Monarchie: James I., Charles I.
Der Weg in den Bürgerkrieg
Res publica
Restauration
William of Orange
Lucy Hutchinsons Selbstgerechtigkeit
Satan ist der Teufel ist ein Mann
Milton und Richardson: Her Satanic Majesties most renowned Appearance
Rochester und Restoration
ENGLAND IM 17. JAHRHUNDERT
Monarchie: 1603-25 James I.
1603 tritt der schottische König und Sohn der Mary Stuart als James I. auch die Nachfolge von Elizabeth an. Er ist gebildet und religiös tendenziell eher tolerant, anderseits aber vom königlichen Gottesgnadentum überzeugt. Ist Befürworter der Hexenverfolgung. Bis zu seinem Ende versucht er die Königsmacht zu stärken und versucht in England immer wieder, ihre (episkopalische) Staatskirche aus Gründen der Staatsraison durchzusetzen. Andererseits betreibt er Verschwendung und Günstlingswirtschaft. Er prägt aufgrund der Personalunion mit Schottland den Begriff Great Britain und führt den Union Jack sowie den Ansatz einer gemeinsamen Währung ein. Die Krone entfremdet sich dabei den schottischen Untertanen, die von einer Versammlung vom König bestellter Untertanen regiert wird.
Er beendet gleich den Krieg mit Spanien. 1605 katholisches Gunpowder-Plot, aber kein härteres Vorgehen gegen Katholiken oder Protestanten. Nach 1607 wird mit Virginia eine große Kolonie
eingerichtet.
Bis 1607 wird ein großer (katholischer) Aufstand in Ulster niedergeschlagen. Damit beginnt die Kolonisierung und Anglisierung durch Protestanten dort.
Aber auch die Puritaner werden enttäuscht, und ein strenger Flügel wandert nach 1611 nach Nord-Irland aus. 1620 Pilgerväter reisen auf der Mayflower nach Plymouth (Massachussetts).
Ab 1611 kommt es zum Verkauf von Baronet- und Peerstiteln. Nach 1615 nimmt Buckinghams (George Villiers) Einfluss zu. James unterstützt die Wahl seines Schwiegersohnes Friedrich von der Pfalz zum böhmischen König nicht,
1622 reisen Buckingham und Kronprinz Charles incognito nach Spanien. Als die Reise ergebnislos bleibt, treiben sie in England zum Krieg gegen dasselbe Spanien an, was das Parlament begrüßt.
Diese an sich ganz einfachen Vorgänge werden im 17. Jahrhundert dadurch leicht verkompliziert, dass dank Reformation kaum noch ein Krieg nicht auch als Religionskrieg propagiert werden kann. Anders gesagt, wer mit den Spaniern Schiffe versenken spielt, kämpft gegen den katholischen Satan, was den irdischen durch einen himmlischen Profit veredelt; wer aber gegen die protestantischen Holländer antritt, tut zwar den Glaubensbrüdern der Puritaner weh, aber andererseits profitieren sie dabei.
Monarchie: Charles I.
1625 stirbt James, der Machtantritt von Charles im Königspalast von Whitehall ist durch seinen Heiratsvertrag mit Frankreich (Henriette Marie, Tochter von Henri IV.) belastet und durch die Übernahme von Buckingham als Favorit. Tendenz zum Bündnis mit Frankreich. Krieg mit Spanien und Bündnis mit den Niederlanden. Das Parlament gewährt schon 1625 die Hafenabgaben (tonnage und poundage) nur noch für ein Jahr und nicht für die ganze Regierungszeit des Königs. Deshalb löst der das Parlament auf.
Zwangsdarlehen mit der Drohung des Bruchs der Habeas Corpus Akte. Vorübergehend kann das Parlament sich 1628 mit der Petition of Rights wehren. .In der Petition, die mit der erzwungenen Anerkennung durch Charles Gesetzeskraft erhält, werden alle Übergriffe des Königs abgelehnt, dass kein freier Mann verhaftet, eingesperrt oder seiner persönlichen Freiheit (...) beraubt werden (...) dürfe, ohne dass ein Rechtsgrund vorliegt (habeas corpus). Abgelehnt werden auch widerrechtliche Einquartierung von Soldaten in Privat-Haushalte. Parlament muss Abgaben an die Krone bewilligen.
1628 wird der persönliche wie politische Vertraute Buckingham von einem Attentäter ermordet. Ein Jahr später löst er das Parlament ganz auf, das sich gegen seine Versuche zur Ausweitung der Besteuerung (durch Ausweitung des Schiffsgeldes, ship-money, aufs ganze Land) gewandt hat. Es wird elf Jahre nicht mehr zusammentreten. In dieser Zeit regiert Charles I. mit seinen königlichen Prärogativen, zu denen die Führung der Außenpolitik und – als Oberhaupt der Staatskirche – die Einsetzung ihrer Bischöfe gehört.
Er versucht nun, die Königsmacht dadurch zu stärken, dass er eine neue Riege von Geistlichen in die höchsten Kirchenämter bugsiert. Diese nehmen Stück für Stück die wenigen kleinen Reförmchen wieder zurück, die die Staatskirche inzwischen vollzogen hatte, der Altar wird an seinen katholischen Standort zurückversetzt, die Gewänder der Geistlichen werden wieder etwas bunter, und die Luft der Kirchenschiffe wird mit dem Weihrauch einer etwas weniger strengen Weltsicht angereichert.
An diesem Punkt merkt der aufmerksame Puritaner früher oder später, dass der Satan des Katholizismus als Vorbote des monarchischen Absolutismus sich in das Land der free-born Englishmen einschleicht, und einige sehen die Apokalypse nahen, Armaggeddon, die letzte Schlacht des Satan mit dem schon so lange versprochenen und endlich wiederkommenden Messias steht an, der diesmal nicht am Kreuz sterben, sondern den Puritanern zum Tausendjährigen Reich verhelfen wird.
1630 Friede mit Spanien.
In den dreißiger Jahren verknüpft sich der Machtkonflikt der parlamentarisch Gesonnenen und der Bürgerrechtler gegen die Handlungsfreiheit des Souveräns immer mehr mit dem Konflikt zwischen puritanischem Fundamentalismus und der staatstragenden Church, die zunehmend unter den Verdacht der popery gerät. Während das osmanische Reich sich daran macht, den Islam ins Zentrum Europas hineinzutragen, betrachten die godly people inzwischen die moderat protestantische Kirche und den Katholizismus als ihren großen Satan. Und dazu wird immer mehr für sie auch ihr Monarch.
Puritanismus und fürstliche Hofhaltung können unter den Stuarts ohnehin nicht zusammenkommen. Und man erinnerte sich daran, dass es bei der (legendären) Aufrichtung eines jüdischen Königtums laut Altem Testament eine ziemliche Auseinandersetzung darüber gab, ob die Monarchie nicht eigentlich von vorneherein etwas Gottloses sei. Dabei springt einiges den Frommen sofort ins Auge. Seit der Renaissance gab es an den fürstlichen Höfen sogenannte Masken (englisch: masques), bei denen zur Musik ballettartige Szenen aus der Mythologie von Krone und Höflingen getanzt und rezitiert werden. Das ist Selbstvergewisserung und Selbstdarstellung der Krone und des Hofes zugleich, opulente Kunst und großes Vergnügen. Und eine Wurzel für das, was später einmal Oper heißen wird. Für einen Puritaner ist es Geldverschwendung, Götzendienst und flagrante Unmoral. Der strenge Puritaner William Prynne schreibt mit 'Histriomastix' 1632 eine heftige Streitschrift dagegen, in der er den weiblichen Darstellern vorwirft, sie seien notorische Huren (notorious whores). Das kann kein mehr als nomineller Monarch hinnehmen. Der Mann wird zu lebenslanger Haft verurteilt, zu einer hohen Geldstrafe und ihm werden die Ohren abgeschnitten. Wo Strenge auf Strenge trifft, ist aber der Bürgerkrieg nicht mehr weit.
1635 fordert der König Ship Money von allen Grafschaften auch im Inland. 1637 Schottischer Covenant gegen Übergriffe des Königs gegen die schottische Kirche.
Die Verschwendung des Hofes ruft puritanische Kritik hervor: Der junge Thronfolger bekommt bald nach der Geburt einen eigenen Haushalt im Palast von Saint James zugewiesen, mit über zweihundert Bediensteten, die jährlich 5000 Pfund kosten, die enorme Summe, die Prynne als Strafe auferlegt wurde. Der König sammelt Kunst, insbesondere Gemälde vom Kontinent, wofür er schon mal an die 20.000 Pfund auf einmal ausgibt.
Andererseits basiert die Stuart-Monarchie nicht auf der Gewalt eines stehenden Heeres, nicht auf Polizeigewalt, sondern vor allem auf dem Nimbus des Royalen, und dazu gehört der Eindruck des Außergewöhnlichen ebenso wie die persönliche Ausstrahlung des jeweiligen Monarchen. Der Preis, den der Steuerzahler dafür zahlt, ist nicht gering, aber er will ähnlich wie heute bei demokratischen Potentaten für sein Geld auch das Besondere wahrnehmen können.
Und der Preis, den Monarchen wie die Stuarts im 17. Jahrhundert zahlen, ist hoch: Keine Privatsphäre, kein normales Familienleben, jeder Auftritt ist inszeniert, öffentlich, muss also kalkuliert werden. Und so werden dann Herrscherpersönlichkeiten von klein auf geprägt: Die Ehe dient dynastischen Zwecken, ist arrangiert. Fürstliche Kinder erleben oft wenig eheliche Zuneigung bei den Eltern, die Liebe wird vor allem als Serie erotischer Abenteuer der Älteren wahrgenommen, die auch aus der arrangierten Ehe resultierende Mätressenwirtschaft bringt den Eros in die Nähe der Käuflichkeit, der Prostitution. Verstellung bis zur Heuchelei und der offenen Lüge prägen die höfische Sphäre, die Familienersatz ist. In ihr kämpfen die Höflinge um Macht und Einfluss.
Aber es ist der starke Fürst, der seinen Hof unter Kontrolle hat, zu dem die Leute aufschauen. Es ist der, der mit eiserner Faust die Opposition niederhält, der seine Mätressen benutzt, aber sich nicht von ihnen beeinflussen lässt. Denn ohne ihn macht sich große Unordnung im Land breit, bis hin zum Bürgerkrieg, bis hin zur militärischen Invasion. Louis XIV. wird diese Rolle vormachen, die Stuarts werden es so nicht können. Daneben ist außerdem der Fürst erfolgreich, der es schafft, volkstümlich zu werden, der in religiösen Fragen dem Volk aufs Maul schaut, wie Henri IV., Vorfahre der späten Stuarts, zu dem die Leute gerne aufschauen. Ein wenig wird Charles II. das eine Zeit lang schaffen, aber sein Vater ist viel zu prinzipientreu, glaubenstreu und überzeugt davon, im Recht zu sein. Das wird ihn den Kopf kosten.
Die dynastisch orientierte Ehe macht Fürsten zu Internationalisten in einer Zeit, in der Nationalismus (heißt in England damals Patriotismus, so wie im Frankreich des 18. Jahrhunderts) immer heftiger wird: Fremdenfeindlichkeit, durch die insulare Lage Britanniens noch befördert, die sich bei Engländern vor allem in Franzosen-Feindlichkeit niederschlägt. Die Heiraten der Stuarts mit einer französischen Prinzessin, später einer portugiesischen, dann mit italienisch-französischer Hocharistokratie (alles außerdem Töchter des römischen Babylons) sind in europäische Bündnisperspektiven eingebettet. Aber die Leute, die von parlamentarischen Drahtziehern in London zu Demonstrationen bewegt werden können, sehen das, was um 1780 der französische Mob bei der welschen Marie-Antoinette sehen will: eine Ausländerin, Verräterin, Spionin, und in England im 17. Jahrhundert auch noch: eine Agentin des Vatikans.
Im 17. Jahrhundert beginnt langsam, und seit dem Amtsantritt des Sonnenkönigs immer schneller, das Französische als internationale Sprache das Lateinische abzulösen. Französische Romane (romances) werden immer beliebter bei denen, die mehr als nur religiöse Traktate lesen. Bald werden Parkanlagen, Schlossbauten, höfische Kleidung und Eleganz fast überall in Europa immer französischer. Aber die meisten englischen Untertanen haben dazu selbst keinen Zugang. Es bleibt ihnen fremd. Aus puritanischer Sicht wird das Fremde dann auch noch zum Ausschweifenden, Lüsternen, es kommt zu Phantasien von Unterwanderung und Überfremdung.
Der Weg in den Bürgerkrieg
1637 spitzen sich die Dinge zu. Ein Bürger aus Buckinghamshire lehnt es ab, das Schiffsgeld zu zahlen, da es nur für Küstengegenden zu deren Verteidigung vom Parlament abgesegnet ist, und der König kann sich gerade noch einmal vor Gericht durchsetzen.
1638 schwören presbyterianische Schotten in einem National Covenant bei ihrem Leben, das Common Prayer Book der Anglikaner nicht zu benutzen, welches ihnen die Krone aufgezwungen hat. Es ist nicht kalvinistisch genug. Man könnte meinen, auf den britischen Inseln würde sich nun die Sehnsucht nach Teilhabe an jenen religiös begründeten Greueln durchsetzen, die große Teile des Kontinents gerade verwüsten. Inzwischen ist Karl Ludwig der neue Pfalzgraf , und angesichts der katholischen Übermacht in deutschen Landen muss er zu seinem Schwiegeronkel Charles I. fliehen, der ihn auch weiterhin auf dem Kontinent nicht ernsthaft unterstützt.
In dieser Zeit beginnt der Earl of Newcastle, ein kultivierter und gebildeter Aristokrat, den Thronfolger zu unterrichten. Er schreibt seine Erziehungsziele auf, so dass sie der Nachwelt überliefert sind: Er lehrt ihn Höflichkeit und Freundlichkeit gegenüber Frauen (Newcastles Gattin selbst war eine nicht unbedeutende Schriftstellerin) und macht ihm klar, nicht zu fromm zu sein, da man zugleich ein guter Mensch und ein schlechter König sein könne. Ein halbes Jahrhundert später wird Fénelon in fast jeder Beziehung das exakte Gegenteil propagieren...
Charles I. ist rechthaberisch, starr prinzipientreu und wenig liebenswürdig. Im Sommer 1639 zieht der Vater des jungen Prinzen in den ersten Bishops' War (der Bischofskirche gegen den Presbyterianismus) nach Schottland; ein Krieg ohne entscheidenden Ausgang.
Darauf holt Charles 1640 den Earl of Strafford als Ratgeber an den Hof. Der war bis dahin Lord Deputy von Irland gewesen und rät nun, das Parlament einzuberufen, um an Finanzen für eine Entscheidung in Schottland zu kommen. Dies Short Parliament zeigt dem Monarchen die kalte Schulter und wird wegen seiner Widerspenstigkeit nach wenigen Monaten wieder entlassen.
Im Sommer wird der darauf von den Schotten militärisch gedemütigt und im Winter muss er das Long Parliament einberufen. Dies findet heraus, das Strafford dem König gegen die Schotten irische Truppen angeboten hatte. Dies interpretieren die puritanischen Parlamentsführer als Hochverrat, gelten die Iren doch bei ihnen als papistische Teufel, mit denen Strafford England unterjochen wolle. Das Parlament setzt ein impeachment, ein Verfahren für eine Anklage gegen ihn in Gang, das mangels Beweisen scheitert. Darauf setzt der Sprecher der Commons John Pym ein attainment, eine andere Form der Anklage durch, welches Erfolg hat.
Inzwischen haben die puritanischen Führer Teile der Londoner Bevölkerung in einen städtischen Mob verwandelt (vom lateinischen vulgus mobile, beweglich, unbeständig), der in den Straßen randaliert. In höchster Not verheiratet Charles seine Tochter Mary mit dem calvinistisch-protestantischen Prinzen von Oranien, dem Sohn des Statthalters der Niederlande, deren Tochter 1688 im Verein mit einem weiteren Oranier dem letzten Stuartkönig die Krone abnehmen wird. Aber nichts hilft mehr, Charles I. muss dem Druck des Pöbels, der unter anderem inzwischen den Kopf seiner katholischen Mutter fordert, nachgeben und die Hinrichtung Straffords wider besseres Wissen hinnehmen. Von nun an werden die Puritaner in England die Köpfe rollen lassen. Erzbischof Laud und andere Würdenträger werden im Tower eingesperrt und nach Schauprozessen hingerichtet. Der Bischof von Ely bleibt bis 1660 eingesperrt.
Die königlichen High Commission und Star Chamber werden abgeschafft. Das Schiffsgeld wird für illegal erklärt. Das Parlament bestimmt, dass es sich nur selbst auflösen kann. Mit einer knappen Mehrheit wird eine Grand Remonstrance beschlossen. Die City of London wird zur Parlamentspartei.
1641 katholisch-irischer Aufstand gegen ihre englischen Unterdrücker, den (nicht nur aber besonders) die Puritaner als einen satanischen Affront irischer Untermenschen gegen die englisch- protestantische Hochkultur ansehen. That cursed rebellion, diesen verfluchten Aufstand, nennt die Puritanerin Lucy Hutchinson das. Dazu kommt der Verdacht, dass jetzt womöglich katholische Könige aus Frankreich und Spanien mit Irland als Transitland dafür sorgen, dass Charles Stuart das Satansregiment des Papstes in England wieder installiert.
Januar 1642 gelingt es dem König nicht, mehrere Radikale des Parlamentes zu verhaften, und er muss London verlassen. Die Königin schickt er mit den Kronjuwelen nach Holland. Milizen werden vom Parlament mobilisiert, während der König ebenfalls Truppen sammelt.
1642 erster Bürgerkrieg, den Charles I. von Oxford aus führt. Die Söhne Charles und James kämpfen mit und befehligen eigene Truppen. "Unterstützt wurde die Parlamentspartei von den Kaufleuten, dem gewerbetreibenden Bürgertum vieler Städte, großen Teilen des niederen Adels (Gentry) und der größeren Bauern (Yeomen) sowie der City of London." (Klueting, S.214) Aber Gentry und Adel sind bis auf die Katholiken gespalten. Oktober 1642 steht Charles mit einer Armee von 13 000 Mann vor London. Die Flotte ist auf Seiten des Parlamentes. Wo möglich enteignet das Parlament Royalisten und vice versa. Das Parlament erhebt zudem Verbrauchsteuern. 1644 schottische Invasion in Nordengland, gegen die Oliver Cromwell mit einem Parlamentsheer bei Marston Moor siegt. Konflikte zwischen Presbyterianern und Independenten.
Puritanische New Model Army unter Fairfax und der Kavallerie unter Cromwell. 1645 Sieg Cromwells bei Naseby nördlich von Oxford. Die große Mehrheit der Engländer sind keine Puritaner, aber sie werden, wie das so üblich ist, von beiden Seiten nicht konsultiert und versuchen, in Deckung zu gehen, während der Bürgerkrieg zwischen puritanischen Rundköpfen und royalistischen Kavalieren das Land heimsucht. Als es für Charles I. am Ende schlecht aussieht, flieht er in die alte Heimat und übergibt sich den Schotten. Oxford fällt. Der Thronfolger flieht nach Jersey und von dort nach Frankreich ins Exil, während sein jüngerer Bruder James gefangen genommen wird, säter aber fliehen kann.
Binnenhandel und Rechtspflege funktionieren durch diesen Bürgerkrieg hindurch aber weiter.
Inzwischen sind beiden englischen Parlamenten diejenigen Abgeordneten abhanden gekommen, die für die alte Ordnung eintreten, was der puritanischen Partei eine komfortable parlamentarische Mehrheit verschafft. Diese bietet nun den armen Schotten eine so unermesslich große Summe harter englischer Währung, dass ihnen das Hemd näher ist als die Hose und sie ihren royalen Landsmann, ihren König, nach London abliefern. Cromwell und andere Armeeführer lassen ihn zunächst zur Isle of Wight entfliehen, in der Hoffnung, mit ihm zu einer Übereinkunft zu gelangen, da sie sich inzwischen selbst von den radikaleren protestantischen Revoluzzern bedroht sehen. Aber Charles I. ist inzwischen überhaupt nicht mehr kompromissfähig.
1647 führt die New Model Army den König nach Hampton Court. Sie bildet einen Armee-Rat. Teile des Parlamentes versuchen zu vermitteln. Die Armee fordert deren Auslieferung und marschiert mit einem Teil der zu ihnen geflohenen Parlamentarier in London ein.
1648 zweiter Bürgerkrieg. Der König verbündet sich mit dem schottischen Presbyterianismus, darauf werden die Presbyterianer aus dem Londoner Parlament vertrieben.
