Stadt 4: Italien, Frankreich und Spanien vom 12.Jh. bis 1250 (in Arbeit)

 

 

Frühe Stauferzeit in Italien

Contado

Kapitalisierung

Späte Stauferzeit in Italien

Genua

Venedig (Der venezianische vierte Kreuzzug)

Konsulat in den Gebieten der langue d'oc

Frankreich

Spanien

 

Frühe Stauferzeit in Italien

 

Die Salier hatten versucht, durch Privilegierung kaisertreue Städte zu schaffen und die bischöflichen Stadtherren für sich einzuspannen. Derweil findet überall die Gemeindebildung statt, auf die dann die Staufer überall treffen und in die zunehmend Bürger einbezogen sind. 1130 setzt sich der Mailänder Stadtrat aus sieben Capitanen, sieben Valvassoren und sechs herausragenden Bürgern zusammen. Wesentlich für diese nord- und mittelitalienischen Stadtstaaten bleibt aber weiterhin der Ausschluss der Masse der produktiven Bevölkerung vom politischen Einfluss.

In ihrer gierigen Gewalttätigkeit geraten diese städtischen Gemeinden in direkter Nachfolge ihrer Stadtherren und hoch- und niederadeliger milites miteinander in immer wieder in Kriege ausartende Konflikte, insbesondere wo sie in ihrer territorialen Ausdehnung aneinanderstoßen. Diese versucht Friedrich I. für seine Interessen einzuspannen. Auf dem ersten Italienzug des Herrschers ergreift er 1154 Partei für das königstreue Pavia und gegen Tortona, das seine und Paveser Truppen brutal plündern und zerstören.

 

Ob aber kaisertreu oder stauferfeindlich, alle Städte beharren auf ihren kommunalen Errungenschaften. In den Annalen des kaiserfreundlichen Pisa heißt es: Im Februar, März und April des Jahres 1157 umrundeten (die Konsuln) die gesamte Stadt Pisa sowie Konzica mit hölzernen Türmen, burgähnlichen Vorbauten und Wehrerkern aufgrund der Angst vor der Ankunft von Friedrich, König der Römer. (in: Staufer und Italien, S.211) 1155 berichtet der Genueser Caffaro von der Verstärkung der dortigen res publica  mit Mauern und Toren. Die neue kommunale Einung und Einigkeit soll sichtbar sein. Für 1158/59, also nach Roncaglia heißt es in seinen Genueser Annalen: Tag und Nacht ohne Unterlass tragen die Männer und Frauen, die in Genua waren, Steine und Kalk zur Mauer, so dass sie innerhalb von acht Tagen so viel und Lobenswertes vollbracht haben, wie in einem Jahr keine andere italienische Stadt vollbracht haben könnte. Die übrigen Teile, die die weite Mauer nicht umfing, wurden in drei Tagen mit sehr hohen Wehrbauten befestigt, die aus Schiffsbäumen hergestellt wurden, und mit vielen Wehrerkern und mit großen Schilden, so dass sie ohne Schaden der Belgaerung von ganz ITalien, der Toskana und Deutschland würden widerstehen können, es sei denn, Gott, der Herr, würde es anders wollen. (in: s.o.)

Um 1170 kann dann Benjamin von Tudela über Genua schreiben: Die Stadt ist von einer Mauer umgeben. Kein König herrscht über ihre Bewohner, sondern Richter, die jene nach ihrem Willen einsetzten. Jeder Bewohner der Stadt hat einen Turm an seinem Haus. Wenn es in der Stadt Streit gibt, bekämpfen sie einander von der Turmspitze aus. (in Staufer und Italien, S.220) Wenn also kein äußerer Feind kommt, brechen die inneren Feindseligkeiten aus.

 

Klar, dass auch Mailand jetzt seine Stadt stärker befestigt. Otto von Freising schreibt, Mailand ist mit einer Mauer umgeben, und außen fließt wie ein Fluss ein breiter, mit Wasser gefüllter Graben um sie herum, den der Konsul der Stadt erst im Jahre vorher aus Furcht vor dem künftigen Krieg vorausschauend hatte anlegen lassen. (Gesta,III,40)

 

Über Legaten versucht Friedrich Einfluss auf die Auswahl der Konsuln in den Städten zu nehmen, wobei Mailand sich widersetzt, besiegt und verwüstet wird. Rainald von Dassel, als Reichskanzler dabei, entführt für sein Erzbistum Köln die Reliquien der heiligen drei Könige. Es bildet sich eine mächtige Liga lombardischer Städte, die von Mailand angeführt wird mit dem Ziel, ihre neuen kommunalen Verfasstheiten als moderne Form der Staatlichkeit gegen die „universalistische“ des Reiches zu verteidigen. Bei Legnano siegt die kommunale Streitmacht über den Kaiser und im Frieden von Konstanz 1183 setzt sich die Kommunalverfassung durch, bei bald nur noch auf dem Papier stehenden übriggebliebenen Rechten der Krone.

 

In all diesen kriegerischen Auseinandersetzungen bildet sich die neue Zeit auch dadurch ab, dass neben adeliges Kriegertum aus Loyalität das Söldnertum als neuer Beruf tritt. Der Kaiser zieht 1174 zunehmend auch mit Söldnern nach Italien, und mit dem Aufstieg des Bürgertums und des kapitalistischen Wirtschaftens lösen diese auch in den Städten die adelig formierten Kriegerscharen ab. Kriege ohne Kapital und Kredit werden dabei immer unmöglicher. Die nur rechtlich begründete Rendite der Krone gerät dabei ins Hintertreffen gegen die handfester nutzbare der Städte.

 

Schließlich fangen Ende des 11. Jahrhunderts Autoren an, ihre Städte als Nachfolger Roms zu sehen (Carmen in victoriam Pisanorum) oder als Orte römischer Zivilisation wie das Bergamo von Moses de Brolo. Dabei werden Vergil, Sueton und andere verwendet. Einige Jahrzehnte später erscheinen die 'Mirabilia Urbis Romae', die stolz anhand der Ruinen die antike Vergangenheit der Stadt vorzeigen (um 1140). Heidnisches und Christliches stehen dabei noch nebeneinander, nicht verbunden wie zwei Jahrhunderte später bei Dante.

 

In Rom entsteht um 1143 in anachronistischer Rückbesinnung auf die antike Stadt und ihre "Größe" der Senat der städtischen Elite mit zwölf für auf kurze Zeit gewählten senatores consiliarii (Hyde, S.60). In diesem Kontext taucht dann Arnold von Brescia in der Stadt auf und wendet sich gegen die Verbindung weltlicher und geistlicher Macht des Papstes. Dieser wiederum wendet sich hilfesuchend an Friedrich Barbarossa, mit dessen Hilfe die Gefangennahme und Hinrichtung Arnolds auf dem Scheiterhaufen gelingt - 1155 erhält Friedrich auch dafür die Kaiserkrone.

