KIRCHE  12. JH. BIS 1250)  (Anmerkungen unter Anm4) (derzeit in Arbeit)

 

 

Ergebnisse der Reformen

Kirche und Geschäft

Glauben und Unglauben

Ketzer, Häretiker

Zisterzienser

Bettelorden

Weltliche Kritik

 

 

 

Ergebnisse der Reformen

 

Die Kirchenreform handelte einmal von der Position des Papstes in der Kirche und dann gegenüber der weltlichen Macht, zum anderen von einer Reform der Geistlichkeit im allgemeinen.   

 

Stellung des Papstes

Mit der Kirchenreform wandelt sich die frühere mittelalterliche, in weltliche Mächte eingebundene Episkopalkirche zur nunmehr autonomen Papstkirche, in welcher der Bischof von Rom als Papst wenigstens de iure wie ein fast unumschränkter Machthaber als Monarch über seine klerikalen Amtsinhaber herrscht, um dann 1095 in Clermont sogar als Führer auch der weltlichen lateinischen Christenheit auftreten zu können.

Gewählt vom neuartigen Kardinalskollegium wird er zugleich immer mehr weltlicher Fürst in seinem Staat, so wie bald die deutschen Erzbischöfe in ihren Fürstentümern nördlich der Alpen.

Er wird zu einem mit Fürsten, Königen und Kaisern konkurrierenden Herrscher über ein italienisches Staatswesen, das Päpste aus der Abhängigkeit von kaiserlichen und normannischen Schutzmächten lösen soll und doch im Konzert der immer mächtiger auftretenden Reiche nicht anders kann, als sich an eine Macht anzulehnen. Diese ist dann das immer mehr in Konkurrenz zu Deutschland auftretende französische Königtum. In den Allianzen mit ihm und den in Italien sich entwickelnden Mächten schwinden die Ergebnisse der Kirchenreform insofern hin, als es zu einer weiteren massiven Verweltlichung der Kirche kommt, die ihre spirituelle Glaubwürdigkeit immer mehr schmälern wird. Auch dadurch wird es zu jenen Wellen von Häresien kommen, die nun zum Teil ganz aus der Kirche ausscheren.

 

1130 zeigt sich zudem, in welchem Maße römische Adelsfraktionen weiterhin Einfluss auf das Papsttum haben können. Im Februar wird nach dem Tod von Honorius handstreichartig Gregor von Sant-Angelo als Innozenz II. mit Unterstützung der Frangipani inthronisiert. Zwei Kardinale mehr stimmen fast gleichzeitig für den Pierleoni Pietro als Anaklet II. Innozenz hat die spanische und französische Unterstützung sowie die von Bernhard von Clairvaux und der neuen Orden.

 

Kirche und weltliche Macht

Mit dem sogenannten Wormser Konkordat und den  Formelkompromissen für Frankreich und England ändert sich nicht, dass das Episkopat weiter in die königliche Machtpolitik eingebunden bleibt und oft auch Könige sich ihre Bischöfe weiter aussuchen, gelegentlich im Einvernehmen mit päpstlicher Machtpolitik. 

Die große Kirchenreform übersteht das französische Königtum relativ ungeschoren, nutzt davon das wenige, das es gebrauchen kann und kontrolliert die Kirche des Reiches in dem Maße, in dem es dieses erweitert. Im Bund mit dem Papst werden die Katharer vernichtet und Südgallien so einverleibt und in weltlicher wie kirchlicher Hinsicht unter königliche Kontrolle gebracht.

 

Äbte und (Erz)Bischöfe werden in die Regierungsarbeit integriert. Wird den hohen Prälaten im entstehenden Frankreich auch nicht fürstliche Macht wie in deutschen Landen zugestanden, so bemühen sie sich doch um fürstliche Lebensformen. Und in England sind Bischöfe weiter große Barone mit entsprechender weltlicher Macht. Dabei lässt sich bereits im 12. Jahrhundert von dem Weg in eine Art Ausprägung von "National"kirchen sprechen, mit ihren jeweiligen Besonderheiten und ihren Verwicklungen in das weltliche Machtgeschehen.

 

Die zersplitternden deutschen Lande geraten machtpolitisch an den Rand des Geschehens, während die Städte in ihnen zu wirtschaftlicher Bedeutung aufsteigen. Wichtige Mächte im europäischen Kontext werden nun England, Frankreich und das Normannenreich in Sizilien und Süditalien, in denen Könige versuchen, "ihre" Kirche für ihre Zwecke einzuspannen, was immer wieder auch wie in England zu Machtkonflikten führt.

 

Die klarsichtigste Kritik von Seiten der Kirchenreformer fomuliert der bayrische Regularkanoniker Gerhoch von Reichersberg. Peter Classen fasst seine diesbezügliche Position so zusammen: "Die Regalien der Kirche binden die Geistlichen, besonders die Bischöfe, an die Welt und hindern sie an den spirituellen Aufgaben; die Bindung der Kirche an die Welt kommt vor allem im hominium zum Ausdruck. Mit der Preisgabe der Investitur durch Heinrich V. hat die Kirche in Worms nur die halbe Freiheit gewonnen; denn (...) Bischöfe, Äbte, Äbtissinnen werden nach der Wahl gezwungen, an den Königshof zu kommen, um Regalien zu empfangen, wofür sie hominium und Fidelitätseid zu leisten haben."  (nach 'De aedificio Dei', in: Investiturstreit, S.428)

Die Verpflichtungen, die geistliche Herren so gegenüber dem König eingehen, können sie nur leisten, wenn sie selbst stärker Lehnsherren werden. Damit gelangen sie zu einem fürstlichen Leben statt einem in christlicher Armut und müssen Kirchengut an Krieger ausgeben, anstatt dem Frieden zu dienen.

 

Mit dem Teil-Verlust ihrer quasi-sakralen Stellung verlieren die Kaiser die enge Verbundenheit mit dem Papsttum, welches in dem aufstrebenden französischen Königtum neue Verbündete findet. In den Kämpfen um die italienischen Einkünfte entwickelt sich zwischen Staufern und mit norditalienischen Städten verbündeten Päpsten ein erbitterter Machtkampf, in dem die letzten Staufer untergehen werden.

Unter Friedrich I. ("Barbarossa") nimmt das Unheil seinen Lauf im Zuge seiner vielen kriegerischen Versuche, wenigstens Norditalien gewinnbringend unter seine Kontrolle zu bringen. 1159 kommt es zur Doppelwahl von Alexander III. und Victor IV. Das gespaltene Kardinalskollegium wählt sowohl den normannenfreundlichen Alexander III., der Barbarossa schon durch Überbringung des Hadriansbriefes nach Besancon negativ aufgefallen war, wie auch Viktor IV. Letzterer wird fast ohne Teilnahme von Kardinälen gewählt und soll von Geldern Ottos von Wittelsbach profitiert haben. Er wird daher nur von der stauferfreundlichen Partei anerkannt.

 

Beide Päpste beginnen sofort damit, Bischöfe zu weihen, was die Kirchenspaltung vor allem in die deutschen Lande hineinträgt. In Bayern zum Beispiel stellt sich das Erzbistum Salzburg, in der Fläche fast identisch mit dem Herzogtum, hinter Alexander. Die englischen und französischen Könige entscheiden sich ebenfalls für ihn, während der Kaiser auf Victor setzt. 1161 wird die Lage für Alexander in Rom so bedrohlich, dass er nach Frankreich flüchtet, von wo er erst 1165 wieder zurückkehren kann. 1164 stirbt Papst Victor in Lucca, wohin Rainald von Dassel eilt, um dort mit den stauferfreundlichen Kardinälen, Prälaten und dem Stadtpräfekten von Rom Paschalis III. zum neuen (Gegen)Papst küren zu lassen.

 

Kurz darauf kommt es zum Konflikt um die Konstitutionen von Clarendon und das Schicksal Thomas Beckets. Henry II. sucht mit der Heirat seiner Tochter Mathilde mit dem Welfen Heinrich und einer weiteren mit Friedrich von Schwaben Verbündete zu finden. Dennoch wendet sich der Staufer nach der Ermordung von Thomas Becket 1170 vom Engländer ab und dem französischen König zu. Die welfische Verbindung zu England bleibt aber bestehen.

 

Auf dem vierten Kriegszug des Kaisers gegen Italien findet die Unterwerfungs- und Verwüstungspolitik gegen die norditalienischen Städte in der Lega Lombarda ihren mehr als gleichwertigen Gegner im Bund mit Papst Alexander. Dennoch zieht Friedrich weiter nach dem von einem kaiserlichen Heer belagerten Rom, greift die Engelsburg, St.Peter und eine weitere Kirche an, die verbrennt, worauf Alexander III. nach Benevent flieht. Als dann eine verheerende Seuche ausbricht, muss das Heer nach Norden fliehen.

 

Nachdem Kaiser Heinrich VI. immer mehr als Feind der Kirche angesehen wird, tritt mit Innozenz III. (Lothar von Segni, 1198-1216) ein neuartiger Papst auf. Er wird in Paris theologische und in Bologna juristische Schulung erfahren. Sein frühes päpstliches Augenmerk richtet er auf die schon von Gregor VII. u.a. im 'Dictatus Papae' formulierte universale Kirchenherrschaft und ihren Wahrheitsanspruch. Nach seiner Wahl 1198 erklärt er über den Status des Papstes:

Er stehe zwischen Gott und Mensch in der Mitte: unter Gott, doch über den Menschen, geringer als Gott, doch größer als ein Mensch. Er richtet alle und wird von keinem gerichtet. (in: Dinzelbacher, S.144)

 

Er ist sozusagen als Halbgott eine Art Diktator. Beim 4. Laterankonzil wird eine Beichte pro Jahr zur Christenpflicht erklärt und damit die individuelle Gewissenserforschung betont. Die Ketzerverfolgung soll intensiviert werden. Innozenz drängt zur Rückgewinnung der "Heiligen Stätten" auf einen vierten Kreuzzug.

Auf diesen selbst hat er dann keinen Einfluss. Die Bettelorden werden anerkannt und mit diesen, die nicht mehr in ihren Klöstern zurückgezogen leben, beginnt eine neue, modernisierte Christianisierungswelle vor allem in den Städten.

 

Mit Innozenz IV. aus dem mächtigen Hause der Genueser Fieschi wird die Arroganz der Päpste noch einmal ausgebaut. Gegen Kaiser Friedrich II. gerichtet stellt er 1246 fest:

Die heilige und allgemeine Mutter Kirche befehligt in der ganzen Welt, da ihr hoher Gemahl Jesus Christus in allen Weltgegenden regiert und herrscht. (...) Daher besitzen die Söhne der Kirche die Macht über die gesamte Erde, ihnen wurde das Recht verliehen, auszureißen und zu zerstören, aufzubauen und anzupflanzen. (in: Dinzelbacher, S.144)

 

Wie man sieht, bleibt Gewalt weiter ein Mittel der Kirche, und Gewalt und Krieg im Sinne kirchlicher Interessen werden weiterhin befürwortet. Und so heißt es dann in einem Lied der Carmina Burana: pro virga ferunt lanceam, / pro infula galeam, clipeum pro stola /  (…) / loricam pro alba / (…) pellem pro humerali / pro ritu seculari. Also: Lanzen statt Hirtenstab, Helm statt Bischofsmütze, Schild statt Stola, Panzer statt Albe, Pelzmantel statt Bischofsgewand. 

Durch das 12. Jahrhundert sind die Heeres-Abteilungen deutscher Bischöfe immer noch wichtiger als die weltlicher Fürsten, von denen es allerdings auch weniger gibt.

 

Wie wenig die Vorstellungen von einer autonomen Kirche in Wirklichkeit umgesetzt werden, zeigen die Ereignisse in Trier nach dem Tod von Erzbischof Arnold (I.) 1183. Am Vorabend der Beerdigung gewinnt der Dompropst Rudolf von Wied eine Mehrheit im Domkapitel, während eine Minderheit den Archidialon Folmar aus der Grafenfamilie von Blieskastel favorisiert.

Laut Gesta Treverorum kommen nach der Beerdigung "Adelige, Minsterialen und auch Bürger des Bistums vor dem Dom zusammen, um gemeinsam mit dem Domkapitel und der höheren Geistlichkeit den neuen Erzbischof zu wählen." (M. Pundt in: Anton/Haverkamp, S.257) Anwesend sind auch der Pfalzgraf Konrad und der Reichsministeriale Werner von Bolanden, die für Rudolf eintreten.

Die Mehrheitspartei des Domkapitels tritt für eine Verschiebung der Wahl auf den Nachmittag ein und geht. Viele bleiben aber und wählen unter dem Einfluss von Herzog Heinrich von Limburg Folmar. Am Nachmittag erklären die Zurückgekehrten diese "Wahl" für ungültig.

Konrad und Werner reisen zum Kaiser, der die Kontrahenten nach Konstanz bestellt. Kaiser Friedrich I. investiert nun Rudolf von Wied. Der kann in Trier als erwählter, aber noch nicht geweihter Bischof einziehen. Heinrich VI. verfolgt dann 1184 Parteigänger Folmars in Koblenz und Trier.

1186 weiht Papst Urban III. Folmar zum Erzbischof. Der verbündet sich mit antistaufischen Kräften um den Kölner Erzbischof und den französischen König.  1187 verbündet sich der Kaiser mit Philipp II. ("Auguste"), so dass die Unterstützung für Folmar nachlässt. 1189 setzt Papst Clemens III. beide Kandidaten ab und fordert Neuwahlen. Als der Kaiser dann Kreuzzugspläne schmiedet, erlangt er stärkeres Wohlwollen vom Papst und kann seinen Favoriten, seinen Kanzler Johann durchsetzen, den die Trierer dann auch auf Vorschlag und Bitten des Königs wählen (Gesta Treverorum).

 

Verweltlichung, Simonie und Korruption

Verweltlichung der Kirche heißt insbesondere in deutschen Landen vor allem, dass aus Äbten und Bischöfen oft mächtige Prälaten werden, deren mächtigste als Fürsten herrschen. Die wirtschaftliche Basis dieser Bischofskirchen bleibt riesiger Großgrundbesitz, auf dem mittels bäuerlicher Arbeit Gewinne gezogen werden, bleiben Rechte, die Geldeinnahmen mit sich bringen, und bleibt der Zehnte, den die mehr oder weniger Gläubigen wie selbstverständlich als Zwangsmitglieder in der Kirche erbringen müssen.

