ANMERKUNGEN 3 ZU EINNISTUNG

  

 

Anmerkung 1: Johannes, Sohn des adeligen Gualbert, ist noch kein eigentlicher Reform-Theoretiker. Ähnlich wie der später heilige Galgano und ein paar andere junge Ritter führt ein Bekehrungserlebnis dazu, dass er das Kriegs“handwerk“ aufgibt und beginnt, nach Heiligkeit zu suchen. Er wird Mönch in San Miniato oberhalb von Florenz.

Als er sich gegen den simonistischen Abt Uberto seines Klosters entscheidet, formuliert er aus radikal-asketischer Grundhaltung heraus Ansprüche an Mönche und Klerus. Sich nicht in ein hohes geistliches Amt einzukaufen, heißt schließlich auch, die geistlich-religiöse Würdigkeit gegenüber der Zahlungskraft in den Vordergrund zu schieben.

Nachdem er sich mit dem Stadteremiten Teuzo beraten hat, tritt er auf dem Wochenmarkt auf und fordert von den Anwesenden, sich gegen Uberto und Bischof Hatto zu wenden. Deren Zorn richtet sich gegen ihn, und er muss aus Florenz fliehen.

 

Der nach persönlicher Heiligkeit Strebende irrt durch die Lande, landet kurz bei den Camaldulensern und trifft dann im Vallombrosa-Tal auf mehrere asketisch lebende Eremiten, Mönche von San Salvatore auf dem Settimo. Mit Sta Maria entsteht eine radikale klösterliche Gemeinschaft, welche bald die Arbeit außerhalb der Klostermauern Konversen, Laienbrüdern anvertraut, um sich selbst ganz frommem Streben hinzugeben.

 

Kurz nach 1060 gibt es bereits mehrere Vallombrosanerklöster rund um Florenz.

Bischof Hatto war 1044 gestorben, und sein Nachfolger Gerhard wird 1059 zum Papst Nikolaus II. 1061 tritt Petrus Mezzabarba das Amt in Florenz an. Um ihn gibt es schnell Gerüchte, er sei durch Geldzahlungen ins Amt gekommen. Darauf schüren die Vallombrosaner auf öffentlichen Versammlungen die Angst der Leute, dass sie auf wertlose Sakramente angewiesen seien.

 

Es kommt zu neuen schweren Konflikten mit dem für simonistisch erachteten Florentiner Bischof, in die Hildebrand, Archidiakon unter Papst Alexander II., eingreift. Ein frommes Leben und Streben nach Heiligkeit wird zum großen Politikum. 1068 besteht ein Vallombrosanermönch erfolgreich eine Feuerprobe und der Bischof muss fliehen.

 

Kurz nach dem Tod des Johannes 1073 wird das Papst Gregor VII. die Vallombrosaner dann deutlich für sich in Anspruch nehmen: Täglich sollt ihr an Hand der heiligen Schriften darüber nachdenken, wie die Scheinbeweise der Irrlehrer widerlegt und die Glaubenswahrheiten der heiligen Kirche verteidigt werden können gegen alle Teufelsbrut, die gegenwärtig mit mancherlei Machenschaften das Christentum zu vernichten sucht. (…) Nicht allein euer vorbildlicher Lebenswandel soll den Ruhm eures geistlichen Vaters verkündigen, sondern auch das Gott wohlgefällige Leben aller, die rings um euch im ganzen Lande wohnen. (in diesem Deutsch in: WGoez, S.87f)

 

Was der Papst hier für ein besonders radikales Kloster fordert, betreiben bereits Leute wie Humbert und Damiani für den Klerus – das Theoretisieren einer verallgemeinerten gemäßigten Askese. Es geht nicht um eine neue Missionierung der Laien, jedenfalls nicht vorrangig, sondern um das, was einige Historiker als „Monastisierung des Klerus“ bezeichnen, also ein fast mönchisches Leben des Klerus ohne Klausur im engeren Sinne bei Seelsorge für die Laien. Was der Klerus dabei den Laien predigt, soll er wie das Kloster durch ein vorbildliches (apostolisches) Leben vorgeben. Den Weg dahin hatte Hildebrand schon als Legat des Papstes begleitet.

 

1086 sorgt Mathilde von Tuszien dafür, dass ein Vallombrosaner-Mönch Bischof von Pistoia wird. In Lucca gelingt es den Vallombrosanern allerdings nicht, den dortigen kaiserlichen Bischof zu vertreiben.

 

Anmerkung 2: Abt Odilo, wie seine Vorgänger aus dem Hochadel, wird wieder vom alten Abt kooptiert und dann 994 "gewählt", wobei die Großen von Burgund hinzugezogen werden. Das Kloster gerät in die Adelsfehden, wird beraubt und beteiligt sich an der Gottesfriedensbewegung, die auch in einer Reformbewegung für die Weltkirche mündet. Selbst Äbte und Bischöfe unterlassen Reisen wegen derzeit zu großer Unsicherheit.

 

Der Machtbereich von Cluny wächst und wächst. 998 sollen ihm 38 Klöster gehören, Mitte des 11. Jahrhunderts sind es etwa 70. Immer mehr kleinere Klöster kommen noch hinzu, die als Priorate von Cluny aus verwaltet werden. Immer wertvollere Geschenke aus Silber und Gold, mit Edelsteinen besetzt, gehen an das Mutterkloster. Mit Cluny zwei entsteht eine viel größere Abtei.

 

Unter dem sechsten Abt Hugo von Sémur (1049-1109) gewinnt Cluny seine größte Machtfülle. Aus einer reichen und mächtigen Adelsfamilie im südlichen Burgund, wird er mit etwa 13/14 Jahren Novize in Cluny, ist mit 25 Jahren Großprior dort und 1048 Nachfolger des verstorbenen Abtes Odilo. Er wird das Amt sechzig Jahre lang ausüben. Dabei ist er viel in diplomatischer Mission unterwegs, vermittelt sogar zwischen Heinrich IV. und dem Papst. Schließlich legt er den Grundstein für Cluny III, bald dann die größte Kirche des Abendlandes.

 

Unter Abt Hugo leben etwa 400 Mönche oder mehr in Cluny. Bei seinem Tod 1109 umfasst der Machtbereich von Cluny fast 1500 Abteien und Priorate, davon 14 Abteien und 74 Priorate ihm direkt unterstellt. Priorate übernehmen wiederum die Führung von Unterprioraten, die allerdings oft Hausklöster adeliger Familien sind, die versuchen, weiter in "ihr" Kloster hinein zu regieren.

Der Abt von Cluny ist einer der mächtigsten Herren mit seinen Vasallen, Zinsbauern und Domänen, ganz legal nur dem Papst untertan, der weit weg ist. Und wie ein Fürst greift er immer mehr in die große europäische Politik ein.

Seine Cluniascensis ecclesia ist die Gesamtheit der von hier kontrollierten und reformierten Klöster. 

Clunys Macht verhilft ihm zur Emanzipation von weltlichem Einfluss und hat insofern ein wenig Vorläufer-Funktion für das, was dann in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts als Kirchenreform auftritt, ohne aber in dieser Zeit einseitig Partei für die gregorianischen Reformen zu ergreifen.

 

Anmerkung 3: Contendebat denique mater mea ecclesiasticis me beneficiis quoquo pacto inserere. Eine solche "canonica", quam praebendam nominant, sollte jemandem abgepresst werden, der beim ritterlichen Bruder des Guibert Schulden hat, aber gegen kanonisches Recht über so etwas verfügt (quae ejus ditioni contra scita canonum subjacebat. De vita sua, I,7)

 

Anmerkung 4: Jungfräuliche und büßende Marien und andere weibliche Heilige sind die idealen Frauenbilder, mit denen viele der Reformer schon in jungen Jahren konfrontiert werden. Für viele von ihnen ist jene Sozialisation typisch, die wir bei Hildebrand/Gregor aufgrund ausgiebiger Forschung etwas kennen: Noch als Kinder kommen sie ins Kloster oder an Domschulen, Hildebrand wohl in den Lateran, steigen im klerikalen oder im monastischen Milieu auf und sind so von der 'Welt' lebenslang weithin abgeschlossen. Studienmaterial sind für sie vor allem die Bibel und überhaupt geistliche Texte.