 

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Indem immer neue Ämter (officia) in der Kommune geschaffen werden, werden "bürgerliche" Karrieren an der Stelle von kriegerischen angeboten, für die eine Ausbildung als Richter oder Notar eine gute Voraussetzung ist. Ausbildung in den artes wird so eine alternative Karriereperspektive, Gemeindebildung und Verschriftlichung gehen dabei Hand in Hand.

 

Und je weiter Städte nach Süden vom mitteleuropäischen Einfluss entfernt waren, desto leichter ließ sich an altes römisches Recht wieder anknüpfen, und persönliche Freiheit und Freiheit von Grund und Boden als Ware formulieren. Das galt bald auch für den Norden: „Die feudale und grundherrschaftliche Stände- und Bodenordnung Reichsitaliens befand sich erkennbar in voller Auflösung, weil alle Welt zu den freien Verkehrsformen des römischen Rechts zurückkehrte, und weder Papst noch Kaiser waren imstande, dem zu steuern.“ (Pitz, S.322)

„Denn dieses Recht war einst in einer Gesellschaft mit Markt- und Geldverkehr entstanden und darauf eingerichtet, kaufmännische Verhältnisse zu beurteilen und schriftliche Beweismittel zu würdigen, die die Beweiseide und Zweikämpfe des germanischen Rechts bei steigender Bildung und Kultur überflüssig machen konnten. Es waren die Bedürfnisse der städtischen Gesellschaften, ihres Grundstücks- und Wohnungsmarktes und ihrer kaufmännischen Berufe, die im Jahre 1045 in Konstantinopel und später in Bologna eine Rechtsschule ins Leben riefen, wo man die Anwendung dieses Rechts lehrte.“ (Pitz, S. 323)

 

Vermutlich war das römische Recht in italienischen Städten nie völlig in Vergessenheit geraten, aber der Beruf des Juristen war irgendwann mit dem Verfall der civitas verschwunden. Neuanfänge gibt es wohl in Pavia und insbesondere in Bologna. Ein wenig greifbarer Pepo befasst sich mit dem Codex Iustinianus, sein Schüler Irnerius scheint sich dann mit den Digesten beschäftigt und sie glossiert zu haben, wozu ihn laut Burchard von Ursberg Mathilde von Tuscien beauftragt haben soll. Nach seinem Tod haben dann vier Schüler, die quattuor doctores, in Bologna einen regulären Schulbetrieb eingerichtet, den Barbarossa schließlich privilegieren wird.

 

Juristen sind es auch, die die Kommunalisierung der Städte vorantreiben, indem sie in der Auseinandersetzung mit den Stauferkaisern, die die Städte fiskalisch abschöpfen möchten, die eigenen Möglichkeiten eines städtischen Fiskus erkunden, mit Progression der Abgaben nach Leistungsfähigkeit, mit Reduzierung von Naturalabgaben zugunsten von Geld, mit Abgaben auf Transport und Handel, königlichen Rechten also, und Verkaufsmonopolen auf Salz, Eisen, Wein und Mühlsteinen. (D'Acuto in 'Verwandlungen', S.84)

 

Das Besondere dieser Auseinandersetzungen ist neben den Heerzügen, Schlachten und Verwüstungen die steigende Verrechtlichung des Konfliktes, die Krone und Städte auf unterschiedliche Weise betreiben. Der Kaiser bringt bereits beim zweiten Italienzug in Roncaglia 32 Spitzenjuristen in Stellung, um die Regalien zu begründen, ohne aber den neuen kommunalen Gedanken grundsätzlich abzulehnen, der sich schließlich auch im deutschen Reichskern durchsetzt.

 

Das römische Recht war in Italien nie ganz verschwunden und war insbesondere in Pavia und Ravenna ein Stück weit in Erinnerung geblieben. Seine neuen Kenner stellen es und sich natürlich eher den Kaisern als den in ihm nicht enthaltenen Kommunen zur Verfügung. Lanfranco von Pavia berät Heinrich III., Petrus Crassus von Ravenna verteidigt Heinrich IV. gegen Gregor VII. und Irnerius von Bologna unterstützt Heinrich V., nachdem er Justinians 'Corpus Iuris' studiert hat (Hyde, S.63)

 

Contado

 

Gleichzeitig beginnt die Kommune die Aufgabe der Gewinnung neuer landwirtschaftlicher Nutzflächen an sich zu reißen, um eine ständig wachsende städtische Bevölkerung zu versorgen.

Daneben gibt es immer wieder Kämpfe um die Kontrolle des Territoriums drumherum, des contado, die mit den dort mächtigen Geschlechtern des grundbesitzenden alten Feudaladels ausgetragen werden, wie den Guidi in der Nähe von Florenz, den Aldobrandeschi bei Siena oder den Este bei Ferrara. Andere, wie die Adimari, Uberti, Ricasoli oder Buondelmonti für das Beispiel Florenz integrieren sich in die städtischen Zusammenhänge, ohne in ihren Lebensformen zu verbürgerlichen.

 

Der Kapitalismus hat seine erste Voraussetzung im Handel, aus dem Geldwirtschaft hervorgeht, die Handel, Produktion und Konsum verbindet. Umgekehrt sind die ersten Voraussetzungen für nach und nach kapitalistisch werdende Städte ein Nahrungsmittel produzierendes und Rohstoffe lieferndes Umland, welches die institutionalisierte Macht, ihren Gewaltapparat, und dann Handwerk und Händler versorgen. Die Kontrolle über ein solches Territorium, die Diözese bzw. den Contado, ist darum lebenswichtig.

 

Die Vorstellung nord- und mittelitalienischer Städte, im Zuge ihrer Verbürgerlichung das Gebiet der Diözese und noch darüber hinaus als zur Stadt gehörig anzusehen, die sich damit berechtigt sieht, es zu unterwerfen, ist einerseits aus der antiken civitas hergeleitet, ist aber andererseits ganz geprägt von dem, was sich als bürgerlicher Fortschrittsgedanke entwickelt. Städtische Strukturen sind der Fortschritt, der sich über das Umland auszubreiten hat, auch wenn das so noch nicht formuliert wird.

 

Zunächst einmal handelt es sich aber um die norditalienische Besonderheit, dass "adelige" Geschlechter sich in das Machtgefüge an der Spitze der Städte, insbesondere die bischöflichen Lehnsmannschaften integrieren und ihre ländlichen Gebiete so mit der Stadt verbinden.Als obere Schicht der Lehns- und Amtsträger der bischöflichen Herren in den Städten und im Umland der Städte treten die Capitane auf. Sie üben dort von ihrer Burg die Herrschaft über einzelne Orte oder Pfarrsprengel aus, nehmen die Gerichtsbarkeit wahr, ziehen Abgaben ein und bedienen sich wiederum dafür ihrer Untervasallen, die sie ebenfalls mit Lehen ausstatten.