Dabei stellen Bischöfe weiter die meisten Kontingente kaiserlicher Heere und sind so Militärführer von erstrangiger Bedeutung. In ihren prächtigen und kostspieligen Gewändern (Seide, Pelze usw.) erscheinen sie ohnehin wie (und als) weltliche Herren.

 

Höhere Geistliche halten sich an ihre Pfründe, die Dotierung ihres Amtes, überlassen die Seelsorge aber oft niederen Geistlichen bei spärlicher Bezahlung. Kirchenämter werden schiere Einkommensquellen, was manchmal andere Formen von Simonie ergänzen kann. Die Einlösung von an Päpste und Prälaten gerichtete Begehren muss bezahlt werden. 

Mit dem Aufstieg des Kapitalismus und dem steigenden Geldumlauf wird es nicht nur im weltlichen Raum immer üblicher, sich Rechte mit Geschenken zu erkaufen, was man viel später als Korruption ansehen wird, sondern genau dasselbe geschieht auch im kirchlichen Raum. Wer Wünsche an Bischof oder Papst richtet, kommt zu ihnen mit Geld bepackt, und reicht das nicht, müssen dann noch Kredite aufgenommen werden.

 

Die Kritik an dieser Praxis richtet sich verständlicherweise eher gegen die Kirche als die weltlichen Herren, von denen man ohnehin nichts anderes erwartet. Die erst um 1225 geschriebene Lebensgeschichte des Guillaume de Maréchal spricht davon, dass man in diplomatischem Interesse gar nicht erst nach Rom reisen solle, wenn man nicht die Reliquien der Heiligen namens Gold und namens Silber mit sich führe, jener ehrwürdigen Märtyrer in den Augen Roms. (in: Ashbridge, S.296)

 

Spätestens seit 1229 kommt Matthäus Parisiensis in seiner Chronica maior immer wieder darauf zurück, welche Geldmengen die Päpste immer wieder seiner Ansicht nach insbesondere aus England erpressen und einsammeln, um es dann auch schon mal zweckentfremdet einzusetzen. Ab 1239 betont er dann immer wieder die römische Habsucht, ein Legat des Papstes kratzte von allen Seiten unverschämter Weise alles Geld, so viel er nur konnte, zusammen, um die Habsucht des Papstes zu befriedigen (...zu 1240). Selbst in Frankreich habe er Geld für ein ganzes Jahr Krieg zusammengebracht, was zu Konflikten mit dem König führt.

 

Dass Geld den Konflikt zwischen Papst und Kaiser bestimme, wird Leitthema seiner Darstellung, so wie auch den Konflikt mit den Gegenkönigen:

der Erzbischof von Köln  aber, mit ihm viele Prälaten und einige Laien, die mit den Gaben der Kirche verschwenderisch (...) gemästet waren, folgten der päpstlichen Partei, heißt es zu 1246.

 

Zölibat

Das Zölibat wird weiter nur insofern langsam durchgesetzt, als Geistliche sich nicht mehr formell verehelichen, sondern oft zu Formen des Konkubinats und in höheren Kreisen zum Mätressentum übergehen. 

Noch Jahrzehnte nach 1222 hat sich das Zölibat nicht durchgesetzt. 1119 legt Papst Calixt II. folgendes fest und Ordericus Vitalis bringt das so in seiner Kirchengeschichte (III, 12):

Priestern, Diakonen, und Subdiakonen verbieten wir des weiteren das Zusammensein (contubernia) mit Konkubinen und Ehefrauen. Sollte noch jemand sich in dieser Situation auffinden lassen, wird er seiner Kirchenämter und seiner Benefizien enthoben. Wenn er dann seine Unreinheit (immunditia) noch nicht berichtigt hat, muss er sich von der christlichen Gemeinschaft (communio) fernhalten.

 

D.N. Hasse fasst zusammen, was Ordericus Vitalis für den November 1119 in seiner 'Historica ecclesiastica' berichtet, als die Bischöfe diese Botschaft von der Synode in Reims zurück in ihre Bistümer bringen:

"Einer von ihnen ist Erzbischof Godfried von Rouen. Er lässt die Priester in der Kirche zusammenkommen, um die Beschlüsse der Synode zu verkünden. Eine der Anordnungen betrifft die Enthaltsamkeit: Godfried verbietet den Priestern jegliches Zusammenleben mit Frauen und droht mit drastischen Worten, dass jede Zuwiderhandlung mit Exkommunikation bestraft werde. Die Priester sind entsetzt. Es gibt entrüstetes Gemurmel, man spricht leise vom Konflikt zwischen Körper und Geist, und einer der Betroffenen hebt zum offenen Widerspruch an. Godfried lässt ihn aus der Kirche führen und in ein Gefängnis werfen. Die Priester sehen wie gelähmt zu, während der Erzbischof die Kirche verlässt und seine Leibwächter zusammenruft. Diese dringen mit Stöcken und Waffen in das Gotteshaus ein und attackieren die Geistlichen. Einige fliehen, andere aber wehren sich mit dem, was sie finden können. Die Angreifer werden zurückgeschlagen und bis zum Haus des Erzbischofs getrieben. Doch Godfrieds Leute finden Unterstützung bei Handwerkern und einfachen Leuten, und der Kampf verlagert sich wieder in die Kirche. Die Wut der Angreifer richtet sich nun gegen alle, die sie im Haus oder auf dem Friedhof finden können, Beteiligte und Unbeteiligte, Alte und Junge. Die blutenden Priester fliehen zu ihren Gemeinden und Konkubinen, und der Kampf findet ein Ende. Die Nachricht von der gewaltsamen Auseinandersetzung löst Entsetzen bei den niederen Klerikern und den anständigen Bürgern der Stadt aus. Ihre Sympathie gilt den geschundenen und entehrten Priestern. Der Erzbischof hält sich in seinem Haus versteckt. Erst als wieder eine gewisse Ruhe eingetreten ist, kehrt er in die blutbesudelte Kirche zurück, um sie neu zu weihen." (In: Abaelard, 'Historia Calamitatum, S. 262f)

 

Man ahnt, der mönchische Erzähler hat Mitgefühl mit den Priestern.

 

Aber nun wird es doch langsam Ernst für die Geistlichkeit. Zunächst gelten immerhin vor der Weihe ordentlich geschlossene Priesterehen noch. 1135 bringen Innozenz II. und Bernhard von Clairvaux auf einer großen Synode in Pisa einen Beschluss durch, der diese Priesterehen für ungültig erklärt. Damit setzt sich die Kirche im Sinne des Zölibats selbst über die zugleich propagierte Unauflöslichkeit der Ehe hinweg:

Um aber das Gesetz der Enthaltsamkeit (continentiae) und der von Gott gewünschten Reinheit (munditia) bei kirchlichen Personen und den geweihten Ständen zu verbreiten, verordnen wir, dass Bischöfe, Priester, Diakone, Subdiakone, Regularkanoniker und Mönche, die das heilige Gelübde (sacrum) übertreten und sich anmaßen, sich mit Frauen zu verbinden (uxores sibi copulare), sich von ihnen trennen müssen. Denn eine solche Verbindung (copulationem), so legen wir fest, ist keine Ehe (matrimonium), denn es steht fest, dass sie gegen die festgesetzte kirchliche Regel ist.

 

Nun hilft kein Jammern und kein Klagen mehr. Damit niemand denkt, dies sei nicht die höchste und letzte Instanz, wird genau dasselbe 1139 auf dem zweites Laterankonzil noch einmal festgelegt.

Die Chronik des Radulfus von Diceto berichtet für 1137 über das böse Schicksal der Konkubinen einiger Londoner Säkularkanoniker, als focariae bezeichnet, als Küchenmädchen (von focus, dem Herd):

Focariae quorundam canonicorum qui saeculares dicuntus, raptae sublimes, ad turrim non sine dedecore gravi pertractae sunt, et ibidem constrictae multis diebus. Quae quidem non sine ludibrio corporis (körperliche Erniedrigung), nec sine dispensio famae, nec sine numaeratione pecuniae redierunt ad propria. (in: Abaelards 'Historia.., S.280 Anm. 62) .

 

"Über die Londoner Klerikerehefrauen und -konkubinen von St. Paul's wissen wir dank einer guten Quellenlage recht viel. Mindestens 13 der 30 Pfründe wechselten am Anfang des 12. Jahrhunderts von Vater zu Sohn, wie Einträge der Art „Radulf, Sohn des Algod, Wilhelm Sohn des Radulf“ (...) im Pfründekatalog zeigen. Von Radulf beispielsweise wird in anderen Quellen berichtet, dass er eine socia, also eine Konkubine, mit Namen Mahald hatte und einen zweiten Sohn. Manche der Londoner Kleriker waren sicherlich auch verheiratet.“ (Hasse in: s.o., S.280)

 

Kanonisches Zusammenleben

Auch das gemeinsame (kanonische) Zusammenleben des Domklerus stößt weiter auf erhebliche Widerstände. 

Wie schwer es ist, ein konsequentes reguliertes Kanoniker-Dasein durchzusetzen, muss Norbert von Xanten erleben. Er tritt schon als Kind in das Stift St. Viktor in Xanten ein und wird dort auf einer ergiebigen Pfründe Subdiakon. Dann begleitet er Kaiser Heinrich V. auf seinem Romzug, wendet sich aber wegen des dort Erlebten der Reformpartei zu. Um 1115 hat er eine Art Bekehrungserlebnis. Er lässt sich zum Priester weihen und entsagt dem früheren Luxus. Erst wird er Eremit bei Xanten und dann Wanderprediger. Schließlich verzichtet er auf seine Pfründe. Es gelingt ihm, dem Vorwurf der Ketzerei entgegen zu treten. Er wird nun Prediger in Frankreich, erhält vom Papst die Predigterlaubnis. Wegen seiner Kirchenkritik suspekt, schenkt ihm der Bischof von Laon ein Grundstück und drängt ihn zur Niederlassung im abgelegenen Prémontré. Mit der Regel des Augustinus entsteht dort ein Chorherrenstift von Regularkanonikern. Zunächst gehört dazu auch ein Frauenkloster. Richtiger Mönch will er nicht werden, also nicht abgeschlossen von denen leben, für die er predigen möchte. Norbert kann aber seine radikalen Vorstellungen vom kommunitären Miteinander nicht durchsetzen.1126 wird er Erzbischof vom Magdeburg und vertritt dort mit aller Härte die Kirchenreform auch gegen Widerstände der Bürger dort. Langsam öffnet er sich wieder etwas dem weltlichen Luxus.

 

Um 1140 scheitert der Erzbischof von Bordeaux jahrelang damit, in seinem Domkapitel Zölibat und gemeinsames Leben durchzusetzen.

Sie hatten ihren Widerstand schon sieben Jahre lang aufrechterhalten und waren mit dem Kirchenbann belegt worden. Der Erzbischof hatte fliehen müssen (...) sie hinderten ihn mit Gewalt, zurückzukehren. (...) Das Volk hasste den Erzbischof so sehr, dass die Leute uns als seine Verbündeten mit Schmähungen überhäuften, als wir die Stadt betraten. (Gottfried von Auxerre als Begleiter von Bernhard von Clairvaux, in: Moore, S.41f)

 

Als Otto von Freising sein Kapitel 1158 reformieren möchte, scheitert er gegenüber den aristokratischen Domherrn, die keine vita communis mehr möchten (EhlersOtto, S. 148)

 

Die Lesekunst der ländlichen Priester steigt nur allmählich, und viele müssen weiter die zehn Gebote, den Text der Messe, die Namen der sieben Sakramente und die Formeln für die Beichte auswendig im Kopf behalten, da sie sie nicht nachlesen können.

 

1148 verbietet ein Konzil in Reims allen Klerikern das Tragen von buntem Pelzwerk und hochgeschlitzter Kleidung, was offenbar weiterhin stattfindet. (in: Laudage/Leiverkus, S.14)

Wenn man den Bestimmungen des vierten Laterankonzils von 1215 folgt, welches sich als großes Reformkonzel versteht, sind viele Priester weiter verheiratet oder leben im förmlichen Konkubinat, vererben ihre Pfarreien und sind dem Würfelspiel, dem Besuch auch verrufener Tavernen und anderem weltlichem Amüsement ergeben. Das Laterankonzil verbietet den Klerikern auch wieder einmal, allzu bunte oder zu modisch geschnittene Kleidung zu tragen.

 

Es ergibt sich zudem der Eindruck, dass die weitere Christianisierung einer religiös überwiegend uninformierten Bevölkerung nur schleppend vorangeht. Immerhin wird versucht, die Leute wenigstens einmal im Jahr zur Beichte und zur Kommunion (des leibhaftig gemeinten Verspeisens des Leibes und Blutes Christi) zu verpflichten.

 

Entsprechend steigert sich wohl die oft wenig öffentliche Kritik an Geistlichkeit und Mönchtum. Eine neue christliche Armutsbewegung entsteht, die nicht mehr auf einzelne Personen konzentriert ist. Sie ist, anders als früher, ein deutlicher Reflex auf die Entstehung der neuen, bürgerlichen Städte und des Kapitalismus. Ihr Interesse richtet sich nun stärker auf den evangelischen Jesus, der bislang zugunsten des alttestamentarischen Gottes in den Hintergrund getreten war.

 

Innerkirchliche Exponenten dieser Bewegung werden in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts Theologen wie der in Paris an Notre Dame als Kantor arbeitende Petrus. Dessen Schüler werden dann "theologisch hoch gebildete Prediker wie Fulko von Neuilly, Johannes von Nivelles, Jakob von Vitry und andere (…) für ihre Zuhörerschaft durch lebensnahe Ansprache und moralisch untadelige Lebensweise zu Lehrmeistern einer von Gebet, Askese, Buße und evangelischer Armut bestimmten Existenz." (C. Andenna in 'Verwandlungen', S.252). Auch Innozenz III. ist Schüler dieses Petrus Cantor und wird sich sehr um die Integration von Armutsbewegung in die Kirche bemühen.

 

Situation der Laien

Das alles ist deshalb für unser Leitthema wichtig, weil in dieser Zeit erst Küsten- und dann auch Binnenstädte Italiens zu neuer Bedeutung aufsteigen, und dann auch solche am Rhein und in Flandern. Den Ansprüchen des Reform-Klerus an sich selbst steht so nicht nur ein Kriegertum, sondern auch eine Welt der Geschäftemacherei, des „Wuchers“ und einer neuartigen, „bürgerlich“ werdenden Besitzgier gegenüber. Abschließung des Klerus und Kompartmentalisierung von geistlichen und weltlichen Sphären bei den Laien werden so gefördert werden.