Damiani beginnt in jungen Jahren geistliche Studien, Humbert, dann als Kardinal von Silva Candida bekannt, wird als Kind (als "Oblate") mit etwa neun Jahren ins Kloster Moyenmoutier geschickt, wo er unter den Einfluss des Reformers Wilhelm von Volpiano gerät. Johannes Gualbertus tritt als Jugendlicher San Miniato bei, um dann Gründer von Vallombrosa zu werden. Sie sind dabei nicht nur isoliert von den üblichen Lebenserfahrungen weltlich Heranwachsender und auf religiöse Themen fixiert, sie wachsen auch in eine (geistliche) Herrenwelt mit ihrer Verachtung für körperliche Arbeit und oft für die, die sie betreiben, hinein.

 

Wir erfahren bei keinem von ihnen vom Erleben der Pubertät und dem Umgang mit der eigenen Triebhaftigkeit, wesentlicher Aspekt des Erwachsenwerdens. Wir wissen, dass die Masse der Kleriker damals entweder (unerlaubt) verheiratet ist, oft Kinder hat, oder wenigstens mit Konkubinen zusammenlebt. Dagegen steht die gewiss selten leicht errungene sexuelle Enthaltsamkeit derer, die nicht zuletzt auch darin jene Reinheit sehen, aus der Heiligkeit entspringt. Das Aufrechterhalten dieser Enthaltsamkeit, castitas, Keuschheit im Sinne des frühen Mittelalters, ist sicherlich der zentrale Aspekt christlicher Askese.

 

Gregor VII. gehört wie einige andere Reformer in hohen klerikalen Ämtern selbst wohl nicht zu den extremen Asketen, sondern zu jenen Kanonikern, die strengere Regulierung verlangen, weswegen er wohl auch von seinen Gegnern als „falscher Mönch“ bezeichnet wird, einer, der mönchische Tugenden auf den Klerus übertragen möchte. Überhaupt verlangen die Reformer keine individuellen Höchstleistungen über das Maß der offiziellen priesterlichen askesis hinaus, die wohl schwer genug zu tragen ist.

 

Was sie von ihren Vorgängern unterscheidet, ist, dass sie nun durchgehaltene Askese (Heiligkeit) als Berechtigung zu massiven Eingriffen in die Struktur der Kirche ansehen, auch wenn sie das so nicht formulieren, und zudem, dass sie genau das mit theoretischen Texten untermauern, also sich nicht mehr mit dem eigenen persönlichen Ausleben von Frömmigkeit bescheiden. Was sie dazu bringt, lässt sich nur vermuten.

 

Anmerkung 5: Nur drei deutsche Bischöfe trauen sich überhaupt, diese Beschlüsse in ihren Diözesen zu verkünden. Der Bischof von Passau wäre vom Klerus beinahe gelyncht worden und wird anschließend vertrieben. Tausende Mitglieder des niedrigen Klerus nördlich der Alpen vor allem protestieren gegen die neuen Gesetze. Aber ganz langsam beginnen die Laien einen manchmal nicht einmal sich selbst eingestandenen, unterschwelligen Antiklerikalismus gegen ihre Priester zu wenden, indem sie es ablehnen, zur Messe zu erscheinen, wenn diese „unrein“ sind. Unterwerfung verlangt zunehmend Hoheit bzw. Heiligkeit bei denen, denen man sich zu unterwerfen bereit ist.

 

Anmerkung 6: Als Erzbischof Siegfried von Mainz 1075 die Papst-Order seinen Bischöfen bekanntgab, schreibt Lampert:

Der Erzbischof von Mainz 1075 muss einen päpstlichen Brief verlesen lassen, in dem befohlen wurde, sämtliche Priester seiner Diözese zu zwingen, entweder sofort ihren Ehefrauen zu entsagen oder für immer auf den Altardienst (und damit ihren Einkünfte) zu verzichten.  Als er das aber tun wollte, sprangen die zahlreich anwesenden Geistlichen auf, protestierten so heftig mit Worten und tobten mit Fäusten und drohenden Gebärden des ganzen Körpers dermaßen gegen ihn, dass er schon die Hoffnung aufgab, heil von der Synode fortzukommen. So ließ er sich endlich durch diesen Widerstand überwältigen und beschloss, sich in Zukunft mit dieser Frage nicht mehr zu befassen und es dem Papst zu überlassen, eine Sache, deren er sich schon so oft ohne Erfolg angenommen hatte, selber von sich aus zu erledigen...(Annales zu 1075)

 

Unübersehbar ist, dass sich der Mönch Lampert nicht ablehnend zur Ablehnung des Zölibates durch die Weltgeistlichen äußert. "Engel" sind für den Mönch am ehesten noch Mönche. Außerdem ist Keuschheit überhaupt und das Zölibat insbesondere ein hoher Anspruch, den Menschen in der Erwartung der unmittelbaren Wiederkunft Jesu entwickelt hatten, und der sich in den fast tausend folgenden Jahren als unrealistisch erwiesen hatte: Man hatte sich längst auf Erden eingerichtet.

Keller erwähnt 3600 Pfarrer, die sich in der Diözese des Bischofs von Konstanz versammelten, "und gemeinsam beschlossen, an der Priesterehe festzuhalten." (Begrenzung, S. 159)

 

1089 werden dann aber auf einer Synode in Melfi auch die untersten geweihten Kleriker, die Subdiakone, falls verheiratet, wenigstens theoretisch förmlich aus dem Amt gestoßen. Sollten sie sich nicht daran halten, sollten ihre Frauen den jeweiligen Landesherren als Hörige zugesprochen werden.

Wenige Jahre vor der Eheschließung von Abaelard mit Heloysa verfügt Ivo von Chartres für Paris, dass ein Kanoniker bei Verheiratung seine Pfründe verlieren soll, wobei die Ehe allerdings ihre Gültigkeit behält. (Clanchy, Abaelard, S.248)

 

Anmerkung 7: Danach darf niemandem mehr sein Lehen ohne ein Gericht der Lehnsinhaber auf gleicher Ebene entzogen werden und auch die „Afterlehen“ werden erblich. 

Dabei geht es vor allem um die Befriedung des Verhältnisses zwischen Kapitanen und Valvassoren, welches verrechtlicht und so der kriegerischen Konfliktlösung entzogen werden soll. Damit stellt sich der Vorgang der sogenannten Feudalisierung zum ersten Mal als legaler Zustand dar, ein verrechtlichtes „Lehnswesen“ entwickelt sich und strahlt dann auch in den Norden aus. Die Verbindung von Leihe und persönlicher Verpflichtung erhält nun auch Rechtsstatus.

Bei Wipo heißt das: Die Lehnsleute konnte er völlig für sich gewinnen durch sein Verbot, einem Nachfahren die überkommenen Lehen seiner Ahnen zu entziehen. (cap. 6)

 

Anmerkung 8: In den in den Gesta des Anselm von Lüttich wiedergegebenen Worten, die der ansonsten kaisertreue Bischof Wazo von Lüttich gesagt haben soll, wird das deutlich:

Der Kaiser aber (…) sagte: Aber ich bin in gleicher Weise mit heiligem Öl gesalbt, und mir ist deshalb Befehlsgewalt vor allen anderen gegeben. Der Bischof meinte nun umgekehrt – durch den Wahrheitseifer und die Glut der Gerechtigkeit erhitzt – den anderen durch Worte von derselben Art kurz belehren zu müssen. Er sagte: Eine andere ist sie und weit von der priesterlichen unterschieden, diese Eure Weihe, die ihr da für euch in Anspruch nehmt, weil ihr ja schließlich durch diese zum Töten, wir aber auf Geheiß Gottes zum Lebendigmachen gesalbt worden sind; daraus ergibt sich der Schluss: um wieviel das Leben stärker ist als der Tod, um soviel besser ist ohne Zweifel unsere Weihe als die Eure. (in Laudage/Schrör,S.47)

 

Anmerkung 9: In seiner Lebensgeschichte wird berichtet, er habe seine Wahl durch den Kaiser Heinrich III. für ungenügend gehalten und darauf bestanden, erst dann römischer Bischof sein zu wollen, wenn er durch Klerus und Volk von Rom regelgerecht gewählt worden sei.