Für den skandalösen Akt der Aburteilung des Königs zwecks Hinrichtung reicht die Abwesenheit der Königstreuen vom Parlament noch nicht. So geht eine Gruppe von puritanischen Offizieren unter dem Obersten Pride Dezember 1648 zum Unterhaus, verhaftet 45 Abgeordnete und verjagt 186 andere, darunter den künftigen Patron des Journalschreibers Samuel Pepys, den puritanischen Edward Montague, der ich darauf auf sein Landgut Hinchingbrook zurückzieht, wo ihn Jung-Pepys besuchen wird. Die “parlamentarische Partei” in England genauso wie später die in Frankreich hat so am Ende nichts anderes im Sinn als die Zerstörung des Parlaments, das zentrale Paradoxon bürgerlicher Politik wird geboren: Verfassungen halten nur solange, wie sie nicht störend auffallen.
Pride's Purge, zu deutsch Säuberung, Reinigung, schüchtert das Oberhaus aber nicht soweit ein, dass es einem Königsmord zustimmt, und so wird es bald kurzerhand ganz abgeschafft. Englands Gesellschaft wird bis zur Rückkehr der Stuarts keinerlei legitime Repräsentanz mehr haben, sie wird wie in Frankreich seit dem Mai 1789 durch die Rechtgläubigkeit der Reformation bzw. der Revolution abgelöst.
In der großen Halle des Königspalastes findet 1649 einer der großen modernen Schauprozesse des Abendlandes statt: Ein willkürlich zusammengesetztes “Gericht” von 135 revolutionären Beauftragten, Geschworene und Richter in einem, soll kurzen Prozess machen, aber selbst einem großen Teil dieser puritanischen “Richter” ist der Vorgang so abscheulich, dass sie auf Anwesenheit verzichten. Zu keinem Zeitpunkt sind mehr als 68 von ihnen dabei. Ein Teil der “Richter” unterschreibt dafür den Urteilsspruch schon lange vor Ende des Prozesses.
Zahllose Schaulustige sind bei der Köpfung ihres Königs anwesend und genießen den Vorgang mit stummem Schrecken, unter ihnen der junge Samuel Pepys. Vom jungen Philip Henry stammt folgende Schilderung:
Ich sah den Schlag, und wahrhaftig mit traurigem Herzen, und in diesem Moment , wie ich mich gut erinnere, war da solch ein Stöhnen von den dort anwesenden Tausenden, wie ich es nie zuvor gehört habe und niemals wieder zu hören wünsche. (*z.B. in: Tomalin, S.34).
Mögen die meisten auch nicht verstehen, was da passiert, so spüren sie doch wohl, daß hier nicht einfach ein Mensch getötet, sondern eine tradierte Ordnung unwiderbringlich durch das Beil des Henkers zerstört, das ausgewogenste abendländische Verfassungsmodell der Zeit mit dem Richtbeil zerschlagen wird, - und zwar für immer und ewig.
Diktatur
Das Rumpf-Parlament schafft die Monarchie und das Oberhaus ab. Oliver Cromwell, erst Reiteroberst, dann oberster Militär, erhält zunehmend mehr Macht.
Wer es nicht übers Herz bringt, dem König abzuschwören, emigriert nach Frankreich, den spanischen Niederlanden, nach Holland. Das hat den Vorteil, dass der fromme Pöbel daheim jetzt die royalistischen Behausungen und Besitzungen (der Bösewichter, malignants) plündern kann; was dann noch übrig ist, kann der Staat über seine Enteignungskomitees verkaufen, so dass sich nicht nur der Krieg gegen die Gottlosen (die Anglikaner) im eigenen Land im Nachherein finanzieren lässt, sondern auch an neue Kriege zu denken ist. Der Puritaner Cromwell denkt dabei, längst Realpolitiker, ähnlich wie die Stuarts vor und nach ihm hauptsächlich an das protestantische Holland, den Hauptkonkurrenten der englischen (und überproportional puritanischen) Kaufleute.
Regiert wird mit einem Staatsrat, die versprochenen freien Wahlen finden nicht statt, da aus ihnen ein falsches Ergebnis hätte hervor gehen können.
Der Rump schickt Cromwell 1649/50 mit einer Armee nach Irland. Dort zwingt er den unruhigen irischen Katholizismus mit brutalen Methoden in die Knie. In Drogheda und Wexford wird die Zivilbevölkerung massakriert, nachdem sie sich ergeben hat. Teile der Insel werden umfassend ethnisch "gesäubert", wie das heute seit einigen Jahrzehnten heißt, und Engländern und Schotten ganz überlassen. Katholische Grundbesitzer werden systematisch nach Connaught umgesiedelt. Ansonsten vegetiert die katholische irische Bevölkerung für die nächste Zeit in einem Zustand unbeschreiblicher Armut und völliger Entrechtung vor sich hin.
1650 ist König Charles (II.) in Schottland und Cromwell besiegt ihn. Im folgenden Jahr zieht Charles mit Heer nach Süden, aber nachdem Cromwell ihn bei Worcester schlägt, flieht er nach Frankreich. Der schottische Widerstand ist damit erledigt.
Vorübergehend erfolgreich ist auch die Abschaffung der englischen (anglikanischen) Church, in den Kirchengebäuden werden nur noch die Zivilehen geschlossen. Nach einem Parlamentsedikt von 1643 kommt es zur Zerstörung des kirchlichen Bilderschmucks, der abergläubischen Gemälde, superstitious paintings, wie Lucy Hutchinson sie nennt, dem Zerschlagen künstlerisch wertvoller Kirchenfenster und dem Abbau der Orgeln, denn auch Musik ist sinnlich und darum Teufelswerk. Die Theater werden geschlossen, das Schließen der Bordelle wird zumindest beschlossen. Die Zerstörung der Universitäten von Oxford und Cambridge wird nicht mehr durchgeführt, aber beide Universitäten werden zunehmend von allen gesäubert, die sich nicht glaubensfroh zum Puritanismus bekennen.
Mit dem Untergang der Staatskirche kommt es zur Demokratisierung der Theologie. Wer immer seinen höchst persönlichen Gott gefunden hat, kann auf eine Kiste steigen und ihn einem interessierten Publikum nahebringen. Wer das Geld hat, einen Drucker zu bezahlen, kann Pamphlete in Umlauf bringen, in denen die neueste Ausgabe des Christentums mit Hilfe oder unter Umgehung der Bibel erläutert wird. Unter den Leuten, die Cromwell aufs Schild gehoben haben, den Independenten, entsteht eine Bewegung, die sich Leveller nennt, Gleichmacher würden wir heute sagen. Sie vermischen ökonomische Interessen des kleinen und mittleren Bürgertums mit einem biblischen Auftrag. Nachdem sie zu erbitterten Feinden Cromwells werden, werden sie von ihm besiegt, unterdrückt und ins Exil vertrieben (die Revolution frißt auch hier ihre Kinder). Aus ihnen geht wiederum eine kleine Gruppe hervor, die Diggers, die ein Stück unbenutzte Londoner Landschaft in annektiertes Gemeineigentum mit frühkommunistischem Ackerbau und Viehzucht verwandeln will. Dieser idyllische Partikular-Kommunismus scheitert nicht nur an einer misstrauisch äugenden Nachbarschaft, sondern auch daran, dass Landwirtschaft harte Arbeit ist, - und zudem im idyllischen Kommunismus ohne vorher fixierten Lohn.
Einige entdecken, dass es genügt, an Gott zu glauben, um nicht mehr sündigen zu können, was dazu führt, daß sie im Umkehrschluss nun alles machen dürfen, was bislang Sünde war, ohne mehr zu sündigen, während sie sündigen. In der Phantasie vieler Zeitgenossen begehen sie nun all die Ferkeleien, von denen der Fromme kaum laut zu reden wagt.
Das Rumpfparlament hat inzwischen wieder einen Teil der ausgeschlossenen Abgeordneten aufgenommen und gibt sich nun etwas gemäßigter.
1651 wird im Interesse des englischen Fernhandels der Navigation Act erlassen. Aus dem selben Interesse heraus kommt es 1652-54 zum Seekrieg gegen die des ungeachtet protestantischen vereinigten Provinzen (der Niederlande).
1653 löst Cromwell das Rumpfparlament auf und etabliert ein puritanisches Parliament of the Saints, in dem vor allem independente Geistliche das Sagen haben.Vorstellungen der Leveller nehmen zu. Sektenvertreter wollen die Abschaffung des Zehnten, was Cromwell für zu aufrührerisch hält. Er lässt das Parlamentsgebäude räumen.
Mit dem Instrument of Government soll die Souveränität auf einer Person in Gemeinschaft mit dem Volk, wie es im Parlament versammelt ist, beruhen. Diese, nämlich Cromwell, sei nun Lord Protextor of the Commonwealth of England, Scotland and Ireland. Im Prinzip besitzt er nun die Prärogative eines Königs.
Das Parlament von 400 Abgeordneten soll mindestens alle drei Jahre zusammen treten und 30 Iren und 30 Schotten enthalten. Das Wahlrecht ist an eine erhebliche Besitzqualifikation gebunden.
Inzwischen entdeckt Cromwell in sich den Staatsmann und das Ende der Revolution wird so ausgerufen. An die Stelle des vollendeten Gottesstaats tritt der historische Kompromiß, das letztendliche sich Abfinden mit den Unzulänglichkeiten der Untertanen, die Angst vor dem völligen Chaos, und wohl auch das Interesse, den eigenen Kindern und Enkelkindern noch etwas übrig zu lassen. Die sitzen nämlich inzwischen ganz republikanisch auf den höchsten Posten in Staat und Militär.
Mit der Niederschlagung der religiös-politischen Radikalen findet Cromwell immer mehr Gefallen an der Macht, an sozialer Ordnung und traditionellen Werten. Er etabliert eine Art Militärmonarchie, totalitärer und diktatorischer als es sich jemals ein Stuartmonarch hätte träumen lassen, abgesichert durch ein umfassendes Spitzelsystem und scharfe Zensur, dekoriert von immer mehr Paraphernalia royaler Provenienz. Anderthalb Jahrzehnte nach seinem Tod wird der parlamentarische Politiker und Verseschmied Andrew Marvell die Kombination von politisch korrekter Diktatur und frühem Nationalchauvinismus in folgende gegen Charles II. gerichtete Zeilen kombinieren: Though his government did a tyrant resemble / He made England great and his enemies tremble.
Sogar der Hang zu religiöser Unduldsamkeit ermattet etwas, und im Bündnis mit (dem katholischen) Frankreich gegen Spanien wird für kurze Zeit sogar das Leben der wenigen Katholiken, die in England verblieben sind, etwas erträglicher; 1656 werden sogar wieder Juden in England aufgenommen.
In diesem Krieg nimmt Cromwell den Spaniern Jamaika ab. Er muss dafür ein neues Parlament einberufen, und ihm wird nun des öfteren die Königskrone angeboten, die er erst im Frühjahr 1657 nach längerem Nachdenken ablehnt: Als König hätte er die direkte Kontrolle übers Militär verloren, die Basis seiner Macht. Immerhin schwört er Juni 1657 in der Westminster Hall, umgeben von den Kroninsignien, in einer Purpurrobe mit Hermelin, in der Hand das Szepter, den neuen Amtseid als Lord-Protektor. Er lässt sich nun mit “Hoheit” (Highness) anreden, und seine Söhne werden automatisch Lords.
Derweil findet Charles (II.) in Brügge Gefallen an den Flamen. James (II.) hatte zunächst im Dienste der französischen Krone gekämpft, nach der Allianz von Cromwell mit Mazarin wechselt er 1657 hinüber zu den spanischen Fahnen, während sich zugleich englische Leveller an Spanien um Unterstützung gegen Cromwell wenden... Am Ende wird Spanien von den vereinten Kräften des englischen Protektorats und der Franzosen besiegt. England erhält Dünkirchen als Beute.
Erst stirbt Cromwells Tochter, dann wird er selber kränklich. Derweil werden Soldaten und Matrosen der Navy unruhiger, denn immer häufiger bleibt ihr Sold aus. Als Cromwell 1658 stirbt, wird er wie ein König, d.h. mit dem selben Pomp und Zeremoniell wie James I., begraben, mit dem gebrechlichen Milton ( der um diese Zeit wohl sein 'Paradise Lost' anfängt) und den jüngeren Marvell und Dryden am Straßenrand. Letztere werden kurz darauf ihre Lobes- und Trauergedichte auf Cromwell schreiben, kurz vor ihren Freudengedichten auf die Rückkehr Charles II. Politisch korrekte Literaten sind schon damals Schmieren-Komödianten. Edward Montague gehört zu denen, die Cromwells Sohn Richard gegen Republikaner und Jakobiten aufs Schild heben, um das ruhmreiche Werk der Freiheit und Reformation (glorious work of liberty and reformation *32) fortzuführen, welches sein Vater begonnen hatte. Das wird die Sprache sein, mit der die “Glorreiche Revolution” 1688 aufstaffiert werden wird, die Erhebung der nordamerikanischen Kolonien 1776 und die englische Begleitmusik eines Thomas Paine zur französischen Revolution 1789ff.
Res Publica
“Republikanisch bzw. “demokratisch” sind bis ins englische siebzehnte Jahrhundert im wesentlichen reformatorische christliche Strömungen, die aber zugleich, da jedes Mal im Besitz einer ewigen unumstößlichen Wahrheit, extrem autoritär strukturiert sind und am Ende immer zu quasi-monarchischen Strukturen tendieren, wie z.B. auch die Wiedertäufer in Münster. Mit der Hinrichtung Charles I. ist in England unmittelbar keine Ausrufung einer Republik verbunden, und das königslose Interregnum endet mit der quasi-Monarchie Cromwells, dies aber zum Unwillen aller derer, die mit dem Regizid die günstige Gelegenheit zur Errichtung einer “Republik” gekommen sahen.
1659, als noch kaum jemand die Rückkehr des Königs für möglich hielt, wird in London vermutlich von James Harrington, ein republikanischer Club gegründet, der sich Rota nennt und seine Sitzungen bis Anfang 1660 im Turk's Head Coffee House abhält. Harrington hatte schon 1656 seine Utopie 'Oceana' herausgebracht, die eine Republik mit einem rotierenden Senat, allgemeinem Wahlrecht für alle außer den Dienstboten und eingeschränkter religiöser Toleranz (nicht für Juden und Katholiken) beschreibt.
Wie bei Teilen der parlamentarischen und außerparlamentarischen Linken, die hundert Jahre später die französische Revolution jubelnd begrüßen wird, handelt es sich auch hier um Leute mit radikal-protestantischen Wurzeln, von denen die ersten wie der Atheist Henry Neville bereits soweit sind, ihren alten Glauben ganz in “radikale” Politik umzuwandeln. Ähnliche Erben des politischen Puritanismus sind Roger Coke, der Enkel des großen Sir Edward Coke, der Milton-Schüler Cyrick Skinner und der ehemalige Leveller John Wildman. Ihnen allen mag es gefallen haben, daß Harrington die Katholiken aus seinem Utopia ebenso wie die Juden ausschließt. Dabei ist auch der Naturphilosoph und Ökonom William Petty, später einer der Gründerväter der Royal Society, und der spätere Autor der 'Brief Lives' John Aubrey.
Anfang 1660 schaut auch Samuel Pepys vorbei, der da offensichtlich noch nicht weiß, dass seine Arbeitgeber Montague und Downing dabei sind, die Rückkehr des Königs vorzubereiten. Aber er wird kurz darauf ebenso wendig wie viele seiner Zeitgenossen sein, die Charles II. jubelnd in England empfangen werden. Die Mitglieder des republikanischen Kaffeehaus-Stammtisch ducken sich nun weg; nur ihr Gründervater ist zu offenherzig gewesen; er wird verhaftet und eingesperrt; die damaligen Haftbedingungen führen schließlich zum Ruin seiner Gesundheit. Die Stimme des Republikanismus wird erst rund hundert Jahre später wieder in England zu vernehmen sein.
Restauration
Cromwells Sohn Richard fehlt die harte Hand und die am Ende königliche Aura seines Vaters, zudem die Unterstützung des Militärs. Die Militärdiktatur verlangt eine starke Faust, welche die einzelnen Abteilungen der revolutionären Armee unter Kontrolle hält, und das gelingt immer weniger, da inzwischen nicht nur das Geld für Soldzahlungen fehlt. Gotteskrieger drohen so aber leicht, marodierende Haufen zu werden. Anhänger des Tausendjährigen Reiches (Millenarians), von Cromwell klein gehalten, besorgen sich wieder Waffen und ziehen durch die Straßen. Londoner Lehrlingsvereine treten branchenweise in den Ausstand und zeigen Präsenz gegen das große Durcheinander und das Militär in ihren Straßen. Außerdem haben inzwischen die Staatsmänner der Frommen für ihre guten Zwecke die Steuern in unerfreulich ungeahnte Höhen hochgetrieben. In Evelyns Tagebuch steht als Kommentar: Anarchy & confusion. (5.5.1659).
Cromwells Sohn duckt sich weg, und dankt am 24. Mai inoffiziell und am 8.Juni offiziell ab. Lambert, Oliver Cromwells Schwiegersohn Fleetwood, sein Schwager Desborough und andere hohe Offiziere rangeln um die Macht. Im Juli offeriert Charles II. Edward Montague, der mit einem Teil der Flotte in der Ostsee die Schweden gegen die Dänen unterstützt, Titel und Geld für dessen Unterstützung für die königliche Sache. Wenig später entschließt der sich zur Kehrtwende; umgehend wird er in London seines von Cromwell verliehenen Titels beraubt.
Inzwischen hat sich das Rumpfparlament wieder versammelt, welches aber dann nicht entsprechend der Vorstellungen der Generäle handelt. Im Oktober 1659 umringt der republikanische General Lambert das Parlament mit seinen Truppen und vertreibt den Sprecher und die meisten “Parlamentarier”. Ein Committee of Safety übernimmt die Macht für kurze Zeit. Alles das berichtet der junge Angestellte Samuel Pepys seinem Herrn, Edward Montague nach Hinchingbrooke, wohin der sich in Sicherheit gebracht hat. Lehrlinge werfen Steine gegen die Soldateska und verwickeln sie in Straßenkämpfe. Inzwischen bringt der Republikaner Lawson seinen Flottenteil in der Themsemündung unter.
Der schottische General Monck will die Macht des Parlamentes, von der revolutionären “parlamentarischen Partei” vernichtet, wieder herstellen, zieht die Rückkehr von Charles (II.) als einzigem verbleibendem Ordnungsfaktor in Betracht und sammelt seine Truppen im Norden Englands. Am 1.Januar 1660 marschiert er in England ein und bewegt sich auf London zu. Dort wird erst von einem “Staatsrat” das längst auseinandergetriebene Rumpfparlament wieder einberufen, dann zwingt es Monck, ehedem daraus verjagte und noch lebende Abgeordnete wieder aufzunehmen; schließlich wird ein neues Parlament gewählt, dem Charles II. in seiner Erklärung von Breda alle die traditionellen Rechte zusichert, die ihm die Revolution genommen hatte. Darauf wird er vom Parlament aufgefordert, als König zurück zu kommen. Man kann davon ausgehen, dass dieser Schritt dem Wunsch der überwältigenden Mehrheit der Engländer entspricht.
Schon vorher wurde Charles II. Stuart, der Sohn des geköpften Königs, in Geheimverhandlungen mit Montague, dem zukünftigen Earl of Sandwich und anderen dazu bewegt, aus dem Exil zurück zu kommen. Die Massen jubeln bei seiner Ankunft im Mai 1660, einige von denen, die seinen Vater geköpft hatten, werden jetzt geköpft, gevierteilt, ausgeweidet, um dann als Einzelteile öffentlich ausgehängt zu werden. Die wichtigsten Köpfe werden aufgespießt und der Öffentlichkeit solange vorgezeigt, bis der Zahn der Zeit sie weg genagt hat.
Die große Mehrheit der Königsmörder trifft aber auf die Gnade des Königs, so wie er sofort Leute des Commonwealth nobilitiert und in die höchsten Ämter hievt, um sie so einzubinden. Monck wird Duke of Albemarle und Vertreter der königlichen Macht in Irland, Anthony Ashley Cooper, der zukünftige Earl of Shaftesbury , wird Schatzkanzler, - und sich später erneut gegen den König wenden. Autoren wie Milton (einer der wichtigen Männer im Commonwealth) landen im Gefängnis, andere wie Dryden, der zuletzt ein Heldengedicht auf den Tod Cromwells geschrieben hatte, äußern jetzt ihre Begeisterung über die Wiedererrichtung der Monarchie.
