ENGLAND IM SPÄTEN MITTELALTER

 

 

Edward I.

 

Henry III stirbt im November 1272. Sohn Edward, der auf der Rückreise vom Kreuzzug Ludwigs "des Heiligen" nach Tunis über Palästina nach Sizilien gelangt ist, verlässt sich auf das Regierungspersonal in England und zieht erst einmal in die unruhige Gascogne. Als er 1274 nach England zurückkehrt, muss er ein immer noch aufgeregtes Land erst einmal stärker unter seine Kontrolle bekommen. Er baut die Befestigungen des Londoner Towers in den nächsten zehn Jahren für 21 000 Pfund aus und setzt die Freiheiten der Stadt bis 1289 aus und übernimmt in ihr das direkte königliche Regiment.

 

Edward lässt eine Untersuchung über königliche Rechte im Land und die königlichen Einkünfte durchführen, die in den 'Hundred Rolls' aufgeschrieben werden.

 

Alle Landeigner müssen in der nächsten Zeit ihr Anrecht auf ihr Land nachweisen, was zu erheblichen Problemen führt.  Er und seine Gemahlin versuchen von nun an, durch Ankäufe, durch Druck und den Einsatz feudaler Rechte den königlichen Grundbesitz wieder zu vergrößern. Für 4000 Pfund kauft er so 1293 der sterbenden Countess von Devon die Isle of Wight ab, zudem erwirbt er die Earldoms von Derby und Norfolk, mit denen er seinen Bruder und seinen Sohn ausstattet.

 

Für die Stärkung der königlichen Finanzen schlägt Edward vor allem drei Wege ein. Zum einen erreicht er nach Verhandlungen mit Händlern ab 1275 einen permanenten Zoll eines Drittels eines Pfundes auf jeden standardisierten Wollsack, wichtigtes Exportgut Englands, was kurz darauf ein Parlament bestätigt. Diese Neuerung bringt jährlich rund 10 000 Pfund in die königliche Kasse.

Zum zweiten erreicht er im selben Jahr, dass das Parlament immer wieder neuen Steuern auf mobiles Gut, vor allem auf Getreideerträge und Viehbestand, zustimmt. Eine Dreizehnte (ein Dreizehntel) von 1307 bringt dabei zum Beispiel 60 000 Pfund ein. (Carpenter, S.471) Solche direkte und häufige Besteuerung macht es aber nötig, das Parlament mehrmals im Jahr einzuberufen und dadurch weiter aufzuwerten, wobei die Einbeziehung von Rittern und Bürgern Voraussetzung dafür wird, dass sich später sogenannte Commons abtrennen.

Zum dritten wird die gelegentliche Nutzung des Finanzkapitals eines Luca  aus Lucca, Haupt des Hauses Riccardi in England, durch Henry III nun zu einer festen Geschäftsbeziehung mit der Firma, die bis 1294 anhält. In dieser Zeit verwaltet sie sämtliche Zolleinkünfte und einen Großteil des jeweiligen Steueraufkommens. Zudem haben sie dann auch die 50 000 Pfund unter Kontrolle, die die Kirche für einen zweiten Kreuzzug aufbringt, der dann aber nicht stattfinden wird. Die Firma versorgt ihn also in dieser Zeit regelmäßig mit Geld für seine Ausgaben, insbesondere für die königliche wardrobe, die zum Beispiel die reguläre Haushaltungsführung, Bekleidung, das Personal in Verwaltung und Justiz um den König herum und seine Haustruppe betrifft.

 

1275 schon war den Juden der Geldverleih verboten worden, 1290 werden sie aus dem Königreich ausgewiesen.

 

Nach dem Abbruch der königlichen Geschäftsbeziehungen mit den Riccardi versucht der König eine Weile ohne so etwas auszukommen, um damit aber zu scheitern, so dass ab 1294 die florentinische Firma der Frescobaldi einspringt.

