SCHWELLENZEIT: EIN ÜBERBLICK (in Arbeit)

 

1. Zum Begriff der Schwellenzeit

2. Schwierige Begriffsbildungen

3. Reichsbildungen

 

 

 

Zum Begriff der Schwellenzeit

 

Unser Text hat inzwischen im Schnelldurchgang den Weg von den Besonderheiten der Natur des Menschen, ihrer Bewältigung durch Kultur(en) zu dem Übergang zu Zivilisationen institutionalisierter Macht, zu den städtischen Zivilisationen des Mittelmeerraums, der Bildung eines großen römischen Imperiums und dessen Zerfall im Westteil genommen, um dann die Bildung von germanisch dominierten Nachfolgereichen zu betrachten, die Ende des 9. Jahrhunderts weithin verschwunden sind, mit der Ausnahme angelsächsischer Königreiche, die erst 1066 untergehen.

Als altes Großreich hat nur der Ostteil des römischen Imperiums überlebt, dessen Versuche, wieder auf den Westen überzugreifen, mit dem Einmarsch der Langobarden in Italien einerseits und der visigotischen Rückeroberung der Region um Cartagena anderseits gescheitert waren. Nur kleinere Gegenden auf der italienischen Halbinsel stehen im Westen noch unter nomineller oder tatsächlicher oströmischer Hoheit. Im europäischen Teil wird Byzanz von Awaren, Bulgaren und anderen Völkerschaften bedroht und gerät unter slawischen Siedlungsdruck, und jenseits von Resten in Kleinasien hat es alle orientalischen und nordafrikanischen Gebiete an die stracks durchmarschierenden Heere des triumphierenden Islam abgeben müssen, an jenes Kalifat, welches nun größtes Reich auf ehedem römischen Boden ist. 

 

Von den Großstädten im christlichen Raum mit mehreren hunderttausend Einwohnern ist nur Konstantinopel übriggeblieben, das Kalifat hat mit Städten wie Antiochia und Alexandria die übrigen geerbt, unter islamischen Herrschern solche wie Cordoba oder Palermo zu neuer Blüte gebracht und neue wie Bagdad geschaffen. Aber nicht in dieser Welt großer Städte und großer Reichtümer wird der Kapitalismus entstehen, sondern in einer derzeit überwiegend bis fast ganz landwirtschaftlich geprägten Welt, in der außerhalb des Mittelmeerraumes Städte von wenigen tausend Einwohnern wie Inseln in einer agrarischen Welt mit noch viel Naturlandschaft dazwischen herausragen, und wo die alten Städte auch im mediterranen Raum massiv geschrumpft sind.

 

Der Kapitalismus entwickelt sich dort, wo das antike Erbe fast aufgezehrt scheint und es entsprechend zu Umbrüchen und Neuanfängen kommt, nicht zuletzt auch im Bereich institutionalisierter Machtentfaltung. Aus dem Zerfall des Karolingerreiches entwickelt sich in den sich wohl sehr langsam so empfindenden deutschen Landen in tastenden Schritten ein neues und neuartiges Königreich, welches sich mit der Eroberung von Teilen Norditaliens zum Kaiserreich aufbläht. Am Ende des 10. Jahrhunderts beginnen die Kapetinger von der Region um Paris aus mit einer Expansion, die hin zu einem französischen Königreich führen wird. Von Norden her erobern christliche Fürstentümer langsam Teile der iberischen Halbinsel, die viel später in einem spanischen und portugiesischen Königreich enden werden. In England findet ein gewisser Neuanfang erst mit der normannischen Eroberung 1066 statt, aber im Osten Europas expandieren schon kleine Fürstentümer, aus denen sich Königreiche in Polen, Böhmen und Ungarn entwickeln werden.

 

Dennoch behalten das vergangene wie das noch bestehende (östliche) Rom einen gewissen Modellcharakter. Beider Verhältnisse sind nicht mehr auf die Gebiete des ehemaligen Westreiches übertragbar, aber es sind immer noch Orientierungspunkte.Tradiert ist die lateinische Sprache, die sich in ein schriftliches Mittellatein wandelt, während sie in den Volkssprachen immer mehr korrumpiert wird. Tradiert ist die römische Staatsreligion mit ihrem stadtrömischen Zentrum, welches im 10. Jahrhundert etwas an Bedeutung gewinnt, nicht zuletzt wegen der Aufwertung durch die ostfränkischen Herrscher. Tradiert wird nicht zuletzt die Aufteilung in Produktion und Handel einerseits und eine Schicht von Herrenmenschen andererseits, die von der Arbeit und den Mühen von Produzenten und Händlern profitieren, sich aber längst auch über kriegerische Gewalt definieren.

 

Mit der Zeit der Reichsbildungen des 10. Jahrhunderts wird die Spanne zwischen Antike und Mittelalter beendet. Der Bezug zur antiken Welt, noch in der Zeit Karls d.Gr. deutlich, weicht neuen Ansätzen.

Nicht mehr so sehr institutionalisierte Zivilisation, sondern ein Geflecht von persönlichen Beziehungen, in dem ständig Macht und Rang neu und mit Drohgebärden oder Gewalt abgewogen werden, konstituieren das west- und das ostfränkische Reich- (Althoff in Keller, S.8 usw.) Die meisten Menschen sind da eingeordnet, indem sie ganz unten angesiedelt sind.

 

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Schwellenzeit soll meinen, dass im 10. Jahrhundert jene Schwelle erreicht wird, deren Überschreiten im 11. dann zu dem führt, was hier als Einnistung von Kapital als Vorgang und Verhältnis zwischen Menschen bezeichnet wird. Geschichte hält sich natürlich nicht an die Einteilung in Jahrhunderte, und eine solche Schwelle etabliert sich in einigen Gegenden Europas früher, in anderen erst manchmal viel später.

 

Kapital entsteht in dieser Zeit des 10./11. Jahrhunderts als Handels- und daneben auch schon ein wenig als Finanzkapital. Grundlegende Voraussetzung ist die Nachfrage nach Waren und nach Geld, d.h. hier nach Krediten. Eine solche Nachfrage entsteht bei einer wohlhabenden Herrenschicht, die ihren Reichtum vor allem aus Großgrundbesitz bezieht, aus dem sie einen Teil der Produkte der ländlichen Arbeit abschöpft und zunehmend auch auf einen Markt bringt.

 

Zurück schließen lässt sich aus Quellen des 11. Jahrhunderts, dass einzelne Händler und Luxusproduzenten beginnen können, Kapital anzusammeln. Aber die Masse des Reichtums häuft sich wie bisher bei denen an, die zu allererst von den Produzenten profitieren: bei mächtigeren geistlichen und weltlichen Herren. Zur Kapitalbildung leisten sie nur über ihre Nachfrage einen Beitrag. Diese Mächtigen sind im klassischen Wortsinn Rentiers, wie ihre späteren Staaten im wesentlichen auch.

Die Entstehung des Kapitalismus lässt sich im Nachherein erahnen. Er wird dort beginnen, wo zunächst die Herrenschicht, dann aber nach und nach im sogenannten hohen Mittelalter alle von seinen Strukturen abhängig werden. Aber das 10. Jahrhundert und noch das 11. Jahrhundert im Norden liefert vor allem Voraussetzungen dafür.

 

Große Herren sind weiterhin Bischöfe, insbesondere Erzbischöfe, und manche Äbte mit den teils riesigen Besitzungen ihrer Bistümer und Klöster, aber auch weltliche Große, die mit ihren hergebrachteten Titeln, Aufgaben und Rechten sich über die gewöhnlichen Herren aufschichten. Über solchen principes, im Deutschen später als Fürsten übersetzt, steht ein König, als Ordnungsfaktor von den Mächtigsten eingesetzt, aber darum auch immer wieder im Konflikt mit ihnen. Von der Kirche wird er auf alttestamentarische Vorbilder wie Salomo und David orientiert, jene, die einvernehmlich mit ihren Priestern das Gesetz des (jüdischen) Gottes auf Erden verwirklichten.

 

Der Reichtum der Herren, der Nachfrage erzeugt, wird vor allem aus der Nahrungsmittelproduktion abgeschöpft. Dazu kommt die ländliche Rohstoffproduktion für das Handwerk: Wolle, Hanf, Leder, Färbemittel für eine Textilproduktion, wieder zunehmender Bergbau für den steigenden Bedarf an Metallen.

Das Handwerk hatte mit dem Verfall der Städte diese zunehmend verlassen und war in die ländliche Grundherrschaft integriert worden. Mit dem neuen Wachstum der Städte wird es nach und nach sich auch dort wieder ansiedeln.

Ähnlich wie die Landbewirtschaftung ist Handwerk und übrigens auch der Handel wesentlich in die familia des Herren integriert, ein Stück weit pariarchalisches Erbe der Antike.

 

Damit der Handel sich "kapitalistisch" und unternehmerisch verhalten kann, muss er sich aus der exklusiven Bindung an Herren lösen, von der fernhandelnde Friesen, Juden und Syrer früher schon frei waren. Er muss also dazu übergeben, nicht mehr bloß Aufträge von Herren auszuführen, sondern auch spekulativ für einen Markt einzukaufen, von dem er sich Nachfrage erhofft.

 

Das Geschehen ist viel komplexer als hier bislang dargestellt. Vor allem entsteht zwar Kapital durch die Nachfrage von Herren an freie Händler, aber noch kein Kapitalismus. Ein weiterer Weg dahin findet sich in der Tatsache, dass es schon früher in Städten und an Klöstern Märkte gab, die nun zunehmend gefördert werden, und auf denen Bauern und Handwerker Überschüsse neben der Selbstversorgung und den Leistungen an Herren anbieten und dafür selbst einkaufen.  Auf solchen Märkten kauft auch das Gesinde von Herren ein, die darüber hinaus durch Gebühren, Zölle und andere Abgaben davon profitieren und darum solche Märkte auf fördern.

Zwar gibt es in vielen Gegenden noch häufig Tauschhandel, aber Geld gewinnt zunehmend an Bedeutung. Beide existieren bald als Abgaben an die Herren nebeneinander und denen wird dadurch der Marktzugang vereinfacht.

 

Der Transfer auf dem Lande erarbeiteter Reichtümer der Herren vor allem in die Hände des Handels und nicht primär in die Produktion wird unter den spezifischen Bedingungen des 10. und 11. Jahrhunderts zum Motor für die Entstehung von Kapitalismus. Dafür muss aber mehr produziert werden, und das geschieht aus verschiedenen Ursachen heraus. Das Klima wird günstiger, die Produktivität beginnt langsam zu steigen, zudem wird mehr Land dem Ackerbau vor allem zugänglich macht und so kann sich die Bevölkerung vermehren.

Mit dem Bevölkerungswachstum steigt der Zuzug in die Stadt, der alleine Städte wachsen lässt. Das fördert die Spezialisierung im Handwerk dort, Arbeitsteilung also, und die wiederum belebt das Marktgeschehen.

 

Der interkontinentale Handel zwischen Europa, Afrika, dem Orient und Asien war mit dem Ende des Imperium Romanum massiv zurückgegangen; was durch die Zeit bleibt, aber ohnehin nur in kleinem Umfang, ist der Gewürzhandel, der Arabien, Persien, Indien, die Mongolei und China einschließt.

Die Seehoheit über das Mittelmeer haben zwar inzwischen muslimische Schiffe, aber diese beliefern auch christliche Häfen. Der interkontinentale Handel mit Luxuswaren läuft weiter über Zwischenhändler aus Indien und direkter aus dem näheren Orient und Nordafrika, allerdings wesentlich schwächer als zur Zeit der römischen Antike. Erst im 11. Jahrhundert werden sich Fernhändler aus unserem Bereich stärker und dann mit Macht daran beteiligen. Andere Luxusgegenstände, oft noch stärker den Status von Kloster, Bischofskirche und Fürsten darstellend, kommt aus europäischer Produktion bei zum Teil außereuropäischen Rohstoffen (Edelsteine, Gold, Elfenbein usw.).

 

Etwas innereuropäischer Fernhandel aber existiert in nun wachsendem Umfang weiter, der sich dann vor allem auf Messen konzentriert.

Damit bewegen sich zwei Dinge aufeinander zu: Fernhandel einerseits, wesentliche Chance für die Vermehrung von Kapital aufgrund hoher Renditen, und regionaler und lokaler Handel, mit dem auch Bauern und Handwerker am Markt teilhaben.

Beide verbinden sich überall dort, wo Handwerk seine Produktion erheblich steigern kann, und so zunehmend für den Markt produziert. Dazu bedarf es der Hervorbringung von genügend Rohstoffen, einmal aus der Landwirtschaft, zum anderen aus dem damit zunächst zusammenhängenden Bergbau, mit denen dann zunächst handwerklich und mit Mühlen auch maschinell Halbfabrikate und Fertigprodukte entstehen.

 

Zunehmende Produktion von Lebensmitteln, Rohstoffen, Halbfabrikaten und gewerblichen Fertigprodukten versorgt vor allem die städtischen Märkte mit Angebot und Nachfrage. Der Weg in den Kapitalismus ist ein Wachstumsprozess, in dem als einziges zunächst Naturlandschaft und lebendige Natur in ihr verschwindet.

Was auch vor allem in den wachsenden Städten langsam zurückgeht ist Selbstversorgung mit Lebensmitteln und anderen Gütern. Wer kann, kauft zunehmend Bekleidungsstücke  ein, für die die Nachfrage offenbar rasch wächst, da es immer mehr Produktion von Textilien, Lederwaren, Schuhen usw. gibt. Dazu kommen irdene und metallene Haushaltsgegenstände und Gerätschaften. Da die weltlichen Herren zugleich Krieger, milites sind und für Kirche und Kloster zusätzlich die Gewalttätigkeit ausüben, kommen Waffen und Rüstungen auf einen besonderen Markt.

 

 

Auf allen Ebenen der Herrenschicht der Freien gibt es einen steigenden Geldbedarf für Investitionen in Krieg und Frieden, der nicht mehr nur durch den eigenen Grund und Boden gedeckt werden kann, sondern zunehmend durch Abgaben aus Handwerk und Handel. Um diese Einnahmen zu vergrößern, werden beide zusammen mit dem Ausbau von Städten gefördert und den Herren der Städte dafür zunehmend Königs-Rechte eingeräumt. Von diesen Rechten werden sie nach und nach an eine städtische Oberschicht vor allem abgeben, um die wirtschaftlichen Erträge in der Stadt zu fördern und sie zudem für ihre Belange einzuspannen.

Die Investivkraft der Herren beschränkt sich auf die Erweiterung von Macht und Status mit ihren sichtbaren Zeichen. Es sind die Unfreien und gänzlich Untertanen, die das nicht können, und unter denen sich zunehmend die hervortun werden, die Kapital sowohl anhäufen wie zugleich vermehren möchten, um so einen zweiten Karriereweg neben dem der militia zu finden. Sie werden das im wesentlichen im Einvernehmen mit den miles/milites der Herrenschicht tun.

 

Daneben wollen und müssen sie ihren Status in Prächtigkeit umsetzen, wozu zum Beispiel wertvolle Kleiderstoffe, Schmuck und die Ausschmückung ihrer Behausung dienen, aber auch teure Gewürze aus der Ferne.

Der Status von Kirche und Kloster, ihrer Herren vor allem, muss ebenfalls nach außen dargestellt werden, und dient offiziell dem Lobe Gottes, natürlich zugleich aber der prachtvollen Selbstdarstellung ihrer Chefs und von deren Kollektiv.

 

Macht und Status haben zwar zunächst auch bei Kirche und Kloster mit Gewalt und den Identifizierungswünschen sich Unterwerfender zu tun, aber letztere werden durch die Ästhetisierung von Macht und Gewalt erleichtert, und Macht und Status werden überhaupt jenseits unmittelbarer Gewaltausübung durch Ästhetisierung erst sichtbar. Schon Konstantin baut den Christen riesige Basiliken, die mächtig wirken, was die Bischöfe und ihre Christen an ihn bindet.

Die wohl spanische Pilgerin Egeria, die um 385 ins "heilige Land" kam, beschrieb folgendermaßen die Golgathakirche: Der Schmuck ist wahrlich zu wunderbar für Worte. Man sieht nur Gold und Edelsteine und Seide (...) Die Anzahl und das Gewicht der Kerzen, Lichter, Lampen und was sie sonst beim Gottesdienst verwenden ist unvorstellbar (...) Sie sind unbeschreiblich so wie das großartige Gebäude selbst. Es wurde von Konstantin erbaut und (...) geschmückt mit Gold, Mosaik und kostbarem Marmor, so reich wie es das Reich hergab. (so in Brown2, S.53) Was heute typisches touristisches Staunen wäre, war damals fromme Ehrfurcht.

Die Merowinger-Könige versuchen mit den antiken Vorbildern soweit mitzuhalten, wie sie können. Merowingerbischöfe tun es Konstantin im Maß ihrer Möglichkeiten nach. Gregor von Tours schreibt in seinen 'Historiae' über die Kathedrale seiner Heimatstadt Clermont: In ihr ist man der Furcht Gottes inne und einer großen Helligkeit, und die dort beten, bemerken oft, dass ein süßer Duft sie anweht. Ringsum hat das Heiligtum Wände, die mit Mosaiken und vielerlei Marmor geschmückt sind. (II,16) Gesichts- und Geruchssinn verbinden sich zur Wahrnehmbarkeit des nicht wahrnehmbaren Gottes, was Ehrfurcht hervorruft.