 

Anmerkung 10: Boshof schreibt, „dass die liturgischen, mit dem päpstlichen Gottesdienst an den Hauptkirchen Roms verknüpften Funktionen der Kardinäle mehr und mehr zurücktreten hinter den Aufgaben der Kirchenpolitik und Kirchenleitung, die drei ordines der Kardinalbischöfe, -presbyter und -diakone zu einem Kollegium zusammenwuchsen, das gleichsam als ein Senat neben den Papst trat und ihm mit seinem gesammelten Sachverstand für die Regierung der Kirche zur Verfügung stand.“ (S.137)

 

Anmerkung 11: Der legendäre Simon Petrus der Evangelien, der Fels, auf den die Kirche gebaut werden sollte, haute einem römischen Soldaten ein Ohr ab, um seinen Herrn und Meister zu verteidigen. Wenn der es schon nicht schaffte, seine Aggressionen zu zügeln, wie dann die Geistlichkeit, die sich später auf ihn beruft. Und in Klöstern ist es schon im frühen Mittelalter nicht ganz anders, wie Ekkehard von St.Gallen aus seinem Kloster erzählt.

 

Lampert von Hersfeld berichtet für das Jahr 1063 davon, wie der noch kindliche Heinrich IV. in Goslar Weihnachten feiert, und sich der Bischof von Hildesheim und der Abt von Fulda mit Fäusten prügeln, als es um den privilegierten Sitzplatz neben dem Erzbischof von Mainz geht. Der Bischof meint, den Platz des Abtes einnehmen zu dürfen, weil der Ruhm seines Reichtums den seiner Vorgänger weit übertraf. Eine nicht sehr spirituelle Begründung, wenn sie denn so stimmt.

 

Als der kleine König dann, wiederum in Goslar, Pfingsten feiert, ist Schlimmeres bereits vorprogrammiert.

Denn der Bischof von Hildesheim, der die damals erlittene Zurücksetzung nicht vergessen hatte, hatte den Grafen Ekbert  (von Braunschweig) mit kampfbereiten Kriegern hinter dem Altar verborgen. Als diese nun den Lärm der sich streitenden Männer hörten, stürzen sie rasch hervor, schlagen auf die Fuldaer teils mit Fäusten, teils mit Knüppeln ein, werfen sie zu Boden und verjagen die durch den unvermuteten Angriff wie vom Donner Gerührten mühelos aus der Kapelle der Kirche. Sofort rufen diese zu den Waffen. Die Fuldaer, die Waffen zur Hand hatten, scharen sich zu einem Haufen zusammen, brechen in die Kirche ein, und inmitten des Chores und der psalmodierenden Mönche kommt es zum Handgemenge. Man kämpft jetzt nicht nur mit Knüppeln, sondern auch mit Schwertern. (...) Auf Gottes Altären werden grausige Opfer abgeschlachtet, durch die Kirche rinnen allenthalben Ströme von Blut, vergossen nicht wie ehedem durch vorgeschriebenen Religionsbrauch, sondern durch feindliche Grausamkeit.

 

Laut Lampert wäre es dem Abt schlecht gegangen, wenn er nicht die Anwesenden reichlich bestochen hätte, aber immer da, wo den Autor die Freude am Erzählen packt, muss man besonders vorsichtig sein, denn er schmückt dann gerne aus, übertreibt und ergreift wenig unauffällig Partei.

 

War das nun typisch oder untypisch für mönchische und welt-geistliche Herren? Die überlieferten Quellen geben dazu zu wenig für Verallgemeinerungen her. Lampert zumindest erscheint das Ganze wohl frevelhaft, aber nicht völlig ungewöhnlich. 

 

Das Ganze hat bei Lampert ein Nachspiel. Die jüngeren Mönche in Fulda sind empört darüber, dass ihr Abt, und das nicht nur wegen Goslar, das Geld der frommen Spender für seine Zwecke verplempere. Bei Lampert wird ihm sogar Gewalttätigkeit (violentia) vorgeworfen und sie marschieren unerlaubterweise zum König, um sich über ihn zu beschweren, was nunmehr Lamperts Ordnungssinn wiederum ebenso wie den Abt selbst und seine Lehensleute empört.

Sie ließen einen Priester und einen Diakon unter den Mönchen öffentlich mit Ruten auspeitschen und geschoren aus dem Kloster verstoßen. Die übrigen schickte er (der Abt) nach schwerer Geißelung in Nachbarklöster, den einen hierhin, den anderen dorthin. Über die einzelnen wurden jedoch nicht nach dem Maße ihrer Schuld, sondern je nach ihrer hohen oder niederen Herkunft mildere oder strengere Strafen verhängt.

 

Anmerkung 12: Damiani befürwortet die Regulierung der Kanoniker. Aber für ihn ist das übliche benediktinische Mönchtum kein Leitbild. Als Abt von Fonte Avellana lobt er nur „die in Einzelzellen klösterlich lebenden Eremiten, die durch ständiges Fasten bei Wasser und Brot, ständiges Beten, Schweigen und Selbstgeißelung“ den harten Weg gehen (Blumenthal, S.118). Diese Einstellung wird er auch als Bischof von Ostia nicht ändern.

 

Anmerkung 13: Fazit vieler Handlungen Heinrichs in den Annalen von Niederaltaich für 1072:

Seit langem schon hatte der König begonnen, alle Mächtigen zu verachten, dagegen die Geringeren durch Reichtümer und Hilfen emporzuheben, und nach dem Rat der Letzeren verwaltete er, was zu verwalten war. Von den Vornehmen aber ließ er selten einen zu seinen geheimen Angelegenheiten zu. Und weil vieles gegen die Ordnung geschah, entzogen sich die Bischöfe, die Herzöge und andere Große des Reiches den Angelegenheiten des Königs. (in: Althoff(2), S.153)

 

Anmerkung 14: Wie der Alltag mit diesen Burgen aussah, beschreibt Lampert für 1073:

Da diese nicht ausreichend Lebensmittel hatten, erlaubte ihnen der König, sich aus den benachbarten Dörfern und Feldern wie in Feindesland Beute zu holen. Die Bewohner der Gegend wurden gezwungen, die Burgen selbst aufzubauen, das Baumaterial herbeizuschaffen und persönlich wie Knechte im Schweiße ihres Angesichts Dienste zu leisten (...) Die Burgbesatzungen machten täglich Ausfälle, raubten alles, was sie in den Dörfern und auf den Feldern vorfanden, trieben unerträglich hohe Abgaben und Steuern von Wäldern und Feldern ein und beschlagnahmten häufig, angeblich als Zehnt, ganze Viehherden. (Annales)

 

Anmerkung 15: Papst Alexander war unerwartet verstorben. Bei den Trauerfeierlichkeiten hörte man erste Stimmen, Hildebrand solle Papst werden. Als die Trauernden dann an San Pietro in Vincoli vorbeizogen, scheint, von einem Kardinal so inszeniert, ein Tumult ausgebrochen zu sein, in dem diese Stimmen immer lauter werden. Man begibt sich in die Kirche und erhebt Hildebrand zum Papst. Dieser hält es nicht für nötig, seine Wahl beim römisch/deutschen König bestätigen zu lassen. Zunächst aber scheinen König und Papst noch miteinander auszukommen.

Nicht beteiligt ist der Kaiser und wohl nicht anwesend sind aber ganz offensichtlich auch die inzwischen vorgeschriebenen Kardinalbischöfe, die der pro-gregorianische Bonizo von Sutri dann als quasi nachträglich zustimmende im 'Liber ad amicum' noch einfügt. Mag sein, dass Hildebrand auch deswegen zunächst gezögert hat, die Wahl anzunehmen, und nicht nur aus einem Bescheidenheits-Ritual heraus.

