DIE KRISE DES 14. JAHRHUNDERTS (in Arbeit)

 

Die Krise zwischen 1300 und 1348

Die Pest

Weitere Kommerzialisierung feudaler Strukturen

Frankreich

 

Die Krise zwischen 1300 und 1348

 

Die Krise als Wort kommt erst im sechzehnten Jahrhundert in die deutsche Sprache, und zwar wohl über jene wenigen Gebildeten, die nun etwas häufiger die griechische Sprache erlernen. Da die meisten Menschen kein griechisch verstehen, verliert das Wort im Laufe der Zeit in der Alltagssprache einen Gutteil seiner Substanz. Es leitet sich eigentlich von krinein ab, was unterscheiden und dann auch entscheiden meint. Kritisch sein heißt dann unterscheiden, eben auch differenzieren wollen und können, weswegen Kant seine Texte als Kritiken bezeichnen kann.

Die crisis oder Krise ist dann sinnvollerweise die Unter- bzw. Entscheidung, und das Wort wird dann später auch für entsprechende Wendepunkte verwandt. Krisen des Kapitalismus sind dann die Phasen, an denen aus dem allgemeinen Mehr an Kapital (und das heißt auch Investition) ein Weniger wird, in denen also das heute als Konjunktur bezeichnete Zusammenspiel aller ökonomisch relevanten Phänomene im Sinne des Kapitals am wenigsten funktioniert. Spätestens mit der Krise des 14. Jahrhunderts wird deutlich, dass die Verwertungschancen des Kapitals zyklisch steigen und fallen können und das bis heute tun.

 

 

Die erste Aufschwungphase des Kapitalismus ist auch seine längste. Sie dauert von seinen Anfängen bis ans Ende es 13. Jahrhunderts. In ihr wächst das in Bewegung befindliche Kapital, es wachsen Produktion, Handel und Geldumlauf, Nachfrage und Angebot. Vor allem wächst die Bevölkerung, die sich mehr als verdoppelt.

Das geht solange gut, bis dieses Bevölkerungswachstum nicht mehr durch Landausbau und Intensivierung der Produktion  kompensiert werden kann.

Soweit ist diese Krise eine der Ernährung. Die mögliche Steigerungsrate der Agrarproduktion durch technischen Fortschritt ist gering, nur in wenigen von Boden und Klima begünstigten Gegenden kann sich in dieser Zeit die Produktivität verdoppeln, wie im Artois, wo Viehhaltung und Ackerbau in einem solchen Verhältnis stehen, dass Bodendüngung durch Mist solches erreicht.

 

Ab einem bestimmten Punkt greift auch die marktorientierte Spezialisierung der Landbewirtschaftung negativ ein, wie dort, wo bis zu einem Drittel des Bodens oder mehr für Weinbau zum Beispiel vergeben ist. Anderswo in deutschen und französischen Landen ist ein solch hoher Anteil für den Anbau von Waid als Färbemittel in der Picardie oder in Thüringen oder für den Flachsanbau zur Leinenherstellung vergeben. Die Produktion von Nahrungsmitteln kann nicht mehr mithalten mit den Aufschwüngen in Handel und Gewerbe, die Anteil haben an der Bevölkerungsvermehrung.

 

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts nehmen so regionale Hungersnöte zu, bei denen schon mal lokal oder regional 10% der Bevölkerung in kurzer Zeit sterben.  Das gilt für Frankreich, Deutschland und Italien, und erreicht nach und nach auch die an sich zahlungskräftigen Städte wie Florenz, Brügge oder Barcelona.

 

Mit der Überbevölkerung verringert sich zunächst die Größe der Bauernhöfe, die entsprechend weniger den Markt beliefern können. Immer mehr Leute werden Tagelöhner, andere binden sich an große Grundherrschaften und leisten ihnen dafür Abgaben in Geld. Mit der Korrektur durch den Bevölkerungsrückgang stabilisieren sich dann vor allem Höfe von Großbauern. Mangelnde Arbeitskräfte führen nun zur Ausbreitung der Viehzucht und zu einem tendenziellen Rückgang des Ackerbaus.

 

Das genügt allerdings wohl nicht, um das 14. Jahrhundert zu einer Krisenzeit zu machen. Zur unmittelbar ökonomisch hergestellten Krise, unter anderem gibt es einfach zu viele Menschen auf zu wenig Land, kommen als erheblich erschwerende nicht menschlich erzeugte Faktoren hinzu. Klimaforscher haben herausgefunden, dass die Warmphase, in der der Kapitalismus entstanden ist, mit dem beginnenden 14. Jahrhundert durch eine der Abkühlung abgelöst wird, die bis in die Zeit der Industrialisierung anhält, mit der eine nunmehr (auch?) menschengemachte neue Erwärmungszeit beginnt.

Die kühleren Temperaturen führen dazu, dass die Wachstumsperiode für Getreide insbesondere auf höher gelegenen Rodungen des frühen und hohen Mittelalters zu kurz ist, weswegen dort Ackerland wieder aufgegeben wird. Man sät hier nun Wald aus oder lässt ihn einfach wieder wachsen. Orte werden aufgegeben und zu "Wüstungen". Die Erträge sinken darüber hinaus in den Niederungen Englands zunächst dort, wo wie im Dartmoor oder in Höhenlagen unergiebige Böden verlassen werden, aber auch in solchen Frankreichs und der deutschen Lande.

 

1309/10 und 1315-22 kommt es außerdem durch die Witterung vor allem in der Nordhälfte Europas zu verheerenden Missernten mit entsprechenden Hungersnöten. Die Getreidepreise steigen enorm an und die Reallöhne sinken. Rund 10% der Bevölkerun sterben in den betroffenen Großregionen an Hunger und geschwächt dadurch an Krankheiten.

Die great famine Englands, die große Hungersnot beginnt mit einer Missernte 1314, auf die zwei Jahre zu feuchtes Wetter und geringe Ernten von 50-60% der normalen Erträge vor allem im Ostengland folgen.Solche Ernten schaffen es höchstens, das Saatgut zu ersetzen, aber kaum mehr als die Familien der Herren zu ernähren. Die Preise steigen ganz erheblich, auf das drei-bis vierfache bei Weizen und Gerste. Eine einzige gute Ernte schafft es dann erst , die Preise im Folgejahr wieder zu senken. 1321/22 kommt es erneut zur Missernte. Stellenweise werden in diesen Jahren in England nur 20-30% üblicher Ernteerträge erreicht.

