischen König Bela III.

 

Papst Innozenz, dem das zu Ohren kommt, beauftragt seinen Legaten, Dandolo eine solche Untat zu untersagen. Der verbietet diesem darauf die Teilnahme am "Kreuzzug". Schließtlich droht Innozenz mit der Exkommunikation. Nicht nur der päpstliche Legat, sondern auch der offizielle Anführer des Kreuzzuges, Bonifaz von Montferrat, nehmen nun an dieser ersten Etappe des Kriegszuges nicht teil.

 

Über Triest und Mugla, die sich (Venedig) unterwerfen müssen, geht es dann nach Zara, welches belagert wird. Eine Truppe unter Simon de Montfort schlägt sich zunächst auf die Seite der (christlichen) Stadt, aber diese muss sich bald der Übermacht ergeben. Nur wenige werden hingerichtet und dann, nach Vertreibung der Einwohner, wird intensiv geplündert, wobei sich die großen Barone die besten Beutestücke sichern. Aus dem Kreuzzug war ein Raubzug gegen Christen geworden. Als dann die Exkommunikation durch den Papst bekannt wird, übernehmen es die adeligen Bischöfe im Heer, diesen auch ohne Vollmacht wieder aufzuheben. Den Winter verbringen die Kreuzfahrer dann dort in relativ mildem Klima, vermutlich zum Schrecken der Bevölkerung.

 

Anfang Januar kommen in Zara Gesandte von König Philipp von Schwaben an, die behaupten, im Auftrag von dessen Schwager Alexios Angelos zu handeln, der den Kaiserthron von Byzanz erlangen wolle. Sein Vater Isaak war von Kaiser Alexios III. abgesetzt und geblendet worden. Villehardouin berichtet, was er anbietet: Deshalb wird er euch 200 000 Mark Silber geben, und er lässt allen im Heer sagen, den Großen und den Kleinen, dass er selbst mit euch in das Heilige Land ziehen wird, oder er wird, wenn's euch deucht, jemand mit ganzen 10 000 Mann auf seine Kosten dahin senden.

 

Nach einigem Streit wird das Angebot (der Einnahme Konstantinopels) angenommen, obwohl den Klügeren klar sein musste, dass damit der Kreuzzug zu Ende sein würde. Immerhin reisen einige empört ab. Aber die finanziellen Argumente, Schuldenbegleichung für das Heer, überwiegen. Venezianer zerstören die Stadt Zara kurzerhand und dann geht es nach Korfu, wo Alexios hinzukommt. Die dem derzeitigen Kaiser treue Stadt dort bleibt den Kreuzfahrern verschlossen, die nun nach neuen Konflikten und erneuter Abreise einiger von ihnen nach Konstantinopel aufbrechen.

 

Die größte Stadt der Christenheit mit vielleicht knapp einer halben Million Einwohner, darunter rund 10 000 Venezianer, lehnt Alexios Angelos ab, was dazu führt, dass die Kreuzfahrer sich außerhalb der Stadtmauern niederlassen müssen. Hunger und Beutegier führen zu Angriffsversuchen und dazwischen Verhandlungen. Gelegentlich geht ein Teil der Stadt in Flammen auf.

Kaiser Alexios flieht, der blinde Isaak wird wieder eingesetzt, dann sein Sohn als Mitkaiser. Enorme Summen gehen an die Kreuzfahrer, die sich nun frei in der Stadt bewegen können. Der Augenzeuge Niketas Choniates schreibt in seinem Geschichtswerk: Die heiligen Ikonen Christi wurden mit Beilen von der Wand geschlagen (...) die verehrten  hochheiligen Gefäße wurden ehrfurchtslos aus den Kirchen geschleppt, ins Feuer getan und wie gewöhnliches Gold und Silber den feindlichen Herren gegeben. Die beiden Kaiser sind schnell von der Unterstützung der Kreuzfahrer abhängig und wollen darum deren Überwinterung bei der Stadt finanzieren.

 

Im Winter brechen die Gespräche zwischen beiden Seiten ab, nachdem die Griechen ihre Zahlungen eingestellt haben. Sie haben kein Geld mehr. Schließlich stirbt der blinde Isaak Angelos eines ungeklärten Todes, und ein Alexios Dukas ("Murtzuphlos) macht sich zum Kaiser und Anführer der Gegner der Lateiner.

