GEWERBE 2: PRODUKTION UND HANDEL 1100-1250

 

Produktion (Textilien)

Salz

Kohle und Erze

Spezialisierung und Arbeitsteilung

Handwerkskunst

Technik und Maschinen

Erweiterung des Raumes (Hanse)

Handelskapital, Handelswaren (Handel mit Massengütern)

Geld und Finanzkapital (Kredit)

Messen

Transportwesen

(Zusammenschlüsse)

Verschriftlichung

Das Bild des Kaufmanns

 

 

Entfaltung von Kapitalismus heißt einmal, dass in einzelnen Städten und zudem in ganzen Stadtlandschaften größere Kapitalien zum Juniorpartner jener Macht werden, die auf Großgrundbesitz gegründet ist, und für diese immer weniger verzichtbar sind. Es heißt zum anderen, dass die handwerkliche wie maschinenbetriebene Produktion für einen Markt massiv zunimmt - eine über Geld vermittelte Marktwirtschaft also an Bedeutung gewinnt und das Ideal von autarker Selbstversorgung verschwindet.

Das wird nirgendwo deutlicher als in dem rapide steigenden Geldbedarf der Herrenschicht für seine Kernbetätigung, nämlich kriegerische Gewalttätigkeit. Diese wird langsam stärker reguliert, verlangt aber einmal für Waffen und Rüstung mehr Geld, zum anderen aber auch für den rapide ansteigenden Anteil an Lohngeldern, "Sold" für das militärische Gefolge. Die vor allem im anglonormannischen und kapetingischen Königreich reichsbildenden feudalen Strukturen sind undenkbar ohne die darunterliegenden kapitalistischen: Beide bedingen sich gegenseitig.

 

Produktion

 

Mehr Bevölkerung, mehr Nahrungsmittel auf einem Markt für mehr Menschen, die sich aus alten Machtstrukturen lösen, führt zu stark zunehmender Produktion, und zwar einmal für den lokalen Markt, aber mit immer mehr Rohstoffen und Waren auch für den Fernhandel.

Den Kapitalismus nicht vorantreibend ist vor allem das Handwerk für den täglichen Bedarf, wie es auch kleine und kleinste Städte oft vorweisen. Da sind die Bäcker und Metzger, die Schuhmacher und Flickschuster und die langsam zahlreicher auftauchenden Schneider, die auf Bestellung und nach Maß arbeiten, dann auch Chirurgen und Zahnbrecher.

 

Bindeglied zwischen Handelskapital und vorläufig noch überwiegend handwerklicher Produktion ist inzwischen die Versorgung derselben mit Rohstoffen auf dem Markt. Hochwertige englische Wolle für hochwertige flämische Tuche ist das klassische Beispiel für das 11. und 12. Jahrhundert, wobei die Schafzucht britischer Klöster manchmal anfängt, unternehmerische Qualitäten zu bekommen.

Das Abschöpfen von landwirtschaftlicher und handwerklicher Produktion und von Handelsspannen stärkt weiter die Nachfrage der Herren nach immer vielfältiger differenzierten Gütern auf dem Markt und fördert zudem das Anheuern und Mieten von Menschen für die Ausübung von Macht und Gewalt. Feudale Strukturen, höfische Lebensformen und die Entstehung von den Markt befeuernden Moden hängen voneinander ab, was aber nach Kräften geleugnet wird.

 

****Textilien****

 

Wir sind in der großen Zeit der Wolltuch-Produktion in Flandern. Die Produktion einfacherer Tücher findet derweil in vielen europäischen Städten statt. In Lucca wird die aus dem Osten importierte Seide verarbeitet, wofür dann eine Seidenzwirnmühle entwickelt wird, die 200 Spindeln gleichzeitig antreiben kann (Gilomen, S.78). In der Lombardei (Piacenza, Pavia, Cremona) und der Toskana (Lucca, Pisa) wird Barchent hergestellt, ein Mischgewebe aus Wolle und Leinen. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wird dann auch Florenz bei Wolltüchern neben norditalienischen Städten führend. Ein Trend zu regionaler Spezialisierung in der Produktion wird deutlich, der zugleich eine Stimulierung des Handels mit Rohstoffen über größere Entfernung (bis nach Nordafrika und dem Orient) bedeutet.

 

Grundsätzlich lässt sich sagen, was schon für das hohe Mittelalter gilt: Kaum eine größere Stadt im lateinischen Europa, in der nicht wenigstens in kleinem Maßstab und für den lokalen Bedarf einfache Tuche hergestellt werden.

Neben Wolle dominiert Leinen für Bettlaken und Unterbekleidung vor allem. Bis durch das 11. Jahrhundert ist die relativ einfache Herstellung von Leinentüchern für den Hausgebrauch noch Teil der hauswirtschaftlichen Selbstversorgung.  Danach wird sie zunehmend professionalisiert und es kristallisieren sich deutsche Leinenreviere heraus, am Bodensee, Westfalen, später das Vogtland und Niederschlesien.

 

Die Textilproduktion wie die von Metallwaren setzt schon im hohen Mittelalter sehr differenzierte vertikale Arbeitsteilung voraus. Sie kann bei Wolltüchern bis zu dreißig verschiedene Produktionszweige umfassen, die zunehmend und überwiegend unter Kapitalkontrolle geraten. Bestimmte Bereiche wie die Spinnerei wird von Frauen in Lohnarbeit betrieben, wobei es des öfteren Stücklohn und nicht nur Tageslohn gibt. Die Wollschlägerei, zunächst ein Handwerk, tendiert in Norddeutschland bereits im 13. Jahrhundert dazu, in Lohnarbeit überzugehen. Dasselbe gilt in derselben Zeit bereits des öfteren für Weberknechte.

 

Salz

 

Beim Salz tritt wie beim Erz im 12. Jahrhundert der Übergang von der Produktion im Rahmen der Grundherrschaft und im Bereich der Siederei in freieres Pächtertum auf. In Lüneburg, Bad Reichenhall und dem Salzkammergut beispielsweise dreht sich die Wirtschaft nun zentral um das Salz und generiert erheblichen Wohlstand in bürgerlichen Kreisen und ein beträchtliches Handelsvolumen.

Das massenhafte Verbrennen von Holz für die Salzsiederei führt zu enormer Rauchentwicklung und solider dauerhafter Luftverschmutzung, so zum Beispiel auch im englischen Droitwich (Worcestershire) und Nantwich (Cheshire) überliefert.

 

Salz spielt dort, wo es Vorkommen gibt, auch eine erhebliche Rolle im klösterlichen Unternehmertum. Klöster besitzen Salinen von Nordspanien bis nach Pommern, wo das Zisterzienserkloster Eldena zum Beispiel über eine eigene Saline verfügt.

 

Der städtisch kontrollierte Salzhandel wird zu einem umkämpften Machtfaktor. Mit rüden Methoden erobert sich Venedig im 12. und 13. Jahrhundert die Kontrolle über das Salz an der Adria. Hauptkonkurrenten auf der anderen Seite der Halbinsel sind die Genuesen. Für den Ostseeraum wird die Hanse über den Heringshandel dann fast zum Monopolisten werden. Die Monopole halten dabei nicht einzelne Firmen, sondern Städte, die sie selbst oder mithilfe von Fürsten und nicht zuletzt auch mit Gewalt durchsetzen.

 

Kohle und Erze

 

Kohle wird in weiten Teilen Europas noch nur als Holzkohle verbraucht. Im 13. Jahrhundert nimmt dann die Kohleproduktion in den Gegenden von Newcastle und Nottingham zu, wo sie auch früh verbraucht wird und zu erheblicher Luftverschmutzung führt. Inzwischen wird Kohle auch bereits von Newcastle nach London verschifft und führt dann bald zu jener verrußten Stadt, wie man sie noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts kennenlernen kann.

Früh, Ende des 12. Jahrhunderts, beginnt man auch mit dem Abbau von Kohle im Lütticher Land und im 13. Jahrhundert im Ruhrgebiet und im Hennegau.

 

Schwedischer Stahl gilt seit dem 12. Jahrhundert als hervorragend (Osemund). Ganze Eisenreviere entstehen im englischen Forest of Dean, im Siegerland, der Oberpfalz in Böhmen und der Steiermark.

Silberhaltiges Bleierz wird 1170 in Freiberg in Sachsen gefunden, ebenso Silber im Erzgebirge, in den Karpaten und Siebenbürgen. In Mähren gründen deutsche Bergleute Iglau. Silber, Blei und Zink machen Iglesias auf Sardinien zur Silberstadt.

 

Spezialisierung und Arbeitsteilung

 

Ausweitung des Handels führt zur Spezialisierung in der Produktion: Mit dem steigenden Transportwesen und Handel teilt sich die Produktion in solche für den heimischen Markt und solche für den „Export“, wobei letztere am ehesten stärker kapitalisiert wird. Der Fernhandel schafft die Erfahrung ferner Nachfrage. Sobald im 12. Jahrhundert die Nachfrage nach besserer englischer Wolle in Flandern und später in Italien steigt, verlegen sich auch die englischen Zisterzienserklöster auf die Schafzucht und Wollproduktion, wodurch sie weitere riesige Weidelandschaften schaffen und Ackerbau und Wald verdrängen. Im Bordelais entstehen riesige Monokulturen für den Weinanbau, die von der Girondemündung und von La Rochelle nach England und Flandern verschifft werden. Dasselbe gilt für Gebiete der Getreideproduktion wie Gegenden Siziliens, die nord- und mittelitalienische Städte sowie maghrebinische beliefern. Mit den kommunalen Getreidespeichern in den Städten verstetigt die städtische Bevorratung dann solchen Handel.

Färberwaid (Indigo) wird zum großflächigen Anbau- und Exportgut in der Pikardie und in Thüringen. In Preußen entstehen deutlich später Getreidemonokulturen, die die Hanse weiterverhandelt. Was noch später monokulturelle Plantagenwirtschaft in den Amerikas vor allem weiterführt, hat europäische Vorläufer, mit allen Konsequenzen für Landschaft, Ernährung vor Ort und Machtstrukturen.

