NACHANTIKE 1: MEROWINGER

 

Kloster

"Christliche" Realität: Sexuelle Gier

Das Land 

Gewerbe, Handel und Finanzen in Gallien und Germanien

Die Städte (Niedergang / Bevölkerungsrückgang / Kontinuität und Neuanfang

Bischofsstädte (Bischöfe und Grafen / Trier / Mainz / Köln / Paris / Autun / Regensburg )

Handel im Mittelmeerraum

Stadt und Land in Italien

 

 

Kloster (ausführlicher in Anhang 8)

 

Schon früh entstand in Ägypten und dem Nahen Osten ein Eremitentum, welches versuchte, in Weltverneinung und Leibfeindlichkeit einer so definierten Nachfolge Jesu nahezukommen. Diese monachi, nach Heiligkeit strebende Alleinlebende, werden auch dann noch Mönche genannt, als sie beginnen, sich bald in Klöstern zusammen- und so von der "Welt" im claustrum und insbesondere dann der Klausur abzuschließen.

Ein fränkisches Kloster gründet der "heilige" Martin in Ligugé 361 und 375 das monasterium maius (Marmoutier) bei Tours. Ein recht belesener Johannes Cassianus besucht erst Klöster in Palästina und Ägypten und gründet dann 415 St. Victor bei Massilia (Marseille). Bei diesen und weiteren Klostergründungen des 5. Jahrhunderts setzen dann Bischöfe und weltliche Herren eine Einordnung in den fränkischen Machtapparat durch.

 

Während die einfachen Priester sich in Belesenheit und Horizont sowie im Lebenswandel oft kaum von den laikalen Gemeindemitgliedern unterscheiden, und die Bischöfe sich in der Verwaltung ihrer Bistümer und Güter in manchem kaum von hohen weltlichen Herren, wird im 6. Jahrhundert "Gallien westlich der Maas und südlich von Somme und Mosel zu einer >Klosterlandschaft<. (...) Gegen Ende des 6. Jahrhunderts gibt es im Frankenreich rund 220, ein Jahrhundert später rund 550 Klöster." (GoetzEuropa, S.233)

 

Das Kloster dient der Heiligung der Insassen durch Reduzierung des Alltags auf Mittel der schieren Subsistenz, die hier aber einigermaßen gesichert ist, der Unterdrückung sexueller Regungen, der Konzentration auf das Gebet. das Singen von Psalmen und der Lektüre heiliger Schriften und mit den Grundhaltungen der Demut, des Gehorsams und der größtmöglichen Schweigsamkeit untereinander. Damit soll der eigene Wille zurückgedrängt, die eigene Individualität reduziert und sollen Formen individuellen Begehrens unterdrückt werden.

 

Solche nach Heiligkeit strebende Männer- und auch Frauengemeinschaften mit den Kennzeichen der Ablehnung von Individualbesitz und ausgelebter Geschlechtlichkeit funktionieren aber überhaupt nur nach einem extrem strengen Regelwerk und unter der fast uneingeschränkten Befehlsgewalt eines Chefs, des Abtes, so wie auch die Kirche über Befehl und Gehorsam hierarchisch organisiert ist.

 

In der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts schafft ein Benedikt eine Klosterregel, die auf mehreren vorherigen fußt und bis ins frühe neunte Jahrhundert immer mehr Einfluss gewinnen wird.

Die Idealvorstellung des benediktinischen Klosters nach seinem Regelwerk ist jene Autarkie, die es aus der Welt herausheben soll. In seinen Mauern ist man Gott nah und zumindest den (asexuellen) Engeln ähnlich, was außerhalb nicht möglich sein kann. Die Klosterpforte mit einem bewährten Mönch als Pförtner soll vor allem die Welt draußen halten. Gästen soll die Klausur, der engere Klosterbereich, verschlossen bleiben. Mönche wiederum sollen in der stabilitas loci nicht außerhalb des claustrum wohnen oder sich aufhalten. Aber Benedikt legt im Unterschied zu früheren Formen von askesis (Askese als Lebensform) Wert auf Hygiene und zudem auf landwirtschaftliche und handwerkliche Arbeit der Insassen.

Und da ist die Arbeitsdisziplin. Otiositas inimica est animae, Müßiggang ist der Feind der Seele, heißt es schon in den Benediktregeln (48)

. ...deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Zeiten mit heiliger Lesung beschäftigt sein. Und weiter: Wenn aber örtliche Umstände oder die Armut es erfordern, dass sie sich selbst mit der Erntearbeit abgeben, sollen sie sich nicht betrüben, denn sie sind dann wahrhaftig Mönche, wenn sie von ihrer Hände Arbeit leben...

 

Der wache Tag ist in bald sechs Blöcke à drei Stunden eingeteilt, und zusammen mit zwei weiteren Terminen sind dabei die Zeiten für die Stundengebete gegeben. Dabei soll in einer Woche dabei der gesamte Psalter aus 150 Psalmen gesungen werden. Mit der Messe wird ein Kirchengebäude und ein (von auswärts kommender) Priester notwendig und das Kloster so an die Kirchenorganisation angebunden.

 

Das Funktionieren extremer Kasernierung von Männern (oder Frauen) auf engstem Raum verlangt nach Strukturen von bedingungslosem Gehorsam, auch wenn dies die Klöster nicht zu dauerhaft konfliktfreien Räumen macht, wie sich dort nachlesen lässt, wo solche Konflikte, die durchaus auch gewalttätig sein können, nach außen dringen. Aber der innerklösterliche Alltag ist den Zeitgenossen draußen weitgehend verschlossen. Interna dringen selten nach außen.

Dem Abt als geistlichem wie weltlichem Herrn und den Älteren ist bedingungsloser Gehorsam zu leisten. Er kann sich aber entscheiden, im Kapitelsaal, wo jeweils ein Kapitel der Klosterordnung am Anfang vorgelesen wird, seine Untergebenen anzuhören. Einzelne Amtsleute versorgen den Vorratskeller und die Abgaben der abhängigen Bsuern auf klösterlichen Besitzungen, die Bibliothek, die Pforte und die Kranken in ihrer Abteilung.

Armut, also Besitzlosigkeit des Einzelnen wird dadurch hergestellt, dass ihm alles absolut Lebensnotwendige (letztlich) bis zu einfacher Kleidung und Nahrung vom Abt zugeteilt wird.

Unter dem Abt gibt es bei Benedikt eine Rangordnung nach Ordenseintritt, mit Grußpflicht der Jüngeren und Sitzplatz-Räumen für Ältere.

 

Dort, wo das Prinzip durchgehalten wird, dass ein Mönch ohne besondere Erlaubnis oder besonderen Auftrag nicht aus den Klostermauern heraus darf, ist er lebenslang eingesperrt, was einmal seinen Erfahrungshorizont massiv einschränkt, zum anderen nach Kompensationen geradezu schreit. Was aber alltäglich vor allem nach Kompensation verlangte, ist das Verbot des Auslebens des Geschlechtstriebes.

 

 

Während die Kirche neben Schenkungen vor allem von Grundbesitz und darauf arbeitenden Menschen gelegentlich mit dem Zehnten eine Form von Finanzierung durch eine Art Steuer erreicht, sind die Klöster ganz auf Schenkungen angewiesen, die im Verlauf des Merowingerreiches in dem Maße zunehmen, als Klöster durch Reformen auch für die kriegerische und viel Grund besitzende Oberschicht attraktiver werden.

Da die kriegerische Oberschicht in vielerlei Hinsicht wenig christlich lebt, bedenkt sie Klöster mit Schenkungen, damit diese auch für sie beten. Zudem verbindet sie sich mit ihnen, indem sie sonst weniger gut unterbringbare Familienmitglieder dorthin abschiebt. Dabei wird es üblicher, schon Kinder dorthin zu schicken, die dadurch rein klösterlich erzogen werden.

 

Kurz vor 600 gelangen irische Wandermönche mit und nach Columban ins Frankenreich. Columban übt enormen Einfluss auf den fränkischen "Adel" aus. „Er verkörperte eine Form strengen und furchtlosen Christentums, die weder Ausdruck gallorömischer Kultur noch von den Bischöfen geschaffen war. Darüber hinaus wurde sie von einem Heiligen propagiert, der sich nicht von der Welt abwandte, sondern enge Beziehungen zu den mächtigen Familien des gesamten nördlichen Frankenreiches unterhielt.“ (Geary, S.173)

 

Columbans Klöster zeichnen sich u.a. durch enorme Strenge aus. Die meisten der zweihundert Mönche von Luxeuil entstammen den vornehmsten Familien Franziens, und das Kloster zeichnet sich durch ein religiöses Heldentum büßerischer Askese aus, welches das Heldentum fränkischer Krieger im Krieg fast übertrifft. Dabei wird es zur Kadettenanstalt für zukünftige Inhaber reicher Bistümer des 7. Jahrhunderts wie Eligius, der ebenso reich ist wie er heilig wird, oder Wandregesil, der St.Wandrille gründen wird.

 

Für die Welt-Gemeinden kommen unter diesem Einfluss die Bußbücher hinzu, in denen Bußleistungen für begangene Sünden aufgeführt werden. "Nun wird die Ablösung der Bußleistung durch Geldzahlungen an den Priester möglich, der dem Sünder dafür die Absolution gewährte und die Messe zur Reinigung der Seele feierte." (Scholz, S.202)

 

Die so entstehenden neuartigen Klöster sind derart attraktiv für die fränkische Oberschicht, dass sie nun selbst welche gründet und ausstattet und sie an seine Familien bindet. "Die vom fränkischen Adel gegründeten Klöster standen im Einklang mit dessen vornehmem Status. Es waren große Klöster mit reich geschmückten Kirchen, in denen adelige Männer und Frauen ihren gewohnten Lebensstil trotz aller Hingabe an Gott beibehalten konnten." (Geary(1), S.157). Wichtig wird, dass die Klöster wirtschaftlich unabhängig werden sollen.

 

Zunächst treten Mitglieder von Familien der fränkischen Oberschicht in Klostergründungen Columbans ein, bald beginnt aber eine für über tausend Jahre wichtige Neuerung: Die großen Familien gründen auf ihrem Besitz „eigene“ Klöster, in die vor allem Familienmitglieder eintreten, die auch die Spitze der Klosterhierarchie einnehmen. Diese fränkischen "Adelsklöster", die später die Regel des Columban mit der des Benedikt verbinden und dabei den asketischen Aspekt weiter zurückdrängen, werden zu regionalen kulturellen Zentren, die zugleich adelige Familienzentren sind.

 

Die (weltlichen) Reichen und Mächtigen, allesamt Krieger, geben christlichen Institutionen insbesondere seit dem 7. Jahrhundert gerne viel. Einmal können sie so Kirchen und Klöster eng an sich binden oder sogar unter ihre Aufsicht und ihren Schutz stellen. Des weiteren bekommen sie die Möglichkeit, ähnlich wie Klerus und Mönche in größtmöglicher Nähe zu den Überresten von Heiligen bestattet zu werden, in denen göttliche Wunderkraft aufbewahrt ist, was für den Zugang zum Himmelreich von Vorteil sein soll. Zudem kann man größere Geschenke mit der Verpflichtung von Geistlichkeit und Klosterinsassen verbinden, regelmäßig für das Seelenheil insbesondere der verstorbenen Familienmitglieder zu beten und so die Vermeidung von Höllenqualen erreichen, die bei dem Lebenswandel der Laien eigentlich naheliegend sind.

Das wiederum zieht Vorteile nach sich: Eine Kirche, ein Kloster können so später zum Zentrum ihrer Familien werden, zum Versammlungsort und Identifikationspunkt. Es gibt keine Familiennahmen und vorläufig auch keine Burgen, nach denen man sich hätte benennen können, und die den Zusammenhalt und die Traditionsbildung gefördert hätten. Das tut nun bald das Totengedächtnis in Kirche und Kloster, die memoria, während es in den Stammesverbänden früher nur die mündliche Tradition in der Familie konnte.

 

Neben und nach dem jüngeren Columban ziehen zahlreiche weitere Iren durch Mitteleuropa. Ein Kilian missioniert vor allem in der Gegend um Würzburg, bis er sich wegen Ablehnung der Ehe des fränkischen Herzogs mit seiner Schwägerin dessen Zorn zuzieht und dafür sterben muss.

 

Im Merowingerreich erhalten einige Bischofskirchen und Klöster eine gewisse Immunität, die den Zugang der weltlichen Gewalt verbietet, so dass diese öffentliche Aufgaben wie Steuern und Militärdienst intern abwickeln.

"Die privilegierten Bischöfe und Äbte nahmen also fortan auf ihrem Kirchen- und Klostergut öffentliche Funktionen wahr, so die Gerichts- und Polizeigewalt, vorerst allerdings noch ohne die Blutgerichtsbarkeit, ferner die Steuereinziehung und die Ableistung des Militärdienstes. Diese Privilegierung ist nur richtig auf dem Hintergrund inzwischen eingetretener Veränderungen zu verstehen, dass nämlich die Justizgewalt nicht mehr von Beamten eines staatlichen Justizapparates in öffentlich-rechtlicher Weise wahrgenommen wurde, sondern vom Adel. Dieser aber trachtete danach, alle von ihm ausgeübten Rechte zu allodialisieren, das heißt: zum Erbgut der eigenen Familie zu machen. Faktisch entzog daher die Immunitätsverleihung dem Adel die Möglichkeit, Kirchengut zu beherrschen" (..., Angenendt(2), S.223) Allerdings verfällt diese Immunität mit dem Niedergang des Königtums.

 

Das Klosterwesen beginnt zu florieren, um 600 gibt es im Frankenland bereits etwa 220 Klöster, und hundert Jahre später sind es rund 550 (Angenendt(2), S.216). Und manche Kloster werden reicher und reicher, denn der Bedarf an klösterlicher Gebetsarbeit und an Messen für die sündigen Familienmitglieder draußen steigt mit ihrem wohl zunehmenden Sündenbewusstsein.

Einmal werden Klöster im 7. Jahrhundert so zu Herrschaftselementen der Könige und des Hochadels wie der Pippin-Familie. Andererseits werden sie der Begehrlichkeit von Bischöfen ausgesetzt, der sie bei Gründung zunächst gelegentlich durch Exemtion entzogen sind:

"Die Inhaber von Bischofsstühlen bemühten sich darum, die Konvente ihrer Diözese enger an sich zu binden und sie sich im Rahmen der herrschaftlichen Durchdringung ihres Sprengels unterzuordnen. Im Süden - etwa in Aquitanien - ging die Initiative zu den meisten Neugründungen von Bischöfen aus, die die Klöster erfolgreich in die Bistumsverfassung eingliederten." (Fischer, S.140)

 

 

Realität: Sexuelle Gier in Gregors Historien

 

Macht setzt nicht nur Recht und formuliert Moral als Herrschaftsinstrument, sie alleine kann beide zugleich straflos mit Füßen treten. Das Christentum der ersten Jahrhunderte geht von der Askese zur Bejahung von Ehe und Familie über, und diese werden dann in den neuen Reichen noch etwas durch germanische Vorstellungen ergänzt. Tatsächlich dienen sie der praktischen Bewältigung des Alltags, was Menschen derzeit im totalitären Versorgungsstaat BRD mit seiner von Kapital und Staat geförderten sexuellen Verwahrlosung kaum noch nachvollziehen können.

 

Auch nur ansatzweise christliche Sexualmoral gilt aber schon damals nicht für die, die Massen untertäniger Menschen für sich einspannen können und sich darum an die von ihnen mitvertretenen Regeln selbst nicht halten müssen. In dynastisch orientierten Herrscherfamilien wie den Merowingern und den Karolingern gibt es neben der an dynastischen Interessen ausgesuchten Ehefrau in der Regel Nebenfrauen auf Zeit, eben solange, wie sie sich appetitanregend halten können. (Da es sich ihnen gegenüber höchsterns um Verliebtheit, selten aber um Liebe handelt, soll hier der Euphemismus "Geliebte" nicht gebraucht werden, der etwa so untauglich ist wie der vom "Freier" als dem Fickkunden der Prostituierten.) Daneben ist zu vermuten, dass der Gelegenheitsfick gegenüber Mädchen und Frauen in schwacher Machtposition je nach Persönlichkeitsstruktur der Machthaber so üblich sein dürfte, dass er nicht erwähnenswert wird.

 

Einen kleinen Einblick in die grausam-sexuellen Phantasien von Bischof Gregor von Tours und/oder die der Witwe des Bischofs Badegisel von Le Mans liefert diese Bemerkung in seinen Historien: Oftmals schnitt sie Männern das Schamglied mitsamt der Bauchhaut ab und versengte den Frauen die Schamteile mit glühenden Eisenplatten; noch viele andere abscheuliche Dinge tat sie (....)

 

 

Das Christentum sprach grundsätzlich beiden Geschlechtern die Fähigkeit zur Heiligkeit zu. In dieser Ausnahmesituation werden also Mann und Frau „gleichgestellt“. Alltäglich ändert das zunächst wenig daran, dass die ehrbare Frau der römischen Antike insbesondere als Ehefrau auf Heim und Herd beschränkt war. Vermutlich hatten Frauen in der germanischen Welt eine etwas stärkere Stellung, was sich aber nur im Rückschluss annehmen lässt.

 

Unser Gregor jedenfalls beschreibt eine männlich dominierte Welt, in der Frauen vor allem als Mitglieder des Königshauses, und dort manchmal sehr einflussreich, seltener als Frauen von Bischöfen vorkommen. Daneben gibt es aber eine Schar weiblicher Heiliger, allerdings wiederum in der Regel aus der Oberschicht.

 

Im Prozess der Romanisierung und Christianisierung des germanischen Bevölkerungsanteils wird der weibliche Einfluss jedenfalls nach und nach zusammengestrichen. Dazu kommt die langsame Durchsetzung der christlichen Ehe. Zumindest merowingische Könige sind allerdings nicht monogam, sie haben oft mehrere Ehefrauen und zudem Konkubinen. Sie "nehmen" sich Frauen, eine ordentliche christliche Eheschließung wird erst noch kommen, und darum werden auch erst unter den Karolingern die illegitimen Söhne von der Nachfolge ausgeschlossen.

