STADT UND BÜRGER 1: ITALIEN UND WESTL. MITTELMEERRAUM (1000-1125)

 

Verstädterung

Italien (11.Jh.)

Gemeinde/Kommune (Reform / Pataria und Partizipation / Florenz)

Der Weg ins Mailänder Konsulat (Bologna/ Genua/ übriges Italien/ Städte ohne Konsulat)

Der Sonderfall Venedig

Spanien

 

 

Verstädterung: Eine Zeitenwende

 

Da es im Mittelalter ganz unterschiedliche Städte gab, erscheint eine allzu enge Definition des Begriffes wenig sinnvoll. Hier soll nur die Stadt vom Dorf abgegrenzt werden, und zwar primär dadurch, dass in der Stadt und von ihr aus nicht landwirtschaftliche Produktion dominiert, sondern Handwerk und Handel vorherrschen, die zunächst auf Herren und ihre Bedürfnisse ausgerichtet sind, weshalb Städte vielfach einen herrschaftlichen Kern haben (oder oft mehrere). Das kann eine Kathedrale oder ein Kloster sein bzw. mehrere, eine königliche Pfalz oder eine Burg weltlicher Herren. Der Siedlungskern kann aber auch unabhängig von herrschaftlichem Einfluss entstehen und dann erst diesem unterworfen werden.

In solche Städte fließt ein Teil des in der Landwirtschaft oder durch kriegerische Unternehmungen gewonnenen Reichtums ab und wird durch Handwerk, Handel und in der Regel bald auch Geldbewirtschaftung vermehrt. Deshalb haben Städte einerseits mindestens einen Marktplatz und werden andererseits gegen Überfälle von außen durch Wälle und Gräben bzw. Mauern geschützt.

In den besonderen Vorrechten, die an Herren und dann auch an einzelne Einwohnergruppen verliehen werden, spiegelt sich, dass Städte Machtzentren sind, und diese besondere Situation der Städte schafft neue Formen von Selbstbewusstsein, die man nördlich der Alpen mit dem sehr deutschen Wort bürgerlich bezeichnen kann, stadtbürgerlich eben. 

Schließlich ist als Voraussetzung für Stadtbildung noch eine gewisse Dichte der Bevölkerung bzw. Besiedlung eines Landstriches anzusehen, bis es zu einer Konzentration von Menschen in Städten kommen kann, oder aber von dort aus bei einer gewissen Städtedichte Menschen aufbrechen, um sich anderswo an der Städtebildung (wie zum Beispiel östlich der Elbe) zu beteiligen.

 

Man kann für die Zeit zwischen 950 und 1300 in Mitteleuropa von einer deutlich ansteigenden Bevölkerung sprechen, ohne dass es dafür genauere Zahlen gibt. Während die Bevölkerungsdichte vorher durch Hunger und Gewalt niedrig gehalten wurde, nimmt sie nun durch eine gewisse Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft, durch massive Ausweitung der landwirtschaftlichen Produktionsflächen und steigenden inneren Frieden in einzelnen Gegenden zu. Verdichtung der Bevölkerung wird zur ersten Voraussetzung für Verstädterung.

 

Diese wiederum meint zweierlei. Einmal verbinden sich Siedlungskerne um Kirchen, Klöster und Pfalzen mit Handwerker- und Händlersiedlungen zu einem geschlossenen und immer abgeschlosseneren Gebilde mit langsam verdichteter Bebauung, wobei vor allem der Nahhandel stadtbildend ist; zum anderen nimmt die Zahl der völlig neuen Städte rapide zu: „In einem Zeitraum von weniger als zweihundert Jahren hat sich in Mitteleuropa die Zahl der Städte mindestens verzehnfacht.“ (KellerBegrenzung, S.252). Zwischen dem Domesday Book 1086 und der Zeit um 1300, also in etwa einem Jahrhundert, verdoppelt sich nach einer Schätzung in etwa die städtische Bevölkerung im vorläufig noch etwas zurückbleibenden England. Am Ende, Mitte des 14.Jahrhunderts, lebt in Norditalien und Flandern bereits etwa ein Drittel der Bevölkerung in Städten, im Westen Deutschlands wohl etwas mehr als ein Sechstel.

 

Dazu kommen später weitere Stadtlandschaften durch die „deutsche“ Ostsiedlung zwischen Elbe und Oder insbesondere und dann auch weiter im Osten. Diese läuft ähnlich ab wie die Binnensiedlung, wie sie zum Beispiel von Fürsten mit Privilegien für Zuwanderer aus Holland und Flandern nach Norddeutschland zur Kultivierung von Sumpf- und Marschlandschaften vonstatten geht. Dabei entstehen mehr oder weniger planmäßig Dörfer und Städte.

 

Der Weg in die geschlossene Besiedlung einer „Stadt“ führt über die Veränderung der Gebäude der Masse der Bevölkerung, die bis ins 12. Jahrhundert noch Holzbauten sind, deren Pfosten tief in die Erde gegraben sind, weswegen sie in regelmäßigen Abständen neu errichtet werden müssen. Wer es sich im zwölften Jahrhundert leisten kann, errichtet nun ein Steinfundament, auf dem Fachwerk aufsitzt, welches regional sehr verschieden aussehen kann, aber deutlich stabiler wird. Solche Gebäude sind dauerhafter situiert, auch wenn es nur wenige und insbesondere solche vom Ende des Mittelalters geschafft haben, bis in die Gegenwart zu überleben, wobei Brände, Kriege und Modernisierungen alle ihren Anteil haben.

 

Zur Verdichtung des Bauens in den Städten gehört, dass ganze Straßenfluchten bebaut werden, mit den Schmalseiten der Giebel zur Straße, Haus an Haus mit ein paar Handbreit Abstand auch als Feuerschutz..

Die Konzentration von mehr und mehr Menschen auf immer engerem Raum, der in dieser Zeit auch durch eine Stadtmauer eingeengt wird, schafft völlig neue Lebensformen. Sie erleichtert Spezialisierung, das heißt immer detailliertere Arbeitsteilung, wobei immer mehr Geld zwischen Mensch und Waren tritt. Sie schafft neue Formen von Kommunikation und Geselligkeit bis hin zu religiösen und wirtschaftlichen Zusammenschlüssen, aber sie verlangt auch nach komplexeren Formen von Ordnung, die sich aus den Machtverhältnissen ergeben. Deutsche Städte sind so klein noch, dass sich zunächst noch alle kennen, bis dann genauere Bekanntheit, Vertrautheit sich für viele auf das Viertel oder die Pfarrei zurückzieht.

 

Städte entstehen als Ergänzung eines Dombezirkes, von Klöstern und Stiften, Pfalz oder Burg  durch Siedlungen von Handwerkern und Händlern. Im Wachsen und Zusammenwachsen der Stadt lässt sich eine Zuordnung des Handwerkes einmal in die Nähe des herrschaftlichen Bereiches erkennen, was vor allem deren Luxusbedarf betrifft, und zum anderen die eines wohlhabenderen bzw. auch der allgemeineren Ernährung dienenden Bereiches rund um den Markt, der der bürgerlichen Entwicklung der Stadt verbunden ist. Zudem verteilt sich das Gewerbe durch Aufgliederung und Spezialisierung auf unterschiedliche Teile der Stadt. Für Würzburg beschreibt Schulz so, dass Schmiede sowohl am Markt, in Domnähe als Feinschmiede als auch im Rand- und Außenbereich als Grob- und Kesselschmiede angesiedelt sind, letztere wohl wegen ihrer erheblichen Lärmentfaltung. Transportgewerbe wiederum verlagert sich in die Nähe der Stadttore und eines eventuell vorhandenen Hafens. Natürlich gibt es zudem auch andere standortbezogene Handwerkerviertel, die wegen des üblen Geruchs am Rande liegen oder vom Wasser abhängig sind wie die Färber oder Gerber.

 

Im Unterschied zur Nordhälfte Italiens kann man in deutschen Landen oft von der gemeinsamen Ansiedlung einzelner Handwerke in einzelnen Straßen reden. Schustergassen, Büttnergassen, Fleischstraßen und Brotstraßen zeugen bis heute davon. Das muss aber nicht immer heißen, dass dort nur ein Gewerbe alleine angesiedelt war, manchmal verweist der Straßenname nur auf das jeweilige Zunfthaus.

Das Handwerk wohnt überwiegend in Mietwohnungen - und Häusern, Renditeobjekten jener Kapitaleigner, welche beginnen, die Städte politisch stärker für sich zu vereinnahmen. Vermieten und Verpachten (auch von Land außerhalb der Mauern) wird zu einem Kapitaleinsatz, der von Betriebsabläufen unabhängig macht und die Betätigung im Rat zum Beispiel erleichert. Aber natürlich können auf dem allgemeinen Markt erfolgreiche einzelne Handwerker ihr Geld ebenfalls in einem eigenen Haus oder dem Teil eines solchen anlegen bzw. ein solches selbst als Renditeobjekt erwerben.

 

Kathedrale, Kloster, Stift und Fürstensitz werden immer städtischer ausgerichtet, und städtisches Leben beginnt das Land zu dominieren, denn die Stadt braucht das Land zu seiner Ernährung. Die werdenden und die sich neu entfaltenden Städte selbst konzentrieren sich weg von Ackerbau und Viehzucht und konzentrieren sich vor allem auf Handel und Gewerbe. Selbst die relativ kleinen deutschen Städte benötigen dafür die Acker- und Weideflächen von mehreren zehn Dörfern. Im Norden und der Mitte Italiens beginnen Städte auch deshalb ihr Umland, den Contado, für ihre Zwecke zu beherrschen und auszunutzen.

Ab einigen tausend Einwohnern wird das Umland nicht mehr ausreichen, insbesondere wenn, wie in deutschen Landen, Ernten der Grundherrschaften von Zwischenhändlern aufgekauft und dorthin verkauft werden, wo der Markt gerade am meisten hergibt. Größere Städte werden so an ein Netz von Fernhandel mit Lebensmittel angeschlossen, während die Fleischversorgung dann oft durch Viehtrieb über große Strecken geleistet wird.

Große Grundherrschaften, und das sind zunächst noch nicht zuletzt Klöster, richten für den Zugang zum städtischen Markt dort Niederlassungen ein, Sint Truiden in Lüttich und Köln, und in Orten wie Regensburg lässt sich nachvollziehen, wie solche Höfe als klösterliche Dependancen das Stadtbild mitzuprägen beginnen. Dabei tun sich im 12. Jahrhundert die Zisterzienser hervor, die ihren Leuten in den Städten auch Bürgerrechte besorgten, um ihnen so Zugang zu städtischen Privilegien zu verschaffen.

 

Bürgerliche Denk- und Sichtweisen nehmen langsam überhand. Mit dem Übergang von der Kloster- zur Kathedralschule und dann der Verselbständigung solcher (städtischer) Schulen um einzelne Gelehrte beginnen Ansätze von Wissenschaftlichkeit, die immer noch von Mönchen und Klerus getragen werden, die immer individueller Wege zu Wirklichkeit und/oder Wahrheit suchen. Noch kaum deutlich ausgesprochen, wird für sie städtisches Leben erster Erfahrungshorizont.

 

Verstädterung heißt Mobilität, und zwar nicht nur als steter Strom vom Land in die Stadt, sondern zunehmend auch von Stadt zu Stadt. Dazu gehören die Händler, die Pilger, aber auch die wissbegierigen und unternehmungslustigen jungen Männer vorwiegend aus adeligen Kreisen, für die Mobilität Karriere bedeutet, als Lernende wie als eine materielle Lebensperspektive Suchende.

 

Als Musterbeispiel mag Benno von Osnabrück dienen, in Schwaben geboren, der seinen ersten Unterricht in Straßburg erhält. Dann wird er Schüler von Hermann dem Lahmen auf der Reichenau, darauf zieht er als Vagant durch einige Städte. Um 1040 reist er mit dem Bischof von Straßburg auf Pilgerfahrt nach Jerusalem. Danach ist er in Speyer, weil sich dort unter den Saliern Gelehrte sammeln. Er wird berühmt und reich, geht dann mit dem König nach Goslar, wird schließlich Domscholaster in Hildesheim, zieht mit dem bischöflichen Militär-Kontigent unter dem König nach Ungarn, wird Verwalter und Baumeister in Goslar, führt am Ende die Geschäfte für Erzbischof Anno in Köln. Dann geht es zurück nach Hildesheim. 1068 wird er als Bischof nach Osnabrück berufen.

Verstädterung bedeutet nicht nur Verwurzelung in der Stadt, sondern auch zunehmend Entwurzelung durch Karrierewege.

 

Verstädterung heißt auch zunehmende Dominanz der Stadt über das Land. Diente das Land zuvor den Bedürfnissen einer adeligen Herrenschicht dort, so nun immer mehr dem Gesamtinteresse einer städtischen Bevölkerung, und zwar nicht nur, was Konsumgüter wie Nahrungsmittel angeht, sondern auch Rohstoffe und Halbfabrikate. Die Veränderungen auf dem Lande machen Verstädterung möglich, zugleich aber verändert diese das Land. Kulturlandschaften werden immer stärker auf die wachsende Nachfrage der Städte bezogen und Naturlandschaften, wo noch vorhanden, müssen weichen und verschwinden im hohen Mittelalter außerhalb Osteuropas und Skaninaviens fast völlig. Verstädterung heißt nun, dass die Welt im weiten Umfeld zu einer so weit wie möglich menschengemachten wird. Was damals oft als Triumph meinschlichen Leistungsvermögens gesehen wird, stellt sich seit dem 18. Jahrhundert für die, die es bemerken wollen, zunehmend als Ruin des Lebensraumes Erde dar. Für die Städter ist das Land nur noch als zu nutzender Raum präsent und der Naturbegriff verliert seine Substanz.

 

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Mit Städten, wie sie das Mittelalter in Teilen Europas hervorbringt, wird der Kapitalismus entstehen - zunächst noch in gebändigter Form. Von ihnen aus wird er seinen Eroberungszug über die Welt antreten. Dabei werden sie ihren Charakter ändern und den der Welt, die dann aus ihnen heraus entsteht. Inzwischen lebt die Mehrzahl der Menschheit in Städten, viele von ihnen in riesigen, unübersichtlich gewordenen Wüsteneien aus Beton und Asphalt, kontrolliert von mafiosen, sich selbst legalisierenden Politgangs und darunter meist von damit kooperierender organisierter Kriminalität.

