Fürsten
Weltliche Fürsten in deutschen Landen (Nicht gefürsteter Hochadel)
Geistliche Fürsten
Fürsten in Frankreich (Coucy)
Fürstenhof und Residenz
Hofgesinde
Höfische Lebensform und Moden (Luxus / Das Fest / Manieren / Ehe, Eros / Der Kult der höfischen Dame / Literatur / Mode / Exotik)
Honor: Die Ehre
Fürsten
Für die Entfaltung des Kapitalismus greifen drei Vorgänge ineinander: Die Erzeugung von Waren, ihre Verteilung und die Nachfrage nach ihnen. Das Mittel, welches die drei miteinander verbindet, ist das Geld. Da dieses als gemünztes und ungemünztes Edelmetall existiert, hängt seine Menge in unserer Zeit von den auszubeutenden Silbervorkommen ab. Ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung zwischen etwa 1160 und 1250 wird die erhebliche Zunahme des Silbers im lateinischen Europa.
Produktion, Distribution und Konsum sind weder zeitlich noch ursächlich voneinander zu trennen, sie bedingen sich gegenseitig, aber die Zunahme des umlaufenden Silbers ist Voraussetzung für die Entfaltung von allen dreien. Und schließlich ist es die Anhäufung von Geld bzw. Kredit zwecks Investition, die überall Kapital hervorbringt. Unterhalb einer gewissen Geldmenge gibt es keinen Kapitalismus.
Nun basiert die Entfaltung von Kapitalismus allerdings vor allem auch auf der völlig ungleichen Verteilung des Geldes, die wiederum zunächst auf der völlig ungleichen Verfügung über Grund und Boden und darauf arbeitenden Menschen beruht. Bei wenigen hohen Herren sammelt sich das Geld, welches die relativ größte Nachfrage nach Waren hervorruft. Insbesondere deren Luxusbedürfnisse werden durch Handel befriedigt, welcher dabei Kapital anhäufen kann, und wo die regulären Einkünfte für solche Nachfrage nicht ausreichen, wird es geliehen, wodurch sich ein auf Kredit beruhendes Finanzkapital entwickeln kann.
Erst um solche geistliche wie weltliche hohe Herren herum entwickeln sich fast alle Städte, mit denen es zu einer zunehmenden Nachfrage nach Massengütern kommt, zunächst vor allem von Lebensmitteln und Bekleidung. Hier soll zuerst einmal die Nachfrage jener hohen Herren betrachtet werden, die sich selbst als Fürsten verstehen. Dazu muss zunächst einmal geklärt werden, was ein Fürst und ein Fürstentum ist.
Als im Mittelhochdeutschen das Wort Fürst auftaucht, beginnt es den lateinischen princeps zu ersetzen. Beides bezeichnet ursprünglich den Vordersten, Ersten (englisch: first), und dann auch den Vornehmsten. Kurz darauf wird in der altfranzösischen Volkssprache aus dem princeps der prince, der dann im 13. Jahrhundert auch im Deutschen als Prinz auftaucht und immer deutlicher dann den Abkömmling eines Fürsten benennt.
In den Nachfolgereichen des Imperium Romanum ging der princeps-Titel vom Kaiser auf die Könige über, bezog dann aber jeden ein, der sich zu Herrschaft und Machtausübung in seinem Bereich aufschwang. Im westlichen wie östlichen Nachfolge-Reich Karls d.Gr. war der princeps derjenige, der einen zunehmend erblichen Herrschaftsbereich innehat, also unterhalb oder neben den Königen und über dem einfachen Adel eine Macht ausübende Dynastie bildet.
Den Fürsten als Begriff gibt es so weder im Englischen noch in den romanischen Sprachen, was die zwischensprachliche Kommunikation bis heute wie so vieles anderes erschwert. Im 11. Jahrhundert ist er darüber hinaus noch nicht formal eingeengt und bezeichnet so alle Großen des Reiches von den Grafen aufwärts. Das sind also Leute mit Amts- und Herrschaftsfunktionen in einem klar benannten Raum, insbesondere Bischöfe und Herzöge, auch wenn die Besitz- und Rechtsverhältnisse zunächst zersplittert sind und zudem Streubesitz anderswo beinhalten. Darüber hinaus unterstehen diese Leute oft unmittelbar Königen0
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Eine deutlichere Abgrenzung geschieht erst im 12. französischen, englischen und deutschen Jahrhundert, unter den Staufern durch die Eingrenzung der Zahl der Fürsten, unter Philippe II. (Auguste) durch den Aufstieg der Krondomäne zu einem zentraler gelenkten Raum, die Annektion von Gebieten der englischen Krone in der Francia und stärkere Verpflichtung der regionalen Fürsten, in England wiederum durch den zunehmenden Dualismus von Baronen und Königen.
Am Anfang heben sich aus dem Heer der freien Krieger zunächst die heraus, die über mehr Land und Leute verfügen und beginnen, sich qua "Geblüt" für etwas besseres zu halten, auch indem sie ihre Familiengeschichte mit reichlich Erfindergeist auf besondere Helden und möglichst auch Heilige zurückführen, die ihnen belegen, dass sie einem besonders edlen Geschlecht angehören. Schließlich lässt man, nun schon im Fürstenrang, solche Familiengeschichten aufschreiben, was sehr früh von den Welfen überliefert ist, die kurz nach 1130 in Altdorf/Ravensburg die 'Genealogia Welforum' formulieren lassen, rund zehn Jahre später vielleicht in Lüneburg, jedenfalls in Sachsen die von Historikern so genannte 'Sächsische Welfenquelle' und um 1170 wiederum in Altdorf/Ravensburg die 'Historia Welforum'.
Familiengeschichte als bis ins Sagenhafte zurück reichende Ahnengeschichte verlangt eine klare, sich nicht ins Unübersichtliche verzweigende "Linie", die durch das immer vorrangigere Erbrecht des männlichen Erstgeborenen gewährleistet wird. Dieses nunmehr adelige "Geschlecht" edler Krieger feiert die Ahnen, indem es sie in von der Familie gestifteten Kirchen beerdigt, die oft an ebenfalls zur Familie gehörende Klöster angegliedert sind. Hier kann eine fromme Gemeinschaft im "christlichen" Sinne der Zeit für die spendable wohlhabende und mächtige Adelsfamilie Ahnenkult betreiben, indem sie das Totengedenken hochhält und regelmäßig für den möglichst schnellen Weg der Ahnen ins Paradies, christlicher Nachfolger von Walhall, betet.
Zu Land und Leuten, Ahnenkult in Kirche und Kloster kommt dann noch der befestigte Hauptwohnsitz, im 12. Jahrhundert eine steinerne Burg, und kommen ebenfalls befestigte, manchmal noch hölzerne Nebensitze zur Verwaltung und Kontrolle übriger Ländereien mit den darauf arbeitenden Leuten.
Wer über größere oder mehrere adelige Herrschaftskomplexe mit ihren Rechten und Einnahmen verfügt, versucht sie miteinander zu verbinden und gehört zu den ersten im Adel, den principes, Fürsten. Das sind dann noch keine geschlossenen Territorien, denn sie sind durchzogen von Eigentum und Rechten anderer Herren. Aber mit solchen Fürsten haben die Könige inzwischen umzugehen und sie in ihre Machtausübung einzubeziehen.
Diese "Fürsten" sind aber soweit noch kein klar definierter Begriff, denn dafür müssen sie erst zu so etwas wie einem eigenen "Stand" werden, der sie aus dem Adel heraushebt, was im römisch/deutschen Reich im 12. Jahrhundert geschieht. Kaiser Friedrich I. definiert schrittweise ein (deutsches) Reichsfürstentum über Einzelakte wie das Privilegium Minus und den Umgang mit Heinrich dem Löwen, oder wie mit der Erhebung des Grafen Balduin V. von Hennegau zum Markgrafen von Namur (also zum Fürsten) 1184.
Solche Fürstenerhebungen beginnen mit der Auftragung des Allods an den König, der dann "das bisherige Allod mitsamt dem Reichslehen und anderem Reichsgut des Kandidaten zu einer einheitlichen Besitzmasse" verbindet (Spieß2, S.11). Damit gewinnt der Fürst Königsnähe und partizipiert jetzt an der Reichsgewalt.
Ob nun Herzog, Landgraf oder Erzbischof, das Fürstentum umfasst immer noch kein ganz klar abgegrenztes und vor allem kein geschlossenes Territorium, und der Titel an sich gewährleistet noch keine tatsächliche Macht, sondern nur die "rechtliche" Voraussetzung dafür. Wirkliche Macht beginnt bei dem Eigengut, dem wirklichen Besitz der fürstlichen Familie. Dazu kommen Lehnsgüter, Grafschafts- und Vogteirechte vor allem.
Der Fürst ist so in seinem Fürstentum (nur) der erste unter all den adeligen Herren, von denen viele ebenfalls ihrerseits danach streben, ihre Macht zu erweitern, insbesondere durch Intensivierung des Zugriffs in ihrem Bereich, aber auch durch seine Erweiterung.
Fürsten werden also einmal danach streben, möglichst direkte Kontrolle über ihr eigenes Gut und über Kirchenvogteien aufrecht zu erhalten, letztere vor allem, da die Loyalität von Bischöfen schwerer durchzusetzen ist, und sich alle Herren im Fürstentum unterzuordnen, wozu das Lehnsrecht besonders gegenüber den Grafen dient, und dazu als weiteres Instrument die Wahrung des Landfriedens im weitesten Sinn des Wortes. Solche Grafen sind keine wirklichen Amtsträger mehr, sondern sich nach Möglichkeit verselbständigende Adelsgeschlechter, die den Titel in ihrer Familie halten wollen. Mit Durchsetzung von Präsenz auf Hoftagen und beim hohen Gericht sowie bei Feldzügen müssen insbesondere Herzöge wie Erzbischöfe als hohe Fürsten versuchen, Vasallität praktisch werden zu lassen
Fürsten sind zuallererst weiter Krieger, und dies im 12. Jahrhundert zunehmend im modischen Gewand von Ritterlichkeit. Am Ende seines 'Liber ad honorem Augusti' feiert der Kleriker Petrus von Eboli die Geburt des künftigen Kaisers Friedrich II.: Eben als im Triumph der Kaiser lässt ruhen die Waffen, / wird ihm geboren der Sohn, künftiger Waffentaten Held. (in Eickels/Brüsch, S. 26) Mögen Fürsten seit dem Hochmittelalter auch zunehmend Andere an der Spitze von Truppen in den Kampf ziehen lassen, mögen sie auch immer ausgiebiger von ihren Residenzen aus das Leben genießen, der Krieg und ihr Auftritt als Krieger bleibt ihre erste Daseinsberechtigung.
Das betrifft weiter auch Erzbischöfe, die zwar Rüstung im Kriegszug, aber offiziell keine Waffen tragen dürfen, was sie dennoch in schwer zu bezifferndem Umfang tun.
Das Recht beruht wie in allen Zivilisationen auf der Macht des Stärkeren, und im 12. Jahrhundert ist die Macht fast unentwegt umkämpft. so dass Burchard von Ursberg Anfang des 13. Jahrhunderts feststellen kann, dass in deutschen Landen als Recht das gilt, was ohne Gesetz und Verständigkeit (sine lege et ratione) als individueller Wille (voluntas sua) durchgesetzt wird (in: EhlersHeinrich, S.53).
Diese Gewalttätigkeit von Adel und Fürsten wird zwar von Bauern und Städtern schon mal beklagt, gilt aber bei den Herrenmenschen als selbstverständlich, als Ausdruck jener Freiheit der Edlen, ihr jeweils proklamiertes Recht gewaltsam durchzusetzen, spätestens dann, wenn es von oben nicht durchgesetzt wird. Und spätestens im Moment der Erbitterung artet die Gewalttätigkeit in die abartigsten Grausamkeiten aus, dann werden Feinde bei lebendigem Leib gehäutet, man schlägt Wehrlosen Gliedmaße ab, blendet sie, lässt sie schön langsam verhungern oder was dem Raubtier Mensch sonst so alles einfällt.
Auch Fürsten, nicht nur Könige, müssen vorläufig mit dem sie umgebenden Hof weiter umher reisen, um ihre Gebiete unter Kontrolle zu halten.
Auf seinen Wegen versucht der königliche oder fürstliche Hof dann die höheren Adeligen bzw. die englischen Barone der Gegend an sich zu ziehen. Wo sich der Adel mehrheitlich dem entziehen kann, wie am Hof Heinrichs ("des Löwen"), treten wichtige Ministeriale an die Stelle.
Mit ihrem herumreisenden Hofstaat, Vorläufer späterer Staatlichkeit, müssen sie zudem durch Zurschaustellung von Reichtum und Macht imponieren, und dort, wo sie sich gerade aufhalten, sowohl den regionalen Adel wie ihre Dienstleute an diesen Hof ziehen. Der Ausbau höfischer Lebensform und von "gehobenen" Manieren bei Hof, zunehmend aus dem Westen übernommen und von Autoren propagiert, soll Fürsten von denen abheben, die untergeordnet sind.
Das Herumreisen der Machthaber dient nicht nur der wenigstens gelegentlichen Präsenz der Machtausübung, sondern ist auch der Tatsache geschuldet, dass die jeweiligen örtlichen Ressourcen für Hofhaltung oft schon nach kurzer Zeit erschöpft sind. Die Konzentration auf weniger Residenzen und schließlich die Entstehung von Hauptstädten hängen also am steigenden Geldvolumen in einer Gegend, von dem Machthaber so viel abschöpfen können, dass sie länger andauernde lokale Hofhaltung mit Geld bezahlen können, und zudem an einer Ausweitung des Handels, die für Geld genügend Waren auch von weiter her heran schafft.
Den Flicken eigenen Gutes im Teppich des Fürstentums werden in deutschen Landen nach Möglichkeit nicht mehr Adelige zugeordnet, sondern unfreie Ministeriale, denen man leichter befehlen und die man leichter austauschen kann. Diese werden aber dabei auch als berittene Krieger gebraucht, legen sich eigene Burgen zu und versuchen es als Ritter dem niederen Adel gleich zu tun. Einige werden in Sachsen in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts sogar zu Grafen ernannt und so an den Hof gebunden. Aber ritterliche Treue von Adel und selbst von Ministerialen reicht oft nicht weiter, als die Macht des Fürsten sie durchsetzen kann.
Bischöfe residieren in dieser Zeit ohnehin meist in ihrer Kathedralstadt, die zugleich Hauptstadt ist, und welche der Versorgung der Burg und als Wohnsitz fürstlichen Personals dienen und den Reichtum der Fürsten vermehren kann.
Seitdem ein Zähringer sich mit Freiburg/Breisgau zur Burg noch eine Stadt errichtet, wächst die Tendenz, sich nicht nur auf Burgen, sondern auch auf Städte zu stützen, und Generationen nach der Gründung von Freiburg konzentriert sich ein Heinrich ("der Löwe") bereits immer mehr auf eine Art Hauptort als Residenzstadt, nämlich Braunschweig.
Als frühes Beispiel eines Zentrums kann auch die Wartburg in einer bestimmten Phase der Landgrafschaft Thüringen dienen, und sie können wie beim Adel unter ihnen als zentrale religiöse Zentren, zum Beispiel als Begräbnisorte der Familie, fungieren, so wie Reims/St.Denis oder Westminster Abbey für Könige.
Zentrale Burgen werden mit dem Ausbau oder der Neugründung von Städten verbunden, die noch keine Residenzstädte sind wie die bischöflichen es wurden, aber die der Versorgung der Burg und als Wohnsitz fürstlichen Personals dienen können und den Reichtum der Fürsten vermehren. Während Lebensstandard und Wohnkultur des niederen Rittertums nach und nach nicht mehr mit dem Niveau reicher Kaufmannsfamilien wird mithalten können, werden solche festungsartige fürstliche Burgen ausgebaut, um neben der militärischen Mannschaft und Personal mehr Platz für Familie und Gäste zu bieten. Damit entsteht, nach der Entwicklung in Westfranzien und diese manchmal imitierend, auch in deutschen Landen das, was Historiker heute als "höfische Kultur" bezeichnen, auch wenn es nicht um Kultur, sondern Lebensformen geht. Diese werden als Demonstration von Reichtum und Lebensstil zu einem wichtigen Moment fürstlicher Machtausübung.
Mit der Herausbildung von Fürstentümern schwindet nach und nach bei ihnen die einseitige Dominanz des adelig-kriegerischen Aspektes, stattdessen werden Fürsten zunehmend zu Herren von Ansätzen einer Verwaltung, deren vornehmstes Ziel die Generierung von Einnahmen ist, und sie entwickeln mit ihren Mitteln neben der Kriegführung zunehmend die Hofhaltung als Zentrum fürstlichen Handelns. Um 1155 schreibt Landgraf Ludwig II. an seinen Bruder Heinrich Raspe II.:
Ich möchte, dass Du in Friedenszeiten ablässt von den unnützen Kriegsspielen mit den Waffen (…), dass du vielmehr deine Tüchtigkeit und deinen Fleiß in den öffentlichen Geschäften des Reichs zum Erstrahlen bringst, wie es einem Fürsten geziemt. (in 'Verwandlungen', S.68)
Der Fürst wird stärker zum "Politiker" (hier am Kaiserhof) oder zum Auftraggeber von angestellten Politikern.
Fürsten entwickeln in den nächsten Jahrhunderten Landesherrschaft, die nun geographisch und nicht mehr durch ein personales Beziehungsgeflecht definiert wird. Grenzen bekommen so eine mehr definierende Bedeutung wie auch die ständisch gegliederte Untertänigkeit. Deutsche Fürsten machen also das, was anglonormannische Könige schon lange und französische Könige besonders seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts tun. Das ist Reichsbildung und entwickelt sich zu Staatsbildung. In Italien machen das frühkapitalistische Städte mit ihren contadi, ihrem Umland. Überall entstehen so Ansätze neuartiger Staaten, die aber erst viel später so genannt werden.
Schon unter Kaiser Friedrich I. wird dabei die Funktion des Geleitrechtes (conductus) wichtiger, eines ursprünglich königlichen Regals, welches als Lehen immer mehr in die Hände solcher Herren ihres Landes gerät. „Schon unter Barbarossa war das Geleitsrecht ein Attribut herzoglicher, reichsfürstlicher Gewalt, Friedrich II. erkannte es den Landesherren innerhalb ihres Herrschaftsbereichs allgemein zu. Dabei wurde stets eine enge Verbindung hergestellt zwischen der Erhebung von Straßen- oder Schiffszöllen, der Pflicht zur Ausbesserung von Straßen und Brücken sowie dem Geleitsrecht, das man als Verpflichtung verstand, allen Reisenden innerhalb des eigenen Machtbereichs sicheren Schutz zu gewähren.“ (Begrenzung, S.353)
Mit der Gewährung des Geleites wird am ehesten jedenfalls das Fürstentum zu einer geographischen Einheit.
Weltliche Fürsten in deutschen Landen
Unter Friedrich I. ("Barbarossa") gibt es aus Sicht des Kaisers rund 22 weltliche Fürsten, jenen weltlichen Adel nämlich, dem es gelingt, Vorformen von Herrschaften über große Gebiete und eine übergeordnete Gerichtsgewalt über Grafen und Herren zu erringen. Das sind dann Pfalz, -Mark- und Landgrafen und Herzöge. Dazu kommen fast hundert geistliche Fürsten, nämlich (Erz)Bischöfe und Reichsäbte. Aus allen diesen kristallisieren sich dann in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die vornehmsten heraus - die späteren Kurfürsten, die den König küren.
Indem die Fürsten zu so etwas wie einer Art Stand zusammenwachsen, werden sie präziser definiert als diejenigen, die direkt vom König belehnt werden und nicht feudal an andere weltliche Lehnsherren gebunden sind. Zudem muss ein Fürst neben "dem lehnsrechtlichen Kriterium (...) zudem ein landrechtliches Erfordernis erfüllen: Er musste Gebietsherrschaft über ein Land und, damit verbunden, eine übergeordnete Gerichtsgewalt über Grafen und Edelfreie ausüben. Ohne territoriales und jurisdiktionelles Substrat war ein Fürstentum nicht vorstellbar."(Spieß, S. 43)
Hennegau
Die Grafen vom Hennegau nutzen im 12. Jahrhundert ihre reichen agrarischen Gebiete samt aufblühenden Städten im Maas-Schelde-Raum zum Ausbau eines Terrritoriums ähnlich wie die Grafen von Flandern. Unter Graf Balduin V. (1171- 95) steigt der Reichtum und führt zu glanzvollem höfischem Leben. Weihnachten 1171 schon soll laut der Chronik von Giselbert von Mons in Valenciennes ein Hoffest mit 500 Rittern samt ihren Damen stattgefunden haben. Beim kaiserlichen Hoffest 1184 zu Mainz kann der Graf seinen Reichtum zur Schau stellen, und 1188 erhebt ihn Kaiser Heinrich VI. in Fürstenrang.
