Städte
Verfassung und Machtverhältnisse
England / Frankreich / Niederlande / Italien / Spanien / Osteuropa
Stadtadel, Patriziat
Bürgertum
Proletariat
Stadtbild
Städtisches Umland
Untergang und Aufstieg der städtischen Freiheiten
Spanien: Comuneros und Germanía
Städtisches Untertanentum und gute Policey
Stadtrecht
Finanzen (Florenz)
Militär
Amüsement
Reformation und Kapitalismus
Stadt und Reformation (Hanseraum)
Lübeck / Soest / Osnabrück / Münster / Hamburg / Köln / Erfurt / Chemnitz
Trier /Frankfurt / Leipzig
Der wirtschaftliche Aufstieg Süddeutschlands (Nürnberg / Augsburg / Regensburg)
Bauernaufstand und Städte
Metropolstädte
In der gemeinhin so genannten frühen Neuzeit, die hier als Spätzeit eines Mittelalters betrachtet werden soll, findet in den abendländischen Städten vor allem Kontinuität in der Veränderung statt: Es gibt eine langsame Zunahme der Verstädterung vor allem über das Wachstum der Mehrheit der Städte. Bis auf Residenz- und Festungsstädte bleibt aber dabei der (bisherige) mittelalterliche Charakter weiter bestehen. Ob eine Stadt 5000 oder 20 000 Einwohner hat, ob 50 000 oder 500 000, ändert nichts an der Tatsache, dass die meisten Menschen in ihr außerhalb ihres langsam enger werdenden privaten Raumes wenig zu sagen haben; es gibt eine städtisch halbwegs autonome oder aber fürstlich/königlich kontrollierte Obrigkeit und eine zunehmende Untertänigkeit. Was vor den in England im 18. Jahrhundert aufkommenden Industriestädten etwas anders wird ist die fürstliche Prägung einzelner Städte, die dadurch langsam aus mittelalterlichen Strukturen in die modernen hineinwachsen.
Städte
Der Name Stadt meint einen Rechts-Status und hängt nicht an der Größe eines Ortes. Entsprechend besitzen um 1500 in deutschen Landen von etwa 3500 Städten 3000 weniger als 1000 Einwohner. und nur 26 mehr als 10 000, also etwa 3% der Bevölkerung (um 1800 werden es 5,4% sein). Anders gesagt: Gegen1500 besitzen über 94% der deutschen Städte weniger als 2000 Einwohner.
Um 1500 hat die dann noch größte deutsche Stadt Köln höchstens wohl 40 000 Einwohner und Nürnberg geringfügig weniger. Fünf Städte haben über 20 000 Einwohner: Lübeck (24 000), Danzig (35 000), Breslau (25 000), Straßburg (20 000) und Augsburg (30 000). Später viel größere Städte wie Bremen, Stuttgart und Hamburg (14 000) bleiben darunter.
Der Verstädterungsgrad ist aber je nach Region verschieden. (Rosseaux, S.5) In Norditalien, dem heutigen Belgien, den Niederlanden, Spanien und Portugal ist der Anteil an Städtern höher. In Städten über 10 000 Einwohnern leben um 1550 in Kern-Deutschland etwa 3,8% der Gesamt-Bevölkerung in Städten über 10 000 Einwohnern in Norditalien etwa 15% und etwa 23 im heutigen Belgien.
Im 16./17. Jahrhundert ist keine deutsche unter den zwanzig größten Städten Europas. (Schilling/Ehrenpreis, S.2ff) Dazu gehört Neapel mit einer sich zwischen 1500 und 1800 fast verdreifachenden Bevölkerung (von 150 000 auf 430 000). Um 1700 ist Rom mit 135 000 Einwohnern zweitgrößte Stadt in Italien.
Paris verdreifacht seine Bevölkerung fast zwischen 1500 und 1700, und zwar von 200 000 auf 575 000, und schöpft damit einen großen Teil des städtischen Zuwachses in Frankreich ab. Dahinter stehen dann Lyon, Marseille und Bordeaux, alle drei weit von der Hauptstadt entfernt.
Auf der iberischen Halbinsel wachsen im 16. Jahrhundert Sevilla von 25 000 auf 126 000 und Lissabon von 65 000 auf 100 000 Einwohner. In der Folge werden Madrid und Barcelona Sevilla überholen.
Antwerpen steigt von etwa 100 000 Einwohner 1565 um 1600 auf 47 000 um 1600 ab. Dafür erreicht Amsterdam 1622 die Zahl von 100 000 und verdoppelt diese im Verlauf des 17. Jahrhunderts.
Damit können deutsche Städte am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges nicht mithalten, als Danzig und Wien jeweils 50 000 Einwohner haben, Hamburg, Magdeburg, Nürnberg und Augsburg etwa 40 000. (alles: Knittler, S.32ff)
Nachdem die durch die Krisen des 14. und frühen 15. Jahrhunderts verursachte enorme Bevölkerungsminderung wieder einigermaßen ausgeglichen ist, kommt es im 16. Jahrhundert zu einer deutlichen Zunahme, bis der Dreißigjährige Krieg Magdeburg von 40 000 auf 5000 reduziert, Dortmund von 6500 auf 2000 und Augsburg von 40 000 auf 20 000. Aber nicht alle deutschen Städte erleben solchen Niedergang und einigen gelingt es, sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wieder zu erholen.
Die Zahl der Neugründungen von Städten geht zwischen 1500 und 1700 deutlich zurück.
Die Städte werden weiter von der Landbevölkerung aufgestockt, die überwiegend aus dem näheren Umfeld kommt. Entsprechend ist die Mortalität viel höher als auf dem Lande. Das bewirken u.a. Schmutz, Ungeziefer und die hohe Säuglingssterblichkeit. Dazu kommen schlechte hygienische Verhältnisse bei Ammen auf dem Lande.
Seit den Reformationen kommt Einwanderung dabei in deutschen Landen fast nur noch aus den konfessionell passenden Umgegenden. Die städtische Bevölkerung ist relativ jung. Rund die Hälfte aller Todesfälle betreffen weiter Kinder bis zum Alter von fünf Jahren.
Bevölkerungszunahme gibt es mancherorts auch über Glaubensflüchtlinge, die zwischen 5% (Hamburg) und 50% (Wesel) ausmachen können.
Seuchen können die Bevölkerung erheblich verringern, wie die englischen Pestwellen 1563 mit 23.000 Toten, 1593, 1603, 1625 und dann 1665 mit 97.000 Sterbefällen (Knittler, S.47), so wie es zwischen 1561 und 1585 im Nürnberg der 40 000 Einwohner etwa 20 000 Epidemie-Opfer gibt. Um 1600 ist allerdings die alte Bevölkerungszahl wieder hergestellt. (Schilling/Ehrenpreis, S.11f) Augsburg verliert durch die Pest im 16. Jahrhundert etwa 60 000 Einwohner (Knittler, S.48). In Italien verlieren im selben Jahrhundert die vier größten Städte durch die Pest zusammen rund 100 000 Einwohner, durchschnittlich 25%.
Neben der Pest gibt es Grippe-Epidemien, solche von Typhus, Ruhr und Pocken, die wenigstens in England gegen 1750 nachlassen.
Und schließlich kommen in deutschen Landen die vielen Toten des 30-jährigen Krieges hinzu: Magdeburg schrumpft als Extremfall von 40 000 auf 5000, Augsburg von 40 000 auf 20 000, Nürnberg von 40 000 auf 25 000 Einwohner. Hingegen steigt die Bevölkerung von Hamburg derweil von 40 000 auf 78 000. (Schilling/Ehrenpreis, S.14f)
Es wachsen vor allem Residenzstädte (Dresden), in denen sich Hof und Beamtenschaft sowie andere bürgerliche Sphären zu verschränken beginnen, was dann später Weimar idealtypisch darstellen wird.
Zudem wachsen solche des Überseehandels (Hamburg) oder als Finanzzentrum und/oder Messeort (Frankfurt) oder wegen früher Industrie. Die Bergbaustädte verlieren mit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an Bedeutung.
Reichsstädte
Eine bedeutende Gruppe bleiben die Reichsstädte, deren Status 1648 dann rechtlich festgelegt wird. Eine reichsunmittelbare Stadt besitzt alle landesherrlichen Rechte, kann Steuern erheben, besitzt Gerichts- und Wehrhoheit, kann Bündnisse eingehen und Gesetze geben. Protestantische Reichsstädte besitzen zudem die Kirchenhoheit.
Sie tragen erheblich zu den in der Reichsmatrikel festgelegte Reichssteuern bei. "Im Schwäbischen Reichskreis standen beispielsweise Ulm und Augsburg auf den Plätzen zwei und drei, übertroffen wurden sie nur noch vom Herzog von Württemberg." Frankfurt, Regensburg und Augsburg sind zudem sogenannte Legstädte, die die Reichssteuern vorfinanzieren, bis sie von überall eingetroffen sind. Zudem geben Reichsstädte Kredite an den Kaiser, "so beispielsweise Augsburg allein in den Jahren zwischen 1604 und 1608 insgesamt knapp über 70 000 Gulden." (Rosseaux, S.27)
1618 stehen immer noch 45 evangelischen lediglich 18 katholische Reichsstädte gegenüber.
Besonders Reichsstädte entwickeln in ihren Obrigkeiten ein fast schon fürstliches Repräsentationsbedürfnis, welches sich in Rathäusern mit ihren Ratssälen äußert, nicht mehr bloßen Ratsstuben.
Autonomiestädte
Alle übrigen Städte werden in dieser Zeit Landesstädte. Diese haben oft zunächst noch besonders an der Ostseeküste und bis in die Mitte Deutschlands weiter Autonomiestatus, wie Erfurt, Magdeburg, Braunschweig, Lüneburg oder Münster. Damit besitzen sie fast denselben Status wie Reichsstädte. Eine deutliche Mehrheit von ihnen ist 1618 evangelisch.
Residenzstädte
Mancherorts wie in Paris, London, Edinburgh oder Lissabon überlagert der Hauptstadtcharakter den einer Residenzstadt. Förmlich zur Hauptstadt erklärt wird Madrid 1561. Andererseits erhalten die Residenzstädte Turin und Rom im Barock keinen Hauptstattcharakter (Knittler, S.67)
Mit der Rückkehr Emanuele Filibertos von Savoyen nach Turin 1559 beginnt eine Neuorganisation der Stadt. Im 17. Jahrhundert wird das Schloss zum Stadtzentrum. Paläste und Häuser der Stadt müssen sich in den Fassaden angleichen.
Bei vielen Residenzstädten führen bald gerade Straßen zu langen Perpsektiven hin zu monumentalen Plätzen und zu Sitzen der Macht,
In deutschen Landen bleiben Residenz- und Universitätsstädte oft recht klein, obwohl sie nun einen Urbanisierungs-Schub durchmachen. Als Haupt- und Residenzstädte entstehen sie mit dem Sesshaft-Werden der Fürsten, wie schon vor 1500 mit München, Schwerin, Stuttgart und Dresden. Der Hof mit seinen Angehörigen bildet bei Residenzstädten einen eigenen Rechtsbezirk. Geprägt werden solche Städte auch von dazu gehörigen Beamten und Dienstboten und davon, dass sie vom Hof aus regiert werden.
Wien entwickelt sich als Drehscheibe für den süddeutsch-ungarischen und etwas weniger den Venedighandel. Die Stadt wächst von 20 000 Einwohnern um 1500 auf 50 000 um 1600 und wächst dann noch etwas schneller weiter.
Dort wo bisherige Städte in Residenzstädte verwandelt werden, entstehen gerade breitere Straßen, rechteckige Plätze und kreisförmige geometrische Muster. Es wird sichtbar, dass nicht nur die Menschen, sondern auch die Baulichkeiten immer mehr auf Herrscher ausgerichtet wird, was zugleich Untertänigkeit stärker sichtbar macht. Was sowohl italienische Fürsten-Residenzstädte wie schon vorher dortige Renaissancestädte betrifft, verbreitet sich so über ganz Europa.
Vespasiano Gonzaga lässt zwischen 1554 und 1571 Sabionetta bei Mantua in eine kleine fürstliche Residenz mit Palast, Antikensammlung, Kasino und freistehendem Theater (Olimpico) ausbauen, mit einer für Choraufführungen und Instrumentalkonzerte geeigneten Residenz-Kirche (Incoronata) und damals modernen Befestigungen. Als der Fürst 1591 stirbt, wird der Ort bedeutungslos.
1593 entwickelt Venedig Palmanova als Festungsstadt, deren Einwohner sich über Handel, Gewerbe und Landwirtschaft selbst erhalten sollen. Im 17. Jahrhundert scheitert die Stadtgründung, nachdem man selbst Kriminelle zur Ansiedlung veranlassen will.
Ab 1620 trennt der Fürst sein Schloss mit dem Palazzo di Tè von der Bürgerstadt Mantua.
Richelieu wird ab 1631 als Rechteck mit dominantem Platz errichtet, verliert aber nach dem Tod des Karddinals 1642 seine Bedeutung.
Um 1600 wird die königliche polnische Residenz von Krakau nach Warschau verlegt, welches nun auch zahlreiche Adelspaläste erhält.
Bereits 1527 verfasst Albrecht Dürer sein 'Etliche Underricht zu befestigung der stett, schloß und flecken', "eine quadratische "Königsstadt", mit riesigem Waffenplat in der Mitte, nach Ständen und Funktionen getrennten Wohn- und Gewerbevierteln sowie bastionär in die Ecken gesetzten Großbauten." (Knittler, S.57)
Auf dieser Basis lässt Herzog Friedrich III. von Würtemberg 1599 Freudenstadt planen, wobei das Schloss in der Mitte dann nicht gebaut wird und nach der kurzen Bergbauzeit nur bescheidene Größe erreicht.
Wo es sich um neu geplante Städte handelt, wird manchmal die Gestalt der Häuser, häufiger noch die ganzer Plätze (Place Vendôme in Paris) festgelegt. Dann tritt äußerlich die Funktion eines Gebäudes hinter der geschlossenen Fassadengestaltung zurück wie im barocken Mannheim.
Gießen hat um 1600 gut 1000 Einwohner, und erhält mit der Gründung einer Universität 1607 einen solchen Schub.
Die kurpfälzische Residenz von Mannheim ab 1720 verbraucht allein an Personalkosten mehr als 250 000 Gulden pro Jahr. Dazu kommen die vielen übrigen Ausgaben bis hin zu den Festen.
Um Residenzstädte, von Historikern oft als ideale Stadt bezeichnet, gibt es oft ländliche Schlösser und adelige Herrensitze sowie Kammergüter und Meiereien.
Bergbaustädte
Bergbaustädte sind damals noch von der Arbeits-Intensität des Bergbaus geprägt. Es sind geplante Neubau-Städte mit besonderen Privilegien.
1491 werden am Schreckenberg im Erzgebirge neue Silbererz-Vorkommen entdeckt, worauf Herzog Georg von Sachsen 1496 mit (Sankt)Annaberg eine neue, geplante Stadt mit einem rechteckigen Gitternetz an Straßen gründet. Es gibt eine kreisförmige Mauer Ins Zentrum kommt ein rechteckiger Marktplatz samt Wochenmarkt mit einem Rathaus, dazu kommt eine spätgotische Hallenkirche, von den Bürgern finanziert, und eine Lateinschule. Schon 1497 Stadtrecht und Bergfreiheit durch den Landesherrn verliehen: Die Bürger dürfen Richter und Geschworene für das Niedergericht wählen, erhalten Zoll- und Geleitfreiheit, "der Herzog gestattete den Bau von Brot- und Fleischbänken, Waage und Mühle und (...) weitere Vorrechte." (Gerteis, S.20)
Um 1500 leben hier bereits etwa 3000 Menschen, 1505 gibt es einen ersten Stadtrat, 1509 kontrollieren Bürger das Hochgericht. Sie richten sich dann Knappschaftskapellen, Stadtkirchen, Spitäler, Kornhäuser, Unschlitthäuser, Schmieden und Apotheken ein.
Um 1540 sind es dann 12 000 Einwohner, womit es eine Zeitlang größer als Leipzig ist.
Mit dem Niedergang des Bergbaus nimmt die Einwohnerzahl wieder ab, bis dann Spitzenklöppeln und andere textile Gewerbe die Stadt wieder etwas stabilisieren.
Anders geht es dem böhmischen Joachimsthal, welches 1517 etwa 3000 Bergknappen hat, um 1533 rund 18 000 Einwohner, 1540 1601 dann aber nur noch gut 2100.
Universitäts-Städte
Bis etwa 1800 wird die Zahl deutscher Universitäten auf 40 anwachsen, "die dichteste Universitätslandschaft in Europa". (Rosseaux, S.37) Das beruht auf dem Interesse der Landesherren wie der protestantischen Landeskirchen. Wie die Residenzen sind auch die Universitäten autonome Einrichtungen in den Städten, was gelegentlich zu Konflikten führt, zu denen auch das jugendlich-ungebärdige Verhalten mancher Studenten gehört.
Universitäten müssen Städte damals nicht sehr groß machen. Löwen hat um 1550 vielleicht 15 000 Einwohner, während Antwerpen es auf 100 000 gebracht hat.
Festungs-Städte
Festungsstädte werden vom Territorialstaat gefördert, ihr Charakter behindert aber die wirtschaftliche Entwicklung. Anders bei Magdeburg, wo Handel und Gewerbe erhalten bleiben, nachdem die Stadt zwischen 1717 und 1742 mit einem großen Festungsgürtel umgeben wird.
Als 1547 die Residenz Jülich abbrennt, lässt der Herzog von Jülich-Kleve-Berg Schloss und Stadt mit einer fünfeckigen Bastions-Befestigung neu errichten.
1566 wird mit einem regelmäßigen Straßenraster auf einer Felsenzunge La Valetta (Malta) angelegt. Im Zentrum der Palast des Großmeisters und die Regierungszentrale, da herum die Residenzen und Kirchen der einzelnen Nationen des Ritterordens.
In Frankreich Charlemont im 16. Jahrhundert.
Ab 1606 lässt der holländische Festungsarchitekt Bartel Janson einen siebenzackigen Bastionsstern errichten. Die mit der Festung verbundene „Bürgerstadt“ Mannheim erhält 1607 das Stadtrecht und wird ebenfalls sternförmig befestigt. Die damalige Planung eines gitterförmigen Straßennetzes für die Stadt bleibt bis heute als „Quadrate“ erhalten. In der Zitadelle verlaufen die Straßen dagegen strahlenförmig von einem zentral gelegenen Alarmplatz zu den einzelnen Bastionen. Dadurch können Soldaten schnell auf gegenüber liegende Punkte verlagert werden. Im Inneren liegen das Zeughaus, Unterkünfte für die Soldaten und die Pulvertürme. Nur ein Stadttor gewährt Zugang zur Festung bzw. zur Stadt.
1622 während des Dreißigjährigen Krieges zerstörte Tilly, Heerführer der katholischen Liga, Stadt und Festung. Bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) wird Mannheim noch mehrfach besetzt und verwüstet.
Hafen- und Werftstädte
Francois I. gründet 1517 Le Havre. Unter Louis XIV. kommen als Kriegshafen und Arsenal Brest und Rochefort zu Toulon hinzu, während Lorient und Sète als Handelshäfen dienen.
In England sind im 16. Jahrhundert Deptford und Woolwich an der Themse Werftorte, worauf die Stuarts dann ab 1620 Chatham, Portsmouth und Plmouth ausbauen.
Städte von Religions-Flüchtlingen
1535 erhält Krefeld am Niederrhein Zuzug von Täfern.
Wallonische und flämische Religionsflüchtlinge ziehen nach Frankfurt, aber als dort 1593/96 der reformierte Gottesdienst verboten wird, ziehen sie in die Grafschaft Hanau und werden vom Grafen Philipp-Ludwig von Hanau-Münzenberg bei seiner kleinen Residenz in (Neu-)Hanau angesiedelt. Ab 1597 entsteht neben einer kleinen Altstadt in Hanau eine neue Stadt auch für französische Hugenotten, die dort Seidenverarbeitung, Spitzenklöppelei und die Produktion von Teppichen und Gobelins einzuführen. Um einen zentralen Platz entsteht ein schachbrettartiges Straßennetz mit modernen Befestigungsanlagen. Die Neuankömmlinge betreiben Strumpfwirkerei, Seidenverarbeitung, Bortenwirkerei, Spitzenklöppelei und produzieren Knöpfe und Goldschmiede-Arbeiten.
Seit 1599 lässt Herzog Friedrich von Württemberg die streng geometrische Anlage von Freudenstadt im Schwarzwald für protestantische Flüchtlinge aus habsburgischen Gebieten errichten. Sie bleibt aber klein.