 

Der sogenannte Fredegar lobt König Chlothar II. in fast jeder Hinsicht, aber er gab sich allzu häufig der Jagd auf wilde Tiere hin und verlieh am Ende auch den Einflüsterungen seiner Frauen und Konkubinen zu leichtfertig sein Ohr. Deshalb wurde er freilich von seinen Gefolgsleuten geschmäht. (F:IV,42 Nicht also wird er geschmäht, weil er mehrere Ehefrauen und Konkubinen hat, sondern weil er schon mal auf sie hört. )

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Die Ehe wird unter den Eltern ausgehandelt, und die Eheschließung findet dann in zwei Etappen statt. Zunächst kommt die Verlobung mit einer Gabe des Bräutigams (dos), die der möglichen späteren Witwenversorgung dient. Zudem erhält die Verlobte einen Ring von ihm, und das Ganze wird in ein Fest eingebettet.

Dann kommt die eigentliche Hochzeit, für die die Brauteltern der Tochter eine "Mitgift" geben und der Ehemann ihr nach der Hochzeitsnacht die Morgengabe überreicht.

 

Ein Extremfall, was das Eheleben angeht, ist König Chlothar I., wenn man unserem Gregor soweit glauben darf. Vor 520 heiratet er Ingunde, nach 530 geschieht dann folgendes:

Als er Ingunde schon zur Ehe genommen hatte und sie mit besonderer Liebe verehrte, da hörte er eine Bitte von ihr: „Mein Herr,“ sagte sie, „hat mit seiner Magd getan, wie ihm beliebte, und mich seinem Lager zugesellt. Nun höre mein Herr und König, um das Maß seiner Gunst voll zu machen, um was ihn seine Magd bittet. Ich bitte euch, bestellt gnädig meiner Schwester, die eure Sklavin ist, einen angesehenen und wohlhabenden Mann, damit ich durch sie nicht erniedrigt, sondern vielmehr erhöht werde und euch umso ergebener diene.“ Als er dies hörte, wurde er, da er allzu ausschweifend war, von Begier nach Arnegunde ergriffen, nahm den Weg zu dem Hof, wo sie wohnte, und vermählte sich mit ihr. Und als er sie zum Weibe genommen hatte, kehrte er zu Ingunde zurück und sagte: „Ich habe versucht, dir die Gunst zu gewähren, um welche deine süße Liebe mich bat. Und da ich einen reichen und weisen Mann suchte, welchem ich deine Schwester vermählen könnte, habe ich keinen besseren gefunden als mich selbst. So wisse denn, dass ich sie zum Weibe genommen habe, und dies wird dir, so glaube ich, nicht missfallen.“ Da sagte jene: “Was in den Augen meines Herrn gut scheint, das möge er tun; wenn nur deine Magd in der Gnade des Königs lebt.“ (IV,3)

 

Das ist im Detail schön erfunden von Gregor, mag aber im Kern stimmen. Seine zweite Eheschließung lief wohl in der Form der Eheverabredung und des Vollzugs. Gregor akzeptiert sie in seinem Text als zweite Ehefrau, und das war sie wohl auch rechtlich. (Hartmann, S.53)

Danach heiratet er die Witwe Chlodomers, Guntheuca, nachdem er ihre Kinder umgebracht oder ins Kloster abgeschoben hat. Dann eine Chunsina, und darauf die Radegunde. Nach dem Tod Theudowalds riss er dessen Reimser Reich an sich und heiratete dazu auch dessen Witwe Waldrada, was von der Kirche abgelehnt wird wegen zu großer Verwandtschaft ihrer beiden Ehemänner. (Hartmann, S.56)

 

Chlothars I. Sohn Charibert I. macht es nicht viel anders als sein Vater:

König Charibert nahm die Ingoberga zur Gemahlin (accepit uxorem), von der er eine Tochter hatte, welche später zu ihrer Verheiratung nach Kent kam (und dort die Christianisierung der Angelsachsen begann). Ingoberga nun hatte zu jener Zeit zwei Mädchen in ihrem Dienst, Töchter eines armen Mannes. Die eine hieß Marcoveia und trug Nonnentracht, die andere war die Merofledis. Der König mochte beide Mädchen sehr (amore valde detenebatur). Sie waren, wie wir gesagt haben, die Töchter eines Wollarbeiters (artifex lanariae). Ingoberga war eifersüchtig auf sie, weil der König sie liebte, und ließ einst den Vater abgesondert arbeiten, in der Hoffnung, dass der König sich ihrer schämen würde, wenn er den Vater bei der Arbeit sähe. Und als der Mann bei der Arbeit war, rief sie den König. Jener aber, der etwas neues zu sehen, erblickte ihn, wie er die königliche Wolle herrichtete. Als er das erkannte, verließ er zornig die Ingoberga und heiratete Meroflede. Er nahm auch ein anderes Mädchen zur Ehe, eine Schäferstochter mit Namen Theudechilde. (Einige Zeit später:) ...nahm er Marcovefa, die Schwester der Theudechilde, zur Ehe. (Gregor IV,26)

Das Ergebnis ist, dass ihn der Bischof von Paris schließlich exkommuniziert und er bald darauf stirbt. Nun schickt Theudechilde Boten an König Gunthram und bot sich ihm zur Ehe an (se offerens matrimonio). Er lädt sie ein, mit ihren Schätzen zu ihm zu kommen, und sie kommt. Als dies der König sah, sagte er: „Besser ist es, diese Schätze bleiben bei mir als bei dieser, die unwürdig das Bett meines Bruders betrat.“ Darauf nahm er ihr vieles, nur weniges ließ er ihr, und schickte sie in das Kloster zu Arles.(s.o.) Selbiger Gunthram hat zunächst eine Konkubine, eine Ehefrau, die er verstößt und dann noch eine Gemahlin. (Gregor IV,25)

 

Der dritte Bruder, König Sigibert, findet die niedere Herkunft der Frauen seiner Brüder verächtlich und bewirbt sich um die Westgoten-Prinzessin Brunichilde. Der Vater schickt sie ihm mit großen Schätzen. Sie wird ordentliche Katholikin. (Gregor IV,27)

Das beeindruckt König Chilperich, der um 565 Audovera verlässt, um sich Fredegunde zuzuwenden, und er bewirbt sich nun um Brunichildes Schwester Galsvintha. Dafür verspricht er, die anderen Ehefrauen zu verlassen. Sie wird von ihm mit großer Liebe bedacht, sie hatte nämlich große Schätze mitgebracht. Aber sie liegt ständig im Streit mit des Königs Liebchen Fredegunde, und so lässt er sie um 570 töten, als sie wieder nach Hause will. Nun wird Fredegunde seine Gemahlin (recipit in matrimonio). (Gregor IV,28)

 

Aus der Rachelust Brunichildes gegenüber Fredegunde wegen der Ermordung ihrer Schwester mag ein Kern des Nibelungenliedes stammen. Das alles, wie man nicht vergessen darf, ist Text von Bischof Gregor. Fredegunde bewirkt nun die Ermordung Sigiberts und Brunichilde kann zu ihrem Sohn Childebert II. flüchten. 584 wird Chilperich ermordet. König Guntram, Herrscher über Burgund, nimmt Fredegunde unter seine Fittiche und stirbt 593, Fredegunde 597. Brunichilde muss zusehen, wie ihre Enkel gegeneinander kämpfen. Schließlich scheitert sie beim Versuch, eine fränkische Zentralregierung aufzurichten, an Adelsinteressen, wird Fredegundes Sohn Chlothar II. ausgeliefert und brutal getötet.

 

Aus der Vielweiberei entsteht des öfteren Eifersucht, innerfamiliärer Streit, und das kann bis zu Kriegen führen. Nachdem der eine Sohn der Audovera den Verfolgungen des Vaters erlegen ist, kommt es auch zum Konflikt des zweiten, Chlodowech mit seiner Stiefmutter Fredegunde. Sein Vater sperrt ihn ein und überantwortet ihn Fredegunde, die ihn töten lässt. Danach lässt sie auch Audovera ermorden. Chlodowechs Schwester Basina wird ins Kloster der Radegunde gesteckt, wo sie es offenbar nur schwer aushält (s.u.).

 

Geschichten von "Untreue" in der Herrenschicht enden bei Gregor oft in Gewalt, was sicher auch einen moralischen Zweck erfüllt:

Als Dux Amalo seine Ehefrau auf ein anderes Landgut (villa) geschickt hatte, um sich dort um die Wirtschaft (utilitas) zu kümmern, entflammte er (in amorem ruit) für ein junges Mädchen seines Standes (cuiusdam ingenuae). Und als er in der Nacht von Wein trunken war, schickte er Dienstboten (pueri), das Mädchen zu entführen und in sein (Ehe)Bett zu schaffen. Sie sträubte sich und wurde gewaltsam in sein Haus entführt, wobei sie sie ins Gesicht schlugen, so dass die Nase blutete und das Blut sie bedeckte, weshalb auch das Bett des Herzogs dann damit befleckt wurde. Auch er gab ihr Faustschläge, Ohrfeigen und anderes, schloss sie dann in seine Arme und wurde darauf vom Schlaf überwältigt. Sie aber streckte ihre Hand nach oberhalb des Kopfes des Mannes aus, und ergriff sein Schwert. Sie zog es aus der Scheide, und schlug damit seinen Kopf mannhaft wie Judith den des Holofernes. Er gab einen Schrei von sich, worauf die Dienerschaft (famuli) zusammenlief. Als sie sie aber töten wollten, rief er: "Ich bitte euch, tötet sie nicht. Ich habe gesündigt, der ich der Keuschheit Gewalt antun wollte....". Als er dies sprach, hauchte er seinen Geist aus. Das Mädchen flüchtet rund fünfzig Kilometer weit in eine Kirche, wirft sich dem König zu Füßen und klagt ihm ihr Leid. Er stellt sie unter seinen Schutz. Wir haben erfahren, dass durch Gottes Beistand die Keuschheit (castitas) des Mädchens in keiner Weise von ihrem wilden Entführer verletzt worden ist. (Gregor IX,27)

 

Im Südosten Galliens hatte ein Eulalius ... eine Ehefrau, edel ( nobilis) von seiten der Mutter, von niederem Rang durch ihren Vater. Aber er trieb es auch mit seinen Mägden (ancillae) und begann, seine Frau zu vernachlässigen. Wenn er von einem Liebchen zurückkam, verprügelte er sie oft brutal.

Er verschuldet sich aufgrund seines Lebenswandels und bezahlt dann mit dem Eigentum seiner Frau. Ein Herr Virus beginnt sich für sie zu interessieren, sie heiratet ihn und nimmt das ganze bewegliche Eigentum ihres Mannes und ihren älteren Sohn mit. Eulalius erschlägt Virus. Er entführt nun eine Nonne aus dem Kloster. Er begeht mehrere Morde. Schließlich gelingt es ihm, sein Eigentum vor Gericht zurück zu bekommen.(Gregor X,8)

 

Unter Franken von Tours brach ein heftiger Streit aus, weil der Sohn des einen den Sohn eines anderen, der die Schwester jenes ersteren zur Ehe genommen hatte oftmals im Zorn schalt, dass er sein Eheweib vernachlässige und Dirnen aufsuche. Der Bruder der betrogenen Ehefrau tötet den untreuen Ehemann darauf und wird von der Gegenseite selbst getötet. Darauf geht die Blutrache weiter, und Fredegunde lädt die übriggebliebenen führenden Vertreter beider Parteien ein und tötet sie samt ihren pueri, womit das Morden offenbar aufhört, nachdem die Königin erst einmal von den übriggebliebenen Vertretern beider Parteien vertrieben wird. (Gregor X,27)

 

Wie man sieht, gibt es schon bei Gregor zwei zentrale Mordmotive: Die Gier nach Geld und Gut und das geschlechtliche Begehren. So wie er das darstellt, wirkt es belehrend: Immerhin ist es bis heute nicht anders.

 

 

 

Das Land im Reich der Merowinger

 

Auf dem Lande verschwindet seit dem Zusammenbruch der pax romana ein Teil der villae (rusticae), der Güter vornehmen römischen Großgrundbesitzes, deren Inhaber aus Gründen der Sicherheit in die Städte fliehen. In Zeiten größerer Sicherheit kehren manche zurück. Dort, wo Gegenden inzwischen nicht entvölkert sind, dominiert weiter Großgrundbesitz. Der übt die unmittelbare Macht auf dem Lande aus. Die vielen und großen Fiskalgüter des Römischen Reiches werden wohl weitgehend vom neuen Königtum übernommen, woraus die Könige ihren Reichtum beziehen und ihre Gefolgschaften beschenken werden.

 

In der Merowingerzeit kommt es auch zu neuem großem Grundbesitz. Dem Testament des Bischofs Bertechramnus von Le Mans von 616 lässt sich entnehmen, dass sein Besitz mehr als 300 000 Hektar Grund und Boden umfasst. Das sind 120 Güter vor allem in der Gegend von Le Mans, aber auch "in 20 civitates in Neustrien, Aquitanien, Burgund und in der Provence, von der Bretagne bis zu den Pyrenäen. (...) Das Testament belegt die Existenz verschiedener Wirtschaftsformen, Einzelgehöfte (villae rusticae), (fundi, massae), Großgüter mit Sklavenwirtschaft und Pachthöfe abhängiger Bauern (colonicae)." (GoetzEuropa, S.183f)

 

In der späteren Kaiserzeit hatte sich das Klima verschlechtert, es gab niedrigere Temperaturen. Statt Weizen wird darum nun Roggen, Dinkel, Emmer und Hirse angebaut, von denen die letzteren nach der Ernte auch noch entspelzt werden müssen. Dabei sinkt insgesamt der Ertrag.

 

Die Germanen lebten wohl einst auf Einzelgehöften mit eigenen Äckern in kleinen Weilern, die Wald und Weide als Gemeinbesitz hatten. Ihr Haupt-Nahrungserwerb war die Viehzucht. Bis sie sich in Teilen des weströmischen Reiches niederlassen, hat zumindest eine Oberschicht bereits Annäherungen an Elemente römischer Zivilisation erreicht.

 

Die Übernahme der römischen villa mit ihren Latifundien durch die neuen weltlichen Herren wird schon im Verlauf der Merowingerzeit ergänzt durch die durch die adelig geprägte Bischofskirche und die von der fränkischen Oberschicht übernommenen Klöster. Im Verlauf der Nachantike bis in die Schwellenzeit hinein werden insbesondere letztere zu den wesentlichen Landbesitzern - durch sich oft fromm gebende Schenkungen und Erbschaften, die spätestens im 10. Jahrhundert dann bei den Kleinbauern des öfteren auch aus der Not geboren sein werden.

 

Im Grunde genommen versuchen Franken, Burgunden, Visigoten und bald auch Osthrogoten, das römische Imperium in ihren Bereichen soweit als möglich weiterzuführen und ihre Könige lassen sich dafür zunächst einmal vom oströmischen Cäsaren legitimieren. Die alte Nobilität bleibt zum Teil bestehen und beruht weiter auf Großgrundbesitz mit dazugehörigen abhängigen Bauern und Sklaven und wird nun durch eine germanische Oberschicht ergänzt. Darunter positionieren sich eingewanderte Freie mit neuem, manchmal größerem Grundbesitz.

 

Wem gehört das Land? Es gibt keine brauchbaren Karten und keine Kataster, aber besonders die Klöster entwickeln eigene Aufzeichnungen (Urbare). Im Grunde geht alle Verfügung über das Land vom König aus, so wie heute vom Staat. Es gibt nicht nur verliehenes Land, sondern auch Eigentum. Manche Bewohner besitzen so Land als allod und haben darüber hinaus Land, welches ihnen verliehen wurde. Besitz von und Verfügung über Land sind extrem ungleich verteilt, wie in allen Zivilisationen, und nicht wenige besitzen davon gar nichts.

 

Voraussetzungen: Das Kolonat

Der colonus ist zunächst der Ackerbauer im Unterschied zum Hirten, dem pastor. Daraus wird in der Kaiserzeit der bäuerliche Kleinpächter auf Großgrundbesitz, insbesondere auf kaiserlichen Domänen. Dazu wird er, wenn er mit einem Grundeigentümer (patronus oder dominus) einen kündbaren Pachtvertrag abschließt. Nun muss er den Boden bebauen und einen Pachtzins erbringen und darf das Land nicht in der vereinbarten Pachtzeit, zunächst meist fünf Jahre, verlassen. 

Der Steuerdruck auf dem Herrenland wächst, und überhaupt ist der Herr an dauerhaften Einnahmen aus seinem Besitz interessiert, weshalb er spätestens im vierten Jahrhundert (n.d.Zt.) immer mehr durchsetzen kann, dass der Kolon an seine Scholle gebunden wird und auch damit seine rechtliche Situation schlechter wird. Zuerst auf kaiserlichen Gütern wird er damals vom Staatsdienst ausgeschlossen und darf nur noch heiraten, wen und wenn dadurch seine bäuerlichen Leistungen nicht eingeschränkt werden. Das wird dann auf die anderen Latifundien übertragen, wobei sie nun nur noch untereinander heiraten dürfen und auch so die Nachkommenschaft an das Kolonat des Patrons gebunden werden kann. Vom Kolonat freie Bürger/innen dürfen nicht mehr rechtsgültig geheiratet werden, und Kinder aus solchen Beziehungen werden Arbeitskräfte des Herrn.

Das Klagerecht gegen den Herrn wird etwas später eingeschränkt, und sie können nur noch bei grundherrlicher Zustimmung über ihr persönliches Eigentum verfügen. Damit wird das Kolonat am Ende so etwas wie ein mit der Geburt erworbener Stand, bzw. Rechtsstatus, wie er jetzt auch für Soldaten, bestimmte  Handwerker und Händler gilt.

Schließlich wird wenig vor dem Ende des Westreiches die Bindung an den Boden durch die an den Grundherrn ergänzt und zunehmend ersetzt. Man betont zwar weiter, dass Kolonen keine Sklaven seien, sondern Freie, aber sie nähern sich immer mehr deren Status an.