Pfalzgrafschaft
Im römischen Reich des 12./13. Jahrhunderts entstehen neue Fürstentümer und alte verfallen. Als Beispiel kann der Raum zwischen Rhein, Main und Neckar dienen, wo die Bistümer Mainz, Worms und Speyer und die Reichsabtei Lorsch geistliche Fürstentümer sind. 1156 bekommt Halbbruder Konrad von Friedrich I. ("Barbarossa") die Pfalzgrafschaft übertragen, die nun langsam zum weltlichen Fürstentum in dem Raum aufsteigt und dabei den geistlichen Fürstentümern Machtvollkommenheiten nimmt und dadurch auch den Ruin der Reichsabtei zur Folge hat, die 1232 an den Mainzer Erzbischof übertragen wird. Da es zwischen Pfalzgraf und König keinen dazwischen geschalteten Herzog gibt, und diese "Pfalz" ihren Herrschaftsbereich erheblich erweitern kann, wird sie in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts aus der Fülle ihrer Macht heraus zum Fürstentum, während Speyer geschwächt und Worms nach und nach der Bedeutungslosigkeit zugeführt wird. Am Ende erhält der Pfalzgraf eine besonders erstrangige Stimme im Kurfürstenkollegium.
Brandenburg
Ein weiteres Fürstentum entsteht unter Albrecht ("dem Bären"), Widersacher Heinrichs ("des Löwen"). Zunächst Erbe billungscher Macht um Ballenstedt und Aschersleben und Vogt des Reichsstiftes St.Simon und Judas in Goslar, seit 1134/35 Markgraf der sächsischen Nordmark, wird er in seinem Versuch einer Vorherrschaft in Sachsen bald vom Welfen verdrängt und baut sich seit 1150 eine eigene Herrschaft im Havelland auf, die am Ende 1157 in der Markgrafschaft Brandenburg münden wird.
Fürstliche Hofhaltung findet vor allem in Brandenburg, Spandau und Tangermünde statt und wird durch systematischen Landesausbau gesichert. Im späten 13. Jahrhundert sollen die Fürsten bereits über ein Jahreseinkommen von 50 000 Mark Silber verfügen, das Zehnfache des rheinischen Pfalzgrafen.
Thüringen/Hessen
In Thüringen etablieren sich die Ludowinger, wo sie nach 1070 beginnen, die Wartburg zu errichten und um 1200 noch einmal prachtvoll ausbauen. Seit 1085 ist das Kloster Reinhardsbrunn Hauskloster des Thüringer Grafen Ludwig ("der Springer") in der Nähe seiner Stammburg, der Schauenburg bei Friedrichroda. Es wird von Hirsau besiedelt, mit dem es verbunden bleibt und wird Grablege der zu Landgrafen von Thüringen aufgestiegenen Ludowinger.
Das obere Landgericht ist in Mittelhausen bei Erfurt, wo der Landgraf viermal im Jahr selbst Recht spricht.
Durch Heirat kommen die Grafen an Gebiete um Marburg und Kassel und gelten seit 1131 dank König Lothar III. als Landgrafen von Thüringen und dann seit 1137 in Hessen herzogsgleich. Die hessischen Gebiete lassen sie von jüngeren Brüdern verwalten. Südhessen ist bzw. wird derweil zum guten Teil staufisches Reichsgut. Mit dem durch eine Heirat zusätzlich besiegelten Bündnis mit den Staufern gelingt es ihnen, sich vom welfischen Sachsen zu lösen.
Es handelt sich um ein Gebiet von Lahn und Sieg bis Unstrut und Saale, und von der Helme bis zur Werra, einen Flickenteppich aus Eigengütern, Lehen, Vogteirechten mit Burgen, Klöstern und Dörfern, Gerichten, Marktflecken, Münzstätten und Städten.
In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts entwickelt sich Thüringen im Bündnis mit den Staufern zu einem mächtigen Territorium. Erfurt wird sich langsam zu einer der größten deutschen Städte. Landgraf Hermann I. (1190-1219) baut den Fürstenhof prachtvoll aus und lässt machtvolle Burgen und stattliche Kirchen errichten. Die Wartburg wird zum Zentrum für Epik, Minnesang und Buchmalerei.
Kaiser Friedrich II. setzt Heinrich Raspe 1242 als Reichsverweser für seinen Sohn Konrad ein. Der legt das Amt aber im nächsten Jahr nieder. Etwa in dieser Zeit bestimmt der Kaiser, dass bei weiterer Kinderlosigkeit von Heinrich Raspe die Landgrafschaft an das Haus Wettin fallen solle. Heinrich lässt sich von geistlichen Fürsten 1246 zum Gegenkönig erheben und besiegt bei Frankfurt ein Heer Konrads IV.. 1247 stirbt er gescheitert.
1247-1265 kämpfen die Dynastien Wettin und Hessen-Brabant um das Erbe, welches die Tochter Sophie von Landgraf Ludwig IV. und (der hl.) Elisabeth beansprucht. 1249 erkennt ein großer Teil der thüringischen Großen den Wettiner an. Dabei verselbständigt sich Hessen unter Ludwigs und Elisabeths Enkel Heinrich ("das Kind") und 1263 wird das vom Erzbischof von Mainz (Werner von Eppstein) anerkannt. 1277 wird Kassel Residenz. Die Landgrafschaft Thüringen wird nach dem Sieg Heinrichs ("des Erlauchten") der Markgrafschaft Meißen angegliedert. In Eisenach wird die Burg Klemme zur Meißener Zwingburg ausgebaut. Um 1310 wird dieser Vorgang unter Friedrich ("dem Freidigen") abgeschlossen.
1292 wird Hessen Landgrafschaft und kommt in den Reichsfürstenstand. Es wird aber noch dauern, bis Oberhessen und Niederhessen zu einem Territorium zusammenwachsen.
Bayern
Die Wittelsbacher wiederum begann von der Burg Scheyern aus, dann etwas südwestlich davon mit der Burg Wittelsbach. Seit 1111/20 haben sie aufgrund eines großen Herrschaftsgebietes den Titel eines Pfalzgrafen von Bayern.
1139 belehnt Konrad III. nach Konflikten mit Heinrich ("dem Stolzen") den Babenberger Markgrafen von Österreich mit Bayern, der versucht, sich dort kriegerisch gegen den Welfen durchzusetzen. 1143 erhält dessen Bruder Heinrich ("Jasomirgott") Bayern, gegen den Welf VI. ankämpft, verbündet mit Otakar III. von Steier. Nach dem Kreuzzug nimmt Welf den Kampf wieder auf und dann Heinrich ("der Löwe"). Derweil entsteht das Herzogtum Meranien unter einem Wittelsbacher.
Nach dem Sturz Heinrichs ("des Löwen) 1180 erhält Otto von Wittelsbach Bayern und nun wird auch die Steiermark als Herzogtum gefürstet und löst sich damit auch rechtlich von Bayern ab. Das Fürstentum heißt meist Steier und erst deutlich später Steiermark.
Österreich
Das weniger geschlossene Österreich ist geteilt in das Land ob der Enns (in etwa das spätere Oberösterreich) und das Land unter der Enns (Niederösterreich).
Es
wird 1156 durch das Privilegium minus zum mit erheblichen Sonderrechten ausgestatteten Herzogtum aufgestuft, um den Verzicht der Babenberger auf Bayern zugunsten von
Heinrich ("dem Löwen") schmackhaft zu machen. Zu den Privilegien gehört die mögliche Erbfolge von Töchtern oder von vom Fürsten ausgewähltem Nachfolger. Die Königsdienste wie die Heeresfolge
werden erheblich eingeschränkt, während der Fürst uneingeschränkte herzogliche Gerichtshoheit in seinem Fürstentum hat. Heinrich verlegt darauf seine Residenz nach Wien.
Der Name Austria setzt sich in Urkunden immer mehr durch.
1175 kommt es zum Verwüstungs-Krieg zwischen Österreich und Kärnten gegen die mit Böhmen und Ungarn verbündete Steiermark.
Otakar IV. von Steier ist in jungen Jahren krank und überträgt sein Land vor seinem Tod 1192 an die österreichischen Babenberger (in Personalunion). 1198 wird die Union unter Leopold VI. Realität. Mit dem Lösegeld, welches sein Vorgänger von Richard ("Löwenherz") erpresst, beginnt die Gründung und der Aufstieg der Städte. 1194 wird die (Wiener) Neustadt gegründet und Wien erweitert. Graz und Judenburg werden zu Städten erhoben.
1294-98 regiert Sohn Leopold VI. die Steiermark und Sohn Friedrich I. Österreich. 1298-1230 regiert Leopold VI. beide mit stauferfreundlicher Position in Personalunion. Linz und Wels gelangen an ihn und um 1220 kommt es zur Teilung von Gebieten an Passau und Österreich mit der großen Mühl als Grenze. Weitere Erfolge werden mit der Kontrolle der oberösterreichischen Vogteien und dortiger Gerichtsrechte erreicht. Dazu gehören auch Marktsiedlungen wie Steyr und Enns, welches 1212 das Stadtrecht verliehen bekommt. Dazu wird Linz langsam zur ummauerten Stadt.
Regiert wird mit einer für die Urkunden zuständigen Kanzlei, deren Geistliche gelegentlich zu Bischöfen aufsteigen. Neben Wien ist der Landesfürst auch weiter im Lande umher reisend.
Der letzte österreichische Babenberger Friedrich II. muss bald einen Aufstand im Norden niederschlagen und geht dann vergeblich gegen Bayern und Böhmen vor. Später führt kaiserfeindliche Politik 1236 zur Reichsacht, zum Aufstand und zum Bündnis von Bayern, Böhmen, Brandenburg, Passau und Bamberg gegen ihn. 1236/37 greift Kaiser Friedrich II. ein. Nach Cortenuova kann der Herzog aber langsam die Kontrolle zurück gewinnen.
1241 kommen die Mongolen in Ungarn an, kehren dann aber nach dem Tod ihres Führers um. 1246 stirbt der letzte Babenberger-Herzog bei der erfolgreichen Abwehr der Ungarn.
Andechs-Meranien
Fürstentümer können in einem Fürstentum entstehen. Seit 1132 benennen sich Grafen nach ihrer neuen Stammburg Andechs. Von Isar und Lech aus kontrollieren sie bald Gebiete in Franken und Tirol bis hin nach Südtirol. 1173 erhalten sie den Titel der Markgrafschaft Istrien. Graf Bertold IV. von Andechs "hatte solche Autorität, dass der Kaiser den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach erst dann zum Herzog von Bayern erheben konnte, nachdem er auch die Andechser im Rang erhöhte und Graf Berthold V. zum Titularherzog von Meranien gemacht hatte."
1135 werden die Habsburger im süd-elsässischen Sundgau als Landgrafen und Vögte des Straßburger Hochstiftes eingesetzt, von wo sie dann später auf den Breisgau übergreifen können. Dazu gewinnen sie dann Ländereien im Zürichgau, in Schwyz, Unterwalden, im Aargau und in Uri.
Im frühen 13. Jahrhundert kommt es zur Teilung des Hauses. Rudolf III. schafft es nicht, sich in der Schweiz durchzusetzen. Der Sohn des anderen, Rudolf IV. kann seinen Herrschaftsbereich ausbauen. Es gelingt ihm, seine Herrschaft auf den Schwarzwald auszudehnen. Zudem beansprucht er die Ost- und Nordostschweiz. 1273 wird er als Rudolf I. römisch-deutscher König.
***Nicht gefürsteter Hochadel: Die Dynastie von der Mark***
Nicht jede hochadelige Familie schafft es zu (reichs)fürstlichem Rang, wenn sie nicht als solche durch den deutschen König belehnt oder da hinein von ihm erhoben wird.
Um 1160 teilt sich die hochadelige Familie derer von (der Burg) Berg in eine rheinisch-bergische und eine westfälische Linie, die sich nach ihrer Burg Grafen von Altena nennt. Um 1175 wird der Sohn Adolf Geistlicher und am Ende 1193 Erzbischof von Köln. Die weltlichen Herrschaftsrechte werden zwischen den Söhnen Arnold (Grafschaft Altena-Berg) und Friedrich geteilt. Irgendwann erwirbt Friedrich den Hof Mark bei Hamm und um 1200 wird dort eine Burg errichtet. Längst werden Grafentitel in der Familie vererbt. Mit Adolf I. gibt es nun einen ersten Grafen von (der) Mark.
In den ersten Jahrzehnten wird die Grafschaft vor allem mit Ministerialen verwaltet, die gegenüber (edel)freien Männern immer noch minder berechtigt sind. Aber freie Männer genießen auch Vorteile, wenn sie in die Ministerialität eintreten. An der Spitze steht in Krieg und Frieden der Drost, der für das Militär, Burgen- und Städtebau und die Erhebung der Abgaben zuständig ist. Castellani sind die fünf bis zwölf Burgmannen, die mit Gütern oder Einkünften belehnt werden. Dort wie im Krieg sind Ministerialen auch milites und gelangen so langsam zu niederadeligem Status. Weitere Ministeriale verwalten die gräflichen Güter.
1226 wird Hamm als Residenzstadt gegründet, und es folgt etwas später Iserlohn, welches mit einer Münze ausgestattet wird.
Geistliche Fürsten
Geistliche Fürsten unterscheiden sich von weltlichen dadurch, dass sie nicht verheiratet sein können, und ihr Fürstentum nicht unter legitime Nachkommen verteilt werden kann, es ist unteilbar. Es umfasst ein stabiles, vordefiniertes Gebiet, auch wenn dieses ein Flickenteppich von Besitztümern, Herrschaften und Rechten ist. Bischöfe sind dabei nicht nur geistliche Herren, sondern zugleich auch immer weltliche, wie dann auf dem Weg zum sogenannten Wormser Konkordat auch förmlich festgestellt wird.
Schon in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts beginnt in deutschen Landen die Strukturierung von Diözesen in neuartige Fürstentümer. Der geistliche Machtbereich wird in Archidiakonate aufgeteilt und die Pfarreien werden ausgebaut. Die Bischöfe operieren mit einer eigenen Ministerialität für Verwaltung und militärische Auseinandersetzungen. Auf Klöster und Kanonikerstifte wird stärker zur Machtausübung zurück gegriffen. Stifte werden reformiert und Mitglieder des Domkapitels werden dort zu Pröpsten hinbestellt. Konflikte sind dabei vorprogrammiert, und nicht nur mit den Menschen vor Ort, sondern mit dem weltlichen Vogt und jenen Herren nebenan, mit denen Bischöfe konkurrieren.
Ziel ist, wie Ehlers für den Salzburger Erzbischof schreibt, "dass nichts und niemand außerhalb der episkopalen Jurisdiktionsgewalt bleiben sollte, exemte Klöster und Stifte geradezu als systemwidrig erscheinen mussten." (EhlersOtto, S.143)
Salzburgs Weg zum Fürstentum führt nicht zuletzt über den Reichtum aus Salzabbau, der mit dem brutal durchgesetzten Aufstieg von Hallein seit Ende des 12. Jahrhunderts noch zunimmt, als der Erzbischof das Münzrecht für seinen Machtbereich erhält. Damit beginnt der Aufstieg zum Landesfürstentum durch Erbschaft, Tausch und Kauf. Von Burgen aus werden die Hochgerichte (Pfleggerichte) betrieben, ansonsten gibt es Landgerichte. Die niedere Gerichtsbarkeit üben die Urbarämter aus. Eine curia aus vier Prälaten und vier Ministerialen betreibt unter dem Erzbischof die Regierung und Städte werden gefördert.
Erzbischöflicher Hof und Hofhaltung sind bald etwas kleiner als die großer weltlicher Fürsten. Wesentlich ist aber die frühe Residenzbildung mit dem Bischofspalast in der Nähe der Kathedrale und die frühe Schriftlichkeit, die einer entsprechenden Verwaltung zugute kommt. Der geistliche Adels- und Fürstenhof unterscheidet sich dabei in der Lebensführung nicht wesentlich vom weltlichen, werden doch die höheren geistlichen Ämter nach Kirchenreform und Investiturstreit einer immer weitergehenden Verweltlichung ausgesetzt.
Offiziell müssen die bischöflichen Fürsten alle Formen herrscherlicher Gewalttätigkeit an weltliche Beauftragte abgeben. Tatsächlich bleiben sie aber wesentlicher Teil des königlichen Vasallenheeres und reiten oft gepanzert an der Spitze ihrer Heere aus Vasallen und ministerialischen Rittern in die Schlachten.
Für deutsche Fürstbischöfe des 12. Jahrhunderts bleibt ihr Gott weiter vor allem ein Kriegsgott, der ihnen in ihren kriegerischen Operationen zum Sieg verhilft. Laut den Annalen von Stade führt Erzbischof Christian von Mainz 1172 eine marodierende Horde brabanzonischer Söldner durch Italien bis in die Toskana. Im Kampf vor Bologna sitzt er gepanzert im blauvioletten Waffenrock zu Pferd, auf dem Kopf einen vergoldeten Helm und in den Händen eine dreiknotige Keule, mit der er neun Männer getötet haben soll. "Der junge Albert von Stade erfährt das vom Leiter der Bremer Domschule, der damals als Notar Christians auch mit angesehen haben will, wie der Erzbischof achtundzwanzig italienischen Edelleuten eigenhändig die Zähne einschlug." (EhlersHeinrich, S.328)
Einen ganz besonders brutalen Vernichtungsfeldzug führt Erzbischof Philipp von Heinsberg wenige Jahre später gegen Heinrich ("den Löwen"), in dem weder Städte, Kirchen noch Klöster vor der Zerstörung verschont werden, und nicht einmal Nonnen der Verschleppung und Vergewaltigung entgehen.
Ein Musterbeispiel an sehr weltlichem Herrschaftswillen bleiben die Kölner Erzbischöfe, die in Westfalen mit den Welfen zusammenstoßen. "Zwischen Lippe und Rothaargebirge versuchten die Erzbischöfe kölnisches Eigengut mit Lehen zu verbinden und durch Klöster oder Stifte als Zentralorte der Verwaltung beieinander zu halten. Sie kauften ganze adelige Eigengutkomplexe auf und gaben sie teilweise und unter Auflagen als Lehen zurück, indem sie verlangten, dass ihnen die Burgen jederzeit geöffnet würden. Kölnische Ministeriale trieben diese Expansion in das Gebiet der Diözese Paderborn vor" (... EhlersHeinrich, S.135)
Gegenspieler bleiben der Bischof von Paderborn, die Grafen von Arnsberg und die sächsischen Herzöge. Arnsberg wird durch Reinald von Dassel lehnsabhängig gemacht. Er wie sein Nachfolger gründen Klöster in Westfalen wie das Kanonissenstift Walburgis in Soest. Entsprechend unterstützt Philipp von Heinsberg die Entmachtung Heinrichs ("des Löwen"). Die Schenkung von Westfalen und Engern in der Gelnhäuser Urkunde geschieht
mit allem Recht und aller Herrschaft - also mit den Grafschaften, Vogteien, Geleitrechten, Hufen, Höfen Lehen, Dienstmannen, Hörigen und allen Rechten, die zu einem Herzogtum gehören (... in: Jaspers/Pätzold, S.132)
Tatsächlich werden die Kölner Erzbischofe auf Dauer nur das Gebiet um Soest und das südliche Westfalen, in dem sie schon vorher Fuß gefasst hatten, herrschaftlich durchdringen. Ansonsten steigt der örtliche Adel weiter auf, und als Erzbischof Engelbert von Berg versucht, dagegen anzugehen, wird er 1225 ermordet.
Hofämter gibt es wie bei den weltlichen Fürsten, die summi officiales Truchsess, Marschall, Kämmerer und Schenk, die ihr Amt nur bei besonders feierlichen Anlässen ausüben und sich ansonsten von Ministerialen vertreten lassen.
Nicht nur die Kirchen waren in Gebäude und Ausstattung nach Möglichkeit prachtvoll, sondern auch die fürstbischöflichen Höfe glänzten damit - soweit möglich - wie die weltlichen. Das Kölner Dienstrecht von etwa 1165 legt fest, dass der Erzbischof jedem seiner Ministerialen von einer bestimmten Dienstgutstufe an zehn Mark zur Rüstung geben sollte und vierzig Ellen Scharlachstoff, mit denen der Mann seine Knechte einkleiden sollte; der Erzbischof selbst versah an den drei Hochfesten des Jahres jeweils dreißig Ritter aus seiner Hausgenossenschaft mit neuen Pelzmänteln und bunten Pelzröcken. In Zeiten, in denen man noch nur eingeschränkt mit Mobiliar protzen kann, muss dafür vor allem die Bekleidung herhalten.
Wann immer die Lieder der Carmina Burana genau entstanden sind, in einem von ihnen heißt es in etwa für unsere Zeit:
Der höchste König auf Erden ist heutzutage das Geld (in terra nummus rex est hoc tempore summus), und wenig später im selben Lied: Der bestechliche Episkopat ist dem Geld sehr zugetan (Nummo venalis favet ordo pontificalis).