1616 lässt Christian von Dänemark Glückstadt elbe-abwärts von Hamburg aus errichten, welches zunächst portugiesische Juden und niederländische Reformierte anzieht. 1617 erhält es Stadtrecht. Es bleibt aber ebenfalls eine Kleinstadt mit wenig Wirtschaftskraft, überlebt vor allem als Garnison mit deren Versorgung und mit Verwaltungsfunktionen, wobei viele Einwanderer in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts auch wieder weiter ziehen.
1652 Neugründung des zerstörten Mannheim als Festungsstadt, welche Holländer, Wallonen und Hugenotten vor allem anzieht, aber auch Juden. 1663 sind nur ein Viertel der Häuser von inzwischen 7000 Einwohnern in deutschen Händen. (Gerteis, S.23) Allerdings machen die französischen Truppen die Stadt 1689 dem Erdboden gleich. 1720 wird sie Residenz der Kurfürsten und steigt bis 1771 auf 21 000 an.
1653 gründet der Graf von Wied Neuwied als Versuch einer Residenzstadt mit merkantilistischem Wirtschaften und zieht Reformierte; Lutheraner, Katholiken, Juden u.a. an.
Anfang des 18. Jahrhunderts lässt der Landgraf von Hessen-Kassel Karlshafen an der Weser für Hugenotten errichten. Aber der Bau eines Kanals und von Manufakturen scheitert und die Stadt erreicht eine bescheidene Existenz erst, als 1730 Solequellen entdeckt werde, welche den Ort zum Heilbad machen.
Nach dem sächsischen Kurfürsten benannt nimmt Johanngeorgenstadt im Erzgebirge nach dem Dreißigjährigen Krieg ab 1654 böhmische Protestanten auf. Es wird zu einer erfolgreichen Bergbaustadt.
Altona nimmt Religionsflüchtlinge auf, nachdem sie Hamburg wieder verlassen müssen.
Verfassung und Machtverhältnisse
Mehr als meist anderswo überlebt in deutschen Landen mehr Autonomie-Tradition insbesondere in den Reichsstädten. Ein wesentlicher Grund ist die Schwäche der Reichsgewalt, die öfter zur Ausbildung von Territorialherrschaft führt.
Verbeamtete Ratsschreiber werden besoldet, Immer mehr Ämter gehen an Juristen, und es gibt ohnehin immer mehr.
Mit Bürgermeistern, Ratsherren und Schöffenkollegien entsteht gelegentlich zumindest ansatzweise in größeren Städten Gewaltenteilung. (Knittler, S.127) In kleineren Städten fallen die Gewalten personell eher zusammen.
Da sich das Kreditgeschäft in deutschen Städten in der Hand von großen städtischen Kaufleuten befindet, stärkt das grundsätzlich die Position gegenüber Territorialherren.
Reichsstädte
Die Macht ist in Stadtstaaten und autonomen deutschen Städten auf ähnlich wenige Menschen beschränkt wie in Fürstenstaaten. Im 16. Jahrhundert liegt sie in Venedig immerhin bei rund 5% der Bevölkerung, in Genua bei etwa 1%. In Nürnberg und seinem Umfeld sind es vielleicht 0,5%, welche die Ratsmitglieder ernennen, und in London oder Amsterdam sind es nur wenig mehr Leute, die auf die Geschicke der Stadt nennenswerten Einfluss haben. Anderswo ist es kaum anders.
In deutschen Städten gibt es fast überall Stadträte, die den oder die Bürgermeister wählen, die Gerichtsbarkeit der Gemeinde ausüben, die Verwaltung betreiben bzw. beaufsichtigen und bei den Protestanten die Kirchen-Aufsicht.
In patrizisch kontrollierten Städten besitzen Patrizier zumindest die deutliche Mehrheit in den Räten, sitzen dort meist lebenslang und ergänzen ihre Reihen selbst. In Augsburg setzt Kaiser Karl V. 1548/49) eine Ratsverfassung ein, in der von 48 Mitgliedern 31 zum Patriziat gehören, sieben zum Kreis der Patrizier-nahen Mehrer. Dazu kommen drei Kaufleute und sieben Vertreter der Zünfte. Die Ratsherren werden auf Lebenszeit bestellt und bestimmen die Nachrücker.
Daneben gibt es den im wesentlichen machtlosen äußeren Rat, dessen 300 Mitglieder die 'Gemeine' repräsentieren sollen. 44 Patrizier, 36 Mehrer, 80 Kaufleute und 140 aus den Zünften.
Diese Verfassung bleibt 250 Jahre bestehen.
Zwischen 1547 und 1552 lässt Karl V. in 28 süddeutschen evangelischen Reichsstädten zünftische durch patrizische Stadträte ersetzen. Das wird dazu führen, dass sie die zwinglianischen Tendenzen in ihrem Interesse durch die
lutherische Reformation ersetzen.
In Städten mit Zunftverfassung findet die Wahl in den Zünften statt, wie zum Beispiel in den 22/27 Kölner Gaffeln bzw. Zünften, und gilt nur auf Zeit. Aber es bildet sich auch so langsam eine Rats-Oligarchie heraus.
In Köln verbriefen der Verbundbrief von 1396 und der Transfixbrief von 1513 die Zunftherrschaft der Gaffeln mit ihren lebenslangen Bannerherrn und den 49 Mitgliedern des Stadtrates. Jeder Ratsherr muss nach einem Jahr zwei Jahre pausieren, bevor er wiedergewählt werden kann und schon im 16. Jahrhundert dann auch wiedergewählt werden muss. Damit wechseln sich rund 150 Stadträte regelmäßig ab.
In der Reichsstadt Frankfurt/Main beherrscht das Patriziat den Rat, die Zünfte besetzen eine "dritte Bank" darin.
1612 Fettmilch-Aufstand gegen die patrizische Partei. 1616 werden die Zünfte entmachtet. Quartiers-Verfassung.
Territorialstädte
Göttingen liegt auf welfischem Territorium. Anfang des 16. Jahrhunderts Konflikte zwischen Kaufleute-Rat und Gilden (Zünften). Es geht um Verschuldung und Reformation. Es gelingt Gildemeistern, die Mehrzahl der Ratsherren zu stellen. 1543 gewinnen die Gilden das Wahlrecht für den Rat, der aber stark als Obrigkeit auftritt. Vorläufig erhält die Stadt noch Einladungen zu Reichstagen.
Anfang des 17. Jahrhunderts regiert der Landesherr stärker hinein. 1611 Rezess, in dem er einen 'senatus perpetuus' einsetzt, also einen auf Lebenszeit ernannten Rat mit Selbstergänzungs-Recht., wobei die Vorschläge dem Landesherrn angezeigt werden müssen, der die Räte dann ernennt. Die Gilden können Kontrolle nun nur noch bei Pflichtverletzung vor dem Landesherrn anzeigen. Bei solchen Klagen werden dann fürstliche Kommissionen eingesetzt, die die städtische Selbstverwaltung immer weiter reduzieren.(Gerteis, S.74)
1580 wird Trier zur kurfürstlichen Landstadt.
Zunehmend setzen die Fürsten leitende Funktionäre neben den Bürgermeistern ein, den Stadtpräsidenten in Magdeburg, den Statthalter in Erfurt, den Synidicus in Göttingen.
Um 1600 konzentrieren sich städtische Unruhen, deren Träger oft Handwerker sind.
1612-16 Fettmilch-Aufstand in Frankfurt
Bis 1604 Brabandtsche Wirren in Braunschweig enden mit der Hinrichtung von Henning Brabandt,
In Lübeck Reisersche Unruhen
1598-1612 Innere Konflikte in Aachen
In Österreich seit dem späten 15. Jahrhundert fürstliche Stadtanwälte in den Städten. Dann Eingriffe fürstlicher Kommissionen insbesondere in die Finanzen. "Obwohl formal gewählte Obrigkeit der Bürgergemeinde, entwickelte sich der Rat schrittweise zur untersten Instanz des staatlichen Verwaltungsapparates, bis unter Josef II. 1783-85 dieser Zustand zur Rechtsnorm erhoben und auch auf die Gerichtsbarkeit ausgedehnt wurde." (Knittler, S.117)
Die sechs bayrischen Hauptstädte sind unmittelbar den Regierungen bzw. im Rentamt München dem Hofrat unterstellt. Im 16. Jahrhundert wird München Herzogsresidenz.
England
Englische Städte sind meist verhältnismäßig klein. Sie wachsen bis um 1800, wenn auch langsam und im 16. Jahrhundert nur geringfügig, da das Wachstum nach London geht. Über denen, die bis etwa 1650 höchstens 5000 Einwohner erreichen, gibt es "Provinzhauptstädte" (Knittler). Das sind Bischofssitze mit administrativen Funktionen wie der Steuererhebung. Dazu gehören Norwich mit 20 000 Einwohnern um 1620, der Hafen für Irland Bristol, York mit 12 000 Einwohnern um 1630, Exeter und bald auch Newcastle als Kohleproduzent und Festung gegen die Schotten. Sie erreichen bis 1650 10 000 bis etwa 18 000 Einwohner. Dazu kommen die Werftstädte Plymout, Portsmouth und Chatham. Unter ihnen steigen langsam Chester für den Irlandhandel, Great Yarmouth für Heringsfischerei und als Hafen für Norwich und der Hafen Ipswich für Suffolks Broadcloth auf.
Zwischen 1500 und 1700 werden noch 160 Städte inkorporiert, also zu Rechtspersonen aus eigenem Recht. Dieser Munizipalstatus bedeutet Autonomie in Verwaltung und Jurisdiktion. Die königlichen Charten geben aber die Macht-Vollkommenheiten in den Städten an Eliten ab. Als boroughs sind sie im Parlament vertreten und diese nehmen bis ins 17. Jahrhundert erheblich zu.
Häufig gibt es Bürgermeister mit engerem Rat und einem weiteren Rat (common council). Im Verlauf des 16. Jahrhunderts setzt sich ein kleiner geschlossener Rat mit lebenslanger Mitgliedschaft und Selbstergänzung durch: Ratsoligarchie. In der spielen vor allem in London, Exeter und Newcastle auch die Merchant Adventurers eine Rolle. Aber auch Städte ohne Charta produzieren eigene Oligarchien.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts Konflikte zwischen Oligarchien und denen darunter, auch ausgelöst durch Missernten, hohe Preise und wachsenden fiskalischen Druck.
In der City of London Tradition der Mitwirkung der Freemen und Gilden, während die Vorstädte von Grundherrsschaft, Pfarre und Grafschaft regiert werden. (Knittler, S.133) Exekutive des Court des Lord Mayors und der Aldermen (Schöffen). Legislative des Court of Common Councilmit rund 200 von den Stadtquartieren delegiert. Wahlkörper für Schöffen, Sheriff und Parlamentsabgeordnete des Court of Common Hall der rund 4000 Liverymen. Im 17. Jahrhundert regieren de facto rund 15 mit einander verwandten bzw. verschwägerten Familien. aufgrund ihres Besitzes vor allem.
Frankreich
Frankreich ist weniger verstädtert als die Niederlande und Italien, aber mehr als das Reich oder England. Um 1550 hat Paris als Residenz mit Parlement, Verwaltung und Universität 250 000 Einwohner. Große Provinzstädte um 1550 sind Lyon, welches Louis XI. schon im 15. Jahrhundert zum zentralen Bank- und Messezentrum macht, mit 70 000 Einwohnern, Rouen mit 65 000, Orléans mit 47 000 und Toulouse mit 40 000, dazu Bordeaux mit 33 000 Einwohnern. Bedeutung als Sitz eines Parlements haben neben Paris Toulouse, Bordeaux, Grenoble, Dijon, Rouen, Aix-en-Provence und Rennes. Sie füllen sich mit Beamten und Juristen.
Mit den Religionskriegen sinkt die Bedeutung von Lyon als Bankenzentrum, und die Bevölkerung verringert sich von 70 000 um 1550 auf 40 000 um 1600.
Städtearm sind das Massif Central und die Bretagne. Einen Einschnitt bringen die Religionskriege seit 1562 und die Pest von 1564.
Anfang des 16. Jahrhunderts besitzen die meisten bedeutenderen Städte eine Munizipalcharta und gewählte Organe der Selbstverwaltung, deren Macht aber durch königliche oder seigneuriale Rechte eingeschränkt ist.
Der Magistrat (corps de ville) besteht aus Bürgermeister (maire / prévôt usw.), Konsuln, Schöffen (échevins). Die Konsuln bilden die Obrigkeit, während Stadträte vor allem beratende Funktion besitzen. Gemeindeversammlungen in kleineren Städten, immer mehr von Notabeln gebildet, wählen den Magistrat. In Südfrankreich sind Wahlen zu Konsuln oft ständisch oder quartiersmäßig gebunden, Tendenz zur Oligarchisierung und dann auch zu zunehmender Bedeutung von Beamten.
1515 wird ein Contrôleur de deniers communes zur Kontrolle der städtischen Finanzen eingerichtet. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts beginnt der Angriff der königlichen auf die städtische Gerichtsbarkeit. Mit den Unruhen der Religionskriege und der Fronde setzen immer mehr königliche Angriffe auf städtische Rechte ein, gegen die Städte sich immer weniger wehren können. Die Stadträte werden reduziert, es gibt Einfluss auf die Auswahl städtischer Beamter. Bürgergarden werden unter königliche Kontrolle gestellt.
Zwischen 1484 und 1614 werden etwa 20 herausragende Städte zu den états généraux eingeladen, während sie in den Provinzialständen einen Großteil der Abgeordneten stellen.
Träger des Lyoner Geschäfts sind vor allem Florentiner Bankiers, daneben süddeutsche Häuser, insebsondere Nürnberger.
Bordeaux: Weinhandel
Toulouse: Waidhandel
Niederlande
Beide Niederlande sind um 1500 höher urbanisiert als das übrige Europa. Aber die südlichen steigern das bis auf Brabant nur geringfügig, während die Urbanisierung der nördlichen rapide zunimmt.
1482/88 fordert Maximilian I. die ausländischen Kaufleute auf, Brügge zu verlassen und nach Antwerpen umzuziehen. Die brabantischen Städte steigen auf. Die Residenz Brüssel hat um 1500 Brügge mit seinen nur noch 30 000 Einwohnern bereits überholt. , bis 1530 Residenz der Statthalterin, schafft es schon auf 25 000.
Antwerpen bekommt 1496 einen Vertrag, der langjährige Zufuhr englischen Tuches garantiert, welches hier nun vereddelt und gefärbt wird. 1498 feste Niederlassung des Handelsbevollmächtigten der französischen Krone. 1501 Stapelmonopol für Gewürze portugiesischen Imports nördlich der Alpen. Seitdem schickt Venedig Galeeren nach Antwerpen statt nach Brügge. (Knittler, S.241) Nach 1530 geht das punktuelle Messegeschehen in Antwerpen in kontinuierlichen Handel über. Nachdem Antwerpen um 1500 knapp 40 000 Einwohner hat, sind es 1550 bereits fast 100 000. Derweil wird die Stadt auch zum großen Kapitalmarkt, und, was die Bevölkerungs-Explosion stark befördert, zu einem Zentrum der Textil-, Metall-, und Luxusgüterproduktion.
1549 schwindet für Antwerpen das Gewürzmonopol, 1557 schädigt der spanische Staatsbankrott die Stadt, und 1563 verlegen die Merchant Adventurers ihren Tuchstapel 1563 nach Emden und später nach Hamburg. Dann schaden die Kdetzergerichte von Felipe II., 1576 die Plünderung durch nicht bezahlte Söldner und 1585 Eroberung der 1577 auf die Seite der Aufständischen getretenen Stadt durch Alexander Farnese. Im selben Jahr beginnt die Sperrung der Schelde durch die nördlichen Niederlande.
Der hohe Urbanisationsgrad der nördlichen Provinzen beruht auf vielen mittleren und kleinen Städten. Um 1500 haben Amsterdam, Delft, Haarlem, Leiden und Groningen maximal 14 000 Einwohner, alle anderen weniger. Um 1600 hat sich die Zahl der Städte über 10 000 Einwohner auf 18 fast verdoppelt. Neu dazu kommen u.a. Alkmaar, Den Haag, Rotterdam und Midelburg.
Nach 1585 massenhaft gesteigerte Einwanderung von Ober- und Mittelschicht aus dem Süden. Amsterddam und Rotterdam profitieren vom Zuzug von Fachleuten der Zuckerraffinierung und Wollappretur aus Antwerpen, von dort kommt Feinkeramik nach Delft, Glasherstellung nach Amsterdam und Middelburg. Mit flämischen Webern steigt Leidens Wollgewerbe zum größten Textilzentrum Europas im 17. Jahrhundert auf. Leinenweber aus Kortrijk machen Haarlem zu einem Zentrum der Leinenproduktion.
In Holland gibt es im 17. Jahrhundert mehr Stadt- als Landbewohner.
Amsterdam hat um 1550 nur 30 000 Einwohner, 1600 bereits 65 000. Es wird globale Handelsstadt, 1625 entsteht Neu-Amsterdam auf Manhattan. Es gibt immer mehr Speicher und Lagerplätze, öffentliche Waagen, überdeckte Markthallen. Schiffsbau. Börse als Handelsplatz der Papiere der privilegierten Handelsgesellschaften, 1606 Wisselbank als Depositenbank,
Nach der Reformation Autonomiegewinn, wirtschaftlicher Erfolg und auch dadurch Entstehung neuer Patriziate.
Amsterdamer Alteratie von 1578 Partizipation der in Gilden und Milizen zusammengeschlossenen Bürgerschaft.
Bürgermeister und Räte als Regierung, Pensionär als oberster Beamter, Friedensrichter (schout), Schöffen (schepenen), Schatzmeister, Verwalter und Kommissare. Die Verwaltung umfasst im 18. Jahrhundert gut 3000 Personen.
Italien
Italien ist um 1500 die urbanisierteste Gegend Europas, insbesondere der Norden. Dessen weitere Entwicklung verläuft dann aber nur noch sehr verlangsamt.
Im Norden und in der Mitte Kommunen und Republiken und im Süden die zwei Monarchien Kirchenstaat und Neapel-Sizilien. Im Norden vor allem das Herzogtum Mailand, welches 1535 kaiserlich wird und dann als Estado de Milan spanisch, dabei aber ein patrizisches Stadtregiment behält, dann die Republik Venedig und das Großgerzogtum Tiskana, zu dem 1559 auch Siena gelangt. Nur Lucca behält seine Reichs-Unmittelbarkeit.
Genua wird unter Andrea Doria 1528 wieder wenigstens pro forma selbständig. 1547 Fieschi-Aufstand, seit dem aus Adel und reichen Bürgern gebildetes oligarchisches Regime. Savoyen gelingt im Nordwesten ein kompakter Herrschaftsverband, der nicht aus einer Stadt hervor gegangen ist.
Die Städte im Kirchenstaat verlieren eigenständige Entwicklungs-Möglichkeiten.
Neapel ist als Residenz nur eines Vizekönigs nur eingeschränkt Residenzstadt, während die Hauptstadtfunktion von Palermo noch geringer ist.
Venedig hat um 1550 mit 158 000 Einwohnern seinen höchsten Stand und sinkt dann bis 1650 u.a. wegen zweimaliger Pest auf 120 000 Menschen ab. Padua hat 1550 32 000 Einwohner, Verona 52 000 und Brescia 41 000. Alle anderen Städte sind kleiner.
Bis Anfang des 18. Jahrhunderts bleibt Venedig im Gewürzhandel. Eigene Manufakturwaren: Wolltuche und Seidenwaren. Aber seit dem 17. Jahrhundert Konkurrenz für die Seidenproduktion aus Lyon und Genua und anderswo. Im 18. Jahrhundert Niedergang der Textilproduktion und überhaupt des Gewerbes in den Städten des Veneto. Niedergang des Hafens mit dem langsamen Aufstieg Triests im Laufe des 18. Jahrhunderts.
Genua behält zunächst seine Beziehungen zu Spanien. Weiter Kreditvergaben. Ausbau einer ligurischen Seidenindustrie. Langsame Bevölkerungs-Entwicklung: Um 1500 sind es 60 000 Einwohner, 1650 dann 90 000.
In der Lombardei leben um 1550 14% der Bevölkerung in Städten von mehr als 10 000 Einwohnern (Knittler, S.226). Mailand hat um 1500 ca. 100 000 Einwohner, die sich bis 1550 auf 69 000 verringert und dann um 1600 auf 120 000 ansteigt. Die Städte im Machtbereich Mailands bleiben eher klein, Cremona hat um 1550 immerhin 34 000. In lombardischen Städten dominieren Woll- und Seidenweberei deutlich, und dann erst kommt Metallverarbeitung.
Noch Mitte des 16. Jahrhunderts hat Turin nur etwa 14 000 Einwohner, dann Ansiedlung des Hofes. Um 1600 22 000 Einwohner, um 1650 etwa 37 000. (Knittler, S.228)
1512 kehren die Medici aus der Verbannung nach Florenz zurück. 1530 Eroberung durch Philibert von Oranien in kaiserlichem Auftrag. Zwischen 1550 und 1750 recht stabile Bevölkerung von um die 65 000. Pisa und Siena haben am Anfang dieser Zeit etwa 10 000 Einwohner. Die Bevölkerung von Pisa und auch von Livorno steigt dann etwas an.
