INTELLEKT 2: INTELLEKTUALITÄT UND WISSENSCHAFT (1250-1400)

 

Universitäten

Studenten / Scholaren

Schreiben und Lesen

Pariser Reglementierungen

Verwissenschaftlichung

Intellektualität und Religion

Der Literat: Schriftstellerei

 

 

Universitäten

 

Die Entscheidung Friedrich Barbarossa, das Schwergewicht seines Interesses stärker nach Italien zu verlagern, vertieft das Phänomen einer deutschen "Rückständigkeit", welches in weithin fehlenden unmittelbaren antiken Traditionen seine erste Ursache hat. Wenn man sich eine Karte der europäischen Universitäten um 1300 anschaut, erkennt man schnell, dass sich unter den inzwischen mehr werdenden keine in deutschen Landen befindet. Bis 1300 gibt es aber rund 13 Universitäten, fast alle im Mittelmeerraum.Dazu gehören inzwischen auch Salamanca, Lissabon und Lérida.

Als Karl IV. als böhmischer Landesfürst 1348 die erste in seiner Residenzstadt Prag gründet, begründet er das damit, dass er nicht möchte, dass seine Untertanen weiter zum Studium nach Italien reisen müssen, wobei er insbesondere die Juristen meint. Wiesn, Erfurt und Heidelberg werden im 14. Jahrhundert noch folgen. Aber in der Zahl der Juristen, der für die Machtausübung wichtigsten Berufsgruppe, wird um 1400 Italien an erster Stelle stehen, knapp gefolgt von Frankreich, welches immer noch zehn mal mehr Juristen besitzt als die deutschen Lande (Dirlmeiern, S.93).

 

Mit dem Aufkommen von Philosophie und Wissenschaften in Westfranzien im 11./12. Jahrhundert wird eine deutsche Rückständigkeit in diesen Dingen bereits deutlich. Der deutsche Klerus bleibt überwiegend deutlich ungebildeter, unbelesener, und es setzt von erlauchten Kreisen wie bei Gerhoch von Reichersberg und anderen eine Art anti-intellektuelle Reaktion ein, die nicht jede Bildung, aber eine allzu selbständiger Geister wie es Abaelard und Gilbert von Poitiers sind, vehement ablehnt. Mit der Verbindung von "Volk", "Nation" und "Staat" wird sich in den romanischen Ländern ein Bild von deutschen Barbaren herausbilden. Wenn Madame de Stael anfängt, dies für die Franzosen zu korrigieren, zeigt das, wie lange diese Vorstellung anhält.

 

Aber es gibt nicht nur einen ausgeprägten Anti-Intellektualismus in deutschen Landen, sondern als Reaktion auf die neue Vernünftigkeit auch dort, wo sie entsteht. Hugo von St.Victor lehnt nicht nur die Gleichwertigkeit heidnisch-antiker Texte mit christlichen ab, sondern rechnet mit einer ganzen Zunft ab: Die Schriften der Philosophen wirken äußerlich durch den Glanz der Beredsamkeit und überdecken wie eine übertünchte schmutzige Wand den Dreck des Irrglaubens; wenn sie einmal den Anschein der Wahrheit vorgeben, mischen sie wie eingerührte Farbe Falsches darunter. (in EhlersOtto, S.72) Wer aus den Bahnen der neu sich entwickelnden Theologie ausbricht, geht in die Irre.

 

Der Begriff universitas bezeichnet im 12. Jahrhundert eine Körperschaft, die alle Menschen einer Definition zusammenfasst, eine Allgemeinheit oder Gemeinschaft. Solche universitates im akademischen Raum bilden sich um 1200 in Bologna, Paris und Oxford aus dem heraus, was im 12. Jahrhundert als scholae bezeichnet wird, den Gemeinschaften von Lehrern mit ihren Schülern.

 

In italienischen Städten und vor allem in Bologna konzentrieren sich im 12. Jahrhundert immer mehr Lehrer, die sich mit dem Kirchenrecht und vor allem mit dem antiken römischen Recht der Kaiserzeit beschäftigen. Diese römische Antike besaß andere Strukturen, aber dafür eine Form entwickelter Staatlichkeit, an der sich die Machtstrukturen des lateinischen Abendlandes zunehmend orientieren möchten. Solche belesene Juristen werden so zu Dienern der neuartigen Mächte. Als erster näher fassbar taucht zwischen 1116 und 1140 in Bologna ein Irnerius auf, dann Gratian, der im Decretum Gratiani das Kirchenrecht zusammenträgt.

 

Als Friedrich Barbarossa 1155 nach Bologna kommt, legten ihm die scolares, die studium exercere volentes eine Bittschrift in Gedichtform vor, die um Schutz für den Weg von und nach Bologna bittet. Der Kaiser stellt die Scholaren von Bologna unter seinen besonderen Schutz: Aus Liebe zur Wissenschaft heimatlos geworden (amore scientie facti exules), aus Reichen zu Armen, entäußern sie sich selbst, setzen ihr Leben allen Gefahren aus und erdulden oft von den gemeinsten Menschen unverschuldet körperlichen Schaden. (KellerBegrenzung, S.310) Natürlich werden damit die studentischen Reisewege nicht wirklich sicherer.

Man kann im Nachherein auch sagen, die Herrscher entdecken das Potential des Studiums des Rechtes der antiken Kaiserzeit und möchten es nutzen. Die Privilegierung von Universitäten als ihre Gründungsurkunde schafft ihr somit Freiräume, allerdings nur soweit, wie sie kirchliche wie weltliche Macht nicht bedrohen. Das wird so bleiben. 

 

In Bologna stellt Barbarossa die Scholaren außerhalb der städtischen Gerichtsbarkeit. „Die Studenten bilden, den Zünften oder gar einer Kommune vergleichbar, eine >Universität< unter selbstbestimmter Leitung, eine Körperschaft, die in die Gemeinschaften der >Cismontani< und der >Ultramontani< der von diesseits und jenseits der Alpen Stammenden, gegliedert ist. Sie bestellen und bezahlen die Professoren, die einer strengen Kontrolle unterworfen werden: Wer mit dem Stoff nicht durchkommt, muss Hörgeld zurückgeben, wer nicht mit dem Läuten der Vorlesung begann, erhält einen Abzug.“ (KellerBegrenzung, S.311)

1222 kommt es zu Konflikten zwischen Universität und Gemeinde, was zur Flucht eines Teils der gelehrten Gemeinschaft nach Padua und zur Gründung einer neuen Universität dort führt. 

