Stadt 4: Italien, Frankreich und Spanien vom 12.Jh. bis 1250 (in Arbeit)

 

Frühe Stauferzeit in Italien

Contado

Kapitalisierung

Späte Stauferzeit in Italien

Genua

Venedig

Konsulat in den Gebieten der langue d'oc

Frankreich

Spanien

 

Frühe Stauferzeit in Italien

 

Schon die Salier hatten versucht, durch Privilegierung kaisertreue Städte zu schaffen. Die Staufer treffen in Italien auf eine viel weiter fortgeschrittene Stadtlandschaft, die Friedrich I. für ihre Interessen einzuspannen versucht. Auf dem ersten Italienzug des Herrschers ergreift er 1154 Partei für das königstreue Pavia und gegen Tortona, das seine und Paveser Truppen brutal plündern und zerstören.

 

Ob aber kaisertreu oder stauferfeindlich, alle Städte beharren auf ihren kommunalen Errungenschaften. In den Annalen des kaiserfreundlichen Pisa heißt es: Im Februar, März und April des Jahres 1157 umrundeten (die Konsuln) die gesamte Stadt Pisa sowie Konzica mit hölzernen Türmen, burgähnlichen Vorbauten und Wehrerkern aufgrund der Angst vor der Ankunft von Friedrich, König der Römer. (in Staufer und Italien, S.211) 1155 berichtet der Genueser Caffaro von der Verstärkung der dortigen res publica  mit Mauern und Toren. Die neue kommunale Einung und Einigkeit soll sichtbar sein. Für 1158/59, also nach Roncaglia heißt es in seinen Genueser Annalen: Tag und Nacht ohne Unterlass tragen die Männer und Frauen, die in Genua waren, Steine und Kalk zur Mauer, so dass sie innerhalb von acht Tagen so viel und Lobenswertes vollbracht haben, wie in einem Jahr keine andere italienische Stadt vollbracht haben könnte. Die übrigen Teile, die die weite Mauer nicht umfing, wurden in drei Tagen mit sehr hohen Wehrbauten befestigt, die aus Schiffsbäumen hergestellt wurden, und mit vielen Wehrerkern und mit großen Schilden, so dass sie ohne Schaden der Belgaerung von ganz ITalien, der Toskana und Deutschland würden widerstehen können, es sei denn, Gott, der Herr, würde es anders wollen. (in: s.o.)

Um 1170 kann dann Benjamin von Tudela über Genua schreiben: Die Stadt ist von einer

Mauer umgeben. Kein König herrscht über ihre Bewohner, sondern Richter, die jene nach ihrem Willen einsetzten. Jeder Bewohner der Stadt hat einen Turm an seinem Haus. Wenn es in der Stadt Streit gibt, bekämpfen sie einander von der Turmspitze aus. (in Staufer und Italien, S.220) Wenn also kein äußerer Feind kommt, brechen die inneren Feindseligkeiten aus.

 

Klar, dass auch Mailand jetzt seine Stadt stärker befestigt. Otto von Freising schreibt, Mailand ist mit einer Mauer umgeben, und außen fließt wie ein Fluss ein breiter, mit Wasser gefüllter Graben um sie herum, den der Konsul der Stadt erst im Jahre vorher aus Furcht vor dem künftigen Krieg vorausschauend hatte anlegen lassen. (Gesta,III,40)

 

Über Legaten versucht Friedrich Einfluss auf die Auswahl der Konsuln in den Städten zu nehmen, wobei Mailand sich widersetzt, besiegt und verwüstet wird. Rainald von Dassel, als Reichskanzler dabei, entführt für sein Erzbistum Köln die Reliquien der heiligen drei Könige. Es bildet sich eine mächtige Liga lombardischer Städte, die von Mailand angeführt wird mit dem Ziel, ihre neuen kommunalen Verfasstheiten als moderne Form der Staatlichkeit gegen die „universalistische“ des Reiches zu verteidigen. Bei Legnano siegt die kommunale Streitmacht über den Kaiser und im Frieden von Konstanz 1183 setzt sich die Kommunalverfassung durch, bei bald nur noch auf dem Papier stehenden übriggebliebenen Rechten der Krone.

 

In all diesen kriegerischen Auseinandersetzungen bildet sich die neue Zeit auch dadurch ab, dass neben adeliges Kriegertum aus Loyalität das Söldnertum als neuer Beruf tritt. Der Kaiser zieht 1174 im wesentlichen mit Söldnern nach Italien, und mit dem Aufstieg des Bürgertums und des kapitalistischen Wirtschaftens lösen diese auch in den Städten die adelig formierten Kriegerscharen ab. Kriege ohne Kapital und Kredit werden dabei immer unmöglicher. Die nur rechtlich begründete Rendite der Krone gerät dabei ins Hintertreffen gegen die handfester nutzbare der Städte.