 

Wardrobe und Kanzlei reisen weiter mit dem König, während Common Bench und Exchequer in Westminster bleiben, wobei der letztere in der Zeit der Riccardi bei Hofe nun erheblich geringere Aufgaben, aber immerhin noch eine Kontrolle über die Steuereinziehung hat, die nun Berge an Pergament verschlingt. Die Kanzlei ist inzwischen mit jährlich rund 20 000 königlichen writs befasst, was alleine rund hundert Schreiber beschäftigt und unter anderem belegt, wie ausgedehnt die königliche Justiz nun im Lande arbeitet.

 

Wie hoch die königlichen Ausgaben alleine für das Personal angewachsen sind, zeigt auch die nun feste jährliche Bezahlung für ungefähr achtzig Ritter, hundert Esquires und dreißig serjeants, die eine königliche Kerntruppe bilden und zudem situativ königliche Aufträhe ausführen. Alleine rund 570 Mitglieder des Hofes erhalten angemessene jährliche Bekleidung durch den König.

 

Das königliche Regiment ist kaum weniger hart als unter König Johann, aber nun parlamentarisch abgedeckt. Zudem fördert Edward, dass es zunehmend durch Ritter und Bürger auch für Klagen über Missstände und Übergriffe genutzt wird, die dann in Petitionen münden können.

Seine königliche Aura verstärkt er dadurch, dass er in Imitation des französischen Königs sich nun im Jahr von vielleicht tausend Skrofulösen berühren lässt, die an seine magische Kraft glauben, sie zu heilen. Wichtiger ist aber, dass er sich als erfolgreicher ritterlicher Heerführer erweist.

 

Noch bedeutsamer ist vielleicht, dass er versucht, überall Missstände in der Justiz abzustellen, mehr Richter durchs Land zu schicken und dadurch, dass er bestimmt, dass Sheriffs aus dem jeweiligen County kommen müssen, was ihre Neigung zur Korruption verringern soll. Die königlichen Richter erhalten dazu nun reguläres Gehalt und werden nicht nach Studium, sondern nach Erfahrung als serjeants (den späteren Barristern) in den Gerichten ausgewählt. Dabei setzen sich immer mehr Laien durch, die eben nicht römisches Recht, sondern Common Law praktizieren.Die Juristenausbildung unter königlicher Aufsicht und in königlichem Interesse verpflichtet die Justiz auf das Machtzentrum.

Ausgeschlossen vom Rechtssystem bleibt weiter jene Hälfte der Bauernschaft, die als rechtlich unfrei gilt, aber langsam weiter weniger wird.

 

Justiz nützt wenig gegen die alltägliche Kriminalität, die immer mehr ansteigt: Dieb, Raub, Überfälle, Vergewaltigungen. Inzwischen tauchen hier und da constables auf, aber Polizei verhindert das Verbrechen nicht, besonders nicht, wenn damals wie heute die alltäglichen Kriminellen oft nicht gefasst und schon gar nicht entsprechend verurteilt werden. Der größte Teil der Verbrechen wird überhaupt wohl von Leuten aus den ärmeren Bevölkerungsgruppen an Mitgliedern derselben verübt. Aber nicht Armut, sondern allgemeine Verrohung macht Verbrecher, und das betrifft auch die Oberschicht von den Rittern aufwärts. Nach der Schlacht von Evesham werden rund dreißig der Anführer praktisch abgeschlachtet, der Kopf des getöteten "Prinzen" Davyyd von Gwynedd/Wales wird in Shrewsbury von enthusiastischen Londoner Bürgern abgeholt und im Tower ausgestellt, und das Hinrichten ("politischer") Gegner nimmt zu. Der wehrlos gewordene Dafydd wurde zunächst an seinen Gliedern auseinander gezogen, dann aufgehängt, dann geköpft, anschließlich wurden ihm die Eingeweide herausgerissen und schließlich wurde er noch gevierteilt. Wer immer von Ritterlichkeit spricht, darf auch die zunehmende Grausamkeit nicht außer Acht lassen.

 

Zunehmen tun auch die Konflikte über Eigentum und Rechte mit allen ihren außergerichtlichen Schauplätzen, nicht zuletzt auch zwischen Bauern und ihren Herren, wobei erstere zunehmend über "Unterdrückung" reden, Vorgeschmack auf künftige größere Auseinandersetzungen.