 

Es kommt zu immer neuen Viehseuchen, zunächst zu einer Rinderpest in Nordwesteuropa zwischen 1315 und 1325, die in England 1319-21 wütet, und dann zu einer solchen, die die englischen Schafherden deutlich verringern.  "In England und Wales fielen ihr vom April 1319 bis September 1320 63% der Ochsen und Kühe zum Opfer. Die für Ackerbau und Traktion unentbehrlichen Tiere fehlten in der Folgezeit: Englische Herren benötigten 30 Jahre, um ihr Vieh auf die Zahlen von vor 1319 aufzustocken." (Gilomen, S.101)Das genügt allerdings wohl nicht, um das 14. Jahrhundert zu einer Krisenzeit zu machen.

Regen verhindert Heuernten, vermindert die Produktion von Torf als Heizmaterial und die von Salz, welches damit zum Teil für die Hltbarmachung von Lebensmitteln ausfällt. Die Preise sinken in der Nordhälfte Europas nur für Ochsen und Zugpferde, die Bauern verkaufen, um an Bargeld für Getreide zu gelangen. Aber die Nachfrage ist hier geringer als das Angebot.

 

Lohnarbeit wird aus Geldmangel weniger nachgefragt, Waren der Handwerker und Händler ebenfalls und aus demselben Grund. Vielfach sinken auch die Preise für kleine Stücke Land, die nun für Lebensmittel-Einkauf verkauft werden sollen, aber zu wenig Nachfrage erzeugen. Diebstähle nehmen zu, besonders von Lebensmitteln, und die Herren senken ihre Forderungen an die Bauern, um sie nicht zu verlieren. In England alleine wird geschätzt, dass in diesen Jahren eine halbe Million Menschen stirbt (Dyer, S.233). Nachdem diese große Hungersnot vorbei ist, kann dann allerdings eine neue Generation junger Bauern an das Land gelangen, jung heiraten und jung Kinder bekommen. Die wiederum bekommen jung Kinder in den 40er Jahren, bis es dann zur großen Pest kommt. Allerdings wird weiter über ausgemergelte und unfruchtbare Böden geklagt und über weitere Erkrankungen von Schafen.

 

Katalonien und Aragón nennt 1333 lo mal any premier mit schweren Missernten und Hungersnöten, die sich bis 1348 wiederholen und durch einen Krieg mit Genua um Sardinien verschärft werden.

 

Nach 1340 kommt es in der Nordhälfte Europas zu einer Serie von nasskalten Sommern. In England wird viel Ackerland durch Überflutungen an Flüssen und an der Küste verloren. 1342 kommt es auch in Mitteleuropa zu schlimmen Überschwemmungen, wie sie von der Elbe, dem Rhein und Main und der Donau berichtet werden.

Insgesamt verringert sich das Ackerland, die Getreideproduktion, die agrarische Produktivität insgesamt und der Getreidepreis zwischen 1300 und 1348.

 

Die geringeren Einnahmen auf dem Lande veranlassen die großen Lords, ihre Domänen zumindest teilweise zu verpachten, kleinere und abgelegenere ganz. Sie kaufen auch kaum noch Land hinzu, sondern suchen nach anderen Einnahmequellen wie zum Beispiel städtischen Immobilien. Allerdings sinken auch dort Mieten und Pachten in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, wie für London, Westminster und Oxford zum Beispiel belegt ist.Die Bauern wiederum nutzen von Ackerbau befreites Land für Viehzucht, insebsondere können sie so ihre Schafherden vergrößern.

Die Wollexporte Englands gehen aber durch das ganze Jahrhundert tendenziell zurück, genauso wie die Importe von Wein. Schon zwischen 1290 und 1320 geht die englische Tuchproduktion zurück, anfänglich auch wegen der überlegenen flämischen Konkurrenz. Erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts blüht sie wieder auf. Die Bauwirtschaft erlahmt dann in der Krisenzeit fast ganz.

Zuerst git es also die Agrarkrise und in deren Gefolge die urbane: Die Nachfrage für handwerkliche und Handelsgüter geht zurück, darauf kaufen die Städter nur noch das Nötigste an Nahrung und immer weniger Rohmaterialien für die städtische Produktion. Selbst der Adel spart. Eine Spirale nach unten bedeutet dann modern gesprochen Depression.

 

Andere Faktoren begleiten eine Krise, die Grenzen des Wachstums aufzeigt. Die Silbervorräte zur Münzprägung decken in großen Teilen Europas und vor allem auch in England nicht mehr die Nachfrage. Silber wird gehortet, in Geschirr und Schmuckwaren angelegt; viel Silber fließt in den Handel mit dem Orient ab. In England muss die vom Parlament genehmigte Steuer von 1340 zum großen Teil wieder in Naturalien eingesammelt werden.

England führt zwischen 1290 und 1350 fast jedes Jahr Krieg, was Unsummen an Sold alleine verschlingt. Schottische und englische Heere verwüsten große Landstriche jeweils auf den angrenzenden Großregionen und entsprechend treiben es englische und walisische Heere.  Dann kommt es 1338 zum großen Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich. Diese Kriege allein kosten via Steuern zwischen 1290 und 1348 die Bevölkerung 1 600 000 Pfund, was allerdings nur rund 2% des gesamten erwirtschafteten Geldes in dieser Zeit ausmacht, denn alleine die größeren weltlichen und gesitlichen Herren und Klöster erwirtschaften in dieser Zeit zusammen jährlich um die 600 000 Pfund (Dyer, S.257). Zudem ziehen lokale Leute die Steuern ein, lassen sich wohl des öfteren bestechen und belasten so eher die kleinen Leute als die höheren Herren vor Ort.

 

Die Pest

 

Schließlich erreicht  die Pest im Herbst 1347, von genuesischen Schiffen aus Kaffa auf der Krim eingeschleppt, Sizilien. Sie war zum letzten Mal zuvor im 6./7. Jahrhundert in Byzanz aufgetreten und die damals gewonnenen Kenntnisse waren fast völlig verloren gegangen.

Im März 1348 erreicht sie Venedig, wo die Hälfte der wohl etwa 100 000 Einwohner in Kürze sterben. Im April ist sie in Perugia und im Juni in Trient.