 

 

1268 verzeichnet der Prévot Étienne Boileau im 'Livre des Metiers' für Paris 101 zünftig organisierte Gewerbe für Paris. (Ehlers, S.191)

Wenn horizontale Arbeitsteilung zu größerer Kunstfertigkeit führte, was nicht immer der Fall sein muss, kann sie vom Handwerker als technische Bereicherung erlebt werden, aber vertikale Arbeitsteilung tendiert nicht nur zur Abhängigkeit von vorausgehenden Arbeitsschritten, sondern sie kann dort, wo sie von der Zulieferung von Rohstoffen und der Endabnahme für den Fernhandel in größerem Maßstab in die Abhängigkeit von Eignern größerer Kapitalien und größerer Kreditwürdigkeit gerät, und so in Formen terminierter Massenproduktion, in verringerter Kunstfertigkeit und stupidem Vollzug immer gleicher Handgriffe landen, wie in Bereichen der Textilproduktion, wo das in Vorformen jener Arbeitsprozesse endet, wie sie in Manufakturen und später Fabriken stattfinden wird. (siehe oben)

Dabei findet dann auf dem Weg ins späte Mittelalter, zunächst in Nord- und Mittelitalien, eine Proletarisierung ganzer Handwerkszweige statt, die zwar aus Machtinteressen des Kapitals heraus oft durchaus zünftig organisiert bleiben (so wie globalisiertes Kapital im 20. Jahrhundert Gewerkschaften als Partner nutzt), aber im Zunftsystem die unterste und politisch machtlose Stufe einnehmen. Zuerst in Städten wie Mailand oder Florenz tauchen sie dann periodisch als städtischer Mob auf, ge- und missbraucht von Fraktionen der städtischen Oberschicht, benutzt und dann der Soldateska preisgegeben.

 

Handwerks-Kunst

 

Handwerk ist Kunst, ars, Handwerke sind artes mechanicae, in Nürnberg werden sie zu "freien Künsten".. Und sie produzieren selbst die Waren, die sie auch verkaufen. Insofern war es für die kirchenchristliche Orthodoxie leichter als beim Handel noch, das Handwerk in sein Weltbild zu integrieren.

 

Schon in der Merowingerzeit konnten einzelne (Kunst)Handwerker wie der Goldschmied Eligius durch das Wohlgefallen, das sie bei ihren königlichen Auftraggebern erregten, Karriere als Bischof und Heiliger machen, aber das waren bis um 1100 Einzelfälle. Jetzt entstehen Texte, zunächst von Mönchen, die zwar noch nicht zwischen Naturwissenschaft und Technik unterscheiden, aber einerseits von einem neuen, sich stärker auf einen originäreren Aristoteles beziehenden Erkenntnisinteresse und andererseits gerade von einer Faszination der sich erweiternden „technischen“ Möglichkeiten geprägt sind. Um 1120 dann beschreibt Theophilus Presbyter, Mönch und Priester, in 'De Diversis Artibus' fasziniert und interessiert eine Anzahl handwerklicher Techniken. Gerade hatte Bernhard von Clairvaux in seiner 'Apologia' den bald vergeblichen und gegen die Cluny-Klöster gerichteten Versuch unternommen, die Kirchen wenigstens der Klöster vom Schmuck von Gold, Silber, Edelsteinen und Statuen zu befreien:

 

...Das ist die Kunst, durch die Geld ausgesät wird, damit es sich vervielfache. Man gibt es aus, damit es sich vermehre, und die Verschwendung bringt noch mehr Reichtum. Eben durch den Anblick dieser aufwendigen, aber Bewunderung erregenden Eitelkeiten werden die Menschen mehr zum Geben als zum Beten gedrängt. So wird Reichtum durch Reichtum abgeschöpft, so zieht Geld Geld an, weil – ich weiß nicht, wie es kommt – dort großzügiger gespendet wird, wo man größeren Reichtum bemerkt. Die Augen weiden sich an mit Gold bedeckten Reliquien – und schon öffnet sich der Geldbeutel... )

 

Tali quadam arte spargitur aes, ut multiplicetur. Expenditur ut augeatur, et effusio copiam parit. Ipso quippe visu sumptuosarum, sed mirandarum vanitatum, accenduntur homines magis ad offerendum quam ad orandum. Sic opes opibus hauriuntur, sic pecunia pecuniam trahit: quia nescio quo pacto, ubi amplius divitiarum cernitur, ibi offertur libentius. Auro tectis reliquiis saginantur oculi, et loculi aperiuntur. Ostenditur pulcherrima forma sancti vel sanctae alicujus, et eo creditur sanctior, quo coloratior. Currunt homines ad osculandum, invitantur ad donandum; et magis mirantur pulchra, quam venerantur sacra. Ponuntur dehinc in ecclesia gemmatae, non coronae, sed rotae, circumseptae lampadibus, sed non minus fulgentes insertis lapidibus. Cernimus et pro candelabris arbores quasdam erectas, multo aeris pondere, miro artificis opere fabricatas, nec magis coruscantes superpositis lucernis quam suis gemmis. Quid, putas, in his omnibus quaeritur? poenitentium compunctio, an intuentium admiratio? O vanitas vanitatum, sed non vanior quam insanior! Fulget ecclesia in parietibus, et in pauperibus eget. Suos lapides induit auro, et suos filios nudos deserit. De sumptibus egenorum servitur oculis divitum. Inveniunt curiosi quo delectentur, et non inveniunt miseri quo sustententur.

 

(http://www.binetti.ru/bernardus/14.shtml – caput 12, 28. Das hier noch angefügte Original mit den bei so viel kirchlicher Prächtigkeit zu kurz kommenden Armen zeigt das rhetorisch-propagandistische Element Bernhards).

 

Wie eine direkte Antwort wirkt dieser Abschnitt von Theophilus in der Übersetzung von Erhard Brepohl:

 

Im Exodus hatte er nämlich gelesen, dass der Herr an Moses den Auftrag zum Bau der Stiftshütte gegeben, namentlich die Meister zu diesem Werk ausgewählt habe und sie mit dem Geist der Wahrheit, der Klugheit und der Kenntnis auf allen (erforderlichen) Wissensgebieten erfüllt habe, damit sie das Werk entwerfen und in Gold, Silber, Erz, Holz und in sämtlichen Handwerkstechniken ausführen könnten. Und er fand durch fromme Betrachtung heraus, dass Gott durch solchen Schmuck erfreut werde (…), und er glaubte, dass ohne dessen Eingebung niemand etwas Derartiges schaffen könne. Deshalb, geliebter Sohn, sollst du nicht zaudern, sondern voller Vertrauen glauben, dass Gott dein Herz erfüllt, wenn du Sein Haus mit solchem Schmuck und solche Vielfalt der Kunstwerke zierst. (II,16)

 

Es ist unüberlesbar, dass das Handwerk auf diese Weise nun gottgewollt ist, und sicher nicht nur für den Schmuck der Kirchen, hatte doch Bernhard sich nur gegen diesen gewandt und nicht gegen den ihn eher wenig interessierenden weltlichen Warenkonsum. Schließlich waren seine Kreuzzugspredigten an den weltlichen Adel bereits durchsetzt von Metaphern aus der Welt des Handels und der Kaufmannschaft.

 

Im 12. Jahrhundert spricht Johannes von Salisbury vom Nutzen der verhältnismäßig niedrigen Dienste, ohne die es nicht geht, und meint damit Landbearbeitung, Handwerk und Dienstbotentum, die er auf eine Stufe stellt.

 

Ein Jahrhundert später heißt es bei Jakob von Vitry: Ebenso wie es Gradunterschiede bei den geistlichen Gnadengaben gibt, so bestehen auch Unterschiede der Aufgaben bei den Handwerkskünsten. Denn Gott, der dafür sorgt, dass die Menschen alle notwendigen Dinge haben, hat jedem sein Talent für seine Tätigkeit zuerteilt. Dieses äußere Verwalten bzw. diese Handwerkskunst selbst wird jedem einzelnen Handwerker als verliehenes Talent zugerechnet. (…) Denn zumeist erwerben sie nicht geringeres Verdienst als diejenigen, welche den ganzen Tag in der Kirche singen oder zur Nachtzeit bei der Frühmesse wachen. (Engel/Jacob, S. 260)

 

Das heißt doch wohl nichts anderes, als dass das Handwerk nicht nur göttlich zugeteilt ist, sondern auch an Heiligkeit mit dem Mönchtum sich messen kann.

 

Mit der Aufwertung der Handarbeit im 12. Jahrhundert entstand ein neues Ethos des handarbeitenden Städters, auch wenn es sich im wesentlichen auf das "zünftige" Handwerk bezog. Im Prolog seines 'De Diversibus Artibus' des Theophilus Presbyter vom Anfang dieses Jahrhunderts heißt es denn auch bereits:

Theophilus, der demütige Priester, Diener der Diener Gottes, nicht würdig des Namens und Berufs eines Mönches, wünscht allen, die die Untätigkeit des Geistes und das Umherschweifen der Seele durch nützliche Handwerksarbeit und ergötzliche Studien neuer Erkenntnisse meiden und verachten wollen, den Empfang des himmlischen Lohnes. (I,49)

Das ist zunächst noch nur eine einzelne Stimme, aber sie entspricht dem steigenden Selbstwertgefühl des Handwerks, und zwar einmal, indem es nun nicht nur irdischen, sondern himmlischen Lohn für Handarbeit geben soll, sondern zudem dadurch, dass die von solcher Handarbeit abgeleitete Innovationskraft denselben Lohn haben mag. Vor allem aber wird nun Müßiggang (otium) und Fleiß in der Handarbeit gegenübergestellt und der Arbeit dabei der überragende Wert eingeräumt. Das otium ist nur in produktiver Forschungsarbeit noch positiv bewertet.  