 

Zivilisierung heißt von Anfang an immer auch Verstädterung, Zivilisationen entstehen mit ihren Städten und sind wie am Beispiel Roms gar aus einer Stadt hervorgegangen. Städte wiederum definieren sich im Gegensatz zum Land zu allererst durch die größere Konzentration von Menschen an einem Ort und auf engerem Raum. Zwischen Stadt und Land entsteht dabei eine Arbeitsteilung: Das Land liefert, grob gesagt, der Stadt Nahrungsmittel und Rohstoffe, und die Stadt wiederum Fertigprodukte gewerblicher Art. Die Stadt verbraucht aber auch in nueartig großem Umfang Naturraum, Erde, Wasser und Luft, wobei die beiden letzteren mehr oder weniger verschmutzt an das Umland zurückgegeben werden, und sie erzeugt Abfall, Müll in einem viel größeren und das Umland viel stärker bedrohenden Maße als je zuvor. 

 

Das, was u.a. Schott als "Stoffwechsel der Stadt" bezeichnet (S.19), ist ein Verbrauch von Naturraum, der weit über die Stadtgrenzen hinausgeht. Als es im Hochmittelalter des lateinischen Abendlandes viele Städte mit Tausenden von Einwohnern gibt, besonders in Flandern und Norditalien sogar einige mit zehntausend oder mehr Bewohnern, decken Städte ihren Bedarf an Nahrungsmitteln und Rohstoffen aus Gegenden von hunderten oder tausenden Kilometern Entfernung. Dabei verbrauchen sie auch weit entfernt erhebliche Flächen, die der Natur entzogen und kultiviert oder gar an einigen Stellen zerstört werden.

Für diesen Flächenverbrauch entwickelten Rees/Wackernagel den Begriff vom ecological footprint, dem ökologischen Fußabdruck, den jeder Stadtbewohner im statistischen Mittel hinterlässt,und um das zu veranschaulichen, erwähnten sie für 2002, dass London für seine Versorgung das etwa 300fache seiner Stadtfläche verbrauche, das Doppelte der Fläche Großbritanniens (Schott, s.o.).

Städte verbrauchen aber nicht nur Naturräume, die so verschwinden, sie verbrauchen Luft und Wasser, indem sie sie verschmutzt an ihre Umwelt abgeben. Jedes Haus hat seine Kloake, insgesamt geben in großen Städten tausende von Menschen täglich Urin und Fäkalien auf engem Raum ab. Der tägliche Wasserbedarf steigt, wird manchmal schon durch öffentliche Brunnen gedeckt. Auf dem Weg ins hohe Mittelalter werden dann erste Stadtbachsysteme gebaut. 

Schließlich verschmutzen und vergiften Städte Naturräume in ihrer Umgebung unmittelbar und mittelbar durch die Waren, die allesamt irgendwann als Müll Naturräume kontaminieren, die sehr weit entfernt sein können. Am Ende des Mittelalters wird es kaum noch intakte Naturräume in Mitteleuropa, England und Italien geben.

 

 

Auch in diesem Kapitel, sei noch kurz angemerkt, sollen Natur und Kultur als Begriffe im antik-römischen Sinne benutzt werden, und nicht mit jenen religiösen und politischen Verzerrungen, die sie später für Ideologieproduktion herrichteten. Umwelt ist dabei kein propagandistischer Nebelbegriff, sondern wird als räumlicher Begriff gehandhabt, die Biologie benennt wie die Ökologie die jeweilige Fachwissenschaft und keine pseudomoralischen Nebelwörter, mit denen Kapital und Politik sie ihren Interessen dienstbar machen.

 

Städte, sei noch zudem kurz erwähnt, entstehen bekanntlich vor jedem Kapitalismus, mit Markt, Handel und Gewerbe ausgestattet, aber zunächst eben noch ohne Dominanz von ökonomischen Verwertungsvorgängen, in denen der Vermehrungsdrang von Kapital und damit toter Dinge zuungunsten von allem Lebendigen zum Selbstläufer wird.

 

Italien

 

Die weitere Entwicklung soll hier zunächst vor allem in Nord- und Mittelitalien verfolgt werden, wo sich nach dem Untergang des karolingischen Versuchs von Reichsbildung sowohl die kaiserliche als auch die königliche Macht trotz aller Interventionsversuche von west- und ostfränkischer Seite weniger solide etablieren kann, und die Städte somit in ihrer weiteren Entwicklung weniger in das komplexe Netzwerk neuer zentraler (nationenbildender) Staatlichkeit geraten.  Die Welt wird hier früher städtegebundener, auch wenn Herrscher und Reiche versuchen, darauf Einfluss zu nehmen.

 

Mit dem Schwinden der großen alten Einheiten verändert sich Norditalien. In den Markgrafschaften wie Canossa/Toskana, wo das etwas länger dauert, bleibt die Bindung der Vasallenschichten an die dortigen Höfe noch bis Anfang des 12. Jahrhunderts bestehen, worauf sie sich dann auch für die Kurie eines Bischofs entscheiden müssen. Beim Ausbleiben markgräflichen Einflusses  verselbständigen sich auch dort die Städte, zunächst noch unter ihren geistlichen Herren, und bilden die herausragenden Zentren der Einheiten, in die das Land geteilt ist.

 

Mit dem Verfall der gräflichen Gewalt teilen sich im 11. Jahrhundert der Bischof und sein Domkapitel einerseits und seine direkten Vasallen, milites, als seine Beauftragten andererseits die Stadtherrschaft in militärischer, richterlicher und in Hinsicht auf die Verwaltung. Nach dem Valvassorenaufstand werden zunehmend mehr Valvassoren des geringeren ordo nun iudices, oder als Notare, Münzer usw. in diese Anteilnahme am Stadtregiment einbezogen. Das hohe Kapitel und die hohen milites, die vavassores maiores, entstammen dabei derselben Schicht wie die Bischöfe, jener, die am Ende des Jahrhunderts allgemein als Kapitane bezeichnet wird. Auf dem Lande wiederum entwickeln solche Kapitane Ortsherrschaften, und zwar mit Hilfe ihrer Vasallen wiederum, die zunächst noch vavassores minores sind, bald aber einfach nur noch Valvassoren heißen.

Auf dem Lande stehen sich also lokale Herrschaften ausbauende hohe Adelige mit ihrem ritterlichen Anhang und rustici gegenüber, jene Bauern, die bald nicht mehr in die untere Valvassorenschicht aufsteigen können. In den Städten lösen in diesem Jahrhundert die nunmehr Valvassoren die Kapitanenfamilien in den hohen Ämtern ab, ständisch abgetrennt von einer städtischen Schicht aus Handel, Finanzen und Handwerk, die offenbar in Italien deutlich weiter entwickelt sind als nördlich der Alpen. (siehe Großkapitel 'Adel')

 

Während die ständische Abgrenzung der Bauernschaft auf dem Lande mit dem Begriff des rusticus eindeutig ist, interferieren die Begriffe cives und populus in der Stadt im 11. Jahrhundert und unterliegen einem permanenten Bedeutungswandel. Ursprünglich ist cives der mit römischem Bürgerrecht begabte Städter und populus der dem senatus gegenübergestellte Teil der Römer. Mit der Überfremdung durch Osthrogoten, Langobarden und Franken und von diesen unterworfenen Völkerschaften schwindet die Klarheit der Begrifflichkeit.

Zunächst einmal hat civis wenig mit dem Bürger-Begriff des deutschen Mittelalters zu tun und populus sollte schon gar nicht mit dem germanisch-stämmigen Wort Volk übersetzt werden. Zu dem, was die besonderen italienischen Entwicklungen ausmacht, gehört dabei die Tatsache, dass „im Gegensatz zu Deutschland die Mehrheit der Bevölkerung freien Standes war.“ (KellerBegrenzung, S.334) Zudem ist Stadtherrschaft dort unter einem Bischof gemeinsame Adelsherrschaft mit einem stadtsässigen Adel aus altem (Kapitanen) und neuerem Adel (Valvassoren) und einer Verknüpfung von Ämtern und frühem Unternehmertum (Handel, Finanzen, Mühlen etc) bei den Valvassoren. Die ständische Trennung zu den Nichtadeligen wird so ergänzt durch das Ineinandergehen von Erwerb bei den wohlhabend "bürgerlichen" und den "adeligen" Kreisen. 

 

Diese ständische Ordnung in Stadt und Land entwickelt sich in einer Zeit der Steigerung landwirtschaftlicher Produktion und Produktivität und einem entsprechenden Bevölkerungswachstum. Zusammen mit einem Wachstum von Handel, städtischer Produktion (Textilien und Waffen vor allem) und Geldwirtschaft findet eine Modernisierungswelle im landwirtschaftlichen Raum statt, die dort stärker Warenwirtschaft bis hin zur Kapitalisierung von Grund und Boden einführt: In dem Maße, in dem Nahrungsmittelproduktion und agrarische Produktion von Rohstoffen zum Beispiel für die Textilproduktion profitabler werden, öffnet sich das Land für den Markt.

 

Formen von Leibeigenschaft schwinden langsam oder werden später beim Aufstieg der Popolanen in der Stadt gesetzlich verboten, wodurch die ländliche Arbeitskraft auch für den städtischen Markt verfügbar wird. Billigste Arbeitskraft werden die vor allem weiblichen häuslichen Dienstboten: Auch die Frauen des wohlhabenderen Bürgertums sollen wie ihre Männer insoweit zu adeliger Lebensweise aufsteigen, als sie von körperlicher Arbeit Abstand nehmen können.

Martines schreibt: „The expense of leisure in the Italian city-state was in large measure the labor of the country.“ Der Verachtung der neuen städtischen Oberschicht für körperliche Arbeit entsprach die für die Menschen, die das Land bearbeiteten. Sie galten als dumm und bösartig, unfähig zum vivere civilmente, kein Teil der neuen städtischen civiltà.

 

Die frühe Entfaltung von Handel, Finanzen und städtischer Produktion wird spätestens im nächsten Jahrhundert immer mehr dazu führen, dass vornehmerer älterer Adel an Reichtum und darauf fußender Macht übertroffen wird von Leuten aus geringeren Schichten bzw. ordines. (    )

Im 11./12. Jahrhundert wird es üblicher, dass nichtadelige Städter Lehen kaufen, ohne dadurch in den Adel aufzusteigen - aber sie können an Wohlstand und Lebensstil dann zunehmend mit ihnen gleichziehen.

 

Der cives-Begriff wie der des populus kann bis ins späte 11. Jahrhundert die gesamte freie Einwohnerschaft der Stadt meinen, wie er sich in der Volksversammlung darstellt. Nach 1100 wird daraus jene Gruppe, die sich von den miles unterscheidet. Aber civis ist daneben immer auch der Stadtbürger aller Stände. In den Machtkämpfen zwischen niederer und höherer Vasallenschaft, durch Konrads II. Konstitutionen beruhigt, zwischen Bischöfen und Adel und dann später in Mailand zwischen "Volk" und Adel (1042-44) taucht dann auch ein Populus-Begriff auf, der "Volk" vom Adel scheidet, so wie die Bauern von ihm auf dem Lande.

 

1067 trennt eine Mailänder Urkunde die negotiatores, also Kaufleute, von den "übrigen" als ärmeren unter ihnen (KellerOberitalien, S.25). In Pavia werden 1084 cives maiores et minores vom Adel unterschieden. Aber 1130 heißt es in Mailand, dass an einem Gerichtstag capitanii, valvassores et alii cives teilnehmen (s.o.S.30).

 

Plebs ist einmal die allen fest zugeteilte Taufkirche (pieve), und bis ins 11. Jahrhundert bezeichnet es alles Volk unterhalb des Adels. Danach wird er zunehmend durch populus ersetzt, was allerdings vor allem vor 1000 ähnlich wie Volk im Altdeutschen die versammelte kriegerische Oberschicht meint und dann auch später sowohl die Einwohnerschaft wie in der Folge immer mehr das unteradelige Volk bedeuten kann. 1158 heißt es, Barbarossa unterscheide für Mailand zwischen Kapitanen, Valvassoren und populares (s.o., S.30), ein dann gängigerer Begriff für alle nichtadeligen Städter.

 

Gegen Ende dieser Entwicklung beschreibt Otto von Freising in den 'Gesta' aus süddeutscher Sicht, dass wegen militärischer Notwendigkeiten zur Niederhaltung eines Contado die hohen Herren sich nicht scheuen, junge Männer von niedrigem Stand und sogar Handwerker, die irgendein verachtenswertes mechanisches Gewerbe betreiben (mechanica ars), die doch andere Völker wie die Pest von den ehrenvolleren und freieren Aufgaben fernhalten, zur Ritterwürde (militie cingulum) und zum Aufstieg in den Ämtern zuzulassen. (II,14)

 

Ritter (miles) gibt es also nach etwa 1100 als civis et eques auch nichtadeliger Art, und Macht wie Amt lassen Standesgrenzen zwar bestehen, aber eher als Form der Vornehmheit denn als reale potestas, und die heftige Verachtung des hochadeligen geistlichen Herrn für Handel, Finanzen und Handwerk scheint sich in Norditalien nicht so ausgebildet zu haben.

 

Die innerstädtische Harmonie, von der Otto von Freising sagt, sie habe die italienischen Städte so herausragend mächtig werden lassen, hindert aber nicht, dass ständische Gruppen zu gegeneinander kämpfenden politischen Parteien werden. In Mailand organisiert sich der Adel als eine Gruppe, die einfachen Ritter und Kaufleute in einer zweiten, der Motta, und die Handwerker in der Credenza, die beiden letzteren Teile des populus bzw. der Popularen.

Als politischer Kampfbegriff bewusst unscharf gehalten, grenzt er die Kaufmannschaft nichtadeliger Provenienz und bald auch die Spitzen des produktiven Gewerbes gegen den Adel ab, ohne aber in der Regel die Masse der darunter gehaltenen Stadtbevölkerung einzuschließen.