1348 kommt sie auch in Marseille an, ist schon im Januar in Avignon und im August in Paris und um dieselbe Zeit auch in England, wo sie die Bevölkerung, wenn auch regional unterschiedlich, in etwa von fünf Millionen auf zweieinhalb bis 1377 halbiert. Bis 1250 wütet sie in Schottland.

Sie bedroht dabei in ganz Europa eine oft von den Hungersnöten schon geschwächte Bevölkerung. Flandern wird erst 1349 erreicht und die übrigen deutschen Lande scheinen in einigen Regionen von der ersten Pestwelle ausgenommen zu sein.

Einige Gegenden insbesondere auf dem Lande bleiben ohnehin fast völlig verschont, während wohl aufgrund der Ansteckungswege über den Rattenfloh das engere Zusammenleben in den größeren Städten Menschen mehr gefährdet. Offensichtlich werden die Ärmeren auch stärker bedroht als die Oberschichten, die zum Teil aufs Land fliehen.

Immerhin, von geschätzten 12 000 Einwohnern Bremens sollen 1250 etwa 7 000 an der Pest gestorben sein, in Lübeck etwa ein Viertel der Bevölkerung im selben Jahr.

 

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die kleine Oberschicht großgrundbesitzenden Adels mit seinen Wohnsitzen auf Abstand zur übrigen Bevölkerung am wenigsten betroffen wird, in England stirbt nur gut ein Viertel der tenants-in-chief. Städtische Oberschicht flüchtet in Boccaccios 'Decamerone' aufs Landgut.

 

Die Zahlen sind auch in Spanien wie überall mit Vorsicht zu genießen. Pedro IV von Aragón spricht für die erste Pestwelle von rund 300 Toten täglich in Valencia, ein arabischer Autor spricht von 1500 Toten an einem Tag . Auf der Ebene von Vich in Katalonien sollen von 16 000 Menschen nach der ersten Epidemie 5000 übrig geblieben sein. (alles in: Manzano, S.582).

 

Was die erste Pestwelle nicht schafft, erreichen die nächsten größeren 1357-62, 1370-76 und 1380-83. Bis dahin soll die Pest in Europa insgesamt etwa ein Drittel der Bevölkerung hinweggerafft haben, in Hamburg die Hälfte der Bevölkerung, in Montpellier sogar um die 80%. Die Zahlen bleiben aber meist eher ungenau. Zwischen 1350 und 1500  werden noch einmal insgesamt 26 Pestwellen verzeichnet.

Zu alledem kommen die üblichen Epidemien ansteckender Krankheiten: Dysenterie, Grippe, Tuberkulose. Immerhin nimmt nun langsam bis Ende des Mittelalters die Lepra etwas ab.

Zusammen mit den Hungersnöten und den Kriegen der Zeit führt das zu einen ganz erheblichen Rückgang der Bevölkerung und das wiederum zu einer allgemeinen Rezession.Wie hoch der Anteil der einzelnen Faktoren, zu denen auch die anderen und üblicheren Epidemien gehörten, war, lässt sich heute kaum noch feststellen.

 

In Frankreich kommt es zu allem Unheil im sogenannten Hundertjährigen Krieg zu immer größeren Verwüstungen vor allem auf dem Lande. Bauern flüchten in die Städte. Die Zahl der Haushalte besonders auf dem Lande halbiert sich in dieser Zeit. Es wird wegen der andauernden Unsicherheit immer weniger Getreide ausgesät. Schließlich nimmt die Kinderlosigkeit von Paaren rapide zu, die manchmal fast jedes zweite Paar erfasst.

 

Wie man sehen kann, hat die Krise des 14. Jahrhunderts, die bis weit ins 15. hineinreicht, Besonderheiten, die sie von den zyklischen  Depressionen vom 19. bis zum frühen 21. Jahrhunderts etwas unterscheiden. Besonders aber ist zu vermerken, dass sich die Krise des 14. Jahrhunderts auf allgemeine Ursachen wie die Überbevölkerung und die  Klimaverschlechterung für den Norden und dann aber lokale und regionale Wetterkatastrophen besonders dort verteilt, die sich in verschiedenen Gegenden Europas und zu verschiedenen Zeiten eher unterschiedlich auswirken. Dasselbe betrifft die Wanderbewegungen der Seuchen, die jeweils unterschiedliche Gegenden zu verschiedenen Zeiten besonders betreffen.

 

Allgemein lässt sich sagen, dass Bevölkerungsminderung in vollentwickelten kapitalistisch-vernetzten Strukturen Rezession bedeutet. Im Mittelalter ist das alles regional und nach Wirtschaftszweigen noch wesentlich diversifizierter. Die Regel sagt, dass dort, wo gerade das Massensterben stattfindet, die Produktion von allgemein gehandelten Getreide weniger gesenkt wird als die städtische Nachfrage danach, und so sinken die Getreidepreise wie übrigens alle in die Ferne gehandelte Lebensmittelpreise. Sie funktioniert allerdings in England erst mit der Verzögerung einer Generation und nach mehreren Pestwellen ab etwa 1375.

 

Dabei wird vor allem der niedere Adel geschädigt, der zur Rentenwirtschaft übergegangen war und dafür feste Verträge vergeben hat, die mit der Geldentwertung und insbesondere den sinkenden Getreidepreisen nicht mithalten. Der Mangel an Nahrungsmitteln hilft aber dann einer kleinen Schicht von überlebenden Großbauern, die auf dem Dorf in ihrer Lebenshaltung sogar einige adelige Nachbarn zu übertreffen beginnen. Solchen Großbauern gelingt es oft, sich mehr als die Hälfte des gesamten Grundbesitzes im Umfeld ihrer Dörfer anzueignen. Wenn dann Fürsten und Adel versuchen, der Krise durch erhöhte Abgaben zu begegnen, kann es zu Bündnissen von Bauern und Bürgern kommen.

 

Für den Adel bedeutet das krisengeschüttelte 14. Jahrhundert, dass ihre Einkommen aus Renten sinken, während ihre Ausgaben ehersteigen.

manchmal den Abstieg, manchmal auch den Weg in ein Zubrot durch den Fürsten- bzw. Königsdienst. Ein stattlicher Teil der alten Adelsfamilien verschwindet dabei ganz, und neue entstehen durch den Aufstieg großbürgerlicher Familie.