Die Staatskirche wird wieder hergerichtet, Weihnachten darf wieder gefeiert werden wie auch der erste Mai mit dem Tanz um den Maibaum, und die Orgeln, soweit sie Fortschrittsfeinde versteckt hatten, bevor der Fortschritt sie demolieren konnte, werden wieder eingebaut. Geigen dürfen erneut zum Tanz aufspielen, es darf wieder gelacht und gesungen werden. Der König würde gerne ein wenig Religionsfreiheit einführen, aber das setzt ihn dem allgemeinen hysterischen Katholizismus-Verdacht aus. Das junge Cavaliers-Parlament, nach über zwanzig Jahren das erste rechtmäßig gewählte, und eines, das 18 Jahre Bestand haben wird, setzt im Clarendon-Code die Unduldsamkeit der Puritaner gegen die Church um in eine Unduldsamkeit der Staatskirche gegen alle Andersgläubigen. Im Oberhaus sitzen wieder weltliche Lords und Bischöfe. 1662 kommt erneut ein Uniformitätsgesetz hinzu.
Also führen Katholiken und Juden weiter ein Schattendasein, und die Kinder und Enkel der Puritaner, soweit sie keinen Eid auf König und Kirche schwören, und das Sakrament der Church ablehnen, also dissent zeigen, werden von öffentlichen Ämtern, den Eliteschulen und den Universitäten ausgeschlossen, weil es das Parlament so will. Ihre religiösen Zeremonien müssen sie jetzt privat in Heimlichkeit abhalten. Während die antikatholische Paranoia des Parlaments jeden Versuch des Königs, religiöse Toleranz durchzusetzen, verhindert, gelingt es ihm Mitte der sechziger Jahre, wenigstens das Leben der Juden in England erträglicher zu gestalten.
Charles II.
Der König hat wieder das Recht über Einberufung und Auflösung des Parlamentes, die Gewalt über Krieg und Frieden und die Außenpolitik. Er verfügt alleine über Minister und erhält anstelle der abgeschafften Feudalgefälle ein festes Einkommen. Ihm kommen die Exportzölle zu und eine (im Commonwealth eingeführte) Akzise vor allem auf Bier.
In Dublin bekommen Iren wieder ein eigenes Parlament, aber die Stuarts müssen sich nun auf die von Cromwell etablierte protestantische Oberschicht stützen.
Charles II. heiratet Caterina aus dem portugiesischen Königshaus der Braganza. Portugal ist gerade (1640) von Spanien unabhängig geworden und profitiert vom Pyrenäenfrieden 1659, in dem Frankreich über Spanien triumphiert. Die englisch-portugiesische Verbindung passt in die Pläne des jungen Sonnenkönigs, der sich auf die Eroberung der Spanischen Niederlande vorbereitet und die Heirat seines Bruders, des Herzogs von Orléans mit Charles Schwester Henriette-Anne befördert.
Ein zweiter Krieges gegen Holland 1665-67 (den ersten hatte Cromwell veranstaltet) scheitert und endet mit Überfällen der Niederländer auf die Themse-Mündung. 1665 fordert eine Pest in London 70 000 Opfer und 1666 zerstört ein großes Feuer wesentliche Teile der Stadt.
1667 folgt der Sturz von Clarendon durch Buckingham, nachdem es dem alten Herrn nicht gelingt, eine parlamentarische Mehrheit für die Hofpartei zu erreichen. Später werden die Anhänger Arlintons Buckingham stürzen, noch später Shaftesbury Danby. Wie James II. später feststellt, werden auf diese Weise durch Impeachments des Parlaments der Krone die Möglichkeiten aus der Hand genommen, Kabinette zu bilden, mit denen Staat zu machen ist. Die Staatsgeschäfte gehen an die Geschöpfe großer Geldmagnaten über.
Frankreich fällt 1667 in den südlichen Niederlanden ein. Es kommt .zunächst zu einer Tripelallianz mit Holland und Schweden, die Frankreich zum Frieden mit Spanien zwingt. Sie soll die antifranzösischen Whigs beruhigen, was kaum gelingt.
Von da an führt Charles Geheimverhandlungen mit Ludwig XIV. vermittels seiner über alles geliebten Schwester, der Madame, die mit dem schwulen Monsieur (Duc d'Orléans), dem Bruder Ludwigs zu ihrem persönlichen Unglück verheiratet ist. Im Geheimvertrag von Dover 1670 sichert Ludwig seinem englischen Schwager Subsidien zu, die fast vollständig in die Erneuerung der Navy gehen. Der verspricht einen dritten holländischen Krieg im Verein mit Frankreich und für irgendwann den Übertritt seiner Majestät zum katholischen Glauben, den er aber erst auf dem Totenbett vollziehen wird. Bischof Burnet beklagt sich schon 1683 darüber, dass der König eine seltsame Vorstellung von Gottes Güte entwickelt habe, laut der Gott es nur hasst, wenn man bösartig ist und Unheil plant, von einem freundlichen und via Sakramente verzeihenden katholischen Gott also, einen, der nichts gegen Lebensfreude und Genuss einzuwenden hat. (Fraser, King Charles II., S.333)
Der zweite holländische Krieg lässt den König ohne Ressourcen, das Parlament gibt ihm keine, und so annihiliert er alle Privatschulden und Bankkredite an die Krone, was viele in den Bankrott treibt und ihn noch unbeliebter macht. Auf massiven Widerstand trifft Charles mit einer zweiten religiösen Toleranz-Erklärung 1672 (Declaration of Indulgence). Katholiken und Dissenters werden von den Strafen auf die Nichtteilnahme am anglikanischen Gottesdienst befreit.
Im dritten holländischen Krieg können die Holländer sich gegen die französische Übermacht zu Lande nur noch retten, indem sie ihre Schleusen öffnen und das Land überfluten. Zu Wasser finden die Engländer in de Ruyther einen überlegenen Gegner, der allerdings am Ende keine offene Seeschlacht mehr wagen kann.
Der Staatshaushalt kann nur dadurch gerettet werden, dass der König seine Toleranzerklärung zurückzieht. Das Parlament gewährt ihm eine kleine Summe für den Krieg, dafür setzt es den Test Act durch: Danach muss nun jeder Amtsinhaber öffentlich an der Kommunion in der anglikanischen Staatskirche teilnehmen, mehrere Eide schwören und eine Erklärung zugunsten der anglikanischen Auslegung der Lehre von der Transsubstantiation. Darauf müssen der zukünftige James II. als Hochadmiral der Flotte und Clifford als Chef des Staatsschatzes zurücktreten.
England fällt für mehr als ein Jahrhundert in zunehmende Unduldsamkeit.
Männer wie der erzprotestantische Whig Shaftesbury, der noch von Schiller und Goethe gefeiert werden wird, bringen es fertig, sowohl für die gescheiterte königliche Toleranzerklärung wie für die Testakte zu stimmen. Als Drydens Architophel, als bösartig-zynischer moderner Politiker, geht er in die Literaturgeschichte ein. Nach seinem Sturz setzt das Parlament einen Separatfrieden mit Holland durch.
1677 wird James Tochter Mary mit Wilhelm von Oranien verheiratet. Shaftesbury beginnt nun, die Whigs zu jener Opposition auszubauen, die als Opposition von Geldadel und kapitalistischem Bürgertum die Monarchie zunehmend unterminiert. Dabei setzen diese Leute auf den populären Antikatholizismus, einen englischenVerwandten des Antijudaismus. 1678 beginnt Titus Oates, ein Pendler zwischen Halbwelt und Unterwelt, im Kontakt mit dem Green Ribbon-Club der Whigs, Katholiken, insbesondere fünf katholische Peers, zu beschuldigen, einen Umsturz in England herbeiführen zu wollen. Der Anteil der Katholiken an der englischen Gesamtbevölkerung ist in dieser Zeit noch geringer als der der Juden 1933 in Deutschland. Das Unterhaus verhaftet die katholischen Mitglieder des Oberhauses. Darauf fordert Shaftesbury, den Duke of York aus dem Privy Coucil auszuschließen, was misslingt. Aufgeregter Pöbel verbrennt eine riesige Puppe des Papstes, die mit (lebenden) Katzen gefüllt wurde, welche beim Verbrennen eindrucksvoll päpstliches Jaulen vorführen.
Das Parlament beschließt einen zweiten Test Act, mit dem Kathoiken aus dem Parlament und vom Hof ausgeschlossen werden. Darauf ordnet der König Neuwahlen an, und die (bald so genannte) Whig-Opposition gewinnt vier Fünftel der Unterhaussitze. Sie fordert sofort die Verhaftung von Danby, der inzwischen die königlichen Regierungsgeschäfte leitet, und der nun im Tower eingesperrt wird. Da Charles seinen (katholischen) Bruder gefährdet sieht, schickt er ihn (quasi ins Exil) nach Frankreich. Inzwischen versucht der protestantische Monmouth, der uneheliche Sohn des damals exilierten Königs mit Lucy Walters, den protestantischen Pöbel im Land an sich zu binden. Immer häufiger werden katholische Priester, die heimlich Gottesdienst abhalten, verhaftet, verurteilt und hingerichtet, ebenso wie andere Angehörige der winzigen katholischen Minderheit.
Neuwahlen 1680 bringen ein noch radikaler antikatholisch und gegen die Stuarts gerichtetes Parlament hervor. Shaftesbury, persönlich wenig religiös und den sinnlichen Genüssen eher abhold, versucht den Duke of York wegen seines Katholizismus vor Gericht zu zerren und mit ihm Louise de Keroualle (inzwischen Duchess of Portsmouth) als katholische Hure. Zugleich intrigieren Whigs gegen die katholische und unter zwei missglückten Schwangerschaften leidende Königin, um den König zu einer Scheidung und zur Eheschließung mit einer protestantischen und fruchtbareren Gemahlin zu bewegen. Es ist in diesen Zeiten ungewöhnlich, dass ein Monarch so zu seiner Ehefrau steht, - auch unter misslichsten Bedingungen.
Januar 1681 löst Charles auch dies Parlament auf und kündigt an, dass das nächste im März in Oxford, fern vom Großstadt-Pöbel zusammentreten werde. In einem Husarenstreich löst er auch dies Parlament sofort auf und macht klar, dass er keines mehr dulden werde: Besser mögt ihr einen König haben als fünfhundert (You had better have one King than five hundred), ist seine abschließende Bemerkung. Dennoch gehen zunächst die Hinrichtungen katholischer Geistlicher, Adeliger und Laien weiter. Aber es gelingt dem König zunehmend, die Richterposten neu zu besetzen. Shaftesbury muss das Land verlassen. Nach der Rye-House-Verschwörung 1683, welche den König und seinen Bruder beseitigen will, sind die Whigs ohne Parlement weiter geschwächt. Charles II., der angetreten war, mit Lords and Commons zusammen das Land zu regieren, sieht sich am Ende gezwungen, die Zügel allein in die Hand zu nehmen. Für kurze Zeit erreicht die Stuartmonarchie den Höhepunkt ihrer Macht.
James II. und die "Glorreiche Revolution"
1685 stirbt Charles II. Mit James II. ist nun ein Katholik auf dem Thron. Ein neues Parlament hat große Tory-Mehrheit. Nun werden Katholiken wieder gefördert. Der Aufstand von Monmouth, unehelicher Sohn Charles II., scheitert.
Der Bruder von Charles II. lässt das Fass der protestantischen Geduld dann überlaufen, als er aus parlamentarischer Sicht wieder absolutistische Anwandlungen bekommt. Er versucht eine zentralere Bürokratie einzuführen und vergrößert das stehende Heer, in dem immer mehr katholische Offiziere aufsteigen. Er entfremdet sich dabei auch die Tories. Schließlich macht er Außenpolitik im Schlepptau von Louis XIV.
1687 Declaration of Indulgence: Religionsfreiheit. Viele Quaker kommen nun frei. James löst das Parlament auf. Mehr Katholiken und Dissenter steigen auf. Eine zweite Declaration soll von den Kanzeln verlesen werden. Zunehmende Empörung.
Wilhelm von Oranien, mit einer protestantischen Maria Stuart verheiratet, wird im Sommer 1688 von einigen Kreisen bedeutet, dass man ihn willkommen heißen würde, falls er von Holland übersetzen wolle. Als er mit kleiner Streitmacht (höchstens 15 000 Mann) anlandet, sucht James II. das Weite und lässt sich als erster einer Abfolge von Kronprätendenten in Frankreich nieder. Die City of London lädt Wilhelm in die Stadt ein. Zu den wenigen, die auf Amt und Würden verzichten, wird Samuel Pepys gehören, der auf die Jugendsünde des Sympathisierens mit dem Königsmord nicht noch eine Charakterlosigkeit des Alters folgen lassen möchte.
Ein Convention Parliament wird eingerichtet. Im Krönungseid muss der König according to the statutes in parliament agreed on regieren. (Maurer, S.226) Protestantische Thronfolge. Religionsfreiheit für Dissenter, aber nicht gleiche bürgerliche Rechte.
William III. of Orange
Herrscht zusammen mit Maria II., Tochter von James II. Dominanz der Whigs. Jährliche Parlamente.
James II. landet in Kinsale. In Dublin konstituiert sich ein Patriotisches Parlament. 1690 Schlacht am Boyne, James und sein Heer müssen auf den Kontinent fliehen. Irland wird noch stärker protestantisiert. Strafgesetze des Penal Code gegen katholische Iren.
1689-97 Kriege gegen Frankreich. Heer und Flotte werden immer größer. Königliche Placemen werden im Parlament plaziert.
1697 Friede von Rijswijk. Inzwischen 90 000 Mann stehendes Heer. Einführung einer Zivilliste für den König.
Eine Art Kriegsanleihen: "die Regierung nahm über die Bank von England Kredit bei ihren Untertanen auf und lieferte dafür als Sicherheit nur ein Papier, eine Verschreibung auf die Akzise." (Maurer, S.233) Handel und Finanzkapital gewinnen damit weiter an Bedeutung gegenüber dem Grundbesitz.
Nach dem Aussterben der spanischen Habsburger will die französische Krone Philipp von Anjou als spanischen König. Außerdem Angriff auf die Niederlande und Gründung einer Handelsgesellschaft für Mittel- und Südamerika. Krieg Englands gegen Frankreich droht, als William stirbt.
Lucy Hutchinsons (Selbst)Gerechtigkeit ist Gottgefälligkeit. Ein puritanisches Selbstbild der mittleren Kreise (um 1663)
John Hutchinson ist, etwas anders als es seine Frau in ihrem Text darstellt, kein extremer fanatick, er ist einerseits unduldsam gegenüber dem Laster (Wein, Weib und unkorrekter Gesang), neigt aber wenigstens zu minimaler Gewissensfreiheit, sofern sich das Gewissen im Rahmen eines wenigstens nach außen hin frommen Protestantismus bewegt. Er hat weder Sympathien gegenüber randalierendem städtischem Pöbel, wie er in dieser Zeit vor allem in London zu besichtigen ist, noch gegenüber der militärischen Willkür, wie sie nicht zuletzt auf puritanisch-„parlamentarischer“ Seite um sich greift.
Er ist kein Revoluzzer, hätte am Bürgerkrieg auch nicht teilgenommen, wenn er einen gesetzmäßigen und rechtschaffenen Weg über schrittweise Reformen gesehen hätte. Aber sein Monarch Charles I. erkennt die Zeichen der Zeit nicht, versteht sie nicht, besitzt darüber hinaus jene persönliche Schroffheit im Umgang, die bei seinen frommen Untertanen Antipathien hervorruft. Jedoch auch die andere, puritanische Seite ahnt nicht, was die Zuspitzung der Situation an Wirren und Unheil hervorbringen wird.
Unser Colonel besitzt viele der Qualitäten, die die Cavaliers sich selbst zuschreiben: Er sieht gut aus, seine Frau beschreibt begeistert sein schönes langes Haar, wiewohl sie andererseits (zumindest im Text) Wert darauf legt, dass erotische Reize zwischen den Eheleuten keine Rolle spielen (sollen?). Er ist kein Roundhead mit modisch-revolutionärer, unaristokratisch runder Kurzhaarfrisur. Sein Naturell ist zugleich freundlich und doch ernsthaft, er ist ein guter Tänzer, kann fechten, spielt selbst die Geige (viol). Er ist ein guter Schütze mit dem Bogen und der Flinte, liebt die Malerei, überhaupt die schönen Künste, wiewohl er sich selbst am puritanischen Zerstörungswerk in seiner heimatlichen Kirche beteiligt. Schließlich ist er auch ein guter Hausherr und engagierter Verwalter seines Landgutes. So verwundert es nicht, dass er mit Verachtung auf jene Emporkömmlinge des Bürgerkrieges reagieren wird, die sich zu lokalen und nationalen Tyrannen aufschwingen werden.
Im Bürgerkrieg ist der Colonel Governor des Castle von Nottingham und Verteidiger der Stadt für jene parlamentarische Seite, die ihr Parlament zerstören wird. 1646 wird er ihr Vertreter im Long Parliament. Später ist er Mitglied des Staatsrats im Commonwealth, unter Richard Cromwell wird er kurzzeitig Sheriff von Nottingham und 1660 Vertreter Nottinghams in der Parlamentsversammlung (Convention). Mit der Restauration zieht er sich enttäuscht ins Privatleben zurück, geschützt durch den Act of Oblivion, einer Art Gnadenerlass. Da er sich weigert, ein Lippenbekenntnis auf die anglikanische Staatskirche und den König abzugeben (wie das viele seiner Mitstreiter klugerweise tun), wird er 1663 unter fadenscheinigen Umständen eingekerkert und stirbt in der Haft.
Aus den zwei Seiten, der des ländlichen Gentleman und des puritanischen Streiters, lässt sich ein Bild von ihm erschließen, das sich zumindest in Nuancen von dem unterscheidet, welches seine Frau vor allem zeichnen will. Es ist das eines kultivierten, wohlwollenden Patriarchen, ein Bild, welches im calvinistischen Rekurs auf die patriarchalen Idyllen der jüdischen Erzväter von Genf bis nach England ausstrahlt und in verklärtester Form beim teilsäkularisierten, aber wenig Wirklichkeit aufnehmenden Genfer Rousseau auftauchen wird.
Sie stellt sich als gute, d.h. gehorsame, ja unterwürfige (submissive) Ehefrau dar, es ist für sie eine Ehre, ihrem Mann zu gehorchen.
Urteilsfähigkeit ist... selbst in der kenntnisreichsten Frau geringer als männliche Menschenkenntnis (genauer: Judgment ... in the most knowing woman is inferior to the masculine understanding of men).
Sie bestätigt dieses Urteil implizit für sich selbst in ihrem Buch, in dem auch strukturelle Konflikte wie der britische Verfassungskonflikt auf persönliches Fehlverhalten, letztlich auf Unmoral zurückgeführt werden. Schuld am Bürgerkrieg sind so z.B. die Einflüsterungen der katholischen Henrietta Maria, und zu Queen Elizabeth meint sie:
Das Glück ihrer Regierung war das Resultat ihrer Unterwerfung unter ihre männlichen und weisen Ratgeber (the felicity of her reign was the effect of her submission to her masculine and wise counsellors).
Das ist schlechterdings Unfug, außerdem vergißt sie wie die meisten ihrer puritanischen Zeitgenossen, dass Elizabeth die Puritaner zu unterdrücken suchte, wo sie sie nicht integrieren konnte. Aber nachdem James I. bei seiner Thronbesteigung erst vom „Volk” bejubelt und dann immer mehr abgelehnt wird, beginnt dann die späte Legendenbildung von der protestantischen jungfräulichen Elisabeth.
Abwertung der Frauen in altjüdischer und paulinisch-hellenistischer Tradition ist unserer Puritanerin sehr wichtig. Ohne ihren Mann ist sie ihrer Bedeutung beraubt, am Ende nur ein Schatten, wie sie schreibt. Soviel zu der Legende vom Aufstieg der puritanischen Frauen in Bürgerkrieg und Commonwealth.
Der Gott der Lucy Hutchinson ist omnipotent und omnipräsent:
Der Allmächtige Schöpfer (author) aller Wesen übt in seinen vielfältigen Vorsehungen (various providences), durch welche er das Leben der Menschen von der Wiege bis zum Grabe führt, nicht weniger Weisheit und Güte aus, als er Macht und Größe in ihrer Schöpfung offenbart; aber derart ist die Dummheit der blinden Sterblichen, dass sie, anstatt aufmerksam diese Bücher der Vorsehung zu studieren, in denen Gott uns täglich ruhmreiche Weisen seiner Liebe, Güte, Weisheit und Gerechtigkeit aufzeigt, sie diese undankbar nicht beachten und die wunderbarsten Handlungen (operations) des großen Gottes als gewöhnliche Zufälligkeiten des menschlichen Lebens nennen, insbesondere wenn sie die üblichen sind, und gegenüber ihnen in Zeiten ausgeübt, in denen sie nicht sehr imstande sind, sie wahrzunehmen... denn in großen und außergewöhnlichen Dingen werden einige vielleicht Kenntnis nehmen von Gottes Wirken, die entweder vergessen oder nicht glauben, daß er sich um ihre kleinsten Kleinigkeiten (smallest concernments) kümmert, sogar um die Haare auf ihren Köpfen.