 

Anmerkung 16: Nie vorher waren Glaube und Macht so sehr zu einer einheitlichen Vorstellung verschmolzen wie mit ihm. Dabei ist „Glauben“ als eine "höhere" Art des Wissens gemeint. Man weiß, was einst im „Heiligen Land“ geschehen war, man weiß, was römische Rechtgläubigkeit ist, es steht schließlich alles geschrieben. Man weiß, dass es einen dreifaltigen Gott gibt, und was er möchte, denn das ist von vorneherein festgelegt worden. Glaube ist so nie die Entscheidung für eigene Überzeugungen, sondern die Unterwerfung unter die von anderen.

 

Glaube ist der Besitz ewiger Wahrheit, ein für nicht so Gläubige beunruhigendes, weil bedrohliches Phänomen. Gregor wiederholt den Satz nordafrikanischer Kirchenväter, Christus habe gesagt, er sei die veritas, Wahrheit, und nicht die consuetudo, Gewohnheit. Und dieser Besitz der Wahrheit ist über Petrus auf den römischen Bischofsstuhl gelangt, von wo aus sie unerbittlich zu verbreiten ist. Da die Wahrheit göttlicher Offenbarung entspringt, erlöst sie als Selbstverständlichkeit von den Mühen des Verstehens. Das Wahre ist danach wahr, weil es vom Inhaber der Wahrheit verkündet wird. Insofern kann Gregor VII. die als „fromm“ bezeichnen, die den von ihm selbst vertretenen korrekten Glauben haben. Gemeint ist dabei aber im Kern die korrekte Auffassung von Kirche.

 

Der Besitz von Wahrheit verhindert einen Diskurs, der mehr ist als schiere Überzeugungsarbeit. Die jüdische, christliche und islamische Offenbarungs- und Schriftreligion sind so von vorneherein von Denkverboten und der Tendenz zur Unduldsamkeit geprägt. Diese nehmen im 11. Jahrhundert im Christentum noch zu, als sich aus der Auflösung der spät- bzw. nachantiken Welt und ihrer folgenden Beunruhigung neue Strukturen und Ordnungssysteme abzeichnen, für die auch ein neuartiger Adel und die Städte mit ihrem Wirtschaften stehen. Klosterreform beginnt in Burgund und dann Lothringen, zu Reform von Kloster und Kirche kommt es in der Nordhälfte Italiens, wo die Entwicklungen am weitesten fortgeschritten sind. Und Italien wird zum Schwerpunkt des Interesses Gregors, so wie sich auch der Konflikt mit Heinrich IV. um Mailand entzünden wird.

Die Verengung des Weltbildes besonders in Italien muss auch etwas mit dem Aufstieg der Städte zu tun haben, die, immer noch unter bischöflicher Kontrolle, etwas verwirrend Neues in der kirchlichen und klösterlichen Welt darstellen, die auf heute so genannter Grundherrschaft, also auf Landbewirtschaftung unter der Bedingung abhängiger Produzenten beruht. Bewusste Reflektion findet offenbar nicht statt, aber die Welt beginnt sich schneller zu verändern, was sicher zumindest in Italien Verunsicherung hervorruft. Dazu gehört eine komplexere Schichtung der städtischen und im Gefolge sogar der ländlichen Bevölkerung.

 

Geoffenbarte Schriftreligion und Recht haben die Unduldsamkeit gemeinsam, sobald sie allgemeine Geltung beanspruchen. Sie werden verkündet und verlangen Unterwerfung. Es ist kein Zufall, dass Juden und Christen den Kern der Offenbarung ihres Gottes als Gesetz bezeichnen. Und ebenfalls ist es kein Zufall, dass über Gottesfrieden und Landfrieden mitten im Investiturstreit situative Rechtsetzungen für den Einzelfall sich zu einer allgemeinen Gesetzgebung zu entwickeln beginnen.

 

Es ist die Stadtsässigkeit der Bischöfe, die mit der Wiederherstellung eines umfangreicheren städtischen Lebens im 10./11. Jahrhundert Verrechtlichung wieder vorantreibt, wozu auch gehört, dass an den Kathedralen, von denen die Reform verlangen wird, dass sie überall Schulen einrichten, Vorstellungen eines geschriebenen Rechts für die großen familiae der Bischöfe auftauchen. Leider sind dafür aus den Anfängen nur wenige Dokumente wie das „Hofrecht“ Bischof Burchards von Worms überliefert.

Schulbildung, Verrechtlichung und Dogmatisierung wandern dabei von den Klöstern langsam zu den Bischofskirchen, in denen sich auch eine neue, an Aristoteles orientierte Art des Philosophierens niederzulassen beginnt, was dann in frühen Universitäten als universitates der Gelehrsamkeit sich zusammenschließen wird. (siehe Großkapitel 'Intellektualität')

 

Verrechtlichung tendiert zur Schwarz-Weiß-Malerei, zu rechtens und unrecht ohne Grautöne dazwischen. Recht bildet nicht lebendige Wirklichkeit ab, sondern nur die darin enthaltenen Machtverhältnisse. Das aber hat sie mit geoffenbartem Glauben gemeinsam.

 

Die Klarheit neuen rechtlichen und philosophischen Denkens führt aber auch im religiösen Raum zu einer Klarheit, die früheren Pragmatismus nur mehr als Verlotterung und Korruption begreifen kann. Als Religion, die im Zentrum nicht (nur) den Kult, sondern vor allem die heiligen Schriften hat, ist das Christentum für eine solche Wendung besonders geeignet – Schriftreligionen fördern eine Form von Gelehrsamkeit, die von Gewissheiten ausgeht.

 

Umgekehrt übrigens werden auch die Gegner Gregors genau solche Rechtsargumente aufgreifen, wenn sie ihm zum Beispiel vorwerfen, dass er gegen Recht (ius) verstoße und seine Wahl criminosa gewesen sei (Wormser Schreiben der Bischöfe von 1076). Und so kann der dem König feindselige Lampert von Hersfeld dann umgekehrt für 1077 in seinen Annalen auch schreiben: (…) crimina (…) se cognitore et iudice presidente responderet (…), der König möge also unter päpstlichem Vorsitz als Rechtsbeistand und Richter den Anschuldigungen von Verbrechen entgegentreten. Die Klarheit des Rechtes und die dogmatischen Setzungen der Kirche finden zueinander. Die neuen Formen von Staatlichkeit werden darin ein Vorbild finden

 

Vielfach beruhen die Begründungen für die Kirchenreformen, die sich immer auffälliger um einen Legalismus auf der Basis von Dekretsammlungen bemühen, dem sich parallel die von Verfassungen eines Lehnssystems und der Verrechtlichung von Stadtbürgertum anschließen, im kirchlichen Raum auf zum Teil schon altbewährten kirchlichen Fälschungen, also gefälschten Dokumenten. Dazu gehörte das lange Zeit nicht sehr ernst genommene 'Constitutum Constantini', welches eine Übertragung zumindest großer Teile Italiens samt kaiserlicher Macht und Insignien durch Kaiser Konstantin an die Päpste behauptete. Darauf begründet Reformpapst Nikolaus II. denn auch seine Einkleidung nicht nur mit der Mitra, sondern ebenfalls mit dem mit Edelsteinen besetzten Diadem (Tiara), einer Art kaiserlicher Krone. Besonders gehören dazu aber die heute so genannten pseudoisidorischen Texte. Sie entstammen einer westfränkischen kirchlichen Fälscherwerkstatt des 9. Jahrhunderts und sind voller mehr oder weniger erfundener Konzilsbeschlüsse und päpstlicher Dekrete, königlicher Verfügungen und ähnlichem.