 

Schließlich fangen Ende des 11. Jahrhunderts Autoren an, ihre Städte als Nachfolger Roms zu sehen (Carmen in victoriam Pisanorum) oder als Orte römischer Zivilisation wie das Bergamo von Moses de Brolo. Dabei werden Vergil, Sueton und andere verwendet. Einige Jahrzehnte später erscheinen die 'Mirabilia Urbis Romae', die stolz anhand der Ruinen die antike Vergangenheit der Stadt vorzeigen (um 1140). Heidnisches und Christliches stehen dabei noch nebeneinander, nicht verbunden wie zwei Jahrhunderte später bei Dante.

 

In Rom entsteht um 1143 in anachronistischer Rückbesinnung auf die antike Stadt und ihre "Größe" der Senat der städtischen Elite mit zwölf für auf kurze Zeit gewählten senatores consiliarii (Hyde, S.60). In diesem Kontext taucht dann Arnold von Brescia in der Stadt auf und wendet sich gegen die Verbindung weltlicher und geistlicher Macht des Papstes. Dieser wiederum wendet sich hilfesuchend an Friedrich Barbarossa, mit dessen Hilfe die Gefangennahme und Hinrichtung Arnolds auf dem Scheiterhaufen gelingt - 1155 erhält Friedrich auch dafür die Kaiserkrone.

 

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Indem immer neue Ämter (officia) in der Kommune geschaffen werden, werden "bürgerliche" Karrieren an der Stelle von kriegerischen angeboten, für die eine Ausbildung als Richter oder Notar eine gute Voraussetzung ist. Ausbildung in den artes wird so eine alternative Karriereperspektive. Gemeindebildung und Verschriftlichung gehen so Hand in Hand.

 

Und je weiter Städte nach Süden vom mitteleuropäischen Einfluss entfernt waren, desto leichter ließ sich an altes römisches Recht wieder anknüpfen, und persönliche Freiheit und Freiheit von Grund und Boden als Ware formulieren. Das galt bald auch für den Norden: „Die feudale und grundherrschaftliche Stände- und Bodenordnung Reichsitaliens befand sich erkennbar in voller Auflösung, weil alle Welt zu den freien Verkehrsformen des römischen Rechts zurückkehrte, und weder Papst noch Kaiser waren imstande, dem zu steuern.“ (Pitz, S.322)

„Denn dieses Recht war einst in einer Gesellschaft mit Markt- und Geldverkehr entstanden und darauf eingerichtet, kaufmännische Verhältnisse zu beurteilen und schriftliche Beweismittel zu würdigen, die die Beweiseide und Zweikämpfe des germanischen Rechts bei steigender Bildung und Kultur überflüssig machen konnten. Es waren die Bedürfnisse der städtischen Gesellschaften, ihres Grundstücks- und Wohnungsmarktes und ihrer kaufmännischen Berufe, die im Jahre 1045 in Konstantinopel und später in Bologna eine Rechtsschule ins Leben riefen, wo man die Anwendung dieses Rechts lehrte.“ (Pitz, S. 323)

 

Vermutlich war das römische Recht in italienischen Städten nie völlig in Vergessenheit geraten, aber der Beruf des Juristen war irgendwann mit dem Verfall der civitas verschwunden. Neuanfänge gibt es wohl in Pavia und insbesondere in Bologna. Ein wenig greifbarer Pepo befasst sich mit dem Codex Iustinianus, sein Schüler Irnerius scheint sich dann mit den Digesten beschäftigt und sie glossiert zu haben, wozu ihn laut Burchard von Ursberg Mathilde von Tuscien beauftragt haben soll. Nach seinem Tod haben dann vier Schüler, die quattuor doctores, in Bologna einen regulären Schulbetrieb eingerichtet, den Barbarossa schließlich privilegieren wird.