Einen Musterfall für die Herausbildung eines geistlichen Fürstentums bietet auch Erzbischof Adalbert von Mainz (1109-37) aus Saarbrücker Grafenhaus, der zunächst als Kanzler Heinrich V. unterstützt, dann aber die Endphase des Investiturstreites dafür nutzt, sowohl für die Familie wie für das Bistum Territorialpolitik zu betreiben. Dabei geht es vor allem auch um die Bildung eines Territoriums zwischen Saarbrücken und Mainz. Im Streit mit dem Kaiser um die Burg Trifels wird er 1112 von diesem gefangen genommen. Der Kaiser klagt:
Wir haben sie (die befestigten Orte) ihm leihweise zu treuen Händen überlassen, aber nicht übereignet, aber er nimmt sie in seinen Besitz. Das Erbe unserer Väter, Länder der Kirchen, Besitzungen des Reiches, ja sogar alle linksrheinischen Königsrechte, Rechte der Bistümer und Abteien nimmt er für sich in Anspruch. (in Weinfurter, Geschichte, S.151)
Mehrere Jahre schöpft nun der Kaiser die Mainzer Ressourcen für sich ab und feiert 1114 hier auch auf einem festlichen Hoftag die Hochzeit mit der englischen Königstochter Mathilde. Nachdem der Sachsenaufstand im Februar 1115 zu einer Niederlage des Kaisers führt, zwingen die Mainzer Bürger ihn mit dem Sturm auf die kaiserliche Pfalz, ihren Bischof wieder freizulassen. Sie stehen dabei unter der Führung der bischöflichen Verwaltung mit dem Vogt an der Spitze. Kaum ist er wieder frei, tritt er als Führer der antikaiserlichen Opposition auf.
1116-18 ist Heinrich V. zum zweiten Mal in Italien und überlässt die Geschäfte im Norden den Staufern. Mit diesen werden nun von den Mainzern Kämpfe um das Gebiet zwischen dem südlichen Hunsrück und dem Elsass ausgetragen. Bis 1117 hat Adalbert sich in seiner Diözese in Zusammenarbeit mit seinen Bürgern gegen Friedrich II. von Schwaben durchgesetzt und betreibt darauf wieder Familien-Interessen im angrenzenden salischen Raum. Im Juli 1118 setzt er mit dem päpstlichen Legaten die Exkommunikation des Kaisers und seines Gegenpapstes durch. In dieser Zeit erobert er dann sogar die staufische Burg Oppenheim. Zum Dank gibt Adalbert seinen Bürgern 1118/19 ein großes Stadtprivileg, etwas, was bislang Königsrecht war. Darin wird ihnen unter anderem zugestanden, ihr Gericht in der Stadt dem des Vogtes außerhalb vorziehen zu können.
Der Erzbischof ist nun neben anderen mit Lothar von Süpplingenburg und dem Erzbischof von Köln verbündet. Als Heinrich 1121 gegen Mainz anrückt, sammelt sich ein Heer, um die Stadt und das Erzbistum zu schützen. Eine Schlacht wird aufgeschoben bis zum Hoftag von Würzburg. 1122 befestigt Adalbert ohne königliche Einwilligung die Siedlung Aschaffenburg Als der Kaiser sie darauf angreifen will, halten ihn die päpstlichen Legaten zurück. (Büttner in: Investiturstreit, S.395ff)
In Ausnahmefällen gelingt es, anders als üblicherweise bei weltlichen Fürsten, Sozialaufsteigern, kirchliche Karriere bis in den Fürstenstatus zu machen. Bischof Wolfger von Passau ist ein solcher Aufsteiger in seinem Amt, aus dem für 1203/04 Reiseabrechnungen erhalten sind. "Die Aufwendungen für Tuch, Schneiderlohn, Ausbesserungen und Reinigung sind beträchtlich (...) Das Bedürfnis des Bischofs nach Luxus wird deutlich: Man kauft Stoffe aus Kamelhaarwolle, Seide, feine Leinwand, braunen italienischen Brokat, indischen Taft - und - als die kalte Jahrezeit naht - mancherlei Pelzwerk. (...) So oft es ihm möglich ist, huldigt er unterwegs der Jagd, vor allem der Falkenbeize. Mehrfach sind Aufwendungen für Jagdhelfer, Falkner, den Ankauf edler Vögel in die Listen eingetragen." (WGoez, S. 298f) "Gaukler, Sänger, Taschenspieler, Rezitatoren, Geiger, sogar Messerwerfer" werden bezahlt, in Siena eine Sängerin zusammen mit zwei Jongleuren. Im November 1203 bekommt ein Herr Walther von der Vogelweide für seine Darbietungen einen Pelzmantel gekauft. (s.o.)
Fürsten in Frankreich
In Westfranzien gibt es nur wenige geistliche Fürstentümer, die auch als solche anerkannt werden, und unter den weltlichen beginnt der König nicht nur vom Status her, sondern auch auf Grund seiner Macht im 12. Jahrhundert hervorzuragen, und es gelingt ihm, seinen direkten Herrschaftsbereich immer weiter auszudehnen.
Wie in deutschen Landen entstammen die Fürsten verschiedenen hochadeligen Familien, sind aber mit Beginn des 12. Jahrhunderts de facto noch wesentlich unabhängiger. Das betrifft die Normandie, die Bretagne, Flandern, die Champagne, Burgund und die übrigen südlichen Fürstentümer. Ganz entgegengesetzt der Entwicklung in deutschen Landen werden sie aber zunehmend in Abhängigkeit vom Königtum gebracht, die Champagne zum Beispiel über ihre dynastische Verbindung mit Navarra.
***Coucy (nach B. Tuchman)***
Um 920 baut der Erzbischof von Reims im Zentrum der Picardie eine erste Festung gegen die Normannen, an die sich dann ein Ort (Coucy-le-Château) anschließt. 975 erhält ein Graf von Eudes die Festung. 1059 taucht ein Aubry de Coucy als Gründer der Abtei von Nogent auf. Das weitere berichtet dann vor allem Guibert de Nogent. Aubrys Nachfolger Enguerrand I. (de Boves) lässt sich von seiner ersten Frau Adèle de Marle scheiden und heiratet die Frau eines Freiherrn aus Lothringen. Gegen den Vater kämpft dann Thomas de Marle um sein Erbe. 1095 folgen beide dem Kreuzzugsaufruf.
Als er zurück ist, gewinnt Thomas schließlich das Erbe, gewinnt Marle und Ferlé hinzu, Abt Suger von St.Denis beklagt seine Brutalität.
"Er raubte die Pfründe von Mönchsklöstern, folterte Gefangene (laut Überlieferung hängte er Männer an den Hoden auf, bis diese durch das Gewicht des Köprers abrissen), durchschnitt persönlich die Kehlen von dreißig Stadtbürgern, verwandelte seine Burgen in >Drachennester und Räuberhöhlen< und wurde von der Kirche exkommuniziert."
König Louis VI. lässt gegen ihn kämpfen. Am Ende beschenkt Coucy die Abtei von Nogent und gründet die von Prémontré, bevor er 1130 stirbt. (Tuchman, 24)
Sohn und Enkel sterben auf Kreuzzügen und 1197 muss die Witwe des letzteren für 140 Pfund die Gemeinderechte an Coucy-le-Château verkaufen.
Das Land der Coucy ist waldreich und voller jagbarem Wild und Fisch für die Herrenmenschen, und neben Holz werden dort Wein und Weizen reichlich geerntet. Das ganze Land bringt den Coucys wohl wenigstens 5000 Pfund ein.
Enguerrand III. heiratet mit Mathilde eine Tochter Heinrichs ("des Löwen"). Zwischen 1223 und 30 lässt er eine der zu dieser Zeit größten Burgen für sich bauen, die den Übergang vom Tal der Aillette zu dem der Oise kontrolliert. Im Zentrum steht ein Donjon (Bergfried) mit einem Durchmesser von 30 m und einer Höhe von 60m. "Der Bergfried hatte Küchen (...) Auf dem Dach gab es einen Regenwasser-Fischteich, im Keller war eine Quelle; Backöfen, Lagerräume und große Feuerstellen mit Rauchabzug und Latrinen gab es in jedem Stockwerk." ((Tuchman, S.20f)
Vier Ecktürme mit einer Höhe von 30m kontrollieren die Burgmauer. Davor gibt es "Stallungen, Wirtschaftsgebäude, einen Turnierplatz und Weideflächen für die Pferde der Ritter." (Tuchman, S.20) Wiederum davor liegt die Stadt Coucy. "Bei der Erbauung von Coucy beschäftigte Enguerrand etwa achthundert Steinmetzen, unzählige Ochsengespanne, um die Steine vom Steinbruch zum Bauplatz zu ziehen, und ungefähr achthundert weitere Handwerker, so z.B. Schreiner, Dachdecker, Schmiede, Anstreicher und Tischler." (Tuchman, S.27)
Daneben lässt der dritte Enguerrand eine Anzahl weitere Burgen auf seinen Gütern erbauen und beteiligt sich am Krieg gegen die Katharer, dem sogenannten Albigenser-Kreuzzug. Er ist am Ende Herr von St.Gobain mit seiner ebenfalls riesigen Burg, von Assis, Marle, La Fère, Folembray, Montmirail, Oisy, Crèvecoeur, La Ferté-Aucoul und La Ferté-Gauche, Großherzog von Meaux und Burgvogt von Cambrai (alles laut Tuchman, S.28) Er muss 1216 fast so viele Ritter stellen wie die Herzöge von Anjou.
Fürstenhof und Residenz
Neben unmittelbar militärischer Potenz, zunehmend despotischer nach innen und aggressiver nach außen, möchten und müssen Fürsten und höherer Adel ihre Machtvollkommenheiten durch Bauten und Lebensführung demonstrieren. Das höfische Zeitalter deutet sich an. Es wird auch geprägt von seiner neuen städtischen Basis, die die früheren agrarischen Grundlagen zunehmend ergänzt.
Curia war im antiken Rom z.B. der Senat und der Ort, wo er tagte. Der "Hof" (curia, curtis) bezeichnet nun sowohl ein befestigtes Steingebäude, oft mit einem Innenhof, als auch den Haushalt und die Lebensformen derer, die sich dort aufhalten. Unter den Staufern kann er auch jeden königlich-kaiserlichen Hoftag bezeichnen, selbst wenn der auf freiem Feld stattfindet. (Laudage)
Im großen und ganzen ist dieser Fürstenhof königlichen Höfen nachgebildet. Er setzt sich persönlich aus der fürstlichen Familie und denen zusammen, die dort Dienste leisten. Herausgehobene Hofämter haben der Truchsess (Versorgung der Tafel), der Marschall (Versorgung der Pferde und des Militärs), der Kämmerer (Garderobe, Geldzufuhr und -Verwaltung) und der Mundschenk inne. Sie sind bei besonderen Anlässe Ehrenämter, werden aber im Alltag von niedereren Dienstleuten versehen. Mit diesen Ämtern verbinden sich aber auch allgemeine Verwaltungsaufgaben, die mal dem einen, mal dem anderen übertragen werden.
Zusammen mit weiterem Personal kommt ein großer Hof im hohen Mittelalter schon mal auf 50-100 Leute, die aber nicht unbedingt alle auf der Burg wohnen, und die in engeren und weiteren Kreisen rund um den Fürsten angeordnet sind. Nichtadelige Dienstboten im Stall und in der Küche wohnen und leben dabei auf Distanz zum Fürsten und schlafen, soweit überhaupt auf der Burg, zu mehreren in einem Raum.
Das Gewimmel von Leuten beschreibt ein Brief von Guibert von Gembloux über die Zustände in der Kölner Pfalz im 12. Jahrhundert:
Hier saß der Kardinallegat der römischen Kurie (...), dort standen die Herzöge, Grafen und anderen Großen aus dem ganzen Land - oder besser gesagt - sie stürzten herein mit einer beinah unzähligen Menge von Rittern und Knappen (...) unterdessen schleppten euch die einen von Zimmer zu Zimmer, von Beratung zu Beratung; andere forderten die Bezahlung von Spesen, wieder andere die Einlösung von Pfändern, andere warteten auf das nicht terminierte Anrücken des Heeres (...) Ihr habt Euch durch Rückzug von Ort zu Ort, von Kammer zu Kammer, Einsamkeit verschafft, doch sie dauerte nicht an. Euch folgte die Menge der Vasallen, und sie schlugen gegen die Türen, während die Türhüter unwillig und auch außerstande waren, sie zurückzuhalten. (in: Laudage/Leiverkus, S.77)
Der kaiserliche Kaplan und Notar Gottfried von Viterbo schreibt seine 'Memoria' am herumreisenden Hof von Heinrich VI.,
... nicht in der Abgeschiedenheit oder in einem Kloster oder sonst an einem ruhigen Ort, sondern (...) in der Unruhe eines großen Hofes, wo ich alltäglich zur Stelle sein musste, nämlich als Kapellan bei Tag und Nacht, zur Messe und zu allen Tagesstunden, bei der Tafel, bei Rechtsgeschäften, beim Anfertigen von Briefen, alltäglich beim Beschaffen neuer Gastunterkünfte (... in: EhlersHeinrich, S.230)
Kapelläne und Notare sind oft die belesensten und schreibkundigsten Leute am Hof und einige Spitzenkräfte gehören zur regulären Entourage eines fürstlichen Hofes.
Zugang zum Hof eines Königs oder Fürsten ist Zugang zur Macht, und diesen sucht bedeutenderer Adel immer wieder. Damit wandelt sich der Hof als Personenkreis ständig. Ende des 12. Jahrhunderts kann so der englische Hofkleriker Walter Map schreiben:
In curia sum, et de curia loquor, et nescio, Deus scit, quid sit curia. (in z.B.: Haas, S.202) Ich lebe an einem Hof und rede über den Hof, doch was er eigentlich ist, weiß ich nicht. (...) Zwar weiß ich, dass der Hof nicht mit der Zeit identisch ist. Aber er ist vergänglich, wandelbar und unterschiedlich, an einen Ort gebunden und doch unstet.; niemals verbleibt er im selben Zustand. Wenn ich ihn verlasse, kenne ich ihn durch und durch; aber wenn ich zurückkehre, finde ich nichts oder fast nichts von dem wieder, was ich verließ (...) Wenn ich den Hof beschreiben sollte (...) so würde ich vielleicht nicht lügen, wenn ich ihn eine nicht genau bestimmbare Menschenmenge nennen würde, die sich auf einen einzigen Ausgangspunkt bezieht. (in: Laudage/Leverkus, S.76)
Reichtum zeichnet neben "edlem Kriegertum" Macht aus, wie zum Beispiel schon Lampert von Hersfeld um 1080 immer wieder betont. Das ist zunächst einmal aus vorkapitalistischen Zeiten übernommen und genauso von orientalischen Despoten bekannt. Reichtum ist eine Art Mengenangabe, man besitzt viel von dem, was reich macht.
In ihrer Hofhaltung demonstrieren Fürsten und hoher Adel Macht und Reichtum durch Prunk und Pracht und die Demonstration eines möglichst aktuellen Modebewusstseins, wobei in deutschen Landen die Moden immer mehr aus dem Westen und manchmal auch aus dem Süden kommen.
Fürsten mit ihren autoritären bis despotischen Neigungen, die sie gerne als christliches Patriarchat darstellen, mit den meisten Untertanen in einer Art Kinderrolle und den großen Kapitaleignern als Juniorpartnern, schöpfen die Einkünfte ihrer Untertanen soweit wie möglich für ihre persönlichen Konsum-Bedürfnisse wie die des Machtapparates ab, ohne dass in der Regel dem steten Vermehrungsdrang des Kapitals Grenzen gesetzt werden. Zumindest in Westfranzien und deutschen Landen konzentrieren sich im 12./13. Jahrhundert dabei die ansteigenden Reichtümer auf immer weniger Höfe. Mit den daraus resultierenden Finanzmitteln wird die fürstliche Macht nach innen (also unten) und nach außen (also nebenan) ausgebaut. Der wesentliche weitere und genauso wichtige Effekt des zunehmenden Reichtums der Mächtigen ist seine Rolle für die Nachfrage nach Gütern auf dem immer wichtigeren Markt.
Ein wesentlicher Aspekt des Hofes ist, dass hier im Tanz der Eitelkeiten, Schmeicheleien, Unterstellungen und der alltäglichen Konkurrenz der Höflinge parallel zu der Entwicklung einer Selbstverwaltung in den Städten eine Art Sphäre des Politischen entsteht, die jenseits feudaler Rechtsformen das Spiel der Macht unterhalb der eigentlichen Herrscher ausbildet. Solange es dabei neben festen Hofämtern noch keine feste Institutionalisierung des Politischen gibt, wie sie sich erst in den nächsten Jahrhunderten in Burgund, Frankreich und England etwas ausbilden wird, ist man ganz auf seinen Ellenbogen, sein Intrigantentum, Lügereien und seine miesesten Charaktereigenschaften angewiesen, was alles ja dann weiter zum Raum des Politischen gehören wird.
Das Herumreisen der Machthaber dient nicht nur der immer einmal wiederkehrenden Präsenz der Machtausübung, sondern ist auch der Tatsache geschuldet, dass die jeweiligen örtlichen Resourcen für Hofhaltung oft schon nach kurzer Zeit erschöpft sind.
Bleibt der Fürst länger in einer Stadt, taucht schon mal die Bitte auf, bald weiterzuziehen. Die Konzentration auf weniger Residenzen und schließlich die Entstehung von Hauptstädten hängen also am steigenden Geldvolumen in einer Gegend, von dem Machthaber so viel abschöpfen können, dass sie länger andauernde lokale Hofhaltung mit Geld bezahlen können, und zudem an einer Ausweitung des Handels, die für Geld genügend Waren auch von weiter her heranschafft.
Abgesehen von einem engen Kreis wechselt bei Reisen stetig die Besetzung des Hofes, Leute gehen und kommen, es herrscht wohl erhebliche Unruhe, wie Peter von Blois vom angevinischen Königshof beschreibt. Auf seinen Wegen versucht der königliche oder fürstliche Hof dann die Barone, also die hohen Adeligen der Gegend, an sich zu ziehen, den höheren Adel nämlich. Wo sich der Adel mehrheitlich dem entziehen kann, wie am Hof Heinrichs ("des Löwen"), treten wichtige Ministeriale an die Stelle.
Das Wort Residenz fehlt noch und wird manchmal durch Hoflager ersetzt. Die Residenz, eigentlich als residentia der Wohnort, soll hier als der Ort bzw. das Gebäude benannt werden, an dem Fürsten ihren hauptsächlichen Aufenthalt nehmen. Damit kann dieser Ort auch zur Hauptstadt ihres Herrschaftsbereiches werden. Ein solcher existierte für die Visigoten mit Toulouse und Toledo, für die Langobarden mit Pavia, kristallisiert sich für Westfranzien unter den Kapetingern mit Paris heraus und für Böhmen später mit Prag. England besitzt dann eine Residenz mit Westminster und eine Art Hauptstadt mit dem benachbarten London.
Sobald es fürstlichen Machthabern gelingt, Ansätze einer Verwaltung zu etablieren und zu finanzieren, die Mediatisierung ihrer Macht durch mehr direkte Herrschaft ablöst, Macht also auf eine Person hin zu konzentrieren, reist der Hof, also der Herrscher mit seiner Entourage, weniger herum, sondern lässt sich häufiger in einer festen Residenz nieder, in deren Nähe sich oft so etwas wie eine Hauptstadt entwickelt, eine Kapitale, wie es in anderen europäischen Sprachen heißt.
In Westfranzien sind hauptstädtische feste Residenzen zum Beispiel in Paris, Provins und Toulouse vorhanden. Hier ist im Verlauf des 12. Jahrhundert die Entwicklung von Hauptorten zu einer Hauptstadt bereits weit gediehen. Nachdem Teile des Adels dann dank zunehmender Geldwirtschaft und Marktorientierung ihrer Güter diese verwalten lassen, richten sie sich Adelshöfe in den Residenzstädten ein, wo sie zumindest einen Teil des Jahres verbringen, um einmal dort Einfluss auf die Fürsten auszuüben und zum anderen möglichst viel von den neuen Annehmlichkeiten der Städte zu profitieren. Nur dort bekommt man auch direkt die neuesten Moden mit, an denen sich diese neuartige Schickeria orientiert und mit denen sie sich identifiziert.
In England konzentriert sich dabei alles auf die eine Hauptstadt London, wo sich der höhere Adel entlang der Strand und später bei ihren Nebenstraßen ansiedelt. Für die Nordhälfte Italiens ist eine solche Entwicklung nicht nötig, ist der städtische Adel doch immer zu einem stattlichen Teil in den Städten verblieben, um die sich Territorien bilden.
Städte basieren auf dem Zufluss von Agrarprodukten des Landes, deren Preise möglichst niedrig gehalten werden, aber manche florieren auch über die Konsumausgaben der Herren, die diese Mittel wiederum erst einmal ihren Untertanen abnehmen. Mit dem Abzug der Luxuskonsumenten z. B. aus dem bisherigen Champagne-Hauptort Provins sinkt die Bedeutung der Stadt, sie schrumpft, und mit der sinkenden Bedeutung der Messen fällt sie in die Bedeutungslosigkeit zurück.