 

Die Pariser Schulen insbesondere auf dem linken Seine-Ufer und der Île de la Cité wachsen im 12. Jahrhundert immer mehr zu dem zusammen, was Rexroth ein "Schulenmilieu" nennt. Ab etwa 1180 werden dann Vorlesungen bekannt, mit denen ein Neuankömmlung sich um ein Magisterium bewirbt, was Rexroth "Antrittsvorlesungen" (in Anführungsstrichen) nennt (S.318) Bald sind nach Schätzungen rund 130 Magister vertreten, die wohl über 3000 Scholaren unterrichten. Paris wird immer mehr auch von seinen Schulen geprägt.

 

Ist die Universität von Bologna wie später auch die von Neapel eine durchaus weltliche Einrichtung, so wird die von Paris mit ihren überwiegend klerikalen Schülern von vorneherein in das hierarchische System der Kirche eingebunden, wobei der Bischof und unter ihm der Kanzler über Lehrer und Schüler „regieren“. Dagegen schließen sich die Professoren um 1201  zu einer universitas der Lehrenden und Lernenden zusammen, für eine eigene Gerichtsbarkeit auch um neue Lehrende berufen zu können und so über die inhaltliche Ausrichtung zu bestimmen. Der Bischof muss sie dann bestätigen. 1200 gibt es dazu das Scholarenprivileg Philipps II. Die Universität unterstellt sich dem Papst und erhält von ihm 1215 die Bestätigung ihrer Satzungen mit vielen Detailregelungen wie einer Kleiderordnung, verbotener Texte oder die Verpflichtung.des Scholaren auf einen bestimmten Magister. 

Schon 1208/09 wird in einem Brief von Papst Innozenz III. deutlich, dass die Institutionalisierung der Pariser universitas auch Disziplinierung gegen übermäßige Freiheiten ist. Einige nämlich "trügen unangemessene Kleidung, hielten die gebotene Ordnung der Vorlesungen und Disputationen nicht ein und ignorierten die Memorialgemeinschaft der Kleriker, wenn ein Kleriker gestorben sei." (Rexroth, S.321) Nicht klar ist, wieviel von dieser Ordnung vom Papst aufoktroyiert wird und was sich die Universität selbst als Satzung gibt.

 

1221 taucht die Bezeichnung von der universitas der Pariser Lehrer und Schüler zum ersten Mal auf. 1231 erfolgt die endgültige päpstliche Anerkennung in Gregors Bulle 'Parens scientiarum', die der Universität sogar eine Art Streikrecht zugesteht (Favier).  

In Bologna wie in Neapel später werden nur die Rechte gelehrt, in Paris dagegen die vier Fakultäten der Artes, während die Rechte nach Orléans ausgelagert sind. Der Unterricht findet beim Lehrer zu Hause oder in angemieteten Räumen statt. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entwickeln sich dort, wo später das 'Quartier latin' ist, Kollegien als universitäre Räume. Die Hohe Schule wird zum Wirtschaftsfaktor. 

 

Um dieselbe Zeit entsteht eine medizinische Fakultät in Montpellier, die 1220 päpstlich verliehene Statuten erhält. Als Juristen und Vertreter der Artes dazukommen, handelt es sich bereits um eine umfassende Universität. Aus Konflikten mit der Stadt und dem Auszug eines Teils der Pariser Universität 1229-31 folgt dann die Entstehung neuer Universitäten in Orléans und Angers.

Eine Besonderheit wird die Gründung einer Universität in Toulouse, die dem dortigen Grafen zur Rekatholisierung des okzitanischen Südens aufgezwungen wird. 

 

Etwa zugleich entwickelt  sich die Frühform einer Universität in Oxford. Im frühen 12. Jahrhundert lehrte dort ein Theobald von Étampes. Um 1180 liest dort Gerald of Wales den Doktoren der verschiedenen Fakultäten und ihren besten Schülern aus seinem Buch über Irland vor (Carpenter, S. 463) Um 1200 gitb es Faktultäten des Rechts, der artes und der Theologie. 1209 kommt es zum Konflikt um die akademische Freiheit, als nämlich ein Student eine Frau tötet und flüchtet und darauf Vertreter der Gemeinde drei seiner Mitbewohner ergreifen und aufhängen. Darauf flüchtet ein Teil der Universität in die Diözese Ely und gründete dort eine neue Universität (Cambridge).

Der Einrichtung wird darauf mehr Selbstverwaltung vom König gewährt, die um 1214 in der Einrichtung eines vom Bischof von Lincoln bestellten Kanzlers gipfelt. Um 1216 taucht in Oxford die universitas der Magister in den Quellen auf. Der  Kanzler entwickelt sich dabei immer mehr zum Vertreter der Lehrenden und zum juristischen Herrn über die Studenten.

1231 erlässt Henry III Briefe an Oxofrd und Cambridge, in denen er von Aufmüpfigkeit der Studenten schreibt und diese dadurch beendet, dass jeder Student einem lehrenden Magister direkt unterstellt wird.

Um 1260 kommt es zu einer erneuten Abwanderung von Studenten und Magistern nach Northampton, was der König zunächst unterstützt, was aber dann zu Protesten des Bischofs von Oxford führt. Darauf nimmt Henry III Northampton seinen universitären Charakter und verpflichtet die Magister auf einen Eid, nur noch in Oxford oder Cambridge zu studieren. Wie man sieht, Universitäten sind und bleiben Herrschaftsinstrumente der Machthaber, von akademischer Freiheit kann keine Rede sein.

 

1254 erhebt Alfons X. von Kastilien und Leon, 'El Sabio' (der Weise), eine schon bestehende Schule in den Rang einer Universität. Bei ihm, wie bei Friedrich II., ist die Basis eine gewisse Bildung, Förderung von Literatur und Geschichtsschreibung, aber im Unterschied zum Staufer beschränkt er seine Einrichtung nicht auf das Rechtsstudium.

 

Keller fasst Formen von Lehre und Vermittlung so zusammen: „Textanalyse aufgrund gemeinsamer Lektüre, Kommentierung, Eingrenzung und Aufgliederung des durch den Text und seine Konfrontation mit anderen Autoritäten gestellten Problems, argumentative Lösung, Einordnung in das übergreifende System. Fächer und Disziplin differenzierten sich.“ (Begrenzung, S.311) Das heißt, die Autoritäten werden nicht mehr einfach nur rezipiert, sondern argumentativ diskutiert.