 

Juristen sind es auch, die die Kommunalisierung der Städte vorantreiben, indem sie in der Auseinandersetzung mit den Stauferkaisern, die die Städte fiskalisch abschöpfen möchten, die eigenen Möglichkeiten eines städtischen Fiskus erkunden, mit Progression der Abgaben nach Leistungsfähigkeit, mit Reduzierung von Naturalabgaben zugunsten von Geld, mit Abgaben auf Transport und Handel, königlichen Rechten also, und Verkaufsmonopolen auf Salz, Eisen, Wein und Mühlsteinen. (D'Acuto in 'Verwandlungen', S.84)

 

Das Besondere dieser Auseinandersetzungen ist neben den Heerzügen, Schlachten und Verwüstungen die steigende Verrechtlichung des Konfliktes, die Krone und Städte auf unterschiedliche Weise betreiben. Der Kaiser bringt bereits beim zweiten Italienzug in Roncaglia 32 Spitzenjuristen in Stellung, um die Regalien zu begründen, ohne aber den neuen kommunalen Gedanken grundsätzlich abzulehnen, der sich schließlich auch im deutschen Reichskern durchsetzt.

 

Das römische Recht war in Italien nie ganz verschwunden und war insbesondere in Pavia und Ravenna ein Stück weit in Erinnerung geblieben. Seine neuen Kenner stellen es und sich natürlich eher den Kaisern als den in ihm nicht enthaltenen Kommunen zur Verfügung. Lanfranco von Pavia berät Heinrich III., Petrus Crassus von Ravenna verteidigt Heinrich IV. gegen Gregor VII. und Irnerius von Bologna unterstützt Heinrich V., nachdem er Justinians 'Corpus Iuris' studiert hat (Hyde, S.63)

 

Contado

 

Gleichzeitig beginnt die Kommune die Aufgabe der Gewinnung neuer landwirtschaftlicher Nutzflächen an sich zu reißen, um eine ständig wachsende städtische Bevölkerung zu versorgen.

Daneben gibt es immer wieder Kämpfe um die Kontrolle des Territoriums drumherum, des contado, die mit den dort mächtigen Geschlechtern des grundbesitzenden alten Feudaladels ausgetragen werden, wie den Guidi in der Nähe von Florenz, den Aldobrandeschi bei Siena oder den Este bei Ferrara. Andere, wie die Adimari, Uberti, Ricasoli oder Buondelmonti für das Beispiel Florenz integrieren sich in die städtischen Zusammenhänge, ohne in ihren Lebensformen zu verbürgerlichen.

 

Der Kapitalismus hat seine erste Voraussetzung im Handel, aus dem Geldwirtschaft hervorgeht, die Handel, Produktion und Konsum verbindet. Umgekehrt sind die ersten Voraussetzungen für nach und nach kapitalistisch werdende Städte ein Nahrungsmittel produzierendes und Rohstoffe lieferndes Umland, welches die institutionalisierte Macht, ihren Gewaltapparat, und dann Handwerk und Händler versorgen. Die Kontrolle über ein solches Territorium, die Diözese bzw. den Contado, ist darum lebenswichtig.

 

Die Vorstellung nord- und mittelitalienischer Städte, im Zuge ihrer Verbürgerlichung das Gebiet der Diözese und noch darüber hinaus als zur Stadt gehörig anzusehen, die sich damit berechtigt sieht, es zu unterwerfen, ist einerseits aus der antiken civitas hergeleitet, ist aber andererseits ganz geprägt von dem, was sich als bürgerlicher Fortschrittsgedanke entwickelt. Städtische Strukturen sind der Fortschritt, der sich über das Umland auszubreiten hat, auch wenn das so noch nicht formuliert wird. Aber es wird entsprechend gehandelt.

 

Zunächst einmal handelt es sich aber um die norditalienische Besonderheit, dass "adelige" Geschlechter sich in das Machtgefüge an der Spitze der Städte, insbesondere die bischöflichen Lehnsmannschaften integrieren und ihre ländlichen Gebiete so mit der Stadt verbinden.Als obere Schicht der Lehns- und Amtsträger der bischöflichen Herren in den Städten und im Umland der Städte treten die Capitane auf. Sie üben dort von ihrer Burg die Herrschaft über einzelne Orte oder Pfarrsprengel aus, nehmen die Gerichtsbarkeit wahr, ziehen Abgaben ein und bedienen sich wiederum dafür ihrer Untervasallen, die sie ebenfalls mit Lehen ausstatten.

 

In zunehmendem Maße auch durch Heiratsverbindungen mit reichen Städtern werden sie die entscheidenden Machthaber in Stadt und Land und bilden zusammen mit den Valvassoren die Ritterschaft.