Wenn der Hof nicht ständig reist, sondern ortsgebunden wird, also eine zentrale Residenz erhält, vergrößert er sich alleine schon deshalb, weil er Besucher von überall aus dem Herrschaftsraum dorthin konzentriert. Das Musterbeispiel ist von Anfang an der päpstliche Hof. Bis zur Emigration nach Avignon ist er deshalb in Rom, weil Bischöfe auf ihre Bischofsstadt, ihre cathedra und deren Gebäude, die Kathedrale, sowie auf ihren Bischofspalast bezogen sind. Mit dem Ausbau des Papsttums zu einem mächtigen und reichen, wenn auch sehr speziellen Fürstentum, welches seit dem elften Jahrhundert die Kirche als seinen und damit den modernsten und größten Verwaltungsapparat in Europa behandeln kann, lässt sich dann die Residenz verlegen, ohne dass die Machtvollkommenheit dabei auf Dauer allzu großen Schaden erleidet.
Frühes Beispiel einer Tendenz zur Hauptstadtbildung in deutschen Landen ist das Braunschweig von Heinrich ("dem Löwen") in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, auch wenn der Fürst weiter in seinem Sachsen herumreist. Mit der Burg, dem Palas(t), einem Saalbau von über 15x42 Metern, der angeschlossenen mächtigen Burgkapelle, der wiederum angeschlossenen Stiftskirche St.Blasius, den Konventsgebäuden und dem Kreuzgang entsteht ein eindrucksvolles Ensemble. St. Blasius erhält die Ausmaße einer Kathedrale (Länge rund 70m, Langhausbreite 21m).
Auf dem Platz vor diesem Gebäudekomplex lässt der "Löwe" einen in Bronze gegossenen, 2.80m langen und 1.78m hohen Löwen errichten. Irgendwann in den 50er Jahren macht Heinrich den Löwen zu einem Bestandteil seines Namens: Henricus Leo. Wie beim Bären des Askaniers Albrechts handelt es sich um ein mächtiges und wildes Tier, um ein reißendes Raubtier im Falle des Löwen. Fürsten möchten Ruhm und Ehre zuerkannt bekommen, aber das ist immer untermauert von Furcht, die sie einzuflößen haben. Die wesentliche Basis von Herrschaft bleibt die Angst der ihr Untergebenen und zu Unterwerfenden.
Die geistlichen Fürstentümer in deutschen Landen kennen so etwas wie eine Residenz und Hauptstadt mit dem Bischofssitz, der immer auch eine Stadt ist, und bei weltlichen Fürstentümern wird es bald erste Ansätze mit der Koppelung von Residenz und zentralen Städten wie Wien, München, Braunschweig bzw. Hannover. Immer geht es darum, Organe der Regierung und Ämter der Verwaltung an einem Ort stabil unterzubringen.
Eine Kapitale hat viele Vorteile für den Herrscher. Die betreffen nicht nur seine Bequemlichkeit, sicher ein wesentlicher Grund, warum schon der "große" Karl im Alter immer mehr Zeit in Aachen mit seiner Palastanlage, seinem Thermalbad und seinen Jagdgründen verbringt. Schon vor der allgemeinen Sesshaftigkeit der Machthaber reist der Kronschatz bzw. Staatsschatz aus Gründen der Sicherheit nicht mehr immer mit. Ein weiterer ganz praktischer Grund für eine feste Residenz ist, dass man in der Konzentration auf nur wenige oder gar einen zentralen Ort dessen Prächtigkeit als Ausdruck der Macht verstärkt ausbauen kann.
Sobald Machthaber geschlossenere Territorien anstreben und dann dazu neigen, an einem Hauptort zu residieren, versuchen sie den höheren Adel unter sich stärker an ihren "Hof" zu binden. Ein wesentliches Instrument dafür sind Feste, an denen Fürsten gleichrangige Freunde und untergebenen Adel versammeln.
Ein anderes besteht darin, die Neigung des Adels, seinen männlichen Nachwuchs schon in jungen Jahren zur Ausbildung an einen Hof zu schicken, weidlich auszunutzen, um schon die jungen Leute an sich zu binden. Das geschieht bereits im "ritterlichen" zwölften Jahrhundert und erinnert etwas an die königlich-kaiserlichen Hofkapellen der karolingischen, sächsischen und salischen Könige, in denen junger Klerus an den Herrscher gebunden wurde, um dann Bistümer zu übernehmen. Es ist überhaupt eine Tradition, die schon die "christlichen" Imperatoren Roms pflegten.
Für Friedrich II. und seinen sizilischen Hof ist bekannt, dass er viel jungen (weltlichen) Adel als valetti zur Erziehung übernahm, die er dann in Verwaltung und Militär in Schlüsselpositionen einsetzt. Im Unterschied zu früheren Jahrhunderten zeichnet sich dabei bereits eine massive Säkularisierung ab.
In Westfranzien sind hauptstädtische feste Residenzen zum Beispiel in Paris, Provins und Toulouse vorhanden. Hier wird im 12. Jahrhundert die Entwicklung von Hauptorten zu einer Hauptstadt bereits weithin abgeschlossen. Nachdem Teile des Adels dank zunehmender Geldwirtschaft und Marktorientierung ihrer Güter diese verwalten lassen, richten sie sich Adelshöfe in den Residenzstädten ein, wo sie zumindest einen Teil des Jahres verbringen, um einmal dort Einfluss auf die Fürsten auszuüben und zum anderen möglichst viel von den neuen Annehmlichkeiten der Städte zu profitieren. Nur dort bekommt man auch direkt die neuesten Moden mit, an denen sich höfische Schickeria orientiert und mit denen sie sich identifiziert.
In England konzentriert sich dabei alles auf die eine Hauptstadt London, wo sich der höhere Adel entlang der Strand und später bei ihren Nebenstraßen ansiedelt. Für die Nordhälfte Italiens ist eine solche Entwicklung nicht nötig, ist der städtische Adel doch immer in den Städten verblieben. In deutschen Landen setzt sich bis tief ins 12. Jahrhundert eher weiter die Tendenz durch, sich von den Städten fernzuhalten und auf dem Land zu siedeln. Erst im späteren Mittelalter errichtet ein eher kleiner Teil des höheren Adels in Residenzstädten Stadthäuser und hält sich ansonsten eher sporadisch in den Städten auf.
Anhand einer Champagne-Residenzstadt wie dem noch heute sehenswerten Provins, wo sich um den gräflichen Palast in der Oberstadt eine Siedlung aus Adelshöfen gruppiert, wird deutlich, wie fürstliche Nachfrage ganz erheblich durch stadtadelige ergänzt wird. Es ist zunächst einmal weiter die Nachfrage nach Luxusgütern, die den Fernhandel stimuliert, aber auch die zunehmend in Geld entlohnte Verwaltung und die vielen Dienstboten erhöhen die Nachfrage nach Alltagsgütern, insbesondere Nahrungsmitteln und Stoffen.
Provins besaß seit dem 10. Jahrhundert eine Münzstätte. Mit der zunehmenden Bedeutung der Messe dort verbreiten sich auch diese Denare, bis sie im 12. Jahrhundert zeitweilig sogar zu einer wichtigen Währung in Mittelitalien werden. Zudem ist die Stadt, an der sich wichtige Handelsstraßen kreuzen, schon im frühen Mittelalter ein wichtiger Marktplatz, der auch Einnahmen für die Grafen generiert. Zunächst werden hier die landwirtschaftlichen Produkte der Umgebung verkauft, dann steigt die Stadt im 12. Jahrhundert zu einem zentralen Messeplatz auf, an dem zweimal im Jahr für sechs Wochen Waren und Finanzen verhandelt werden. Verkäufer und Käufer aus Flandern und Norditalien treffen hier aufeinander und der Pariser Hof schickt seine Einkäufer hierher.
Als die Grafen der Champagne im 13. Jahrhundert immer mehr in Provins statt in dem eine Tagesreise entfernten Troyes residieren, wird die Burg über der Unterstadt durch ein bequemeres Gebäude ersetzt. Da es sich um ein Musterbeispiel der neuen höfischen Lebensformen handelt, wird dieser Hof durch junge Leute des entfernteren Hochadels ergänzt. Dazu gruppieren sich die spätromanischen Neubauten des Adels.
1234 werden die Grafen der Champagne zugleich Könige von Navarra, residieren aber weiter vorwiegend in Provins. Dorthin fließt nun eben auch der Großteil der Einnahmen aus Navarra.
Der Bedarf dieser Wohlhabenden wird durch die Ansiedlung von Handwerkern wie Schneidern und Goldschmieden sowie durch Einzelhändler gedeckt. Die Messen sorgen dafür, dass es viele Gasthäuser gibt, wer da keine Unterkunft mehr findet, haust in Zelten.
1284 heiratet eine Grafentochter den zukünftigen französischen König Philippe IV. und leitet damit das Ende der Residenz Provins ein. Die Gelder aus der Champagne fließen nun nach Paris. Zudem führt dieser Philippe ab 1297 Krieg mit Flandern und finanziert ihn auch durch höhere Abgaben, was dem Messeplatz zusätzlich schadet.
Zur gleichen Zeit beginnt mit der Eroberung von Sevilla und Cádiz und technischem Fortschritt in der Seefahrt der italienische Warentransport zur See über Mittelmeer und Atlantik nach Brügge. Immer größere Firmen mit immer höherem Geschäftsvolumen nutzen die Messen nun eher noch für Finanz-Transaktionen als solche von Waren, die über ständige Vertretungen in den Zentren des Kapitals laufen.
Der König verlegt die Münze nach Troyes, wo sie allerdings stetig an Bedeutung verliert. Immerhin bleibt Troyes Umschlagplatz für das Getreide der Champagne, welches hier auf die Seine verladen wird und einen Großteil der Grundversorgung der Pariser Bevölkerung leistet.
Städte basieren auf dem Zufluss von Agrarprodukten des Landes, deren Preise möglichst niedrig gehalten werden, aber sie florieren vor allem über die Konsumausgaben der Herren, die diese Mittel wiederum erst einmal ihren Untertanen abnehmen. Mit dem Abzug der Luxuskonsumenten aus Provins sinkt die Bedeutung der Stadt, sie schrumpft, und mit der sinkenden Bedeutung der Messen fällt sie in die Bedeutungslosigkeit zurück.
Ohne Geld für die Renovierung als Modernisierung hat sie dann bis heute andererseits auf wunderbare Weise als mittelalterliches Museum überlebt.
Der Hof eines Herrschers dient nicht nur den luxuriösen Annehmlichkeiten und Vergnügungen des Herrschers und seiner auch dadurch angezogenen Entourage aus Höflingen, Beamten und Angestellten, sondern auch der Abbildung und sinnlichen Verdeutlichung der Macht. Wir sind im 13. Jahrhundert noch weit entfernt von der abartig-pervertierten Welt von Versailles, deren hybride Widerwärtigkeiten am Ende nicht mehr zur Identifikation durch den Pöbel und der Mittelschichten einladen und selbst den höheren Adel hin und wieder abzustoßen beginnen. Aber die Abschottung der Fürsten vom Alltag der Untertanen und von dessen Wahrnehmung ist bereits in vollem Gange.
Nichts macht das deutlicher als repräsentative Bauten der Macht, die immer noch im Kern Festungsbauten sind, Burgen, die immer größer werden und ein luxuriöseres Innenleben aufweisen. Rahewin, der Fortsetzer von Otto von Freising, meint, dass Kaiser Friedrich I. mit Pfalzbauten wie den von Nimwegen die ihm eigene Größe seines Wesens zeigt. Einige deutsche Fürsten wie der von Thüringen halten mit Bauten wie der Wartburg mit. Auf solchen Burgen wird gehobene Ritterlichkeit als Schauspiel nicht zuletzt bei Festen inszeniert.
Zivilisationen basieren auf der Neigung der in die Untertänigkeit Gebrachten, sich mit der Übermacht der Gewalttäter, in diesem Fall der Herrscher, aber auch gewöhnlicherer Verbrecher zu identifizieren, um ihre Ohnmacht durch phantasierte Teilhabe an der Macht erträglich oder sogar angenehm zu machen. Soweit das für die letzten Jahrtausende bekannt ist, nimmt diese Identifikation in dem Maße zu, in dem die Machthaber grausamer und brutaler sind, wofür Stalin und Hitler als neuere Beispiele stehen. Je weniger gewalttätig und aggressiv Politiker in Demokratien auftreten, desto weniger Respekt wird ihnen in der Regel entgegengebracht. Die Identifikation, so kann man überall beobachten, findet nicht so sehr mit dem Amt statt, sondern mit jener Gewalt, mit der sich der Machthaber auszeichnet. Dass auf diese Weise vermieden wird, die eigene Ohnmacht und williges sich Ducken als Feigheit oder tiefes Unglück zu erleben, dürfte zentraler Faktor sein.
Aber die Identifikation mit brutaler Gewalt, Macht, Reichtum, ja ausgesprochenem Luxusleben anderer ist natürlich nicht nur Vermeidung der Wahrnehmung ihrer Bösartigkeit, sondern auch der Umwidmung von Ohnmacht in imaginierte eigene Macht. Ohnmacht wird so im Kollektiv der Untertanen zumindest in Momenten wahnhafter Hysterie als Macht erlebt, und daran hat sich bekanntlich bis heute nichts geändert. Gewonnene Eroberungs-Kriege helfen dann dabei noch einmal besonders.
Wenn aber Pause beim Mordbrennen herrscht, zeigt sich die Macht des Anführers in seinem zur Identifikation durch die Ohnmächtigen und Armen einladenden Luxusleben. Oft können sich Fürsten auf die Neigung vor allem ihrer städtischen Untertanen verlasssen, sich mit Macht und Pracht zu identifizieren, - so wie mit ihren militärischen und diplomatischen Erfolgen.
Bürger und produktive Unterschicht in Städten, insbesondere in der Hauptstadt selbst, sind nicht nur das permanente Schauspiel des Hofes und besondere Spektakel darüber hinaus bewundernde Zuschauer, sie partizipieren im Maße des Erlaubten und nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten. Da das Reisen hoher Herren zu Pferde stattfindet, ist es entsprechend langsam, und wenn die Kunde hinreichend früh in die Ortschaften gelangt, säumen die Menschen in ihrer besten Kleidung die Straßen, schmücken sie zum Beispiel mit Blumen und stellen Musikanten (Pauken, Trommeln, Blasinstrumente) und Chöre als Begleitmusik. In der Inszenierung der Macht sind Untertanen die willigen Statisten, je ohnmächtiger, desto mehr.
Das Stichwort für diese neue höfische Welt heißt modischer Luxus, zunehmendes Raffinement, und der verlangt nicht nur die Ausweitung der Geldwirtschaft und der Verwandlung von Naturaleinnahmen in Geld, er verschlingt vor allem einen immer größeren Teil adeliger Einnahmen. Dabei kann nicht jeder immer mithalten, auch nicht auf niedrigem Niveau.
Hofgesinde
Der gebildete Adelige Peter von Blois, ein Höfling niederer Art bei mehreren Fürsten, beschreibt den Hof König Heinrichs II. von England in einem möglicherweise Ressentiment-geladenen und bewusst etwas überzeichnenden Brief:
Das Hofgesinde bekommt oft schlechtes, schweres, unausgebackenes Brot, Fleisch von kranken Tieren und stinkende, alte Fische! - damit nur einige desto besser leben können. Der Wein ist bisweilen so abscheulich, dass man ihn nur mit geschlossenen Augen und Zähnen herunterwürgen kann. Keiner weiß: wird der König bleiben oder abreisen: woraus für Hofleute, Kaufleute und viele andere gar große Not entsteht. Dann läuft man umher und erkundigt sich bei Huren und Kammerdienern: denn diese Art von Menschen ist für gewöhnlich am besten unterrichtet. Dem Hofe folgen fleißig Schauspieler, Sängerinnen, Würfelspieler, Weinverkäufer, Narren, Possenreißer, Bartscherer, von Huren und Dienern, die über Hofgeheimnisse am besten Bescheid wissen, ganz zu schweigen. Plötzlich aber wird die Reise geändert; dann fehlt es plötzlich an dem Nötigsten, und über Nachtlager, um deren willen nicht einmal die Schweine in Streit geraten sollen, entstehen arge Schlägereien. Mit Fremden und Gästen gehen die Marschälle nach Willkür um, und der Redliche wird am Hofe oft so zurückgesetzt, wie der keine Mittel scheuende Nichtsnutzige hervorgehoben und begünstigt. (deutsch in: Houben2, S.128)
Das Wort Gesinde ist inhaltlich verwandt mit dem Wort Gefolge. Es folgt den Fürsten im Reisekönigtum und teilweise in den Krieg. Dabei sinkt es immer mehr unter das Niveau der den Fürsten in seiner Herrschaft beratenden und ihm dienenden Hofadel und der die Verwaltung tragenden obersten Beamtenschaft. Es wird nach und nach zum allgemeinen Begriff von Dienerschaft, Bediensteten, um dann in der Volkssprache schließlich in Identifikation mit der Sicht der Mächtigen im "Gesindel" zu enden.
Eine besondere Rolle in Zeiten einer ausgeprägten "Ritterlichkeit" spielen die adeligen Jugendlichen, die für ihre Erziehung und Ausbildung an Höfe geschickt werden. Es sind dies edle "Knappen", für die sich im romanischen Raum wie zum Beispiel im Königreich Sizilien das Wort valet herausbildet. Sie übernehmen dienende Aufgaben bei Hofe und gehen dann entweder wieder, wenn sie Ritter werden, oder gliedern sich in das fürstliche Heer oder die Verwaltung ein. In Renaissance und Barock wird daraus der Kammerdiener, und als dessen weibliches Pendant die Zofe.
Höfische Lebensform und Moden
Um Macht solide sichtbar zu machen, zeigt sie sich darum auch in der Pracht höfischer Ausstattung, und diese dient natürlich zugleich dem Vergnügen der Machthaber daran. "Pracht" selbst in seiner verallgemeinernden Form ist allerdings noch kein hochmittelalterliches Wort
In den Ritterromanen werden Reichtum und Kostbarkeit, die so gut wie alles betreffen, von den rîchiu kleit (Nibelungenlied 5,277 / Parzival 1,23 etc.) für Mensch und Pferd über die luxuriösen Zelte bis zur Prächtigkeit von Gebäuden und Innenausstattung, immer wieder mit geradezu penetranter Ausführlichkeit geschildert. Aller solcher Prunk und Protz soll unentwegt Eindruck schinden und tut das ja auch bis heute.
Dargebotener Reichtum steigert das Ansehen eben mehr als den Neid der zu kurz Gekommenen.
Im Kunsthandwerk, wie wir das heute nennen, bis zur sich verselbständigenden Plastik, der Goldschmiedekunst und der Malerei schafft sich höfische Lebensform ein Wohnumfeld, in welchem sich Macht und Reichtum ausdrücken können.
Aber es geht nicht nur um Protz, sondern allgemein um das Herstellen einer Parallelwelt jenseits der rauhen Wirklichkeit, in der ihre Herrschaft letztlich auf roher Gewalt beruht. Dazu dient die Idealisierung des berittenen Kriegers als eines edlen Ritters, der die Schwachen schützt, den Armen hilft und die Bösen in die Flucht schlägt. Was bei den kapitalkräftigen Bürgern Kompartmentalisierung wird, in der bürgerliche Ehrbarkeit, bürgerliche Frömmigkeit und das rücksichtslose Begehren des Kapitals nach Verwertung und Vermehrung in unterschiedlichen Schubladen derselben Person eingeordnet und recht deutlich getrennt aufbewahrt sind, wird beim Adel und dem höfischen Fürstentum die Trennung in zunehmend christlich verbrämte Kriegerwelt einerseits und dem, was man viel später erst als höfische „Kultur“ bezeichnen wird. Man sollte sich darunter keinen allzu alltäglich wahrnehmbaren Bildungshorizont vorstellen. In der Regensburger Kaiserchronik aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts unterhalten sich die vornehmen Herren bei Hofe über edle Pferde und Hunde, über Beizvögel und schöne Frauen.
Das Stichwort für diese neue höfische Welt heißt modischer Luxus, zunehmendes Raffinement, und der verlangt nicht nur die Ausweitung der Geldwirtschaft und der Verwandlung von Naturaleinnahmen in Geld, er verschlingt vor allem einen immer größeren Teil adeliger Einnahmen. Dabei kann nicht jeder immer mithalten, auch nicht auf niedrigem Niveau. So wie im Laufe der Zeit die Zahl der durch die Schwertleite bzw. das adoubement zu vollgültigen Rittern wegen der steigenden Kosten dafür abnimmt, so findet besonders in Frankreich seit dem 13. Jahrhundert, mehr noch dem 14., eine Verarmung des niederen Adels statt, der dann an Lebensstil unter den reicher Bauern fallen kann.
Dabei orientiert sich der Osten wie bei den intellektuellen Neuerungen am Westen. Selten, dass jemand aus Franzien seine Söhne zur Ausbildung in deutsche Lande schickt, aber umgekehrt ist das häufiger, und bildungswillige junge Männer reisen nach Paris, Reims oder anderen Orten, von wo sie nicht nur frühscholastisches Denken, sondern auch die übrigen Moden der Zeit mitbringen.