 

Unter Llewelyn ap Gryffed nimmt in Wales der Handel und die Geldwirtschaft zu. Der Hof dieses Herrschers finanziert sich aber noch im wesentlichen über dessen Grundbesitz. Llewellyn, der sich seit 1258 princeps Wallis nennt, verweigert die Huldigung. Edward nimmt Gegner des walisischen Prinzen (Fürsten) bei sich auf. 1177 beginnt er die Eroberung von Wales mit fast 16 000 Fußsoldaten, von denen mehr als die Hälfte Waliser sind. Llewelyn verliert alle Gebiete außerhalb von Gwynedd, beginnt aber bald seine Macht wieder auszubauen. Gegen die Anglisierung insbesondere des walisischen Rechts erheben sich 1182 viele walisische Machthaber unter Dafydd.. Erst wird Llewelyn besiegt und sein Kopf in den Tower geschickt, dann folgt der von Dafydd. Den Löwenanteil des eroberten Landes behält Edward für sich selbst. Im Statute of Wales 1184 wird es zu einem von England annektierten und mit ihm vereinten Land. Verwaltung und Strafrecht werden dem englischen stärker angeglichen.

 

1278 lässt Heinrich gemeinam mit Eleonore die angeblichen Gebeine von Arthur und Guinevere im Hochaltar von Glastonbury beisetzen. Nach und nach setzt ein Artus-Kult ein, der nicht nur dem Anspruch auf Wales, sondern auch der Überhöhung des englischen Königtums dient.

 

In Irland gibt es keine neuen Eroberungen und das Land dient weiterhin hauptsächlich als königliche Finanzquelle. In Schottland stirbt 1285 König Alexander durch einen Sturz vom Pferd. In der Nachfolgekrise nach dem Tod von Prinzessin Margarthe 1290 erklärt Edward die Oberhoheit der englischen Krone über das Land, die ihm König John Balliol zunächst bestätigt. 1294 verlangt der Engländer dann aber schottische Unterstützung für einen französischen Feldzug. Dagegen regt sich Widerstand, so dass Edward 1296 mit einem riesigen Heer einmarschiert. Er erklärt seinen Anspruch auf die schottische Krone und versucht ihn in mehreren Feldzügen durchzusetzen. 1305 erlässt er schließlich eine ordinance für Schottland, die dem denselben Status wie Wales gibt. Ab 1306 beginnen dann William Wallace und Robert Bruce mit der Befreiung Schottlands von englischer Herrschaft. Robert Bruce lässt sich im selben Jahr in Scone zum König krönen. Ein Feldzug gegen ihn muss wegen des Todes Edwards 1307 vertagt werden.

 

Edward II.

 

Der luxuriöse Lebensstil erhöht die Schuldenlast, und die Magnaten setzen eine Kontrollkommission durch. Schließlich wendet sich Thomas, Earl of Lancaster, mit Truppen gegen den königlichen  Günstling Piers Gaveston, der gefangen genommen und hingerichtet wird.

 

Eine englische Invasion in Schottland endet im Juni 1314 mit dem schottischen Sieg bei Bannockburn. Die schottische Unabhängigkeit unter Robert I. (Bruce) wird 1324 vom Papst anerkannt.

 

Seit 1318 nehmen Vater und Sohn Despenser eine Günstlingsposition bei Hofe ein, die sie für den Ausbau einer  Herrschaft in der walisischen Grenzregion nutzen. In der Schlacht von Boroughbridge 1322 unterliegt die Adelsopposition und der Earl of Lancaster wird mit vielen seiner Anhänger hingerichtet. König und Despensers errichten ein "Schreckensregiment" (Dirlmeier, S.137).

 

Nach dem Verlust der Gascogne reist Königin Isabella nach Frankreich zu ihrem Bruder Karl IV. Dort wird Roger Mortimer ihr Geliebter. Schließlich stößt auch Sohn Edward zu ihnen.

1326 landen Isabella und Mortimer mit von Graf Wilhelm vom Hennegau flämischen Truppen in England, was zu einem allgemeinen Aufstand führt. Die beiden Despenser werden hingerichtet. Januar 1327 setzt ein Parlament den zweiten Edward ab und im September wird er in der Haft ermordet.

 

Edward III.