Darauf wird von den Kreuzfahrern förmlich die Eroberung der Stadt mit Gewalt beschlossen. Die Venezianer sollen drei Viertel der Beute erhalten, bis die Schulden der Kreuzfahrer beglichen sind. Sechs Venezianer und sechs Vertreter der langue d'oeil sollen dann einen neuen (lateinisch-katholischen) Kaiser wählen.

 

Damit sich die Kreuzfahrer adäquat auf die kommenden Gewalttaten vorbereiten können, wird beschlossen, die Scharen von Huren, die das Heer begleiten, vorübergehend zu entfernen. Kreuzfahrer Clari berichtet von einem weiteren Beschluss, dass keine Gewalttaten gegen Frauen und Priester stattfinden sollen, die in Kriegen sonst üblich sind. Was dann tatsächlich geschieht ist ein allgemeines Rauben und Morden in der Stadt, mit den üblichen Plünderungen der Kirchen und Vergewaltigungen selbst älterer Frauen. Zahlreiche überlebende Einwohner fliehen.

 

Der Mönch Gunther von  Pairis berichtet später nach Hörensagen wenig wohlwollend von seinem Abt, der Führer des deutschen Militärs ist: Als nun die Sieger die besiegte Stadt, die sie nach dem Kriegsrecht zu der ihren gemacht hatten, munter plünderten, da begann der Abt Martin auch an seine eigene Beute zu denken, und um nicht allein leer auszugehen, wo alle anderen reich wurden, nahm er sich vor, auch seinerseits seine geweihten Hände zum Raube auszustrecken. Aber da er es für unwürdig hielt, mit diesen Händen Beute an weltlichem Gut anzutasten, so begann er darauf auszugehen, sich an Heiligenreliquien, deren es dort, wie er wusste, eine große Menge gab, ein gut Teil zusammenzuscharren. (in: Rösch, S.46) Dazu gehört ein wenig Blut Jesu (sic!), Knochen und ein Zahn anderer "Heiliger".

 

Den Venezianern werden danach nicht nur die Schulden bezahlt, sondern sie erhalten weitere 100 000 Mark aus der Beute. Dann sorgen sie dafür, dass Balduin von Flandern zum neuen (lateinischen) Kaiser gewählt wird und damit zum Herren über ein Viertel des Reiches, und sie als einzige ihm keinen Vasalleneid für ihre Beutegebiete leisten brauchen. Das sind drei Achtel von Konstantinopel, wo nun venezianische Priester in der Hagia Sophia die lateinische Messe anstimmen, sind zudem viele Küstengebiete mit Hafenstädten, aus denen sich nun ein venezianisches Handelsimperium zusammensetzt. Die nordfranzösisch-flandrischen Barone hingegen reißen sich eigene Fürstentümer unter den Nagel, die vor allem agrarisch geprägte ärmliche Gegenden umfassen. Hier zerfällt das einstige Ostrom in lauter einzelne "fränkische" Fürstentümer. Ein Neffe des Dogen, Marco Sanudo, reißt sich bei der Gelegenheit mit venezianischer Unterstützung ein Herzogtum Archipelagos mit Naxos als Zentrum unter den Nagel, welches allerdings formell überwiegend dem neuen Ostkaiser untersteht. Seine Nachfolger werden dort rund 180 Jahre herrschen, bis sie vertrieben werden.

 

Selbst die drei Achtel von Konstantinopel, die an Venedig fallen, liegen am Hafen.Hier regiert bald ein von Venedig entsandter Podestà über zehntausende Griechen und Lateiner.

Hier, und entlang der kroatischen und dalmatinischen Küste, auf Euböa (Negroponte), dem Peloponnes (Morea) mit Koron und Modon, Kreta und anderen Orten errichten die Venezianer befestigte Kolonialstützpunkte als Handelsplätze. Dazu kommen schon länger ganze Stadtteile wie in Tyrus oder Fondachi wie in Alexandria.

 

Gegen Aufstände des heimischen Adels und gegen den genuesischen Grafen von Malta wird ein Herzogtum Kreta als Dreh- und Angelpunkt der venezianischen Levantemacht durchgesetzt. Die Mutterstadt vergibt Lehen an "132 Ritter und 408 gemeine Soldaten" (Mitterauer, S.168), die an Wehrpflicht und Verwaltungsaufgaben geknüpft sind. Damit wird ein Teil der griechischen Bevölkerung enteignet.