 

Recht bekannt ist die Karriere des Goldschmiedes Eligius zum Hofhandwerker von Merowinger-Königen, dann zum Bischof und schließlich zum Heiligen (!). In seiner Vita heißt es von König Chlothar (II.): Dieser König nämlich wollte sich einen besonders feinen Sattel aus Gold und Edelsteinen anfertigen lassen. Das Werk erregte die Bewunderung des Königs, und so stellte er für den Gebrauch des Königs viele Gerätschaften aus Gold und Edelsteinen her, und viele Grabmäler von Heiligen aus Gold, Silber und Edelsteinen...(Nonn, S.77)

Peter Brown meint, dass Goldschmiede in den germanischen Nachfolgereichen der Antike höher geschätzt wurden als Maler, "denn die magische Kunst des Goldschmieds bestand darin, kostbares Material, Edelsteine, Gold und Silber (…) zu Symbolen der Macht zu verbinden und zu verdichten." (Brown2, S. 341)  In den Reliquienbehältern, durchs frühe bis ins hohe Mittelalter die ersten Objekte von fränkischer Goldschmiedekunst gelingt die noch magischere Kunst, den unsichtbaren Gott des armen Jesus im Reichtum gestalteter Kostbarkeit aufscheinen zu lassen. Im Namen dieses evangelischen Rabbis, der sicher nach seiner Taufe keine Münzen in die Hand genommen hätte, werden nun Tempel und Kreuzeszeichen und ähnliche christliche Symbole auf Silbermünzen geprägt.

 

Und nachdem Bonifatius um 730 die heilige Eiche in Geismar gefällt hat, möchte

er aus England besonders prächtige Bibel-Handschriften mit goldenen Lettern

geschickt bekommen, damit dem fleischlichen Sinn der Heiden Verehrung für die heilige Schrift eingeprägt werden möge. (in Brown2, S.17) In der Regel wurden solche Prachthandschriften allerdings von Mönchen hergestellt, um schon zuvor den "fleischlichen Sinn" der Christen zu betören. Gemeinhin wurde dann gesagt, das mache man zur Ehre Gottes, so, als ob man ihm auch so einen fleischlichen Sinn unterstellen würde. Frühmittelalterliche Buchmalerei präsentiert sich zunächst aus warenästhetischen Zusammenhängen noch herausgenommen, da sie zum guten Teil aus den Skriptorien von Klöstern kommt und weder aus Lohnarbeit stammt noch für einen Markt bestimmt ist. Die derart freien Räume betreffen zwar nicht die Inhalte, die vorwiegend an die (religiösen) Texte gebunden sind, aber doch die Gestaltungskunst, die sich aus der Antike herausentwickelt und langsam auch vom byzantinischen Einfluss löst.

 

Einige Kirchen werden schließlich immer größer, schmuckvoller, und alle wetteifern um die Prächtigkeit des liturgischen Gerätes.

 

Ekkehard von Sankt Gallen lobt um 900 einen Mönch Tuotilo als große Künstlerpersönlichkeit, der ein Kreuz der heiligen Maria … aus dem Gold und Geschmeide wunderbar herrichten ließ. Gold, Silber, Elfenbein sind seine Materialien. (Nonn, S.165) Ein Evangeliar, schreibt derselbe Autor, ließ der Abt von St. Gallen von einem Mönch Sintram schreiben, um den mit seinen Tafeln prunkenden Band mit Hattos Gold- und Edelsteinen zu schmücken. (s.o.S.171)

 

Prächtigkeit gilt für die Adelskirche und das Adelskloster als hohes Gut. Über die adelige Schwester des Bischofs Burchard von Worms heißt es vor 1025 in dessen Vita: Diese Dame (domina) war nämlich sehr begabt für Frauenarbeiten (opera mulieribus) und höchst tüchtig,, und sie hatte für die verschiedensten Textilarbeiten angelernte Frauen (feminas doctas) um sich; in der Herstellung prächtiger Kleidung übertraf sie aber viele Frauen. (Nonn, S.71) So viel aristokratische Wertorientierung führt am Ende dazu, dass sie Abtissin wird.

 

Vor aller späteren Warenästhetik fallen mehrere Dinge auf: Die ästhetischen Normen, die nach dem Mittelalter für den neu zu entwickelnden Kunstbegriff auftauchen, scheinen nur eine geringe Rolle zu spielen, und das Niveau antiker Kunstfertigkeit scheint verfallen zu sein. Ästhetik konzentriert sich auf den Warenwert der Materialien und ihre zusätzliche Möglichkeit, zu glänzen und zu funkeln, wie das bislang für viele Formen der Schatzbildung galt. Bildliche Darstellungen wiederum kämpfen mit den technischen Darstellungsmöglichkeiten und konzentrieren sich stark auf den korrekten Inhalt, der wiedergegeben werden soll.

 

Herren gelangen zu Reichtum, Bauern und Handwerker vorläufig jedenfalls nicht und auch nicht eine zunächst noch kleine Gruppe städtischer Krämer. Kapital wiederum häuft umfangreicherer Handel an. Daneben kann auch Geld in einzelnen Fällen in Form von Krediten zu optimalen Renditen verliehen werden, wobei sich zunächst noch vor allem reiche Klöster hervortun, zu denen dann später italienische Finanziers hinzutreten.

 

 

Für die Entstehung des Kapitalismus unabdingbar ist eine sehr schwach entwickelte Staatlichkeit, in der das aufkommende Kapital Freiräume hat, so wichtig und mächtig zu werden, dass es sein Interesse mit dem der Herren verbinden und diese nach und nach von seinen Bewegungen abhängig machen kann. Der wesentliche Raum seiner langsam freieren Entfaltung oft erst im 11. Jahrhundert wird die Stadt neuen Typs werden, in der sich die Herren mit einer frühes Kapital anhäufenden unteradeligen Schicht verbinden und auch das Handwerk und ein zunehmendes Marktgeschehen aus Eigeninteresse fördern.

 

Deutlich voraus gehen dabei die Nordhälfte Italiens und Seestädte südlich davon, sowie einzelne südgallische und katalanische Städte wie Marseille und Barcelona, in denen spezifische Traditionen zu ökonomischen Verbindungen zwischen Herren und Handelskapital führen. Früher als im Norden wird das später zu Formen städtischer Selbstverwaltung und dann sogar zur Bildung von Stadtstaaten von kapitalistischem Zuschnitt führen.

Nur in mittelalterlichen Stadtstaaten gelingt es dabei, kurzzeitig Kapitalinteresse und institutionalisiertes Machtinteresse in einer Hand zu vereinigen, aber a la longue erweist sich das als nicht praktikabel, das Staatsinteresse geht an Fürsten und Könige und das Kapitalinteresse, welches diese Fürsten überhaupt erst hervorbringt, bleibt in „bürgerlicher“ Hand. Dabei verändert sich der Begriff von Bürgertum langsam, aber stetig.

 

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Nachdem große Teile des antiken Erbes aufgezehrt sind und die Großreichsbildung des Frankenkönigs Karl zerbrochen ist, gerät die Welt der lateinischen Christenheit in vielerlei Hinsicht in Umbrüche und Aufbrüche. Es ist noch zunehmend eine Welt von Herren und Knechten, in der die wenigen Herren über fast das ganze Land verfügen und die vielen Knechte kaum mehr dürfen als darauf arbeiten. Der christliche Gott, der längst immer mehr Züge des alten jüdischen bekommen hat, hat das angeblich so gewollt. Wie bei den Römern bleibt es Herrenrecht, nicht produktiv arbeiten, sich um das Lebenswichtigste mühen zu müssen. Diese Mühe, altdeutsch arebeit, wird zum Los jener meisten, die zugleich am wenigsten zu sagen haben.

 

Die Trennung der Bevölkerung in immer weniger Freie und immer mehr Unfreie erreicht im 10. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Nichts weist darauf hin, dass die ländlichen, fast eigentumslosen Massen andere als individuelle Perspektiven haben, die sich selten mit denen ihrer Nachbarn verbinden. Von der Kirche indoktriniert und darauf orientiert, sich mit ihren Herren zu identifizieren, den Rücken gekrümmt von den Mühen des Tages, den Unbilden der Witterung ausgesetzt, werden sie, auf den Boden gebückt oder in die Werkstatt gesperrt, das erarbeiten, was in den Reichtum derer mündet, die dann dem Handel mit ihrer Nachfrage Kapitalbildung ermöglichen werden.

Die Masse der Menschen, die labor und arebeit und später auch travail betreibt, ist  schiere Arbeitskraft, und jenseits davon vor allem der Verachtung der Mächtigen und ihrer Propagandisten ausgesetzt, die ihre Abhängigkeit bis hin zu mehr oder weniger fast sklavenartiger Unfreiheit für gottgegeben und weniger fromm gesagt naturgegeben halten.

 

So gut wie nichts ist heute übrig geblieben von den vielen, die die Ernährung der Wenigen betrieben haben. Der Prozess der Zivilisation versenkt fast alle im Dunkel der Geschichte und lässt sie unbeachtet von der Geschichtsschreibung, die sich auf die Welt der Mächtigen konzentriert.

Immerhin gibt es in einem Gedicht des Bischofs Adalbero von Laon an König Rotbert (Robert) irgendwann um das Jahr 1000 eine kurze Passage, in der diese Leute vorkommen: Dieses gebeugte Geschlecht von Menschen hat nichts als seine Arbeit. Wer kann ihre Pflichten beschreiben, ihre Mühsal, ihren Einsatz, ihre überaus schweren Arbeiten? Für alle müssen sie die Kleidung und die Verpflegung schaffen, und kein Adeliger kann ohne die Arbeiter leben.

Das heißt allerdings nicht, dass der Autor etwas an diesen gottgewollten Verhältnissen ändern wollte, auch nicht auf seinen eigenen Gütern. Er genügt hier nur jener christlichen Pflicht des Mitleids, welches damals misericordia heißt, später eingedeutscht als Barmherzigkeit. Sie verpflichtet wie in ihrer säkularisierten heutigen Form der politischen Korrektheit nur zum Almosengeben.

 

Aber auch aus dieser Art von ländlichem "Proletariat" heraus wird Kapitalismus entstehen. Vor allem mehr oder weniger Unfreie betreiben im frühen Mittelalter  noch die Produktion und meist auch den Handel. Frei und edel sind Attribute der Herren, kriegerischer Großgrundbesitzer, der milites. Wir wissen sehr wenig von dem Bewusstseinswandel, der sie nach und nach dazu bringt, Produktion und Handel mehr Freiheiten zuzugestehen, um diese in ihrem Interesse zu fördern.

 

Wir reden im 10. Jahrhundert noch hauptsächlich von Ackerbau und Viehzucht, denn die handwerkliche Produktion ging mehr noch als mit dem Schwund an  Bevölkerung zurück, und dabei besonders die metallverarbeitende. Genauer gesagt schwindet letztere mit dem Ende des weströmischen Imperiums zunächst fast völlig mit dem rapiden Rückgang des Bergbaus, der bis ins 10. Jahrhundert hinein anhält. Mangel an Gold, Silber, Eisen, Blei und Kupfer tritt ein. Mitten im 10. Jahrhundert beginnt dann das Blatt sich wieder zu wenden.

 

Das im wesentlichen ländliche Proletariat lebt verstreut, in höchstens kleinen Ansiedlungen, vermutlich auch in weitgehender Unkenntnis der Aktionen der Mächtigen, soweit sie nicht augenfällig in ihren Alltag hineinreichen. Weithin gebunden an ihren Ort und ihre Arbeit, erfahren sie davon höchstens, wenn einige von ihnen, sehr selten, den oft weiten Weg auf einen Markt finden, oder als Händler und meist damals noch höhergestellte Pilger reisen.

 

Soweit es überhaupt Gefühle von Zusammengehörigkeit gibt, dürften sie über gemeinsame Herrschaft erlebt werden. Dann gibt es da die gemeinsame lokale und regionale Sprache, lokale Kirchen und darüber hinaus den Unterschied in romanische und germanische Idiome, neben keltischen, baskischen und slawischen. Während die Groß-Mächtigen im 10. Jahrhundert den Grundstock für das legen, was am Ende zu einer Art Nationalstaaten im lateinischen und griechisch-slawischen Europa wird, dürften die Menschen auf dem Lande davon wenig mitbekommen. Am ehesten entsteht noch ein angelsächsisches Gemeinschaftsgefühl, ansonsten entwickeln sich Trennlinien dort, wo sie überschritten werden: Beim Einmarsch ostfränkischen Militärs in die italienische Halbinsel, bei den gegenseitigen Aggressionen von Sachsen und ostelbischen Slawen, beim Streitobjekt Lothringen und den Einmischungen sächsischer Kaiser in den Raum westfränkischer Könige sowie an den Grenzlinien zwischen Christentum und Islam, insbesondere auf der iberischen Halbinsel.

 

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Die antik-römische Zivilisation hatte Kultur in staatliche Inszenierungen einerseits und weiter unten angesiedelte Folklore andererseits verwandelt, und beide dann am Ende in ein oft erzwungenes Christentum überführt. Daneben gab es in den Städten eine von den Mächtigen subventionierte Amüsierwelt, in der Verrohung und Verblödung der urbanen Massen in halbwegs geordnete Bahnen gelenkt wurde. Diese schwindet unter den Attacken der mit ihr konkurrierenden Kirche und wegen fehlender Geldmittel im Westen. Über ihre Ersetzung in der Spätantike und dem frühen Mittelalter wissen wir kaum etwas. Es gibt an christliche Feiertage gebundene Feste, in denen sich vorchristliche und christliche Elemente mischen, und zwar in Stadt und Land. Es gibt Musik, Tanz und mündliches Erzählen, wobei diese wohl bei ländlicher und städtischer Bevölkerung und den Herren über sie verschieden sind. 

 

Die wenigen Menschen von selbstdenkerischer Intellektualität, die die griechische und römische Antike hervorgebracht hatte, verschwinden nicht nur mit dem Rückgang von Belesenheit und Schriftkultur, sondern auch mit dem von der Kirche gesetzten und massiv verengten Horizont. Da die römisch-katholische Kirche sich unter dem Einfluss schlecht verstandener und lateinisch übersetzter hellenischer Philosophie (Aristoteles/Plato) auf den Weg in die Staatskirche gemacht hatte, bleiben Reste überliefert, die aber nun unter der Voraussetzung des zugleich einen und dreifachen Gottes stehen, über den weltliche und geistliche Macht alleine verfügen.

 

 Indem das Christentum theologisiert und verkirchlicht wurde, passte es sich an die Interessen der Mächtigen an und wurde so fast jeder Widerständigkeit gegen all das Neue, welches Kapitalismus hervorbringen wird, beraubt. Zugleich wurde es zu einer diskursiven Religion, nicht zuletzt auch durch sein Verschmelzen mit antiker Philosophie, und der Diskurs öffnet Religion und Institution in beispielloser Weise für Veränderung. Aus der Adaption an die Machtverhältnisse wird dann im Verlauf des Mittelalters auch die an Kapital, also an Verwertung werden, der sich dann am Ende als Totengräber der Religion erweisen wird.

 

Hatte sich der evangelische Jesus nur auf wenige Textpassagen der die jüdischen Machtverhältnisse religiös definierenden Schriften vor ihm bezogen und kam letztlich ohne Tempel und Priestertum aus, so wurde bald dann seine massive Kritik am tradierten Judentum ignoriert. Stattdessen wurde nun immer mehr auf jene jüdischen Texte zurückgegriffen, die Herrschaft und Königtum religiös begründeten. Salomo und David werden in den neuen Königreichen der Nachantike zu idealen Vorbildern. Im 10. Jahrhundert wird auf dieser Grundlage eine stärkere Sakralisierung des Königtums möglich.

Der jüdische Sündenbegriff, der sich mit ganz irdischen Vergehen und Verbrechen deckte, wird nun über die Macht- und Eigentumsverhältnisse gelegt und die Sünden gelten als Störung dieser irdischen Ordnung.

 

Was beim evangelischen Jesus und Paulus wegen der baldigen Wiederkehr des "Herrn" eher als nebensächlich abgetan wurde, die Eigentumsverhältnisse und die Untertänigkeit unter Obrigkeit, wird nun zur Hauptsache: So wie im "Himmel" ein Imperator oder später König als Herr der himmlischen Heerscharen zunehmend militanter Engel herrscht, so möchte er auch eine entsprechende Ordnung, einen ordo auf Erden. Nur so konnte das Christentum als Staatsreligion seinen Siegeszug antreten.