 

Ehrbarkeit ist aber schnell vor allem auch Unterordnung unter die landesherrliche und städtische Obrigkeit, unter die Kirche und ihre Vorstellungen von ehrbarer Sexualität in Ehe und Familie. Die Menschenansammlungen in den Städten brauchen Ordnung, und sie wird von oben nach unten erlassen, wobei die Ehrbaren dabei manchmal in einigem mitreden dürfen.

 

Handwerker werden überall dort aufgewertet, wo ihre speziellen Kenntnisse und Fertigkeiten den Kapitaleignern und den von ihnen ihnen mitregierten Städten gewinnversprechend sind. Das betrifft zum Beispiel sowohl Bereiche der Barchentproduktion in Norditalien wie der Seidenproduktion in Italiens Mitte und im Süden.

 

Wenig später werden Technik-Gläubigkeit und Fortschrittsglaube bereits durch die erlauchtesten Köpfe geistern, und zwar Jahrhunderte vor Leonardo da Vinci:

 

Es werden Maschinen gebaut werden, mit denen die größten Schiffe von einem einzigen Menschen gesteuert, schneller fahren werden, als wenn sie mit Ruderern vollgestopft wären; es werden Wagen gebaut werden, die sich ohne die Hilfe von Zugtieren mit unglaublicher Geschwindigkeit bewegen werden; Flugmaschinen werden gebaut werden, mit denen ein Mensch die Luft beherrschen wird wie ein Vogel; Maschinen werden es erlauben, auf den Grund von Meeren und Flüssen zu gelangen.

(Um 1260: Opus maius des Roger Bacon, zitiert in: Schulz, S.106)

 

Diese Höhenflüge sind weit entfernt von der Wirklichkeit des Handwerkerlebens. Handwerk beschreibt bis in die frühe Neuzeit überwiegend den engen Horizont eines Kleinbetriebes mit oft maximal einem mitarbeitenden "Knecht", in vielen Sparten arbeitet der Meister häufig auch alleine, was die Vielzahl von Betrieben erklärt.

Handwerk heißt in der Regel, dass ein Produkt vom Rohstoff bzw. Halbfabrikat bis zum Endprodukt von einer Person hergestellt wird. Das ist ein wesentlicher Grund, warum im Verlauf des Mittelalters die Spezialisierung immer mehr zunimmt. Allerdings sind schon früh die zwei zentralen Bereiche, die Textil- und die Metallwarenproduktion, in einzelne Produktionsstufen zerteilt.

 

Viele kleine Handwerksbetriebe ernähren gerade so die Familie oder sind zusätzlich auf die Eigenproduktion von Nahrungsmitteln auf einem kleinen Stückchen Land angewiesen.

 

Technik und Maschinen

 

Die Erweiterung des Prinzips, menschliche Energie durch solche von Flussläufen zu ersetzen und damit menschliche Arbeitskraft einzusparen, also ein erstes Maschinenzeitalter in vielen Regionen zu eröffnen, wird insbesondere durch die protokapitalistischen Zisterzienser vorangetrieben. Zisterzienser werden auf ihren Gütern zu frühen Experten in maschineller Herstellung von Rohstoffen und Halbfabrikaten einer Metallindustrie. In Clairvaux soll Anfang des 13. Jahrhunderts ein Kanal unter anderem eine Getreidemühle, eine Walkmühle, eine Mühle zum Zerkleinern der Eichenrinde für die Lohgerberei und eine Schleifmühle betrieben haben.  Inzwischen kostet durch die Monetarisierung der Arbeitsverhältnisse Arbeit Geld, und die Mühlen betreiben so "Rationalisierung". Zisterzienserklöster können auf diese Weise zu (fast) kommunitären frühkapitalistischen Unternehmen werden.

 

Zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert vervielfacht sich die Zahl der Mühlen in Europa. Schon laut Domesday-Book soll in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts auf durchschnittlich 50 englische Haushalte eine Mühle gekommen sein. Um 1300 sind es dann zwischen 12 000 und 15 000.

Die erste englische Walkmühle ist 1185 dokumentiert, andere gibt es vermutlich schon vorher in Flandern. Das Walken verbindet nun das Reinigen des gewebten Tuches mit einer Verfilzung des Stoffs, wodurch er dichter und geschmeidiger werden soll. Allerdings vernichtet eine Mühle die Arbeitsplätze von ca. 40 Walk-Handwerkern. Anstatt dass Menschen das Tuch mit Holzhämmern schlagen oder mit Füßen gestampft wird, bewegt das Mühlrad nun einen Holzhammer, der auf einen Behälter fällt (und sich wieder hebt), in dem das Tuch in Wasser und Bleicherde liegt. Um 1300 gibt es um die 800  solche industriellen Mühlen. Sie werden von kapitalkräftigeren Herren veranlasst, die von den Abgaben aus ihrer Nutzung durch die Tuchproduzenten der Gegend Gewinn ziehen wollen und offenbar von diesen auch angenommen.

Hammermühlen mit mit Eisen beschlagenen Schmiedehämmern schmieden seit derselben Zeit geschmolzenes Eisen und verwandeln Schmiedeeisen in in eine Vielfalt von Geräten, Waffen und Rüstungsbestandteile. Investor sind des öfteren auch Klöster. Bordesley Abbey (Worcestershire) verbindet nach 1175 damit noch den Bronze-Guß und andere Metallarbeiten und ist für Christopher Dryer damit schon eine Art Proto-Fabrik (Dyer, S.213)

 

Zu den Wassermühlen kommen im 12. Jahrhundert noch die Windmühlen, die sowohl in gewässerarmen Gegenden wie solchen mit geringer Fließgeschwindigkeit ebenso eingesetzt werden wie dort, wo die Gewässer im Winter zufrieren. Wichtigste Neuerung wird die, sie mit dem Wind um ihre Achse drehen zu lassen. Laut Gilomen ist eine erste Windmühle für 1162 in Arles belegt, sie verbreiten sich dann über die Normandie nach Südengland einerseits und nach Flandern andererseits, und schließlich über Portugal und Spanien. "Im 13. Jahrhundert zählte man in der Umgebung von Ypern bereits 120 Windmühlen.

Eine letzte Mühlenart, die im 11. und 12. Jahrhundert neu erfunden wird, sind Gezeitenmühlen, wie es sie dann bei Dover, bei Bayonne und an der nördlichen italienischen Adria gibt. 1146 ist eine für Antwerpen belegt.

 

Handel: Erweiterung des Raumes

 

In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts gelingt es zahlreichen italienischen Seehandelsstädten und selbst Marseille, an der Küste des Nahen Ostens Fuß zu fassen. Koloniebildung über Handelsstationen, die Besetzung ganzer Stadtteile oder Städte wird üblich.

Beim zweiten Kreuzzug werden die Truppen des französischen und des deutschen Königs auf italienischen Schiffen ins „Heilige Land“ verfrachtet. Der Krieg wird mehr denn je zu einem Geschäft für Investoren.

Schließlich erobern die Venezianer nach der Eroberung Konstantinopels 1204 im 4. Kreuzzug neben Teilen der Hauptstadt sich Ägäisinseln und Kreta sowie Croton/Modon auf der Peloponnes.

 

Die Warenströme bilden oft ein Dreieck: Die Italiener aus Amalfi und Venedig, später aus Genua und Palermo liefern nach Ägypten Sklaven, Eisen, Holz und erhalten dafür Gold, mit dem sie in Byzanz kleinasiatische Seide, Alaun, Purpur, in Ägypten und der Levante vor allem syrische und zyprische Baumwolle kaufen.

Dazu kommen ostindische Gewürze.

Dabei monopolisieren die Venezianer fast völlig den Transport im östlichen Mittelmeer. 

 

Das Mittelmeer wird zu einem überwiegend italienischen Meer. Dabei teilen sich Venedig immer mehr das östliche und Genua das westliche Mittelmeer, in heftiger Gegnerschaft verbleibend. Auf dem Landweg stellt sich erst später, mit der mongolischen Vormacht, eine Verbindung über Innerasien bis nach China ein. Auf dem kombinierten See-und Landweg gelangen Waren aus Indien bis nach Europa.

 

Am Bosporus und am Schwarzen Meer treffen die Handelswege zwischen den Handelsräumen von Nord/Ostsee und Mittelmeer aufeinander, andere Wege führen über das Rhonetal nach Norden, während die Alpenüberquerung zunächst extrem beschwerlich bleibt. Erst im 12./13. Jahrhundert werden die Alpenpässe gangbarer gemacht und nördliche Waren finden in größerer Zahl den Weg in den Süden, zunächst Wollstoffe und vor allem deutsches Leinen, dann Silber vom Rand des Schwarzwaldes, Zinn aus Cornwall und seit dem 12. Jahrhundert aus Böhmen, vor allem aber Eisen aus Rohstoff und dann als Messer- und Schwertklingen aus Lüttich, Köln, Mainz, Passau und Solingen.

1173 tauchen deutsche Händler in einem Zolltarif von Verona auf. "1190 wird in Genua ein >deutscher< Kaufmann erwähnt, der dort Kupfer veräußert, um mit den Erlösen Seide, Gewürze und Südfrüchte zu bezahlen." (Fuhrmann, S.100) 1201 tauchen in genuesischen Notariatsakten Leinentücher als tele de Constanzia, also aus Konstanz auf.

Im 1228 von Venedig eingerichteten Fondaco dei Tedeschi wird diese Entwicklung sichtbar.

 

Zwischen dem nördlichen und dem südlichen Raum entwickeln sich zwei weitere überschaubarere Handelsräume. Da ist einmal Oberschwaben zwischen Konstanz, Augsburg und Ulm, das seine Leinenproduktion auf die Märkte der Champagnemessen bringt und im späten Mittelalter dann seine Barchentproduktion bis nach Italien liefert. Hier sind Standorte der Produktion und des Handels zunächst eng verbunden. Nördlich davon ist der Raum zwischen Frankfurt/Main und Görlitz, der mit Tuchen und Färberwaid vor allem (Fern)Handel treibt.