 

Auf dieser Stufe geht das Kolonat in das neue fränkische Reich der Merowinger ein und existiert dann, sich weiter verändert, bis in die Karolingerzeit. Formen sich weiter entwickelnder Abhängigkeit der bäuerlichen Bevölkerung werden dann bis ins 18./19. Jahrhundert Bestand haben, worauf Bauernbefreiung dann im Rahmen der Industrialisierung und einer neuen Phase des Kapitalismus den Ruin bäuerlicher Landbewirtschaftung einleitet.

 

Voraussetzungen: Das Patronat

Eine Art Patriarchat ist durchgehendes Strukturelement der ganzen antiken Welt vom pater familias bis zum princeps. Darin engebettet ist das Patronat (patronatus, patrocinium), welches sich in die offizielleren formalrechtlichen Strukturen in recht unterschiedlicher Ausgestaltung einfügt. Es ist im antiken römischen Recht die Bezeichnung für die Stellung eines Herrn als Patron (patronus) und damit als  Schutzherr und Vertreter gegenüber seinen Freigelassenen und Schutzbefohlenen, der Klientel, zu denen er in einem gegenseitigen Treue-Verhältnis steht und deren Interessen er auch vor Gericht vertritt. Patron kann man auch zum Beispiel für eine Stadt sein, so wie dann auch ein Heiliger Patron einer Kirche oder eines ganzen Ortes sein kann. Dieses Patronat und Klientelwesen durchzieht die ganze antik-römische Welt 

Der Klient hat einen weitgehenden Gehorsam für seinen Patron zu bieten, ihm gelegentlich seine Aufwartung zu machen, den Patron auf seinem Morgenspaziergang zu begleiten und überhaupt die Größe seines Gefolges öffentlich zu verdeutlichen. Er zollt den öffentlichen Reden seines Patrons Aufmerksamkeit und fleißig Beifall und wählt ihn brav in Ämter.

Der Patron wiederum vertritt ihn nicht nur vor Gericht, sondern versucht ihm auch sonst Vorteile zu verschaffen. Er setzt also seine Macht und seine Beziehungen ein, um für den Klienten Vorteile zu erwirken und seine sonstigen Verpflichtungen zu verringern. Er bezahlt oftmals an die Klienten kleinere Beiträge (sportulae), mit denen sie Teile ihres Lebensunterhaltes finanzieren können oder gibt seltener auch größere Geschenke. Allgemein konnte sich der Klient mit seinen großen und kleinen Problemen an den Patron um Hilfe wenden. Es ist für einen Klienten günstig, einen möglichst mächtigen, wohlhabenden und einflußreichen Patron zu besitzen.

 

Die in der ersten Hälfte der Kaiserzeit noch recht bedeutende Zahl an Sklaven nimmt danach langsam etwas ab. Ein Vorgang in diese Richtung ist die Freilassung, vor der der Unfreie sich mit einem Eid auf zukünftige Leistungen für den Herrn als seinem patronus verpflichtet: Dazu gehört ein Teil seines Besitzes und bei fehlendem Erben im Todesfall dieser insgesamt. Zudem gibt es ein gewisses Recht, bei Heirat mit jemandem, der einem anderen Patron verpflichtet ist, die Zustimmung verweigern zu können oder aber dafür Geld zu verlangen. Indem dann die Erblichkeit der Beziehung von Patron und libertus ausgeweitet wird, und dabei leidet die Vorstellung von "Freiheit" immer mehr am Herrenrecht. (Erdres, S.32)

 

Ein Sonderfall stellen im Römerreich seit Konstantin die Freilassungen in der Kirche, d.h. in den Kirchengebäuden dar, die auch an Sonntagen erlaubt werden und der Kirche erlauben, solche rechtskräftige Handlungen ähnlich wie der weltliche Arm vorzunehmen. Und hier beginnt dann die Kirche Patron dieser Bevölkerungsgruppe zu werden.

 

Patronat trifft im Merowingerreich auf germanisches, ebenfalls auf Macht und Gewalt zielendes Gefolgschaftswesen. Dabei verbindet sich beides nach und nach ähnlich wie römische und volksrechtlich-germanische Vorstellungen in einem langen Prozess zusammen kommen. 

Dabei verbindet sich zudem das spezische Patronat über die Freigelassenen (liberti) mit dem Herrenrecht über freigelassene und andere abhängige Bauern. Dabei geht die römische Kopfsteuer für den Kolonen, die auf den Grundherrn übertragen wird, zunächst wohl im Merowingerreich in die Pflicht des Grundherrn über, sie für die Krone einzutreiben, woraus sich dann im Laufe der Zeit bis ins 7. Jahrhundert die Verwandlung in den Kopfzins für den Grundherrn selbst entwickelt.

 

In den ehedem römischen Gebieten der frühen Nachantike dürften die überkommenen Rechtsvorstellungen weiter gültig sein, und zwar für romani wie überhaupt für die Kirche. In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts ist zum Beispiel für das patrimonium Petri Patronatsgewalt sowohl über Freigelassene wie Kolonen belegt (Erdres, S.27ff)

Die Kirche gehört zum Ende des Westreiches zu den größten Grund- und Sklavenbesitzern. Sie erklärt die Sklaverei zwar nicht für unchristlich, die Freilassung von Sklaven aber für grundsätzlich frommes Werk. Besonders fromm ist es, Freigelassene dem lokalen Heiligen bzw. seinem Altar zu übergeben. Wenn die Kirche Schenkungen erhält, werden die (einst) Freigelassenen samt ihren Verpflichtungen bald als Inventar mit gegeben. "Hier erscheinen die Freigelassenen bereits vollständig mit den Güterkomplexen verwachsen, die dann an die Kirche übergeben wurden." (Erdres, S.41) In den ehedem römischen Gebieten geht es dabei immer weniger um persönliche Bindungen, sondern um wirtschaftliche Interessen, aber servi, nunmehr liberi, werden auch von Kirchenherren testamentarisch freigelassen, um nun deren Totengedenken zu dienen. (Erdres, S.46) Zudem wird nun auch versucht, nicht der Kirche gehörende Sklaven mit der Freilassung in das kirchliche Patronat übergehen zu lassen, wenn diese in der Kirche geschieht. Dagegen wendet sich aber die weltliche Gewalt anders als im östlichen Reichsteil.

Besondere Regelungen enthält das ribuarische Recht des siebten Jahrhunderts für die Rheinfranken, welches ganz im Gegensatz zum römischen Recht seit Konstantin die Freiheit des von der Kirche Freigelassenen nicht mehr als die des römischen Bürgers definiert, sondern als die eines von seinem Herrn aus wirtschaftlichen Gründen immer Abhängigeren. Enthalten ist zudem eine tendenzielle Gleichstellung königlicher Fiskalinen und kirchlich-klösterlicher (ehedem) Freigelassener. Das gilt zumindest auch für Alemannien und seit dem achten Jahrhundert auch für Bayern. Die Verbreitung der Zensualität als allgemeinere Einrichtung wird sich darum vorwiegend auf (spätere) deutsche Lande beschränken.

Esders betont drei Ursachen: Die Bedeutung der Freilassung für die Sündenvergebung, ihre Bedeutung für das Totengedenken und die steigende Bedeutung von Rechtsakten "über dem Altar" mit dem ansteigenden Heiligen- und Reliquienkult. Später wird dann der Kopfzins am Tag des Patronatsfestes des Heiligen erbracht. (Esders, S.61ff)

 

Vom Sklaven über die persönlich von einem Herrn Abhängigen bis zum persönlich freien Produzenten werden sie fast alle in einem mehr als ein halbes Jahrtausend andauernden Vorgang in einen gemeinsamen Stand integriert, der als laboratores bezeichnet wird, also als Arbeiter, darunter die meisten rustici, also Bauern. Wenn man die Zeit bis noch etwas weiter in die Zukunft überblickt, kann man feststellen, dass das in einen Vorgang zunehmender Kommerzialisierung eingebettet ist, der in die Anfänge von Kapitalismus hinein führt. Dieser ist aber im Bewusstsein der damals Agierenden in keiner Weise vorhanden.

 

 

Kontinuität und Neuanfänge

Gegen Ende des 3. Jahrhunderts beginnt das Schrumpfen der Bevölkerung im römischen Gallien. Es wird vermutet, dass es teilweise bis ins 6. Jahrhundert anhält. Aber irgendwann wächst die Bevölkerung nach Stabilisierung der Machtverhältnisse langsam wieder und soll sich sogar innerhalb von vier Jahrhunderten verdoppeln. In einigen wenigen dichtbesiedelten Gebieten des Karolingerreiches soll am Ende eine ländliche Bevölkerung von 40 Menschen auf einen Quadratkilometer erreicht worden sein, zum Beispiel im Großraum um Paris. Solche Zahlen bleiben allerdings sehr vage Schätzungen.

Während der Merowingerzeit müssen große Teile des Landes neu besiedelt und zugleich von neuen Besitzverhältnissen durchzogen werden. Dabei muss auch neu entstandene (sekundäre) Naturlandschaft wieder zurückgedrängt werden, wodurch nach und nach das potentiell ertragreichere Kulturland wieder in Menschenhand gerät.

 

Der Verfall von Staatlichkeit und der antiken Stadt entlasten das Land und mit dem Untergang eines Teils der antiken Latifundien nimmt wohl zunächst ein freies, von Kleinfamilien gestütztes Kleinbauerntum zu, welches die wesentliche Voraussetzung für Wachstum auf dem Lande wird. Vorantreiben werden das Wachstum aber vor allem die nachantiken Kleindomänen, deren Herren als neue ländliche Oberschicht nun vor Ort leben und ein direktes Interesse an der Bewirtschaftung des Bodens entwickeln, anders als die antiken stadtsässigen Latifundienbesitzer. Deren direkte Nachfolger, die hohen Herren von Kloster, Kirche und weltlichem Hochadel, tun hingegen oft bis weit in die hier so genannte Schwellenzeit wenig für die relative Ineffizienz ihrer weit verstreuten Besitzungen.

 

Die Masse der Bevölkerung lebt auf dem Lande, und zwar als vicini (dem noch heutigen spanischen vecinos) in villae, die man als Weiler (Gehöftgruppen einer Dorfmark) verstehen kann und vielleicht nicht als Dörfer übersetzen sollte. In karolingerzeitlichen Urkunden erkennt Staab am Beispiel von Dienheim einen Weiler aus Grundherren und von ihnen abhängigen bzw. unfreien Arbeitskräften, der bis in die Merowingerzeit zurückgehen soll. (Staab, S.263ff)

 

Im Lauf der Zeit gelingt es in manchen Gegenden wie im Zentrum Neustriens insbesondere klösterlichen Grundherrn, ganze Dörfer in ihren Besitz zu bekommen, anderswo teilen diese sich auf mehrere Grundherrn und eine abnehmende Zahl freier, landbesitzender Bauern auf. Schließlich bleiben insbesondere in Austrien vorläufig auch sich selbst verwaltende Dörfer mit überwiegend freien Bauern übrig.

 

Der merowingische Bauernhof mit seiner Konzentration auf Viehzucht ist klein  und umfasst kaum mehr als 2-4 ha. Die dürftigen Quellen lassen vieleicht vier Pferde und ebenso viele Kühe, 14 Schweine und 28 Schafe als Mittel zu (Klaus Herrmann in Bayerl, S.47). Eine wesentliche Veränderung in karolingischer Zeit wird die Zunahme des Getreideanbaus und damit verbundene Verringerung der Viehzucht sein.

 

Das Leben und Arbeiten der allermeisten findet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang statt und besteht im wesentlichen aus produktiver Arbeit, die das (Über)Leben sichern muss. Produktion für einen Markt nimmt erheblich ab und wohl auch insgesamt die Produktivität. Elementare Selbstversorgung ist für die meisten das Gebot der Stunde, und am besten geht es denen, die dafür möglichst viele Fertigkeiten entwickeln.

Gearbeitet wird sechs Tage die Woche und aus Not wird vor allem auf dem Lande, wo nun fast alle leben, auch schon mal das Gebot der Sonntagsruhe samt Kirchenbesuch gebrochen. Feste wiederum sind an das Kirchenjahr gebunden.

 

Die Menschen leben regulär in Ehe und (Klein)Familie, einer Arbeits- und Versorgungsgemeinschaft vor allem. Geheiratet wird nach den jeweiligen völkischen Traditionen, wobei Unfreie der Genehmigung ihrer Herren bedürfen. Die Kirche hält sich wohl deshalb weitgehend heraus, weil das (lustvolle) Ausleben des Geschlechtstriebes Sünde ist, andererseits aber für die Laien unumgänglich. Entsaprechend gibt es für die Merowingerzeit auch die Scheidung betreffend keine kirchlichen Auflagen.

 

Von der Welt um ihren engen Erfahrungsraum herum erfahren sie vielleicht sporadisch von Pilgern und reisenden Händlern. Über tradiertes "Wissen" setzt sich die Propagierung von Religion und Herrschaft durch Priester, die aber erst langsam im Verlauf der Nachantike über Pfarrkirchen überhaupt Zugang zur Landbevölkerung bekommen. Über die Geschichten, die sich Leute untereinander erzählen, wölbt sich dann ein Horizont biblischer Geschichten, soweit Priester von solchen überhaupt Kenntnis haben. Dabei wird kaum zwischen jüdischen und christlichen Sagen und Legenden unterschieden.

 

Welt darüber hinaus erleben Freie als Krieger bei oft weit ausgreifenden Kriegszügen, bei denen sie Herrscher aus der Gegend von Paris bis nach Thüringen, Friesland oder Alemannien bringen. Wir erfahren kaum, was sie dann daheim von ihren grausigen Heldentaten erzählen. In den stark geschrumpften Städten erfährt man vermutlich mehr von solcher "großen, weiten, Welt", aber auch davon wissen wir heute kaum etwas.

 

Die Menschen ernähren sich nördlich des Mittelmeerraums in den neuen Reichen vor allem von Viehzucht, Gartenbau und Waldbewirtschaftung, bis dann in der späten Nachantike der von Historikern so genannte Vorgang der "Vergetreidung" einsetzt, in dem nach Dinkel nun Roggen und Weizen einen Teil des Fleisches ersetzen und die Bedeutung des Ackerbaus für die Herstellung von Getreidebrei und Brot zunimmt. Hungersnöte werden regelmäßig durch Naturkatastrophen oder marodierendes Militär hervorgerufen.

Getrunken wird Wasser und Met, der dann oft selbst gebrautem Bier weicht und in manchen Gegenden weiter auch Wein.

 

Was wir erahnen können ist, dass die meisten Menschen damals zumindest auf dem Lande viel mehr Individuen sind und als solche wahrgenommen werden, als das heute im von Massenmedien gesteuerten Konsumismus der Fall ist. Zwar sind sie keine heutigen "Individualisten" in der Konsumwahl, aber sie sind in ihrem Alltag viel mehr allein gelassen und sich selbst überlassen.

Zwar werden sie nach und nach kirchlicher Propaganda ausgesetzt, aber was sie damit jenseits anfangs seltener öffentlicher Rituale anfangen, bleibt ihnen weitgehend selbst überlassen und interessiert die Herren nicht.

Ähnlich selbst überlassen sind sie auch in ihrer Arbeit, deren wesentliche Regulierung bei den abhängig Beschäftigten in gelegentlichen Diensten und Abgaben besteht, Jenseits davon organisieren sie ihre (mühevolle) Arbeit wohl selbst.

 

 

An der Mosel treten im 7. Jahrhundert bereits Siedlungen in Dorfgröße auf wie Mehring mit seinen etwa 165 Siedlern und darunter 65 Freien (Anton/Haverkamp, S.55).

In Neustrien und insbesondere im Großraum um Paris geraten früh ganze Dörfer unter die Kontrolle von Grundherrn wie zum Beispiel von Saint-Germain-des-Prés. Um 820 ist dieser Vorgang in einem Dorf wie Palaiseau mit seinen 117 Bauernhöfen und rund 700 Einwohnern abgeschlossen. Anderswo existieren mehrere Grundherren in einem Dorf, und es gibt freie und unfreie Bauern nebeneinander.

Zwischen 693 und 797 ist die Situation im elsässischen Goersdorf in den Urkunden des Klosters Weißenburg dokumentiert geblieben, welches dort nach und nach durch Überschreibung.und Rückgabe als Prekarie die Kontrolle über immer mehr Bauernstellen gewinnt. Zunächst teilt es sich diese mit dem Herzog des Elsass und einem weiteren großen Herren (Sigibald). Daneben gibt es freie größere und kleinere Bauern, aber von den letzteren werden die meisten als mancipia bezeichnet, sind also wohl unfrei. Man baut dort Getreide und Wein an, betreibt Viehzucht und nutzt das Holz des Waldes.(Wickham(3), S.207)

 

Dokumentiert in den Urkunden ist vor allem der Übergang von Bauern in die Grundherrschaft, deshalb wissen wir heute sehr wenig über Dörfer mit überwiegend freien und landbesitzenden Bauern, die es aber in manchen Regionen zunächst wohl überwiegend gegeben haben muss. Sie regeln ihre Angelegenheiten und Konflikte selbst, wobei sie in Landbesitzer und Pächter, Reichere und Ärmere differenziert sind.

Solche freie Bauern müssen zwei Pflichten gegenüber der Machthierarchie genügen: Sie müssen sich an Gerichtssitzungen zumindest durch Anwesenheit beteiligen und sie sind verpflichtet, Heerdienst zu leisten.