 

Eine neue Form von Wissenschaftlichkeit mit philologischen Elementen konstituiert sich, die alle Chancen auf Innovation und Emanzipation vom Hergebrachten hat. Aber wirkliche gedankliche Freiheit wird erst im ganz späten Kapitalismus und nur in wenigen Bereichen möglich sein, jenen nämlich, die außerhalb des akademischen Rahmens nicht mehr wahrgenommen werden.

 

Erst spät, im 15.Jahrhundert, umfassen Universitäten alle vier Fakultäten, Artisten (der artes), Theologen, Juristen und Mediziner.

 

Studenten/Scholaren

 

Die Universität Paris entstand dadurch, dass der gelehrte Unterricht aus den Klöstern an die Kathedralen und damit in die Städte abwanderte. Scholaren sammelten sich um Magister, die nicht nur verehrt, sondern manchmal auch verspottet wurden. Ein Hilarius (von Orléans?) schreibt in seinem Carmen XIV, 'De Papa Scolastico' über einen "scholastischen Papst", in dem man vielleicht Abaelard erkennen mag:

Papa summus, paparum gloria, / papa iugi dignus memoria, / pape plaudit scolaris curia, / pape dari non est iniuria / tort a qui ne li dune.Papam omnis cognoscit regio, / pape seruit scolaris legio, / papam amat affectu nimio, / papa quouis est dignus premio. / tort a qui ne li dune.Papam nouit miles et clericus, / papam tremit Gallus et Anglicus, / papa tutor et custos publicus, / pape donet quisquis est logicus. / Tort a qui ne li dune.Pape uox est dulcis et unica, /papa nouit iocunda cantica, /papam amat turba scolastica, / pape nummi dentur et reliqua. / tort a que ne li dune. // (fol.12v)Papa captus hunc uel hanc decipit, / papa quid uult in lectum recipit, / papa nullum uel nullam excipit, / pape detur, nam papa precipit. / tort a que ne li dune.Pape nichil excludit mentula, / pape puer atque puellula, / pape senex placet et uetula, / pape cibus detur et pocula. / tort a qui ne li dune.

Der höchste Papst, der Päpste Glorienschein, / Der Papst prägt sich so dem Gedächtnis ein. / Dem Papst Applaus! Die Schüler stimmen ein. / Dem Papst sich widmen wird rechtens sein! / Weh dem, der ihm nicht frönt!Des Papstes Ruhm ist weit und breit bekannt. / Dem Papste dient jeder Scholar im Land. / Den Papst zu lieben ist als gut erkannt. / Der Papst verdient sich jedes Unterpfand. / Weh dem, der ihm nicht frönt!Den Papst erkennen Pfaffe und Krieger. / Vorm Papst erbeben Brite und Gallier. / Der Papst hilft uns, Beschützer und Wächter. / Dem Papst zahlt Lohn ein jeder Logiker! / Weh dem, der ihm nicht frönt!Des Papstes Wort ist voll von süßem Klang. / Der Papst erweckt die Schönheit im Gesang. / Den Papst liebt der Scholar im Überschwang. / Dem Papst verschafft er Geld und Brot ohn’ Zwang! / Weh dem, der ihm nicht frönt! / Des Papstes List schlägt jeden übers Ohr. / Der Papst nimmt jeden sich im Bette vor. / Der Papst verschlingt sie allesamt im Chor. / Dem Papst gib’ dich! Das schreibt der Papst Dir vor. / Weh dem, der ihm nicht frönt!Des Papstes Schwanz lässt keine Chance aus. / Der Papst lädt Sohn und Tochter sich ins Haus. / Der Papst schließt Greis und Greisin auch nicht aus. / Der Papst verschmähet weder Trank noch Schmaus. / Weh dem, der ihm nicht frönt! (in RoblHilarius)

 

Dazu schreibt Robl: „Bei den Studentenfesten der damaligen Zeit wurde des Öfteren ein als Magister verkleideter Kommilitone präsentiert - analog zu den Bräuchen der Bakelfeste, bei denen während der Weihnachtsoktav ein Knabenbischof gekürt und zum allgemeinen Spaß mit dem baculum investiert wurde. Diese Feste, die man als Präkursoren des heutigen Faschings oder Karnevals ansiehen kann, waren besonders in den Kathedralstädten Frankreichs in großer Mode. (…) Möglicherweise setzten die Studenten, während sie Hilarius’ Lied skandierten, dem derart karikierten „Lehrer“ eine Nachbildung der Tiara aufs Haupt und sangen um ihn im Kreis, was den die Posse durchziehenden Titel „Scholastikerpapst“ erklären würde.“ (RoblHilarius)

 

Zwei bei Ehlers (Otto, S.83 f) übersetzte Texte belegen, wie unterschiedlich die neuen Schulen gesehen werden. Der Abt Peter von Celle schreibt 1164 an Johann von Salisbury: O Paris, wie geschickt bist du im Fangen und Täuschen der Geister! In dir gibt es Netze der Laster und Fallen des Bösen, in dir durchbohrt der Pfeil der Hölle die Herzen der Naiven …  O gesegnete Schule, in der Christus unsere Herzen unterweist … Dort wird kein Buch gekauft, kein Schreibmeister beschäftigt, es gibt keine täuschenden Disputationen, kein Gewirr von Sophistereien, dort ist die klare Lösung aller Fragen.

Im gleichen Jahr schreibt Johann an Thomas Beckett: Dort sah ich solche Mengen an Lebensmitteln, ein so fröhliches Volk, solchen Respekt gegenüber dem Klerus, die Würde und den Ruhm der ganzen Kirche, die verschiedenen Beschäftigungen der Philosophierenden - ich sah und bewunderte das so, wie Jakob die Leiter bestaunte, deren Spitze bis zum Himmel reichte und auf der die Engel auf- und niederstiegen

 

Scholaren sind rechtlich ungeweihte Kleriker. Sie tragen eine Tonsur und eine der des Klerus verwandte Kleidung. Dennoch sind sie in einem städtischen Umfeld wohl die am meisten sozialer Kontrolle entzogenen Menschen ihrer Zeit und gerade der Pubertät entwachsende Jugendliche. Diese Ungebundenheit betraf wohl zu allererst ihre jung erblühte Geschlechtlichkeit, aber auch ihre kritische Distanz zur Kirche. Aus Scholaren werden umherziehende Vaganten werden, deren antiklerikaler Spott sich dann in Texten wie denen der 'Carmina Burana' zur Gänze entfalten wird.

