Anfänge 1
Wirklichkeit und Welt
Anfänge 2: Natur und Kultur
Kultur(en)
Menschliche Geschlechtlichkeit
Machtergreifung: Der Übergang zu Zivilisationen
Zivilisation
Die doppelte Zähmung der Aggressionen
Städtische Zivilisationen
Griechisches Kapital ohne Kapitalismus
Das frühe Rom
Kaiserreich
Judentum
Jesus, Apostel und Paulus
Evangelischer Jesus
Frühes Christentum
Das vierte Jahrhundert
Das Ende des westlichen Imperiums
Anfänge 1
Auf der Suche nach den Anfängen des Kapitalismus bin ich zunächst einmal immer früher in einem sogenannten Mittelalter zurückgeschritten, bis ich im 10./11. Jahrhundert innehalten konnte, um dort Voraussetzungen und erste Ansätze zu entdecken. Aber Geschichte ist ein Kontinuum in Zeit und Raum, und sie wird nur verständlich, wenn man sich dabei ein Bild vom Menschen verschafft, welches nicht ansatzweise vollständig sein kann, wenn es nicht von seinen Anfängen her durchdacht und verstanden wird. So kam ich zu den antiken Zivilisationen, und da auch diese nicht verstanden werden können ohne ihre Voraussetzungen in frühen Kulturen, bin ich bei dem gelandet, was von frühen Menschen bislang einigermaßen bekannt ist.
Einen unauflösbaren (gedanklichen) Widerspruch bildet die Tatsache, dass Menschwerdung in den letzten Jahrmillionen eine Sonderentwicklung bedeutet, bei der Menschen einerseits in gewissem Sinne aus der übrigen Natur heraustreten, andererseits als Lebewesen, Säugetiere und "Primaten" ganz in der Naturgeschichte drin bleiben. Dieser Widerspruch wird sich nach und nach im Kapitalismus bis dahin verschärfen, dass Menschen ihre natürlichen Lebensgrundlagen so weit vernichten, dass sie sich womöglich selbst zur Gänze ausrotten.
Gemeinhin wird angenommen, dass der sogenannte homo sapiens um 300 000 begann, sich auf der Erde durchzusetzen. Mit dem aufrechten Gang, der Nutzung des Feuers und dem ausgiebigeren Gebrauch einfacher Steinwerkzeuge beginnt die Zeit, in der frühe Menschen aus der Säugetierwelt der Primaten insoweit heraustreten, als sie ihre Umwelt nach und nach als Gegenstand ihrer gedanklich verarbeiteten Betrachtung wahrnehmen, als Objekt also, welches sich dann auch bildlich darstellen lässt und welches nach Ausbildung spezifischer Sprechorgane und eines entsprechenden Gehirns eben auch sinnlich wahrnehmbare "Wirklichkeit" in versprachlichte Welt verwandelt.
Um das etwas zu verdeutlichen: Umwelt ist hier nicht das vage Wort heutiger Polit-Ideologen, sondern die tatsächlich wahrnehmbare und erfahrbare Umgebung jedes Einzelnen. Wirklichkeit ist die nicht (sprachlich) fixierbare und weithin auch nicht wahrnehmbare stete Veränderung in Raum und Zeit, aus der "alles" besteht. Welt ist im Unterschied dazu das, was Menschen davon bemerken und daraus machen, um sie an die bescheidenen Möglichkeiten ihrer Sinnesorgane und Gehirne zu adaptieren, im Kern nichts anderes als eine sich selbst unentwegt wieder verändernde Illusion mit mehr oder weniger etwas Wirklichkeitsbezug.
Dabei presst Sprache stete Veränderung in das starre und scheinbar zeitlose Korsett von Worten, die jene Stabilität vortäuschen, für die vor allem Namen (Substantive) zuständig sind, dabei nicht zuletzt eben auch durch Substantivierung verdeckte Vorgänge und Eigenschaften.
Instinktive, genetisch tradierte Entscheidungen und solche von anderen abgeschaute können durch reflektierte abgelöst und relativ schnell wiederum tradiert werden. Das ist gravierend neu, und solche Entscheidungen haben eine größere Chance, falsch zu sein, sobald sie - was nun möglich wird - auf Spekulation beruhen. Die lange und langsame Linie der Evolution wird so von zunehmend kürzeren innovativen Einzelentscheidungen durch wenige einflussreiche Menschen abgelöst, deren - allerdings offenbar zunehmend unzulängliches Korrektiv - zunächst Erfahrung bleibt. Das Tempo der Naturgeschichte nimmt entsprechend mit der Menschwerdung zu, - und es wird bis zur Gegenwart immer mehr beschleunigt werden.
Das Offensichtliche also zuerst: Wir sind Lebewesen, Säugetiere und (eigenartig entartete) Primaten, Ergebnisse einer langen Naturgeschichte der Evolution. Das aber ist Kenntnisstand erst seit dem 19. Jahrhundert, von Charles Darwin zum ersten Mal formuliert und dann von Biologen verfeinert, schließlich von Nietzsche und von Freud noch einmal überdacht. Für (gläubige) Juden, Christen und ab dem siebten Jahrhundert auch Muslime sah das bis dahin ganz anders aus: Laut ihnen sind wir Menschen allesamt Geschöpfe eines "Gottes", der mit uns etwas besonderes vorhatte und uns darum ganz von den anderen Lebewesen absonderte, - und uns sogar einen ganzen Schöpfungstag widmete.
Wirklichkeit und Welt
Damit landen wir bereits im Reich der Sprache, welche uns schon alleine deswegen begleiten wird, weil in ihr nicht nur dieser Text stattfindet, sondern auch all das, was ihm als forschendes Denken voraus geht. Dabei stolpert der nicht gläubige Mensch sofort über zwei religiöse Wörter: Gott und Schöpfung. Man kann aber schon länger wissen, dass sich Kosmos und Natur unentwegt aus sich selbst heraus schaffen, - niemand hat sie erschaffen.
Damit landen wir bei einem ersten kritisch zu betrachtenden Phänomen: Es gibt Wörter, Nomen (Namen) als Substantive ohne Substanz, oder besser gesagt solche, die nicht Gegenstand unserer Erfahrung sind, wie es der einzelne Baum, das Haus oder Blitz und Donner ist. Als Erfahrung sei hier das bezeichnet, was spätestens seit dem 18. Jahrhundert definiert wird als Ergebnis wacher sinnlicher Wahrnehmung, die sich in Sprache ausdrückt, die aus vernunftgemäßen Konstruktionen besteht.
Gewiss gab es in der vorchristlichen Antike einige nachdenkliche Griechen und Römer, die damit bereits halbwegs einverstanden gewesen wären - wie zum Beispiel ansatzweise die Skeptiker. Aber die meisten Menschen damals wollten sich wohl nicht mit dem begnügen, was man wissen kann, und erschufen sich eine Welt im Mythos und/oder stopften die Lücken des Nichtwissens mit Erfindungen ihrer Vorstellungskraft. Dazu gehörten Götter und magische Kulte, mit denen man mit ihnen in Verbindung treten kann.
Wissen wiederum kann man zum Beispiel, was mit Lebewesen geschieht, wenn sie gestorben sind. Aber das offenbar unangenehme Wissen um das, was nach dem Tode geschieht, nämlich die Verwesung, wird durch Phantasien über ein Leben danach in einem verschiedenartig ausgemalten Jenseits ersetzt. Eine Menge Wörter sind so Lückenbüßer für Nichtwisssen bzw. Wunschvorstellungen, die gegen unangenehme Tatsachen immunisieren sollen. Sprachgeleitetes (Nach)Denken hat alle Chancen, in Unheil zu führen.
Mit Judentum, Christentum und später dem Islam kommt etwas neues dazu: Es gibt nur noch einen Gott und sein Volk sind die, die jeweils daran glauben. Dieser Gott repräsentiert nicht mehr wie oft frühere Götter Naturkräfte, und da er nicht mehr aus diesen abgeleitet werden kann, wird in "heiligen Schriften" dargelegt, wie er sich ganz anders offenbart haben soll, was allerdings völlig unüberprüfbar ist. Dafür bietet er nun menschlichen Phantasien von Allmacht, Allwissen, Wahrheit, ewigem Dasein, Grenzenlosigkeit und ähnlichem eine Vorstellungsfläche. Das Christentum und vielleicht etwas auch das Judentum in der Diaspora sind aber ganz offensichtlich Voraussetzungen für die Entstehung von Kapitalismus. Anderswo wird er nur übernommen werden.
Menschen neigen also dazu, sich nicht mit dem abfinden zu wollen, was sie jeweils wissen können, sondern sich zusätzlich Vorstellungen zu machen, die man allerdings nur glauben kann, die also unüberprüfbar sind. Und genau deshalb, weil sie eigentlich haltlos sind, wird Glaube trotzig mit viel größerer Emotionalität bis des öfteren hin zu brutaler Aggressivität vertreten als immer neu zu überprüfendes Wissen. Das gilt seit dem späten 18. Jahrhundert auch dort, wo Religion durch politische Glaubenssätze ersetzt wird.
Um das zu verstehen, ist es nützlich, zwischen Wirklichkeit und Welt zu unterscheiden, was einige wenige Nachdenkliche im Wesentlichen schon in der Antike konnten. Wir definieren dabei Wirklichkeit, die aus dem Tatigkeitswort Wirken, also aus Bewegung abgeleitet ist, als Bewegung in Zeit und Raum, und Welt als das, was wir aus davon Wahrgenommenem machen, indem wir es in Sprache fixieren. Welt enthält dabei meist jede Menge sehr unwirklicher Bestandteile aus Betrug und Selbstbetrug, die auszusondern sich (auch) dieser Text hier zur Aufgabe macht. Darüber hinaus ist sie für jeden etwas zumindest ein wenig verschiedenes, da keine zwei Menschen (genau) dasselbe wahrnehmen bzw. sich vorstellen und zudem etwas mehr oder weniger verschiedenes daraus machen, nur die Sprache vermittelt die Illusion, dass es so sei. Ihr ist also grundsätzlich im Bereich von Wissenschaft mit einem gewissen Misstrauen zu begegnen.
Damit taugt gleich das Wort Realität für unsere Untersuchungen nicht, da diese auf Dingen, res, beruhen möchte, uns also Wirklichkeit als eine Summe von fixen Gegenständen vorgaukelt, und die stete Veränderung von allem leugnet. Das ist Kern der Falle, in die uns oft Sprache führt, deren historische Kernbestandteile Namen sind, die wir nicht selten fiktiven Gegenständen geben - und dabei sogar zu Dingen substantivieren, was (tatsächlich) Tätigkeiten sind, Aktivitäten: Liebe, Arbeit, Gerechtigkeit und vieles mehr. In diesen Schein-Substantiven verliert die Wirklichkeit aber leicht ihre Substanz und wird dann zum Gegenstand schierer Geschwätzigkeit.
Wir Menschen brauchen für unseren Alltag die Illusion von Stabilität und konstruieren uns so eine uns gemäße Welt, die wir in Sprache festzuschreiben versuchen. Wir konstruieren diese Welt also mit den beschränkten Mitteln der Sprache, die sie auch entsprechend einschränken. Das erste Besondere an uns Menschen gegenüber den anderen Lebewesen ist dabei, dass wir als Sprachbegabte nicht mehr imstande sind, das, was uns die Sinne von Wirklichkeit jeweils vermitteln, einfach hinzunehmen: Wir sehen uns genötigt, ständig etwas daraus zu machen. Sprache ist darum nicht nur eine Errungenschaft der Evolution, sondern zugleich auch ein massiver Unheilsfaktor, wie die Geschichte der Menschen immer wieder zeigt. Ihm wenigstens entgegen zu wirken kann nur gelingen, wenn sie im Nachdenken immer wieder kritisch hinterfragt wird. Wir definieren hier kritisch-wissenschaftliche Geschichtsschreibung als eine, die zwischen schieren Vorstellungen und dem, was man einigermaßen begründet wissen kann, deutlich unterscheidet.
Religion und jede andere Form von Gläubigkeit sind emotional aufgeladen, um interesse-geleiteten Illusionen den Anschein von Wirklichkeit zu geben, jene, die als Wahrheit etikettiert wird. Darum wird Glaube aus seiner spezifischen Schwäche heraus tendenziell alles tun, um kritisches Hinterfragen zu unterdrücken und oft auch zu verfolgen. Als eine solche Religion entpuppt sich die christliche spätestens, seitdem sie sich unter Kaiser Konstantin mit der Macht verbündet hat und dabei selbst als Kirche eine solche wird. Im Besitz absolut gesetzter Wahrheiten, mit denen sich die kirchlichen Machtorgane bewaffnen, verfolgt sie nun bald nicht nur "Abweichler", sondern auch die ganze kultische Konkurrenz.
Dabei wird aus der eigenen Entscheidung für die christliche Religion und Kirche eine, die mehr und mehr Menschen auch, zum Teil mit brutaler Gewalt, aufgezwungen wird. Da den Menschen dann die Möglichkeit, jenseits von kirchlicher Propaganda Welt zu konstruieren, offiziell genommen ist, und es jedenfalls bequemer ist, darüber auch gar nicht mehr nachzudenken, wird der jeweilige Glaube solange Bestand haben wie die Macht, die sich daraus begründet. Dasselbe gilt mindestens auch für Judentum und islam und Inhalte diverser heutiger Polit-Propaganda als Religionsersatz.
Apropos Wissen: Es beruht auf Kennenlernen und fasst darum keine ewigen Wahrheiten, sondern vorübergehende Erkenntnis, die durch immer neue Kenntnisse überholt wird. Damit ist auch alle Welt, mag sie auf Urteilen beruhen, die aus Kennenlernen resultieren, was also immer im eigentlichen Sinne Vorurteil vor einem revidierenden Urteil bedeutet, Ideologie, sobald sie geglaubt wird, - so wie selbst der moderne Glaube an (oft nur behauptete) Wissenschaftlichkeit auch nur Ersatzreligion bedeutet.
Apropos Wahrheit: Dies Wort taucht gemeinhin dort auf, wo es um Glaubenssachen geht, die entsprechend emphatisch vertreten werden. Das alleine schon sollte in uns Misstrauen auslösen. Die Etymologen führen dies Wort auf einen Grundbestand zurück, der den Bedeutungsraum von Vertrauen, Treue und Zustimmung umfasste, also den reiner Subjektivität. Das ist im englischen true noch enthalten. Wahrheit ist subjektiv, und so benötigen wir sie auch zur Bewältigung unseres Alltags, wo sie aber objektiviert wird, wird sie zum Macht- und Kampfmittel.
Erfahrungsgemäß wird das Wort Wahrheit vor allem dort eingesetzt, wo es - oft - um unbewusstes Lügen, aber nicht selten auch um die ganz bewusste Lüge geht. In letzterem Fall hat es wenigstens einen rechtlichen Aspekt. Da es in unserem Text nicht um Wahrheit, sondern um versuchsweise Annäherungen an vergangene Wirklichkeit gehen soll, kann das Wort hier nicht nützlich sein.
Anfänge 2: Natur und Kultur
Der Konstruktion von Welt nicht zuletzt auch als Gemeinschaftsprojekt dient neben den Sprechorganen auch das große und immer komplexere Gehirn, welches eine verfrühte Geburt und entsprechend lange Hilflosigkeit des Kindes und damit die besondere Bedeutung von Familie und Verwandtschaft bedingt. Mit dem Fehlen einer erkennbaren Brunftzeit und unter anderem den meist dauernd gerundeten Brüsten der sexuell reifen Frau beginnt zudem eine stärkere Entkoppelung des Geschlechtstriebes von der schieren Fortpflanzung, die Menschen wohl erst mit Pflanzen- und Tierzucht etwas besser zu verstehen beginnen.
In diesem Vorgang der Menschwerdung, in dem Menschen immer mehr Welt konstruieren, die nicht nur Objekt ihrer Wahrnehmung, sondern auch Raum ihrer Machtentfaltung wird, wie beim Sammeln und Erjagen von Nahrung und der Auseinandersetzung von Männern um die attraktivsten Frauen (usw.), entsteht Kultur als die aus Erfahrung geborene, jeweils optimale gemeinschaftliche Lebensform mitsamt einer Welt aus Vorstellungen, die dazu passen.
Das Besondere an diesen menschlichen Vorstellungen ist, dass im Laufe der Zeit wohl immer häufiger solche auftauchen, die keine Entsprechung in der Wirklichkeit bzw. ihrer Erfahrung haben, und die manchmal schiere Wunschgebilde sind, wie die Vorstellung, dass der Tod nicht endgültig sei, oder dass unverständliche Kräfte, die in der Natur oder auch der unbelebten Wirklichkeit existieren, in gewissem Sinne zu Gesprächspartnern von Menschen gemacht werden könnten, für die sich dann am Ende Experten zuständig erklären. Wohl mit ihrer Hilfe und in ihrem Interesse werden dann solche "Naturkräfte" manchmal zu - modern ausgedrückt - Göttern, Geistern oder Dämonen personalisiert, was am Ende dazu führen kann, dass damit eine (zweite) "Welt" des Überirdischen, Übernatürlichen entsteht. Man sieht daran, welche einschneidende Rolle (menschliche) Sprache spielt.
Nachdem sie nun schon einmal benutzt wurden, sollen nun auch die Begriffe Natur und Kultur geklärt, also recht eigentlich erst zu Begriffen gemacht werden, nachdem sie schon sehr lange, und auch bei Historikern, sehr unklar bleiben. Jedenfalls sollen sie einer flachen Schwatzhaftigkeit entzogen werden.
Die lateinische natura hängt mit dem Verb nasci zusammen, welches den Bedeutungsraum von "gebären" und "geboren werden" einnimmt, und entsprechend soll es hier die Sphäre aller Lebewesen umfassen, die des Lebens und des Lebendigen also. Im Interesse einer gewissen Klarheit ist also der Raum des Leblosen, mag er auch wie Vulkane oder Meereswogen viel Bewegung vorzeigen, nicht Natur, was alle die behaupten, die alles nicht Menschengemachte unter Natur einordnen möchten und dem Begriff so jede Klarheit nehmen. Schon gar nicht soll Natur im Jargon einer schon im Mittelalter zunehmenden und die Gegenwart heute überschwemmenden Eigentlichkeit ein "Eigentliches" oder "Wesen" von etwas benennen. Etwas kann keine Natur haben, sondern nur solche sein.
Die lateinische cultura gehört mit dem Verb colere zusammen, welches den pfleglichen menschlichen Umgang mit etwas und wohl ursprünglich den mit der Umwelt meint, wie beispielsweise in der Agrikultur. Hier sei er als Vorgang der Menschwerdung bis in die Zeit der Produktion von Nahrungsmitteln hinein und zugleich als Vielfalt von dabei sich entwickelnden Kulturen (im Plural!) definiert: Kultur ist hier so, anders als seit langem behauptet, nicht der Konsumsphäre, sondern eher der produktiven eines (eigentlich) pfleglichen Umgangs mit der Natur zugeordnet, und dazu gehört auch der Bereich der menschlichen Fortpflanzung. In diesem Sinne werden mit den demnächst zu definierenden Zivilisationen, also institutionalisierten Machtstrukturen, Kulturen zerstört. Genau dieser Vorgang aber lässt sich ohne klare Definitionen überhaupt nicht erfassen.
Kulturen sollen also als sich aus Erfahrung selbst gemeinschaftlich definierende Lebensformen verstanden werden, und gewiss nicht als die (oft legitimatorischen) Amüsierwelten kleiner privilegierter Kreise, die gerne dabei seit Jahrhunderten mit dem Wort Kultur diesen Bereich aufzuwerten versuchen, - und es ist schon gar nicht der Sektor eines (post)industriell gefertigten konsumistischen Massenamüsements.
Wie alle Lebewesen erlebt sich auch der Mensch in Ernährung und Fortpflanzung notgedrungen als Getriebener, und Kultur entsteht in dem Maße, indem es Menschen gelingt, aus dann auch tradierter Erfahrung Gemeinschaften zu bilden, also gemeinschaftlich Ernährung zu bewältigen und Geschlechtlichkeit zu regulieren, - und zwar anders als die übrigen Primaten. Dabei gehen sie vom schieren Getriebensein zur bewussten Gestaltung über.
Schon in Kulturen und auch später in Zivilisationen können dabei auch Gesellschaften entstehen, in denen sich Menschen aber nur zu einzelnen spezifischen Zwecken versammeln, wie z.B. die Gesellschaften von Adoleszenten in (inzwischen zerstörten) Südseekulturen oder wie die Bruderschaften und Zünfte des hohen und späteren Mittelalters. Hingegen macht es keinen Sinn, die Untertanen-Massen von Zivilisationen als Gesellschaften zu bezeichnen, da diese sich nicht zueinander gesellen, sondern erst von Machthabern durch Unterwerfung geschaffen werden, was etwas deutlich anderes ist.
Kultur(en)
Kultur ist zunächst einmal die Leistung, unter den jeweiligen naturräumlichen Bedingungen jene Ambivalenz möglichst erfolgreich zu bestehen, die sich daraus ergibt, einmal der Natur immer bewusster gegenüber zu treten und zugleich ein Teil von ihr zu bleiben. Das ist ein gutes Stück weit ein Widersinn, dem auch nur ein wenig zu entkommen nicht einfach ist.
Der Natur treten Menschen dabei sprachlich und in Bildern gegenüber und beginnen so, Welt zu konstruieren, wobei wohl auch unbelebte Welt manchmal wie Natur belebt gesehen wird, eben weil auch diese in einem steten Prozess des Werdens und Vergehens begriffen ist. Dabei bleibt ein Teil der Menschen zunächst weiter in der Situation von wenig ortsgebundenen Jägern und Sammlern und unterscheidet sich in manchem noch nur wenig von den übrigen Tieren.
Pflanzen kämpfen um ihren Lebensraum und das Überleben ihrer Art, Tiere fressen Pflanzen und andere Tiere und konkurrieren dabei. Soweit unterscheiden sich Menschen nicht davon, ihre Kulturen bestehen aus Überlebenskampf und zumindest nach innen im Erfolgsfall einigermaßen gezähmter Aggression. Wenn sich das bald in Zivilisationen verschärfen wird, ist das aber kein Grund, Kulturen zu idealisieren, wie seit den "edlen Wilden" des 18. Jahrhunderts gelegentlich geschehen.
Das Wort Aggression leitet sich vom lateinischen aggredi, also u.a. angreifen, ab, kann aber auch anderes wie zum Beispiel "eine Sache anpacken" bedeuten. Hier soll es das bewusste oder implizite Durchsetzen eines eigenen Nutzens zum Nachteil eines anderen bedeuten und ist soweit ein Aspekt alles Lebendigen und zudem der, welcher die Evolution vorantreibt. Offensichtliche Aggression fällt immer dann kurz einmal aus, wenn gerade keine Konkurrenz besteht bzw. die Machtverhältnisse kurzfristig stabil geregelt sind.
Beim Menschen kann man insbesondere zwischen verbaler und ("physisch") gewaltsamer Aggression unterscheiden, und über das Individuelle hinaus geht das häufige gemeinsame aggressive Verhalten und die verabredete Intrige, die Hinterhältigkeit.
Aggression kann "kaltblütig" geplant sein oder aber impulsiv/situativ zustande kommen. Sie entspricht dem Geschlechtstrieb, denn beide bauen sich auf, werden ausgelebt und erschöpfen sich dabei für eine gewisse Zeitspanne, bis die entsprechende Energie wieder aufgebaut wird. Die Evolution in der lebendigen Natur ist selbst mit dem Überleben der am besten an die jeweilige Situation Angepassten ein aggressiver Konkurrenzkampf, und auch insofern ist der Mensch ein Teil von ihr.
Es ist die Leistung Sigmund Freuds, als erster den konstruktiven Umgang des Menschen mit dieser seiner aggressiven Natur, ihre immer wieder neue Zähmung, als seine wesentliche Kulturleistung verstanden zu haben. Kultur entsteht aus Kultivierung und ist kein Gegenstand, sondern ein Vorgang.
Ein Teil der Menschheit beginnt in einigen Gegenden der Welt wie im fruchtbaren Halbmond mit Gartenbau, Ackerbau und Viehzucht und tritt in der Züchtung von Pflanzen und Tieren nicht nur deren Geschlechtlichkeit bewusster gegenüber, sondern darüber auch der eigenen.
Dabei ist Gemeinschaftsbildung das Wesen der Entstehung von Kultur. Das geschieht über die Regulierung von geschlechtlicher Triebhaftigkeit und übriger Aggressivität in Formen von Ehe, Familie und Verwandtschaft, über die dann auch noch Formen ideeller Verwandtschaft gesetzt werden, wie sie manchmal als Clan oder Stamm bezeichnet werden.
Garten- und Ackerbau kann dort, wo die Fruchtbarkeit von Böden schnell erschöpft ist, weiter ortsungebunden stattfinden, aber andererseits auch dort Sesshaftigkeit fördern, wo man Anbau und Brache geschickt wechseln kann. Immer neue Werkzeuge werden entwickelt.
Der Eingriff in die Natur ist schon bald erheblich: Domestizierte Kulturpflanzen verdrängen am mittleren Euphrat die Wildpflanzenarten, aus denen sie hervorgingen, und neue Wildformen von Kulturpflanzen verändern das alte Ökosystem zum Beispiel am mittleren Euphrat (Scharl, S.17)
An manchen Stellen bereiten sich Kulturen dabei dann durch eine gewisse Überproduktion, welche sich darüber entstehende Machthaber aneignen können, ihr eigenes Grab.
In dieser extrem schematisierenden kurzen Darstellung lässt sich immerhin zusammenfassen, dass Kulturen auf (gemeinsamer) Sprache, darüber vermittelbarer Erfahrung und mit ihr auf Tradition beruhen.
Dabei ist Kultur immer ein gemeinsamer Vorgang der Auseinandersetzung mit Natur, in dem sich Gemeinschaft bildet. Diese wird ab einem gewissen Punkt durch Kulte zusammen gehalten, in denen sich der Stand dieser Auseinandersetzung abbildet.
Zugleich kann man davon sprechen, dass miteinander verwandte bzw. ähnliche Gemeinschaften im weiteren Sinne einer Kultur angehören. Bei dieser Benennung sollte nie vergessen werden, dass diese immer weiter ein unentwegter Vorgang ist, der dabei nicht dinglich reduziert werden darf.
Wenn wir Kultur als Vorgang der Vergemeinschaftung von Menschen verstehen, dann kommen da viele Dinge zusammen. Zu den wichtigen gehört die Vergrößerung des Gehirns nach der Nutzbarmachung des Feuers und dem dadurch ergiebigeren Fleischkonsum, verbunden mit der langsamen Verbesserung von Waffen und (vor allem auch gemeinschaftlichen) Jagdtechniken, zudem die aus der wachsenden Kopfgröße notwendig werdende Verfrühung der Geburt mit der Notwendigkeit längerer Versorgung der Kinder durch Entwicklung von Ehe und Familie samt Verwandtschaft, die Entwicklung eines Sprachzentrums im Gehirn in Verbindung mit entsprechenden Sprachorganen samt der so möglichen Menschen-spezifischen Konstruktion von Welt - und vieles mehr.