 

Kleinere (freie) Bauern, die bei Gregor pauperes oder miseri heißen, besitzen zwar Land, Zugtiere, Karren, sogar Sklaven, sind aber vergleichsweise ohnmächtig gegenüber größeren Herren. Der freie Kleinbauer mit seiner Subsistenzwirtschaft ist darum wie vorher und nachher immer in seiner Existenz gefährdet. Im 14. Kanon der Synode von Mâcon 585 steht dazu:

Durch die Klage einiger haben wir erfahren, dass, indem die Kanones und weltlichen Gesetze mit Füßen getreten werden, diejenigen, die zum Gefolge des Königs gehören und andere, die durch weltliche Macht aufgeblasen werden, nach fremdem Gut streben und ohne, dass von ihnen eine Klage eingeleitet oder ihnen eine gerichtliche Belangung zugestanden wurde, die armen Menschen (miseri) nicht allein von den Feldern, sondern auch aus ihren eigenen Häusern vertreiben. (in: Scholz, S.157)

 

In etwa dieser Zeit schreibt Gregor von Tours über einen Kämmerer König Chilperichs I.:

Denn als er noch in Freiheit war, wurden seine Pferde und sein Vieh in die Saaten und Weinberge der armen Leute getrieben. Wenn das Vieh nun von denen, deren Arbeit es zugrunde richtete, hinausgetrieben wurde, wurden sie sogleich von seinen Leuten niedergemacht. (Gregor VII,22) Manchmal werden Bauern ganz vertrieben

 

Unsere Kenntnisse der Wege freier Bauern in die Abhängigkeit bzw.  Unfreiheit sind gering. Wir besitzen in einem Formelbuch das Vorbild für Texte, in denen sich Bauern einem Herrn übergeben. Darin heißt es, dass soundso seine Verpflichtungen nicht mehr zahlen kann...

... deshalb habe ich beschlossen, dafür den Stand meiner Freiheit Euch unterwürfig zu machen, derart, dass ich mich von diesem Tage an aus Eurem Dienst mich durchaus nicht begeben werd, sondern ich gelobe, auf Euren und Eurer Beamten Befehl alles zu tun, was Eure übrigen Knechte tun. (in: Franz, S.17)

 

 

Die Antike wie auch die Nachantike basierte nicht unwesentlich auf Sklavenarbeit. Der Nachschub kommt bis durch die Nachantike bzw. das frühe Mittelalter aus Kriegen und anderen Überfällen wie auch Piraterie und - wohl in deutlich geringerem Maße - durch Verkauf von Kindern aus Armutsgründen. Mit Sklaven wird ein schwunghafter Handel betrieben, wobei es eine Anzahl zentrale Sklavenmärkte wie in Prag oder Mainz gibt.

 

Schon für das 7./8. Jahrhundert sind Urkunden überliefert, in denen Großgrundbesitzer einzelnen Sklaven die Ehe mit Freien erlauben und deren Kindern in Einzelfällen bereits die "Freiheit" versprochen wird. Solche Befreiung kann dann mit der Übergabe eines Mansus oder eines kleineren mansellus verbunden sein. In einem Urkundenformular des Mönches Marculf von 690 heißt es dann über diese Kinder: ihnen sei an Habe zugestanden, was immer sie erarbeiten mögen, allerdings müssen sie jährlich die auf den Boden bezogenen Abgaben, wie es Brauch ist für Freie, leisten (...in: Kuchenbuch, S.92).

 

Technische Intensivierung entwickelt sich sehr langsam, dafür beginnt schon zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert jene Extensivierung vor allem durch Rodung, in der einzelne große Waldgebiete auf Reste in einer immer agrarischer geprägten Landschaft reduziert werden - und mit ihnen immer mehr Tierarten. In einer ersten Phase werden seit dem Ende des 3. Jahrhunderts verloren gegangene Nutzflächen zurückgewonnen, aber schon in der Karolingerzeit nimmt wohl auch Rodung nie zuvor intensiver genutzter Waldflächen zu. Vermutlich wird sie zumindest in Gallien nach dem 11. Jahrhundert nie mehr aus landwirtschaftlichen Gründen in diesem Umfang betrieben werden.

Praktisch gibt es wohl zwei Wege zu dieser Gewinnung neuer Nutzflächen. Entweder lassen Latifundienbesitzer oder Großbauern Sklaven diese Arbeit verrichten, oder aber sie beauftragen Kolonen oder freie Bauern damit und sichern ihnen dafür einen Anteil, wohl oft die Hälfte, als ihr Besitztum zu. Weniger "legaler" Raubbau an Wäldern und Feuchtwiesen wird wohl aus Eigeninitiative kleiner freier Bauern hervorgehen.

 

Vermutlich (wichtigste Qualifizierung von Äußerungen bis ins 10. Jahrhundert) setzt das durch Einführung technischer Neuerungen hervorgerufene Wachstum in der Landbewirtschaftung schon in der Karolingerzeit punktuell ein. Der Ackerbau ist zunächst extensive und knochenharte Zweifelderwirtschaft aus bewirtschafteter Fläche und Brache, wobei Ochsen Hakenpflüge ziehen, die in die Erde gedrückt werden müssen und manchmal vorne auch Räder besitzen (die carrucae). Erste hölzerne Beetpflüge, die die Schollen umwenden und das Pflügen in nur einer Richtung und nicht mehr Querpflügen ermöglichen, kommen wohl lokal seit dem 7. Jahrhundert an wenigen Orten Mitteleuropas auf, bleiben aber lange noch sehr selten.

 

Die einzige, aber enorm wichtige Maschine des Mittelalters stellt die Mühle dar, die es als Wassermühle schon im antik-römischen Kaiserreich gibt. Weitere Verbreitung scheint sie erst in der Karolingerzeit zu bekommen, und es gibt sie manchmal auch dort, wo es keinen bedeutenden Großgrundbesitz gibt (Bois, S.141). Die Prümer Grundherrschaft hat kurz vor 900 rund 50 Mühlen, das Kloster St.Germain-dés-Prés bei Paris in 12 seiner 23 Domänen insgesamt 57 Mühlen. (Goetz, S.120)

 

Ziel sowohl der großen wie der kleinbäuerlichen Betriebe ist eine relativ große Autarkie, also Selbstversorgung. Ausgenommen ist bei den freien Kleinbauern der Mühlenbetrieb, aber vielfach wird hier das Mehl noch im Haushalt selbst gemahlen. Zudem sind Schmiede und Töpfer wohl regulär ausgegliedert. Dafür werden Textilien sowohl auf dem großen Gutshof wie bei den Kleinbauern selbst hergestellt, und zwar oft aus Leinwand, die am stehenden Gewichtswebstuhl hergestellt wird, oft in einfachen Gruben-Webhäusern, wie Morrissey für Alamannien beschreibt:

"Die Kettfäden hängen hier senkrecht herunter und sind an ihrem Ende mit Webgewichten beschwert, um die zum Weben nötige Spannung zu erhalten. Der Schussfaden wird manuell eingebracht und mit einem Webschwert nach oben angeschlagen. (...) Das kühlfeuchte Raumklima in den Grubenhäusern sorgte dafür, dass das Leingarn nicht austrocknete und nicht so schnell riss. Vermutlich hatte fast jeder größere Hof eine solche Webhütte, denn Stoffe dürften in Heimarbeit - vorwiegend in der kalten Jahreszeit - hergestellt worden sein." (MorrisseyC, S.72/74)

 

Eingebunden ist die Situation des Bauerntums wie überall seit der Bronzezeit in die Entwicklung der Kriegsführung. Das fränkische Heer ist zunächst im wesentlichen ein Heer freier Bauern. Dabei besteht das merowingische Heer wohl überwiegend aus Fußtruppen, von dem die kleine berittene Oberschicht nicht einmal in den Waffen sehr abweicht. Man steigt wahrscheinlich vom Pferd, wenn es zum Kampf kommt und mischt sich mit Gregors multitudo rustica. (Fleckenstein, S.33)

 

Die Bevölkerung im Pagus ist auf den Schutz des Herren in der Villa angewiesen (Erat enim villa in pago Vabrense, Gregor IX,12) und auf den bischöflichen und gräflichen Schutz. Der König ist in der Regel weit weg. Villen können Königsgut sein, Kirche oder Kloster gehören, königlichen Amtsträgern oder anderen Grundherren (cives).

Die Bevölkerung des Vicus ist für ihren Schutz manchmal auch auf die mehr oder weniger befestigte Stadt bezogen. Zum vicus wird ein Weiler im übrigen durch die Errichtung einer Kirche, einer Pfarrkirche, die bei Gregor ecclesia heißt (Weidemann 2, S.97)

 

 

Gewerbe, Handel und Finanzen in Gallien und Germanien

 

Die anderthalb-tausendjährige griechisch-lateinische Zivilisation zerbricht zweimal, einmal in der Lösung des griechischen Teils vom lateinisch-römischen spätestens ab dem 4. Jahrhundert, und dann ab dem 7. Jahrhundert im rasanten Aufstieg islamischer Reiche, die dem lateinischen und dem griechischen Abendland schnell dauerhaft einen großen Teil ihres Raumes nehmen, bis der rest-griechische am Ende mit Folgen bis heute ganz orientalisiert wird, während im lateinischen Raum zur gleichen Zeit immerhin Spanien zurückgewonnen werden kann.

 

Archäologische Untersuchungen deuten darauf hin, dass "um 600 die wirtschaftliche Kraft der Küstenregionen des zentralen und westlichen Mittelmeers weithin erschöpft" ist (Hodges, S.43, m.Ü.) Dasselbe gilt dann im 7. Jahrhundert auch für Byzanz jenseits seiner Hauptstadt. Die schnelle arabische Expansion träfe damit auf bereits geschwächte Regionen.

Spätestens im vierten Jahrhundert beginnt der Rückgang von Bevölkerung, Produktion und Warenverkehr im weströmischen Reich. Er hält je nach Gegend möglicherweise bis ins 7./8. Jahrhundert an. Für ein Quantifizieren fehlen allerdings die Daten.

 

Baugewerbe mit Stein findet nur selten noch Arbeit und muss vermutlich über größere Entfernungen von Ort zu Ort ziehen. Bauhandwerker und herausragende Goldschmiede werden auch von weither herbeigerufen. Töpfermanufakturen entstehen in der späten Merowingerzeit neu, aber nun auf dem Lande, genauso wie die Herstellung gläserner Waren. Eisen- und Bleiabbau wird mit wohl kurzer Unterbrechung ein wenig weitergeführt.

Motor der wirtschaftlichen Entwicklung werden auch die Waffen- und Rüstungsproduktion aus Eisen, die den erneuten Aufstieg des Schmiedehandwerks befördern, wobei auch das Metallgewerbe erst einmal sich oft auf dem Lande befindet. Aber in den Städten mit einer gewissen Kontinuität bleibt ein Rest bald in die Grundherrschaft eingegliedertes Handwerk bestehen und insbesondere ganz im Norden entstehen bald auch kleine Handelsorte, an denen sich dann wohl auch freies Handwerk ansiedelt. Aber über all das weiß man sehr wenig.

Gregor von Tours berichtet in den Virtutes Martini von einem Schneider aus Paris, ingenuus genere, der nach Tours wandert.

 

 

Die fränkische Oberschicht als nun wohl wohlhabendster Konsument im lateinischen Abendland stellt noch ein wenig einen Markt dar. Der Handel geht also massiv zurück, aber er verschwindet nicht völlig. Im nun fränkischen Gallien gibt es weiterhin regionalen Handel. In der Merowingerzeit mit ihren geringen Quellen werden weiter einzelne Kaufleute (negotiatores) erwähnt. Solche mercatores bzw. negotiatores sind Leute, die Waren einkaufen, um sie zu verkaufen. Ziel ist der Gewinn. Aber auch Ladenbesitzer heißen manchmal so (ClaudeHandel, S.169)

 

Das Christentum verurteilt zwar den (gewinnbringenden) Handel, aber Kirche und Kloster haben zugleich daran teil. Augustinus hält negotiatores für besondere Sünder und Betrüger, die periuria betreiben.. Ähnlich äußern sich Salvian von Marseilles und andere Geistliche. Caesarius von Arles hebt auf die unmoralische Lebensweise reisender Händler ab. Tatsächlich nutzt der wohlhabendere Klerus die Dienste der Händler und beteiligen sich manchmal am Handel. (ClaudeHandel, S.203)

 

Gregor von Tours erzählt von der Bitte des (mittellosen) Bischofs von Verdun an seinen König Theudebert um 540, ihm für die Bürger seiner Stadt Geld zu leihen, auf dass wir damit unsere Bürger zu unterstützen (cives nostros relevare) vermögen; und wenn sie durch ihre Geschäfte den Handel in unserer Stadt auf dieselbe Höhe gebracht haben, wie ihn andere Städte haben, werden wir dir dein Geld mit den genehmigten Zinsen (cum usuris legitimis) zurückgeben. (Historien X,34)

Der König gibt 7000 Goldmünzen, die der Bischof an die Bürger weitergibt. Doch diese wurden Handel treibend dadurch reich gemacht und gelten bis heute als vermögende Leute. Unabhängig davon, was an dieser Geschichte den Tatsachen entspricht, lobt ein Kirchenmann hier das Spiel von Investition und Gewinn und man erfährt nebenbei, dass es in Verdun eine ganze Anzahl handeltreibender Bürger gibt. Dass die Geschichte ansonsten wahr ist, bleibt dahingestellt (siehe Vercauteren in: Verhulst, S.100)

 

Es gibt weiter Münzstätten im Frankenreich, insgesamt lassen sich rund 700/800 vor allem für Goldmünzen  nachweisen, von denen viele aber nur kurzlebig sind. Goldmünzen werden unter der Aufsicht von Vertretern der Oberschicht (Monetaren) geschlagen. Schon Theudebert I. lässt in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts in antiker Tradition Münzen mit Bild und Namen des Ausstellers prägen. Es gibt genug Münzen in Gold, weniger in Silber und zunehmend seltener in Kupfer.

Im 7. Jahrhundert nehmen Silbermünzen zu, auch weil im lateinischen Abendland die Goldvorkommen fehlen und der Handel eher überschaubar bleibt

Insgesamt tendieren aber Münzen durch die Nachantike und das Mittelalter dazu, knapp zu bleiben, da sie auf Edelmetall basieren, an das man erst einmal kommen muss.

 

Anlässlich der Pest in Marseille 588 schreibt Gregor von Tours:

Inzwischen war ein Schiff aus Spanien mit den üblichen Handelswaren im Hafen von Marseille angelandet worden, das den Keim dieser Krankheit fahrlässig mit sich gebracht hatte. Weil so viele Menschen von diesem Schiff Verschiedenes kauften, brach sofort in einem Haus, das von acht Menschen bewohnt war, die Krankheit aus (... Gregor IX,22)

 

Ein Julianus ist auf seinem Epitaph dokumentiert: Er häufte sehr viel Gold an, aber er verteilte es an die Armen. Er schickte viele Schätze voraus, denen er dann folgte. (in: Scholz, S. 219) Während sich hier die Gier in Frömmigkeit auflöst, wird sie anderswo durchgehalten, wie Gregor von Tours beschreibt (wenn es denn so stimmt):

Ein gewisser Mann in Lyon trachtete mit Mühe danach, eine Goldmünze zu bekommen, doch entflammt durch den verfluchten Hunger nach Gold wollte er mit diesem einen Goldstück seinen Geldbeutel füllen (...) Also kaufte er von dieser einen Goldmünze Wein und nachdem er ihn mit Wasser vermischt hatte, verkaufte er ihn wieder für Silbergeld und verdoppelte sein Geld. Dies machte er wieder und wieder und so ist er lange ein Anhänger des schändlichen Gewinns geworden, bis er 100 Goldmünzen (Solidi) aus dieser einen erworben hatte. (Liber in gloria confessorum, 10) Vielleicht beschreibt Gregor hier auch nur schematisch die Karriere eines Selfmade-Kapitalisten.

 

Solche Kaufleute scheinen sehr selbständig zu operieren und über ein Netzwerk von Informanten zu verfügen. Bezahlt wird in der Regel mit Geld.

 

Neben den in die familia des Grundherren eingereihten Händlern in dessen unmittelbaren Diensten, die allerdings wohl auch nebenbei eigene Geschäfte betreiben, gibt es eben auch reisende Fernhändler, die mehr Freiheit(en) genießen. Unter ihnen sind viele Friesen, so dass der Volksbegriff oft als Synonym für (freier) Händler auftaucht. In Mainz gibt es ein ganzes Friesenviertel, belegt sind sie auch in Straßburg, Worms, Köln und Duisburg. Neben ihnen treten besonders für den Fernhandel in südliche Richtung und über das Mittelmeer hinweg Juden und Syrer auf. Es mag bezeichnend sein, dass Händler in den fränkischen Volksrechten (leges) nicht auftauchen. (Siems in: Jankuhn/Ebel, S.125) Sie haben wohl ihr eigenes Gewohnheitsrecht ausgebildet.

 

Für die erste Hälfte des 7.Jahrhunderts wird ein waffentüchtiger fränkischer Kaufmann Samo von Fredegar erwähnt, der mit seiner Handelskarawane gerade dann im Slawengebiet unterwegs ist, als man sich dort zum Aufstand gegen die Awaren rüstet, und der zum Anführer dieser Slawen wird, die dann auch noch in Kriege mit Franken und Alemannen geraten.

 

 

Römerstraßen werden im Auftrag von Königen und Grundherren von abhängigen Bauern als Dienstpflicht gepflegt. Verpflichtet werden zumindest im Osten die vielleicht aus den Laeten hervorgegangenen halbfreien Lazen. (Staab, S.32ff) Das Straßenwesen dient neben dem Handel auch den Botendiensten und den Heerzügen. Die zwei Rheinbrücken bei Köln und Mainz werden offenbar immer wieder repariert.

 

Im zentraleuropäischen Binnenland sind die wichtigsten Handelswege Flüsse, vor allem Rhein (mit Main und Mosel), Maas und Seine, etwas auch die Loire.  In den Historien des Gregor von Tours heißt es:

In diesen Tagen begab sich der Kaufmann Christophorus nach Orléans. Er hatte nämlich gehört, dass dorthin viel Wein gebracht worden war. Er ging also hin, und nachdem er den Wein eingekauft hatte und dieser auf Kähnen verschifft worden war, begab er sich mit viel Geld, das er von seinem Schwiegervater empfangen hatte, mit zwei sächsischen Knechten zu Pferd auf den Heimweg. (Gregor, VII,46)

 

Über Rhône und Saône gibt es eine Nord-Südverbindung mit dem Mittelmeerhafen Marseille, über den (wohl nur sporadisch) arabische und byzantinische Luxusgüter wie Gewürze und Textilien gehandelt werden. Geliefert werden dorthin u.a. Holz, Waffen und Sklaven. Die Rhone und Marseille verlieren aber spätestens im 8. Jahrhundert erst einmal an Bedeutung.