Wenig betroffen sind die vielen überlebenden Kleinbauern, die ohnehin weiter vorwiegend Selbstversorgung betreiben, wie überhaupt die überlebenden kleinen Landhalter und Lohnarbeiter. Letztere profitieren von höheren Löhnen und billigeren Lebensmitteln, erstere zudem von sinkenden Pachten.

 

Das Massensterben verringert in den betroffenen Städten nicht nur die Schar der Konsumenten, sondern auch das der Konkurrenten um Konsumgüter. Diese werden dadurch für eine gewisse Zeit billiger, was nicht nur Getreide, sondern auch Fleisch und Textilien betrifft. Das Massensterben erhöht soweit das Konsumniveau in den Städten nach dem Abklingen der Seuche. Dazu steigt nach dem Schrecken der Luxuskonsum als Reaktion.

 

Verringert wird in Städten die Zahl der produktiv und distributiv arbeitenden Bevölkerung. Das verteuert für das Kapital in der Stadt zumindest nominell den Faktor Arbeit, der sich auf dem von Seuchen weniger betroffenen Land eher verbilligt. Die Masse der überlebenden Städter besonders im produktiven Bereich hat bei darum steigenden Einkommen und fallenden Getreidepreisen nun die Chance auf mehr Konsum auch in anderen Bereichen, was insbesondere die Nachfrage nach Fleisch erheblich steigert.

In England. Frankreich bis nach Katalonien und Aragon versuchen die Könige darum Höchstlöhne festzusetzen und zahlreiche Städte tun desgleichen. Damit  reagiert man aber auch gelegentlich "auf bloß nominale Lohnsteigerungen, die oft durch Inflation sogar überkompensiert wurden", was besonders England und die Niederlande betrifft. "Erst in der Deflationsphase erhöhten sich die Reallöhne kräftig, wohl nicht aufgrund von Arbeitskräftemangel, sondern wegen der Währungspolitik", meint Gilomen (S.102). Löhne sind aber ohnehin ein noch relativ geringer Faktor in der ersten Blütezeit des Kapitalismus und bis durch die Krise hindurch.

 

Das Massensterben auf dem Lande ist geringer, schlägt sich aber auch hier in den Kosten für zunehmende Lohnarbeit im Bereich des Ackerbaus nieder. Viehzucht und Weidewirtschaft sind weniger arbeitsintensiv und ihre Endprodukte werden stärker nachgefragt, nicht nur Fleisch, sondern auch die (englische) Wolle in den Textilstädten Flanderns zum Beispiel. Nicht nur, aber mehr als anderswo insbesondere in England verdrängt das Schaf und das Rind nun den Ackerbau.

Bauvorhaben werden vorübergehend eingestellt, die Bleiförderung in Denbighshire stoppt wohl mangels Arbeitern 1349, in Cornwall wird für längere Zeit nur noch ein Viertel des Zinns aus der Erde geholt.

 

Am Königreich Aragón lässt sich ablesen, wie die nachlassende Gewinnträchtigkeit der Nahrungsproduktion durch städtisches Gewerbe aufgefangen wird. Die Werften bauen während der Jahre um 1348 weiter Galeeren, Karavellen und Brigantinen und ein neues Lonja-Gebäude (Börse) entsteht. Das Handwerk differenziert sich weiter, immer neue Zünfte entstehen zum Beispiel in Barcelona, und die Zahl der gewerblichen Konsumwaren durch Tendenz zur Massenproduktion nimmt zu. Damit steigt auch zum Beispiel die Produktion von Leinen und Safran auf Kosten der Nahrungsproduktion.

 

Neben die Krise durch Bevölkerungswachstum, Klima, Wetter und Seuchen tritt eine solche des Handels. Verursacht wird sie durch seine räumliche und umfängliche Reduzierung, die die Eroberungen der Mamelucken und der Fall der Kreuzfahrerstaaten ebenso wie der Vormarsch der Türken durch Anatolien und die inneren Krisen im Mongolenreich hervorrufen. China, Indien und Persien liefern nun immer weniger Waren. Die Schwarzmeer-Region bietet nun nur noch Waren aus ihrem Raum, nicht mehr aus einem ferneren Osten.

Dazu kommen Kriege zwischen den Handel treibenden norditalienischen Stadtstaaten und der Hundertjährige Krieg. Diese allgemeine Handelskrise wirkt sich aber nicht überall gleichermaßen aus: Die englische Wollausfuhr bleibt in dieser Zeit noch fast stabil.

 

Bequemer zwar, aber noch risikoreicher als der Handel entwickeln sich die Finanzgeschäfte im 14. Jahrhundert. 1298 kommt es zum Bankrott der Bonsignori von Siena, 1300 zu dem der Ricciardi von Lucca, dann dem der Ammanati und der Chioventi von Pistoia.

Damit steigen die Florentiner Finanzgeschäfte auf, die zunächst noch nur eine Sparte der Firmengesellschaften darstellen, die aus aktiven Gesellschaftern und inaktiven Depositeneinlegern bestehen. Einige wie die Gianfigliazzi zwischen 1283 und 1325 spezialisieren sich schon ganz auf Finanzgeschäfte. "Sie liehen Geld an Herren und Städte im Südosten Franreichs, in der Dauphiné und in der Provence. Sie waren Bankiers der Dauphins, der Grafen von der Provence und des Königs von Sizilien." (Gilomen, S.112)

 

"Die Mittel der Gesellschaften bestanden aus dem eingeschossenen Kapital der Teilhaber und aus Depositen Außenstehender, die mit 6 bis 10% fest verzinst wurden. Dadurch kamen riesige Summen zusammen: Eine der Bardi-Gesellschaften schloss ihre Bilanz 1318 mit Aktiven von 875 000 Florentiner Goldgulden. Da die Gesellschaften sich verpflichteten, die Depositen jederzeit auf Sicht unverzüglich zurückzuzahlen, waren sie hilflos, wenn plötzlich viele Depositäre ihr Geld wiederhaben wollten. Als sich die Florentiner Gesellschaften 1342 mit Robert von Neapel politisch entzweiten und bekannt wurde, dass sie die sogenannte guelfische Allianz verlassen wollten, trieb der Ansturm auf die Kassen zuerst die kleinen Gesellschaften in den Bankrott. Die Peruzzi und die Bardi hatten durch enorme Anleihen dem englischen König beim Ausbruch des Hundertjährigen Krieges seinen Kampf gegen Frankreich finanziert. Da die Feldzüge des Engländers scheiterten, war er nicht in der Lange, seine Schulden unverzüglich zurückzuzahlen. Die allgemeine Panik erfasste nun auch die Depositäre der großen Gesellschaften, deren riesige Guthaben bem englischen König unwiderbringlich waren. Der Untergang der kleineren Gesellschaften riss so auch die größeren mit sich. Die Acciaiuoli, die zudem auch sehr stark in Neapel engagiert waren, gingen 1343 ebenso wie die Peruzzi in Konkurs; die Bardi folgten 1346. 350 Florentiner Gesellschaften sind zwischen 1333 und 1346 bankrott gegangen, darunter hunderte kleinere Unternehmen, die in das wirtschaftliche Desaster hineingezogen wurden." (Gilomen, S.112)