Die Allmacht Gottes also besteht laut Lucy Hutchinson darin, daß er die Menschen so schafft, wie sie sind, und sie so handeln läßt, wie sie handeln, - und das bis ins kleinste Detail. Diesem calvinistischen und in dieser Schlichtheit impraktikablen Determinismus widerspricht sie aber (natürlich) sofort, wenn sie England zu ihren Lebzeiten in einen schicksalhaften Kampf zwischen „gut” und „böse” (good and wicked), zwischen den godly people (den Puritanern) und den malignants (den Bösartigen, den Anglikanern und Katholiken) verwickelt sieht. Als die Gottgefälligen sich in die Independenten (um Cromwell) und die Presbyterianer spalten, werden auch letztere „böse”; als sich aus den Independenten die Leveller absondern, wird die Fraktion der Generäle „böse”; als nach Moncks Einmarsch in London außer wenigen Quäkern und Baptisten fast alle die Rückkehr des Königs herbeisehnen, bleibt ihr John Hutchinson als einer der wenigen Gerechten übrig. Für den radikalen Protestantismus ist das Auftreten des Bösen, des Teufels, immerhin erklärlich, weil diese Versuchungen des Bösen entweder, jüdisch interpretiert, Strafen Gottes für vice und wickedness sind, am Ende aber vor allem Prüfungen (trials), in denen Gott seine Auserwählten auf die Probe stellt. Bei Richardson wird Clarissa Harlowe Lovelaces Nachstellungen so wie er selbst als solche trials begreifen, das Erproben des Potentials zur Sünde.
Während unser Colonel offenbar weniger fanatisch eingestellt ist und irgendwann auf dem Weg Englands in die Militärdiktatur enttäuscht, sich stärker ins Privatleben zurückziehen möchte und sich auf die Lokalpolitik konzentriert, wabert durch Lucy Hutchinsons Memoiren von ihrem ruhmreichen Ehemann, der am Ende als „Märtyrer” der good old cause stirbt, die unselige Vorstellung vom Herandräuen des Endkampfes zwischen Christ und Antichrist, zwischen Gott und Teufel. Derselbe Gott, der seinen wenigen Gefolgsleuten den Endsieg (über die große Mehrheit der Bevölkerung) missgönnt, ist allerdings rein memoiren-biographisch gesehen ihrem Haupthelden gegenüber bis zum Schluß gönnerhaft.
Er fühlte im Tod keine andere Qual (pang), als solche, die in derartige Freude und Seelenruhe überführt wurde, dass sie ein Zeichen von Gottes Gunst (favour) zu ihm war und von seinem Glauben an/in Gott. Dieses vollführt der Herr der Heerscharen (Lord of hosts) dadurch, dass er den Teufel ankettete, damit der ihn nicht an Leib oder Seele quälen konnte.
Gott hatte ihn nämlich aus der verderbten Masse der verlorenen Menschheit auserwählt, um seine Liebe an ihn zu heften.
..er hatte ihn schon von Kindheit an vor fleischlichen Lüsten und Verunreinigungen (pollutions) bewahrt und davor, im Schmutz der Sünde und Verruchtheit zu suhlen (wallowing in the mire of sin and wickedness), was ihm hilft, die falschen, fleischlichen und antichristlichen Doktrinen von Rom aufzudecken (von Satan and his ministers), wie auch das hurenhafte Kleid und Verhalten dessen, was sich selbst Kirche von England nannte.
So ist er darauf vorbereitet, der Führer des (englischen) Gottesvolkes aus der Knechtschaft zu werden. Bei Gelegenheit sah er den brennenden (Dorn)Busch noch unverbrannt und wurde berufen, zurückzukommen um sein Land zu erlösen, welches unter geistlicher wie weltlicher Knechtschaft stöhnte. So ist er denn ein Moses unserer Zeit. Wer also sein Leben liest, mag oft die Parallelen zum großen hebräischen Prinzen erkennen.
Dieses manichäische Weltbild, das wir bei den englischen Unterstützern der nordamerikanischen wie französischen Revolution wörtlich wiederfinden werden, trägt durchweg wahnhafte Züge, indem es alltäglich erfahrbare Wirklichkeit sofort in „gut” (Ich) und „böse” (Satan und seine Anhänger, die wicked world) umwandelt. Bei der verwitweten Frau Hutchinson wird Mary Stuart auf diesem Wege zur bösen Königin, die aus dem blutigen Haus von Guise kommt (was sie schuldig macht an der Bartholomäusnacht), sie praktiziert Papisterei, weil die am besten zu ihrem blutigen lüsternen Temperament passt. Satan, der altböse Feind, impft überhaupt den seinen vor allem die Fleischeslust ein: Der Hof von Charles I. war
eine Schule der Lust und der Maßlosigkeit... Jedes großes Haus im Land wurde ein Schweinestall der Unreinheit...Die Menschen wurden amüsiert mit Maskenspielen, Bühnenspielen und verschiedenen Arten groberer Unterhaltung... Dann kam es zu Mord, Inzest, Ehebruch, Trunkenheit, Fluchen, Unzucht und allen Arten von Zotenreißerei...
Kein Zweifel, daß da das Gottesvolk hinein schlagen musste. Die (puritanischen) Geistlichen warnten das Volk vor dem bevorstehenden Gericht Gottes, was unweigerlich auf so provokantes Verhalten folgen mußte, aber England (wie vordem Israel) erhörte sie nicht in großer Zahl. Der König, dem der Teufel assistierte,
benutzte teuflischen Königszauber (king-craft) im Verein mit den Kindern der Finsternis. Angestachelt von Satan, hatte er zu allem Überfluß eine Papistin geheiratet, eine französische Dame voller Hochmut, sehr geistreich und eine Schönheit, der er ein sehr treu ergebener (uxorious) Ehemann wurde.
Uxorious ist für diese Gottgefällige ein übles Schimpfwort, herrscht doch der Satan dort, wo der Mann aufs Weib hört, dazu noch auf ein welsches, doppelt gefährlich wegen Geist und Aussehen. Wo immer männliche Fürsten so effeminiert sind, dass sie dulden, daß Frauen von fremder Herkunft und anderer Religion sich in die Staatsangelegenheiten mischen, produziert das Unglück. Als späte Erbin dieses politischen Puritanismus wird die feministische Katholiken-Hasserin Mary Wollstonecraft über ein Jahrhundert später angesichts der französischen Revolution über Marie-Antoinette ganz ähnliches von sich geben.
Andersgläubige und insbesondere Katholiken werden von Lucy Hutchinson ähnlich betrachtet wie die Juden von heftigsten Judenhassern: Sie sind Bösewichter, Übeltäter (malignants), Kinder der Hölle (children of hell) sie sind abergläubisch (superstitious), Götzenanbeter (idolatrer), sie sind debauched, lewd, vicious, sündig, laufend betrunken, halten sich gerne in Tavernen und Bordellen auf.
Der „linke” Whig-Dissent wird diesen Katholikenhaß in Britannien und den nordamerikanischen Kolonien noch über hundert Jahre durchhalten: Katholiken sind abergläubisch, vollziehen geheimnisvolle Rituale und sind durchweg lüstern.
Wie „abergläubisch” Puritaner selbst sind, offenbart ihr extremer Hexenwahn in einer Zeit, in der er allmählich verschwindet. „Aberglauben” der Lucy Hutchinson belegt diese am Ende ihrer 'Memoirs', wo sie darlegt, daß nach der „Ermordung” ihres Mannes ein Geist (der wie sie aussieht) umzugehen beginnt, um das Personal von Sandown Castle zu erschrecken, which is certainly true.
Als der Colonel entdecken muß, wie korrupt und beutegierig kleine und große godly people werden, wenn sie sich an der Macht fühlen, führt ihn das nicht dazu, sein dichotomes Weltbild aufzulösen, das ihn bis in den Tod begleiten wird, sondern dazu, sich stärker mit seiner Geige, seiner Kunstsammlung (der er Beutestücke aus der Sammlung des Königs zufügt) und der Ameliorierung seines Landgutes zu beschäftigen. Das ist schon fast innere Emigration des Bildungsbürgers.
Der religiös-wahnhafte Zug vieler Puritaner wird in guter christlicher Tradition durch einen sadomasochistischen ergänzt, in dem das Leiden Christi, sein Martyrium, zum Vorbild für den Frommen wird. Lucy Hutchinson formuliert das so:
Je mehr Gott ihn kasteite (chastened), umso mehr liebte er ihn, indem er die Zuchtrute (rod) küßte und unter der Geißel (scourge) frohlockte, die ihn näher zu Gott hintrieb. Stärker dem Alten Testament verpflichtet ist folgende Stelle: Wenn Gott ihn heimsuchte, fiel er nieder zu seinen Füßen; vor ihm warf er seine Krone fort, demütigte sich in Staub und Asche und nahm die Strafe aus seiner Hand an.
Das Geschichts- und Weltbild der Hutchinsons wird geprägt von fleißiger Bibellektüre. Die Geschichte der Juden als des auserwählten Volkes Gottes endet mit Jesu Tod (letzterer spielt bei den godly people allerdings insofern eine untergeordnete Rolle, als sein Lebenswandel nicht in ihre Religion integrierbar ist), und dann fängt wie bei Milton ziemlich unmittelbar die Geschichte Englands als des neuen gelobten Landes an. Hier (in England!) erhielt der erste christliche Kaiser (Konstantin) seine Krone,
hier fing die frühe Morgenröte des evangelischen Lichtes mit Wiclif und anderen Glaubenszeugen an, die Gott über die schwarze und grauenhafte Nacht des Antichristes erhob (den Katholizismus); in keinem Feld der Kirche ist eine reichere Ernte an devoten (devout) Bekennern, glaubenstreuen Märtyrern und heiligen Anbetern Gottes durch die Zeiten herangewachsen, als diese hier, durch die Gott seinen Namen und sein Evangelium ruhmreich gemacht hat (glorified). Aber dieser Weizen ist nicht ohne Unkraut geblieben; Gott hat dieses im Vergleich mit anderen Ländern zu einem Paradies gemacht, aber so ist entsprechend die Schlange eifrig besorgt gewesen zu verführen, und nicht ohne Erfolg, indem sie dauernd Gegner gegen die kindlichen Wahrheiten von Christus (infant truths of Christ) aufgestachelt hat. ('Fragment ihres eigenen Lebens').
Wir sehen: the great cause of God's and England's rights ist ganz dieselbe. Cromwells Tendenz in Richtung Imperialismus (empire-building) passt da ganz gut hinein.
Die gottgefällige Puritanerin ist im Besitz der Wahrheit (truth), die sie zusammen mit ihrem Mann durch Studium der heiligen Schriften (scriptures), insbesondere der Psalmen und ausgewählter Paulusbriefe, erwirbt, zu denen dann noch aktuelle Traktate kommen, z.B. die der Baptisten gegen die Kindertaufe (paedobaptism). Die radikalprotestantische Schriftgläubigkeit beschreibt seine Frau so:
In Glaubensfragen unterwarf sich seine Vernunft (reason) immer unter das Wort Gottes, und was er nicht verstehen konnte, würde er glauben, weil es geschrieben stand (because it was written).
Das ist eine protestantanische Orthodoxie, die aufgrund von Bibelstudium exakt der jüdischen Orthodoxie und ihrer Schriftgläubigkeit folgt. Der Colonel und lokale Chef setzt ihre Wahrheit in Nottingham durch, derweil er die militärische Macht innehat, behauptet sie gegen wenig gottgefällige Oppositionen und gegen abergläubische Kirchenfenster, satanische alehouses und leichtfertige wenches (Mädchen). Je mehr der Puritanismus in Fraktionen, Sekten und Konventikel zerfällt, desto mehr tritt Hutchinson allerdings im Unterschied zur Masse der Antistuartfraktion für „Gewissensfreiheit” ein, allerdings nur für Puritaner untereinander, und wohl bald auch nicht mehr gegenüber Presbyterianern und anderen falschen Schotten (laut Ehefrau Lucy sind die offenbar ziemlich alle false).
Der Gut-Böse-Dichotomie, der also zwischen Gott und Teufel, Christ und Antichrist, zwischen böser Welt und gutem Jenseits, entspricht ein massiver Leib-Seele-Konflikt, den der Ehemann offenbar immer wieder zu versöhnen sucht, während er für sein Eheweib unüberwindlich bleibt. So schreibt sie über ihn: Seine Seele regierte als König auf dem internen Thron, und war niemals der Gefangene der Sinne (to his sense); Religion und Vernunft (plötzlich stehen sie hier auf einer Höhe) ihre zwei favorisierten Berater (der Seele), achteten darauf, daß alle Leidenschaften in ihren gerechten Grenzen blieben, ihm dort gute Dienste taten und das öffentliche Wohl förderten.
Als Musterbeispiel dieser frommen Unterwerfung des Fleisches schreibt sie kurz vor Erzbischof Fénelon:
Er war so beständig in seiner Liebe (zu ihr), daß er begann, liebevoller zu werden, als sie aufhörte, jung und liebreizend (lovely) zu sein.
Hutchinson zeugt seiner Frau zwar mehrere Kinder und katholische Vorstellungen von „Keuschheit” sind ihr teuflisch, wie sie an Edward the Confessor bemäkelt, der aus (mißverstanden) frommer Absicht keine Kinder zeugte; jedoch ist jedes erotische Moment zwischen den Geschlechtern des Teufels:
Er (Hutchinson) war so keusch, daß ihn weder in seiner Jugend noch in reiferem Alter eine der schönsten oder berückendsten Frauen jemals in unnötige Vertrautheit, eitles Gespräch oder irgendeine Art von Spiel oder Tändelei hineinziehen konnte, jedoch verachtete er nichts am weiblichen Geschlecht als ihre Narrheiten und Eitelkeiten; weise und tugendhafte Frauen liebte er, und erfreute sich an aller reinen, heiligen und unangreifbaren Unterhaltung mit ihnen, aber so, daß er nie Skandal oder Versuchung hervorrief.
Aber auch folgende Auffassung von ihr wäre dem von den Hutchinsons geschätzten Apostel Paulus gefällig gewesen: Die more becoming virtue einer Frau ist silence. Schließlich ist nach den Worten seiner Frau sein Verhältnis zu seinen Untergebenen so: ...they joyed as much in his commands as he in their obedience. Womöglich gäbe es ja schon hienieden eine Art Paradies, wenn nur alles nach dem Willen dieses heiligen Mannes (saintly/holy man; Originalton seiner Ehefrau) gegangen wäre.
Nach dieser ausführlichen Beschreibung ihres Mannes wirkt etwas anderes erstaunlich: Lucy Hutchinson wird in den 50er Jahren des 17. Jahrhunderts zum ersten namentlich bekannten Übersetzer von Lukrez 'De rerum natura' ins Englische. 1675 widmet sie eine Kopie dieses Manuskriptes an ihren Mäzen Arthur Annesley, den Earl of Anglesey, und teilt ihm dabei mit, dass sie das Werk ablehne, weil es nicht puritanischen Vorstellungen entspricht. Aber warum dann ihre Mühen und die Bezahlung eines professionellen Schreibers und das Weiter-Senden? (Greenblatt, S.268) Sie begründet es damit, dass so viele über den Lukrez reden und sie die Neugier gepackt habe. Aber warum dann nicht nur lesen, sondern gleich auch noch schriftlich übersetzen...
Satan ist der Teufel ist ein Mann
Das alte (jüdische) Testament der Bibel kennt als Gott ein unerbittlich anspruchsvolles männliches Wesen, das sein Volk straft, wann immer es ihm nicht huldigt, ihm aber andererseits eine militärische Stärke schenkt, welche die Feinde zittern läßt. Dieser Gott setzt, warum auch immer, am Ende seiner Weltenschöpfung in seinen Paradiesgarten, eine Oase in der Wüste, einen aus Ton geformten Menschen, der ihm wohlgelingt, und bläst ihm den Lebensodem ein. Dieser Mensch heißt passenderweise „Mensch“ (Adam).
Zum Zwecke der Fortpflanzung, und weil der Mensch nicht gern alleine ist, entwendet Jahwe dann dem Menschen eine Rippe und formt aus dieser ein zweites Wesen. Dieses heißt nun Leben, d.h. Frau (Eva), wodurch Adam jetzt nicht mehr einfach Mensch ist, sondern zum Manne gerät. Die hohe isrealitische Geistlichkeit spann diese ihre Geschichte dann mit einem Doppelfaden weiter, der sowohl ihren Interessen wie denen des Allgewaltigen da oben entgegenkam: Alle Paradiesbäume sind allen Laien zugänglich, nur der Baum der Erkenntnis ist ihnen verboten (er repräsentiert das Privileg der hohen Geistlichkeit, das innere Sanktum des Tempels).
Wie zudem schon Augustinus wissen wird: Die Menschen hatten kein Begehren, weil sie schon alles hatten, insbesondere die Unsterblichkeit. Und wenn man die hat, bedarf es auch keiner Nachwuchs-Produktion.
Hätte dieser Gott seine Menschen ein wenig besser gekannt, hätte er gewußt, dass Verbote gewisse Leute dazu reizen, sie (erst recht) zu übertreten. Zudem hatte er bei der Produktion der ersten Frau übersehen, dass ihre Herstellung aus (nur) einer Rippe ein in vieler Hinsicht defizitäres Wesen hervorbringen musste: Unsere Eva ist neugierig. Sie pflückt und schenkt Adam einen dieser Erkenntnis gebenden Äpfel, er beißt kurz hinein, und siehe: sie erkennen sich beide als Mann und Frau, es kommt zum ersten (sündigen) Geschlechtsakt, und weil beide bislang noch keine Kleider haben, schämen sie sich ganz unheimlich, schwebt doch Gott direkt über ihnen und hat die ganze Zeit zugeschaut.
Jetzt heißt es raus aus der paradiesischen Oase, hinein in der Wüste. Das Erkenntnismonopol behalten die Priester und für Christen wird es heißen: Geschlechtlichkeit birgt Sünde, so wie das jede eigenständige Erkenntnis tut. Spätestens seit Augustinus sind wir Sünder allzumal.
Die Christen waren auf Dauer nicht so klug wie die Juden und beließen die Schuld für das ganze Desaster nicht bei den Frauen. Sie machen sich vielmehr die Vorstellung von einem (leider bad allzu männlichen) Bösewicht zueigen, der als einer der angeloi usprünglich in Jehovas Diensten stand, sich aber zu viel auf sich einbildete (sein Laster ist die Hochmut, die Hoffahrt), und wegen Unbotmäßigkeit von Gott (dem Herrn) ganz tief unten im dunklen Keller eingesperrt wird, wo er erst einmal mit viel Feuer sich Licht macht und diesen ziemlich großen Keller dann als ganz persönliche Hölle einrichtet. Laut christlichem Gedankengut läßt Gott diesem Kerl ziemlich viel Spielraum, so dass er mit seinen dienstbaren Geistern bald anfangen kann, uns arme Menschen in Versuchung zu führen.
Die erste Faustregel für den christlichen Satan ist, daß er uns zu all dem verlocken will, was wir ohnehin schon gerne täten, weswegen er auch so viel Erfolg hat. Die zweite Faustregel leitet sich daraus her, dass Engel ursprünglich Wesen ohne
Geschlechtsreife sind, weswegen sie im Rokoko als Cupido-Bambini dargestellt werden, aber als gefallene Engel pubertieren sie schnell zu Männern. Die mittelalterliche Vorstellung ist nun,
daß er sich am liebsten an die holde Weiblichkeit heranmacht, diese zur Sünde, dem Laster verführt,
und dann auf die (männliche) Menschheit losläßt. Damit lädt der Teufel die Schuld dann wieder ein gutes Stück weit auf die Damen ab, was Richardsons Romanfigur Lovelace, sein Satan in
Menschen-Gestalt, nicht aufhört zu betonen.
Eine wesentliche Hexenvorstellung des Mittelalters und der frühen Neuzeit besagte, dass Hexen liederliche Weiber seien, die nächtens den Teufel in sich einfahren ließen. Diese kontinentale, eher unenglische Vorstellung verbindet den Teufel mit Pferdefuß und Schwefelgestank. Eine andere, insbesondere englische Version macht sich Gedanken darüber, warum der Teufel so viel Erfolg (bei den Frauen) hat, und baut seine eher verführerischen Qualitäten aus.