 

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Während der Marktwert von nutzbarem Grund und Boden auf dem Lande langsam um ein Mehrfaches steigt, wächst er in den durch Mauern eng umgrenzten Städten um das zehn, zwanzig- oder dreißigfache, auch wenn in einer Stadt wie Brescia im 11. Jahrhundert noch hauptsächlich Holzbauten stehen. Zur Bodenspekulation kommt hier noch die Investition in auf ihnen stehende Immobilien, die zunehmende Renten abwerfen. Schon auf dem Weg ins sogenannte hohe Mittelalter gibt es in den nunmehr großen Städten einzelne adelige, kirchliche und bürgerliche Immobilienbesitzer von zwanzig, dreißig Häusern in den besten Lagen. Kluge Unternehmerfamilien streuten Hochrisikokapital (vor allem dem „politischen“ Risiko unterworfen) in der Geldbewirtschaftung und im Fernhandel mit dem „nur“ an Konjunkturschwankungen des Marktes gebundenen produktiven Gewerbe und den relativ risikofreien Anlagen in Immobilien in Stadt und Land. Da nicht nur Teile des Adels an der Kapitalisierung der Wirtschaft teilhaben wollen, sondern das große Kapital nach aristokratischer Lebensführung strebte, nutzen letztere später Landgüter dann als quasi aristokratische Zweitwohnungen, aus denen im späteren Mittelalter dann die „Sommerfrische“ für die Familie im sommerheißen Italien wird.

 

Umgekehrt verschaffen sich Adelsfamilien städtische Dependancen oder verlagern ihren Lebensmittelpunkt ganz in die Städte. In dem Maße, in dem der Kapitalismus sich in den Städten als neue Form des Wirtschaftens Bahn bricht und den lokal gebundenen Markt territorialisieren will, wird die Tendenz aufkommen, den Adel auch in die Städte zu zwingen, indem ihm verordnet wird, dort ein Haus zu besitzen und sich wenigstens einen Teil des Jahres dort aufzuhalten.

 

Finanzkapital entwickelt sich nicht zuletzt aus einem Kreditwesen, welches einmal auf die Verschuldung bäuerlicher und adeliger Familien auf dem Lande zurückgeht, zum anderen aber Mittel für Investitionen auch für Städter bereitstellt. Sicherheit geben dabei vor allem Grund und Boden, die bei Nichterfüllung an sie fallen.

Geld fließt allenthalben, beim Einkauf ins Kloster als Witwensitz, als Mietzahlung für die Wohnung, bei Lehen, die aus einer Geldrente bestehen, beim Verkauf ganzer Lehenskomplexe für über tausend Pfund usw.

Mit Handel und Finanzen lassen sich längst Vermögen erwirtschaften. Cives wie die Mailänder Ermenulfi, zugleich eques, leihen einem Erzpriester auf dem Lande schon einmal 70 Pfund und eine Tochter kann dann auch in eine vornehme Kapitanenfamilie einheiraten. (KellerOberitalien, S.122)

 

Ein Trend, der bereits früher begonnen hat, ist die handwerkliche Arbeitsteilung durch Spezialisierung, die durch einen wachsenden Markt ermöglicht wird. Weitere Aufteilungen sind die in Produktion und Handel und die Abtrennung eines Bankgewerbes vom übrigen Handel.

Das Handwerk als produktive Basis städtischen Lebens ist zunächst schlechter dokumentiert, da es zunächst nicht Reichtümer hervorbringt wie der bearbeitete Boden von Grundherren oder Handel und Finanzbewirtschaftung. Aber wenn Mailand bis 1200 auf weit über 100 000 Einwohner ansteigt und zur bevölkerungsreichsten Stadt Italiens wird, beruht das zunächst einmal auf seinem metallverarbeitenden Gewerbe und insbesondere der Waffenproduktion und zudem seinen textilen Gewerben. 

 

Gemeinde/Kommune

 

Die Stadt begreift sich als Gemeinde sowohl in ihrer Unterordnung unter den Bischof und seine hochadeligen Vasallen wie auch in der Volksversammlung mit ihren Aufgaben der Bischofswahl, des Mauerbaus usw.. Die Geschichts-Schreibung trennt gerne davon die Entwicklung zur "Kommune", obwohl das Wort zunächst einmal dasselbe bedeutet. Gemeint ist dabei oft die Lösung der Stadt aus ländlichen Zusammenhängen, was so in der Nordhälfte Italiens nicht geschieht, wiewohl die Mauern die Städte vom Land trennen, und zudem die Entwicklung zu einer alle Stände umfassenden gemeinschaftlichen Verwaltung als "Kommunalisierung".

Die Defragmentierung der Stadt soll aus an Geschlechtern hängenden Privilegien gemeinsam kontrollierte Institutionen macht. Die Verämterung soll das Privatinteresse Privilegierter in ein Gemeinschaftliches überführen, und dazu dient die Verrechtlichung, die sich des Wiederauflebens des antik-römischen Rechtes bedient: In Städten soll Staatlichkeit neuen Typs auf alten Fundamenten wachsen.

 

Gemeinschaftlichkeit üben nicht nur Händler in Zusammenschlüssen für ihre Interessen, sondern zunehmend auch produzierendes Gewerbe. Bei Pitz ist ein Auszug aus den Vereinbarungen der Schuhmacher von Ferrara von 1112 abgedruckt:

Und wir alle, die wir hier hier versammelt sind im Namen des Herrn, versprechen, jeden einzelnen von unseren Brüdern zu besuchen, wenn er krank ist … Und am Tage, da ein Mann oder eine Frau gestorben wäre, wollen wir sie zur Kirche geleiten und ehrenvoll bestatten, und jeder von uns Brüdern soll des Toten Seele bei der Messe einen Veroneser Pfennig opfern und … zwei Veroneser Pfennige für die Kirchenlichter beisteuern. Und wenn einer von den Brüdern wegen irgendeiner Unachtsamkeit das Lichtergeld nicht gäbe oder kranke Brüder nicht besuchte oder am Sterbetage die Gabe für die Seele eines Bruders nicht entrichtete, gebe er sechs Veroneser Pfennige zur Buße.

(…) Und wenn einer einen Schuster hat und einer von den Brüdern ihn abwerben will, soll er 20 Schilling bezahlen, und wegen Lehrjungen, die mit einem Meister verbunden sind, soll er 20 Schillinge von Verona zur Buße geben. Und wenn jemand sein Grundstück einem von den Brüdern bis zu einer bestimmten Zeit übergeben und er den Preis nicht bezahlen will, soll er in der Gewalt der anderen Brüder sein. Und wenn er es unter den Brüdern nicht bessern will, sollen sie mit ihm bis zu Gerichte gehen... Und wenn ein Bruder gestorben ist, und eine Tochter bleibt zurück und nimmt einen Schuhmacher zum Mann, so soll er dessen Werkbank haben, wenn er in unserem Verbande ist, Und wenn er nicht in unserem Verbande ist, soll es im Ermessen des Vorstehers liegen. (Pitz, S.328f)

 

Gemeinschaft übt auch der Adel auf ganz andere Weise. 1015 taucht in den Beneventer Annalen eine communia pacis des Adels auf, die sich um 1050 als die zwanzig nobiles et boni homines institutionalisiert, wobei letztere wohl großbürgerliche Kapitaleigner sind wie auch anderswo. Eine ähnliche städtische Elite wird auch für Gaeta, Amalfi, Bari oder Neapel dokumentiert (Stoob in: Frühgeschichte, S.8)

 

In Konsorterien (Geschlechterverbindungen und Verbindungen mehrerer Geschlechter miteinander) trägt er sein Konzept persönlicher Bindungen gegen das neue der Vereinigungen von Geschäft und Gewerbe in die Städte hinein. Zugleich ist der Adel aber traditionell als Kriegerkaste der gewalttätigen Konkurrenz untereinander verpflichtet, dem, was im deutschen Sprachraum als Fehde vertraut ist. Zu den Stadtwohnungen des Adels kommen so rechteckige Turmbauten, Wehrtürme, die wohl meist nicht dauerhaft bewohnt werden, vielmehr als Festungen der Geschlechter und ihrer Verbindungen dienen. Von ihnen aus tragen sie ihre Konflikte gewaltsam auf Straßen und Plätzen aus, nicht immer ohne nichtadeligen Anhang. Von ihnen aus kontrollieren sie aber auch die gemeinsame Aufrechterhaltung ihrer Privilegien.

Gemeinschaftlichkeit findet in den städtischen Klöstern statt und in der hohen Domkurie, in der Vertreter des Hochadels versammelt sind, auch wenn dort gegen alle früheren Bestimmungen kein gemeinschaftliches Leben stattfindet, sondern Verwaltung von Reichtümern und Macht.

 

Lokalpatriotismus mit der Stadt als patria war schon vorgegeben durch ein Gemeinschaftsgefühl gegen Bedrohungen von außen in den unsicheren Zeiten vor der Entstehung der Kommunen. Symbolisch dafür standen Heilige wie Ambrosius in Mailand, mit dem die Eigenständigkeit der Mailänder Kirche begründet wurde, Gimignano in Modena oder Zeno in Verona.

Erhalten sind drei lateinische Lobgedichte aus Spätantike und Frühmittelalter, in denen Geistliche die große Vergangenheit ihrer Städte feiern: der Versum de Mediolano civitate, der Versus de Verona und De situ urbis Mediolani. Dazu kommt nun von Mosè del Brolo ein Loblied auf Bergamo, von einem Laien geschrieben. 

 

Schon im Valvassorenaufstand werden Mailänder cives beteiligt, vermutlich eben auch nichtadelige, die sich laut den St.Gallener Annalen für 1035 als Schwureinung konstituiert haben soll, und in der Auseinandersetzung mit Konrad II. mobilisiert Erzbischof Aribert in größerem Maßstab die urbani. Um das Gemeinschaftsgefühl über die Standesgrenzen hinweg zu steigern, stiftet Aribert den Fahnenwagen, carroccio, wie er später u.a. auch in Florenz auftaucht.

Es ist von Ochsen gezogener reich geschmückter Karren, mit dem das städtische Militär von nun an in die Schlacht zieht.

In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wird sich dann erweisen, dass Krieg und popularer Aufstieg einerseits zusammengehören und zum anderen aber auch überständisch gemeinschaftsbildend wirken.

 

Diejenige Gemeinschaftlichkeit, aus der heraus sich eine neue kommunale Bewegung entwickeln wird, findet aber vor allem in der althergebrachten Volksversammlung, concio, und der Veränderung von Funktion und Bedeutung statt - bis hin zur concio militum et civium 1118.

 

****Reform****

 

Die entscheidenden ersten Schritte hin zu einer Kommune haben als Rahmenbedingung die Kirchenreform und den Konflikt zwischen Kaisern und Päpsten. In der Nordhälfte Italiens geht es dabei zunächst vor allem um den Simonie-Vorwurf, also die übliche Praxis, handfeste Gegenleistungen bis zu Geldzahlungen für den Eintritt in ein kirchliches Amt zu leisten. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt bis zur Kritik an der "aristokratischen" Lebensführung vor allem des höheren Klerus, seinem Luxus und seiner Verweltlichung.

Während die Kritik soweit eine ständische und fast schon "machtpolitisch" nutzbare Komponente hat, trifft der zweite Vorwurf der Unkeuschheit nicht zuletzt auch die niedere Geistlichkeit, die in direkterer Nachbarschaft zu den einfachen Laien lebt und dort oft offen als Ehe und sogar Familie oder wenigstens als Konkubinat stattfindet. Dies war über lange Zeiten zumindest geduldet worden, sei es, weil Sexualität im allgemeinen Bewusstsein noch nicht so durchdringend christianisiert war, sei es, weil die Geistlichen der Pfarreien ganz praktisch der Familie als wirtschaftlichem Rückhalt in ihrer relativen Armut bedurften.

 

In dem Ruf nach Reformen verbinden sich geistliche Kirchenkritik mit solcher aus den unteradeligen Schichten, die bislang kaum überliefert ist. In den Konflikten wird dann in bisher wohl nicht dagewesener Weise der plebs bzw populus mobilisiert und auf die Straße gebracht. Er erhält dabei eine Wichtigkeit, die sein Selbstbewusstsein steigert.

 

Die bisherigen Gewohnheiten, consuetudines, die sich ganz praktisch gegen kirchenchristliche Normen durchgesetzt hatten, geraten in Verruf genau mit den letztlich wirtschaftlichen Veränderungen auf dem Lande und in den Städten, die in ständische Schichtungen und das steigende Selbstbewusstsein eines frühen unteradligen Unternehmertums münden. Einzelne Fromme erst in Burgund und Lothringen, dann auch in der Nordhälfte Italiens reformieren Klöster auf dem Lande und gründen neue Gemeinschaften, die auf Armut und gemeinschaftlichem Leben basieren. Fromme Eremiten in Höhlen und Wäldern gewinnen an Prominenz und schließen sich mit anderen zusammen. Sogar mitten in größeren Städten hausen Einsiedler von zunehmender Popularität.

Während dieser neue religiöse Aufbruch mit seiner Unruhe, die er in die Städte bringt, dadurch in die Spitzen der Kirche integriert werden kann, dass diese nach und nach solche Positionen übernimmt, was zunächst auch von Herrschern wie Heinrich III. unterstützt wird, beginnt zugleich nach der ersten Jahrtausendwende eine zweite Entwicklung, die sich von der Kirche zunehmend löst und als häretisch verfolgt wird. Die ersten Abweichler werden nun verbrannt. Dann wird auf dem Weg zu Papst Gregor VII. dieser Häresiebegriff immer stärker ausgeweitet: Wer sich der Reformbewegung widersetzt und dann auch nicht unterordnet, wird zum Häretiker.

Deutlich wird auf dem Weg von den vielfältigen Gebräuchen, Traditionen, consuetudines zu einer dogmatisch sich verengenden Welt der "Wahrheit", veritas, wie Gregor VII. das formuliert, eine neue Unduldsamkeit, die die Freiheit (libertas) der Kirche als Unfreiheit in der Hierarchie begreift und als Unfreiheit der Laien gegenüber ihr. Dabei kommt es geradezu zu einer anschwellenden Regulierungswut, die zudem nicht nur ein reguliertes Lehnswesen und dann neuartige Gesetzgebung, sondern immer detaillierter auch die Städte betreffen wird. Dort beginnt diese Entwicklung auch als Veränderung der Einwohnerversammlung, die nicht mehr nur Entscheidungen "von oben" abnickt, sondern vermittels von Wortführern beginnt, selbst welche zu treffen.

 

Was sich soweit als Zunahme von Konflikten darstellt, trifft aber auf den neuartigen christlich unterfütterten Friedensgedanken, wie er den nördlichen Mittelmeerraum von Katalonien bis in die Poebene erfüllt und der den Wunsch nach einer Friedensordnung in der Stadt christianisieren hilft. An vielen norditalienischen Städten im Aufbruch wird dann deutlich, wie immer wieder Konflikte bewusst zugespitzt und gewalttätig werden, um dann in neue Friedenssehnsucht zu münden.