 

Anders gesagt: Der von den Reformern wenigstens offiziell durchgesetzte Anspruch an mehr Heiligkeit macht diese für Laien uneinlösbarer, rückt sie in weitere Ferne für Krieger wie für Geschäftsleute. Andererseits bedarf der höhere Klerus der Unterstützung durch die Waffen wie durch die Geschäftemacherei, zumindest zum Schutz, zum prachtvollen Lobe Gottes wie für eine gehobene Lebenshaltung. Für die Kirche führt das zu Kompromissen mit der weltlichen Macht. Dazu kommt dann ein stetes Zurückweichen in der Definition des Wuchers, der ursprünglich kirchlich gesehen den Kern eines „Geschäftes“ ausmachte.

 

Indem nun die materielle Basis des Klerus von ihrem geistlichen Auftrag getrennt wird, er einerseits Königen, andererseits Päpsten untersteht, wird ein Modell entwickelt, welches das frühe Handelskapital analog zu seinem eigenen machen kann: Da ist die Welt der Kirche, in der ist man mehr oder weniger im neuen bürgerlichen Sinne fromm, folgt ihren Zeremonien und Ritualen, und da ist die Welt des Geschäftes, die ihren eigenen, ganz anderen Gesetzen gehorcht.

 

Das heißt nichts anderes als die weitere Abkoppelung des Geschäftes von religiös definierten Normen. Da die Geschäftswelt aber nicht ohne ein eigenes Regelwerk auskommt, wird sie dieses im wesentlichen nach eigenen Bedürfnissen entwickeln und von der sich davon abtrennenden Welt der Herren bestätigen lassen. Und mit den drei derart nun (nicht allerdings theoretisch durchdachten) getrennten Sphären von Kirche, Herren-Macht und Geschäft wird nach und nach Kapitalismus möglich.

 

Es entsteht eine massive Aufspaltung des kirchlichen Christentums in ein höfisch-aristokratisches, welches sich nördlich der Alpen immer mehr aus der neuen städtischen Lebenswirklichkeit zurückzieht, in ein bürgerliches, welches in den Städten als Form der Christianisierung von Handwerk und  Kapitalismus auch für mehrere Jahrhunderte die Oberhand gewinnt, und ein ländlich-bäuerliches, in dem es weiter als theologisch eher abwegige Folklore mit weiterhin manch ungeniert heidnischen Zügen auftritt, was erst im 19./20. Jahrhundert mit der massiv zunehmenden Zerstörung bäuerlicher Landwirtschaft schwindet.

 

 

Kirche und Geschäft

 

Kirche und Kloster als in vielen Gegenden Europas größte Grundbesitzer und Teil der Herrenwelt lehnen Aspekte des entstehenden Kapitalismus ab, dulden und fördern sie aber zugleich. Im 11. Jahrhundert reagiert die (Papst)Kirche mit ihrem geschärften Selbstbewusstsein auch schärfer auf die sich verbreitende Geldwirtschaft und den sich einnistenden Ansatz für Kapitalismus. Zins- und Wucherverbote samt abwertenden Äußerungen zum Handel werden nun "zusammengetragen und unverändert eingeschärft." (Gilomen, S. 94)

 

Man muss dabei vor Augen haben, dass zwei der sieben Totsünden, die den Weg ins Himmelreich versperren, laut Kirche die luxuria und die avaritia sind. In der luxuria sind Genusssucht, Verschwendung und (sexuelle) Ausschweifung enthalten, die avaritia verbindet Habgier und Geiz. Die eine ist die gängige Sünde derer, die sich (Waren)Konsum leisten können, die andere die von denen, die nicht genug an Kirche und Kloster, d.h. offiziell die Armen abgeben, und die derer, die Kapitalvermehrung betreiben.

Zumindest der Luxus in diesem weiten Sinne wird spätestens seit dem 12. Jahrhundert auch Päpsten vorgeworfen, und manchmal auch Bischöfen. Dies sind aber dieselben, die zugleich auch dagegen predigen.

 

Im 10./11. Jahrhundert ist vom gerechten Preis die Rede, und diese Hilflosigkeit, Kapital als Vorgang zu verstehen, wird durch den kirchlichen Umgang mit "Wucher" im 12. Jahrhundert nur langsam etwas geringer. Dabei werden für die Legitimierungs-Strategien die rationaleren Argumentationslinien der Scholastik immer wichtiger und sie verbinden sich mit der zweckrationalen Praxis eines Wirtschaftens für und auf einem Markt.

 

Der offen zur Schau gestellte Luxus der hohen Geistlichkeit, im Widerspruch zur Ablehnung von "Wucher", verschärft Konflikte. Als in derselben Zeit in den Städten des Mittelalters Leute außerhalb der Kirchenämter wieder imstande sind, die evangelischen Texte zu lesen, beginnt ihre Lektüre Häresien hervorzurufen, die sich zum großen Teil als Armutsbewegungen artikulieren.

 

Zwischen beiden laviert die Kirche im 11./12. Jahrhundert, wobei sie ihr sehr weltlicher Reichtum und die vielen Fäden, die sie mit dem sich einnistenden und dann entfaltenden Kapitalismus verbinden, immer stärker in die Akzeptanz kapitalistischen Gewinnstrebens treibt, auch wenn sich dagegen Kritik in den eigenen Reihen auftut.

 

Hatte man den Juden aus Eigennutz bislang selbst hohe Zinsen oft stillschweigend gestattet, so setzen nun nicht nur Pogrome gegen sie ein, was auch eine brutale Form der Schuldentilgung für Christen bedeutet, sondern es kommt zur Erlaubnis, Juden für die Finanzierung von Kreuzzügen zu enteignen. Darauf beginnt in England und Frankreich die immer wieder stattfindende Enteignung von Juden auch durch die dortigen Könige, die Ende des 12. bzw. 13. Jahrhunderts in deren Vertreibung endet.

 

Was man den Juden nicht mehr erlauben will, wird den Finanziers aus Cahors, den Kawertschen der deutschen Sprache, und den Lombarden, also Norditalienern, zwar kirchlicherseits ebenfalls verboten, in der Praxis jedoch sind sie überall zwischen England, Frankreich und den deutschen Landen vertreten, und sie arbeiten für Bischöfe ebenso wie für weltliche Fürsten.

 

In genau der Zeit immer verschärfterer Wucherverbote und der Judenverfolgung in mehreren Ländern findet aber, und das wird wesentlich tiefgreifender, zugleich eine zunehmende Einschränkung dieser Verbote durch die Bestimmung von immer mehr Fällen erlaubten Gewinnes statt.

"Neben dem Risiko (periculum sortis) und der Ungewissheit (ratio incertitudinis) war dies ein tatsächliche erlittener (damnum emergens) oder ein virtueller, für die Zukunft als möglich gedachter Schaden bzw. entgangener Gewinn (lucrum cessans). Unter dem titulus morae konnte eine Entschädigung für Zahlungsverzug geltend gemacht werden (poena conventualis, interesse). War mit der Ausleihung eine Mühewaltung verbunden, so konnte dafür ein Lohn verlangt werden (stipendium laboris). Außerdem war eine Verzinsung bei Verwendung des Geldes durch Fürsten und Herren zur Prachtentfaltung (ad pompam) erlaubt." (Gilomen, S.95)

 

In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts gehört für Hugo von St.Victor der Kaufmann bereits in eine christliche Welt: gentes conciliat, bella sedat, pacem firmat, et privata bona ad communem usum immutat. (Didascalion II, 24) Noch 1179 beschließt andererseits das 3. Laterankonzil, dass Wucherer kein kirchliches Begräbnis haben sollen, aber schon 1202 spricht Papst Innozenz III. den Cremoneser Ratsherrn und Kaufmann Homobonus heilig. (siehe Anh.29)

 

Schließlich vertritt der Dominikaner Thomas die Ansicht,

dass der Preis einer Ware durch freien Wettbewerb zustande komme und daher den Ausdruck des freien Willens beider Parteien darstelle. Die Grenze der freien Preisfindung sahen sie in der Regel dort, wo der bezahlte Preis um nicht mehr als die Hälfte vom gerechten Preis (pretium iustum) abweicht. (Ertl, S.160)

Außerdem schreibt er:

Wenn man den Handel mit der Absicht der Gemeinnützigkeit treibt, wenn man verhindern will, dass lebensnotwendige Dinge fehlen, dann wird der Gewinn, anstatt als Zweck betrachtet zu werden, nur als Lohn der Mühen in Anspruch genommen.

 

Im frühen 13. Jahrhundert schreibt der Bischof und Diplomat in einem Beichthandbuch:

In vielen Ländern würde große Not herrschen, wenn die Kaufleute nicht den Überfluss aus einer Gegend in eine andere Gegend brächten, wo Mangel herrscht. Zurecht erhalten sie den Preis ihrer Arbeit. (in: Ertl, S.197)

 

Diese vielen Möglichkeiten zur "christlichen" Erlangung eines Gewinns werden dann in der Wirklichkeit des späten Mittelalters das Kreditwesen und den Handel immer weiter vorantreiben.

Wie sich kapitalistisches Denken in die Religion einschleicht, zeigt Bernhard von Clairvauxs Predigt zum zweiten Kreuzzug:

Du tapferer Ritter, du Mann des Krieges, jetzt hast du eine Fehde ohne Gefahr (für das Seelenheil). Bist du ein kluger Kaufmann, ein Mann des Erwerbs in dieser Welt, so sage ich dir einen großen Markt voraus Sieh zu, dass er dir nicht entgeht! Nimm das Zeichen des Kreuzes, und für alles, was du reuigen Herzens beichtest, wirst du mit einem Schlag Anlass erlangen! Die Ware ist billig, wenn man sie kauft; und wenn man fromm für sie bezahlt, ist es ohne Zweifel das Reich Gottes wert. (Epistel 368)

 

Dennoch:  1127/34 wird das Seedarlehen verboten. (Gilomen). Im zweiten Laterankonzil von 1139 werden Wucherer mit dem Kirchenausschluss und dem Ausschluss vom christlichen Begräbnis bedroht, massiven Diffamierungen also. 1163 wird die Pfandsatzung zur Umgehung des Kreditverbotes verboten. 1179 bestimmt das 3. Laterankonzil:

Nahezu allerorten hat sich das Verbrechen des Wuchers so eingefressen, dass viele ihre anderen Geschäfte liegenlassen und das Zinsgeschäft betreiben, als ob es erlaubt wäre, und sich in keiner Weise darum kümmern, dass es die Heilige Schrift der beiden Testamente verurteilt. Deshalb ordnen wir an, dass offenkundige Wucherer nicht zur Gemeinschaft der Altäre zuzulassen sind. Sterben sie in dieser Sünde, sollen sie kein christliches Begräbnis erhalten; nicht einmal ihre Opfergabe darf man annehmen. (in: Haas, S.108f)

 

1185/87 wird der Kreditkauf zu erhöhtem Preis mit dem Ziel der Umgehung des Wucherverbotes verboten,  Inzwischen werden Wucherverbote auch explizit für Klöster ausgesprochen.

Dabei geht es offensichtlich nur um Kreditgeschäfte. Ansonsten wird hier festgestellt, dass Handel seinen Gewinn als Lohn aus dem Dienst zieht, den der Händler den Menschen leistet. Schließlich hat der Händler auch Auslagen, muss sich mühen und ein Risiko eingehen. Was weiter und noch von Thomas von Aquin beklagt wird, sind sogenannte überhöhte Preise. Aber in der Praxis hat das dann mit dem sogenannten gerechten Preis der christlichen Doktrin des frühen Mittelalters kaum noch etwas zu tun.

 

 

Glauben und Unglauben

 

Das deutsche fromm ist ein germanisches Konzept, welches im Verlauf des deutschen Mittelalters einen massiven Bedeutungswandel von nützlich über tüchtig zu rechtschaffen und dann vor allem in der sogenannten Neuzeit hin zu spezifisch religiös rechtschaffen durchmacht. Die verschiedenen Bedeutungen bleiben aber derweil gelegentlich auch weiter nebeneinander bestehen.

Deutlich ist also, dass der Frömmigkeit im religiösen Sinne von Haus aus der Aspekt der Innerlichkeit fehlt, der erst noch durch Gefühlsintensität aufgeladen wird wie bei Mystikern. Für die meisten mittelalterlichen Menschen bedeutet religiöse Frömmigkeit wohl weiter dreierlei: Zum einen pflichtschuldigst das zu glauben, was einem von der Kirche zu glauben vorgeschrieben wird oder zumindest so zu tun als ob, und des weiteren an Pflichtveranstaltungen der Kirche teilzunehmen, ganz gleich, was man im Stillen gerade glauben mag. Schließlich gehört für viele dazu, sich ab einem gewissen Alter Sorgen zu machen über das Maß der Folterqualen in Fegefeuer bzw. Hölle.

 

Was die allermeisten Menschen tatsächlich glauben, bleibt uns auch jetzt noch unbekannt. Wie in der offiziellen Kirche vermischen sich magische Komponenten mit rationalem Handeln, und dazu gehören auch Elemente vorchristlichen Glaubens bis in regionale und lokale Volksbräuche hinein.

Theologie bleibt die Sache von wenigen Leuten und hat oft nicht viel mit dem zu tun, was Priester praktizieren und verkünden. Dämonenglauben und der an außerkirchliche Magie bleiben vor allem auf dem Lande erhalten, und selbst ein Bernhard von Clairvaux hält Amulette im Krankheitsfall für nützlich. Bauern glauben schon mal, dass das Aufrichten einer Priapusstatue der Fruchtbarkeit ihrer Tiere gut tut, und Zauber dient menschlicher Fruchtbarkeit, dem sexuellen Begehren von Mann und Frau, was kaum angezweifelt wird, weswegen es besonders verboten ist.  Zauberei fasziniert Bischöfe wie auch an weltlichen Höfen, wie man lesen kann. Manche Zaubersprüche sind überliefert. Nur in Einzelfällen werden Zauberinnen (Hexen) schon verbrannt.

 

Immerhin spielt Magie auch in der offiziellen Kirche so wie bei den Wundern, die von Heiligen ausgehen, eine große Rolle. Es wird offiziell behauptet, dass Gott dabei unmittelbar im Spiel sei, was aber für die Heiligenverehrung der meisten Menschen kaum eine Rolle spielen dürfte.