Da diese immer geschlossenere Territorien werden, geben sie "den ländlichen Räumen eine Organisationsform der Macht zurück, die sich nicht länger auf den Grundbesitz stützte, sondern eine Struktur nach Territorien wiederherstellte, die in der Poebene seit der Spätantike fehlte." (D'Acunto in 'Verwandlungen' S.78) Zugleich fehlt es den Territorien an Amtsgewalten, die aber in der Stadt vorhanden sind. Bei Otto von Freisings 'Gesta' ist dann tota illa terra bereits in städtischer Hand und Adel und niedere Stellung werden durchlässig.

 

Dazu wird der Landadel gezwungen, an der Stadt zu partizipieren, soweit er das nicht freiwillig tut. Das bekannteste Beispiel für Widerstand dagegen sind die Guidi in der Toskana, die dort wohl mächtigste Familie. "In der nördlichen Toskana und dem romagnolischen Appenin verfügen sie in zweihundert Orten über Land und Leute" (WGoez, S.258) und entsprechend viele Burgen und andere feste Plätze. Eine besondere Burgen-Dichte besitzt dabei das Casentino, dass sie praktisch geschlossen kontrollieren.

 

Diese Guidi sind natürliche Bundesgenossen Barbarossas, der allerdings selten Gelegenheit hat, sie zu unterstützen. Und so wogt eine Art Dauerkrieg zwischen Florenz und dem Grafenhaus, berühmt auch seit dem Bündnis mit Mathilde von Canossa. Hier wird ein den Guidi zugeordnetes Kloster verwüstet, dort Land einer mit Florenz verbundenen Ortschaft -und das geht mit Pausen durch das ganze 12. Jahrhundert. In der Minderjährigkeit Guido Guerras III. nach 1157 hält sogar die Tante Sophia, Äbtissin von Pratovecchio, zu Pferd mit einer Schar Bewaffneter das Interesse der Familie aufrecht.

 

Die Kontrolle eines Contado wird durch befestigte Orte gewährleistet, die auf dem incastellamento seit dem 10. Jahrhundert aufbauen. Bonvesin della Riva wird für Mailand 1288 rund 50 befestigte borghi, also Marktflecken oder Kleinstädte angeben, und etwa 150 Dörfer, zu denen eine Burg gehört. Das ist aber das Ergebnis einer Entwicklung vor allem des 11. und 12. Jahrhunderts. Damit gelingt es nord- und mittelitalienischen Städten in dieser Zeit, größere Territorien als die Seigneurs und Chatellains im entstehenden Frankreich zu erreichen, Prinzipate eher, Gemeinschaftsprojekte von Bischöfen und Kommunen.

 

Die Ausweitung des jeweiligen Territoriums als Überführung der Diözese in einen contado neuen Typs, wie das Otto von Freising erwähnt, führt zur Konkurrenz der Städte und immer wieder aufflackernden brutalen Kriegen. Klassische Beispiele sind die zwischen Genua und Pisa und zwischen Florenz und Siena. Mailand erobert und zerstört die Nachbargemeinden Como und Lodi und verbietet ihren Markt. Solche Kriege sind zum großen Teil auf Zerstörung und auf Verwüstung des Landes und seiner Nahrungsproduktion aus. In ihnen entsteht eine Art urbaner Lokalpatriotismus, mit dem die Staufer dann zusammenstoßen bei ihrem Versuch der Wiederherstellung königlich/kaiserlicher Macht.

 

Ein Großteil des Adels gibt seine Burgen und sein Land an die Kommunen ab und nimmt sie von diesen als Lehen, wodurch sie zu Vasallen der neuen Gemeinden werden, zu deren Schwurgemeinschaft sie nun gehören. Da die Schutzherrschaft der Kaiser nur kurze Zeit überdauert und manchmal nur die Zeit des Heerzuges nach Italien, ist ein Machtvakuum entstanden, welches die Städte mit ihren Formen von Selbstorganisation und Gemeindebildung auszufüllen suchten.

 

Die Abhängigkeit des grundbesitzenden Landadels, von Grafen, Bischöfen und Klöstern von städtischen Geldverleihern führt über Überschuldung zum Verlust des Landes an bürgerliche Kreise (Raith, S.62)

 

 Kapitalisierung (in Arbeit)

 

„Aber je weniger es den Handwerkern möglich ist, noch selbständig Handel zu treiben, umso mehr dringen die Händler und Bankiers in die Bereiche der Handwerker ein, indem sie sich als Verleger betätigten, Preise diktierten, die Rohstoffzufuhr steuerten und die Qualität vorschrieben... Die wichtigste Konsequenz war die, dass nicht mehr die unmittelbare Nachfrage beim Meister die Produktion bestimmte, sondern der Verleger, Geldgeber, der Händler oder Bankier.“ (Raith, S. 63)

 

Späte Stauferzeit

 

Ghibellinische Niederlagen führen zur Konfiskation ihrer Güter durch die guelfischen Sieger. Die langsam aufsteigenden Bankhäuser beginnen, ihre Bonität durch immer mehr Grundbesitz zu belegen.