Antike Flusshäfen werden, auch als Zollstellen, weiter benutzt und gepflegt, brauchen jetzt aber nur kleineren Schiffen zum Anlanden zu dienen. (Staab, S.108 für den Mittelrhein)

 

Der Fernhandel im Merowingerreich nimmt dann langsam wieder zu und verlagert sich vom Mittelmeer weg stärker nach Norden. Selbst im nördlichen Gallien zwischen Boulogne und dem Rhein- und Maasland dürften Handel und Handwerk, auch Fernhandel nicht völlig abgebrochen sein und erleben im siebten Jahrhundert einen gewissen Aufschwung. In diesem wird Maastricht gegründet und entwickelt sich zu einem gewerblichen Zentrum mit Metallarbeiten, Keramik und Glassproduktion. Friesen beherrschen den Nordseehandel wie Skandinavier den der Ostsee. Zudem reisen friesische Händler auch den Rhein bis Straßburg hinauf und verkaufen dort unter anderem ihre Wolltuche. In dieser Zeit entstehen auf beiden Seiten des Ärmelkanals Handelsorte, an denen sich Gewerbe ansiedelt: Quentovic und Dorestad auf der fränkischen Seite, Hamvic (Southhampton) in Wessex, dann an der Nordsee Lundenvic (London) in Mercia, Ipswich in East Anglia und York in Northumbria. Im späteren Dänemark entsteht Ribe und im noch späteren Schweden Birka. (s.u.)

 

Im fränkischen Binnenhandel werden nun unter anderem Wein, Öl, Wachs, Salz und Getreide sowie Tuche aus Friesland, Leder, Papyrus, Waffen, Keramik und Schmuck gehandelt. (GoetzEuropa, S.201)

 

Wichtige Abnehmer sind neben den Herrschern und reichen Bischöfen die großen Klöster wie Saint Denis oder Corbie, die selbst eigene Händler beschäftigen. Bei Saint Denis in der Nähe von Paris entsteht daraus Mitte des siebten Jahrhunderts der große Jahrmarkt, eine Frühform der Messe, von König Dagobert I. gegründet, in dem bald neben Syrern und Juden auch Westfranken, Friesen und Angelsachsen (z.B. 709) als Händler auftreten. Sie verkaufen dort vor allem Wein und Textilien.

 

Es gibt überhaupt auch weiter Märkte. Zölle und andere Abgaben z.B. von Märkten werden eingenommen. Zölle an Häfen, Flüssen, Brücken und Straßen fließen in den Königsschatz (Scholz, S.216).

 

 

Die Stadt der Merowingerzeit

 

Hier wurde bislang das Wort "Stadt" relativ unreflektiert gebraucht, aber wenn wir nun in der Nachantike der Entstehung von Kapitalismus näher kommen, bedarf es dazu einer gewissen Klarstellung. Zunächst einmal gibt es sehr verschiedene Orte je nach der Art von Zivilisation, die gemeinhin als Stadt bezeichnet werden, ein Wort, das es übrigens weder im Englischen noch in den romanischen Sprachen so gibt. Hier soll zunächst mit einer kurzen Zusammenfassung dessen benannt werden, was die wichtigsten Römerstädte ausmacht, dann soll, soweit überhaupt bekannt, auf das Maß ihrer Zerstörung und ihres Niedergangs eingegangen werden, um dann darzustellen, was sich davon erhält und was als Neues in den ersten zwei Jahrhunderten des Frankenreiches daraus hervorgeht. 

 

Römische Städte unterschieden sich so zunächst nach ihrem Rechtsstatus, sind aber gegen Ende des Westreiches allesamt als civitates gleichgestellt, auch wenn sie immer noch als urbs, colonia, municipium, civitas oder oppidum bezeichnet werden. Andere stadtartige Siedlungen sind befestigte militärische Lager mit einer dazu gehörigen Siedlung. Der vicus wiederum ist ein kleiner Ort, der in eine civitas eingeordnet ist.

 

Das urbane Zentrum der römischen civitas, wörtlich "Bürgerschaft", basiert vor allem auf dem Reichtum, den Großgrundbesitz einbringt. Gewerbe und Handel spielen eine untergeordnete Rolle und manchmal werden diese civitates deshalb heute als Konsumentenstädte zusammengefasst. Öffentliche Bauten wie Forum, dazu gehöriges Verwaltungsgebäude (Basilika), Theater sowie andere Amüsierarenen, Tempel, Bäder, und Wasserleitungen machen eine solche Stadt aus.

Eine civitas besteht aus diesem urbanen Kern und einem größeren Umland, welches in der Regel an eine andere grenzt.

Eine abgeschlossene Grundbesitzerschicht von dreißig bis hundert der reichsten Familien verwaltet die Stadt in der curia und betreibt ihren Erhalt und Ausbau. Oft haben diese Leute zunächst relativ freie Hand, den Frieden, also die Unterordnung der Masse der Bevölkerung aufrechtzuerhalten, mit der Auflage, Steuern (zunächst rund zehn Prozent der Ernte) abzuführen, die vor allem dem Unterhalt der großen Heere dienen.

Unter dem Druck der militärisch-fiskalischen Bedürfnisse der Kaiser und ihres riesigen Reiches wird die Selbstverwaltung immer mehr eingeschränkt und viele "römische" Großgrundbesitzer ziehen sich in Gallien und Hispanien bereits in der Spätzeit des Imperiums auf ihre Landgüter zurück, wo sie sich ihrer städtischen Aufgaben entledigen, nach relativer Selbstversorgung streben und von Steuervorteilen profitieren. Sie versorgen sich dabei nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit dem, was ihre eigenen Handwerker produzieren. Dieser Vorgang betrifft allerdings Italien und überhaupt den nördlichen Mittelmeerraum weniger als das übrige Reich (Hythe, S.13), weswegen wir dort im Mittelalter weiterhin städtische Wohnsitze des Adels vorfinden. Das wird denn auch einen der Unterschiede zwischen dem Norden und Süden des westfränkischen Galliens ausmachen.

 

Die produktiven Landbewohner wiederum stellen sich unter den Schutz der größeren, um der Belastung zu entkommen, und werden von ihnen abhängig. Damit diese colones nicht ganz der kaiserlichen Kontrolle entkommen, werden sie an die Scholle gebunden. Die Civitates werden nun den comites unterstellt, und als dann die Franken die Macht übernehmen, werden diese zu einer Art königlicher Amtsträger. (Becher, Chlodwig, S.240f)

 

Ein Wesenszug der spätkaiserlichen Civitates wird es zudem, dass die aus vornehmen Kreisen stammenden Bischöfe der entstehenden Staatskirche ihren Amtssitz schon früh in deren städtischem Kern nehmen und dank kaiserlicher Privilegien sowie ihres Ansehens als Versorger der städtischen Armen und damit Friedensstifter immer mehr auch einzelne herrschaftliche Funktionen übernehmen und in ihnen die (weltliche) Kurie ablösen.

 

 

In den Bürgerkriegen und den Überfällen und Wanderbewegungen germanischer, asiatischer und dann slawischer, nordafrikanischer und orientalischer Völkerschaften finden massive Zerstörungen an den Städten statt. Sie werden darum ummauert und erhalten "Burgcharakter" (Schott), und so werden die einwandernden Germanen sie kennenlernen und später auch in ihren Volkssprachen benennen. Gregor von Tours erwähnt dann gegen Ende des sechsten Jahrhunderts etwa dreißig mauerbewehrte Städte. (Textstellen in: Verhulst, S.92) Er berichtet auch vom König, der die Aufrechterhaltung solcher Mauern befiehlt (Gregor, Historien VI, 41), die in der Nordhälfte Galliens zwischen 6 und etwa 25 ha umfassen und einen Umfang von 1000-2000m haben.

Im 6. Jahrhundert sieht Dux Lupus der Champagne sich bedroht:

Da jener aber sah, dass er in Gefahr war, (se in discrimine), brachte er seine Ehefrau in den Mauern der Stadt Laon in Sicherheit (tutatam infra urbis Lugduni Clavati murus) und floh selbst zum König Gunthram (coniugem suam, ad Guntchramnum regem confugit). (Gregor, Historien VI,4) Die Mauern der Stadt bieten hier weiter Schutz.

 

Man hat versucht zu schätzen, dass solche Stadtkerne im 7. Jahrhundert wieder etwa 1000-2000 Einwohner haben, Reims vielleicht sogar 5000. (nach Vercauteren in: Verhulst, S.94)

 

Die civitas ist kein einheitlicher „staatlicher“ bzw. „politischer“ Raum mehr, ihre territoriale Einheit bleibt nur noch als Diözese gewahrt, Bereich der Zuständigkeit des Bischofs. Als civitas wird bald oft nur noch der städtische Restkern wahrgenommen, vor allem der Dombezirk. In diesem Bereich im Besitz der Kirche herrscht Befreiung von Steuern und Abgaben, aber auch solche von der weltlichen Gerichtsbarkeit, sogenannte Immunität. (Groten, S.31f)

 

Franken, Alemannen und Angelsachsen übersetzen oft civitas mit Formen des Wortes Burg, was nichts anderes als einen befestigten Ort meint. Umgekehrt werden dann auch im frühen Mittelalter befestigte, im späteren Sinne wenig städtische Orte in lateinischen Texten als civitas bezeichnet, wodurch das Wort vorübergehend eine erhebliche Bedeutungserweiterung erlebt. Das ändert sich erst auf dem Weg ins hohe Mittelalter, als das Wort Burg im Deutschen nach und nach seine engere Bedeutung bekommt, von der sich volkssprachlich stat und noch viel später Stadt ablöst.

 

Mit dem Verfall des Imperium Romanum verfällt auch eine klare lateinische Begrifflichkeit und sie wird auch in deutschen Landen (und anderswo) nicht mehr ersetzt werden. Ein Musterbeispiel liefert „Stadt“, ursprünglich als urbs, oppidum, civitas, colonia und municipium halbwegs klar unterschieden. Am ehesten trifft dabei oppidum einen mittelalterlichen Stadt-Begriff, dort nämlich, wo es die ummauerte Stadt meint. Daneben kann das Wort auch ein castrum bezeichnen, also eine Festung mit ihren Bewohnern wie das castrum Chinon an der Loire zum Beispiel – im Unterschied zum vicus Chinon.

 

Niedergang

In vielen einzelnen Provinzen reduziert sich Urbanität in der Spätzeit des Kaiserreiches zunehmend auf eine Art Hauptstadt einer Großregion, in manchen wie südlich der Donau und in Pannonien verlieren Städte völlig jede Bedeutung. Die römische Zivilisation ist im Westen schon im Niedergang begriffen, als germanisch dominierte Völkerschaften sie übernehmen.

 

In ganz Gallien und insbesondere im Norden reduzieren sich Städte auch baulich mehr oder weniger auf ein Minimum, soweit sie überhaupt überleben. Im Süden hält sich Arles ganz ordentlich. Marseille, Nîmes, Uzès, Carcassonne und Agde behalten eine gewisse Bedeutung, teilweise durch Handelsbeziehungen mit dem vorderen Orient, ebenso Toulouse, Poitiers und Vienne. Überlebende Städte sind inzwischen Festungen mit einem intakt gehaltenen Mauerring, wie auch das aufsteigende burgundische Dijon.

In Bordeaux scheinen "letzte Spuren städtischen Lebens" im 6. Jahrhundert zu verschwinden  und mit ihnen zeitweilig die Existenz von Bischöfen.

 

Mit den Germanenstürmen der späten Kaiserzeit kommt es zu massiven Plünderungen und Zerstörungen, und im Laufe der Zeit werden Gebäude immer weniger repariert. Die abnehmende Bevölkerung lässt Wohnquartiere veröden und die Finanzierung der öffentlichen Gebäude und ihres Unterhaltes nimmt mit dem zurückgehenden Engagement der Oberschicht rapide ab. Gewerbe und Handel gehen entsprechend zurück.

Zu den Zerstörungen kommt so der allgemeine Verfall. Alle Städte Westroms verfallen zum größeren Teil oder sogar ganz. Die Bauten rund ums Forum, die Tempel, auch die Insulae (Mietwohnungs-Blöcke) werden zu Ruinen. Die Bauten des Amüsiergewerbes, Theater, Amphitheater, Zirkus, dazu die Bäder, denen es nun an Wasser und Heizung mangelt, werden zweckentfremdet oder als Steinbruch benutzt.

 

Ein besonders instruktives Beispiel bildet die weströmische Kaiserresidenz Trier (Augusta Treverorum), deren Mauern einst fast 300 ha einschlossen bei einer Bevölkerung von gut 60 - 80 000 Einwohnern. Seit dem Beginn des 5. Jahrhunderts verliert Trier zunehmend seinen römischen Schutz und wird mehrmals vorübergehend von fränkischen Gruppen eingenommen. Dabei ist es erheblichen Verwüstungen ausgesetzt, die besonders auch den Dom betreffen. Der größte Teil der Stadt verfällt in Ruinen und mit ihm das rechtwinklige römische Straßennetz.

Seit den 460er Jahren gerät die Stadt in die Hände der Familie des romanisierten und christlichen Comes Arbogast. Zwei Jahrzehnte später nehmen sie Rheinfranken ein, und spätestens mit Chlodwigs Einnahme des Kölner Rheinfrankenreiches gelangt sie in seinen Machtbereich.

Teile der römischen Oberschicht fliehen vermutlich nach Westen ins Innere Galliens, ein weiterer Teil der Bevölkerung wird nach diversen Eroberungen und Plünderungen wahrscheinlich verschleppt. Immerhin etwa das Dreifache der von Mauern umschlossenen Fläche von Mainz oder Köln bleibt der Stadt mit einer Mauerlänge von 6400 Metern und nur noch vielleicht 5000 Einwohnern.

 

Zwischen Eifel und Hunsrück bleibt viel romanische Bevölkerung, aber der Mittelrhein und Mainz werden stark fränkisch besiedelt. Zwischen 450 und 550 tauchen dann in Mainz keine Bischofsnamen mehr auf. Kontinuität römischer Kirchen scheint kaum zu bestehen.

 

Bevölkerungsrückgang

Die überall nur sehr grob zu schätzenden Entwicklungen der Bevölkerung lassen nur einen Schluss zu: Die Bevölkerung im Westreich geht seit dem späteren Kaiserreich massiv zurück. Das eklatanteste Beispiel ist die Stadt Rom (urbs Roma), die ihren stärksten Rückgang von fast einer Million Einwohnern unter Augustus seit dem Verlust ihrer Hauptstadtfunktion und bis in die Ostgotenkriege hat, aber dann weiter bis um 900 unserer Zeitrechnung auf schätzungsweise      20 000 Einwohnern heruntergehen wird.

Alle Orte im merowingischen Frankenreich sind noch wesentlich kleiner. Innerhalb des einst römischen Mauerrings, der nach Möglichkeit weiter aufrecht erhalten wird, entstehen, soweit es darin überhaupt noch Besiedlung gibt, weite unbebaute Flächen.

Die Colonia Trajana (Xanten) ist bereits Mitte des 5. Jahrhunderts verlassen worden. Entlang des mittleren Rheins bleiben eine Anzahl Städte in wesentlich kleinerem Umfang erhalten, wie Köln, Mainz und Worms, während am Oberrhein Straßburg beispielsweise zunächst fast völlig verschwindet.

 

Die starke Verringerung des Fernhandels, des Handels überhaupt und der Bevölkerung der Städte hängen eng zusammen. Auch da, wo Städte nicht massiv zerstört werden, können die antiken Zusammenballungen von Menschen nicht mehr hinreichend versorgt werden, da eine immer weniger Überschüsse produzierende Landwirtschaft sie nicht mehr ernährt und sie nicht mehr aus der Ferne versorgt werden können.

Die Nahrungsmittelproduktion geht allerdings nicht nur mit dem Bevölkerungsschwund zurück, sondern auch aufgrund sinkender Produktivität. Manches an antiker technischer Innovation schwindet, nicht etwa, weil es ganz vergessen wird, sondern weil es niemand mehr gibt, der den technischen Standard aufrechterhalten kann.

 

Kontinuität und Neuanfang

Die Bevölkerung geht auch im Merowingerreich teilweise massiv zurück, und dabei ist eine gewisse Bevölkerungsdichte erste Voraussetzung für die Aufrechterhaltung von Städten.

Eine schwer abzuschätzende Rolle spielen zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert Seuchen, insbesondere die Beulenpest. Zwischen 541 und 544 sollen in Byzanz, so wird geschätzt, ca. 20 Prozent der Bevölkerung daran gestorben sein. Erwähnt wird sie in diesem Jahrhundert auch für Gallien und Italien.

Vereinzelte Zeugnisse belegen immer wieder Bevölkerungsschwund durch Pest und andere Seuchen. Mitte des 7. Jahrhunderts schreibt der Bischof von Clermont an seinen Kollegen in Cahors:

Da so schlechte Nachrichten über die Seuche aus Marseille kommen, die beinahe die gesamte Provence verheert und entvölkert, möge der Herr Wachen aussenden, damit niemand sich untersteht, von Cahors aus in diesen Tagen zu den Märkten (ferias) von Rodez oder benachbarter Städte aufzubrechen, damit nicht etwa (...) dieses schlimme Übel über eure Stadt komme. Denn an den jenen Gegenden benachbarten Stellen sind Wachen aufgestellt worden, damit niemand zwecks Kaufs- oder Verkaufsgeschäften irgendeinen Zugang findet. Wenn ihr nicht in eifriger Vorsorge darum nachsucht, droht Lebensgefahr. (in: Fuhrmann, S.18, Kaiser/Scholz, S.169)

 

Schätzungen sprechen davon, dass die Bevölkerung auf dem Boden des späteren Karolingerreiches zwischen 500 und 700 "um ein Drittel oder mehr" geschrumpft sein könnte (Manfred Vasold in: Römer und Barbaren, S.196ff). Aber das beruht wohl sicher nicht nur auf Seuchen, sondern auch auf Hungersnöten und überhaupt sporadischer Unterernährung.