Geradezu Wahnvorstellungen (z.B. sogenannte Visionen) können zudem durch Meditationsformen, Formen von Askese oder wohl auch halluzinogene Stoffe hervorgerufen werden und zu frommen Texten führen. Gelegentlich werden auch Traum und Wirklichkeit verwechselt.

 

Weiterhin begründet sich jeweils aktuelles Christentum aus dem jüdischen wie dem christlichen Teil der Bibel, mögen sie auch noch so gegensätzlich sein. 

Die Re-Judaisierung des Christentums, begonnen mit der Verbindung von Kirche und Macht in der späten Antike, erreicht ihren höchsten bildlichen Ausdruck wohl in den frühgotischen Königsgalerien an den Kathedralen Frankreichs, deren erste die Fassade von Notre Dame zu Paris seit 1220 schmückt.

Hier wird nicht nur darauf hingewiesen, dass mehr oder weniger sagenhafte antik-jüdische Könige jener Dynastie angehören, der auch Jesus entstammen soll, sondern auch auf die seit Chlodwig betonte Vorreiter- und Vorbildfunktion dieser Könige, eine völlig unevangelische und unpaulinische Vorstellung.

 

Alttestamentarisch jüdisch bis in die Diktion ist der Bannfluch eines Lütticher Bischofs aus der Stauferzeit:

Der Übeltäter sei abgesondert von der Christenheit, verflucht im Hause, auf dem Acker, an jedem Orte, wo er steht, sitzt oder liegt: Verflucht beim Essen und Trinken, beim Schlafen und Wachen (...) Die Weiber solcher Frevler mögen kinderlos bleiben und Witwen werden (...) Gott möge sie verfolgen, bis sie von der Erde vertilgt sind, die Erde möge sie verschlingen wie Dathan und Abiram,; sie sollen lebendig zur Hölle fahren und mit Judas dem Verrräter, Herodes, Pilates und mit anderen Frevlern in der Hölle zusammen sein. (in: Dinzelbacher, S.50)

 

Die meisten, noch mehr oder weniger illiteraten, Menschen bekommen von "Christentum" bestenfalls "biblische Geschichten", illustriert in Fresken und plastischen Werken, und wenige kirchliche Sätze mit, in denen sie ihren Glauben bekennen sollen. Das In-Szene-Setzen biblischer Geschichten setzt zunächst in Kirchen ein. 

Das zentrale Ereignis, den Besuch des leeren Grabes am Ostermorgen, führt schon in unserer Schwellenzeit zu einer frühen szenischen Darstellung im Wechselgesang zweier Chöre, dem der Frauen am Grabe und dem der Engel, die ihnen die Auferstehung verkünden, allesamt von Klerikern dargestellt. Auf dem Weg ins 12./13. Jahrhundert werden daraus immer noch von Priestern dargestellte individuelle Figuren mit eigenen Kostümen und ersten Requisiten. Ganz langsam wird der Gesang durch gemessenes Sprechen abgelöst. Das neue Theater des lateinischen Christentums entsteht. (Werner Mezger in: Heinzle, S.210) In Zukunft werden weitere biblische Szenen hinzu kommen, die ihren Weg dann auch aus der Kirche heraus finden, bis sie am Ende zunehmend von Laien gespielt werden.

 

Von oben sickert langsam eine stärkere Marienverehrung in die Städte ein, welche zusammen mit Heiligenkult nicht nur eine stärkere weibliche Komponente einbringt, sondern auch die Gefühlsintensität ein wenig in eine gewisse Innigkeit hinein zu steigern vermag. 

Noch gibt es keinen "lieben Gott"", aber bei Bernhard von Clairvaux einen "süßen" Jesus, mit dem er eine imaginierte und erotisierte Liebesbeziehung eingeht. Indem das teils aus apokryphen Texten gewonnene Leben Jesu in Text und Bild "rekonstruiert" wird, tritt er als Mensch stärker in den Mittelpunkt.

Persönlicher und darum manchmal auch von der Kirche als bedrohlich angesehen wird eine sich erst in den nächsten Jahrhunderten stärker entfaltende Neigung zur Mystik, von mystikos, geheimnisvoll, und damit zu einer individuelleren Gottesschau.

 

Wie weit Wallfahrten und Reliquienkult, die beide nun weiter zunehmen, mit Frömmigkeit, und wie weit mit Abenteuerlust bzw. Geschäftssinn zu tun haben, lässt sich schwerlich nur abschätzen. Beide dienen aber dem Aufstieg von Städten und ihrer Bereicherung. 

Inwieweit die hohen geistlichen Herren es selbst als Betrug ansehen, was beim "Auffinden von Reliquien" geschieht, ist verständlicherweise kaum dokumentiert. Wer allerdings etwas belesener ist und den Überblick behält, kann wie Guibert von Nogent (in 'De pignoribus sanctorum') anlässlich der Auffindung eines Kopfes von Johannes dem Täufer in Angély bei Poitiers 1010 auch schon mal darauf verweisen, dass es einen solchen bereits in Konstantinopel gebe. (Moore, S.45)

 

Reliquien können Geld anziehen. Ein Beispiel mag hier für unzählige damals stehen. Nach dem Untergang der Kommune von Laon und dem Ruin der Stadt schreibt Guibert von Nogent für 1115: Interea secundum illum qualemcunque morem ad corrogandas pecunias coeperunt feretra et sanctorum reliquiae circumferri. Das heißt, man beginnt gemäß irgendeinem vorgegebenen Brauch, mit dem man zu Geld kommen kann, Reliquien aus Laon auf einer Trage (durch diverse Gegenden) herumzutragen. 

In einem herrlichen Kästchen wird ein wunderbares Amulett (Talisman - phylacterium) herumgetragen, welches Stücke vom Hemd (camisia) der jungfräulichen Mutter und von dem Schwamm, den man an die Lippen des Heilands gereicht hat und von seinem Kreuz und - ich glaube - von dem Haar der jungfräulichen Herrn. Das Kästchen war aus Gold und Edelsteinen und auf ihm waren in Gold Verse geschrieben von den mysteria interna.

Obwohl sie es selbst kaum glauben, erklärt Klerus in einer Ortschaft in der Touraine gegenüber eher feindselig eingestellten Leuten: Wenn irgendein Kranker (animus infirmus) unter euch ist, dann lasst ihn zu dieser heiligen Reliquie kommen und das Wasser trinken, welches die Reliquien berührt haben, und er wird geheilt werden. (De vita sua III, 12) Das funktioniert und man ist äußerst freigiebig. Nach einem zweiten Wunder meint er: Unbeschreiblich waren die Gaben an Geld (argentum) durch die Leute und von Ringen und Ketten durch die Frauen, nachdem sie - insbesondere die Frauen - gesehen hatten, wie die jungfräuliche Mutter der Frau eine Gunst erwiesen hatte, um die sie sich nicht einmal zu bitten getraut hatte. (Guibert von Nogent, De vita sua III,12)

Ein wenig kommt bei der Lektüre der Verdacht auf, der brave Abt sei selbst etwas misstrauisch über so viel Wundersames, aber das spricht er natürlich nicht deutlicher aus.

 

Die Kunst, die Überreste von Heiligen "aufzufinden", wird nirgendwo so beherrscht wie im zukünftigen Santiago de Compostela. Aber auch anderswo ist man darin begabt. 1072 öffnet man in St.Paulin eine bis dato, wie es heißt, nicht zugängliche Krypta und entdeckt die Knochen von (sage und schreibe) 300 Märtyrern, von denen ein Teil der Thebäischen Legion angehört haben soll, und ein Teil der gleichzeitigen Trierer Oberschicht. Wie man diese identifiziert hat, wird nicht angegeben. Man hofft auf eine lukrative Wallfahrt, was aber nicht funktioniert, dafür aber kann sich die Trierer Oberschicht nun mit ebenso heiligen wie vornehmen Vorfahren schmücken.

1111 wird ein Eberhard Abt von St. Eucharius bei Trier und beginnt bald mit dem Neubau der Abteikirche. Man hat mit dem Apostel Matthias inzwischen den einzigen im Blick, dessen Überreste nicht schon lokalisiert sind. Ein ganz richtiger Apostel ist er nicht, denn der angebliche jüdische Schriftgelehrte wird nur als Ersatzmann für den abtrünnigen Judas überliefert, aber immerhin.

Man lässt suchen und findet natürlich auch Knochen, die man zunächst verheimlicht, da man ihren Raub fürchtet. 1127 findet man sie bei den Bauarbeiten erneut, und sie werden nun öffentlich - wie auch immer - als die Reliquien dieses Apostels Matthias identifiziert. Das Kloster besitzt so das einzige Apostelgrab nördlich der Alpen, also Knochen von enormer Heiligkeit, deren Ruf sich bald weit verbreitet und aus dem Kloster einen Wallfahrtsort macht. Nach und nach entstehen im Westen und Süden der deutschen Lande Matthias-Bruderschaften. Bei Gelegenheit der Wallfahrt spenden die Pilger und vermehren so den Reichtum der ohnehin reichen Abtei. Seit Anfang des 13. Jahrhunderts taucht das Kloster dann zunehmend nur noch als Matthias-Kloster auf. Um 1200 gibt es Wallfahrer aus dem Rhein-Maas-Raum, den Niederlanden und vom Oberrhein.

Nach dem Tod des schon zu Lebzeiten immer heiligeren Simeon 1135 wird unter Erzbischof Poppo die von ihm als Einsiedelei dienende Porta Nigra zu Trier in eine Doppelkirche umgebaut. Der Prälat und Stadtherr macht sich planmäßig daran, daraus ein Zentrum für Wallfahrten zu organisieren.

 

1106 findet man im Norden Kölns bei einer Stadterweiterung eine große Anzahl von Skeletten. Die werden schnell mit der Legende vom Martyrium einer bretonischen Prinzessin und ihrer 11 000 jungfräulichen Begleiterinnen durch die Hände Etzels und seiner Hunnen in Verbindung gebracht, die einst in Köln stattfinden soll. Da die Verehrung dieser heiligen Jungfrauen bereits verbreitet ist, bekommen Kölner Bildschnitzer nun viel Arbeit, stellen Büsten von Gefährtinnen der Ursula her, und durch einen Deckel auf dem Kopf und einen auf der Brust kann man Knochen in feine Tuche gewickelt ins Innere befördern und erhält so eine lukrative Fernhandelsware für Kölner Kaufleute, die solch heiligen Krimskrams bis Spanien, Italien, Ungarn, England und Schweden verhökern. Da man in der betreffenden Kölner Gegend immer neue Knochen und Knöchelchen findet, zum Beispiel auf Anweisung des Norbert von Xanten, gibt es unbegrenzten Nachschub. Zudem werden Ursula-Themen in der Malerei bis über Memling und Carpaccio hinaus nun üblicher.

1164 werden Reliquien der hl. drei Könige von Rainald von Dassel mehr oder weniger gestohlen und nach Köln verbracht. Kurz nach 1200 heißt es in der 'Relatio tribus magis', die Stadt würde magis proficere et fama et gloria, Massen von Pilgern von Pilgern kämen, scoti, Brittones, anglici, hispani, de italia etiam, sicilia, et utraque gallia. Um diese Zeit wird der gold-geschmiedete Drei-Königs-Schrein geschaffen. Köln ist inzwischen die Colonia sancta. 1393 wird der Rat der Stadt beim Papst ein Verbot erwirken, Reliquien noch aus der Stadt zu schaffen.

 

1165 wird in Aachen Karl ("der Große") zum Heiligen gemacht. Daneben besitzt man hier unter anderem Lendentuch und Windeln Jesu. Ab 1349 werden die Reliquien alle sieben Jahre ausgestellt. 1496 sollen fast 150 000 Pilger gekommen sein.

Rangstreitigkeiten der Bischofsstädte untereinander werden mit der Anzahl der (anwesenden) Heiligen und sonstigen Reliquien der Stadt begründet.

 

Nachteil für die Masse der Bevölkerung zur Zeit der Wallfahrt ist die Verteuerung der Lebensmittel, zudem gibt es Tote im Gedränge. Dafür gibt es aber Einkünfte aus dem Verkauf von Lebensmitteln, Wasser und Wein sowie für die Beherbergung. Dazu kommt der Verkauf von Devotionalien und anderen Souvenirs bei extra dafür eingerichteten Buden. Allerdings ist in den größeren Städten die Wallfahrt nur ein (kleinerer) Faktor der Stadtentwicklung.

 

Ein Beispiel für weltliche Reliquiensammelei aus der bayrischen Stauferzeit erwähnt Rösener (Erinnerungskulturen) für den Grafen von Falkenstein: „Am 8. September 1164 erfolgte die Weihe der Burgkapelle in Neuburg durch Bischof Adalbert I. von Freising zu Ehren der hl. Dreifaltigkeit, der Jungfrau Maria und des hl. Kreuzes. Unter den zahlreichen Reliquien sind besonders solche von der Kleidung Marias, vom hl.Kreuz, vom Grab Christi und von Johannes dem Täufer hervorzuheben.“ (S.41) Eine Vielfalt von wertvollsten Reliquien für eine einzige Kapelle eines adeligen Herrn zeugt von (möglicher) Intensität des Glaubens, aber vor allem auch von dessen Wohlhabenheit.

 

Kompartmentalisierung

Zur Trennung zwischen gelehrter Theologie und dem, was fast alle mehr oder weniger glauben, vertieft sich der Graben zwischen Alltags-Wirklichkeit und Festtags-Religion, das, was hier als in den Köpfen stattfindende Abschachtelung als Kompartmentalisierung benannt werden soll: Gewalttätige und nach Macht und Reichtum gierende Krieger absolvieren sich von ihrem unchristlichen Verhalten durch Stiftungen, Spenden, also fromme Werke. Kapitaleigner auf dem Weg zu Reichtum tun es ihnen bald gleich, und die Handwerkerschaft schließt sich in an Kirche und Kloster angelehnten Bruderschaften zusammen, und entwickelt aus ihrem Wirtschaften hervorgehende Vorstellungen von Rechtschaffenheit, die sie für religiös begründet halten und auch so inszenieren. 