 

Schließlich: Die beispiellose Differenz zwischen evangelischem Jesus und Praxis der Apostelgeschichte einerseits und allgemeiner "christlicher" Lebenspraxis andererseits seit der Etablierung einer Kirche begleitet die Geschichte hin zum  Kapitalismus durchs frühe Mittelalter, auch wenn deutlicher Widerspruch dagegen erst für das 11. Jahrhundert überliefert ist. Sie bedeutet Instabilität, da sie ständigen Diskussions- und Erklärungsbedarf auslöst. Diese Instabilität wird verstärkt durch die Doppelkonstruktion von Kirche als geistlicher und weltlicher Macht. Dadurch ist sie mit der rein weltlichen und zugleich religiös begründeten Macht verschränkt und zugleich in Konkurrenz mit ihr. 

 

Der kirchliche Sündenbegriff steht in diametralem Gegensatz zu dem des evangelischen Jesus, der gerade die formale jüdische Rechtschaffenheit abgelehnt hatte. Mit der kirchlichen Position aber wird eine spezifisch christliche Gewissensinstanz etabliert, die zwei Parallelwelten in den Menschen einsetzt, von denen die eine ganz irdisch Lebenswillen im wirklichen Alltag bedeutet und die andere Erlösungssehnsucht in vorgestellten Sphären. In der Herrenschicht bedeutet das vor allem Gewalttätigkeit mit allen Listen und Schlichen, der ständige Verstoß gegen das längst im Kern wiedergekehrte jüdische Gesetz Gottes, und zugleich dafür mit großem Mitteleinsatz verbundene Sühne und Buße. Das führt zu ganz spezifischen psychischen Strukturen, aber neben dem inneren Dauerkonflikt, der ständig zum Schweigen zu bringen ist, zum Dauerkonflikt zwischen Geistlichkeit und weltlicher Macht zudem, der im 9. Jahrhundert deutlicher wird und nach dem zehnten Jahrhundert dann zur Abschließung der Kirche und zu Säkularisierungstendenzen im weltlichen Bereich führt.

Anders gesagt, Vorstellungswelten und Wirklichkeit geraten wie in keiner anderen Zivilisation auf parallele Schienen und kollidieren überall dort, wo diese schadhaft werden. Daraus entsteht eine christlich-abendländische Wirklichkeitsfeindlichkeit und Ideologiefreundlichkeit, die  seit dem 18. Jahrhundert in immer katastrophaleren Schüben bis in den Untergang dieser Zivilisation zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert führen wird.

 

Innerhalb der Herrenschicht konkurrieren also zwei Begründungszusammenhänge: Der eine handelt von Reichtum, Macht und Gewalt und Herrschaft im Unterschied zur Knechtschaft der vielen, der andere von den Wegen ins Himmelreich und möglichst nicht in Höllenstrafen, wie sie "eigentlich" Reichtum, Macht und Gewalttätigkeit nach sich ziehen, wenn man in die Evangelien schaut, was außer Mönchen und Geistlichkeit allerdings im früheren Mittelalter nur wenige tun, können sie doch schließlich nicht einmal lesen.

Alltäglich werden geistlicher Anspruch und weltliche Wirklichkeit in den Köpfen der Menschen weitgehend parallelisiert, sie laufen nebeneinander her und begegnen sich dabei dennoch notgedrungen immer wieder, im Besuch der Messe, bei frommen Stiftungen, beim Geben von Almosen, dem Abstellen von Kindern ins Kloster oder bei Bußehandlungen.

 

Diese enorme Instabilität in den Menschen und zwischen Kirche und Welt stößt seit dem Ende der Spätantike im 9./10. Jh. immer schneller Entwicklung als Veränderung an, die andererseits durch die Instabilität fehlender großflächiger Staatlichkeit intensiviert wird. Der wesentliche Motor der Veränderung wird nun eben die Kapitalbildung werden - als alternatives Karriere-Interesse für die, die nicht zur Herrenschicht gehören, und zugleich als eine von diesen Herren für ihre Machtentfaltung geförderte Entwicklung.

 

Der Wucher, also das sich Bereichern an der Bedürftigkeit anderer, widersprach von Anfang an dem Gebot christlicher Nächstenliebe. Das hinderte aber niemand in der Nachantike und dem frühen Mittelalter daran, Handel zu treiben bzw. zu fördern. In einem Kapitular Karls von 806 heißt es zwar: Wer in der Zeit der Getreidereife oder der Ernte ohne Not Getreide oder Wein kauft - aber mit einem begehrlichen Hintergedanken - zum Beispiel um en großes Fass für zwei Denare zu kaufen und aufzubewahren, bis man es für vier oder sechs Denare oder noch vorteilhafter verkaufen kann, begeht das, was wir einen unehrenhaften Gewinn nennen. Wenn sie es aber ganz im Gegenteil notwendig kaufen, um es für sich selbst aufzubewahren oder an andere zu verteilen, dann nennen wir das ein Geschäft (negotium). (in Audebert/Treffort, S.49)

Aber letztlich wird nur zwischen ungeniertem Marktverhalten als Wucher und ehrbarem Handel unterschieden, und die Begriffe werden immer dehnbar sein und dehnbarer werden.

 

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Gewalt, Macht, Herrschaft sind Begriffe, die alle Zivilisationen und auch das 10. christlich-lateinische Jahrhundert beschreiben, auch wenn sie in unseren überlieferten Quellen im wesentlichen in halbwegs entsprechenden lateinischen Wörtern und in den entsprechenden Denkstrukturen auftauchen. Um sie ansatzweise verständlich zu machen, ist für Gewalt und Macht hinzuzufügen: ... über Land, Menschen und lebendige Natur, während Herrschaft in der Regel insbesondere solche über Menschen meint. Im Unterschied zur lateinischen Begrifflichkeit einer verdinglichten Welt ("Realität") geben germanische Worte dabei eher eine Welt im Fluss des Werdens und Vergehens wieder (Wirklichkeit), die nicht die Illusionen vernünftig-begrifflicher Klarheit liefert. 

 

Hier soll Macht den Raum der Möglichkeit ausfüllen, Gewalt den des Tuns und Machens, und Herrschaft das Institut, die feste Einrichtung dazu. In unserer vorkapitalististischen Zivilisation des 10. Jahrhunderts geht es um Macht über die Einheit aus Grundbesitz und Verfügung über untergebene Menschen. Seltene früheste Wurzeln des Kapitalismus, Kapitalbildung durch Händler und Finanziers, tendieren bereits dazu, dieser Einheit zu entschlüpfen und sie dann zu sprengen, sobald Kapital in seinen Bewegungen und Verhältnissen ein Eigen"leben" gewinnt.    

Kapital ist nicht an Grund und Boden gebunden und nicht an bestimmte untergebene Menschen. Es übt keine Herrschaft aus, sondern Macht in dem Maße, in dem Menschen sich in Abhängigkeit davon begeben, bis sie ihr nicht mehr entkommen können. Es bedarf des Rahmens von Herrschaft, kann diese aber Leuten überlassen, die von seinen Bewegungen abhängig sind, bis dieser Rahmen dann am Ende ganz in entpersonalisierter Staatlichkeit aufgeht.

 

Das gibt den Blick vor, mit dem hier auf frühes Mittelalter geschaut wird, eine Zeit noch ohne das, was hier unter Kapitalismus verstanden werden soll, der sich erst im hohen Mittelalter von Region zu Region zu etablieren beginnt, um dann im späteren seine Macht zu entfalten. Kapitalismus ist kein System, sondern eine Summe von Vorgängen und Beziehungen, die nach und nach Macht entfalten. Sie lösen diejenige Macht ab, die auf der von Menschen über mit Leben erfüllter Erde, über Pflanzen und Tiere und Menschen darauf beruht, und ersetzen sie durch die Autonomisierung der Vermehrung lebloser Dinge zuungunsten allen Lebens außer dem menschlichen, und zwar in Vorgängen, die sich in einfache Recheneinheiten fassen lassen.

Im Mittelalter wird darüber zunächst nur in der Zwangsjacke von Religion und Philosophie und zunächst fast nur in lateinischer Sprache und ihren Möglichkeiten nachgedacht, und nur so von den wenigen Schreibern überliefert. Von ihnen befreit, öffnet sich der Blick durch die dichten Schleier der Ideengebäude, aber andererseits ist es heute schwierig, noch in die so ferne Vergangenheit zurückzugehen, die uns zu unserem Thema so wenig hinterlassen hat.

 

Der Kapitalismus entsteht also, um in diese Vergangenheit ganz zurückzukehren, dort, wo wir es heute auf den ersten Blick am wenigsten erwarten würden, in einer Welt geringer Staatlichkeit, kleiner Städte, relativ geringem Handwerk und Handel und der Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen von Kriegern und ansonsten schieren Konsumenten. Schwellenzeit ist dabei jene, von der der Schritt hinaus ins Freie auch den ins noch kaum zu erahnende Unheil des Kapitalismus bedeuten wird.

 

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Kapitalinteresse begrüßt zwar Gewalt und Krieg insofern, als das der Produktion und dem Handel von Rüstungsgütern dient und besseren Zugang zu Märkten liefern kann, steht ihm aber doch ambivalent gegenüber, da allzu nahe Gewalttätigkeit beide stört. Darum neigt es zur Entfernung des Krieges aus dem eigenen Wirkungsbereich, was nur durch die Dominanz immer größere Flächen abdeckender Herrschaft möglich ist. Friede im Inneren bedeutet in sich entwickelnden Zivilisationen aber Einschränkung derer, die dort Krieg führen können, und das Richten der Gewalt aus dem jeweils eigenen Territorium heraus. Das leisten im 10. Jahrhundert auf dem lateinisch-christlichen Kontinent zunächst nicht mehr Könige, sondern Fürsten unter ihnen: Solche, die die Nordmannen an den nördlichen Küsten abwehren wie die Anjou oder bretonische Fürsten nördlich von ihnen, die Sachsenherzöge gegen die Slawen und die Bayern gegen die Ungarn. Im Süden bieten das zum Beispiel dann etwas später Hafenstädte wie Pisa und Genua, in denen Kapitalismus ähnlich wie in Venedig oder Amalfi zu entstehen beginnt. Der Erfolg der neuen römischen Könige und Kaiser beruht dann aber auch darauf, selbst solche äußeren Feinde abzuwehren.

Der innere Friede ist im 10. Jahrhundert ständig gefährdet, und auf unterster Ebene beginnen die am Ende entstehenden vielen kleinen Burgherrschaften den Unfrieden fast zum Alltag zu machen.

 

Die ganz wenigen Kapitaleigner haben keine Möglichkeit, im 10. Jahrhundert Eigeinteresse öffentlich zu machen, und das gilt sicher im 11. Jahrhundert auch noch weitgehend für den Norden. Die Friedensbewegungen in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts in Südgallien und dann auch Katalonien werden darum von den ständig bedrohten Kirchen und Klöstern ausgehen und die ebenso besonders wehrlosen unfreien Bevölkerungsgruppen einschließen. Die Diskrepanz zwischen Frieden und Freiheit wird dann das ganze Mittelalter beschäftigen. In ihr wird das immer einflussreicher werdende Kapital seinen Platz suchen, bis es im späten Mittelalter der dominante Faktor geworden ist.  

 

 

2. Schwierige Begriffsbildungen (Staat, Republik, Stamm, Volk, Nation, Politik)

 

Das zehnte Jahrhundert ist in Europa auch Schwellenzeit für jene übergeordneten Machtstrukturen, aus denen später Staaten werden. England wird zum kriegerisch geeinten Königreich. Das Frankenreich trennt sich in drei Königreiche, West- und Ostfranzien und Italien, wobei der Osten dann Italien erneut zu annektieren versucht. Die schwerwiegende Folge wird sein, dass es weder zu einem deutschen noch zu einem italienischen Reich kommen wird - wobei die Möglichkeiten für ein deutsches im 19. und 20. Jahrhundert endgültig verspielt werden, auch wenn es dem Namen nach ein solches bis 1933 (bzw. 1945) geben wird

 

Auf der iberischen Halbinsel bildet sich ein Grundstock christlicher Reiche aus, die beginnen, den Blick auf den von islamisch-orientlischen Herrschern eroberten Süden zu richten. Unter Ausschluss des entstehenden Portugals wird dann im Verlauf des Mittelalters ähnlich wie schon im Visigotenreich ein geeintes spanisches Königreich entstehen.

 

In Skandinavien wird der Keim für ein dänisches Königreich gelegt, in Ost-Mitteleuropa der für Polen, zugleich erst für Mähren und dann für Böhmen, im Südosten für Bulgaren und andere. Ganz im Osten kommt es zu Voraussetzungen für Reichsbildungen von Kiew und Nowgorod aus und zur Herausbildung kleinerer Fürstentümer, in denen Skandinavier (Waräger, Rus) und Slawen in den Städten zu einem Volk verschmelzen werden, im Norden zusammen mit finno-ugrischen Völkern. Es handelt sich um die Vorgeschichte eines zukünftigen Russlands mit noch sehr unklaren Grenzen.

 

Konstitutiv für die Zukunft wird, dass die antike Trennung zwischen der eigenen Zivilisation (die Römer nicht so nannten), ihrer res publica mit ihrem zivilisierenden Machtapparat, und auf der anderen Seite den Barbaren, noch verschärft wird durch das unduldsame Überlegenheitsgefühl der Christen über die Heiden. Gegenüber ihnen ist der Krieg religiös motiviert, da Christianisierung Christenpflicht ist. In einer langen Traditionslinie wird daraus auf dem Weg in die Gegenwart die moralische "Pflicht" zur Zerstörung der übriggebliebenen Kulturen und noch nicht kapitalistisch durchdrungenen Zivilisationen im 20. Jahrhundert werden, die immer noch propagiert wird. Sie ist dann nicht mehr christlich, sondern säkularisiert mit den Begriffen "Entwicklung" und "Fortschritt" besetzt.

 

Das, was heute bei aller üblichen Unklarheit als Staat bezeichnet wird, ist ein recht modernes Konzept. Nach dem Mittelalter hatte sich aus dem lateinischen status der italienische stato entwickelt, eine Form verfasster Macht. Der französische état bezeichnete dann zusätzlich den Haushalt des Machthabers und seine Hofhaltung. Erst mit der gedanklichen Lösung des auf Macht beruhenden Gebildes von der Person des Herrschers bzw. seiner Dynastie entsteht die vor allem politisch verstandene Staatlichkeit als eigenständige Vorstellung. Im später von Historikern so bezeichneten Nationalstaat entwickeln Hobbes und Locke zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen solcher (moderner) Staatlichkeit, eine realistische und eine idealistische, wenn man das vereinfacht so sagen möchte. Die letztere, besser geeignet zum Verschleiern sowohl der Machtverhältnisse wie insbesondere der Unterordnung unter Kapitalinteresse wird sich durchsetzen.

 

Mit einem Staatsbegriff zu operieren ist also für jedes Mittelalter ein Anachronismus. Vielmehr ist es besser, nach der römischen res publica mit ihrem imperium von Reichen zu sprechen, deren Instabilität gerade aus geringer Staatlichkeit herrührt. "Staatlichkeit" ist dann ein Hilfsbegriff, in dem Zivilisierung als Institutionalisierung von Macht und Unterdrückung enthalten ist, dort also, wo Macht amtlich wird und Unterdrückung verrechtlicht, was formell erstmals in den Jahren nach 1789 für Frankreich in Vollendung durchgesetzt wird, nachdem 1776 in Nordamerika schon eine Allianz aus Sklavenhaltern und Kleinbürgern die Demokratie neuen Typs erfunden hat.

 

In diesem Sinne sollte man auch den Begriff Republik denen überlassen, die ihn für sich entwickelt haben, und der in diesem Sinne mit dem Untergang städtischer Zivilisation nach der Antike verloren ist. Die res publica als der öffentliche Raum war wesentlich der der antiken (romanisierten) Städte gewesen, und sein Untergang begann lange vor dem letzten römischen Caesaren. Dabei soll nicht beirren, dass auch mittelalterliche Autoren in Ermangelung eines anderen Wortes von den Machtstrukturen ihrer Zeit als res publica sprechen. Wenn also hier von Staatlichkeit die Rede ist, ist das gemeint, was sich nach der Zwischenzeit zwischen Antike und Mittelalter langsam herausbildete und von Anfang an etwas völlig Neues und sehr Abendländisches darstellt. Letzteres ist dieser „Staat“ geblieben, der sich bis heute außerhalb West- und Mitteleuropas nur dorthin verpflanzen ließ, wo Menschen durch Einwanderung aus diesen Teilen Europas dominierten, während er überall sonst als nachkolonialer Fremdkörper eher neuartige despotische Züge trägt.

 

****Aus Stämmen werden Völker****

 

Das antike Imperium Romanum war ein Staatsgebilde, welches sowohl über die vorgefundenen städtischen Mittelmeer-Zivilisationen wie über Teile von Völkerschaften aufgerichtet wurde, die aus Stämmen gebildet wurden. Bei gemeinsamer Zivilisation war es eher ein Vielvölker-Gebilde. Die Nachfolgereiche im Westteil wurden dann von sich als Stämme empfindenen kleinen Minderheiten gebildet, von denen eine später einem Königreich seinen Namen geben wird: Westfranzien als spätere France.