Erst in der Zeit der Lombardenkriege Friedrichs II. werden dann neue Plätze als bischofsferne Zentren angelegt.

 

Für den popolo, das Besitzbürgertum der Städte, ist die immer wieder ausbrechende Gewalt ein Störfaktor. Gegen die auf persönliche, nämlich familiäre Beziehungen aufgebauten Turmgesellschaften, Konsorterien, Adelsfraktionen und ihre Auseinandersetzungen stellen sich die oberste Schicht des popolo mit auf gemeinsamen Geschäftsinteressen basierenden Gilden, Zünften, oft artes genannt. Einige Jahrzehnte nach Einführung des Konsulats eingerichtet, formen so Geldverleiher und reiche Tuch- und Gewürzhändler Verbände, die Druck und Einfluss ausüben sollen. Ihren Führern gelingt damit das Eindringen in städtische Ämter.

 

Um ihre Macht zu verstärken, integrieren sie weitere Gewerbe in ihre Verbände, bis diese gegen Ende des 12. Jahrhunderts in solche unterschiedlicher Geschäftsinteressen auseinanderfallen. Dabei bildet sich dann nach und nach eine Gilden/Zünfte-Hierarchie mit reicheren und darum auch mächtigeren artes an der Spitze. In Mailand mit seinem alle anderen Städte überragenden produzierenden Gewerbe und seinen vielen Ladeninhabern bricht die bürgerliche „Front“ bereits vor 1200 auseinander in die Credenza von San Ambrogio des kleinen Gewerbes und die Motta der reichen bürgerlichen Oberschicht.

 

Der zentrale Konflikt bricht aber zunächst aus zwischen der im wesentlichen vom städtischen „Adel“ beherrschten Kommune und dem popolo. Dazu organisieren sich die Popolanen in militärische Formationen der Nachbarschaften bzw. Pfarreien oder Vierteln. Es kommt zu Straßenkämpfen zwischen Popolo und Ritterschaft und dann zum Krieg mit den oberen Schichten des Adels. 1203 vertreibt der popolo in Lucca den Adel, um 1208 sind die Nachbarschaften in Siena unter Waffen. Unter den Gewaltausbrüchen im Adel und zwischen ihm und dem „Volk“ endet die erste Phase kommunaler Selbstverwaltung.

 

Genua

 

Zehn Jahre nach Beginn der Beteiligung am Kreuzzug besitzt Genua ein Handelsquartier in Jerusalem und die Stadt Dschibelet. Damit nimmt es direkter teil am Orienthandel mit Gewürzen und Färbemitteln. Zusätzlich zum Kommerz mit den christlichen Kreuzfahrerstaaten und natürlich der Zwischenstation Sizilien beginnt der direkte Handel mit der muslimischen Welt, vor allem über Alexandria. Dazu kommt der mit dem marokkanischen Ceuta und dem algerischen Bougie, dessen Kerzenwachs den französischen Kerzen ihren Namen geben wird. 1253 wagen sie sich zum ersten Mal weit über Gibraltar hinaus, hunderte von Seemeilen entlang der afrikanischen Küste.

 

Die Beziehungen zu den Kreuzfahrern hindern die Genoesen nicht an guten Beziehungen zu moslemischen Herrschern, und so bekommen sie Steuerprivilegien vom almohadischen Herrscher über Nordafrika. Bald betreiben sie auch Zwischenhandel zwischen muslimischen Städten. In derselben Zeit beginnen sie ein Übergewicht im Seehandel von provenzalischen Häfen aus zu gewinnen und dazu wirtschaftliche Privilegien in Montpellier und Narbonne.

 

Im Osten hat es der genuesische Handel schwerer. Ein 1155 von Kaiser Manuel versprochener Handelsposten in Konstantinopel wird von den Pisanern zerstört. 1168 wird ihnen ein neuer Platz zugesprochen, den die Venezianer 1170 zerstören. Ein neuer Anlauf wird dann durch den venezianischen Einfluss empfindlich beeinträchtigt, denen dann 1201 ein Viertel des oströmischen Reiches in die Hände fällt.