 

Gut und böse tauchen spätestens unter Gregor VII. als richterliches richtig und falsch auf, von ihm als universalem Richter dann in unschuldig und - vor allem - schuldig (culpabilis) transformiert. Und so fällt er dann Urteilssprüche (sententiae) über jeden und alles, als ob er unentwegt einem Gericht vorsitzen würde, und dient, wie er immer wiederholt, der Gerechtigkeit (iustitia), ein Begriff, der sich im Übergang von einer ethischen zu einer neuartig juristischen Bedeutung befindet und zudem noch mit der von Gregor ebenfalls geschätzten aequitas korrespondiert.

 

Dabei ist Gregor VII. (und selbst Urban II.) noch ein Wegbereiter, denn es wird mit dem Offenbarungscharakter seiner Rede erst der Weg in den Rekurs auf das Recht gebahnt: Recht versteckt die Macht der Person hinter dem allgemein gültigen Text, und geoffenbarte Wahrheit macht genau dasselbe. Mit ihr wird neuartigem Recht erst der Weg gebahnt. Deshalb finden bis in die Zeit der großen Übereinkünfte zwischen Papstkirche und Herrschern die kirchlichen Rechtssammlungen auch noch nicht auf Geheiß der Päpste statt, sondern aufgrund persönlicher Initiativen vor Ort. (Fuhrmann in: Investiturstreit, S. 175ff)

 

Auch wenn das Sprechen von Päpsten ex cathedra erst viel später als unfehlbar dogmatisiert wird, bei Gregor VII. ist es bereits als subjektive Überzeugung voll ausgebildet. Damit ist am Ende jede Verständigung hin zu einem Kompromiss ausgeschlossen. Daran wird er denn auch persönlich scheitern.

 

Das schiebt bestimmte Persönlichkeits- bzw. Charaktertypen nach oben in die Öffentlichkeit, und der Aufstieg Hildebrands entlang mehrerer Reformpäpste ist dafür mustergültig. Die damaligen Reformforderungen und Reformansätze hatten Verwirrung hervorgerufen, weil sie Konflikte produzierten. Als eine schwer rekonstruierbare Menge aus Klerikern und Laien Hildebrand „tumultuarisch“ zu Gregor VII. machten, hoffte sie wohl auf die von ihm persönlich vertretene Klarheit, die zugleich als Vereinfachung verstanden wird.

Man muss aber hinzufügen, dass die dogmatische Unduldsamkeit eines Gregor nicht ausschließt, dass er sich in jenem Verhandeln übt, welches Überzeugen und Überredung vor allem meinte. Soweit kann er geduldig mit Herrschern und Bischöfen umgehen, was aber immer zeitlich begrenzt bleibt. Spätestens wenn die dritte Ermahnung nichts fruchtet, ist es mit der Geduld vorbei. Reformpäpste wissen alle, dass die Welt und die Menschen nicht ganz schnell nach dem Evangelium, den Kirchenvätern und Kirchendoktrinen ausgerichtet werden können.

 

Die ausgesprochen römische Erhebung des neuen Papstes mag auch mit der Hoffnung verbunden gewesen sein, Rom, von dessen zentraler Bedeutung der „Römer“ Hildebrand zutiefst überzeugt ist, wieder aufzuwerten in der Konkurrenz mit Städten wie Venedig, Pisa oder Genua.

Diese Identifikation mit Rom und seinem Reich wird nicht nur Gregor VII. beflügeln, sie ist in römischen Kreisen offenbar immer lebendig geblieben, auch wenn es sich im frühen Mittelalter bei Rom um eine flächenmäßig große, aber bevölkerungsarme Ruinenstadt handelt.

 

Anmerkung 17: In solchen Äußerungen definiert Gregor weltliche Herrschaft neu und „modern“. Er nimmt ihnen ein Stück ihres sakralen Nimbus, gibt ihnen dann dafür aber einen „zivilen“ Auftrag, der sich direkt an Forderungen der Friedensbewegungen der ersten Hälfte des Jahrhunderts anschließt: Mehr Herstellung von Frieden und Schutz der Schwachen. Insbesondere Urban II. wird ihm darin folgen. Das wird besonders deutlich, wenn Gregor gegenüber dem entstehenden Frankreich, der ehemaligen Gallia, Anarchie, Fehdewesen und insgesamt kriminelle Verhältnisse anprangert. Das Ganze gipfelt in einem Schreiben an die Erzbischöfe in Frankreich, in welchem dem König dort die Ausplünderung von Kaufleuten durch ungerechtfertigte Abgaben als Räuberei vorgeworfen wird (Blumenthal, S.295).

 

Anmerkung 18: Was hier für heutige Ohren unerhört großmäulig klingt, wie auch Gregors Bibelzitat Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich, oder 1075, dass Widerspruch gegen ihn als Sünde aufzufassen sei, war mehr oder weniger schon durch seine Vorgänger und die übrigen Reformer vorbereitet worden.

 

Anmerkung 19: Wenn Bischof Wazo tatsächlich seine Unterordnung des Laienstandes öffentlich so ausgesprochen hatte (s.o.), nahm er doch noch für sich in Anspruch, selbständig Lehrmeinung zu verkünden.

 

Man muss sich das Bild solcher Bischöfe einmal anschauen, die nun reformiert werden sollen. In der Vita des Paderborner Bischofs Meinwerk heißt es im 11. Kapitel, dass er als Nachfolger von Bischof Rethar 1009

sowohl durch die große Vornehmheit seiner adeligen Herkunft als auch durch die Fülle seiner Besitzungen und zeitlichen Möglichkeiten geeignet schien.

 

1061 schreibt der Bamberger Schulmeister Meinhard einen Brief an seinen Bischof Gunther, in dem er ihm vorwirft, "dass er sich lieber Heldensagen von Attila und Dietrich von Bern anhöre, statt Augustinus oder Gregor den Großen zu lesen." (Haug in: Heinzle, S.378) Nicht nur, dass der Kirchenherr gerne in eher heidnische Wertewelten eintaucht, er scheint sich (zumindest hier) auch lieber vortragen zu lassen als selbst zu lesen.

Der zweite Erzbischof Anno von Köln, der 1075 stirbt, versorgt als Reichsverweser sein Adelsgeschlecht fleißig mit Bischofs- und Erzbischofssitzen. Adam von Bremen schreibt beschönigend über Adalbert:

Er beförderte seine Freunde und Kapelläne, damit sie wieder anderen, Schwächeren, helfen könnten (...) und sie wetteiferten, ihrem Gönner bei seinen Unternehmungen Hilfe und Ansehen zu geben. (in: Althoff(5), S.80)

Was heute Korruption heißt, was damals eher normal und wird eher positiv bewertet.

 

Es handelt sich eben in der Regel um typische adelige Herren. Noch kurz nach 1100 erwähnt Guibert von Nogent in seiner 'De vita sua' einen Bischof Gaudericus von Laon, welcher: De rebus nempe militaribus, canibus et accipitribus loqui gratum habuerat, quod apud Anglos didicerat. (III,4) Also: Es machte ihm Vergnügen, über militärische Angelegenheiten, Hunde und Falken zu sprechen, was er unter den Engländern gelernt hatte. Anders gesagt: Religiöse Themen bewegten ihn weniger.

 

Lampert von Hersfeld schreibt in seinen Annalen (für 1065) über den oben schon erwähnten Bischof Gunther von Bamberg, der in diesem Jahr stirbt in blühendem und zum Genuss irdischer Freuden besonders tauglichem Alter.

Er ist der, der sich außer durch seinen rühmenswerten Lebenswandel (irdische Freuden?) und den Reichtum seiner Seele auch durch körperliche Vorzüge auszeichnete. Er stammte aus einem der vornehmsten Geschlechter des Hofes (was heißt, er war von vorneherein schwerreich) und hatte außer seinem Bistum außerordentlich reiche Besitzungen (privatis possesionibus affluentissimus), er war gewandt in Rede und Rat, bewandert in göttlichen und weltlichen Schriften. An Wuchs, Schönheit der Gestalt (statura et formae elegantia) und Makellosigkeit des ganzen Körpers übertraf er die Sterblichen in so hohem Maße, dass während der (seiner) Reise nach Jerusalem die Leute aus Stadt und Land herbeiströmten, um ihn anzuschauen... Bemerkenswert für einen Bischof noch, dass er sich auch gegen Menschen niedersten Standes leutselig und umgänglich zeigte. Letzteres scheint vielleicht nicht üblich, wenn auch für Lampert löblich gewesen zu sein, da es extra erwähnt wird. 