Religiös begründete Kritik an dem Amüsierprogramm der höfischen Lebensart gibt es vereinzelt seit seinen Anfängen. Im 12. Jahrhundert wendet sich Johannes von Salisbury gegen die Pracht des englischen Hofes von Heinrich II. und Eleonore von Aquitanien wie die am römischen Hof, und er konzentriert sich auf die Jagd als höfisches Vergnügen, die dortige Musik und die Tänze und Schauspiele (Haas, S.212f).
Der Hofkaplan Peter von Blois schreibt in einem Brief über Ritter,
die ihre Schwerter zum Schutz der Armen vom Altar empfingen, um Böse zu bestrafen und das Vaterland zu befreien, stattdessen aber im Erbland des Gekreuzigten wüteten. Sie, die ihre Kräfte gegen die Feinde des Kreuzes Christi einsetzen sollten, kämpften nur gegen ihren Trunk und Rausch, blieben beim Nichtstun, erschlafften, und in ihrem heruntergekommenen unanständigen Leben entehrten sie Namen und Dienst der Ritterschaft. In den Krieg nehmen sie weniger Waffen als vor allem Käse und Wein mit. Du meinst, sie seien zu einem Festschmaus, nicht zum Kriege unterwegs. (in: Haas, S.213)
Ähnlich scharf äußert sich in England der Hofgeistliche Walter Map über höfisches Leben.
Noch 1592 blickt der Dominikaner Iacopo d'Acqui zurück auf den süditalienischen Hof Manfreds.
Der hatte aus seinem Hof ein Paradies der Lustbarkeit gemacht. Es gab dort großzügige Schenkungen und alle irdischen Eitelkeiten: Frauen, Kleider, Schmuck, Speisen, Lieder, Musikinstrumente. Es gab verschiedene Spiele und alle Tröstungen der Welt, alle Vergnügungen sowohl für den König selbst wie für alle anderen. Nacht und Tag gab es schönste eitle Mädchen und junge Männer ohne Zahl. Alle hielten sämtliche körperlichen Lüste und Freizügigkeiten für erlaubt. Es gab dort eine Kapelle (scola) mit allen Musikinstrumenten und Gesängen der Welt. König Manfred selbst war der prächtigste Sänger und Liedermacher (inventor cantionum). An seinem Hof gab es eine Göttin oder Dienerin (ministra) der Liebe und einen sogenannten Gott der Eitelkeiten, die die Männer und die Mädchen in allen Praktiken der Liebe unterrichteten. In der Schatzkammer des Königs Manfred gab es alle Musikinstrumente der Welt und es gab keine einzige Stunde bei Tag und Nacht, in der nicht Orgeln und andere Instrumente zu hören waren. (…) König Manfred hatte wie ein zweiter Salomo schönste Frauen und Mädchen ohne Zahl zu seinem Willen. Und wenn er lange Zeit gelebt hätte, hätte er ganz Italien in den Brunnen der Lüste versenkt, und die Kirche wäre völlig heruntergekommen. Weil es dort Vergnügungen im Überfluss gab, liefen alle hin. (in Staufer und Italien, S.269)
Was hier in Fortführung der antistaufischen päpstlichen Propaganda gegen Friedrich II. angeführt wird, ist die Ablehnung einer völlig weltlichen joie oder vröide als höfischer Lebensinhalt seit dem 11. Jahrhundert, die neben Pracht und Prunk auch eine weiter der Kirche entgleitende und sich eher noch verselbständigende Geschlechtlichkeit praktiziert.
***Luxus***
Zu den Hochzeitsvorbereitungen von Isabella mit Kaiser Friedrich II. in England schreibt Roger von Wendover:
Der Aufwand für diese Hochzeit aber war derartig, dass es fast über königlichen Reichtum hinauszugehen schien. Denn zur Ehre der Kaiserin wurde eine Krone aus reinstem Gold und mit kostbaren Edelsteinen in kunstvollster Arbeit hergestellt, auf der vier englische Könige, Märtyrer und Bekenner, vom König eigens als Schutzheilige seiner Schwester bestimmt, dargestellt waren. Die goldenen Ringe und Münzen, die mit wertvollen Steinen kunstvoll verziert waren, der übrige schimmernde Schmuck, die seidenen und leinenen Kleider und Ähnliches, was Augen und Herzen der Frauen zu berücken und mit Sehnsucht zu erfüllen pflegt, verliehen ihr einen solchen Glanz, dass alles märchenhaft erschien. Und in den unterschiedlichen Festgewändern aus Seide, Wolle und Leinen von unterschiedlicher Farbe und kaiserlicher Pracht erstrahlte sie derartig, (…) Alle Gefäße ferner sowohl die für Wein als auch die für Speisen, waren aus reinstem Silber oder Gold, und sogar sämtliche Kochtöpfe - und dies erschien allen überflüssig - waren aus reinstem Silber. (zu 1235, in Eickels/Brüsch, S.289f) Zudem waren die Pferde für die Überführung der Braut mit vergoldetem Zierrat ausgestattet.
Im Schmuck der angehenden Kaiserin stellt der englische König seine Macht in Form von Reichtum für eine relativ große Öffentlichkeit aus. Es ist so, als ob er einen kurzen Einblick in seine Schatzkammer werfen ließe. Mehrmals wird dabei der Ausdruck "kunstvoll" verwendet: Ein Schatz besteht nicht nur aus geldwertem Material, sondern auch aus "kunsthandwerklichen" Produkten, wie man das neuhochdeutsch ausdrückt. Die Kunstfertigkeit des Handwerkers veredelt den schieren Reichtum und drückt ihm weitere Botschaften auf, wie hier die der Veredelung schierer Macht der englischen Krone durch christliche Gesinnung.
Zu bemerken ist ferner, dass Roger hier zudem explizit auf die besondere weibliche Eitelkeit abzuzielen scheint. So erwähnt er zudem beim Einzug in Köln dass Isabella merkte,
dass alle und besonders die edlen Matronen, die auf ihren Söllern saßen, ihr Antlitz zu sehen wünschten, nahm sie Hut und Schleier ab, so dass alle sie ungehindert ansehen konnten. (in Eickels/Brüsch, S. 291)
Eine Pflicht-Form des Geschenkes ist die Mitgift, und sie hat um so größer zu sein, je reicher und mächtiger ein Fürst ist, denn genau das stellt er damit zur Schau. Wirkliche Geschenke kennt das Mittelalter des aufstrebenden Kapitalismus kaum mehr, und auch die Mitgift (Zuhabe) wie andere "Geschenke" werden bei jeder Transaktion, die nicht nur das Verleihen eines Privilegs, sondern auch die Eheschließung ist, ausführlich verhandelt.
Eine Vorstellung über die Größenordnung von Spitzen-Geschenksendungen gibt die Mitgift des Königs von England für seine Tochter Mathilde von vielleicht 5000 Pfund, die ihr Gemahl Heinrich ("der Löwe") einsacken wird:
Man brauchte "je zwanzig Säcke und Truhen, damit alles auf vierunddreißig Packtiere verladen und zu den Schiffen gebracht werden konnte: Gold, um Geschirr damit zu vergolden; sieben vergoldete, scharlachbezogene Sättel; zwölf Zobelpelze, zwei große Seidentücher, zwei seidene Wandteppiche, drei Bahnen spanischen Seidenstoffs (panni de Musce) und eine Decke aus samit, sechsfädig verarbeiteter, schwerer und glänzender Seide. Diese Artikel hatte Edward Blund zusammengestellt, ein kaufmännisch erfahrener Mann aus guter Londoner Familie, der als eine Art Generalmanager des Hofes königliche Bauvorhaben betreute, Luxusgüter einkaufte, Feste ausrichtete und logistische Probleme löste." (EhlersHeinrich, S.191)
Schon bald danach, 1168, trifft Henry II. auf seinen welfischen Schwiegersohn, und wieder sind so reichliche königliche Geschenke fällig, dass der König einen Boten nach England um Geld-Nachschub schicken muss. Für die Krönungsfeier von Richard ("Löwenherz") werden alleine dann 1770 Kannen und 5050 Teller gekauft, wie in den königlichen Rechnungsbüchern steht. (Ashbridge, S.256)
Luxus dient einmal der Zurschaustellung und zum anderen dem fürstlichen Vergnügen.
In den Reiseaufzeichnungen des Passauer Bischofs Wolfger von Erlau tauchen nicht nur Honorar für Walter von der Vogelweide auf, sondern auch Kosten für weibliche Spielleute, eine Geigenspielerin und eine Sängerin zum Beispiel.
Ein immer größeres Amüsierbedürfnis charakterisiert zudem die Höfe, die entsprechendes Amüsier-Personal anziehen, wie Peter von Blois vom angevinischen Königshof berichtet:
Dem Hof folgen ständig Spielleute, Sängerinnen, Würfelspieler, Süßigkeitenhändler, Weinverkäufer, Narren, Schauspieler, Bartscherer, Gaukler aller Art, von Huren und Dienern, die über Hofgeheimnisse am besten Bescheid wissen, ganz zu schweigen. (in: EhlersHeinrich, S.231)
Der Amüsierzirkus an diesem Hof soll besonders groß gewesen sein:
"Ein berühmter Hofnarr - er trat unter dem Namen Roland der Furzer auf - kam zu ganz besonderem Ruhm: Er war dazu in der Lage, in die Luft zu springen und dabei gleichzeitig zu pfeifen und zu furzen. Die Hof-Prostituierten wurden zumindest in England und in der Normandie streng überwacht. Hier hatten Ranulf de Broc und Baldric FitzGilbert jeweils das Amt des Hurenmarschalls inne." (Ashbridge, S.220)
Ein Extremfall in deutschen Landen ist der Welfenhof in Oberschwaben, der seine Basis in der Umgebung von Ravensburg und Memmingen hat. Er leistet sich unter Herzog Welf VI., dem Onkel Heinrichs ("des Löwen"), königsgleiche Hofämter und ein großes Hofgefolge aus ritterlichen Ministerialen und edelfreien Herren. Besonders nach dem Tod des Sohnes auf dem Italienzug 1167 setzt ein verschwenderisches Hofleben ein, laut einem Fortsetzer der Welfenchronik ist er bemüht,
ein glänzendes Leben zu führen, dem Waidwerk obzuliegen, Tafelfreuden und anderen Lüsten zu frönen und durch Festlichkeiten und wahllose Vergabungen sich den Ruf der Freigebigkeit zu erwerben. (...) Den Rittern seines Hofes und ihren Standesgenossen verehrte er prachtvolle Rüstungen mit kostbaren Gewändern (...) Noch mehr aber verschleuderte er im Verkehr mit liederlichen Weibern. Aber auch Almosen gab er reichlich, und ließ Armen und vor allem auch Blinden und Aussätzigen seine Sorge angedeihen. (in: Laudage/Leiverkus, S.123f)
Im Kreis seiner Freunde und ritterlichen Gefolgsleute feiert er glänzende Hoffeste, wie z.B. 1175 auf dem Gunzenlech bei Augsburg, "wo er zusammen mit vielen Magnaten aus Bayern und Schwaben ein prächtiges Fest gestaltete und die von weither zusammengeströmte Menge großzügig bewirtete.“ (Erinnerungskulturen, S.53)
Um sich das auch im Alter leisten zu können, verkauft er seinem Neffen Kaiser Friedrich I. gegen viel Geld seine Rechte in Sardinien, Spoleto und Tuscien. Als auch das nicht mehr reicht, verkauft er Friedrich auch noch den Rest seines Allodialbesitzes, um dem Luxus weiter frönen zu können.
In diesen Zusammenhang gehört die fürstliche Jagd, das erste mittelalterliche Amüsement, welches als Sport bezeichnet und betrachtet wird. Dabei ist immer noch der Aspekt der Nahrungsbeschaffung insofern enthalten, als Wildbret nun zum adeligen Privileg geworden ist und als besonders edel gilt. Darüber hinaus dient sie weiterhin einmal der körperlichen Ertüchtigung und Herausbildung der Tugenden eines Kriegerideals, welche damals auch Könige noch vorweisen müssen. Zudem ist sie als Gemeinschaftserlebnis Sozialisierungsfaktor und dient der Machtdemonstration von Fürsten. Als besonders edel gilt die Abrichtung von Raubvögeln (Falken vor allem) und Raubkatzen (die Geparden Friedrichs II.), identifizieren sich doch Fürsten und höherer Adel bis in ihre Wappen hinein mit deren aggressivem Verhalten. (Beizjagd ist die Jagd mit beißenden und dafür domestiziert bissigen Jagdtieren).
***Das Fest***
Sobald Machthaber geschlossenere Territorien anstreben und dann dazu neigen, an weniger Hauptorten zu residieren, versuchen sie den höheren Adel unter sich an ihren "Hof" zu binden. Ein wesentliches Instrument dafür sind aufwendige Feste, an denen Fürsten gleichrangige Freunde und untergebenen Adel versammeln. Das Ideal stellt Hartmann von der Aue um 1190 im 'Iwein' am Fest am Artushof dar:
diese sprachen wider diu wip / diese banecten den lîp / diese tanzten, diese sungen, / diese liefen, diese sprungen,/ diese hôrten seitspil / diese schuzzen zuo dem zil, / diese retten von seneder arbeit, / diese von grôzer manheit. (V)
Was macht man also: man redet mit Frauen, lustwandelt, tanzt und singt, betreibt Sport, hört Musik, schießt auf eine Zielscheibe, jammert über die Last der Liebe und lobt großes Heldentum. Teilweise etwas abseits gibt es dann auch "große Politik". In der Regensburger Kaiserchronik aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts unterhalten sich die vornehmen Herren bei Hofe über edle Pferde und Hunde, über Beizvögel und schöne Frauen.
Das Fest hat sich je nach Macht und Reichtum durch aufwendige Inszenierungen und prächtige Amüsierveranstaltungen auszuzeichnen, nicht zuletzt aber durch die Zahl und den Status der Besucher. „Der Domscholaster Balderich beschreibt als Augenzeuge, wie Erzbischof Albero von Trier 1147 zum Hoftag König Konrads III. nach Frankfurt fuhr:
Mit vierzig Wohnschiffen sei er gereist, nicht gezählt die kleineren Kriegsfahrzeuge, Lastkähne und Küchenschiffe; acht Grafen und zwei Herzöge als Vasallen befanden sich in seinem Gefolge, dazu eine riesige Zahl von Geistlichen und Rittern, auch zwei berühmte Gelehrte, der Mathematiker Gerland von Besancon und der Philosoph Theoderich von Chartres, an deren gelehrten Disputationen er auf seinem Wohnschiff teilnahm. Die Heimreise nutzte er zu einer Machtdemonstration gegen die Mainzer, indem er auf allen Schiffen die Fahnen hissen ließ und befahl, dass sich die Ritter mit ihren goldglänzenden Schilden, ihren silberhellen Harnischen und Helmen sichtbar aufstellen sollten.; mit schmetternden Trompeten und klingenden Hörnern, mit Waffengetöse und furcherregendem Gesang der Männer versetzte er die ganze Stadt in Aufruhr und Angst – als ob sie schon erobert wäre.“ (KellerBegrenzung, S.441f)
Im Fest selbst stellen sich höherer Adel und Fürsten einmal so dar, wie sie sind, nämlich mächtig und reich, und zudem so, wie sie gerne sich selbst sehen wollten, nämlich zunehmend kunstsinnig in einem mittelalterlichen Sinne und manchmal auch schon von einem gewissen Bildungsniveau. Dazu gehören Manieren, formalisierter Umgang miteinander und die Hochstilisierung einer Bindung an ethische Normen, die immer auch als christlich ausgegeben werden. Auf dem höfischen Fest, in dessen Hintergrund auch „politische“ Verhandlungen stattfanden, wird im Vordergrund eine Welt inszeniert, die sich deutlich von denen absetzt, deren Arbeit das Ganze finanziert. Entsprechend wird eine ritterlich-höfische Welt unterhaltsam und prächtig in Szene gesetzt, die völlig ablenkt von dem, was adelig/fürstlich den Alltag ausmacht, in dem mehr oder wenig gewalttätig und brutal Ressourcen erweitert und Einnahmen abgepresst werden.
Mustergültig wird das Mainzer Hoffest Barbarossas zu Pfingsten 1184. Von Erzbischöfen über Herzöge bis zu Ministerialen erscheint der ganze abkömmliche Adel aus deutschen Landen. Laut Giselbert von Mons kommt Herzog Leopold V. von Österreich mit 500 Rittern, Landgraf Ludwig III. von Thüringen mit 1000 und der Erzbischof von Köln mit 1700 Rittern, wohl etwas überzogene Zahlen. Andere Teilnehmer, schreibt Otto von St.Blasien, kommen aus Spanien, Frankreich, Italien und slawischen Ländern. Eine ganze Stadt aus Holz und Zelten wird errichtet. Es gibt einen Fest-Gottesdienst und die feierliche Schwertleite von Söhnen des Kaisers, dazu ein gigantisches zweitägiges Schaureiten.
Aber es geht nicht nur um Protz, sondern um das Herstellen einer Parallelwelt jenseits der rauhen Wirklichkeit, in der ihre Herrschaft auf roher Gewalt beruht. Dazu dient die Idealisierung des berittenen Kriegers als eines edlen Ritters, der die Schwachen schützt, den Armen hilft und die Bösen in die Flucht schlägt. Was bei den kapitalkräftigen Bürgern Kompartmentalisierung wird, in der bürgerliche Ehrbarkeit, bürgerliche Frömmigkeit und das rücksichtslose Begehren des Kapitals nach Verwertung und Vermehrung in unterschiedlichen Schubladen derselben Person eingeordnet und recht deutlich getrennt aufbewahrt sind, wird beim Adel und dem höfischen Fürstentum die Trennung in zunehmend christlich verbrämte Kriegerwelt einerseits und dem, was man viel später erst als höfische „Kultur“ bezeichnen wird. Man sollte sich darunter keinen allzu alltäglich wahrnehmbaren Bildungshorizont vorstellen.
***Hövescheit: Herrschaft und Selbstbeherrschung, Manieren***
Ein langer Prozess seit der Nachantike führt dazu, dass sich an Höfen von Königen vor allem eine gewisse Selbstdisziplin durchsetzt, die das engere Miteinander vieler Menschen regulieren soll. Im 11./12. Jahrhundert setzt dabei ein neuer Schub ein, in dem ein Kodex verfeinerter Umgangsformen vor allem von Westfranzien aus auftaucht.
Kennzeichnend für die höfische Kultur wird eine Verfeinerung der Manieren, in der Impulsivität durch zurückhaltende Förmlichkeit abgelöst wird, durch Impulskontrolle, ein Vorgang, der in den etwas „barbarischeren“ deutschen Landen erst einige Jahrhunderte später halbwegs abgeschlossen sein wird. Dazu gehören Tischmanieren und nicht zuletzt das Verhalten gegenüber Frauen.
Das (öffentliche) Ideal ist Selbstbeherrschung. Sie gilt allerdings auch, dabei des öfteren auf Seneca verweisend, für Monarchen: Et sicut dicit Seneca...Bei Walter von der Vogelweide heißt es:
Wer überwindet jenen unt disen? / das tuot jener, der sich selber twinget / und alliu sîniu lit (Glieder) in huote bringt / ûz der wilde in staeter zuht habe.
Aus der Feststellung wird dann später die Forderung. Um 1275 schreibt Jacobus de Cessolis:
Es ist nicht rechtens, dass du über andere herrschen willst, solange du nicht über dich selbst herrschen kannst. (in: Heinzle, S.119)
Selbstbeherrschung wird schon vor allen Höfen in den Klöstern eingeübt. Wohl um 1130 schreibt der in Paris lehrende Hugo von St.Victor mit 'De institutione novitiorum' einen weit verbreiten Text über die Erziehung von Klosternovizen, wo es neben bonitas und scientia um disciplina geht, also um die mittelhochdeutsche zuht. Zur Zucht aber wird man erzogen. Um 1215 schreibt der belesene Thomasin von Zerclaere, ein Ministeriale am Hofe des Patriarchen von Aquileia in 'Der welsche Gast': ir sult wizzen sicherlîchen,/ daz beidiu zuht und höfscheit, / koment von der gewonheit. (in: Heinzle, S.67)
Gewohnheit ist die alte askesis, die Einübung, und zwar in die Disziplin der Selbstbeherrschung und die Formen höfischen Umgangs.
Nirgendwo ist das wichtiger als in der autoritär strukturierten klösterlichen Gemeinschaft. Bei Hugo von St. Victor heißt das:
Wie nämlich aus der Unbeständigkeit des Geistes die ungeordnete Bewegung des Körpers (corpus) entsteht, so wird der Geist auch an die Beständigkeit (constantia) gebunden, wenn der Körper durch Beherrschung (disciplina) in Zaum gehalten wird. Und: Die Vollkommenheit der Tugend (virtus) ist gegeben, wenn die Glieder des Körpers durch die innere Kontrolle des Verstandes (interna mentis custodia) auf geordnete Weise gelenkt werden. (in: Heinzle, S.71)
Wie weit diese Fassade gehen soll, diese Selbstkontrolle, schreibt Hugo von St.Victor den Klosternovizen direkt ins Gesicht:
Das Gesicht ist nämlich ein Spiegel (speculum) der disciplina, ein Spiegel, der um so mehr kontrolliert werden muss, je weniger man verbergen kann, wenn in ihm ein Fehler ist (in ea peccatum fuerit). (in: Heinzle, S.82)
Es geht um das Verhalten in hierarchisch strukturierten Gesellschaften, weswegen Kernelemente höfischer Regeln zuerst im Kloster und dann in der Kirche eingeübt und dazu formuliert wurden.