 

****Pataria und Partizipation****

 

Im quellenarmen Dunkel früher städtischer Entwicklungen taucht etwas deutlicher Mailand auf, wo im Rückblick der Chroniken Bischöfe immer mehr Macht gewinnen. In der Geschichte Mailands des Landulf Senior erscheint ein Erzbischof Ambrosius Bonizo, der unter den ersten Ottonen velut dux castra regiert haben soll (KellerOberitalien, S. 222). Von ihm übernimmt Sohn Landulf 979 das Amt und regiert es offensichtlich genauso autokratisch zusammen mit seinen Brüdern, was 980 zum Aufstand gegen ihn führt, wiewohl er bis 998 als Erzbischof bezeugt bleibt. Quellen beschreiben, dass er dann in großem Stil "Vorrechte und Einkünfte als bischöfliche Lehen" ausgeben muss (Zumhagen, S.22)

 

In derselben Zeit kommt es in der Handelsstadt Cremona offenbar immer wieder zu Konflikten zwischen dem Bischof und Gewerbe betreibenden cives, wobei letztere sich an den bischöflichen Zollrechten, insbesondere dem Hafenzoll, und seinen Handels- und Gewerberechten reiben. Um 1030 vertreiben sie ihren Bischof, zerstören Häuser der familia ecclesiae und die alte Stadtbefestigung. Offensichtlich gibt es eine eigenständige städtische Miliz und die Kraft, schnell eine neue Stadtmauer zu errichten, die die Händler- und Handwerkervorstädte einschließt. Der nächste Bischof hat es dann schwer, sich in der Stadt durchzusetzen.

 

Stoob fasst die wirtschaftliche Bedeutung der um Mailand zentrierten Lombardei so zusammen: " Sie beruhte (...) auf der Zusammenführung von über die Seestädte Genua und Venedig einströmenden Warengütern des Orients, vor allem der Seide, der levantinischen Farben und Spezereien, der pontisch - kleinasiatischen Weine und Wolle, mit den an der Alpenrampe und auf dem Apennin erzeugten, hohen und verfeinerten Textilqualitäten auf der Basis zielbewusster Schafzucht, ferner auf dem von Bergamasker Erzen gespeisten Mailänder Metallgewerbe, auch der Eisenverarbeitung, und nicht zuletzt dem Salz- Korn- und (später auch) Reishandel der Brescianer und der Cremonesen. (in: Frühgeschichte, S.8)

 

Letzter starker Bischof in Mailand ist Aribert. Eine Zwischenetappe im Abstieg bischöflicher Macht ist für ihn der Valvassorenaufstand von 1035/37 samt dem Eingreifen Konrads.

Für Elke Goez führt unter anderem auch die Verschuldung der Bischöfe bei ihren Domkapiteln und Bürgern zum Niedergang ihrer Macht (Goez, S.123). Wichtiger ist aber wohl die zunehmende Partizipation des Adels an seiner Herrschaft und die des "Volkes" darunter, wie sie besonders in Konflikten, Kriegen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen deutlich wird.

1038 muss der Bischof von Brescia der Stadtgemeinde zugestehen, im Stadtbereich keine Kastelle und Befestigungen mehr ohne ihre Zustimmung zu errichten. (Zumhagen, S.137 mit Quellenzitat).

 

1042 verteidigt der populus unter Führung des adeligen Lanzo in Mailand einen der Ihren gegen einen Adeligen.Offenbar kommt es zu aufstandartigen Unruhen. Der Adel zieht darauf aus der Stadt aus und begibt sich auf seine Landgüter. Der kranke Bischof folgt bald nach. Beide Seiten bilden eine Schwureinung mit iuramentum. Es geht gegen zunehmende adelige Willkür im Zusammenhang mit der verstärkten Beteiligung des Adels an der Stadtherrschaft.

Unter dem Eindruck des herannahenden Heinrichs III., dem Lanzo möglicherweise mit der Bitte um Vermittlung entgegen geht, und nachdem derselbe Lanzo die Adeligen bittet, zurückzukehren, um Schaden von der Stadt abzuwenden, kommt es "erst zu gegenseitigem Verzeihen, zur Vereinbarung einer allgemeinen Amnestie  und schließlich zu einem von allen beschworenen Friedensbund." (Zumhagen, S.79 nach Landulf Senior und Arnulf). Schließlich vermittelt Heinrich III. einen auf Konrads Konstitutionen basierenden Frieden. Kurz darauf stirbt Aribert.

Es folgen in den nächsten Jahren weitere Konflikte und Friedensschlüsse. 1045 reist eine Mailänder Abordnung aus Adel und Volk zu Heinrich III., um die Bestellung eines neuen Bischofs zu erbitten. Der setzt seinen Hofkapellanen Wido ein, den das Domkapitel nur widerwillig akzeptiert, dessen große Kapitanenfamilien der Kaiser damit übergangen hat.

 

Seit der Mitte des 11. Jahrhunderts wird Mailand in die Konflikte um Kirchenreform und die zwischen Kaiser und Papst besonders augenfällig hineingezogen. Gegenüber bischöflicher Stadtherrschaft und der Macht des Kriegeradels aus Capitanen und unter ihnen stehenden Valvassoren, die der erste salische Herrscher fast rechtlich gleichgestellt hatte, wird ein durch Handel und Gewerbe reicher werdendes neues Bürgertum erkennbar, welches zunehmend Mitsprache in der Stadt erlangt. In Konfliktsituationen treten dabei auch kleine Händler, Handwerker, Lohnarbeiter und immer einmal wieder auch Frauen auf.

 

In Mailand ist die Priesterschaft gespalten in ihre vornehmlich dem Domkapitel angehörende Oberschicht auf Kapitanen-Niveau und jene vielen decumani, die als officiales die tatsächlichen priesterlichen Betätigungen wie den Gottesdienst in den Hauptkirchen ausführen und darüber hinaus die Güterverwaltung betreiben.  Sie entstammen in der Regel Valvassoren-Familien und seltener denen wohlhabender negotiatiores, also reicher Kaufleute.

Die Trennung in die beiden ordines dokumentiert zum Beispiel eine Mailänder Urkunde von 1053: ... congregaverunt se domni ordinariii eiusdem sancte Mediolanensis ecclesie, presbiteri, diacones, subdiacones, notarii, lectores cum primiceriis eorum, magistri scolarum seu custodes eiusdem ecclesie, et presbiteri de ordine decomanorum sancte Mediolanesis ecclesie.. (in: Zumhagen, S.70)

Auch die Dekumanen leben nicht gemeinschaftlich, sondern in gelegentlich bereits zweistöckigen besser gebauten Häusern, und betreiben laut den Vorwürfen der Pataria einen adeligen Lebensstil mit Jagdhunden und Falknerei, operieren als Güterverwalter, in Darlehensgeschäften (als "Wucherer") oder als Gastwirte.

 

Die überlieferte Kritik am Klerus beginnt mit einem Diakon Ariald, und sie schließt auch nicht die Klöster ein, die auffallend still bleiben. Um 1055 predigt e in Varese gegen die Unkeuschheit Mailänder Priester, dann in Mailand bald auch gegen die Simonie.  Ihm schließt sich als Mitglied des Domklerus der aus einer Kapitanenfamilie stammende Landulf an. Unterstützung erhalten sie aus allen Schichten, so auch zumindest von einem Münzer. Diese Leute sind nicht nur in Mailand "durch ihre Transaktionen mit Grundbesitz geschäftlich eng mit dem hohen (...) Klerus verbunden, sie wickelten Investitionen und Geschäfte der hohen kirchlichen Institutionen Mailands ab." (Zumhagen, S.47)  Zudem sind sie selbst große Grundbesitzer.

Mehr noch werden sie von einigen niederen Priestern unterstützt, was die Hierarchie des Klerus aus ordines des hohen Domklerus und Dekumanen zu untergraben droht, und vor allem dann aus dem unteradligen "Volk" (pauperes bei Bonizo) und seinen wirtschaftlich erfolgreichen Reihen (Zumhagen). Sie bleiben allerdings genauso wie die explizit bischöfliche Partei eine deutliche Minderheit in der Stadt.

 

Um Massen zu mobilisieren, muss auf Straßen und Plätzen Öffentlichkeit hergestellt werden. Am 10. Mai 1057 nutzen die Patarener die religiös aufgeheizte Stimmung der Bevölkerung bei der Translation des heiligen Nazarius dazu, den Klerus in einer Volksversammlung zur Unterschreibung eines Dekretes 'de castitate servanda' zu zwingen. "Die Kleriker wurden damit verpflichtet, sich von ihren Frauen zu trennen und keusch zu leben oder aber ihre Priesterwürde, ihre Kirchengüter und auch ihren Eigenbesitz zu verlieren." (Zumhagen, S.94) Das ist deutlich härter, als es das kanonische Recht vorschreibt, und war zudem noch durch spontane Angriffe der Straße verstärkt.

 

Vorausgegangen war folgendes: Laut Landulf Senior schlägt ein Angehöriger des Mailänder Domklerus Ariald wegen dessen beleidigenden Äußerungen über die ambrosianische Geistlichkeit. Darauf laufen Landulf und mehrere andere Patarener unter lautem Geschrei zum Theater, dem Ort der Volksversammlung. Man läutet die Glocken und schickt von dort dann die Boten, um alle zu versammeln.

Itaque missis percivitas vicos et pateas cartulis hominibus, perstrepentibus tintinnabulis multis et magnis, ac garrulantibus feminis, quatenus omnes tam iuvenes quam senes, tam sapientes quam insipientes, tam probi quam improvidi unanimiter convenientes, quae aedificationis ac animae salutis forent, auribus audirent attentis, satagebant. Itaque civibus convocatis universis. (in: Zumhagen, S.82) Als alle da sind, hält Ariald eine Rede. (Landulf Senior III, Keller in: Investiturstreit, S.338)

 

Durch das laute Schreien des Opfers wird nicht nur vor den Augen aller Anklage erhoben, sondern die städtische Gemeinschaft wird um Schutz und Bestrafung angerufen und das dafür notwendige sofortige Zusammenfinden der städtischen Gemeinschaft betrieben. Landulf betont dabei die teilweise fragwürdige Kompetenz der versammelten Bevölkerung zur Urteilsbildung.

Offensichtlich ist inzwischen so aus einer Versammlung, in der Beschlüsse von oben abgenickt werden, eine geworden, in der vielerseits Anliegen vorgetragen und Streitfragen geklärt werden können - und zwar mit dem vorrangigen Ziel der Friedenssicherung.

 

Bischof Wido bittet den Papst um Hilfe, und Stephan IX. lädt zur Synode von Fontaneto bei Novara ein. Wido sorgt dort dafür, dass Ariald und Landulf exkommuniziert werden. Als er im Spätherbst 1057 zurückkehrt, wird er "vom Volk" gezwungen, mit beiden öffentlich darüber zu diskutieren. Am Ende wird er vor die Alternative gestellt, die Exkommunikation zurückzunehmen oder aber die Stadt zu verlassen. 

Die papstkirchlich römischen Reformer, nach Bundesgenossen auch militärischer Art suchend, veranlassen durch die Legaten Damiani und Anselm von Lucca darauf ein iuramentum commune, welches den Bischof und Domklerus mit den Laien in eine Schwur-Einung gegen Simonie und Priesterehe zwingt. Während Damiani und der spätere Reformpapst zum Dämpfen der teils brutalen Gewalttätigkeiten in der Stadt zu vermitteln versuchen, scheint Hildebrand sich einseitig auf die Seite der Pataria-Laien zu stellen und diese womöglich gegen die sündige Priesterschaft sogar aufgewiegelt zu haben Das Mailänder placitum Dei wird bald als Pataria bekannt, wobei der Ursprung des Namens nicht klar ist.

 

Während so eine im Kern kleine Gruppe versucht, die Bevölkerung gegen Priester-Konkubinat und Simonie in Bewegung zu setzen, findet parallel 1057-61 ein Krieg gegen Pavia statt, in dem die städtischen Milizen unter Beteiligung des Populus Einheit demonstrieren, und der mit dem Sieg in der Schlacht von Campo Morto endet.

 

Städtische Autonomie, von Bischof, Domklerus und Stadt stark über den eigenen "ambrosianischen" Ritus lokal-kirchlich definiert und durch Nicht-Teilnahme an päpstlichen Synoden demonstriert, trifft derweil auf ein Autonomie-Begehren, welches auf neuen Formen von Öffentlichkeit beruht, die in der Volksversammlung konzentriert sind.

 

Nach und nach kommt es zu mehr öffentlichen Akten der Aggression. Ausgangspunkt ist wohl oft das patarenische Auftreten gegen "unwürdige" Priester. Berichtet wird von Andreas von Strumi, wie Ariald mit seinen Anhängern in den Gottesdienst eines solchen eindringt, vom Priester verlangt, den Altar zu verlassen, und ihm das Messgewand zerreißt, als dieser sich weigert. Vor der Kirche erhebt der so Misshandelte laute Klage und Volk dringt in die Kirche ein und bedroht Ariald, der die Leute nur mühsam beruhigen kann. (Vita Sancti Arialdi, in Zumhagen, S.65 nacherzählt.) Im Theater, dem Ort der Volksversammlung, wird einem unwürdigen Priester "ein Schandmal auf die Stirn gebrannt." (Zumhagen S.71)

 

Eine päpstliche Legation unter Petrus Damiani und Anselm da Baggio/von Lucca soll 1059 die Wogen glätten. "Bei der öffentlichen Schlussverhandlung ließ Petrus Damiani nicht den Erzbischof, sondern seinen Mitlegaten Anselm da Baggio zu seiner Rechten sitzen. Der Erzbischof war dazu bereit; wie Petrus an Hildebrand schreibt, hätte Wido auch zu seinen Füßen auf einem Schemel Platz genommen.Doch die Mailänder sahen darin eine Minderung der honor sancti Ambrosii: mit Kirchenglocken und Tuben rief man die Einwohnerschaft zusammen. Die Menge strömte so drohend zum Bischofspalast, dass Petrus schon glaubte, seine letzte Stunde hätte geschlagen." (H.Keller in: Investiturstreit, S.342)

Die lauthalse und tumultuarische Empörung der Mailänder "Lokalpatrioten"  wendet sich gegen die Pataria. Landulf wird verletzt. Im Ergebnis wird die reformunwillige Mailänder Geistlichkeit nur milde bestraft. Für die Mailänder Orthodoxie ist das aber schon zuviel.

Die Mailänder halten aber ungeachtet dieser ganzen Entwicklung an der königlichen Investitur der Bischöfe fest, auch wenn sie zunehmend Wert darauf legen, ihn selbst auszuwählen.