 

****Der Raum der Hanse****

 

1130 erhalten Kölner Aufenthaltsrecht in London und bauen dort eine Gildenhalle. Sie liefern vor allem Wein und Metallwaren und bringen dann Wolle, Metalle und Nahrungsmittel mit zurück (Gilomen, S.87). Ihre Gemeinschaft nennen sie im 12. Jahrhundert Hanse und lassen sie 1157 königlich privilegieren. Nach und nach importieren Flamen immer mehr englische Wolle für ihre Tuchproduktion.

Nach Norden reicht der Handel von Soester Schleswigfahrern und einer dänischen Bruderschaft in Köln. 1143/58 wird Lübeck gegründet und vermittelt zwischen Westfalen und dem Ostseeraum. Sein Handel expandiert schnell nach dem 1160 auf Gotland gegründeten Wisby. Heinrich der Löwe vermittelt in Konflikten mit gotländischen Kaufleuten und gewährt schon 1161 den Lübecker Gotlandfahrern Schutz und Zollfreiheit.

Bald nehmen erste deutsche Kaufleute unter den gotländischen an den Fahrten nach Nowgorod teil, für die Gotland eine Art Drehscheibe bildet. Um oder kurz nach 1200 entsteht in Nowgorod ein deutscher Peterhof als Kaufmanns-Niederlassung samt eigener Kirche. Ein Aldermann steht dort vier Ratsherren vor. In Nowgorod siedeln sich auch ländliche Grundbesitzer an, die sich am Handel beteiligen, und auch ausgezeichnete Handwerker. Nach Nowgorod gelangen aus dem Südwesten Tuche, Salz, Metalle und Silber, von dort fließen Pelze, Wachs, Fischbein, Hanf und Flachs sowie Güter aus Mittelasien ab.

 

1201 wird Riga gegründet, um 1231 Reval und Dorpat (Tallinn). Norddeutsche Kaufmannsviertel entstehen in Kalmar, Stockholm und anderen schwedischen Städten. Eine gemeinsame Hansesiedlung entsteht um 1200-1247 in Bergen um den Stockfischhandel herum.

Später, insbesondere ins 13. Jahrhundert hinein, expandiert Lübeck entlang der südlichen Ostseeküste mit ihren deutschen Stadtgründungen. Die Gotländische Genossenschaft erschließt bis 1280/90 den Ostseeraum mit Kaufleuten aus Flandern, Friesland, dem Rheinland, Westfalen und Sachsen. Zivilisierung wird in Europa längst wesentlich über Handel vermittelt, natürlich flankiert von Kirche und Militär.

Neben Brügge, das sich von einer Produktionsstätte zu einem Handelsort entwickelt (im Unterschied zu Gent), entwickelt sich Lübeck schnell zum reinen Handelszentrum.

 

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Der englische Handel allerdings bleibt aufgrund einer fehlenden Handelsflotte auf die Insel begrenzt und wird von der Krone auch nicht gefördert, die sich aus dem Abschöpfen von Abgaben aus den Exporten und dann durch Kredite großer Unternehmen, bald vor allem italienischer finanziert.

 

Ähnlich ist es um „Frankreich“ bestellt, welches am Welthandel vor allem durch Exporte von Nahrungsmitteln (Wein, Getreide) und Salz (Bourgneuf) beteiligt ist, und vor allem über die Vermittlung auswärtiger Händler. Wie im Fall von London wächst die Produktion der Residenzstadt Paris durch die Zunahme von Eigenbedarf. Dazu kommen einige Städte an der Küste der langue d'oc wie Marseille, welches 1136 eine eigene Kolonie in Akkon besitzt.

 

Um 1200 ist der große Handelsraum des römischen Imperiums nicht nur ersetzt, sondern erheblich erweitert. Damit erst kommt es zu einer Blüte handwerklicher und industrieller Produktion. Tuchherstellung bekommt aus England, Spanien oder von anderswo her die Wolle, aus fernen Gegenden das Alaun und zum Teil aus noch ferneren die Fabstoffe. Aus sächsischen Bergwerken kommt das Kupfer für die Schmieden von Dinant und Namur. Lucca verwebt zunächst Seide, die aus dem Orient kommt.

 

Handelskapital

 

Pirenne gibt zwei Beispiele, die allerdings beide bereits eine Schicht von Kaufleuten voraussetzen. Das erste ist sehr legendär, es stammt aus dem 'Libellus de vita et miraculis S. Godrici, heremitate de Finchale':

 

"Er wurde geboren gegen Ende des 11. Jhs. von armen Bauersleuten in der Grafschaft Lincolnshire und sah sich offensichtlich gezwungen, dem Pachtgut seiner Eltern den Rücken zu kehren, um selbst für seinen Unterhalt zu sorgen. Wie so mancher Armer aller Zeiten lungerte er am Meer herum, auf der Lauer nach herangespültem Strandgut. Schiffbrüche waren damals häufig, und ein günstiger Zufall spielte ihm eines Tages einen Fund in die Hände, den er als improvisierter Hausierer an den Mann bringen konnte. Kaum hatte er so einiges Geld zusammengebracht, ergab sich ihm eine Gelegenheit, einer Gesellschaft von Kaufleuten beizutreten. Die Geschäfte blühten, und bald verfügte er über genügend Kapital, um zusammen mit seinen Gefährten ein Schiff zu chartern, mit dem man gemeinsam die Küsten von England, Flandern und Dänemark befuhr. Das kollektive Unternehmen gedieh nach Wunsch. Es befasste sich damit, Lebensmittel ins Ausland zu befördern, mit deren Absatz man rechnen durfte, um sich dort mit Waren einzudecken, die man dem Meistbietenden unter Wahrung einer denkbar günstigen Gewinnmarge verkaufte." (S. 49f)

 

Darauf wird später etwas genauer einzugehen sein. Hier nur soviel: Wir haben es mit jener frühen Form des Fernhändlers zu tun, der noch mit seinen Waren reist. Das zweite Beispiel stammt aus anderen Verhältnissen:

 

„Die Annalen der Bischöfe von Cambrai erzählen uns bis ins kleinste Detail die Geschichte eines gewissen Werimbold, der unter Bischof Burchard (1114 bis 1130) bei einem behäbigen Kaufmann in Dienst trat, dessen Tochter heiratete und die Handelsgeschäfte seines Schwiegervaters so förderte, dass er mit seinem Gelde innerhalb der Stadt zahlreiche Bauplätze an sich bringen konnte, darauf er einen 'Palast' errichten ließ. Ferner erwarb er den Zoll an einem der Stadttore und erbaute auf eigene Kosten eine Brücke, um zu guter letzt den Großteil seiner Güter der Kirche zu überlassen.“ (S. 52)

 

Für 1181 ist ein junger Mann dokumentiert, der, wie es in einer Urkunde heißt, lieber das Amt eines Krämers ausüben als den Acker bebauen wollte, und, wie er selbst bezeugte, aus Freude an städtischen Unternehmungen des Landlebens überdrüssig wurde und überlegte, sein Zinslehen auf dem Lande zu verkaufen. (in: Ennen, S.80). Schon damals lockte die Stadt, auch mit ihrer zunehmenden Anzahl an Festtagen, an Geselligkeit und an Aufstiegsmöglichkeiten in gehobeneren Konsum.

 

Handelswaren

 

Man sollte nicht von einem feudalen, einem ritterlichen oder einem höfischen Zeitalter sprechen, sondern von einem der Universalisierung der Warenwelt. Praktisch alles kann inzwischen zur Ware werden und wird es oft auch: Grund und Boden, Gebäude, angeheuerte sexuelle Dienstleitung, militärische, solche als Dienstbote im Haushalt, sonstige Lohnarbeit, - auch der Mensch wird unübersehbar immer käuflicher. Die Kirche thematisiert, dass ihre Ämter gekauft werden, jede Form von Gnädigkeit auch der weltlichen hohen Herren wird erkauft. Ohne Geld geht fast nichts mehr und mit Geld immer mehr.

 

Kapitalismus ist nicht nur allgemeine, sondern entfesselte Gier nach toten Dingen, entfesselter Warenkonsum, und darüber hinaus wird menschliches Vermögen wie eine Ware konsumiert. Neben den Herren beginnen auch große unteradelige Kapitaleigner mit Zurschaustellung ihres Reichtums zu prunken und zu protzen.

So verlangt ein König in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts als servitium regis vom der Abtei Remiremont, wenn er für sie zu Gericht sitzt, 12 Pfund Pfeffer zum Beispiel als Luxusgut für sich und seinen Hof. Dem Kölner Dienstrecht lässt sich entnehmen, dass der Erzbischof zu Ostern an dreißig ausgewählte Ministeriale "kostbar gefütterte und gefärbte Mäntel und Pelzröcke, deren Wert auf 6 Mark Silber taxiert wurde und somit die Jahreseinkünfte etlicher Kölner Ritter deutlich überstieg" verteilt. (J.Keupp in: Staufer und Italien, S.280). Wenn Grafen mit ihren Mannen zu Hoftagen erscheinen, achten sie auf deren möglichst seidene Bekleidung. Gislebert von Mons berichtet vom Hennegauer Grafen Balduin V., dass er 1184 mit einer großen und köstlichen Ausrüstung, vielen silbernen Geräten und allem, was man bedarf, sowie einer würdig geschmückten Dienerschaft beim Kaiser ankam. 

 

Wo sogar die Dienstboten der Herren dekoriert werden, stehen immer mehr Bürgersleute wenigstens für sich selbst und wenigstens für Festtagskleidung nicht mehr nach: Zur Schau getragener Warenkonsum wird für sie, die regulär sich nicht durch Gewalttätigkeit auszeichnen dürfen, neben wirtschaftlicher Macht das einzige Status anzeigende Markenzeichen. Im späten Mittelalter wird ihre Marktmacht dann die der Herrenmenschen weit übertreffen.

 

****Handel mit Massengütern****

 

Die Zahl der Luxusgüter für die wohlhabenderen Kreise der Herrenschicht steigt mit deren Kaufkraft, aber ihr Anteil am gesamten Handelsvolumen sinkt. Anteilig zunimmt im 12. Jahrhundert die Zahl der Massengüter, die auch den Charakter der Handelswelt verändert.