Nach 1575 in Florenz Niedergang der Tuchexporte, die teilweise auch nach Prato verlagert sind. Etwas mehr exportorientierte Seidenproduktion.
Mitte des 16. Jahrhunderts hat Bologna 62 000 und Rom 45 000 Einwohner. Als Ferrara 1597 vom Kirchenstaat eingenommen wird, hat es 42 000 Bewohner. Daneben hat Perugia 20 000 Einwohner und die übrigen Städte sind noch deutlich kleiner. Bis auf Rom wachsen die Städte des Kirchenstaates bis um 1800 kaum, das Land hingegen schon etwas.
Zwischen 1550 und 1600 steigt die Einwohnerzahl Roms von 55 000 auf 100 000 Einwohner und sinkt dann auch wegen Seuchen nach 1657 auf etwas unter 100 000.
Fürstentümer und Niedergang eines Patriziates. Fürsten herrschen über mehrere Städte, die sich etwas unterschiedliche Verfassungen bewahren, wie Siena nach 1559 oder Spoleto im Kirchenstaat und insbesondere in der venezianischen Terra Ferma. Kaum ständische Vertretungen in den Fürstenstaaten.
Macht üben die Fürsten zunehmend über von ihnen eingesetzte Amtsträger aus. Sie zeigt sich architektonisch in den fortezze und cassari der unterworfenen Städte, wie der Fortezza da Basso von Siena. Es gibt Versuche u.a. von Pisa, Perugia und Siena, die Unabhängigkeit wieder herzustellen.
Florenz besitzt drei Consigli maggiori mit dem Gonfaliere der Giustizia, acht Prioren, zwölf Buonuomini und 16 Gonfalieri dei due collegi. Nur eine kleine Gruppe ist für die obersten Ämter qualifiziert.
1532 werden Gonfaliere und Prioren durch ein Komitee von vier Senatoren ersetzt, die für den Herzog exekutive und legislative Gewalt ausüben. Nur unbedeutendere republikanische Einrichtungen bleiben erhalten.
Spanien
Von 41 spanischen Städten mit über 10 000 Einwohnern befinden sich im 16. und 17. Jahrhundert 36 in Kastilien. Die einwohnerstärkste ist um 1500 Granada mit vielleicht 60 000 Einwohnern, 1561 besitzt Toledo rund 50 000 und basiert auf Seiden- und Tuchproduktion und Handel. Sevilla hat um 1550 rund 65 000 Einwohner und Valladolid nur etwas weniger. Sevilla steigt gegen 1600, auf dem Höhepunkt der Silberlieferungen, dann auf rund 125 000 Bewohner an Daneben existieren Barcelona. Zaragoza, Valencia und Alicante. Die Textilstädte Segovia, Avila, Guadalajara, Cuenca und Salamanca folgen mit 10 000 bis zu 25 000 Einwohnern und in dieser Größenordnung auch die Kaufmannsorte Medina del Campo und Burgos.
Im 16. Jahrhundert rasches urbanes Wachstum in Kastilien, vor allem auf Kosten des Landes. Teilweise schon seit dem späteren 16. und ansonsten seit dem 17. Jahrhundert demographische Krise, mit der der Grad der Urbanisierung sinkt.
Vor allem seit 1537 setzen Könige privilegios de villazgo durch, welche den Städten in Dörfern im Umland Abgabenzahler entziehen. Alcalá de Henares verliert auf diese Weise bis 1565 fünfzehn seiner vierundzwanzig abhängigen Dörfer. Zudem endet die Zuwanderung vom Lande.
Schon 1557 erster Staatsbankrott und dann zunehmende Besteuerung der Städte. Nach der Niederlage der Armada 1588 müssen die Städte hohe Kredite (servicios) leisten, die für Investitionen verloren gehen. "Für Sevilla wurde eine Versiebenfachung der Steuerlast zwischen 1590 und 1650 errechnet." (Knittler, S.211)
Die größeren Städte als ciudades verkleinern erheblich, während die kleine villa als privilegierte Stadt floriert, und immer mehr von ihnen so deklariert werden.
1561 macht Philipp II. Madrid zur Hauptstadt und damit verlieren Valladolid, Segovia, Toledo u.a. ihre zentralen Funktionen. Bis 1630 vergrößert sich Madrid um ein Vielfaches und erreicht rund 130 00 Einwohner. Mit dem Eintritt Frankreichs in den Dreißigjährigen Krieg und Aufständen in Katalonien, 1640 in Portugal und 1646 in Neapel wird mehr Geld von der Hauptstadt weggeleitet imd die Einwohnerschaft sinkt.
Im 17. Jahrhundert verliert Toledo den Großteil seiner Seiden-, Wollstoff- und Leinenproduktion und die Bevölkerung halbiert sich in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, Burgos sinkt auf ein Drittel. Valladolid wird kleiner, und u.a.
nach einer Pest 1649 hat Sevilla rund 40% seiner Bevölkerung verloren.
1567 konzentriert sich zunächst mehr Geschäft auf der Messe von Medina del Campo. Das wiederum erhält Konkurrenz durch die Hauptstadt-nahen Messen von Alcalá de Henares, die dann 1599 nach Guadalajara verlegt wird. Um 1602 wird versucht, Burgos (vergeblich) mit einem Messestandort lebendig zu halten.
1787 gibt es in Spanien 145 Städte.
Osteuropa
Größere Städte, zugleich mehr oder weniger Hauptstädte, sind Prag, Ofen/Buda, Krakau und Posen. Dagegen gibt es viele Kleinststädte.
Prag mit seinen vier großen Stadtteilen hat um 1500 vielleicht 25 000 Einwohner, etwas mehr als das schlesische Breslau. Es wächst bis 1550 auf 30 000. Am Beginn des 17. Jahrhunderts ist das Prag der vier Städte auf rund 65 000 angewachsen.
Die böhmischen Städte im 16. Jahrhundert auf einen Binnenmarkt beschränkt und im wesentlichen klein, da Prag viele Menschen aufsaugt. Sie sind entweder adelig oder königlich kontrolliert. Mit der Machtübernahme der Habsburger unter Ferdinand I. nimmt die königliche Kontrolle zu. Die Städte stagnieren in der Folge.
Ofen/Buda hat um 1500 etwa 15 000 Einwohner, darunter gibt es sechs Städte mit zwischen etwa 5000 bis 12 000 Einwohnern. Teile Ungarns im 16. Jahrhundert vom osmanischen Reich besetzt und der Rest in habsburgischer Hand. Aufstieg von Preßburg und Debreczin, welches Mitte des Jahrhnderts auf ca. 12 000 Einwohner kommt.
In Polen hat Krakau um 1500 rund 22 000 Einwohner. Weniger hat Posen und gut 10 000 haben Thorn, Lublin und Lemberg. Im 16. Jahrhundert viele Neugründungen von Städten, die aber zunächst meist sehr klein bleiben. Um 1600 hat Krakau etwa 30 000 Einwohner. Nach 1600 beginnt der Aufstieg des zunächst sehr kleinen Warschau als neue Residenzstadt. Aber fehlende Wirtschaftskraft lässt die Stadt eher klein bleiben.
Stadtadel und Patriziat
Zwischen 1381 und 1645 wird die Zahl der stadtadeligen Familien Venedigs nicht erweitert. Sie gehören dem Maggior Consiglio an und besitzen das passive Wahlrecht für die höheren Staatsämter. Um 1650 sind das etwa 2500 männliche Adelige im amtsfähigen Alter, zu denen noch etwas mehr eigentliche Beamte der Mittelschiacht (cittadini originali) kommen. Ab 1509 muss man für die poltische Teilnahme im Libro d'Oro eingetragen sein, was dann im Verlauf des 16. Jahrhunderts auch in vielen anderen italienischen Städten nachgemacht wird. (Knittler, S.152f)
Zwischen 1500 und stärker dann 1570 verlegen sich immer mehr handeltreibende Familien auf die Landwirtschaft. Da diese weniger Einnahmen bringt, sinkt die Neigung, sich in die Stadtpolitik einzubringen.
Anfang des 16. Jahrhunderts in Genua Herrschaft von Popularen. 1528 werden die Franzosen vertrieben und Andrea Doria stellt das Adelsregiment wieder her. Politische Macht gibt es nur für Mitglieder der 24 alberghi, von denen erst nur einer, und später dann vier popular sind. Man ist im Liber Civitatis eingetragen. Die darunter stehen, versuchen Aufstände: 1628 fördert Savoyen den Aufstand des reichen Bürgers Vachero.
Unter den Medicifürsten in Florenz wird der Adel mit Ämtern versehen und zugleich an den Hof gebunden. Die oberen Ränge deer Magistraturen bleiben bis ins 18. Jahrhundert an den Zensus gebunden. Magnati waren schon vor 1532 passiv wahlberechtigt, Nobili sind jüngere Familien. Beide im Libro d'Oro eingetragen. Amtsfähig sind darunter auch die nichtadeligen Cittadini.
In Neapel üben Delegierte der fünf lokalen Adelsgruppen (seggi) das Regiment aus, und nur ein seggio wird vom Volk gebildet.
Jenseits eines wie auch immer definierten Bürgertums existieren in katholischen Städten der deutschen Lande die Bewohner der Domimmunitäten, der Stifte und Klöster wie auch der Klerus und der Adel. In Köln gibt es in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bei 37 000 Einwohnern etwa 2000 Geistliche und Ordensangehörige, "in Speyer bei 8000 Einwohnern einen geistlichen 'Staat' von über 1000 Personen.
Daneben gibt es die Abtrennung der Herren von den übrigen Bürgern, das "Patriziat, ratsverwandte Familien, Schöffen, Mehrer, häufig die Kaufmannschaft, Gelehrte, Akademiker, gegebenenfalls landesfürstliche Beamte". (Gerteis, S.165)
Das Wort 'Patrizier' taucht erst im 16. Jahrhundert auf und setzt sich erst im 17./18. Jahrhundert durch.
Je mehr neueres Kapital und zünftiges Handwerk danach drängen, Anteil an der politischen Macht zu bekommen, desto mehr schließen sich jene alten Geschlechter ab, die teils aus der ritterlichen, teils aus der bürgerlichen Ministerialität hervorgegangen sind, die sowohl größeren Grundbesitz haben wie auch Geschäfte betreiben und durch adelige Lebensformen gekennzeichnet sind.
1521 Tanzstatut der Älteren Herren in Nürnberg: 43 Geschlechter dürfen und müssen zum Tanz auf dem Rathaus geladen werden, verwandte Familien erhalten Sonderbedingungen.
In Frankfurt beansprucht inzwischen die schon 1357 gegründete Patriziergesellschaft 'Alten Limpurg'/Römer die Mehrheit der Ratssitze. 1584 Statut, welches Kindern oder Enkeln von Handwerkern und Detailhändlern den Zutritt verwehrt. Unterpatrizische Konkurrenzgesellschaft 'Zum Frauenstein', der seit 1613 ebenfalls Ratssitze zustehen.
Anderswo in der südlichen Hälfte der deutschen Lande wie in Basel im 15./16. Jahrhundert werden sie nach Konflikten mit der übrigen Macht immer weniger und verlieren in anderen Städten an Macht und Bedeutung. Die enge Verbindung mit dem Landadel und die frühe Tendenz, in den Fürstendienst einzutreten, trägt dazu bei.
Das ändert nichts an zweierlei: Solange sich adelig fühlende alte Geschlechter in den Städten existieren, gehören sie zur Spitze des Reichtums in der Stadt, und auch dort, wo sie langsam untergehen, bleiben sie als Gäste mit ihren Höfen und Gesellschaften der Stadt erhalten und tragen dabei Geld dorthin. Schließlich ist ab einer bestimmten Stufe des Reichtums adelige Lebensform längst das bürgerliche Leitideal.
In Nordwest-Deutschland bildet sich ein später so benanntes Honoratiorentum aus Kaufleuten und Verleger-Unternehmern. In Hamburg haben sich niemals Ratsgeschlechter ausgebildet.
Reichtum ist keine ständische Größe, trägt aber dazu bei. So wie die Armut fällt auch er aus dem Rahmen der mittleren Kreise, die bis zu der Hälfte der Einwohner ausmachen. In Trier sollen Wohlhabende bis Reiche ein Siebtel der Bevölkerung (14%) ausmachen und rund 68% des bürgerlichen Vermögens besitzen. Laufer setzt davon noch einmal Reiche ab, die als 3,7% der Bevölkerung knapp 36% des bürgerlichen Vermögens besitzen. Es sind im wesentlichen die Schöffen, die Handel treiben und stolz darauf sind, nicht mit den Händen zu arbeiten. Versammelt sind sie in der Steipengesellschaft, der ehemaligen Sankt-Jakobsspital-Bruderschaft. Zum Teil besitzen sie zehntausende von Gulden Vermögen, darunter Grundbesitz wie der Landadel der Umgebung. (Gerteis, S.171) Als Reiche sind sie identisch mit den Schöffen, Räten, Bürgermeistern und Zunftmeistern.
"Bürgertum"
Zünfte und Gilden sind als eine Art Mittelschicht angesiedelt, während die Basis Gesellen, Gesinde, Tagelöhner usw. bilden.
Die Bezeichnung Schicht passt so wenig wie Klasse so richtig und passt auch nicht in die Zeit, in der eher von Ständen und ähnlichem die Rede ist. In Ermangelung anderer Wörter mag sie hier dennoch benutzt werden. Zwei Dinge sind dabei nicht völlig deckungsgleich: Das Vermögen bzw. Einkommen und der Status, wie jemand also angesehen ist und eingeordnet wird.
Die Bezeichnung Bürger bleibt durch das späte Mittelalter so unklar wie schon zuvor und je nach Stadt verschieden. Manchmal wird sie noch eine Weile von den wohlhabenden Geschlechtern okkupiert, die aber zunehmend dazu tendieren, sich als Herren zu bezeichnen. Überhaupt setzt sich das ganze unternehmerisch nutzbare Kapital und das in Renten verwandelte von denen ab, die am ehesten von ihren Lebensformen her als bürgerlich bezeichnet werden können, die Mittelschichten des Handwerks, des Detailhandels, und kleine Unternehmer. Schließlich darf man auch nicht vergessen, dass das Wort im auslaufenden Mittelalter in dieser Verallgemeinerung zunehmend nur noch im deutschen Sprachraum eine Rolle spielt.
Grundsätzlich lassen sich die Mittelschichten zunächst in Kaufleute und Handwerker trennen, wobei Handwerker durch Beteiligung an Handel nach oben drängen. Grundsätzlich steht der Handel über der körperlichen Arbeit des Handwerks, und das selbst dort, wo Zünfte am Stadtregiment beteiligt sind. Zudem tendiert körperliche Arbeit dazu, geringere Einkommen zu generieren.
Auch wo in der Mitte des 16. Jahrhunderts Zunftregiment durch patrizische Herrschaft ersetzt wird, existieren Zünfte jenseits des politischen Raumes weiter fort.
1621 erlässt der Magistrat von Frankfurt/Main eine Einordnung der Einwohner in fünf Rechtsstände. Im ersten sind die alten quasi-adeligen, patrizischen Familien, im zweiten die nicht patrizischen Leute im Stadtrat und andere hervorragende Bürger und Kaufleute. Im dritten Stand gibt es gehobene Einzelhändler und Juristen, im vierten sonstige Händler und alle Handwerker. Im fünften schließlich befinden sich die ungelernten Lohnarbeiter und der Rest der Bevölkerung. (Knittler, S.165f)
Unterhalb des Adels, neben dem Klerus und oberhalb eines nicht von seinem Eigentum lebenden Proletariats ist Bürgertum weiterhin ein städtisches Phänomen. Seinen Kern macht immer noch das Handwerk aus. Etwa ein Drittel bis fast die Hälfte der Familien der städtischen Bevölkerung hängt weiterhin direkt vom Handwerk ab. Bei rund 14 000 Bürgern in Augsburg um 1500 hat alleine die Weberzunft rund 1400 Mitglieder, Kramer gibt es um 350, Schmiede ebenfalls in dieser Größenordnung. Um 1600 sind von 48 000 Einwohnern alleine rund 3000 Webermeister. Mit der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges geht allerdings nicht nur die Einwohnerschaft, sondern in noch erheblicherem Maße das Handwerk zurück.
In die Städte ziehen seit dem 15. Jahrhundert in zunehmendem Maße die Akademiker ein, die "Gelehrten" also. Diese sind von ihrer Ausbildung her Juristen, Mediziner und Theologen/Philosophen. Sie gewinnen Eigentum über ihre Fähigkeiten, die sie eigentlich jenseits von einem wie auch immer gearteten bisherigen Bürgertum absetzen, aber sie in ihrem Lebensstil gehobener Bürgerlichkeit annähern. Juristen und Mediziner können sich mit einer eigenen Praxis selbständig machen, Juristen treten aber vielfach in gehobene Verwaltungsdienste ein. Verwaltung aber nimmt mit dem Ausbau von Staatlichkeit überall zu. Solche mit Verwaltung betraute Menschen wiederum werden zu Stützen der Staaten und oft mit entsprechendem Untertanengeist ausgestattet. Je besser ihre Tätigkeit dotiert wird, desto mehr identifizieren sie sich mit der Obrigkeit, und wie die werden sie privilegiert.
Das gilt z.B. auch für die Juristen, die in Köln in den Stadtrat einziehen und sich dort oft mit der kleinen Elite in der Stadt identifizieren.
Das neue Bürgertum jenseits des großen Kapitals und des Handwerks bilden also nun Verwaltungsleute und Juristen, kleineres Gewerbe, intellektuelle Honoratioren und im protestantischen Raum die Pfarrer.
Proletariat in Deutschland
Ein Steuerregister Zwickaus von 1501 "zählt neben 848 Pfarrkindern (Haushaltsvorständen) 515 die nichts Eigenes haben." (in: Postel/Kopitzsch, S. 160)
Wenn wir weiter alle wirtschaftlich Unselbständigen zum Proletariat zählen, dann bleibt dies eine Mehrheit der städtischen Bevölkerung, mit einem starken Anteil an alleinstehenden Frauen und Witwen. Diese Gruppe umfasst also mehr als das von Historikern errechnete knappe Viertel der städtischen Armen.
Dieses Proletariat lebt weitgehend von der Hand in den Mund und leidet weiter immer einmal wieder Hunger. Man isst Brei und Brot vom Roggen als Ernährungsbasis, in Süddeutschland auch Dinkel. Fleisch ist selten, hiin und wieder mag es Salzhering oder Stockfisch geben. Getrunken wird außerhalb von Weingegenden Bier.
Wolfgang Laufer zählt in Trier 1624 ein Viertel der Bevölkerung zu den "Armen", dazu kommen noch einmal 10%, die nicht einmal das Bürgerrecht haben. Soweit Bürger, sind sie meist in den Zünften organisiert, sind aber Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter. Er besitzt 1-5% des Gesamt-Durchschnittsvermögens in der Stadt, und wenn ihm ein Haus gehört, ist es eine wertlose Bruchbude. (Gerteis, S.169)
Nach dem Engagement von Kirche und Kloster ging die caritas zunächst an bürgerliche Stifter und Räte über, und wird im 16. Jahrhundert zunehmend kommunalisiert. In Regensburg sterben Stifterfamilien aus und die Stadt übernimmt die Regie mit Hilfe von bürgerlichen "Pflegern".
Im 15. Jahrhundert entstehen in deutschen Städten Bettelordnungen. Schon Ende des 14. Jahrhunderts versucht man, auswärtige Bettler von der Stadt fernzuhalten. Zudem wird zunehmend versucht, bedürftige Bettler von faulen Schmarotzern zu unterscheiden. Zu diesem Zweck verteilt man auch in Regensburg Bettelmarken. Aus der Regensburger Bettelordnung und der Armen- und Almosenordnung von 1523 mit dem Bettelverbot geht 1531/52 ein Almosenamt mit professionellen Stiftungs- bzw. Almosenpflegern hervor. Sein Direktorium gehört dem Inneren Rat an. und setzt sechs Armenwächter zur Armuts-Unterstützung ein.
1522 verbietet Augsburg die Straßenbettelei und setzt sechs Armenwächter für die Fürsorge ein.
Das Bettelverbot verpflichtet die Stadt, Unwürdige aus der Stadt draußen zu halten, und würdigen Armen zu helfen. Arbeitsfähige Bettler werden nun zum Beispiel in Regensburg in Steinbrüche zum Arbeiten geschickt. Arme Kinder, die nicht zur Schule gehen, werden dazu angehalten, ein Handwerk zu erlernen. Medikamenten- und Arztkosten übernimmt der Armenpfleger.