 

In einem lateinischen Vagantengedicht schwäbischer Scholaren in Paris heißt es in der Übersetzung von Langosch: In das fremde Frankenreich / Ruft das Studium (studia) mich jetzt gleich. / Ich muss wandern, / Lass' die andern / Weinend nun im Rücken. / Ihr Scholaren, klagt mit mir, / Die der nahe Abschied schier / Traurig muss bedrücken. (In Rexroth, S. 237)

 

Geklagt wird gerne über das fehlende Geld, manche mussten bei geistlichen Herren um Stipendien bitten, insbesondere Söhne aus  Familien des niederen Adels, der ärmeren Ministerialenfamilien oder bald auch der bäuerlichen Oberschicht. Knaben aus höherem Adel werden Propsteien zugeschustert, um das Studium zu finanzieren. Otto von Freising erhält seinen Unterhalt aus dem Klosterneuburger Stift und zusätzlich aus direkten Zuschüssen seines markgräflichen Vaters. So jemand reist dann mit Tutor und Bediensteten nach Paris (EhlersOtto, S.39).

 

 

Schreiben und Lesen

 

Zwei Dinge vor allem werden die Welt des Schreibens und Lesens erheblich verändern: Der Ersatz des enorm teuren Pergamentes durch das Papier und noch erheblich später der Buchdruck. Das Papier, ein pflanzliches Produkt, gelangt von China über die Islamische Welt nach Spanien und Süditalien und im späten Mittelalter auch über die Erfindung von Papiermühlen und die Verfeinerung von Herstellungsmethoden ins Zentrum Europas, ist aber für unsere Zeit hier noch nicht im christlichen Raum in Gebrauch.

Ein Buch aus Pergament verbraucht die Häute einer ganzen Herde von Kälbern, Ziegen oder Schafen (besser noch Lämmern). Das macht es an sich schon zu einem ungeheurer Wertgegenstand, der noch dadurch erhöht wird, dass ein oder mehrere Schreiber für die Schönschrift mit Feder und Tinte enorm viel Zeit verbrauchen. Bücher gibt es darum in unserer Zeit vor allem in Klöstern und Kathedralen, der Zugang zu ihnen ist also schwierig und extrem beschränkt, und in England vor allem beginnt man sie im späten Mittelalter anzuketten.

Bücher beinhalten darum die biblischen Texte, liturgische Gesänge und andere Texte für den kirchlichen Gebrauch, daneben Heiligenlegenden, aber auch Chroniken und Annalen. Antike Dichtung, Philosophien und die Kirchenväter gibt es in Abschriften.

 

Die Fähigkeiten des Schreibens und Lesens dienen im frühen Mittelalter fast ausschließlich religiösen Zwecken und verbeiten sich dann im hohen Mittelalter im wesentlichen als Mittel von Machtausübung. Dort, wo sich im späten Mittelalter Frühformen von Staatlichkeit entwickeln wie in der Monarchie Frankreichs, nimmt die Schriftlichkeit erheblich zu, ebenso wie in den obrigkeutsstaatlichen Strukturen deutscher Reichsstädte.

Lesen und Schreiben sind entgegen dem machtorientierten Kulturbegriff der abendländischen Neuzeit, der gehobenes und modeorientiertes Amüsement meint, ganz deutlich kulturzerstörend. Da das machtbesetzte Vorgaben und offizielles Gedankengut monopolisierende Schreiben Sache ganz weniger Leute ist, verliert der mündliche Diskurs der meisten die Kultur bildende und tradierende Funktion und verkommt zum sich regulär unter die Macht duckenden Geschwätz.

Das wird mit der Einführung des Papiers und des Buchdrucks noch deutlicher, indem Schriftlichkeit und Lektüre nun einer zunehmenden Kommerzialisierung unterliegen, zugleich sich einer zunehmend breiteren Kundschaft öffnen.

Lesen und Schreiben aus Erkenntnisinteresse sind ohnehin immer auf ganz wenige Menschen beschränkt, und das wird bis heute kaum mehr werden. Dafür nimmt es im Mittelalter als Mittel jener Karrierebildung zu, die vor allem über das Lehren des Rechts der Mächtigen vermittelt wird.

 

 

Pariser Reglementierungen

 

Im 13. Jahrhundert kommt es zu zwei einschneidenden Entwicklungen. Die eine betrifft Versuche der Kirche, die Kontrolle über die Hochschulen auszuweiten, und die andere den massiv zunehmenden Einfluss der Bettelorden auf Studium und Lehre.

 

Kirche:

 

1210 spricht eine Pariser Synode ein Verbot aus, die naturphilosophischen Schriften des Aristoteles oder die Kommentare dazu in Paris öffentlich oder insgeheim zu lesen. Fünf Jahre später wird seine Metaphysik verboten, was Papst Gregor IX. 1231 noch einmal wiederholt.

 

Die Probleme eines wieder erwachenden selbständigen Denkens geraten auf zweifache und sich oft überlappende Weisen in Konflikt mit der Kirche. Da gerät einmal der Rekurs auf vorchristliche Texte von hoher Qualität in Kollision mit der pseudorationalen Konstruktion christlicher Doktrin. Das geschieht zum Beispiel, wenn antike Philosophen das „Eine“ denken und dieses Eine in der Religion dreifach bzw. als Dreifaltigkeit (Trinität) auftritt, was seriöserweise nicht denkbar ist. Oder wenn der judäochristliche Schöpfungsmythos durch die rationalere These von der Ewigkeit von „Welt“ ersetzt wird, die schon für Aristoteles galt und im 12./13. Jahrhundert wieder aufgegriffen wird. Ohne Schöpfung aber kein judäochristlicher Gott und übrigens auch kein arabisch-islamischer.

 

Genauso elementar wird es, den Intellekt im mittelalterlichen Wortsinn als einheitlich und einzig zu denken, und damit auf die Unsterblichkeit der individuellen „Seele“ zu verzichten. Da damit die Kirche in ihren Grundfesten erschüttert würde, wird sich der Mainstream abendländischen Denkens bis in die frühe Neuzeit öffentlich nicht derart äußern können und auch wenig geneigt sein, sich einen solchen Gedanken überhaupt zu leisten. Immerhin liegt es in der Natur des Menschen, nichts zu denken, was dem eigenen Leben gefährlich werden könnte. Die wenigen Ausnahmen mit tödlichem Ausgang bestätigen die Regel. In Zivilisationen ist ohnehin für die allermeisten Menschen Selbstdenken eine gefährliche Abartigkeit, der ohnehin nicht verfällt, wer die enormen Mühen der persönlichen Befreiung aus der Allgegenwart von der Macht finanzierter Propaganda nicht extra auf sich nimmt.