Die Stärke aller Kulturen besteht darin, dass sie keine Schrift kennen, welche Auseinandersetzung und Tradition durch schriftliche Festsetzung blockiert, wie das dann alle Zivilisationen tun werden. Für den Historiker bedeutet das aber, dass er ganz auf Archäologie und damit massive Spekulation angewiesen ist, also im wesentlichen auf Schlussfolgerungen. Wer aber andererseits die Geschichte der Menschheit auf die kurze Zeit der Zivilisationen reduziert, vermittelt einen völlig falschen Eindruck von ihr.
Die entscheidende Schwäche aller Kulturen gegenüber Zivilisationen besteht bis ins 20. Jahrhundert einmal darin, dass sie diesen waffentechnisch unterlegen und schon dadurch dem Untergang geweiht sind, zum anderen darin, dass sie leicht der Faszination einer von außen eingeführten Warenwelt erliegen, der gegenüber sie sich nicht selten naiv verhalten. Korrumpierend wirken zudem billiger Fusel und andere Drogen und vernichtend oft von Zivilisatoren eingeschleppte Krankheiten. Im Laufe der Geschichte werden so auf vielerlei Weise alle Kulturen von Zivilisationen zerstört werden.
Exkurs: Menschliche Geschlechtlichkeit
Leben bewegt sich in seiner Erhaltung, der
Ernährung vor allem und in seiner Fortpflanzung im Geschlechtstrieb. Beides ist Begehren und zugleich Getriebensein und existiert jenseits irgendeines menschlichen „warum“ und „wozu“. Es ist
einfach da. Sinn taucht in der Natur tatsächlich nur als Richtung, Gerichtetsein auf, in der ursprünglichen Wortbedeutung.
Ernährung und Fortpflanzung sind dabei beide ganz natürlich aggressiv und egozentrisch, zunächst rücksichtsloser Kampf ohne Reflektion, ohne Empathie, gleichgültig gegen alle menschlichen Ansichten. Die wiederum gehören ohnehin nur denen, die – bildlich gesprochen - bei ihrer Menschwerdung bereits sozusagen mit einem Bein aus der von ihnen vorgefundenen Natur bewusstseins-mäßig herausgefallen sind.
Menschwerdung wird dann zunächst mit dem Überhandnehmen des ganzjährigen Geschlechtstriebes befasst sein, mit dem ein reflexiver Verstand aus Überlebensgründen umzugehen hat, wofür sich vor allem wohl eine komplexere Sprache entwickelt.
Wenn die Entstehung der beiden Geschlechter der Fortpflanzung von Lebewesen dient, so koppelt sich der Geschlechtstrieb beim Menschen von diesem Zweck zunehmend ein gutes Stück weit ab: Der aufrechte Gang und die Nacktheit beenden den spezifischen Säugetierblick auf das weibliche Hinterteil, welches zugleich keine saisonal begrenzte Läufigkeit mehr signalisiert; dafür bleibt die weibliche Brust auch dann mehr oder weniger gerundet, wenn sie keine Milch enthält und spenden kann: Sie wird zum allgegenwärtigen sexuellen Signal der gebährfähigen Frau.
Gleichzeitig ruht beim Menschenmann der Geschlechtstrieb nicht mehr über den größten Teil des Jahres, er wird vielmehr nach Maßgabe seiner Potenz fast allzeit-bereit, wie die Menschenfrau auch. Das gespürte Ziel ist die Triebabfuhr, die Entspannung aufgestauter sexueller Energie. Im Unterschied zur Tierwelt werden die Geschlechtsorgane so ausgestattet, dass mit der Triebabfuhr ausgiebigere Lust verbunden wird. Dabei liegen die Momente von Lust und Schmerz entwicklungsgeschichtlich nahe beieinander.
Die zentralen Lustorgane bei Mann und Frau sind fast dieselben, bei beiden geschieht lustvolle Erregung unter anderem in Gestalt des Aufschwellens, wobei der männliche Penis die zur Befruchtung, also zur invasiven Aggression nötige Größe hat, während die weibliche Klitoris nach außen winzig ist, da sie nicht zur Fortpflanzung wie die Scheide, sondern nur noch der weiblichen Lust dient, also der Fortpflanzungsbereitschaft.
Soweit die Biologie und soweit ist heute alles bekannt. Interessanter ist die Vermittlungsarbeit, in der sich Kultur und kultische Traditionen um die Integration einer quasi wildgewordenen Sexualität in sozialverträgliche Zusammenhänge bemühen.
Mit folgendem vor allem hatten sich menschliche Kulturen dabei auseinanderzusetzen:
1. Mit der Formulierung und Durchsetzung einer gewissen Form der Verbindlichkeit zwischen den Geschlechtspartnern wegen des langwierigen Angewiesenseins des Nachwuchses auf Vater und Mutter und offenbar möglichst auch auf Großeltern. Diese Verbindlichkeit funktioniert aber nur unter einem gewissen Ausschluss der dem Menschen ansonsten naturgegebenen Promiskuität, was innere und oft genug dann nach außen bewegte Konflikte mit sich bringt.
Damit findet die Familie ihren ersten Ausgangspunkt. Erweitert wird sie durch die Definition solider Verwandtschaftsbeziehungen. Die erste Kulturleistung des Mannes wird also eine partielle Unterdrückung seines sexuellen Begehrens in dessen weitgehender Orientierung auf die Mutter/Mütter seiner Kinder. Diese Unterdrückung wird notwendig ergänzt durch das Inzesttabu in seinen vielfältigen Ausformungen, welches vermutlich nicht genetischen Einsichten entsprang, sondern vielmehr der Erfahrung, dass Formen des Inzests ein gedeihliches Familienleben und Heranwachsen gefährden. Die periodische Unterdrückung weiblichen Begehrens wird in gewissem Maße auch durch die Dauerhaftigkeit der Mutterschaft gewährleistet.
2. Es gilt sich auseinanderzusetzen mit der aggressiven Natur vor allem des männlichen Geschlechtstriebes, die nicht nur in ihrem invasiven Charakter beim Akt der Fortpflanzung sichtbar wird, sondern ebenso in der Steuerung durch jene Hormone, die auch ansonsten für Aggressionen zuständig sind (im übrigen beim Testosteron auch für die Hirnaktivität, wobei Frauen dafür weibliche Hormone umwandeln).
Die zeitweilige Unterdrückung des Auslebens des Geschlechtstriebes, bei vielen Kulturen zumindest während der weiblichen Monatsblutung, in der Schwangerschaft und selbst noch eine Weile danach, kann nur dadurch geschehen, dass das aggressive Moment umgewandelt wird, zum Beispiel auf dem Wege der Sublimation, oder indem es zum Beispiel in geregelte Gewalttätigkeit besonders unter Männern oder in Formen harter körperlicher Arbeit ausgelebt wird. Bei manchen Kulturen gehörte zur Initiation der jungen Männer wohl ein Kriegszug zu Nachbar-Stämmen oder Sippschaften, um die Erfahrung des Abbaus aggressiver Spannung in legitimer Gewalttätigkeit zu erlernen.
Kultivierung männlicher Sexualität bedeutete also bald, dass die Männer einen hohen Preis zahlten – den des Verlustes der Spontaneität beim Ausleben sexuellen Begehrens. Der Preis, den die Frauen dafür zahlten, war in der Regel der der Anerkennung männlicher Dominanz. All das fällt unter den Begriff Kultur, also genauer: Kultivierung von Sexualität.
3. Das Abdrängen sexuellen Begehrens beim Mann (und der Frau) aus dem Raum des Impulsiven in den des Kultivierten ließ bzw. lässt dieses nicht einfach verpuffen, sondern führt dazu, dass es als
Verdrängtes, Verbotenes ins Unbewusste abgeschoben und dort verändert wird. Die Häufigkeit offener oder symbolisch verklausulierter sexueller Träume und die von sexuellen Tagträumen und
Phantasien zum Beispiel zeigt, dass nicht ganz verschwunden ist, was verdrängt wurde. Eines aber bewirken diese ganzen Vorgänge auf jeden Fall, sie können unsere Emotionen in Gefühle verwandeln.
E-Motionen, Bewegungen von innen heraus, werden durch massive und mühsame Kulturleistungen in jene Gefühle verwandelt. Auch mit ihrem vielfältigen Ausdruck, ein besonderes Kennzeichen von
Menschlichkeit, wird differenziertere vorsprachliche Kommunikation hergestellt und Sprache vorbereitet.
Durch das kulturelle Erlernen einer Gefühlspalette verstärken wir andererseits überhaupt erst das Talent zur Empathie, dem Wahrnehmen und Mitfühlen von Gefühlen anderer. Menschliche Gesellschaften würden ohne dieses Talent zerbrechen. Es ist wichtiger noch als jede sprachliche Kommunikation und bekanntlich bis heute nicht jedem gegeben.
Das, was heute Wissenschaft formuliert, war bis in die Zeit des frühen Kapitalismus zum Teil unbekannt, aber es war, soweit und so wie jeweils bekannt, tradierte Erfahrungssache und hatte darum seine ganz eigene Verlässlichkeit. Kenntnisse dazu erlangten die Menschen, soweit dem archäologische Forschung nachspüren kann, nicht zuletzt durch Gartenbau, Ackerbau und Viehzucht, also durch die Erfahrungen mit der Geschlechtlichkeit in der Nahrungsproduktion. In der Jungsteinzeit, wo das stattfindet, ist offensichtlich das menschliche Reflektionsniveau bereits recht hoch, also: Menschen denken nicht mehr nur, sie denken manchmal auch ausgiebig nach, einige mehr, andere weniger.
Betrachten lässt sich seitdem, dass Geschlechtlichkeit bewusster reflektiert wird: Es gibt Deutungsstrategien für das nicht Sichtbare wie für die inneren Vorgänge der Menstruation, über die noch im hohen Mittelalter merkwürdige Ansichten herrschen, über die Rolle des Sperma bei der Fortpflanzung und die angenommene Rolle der weiblichen Sexualsekrete dabei.
Zentrales Moment wird die Entwicklung von Scham und Ekel: Im Unterschied selbst zu den anderen Säugetieren ekelt sich der Mensch vor dem eigenen Kot und oft auch vor dem Urin. Zu dem Ekel verhelfen ihm die Wertungen seines Geruchs- und Geschmackssinnes. Ähnliche Ekelgefühle traten in vielen Kulturen auch gegenüber Sperma und Monatsblut auf. Der Ekel ist sicherlich ein Verstärker der Scham: Schamgefühle sind aber nicht unmittelbar sinnlich begründet, denn im Kern sind sie Schuldgefühle, die sich mit sinnlichem Erleben verbinden.
Verstärkt wird die Scham auch durch die enge Nähe von Ausscheidungsorten der Verdauung und Orten der Fortpflanzung (inter faeces et urinas nascimur, schreibt Augustinus, also: wir werden zwischen Scheiße und Urin geboren), aber diese Nähe besteht auch bei den ganz und gar schamlosen Säugetieren. Die Scham ist also ein Kultur- und kein Natur-Phänomen. Erklärbar ist sie darum nur durch einen Riss im Selbstbild der Menschen ab einer bestimmten Kulturstufe, als sie sich nämlich getrennt von einer nun objektivierten Natur zu erleben beginnen: Die Menschen werden für sich etwas besonderes, sind keine Tiere wie alle anderen mehr. In der Wahrnehmung ihrer Verdauung und Fortpflanzung bleiben sie es aber, - und das wird verständlicherweise als beschämend erlebt. Kultur und Scham gehören so zusammen wie der heute auslaufende Kapitalismus und die Schamlosigkeit.
Zwei Aspekte menschlicher Geschlechtlichkeit sind dafür besonders augenfällig: Der eine betrifft die Unwillkürlichkeit sexueller Vorgänge insbesondere beim Mann. Seine Erektionen, seine Pollutionen, seine Potenz unterliegen nicht einfach seiner Willkür. Ein Mann kann sich sein sexuelles Begehren auch nicht einfach verbieten. Frauen haben es da aufgrund ihrer sexuellen Konstitution zumindest manchmal ein wenig leichter, aber im Kern gilt dasselbe auch für sie.
Kein Mensch kann sich also als Geschlechtswesen ganz und gar als „Herr“ im eigenen Haus betrachten, vielmehr muss er "sich" zumindest auch als Objekt seiner Triebe erleben. Die Kulturleistung ist so deren schwierige Subjektivierung, das Ideal ihrer Beherrschung.
Der zweite Aspekt betrifft das rauschhaft flutende Moment bei ansteigender sexueller Erregung, bis dann der Verstand aussetzt und der Mensch kurz mal seine angemaßte Würde verliert und auch in seiner eigenen Wahrnehmung wieder "ganz zum Tier" wird.
Da sind dann Frauen wiederum stärker ausgestattet, denn ihre scheinbar winzige Klitoris, zum größten Teil den Blicken entzogen, ist ein reines Lustorgan. Daraus werden kulturelle Irritationen hervorgehen und sich in Zivilisationen versteifen. Weibliche Sexualität kann dabei als bedrohlich empfunden werden und so besondere Bändigung und Unterwerfung provozieren.
Zu diesen zwei Aspekten kommt ein schwer zu gewichtender dritter, deshalb nicht leicht einzuordnen, weil Kulturen damit ganz verschieden umgingen: Es ist die sich bei Mann und Frau verschieden ausformende und leicht verschieden äußernde Verbindung des Schmerzes mit der Lust – sowohl im Begehren wie insbesondere in der Triebabfuhr. Im Stöhnen, Wimmern, diversen Klagelauten usw. äußert sich das bekanntlich – im Orgasmus verschmelzen dann Schmerz und Lust ganz kurz miteinander.
Diese eigenartige Verbindung von Schmerz und Lust wirkt reichlich irritierend, besonders wenn man sie als gerade Außenstehender erlebt. Sie wird darum gerne ignoriert, viele versuchen ihre Wahrnehmung für nichtig zu erklären. Gelegentlich werden sie als sadistische und masochistische Momente benannt, was wenig hilfreich ist. Aber in den Texten von de Sade und von Sacher-Masoch wird deutlich, was geschieht, wenn eine Seite deutlich dominant wird – wenn die Lust durch das bewusste Zufügen oder Erleiden des Schmerzes gesteuert oder gar gesteigert wird.
Wege in die Machtergreifung: Der Übergang zu Zivilisationen
Wenn wir soweit S. Freud folgen, dann sind Kulturen immer auch von einer gewissen Labilität bedroht, die auf den erheblichen Mühen der Kultivierung beruht. Wo das möglich ist, werden sie mancherorts leicht durch Zivilisierung zerstört.
Zu jeder Definition von Kapital gehört die von Eigentum als Voraussetzung. Das aber zu definieren ist nicht mehr ganz einfach, seitdem bronzezeitliche Despoten sich vor vielen Jahrtausenden eine Art Obereigentum über alles angemaßt haben, was in ihren Machtbereich gehört, etwas, was dann bis heute überall auf dem Planeten für deren Nachfolge-Staaten weiterhin so gilt: Eigentum kann unter Vorwänden seitdem grundsätzlich von Machthabern eingezogen, also legalisiert geraubt werden, und es kann zumindest insofern gemindert werden, als ein Teil des darauf Erarbeiteten regelmäßig an Machthaber abzugeben ist. Die Nutzung des immer eingeschränkten Eigentums von Untertanen durch Machthaber wird ein wesentlicher Gründungszweck von Zivilisationen.
Ab wann Menschen eine Vorstellung von Eigentum entwickelt haben, muss wohl unklar bleiben, aber mit der Entstehung von Gartenbau, Ackerbau und Viehzucht in der Jungsteinzeit dürfte sie wohl spätestens aufkommen. Das Eigentum ist dabei zunächst das an Grund und Boden und an Werkzeugen und dient zunächst im wesentlichen der Subsistenz der bäuerlichen Familie, also ihrem unmittelbaren Überleben. Dort, wo mehr als das erwirtschaftet wird, werden die Herren entstehender Zivilisationen dann versuchen, möglichst viel davon abzuschöpfen.
Erst im 18. Jahrhundert, als der sich absolut setzende Staat alter Couleur verfällt und kurz bevor er durch den totalitär-demokratischen ersetzt wird, kommt der Begriff civilisation auf, der zunächst den der police, also den von Regierung und Verwaltung ersetzt, die nun langsam die Polizei-Gewalt des zunehmend totalitären Staates bezeichnet. Mit totalitär sei gemeint: Tendenziell uneingeschränkt alle Lebensbereiche umfassend.
Diese "Zivilisation" wird noch im 18. Jahrhundert in die deutsche und englische Sprache übernommen. In Deutschland bleibt „zivil“ bestehen als Gegensatz zu „militärisch“ und zugleich als Fremdwort zu dem, was inzwischen landläufig als „bürgerlich“ gilt, worunter sich recht unklar die nichtadeligen und nicht unmittelbar mit produktiver Handarbeit beschäftigten Mittelschichten verstehen. In deutschen Landen macht sich die "Hochkultur" als Bezeichnung breit, welche in unserem doppelten Sinne Unfug ist.
Hier soll Zivilisation jene Stufe der Menschheitsentwicklung bezeichnen, in der Machthaber institutionalisierte Macht ausüben, nicht vorübergehende, wie die des Anführers einer germanischen Bande, die auf Raubzug geht zum Beispiel, oder des Häuptlings einer Gruppe von umherziehenden Prairie-Indianern, der noch an seinen Leistungen und Geschenken gemessen wird.
Bevor der Prozess von Zivilisierung, also der Unterwerfung zunächst im wesentlichen von Bauern unter institutionalisierte Macht, in einzelnen Kulturen einsetzt, muss es ein gewisses Maß an Arbeitsteilung geben, was wiederum voraussetzt, dass einzelne Bauern aus ihrer Sicht einen gewissen Überschuss erwirtschaften, den sie (auch) gegen nicht-bäuerliche Produkte eintauschen können. Von der Landbewirtschaftung trennt sich so ansatzweise das Handwerk, welches sich dann wiederum bei entsprechender Nachfrage in verschiedene Gewerbe aufteilt. Vermutlich gibt es schon vor der Jungsteinzeit erste gewerbliche Produktion von Feuersteinen und Schmuck und dabei dann ein klein wenig frühen Handel.
Mit den Ansätzen von Warenproduktion aus landwirtschaftlichen Überschüssen und handwerklichen Produkten und dem entsprechend entstehenden Markt eines Warentausches entsteht vermutlich noch kaum Kapital, da auch die handwerkliche Produktion zum Beispiel getöpferter Vorratsbehälter wohl noch sehr lange im wesentlichen der schieren Subsistenz dient. Ab wann Händler Ersparnisse zur Kapitalbildung nutzen, ist recht unklar und geschieht vielleicht frühestens im Nahen Osten der späten Bronzezeit.
Was aber geschieht, ist, dass wahrnehmbare, nunmehr zunehmend auch menschengemachte Wirklichkeit immer komplexer und damit schwieriger zu durchschauen wird, so wie dann auch sich entfaltende Arbeitsteilung zur tendenziellen Entsolidarisierung von Gemeinschaften führen kann, die dann durch den Bau gemeinsamer Kultstätten zu kompensieren ist.
Ackerbau bei Sesshaftigkeit führt in größerem Umfang zu Eigentum insbesondere an Grund und Boden. Mit diesem entstehen entsprechende neue Rechtsvorstellungen, die auch mit dem steigenden Konkurrenzverhalten zu tun haben. Es beginnt die Parzellierung der Erde und eine erste Entsolidarisierung. Der größere Eigentümer kann mit dem Vorzeigen von mehr Schmuck und Waffen eine Vorstufe von Machtausübung über andere erreichen. In unterschiedlich großen Grabbeigaben wird das sogar für ein phantasiertes Leben nach dem Tode perpetuiert.
Neben solch produktive Arbeitsteilung tritt - und möglicherweise schon recht früh - ein Expertentum der Deutung wahrnehmbarer Aspekte von Wirklichkeit, welches zugleich Kulte entwickelt, in denen zunächst wohl der Ausgleich mit einer zunehmend genutzten Natur und dann der Versuch der Besänftigung oder Nutzbarmachung von Wetterereignissen und anderen vor allem für die Ernährung wichtigen Phänomenen wichtig ist.
Hier soll als Sammelbegriff für jene Experten sehr anachronistisch von Priestern gesprochen werden, ein Wort, welches sich aus presbyteros, dem Ältesten der frühen christlichen Gemeinden entwickelt hat, aber mit dem Bewusstsein, dass damit hier sehr verschiedenartige "Kultbeamte" gemeint sind.
Zu den allerdings nicht hinreichenden Voraussetzungen für Zivilisierung gehört auch naturgegebene Ungleichheit. Entsprechend unterscheiden sich alle Menschen und nicht nur die Geschlechter voneinander, und zwar von Geburt an wie auch durch die Bedingungen, unter denen sie aufwachsen. Nur extrem wenige besitzen zum Beispiel das Talent, Erfindungen zu machen, Neuerungen einzuführen. Alle anderen müssen dazu angeleitet werden, damit dann wenigstens mehr oder weniger umgehen zu können.
Und so gibt es die, die grundsätzlich, sei es aus Körperkraft, Intelligenz, Geschicklichkeit, besonders klug eingesetzter Rücksichtslosigkeit oder der Fähigkeit, andere besonders gut für dumm zu verkaufen (oder noch anderer Talente), mehr Macht als andere haben. Aus ihren Reihen kommen die, die Macht über ihre Mitmenschen gewinnen und diese dann für sich nutzen. Die Trennung in Herren und Knechte, wie sie das deutsche Mittelalter bezeichnen wird, basiert zudem natürlich auch auf Zufällen des Glückes, welches Menschen zuteil wird, der fortuna, wie das Lateiner nennen werden.
Zivilisation
Mit diesen Kultexperten und Verfassern von ausführlicheren Welt-Vorstellungen beginnt eine erste kleine Gruppe von Menschen lokal und dann auch regional mit der Macht über die Vorstellungen der sich ihnen offenbar ausliefernden Bevölkerung eine erste Machtergreifung, ein frühes Herrenmenschentum, welches sich bald darin äußert, dass man sich für seine Natur- und Wetterbeobachtungen samt Theoriebildungen über die Himmelskörper mit Abgaben der Menschen belohnen lässt und dann die ihren Kulten Unterworfenen dazu bewegen kann, ihnen immer größere Kultgebäude zu bauen.
So wie das Wort Priester kommt auch das oft für Kultgebäude verwendete Wort Tempel aus der Antike, diesmal dem lateinischen templum, auch wenn die Kultgebäude menschlicher Zivilisationen sehr unterschiedlich sind.
Je stärker sich solche Priester aus der Gemeinschaft der jeweiligen Kultur absondern und sich ihr überordnen, desto mehr werden solche Kulturen gefährdet, da ihre Vorstellungen nun immer weniger aus eigener und gemeinschaftlich tradierter Erfahrung, und immer mehr von außen und oben gesteuert werden.
In Teilen des Tales des Nils und von Euphrat, Tigris und Nebenflüssen errichten ganze Priestergemeinschaften Tempel, eignen sich Land an und machen sich Bauern und Handwerker der Umgebung untertänig. Mit ihnen verbünden sich wohl ziemlich kluge, gierige und gewaltbereite Menschen, die sich einen gewalttätigen Anhang zuordnen und sich mit den Herren der Tempel zusammentun, die sie sich dann schließlich auch noch, wohl dank ihres militärischen Anhangs, unterordnen können. Bis hier hin fehlen aber noch schriftliche Aufzeichnungen, auch wenn die archäologischen Funde zunehmen.
Solche Zivilisierung, also die lokale bzw. regionale Machtergreifung eines Despoten in Zusammenarbeit mit Priestern und einer kleinen Elite, findet sehr unterschiedlich von Spanien über das südliche Zentralasien, die Indusregion und bis nach China statt, wenn auch nicht überall im gleichen Umfang. Despot ist vom griechischen despotes, dem Herrn, abgeleitet, und soll hier einen letztlich mit Schrecken durch offene Gewalt oder wenigstens ihre Androhung herrschenden Machthaber bezeichnen, wie es beispielsweise die Pharaonen und die Herrscher des Zweistromlandes dann sind.
Damit Herrschaft stabil wird, muss sie aber die Gewaltandrohung möglichst in die Latenz versetzen und dafür mit Hilfe der von den Priestern betriebenen Kult-Ideologie den Untertanen beibringen, dass von solchen Kultbeamten verwaltete Götter solche Herrschaft legitimieren. Darüber hinaus muss sie die Tatsache nutzen, dass Menschen Untertänigkeit grundsätzlich als bequem ansehen, solange sie ihnen Subsistenz bzw. ein gewisses Konsumniveau ermöglicht und ihnen die Verantwortung für viele Entscheidungen abnimmt, die in einer komplexer werdenden Welt ihnen immer weniger möglich erscheinen. Zudem neigen in die Untertänigkeit gedrückte Menschen erfahrungsgemäß dazu, sich mit ihren Herren umso mehr zu identifizieren, je mehr diese ihre Macht demonstrieren. Entsprechend haben heutige sogenannte demokratische Regierungen eine vergleichsweise geringe Autorität bei ihren untertänigen Massen.
Andererseits: Da die Despoten, die weltliche und geistliche Elite, darunter die Beamten, allesamt von der Arbeit der Masse der Untertanen leben, ist es in ihrem Interesse, die Rahmenbedingungen dafür möglichst zu fördern. Dazu gehört in Ägypten und Mesopotamien die Regulierung der Wasserwirtschaft ebenso wie die Illusion, dass Wetterbedingungen kultisch beeinflusst werden könnten. Dazu gehört aber auch der Ersatz zunehmend zerstörter kultureller Erfahrungswelten durch von oben aufoktroyierte Gesetze, welche das Zusammenleben und Arbeiten der Untertanen im Sinne der Machthaber regeln und deren Macht legalisieren. Wichtigster Aspekt all solcher Gesetze seitdem ist, dass den Untertanen alles das verboten wird, was die Herren für sich als selbstverständliches Recht in Anspruch nehmen, nämlich vor allem zu stehlen und zu töten, und wo immer sie es für nötig halten, legalisieren sie all das, aber nur für sich selbst und in ihrem Auftrag.
Mit der Verwaltung großer Güter durch Machthaber beginnt sich Schriftlichkeit zu entwickeln, die dann in die Verwaltung der Untertanen durch Gesetze und Verordnungen mündet, welche, da sie nicht mehr dem Erfahrungswissen kultivierter Menschen entspringen, sondern die Interessen der Mächtigen formulieren, nun schriftlich fixiert und nur noch von den Mächtigen revidiert werden dürfen. Schriftlichkeit entsteht so ausschließlich aus Machtinteressen weniger, und es wird bis heute mehr oder weniger gefährlich bleiben, sie gegen diese zu wenden.
Eine Besonderheit der neuen Zivilisationen wird überall die Erfindung des Krieges und die partielle Professionalisierung der Krieger als Söldner bzw. Soldaten. Kriege entstehen aus der Raff- und Machtgier der Despoten, die zu Raubzügen führt und zur mehr oder weniger intensiven Unterwerfung von Gebieten, insbesondere solchen mit wichtigen Rohstoffen; sie entstehen aber einfach auch immer wieder dort, wo Despotien aufeinander treffen. Mit den Kriegen werden Metalle für die Waffenproduktion immer wichtiger und so wird dann die Gewinnnung von Erzvorkommen wie Kupfer neben der von Gold, Silber und Edelsteinen häufig zu einem Kriegsgrund.