Manche von diesen werden bald von städtischen Armen- oder Almosenkassen versorgt oder aber als würdige Bettler vom Rat mit Bettel-Lizenzen versehen.
Bis 1545 haben etwa dreißig Städte im Reich und fünfzehn in den Niederlanden ihre Armenversorgung reformiert.
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Um 1550 sind 17% der Bevölkerung von Troyes, ohne ansässisge Arme, Bettler und Vagabunden, in Löwen gelten zu der Zeit 28% als armvond, in Brüssel 21%, in Leiden über 40%. In Amiens leben bei 30 000 Einwohnern rund 6000 Arbeiter "von der Unterstützung der Vermögenden". (Knittler, S.179
In Segovia sind es über 15% Ortsansässige, in Bergamo etwas später rund 35%. (Knittler, S.175) Teile davon sind nicht verarmende Stadtbevölkerung, sondern Zuwanderung von verarmtem Landvolk.
Begrenzung des Betteln. In protestantischen Gegenden ist das Almosen oft kein Teil einer Werkgerechtigkeit, sondern moralische Verpflichtung und Verhinderung daraus resultierender handfester Probleme.
In Segovia machen 1561 Frauen 60% der erwachsenen Armen aus, in Medina del Campo 83%. In englischen Städten beträgt der Kinderanteil oft mehr als 50 Prozent. Man lebt von Gelegenheitsarbeit und Betteln.
In Venedig beginnt man 1528 mit dem Aufbau von Armenhäusern. 1531 entsteht nach einer Hungerrevolte (Grande Rebeyne) in Lyon die Aumône-Générale, die Brot und Gelder nach Häuserlisten an die Stadtarmen verteilt. (Knittler, S.176) In Paris entsteht um 1544 das Grand Bureau des Pauvres, was andere französische Städte dann nachmachen.1554 entsteht in Paris-St.Germain mit dem Hôpital des Petites Maisons das erste weltliche Armenspital.
Zuwandernde Arme werden vielfach vertrieben. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts beginnt man dann grundsätzlich mit der Vertreibung dauerhaft nicht arbeitender Bevölkerung.
Seit den 1570ern beginnt man in England mit Arbeits- und Korrektionshäusern. 1649 Corporation of the Poor in London.
Mai 1640 erheben sich schlecht entlohnte Seidenweber in Tours. Das Militär wird eingesetzt. Um 1642 leben in Lyon etwa 10 000 Personen bei 75 000 Einwohnern von Armenhilfe.
1647 Erhebung der napoletanischen Lazzaroni (Gelegenheitsarbeiter) gegen die Steuerpraxis des spanischen Vizekönigs.
Stadtbild
An die Stelle der Mauerringe treten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in größeren und entsprechend wohlhabenden Städten Wallanlagen mit Bastionen und Gräben. Ansonsten bleiben die alten Stadtmauern bestehen, die auch ohne militärische Funktion die Städte von ihren Vorstädten abgrenzen.
Die hergebrachten Grundrisse bleiben meist bis tief ins 18. Jahrhundert bestehen, so dass sich am Stadtbild nicht viel ändert. Die innerstädtischen Straßen bleiben weiter schmal, und die Besitzverhältnisse der Anrainer verhindern ohnehin Verbreiterung. "Neuzeitlich" sind eher neu geplante Stadtanlagen, ansonsten hält sich mit der stilistischen Abfolge von Renaissance, Barock und Rokoko im wesentlichen ein weiterhin mittelalterliches Stadtbild, aus dem nur mehr repräsentative Bauten herausragen.
Neuartig sind Reihenhäuser, wie die der Augsburger Fuggerei von 1516-23, zweigeschossig mit zwei Wohnungen. 1633 errichtet Josef Furtenbach eine Reihenhaus-Siedlung mit 44 Wohnungen für städtische Soldaten mit ihren Familien.
Das giebelständige Haus mit schmalem, bis in die Tiefe reichendem Grundstück dominiert. Zahl und Umfang von Bauordnungen nimmt zu, insbesondere auch zur Brandbekämpfung. Das Fachwerk spätestens ab dem ersten Stock soll aus Brandschutzgründen möglichst verputzt sein.
Hohe Dachstühle herrschen u.a. vor, wo Waid von Unternehmern in ihren Häusern fermentiert wird, aber auch, wo Getreide oder Brennstoffe wie Torf dort gelagert wird.
Städte sind im katholischen Bereich weiter geteilt in geistliche und weltliche Bereiche, und so wie Kirchen und Klöster die einen markieren, so Rathaus, Kaufhaus oder ähnliche Gebäude, Zunfthäuser und vor allem Marktplätze die anderen. Der Erfurter Humanist Eobanus Hessus beschreibt 1532 in einem (lateinischen) Gedicht den Nürnberger Markt:
Nie und nimmer ruht dieser Markt, er rauscht sozusagen mit dem tollen Gesumm der Menge, die ununterbrochen hier zusammenkommt und miteinander verhandelt: große und kleine, gemachte und nicht gemachte Geschäfte. So viele Tausende von Menschen versammeln sich fast täglich in dem Geschrei, dem so lärmenden Brausen des Marktes, dass man sie treffend mit dichten Bienenscharen vergleichen kann (...) oder auch mit Ameisenzügen, die unter der Frühlingssonne die zu tragende Last herumschleppen. (in: Ochs/Zeilinger, S.164)
Solche Texte, Stilisierungen des Lehrers für Poetik und Rhetorik vom Fenster der Studierstube aus, wie sie schon seit über hundert Jahren italienische Autoren zum Besten geben, zeigen, welches Faszinosum inzwischen kapitalistische Städte für gelehrte Herren sind.
Das Gewimmel von Menschen soll begrenzt werden durch die Neu-Einrichtung von Märkten in den Vorstädten.
Zentrale Plätze bleiben weiter gesäumt von Rathaus, städtischer Kirche, guten Gasthäusern und den Häusern bedeutender Kaufmanns-Familien. Hier gibt es nun auch bald überall Uhren mit Läutwerk an Rathäusern und Kirchen. Damit können nun Beginn und Ende von Tag und Nacht, die Schließung und Öffnung von Stadttoren und die (langen) Arbeitszeiten exakt und beliebiger festgelegt werden.
Weiter nimmt auch mit dem Wohlstand der Wohnraum vom Zentrum an die Peripherie ab.Wohnungen sind oft nicht so, dass man sich nicht eher in Gaststätten, auf Plätzen und Straßen aufhält. 1665 soll Lille wenigstens 83 Wirtshäuser besessen haben (Muchembled, S.189)
Daneben gibt es weiter manchmal erhebliche "Baulücken". Zudem ist die Dichte der Bebauung in den Vorstädten deutlich geringer und stärker mit agrarischen Flächen durchsetzt.
Der studierte Kölner Hermann von Weinsberg (1518-97) erbt von Eltern, die Weinhandel, Weinausschank und zunächst auch noch das Färben von Leinengarn und Tuchen mit zwei Knechten betrieben, Rentenbesitz, nicht zuletzt Gebäude, kauft weitere dazu und verwaltet das Vermögen zweier Ehefrauen, die Kauffrauen sind. Hermann und seine Familien besitzen irgendwann u.a. die Hälfte der Häuser am Blaubach der Blaufärber, wo er in einem geboren worden war. Hohe Mieteinnahmen werden wenig mit Reparaturen verbunden, weswegen die Mieter hier nur möglichst kurz wohnen.
Bessere Häuser hier wie das der Ratsherren aus der Weinsberg-Familie haben ein steinernes Parterre und ein vorkragendes erstes bzw. Dachgeschoss aus Fachwerk, welches im 16. Jahrhundert bereits mit Ziegelsteinen ausgemauert ist.
Häuser der Reichen und Mächtigen haben nicht nur mindestens einen Kachelofen, sondern übernehmen im 16. Jahrhundert die Fayence-Techniken aus Italien, wo auf der Basis einer Glasur aus Blei- und Zinnoxyd ganze Malereien aufgetragen werden.
Handwerker leben wo möglich im eigenen Haus, in dem Arbeiten und Wohnen verbunden sind. Als manchmal so genanntes "Ganzes Haus" besitzt es einen Haushalt mit Kernfamilie, Gesellen, Lehrjungen und manchmal Dienstboten. Es gibt oft eine Wohnküche; Waren werden manchmal in Kellergewölben gelagert.
Die Möblierung bleibt einfach: Einfache Betten, Tisch, Stühle oder Hocker, wenig Geschirr und Truhen.
Neben neuen Kirchen, prächtigen katholischen Barockkirchen und schmuckloseren protestantischen, entstehen in den wohlhabenden Städten neue Rathäuser, um 1600 das Bremer in Weser-Renaissance-Stil, um 1620 das palastartige in Nürnberg und fast gleichzeitig das von Elias Holl in Augsburg. Dort entstehen um dieselbe Zeit ein neues Zeughaus, eine Metzig, ein Gymnasium und ein Heilig-Geist-Spital. Über 550 Handwerker und Tagelöhner sind dort zeitweise mit öffentlichen Bauten beschäftigt.
Wo möglich werden Steinhäuser bevorzugt, während in Mittelgebirgen oft Fachwerk bleibt. Einfache Holzhäuser in der Randbebauung dienen den vielen Ärmeren als Wohnung.
Wasser bleibt Nahrungsmittel, dient dem Waschen und dem Gewerbe. Im 15./16. Jahrhundert etabliert sich in immer mehr Städten eine zentrale Wasserversorgung und Entsorgung. Wasserkünste mit Hebewerken auf Mühlenbasis pumpen Wasser in Türme, von denen es durch die Städte mittels Röhren in öffentliche Schöpfbrunnen fließt. Mit diesem System werden in Nürnberg schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts 100 Schöpfbrunnen bedient. Dazu kommt eine allerdings noch geringe Anzahl von Hausanschlüssen, die privat eingerichtet und bezahlt werden müssen.
1551 ist die erste städtische Wasserleitung in Regensburg fertiggestellt. Solche Leitungen sind meist aus Holz. Viele öffentliche Brunnen werden gebaut.
Was die Stadt nicht direkt über Stadtbrunnen-Meister organisiert, schaffen Genossenschaften wie die Pipenbrüder in Braunschweig. Oft bleiben diese Einrichtungen bis ins 18. oder 19. Jahrhundert in Betrieb. Augsburg wird 1761 ein Leitungssystem von 27km geschafft haben.
Private Brunnen sind weiter oft durch Fäkalien verschmutzt, weshalb öffentliche Brunnen so wichtig sind. Manche davon werden von hölzernen Brunnen zu Prachtbauten, wie schon Ende des 15. Jahrhunderts der "Schöne Brunnen" in Nürnberg oder 1512 der marmorne Münchener Marktbrunnen.
Zu Augsburg schreibt Michel Montaigne für etwa 1580:
An dem Stadttor, durch das wir eingezogen waren, bemerkten wir unter der Brücke eine große Wasserleitung, die von außen kommt, und auf eine hölzerne Brücke unter der Verkehrsbrücke und über den Fluss, der durch den Stadtgraben zieht, hinweg geleitet ist. Diese Leitung dient dazu, eine bestimmte Anzahl Räder zu treiben, die mehrere Pumpen in Bewegung setzen und durch zwei Bleiröhren das Wasser eines Brunnens, der dort sehr tief liegt, auf die Höhe eines mindestens fünfzig Fuß hohen Turmes heben. Hier ergießt sich das Wasser in einen großen steinernen Behälter, sinkt in verschiedenen Röhren wieder hinunter und verteilt sich von da in die Stadt, die durch dieses eine Kunstmittel mit Brunnen reich versehen ist. Die Eigentümer, die eine Abzweigung davon für eigenen Gebrauch wollen, haben der Stadt bloß zehn Gulden Rente oder zweihundert Gulden einmalig zu zahlen. Es sind vierzig Jahre her, seit die Stadt mit diesem ansehnlichen Werk verschönert worden ist. (in: Rosseaux, S. 105)
Die meisten Haus-Grundstücke besitzen für die Abwässer weiter Sickergruben, Kloaken. Die werden langsam stärker reguliert, und sie dürfen nur nachts und meist nicht in den Sommermonaten geleert werden, um Geruchs-Belästigung zu vermeiden.
Die Straßenreinigung ist Sache der Hausbesitzer und wird langsam etwas mehr geregelt, indem einmal und später dann mehrmals die Woche gekehrt werden muss. Für Abfälle werden erste Sammelstellen vor den Stadtmauern angelegt. Dung und Misthaufen werden an Bauern verkauft, die sie zum Düngen abholen. Mit zunehmender Pflasterung der Straßen wird deren Säuberung erleichtert.
Was sich mit der Wasserversorgung langsam etwas verbessert, trifft aber auf zunehmende Luftverschmutzung. Geheizt wird nämlich überwiegend mit Holz, wobei die Wohlhabenderen größere Stücke abbekommen und die ärmeren sich eher mit Bruchholz und Reisig begnügen müssen. Die wichtige Versorgung mit Holz gerät immer mehr unter die Aufsicht der Räte. Gewerbe arbeitet mit Holzkohle.
In Aachen gibt es in der Nähe der Stadt Steinkohle-Vorkommen, weshalb im 17. Jahrhundert bereits Teile der Wärme-Energie so gewonnen werden. Der Kohlerauch über Amsterdam ist bereits 1614 so schlimm, dass die Verwendung von Steinkohle für Zucker-Raffinerien verboten werden muss. Der Kohlerauch über London hingegen wird bis 20. Jahrhundert anhalten.,
Städtisches Umland
Dem Rat des thüringischen Mühlhausen mit seinen etwa 7500 Einwohnern unterstehen um 1520 18 Dörfer mit fast 2500 Einwohnern. (Vogler in: Postel/Kopitzsch, S.148)
Von den 11 bedeutendsten Groß- und Fernhändlerm der Stadt Weimar im 16. Jahrhundert sind neun zugleich begüterte Landbesitzer. (Gerteis, S.128)
Ackerbürgerstädte
Das sind ein Großteil der deutschen Städte. Kurpfälzische Amtsstadt Neustadt an der Haardt. Einige Beamte, etwas Handel, 46% der Berufe Handwerk und Nahrungsmittel-Gewerbe, 44% in der Landwirtschaft tätig. Die Landwirtschaftlichen Flächen sind oft klein und erfordern zusätzliche Tagelöhnerei. (Gerteis, S.128)
Untergang und Aufstieg der bürgerlichen Freiheiten
Deutsche Lande
Partizipation an städtischer Selbstverwaltung - soweit vorhanden - können nur Menschen mit Bürgerrecht, meist Männer, in Köln und wenigen anderen Orten auch unverheiratete Frauen gegen Zahlung einer Aufnahmegebühr und Leistung des Bürgereides, aber ohne politische Partizipation. Voraussetzung ist für alle eheliche Herkunft, das Ausüben eines Gewerbes, Grundbesitz und ein selbständiger Haushalt.
Nicht selten sind diese Bürger eine Minderheit in der Stadt. Alle rechtlich darunter Stehenden müssen Steuern und Abgaben leisten, sind aber nicht wehrpflichtig. Außerhalb der Gemeinde stehen in katholischen Gemeinden der Klerus, überall aber Adel und Soldaten sowie die Mitglieder einer Universität. Sie alle gehören eigenen Rechtsräumen an.
Nachdem zum letzten Mal in deutschen Landen Juden 1519 in Regensburg vertrieben werden, finden sie sich zunehmend auch wieder ein: Z.B. bei Köln in Deutz und bei Nürnberg in Fürth. Mit der Neugründung von Mannheim werden sie dort gleich zugelassen. In manchen Residenzen treten sie als Hofbankiers auf. Aber aus der stadtbürgerlichen Gemeinde bleiben sie ausgeschlossen, wie auch zeitweilig ansässige Ausländer.
In Trier besitzen 1624 die 23% unter die Armen zu rechnenden Haushalte 1,3% der Vermögenswerte, die 17% einer wohlhabenden Oberschicht knapp 68%. 1618 bezahlen in Augsburg die 10% der wohlhabendsten Steuerzahler knapp 92% aller Steuern.
1522 lässt der Habsburger Erzherzog Ferdinand den Wiener Bürgermeister und fünf weitere Ratsherren hinrichten, der Bürgerausschuss der Genannten wird aufgelöst sowie die Münzer-Hausgenossenschaft. Die Handwerker verlieren ihren Einfluss auf den Inneren Rat und es gibt einen Versuch, die Zünfte aufzulösen. Das nicht auf den Hof ausgerichtete Handwerk unterliegt dem unzünftigen, welches der Hof für seine Zwecke privilegiert.
Einen weiteren Einschnitt in Flandern stellt die Habsburger-Herrschaft ab 1492 dar, die zum weiteren Abbau städtischer Rechte führt und nach 1540 unter Karl V. auch zur Entrechtung der Gilden.
Seit dem 15. Jahrhundert steigt Antwerpen auf Kosten von Gent und besonders Brügge auf. Süddeutsche Kaufleute bringen Gewürze und andere Luxusgüter aus Italien dorthin und bringen als Rückfracht vor allem englische Tuche zurück. 1585 erobern die spanischen Habsburger Antwerpen, das darauf den Seehandel zum guten Teil verliert und auf den Landhandel zurückgeworfen wird.
Der Abstieg Flanderns ist auch der Aufstieg Hollands, wo das schnelle Anwachsen der Städte einen bürgerlichen Markt für Massenwaren hervorbringt. Besonders England und die nördlichen Niederlande beginnen nun, die Entwicklung des Kapitalismus weiter voranzutreiben. Während die bürgerlichen Freiheiten im größten Teil Europas langsam schwinden, gewinnen sie in Holland und dann auch in England auf eine neue Weise an Gewicht.
Die landesherrlich geprägten deutschen Städte, insbesondere die Residenzen, werden im 16. Jahrhundert immer mehr fürstlichen Interessen unterworfen, die über Ämter und Verwaltung direkt in die Städte hineinwirken. Die südwestdeutschen Reichsstädte und die Hansestädte bilden ein eher noch rigideres obrigkeitsstaatliches Regiment aus. "Dieses ließ der kommunal-gemeindlichen Gliederung und Mitwirkung, gerade auch der Zünfte, immer weniger Raum zur Entfaltung." (Schulz, S. 262) Städtische Obrigkeit führt so fast direkt in landesherrliche. Auf dieser Basis einer "sekundären Obrigkeit" (Schilling) kann sie aber weiter viele innerstädtische Aufgaben wahrnehmen.
Immerhin gelingt es manchen Hansestädten, ihre Freiheiten durch Bündnisse untereinander länger gegenüber den Landesherren zu bewahren. Braunschweig muss sich zum Beispiel erst 1671 seinem Landesherrn unterwerfen. Schon 1660/61 fällt Münster in die Hand seines Bischofs, 1664 Erfurt in die des Mainzer Kurfürsten, 1666 fällt Magdeburg an Brandenburg.
Der Kurfürst von Brandenburg besitzt schon seit dem 15. Jahrhundert die Mehrzahl der bedeutenderen Städte. Bald im 16. Jahrhundert sorgt er für den Austritt von Berlin, Frankfurt/Oder, Stendal und Salzwedel aus der Hanse und die Reduzierung der Selbstverwaltung. In Berlin und Coelln wird mit Mandaten durchregiert. In die Ratsstellen ziehen Juristen ein.
Die Zeit zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert ist alles in allem immer weniger bürgerlich geprägt, wenn auch weiter zunehmend kapitalistisch. Aber es ist die große Zeit von Königen und Fürsten, also von zunehmend sich erweiternder Staatlichkeit. Das wird dann so weiter gehen, bis so viel Staatlichkeit ausgeprägt ist, dass die Staaten nicht mehr der Fürsten und Könige bedürfen, um ohne sie genauso weiter existieren zu können.
Dabei verlagert sich zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert das Gewicht der deutschen Städte nach Norden. Die meisten großen Städte liegen zwischen Frankfurt und Leipzig im Süden und der Strecke von Bremen bis Danzig im Norden. Berlin verachtfacht seine Bevölkerung zwischen 1650 und 1710. Selbst Potsdam ist am Ende so groß wie Nürnberg. Aber immer noch arbeiten um 1800 etwa zwei Drittel der deutschen Bevölkerung in der Landwirtschaft.
Italien
Nachdem in der Nordhälfte Italiens die ersten Städte schon im 13. Jahrhundert als Signorien unter das Regiment von despotischen Familien gerieten, und selbst Genua, außerstande, sich über ein "republikanisches" Regime seiner großen Kapitaleigner zu regieren, sich im 14./15. Jahrhundert unter die Herrschaft von Monarchen wie dem französischen oder von Tyrannen wie den Mailänder Visconti begibt, bleibt nur die venezianische Republik übrig, ein Konsorzium großer Kapitaleigner und alter Geschlechter, welches am Ende dem Expansionsdrang Frankreichs zum Opfer fallen wird.