 

Im selben Jahr wird Bischof Adelmann von Brescia von empörten Klerikern verprügelt, als er die Beschlüsse der Lateransynode gegen Simonie und Klerikerkonkubinat verkündet. In dieser Zeit zeichnet sich laut Bonizo von Sutri eine stärker auftretende Pataria in Brescia ab. Andererseits beginnt nach ihm die Reihe reformfeindlicher Bischöfe in der Stadt.

In derselben Zeit taucht auch in Cremona eine Pataria auf.

 

Zurück nach Mailand: 1062 stirbt Landulf an den Folgen seiner Misshandlungen und spätestens 1064 übernimmt sein Bruder Erlembald mit seinem Gefolge von Vasallen und Lehnsleuten und seinem Verwandtschaftsverband die Führung der Pataria, die nun zunehmend auch eine militärische Unternehmung und zugleich "politischer" wird. Kritik an der Vergabe kirchlicher Lehen an Laien wird lauter und Ariald und Erlembald durchbrechen das Vergabemonopol des Erzbischofs auf wichtige Abtsstellen, die oft teuer zu erkaufen waren und mit ihren großen Besitzungen Machtpositionen darstellen. Die patarenische Verfügung über Ämter und Würden schließt aber deren hochadelige Gegner davon aus.

 

Im selben Jahr 1064 schickt ihm, einem Laien, Papst Alexander II. das sogenannte vexillum sancti Petri. Ihm gelingt es 1066 in Rom, die Exkommunikation des von Heinrich III. 1045 eingesetzten Mailänder Erzbischofs Wido zu erreichen. Wido rechtfertigt sich im Pfingstgottesdienst darauf gegenüber den Führern der Pataria, die ebenfalls anwesend sind und das Streitgespräch suchen. Die Bevölkerung empfindet das päpstliche Verhalten als Beleidigung ihrer Stadt. Als der Erzbischof sie auffordert, mit ihm den Dom zu verlassen, gehen fast alle mit. Die Stimmung schlägt gegen die Pataria um, man dringt erneut in die Kirche ein, Laien gehen auf Erlembald los, Kleriker schlagen Ariald, den man dann für tot hält.

"Das Gerücht von Arialds Tod verbreitete sich rasch. Der militante Anhang der Patarener griff zu den Waffen, brach in den Bischofspalast ein, um von dort her in den Dom zu gelangen. Der Erzbischof, den man hierbei außerhalb der Kirche ohne jeden Schutz antraf, wurde misshandelt, dann wurden in der Kirche Erlembald und Ariald den Händen ihrer Gegner entrissen und im Triumph zur ecclesia Rozonis, dem Zentrum der Patarener westlich des Doms, geführt. In der folgenden Nacht organisierte sich die Gegenpartei. Empört über die unerhörte Tat schwor man sich gegenseitig, lieber zu sterben, als diese Vorgänge ungerächt hinzunehmen. Arnulf schildert den Vorgang so, als hätten sich die Mailänder wiederum in einem iuramentum commune zum Kampf gegen die Urheber der Vorfälle zusammengeschlossen." (H.Keller in: Investiturstreit, S.341)

 

In den nächsten Wochen finden getrennte Volksversammlungen statt, und der Anhang der Pataria schmilzt dahin. Darauf sieht sich Wido stark genug, über die Stadt solange das Interdikt zu verhängen, bis die Anführer der Pataria sie verlassen haben.Der Herr von Sta Maria fuori Porta nuova nimmt den Patarenern nun die Kirche weg. Ariald flieht heimlich und Wido verfolgt ihn persönlich. Eine Nichte Widos bekommt Ariald zu fassen, steckt ihn in eins ihrer Kastelle und lässt ihn dort umbringen.

 

Darauf kann Erlembald wieder viele hinter sich vereinen, und sie verhindern die Rückkehr des Erzbischofs und seines Gefolges. Als Arialds Leiche gefunden wird, wird sie zuerst nach San Ambrogio und dann nach San Celso gebracht, wo er als Märtyrer triumphal empfangen und verehrt wird, was der Pataria neuen Aufschwung gibt. Alexander II. bestätigt Arialds Martyrium. Mangels eines religiösen Führers und hinreichend vieler patarenischer Geistlicher knüpft die Pataria nun im Sommer Beziehungen zu den Florentiner Vallombrosanern. Im Jahr darauf schickt Erlembald patarenische Kleriker zur Weihe zu Johannes Gualbertus.

 

Für dies Jahr 1067 besitzen wir ein erstes Mailänder Dokument, in dem Popolo, Valvassoren und Capitane als Stände säuberlich getrennt auftauchen. In diesem Sommer wendet sich eine päpstliche Legation aber deutlich gegen die Tendenz von Laien, über Kleriker zu richten, was auf Zufriedenheit beim bischöflichen Establishment trifft.

 

Anfang 1071 übergibt Wido im Einverständnis mit Heinrich IV. das Amt des Erzbischofs an seinen Subdiakon Gottfried, der von den Patarenern und einem Großteil der Mailänder Bevölkerung abgelehnt wird. Er wird aus der Stadt und der Diözese ausgesperrt und dort von einem städtischen Aufgebot bekämpft.

Nach Widos Tod beschließen die Mailänder in einem iuramentum commune, gemeinsam einen Bischof aus dem Domkapitel zu wählen. Sie wenden sich gegen Erlembalds Versuch, einen papsttreuen Bischof durchzusetzen und bestehen darauf, ihren vom König investieren zu lassen.

Nun versucht Erlembald gegen diesen Beschluss mit Hilfe von Patarern aus Cremona und Piacenza seinen Kandidaten Atto durchzusetzen. Das wird von der Bevölkerung nicht hingenommen, die sich keinen Erzbischof mehr aufdrängen lassen möchte. Der Bischofspalast wird gestürmt, Atto wird von ihnen misshandelt, zum Dom gezerrt, wo er seine Abdankung beschwören muss. Dass der Papst ihn anerkennt und Erlembald weiter für ihn eintritt, hilft ihm nicht. Er kommt nicht einmal mehr in die Stadt hinein.

Gottfried wiederum wird von Heinrich IV. investiert und 1073 in Novara von lombardischen Bischöfen geweiht. Wohl im Gegenzug exkommuniziert Papst Alexander II. fünf königliche Räte.

Gestützt auf seine Verwandtschaft und Gefolgschaft in Stadt und Land, übernimmt Erlembald mit militärischen Mitteln die Führung in Mailand, während sich Gottfried zunehmend auf Besitzungen am Lago Varese (Castiglione) zurückzieht, wo er von einem städtischen Aufgebot angegriffen wird, in dem Patarer und ihre Gegner offenbar einträchtig kämpfen.

 

Als 1075 die Stadt brennt, greift eine Mailänder Schwurgemeinschaft Erlembald an und tötet oder verstümmelt ihn mit vielen seiner Anhänger im Straßenkampf. Viele Mailänder Patarener fliehen nach Cremona, wo die Bewegung stark bleibt

 

****Florenz und die Vallombrosaner****

 

Die Rahmenbedingungen für die Reformbewegung in Florenz unterscheiden sich etwas von denen von Mailand. Mit dem Gewinn der Markgrafschaft Toskana versucht sich das Haus Canossa, welches dort kaum Eigenbesitz hat, stärker zu verankern. Dagegen stellt sich der Selbstständigkeitsdrang der großen gräflichen Adelshäuser wie der Guidi und der Cadolinger, die im 11. Jahrhundert kaum noch in der markgräflichen Curia auftauchen, die sich auf die Städte und ihre Bischöfe und den niederen Adel stützen muss.

 

Wie ein halbes Jahrhundert später im Südwesten Deutschlands beginnt der Adel über reformierte Klöster Macht zu gewinnen. Dabei versucht er den Einfluss auf sie dadurch zu gewinnen, dass sie durch päpstliche oder kaiserliche Schutzbestimmungen markgräflichen, bischöflichen bzw.städtischen Zugriffen entzogen werden. Zu diesem Zweck schließt er sich Vorstellungen von Klosterreform an.

Ein ganz frühes Beispiel ist die Gründung der heute noch erhaltenen Badia a Isola südlich von Poggibonsi durch die Grafentochter Ava 1001. In der Gründungsurkunde heißt es: ...wir setzen vor allem fest und bestimmen, dass kein Abt dort anders denn kanonisch und gemäß der Regel eingesetzt werde. Wenn aber zufällig einer mit Hilfe von Geld oder durch simonistische Ketzerei zum Abt gemacht wird, so soll er ohne Zaudern hinausgeworfen werden, und ein anderer, der würdig ist, soll seine Stelle einnehmen. (bei W.Goez in: Investiturstreit, S.222)

 

Lauro Martines erwähnt als besonders extremes Beispiel für die Einheit weltlich-aristokratischer und geistlicher Herrschaft und Lebensführung den 1025 gestorbenen Florentiner Bischof Hildebrand, der gemeinsam mit seiner Geliebten, der domina eüpiscopa Alberga, wie ein weltlicher Hocharistokrat Hof hält und sie auch in seine Ratssitzungen mitnimmt (S.14). Mit ihm stößt im 2. Jahrzehnt des 11. Jahrhunderts Abt Guarinos vom zu den Cadolingern gehörenden Kloster Settimo wegen des fehlenden Zölibats zusammen.

 

Als Johannes Gualbertus um 1035 San Miniato verlässt und auf dem Florentiner Wochenmarkt von einem Verkaufsstand herab gegen den simonistischen Abt und den Bischof predigt, wird er noch von einer empörten Menge verjagt. (siehe Großkapiel 'Kirche und Welt'). 1036 gründet er am Pratomagno das nicht mehr dem Bischof unterstehende Kloster Vallombrosa mit betont antisimonistischer Einstellung. Rund um Florenz lässt der Adel darauf seine Klöster von den Vallombrosanern reformieren.

 

Seit 1062 macht sich in Florenz der Verdacht breit, Bischof Petrus Mezzabarba sei durch Simonie ins Amt gekommen.Die Vallombrosaner rufen dazu auf, an der Messe an Altären, die Simonisten geweiht hatten, nicht mehr teilzunehmen; zunächst noch mit wenig Erfolg. Als sich dieser dann in den nächsten Jahren einstellt, verbietet Papst Alexander II. ihnen, dazu ihre Klöster zu verlassen und zum Volk öffentlich zu predigen. Aber sie machen weiter.

 

1067 versucht Petrus Damiani erfolglos, zwischen Mönchen und Bischof zu vermitteln. Kurz darauf lässt Gottfried von Canossa das vallombrosanische Kloster San Salvi überfallen. Als man Johannes dort nicht festnehmen kann, kommt es dort zu Misshandlungen der Mönche und zu Plünderungen. Die Mönche zeigen sich in diesem Zustand öffentlich, was bei den Menschen Empörung auslöst. Sie ziehen dann in das Cadolingerkloster San Salvatore auf dem Settimo um. Als sie aber zur römischen Synode im Frühjahr aufbrechen, treffen sie auf die unverhohlene Feindseligkeit der dortigen Bischöfe und auch von Damiani. Es ist dann Hildebrand, der sich für sie einsetzt, so dass sie wieder heimkehren können

. Doch die Florentiner Geistlichkeit wendet sich nun auch gegen ihren Bischof. Als der Markgraf sie auffordert, sich unterzuordnen, lehnen sie das ab. Darauf treibt sie sein Militär bei der Feier der Osternacht in San Piero auseinander. Damit gewinnt die Forderung der Vallombrosaner nach einer Feuerprobe ihrer Position weiter an Zustimmung.

Im Februar 1068 findet sie vor einer großen Menschenmenge statt, und ein Vallombrosanermönch namens Petrus (seitdem Igneus) durchschreitet unversehrt die Kohlen. Bischof Petrus Mezzabarba, der vom Markgrafen von Canossa gedeckt war, wird nun vom Reformpapst Alexander II. fallen gelassen und flieht in das Kloster Pomposa im Podelta. Petrus Igneus macht eine steile Karriere in der Papstkirche.

 

Die Städte nutzen so zunehmend die Reformbewegung, um sich von den alten "feudalen" Mächten zu lösen. Als sich die Nachricht vom Tode Mathildes von Canossa 1114 verbreitet, versucht sich umgehend Mantua mit der Zerstörung der markgräflichen Burg zu befreien, was dann aber unter dem Druck Heinrichs V. erst einmal wieder zurückgenommen wird. (GoezMathilde, S. 74/193)

 

Der Weg ins Mailänder Konsulat (1075-1125)

 

Es sind Zufälle der Überlieferung, über die wir von Ausschüssen aus der "Bürgerschaft" erfahren, wie einem 30-Männer-Gremium zwischen 1066 und 1075, dass Vorwürfe gegen Kleriker untersuchen soll, oder von einem 12-Männer-Ausschuss in Cremona um dieselbe Zeit. 1081 nennt Heinrich IV. einen solchen für Pisa, der in der Volksversammlung gewählt werden soll. (Alles nach Keller in: Frühgeschichte, S.97).

 

Mit dem Tod Erlembalds verringert sich der Einfluss der Mailänder Pataria deutlich, und mit der Wahl Tedalds durch Klerus und Volk nach Beratung in der Volksversammlung kehrt der innere Frieden zurück. Indem ihn Heinrich IV. investiert, eskaliert sein Konflikt mit Gregor VII. Gegen dessen Willen wird er in Piacenza geweiht und bald vom Paps wie die anderen lombardischen Bischöfe gebannt.

Nach Canossa kippt dann die Stimmung gegen ihn. Tedald flüchtet an den königlichen Hof, wo er erheblichen Einfluss gewinnt. Bis zu seinem Tod 1085 kommen die Mailänder dann ohne Bischof aus. Inzwischen scheint die Pataria auch in Piemont verankert zu sein: Bischof Benzo von Alba wird vertrieben.

1081 kommt Heinrich IV. nach Mailand und laut der viel später zusammengestellten Pegauer Annalen wird er dort von consules und primores empfangen, die laut Zumhagen von der Volksversammlung gewählte Repräsentanten der Stadt sind und den abwesenden Bischof vertreten, wobei "Konsuln" auch ein aus späteren Verhältnissen rückdatierter Begriff sein könnte (S.106ff). In Cremona setzt er Bischof Arnulf wieder ein und lässt die Pataria unterdrücken, die aber einige Zeit nach seiner Abreise wieder auflebt.

 

Ein Jahr nach Tedalds Tod wird dann in Mailand der eher kaiserlich gesinnte, aus einer Kapitanenfamilie stammende Anselm III. gewählt. Urban II. setzt ihn ab, worauf er sich ins Kloster zurückzieht, um dann zwei Jahre später vom Papst wieder eingesetzt zu werden.