 

Erst mit der Vertreibung der Mutter 1330 vom Hof und der Hinrichtung Mortimers kann der 1327 unter die Krone geratene dritte Edward frei regieren. Feldzüge gegen Schottland ab 1333 führen zur englischen Besetzung Südschottlands und der Gefangennahme von David II., verlieren dann mit dem Beginn des Hundertjährigen Krieges aber ihre Kraft.

 

In den dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts scheiden die Geistlichen aus dem Parlament aus und beraten nun in Canterbury und York über königliche Steuerforderungen. Neben der Steuerbewilligung werden im Parlament immer mehr Petitionen eingebracht, und es wird zunehmend auch zum Gerichtshof. Da der König alleine es einberufen kann, tagt es nur sporadisch, seit 1341 heißt es nur noch Parlament, wenn Commons und Lords teilnehmen.

1340 bestimmt ein Statut, dass allgemeine Steuererhebungen nur noch nach Bewilligung von Lords und Commons stattfinden sollen.

 

Mit Sluys (1340), Crécy (1346) und Calais (1347) wird die Position des Königs gestärkt.

1356 nimmt der Schwarze Prinz König Johann II. gefangen und die Krone profitiert von den Lösegeldzahlungen. 1357 kann der schöttische David II. nach Zahlung einer hohen Summe nach Schottland zurückkehren. Auch dort gibt es nun ein Parlament aus Adel, Klerus und Bürgern.

1360 wird der englischen Krone im Frieden von Brétigny ein vergrößertes Aquitanien und Calais ohne französische Lehnshoheit zugestanden, was aber nmicht rechtswirksam wird.

 

Ab 1362 können Abgaben auf Waren nur noch mit Zustimmung des Parlamentes erhoben werden.

 

1369 beginnt der englisch-französische Krieg erneut, nun mit eher französischen Erfolgen und einem erneuerten schottisch-französischen Bündnis. Edward wird langsam senil und sein gleichnamiger Sohn chronisch krank. Im Good Parliament von 1376 wird Anklage gegen Günstlinge des Königs, den Kämmerer Latimer und die königliche Mätresse vorgetragen, ein Vorläufer des künftigen impeachment.

 

1377 stirbt Edward III.

 

Richard II. (1377-99)

 

Der Sohn des Schwarzen Prinzen erbt zehnjährig die Krone.

Die reformatorischen Ansichten John Wiclifs gewinnen an Einfluss. Um 1382 kommt es zur Bibelübersetzung in seinem Umfeld.

Dazu passt der von evangelischen Vorstellungen getragene Bauernaufstand von 1381 unter John Ball und Wat Tyler.

 

Henry Tudor

 

Die letzte große Fehde in England ist der Kampf zwischen den Häusern York und Lancaster, durch Walter Scott als Rosenkriege in die Geschichtsschreibung eingegangen.. Sie enden 1485 mit der Schlacht von Bosworth, in der Henry Tudor König Richard III. aus dem Hause York besiegt. Der als Hofmann dem Tudormythos verpflichtete Shakespeare/de Vere wird Richard zu einem abgrundtiefen Bühnen-Bösewicht umgestalten und Heinrich VII. zum Helden und Friedensfürsten machen.

 

Tatsächlich ist Bosworth der Sieg eines Emporkömmlings aus niederem walisischen Adel, aus einer Familie, die sich nach der Eroberung von Wales 1284 auf die Seite der siegreichen englischen Krone geschlagen hatte. Der Aufstieg dieser Familie beginnt mit Owen Tudor, der Verwalter der Witwe Heinrichs V. ist. Beide gehen eine heimliche Ehe ein, und Heinrich VI. wird diesen Halbbrüdern so freundlich gegenüber stehen, dass er sie sogar zu Grafen macht. Einer der beiden wiederum heiratet Margaret Beaufort aus einer Seitenlinie des Hauses Lancaster, wodurch Sohn Heinrich (VII.) einen, allerdings schwachen Anpruch auf die Königswürde hat.