 

Die Lombarden und Juden mit ihren kurzfristigen Krediten zu hohen Zinsen prägen den Geldmarkt mit ihren Zinsen von 20-40% nicht mehr und sind überhaupt unrentabel für Investionen, die nie solche Renditen erwarten lassen. Gerade noch so akzeptabel für das Geschäft sind dagegen mit ca. 15% Jahreszinsen ausgestattete Finanzwechsel. Dort wo die Juden vertrieben werden, treten dann Franziskaner an ihre Stelle mit christlich verbrämten Darlehensbanken, die in Italien dann fromm monte di pietà genannt werden.

 

Was die kapitalistisch strukturierte Wirtschaft aber wieder ankurbelt, ist als Resultat der Krisen ein Überangebot an Krediten, welches die Zinsen sinken lässt.

 

Einen Sonderfall im Finanzgeschäft stellt die zunehmende Kreditfinanzierung städtischer Haushalte dar, die die steigende Abgabenlast der Untertanen eingrenzen soll, aber auch zur manchmal extremen Verschuldung der Stadt führt. Nicht nur in Florenz wird das Leihen von Geld an den Stadtstaat dabei zu einem für die reichen Beteiligten zu einem lukrativen und relativ sicheren Geschäft, welches eine Rentiersmentalität weg von unternehmerischem Risiko nach sich zieht. Aus solchen Staatsanleihen werden dann Pflichtanleihen, und die großen privaten Kreditgeber schließen sich zu Interessengemeinschaften wie seit 1407 zur Casa di San Giorgio in Genua zusammen, der dann auch die Verwaltung der indirekten Steuern anvertraut wird. Die Casa wandelt sich schnell zu einer Bank, deren Anteile als Dividenden an die Eigner ausgezahlt werden und nimmt damit Elemente einer Aktiengesellschaft vorweg,

 

Stagnation tritt im Bereich technischer Neuerungen ein, die ohnehin noch ganz weit entfernt sind von dem Tempo, dass sie im 19. und 20. Jahrhundert erreichen. Das mag aber auch etwas damit zu tun haben, dass im späteren Mittelalter erst einmal wieder die Bevölkerungsdichte und der Warenumfang von vorher erreicht werden müssen. Das schon im 13. Jahrhundert an einigen Orten verbreitete Spinnrad wird im 14. Jahrhundert immerhin überall Standard.

 

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Auf vielerlei Weise vergrößert die Krise des 14. Jahrhunderts das Proletariat der Besitzlosen, was Besitz- und Kapitalkonzentration fördert und zur Flucht vom Land in die Städte führt. Damit werden bis Mitte des 15. Jahrhunderts die sinkenden Bevölkerungen der Städte fast wieder kompensiert. Daneben werden die zunehmenden bäuerlichen Unterschichten auf dem Lande aber auch durch eine Zunahme des Verlagssystem gehalten, die zum Teil dann nicht mehr Zubrot, sondern Haupterwerb wird.

 

Städte reagieren auf den Bevölkerungsverlust "politisch" durch eine bewusste Politik, die sie attraktiver machen soll. Dazu gehören deutlichere Hygienevorschriften, aber auch Verschönerungspraxis durch Pflasterung von Hauptstraßen und Plätzen. Andererseits wird das Land unsicherer durch Räuberbanden aus dem Proletariat und Raubrittertum des niederen Adels, welcher damit Einkommensverluste kompensieren möchte.

 

Insgesamt wird die Zeit zwischen der Mitte des 14. und des 15. Jahrhunderts als eine rapider Veränderungen erlebt, die tief in den Alltag vieler Menschen eingreifen. Im Mitteleuropa nehmen Totentänze zu, religiöse Schauspiele und Geißlertum reagieren darauf, ebenso wie antijüdische Ressentiments bis hin zu Pogromen und Vertreibungen zunehmen.

Literarische Verarbeitung der Florentiner Pest durch Bocaccio deutet aber an, dass das Leben weitergehen wird. Eine multimedial geförderte Massenhysterie, wie sie in solchen Fällen heute in den Metropolen des Kapitals ausbricht, gibt es nicht, der Tod ist noch nicht so ausgegrenzt wie heute und darum auch nicht so erschreckend. Es gibt auch keine Glücksversprechen wie im allgemeinen Massenkonsum heute, die von irgendeinem Schicksal bedroht werden.

Vielleicht haben die Seuchen auch einen Einfluss auf hygienischere Verhältnisse in den Städten, wo man mancherorts schon vorher begonnen hatte, den Abfall auf kommunale Müllkippen zu transportieren, die Schweine und ihren Kot aus den Straßen zu vertreiben und über Rohrleitungen saubereres Wasser in die Städte zu leiten.

 

In England zeigt sich, dass nicht die Pest selbst, im Moment ihres Auftretens sicher erschreckend, sondern die deutlichen Umwälzungen des 14./15. Jahrhunderts, in denen sich Ständeordnungen und feudale Strukturen als hohle Hüllen erweisen, die Leute beunruhigen, obwohl wir dabei vor allem auf Autoren wie Chaucer, Gower und Langland als Quellen angewiesen sind, von denen allerdings zumindest der letztere dann schriftlich wie mündlich weiter verbreitet wird.

In dem halben Jahrhundert nach der Pest schreibt ein ansonsten eher unbekannter William Langland mit 'Piers Plowman' in mehreren Versionen eine Geschichte über einen vorbildlich braven und frommen Ackerbauern mit einem sehr kleinen Feld, der sich unter anderem mit einem Ritter vertraglich verbindet, für diesen zu arbeiten und von ihm wiederum Schutz zu erhalten und die Landarbeit störende Tiere zu jagen. Die beunruhigende Gegenwelt sind gierige Landarbeiter, Bettler, die eigentlich arbeiten könnten und eine Schar von Kleinkriminellen. Eine vergangene, harmonisch und fromm erscheinende Vergangenheit trifft auf eine neue Welt, in der Herren und Arbeitskraft inzwischen wie auf einem Markt verhandeln und die produktiv Arbeitenden durch Konsumgier allen möglichen Sünden verfallen.