 

Das Großreich Karls des Großen begreift sich zwar als fränkisch, ist aber unübersehbar ein Vielvölkerreich mit verschiedenen Volkssprachen und Herkünften. Gemeinsam ist den wenigen Belesenen und Schriftkundigen das Lateinische. Mit dem westfränkischen, dem ostfränkischen und dem Königreich Italien entstehen dann drei Reiche, welche im Laufe der Zeit neue Völker hervorbringen werden: Franzosen, Deutsche und Italiener, von denen die Italiener erst im 19. Jahrhundert und die Deutschen nie einen gemeinsamen Staat errichten werden.

 

Man sieht auf einen Blick, dass diese Völker neuen Typs unterschiedlich entstehen: England entsteht aus Christianisierung und der gemeinsamen Kirchenorganisation einerseits und andererseits aus einer Entwicklung, die die

angli dauerhaft als pars pro toto etabliert, während parallel dazu sächsische Könige das ganze dann dann später Engelonde heißende Reich mit seinen Stämmen erobern. Dabei entsteht mit dem Altenglischen eine gemeinsame Sprache. Von 1066 bis ins 13. Jahrhundert koexistieren zwei Völker, das franko-normannische und das englische nebeneinander, bzw. das erste herrscht zunächst über das zweite, bis sie dann mit dem Verlust der kontinentalen Wurzeln vor allem in den unteren Schichten zu verschmelzen beginnen und eine neue Sprache entwickeln, das stark altfranzösisch durchsetzte Mittelenglische.

 

Die Briten, durch die Angelsachsen auf das spätere Wales reduziert, werden von diesen als Grenzbewohner bezeichnet, was sie dann auf Lateinisch zu Wallenses macht. Sie besitzen in groben Zügen eine gemeinsame keltische Sprache und viele Könige, die man zunächst besser als regionale Häuptlinge bezeichnen sollte. Ihr rudimentäres Christentum erlaubt ihnen das Konkubinat mit mehreren Frauen, die Gleichstellung aller Kinder, die leicht zu erreichende Ehescheidung und manches mehr.

Sie werden dann im späten Mittelalter durch weitere Christianisierung und sonstige Überfremdung verändert, schließlich durch Eroberung und Anglisierung unter eine gemeinsame (englische) Verwaltung gebracht, die sie zunächst eher als französisch bezeichnen.

Die gälisch sprechenden Leute von Alba, dem Zentrum des späteren Schottland, die Albanaic, werden von außen und lateinisch als Scotti bezeichnet. Mit der Übernahme anglonormannischer Machtstrukturen durch die Könige und immer größere Kreise der zum Teil aus dem Süden einwandernden Oberschicht und die damit verbundene Ausweitung des Reiches wird Scocia zu dem Namen, den sie dann selbst ihrem Land geben.

 

Auf dem Kontinent sind die Verhältnisse wesentlich komplexer.

 

Das französische "Volk" wird durch den Machtbereich des französischen Herrschers definiert werden, in dem sich über das Bretonische, das niederdeutsch-Flämische, das elsässiche und lothringische Deutsche, die Langue d'oc (das Occitanische) und das Baskische die Langue d'oeil des Herrschers durchsetzen wird. Das geschieht vorwiegend nach Eroberung, aber auch nach "friedlichem" Erwerb, immer aber, ohne die neuen Untertanen zu fragen. Das wird dann auch bis heute so bleiben.

 

Das riesige Frankenreich besteht im Nordosten aus unterworfenen germanischen Stammesgebieten, im Westen und Süden aus Trümmern des antiken Römerreiches. Darin entwickeln sich mehrere Sprachgebiete, eines wird seine unterschiedlichen germanischen Sprachen unter den Oberbegriff "deutsch" fassen, eine im Norden Westfranziens wird später als langue d'oeil eingeordnet werden, eine südlich davon als langue d'oc, und in Italien machen sich Sprachen breit, die später im Norden und in der Mitte der Halbinsel als italienisch zusammengefasst werden. Allein sprachlich, aber auch von den Lebensformen her ist das Reich Karls des Großen also nach späteren Vorstellungen ein Vielvölkerreich.

 

Ganz anders ist es mit den Deutschen, die sich ausschließlich über die Sprache definieren, die sie als gemeinsame empfinden, auch wenn sie sich nur schwer alle gemeinsam über sie mündlich verständigen können. Deutsche gibt es also nur als Sprachfamilie in der größeren germanischen. Deutsch sein heißt deutsch reden.

Dabei bleibt Ostfranzien für viele noch lange das Ostfrankenreich, und es wird ja auch kein deutsches, sondern ein römisches Königtum erhalten. Und durch das Mittelalter wird es kein "Deutschland", sondern "deutsche Lande" im Plural geben.

 

Aber die Deutschen grenzen sie ab gegen das ursprünglich nahe verwandte Angelsächsische und die skandinavischen Sprachen, die sich selbst abgrenzen, indem sie anders als die Deutschen wirkliche Königreiche bilden, während es kein Zufall ist, dass die minimale herrscherliche Klammer für die Deutschen ein sich römisch nennendes Königreich bleibt, welches zugleich seit 961 sich Kaiserreich nennt und nicht deutsch werdende Gebiete einschließt. Auf diese Weise wird das Deutschtum im Laufe der Zeit weite Gebiete im Westen verlieren und durch Eindeutschung von Slawen im Osten gewinnen. Da es keine gemeinsame funktionierende herrscherliche Klammer gibt, werden sich deshalb schon im Verlauf des Mittelalters der Südwesten und Süden herauslösen, auch wenn sie sich zunächst weiterhin als Deutsche begreifen, und der Nordwesten wird ebenfalls ein Eigenleben beginnen und sich nach und nach mit der Abspaltung des Niederländischen aus dem Niederdeutschen nicht mehr als deutsch begreifen.

 

In der Schwellenzeit des 10. Jahrhunderts ist man Deutscher vor allem in den Augen der Nichtdeutschen. Die Leute sind zuerst und hauptsächlich Sachsen, Thüringer, im Westen Franken, wobei hier die Bistümer und die Flusstäler Regionen bilden; sie werden zwischen Mosel und Metz moselfränkische Lothringer, sie sind im Süden Alemannen, wobei Alemannien noch nicht in Schwaben, Elsass, und (das südliche) Alemannien zerfallen ist, und man ist Bayer, wozu dann zunehmend auch das ganze östliche Alpenland gehört. Aber die Machtstrukturen und die ethnischen (völkischen) fallen auseinander. Sogenannte Stammesherzöge können sonstwo her kommen und definieren sich nicht völkisch, sondern dynastisch, ihre Interessen sind familiär orientiert. Darum werden Stammesgebiete immer weiter zerfallen oder ganz verschwinden, obwohl die Menschen mit ihren Eigenheiten bleiben werden. Das wird seit dem hohen Mittelalter mit den Sachsen und Thüringern geschehen; von den Alemannen grenzen sich die Schwaben aus, und aus diesem wird dann wiederum das (alemannische) Elsaß und noch später Baden ausgegrenzt, bis Schwaben als politischer Begriff an Württemberg abgegeben wird. Bayern wiederum sammelt andere Völkerschaften, die Pfälzer, die Oberpfälzer, die Leute, die später einmal erst Franken heißen und mit den ursprünglichen Franken so wenig zu tun haben wie die Sachsen des späten Mittelalters mit denen des frühen. Die Mächtigen trampeln über die Völker bzw. Stämme mit ihren kulturellen Resten hinweg, sind die meisten Menschen doch für sie nur Monövriermasse für die eigene Machtentfaltung und den eigenen Reichtum. Erinnerung bleibt aufbewahrt in den Resten der jeweils eigenen Sprache, deren Zerstörung erst mit den Staatsschulen und ihrer Schulpflicht im 19. Jahrhundert massiv einsetzt und heute in ein immer wurzelloseres und inhaltsleereres Denglisch geführt hat, welches allgemeine Verblödung auch in jenen Kreisen befördert, die früher einmal als gebildet galten: Lehrer, Ärzte, Juristen, usw.. Zunehmende Sprachlosigkeit, abnehmendes Ausdrucksvermögen, Reduktion von Welt auf nur noch emotional begründete Namensgebung.

 

Im deutschen Sprachraum des Mittelalters gehören Volk, Reich und Land zusammen, aber da sie noch nicht in klare Rechtsformen einer Staatlichkeit gegossen sind, weicht ihre Bedeutung je nach Kontext und zivilisatorischer Entwicklung ab. Das rîch ist im Kern der Machtbereich eines Herrschers, denn reich und mächtig fallen oft zusammen. Noch um 1200 ist das so. Rîch ist auch das Kaiserreich, in Wolframs 'Parzival' sind die vürsten ûz sîme rîche die Reichsfürsten (P14,683). Rîch kann aber auch wie im Nibelungenlied identisch sein mit lant (3,80) als Königreich (14,812), und das ist dann auch schon mal mit einem Stamm identisch, so das es dann heißt: Burgonden, sô was ir lant genant.(1,3). Burgonden lant (3,60) ist Gunthers lant (3,57), beides ist identisch, Herrschaft, Reich, Land und Volk. Wo es eines Herrschers ermangelt, wird das Land von den Leuten her benannt: Die Burgunden ziehen durch der Beyer lant (26,1597) und die von Beyerlande werden von Hagen besiegt (26,1613). In Wolframs 'Parzival' tritt aber eine weitere Variante auf. Wo man kein Stammesvolk namhaft machen kann, tritt ein geographischer Begriff auf, und  so ist daz lant genennet Stîre die Steiermark (P2,9,499)

Inzwischen tritt aber das Land auch als Gegensatz zur Stadt auf. In Wien kommen nicht alle Recken in der Stadt unter, viele müssen in daz lant Herberge nehmen, also auf dem Lande (NL22,1360). Beim Reisen geht es über lant unde velt (NL22,1375) und bei Passau gibt es recken von dem lande (NL21,1294), also nicht aus der Stadt. Natürlich ist das Land auch Gegensatz zum Wasser und es bezeichnet zudem unabhängig von Menschen und Machtverhältnissen eine Gegend : Wein gibt es so in dem lande al umb den Rîn (NL20,1184).

Im Altfranzösischen liegen die Dinge natürlich anders. Bei Chrétien taucht wenige Jahrzehnte zuvor terre als Reich auf (E2725), und so eines ist auch Alemaigne (E6590).

 

Zurück in die deutschen Lande. Um 1200 sind lant und liute unter Herrschaft so verschmolzen, dass sich daraus ein neuer Volksbegriff wird entwickeln können, so unklar, wie er sein wird, und er wird dennnoch die Vorstellung von einer Abstammungsgemeinschaft oft aus der Stammesvorstellung herleiten. Siegfried spricht so im Nibelungenlied von mîns vater lant (3,105), und Kriemhild sieht Männer von ir vater lande (27,1713), also aus Burgund. Wo Land und Volk zusammengehören, ist der lantman der Landsmann (P9,434 / T7,3935) und  mîn lantgesinde sind meine Landsleute (T12,8860).

 

Dabei ist die Einheit von Herrscher, Land und Leuten sowohl für Königreiche gültig wie für Regionen mit ihren Fürsten, und darüber hinaus kann der Rekurs auf alte Stammeszugehörigkeit zumindest im deutschen Königreich auch Herrschaftsbezirke überspringen oder aber mehrere Stämme/Völkerschaften unter einer Herrschaft sehen. Für den deutschen Autor des Nibelungenliedes haben die Völker unter Etzel jeweils ihre site, nach der sie leben (22,1336), unter denen eine die hunnische site ist (23,1386). Stämme/Völkerschaften sind also nicht nur nach der Sprache unterschieden, sondern auch nach ihren Lebensformen, den Gebräuchen, bei Chrétien de Troyes la costume (E38) und die usages (E1761). Dabei werden im angedeuteten neuen Volksbegriff Land und Sitte miteinander verbunden zur site von ir lant (31,1861) mîn lantsite, zum Landesbrauch (T4,2828).

 

In diese Zusammenhänge hinein gehört das Kuriosum der Juden in der abendländischen Geschichte. In die Konstruktion eines Tempelkultes, eines Gottes und eines Monarchen gehörte auch der Gründungsmythos eines von dem eigenen Gott erwählten Volkes, welches sich durch religiöse Vorschriften und die Beschneidung der Vorhaut als Erkennungszeichen für die Fortpflanzung von oben verordnet von allen anderen abheben soll. Tatsächlich sind Juden rein religiös definiert und nicht ethnisch, und sie haben ihre Heimat auch schnell nicht mehr im Ursprungsland um Jerusalem herum, sondern auch in Äthiopien, im Jemen, in Europa bis zum Kaukasus und selbst in Asien. Dass Hitler ihnen einen Rassebegriff unterschob,´gehört mit zu den Kuriositäten der Weltgeschichte. Wer die Juden für ein Volk hält, müsste gleich auch die Christen und Muslime für ein solches halten.

Für die Entstehung eines zivilisatorischen Volksbegriffs nach der Antike sind die Juden aber nicht unwichtig. Unduldsam wie Christen und Muslime, schotten sie sich wie später die von ihrem Ursprung her ethnisch definierten Zigeuner von der Bevölkerung, in der sie oft als Minderheit leben, ab, indem sie ihre Lebensform religiös begründen, was dazu führt, dass Riten und Gebräuche sie von den übrigen Menschen trennen. Sie bilden damit einen eigenen Genpool, in dem sie eigene natürliche Eigenschaften herausbilden, die dann allerdings - je nach Gegend – sehr verschieden sind. Sie integrieren sich in die Machtstrukturen, assimilieren sich aber nicht durch Heirat mit Nichtjuden, was auch von deren Seite nicht erwünscht ist.

Die abendländischen Juden des Mittelters aber sind überall im Bewusstsein auch der Christen präsent, da das Christentum seit seiner starken Re-Judaisierung in der Spätantike und dann unter den germanischen Nachfolgereichen den jüdischen Schriften des sogenannten Alten Testamentes immer größere Bedeutung beimisst, und sie - mit besseren "Geschichten" als das Neue Testament ausgestattet - in das alltägliche Bewusstsein der Menschen einziehen und dort so zu Hause sein lässt wie die Traditionen der eigenen Völkerschaften. Indem sie im Abendland nicht nur als Religionsgemeinschaft, sondern zugleich als "Volk" auftreten und entsprechend so auch behandelt werden, wird ein Volksbegriff vorgegeben, der dann auch in die Bibelübersetzungen in die Vulgärsprachen eingeht. Dass dann Volk und Religion eine Einheit bilden sollen, wird bis in die Formel von cuius regio eius religio präsent bleiben..

 

Wir haben bis jetzt einen eher neuzeitlichen, immer noch recht unklaren Volksbegriff dem unterlegt, was früh- und hochmittelalterliche Quellen hergeben, ohne ihn so zu benutzen. Stämme als ideelle Abstammungsgemeinschaften mit erheblichen Gemeinsamkeiten, zusammengesetzt aus wirklichen Abstammungsgemeinschaften, aber auch Stämme als wandernde militante Heerscharen, aus mehreren Völkerschaften zusammengesetzt, haben wir Völker genannt, sobald sie einer zentralen institutionalisierten Herrschaft unterworfen sind. Engländer entstehen derart aufgrund des Namens eines solchen Stammes, der Angeln, und aufgrund eines geographisch festgeschriebenen Raumes, England. So wie hier eine kleine Minderheit den Namen für ein entstehendes Volk hergibt, so geschieht das auch, als das Frankenreich in seinem Nordwesten im 10./11. Jahrhundert zu Frankreich wird, dem Land der langue d'oeil,  Francia, während der Südwesten dieses Frankenreiches sich mit seiner langue d'oc verselbständigt. Die romanischen Sprachen deuten bereits an, dass sich die kleine Minderheit der Franken dort nicht einmal sprachlich durchsetzen kann. Der Nordosten dieses Frankenreiches, in dem die Franken ein verschwindender Stamm unter bedeutenderen wird, begreift sich zunächst selbst ebenfalls als ein Franzien, was noch bis ins 12. Jahrhundert durchklingen wird, sieht seine Gemeinsamkeit aber nun in der Familie verwandter germanischer Stammessprachen, die allesamt als "völkisch", volkssprachlich eben, bezeichnet werden, diutisc zum Beispiel oder so ähnlich, was in der Neuzeit dann zu "deutsch" werden wird.

In den Straßburger Eiden äußerst sich zwar keine Reichsteilung nach Sprachen, aber eine in Reiche, in denen zwei Sprachen dominant sind. Geteilt wird auch nicht exakt nach Sprachgrenzen, neuzeitlich gesprochen, also auch nicht nach Volksgrenzen, aber mit den Grenzen, die gezogen werden, entstehen Völker im neuzeitlichen Sinne.

 

Kurz nach seiner Krönung nennt Otto d.Gr. sein Reich Francia ac Saxonia. Bei Widukind ist von omnis populus Francorum atque Saxonum die Rede. Als Völker werden also Stämme aufgefass, wobei einige von ihnen einfach übergangen werden, wie die Bayern oder die Alemannen.