"Höflichkeit" leitet sich zwar von der curialitas der mittelalterlichen Höfe ab, ist aber ohnehin als sozialverträgliches Verhalten in unterschiedlichen Formen schon Bestandteil aller Kulturen. Es handelt sich hier nun um Verhaltens- und Umgangsformen, die in erster Linie das Leben bei Hofe erleichtern sollen, dort, wo mehr Menschen als nur die Kernfamilie aufeinandertreffen. Erwünschter Nebeneffekt ist die deutliche Abgrenzung von allen "unhöfischen" Menschen darunter.
Um 1300 erklärt 'De regimine principum' des Aegidius Romanus, für König Philippe IV. geschrieben, das genau so:
Denn dadurch, dass an den Höfen der Adeligen (nobiles) eine sehr große Gesellschaft (societas) zu sein pflegt, schickt es sich für sie, höflich (politicus) und umgänglich (socialis) zu sein, weil sie ja in der Gemeinschaft sehr vieler leben. Bauern leben praktisch alleine und sind darum roh und wild. Bei Hofe hingegen wird man in höfisches Verhalten hinein sozialisiert. (in: Laudage/Leiverkus, S.218)
Was am Hof eingeübt werden soll, ist in einen größeren Rahmen eingeordnet: "Mit der Territorialisierung setzte eine Monopolisierung und Zentralisierung von Macht und Recht ein, die es vielen kleinen Adeligen nicht mehr gestattete, die eigenen politischen und rechtlichen Händel selbstherrlich mit der Waffe auszutragen. Stattdessen musste man den Rechtsweg über den Landesherrn suchen, wozu erhebliche Geduld und Zeit aufzubringen war. Eben dies aber hatte notwendigerweise eine Bändigung der gewalttätigen Affekte zur Folge. Die Geselligkeitsformen wie Tanz, Jagd, Turnier lassen sich also auch unter dem Aspekt der Domestizierung gewalttätiger Körper an einem Hof sehen." (Rüdiger Schnell in: Heinzle, S.128)
Was (anders) in Kulturen tradiert wurde und durch Integration des Nachwuchses durch Nachahmung gelang, wird in den Strukturen institutionalisierter Macht, und solche sind zuvorderst auch Kirche und Kloster, durch Erziehung beigebracht und oft genug von klein auf auch eingeprügelt: Das Diktat des Kopfes über den Körper, Selbstbeherrschung, Impulskontrolle bis in die Körperhaltung, die Gebärden, die Mimik und die (bedachte) Redeweise. Es geht hier um das Wahren einer möglichst umfassenden Fassade in der Öffentlichkeit. Alles spricht dafür, dass ein Teil dieser unterdrückten Impulse in Aggressivität umgeleitet wird, die wiederum anderswo hin kanalisiert und ausagiert werden muss.
Höfische Zucht unter Bezugnahme auf antik-römische Klassiker beginnt bei Werner von Elmendorf (12.Jh.) schon mit kusche worte und schone gebere (gepflegte Worte und Gebärden bei Keupp, in: Laudage/Leiverkus, S.217)
Bekannt sind die Tischsitten: Nicht "die Finger in den Becher tauchen, nicht die fettigen Hände am Gewand abwischen und dann wieder ans Essen greifen, nicht (...) die Finger statt des Löffels benutzen" usw. (Bumke in: Heinzle, S.93) Zurückhaltung und Hygiene im heutigen Wortsinn sollen vorherrschen, jedenfalls keine Fressgier.
Laut dem 'Urbanus Magnus' des Daniel of Beccles vom spätem 12. Jahrhundert soll man sich bei Hofe nicht öffentlich die Haare kämmen, "die Nägel putzen, sich nicht kratzen oder in seiner Hose nach Flöhen suchen." Man sollte nicht barfuß sein und möglichst nicht in der großen Halle pinkeln. (Ashbridge, S.75) Auch das Verhalten gegenüber Frauen wird geregelt.
Dazu kommt die Sauberheit: Hände waschen, Zähne putzen, Fingernägel säubern, Haare kämmen.
Hier soll sicherlich neben der Impulskontrolle auch die Erinnerung an den animalischen Charakter des Körpers getilgt werden: Der Mensch ist als höfisch veredeltes (fast) Ebenbild Gottes nicht mehr einfach nur ein entartetes Säugetier. So schreibt Thomasin von Zerklaere im 'Welschen Gast' (1215/16):
Wer immer nach seinem Verlangen spricht und handelt, der hat den Verstand des Viehes. Der Mensch, der soll Vernunft (sinne) haben, denn das Vieh hat keine Vernunft. Einen anderen Unterschied als Tugend und Verständigkeit gibt es nicht zwischen Mensch und Tier. (in: Laudage/Leiverkus, S.229)
Das weltliche Ideal der Selbstkontrolle verlangt, wie auch die damaligen Romane immer wieder betonen, die Darbietung einer abgemessenen Heiterkeit (hilaritas) und nicht klösterlichen Ernst. Aber auch diese ist eine mühsam anzuerziehende Fassade. Tatsächlich ist höfische Disziplin eher Teil einer ungenierten Diesseitigkeit im Gegensatz zu allen religiösen Bewegungen. Vreude ist das Stichwort, oder joie, und sie kann schnell auch einmal kurz ungebändigt laut werden. Im 'Eneas' des Heinrich von Veldeke taucht ein sehr diesseitiges gelücke auf.
Auf dem Weg von Kloster und kirchlichem Hof zu seinem weltlichen Gegenpart, der ja demselben Adel angehört, wird den Frauen eine noch größere Selbstbeherrschung als Fassade auferlegt: Dazu gehören besonders gemessenes Schreiten, das Verbot des übereinander Schlagens der Beine beim Sitzen (ungeachtet der ohnehin bodenlangen Kleider) und des direkten Anblickens eines fremden Mannes. (Thomasin von Zerclaere z.B.).
Höfische Verhaltensweisen heben nicht nur vom volc ab, sie strukturieren zugleich ein Miteinander bei Fest und Alltag nach Rangordnung, und sie vermeiden bei Hofe möglichst Konflikte durch das Einüben anerkannter Verhaltensweisen jenseits von Gewalttätigkeit, was aber nicht immer gelingt.
Den Wandel kann man auch in der Anrede ablesen. Im frühen Mittelalter und noch bis ins 12. Jahrhundert duzen sich die Menschen ungeachtet aller Rangunterschiede. Von der Francia ausgehend setzt sich aber dann als "ständische" Abgrenzung beim Adel das "Ihr" (vos) durch, und zwar zwischen Männern und Frauen. Um bei den Herrenmenschen die Ranghöhe zu definieren, wird nach oben mit "Ihr" angeredet und nach unten mit "du". Im 15. Jahrhundert werden Fürsten in deutschen Landen dann darauf bestehen, mit "Euer Gnaden" angeredet zu werden.
Schon von Elisabeth von Thüringen ("der Heiligen") wird berichtet, dass ihre christliche Neigung, ihre Dienerinnen zu duzen, von diesen bereits mit Irritation aufgenommen wird. (SchubertAlltag, S.291)
Mitte des 15. Jahrhunderts scheint es zu Unmut geführt haben, dass der Nürnberger Rat die Ritter seines Umlandes noch duzt, und es wird beschlossen, sie nun mit dem "Ihr" auszuzeichnen.
Selbstbeherrschung ist ein Ideal, über das wir deutlich mehr zu lesen bekommen als über die Wirklichkeit. Nur extrem impulsives und emotionsgeladenes Verhalten wird dort als ihr Gegenteil der Erwähnung wert befunden.
Andererseits bemerken Menschen wie bei Werner ("der Gärtner"): betrügen, das ist höfisch, anders gesagt, bei Hofe gilt die Verstellung. Und Papst Innozenz III. charakterisiert folgendermaßen den Höfling in 'De misera condicionis humane':
So spiegelt er Demut und Ehrlichkeit vor, zeigt nach außen Freundlichkeit und Wohlwollen, ist unterwürfig und kriecherisch, ehrerbietig gegenüber bückt sich vor allem, ist häufig bei Hofe, sucht Fürsten auf, steht auf und umarmt sie, applaudiert und schmeichelt. (in: Laudage/Leiverkus, S.228)
Sauberkeit: Im ersten Teil des Roman de la Rose heißt es: Lave tes mains, tes denz escure (Zähne putzen), S'en tes ongles pert point de noir, Ne l'i laisse pas remenoir. Cous tes manches (enge Ärmel), tes cheveux pigne. Mais ne te farde ne guigne (nicht schminken) (Zeilen 2166-70). Hier geht es um das erfolgversprechende Rezept Amors für den Liebhaber, zu dem auch schöne Kleidung und schöner Schmuck gehören, allerdings nach den Möglichkeiten des Geldbeutels. Der Eros ist Teil des höfischen Ideals, oft als "Liebe", amor bezeichnet. Was Guillaume de Lorris hier um 1235 fordert, scheint keine Selbstverständlichkeit zu sein: Hände waschen, Zähne putzen, Fingernägel säubern, Haare kämmen. Aber wenigstens als Vorbereitung auf ein erotisches Abenteuer erscheint es nun erforderlich, um der Geliebten zu gefallen.
Höfische Verhaltensweisen heben nicht nur vom volc ab, ein Wort, welches ganz langsam seine Bedeutung von Heeresgefolge und überhaupt Militär dahin verändert, dass eher Bürger und insbesondere Bauern gemeint werden. Sie zeigen nicht nur den Status in Macht und Reichtum. Sie strukturieren zugleich ein Miteinander bei Fest und Alltag nach Rangordnung, und sie vermeiden bei Hofe möglichst Konflikte durch das Einüben anerkannter Verhaltensweisen jenseits von Gewalttätigkeit.
***Höfe: Ehe und Eros***
Das Ideal der Selbstbeherrschung in der höfischen Welt im hohen und späten Mittelalter dürfte auch dort, wo diese wie in deutschen Landen erst später einzieht, in häufigem Konflikt mit der Wirklichkeit existiert haben. Vielleicht wird es im Kern viel häufiger dort praktiziert, wo im unteradeligen Bereich Kapital angehäuft wird. Auch wenn die entsprechenden Quellen fehlen, ist zumindest klar, dass Kapital solange Konsumverzicht bedeutet, also ein erhebliches Maß an Disziplin, bis erhebliche Gewinne anfallen.
Wenn für das 11./12. Jahrhundert eine "Entwicklung der Adelsfamilie von locker verwandtschaftlich gebundenen Adelsgruppen des Frühmittelalters zu eng um die väterliche Linie geschlossenen Adelsgeschlechtern des Hochmittelalters" konstatiert wird (Ursula Peters in: Heinzle, S.146), so dürfte die ganz anders situierte Kernfamilie im bäuerlichen und stadtbürgerlichen Bereich abgesehen vom tradierten Erbrecht, welches für alle gilt, schon lange voraus gegangen sein. Aber während im 11. Jahrhundert Familie (familia) etwas ganz anderes bedeutet, nämlich die Mitglieder eines Hofverbandes (von famulus, der Diener), steht das Wort gesleht nun eingegrenzter für eine Adelsfamilie, die sich auf einen Ahnen zurückführt. Familie im heutigen Wortsinn wird erst im 17. Jahrhundert aus dem Französischen ins Deutsche übernommen. Das Geschlecht als Sexus taucht dann erst im späteren langen Mittelalter auf, wo Lebewesen und Wörter ein "Geschlecht" bekommen.
Das Adelsgeschlecht unserer höfischen Zeit ist patrilinear, eine agnatisch konstruierte Familie, die sich immer mehr auf einen Stammsitz (Burg) konzentriert, davon einen Namen ableitet, die Ehefrau insofern aufwertet, als sie dem Herrn den legitimen Sohn gibt, während die außerehelichen Kinder langsam etwas abgewertet werden. Damit verengen sich die Verwandtschaftsbeziehungen, werden andererseits über Eheschließungen mit zunehmendem Zeremoniell unter kirchlicher Beteiligung kalkulierter. Zunächst im "französischen" Raum, wo ligne und lignage früh an Bedeutung gewinnen, sind nachgeborene Söhne unter Umständen zu ritterlichem Abenteurertum gezwungen, und die sexuelle Treue der Ehefrauen wird noch stärker betont. (Ursula Peters)
Die Spannung zwischen Lebenswirklichkeit und offiziellen Normen, typisch für das römisch-christliche Abendland, nimmt immer weiter zu. Einerseits geht die Kirche nun den Weg der Sakramentalisierung der Ehe, was auch heißt, dass sie unauflöslich ist, sofern keine Ehehindernisse vorliegen.
Förmlich wird der sakramentale Charakter der Ehe erst 1184 auf einem Konzil von Verona beschlossen. Damit schließt eine Entwicklung ab, die mit dem 9./10. Jahrhundert begonnen hatte und durch die Kirchenreform des 11. Jahrhunderts beschleunigt wird. Dabei fallen die Heiligung der Ehe für die Laien und die immer noch anhaltende Durchsetzung des Verbotes der Ehe für Geistliche zeitlich wie inhaltlich zusammen.
Zugleich bleibt das mit Lust verbundene sexuelle Begehren Urgrund aller Sünden. Aber damit stimmt die Kirche mit den sich verengenden Normen von agnatischer Patrilinearität im Adel überein.
Andererseits begünstigt das eine immer öffentlicher werdende (höfische) Doppelmoral, welche dem Herrn das erlaubt, was der Dame verboten ist.
Es ist fast normal, dass vor allem höhere Herren sich Geliebte oder Konkubinen halten, wie Heinrich ("der Löwe"). Eine Tochter daraus, eine Mathilde, wird dann später an den Herren von Mecklenburg verheiratet. Auch ein Markgraf Dietrich von Meißen hat außereheliche Söhne, die als Bischof und Propst versorgt werden.
Ein König wie der angevinische zweite Heinrich heiratet die hochattraktive Eleonore von Aquitanien kurz nach deren Scheidung vom siebten französischen Ludwig, hat aber schnell öffentlich bekannte Maitressen, und wohl, vorwiegend nacheinander, sehr viele davon. Zu den vielen legitimen Kindern Kaiser Friedrichs II. kommen etwa gleich viele "Bastarde" von außerehelichen Beziehungen zu jungen, adeligen Damen. Von Kaiser Friedrich II. sind etwa zwölf namentlich bekannt .(Houben2, S.126 zählt sie auf). Diese Bastarde werden dann oft ordentlich vom Vater versorgt.
Von der Maitresse zur Prostituierten ist es manchmal nur der Schritt, dass Maitressen besser bezahlt werden und länger als nur einen kurzen Fick zu dienen haben. Aber auch veritable (etwas "bessere") Prostituierte halten nach und nach Einzug in den unteren Etagen der vornehmeren Burgen. Nach Turnieren dienen sich im Rahmen der Abschlussfestivitäten nicht selten der ritterlichen sexuellen Notdurft.
Das Monopol der Männer auf sexuelle Ausschweifungen hat natürlich etwas mit der Tatsache zu tun, dass Frauen den Nachwuchs bekommen, und damals bis auf Nonnen eben noch fast alle, und dass es zwar adeliger Mannesstolz sein kann, dass man selbst von anderen Frauen Bastarde hat, dass dieser aber massiv gebrochen wird, wenn die eigene Frau einem solche unterschiebt.
Auch vom Ehebruch von Frauen wird des öfteren berichtet, obwohl er kaum so geduldet wird. Aber höfisches Leben gibt den Damen dort manchmal neue Freiräume. Deshalb vergibt der zeitgenössische Daniel of Beccles Ratschläge an Höflinge, denen die Dame des Hauses Avancen macht. Dazu gehört, dass man dem Herrn der Dame nichts davon erzählt und sich bei der Dame zugleich krank stellt.
Manche literarische Sparten entdecken die Frivolität. Der auch am Kölner Hofe tätige Archipoeta kann so lateinisch schreiben:
Ich geh auf dem breiten Weg, nach der Art der Jugend, / gebe mich den Lastern hin, denk nicht an die Tugend, und: Es ist äußerst mühevoll, die Natur zu zwingen, / wenn ein Mädel (virgo) man erblickt, rein (purus) sich durchzuringen. (VII, in: Laudage/Leiverkus, S.234)
Geistliche Herren halten manchmal mit. Zwischen 1096 und 1135 ist ein Johannes trotz seines Lebenswandels Bischof von Orléans. Der französische König selbst erklärt, er sei der succubus seines Amtsvorgängers gewesen. Schon zur Zeit seines Kanonats in Orléans war er von seinen Kollegen wegen der homosexuellen Beziehungen zu seinem Vorgänger Johannes I. als „Hure Flora“ verspottet worden.
Bischof Ivo von Chartres prangert an, dass einer der Gespielen des Bischofs von Orléans seinen „Geliebten“ mit gesungenen Reimgedichten vergöttert hätte. Ivo berichtet empört Erzbischof Hugo von Lyon und in einem weiteren, fast gleichlautenden Schreiben sogar Papst Urban II.:
„Viele Leute aus Orléans würden meine Aussage bezeugen, wenn sie nicht Verhaftung oder Vertreibung befürchten müssten. Damit ihr nicht glaubt, ich hätte mir das alles nur ausgedacht, habe ich Euch stellvertretend für viele andere ein Lied geschickt, das von einem seiner Beischläfer mit Metrik und Klang über ihn verfasst wurde. Dieses Lied trällern ständig die Burschen, die so schwul sind wie er, in unseren Städten, auf den Straßenkreuzungen und Plätzen. Aber auch er selbst hat es mit seinen Gespielen (concubis) oft gesungen, oder zugehört, wenn sie es ihm vorsangen... (Gallia Christiana Bd. 7, S. 1443-1445.)
Hugo („Primas“) prangert später in einem seiner Gedichte Bischöfe, die simonistisch ihr Amt erlangen, bewährte Mitarbeiter verstoßen oder der Päderastie frönen, mit folgenden Worten an:
Cil, ki servierant per longum spacium ... Doch die, die ihren Dienst so lange treu versehen, / die müssen von dem Brot aus ihrer Arbeit gehen, / den Heuchler, den ihr Euch erwählt, mit saurem Angesicht, / erlangt dann zwar die Ehr, doch durch Verdienste nicht... / Und wenn ihn dann die Gier des geilen Sinnes plagt, / so ruft den Knaben er zu sich, des Ritters Sohn, / vergelten muss er ihm den Dienst mit hohem Lohn: / Mit weichen Fingern schafft er, dass das Glied (virgam) sich regt, / noch öfter als der Bock mit seiner Rute schlägt...“
Im übrigen: Die Wirklichkeit sexuellen Alltags bleibt unter den Bedingungen institutionellen Drucks in Zivilisationen immer in Lügengespinste gehüllt. Aber bei allem antisexuellen Impetus der Reformkirche, ihrem sich verstärkenden Kult der Virginität Mariens, ihrem Zölibatsdruck tauchen neben der entstehenden volkssprachlichen Troubadour-Lyrik immer mehr erotische Gegentexte in Latein auf, von den neuen Scholaren formuliert. Der erneut herabgewürdigte Geschlechtstrieb wird von ihnen kompartmentalisiert, herausgelöst aus dem sonstigen Lebensalltag und dabei neu beobachtet, nicht zuletzt mit einer Haltung, die wir in sehr neuzeitlichem Sinne als Zynismus bezeichnen können.
Ein weites Feld von Lyrik kommt auf, die teils einen Kult der Verehrung höfischer Damen betreibt, der sich als solide Verliebtheit mit oder ohne koitalem Erfolg darstellt, teils aber in das Feiern einzelner "Liebesnächte" auch mit Mädchen vom Lande übergeht. Eine allgemeine Erotisierung erfasst den höfischen Alltag, in dem der Herr der Dame öffentlich "dient" wie in einer feudalen Beziehung, und das durch Dichter feiern lässt. Derweil konterkariert die patriarchale Wirklichkeit das Ganze und im Tristan des hochgebildeten und vermutlich bürgerlichen Gottfried wird das alles noch klarsichtiger als Schwindel entlarvt.
Hier kulminiert der Sexus als raffinierter Eros und orgiastische erotische Phantasie eingebettet in einen quasi-sakralen Raum, dem zwar nicht der versteckte christliche Einfluss, aber jedes unmittelbar religiöse Gedankengut abgeht, in dem Kirche und Christentum Randphänomene bleiben wie bürgerliche Lebensformen, in einem Phantasialand erotischer Fluchten. Jenseits eines in einen Fiebertraum hochstilisierten gefeierten Eros verendet der Sexus aber im Schmerz, seiner extrem formulierten anderen Seite.