Despoten sind nun ganz wesentlich Kriegsherren und führen einen großen Teil ihrer Herrschaft hindurch Kriege, denn neben der erhofften Beute vor allem auch für ihren Luxuskonsum ist Feindseligkeit nach außen geeignet, um Untertanen unter die Herrscher zu scharen und ihnen im Falle des Sieges Verehrung entgegen zu bringen. Zivilisierung ist so auch wesentlich Kanalisierung menschlicher Aggressivität im Interesse von Machthabern.
Die Despoten, ob nun Herrscher über eine Stadt und ihr Umland oder über große Reiche, rauben sich nicht nur Reichtümer gewaltsam zusammen, sondern lassen sie auch von Handwerkern als ihren spezifischen Luxus produzieren, während es nur in sehr geringem Umfang Warentausch zwischen untertänigen Bauern und Handwerk gibt: Die Bauern sind im wesentlichen Selbstversorger auf weiterhin niedrigem Niveau und zudem Produzenten von Abgaben an die Mächtigen. Darüber hinaus pflegen die Despoten untereinander auch den Austausch von Luxusgütern als Geschenke und halten sich neben den Handwerkern auch Händler als eine Art gehobene Dienstboten. Auch wenn die Despoten riesige Reichtümer ansammeln und sich mit Hilfe von Formen von Zwangsarbeit gigantische Monumente errichten lassen, kommt es zu keiner Kapitalbildung bei Handwerk und Handel, da beide in enger Abhängigkeit von den Despoten bleiben.
Despotien sind vor allem das Resultat von jungsteinzeitlichem, bäuerlichem Bevölkerungswachstum, welches das Zusammensiedeln in einer Art früher Städte ermöglicht, in denen konzentriert genügend Menschen arbeiten, um ihre eigenen Herren unterhalten zu können. Die Despoten wiederum fördern Bevölkerungswachstum, da sie von der Arbeit der Untertanen so immer mehr Einkünfte erzielen und immer mehr Menschen einer ihnen zuarbeitenden Elite fördern können. Daneben ermöglichen größere Menschenmassen auch größere Heere, mit denen man Krieg führen kann.
Selbstredend ist es so, dass mehr Menschen mehr Platz auf dem Planeten für sich beanspruchen. Damit sie ernährt werden, müssen sie immer mehr Naturlandschaft in Kulturlandschaft verwandeln. Während Jäger und Sammler in der Regel wohl weiterzogen, bevor sie Pflanzen- und Tierarten ausgerottet hatten, und jungsteinzeitliche Bauern die Erde zunächst noch nicht so dicht besiedelten, dass sie große Naturräume zerstörten, setzt mit den frühen Zivilisationen der Bronzezeit eine immer stärkere Vernichtung von Teilen des natürlichen Lebensraumes Erde ein. Während Flora und Fauna der Flusstal-Oasen von Nil, Euphrat und Tigris noch zu einem gewissen Teil mit den Menschen koexistieren, beginnt bereits in der Bronzezeit eine immer systematischere Abholzung beispielsweise des Libanon für den Bedarf der Despoten im nahöstlichen Großraum. Ein ähnlich aggressiv-zerstörerisches Verhältnis entwickeln Despoten und die ihnen zuarbeitenden Eliten mit der Jagd als Freizeitvergnügen, welches die spätmittelalterlichen Adeligen dann desportes und von daher englische Herrenmenschen als sport(s) bezeichnen werden. Massenhaftes Abschlachten von Elefanten oder großen Raubkatzen als Herrenvergnügen und großer Spaß, der zudem erhebliches Renommée erzielt, sind durch die Jahrtausende dokumentiert und fördern Artensterben.
Der auch als extrem grausamer Krieger im 9. Jahrhundert auffallende Assurnasirpal II. mag als Beispiel für alle anderen dienen, wenn er auf einer Stele stolz von seinem Jagdabenteuer erzählt:
Ich tötete 450 starke Löwen, 390 Wildbüffel erstach ich (...), mit meinem Wagen erlegte ich 200 Strauße, 30 Elefanten nahm ich mittels Fallen gefangen, ferner 50 Wildbüffel lebend, 140 Strauße lebend, 20 Löwen erbeutete ich. Und die lebend erbeuteten Tiere werden nun wie die Menschen in die Untertänigkeit gebracht: Die Büffel, Löwen, Strauße und Affen, Männchen und Weibchen, sperrte ich in ein Gehege und ließ sie sich vermehren. (Pettinato, S.81)
Zudem beginnt jenes bedenkenlose Ausräumen von Erzen und anderen Materialien aus der Erde, welches ebenfalls bis heute dort ungebremst anhält, wo noch nicht alles ausgeplündert ist.
Die doppelte Zähmung der Aggression
Freuds Beitrag zu unserer Geschichtsschreibung endet dort, wo er die Besonderheit von Zivilisation im deutlichen Unterschied zu Kultur nicht sieht. So
schreibt er:
So bekommt man den Eindruck, dass die Kultur etwas ist, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderzahl auferlegt wurde, die es verstanden hat, sich in den Besitz von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen.
Das kann in dieser Klarheit nur stehen bleiben, wenn wir Kultur durch Zivilisation ersetzen. Das heißt denn auch, dass Freud hier die
Leistungen von Kulturbildung nicht mehr den Einzelnen in Gemeinschaften zuspricht.
Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Menschen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebesbeziehungen antreiben sollen, daher die Einschränkung des Sexuallebens und daher auch das Idealgebot, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirklich dadurch rechtfertigt, dass nichts anderes der ursprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft. Da das Verbot das Gehemmte aufstaut, so dass es wie eine Flut den Damm brechen kann, wären Kulturen mit hohem Verbotsniveau solche, die episodische Beschleunigungen erhielten. (Unbehagen V)
Kulturen mit hohem Verbotsniveau, wie sie hier gemeint sind, wollen wir aber der Klarheit willen als ausgewachsene Zivilisationen bezeichnen. Zivilisierung
transformiert hier Kulturen in institutionalisierte Machtstrukturen hinein. Die andere Seite stellen allerdings solche Kulturen dar, die in Kontakt mit Zivilisationen geraten und von diesen
beeinflusst werden, wie an germanischen Kulturen der römischen Kaiserzeit darzustellen sein wird. Hier soll dann von Anzivilisierung gesprochen werden, dem "Anfixen" von Kulturen mit der Ware als
Fetisch.
Da Zivilisationen aus Kulturen hervorgehen, nutzen sie deren Kulturleistung weiter, formen sie aber nun in ihrem Interesse um: Sprache wird übernommen, herrschaftlich überformt und schriftlich fixiert; Kulte werden so überbaut, dass sie nun im wesentlichen Machthabern dienen. Dabei gibt es einen Alltag der Untertanen, in dem weiter Erfahrung als Regulativ untereinander dient, also der Bezähmung von Aggressionen, zugleich werden diese aber, soweit sie nicht für die Interessen der Machthaber instrumentalisiert werden können, nun kriminalisiert. Das heißt, dass nicht mehr so sehr Einsicht in die das Zusammenleben störenden Verhaltensweisen vorherrscht, sondern Angst vor Strafe durch eine Obrigkeit, also eben Kriminalisierung. In dem Maße, in dem Untertanen nun lernen, sich mit den Machthabern zu identifizieren, werden die Unterschiede dazwischen weniger wahrnehmbar.
Wenn dann immer einmal wieder Machtstrukturen mehr oder weniger zusammenbrechen, dann reichen, wie für das Pharaonen-Reich überliefert, einst tradierte Einsichten in gedeihliches Zusammenleben nicht mehr aus: Die nur mit (oft nur angedrohter) Gewalt durchsetzbaren Gesetze werden durch "anarchischere" Gewalt und aggressiv ausgetragene Konflikte ersetzt. Dort allerdings, wo man sich nicht in eine Flusstal-Oase eingesperrt fühlt, wie bei den Maya-Zivilisationen Mittelamerikas, kann es auch geschehen, dass die Menschen einfach wieder in etwa zu ihrem alten Kulturniveau zurückfinden, wie zum Beispiel von den Lacandonen belegt ist.
Die ursprüngliche Bezähmung der Aggressionen in Kulturen wird also dadurch abgeschwächt, dass ihr die Domestizierung in Untertänigkeit durch Machthaber übergeordnet wird. Das ist eine der Voraussetzungen für das Phänomen der Kriminalität. Vor alle originäre Einsicht in die Sinnhaftigkeit gemeinschaftlich vorgegebener Ordnung tritt damit das aufoktroyierte Gesetz. Einige bronzezeitliche Despoten sind darum große Gesetzgeber. Am Ende abendländischer Zivilisation - in unserer Gegenwart - bedeutet das, dass die Funktionsfähigkeit und Überlebensfähigkeit des Untertanenverbandes nur noch durch allumfassende Regulierung durch den dadurch immer totalitäreren Staat gewährleistet werden kann. Die erlebte, wenn auch nicht unbedingt begriffene und meist bejahte Ohnmacht der Untertanen lässt sie heute dann dazu tendieren, besonders brutale Despoten der Geschichte, im Mittelalter antikisierend als Tyrannen und heute auch als Diktatoren bezeichnet, zu bewundern und zu verehren.
Was von den Kulturen bleibt
In den frühen Zivilisationen wird der Kultus zivilisiert mithilfe seiner Kultbauten, Göttergestalten, Opferkulten und ihrer Priesterschaft, das heißt, er wird von den Mächtigen benutzt und in den Machtapparat integriert. Erste Zivilisationen entstehen auf dem Boden von Kulturen, und das eine oder andere an ihnen wird als nützlich integriert, allerdings weithin der Tradierung und das heißt auch Veränderung durch die große, nunmehr ohnmächtige Bevölkerungsmehrheit entzogen. In Zivilisationen erstarrt Kultur, soweit sie hinein gerettet wird, weitgehend. Sie wird transformiert in eine Sache der Machthaber.
Das aber geschieht nicht gleich zur Gänze. In jenen privaten Nischen, in denen das den Mächtigen gleichgültig sein kann, halten sich erstarrende Traditionsreste, und manches davon wird in das Neue hinein transformiert, dabei aber dem Einfluss der Betroffenen immer weiter entzogen. Bis in die lateinische Spätantike hält sich unterhalb der Kulte der Mächtigen fast überall der "private" Kult, was unter den Bedingungen polytheistischer Gottesvorstellungen ohnehin unproblematisch ist.
Das Überleben von sogenannten "Volkskulturen" in Zivilisationen führt in immer größeren Teilen Europas spätestens im 18. Jahrhundert zu einem gewissen Missverständnis von "Volk" und "Kultur" durch ein Bildungsbürgertum. Das "Volk" ist nun auf die Landwirtschaft betreibenden Produzenten reduziert, deren Wirtschaften und Lebensalltag längst in kapitalistische Strukturen eingebunden wurde, und das Missverständnis derjenigen, die dabei nie zu diesem Volk gehörten, produzierte dann Volkstümelei, den Einfluss von idealisierter Dorfmusik auf die des neuen Bürgertums zum Beispiel seit Ende des 18. Jahrhunderts.
Das parallele Missverständnis bezeichnet die Status ausdrückenden gehobenen Amüsierwelten der machthabenden Oberschichten (Musik, bildende Künste, Literatur) als Kultur in dem Maße, in dem wirkliche Kultur verschwindet. Das aufstrebende neuartige Bürgertum der Neuzeit ersetzt schließlich den schwindenden Anteil an der Macht in der Mittelstellung zwischen Fürsten und Adel einerseits und Produzenten andererseits dadurch, dass es im Zuge der Säkularisierung den "Künsten" immer mehr Offenbarungs-Charakter beimisst und sie bis in die Romantik hinein nach und nach zu einer Art Religionsersatz hochstilisiert. Mit der Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts und der Verbreitung eines großen Industrieproletariats versucht dieses "Bürgertum" seinen Status ideologisch durch "Bildung" (Schule/Universität/Konversationskanon) und "Kultur" (Warenkonsum von Büchern, Musik etc.) zu definieren.
Städtische Zivilisationen
Mit Zivilisationen beschleunigt sich das Maß an Veränderung weiter, nachdem schon Agrikulturen das Tempo etwas angehoben hatten. Wir sind aber noch weit entfernt von jener Rasanz, die mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts einsetzt und sich derzeit unentwegt überschlägt.
Auf dem Weg hin zum Kapitalismus haben wir uns hier auf den Nahen Osten zwischen Nil und Zweistromland konzentriert. Bronzezeitliche Zivilisationen gibt es aber auch insbesondere im ganzen östlichen Mittelmeerraum (Hellas, Kreta, Zypern, Levante, Kleinasien), wo sie vor über drei Jahrtausenden weithin verschwinden, um dann dort neuartigen städtischen Zivilisationen der sogenannten Eisenzeit Platz zu machen. Mit diesen Städten nähern wir uns einen Riesenschritt jener Entwicklung, die zwei Jahrtausende später weiter westlich in Ursprünge von Kapitalismus münden wird.
Das wichtigste Neue ist, dass es sich bei diesen neuartigen Städten nicht mehr um Despotien handelt. Sowohl im Nahen Osten wie auch in Hellas sind Stadtherren, die Historiker heute manchmal als Könige bezeichnen, nicht mehr mit jener Macht ausgestattet, die ihre bronzezeitlichen Vorläufer noch hatten. Vielmehr werden sie in den ersten Jahrhunderten des letzten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung in Hellas immer mehr zugunsten einer Schicht großer Herren zurückgedrängt, die "königliche" Funktionen nun als Ämter selbst übernehmen. In Hellas wie in Phönizien steigt dabei eine Händlerschicht auf, die nicht mehr als Dienstboten von Despoten, sondern mehr oder weniger als freie Unternehmer auftreten können, die also wohl frühe Kapitaleigner sind. Dasselbe gilt für ein Handwerk, welches nun für einen Markt produziert, der sich mit aristokratischen Raubexpeditionen und kapital-finanzierten Handelsreisen über das ganze Mittelmeer ausbreitet, wo phönizische Händlergruppen Handelsstützpunkte vor allem in Nordafrika und der nordwestlichen Mittelmeerküste etablieren, aus denen dann stark vom Handel geprägte Städte werden, während es wohl überwiegend aristokratische Abenteurergruppen sind, die aus hellenischen Städten aufbrechen, um vor allem an den Küsten Siziliens und Süditaliens neue Städte durch Siedlung zu etablieren, die sich nach und nach die lokale und regionale Bevölkerung unterwerfen.
Für den langen Weg hin in die Anfänge von Kapitalismus werden eher die griechischen Städte (poleis) bedeutsam, während das antike Rom auf dem Weg zu imperialer Größe die phönizischen Zivilisationen, die westlich vom Kernland unter die Kontrolle von Karthago geraten, im Laufe der Zeit fast rückstandslos vernichten wird.
Diese griechischen poleis werden bald, ähnlich wie das frühe Rom, von einer große Ländereien besitzenden Aristokratie beherrscht, welche Handwerk (die banausos), Bergbau und Handel verachtet, auch wenn man damit bald im Einzelfall auch sehr wohlhabend werden kann und sich als edler Großgrundbesitzer auch schon einmal beteiligt.
Die aristoi sind im Griechischen die Besten, und der Aristokrat hält sich vor allem deshalb für etwas Besseres, weil er nicht mit seinen Händen arbeiten muss und überhaupt große Teile seiner Zeit in Müßiggang oder als Krieger verbringt. Aristokratie als Begriff von der Herrschaft dieser grundbesitzenden Elite taucht allerdings erst spät im 5. Jahrhundert (vor der Zeitrechnung.) auf, etwa in der Zeit, in der auch Demokratie und Monarchie (bzw. die Tyrannis) als eine Art Verfassungsbegriffe entwickelt werden.
Die griechische Polis zeichnet sich zunächst dadurch aus, dass es keinen Despoten gibt und bald die Herrschaft eines aristokratischen Kollegiums, welches sich die Macht teilt, und das mit etwa der Begründung, die auch römische Aristokraten haben: Es handelt sich um ihre Stadt, da sie deren öffentliche Bauten und die Kulte sowie Kriege selbst finanzieren und die Ämter ohne Bezahlung ausüben. Es gibt darum in Hellas wie in Rom auch nur eine vergleichweise geringe Abgabenlast der produzierenden Bevölkerung und des Handels.
Zu der Tatsache, dass es neben dem Großgrundbesitz auch ein freies Bauerntum gibt, und dass Handwerk, Bergwerk und Handel zumindest zum Teil von einem freien Unternehmertum betrieben werden, welches zum Wohlstand der Stadt beiträgt, gibt es andere Besonderheiten: Zentrum der Städte sind nicht irgendwelche Paläste und die Tempel, die es weiterhin gibt, sondern ist der öffentliche Markt, der bei den Griechen agorá und bei den Lateinern forum heißt, und auf dem und um den herum das öffentliche Leben vor allem stattfindet, weswegen an ihm wichtige Gebäude angesiedelt werden. In dieses räumliche Zentrum gehört auch die "Volks"versammlung, also die aller (männlichen) "Bürger", wobei sich Volk und Bürger durchaus von denen des Mittelalters unterscheiden, in dem Kapitalismus entstehen wird.
Der Götterkult mit seinen Opferhandlungen kennt keine so mächtige Priesterschaft mehr und begründet auch weniger die Macht der Reichen und Mächtigen, sondern ist stärker Angelegenheit der sich bildenden Gemeinde. Diese entwickelt sich auch über das geschriebene Gesetz und die Anerkennung der Verantwortung der Oberschicht für die verarmenden Bauern, wie von Athen überliefert ist.
In der Polis entsteht so das "Politische" als Gegenpol zu den zunehmenden Machtkämpfen zwischen mächtigen aristokratischen Familien. Dnbei schwingt sich bei Übermacht eine von ihnen manchmal zur Tyrannis auf, indem sie Schlüsselämter einnimmt und die Machtansprüche der anderen Familien massiv einschränkt. Solche Tyrannen werden allerdings keine orientalischen Despoten, da sie in der Regel die (politische) Verfasstheit der Polis nicht sehr stark antasten.
Nach einer längeren Phase der Tyrannis im 6. Jahrhundert ist für Athen überliefert, dass zunächst wieder die Machtkämpfe aristokratischer Familien ausbrechen, bis es einer von ihnen dann gelingt, mit Reformen die Oberhand zu gewinnen. In diesem Machtspiel der Reichen und Mächtigen wird vor allem von einer bestimmten aristokratischen Partei, um ihren Einfluss zu halten, den einfachen Bürgern (polites) immer mehr Partizipation an Ämtern und Gerichten zugestanden, bis vor allem Gegner dieser "Politik" das abschätzig als "Demokratie", also Herrschaft der in Demen organisierten Bürgerschaft nennen. Tatsächlich bleiben wenige Schlüsselpositionen aber weiter in den Händen weniger Familien und vor allem einer.
Diese in der Geschichte der Zivilisationen einzigartige Beteiligung so vieler an so vielen gemeindlichen Entscheidungen in Athen wird auch dadurch gefördert, dass immer mehr einfache Politen in der großen Auseinandersetzung mit dem mächtigen Perserreich als Militär benötigt und eben auch darum "politisch" aufgewertet werden. Die militärischen Siege über die orientalische Großmacht führen denn zur Hegemonie Athens über die meisten Städte des Raumes der Ägäis, die nun mit ihren zunehmend erzwungenen Beiträgen diese attische "Demokratie" mitfinanzieren.
Demokratie bleibt allerdings bis heute ein kurzes Intermezzo, auch wenn moderne Staaten sich kurioserweise aus propagandistischen Gründen so bezeichnen, und sie scheitert damals auch an der Unfähigkeit der Massen von Politen, verantwortungsbewusst mit ihr umzugehen, bevor dann die griechischen Städte in dem Reich der Makedonen aufgehen und schließlich im Imperium Romanum.
Einflussreicher wird später - und zwar auf die Oberschicht des Römerreiches - der üppige aristokratische Lebensstil der griechischen Oberschicht mit seinem Müßiggang, seinen homoerotisch-pädophilen Neigungen, seinen nächtlichen alkoholisierten Gastmählern und manchem mehr, was alles dann auf die offensive Ablehnung einer entstehenden christlichen Kirche stoßen wird.
Für unsere Geschichte der Entstehung von Kapitalismus wird aber wichtiger, dass sich spätestens mit dem sechsten Jahrhundert, in Ansätzen aber schon vorher, neben den öffentlichen Kulten ein bis dato nie dagewesener öffentlicher und halbwegs rationaler Diskus in den poleis entfaltet, der, zwar nur in den Texten von wenigen Individuen überliefert, Ausdruck einer gedanklichen Freiheit ist, wie sie Zivilisationen zuvor wohl nicht kannten, und welche erst mit der Etablierung eines Kirchen-Christentums als Staatsreligion rund tausend Jahre später etwas schwinden wird.
Es entwickelt sich nämlich unter dem späteren Oberbegriff Philosophie in immer neuen Anläufen der Versuch, Welt nicht mehr mythisch, sondern vernunftgemäß zu konstruieren und dabei auch auf Kenntnisse zurück zu greifen und neue zu suchen. Dazu mag es geholfen haben, dass die antiken Götterwelten nicht in irgendeinem Jenseits fern der Menschen, sondern in ihrer Vorstellung auf Berggipfeln hausen, von denen sie immer wieder zu ihnen heruntersteigen, denen sie auch in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich sind, weswegen sie in den Darstellungen auch wie idealisierte Menschen aussehen.
Philosophiert wird vor allem einmal über das, was Griechen physis nennen, und was im 11./12. Jahrhundert nach der neuen Zeitrechnung im lateinischen Abendland in etwa als natura wieder aufgegriffen wird und unter den Bedingungen des späten Kapitalismus in die so genannten Naturwissenschaften mündet, die im wesentlichen dann als Grundlagenforschung für Technik zwecks Förderung von Kapitalbewegungen dienen.
Neben diesen Versuchen, Welt jenseits von den Phantastereien von Priestern so zu konstruieren, dass sie an die Strukturen eines vernünftigen menschlichen Gehirns angepasst ist, gibt es auch manchmal auf Erfahrung und Wunscherfüllung beruhende Spekulationen über die Menschen und ihre Lebensformen bis hin zur Konstruktion idealer Formen des Zusammenlebens. Dieses von wenigen Leuten betriebene Philosophieren wird schon eine Weile vor der Eroberung durch die römische Militärmacht in die römische Machtsphäre eindringen, der solches Denken bislang eher fremd gewesen ist.
Manches spricht dafür, dass zweckrationales unternehmerisches Denken von Kaufleuten/Handelsherren solche andere Sphären durchdringende Rationalität befördert hat, so wie sie wohl auch die Entwicklung der Mathematik voran treibt. Und es lässt sich vermuten, dass der im Vergleich zu bronzezeitlichen Despotien freiere Markt mehr gedankliche Freiheit ermöglicht hat, die zeitweilig sogar vereinzelter kritischer Auseinandersetzung mit dem Götterglauben Raum gibt. Ein Epikur und später der römische Lukrez verzichten ganz auf Gläubigkeit und Vernunft-Konstruktionen wie später auch ein indischer Prinz, und vertreten rationaler die Suche nach einem glückenden Leben.
Inwieweit allerdings die Masse der Menschen daran teilhat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, aber vermutlich werden sie höchstens geringfügig von alledem beeinflusst sein.
Griechisches Kapital ohne Kapitalismus
Zunächst war der Handel in der Ägäis wohl wesentlich in phönizischer Hand. Nach und nach treten Hellenen hinzu, die Rohstoffe für die Waffenproduktion nach Athen
und anderen Orten bringen, welche in zunächst ebenso geringem Maße handwerkliche Produkte ausführen. Je mehr die Bevölkerung ansteigt, desto mehr Lebensmittel müssen eingeführt
werden.
Selbst für Athen im 5. Jahrhundert ist heute nicht viel zu Produktion, Handel und Finanzen bekannt, so dass die ansatzweise schon für phönizische Städte zu stellende Frage, warum sich in ihnen kein Kapitalismus entwickelt, nicht einfach zu beantworten ist. Immerhin nehmen bei stark steigender Bevölkerung im 5. Jahrhundert Handel und Gewerbe (und Unternehmertum) wohl erheblich zu. Athen wird zur wichtigsten Handelsstadt Griechenlands. Zum produzierenden Gewerbe gehören der Schiffsbau, die Waffenproduktion und die Keramik, von der erhebliche Mengen exportiert werden. Es gibt ein überliefertes Beispiel eines Handwerksbetriebes, welcher 120 Sklaven beschäftigt, manche werden immerhin 20 Arbeitskräfte oder mehr besessen haben.
Münzgeld, Drachmen tauchen in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts auf. Ihr Wert ist sehr hoch und je nach Polis verschieden, was sie zunächst für den Handel eher untauglich machen. Münzgeld dient aber der Berechnung der Einteilung in Vermögensklassen als Einheit und dann auch als Einheit bei der Zumessung von Strafen seit den solonischen Gesetzen.
Deutlich bedeutsamer wird Geldwirtschaft in Athen erst durch den Geldzufluss der "Bündner" des Seebundes des 5. Jahrhunderts, die damit die sich entfaltende Demokratie finanzieren, das Bauprogramm, welches heute noch den Tourismus dort beflügelt, und den Flottenbau, der Lohnarbeit und Handel fördert.
Überwiegend führt all das aber wohl nicht zu Kapital- sondern zu Schatzbildung, die als öffentliche in nicht geringem Umfang in Tempeln aufgehoben ist. Diese dient, wie Thukydides betont (Im Kriege kommt es hauptsächlich auf Klugheit und Geld an... 2,13), der Machtpolitik der Stadt und einzelner Mächtiger und ist ansonsten der Wirtschaft entzogen. Was die Reichen an Einkommen zusammenraffen, dient aristokratischer Lebensführung, also dem Konsum, und den Leiturgien, mit denen die Reichen und Mächtigen zur Gestaltung des Gemeinwesens so beitragen, dass es vor allem ihre Gemeinde ist. Dazu gehört die gewiss nicht geringe Summe für die Ausstattung einer Tragödie; manche können auch ein ganzes Kriegsschiff bauen lassen und zweihundert Mann Besatzung finanzieren.
Eingeführt werden mit dem Bevölkerungswachstum erhebliche Mengen an Lebensmitteln, insbesondere Weizen aus der Schwarzmeer-Region. Dennoch bleibt die athenische Oberschicht stark von einem Selbstbild als Großgrundbesitzer geprägt, der zahlreiche Sklaven auf seinen Gütern unter oft schlimmen Bedingungen arbeiten lässt. Das ändert sich auch nicht, wenn einige von ihnen in Anteile an den Silberbergwerken auf dem Laureion oder anderswo investieren, oder wie Miltiades, der Feldherr von Marathon, durch Heirat an thrakische Goldbergwerke kommen, von denen noch Sohn Kimon seine Machtstellung finanziert. Ein Nikias generiert in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts seinen Reichtum unter anderem durch die Verpachtung von 1000 Bergwerkssklaven im Laureion-Gebiet. Andere werden über Kreditwirtschaft größere Finanziers.
Aber im Kern bleiben hellenische Poleis mit ihrem integrierten Umland "Grundbesitzer-Gesellschaften", keine Polis ist "auf Dauer wirklich als Handelsstadt zu verstehen" (Meier, S.142), und zwar wohl noch weniger als Karthago&Co.