 

Dennoch wächst Genua in rasantem Tempo sowohl was seine Fläche wie seine Einwohnerschaft betrifft. Abgesehen von ein wenig Verfeinerung von Halbfabrikaten von Textilien beruht der Aufstieg der Stadt - fast zur Gänze - auf seinem Handel. Dabei werden ähnlich wie anderswo Handelskontrakte auf Zeit entwickelt (commenda), Geldwechsler gehen zur Kontoführung über und machen Überweisungen von einem Konto auf ein anderes möglich. Mehr als anderswo noch integriert sich der Adel in den Kommerz und manchmal, wie bei den im Contado beheimateten Grafen von Lavagna, wird aus Adel ganz bewusst bürgerliches Großkapital, in diesem Fall das der Familie der Fieschi im 13. Jahrhundert (Hyde, S. 71). Ähnlich wie in Venedig beruht ohnehin die ganze Stadt auf Handel, weswegen sie keine gesonderte Organisationsform der Händler schafft, wie beispielsweise Florenz. Die Stadt selbst als Kommune wird zur Handelsgenossenschaft.

 

 

Venedig

 

Mit Pisa, Genua und anderen Handelsstädten entdeckt Venedig die Möglichkeiten, die die Kreuzzüge bieten. In Konstantinopel, Dschidda, Alexandria und Acre laden venezianische Schiffe "orientalische Waren (Gewürze, Seide, wertvolle Waffen etc.), die über Karawanen orientalischer Händler aus Indien, Persien und China ans Mittelmeer geschafft worden waren. Im Austausch lieferte Venedig an den Orient Wolle und Wolltuche, Metall, Rohmaterialien wie Teer und Pech, somit Güter, die aus Nordeuropa über die Champagne-Messen nach Venedig gelangt waren." (Schott, S.63)

 

Mit dem vierten Kreuzzug, den Venedig alleine kontrolliert und nach Byzanz umleitet, wird die Stadt dann zur Großmacht zwischen Okzident und Orient. Drei Achtel von Ostrom werden Venedig zugesprochen, im wesentlichen die für den Handel wichtigen Küstenregionen, während die Ritter die wenig profitablen Landmassen unter sich aufteilen. Selbst die drei Achtel von Konstantinopel, die an Venedig fallen, liegen am Hafen. Hier, und enlang der kroatischen und dalmatinischen Küste, auf Euböa (Negroponte), dem Peloponnes (Morea), Kreta und anderen Orten errichten die Venezianer befestigte Kolonialstützpunkte als Handelsplätze. Dazu kommen ganze Stadtteile wie in Tyrus oder Fondachi wie in Alexandria.

 

Hunderttausende Silbermark werden aus dem nun lateinischen Kaiserreich herausgeplündert, ebenso wie enorme repräsentative Kunstschätze, die nun die Markusstadt schmücken.

 

Von nun an trifft man Venezianer von Ceuta bis zum Schwarzen Meer überall und bald werden die ersten nach China reisen. De facto ist die Adria zum Meer von Venedig geworden, wie es bald auch heißt, und Martin da Canal schreibt dann in der in Venedig üblichen schicken langue d'oc: Voirs est que la mer Arians est le duchat de Venise. (Hartmann (Hrsg.), S. 318)

 

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gelingt es schließlich, ein Salzmonopol bis in die Lombardei und die Romagna hinein durchzusetzen.

 

1225 wird der deutsche Handel in Venedig mit der Errichtung des Fondaco die Teeschi unter städtische Kontrolle gebracht. Die Kaufleute wohnen dort, müssen dort ihre Waren lagern und verkaufen. Ab 1231 kontrolliert die Stadt Makler, über die der Handel in der Stadt läuft. Sie garantiert dafür Maße und Gewichte und leistet eine gewisse Qualitätskontrolle, hat dafür aber eben auch den direkten Zugriff auf die zu leistenden Abgaben. (Fuhrmann in 'Verwandlungen', S.384)

 

 Eine Politisierung wie in Florenz findet nur begrenzt statt, da der enorme Reichtum für viele etwas abfallen lässt: Politisierung ist Ideologisierung von Konflikten, die hier so nicht stattfinden. Stattdessen wird der Verwaltungsapparat immer größer, mit ihm die Fülle der Ämter für die Oberschicht, die zum Teil von Ausschüssen kontrolliert werden. Verwaltung verlangt Verrechtlichung und etwa gleichzeitig mit Mailand werden Gesetze und Verordnungen, nicht zuletzt für Schiffahrt und Handel, kodifiziert. Nach der Teil-Unterwerfung von Ferrara wird ein immer einheitlicherer verrechtlicher Raum geschaffen, ein „Verfassungsraum“ für moderne Staatlichkeit. Und wer von den Nachkommen der Oberschicht keinen Platz in einer Handelsfirma und kein lukratives Amt bekommt, der wird Herzog von Naxos oder kauft sich Grundbesitz auf dem Festland, der terra firma, und übt sich dort in aristokratischer Lebensweise.