Schon früh wird der Konservierungsstoff Salz zu einem Massengut. Lübecker Kaufleute bringen vorwiegend Lüneburger Salz nach Schonen im Südwesten Schwedens. Dort wird es in großen Mengen zur Konservierung von in der Nähe gefangenen Heringen verwandt, die Lübecker Händler dann als Rückfracht wieder nach Lübeck bringen, von wo sie weiter verkauft werden. Mit der Vermehrung und dem Wachstum der Städte wird Getreide, das Grundnahrungsmittel für Brei, Brot und Bier, immer mehr zu zu einem Massengut. Ein drittes Beispiel ist Rheinwein, den Kölner Händler in London auf den Markt bringen, und dafür massenhaft Wolle kaufen, die sie in Flandern veräußern, wo sie zunehmend massenhaft zu Tuchen verarbeitet wird, die nicht nur Kölner Händler dann auf die Märkte bringen.

 

Teile dieses Handels in Massenwaren erfolgen ein wenig schubweise (Heringsaufkommen, Getreideernte, Schafschur), aber eben zunehmend kontinuierlich. Sind Händler erst einmal etabliert wie die Kölner in London und die Lübecker auf Schonen und bald auch auf Gotland, können sie sich dauerhafter in einen solchen etwas rhythmisierten Markt einbringen. Das Geschäft erhält mehr Konstanz.

 

 

Geld und Finanzkapital

 

Einen neuen Schub der Silberförderung des hohen Mittelalters im Kaiserreich bringen ab 1168 die Fundstätten im Erzgebirge bei Freiberg und nach 1220 die von Iglau auf der Grenze zwischen Böhmen und Mähren.

Manchmal sind die Fundstätten dann bereits nach einigen Generationen ausgeplündert. Dennoch bleibt die Nachfrage nach gemünztem Geld vorläufig höher als das Angebot.

 

Unter Friedrich Barbarossa kommt es zu einer Wiederbelebung und Erweiterung des königlichen Münzwesens in deutschen Landen. Beendet wird diese Entwicklung mit Friedrichs II. Privilegien an die (deutschen) Fürsten 1220/1232, die versprechen, auf dem Gebiet der Landesfürsten keine königlichen Münzen mehr einzurichten. Immerhin hat sich seit 919 inzwischen die Zahl der Münzstätten etwa vervierfacht. Solche Münzen gelten dann durch Währungszwang nur noch vor Ort, was das Geldwechseln zu einem lukrativen Geschäft macht und eine Art indirekte Besteuerung fremder Kaufleute darstellt. 

Daneben greift die Praxis um sich, zu jedem neuen Jahrmarkt die lokale/regionale Münze zu verrufen, was dann zusätzlich auch den einheimischen Handel indirekt besteuert. Gelegentlich wird dabei der Gehalt der Pfennige bis zu einem Viertel herabgesetzt, was eine 25-prozentige Art von Vermögenssteuer bedeuten kann (B.Kluge in: Staufer und Italien, S. 405)

Der Kölner Pfennig bleibt in seinem Gehalt dagegen eher halbwegs stabil, weswegen man ihn gerne als Umrechengröße verwendet. Mann kann vermuten, dass solche Praktiken dem Geldumlauf dienen, da sie Horten bzw. Schatzbildung durch Entwertung verhindern. Im übrigen besagt die Menge an Münzen auch etwas über die Zahl bedeutender Märkte aus, ohne die keine Münzstätte sinnvoll wäre.

 

Mit dem rapide zunehmenden Handel wirkt sich die Regionalisierung der Münzen aber eher als Behinderung aus. Unter Barbarossa beginnt darum der Siegeszug der königlichen Münze von Schwäbisch-Hall (des Hellers), der es im 13. Jahrhundert deshalb, weil er nicht verrufen wird und wertbeständig bleibt, gelingt, überregionale Anerkennung zu finden und den Währungszwang zu unterlaufen. Solche überregionale Münzen schaffen es dann im 13. Jahrhundert, die vielen kleinen zu verdrängen.

 

Nach dem Tod Heinrichs I. 1135 bricht in England das königliche Münzsystem zusammen, bis dann Heinrich II. 1158 einen neuen einheitlichen Münztyp einführt, der bis 1180 stabil, das heißt unverändert bleibt. 1180 führt derselbe König den Sterling-Pfennig mit einem höheren Silbergewicht ein, der wiederum bis 1247 stabil bleibt und dann bis 1279 durch den Long-Cross-Sterling abgelöst wird.

 

Ganz anders sieht es mit der extremen Zersplitterung des Geldes in Westfranzien aus. Wichtige Pfennige wie die von Chartres oder dem Messeort Provins gewinnen dadurch überregionale Bedeutung, dass sie für längere Zeit nicht verrufen werden können, auch wenn der Währungszwang weiterbesteht. Damit ist Vorratshaltung mit Münzen über einen gewissen Zeitraum von mehreren Jahren möglich. Anstelle der Verrufung setzt dann allerdings auch in solchen Fällen die Abwertung durch geringeren Silbergehalt ein.

Noch 1315 gibt es außer dem König noch 30 weitere Münzherren, deren Zahl dann allerdings weiter abnimmt. Immerhin gelten die königlichen Münzen seit 1262 im ganzen Land, die der übrigen nur noch in ihrem Gebiet

 

Um bei zunehmender Wertverringerung nicht zuviele Münzen transportieren zu müssen, setzt in Norditalien (Genua, Pisa) um 1170/80 die Groschenproduktion (grossi) ein, vergrößerter (Silber)Pfennige. In dieser Zeit erfindet Venedig für seinen Handel den Matapan, eine Silbermünze mit dem zwölffachen Wert des alten Denars, der den Zählwert des karolingischen Solidus in Münzform ablöste. Die Werterhöhung verleiht ihm auch den Beinamen grossus, mit dem es dann als Groschen in die deutsche Sprache eingehen wird.

Die nord- und dann auch mittelitalienischen Grossi haben bei hohem Silbergehalt lokal unterschiedlichen Pfennigwert. Über Norditalien hinausgehende Bedeutung erreicht dann im Zuge des vierten Kreuzuges der venezianische Matapan, der unter anderem das oströmische Reich mitbedient.

Nord- und Mittelitalien folgen, und dann Schwäbisch-Hall mit dem Heller und England mit dem Sterling. Philipp II. August schafft einen nicht zu verrufenden denier tournois (von Tours). 1266 wird auf Initiative von König Ludwig IX. neben dem Pariser Groschen der grossus denarius turonensis eingeführt, und der von Tours wird sich über große Teile der deutschen Lande ausbreiten.

 

Das normannische Münzsystem war an das byzantinische dreiteilige angelehnt gewesen, und die normannischen Herrscher prägen seit 1156 mit dem schon bekannten Tari eine eigene Goldmünze. Das wird unter den Staufern durch das Pfennigsystem ersetzt, welches Friedrich II. dann bis zum ganz minimalen Silbergehalt entwertet.

Der enorm zugenommene Handel drückt sich aber nicht nur in höherwertigen Silbermünzen aus, sondern auch in der Wiederkunft von Goldgeld. 1231 führt der Staufer Friedrich II. die goldenen Augustalen ein, die bis 1266 hergestellt werden. 1252 schließen sich Florenz (Fiorini d'oro) und Genua an, 1284 folgen die venezianischen Dukaten, auch Zecchine genannt nach der zecca dort, dem Münzamt. Venedig wirkt schon zuvor als Drehscheibe für westafrikanisches Gold. Mit Pfennig, Groschen und Florinen/Dukaten ist damit wieder ein dreiteiliges Münzsystem entstanden.

 

Seit dem 11. Jahrhundert gelingt es christlichen Fürsten auf der iberischen Halbinsel im Zuge des Zurückdrängens islamischer Herrschaft von dort als Beute und Tribute an Gold zu gelangen. Damit werden in Katalonien (Barcelona) bereits Goldmünzen geprägt. Nach dem Vorbild seiner muslimischen Vorgänger beginnt Alfonso VIII 1175 mit der Prägung von Goldmünzen, die arabische Aufschrift haben und den König als Emir der Katholischen bezeichnen. Aus diesen morabetines werden später die kastilischen maravedí. Das Gold stammt zum guten Teil aus dem Sudan, von wo es durch den Handel über Sizilien, das Languedoc und die Balearen zum Beispiel auf die iberische Halbinsel gelangt, oder aus dem westlichen Afrika mit der Zwischenstation Almería. Später wird der dobló die Maravedí ablösen, um Ende des 15, Jahrhunderts dann durch Dukaten nach venezianischem Vorbild ersetzt zu werden.

Mitte des 13. Jahrhunderts lassen die aragonesischen Könige Goldflorinen nach Florentiner Muster herstellen. Aber wie in anderen Teilen Europas operieren auch spanische Herrscher mit dem Mittel der Geldverschlechterung durch Münzverrufung. 1202 setzt ein Cortes in León dbe durch, dass gegen eine hohe Zahlung an den König dieser zugesteht, die Münze nur noch alle sieben Jahre zu verändern, wobei der diese Abgabe dann zu einer regulären machen kann, und 1328 wird die Anerkennung des französisch-stämmigen Philipp von Navarra davon abhängig gemacht, dass er die navarresische Münze nur einmal in seiner Lebenszeit verrufen darf.

 

Finanzkapital kann aus der Kapitalisierung von Einkünften aus Großgrundbesitz entstehen, wird aber wesentlich häufiger im Handel konzentriert und zudem über die Geschäfte von Wechslern, aus denen manchmal später Bankiers werden. Das Geldwechseln ist deswegen so wichtig, weil Könige und andere Fürsten versuchen, die eigene Währung als einzige in ihren Reichen durchzusetzen. Das gelingt dem Königreich England relativ früh, Frankreich relativ spät und in deutschen Landen wie auf der italienischen Halbinsel gar nicht. Für Spanien gilt, dass die großen christlichen Königreiche das im 12. Jahrhundert bereits erreichen. Nur in Katalonien münzen die Grafen von Empuriés, Besalú und Urgell bis in die frühe Neuzeit weiter unabhängig von der Krone, ebenso wie die Bischöfe von Vich und Gerona.