Wesentlich anders als im 10.-12. Jahrhundert unserer Zeitrechnung im lateinischen Abendland ist die Tatsache, dass zum Beispiel im 5. attischen Jahrhundert fast ein Drittel der Bevölkerung Sklaven sind, die keinen selbstbestimmten Anteil am Markt haben, den sie eben nicht mit Angebot und Nachfrage vergrößern können. Besonders in den für Athen so wichtigen Bergwerken wie beim Laureion, wo neben Silber Zink und Blei abgebaut werden, werden sie in extrem engen Stollen zu Arbeit im Liegen verdammt. Wie Arbeits-Tiere werden sie wohl auch in der großflächigeren Landwirtschaft eingesetzt.
Dasselbe dürfte auch für einen Großteil der Bauern (Theten) gelten, die nicht weit über Subsistenz-Niveau heraus kommen.
Das frühe Rom
Der Weg in den frühen Kapitalismus wird vor allem in einigen Gebieten beginnen, die zuvor zum Westteil des römischen Reiches gehörten und dann zum Reich der Franken. Insofern lässt sich für Gebiete Italiens, die gallische Mittelmeerküste und dann auch das Rheintal und Teile von Flandern eine vorausgehende, mehr oder weniger große Kontinuität über rund 1000 bis 1500 Jahre feststellen, die in einem "aristokratisch" beherrschten Rom beginnt. Die lateinische Schriftsprache und Begrifflichkeit wie die aus dem Römerreich stammende Religion werden die Entstehungsgeschichte von Kapitalismus mit prägen.
Hier (wie im frühen eisenzeitlichen Hellas) existiert bereits eine ungleiche Verteilung des Grundbesitzes und eine darauf gründende Oberschicht, die mit einem König (rex) zusammenarbeitet.
Um 500 (v.d,Zt.) gibt es bereits einen zentralen Tempel auf dem Kapitol, Foren, einen Circus maximus und eine Art Stadtmauer. Nach Vertreibung des letzten Königs werden seine Aufgaben, ähnlich der Entwicklung in Hellas, auf von dieser Oberschicht besetzte Ämter verteilt, die die res publica, die öffentlichen Angelegenheiten, verwaltet und letztlich auch repräsentiert.
Es gibt nur wenige und zudem nicht professionalisierte Ämter, die nicht bezahlt werden, sondern die man mit seinem Privateinkommen selbst finanzieren muss. Sie dienen einer winzigen Oberschicht als Karriereweg und in der späteren Republik vor allem auch der Bereicherung und Machtansammlung. Republik ist hier die Organisationsform einer reichen und mächtigen Oberschicht, die deren Macht und Reichtum zu mehren hat und nach den geschicktesten Mitteln sucht, die Masse der Untergebenen, ihre Klientel, für sich arbeiten und kämpfen zu lassen.
Entsprechend gibt es auch keine Steuern und wenige Abgaben. Erst Beute und Ausplünderung eroberter Gebiete wird diese Situation ändern. Deshalb wird das ganze Amüsierprogramm aus kultischen und weltlichen Festivitäten, letztere im Zirkus, der Arena und im Theater, aus Spenden der Reichen und Mächtigen finanziert, - schließlich ist die Republik wie selbst auch die attische Demokratie wesentlich ihre Einrichtung, und das "Volk" als die weithin untertänigen Massen muss bei Laune gehalten werden.
Res publica, und das ist wichtig, meint vor allem keine heutigen Republiken, in denen die Untertanen einem von ihnen präzise getrennten Staatsapparat konfrontiert sind, der eine nur von ihm selbst und immer weniger begrenzte Allmacht ausübt.
Die anwachsende Stadt lebt vor allem von der Landwirtschaft des Umlandes, aber auch etwas von Handwerk und Handel, und wirtschaftlicher Erfolg gewährleistet wohl einigermaßen inneren Frieden.
Familia, die Familie, basiert auf der sehr weitgehenden Macht, Befehlsgewalt (potestas) des Vaters, des pater familias über, wo vorhanden, bäuerlichen Grundbesitz, Vieh (pecunia), Gesinde und Sklaven einerseits, Frau und Kinder andererseits. Zur Macht der Väter gehört auch die Aufsicht über den Kult der Familie.
Die Wertvorstellungen der republikanischen Zivilisation, das mos maiorum, drehen sich um männliche Tüchtigkeit in Familie und Agrikultur, in den Institutionen und im Krieg.
Patriarchat gibt es innerfamiliär, aber es strukturiert auch die ganze Urbs Roma. Aus der Schicht der Kleinbauern erheben sich aufgrund von immer mehr Eigentum immer deutlicher jene Väter, patres, die als Patrizier die Spitzen der "aristokratischen" Gemeinde bilden und sich den Besitz von Pferden für Kampf und Krieg leisten können. Als herausragende Väter bilden solche patres auch den Ältestenrat (senatus), der zunächst den rex berät und nach dessen Vertreibung Zentrum aristokratischer Machtausübung wird. Sie leiten als Priester zunächst die öffentlichen Kulte und stellen den pontifex maximus, den obersten Brückenschläger. Priester bedeutet allerdings nicht wie später bei den Christen einen wohldotierten Beruf, sondern eine ehrwürdige Nebentätigkeit dann, wenn kultische Rituale anstehen.
Irgendwo zwischen Macht und Gewalt angesiedelt ist potestas, die im Zweifelsfall immer auch physische Gewalt ist, und die in der Zivilisation an Institutionen hängt. Als jeweils spezifische Befehlsgewalt ist sie das imperium.
Neben der amtsgebundenen Potestas/Imperium gibt es die an die Person gebundene auctoritas, das erarbeitete Ansehen mit entsprechendem Einfluss, um im Deutschen zu bleiben, wo das Wort, seit es dort im späten Mittelalter (eher selten) auftaucht, auch mit der Vorstellung von Würde verbunden wird, die allerdings dann auch wieder an einen Titel gebunden sein kann. Mehr oder weniger familiengebunden ist bei den Reichen und Mächtigen die dignitas, eine Mischung aus Ehre, Würde, Ansehen und Status.
In den Kulten (cultus deorum) wird der Einklang mit dem Willen der Götter gesucht, einmal durch die Opfer, einmal, indem man ihn in der Deutung des Vogelfluges, der Eingeweideschau und manch anderer archaischer Absonderlichkeiten herausfindet. (Tier)Opfer und Ritual zusammen machen den Kult aus.
Die Macht der Stadt, ihrer "Väter" mit großem Grundbesitz, und das Wohlwollen ihrer Götter bilden eine Einheit, weswegen die Patrizier denn auch über die wichtigen Kulte verfügen.
Während in Athen der nach seinem Tagungsort so benannte Areopag, der sich zur Versammlung der ehemaligen Archonten, der hohen Beamten also, entwickelt, im Zuge der Demokratisierung seine Macht verliert, bleibt der römische Senat, in dem die ehemaligen Konsuln sich versammeln, viel länger das Entscheidungs-Zentrum römischer (aristokratischer) Machthaber und wird erst auf dem Weg in die kaiserliche Militärdiktatur zunehmend entmachtet werden.
Die Machtstrukturen im frühen republikanischen Rom haben als Pole den patrizischen Senat der Dreihundert, eine Ältestenversammlung gedienter hoher Magistrate, und die nach Vermögensklassen gegliederte Heeresversammlung der Zenturien, nach der Steuerleistung (census) gegliederte Hundertschaften, die in den Volksversammlungen über von oben vorgelegte Anträge zu wichtigen Themen abstimmen dürfen, wobei die unteren Vermögensklassen kaum eine Rolle spielen.
Diese Versammlungen wählen nach patrizischen Vorgaben die Magistrate, die wiederum in ihren Entscheidungen vom Senat beraten bzw. gelenkt werden. Da die Magistrate dadurch, dass sie Exekutive, Jurisdiktion, Verwaltung und militärisches Kommando miteinander vereinen, enorme Amtsgewalt bedeuten, wird diese durch Annuität, Kollegialität und das Interzessionsrecht (Einspruchsrecht) der einzelnen Träger des Imperiums (Konsuln und Prätoren) etwas austariert und steht zudem unter besagter Aufsicht des Senats, der Aufträge an Magistrate vergibt, später Abgaben festlegt, Gelder bewilligt.
Vom Quästor (Finanzen) zum Ädil (Polizei und Marktaufsicht) über den Prätor (Rechtsprechung) bis zum Konsul reicht eine Ämterlaufbahn (cursus honorum), wobei der Konsul zuvor auch einen langen Militärdienst absolviert haben muss. Als Ausnahme-Amt gilt die Diktatur für ein halbes Jahr, die die Macht beider Konsuln integriert, und die Zensur, die nur alle fünf Jahre eingesetzt wird.
Die Zenturiatskomitien wählen Konsuln und Prätoren, und später werden die Tributkomitien Quästoren, Ädile u.a. wählen und die Versammlung der Plebs die Volkstribunen und ebenfalls Ädile. Versammlungen der tribus sind eigentlich solche von Stämmen, werden aber im Verlauf der Reichsbildung zu solchen geographisch definierter Bezirke.
Neben dem Wahlrecht haben die Versammlungen auch das Recht weiterer Abstimmungen, u.a. über Krieg und Frieden, aber nur auf Initiative des einberufenden Magistrats und ohne ein Diskussionsrecht. Wenn man dann auch noch die Tatsache einbezieht, dass in den Zenturiatskomitien oft schon die Stimmen der reicheren Zenturien ausreichen, dann ist die Partizipation der meisten römischen cives, "Bürger", ausgesprochen gering, wenn man von den comitiae plebis absieht
Unter dem Druck der (Klein)Bauern, Handwerker und Händler (der plebs), und weil diese als Fußsoldaten immer wichtiger für die kriegerischen Auseinandersetzungen nach außen werden, kommt es zwar nicht zu einer "Demokratisierung" wie zum Beispiel in Athen, aber einmal zu einer kollektiven Partizipation der nicht patrizischen, arbeitenden und Handel treibenden Masse in einer Plebejer-Versammlung, und zum anderen zur Schaffung des einflussreichen Amtes des Plebejer-Tribunen, von den Plebejern gewählt. Der einzelne aus dem Kollegium der Volkstribunen kann gegen Handlungen der Magistrate und gegen Senatsbeschlüsse Einspruch erheben (Interzession) und Plebejer vor Handlungen von Magistraten schützen, wofür er sakrosankt wird, also unantastbar.
Ähnlich wie in den hellenischen (lateinisch: griechischen) Städten bleibt aber das Leitbild dessen, der Karriere macht und reich wird, in aller Regel das des aristokratischen, auf der Rendite seines großen Landgutes oder dann auch mehrerer beruhenden Müßigganges als lateinischer privatus (frei von einem Amt) einerseits, und des sich in einem öffentlichen Amt bewährenden publicus andererseits.
Eine erste Tendenz in Richtung auf ein "staatliches" Gewaltmonopol schlägt sich schon 451/450 in dem von einem patrizischen Ausschuss schriftlich fixierten Zwölftafelgesetz nieder, auf dem das ganze später entfaltete Rechtswesen basiert. Es beschränkt aristokratische Gewalttätigkeit, geht mit der Schuldsklaverei ruinierter Kleinbauern um, verbietet die Ehe zwischen Patriziern und Plebejern, um ersteren das Monopol auf die hohen Kulte zu erhalten, besteht aber insofern bereits auf dem Prinzip der Rechtsgleichheit, als bei Kapitalverbrechen nun für alle die Zenturiatskomitien zuständig sind.
Das Ehegesetz wird bald wieder aufgehoben, wodurch sich nach und nach reiche und mächtige Plebejer mit den Patriziern zur Nobilität verbinden, einer Art neuer Adelsschicht. Abgeschlossen wird diese Entwicklung einmal 366 mit dem Zugang des Plebs zum Konsulat, dem höchsten Magistrat, in den man nun auch über das Volkstribunat gelangen kann, was tatsächlich in diesem Jahr auch geschieht. 339 werden Plebejer zudem auch zum Zensorenamt zugelassen, nachdem kurz zuvor schon einer von ihnen Prätor geworden war. Seit etwa 312 können plebejische Vertreter aus Spitzenämtern auch in den Senat gelangen. Damit entsteht die nobilitas der Reichen und Mächtigen, eine Meritokratie der Verdienste um den Staat. bei der die alten patrizischen Familien allerdings weiter für die hohen Kulte privilegiert bleiben. Plebiszite mit Gesetzeskraft der Sonderversammlung der Plebs gibt es aber erst seit 287. Insgesamt entsteht so ein gemeinsames römisches "Staatsbürgertum".
Mittelitalien besteht aus Stadtstaaten, im Süden sind das vor allem hellenische. Der Norden wird um 550 (v.d.Zt.) von Kelten erobert.
Ebenfalls ähnlich wie die hellenischen poleis sind auch italische Städte wie Rom offenbar von ausgesprochener militärischer Aggressivität, also, zumindest was die Aristokraten angeht, ausgesprochen kriegerisch gesonnen und von ungenierter Grausamkeit. Entsprechend gerät Rom in Konflikte mit Nachbarn und es gelingt den Herren der Stadt, zwischen etwa 500 und 300 vor unserer Zeitrechnung immer mehr Gebiete erst in Mittelitalien und dann auch im Süden der italienischen Halbinsel zu erobern, und mittels Verträgen und Ansiedlung römischer bzw. latinischer Bürger ein Reich aus Gebieten zunächst unterschiedlichen Rechts zu formen, in denen die urbs (Stadt) Roma Vorbild wird, und zuerst vor allem die Oberschicht die lateinische Sprache annimmt.
In Kriegen gegen die Karthager (römisch: Punier), Keltiberer, Makedonen und andere werden dann zwischen der Mitte des 3. und dem Ende des 2. Jahrhunderts die Provinz Africa, Spanien, das äußerste Südgallien und Norditalien (Gallia citerior) erobert, zudem Griechenland und Kleinasien.
"Um das Zentrum Rom lagerten sich, idealtypisch in konzentrischen Kreisen von innen nach außen, der ager Romanus mit den Bürgerkolonien, das Gebiet der coloniae latinischen Rechts, das Territorium der Bundesgenossen und schließlich die Provinzen." (Sommer I, S.265)
Das Heer besteht zunächst weiter aus einem Bürgeraufgebot, für Söldner fehlt eine entfaltete Geldwirtschaft. Im Vergleich dazu mussten die Karthager in hohem Maße auf Söldner zurückgreifen. Im dritten Jahrhundert verbreitet sich allerdings Münzgeld im römischen Reich, und damit beginnt die res publica zunächst, ihr Militär mit Waffen auszustatten.
Einer kleinen Oberschicht gelingt es, durch Kriegsbeute und dann die Verwaltung und Ausplünderung der Provinzen immer reicher zu werden, und in ihrem Gefolge steigen unterhalb des hohen Amtsadels der nobiles, der aber anders als der mittelalterliche nicht erblich ist, die equites ("Ritter") als weitere Kriegsgewinnler auf, indem sie Reichtümer der Provinzen abschöpfen, Handel treiben, der den Senatoren längst verboten ist, oder in Finanzgeschäften reich werden.
Schon bevor im 2. Jahrhundert (v.d.Zt.) Griechenland erobert wird, dringt hellenistische Oberschicht-Lebensart in entsprechende römische Kreise ein und beginnt mit der Zersetzung römischer Lebensformen, aber auch mit dem Einfluss griechischer Texte. Das nimmt mit der Einwanderung von Griechen noch zu.
Oberschichtfrauen zeigen öffentlich Schmuck- und Kleiderluxus vor und ein Gesetz von 215, welches das einschränken möchte, scheitert an weiblicher Empörung darüber. Der Erfolg anderer Luxusgesetze, wie sie z.B. Cato anschiebt, wird nicht von Dauer sein, der Verfall des mos maiorum, der Sitten bzw. Lebensformen der Alten, ist nicht mehr aufzuhalten.
Individuelle Karrieren als Teil eines zunehmend egoistischeren Individualismus werden langsam den Konsens der senatorischen Nobilität zersetzen, die es nun im Vollzug ihrer Krieger- und Ämterlaufbahn zu immer mehr von Korruption begleitetem Reichtum bringt.
Zwei Veränderungen betreffen das Militär zunehmend: Je größer sich der Machtbereich Roms ausweitet, desto mehr Militär wird benötigt, und zugleich sinkt jener Anteil freier Bauern massiv, die sich selbst für den Krieg ausrüsten können. Damit verstärkt sich die Finanzierung ihrer militärischen Ausstattung, die am Ende zu einem Berufs-Soldatentum führen wird.
In den kommenden Bürgerkriegszeiten wird nach und nach der Zensus für den Militärdienst immer weiter heruntergesetzt, so dass am Ende verarmte Massen im Militärdienst ein Auskommen finden können. Da sie nachher nicht auf Bauernstellen zurückkehren können, sondern versorgt werden müssen, werden sie zur (Heeres)Klientel ihrer sie ausstattenden Heerführer, die allerdings dann gezwungen sind, oft illegale und gewalttätige Mittel für die Versorgung ihrer Veteranen finden zu müssen, -wie die Vertreibung von bisherigen Bewohnern oder deren Massentötung in kriegerischen Auseinandersetzungen. Wer andererseits wie Cicero über keine solche militärische Klientel verfügt, wird im politischen Macht-Geschäft am Ende untergehen.
Im dritten Jahrhundert beginnt Rom mit ersten Münzprägungen, und im zweiten finden diese immer geregelter statt. Der Bedarf an Münzen ist Indikator für erhebliche Veränderungen und ihre Verbreitung schafft weitere.
Die Versorgung der Grundbedürfnisse der städtischen Massen und vor allem die mit Luxusartikeln für die kleine, immer reichere Oberschicht führen zu einer enormen Ausweitung des Handels. Die offenbar stetig wachsende arme Unterschicht der Stadt Rom braucht als Grundnahrungsmittel Getreide, Olivenöl und Trinkwasser. Letzteres spendet die Oberschicht bzw. Zensoren mit immer längeren, bald mehrere 10 Kilometer langen Wasserleitungen, die in öffentlichen Brunnen für die Masse der Menschen enden.
Mit der damit zunehmenden Bedeutung des Geldes und von Handel und Finanzen gerät das die res publica zusammenhaltende Einvernehmen einer patriarchalisch strukturierten und in Senat und hohen Ämtern versammelten Oberschicht in eine nicht mehr zu behebende Krise. Dabei ist ihr Leitbild weiter der von seinem Landgut lebende Grundbesitzer mit seinem städtischen Wohnsitz und seiner villa.
dessen Land nun allerdings immer mehr zunimmt und manchmal dann Latifundien in verschiedenen Regionen des Reiches umfasst.
Bis in die Zeit der kriegerischen Expansion hinein dominiert ein sich vor allem selbst versorgendes Kleinbauerntum. Mit zunehmendem Handel und zunehmender Geldwirtschaft einher geht der auch durch die Kriegseinsätze der vielen Kleinbauern samt dem Verwüstungszug Hannibals durch Italien verursachte Ruin eines Teiles der bäuerlichen Landwirtschaft. An seine Stelle treten nun mittelgroße Betriebe als villae, die von traditioneller Getreideproduktion zu profitableren Oliven- und Weinkulturen übergehen oder zu Weidewirtschaft im Süden. Hier legt nun die Oberschicht vor allem ihre in Krieg und Geschäft erworbenen Gelder an und lässt für dessen Rendite inzwischen auch öfter mal zehn bis zwanzig Sklaven arbeiten. Der Weg in die Latifundien des Prinzipats ist nun offen und wird an einigen Stellen auch schon begangen.
Teile der ruinierten Bauernschaft ziehen in die Städte, wo die vielen Ärmeren unter ihnen das sogenannte Proletariat bilden, welches eben nichts als seine Nachkommen (proles) besitzt und so zur Lohnarbeit gezwungen ist.
Landwirtschaft, vor allem der Anbau von Getreide, Oliven und Wein, wird neben der allgegenwärtigen Korruption und offener Räuberei in den Provinzen weiter die vorrangige Grundlage für Reichtum sein und die geachtetste. Aber mit der Reichsbildung Roms verlieren die meisten Menschen den Zugang zu Eigentum an Grund und Boden, die erste Voraussetzung für Wohlstand und wirksamer Partizipation an der Macht. Sie verlieren ihn nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten, wo sie zu Mietern werden.
Die plebejischen Massen in der Riesenstadt Rom wohnen schließlich in bis zu sechsstöckigen "Mietskasernen" (insulae) mit vielen anderen auf engstem Raum und oft in Armut. Neben den öffentlichen Großbauten prägen diese Mietshäuser das Stadtbild. Schlechte Bauweise lässt solche Wohngebäude gelegentlich einstürzen, dazu kommen häufige Brände. Als landlose und besitzlose Mieter bedienen städtische Arme den Reichtum von großen Immobilienbesitzern.
Man geht entweder Kleingewerbe nach vom Handwerksbetrieb und Laden über die Taverne bis zum Bordell, oder ist Tagelöhner bzw. arbeitslos, und man wird immer mehr auf Geschenke eines Patrons und dann auch der Bürgerkriegs-Parteien angewiesen.
Noch unter dem städtischen Proletariat sind die als Kriegsbeute und Handelsware zunehmenden Sklaven in Stadt und Land angesiedelt, die teils in den Landgütern der kleinen Oberschicht, teils in Bergwerken, aber auch in den Haushalten derjenigen arbeiten müssen, die sie sich leisten können. Gegen Ende der großen Expansionszeit steht ein Teil von ihnen unter offenbar charismatischen Führern gegen ihre Herren auf, um dann in aufwendigen Militär-Operationen auf das Grausamste unterdrückt zu werden.
Ein Großteil insbesondere des Fernhandels und auch der Produktion ganzer Städte betrifft wie in Nachantike und Mittelalter den enormen Luxusbedarf der Oberschicht, den schließlich ihre kriegerischen Eroberungen wecken, decken und erweitern sollen. Nach und nach dient der ganze Mittelmeerraum mit seinem Hinterland ihren gigantischen Konsumbedürfnissen, und auch der fernere Osten wird für ihre Bedürfnisse entschlossen: Weihrauch aus Südarabien über Petra, Seide und Gewürze (Pfeffer, Kümmel, Koriander) erst auf dem Seeweg aus Indien und China über einen ägyptischen Hafen, später auf Karawanenrouten über Palmyra. Die als erlesener Luxus geltende Fischsauce Garum wird auf der iberischen Halbinsel und in Nordafrika hergestellt und mit Schiffen zu den Luxuskonsumenten überall im entstehenden Reich geschafft. Bald wird romanisierte britannische Oberschicht sich sogar an bestem italienischem Wein erfreuen.
Über das ganze Reich verteilt nimmt so Transportgewerbe und Handelskapital zu und damit verbunden auch Finanzkapital, Bereiche in denen Ritter und selbst einige Freigelassene nun reich werden können. Aber gerade die städte-basierte "Verfasstheit" des Reiches sorgt für eine Dominanz des weiter in den Städten lebenden Großgrundbesitzes, der im wesentlichen konsumistisch eingestellt ist und Kapital nicht als Selbstzweck betrachtet. Dort wo ritterliches Kapital oder das von Freigelassenen, also das der Haupt-Geschäftemacher, ein Niveau erreicht, welches bedeutenden Grunderwerb und aristokratischen Luxus ermöglicht, kauft sich der Geschäftsmann Land und wird Rentier.
Bei Cicero heißt das dann so:
Für den Handel gilt Folgendes: Erfolgt er in kleinem Rahmen, so muss man das als schmutzig bezeichnen; wenn dagegen im großen und umfangreichen Geschäft, das vieles von überall her herbeischafft und es vielen ohne Betrug zur Verfügung stellt, dann darf man ihn durchaus nicht tadeln, und wenn er dann sogar, gesättigt mit Gewinn oder vielmehr zufriedengestellt, sich häufig von hoher See in den Hafen und direkt vom Hafen auf seine Landbesitzungen zu begeben pflegt, scheint er mit vollem Recht Lob zu verdienen. (so in: Sommer I, 44)
Plutarch schreibt über den älteren Cato, der selbst das Ideal der Villenwirtschaft vertritt, dass selbst senatorische Oberschicht manchmal Gefallen an Kapitalverwertung finden:
Als er sich ernstlicher auf den Gelderwerb zu legen begann, fand er, dass der Landbau mehr ein Zeitvertreib als eine ergiebige Geldquelle sei. Er legte darum seine Kapitalien in sicheren, risikofreien Objekten an, kaufte Teiche, warme Quellen, freie Plätze für Walker, Pecherzeugungsanlagen, natürliche Weiden und Hutungen, woraus ihm reicher Gewinn zufloss. (...) Auch die anrüchigste Form des Geldverleihens, die gegen Seezins, verschmähte er nicht und verfuhr dabei folgendermaßen: Er veranlasste die Geldbedürftigen, eine Gesellschaft von Geldgebern ins Leben zu rufen. Waren deren 50 und ebenso viele Schiffe zusammen, so nahm er selbst einen Anteil durch seinen Freigelassenen Quintio, der dann die Geschäftsführung der Schuldner beaufsichtigte und mitreiste. So erstreckte sich sein Risiko nicht auf das Ganze, sondern nur auf einen kleinen Teil bei großem Zugewinn. (so in: Christ, S.29)
Aber sein Selbstverständnis zieht ein Cato eben aus der Villenwirtschaft, auch wenn sie mit Geldgier gekoppelt wird.
Handelskapital muss es im Riesenreich in erheblichem Umfang gegeben haben gegeben haben, solches, welches auf bestimmte Waren spezialisiert ist wie solches, welches Handel mit einer bestimmten Region betreibt. Dabei dürften einige Firmen auch eine beträchtliche Größe gehabt haben. Im zweiten Jahrhundert schreibt ein Aelius Aristides über den blühenden Hafen von Ostia:
Das Ein- und Auslaufen der Schiffe hört niemals auf, so dass man sich nicht nur über den Hafen, sondern sogar über das Meer wundern muss, dass es, wenn überhaupt, für die Lastschiffe noch ausreicht. (in: Christ, S.501)
Generell aber gilt, dass großer Reichtum in machtpolitische Projekte fließt oder aber in Besitzungen, die gehobenen Konsum mit zunehmendem Luxus ermöglichen. Die Masse des Handwerks bleibt in kleinen Familienbetrieben, und in den wenigen Fällen, wo wie in der Töpferei Massenprodukte hergestellt werden, geschieht das wohl weithin in vielen kleinen Einzelbetrieben. Nicht Kapitalbildung, die zum Ende des Westreiches ohnehin wieder massiv abnimmt, sondern Zivilisierung als brachiale Zerstörung einer Vielzahl von teilweise bereits anzivilisierten Kulturen wird der wichtigste römische Anteil an der Entstehung von Kapitalismus sein.
Neben dem bei wenigen Leuten konzentrierten Geld und Grundeigentum, welches es Oberschicht-Patriarchen ermöglicht, schutzbedürftige Leute als Klientel unter sich zu versammeln, die bei Wahlen in den Volksversammlungen eingesetzt werden und ab dem zweiten Jahrhundert auch als brutale Schlägertrupps auf Straßen und Plätzen fungieren, dient der Oberbefehl (imperium) über Truppen in den Provinzen, der vor allem zum Niederschlagen von Aufständen, aber auch für neue Eroberungen eingerichtet wird, als erheblicher Faktor für machtgierige Männer, die immer weniger den längeren Weg der Konsensbildung im und mit dem Senat suchen.