Der bedeutendste literarische Schilderer der zweiten Art Teufel ist John Milton, ein puritanischer Staatsmann in der Zeit des Commonwealth, latin secretary von Cromwell, der in der Restaurationszeit kurzzeitig in den Kerker geworfen wird und laut seiner (Heiligen)Legende dort erblindet seine Paradiesgeschichte als Versepos beginnt. (1658-65).
Milton (1665) und Richardson (ab 1747): Her Satanic Majesty's Most Renowned Appearance
Milton schreibt sein 'Paradise Lost', als der Versuch der Rechtschaffenen in Britannien, einen Staat der Rechtgläubigkeit aufzubauen, an der Lauheit derer, die sich bei dieser Aufbauarbeit durchgesetzt hatten, gescheitert ist. Ein wesentlicher Teil seines Versepos ist Gottes „Zeugung“ seines Sohnes (wie aus dem Kopf eines Zeus), seine Forderung nach Huldigung dieses seines Geschöpfes/Sohnes durch alle himmlischen Heerscharen, die im Gedicht aus ritterlichen Schwertkämpfern der italienischen Renaissance zu bestehen scheinen, und dem Aufstand eines der obersten Engel mit seinem Drittel der himmlischen Armee gewidmet, der sich verständlicherweise mit seiner Herabwürdigung in dem himmlischen Feudalsystem nicht abfinden will.
In drei der zwölf „Bücher“ ist Satan der unbestrittene Held, und bis zum Sündenfall der beiden Paradiesbewohner ist seine Hölle ein faszinierendes Reich ritterlicher Kämpfer. Man will festgestellt haben, dass das Vorbild seiner Teufel (es gibt deren unzählige) Tassos nicht unattraktive Sarazenen in 'Gerusalemme Liberata' (1580-81) seien.
Blake versteigt sich später bis zu der Behauptung, Milton sei unbewußt auf seiten des Teufels gewesen, als er 'Paradise Lost' schrieb. Bewusst war es dem Frommen sicher nicht; aber er sieht sich dem Problem gegenüber, dass das Böse seine (literarische) Rolle nur spielen kann, wenn es stark ist, faszinierend, einigermaßen überzeugend.
Author of evil, unknown till thy revolt.../...how hast thou disturbed / Heav'n's blessed peace (6-263/266f). Es sind Luzifers Revolte und Evas Sündenfall, die den Text am Laufen halten: oben herrscht Langeweile, gesegneter Friede, Seligkeit (beatitude), und der Schöpfer ist in his holy rest (7-61). Der Himmel ist the seat of bliss...(6-273), und das ist jene Glückseligkeit, in der die Engel zur Harfe frohlocken (und sich der Münchner im Himmel aus der Feder von Ludwig Thoma zur Erde zurücksehnt).
Sogar ein Teil der zur Hölle gefahrenen Engelsscharen sind, noch während Satan aus der Hölle ausbricht, um sich an Eva heranzumachen, solche mildtätig harfenden Musikanten:
Others more mild / Retreated in a silent valley, sing / With notes angelical to many a harp / Their own heroic deeds and hapless fall / By doom of battle. (2-546ff) ...the harmony / ( What could it less when Spirits immortal sing?) / Suspended Hell, and took with ravishment / The thronging audience...(2-552ff)
Miltons Satan ist ein Aristokrat, ein Prince sogar (1-128), mit Stolz und Männlichkeit ausgezeichnet (like a proud steed, 4-859), mit Mut (Courageous chief, 4-920).
High on a throne of royal state.../.../ Satan exalted sat, by merit raised / To that bad eminence...(2-1ff). Satan, whom now transcendent glory raised / Above his fellows, with monarchal pride / Conscious of highest worth, unmoved thus spake. (2-427ff)...and Satan to his royal seat / High on a hill, far blazing, as a mount / Raised on a mount, with pyramids and tow'rs / From diamond quarries hewn, and rocks of gold, / The palace of great Lucifer, (so call / That structure in the dialect of men / Interpreted)...(5-756ff).
Samuel Richardsons Rake Lovelace in 'Clarissa' schreibt fünfzig Jahre später:
I am fit to be a prince, I can tell thee; for I reward well, and I punish seasonably and properly; and I am generally as well served as any man. (4-62)
Der gesellschaftlich obsolete Aristokrat wird zum Tunichtgut, zum Teufel.
Auch als aufständische Partei im himmlischen Bürgerkrieg ist Satan die faszinierende Gestalt:
...th'Archangel: but his face / Deep scars of thunder had intrenched, and care / Sat on his faded cheek, but under brows / Of dauntless courage, and considerate pride / Waiting revenge...(1-601ff) High in the midst exalted as a god / Th'Apostate in his sun-bright chariot sat / Idol of majesty divine, enclosed / With flaming Cherubim, and golden shields...(6-99). Kein Wunder, dass Milton klagend eingreift: O Himmel! Daß solches Ebenbild des Höchsten / Doch bleiben soll, wo Treu und Wirklichkeit / Es nicht mehr sind. (O Heav'n! That such resemblance of the Highest / Should yet remain, where faith and realty / Remain not... 6-114ff).
Satan ist ähnlich wie der historische Rake Rochester und Richardsons Lovelace ein Individualist, der sich nicht an die neuen gesellschaftlichen Regeln hält. Als des Erzengels feudale Stellung zu Gott mediatisiert wird, begehrt er auf. Er wird ... Deliverer from new Lords, leader to free / Enjoyment of our rights as gods... (6-451ff) Our puissance is our own, our own right hand / Shall teach us highest deeds, by proof to try / who is our equal...(5-864ff, die rechte Hand ist die, die das Schwert hält).
Das ist die Sprache des Restoration-Rakes Rochester, der keine Götter über sich duldet:
For Hell and the Foul Fiend that Rules / God's everlasting fiery Jayles / (Devis'd by Rogues, dreaded by Fooles) / With his grim grisly Dogg, that keeps the Doore, / Are Senselesse Storyes, idle Tales /Dreames, Whimseys, mercies!
Es ist die Sprache eines frühen freien Geistes und die von Clarissas Verfolger Lovelace, der stolz darauf ist, sich nicht um seinen guten Ruf zu scheren:
this proud beauty ...t'is to virtue, it seems, that my difficulties are owing; and I pay for not being a sly sinner, an hypocrite; for being regardless of my reputation; for permitting slander to open its mouth against me ('Clarissa Harlowe, 1-31).
Rousseau wird in seinen 'Bekenntnissen' schreiben:
Ich verwandte alle meine Seelenkräfte darauf, die Fesseln der öffentlichen Meinung zu brechen und mutig alles zu tun, was mir gut schien, ohne mich irgendwie um das Urteil der Menschen zu kümmern. (VIII,S.356f).
Aber Rousseau schreibt hier einen satanischen Satz mit dem Anspruch puritanischer Reinheit. Er ist nicht mutig, sondern ängstlich, er bricht keine Fesseln (sein erster Aufsatz wird preisgekrönt), sondern er provoziert sie, und das Urteil der Menschheit (seiner “Verfolger”) wird zum realen Quell seines Verfolgungswahns werden.
So wie Richardsons Lovelace ist Miltons Satan nicht bereit, den Preis der Unterwerfung zu zahlen: Better to reign in Hell, than serve in Heav'n (1-263) ist der wohl radikalste Slogan, in dem sich jemals vor Byron Freiheitssinn artikuliert hat. Zugleich formuliert Milton hier die Option des Freiheitsliebenden unter totalitären Bedingungen: Er muß böse werden.
Ganz ähnlich lehnt es Lovelace ein Jahrhundert später ab, sich auf seine reformation, d.h. seine Unterwerfung unter christliche Autoritäten einzulassen: Oh! Aber wahrhaftig hoffte sie, den Verdienst zu haben, mich zurückzugewinnen. Sie hatte sich hübsch vorgestellt, wie reizvoll es aussehen würde, einen selbst gewonnenen Büßer an ihrer Seite zur Kirche zu geleiten, durch eine beifällige Nachbarschaft; und, wie sich ihre Familie vergrößert, und er marschiert mit ihr und all den Jungen und Mädchen in einer Art Prozession dorthin, stolz über die Früchte ihrer ehrbaren Begierde, wie es mein guter Herr Bichof in der Heiratslizenz stehen hat. And dann, was ein wohl zu schauender Anblick, wie sie alle ihrem Kirchenabteil nach Alter niederknien, wie wir das bildhaft in einem alten Epitaph gesehen haben, wo ein ehrbarer Ritter in seiner Rüstung mit zum Himmel erhobenen Händen dargestellt wird, und ein halbes Dutzend unterwürfige Jungs mit gestutzten Ohren, die stufenweise nach Alter und Größe angeordnet sind, alle in derselben Haltung – seiner frommen Herrin gegenüber, mit einer Krause um den Hals, und genau so viele bleichgesichtige Mädchen, die hinter ihr knien: zwischen ihnen ein Altar, auf dem ein geöffnetes Buch: über ihnen Strahlen aus güldenen Wolken, die ein Motto umgeben, IN COELO SALUS oder QUIES – falls sie das übliche Eheleben aus Streit und Widerstreit gelebt hatten.
Da all das im Richardsonschen Original mitreißender klingt und noch mehr an Miltons Satan erinnert, das ganze noch einmal im Original:
Oh! but truly she hoped to have the merit of reclaiming him. She had formed pretty notions how charmingly it would look to have a penitent of her own making dangling at her side to church, through an applauding neighbourhood: and, as their family increased, marching with her thither, at the head of their boys and girls processionally as it were, boasting of the fruits of their honest desires, as my good lord bishop has it in his licence. And then, what a comely sight, all kneeling down together in one pew, according to eldership, as we have seen in effigy, a whole family upon some old monument, where the honest cavalier in armour is presented kneeling, with uplifted hands, and half a dozen jolter-handed, crop-eared boys behind him, ranged gradatim or step-fashion, according to age and size, all in the same posture – facing his pious dame, with a ruff about her neck, and as many whey-faced girls all kneeling behind her: an altar between them, and an opened book upon it: over their heads semilunary rays darting from gilded clouds, surrounding an achievement-motto, IN COELO SALUS – or QUIES – perhaps, if they have happened to live the usual married life of brawl and contradiction...(3-66)
In der Miltonschen Hölle angekommen, muß Satan seine Superiorität erst einmal durchsetzen, denn es gibt noch mehr grand infernal Peers (2-507), allesamt Princes of Hell (2-313)., von denen es heißt:
...neither do the Spirits damned / Lose all their virtue; lest bad men should boast / Their specious deeds on earth, which glory excites, / Or close ambition varnished o'er with zeal. / Thus they their doubtful consultations dark / Ended rejoicing in their matchless chief. (2-482)
Zuvor werden einige dieser Höllenfürsten aufgeführt:
...Moloch, sceptred king / Stood up, the strongest and the fiercest Spirit / That fought in Heav'n (2-43ff) ...On th'other side up rose / Belial, in act more graceful and humane /a fairer person lost not Heav'n; he semed / For dignity composed and high exploit: / But all was false and hollow; though his tongue / Dropped manna, and could make the worse appear /The better reason, to perplex and dash / Maturest counsels: for his thoughts were low ;/ To vice industrious, but to nobler deeds / Timorous and slothful; yet he pleased the ear, /And with persuasive accent thus began. (2-108ff) Beelzebub...in his rising seemed / A pillar of state, deep on his front engraven /Deliberation sat and public care; / And princely counsel in his face yet shone / Majestic though in ruin...(2-299ff)
Am verwandtesten mit Rochester und Lovelace ist wohl Belial, der
... came last, than whom a Spirit more lewd / Fell not from Heaven, or more gross to love / vice for itself...(1-490ff) ...and when night / Darkens the street, then wander forth the sons / of Belial, flown with insolence and wine. / Witness the streets of Sodom, and that night / In Gibeah, when the hospitable door / Exposed a matron to avoid worse rape (1-501ff).
Es ist dieser Belial, mit dem über hundert Jahre später Lord Byron öffentlich gleichgesetzt werden wird.
Für alle gilt nun: ever to do ill our sole delight (1-500ff). Es handelt sich dabei nicht um den “Geist, der stets verneint”, sondern um den violenten Fortschrittsfeind, der auf jener Würde beharrt, die später in die Verfassungen weggesperrt wird. Es handelt sich auch nicht um das Reich des Bösen aus dem Geist von Aufklärung und Fortschritt, wie es der Marquis de Sade in seiner 'Philosophie des Boudoirs' propagiert; vielmehr haben wir es mit dem Individuum zu tun, das sich seiner völligen Entrechtung und Unterwerfung unter den Geist und die Knute des Legalismus entzieht, dabei aber immer mehr zum bloßen Reagens auf die political correctness wird.
Milton schafft es nicht, Satan und sein Pandaemonium in Übereinstimmung zu bringen mit dessen zweiter Rolle, der des Verführers Evas. Das ist für ihn und die akademische Literaturgeschichte beruhigend, für den Kunstfreund hingegen bedauerlich. Begründet wird der satanische Ausflug ins Paradies von Seiten des Autors damit, daß Satan diesen Vorschlag einbringt, um sich als Wagemutigster und Unternehmungslustiger auszuzeichnen. Offensichtlich ist es ihm selbst in der Hölle zu langweilig.
If then his Providence / Out of our evil seek to bring forth good, / Our labour must be to pervert that end, / And out of good still to find means of evil...(1-162ff)
Himmlischerseits ist alles noch viel unklarer. Kurz gesagt will Miltons Gott die Sünde nicht, macht sie aber möglich und weiß darum vorher, daß sie stattfinden wird. Der freie Wille ist ein Teil der göttlichen Vorsehung und damit auch die Sünde: Adam und Eva verlieren ihr Paradies in dem Moment, in dem sie es als solches begreifen.
Hier sind Gottes Wege wahrhaft unerforschlich. Tatsächlich konstruiert Miltons christlicher Gott einen Menschen, der um der Versuchung willen versucht wird (dem trial, das Satan Lovelace als Verführungsversuch an Clarissa Harlowe beschäftigen wird, und das sie am Ende als göttliche Gnade annimmt), - und der um der Bestrafung willen (justice) in der Versuchung untergeht. Der Sohn Gottes, Messias, der den Höllensturz Luzifers provoziert und damit Luzifers Triumph über Eva, ist dann zugleich der, der später mit seinem Opfertod des Teufels Macht auf die Ungläubigen beschränkt, um irgendwann später noch einmal zu kommen (second coming), die Gläubigen ins Paradies einzusammeln, bzw. in den Himmel.
Wie dem auch sei, Satan will die beiden Menschen seduce ...to our party (2-367). The bold design / Pleased highly those infernal States, and joy / Sparkled in all their eyes...(2-386f). Die Verwandlung vom stolzen Höllenfürsten zum deceiver (1-35,) false dissembler (3- 681) nun ist eine merkwürdige Sache: An Sünde und Tod vorbei, die beide das Höllentor bewachen, gelangt er ins Paradies, und mutiert zunächst zu einer Art aus seinem Landschafts-Park vertriebenem englischen Landedelmann:
O had his powerful destiny ordained / Me some inferior angel, I had stood / The. happy; no unbounded hope had raised / Ambition. (4-58) Das sieht er: Cedar, and pine, and fir, and branching palm, / A sylvan scene, and as the ranks ascend / Shade above shade, a woody theatre / Of stateliest view.../..a circling row / Of goodliest trees loaden with fairest fruit, / Blossoms and fruits at once of golden hue / Appeared, with gay enamelled colours mixed (4-139ff)
Das paradiesischste am Paradies ist, wie wir schon lange alle wissen, Eva im Evaskostüm. Und so sieht sie unser miltonischer Teufel:
...half her swelling breast / Naked met his under the flowing gold / Of her loose tresses hid: he in delight / Both of her beauty and submissive charms / Smiled with superior love...aside the Devil turned / For envy, yet with jealous leer malign / Eyed them askance...Sight hateful, sight tormenting! Thus these two / Imparadised in one another's arms / The happier Eden, shall enjoy their fill / Of bliss on bliss, while I to Hell am thrust / Where neither joy nor love, but fierce desire, / Among our other torments not the least...(4-495ff)
Satan will Eva verführen, weil er ihre süße Unschuld nicht ertragen kann, so wie Lovelace nicht die von Clarissa Harlowe. Lovelace weiß aus Erfahrung, daß alle Jungfrauen potentielle Evas sind, und mit der Entjungferung reale Even werden. Die wirkliche Eva aber ist kein Objekt von Anbetung und Verehrung mehr, sondern nur eine Frau. Was Lovelace nicht verstehen wird: Indem er in der Vergewaltigung der betäubten Clarissa ihr Hymen einreißt, macht er sie zu einem Objekt der Verehrung für alle, zu einer Heiligen. Das ist die neue Zeit des Herrn Richardson, in der die Tugend ihr garantiertes Happyend hat.
Miltons Paradies ist der Zustand der Unschuld:
...nor Eve the rites / Mysterious of connubial love refused: / Whatever hypocrites austerely talk / Of purity and place and innocence, / Defaming as impure what God declares / Pure, and commands to some, leaves free to all. (PL,4-742)
Welcher Art bei Milton der eheliche Koitus im Zustand der Unschuld ist, fällt schwer sich vorzustellen:
Here love his golden shafts employs, here lights / His constant lamp, and waves his purple wings, / Reigns here and revels; not in the bought smile / Of harlots, loveless, joyless, unendeared, / Casual fruition, nor in court amours / Mixed dance, or wanton masque, or midnight ball, / Or serenade, which the starved lover sings / To his proud fair, bets quitted with disdain. / These lulled by nightingales embracing slept, / And on their naked limbs the flow'ry roof / Show'red roses, which the morn repaired. (4-763).
Eins läßt sich erahnen aus dem Text: In diesem späten Renaissance-Arkadien wird kopuliert ohne sexuelle Begierde. Diese wird erst Luzifer den beiden beibringen: I will excite their minds / With more desire to know...(4-522f)
Und nun wird aus dem Höllenfürsten, aus dem ein aus seinem Park vertriebener Gentleman geworden ist, ein elender Wurm, eine Schlange nämlich, denn Satan schafft es anders nicht, sich an Eva heran zu schleichen. Zugleich beklagt er aber seine Situation, den Zwang zu dieser elenden Gestalt.
Der Teufel kann dabei grundsätzlich wie die Rakes Rochester und Lovelace jederlei Gestalt annehmen:
Down he alights among the sportful herd / Of those four-footed kinds, himself now one, / Now other, as their shape served best his end / Nearer to view the prey, and unespied...(4-396)
Vom historischen Rochester ist überliefert, er habe sich in vielerlei Verkleidung unters Volk gemischt, gelegentlich in Frauenkleidern an Mädchen herangemacht. Der Master B. von Richardsons Pamela Andrews und Clarissas Harlowes Lovelace verkleiden sich bzw. träumen davon, sich als Frauen verkleidet an ihre Opfer heranzumachen. Clarissa schreibt über ihren Satan: .
..he is so much of the actor, that he seems able to enter into any character; and his muscles and features appear entirely under obedience to his wicked will. (3-85)
Satan, zunächst bekümmert über seine jämmerliche Gestalt, ist schnell improved /in meditated fraud and malice...(9-53) und begibt sich auf die Pirsch. Von da an beschäftigt sich Milton ausführlich mit der Entfaltung des Frauenbildes, welches Christen, Juden und Muslime ein gutes Stück gemeinsam haben: Eva setzt (aus eigenem Antrieb) durch, getrennt von Adam im Garten zu arbeiten (in einem puritanischen Paradies wird selbstverständlich gearbeitet und die Arbeit macht Freude). O much deceived, much failing, hapless Eve (9-404), sagt Milton: zurecht, falls seine Geschichte stimmt. Satan ist fasziniert von der jungfräulich-femininen Unschuld Evas, die unter seinen Augen noch weiblicher wird, als sie ohnehin schon ist... Er wird sie nun verführen, weil er an ihren Qualitäten keinen Anteil haben kann. All pleasure to destroy, / Save what is in destroying; other joy / To me is lost...(9-477). Rake Lovelace legt mehrmals ausführlich Wert darauf, nur mit jungfräulichen Mädchen kopuliert zu haben, schon „gebrauchte“ Frauen interessieren ihn nicht. Er zerstört, um immer aufs neue zu belegen, dass das Zerstörte nicht zerstörenswert ist.