 

Im Konflikt mit dem Bischof von Paris muss die dortige Universität ihre Selbständigkeit im Bund mit den Päpsten behaupten.

 

1270 verdammt Bischof Stephan von Tempier den Averroismus in 13 "Irrtümern", 1274/77 jede Form von Aristoteles-Anhängerschaft mit 219 "Irrtümern",, was sogar dem Thomismus des Aquinaten betrifft. Siger von Brabant muss fliehen und erhält sein Denkmal bei Dante. Die Artisten stehen seitdem unter enger Zensur und die Theologen geraten unter engere päpstliche Aufsicht. 

Dafür kann sich von nun an das Studium des Rechts in Paris freier entfalten und wird zum Karriereweg auch für bürgerliche Jugend, weil man so in den Dienst des Königs, des Hochadels, der Kirche und der Städte treten kann. Hier und an den anderen Universitäten entsteht die dienstbare Beamtenschaft für Verwaltungen, mit denen der moderne Staat sich entfaltet: Eine immer weniger politisch-inhaltlich ambitionierte Zwischengruppe zwischen Herrscher und seinen Untertanen, nach oben gehorsam und nach unten Druck ausübend..

 

Bettelorden:

 

Franziskus hatte Gelehrsamkeit auf dem Weg zur Heiligkeit abgelehnt. Das hindert  Franziskaner nach ihm bald nicht mehr daran, sich in die belesenen Diskurse der Zeit einzumischen. Die Dominikaner wiederum, bewusst als Predigerorden gegen die Ketzer gegründet, legen von vorneherein mehr Wert auf Gelehrsamkeit.

Neben die hohen Schulen unter der Kontrolle von Kirche oder der etwas offeneren der weltlichen Macht tritt im 13./14. Jahrhundert die „außeruniversitäre“ Lehrtätigkeit wie die des franziskanischen Bonaventura, des dominikanischen Thomas von Aquin oder des Albertus Magnus in Köln.

Nur in Paris versuchen Bettelmönche, sich in die universitären Sphären von Logik und Theologie zu integrieren. Gegen sie wenden sich die übrigen Lehrer 1252 unter der Führung von Wilhelm von Saint-Amour. König und Papst sympathisieren mit den Bettelorden, die inzwischen auch antikaiserliche Werkzeuge sind. Ludwig IX. neigt zu einer Teilung der Universität, wogegen sich Papst Alexander IV. wendet, der Wilhelm sogar die Lehrerlaubnis entzieht. 1257 werden Thomas von Aquin und der franziskanische Bonaventura nur auf päpstlichen Druck hin alsäüxö- 

Ansonsten findet Konkurrenz und kritische Auseinandersetzung nicht nur zwischen den beiden Orden statt, sondern auch innerhalb von ihnen. Dabei kann es auch mehr und mehr zu Lehrverboten, Verurteilungen und Schlimmerem kommen. Dafür erscheinen nun Texte von Ruteboeuf und Adam de la Halle, die die Bettelorden angreifen.

 

Verwissenschaftlichung

 

Bis nach 1240 lebt Leonardo Fibonacci, ein Kaufmann aus Pisa, der bei Reisen in Nordafrika und Syrien die indisch-arabischen Ziffern und damit damals mögliche Rechenoperationen kennenlernt, darüber forscht und das dann auch veröffentlicht. Aus dem arabischen Raum wird auch ein stärkeres lateinisches Interesse an der Geometrie inspiriert.

 

Das Interesse Kaiser Friedrich II. an Mathematik und Geometrie sowie seine persönlichen Beziehungen zu Fibonacci und anderen zeigt, wie der despotische Trend zu neuer Staatlichkeit auf das engste mit dem Aufstieg dieser Wissenschaften und zugleich des Kapitalismus verbunden ist. Die Art, wie sich solche Wissenschaftlichkeit weiterentwickelt, wird nur durch solche Zusammenhänge erklärlich sein.

Die Mathematik hatte eine erste abendländische Blüte in den griechischen Handelsstädten gehabt. Sie war in ihrer Entwicklung gehemmt worden, als damals Handelskapitalien keinen Kapitalismus ausgelöst hatten. Der neue, jetzt stattfindende Anlauf zur Verwandlung von Welt in ein Potential für Kapitalverwertung und Warenproduktion wird zugleich zur Mathematisierung von Welt, ihrer Berechenbarkeit führen. Von der Auflösung der Welt als Lebensraum in eine kalkulierbare zur Verwandlung von Welt in Formeln wird sie zu einem technischen Projekt werden, so wie die Menschen darin als neuartige Untertanen in neuer Staatlichkeit.     

-----

 

Der Versuch, sich aus den engen Fesseln kirchlicher Dogmatik zu befreien, indem man zunächst seine Gedanken nicht gegen sie, sondern auf Pfade an ihr vorbei richtet, macht deutlich, dass stärker an die Antike anknüpfendes neues Philosophieren im damaligen Wortsinn sich darauf vorbereitet, Aufgaben der Religion zur Welterklärung zu übernehmen. Der Einsatz der Vernunft, also logischer Mittel, macht das Denken zu einem Surrogat für Glauben.

Deshalb nimmt im späten Mittelalter die Rezeption des Ordnungsdenkens des Aristoteles weiter zu. Der Versuch der systematischen Synthese von Religion und aristotelischer Vernunft hat seinen Höhepunkt schon mit Thomas von Aquin, danach bewegen sich Duns Scotus und William Ockham argumentierend in ganz kleinen Schritten dort heraus. Die Betonung der Erfahrung gegen das spekulative Philosophieren beim Machtmenschen Kaiser Friedrich II. wird aber bei der Philosophiererei keinen Nachfolger finden: Sie wird in der Selbstverliebtheit des gedachten Wortes verharren. Die Befreiung des Denkens wird jenseits davon und jenseits von den Lehranstalten stattfinden. Dabei wird sie partiell der Selbstverliebtheit des eher einsamen Genius erliegen, da sich ihr kein diskursiver Raum mehr öffnet. Machiavelli wird ein Musterbeispiel dafür als früher neuzeitlicher Denker. 