 

Das gibt es dabei zum Beispiel auch: Hildebert von Lavardin (1058-1133, vielleicht Schüler von Berengar von Tours, schafft es hochgebildet Ende des 11. Jahrhunderts bis zum Bischof von Le Mans und später von Tours. Als egregius versificator von Ordericus Vitalis gelobt, wird er berühmt durch seine Briefe, Lebensbeschreibungen und Gedichte. Anlässlich eines Rombesuches feiert er die antiken Reste der Stadt:

Hier bestaunen sogar die Götter die Bilder der Götter. / Und der geformten Gestalt gleichen, das wollen sie gern. / Götter mit solchem Gesicht vermocht' die Natur nicht zu bilden. / Wie von ihnen der Mensch herrliche Zeichen erschuf. (in: Neske, S.161)

 

Zwar formuliert er auch, dass die Stadt erst als christliche Metropole ihren vollen Glanz erreicht habe, aber in Form (als Distichon) und Inhalt (Bewunderung der "heidnischen" Antike) scheint sich vom christlichen Würdenträger der klassisch-vorchristlich Gebildete abgespaltet zu haben. Ähnliches gilt u.a. für Baudri von Bourgueil und Marbod von Rennes.

 

Kompartmentalisierung, also Aufspaltung der Person in einen Teil, der starken Alkoholkonsum, sexuelle Promiskuität und das Würfelspiel feiert, und einen anderen, der behauptet, zugleich auch Christ zu sein, betreiben Vaganten mit ihren Gedichten/Liedern im 12./13. Jahrhundert. In seinen Gedichten über die Hure Flora beschreibt der Archipoeta,

wie schweres Gewicht die Dirne im Liegen ertrug, oder dass sie weniger bedrückt wird, wenn man ihr einen Pelz unterlegt. Wenn du so tüchtig bist, dir Manneskraft üppig ist, / Musst starken Trunk du pflegen, willst du nicht krank dich legen. Ein Knabe muss beim Glied des Mannes Hand anlegen, um eine Erektion zu erreichen. Und dann: Beim Spiel geht's Jammern los, das Ding sei viel zu groß; / Sie ringt und schwört mit Klagen, sie könne dich nicht tragen. / Mit Seufzen und mit Schrein macht sie die Öffnung klein, / durch die ein Maultier geht, wenn sie ganz offen steht. (Langosch, S.259f, S.293)

Der Archipoeta möchte in der Schenke sterben und fasst zusammen: Was die Venus auch befiehlt, ist mir süßes Fronen, / Die in einem trägen Herz niemals könnte wohnen. (Langosch, S.296)

Das hindert ihn aber nicht daran, auch als Christ aufzutreten. Der sich entfaltende Kapitalismus trägt seine Widersprüche immer weiter in die Menschen hinein.

 

 

Daneben gibt es einzelne Ausbrüche von Frömmigkeit auch beim höheren Adel. So kann ein Graf Gottfried von Cappenberg 1121 seine Burg und seinen ganzen Besitz Norbert von Xanten und seinem Prämonstratenserorden übergeben, der asketischeren Variante zu den Zisterziensern, und mit seiner Frau und seinem Bruder beitreten.  Nachdem er den Bruder zum Probst eines der von ihm konvertierten Klöster macht, bleiben beide ohne Nachkommen. Das Geschlecht wird so aussterben. 

 

Ein weiteres Beispiel, allerdings etwas anderer Art liefert der dritte Sohn Welfs V. neben dem sechsten Welf und Heinrich dem Stolzen, der später sogar heilig gesprochen werden wird:

Konrad wurde zum Kleriker bestimmt. Nachdem er zu Hause schon in den Kinderjahren Unterricht in den Wissenschaften erhalten hatte, wurde er als Jüngling dem Kölner Erzbischof zum weiteren Studium und zur Erziehung in klösterlicher Zucht übergeben. In beidem schritt er dort so sehr voran und zeichnete sich durch andere Tugenden und das Vermeiden von Fehlern aus, dass er vom ganzen Klerus und Volk geliebt und von allen als aller Ehren würdig erachtet wurde. Er aber floh Ehren, Reichtümer und menschliches Lob und schloss sich einigen Mönchen an, mit denen er ohne Wissen der Seinen ins Kloster Clairvaux eintrat und dort zum Mönch wurde. Nach einiger Zeit ging er nach Jerusalem , wo er sich einem in der Wüste lebenden Diener Gottes anschloss und ihm in vollkommener Demut das Notwendige verrichtete. Als er schließlich fühlte, dass er von Krankheit befallen war, dachte er an die Rückkehr, bestieg ein Schiff und gelangte nach Bari, der Stadt des heiligen Nikolaus. In seligem Ende beschloss er hier seine Tage und liegt dort ehrenvoll begraben. (Historia Welforum)

Zu korrigieren wäre mit Ehlers, dass er nicht in Clairvaux, sondern bei den Zisterziensern von Morimond eintrat, welches er zusammen mit dem Abt und einigen weiteren Mönchen enttäuscht und regelwidrig verließ. Außer ihm sind denn auch alle anderen wieder dorthin zurückgekehrt. (EhlersOtto, S.16ff)

 

 

Fegefeuer 

Mit allgemeiner Geld- und Warenwirtschaft nimmt einmal der Wunsch nach einer berechenbaren Welt zu, damit auch einer, in dem das Aushandeln von Sünde und Strafe auf einer Art Markt stattfindet, auf den sich nun der Christengott einlässt.

Theologisch ausgearbeitet findet sich diese Vorstellung später bei Thomas von Aquin, und etwas weiter popularisiert wird sie mit Dantes 'Göttlicher Komödie'.

 

Zu einem marktgerechten Geben und Nehmen mit Gott gerät aber auch die sich durchsetzende Vorstellung von einem Reinigungsort, der einem die Hölle ersparen kann, und der sich mit Gaben an Kirche und Kloster beschleunigen lässt.

Schon bei Augustinus gibt es die Vorstellung, dass einige Sünder in einer Art Fegefeuer von ihren Sünden gereinigt und so der Hölle am Ende entkommen könnten. Das Wort kommt im 12. Jahrhundert auf, nachdem sich die Christen mit dieser Vorstellung schon länger von ewiger Verdammnis lösen. Das lateinische Purgatorium ist erstmals beim Erzbischof von Tours, Hildebert von Lavardin († 1133) nachweisbar. 1115 taucht es bei Guibert de Nogent auf:

Qua ex re mira Dei dispensatione fiebat, ut creberrimis ei visionibus, quos ille dolores in sua purgatione ferebat, patientissimis imaginationibus monstrarentur. (De vita sua, I,18) Hier kann seine Mutter in einer Vision seinen toten Vater in einem tiefen Brunnen leiden sehen und herausfinden, dass sie ihn mit gewissen Leistungen unterstützen kann auf seinem Leidensweg. 

 

Eine aus dem Alten Testament entnommene und recht freundliche Vorstellung siedelt die Verstorbenen in „Abrahams Schoß“ an, wobei „Schoß“, der lateinische sinus, also auch Busen, einen Zustand friedvoller Geborgenheit darstellt.

 

Die Redewendung "sicher in Abrahams Schoß " hat ihren Ursprung in dem Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus, in dem der Arme bei seinem Tod von Engeln in Abrahams Schoß getragen wird, während der egoistische Reiche in der Hölle landet (Lk 16). Dahinter steht die jüdische Vorstellung, der Schoß sei ein Ort der Seligkeit.

 

Verbreitet ist auch die Vorstellung des „Schoßes Abrahams“ als Ort des Wartens, bevor der Messias den Verstorbenen die Pforte zum Himmel öffnet. Anders als im Fegefeuer ist dieses Warten jedoch friedvoll. Schon bei Tertullian taucht "Abrahams Schoß" als refrigerium auf.  Ein frühes und sehr poetisch beeindruckendes Beispiel für diese Vorstellung ist die Vision der Perpetua von ihrem im Kinderalter verstorbenen Bruder.

Seine erste dogmatische Ausformung erhält das bei Papst Gregor ("d.Gr.") in seinen 'Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum':

Man muss glauben, dass es vor dem Gericht für gewisse leichte Sünden noch ein Reinigungsfeuer gibt, weil die ewige Wahrheit sagt, dass, wenn jemand wider den Heiligen Geist lästert, ihm "weder in dieser noch in der zukünftigen Welt "vergeben wird. Aus diesem Ausspruch geht hervor, dass einige Sünden in dieser, andere in jener Welt nachgelassen werden können. Die "ewige Wahrheit" ist hier das Matthäus-Evangelium.

 

Im Laufe der Zeit schleichen sich in die christliche Lehre völlig fremde Vorstellungen von einem Fegefeuer ein, einem quälenden Purgatorium, die erst im Hochmittelalter von der Kirche „offiziell“ übernommen werden. Voraussetzung dafür ist, dass die körperlosen Seelen mit einem Sensorium für Schmerz ausgestattet sein müssen, damit sie leidensfähig werden. Im 12. Jahrhundert wird Otto von Freising das ablehnen: Es gibt nur ein Gericht, wie schon bei Johannes angekündigt, und danach wird gelitten oder Glückseligkeit erlebt.

Aber die Vorstellung setzt sich durch und verbindet sich weiter mit allgemeinen Reinheits-Vorstellungen. Ganz handfest beschreibt das Roger von Wendover in seiner Chronik für das Jahr 1229, als das christliche Heer im bislang muslimischen Jerusalem einzieht:

Der Patriarch reinigte mit seinen Suffraganbischöfen den Tempel des Herrn, die Kirche des heiligen Grabes und der heiligen Auferstehung, wie auch andere ehrwürdige Kirchen der Stadt; und indem sie Pflaster und Wände mit Weihwasser abspülten, Hymnen und Lieder sangen und Prozessionen hielten, setzten sie alle durch den langjährigen Schmutz der Heiden entheiligte Orte wieder für den Herrn instand.

 

Fegefeuer-Vorstellungen haben zwei Folgen: Zum einen begründen sie die Gebete und Messen für die Toten, die ihnen diese Qualen erleichtern und die Chancen auf das Himmelreich für die Verstorbenen vergrößern sollen. Zum anderen hilft diese Vorstellung, mit den Toten in Kontakt zu treten, und – was bedrohlicher ist – ihnen vor allem nachts nicht recht leibhaftig wieder zu begegnen.

Solche Wiedergänger-Vorstellungen gab es schon bei den Germanen und in vielen anderen Kulturen, und gemeinhin wird alles versucht, das bedrohliche Wiederauftauchen der Verstorbenen zu verhindern. 

 

Dazu gehört weiter, dass die Vorstellung von der Auferstehung des Leibes gängig bleibt. In seiner 'Vita sua' wird das Guilbert von Nogent im Zusammenhang mit Betrachtungen über die körperliche Schönheit seiner Mutter beschäftigen:

Man sagt auch, dass unsere Körper, einmal unter die Auserwählten eingereiht, nach der Pracht des Körpers Christi gestaltet werden, und zwar so, dass die Hässlichkeit, durch einen Unfall oder durch natürliche Verwesung zugezogen, verbessert wird, wenn wir übereinstimmen mit dem auf dem Berge transfigurierten Sohn Gottes. (Ad hoc etiam nostra electorum corpora corporis claritati Christi configuranda dicuntur, ut foeditas, quae casu seu naturali corruptione contrahitur, ad regulam transfigurati in monte Dei Filii corrigitur. (Guibert, S.14)

 

Und so kann dann in einem Text vom Ende des 12. Jahrhunderts, dem 'Lucidarius', die Frage gestellt werden, was geschieht, wenn ein Mensch von einem Wolf gefressen wird und dieser wiederum von einem anderen Tier (usw.). Die Antwort dieses über ein halbes Jahrtausend dann popularisierten Volksbuchs ist, dass die Tiere alle tot bleiben, der Mensch aber dennoch körperlich aufersteht: so tut Gott: er macht wieder einen schönen Menschen, dem es an nichts gebricht. (So im Lexikon des Mittelalters 6 von 1942)

Bei Otto von Freising taucht solcher Optimismus auch für eine paradiesische Zukunft auf:

Wenn wir schon irdische Könige und Kaiser in ihrer flüchtigen, vergänglichen Pracht mit Bewunderung und einer gewissen Freude sehen, von welch unvorstellbarer Freude (…) müssen dann alle durchströmt werden, die den König der Könige, den Schöpfer des Alls in seiner unvergleichlichen Pracht und Herrlichkeit sehen werden, umgeben von den himmlischen Heerscharen der Engel und Menschen. (Chronik VIII,33, S.674f).

 

Unglauben

Da der kirchlich vorgegebene Glaube Pflicht ist, wird nur an wenigen Quellenstellen deutlich, dass es auch Unglauben an einzelnen mysteriösen Aspekten der Religion oder gar komplette Ungläubigkeit gibt, von der man nur vermuten kann, dass so etwas weiter verbreitet ist als dokumentiert. 

 

Nach 1100 beginnen sich bei einzelnen Personen Philosophie und Theologie/Religion in ganz langsamen und vorsichtigen Schritten auseinander zu bewegen, ein Vorgang, der seinen genialen Abschluss allerdings erst in Kants 'Kritik der reinen Vernunft' erhält. Das flankiert dann jenen Unglauben, der ohne philosophische Gedankengänge nur mit Hilfe des gesunden Menschenverstandes alles Wundersame und Seltsame am römischen Christentum als Unsinn ablehnt, jenen nämlich, der in genau dieser Zeit immer dogmatischer verhärtet auftritt: Jungfrauengeburt, Transsubstantiation, Auferstehung usw. (siehe die vielen Beispiele in Dinzelbacher, Unglaube).

 

Eine weitere Gruppe vermutlich innerer religiöser Indifferenz tut sich spätestens im 12. Jahrhundert unter der reichen und mächtigen Oberschicht italienischer Städte auf, eine Entwicklung, die in Richtung der "Renaissance" des 14. bis frühen 16. Jahrhunderts führen wird. Wahrnehmbar wird sie nur in der zunehmenden Abwesenheit kirchenchristlicher Äußerungen: Die Casa dei Crescenzi in Rom, wohl aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, ist zum Glück noch erhalten, und stolz erklärt ihr Auftraggeber auf der Fassade, er wolle den decor des alten Rom renovare. Christliche Anklänge fehlen völlig (Wickham(2), S.237).

 

Die Fortuna, einst eine römische Göttin, wird nun eine von den Göttern und auch dem christlichen Gott abgelöste Instanz. Symbolisiert in dem Rad, welches Glück und Unglück stetig wechselt, taucht es in Kirchen in Fresken auf und in Hochreliefs. Zwar soll es wie das bald auftauchende Memento-Mori-Motiv vor den Wechselfällen des Lebens mahnen wie bei Otto von Freising, aber bei Chrétien de Troyes und in der volkstümlichen Vagantenlyrik ist es bereits ganz von religiösen Zusammenhängen gelöst (o fortuna, velut luna...). Ein christlicher Gott trennt sich von Alltagswahrnehmung.