Wie Lovelace hat auch Miltons Satanas eine potent tongue (6-135, wir erinnern uns dabei an die French tongue, derer sich der südenglische Landpfarrer der 'Pamela' befleißigen will, es ist immer dieselbe gespalten-lüsterne Schlangenzunge), er schmeichelt Eva, ihrer Schönheit, die sie, das töricht-eitle Weib, schon beim Blick auf eine paradiesisch klare Wasserfläche gesehen hatte. Dann erklärt er ihr, dass er vom Baum der Erkenntnis genascht habe und deshalb sprechen könne (er, die Schlange!). Er schafft es, sich schlangenmäßig so um den Baumstamm hochzuwinden, daß er an den Apfel kommt: To satisfy the sharp desire I had / Of tasting these fair apples...(9-584). Sharp desire ist das, was nach dem Sündenfall der Menschen Los sein wird, und insbesondere das der Männer, die es wie Lovelace nicht leicht haben, längere Zeit auf sexuelle Triebabfuhr zu verzichten.
Der altböse Feind führt Eva zum Baum und verspricht ihr, dass sie nach Obstgenuß gut und böse würde unterscheiden können. Sie kann den Vitaminen nicht wiederstehen, obwohl ihr nach aller theologischen Logik der Sinn weder nach gut noch böse stehen sollte, weiß sie doch bis zum ersten Bissen überhaupt nicht, was das ist. Aber gut, sie beißt zu und wird zu der Eva, wie wir sie seitdem kennen. Wobei anzumerken ist, daß sie schon, bevor sie hineinbeißt, ohnehin des Teufels ist, eitel und neugierig, wie sie nun einmal ist.
Der Teufel hat sein Werk getan und kann gehen. Sie, ziemlich betripst, marschiert zu Adam und beichtet ihren Fehlbiss. Adam beschließt, aus Liebe zu ihr auch in den sauren Apfel zu beißen, not deceived, / But fondly overcome with female charm (9-998f). Damit hat das Unheil seinen Lauf genommen: Wenn die Männer die Frauen nicht lieben würden, wären sie immer noch von aller Sünde frei. Richardsons Lovelace wird an einen Punkt kommen, wo er feststellen muss, dass die Frauen sein Unglück sind, und der fromme Autor wird sich hüten, ihn aus dieser Zwickmühle heraus zu lassen.
Milton läßt schnell hinter sich, dass der Baum der der Erkenntnis ist (knowledge) und konzentriert sich auf das, was Luzifer Eva wirklich angeboten hat: das Begehren. Es beginnt nun, was uns Menschen seitdem immer wieder durcheinander gebracht hat. Unser armer alter Adam: he on Eve / Began to cast lascivious eyes, she him / As wantonly repaid; in lust they burn (9-1013). Das unschuldsvoll-paradiesische Kopulieren, dem Rochesters Zeitgenossin Aphra Behn sehnsuchtsvoll-wunderschöne Gedichte hinterher schicken wird, weicht nun dem (ersten) leidenschaftlichen Koitus, Freud und Leid werden in Zukunft nahe beieinander liegen. Es ist sensual appetite, den Satan unseren ersten Eltern beigebracht hat, genau der Appetit, den die große Feministin Mary Wollstonecraft um 1792 noch als des Teufels begreift und im Zuge allgemeinen Fortschritts (improvements) wie auch ihr zukünftiger Ehemann Godwin aus der Welt vertreiben will. Milton kommt nun aufs Feigenblatt, die beiden schämen sich, weil der Sexus kein Kinderspiel mehr ist und fangen an, sich zu streiten; das Eheleben verliert zunehmend seinen Charme.
Gott straft mit leidvoller Mutterschaft und bedingungsloser Unterwerfung Evas unter Adam. Der soll im Schweiße seines Angesichts seinen Lebensunterhalt erwerben; von Staub geworden, soll er zu Staub werden.
Erst jetzt wird die Hölle richtig höllisch, indem Gott die Teufel ob ihrer Niedertracht noch einmal bestraft. Jetzt erst werden sie allesamt zu elenden Kreaturen, aber dafür haben sie ja dauerhaften Zugriff auf die Menschen dank eines breiten highway (wie ihn Milton nennt) von der Hölle zur Menschen-Welt... Am Ende tröstet Adam Eva mit der Vision des uns inzwischen seit langem vertrauten menschlichen Lebens, das eben, Gott hin und Teufel her, auch seine netten Seiten hat und beschwört penitence and remorse. Schließlich wird den beiden von einem Erzengel der nicht rebellischen Sorte die ganze künftige biblische Geschichte in Kurzversion erzählt, womit Milton den Lesern deutlich macht, dass ihre Geschichte letztlich von vorneherein festgelegt ist. Versprochen wird die Ankunft des Sohns Gottes durch den Leib von Maria, the second Eve. Versprochen wird zudem das second coming: then the earth / Shall be Paradise..(12-463)
Am Ende gibt uns Milton noch vier Zeilen mit auf den Weg, die für die weniger Frommen so übel nicht klingen. Es handelt sich um den Abmarsch der beiden Menschenkinder aus dem Paradies:
The world was all before them, where to choose
Their place of rest, and Providence their guide:
They hand in hand with wand'ring steps and slow,
Through Eden took their solitary way.
Während John Milton weiter stilbildend-kunstvoll Verse schmiedet, entfaltet sich im Londoner Westend bei Hofe eine Kultur der Sinnenfreude, die der alte Puritaner nur als satanisch begreifen kann. Kaum ein Courtier ohne Kurtisane, bedeutende Künstler des abendländischen Barock strömen zusammen und London wird sogar für eine Weile musikalisches Zentrum. Wie in einem letzten heftigen Feuer verglüht hier die aristokratische abendländische Kultur, um dann, wie einer ihrer literarischen Meister, Dryden, um 1700 bedauernd feststellt, immer mehr in einer konsumistischen Warenwelt unterzugehen. Was er nicht voraussehen kann, ist, dass neben der Literatur als Lohnschreiberei, die den Roman des 18. Jahrhunderts hervorbringen wird, “Kunst” in einem unnachahmlichen Widersinn der Geschichte (die manchmal auch weniger Dame als Hexe ist) als Ware zugleich die jeweils progressive Gegenwelt zur zunehmenden Armseligkeit des Alltags werden wird. Während die zur zweiten Natur werdenden Gesetze von Kapital und Markt die große Untertänigkeit vorantreiben, wird die kanonische “Kunst” zum immer neuen Gegenentwurf, den der Markt sich dann einverleibt, um daraus Nahrung zu ziehen: Aus dem Stil wird die Mode, aus der Form die Manier, aus dem Gehalt die ideelle Botschaft.
Rochester und Restoration
My Lord Rochester
John Wilmot, der zweite Earl of Rochester, wird uns ausgerechnet beim protestantischen Dissenter-Kaufmann, Spion und Reisenden in Diensten der Krone Daniel Defoe wiederbegegnen. Moll Flanders wird sich zweimal auf ihn beziehen. Sein Vorbild wird zwei Jahrzehnte später für den bösen Rake Lovelace (Name eines Freundes von Rochester) des Dissenter-Druckers Richardson herhalten, und noch im erbärmlichsten frömmelnden Viktorianismus der Charlotte Bronte wird der vermögende Liederling Rochester heißen. Jane Eyre, das eponyme Alter Ego der Autorin, Produkt eines protestantischen Pfarrhauses in Yorkshire, wird ihm solange widerstehen, bis er dank eines üblen Unfalls an Haupt und Gliedern verstümmelt ist. Der akzeptable Mann/Mensch ist un der seiner Lebendigkeit und Männlichkeit beraubte Mann.
Geboren wird der zweite Earl of Rochester 1647 als Sohn einer puritanischen Mutter und eines Cavalier-Vaters, eines royalistischen Generals, der wegen seiner Verdienste vom König zum (ersten) Earl (of Rochester) ernannt wird. Dieser Henry Wilmot hatte Charles (II.) bei dessen wochenlanger Flucht aus Worcester ins zweite Exil begleitet und danach jahrelang versucht, auf dem Kontinent um Unterstützung für die königliche Sache zu werben. Sein Sohn wird ihn niemals zu Gesicht bekommen und seine Frau ihn niemals wiedersehen. Aber Charles soll Henry Wilmot auf dem Totenbett versprochen haben, sich um dessen Sohn zu kümmern, und er wird dieses Versprechen halten.
In der Burford Grammar School meistert der Sohn vor allem lateinische Texte. Seine spätere Dichtkunst wird immer den augustäischen Klassikern verpflichtet bleiben, den Lukrez, Petronius, Ovid, Horaz und selbst Seneca. Mit zwölf beginnt er in Oxford zu studieren, wo er unter den Einfluß dortiger Freigeister gerät, einer heißt Lovelace und wird für Richardson den Namen für seine von Ambivalenzen getränkte Rochester-Studie 'Clarissa Harlowe' abgeben.
Mit vierzehn ist er M.A.und feiert mit ganz Oxford die Rückkehr des Königs. Er geht an den Hof, wird mit einer königlichen Pension ausgestattet und vom König auf die Grand Tour geschickt, die ihn vier Jahre lang zumindest durch Frankreich und Italien führt. Weihnachten 1664 wird er beim Stuart-Hof eingeführt und ist von nun an vollendeter Höfling und einer der leading wits, zusammen mit Etheridge, Sedley und Buckingham. Er entführt die von vielen begehrte Elizabeth Malet, um so die Ehe mit ihr zu erzwingen, wird deswegen kurz im Tower eingesperrt und dann vom König freigelassen. Er meldet sich ob dieses Mißgeschicks freiwillig für den zweiten Holland-Krieg, bekommt zur Belohnung nach seiner Rückkehr das Amt eines Gentleman of the Bedchamber des Königs und heiratet nun seine Liebste, die ebenfalls ein Hofamt bekommt. Offenbar auf sein Drängen hin konvertiert sie bald darauf zum Katholizismus.
Die Ehe ist, wenn man ihren Briefen glauben darf, zunächst (ungewöhnlich) glücklich; beide leben sich stärker auseinander, als sie aufs Land zurückkehrt, während er in königlichen Diensten in London bleibt. Rochester ist eben in vielen Betten der typische restoration-rake, der libertin und “Wollüstling” (voluptuary) So wie die Könige ein offizielles Doppelleben als Ehemann einerseits und Liebhaber (mindestens) einer Maitresse andererseits führen, tun das ganz selbstverständlich auch viele Aristokraten bei Hofe, und mit ihnen Rochester. Außerdem amüsiert er sich wie sein König auch mit zahllosen einfacheren Mädchen und Prostituierten. Das Hofleben, das Dichten, der Alkohol und ein unbändiges Liebesleben bestimmen neben seiner Familie sein Dasein. Der Preis ist, daß er sich mit Anfang zwanzig die Syphilis zuzieht, die zusammen mit den Quecksilberkuren, die sie vermeintlich bekämpfen sollen, seine Gesundheit untergraben wird.
Der rake und rogue dieser Zeiten genießt nicht nur ein ausführliches Liebesleben, er ist oft auch in einer merry gang oder band mit anderen rakes verbunden, und stellt allerlei höheren und oft auch sehr niedrigen Unfug an. Überliefert ist zum Beispiel folgende Episode im Kurort Epsom aus dem Frühsommer 1676, an der u.a. Rochester und Etheredge beteiligt sind: Man trinkt und feiert und findet dann Musiker, die man bittet, für sie aufzuspielen. Die Geiger weigern sich und werden zur Strafe von ihnen in Bettlaken immer wieder in die Luft geworfen. Ein Barbier bekommt das mit, kommt hinzu und ihm wird das gleiche angedroht. Er entgeht dem, indem er den Hallodris verspricht, sie zum Haus der schönsten Frau des Ortes zu führen, dem Haus von dem er wußte, daß es das eines Constables war. Der Barbier führt die Hallodris dort hin. Der Konstabler verweigert den Zutritt, als sie sagen, dass sie zu der (versprochenen) Hure wollen.Es war nur des Hilfspolizisten Eheweib daselbst anwesend. Darauf brechen sie die Tür ein, er entkommt und kehrt mit der Wache wieder. Etheredge bietet darauf Frieden an, die Wache verläßt den Ort dieser Heldentaten, und nun bedroht Rochester plötzlich den constable mit seinem Schwert. Der schreit Murder und Downs will seinem Freund die Waffe entwinden. Die Wache kehrt zurück, sieht Downs in Aktion und spaltet ihm den Schädel. Rochester und Etheredge rennen weg und müssen nach einem Haftbefehl des Königs für einige Zeit untertauchen, wohl ohne gleich vom Tod ihres Freundes zu erfahren.
Alle Welt denkt, Rochester sei nach Frankreich geflüchtet, dabei taucht er sofort wieder in London auf, am Tower Hill, als der “berühmte italienische Pathologe Dr. Alexander Bendo” verkleidet: in exotische orientalische Kleidung mit falschem Bart. Er verteilt einen Handzettel, auf dem er sich folgendermaßen anpreist:
An alle Herren, Damen & andere, ob aus London, Stadt oder Land. Alexander Bendo (also: “Wohltäter”) wünscht allen Gesundheit und Wohlstand. Während diese berühmte Metropole von England immer heimgesucht wurde von zahlreichen Leuten, deren arrogantes Selbstbewußtsein den Leuten entweder mit geplanten Betrügereien imponierte oder bestenfalls mit öden und leeren Vorstellungen der Physik, Chemie und Galenik, Astrologie, Physiognomie, Handlesen, Mathematik, Alchemie oder sogar Regierungskunst – letztere schlage ich nicht vor zu besprechen, da sie nicht wie alles übrige zu meiner Berufung gehört, welche, ich danke meinem Gott, ich viel sicherer, ebenso ehrenhaft und darum viel profitabler finde. Dann wendet er sich gegen den (möglichen) Vorwurf, ein Hochstapler zu sein (!): Überlegt ein wenig, was für eine Art von Geschöpf der ist: er behauptet, großes Können mit listigen Mitteln zu verbinden; er zieht viele Menschen an, indem er seltsame Dinge zu vollbringen vorgibt, die gar nicht hinzubekommen sind. Der Politiker, indem er herausfindet, wie beindruckt Leute von wundersamen Unmöglichkeiten sind, spielt dasselbe Spiel – verspricht Dinge, von denen er sicher ist, daß sie nicht funktionieren; die Leute glauben es, sind getäuscht und begeistert. Die Erwartung eines zukünftigen Gutes, das sie nie bekommen können, zieht ihre Augen von gegenwärtigen Übeln ab; so werden sie in Unterdrückung gehalten, er in Größe, Reichtum und Macht. So, seht ihr, ist der Politiker ein Hochstapler in Staatsgeschäften, und der Quacksalber ist ein wandernder Politiker in medizinischen Angelegenheiten.
Diese schöne Darlegung des politischen Berufs samt dem herrlichen Eingeständnis am Schluß, ein Hochstapler zu sein, hindert die Leute nicht, wie Kumpan Thomas Alcock später beschreibt, seine selbsterfundenen Medizinen zu kaufen, während sein medizinischer Ratschlag für alle kostenlos blieb:
einige rührten einen alten kochenden Kessel voll Ruß und Urin, gefärbt mit einem übelriechenden Harz und all den ekelhaften Ingredienzien, die den Geruch noch übler machten, andere fachten das Feuer an, andere machten eine feste Masse aus der Retorte oder Pülverchen...alle angezogen wie die alten Hexen in Macbeth, während der ernste und weise, der höfliche, bescheidene und gerechte Pathologe, der edle Doktor Alexander Bendo, in einem alten übergroßen Gewand, welches er frommerweise in Erinnerung an seinen Meister Rabelais trug, das Gewand, das er schon trug, als er seinen Doktortitel in Montpellier erhielt, durchwoben mit exotischen verschiedenfarbigen Pelzen, samt einer antiken Kappe, einem ehrgebietenden Bart und einer herrlichen falschen Medaille, eingefasst in glitzernden Perlen, Rubinen und Diamanten, die in einer goldartigen Kette aus einer Mischung aus Kupfer und Zink um seinen Hals hing (welche ihm der König von Zypern gegeben hatte wegen seiner Sofortheilung seiner Lieblingstochter Prinzessin Aloephangina, die auf einem Banner abgebildet war, das an seinem Ellbogen hing)...
Alle diese Hallodris sind voller Freude und Lachen bei ihrer Arbeit im öffentlichen “Laboratorium”. Doktor Bendo wird über London hinaus berühmt und für Tage strömen arm und reich, Adel und Kammermädchen zu ihm hin...
Nach zwanzig Jahren puritanischer Bigotterie und Lebensfeindlichkeit agieren diese gebildeten, das Theater, die Musik und bildenden Künste kultivierenden jungen Leute mit unverhohlener Aggression und exzessiver, kalkulierter Provokation gegen die puritanisch-bourgeoisen Verbote. 1663 erscheinen Sir Charles Sedley (Autor vieler Texte, die Purcell vertonte) und Charles, Lord Buckhurst (später Earl of Dorset) nackt auf dem Balkon einer Taverne in Covent Garden, wie Pepys in sein Tagebuch schreibt,
acting all the postures of lust and buggery that could be imagined, and abusing of scripture and, as it were, from whence preaching a mountebank sermon from that pulpit, saying there he hath to sell such a powder as should make all the cunts in town run after him. And that being done, he took a glass of wine and washed his prick in it and then drank it off; and then took another and drunk the king's health.
Das Publikum bewirft sie mit Steinen und natürlich muß die königliche Justiz sie verfolgen, ohne Erfolg: Es gibt damals noch keine Strafe auf öffentliche Indezenz. Buggery ist homosexuelle anale Penetration und symbolisiert hier freie sexuelle Lust; den Wein zu trinken, in dem der Penis gesäubert worden war (womöglich samt Sperma) provoziert den Ekelschrecken des protestantischen Bürgers vor menschlicher Sexualität.
In Charles II. übrigens wie bei vielen seiner Höflinge verkörpert sich Lebenslust auch in anderen Formen körperlichen Auslebens. Der Stuartkönig stand früh morgens auf, lief durch seinen Park und schwamm in der Themse, wie später der Tory Jonathan Swift. Er spielte regelmäßig Tennis, war ein begeisterter Reiter, Falkner (zusammen mit Rochester) und Angler und liebte Segelrennen auf seiner königlichen Jacht (er brachte den Begriff Yacht, Verballhornung des holländischen Jaghtschip, aus seinem Exil nach England).
High life der high society ist intense living, und die intensivsten Lebensäußerungen sind erotischer Natur. Vermutlich wird Defoe in seiner 'Moll Flanders' mit Rochesters “Mistress” diejenige aus seinem Gedicht 'The Platonic Lady' meinen, das eine Übertragung des Petronius-Gedichtes mit der Anfangszeile Foeda est in coitu et brevis voluptas ist:
I could love thee till I die / Wouldst thou love me modestly And ne'er press,whilst I live, / For more than willingly I would give
Which should sufficient be to prove / I'd understand the art of love.
I hate the thing is called enjoyment: / Besides it is a dull employment,
It cuts off all that's life and fire / From that which may be termed desire
Just like the bee whose sting is gone / Converts the owner to a drone.
I love a youth will give me leave / His body in my arms to wreathe;
To press him gently, and to kiss; / To sigh, and look with eyes that wish
For what, if I could once obtain ,/ I would neglect with flat disdain.
I'd give him liberty to toy / and play with me, and count it joy.
Our freedom should be full complete, / And nothing wanting but the feat.
Let's practise, then, and we shall prove / These are the only sweets of love.
Defoes Moll Flanders wird in ihrer Lebensbeichte über ihren Gefängnisaufenthalt folgendes schreiben:
However, I kept myself safe yet, though I began, like my Lord Rochester's mistress, that loved his company, but would not admit him farther, to have the scandal of a whore, without the joy; and upon this score, tired with the place, and indeed with the company too, I began to think of removing.
Die Lady ist natürlich nicht platonisch, wie der skeptische Ironiker im Titel vorgibt, sondern ein Wollüstling: Enjoyment ist der Koitus mit dem Abspritzen des Sperma, the feat, und das lehnt die Dame ab, denn danach schlafft der Mann ab und verliert das Begehren (desire), abgesehen davon ist der schiere Koitus a dull employment. Der Lady dieser Rollenlyrik geht es um möglichst lang andauernde Lust, die nur durch das Nichterfüllen der Begierde möglich ist: sie huldigt dem christlichen Laster der voluptas, sie begeht in diesem Sinne eine schwere Sünde, denn sie entzieht der Geschlechtlichkeit ihre einzige christliche Rechtfertigung, nämlich der Fortpflanzung zu dienen.
Der blödsinnige Terminus „platonische Liebe“ bezeichnet seit der Renaissance den Eros ohne körperlichen Einsatz. In ganz hinterhältiger Weise kann der Ironiker Rochester das Wort aber doch benutzen, denn im Sinne der christlichen Morallehre tut die Lady gut daran, ihm die letzte Gunst, die last favour zu entziehen, the feat. Denn erst the feat ist die vollendete (Un)Tat.