Florenz: Mit dem Italienzug von Charles VI. muss sich Piero de Medici dessen Forderungen unterwerfen, dann wird die Familie vertrieben und kann erst 1512 zurückkehren. Schon die Invasion von 1494 löst die Rebellion von Pisa aus, die von 1494 bis 1509 andauert.
1527-32 werden die Medici erneut vertrieben. 1529-30 wird Florenz zehn Monate lang belagert. Danach kommt es zur Rückkehr der Medici 1537 machen die Habsburger Cosimo zum ersten Herzog der Toskana. Guicciardini schreibt nun im Sinne des Fürsten, die Freiheit seiner Stadt bestehe darin, keinen fremden Herrscher zu haben, und die der Bürger darin, in ihrem Privatleben frei zu sein. Die Stadt ist nun politisch und finanziell geschwächt, während sie immer noch eine reiche Oberschicht beherbergt.
Mit dem Erwerb der spanischen Krone 1516 beginnt Karl V. die Fugger und die Genuesen in ihren Handels- und Finanzinteressen in Süditalien zu unterstützen, wobei sich um die Jahrhundertmitte die Genuesen massiv durchsetzen und nun den Handel mit Getreide und Rohseide dominieren und die Regierung in Neapel weitgehend mit Finanzen versorgen. Die großen Firmen von Florenz reduzieren sich zunehmend auf das auf ihre Stadt ausgerichtete Basisgeschäft: Einfuhr von Getreide, Wolle und Rohseide und Ausfuhr von Textilien.
Mit der Umstellung der Produktion auf leichtere, aber teurere rascia-Textilien schwindet im 16. Jahrhundert der Levantemarkt, der ohnehin stärker nun von französischem Handel dominiert wird. Die Beziehungen zu den Ottomanen verschlechtern sich, während die französischen immer exzellenter werden. Alexandria löst für Florenz immer mehr Konstantinopel als orientaler Haupt-Handelsort ab. überhaupt aber werden die Märkte im Norden immer wichtiger.
Für Florenz bleibt gegen Ende des 16. Jahrhundert vor allem der Handel mit Seidentüchern wichtig, der nun über Nürnberg bis nach Krakau ausgedehnt wird.
In Genua regiert ein Vertreter des französischen Königs, als es 1506 zu einer Revolte eines Bündnisses aus Handel und Handwerk kommt, die stärkere Beteiligung an den Ämtern fordern. 1507 haben sich die Franzosen auf ihre Festung zurückgezogen und der Popolo wählt den Seidenfärber Paolo da Novi zum Dogen. Dann muss sich die Stadt aber der Armee Louis XII. ergeben.
Damit ist Genua in die antivenezianische Liga von Cambrai integriert.
1512 vertreibt eine Heilige Liga unter spanischer Beteiligung die Franzosen aus der Stadt, Die kehren allerdings im folgenden Jahr wieder zurück.
1522 versucht Francois I. Mailand zu erobern, was Kaiser Karl V. veranlasst, eine riesige deutsch-spanisch-italienische Armee gegen Genua zu schicken. Gerade als die Stadt sich ergeben will, gibt der Marchese von Pescara die Stadt zur Eroberung und Plünderung frei.
In der Folge verwandelt sich Genua in eine aristokratische Republik, in der 23 Adelsklans gemeinsam herrschen. Aus einem Maggiore Consiglio von vierhundert wird ein Minore Consiglio von einhundert Aristokraten ausgelost. Letzterer wählt den Dogen und acht Beamte jeweils für die Rechtsprechung und die Finanzen. Im Hintergrund agiert Andrea Doria, ehemaliger Söldnerführer und Korsar, dem es in einem Vertrag (asiento) mit erst Karl V. und dann Felipe II. gelingt, beide mit Galeeren zu versorgen, die mit Sklaven bemannt sind. Er wird dadurch schwerreich und ist de facto eine Art Prinz oder Signore der Stadt.
In Siena endet die Herrschaft Pandolfo Petruccis mit seinem Tod 1512. Es folgt sein Sohn Borghese. Nach dem Tod von Papst Julius II. 1513, den Pandolfo mit einer prächtigen Villa in Casole d'Elsa auf seine Seite gezogen hat, zieht in Rom Giovanni di Medici ein (Leo X.), der Siena weniger freundlich gesonnen ist. 1516 organisiert der Papst einen Aufstand, in dem Borghese durch einen Medici-freundlichen Raffaele ersetzt wird. 1525 verhilft eine französische Truppe Siena zu einer Art Diktatur von neun Prioren, Vertretern der reichen Kaufmannschaft, die bis 1545 herrschen. In der Schlacht am Camollia-Tor siegt die Stadt über Truppen des neuen Medici-Papstes und drei bislang unterlegene Monti vertreiben bzw. massakrieren die Vertreter der übrigen beiden. 1530 müssen die Senesen Truppen für den Angriff Karls V. auf Florenz stellen, wo der Kaiser einen Medici zum Herzog machen möchte. Danach werden in Siena spanische Truppen stationiert. Nach und nach wird es immer mehr zu einer kaiserlich besetzten Stadt und errichten dort die Zitadelle. Es folgen spanische Gouverneure.
Inzwischen haben sich mehr oder weniger humanistische Vereinigungen gebildet, während Teile des Adels sich ganz auf seine Landsitze begibt. Dann öffnet sich die Stadt für das Heer eines Piccolomini; die Spanier werden besiegt und Siena gerät in die Abhängigkeit des französischen Königs.
1555 ist die Stadt von Zehntausenden kaiserlicher Truppen belagert. Eine entsetzliche Hungersnot ist die Folge, die Stadt gerät unter Kanonenbeschuss und muss kapitulieren. 1557 wird die Stadt an Cosimo de Medici verkauft, und der setzt dort einen Gouverneur ein. Stadt und Umland verarmen.
Die Versuche unteradeligen Kapitals, selbst die Politik der Städte zu betreiben, erledigen sich einmal, weil der fortgeschrittene Kapitalismus längst zum Selbstläufer geworden ist und von allen betrieben wird, zum anderen, weil es Monarchen gelungen ist, den sich entwickelnden Staat zentral auf sich zu beziehen. Damit aber ist selbst für die Spitzen der Produzenten der Zugang zur politischen Macht versperrt, und das dann bis heute.
Venedig hat inzwischen immer größere Teile der östlichen Poebene an sich gebracht. Es versucht, die französische und die spanische Krone in Italien gegen einander auszuspielen. Dagegen gelingt es Ludwig XII. in der Liga von Cambrai mit Maximilian I. und Fernando ("el catolico") gegen Venedig zu vereinen. In der Schlacht von Agnadello erleidet die Stadt eine schwere Niederlage, kann aber ihr Kerngebiet der Terra Ferma erhalten. Zwar versucht eine städtische Oberschicht, das venezianische Joch abzuschütteln, aber die städtische Unterschicht und die Bauern sehen sich unter Venedig besser aufgehoben.
Spanien
Seit 1495 Ausbildung von städtischen Steuerbezirken nach Überlassung der Alcabalas als Teil der königlichen Steuern. Mit dem Encabezamiento gelingt es Städten, Umland fiskalisch zu kontrollieren.
Die kastilischen Communeros
Die wachsenden und über Handel und Bankwesen prosperierenden Städte werden von einem Bündnis aus stadtsässigem Adel und bürgerlichem Patriziat zusammen mit königlichen Beamten kontrolliert. Karl (Carlos) tritt 1516 sein Königtum mit einem Tross burgundischer Günstlinge an, was als Fremdherrschaft erlebt wird. 1518/18 kommt es denn auch zu Konflikten, als der König von den Cortes, also den Ständeversammlungen, neue Steuern verlangt. Nachdem Karl Spanien verlässt und seinem Statthalter Adran von Utrecht überlässt, kommt es in einigen Städten wie Segovia und Toledo zu spontanen Erhebungen gegen die neuen Steuerlasten und die Zentralisierungs-Bestrebungen des Staates sowie seine Überfremdung an der Spitze. Diese breiten sich unter Beteiligung des niederen Klerus und eines Teils des Adels in Kernkastilien aus.
In Tordesillas entsteht ein Bündnis, eine Junta der in den Cortes vertretenen Städte, die zusammen mit der dort praktisch eingesperrten Königin Juana die Regierung Kastiliens führen wollen. Diese Junta kontrolliert auch die Rüstungsmaßnahmen und das Heer der Aufständischen.
König Karl versucht etwas einzulenken, aber die Bewegung radikalisiert sich und wird nun stärker zu einer der kleinen Leute, bald auch der Bauern gegen die adeligen Grundherrschaften auf dem Lande. Die Städte werden in Schwurgemeinschaften der Comunidades verwandelt. Volksversammlungen der Viertel oder Pfarreien wählen Stadträte, welche die hergebrachten ergänzen, und werden an wichtigen Entscheidungen beteiligt. Die Räte übernehmen die Gerichtsbarkeit und die Einziehung (königlicher) Steuern wie die der internen städtischen Abgaben. Ziel ist auch eine grundlegend Ständeversammlung (Cortes), die sich aus Vertretern von Adel, Klerus und Bürgertum der einzelnen Städte zusammensetzen und so in Städte und nicht mehr primär Stände gegliedert sein soll. Die indirekten Steuern sollen abgebaut, Korruption und Kosten des Hofes sollen eingeschränkt und Ausländer vom Hofe verschwinden. Die Macht von König, Hochadel und hohem Klerus soll eingeschränkt werden.
Radikalere Forderungen an der Basis der Bewegung gehen bis dahin, gleiche Steuern für alle zu verlangen oder gar alle Stände-Unterschiede aufzuheben.
Damit scheiden einmal der Adel und dann das große Kapital aus der Aufstandsfront aus. Nicht beteiligt sind Aragón und Andalusien.
Neben Verhandlungen kommt es zum Krieg und im April 1223 siegt die königliche Partei bei Villalar. Es folgen zwei Jahre massiver Repression.
Die Germanías von Valencia
Zwischen 1519 und 1523, also während des Aufstandes der Comunidades in Kastilien, kommt es zum Aufstand der Handwerkerzünfte bzw. Bruderschaften (Germanías) im Königreich Valencia, welches zur Krone von Aragon gehört. Ab 1521 wird er von einem solchen auf dem ebenfalls zu Aragon gehörigen Mallorca ergänzt.
Die Stoßrichtung geht gegen die zunehmend absolutere monarchische Gewalt und gegen die Muslime dort, die man zusammen sieht mit den Überfällen der nordafrikanischen muslimischen Piraten. Gegen diese erlaubt König Fernando den Germaníes, sich zu bewaffnen.
In Valencia kontrolliert der Adel das Land und die zunftartigen Bruderschaften die Stadt. König Ferdinand verschuldet sich über seine Kriege.
Nach dem Antritt von Carlos I. als König von Kastilien und Aragon kommt es in Valencia 1519 nach der Pest zu Unruhen gegen Juden und Muslime, und die Regierung wird massiv geschwächt. Die Germaníes übernehmen in der Hauptstadt die politische Macht mit einer Junta der Dreizehn aus Repräsentanten der Zünfte, die ihre Macht auch ansonsten ausweiten
April 1520 setzt Carlos den Diego Hurtado de Mendoza als Vizekönig ein. In einem weiteren Aufstand der Germaníes wird er vertrieben und diese setzen ihre Leute in der Regierung und nun auch in den anderen valenzianischen Städten durch. Eine radikalere Fraktion setzt sich durch und verlangt eine Landreform und die Einschränkung der Macht des Adels. Adelspaläste werden geplündert und Land wird neu verteilt. Der Vizekönig führt nun eine Truppe an, die von andalusischen Adeligen verstärkt wird. Die agermanats dringen dafür in Andalusien ein.
Nach einem hin und her von Schlachten setzt sich das valencianische Kapital von den radikalisierten Aufständischen ab. In einer vernichtenden Schlacht gehen sie unter und erst die Junta und dann die Stadt Valencia geben auf.
Von nun an sind es Einzelne mit ihren Anhängen, die in der Huerta von Valencia, in Xàtiva und Alzira weitermachen und immer mehr wie Briganten auftreten. Ende 1522 werden auch sie besiegt.
1521 bricht der Aufstand auch in Mallorca aus und kontrolliert schnell bis auf Alcudia die Insel mit einem Rat der Dreizehn, arbeitet aber nicht mit den Aufständischen auf dem Festland zusammen. Der Kaiser schickt ein Heer, welches 1532 siegreich ist, und über 200 Aufständische werden hingerichtet.
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An die Stelle der höheren Adeligen treten nach den Aufständen bei Alcalde (Bürgermeister), Alguazil mayor (Chef von Polizei und Miliz) und den Regidores (Ratsmännern) nun zunehmend niederaddelige Hidalgos auf. Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sinkender Einfluss der Städte bei sinkender fiskalischer Leistungs-Fähigkeit.
Corregidores nehmen als königliche Beamte an den Ratssitzungen teil.
Städtisches Untertanentum und gute Policey
Regierung und Verwaltung gehen in den Städten ineinander über und es gibt viele (Ehren)Ämter und (besoldete) Dienste, wobei die Anzahl besoldeter Beamter in Ämtern zunimmt. Es gibt gemessen an der Bevölkerung viele solche Ämter und Dienste, andererseits können von einzelnen Personen auch mehrere ausgefüllt werden. Für 1638 gibt der Ratsspiegel von Freiburg folgende an:
"Vier Amtsherren des Rentenamtes (Rechnungsführer der Finanzverwaltung), vier Rechenherren als Kontrollbeamte, zwei Komminssionen zu je drei Mitgliedern für den Steuereinzug, drei Bauherren, zwei Werkmeister, drei Marker (Vermesser von Bauten oder Grundstücken), drei Wuhrmeister (für die Brunnen), einen Jägermeister und seinen Stellvertreter, dazu eine unbekannte Zahl von Holzherren, acht Richter (darunter der Schultheiß), vierundzwanzig Richter am Malefizgericht mit drei Geheimen Räten als Ankläger, zwei Turmherren (als Verwalter der Gefängnisse und zugleich Untersuchungsrichter), vier Talherren (die die Verwaltung der Dörfer überwachten, die der Stadt Freiburg unterstanden), zwei Schulherren, drei Pfleger für die Münsterkirche, je zwei Pfleger der St. Peter- und der St. Nikolauskirche, zwei Pfleger für die Klöster, Pfleger für das Spital, das Armenspital, das Gutleuthaus (Leprosenanstalt), das Findelhaus, das Blatternhaus und weitere Stiftungen, drei Brotschauer, drei Fleischschauer, zwei Fischmeister als Fischschauer, zwei Zinnschauer, zwei Weinschauer, zwei Nachmesser, zwei Kontrolleure der Druckerei, ein Kastenverwalter, vier Bürgerhauptleute mit ihren Leutnants und Fähnrichen, ein Gesellenhauptmann mit Leutnant und Fähnrich, zwei Zeugmeister zur Verwaltung des Zeughauses." (Gerteis, S.86f) Dazu kommt der Stadtschreiber mit seinen Gehilfen und eine Vielzahl von sonstigem Hilfspersonal.
Je größer Städte werden, desto mehr muss für das Miteinander Ordnung geschaffen werden, und die Untertanen haben dabei zwar kaum Mitspracherecht und könnten da auch nur wenig untereinander aushandeln, sind aber wohl in ihrer großen und braven Mehrheit auch meist damit einverstanden, dass langsam immer mehr Teile des Alltags für sie von der Obrigkeit geregelt werden.
Im Mai 1530 erlassen in Zürich Bürgermeister, kleiner und großer Rat zur Förderung guoter, erbarer Policy und christenliches Lebens in gmeiner unser Stadt und Landschaft nicht nur zu Kirchgang, Ehegerichtsbarkeit und Feiertags-Heiligung ein Mandat, sondern auch "über den Besuch der Wirtshäuser, das Zutrinken, das Schuldenmachen, das Kartenspielen, die Gewichte, die Preise für Lebensmittel und die auswärtigen Krämer." Es soll unser und der unseren ärgerliches, zerbrochenes Leben bessern und ein fromms, erbars Wesen, ouch guot christenlich Sitten bi den unsern züchten. (Blickle(2), S.84)
Deutlich wird einmal der Einfluss der Reformation, aber auch die Bedeutung von Suff und anderem Amüsement im Alltag, die Schulden und Händel nach sich ziehen können.
Polizey ist "Verwaltung im engeren Sinne" (Gerteis), und zwar detailliert über die Wirtschaft, also Handel und Handwerk, aber auch über immer mehr Teile des Alltags der Untertanen.
Überall dort, wo die Obrigkeit in der Stadt das für wichtig hält wie im Bereich der Religion, kontrolliert sie das öffentliche Auftreten der Menschen.
Der Regensburger Leonart Widmann berichtet in seiner Chronik zum Jahr 1521, dass man am 8. Juli zwei Regensburger auf den Pranger gestellt hat, weil sie gesagt hätten, dass viele Pilgergaben bei Unserer Lieben Frauen ankommen, und niemand wisse, wo sie dann hinkommen. Der Rat sorgt dann dafür, dass ihnen beiden die Augen ausgestochen werden, weil das zu viel der Kritik bedeutet. (Boockmann in: Hartmann(Hrsg), S.21)
Kontrolliert wird öffentliche Darbietung von Luxus (Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen), insbesondere auch von Kleiderluxus, wobei die Kleiderordnungen des 16./17. Jahrhunderts vorrangig auch der ständischen Differenzierung dienen, aber auch den Niedergang der Sitten aufhalten wollen, wie er sich in Tendenzen hin zur Obszönität zeigt.
Die obrigkeitlichen Räte der Reichsstädte erlassen ihre eigenen Polizey-Ordnungen, während die Territorialstädte der sich modernisierenden Staaten sich dabei vor allem den Fürsten zu unterwerfen haben.
Stadtrecht
Die Tendenz, Recht zu sammeln und zusammen zu fassen nimmt zu. Zu Verfassung, Strafrecht und Polizeirecht kommt Privatrecht. Verfahren der Appelation und des Rechtszuges aus der Stadt heraus werden ausgebaut.
Systematisierung begünstigt die weitere Einführung von römischem Recht, welches sich durch gelehrte Juristen verbreitet, wie sie gerne auch von Fürsten eingesetzt werden.
Seit dem späten 15. Jahrhundert "Reformationen" von Stadtrecht:
1479 Nürnberger Reformation
1498/99 Wormser Reformation (auch zum Kriminalrecht)
1509 Frankfurter Reformation, 1578 überarbeitet
1520 Freiburger Gesetzeswerk des Rechtsprofessors und Stadtschreibers Ulrich Zäsius.
Wo nur Prozess- und Privatrecht "reformiert" werden, bleiben ansonsten traditionelle Inhalte bestehen. Aber Wissenschaftlichkeit soll wo möglich Allgemein-Gültigkeit herstellen. Muster dafür wird die 'Peinliche Gerichtsordnung' Karls V. (Carolina), die allerdings bisherige Härte nicht milderte.
"Die Einführung des römischen Rechtes erleichterte in den Reichsstädten die Absetzung der Obrigkeit von der Gemeinde, deren Zurückdrängung aus dem politischen Bereich in den Bereich des 'Privaten' " (Gerteis, S.102)
Finanzen
Grundsätzlich nehmen Städte direkte und indirekte Steuern ein, Gebühren und Einnahmen aus städtischem Besitz. Dazu kommen die aus Kapitalaufnahmen resultierenden Schulden.
Reichsstädte besitzen Finanzhoheit und müssen nur in immer wieder auftretenden Sonderfällen, vor allem Kriegen, Erhebliches für das Reich beitragen. Territorialstädte wiederum müssen für die Kriege ihrer Landesherren erhebliche Kontributionen leisten.
Da vorläufig direkte Steuern bewilligt werden müssen, konzentrieren sich die Landesherren auf die indirekten, und dabei vor allem auf Getreide, Vieh, Bier, Wein und Salz. Da sie am einfachsten auf Märkten erhoben werden, findet das in den Städten statt. In Preußen nutzen das Akzisekommissare für die Unterordnung der Städte. Zur Vereinfachung wird zudem der Getreidehandel manchmal auf wenige Städte konzentriert und es werden Monopole eingerichtet bzw. die Tabakregie.
Der gesamte städtische Aufsichtsbereich ist wiederum mit Gebühren versehen, wozu auch die Schaugelder gehören.
Die Einnahmen reichen zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert immer weniger für die Städte aus, weswegen die Schulden immer mehr zunehmen.
Die Ausgaben sind etwa zur Hälfte Personalkosten und ansonsten vorwiegend Sachkosten. (Straßen, Mauern).