 

Um 1390 schreibt Gower: The world is changed and overthrown / That it is well-nigh upside down / Compared with days of long ago. Es geht hier nicht um "Mentalitäten" einer "Geistesgeschichte", sondern um Reaktionen auf die Destabilisierung der lateinischen Welt durch Bewegungen des Kapitals, deren Resultate als Unordnung wahrgenommen werden. Wie weiterhin bis heute kommt dabei keine Kapitalkritik auf, sondern eher Erlösungssehnsucht, die da, wo sie sich nicht religiös äußert, anfängt zu politisieren und sich dabei als eher rückwärtsgewandt erweist.

 

Weitere Kommerzialisierung feudaler Strukturen

 

Im vierzehnten Jahrhundert lässt sich ganz allgemein sagen, dass die feudalen Strukturen komplett kapitalistisch durchsetzt sind, - sie sind die äußere Hülle für ein ganz andersartiges Innenleben.

Für das Kaiserreich schreibt Patzold: "Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts beispielsweise begannen die Könige aktiv und gezielt, auch Bürger in den Reichsstädten mit Lehen auszustatten und sich so als Kronvasallen zu verpflichten. Nutznießer dieser Politik waren nicht allein die Angehörigen des Patriziats, sondern auch zahlreiche Handwerker und Familien, die nicht ratsfähig waren. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurden Bürger sogar zur zweitstärksten Gruppe unter den Kronvasallen. Auf diese Weise etablierten die Könige Beziehungen zur Elite innerhalb von Reichsstädten und gewannen kapitalstarke Finanziers." (S.109)

Solche Bürgerlehen sind besonders teuer zu erlangen, betragen manchmal den Jahresertrag des Lehens (Patzold, S.111f) Diese Bürger zogen natürlich nicht selbst in den Krieg, sondern finanzierten ihn als Lehnsmannen.

Als Rentenlehen können die Einkünfte aus Zöllen, Steuern oder ähnlichem verliehen werden, für die dann militärischer Vasallendienst zu leisten ist, was sie zu einer Art Sold nach Lehnsrecht macht (Patzold, S.112) Solche Rentenlehen können durch eine Einmahlzahlung oft in Höhe des zehnfachen Jahresbetrages abgelöst werden. Davon soll dann der Mann ein Eigengut kaufen und dem Herrn zu Lehen auftragen, oder aber ein schon vorhandenes Eigengut zu Lehen auftragen, "dass daraus ein Jahresertrag in Höhe eines Zehntels der Ablösesumme erzielt werden" kann (Patzold, S.113).

Hat ein Herr Schulden, kann er entweder ein Pfandlehen geben, welches bis zur Rückzahlung der Schuld dauert, oder aber ein Zinslehen.  Im Grunde kann alles mit einem Marktwert als Lehen vergeben werden. Wie sehr feudale Strukturen in kapitalistische integriert sind, zeigt nicht zuletzt auch die Tatsache, dass selbst an nun gar nicht wehrfähige Bauern Zinslehen vergeben werden können, in denen ebenso wie in Bürgerlehen Geldleistungen die militärischen ersetzen.

 

Längst ist nicht mehr nur die fürstliche und adelige Nachfrage nach Konsumgütern Motor der Entwicklung, sondern die königliche und fürstliche Nachfrage nach Geld, mit dem Kriege zu führen sind. Dort, wo überhaupt noch Abteilungen von Vasallenheeren neben den zunehmenden Söldnerverbänden in den Krieg ziehen, müssen diese immerhin für den Krieg versorgt und ausgerüstet werden, auch wenn der eigentliche Militärdienst dann als Verpflichtung geliefert wird.

 

Inzwischen hat das Lehnswesen sich auch in noch einem Punkt deutlich geändert. Territorialherren entsenden nun "zunehmend Beamte und gelehrte Juristen in die Lehnskurie, die sich somit zu einer herrschaftlichen Behörde für alle Lehnsstreitigkeiten " wandelt. (Spieß, S.37)

 

 

Frankreich

 

Johann II: Die Regentschaft unter dem in London gefangen gehaltenen König führt der junge und unerfahrene Thronfolger Karl. Aus Geldnöten einberufene Ständeversammlungen lösen sich ab, und der schwerreiche Führer der Seinekaufleute, Étienne Marcel, kann seine Forderung nach Beteiligung von Ständevertretern am königlichen Conseil durchsetzen, was der König in London strikt ablehnt. 

Nun verbündet sich Karl von Navarra mit den von Marcel angeführten Pariser Bürgern. Eine Menge dringt in den königlichen Palast ein und ermordet hohe Militärs. Karl flieht aus seiner Hauptstadt.

Johann verhandelt in London über seine Freilassung gegen enormes Lösegeld und die Abgabe von Touraine, Anjou, Maine und Normandie an Edward. Das verwerfen die französischen Stände. Indem sie "Johanns Abreden mit dem englischen Hof verwarfen, unterschieden sie die Belange des Monarchen von denen des Staates und machten sich unter Führung des Regenten zu Sachwalter des Gemeinwohls." (Ehlers, S.233)

 

Karl V: Im Verlauf des späteren Mittelalters war aus der früheren Ständetheorie eine ständische Ordnung der königlichen Untertanen hervorgegangen. Der Adel gliedert sich nun dabei ganz stark in die Fürsten königlichen Geblütes, die Fürstentümer als Apanagen (appanagium) erhalten, darunter die etwa 350 Barone (Johanns II.) darunter diejenigen Ritter, die nicht zu den obersten Strata dazugehören, um die 3000 im ganzen Königreich, und darunter jene vielleicht 30 000, die auf den immer teurer zu erringenden Rang eines Ritters verzichten, aber als écuyers wie Ritter kämpfen, auch wenn sie deren Lebensstandrad immer weniger halten können.   