Die „platonische“ ist eine wirkliche „Lady“, ihre Ansprüche sind aristokratisch. Wichtig ist, sie ist in der Rollenlyrik keine Hure, sondern sie wird eher ihren „Jüngling“ beschenken und belohnen. Sie ist der Prototyp der starken Frau des englischen und französischen 17. Jahrhunderts, die seit dem 18. Jahrhundert von Frauenrechtlerinnen und männlichen Gutmenschen gleichermaßen intensiv verteufelt wird.
Rochester liebt das Schauspiel und seine Frau ist eine der gefeiertsten Schauspielerinnen Londons. Dass die ganze Welt eine Bühne sei, ist Shakespeares Entrée ins abendländische Barock, der Abschied von der Renaissance, und am Ende des Barock, in der Restoration-Ära, findet das zweite (und letzte) große Zeitalter englischer Bühnenkunst statt.
Mit Etheridge, Wycherley, Congreve, Aphra Behn und vielen anderen gelangt unter den Stuarts das von den Puritanern verbotene Theater zu neuer Blüte. Theaterfreund (und vor allem auch Komödienfreund) Rochester liebt das Rollenspiel und dazu gehört, dass er sich selbst oft bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, sei es, um sich so unter Freunde zu mischen, auf Mädchenfang zu gehen oder nur die Menschen um sich herum unbeachtet zu beobachten.
Rochesters Gedichte sind wie die seiner antiken Vorbilder Rollengedichte, und bis Anfang des 18. Jahrhunderts gelingt es der Dichtkunst immer wieder, die Geschlechterrolle zu tauschen. In der Frauenrolle bringt Rochester sich aber ungeniert in einem Subtext selbst ein. Diese feine Ironie tritt bereits mit dem Titel auf, und der Petroniuskenner weiß, dass bei diesem heftigste und derbste Fleischeslust thematisiert wird, so wie die platonische Vorkämpferin erotischer sensibility die raffinierteren Gelüste anspricht. Des weiteren thematisiert Rochester hier ja tatsächlich ein Männerproblem, denn Frauen können die Wollust hinauszögern, verlängern und bald wiederholen, der männliche Geschlechtsapparat dagegen verlangt nach Entladung und Entspannung. Auch Rochester wie viele andere kultivierte Liebhaber wollen nichts mehr als das lange Liebesspiel, aber dabei geraten sie leicht in die Gefahr der ejaculatio praecox, und...
...'The Imperfect Enjoyment' ist 'The Disappointment'
Rochesters Unvollendete lautet so (mit meinen Auslassungen von etwa ein Viertel des Textes):
Naked she lay, clasped in my longing arms, / I filled with love, and she all over charms;
Both equally inspired with eager fire, / Melting through kindness, flaming in desire.
With arms, legs, lips close clinging to embrace ,/ She clips me to her breast, and sucks me to her face.
Her nimble tongue, Love's lesser lightning, played / Within my mouth, and to my thoughts conveyed
Swift orders that I should prepare to throw / The all-disolving thunderbolt below.
My fluttering soul, sprung with the pointed kiss ,/ Hangs hovering o'er her balmy brinks of bliss.
But whilst her busy hand would guide that part / Which should convey my soul up to her heart,
In liquid raptures I dissolve all o'er, / Melt into sperm, and spend at every pore.
A touch from any part of her had done't / Her hand, her foot, her very look's a cunt.
Smiling, she chides in a kind murmuring noise ,/ And from her body wipes the clammy joys,
When, with a thousand kisses wandering o'er / My panting bosom, „Is there then no more?“
She cries. „All this to love and rapture's due; / Must we not pay a debt to pleasure too.?“
But I, the most forlorn, lost man alive, / To show my wished obedience vainly strive:
I sigh, alas! And kiss, but cannot swive./ Eager desires confound my first intent,
Succeeding shame does more success prevent, / And rage at last confirms me impotent.
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Thou treacherous, base deserter of my flame, / False to my passion, fatal to my fame,
Through what mistaken magic dost thou prove / So true to lewdness, so untrue to love?
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Like a rude, roaring hector in the streets / Who scuffles, cuffs, and justles all he meets,
'But if his King or country claim his aid, / The rakehell villain shrinks and hides his head;
Ev'n so thy brutal valor is displayed, / Breaks every stew (Bordell), does each small whore invade,
But when great love the onset does command, / Base recreant to thy prince, thou dar'st not stand.
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May'st thou ne'er piss, who didst refuse to spend / When all my joys did on false thee depend.
And may ten thousand abler pricks agree / To do the wronged Corinna right for thee.
Dieses an Ovid und anderen geschulte Gedicht ist sicher eines der schönsten erotischen Gedichte des nachantiken Abendlands, und dies aus vielen Gründen. Selten wird erotische Zweisamkeit so detailgenau beschrieben bis hin zu seiner zurückweichenden Vorhaut und ihrer Hand, die seinen Penis einführen will, -ohne daß im Text eine pornographische Absicht vorliegt. Ich meine damit, dass alles bis auf den vorzeitigen Samenerguß auf ihren Leib als Sinnenlust bejaht wird, während Pornographie den Voyeur mit dem Verbotenen konfrontiert und so erregt.
Mit prick, cunt und sperm wird genau das benannt, was selbst ein Casanova metaphorisch umschreibt, und Rochesters Metaphern sind nicht verschämt oder beschönigend, sondern verstärkend: the all-dissolving thunderbolt below, sein hartes Glied beim Eintritt in die Scheide, ist ja tatsächlich der Donnerschlag, der die Entladung bringen soll, und zwar auch für die Frau.
Ähnlich wie bei erotischer Lyrik des römischen Kaiserreiches fehlt neben der Scham der Ekel, und zwar bei Mann und Frau, und was hätte wohl die frauenbewegte Mary Wollstonecraft über den Mann gesagt, der jede Pore ihrer Haut mit seinem Sperma bedeckt, und den die Frau dann anlächelt, das Sperma abwischt und am Penis des Mannes gleich wieder (wenn auch erfolglos) Hand anlegt.
Was Rochester hier beschreibt, ist ohne den Zustand der Begierde eher abstoßende Körperlichkeit, und wenn die Lust nicht hinreichend vorhanden ist, sind die weiblichen und männlichen Sekrete und das Sperma unappetitlich und stinkend. Er kann das alles beschreiben, weil er den Moment höchster Lust bejaht, in dem wir soweit in Fieberwahn geraten, das wir verzückt sind, wie verzaubert; rapture, phrenzy, ecstasy, felicity werden auch Jane Austen und Wollstonecraft sagen, aber der Gegenstand ihrer Verzückung wird nicht die Fleischeslust sein.
Es gibt selten ein so detailgenau erotisches Gedicht, das zugleich so gefühlvoll ist. Das beginnt mit ansteigender leidenschaftlicher Lust, geht über Betrübtheit, ja Trauer dann zur Wut, um schließlich wieder beim Mitgefühl für die unbefriedigte Frau zu enden. Insbesondere die lange Wutpassage ist wohlgelungen, denn nur in ihr blitzt die ansonsten in dieser Schaffensperiode so wunderbare skeptische Ironie durch, die nach ihm nur noch bei Swift und Pope wiederkehren wird.
Erst macht shame die Hand der Geliebten erfolglos, und dann rage confirms me impotent. Mit dieser Wut schafft er sich mental und seelisch aus seiner Not heraus. Er erinnert sich zunächst daran, was für ein unglaublicher Frauenheld und Mädcheneroberer er war, was gut tut. Zehntausend Mädchen hat er mit Jungfernblut eingefärbt (alle Achtung!), ob weiblische Scheide oder Männerarsch, immer leistete sein gutes Stück gute Dienste (holla!), sogar bei der oyster-cinder-beggar -common whore.
Diese heftigen Wutausbrüche mit den von der Rage motivierten Übertreibungen wirken ganz unmittelbar, als ob wir uns am Ort des Geschehens befinden, das Gedicht ist aber aus größter Distanz kunstvoll komponiert worden. Und diese kunstvolle Form macht uns schmunzeln über die Don-Juan-Pose, in die der Arme sich rettet. Er übertreibt gewaltig, er wird überderb, wenn er behauptet, jeden männlichen Anus in eine Scheide verwandeln zu können.
Und dann wieder, mitten in diesen derb-wüsten Wutausbrüchen und Gockelposen, erscheint folgende Aussage: But when great love the onset does command, / Base recreant to thy prince, thou dar'st not stand. Also: Der derbere Sex ohne große Gefühle bläht seine Schwellkörper auf, die „große Liebe“ lässt sie erschlaffen. Die animalische Erektion bringt das Tier im Mann zum Vorschein (und in der Frau), und der kultivierte und gefühlvolle Mann kriegt Probleme. Zivilisiertheit bringt das Willkürliche und das Unwillkürliche gegeneinander in Stellung, das Gefühl behindert den bloßen Trieb, und was bleibt ist der Trost in der Kunst (?). Unter anderen Vorzeichen wird Rousseau später Saint-Preux nun aber in einer verkehrten Welt schreiben lassen:
alle meine Begierden, die euer Zauber entflammte, erlöschen an der Vollkommenheit eurer Seele (tous les désirs enflammés par vos charmes s'éteignent dans les perfections de votre ame, NH,1-10)
Aus zwei Gründen folgt hier das Parallelgedicht ('The Disappointment') der mit Rochester befreundeten Aphra Behn: Zum einen zeigt der Vergleich die Rochestersche Meisterschaft, zum anderen wird deutlich, daß die erotische Kultur der Restoration-Zeit eine gemeinsame von Männern und Frauen ist, wenn auch mit unterschiedlicher Rollenverteilung, wie Aphra Behn in ihren Texten immer wieder (kritisch) anmerkt.
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In a lone thicket made for love, / Silent as yielding maid's consent,
She with a charming languishment, / Permits his force, yet gently strove;
Her hands his bosom softly meet, / But not to put him back designed,
Rather to draw him on inclined; Whilst he lay trembling at her feet,
Resistance 'tis vain to show; / She wants the power to say – 'Ah! What d'ye do?'
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His burning trembling hand he pressed Upon her swelling snowy breast /While she lay panting in his arms. All her unguarded beauties lie / The spoils and trophies of the enemy.
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He saw how at her length she lay; / He saw her rising bosom bare;
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She does her softest joys dispense, Offering her virgin's innocence / A victim to love's sacred flame;
While the o'er-ravished sheperd lies / Unable to perform the sacrifice.
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Cloris returning from the trance / Which love and soft desire had bred,
Her timorous hand she gently laid / (Or guided by design or chance)
Upon that fabulous Priapas, / That potent god, as poets feign;
But never did young sheperdess, / Gathering of fern upon the plain,
More nimbly draw her fingers back, / Finding beneath the verdant leaves, a snake.
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The nymph's resentment none but I / Can well imagine or condole:
But none can guess Lysander's soul, / But those who swayed his destiny.
His silent griefs swell up to storms, / And not one god his fury spares;
He cursed his birth, his fate, his stars / But more the shepherdesses charms,
Whose soft bewitching influence / Had damned him to the hell of impotence.
Aphra Behn war nur in ihrer Prosa wirklich eigenständig, sie half, den englischen Roman auf jenen Weg zu bringen, auf dem Defoe weiterschreiten wird. Ihre Gedichte und Komödien sind eher konventionell, und obiges Gedicht zeigt das deutlich. Ihre 'Enttäuschung' hat die Form eines konventionellen Schäfergedichts, die Rochester nur noch gelegentlich spielerisch andeutet, und unterscheidet sich von Rochesters persönlicher Rollensprache, die uns den Eindruck unmittelbaren Miterlebens erlaubt; bei Aphra Behn wird ein vorgegebenes Thema in vorgegebener Sprache abgehandelt. Sie gibt zwar vor, das resentment der Schäferin/Nymphe besser als jeder andere nachzuvollziehen, d.h. zu kennen, aber man spürt das aus ihrem übrigen Gedichttext nicht heraus.
Das konventionelle Moment des Gedichtes beginnt mit der Eingangssituation des ersten Verses, in der der junge Schäfer die unschuldige Schäferin überrascht. Der dritte Vers ist ganz der Konvention verpflichtet, in der z.B. auch der junge Goethe Generationen später in Frankfurt „dichten“ wird: Sie droht zu schreien, falls er “mehr” will, nachdem sie ihm mit ihrem Herzen schon ihr Wertvollstes gegeben hat. Sie heizt ihn so bewußt durch Widerstand an, weiß sie doch, daß der junge Mann ein junges Mädchen lieber erobert, als es geschenkt zu bekommen. Es ist dies die frivole Koketterie, die vom Barock zum Rokoko überleitet und die die Feministinnen der Revolutionszeit so sehr abstoßen wird. Neben dem Inhalt ist es aber die Sprache, die im Formelhaften stecken bleibt. So heißt es in der zweiten Hälfte des 5. Verses:
.................where
His daring hand that altar seized,/Where gods of love do sacrifice:
That awful throne, that paradise / Where rage is calmed, and anger pleased,
That fountain where delight still flows, / And gives the universal world repose.
Die Scheide als der Altar, in dem der Mann via Penis opfert, ist eine alte Vorstellung, die das Sperma zur Opfergabe des Mannes via Libation macht; inzwischen ist das bereits eine Stilblüte. Awful heißt hier natürlich noch „Achtung gebietend“, und rage and anger sind die sexuelle Begierde.
Aber wie auch immer, wir haben es hier mit einer Frau zun tun, die relativ ungeniert lustvolle Erotik ohne moralischen Schweinehund benennt. Die Scheide als fountain where delight still flows, zeigt das am ungeniertesten. Still ist natürlich nicht das modernere englische „noch“, sondern die aus dem angelsächsischen stammende Bedeutung, die wir Deutschen immer noch besitzen. In der Scheide fließt alles still und leise, und sie als Quelle im ursprünglichen Wortsinn ist ja der Ort, wo im Moment der Wonne die weiblichen Sexualsekrete hervorquellen, und was abgesehen davon dort fließt, wenn alles gutgeht, wie bei Lysander gerade nicht, ist der Samen.
Tatsächlich gibt es auf Grund der Konventionalität des Gedichts (und es handelt sich um männliche Konventionen) wenig weibliche Handschrift, die erwähnenswert wäre. Es bleibt nur folgende Passage:
Cloris returning from the trance / Which love and soft desire had bred,
Her timorous hand she gently laid / (Or guided by design or chance)
Upon that fabulous Priapas, / That potent god, as poets feign;
But never did young sheperdess, / Gathering of fern upon the plain,
More nimbly draw her fingers back, / Finding beneath the verdant leaves, a snake.
Das ist bitteres weibliches Resentment, gewonnen aus dem Gefühl des Angewiesenseins der Frau auf den männlichen Phallus, der im altgriechischen Gott Priapos verehrt wird, und der immer wieder als großartiger männlicher Geschenkartikel gepriesen wird, aber eben auch versagt. Noch heftiger tritt dieses Ressentiment zu Tage, wo Behn Cloris mit den Fingerchen in der offenbar umfangreichen Schambehaarung von Lysander nach dem Phallus krabbeln läßt, und sie feststellen muß, daß dieser im entspannten Zustand eine Schlange ist, die ihre Hand zurückzucken läßt.
Aber es ist nicht nur Ressentiment, sondern eben auch kunstvoll. Die falsche Schlange ist das Attribut der Äpfelchen-Eva, Aphra Behn gibt sie sozusagen den Männern als schlaffen Pimmel zurück, mit dem sie als Liebhaber eben nichts taugen. Die Lehren des Paradieses werden auf den Kopf gestellt.
Der Rest aristokratischen Lebensgefühls: Leben im Hier und Jetzt
Der nachantike Aristokrat war ursprünglich ein Ritter, ein kriegerischer Mann zu Pferd, dessen Freiheit zum einen in Verfügung über Land und die, die es bebauen, und zum anderen in einem hierarchischen Geflecht persönlicher Beziehungen bestand. Seine Tugendvorstellungen rankten sich um Mut, Ehre und Treue, Werte, die seine Tauglichkeit ausdrückten.
In England hatten bereits die Tudors die aristokratischen Freiheiten eingeschränkt: Die ländliche Gentry wird auf lokalen Einfluss und parlamentarische Repräsentanz verwiesen. Unmittelbaren Einfluß hat nur noch der Hofadel, der jetzt aber von der Gunst des Monarchen abhängt.
Mit dem Verbot des Duells durch den restaurierten Charles II. wird dem Hofadel auch sein Ehrbegriff genommen, - darf er seine “Ehre” jetzt doch nicht mehr selbst verteidigen. Auch Rochester, der “große Satyr” und persönliche Freund des Königs muß wegen eines Duelles einige Zeit im Tower verbringen. Richardsons Lovelace wird aller Verbote zum Trotz im Duell sterben.
In Frankreich schafft es die Monarchie unter Henri Quatre, dem Großvater Charles II., dem Paris eine Messe wert ist, ihre Ansprüche gegen den Hochadel zu formulieren. Dieser begehrt im Interregnum zwischen dem dreizehnten und vierzehnten Ludwig in den Frondekriegen noch einmal auf, die das französische Exil des Stuartkönigs überschatten und im Sieg von Mazarin über den Prinzen von Condé enden.
Die erfreuliche Seite des monarchischen Autoritarismus ist die vorübergehende Herstellung von innerem Frieden, dessen Haltbarkeit aber bis heute brüchig beibt. Die bittere Seite dieses Nationalismus ist die Herstellung eines Untertanenverbandes moderner, totalitärer Prägung; mit der schrittweisen Vernichtung aristokratischer Freiheiten verschwinden zunehmend auch alle anderen und gehen schließlich unter in jener Schimäre (staats)bürgerlicher “Freiheit”, in der jedes Recht zu einem staatlichen Gnadenakt wird: Der moderne Staat konstituiert sich prinzipiell auf der Annahme bisheriger völliger Rechtlosigkeit aller Bürger: Er erklärt willkürlich und unter Mißachtung aller tradierten Rechte, was er für Rechte derer hält, die wehrlos unter seiner drakonischen Knute gefangen sind. Traven und Kafka werden die letzten sein, die schriftstellerisch dagegen aufbegehren, der eine aus Freiheitsliebe, der andere aus schwärzestem Unglück.
Als Charles II. 1646 zusammen mit Jugendfreund Buckingham im Exil in Paris ist, wird Thomas Hobbes, damals schon ein älterer Herr, für einige Zeit ihr Mathematiklehrer und scheint sie mit seinen Gedanken beeinflußt zu haben, ähnlich wie später auch unseren Poeten Rochester. Während des Commonwealth wird Hobbes aus Gründen der Selbsterhaltung den Mitläufer spielen, aber Charles holt ihn desungeachtet nach der Restoration an seinen Hof und zahlt ihm eine Pension. Das Parlament, bald wieder in Händel mit der Krone verstrickt, wird ihn wiederholt als Blasphemiker angreifen und seine Schrift 'Leviathan' zur Begründung heranziehen. Hobbes muß sein Gnadenbrot dank parlamentarischer Unduldsamkeit mit Stillschweigen erkaufen.
Der Leviathan war ein ungeheures mythisches Seeungeheuer, und nach ihm benennt Hobbes den “Souverän”, an den die Menschen eines Landes in einem “Gesellschaftsvertrag” die Rechte abtreten müssen, die ihre Freiheit beinhaltet hatten. In letzter Instanz formuliert er – hier nicht ganz anders als später Rousseau – diese Freiheit als den ursprünglichen Naturzustand des Menschen. Im Gegensatz zu Rousseau (aber genauso unhistorisch) ist für ihn dieser Naturzustand der viehischer Barbarei, der des homo homini lupus. Der Leviathan entpuppt sich idealiter als absoluter Fürst, der die Menschen bändigt, zähmt.
Während Rousseau später vom Genfer Calvinismus und den Heldenlegenden Plutarchs getrieben werden wird, bewegt sich Hobbes auf den Spuren einer anderen, skeptischeren Tradition, wie sie die Texte eines Heraklit und eines Lukrez verkörpern. Gott taucht hier allenfalls noch als Weltenschöpfer auf, der aber nicht mehr präsent und daher vernachlässigbar ist. Diese Welt ist beständig im Fluß und wirklich ist nur der Augenblick, der durch die Sinne und den Verstand wahrgenommen wird und in dem das Begehren und die Leidenschaften stattfinden. Die Vergangenheit verschwindet im Wankelmut der Erinnerung und die Zukunft ist unbekannt. Der durchgängige Beweggrund menschlicher Existenz ist die Furcht, und sie treibt die Menschen zur Selbsterhaltung und zum Vergnügen. Die menschliche Seele lebt wie die griechische Psyche nur in Verbindung mit dem Leib; der Tod ist das wahrnehmbare Ende des Menschen und treibt ihn deshalb zum Lebensgenuß.