Hunderttausende Silbermark werden aus dem nun lateinischen Kaiserreich herausgeplündert, ebenso wie enorme repräsentative Kunstschätze, die von nun an die Markusstadt schmücken. Dabei gelangt die Dornenkrone Jesu (sic!) samt Teilen des ebenso heiligen Kreuzes 1237 über die Vermittlung einer venezianische Familie vom lateinischen Ostkaiser Balduin II. für eine Unsumme an den französischen König, der um sie herum die Sainte Chapelle erbauen lässt, die man noch heute besichtigen kann.

 

Seitdem trifft man Venezianer von Ceuta bis zum Schwarzen Meer überall, wo sie sich nach 1204 auf der Krim in Soldaia niederlassen und bald danach in Tana an der Don-Mündung.

Bald werden die ersten nach China reisen, über Täbris, Samarkand und Buchara bis zum heutigen Peking.

De facto ist die Adria zum Meer von Venedig geworden, wie es bald auch heißt, und Martin da Canal schreibt dann in der in Venedig bei den Vornehmeren üblichen langue d'oc: Voirs est que la mer Arians est le duchat de Venise. (Hartmann (Hrsg.), S. 318)

Das venezianische Kolonialreich legt überall kleine Militärposten und Handelsstationen in Küstenstädten an, während das Hinterland im wesentlichen griechisch bleibt. Insbesondere Nahrungsmittel, aber auch Rohstoffe werden nach Venedig geliefert oder dienen dem Handel zwischen den einzelnen Gebieten, auch wenn Land auf Kreta zum Teil an Kolonisten vergeben wird.

 

Die Zerstörung und Zerschlagung des fast tausendjährigen Ostroms wird als wichtigstes Ergebnis neben der Entstehung der Großmacht Venedig im östlichen Mittelmeerraum den Vormarsch jener innerasiatischen Turkvölker haben, die nach und nach unter der Osmanenfamilie vereint das Erbe Ostroms antreten werden. Da aber Venedig bis um 1500 nur seine eigenen Handelsinteressen vertreten wird, wird es alleine bleiben bei der Abwehr derjenigen, die nun weitgehend ungehindert Großmachtpläne entwickeln können. Während in diesem Zeitraum spanische Königreiche die iberische Habinsel wieder den islamischen Mauren entreißen, werden die Osmanen bis vor die Tore Wiens vorstoßen und ganz Südosteuropa dabei auf ihre Weise prägen.

 

Das einzige dauerhafte Ergebnis der Kreuzzüge auf "christlicher" Seite ist so der weitere Aufstieg Venedigs. Neben einem Gutteil von Konstantinopel samt seinen Hafenanlagen und Lagerhäusern erhielt es den Westen Griechenlands, wo sie Negroponte errichten(Chalkis auf Euböa), zudem Korfu, welches allerdings bald wieder verloren geht und die ionischen Inseln. 1205 kaufen sie Bonifaz von Montferrat Kreta ab, Candia, wie sie auch den Hauptort (Heraklion) nennen. Rund 10 000 Venezianer werden im Laufe der Zeit dorthin auswandern, aber die einheimische Bevölkerung wird sich in immer neuen Aufständen wehren.

 

In Konstantinopel sind nun Genuesen und Pisaner vom Handel ausgeschlossen. Aber vor allem Genua möchte sich mit der fast Monopolstellung Venedigs nicht abfinden und es wird zu einem Handelskrieg kommen, der immer wieder in Seeschlachten mündet, und die nächsten Jahrhunderte überdauern wird.

 

Süditalien

 

Süditalien und Sizilien besitzen eine bis in die Zeit der Magna Graecia zurückgehende städtische Zivilisation. Diese wird unter Friedrich II., was Autonomie und Selbstverwaltung angeht, weitgehend erstickt. In den Konstitutionen von Melfi (1231) heißt es entsprechend: Da die von Unserer Hoheit eingesetzten Beamten mehr als genug dazu ausreichen, um einen jeden in Zivil- wie in Strafsachen Gerechtigkeit finden zu lassen, so beseitigen wir die unzulässige Anmaßung, welche sich in gewissen Gegenden Unseres Königreichs ausgebreitet hat, und verfügen, dass fortan Podestàs, Konsuln oder Rektoren an keinerlei Ort gewählt werden dürfen, und dass niemand sich kraft irgendeiner Gewohnheit oder aufgrund einer Versammlung bzw. Volkswahl ein Amt oder die Gerichtsbarkeit anmaßt... Jede Gemeinde aber, welche in Zukunft solche bestellt, soll auf ewig der Wüstung  verfallen, und alle Einwohner dieser Stadt sollen für alle Zeiten als unfrei gelten. Wir ordnen jedoch an, den mit dem Tode zu bestrafen, welcher eines der oben genannten Ämter angenommen hat. (so in: Fuhrmann, S.53)