Diese Karrieristen nutzen nun auch "Politik", so wie das schon im Athen des 5. Jahrhunderts geschah, nämlich die Suche nach Anhängerschaft über "politische Programme", die öffentlich vertreten werden, und welche in Entscheidungen in den Volksversammlungen, insbesondere zunehmend der der Plebejer, umgesetzt werden können, was sie zu populares macht, wie sie dann im ersten Jahrhundert heißen werden, während diejenigen, die - vereinfacht gesagt - eine "Politik" gegen den Senat ablehnen, als optimates bezeichnet werden, die Besten also. Tatsächlich handelt es sich weniger um politische Parteien als um die Machtinteressen mächtiger Familien, die nun "politisch" garniert werden.
Konfliktthemen sind schließlich unter anderem die Verarmung der Kleinbauern, die Ansiedlung der Armee-Veteranen auf neuen Kleinbauernstellen, die Lebensmittelversorgung der städtischen Armen in der immer größeren Stadt Rom und dann zunehmend auch die rechtliche Stellung der Menschen in jenen italischen Gebieten, die man zu Bundesgenossen Roms gemacht hat. Seit den Brüdern Gracchus finden solche Auseinandersetzungen als Machtkämpfe mit Mord und Totschlag statt, mit Straßenkämpfen, und dann auch mit dem Marsch von Legionen auf Rom und mit Bürgerkriegen zwischen einzelnen Armeeführern. Das alles wird mit dem Popularen Marius und dann dem Optimaten Sulla immer grausamer. Mit Lepidus, Lucullus, Crassus und Pompeius treten dann vier Gefolgsleute Sullas an, die sich mit Heerzügen auszeichnen. Aber auch Pompeius entlässt noch am Ende 62 seine Truppen.
Spätestens für Gaius Iulius Caesar wird deutlich, dass es im Rahmen der bisherigen Institutionen kein Ende dieses grausigen Blutvergießens geben kann, und dass nur eine Ausweitung dessen, was bislang für besondere Fälle als sechsmonatige Diktatur vorgesehen war, inneren Frieden bringen würde, und zwar gestützt auf das Militär. Zunächst begibt sich Caesar sich auf einen Raubzug nach Spanien, welcher ihm die Mittel für die Erringung eines Konsulats gibt. Zusammen mit Pompeius und Crassus kontrollieren die drei 60 das riesig gewordene Reich mit offener, brutalster Gewalt.
Nach seinem Konsulat benutzt Caesar Vorwände, um so wie Pompeius Macht und Reichtümer im Osten erworben hatte, nun auch unter Vorwänden im Norden, nämlich in Gallien, vorzugehen. Dies ist zwischen 58 und 52 ein des öfteren auch Völkermord einbeziehender "gigantischer Raubkrieg" (Bringmann), in dem anzivilisierte Stammeskulturen zerstört, Hunderttausende getötet und weitere Unmengen an Menschen versklavt werden. Hinter dem Heer Caesars folgen die Sklavenhändler "wie die Aasgeier" (Bringmann).
Sueton schreibt in der Caesarbiographie: In Gallien raubte er die mit Weihgeschenken gefüllten Tempel und Heiligtümer aus, und des öfteren zerstörte er Städte eher um der Beute willen als wegen eines Vergehens. Daher kam es, dass er Gold in Überfluss hatte (... in: Bringmann, S.329)
Während Caesar die anzivilisierten gallischen Stammeskulturen zerstört, erstickt in Rom jede Ordnung in Straßenkämpfen, in denen schließlich ein Schlägertrupp des optimatischen Konsulatskandidaten Milo 52 den Clodius umbringt. Im selben Jahr wird Pompeius consul sine collega, zögert aber anders als bald der skrupelosere Caesar, ganz die Legalität der ungeschriebenen "Verfassung" zu verlassen.
Inmitten der Leichen von Zehntausenden seiner Legionäre stirbt Crassus im Krieg gegen die Parther. Pompeius kauft sich mit Wohltaten in die Sympathien der Römer ein.
Als Caesar sich nun Angehörige der Nobilität und der Ritterschaft kauft, will eine Fraktion mit Senatsmehrheit Caesar vor Gericht und zu Fall bringen. Anfang 49 überschreitet er darum mit seinem Heer den Rubicon und marschiert auf Rom. Pompeius ist mit seinen Truppen aus Italien geflohen, kontrolliert aber den Osten, Afrika und Spanien.
In Rom verschafft Caesar sich mit Gewalt einen Teil des Staatsschatzes im Saturntempel. Er kontrolliert bald ganz Italien, welches er dann Marcus Antonius anvertraut.
Caesar erhält das Konsulat auf fünf Jahre und wird zum Diktator ernannt. Sein Stellvertreter wird Marcus Antonius, der sich in Rom mit Gewalt gegen Dolabella durchsetzt.
48 verfolgt Caesar Pompeius. Der flieht bis Ägypten, wo er ermordet wird. Caesar folgt dorthin, wo man ihm der Kopf des ermordeten Pompeius übergibt. Kleopatra VII. wird Caesars Geliebte und dann von ihm zur Herrscherin dort erkoren. Seine Truppen richten in Nordafrika ein Blutbad gegen ein "republikanisches" Heer an. Cato, Vertreter alter Werte, begeht Suizid. Caesar ist nun Alleinherrscher in Rom.
46 ist Caesar in Rom zurück und ihm werden die Diktatur auf 10 Jahre und weitere Vollmachten zugesprochen. Er beschenkt sein Heer und den stadtrömischen Plebs mit erheblichen Summen. Teile der inzwischen 320 000 stadtrömischen Getreide-Empfänger werden überall in den Provinzen in Kolonien angesiedelt. Den Senat und die Magistratswahlen kontrolliert er mit harter Hand.
(...) mit Spielen, Bauten, Spenden und Speisungen hatte er die unerfahrene Menge gezähmt, seine Parteigänger mit Belohnungen, seine Gegner mit dem Schein der Milde sich verpflichtet. Was weiter? Schon hatte er eine freie Bürgerschaft dazu gebracht, sich an die Unfreiheit zu gewöhnen, schreibt Cicero ('Gegen Antonius'), der die nicht mehr aufzuhaltende Entmachtung der Nobilität beklagt.
Folgendes Fazit zieht Karl Christ:
"Im skrupellosen Einsatz finanzieller Mittel war er seit der Sanierung seines eigenen, durch die unbedenklichen Investitionen in seine politische Karriere völlig zerrütteten Vermögens im gallischen Feldzug kaum mehr zu übertreffen. Dutzende von Aristokraten wurden finanziell von ihm abhängig gemacht, einflussreiche Politiker der Reihe nach korrumpiert, aber auch der Sold seiner Truppen gegen Ende der Feldzüge in Gallien kurzerhand verdoppelt. Dazu kamen verschwenderische Ausgaben für Bauten, Spiele und Schenkungen an das römische Volk." (S.46)
Es geht den Verschwörern gegen Caesar natürlich nur um jene Freiheit, welche die politische Macht einer kleinen reichen und ehedem mächtigen aristokratischen Oberschicht ist. Aber die Ermordung Caesars im März 44 rettet weder ihre Freiheit noch die Republik, an denen weder die großstädtischen Massen noch die Soldaten in den Legionen interessiert sind.
Nach seiner Ermordung wird binnen dreizehn Jahren seine Nachfolge erst gegen die Caesarmörder und dann zwischen Octavian, Marcus Antonius und Lepidus bis zur Schlacht bei Actium militärisch ausgefochten, was in die Erfindung des Prinzipats durch den ersten Augustus mündet. Octavian verspricht Frieden im Inneren auf der Basis der tradierten "Verfassungs"-Organe, wenn man ihn persönlich als militärischen Oberbefehlshaber und zivilen Magistrat anerkennt. Er gibt - wohl nach Vorabsprachen - seine (formelle) außerordentliche Machtvollkommenheit zurück, wird mit dem Titel Augustus, der Erhabene beschenkt und erhält dann ein außerordentliches prokonsularisches Imperium zunächst auf zehn Jahre, welches dann immer wieder verlängert wird. Dazu gehören die spanischen und gallischen Provinzen sowie Syrien. Damit kontrolliert er weiter den größten Teil der Truppen. 23 wird sein bisheriges Konsulat ersetzt durch die Erweiterung der Macht über das Militär mit einem imperium proconsulare maius und eine lebenslange tribunizische Gewalt, die vom Amt getrennt ist.
Sein tatsächlich auf der Macht über das Militär fundiertes Prinzipat (ein Begriff der neueren Geschichtsschreibung) begründet Octavian/Augustus in seinen 'Res Gestae' später so:
Nach dieser Zeit überragte ich an auctoritas alle, an potestas besaß ich jedoch nicht mehr als die anderen, die jeweils meine Kollegen im Amt waren. (34).
Das stimmt zwar so nicht, klingt aber gut.
Kaiserreich
Nur zur Einordnung: Rund 200 Jahre vor Augustus einigt ein erster chinesischer Kaiser, der sich Qin Shihuangdi („Erster Gottkaiser von Qin“) nennt, sieben chinesischen Großreiche. Ganz China erhält das effiziente Verwaltungssystem des terroristisch regierten Reiches Qin. Maße und Gewichte werden standardisiert. Minister Li Si vereinheitlicht die Schrift. Mit Hilfe brutalster Zwangsarbeit lässt der Kaiser die große chinesische Mauer durch Verbindung bereits bestehender Mauern errichten. Auch erste Kanäle für den Transport von Waren werden gebaut. Als der Kaiser 210 stirbt, wird er in einer einzigartig gigantomanischen unterirdischen Grabanlage bestattet, begleitet unter vielem anderem von einer Terracottaarmee.
Es ist das einzige wohl recht brutale Riesenreich, welches in modernisierter Form bis heute bestehen bleibt.
Zurück in die abendländische Antike: Die Augusti (Erhabenen) bzw. Caesaren (deutsch: Kaiser) werden das Reich mehrere Jahrhunderte zusammenhalten und zunächst noch erweitern, aber sie werden weder verhindern können, dass es immer wieder zu oft extrem gewalttätigen Machtkämpfen kommt, noch wird es ihnen gelingen, ohne massive Grausamkeit und erhebliches Blutvergießen zu regieren.
Das Heer leistet jährlich einen Eid auf den Prinzeps, den obersten Befehlshaber und sein "Haus" (domus), und entsprechend geht der Großteil der Finanzen auch dorthin. Veteranen werden mit Land versorgt, welches er mit der riesigen ägyptischen Beute ankaufen kann.
Aus der Bürgerwehr der Stadtrepublik Rom ist längst eine Vielzahl professionalisierter Armeen geworden, die das Vielvölkerreich widerspiegeln. Augustus reduziert sie auf 28, die jeweils eine Sollstärke von 5500 Fußsoldaten und 120 Reitern haben. Nach einer Dienstzeit von rund 25 Jahren gibt es nun ein Entlassungsgeld von 3000 Denaren. Finanziert wird das mit einer Erbschaftssteuer von 5% und einer Verkaufssteuer von 1% für eine Pensionskasse. Ein Teil der Veteranen kommt dann in neuen Kolonien unter.
Der zunehmend nur noch pro forma mitregierende Senat, die alten Ämter und die Volksversammlungen haben bloß noch die Funktion, kaiserliches Regiment zu stützen und werden bald zunehmend durch einen Hof abgelöst, in dem Ritter und freigelassene Sklaven immer wichtiger werden. Mehr an das Zeremoniell altorientalischer Despotien erinnernde höfische Rituale machen deutlich, wie wenig von der alt-aristokratischen res publica übriggeblieben ist. Die zunehmende Vergöttlichung von Kaisern, insbesondere nach ihrem Tode, betont diesen despotischen Aspekt.
Dichter wie Horaz und Vergil feiern Kaiser und Reich, und andere wie Ovid, Properz und Catull führen zu einer Erotisierung des vornehmen Alltags.
Dazu passt, dass das in eine lateinisch- und eine griechischsprachige Hälfte geteilte und inzwischen nicht wenig hellenistisch beeinflusste Reich immer offener wird für vor allem aus dem nahen Orient entstammende Kulte. In zahlreichen Städten gibt es jüdische Gemeinden, bis in kleine Militärstationen hinein den persischen Mithraskult und auch sich von den jüdischen absondernde erste christliche Gemeinden.
Die Rheingrenze wird schon unter dem ersten Augustus Grenze zu einem nicht zu erobernden Germanien. Das spätere England wird erobert, ein jüdischer Aufstand in Palästina wird niedergeschlagen. Das Gebiet südlich der Donau wird erobert. Schließlich kommen Dakien und zeitweilig Mesopotamien samt einer Provinz Arabia des bisherigen Nabatäer-Reiches und ein breiter Landstrich in ganz Nordafrika dazu. Damit erhält das Reich im 2. Jahrhundert seine größte Ausdehnung.
Der zunehmend despotischere Charakter der längst auch in gewaltigen Palästen residierenden Herrscher ist nur möglich, weil sie sich auf das Militär stützen, und ihre Herrschaft entwickelt sich dabei zu immer offenerer Diktatur. Die Legitimation durch militärische Gewalt lädt aber des öfteren "Usurpatoren" dazu ein, sich von ihren Legionen zu Gegenkaisern ausrufen zu lassen. Dem Kaisertum gelingt es also nur zeitweilig, den Bürgerkriegszustand, wie er das letzte Jahrhundert vor der Zeitrechnung bestimmt hatte, zu verhindern, und manchmal hält er in neuer Form weiter jahrelang an. Zwischen 235 und 284 z.B. regieren mehr oder weniger mit Duldung des Senats mindestens neunzehn Kaiser; sie werden erschlagen oder ermordet, während die Zivilbevölkerung sich in stiller oder lauter Opposition übt.
Grundlegend besteht die römische Bevölkerung aus der plebs und einer Art Aristokratie, der nobilitas. Die Plebs ist in Freigeborene (ingenui) und Freigelassene (liberti) eingeteilt und darunter existieren die Sklaven (servi). Die vergleichsweise kleine Spitze teilt sich in den Ritterstand (ordo equester) und darüber den Senatorenstand (ordo senatorius). Ganz oben herrscht der Princeps mit seiner Familie, der domus imperatoria.
Gegen Ende der Kaiserzeit ist die Macht des Senates verschwunden, aber ein manchmal nicht einmal mehr am Senat beteiligter Senator gehört mit einem Mindestvermögen von einer Million Sesterzen zur reichsten und soweit auch einflussreichsten Spitze einer in der Masse aus Plebejern bestehenden Bevölkerung.
Die darunter liegenden Ritter mussten in der vorkaiserlichen Republik ein Mindestvermögen von 400 000 Sesterzen vorweisen, werden aber nun unabhängig davon vom Kaiser ernannt, um seiner Machtausübung zu dienen.
Die Militarisierung des zentralen Machtapparates in der späten Kaiserzeit lässt die Verwaltung in wesentlichen aus hohen Offizieren bestehen.
Seit 212 nach unserer Zeitrechnung sind alle Freien im Kaiserreich "Bürger" und damit rechtlich gleichgestellt. Denselben Status erreichen meist nach einigen Generationen die freigelassenen Sklaven, deren Zahl erheblich zunimmt. Die übrigen Sklaven hingegen bleiben weiterhin ein relativ rechtloser Gegenstand in den Händen ihrer Herren.
Sehr eindeutig sind aber auch die vom Wirtschaften geprägten Strukturen. In ihnen liegt die wirtschaftliche Macht bei zum Teil riesigem und über mehrere Provinzen verteiltem Großgrundbesitz (latifundia), in dem die produktiv Arbeitenden immer mehr an ihre Scholle gebunden und von ihren Herren abhängig werden. Riesigen Latifundienbesitz machen die kaiserlichen Domänen (des fiscus) aus. Daneben existiert noch ein in seinem Umfang nicht bezifferbares freies Bauerntum auf eigenem Land. Schließlich gibt es zudem Kapital und Lohnarbeit in ebenfalls nicht mehr nachvollziehbarem Umfang.
Für den Weg in Richtung auf die Ursprünge des Kapitalismus ist die innere Entwicklung im Reich wichtiger als die Abfolge von Kaisern und Kriegen. Dieses Reich entwickelt auch in der Kaiserzeit nur ein sehr geringes Maß an Staatlichkeit (nach heutigen Maßstäben), und die Zentrale verbraucht einen wesentlichen Teil ihrer Einnahmen für das Militär. Zu diesen gehört eine maßvolle Erbschaftssteuer von 5% und eine Kopfsteuer in den Provinzen. Dazu kommt dort ebenfalls eine Grundsteuer. Bis gegen Ende des dritten Jahrhunderts bleiben Steuern und andere Abgaben relativ gering. Unter Diokletian wird versucht, die Berechnung der Grundsteuer durch Ermittlung der Kopfzahl der Arbeitskräfte und des Viehs sowie der Größe von Grund und Boden effizienter zu machen und sie gilt nun auch für Italien selbst.
Neben der am kaiserlichen Hof angesiedelten Regierungszentrale sind Provinzen und in ihnen Städte die wesentlichen Einheiten. Provinzen, die vor der Eroberung durch Rom kaum Städte von römischen Ausmaßen kannten, wie auf dem größten Teil der iberischen Halbinsel, in Gallien und England werden mit Neugründungen überzogen, die sich am Modell der urbs Roma orientieren. Solche civitates (und je nach Status municipiae und coloniae) werden von einem Stadtrat (curia) regiert, der, da es ein Ehrenamt mit großen Verpflichtungen bedeutet, aus der Gruppe der großen Grundbesitzer gewählt wird. Diese Kurialen oder Dekurionen bestreiten wichtige Aufgaben und Ausgaben wie öffentliche Gebäude und das Amüsierprogramm für die städtischen Massen, und zwar in der Regel aus der eigenen Tasche.
Kern der Civitas und Umland bilden wie bald auch mit den Bistümern eine Einheit, und die städtische Oberschicht ist sowohl stadtsässig wie zunehmend auf dem Landgut in der villa rustica wohnend. Diese Landgüter werden wiederum von dort hausenden Sklaven bearbeitet, während die von Status und Reichtum ganz oben angesiedelte senatorische Oberschicht in der Regel über riesige Latifundien verfügt, auf denen Sklavenmassen nicht mehr kontrolliert werden könnten, und wo darum Klein-Pächter als Kolonen (Siedler) angesiedelt werden. Da die Abgaben an die Regierungszentrale vor allem auf Landwirtschaft und damit auch der Kopfzahl der Produzenten beruhen, werden diese Kolonen immer stärker an ihre Scholle gebunden, was die erobernden und neusiedelnden Germanen dann erst einmal so übernehmen werden. Neben alledem gibt es noch eine unbekannte Anzahl freier bäuerlicher Landwirtschaft.
Freie römische Bürger, cives, sind in der Masse Handwerker, Kleinhändler, Dienstleister und Gelegenheitsarbeiter. Sie sind, auch wenn das eher wenig dokumentiert ist, wohl oft in Berufsvereinen, collegia organisiert, die einen gemeinsamen Kult pflegen und gemeinsam Feste feiern. Selbst wo es wie in bestimmten Keramikbereichen zu Massenproduktion kommt, verteilt diese sich in der Regel doch auf viele kleinere Betriebe. Größere Töpfereien und Ziegeleien mit Massenproduktion sind oft in der Hand großer Grundbesitzer, die hier ihren Rohstoff Erde nebenbei auch auf solche Weise kommerzialisieren, ohne aber großen unternehmerischen Eifer zu entwickeln.
Gemeinhin arbeiten in Werkstätten Freie und Sklaven zusammen, vor ihnen ist oft ein Verkaufsladen, und die Eigentümer wohnen darüber.
Meist werden handwerkliche Produkte auch nur regional verkauft, vor allem bei Transporten über Land, die sehr teuer sind, auch wenn die primär für militärische Zwecke gebauten Fernstraßen etwas helfen. Das gilt etwas weniger für alte griechische Städte, die schon länger auch für Fernhandel (insbesondere auf dem Seeweg) produzieren. Der zweieinhalb-prozentige Binnenzoll zwischen großen Zollregionen hingegen spielt kaum eine Rolle. (Christ, S.118)
Die Qualität des privatwirtschaftlich und in Handelskorporationen organisierten Fernhandels über das Mittelmeer hängt daran, wie weit das Seeräuber-Unwesen eingegrenzt werden kann. Zwei wichtige Güter des Seehandels sind Getreide und Speiseöl, weil die Menschen der Großstädte mit mehreren hunderttausend Einwohnern nur so noch ernährt werden können. Zur Zeit des Augustus werden ungefähr 150 000 Tonnen Getreide allein aus Ägypten über Ostia nach der Millionenstadt Rom transportiert, daneben auch aus Sizilien und Nordafrika. Zur Zeit des Hadrian könnten es bereits 250 000 Tonnen gewesen sein. Bis zu über 100 000 Tonnen dienen zudem der Versorgung der Armee (Sommer II, S.204). Das Massengut Speiseöl wiederum kommt aus Süditalien oder Griechenland.
Ansonsten dominieren im Fernhandel wie bis tief ins Mittelalter hinein Luxusgüter. Gewürze, Edelmetalle, Edelsteine, Elfenbeinschnitzereien, Schmuck und Seide kommen zum Beispiel aus Indien und Äthiopien, Weihrauch aus Südarabien über Zwischenhandels-Stationen wie Petra seit etwa 100 und dann Palmyra. Keramik kommt aus Südgallien, Marmor aus den Apuanischen Alpen, manchmal auch aus Griechenland, zudem Holz und Wein aus dem ganzen Mittelmeerraum (Sommer II, S.54)
Handelskapital muss es im Reich durchaus gegeben haben, solches, welches auf bestimmte Waren spezialisiert ist wie auch solches, welches Handel mit einer bestimmten Region betreibt. Dabei dürften einige Firmen eine beträchtliche Größe gehabt haben. Im zweiten Jahrhundert schreibt ein Aelius Aristides über den blühenden Hafen von Ostia:
Das Ein- und Auslaufen der Schiffe hört niemals auf, so dass man sich nicht nur über den Hafen, sondern sogar über das Meer wundern muss, dass es, wenn überhaupt, für die Lastschiffe noch ausreicht. (in: Christ, S.501)
Erhalten sind heute im wesentlichen Texte, Gebäude und Artefakte der kleinen römischen Oberschicht, dagegen wissen wir kaum etwas über die vielen Menschen, die das Land bearbeiten, als Sklaven in Bergwerken zugrunde geschunden werden, als kleine Gewerbetreibende in den Städten leben oder zur vermutlich großen Zahl der Lohnarbeiter gehören. Aus kultischen Veranstaltungen entwickeln sich in den Städten schon vor der Kaiserzeit von der kleinen Oberschicht und dann vor allem in der Stadt Rom vor allem von den Caesaren ausgerichtete und finanzierte Amüsier-Spektakel, die entweder gratis oder gegen geringen Obolus die städtischen Massen bei Laune halten sollen.
Bei Wagenrennen, Gladiatorenkämpfen, Tierhetzen, oft dümmlich ordinären Komödien und manchem mehr können die zivilisierten, also untertänig gehaltenen Massen ihre komplementäre Seite, nämlich ihre aggressive und pervertierte Raubtierpsyche, ähnlich wie in der spätkapitalistischen Gegenwart heute ausleben. Unter Domitian wird Juvenal das "Volk" in seiner zehnten Satire so kommentieren:
Schon lange, seitdem es keine Stimme mehr zu verkaufen gibt, hält es sich fern. Einst verlieh es Feldherrnamt, die Fasces, Legionen, Alles - jetzt begnügt es sich und hegt nur noch zwei angelegentliche Wünsche: Brot und Spiele!
Schon in den bürgerkriegsartigen Konflikten vor der Kaiserzeit beginnt mit Spenden und dann mit regulären Gaben das Abfüttern der Proletariermassen vor allem der urbs Roma, die bei einer Einwohnerzahl von etwa einer Million in der frühen Kaiserzeit Hunderttausende umfassen. Erst wird Getreide verteilt, dann kommen auch andere Grundnahrungsmittel dazu, wobei das allerdings wohl kaum das Existenzminimum einer Familie erreicht. Aber auch darüber hinaus bieten reiche Magnaten und dann auch vor allem Kaiser den städtischen Massen einiges an: Wasserversorgung und Abwasserableitung, riesige öffentliche Badeanlagen und öffentliche (Gemeinschafts)Toiletten zum Beispiel.
Die meisten Menschen in den größeren Städten wohnen in kleinen, dunklen und nicht selten baufälligen Mietwohnungen von wenigen Quadratmetern zusammen gepfercht, meist ohne Wasserleitung, Küche und Toilette. Letztere werden teilweise durch öffentliche Toilettenräume ersetzt. In diesen Mietbauten muss es übel gestunken haben und es herrscht wohl drinnen wie draußen großer Lärm, was es schwer macht, in Ruhe zu schlafen. Das Leben hat wohl wesentlich draußen stattgefunden, dabei kosten solche kleine Wohnräume offenbar manchmal fast das Jahresgehalt eines einfachen Arbeiters.
Für die spätere Entstehung von Kapitalismus wichtig wird die als selbstverständlich, das heißt nicht mehr hinterfragbar angesehene Verteilung von Macht weniger und Ohnmacht vieler, und damit verbunden die extrem ungleiche Verteilung von Land und Reichtümern angesehen, beides bald auch durch das Christentum gerechtfertigt. Wir haben zudem keine Schriftzeugnisse der untertänigen Massen, das Bild der Zeit wird durch eine kleine Oberschicht geprägt, die uns auch alleine in der Entstehungszeit von Kapitalismus ihr Bild von ihrer Zeit hinterlassen wird. Dieses Bild wird dann auch die spätere, einseitige Geschichtsschreibung prägen.
Judentum
Kapitalismus wird ausschließlich in lateinisch christianisierten Gegenden seinen Ursprung haben, und deshalb kann man von vorneherein vermuten, dass die christliche Religion als eine seiner Rahmenbedingungen anzusehen sein wird. Darum sei hier bereits etwas näher darauf eingegangen. Da nun aber die jüdischen, mehr oder weniger heiligen Schriften im Christentum als gleichwertig angesehen werden, sei auch kurz auf das antike Judentum eingegangen.
Zu vermuten ist, dass sich in Teilen eines späteren Palästina in der frühen Eisenzeit eine gemeinsame Sprache entwickelt, das Hebräische, welches sich vom ebenfalls semitischen Aramäischen nördlich davon und westlich vom Phönizischen absetzt.
Im Norden des hebräischen Raumes entwickelt sich im neunten Jahrhundert ein "Königreich" Israel mit steinernen Palastbauten vor allem in Megiddo, Jesreel und Samaria, mit einer entwickelten Verwaltung, ausgeprägter Oberschicht und einer Überschuss-Produktion für Handel und Luxus.
Der Süden, später Juda genannt, bleibt zunächst bei Subsistenz-Wirtschaft ohne ausgeprägte städtische Siedlungen. Die archäologisch nicht nachweisbaren mythischen Könige Saul, David und Salomo sind, so es sie überhaupt gab, eine Art einfache Stammeshäuptlinge in dörflichen Siedlungen – ohne Palastanlagen und städtische Zentren.
Das Vielvölkerreich Israel, geprägt auch durch unterschiedliche Kulte, wird in den durch judäische Redaktionen umgeformten Texten von Amos und Hosea als ausbeuterisch und von "Hurerei" gekennzeichnet beschrieben. Du hurst weg von deinem Gott, du liebst Dirnenlohn auf allen Korntennen (Hosea 9,2). Daru wird das Volk Gottes aussterben: Kein Gebären, keine Schwangerschaft, keine Empfängnis (Hosea 9,11).