Was Gottfried verloren scheint, taucht bei ihm als Idealbild von Liebe, von rechter Minne im Tristan auf:
Ez ist vil wâr, daz man dâ saget: / «Minne ist getriben unde gejaget (Liebe ist vertrieben und verjagt) / in den endelesten ort.» / wirn haben an ir niwan daz wort. (nur das Wort ist geblieben) / uns ist niwan der name beliben / und han ouch den alsô zetriben, (und der ist zerredet) / alsô verwortet und vernamet, / daz sich diu müede ir namen schamet / und ir daz wort unmaeret. (sie mag das Wort selbst nicht mehr). (...) Minne, aller herzen künigîn, diu vrîe, diu eine diu ist umbe kouf gemeine! - die ist käuflich geworden / wie habe wir unser hêrschaft / an ir gemachet zinshaft! (bei ihr zum Gelderwerb gemacht) (...) wie vertuon wir unser leben / âne liep und âne guot! (ohne Liebe und Güte). (Tristan, Kapitel 17, Zeilen 12279ff)
"Wie vertun wir unser Leben ohne Liebe und ohne Güte." In einer der schönsten Textpassagen aus der Blütezeit deutscher Literatur, die völlig ohne Gott, Christus und ewiges Leben auskommt, wird in Unterstellung früherer, besserer Gegebenheiten der Einfluss des alles durchsetzenden Kapitalismus auf die Lebensverhältnisse am gravierendsten Beispiel deutlich gemacht: Sogar die Liebe ist, wie die Freundschaft, aus der sie hervorgeht, käuflich geworden und auf den Markt getragen. Das "Herz" wird vom Geld regiert, die innigsten Gefühle sind wohlfeil geworden.
Die französischen Pastorellen des 12. Jahrhunderts handeln von der Verführung von Schäferinnen, und etwa jede vierte davon trifft auf Widerstand und endet mit einer Vergewaltigung. In einer von ihnen heißt es aus der Herrenperspektive:
Als ich sah, dass sie weder durch mein Bitten, noch durch meine Versprechungen, noch durch Schmuck oder was ich mir ausdachte, Gefallen an mir finden mochte, warf ich sie einfach ins Gras. Sie konnte sich anfangs gar nicht vorstellen, dass sie so großes Vergnügen dabei empfinden werde, und seufzte, schlug mit den Fäusten, raufte sich die Haare und versuchte zu entwischen. (in: Mazo Karras, S.265)
Ein Andreas Castellanus beschreibt in seinem Traktat über die höfische Liebe über ritterliches Verhalten gegenüber Bauernmädchen:
Sobald du einen günstigen Platz (locus) gefunden hast, zögere nicht, dir zu nehmen, was du begehrst und dir den Akt (amplexus) gewaltsam zu erzwingen. (in: Castellanus, De amore, I,11)
Und so schreibt der seinem Herrn Balduin von Guines an sich wohlgesonnene Lambert von Ardresum 1200 über ihn:
(...) er war so für zarte Mädchen und vor allem Jungfrauen entbrannt, dass weder David noch sein Sohn Salomon ihm im Verderben von kleinen Mädchen (iuvenculae) das Wasser reichen konnten. (in: Dinzelbacher, S.139) (*1a)
In seiner Chronik beschreibt Matthäus Paris, was er um 1238 am Hof des Stauferkaiser Friedrich II. zu sehen bekam:
Zwei Sarazenenmädchen von schönem Wuchs traten auf dem glatten Fußboden auf vier runde Kugeln, und zwar setzte die eine die Füße auf zwei Kugeln und die andere auf die beiden anderen, und sie glitten hin und her und klatschten dabei in die Hände. Wohin sie wollten, bewegten sie sich auf den rollenden Kugeln, ließen ihre Arme spielen und drehten sich und sangen dabei auf verschiedene Weise und bewegten ihre Körper nach der Melodie, schlugen klingende Zimbeln und Hölzer mit den Händen zusammen, stellten Scherzhaftes zur Schau und führten sich auf sonderliche Weise auf. So gewährten sie denen, die zuschauten, ein wunderbares Schauspiel, und ebenso andere Spielleute. (Chronica, in ähnlichem Deutsch in: Houben, 2, S.119. Siehe auch: Stürner, S.348))
Etwa mit 14 Jahren, also mit der Gebährfähigkeit, gelten Mädchen als heiratsfähig, was aber wohl nur die höheren Kreise betrifft. Ab welchem Alter darunter sie, besonders Bauernmädchen, in Einzelfällen bereits männlichem Begehren ausgesetzt sind, wird nicht ganz deutlich.
Wo der pater familias (und vielleicht sogar die Mutter) fehlt, erhalten Kinder beim Adel und insbesondere dem höheren vom König in seiner Schutzfunktion einen Vertreter der munt, die das Kind zum Mündel macht. Solange das Kind (oder die Kinder) noch minderjährig ist, kann der Ersatz"vater" die diesem zustehenden Einkünfte nicht nur verwalten, sondern auch selbst nutzen. Schon soweit ist die Überlassung eines Mündels ein einträgliches Geschäft. Noch einträglicher wird es, wenn die Aufsichtsperson das weibliche Mündel dann heiratet, weil diesem dann erheblicher Besitz zusteht. Aber schon die Verheiratung des Kindes kann als Ehebündnis mit einem anderen Geschlecht Vorteile mit sich bringen.
Der Adel mit seiner Geschlechterbildung trägt sicher auch dazu bei, dass die Kirche jenen Weg beschreitet, der von der Akzeptanz der Ehe zwecks Produktion von Nachwuchs im 12./13. Jahrhundert zur Aufwertung der Ehe als Sakrament führt. Damit können nun auch Verheiratete als Heilige anerkannt werden und die legendäre Teilnahme Jesu an einer Hochzeit zu Kana im Johannes-Evangelium wird jetzt als dessen Akzeptanz der Ehe herangezogen, wiewohl es dort im wesentlichen um das Wunder der Verwandlung von Wasser in Wein geht.
In Beispielen zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert wird deutlich, wie widersprüchlich die Haltung von Kirche und "Welt" zu Sexualität und Ehe bleibt. Der Bogen spannt sich von mönchischer Total-Verteufelung der Geschlechtlichkeit und ihrer Triebhaftigkeit bis zur völligen Ignorierung solcher Positionen in oft freizügig-libertiner Sexualpraxis in den höheren Kreisen edler Herren. Diese Bewusstseinsspaltung wird jener bei Kapitaleignern entsprechen, die in sich religiös untersagte materielle Gier von ihrer ansonsten soliden Kirchen-Gläubigkeit abspalten.
Es zeigt sich, dass mit der Abspaltung einer Kirche mit ihrer Monopolisierung von eher lebensferner Religion Christentum nicht in dem Maße integraler Bestandteil völkischen Alltags wird wie beim Hinduismus, Buddhismus oder Islam. Nur "radikale" evangelikale Richtungen werden bis heute überleben, indem sie es nicht zu so extremen Widersprüchen kommen lassen.
Die Ehe ist als Sakrament nun unauflöslich, es sei denn, die Eheleuten seien, wie sich nachträglich herausstellt, zu eng verwandt, oder der Koitus könne nicht vollzogen werden. Beim Manne werden dann entweder besonders ehrbare verheiratete Frauen, aber auch schon mal erfahrene Prostituierte herangezogen, um durch u.a. manuelle Untersuchung die Potenz des Mannes festzustellen, und so sie fehlt, können diese Frauen den Mann schon mal beschimpfen, dass er geheiratet habe, ohne der Frau die ihr gebührende Lust zu schenken.
***Erotisierung: Der Kult der höfischen Damen*** (siehe auch Anhang 20)
Mit der Marienverehrung und der Minnelyrik, soweit sie die Verehrung der unerreichbaren Dame betrifft, wird der Sexus wenigstens in der ideologisierenden Phantasie sublimer bis zum Extrem seiner Unauslebbarkeit. Eine solche Erotisierung in Religion und Höfischkeit lässt andererseits ein freier flottierendes Eros zu, das dann aber auch wieder rücksexualisiert werden kann wie bei Isoldes Tristan.
Höfisches Dasein in Reichtum und zeitweiligem Müßiggang fördert ein Kreisen um die „Liebe“, die immer mehr ins Zentrum höfisch inszenierter Lebensform gerät. Für den höheren Adel zumindest ist es immer selbstverständlich gewesen, dass die aus Machtgründen gestiftete Ehe und sexuelle Lustbarkeit zwei getrennten und beide selbstverständlichen Räumen angehören. Dabei ist natürlich die Möglichkeit einer in der Ehe wachsenden Liebesbeziehung der Gatten nicht ausgeschlossen.
Es wird mit der Erotisierung des höfischen Alltagslebens eine neue Sphäre erschlossen. Das findet sich in der kirchlichen Welt wieder in den erotisierten „schönen“ Skulpturen von Ekklesia und Synagoge, von klugen und törichten Jungfrauen und Heiligen-Gestalten. Hier begegnen sich Fürsten, niederer Adel und Großbürgertum in einer neuen, erotisch durchsetzten Ästhetik, in die als frühe verführerisch attraktive Nackte die Eva des Paradieses einzieht und entblößtes Begehren wie das der Nackten des Jüngsten Gerichtes.
Der aggressive und angeklagte Sexus romanischer Kleinskulpturen schwindet zugunsten einer sublimeren Sexualität, die nicht unbedingt der Wirklichkeit entspricht, aber dieser als Legitimation dient. Erotisierung als Teil höfischen Alltags findet sich bei Männern und Frauen auch in der Kleidung, die nicht nur immer aufwendiger und kostbarer wird, sondern auch immer mehr von den Körperformen offenbart.
Männer zeigten so immer mehr von den Waden und bald auch den Oberschenkeln und vom Hintern in engen Kleidungsstücken, während die gotisch gekleidete Frau dassselbe mit ihrer Brust schafft und danach der Teilentblößung durch das Dékolleté.
Die Erotisierung des adeligen Alltags geht nicht nur auch von der Literatur aus, sondern in diese ein. Schon Anfang des 12. Jahrhunderts beschreibt ein 'Liebeskonzil von Remiremont' das Streitgespräch zweier dortiger Nonnengruppen, von denen die eine dem Ritter, die andere dem Kleriker das höfischere Auftreten bescheinigt. Damen übernommen in der Literatur vor allem als Mäzeninnen eine immer größere Rolle: Eleonore von Aquitanien für Wace, Marie von der Champagne für Chrétien von Troyes, Mathilde, Gemahlin von Heinrich dem Löwen, für den Pfaffen Konrad.
Damen sind eben nicht nur Gegenstand der Minnelyrik, sondern besonders auch Konsumentinnen jener Epik, die damals auch Roman heißt, und Frauen werden zu den wichtigsten Konsumenten von Romanen bis heute. Damen sind bei Hofe auch nicht nur Schmuck, sondern wesentlicher Bestandteil, Quelle männlicher Inspiration und Kampfeslust.
Literarisch sichtbar wird das Ganze zum ersten Mal mit Wilhelm von Poitiers/Aquitanien, und in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts dann in den okzitanischen Liebesliedern der Troubadoure. Bei Barbarossas Italienzügen sind dann deutsche Liedermacher aus ministerialen und niedrigadeligen Familien dabei. Zugleich beginnt deutsche Liebeslyrik nach französischem Vorbild anverwandelt am Braunschweiger Welfenhof, dem Babenbergischen in Wien und dem der Thüringer Landgrafen.
Im Sinne des römisch-lateinischen amor ist Liebe, deutsch Minne, meist Verliebtheit, oft eine eher unstete Form des Begehrens, und so lässt Lyrik wie Epik meist keinen Zweifel daran, dass es um Befriedigung des Geschlechtstriebes zwischen Mann und Frau geht, die zumindest angedeutet wird (bîligen oder umbevân). Und wenn Bischöfe im 12./13. Jahrhundert schon mal zwanzig oder mehr (uneheliche) Kinder haben und so selbst manche weltliche Herren übertreffen, dann ist Liebe schiere Geilheit. Ausgesprochen wird dann nur in den Schmähschriften der Kirche, dass Selbstbefriedigung, auf das gleiche Geschlecht gerichtetes Begehren sowie Oral- und Analverkehr zumindest in höheren Kreisen nicht unbekannt sind.
Die Doppelmoral zwischen kirchlicher Predigt und alltäglicher Wirklichkeit wird weitergehen, bis sie im Barock-Zeitalter in weitverbreiteter Pornographie endet.
Der Stricker schreibt in seiner 'Frauenehre' schon nach der großen Zeit der Toubadoure und Minnesänger: Gäbe es keine Frauen (vrouwen) auf Erden, wie würden die Ritter aussehen? (in: Laudage/Leiverkus, S.235)
Immer wieder wird die höfisch zivilisierende Bedeutung der Damen betont, die so anders als Männer sein sollen und dürfen, solange sie die männliche Überlegenheit anerkennen. Dem jungen Parzival wird beigebracht, dass er nach dem Ausziehen der Rüstung sich Hände und unter den Augen waschen soll, um so den Rost loszuwerden, um höfisch schön zu werden: des nement wîbes ougen war. In der Ritter-Epik werden unentwegt Heldentaten begangen, nur um hohen Damen zu gefallen.
In diesen Zusammenhang gehört die poetische Verehrung der höfischen Dame, der jede Form der Vollkommenheit angedichtet wird, und die als verheiratete Frau sogar manchmal ganz hoffnungslos poetisch angehimmelt wird. Den Extremfall, den auch besonders Fromme wie Robert d'Abrissel ausprobieren, beschreibt Hartmann von der Aue so:
Wer sich nun darüber wundert, dass ein ihm nicht verwandtes Mädchen (maget) nachts so nahe bei ihm lag, und er es nicht anrührte, der weiß nicht, dass ein anständiger (biderbe) Mann sich all dessen enthalten kann, dessen er sich enthalten will, aber: es gibt derer weiß Gott nur sehr wenige. (in: Laudage/Leiverkus, S.237f)
Das ist eine Neuheit in der Zeit der Ritter und Fürsten, die begleitet wird von einem neuartigen Marienkult. Anhand von Marie von Champagne und Eleonore von Aquitanien lässt sich erkennen, dass höfische Damen in ihrem eigenen, sich ausweitenden weiblichen Rahmen sich nun stärker fühlen dürfen, bei Anerkennung auf kriegerischer Macht beruhender Männer-Herrlichkeit.
Zur literarischen Aufwertung adeliger Damen gehört auch laut des Strickers 'Frauenehre', das Obst (den weiblichen Schoß) kann er mit Gewalt niemals erringen. Thomasin von Zerklaere meint: Der hat ganz und gar eine unhöfische Gesinnung, der Frauen Gewalt antut.
Das betrifft vermutlich nicht die Bauernmädchen.
***Literatur***
Ein Aspekt des höfischen Unterhaltungsprogramms sind Gaukler und Spaßmacher, aber nun auch Liedermacher und "Roman"autoren. Die machen Karriere an den Höfen als Unterhaltungsspezialisten, mit denen sich hoher Adel schmückt, und als deren Lobredner. Beim Tod von Richard Löwenherz lobt Gaucelm Faudit in seinem Klagelied 'Fortz chauza' dessen Tapferkeit und fasst zusammen:
Ach edler Herr König, was wird nun werden / aus den Waffen, aus dem Getümmel mächtiger Turniere, / aus den prächtigen Hoffesten und aus den herrlichen und grandiosen Gaben, / wo ihr nun nicht mehr da seid, der ihr von allem Haupt und Führer wart? (So in Löwenherz, S.15)
In dieser Welt einer ideologisierenden Eigentlichkeit, in der Macht zunehmend auch durch die edle Lebensform begründet und in ihr ausgelebt wird, spielt fiktionale Literatur eine immer größere Rolle. Dabei liefert sie einmal als Ritterepik und höfische Lyrik die ideologische Begründung für Herrschaft und Standesüberhöhung, zum anderen entwickeln beide aber zugleich, um aus dem Vorgebrachten Spannung zu erzeugen, innere Widersprüche und Problematisierungen. Kennzeichnend für solche Literaturen wie denen der Trouvères und des späteren deutschen Minnesangs, von Chrétien de Troyes oder Gottfried von Straßburg wird, dass das ritterlich-höfische Milieu, welches dargestellt wird, völlig ohne seine finanziellen Grundlagen auskommt und das städtische Milieu, welches solchen Eskapismus aus der Wirklichkeit mit seinen Abgaben fördert, kaum eine Rolle spielt.
Tatsächlich ist die neue Literatur nur in wenigen Aspekten eine Quelle, die uns die Lebenswirklichkeit der Menschen näherbringt. Bei der Lektüre solcher Texte kommt eher die Vermutung auf, dass in der Zeit, in der nicht nur die Bedeutung des Geldes rapide zunimmt, sondern auch frühe Formen seiner Kapitalisierung, die neuen Vorstellungswelten genau dazu Gegenwelten sein sollen, solche, die das Ende einer traditionelleren Welt eben ein Stück weit auch als phantastischer Ersatz befördert haben mögen.
Da höhere Bildung klassisch-antiker Art bei Hofe zunächst eher selten ist, wird dort das Latein von Theologie und Philosophie, die sich manchmal inzwischen auch zu trennen beginnen, was zu ersten philosophischen Texten in den Volkssprachen wie beim Catalán des Raimundus Lull führt, zunehmend durch die Volkssprachen ersetzt, die seit dem 11. Jahrhundert immer mehr auch zu Schriftsprachen werden. Damit entwickelt sich in Ansätzen das Sichtbarmachen eines unterschiedlichen Volkscharakters. Die Übertragung von Texten aus dem langue d'oeil in deutsche Sprachen macht das dann augenfällig. Den Anfang machen das Catalán und das Okzitanische, von wo das einmal auf Norditalien übergreift, und zum anderen auf das Sizilianische am Hofe Friedrichs II., welche Texte dann in toskanischer Übersetzung nach Mittelitalien gelangen und dort einen eigenen Stil aufblühen lassen, und zum anderen in die deutschen Lande.
So wie Literatur seit der Erfindung des Buchdrucks vom Markt abhängig wird, so ist sie es bis dahin und noch darüber hinaus vom Wohlwollen des sie subventionierenden Adels. Der Autor bindet sich an den adeligen und am besten fürstlichen Mäzen, der sich mit ihm schmückt, weil er mit seinen Werken zufrieden ist. Das prägt ihre Texte in hohem Maße. Heinrich der Löwe und Hermann von Thüringen besorgen „ihren“ Autoren (dem Pfaffen Konrad und Wolfram von Eschenbach) die französischen Vorlagen für das Rolandslied und den Willehalm, die dann deutschen Verhältnissen angepasst werden.
Beispielhaft ist, wie Walther von der Vogelweide zum Propagandisten seiner Herren wird, um an sein Lehen zu gelangen. Als er beim Staufer Friedrich II. angekommen ist, diffamiert er dessen Gegner und seinen früheren „Herrn“ folgendermaßen im modernisierten 'König Friedrichston'::
Ich hatt' Herrn Ottos Wort, er wollte reich mich machen / Wie trüglich war sein Wort! Es ist zum Lachen / Soll das, was er versprach, mir Friedrichs Hand verleihen? / Ich kann ihn bitten nicht um eine Bohne. (…) Ich wollt Herrn Ottens >Milde< an seiner Körperlänge messen; da hat ich mich im Maßstab nicht wenig vertan. Denn wär er so großzügig wie lang, wäre er ein Vorbild edler Eigenschaften. Maß ich aber die Körperlänge daran, wie er Ehre einlegte, da wurde er an allen Enden zu kurz wie ein verschnittener Stoff, an Großmut viel kleiner als ein Zwerg.
Die Milte ist hier die Freigiebigkeit gegenüber dem Sänger, und tatsächlich ist er oft davon abhängig, gibt es doch keine wohlfeilen Möglichkeiten der Vervielfältigung seiner Texte und keinen entsprechenden Markt. Und so heißt es denn auch bei Walter: Von Rôme voget, von Pülle künec, lât iuch erbarmen / daz man mich bî rîcher Kunst lât alsus armen!
Wenn dann Leute wie Walter von der Vogelweide einen volkstümlicheren Ton anschlagen, ist das nicht so sehr Ausdruck von Nähe zur Masse der Bevölkerung in erster Linie, der ländlichen Bevölkerung insbesondere, sondern eher Ausdruck einer neuen Mode in den Adelskreisen und an Fürstenhöfen, bald auch im gehobenen Bürgertum.
Noch deutlicher wird Guilhem Figueira um 1237:
Ein neu Sirventes beabsichtige ich dem Kaiser zu übersenden, dem edlen Menschen, denn nun ist es mir dienlich, dass ich mich in seinen Dienst begebe, denn kein Mensch teilt besser Lohn aus als er. (in Heinisch, S.108)
Die Künste, und auch die Literatur als Kunstform, sind von der Gunst von einzelnen Mächtigen und ihrer Finanzkraft abhängig, und das wird sich durch die Erfindung des Buchdrucks und der Produktion für einen größeren Markt zunächst kaum ändern, da Literatur sich auch dann zunächst nicht über einen allgemeinen Markt finanzieren lässt.