 

Konsulat in den Gebieten der langue d'oc

 

Auch in der Stadtgeschichte erweist sich der Süden des zerfallenen Westfranzien in manchem als eher dem Mittelmeerraum als einem entstehenden Frankreich zugehörig. Der städtische Adel führt hier im Bündnis mit einigen bürgerlichen Honoratioren Gemeindebildung an, die zu der Wahl von Konsuln als Repräsentanten der universitas einer städtischen Oberschicht führen. Das geschieht 1124 in Bordeaux unter Aufsicht der Herzöge, "1130 in Avignon, 1131 in Arles und Béziers, 1132 in Narbonne, 1144 in Nîmes und Nizza, nach 1150 in Toulouse" (Ehlers, S.101f). Von dort breitet sich diese Stadtverfassung nach Norden ins Binnenland aus.

Es kommt aber nicht zu jener städtischen Unabhängigkeit wie in Italien und zum Teil dann in deutschen Landen, da sie von den Fürsten eingegrenzt bleibt, und auch nicht zu größerer Ausdehnung ins Umland wie in den italienischen Contados. Aber die Konflikte der Städte miteinander erinnern an italienische Verhältnisse.

 

Frankreich

 

Paris: Mit der neuen Stadtmauer unter Philipp II. August, die auf das linke Seineufer übergreift, wachsen ville, cité und université zusammen und das große Paris des späten Mittelalters deutet sich an. 

Unter dem heiligen Ludwig schließlich ist Paris eine durch und durch königliche Stadt, in der die Krone durch Étienne de Boileau mit dem 'Livre des métiers' die Satzungen und Bräuche der Kaufleute so festschreibt, das der Prévôté von Paris im Châtelet die Kontrolle über deren Arbeit und Gechäfte möglich ist.

Das linke Ufer, außerhalb der bischöflichen Gerichtsbarkeit, ist bis tief ins 12. Jahrhundert nur locker besiedelt von vielleicht 1000 Menschen insgesamt. Hier wachsen Saint Germain und der Bourg von Sainte Geneviève nicht zuletzt durch den Zuwachs von Scholaren an, denen dann offenbar noch die Prostitution folgt, die Jakob von Vitry erwähnen wird.

 

Laon: Kleine ritterliche miles mit Landbesitz um die Stadt sind in derselben Familie anzutreffen wie cives ohne militärische Funktion (Saint-Denis in Hartmann (Hrsg), S. 111ff). Cives als Elite des späteren 12. Jahrhunderts besitzen ein großes steinernes Stadthaus auf großem Grundstück und viel Grundbesitz außerhalb im ganzen Laonnais. Sie sind über die Nähe zum Bischof und zum Adel aufgestiegen und betreiben neben der Rendite aus dem Land (Wein, Getreide) und von städtischen Immobilien Handel. Gemeinsame Firmen der cives, milites und Kanoniker bauen und bewirtschaften Mühlen als Renditeobjekt. Einzelne große Kapitalisten spekulieren mit Land und kaufen von der Pleite bedrohte Güter zum Beispiel von Rittern auf.

 

Der Markt von Laon dient dem Handel mit der im Laonnais von den cives abgeschöpften landwirtschaftlichen Produktion. Teile des Kapitals gehen auch direkt in die Finanzwirtschaft (Darlehen, Kredite). Spekulanten leihen sich Häuser von Abteien in der Stadt gegen Zins und vermieten sie teurer. Es gibt relativ wenig Handwerk, und nur Luxusproduzenten reichen in die Schicht der cives hinein.

Ab 1240 kommt es zum Niedergang der Stadt durch Erbteilung des Grundbesitzes, Niedergang des Handels und der Bedeutung der Stadt für den König.