 

In zunehmendem Maße auch durch Heiratsverbindungen mit reichen Städtern werden sie die entscheidenden Machthaber in Stadt und Land und bilden zusammen mit den Valvassoren die Ritterschaft.

Da diese immer geschlossenere Territorien werden, geben sie "den ländlichen Räumen eine Organisationsform der Macht zurück, die sich nicht länger auf den Grundbesitz stützte, sondern eine Struktur nach Territorien wiederherstellte, die in der Poebene seit der Spätantike fehlte." (D'Acunto in 'Verwandlungen' S.78) Zugleich fehlt es den Territorien an Amtsgewalten, die aber in der Stadt vorhanden sind. Bei Otto von Freisings 'Gesta' ist dann tota illa terra bereits in städtischer Hand und Adel und niedere Stellung werden durchlässig.

 

Dazu wird der Landadel gezwungen, an der Stadt zu partizipieren, soweit er das nicht freiwillig tut. Das bekannteste Beispiel für Widerstand dagegen sind die Guidi in der Toskana, die dort wohl mächtigste Familie. "In der nördlichen Toskana und dem romagnolischen Appenin verfügen sie in zweihundert Orten über Land und Leute" (WGoez, S.258) und entsprechend viele Burgen und andere feste Plätze. Eine besondere Burgen-Dichte besitzt dabei das Casentino, dass sie praktisch geschlossen kontrollieren.

 

Diese Guidi sind natürliche Bundesgenossen Barbarossas, der allerdings selten Gelegenheit hat, sie zu unterstützen. Und so wogt eine Art Dauerkrieg zwischen Florenz und dem Grafenhaus, berühmt auch seit dem Bündnis mit Mathilde von Canossa. Hier wird ein den Guidi zugeordnetes Kloster verwüstet, dort Land einer mit Florenz verbundenen Ortschaft -und das geht mit Pausen durch das ganze 12. Jahrhundert. In der Minderjährigkeit Guido Guerras III. nach 1157 hält sogar die Tante Sophia, Äbtissin von Pratovecchio, zu Pferd mit einer Schar Bewaffneter das Interesse der Familie aufrecht.

 

Die Kontrolle eines Contado wird durch befestigte Orte gewährleistet, die auf dem incastellamento seit dem 10. Jahrhundert aufbauen. Bonvesin della Riva wird für Mailand 1288 rund 50 befestigte borghi, also Marktflecken oder Kleinstädte angeben, und etwa 150 Dörfer, zu denen eine Burg gehört. Das ist aber das Ergebnis einer Entwicklung vor allem des 11. und 12. Jahrhunderts. Damit gelingt es nord- und mittelitalienischen Städten in dieser Zeit, größere Territorien als die Seigneurs und Chatellains im entstehenden Frankreich zu erreichen, Prinzipate eher, Gemeinschaftsprojekte von Bischöfen und Kommunen.

 

Die Ausweitung des jeweiligen Territoriums als Überführung der Diözese in einen contado neuen Typs, wie das Otto von Freising erwähnt, führt zur Konkurrenz der Städte und immer wieder aufflackernden brutalen Kriegen. Klassische Beispiele sind die zwischen Genua und Pisa und zwischen Florenz und Siena. Mailand erobert und zerstört die Nachbargemeinden Como und Lodi und verbietet ihren Markt. Solche Kriege sind zum großen Teil auf Zerstörung und auf Verwüstung des Landes und seiner Nahrungsproduktion aus. In ihnen entsteht eine Art urbaner Lokalpatriotismus, mit dem die Staufer dann zusammenstoßen bei ihrem Versuch der Wiederherstellung königlich/kaiserlicher Macht.

 

Ein Großteil des Adels gibt seine Burgen und sein Land an die Kommunen ab und nimmt sie von diesen als Lehen, wodurch sie zu Vasallen der neuen Gemeinden werden, zu deren Schwurgemeinschaft sie nun gehören. Da die Schutzherrschaft der Kaiser nur kurze Zeit überdauert und manchmal nur die Zeit des Heerzuges nach Italien, ist ein Machtvakuum entstanden, welches die Städte mit ihren Formen von Selbstorganisation und Gemeindebildung auszufüllen suchten.

 

Die Abhängigkeit des grundbesitzenden Landadels, von Grafen, Bischöfen und Klöstern von städtischen Geldverleihern führt über Überschuldung zum Verlust des Landes an bürgerliche Kreise (Raith, S.62)

 

Mit dem Contado beginnt die Einrichtung und Ausrichtung einer ländlichen Infrastruktur auf die Stadt, die sich das Land unterwirft. 1179 beginnt man mit dem Bau eines Bewässerungskanals, des Tecinello, der vom Ticino, einem Nebenfluss des Po, abgeleitet wird und bis nach Mailand führt. Später wird er zu einem Schiffahrtskanal ausgebaut werden.

 

 Kapitalisierung (in Arbeit)

 

„Aber je weniger es den Handwerkern möglich ist, noch selbständig Handel zu treiben, umso mehr dringen die Händler und Bankiers in die Bereiche der Handwerker ein, indem sie sich als Verleger betätigten, Preise diktierten, die Rohstoffzufuhr steuerten und die Qualität vorschrieben... Die wichtigste Konsequenz war die, dass nicht mehr die unmittelbare Nachfrage beim Meister die Produktion bestimmte, sondern der Verleger, Geldgeber, der Händler oder Bankier.“ (Raith, S. 63)

 

Späte Stauferzeit

 

Ghibellinische Niederlagen führen zur Konfiskation ihrer Güter durch die guelfischen Sieger. Die langsam aufsteigenden Bankhäuser beginnen, ihre Bonität durch immer mehr Grundbesitz als Sicherheit zu belegen.

Erst in der Zeit der Lombardenkriege Friedrichs II. werden dann neue Plätze als bischofsferne Zentren angelegt.

 

Für den popolo, das Besitzbürgertum der Städte, ist die immer wieder ausbrechende Gewalt ein Störfaktor. Gegen die auf persönliche, nämlich familiäre Beziehungen aufgebauten Turmgesellschaften, Konsorterien, Adelsfraktionen und ihre Auseinandersetzungen stellen sich die oberste Schicht des popolo mit auf gemeinsamen Geschäftsinteressen basierenden Gilden, Zünften, oft artes genannt. Einige Jahrzehnte nach Einführung des Konsulats eingerichtet, formen so Geldverleiher und reiche Tuch- und Gewürzhändler Verbände, die Druck und Einfluss ausüben sollen. Ihren Führern gelingt damit das Eindringen in städtische Ämter.