 

1090 kommt es zu schweren Konflikten zwischen populus et milites in Piacenza. Zunächst wird von der reformfeindlichen Seite der Partaria-nahe Bischof Bonizo (von Sutri) verstümmelt und vertrieben, dann ziehen die milites wie einst in Mailand vor der popularen Gewalt aus der Stadt aus, können aber dann bei einem Ausfall des populus die nun verteidigungslose Stadt wieder einnehmen. Alles endet in einer neuen Friedenseinung. (Zumhagen, S.165ff).

 

1093 bildet Mailand mit Cremona, Piacenza und Lodi einen Städtebund gegen den Kaiser.

Heinrichs Sohn Konrad wird nun in San Ambrogio auch die italienische Krone aufgesetzt. Mit Arnulf III. wird im selben Jahr der nächste Erzbischof eingesetzt. Erlembald wird derweil für die längst offen militante Papstkirche zum Idealbild des christlichen Kriegers.

 

Um die immer noch aktive Pataria ins Machtgefüge zu integrieren, wird vom Erzbischof zusammen mit Urban II. die Translation der Gebeine von Erlembald in die Basilika von San Dionigi durchgeführt (und 1099 die Überführung der Überreste von Ariald in dieselbe Kirche). 1096 predigt Urban II. vor einem Mailänder Massenpublikum dann auch darüber, quod minimus clericulus de ecclesia Dei est maior quolibet rege mortali, der niedrigste Geistliche, üblicherweise kein Adeliger, sei also größer als jeder sterbliche König. Derweil hat sich die Pataria in zwei Flügel gespalten, die sich vor allem auch schichtspezifisch unterscheiden. Die Gruppe der Illiteraten und Besitzlosen, wie sie ihre Gegner nennen, schließt sich enger an diesen radikal tönenden Papst Urban an und gewinnt so das Misstrauen der anderen, die ihnen Verlust der Eigenständigkeit Mailands vorwerfen.

 

Am Ende wird so die Bewegung von Kirche, Adel und bürgerlicher Oberschicht, denen Reformradikalismus und Partizipation städtischer Massen zu weit gehen, auch durch Integration abgewürgt. Was davon bleibt ist auch hier die Entwicklung einer neuartigen Vorstellung von Gemeinde, die das Stadtregiment als ein Gemeinschaftsprojekt (von Adel und schwerreichen Geschäftsleuten vor allem) betrachten möchte.

 

1097 taucht dann eine Urkunde auf, die in civitate Mediolani in consulatu civium ausgestellt ist (Zumhagen, S.117), wobei allerdings nicht recht klar wird, was damit gemeint ist. 1098 und 1100 verfügt der Erzbischof die Einrichtung zweier Märkte, wobei ausdrücklich vermerkt wird, dass dies im Zusammenwirken mit der ganzen Gemeinde geschieht.

Die Integration des Laien und hochadeligen Kriegers Erlembald in den Raum der Heiligkeit steht im Zusammenhang mit Urbans Kreuzzugsaufruf, und mündet der 1100 in einen von Mailand angeführten lombardischen Kreuzzug, der scheitert und in welchem Erzbischof Anselm IV. den Tod findet.

 

1102 wird der Vallombrosaner Grossolan offenbar durch geschickte Manipulation der Volksversammlung zum Erzbischof gewählt. Auf eine königliche Investitur wird nun auch förmlich verzichtet. Als er allerdings dann die vom Vorgänger Anselm von Rhò vollzogenen Priesterweihen annullieren möchte, weil der königlich investiert worden war, stellt sich die Bevölkerung gegen ihn. Der alte Patarenerführer Liprand wirft ihm Simonie vor und überzeugt das versammelte Volk von der Notwendigkeit einer Feuerprobe. Liprand besteht sie nach Ansicht der Anwesenden zunächst, worauf der Erzbischof flieht. Als sich dann die Wunden Liprands doch entzünden, wird auch er vertrieben. In den folgenden erfolgreichen Kriegen gegen Lodi (1107-11) und Cremona (1110) kommt die Stadt ganz gut ohne erzbischöflichen Herrn aus, und mit der Einsetzung von Bischof Jordanus nach 1111 schwindet der Einfluss der Pataria dann weiter. Dieser muss allerdings Grossolan 1115 finanziell abfinden, damit der von seinem Amt zurücktritt.

 

Zunehmend tauchen nun consules in den Urkunden auf, ohne dass ihr Amt näher beschrieben wird. Sie sind Vertreter der gesamten Stadtgemeinde und bald auch Heerführer.

 

1126/27 gelingt es, den Erzbischof als Stadtherrn zur Gänze zu entmachten. Als nämlich der zukünftige Anselm V. sich gegen den Willen der Gemeinde zum Empfang des Palliums nach Rom begeben möchte, werden die erzbischöflichen Burgen besetzt und vorübergehend unter die Kontrolle der Gemeinde gestellt.

Bezeichnend ist, dass dann fast überall in Oberitalien und der Romagna diese Konsulate anteilig mit Vertretern von Capitanen, Valvassoren und Volk besetzt werden. Sobald dann beide Adelsgruppen gegen Ende des 12. Jahrhunderts "politisch", wenn auch nicht "ständisch", zu einem Adel zusammengewachsen sind, wird dem Adel nur noch die Hälfte der Sitze zuerkannt.

 

Die konsularische Kommune, wie sie sich im zwölften Jahrhundert entwickelt, basiert oft auf Gewalt zu ihrer Durchsetzung bzw. entsteht in gewalttätigen Zusammenhängen, und sie ist selbst in hohem Maße gewalttätig. Als Bündnis aus Adel, der zwischen kriegerischem Geist und Geschäftemacherei schwankt, und den reichsten Spitzen des Bürgertums, ist sie geprägt von Kämpfen einzelner Geschlechter, die selbst wieder Parteiungen gegeneinander bilden, die in der Stadt ausgetragen werden, und deren Ziel die Kontrolle der Stadt oder zumindest eine starke Position in ihr ist.

 

Dem widerspricht aber nicht, wenn Elke Goez  die Entstehung der konsularischen Kommune als kontinuierliche und weniger von Gewalt bestimmte Entwicklung beschreibt, denn die vielen, meist kurzen Ausbrücke von Gewalt lassen sich darin einordnen: "Noch drängte sich die städtische Führungselite an den Bischofshof, um dem geistlichen Stadtherrn beratend zur Seite zu stehen. Aber je mehr Rechte die Bischöfe veräußern mussten, desto nachdrücklicher pochten die Bürger auf die Umsetzung ihrer Ratschläge - ein schleichender Vorgang, der nicht zwangsläufig zu Unruhen oder Aufständen führen musste. Der Übergang von der bischöflichen Stadtherrschaft zur freien Kommune ist daher oftmals zeitlich kaum bestimmbar. In dem Moment, da die consulta, die Berater des Bischofs, ihre Vorschläge nicht mehr als Anregungen, sondern als Anweisungen verstanden, war die freie Kommune geboren." (Goez, S.124).

 

Was für ihre Akzentuierung des Geschehens spricht, ist die Identifizierung des Bischofs, seiner Kirche und ihres Heiligen mit der Stadt, was dieser so etwas wie eine ideelle Einheit gibt. Und dann wird die Diözese in der alten Grenze der civitas das für natürlich angesehene Territorium der Stadt, welches die neue Kommune für sich zu beanspruchen beginnt. Wenn der Bischof Metropolit, Erzbischof ist, wächst dieses zu beanspruchende Gebiet beträchtlich, für Genua und Pisa streckt es sich dann bis Sardinien und Korsika, für Mailand über achtzehn Bistümer in Norditalien.

 

Das Zentrum der Stadt bleiben Kathedrale, Bischofspalast und der zugehörige Platz, wo dann nach dem Scheitern Barbarossas auch ein Kommunalpalast gebaut wird, ein Ensemble, dann man sich in einigen Städten noch heute anschauen kann.

Dabei geht der Kathedralbau zunehmend in die Initiative der Bürger über. In der Gründungsinschrift der Pisaner Kathedrale heißt es: Es heißt, dass Pisaner Bürger - reich an ruhmvoller Tugend - die Grundsteine dieser Kirche legten, als 1063 Jahre vergangen waren, seit Christus von der Jungfrau geboren war. In diesem Jahr wurde eine Expedition an die sizilischen Küsten durchgeführt. Damals segelten alle Großen, Mittleren und Kleinen, nachdem sie unter Waffen und mit einer großen Flotte abgereist waren, zunächst nach Palermo, wie es das Schicksal wollte. Kämpfend drangen sie (…) in den Hafen ein, kaperten sechs mit Schätzen gefüllte Schiffe, wovon sie eines verkauften und die restlichen verbrannten. Mit den Mitteln jener Beute, so weiß man, wurden diese Mauern errichtet. (in Staufer und Italien, S.218)

1099 wird so auch in Modena in Abwesenheit eines Bischofs eine neue Kathedrale gebaut, und eine weitere von der Bürgergemeinde 1107 in Cremona.

 

Aus dem deutschen Norden blickt Otto von Freising so darauf: Cumque tres inter eos ordines, id est capitaneorum, vavassorum, plebis, esse noscantur, ad reprimendam superbiam non de uno, sed de singulis predicti consules eliguntur, neve ad dominandi libidinem prorumpant, singulis pene annis variantur. (Gesta II,13) Drei Machtgruppen in der Stadt, der hohe Adel, die ursprünglich von ihm abhängige Ritterschaft darunter und die Plebs, die nicht vom Kriegerberuf bestimmte Schicht der Kapitaleigner, sucht ein Gleichgewicht der Kräfte durch Einigung auf consules iustitiae und consules communis zu erreichen, die den Bischöfen und Grafen die Integration der Oberschichten in der Stadt aus der Hand nimmt (Nicolangelo d'Acunto).

 

*****

 

Die Praxis dieser von Ort zu Ort verschiedenen konsularischen Ordnung ist im Einzelnen wenig dokumentiert. Konsuln sind immer mehrere, ein Kollegium, welches rein rechtlich der Versammlung der Kommune, also der cives (arenga oder parlamentum), verpflichtet ist, die wenige Geschlechter bzw. Parteien in der Regel kontrollieren. Für Florenz ist zudem für 1167 ein consilium dokumentiert. Ihre alltägliche Praxis geschieht davon unabhängig, bis hin zur letztendlichen Entscheidung über Krieg und Frieden, den Oberbefehl im Krieg, Aufsicht über städtische Steuern und Abgaben, neue Gesetze und die oberste Gerichtsbarkeit.

Neben dieser Kommune existiert zunächst weiter die commune militum, also die der Ritter, die ihre eigenen Hoheiten besitzt. (Raith, S.50)

 

Es sind in jeder Stadt wenige Geschlechter, die das Konsulat ausfüllen und beeinflussen. Sie vertreten im wesentlichen die Interessen einer kleinen Oberschicht und natürlich dabei zunächst ihre eigenen. Um das zu gewährleisten, wird der Kreis ihrer „Wähler“ immer mehr eingegrenzt. Dort, wo es, selten nur, nichtadeligen Reichen gelingt, zum Konsulat aufzusteigen, gelingt ihnen dann auch der Aufstieg in den Adel.

 

****Bologna****

 

Nach der Exkommunikation Heinrichs IV. durch den siebten Gregor schwenkt Bologna bald mit einem der Kirchenreform zugeneigten Bischof auf die päpstliche Seite über. Um die Stadt zurückzugewinnen, garantiert der Kaiser den concives ihre „alten“ Rechtsgewohnheiten, ihr Eigentum und freien Handel für Bologneser Kaufleute im Reich. Daran angehängt ist ein Dokument, welches dem popolo die Zerstörung des königlichen Palastes verzeiht. Popolo meint dabei natürlich eine Schwurgemeinschaft der „bürgerlichen“ Elite der Stadt. 1123 taucht dann zum ersten Mal der Begriff consules auf als der von Vertretern dieser Elite, die ihnen als popolo Gehorsam schwört. Laut Hyde ist popolo so wie compagna in Genua ein anderes Wort für Kommune (S.54)

 

****Genua****

 

In Genua ist die Vizegrafschaft in den Händen einer Familie, die auch das Bischofsamt an sich reißt. 1056 beseitigt man de facto die Einrichtung des Markgrafen in der Person von Alberto, indem man ihn zwingt, vor drei boni homines einen Eid auf städtisches Gewohnheitsrecht zu schwören. Der Bischof herrscht nun mit Verwandten und auf Unternehmen zur See konzentrierte Kreise, frühem Großkapital. In etwa parallel zur Pataria steigt dann eine Reformbewegung auf als Nukleus einer kommunalen Bewegung. Aber Genua ist von einem Hinterland durch Gebirge abgeschlossen und baut eine Flotte nur auf der Basis von regionalem Handel mit Salz und Getreide auf. Spätestens mit dem ersten Kreuzzug beginnt dann der Aufstieg der Stadt zur Großmacht. Laut dem Chronisten Caffaro bildet sich 1098 in diesem Rahmen eine Unternehmervereinigung, compagna, geführt von sechs Konsuln, und 1099 vereinigen sich solche Unternehmergilden zu einer einzigen compagna, die sich als Kommune versteht und deren Häuser aus Adel und bürgerlichem Reichtum nun die Stadt regieren. (Martines, S.20f)

Diese Kommune ist eine Schwurgemeinschaft für mehrere Jahre, die auf Einhaltung des inneren Friedens (der öffentlichen Ordnung) und gegenseitige Unterstützung wie auch auf gemeinsame Kriegszüge ausgelegt ist. Erst 1122 wird das Konsulat zum jährlichen Amt (Hyde, S.52) Konsuln sind dem parlamentum verantwortlich, also einer Versammlung gehobener Bürger, und dürfen Kriege oder Steuern nur mit deren Mehrheit entscheiden.

 

****Übriges Italien****

 

Diese konsularische Teilhabe der führenden Schichten und Gruppen der Stadt an ihrer „Regierung“ und Verwaltung wird in den nächsten gut fünfzig Jahren zahlreichen nord- und mittelitalienischen Städten zuteil, in Asti, in Pisa, wo Heinrich IV. schon 1081 einem Zwölfmänner-Gremium erhebliche Befugnisse einräumt.