 

Wenn Lampert einen hohen Kirchenherrn loben möchte, dann spielt oft sein edles Äußeres eine gewichtige Rolle, wie auch bei dem die Kirchenreform fördernden Erzbischof Anno von Köln:

Er zeichnete sich aber außer durch Geistesgaben und Sittenreinheit auch durch körperliche Vorzüge aus: er war von hohem schlankem Wuchs, sein Antlitz war schön, er war redegewandt und im Ertragen von Nachtwachen und Fasten äußerst ausdauernd, kurz, er war zum Ausführen aller guter Werke mit natürlichen Gaben reich ausgestattet. (Annales zu 1075)

 

Umgekehrt wird ein Bischofskandidat, der Lampert missfällt, wie der königliche Kandidat für die Nachfolge Annos, anhand von sehr äußerlichen Kriterien mies gemacht:

Die Wähler widersetzten sich dem mit aller Kraft, indem sie gegen ihn einwandten, er sei ein kleines Männlein mit einem abstoßenden Gesicht und von niedriger Herkunft und habe weder an geistigen noch an körperlichen Vorzügen irgendetwas aufzuweisen, was ihn eines so hohen geistlichen Amtes würdig machte. (s.o.)

 

Der bischöfliche Widerstand gegen Kirchenreformen sinkt dann in dem Moment, wo sich immer mehr weltliche Herren gegen Könige und Kaiser stellen, mögen Gründe dabei auch zum Teil wenig religiös motiviert sein. Die Bischöfe verlieren so ihre Verbündeten und einen Orientierungspunkt.

 

Der Mönch Lampert von Hersfeld entwickelt in seinen Annalen eine leidenschaftliche Ablehnung gegen bestimmte Personen, die seine Aufmerksamkeit besonders erregen. Dazu gehört ein Mainzer Vizedominus Hermann, der mit dem hochgelobten Bischof Gunther von Bamberg zu den heiligen Städten in Palästina gepilgert war, und der nach dem Tod desselben eine unermessliche Summe Silber und Gold aufwendet, um sich dort 1065 in das Bischofsamt einzukaufen. Ein wenig löblicher, aber durchaus üblicher Vorgang.

Wohl aus interessierten Bamberger Kreisen heraus deshalb beim Reform-Papst Nikolaus denunziert, wird er von diesem um 1070 nach Rom vorgeladen, um sich zu rechtfertigen. Was Lampert nun erzählt, lässt sich nicht anderweitig verifizieren:

Da gab er dem Papst viele kostbare Geschenke, und dadurch wandelte er dessen wilden Zorn gegen ihn in solche Milde, dass er, von dem man geglaubt hatte, er würde nicht ohne Beeinträchtigung seiner Ehre (honor) und seiner Amts-Würde (gradus) davonkommen, nicht nur Straflosigkeit für das ihm vorgeworfene Verbrechen (crimen) erlangte, sondern auch das Pallium und einige andere erzbischöfliche Abzeichen vom apostolischen Stuhl als Segen empfing.

 

Es geht um Heiligkeit und institutionalisierte Macht und es geht um Gerüchte wie dieses, die die Öffentlichkeit so lebhaft prägen wie heute. Simonie wird hier also – wenn die Nachricht denn stimmt - durch Bestechung geheilt. Das Erstreben von Heiligkeit aber wird im Zuge der Kirchenreform immer wieder neu und anders graduell definiert: Da sind ganz oben die reformierten Mönche, die sich selbst über den nichtreformierten ansiedeln. Da sind andererseits die reformierten Klerikerkollegien, die mönchsähnlich zusammenleben, und die Papst Gregor VII. besonders hoch schätzen wird, da sie der Kirche mehr nützen als die Mönche, die ohnehin der Heiligung der Welt weniger zugetan sind als ihrer eigenen.

 

Auf der anderen Seite sind Bischöfe aber dem hohen Adel gleichrangige und ihm oft entstammende Herren, die auch weltliche Macht ausüben und ganz weltliche Einkünfte erzielen. Von Erzbischof Anno von Köln ist zur gleichen Zeit bekannt, wie er versucht, eine geschlossenere, ansatzweise territoriale Herrschaft über reformierte Priesterkollegien und insbesondere Reformklöster zu erlangen, die er selbst einrichtet.

 

Vom Bamberger Bischof Hermann berichtet Lampert aber nun Folgendes:

Der hatte in Bamberg außerhalb der Mauern eine Kirche zu Ehren des heiligen Jakob auf eigene Kosten erbaut und dort eine Kongregation von fünfundzwanzig Chorherren gegründet, die sich durch Gelehrsamkeit, Sittenreinheit und strengen kanonischen Wandel auszeichneten, und er hatte sie ausreichend mit allem bedacht, was sie zu Nahrung und Kleidung benötigten.

 

Der Bischof handelt also wie ein mächtiger und eigenmächtiger adeliger Herr, der sich eine Eigenkirche errichtet. Er, der offiziell als Kleriker eigentumslos ist, verwendet das Geld der Kirche nach eigenes Ermessen – eben wie sein Eigentum, aber hier eben auch zum Lobe Gottes und um sich eine weitere Machtbasis zu schaffen.

Als nun der Leiter dieses Kanonikerstiftes stirbt, vertreibt er die Kleriker und übergab das Stift mit allen seinen Einkünften dem Abt Ekbert von St.Michael, der dort ein Mönchskloster einrichten sollte (…) weil er an der Reinheit des mönchischen Lebens Gefallen fand...

 

Ob diese Begründung zutrifft, wissen wir heute nicht, erstaunlich aber ist, dass der Mönch Lampert diesem Simonisten solche frommen Absichten zutraut. Aber jede geistliche Institution ist auch ein Wirtschaftsunternehmen und eine wirtschaftliche Einrichtung für die Insassen.

Also sind die vertriebenen Chorherren empört darüber, dass ihnen die kirchliche Pfründe, die ihnen den Lebensunterhalt sicherte, ohne Grund entzogen wurde, und dass der Bischof unter Hintansetzung ihres Standes den Mönchsstand so ausschließlich bevorzugte.

 

Die Debatten in der Reformkirche haben also inzwischen - und für damalige Verhältnisse recht schnell – sich in Kämpfen um die Definition erwünschter Heiligkeit und damit in Machtkämpfen niedergeschlagen. Da nun schierer Eigennutz bei geistlichen Zwistigkeiten argumentativ wenig vermag, wird zunächst von den Stiftskollegen auf die rechtliche Seite verwiesen: Der rechtlich vorgeschriebene Weg müsse beim Entzug ihres Lebensunterhaltes eingehalten werden. Was noch interessanter ist: Sie fürchteten, sich von den Laien mit Hohn und Spott begaffen lassen zu müssen, wären sie plötzlich mittellos.

 

Da wird plötzlich etwas deutlich, was bei all den Quellen, die für diese Zeit von neuen Frömmigkeitsbewegungen im „Volk“ sprechen, meist übergangen wird, weil dort kaum erwähnt: Jenseits der Debatten über den korrekten Weg zur Heiligkeit scheint es eine Bevölkerung zumindest in den neuartigen Städten zu geben, die die Gelegenheit nutzen könnte, ohnmächtig gewordenen Geistlichen „mit Hohn und Spott“ zu begegnen. Während derzeit in den Sachsenkriegen Elemente von Vorchristlichem als Antizivilisatorisches durchzubrechen scheinen, dürfte es in den Städten neben dem Ducken unter die Kirche und dem Konformismus bereits deutliche Aversionen gegen diese geben, die durch die Reformdiskussionen eher noch angeheizt werden. Wenn die einen die anderen abwerten, warum das nicht in allgemeine Verachtung verwandeln?