 

Um ihre Macht zu verstärken, integrieren sie weitere Gewerbe in ihre Verbände, bis diese gegen Ende des 12. Jahrhunderts in solche unterschiedlicher Geschäftsinteressen auseinanderfallen. Dabei bildet sich dann nach und nach eine Gilden/Zünfte-Hierarchie mit reicheren und darum auch mächtigeren artes an der Spitze. In Mailand mit seinem alle anderen Städte überragenden produzierenden Gewerbe und seinen vielen Ladeninhabern bricht die bürgerliche „Front“ bereits vor 1200 auseinander in die Credenza von San Ambrogio des kleinen Gewerbes und die Motta der reichen bürgerlichen Oberschicht.

 

Der zentrale Konflikt bricht aber zunächst aus zwischen der im wesentlichen vom städtischen „Adel“ beherrschten Kommune und dem popolo. Dazu organisieren sich die Popolanen in militärische Formationen der Nachbarschaften bzw. Pfarreien oder Vierteln. Es kommt zu Straßenkämpfen zwischen Popolo und Ritterschaft und dann zum Krieg mit den oberen Schichten des Adels. 1203 vertreibt der popolo in Lucca den Adel, um 1208 sind die Nachbarschaften in Siena unter Waffen. Unter den Gewaltausbrüchen im Adel und zwischen ihm und dem „Volk“ endet die erste Phase kommunaler Selbstverwaltung.

 

Genua

 

Zehn Jahre nach Beginn der Beteiligung am Kreuzzug besitzt Genua ein Handelsquartier in Jerusalem und die Stadt Dschibelet. Damit nimmt es direkter teil am Orienthandel mit Gewürzen und Färbemitteln. Zusätzlich zum Kommerz mit den christlichen Kreuzfahrerstaaten und natürlich der Zwischenstation Sizilien beginnt der direkte Handel mit der muslimischen Welt, vor allem über Alexandria. Dazu kommt der mit dem marokkanischen Ceuta und dem algerischen Bougie, dessen Kerzenwachs den französischen Kerzen ihren Namen geben wird. 1253 wagen sie sich zum ersten Mal weit über Gibraltar hinaus, hunderte von Seemeilen entlang der afrikanischen Küste.

 

Die Beziehungen zu den Kreuzfahrern hindern die Genoesen nicht an guten Beziehungen zu moslemischen Herrschern, und so bekommen sie Steuerprivilegien vom almohadischen Herrscher über Nordafrika. Bald betreiben sie auch Zwischenhandel zwischen muslimischen Städten. In derselben Zeit beginnen sie ein Übergewicht im Seehandel von provenzalischen Häfen aus zu gewinnen und dazu wirtschaftliche Privilegien in Montpellier und Narbonne.

 

Im Osten hat es der genuesische Handel schwerer. Ein 1155 von Kaiser Manuel versprochener Handelsposten in Konstantinopel wird von den Pisanern zerstört. 1168 wird ihnen ein neuer Platz zugesprochen, den die Venezianer 1170 zerstören. Ein neuer Anlauf wird dann durch den venezianischen Einfluss empfindlich beeinträchtigt, denen dann 1201 ein Viertel des oströmischen Reiches in die Hände fällt.

 

Dennoch wächst Genua in rasantem Tempo sowohl was seine Fläche wie seine Einwohnerschaft betrifft. Abgesehen von ein wenig Verfeinerung von Halbfabrikaten von Textilien beruht der Aufstieg der Stadt - fast zur Gänze - auf seinem Handel. Dabei werden ähnlich wie anderswo Handelskontrakte auf Zeit entwickelt (commenda), Geldwechsler gehen zur Kontoführung über und machen Überweisungen von einem Konto auf ein anderes möglich. Mehr als anderswo noch integriert sich der Adel in den Kommerz und manchmal, wie bei den im Contado beheimateten Grafen von Lavagna, wird aus Adel ganz bewusst bürgerliches Großkapital, in diesem Fall das der Familie der Fieschi im 13. Jahrhundert (Hyde, S. 71). Ähnlich wie in Venedig beruht ohnehin die ganze Stadt auf Handel, weswegen sie keine gesonderte Organisationsform der Händler schafft, wie beispielsweise Florenz. Die Stadt selbst als Kommune wird zur Handelsgenossenschaft.

 

Venedig

 

Mit Pisa, Genua und anderen Handelsstädten entdeckt Venedig die Möglichkeiten, die die Kreuzzüge bieten. Es nimmt sowohl am ersten wie am zweiten 1123 teil. Als erstes profitieren sie mit der Übernahme von einem Drittel der Stadt Tyros 1122, der ersten direkt von Venedig aus regierten Kolonie. Die Ansprache des Dogen von 1123 macht die Verbindung von Kommerz und Religion deutlich: Venezianer, mit welch unsterblichem Ruhm und Glanz wird euer Name durch diese Unternehmung bedeckt werden? Welchen Lohn werdet ihr von Gott erhalten? Ihr werdet die Bewunderung Europas und Asiens ernten. Das Banner des heiligen Markus wird triumphierend über fernen Ländern wehen. Neue Gewinne, neue Quellen von Größe werden sich dieser höchst edlen Stadt eröffnen. (...) Lasst euch beflügeln durch den heiligen Eifer der Religion, werdet zu einem Beispiel für ganz Europa und eilt zu den Waffen, denkt an Ehre und Preis, denkt an den Triumph (... in: Crowley, S.39)

 

In Konstantinopel, Dschidda, Alexandria und Akkon laden venezianische Schiffe nun Gewürze, Seide, wertvolle Waffen und anderes, die über Karawanen orientalischer Händler aus Indien, Persien und China ans Mittelmeer geschafft worden waren. "Im Austausch lieferte Venedig an den Orient Wolle und Wolltuche, Metall, Rohmaterialien wie Teer und Pech, somit Güter, die aus Nordeuropa über die Champagne-Messen nach Venedig gelangt waren." (Schott, S.63). Aus Tripolis kommt Seide, aus Tyros Glas. "Über den Hafen Akkon konnte man zu Heilzwecken einsetzbaren Rhabarber von der Wolga erwerben, tibetischen Moschus, Zimt und Pfeffer, Muskatnuss, Gewürznelken, Aloe und Kampfer, Elfenbein aus Indien und Afrika sowie Datteln aus Arabien." Crowley, S.38) 

 

Das venezianische Viertel von Konstantinopel soll im 12. Jahrhundert auf 12 000 Menschen anwachsen und Byzanz beklagt seine Handelsabhängigkeit von Venedig. 1111 schon bekommt Pisa dort Handelsrechte und ein eigenes Viertel und 1156 ebenfalls Genua. Rivalitäten zwischen den Italienern nehmen zu.