Dann in Arezzo, 1105 in Pavia und Pistoia, kurz darauf in Como, Bergamo, Cremona und Lucca, 1122/25 in Piacenza -  ziemlich zuletzt auch in dem sich spät so entwickelnden Florenz, 1138 dokumentiert. Zwölf Konsuln werden hier von einer kleinen Oberschicht auf jeweils ein Jahr gewählt, beraten von wiederum Konsuln der Kaufmannschaft der Calimala und der Ritterschaft der societas militum. Die Kommune entsteht aus korporativem Denken und Handeln und aus dem Prinzip der Kollegialität. Gerichtsbarkeit und die dazu gehörige Zwangsgewalt werden so unabhängig von jedem darüber stehenden Herrscher verliehen und ausgeübt, eine bis dato fast einzigartige Neuerung. 

 

Das Neue ist vor allem die Vorstellung, dass (kommunale) Autorität aus dem Zusammenschluss von Menschen hervorgehen kann und nicht aus einer Abordnung von oben, von Kaiser, König oder Gott entsteht, auch wenn diese Menschen nach Anerkennung durch weltliche Autorität und göttlichen Beistand drängen. Das betrifft genauso städtische Nachbarschafts- oder Pfarreiversammlungen, Zusammenschlüsse einzelner Gewerbe oder religiös fundierter Bruderschaften.

Ob ein Konsul aus den Reihen der Capitanei, der Valvassoren oder der pebejischen cives entstammt, scheint dessen Autorität nicht wesentlich beeinflusst zu haben. Im 12. Jahrhundert werden die mächtigsten Familien aus den verschiedenen rechtlich definierten Gruppen vielmehr zu einer neuen "politischen" Oberschicht zusammenwachsen. 

 

Neu ist dabei auch, dass die Friedenssicherung untereinander, eines der gemeinsamen Interessen, aus der Hand des Herrn, dessen Herrschaft sie begründete, in die der untergeordneten Einwohner übergeht. Zuvor hatte, wie in Pisa, der Bischof diese Aufgabe inne, indem er zum Beispiel unruhige Geschlechtern Gelder als Pfand für friedliches Verhalten abverlangte, was später die Kommune, wie in Florenz bezeugt, übernimmt. Frieden bedeutet Schutz und darum Bewaffnung, was aber nur die Mitglieder der Schwurgemeinschaft betrifft.

 

Ende des 11. Jahrhunderts ist in den Pisaner Statuten ein von Bischof Daibert erlassenes Lodo delle Torri aufgeführt: Ich Daibert (…) Bischof von Pisa, entscheide und bestimme mit Nachdruck, zusammen mit meinen Gefährten, mutigen und weisen Männern (mihi sociis viris strenuis et sapientibus), das alte Übel der Stadt Pisa, den Hochmut bedenkend, aufgrund dessen tagtäglich unzählige Morde geschehen (…), besonders aber aus Anlass der Häuserzerstörung und vielfältiger anderer Übel, (…), dass niemand von heute an sich anmaßt, einen Wohnort zu erbauen oder in irgendeiner Weise instandzusetzen, der an Höhe die Türme von Stefano, Sohn von Balduin, oder Lamberto (…) überragt. (in Staufer und Italien, S.214) 

 

Die nord- und mittelitalienischen Kommunen entstehen in Interdependenz mit dem zugleich entstehenden Kapitalismus, fegen die gräfliche und bischöfliche Stadtherrschaft unter adeliger Führung weg, dabei Kirchenreform und Investiturstreit zur Autonomisierung nutzend, und benutzen dann die Schwäche kaiserlich/königlicher Macht, um sich auf den Weg zu etwas zu machen, was später einmal Souveränität genannt werden wird. Da dieser Vorgang zwar auf Kapitalisierung und zunehmender Waren- und Geldwirtschaft beruht, aber mit kriegerischer Gewalt vollzogen wird, siegen dabei zunächst die Experten für diese Form von Gewalt, der Adel.

 

Generationen später werden die stilnovisti-Poeten diesen in der Erinnerung verklärten Adel idealisieren, indem sie den Begriff der Nobilität so benutzen, dass er in einen Adel der Tugendhaftigkeit und der Empfindsamkeit umdefiniert werden kann: Das eben sei wahrer Adel, behaupten sie. Zugleich verfällt niemand mehr als Dante in nostalgische Schwärmerei über einen alten Adel, dessen Werte von Kapitalismus, Warenwelt und Geld inzwischen verdorben seien.

 

Tatsächlich ist der städtische Adel der Epoche des Konsulats etwas neues insofern, als er zwar weiterhin noch auf Großgrundbesitz außerhalb der Stadt selbst beruht, aber dieser inzwischen in Produktion und Arbeitsverhältnissen im Sinne des neuen Kapitalismus modernisiert wird: Boden und Arbeit werden langsam zur Ware. Darüber hinaus basiert ein Teil seines Reichtums nun auch auf Investitionen in Handel und in Immobilien zum Beispiel. Martines erwähnt, dass die venezianische Ziani-Familie, die den Dogen stellte, hunderte von Häusern besaß, besonders im Rialto-Viertel und dazu alle um den Markusplatz und die Kathedrale. Weiteres Einkommen kommt aus Posten und Ämtern und Einkünften der Kommune dazu.

 

Zu traditionellen Rivalitäten, wie sie zum Beispiel um den Ehrbegriff kreisen oder um Eigentums- und Verfügungsfragen kommt nun zunehmend der Streit um die Besetzung einträglicher städtischer Ämter bzw. solcher, über die die Machtsphäre eines Geschlechts oder eines Bündnisses aus mehreren ausgebaut werden kann. Die einzelnen Adelsbündnisse mit ihren zum Teil durch unterirdische Gänge verbundenen Türmen von bis zu siebzig oder fast hundert Meter hohen Türmen, von denen Florenz allein rund hundert besessen haben soll, und die nur der Adel bauen durfte, trugen ihre gewaltsamen Konflikte immer wieder auf Straßen und Plätzen aus. Die jeweiligen Nachbarschaften wurden von ihnen kontrolliert und sie verlangten dort Loyalität. Kirchen und Plätze wurden von ihnen oft als ihr Eigentum oder Revier betrachtet.

 

****Städte ohne Konsulat: Venedig, Amalfi, Rom****

 

Aber nicht überall entsteht ein Konsulat. In Venedig wird der von Byzanz eingesetzte Dux zum auf Lebenszeit gewählten Dogen des Popolo, der dann nach und nach nur noch den Räten einer kleinen Elite verantwortlich ist. Damit er nicht zum Despoten wird oder sein Amt einer Familiendynastie anheim fällt, wird von dieser Elite zur Not auch Gewalt eingesetzt.

Die besondere Geschichte Venedigs beruht auf ihrer Situation zwischen Ost und West. 1082 gewährt Kaiser Alexios Komnenos Venedig generelle Zollfreiheit im ganzen Reich. Danach kontrollieren sie fast alleine den Handel im östlichen Mittelmeer. Im Verlauf des 11. Jahrhunderts werden also nicht nur muslimische Piraten, sondern auch die italienischen Konkurrenten aus dem östlichen Mittelmeer abgedrängt.

 

Eine Sonderrolle spielt auch das ebenfalls Byzanz untergebene Amalfi, welches sich aber aufgrund seiner geographischen Lage früher löst. Es gibt Handelsniederlassungen im Orient (Tripoli z.B.) im Gefolge der ersten Kreuzzüge und Handel mit dem islamischen Südspanien. Leute wie Mauro und sein Sohn Pantaleone, durch Handel reich geworden, kontrollieren nicht nur die Macht in der Stadt, sondern auch in ihren Niederlassungen. Venedig und Amalfi lassen sich als frühe kapitalistische Zentren bezeichnen.

 

Der Sonderfall Venedig

 

Ist Florenz der Prototyp der Stadt um 1300, die auf einem ausgewogenen Verhältnis von (Fern)Handel, Bankwesen und Produktion aufbaut, Gent eine Stadt, die sich immer mehr auf den produktiven Sektor und den regionalen Handel konzentriert, so war Venedig als kapitalistische Stadt ganz vom Handel abhängig. Als Eigenproduktion zum Verkauf außerhalb der Stadt gibt es nur Fisch und Salz. Im 12. Jahrhundert konzentriert sich Genua zunehmend auf das westliche Mittelmeer, während das sich von Byzanz emanzipierende Venedig zunehmend den Handel in der Adria und der Ägäis kontrolliert.

 

Handel war zunächst einmal nötig, um die Versorgung der Stadt zu decken: mit Lebensmitteln aller Art, mit Holz für die Bauten und die Schiffe und Holzkohle für die Heizung. Eingeführt werden musste auch der Nachschub an Lohnarbeit, insbesondere auch für die Schiffsbesatzungen.

1082 erhält Vemedig von Kaiser Alexios Komnenos das Privileg des zollfreien Handels im ganzen oströmischen Machtbereich. Inzwischen wird ein Imperium an Handelsstützpunkten im östlichen Mittelmeer aufgebaut, während die Stadt darauf verzichtet, sich territorial zu einer Festlandsmacht auszubauen.

 

Venedig versorgt die dicht besiedelte Poebene mit ihren schnell wachsenden Städten besonders mit Getreide, welches dort nicht mehr in ausreichender Menge angebaut werden kann. Die Monopolstellung im Handel der Großregion hatte bereits Heinrich IV. für die Stadt garantiert: Venezianische Händler dürfen überall reisen und handeln in seinem Reich (et licentia habeant ...ambulandi), aber aus Venedigs Nachbarstadten darf man nur bis Venedig ziehen (usque ad vos et non amplius). Dieses weitreichende Stapelrecht machte die Stadt zur Drehscheibe des Handels von Ost nach West und Nord nach Süd, und bei Salimbene von Parma heißt das: „Wenn ein Kaufmann dorthin seine Waren zum Verkauf bringt, kann er sie nicht wieder mit sich nehmen, sondern er muss sie ihnen verkaufen, ob er will oder nicht (velit nolit). Und wenn ein Schiff durch Unwetter des Meeres zu ihnen abgetrieben wird, kann es nicht wieder auslaufen, bevor es ihnen nicht seine Waren verkauft hat.“ (In Hartmann (Hrsg), S.319f)

 

Gehandelt wird mit allem, was Geld bringt, auch mit Waffen und Sklaven an die Feinde der Christenheit. Märkte werden mit Verträgen und Gewalt geöffnet. Dabei entwickeln sich zwei Arten von Unternehmertum als Bürgertum: Die untere Schicht der Kaufleute in der Stadt und die Oberschicht der Fernhändler. Unterhalb des Dogen organisiert sich das große Kapital in Räten, Quarantia, und Senat/Ältestenrat, die mit ihm kooperieren, ihn „beraten“. Die alte „Volks“versammlung, der Maggior Consiglio, tritt in den Hintergrund. Es gibt keine davon abgelöste Organisation der Kaufmannschaft, diese ist der Stadtstaat selbst. In jungen Jahren betreibt der Großunternehmer Handel, im Alter Politik. Handwerk und Krämer ordnen sich darunter ein, da ihr Wohlstand an dem der Oberschicht hängt. Ihre Organisationen regeln Interna, das gesellige Zusammenleben und werden zu karitativen Einrichtungen. zu vermeiden." (Schott, S.63)

 

Stadt, Handel und Schiffahrt bilden eine Einheit. "Der Staat Venedig selbst war Eigentümer der Galeeren der Handels- und Kriegsflotte, regulierte den Schiffsbau, ihe Ausstattung und Fracht, plante die Seereisen.Die Bürger von Venedig mussten Militärdienst als Ruderer leisten. Auch der Handel war hochgradig reguliert, um Konflikte innerhalb des Adels

 

 

Spanien

 

Unter den Visigoten sind zumindest Teile der iberischen Städte einem gewissen Verfall preisgegeben, was am wenigsten wohl Toledo, Mérida und Zaragoza betrifft und sehr deutlich nach der Eroberung von Cartagena wird. Am stärksten gehen die Römerstädte an den Rändern im Norden und Nordosten zugrunde.

Außerhalb dieser Randgebiete werden manche von ihnen dann in der Zeit islamischer Herrschaft mit ihrer eher städtischen Zivilisation in neuem Gewand wieder aufblühen.

 

Das Wiedererstehen eines lateinisch-abendländischen Städtewesens auf der iberischen Halbinsel im 11. Jahrhundert beruht zunächst einmal darauf, dass in einem Streifen von Nordkatalonien über den Pyrenäenrand Aragons, Navarras und des Baskenlandes bis dann westwärts entlang der Atlantikküste nach Galizien eine schmale Zone entsteht, die vor muslimischen Überfällen und Raubzügen nun halbwegs sicher ist. Hier entstehen Königsstädte wie León, Nájera oder Jaca, von denen allerdings am ehesten noch die letztere von einem Markt geprägt wird, der mehr als die Bedürfnisse einer kleinen Herrenschicht bedient.

 

Dieser atlantische Raum koinzidiert mit den Hauptpilgerrouten nach Santiago de Compostela, jenem Raum, in dem auf geradezu geniale Weise das Grab eines wenig historisch fassbaren "Apostels" Jakobus "aufgefunden" wird, dessen Leiche es auf ebenso aunglaubliche Weise vom nahen Osten bis an die galizische Atlantikküste geschafft hatte. Aber mit der Vernichtung eines aufgeklärten Geistes (weniger Leute) in der Mittelmeerantike fielen Glaube und Betrug im früheren Mittelalter in eins und waren nicht voneinander zu trennen.

Mit der Verlegung eines galizischen Bischofsitzes nach "Santiago" beginnt das Doppel einer Bischofs- und Pilgerstadt und der Fluss von Menschen und Geldern aus Westfranzien.

Damit das funktioniert, verzichtet die Monarchie von Kastilien/León, inzwischen vereinigt, 1080 auf einer Synode in Burgos auf ihre visigotisch-mozarabischen Traditionen und gliedert sich zur Gänze in die Reformkirche Gregors VII. ein. In den Jahrzehnten danach werden ihre wichtigsten Klöster an Mönche aus Cluny übergeben.

 

Auf der anderen Seite existiert am Mittelmeer ein kleiner Küstenstreifen Nordkataloniens, der schon 801 durch Ludwig den Frommen den Sarazenen entrissen worden war und zur Grafschaft Barcelona wird. Mit der Handelsstadt Barcelona, die im 11. Jahrhundert aufs Mittelmeer ausgreift, und dem Marktort Gerona ist hier ein Teil Spaniens, der direkt mit den Entwicklungen in Okzitanien bis nach Norditalien verbunden ist.