 

Während religiöses Mitläufertum der vielen je nach Sichtweise Bequemlichkeit oder Lebensklugheit ist, ist Ungläubigkeit damals wenigstens mit gewissen Denkvorgängen verbunden. Wie viel Unglauben es gibt, ist nur zu erahnen, denn kluge Ungläubige halten meist darüber öffentlich ihren Mund. Aber dass es wohl mehr davon gibt, kann das Reden vom "christlichen Mittelalter" etwas relativieren.

 

Bei Keller (Begrenzung S.197ff) ist beispielsweise folgende Geschichte zusammengefasst. Ein holsteinischer Bauer kämpft 1189 für Heinrich den Löwen. Er wird schwer verletzt, seine Seele verlässt ihn am 20. Dezember und kehrte erst am 24. zurück. Darauf kann er eine phantastische Geschichte von einem märchenhaft ausgemalten Jüngsten Gericht erzählen, in dem sechs besonders Sündhafte schlimmste Höllenqualen durchlaufen müssen. Den sechs Schwerbelasteten hält der Engel vor:

Ihr habt das Wort des Herrn von euren Priestern vielfach gehört, doch ihr wolltet es nicht begreifen und wolltet nicht Gutes tun; Ihr habt gehört, aber nicht gehandelt. Jammernd antworten sie: Was die Priester an Zeugnissen vortrugen, kam uns unglaubwürdig vor, denn sie sprachen von unsichtbaren Dingen. Wir erfreuten uns aber nur an sichtbaren und kamen gar nicht auf den Gedanken wie Hoffnung auf ewige Güter, noch hatten wir Angst, in Verderbnis zu geraten. Ihr Jammern wird ihnen aber nicht helfen.

 

Der Trouvère und dann Zisterzienser Helinand von Froidmont schreibt Ende des 12. Jahrhunderts von den durch Antikenrezeption und Gelehrsamkeit verdorbenen Ungläubigen, welche sagen:

Genießen wir jetzt das Gute, das uns zufällt. / Danach komme, was da wolle. / Der Tod ist das Ende des Kampfes, / und Seele und Leib werden zu nichts. (in: Dinzelbacher, S.91)

 

Um 1200, so fasst Dinzelbacher zusammen, erklärt Alanus de Insulis, dass falsche Christen nicht an die Auferstehung glaubten, Epikur und Lukrez zitierten und sich nur auf das irdische Leben konzentrierten.

Der Geistliche Giraldus Cambrensis erwähnt viele Geistliche, die insgeheim die Mysterien/Sakramente der Kirche ablehnten. Sie würden sagen:

Das ist doch alles Täuschung, was wir da tun. Unsere Vorfahren haben sich das ja schlau ausgedacht, um den Menschen Angst einzujagen und sie von vorwitzigen Anmaßungen zurückzuhalten. (in: Dinzelbacher, S.91)

 

Zu 1237, als der Kaiser Mailand belagert, schreibt Matthäus Parisiensis in seiner Chronica maiora:

Die Bürger (...) hingen (...) in den Kirchen den Gekreuzigten an den Füßen auf, und aßen Fleisch am Freitag und in der Fastenzeit, und Viele in ganz Italien verfielen in denselben Abgrund der Verzweiflung, fluchten und lästerten, und erfüllten ohne alle Scheu die Kirchen mit Schmutz, der gar nicht zu nennen ist; die Altäre vor allem besudelten sie und vertrieben die Geistlichen.

Woher er das hat, schreibt er nicht, aber zumindest scheint er das alles für glaubwürdig zu halten.

In seinem Text erwähnt derselbe auch folgende ebenfalls in einer päpstlichen Enzyklika enthaltene und offenbar verbreitetere Erklärung,

drei Betrüger hätten, um in der Welt zu herrschen, ihre Zeitgenossen listiger Weise getäuscht und das ganze Volk verführt, nämlich Moses, Jesus und Mahomet (... Matthäus zu 1238)

 

Christlich ist das Mittelalter offiziell, aber darunter gibt es sicher viel eher gleichgültiges Mitläufertum und eine gehörige Portion Unglauben. Der aber kann, wie gesagt, laut ausgesprochen, schnell lebensgefährlich werden.

 

 

Ketzer, Häretiker

 

Auf der anderen Seite, aber davon durch partiellen Unglauben nicht ganz getrennt, entwickeln schwer zu beziffernde, meist kleine Gruppen insbesondere in den Städten regional unterschiedlich gegen die Verweltlichung, den Machthunger der Kirche und ihre alttestamentarische Überformung gerichtete neutestamentarische Vorstellungen eines die magischen Sakramente und die kirchliche Hierarchie ablehnenden evangelischen Christentums. Sie werden schon im 11. Jahrhundert kirchlich verurteilt und umgebracht oder vom örtlichen Pöbel verbrannt, ebenso, wie es wohl auch dem armen Jesus der Evangelien selbst unter den Kirchenfürsten gegangen wäre.

Mit dem dritten Laterankonzil 1179 verschärft sich die Ketzer-Gesetzgebung, und 1184 einigen sich Papst Lucius III. mit Kaiser Friedrich I. darauf, dass die Exkommunikation automatisch die Reichsacht nach sich ziehen soll. Bis Kaiser Friedrich II. werden Staufer aktiv an der Ketzerverfolgung beteiligt sein.

 

In Norditalien und Südgallien, de facto noch kein Teil des französischen Königreiches, überleben solche Leute, die als Arme Christi, Apostel oder Katharer bezeichnet werden, und sie gewinnen eine stattliche Anhängerschaft. Bei ihnen gerät die evangelische Vorstellung einer vom Teufel beherrschten und massiv erlösungsbedürftigen Welt ins Zentrum, der mit der Heiligkeit in etwa im Sinne der frühen jesuanischen Apostelgemeinschaft begegnet werden soll. Um diese Auserwählten schart sich in Abstufung eine große Schar von Anhängern, die ohne römische Kirche durch sündenfreieres Leben zum "Heil" gelangen wollen. (ausführlicher in Anhang 29)

 

Zisterziensische Prediger schaffen es nicht, die "Ketzer" zurück zu gewinnen, so wenig wie solche vom dafür geschaffenen Orden der Dominikaner. Erst marodierende und mordende nordfranzösische Ritterheere unter dem Bündnis von Papstkirche und französischem König werden das langsam und dann auch mit Hilfe der nun dafür eingesetzten Inquisition mit ihren Folter-Werkzeugen erreichen. Mit der brutalen Eroberung der recht selbständigen okzitanischen Zivilisation durch den König findet dann auch ihre Vernichtung als Integration in das Königreich statt.

 

Eine weitere größere Bewegung stellt die von dem Lyoner Bürger Petrus Waldes um 1170 gegründete dar, die auf evangelischem Fundament Lektüre der Bibel in der Volkssprache, Laienpredigertum auch von Frauen und Abkehr von allgegenwärtiger Geldgier fordert. Der mörderischen Verfolgung durch die Kirche kann ein Teil ihrer Mitglieder in weniger zugängliche Berg-Gegenden vor allem von Savoyen entkommen.

 

Wie andere evangelische Bewegungen der Zeit konzentrieren sich die vor allem aus Handwerkern bestehenden Humiliaten ganz auf das Neue Testament, lehnen Eide ab und pflegen die Laienpredigt. Sie teilen sich in Laien, die in ihren Familien und deren Häusern wohnen, Regulare, die in nach Geschlechtern getrennten Gemeinschaften leben, sowie in gemeinschaftlich lebende Kleriker (C.Ardenna in 'Verwandlungen', S.247). Auch sie werden von der Kirche verboten, bis sich ein Teil von ihnen dann wie die Franziskaner als Orden in die Kirche eingliedert, wobei das Laienpredigertum stark eingeschränkt wird.

 

Im 12./13. Jahrhundert bilden sich Gruppen von Frauen, die später Beginen genannt werden, und die freiwillige Armut mit Arbeiten wie Nähen, Spinnen und Weben und mit karitativen Werken wie Krankenpflege und Sterbebegleitung verbinden. In Oignies (Lüttich) unterstützt Jakob von Vitry, nomineller Bischof von Akkon, eine Frauengemeinschaft zwischen Kontemplation und karitativen Werken. Seit 1238 gibt es in Erfurt Beginen, von denen Nikolaus von Bibra schreibt: Sunt ibi Begine quarum numerus sine fine (...) Sic nocte dieque laborant. (Occultus Erfordiensis in: Mägdefrau, S.19) Es gibt also unzählige von ihnen, die Tag und Nacht arbeiten.

(Armutsbewegungen ausführlicher in Anhang 29)

 

 

Zisterzienser

 

Klöster, mögen sie sich auch noch so der (individuellen) Armut verpflichten, sind doch auch wirtschaftende Einheiten, bislang in die feudalen Strukturen von Grundherrschaft eingebettet. Dabei halten einige weiterhin einen gewissen Reichtum.

Andererseits nähern sich manche traditionelle Benediktinerklöster dem Ruin. Das Kloster Stablo leidet laut einer königlichen Urkunde von 1140 unter dem

Schaden, dass die Ministerialen seiner Höfe ihre Ämter, das ist das Richter- und das Meieramt, als Lehen und nach Erbrecht besitzen wollten.  Daher komme es, dass die Anordnungen des Abtes und der Pröbste unwirksam blieben und die Hörigen des Klosters in Not gerieten. Das soll nun geändert werden und die Ämter dürfen auch nicht mehr vererbt werden. Entsprechend soll der Vogt sich nicht mehr Rechte des Abtes anmaßen. Und zudem werden die Grenzen der Bannmeile bestätigt, in denen niemand außer dem Abt irgendwelche Machtbefugnis, Gerechtsame oder Gerichtsbarkeit haben darf. (in: Franz, S.191)

 

Um die Mitte des Jahrhunderts berichtet der Abt von Fulda:

(...) wenn ein Laie einige Zeit einen Meierhof des Klosters in der Hand gehabt hatte, dann behielt er die besten Hufen für sich und vererbte sie seinen Söhnen nach dem Lehnrecht.  (...) Die Großen der einzelnen Landschaften nahmen sich von den in ihrem Bereich liegenden Klostergütern, soviel ihnen gut schien. (...) Die Ärmeren aber legten Neubrüche und Siedlungen in den Wäldern und Forsten, die dem hl. Bonifaz gehörten, an. Es gelingt dem Abt, von den Meierhöfen ein, zwei, drei oder mehr Hufen zurück zu gewinnen. (in: Franz, S.216)

 

Während es den einen benediktinischen Klöstern bereits schlecht geht, können andere noch aus dem vollen schöpfen und nähern sich manchmal dem Bild des fetten, selbstgefälligen Mönches der nächsten Jahrhunderte. Mit ihnen entsteht dann die Vorstellung von Kukanien, dem Schlaraffenland der Vaganten und Satiriker, in dem Mönche in überfließendem Wohlstand leben. Von dort wird es dann in die märchenhafte Volksliteratur in zunächst mündlicher Form eingehen.

 

Ein Teil der benediktinischen Klöster entwickelt einen gewissen Wohlstand, der sich oft mehr in Macht und Prächtigkeit als in klösterliche Strenge umsetzt.

Ein Robert (de Molesme) wird 1044 Mönch des Klosters Moûtier-la-Celle in Troyes, 1053 Prior, und 1068 zum Abt von Saint-Michel-de-Tonnerre, zwar cluniaszensisch, aber ihm offenbar nicht streng genug. Er kehrt nach Troyes zurück, wird dann Prior von Saint-Ayoul in Provins. Um 1074 laden ihn Eremiten in einem Wald in der Nähe ein, ihre Führung zu übernehmen und er gründet mit päpstlicher Erlaubnis mit ihnen die Abtei Molesme. 

Er soll laut Ordericus Vitalis um 1094 seinen Mönchen erklärt haben, sie befolgten die Regel Benedikts nicht mehr, seien auf Reichtum aus und ein bequemes Leben. Die weisen das empört von sich. Robert zieht sich in ein kleines Kloster in der Nähe zurück, muss aber auf päpstliche Anweisung in seine Abteil zurückkehren.

 

1098 zieht er mit mehreren anderen aus dem Kloster aus und gründet in einer "Einöde" das strenge Reformkloster Citeaux. Dem Regelbruch des Auszugs wird das Argument entgegengestellt, dass der Grund Regeleinhaltung sei (rectitudo regulae im 'Exordium parvum'). Erstaunlicherweise unterstützt der päpstliche Legat und Erzbischof von Lyon nun das Vorhaben. Herzog Odo I. von Burgund schenkt ihnen nicht nur das Land, sondern finanziert auch den Bau der Abtei.

Robert muss nach einem Jahr wieder zurück nach Molesme, und in Citeaux ist ein Mönch Alberich Abt und dann ab 1109 der Engländer Stephen Harding.

 

Gesiedelt wird in deutlicher Entfernung von Städten, und über Stiftungen kommen die Klöster bald zu erheblichem Landbesitz, auch zum Nachteil dort lebender Bauern. Die Gemeinschaft möchte nicht mehr von den bislang üblichen Einkommensquellen leben, der Arbeit der abhängigen Bauern und den Abgaben, die sie leisten, nicht einmal vom Zehnten der eigenen Kirchen. Vielmehr wollen sie ihren Unterhalt aus der Arbeit auf ihrem eigenen Grund und Boden gewinnen. Schenkungen nehmen sie gerne an, bewirtschaften sie aber dann nur direkt.

Und direkte geistliche Gegenleistungen, wie sie für Cluniaszenser elementar wichtig sind, lehnen sie wie die Franziskaner bald ab, halten das aber dann nicht durch. Von dem englischen Heinrich II. ist überliefert, dass er als Buße für die Ermordung von Erzbischof Thomas von Canterbury (1179) nicht nur an Grandmontenser und Fontevrault (und andere) viel Geld stiftete, sondern auch 2.000 Pfund Silbergeld an Zisterzienser.  