 

Natürlich bringt das enteignete Klerikerkollegium auch die Simonie und andere schändliche Verbrechen vor, des Bischofs völlig fehlende Bildung, insbesondere aber seine sehr weltlichen Machtinteressen:

...seitdem er zum Verwalter der himmlischen Pfründe eingesetzt sei (der Einnahmen im Bistum) betreibe er das Geld- und Wucherhandwerk, in dem er von klein auf ausgebildet sei, noch viel eifriger, so dass er die Abteien und Kirchen seiner Diözese, die er schändlich erworben habe, aufs schändlichste verkaufe und der Klerus der Bamberger Kirche, der noch vor kurzem außerordentlich reich gewesen sei (opulentissima) und an allen Gütern reichlich gehabt habe, nunmehr völlig verarmt sei.

 

Geld ist inzwischen auch bei geistlichen Fürsten das wichtigste Mittel, um Ansätze territorialer Herrschaft über die Stadt hinaus zu entwickeln, und darin unterscheidet sich der Bamberger Bischof wohl nicht sehr von anderen.

Lampert erwähnt zu 1075 auch einen Bischof Heinrich von Speyer, der stirbt,

nachdem er schon fast alle Schätze der Speyrer Kirche mit kindischem Leichtsinn verschleudert und ihre Güter seinen Dienstmannen zu Lehen (beneficium) gegeben hatte...

 

Auch beim König dringen die Stiftsherren nicht durch. Aber sie haben offenbar ein schlagenderes Argument:

Das Bistum Bamberg habe nur wenige Klerikerkongregationen und bedürfe daher nicht so sehr der Mönche als der Kleriker, deren Hilfe sich die Leute bei Prozessionen und bei der Unterbringung von Gästen bedienen könnten. Zudem liege die Kirche, die er ja selber erst vor kurzem erbaut habe, an einem verkehrsreichen Platz mitten im Strom der hin- und herziehenden Scharen, von der Bamberger Hauptkirche höchstens dreißig Schritte entfernt, und sei deshalb viel geeigneter für Kleriker als für Mönche.

 

Das Mönchtum, sei es auch in noch so große Heiligkeit hinein reformiert, ist eher eine Sache jener wohlhabenden Herren, die in ihm durch Spenden ihr Seelenheil garantieren wollen, als bislang der Stadtleute. Das wird dann auch bis zu dem Einzug der Bettelmönche so bleiben. Der gemeine Mann in der Stadt aber bedarf für sein Seelenheil des Klerus, genauso wie die Händler und Bauern, die in die Stadt kommen. Denn städtische Frömmigkeit wird durch jene folkloristischen Veranstaltungen aufrechterhalten, in denen für das Volk Christentum fassbar wird.

 

Bischof Hermann wendet sich nun an seinen Vorgesetzten, den Erzbischof Siegfried von Mainz,

...dieser sei ihm doch durch zahlreiche gute Dienste in privaten und öffentlichen Angelegenheiten verpflichtet, er sei Mitwisser und Teilnehmer an allem, was er beim Erwerb und der Verwaltung seines Bischofsamtes getan habe... Der kommt laut Lampert nach Bamberg und ermahnt den Klerus, dass durch dieses Beispiel die übrigen Kleriker der ganzen Welt zur Missachtung ihrer Bischöfe ermutigt würden, und dass diese Pest der Aufsässigkeit und Widerspenstigkeit, von Bamberg ausgehend, den ganzen Leib der Herde des Herrn verseuche. Aber er kann den Bamberger Klerus nicht überzeugen

 

Papst Gregor VII., an den sich die Kleriker ebenfalls wenden, selbst wohl in einem solchen Kleriker-Kollegium erzogen und der Kirchenreform, nicht der Heiligung des Mönchtums in erster Linie verpflichtet, entzieht dem Bischof seine Amtsbefugnisse und verlangt, dass er in ein Kloster gehe, um dort Buße zu tun. Inzwischen hat sich dieser auf den Weg nach Rom gemacht, erfährt aber vor den Toren der Stadt von seiner Absetzung und kehrt um.

Zuhause begibt er sich unter den Schutz seiner Lehnsleute (milites suos), bei denen er sich durch große Freigiebigkeit überaus beliebt und angenommen gemacht hatte. Als er die Befehle des Papstes mitteilte, da widersetzten sich diese heftig und erklärten, es sei höchst schmachvoll und seit Menschengedenken in den gallischen Kirchen (beider Frankenreiche) nicht vorgekommen, dass ein Bischof abgesetzt wurde ohne öffentliche Verhandlung und kanonische Untersuchung ...

 

Diese diktatorische Willkür von Papst Gregor wird dann auch in dieser Zeit zu einem Argument vieler Bischöfe gegen den Reformpapst werden, bis sie die Vorteile solcher Neuerungen entdecken. Der Bischof Hermann aber kann zunächst einmal bei seinen Lehnsleuten „untertauchen“.

Der Papst und der Bamberger Klerus fordern dann im Sommer 1075 vom König, einen neuen Bischof einzusetzen, was dieser auch mit einem Vertreter der königlichen Partei erledigt. Der Klerus ist es zufrieden, während die Lehnsleute des Bischofs weiter empört sind darüber, wie mit ihrem Bischof, und ihrer Ansicht nach widerrechtlich, verfahren worden war.

 

Anmerkung 20: Im Schreiben vom Dezember 1075 heißt es als Begrüßung,

Gregorius episcopus, servus servorum Dei Henrico regi salutem et apostolicam benedictionem, si tamen apostolice sedi, ut christianum decet regi, oboedierit. (Bischof Gregor, Knecht der Knechte Gottes, sendet König Heinrich Gruß und apostolischen Segen, vorausgesetzt, dieser gehorcht dem Papst, wie es einem christlichen König geziemt. (In Laudage/Schrör, S. 104). Und schließlich: Deshalb musst du dich vorsehen, dass in deinen Worten und Botschaften an uns kein willentlicher Ungehorsam sich findet und du (...) nicht uns, sondern dem allmächtigen Gott damit die schuldige Ehrerbietung verweigerst.

 

Anmerkung 21: Der nordfranzösische Adelige Odo (Eudes) von Châtillon an der Marne besucht die Kathedralschule von Reims, wo dann Bruno von Köln sein Lehrer ist. Er wird daselbst Archidiakon, zieht dann über Rom nach Cluny, wo er Prior wird. Schließlich dient er Rom als Legat in Deutschland und Frankreich als Bewunderer Gregors VII.

 

Anmerkung 22: Die Kirche verlangt zwar von ihren Amtsträgern den Verzicht auf eigenhändige Ausübung von Waffengewalt, aber in der Zeit zwischen Antike und 11. Jahrhundert treten nicht wenige Bischöfe hoch zu Pferde und mit dem Schwert in der Hand ihren Feinden entgegen. Sobald Bischöfe praktisch und dann auch von Rechts wegen Grundherren und Stadtherren werden, lassen sie das damit verbundene Gewaltregiment aber auch in ihrem Namen von weltlichen Stellvertretern ausüben.

Seit 1006 gibt es laut Thietmar von Merseburg (VII,47f) am Niederrhein Fehden zwischen zwei Grafengeschlechtern. Als der Führer der einen Partei, der Billunger Graf Wichmann, heimtückisch ermordet wird, ruft der Bischof von Münster seine Leute und benachbarte Mannen auf, diese Dinge zu rächen, belagert mit ihnen eine Burg und verwüstet die Umgebung.

 

Angelsächsische Bischöfe sterben gelegentlich  in der Schlacht, wie 1056 ein Bischof von Hereford  in einer Schlacht gegen Waliser.