 

In den Texten von Autoren wie Niketas Choniates wird Feinseligkeit gegen die verspürten Anmaßungen der Fremden deutlich. 1171 lässt das wieder erstarkte Kaisertum unter Manuel I. Komnenos viele venezianische Kaufleute ergreifen und einsperren und ihre Waren und ihr Geld konfiszieren. Als eine venezianische Flotte zum Gegenangriff übergeht, scheitert sie daran, dass eine Seuche ausbricht. Der Doge Vitalis II. Michiel wird dafür verantwortlich gemacht und ermordet. Für einige Jahre übernehmen Genuesen und Pisaner die Positionen Venedigs, aber 1182 werden im Zusammenhang mit den Kämpfen zwischen Alexios II. Komnenos und Andronikos I. alle Lateiner in Konstantinopel, es sollen mehrere Zehntausende sein, in einem Pogrom abgeschlachtet. Inzwischen hatte 1180 wieder einmal Zara das venezianische Joch abgeschüttelt und sich dem (christlichen) König von Ungarn unterstellt.

1187 erobert Sultan Saladin nach der Schlacht von Hattin Jerusalem und in der Folge scheitert der Kreuzzug der Könige.

Venedig konzentriert seinen Orienthandel für einige Jahre auf Alexandria, bevor es dann wieder in kleinen Schritten nach Byzanz zurückkehren kann, was es mittels Bündnissen mit den Normannen forciert. 1198, im Jahr des Kreuzzugaufrufs von Innozent III., wird es noch einmal weitreichend von Byzanz privilegiert, aber das gegenseitige Misstrauen bleibt.

 

****Der venezianische Vierte Kreuzzug: Gewalttätiger Handelskapitalismus****

 

Der Landweg über den Balkan und Anatolien wurde schnell ausgeschlossen. Nur Venedig verfügte aber 1198 über genügend Schiffe bzw. die Kapazitäten für hinreichend viele Schiffsneubauten für eine große militärische Expedition in das sogenannte Heilige Land. Der päpstliche Legat Kardinal Soffredo verhandelt also mit der Stadt. Die verlangt vom Papst die Aufhebung des Handelsverbotes mit der islamischen Welt und insbesondere mit Ägypten, welches man ohnehin nicht eingehalten hatte. Der Papst muss klein beigeben und beschränkt das Verbot auf kriegswichtige Materialien, Eisen, Hanf, entflammbare Gegenstände, Waffen Galeeren, Segelschiffe oder Holz. Damit erhält Venedig das Riesengeschäft der Ausstattung eines Seeheeres gegen den Sultan bei Erlaubnis der Beibehaltung fast aller Handelsgeschäfte mit dessen Herrschaftsraum.

 

1201 kommen Gesandte der Barone aus der Champagne und dem Brie, aus Flandern, Hainault und Blois, um mit dem über neunzigjährigen und längst erblindeten Dogen Enrico Dandolo und seinen Vertretern das Geschäftliche zu besprechen. Unter den Vertretern der Champagne befindet sich Geoffroi de Villehardouin, der das venezianische Angebot überliefert hat:

Wir werden Lastschiffe herstellen für 4500 Pferde und 9000 Pferdeknechte und Schiffe für 4500 Ritter und 20 000 Kriegsknechte zu Fuß und für all dieses Kriegsvolk und diese Pferde wird die Vereinbarung die sein, dass die Schiffe unter der Bedingung für neun Monate Lebensmittel mitführen, dass man für jedes Pferd vier Mark und für jeden Mann zwei Mark gibt. Diese ganze Flotte werden wir für euch ein Jahr halten von dem Tage an, an dem wir aus dem Hafen von Venedig heraussegeln, und den Dienst Gottes und der Kreuzfahrer zu leisten. Die zuvor einzeln aufgeführte Summe beträgt also 94 000 Mark, und wir werden noch soviel darüber hinaus leisten, dass wir euch fünfzig Kriegsgaleeren zum Geleite unter der Vereinbarung mitgeben, dass wir, solange unsere Gemeinschaft andauert, von allen Eroberungen an Land und Gut zu Wasser und zu Lande die eine Hälfte bekommen und ihr die andere

 

Die Gesandten stimmen recht schnell zu und dann auch die in der Markuskirche und auf dem Platz davor versammelte Menge an Venezianern. Die Preise halten sich im Rahmen des Üblichen, und dass Venedig selbst so viele Galeeren finanziert, beeindruckt ebenfalls. Unübersehbar handelt es sich nicht um eine "bewaffnete Pilgerfahrt", wie Historiker den Ersten Kreuzzug schöngeredet haben, sondern um einen (Rück)Eroberungskrieg, wobei hinter den Kulissen das Kriegsziel etwas offengehalten wird, ob man nun direkt Jerusalem erobern wolle oder über den Umweg von Kairo und Alexandria. Für Venedig verspricht es so oder so riesige Beute. Am 24. Juni 1202 soll es losgehen.

 

Schließlich wird die Gesamtsumme noch auf 85 000 Mark heruntergehandelt, aber die Gesandten müssen die erste Anzahlung bereits vom Geldmarkt am Rialto leihen. Darauf beginnen die Venezianer mit dem Schiffsbau im Arsenal und an anderen Orten. Die ganze Wirtschaft wird für den Kriegszug umgestellt, die Handelsschiffe werden zurückgeholt, um daran teilzunehmen. Getreide für den Schiffszwieback wird gekauft, zudem Wein. Ein grosso wird massenhaft als kleine Silbermünze geprägt, um die Arbeiten zu bezahlen.

 

Die Kreuzfahrer treffen mit Monaten Verspätung ein, im Sommer 1202 sind es statt der 33 000 erst 12 000. Damit können die Ausgaben Venedigs mit den vereinbarten Summen für jeden Einzelnen nicht bezahlt werden. Die Stadt verschuldet sich immer mehr.  Die kleinen Leute von der Infanterie, die in der Stadt nicht unterkommen können, braten in der Sommerhitze auf dem Lido, wo man ihnen Zelte aufgestellt hat, und sollen nun außerdem noch weitere Zahlungen leisten, wie Clari, einer von ihnen, berichtet. Unruhen drohen auszubrechen und dem Dogen bleibt nichts anderes übrig, als den Kreuzfahrern ihre nunmehrigen Schulden zu stunden. Um das in der Stadt durchzusetzen, beschließt der Greis, am Kreuzzug teilzunehmen. In geheimen Absprachen setzte er zudem durch, dass als erste Etappe des Krieges das abtrünnige Zara (heute Zadar) für Venedig rückerobert werden solle, sozusagen erste Rate der Schuldenabtragung durch die Kreuzfahrer. Das aber ist eine christliche Stadt unter einem christlichen Herrscher. Papst Innozenz, dem das zu Ohren kommt, beauftragt seinen Legaten, Dandolo eine solche Untat zu untersagen. Der verbietet diesem darauf die Teilnahme am "Kreuzzug". Schließtlich droht Innozenz mit der Exkommunikation. Nicht nur der päpstliche Legat, sondern auch der offizielle Anführer des Kreuzzuges, Bonifaz von Montferrat, nimmt nun an dieser ersten Etappe des Kriegszuges nicht teil.