 

Das despotische Regiment des Staufers in beiden Sizilien erlaubt keine kommunale Bewegung, aber der Herrscher sieht durchaus die wirtschaftliche Bedeutung der Städte und fördert sie. Schon zwei Jahre nach obiger Bestimmung installiert der Herrscher ein Messesystem mit sich ablösenden Messen von neun bis zwanzig Tagen in Sulmona, Capua, Lucera, Bari, Tarent, Cosenza und Reggio.

 

Konsulat in den Gebieten der Langue d'oc

 

Auch in der Stadtgeschichte erweist sich der Süden des zerfallenen Westfranzien in manchem als eher dem Mittelmeerraum als einem entstehenden Frankreich zugehörig. Der städtische Adel führt hier im Bündnis mit einigen bürgerlichen Honoratioren Gemeindebildung an, die zu der Wahl von Konsuln als Repräsentanten der universitas einer städtischen Oberschicht führen. Das geschieht 1124 in Bordeaux unter Aufsicht der Herzöge, 1129/30 in Avignon, 1131 in Arles und Béziers, 1132 in Narbonne, 1144 in Nîmes und Nizza, nach 1150/52 in Toulouse. (siehe Ehlers, S.101f). Von dort breitet sich diese Stadtverfassung nach Norden ins Binnenland aus und nach Westen ins Königreich Aragon: 1197 taucht sie in Perpignan auf, vor 1219 in Barcelona, etwa gleichzeitig nun mit deutschen Ratsverfassungen.

 

Tolosaner Altstadt und angerenzende Vorstadt Saint-Sernin sind beide bis auf das Garonneufer ummauert, zugleich durch die "Sarazenische Mauer" weiter voneinander getrennt, finden aber in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts zu Ansätzen einer Gemeindebildung zusammen, indem ab etwa 1180 je zwölf gewählte und zum Teil dem Rittertum entstammende Konsuln beider ungleich großer Teile eine Art Stadtregierung bilden. Um 1200 residieren sie dann in einem Kommunalpalast, der auf der Grenze zwischen den beiden Teilen errichtet wird. Um die Unterstützung der Bevölkerung für seine Großmachtpläne zwischen den Engländern von Aquitanien und der aragonesischen Krone zu bekommen, verzichtet der Graf nach und nach auf seine wirtschaftlichen Rechte, die auf die Bürgerschaft übergehen. Im Abwehrkampf gegen die Kreuzzüge auf seinem Gebiet wird die konsularische Stadtregierung fast vollständige Selbständigkeit zugestanden bekommen, die sie dann aber an die französische Krone wieder verlieren werden. (Oberste, S.19ff)

Die Konsuln kooptieren Nachfolger, die immer wieder aus einer reichen "Elite von höchstens 30 Familien" kommen, "die durch Heiratsverbindungen, gemeinsame Geschäfte und politische Interessen eng miteinander verflochten war." (Oberste, S. 160) Ein Versuch, diesen engen Kreis zu erweitern, scheitert 1222.

 

Es findet nicht jene Gemeindebildung statt, wie sie aus dem Norden Italiens und dann aus den deutschen Landen bekannt ist. In den Städten vermischen sich Adel und Bürgertum aber zu einer gemeinsamen Oberschicht. Anfang des 13. Jahrhunderts sind "die tolosanischen cabalerii, und zwar sowohl die aus der Stadt wie die aus dem Toulousain, der Rechtsprechung der Konsuln unterstellt (...) In der >Coutume de Toulouse< von 1286 werden weder die Adeligen noch die Ritter mehr erwähnt, sondern es wird schlichtweg von tolosanischen >Bürgern< gesprochen." (Charles Higounet in: Beiträge 2, S.96). Selbst in kleineren Orten gehören Ritter, niedriger Adel und oberes Bürgertum gemeinsam den meliores an, die die Konsuln stellen.