 

 

Im weiteren 12. Jahrhundert dann entwickeln wenige französische Städte wie Tournai und Soissons große Selbständigkeit, während die meisten in der Nordhälfte Freibriefe erhalten, die ihnen durch die Fürsten Rechte gewähren, die der wirtschaftlichen Entwicklung durch Freiheiten dienen, sie aber weiter in den feudalen Machtstrukturen halten und vermeiden, dass es zu aufsässiger Kommunebildung kommt. Vorbild werden die 'Einrichtungen für Rouen', die bei einzelnen Selbstverwaltungsrechten die Regierung durch herzogliche Beamte festlegen. In der Krondomäne werden Städte weiter durch königliche Vögte (später: prévôts) regiert, Paris bekommt nur mit den marchands de l'eau eine Vereinigung mit eigener Handelsgerichtsbarkeit zugestanden.

 

Die Städte wachsen im 12. Jahrhundert wie überall, und dominieren mit ihren Privilegien das Land drumherum. Die Handwerke diversifizieren sich, das Textilgewerbe steigt auf und die Zünfte gewinnen an Bedeutung. Die Macht gerät in die Hände einer neuen Oberschicht, in der Stadtadel und Handelsherren miteinander verschmelzen.

 

Mit den fabliaux, dem Roman de renart und mit Ruteboeuf  entsteht in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine neuartige satirische Literatur ein, die entweder vom bürgerlichen Standpunkt aus über Klerus und Bauern herzieht und auf jeden Fall eine neue Art des Moralisierens in die Welt setzt.

 

Spanien

 

Im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts lassen sich drei verschiedene spanische Stadtgeschichten erkennen. Da sind die fast kontinuierlich christlichen Städte Kataloniens, allen voran Barcelona, welches sich aus dem fränkischen Einflussbereich löst und zur bedeutendsten Handelsstadt im christlichen Spanien und zur Vormacht in Katalonien wird. Da sind die erst mit erheblicher Verzögerung sich entwickelnden Städte im schon früh christlich gewordenen Kastilien und León, Léon selbst, Oviedo, Burgos. Eine dritte Gruppe umfasst die Städte, die im Laufe der Reconquista und im wesentlichen bis 1250 erobert und in die christlichen Königreiche integriert werden.

 

Bis auf Toledo und wenige andere Seite bedeutet die christliche Eroberung eher einen Niedergang der Städte, und an die Stelle muslimischer Händler treten im verarmenden Almería genuesische.

 

Viele der strukturbildenden Elemente der islamischen Städte (Medinas) werden übernommen und verfallen höchstens langsam. Das betrifft die Residenzen der muslimischen Potentaten wie die Aljafería von Zaragoza und die Alcazabas, die burgartigen Festungen, die arabischen Bäder und Märkte (zocos). Die Moscheen werden nach und nach in christliche Kirchen umgewidmet wie in Toledo, die muslimische Bevölkerung der Mudéjares wird bald aus Sicherheitsgründen in Vorstädte (aljamas) umgesiedelt, und die im Islam außerhalb der Orte liegenden Friedhöfe werden für die Christen in die Städte geholt. Die gestifteten Güter, mit denen die Moscheen unterhalten wurden, werden von der Kirche übernommen als Basis für Großgrundbesitz-Bildung.

Ganz im Süden bleibt das Stadtbild der Häuser erhalten. Es gibt wenige Fenster nach außen, Höfe im Inneren und geflieste Wänden, wie man es noch heute nicht nur in der großen Altstadt von Cordoba besichtigen kann. Sackgassen, die von Hauptstraßen abgehen, und die abschließbar sind, schaffen kleine Gemeinschaften innerhalb der Viertel. 

Aber der Druck auf die Muslime nimmt langsam so, sehr ähnlich dem auf die Christen unter dem Islam. Insbesondere steigen Sonderabgaben an, die erneute Christianisierung ähnelt in manchem der Islamisierung zuvor. Aber bis ins 15. Jahrhundert bleibt insbesondere in Aragón der Anteil der Mudéjares ziemlich hoch. Entlang des Ebro sind dann immer noch die Hälfte der Orte mit ihnen besiedelt und sie bewahren recht lange ihr Arabisch.(Manzano, S.475 etc.)

 

Die Städte geraten in die herrschaftlichen Hände von hohen geistlichen und weltlichen Aristokraten, mit denen großbürgerliche Vertretungen zu konkurrieren beginnen. In den Cortes zunächst von Katalonien, bald darauf von Aragón und dann auch in Kastilien entsenden sie ihre Vertreter, wie in die concejos der Orte.

 

Ähnlich wie in Nord- und Mittelitalien gewinnen spanische Städte Territorien, dabei stoßen solche von Avila und Segovia dann an die Grenzen anderer wie Plasencia, Madrid oder Toledo, was zu Konflikten führt und zu Grenzziehungen durch die Könige.