Dies Wort "Literatur" (eine viel spätere Wortschöpfung) ähnlich wie das von der "Kunst" wird durch die nachantiken Zeiten bis heute keinen klaren Begriff enthalten und zugleich einem steten und massiven Bedeutungswandel unterworfen sein. Bis ins späte Mittelalter ist die im Germanischen wurzelnde (deutsche) "Kunst" das, was einer kann, wenn er es wirklich kann. In Wolframs 'Parzival' taucht das Wort öfter auf. Ritter beherrschen Reitkunst, Kampfkunst, überhaupt kunst an ritterlichen siten (Parzival 3,173). Es gibt die Heilkunst, bei Wolfram die arzâtlîchen listen (Tristan 11,7266), wie list bei ihm auch überhaupt Kunst meinen kann, so wie auch lêre (Tristan 6,3670) oder vuoge (Tristan 11,7698) als Kunstfertigkeit auftauchen.
Zu den Künsten gehört auch die Dichtkunst, eine art bei Chrétien (Erec 6641). Wenn Wolfram von mîner künste widerwege spricht, ist sein schriftstellerisches Können gemeint (Parzival 1,1). Gottfried verwendet stattdessen list, diu schepfent list ist seine eigene Kunst (Tristan 1,21), Bei ihm gibt es auch eine ausführliche Darlegung seiner Vorstellungen von Dichtkunst (T1,8) , wie sie Tristan selbst betreibt, der auch schoener maere phlac (T20,13477 / T30,19188) und für einen Hof schanzune tihtete und sang (T30,19210)
Zwischen der unterhaltsamen "Lohnarbeit" fahrender Kleinkünstler und hochadeliger Kunstausübung stehen die neuen Autoren, Ministeriale wie Hartmann, arme Rittersleut wie Wolfram oder jemand wie Gottfried, der möglicherweise gehobener Straßburger Bürger ist. Wie Chrétien von Troyes oder Wolfram siedeln sie sich offenbar für längere Zeit, gar manchmal für Jahre, an hochadeligen bzw. fürstlichen oder königlichen Höfen an und betreiben dort ihre neuartige Literatur.
Die litterae, also die Arbeit mit dem geschriebenen Wort, war bis dato eine Sache der Gelehrsamkeit gewesen, der wenigen, die (lateinisch) schreiben konnten und die im 11./12.Jahrhundert eine neue Philosophie hervorbrachten oder nach antiken Vorbildern lateinische Verse schmiedeten, mit denen sie unter sich blieben. Das Neue ist ein Mehrfaches: Die Adressaten sind ein höfischer Hochadel und Herrscher, die in der Regel nicht nur nicht des Lateinischen mächtig sind, sondern immer noch oft überhaupt nicht lesen und schreiben können, also Vorleser und Schreiber brauchen. Sie bedürfen für ihr Unterhaltungsbedürfnis der "Literatur" in der Volkssprache und zugleich auch der Autoren, die den Bedürfnissen der neuen Zeit und ihrer Moden entsprechend tihten,wie es auf deutsch jetzt heißt. Sie sind es zudem, die das Geld haben, um die teuren Materialien für die Verschriftlichung solcher Texte zu bezahlen, derer sie sich dann wohl auch zu rühmen beginnen. Es wird offenbar "schick", sich für einige Zeit einen tihtaere für seinen Hof leisten zu können.
Der kleine Kreis der "Gebildeten" und ihrer lateinischen und damit den meisten Menschen nicht zugänglichen Texte erweitert sich um eine zunächst ebenfalls kleine und deutlich weniger "gelehrte" Gruppe, die nun in den Volkssprachen schreibt. Das Lateinische bleibt die Sprache der Gelehrsamkeit und der Kirche, aber der frühe Kapitalismus und sein Wohlstand für eine kleine Oberschicht fördern zunehmend Texte für die nicht Gelehrten und nicht in den kirchlichen und monastischen Institutionen Verhafteten. Deren Inhalte sind entsprechend ganz andere.
Es geht um die Propagierung und Idealisierung von Machtverhältnissen und zugleich um Kurzweil, um Unterhaltung einer kleinen Oberschicht. Soweit handelt es sich um ein ganz triviales Unterhaltungsbedürfnis, um kurzewîle als kurzzeitiges Aussteigen aus der Wirklichkeit ins schiere Amüsement. Wieweit der Problemgehalt, der diese Texte erst zusammenhält, dabei ebenfalls Unterhaltungswert hatte, ist kaum noch nachzuvollziehen.
Elemente aus keltishen und antiken Sagen und Märchen werden mit Situationen mit aktuellem Wiedererkennungswert verbunden. Kapital oder Kapitalismus taucht kaum auf, die Begrifflichkeit des Marktes ist aber zunehmend in die Sprache integriert.
Schon gesagt wurde, dass Künste der Unterhaltung und der Kurzweil zunehmend professionalisiert werden, "kunstvoller", gekonnter werden, und mit ihnen werden Dichter namentlich bekannt, zunächst bei den trouvères, dann bei den Autoren der Ritterromane, was sich im Verlauf der Gotik bei Baumeistern und Schöpfern von Plastik und am Ende auch von Malerei fortsetzen wird. Das, was wir in der Neuzeit Kunst nennen, deutet sich ansatzweise an und damit die Prominenz von Künstlern. Sie werden integriert in einen Markt, eine Warenwelt, konkurrieren miteinander und werden bald danach trachten, in Geld bezahlt zu werden. (Zu Ritterromanen ausführlicher Anhang 17)
***Mode und Stil***
Das lateinische 12./13 Jahrhundert erfindet die Kleidermoden und überhaupt die Mode als Aspekt eines neuartigen Konsumbetriebes. Im nachherein werden solche Moden bis hin zum Rokoko als "Stile" bezeichnet werden
Das französische Wort mode kommt erst am Ende des Mittelalters auf, und à la mode kann jemand erst im 16. Jahrhundert sein, als das Wort auch bald ins Deutsche übernommen wird. Vom lateinischen modus, also der Art und Weise von etwas, abgeleitet, ergänzt es zunächst die hochmittelalterliche manière, vom lateinischen manus, Hand, also die Handhabung von etwas. Vor allem im Plural auch die Verhaltensformen, Manieren bezeichnend, gelangt es mit den "französischen" Schreibmoden der Liebeslyrik und des Heldenliedes, der "französischen" Baumode (der Gotik) und der neuen "französischen" Kleidermode mit einer Verspätung von fünfzig bis hundert Jahren in die deutschen Lande, vor allem in jene, die an das kapetingische und burgundische Königreich sowie die nordöstlichen Grafschaften romanischer Sprache angrenzen.
Da der lateinische stilus das Schreibgerät war, meint "Stil" im späteren italienischen Mittelalter den Schreibstil, wie er im Ausdruck dolce stil nuovo wohl zum ersten Mal auftritt, als Dante damit die norditalienische Variante der neuen Liebeslyrik bezeichnet. Der im Zentrum Franziens im 12. Jahrhundert aus Elementen der Romanik entwickelte neue Baustil (der damals nicht so heißt) gilt lange als der "fränkische" bzw. später "französische", und wird erst in der sogenannten Renaissance (von Vasari) verächtlich als "gotisch" abgewertet. Zunächst aus Frankreich kommend, wandert er dann nach dem anglo-normannischen England und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts nach Spanien, in geringem Umfang nach Italien und zuletzt auch in die deutschen Lande. Modischer Umbau und Neubau fördert nun auch aus modischen Gründen die Bauwirtschaft.
Die Entfaltung von Kapitalismus bedarf auch eines sich immer weiter entfaltenden Luxus-Konsums, dessen Motor die Mode als wichtiges Mittel zur Steigerung von Nachfrage wird. Die Herrscher, Fürsten und hoher Adel konkurrieren nicht nur um Macht als Ausweitung und intensivere Durchdringung ihrer Territorien, sondern auch um Status mittels immer mehr Prächtigkeit ihrer Höfe. Dabei unterwerfen sie sich wie auch die Kirche dem höheren Status größerer anderweitiger Pracht.
Auffällig ist, wie dabei Kleidermoden, solche von Skulpturen, Malerei, Bauten, Musik und Tänzen miteinander zu korrellieren beginnen, um dann von Vertretern des Großkapitals bis in den Bau ihrer Häuser übernommen zu werden.
Mode als Aspekt zivilisatorischer Dekadenz ist im weitesten Sinne Konsequenz fehlender Tradition und damit von Geschmacklosigkeit, im engeren heutigen Sinne ist es ein zentrales Mittel zur Steigerung des Warenkonsums und der Etablierung einer extremen Wegwerf-Welt, wie sie inzwischen üblich ist.
Mit dem Aufstieg eines neuartigen (Krieger)Adels und dann der sogenannten höfischen Lebensformen in deren reicheren Kreisen wird jede Mode, auch die, welche heute "Stil" genannt wird, aus dem aufsteigenden Frankreich übernommen. Es wird in den Herrenkreisen schick, "französisch" zu sprechen, ebenso beim flämischen Großkapital, so wie die Sprache langsam in der Gascogne und der Bretagne zunimmt. Die englische Herrenschicht spricht ohnehin bis tief in den Hundertjährigen Krieg die langue d'oeil, so wie Marco Polo seinen Reisebericht französisch diktiert.
Warum ist der seit dem 11. Jahrhundert zunehmende Stilwandel im sich in einen frühen Kapitalismus hinbewegenden lateinischen Abendland mit seinen darin enthaltenden Moden so viel schneller als anderswo? Die Antwort kann nur in jenen Bewegungen liegen, die Kapital auslöst und die es befördern.
Da ist einmal die Tendenz zu technischer Innovation, die ein Schneider-Handwerk hervorbringt, oder z.B. die Stabilität hoher, lichtdurchbrochener Wandpartien gotischer Kirchen. Da ist zum zweiten die Tatsache, dass Kapital nur durch Wachstum überlebt, und dass dieses bis heute ohne innovativen Waren-Ausstoß nicht funktioniert. Und da ist drittens als anthropologische Konstante die Faszination des Neuen mit seiner Menschen wohl innewohnenden Neugier, die zu einer den ganzen Kapitalismus bis heute durchziehenden, zunehmenden Infantilisierung der Menschen vom frühen Warenkonsum bis zum heutigen Konsumismus führt.
Was als schön gilt, unterliegt einmal anthropologischen Konstanten und darüber hinaus den Moden. Ästhetisierung trennt dabei das Nützliche vom Schönen. Das deutlichste Beispiel ist das Schön-Finden kräftigerer, gesunder Frauen bis gegen Ende der sogenannten Romanik, und dann in der Gotik einer Oberschicht die Bewunderung für immer schlankere Frauen, die deutlicher zum männlichen Sexualobjekt jenseits der Produktion von Nachkommenschaft werden, - was Frauen offenbar gerne übernehmen. Weibliche Bekleidung kalkuliert seitdem immer offensiver männliches Begehren und resultierende weibliche Konkurrenz ein.
Der sich entfaltende Kapitalismus verändert die Menschen und hält sie immer fester in seinem Griff.
Neben originär Deutschem wie dem Nibelungenlied sind die Ritterromane vor allem Anverwandlungen altfranzösischer Literatur, so wie höfische Lebensformen vielfach aus dem Westen stammen und ebenso die neuen "gotischen" Kleidermoden. Mit der Einführung des Kleiderschnittes und der Schneiderei beginnt die Erotisierung der Kleidung als indirekte Versionen der Körperformen.
Rüdigers Leute im Nibelungenlied tragen in Worms Gewänder, vil harte spaehe gesnitten (20,1176) und wol gesniten sind die Kleider von Gahmurets Gefolge im 'Parzival' des Wolfram (2,62). Tristans Kleidung in Gottfrieds Text ist nâch sînem lîbe gesniten (5,3347). Ein Kleid für Obilot sneit man an daz vröuwelîn (Parzival, 7,375) und ein Kleid por son cors estoit taillèe im Erec des Chrétien (1572). Isoldes Kleid ist an der Hüfte g'enget, nâhe an ir lîp getwenget (T15,10905f).
Modebewusstsein wird am ausführlichsten an der ansonsten physisch hässlichen Cundry von Wolframs 'Parzival' beschrieben: Sie trägt einen Kapuzenmantel al nâch der Franzoyser siten (...) von Lunders (London) ein pfaewin huot (Pfauenhut), der huot was niuwe (etc., 6,313). Später heißt es: ir cleider tiure und wol gesniten, kostbaere nâch Franzoyser site. (15,778). Hartmann von Aues Enite wird am Artushof in nach fanzösischer Mode geschnittene Kleidung gesteckt. Kleider in dem snite von Franze (T15,10901) sind überhaupt seit der Gotik dernier cri. Mit dem Aufstieg der französischen Fürstenhöfe und dann des französischen Königtums beginnt eine enorme Einflussnahme Frankreichs auf die deutschen Lande. Zu den künste gehört es nun auch, franzeis zu reden (Parzival 6,329).
Heute noch am sichtbarsten nachvollziehbar ist die allmähliche Übernahme gotischer Bauformen und Skulpturen. Das beginnt um 1130 im Pariser Becken, wo Kirchenfürsten der neuen Mode bei immer größeren Bauten folgen und Architekten miteinander in immer filigraner durchbrochenem Mauerwerk und immer gewagteren Maßwerken miteinander konkurrieren. Während sich so Ästhetik in technischer Errungenschaft abspielt, übernehmen deutsche Kirchenfürsten erst Generationen später die neue Mode zunächst als Detail, wie der Erzbischof von Magdeburg den Domchor mit seinem Kapellenkranz oder neuartigen Kapitellen neben romanischen. In deutschen Landen taucht dann vollgültige Gotik erst mit den Neubauten der Trierer Liebfrauenkirche (ab 1227) und der Marburger Elisabethenkirche (ab 1235) auf. Danach ist dann kein Halten mehr, Innovation wird zum Selbstläufer, modern bzw. modisch zu sein wird zu einem erstklassigen Statussymbol, wie die Straßburger Kathedrale dann bald beweist. Italien wird da nicht ganz folgen, da es seine ganz eigene Veränderung antiker Bauformen hat.
Innovation in der Musik und bei den Musikinstrumenten wird fürstliches Programm. Innovation im Musikprogramm wird der in den Quellen beschriebene Stolz der besonders Mächtigen. 1240 erhalten Beamte in Palermo und Messina den Auftrag, silberne Trompeten (tubas) bauen zu lassen und „schwarze“ Sklaven im Spiel an diesen Instrumenten auszubilden und dann an den Hof nach Foggia zu schicken.
Dazu kommt auch die Tendenz, in der Musik Moden zu folgen, sowohl in der Entwicklung in die Mehrstimmigkeit wie in dem Erscheinen neuer Instrumente und der Differenzierung in dörfische, städtisch-bürgerliche und adelige Musik. Polyphonie wird zwar von Leuten wie Bernhard von Clairvaux und Petrus Cantor verurteilt, zumindest für den kirchlichen Raum, aber die "Welt" schert sich bald nicht mehr darum, und Bettelorden werden ihr bereits wie selbstverständlich anhängen.
***Exotik***
Die dunkelhäutigen Musikanten des zweiten Friedrich leiten über zu jener Pervertierung des höfischen Unterhaltungsprogramms, die als Exotik fasziniert und Menschen fremder Kontinente als „Exoten“ bewusst benutzt. Die Reste davon kennt man als Zirkusprogramme des 19. und 20. Jahrhunderts für die geringeren Untertanen.
Ein merkwürdiges Phänomen, welches besonders früh schon bei Kaiser Friedrich II. auftritt, ist eben diese Steigerung des Luxuriösen durch das Exotische, sicherlich nicht nur aus persönlicher kaiserlicher Neigung, sondern auch zum Beeindrucken des Publikums, als welches sich die Untertanen hin und wieder aufgewertet fühlen können. Man denke später nur an die "Mohren" der Höfe der Renaissance und des Barock und an das Türkisieren im 18. Jahrhundert, dem im Zentrum der osmanischen Macht das Barockisieren entspricht.
Bei Friedrich II. wird Reichtum an mobilen Werten gelegentlich für eine breite und staunende Menge von Gaffern propagandistisch verwendet. Beispielhaft sei der Text über den Einzug Kaiser Friedrichs II. 1235 in den deutschen Landen erwähnt, dessen Ziel die Absetzung seines Sohnes Heinrich war:
Er aber fuhr, wie es der kaiserlichen Macht geziemt, in großer Pracht und Herrlichkeit einher, mit vielen Wagen, beladen mit Gold und Silber, Batist und Purpur, Edelsteinen und kostbarem Gerät, mit vielen Kamelen und Dromedaren. Viele Sarazenen und Äthiopier, verschiedener Künste kundig, mit Affen und Leoparden, bewachen sein Gold und seine Schätze. So gelangte er inmitten einer zahlreichen Menge von Fürsten und Rittern bis nach Wimpfen. (Fortsetzung Gottfrieds von Viterbo zu Eberbach, in: Eickels/Brüsch, S.275)
Man muss neben den Schätzen und der bewusst zur Schau gestellten Exotik auch noch die blitzenden Rüstungen und bunten Bekleidungen vor Augen haben, die Begleitmusik hören und den auch hier zu vermutenden Jubel des Publikums, zu dem sich wohl auch die Armen in einigem Abstand gesellen. Eine Etage über dem Aufblühen eines frühen Kapitalismus, diesen vorübergehend unsichtbar machend, bewegt sich ein König in einem Aufzug, der ein wenig an Zirkus und ein wenig an orientalische Despotie erinnert, und lädt (zu gewinnende) Untertanen zur Bewunderung ein.
Im Bericht des Matthaeus Parisiensis von der Reise Richards von Cornwall 1241 an den Hof zu Foggia in der 'Cronica maior' tauchen, wie schon erwähnt, die erotisch-exotisch tanzenden Sarazenen-Mädchen auf.
Ob es einen Harem aus Sarazenenmädchen gab, wie ein Franziskaner an Papst Innozenz IV. berichtet, ist ansonsten nicht belegbar, wird aber immer wieder unterstellt und zugleich geleugnet, wie vom kaiserlichen Gesandten beim Konzil von Lyon:
Die sarazenischen Mädchen hält er sich nicht zum Beischlafe - wer könnte das beweisen? - sondern wegen ihrer Gewandtheit und wegen einiger anderer weiblicher Kunstfertigkeiten. (in: Houben2, S.119).
Für viele Menschen scheint das Exotische manchnmal einen besonderen erotischen Reiz zu besitzen. Fasziniert sind sie aber wohl überhaupt von exotischen Tieren, soweit diese eingesperrt oder gar domestiziert sind. Mit sicherem Gespür dafür schickt ein Kalif von Bagdad dem großen Karl einen Elefanten als Geschenk. Der Sultan von Ikonium soll Heinrich ("dem Löwen") zwei Leoparden geschenkt haben, "die darauf abgerichtet waren, auf Pferden zu sitzen, samt Sklaven als Wärter für die Tiere" (Borgolte, S.63). Eine Etage darunter besitzen die römischen Frangipane auch einen Leoparden, der einmal eine Frau im Hause anfällt und wohl tötet. (Wickham(1), S.153)
Friedrich II. besitzt bei seiner Residenz in Foggia einen ganzen zoologischen Garten aus Elefanten, einer Giraffe, Dromedaren und Kamelen, mit Löwen, Leoparden und Panthern, Bären, Affen und Papageien, und dazu dann die Jagdvögel wie die von den Fürsten geliebten Falken. Das Einsperren und manchmal auch Domestizieren wilder Tiere zum eigenen Amüsement und dem der Massen wird bekanntlich bis heute üblich bleiben und die Entfremdung von immer mehr Menschen von der Natur fördern.
Honor: Die Ehre (erster Versuch)
Selbstbild und Außenwirkung gehören zusammen und sie sind elementar für das Befinden der Menschen. Für den Adel ist die Ehre als Maßstab des Selbstbildes wichtig, während Bauern keine solche besitzen (Ehre und Gehorsam gehen nicht zusammen), und das entstehende Bürgertum immerhin die erheblich andere Ehrbarkeit als Ersatz für sich reklamiert.
Ehre wird im Kriegeradel durch Kampf gewonnen, also in elementarer Konkurrenz. Auf sie kann man dann stolz sein. Sie materialisiert sich dann in dem, was man erkämpft hat und so besitzt. Bei Freidank heißt das dann etwas christianisiert: Der Mann soll nach Gut und Ehre jagen / und doch Gott im Herzen tragen. Der etwas nachdenklichere Walter von der Vogelweide dagegen, der 1198 ûf eime steine saz, sieht das problematischer: Ja, leider kann das nicht sein, / dass Gut und weltliche Ehre / und dazu noch Gottes Huld / in einem Herzen zusammen kommen. (beides so in: Dinzelbacher, S.103)
Theologisch gedacht kommt der Geistliche ohne Ehre aus, denn alle Ehre gehört Gott. Da aber die höhere Geistlichkeit weiterhin einer adeligen Oberschicht angehört und so geistliche und weltliche Werte verbindet, verhält sie sich so, als ob der Ehrbegriff auch für sie gelte und man Besitz und Prachtentfaltung als seine Demonstration nach außen genauso wie weltliche hohe Herren schätzen dürfe.
Indem Ehre institutionalisiert wird, wie im honor imperii Kaiser Friedrichs I., löst sie sich schon einmal etwas von der Person.