 

Deutsch werden Leute in den Quellen zunächst von jenen Italienern genannt, die sie auf ihren militärischen Italienzügen kennenlernen, als Vertreter von geistlicher und weltlicher Macht und dann auch als Händler. Später, im Annolied, nach 1080 geschrieben, ist die Wahrnehmung einer gemeinsamen Sprache diutisch aus Dialekten bereits zu der eines Volkes übergegangen, den diutischi liuti, und der seines Territoriums, dem diutischemi lande. Erst im zwölften Jahrhundert taucht dann auch ein Dûtisce rîche auf, ein volkssprachlicher Versuch, etwas aus dem offiziell so heißenden „römischen Reich“ herauszulösen. Aber für Otto von Freising herrscht König Heinrich I. noch einerseits in orientali Francia, also im östlichen Frankenland, und ist damit zugleich Herr über ein regnum Germaniae. (Chronik, S.460). Deutsch ist ein vulgärsprachliches Wort und des Lateinischen nicht würdig und so sind die Deutschen denn auch im lateinischen Text Germani (s.o.). Und nicht ganz klar ist für ihn auch, ob die Eroberung "Italiens" durch den großen Otto das regnum Romanorum nun den Teutonicos neuerdings oder den Francos wieder überträgt (Chronik, S. 464).

 

Im späteren 10. Jahrhundert beginnen Vertreter der hohen gallischen Geistlichkeit im Westfrankenreich ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entdecken, welches sie von den "Ostfranken) trennt. Im 11. Jahrhundert ist klar, dass der Kaisertitel in deutschen Händen" nicht mehr bedeutet, dass es irgendeine Form östlicher Oberhoheit über das Westreich gibt, die Trennung ist endgültig, auch wenn die Grenzlinie keine klar ethnische ist und auch nicht so gedacht wird.

Damit tritt immer mehr Abgrenzung und Konkurrenzverhalten in den Vordergrund. Nicht einmal der Kampf gegen die islamischen Eroberer der sogenannten heiligen Stätten im vorderen Orient kann noch solide Einigkeit erzeugen. Otto von Freising erwähnt für den ersten der Kreuzzüge die Francos Romanos et Teutonicos, qui quibusdam amaris et invidiosis iocis frequenter rixari solent, die sich in bitteren und gehässigen Scherzen hänselten, wie Adolf Schmidt übersetzt (Chronik, S.508), wobei das allerdings in höherem Maße erst für die nächsten Kreuzzüge gelten wird.

 

In der Begegnung von Deutschen und Franzosen 1107 in Châlons-sur-Marne entdeckt Abt Suger von St.Denis französische Überlegenheit in aristokratischer Lebensart. Besonders Welf V. schneidet dabei schlecht ab: Er ist fett, und wie Schneidmüller zusammenfasst, „ein Schreihals, dem prahlerisch immer ein Schwert vorangetragen wurde. Wie seine Genossen knirschte er mit den Zähnen und drohte beim Scheitern der Verhandlungen, die Dinge würden besser mit deutschen Schwertern in Rom ausgetragen.“ (Schneidmüller, S.154)

 

Die zu Franzosen werdenden Menschen in Westfranzien betrachten sich selbst längst als einzige Erben der Franken und zunehmend als Mittelpunkt lateinischer Zivilisation. In seinem 'Cligès' schreibt Chrétien von Troyes: Das haben uns unsere Bücher gelehrt, / dass die erste Blüte der Ritterschaft / und Bildung in Griechenland entstand. / Und dann kam die Ritterschaft / und die gesamte Bildung nach Rom, / die nun nach Frankreich gewandert ist. / Gott gebe, dass sie dort bleibt / und der Ort ihr so sehr gefällt, / dass Frankreich nie mehr die Ehre und den Ruhm / verliert, der sich dort niedergelassen hat. (vv).

 

Aber für Otto von Freising ist das Reich der Deutschen immer noch ein Frankenreich. Für ihn hat Otto d.Gr.die Kaiserwürde an die Teutonicos orientales Francos gebracht (Otto, Chronik S.456), wobei es dasselbe Reich (regnum) bleibt, auch wenn die Herrscher nun "eine andere Sprache" (lingua) sprechen als die fränkischen Karolinger. Als dann 1025 Konrad II. das Königsamt der östlichen Franken antritt, kann er erklären, dass er von mütterlicher Seite von den bedeutendsten gallischen Fürsten abstammte, die dem alten Stamm/Geschlecht (stirpe) der Trojaner entstammten und vom heiligen Remigius getauft worden waren (Chronik, S.472). Damit war die französische Vornehmheit, die Chrétien proklamiert hatte, hinreichend konterkariert. Und entsprechend dieser Tradition ist dann auch ein Krieg des Reiches unter Konrad III. gegen die Sachsen 1141 noch plausibel, die sich möglicherweise in den Augen mancher noch nicht hinreichend integriert haben.

Aber in vielen damaligen Texten sehen sich Deutsche bereits als Gemeinschaft. Bei Etzels Turnier im Nibelungenlied sind die tiuschen geste kämpferisch (22,1351), deutsch taucht aber hier nur an dieser Stelle auf. In Wolframs 'Parzival' ist von tiuscher erde ein ort die Rede (P1,4) Vor Kanvoleis lagern unter anderem die stolzen Alemâne (P2,67, das Wort ist allerdings wohl auch dem Reim geschuldet). Auf deutsch sagen heißt tiuschen sagen P6,314), man hat seine lantsprâche (T12,8701 / T15,10874). Francrîche taucht in diesen literarischen Texten ebenfalls als fester Begriff auf (P9,455), man ist nicht mehr Westfranke, Franzosen sind Franzois (P1,37).  

 

Das, was viel später einmal als Nationalismus bezeichnet werden wird, gibt es aber nicht nur zwischen Franzosen und Deutschen, sobald sie sich deutlicher als solche verstehen, sondern auch zwischen Engländern und Deutschen. In beiden Fällen reiben sich Menschen aus im Prozess der Zivilisation weiter fortgeschrittenen Völkerschaften auch immer wieder am Kaisertum "deutscher Nation". Und so schreibt Johann von Salisbury Mitte des zwölften Jahrhunderts in einem Brief: Wer hat die Deutschen zu Richtern über die Nationen bestellt? Wer hat diesen dummen und aufbrausenden Menschen Autorität verliehen, nach ihrer Willkür den Fürsten über die Häupter der Menschenkinder zu setzen? Fürwahr, dies hat ihr Wüten schon allzu häufig versucht, doch wurde es ebenso häufig durch Gott gezüchtigt und verwirrt und schämte sich seines Unrechts. (Brief 124 in Rexroth, S.243)

 

In der Stauferzeit verfestigt sich ein zivilisatorischer Volksbegriff auch durch den Aufstieg der Königreiche England und Frankreich und den Konflikt beider miteinander in Vorformen von dem, was dann zur Nationalität werden wird. Sehr deutlich wird das dann im Hundertjährigen Krieg werden.

 

Dass Deutsche als Fremde unter dem Vorwand des Kaisertums seit dem zehnten Jahrhundert in regelmäßigen Abständen in die italienische Halbinsel einfallen, beginnt im 11. Jahrhundert langsam als Fremdherrschaft angesehen zu werden, und Deutsche sind dann unter den Staufern ganz und gar Fremde im Land. 1177 sollen die Abgesandten der Lombarden Papst Alexander III. gesagt haben, universa Italia stehe gegen den Kaiser und man trete für honor et libertas Italie ein. Italia steht hier für die Italiener des Nordens, genauer für die Stadtstaaten dort. Diese ethnische Komponente von Kriegen wird sich immer weiter verstärken, und Juni 1241 kann dann Friedrich II.an den König von Ungarn schreiben: Krieg gegen die Lombarden unter Verströmung deutschen Blutes (…) und mit Hilfe deutscher Schwerter (Heinisch, S.510).

 

Es ist die oft gewalttätige Konfrontation, die im Anderen das Fremde hervorhebt und so das Eigene erkennt.

Da verbindet sich Ablehnung von Fremdherrschaft bei denen, die nun immer deutlicher zum Volk neuen Types werden, mit der Propaganda der Mächtigen da oben, die sie zunehmend nun für ihre Interessen einsetzen. Wenn Konstanze dann die von den Staufern nach Sizilien geholten Deutschen fortschickt, dürfte das bei Menschen dort auf Zustimmung gestoßen sein.

 

Dass die allmählich hergestellte „Nationalität“ auf den Gewalttaten der Mächtigen beruht, lasst sich an der Zweiteilung dessen, was geographisch die italienische Halbinsel ist, sehr gut erkennen. Das Königreich beider Sizilien umfasst Süditalien und die Insel und von ihm blickt man auf einen Norden, der als Italien bezeichnet wird.

 

Ein Volksbegriff als Einheit verwandter bzw. ähnlicher Menschen entwickelt sich in der Unterscheidung von den Nachbarn, andererseits ist Volk längst in einer anderen Bedeutung die unterschichtige Masse der Menschen. In den 'Gesta' Ottos von Freising wird Abaelard bedrohlich, weil homo ille multitudinem trahit post se et populum, qui sibi credat, habet. Die Menge und das Volk stehen zwar nebeneinander, die ersteren zieht er hinter sich her und letztere glauben ihm, aber das ist wohl Rhetorik geschuldet. Da nun aber die meisten Leute Untertanen sind, sinkt der Volksbegriff immer mehr zu diesen hinab und bekommt einen verächtlichen Beigeschmack.

Dem mag auch dienen, dass Volk und Stamm im gerade so anzivilisierten Zustand für die gekrönten Häupter immer verächtlicher genutzten Begriffen werden. Friedrich II.schreibt im Juli 1241 in propagandistischer Absicht an den englischen König über ein Volk barbarischer Abkunft und Lebensweise, dessen Ursprung und erste Wohnsitze Wir nicht kennen und das man Tataren nennt (… d.h. die Mongolen.) Denn dieses Volk ist wild und gesetzlos und kennt keine Menschlichkeit. Noch im August 1241 erklärt Kaiser Friedrich II: Die Mongolen haben eine Menge verschiedener Stämme niedergetreten und wollen zahlreiche (…) Völker ausrotten (Heinisch, S.523). Derartig unzivilisierten Stämmen bzw. Völkern fehlt eben die sie zivilisierenden Machtstrukturen samt der alleine wahren Religion.

 

Zu Italienern werden die Menschen ebenfalls erst dadurch, dass sie sich als Mitglieder eines gemeinsamen Sprachraumes begreifen, was mit dem Zurückdrängen des Occitanischen im Piemont beginnt und im späten Mittelalter bereits zum Herausbilden zweier idiomatischer Räume führt: Dem vom toskanischen Dialekt dominierten Norden und den miteinander verwandten Dialekten des Südens, dominiert vom Napoletanischen und dem Insel-Sizilischen. Tatsächlich gelingt es dann unter Verlust eines Gebietes im Nordwesten an Frankreich auf dem Wege der weitgehend "friedlichen" Eroberung des Südens durch den Norden einen "Nationalstaat" zu bilden, während die preußischen Hohenzollern in derselben Zeit die habsburgischen Österreicher durch Krieg ausschließen.

Italia ist eben nicht nur ein geographischer Begriff, sondern auch die Erinnerung daran, einst Kernland des Imperium Romanum gewesen zu sein.

 

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Volksbildung ab dem 10. Jahrhundert nicht vom "Volk", also der Masse der Menschen ausgeht, sondern von den wenigen ganz Mächtigen ganz oben. Das sollte uns aber nicht hindern, entgegen der mit zunehmenden Drohgebärden durch die heutige Obrigkeit und ihre untertänigsten Sprachrohre im Interesse des globalisierten Kapitals durchgesetzten Propaganda von Völkern zu reden, auch wenn diese derzeit systematisch durch die herrschende Neubesiedlungs-Politik mit außereuropäischen Völkerschaften zerstört werden und wohl dem Untergang geweiht sind. Historische Wirklichkeit ist schließlich mehr noch denn je etwas anderes als das, was die Machthaber und ihre gäubigen Untertanen als solche mit aller propagandistischen Inbrunst ausgeben möchten. Das sahen schon die Menschen im 10./11. Jahrhundert so, die ganz allgemein sich völkisch anders einordneten, als es den Herrschern mit ihren Machträumen gefiel.

 

 

****Nation****

 

Nation wiederum bezeichnet sinnvollerweise eine ideelle Abstammungsgemeinschaft, die sich gegenüber anderen dadurch auszeichnet, dass sie Eigenes entwickelt, indem sie auf Tradition beruht. Andere Begriffe, die sich damit überschneiden, sind der germanische "Stamm" und die lateinische gens. Bei Beda ("Venerabilis") fallen gentes und nationes um 700 noch in eins, sie sind austauschbar. Sprachlich sind alle drei Wörter von ihren Wurzeln her ohnehin gedanklich eng miteinander verwandt. Und all das werden die Nationalstaaten, die sich im Mittelalter einwurzeln, allesamt nicht. Vielmehr entstehen sie als Herrschaftsbereiche von Monarchen, deren Größe auf Eroberung, Krieg oder Heiratsverbindungen beruht, nicht auf der Basis ethnischer oder sprachlicher Zusammengehörigkeit. Sie entstehen zudem und zum Teil damit verbunden durch Überfremdung von Völkern, denen teils durch die Machtverhältnisse, später vor allem auch durch Übersiedelung ihre Eigenheiten genommen werden.

 

Nation geht wie Natur auf dasselbe Tätigkeitswort zurück, welches „gebären, erzeugen“ meint. „Geboren“ ist dabei natus, und die natio ist so der Verbund der gemeinsam Geborenen, das, was die Germanen als Sippe und Stamm bezeichneten, die Kelten als Clan. Als die nordamerikanischen Indianer notgedrungen unter übermächtigen Eindringlingen Englisch lernen müssen, nennen sie ihre Stämme auch nations (the Mohawk nation). Solche Nationen haben fiktive Stammväter und/oder ein gemeinsames Totem bw. einen gemeinsamen Kult.

In den lateinischen Texten des hohen Mittelalters bezeichnet die natio denn auch die Herkunft eines Menschen, seine Abstammung bzw. Volkszugehörigkeit. Wenn Otto von Freising von Päpsten natione Teutonicus schreibt (Chronik, S. 486), meint er, dass sie deutscher Abstammung bzw. Deutsche seien.

 

In England taucht die volkssprachliche nacioun im 14. Jahrhundert auf. Vorausgegangen waren Einigungsversuche aller Angeln und Sachsen unter eine Krone und dann ihre Vereinigung in ihrer Unterwerfung unter französisch sprechende normannische Herrscher. Damit verbunden werden feudale bzw. kapitalistische Strukturen und vor allem ihre sehr frühe Verstaatlichung. Als Nation bzw. Volk versteht sich die neue völkische Mischung seit der Abtrennung der Normandie und dem Ende des angevinischen Reiches, und zwar im 13. Jahrhundert. Verbunden ist das mit ersten Wellen von Ausländerfeindlichkeit und Angst vor Überfremdung in derselben Zeit.

 

In die deutsche Sprache kommt die Nation im 16. Jahrhundert, und zwar wie so vieles  aus Frankreich importiert. Inzwischen gibt es mit England, Frankreich und Spanien drei Nationen neuen Typs, alle drei verschieden erfunden, aber das ihnen gemeinsame Wort Nation bedeutet ohnehin etwas völlig anderes als früher einmal.

Was in England und Frankreich geschieht, lässt sich als Zerstörung der Regionen und ihrer - insbesondere sprachlichen - Eigenheiten zugunsten eines einheitlichen Herrschaftsraumes beschreiben. Nur so schafft sich das Machtzentrum sein Volk neuen Typs, einen zunehmend zu vereinheitlichenden Untertanenverband. So ist es denn auch die Herausbildung von zwei Nationen bildenden Machtzentren, die auf der iberischen Halbinsel Portugal aus einem spanischen Staatsverband ausgliedert  und dabei im Norden die Galizier in zwei Herrschaftsräume aufteilt. Die Dominanz der kastilischen  über die übrigen romanischen Sprachen und eines kastilisch-aragonesischen Herrscherhauses schafft dann jenes Spanien, welchem es aber bis heute nicht gelingt, die Basken und Katalanen ganz zu integrieren.

Ähnlich wie bei der Entstehung von Portugal gelingt es Herrscherhäusern, den Nordwesten der deutschen Lande, die damals Niederlande heißen, auszugliedern und damit auch sprachlich von der deutschen Entwicklung abzukoppeln. Ähnliches geschieht im Süden mit der einst deutschen Schweiz und ganz spät, 1866, mit dem Ausschluss der übrigen Alpenländer, von den preußischen Hohenzollern militärisch erzwungen. Aber die deutschen Lande fallen ohnehin in einzelne Fürstentümer auseinander, für die die Koppelung eines Königtums an ein immer skurrileres Kaisertum keine adäquate Klammer schafft. Was von Propagandisten der internationalisierten BRD als Chance verkündet wird, führte tatsächlich im 19. und 20. Jahrhundert in jene Katastrophen, die das fast völlige Ende einer deutschen Geschichte bedeuteten und inzwischen in die vom globalisierten Kapital und seinen staatlichen Agenten durchgesetzte Ablehnung eines deutschen Volksbegriffes, der nun in gröbster Geschichtsverfälschung den Nationalsozialisten zugeschrieben wird.