 

Links, auf dem Teppich von Bayeux sieht man den Halbbruder Wilhelms des Eroberers, Bischof Odo von Bayeux, zu Pferde und in voller Panzerung in der Schlacht, allerdings nur mit einer Keule in der Hand, was wohl der frommen Nachbereitung des Geschehens geschuldet ist. Laut Wilhelm von Poitiers soll der Papst Alexander II. dem zukünftigen König die Petrusfahne übersandt haben, obwohl das mit tante homicidia (soviel Morden) verbunden ist, wie der Papst selbst schreibt. Bald wird auch der Anführer der inzwischen papsttreuen militanten Mailänder Pataria Erlembald mit der Petersfahne gesegnet. (Blumenthal, S.127/130)

Vor der Schlacht soll Wilhelm bei einer Messe zugegen gewesen sein und sich dann Reliquien um den Hals gelegt haben. Es handelte sich demnach um ein frühes Beispiel eines besonders heiligen Krieges.

 

Bischof Odo führt des öfteren Krieg. 1080, nach der Tötung von Bischof Walcheren in Nord-England, führt er einen Rachefeldzug an:

Er verwüstet das Land zwischen Tees ind Tyne, "indiscriminately killing innocent and guilty alike. Those who had trusted in their innocence were beheaded or had their limbs amputated as if they had been participants in the  murder." (Bates, S.425)

 

Im Buch der Wundergeschichten um die heilige Foy, die in Conques ihr Zuhause hatte, dem 'Liber Miraculorum Sancte Fidis', wird im 11. Jahrhundert ein Mönch Gimon beschrieben:

Die männliche (virilis) Begeisterung in diesem Mann zur Zeit, als er noch in der Welt war, verließ ihn nicht, als er in die Abtei eintrat, aber er wendete sie nun gegen die Übeltäter. Am Kopfteil seines Bettes im Schlafraum hängte er seinen Harnisch auf, seinen Helm, Spieß und Schwert sowie alle anderen Kriegswerkzeuge, so dass sie immer gleich zur Verfügung standen. Außerdem, wenn es zu einem Überfall von Eindringlingen kam, übernahm er selbst die Verteidigung. Er setzte sich an die Spitze einer bewaffneten Truppe, führte sie zum Angriff, stärkte mannhaft den Mut derer, die zitterten, und versprach ihnen oder entschädigte sie mit dem Sieg oder dem Ruhm der Märtyrer. (in Audebert/Treffort, S.111)

 

Das ist vielleicht nicht typisch, aber es ist bezeichnend, dass es für den frommen Autor denkbar ist. Wie kriegerisch die Kirche ist, zeigt sich auch, wenn der

Mönch Lampert von Hersfeld um 1080 in seinen Annalen für das Jahr 1056 schreibt, der bald zum Bischof von Bamberg erhobene Gunther habe eine Vision gehabt:

Gott saß auf dem Throne seiner Herrlichkeit, schwang mit hoch erhobenem Arm ein bloßes Schwert mit großer Wucht und sprach zu den Umstehenden: "Ich will mich rächen an meinen Feinden, und es denen, die mich hassen, vergelten." Dieser Vision folgte unmittelbar ein Sterben unter den Fürsten des Reiches. Und nachdem sich diese Vision erfüllt hatte, sah er wieder den Herrn in derselben Gestalt sitzen, doch hatte er nun das Schwert in die Scheide gesteckt und über seine Knie gelegt und sprach zu den Umstehenden: "Ein Feuer ist entzündet durch meinen Zorn und wird brennen bis in die unterste Hölle."

 

Für die tonale Aggression gegen die Reformgegner möge stellvertretend der geradezu alttestamentarische Bannfluch im Papstwahldekret von 1059 dienen:

Er verliere seinen Besitz und in seiner Hütte sei niemand, der darin wohne. Seine Kinder mögen zu Waisen werden und seine Frau zu einer Witwe. Im Zorne werde er selbst fortgeschickt und seine Kinder sollen betteln gehen und aus ihren Wohnungen herausgeworfen werden. Ein Wucherer möge ihre ganze Habe durchwühlen, und Fremde mögen alle seine Werke zunichte machen. Der Erdkreis kämpfe gegen ihn und alle Elemente seien ihm Feind... (deutsch in Laudage/Schrör, S.71)

Die enorme Aggressivität und Grausamkeit hier gipfelt in ihrer Wendung auch gegen Frau und Kinder des Bösewichts.

 

Wurden bisher bischöfliche und klösterliche Vasallenheere entweder für eigene Machtzwecke oder über ihre Bindungen nach oben in die weltliche Sphäre hinein für deren Machtinteressen genutzt, so kommt es nun zu einer kirchlichen Militanz, die sich in den Dienst der Reformkirche stellt und – wohl nicht ganz ohne Rückblick auf Augustinus - um eine rein religiöse Begründung militärischer Gewalt bemüht: um die Neudefinition des gerechten und dann des heiligen Krieges unter kirchlicher Führung.

Gewalt war zunächst gefordert bei der Durchsetzung mehrerer Reformpäpste in Rom selbst, und offenbar reichte gelegentlich die Macht der sympathisierenden Adelsgeschlechter der Frangipani und Pierleoni nicht aus, so dass der Erzdiakon Hildebrand zum Beispiel Söldnertruppen anwerben und begleiten muss. Als Papst hat er wohl eine eigene kleinere Truppe, die als familiari militia beati Petri einmal in den Quellen auftaucht. (Blumenthal, S.319, Anm.136)

 

Päpste sind auch selbst schon Kriegsherren. Leo IX. begleitet seine Truppen in die Schlacht von Civitate, wo er sie mit Gebeten anfeuert, Nikolaus II. zieht mit einem ihm ergebenen römischen Heer und mit normannischen Truppen gegen den Grafen von Galeria.

Als der Mainzer Erzbischof 1075 nicht rabiat genug gegen Reformgegner in seinen eigenen Reihen vorgeht, schreibt ihm Gregor VII.: Verflucht sei, wer sein Schwert am Blutvergießen hindert. (in Weinfurter, S.114)

Auf einer römischen Synode von 1078 wird das Tragen von Waffen und das Kämpfen von Papst Gregor als Sünde bezeichnet, es sei denn im Auftrag frommer Bischöfe, zur Verteidigung der Gerechtigkeit (in Blumenthal, S.136). Was längst Praxis ist, wird nun noch stärker religiös begründet.

 

Nach der zweiten Absetzung Heinrichs IV., der Aufstellung eines Gegenpapstes und dem erfolgreichen königlichen Kriegszug durch Norditalien wird die Möglichkeit eines direkten Krieges zwischen Papst und Herrscher akut. Gregor versucht, normannische und norditalienische Truppen zur Verfügung zu bekommen, nachdem Mathilde von Tusziens papsttreues Heer geschlagen ist. Als Heinrich vor Rom steht, gelingt es Gregor nicht, Kirchenschätze für die Finanzierung von Söldnern aufzutreiben. Die hohe Geistlichkeit dort verweist darauf, dass sie nur für die Armen verwendet werden dürften. Gregor muss sich in das befestigte Haus der Crescentier zurückziehen und schließlich in die Arme des Normannen Robert Guiskards begeben.

 

Anmerkung 23: Der Beschluss vom Würzburger Reichstag zeigt die neue Kräfteverteilung:

Dies ist der Beschluss, zu dem die Fürsten übereingekommen sind hinsichtlich der Kontroversen zwischen dem Herrn Kaiser und dem Reich. (…) Der Herr Kaiser soll dem päpstlichen Stuhl gehorchen. (dominus imperator apostolice sedi obediat.) Bezüglich des Schadens, den er der Kirche zugefügt hat, wird mit Rat und Hilfe der Fürsten zwischen ihm und dem Herrn Papst ein Ausgleich geschaffen, und der mit dem Papst zu schließende Frieden muss fest und unverbrüchlich sein, so dass der Herr Kaiser erhält, was ihm und dem Reich zugehört, und dass die Kirche und ein jeder das Seine in Ruhe und Frieden besitzen könne. (…) Was das betrifft, dass die Kirche gegen den Kaiser und das Reich wegen der Investitur Klage führt, so werden die Fürsten sich ohne List und ohne Heuchelei bemühen, dass das Reich in dieser Sache seinen honor erhält.