 

Dennoch überlebt in den germanisch dominierten Nachfolgestaaten mit Resten eines Städtewesens auch ein Rest antiker Zivilisation, während es vor allem in den skandinavischen und osteuropäischen Weiten jenseits des Mittelmeerraumes zunächst eine fast städtelose, höchstens schwach anzivilisierte Welt gibt. Kapitalismus wird denn auch vor allem dort entstehen, wo es entweder eine gewisse urbane Kontinuität gibt, wie im Norden und der Mitte Italiens, am Rhein, in Teilen Galliens, oder wo neues Städtewesen auf ehedem imperialem Boden dadurch entsteht, dass überlebender Handel und Gewerbe dorthin ausstrahlen oder dort erneut entstehen werden, wie etwa in Flandern.

 

Zwar kannten die Germanen ursprünglich keine Städte, aber durch den Kontakt mit den Römern war ihnen deren Städtewesen bereits ein wenig vertraut. Der erste Kontakt wird Warenaustausch, ein weiterer der Militärdienst im römischen Heer, zudem wurden Germanen im Norden und Osten Galliens wie auch im Ostteil des Reiches angesiedelt. Entsprechend leben dann nach dem Ende des West-Imperiums Germanen und Romanen in den Rest-Städten nebeneinander, wobei die alten senatorischen Familien, soweit sie überlebt haben, ein erheblicher Machtfaktor bleiben.

Zudem bleibt die römische Aufteilung in civitates, die Reichsteilungen der Merowinger werden sich manchmal daran orientieren. In jenen Städten, die als solche überleben, bleiben einzelne Techniken der Verwaltung und entsprechende Ämter.

 

Die Kontinuität der Einheit von befestigter Stadt und Pagus (marca) mit Villa und Vicus wird ein bestimmendes Moment der Übergangszeit zwischen Antike und sogenanntem Mittelalter, einer Kontinuität, die keine klaren Abgrenzungen erlaubt. Einen Gegensatz zwischen Stadt und Land, was Bevölkerung und Machtverhältnisse angeht, wird es erst seit dem eigentlichen Mittelalter geben, als der sich entfaltende Kapitalismus langsam die Oberhand gewinnt und sich auchdaran macht, das Land massiv zu verändern. (Heers, Moyen Age, Kap. 4 etc)

Der vornehme Franke hat eventuell ein Stadthaus, aber er lebt vor allem auf seinem Grundbesitz auf dem Lande. „Der Kleriker Adalgisel Grimo, der 634 sein Testament machte, hatte ein Haus in Trier, er verfügte aber auch über sechs Landgüter und hatte Besitz in zehn weiteren.“ (Groten, S. 33)

 

Östlich des Rheins und nördlich der Donau fehlen ohnehin Städte, aber auch sonst setzen sich fast überall in zunehmender Naturlandschaft agrarische Strukturen durch, am wenigstens noch an den Küsten Italiens und Südgalliens. Selbst das Handwerk zieht sich weiter aufs Land zurück und geht dann in die großen Grundherrschaften ein. Was zudem immer mehr abnimmt, ist ein Markt, auf dem sich Stadt und Land austauschen könnten, womit auch das Geld deutlich an Bedeutung verliert, auch wenn es nicht verschwindet.

 

Bischofsstädte

 

Dass die Städte des römischen Westreiches nicht völlig mit ihm verschwinden, mag viele, auch lokal und regional verwurzelte Gründe haben, aber einige generelle scheinen doch herauszuragen.

So regieren auch die Merowinger noch wesentlich von Städten (civitates) aus, in denen sie "Paläste" haben, so wie es dort auch Kirchen gibt, im relativ großen Reims im siebten Jahrhundert sogar gleich fünf, während Klöster außerhalb entstehen. In einigen Fällen scheinen sie sogar zu versuchen, einen Rest von antikem Unterhaltungsprogramm für die Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Gregor von Tours berichtet davon, dass König Childerich die Amüsier-Arenen von Soissons und Paris zur Belustigung des populus renovieren lässt. (Historien V, 17)

 

Der wichtigste Grund aber ist, dass die Kirche, eine städtische Institution und von Städtern betrieben, als Haupterbe der Antike überlebt. Spätestens mit dem Konzil von Serdika 343 war festgelegt worden, dass Bischofssitze nur an Orten größerer Bevölkerungsdichte eingerichtet werden sollen, und dieser Beschluss wird im nächsten halben Jahrtausend noch bekräftigt werden.

 

Bischöfe und ihre Geistlichkeit sind seit dem vierten Jahrhundert von Steuern und Dienstpflichten befreit, was ihre Stellung attraktiver macht, und ihr Amt wird zu einer Alternative zum weltlichen cursus honorum, dem üblichen Karriereweg durch die Ämter. Zunehmend übernehmen sie gerne die Zivilgerichtsbarkeit für ihre Herde, aus der dann im Laufe der nachrömischen Zeit der Bischof zum zentralen Gerichtsherr in seiner Stadt werden wird.

 

Autorität haben sie im verfallenden Westreich auch mit ihrer aus der Pflicht zur caritas entwickelten Fürsorge für die Armen. An die Stelle des römischen Durchfütterns des Proletariats tritt die nicht unbeträchtliche kirchliche Armenfürsorge, die als Ordnungsfaktor auch Machtfaktor ist. In Fällen von häufiger auftretenden Hungersnöten wird arme Bevölkerung durch angekauftes oder gehortetes Getreide von Bischöfen ernährt, denn die meisten Menschen haben keine Geldreserven, ja, verfügen, wenn überhaupt, nur nach besonders guten Ernten kurzfristig über Geld, was sofort abgegeben bzw. ausgegeben wird.

 

In der Übergangszeit hin zur fränkischen Herrschaft sind gallorömische Bischöfe oft bereits große Landbesitzer und verfügen zumindest teilweise auch über Truppen. (Scholz, S.24) Als Städte dann verwüstet werden, zum Teil Reste der Oberschicht fliehen, Handwerk und Handel manchmal völlig zum Erliegen kommen, gibt es entweder eine Kontinuität der bischöflichen Institution oder aber die Wiedererrichtung von Bistümern nach einiger Zeit. Antike Kirchen großer Städte (civitates) werden teilweise beibehalten oder zunächst notdürftig renoviert.

Bischöfe wiederum verlangen im Laufe der Zeit als Herren über größere Ländereien nach der nahen Arbeitskraft von Handwerk und Handel und bald auch von Finanziers. Ein minimales, halbwegs städtisches Leben zieht wieder ein.

 

Eine Stadt ist nun am ehesten ein Bischofssitz. Als Tongern diesen an Maastricht verliert, leidet darunter die weitere Entwicklung.

Kern geringer Neubesiedlung wird dann einerseits die Kathedralkirche, die auch insofern Kontinuität verspricht, als zunächst weiter romanische Oberschicht-Familien den Bischof stellen.

Zum Dombezirk mit Kathedrale, Bischofspalast, Wohnhäusern der Domherren und Wirtschaftshöfen kommt ein kleiner Bereich in der Regel unfreier Handwerker in Holzhäusern, die die Geistlichkeit versorgen, wobei es sich bei solcher der Kathedrale sowie der Stiftskirchen um Adelige handelt, deren Nachfrage sowohl das lokale Gewerbe wie den Fernhandel für Luxuswaren fördert.

Was verschwindet ist ein geschlossenes Stadtbild von imperial-römischen Ausmaßen. Zwischen besiedelten Flecken gibt es wie in Trier Ruinenlandschaften und zum Teil offenes Land für Gärten, sogar für Viehweiden oder gar neues Naturland.

Daneben bilden befestigte Palastbauten und Burgen (castra) mächtiger weltlicher Herren sowie bald auch oft außerhalb liegende Klosterbezirke Siedlungskerne, die wiederum Händler und Handwerker anziehen. Der rheinfränkische König Sigibert residiert kurz vor 500 im Kölner Prätoriumspalast, in Trier dient die Palastaula („Basilika“) als Residenz.

Dazu kommen manchmal kleine Kaufmannssiedlungen und Gewerbebezirke (zunächst meist romanischer Provenienz), viel später auch mit ihren Kirchen, welche vor allem die lokalen Großen versorgen, von denen sie abhängig sind.

 

Bischof sein heißt also je nach wirtschaftlicher Potenz Macht zu haben. Diese auszuüben wird normalerweise an eine Art klerikale Administration und an weltliche Beamte (Vögte als militärische Vollstreckungsbeamte der weltlichen Gewalt) delegiert. Die Verwaltung durch den Domklerus beinhaltet sowohl die des Kirchengutes wie auch die vieler geistlicher wie der liturgischen Aufgaben.

 

Herrschaft bedeutet auch Machtausübung zum Schutz der Menschen in Stadt und Land. Eine gewisse Militarisierung der Kirche hat nicht nur mit der Abstammung von zunehmend mehr Bischöfen aus dem Kriegeradel zu tun, sondern auch mit der stets drohenden Gewalt von außen, seien es einfallende Fremdvölker oder benachbarte oder gar im Bistum residierende Adelige. Und da kriegerische Handlungen meist mit der Verwüstung des Landes einhergehen, ist die geistliche Herde und die unmittelbar abhängige familia des Bischofs, also der Verband der für ihn arbeitenden und Dienste leistenden Menschen, dann heftigst mit betroffen. Des weiteren ist Herrschaft, wie schon gesagt, auch Sorge um das Wohl der Anvertrauten in Notzeiten, die vor allem die Ernährung betreffen. In Hungerjahren lässt dann schon mal ein Bischof für seine Leute ganze Schiffsladungen oder Wagenkonvois mit Getreide kaufen und heranschaffen. Kirche lässt sich so sehr gut als klassische patriarchale Einrichtung bezeichnen.

 

Gregor betont die enge Verbindung von cives und episcopus.

Mit Zustimmung der cives wird Brictius Bischof: Adeptum ergo consentientibus civibus pontificatus officium (Gregor II,1) Die Königin: Praetextatum vero episcopum egre suscoepit, quem cives Rhodomaginsis post excessum regis de exilio expetentes, cum grande laude civitati suae restituerunt. (Gregor VII,16) Bischof Magnulf sagt den civibus suis, sie sollten sich gegen Desiderius dux wappnen.(Gregor VII,27)

 

Der cives-Begriff wird aber immer unklarer, undeutlicher. Ein Bürgertum im römischen oder mittelalterlichen Sinne gibt es nicht, dafür eine Handvoll weltlicher Großer, deren Macht wie die der Kirche und der Klöster auf Grundbesitz beruht.

 

Eine Bevölkerungsgruppe in der Stadt sind die Kleriker, eine weitere sind weltliche Freie mit Immobilienbesitz und wohl der antiken Oberschicht der Stadt entspringend. Handwerker werden wohl in der Regel als unfrei angesehen. Händler scheinen laut den Quellen oft Syrer (d.h. Orientalen), Griechen oder Juden zu sein. Um 600 tauchen zum Beispiel in Paris Syrer und Juden als Händler auf, ebenso in Orléans. Oft scheinen sie Gewürzhändler zu sein (Vercauteren in: Verhulst, S.98f).

 

 

Es gibt weiterhin in Einzelfällen Bauten aus Stein, aber bald nur noch für einen kleinen Kreis von Reichen und Mächtigen und für bedeutendere Kirchen, von denen allein Reims am Ende der Merowingerzeit über zwanzig haben soll. Glockentürme und Querschiffe sind Erfindungen dieser Zeit. Erhalten geblieben ist bis heute kaum mehr als das Johannes-Baptisterium in Poitiers. Für dieses Gewerbe sind wohl umher wandernde Handwerker zuständig.

 

Wohngebäude werden nun im wesentlichen recht vergänglich aus Holz und Lehm (Fachwerk) und manchmal, eher selten, auf steinernem Fundament gebaut. Heizung wird zunehmend durch möglichst warme Kleidung ersetzt. Die Städte verwandeln dabei meist völlig ihr Gesicht. Manche römische Stadtmauern halten noch. Die vorhandenen Straßen werden zunächst noch notdürftig geflickt, verfallen aber eher. Wasserversorgung und Abwassersystem der Römerzeit verschwinden, weil sich niemand mehr darum kümmert, zudem sind die Kosten nicht mehr auf antikem Niveau zu finanzieren, und damit verfällt die Technik des Aquäduktbaus. Auf den Hausgrundstücken wird Gartenbau betrieen und oft Kleinvieh gehalten; Kot und Unrat werden in Latrinengruben in der Nähe der Behausungen „entsorgt“. Als Heizung dienen offene Herdstellen.

 

Die Lebensverhältnisse gleichen sich denen des Umlandes an. Dieser Niedergang der Städte vollzieht sich teilweise bis tief ins 7. Jahrhundert, manchmal bis in die Karolingerzeit hinein.

 

Die Friedhöfe bleiben zunächst in römischer Tradition außerhalb der Städte. Während Romanen keine Grabbeigaben dazu legten, werden vornehmeren ("christlichen") Franken zum Beispiel zunächst weiter und bis weit ins 7. Jahrhundert Waffen, Schmuck und Wegzehrung für das Jenseits mitgegeben, zudem Amulette, die Unheil abwehren sollen (Dietmar/Trier, S.70 z.B.). Nur besonders mächtigen Herren gelingt es, ein Grab in den Kirchen zu erlangen, am besten in der Nähe der Heiligen, deren Gräber oder Reliquien sich dort befinden.

 

 

Die außerhalb der Städte in ihren befestigten Villen residierenden Grundherren hatten schon seit der späten Kaiserzeit teilweise das Handwerk für ihren Bedarf auf ihren Besitz auf dem Land mitgenommen. In den arg geschrumpften Stadtresten bleibt dennoch entweder ein wenig Luxusproduktion für die dünne Oberschicht oder sie kehrt wieder dorthin zurück. Bis tief ins siebte Jahrhundert bleibt tradiertes Handwerk, insbesondere exzellentes Kunsthandwerk von Spezialisten (Glas, Emaille, Keramik, Elfenbeinschnitzerei, Goldschmiedekunst), manchmal aus der Haus- und Gutswirtschaft ausgegliedert, auch in den Städten. Es handelt sich dabei um Produktion von Luxuswaren für reichere Grundherren, die sie mit dem bezahlen, was sie sich von der Produktion (vor allem) ihrer Bauern aneignen.

 

Luxus taucht als Begriff allerdings erst als eine humanistische Entlehnung aus dem Lateinischen auf, welche im Deutschen dann Verschwendung, Prunk, Pracht bezeichnet, also einen moralischen Unterton bekommt. Das ist in Spätantike und Mittelalter oft anders. Prunkvolle Waffen, Prunkgewänder, entsprechender Schmuck, prachtvolles Geschirr dienen nicht nur ästhetischem Vergnügen, sondern mit diesem auch dem Vorzeigen eines herausgehobenen Status. Damit ist der potens, der Reiche und Mächtige, nicht nur ein hervorragender und als solcher zunehmend privilegierter Krieger, sondern mit der Anhäufung vorzeigbarer Luxusgüter auch Vertreter eines herausgehobenen Lebensstils. Vorbildlich dafür sind die wohlhabenderen Kirchen und Klöster, die ihre Prachtentfaltung damit rechtfertigen, dass sie dem Lobe Gottes dienen sollen. Tatsächlich dienen sie wenn nicht zuerst dann doch zugleich dem Ansehen der jeweiligen klerikalen und monastischen Mächtigen.

 

Solche Luxusproduktion wird zwar keine spezifische Voraussetzung für den späteren Weg in Kapitalismus, es gibt sie auch in Zivilisationen, die davor stehen bleiben, aber sie bedeutet einen gewissen Fortbestand von Handwerk zumindest.

 

Das „städtische“ Gewerbe deckt nun für Jahrhunderte fast nur noch den lokalen Bedarf. Für Köln werden zum Beispiel Metall-, Glas- und Knochenbearbeitung (Kämme) nachgewiesen (Dietmar/Trier, S.107ff). So gibt es in Mitteleuropa „nirgendwo Städte (...), deren Wirtschaftsleben von einem über den örtlichen oder regionalen Bedarf hinaus produzierenden Exportgewerbe beherrscht" wird.“ (Pitz, S.80)

 

***Bischöfe und Grafen***

 

Unter den Merowingern tauchen in einigen Fällen defensores civitatis auf, dann ünernehmen Grafen die Aufsicht über die Stadt. In dem Maße, in dem (Grund)Besitz, Reichtum und Immunitäten der Bischöfe zunehmen, die allerdings mehr oder weniger von den Königen eingesetzt werden, übernehmen sie immer mehr Funktionen eines Stadtherrn und treten nun das Erbe der Kurialen und dann manchmal auch der Grafen an. Dabei müssen sie allerdings die Macht zunächst mehr oder weniger mit einem comes (civitatis) teilen. Das führt zu Konflikten (Gregor, Historien IV,39)

 

Die Beziehung zwischen comes und cives wird von Gregor eher vernachlässigt, stattdessen wird eher die gute Beziehung zwischen den „Bürgern“ und ihrem guten König herausgestellt, da dieser dem Bischof weniger in seinen Anteil am Stadtregiment hineinfunkt und im Falle König Gunthrams diesen laut Gregor sogar zu bestärken beabsichtigt:

Digressus vero a Neverno ad Aurilianensem urbem (Orléans) venit, magnum se tunc civibus suis praebens. (er zeigt sich ihnen viel). Nam per domibus eorum invitatus abibat et prandia data libabat; multum ab his muneratus muneraque ipsis proflua benignitate largitus est. (Gregor VIII,1)

Hier wird deutlicher noch als anderswo, dass Gregor geneigt ist, unter den anerkannten cives städtische Oberschicht zu verstehen, wobei er sich den letzteren wohl am ehesten selbst zugehörig fühlen konnte.