 

Henry Tudor ist ein entfernter Verwandter des seit längerem unterlegenen königlichen Hauses Lancaster, deshalb in der Bretagne im Exil, der mit Unterstützung des französischen Königs Charles VIII. und dessen schottischen Söldnern in Wales landet, die Unterschützung walisischen Hochadels erhält und durch den Tod Richards in der Schlacht die Chance hat, die Herrschaft an sich zu reißen. Als er dann in London von der Bevölkerung herzlich empfangen wird, ist dieser Empfang die Bestätigung, dass er als legitimer Herrscher angenommen ist So wird aus einem Usurpator der Begründer eines legitimen englischen Königshauses.

 

Ein letzter Schritt vor Krönung und Ölung fehlt noch. Der zeitgenössische Pro-Tudor-Chronist Edward Hall beschreibt ihn so: „...wurde mit allen üblichen Zeremonien gesalbt und zum König gekrönt durch die Zustimmung (assent) aller Commons und des Adels (nobility)...“.(Abgedruckt in 'Chronicles of the Tudor Kings', ed. David Loades, Godalming 1997, S.19 Meine Übersetzung.)

Es geht also gerade bei ihm nicht ohne Parlament. Hall schreibt: "he called his high court of parliament at Westminster",... und sorgt dann dort dafür, dass es eine Proklamation einer Generalamnestie für alle seine Gegner gibt, wenn sie sich nur dem neuen Herrscher unterwerfen.

 

Mittelalterliche Herrschaft hat ihren Ursprung in offener Gewalt, versucht dann aber, legitim zu werden: Durch die Erbfolge, die Ölung, die den göttlichen Auftrag darstellt (Hall schreibt: King Henry obtained and enjoyed the kingdom as a thing elected and provided by God...), und durch erfolgreiche Herrschaft.

 

Nach dem Bürgerkrieg sind vom alten Hochadel gerade noch ein Duke und ein Marquis übrig. Die Tudor-Könige können jetzt das Haus der Lords mit ihren Anhängern neu bestücken. Der englische Hochadel wird von nun an seine Macht von Königs Gnaden haben.

 

Womöglich war dieser Emporkömmling bis zur Königskrönung nicht einmal in England gewesen. Indem er dann die Tochter des letzten legitimen Königs Edwards IV. heiratet, verbindet er sich mit der York-Partei, für die Richard angetreten war. Letztlich legitimiert wird er durch geschicktes und hartes Herstellen des inneren und äußeren Friedens. Da es noch keine Polizei gibt, muss er immer wieder durchs Land reisen (was damals progress genannt wird) und mit einer Truppe von Gefolgsleuten militante Opposition aufs Haupt schlagen.

 

Innerer Friede ist das erste Propagandathema der Tudors. Zum Schluß von Shakespeares 'Richard III.' verkündet der Tudor-Henry: England hath long been mad and scarr'd herself / The brother blindly shed the brother's blood, / The father rashly slaughter'd hi own son, / The son, compell'd, been butcher to the sire. / All this divided York and Lancaster..../....Enrich the time to come with smooth-fac'd peace, / With smiling plenty, and fair prosperous days! (V-5).

 

Mit zunehmender Unfreiheit und mehr Staat wird der innere Friede erkauft, ganz wie es Vergil als Propagandist von Kaiser Augustus verkündet hatte. Die Commons mit ihrem Anteil an Juristen und Kaufleuten unterstützen jeden starken Monarchen, der Stabilität gewährt. Mit dem ersten Tudorkönig Henry VII. ist das erreicht.

 

Die englische Gesellschaft am Übergang vom aristokratischeren Mittelalter zur modernen Monarchie setzt sich aus Familien und das heißt Haushalten zusammen, und die soziale Stellung drückt sich in der Größe der Familie aus, die schon mal über hundert Mitglieder umfassen kann. Dazu gehören die Verwandten, andere Gentlemen und dann Bedienstete in einer eigenen Rangordnung. Idealiter besitzt der Monarch den größten Haushalt, soll er sich doch aus dem ihm Eigenen finanzieren. Im weiter aufblühenden Kapitalismus wird ihm das immer weniger gelingen. Noch die Einnahmen des achten Heinrich betragen nur ein Zehntel derer des Sonnenkönigs. Staatskunst wird nicht zuletzt darin bestehen, ideologische Vorwände zu finden, um an Geld durch Auspressen der Untertanen und anderes mehr wie räuberisches Ausgreifen in die Nachbarschaft wie auf ferne Kontinente zu gelangen.