 

Katalonien bleibt darum weiter ein besonders Dorado der Geldwechsler (canviadors). Ihre Bedeutung wird durch Regulierung ihrer zunehmenden Kreditgeschäfte durch Könige und Cortes in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts unterstrichen, die beiden Seiten Sicherheiten gewähren soll, die oft aus immobilem Eigentum besteht.

 

In deutschen Landen betreiben oft Münzerhausgenossenschaften das Wechslergeschäft,die  insbesondere "in den rheinischen Bischofsstädten von Basel bis Köln, aber auch in Goslar, Erfurt, Augsburg, Regensburg oder Wien nachzuweisen sind, auch Wechslerinnen in ihren Reihen zählten und privilegierte Münzprägung mit dem kaufmännisch-korporativ organisierten Geldwechsel verbanden." (Dirlmeier, S.50)

 

Der Übergang vom Geldwechsler zum Bankier findet früh in der Toskana statt. Mit dem Beginn des 13. Jahrhunderts fangen sie an, den Mittelmeerraum und Mitteleuropa westlich des Rheins mit Filialen ihrer Banken zu überziehen. Bald werden sie reich werden mit der Transferierung päpstlicher Gelder erst nach Rom und später nach Avignon.

 

****Kredit****

 

Während Händler ursprünglich größere Mengen an Geld oder Gold- bzw. Silberbarren mit sich führten, laufen im hohen Mittelalter Teile des Handels „bargeldlos“ bzw. über Kreditbriefe und ähnliches, die den Geldumlauf „auf dem Papier“ zumindest vorübergehend vermehren. Pirenne schreibt dazu: „Man darf nicht erwarten, dass Händler, die Hunderte von Wollballen in England kauften, diese schon bezahlten, bevor sie das damit fabrizierte Tuch verkaufen konnten.“ (S.123) Tatsächlich finden immer mehr Geschäfte ohne den unmittelbaren Austausch von Münzgeld statt, aber irgendwann muss es natürlich in Form eines Geldtransportes überwiesen werden. Geld ist Edelmetall und damals darum noch wirklicher und nicht bloß ideeller Gegenwert, Zählwert der Waren.

Immerhin ist der Wechsel für räuberische Überfälle auf Handelskarawanen auch weniger attraktiv als Edelmetall, ist er doch zunächst auf bestimmte Personen ausgestellt, die sich zunehmend auch kennen.

 

"Man konnte einem Wechsler an einem Ort eine Summe in der lokalen Währung übergeben und diese Summe dann an anderem Ort in der dortigen lokalen Währung wieder entgegennehmen. (...) voll ausgebildet begegnet ein Wechselkontrakt von Genua auf die Messe von Lagny 1192." (Gilomen, S.92) Andere Wechsel kommen nun auch ohne Ortswechsel auf, um das Kreit- und Zinsverbot zu umgehen. Ende des 12. Jahrhunderts gibt es in Genua auch eine Art von Überweisung von einer frühen Vorform von Bank zu einer anderen in der Stadt.

 

Grundsätzlich lässt sich nicht nur sagen, dass das mittelalterliche Wirtschaftsleben "vom Kreditprinzip durchdrungen" ist (Kuske), sondern dass der Kredit (bis heute) mit das Wesen des Kapitalismus ausmacht. "Auf Kredit kauften Bauern und Städter bei den Krämern, die wiederum bei den Großhändlern; auf Kredit besorgten sich Handwerker ihre Rohstoffe, Krämer oder Händler die handwerklichen Fertigwaren, und sie verteilten sie - wiederum gegen Kredit - an ihre Geschäftspartner auf den Märkten mit Zahlungszielen bis zum nächsten Markttermin. Dieser Baratthandel, der Kauf auf wechselseitige Abrechnung, brauchte weder pfandrechtliche Absicherung, brauchte weder den Wucherer, den Pletsch, oder den Bankier und Finanzier, aber er benötigte auf allen Stufen das Geld zum Ausgleich." (Dirlmeier, S.49)

 

Für die ersten Kreuzzüge erlaubt die Kirche halbwegs verdeckte Kredit-Geschäfte zur Finanzierung der Kreuzfahrer. Nachdem die Kirche das dann doch verbietet, wird die Verpfändung durch einen zeitlich befristeten Verkauf mit Rückkaufsrecht des Verkäufers (Schuldners) abgedeckt.

Zu solchen Möglichkeiten in Zeiten eines sich entfaltenden Lehnswesens gehört dann auch der Rentenkauf und ähnliches. Rentenkauf tritt in Frankreich in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts in Erscheinung. "Dabei erwirkte der 'Käufer' durch seine Kaufsumme, durch sein grundpfandrechtlich abgesichertes capitale oder hauptgut, vom Rentenschuldner eine meist jährlich zu leistende Zahlung." (Dirlmeier, S.49)

 

Die meisten Kredite im 12. Jahrhundert werden von Städtern und Pachtbauern auf dem stadtnahen Lande aufgenommen, und sie werden nun immer häufiger. Dabei sind die Zinssätze noch um 1200 sehr hoch, für Venedig, Genua und Florenz werden Jahressätze um 20% erwähnt, die dann im Laufe des 13. Jahrhundert auf 10% und weniger sinken (Fuhrmann). Mit ihnen verdient die Masse der jüdischen Kreditgeber ihr Geld.

Das meiste Geld aber geht in eine geringe Zahl großer Kredite für die hohen geistlichen und weltlichen Herren, deren Geldbedarf häufig ihre regulären Einkommen übersteigt. Der christliche William Cade soll wenigstens 5000Pfund an hohe englische Herrn verliehen haben. Seinem reichsten Nachfolger, dem Juden Aaron von Lincoln, wurden bei seinem Tode 1186 knapp 19 000 Pfund geschuldet, "nicht viel weniger als das jährliche Einkommen der Krone." (Carpenter, S.41f)

 

Zu den Juden und diese manchmal ersetzend treten dann im hohen Mittelalter die Kawertschen (aus Cahors) und im 13. Jahrhundert überall "Lombarden" auf. Kaum ein Bischof, der sich nicht ihrer bedient, mag es auch der reinen Lehre widersprechen.

 

Die Verstetigung des Fernhandels führt zu Handelsniederlassungen in den Anbieter- und Abnehmerländern, wie zum Beispiel im Zuge der Kreuzzüge entlang der Levanteküsten und beim Aufstieg der Mittelmeerflotten christlicher italienischer Städte auch an der nordafrikanischen Küste. Durch den Transfer von Kredit können überall vor Ort Agenten mit Geschäften beauftragten werden, und wo der Umfang solcher Geschäfte zunimmt, werden sie durch veritable Zweigstellen ersetzt. Nützlich wird dabei der Wechselbrief, mit dem in der Währung des Anbieters eingezahlt und in der Währung des Käufers ausgezahlt wird. Dahinter ließ sich dann leicht der „Zins“ bzw. „Wucher“ verstecken.

 

Messen

 

Die Messen des hohen Mittelalters beschreiben die Blütezeit und das Ende der mit ihren Waren mitreisenden Kaufleute. Während die üblichen städtischen Märkte, ob wöchentlich und manchmal irgendwann täglich, vorwiegend den Bedarf von Konsumenten vor Ort befriedigen, sind Messen Treffpunkte für Fernhändler. Der normale städtische Markt, auf einem städtischen Recht (Privileg) beruhend, besitzt eine eng begrenzte Zahl von (Gebühren zahlenden) Anbietern, während die Messen direkt den großen regionalen Herren unterstehen, die sich davon wirtschaftliche Vorteile erhoffen.

Die Grafen von Flandern sind die Schirmherren der Messen von Lille, Ypern und Brügge. Der Graf von Toulouse vergibt Privilegien, damit in seiner Stadt zwei Messen abgehalten werden können. 1110 unterstützt Ludwig VI. eine Foire Saint-Lazare, die 1181 nach Les Champeaux verlegt wird, und aus der viel später Les Halles hervorgehen. Er bewilligt ebenso eine Messe bei der Abtei Saint-Denis, die Foire du Lendit und andere. Der Kapitalismus blüht nicht zuletzt auf durch bewusste und gezielte fürstliche Förderung.

 

Europäischen Rang gewinnen die von den dortigen Grafen geförderten Messen der Champagne, ursprünglich regionale Getreide-, Vieh- und Stoffmessen. (Favier). Dann entstehen sie aus einem Jahrmarkt, der mehr als örtliche Bedeutung hat, wie Bar-sur-Aube seit 1114.

Sie verbinden in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts den mediterranen und den Handel der nördlichen Meere miteinander, bis dann der atlantische Seeweg sie im späten Mittelalter überflüssig machen wird. Sie dauern jeweils rund sechs Wochen und beginnen im Januar mit der Messe von Lagny-sur-Marne, es folgt in der Fastenzeit die von Bar-sur-Aube, im Mai kommt dann die Quiriacus-Messe von Provins, im Juni die erste von Troyes, im September die zweite von Provins, und im Oktober die zweite von Troyes. Ein wenig davon ist heute noch in Provins sichtbar, während die schöne Altstadt von Troyes, wo es nach dem Ende der großen Messen nicht gleich zum Stillstand kam, eher von spätestem Spätmittelalter und Neuzeit geprägt ist.

 

Die Bedeutung dieser Messen reicht weit über ihre Funktion als Nord-Süd-Vermittlung hinaus. „Im Messgelände von Troyes gab es eine Halle der Deutschen, Hallen und Herbergen für die Kaufleute aus Montpellier, aus Barcelona, Valencia, Lerida, Rouen, Montauban, Provins, aus der Auvergne, aus Burgund und aus der Pikardie, aus Genf, Clairmont, Ypern, Douai und Saint-Omer. In Provins besaßen die Lombarden eigene Messbunden, ein Quartier der Stadt nannte sich Vicus Alemannorum, wie man auch in Lagny einen Vicus Angliae kannte.“ (Pirenne, S.102)

Konstanzer Kaufleute sind zum Beispiel an allen vier Messeorten mit eigenen Häusern zu finden, in denen sie die zu Hause produzierte Leinwand verkaufen und dabei darauf achten, das keine fremden Produkte sich dort hineinschleichen.