Den Adel zu kontrollieren versucht der König nun durch immer weitgehendere Einschränkung des Fehderechtes und Kontrolle über die Burgen im Reich. Durch Adeligung verdienter Beamter entsteht ein Amtsadel, der sich vor allem aus Juristen zusammensetzt. Andererseits werden zunehmend Connétable, baillis und senéchaux vom Conseil gewählt, was dem Adel Einfluss gibt, und das Parlement gewinnt Selbständigkeit dadurch, dass es neue Mitglieder kooptiert, für die ein Universitätsabschluss Voraussetzung wird.

 

Während das Bürgertum so einerseits durch Karrieren an den König gebunden wird, werden andererseits die Stadtverwaltungen immer mehr durch königliche Beamte besetzt. Das bedeutet politische Entmachtung des dortigen Bürgertums bei gleichzeitiger Förderung ihres Wirtschaftens.  

 

Aus den Apanagen werden häufig Herzogtümer, die dazu tendieren, sich zu verselbständigen. Am deutlichsten wird das mit dem Herzogtum Burgund, welches 1363 König Johanns vierter Sohn Philipp, bald als "der Kühne" apostrophiert, erhält. Der Thronfolger selbst erhält das Herzogtum Vienne, welches auch als delphinatus (Dauphiné) bezeichnet wird, Hundert Jahre später wird der Thronfolger dann unabhängig von seiner Apanage als Dauphin bezeichnet.

Diese Fürsten königlichen Geblütes führen eigene Verwaltungen nach dem Muster der königlichen ein, müssen aber Teile der Einkünfte und die Ernennung der Bischöfe beim König belassen.

 

Karl VI: Für den minderjährigen König üben die Herzöge von Anjou, Berry, Burgund und Bourbon die Regentschaft aus. Nachdem Ludwig von Anjou den Kronschatz an sich gerissen hat, scheidet Johann von Berry aus dem Machtkampf der Regenten aus und Philipp der Kühne ist vor allem mit Flandern befasst. Institutioneller Kern des Staatsgebildes ist inzwischen das überwiegend aus Juristen und Verwaltungsbeamten zusammengesetzte, amtsadelige Parlement.

 

Burgund um 1400: Mit einer zunehmend zentralisierten Verwaltung, mehreren redionalen Parlements und für die Zustimmung für Steuern zuständigen Stände entsteht ein modernes Reich mit staatlichen Strukturen ähnlich wie in Frankreich. Die flämische Justiz bleibt aber dezentraler aufgebaut. Der Herzog regiert meist vom Hôtel d'Artois oder von Conflans aus. Eine große Hofhaltung unter einem Kanzler für das neue Gesamtreich strahlt modewirksam überall hin aus.   

 

1461 krönt Philipp von Burgund den Dauphin nach dem Tod des Vaters. Die Staatsraison wird endgültig zu einem über aller Moral stehenden Wert, was sie seitdem auch überall geblieben ist. Gegen ihre Entrechtung wehrt sich ein Teil des Hochadels in der 'Liga des öffentlichen Wohls', mitbetrieben von Karl "dem Kühnen", dem auf das Charolais verwiesenen Sohn Philipps "des Guten". Als dieser mit einer List die Gunst seines Vaters zurückgewinnt, lässt der ihn gegen Frankreich marschieren, während Johann von Bourbon in seinem Bereich die königlichen Beamten verhaften lässt.

Ludwig kann Paris halten und bietet dafür die Aufnahme von Vertretern der Bürgerschaft, des Parlements und der Universität in den Conseil. Der Fürstenopposition können Zugeständnisse gemacht werden. 

 

Ludwig XI: Bis auf die Bretagne verlieren nun die Apanage-Fürstentümer wesentliche Herrschaftsrechte, die auf den König übergehen. Die französischen Stände werden nach Möglichkeit nicht mehr einberufen und der Staat, repräsentiert durch den König, breitet sich wie eine riesige Krake mit ihren unzähligen Fangarmen über das Land aus, das, was in deutschen Landen die einzelnen Landesfürsten betreiben, während der englische Weg anders verläuft.

Die Städte werden nun politisch vollständig entrechtet, der König ernennt Magistrate oder versucht sie ganz durch seine Beamten zu ersetzen.

 

 Als der kranke König sich schließlich aus seiner Hauptstadt nach Plessis-lès-Tours zurückzieht, läuft der Staatsapparat wie von alleine weiter.

während Karl VIII. minderjährig ist. 1484 werden die Generalstände nach Tours gerufen und schlagen einen Conseil als Staatsrat vor, in dem die Adelsopposition gegen die immer totalitärere Herrschaft des Königs nicht vertreten ist. Schließlich einigt man sich auf einen Kronrat aus einer gleichen Anzahl von Vertretern der drei états. die der König berufen soll.

 

Burgund um 1400: Vorläufig reist der Hof weiter zwischen Paris, Lille und Dijon, mit seinen Räten, Beamten, Musikern, außerdem größeren Gruppen der "Ärzte, Friseure, Hofnarren, Zwerge und Riesen, Jäger und Falkner, je zu zwanzig bis dreißig Personen..." (Ehlers, S. 292)  Dazu kommt eine exotische Tiermenagerie, eine große Bibliothek, der in Kunstgegenständen gefasste Kronschatz und vieles mehr. Im ausgefeilten Hofzeremoniell, in Turnieren und Festen wird Reichtum und Macht demonstriert. Die Dichtung feiert das idealisierte Rittertum und eine höfische erotische Bilderbuchwelt.

Melchior Broderlam war Hofmaler von Ludwig von Male gewesen, Jan van Eyck wird diese Stellung mehrere Jahrzehnte (1425-1441) für Philipp "den Guten" einnehmen, während der genauso talentierte Rogier van der Weyden 1435-64 zum Stadtmaler in Brüssel, bald nun Residenzstadt, wird.

 

Karl der Kühne: Der Adel soll an den zeremoniell durchorganisierten Hof gezogen und so neutralisiert werden. Bei Karl taucht dann auch der Begriff souverain auf.

 

Ludwig XI: Ein immer unterwürfigerer und durch Steuerfreiheit privilegierter Beamtenapparat betreibt die Verwaltung von Land und Menschen und verfügt zunehmend detaillierter über sie.

 

 

PhilippVI: Inzwischen hat Frankreich ungefähr 14 Millionen Einwohner gegen 3 Millionen Englands.

Johann II: Inzwischen ist die französische Krone zahlungsunfähig und muss bei den Ständen um Geld bitten, wobei der Vertreter des Bürgertums, Étienne Marcel, Mitspracherechte verlangt.