***Florenz***
In Florenz werden im 14./15. Jahrhundert die relevanten politischen Institutionen, die Arti der Gewerbe und die Marcanzia entmachtet und die Macht geht an miteinander konkurrierende schwerreiche Kapitalisten, von denen insbesondere die Medici aus dem Hintergrund operieren. Indem Italien in das Machtspiel der Spanier, der französischen Krone und von Habsburg gerät, verlieren die Städte dann aber ihre politische Bedeutung an Fürsten, die ihre wirtschaftliche Stärke nun nutzen. Florenz wird Hauptstadt eines (Groß)Herzogtums, das von fürstlicher Verwaltung beherrscht wird.
Die Florentiner Wohlfahrtseinrichtungen mit Bankfunktionen sammeln seit dem späten 15. Jahrhundert hunderte von Depositen an, scheitern aber am Ende. Immerhin sind sie Ausdruck eines wachsenden Wohlstands einer "bürgerlichen" Mittelschicht und der relativ geringen Bedeutung der regulären lokalen Banken.
Die Monti di Pietà, quasi öffentliche Pfandbanken, die darüber hinausgehend im 15. Jahrhundert den Anlage- und Kreditbedarf einer Handwerkerschicht bis hin zu Lohnarbeitern decken sollen, werden kirchlich anerkannt, weil sie niedrige Zinsen verlangen. Der Florentiner Monte braucht aber noch lange im 16. Jahrhundert, bis er die jüdischen Pfandleihbanken an Anlagen und Krediten übertrifft. Für den 1. Januar 1582 sind dann aber über 88 000 Pfänder eingetragen, für die 280 000 Florin ausgeliehen sind. Basis dafür sind fast 3000 zinsbringende Depositen, die knapp eine Million Florin Kapital repräsentieren. Nicht wenige dieser Konten wirken wie Sparbücher zu 5% über längere Zeiten.
Mit den Spareinlagen entwickelt sich der Monte von einer Pfandleihbank in eine Sparer- und Kreditbank. Geld wird je nach Leihedauer mit bis zu 7% verzinst. Über 600 000 der knappem Million ausgeliehenen Geldes werden nun nicht mehr über Pfänder vermittelt, sondern sind längerfristige Kredite.
Als quasi öffentliche Banken sind die Monti mit dem Staat liiert. Arti, die Opera der Kathedrale, und ab 1590 das Hospital von Santa Maria Nuova müssen ihre Einlagen dort machen. Gelegentlich legt auch der Großherzog dort Geld an. 1620 hat dieser Monte ein Kapital von drei Millionen Dukaten zur Verfügung. Acht Direktoren und ein Personal von 42 Angestellten betreiben drei Zweigstellen.
Militär
Die Bedeutung der Bürgerwehren in den Territorialstädten nimmt in dem Maße ab, in dem fürstliche Soldtruppen in den Städten einquartiert werden, die aus bäuerlichen und anderen Unterschicht-Kreisen stammen. Bis ins 17. Jahrhundert findet oft aber noch ein begrenzter Kriegsdienst statt, von dem sich reiche Bürger freizukaufen beginnen.
Die Reichsstädte behalten ihre Wehrhoheit. Wohlhabende Bürger versuchen sich freizukaufen oder Ersatzleute zu schicken, was aber oft nicht gerne gesehen wird. Mitglieder können Gewehr oder Harnisch im Zeughaus einlagern. Die Ausbildung geschieht mehr schlecht als recht in Schützen-Gesellschaften. Exerzieren oder schnell das Gewehr laden ist nicht immer gegeben.
Gegliedert ist die Wehr nach Zünften oder Stadtteilen.
Amüsement
Alle "Polizei" kann das erhebliche Amüsierbedürfnis der meisten nicht verhindern. Auf Jahrmärkten treten nun in größerem Maße auch Schausteller auf, Seitänzer, Tierdressuren oder Zurschaustellung exotischer Tiere bis hin zu Elefanten.
Erwünscht und gefördert werden Schützenfeste, die spezielle Gesellschaften veranstalten und die höheren Kreise einbeziehen. Am Rande finden für die einfacheren Leute Tonnenstechen, Hahnsteigen und ähnliches statt, der Alkohol fließt und Glücksspiele finden statt.
Der Karneval verschwindet nach den Reformationen in den entsprechenden Städten und ist selbst in den katholischen gewissen Einschränkungen unterworfen.
Hausmusik findet häufig und meist als Gesang statt. In Collegia Musici der vornehmeren städtischen Kreise wird gesungen und Instrumentalmusik gepflegt.
Bei Hofe nehmen die Musikkapellen zu und werden größer. Es entstehen immer mehr zunft-ähnliche Singschulen, in denen nach festen Regeln Gesang prakiziert werden, das Meistersingen, für das vor allem Nürnberg berühmt wird.
Schon seit dem späten 14. Jahrhundert gibt es nicht nur Tanzsäle in Rathäusern, sondern auch separate für das Bürgertum. In Tanzhäusern wird oben von den Vornehmen und unten den Gemeinen getanzt, wobei sich die vornehmen Tänze immer mehr an die höfischen angleichen. Diese sind nun allerdings so kompliziert, dass man dafür Tanzlehrer engagieren muss.
In evangelischen Städten verschwinden die für katholische weiter üblichen Passions- und Fronleichnams-Spiele, während nun dort moralisierendes Schultheater aufgeführt wird. Seit dem 16. Jahrhundert ziehen englische Komödianten-Gruppen durch Europa, dazu kommen dann auch andere Wandertheater.
Zunehmend werden besonders sonntägliche Spaziergänge in der Umgebung der Städte beliebt. Erste Wälder werden mit Bänken und Tischen ausgestattet.
Reformation und Kapitalismus
In unserem Text soll Kapitalismus jenes Wirtschaften heißen, in welchem sich Gewinnstreben (aus Kapital) verselbständigt, zum Wert an sich wird und auf diesem Wege auf alle Gruppen der Bevölkerung von arm bis reich immer stärkeren Einfluss ausübt. So etwas beginnt im 11./12. Jahrhundert in Teilen des lateinischen Abendlandes und hat dieses im 14./15. Jahrhundert voll erfasst. Dass dann zugleich eine schon vorhandene Tendenz stärker wird, ob nun in Augsburg oder in Venedig, spätestens nach ein, zwei Generationen das Errungene in aristokratische Lebensweise umzuformen, widerspricht dem nicht, da solche Familien dann durch andere, aufsteigende ersetzt werden.
Wenn, wie üblich gemeint, Kapitalismus erst mit dem 18./19. angesetzt werden soll, wird angenommen, dass er erst mit dem Fabriksystem eines Industrie-Zeitalters beginnt, was ich hier für unvorteilhaft halte, um ihn zur Gänze verstehen zu können. Wenn Max Weber in seinem 'Die protestantische Ethik und der >Geist< des Kapitalismus' ihn erst mit den Reformationen des 16.-18. Jahrhunderts entstehen lässt, verengt er einerseits etwas den Blickwinkel und schiebt ihn zugleich auf den Kapitalismus in etwa seiner Zeit.
Wenn bei ihm "die rational-kapitalistische Organisation von (formell) freier Arbeit" in verallgemeinerter Form zu einer Grundbedingung von Kapitalismus wird, nimmt er diesen nur als ein bestimmtes System davon wahr, welches sich aber erst aus den Formen eines früheren Kapitalismus entwickelt. Dasselbe gilt für seine Forderung, dass "Haushalt und Betrieb" getrennt sein müssen, etwas, was sich im Verlauf des mittelalterlichen Kapitalismus langsam und fließend herausbildet, um erst im modernen Staatsbürger mehr oder weniger vollendet zu werden.
Dennoch ist festzuhalten, dass es Interdependenzen zwischen protestantischen Reformationen und weiter aufstrebendem Kapitalismus gibt. So ist ihm im wesentlichen zuzustimmen, wenn er schreibt: "Die innerweltliche protestantische Askese (...) wirkt also mit voller Wucht gegen den unbefangenen Genuss des Besitzes, sie schnürt die Konsumtion, speziell die Luxuskonsumtion, ein. Dagegen entlastet sie im Effekt den Gütererwerb von den Hemmungen der traditionalistischen Ethik, sie sprengt die Fesseln des Erwerbsstrebens, indem sie es nicht nur legalisiert, sondern (...) direkt als gottgewollt ansieht." (S.218)
Dabei geht es ihm vor allem um die sich aus dem Calvinismus herleitenden Protestanten wie es die Puritaner sind: "Die religiöse Wertung der rastlosen, stetigen, systematischen, weltlichen Berufsarbeit als schlechthin höchsten asketischen Mittels und zugleich sicherster und sichtbarster Bewährung des wiedergeborenen Menschen und seiner Glaubensechtheit musste ja der denkbar mächtigste Hebel der Expansion jener Lebensauffassung sein, die wir hier als >Geist< des Kapitalismus bezeichnet haben." (...)
Dabei ist immer zu bedenken, dass der religiöse Aspekt immer auch mit dem Wirtschaften und überhaupt den allgemeinen Lebensverhältnissen als Voraussetzung verbunden ist.
Martin Luther schreibt 1520 in 'An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung':
Hie must man werlich auch den Fuckern und dergleychen geselschafften ein zawm ynsz maul legen. Wie ists muglich, das solt gotlich unnd recht zugehen, das bey eynis menschen leben solt auff einen hauffenn szo grosse kuniglich gutter bracht werdenn? Ich weysz die rechnung nit. Aber das verstehe ich nit, wie man mit hundert gulden mag des jarisz erwerben zwnzig, ja ein guld den andern, und das allis nit ausz der erden odder von dem fihe, da das gut nit in menschlicher witz, szondern in gottis gebenedeyung stehet. Ich befilh das den weltvorstendigen. Ich als ein Theologus hab nit mehr dran zustraffen, den das bosze, ergerlich ansehen, davon sanct Paulus sagt > Huttet euch fur allen boszen ansehen odder scheyn< Das weysz ich wol, das viel gottlicher weere cker werck mehren und kauffmanschafft myndern, und die viel besser thun, die der schrifft nach die erden erbeytten und yhr narung drausz suchen. (WA I,6)
Das ist römische Theologie seit spätestens dem 10. Jahrhundert: Wirtschaften soll den Menschen ernähren, ohne ihm darüber hinaus Gewinn einzubringen. Die verschiedenen Reformationsansätze entwickeln sich fast alle in größeren Städten mit viel Gewerbe bzw. Handel und haben im wesentlichen studierte Leute als Anführer. Deren Interesse ist aber wesentlich theologisch motiviert.
Ergebnis der lutherischen Reformation ist dort, wo sie siegt: "Die Magistratsoligarchie, die Fürstenmonarchie und die Väter ersetzten die geistliche Altelite." (Rublack in: Postel/Kopitzsch, S.227)
Auf jeden Fall sind hochkapitalistische Städte nicht immer Nutznießer der Reformation, wie Nürnberg beweist, welches laut Reichsmatrikel von 1521 noch eine der reichsten Städte Mitteleuropas ist. Nachdem der Rat 1525 diese einführt, gerät die Stadt in Distanz zum spanisch-katholischen Kaiser und damit auch stärker ins machtpolitische und wirtschaftliche Abseits. Aber dabei geht es mehr um Machtpolitik als um Religion.
Generell kann man wohl sagen, dass die Zweckrationalität des Kapitalismus im protestantischen 16. Jahrhundert deuttlich stärker auf die allgemeine Lebenswirklichkeit durchschlägt als im katholisch bleibenden Raum. Feste werden stärker reglementiert und die Fastnachterei wird immer mehr zurückgedrängt und dann partiell abgeschafft. Unmittelbar nach Einführung der Reformation werden in Nürnberg fast alle arbeitsfreien (Fest)Tage abgeschafft, da sie Fuellerey, Zorn, Unkeusch,Eebruch, Hadder, Verwundung, Todtschlag, Unfried und andere offentliche suendtliche Laster fördern (in: Fleischmann, S.118)
Nachdem die Reformationen sich über große Teile Europas ausgebreitet haben, werden sie teilweise von Königen und Fürsten unterdrückt, was zu Fluchtbewegungen in übrigbleibende protestantische Gebiete führt, an denen vor allem Gewerbetreibende beteiligt sind. Französische, italienische und flämische Flüchtlinge finden in Schweizerischen Städten wie besonders Genf, aber auch Zürich und anderswo als Kaufleute und Unternehmer Aufnahme, wo sie immer kapitalkräftigere Textilfirmen errichten, die schon mal bis zu tausend Spinnerinnen beschäftigen sollen (Schulz, S.230).
Eine weitere Welle vornehmlich von Handwerkern flieht nach England und den norddeutschen Landen und führt dort eine "marktorientierte unternehmerische Wirtschaftsgesinnung" ein (Schulz, S.232), was neben den konfessionellen Unterschieden zwischen den Protestanten zu Konflikten führt.
Stadt und Reformation
Die Reformationen seit Wiclif und Hus sind als städtische Phänomene literater Eliten im Kern Erneuerung von Rechtfertigungs-Strategien politischer Macht als Flankierung wirtschaftlicher Gruppen. Zunächst sind städtische Magistrate eher abwartend bis skeptisch, wie sich Reformation auf ihren Machterhalt auswirkt, insbesondere gegenüber autonomeren Gemeindeordnungen. Dort, wo das dann zur Massenbewegung wird, schwenken sie um und stellen sich an die Spitze, wie in Nürnberg, Memmingen oder Konstanz, um so die Kontrolle über die weitere Entwicklung zu gewinnen, eine Art Kirchenregiment der Räte (Gerteis). Insbesondere in Nürnberg kann der patrizische Rat dadurch seine Macht behalten. Auch andernorts in süddeutschen Reichsstädten veranlassen Räte schließlich Abstimmungen der Bürger, die fast überall gut für die evangelische Seite ausgehen. 1524 spielen Reichs-Städte dann eine wichtige Rolle, als sie gegen die Durchführung des Wormser Ediktes protestieren, und dann wieder 1529 bei der Speyrer Protestation.
Von 65 freien und Reichsstädten Anfang des 16. Jahrhunderts wenden sich im Laufe der Zeit 51 der Reformation zu. Von den großen Reichsstädten bleibt nur Köln, von einer kurzen Etappe abgesehen, auf Dauer katholisch.
Der Boden für deutsche Reformation liegt zunächst in den Städten und dort je nach Stadt bei unterschiedlichen Gruppen. Diese sind mit der um ihre Macht besorgten Obrigkeit und der konfessionellen Orientierung von Fürsten konfrontiert sowie mit dem in der römischen Religion verharrenden Kaiser und seinem Statthalter über die übrig gebliebenen deutschen Kernlande.
"In dem Maße, in dem Fürsten und Territorialstaaten erstarkten, gab das ius reformandi ihnen das reichsrechtlich geschliffene Instrument in die Hand, die Städte im Zuge der Konfessionalisierung ihrer Hoheit zu unterwerfen." (Schilling/Ehrenpreis, S.72)
Die Ausweitung städtischer Aufgaben nimmt zu. "Wichtige Impulse setzten dabei Reformation und Konfessionalisierung, insofern sie mit Schule, Erziehung, Ehe und Familie sowie Sozial- und Altenfürsorge wichtige, bislang zumindest teilweise in kirchlicher Kompetenz liegende Bereiche an die Magistrate überführten und durch Säkularisation des Kirchengutes deren Finanzhoheit ausweiteten." (Schilling/Ehrenpreis, S.76) Damit, mit der guten Policey, nimmt dann auch die Zahl städtischer Bediensteter zu.
Bei den Territorialstädten wird aber das, was in den Reichsstädten durch die Reformation in die Hände der Räte gerät, in die der Fürsten gebracht.
***Reformationen im Hanseraum***
Im Hanseraum neigen die Ämter (Zünfte) eher der lutherischen Reformation zu und die Patrizier, die ihre Macht bedroht sehen, wenden sich zunächst gegen sie, da sie ihre Macht bedroht sehen, lenken dann aber ein.
Die hochdeutsch und lateinisch verfassten Texte der Reformation erreichen zunächst nur wenige belesene Kreise des nördlichen Bürgertums. Es sind darum vor allem Theologen, welche sie über Predigten verbreiten. In einem zweiten Schritt werden Texte dann bis nach England und Skandinavien von Hanse-Kaufleuten verbreitet.
Der pommersche Lehrer Bugenhagen hört von Luther und zieht darauf nach Wittenberg, wo ihn Luther 1525 als Stadtpfarrer empfiehlt. 1528 geht er nach Braunschweg, dann nach Hamburg und schließlich nach Lübeck, wo er überall eine protestantische Gemeindeordnung begründet.
Im Januar beschließt ein Hansetag in Lübeck Maßnahmen gegen die Reformierer, die aber nur in Hamburg, Lüneburg und Rostock vorläufigen Erfolg haben.
Noch 1525 beschließt ein weiterer Hansetag in derselben Stadt, dass die Städte befugt seien, ihre religiösen Angelegenheiten selbst zu regeln. In Preußen wird im selben Jahr schon der Ordensstaat säkularisiert. In Lübeck versuchen Gewerbetreibende, die Reformation mit politischer Partizipation zu verbinden, vertreiben die Katholischen im Rat, bis Bugenhagen dann dort mit seiner Kirchenordnung die Verhältnisse stabilisierte. 1528 wird in Hamburg nach einer öffentlichen Disputation die Reformation von der Obrigkeit durchgesetzt und 1529 durch die Kirchenordnung Bugenhagens stabilisiert.
In Livland holt man bewusst lutherische Prediger ins Land, die eine obrigkeits-orientierte Reformation betreiben.
In Danzig versucht der polnische König die römische Religion gewaltsam durchzusetzen, gibt aber 1557 gegen die Zahlung von 100 000 Gulden nach. In Köln und Westfalen wird die Reformation relativ bald unterdrückt, während sie sich in den wendischen Städten durchsetzen kann.
Texte der Reformation führen in Litauen zum ersten gedruckten Buch in litauischer Sprache und ebenso in der finnischen.
Bremen
Die Stadt verliert 1551 zeitweilig das Stapelrecht, was sie in ihrer Entwicklung zurück wirft.
Bremen geht von der lutherischen zur calvinistischen Variante über, schließt 1561 den lutherischen Dom und öffnet ihn erst 1638 als einzige lutherische Kirche wieder.
Lübeck
Die Stadt hat um 1500 etwa 24 000 Einwohner und hundert Jahre später rund eintausend weniger.
Zunächst vertreibt der Rat zwei lutherische Prediger und belegt die Verbreitung ihrer Lehren dann mit Strafen. Als man 1528 Geld für einen Krieg gegen Dänemark braucht, wird ein 64er-Ausschuss geduldet, der über die Finanzen wachen soll und sich unter der Führung des Kaufmanns Jürgen Wullenweber für die Reformation einsetzt. 1530 zwingen sie den Rat, die beiden Prediger wieder in die Stadt zu lassen, und bald darauf muss er der Reformierung der Kirche zustimmen, was den Vorteil neuer finanzieller Ressourcen hat: Man säkularisiert die Klöster. "Der Ausschuss ließ aus den Kirchen den gesamten Gold- und Silberschmuck entfernen - 96 Zentner - der bald darauf zur Finanzierung der Kriege beitragen sollte. (...) Künftig sollte die Stadt gemeinsam durch den Rat, den Vierundsechzigerausschuss und eine Versammlung , die aus 100 durch die Kirchspiele gewählten Mitgliedern bestand, regiert werden." (Dollinger, S.424f)
1531 lehnt sich der Rat gegen die Neuerungen auf. Zwei altgläubige Bürgermeister und viele Ratsmitglieder verlassen die Stadt und beschweren sich beim Kaiser. Der Rat wird nun durch bisher nicht politisch beteiligte Kapitaleigner aus Bürger-Ausschüssen aufgefüllt (Kaufleute, Rentner und Gewandschneider). 1533 wird Wullenweber Bürgermeister.
Es geht nun gegen holländische Schiffe in der Ostsee. Er will den Sturz des dänischem Königs Christian II. durch Friedrich I. dazu nutzen, Macht in Dänemark und die Kontrolle über den Sund zu gewinnen. Nur Rostock und Wismar beteiligen sich an dem Krieg, der wesentlich im Kapern holländischer Schiffe besteht. Nach dem Tod Friedrichs wendet sich der Sohn Christians, Herzog von Holstein und Schleswig, an Karl V., während Lübeck versucht, die Gunst von Henry VIII. zu erringen und dabei die von Gustav Wasa verliert. Darauf unterstützt Wullenweber den immer noch gefangenen (und katholischen) Christian II.
Inzwischen ruft der altgläubige dänische Adel Christian III, zum König aus, der erfolgreich gegen Lübeck vorgeht, welches inzwischen die protestantischen Fürstentümer gegen sich hat. Wullenwebers Stellung in Lübeck wird schwächer und dann wird er 1535 gestürzt und der alte Rat wieder eingesetzt. Die Reformation bleibt allerdings. Der Erzbischof von Bremen lässt ihn gefangen nehmen und liefert ihn an den Herzog von Braunschweig aus. Er wird gefoltert und nach falschen Geständnissen hingerichtet.