 

Wenn wir wieder in die Zeit bis ins hohe Mittelalter zurückkehren, bleibt noch ein Sonderfall zu erwähnen. In ungebrochener Kontinuität hatte nämlich die Osthälfte des Imperium Romanum überlebt und war nicht nur durch den Einfall neuer Völkerschaften im Nordwesten Vielvölkerreich geworden.In Ostrom leben die Römer, Romaioi, in Konstantinopel/Byzanz der populus Constantinopolitanus, wie das der lateinische Westen sieht, der die Oströmer aber auch gerne als Graeci bezeichnet, was etwas über die Sprache im Machtzentrum aussagt, die zum Griechischen zurückgekehrt ist. Ein geeintes Griechenland hatte es allerdings nie gegeben, Hellas war wie die deutschen Landen immer nur als Sprachraum definiert. Ein staatliches Griechenland entsteht dann doch, lange vor einem Deutschland, aber ähnlich wie dieses aus Restgebieten seiner einstigen Ausdehnung. 

 

Es ist allerdings kein Zufall, wenn es im hohen Mittelalter zwar Anfänge von dem gibt, was viel später als Nationalismus bezeichnet wird, aber noch keinen Begriff davon. Englisch bezeichnet zwar England, aber englische Herrscher herrschen zugleich über Teile des ehemaligen Westfrankenreiches. Otto von Freising nennt Deutschland gelegentlich Germania und meint damit den Herrschaftsbereich eines deutschen Königs, woraus die Engländer später Germany entwickeln, und die Italiener Germania, aber er ist sich der Unsicherheit in den Benennungen durchaus bewusst. So schreibt er in den Gesta I,8: Nach jenem Lemannfluss (dem Genfer See …) heißt jene ganze Provinz Alemannia. Daher glauben manche, das danach die ganze teutonicam terram Alemannien benannt ist, und pflegen alle Deutschen Alemannen zu nennen, während nur jene Provinz, dass heißt Suevia, nach dem Lemannusfluss Alemannia heißt und allein deren Einwohner Alemannen genannt werden. Das wird die Franzosen dann aber nicht daran hindern, von Alemagne zu reden und die Spanier von Alemania, wenn sie von Deutschland reden.

 

Norditalien wird oft mit Lombardia gleichgesetzt, aber manchmal heißt auch das ganze Gebiet nördlich der Toskana Italia. Oft ist aber wie bei Romuald von Salerno mit Italia auch das ganze Reichsitalien gemeint, selbst wieder ein sehr unklarer heutiger Begriff. Jedenfalls gehören oft die Königreiche beider Sizilien nicht dazu, spricht man dort auch eine andere Sprache als im Norden.

 

Nationalismus ist, lange bevor der Begriff aufkommt, zweierlei. Einmal ist es Propaganda von Machthabern zur Mobilisierung ihrer Untertanen, zum anderen ein vages Gefühl von Zusammengehörigkeit unter diesen, welches durch die Installierung einer gemeinsamen Sprache, der der Herrschenden, verstärkt wird, und ein gewisser Bedarf an Abgrenzung von jeweils Fremden. Die Wahrnehmung von Fremdheit verstärkt sich im kriegerischen Aufeinandertreffen, aber auch im kriegerischen Zusammengehen wie in den Kreuzzügen. Ein Wahrnehmen von Volkszugehörigkeit entsteht aber auch durch Mobilität. An den entstehenden hohen Schulen treffen Vertreter von Völkern aufeinander, die sich selbst zunehmend so so verstehen. An Universitäten werden Studienten dann manchmal in "Nationen" organisiert. Der zunehmende Handel bewegt Kaufleute und später dann deren Agenten durch die "Länder" mit ihren "Völkern", der entstehende Kapitalismus überwindet von Anfang an Grenzen. Pilgerscharen kommen durch fremde Gegenden,  Mönche und Klerus überwinden bis in die Stauferzeit Grenzen: Kirche, dissidente christliche Strömungen und Mönchsorden orientieren sich nicht an den Einteilungen des Abendlandes in Machtsphären. Aber inzwischen sind die Dinge im Fluss. Mit einem deutschen Ritterorden und den spanischen wird Zuordnung zu eingegrenzten Machtsphären deutlich wie mit der Zerstörung des europaweit agierenden Templerordens durch den französischen König unter Zuhilfenahme des Papsttums.

 

Die oft propagandistisch gestifteten Verwirrungen um den Volksbegriff von seiten der Mächtigen und seine ethnischen, sozialen und frühstaatlichen Ausprägungen werden zunehmend katastrophale Auswirkungen haben. Mit den neuen Zivilisierungen in Europa beginnt ein von oben verordnetes Newspeak, welches die Umdeutung von Begrifflichkeiten bis in ihr Gegenteil betreiben wird. Sachsen wird dann da liegen, wo es zuvor nie war, Franken wird an den Main verschoben und Francien/Frankreich entsteht von dort aus, wo es in der alten Bedeutung wenig Franken gegeben hatte. So werden aus Sachsen am Ende Niedersachsen, während Thüringen für lange Zeit in "sächsischen" Fürstentümern aufgeht und fast verschwindet.

 

****Politik****

 

Als letzter Begriff wäre noch der des Politischen zu klären. Er ist etwa so jung wie der Staatsbegriff. Über das Französische und Englische ins Deutsche gekommen, ohne dass die Wurzel in der griechischen Polis und dem Politischen der Politeia bewusst ist, bezeichnet er dann sinnvollerweise einige nicht gewalttätige oder gar kriegerische Formen der Machtausübung im Staat. Insofern ist er mit dem jungen deutschen Wort zivil verwandt, welches aber ansonsten nicht damit übereinstimmt. Immerhin ist im heutigen Sprachgebrauch ein Zivilist die Bezeichnung für alle, die nicht zum Militär gehören.

 

3. Reichsbildungen

 

Mit dem Zerfall der Machtstrukturen, mit denen Karl d.Gr. sein Riesenreich zusammengehalten hatte, geschieht zweierlei vor allem: Einmal zerfällt das Frankenreich in einen westlichen, östlichen und südlichen Teil, bevor die beiden letzteren durch ein deutsch dominiertes neuartiges Kaiserreich neu verklammert werden. Zum anderen entwickelt sich aus der von Historikern heute so genannten karolingischen "Reichsaristokratie" eine immer mächtiger werdende Oberschicht aus Erzbischöfen, Bischöfen und weltlichen Großen, die als Herzöge bzw. duces, als Markgrafen und Grafen auftreten. Während diese principes im Westen und Osten königliche Macht einschränken und sich mit Königen in Herrschaft teilen, steigt eine darunter situierte grundherrliche Schicht wohlhabender Großer (vavassores) in der Nordhälfte Italiens auf, um schließlich diesen Trägern alter Titel gleichrangig zu werden.

 

Es gibt keine Staatlichkeit, welche einen einheitlichen Blick auf die entstehenden Reiche bzw. das überlebende englische werfen lassen, und keine einheitliche Begrifflichkeit für die vielfältigen und zumindest regional unterschiedlichen Machtverhältnisse. Geistliche Autoren fangen zwar an, die Verhältnisse gedanklich zu ordnen, bleiben dabei aber bei idealen Vorstellungen. Die Wirklichkeit ist von einer schwer zu überschauenden und oft mangelhaft überlieferten Vielfalt.

 

Nur eines ist klar: All die wenigen, die die Macht haben, mitzuentscheiden, bejahen eine königliche Zentralinstanz und damit Reichsbildung, obwohl sie ihre Eigeninteressen dafür einsetzen, zugleich möglichst viel eigene Macht herauszuschlagen. Dabei geht es außerhalb Englands nicht um ethnisches Selbstverständnis, obwohl dieses nach und nach vorsichtig hineinzuspielen beginnt, sondern um eine ordnende Klammer, die die konfliktierenden Interessen der vielen Mächtigen in einen Rahmen bringt und in ein dazu zu entwickelndes Regelwerk einbettet. Zugleich geht es darum, Machtverhältnisse von einer Zentrale ganz oben her zu legitimieren, um so möglichst Gewaltverhältnisse als gerechtfertigte Beziehungen sehen zu können. Dazu passen Monarchien und eine monarchisch strukturierte Religion und Kirche.

 

Recht ist Gewohnheitsrecht, zum Teil altes ethnisches, zum Teil im Süden des lateinischen Europas auch altes römisches. Im Rahmen dieser tradierten Rechtsnormen stehen an viele einzelne Personen verliehene Privilegien, deren Vielfalt kaum einen einheitlichen Blick erlaubt.

 

Durch Heirat und mit militärischen Mitteln wird versucht, das wirtschaftliche Potential zu erweitern. Dazu gehört das Einholen von Recht durch das Fehdewesen. Wer sich in seiner Ehre (honor) getroffen fühlt oder das wenigstens vorschieben kann, greift zu den Waffen und dem eigenen Gefolge und führt seinen privaten Kleinkrieg. Man kann davon ausgehen, dass der im 10. Jahrhundert ziemlich häufig ist, und die Könige in West- und Ostfranzien müssen damit leben. Wenn am Ende des nächsten Jahrhunderts Heinrich IV. zum ersten Mal einen allgemeinen Landfrieden für sein Reich ausruft, wird das nur bescheidenen Erfolg haben, - und legitime Fehden bleiben weiter erlaubt. Man darf dabei nicht vergessen, dass selbst innerdeutsche Kriege zwischen Fürstentümer noch im 19. Jahrhundert stattfinden.

 

Die kleinen wie die großen weltlichen Herren besitzen wirtschaftlich definierte Macht nur als Krieger, die jeweils auf Basis von militärischen Gefolgschaften diese Macht halten und ausbauen (oder verlieren) können. Geistliche Herren, denen persönliche Gewaltausübung verboten ist, delegieren diese an weltliche Herren. Große Herren und Könige genießen militärische Gefolgschaft auch auf Basis ihres Amtes.

 

Kleine Kriege finden als grundsätzlich legitime Fehden innerhalb des Adels statt, große führen Könige und Fürsten. Sie begründen ihr "Amt", ihre institutionalisierte Macht genauso wie die Pflicht, auch wieder Frieden zu schließen. Dabei ist es oberste Pflicht der Könige, Frieden im Inneren zu besorgen und Kriege nach außen zu leiten.

 

 

Ein sogenanntes Mittelalter, wie man es zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert zu nennen beginnt, als man sein Ende bekundet, hatte seine Frühzeit mit der Entstehung der neuen Reiche. Aber es würde, wenn man den Begriff für Italien und Südgallien ebenfalls anwenden wollte, dort zum Beispiel etwas anderes bedeuten. Hier haben die Städte (civitates) größere Bedeutung behalten und können den Adel stärker integrieren. Die Schriftlichkeit bleibt höher entwickelt, der Handel gewinnt nach dem Einbruch des Islam früher wieder an Bedeutung.

 

****Das ostfränkische Reich****

 

Im ostfränkischen Reich, in dem die „Franken“ räumlich und bevölkerungsmäßig eine Minderheit sind, stellt sich möglicherweise bei den weltlichen und geistlichen Großen der inzwischen herausgebildeten Stämme neuen Typs, den eroberten Völkerschaften des alten Frankenreiches zusammen mit den theodisc sprechenden Ostfranken, ein in den erhaltenen Texten nicht näher erklärtes Gemeinschaftsgefühl heraus, welches dazu führt, dass sie sich nach dem Aussterben ihres Karolinger-Zweiges nicht an die westfränkischen (weithin romanisierten) Karolinger um eine Herrschaftsübernahme wenden, sondern sich auf einen der Ihren einigen, den fränkischen Herzog Konrad. Dieser hatte sich gegen die anderen mächtigen Adelsgeschlechter, vor allem die fränkischen Konkurrenten der Babenberger-Familie und die sächsischen Liudolfinger behauptet und die Nähe zum König gesucht und gefunden.

 

Mit der Entscheidung für Konrad stellen sich die Lothringer, kein sich ethnisch begründendes Stammesgebiet wie Alemannien, Bayern oder Sachsen, unter die Oberhoheit des westfränkischen Karolingers Karl („des Einfältigen“). Lothringen ist eines der Reste des 843 geschaffenen Mittelreiches, welches nach seinem ersten König als Lotharingien bezeichnet wurde, und welches romanisch und germanisch sprechende Volksgruppen umfasste (es reichte am Anfang von Rom über die Provence bis nach Flandern).

 

Die Bildung der neuen Reiche wird auf die Dauer Besitzungen und Verwandtschaften zerschneiden. Es handelt sich beim Besitz wohlhabenderer Herren um Streubesitzungen, die sich über das ganze ehemalige Reich Karls des Großen verteilt hatten. Adelsfamilien heiraten zudem zunächst weiter über neue Reichsgrenzen hinweg und verklammern so vor allem vorläufig noch Gallien und Germanien. Seit Karl der Große Franken als Verwalter seiner Herrschaft nach Nord- und Mittelitalien schickte, die sich dort einwurzeln und dann romanisiert werden, gibt es solche Bindungen auch dorthin.

 

Die Macht der Karolinger basierte nicht zuletzt auf ihrem ursprünglichen enormen Grundbesitz. In den Nachfolgereichen mit abschwächender Königsmacht geht dieser ein gutes Stück weit verloren. Die östfränkischen Könige basieren vorwiegend auf eher überschaubarem Familienbesitz und einem Resterbe königlichen Besitztums aus der Zeit zuvor. Das Königsgut in Alemannien und Bayern ist dabei zur Gänze verloren. Daraus folgt vorläufig „das nahezu völlige Fehlen herrscherlicher Tätigkeit im Bereich dieser Herzogtümer.“ (Althoff/Keller, S.212) Während Konrad I. auf fränkischen Familienbesitz aufbauen kann, besitzen die seit Heinrich I. königlichen Liudolfinger immerhin reichen Besitz am Westharz und westlich davon (Gandersheim, Grone usw.).

 

Auch die Ansätze von Staatlichkeit, die der große Karl entwickelt hatte, Befehlsgewalt durch Kapitularien und über Synoden, Einsetzung von Grafen und deren Kontrolle durch Königsboten, all das auf gewaltigem Krongut basierend, sind verschwunden. Verwaltung über Schriftlichkeit findet kaum noch statt.

 

Die Entstehung der Machtposition dieser inzwischen mächtigen Herzöge liegt weithin im Dunkeln, hatte jedenfalls die Schwäche des Königtums und ihre Unfähigkeit, äußere Feinde abzuwehren, zur Voraussetzung. Stämme als sich ethnisch definierende Zusammenhänge hatten sich im Kontakt mit den erobernden Frankenherrschern als regna, Herrschaftsräume verfestigt. Die Position des Herzogs, dux, ist aber dabei nicht ethnisch definiert, sondern in ihrem Rang und Prestige gegenüber dem König einerseits und den Großen im Herzogtum andererseits. Insofern lässt sich auch die Einsetzung der vielen Söhne, Enkel und Urenkel Heinrichs I. in Schwaben, Bayern, Kärnten und Lothringen als nicht ungewöhnlich ansehen. Als Nebeneffekt werden sie dabei den Königen in Sachsen und Franken nicht ins Gehege kommen. (Keller, S.69ff) Mit der Einsetzung von Herzögen durch die Könige erhalten ihre Positionen Amtscharakter, auch wenn diese dann im Laufe der Zeit erblich werden.

 

In die Reihe der Fürstentümer steigen unterhalb bzw. neben der herzoglichen Ebene Markgrafen an den Grenzen Ostfrankens / der deutschen Lande auf.

 

Es existiert insgesamt eine großgrundbesitzende und kriegerische "adelige" Herrenschicht, aus der die geschätzten gut 200 Personen hervorgehen, die als "deutsche" Führungsschicht des 10. Jahrhunderts bezeichnet werden können. Sie gewinnen Reichtum und Macht auch dadurch, dass sie verliehenes Gut und Amt als erblich ansehen, was geduldet wird, um ihre Treue zu erhalten. Bei Keller heißt das, "dass trotz des rechtlichen Charakters des Lehnsverhältnisses in ihm kaum noch institutionelle Garantien liegen, sondern dass sein Funktionieren als Treueverhältnis weitgehend von der aktuellen Gestaltung personaler Beziehungen abhängig geworden ist." (S.16) Diese Oberschicht heiratet untereinander und schließt sich so immer weiter ab. (Althoff S.239)

 

Die Herrenschicht außerhalb fast jeder Form von Staatlichkeit regelt ihr Leben im wesentlichen selbst, wobei sie gemeinsame Vorstellungen von Ehre (honor), Rang und Status weiter entwickelt. Werden sie verletzt, gibt es das Recht auf den bewaffneten Konflikt und zumindest bis tief in die Zeit der sächsischen Könige ganz selbstverständlich auch gegen den König selbst als obersten Edlen.

 

Zudem sind da die Erzbistümer und wichtige Bistümer von enormer auch weltlicher Macht. Indem die sächsischen Könige diese zunehmend mit ihren Verwandten und Vertrauten besetzen und materiell immer besser ausstatten, können sie bei ihnen auf militärische Gefolgschaft und gastliche Aufnahme bei ihrer Reisetätigkeit hoffen. Geförderte Verbündete können aber natürlich auch zu Konkurrenten um die Macht werden. Unter dem zweiten und dritten Otto entwickelt sich durch königliche Besetzung von Bischofsämtern aus der Hofkapelle immer mehr das, was Historiker dann als Reichskirchen"system" bezeichnen.