In der kunstvollen Einfachheit von 'Against Constancy', eines liedhaften Gedichtes wehrt sich unser Rochester gegen alle Prätensionen eines christlichen Barock, gegen das, was er für hypocrisy, Vorgeblichkeit hält:
Tell me no more of constancy, / The frivolous pretense / Of cold age, narrow jealousy, / Disease, and want of sense.
Let duller fools on whom kind chance / Some easy heart has thrown, / Since they no higher can advance, / Be kind to one alone.
Old men and weak, whose idle flame / Their own defects discovers, / Since changing does but spread their shame, / Ought to be constant lovers.
But we, whose hearts do justly swell / With no vain-glorious pride, / Knowing how we in love excel, / Long to be often tried.
Then bring my bath, and strew my bed, / As each kind night returns. / I'll change a mistress till I'm dead, / And fate change me to worms.
Dies gelegentlich als anakreontisch bezeichnete Lebensgefühl von Wein, Weib und Gesang, in dem sich Lebendigkeit erfüllt, die sich nur aus sich selbst begründet, legitim und illegal, ist das, was dem Hofmann der Restoration, dem courtier und seiner courtizane, von seinem aristokratischen Erbe geblieben ist. Als Gentleman of the Royal Bedchamber dient der Hofmann ganz intim seinem Herrn und König, als mutiger Ofizier der Royal Navy dient er nicht weniger, Herr ist er nur noch in seiner sich hedonistisch gebärdenden (Lebens)Lust.
Dem moralisierenden Bourgeois, dem neuen Menschen, fehlt es an Sense, d.h. an Verstand und Sinnlichkeit, und er ersetzt beides durch Vernünfteln. In seinem vielleicht bedeutendsten Gedicht, 'A Satyr against Reason and Mankind', setzt er den freien Geist (free spirit) gegen das eitle Tier, daß so stolz ist, vernünftig zu sein (so proud to be rational), weil seine Sinne so stumpf sind (senses too gross).
Reason, an ignis fatuus of the mind, / Which leaving light of nature, - sense, behind, / Pathless and dangerous wand'ring ways it takes, / Through Error's fenny bogs and thorny brakes.
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His wisdom did his happiness detroy, Aiming to know that world he should enjoy.
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But thoughts are given for action's government; / Where action ceases, thought's impertinent: / Our sphere of action is life's happiness, / And he that thinks beyond thinks like an ass.
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Thus, while against false reasoning I inveigh, / I own right, reason which I would obey: / That reason which distinguishes by sense / And gives us rules and ill from thence; / That bounds desires with a reforming will, / To keep'em more in vigour, not to kill.
Dies sind kurze Ausschnitte aus einem der schönsten nachantiken Gedichte des Abendlandes und es ist zugleich ein Abschied: Defoe erwähnt Rochester noch einmal wenige Jahrzehnte nach dessen Tod, und gesteht ihm zu, ein großartiger Lyriker zu sein, bloß leider zu unmoralisch:
Dorset and Rochester and those superior poets who, as they conceived lewdly, so they wrote in plain English, and took no care to cover up the worst of their thoughts in clean linen; which scandalous custom has assisted to bury the best performances of that age...They are not fit to be read by people whose religion and modesty have not quite forsaken them; and which, had those grosser parts been left out, would justly have passed for the most polite poetry that the world ever saw.
Religion und Prüderie werden im 18. Jahrhundert daran hindern, große abendländische Werke noch wahrnehmen zu können: Shakespeare erscheint jetzt vorwiegend in zensierten, entstellten Textausgaben, Rochester wird unterschlagen, Ovid verketzert, auf Renaissance-Gemälde werden Feigenblätter aufgemalt und die griechische Antike wird von Winckelmann über Schiller und Goethe bis Hölderlin mit soviel klassizistischem Firnis überzogen, bis von ihr nichts mehr übrigbleibt als das Flachbild der Schulbücher des 19. Jahrhunderts.
Rochester wird weggeschlossen, bis ihn Graham Greene mit jugendlichem Mut Mitte des 20 Jahrhunderts in einem 'Times'-Artikel wieder zum Vorschein bringt.
In einer 'Addition' zum Gedicht sagt Rochester:
All this with indignation have I hurled / At the pretending part of the proud world, Who, swollen with selfish vanity, devise / False freedoms, holy cheats, and formal lies, Over their fellow-slaves to tyrannise.
Eine englische Querelle des Anciens et des Modernes
Am Hofe Charles II. bekennen sich Höflinge wie Buckingham, Etheridge, Rochester und andere ganz offen zu ihren Theaterstücken, deren Aufführungen auch der König genießt. Diese Höflinge schreiben aber, wie schon der dritte Earl of Oxford, nicht für Geld, sondern für ihr “Vergnügen”. Dryden, dessen Patronage Rochester betreibt, für den er sich auch dahingehend verwendet, dass er 1668 poet laureate (königlicher Hofautor) wird, ist als bürgerlicher Autor aus einfachen Verhältnissen dagegen darauf angewiesen, mit seinen Theaterstücken Geld zu verdienen.
Mit Gedichten, bis in den Barock hinein als eine höhere Kunstform angesehen, steht es anders. Die Sonnette eines Shakespeare, wer immer das auch ist, sind nur für den engsten Freundeskreis bestimmt, und manche Stellen darin sind bis heute für Außenstehende nur schwer verständlich. Erst nach dem Tod des womöglich höfischen Autors werden sie in Buchform einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht; allerdings ohne daß sich jemals eine solche ernstlich für sie interessieren wird.
Der zweite Earl of Rochester schreibt ebenfalls nie für eine anonyme Öffentlichkeit, sondern immer nur für seine Freunde. Nach seinem Tod erklärt sein Freund Robert Wolseley:
My Lord Rochester entwarf seine Lieder nicht, damit sie als Hymnen in der königlichen Kapelle gesungen werden, genauso wenig wie er seine anderen obszönen Schriften für die Kabinette von Damen oder die Studierzimmer von Geistlichen produzierte, oder für irgendeine öffentliche oder allgemein zugängliche Unterhaltung, sondern für das private Vergnügen der happy few whom he used to charm with his company and honour with his friendship.(* nach Goldsworthy, The Satyr,p.48f).
In der privaten Öffentlichkeit des Hofes kann Charles II. die vielen Spottgedichte Rochesters auf ihn ertragen oder sogar goutieren, wie etwa den Vierzeiler: We have a pretty, witty king / Whose words no man relies on: / He never said a foolish thing, / And never did a wise one.
In der Sache heftiger ist folgendes Spottgedicht Rochesters auf Charles' geringe Neigung, Kriege zu führen (zur Empörung der Whig-Partei, die sich mit Wilhelm (von Oranien) in einen gigantischen Landkrieg gegen Frankreich stürzen wird): Bella fugis, Bellas sequeris, Belloque repugnas, / Et Bellatori sunt tibi Bella Tori. / Imbelles imbellis amas; audaxque videris / Mars ad opus Veneris, Martis ad arma Venus. (Du fliehst die Kriege, verfolgst die Schönen, weist den Krieg von dir, / deine Schlachtfelder sind die Betten der Schönen. / Du bist kriegsuntüchtig und liebst die (Schönen) die keinen Widerstand leisten; du betrachtest / Mars als kühn, wenn er sich an Venus heranmacht, und Venus als kühn in den Armen des Mars).
Es versteht sich von selbst, daß Charles II. solchen Spott gutgelaunt auch als Lob betrachten konnte. Anders wäre es, wenn solche Gedichte ähnlich wie auch Liebesgedichte an konkrete Damen, Gegnern der Betroffenen in Buchform in die Hände gefallen wären.
Um 1775 beginnt dann der Streit zwischen Dryden und Rochester. Ersterer war inzwischen der Protegée von Mulgrave, einem persönlichen Gegner von Rochester geworden und Rochester, der Drydens bessere (zukünftige) Werke noch nicht kennt, beginnt ihn als Lohnschreiber und Speichellecker zu verachten. Dryden war im Commonwealth wohlfeiler Lobhudler von Cromwell gewesen und hatte 1660 die Seiten gewechselt, um Lobgedichte auf Charles II. zu schreiben. Um eine Stelle an einer Universität zu erhalten, studiert er dann für einen geistlichen Job bei der anglikanischen Kirche. Als der katholische James König wird, wechselt er zum Katholizismus, um sich dann 1688 beim Amtsantritt des calvinistisch-protestantischen Wilhelm entgültig düpiert zu fühlen und seine Poet Laureate Stelle an Shadwell zu verlieren.
Um sich Rochesters Protektion zu erhalten, kann er sich Ende der 60er Jahre nicht genug tun mit Lobeshymnen auf seinen Maecenas. Er versucht zugleich mit Texten voll derber Flüche und Obszönitäten Zugang zum Kreis der Court Wits und der Merry Gang zu erhalten, was ihm aber nicht gelingt. Darauf fängt er an, die höfischen Amateure (Liebhaber) der Poesie verächtlich zu machen, ist er doch ein professioneller Autor. Damit zieht er die Abneigung von Leuten wie Savile, Sedley (Dorset) und Wilmot (Rochester) auf sich, für die die Künste höchstes Vergnügen und nicht Gelderwerb sind. Rochester verachtet die Prätentionen des protestantisch-bürgerlichen “Klassenbewußtseins”, dessen zerstörerische Kraft noch im heutigen England wirkt, wo die Feststellung, ob jemand lower, middle oder upper middle class ist, immer noch eine große Rolle spielt. Für den konszienten Underling Dryden spielt das alles eine Ressentiment-geladene Rolle. 1774 nimmt Rochester in 'Timon' Dryden (und andere) noch freundlich auf die Schippe:
Mine host, who had said nothing in an hour, / Rose up and praised The Indian Emperor. / 'As if our old world modestly withdrew, /And here in private had brought forth a new.' / There are two lines! Who but he durst presume / To make the old world a withdrawing room, / Whereof another world she's brought to bed! / What a brave midwife is a laureate's head.
Das Stück ist von Dryden, der Zweizeiler im Original aus diesem Stück. Aus dem Drawing Room, für dessen Privatheit die höfische Literatur bestimmt ist, wird der Withdrawing Room, aus dem Dryden sich in eine anonyme Öffentlichkeit zurückzieht. Die alte Welt, das Abendland und seine bald verfallende Zivilisation wird ersetzt durch die neue Welt, in der die Handlung des Stückes spielt, und durch die neue Welt eines ungebildeten aber gefälligen Massenpublikums.
1675 widmet Dryden sein Stück 'Aurengzebe', diesmal über einen indischen Moghulkönig à la mode, Mulgrave und wirft den Amateur-Autoren vor, vor den Profis zu katzbuckeln, weil sie ihnen hoffnungslos unterlegen seien. Sie stehlen ganze Textpasagen von ihnen, wenn diese abwesend sind; in ihrer Anwesenheit zitieren sie diese liebedienerisch.
Das stellt zwar die Realität auf den Kopf, repräsentiert aber zugleich die zukünftig siegreiche Partei. Die Lohnschreiber für ein anonymes zahlendes Publikum werden die erfolgreichen Autoren des 18. Jahrhunderts.
Rochester schlägt zurück in Passagen seines großen Poetik-Gedichtes, 'An Allusion to Horace' in Anlehnung an die zehnte Satire aus dessen erstem Buch, dem einzigen Werk, von dem sich feststellen läßt, daß es literarische Auswirkungen hatte, nämlich auf Pope's großes Poetik-Gedicht. Alexander Pope wird Drydens Formvollendung den freieren Formen seines Gegenspielers vorziehen, aber von dessen inhaltlichen Aussagen beeindruckt sein.
Zunächst zeigt Rochester, daß er durchaus im Unterschied zu Dryden eines differenzierten Urteils fähig ist:
Well sir, 'tis granted I said Drydens rhymes / Were stolen, unequal, nay dull many times: / What foolish patron is there found of his / So blindly partial to deny me this? But that his plays, embroidered up and down / With wit and learning justly pleased the Town / In the same paper I as freely own: / Yet having this allowed, the heavy mass / That stuffs up his loose volumes must not pass.
Dann geht er zum Frontalangriff auf einen Autor los, der bloße Obszönität und Boshaftigkeit um ihrer elbst willen schon für geistreich hält:
Dryden in vain tried this nice style of wit, / For he, to be a tearing blade thought fit; / But when he would be sharp, he still was blunt, / To frisk his frolic fancy, he'd cry 'cunt'; / Would give the ladies a dry bawdy bob, / And thus he got the name of Poet Squab.
Das heißt: Seine Art Ausgelassenheit und Herumtollen beschränkt sich darauf, die weibliche Scheide bei ihrem Namen zu rufen. Das aber gibt den Damen einen trockenen Orgasmus, ohne das Abspritzen des Samens, ohne Lust und ihm den Spitznamen Dichter Streithammel. Der Whig-Poet Shadwell wird ihn dafür von der anderen Seite abstrafen:
He huffs and struts, and cocks an hundred ways, / And damns the Whigs 'cause they did damn his plays. / So raging once 'twas thought himself had stabbed / 'Cause Rochester baptised him 'Poet Squab'.
Den Kern der Drydenkritik schreibt Rochester aber in die folgenden Zeilen seiner Horaz-Paraphrase:
To write what may securely stand the test / Of being well read over thrice at least, / Compare each phrase, examine every line, / Weigh every word, and every thought refine; / Scorn all applause the vile rout can bestow / And be content to please those few who know.
1778 schlägt Dryden noch einmal in geistreicher, wenn auch zugleich böser Form zurück:
Ich denke, daß es in keinster Weise an mir ist, mit Ihrer Lordschaft zu konkurrieren, die besser über das niedrigste Thema schreiben kann als ich über das beste.
Der Lohnschreiber schlägt mit verdeckter bürgerlicher Moral zurück, aber talentiert kombiniert mit höfisch kultivierter Rhetorik.Ein Jahr später ist sein (politisch nicht unbegabter) Mäzen Mulgrave mit einem 'Essay on Satire' an der Reihe:
Rochester I despise for his mere want of wit, / Though thought to have a tail and cloven feet, / For while he mischief means to all mankind, / Himself the ill effects does find.
Das ist unübersehbar weit unter dem Niveau der beiden Kontrahenten. Das unterstützt jene Tradition, die den männlichen Wit und Rake Rochester von einem sympathischen Satansbraten zu einem veritablen Satan macht. Wann immer sich Dryden selbst nach dem Tod seines Kontrahenten an ihn erinnert, erwähnt er ihn im Unterschied zu Mulgrave mit freundlichen Worten: Der Sieg des protestantischen Bürgertums mit der “Glorreichen Revolution” mochte ihn wie auch Samuel Pepys und viele andere sehnsüchtig an bessere Zeiten zurückdenken lassen.
Satire, Ironie und Provokation
Das Moment der Lebenslust ist in den besseren Gedichten Rochesters ganz barock immer durchsetzt von einem Element des Bitteren, Grantigen und Galligen. In den folgenden Jahrhunderten bürgerlicher Welt wird er so auf doppelte Weise immer wieder als der aristokratische katholisch-heidnische Satan auftreten können. Auf der Höhe dessen, was ziemlich ungenau als “Viktorianismus” bezeichnet wird, kann so Edmund Gosse 1873 schreiben:
So sullen was his humour, so cruel his pursuit of sensual pleasure, that this figure seems to pass through the social history of his time, like that of a veritable Devil. (* Goldsworthy, The Satyr, p.66).
Ein Gedicht aus seinen späteren Jahren gehört hier hin, weil es mit seiner Galligkeit besonders herausfällt:
By all love's soft, yet mighty powers, / It is a thing unfit
That men should fuck in time of flowers, / Or when the smock's beshit.
Fair nasty nymph, be clean and kind, / And all my joys restore
By using paper still behind / And spunges for before.
My spotless flames can ne'er decay / If after every close,
My smoking prick escape the fray / Without a bloody nose.
If thou wouldst have me true, be wise / And take to cleanly sinning;
None but fresh lovers' pricks can rise / At Phyllis in foul linen.
Die „Blumen“ sind das Menstruationsblut und die „blutige Nase“ ist unappetitlich, wenn er sie sich nicht bei einer Jungfrau geholt hat, sondern bei einer Menstruierenden. Die “Nase” wird noch in Sternes 'Tristram Shandy' den Penis meinen.
Die Provokation besteht in der Erwähnung von Scheiße am Hintern und Monatsblut in der Scheide. Nur Hartgesottene äußern sich dazu in Gedichtform und mehr als nur andeutungsweise. Jonathan Swift wird ähnlich derb schreiben, aber mit der Erziehungsarbeit von Addison und Steele und dem neuen Feingefühl werden das tabuisierte Pfui-Regionen, mit allen Annehmlichkeiten des Tabus für Hartgesottene und allem Neurosenpotential für Sensible.
Die Ironie ist bitter und bezieht sich auf seine nachlassende Potenz: None but fresh lovers' pricks can rise /At Phyllis in foul linen. Das ironische Moment entfaltet sich hier nicht in dem Zusammenbringen verschiedener Ebenen in eine Gedichtstruktur, wie in einigen seiner Meistergedichten, sondern darin, dass er sich komplementär ausdrückt und so nur mittelbar das sagt, was er sagen will – und die nachlassende Potenz kann für Männer schon etwas sein, was besser mit Ironie behandelt wird.
Das satirische Element erwächst aus einer formalen Ironie: Der Derbheit der Aussagen steht die extreme Regelmäßigkeit der Verse mit ihren perfekten Kreuzreimen, ihren vierzeiligen Strophen, der ehern-schlichten Rhythmik und dem mock-pathetischen apodiktischen Stil, der den mock-heroic style des Augustan Age ein Stück weit vorwegnimmt: It is a thing unfit....etc. Jane Austen wird sowas mit ihrem it is a truth universally ... als Anfang von 'Pride and Prejudice' ironisch wieder aufnehmen.
Der einzige schwächere Reim verbindet cleanly sinning mit foul linen. Es mag sein, daß ihm hier nichts besseres eingefallen ist, aber das satirische Moment könnte ja auch hier aus ironischem Sprachspiel hervorgehen, welches Satire aus völliger Überdrehtheit gewinnt, denn hier kommt zum Kreuzreim noch eine Überkreuz-Aussage : Der christlich-abendländische Haushalt schreibt schließlich die Kombination von reinem plus Leinen(bett) und andererseits von schmutziger plus Sünde vor. Er hingegen verlangt sauberes Sündigen im reinlichen Sündenpfuhl und unterlässt es darauf einzugehen, wie das Leinen wohl nachher aussieht.
Bei Rochester ist bereits zu beobachten, daß der “alte Mensch” sich zunehmend nur noch in Opposition zum “neuen” formulieren kann. Die Kultur der Rakes, der Hallodris, demonstrativen Rabauken und ausschweifenden Lustkerle opponiert zunehmend nur mehr gegen das bürgerliche Ideal. Im letzten Nachfahren dieser Gattung Mann, dem wilden Lord Byron, scheitert dieses Modell der Rebellion daran, daß ihm die Substanz abhanden kommt. Der Regency-Dandy als Verseschmied langweilt sich schnell mit Frauen, die hinter romantischer Pose ganz bürgerliche Absichten haben und flüchtet immer wieder zu Frauen, deren Interessen ihn nicht belasten, ihn aber auch nicht tangieren. Je größer sein Erfolg als Dichter und Darsteller, den er zunächst sucht, desto mehr will er ein Leben, das mehr seelische Tragkraft hat. Da er aus sich heraus keins entwickeln kann, überläßt er sich der seit fünfzig Jahren bewährten Rolle des Freiheitshelden, und das im vollen Bewußtsein von deren hohler Attitüdenhaftigkeit. Letztere genügt aber dann, um die “hellenische Freiheit” zu einem weltweiten Markenzeichen zu machen.
Zum Schluß noch ein Rochestergedicht, geschrieben nicht lange vor seinem Ende, ohne das, was heutige schwache Seelen so irritiert, und eine Ermunterung für alle, mehr von ihm zu lesen . Es handelt sich um eine Paraphrase des Chores des zweiten Aktes von Senecas 'Troades':
After death nothing is, and nothing, death, / The utmost limit of a gasp of breath. / Let the ambitious zealot lay aside / His hopes of heaven, whose faith is but a pride; / Let slavish souls lay by their fear, / Nor can be concerned which way nor where / After this life they shall be hurled.
Dead we become the lumber of the world, / And to that mass of matter shall be swept / Where things destroyed with things unborn are kept. / Devouring time swallow us whole; / Impartial death confounds body and soul. / For Hell and the foul fiend that rules / God's everlasting fiery jails / (Devised by rogues, dreaded by fools). / With his grim, grisly dog that keeps the door, / Are senseless stories, idle tales, / Dreams, whimseys and no more.