„Im Lübecker Konkordat von 1535 erkennen die Bürger den Rat als die ihnen von Gott gesetzte Obrigkeit an und nennen sich seine gehorsamen Bürger und Untertanen.“ (Ehbrecht, S.64)
Lübeck schließt mit Christian III. Frieden. Karl V. erreicht für Holland die freie Durchfahrt durch den Sund. 1547 besiegt er in der Schlacht bei Mühlberg die Truppen des Schmalkaldischen Bundes.
Bis ins 17. Jahrhundert laufen üner Lübeck Lieferungen von baltischem Getreide und Rohstoffen für den Schiffsbau, die immer stärker nachgefragt werden.
Im Verlauf des 16. Jahrhunderts verdreifacht sich die Zahl der Schiffe fast, die im Hafen verkehren, und das sind immer noch deutlich mehr als in Hamburg.Vor allem der Verkehr mit Danzig bleibt auf hohem Niveau. 1575 wird eine Spanienfahrer-Kompanie gegründet, die schwedisches und ungarisches Kupfer sowie norwegisches Holz dorthin verfrachten.
Andererseits steigt die Bevölkerungszahl im 16. Jahrhundert nicht mehr an.
Laut Dollinger sinken die Lübecker Kaufleute immer mehr zu Kommissionären anderer Firmen ab und die Stadt wird zum Ostsee-"Vorhafen" für Hamburg. (S.477) Die Stadt wird von Danzig abgelöst, der inzwischen größten Stadt an der Ostsee und dem wichtigsten Ostseehafen. Dabei wird das wichtigste Exportgut das polnische Getreide.
"1534 berichtete der kaiserliche Diplomat Maximilian Transsilvan, dass die Holländer alle Jahre ein- oder zweimal nach Danzig kommen mit zwei- oder dreihundert großen Schiffen, um das ganze Getreide (...) zu kaufen (...), denn alle großen Herren in Polen und in Preußen haben seit 25 Jahren Mittel gefunden, über gewisse Flüsse all ihr Getreide nach Danzig zu schicken (...) Und deshalb sind das Königreich Polen und die genannten Herren sehr reich geworden (...) Denn vor dieser Zeit wussten sie nicht, was sie mit ihrem Getreide machen sollten." (Kümper, S.345)
Hamburg
Neben Amsterdam tritt Hamburg das Erbe Antwerpens an (Dollinger). Im 16. Jahrhundert bauen sie den Handel mit England und dem Nordatlantik aus. Reiche niederländische Emigranten ergänzen das heimische Kapital.
Noch um 1500 hat die Stadt kaum 15 000 Einwohner, um 1600 dann 40 000, zu Anfang des Dreißigjährigen Krieges dann knapp 50 000 und am Ende 75 000. Hamburg wird größte deutsche Stadt neben Wien. Es ist überwiegend offen für Einwanderung religiös Verfolgter
Es erweitert seinen Handelsraum auf den deutschen Elberaum bis hin zur Oder im Binnenland. 1568/69 wird der englische Tuchstapel der Merchant Adventurers von Antwerpen hierhin verlegt.
1558 erhält es eine Börse, die schnell bedeutend wird. 16198wird eine Depositen- und Girobank in städtischer Hand gegründet.
Die Stadt fördert ausländisches Kapital.Sie "durften frei untereinander Handel betreiben und mit Hamburger Kaufleuten zusammen Firmen gründen. (...) Ein 1590 aus Brasilien einlaufendes Schiff gehörte drei Hamburgern, zwei Holländern und einem Portugiesen gemeinsam." (Dollinger, S.469) Die Merchant Advenurers erhalten Privilegien. Portugiesen und Italiener aus den Niederlanden oder Köln, wiewohl Katholiken, fördern den iberischen Handel. Süddeutsche Kaufleute betreiben Kupferhandel. "Von den 42 Firmen, die 1619 Einlagen von mehr als 100 000 Mark besaßen, waren 32 niederländische, zwei oberdeutsche, zwei portugiesische und sechs hamburgische." (Dollinger, S.470f) Historiker loben üblicherweise als Weltoffenheit, dass großes Kapital kein Vaterland kennt, sondern nur Gewinnerwartungen.
Um 1600 fahren Hamburger Handelsschiffe durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer und führen nun regelmäßigen Handel mit italienischen und marokkanischen Küstenstädten.
Wichtigste einzelne Ware im Hamburger Hafen ist inzwischen Getreide, - in Konkurrenz zu Danzig.
Danzig
Aufstieg durch Expansion des Getreide- und Holzhandels im Weichselraum. Um 1600 ist die Stadt auf etwa 50 000 Einwohner angestiegen, bsi 1650 auf 70 000.
Soest
Anfang des 16. Jahrhunderts taucht die "Gemeinheit" in etwa als Zusammenfassung aller Bürger auf, die nicht in Zünften organisiert sind. Darunter sind dann Tagelöhner und Gesinde. Ganz oben sind z.B. die Salzbeerbten, die spätestens 1517 die Gesellschaft vom Stern bilden, die einen Platz im Rat beanspruchen und in der Regel die Bürgermeister stellen.
Seit etwa 1525 treffen sich "Eidgesellen" (eetgesellen) im Haus des Johann von Arnsberg. 1530 wird einem Laienprediger die Predigt verboten, und er wird durch den Rat vorübergehend gefangen gesetzt. Deutsche Lieder werden in einer Kirche gesungen. Luthers Einfluss fehlt noch, es ist eine allgemeine religiöse Erneuerungsbewegung. ((Ehbrecht, S.347)
1531 behauptet der Rat, Johann von Kleve habe von Obrigkeit über die Stadt geschrieben. Wer sich dagegen wendet, solle bestraft werden. Drei Schützen-Bruderschaften beginnen mit Widerstand und gründen eine neue, und protestantisches Gedankengut verbreitet sich. Die Bürgergemeinde verlangt nun das Verlesen der Schrae, des Rechtsbuches der Stadt, was im Oktober geschieht. Es wird auf Druck der Gemeinde mit (nicht religiösen) Zusätzen versehen.
Die Reformation gewinnt an Einfluss. Der zur Reformation neigende Dominikaner Borchwede schlägt am 20. November 22 Thesen an die Stiftskirche St.Patrokli an. Van Kampen und andere Prediger kommen nach Soest.
Van Kampen wird verhaftet und das führt sofort zu einer Versammlung des "gemeinen Volkes". Das Stadt-Weinhaus wird besetzt. Die zwei Bürgermeister Greve und Gropper werden eingesperrt. Man zieht in die Dom-Immunität, und die Häuser der Geistlichen werden geplündert. Die Stadtbezirke (hoven) setzen einen 24er-Ausschuss ein. Es wird Straffreiheit und Übernahme der Reformation gefordert. Die beiden Bürgermeister stimmen zu und werden befreit und wieder eingesetzt.
Ein Gerd Oemeken aus Lippstadt soll 1532 eine städtische Kirchenordnung ausarbeiten, was gegen die Interessen des Kleveschen Herren ist, der eine Landeskirche aufbauen möchte. Anfang 1533 wird ein Achter-Ausschuss soll die Klöster visitieren. (zwei Räte, zwei Zwölfer und vier von Ämtern und Gemeinheit). Oemeken setzt auf den Rat als overicheit und wendet sich gegen Borchwede und Kampen. Die Kleveschen Landstände wenden sich gegen die Reformen in der Stadt. Die Prädikanten sind untereinander uneinig.
Im März kommt es zu Konflikten zwischen Oemeken und dem Gropper-Flügel des Rates und zu Volks-Aufläufen. Im April verlässt Oemeken die Stadt für den Druck der Kirchenordnung in Lübeck.
Im Mai/Juni interveniert der von Johann von Sachsen damit beauftragte Luther bei der Stadt für seine Reformation und gegen die Aufrührer unter den Reformatoren.
Anfang 1533 muss Kampen die Stadt verlassen. Im März Auflauf, die Hoven wählen einen 24er Ausschuss. Dem Rat werden von Brune 22 reformatorische Artikel gebracht. Die Kirchenaufsicht soll vom Rat auf einen Superintendenten übergehen. Die sechs Hoven bringen eigene Artikel ein.
Im April neue Unruhen, worauf deren Anstifter hingerichtet werden sollen. Sie werden als lutherische Märtyrer des Glaubens bezeichnet. 16 Herren der Ratspartei verlassen die Stadt.
Im Juli 1534 erklärt sich ein neuer Rat für die Reformation und gegen die Position des Landesherrn von Kleve.
1538 unterschreibt Soest die Schmalkaldener Erklärung.
Lemgo
Lemgo mit seinen etwa 4000 Einwohnern gehört zur Grafschaft Lippe. Um 1525
ziehen Gruppen Lemgoer Bürger zum evangelischen Gottesdienst nach Herford. Bald kommt es zum Bruch mit der alten Kirche. Das Fasten wird nicht mehr eingehalten. Während lateinischer Messen werden deutsche Gesänge angestimmt. Ein Bürger-Ausschuss der Vierundzwanzig wird gebildet und eine öffentliche Disputation findet statt, in der die Protestanten siegen. Trotz des altgläubigen Landesherrn nimmt der Druck zu und 1531 verlassen die katholischen den Rat und werden durch evangelische ersetzt. 1533 wird eine neue Kirchenordnung verabschiedet. Die Grafschaft wird erst später evangelisch.
Osnabrück
Schon im späteren 15. Jahrhundert gibt es kirchenkritische bis antiklerikale Positionen in der Stadt. Wohl am 29. Mai 1525 stürmen Gruppen der Bürgergemeinde, darunter die Schützen unter Johann Oberg, das Gerichtshaus auf dem Domhof und vertreiben die Notare. Unter anderem dabei sind der Gograf Otto Spiker und Johann Ertmann. In den folgenden Tage werden Klerikerhäuser geplündert usw. Es geht gegen die Privilegien der Geistlichkeit. Auf einer Versammlung wird ein "gemeiner Rat" gebildet.
Am 1. Juni verhandelt der Bischof mit Domkapitel und Rat, aber nicht mit dem gemeinen Rat als Bürgerausschuss. Als die Leute damit unzufrieden sind, holen sie die Webstühle aus den Beginenhäusern und bringen sie aufs Rathaus
Am 4. Juni scheren die Schützen aus der Protestbewegung aus. Am 14. Juni wird eine Sammlung von gesammelten Beschwerdeartikeln dem Rat übergeben. U.a. Verbot des Handels geistlicher Einrichtungen,Verbot der Aufnahme dort von Gesellen, die gegen die Ämter verstoßen haben, geistliche Straftäter sollen wie weltliche bestraft werden, Bettelverbot für Mönche, Kennzeichnung der Pfaffenfrauen an den Mänteln, Brau- und Zapfrecht allein für Bürger.
Sie ähneln solchen in Münster, Köln und anderswo in dieser Zeit.
Am 6. August kommt es zum Vertrag des Bischofs mit der Stadt.
Münster
In Münster kontrolliert seit dem 13. Jahrhundert ein Rat aus von den Vollbürgern gewählten Erbmännern die Stadt, der innerhalb und außerhalb von ihr Land besitzt und Renten kassiert. Daneben existieren seit derselben Zeit 17 Zünfte der Handwerker und Kaufleute mit je zwei Gildemeistern an der Spitze, die sich 1410 zu einer Gesamtgilde zusammenschließen und über sich zwei Overluden haben.
Nach und nach gelangen führende Personen dieser Gilden in den Rat, während die Erbmänner sich mit dem Landadel versippen und nach einem ländlichen "Ritter"dasein streben. Die meisten der inzwischen etwa 9000 Einwohner stehen aber als Gemeinheit (Gemeinde) außerhalb des Gefüges von Rat und Gilden, da sie entweder nur Bruderschaften angehören oder überhaupt nicht organisiert sind. Das gilt für Zimmerleute, Tuchscherer, Weber wie für Färber, Apotheker und Weinhändler und andere.
Neben diesem Konfliktpotential steht das von Kirche und Klöstern und auf der anderen Seite der Laienwelt. Die Kirche ist weiter großer Grundbesitzer und die Klöster sind darüber hinaus teilweise gewerbliche Konkurrenz, tragen aber nichts zum Steueraufkommen der Stadt bei. 1525 formiert sich eine Handwerkermenge gegen diese Privilegien, stürmt ein Nonnenkloster und verlangt die Auslieferung der klösterlichen Webstühle und Werkzeuge. Der Gesamtverband der Gilden schließt sich an und fordert "die Besteuerung des Klerus, die Aufhebung der geistlichen Gerichtsbarkeit, das Verbot der Klosterarbeit, Aufhebung des Kirchenbanns, Mitsprache bei der Bestellung von Kaplänen und die Einhaltung des Zölibats." (Schneider-Ferber, S.211)
Nachdem der Bauernaufstand niedergeschlagen ist, nimmt der Bischof die erzwungenen Zugeständnisse 1526 wieder zurück.
1531 finanzieren Kaufleute eine Reise Bernhard Rothmanns in Zentren der Revormation, nach Marburg, Wittenberg und Straßburg. Danach predigt er am Mauritzstift lutherischen Protestantismus. Als der Bischof ihm das Predigen untersagt, tritt die Gesamtgilde unter der zunehmenden Führerschaft des reichen Tuchhändlers Knipperdolling für ihn beim Rat ein. Knipperdolling war schon länger Gegner des Bischofs. Im Febraur 1532 gelingt es der Opposition, die Lambertikirche zu stürmen und dort Rothmann als Prediger einzusetzen. Nun werden katholische Prediger auch aus anderen Pfarrkirchen vertrieben. Die Gilden bilden einen 70-köpfigen Ausschuss, der die Reformation vorantreibt.
1533 nehmen städtische Truppen in Telgte Domherren, Patrizier und probischöfliche Räte gefangen. 1533 wird im Vertrag von Dülmen eine Teilung der Stadt in katholische Domkirche und protestantische Pfarrkirchen etabliert. Bei den bald folgenden Ratswahlen sind noch ein Erbmann und sechs alte Geschlechter vertreten, dafür aber 17 Vertreter der Gilden.
Inzwischen war das Täufertum aus Südwestdeutschland bis nach Münster gelangt und hat Rothmann beeinflusst: Pfarrerwahl durch die Gemeinde, Ablehnung von Kriegsdienst und des Eides sowie die Ablehnung der Kindertaufe. Dazu kommen Endzeitgedanken von der Nähe des Jüngsten Gerichtes.
Jetzt wendet sich der protestantische Rat ebenfalls gegen Rothmann, dessen Täufertum durch Flüchtlinge aus anderen Städten verstärkt wird, zu denen Jan Bockelson aus Leiden stammt, der sich mit Knipperdolling anfreundet. Viele Münsteraner Erwachsene lassen sich heimlich taufen.
Knipperdolling und Bockelson ziehen predigend durch die Straßen und wenden sich gegen Reichtum und Besitz. Die Reichen legten all ihr Geld zu den Füßen Rothmanns nieder, zerrissen und verbrannten alle Schuldverschreibungen, die sie besaßen, und erließen ihren Schuldnern ihre ganze Schuld, erinnert sich Kerrsenbroich in seiner 'Narratio historica Anabaptistici furoris Monasterium' (Schneider-Ferber, S.222), auch wenn dann sicher nicht alle tun.
Januar 1534 verkündet der Rat Glaubensfreiheit. Als das Gerücht umgeht, der Bischof marschiere gegen die Stadt, fliehen die einen und die anderen bekehren sich zu den Täufern. Ein neuer Rat erhält eine klare Mehrheit für die Wiedertäufer. Nun kommt auch Jan Matthys aus Haarlem und zuletzt aus Straßburg hinzu und die Stimmung radikalisiert sich. In einem Bildersturm werden Dom und Kirchen vom alten Kirchenschmuck "gesäubert" und dann auch von individuellen Plünderern verkauft. Etwa 2000 Menschen, die sich nicht erneut taufen lassen wollen, werden aus der Stadt vertrieben. Etwa ebenso viele sind inzwischen eingewandert. Das Stadtarchiv wird zerstört und Bücher werden verbrannt.
Um die Stadt in der Belagerung zu ernähren, wird Gütergemeinschaft und Naturaltausch eingeführt. Nach dem Tod von Jan Mathys setzt Jan Bockelson ("van Leyden") einen Rat der Zwölf Ältesten mit 50% eingewanderten radikalen Täufern ein. Ein alttestamentarischer Fundamentalismus führt bis zu einer patriarchalischen Polygamie. Ein Aufstand von rund 200 Bürgern gegen die Täuferdiktatur wird brutal niedergeschlagen.
Schließlich gelingt es Jan Bockelson, sich zum König (von Zion) mit großem Hofstaat und 16 Frauen ausrufen zu lassen, während die Massen nun hungern. Nach sechzehn Monaten Belagerung gelingt es einem Söldnerheer, die Stadt einzunehmen. Wehrfähige Männer werden erschlagen, die Führungsfiguren der Täufer werden gefangen genommen, mit glühenden Eisenzangen gefoltert, getötet und dann in Eisenkäfigen oben an der Lambertikirche aufgehängt.
Der Bischof vertreibt den Protestantismus und verbietet die Gilden. Erst 1353 wird die Dreiheit aus Rat, Ämtern (Gilden) und Gemeinde wieder hergestellt. 1555 erlaubt der Augsburger Religionsfriede dann das Nebeneinander von Katholiken und Protestanten.
Köln
Um 1500 ist Köln mit wohl maximal 40 000 Einwohner noch die bevölkerungsreichste Stadt Deutschlands, ist aber an wirtschaftlicher Dynamik bereits Nürnberg unterlegen.
Die Stadt hat sich längst unter die sogenannten freien Städte eingereiht, auch wenn die Erzbischöfe immer noch von Akzisen, Zöllen und einigen anderen Abgaben profitieren. "Bürgerfreiheit" gilt als hoher Wert, auch wenn die Vorstellungen davon oft wohl eher vage sind.Es kommt zu Beschwerden gegen den Rat und einer Rechnungsprüfung. Einige führende Politiker werden hingerichtet und ein neuer Rat gewählt. Bürger dürfen sich nun bei der Gaffel über Ratsentscheidungen beschweren und die Gaffel beauftragen, eine Delegation zum Rat zu schicken. Cliquenbildung in der Ratselite (Krenzgen) oder ähnliches soll verboten sein. Derartige Forderungen werden dann auch in Zukunft immer wieder erhoben.
1513 wird zudem im Transfix-Brief entsprechend gefordert:
(..) dat man unser Stede Statuten mit Rhade der Rechtzgelehrten, so balde dat muglichen ist, sall Ordentlichen setzen und drucken lassen. So dat ein jeder Rathsman und Bürger sich darnach halten und wissenheit haven mugen, wie he seinen Mitbürger und Bürgische verabdingen und bei Bürgerfreyheyt hadthaben und halten muge. (in Schreiner/Meier, S.109)
Tatsächlich wird das erst fünfzig Jahre später auf private Initiative geschehen.
Die städtische Obrigkeit, wie sie sich selbst sieht, tritt fast fürstlich gegenüber den Untertanen auf. Längst ist es üblich geworden, nach zwei Jahren Pause dieselben hohen Herren wieder in den Rat zu wählen, der nun aus 147 Ratsherren besteht. Der Rat selbst nimmt sich heraus, gewählte Leute dennoch als untauglich vom Rat auszuschließen. Mit der Konfessionalisierung der Religion wird als Argument zur Ablehnung gewählter Kandidaten ihre Nähe zur protestantischen Seite herangezogen. Ab etwa 1568 setzt sich die Tendenz langsam durch, auch eingesessenen Protestanten das Bürgerrecht zu entziehen, was 1614 dann Standard wird.
Aktives und passives Wahlrecht werden seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts immer mehr eingeschränkt. Für die Ratswahl in der Gaffel setzt sich schon im 15. Jahrhundert eine Vorauswahl durch die meistere ind frunde von allen ampten durch. Für 1464 begründet es der Rat damit, dae vyl personen sijnd, in dem besten um vredens willen, uneyndracht tusschen der geselschaft zo verhoeden. (in: Schreiner/ Meier, S.215) Schon 1481 geht von den Gürtelmachern, Schuhmachern und Fischmengern deswegen erhebliche Unruhe aus, weil etliche gaffelengeyne vreije kueren haven.
Aber diese Forderungen nach freier Wahl werden bis ins 18. Jahrhundert nicht erfüllt werden.
1544 wird den Jesuiten als Orden der Aufenthalt in Köln untersagt, aber als Einzelpersonen gewinnen sie immer mehr Einfluss, insbesondere auch auf die Universität. Gegen Ende des Jahrhunderts sind sie so stark, dass sie vom Rat akzeptiert werden. Dennoch gibt es eine Menge Protestanten in der Stadt. Werden sie vertrieben, ziehen sie nach Mülheim.
Mit Erzbischof Salentin von Isenburg nehmen dann ab 1567 die Versuche zu, gegen die Stadt mehr Landesfürstentum durchzusetzen.