 

Starkes Königtum heißt, den Hochadel zur Mitarbeit zwingen und an anderes als Steuer-Geld zu kommen, wodurch die Abhängigkeit vom Parlament verringert werden kann. Henry VII. verbindet beides miteinander. Er illegalisiert die (kriegerischen) Gefolgschaften der mächtigeren Lords willkürlich, macht ihnen schon mal dafür den Prozess, kassiert die hohen Strafen und duldet diese „retainer“ dann stillschweigend weiter, weil er sie im Notfall als Basis seines feudal strukturierten königlichen Heeres braucht. Zugleich ist er klug genug, selbst keine Kriege anzuzetteln. Ansonsten zieht er für die Mitarbeit an der Regierung mehr und mehr den niederen Adel heran.

Indem er Kriege mit ihren Kosten meidet, vermeidet er auch die häufigere Berufung eines Parlaments. Aber Könige regieren damals nicht alleine, und Henry VII. nutzt die Einberufung eines großen Staatsrates (Great Council), dessen Zusammensetzung er ganz selbst bestimmt, und in dem alle größeren Entscheidungen abgestimmt werden.

 

Unter dem Monarchen gibt es noch keinen staatsbürgerlichen Untertanenverband. Einerseits besitzt der Monarch die summa potestas, aus der sich der Begriff der Souveränität ergeben wird, wie ihn dann zum Beispiel Jean Bodin untersucht und definiert. Andererseits ist die Situation des Einzelnen noch nicht ahistorisch fixiert, sondern historisch gewachsen und tradiert und darüber wandelbar. Anstelle “der Freiheit”, einer ideologischen Fiktion vor allem der nächsten Jahrhunderte, gibt es weiter viele Freiheiten, Privilegien. Jeder Mensch ist ein sozial besonderer in seiner Gesellschaft, Ansätze zur Masse Mensch entstehen nur in den Großstädten Europas. Diese vielfältigen Rechte sind nach damaliger Auffassung noch unantastbar, nicht der Willkür moderner Herrschaftsinstrumente unterworfen. Das Antasten dieser Rechte wird in der frühen Moderne als Despotie und Tyrannei angegriffen werden, bis diese Kritiker an der Macht dies zur demokratischen Normalität machen werden. Heute gibt es in den europäischen Demokratien keine handfesten Rechte mehr, die nach allgemeinem Rechtsverständnis unantastbar sind.

 

Die englische Gesellschaft am sogenannten Ende des Mittelalters ist weithin immer noch eine fast ohne Staat. Die Abgabenlast der Freien ist im Vergleich zu heute minimal, Kriegsdienst leistet nur der Stand der Krieger, und zwar in der Regel aus freien Stücken, die ländliche Miliz tritt nur auf, wenn eine Invasion an der Küste droht. Die Regulative des Zusammenlebens sind weithin traditionell, Städte und Grafschaften verwalten sich selbst, und die abnehmende Bedeutung des einzigen königlichen Beamten außerhalb der Residenzen, des Sheriffs, deutet auf eine Zunahme der Selbstverwaltung hin, die der Friedensrichter fast in eigener Regie nach Recht und Gesetz veranstaltet. Die Mehrheit der Bevölkerung auf dem Lande, soweit noch in feudaler Abhängigkeit, unterliegt der herrschaftlichen Gerichtsbarkeit, aber die Jury dieser Gerichte, der manor courts, wird von Ihresgleichen (ihren peers) besetzt, und der ehrenamtliche Dorfpolizist, der constable, kommt ebenfalls aus ihren Reihen. Staatlichkeit wird sich bis ins 18. Jahrhundert etwas ausweiten, aber im Kern wird sich in England für die meisten wenig ändern.