Im 8. Jahrhundert unterwirft tatsächlich Assyrien nach und nach Israel und deportiert einen großen Teil der Bevölkerung. Dafür steigt nun Juda auf, und später wird es den Untergang Israels in seinem 'Buch der Könige' so begründen:
Und es geschah, weil die Söhne Israel gesündigt hatten gegen den HERRN auf jedem hohen Hügel, ... Und die Söhne Israels ersannen gegen den HERRN, ihren Gott, Dinge, die nicht recht waren; und sie bauten sich Höhen (Höhenheiligtümer) in all ihren Städten... Und sie errichteten sich Gedenksteine und Ascherim (Aschera-Heiligtümer) auf jedem hohen Hügel und unter jedem grünen Baum, und sie brachten dort auf allen Höhen Rauchopfer dar... und sie dienten den Götzen...(2 Könige, 17,7ff)
Anzeichen für den Aufstieg Judas sind ein rapider Bevölkerungsanstieg, Handel mit den Nachbarn, Anfänge „königlicher“ Verwaltung und der Aufstieg einer Jahwe-Priesterschaft im Jerusalemer Tempel. Dazu kommen die Anfänge von Schriftlichkeit.
Ähnlich wie zuvor in Israel herrscht zunächst weiter eine Vielfalt von Kulten, in denen kanaanäische weibliche und männliche Gottheiten verehrt werden, und zwar in Jerusalem bei den "Königen" wie in den ländlichen und nun etwas städtischer werdenden Siedlungen drum herum. Jahwe ist ein Gott unter vielen, und oft gilt er weiter als mit Aschera verheiratet.
Erst unter König Josia (639-609), etwa in der Zeit der Solonischen Gesetze entsteht dann der große Juda/Israel-Mythos der „Juden“, wie sie nach der Eroberung Judas durch Babylon heißen werden, jener Mythos, an den auch diejenige jüdische Sekte anknüpfen wird, die dann irgendwann von den Römern als „Christen“ tituliert werden wird.
Finkelstein/Silberman beschreiben diese Wende so: „Josias messianische Rolle entspringt der Theologie einer neuen religiösen Bewegung, die dramatisch den Sinn des Begriffs „Israelit“ nachhaltig verändert und die Fundamente für das zukünftige Judentum - und damit auch für das Christentum – legt. Diese Bewegung bringt schließlich die Dokumente hervor, die den Kern der Bibel bilden, vor allem das wichtigste, ein Gesetzbuch, das bei der Renovierung des Jerusalemer Tempels im Jahre 622 v.Chr., dem 18. Regierungsjahr Josias, "entdeckt" wird. Dieses Buch, das von den meisten Gelehrten als ein Original des Buchs Deuteronomium identifiziert wird, bewirkt eine Revolution im Ritual und eine vollständige Neuformulierung der jüdisch-israelitischen Identität. Es enthält die zentralen Merkmale des biblischen Monotheismus: die ausschließliche Verehrung eines Gottes an einem Ort; die zentralisierte, nationale Einhaltung der Hauptfeste des jüdischen Jahres (Passa, Laubhüttenfest) und eine Reihe von Gesetzen, die sich mit sozialer Wohlfahrt, Gerechtigkeit und persönlicher Moral befassen.“ (Finkelstein/Silberman, S.297)
Josia und seine Nachfolger sakralisieren das judäische Königtum stärker als zuvor, indem die Könige zu Nachfolgern der mythischen Figuren Moses, Josua, David und Salomo werden, also zu Repräsentanten von Großreichs-Prätentionen, die sich aus dem Bund JHWHs mit seinem „Volk“ ergeben. Josia, so wird im Buch der Könige betont, stammt aus der historisch nicht nachweisbaren Familie Davids. Noch das Matthäus-Evangelium wird mit einer akribischen Aufzählung der Abstammung Jesu von David eingeleitet.
Der Priesterschaft, die nun gegen die übrigen, weiter als real anwesend betrachteten Götter kämpft, wird wie auch sonst im Orient eine Art Zehnter zugesprochen, zu dem alle erstgeborenen Tiere gehören, die ersten Feldfrüchte und Geldwerte von entfernteren Gegenden. Damit werden die Priester zu einer fest bezahlten Tempel-Beamtenschaft und zu Hütern eines großen Tempelschatzes. Dafür müssen sie mehrmals im Jahr die Schohar blasen, Segen aussprechen, die rituelle Schlachtung der Opfertiere durchführen und die wenigen Jerusalemer Festtage mit ihren vielen Wallfahrern dorthin organisieren.(Landmann, S. 85ff für die historisch belegbare Zeit)
Der quasi-nationale Charakter des Tempelkultes wird dann durch „nationale“ Feiertage mit den Wallfahrten zahlreicher Pilger nach Jerusalem ergänzt, die die mosaische Geschichte in die Herzen der Menschen einbrennen und Geld in die Hauptstadt bringen sollen: Pessach feiert den mythischen Auszug aus Ägypten, Schawuot ungefähr sieben Wochen später feiert die zweite Gabe des Gesetzes durch Gott, Sukkot, das Laubhüttenfest, ursprünglich wohl eine Art Erntedank mit schattenspendenden Laubhütten, feiert die Behausungen der Kinder Israels in der Wüste nach dem Auszug aus Ägypten, - alles rein mythische Ereignisse.
Historisch steht Josia zwischen dem Niedergang assyrischer Herrschaft im Norden und dem Neuaufstieg Ägyptens unter Psammetich. Die Erfindung einer gemeinsamen Vorgeschichte Israels und Judas begründet nun die Perspektive der Eroberung Israels durch Juda als „Wiedereingliederung“, an die sich Josia mit dem Versuch der Eroberung von Samaria macht. Dabei scheitert er an den Ägyptern. Juda wird nach 600 im Konflikt mit Babylonien untergehen. Im Exil und danach wird es zur Schluss-Redaktion der bisher vorhandenen heiligen Schriften kommen. Dabei wird in der dann kommenden Abhängigkeit vom persischen Reich aus Juda Jehud werden, aus den Bewohnern Judas die Jehudim, die „Juden“. Nun dürfen die, die es wollen, wieder nach Juda zurückkehren.
Vielleicht erst 450 kommt es zur finalen Kanonisierung der Tora und damit zur Einführung des wöchentlichen Sabbat, der nun obligatorischen Beschneidung der männlichen Nachkommen, der dazu gehörenden Ablehnung der Ehe mit Andersgläubigen und zu einem unbedingten Monotheismus. (Schipper, S.92)
Der Mythos und „das Gesetz“ überleben dann auch die Eroberung durch Alexander, die Einordnung unter das ägyptische Ptolemäer-Reich und das syrische Seleukidenreich. Judäa, wie Juda jetzt heißt, unterliegt einem zunehmenden Hellenisierungs-Druck, Teile der Priesterschaft und die Familie der Makkabäer errichten unter Berufung auf "das Gesetz" ein Königreich, das in inneren Streitigkeiten im 1. Jahrhundert vom Halbaraber (Nabatäer) Herodes im Bündnis erst mit Pompeius, der 63 Judäa erobert, dann Antonius und schließlich Octavius/Octavian übernommen wird. Unterschiedliche religiöse Kleingruppen bilden sich neben solchen, die die Ausländer wieder militant aus dem Land vertreiben und Überfremdung bekämpfen wollen. Zur Zeit Jesu sind deren Erben von den Römern entmachtet, und das Land ist unter römische militärische Kontrolle und Verwaltung gestellt. Der erste Aufstand führt unter dem Befehl von Titus 71 (n.d.Zt.) zur Zerstörung des Tempels, der zweite unter Bar Kochba zur Zerstörung Jerusalems und Vertreibung der Juden in jene Diaspora, in der viele unter ihnen schon seit Jahrhunderten aus freien Stücken leben (im Zweistromland, in Ägypten, in Kleinasien und westlich davon).
Jesus, Apostel und Paulus
Wie schon gesagt entstehen im Judentum einzelne Sekten. Von einem bei Flavius Josephus, Paulus und dann in den Evangelien erwähnten Jesus ist als historische Person fast nichts überliefert, aber es lässt sich immerhin vermuten, er sei mit etwa dreißig Jahren (vor denen wir nichts wissen) durch einen Johannes, der offenbar Menschen am Jordan durch Taufe und Predigt bekehrt, so beeinflusst worden, dass er sein bisheriges Leben aufgibt und als Wanderprediger vor allem in Galiläa, entfernt vom judäischen Kernland, die Menschen aufruft, ihren Besitz und ihre persönlichen Bindungen aufzugeben und ihm als umherziehende Bettler zu folgen, wohl weil man in seiner Nachfolge (als "Apostel" auf griechisch) das nahe Welten-Ende überstehen und dann in paradiesische Zustände geraten würde.
Genaueres kann man nicht wissen, da die Generationen später geschriebenen und dann offenbar von der entstehenden Kirche noch redigierten Evangelien in sich sehr widersprüchlich sind und zudem von haarsträubenden Wundergeschichten durchzogen. Einmal wird die Ehe abgelehnt, einmal für unauflöslich erklärt, einmal wird "Nächstenliebe" bis hin zur "Feindesliebe" propagiert, andererseits werden die meisten (ungläubigen) Menschen sehr harsch vom kommenden "Himmelreich" ausgeschlossen. Das Judentum soll offenbar verändert, die Bedeutung der Tempelpriester und ihres Kultes, Basis ihres Wohlstandes und ihrer Macht, gebrochen und jede Beziehung zwischen Religion und weltlicher Macht abgeschnitten werden.
Offensichtlich ist das Ergebnis seines Wanderpredigertums für Jesus sehr unbefriedigend, die Rede ist nur von "zwölf" Aposteln, die mit ihm ziehen und von wenigen, offenbar gutsituierten Frauen, die ihn bewundern. Wohl um mehr Aufsehen zu erregen, zieht er mit seinen wenigen Anhängern nach Jerusalem und verursacht dort, möglicherweise durch Randalieren im Tempel, den Ärger der diesen verwaltenden Priester und anderer fromm-orthodoxer Juden, die beim römischen Statthalter seine Hinrichtung erreichen.
Damit hätte sich die Jesusgeschichte eigentlich erledigt, aber der kleine Anhängerkreis verwandelt sie nun, um sich nicht enttäuscht auflösen zu müssen, in eine Christusgeschichte (christos steht griechisch für den hebräischen messias, den Erlöser). Man verkündet seine Auferstehung von den Toten, seine - wie auch immer - Auffahrt in ein Himmelreich, und, damit das alles für schlichte Gemüter glaubhaft wird, wird aus dem Menschen Jesus nun der leibliche Sohn des (zunächst immer noch) jüdischen Gottes. Er habe versprochen, noch zu Lebzeiten seiner Anhänger zurück zu kommen. Möglicherweise hatte Jesus einfach einen väterlichen Gott für seine Gläubigen gepredigt und darum von seinem Vater im Himmel gesprochen.
Schon der jüdische und nun viel mehr noch der christliche Gott lebt nicht wie antike Götter auf Erden, auf hohen Bergen oder manchmal auch mitten unter den Menschen. Zeus beispielsweise kopuliert gelegentlich mit attraktiven sterblichen Mädchen und Frauen wie der Io. Himmelreich / Paradies / das Reich des christlichen Gottes ist aber ganz und gar nicht von dieser Welt und in seinem Charakter (und Aggregatzustand) völlig anders. Christen werden so an zwei Welten glauben, eine irdische und zeitlich begrenzte, das saeculum bzw. die saecula, und eine himmlische, nicht mehr durch Zeit und Raum begrenzt. Das Himmelreich wird nicht näher erklärt, aber es leitet sich vielleicht aus einem jüdischen Paradies ab.
Eines lässt sich deutlich erkennen: Leute wie der evangelische Jesus seiner Wanderzeit oder wie der ganz andere Buddha und ein paar andere hatten ein Bewusstsein für das Unheil, welches Menschen anrichten, und waren davon betroffen. Für den überlieferten Jesus ist eine ganze (Menschen)Welt so unheilvoll, dass sie verschwinden soll, für ihn und für Buddha ist eine radikale Lebensänderung zugleich die einzige Hoffnung. Damit sie im Interesse der Mächtigen popularisiert werden können, müssen beide Botschaften ihre Substanz verlieren: Man macht nun so weiter wie zuvor und missbraucht die Namen solcher Leute für das genaue Gegenteil dessen, was sie geäußert hatten: Sie werden zu Religionsgründern gemacht. Das von vorneherein aus den Interessen von Machthabern heraus entwickelte Judentum und der Islam brauchen hingegen keine solche Wende, und ihnen fehlt auch entsprechend bis heute weitgehend kritische interne Selbst-Reflektion.
Am Anfang steht das, was wir aus der Apostelgeschichte erschließen können. Für diese kleine Schar gilt noch, was später im Matthäusevangelium verkündet wird. In Matthäus VI,25 heißt es:
Ideo dico vobis, ne sollitici sitis animae vestrae, quod manducetis, neque corpori vestro, quid induamini. Also: Kümmert euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder trinken werdet, und auch nicht um euren Körper, was ihr anziehen werdet. Und 32: Nach solchem allem trachten die Heiden. Dazwischen steht das Beispiel der Vögel unter dem Himmel und der Lilien auf dem Felde. Matthäus X,9f in der Lutherversion lautete dann auch: Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euren Gürteln haben, auch keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zween Röcke, keine Schuhe, auch keinen Stecken.
Das ist noch nicht spätere Askese, sondern Bescheiden auf das Aller-Notwendigste. Nun sind die Apostel laut den 'Acta apostolorum' nach Jesu Tod in Jerusalem sesshaft geworden, aus der Nachfolge Jesu ist die Erwartung seiner Wiederkehr geworden. Und: Possesiones et substantias vendebant, et dividebant illa omnibus, prout cuique opus erat (Acta II, 45: Sie verkauften also alles Eigentum, um es so einfacher gemeinsam zu haben und je nach Bedürfnis aufteilen zu können). Zudem heißt es:
Multitudinis autem redentium erat cor unum et anima una, nec quisquam eorum , quae possidebat, aliquid suum esse decebat, sed erant illis omnia communia. (Acta IV,32. Die über die Zahl der Apostel hinausgehende Menge der Gläubigen verzichtet ebenfalls auf jegliches Privateigentum: Äcker und Häuser werden verkauft und das Geld den Aposteln gebracht, und die sorgten für alle.)
Das Christentum entsteht nun aus mehreren Wurzeln heraus: Der "Herr" Jesus kehrt nicht mehr zurück auf Erden, um das neue Paradies einzuläuten, wie das sogar noch Paulus erhofft.
Die kritische Bibelwissenschaft macht Paulus zum eigentlichen Religionsgründer. Noch im Jakobusbrief taucht Jesus als „der Gerechte“ auf, auch als „Herr der Herrlichkeit“, nicht aber als Gott oder wortwörtlicher Gottessohn. Bei Paulus wird selten einfach von Jesus, in der Regel von Jesus Christus bzw. dem Christus Jesus gesprochen.
Eines ist unübersehbar, das „Evangelium“, welches Paulus um 50/60 n.d.Zt. im Brief an die Römer und dem ersten an die Korinther predigt, dem an die Galater und dem ersten an die Leute von Thessaloniki, unterscheidet sich wesentlich von dem, welches in den drei synoptischen Evangelien gepredigt wird. So heißt es bei Paulus:
Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus für alle, die glauben. Denn es ist kein Unterschied, denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist. (Römer 3,22.24)
Diese Gnadenlehre begründet sich aus der Interpretation des Opfertodes Jesu für die Sünden der Menschen. Im ersten Korintherbrief heißt es entsprechend: Denn ich nahm mir vor, nichts anderes unter euch zu wissen, als nur Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt. (1 Kor. 2,2) Der Mensch Jesu und sein Weg auf Erden tritt völlig zurück hinter die Botschaft von Opfertod und Auferstehung. Zudem beginnt mit Paulus die Vorstellung, dass auch Nichtjuden Christen werden können, wodurch die Lösung vom Judentum beschleunigt wird.
In völligem Gegensatz zu den späteren evangelischen Texten vertritt Paulus im Zentrum die Vorstellung von der unausweichlichen Sündhaftigkeit der Menschen, deren Erlösung nicht primär der Befolgung von Jesu Lehren, wie sie in den Evangelien stehen werden, sondern seines Opfertodes bedarf. Jesu Lehren reduziert er ansonsten im wesentlichen auf das Gebot der Nächstenliebe (unter Christen vor allem).
In den Evangelien wird Jesus sagen: Folget mir nach. Bei Paulus steht: Glaubt, was ich verkündige, und ihr werdet auf Gottes Gnade treffen. (Siehe, ich, Paulus, sage euch... Galather 5,2) Paulus gesteht den Juden den Vorzug des Glaubens an den richtigen Gott zu, nicht aber die Bedeutung der Befolgung ihres Gesetzes. Das entstehende Christentum wird ein Stück weiter entjudaisiert.
Mit durchgehender Betonung tauchen jetzt bei den Sünden des Fleisches immer wieder sexuelle Vergehen auf, wie sie in der hellenistischen Welt vorkommen:
Darum hat Gott sie dahingegeben in den Gelüsten ihrer Herzen in Unreinheit, ihre Leiber untereinander zu schänden... (Römer 1, 24) Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr in den unnatürlichen verwandelt, und ebenso haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen, sind in ihrer Wollust zueinander entbrannt, indem sie Männer mit Männern Schande trieben... (Römer 1,26-27) Überhaupt hört man, dass Unzucht unter euch sei (1. Korinther, 5,1) Manche in der Gemeinde von Korinth waren Unzüchtige, Götzendiener, Ehebrecher, Wollüstlinge, Knabenschänder (etc. 1.Kor. 6,9)
Diese Wandmalerei aus einem Haus der wohlhabenden Oberschicht von Pompeii etwa zu Zeit des Paulus beschreibt einen wohl lustvollen Koitus, der es nicht nötig hat, sich durch irgendetwas zu rechtfertigen. Damit sei angedeutet, wie weit die heidnisch-antike Welt vom entstehenden Christentum entfernt ist: Zwar werden Ehe und patriarchalische Familie weiter hochgehalten, aber grundsätzlich werden Geschlechtlichkeit und Fleischeslust so bejaht, wie sie nun bei den neuartigen Frommen unter Verdacht geraten.
So geht es denn auch bei Paulus weiter:
Die Erlösung unseres Leibes (Römer 8,23), die die Gemeinden anstreben sollen, ist die Erlösung vom „Fleisch“. Denn Jesus Christus, der Herr, wird unseren nichtigen Leib ... verklären, auf dass er ähnlich werde seinem verklärten Leibe... (Phil.3,21) Denn ich weiß, dass in mir, und das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. (Römer 7,18) In meinen Gliedern sehe ich ein anderes Gesetz, welches dem Gesetz in meinem Geiste widerstrebt. (Römer 7,23) Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes? (Römer 7,24)
Das ist der Bruch mit dem Judentum und womöglich auch mit den Judenchristen: Denn Christus ist des Gesetzes Ende (Römer 10,4). Auf diese Weise wird dann die Vorstellung vom zweiten Bund Gottes (im „Neuen Testament“, kaine diatheke) entstehen, die mit der späteren Kanonisierung der neuen heiligen Schriften zusammen gehört.
Der evangelische Jesus
Mehr als eine Generation nach Jesu Tod entsteht ein Markus-Evangelium, zwischen 90 und 100 entstehen die eines Lukas und Matthäus, die auf Markus basieren, aber einiges zu Jesu Kindheit und Auferstehung ergänzen. Noch einmal später kommt ein davon abweichendes Johannes-Evangelium hinzu. Weitere Texte werden von der Kirche abgelehnt, auch wenn manche davon weiter kursieren. Die akzeptierten werden ganz offensichtlich von der aufkommenden Kirche redigiert und so beeinflusst.
Vieles bei Lukas und Matthäus entspringt einer Tradition erzählerischer Phantasie, wie zum Beispiel die Weihnachtsgeschichte des Lukas, anderes wie einige Wundergeschichten wohl ebenfalls. Frei erfunden erscheint alles, was nach der Passion Jesu berichtet wird. Historisch mag die Bekehrung Jesu bei Johannes dem Täufer sein.
Einige Kerngedanken jesuanischer Botschaft hier sind aber möglicherweise historisch: Das ist einmal die Forderung, ihm zu folgen, also Verwandtschaft und Besitz hinter sich zu lassen und Armut als Ideal anzunehmen. Im Markus-Evangelium X, 17 ff. und fast wörtlich genauso bei Lukas heißt es:
O de Iesous emblépsas autó egápesan autón kaì eipen autó: Eines fehlt dir; gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und gibs den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel (thesauròn en ouranó) haben; und komm, folge mir nach und nimm das Kreuz auf dich. (Luther - Übersetzung) Bei Matthäus wird das, wie schon gesagt, noch vertieft.
Das Ende der Welt ist nahe und alles Irdische ist abzuwerfen. Als die Apostel zum Missionieren ausgeschickt werden (Matthäus X), sollen sie „keine Tasche“ mitnehmen, keinen zweiten Rock, wie Luther schreibt (Vulg.: neque duas tunicas), „keine Schuhe“, keinen Wanderstock. Áxios gar ho ergátes tes trophés autoú, der Arbeiter ist seiner Nahrung würdig. Arbeiter ist hier der missionierende Prediger.
XIX, 29 wiederholt Matthäus das Versprechen mit der impliziten Drohung:
Und alle, die das Haus und die Brüder, die Schwestern, den Vater, die Mutter, die Ehefrau (he gynaíka), die Kinder (he tékna), die Äcker verlassen um meines Namens willen, bekommen es hundertfach zurück und werden das ewige Leben erhalten. Anders gesagt, die anderen sind verdammt.
Zwei weitere Texte aus dem Neuen Testament verstärken diese Positionen auf ihre Weise noch: Die Lukas-Geschichte vom verlorenen Sohn und die von Matthäus über die Arbeiter im Weinberg. In beiden Fällen wird das Verhältnis von Leistung und Lohn auf den Kopf gestellt: Einmal wird der verschwenderische und lasterhafte Sohn vom Vater seinem braven Bruder vorgezogen. Die zweite Geschichte beginnt mit der Erklärung von Jesus an Petrus, dass derjenige das ewige Leben erhalten werde, der Häuser, Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Wein und Kinder oder Äcker um meines Namens willen verlässt. (Mt 19, 20) Und das vertieft er dann mit einer Geschichte, in der die absolut faulsten Arbeiter genauso viel Arbeitslohn bekommen sollen wie die, welche ordentlich gearbeitet haben.
Da das Ende aller Tage und der Anbruch des Paradieses unmittelbar bevor stehen, ist die völlige Umwertung aller Werte aktuell: Gott (als gleichnishafter Vater und Weinbergsbesitzer) wird seine Gnade nunmehr bald nicht mehr nach irdischem Verdienst verleihen.
Die Kernbotschaft lautet darum in Matth IV, 17 folgendermaßen: Tut Buße (metanoeíte im Original), das Himmelreich ist nahe herbei gekommen. Meta-noéo meint sich umbesinnen, auch bereuen. In Matth X,7 ist das der präzise Predigt-Auftrag an die Apostel. Buße ist also ein innerlicher Vorgang, nicht, wie dann im späteren Christentum etwas, was „äußere“ Taten erfordert.
Das Johannes-Evangelium schließlich beginnt mit einer neuen Sprache, einer neuen Begrifflichkeit.
Von allem Anfang an war der lógos, und der lógos war bei Gott und Gott war der lógos. ... Alle Dinge sind durch ihn gemacht; unter dem Gemachten (Erschaffenen) ist nichts ohne ihn gemacht. (Joh. I,1ff)
Wenn Worte ausgesprochenes Gedachtes sind, dann ist dieser Gott ein spiritualisierter, in meinen Worten ein gedanklich vorgestellter. Wer immer dieser theós ist, er knüpft nicht mehr unmittelbar an den jüdischen Gott an, eher an klassisch griechische Vorstellungen. In der Lutherbibel heißt es:
Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn (hyòs monogenès), der in des Vaters Schoß ist (kólpos ist der Busen und der Mutterschoß), der hat es uns erzählt. (Joh. I, 18)
Im Anschluss an die Logospassage vom Anfang ist wichtiger aber das, was man abschütteln muss, um diesen Logos ganz freizusetzen: Ho sarx, das Fleisch. Für Johannes gibt es eine messerscharfe Trennung:
Was vom Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was vom Geist (pneúma / lateinisch: spiritus) geboren ist, ist Geist. Des weiteren: Gott ist Geist, und die, die ihn verehren, müssen ihn im Geist und der Wahrheit verehren.
Schließlich dann: Der Geist ist es, der lebendig macht, (to pneúma), das Fleisch ist zu nichts nütze. (VI, 63). In der Interpretation verändert sich die jesuanische Botschaft, und die Interpretation geschieht durch eine klassisch griechische Sichtweise: Alles sinnlich wahrnehmbare, körperhafte ist vergänglich, ewig ist eine an Platoniker gemahnende „geistige“ Sphäre, die bei den Christen zu glauben ist, und die in Jesus kurz Leiblichkeit gewonnen hat.
Johannes formuliert diese Leib-Seele-Vorstellung als extremen Dualismus:
Ho philón tèn psychèn autoú apolései autén, kaì ho misón tèn psychèn autoú, en to kósmo toúto, eis zoèn aiónion phyláxei autén. (XII, 25)
Bios ist das Leben, psyché ist die Lebenskraft, der Ort der Leidenschaften, jeglichen Begehrens. Wer also am lebendigen Begehren hängt, wird es verlieren (mit dessen Tod). Miséo heißt hassen, verabscheuen, und letzteres ist das, worauf Johannes hinaus will. Alles lebendige Begehren ist zu verabscheuen, und damit bewahrt, bewacht (phylásso) derjenige sich das „ewige Leben“.
Der Tod des irdischen Lebens wird einem ewigen Geistleben gegenüber gesetzt, so wie diese physische Welt (en to kósmo toúto) der jenseitigen gegenübersteht. Jesus ist die historische Wegscheide, denn „ich habe die Welt besiegt“ (egò neníkeka tón kósmos). Damit ist das irdische Leben des johannäischen Christen auf das „Absterben“ des Körpers aus, denn der Tod des Leibes befreit die Seele (pneuma), den Geist.
Frühes Christentum
Über das später so genannte 'Alte Testament' wird der jüdische Mythos zur Vorgeschichte für den christlichen. Andererseits kommt es aber schon im ersten Jahrhundert (n.d.Zt.) zur förmlichen Loslösung vom Judentum. Zudem schwindet das Judenchristentum in zwei Vorgängen vor allem: Die Jerusalemer Gemeinde nimmt nicht am jüdischen Aufstand teil, der mit der Zerstörung des Tempels endet, sondern verlässt ihren heiligen Ort und verliert dann ihren Einfluss. Zum anderen setzen sich immer mehr Heidenchristen im hellenistischen Raum durch: der jüdische Einfluss unterliegt dem griechischen. Zwischen Juden und Christen kommt es punktuell zu immer stärkeren Aversionen, wobei sich das entstehende Christentum zum einzigen wahren Erben des Judentums erklärt.
Je mehr von Generation zu Generation Jesu (Christos) Rückkehr auf Erden hinausgeschoben werden muss, desto deutlicher wird, dass man im Kompromiss mit den irdischen Realitäten leben und sterben muss und erst irgendwann nach dem Tod zur "Auferstehung" und dem "ewigen Leben" gelangen kann.