 

Überhaupt hebt mit den Frühformen von Staatlichkeit politisches Denken an, auch wenn Politik als politeia noch eher in Begriffe wie polizey übersetzt wird. Die spekulativen Konstruktionen eines Dante oder Marsilius von Padua beginnen zwar, das Denken in vernünftigen Argumenten aus den Fängen sich unter die Kirche duckenden Glaubens zu befreien, sie reagieren auch auf Entwicklungen der Wirklichkeit, können sich aber nicht aus einem idealisierenden Menschenbild befreien. Nicht nur gewinnen sie keinen sonderlichen Einfluss, sie müssen sich auch in den Schutz derjenigen Mächtigen begeben, die sie gerne für sich instrumentalisieren.

Das Politisieren jenseits eines auf Erfahrung beruhenden Menschenbildes, welches immer einmal wieder in utopisch-totalitären Unheilskonstruktionen endet, oder aber liebedienerisch den Mächtigen und den Machtstrukturen hinterherläuft, die sie oft auch finanzieren, wird dann im 19. Jahrhundert noch durch das spekulativ durchsetzte Soziologisieren ergänzt werden, dessen individuelle Fundamente oft so wenig offengelegt werden wie seine ideologische Durchsetztheit.

 

Mit dem neuerwachenden Interesse an den Himmelskörpern und der Ordnung, in der sie sich bewegen, kommt es im heutigen Wortsinn nicht nur zu einem Aufschwung der Astronomie, sondern auch der Astrologie, die beide noch eine Einheit bilden. Mit dem seit dem 13. Jahrhundert und dem zweiten staufischen Friedrich häufiger werdenden Amt des Hofastrologen wird deutlich, wie sehr Verwissenschaftlichung und Machtinteressen zusammengehören.

 

Wenn die allermeisten Menschen bis heute mit Wissenschaften und Wissenschaftlichkeit auch nicht in Berührung kommen und eher mit ihnen auf Kriegsfuß stehen, so gibt es doch Punkte der Begegnung. Mit dem Aufschwung der Mathematik und der Technik beginnt nach dem ersten Maschinenzeitalter der Mühlen nun eines technischer Innovationen, welche den Lebensalltag der Menschen zunehmend verändert. Daraus entwickelt sich ein durchaus neuzeitlicher Technik-Optimismus, der sich im 14. Jahrhundert bei immer mehr Menschen durchsetzt und seitdem jeder kritischen Auseinandersetzung widersteht. Das reicht von der Erfindung der Lesebrille, die sich aber nur wenige Betuchtere auf die Nase setzen können bis zur Erfindung mechanischer Uhren mit ihren Möglichkeiten der Reglementierung von Lohnarbeit. Im 13. Jahrhundert gibt es die ersten Papiermühlen in Italien, gegen Ende des 14. Jahrhunderts verbreiten sie sich nördlich der Alpen, wobei sich Papier aber erst im 15. Jahrhundert verbreiten wird, als nicht mehr Baumwolle, sondern billigere Textilabfälle das Rohmaterial abgeben. Nun beginnen sich erst so richtig die Aktenberge in den Archiven zu stapeln: Die Verwaltung der meisten Menschen durch die zunehmende Zahl der Handlanger der Macht wird immer detaillierter, Staatlichkeit nimmt überhand.

 

Das anhebende späte Mittelalter, in dem der Kapitalismus irreversibel geworden ist, moderne Staatlichkeit sich in einzelnen Gegenden durchsetzt und zugleich, damit untrennbar verbunden, der sich vom kirchlichen Dogma lösende Forschergeist Fahrt aufnimmt, nimmt nun Dämonen, Geister und andere okkulte Wesen stärker in das sich verwissenschaftliche Denken auf, um die der Vernunft nicht erreichbaren Lücken zu schließen. Im verwissenschaftlichten Hexenwahn wird dann Wissenschaft zum ersten Mal ihre mörderische Seite offenbaren, die ihr als ein Aspekt geblieben ist.

 

Es werden im zwanzigsten Jahrhundert die begabtesten und fortgeschrittensten Physiker sein, die den atomaren Suizid der Menschheit möglich machen, der seitdem wie ein bewusst ständig verleugnetes Damoklesschwert über allem komplexerem Leben auf dem Planeten steht. Die nächsten Generationen von Wissenschaftlern werden nichts daraus lernen. Insofern wird der „philosophische“ Aufschwung, der im hohen Mittelalter einsetzt, ein enormer Rückschritt gegenüber allen jenen antiken Denkschulen sein, die Skepsis im weitesten Sinne gegen Gläubigkeit und übelste Formen ideologisierender Geschlossenheit eingesetzt hatten.

 

Wenn Verwissenschaftlichung auch die der Fragestellungen betrifft, auf die es keine Antworten außer Unfug geben kann, dann betrifft dies nicht nur die Fragen, die Kaiser Friedrich II. an seinen Hofgelehrten Michael Scotus stellte, wie die nach dem Ort der Residenz Gottes, nach dessen Verwaltung durch seinen himmlischen Hofstaat, nach den Namen von Geistern und Dämonen und dem Wirken Verstorbener aus einem Jenseits in das Diesseits. (siehe Stürner S. 416 zu Michaels 'Liber introductorius'); es betrifft vielmehr auch die in (pseudo)wissenschaftlichem Gewand auftretenden ideologischen Unterbauungen, mit denen "Geschichte" vorangetrieben wird bis Leute wie Lenin oder Hitler ihr massenhaftes Morden begründen werden.

 

Mit der für die Kirche noch viel bedrohlicheren Trennung beider im Verlauf der frühen Neuzeit wird Astrologie im modernen Sinne dann langsam absinken in die Welten jener, deren psychische Widerständigkeit gegen die Folgen der Verwissenschaftlichung sie bis heute in esoterische Bereiche eintauchen lässt, jene, in denen auch politische Theorien und Ideologieabfälle aller Arten landen.

 

****

 

Im Kern geht es seit dem 12. Jahrhundert um die Lösung von Wissenschaftlichkeit aus einem religiös aufgeblasenen und verhärteten magischen Weltbild. Dabei kommt es zu einer immer massiveren Ungleichzeitigkeit der Entwicklung. Während Abaelard im Anschluss an Aristoteles auf magische Momente weithin verzichten kann, gewinnt sie in der Astrologie immer mehr Bedeutung im Zuge zunehmender Textproduktion, - und zeigt deren fatale Seite auf. Mitte des 13. Jahrhunderts veranlasst Alfonso X von Kastilien die Übersetzung eines 'Lapidario', in dem die Eigenschaften von Steinen und Mineralien in Beziehung gesetzt werden zu Einflüssen, die von den "Sternen" ausgehen. Ein anderes von ihm gefördertes Buch beschäftigt sich mit der Vorzeichenlehre.