 

Zwischen Atlantik und Mittelmeer schließlich existiert eine langsam nach Süden voranschreitende Zone neuer Stadtbildung im von der Reconquista zurückgewonnenen und oft recht entvölkerten Frontraum, den Extremaduras des 11. Jahrhunderts, allerdings auch mit einigen in Resten überlebenden alten Städten versehen wie Salamanca, Avila und Segovia, die nun zu Festungsstädten hinter der Front werden, vor allem von Kriegern und Klerikern bewohnt, oder dem 1o85 zurückeroberten Toledo, der alten visigotischen Hauptstadt. Sie alle unterstehen direkt dem König.

 

Der Fluss von Geld und Waren in den christlichen Teil Spaniens geschieht einmal durch den Handel, der mit der nördlichen Pilgerroute einhergeht, denn der Camino de Santiago ist bald auch ein wichtiger Handelsweg - Pilgern ist schließlich nichts anderes als eine religiös verbrämte Frühform des Tourismus und damit eben auch ein Geschäftszweig. Zum zweiten durch den Mittelmeerhandel Barcelonas, der im 11. Jahrhundert erheblich an Volumen zunimmt.

Wichtiger wird aber der Waren- und Geldverkehr mit den unter militärischem Druck zurückweichenden islamischen Kleinfürstentümern. In den 'Epistola Hermanni abbatis S.Martini Tornacensis', also aus Tournai, wird für 1143 deutlich, dass unter den "Pilgern" auch fränkische Händler sind, mit einem königlichen Schutzbrief ausgestattet, der ihnen Handel mit den islamischen Teilen Spaniens gestattet. (L.A. García Moreno in: Frühgeschichte, S.137)

Solcher Handel ist ebenso üblich wie "christliches" Söldnertum für islamische Fürsten gegen sehr viel Gold, am Anfang des 11. Jahrhunderts vom Grafen Ramón Borrell von Barcelona betrieben oder am Ende von Rodrigo Díaz de Vivar ('El Cid'). Man muss dabei immer im Auge behalten, dass Ritterlichkeit im Kern Geldgier und Söldnermentalität ist.

Weiterer Goldtransfer aus dem islamischen in den christlichen Teil findet dann durch Raubzüge christlicher Krieger in islamisches Gebiet und vor allem durch beträchtliche Tributzahlungen islamischer Kleinfürsten statt. Mit diesen Reichtümern können hoher Klerus und hoher weltlicher Adel, in deren Hände er vor allem gelangt, Luxusgüter aus dem islamischen Spanien und dem Orient bezahlen, mit denen sie sich gerne schmücken. Es gibt so wenig wie in den Fürstentümern der Kreuzfahrer so etwas wie einen "cultural clash", sondern eher viel Übereinstimmuing zwischen den Kriegerkasten beider Religionen und vor allem viel Faszination für den größeren Luxus, den islamische Krieger aus ihrer Bevölkerung herauspressen können. Bis tief ins 16. Jahrhundert wird islamischer Luxus als "Kunst" ein Faszinosum für spanische Granden bleiben, nun allerdings weithin sinnentleert, schierer Dekor, wie überhaupt mehr oder weniger alle "Kunst" im entfalteten Kapitalismus.  

 

Konsequenz des Goldtransfers insbesondere seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts  wird die Verbreitung des islamischen Golddinars als Währung zunächst in den neuen Extremaduras und im 12. Jahrhundert dann auch im kastilisch-leonesischen Hinterland, ins Castellano übertragen als maravedi. Auch die Silberdenare, die in Altkatalonien (dem Norden) nun gemünzt werden, sollen nicht zuletzt dem Eintauschen von Waren aus muslimischen Räumen dienen. Kapitalbildung in lateinischen Raum bedient sich so auch noch durch das ganze hohe (und eben auch noch das späte) Mittelalter muselmanischer Reichtümer, in beiden Räumen der produzierenden Bevölkerung abgepresst.

 

****Pilgerorte: Santiago de Compostela****

 

Der Fall Santiago ist ein Musterbeispiel dafür, wie das Zusammenspiel von politischen und wirtschaftlichen mit religiösen Interessen in Zivilisationen funktioniert, und in welchem Maße Propaganda in ihnen das bestimmt, was wir heute mit dem Öffentlichkeit benennen.

 

Im vierten Jahrhundert kommt die Legende auf, die Apostel hätten sich einst aufgeteilt, um die verschiedenen Teile der römischen Welt zu missionieren. Zwei Jahrhundert später verbreitet sich dann, Jakobus der Ältere habe Spanien missioniert, ein reines Phantasieprodukt.

Gegen Ende des achten Jahrhunderts wird als Reaktion auf die Conquista in einem asturischen Hymnus Jakobus/Santiago als Schutzherr und Patron der Hispania angerufen.

 

In der Zeit des asturischen Königs Alfonso II gelingt es Leuten mit Hilfe der "Vision" von einer Eremitage und  durch Lichterscheinungen etwas zu finden, was dann schnell als Jakobusgrab identifiziert wird. Vermutlich errichtet der schon vor 850 eine kleine Kirche über der Stelle. Als 997 Almansor über die Stadt herfällt und sie ziemlich vollständig zerstört, soll das Grab auf ausdrücklichen Befehl verschont geblieben sein.

 

Erst im 11. Jahrhundert ist eine ausführliche Legende dokumentiert, die davon berichtet, wie der Körper des Jakobus, womöglich in Jerusalem getötet, von seinen Gefährten auf ein Boot gebracht wird und auf wundersame Weise an die galizische Küste gelangt und auf mindestens so wundersame in sein Grab.

 

Im 11. Jahrhundert wird die entstehende Stadt reich durch den Pilgerstrom und entwickelt ein sehr wohlhabendes Bürgertum neben der hohen Geistlichkeit, was zu erheblichen Konflikten zwischen beiden führt.

 

Auf dem Weg nach Santiago werden an "prä-urbane Nuklei" (García Moreno) mit Hilfe königlicher Freiheiten und Privilegien burgi angeheftet, die wohl deshalb so heißen, weil an ihrer Entstehung viele franci beteiligt sind. Das können Königsburgen wie Jaca, Pamplona und Nájera sein, königliche Machtzentren wie Estella oder Köster wie Sahagún.

Die Pilger werden auf ihrem Weg privilegiert. Es entstehen Pilgerführer wie das 'Liber Sancti Jacobi' und Pilgerherbergen wie die des Königs in Burgos um 1187. Hochadel versucht mit solchen und anderen Mitteln die Pilger durch ihr Gebiet zu lenken, um am Geldstrom teilzuhaben, - was zu Verzweigungen vom Hauptweg führt. 

 

Der Camino de Santiago ist nicht nur Pilgerweg, sondern zudem Handelsstraße. Eine zweite entsteht vom Zielort über Almería nach Nordafrika. Von Almería gehen kostbare Tuche, Marmor, Leder aus Cordoba, Quecksilber und Safran nach Norden. Und diese Stadt wiederum unterhält Seehandel nach Alexandria bei einem Seeweg von gut zwei Monaten.

 

****León****

 

Die alte Römerstadt, die in der visigotischen Zeit nur geringe Bedeutung hatte, und vom Bischofssitz Astorga an Bedeutung übertroffen wurde, wird erst 856 vom Islam zurückerobert und mit einem Bischof versehen. Anfang des 10. Jahrhunderts wird es Sitz des Königs von Asturien und León. Anders als in Kastilien und Navarra findet in Galizien und Asturien und teilweise selbst in León Monetarisierung erst in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts statt, nicht zuletzt befeuert dann von den Pilgerströmen und dem Gold aus dem Süden. León bleibt aber durch das 11. Jahrhundert eine Stadt, die von Adel und Kirche dominiert wird, was heißt, dass Handel und Handwerk in die grundherrlichen Strukturen eingeordnet bleiben, ganz im Gegensatz zu Barcelona. Am Ende des 11. Jahrhunderts gibt es rund 25 Kirchen und Klöster mit ihren Bauernhöfen und Gärten innerhalb der Mauern. Ein Markt dient wohl zum Verkauf der Produkte der königlichen Güter. Einige "Franken" siedeln sich an, ein vicus francorum entsteht und zwei "Läden" werden erwähnt. Aber das Handwerk bleibt in die grundherrliche Hofwirtschaft eingegliedert, und nur wenige beginnen Ende des Jahrhunderts in ersten Schritten daraus befreit zu werden.

Neben Kröne, Kirche, Kloster und Hochadel tauchen boni homines auf, filii bene natorum mit richterlichen Kompetenzen, eine Stufe niederen Adels wie die kastilischen infanzones.

 

****Burgos****

 

Burgos ist ähnlich wie León eine königliche Hauptstadt, aber wie García Moreno schreibt, eher eine königliche "Pfalz" als eine Stadt, geprägt von der ursprünglich gräflichen Burg und von kirchlichen Einrichtungen (in: Frühgeschichte, S.143). Stadt wird es erst im 13. Jahrhundert.

 

****Frontstädte****

 

In die Neusiedlungen im wüsten (Neu)Land werden die Siedler mit besonderen königlichen Privilegien gelockt, die Gemeindebildung erleichtern. Das schlägt sich dann in den fueros, königlichen Rechtsbriefen nieder, wie sie früh für Logrono, Sepulveda und Miranda del Ebro überliefert sind. Pitz schreibt zwar: „Daher war möglich, dass den spanischen Land- und Stadtgemeinden schon in die Wiege gelegt wurde, was die kommunale Bewegung anderswo erst erkämpfen musste: die genossenschaftliche Rechtspersönlichkeit und Rechtsfähigkeit.“ (S.380). Aber sie bleiben unter einem königlichen dominus villae, normalerweise einem Adeligen, der im 12. Jahrhundert durch den concejo ersetzt werden wird, und einem ebenfalls dem König verpflichteten Richter, dem eigentlichen Stadtherrn. Er leitet militärische Operationen und verteilt die Beute.

 

Diese Frontstädte, die später ihren Charakter verändern, wenn sich die Front weit entfernt hat, bekommen als comunidad de villa y tierra ein größeres Umland zugeordnet, aus dem sie sich ernähren und in das Kapitaleigner dann investieren können. Diese Landeigner, zugleich die Krieger, gewinnen bald das Übergewicht über menestrales und Kaufleute und entwickeln sich in den nächsten Jahrhunderten zum niederen kastilischen Stadtadel. Ihm gelten von Anfang an die Privilegien, während den Bewohnern des Umlandes hauptsächlich Verpflichtungen auferlegt werden. Fiskalisch am besten gestellt wird, wer mit eigenem Pferd und Waffen in den Kampf ziehen kann.

 

Typisch für viele solche Proto-Städte, sofern sie einen alten Kern und einen Bsichofssitz haben, wird ein ethnisch-religiöses Miteinander in getrennten Stadtviertel für Muslime (mudejars), Christen unter bislang "arabischer" Herrschaft (mozárabes), neu zugezogenen Einwanderern (z.B. franci) und Juden. Solches gilt zum Beispiel für Avila, Salamanca, Toledo.

Wirtschaftliche Basis wird mehr die (transhumante) Viehzucht als der Getreideanbau, und die Mauern der Kerne neuer Städte werden so weit gezogen, dass bei Gefahr nicht nur die Bauern der Gegend, sondern auch das ganze Vieh darin Platz und Weideland findet.

Märte haben hier nur lokale Bedeutung, während der Fernhandel mit luxuriöseren Gütern in den Händen von "Franken" ist (Westfranken, Ostfranken, Italienern)

 

Die alte visigotische Hauptstadt Toledo hatte unter der nordafrikanisch-arabischen Besatzung erheblich zu leiden. Aufstände der Mozaraber im 9. und 10. Jahrhundert wurde mit Strafmaßnahmen begegnet, von denen einer die königliche visigotische Vorstadt zum Beispiel komplett einebnete und in einen islamischen Friedhof verwandelte. Als suburbium blieb am Ende nur Antequeruela übrig und über allem thronte als Zwingburg die Alcazaba. Als die Stadt 1085 übergeben wurde, kamen zu überlebenden Christen und Juden, unter ihnen Handwerker, Händler und Finanziers, nun Kastilier als Militärs und zunehmend auch "Franken".

 

****Barcelona****

 

985 erlebt die Stadt zum letzten Mal erhebliche islamische Zerstörungswut unter Al-Mansur, danach kommt es zum Aufstieg einer Schicht reicher misistrales und Kaufleute etwa gleichzeitig mit Städten in der Poebene. Als Graf Berenger Ramón I. der Stadt und ihren Bürgern 1025 ihre Freiheiten bestätigt, existiert bereits ein Bündnis zwischen beiden Seiten, dass sich dann gegen den Vizegrafen (von Castell Vell) wendet, der aus der Stadt mehr herauspressen möchte. Um 1060 erreicht sein Erbe Raón Berenguer I. im Bündnis mit der städtischen Oberschicht das Niederkämpfen feudaler Kastellane in der Stadt und in ihrem direkten Umfeld, die sich dann in den anderen Orten durchsetzen, wo die payeses als weiter verknechtete Landbevölkerung existieren.

Um den Preis ihrer Hinnahme auf dem Lande kann der Graf den Status eines katalanischen Fürsten erreichen, den er in Zusammenhang mit der bürgerlichen Oberschicht auszubauen sucht. Es entstehen Märkte wie der bischöfliche von Vic oder Stadtkerne wie der von Cardona und Bau und Ausbau von Wegen für den Handel über Land mit Occitanien und dem muslimischen Süden.

 

Die handwerkliche Produktion nimmt erheblich zu (Waffen, Lederwaren, Tücher und vieles andere), aber insbesondere der Goldzufluss aus dem muslimischen Raum fördert den Handel. Anfang des 11. Jahrhunderts entsteht ein neuer Hafen mit seinem Stadtviertel. Ramón Berenguer I. lässt eine erste Schiffswerft errichten, 1113 scheitert dann ein erster Versuch, Mallorca zu erobern. 1127 schließen Ramón Berenguer III. und der Genueser Konsul Caffaro ein Handesabkommen. Nach 1070 beginnt ein Bauboom mit dem Neubau vieler Stadthäuser und einem zweiten Marktplatz.

Rund um Barcelona entstehen neue Stadtkerne wie Sarrià und Pedralbes, angelehnt an kirchliche Institutionen. Die städtische Oberschicht beginnt, Land um die Stadt aufzukaufen.

 

Die 1068 vom Grafen verkündeten usatges erklären neben einem Gottesfrieden (vermutlich) Bewegungsfreiheit der Bürger, Rechtssicherheit, eine eigene Finanzverwaltung und eigene Steuern.