 

"Jede Messe lief etwa gleich ab: Auf eine Eröffnungszeit von zehn Tagen folgten zehn Tage zum Handel mit Tuch, elf Tage zum Handel mit Lederwaren, neunzehn Tage zum Handel mit Waren nach Gewicht und zur Schlussabrechnung (pagamentum); in weiteren vier Tagen wurden die Messebriefe (lettres de foire) ausgestellt." (Gilomen, S.88)

 

Die Grafen der Champagne besitzen inzwischen die Macht, die Sicherheit der Messeteilnehmer dort und bei An- und Abreise wenigstens für ihren Machtbereich zu garantieren. Es gibt eine Marktpolizei, ab 1174 eine Messegerichtsbarkeit dieser gardes des foires, die Handelsverträge registrieren und wo man gegen säumige Zahler Klage erheben kann.

 

Daneben gewähren die Grafen Zollvergünstigungen und eine stabile Währung vor Ort.

Das alles lohnt sich für die Fürsten, denn die Attraktion für Kaufleute führt ebenfalls zum Anstieg der Produktion vor Ort, so dass sie mehrmals abkassieren können. In der Champagne führt das zum Aufstieg eines eigenen Tuchgewerbes.

 

Voraussetzung wird der Aufbau eines Kreditwesens, ohne das sich Kapitalismus nicht entfalten kann, und die Erfindung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, wie er dann auch für die großen Messen insbesondere der Champagne entwickelt wird. Nachdem also in den ersten Wochen einer Messe verkauft und gekauft wird, folgt dann eine Phase der Zahlungen und der Geldgeschäfte. Da auf den Messen keine Massen an Münzgeld vorhanden sind, tritt ein Vorläufer des Papiergeldes an seine Stelle, in dem sich wie in Wechselbriefen Kredit ausdrückt und die andererseits zu vorübergehender Geldvermehrung führen. Am Schluss der Messe werden dann "die Kredite gegeneinander aufgerechnet und über die Saldi Wechselbriefe ausgestellt." (Gilomen, S.89)

Neben Schulden aus Handelsgeschäften werden auch solche an Privatpersonen, ob an Fürsten oder Kirchen, geklärt und eingelöst.

 

Nach 1260 nimmt der Warenverkehr auf den Champagnemessen ab. Als 1285 König Philipp IV. durch Heirat der Erbin die Champagne übernimmt, beginnt der Niedergang. Es kommt zum Krieg gegen Flandern, flämische Waren werden auf den Messen beschlagnahmt, dann werden italienische Kaufleute maltraitiert und ein Export für französische Wolle und textile Halbfabrikate kommt dazu sowie schließlich der hundertjährige Krieg zwischen den Kronen Englands und Frankreichs mit seinen Zerstörungen.

Mit den Schiffsverbindungen zwischen England, Flandern und Italien um die iberische Halbinsel herum endet die Bedeutung dieser Messen im 14. Jahrhundert, denen zudem Kriege zwischen Flandern und der französischen Krone zusetzen.

 

Aus Jahrmärkten in Köln seit dem 10./11.Jahrhundert, einem in Utrecht und zwei von Barbarossa privilegierten in Aachen und Duisburg, zunächst wohl gegen das stauferferne Köln gerichtet, entwickelt sich gegen Ende des 12. Jahrhunderts ein niederrheinischer Messezyklus zwischen der Vorosterzeit und dem November, mit einem eher deutschen Einzugsbereich, den die Vormacht Köln dann zunehmend sprengt mit dem weiteren Ausgreifen nach England (Stalhof 1175) und in den zukünftigen Hanseraum. 

In derselben Zeit florieren bereits die Messen auf Schonen.

 

1220/40 bekommt Frankfurt/Main eine erste Messe durch die Stauferkaiser. Diese wechselt mit den Messen in Gelnhausen und Würzburg. Parallel dazu entwickelt sich auch ein Messezyklus zwischen Mainz, Oppenheim, Worms und Speyer. Alle diese Messeprojekte werden von Fürsten und Königen gefördert, die mit der Gewerbeförderung  ihre Einnahmen durch Abgaben vergrößern wollen. Die Messen fördern schließlich auch durch Absatz die Produktion vor allem von Stoffen und Metallwaren und nicht nur den Handel. Auch Messen in Nördlingen und Donauwörth beziehen sich aufeinander.

1268 privilegiert der Markgraf Dietrich von Landsberg eine Leipziger Messe: Diese Kaufleute (…), die unsere Stadt und uns dadurch auszeichnen werden, dass sie ihre Waren hierher führen, wollen wir, so viel wir können, begünstigen und beschützen. (Engel/Jacob, S. 16)

 

Große Jahrmärkte (fairs) entstehen auch in England, an der Spitze Winchester im Süden, Northampton im Zentrum, Stamford in Lincolnshire, St.Ives in Cornwall, Boston und King's Lynn an der Ostküste. Die wachsende Bedeutung ist auch daran erkennbar, dass beispielsweise die Winchester Fair von einer Dauer von drei Tagen 1096 auf eine von 16 Tagen 1155 anwächst (Carpenter, S.42)

 

Schließlich sei noch auf das 1233 von Friedrich II. umfassend geordnete Messesystem von sieben Städten beider Sizilien verwiesen und auf ein norditalienisches Messesystem im 13. Jahrhundert, welches dann aber durch die expandierende Dominanz von Venedig auf der einen und von Mailand auf der anderen Seite verschwindet. Ein solches entsteht auch in Spanien mit solchen wie der Ostermesse von Badajoz, que dure fasta quince días, und zwar für christianos, y moros y judíos que vengan salvos y seguros por mar y por tierra.

 

Transportwesen

 

Technische Neuerungen beflügeln nicht nur die Landwirtschaft, den Bergbau und das Handwerk, sondern auch den Handel, und dazu gehören die neuen steinernen Brücken über Main, Donau und Inn, die den Warentransport in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts beschleunigen. Dazu gehört auch die Ausbesserung alter Wege und Straßen, die es ermöglichen, vom einachsigen Karren wieder zum zweiachsigen Wagen überzugehen, der entsprechend stärker beladen werden kann. Das wird aber im Norden vielfach erst gegen Ende des Mittelalters erreicht.

 

Im 12. Jahrhundert beginnen Städte als Interessenvertreter des Kapitals in Norditalien und der Toskana mit der Wiederherstellung alter Straßen und ihrer Pflasterung. In dieser Zeit erneuert Pisa die Straße nach Lucca, erneuert eine Arnobrücke und baut eine weitere. Die Straße von Pisa nach Porto Pisano wird durch Sumpfgebiet auf einem Damm und mit Brückchen gebaut und erreicht eine durchschnittliche Breite von etwa vier Metern, die sogar Gegenverkehr ermöglicht.

Viele Handelswege sind aber bis ins späte Mittelalter hinein nur mit Lasttieren begehbar.

 

Um 1200 wird der St.Gotthard-Pass durch Anlegung einer neuen Wegstrecke für den Handel zwischen Mailand und dem Rheintal geöffnet, aber wohl nur für Lasttiere. Verbessert wird der Pass zum Großen Sankt Bernhard und der Splügenpass hat nun 1.80m Breite, was das Passieren von Karren ermöglicht.

Aber auch außerhalb von Gebirgen ist der Transport mit Karren langwierig und darum teuer. 200 Kilometer können so bis zu acht Tagen und mehr dauern.

 

Es kommt zu Verbesserungen bei den Wagen, die Radspeichen werden verbessert, und die Räder werden zunächst mit Nägeln beschlagen und dann mit einem Metallband ummantelt. Langsam werden mehr vierrädrige Karren mit lenkbarer Vorderachse und häufiger von Pferden statt Ochsen gezogen eingesetzt. Der Komfort für die Personenbeförderung wird dann im späten Mittelalter durch die Aufhängung des Radkastens verbessert, aber der Adelige reist standesgemäß eher zu Pferd.

 

Gegen die Zollbefreiungen durch große Herren versuchen die kleinen, mutwillig Zölle für ihren Bereich einzusetzen, gegen die sich königliche Macht dann auf Dauer nicht immer erfolgreich wendet. Schon 1157 erklärt ein Dokument von Kaiser Friedrich I., Abhilfe für Beschwerden durch Bürger und Kaufleute schaffen zu wollen, weil auf dem Mainfluss von Bamberg bis Mainz an zahlreichen Stellen neue und bisher unübliche und völlig grundlose Zölle von den Kaufleuten eingetrieben und bei dieser Gelegenheit die Händler oft gänzlich ausgeplündert werden. (Engel/Jacob, S. 183)

 

1269 schreibt Thomas de Wyke in seinem 'Chronikon', was sicher auch schon für das vorige Jahrhundert gilt: Es ist ein wütender Wahnsinn, mit welchem die Deutschen von den unbezwingbaren Burgen aus, die sie an den Ufern des Rheins erbauen, ohne Rücksicht auf Ruhe und Frieden und gierig nach Erwerb oder vielmehr Erpressung von Geld, vor keiner Schandtat zurückschrecken. Die Schiffe,, welche mit Lebensmitteln oder Waren aller Art den Fluss herabkommen, können den Burgen unmöglich ausweichen, die Leute werden gezwungen auszusteigen und von jedem einzelnen werden ohne Scheu vor Gott oder dem König ganz unerhörte und unerträgliche Zölle erpresst. (Engel/Jacob, S. 184)

 

Wo immer möglich, werden Flüsse wie Seine, Maas, Rhein und Donau als Wasserstraßen den Erdstraßen vorgezogen. Flussabwärts können beträchtliche Entfernungen zurückgelegt werden, flussaufwärts mit Treideln oder Rudern höchstens 25 km. Dabei können Trockenheit, Eis oder Hochwässer die Flüsse in reißende Ströme verwandeln, den Schiffstransport behindern. In Flandern beginnt man dennoch schon im 11. Jahrhundert damit, Kanäle zu bauen, die Flüsse miteinander verbinden und später dann Binnenstädte mit dem Meer. Im hohen Mittelalter beginnt man auch, Flüsse wie die Themse ansatzweise zu regulieren, um sie schiffbar zu machen.