 

Wesentlich für die Entstehung des Kapitalismus wird, dass Status und Rang nicht nur als kriegerische Macht, Macht über Menschen und Grund und Boden auftreten, sondern sich in Statussymbolen als Reichtum äußern. Dabei gehen Kirche und Kloster mit ihren goldenen, silbernen und mit Edelsteinen verzierten heiligen Gegenständen voran, bei denen es vor allem blitzen und funkeln muss.

 

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Daneben spielen in einer fast schriftlosen Welt symbolische Handlungen eine wichtige Rolle, Unterwerfen als Kniefälle, das sich flach auf dem Boden Prosternieren, oder die Rituale der Aufnahme in die Huld des Mächtigeren. In der Regel werden solche Vorgänge vorbesprochen und dann öffentlich inszeniert, was ihnen fast Urkundencharakter gibt, wenn auch mit tatsächlich beschränkter Gültigkeit.

 

Unter dieser geistlichen und weltlichen Herrenschicht und in den kleineren Grundherrschaften gehen dann in einer gemeinsamen Schicht mit Sklaven und persönlich abhängigen Landbewohnern jene Reste freier Bauern auf, die Schutz suchen vor den verheerenden Einfällen von Normannen, Ungarn oder Slawen oder von Adeligen aus der Nachbarschaft. Im 9. Jahrhundert gewinnen sie erste Ansätze von „Rechtssicherheit“ über ihren Status (Althoff/Keller S.228) und in ersten Fällen einen gehobeneren Status über Dienste für ihre Herren, die solche „Ministeriale“, Dienstleute, dann manchmal in Wohlstand und viel später sogar in den Adelsstand erheben werden.

 

Rechtlich genauso in die Familien der Herren eingeordnet sind die wenigen produktiv arbeitenden Stadtbewohner, die bei allgemeiner Bevölkerungszunahme und anfangender Landflucht langsam zu einer stärker wahrnehmbaren Gruppe werden. Herrschaft über sie, manchmal über den Herrn ihrer familia hinaus, übt der Stadtherr aus. In Städten, die noch in der Regel Bischofsstädte sind, ist das der Bischof selbst, der geistlich und zum Teil weltlich über seine Diözese herrscht.

 

Könige sind als oberste Kriegsherren einerseits weiter auf persönlich untergebene Vasallenkrieger angewiesen, die kleine militärische Einheiten führen, wie ebenso die Herzöge, Markgrafen, die Bischöfe und großen Äbte unter ihnen, andererseits aber auch auf deren Heeresfolge, die erst in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts stärker durchgesetzt wird. Dabei bilden bischöfliche Gefolgschaften die Masse des königlichen Heeres, dessen Kern schwerbewaffnete Panzerreiter sind.

 

Könige sind zugleich oberste Entscheider über Recht und Unrecht dort, wo sie sich durchsetzen können. Das Recht wird aber nicht nach irgendwelchen „Gesetzen“ gesprochen, sondern als Versuch, durch Verständigung Frieden im Inneren herzustellen, wobei ein auf Traditionen und Konventionen sich berufendes Gewohnheitsrecht gilt. Erst, wenn das nicht mehr hilft, kommt es zur blanken Gewalt. Könige versuchen das zu vermeiden, da sie sich in einem fast permanenten „Kriegszustand“ nach außen befinden, zumindest im kriegsfreundlichen Sommerhalbjahr, und der Großen für ihre Heerzüge bedürfen.

 

Recht ist einmal das Volksrecht der verschiedenen Stämme, ius der gentes. Wenn der König mit seinen Getreuen über hohen Adel zu Gericht sitzt, wo auch immer im Reich, hat er dieses traditionelle Recht zu beachten. Insbesondere die Sachsen legen darauf sehr lange Wert, wie unter anderen Thietmar von Merseburg berichtet. Unterhalb davon existieren die einzelnen Rechtsvereinbarungen und Rechtsetzungen in den einzelnen Grundherrschaften und in der Summe solcher in der Hand eines Herrn. Erst im 11. Jahrhundert beginnt der Emanzipationsprozess einzelner "Bürger" und "Bürgergruppen" in den Städten und dann auch von Bauern in entstehenden Dorfgemeinschaften. Oberhalb steht angestammtes königliches Recht als Ausdruck seiner Machtvollkommenheit. In deutschen Landen muss dieses zusammen mit den mächtigen Fürsten entwickelt werden, und seine Interpretation hängt nicht zuletzt mit der Stärke königlicher Persönlichkeiten zusammen.

 

Königliches Herrschen als Regieren ist der stete Versuch der Konsensbildung mit Großen im Reich und findet in allen Konfliktfragen im Geheimen statt, so dass wir davon erst erfahren, wenn entweder ein Konsens bereits gefunden und dann öffentlich inszeniert nachberaten wird oder wenn ein Dissenz dazu tendiert, in Gewalttätigkeit hinein zu führen. Dabei bestimmt der König die Themen und die Rede geht dann zunächst an den Ranghöchsten. Eine "kontroverse Diskussion in der Öffentlichkeit war mit der Ehre der Beteiligten nicht vereinbar." (Althoff(3), S.17) Eingebunden in Entscheidungen sind dann diejenigen, die an ihr beteiligt waren. Wir haben es also im sogenannten römischen Reich der Deutschen wie in dem des entstehenden Frankreich zunächst nach antiken Schemata mit einer Mischform aus Aristokratie und königlicher Herrschaft zu tun.

 

König Konrad wird von wenigen Fürsten "gewählt", Heinrich I. von Franken und Sachsen auserkoren. Heinrich selbst wiederum designiert Sohn Otto, der dann auch zum Thron erhoben wird. Nachdem Otto das monarchische Prinzip gegen seine Brüder durchgesetzt hat, designiert er unangefochten Sohn Liudolf, den er zuvor mit der Tochter des sohnlosen Hermann von Schwaben verheiratet hatte. Er wird 950 Herzog von Schwaben, stirbt aber schon wenige Jahre später. Vor seinem zweiten Italienzug lässt dann Otto seinen Sohn Otto (II.) zum Mitkönig und damit Nachfolger machen - und dann auch zum Mitkaiser. Nach dem Tod des Vaters findet für den Sohn dann nur noch ein förmlicher Huldigungsakt statt. 983 kann der zweite Otto seinen dreijährigen gleichnamigen Sohn zum Mitkönig machen, der dann in Aachen geweiht wird.

 

Mit dem ersten Otto beginnt eine intensivere Sakralisierung des Königtums, welche sich schon in der Rolle des Erzbischofs bei der Thronerhebung ausdrückt, aber danach auch in intensiverem religiösem Engagement, zudem dann demonstrative Akte und Zuschaustellungen von Frömmigkeit" gehören.

 

Nach der Krönung wird das Gebiet königlicher Hoheit in einem Umritt „besichtigt“ und die Huldigung entgegengenommen. Im 10. Jahrhundert findet diese erste Rundreise zunächst nur in Sachsen und Franken statt, bis dann am Ende der Ottonenzeit Herrscher genauso auch in Schwaben und Bayern präsent sind.

 

Ohne Hauptstadt, also ohne geographisch fixiertes Zentrum, wird königliche Herrschaft dann auch weiter auf Reisen ausgeübt, vor Ort, und zwar nicht nur für das jeweilige Gebiet, sondern theoretisch das ganze Reich. Der erste Konrad stützt sich dabei auf Bistümer (die alten lothringischen sind erst einmal verloren), die seines Schutzes bedürfen, und versucht zudem mehr Reichsabteien für sich zu gewinnen. Man kommt zu ihm, so wie er in die Nähe seiner Fürsten kommt.  Schriftlichkeit spielt zunächst keine große Rolle mehr bei der Ausübung von Herrschaft.

 

Die Könige reisen mit Kapelle, seit Heinrich I. auch mit daraus entstehender Kanzlei, dem Personal und Gefolge, seit Karl d.Gr. und noch unter Heinrich I. von einer ihrer befestigten Besitzungen (dem palatium oder Pfalz) zur nächsten und beköstigen „Hof“ und Gäste aus denselben.

 

Aus der mit ursprünglich geistlichen Aufgaben betrauten Hofkapelle fällt erst einmal, ebenfalls unter den Ottonen, das Notariat heraus, die Schreibkunst der zunehmend hochadelig-geistlichen Notare. Dabei wird bald immer mehr eine Art weltliche Kanzlei ausgegliedert, die Ansätze von Verwaltung betreibt. Zu Kanzlern werden dann mächtige Erzbischöfe wie die von Köln und Mainz gemacht. Die Fürsten unterhalb des Königs entwickeln später nach und nach ähnliche Hofkapellen und Kanzleien. Im 10. Jahrhundert ist also insbesondere in Italien bei einem Teil des Hochadels noch Schreib- und Lesekunst vorhanden, die danach erst einmal an Experten abgegeben werden wird.

 

In diesem Jahrhundert werden, nachdem die Herrscher immer größere Teile des Kroneigentums und Familienbesitzes an geistliche und weltliche Große verleihen oder verschenken, um sich ihre Freundschaft und Gefolgschaft zu sichern, die Pflichten der Gastgeberschaft insbesondere an geistliche Magnaten übertragen, als servitium regis, Königsdienst. Was ihnen vom König gegeben wurde, sollen sie an ihn auch wieder zurückgeben, wenn er sie mit seinem Besuch beehrt. Das konnte allerdings, wenn regulär hunderte und bei großen Hoftagen Tausende zu Gast waren, eine enorme Belastung werden.

 

Herrschen auf Reisen ist auch Leben auf Reisen. Ein Familienleben sesshafter Menschen findet nicht statt, die Königskinder werden zur Erziehung weggegeben, und auch die Gemahlinnen der Könige sind nicht immer dabei, Geliebte oder inoffizielle Nebenfrauen werden dabei unter dem Einfluss des Bündnisses Kirche - weltliche Macht nur noch stillschweigend geduldet.

 

Wir sind an den Wurzeln für jene Vorformen von Staatlichkeit angekommen, aus denen sich der „politische“ Rahmen für die Entwicklung von Kapitalismus ergeben wird, der zwar Ansätze von Staatlichkeit benötigt, aber keinen starken Staat, wie er dann später zunehmend auftreten wird. Die Schwäche der Monarchien, die sich nun entwickeln, liegt in dem Fehlen einer Verwaltung, eines Apparates, mit dem Herrschaft ausgeübt werden kann, anders gesagt, an der fehlenden Reichweite und Intensität von Herrschaft. Stattdessen müssen Herrscher Verbündete suchen, „Freunde“, Getreue, an die dezentral Aufgaben delegiert werden.

 

Zunächst einmal müssen zwischen Konrad I. und Otto I. die Stammesherzogtümer in ein gemeinsames Reich integriert werden, was nur langsam gelingt, und zudem im Verlauf der Herrschaft Heinrichs I. Lothringen zurückgewinnen, welches sich im Lauf der Zeit in Nieder- und Oberlothringen aufspaltet und weiter wenig inneren Zusammenhalt besitzt.

 

Heinrich I. gelingt es im Verlauf seiner Regierungszeit, einen von ihm abhängigen Herzog (Hermann) in Schwaben durchzusetzen und sich Arnulf von Bayern zu unterwerfen, obwohl er in beiden Herzogtümern nicht interveniert. Otto I. muss zwischen 936 und 941 erst einmal einen gangbaren Weg finden, um die Herzogtümer unter seine Hoheit zu bringen und zugleich seine Verwandtschaft abzufinden. Es gelingt dann dadurch, dass er beides miteinander verbindet, wozu auch Heiratspolitik gehört. Otto II. führt das fort, wobei er Heinrich den Stolzen unterwirft und Bayern unter Abtrennung Kärntens an den Schwabenherzog anbindet, ohne selbst Einfluss auf die Interna nehmen zu können.

 

Königliche Hoheit über diese Fürstentümer besteht entweder darin, diesen Herzögen einmal Verpflichtungen wie die Heeresfolge und die gelegentliche Anwesenheit und Mitarbeit bei königlichen Hoftagen und Festen aufzuerlegen, oder aber darin, die Herzogtümer mit dem König verpflichteten Getreuen zu besetzen bzw. sie ganz unter königliche Regie zu stellen. Solche Hoheit muss immer wieder neu durchgesetzt werden, denn die Fürsten haben die Möglichkeit, sich königlichen Entscheidungen zu widersetzen, was zu kriegerischen Konflikten führen kann und oft auch führt.

 

Auf der Suche nach dem, was das eigentlich ist, dieses Reich der sächsischen Könige und Kaiser, fällt zunächst einmal seine Undefiniertheit auf, wenn man es mit heutigen Augen betrachtet. Es gibt kein klares Staatsgebiet, sondern einen Bereich, der der Hoheit des Königs untersteht. Diese Hoheit muss nach innen stets und überall durchgesetzt werden, wenn sie nicht gerade einmal irgendwo eine Weile Bestand hat. Dazu braucht der Herrscher Mitglieder des Hochadels, die sich ihm unterwerfen und seine Hoheit samt seinem Schutz anerkennen. Tun sie das, sind sie ihm gegenüber zum Dienst verpflichtet, und der wichtigste ist der, an der Spitze von Kriegern mit ihm dorthin zu ziehen, wo der Herrscher seine Macht mit militärischer Gewalt demonstrieren oder durchsetzen will. Dieser wichtigste Dienst darf nicht, kann aber manchmal verweigert werden, wie sächsische Große Heinrich II. in seinen Kriegen gegen Polen und Böhmen demonstrieren, oder wenn sie sich weigern, mit den königlichen Verbündeten, den nichtchristlichen Liutizen gemeinsam zu kämpfen.

 

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Frieden wahren heißt abschrecken, mit militärischen Drohgebärden wie Heerzügen, oder aber mit regulären Kriegszügen: Man verheert und verwüstet Landschaften, um die Lebensgrundlage des Gegners zu vernichten, man versucht seltener, befestigte Orte mit „Kriegsmaschinen“ einzunehmen, und noch seltener kommt es zu direkten Konfrontationen, Gefechten, oft in eher kleiner Besetzung. Dabei wird mit Lanzen durchbohrt, mit Schwertern werden Schädel gespalten oder Gliedmaßen abgetrennt, Pfeile treffen aus dem Hinterhalt.

 

Es beginnt jener Rüstungswettlauf, erst ganz langsam, der zu einem der beiden Konsum-Motoren des Kapitalismus werden wird, zunächst vor allem, indem Schutzanzüge gegen die Waffen des Gegners entwickelt werden, erst aus Leder, dann aus Kettengliedern, und im hohen Mittelalter dann aus Panzerplatten.Solche Ausstattung für die Gewalt zu Pferde kann sich nur noch ein entsprechender Kriegeradel leisten. Bauern werden nur noch ausnahmsweise einmal mobilisiert.

 

Edle Krieger führen Krieg mit in der Regel unedlen Mitteln, die sie sich manchmal gegenseitig vorwerfen. Dazu gehört der Hinterhalt, jede Form von List, von Täuschung und Betrug. Menschen benehmen sich ganz offen gegeneinander wie Raubtiere auf Nahrungssuche. Motive sind Ruhm und Ehre, aber vor allem Gier nach Beute. Der besiegte Feind, die eingenommene Burg oder Ansiedlung sind in der Regel zum Plündern freigegeben. Im zehnten Jahrhundert spielt dabei zunehmend Geld eine wichtige Rolle. Gefangene werden, wenn wohlhabend oder „edel“ genug, als Geiseln betrachtet, für die man Geld einlösen kann.

 

Wenn man die Klassiker der Geschichtsschreibung für die nun folgende Zeit sächsischer Könige und Kaiser liest, Widukind von Corvey und Thietmar von Merseburg, fallen einem spontan die Stichworte Macht, Krieg und Gewalt ein. Das hat natürlich schon alleine damit zu tun, dass die beiden wie auch ihre Kollegen ihr Interesse auf die(se) Taten der Großen konzentrieren, und die sind Teil einer Kriegergesellschaft, die von diesen drei Faktoren bestimmt wird. Da müssen unentwegt Könige ihre Macht gegen den Adel durchsetzen, der wiederum mit Gewalttätigkeit und Verständigungsversuchen untereinander beschäftigt ist, und sie sind nach außen mit einem schnellen Wechsel zwischen Krieg und Frieden befasst.

 

Diese Welt ist instabil und darum kriegerisch, und der Satz lässt sich auch umkehren. Nach außen wird das für das entstehende Reich der Deutschen leicht deutlich: Es hat keine klaren Grenzen, da es von den Großen und Mächtigen weder ethnisch noch naturräumlich definiert wird – so wenig wie jedes andere europäische Reich dieser Zeit. Und das bedeutet eine stete Abfolge von Kriegen, wobei durch die ganze Zeit die Zwischenräume von „Frieden“ nichts anderes sind als Momente der Erschöpfung vor neuem Gewaltausbruch.