 

In Mittel- und Südgallien tritt bischöfliche Herrschaft bei nachlassender gräflicher Macht als dominium oder principatus auf wie zum Beispiel in Poitiers, Bourges und Cahors, wo Desiderius als bedeutender Bauherr auftritt. Solche Macht ist nicht erreichbar, wo Könige residieren. Um 700 werden sie von Regionalherren ihrer relativen Selbständigkeit beraubt. Städte wie Lyon und Autun werden dann spätestens unter Karl Martell ihre Bischofsherrschaft verlieren. Ähnlich ergeht es dem Bischof von Tours, der bis ins frühe 8. Jahrhundert den comes einsetzen darf. (Kaiser(3), S.55ff) Weltliche Funktionen der Bischöfe übernehmen nun comites.

 

***Trier***

 

Als Kaiserresidenz steigt Trier zu einer Einwohnerschaft von 50-80 000 auf, darunter seit dem späten 3. Jahrhundert eine Christengemeinde. Neben dem Kaiserpalast entsteht im 4. Jahrhundert die Kathedrale, die bald zu einer dreischiffigen Basilika mit einer Länge von 160 m ausgebaut wird.

Seit dem Beginn des 5. Jahrhunderts verliert Trier zunehmend seinen römischen Schutz und wird mehrmals vorübergehend von fränkischen Gruppen eingenommen. Dabei ist es erheblichen Verwüstungen ausgesetzt, die besonders auch den Dom betreffen. Seit den 460er Jahren gerät die Stadt in die Hände der Familie des romanisierten und christlichen Comes Arbogast. Zwei Jahrzehnte später nehmen sie Rheinfranken ein, und spätestens mit Chlodwigs Einnahme des Kölner Rheinfrankenreiches gelangt sie in seinen Machtbereich.

 

Teile der römischen Oberschicht fliehen vermutlich nach Westen ins Innere Galliens, ein weiterer Teil der Bevölkerung wird nach diversen Eroberungen und Plünderungen wahrscheinlich verschleppt.

 

Aber die Liste der Bischöfe und die weiter vorwiegend romanische Bevölkerung bedeuten auch Kontinuität. Mitte des 6. Jahrhundert baut ein Bischof Nicetius mit wohl italienischen Bauleuten die Bischofskirche wieder auf. Auf den Gräbern bis ins 8. Jahrhundert tauchen weiter 67% römische, 23% griechische und nur 6% germanische Namen auf. Gesprochen wird in der Stadt und Diözese vorläufig vor allem ein moselländisch-romanisches Idiom mit kleinen fränkischen Sprachinseln. (Anton/Haverkamp, S.13ff)

 

Der größte Teil der Stadt verfällt in Ruinen und mit ihm das rechtwinklige römische Straßennetz. Was bleibt, sind die großen Monumentalgebäude wie der Dom, den Nicetius renoviert, die von den Franken in eine Königspfalz umgewandelte Palastaula („Basilika“), die in eine Grafenburg umgewandelten Kaiserthermen und die in ein Kloster umgewandelten Getreidespeicher an der Mosel. Dazu kommen die römischen Gründungen St.Eucharius/St.Matthias und St. Maximin. Immerhin etwa das Dreifache der von Mauern umschlossenen Fläche von Mainz oder Köln bleibt der Stadt mit einer Mauerlänge von 6400 Metern und nur noch vielleicht 5000 Einwohnern.

 

Um den Dom und andere zentrale Orte entwickeln sich dann Siedlungskerne mit einem schon mittelalterlich anmutenden Gassengewirr. Trier wird von einer geplanten zu einer neuen, nun ungeplant wachsenden Stadt. Zwischen ihren in manchem eher ländlichen Siedlungskernen gibt es Gärten, Äcker, Viehweiden und wüstes Gelände. Handel und Handwerk nehmen in hohem Maße ab und die Geldwirtschaft kommt vorübergehend (fast?) zum Erliegen. Dem Bischof gelingt es als Erbe der res publica und durch Schenkungen an erhebliche Besitzungen zu gelangen, zum Beispiel den von Dörfern in Stadtnähe und im territorium (Gregor von Tours), also dem Gebiet der antiken civitas.

 

Im Trierer Land setzt fränkische Besiedlung in Tälern im 6. Jahrhundert ein. Fränkische Große übernehmen die Villen der Römerzeit. Herren legen Gutshöfe an, um die sich Abhängige ansiedeln und die von Unfreien bearbeitet werden. Von Taufkirchen ausgehend wird das Land missioniert.

 

Trier entwickelt eine Metropolstellung gegenüber Metz, Toul und Verdun und die Bischöfe stehen in enger Verbindung zu den merowingischen Königen. In den ersten Jahrzehnten des 7. Jahrhunderts bildet sich eine fränkische Grafschaft im pagus Treverensis heraus, aber noch unter Bischof Milo, der dann Parteigänger der frühkarolingischen Hausmeier wird, gelingt es, der tendenziellen Entmachtung durch Karl Martell zu entgehen und Stadtherr zu bleiben. Allerdings entgleitet ihm die Verfügung über wichtige Klöster wie Prüm und Mettlach. (Kaiser(3), S.62)

 

Irgendwann in der Merowingerzeit tauchen zwei Märkte in der Stadt auf. Aus Eigenkirchen bei aufkommender Grundherrschaft entstehen später Pfarreien auf dem Lande.

 

***Mainz***

 

In derselben Zeit wie Trier wird auch Mainz massiv zerstört, wie Hieronymus klagt. Zwischen Eifel und Hunsrück bleibt viel romanische Bevölkerung, aber der Mittelrhein und Mainz werden stark fränkisch besiedelt. Zwischen 450 und 550 tauchen keine Bischofsnamen mehr auf. Kontinuität römischer Kirchen scheint kaum zu bestehen. Venantius Fortunatus scheint mehrmals (vielleicht von Metz aus) in Mainz gewesen zu sein und feiert in drei Gedichten einen Mainzer Bischof Sidonius.

Mainz soll nicht länger sein Schicksal beklagen, denn es ist nicht mehr verwaist: sein Bischof ist zurückgekehrt, um ihm Hilfe zu bringen. Wie ein Vater hat Sidonius der Stadt die Hand gereicht und hat sie erneuert, der frühere Verfall ist zu Ende. Wie ein guter Hirte sorgt Sidonius für seine Schafe. Die alten Gotteshäuser hat er mit prächtigem Schmuck wiederhergestellt und neue Heiligtümer eingerichtet (in: Falck, S.6) König Theudeberts I. Tochter soll dafür gespendet haben.

 

Von den nächsten hundert Jahren sind fast nur die germanisch klingenden Namen der Bischöfe erhalten. Immerhin weiß man, dass Mainz zumindest zeitweise Münzstätte ist und die Bevölkerung nimmt wohl auch erheblich zu. Um 700 gründet eine Mainzer Adelsgruppe das Frauenkloster Altmünster. Diese Leute scheinen Verbindungen nach Thüringen und zu einer Adelsgruppe des Klosters Weißenburg zu haben, ursprünglich allesamt Gegner der Pippiniden. Vermutlich bald danach gründet eine weitere Adelsgruppe die Kirche von St.Lambert.

 

Als der mit einer erheblichen Adelsopposition ausgestattete König Sigibert III. 641 gegen die Thüringer zu Felde zieht, sind auch die Macancinsis (Mainzer) laut Fredegar hoc prilio non (...) fidelis, also auch sie im Heere nicht treu. Möglicherweise gehört Mainz damals zum Heerbann des  Wormser Grafen.

 

Um 700 hat die Mainzer Adelsgruppe dann inzwischen auch Beziehungen zum pippinidischen Kloster Eberbach. Das Bistum hat sich Anfang des 8. Jahrhunderts unter Bischof Rigibert weit nach Osten ausgedehnt.

 

***Paris***

 

Das einst bedeutendere Paris, das antike Lutetia,  welches später Paris unter Anlehnung an den gallischen Stamm der Parisii wird, war schon in der späten Kaiserzeit auf die befestigte Seineinsel geschrumpft. Das dortige Palatium macht Chlodwig nach seinem Sieg über die Visigoten zu seiner cathedra regni, wie Gregor von Tours schreibt, seiner Residenz, wenn er denn anwesend ist. Die Einwohnerschaft wächst dann wieder, auch in Zusammenhang damit, dass es eine beispiellose Ansammlung von Reliquien wundertätiger und schutzbietender Art aufweist, so dass es bald bei den ständigen brutalen Normanneneinfällen zu einer Fluchtstätte für den "gallischen" Norden wird: Die Reliquien sollen vor den Feinden schützen.

Möglicherweise lässt bereits Childebert I. in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts auf der Seineinsel eine Kathedrale bauen: St.Étienne, also einen Stephansdom, der bis ins 12. Jahrhundert existieren wird. Die Kathedrale ist größer als alle anderen gallischen Kirchen. In etwa dieser Zeit entsteht auch das im 8. Jahrhundert dem hl.Germanus geweihte und dann so genannte St.Germain-des-Prés.

Im 7. Jahrhundert breitet sich dann eine Kaufmannssiedlung mit ihren Pfarrkirchen beiderseits der Seine aus. Die Vita des Hl.Eligius berichtet für die zweite Hälfte des siebten Jahrhunderts über einen eng bebauten Stadtkern in Paris (Vercauteren in: Verhulst, S.94).

In Abstand davon wird die wachsende Stadt von Klöstern wie Sainte-Geneviève oder Saint-Denis umgeben, Schon Ende des 5. Jahrhunderts hatte Genoveva über dem Grab des hl. Dionysius eine Kapelle bauen lassen. Seit dem siebten Jahrhundert wird St.Denis mit einer Herbstmesse ausgestattet.

Über dem Grab der "heiligen" Genoveva wiederum wird eine Basilika errichtet.

 

***Autun***

 

Etwas Kontinuität scheint auch Autun bewahrt zu haben, als Augustodunum eine der größten Städte der Gallia Romana. Hier zieht sich seit dem Ende des 4. Jahrhundert ein Siedlungsrest auf einen höchstgelegenen Südwinkel von nur noch 10 ha zurück, darin die Kathedrale St.Nazaire und eine Kirche Ste.Croix; alles übrige kirchliche Leben blieb ungeschützt im weiten Kreis der Mauertrümmer sowie im Nekropolbereich. Immerhin besteht in der civitas das 312 belegte palatium noch 866 mit einer Kirche St.Jean Baptiste, und die Grafen verfügen als Laienäbte über die wichtige Abtei St.Symphorian.

 

***Regensburg***

 

Das römische Legionslager Regensburg wiederum überlebt dank seiner römischen Mauern. Seit dem 6. Jahrhundert dient der Ort den bayrischen Herzögen als Residenz, 739 entsteht dort ein Bischofssitz. Die Bebauung mit hölzernen Pfostenhäusern ist locker und von Grünflächen durchsetzt.

 

 

Der vor-städtische Vicus im Norden

 

Im Norden des fränkischen Galliens überlebt kaum eine Stadt als solche, nicht einmal in Flandern mit seiner später so reichen Städtelandschaft. Eine Ausnahme scheint Tournai zu sein, in dem sich innerhalb der römischen Mauern ein Dombezirk mit geschlossener Besiedlung hält. Kontinuität stellt hier auch die Kalksteinproduktion seit der Römerzeit dar und die Funktion als frühmerowingische Residenz sowie eine merowingische Münzstätte. (Petri in: Verhulst, S.7f)

 

Anderswo werden in der (späteren?) Merowingerzeit Städte wie Arras in geringer Entfernung zur alten Civitas neu entstehen.

 

Römische vici (und dann manchmal castella) wie Gent, Brügge und Antwerpen werden aber später, insbesondere nach den Überflutungen zwischen 300 und 700, zu neuem Leben erwachen. (Verhulst S.111f) Für das Huy der Nerowingerzeit heißt es: "Hier brachten Ausgrabungen im Batta-Viertel an der Maas Keramiköfen, Werkstätten für Knochenbearbeitung und Schmelzhütten für Edelschmiedwerk ans Licht, deren Kontinuität mit römischen Anlagen gleicher Art kaum zu bezweifeln ist." (Verhulst, S.368) Aber jenseits davon gibt es fast nur örtliche Kontinuität.

 

Am linken Schelde-Ufer bei Ganda, dem späteren Gent, existiert ein antiker vicus, mit Eisenschmelzhütten, der um 400 fränkisch wird. Im 5./6. Jahrhundert existiert hier bloß noch bäuerliche Besidlung. Vor 640 werden erst das spätere St. Bavo (Ganda) an der Mündung der Leie in die Schelde innerhalb eines castrum und dann St.Peter (Blandinium) gestiftet und damit die wohl wesentlich gewaltsame Christianisierung gefördert. In dieser merowingischen Zeit residiert hier zeitweilig ein comes für den pagus (Verhulst, S.287).

Antwerpen beginnt ähnlich wie Gent als römischer vicus und ist im 7. Jahrhundert merowingische Siedlung im Römerkastell. "Sankt" Amandus, Stifter von St.Bavo, stiftet hier in einem castrum eine Kirche, Vorläufer der Michaels-Abtei. Sie existiert wie in Gent deutlich entfernt von der zunächst heidnischen Bevölkerung.

 

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Man kann wohl bis ins 10. Jahrhundert in wirtschaftlicher Hinsicht von einem gewissen Fortleben der antiken civitas reden. Die antike Stadt mit ihrer Integration des Großgrundbesitzes diente primär dem Konsum und manchmal besonders militärischen Bedürfnissen, während die mittelalterliche sich auf eine Dominanz gewerblicher und immer weniger landwirtschaftlicher Produktion hinbewegt. Sie wird zu einer Stadt der Händler und Handwerker werden. (Vgl. die Zusammenfassung in: Beiträge 1, S.25ff)  "Towns were centres of consumption in which landowners spent profits derived from rural property and from the hard work of dependent peasants." ( Keith Hopkins in: Beiträge 1, S.47). Das muss natürlich etwas korrigiert werden: Städte enthalten auch in der Antike Handwerk und Handel und merowingische Städte leben vorwiegend von dem Geld, welches vor allem geistlicher Großgrundbesitz in ihnen ausgibt. Der zentrale Unterschied besteht in der Andersartigkeit der (vor allem städtischen) Herrenschicht mit ihrer andersartigen Reichsbildung. Wie schon Max Weber und Sombart feststellen konnten und insbesondere französische Historiker dann präzisierten, kristallisiert sich spätestens im 10. Jahrhundert somit ein grundlegender Unterschied zwischen antiker und mittelalterlicher Stadt heraus

 

 

Handel im Mittelmeerraum

 

Das Maß der Nutzung der üblichen Handelswege ist nicht einmal mehr abzuschätzen. Es gibt (gelegentlichen) Schiffsverkehr zwischen Rom und Sizilien, zwischen Italien und Karthago, Marseille, Nizza. Um 700 verschwindet der Handel mit Afrika. Der Schiffsverkehr zwischen Gallien und Italien nimmt gegen Ende des 7. Jahrhunderts erheblich ab

Es setzt kaum größerer Handel über die Alpen ein. (ClaudeHandel, S.136f)

Schiffsverkehr zwischen Spanien und Italien ist selten und verschwindet um 600 zunächst fast ganz, zwischen Gallien und Nordafrika ist er selten und verschwindet um 700, zwischen Gallien und Spanien ist er vielleicht etwas häufiger, es gibt vielleicht mehrere Schiffe pro Jahr. Zwischen dem Westgotenreich und Nordafrika mag es ähnlich sein.

 

Einzelne Fahrten zwischen Gallien bzw. Italien und Konstantinopel finden als Küstenfahrt mit Zwischenstationen statt. Im Mittelmeer bleibt als Haupthandelsroute noch die von Rom um Süditalien und durch die Ägäis nach Konstantinopel/Byzanz. Überhaupt bleibt Rom zentraler Umschlagplatz für Waren. Selten sind Schiffe zwischen Italien und Alexandria dokumentiert, aber es muss sie beim Reichtum Ägyptens häufiger gegeben haben. Andere fahren in Karthago los.

 

Umgeschlagen werden die über die See transportierten Waren in Häfen. In der Regel sind das die noch existierenden Häfen der Antike, von denen einige aber in der Nachantike versanden. Die Ankunft der Schiffe ist aber nicht genau im voraus berechenbar. Verkauft werden die Waren an den Anlegestellen, nur für Rom werden sie in Porto auf kleinere Schiffe verladen. Was nicht gleich verkauft wird, muss in Häfen gelagert werden.

 

Die Goldbestände als Zahlungsmittel sinken seit dem 5. Jahrhundert erheblich. Aber die hohen Herren betreiben Schatzbildung in Gold und nutzen byzantinische Goldmünzen. Im 7. Jahrhundert geht das Frankenreich zur Silberwährung über. Wahrscheinlich nimmt im letzten Jahrhundert des Westgotenreiches auch dort die Geldzirkulation ab.

 

 

Gegen Ende des westlich-antiken Imperiums nimmt der Anteil syrischer (levantinischer) Händler in Italien und Südspanien zu, auch in Südgallien, wo sie ebenfalls ansässig werden (Salvian). Es scheinen Armutsflüchtlinge aus ihrer Heimat zu sein. (ClaudeHandel, S.171) Sie sind aber nur zum Teil Fernhändler, und verschwinden im 7./8. Jahrhundert, inzwischen wohl integriert, aus den Quellen. Vor allem in Rom scheint es viele griechische Händler zu geben. Bis tief ins 9. Jahrhundert sind zudem griechische Händler von Byzanz aus unterwegs.

Die religiöse und sich quasi-ethnisch abschließende Gruppe der Juden ist seit der Antike im Mittelmeerraum. Sie sind in Quellen für Spanien und Gallien zunächst vor allem als Käufer an Anlegestellen erwähnt. Es gibt unter ihnen aber auch einzelne Fernhändler, zum Beispiel in Neapel. Aufgrund ihrer starken Unduldsamkeit integrieren sich nur wenige von ihnen.