 

Über Triest und Mugla, die sich unterwerfen müssen, geht es dann nach Zara, welches belagert wird. Eine Truppe unter Simon de Montfort schlägt sich zunächst auf die Seite der (christlichen) Stadt, aber diese muss sich bald der Übermacht ergeben. Nur wenige werden hingerichtet und dann, nach Vertreibung der Einwohner, wird intensiv geplündert, wobei sich die großen Barone die besten Beutestücke sichern. Aus dem Kreuzzug war ein Raubzug gegen Christen geworden. Als dann die Exkommunikation durch den Papst bekannt wird, übernehmen es die adeligen Bischöfe im Heer, diesen auch ohne Vollmacht wieder aufzuheben. Den Winter verbringen die Kreuzfahrer dann dort in relativ mildem Klima, vermutlich zum Schrecken der Bevölkerung.

 

Anfang Januar kommen in Zara Gesandte von König Philipp von Schwaben an, die behaupten, im Auftrag von dessen Schwager Alexios Angelos zu handeln, der den Kaiserthron von Byzanz erlangen wolle. Sein Vater Isaak war von Kaiser Alexios III. abgesetzt und geblendet worden. Villehardouin berichtet, was er anbietet: Deshalb wird er euch 200 000 Mark Silber geben, udn er lässt allen im Heer sagen, den Großen und den Kleinen, dass er selbst mit euch in das Heilige Land ziehen wird, oder er wird, wenn's euch deucht, jemand mit ganzen 10 000 Mann auf seine Kosten dahin senden.

 

Nach einigem Streit wird das Angebot (der Einnahme Konstantinopels) angenommen, obwohl den Klügeren klar sein musste, dass damit der Kreuzzug zu Ende sein würde. Aber die finanziellen Argumente, Schuldenbegleichung für das Heer, überwiegen. Venezianer zerstören die Stadt Zara kurzerhand und zur Gänze und dann geht es nach Korfu, wo Alexios hinzukommt. Die kaisertreue Stadt dort bleibt den Kreuzfahrern verschlossen, die nun nach neuen Konflikten und erneuter Abreise einiger Kreuzfahrer nach Konstantinopel aufbricht.

 

Die größte Stadt der Christenheit mit vielleicht knapp einer halben Million Einwohner, darunter rund 10 000 Venezianer, lehnt Alexios Angelos ab, was dazu führt, dass die Kreuzfahrer sich außerhalb der Stadtmauern niederlassen müssen. Hunger und Beutegier führen zu Angriffsversuchen und dazwischen Verhandlungen. Gelegentlich geht ein Teil der Stadt in Flammen auf.

Kaiser Alexios flieht, der blinde Isaak wird wieder eingesetzt, dann sein Sohn als Mitkaiser. Enorme Summen gehen an die Kreuzfahrer, die sich nun frei in der Stadt bewegen können. Der Augenzeuge Niketas Choniates schreibt in seinem Geschichtswerk: Die heiligen Ikonen Christi wurden mit Beilen von der Wand geschlagen (...) die verehrten  hochheiligen Gefäße wurden ehrfurchtslos aus den Kirchen geschleppt, ins Feuer getan und wie gewöhnliches Gold und Silber den feindlichen Herren gegeben. Die beiden Kaiser sind schnell von der Unterstützung der Kreuzfahrer abhängig und wollen darum deren Überwinterung bei der Stadt finanzieren.

 

Im Winter brechen die Gespräche zwischen beiden Seiten ab, nachdem die Griechen ihre Zahlungen eingestellt haben. Schließlich stirbt der blinde Isaak Angelos eines ungeklärten Todes, und ein Alexios Dukas ("Murtzuphlos) macht sich zum Kaiser und Anführer der Gegner der Lateiner.

Darauf wird von den Kreuzfahrern förmlich die Eroberung der Stadt mit Gewalt beschlossen. Die Venezianer sollen drei Viertel der Beute erhalten, bis die Schulden der Kreuzfahrer beglichen sind. Sechs Venezianer und sechs Vertreter der langue d'oeil sollen dann einen neuen (lateinisch-katholischen) Kaiser wählen.

 

Damit sich die Kreuzfahrer adäquat auf die kommenden Gewalttaten vorbereiten können, wird beschlossen, die Scharen von Huren, die das Heer begleiten, vorübergehend zu entfernen. Kreuzfahrer Clari berichtet von einem weiteren Beschluss, dass keine Gewalttaten gegen Frauen und Priester stattfinden sollen, die in Kriegen sonst üblich waren, Was dann tatsächlich geschieht ist ein allgemeines Rauben und Morden in der Stadt, mit den üblichen Plünderungen der Kirchen und Vergewaltigungen selbst älterer Frauen. Zahlreiche überlebende Einwohner fliehen.

 

Den Venezianern werden danach nicht nur die Schulden bezahlt, sondern sie erhalten weitere 100 000 Mark aus der Beute. Dann sorgen sie dafür, dass Balduin von Flandern zum neuen (lateinischen) Kaiser gewählt wird, und sie als einzige ihm keinen Vasalleneid für ihre Beutegebiete leisten brauchen. Das sind drei Achtel von Konstantinopel, wo nun venezianische Priester in der Hagia Sophia die lateinische Messe anstimmen, sind zudem Küstengebiete mit Hafenstädten, aus denen sich nun ein venezianisches Handelsimperium zusammensetzt. Die nordfranzösisch-flandrischen Barone hingegen reißen sich eigene Fürstentümer unter den Nagel, die vor allem agrarisch geprägte ärmliche Gegenden umfassen.

Selbst die drei Achtel von Konstantinopel, die an Venedig fallen, liegen am Hafen. Hier, und entlang der kroatischen und dalmatinischen Küste, auf Euböa (Negroponte), dem Peloponnes (Morea), Kreta und anderen Orten errichten die Venezianer befestigte Kolonialstützpunkte als Handelsplätze. Dazu kommen schon länger ganze Stadtteile wie in Tyrus oder Fondachi wie in Alexandria. Gegen Aufstände des heimischen Adels wird Kreta als Dreh- und Angelpunkt der venezianischen Levantemacht durchgesetzt.

Hunderttausende Silbermark werden aus dem nun lateinischen Kaiserreich herausgeplündert, ebenso wie enorme repräsentative Kunstschätze, die von nun an die Markusstadt schmücken.

 

Seitdem trifft man Venezianer von Ceuta bis zum Schwarzen Meer überall und bald werden die ersten nach China reisen. De facto ist die Adria zum Meer von Venedig geworden, wie es bald auch heißt, und Martin da Canal schreibt dann in der in Venedig bei den Vornehmeren üblichen langue d'oc: Voirs est que la mer Arians est le duchat de Venise. (Hartmann (Hrsg.), S. 318)

Das venezianische Kolonialreich legt überall kleine Militärposten und Handelsstationen in Küstenstädten an, während das Hinterland im wesentlichen griechisch bleibt. Insbesondere Nahrungsmittel, aber auch Rohstoffe werden nach Venedig geliefert oder dienen dem Handel zwischen den einzelnen Gebieten, auch wenn Land auf Kreta zum Teil an Kolonisten vergeben wird.