Damit verbunden ist, dass in Ermangelung eines wundertätigen und die rechte Lehre vermittelnden Gottessohnes Menschen treten müssen, die in Konkurrenz zur jüdischen, griechischen und römischen Priester-Rolle und zugleich als Jesus ersetzende Heilsbringer fungieren können.
Die Kirche übernimmt mit zunehmend beamteten Priestern Schritt für Schritt die Erlöserfunktion des Messias. Diese ersetzen dann immer mehr das Gebot Jesu, ihm, ihn nachahmend, nachzufolgen, durch bescheidenere Anforderungen, und ermöglichen so den "Gläubigen" nach und nach, bald fast genauso zu leben und zu agieren wie ihre heidnischen Nachbarn: Der Kirchgang und die Unterwerfung unter neue magische Riten genügen de facto immer mehr, um Christ zu sein. Die Eigeninteressen einer neuartigen Priesterschaft gewinnen dabei an Gewicht.
Was so im Verlauf einiger Generationen nach Jesus entsteht, sind Gemeinde-Versammlungen (ekklesia) mit Priestern (presbyteros) und in ihrer Zusammenfassung Kirche (nach dem Adjektiv kyriakón - zum Herrn, kyrios, gehörig).
Sie ist dabei zunächst die Gemeinde, die sich regelmäßig trifft, um schon bald im "sakralen" und dann auch konsakrierten (geweihten) Raum "geistlicher" (spiritueller und damit magischer) Heilsmittel zuteil zu werden. Kirche als Organisation entsteht dabei aus der Trennung von Priesterschaft und Gemeinde, wobei den Laien, von griechisch laos, dem Volk, die entscheidenden Rituale nach und nach aus der Hand genommen werden, um zu einem Monopol der Priester zu werden. Priester sollen nach Heiligkeit streben, nach Minderung allen "fleischlichen" Begehrens zugunsten von Vergeistigung. Ganz im jüdischen, aber auch griechisch-römischen Sinne wird diese entstehende Hierarchie zu einem Männerverein.
Aber im Unterschied zu den später aufkommenden Mönchen flieht der (Welt)Klerus nicht die "Welt", denn er soll den Laien, den Schafen der christlichen Herde, als Hirte dienen und ihnen bei Folgsamkeit ein besseres Jenseits statt der schnellen Wiederkunft des Herrn versprechen.
Dazu kommt die Abspaltung eines monastischen Lebens als Eremit oder dann auch im Kloster andererseits. Kloster und Klerus gehorchen etwas unterschiedlichen Regeln, mit denen sie aus der Laienschar herausgehoben sind. Gemeinsam ist ihnen idealiter in der Nachfolge Jesu und der Apostel der Verzicht auf persönliches Eigentum, die Keuschheit als Verzicht auf das Ausleben des Geschlechtstriebes und überhaupt ein gemeinschaftliches Leben außerhalb bzw. am Rande der „Welt“, des saeculum. Schließlich gehört dazu bei beiden der bedingungslose Gehorsam entweder gegenüber dem Abt oder gegenüber dem Vorgesetzten in der aufkommenden kirchlichen Hierarchie.
Wenn man aber mehr Gläubige schaffen möchte, tritt man in Konkurrenz zu den antiken Kulten. Solche frühe Versammlungen sind für die meisten Menschen im Vergleich mit den römischen und griechischen Kulten mit ihren Zeremonien, dem Nebel des Geheimnisvollen und den sie begleitenden Festivitäten eigentlich nicht sehr attraktiv. Und so wird das dort veranstaltete Gedächtnismahl für das letzte Abendessen des "Herrn" mit seinen Aposteln immer stärker magisch aufgeladen, wobei dem Presbyter steigende Bedeutung zukommt. Ein Altar muss her, nicht mehr der nebenan, bei dem Tiere geopfert werden, sondern einer, an dem zeremonielle Gegenstände, die heilige Schrift und was auch immer abgelegt werden können. Immerhin haben die Christen ja auch ein Opfer, das ihres Gottes am Kreuz, welches man feiern kann. Und soll nicht Jesus kurz vor seinem Tode gesagt haben, wie man bald lesen kann, dass man sich beim Essen und Trinken an ihn erinnern solle, den Wein wie sein Blut und das Fleisch wie sein Fleisch betrachten solle, um sich seines Opfertodes ganz handfest gemeinschaftlich zu erinnern?
Auf diese Weise entsteht langsam die Messfeier, in die sich nach und nach die Vorstellung einschleicht, dass sich dabei irgendwie Wein und feste Nahrung in Fleisch und Blut Jesu verwandeln, etwas, was allerdings erst im 11. Jahrhundert zum Dogma werden wird. Dafür sitzt man nicht mehr einfach weiter am runden Tisch und isst und trinkt, sondern der Priester reicht von der Altarseite aus besondere symbolische und darum kleine Portionen. Dabei entsteht auch der zunehmend magisch besetzte Kirchenraum, in dem sich Priester und Gemeinde gegenübersitzen und später dann gegenüberstehen. Die Gläubigen werden dabei in zunehmende Passivität gedrängt, sie "empfangen" etwas, der Priester aber vollzieht alle entscheidenden Handlungen alleine.
Es braucht darüber hinaus eine attraktivere Botschaft als die bloße Vertröstung auf eine immer fernere Zukunft. Die entstehende Kirche beginnt also, ihre neuen Mittel als Mittler zu Gott anzubieten, die an die Stelle Jesu treten. Ohne sie ist jetzt kein Heil und nur bei ihr ist jedwede Wahrheit.
Aus dem nicht mehr greifbaren Erlöser wird also die Kirche zum Erlöser, zum Mittler zwischen "Gott" und den Menschen. Mit dieser Macht ausgestattet, entscheidet sie nun zwischen heiligen und zu vernachlässigenden Texten des ersten Jahrhunderts und verändert dabei ihre Substanz immer mehr zu jener Religion, die dann bald als die der "Christen" immer doktrinärer fixiert wird.
Die Kirche findet zunächst nicht in spezifischen Gebäuden, sondern in Privathäusern und im Untergrund statt, bis dann spezifische Gebäude als zweite Bedeutung von Kirche aufkommen.
Aus Kontakten zwischen den Kirchen-Gemeinden entsteht Kirche aber auch als übergreifende Organisation, in der jeweils pro Region, bald dann je civitas, mit Sitz in deren städtischem Zentrum, ein Aufseher, griechisch episcopos (deutsch später: Bischof), über die ordentliche Amtsführung der Priester und die aktuell gerade korrekte Heilslehre wacht. Diese Bischöfe werden aber immer wieder nicht nur zusammenarbeiten, sondern in gelegentlich massive Konflikte um Macht und Rang treten.
Da sie im wesentlichen aus der römischen Oberschicht stammen, bleibt ein gewisser Reichtum für sie selbstverständlich. Im Kanon 19 eines spanischen Konzils von Elvira wird so um 300 zum Beispiel folgendes bestimmt:
Bischöfe, Presbyter und Diakone sollen das Gebiet, in dem sie arbeiten, nicht verlassen oder in den Provinzen reisen, um gewinnbringenden Geschäften nachzugehen. Wenn es wirtschaftlich nötig ist, sollen sie einen Sohn, einen Freigelassenen, einen Angestellten, einen Freund oder sonst jemanden schicken. Sie sollen sich mit Geschäftsangelegenheiten nur in ihrem eigenen Gebiet befassen. (www.documentacatholicaomnia.eu/04z/z_0306-0306__Concilium_Eliberitanum__Documenta_Omnia__EN.doc.html)
Über ihnen wiederum sitzen bald in den Großstädten des Reiches Metropoliten, aus denen später Erzbischöfe werden, und angesichts der Größe des Reiches dann noch einige wenige Patriarchen, Überväter sozusagen. Im weströmischen Reich wird der Bischof von Rom ein solcher.
Erst infolge der Teilung des Imperiums in ein östliches und ein westliches Reich macht sich der Bischof von Rom unter der dann zwischen dem 4. und 5. Jahrhundert durchgesetzten Bezeichnung papa zum geistlichen Herrn der weströmischen Kirche, wobei der Metropolit und Papa allerdings lange nur eine Art "Ehrenvorrang" (Goetz) innehaben und in Zukunft erst noch entsprechende Befugnisse werden durchsetzen müssen. Die so entstehende Kirche ist dabei ein christliches Spezifikum und in der Menschheit weithin einzigartig.
Begründet wird das alles dann durch das sicherlich neben anderem später eingefügte Jesuswort an Petrus als Auftrag zur Kirchengründung, dem noch sowohl paulinische Texte wie die Apostelgeschichte mit ihrer Erwartung der Wiederkunft des Herrn widersprechen. Wiewohl es sich hier um die einzige Rechtfertigung der Macht einer hierarchisch gegliederten Institution handelt, übersteigt es wohl das kritische Denkvermögen der Beleseneren in der Kirche und vor allem natürlich ihre handfesten Interessen, daran zu zweifeln.
Tatsächlich hat wohl der Autor ausgerechnet den ob seiner Gewalttätigkeit von Jesus gerügten Petrus dazu ausersehen, weil sein griechischer Name (petros lässt sich als Fels übersetzen) sich für das Wortspiel eignete, er sei der Fels, auf den Jesus baue. Im Vulgata-Latein:
et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam (…) Et tibi dabo claves regni coelorum, et quodcunque ligaveris super terram, erat ligatum et in coelis, et quodcunque solveris super terram, erit solutum et in coelis (Matthäus XVI,18f: Und ich will dir die Schlüssel zum Himmelreich geben. Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.)
Ursprünglich jüdischen Gruppen insbesondere auch der jüdischen Diaspora des römischen Imperiums entstammend, löst sich das Christentum schon bald vom Judentum und breitet sich in kleinen
Gemeinden über das ganze römische Reich aus. Die Benennung "Christen" wird den neuen Gläubigen wohl erst von außen zugelegt und dann von den Jesus-Anhängern übernommen, die sich auch damit von
Juden abgrenzen. Das "Christentum" taucht erst im zweiten Jahrhundert als Christianismós in Anlehnung an Ioudaismós und Hellēnismós auf. Im Deutschen wird Christentum als
Wort wohl erst im 12. Jahrhundert geläufig.
Bis sich die Kirche im vierten Jahrhundert mit der "weltlichen" Macht verbindet, muss sie aber erst einmal "Religion" herstellen. Uns fehlt heute eine authentische "Lehre" Jesu, soweit es so etwas überhaupt gab, und wir wissen darum nicht, woraus die paulinische entsteht und danach das Konglomerat der Evangelien, in das die entstehende Kirche wohl bereits deutlich eingreift.
Der heiliger Geist der Inspiration und Offenbarung wird im zweiten Jahrhundert unter dem Einfluss hellenistischer Bildung zum Werkzeug von Gelehrten, die ihn zunehmend mit Aspekten griechischer Philosophie zu verbinden suchen, um Intellektualität und Offenbarung miteinander zu verbinden. Auf die zu glaubende wundersame Offenbarung wird damit eine etwas vernunftgemäßere Lehre mit nicht kritisch reflektierter philosophischer Begrifflichkeit gesetzt, aus der dann eine einzigartige Theologie entsteht. Diese wird dann auch für eine gebildete Oberschicht genießbarer.
Des weiteren bedürfen die Gemeinden einer Organisation, die sich der richtigen Lehrmeinung versichert, und offensichtlich auch gemeinschaftsbildender Rituale, wie sie die damals konkurrierenden Kulte besitzen. Dazu gehören als Elementaria die Taufe als erste Austreibung des Teufels aus den neuen Menschenkindern und bald auch die Verlagerung des Abendmahles in die Hände von Priestern, die diesem langsam magische Qualität verleihen.
Immer mehr askesis als Einübung in Christlich-Sein schleicht sich nun schnell ein. Dazu gehört die Heiligung des Jungfrauenstatus, dazu gehören Fastentage und kultische Reinheit der Geistlichen. Mit dem zweiten Jahrhundert steigern die Wüsteneremiten im vorderen Orient dies für sich zu allgemeiner Lebensführung. Ziel ist das, was als „Abtöten des Fleisches“ bezeichnet wird, also allen irdischen, nicht auf Gott gerichteten Begehrens. Inhalt ist aber auch die Selbstbestrafung des sündigen Charakters der eigenen Person, den man an den noch vorhandenen Begehrlichkeiten erkennt.
Aber je mehr Menschen sich in christlichen Gemeinden versammeln, desto mehr ignorieren sie die schwer einzuhaltenden jesuanischen Gebote wie die Besitzlosigkeit, die Nächstenliebe und die absolute Friedfertigkeit. Bald unterscheiden sich viele Christen in den ersten Jahrhunderten nach Jesu Tod von ihren "heidnischen" Nachbarn alltäglich nur noch durch den Kirchgang. Schon der Karthager Tertullian beklagt z.B. um 200 in 'De virginibus velandis', dass sich Jungfrauen nicht mehr angemessen verschleiern. In 'De spectaculis' schreibt er gegen jene Christen an, die am teils brutal-grausamen, teils frivolen Amüsierbetrieb ihrer heidnischen Zeitgenossen teilnehmen. Die Differenz zwischen dem Geforderten und dem von den meisten willig Leistbaren wird immer größer und die Kirche muss immer mehr nachgeben
In anderem bleibt sie aber stark, wie in dem Jungfrauen-Text Tertullians deutlich wird, der in manch anderem langsam eher zum Außenseiter wird:
Es wird dem Weibe nicht gestattet, in der Kirche Reden zu halten, auch nicht zu lehren, zu taufen, zu opfern, und sich einen Anteil an irgend welchem Amte des Mannes, geschweige denn gar der priesterlichen Obliegenheiten, anzumaßen.
Die zeitliche Welt vor der ewigen nach dem Tode ist das saeculum. Das meinte ursprünglich ein Zeitalter, eine Lebenszeit, dann auch ein Jahrhundert, wie es sich im französischen siècle und im spanischen siglo zum Beispiel erhalten hat. Im kirchlichen Sprachgebrauch wird daraus alles "Zeitliche" als "Welt" im Gegensatz zum zeitlos-ewigen Reich Gottes außerhalb der Welt. So wie nun ein göttliches und ein irdisches Reich (welches das Imperium Romanum ist) gegenüber gesetzt werden, so auch eine "weltliche" Sphäre, in der Jesus kaum eine Rolle spielen kann, und in der man gehorsamer Untertan der römischen Machtelite ist und sein soll.
Diese nächste Etappe wurde vorbereitet durch die evangelischen Aufforderung, sich nicht mit den Mächtigen (in Palästina) anzulegen, da das Himmelreich ja nahe sei. Und schon Paulus schrieb dann:
Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet.
Das verwandeln die Christen im römischen Kaiserreich in die Position fast bedingungsloser Untertänigkeit unter den "weltlichen" Machtapparat. Solches wiederum honorieren die Kaiser des 4./5. Jahrhunderts, indem sie die Kirche zunächst als Macht-Partner anerkennen und ihr dann nach und nach erlauben, alle Andersgläubigen zu vernichten. Insofern ist nun das Christentum bereits erheblich rejudaisiert, und diese Entwicklung wird weiter gehen.
Es wird nun verkündet, dass die Verteilung von Macht und Reichtum wie die von Ohnmacht und Armut von dem Gott der Kirche so gewollt sei, weswegen sich die Massen, die produktiv arbeiten, kaum etwas besitzen und ganz offiziell machtlos sind, zur Gänze zu fügen haben.
Die neuen irdischen Heilsbringer, die christlichen Priester, sollen sich im Sinne der Glaubwürdigkeit ihrer zunehmenden und exklusiven magischen Kräfte als Mittler zwischen ihrem Gott und den Laien vom tatsächlich immer laueren Christentum wie ihr Vorbild Jesus abheben, vor allem durch Besitzlosigkeit, die durch ein Einkommen kompensiert wird, und durch sexuelle Enthaltsamkeit, eine Art ritueller Reinheit, wobei vor allem letztere (verständlicherweise) bald so schwer fällt, dass sie immer wieder neu und nicht sehr erfolgreich von der Kirche beschlossen werden muss. Dazu erhalten Priester bald eine Tracht, die sie von den Laien auch optisch abhebt.
Die Paradiesgeschichte wird nun, etwas anders als bei den Juden, zunehmend als sexueller Sündenfall gedeutet, und der menschliche Geschlechtstrieb als Urgrund aller Sündhaftigkeit. Diesen als Jungfrau, Mönch oder Priester zu unterdrücken, wird zum Kern christlicher Tugend. Damit wird der tendenziell anarchische Charakter menschlicher Geschlechtlichkeit einerseits wahrgenommen, andererseits aber nun das extreme Gegenteil vertreten, eine Art Streben nach seiner Vergeistigung als Form von Sublimation, fast einer Art idealer Geschlechtslosigkeit, was sich aber bei den meisten kaum durchsetzen lässt.
Kerngedanke der Religion ist der von einer Erlösung der Menschen aus allem Ungemach, für welche der durch Menschsein, Passion und Tod hindurch gegangene Gott einsteht. Vermittler dieser Lösung vom offenbar oft so empfundenen irdischen Jammertal ist nun die Kirche, ohne die es nicht geht. Aber wer ihr folgt, hat gute Chancen auf spätere himmlische Glückseligkeit.
Christentum etabliert sich im griechisch-römischen Raum und in Konkurrenz zu dortigen Kulten und der in oberen Kreisen rezipierten Philosophie. An diese angelehnt schaffen Häupter der Kirche etwas eigenartig Neues, was Theologie heißen wird, eine komplizierte Lehre von Gott, deren verzwickter Teil darin besteht, dass ihr Gott aus drei Teilen besteht, die aber eines sein sollen: Ihm selbst als Vater, seinem Sohn und einem ominösen heiligen Geist, den die Kirche nun quasi gepachtet hat; sie kann mit seiner Hilfe nämlich nun Verkündigung betreiben.
Dieses Theologisieren aber, bald angereichert mit banalisierten Aspekten griechischer Philosophie, ist nicht nur für fast alle Menschen mehr oder weniger unverständlich, sondern führt zu immer neuen und heftigen Auseinandersetzungen, die - für eine Religion ungewöhnlich - mit Logik, also Vernunft angereichert werden. Nur so wird am Ende Intellektualität bei den Wenigen, die sie beherrschen, zu immer raffinierteren Wendungen in der Entwicklung von Christentum führen.
Gelegentlich kommt es zu meist recht begrenzten Christenverfolgungen, die oft mit fehlender Loyalität gegenüber den vergöttlichten Kaisern begründet werden. Dabei erleiden einige den Märtyrertod, wovon uns beispielsweise eine Perpetua berichtet, während viele den Kaiserkult hinnehmen, was dann nachträglich böses Blut erregen kann. Märtyrer, also Glaubenszeugen, entfalten wiederum mit ihrem Tod eine gewisse Heiligkeit, die in Kulte und Kultstätten münden kann. Aber weithin können sich Christen im Reich frei entfalten.
Bedrohung: Germanen
Es ist für unsere Zwecke müßig, den einzelnen Kaisern bis vor Diokletian im Detail zu folgen. Wichtiger ist, dass das Riesenreich in die Zange zwischen einerseits dem Perserreich der Parther und bald dann Sassaniden im Osten gerät und andererseits germanischen und etwas auch anderen Völkerschaften, um die es hier im wesentlichen gehen soll.
Die Rhein- und Donaugrenze ist von Anfang an immer wieder gefährdet gewesen, und der Charakter dieser Gefahr ist ein ganz anderer als der hochzivilisierter Reiche wie der im Osten. Die alten germanischen Völkerschaften des ersten und zweiten Jahrhunderts sind in den römischen Texten weitgehend verschwunden. Die inzwischen lang andauernde Konfrontation mit dem imperialen Rom führt zu stärkerer Mobilisierung von Beutelust und vielleicht manchmal auch schon dem Interesse an Siedelgebieten. Die neuartigen großen Gefolgschaftsverbände sind disziplinierter, es sind Formen von Stammeskonföderationen (Sommer) mit Oberbegriffen wie Alamannen, Goten, Franken und dann auch Vandalen. Sie sind auf erfolgreiche Heerführer (reiks oder kunings) orientiert und zerfallen wieder stärker bei deren Misserfolg - bis sich ein Nachfolger findet.
Mit ihnen gerät das Reich dauerhaft in die Defensive. 233 gelingt es "Alamannen", den Limes zu überrennen und in Norditalien reiche Beute und viele Gefangene zu machen. 260 werden sie erst bei Mailand gestoppt. Als sie nach Westen zum Rhein vordringen, bildet sich unter dem Heerführer Postumus ein gallisches Sonderreich, da die Kaiser die Verteidigung nicht mehr schaffen. Dies wird dazu beitragen, dass sich vor allem in den nördlicheren Teilen Galliens und der beiden römischen Germanien ein "regionales Sonderbewusstsein" entwickelt (Kaiser/Scholz, S.37). Die Großregion wird erst 273/74 wieder erobert, aber ihre Beziehungen nach Rom werden sich langsam etwas lockern.
238 tauchen Goten, die Römer zunächst noch für Skythen halten, mit ersten Zerstörungen an der Donau auf und werden für kurze Zeit mit römischen Geldzahlungen beschwichtigt. In den folgenden Jahrzehnten brechen sie immer wieder einmal mit Beutezügen durch. Von dem nomadischen Reitervolk der Alanen übernehmen sie Lanze, Langschwert, Kettenpanzer und Wagen.
251 fällt Kaiser Decius im Kampf gegen sie. Ein Teil von ihnen überquert immer wieder die Donau, wird als Foederaten anerkannt - was heißt, dass die Römer ihnen nun jährlich Tribut zahlen, um sie ruhig zu stellen, was sie nicht längere Zeit an Plünderungszügen ins Reich hindert, bis Aurelian sie 270 aufhalten kann.
Nun teilen sich die Goten als Terwingen in einen westlichen Teil "zwischen Dniestr, Karpaten, Walachei und unterer Donau" und einem östlichen als Greutungen "zu beiden Seiten des Dnjepr bis hin zum Asowschen Meer und zum Don im Osten." (Christ, S.643)
Inzwischen überqueren Franken zunächst ganz im Norden den Rhein und zerstören das römische Utrecht. 257/58 dringen einige von ihnen laut Aurelius Victor durch Gallien bis Tarraco (Tarragona) vor und setzen dann sogar nach Afrika über. 254 fallen Markomannen in Pannonien ein und gelangen bis in die Nähe von Ravenna. Um 275 dringen Franken erneut in Gallien ein, werden nach einigen Jahren besiegt und dann soweit möglich in die Region des Schwarzen Meeres deportiert.
Der zunehmende und auch über Beutegüter vermittelte Kontakt mit der römischen Welt stärkt den Sinn einzelner Stammes-Heerführer für Schatzbildung und das Konsumniveau als Statusbildung. Der Weg in die Zivilisierung wird stärker beschritten, auch wenn "Könige" zunächst noch reine Heerführer sind.
Überall in der Reichweite germanischer Einfälle werden nun Steine von Ruinen für Stadtmauern verwendet. Städte in Gallien, Norditalien und Griechenland werden mit Mauern versehen. Kaiser Aurelian (270-75) versieht sogar die Stadt Rom mit einer knapp 19 km langen Mauer, nachdem Alamannen 271 wieder in Italien eindringen und im selben Jahr Goten in Thrakien. Die Handwerker-Kollegien müssen sie errichten.
Schließlich wird Dakien weitgehend geräumt und die Bevölkerung umgesiedelt. Unter anderen lassen sich hier nun Visigoten und Vandalen nieder.
Germanen heuern als einzelne und Gruppen bei den Legionen an. Zunehmend werden sie als Kriegsgefangene auch als ethnische Großgruppen in Gallien angesiedelt, um dort als Wehrbauern zu fungieren.
Zu den äußeren Bedrohungen kommen weiter die inneren. Nach dem Ende des gallischen Sonderreiches beginnt gegen Ende des 3. Jahrhunderts das Bagaudentum, Aufstände von Bauern und Hirten, die gelegentlich in schiere Räuberei übergehen und bis zum Ende des Westreiches anhalten werden. Jahrelang kann sich ein Heerführer in Britannien mit Einfluss bis Gallien und Hispanien verselbständigen.
Das dritte und vierte Jahrhundert
Kleinbauern-Land samt den Menschen ist inzwischen häufiger in den aristokratischen Großgrundbesitz eingeordnet, der sich in einen kleinen, direkt bearbeiteten Herrenhof und viele Pachtgrundstücke der abhängigen Bauern teilt, die zudem noch Dienste auf dem Herrenhof leisten müssen und zunehmend der Gerichtshoheit der Herren unterstellt sind. Eine Tendenz wird absehbar, die solche Pachtbauern an die Scholle bindet.
Diese großen Güter lösen sich, nachdem dort auch immer häufiger Handwerk angesiedelt wird, vom städtischen Markt und lassen so Städte als Handelszentren an Bedeutung verlieren. Es geht um die Bedarfsdeckung der Herren, für die auch Warentausch möglich ist. "Entscheidend bleibt: dass das formende Prinzip für ihn >Vermögensnutzung> und nicht <Kapitalverwertung> ist." (Max Weber) Zudem führt die andauernde Inflation zu einem Verfall der Geldwirtschaft.
Nicht alle Reichen leiden darunter. Der ungeheure Reichtum weniger im Vergleich zum schieren Überleben der meisten lässt sich daran zeigen, dass Anfang des 4. Jahrhunderts im Höchstpreisedikt Diokletians ein Pfund doppelt gefärbte tyrische Seide 150 000 Denare nicht überschreiten darf, und das ist die Summe aus hundert Jahren Legionärs-Sold. (Sommer, II, S.209)
Der fiscus leidet darunter, dass die Einnahmen im dritten Jahrhundert immer weniger ausreichen; also lassen die Kaiser den Feingehalt der Münzen sinken. Als Aurelian dann 274 Münzen wieder mit höherem Feingehalt zum Kurs von 1:20 ausgibt, wird den Menschen deutlich, wie sehr sie um ihr (Geld)Eigentum betrogen worden waren. (Sommer II, S.295) Da vor allem die Soldaten bezahlt werden müssen, werden Münzstätten regional und damit in ihrer Nähe in den Provinzen eingerichtet.
Gelegentlich werden inzwischen kirchliche Geistliche verfolgt. In Osten vor allem werden Priester der Manichäer verbrannt. 303 beginnen allgemeine Verfolgungen der Christen, die sich nicht am Kaiserkult beteiligen.
"Römer" ist ein kurioses Wort für die im Westen mehr oder weniger romanisierten Völkerschaften der Iberer, Gallier und Nordafrikaner und die nur wenig romanisierten Griechen, Syrer usw. im Osten, und die Übertragung der Benennung der Bewohner der Stadt Rom auf alle Untertanen des Imperium Romanum bleibt für uns heute eine missverständliche Notlösung.
Nachdem das Reich dieser "Römer" im zweiten Jahrhundert seine größte Ausdehnung erreicht hat, muss es immer mehr militärische Anstrengungen in die Unterwerfung von sich verselbständigenden Regionen unter teils sogar nach der Gesamtherrschaft strebenden Militärs und auch gegen zunehmende militärische Bedrohungen von außen und dabei von fast allen Seiten unternehmen.