 

Im Westen gelingt es Heinrich I., Lothringen an sein Reich zu binden, wobei er das Elsass abspaltet und an Schwaben gibt. In der Krisenzeit muss Otto I. um Lothringen gegen den westfränkischen König kämpfen, und hat 942 dann Erfolg damit. 948 kann er sogar zwischen dem König Ludwig und Hugo ("dem Großen") in Ingelheim vermitteln.

 

Südlich der Alpen ist Heinrich I. nicht präsent. In einem ersten Heerzug dorthin wird Otto I. 951 nicht nur Gemahl der Königswitwe, sondern auch König der Langobarden. Offenbar will er schon da vorgeblich vom Papst die Kaiserwürde erlangen.

Zunächst ist das regnum, welches mehr oder weniger Italia meint und als das der Langobarden bezeichnet wird, formell von einem Reich der Teutonen bzw. offiziell der Franken abgetrennt, und die Grenze einigermaßen eine zweier Völker. Dabei ist der „deutsche“ König der Langobarden in Italien immer nur soweit präsent, wie seine Truppen in hinreichender Zahl anwesend sind und er königliche Amtsträger benutzen kann.

 

Hingegen wirkt das Kaisertum von 962, welches durch päpstliche Krönung und religiöse Weihe immer wieder neu zu erwerben ist (und darum zugleich auch durch Kriegszüge) als Klammer, und der Drang deutscher Könige zum Kaisertitel wird diese Klammer immer wieder neu erstehen lassen. Während die Geschichtsschreibung nun anfängt, das Kaisertum als Errungenschaft zu preisen, lässt es sich doch zugleich auch als desaströse Einrichtung sehen: Es zwingt mit der immer wieder neuen aufwendigen Herstellung der dann doch nur zeitlich wie räumlich punktuellen Kontrolle über die Nordhälfte Italiens zum Verbrauch enormer Ressourcen an Menschen, Geld und Material, die aus deutschen Landen abgezogen werden. Dazu kommt die Tendenz zu inneren Wirren und zentrifugalen Tendenzen nördlich der Alpen bei den im 10. Jahrhundert zum Teil langen Abwesenheiten der Kaiser. Und die implizierte Aufwertung des Papsttums wird sich am Ende notwendigerweise in dessen besonderer Feindseligkeit gegenüber deutschstämmigen Königen und Kaisern erweisen.

 

Otto II. versucht dann, auch Venedig und Süditalien in sein Reich einzubeziehen, was aber am Ende nicht gelingt. Auch Versuche unter ihm und seinem Sohn, Süditalien zu erobern, scheitern blutig. Derweil aber werden von den späteren Ottonen immer ungenierter befreundete Päpste eingesetzt, die es aber schwer haben, sich ohne kaiserliche Anwesenheit zu halten. Diese ergibt sich dann, als Otto III. beginnt, seine beiden Reiche von Italien aus zu regieren und dabei mit seinen Päpsten Hand in Hand arbeitet.

 

Als der Sachse Heinrich die slawischen Daleminzier bedrängt, rufen diese 906 die Ungarn zur Hilfe, was dazu führt, dass ihr Gebiet von nun an zum ungarischen Aufmarschgebiet in den Westen wird. Dies wiederum gibt den Kämpfen sächsischer Heere im Osten eine zusätzliche Bedeutung. Konrad und zunächst auch Heinrich I. scheitern an der Ungarn-Gefahr. Zwischen letzterem (933 mithilfe einer Militarisierung des Reiches) und Otto I. wird die Ungarn-Gefahr abgewendet, was 955 mit der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg dann auch endgültig gelingt.

 

Im Südosten und Osten wird das Reich darauf nach und nach seinen Einfluss ausdehnen, weil die Nachbarn dort slawische Stammeskulturen am Übergang in einen zivilisierten Status sind, die missioniert und damit auch ansonsten überfremdet werden können. Kriegerisch wie die vor noch nicht langem zwangs-christianisierten Sachsen, neigen Slawen östlich der Elbe wie diese zu Raubüberfällen, die zunehmend im Namen von Kult bzw. Religion legitimiert werden. Die sächsischen Großen sind dabei daran interessiert, von den heidnischen Nachbarn Tribute und Abgaben und damit eine gewisse Oberhoheit zu erzwingen, und zwar mit erheblicher Brutalität. Und in den (lateinischen) Texten der zu Deutschen zusammenwachsenden Völker sind sie vorwiegend Barbaren, Ausdruck von Verachtung, wie sie schon Griechen und Römer kannten.

 

Otto I. wird zwei Bistümer in Brandenburg und Havelberg östlich der Elbe einrichten. 983 gelingt es den ostelbischen Slawen, den deutschen Einfluss durch einen großangelegten Aufstand wieder und für lange Zeit bis auf den sorbischen Raum bis an die Elbe zurückzudrängen. In der nächsten Zeit kommt es zu brutalen Überfallen in slawisches Gebiet, die von Sachsen und Meißen aus geführt werden.

 

Aus einer Art Stammeskulturen werden im Osten an Punkten der Verdichtung von Macht Kerne für Reiche, die nicht wie einst bei Germanen aus mehr oder weniger kriegerischen Wanderungsbewegungen entstehen, sondern eben erst deutlich danach, aber eben auch aus Kontakten mit Zivilisation, wie zum Beispiel schon in der Karolingerzeit Großmähren, wo eine Familie mit Christianisierung und Verbindung mit den östlichen Karolingern Fürstenstatus erreichen.

 

Schwierig bleibt zunächst das Verhältnis zu den slawischen Nachbarn in Böhmen, wobei sich mit Böhmen und Polen zwei neue „christliche“ Reiche herausbilden, die wiederum gegenseitig kriegerisch ihre Grenze zu bestimmen suchen, während die Westslawen zwischen Reich und Polen langsam in eine bedrohliche Situation kommen. Um das Handelszentrum Prag (wie um Brandenburg) bildet sich das Zentrum einer Fürstendynastie, die sich aus der Unterwerfung unter den ostfränkischen König immer einmal wieder zu befreien sucht.

 

Im Norden gilt es, sich zunächst der ("heidnischen")  Wikinger und Normannen und ihrer Piraterie zu erwehren, die dann durch die Bildung zunächst instabiler skandinavischer Herrschaftsräume abgelöst wird. Heinrich I. gelingt dann am Ende seines Lebens die Unterwerfung der Dänen, deren Christianisierung nun einsetzt. Otto I. kann drei dänische Bistümer, darunter Schleswig, dem Erzbischof von Hamburg/Bremen übergeben. Otto II. muss dann erneut gegen die einmarschierenden Dänen kämpfen, die sich Norwegen einverleibt haben.

 

Kriege werden meist nicht erklärt wie viel später, sondern sie bestehen aus Heerzügen, Drohgebärden, relativ wenigen herausragenden Schlachten, und finden vor allem als Verheerung und Verwüstung des Landes statt. In die ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen nach außen hinein interagieren die Kämpfe adeliger Familien miteinander und mit den Königen. Am deutlichsten sichtbar wird das einmal in Lothringen, wo die stete Wahl zwischen West- und Ostreich solche adelige Sippschaften und Bündnisgruppen besonders mächtig macht, und zum anderen in Sachsen, wo Familien und Gruppen der Großen ihre eigenen Kämpfe und Bündnisse mit den Slawen östlich der Elbe austragen. Das Besondere Bayerns wiederum ist seine Expansion nach Süden und Südosten, die dann in der Ausgrenzung Kärntens und dann Österreichs und überhaupt des Alpenraumes beendet wird.

 

****Italien****

 

Während das ostfränkische Reich, welches noch Otto von Freising in der Mitte des 12. Jahrhunderts als solches sieht, ein Königtum als gemeinsame Klammer aller deutsch sprechenden Menschen hat, mit Romanen und Slawen an den Rändern, ist die italienische Halbinsel nach dem Ende des weströmischen Reiches auseinander gefallen. Die Ostrogoten halten den größten Teil nur lose und kurzzeitig zusammen, und ein langobardisches Königtum kontrolliert vor allem den Norden, während im Süden sich selbstständige langobardische Fürstentümer breitmachen und ganze Regionen byzantinisch bleiben. Die fränkische Eroberung ändert an dieser Zweiteilung wenig, wobei Sizilien längst unter nordafrikanisch-islamische Herren geraten ist.

Eine Sonderrolle nimmt Rom mit dem Papsttum ein, welches Ansprüche auf ein größeres Territorium erhebt.

 

In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts versuchen wechselnde Könige/Kaiser lockere Herrschaft über den Norden Italiens auszuüben, ab 926 ein Markgraf von der Provence, der Sohn Lothar zum Mitherrscher macht und sich dann mit der in Rom herrschenden Marozia vermählt, deren Sohn Alberich wiederum sie aber aus Rom vertreibt. Ein Versuch des bayrischen Herzogs Arnulf, den italienischen Königstitel zu erringen, scheitert militärisch an Hugo von der Provence. Hugos Sohn Lothar und der Markgraf Berengar von Ivrea kämpfen um das Königtum, was sich König Otto zunutze macht, um einzumarschieren, die junge Königswitwe Adelheit zu "retten",  bis hinunter nach Rom durchzumarschieren. Es kommt zu der fast stillschweigenden Übernahme des langobardischen Königstitels und etwas später des eines Kaisers. Unter seinen Nachfolgern wird der Versuch gemacht, auch Süditalien zu erobern, was aber an den Sarazenen, Byzantinern und der fehlenden Bereitschaft langobardischer Fürsten scheitert, sich dauerhaft unterzuordnen.

 

Im Norden setzt sich im Verlauf des Jahrhunderts die Tendenz durch, königliche Herrschaft wie auch nördlich der Alpen zunehmend auf die Bischöfe zu stützen, und nur noch in wenigen Gegenden auf Markgrafen, während die ursprünglich fränkischen Grafen ein Eigenleben führen und an Bedeutung für die Könige verlieren.

 

Die Halbinsel mit ihren nahen großen Inseln ist also unter Herren von ganz unterschiedlichen ethnischen Wurzeln und Rechtsvorstellungen aufgeteilt, römischen, langobardischen, fränkischen, dann ostfränkischen, oströmischen und nordafrikanischen.

 

****Das Westfranken-Reich****

 

Das Westfranken-Reich wird vom Namen her das Erbe der Francia antreten, aber die einzige Klammer ist zunächst die, westlicher Erbe der Reichsteilungen des 9. Jahrhunderts zu sein. Schon seit den Karolingern entwickeln südliche Regionen ein Autonomiebedürfnis. Vor der Teilung in ein West- und ein Ostreich und ein sich davon lösendes Italien war das gallorömisch-fränkische Merowingerreich bereits in einen Nord- und Südteil unterschieden, dessen Grenze in etwa die Loire bildete. Zwei romanische Großdialekte werden gesprochen, die langue d'oeil im Norden und die näher am Lateinischen bleibende langue d'oc im Süden, die im Laufe der Zeit immer weiter südlich abgedrängt wird.

Wie Italien war auch im Süden Galliens die Kontinuität römischer Strukturen stärker geblieben und französische Könige werden ihn erst im Zuge der Vernichtung der sogenannten Katharer sich einverleiben können.

 

Neben diese Zweiteilung tritt eine Vielzahl von Fürstentümern, die sich zwar zumindest nominell dem König unterordnen, tatsächlich aber ihre Eigeninteressen vertreten. Sie sind nicht ethnisch begründet, sondern schaffen sich eigene Regionen durch Ausweitung von Familienbesitz und Hoheit. Unter ihnen zerfallen besonders in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts die Regionen in lokale Burgherrschaften.

 

Einen Fremdkörper stellt die Normandie dar, jenes Gebilde, welches der französische König den Normannen zur Verfügung stellt. Ein weiterer ist die Bretagne mit ihren keltischen Besonderheiten. Umstritten ist zunächst (Rest)Lothringen, welches dann an das Reich der Sachsenkönige fällt. Das Königreich Burgund führt ein Eigenleben, wobei es sich im Lauf des Jahrhunderts stärker an das ostfränkische Reich bindet. Vom Loireraum bis zum Mittelmeer und den Pyrenäen führen Herrschaften ein Eigenleben.

 

Das (schwache) Königtum ist umkämpft insbesondere zwischen der immer schwächer werdenden Familie der Karolinger und den aufsteigenden Robertinern. Das Ostfrankenreich entwickelt sich zur überlegenen Macht, die gelegentlich in die inneren Konflikte im Westreich eingreifen und dort ihre Interessen vertreten kann.

 

Der erste Kapetingerkönig im entstehenden Frankreich hat Ende des Jahrhunderts fast nur noch Besitzungen und Einfluss rund um Paris.

 

****England****

 

Die Reichsbildung hin zu einem Königreich England geschieht im Abwehrkampf gegen die Wikinger bzw. Nordmänner unter der Führung südenglischer Sachsenkönige. Dabei entwickeln die Könige im 10. Jahrhundert ein stärker durchverwaltetes Reich als die Nachbarn auf dem Kontinent zur selben Zeit. Es wird in Grafschaften, die shires aufgeteilt, und die werden königlichen "Beamten", sheriffs, unterstellt. die für Gerichtsbarkeit und Heeresaufgebot zuständig sind.

 

Es kommt zu Versuchen, eine lockere Oberhoheit über Cornwall, Wales und Schottland herzustellen, die allerdings ihren keltischen Charakter vorläufig beibehalten.

 

Gegen Ende des ersten Jahrtausends nehmen die dänischen Angriffe wieder zu und werden mit großen Tributzahlungen abgewehrt, die durch eine Art Dänensteuer eingetrieben werden.

 

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Die drei Reiche England, Ostfrankenreich und Westfranzien werden durch die Hoheit von Königen zusammengehalten, die sich dadurch ethnisch definieren, dass sie einen jeweils längst historisch gewordenen Stamm über die anderen setzen: Die Angeln und die Franken. In deutschen Landen kommt es dann zu der Kuriosität, dass sächsische Große ein fränkisches Reich regieren, welchem die fränkischen Kernlande im ehemaligen Gallien zu einem guten Teil abhanden gekommen sind.

Darüber hinaus definieren sie sich weiter religiös und sakralisieren darum das herumreisende Königtum zunehmend. Ansätze von Verwaltung durch Instanzen mit ansatzweisen Verwaltungsaufgaben gibt es dezentral am ehesten in England, während die Könige in Ost- und Westfranzien einen königlichen Hof in wechselnder Besetzung unterhalten, die curia, und als solideren Kern die von hochadeligen Geistlichen besetzte Hofkapelle, die auch Notariatsaufgaben erledigt, woraus später die Kanzlei entstehen wird.

 

Das römische Imperium der Kaiserzeit basierte auf seinem professionellen militärischen Potential, und diesem vor allem diente eine umfassende Besteuerung, die das ganze Reich prägte. Die neuen, germanisch dominierten Reiche übernommen zunächst diese Besteuerung, soweit ihr Instrumentarium dafür noch reichte, aber die Steuerquote sank recht schnell von etwa 20% auf 10%, bis dann zuerst die Langobarden eine allgemeine Besteuerung ganz aufgaben. Die neuartigen Krieger versorgten sich selbst über ihre Ländereien, und Ausgaben für eine Verwaltung gab es kaum noch, weil diese auf ein Minimum geschrumpft war. "Auch das Karolingerreich beruhte nicht mehr auf Besteuerung, sondern auf Einkünften aus Grundbesitz." (Gilomen, S.13)

 

Finanzieren tut sich das Königtum also weiter im 10. Jahrhundert über den Familienbesitz und Königsgut; die Versorgung des reisenden Hofes vor Ort wird von Königspfalzen und in deutschen Landen wie im vom Norden besetzten Italien durch Bischöfe geleistet, die dem Königtum durch immer bessere Ausstattung eng verbunden werden. Auf Reisen wird auch vor Ort durch Anwesenheit von Großen Hoheit demonstriert. Überhaupt besteht aller Reichtum aus den angeeigneten "Überschüssen" der Bewirtschaftung des Bodens.

 

Der König spricht Recht in bedeutenden Angelegenheiten, entscheidet manchmal in Konflikten der Großen, vertritt das Reich nach außen und führt darüber hinaus Heerzüge an, führt also Krieg. Dazu führen ihm die Großen, aber nicht immer alle, und vor allem sind es die Bischöfe, militärische Kontingente zu. 

Während der Einfluss des englischen Königs sich weithin über die Grafschaften erstreckt, und der des westfränkischen nur wenig über seine Krondomäne hinausgeht, schwankt der des ostfränkischen je nachdem, wo er sich wie im Reich durchsetzen kann. Jedenfalls ist er de facto oft auf eine Art Mitregierung der Großen angewiesen, auf die er zu hören hat, auf Konsensbildung also.

 

Die Reiche (bis auf ansatzweise das englische) funktionieren also nicht über Institutionen, Ämter, sondern über mehr oder weniger hierarchisch gegliederte Beziehungen von Personen, Familien, die oft nicht sehr stabil sind und das nicht einmal bei der Bindekraft von Verwandtschaft. Diese Instabilität erweist sich in der häufigen Gewalttätigkeit der Herren im Inneren der Reiche wie in den vielen Kriegen nach außen, immer noch zentrale Rechtfertigung von Herrschaft.