 

Die Zerstörung und Zerschlagung des fast tausendjährigen Ostroms wird als wichtigstes Ergebnis neben der Entstehung der Großmacht Venedig im östlichen Mittelmeerraum den Vormarsch jener innerasiatischen Turkvölker haben, die nach und nach unter der Osmanenfamilie vereint das Erbe Ostroms antreten werden. Da aber Venedig bis um 1500 nur seine eigenen Handelsinteressen vertreten wird, wird es alleine bleiben bei der Abwehr derjenigen, die nun weitgehend ungehindert Großmachtpläne entwickeln können. Während in diesem Zeitraum spanische Königreiche die iberische Habinsel wieder den islamischen Mauren entreißen, werden die Osmanen bis vor die Tore Wiens vorstoßen und ganz Südosteuropa dabei auf ihre Weise prägen.

 

Das einzige dauerhafte Ergebnis der Kreuzzüge auf "christlicher" Seite ist so der weitere Aufstieg Venedigs. Neben einem Gutteil von Konstantinopel samt seinen Hafenanlagen und Lagerhäusern erhielt es den Westen Griechenlands, wo sie Negroponte errichten(Chalkis auf Euböa), zudem Korfu, welches allerdings bald wieder verloren geht und die ionischen Inseln. 1205 kaufen sie Bonifaz von Montferrat Kreta ab, Candia, wie sie auch den Hauptort (Heraklion) nennen. Rund 10 000 Venezianer werden im Laufe der Zeit dorthin auswandern, aber die einheimische Bevölkerung wird sich in immer neuen Aufständen wehren.

 

In Konstantinopel sind nun Genuesen und Pisaner vom Handel ausgeschlossen. Aber vor allem Genua möchte sich mit der fast Monopolstellung Venedigs nicht abfinden und es wird zu einem Handelskrieg kommen, der immer wieder in Seeschlachten mündet, und die nächsten Jahrhunderte überdauern wird.

 

 

Süditalien

 

Süditalien und Sizilien besitzen eine bis in die Zeit der Magna Graecia zurückgehende städtische Zivilisation. Diese wird unter Friedrich II., was Autonomie und Selbstverwaltung angeht, weitgehend erstickt. In den Konstitutionen von Melfi (1231) heißt es entsprechend: Da die von Unserer Hoheit eingesetzten Beamten mehr als genug dazu ausreichen, um einen jeden in Zivil- wie in Strafsachen Gerechtigkeit finden zu lassen, so beseitigen wir die unzulässige Anmaßung, welche sich in gewissen Gegenden Unseres Königreichs ausgebreitet hat, und verfügen, dass fortan Podestàs, Konsuln oder Rektoren an keinerlei Ort gewählt werden dürfen, und dass niemand sich kraft irgendeiner Gewohnheit oder aufgrund einer Versammlung bzw. Volkswahl ein Amt oder die Gerichtsbarkeit anmaßt... Jede Gemeinde aber, welche in Zukunft solche bestellt, soll auf ewig der Wüstung  verfallen, und alle Einwohner dieser Stadt sollen für alle Zeiten als unfrei gelten. Wir ordnen jedoch an, den mit dem Tode zu bestrafen, welcher eines der oben genannten Ämter angenommen hat. (so in: Fuhrmann, S.53)

 

Das despotische Regiment des Staufers in beiden Sizilien erlaubt keine kommunale Bewegung, aber der Herrscher sieht durchaus die wirtschaftliche Bedeutung der Städte und fördert sie. Schon zwei Jahre nach obiger Bestimmung installiert der Herrscher ein Messesystem mit sich ablösenden Messen von neun bis zwanzig Tagen in Sulmona, Capua, Lucera, Bari, Tarent, Cosenza und Reggio.

 

Konsulat in den Gebieten der langue d'oc

 

Auch in der Stadtgeschichte erweist sich der Süden des zerfallenen Westfranzien in manchem als eher dem Mittelmeerraum als einem entstehenden Frankreich zugehörig. Der städtische Adel führt hier im Bündnis mit einigen bürgerlichen Honoratioren Gemeindebildung an, die zu der Wahl von Konsuln als Repräsentanten der universitas einer städtischen Oberschicht führen. Das geschieht 1124 in Bordeaux unter Aufsicht der Herzöge, 1129/30 in Avignon, 1131 in Arles und Béziers, 1132 in Narbonne, 1144 in Nîmes und Nizza, nach 1150/52 in Toulouse. (siehe Ehlers, S.101f). Von dort breitet sich diese Stadtverfassung nach Norden ins Binnenland aus und nach Westen ins Königreich Aragon: 1197 taucht sie in Perpignan auf, vor 1219 in Barcelona, etwa gleichzeitig nun mit deutschen Ratsverfassungen.

 

Es findet nicht jene Gemeindebildung statt, wie sie aus dem Norden Italiens und dann aus den deutschen Landen bekannt ist. In den Städten vermischen sich Adel und Bürgertum aber dann zu einer gemeinsamen Oberschicht. Anfang des 13. Jahrhunderts sind "die tolosanischen cabalerii, und zwar sowohl die aus der Stadt wie die aus dem Toulousain, der Rechtsprechung der Konsuln unterstellt (...) In der >Coutume de Toulouse< von 1286 werden weder die Adeligen noch die Ritter mehr erwähnt, sondern es wird schlichtweg von tolosanischen >Bürgern< gesprochen." (Charles Higounet in: Beiträge 2, S.96). Selbst in kleineren Orten gehören Ritter, niedriger Adel und oberes Bürgertum gemeinsam den meliores an, die die Konsuln stellen.

 

Es kommt aber nicht zu jener städtischen Unabhängigkeit wie in Italien und zum Teil dann in deutschen Landen, da sie von den Fürsten eingegrenzt bleibt, und auch nicht zu größerer Ausdehnung ins Umland wie in den italienischen Contados. Aber die Konflikte der Städte miteinander erinnern an italienische Verhältnisse.

 

Frankreich

 

Paris: Mit der neuen Stadtmauer unter Philipp II. August, die auf das linke Seineufer übergreift, wachsen ville, cité und université zusammen und das große Paris des späten Mittelalters deutet sich an. 

Unter dem heiligen Ludwig schließlich ist Paris eine durch und durch königliche Stadt, in der die Krone durch Étienne de Boileau mit dem 'Livre des métiers' die Satzungen und Bräuche der Kaufleute so festschreibt, das der Prévôté von Paris im Châtelet die Kontrolle über deren Arbeit und Gechäfte möglich ist.