 

 

In der von Harding entworfenen  'Carta Caritatis Prior' von vor 1119 heißt es:

In diesem Dekret bestimmten die genannten Brüder und legten für ihre Nachfahren fest, um einem künftigen Bruch des gegenseitigen Friedens vorzubeugen, durch welchen Vertrag, auf welche Art und Weise, ja vielmehr mit welcher Liebe ihre Mönche, dem Leibe nach auf Abteien in verschiedenen Weltgegenden verstreut, dem Geiste nach unzertrennbar miteinander vereint bleiben sollten. Diesem Dekret wollten sie den Namen Carta Caritatis geben, denn es schließt jede Belastung durch Abgaben aus und hat so allein die Liebe (caritas) und das Wohl der Seelen (animae utilitas) in göttlichen und menschlichen Dingen zum Ziel. (in Zisterzienser, S.29f)

 

Im selben Text wird die radikale Vereinheitlich des Alltags in allen Klöstern festgelegt, nämlich dass:

die Bräuche, ihr Gesang und alle für die Gebetszeiten bei Tag und Nacht und für die Messe notwendigen Bücher, mit denen des Neuklosters übereinstimmen, damit in unseren Handlungen keine Uneinigkeit herrscht; vielmehr wollen wir in der einen Liebe, unter der einen Regel und nach den gleichen Bräuchen leben. (s.o., S.92)  

 

Zudem heißt es auch:

Die Mönche unseres Ordens müssen von ihrer Hände Arbeit, Ackerbau und Viehzucht leben. Daher dürfen wir zum eigenen Gebrauch besitzen: Gewässer, Wälder, Weinberge, Wiesen, Äcker, abseits von Siedlungen der Weltleute, sowie Tiere, ausgenommen solche, die mehr aus Kuriosität und Eitelkeit als des Nutzens wegen gehalten werden, wie Kraniche, Hirsche und dergleichen. Zur Bewirtschaftung können wir nahe oder ferne beim Kloster Höfe haben, die von Konversen beaufsichtigt und verwaltet werden. Den Besitz von Kirchen, Altären, Begräbnissen, Zehnten aus fremder Arbeit und Nahrung, Dörfer, Hörige, Bezüge von Ländereien, Backhäusern, Mühlen und ähnliches, was dem lauteren Mönchsberuf entgegenstrebt, verwehrt unser Name und die Verfassung des Ordens. (so in: DMeier, S.121)

 

Damit tritt ein wesentlich von Adeligen gegründeter Mönchsorden zum ersten Mal aus feudalen Strukturen heraus. Nach einer frühen Gründungsphase nimmt die körperliche Arbeit der Mönche zunehmend ab und wird durch die der Konversen, minderen Mönchen am Rande der frommen Gemeinschaft, ersetzt, unter denen sich zum Beispiel nicht mehr erfolgreich wirtschaftende Bauern oder überzählige Bauernsöhne finden.

Auf die Dauer können Klöster mehr Konverse als Mönche haben. Schließlich aber werden Wirtschaftshöfe, Grangien, sogar von Konversen geleitet, die mehr Fähigkeiten besitzen. Diese großen Höfe produzieren ihre Erzeugnisse für den lokalen Markt der nahen Städte und setzen sie zudem über die nun aufkommenden Stadthöfe der Klöster ab.

Zusätzlich stellen die Mönche auch Lohnarbeiter ein und nutzen die freie Arbeit von „Gästen“. Lohnarbeiter werden bei ihnen als eigenständige Gruppe nun auch so genannt und treten damit zum ersten Mal auch auf dem Lande ins dokumentierte Blickfeld.

 

 

Aus dem Kapitel von Citeaux entwickelt sich mit den Neugründungen das Generalkapitel, in dem die Äbte aller Klöster gemeinschaftlich alle Angelegenheiten des so gegründeten ersten großen Ordens besprechen und entscheiden.

Die immer neuen Tochter- und Tochterstochter-Gründungen der Zisterzienser werden dadurch zusammengehalten, dass alle dieselben Gewohnheiten wie dort streng einhalten, was von den Äbten der jeweils übergeordneten Klöster regelmäßig überprüft werden soll. Einmal im Jahr sollen sich alle Äbte in einem Generalkapitel treffen, welches Äbte bei Verfehlungen auch absetzen kann. Ein wenig ist das Ganze wie eine große Firma organisiert. Die Autonomie des Klosters im Sinne der Benediktregel ist soweit abgeschafft, anbdererseits sollen sich die Klöster ihren eigenen Abt selbst wählen.

Ein Triumph für den Orden wird dann, als mit Eugen III (1145-53) ein Zisterzienser Papst wird. Am Ende der Stauferzeit ist die Zahl ihrer Klöster bereits auf 647 angestiegen, womit sie fast schon ihre Höchstzahl erreicht haben.

 

Visitationen sollen über die Einhaltung der Ordensregel wachen. Aber in der Anfangszeit stagniert die Ausbreitung der "Zisterzienser" etwas, bis sie von Bernhards charismatischem Auftreten und seinen Texten Schubkraft erhält. 

 

1112 tritt Bernhard mit sechs seiner Brüder, einem Onkel und über zwanzig anderen jungen Männern in Citeaux ein. Im 'Exordium Magnum' heißt es:

Denn Gott in seiner Gnade sandte der Gemeinschaft zu ein und derselben Zeit so viele gebildete und vornehme Kleriker und ebenso Laien, die in der Welt mächtig und angesehen waren, dass dreißig gleichzeitig mit Eifer ins Noviziat traten. (in Zisterzienser, S.32)

 

Die adelige Mitgliedschaft wird überwiegend bleiben und vor allem auch in den höheren Ämtern dominieren.

Bernhard befleißigt sich einer so strengen Askese mit unzureichender Ernährung, das er immer wieder gesundheitliche Beeinträchtigungen erleidet.

 

Nachdem Harding 1113 das Tochterkloster La-Ferté-sur-Grosne und 1114 Pontigny, folgen 1115 Morimond und clara vallis, Clairvaux, nach dem Bernhard dann benannt wird, da Harding ihn dort zum Abt bestimmt, was er bis 1153 bleibt. Die Frühzeit des Zisterziensertums wird bald von seinem Auftreten und seinen Texten beherrscht. Zu Lebzeiten gründet er alleine von Clairvaux aus 68 Tochterklöster, die zu den 345 übrigen Zisterzen hinzukommen. (Gleba, S.132) 

Für den deutschen Raum wird Kamp am Niederrhein ab 1123 besonders wichtig, da von dort Dutzende weitere Töchter entstehen. Dem Klosterverband von Citeaux wird wie schon vorher Cluny die Exemption vom Papst gewährt, also die direkte Unterstellung unter ihn, eine weitere Zunahme päpstlicher Macht zuungunsten der Bischöfe.

 

Dass die frühen Zisterzienser Wert auf adeligen Rang und eine gewisse Belesenheit legen, belegt für die Folgezeit Ordericus Vitalis: Viele edle Krieger und tiefsinnige Philosophen (nobiles athletae et profundi sophistae) strömten zu ihnen wegen der einzigartigen Neuheit ihres Lebens. Bildung wird aber bei den Zisterziensern eher auf das Lesen geistlicher Texte zurückgefahren, was für ihre Bibliotheken einen geringeren thematischen Umfang bedeutet. Sapientia wird über scientia gestellt, was die Bettelorden hundert Jahre später deutlich ändern werden.

 

In seiner 'Apologia ad Gullelmum abbatem' wendet er sich um 1125 an Wilhelm von Thierry gegen cluniaszensische Gewohnheiten.

Da ist von gewaltigen Fischmengen die Rede, da werden vier oder fünf Gänge verschlungen. (20) Wenn aber die Adern vom hineingeschütteten Wein voll sind, und der Kopf ihnen schwankt, stehen sie dann nicht vom Tisch auf nur um zu schlafen?

Der ganze Kirchenschmuck wird abgetan, der bislang bei Benediktinern eher zum Glauben anregen soll:

Was will aber in den Klöstern, vor den Augen der lesenden Mönche, jene lächerliche Ungeheuerlichkeit, jene seltsam unschöne Schönheit und schöne Unschönheit? Was wollen die unreinen Affen, die wilden Löwen, die missgestalteten Kentauren, die Halbmenschen, die fleckigen Tiger, die kämpfenden Soldaten, die hornblasenden Jäger? Du kannst viele Körper mit einem einzigen Kopf und auch einen Körper mit vielen Köpfen sehen. Ein Vierfüßler hat einen Schlangenschwanz, ein Fisch den Kopf eines Vierfüßlers. Ein Tier ist vorne ein Pferd, hinten aber eine Ziege, und ein Tier mit Hörnern hat wiederum die hintere Körperhälfte eines Pferdes. Die Vielfalt der verschiedenen Formen ist so reich und so seltsam, dass es angenehmer dünkt, in den Marmorsteinen als in den Büchern zu lesen und man den Tag lieber damit verbringt, alle diese Einzelheiten zu bewundern als über Gottes Gebiot nachzudenken. (in: Gleba, S.130)

 

Gold, Silber, Edelsteine, Elfenbein: Mit dem Aufstieg des Christentums, nun kirchlich und staatlich institutionalisiert seit Kaiser Konstantin, lassen sich Pracht bzw. Luxusdarbietung, Reichtum und Macht nicht mehr von einander und was die Kirchen betrifft, auch oft nicht mehr von Religiosität und Frömmigkeit trennen. Insofern unterscheidet sich Kirche auch nicht von weltlicher Macht.

 

Die wesentliche Kritik daran blieb implizit, in einem sich davon zur Gänze lösenden Leben. Das ändert sich nur langsam im Prozess des Aufstieges der Städte und mit den Frühformen von Kapitalismus. Ein früher Vertreter einer Auseinandersetzung, die (Waren)Ästhetisches immerhin streift, wenn auch nur unter religiösen Kriterien, ist Bernhard von Clairvaux mit seiner 'Apologia', in der zisterziensisches Gedankengut streitbar gegen das der Klöster unter der Aufsicht von Cluny antritt. Unter der Überschrift 'Über Gemälde und Skulpturen, Gold und Silber in den Klöstern' heißt es, um zunächst auf das Grundsätzliche einzugehen, über Kirchen und Kirchenschmuck:

Ich will jetzt zu größeren Mißständen kommen, die aber deswegen als geringer erscheinen, weil sie gang und gebe sind. Ich übergehe die grenzenlose Höhe der Bethäuser, ihre übermäßige Länge und unnötige Breite, den kostspieligen Glanz und die bis ins kleinste ausgearbeiteten Abbildungen. Dies alles zieht den Blick des Betenden auf sich und hindert die Andacht.

 

Soweit haben wir es mit der schon oben erwähnten Konkurrenz von Kirchen in Größe und Zierrat zu tun. Im weiteren geht es um die Unterscheidung von Mönchskirchen und Kirchen für das Volk:

Freilich, Bischofe gehen von einer anderen Voraussetzung aus als Mönche. Wir wissen ja, dass jene den Weisen wie den Dummen verpflichtet sind, und dass sie darum die Andacht des fleischlich gesinnten Volkes mit augenfälligem Schmuck wecken, denn mit geistigem können sie es nicht. Wir haben uns aber schon vom Volk zurückgezogen, wir haben für Christus alles Kostbare und Blendende der Welt verlassen, wir haben, um Christus zu gewinnen, alles für Unrat gehalten, was schön glänzt, was durch Wohllaut schmeichelt, was lieblich duftet, süß schmeckt und sich angenehm berühren lässt, kurz, alle Ergötzlichkeiten des Körpers.

 

Das Ästhetische wird hier detailliert als das den Sinnen Angenehme und darum dem ernsthaften Christen Bedrohliche beschrieben. Dass Zisterzienserkirchen der neuen gotischen Mode, also dem gerade modern werdenden Stil entsprechend gebaut werden, unterschlägt er, denn sie sollen zugleich völlig schmucklos sein, und nur das zählt für ihn.

Wie widersprüchlich das alles für die Kirche ansonsten bleibt, erweist sich sowohl daran, dass die Kirchen immer prachtvoller ausgeschmückt werden, wie auch daran, wie Kardinal Lotario de Segni, des späteren Papstes Innozenz III. um 1195 im zweiten Teil seiner Schrift 'De miseria humanae conditionis' allen schmückenden Luxus niedermacht:

Was gibt es Eitleres, als den Tisch zu schmücken mit verzierten Tüchern und Messern mit Elfenbeingriffen, mit goldenen Kannen, silbernen Schalen, mit Kelchen und Gläsern, Weinkrügen und Schüsseln, Suppentellern und Löffeln, mit Gabeln und Salzfäßchen, mit Terrinen und Ölgefäßen, mit Dosen und Fächern. Und wahrlich, es steht geschrieben: >Bei seinem Tod wird der Mensch nichts von alledem mit sich nehmen, und sein Ruhm wird nicht mit ihm hinabsteigen<. (in: Spieß2, S.89)

 

Dies Vanitas-Thema mit seiner Verbindung mit dem Memento Mori wird bis tief ins Barockzeitalter hinein populär bleiben, ohne aber sonderlichen Einfluss auf die Praxis der meisten Menschen zu haben: Die Dichotomisierung des Bewusstseins wird vorläufig zumindest ein christliches Spezifikum bleiben.

Der Papst übrigens dieses Textes wird nach seinem Tode seines prunkvollen Leichengewandes wortwörtlich beraubt werden.

 

Zur Frage der Ästhetik gilt für weltliche wie geistliche und manche monastische Herren weiterhin: Schönheit hat etwas mit dem sinnlichen wie dem Marktwert der Materialien zu tun. Für den Mönch und späteren Abt Lampert von Hersfeld war Reichtum auch für Kirche und Kloster wesentliche Anzeige des Erfolges.   Die Identifizierung von ästhetischem Wert und Marktwert wird eine nicht unwesentliche Voraussetzung für Kapitalismus sein.

 

Wie sehr religiös motivierte kritische Ästhetik und Kapitalismuskritik bei Bernhard mehr oder weniger unbewusst zusammengehen, kann man dann folgender Passage entnehmen:

Das ist die Kunst, durch die Geld ausgesät wird, damit es sich vervielfache. Man gibt es aus, damit es sich vermehre, und die Verschwendung bringt noch mehr Reichtum. Eben durch den Anblick dieser aufwendigen, aber Bewunderung erregenden Eitelkeiten werden die Menschen mehr zum Geben als zum Beten gedrängt. So wird Reichtum durch Reichtum abgeschöpft, so zieht Geld Geld an, weil - ich weiß nicht, wie es kommt - dort großzügiger gespendet wird, wo man größeren Reichtum bemerkt. Die Augen weiden sich an den mit Gold bedeckten Reliquien, und schon öffnet sich der Geldbeutel.