1570 möchte der Erzbischof ein neues Gefängnis bauen und beruft sich dabei auf seine Hochgerichtsbarkeit. Der Rat setzt dagegen die nun schon lange bestehende Selbstherrschaft der Stadt.
1583 übernehmen Wittelsbacher das Erzbistum und verstärken ihre Angriffe auf die städtische Autonomie.
Inzwischen ist laut Hermann von Weinsberg (1588) die Macht der offiziellen Obrigkeit, des Rates, nit so grois, denn die Bürgermeister (Sechsherren) werden nach drei Jahren regelmäßig wieder gewählt, so dass das Amt sich bald auf wenige Familiengruppen aufteilt. Dazwischen nehmen sie das Rentmeister-Amt oder andere Ämter ein und werden in den Rat gewählt. Dort nehmen sie die oberste bank ein und werden von den übrigen ehrerbietig behandelt, zudem folgen sie in der Regel deren Positionen oder werden massiv diffamiert. Wer dabei anständig bleiben will, nimmt erst gar nicht an dieser Art Stadtpolitik teil, was am Ende auch dieser Hermann beschließt. (Schwerhoff in: Schreiner/Meier, S.210f)
1595 wird anhand der ungleichen Steuerlast unterschieden zwischen den rentnern und richen und den gemeinsluden auf der anderen Seite. (Schreiner/Meier, S.198)
1605 behauptet der Greve als Vorsitzender des Hochgerichts und Stellvertreter des Kurfürsten, er habe die Obrigkeit in der Stadt inne. Aber die Stadt versucht immer wieder, die gesamte Gerichtsbarkeit für sich zu beanspruchen.
1617 bestimmt der Rat, dass nur Katholiken das Bürgerrecht haben dürfen. Aber im Dreißigjährigen Krieg verdient man in der Stadt gut an allen Seiten.
1632 besetzen die Schweden Deutz, und die Kölner marschieren gegen sie.Aber die Bevölkerung steigt insgesamt im Dreißigjährigen Krieg von 40 000 auf 45 000 Einwohner.
Nach dem Krieg wird die Stadt immer mehr vom internationalen Handel abgeschnitten. Die Konflikte zwischen den Niederlanden und Spanien schaden der städtischen Wirtschaft. Die Zünfte verhindern technische Neuerungen.
Erfurt
Die Stadt versucht schon seit längerem, die Herrschaft des Mainzer Erzbischofs abzuschütteln. Am 11. Juni 1521 kommt es zu schweren Unruhen. "Sechzig Häuser von Geistlichen wurden zerstört, im erzbischöflichen mainzischen Gerichtsgebäude alle vorgefundenen Dokumente und Zinsregister vernichtet." (Schnabel-Schüle, S.110)
Chemnitz
Die im Berg- und Hüttenwesen sowie im Metallhandel verankerte altgläubige Kapital-Elite der Stadt ist mit Herzog Georg verbündet. Als es im Februar 1524 zu einer Schwurgemeinschaft und einem Auflauf des lutherisch orientierten niederen Bürgertums und von Leuten der Unterschicht kommt, zeigt sich aber, dass es im Rat bereits unterschiedliche Positionen gibt. Das Chemnitzer Kapital wird immer mehr durch solches aus Augsburg und Leipzig verdrängt, und die Bedeutung des Bergbaus im Erzgebirge lässt nach. Damit steigen Leinen- und Barchentproduktion mit allen Begleithandwerken auf und es formiert sich eine neue kapitalgetriebene Obrigkeit, die zusammen mit dem neuen Herzog Heinrich nun die Reformation auch von oben betreibt. (alles nach Bräuer in: Postel/Kopitzsch, S.37f)
Trier
Die Einbeziehung der Zünfte, auch der kleineren, in das Stadtregiment im 15. Jahrhundert hält die Abschließung der neuen Obrigkeit nicht auf. Sie lässt sich gelegentlich nun als Herren titulieren, was meist aber nur den Bürgermeistern und Schöffen zusteht, oder 1515 als regenten zur zeit der statt Trier uz oberkeyt des rats. (in: Anton/Haverkamp, S.315)
Anfang des 16. Jahrhunderts schließen sich 13 Zünfte und 7 Bruderschaften zusammen gegen beschwernissen von fürsten und herren, von unseren herren vom rait, von scholtes oder scheffen von Trier oder anderen des raits genoßen. (s.o.)
Trier ist immer noch Wallfahrtsort und erhält 1512 mit dem "Heiligen Rock" ein zusätzliches Pilgerziel. Inzwischen werden die Wallfahrten auch mit Druckschriften beworben.
Auch noch im 16. Jahrhundert gibt es Obstgärten und Wingerte innerhalb der Stadtmauern.
1521 versucht Erzbischof Richard von Greiffenklau Luther auf dem Reichstag zu Worms für einen Widerruf zu gewinnen und scheitert. In der Folge äußert sich Luther abfällig über den Trierer "Heiligen Rock" und die Wallfahrt.
1522 verbündet sich der in finanziellen Schwierigkeiten steckende Franz von Sickingen mit Reichsrittern und erklärt dem Trierer Kurfüsten die Fehde. Die Stadt wird längere Zeit ergebnislos belagert. Nach dem Abzug wird er auf Burg Landstuhl vom pfälzischen und Trierer Kurfürsten sowie dem hessischen Landgrafen belagert und stirbt.
Im Zuge des Bauernkrieges von 1525 macht die "Bürgerschaft" Druck auf den Rat, die vor allem wirtschaftlichen Rechte und Privilegien des Domkapitels einzuschränken. Sie scheitern damit 1526.
1559 scheitert der Reformationsversuch des kalvinistischen Caspar von der Olewig (Olevianus). Wer Protestant bleiben möchte, muss danach wegziehen, was einen wirtschaftlichen Aderlass für die Stadt bedeutet.
Frankfurt
Nach der Reformation muss der Dom als (katholische) Wahlkirche der Kaiser erhalten bleiben. Kirchenaufsicht eines viele Bereiche kontrollierenden Konsistoriums, Pfarrerbesoldung aus der städtischen Kasse. In der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts begegnet der Rat der kalvinistischen Einwanderung mit Misstrauen und verbietet ihnen dann die Gottesdienste, da eine kalvinistische die einheitliche Gemeinde sprengen würde und andererseits die Macht einer aufkommenden kalvinistischen Elite gefürchtet wird. Abwanderung nach Hanau. Der wirtschaftliche Schaden führt mit zum Fettmilch-Aufstand (1612)
Nach dem Dreißigjährigen Krieg behält die Stadt 17 000 Einwohner.
1787 dürfen die Kalvinisten endlich eigene Kirche haben, aber Taufe und Trauung muss von lutherischen Geistlichen vollzogen werden,
Mannheim
Es entstehen im 17. Jahrhundert eine deutsche, eine wallonische und eine flämische reformierte Gemeinde. Gewählte Presbyter bilden zusammen mit den Geistlichen das Konsistorium. Die Pfarrer werden vom Konsistorium ausgewählt, bedürfen der Zustimmung des Stadtrates und der obersten Kirchenbehörde in Heidelberg. Pfarrer bekommen nach und nach eine Art Beamtencharakter. Gemeinden obliegt die Fürsorge für Arme und Waisen.
Leipzig
Die Stadt "erringt eine führende Stellung im deutschen Bergbau, kann den bedeutendsten Kuxenmarkt an sich ziehen und unter Umgehung der Zwischenstation Magdeburg Direktverbindungen zu Hamburg und der Ostsee anknüpfen. Gleichzeitig pflegt die Stadt enge Beziehungen zu Venedig." (Durand2, S.201)
Der weitere wirtschaftliche Aufstieg Süddeutschlands
Neben dem Metallrevier Nürnberg-Oberpfalz gewinnt die Barchentproduktion immer mehr Bedeutung. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts deutet sich eine Verschiebung der Zentralfunktion der Nordhälfte Italiens in Richtung Norden an: Zunächst verlieren die Gebiete südlich des Appenins an Bedeutung, was man besonders am Beispiel Siena erkennen kann. Es kommt zu einem wirtschaftlichen Aufschwung süddeutscher Städte, welcher bis gegen Mitte des 16. Jahrhunderts anhält, als, bedingt durch die Neuorientierung des Welthandels, ein langsamer Niedergang einsetzt. Erst der Weg in den Dreißigjährigen Krieg und dann besonders dieser selbst wird die Wirtschaft in deutschen Landen und nicht nur diese dann massiv ruinieren.
Nürnberg
Die Stadt hat 1500 etwa 36 000 und um 1520 ca. 40 000 Einwohner und das größte Territorium aller deutschen Reichs-Städte.
Ab 1522 wird in beiden Hauptkirchen evangelisch gepredigt.
Nach der Wende zum 16. Jahrhundert verschlechtern sich die Beziehungen Nürnbergs zur Oberpfalz, und nun bezieht man verstärkt Eisen aus Thüringen und der Steiermark, wo Nürnberger Kapital nun investiert. Dabei wird die Produktion von Metallwaren aber weiter gesteigert, während quasi komplementär die von Textilien im 16. Jahrhundert sinkt. Immer wichtiger werden die Gewerbe der Messermacher und Schwertfeger, die nun rund ein Viertel der Gesamtproduktion ausmachen. Die städtische Produktion von Messern soll Mitte des 16. Jahrhunderts auf rund vier Millionen angewachsen sein, um sich dann allerdings bis zum Jahrhundertende wieder zu halbieren. Zweieinhalbmal so groß ist allerdings Mitte des Jahrhunderts die Messerproduktion von Steyr (Schulz, S.281)
Nürnberg entwickelt sich auch weiter zum Zentrum von Waffen- und Rüstungsproduktion. Dazu gehören Handfeuerwaffen, von denen jährlich weit über 10 000 Stück produziert werden, und der Geschützguss. Nürnberg beliefert ganz Europa mit jenen Wunderwerken, die immer effektiver verletzen, töten und zerstören. Im Verlauf des Jahrhunderts steigt auch hier der Kapitaleinsatz und damit die Tendenz zum Verlegertum. Wegen der machtpolitischen Bedeutung von Waffen sind die Nürnberger politische Elite, Produktion und Handel von Waffen eng vernetzt.
Nürnbergs Handel bleibt auf den europäischen Raum beschränkt, reicht aber von Lissabon bis Krakau und von Venedig bis Warschau.
Fünf-Stände- Ordnung mit Kleiderordnung, Titeln usw. in Nürnberg seit etwa 1525: Erster Stand Patriziat, zweiter: Großkaufleute aus dem Größeren Rat und bedeutende Juristen, dritter: Übrige Kauf- und Handelsleute des Größeren Rates und die acht Handwerker-Ratsherren, vierter: Handwerksmeister des Größeren Rates und Kaufleute außerhalb von ihm, fünfter: übrige Bürger. (Diefenbacher in: Kaufhold/Reininghaus, S.214)
Die Bevölkerung sinkt im Dreißigjährigen Krieg von 40 000 auf 25 000 Einwohner.
Augsburg
Augsburg wird im 16. Jahrhundert süddeutsches Wirtschaftszentrum.
1523 dürfen sich die Zünfte nicht mehr selbständig versammeln.
Jakob Fugger ("der Reiche") ist zwischen etwa 1495 und 1525, als er stirbt, der bedeutendste Kaufherr, Montanunternehmer und Bankier Europas. Die Verbindung von Bergbau und Geldhandel macht ihn reich. Die 1486 gegründete Fuggerbank hat ein Filialnetz bis nach Chile, Peru und Moskau.
1527 beträgt das Firmenkapital der Fugger 2,8 Mio Gulden(fl) und erreicht 1546 7 Millionen.
Die jährliche Augsburger Barchentproduktion verdreifacht sich dann im 16. Jahrhundert fast. 1610 stellen dort bei etwa 48 000 Einwohnern etwa dreitausend Meister und 3500 Gesellen rund eine halbe Million Tuchballen her (Schulz, S.169). 1615 gibt es 199 Goldschmiede- und Juweliermeister. Dazu kommen Uhrmacher, Kunstschmiede usw. für den überregionalen Bedarf. (Gerteis, S.159)
Die Be ölkerung sinkt dann im Dreißigjährigen Krieg von 42 000 auf 21 000 Einwohner.
Regensburg
1525 gelingt es dem Rat, den Klerus zur Beteiligung an den bürgerlichen Lasten zu zwingen. Kurz darauf wird das aber mit einer jährlichen Zahlung abgelöst.
1571 wird die hohe bischöfliche Gerichtsbarkeit mit dem Stadtgericht vereinigt, während die niedere bei den geistlichen Institutionen verbleibt.
Bauernaufstand und Städte
In den Jahrzehnten vor dem großen Bauernaufstand hat sich die Zahl der Weber in Memmingen erheblich erhöht, zugleich ist aber ihr Vermögen auch massiv gesunken. Den Leinenwebern im Umland wird der Zugang zum städtischen Markt verschlossen, was 1518 wieder aufgehoben wird, wogegen die Zünfte rebellieren. Mit Christoph Schappeler tritt ein Prediger mit Kirchenkritik und Parteinahme für die Armen auf, unterstützt von Kreisen des mittleren und gehobenen Bürgertums. Februar 1524 wird er vom Augsburger Bischof gebannt, aber der Rat traut sich nicht, ihn auszuweisen. Kirchenreformen finden statt.
Im Sommer verweigern Bauern und Teile der Bürger den Zehnten. Als einige verhaftet werden, versammeln sich viele Bürger auf dem Marktplatz und das genügt, damit sie frei gelassen werden.
Memmingen, welches die Reichsunmittelbarkeit durch eine radikale Minderheit gefährdet sieht, öffnet die Stadt für die Bauern, was dazu führt, dass ihre eigenen Bauern am Aufstand kaum teilnehmen. Aber dann ruft der Rat den Schwäbischen Bund zur Hilfe, der einmarschiert.
Die Räte der übrigen oberschwäbischen Städte suchen ebenfalls "den Ausgleich zwischen Bauern, Herren und Schwäbischem Bund". (Blickle, S.173) Am Ende werden dabei die Interessen der "Gemeinde" und des "gemeinen Mannes" untergehen.
In Straßburg wenden sich die Bauern an die dortigen Prädikanten. Teile der Bürger und Zünfte neigen den Bauern zu, der Rat versucht zu vermitteln, nimmt dann aber radikale Bauern-Sympathisanten gefangen. Kurz vor dem Gemetzel an den Bauern durch den Herzog von Lothringen vor den Mauern von Zabern lehnen sie deren Hilferuf ab.
In Basel wird ein Bündnis von Zünften und Bauern einmal durch Gewalt, zum anderen durch Einführung von Elementen der Reformation vermieden.
Im April akzeptiert der Rat von Heilbronn, dass Klerus und Klöster genauso wie Laien belastet werden. Der Druck der Weingärtner und Handwerker nimmt zu. Wie auch anderswo in den Städten sind es ebenso vermögende wie politisch bislang einflusslose Gemeine, welche aufständisch werden. Die wirklich Armen laufen dabei mit. Am 18. April ziehen die Bauern in der Stadt ein und einen Tag später stellt die Stadt ein Kontingent für das Bauernheer.
In den Reichsstädten ist es nirgendwo die Obrigkeit, die den Anschluss an die Bauern sucht, vielmehr ist es der Druck der Bauern von außen, der den Druck innen durch die "Gemeinde", den "gemeinen Mann" mobilisiert.
April 1525 Frankfurter Zunftaufstand, Durchsetzung von 46 Artikeln, die sich an den 'Zwölf Artikeln' orientieren: Geistliche und ihre Leute sollen an den Bürgerpflichten wie dem Wachdienst teilhaben. Die geistlichen Vermögen sollten in einen 'gemeinen Kasten' eingehen, aus dem die Pfarrer besoldet werden sollen. Im Juni wird der Aufstand niedergeschlagen. In der Folge setzt sich aber in Frankfurt die Reformation durch.
In Erfurt wird von Handwerkern und Bauern des Umlandes in '28 Artikeln' festgelegt, dass politische Entscheidungen von größerer Bedeutung (Gesetze, Ordnungen, Mandate) nur mit ihrer ausdrücklichen Zustimmung erfolgen sollen. (Blickle(2), S.81)
In Mühlhausen wird 1523 festgelegt, dass für Erneuerungen des Rechts und Ämterbesetzungen die Zustimmung der Gemein oder der Achteman von wegen der Gemein erforderlich ist. (s.o.S.83)
Die größeren landesfürstlichen Städte sind ähnlich gespalten wie die Reichsstädte. Dabei fasst die Reformation zunächst in den handwerklich bis agrarisch bestimmten Vorstädten Fuß und dann auch das Zusammengehen mit den aufständischen Bauern.
Für die kleinen Ackerbürgerstädte ist die Zusammenarbeit mit den Bauern ohnehin naheliegend.
In manchen Bergbau-Gebieten liegen Aufstände der Bergknappen zeitnah mit denen von Bauern und dem gemeinen Mann der Städte. Das gilt für Schwaz in Tirol. Südlich davon in Sterzing und im Salzburger Land werden von ihnen ähnlich wie bei Bauern Forderungen nach Evangelisierung im Sinne der Reformation und mehr Autonomie erhoben. Thomas Müntzer kann Teile der Mansfelder Bergknappen für seine Sache gewinnen.
Metropolstädte
Venedig hat um 1500 etwa 100 000 Einwohner. Es besitzt keine reinen Adelsquartiere, sondern solche, in denen sich Adel und Kaufleute vermischen. Überwiegen tun aber auch hier Häuser des niederen Bürgertums und Mietshäuser der Unterschichten. Platzmangel führt dort zur Überfüllung der Häuser. Anfang des 16. Jahrhunderts wird der Markusplatz als Zentrum durch Sansovino umgestaltet und fertiggestellt. Am Canal Grande der Reichen werden zwischen 1580 und 1710 noch 37 neue Paläste errichtet.
Amsterdam hat um 1500 noch nur 14 000 Einwohner, vergrößert sich dann gegen Ende des 16. Jahrhunderts explosionsartig. Zunächst dreigeteilte Amstel, deren beide äußeren Teile die Festungsgräben für zwei Stadtteile bilden. Anfang des 17. Jahrhunderts drei große und breite Kanäle von rund 4 Kilometern: Herengracht, Keizersgracht, Prinsengracht. Damit wird das Stadtgebiet verdreifacht und hier siedeln sich die Reichen und Mächtigen an. Die einfacheren Leute werden in den Niederungen des Jordaan mit niederer Bebauung angesiedelt. Viele Lagerhäuser und wenige Kirchen.
Rom wird baulich von den Päpsten dominiert. 1503-13 Julius II., Neubau von St.Peter. 1527 mit dem Sacco di Roma ein halbes Jahrhundert ohne bauliche Neuerungen. Unter Sixtus V. (1585-90) neue Durchgangsstraßen mittels Durchbrüchen. Viele Straßen werden neu gepflastert, Plätze ausgestaltet.
Paris besteht aus Seine-Insel, Kaufmannsstadt rechts und Universitätsstadt links der Seine. Um 1550 etwa 10 000 Häuser, die bis 1770 auf mehr als 23 000 ansteigen. Bis zu Louis XIV bleiben die Mauern bestehen und werden sogar erweitert. Adelsviertel Marais mit adeligen Stadtwohnungen (Hôtels). Bürgerliches Bauen muss sich äußerlich daran orientieren. Unter Henri IV. Plave des Vosges. Durch das 16. Jahrhundert bleibt Paris größte westeuropäische Stadt mit etwa 250 000 Einwohnern um 1550 und wird dann von London abgelöst.
London ist geteilt in die City of London und die drei Kilometer entfernte City of Westminster, wo bis ins 16. Jahrhundert Kloster, Parlamente und Königsresidenz sind. Mit der Verstaatlichung des Kirchenbesitzes 1538-40 verlässt Henry VIII. Westminster und zieht in den Palast der Erzbischöfe von York nach Whitehall. Um 1500 haben City und Westminster zusammen gut 50 000 Einwohner. Aber die Metropole konzentriert "über 40% der urbanen englischen Bevölkerung in Städten mit über 5000 Einwohnern. Um 1600 sind es bereits 200 000 und wächst bis 1650 auf etwa 400 000.
In den zentralen Metropolen bestimmt ein Immobilienmarkt immer mehr das Stadtbild. 1594 beginnt in Paris eine Gesellschaft "mit dem lukrativen Bau der prachtvollen Häuser an der heutigen Place des Vosges (...), die in der Folge dann an Adelsfamilien mit klingenden Namen vermietet werden." (Durand2, S. 45)
"Das riesige Lissabon wuchert wie eine Schmarotzerpflanze, Barackensiedlungen haben am Stadtrand die Felder verdrängt. Die Reichen haben sich maßlos immer weiter bereichert, die Armen sind verelendet." (Durand2, S.225)