 

Es kommt aber nicht zu jener städtischen Unabhängigkeit wie in Italien und zum Teil dann später in deutschen Landen und auch nicht zu größerer Ausdehnung ins Umland wie in den italienischen Contados. Nur Toulouse, um 1200 eine Stadt mit vielleicht 35 000 Einwohnern, gelingt es, ein Umland kleinerer Orte für einige Zeit unter seine Kontrolle zu bringen. Mit der schrittweisen Annektierung des Südens durch die französische Krone im 13. Jahrhundert wird vielmehr vollständige Gemeindebildung unterbunden, so wie die französische Krone das schon vorher in ihren Kernlanden betrieben.

 

 

Spanien

 

Im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts lassen sich drei verschiedene spanische Stadtgeschichten erkennen. Da sind die fast kontinuierlich christlichen Städte Kataloniens, allen voran Barcelona, welches sich aus dem fränkischen Einflussbereich löst und zur bedeutendsten Handelsstadt im christlichen Spanien und zur Vormacht in Katalonien wird. Da sind die erst mit erheblicher Verzögerung sich entwickelnden Städte im schon früh christlich gewordenen Kastilien und León, Léon selbst, Oviedo, Burgos. Eine dritte Gruppe umfasst die Städte, die im Laufe der Reconquista und im wesentlichen bis 1250 erobert und in die christlichen Königreiche integriert werden.

 

Bis auf Toledo und wenige andere bedeutet die christliche Eroberung nach Süden eher einen Niedergang der Städte, und an die Stelle muslimischer Händler treten im verarmenden Almería genuesische. Im Norden werden Neusiedler durch Sonderrechte angelockt, wie im fuero von Jaca (Aragón) 1063 oder dem von Cuenca (Kastilien) von 1117.

 

Viele der strukturbildenden Elemente der islamischen Städte (Medinas) werden übernommen und verfallen höchstens langsam. Das betrifft die Residenzen der muslimischen Potentaten wie die Aljafería von Zaragoza und die Alcazabas, die burgartigen Festungen, die arabischen Bäder und Märkte (zocos). Die Moscheen werden nach und nach in christliche Kirchen umgewidmet wie in Toledo, die muslimische Bevölkerung der Mudéjares wird bald aus Sicherheitsgründen in Vorstädte (aljamas) umgesiedelt, und die im Islam außerhalb der Orte liegenden Friedhöfe werden für die Christen in die Städte geholt. Die gestifteten Güter, mit denen die Moscheen unterhalten wurden, werden von der Kirche übernommen als Basis für Großgrundbesitz-Bildung.

Ganz im Süden bleibt das Stadtbild der Häuser erhalten. Es gibt wenige Fenster nach außen, Höfe im Inneren mit gefliesten Wänden, wie man es noch heute nicht nur in der großen Altstadt von Cordoba besichtigen kann. Sackgassen, die von Hauptstraßen abgehen, und die abschließbar sind, schaffen kleine Gemeinschaften innerhalb der Viertel. 

Der Druck auf die Muslime nimmt langsam zu, sehr ähnlich dem auf die Christen unter dem Islam. Insbesondere steigen Sonderabgaben an, die erneute Christianisierung ähnelt in manchem der Islamisierung zuvor. Aber bis ins 15. Jahrhundert bleibt insbesondere in Aragón der Anteil der Mudéjares ziemlich hoch. Entlang des Ebro sind dann immer noch die Hälfte der Orte mit ihnen besiedelt und sie bewahren recht lange ihr Arabisch.(Manzano, S.475 etc.)

 

Die Städte geraten in die herrschaftlichen Hände von hohen geistlichen und weltlichen Aristokraten, mit denen großbürgerliche Vertretungen (concejos) zu konkurrieren beginnen. In den Cortes zunächst von Katalonien, bald darauf von Aragón und dann auch in Kastilien entsenden sie ihre Vertreter, wie in die concejos der Orte.

 

Ähnlich wie in Nord- und Mittelitalien gewinnen spanische Städte Territorien, dabei stoßen solche von Avila und Segovia dann an die Grenzen anderer wie Plasencia, Madrid oder Toledo, was zu Konflikten führt und zu Grenzziehungen durch die Könige.