Unter Diokletian dienen dazu innere Reformen und die Aufteilung des Imperiums auf zwei Augusti und zwei Caesaren. Diese scheitert zunächst dann an der Machtgier ihrer Nachfolger, unter denen es einem Konstantin mit den üblichen brutalen Mitteln gelingt, bis 324 wieder die Alleinherrschaft zu erringen.
Inzwischen sind die Christengemeinden bereits besonders im Osten deutlich angewachsen. Konstantin nähert sich der (christlichen) Kirche an und versucht, sie als zusätzliches Machtinstrument im Reich einzusetzen. Dazu beruft er Konzilien, die unter seinem Vorsitz einen einheitlichen Glauben einsetzen sollen, wie 325 mit dem Glaubensbekenntnis von Nicäa mit der Wesensgleichheit von Gottvater und Sohn. Insbesondere am Punkt der Dreifaltigkeit ihres Gottes spalten sich Arianer ab, welche diese Wesens-Gleichheit ablehnen.
Zudem werden die letzten Reste eines Prinzipats beseitigt und ein immer despotischerer Zwangsstaat errichtet, der im Interesse des Militärs stärker in die Wirtschaft eingreift. Mit grausamsten Mitteln wird Macht durchgesetzt. Mit der Errichtung einer Dynastie soll die Herrschergewalt gestärkt werden, was aber im 5. Jahrhundert eher zum Verfall führt, auch da im Westen nun bald zu viele Kinderkaiser antreten. Mit Konstantinopel wird eine zweite Hauptstadt errichtet, in der heidnische und christliche Elemente zunächst nebeneinander bestehen.
Die großen Grundbesitzer versuchen schon seit längerem, ihre Kolonen an die Scholle zu binden und ihnen einen Pachtzins abzuverlangen. Mit Diokletians Steuergesetzen, die die Steuern an Arbeitskraft und Land banden, wurde das bereits verstärkt. Dennoch fliehen immer wieder Pächter von ihren Landstellen.
332 verbietet dann Kaiser Konstantin den colones zur Sicherung der staatlichen Einnahmen, ihr Land zu verlassen, was ihre Abhängigkeit vom Herren erblich macht:
Bei wem auch immer ein Kolone, der einem anderen gehört, aufgefunden wird, der soll diesen nicht nur an seinen alten Platz, woher er stammt, zurückbringen, sondern soll auch für ihn die Kopfsteuer für die entsprechende Zeit erstatten. Die Kolonen selbst, die auf Flucht sinnen, soll man, wie es Sklaven zukommt, mit eisernen Fesseln binden, damit sie gezwungen werden, die Pflichten, die ihnen als Freie zukommen, infolge ihrer Verurteilung zum Sklavenstande zu erfüllen. (in: Christ, S.757)
Das wird dann von den germanisch dominierten Nachfolge-Reichen zusammen mit großen Teilen der römischen Aristokratie übernommen werden. (Werner, S.216). Aber dieser von der Kirche so gefeierte Despot beschränkt auch die Freiheit von Versorgungsgewerben und einzelner Handwerke sowie des Transportgewerbes:
Wenn einer, der von Geburtsstand Transportschiffer ist, Kapitän eines Leichters werden sollte, soll er gleichwohl in dem gleichen Stande verbleiben, dem offensichtlich auch seine Eltern angehört haben. (in: Christ, S.757)
Christentum erscheint jetzt als Religion eines kriegerischen Gottes des Schlachtenglücks ganz im jüdischen Sinne. Der evangelische Jesus der Nächstenliebe wird zum christlichen Gott der Feindseligkeit gegen alle, die sich nicht korrekter weltlicher und geistlicher Macht unterwerfen. Der weithin friedfertige Jesus der Evangelien ist jetzt Kriegsgott der Rechtgläubigen, und vor die Hoffnung auf Erlösung schiebt sich immer mehr die Angst aus der Drohung heraus, ohne die Heilsmittel der Kirche in einer schrecklichen Hölle zu landen.
Die kaiserliche Familie und reiche Oberschicht-Leute der Antike versorgen die Kirche seitdem mit kompletten sakralen Gebäuden („Kirchen“), die über den Gebeinen von Märtyrern errichtet werden, und mit Geschenken. Der römische Bischof erhält seinen Sitz auf dem Lateran im kaiserlichen Palast, wo Konstantin einen ersten basilikalen Kirchenbau samt Baptisterium errichten lässt. Im Vatikan wird eine Kirche als Basilika für Petrus gebaut, außerhalb danach eine für Paulus (San Paolo fuori le mura) neben anderen Kirchen an der Peripherie der Stadt.
Den dies solis (deutsch: Sonntag), den Tag nach dem jüdischen Sabbath macht Konstantin für viele zum arbeitsfreien Tag, den die Christen nun unbeschwerter als ihren „Herrentag“ feiern können.
Die Bischofskirche wird so zum Eigentümer an immobilem Besitz und von immer mehr Geld. An der Seite der „weltlichen“ Macht, die sie schützt und verstärkt, droht ihr von nun an weitere „Verweltlichung“.
Die hohen kirchlichen Ämter fallen immer häufiger an Mitglieder der römischen Oberschicht, und seit Kaiser Konstantin wird der höhere Klerus eingeladen, ein wenig Teilhaber an der weltlichen Macht zu sein.
Bischöfe erhalten Privilegien wie das, in der Kirche Sklaven rechtsgültig freilassen zu dürfen, und Priester werden seit dem 4. Jahrhundert einer eigenen Gerichtsbarkeit unterworfen. Es taucht zum ersten Mal der Titel Erzbischof auf. Solche leiten die Synoden in ihrem Bereich und betreiben bald eine gewisse Aufsicht über ihre (Suffragan)Bischöfe. Bis ins zweite Millennium hinein wird es dann Konflikte zwischen Erzbischöfen und Suffraganen um die Machtverteilung geben,.
Das Christentum siegt also, wo und indem es seine ohnehin kaum lebbaren jesuanischen Wurzeln aufgibt, die radikale Kritik Jesu (am seinerzeit vorherrschenden Judentum) ablegt, aber dabei die Evangelien nicht verbrennen kann. Diese werden in Zeiten einer nachantiken Entalphabetisierung von der Priesterschaft weggeschlossen, immer wieder um-interpretiert und tauchen erst wieder im Mittelalter mit evangelischen Erneuerungsbewegungen auf. Für diese wird dann aber die direkte Bezugnahme auf den evangelischen Jesus lebensgefährlich werden.
Dafür lässt Kirche sich vom Kaiser Konstantin auch inhaltlich dominieren, wiewohl dieser zu Lebzeiten nicht einmal getauft ist. Abgesehen von einem kurzen Restaurationsversuch der alten (Staats)Kulte entwickelt sich das nunmehr auf Konzilien inhaltlich dogmatisierte Christentum im 4. Jahrhundert langsam zu einer dominanten und dann massiv unduldsamen Staatsreligion, die beginnt, alle anderen Kulte und jeden freien Gedanken auszurotten.
Dafür ein Beispiel: Offenbar besonders beeinflusst von Paulus-Texten, entwickelt Mitte des vierten Jahrhunderts ein Priscillian in Westspanien eine konsequente Frömmigkeit, die den Glauben mit Ablehnung weltlicher Güter verbindet, mit Keuschheit, mit regelmäßigem sonntäglichem Fasten und der Ablehnung von Fleischgenuss.
Zu den Ungeheuerlichkeiten für viele Bischöfe gehört auch die Teilnahme von Frauen an den frommen Auszeiten mit Rückzug in die Einsamkeit, was bei der etablierten Kirche Phantasien sexueller Orgien auslöst und zudem die Zelebrierung der Eucharistie außerhalb von Kirchengebäuden und ohne geweihte Priester. 384 sind konkurrierende Bischöfe am Ziel: Er wird als Häretiker verurteilt und hingerichtet.
Dieser gewalttätige und ausgesprochen kriegerische Charakter des Christentums, welcher nichts mehr mit dem Jesus der Evangelien zu tun hat, wird sich bis durch das lange Mittelalter halten und dann seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch kaum menschen-freundlicheren Politreligions-Ersatz abgelöst werden.
Das Ende des westlichen Imperiums
Die einzelnen Provinzen bzw. Regionen verselbständigen sich zunehmend. Die Latifundien, von bestimmten Steuern und öffentlichen Lasten befreit, beanspruchen zunehmend Gerichtsbarkeit über die von ihnen abhängigen Produzenten und beschäftigen manchmal regelrechte Privatarmeen. Spätestens im vierten Jahrhundert setzt auch ein Niedergang der Städte im Westreich ein. Damit einher geht ein Niedergang der Handwerks-Kunst.
Mit alledem zusammen hängt ein Niedergang der Staats-Finanzen im Westen, die im fünften Jahrhundert dann nur noch einen bescheidenen Bruchteil der Ostfinanzen betragen. (u.a. Angenendt(2), S.112)
Nach Konstantins Tod lässt sich die Aufteilung des Reiches in einen östlich-griechischen und einen westlich-lateinischen Teil nicht mehr aufhalten. Im Osten dringen insbesondere ab 376 große Scharen vor allem von Goten von Norden ins Reich ein, die wohl dem Druck aus Innerasien stammender Reiterhorden ausgesetzt sind. Im Westen geht England, welches bald zunehmend Wellen "angelsächsischer" Einwanderer ausgesetzt sein wird, dem Imperium verloren .
Der Begriff Völkerwanderung operiert mit einem Volksbegriff, wie er außerhalb des germanischen Sprachbereichs nicht möglich ist und wie er zu der Zeit, in der diese "Völker" "wandern", so auch völlig fehlt. Er taucht Ende des 18. Jahrhunderts unter anderem bei Friedrich Schiller auf und wird dann im 19. Jahrhundert schnell populär. Das ist deswegen kurios, weil das Wort "wandern" gerade dabei ist, einen erneuten Bedeutungswandel durchzumachen, den hin zu einer neuartigen Freizeitbeschäftigung zu Fuß. Zuvor hatte das Wort bestimmte Formen notwendigen Reisens benannt, wie bei der Gesellenwanderung.
Von den Römern als Franken und Alamannen zusammengefasste Germanen-Verbände dringen nun immer öfter über den Rhein ins Reich. So wie Goten im Osten gibt es auch Franken, die im Westreich als eine Art Wehrbauern angesiedelt werden.
Schon die Kaiser Constantius (Chlorus) und Sohn Constantin siedelten bereits massenhaft Kriegsgefangene und eindringende Volksschwärme in Gallien als eine Art Wehrbauern an. Das wohl hübscheste sprachliche Dokument ist eine Lobrede auf diesen Constantius Chlorus aus der Zeit um 300. Darin heißt es:
Wahrhaftig! Man möchte im Namen ganz Galliens frohlocken und (…) den Provinzen selbst den Triumph in den Mund legen: „Also jetzt pflügt für mich der Chamave und Friese, und jener Landstreicher (vagus), jener Räuber (praedator) dort quält sich mit der Bearbeitung des unwirtlichen Bodens, bevölkert meine Wochenmärkte mit Vieh zum Verkauf, und der barbarische Bauer (cultor barbarus) senkt die Getreidepreise. Und wenn er zur Aushebung gerufen wird, dann eilt er herbei, lässt sich drillen und fuchteln und freut sich noch, als Soldat zu dienen!" (Kaiser II, S.72)
Die Neusiedler insbesondere in Nordgallien genießen keine vollen Bürgerrechte und ihre Truppenteile stehen unter römischen Befehlshabern. Um 350 verteidigen bereits zum großen Teil germanischstämmige römische Soldaten das Reich gegen anbrandende germanische Stämme wie die Alemannen (352). Einzelne machen Karriere beim Militär und Mitte des vierten Jahrhunderts sind bereits knapp die Hälfte der römischen Heermeister (Magistri militum) germanischer Abkunft, erlangen römische höfische Titel und stehen bald auch der dortigen Zivilverwaltung vor. Um 400 sind alle westlichen Heerführer germanischer Abkunft. Selbst in den römischen Truppen in Italien gewinnen germanisch-stämmige Führer und Soldaten das Übergewicht.
Derweil bleibt das Reich in seinen beiden Teilen religiös gespalten in Arianer und Anhänger der Beschlüsse von Nicäa, als deren Führer nach dem Tod des Athanasius (373) Basilius auftritt. In Antiochia zum Beispiel gibt es nun zwei konkurrierende Bischöfe, und gegen den nicäischen noch einmal einen internen Konkurrenten. Mailand ist derzeit eine arianische Hochburg, in Rom wird der Streit um den Bischofstitel inzwischen mit erheblicher Gewalt und vielen Toten ausgetragen.
379 wird Theodosius Kaiser, bekehrt sich im folgenden Jahr zum Christentum und wird dann dieses zur Staatsreligion machen. Die Verfolgung der Nichtchristen nimmt massiv zu.
In der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts heißt es so z.B. über einen von Sulpicius Severus um 396 zum Heiligen hochstilisierten Martin von Tours, dass er in den Dörfern, vici, Tempel einreißen oder niederbrennen lässt und heilige Bäume zu fällen befiehlt. Wo er den Widerstand der wütenden Menschen nicht brechen kann, greift er zu Wundern. Um 415 wird die "heidnische" Philosophin Hypatia von einem Mob aus Laienbrüdern und Mönchen in Alexandria ermordet.
Die Reglementierung des Wirtschaftslebens und die damit einhergehende Korruption entfremden dem Reich seine es bislang tragende Oberschicht, die laut Zosimus um 380 kaum noch unterscheiden mag zwischen der Ausplünderung durch Barbaren und der durch den eigenen Staat (Lippold, S.113).
In ganzen Regionen nimmt die Bevölkerung ab und damit das Reservoir, aus dem Soldaten bezogen werden können. Die Verstädterung mit ihrem sehr engen Zusammenwohnen fördert die Ausbreitung von Seuchen, man vermutet heute darunter die Pocken, Masern, Malaria, Tuberkulose. Am Ende breitet sich auch die Lepra aus und nach dem Zusammenbruch des westlichen Imperiums vor allem im Ostreich die Beulenpest, die in größeren Städten möglicherweise bis zu einem Drittel der Bevölkerung auf einen Schlag hinwegraffen kann. (Gilomen, S.10)
394 erhält Stilicho, dessen Sohn mit der Theodosius-Tochter Galla Placidia verlobt ist, das militärische Kommando im Westen und schickt Truppen ins Illyricum. Ende 405 dringt eine große Zahl Ostgoten, vielleicht 20 000, unter Radagaisius in Italien ein. Stilicho stellt sogar Sklaven in sein Heer ein. 406 siegt er und die überlebenden Reste der Ostgoten werden als Sklaven verkauft.
Darauf marschieren ab 406 Vandalen, Sueben und andere bis Hispanien durch und gründen dort eigene Reiche. 408 wird Stilicho ermordet.
Eine große Gruppe von Goten unter Alarich, welche mit ihrer Behandlung im Ostreich unzufrieden bleiben, marschiert im Westreich ein, zieht durch Italien und plündert Ende 410 die urbs Roma (die Stadt Rom). 412 versucht Alarich von Sizilien die Überfahrt nach Africa, was mangels Schiffen scheitert. Er stirbt und sein Nachfolger wird Schwager Athaulf. Constantius verdrängt die Goten aus Italien; mit viel Plündern führt Athaulf sie 416/418 nach Gallien. Ganz Gallien rauchte wie ein Scheiterhaufen (Orosius). Sie gründen das Reich von Tolosa (Toulouse).
Constantinus III. wird besiegt und getötet. An seiner Stelle usurpiert ein Iovinus von Mainz aus die Macht in Gallien mit der Unterstützung von Burgundern, Franken und Alamannen. Dafür erhalten die Burgunden einen Föderatenstatus um Worms, welches sie wohl auf Druck von Hunnen und Römern wenige Jahrzehnte später aufgeben, um in die Sabaudia (Savoyen) zu ziehen. Etwa in dieser Zeit setzen die iberischen Vandalen nach Afrika über und gründen dort ein großes Reich, von dem aus sie Rom bedrohen, und von wo sie seit 439 seine Getreideversorgung wenigstens teilweise kontrollieren.
In diesen Zeiten, an deren Ende weströmische "Kaiser" nur noch bestenfalls Italien kontrollieren, gelingt es ihnen immer weniger, noch Legionen aus der altrömischen Bevölkerung zu rekrutieren. Sie werden vielmehr nun zunehmend mit germanischen Völkerschaften aufgefüllt und selbst die hohen Militärführer sind jetzt meist germanischer Abstammung, auch wenn sie sich anscheinend gerne mit ihren römischen Ämtern identifizieren.
Der lange Weg in den Untergang des Westreiches führt einmal über Ansiedlungen und Eroberungen von Minderheiten überwiegend germanisch dominierter Heerscharen/Völker, die vom Wohlstand und Luxus der kleinen römischen Oberschicht fasziniert sind.
Dazu kommt die militärische und damit verbundene finanzielle Überforderung durch Krieg an fast allen Grenzen; ungefähr die Hälfte des gesamten Steueraufkommens geht inzwischen ans Militär. Schließlich trägt wohl auch der im nicht-militärischen Bereich sehr dezentrale Charakter des Reiches mit seiner relativen Selbständigkeit der civitates und der ihre Traditionen und Sprachen nicht immer völlig durch zivilisatorischen Druck aus Rom verlierenden Regionen zum Zerfall bei.
Die Stadt Rom verliert immer mehr Bevölkerung. Städte wie Trier, die Augusta Treverorum (Erhabene der Treverer), wie auch Nîmes, Autun und viele andere beginnen zu verfallen. Immerhin hat die Stadt Rom um 400 noch vielleicht eine halbe Million Einwohner, bevor die Zahlen dann immer schneller zurückgehen.
Zurück geht langsam auch der Handel, das Handwerk verliert weiter an Kunstfertigkeit, und Infrastruktur wie Wasserversorgung, und Straßen werden immer weniger gepflegt, während so etwas in Ostrom eher stabil bleibt, welches allerdings unter ständigem Druck der Sassaniden steht, deren persisches Großreich fast so groß ist wie ihres.
421 macht Honorius den Constantius (als den Dritten) zum Augustus. Der stirbt aber bald danach und nun ist Theodosius II. in Konstantinopel Herr des Gesamtreiches. 425 wird der kleine Valentinian in Rom Augustus. Mutter Galla Placidia ist Regentin. Die Machtausübung im Osten nimmt immer "byzantinischere" Züge bei weiter anhaltenden innerchristlichen Konflikten wie dem von Kyrill versus Nestorius an.
Von nun an wird in unserem Text Ostrom nur noch in seinem Bezug zum Westen behandelt werden. Es fällt aus jener abendländischen Entwicklung heraus, die hin zum Kapitalismus führen wird.
Einen letzten Versuch der Unterordnung Galliens unter Rom unternimmt Aetius, der 451 in einem Bündnis mit mehreren germanischen Heeren den Hunnenführer Attila besiegt. Schon seit etwa 430 musste Ostrom jährlich Gelder an die Hunnen zahlen. 445 wird Attila durch Brudermord Alleinherrscher der Hunnen von der späteren Ukraine bis zum heutigen Ungarn. 447 sind sie bereits dauerhaft südlich der Donau, und Ostrom muss ihnen immer mehr bezahlen. 451 gibt Attila das Land südlich der Donau auf und marschiert nach Westen bis Metz und Orléans. Aetius vereint seine Truppen mit dem Heer der Westgoten und Einheiten der Burgunder, Franken und aus Aremorica (der späteren Bretagne). In der (künftigen) Champagne wird Attila geschlagen und zieht sich nach dem späteren Ungarn zurück. Theoderich stirbt und es soll weit mehr als hunderttausend Tote gegeben haben, das heißt unzählbar viele.
Aetius wird dann aber 454 von Kaiser Valentinian III. eigenhändig erschlagen, bevor der Kaiser selbst ebenfalls ermordet wird.
Im bald zunehmend angelsächsischer geprägten England verschwinden die Städte fast völlig und das Land verliert seine zentrale Verwaltung. Inselkelten wandern in die Bretagne ein.
Der größte Teil Galliens zerfällt in einzelne Militärbezirke, und von einem von ihnen steigen mit einem Childerich die sich langsam als großes Volk formierenden militarisierten Franken auf, während der Süden von Tolosa (Toulouse) aus von den Westgoten regiert wird, burgundische Herrscher sich vom heutigen Savoyen ins Rhônetal auszubreiten beginnen, und Hispanien nach dem Abzug der Vandalen nach Afrika im Südwesten von den Sueben und ansonsten von regionalen Machthabern kontrolliert wird. Als letztes wird Italia in die Hände der Ost- oder Osthrogoten unter Theoderich fallen, die von Ravenna aus regieren. Von der Millionenstadt Rom zur Zeit der frühen Kaiser bleibt bald eine langsam zu Ruinen verfallende Stadt von immer weniger Einwohnern, in der sich die Bischöfe als Ordnungsmacht durchzusetzen beginnen.
Das alles hat auch damit zu tun, dass römisches Wirtschaften längst stark staatlich kontrolliert ist, sowohl für die Versorgung der Hauptstadt wie für die des riesigen Militärs, jener etwa halben Million samt Angehörigen, die nun bald fortfallen. Rom verliert seine Hauptstadtfunktion zur Gänze und zugleich verschwindet das professionalisierte Militär in den neuen Reichen zugunsten eines Kriegertums, welches sich aus seinem Landbesitz vor allem finanziert. In Ostrom dagegen werden die tradierten Machtstrukturen mit langsamen kleineren Veränderungen weiter aufrecht erhalten.
Um 440 wird endgültig deutlich, dass die Steuern nicht mehr für die Verteidigung der Reste des West-Imperiums ausreichen. 455 fallen die Vandalen unter Geiserich in Italien ein und plündern Rom vierzehn Tage lang auf das Schlimmste. Römer beginnen, die alten Monumente als Steinbruch zu benutzen; die Stadt verfällt und die Einwohnerschaft sinkt weiter rapide. Ein Jahr später fallen Vandalen in Sizilien ein. Der Suebe Ricimer versucht sie zurück zu drängen und protegiert Maiorian als Kaiser.
Ein von diesem betriebener Versuch, das Vandalenreich zu besiegen, scheitert schon im Ansatz, wie dann auch ein Krieg Ostroms gegen dieselben. Bis 461 ersetzt Papst Leo kaiserliche Funktionen in Rom und Italien. 461 lässt Ricimer Maiorian fallen und hinrichten.
Der römische Heermeister Aegidius und nach seiner Ermordung 464 sein Sohn Syagrius halten eine Art römische Enklave in Gallien., bis Chlodwig den letzteren besiegen wird.
455 drängt der Visigote Theoderich II. den gallorömischen Avitus, als Kaiser anzutreten. Ihn besiegen dann Maiorian und Ricimer, wobei der letztere schließlich Kaiser Maiorian umbringen lässt. Bis zu seinem Tod 472 regieren dann unter ihm Marionettenkaiser.
475 macht der Diplomat und Heerführer Orestes seinen noch recht jungen Sohn als Romulus zum Kaiser. Inzwischen ist Odoaker, der Sohn des Skirenfürsten, oberster Heerführer geworden, aber seine Truppen revoltieren laut Prokop, weil sie nicht mehr bezahlt werden können. Also marschiert Odoaker mit ihnen los, Orestes wird 476 getötet und sein Sohn in den Süden in Pension geschickt. Odoaker teilt den Truppen, besonders seinen Skiren, Land zu, dass wohl den großen Landbesitzern Italien weggenommen wird. 476 schickt er an den Ostkaiser den Vorschlag, den Westkaiser als überflüssig zu pensionieren, ihm selbst aber im Auftrag Konstantinopels den Titel Patricius und die Regierung über Italien zu geben. Indirekt stimmt der Ostkaiser zu und darauf schickt Odoaker ihm die kaiserlichen Insignien zurück. Er ist jetzt rex Italiae. Noch einmal versucht er mit imperialen Truppen dem Reich eine Ordnung zu geben und Frieden herzustellen. Ostkaiser Zenon verbindet sich bald mit dem Ostgoten Theoderich, der für ihn Italien zurückgewinnen soll.
Inzwischen haben sich die Ostgoten in Italien und die Visigoten im künftigen Südfrankreich ausgebreitet und ebenso die Burgunden, die sich mit beiden Gotengruppen schließlich um die Provence streiten.
Mit dem imperium der West-Römer, der militärischen Befehlsgewalt und dem daraus resultierenden Machtbereich des Kaisers verschwindet zunächst auch das Wort, welches erst mit dem Kaisertum Karls ("des Großen") dauerhaft wieder auftaucht. Was nun entsteht sind regna, Königreiche, etwas strukturell anderes. Es wird noch lange dauern, bis wir in schriftlicher (deutscher) Form das Wort rihhi dafür bekommen, am bekanntesten in ostarrihhi (dem Kern von Österreich). Etwas anachronistisch soll hier aber in Ermangelung eines anderen Wortes "Reich" bereits seit den frühen nachantiken Macht-Gebilden für die Machtbereiche von Königen benutzt werden.
Durch Ansiedlung und Unterordnung unter Könige (reges) konstituieren sich auf römischem Reichsgebiet militärisch organisierte Stammesgruppen als "Völker" mit zunächst weiterhin eigener Sprache, neben der das Lateinische der wohl über 90 Prozent der einheimischen Bevölkerung weiter besteht, vor allem auch als Schriftsprache und als Sprache der weströmischen Kirche, die sich unterschiedlich schnell in den neuen Reichen durchsetzt.
Die Neusiedler, welche nun nicht mehr so sehr durch Raub, sondern durch Etablierung als kleine neue Oberschicht von wenigen Prozenten der Bevölkerung mit völkisch zugehörigem König am Reichtum des alten Römerreiches und an seinen Einrichtungen partizipieren möchten, wollen sich dazu meist recht schnell mit der alteingesessenen Oberschicht arrangieren. Diese wiederum verträgt sich bald mit den neuen Machthabern und kooperiert nach Möglichkeit mit ihnen. Die vandalische Oberschicht in Afrika scheint bald lateinisch zu sprechen, übernimmt Elemente der alten Verwaltung, die Besteuerung und Aspekte römischer Lebensformen (Wickham(3), S.77) Die fränkischen Merowinger übernehmen, wo noch vorhanden, die römischen Münzstätten und, solange noch möglich, das Abgabensystem. Zumindest der Burgunder Gundobad und der Ostgote Theoderich haben ihre Ausbildung ohnehin noch am kaiserlichen Hof genossen.
Wenn man vom römischen Machtapparat als eine Art Staat sprechen möchte, dann findet nun weitere Entstaatlichung statt, die allerdings schon vorher eingesetzt hatte. Die zentralen Zwangsinstrumente, eine professionelle Armee, funktionierende Besteuerung, ein einheitliches Recht und ein Apparat, dieses durchzusetzen, werden nach und nach aufgegeben.
Einige der neuen Reiche werden durch Eroberung besiegt werden: Das Westgotenreich in Südgallien durch die Franken und nach dem Übergang auf die iberische Halbinsel und lange nach der Vernichtung des Suebenreiches dort 711 durch islamische Heere; die Reiche der Vandalen und Ostgoten durch oströmische Heere. Schließlich werden die frankischen Herrscher auch das bald auf die Ostgoten folgende Langobardenreich zerstören. Was bleiben wird, ist ein fränkisches Reich, welches sich über Gallien nach Osten auf die Gebiete dort nun siedelnder germanischer Stammesverbände und über das eroberte Langobardenreich nach Nord- und Mttelitalien ausdehnen wird.