 

Gegebene Wasserstraßen liefern das Mittelmeer und die Nord- und Ostsee. Solange es keinen Kompass gab, bleibt man dabei wo immer möglich in Küstennähe. Mit den nördlichen Koggen von etwa 200 Tonnen Ladekapazität und den mediterranen Galeeren wagt man sich aber im Winter nicht aufs Meer hinaus. An der Nordseeküste entstehen Eindeichungen und Lübeck und Hamburg werden als Hafenstädte ausgebaut. Um 1300 gibt es dann die hohen Kaimauern, die direktes Anlegen und Be- und Entladen größerer Schiffe ermöglichen. Daneben entstehen nach 1200 bald auch drehbare Hafenkräne, die mit ihren Laufrädern denen von Großbaustellen der Gotik ähneln.

 

Brücken verbinden nicht nur Landwege, sondern fügen auch Landweg und Wasserweg zusammen. 1177 wird der Ponte Vecchio in Florenz erneuert, in diesen Jahren werden auch Avignon, Paris und London mit neuen Brücken versehen.

 

Zwischen 1220 und 1233 wird bei Würzburg die erste steinerne Brücke überhaupt über den Main gebaut. Eine Holzbrücke gab es dann noch bei Aschaffenburg. Die neue Brücke ist 179 Meter lang, mit 8 Pfeilern, und bis zu 15 Meter langen Bögen. Auf der zum Stadtkern abgewandten Seite wird die Godehardkapelle gebaut, zudem gibt es auf beiden Seiten Brückentore, an denen der Brückenzoll verlangt wurde. Sie dient dabei nicht nur dem Handel, sondern auch der Expansion der Stadt auf das andere Mainufer.

 

Für Würzburg ist der Handel mit dem in Mainfranken angebauten Wein zentral. „Über Kölner Kaufleute und die hansischen Handelsverbindungen wurde Frankenwein bis nach England und Norwegen exportiert.“ (Leng, S.78)

 

Kurz nach der neuen Würzburger Brücke entsteht eine in Regensburg, was einen neuen Handelsweg nach Osten nach sich zieht.

 

Finanziert wird der Bau und Unterhalt der Brücken von verschiedenen Seiten, aber nicht zuletzt auch durch die Bebauung, die man in Florenz oder bei der Krämerbrücke in Erfurt noch heute anschauen kann.

 

Der Handel und überhaupt der sich entwickelnde Kapitalismus ganz allgemein waren Voraussetzung für geistliche und weltliche Machtentfaltung und verlangte jenen Schutz, der „Frieden“ herstellte. In die Friedenserklärungen für das „Reich“ oder ein „Land“ oder Fürstentum wurden immer expliziter Passagen aufgenommen, die den Schutz der Kaufleute und allgemein aller „Reisenden“ beinhalteten. Im Brixener Landfrieden von 1229 heißt es so: Die Kaufleute und sämtliche Reisenden sollen auf den öffentlichen Straßen Frieden und Sicherheit haben. Wenn sie aber jemand angreift oder ihnen etwas wegnimmt oder pfändet, der soll, auch ohne das ein Richter in Anspruch genommen wird, als Friedensbrecher gelten und wie ein Straßenräuber bestraft werden. (Engel/Jacob, S. 202)

 

Das alles nutzt nur eingeschränkt, und in obigem Erlass wird deutlich, dass die Reisenden sich selbst schützen müssen. Der lange Arm neuartiger Staatlichkeit reicht selten weit über die Grenzen der Stadtmauern ins Land hinaus. Fürsten, Könige und Kaiser delegieren darum weiterhin Schutz, Geleit und Strafverfolgung an Behörden vor Ort.

 

Im Rahmen von Spezialisierung und Arbeitsteilung entwickelt sich in diesen Zusammenhängen ein eigenständiges Transportwesen mit Fuhrunternehmern, die Karren und Zugtiere oder wenigstens Packpferde besitzen und ihre Dienste nun auf dem Markt der Dienstleistungen anbieten. Zwischen Produktion und Verkauf tritt so ein neues Gewerbe. Indem es zunimmt, werden an günstigen Plätzen Herbergen, Gastwirtschaften eingerichtet, mit Möglichkeiten zum Unterstellen von Tieren und ihrer Fütterung, mit zur Beköstigung der Fuhrleute und zu ihrer Übernachtung.

 

Verschriftlichung

 

Sobald Kaufleute nicht mehr mit ihren Waren mitziehen und sich ein eigenständiges Transportwesen entwickelt, gewinnt schriftliche Kommunikation über weite Entfernungen an Bedeutung. Noch wichtiger wird das, wenn Firmen andernorts Niederlassungen gründen oder zumindest dort über Agenten verfügen. Dasselbe gilt für die Entwicklung eines schriftlichen Geldverkehrs und das Kreditwesen.

 

Dokumentiert ist die Verschriftlichung des Handelswesens aber erst für die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts, und nur an wenigen italienischen Beispielen.

 

Das Bild des Kaufmannes

 

Anerkennung und Förderung des Handels durch die Mächtigen spiegelt sich wider in der Respektabilität, die ihm die Intellektuellen aus dem Mönchtum zuschreiben. Beda erfindet im 12. Jahrhundert bereits einen vierten Stand: Um die Königshalle zu stützen, hat der Herr vier Säulen errichtet, welche jene Halle bislang gestützt haben; damit sind die vier Stände der Menschen gemeint, nämlich die Beter, die Verteidiger, die Kaufleute und die Arbeitenden. (Engel/Jacob, S. 242) Und Hugo von St. Victor schreibt im selben Jahrhundert in seinem Didascalicon: Er dringt in die Geheimnisse der Erde ein, bereist nie gesehene Küsten, durchmustert rauhe Wüsten und pflegt mit barbarischen Stämmen in unbekannten Sprachen freundschaftlichen Handelsverkehr. Sein Eifer einigt Völker, dämpft Kriege und festigt den Frieden. Er wandelt Privateigentum zum gemeinsamen Gebrauch aller um. (in Engel/Jacob, S. 242)

 

Besser als diese gelehrte Geistlichkeit kann man Globalisierung nicht beschönigen. Aber der Heisterbacher Mönch Caesarius beschreibt auch, wie Kaufleute mit Meineid, Lug und Trug operieren – im Bunde mit dem Teufel. Und freiere Geister wie Freidank, üben moralisierende Kritik: Wer sich durch Handel will ernähren, / Der muss die Wahrheit aufgeben. / Ich glaube nicht, dass jemand viel / Verkaufen kann, ohne zu lügen. (Engel/Jacob, S. 243) Und bei Hugo von Trimberg wird es im selben 13. Jahrhundert noch heftiger: Bürger, Würger, Wucherer / machen der Armen Beutel leer: / Bei denen verdirbt oft viel mehr /als das arme Volk hat zum Verzehr / an Korn und Wein, an Kleidung und an Speisen. Und: Gott hat dreierlei Kind, / die Juden, Christen oder Heiden sind. / Das vierte schuf des Teufels List, das dieser dreier Meister ist: Das wird der Wucher genannt / und raubt aus Leute und Land. (Engel/Jacob, S. 243)

 

Die Zusammenführung von nicht mehr so sehr moralisierender Kritik und Rechtfertigung bietet dann der Franziskanermönch Berthold von Regensburg immer noch im selben 13, Jahrhundert. Zunächst prangert er den durch Handel allgemein verbreiteten Lug und Trug an, um dann deutlicher zu werden: Da verwendet einer falsches Gewicht in seinem Laden und hält die Waage so, dass sie richtig ausschlägt, und der Käufer glaubt, er bekommt, was er verlangt, und er bekommt es doch nicht. (…) Da hat einer ein falsches Ellenmaß, ein anderer fälscht das Wachs oder Öl (...) Wenn ihr nicht sonst was fälschen könnt, so kehrt ihr das Faule an Äpfeln und Birnen nach unten und das Schöne nach oben. Aber die geistliche Kritik richtet sich nicht auf Geschäft oder Gewinn, sondern nur die betrügerischen Methoden. Im Sinne von Thomas von Aquin wird dann nämlich aus christlichem Mund ein Lob auf die Geschäftemacherei ausgesprochen: Was dem Kaufmann an Gewinn zufäällt beim Kauf, was er mit Gewinn verkauft ohne Hinterlist (ich meine, was er nicht auf die Länge der Zeit kauft, um abzuwarten, bis es teurer wird) und wodurch er niemanden betrügt, das gehört ihm mit Recht, denn man kann auf den Stand des Kaufmanns nicht verzichten. Wir brauchen die Kaufleute, denn sie schaffen die Dinge, die wir benötigen, von einem Land in das andere. In dem einen Lande ist die eine Ware billig, in dem anderen eine andere. Und deshalb sollen sie dieses hinbringen und jenes herschaffen und dafür ihren angemessenen Lohn erhalten. Das ist der Gewinn, den sie zu Recht empfangen. (Engel/Jacob, S246)

 

Aus einem frühmittelalterlich gepredigten Christentum genügsamer Selbstversorgung ist so eines geworden, welches Marktwirtschaft und erweiterten Konsum vertritt. Der in Städten predigende Bettelmönch reagiert dabei allerdings auf die inzwischen zunehmende Abhängigkeit der Städte von Nahrungsmitteln, die von außen importiert werden müssen, und für die das Geld erst einmal erwirtschaftet werden muss. Aber er ist zugleich ein Musterbeispiel für die Verwandlung gerade der Bettelorden, die binnen weniger Jahrzehnte ihr Armutsideal aufgaben, um frühen Kapitalismus zu idealisieren. Die Verbürgerlichung der Kirche und gerade der Bettelorden nimmt ihren Lauf.