 

Tatsächlich wird die winzige Nische von Wissenschaftlichkeit, wie sie auch mein Text hier bejaht, bis tief ins 19. Jahrhundert von einer immer breiteren Front von sich bloß (pseudo)wissenschaftlich gebenden Autoren begleitet werden - die auch heute noch in der Öffentlichkeit überwiegend den Ton angeben. Und daneben existiert wie selbstverständlich die Ansicht, dass moralgesättigte Ideologie überall dort den Ton anzugeben habe, wo es nicht um Mathematik, Naturwissenschaft und Technik geht. Da das auch Schulen und in etwas geringerem Maße Universitäten betrifft, besteht auch in dieser Beziehung kein Grund, auf das Mittelalter herabzuschauen.

 

Intellektualität und Religion

 

Intellektualität soll hier einmal verstanden werden als ein Phänomen Weniger in den antiken Mittelmeer-Zivilisationen und zum anderen als dessen Neugewinnung und Anverwandlung seit dem hohen Mittelalter. Als sich selbst befreiendes Selbstdenken kann es immer nur als Vorgang von Befreiung verstanden werden und ist so abhängig von den jeweiligen Fesseln, aus denen es sich zu lösen gilt. Sie ist so auch immer beschränkt in den Umständen, die sie umgeben und gemeinhin zu ersticken suchen. 

 

Im hohen Mittelalter sind es die Freiheiten, die sich der aufblühende Kapitalismus herausnimmt, indem sie ihm gegeben werden, welche dem Denken bei seiner Befreiung helfen. Die beiden wichtigsten Fesseln sind der erwartete und in der Regel als selbstverständlich gegebene Gehorsam gegenüber der Gewalt der Macht und den ihr innewohnenden Denkverboten, die bis heute die Welt der Menschen weithin erfolgreich beherrschen, und zum anderen der nur allzu menschliche Wunsch, aus Angst Wahrheiten wie den Tod oder das Fehlen einer den menschlichen Gehirnstrukturen entsprechenden Sinnhaftigkeit des Lebens durch Glauben oder andere Formen von Erkenntnisverweigerung zu vermeiden.

 

Im hohen und späten Mittelalter entwickelt sich Intellektualität notgedrungen als ein Denken über die vorgegebene Religion hinaus und an ihr vorbei, anders gesagt, als gedankliche Befreiung von der Macht der Kirche, und sie ist zunehmend von Folter und grausamer Tötung bedroht. Intellektualität ist notwendig immer ein Aspekt von Dissidenz.

Vor dem Christentum bestand abendländische Weltsicht aus der Anerkennung und Erforschung von "Natur"kräften, die in mythischen Gestalten repräsentiert und kultisch verehrt wurden. In den entwickelten Zivilisationen wurden die Kulte in die Machtstrukturen eingebaut. Das Christentum, insbesondere seitdem es zunehmend rejudaisiert wurde, basiert dann auf der Satanisierung der Welt, in der die Naturkräfte walten und der Vergöttlichung eines Jenseits, in dem sie außer Kraft gesetzt sind. Die (Neu-)Entstehung von Intellektualität wendet dem Diesseits ein neues Interesse zu, so wie der Konsumismus einer immer reicher und breiter werdenden Oberschicht zugleich die Anfänge eines Kapitalismus anheizt.

Der Kapitalismus wiederum drängt nicht nur die Reste tradierter (Volks)Kultur zurück, sondern schafft sich immer mehr eigene Räume, in denen er alleine herrscht. Er ist ja Selbstentfesselungskünstler einer menschengemachten zweiten Natur auf der Basis der Kenntnis und Anwendung der Gesetze der vorgefundenen ersten. Die sprachliche Möglichkeit, Natur und Kapital jeweils als Subjekte darzustellen, enthält dabei -  dies ist wichtig anzumerken - ganz offensichtlich die Gefahr, wirkliche Subjektivität zu anonymisieren!

 

Parallel zur Logik des Kapitals lässt sich vermuten, dass zwischen 1100 und 1200 Einzelne imstande waren, sich eines judäochristlichen Gottesbegriffes als Voraussetzung ihres Denkens zu entledigen, auch wenn es keine entsprechenden Texte gibt, die die Betreffenden wohl auch das Leben gekostet hätten. Es waren vermutlich nicht die dem Klerus oder dem Mönchtum angehörenden bekannten Autoren. Aber um 1200 tauchen Quellen auf, die empört von Aussagen über die drei Betrüger Moses, Jesus/Christus und Mohammed berichten, und nach 1240 wird Kaiser Friedrich II. vermutlich fälschlich von der Papstkirche unterstellt, zu denen zu gehören, die so etwas verbreiten. 

Der Staufer betrieb eine Art eingeschränkter Duldung gegenüber Juden und Muslimen, denen er als eine Art Untertanen zweiter Klasse die Ausübung ihrer Religionen zugestand. Überhaupt scheint er in der Tradition normannischer Herrscher in Sizilien Religion und Kirche stärker bzw. rationaler nach ihrer Nützlichkeit für seine Machtausübung und seine Ansätze von Staatlichkeit hin betrachtet zu haben.

 

Der Gleichsetzung der drei vermeintlichen Religionsgründer (als Betrüger) entspricht eine Öffnung bei einzelnen abendländisch-christlich geprägten Intellektuellen seit dem 10. Jahrhundert für von Juden im islamischen  Raum und von Muslimen in die jeweilige Gegenwart transportierte antike Gelehrsamkeit. Ein wenig entsteht so etwas wie eine winzige transkontinentale, an der Mittelmeer-Antike orientierte geistige Gelehrtenrepublik, an der Cordoba, Toledo, Palermo, Salerno und wohl auch Foggia, auf jeden Fall aber auch Paris, Chartres und bald auch andere Orte beteiligt sind. Nicht nur der Betrugsvorwurf an alle drei (Schrift)Religionen. sondern auch und viel mehr noch ihre Beteiligung an der Aufbewahrung und Anverwandlung antiken Erbes relativiert den Absolutheitsanspruch der jeweiligen Religion und macht sie zunehmend mehr bei ersten Einzelnen zur Trägersubstanz für intelligenteres Denken.