Das linke Ufer, außerhalb der bischöflichen Gerichtsbarkeit, ist bis tief ins 12. Jahrhundert nur locker besiedelt von vielleicht 1000 Menschen insgesamt. Hier wachsen Saint Germain und der Bourg von Sainte Geneviève nicht zuletzt durch den Zuwachs von Scholaren an, denen dann offenbar noch die Prostitution folgt, die Jakob von Vitry erwähnen wird.

 

Laon: Kleine ritterliche miles mit Landbesitz um die Stadt sind in derselben Familie anzutreffen wie cives ohne militärische Funktion (Saint-Denis in Hartmann (Hrsg), S. 111ff). Cives als Elite des späteren 12. Jahrhunderts besitzen ein großes steinernes Stadthaus auf großem Grundstück und viel Grundbesitz außerhalb im ganzen Laonnais. Sie sind über die Nähe zum Bischof und zum Adel aufgestiegen und betreiben neben der Rendite aus dem Land (Wein, Getreide) und von städtischen Immobilien Handel. Gemeinsame Firmen der cives, milites und Kanoniker bauen und bewirtschaften Mühlen als Renditeobjekt. Einzelne große Kapitalisten spekulieren mit Land und kaufen von der Pleite bedrohte Güter zum Beispiel von Rittern auf.

 

Der Markt von Laon dient dem Handel mit der im Laonnais von den cives abgeschöpften landwirtschaftlichen Produktion. Teile des Kapitals gehen auch direkt in die Finanzwirtschaft (Darlehen, Kredite). Spekulanten leihen sich Häuser von Abteien in der Stadt gegen Zins und vermieten sie teurer. Es gibt relativ wenig Handwerk, und nur Luxusproduzenten reichen in die Schicht der cives hinein.

Ab 1240 kommt es zum Niedergang der Stadt durch Erbteilung des Grundbesitzes, Niedergang des Handels und der Bedeutung der Stadt für den König.

 

 

Im weiteren 12. Jahrhundert dann entwickeln wenige französische Städte wie Tournai und Soissons große Selbständigkeit, während die meisten in der Nordhälfte Freibriefe erhalten, die ihnen durch die Fürsten Rechte gewähren, die der wirtschaftlichen Entwicklung durch Freiheiten dienen, sie aber weiter in den feudalen Machtstrukturen halten und vermeiden, dass es zu aufsässiger Kommunebildung kommt. Vorbild werden die 'Einrichtungen für Rouen', die bei einzelnen Selbstverwaltungsrechten die Regierung durch herzogliche Beamte festlegen. In der Krondomäne werden Städte weiter durch königliche Vögte (später: prévôts) regiert, Paris bekommt nur mit den marchands de l'eau eine Vereinigung mit eigener Handelsgerichtsbarkeit zugestanden.

 

Die Städte wachsen im 12. Jahrhundert wie überall, und dominieren mit ihren Privilegien das Land drumherum. Die Handwerke diversifizieren sich, das Textilgewerbe steigt auf und die Zünfte gewinnen an Bedeutung. Die Macht gerät in die Hände einer neuen Oberschicht, in der Stadtadel und Handelsherren miteinander verschmelzen.

 

Mit den fabliaux, dem Roman de renart und mit Ruteboeuf  entsteht in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine neuartige satirische Literatur ein, die entweder vom bürgerlichen Standpunkt aus über Klerus und Bauern herzieht und auf jeden Fall eine neue Art des Moralisierens in die Welt setzt.

 

Spanien

 

Im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts lassen sich drei verschiedene spanische Stadtgeschichten erkennen. Da sind die fast kontinuierlich christlichen Städte Kataloniens, allen voran Barcelona, welches sich aus dem fränkischen Einflussbereich löst und zur bedeutendsten Handelsstadt im christlichen Spanien und zur Vormacht in Katalonien wird. Da sind die erst mit erheblicher Verzögerung sich entwickelnden Städte im schon früh christlich gewordenen Kastilien und León, Léon selbst, Oviedo, Burgos. Eine dritte Gruppe umfasst die Städte, die im Laufe der Reconquista und im wesentlichen bis 1250 erobert und in die christlichen Königreiche integriert werden.

 

Bis auf Toledo und wenige andere bedeutet die christliche Eroberung nach Süden eher einen Niedergang der Städte, und an die Stelle muslimischer Händler treten im verarmenden Almería genuesische. Im Norden werden Neusiedler durch Sonderrechte angelockt, wie im fuero von Jaca (Aragón) 1063 oder dem von Cuenca (Kastilien) von 1117.

 

Viele der strukturbildenden Elemente der islamischen Städte (Medinas) werden übernommen und verfallen höchstens langsam. Das betrifft die Residenzen der muslimischen Potentaten wie die Aljafería von Zaragoza und die Alcazabas, die burgartigen Festungen, die arabischen Bäder und Märkte (zocos). Die Moscheen werden nach und nach in christliche Kirchen umgewidmet wie in Toledo, die muslimische Bevölkerung der Mudéjares wird bald aus Sicherheitsgründen in Vorstädte (aljamas) umgesiedelt, und die im Islam außerhalb der Orte liegenden Friedhöfe werden für die Christen in die Städte geholt. Die gestifteten Güter, mit denen die Moscheen unterhalten wurden, werden von der Kirche übernommen als Basis für Großgrundbesitz-Bildung.

Ganz im Süden bleibt das Stadtbild der Häuser erhalten. Es gibt wenige Fenster nach außen, Höfe im Inneren mit gefliesten Wänden, wie man es noch heute nicht nur in der großen Altstadt von Cordoba besichtigen kann. Sackgassen, die von Hauptstraßen abgehen, und die abschließbar sind, schaffen kleine Gemeinschaften innerhalb der Viertel. 

Der Druck auf die Muslime nimmt langsam zu, sehr ähnlich dem auf die Christen unter dem Islam. Insbesondere steigen Sonderabgaben an, die erneute Christianisierung ähnelt in manchem der Islamisierung zuvor. Aber bis ins 15. Jahrhundert bleibt insbesondere in Aragón der Anteil der Mudéjares ziemlich hoch. Entlang des Ebro sind dann immer noch die Hälfte der Orte mit ihnen besiedelt und sie bewahren recht lange ihr Arabisch.(Manzano, S.475 etc.)

 

Die Städte geraten in die herrschaftlichen Hände von hohen geistlichen und weltlichen Aristokraten, mit denen großbürgerliche Vertretungen (concejos) zu konkurrieren beginnen. In den Cortes zunächst von Katalonien, bald darauf von Aragón und dann auch in Kastilien entsenden sie ihre Vertreter, wie in die concejos der Orte.

 

Ähnlich wie in Nord- und Mittelitalien gewinnen spanische Städte Territorien, dabei stoßen solche von Avila und Segovia dann an die Grenzen anderer wie Plasencia, Madrid oder Toledo, was zu Konflikten führt und zu Grenzziehungen durch die Könige.