 

Ein Musterbeispiel ist die in London ansässige Gesellschaft der „Merchant Adventurers“, von Kaufleuten mit der Lizenz zum Erwerben von Märkten mit allen Mitteln. Sie bekommt mit königlichem Patent das Monopol für den Handel mit Flandern, bis auf den schon vergebenen Wollhandel, mit Auslandssitz erst in Brügge und dann in Antwerpen. Diese Art von Monopolisierung und Kapitalkonzentration wird von einem Bündnis aus Krone und Commons gefördert. Dadurch steigt der englische Tuchexport in der Zeit Henrys VII. um ca. 60 Prozent. Die Krone bekommt entsprechend mehr Ausfuhrzölle und die Produzenten und Händler mehr Gewinn. Leidtragende sind die englische Konkurrenz in anderen Städten und später auch im Ausland. Daneben fördert die englische Krone die lizensierte Piraterie von Freibeutern, die auch in Friedenszeiten unliebsame Konkurrenz auf hoher See beseitigen. Die bekannteren unter Elizabeth I. werden Drake und Raleigh sein. Am Ende werden die Merchant Adventurers alleine etwa anderthalb mal so viel Umsatz machen wie der gesamte ausländische Handel mit England.

 

Der entstehende Staat erklärt schon im Hochmittelalter mit Unterstützung des Parlaments die englische (Schaf)Wolle zu einer Sache von nationaler Bedeutung. Das Unterhaus demonstriert das dadurch, dass sein Sprecher (Speaker) sich im hohen Haus auf einem Wollsack (woolsack) niederlässt; sein „Thron“ repräsentiert sozusagen Englands Reichtum. Dieser Sitzplatz wird durch die Jahrhunderte so heißen, wiewohl er später einem komfortableren Möbelstück weicht.

Krone und Parlament besteuern also die Ausfuhr englischer Wolle, was königliche Einkünfte bringt. Zugleich fördern sie aber die Umstellung von Ackerbau auf Viehzucht, was die Wollproduktion steigert. Als Nebenprodukt beginnt die Vertreibung von immer mehr Menschen vom Land, da Viehzucht wesentlich weniger Arbeitskräfte braucht. Dadurch wird billige Arbeitskraft in andere Gewerbe geschoben und zudem als Soldateska in die Kriegsmaschinerie, mit der neue Märkte und Handelswege geöffnet werden.

 
Zugleich verbilligt die Abgabe auf den Export die Wolle im Inland. Dadurch kann eine englische Tuchindustrie entstehen, die günstiger als zum Beispiel in Flandern oder Mittelitalien wirtschaftet. 1463 verbietet ein Gesetz des Parlamentes die Tuch-Einfuhr vom Kontinent,

 

Solch aggressive Politik fördert ein Nationalbewusstsein, jenes, dass man „als Nation“ nicht nur etwas Besonderes, sondern etwas Besseres sei. Dabei verschmilzt die neue Vorstellung von „Volk“ als Bevölkerung einer Nation (statt Stammes-Volk) mit dem sich mit dieser Nation entwickelnden Staat. King, Lords and Commons sind die Nation, indem das Volk der Engländer durch sie entsteht.
Angeln, Sachsen usw. waren Stämme, die Normannen nehmen ihnen durch feudale Überformung die Stammesform, und das entstehende englische Königtum entwickelt langsam die zentralen staatlichen Institutionen. Jetzt muss Nationalismus aus der „Bevölkerung“ nur noch das „Volk“ neuen Typs erfinden, wozu eine Nationalsprache entstehen muss. In der Regel setzt sie der Markt durch, wo nicht die nackte Gewalt.

 

 

Üben können die Engländer ihr neues Nationalgefühl an der angenommenen Minderwertigkeit der eroberten bzw. unter Kontrolle gehaltenen Cornishmen, Waliser, Iren und Schotten. Hall, der Tudor-Chronist, beschreibt die nicht anglisierten Iren so: „...sie sind wild, bäurisch, närrisch, hart und werden wegen ihres unmanierlichen Benehmens und ihrer rohen Sitten wilde und rohe Iren genannt.“
Seit dem 13. Jahrhundert wird Wales mit Gewalt in das englische Königreich eingegliedert, behält aber zunächst noch seine traditionellen Strukturen. Mit den aus Wales stammenden Tudors wird es zum ersten Mal Brauch, den Thronfolger zum Prinzen von Wales zu machen. Nordengland, zwar germanisiert, aber immer noch am Rande der Machtsphäre der englischen Krone, wird zur Region der Yorkisten in den Rosenkriegen. Henry VII. gelingt es erst langsam, das Gebiet unter seine Kontrolle zu bekommen. Schottland ist bis 1603 unabhängiges Königreich, es kommt aber immer wieder zu gegenseitigen Überfällen.