(Tali quadam arte spargitur aes, ut multiplicetur. Expenditur ut augeatur, et effusio copiam parit. Ipso quippe visu sumptuosarum, sed mirandarum vanitatum, accenduntur homines magis ad offerendum quam ad orandum. Sic opes opibus hauriuntur, sic pecunia pecuniam trahit: quia nescio quo pacto, ubi amplius divitiarum cernitur, ibi offertur libentius. Auro tectis reliquiis saginantur oculi, et loculi aperiuntur. Ostenditur pulcherrima forma sancti vel sanctae alicujus, et eo creditur sanctior, quo coloratior. Currunt homines ad osculandum, invitantur ad donandum; et magis mirantur pulchra, quam venerantur sacra. Ponuntur dehinc in ecclesia gemmatae, non coronae, sed rotae, circumseptae lampadibus, sed non minus fulgentes insertis lapidibus. Cernimus et pro candelabris arbores quasdam erectas, multo aeris pondere, miro artificis opere fabricatas, nec magis coruscantes superpositis lucernis quam suis gemmis. Quid, putas, in his omnibus quaeritur? poenitentium compunctio, an intuentium admiratio? O vanitas vanitatum, sed non vanior quam insanior! Fulget ecclesia in parietibus, et in pauperibus eget. Suos lapides induit auro, et suos filios nudos deserit. De sumptibus egenorum servitur oculis divitum. Inveniunt curiosi quo delectentur, et non inveniunt miseri quo sustententur.)

(http://www.binetti.ru/bernardus/14.shtml – caput 12, 28. Das hier noch angefügte Original mit den bei so viel kirchlicher Prächtigkeit zu kurz kommenden Armen zeigt das rhetorisch-propagandistische Element Bernhards).

 

Diese doch recht deutlich am evangelischen Jesus orientierte Kritik an Kirche und am traditionellen benediktinischen Kloster geht aber längst am Hauptstrom der Entwicklung vorbei.

 

Innerlichkeit als Abschließung von der äußeren Sinnenwelt formuliert Bernhard so:

Schließe die Fenster, verriegle die Zugänge, verstopfe sorgfältig die Löcher! So wirst du, wenn kein neuer hinzukommt, den alten Schmutz wegputzen können. (Ad clericos de conversione).

Die Augenlust wird zum Feind des Glaubens. Bernhard selbst hält sich ungefähr seit 1130 so wenig mehr an die stabilitas loci wie schon zuvor die Äbte von Cluny. Vielmehr reist er viel herum, vertritt dabei das Ideal der Rittermönche wie auch den zweiten Kreuzzug, tritt gegen Abaelard auf und agiert viel "in der Welt".

 

Überhaupt wird die Idee immer deutlicher, Frömmigkeit durch Verinnerlichung mit Einfachheit des Äußeren zu verbinden. Der fehlende Kirchturm soll von der üblichen Adelskirche lösen, und die Funktionalität der Klosteranlage soll die Gleichförmigkeit des Klosterlebens mehr verdeutlichen als ein allen gemeinsamer Bauplan. Bauliche Besonderheit werden die getrennten Chöre für Mönche und Konversen, ergänzt durch getrennte Kircheneingänge, wobei allerdings beide beim Stundengebet und den Messen gleichzeitig anwesend sind. In Norddeutschland gehören die Zisterzienser zu den ersten, die Backsteinbauten errichten, also mit seriell produziertem (Kunst)Stein arbeiten.

Die Wände der Kirche sollen kahl bleiben, ohne Fresken und Tafelmalerei, (fast) ohne Skulpturen bis auf Marienstatuen. Bunte Glasfenster und die skulptierten bildhaften Kapitelle sollen fehlen wie auch kostbare Fußböden. Während spätere Abbildungen von der Bautätigkeit der Mönche künden, übernehmen sie doch nur eine grobe Bauleitung und lassen Spezialisten arbeiten.

Liturgische Geräte sollen fast alle nicht silbern oder golden sein, wie die 'Capitula' vorschreibt. Im Laufe der Jahrzehnte lässt sich das allerdings immer weniger durchhalten, insbesondere wenn solch kostbar-prächtiges Gerät als Schenkung dazukommt. Dasselbe gilt für Handschriften, die zunächst nicht illuminiert sein dürfen, aber dies dann doch bald des öfteren sind.

Das alles wird auf die Dauer nicht durchgehalten, wie schon Caesarius von Heisterbach belegt. Dabei muss man überhaupt sehen, dass Bernhard zwar sehr einflussreich ist, aber doch eher eine Extremposition im Orden vertritt.

  

Die erheblich ausgeweitete cluniaszensische Liturgie wird textlich eingeschränkt, um dem einzelnen Text des Stundengebetes wieder mehr Bedeutung zu geben. Tonumfang und Verzierungen beim Gesang werden zurückgenommen wie auch die einsetzende Mehrstimmigkeit mit ihrer Kopfstimme.

Die memoria der Stiftertoten und die dazugehörigen Armenspeisungen werden gegenüber den Cluniaszensern dadurch massiv eingeschränkt, dass das individuelle Totengedenken durch pauschale Gebete an wenigen Tagen ersetzt wird.  Stifterbilder und Wappen werden zunächst untersagt, was sich gegenüber ihnen nicht durchhalten lässt. Tatsächlich werden dann Zisterzienserklöster wie Fürstenfeld für die Wittelsbacher und Doberan später für die Herzöge von Mecklenburg eine Art fürstliche Hausklöster mit der Begräbnisstätte für die Familie. Zudem wird immer mehr dem Wunsch von Laien nachgegeben, auf den Friedhöfen der Klöster begraben zu werden. 

Das Essen wird vereinfacht, Weißbrot wird in der Regel bald verboten, ebenso wie Fett und Fleisch, außer für Kranke, Konversen und Lohnarbeiter. Teure Gewürze wie Pfeffer sind ebenfalls untersagt. Das Schweigegebot wird strikter eingehalten.

 

Die Kritik blieb bald nicht aus. Ordericus Vitalis schreibt:

Viele edle Gottesstreiter und Sucher tieferer Wahrheit laufen ihnen zu wegen der Neuheit ihres ausgefallenen Auftretens (…) Unter die guten Menschen mischen sich aber auch die Heuchler, die (…) die Menschen betrügen und dem Volk ein gewaltiges Theater vorspielen. (in EhlersOtto, S. 96)

 

Ein Muster an Idealisierung klösterlichen Lebens insbesondere der Zisterzienser bietet der recht gelehrte Zisterzienser Otto Bischof von Freising in seiner Chronik, der  'Geschichte der zwei Welten':

Abgesehen von den Klerikern und Laien, die züchtig, fromm und gerecht (sobrie, pie et iuste) ihr Eigentum nicht als ihr Eigentum betrachten, sondern mildtätig für die Bedürfnisse der Brüder sorgen, gibt es verschiedene Vereinigungen der Heiligen (agmina sanctorum), die gemäß dem Gebot des Evangeliums auf ihr eigenes Begehren (desiderium), ihr Eigentum und ihre Verwandtschaft Verzicht leisten, zur Abtötung ihres Fleisches (per mortificationem carnis) für immer das Kreuz tragen und voll Begehren nach dem Himmelreich Christus folgen. Einige von ihnen wohnen in Städten, Burgsiedlungen und kleineren Orten oder auf dem Lande, und vermitteln ihren Nächsten durch das Wort und das Beispiel die rechte Lebensweise. Andere wenden sich zwar nicht ganz gegen das Zusammensein der Menschen, sind aber mehr auf ihre Seelenruhe bedacht, meiden den Umgang mit ihnen und ziehen sich in die Verborgenheit von Wäldern und anderen abgelegenen Gebieten zurück, und dienen alleine Gott.

... Sie alle führen schon auf Erden ein Leben in himmlischer engelhafter Reinheit  und Heiligkeit des Gewissens.

sie legen sich gleichzeitig schlafen, sie stehen gemeinsam zum Gebet auf, sie nehmen gemeinsam in einem Raum ihre Mahlzeiten ein, und Tag und Nacht beschäftigen sie sich mit Beten, Lesen und Arbeiten mit so unermüdlichem Fleiß......Sie enthalten sich ferner alle des Fleischgenusses...

...Alle Werkstätten der verschiedenen Handwerker (opificum), der Bäcker, Schmiede, Weber und der anderen, liegen nämlich im Inneren, damit keiner von ihnen Anlass hat hinauszugehen...

...Kommt aber eine Frau die einer Zusprache bedarf oder eines anderen Anliegens, so muss sie draußen verbleiben, und der Abt des Klosters oder einer der Brüder spricht mit ihr, nicht drinnen und nicht alleine, sondern unter freiem Himmel an offener Stelle, die nur durch ein einfaches Dach gegen Regen geschützt ist.

...häufig werden sie beim Abschied aus dem Leben durch die Erscheinung eines Engels oder des Herrn getröstet. Sie heilen Kranke, treiben Dämonen aus, und manchmal bekommen sie, soweit das in diesem Leben möglich ist, durch Kontemplation einen Vorgeschmack von der Süße des himmlischen Vaterlandes (patriae), und bringen deshalb, wiewohl von Arbeit und Vigilien erschöpft, durch Fasten geschwächt … fast die ganze Nacht mit dem Gesang von Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern zu. (VII, 35, S.560f))

 

So wie Otto hier das Leben der Zisterzienster idealisiert, so hört man auch Gegenteiliges. Walter Map zum Beispiel spottet schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts über ihre Geldgier (avaritia). (Zur Verbindung von Zisterziensern und kapitalistischem Markt siehe: Gewerbe 2)

 

Eine Besonderheit zisterziensischer Entwicklung wird der in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts "explosionsartig ansteigende Aufstieg" (P.Johanek) von Frauenklöstern, die nun schneller wachsen als es jemals zuvor bei den Männerklöstern der Fall war.

Im weiteren Verlauf dieses Jahrhunderts nimmt aber die Bedeutung der weißen Mönchen in vielen Gegenden Europas ab, was nicht zuletzt auch durch das Aufkommen der neuen und nunmehr populäreren Bettelorden verursacht wird. Es gibt darum immer weniger Schenkungen an sie.

 

 

Franziskaner und Dominikaner

 

Der Aufstieg der Städte, der Geldwirtschaft und die zunehmende Kommerzialisierung fallen zunächst mit dem der Zisterzienser zusammen. Im folgenden Jahrhundert wendet sich dann der Francesco von Assisi mit aller Deutlichkeit dagegen. Er verlässt das Elternhaus seines Vaters, der erfolgreicher Händler ist, nimmt sich den evangelisch vermittelten Menschen Jesus zum Vorbild und folgt ihm mit den Idealen der Eigentumslosigkeit und Friedfertigkeit nach. Der Kaufmannssohn lehnt die triumphierende Geldwirtschaft ab, seine Brüder sollen arbeiten, aber nur für die Subsistenz und nicht für Gelderwerb. Auch als Almosen sollen sie nicht Geld, sondern Naturalien annehmen.

 

Er sucht auf dem Lande bei Assisi zunächst die Einsamkeit, findet aber dann bald Mitstreiter und kann es auf die Dauer nicht vermeiden, sein jesuanisches Ideal in einer Art wachsender Bruderschaft aufgehoben zu sehen. Um das Predigertum der neuen Gemeinschaft zu sichern, und weil er keine Kirchenkritik üben möchte, kann das Papsttum ihm in mehreren Schritten eine Ordensregel auferlegen, in der bereits ansatzweise eine Verfälschung seiner Ideale enthalten ist.

 

Während Francesco sich von solcher Entwicklung stärker zurückzieht, entwickelt sich ein neuer Großorden, der das ganze lateinische Abendland überzieht und als erster Orden ganz in Städten angesiedelt ist. Das Betteln der Mönche wird bald durch Schenkungen ergänzt, die Ordensklöster schnell zu mächtigen Eigentümern mit großen Kirchengebäuden machen, wobei sich letztere allerdings durch Einfachheit auszeichnen. Dabei werden sie zu Konkurrenten der kirchlichen Priester nicht zuletzt auch im Bereich des Spendenwesens. Noch radikaler als die Zisterzienser jenseits von feudalen Strukturen in den Städten angesiedelt, sind sie besonders von den Spenden des wachsenden Kapitals abhängig, weshalb sie eine bedeutende Rolle für dessen wachsende Rechtfertigung einnehmen. 

An die Stelle der jesuanischen, vom hl. Franz gepredigten Ablehnung von Gelehrsamkeit tritt bald die Tatsache, dass sie schnell auch in Universitäten einziehen, und ein in die Machtpolitik eingreifender Faktor werden.

 

Der nordspanische Geistliche Dominikus aus einer kastilischen Adelsfamilie gehört im Gefolge seines Bischofs von Osma zunächst zum eher der Meditation zuneigenden Teil der Kirche. In der Begegnung mit den einflussreichen Katharern entschließt er sich, deren Missionar zu werden, und, anders als es bisher üblich war, ihnen mit einfachem Auftreten und mit theologischen Argumenten entgegen zu treten. Daraus entwickelt sich - soweit ähnlich wie bei den Franziskanern - ein eigentumsloser Bettelorden, der aber von vorneherein als spezifischer Predigerorden viel Wert auf Belesenheit legt, weswegen Dominikaner der Schulung in kirchenkorrektem Christentum große Bedeutung beimessen, und dann bald mit den Franziskanern an den hohen Schulen konkurrieren. Ähnlich wie die Franziskaner schnell im ganzen Abendland vertreten, prägen sie mit ihnen überall das Bild der Städte der lateinischen Welt.

 

Ihr Streiten gegen die Ketzer bringt ihnen dann nach dem Tod des Ordensgründers die Leitung der "heiligen Inquisition" ein, mit der die Papstkirche Abweichler als Ketzer zu vernichten sucht, nun mit immer brutaleren Mitteln.

 

 

 

 

Weltliche Kritik (auszuarbeiten)

 

Es gibt nicht nur abnehmende kirchliche Kritik am aufkommenden Kapitalismus, sondern auch weltliche. So schreibt der Vagant Freidank in seiner 'Bescheidenheit', die drei gottgegebenen Lebensformen des gebûre, ritter und pfaffen würden durch eine vierte, Geschöpf des Teufels gequält, den wuocher, die Kaufleute und vor allem die Kreditgeber also.