 

In diesen Vorgängen wird das Christentum größeren Schaden nehmen als die anderen Religionen, da es mehr als diese Elemente des Unglaublich-Mysteriösen enthält wie die Dreifaltigkeit des einen Gottes, die göttliche Zeugung und Jungfrauengeburt Jesu, die Transsubstantiation in der Messe, die Wundertätigkeit von Reliquien und so manches mehr. War es einzelnen Intellektuellen in der islamischen Welt schon gelungen, grob gesagt zwischen Religion als Glaube für das dumme Volk und freiem Denken des Intellektuellen zu unterscheiden, so verleitete das Unglaubhaft-Mysteriöse speziell im Christentum auch nichtintellektuelle Menschen sicherlich zumindest situativ zum Zweifel an dem einen und anderen. 

 

Wenn Päpste Kaiser Friedrich II. beginnen vorzuwerfen, er bezweifle diese offenkundig unglaubwürdigen Aspekte, dann sind sie der Kirche ebenso offenkundig als solche (die man nur glauben kann) bewusst. Das Volk und insbesondere das entstehende neue Bürgertum, welches sein Bewusstsein und damit seine Welt immer stärker kompartmentalisiert, wird vornehmlich stillschweigend der Abteilung Religion, die institutionell ganz auf die Kirche beschränkt ist, immer mehr Bedeutung entziehen, indem es sie nun unabhängiger von den kirchlichen Institutionen für ihre Bedürfnisse herrichtet und dabei die Kirche hinter sich herzieht. Dieser Vorgang wird erst am Ausgang des Mittelalters (welches genau damit auch endet) abgeschlossen mit dem geistigen Abschluss der römischen Kirche von den außerkirchlichen Entwicklungen und einem diesen Anpassungsprozess nun übernehmenden Protestantismus.

      

Zwei große Erschütterungen werden diese erste Phase der Säkularisierung beschleunigen. Einmal der Konflikt zwischen Papstkirche und weltlicher Macht um den sogenannten Investiturstreit herum und zum zweiten und viel stärker noch der, welcher mit Kaiser Friedrich II. vor allem verbunden ist.

Die Weltuntergangsphantasien, die der evangelische Jesus von älteren jüdischen Texten übernommen hatte, tauchen im Verlauf des Mittelalters immer wieder neu auf, in der wortwörtlichen Akzeptanz des sogenannten Offenbarung (Apokalypse) des Johannes seit dem 12. Jahrhundert wieder virulenter werdend. Wenn der Kaiser 1239 in der Sprache dieser Apokalypse Kaiser Friedrich verdammt, wird die christliche Welt von einem ungeheuerlichen Bruch zwischen kirchenchristlicher Welt und weltlicher Macht erschüttert:

Es steigt aus dem Meer eine bestia voller Namen der Lästerung, die mit den Tatzen eines Bären und dem Rachen eines Löwen wütet und an den übrigen Gliedern gestaltet wie ein Panther sein Paul zu Lästerungen des göttlichen Namen öffnet und nicht aufhört, auf Gottes Zelt und die Heiligen, die im Himmel wohnen, die gleichen Speere schleudert. ( Enzyklika Gregors IX. vom Juni 1239)

 

Was derart Angst machen soll, die Bildersprache romanischer Kleinplastiken mitten in der sich entfaltenden Gotik, wird bei den Gegnern Zweifel an der Autorität der Kirche vertiefen. Und die Möglichkeit des Zweifels, einmal anerkannt, wird die Autoritäten bei Menschen mit der Neigung zum Selberdenken unter der Gegnerschaft zu solchen Kirchenfürsten weiter ins Wanken bringen, denn sie wird nicht mehr aus der Welt zu schaffen sein.

 

(ff)

 

Schriftstellerei: Der Literat

 

Im 13. Jahrhundert kommt auch das auf, was ich hier einmal als Schriftstellerei in einem engeren Sinne bezeichnen möchte. Es handelt sich um ein gebildetes, aber wenig nach Wissenschaftlichkeit strebendes Literatentum, um wenig spezialisierte Autoren, die ein weites Feld mit einem über den durchschnittlichen Anspruch schlichter Unterhaltung hinausgehender Ernsthaftigkeit beackern und dabei "Weltanschauung" verbreiten.

 

Ein früher Protagonist ist der um 1235 auf Mallorca geborene Ramón Lull, der zunächst als Ritterssohn an den Vergnügungen höfischer Gesellschaft am Königshof teilnimmt, um dann in seinen Dreißigern recht plötzlich in christliche Frömmigkeit zu verfallen. Er verlässt Frau, Kinder und Güter und nimmt sich vor, zur Bekehrung von Muslimen zum Christentum beizutragen. Er lernt Arabisch, was er besser beherrschen soll als Latein, lehrt an der Pariser Universität und unternimmt Missionsreisen nach Nordafrika, wo er wenig willkommen ist und auf der letzten laut legendären Berichten gesteinigt wird, und gerade so nach Mallorca gerettet werden kann, wo er an den Verletzungen stirbt.

 

Dieser Raimundus Lull schreibt "über Gott und die Welt", über Philosophie, Alchemie, Astrologie, Medizin und vieles mehr. In einem Buch konfrontiert er einen Heiden (gentil) mit drei Weisen (savis), die ihn jeweils von ihrer Religion und damit von der Existenz Gottes überzeugen wollen, wobei er als Christ relativ offen bleibt. Ein anderer Text erzählt die Geschichte eines Bürgersohnes und einer Adeligen, die sich in einen Bischof und eine Äbtissin verwandeln. Im 'Llibre de meravelles' reist einer umher und erlebt die göttlichen Wunderbarkeiten und menschlichen Schlechtigkeiten der Welt.

 

Solche "gebildeten" Literaten und Allesschreiber dienen vor allem der Popularisierung und Vereinfachung von Kenntnissen. Dabei tritt Lull als (Ver)Mittler zwischen den christlichen, jüdischen und islamischen Welten der Zeit auf. Das betrifft vor allem seine Texte zur Logik mit ihrer Tendenz zum Vernunftoptimismus, in denen er nach Methoden zur Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit sucht.

Mit seinen Texten wird er zu einem Vorläufer von Dante, der Generationen später ebenfalls in der Volkssprache versuchen wird, Summen des bisherigen Kenntnissstandes als Literat zu verbreiten.

 

Dabei bedienen solche Literaten ein gehobenes Unterhaltungsbedürfnis, wie zum Beispiel die Autoren mittelhochdeutscher Rittergeschichten. Entsprechend setzt sich die Volkssprache der weniger Gebildeten als Medium durch. Dabei unterliegt das Okzitanische nach der Annektion durch die französische Krone dem Mittelfranzösischen des Nordens und wird nach und nach verdrängt. Sprache ist Ausdruck und Medium von Macht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ff