 

Ziel der englischen Könige wird es, ein „empire“ (imperium) zu bekommen, ein großes, geschlossenes Herrschaftsgebiet, um mit Spanien, Frankreich und dem Kaiserreich, dem „Roman Kingdom“, wie es Engländer nennen, gleichzuziehen. Dies ist einer der Gründe, die Herrschaft über die ganzen britischen Inseln auszudehnen, nachdem inzwischen von den französischen Besitzungen nur noch der Brückenkopf Calais (der Abgeordnete ins Unterhaus entsendet) und die Kanalinseln übrig sind, die noch heute der englischen Krone unterstehen.
Demselben Ziel dient es, John Cabot nach Nordamerika segeln zu lassen, um den kolonialen Ansätzen bei Portugiesen und Spaniern etwas entgegenzusetzen. Cabot und seine Nachfolger werden mit königlichen Patenten ausgestattet, alle nicht von Christen bewohnten Gebiete zu annektieren, als Feudalherren der Krone in Besitz zu nehmen, das Ganze verbunden mit einem Handelsmonopol, dessen Ertrag zu einem Drittel an die Krone fließt. Das ist der Beginn der rücksichtslosen Zerstörung der nordamerikanischen Kulturen im Namen Gottes und der Habgier.

 

Wichtigster Handelskonkurrent auf dem Seeweg sind am Ende des Mittelalters italienische Stadtstaaten, deren Schiffe nun um Gibraltar herumfahren und englische Häfen anlaufen. Die Folge ist anti-italienische Ausländerfeindlichkeit mit Aufruhr und Gewalt in London vor allem. Schon 1498 schreibt ein namentlich unbekannter Italiener aus England: „Sie haben eine Abneigung gegen Ausländer...“. Die Feindseligkeit gegen Fremde wird sich im 16. Jahrhundert dann gegen den neuen Handelskonkurrenten richten: Spanien. Das protestantische England entdeckt danach dann das katholische Frankreich als weiteren Topos der Minderwertigkeit: Franzosen frönen dem Aberglauben, sind sittenlos, frivol und falsch. Deutschland, im Kaiserreich zersplittert in kleinere Fürstentümer ohne nationale Attitüde, kann sich damit bis ins 19. Jahrhundert Zeit lassen.

 

Herrschaft beruht auf Macht, und Macht operiert seit der Völkerwanderungszeit mit der Androhung oder Exekution von Gewalt. Das kann kein König alleine oder vermittels seines persönlichen Haushaltes leisten. Die ursprüngliche Macht übte der König mittels der Gefolgschaft des Adels aus. Mit den Veränderungen der Kriegstechnik und der Entfeudalisierung des Landes tritt der Söldner zunehmend an die Stelle des feudalen Kriegers, aus ihm wird später der Soldat. Das erklärt den Geldbedarf der Krone zum Teil.

 


Seit den Tudors herrscht der König sowohl mit dem Adel als auch mit dem Bürgertum der Städte. Der Hochadel wird an den Hof (court) gebunden und erhält hohe Ämter, die Gentry der Grafschaften bewältigt die alltäglichen Aufgaben von Herrschaft: Als Friedensrichter vor allem. Herrschaft funktioniert so durch Delegierung von Aufgaben übers Land, die der niedere Adel unbezahlt in seiner „Freizeit“ verrichtet, stolz auf seine Teilhabe. Die Städte verwalten sich selbst.
Neben der winzigen an den Hof gebundenen „Verwaltung“ gibt es die von der Krone unmittelbar ausgehende Gerichtsbarkeit mit den hohen Gerichten in Westminster und den niederen der regelmässig herumreisenden königlichen Gerichte, der Assizen, die schwerere Verbrechen jenseits der Staatsprozesse abhandeln. Gefängnisse beherbergen im wesentlichen Leute, die auf ihren Prozess warten.