Im lateinischen Mittelmeerraum sind Hinweise auf christliche heimische Kaufleute, die Mittelmeerhandel betreiben, eher selten. (ClaudeHandel, S.190) Das Frankenreich besitzt kaum Schiffe, im Unterschied zu Italien (Neapel, Sizilien)

 

Die antiken Reeder verschwinden, und in vielen Fällen sind Eigner eines einzelnen Schiffes auch Fernhändler, die mit ihrem Schiff reisen. Bei teuren Luxuswaren werden wohl mehrere Kaufleute ein Schiff bzw. Frachtraum gemeinsam mieten, wenn diese nicht zusätzlich zu Massenware transportiert werden.

Fernhändler nehmen schriftkundige Lohnarbeiter als Gehilfen mit. Wie die Händler an nötige Marktinformationen (Nachfrage, Preise etc.) gelangen, ist unklar. Bezahlt wird in Goldmünzen und Waren. Bewohner der venezianischen Lagune verwenden offenbar auch Salz als Zahlungsmittel.

Wenig Kapital braucht man, wenn man Auftragshandel betreibt. Östliche Händler dagegen scheinen manchmal erhebliche Kapitalien besessen zu haben (ClaudeHandel, S.219) Manche See-Fernhändler beginnen ihren Handel mit einem Kredit. Es gibt aber kaum professionelle Finanziers, nicht selten sind Kreditgeber im Osten Bischöfe, die manchmal auch selbst Handel treiben.

 

Man kann grundsätzlich von Korruption bei Grafen und ihren Beauftragten ausgehen, was Handel behindern dürfte, wobei diese aber nicht als solche angesehen wird. Sie pressen den Kaufleuten zusätzliche Abgaben ab und lassen sich, fast dasselbe, wohl auch gerne bestechen. In diesem Zusammenhang wären auch die oft nötigen Pässe für Ein- und Durchreise zu erwähnen, die sicher mit "Geschenken" verbunden sind. Das gilt für Franken, Ostgoten und Langobarden-Reiche wie für Byzanz.

Es gibt auch Ausfuhrverbote, vor allem von Byzanz verhängt; bekannt sie die von Eisen und manchmal von Getreide, insbesondere spätestens seit dem 8. Jahrhundert gegen die "Araber", die sich ähnlich verhalten. Entsprechend gibt es regional auch Exportgenehmigungen, aber keine Handelsverträge zwischen den Reichen. Handelsverbote gibt es zudem in Kriegszeiten. Behindert wird Handel auch durch Plünderungen von Hafenstädten durch Vandalen, Awaren, Slawen zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert. Vermutlich gibt es zeitweilig Behinderungen des Handels durch den kriegerischen Islam im 7. und frühen 8. Jahrhundert. Aber schon bald werden dann Sklavenschiffe von Italien in islamische Gebiete erwähnt.

In der Krise von Byzanz sinkt die private Nachfrage seit dem siebten Jahrhundert massiv und es bleibt fast nur die des Staates. Die gewerbliche Produktion verringert sich massiv und wird qualitativ immer schlechter. Die Geldwirtschaft verliert erheblich an Bedeutung.

 

 

Seefahrt im Mittelmeer ist nur von April/Mai bis Oktober möglich, ansonsten wegen der Stürme zu gefährlich. Im Winter gibt es eher seltene Küstenfahrten. Bei Flauten oder widrigen Winden leiden die Mannschaften Durst und Hunger. Manchmal muss dann die Ladung über Bord geworfen werden. In Stürmen auch in der Schiffahrts-Saison gehen Schiffe wohl nicht selten unter.

 

Schiffsbau benötigt lange Bretter und große Balken, Eisen, Pech und Leinen und natürlich Schiffszimmerleute. Das bedeutet also für sich wieder Nachfrage auf dem Markt. Seit dem 7. Jahrhundert wird eine Skelettbauweise mit Lateinsegel eingeführt. Beiboote sind notwendig, wo kein entsprechender Hafen vorhanden ist.

Handels-Schiffe, allgemein navis, sind Segelschiffe, teilweise auch zusätzlich mit Ruderern. Sie sind seit dem 5.Jahrhundert deutlich kleiner als zuvor, vielleicht auch wegen des geringeren Handelsvolumens.  Das betrifft selbst Venedig bis ins 11. Jahrhundert. Sie bleiben nur in Byzanz größer. Solche kleinere Schiffe fahren seit dem 5. Jahrhundert zur Sicherheit tendenziell eher Küstenstrecken.

Die Orientierung gelingt über Landmarken und nachts über die Sterne. Unter günstigen Bedingungen sind Tagesleistungen von um die 100 km möglich, meist aber eher weniger. Die Strecke Ravenna-Konstantinopel braucht 3 Monate, Agrigent-Karthago 3 Tage.

Die Transportkosten für Getreide werden auf 10-15% des Warenwertes geschätzt, sie sind aber je nach Gewicht und Volumen unterschiedlich und für Luxuswaren am geringsten.

 

 

Massenwaren wie Getreide oder Öl werden von lateinischen Potentaten wie den Päpsten und Bischöfen mit ihren Einnahmen aus der produktiv arbeitenden Bevölkerung zur Versorgung städtischer Massen eingekauft. Ohne diese Versorgung kann es in Rom oder Konstantinopel zu Hunger-Unruhen kommen. Sie werden aber auch häufiger auf einem freien Markt verhandelt.

Getreide kommt aus Sizilien und im 6. Jahrhundert aus Italien. Es wird rein kommerziell exportiert, wenn Mangelsituationen irgendwo bekannt werden, was informationstechnisch aber oft schwierig ist.

Öl und Oliven aus Spanien oder Nordafrika gehen im 6./7. Jahrhundert über Marseille nach Gallien.  Italienisches Öl geht nach Byzanz, unter den Langobarden kommt es auch von dort.

Wein ist ebenfalls Massengut in Amphoren, was den Transport verteuert wie den von Öl. Im 7. Jahrhundert wird dann auf Fässer umgestiegen.

Salz aus der venezianischen Lagune wird vor allem über den Po in Norditalien verkauft.

 

Ansonsten handelt es sich ohnehin fast nur um Luxusgüter für wenige Reiche und Mächtige. Importe von Garum (Fischsauce) und ähnlichem Liquamen werden zum Beispiel im 7.Jh. an reiche Klöster wie Corbie verkauft, welches sich auch mit Datteln, Pfeffer und Kümmel eindeckt, bzw. vom König damit beschenkt wird, so wie mit anderen exotischen Gewürzen aus dem Raum des Indischen Ozeans.

Laut einer Urkunde von 716 erhält das Kloster Corbie damals im Hafen von Fos-sur-Mer bei Marseille u.a.: 10 000 Pfund Olivenöl, 30 Pfund wertvollstes Garum, 30 Pfund Pfeffer, 150 Pfund Kümmel, 2 Pfund Gewürznelken, 1 Pfund Zimt, 2 Pfund Lavendel, 50 Pfund Datteln, 100 Pfund Feigen, 100 Pfund Mandeln, 30 Pfund Pistazien, 100 Pfund Oliven, 150 Pfund Erbsen, 20 Pfund Reis, 10 Pfund Talg und 50 Rollen Papayrus. (Scholz, S.220)

 

Einzelne fränkische Händler sollen selbst bis nach Indien gelangt sein (ClaudeHandel, S.84f) Seltene Seidenstoffe für hohe Würdenträger kommen aus Byzanz, ebenfalls aus dem Osten seltene Luxusstoffe mit Purpur und aus Baumwolle. Leder wird aus Spanien (Cordouan) importiert. Teures Papyrus aus Ägypten gelangt in größerer Menge bis ins späte 7. Jahrhundert an Klöster. Es wird dann in den nächsten Jahrhunderten langsam durch Pergament abgelöst

Zum Luxus aus Osten gehören auch silberne Gegenstände und Edelsteine.

 

Langobarden verkaufen laut Gregor d.Gr. Massen versklavter und gefesselter Römer ins Frankenreich (ClaudeHandel, S.95f) Auf dem Sklavenmarkt von Marseille tauchen ebenfalls italienische Händler auf, maurische Sklaven werden nach Gallien verkauft. In der Provence kann man junge Angelsachsen kaufen.

 

 

Stadt und Land in Italien

 

Die süd- und mittelitalienischen Stadtlandschaften, seit den Zeiten Großgriechenlands intakt, verschwinden als solche zum großen Teil. Weiter nördlich ist nach Versanden des Hafens Velia, das griechische Elea, verfallen. Eine Neugründung wird von der Malaria hingerafft. Ähnlich versanden Häfen wie der von Paestum und die Stadt verfällt. In der Bucht von Neapel enden Puteolum, Misenum und Cumae in Ruinen, nur Neapel hält sich in kleinerem Umfang. Musterbeispiel einer Neugründung wird dann das castrum Amalfi, wohl als eine Art Fluchtburg vor den Langobarden.

 

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass in der Südhälfte der Halbinsel etwa die Hälfte der Städte verschwinden und damit auch viele Bischofssitze. Der allmähliche Niedergang der einstigen Millionenstadt Rom ist besonders eklatant; die Einwohnerschaft sinkt von vielleicht noch 400 000 im 5. Jahrhundert auf etwa 5000 bis 20 000 in der ersten Hälfte des 7. Kleinere neue Kirchen mit ihren Mosaiken verweisen auf byzantinische Einflüsse. Die innerstädtischen Straßen verfallen. Die Qualität der Münzen nimmt immer mehr ab.

Die Stadt ist nun praktisch in den Händen ihrer besonders herausgehobenen Bischöfe, die allerdings mit dem Patrimonium Petri noch über hunderte von Landgütern verfügen, aus denen Nahrungsmittel und Geld fließen, bis viele von ihnen, in Sizilien und Süditalien gelegen, im 8. Jahrhundert von Byzanz annektiert werden.

Latium ist inzwischen fast städtelos. Ähnlich ergeht es der Küste bis hoch nach Genua. Am verheerendsten wirkt wohl der lange Krieg Justinians gegen die Ostgoten.

 

Unter langobardischer Herrschaft verschwinden die Kurien nach und nach. Die antiken Großbauten verfallen weiter und die Ruinen dienen als Steinbruch. Als unter den Langobarden wieder Kirchen gestiftet und gebaut werden, sind sie vergleichsweise klein, wenn auch innen langsam wieder reicher ausgeschmückt. Neue Wohnhäuser sind oft aus Holz, mit Abstand zum Nachbarn, der mit Gärten ausgefüllt wird.

 

Die langobardischen Herrscher erkennen schnell die Bedeutung der Städte und setzen hier ihre Herzöge und Gastalden ein. Sie fördern den Handel und regulieren das Handwerk, wobei sie offenbar die antiken Körperschaften, soweit noch vorhanden, unterstützen. Für einzelne handwerkliche Leistungen werden Preise fixiert und einige Handwerke sind laut den seltenen Quellen in ministeria organisiert. Gefördert werden sehr bald Goldschmiede und Schmiede. In einer Urkunde von 744 bestätigt der König dem Bischof von Piacenza einen Anteil an den Seifenlieferungen von saponarii der Krone an ihn. (Racine in: Schwineköper, S.129ff) Sie scheinen wie einst in der Antike, nun wieder in einer Körperschaft organisiert.

 

Der lokale Handel ist in den Händen einheimischer Kaufleute, während der Fernhandel wohl zum großen Teil von Byzantinern kontrolliert wird. Kaufleute beliefern vor allem Könige, Bischöfe und Äbte. Handel zahlt Zölle und die Märkte liefern (kaum dokumentierte) Abgaben. Seit Urzeiten ist Salz elementares Handelsgut. Es muss von den Lagunen der Adria, der Küste südlich von Pisa und von der Tibermündung überall hin geliefert werden. Für das 8. Jahrhundert ist Salzhandel von Commacchio an der Mündung des Po für seine Ebene dokumentiert.

 

 

Insgesamt aber überleben in der Nordhälfte Italiens mehr als drei Viertel aller Städte als Ortschaften, insbesondere die mit einem Bischofssitz. aber "by the seventh century places such as Brescia, Milan, Naples, Otranto, Pescara and Verona were reduced to non-urban proportions", wie der Archäologe Hodges schreibt (S.60) In Brescia werden notdürftig alte Mauernreste weiter benutzt, aber neue Gebäude werden in Ständer-Bauweise mit Strohdächern gebaut. In Verona werden ins Theater notdürftige Hütten aus Bauschutt mit Zement zusammen geschustert.

 

Bologna verfällt zwar wie so manche andere Stadt in eine gewisse Bedeutungslosigkeit, aber die Langobarden-Hauptstadt Pavia hält sich, in der als Verwaltungszentrum die Abgaben zusammenfließen und literate Bildung weiterlebt.

Eine bescheidene Kontinuität bewahrt sich unter anderen Mailand. Die breite und hohe Stadtmauer mit ihren Türmen, ihren neun Toren und den Türmen der Zugbrücken scheint immer wieder ausgebessert worden zu sein. Auf dem Forum wird weiter ein Markt abgehalten, Straßen bleiben gepflastert und das Wasser für die Bäder läuft noch über ein Aquädukt, wie ein Loblied auf die Stadt von 739 stolz berichtet.

Die im vierten Jahrhundert erbaute Kathedrale am Stadtrand ist aber der wichtigste erhaltene Monumentalbau aus der Römerzeit. In der Nähe des Forums erhebt sich als zweites Machtzentrum die Königspfalz, deren Bedeutung erst mit dem Niedergang des Königtums im 10. Jahrhundert schwinden wird.

 

Eine gewisse Kontinuität dichter Bebauung in Teilen des den römischen Grundriss beibehaltenden Lucca lässt sich aus archäologischen Befunden annehmen. Die Häuser sind aus Holz, Ziegeln oder Steinen, wobei letztere wohl überwiegen. Königspfalz und Münze sind in der Nähe des Forums, die Kathedrale an anderer Stelle bildet den zweiten Machtpol. Der dritte ist die Pfalz (curtis) des Herzogs außerhalb der Mauern. Überliefert sind Händler, Handwerker vor allem für den Luxusbedarf und die Münzer. Vor den Mauern sind burgi, Vorstädte.

 

 

Bis Ende des 6. Jahrhunderts floriert ein gewisser Adriahandel zwischen Venedig und Otranto, der mit den langobardischen Eroberungen dann deutlich abnimmt.

Das einst große Aquileja ist menschenleer. Noch als Paulinus von Karl d.Gr. 787 als Patriarch dorthin geschickt wird, klagt er, wohl leicht übertreibend:

Einst warst du eine Stadt edler Menschen, nun bist du zum Bauernkaff geworden; einst warst du eine Stadt der Könige, nun bist du nur noch eine Ansammlung bäuerlicher Hütten. (MGH, Poetae Latini I).

 

Im Raum der Po-Mündung fliehen die Menschen in die Lagune, woraus später Venedig hervorgehen wird. 523 beschreibt Cassiodor in idealisierter Form hier ein intaktes Gemeinwesen:

Ihr nennt sehr viele Schiffe euer eigen (...) ihr lebt wie die Seevögel, eure Behausungen sind verstreut über die Oberfläche des Wassers. Die Festigkeit des Bodens, auf dem ihr steht, ist abhängig von Weidengerten und Flechtwerk; dennoch zaudert ihr nicht, ein solch zerbrechliches Bollwerk der Wildheit des Meeres entgegenzusetzen. Euer Volk verfügt über einen großen Reichtum, die Fische, die für alle ausreichen. Bei euch gibt es keinen Unterschied zwischen arm und reich, ihr esst alle dieselbe Nahrung, eure Häuser sind alle ähnlich. Neid, der die übrige Welt regiert, ist euch fremd. Ihr verwendet all eure Kraft auf die Salzfelder; aus ihnen erwächst euer Wohlergehen, und sie verleihen euch Macht, all jene Dinge zu erwerben, die ihr selbst nicht habt. Denn es mag Menschen geben, die wenig Verlangen nach Gold verspüren, doch keiner kann ohne Salz leben. (so in: Crowley, S.17f)

 

Ravenna überlebt als Verwaltungszentrum mit seinen finanzstarken Bischöfen vorläufig weiter und bis zum Ende des 6. Jahrhundert wird auch sein Hafen von Classe weiter ausgebaut..

 

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Die Landwirtschaft verharrt wie im Merowingerreich bei Spaten, Hacke und Sichel, auch wenn es vereinzelte Pflüge gibt. Angebaut werden weiter Getreide, Wein und Oliven, wozu Bohnen und Obst kommen. Ergänzt wird das vielleicht durch ein Schwein, eine Kuh und ein paar Hühner, aber zu vermuten ist, dass nur die langobardischen Einwanderer etwas mehr Viehzucht betreiben und Hirten in den Gebirgen. Getreide ist Grundnahrungsmittel, in der Poebene eher Roggen und in der Toskana Weizen, und die Erträge traditioneller Zweifelder-Wirtschaft sind wie im fränkischen Reich sehr gering.

 

Offenbar gibt es einen beträchtlichen Anteil kleiner freier Bauern, die ihr Land besitzen und sich im wesentlichen selbst versorgen. Soweit sie auf den nahen kleinen Markt kommen, versorgen sie sich dort wohl mit Waren.

Manche kleine landbesitzende Bauern pachten dazu, und viele andere sind zur Gänze Pächter. Die Pachten dürften in Anteilen von dem bestehen, was die Bauern für sich selbst anbauen (Wickham, S.95).

Bischöfen, anderen Kirchen und Klöstern gelingt es ebenso wie einzelnen weltlichen Herren, langsam immer mehr Großgrundbesitz anzuhäufen.

 

Unter langobardischer Herrschaft bilden sich Dörfer, in denen freie Besitzbauern, freie und unfreie Pächter und Sklaven zusammen hausen. Der Anteil an Sklaven begann schon im späten West-Imperium zurückzugehen und nimmt weiter ab. Der Besitz größerer Herren wird zumindest im Norden von Herrenhöfen aus organisiert, die in durch Dienste bewirtschaftetes direktes Herrenland und die Pachthöfe geteilt sind. Im Süden und insbesondere in Sizilien fehlen solche Dienste wohl, und es gibt nur die geldwerten Abgaben der Pächter.