1380 stirbt Karl V., nachdem er den Kronschatz erschöpft und sich in Schulden gestürzt hat.

 

Karl VI: Ludwig von Anjou versucht mit französischen Sondersteuern einen Feldzug gegen den neapolitanischen Herrscher aus der ungarischen Seitenlinie der Anjou zu finanzieren. Steuerdruck und Uneinigkeit der Regenten führen zu Aufständen der Weber in Rouen gegen die städtische Oberschicht, die geplündert wird, Das greift über auf das ganze Land, und der Aufruhr der Unterschichten erfasst auch Paris. Im Berry durchstreifen Banden aus Bauern und Söldnern das Land.

Dazu passt, dass es unter Wat Tyler seit 1381 zu einer Art revolutionärem Aufstand gegen Grundherrschaft und königliche Steuerpraxis kommt. Philipp von Artefelde gelingt es von Gent aus an der Spitze der flämischen Städte Ludwig von Male aus Flandern zu vertreiben.

1382 siegt Karl VI. mit einem königlichen Heer über die Aufständischen und 1383 zieht Karl in Paris ein, wo er dem Bürgertum durch Konfiskationen entgegen tritt.

 

Ludwig XI: Die Staatseinnahmen werden verdreifacht, auch durch rücksichtslose Räubereien, die seine Justiz legalisiert, die bis ins Parlement hinauf nun seinem Willen unterworfen wird.

 

 

 

PhilippVI: Da die flämischen Interessen primär an englischer Wolle ausgerichtet sind, kann der reiche Genter Jakob von Artevelde mit antifranzösischer Propaganda durchdringen. Edward sperrt nun, um Druck auf Flandern auszuüben, die Ausfuhr englischer Wolle und die Einfuhr ausländischer Tuche. Zudem lockt er Textilhandwerker ins Land und protegiert damit auch den Aufstieg einer englischen Tuchproduktion.

Inzwischen kommt es in Flandern zu Kämpfen der Weber gegen andere Beteiligte an der Tuchproduktion und gegen Artevelde, der 1345 stirbt.

 

Karl VII: Burgund wiederum gewinnt durch Heirat und Erbschaft Teile des Elsass, die Grafschaft Namur, Brabant, Limburg, den Hennegau, Holland, Seeland und Friesland, weswegen die Niederlande zum Machtzentrum werden. Diese wiederum treten zunehmend in Konkurrenz zur aufstrebenden englischen Tuchproduktion. Außerdem verlangt der englische Regent die Unterwerfung auch Burgunds unter die englische Krone.

 

Ludwig XI: Die direkten königlichen Eingriffe in die Wirtschaft zur Erhöhung der Staatseinnahmen und der königlichen Macht nehmen rapide zu. Das Handwerk und der Handel werden zukunftsweisend immer mehr reglementiert. Teile des Handwerks werden durch die Förderung von Manufakturen bewusst zerstört, Facharbeiter werden aus Italien für die Seidenindustrie nach Lyon importiert und aus Deutschland für den Bergbau (Ehlers, S.374). In einer Art Seekrieg wird Venedig aus Teilen des Mittelmeerhandels vertrieben und die Messe von Genf kaputtgemacht, um die von Lyon an ihre Stelle zu setzen. Schließlich gelingt noch ein einheitlicher Zollraum für das ganze Königreich.

 

Johann II: Bei Maupertuis in der Nähe von Poitiers unterliegt das in nicht geringem Maße auch aus Söldnern bestehende Heer Johanns und er selbst gerät in Gefangenschaft. Der Prestigeverlust liegt aber beim französischen Adel, bzw. bei ihrem Rittertum

 

Karl V: Der Söldnerführer Bertrand du Guesclin, ein nachgeborener Rittersohn, siegt für den König 1364 über Karl von Navarra, kann aber nicht verhindern, dass sich Johann von Montfort in der Bretagne als Vertreter der englischen Partei durchsetzt. Nach diesen Kriegen setzen sich die führerlos gewordenen Söldner-Kompanien in Nordfrankreich fest und begründen von Burgen aus eigene (illegitime) Herrschaften und geben sich eigenmächtig Grafen- und sogar Herzogstitel.   

Den nun folgenden Kleinkrieg lässt Karl V. von seinem inzwischen zum Connétabel aufgestiegenen du Guesclin und seinen Söldnern führen, was viel Geld kostet und zu besonderen Leiden der vom Krieg betroffenen Bevölkerung führt. Dafür ist es effektiv: Beim Waffenstillstand von 1375 hat die englische Krone ihre Besitzungen bis auf einige atlantische Hafenstädte verloren.

 

Burgund um 1400: Das mächtige Heer setzt sich aus burgundischen Rittern und von den flämischen Städten bezahlten Söldnern zusammen. Inzwischen setzt der Herzog zunehmend mehr Artillerie zum Brechen der Mauern von Burgen und Städten ein. Allerdings wurde das Militär weiterhin nur im Kriegsfall eingezogen.

 

Eine weitere Steigerung königlicher Macht wird mit der großen Ordonnanz 1439 erreicht, als die Stände dem König und ihm allein ein stehendes Heer bewilligen, für das ihm eine dauerhaft eingerichtete taille royale als direkte Steuer bewilligt wird.

Indem der König nun alleine noch Söldner anwerben darf, werden aus ihnen nun Soldaten im modernen Wortsinn. 18 solche Kompanien werden nun über das Land verteilt, um es zu beherrschen. In potentiell aufmüpfige Städte werden darüber hinaus Garnisonstruppen gelegt. Mit dem Ausbau der Artillerie und der Verbesserung der Kanonen ist der Herrscher nun in noch nie dagewesenem Maße Herr in seinem Land.

 

Nach dem Tod seines Vaters wird der kühne Karl Herzog von Burgund. Er löst sein Reich immer stärker von Frankreich und übt selbst zunehmend quasi-königliche Macht aus. Ähnlich wie die französische Krone verstaatlicht er das Heer, inzwischen vorwiegend aus italienischen Söldnern bestehend. Die Finanzierung erledigte er durch Kredite bei den Städten und bei großem Finanzkapital, vor allem bei den von Portinari in Brügge vertretenen Medici.

 

Ludwig XI:  Mit einem stehenden Heer, welches nicht nur nach außen, sondern auch im Lande einsetzbar ist, entwickelt sich das königlich/staatliche Gewaltmonopol, ein rabiater Entrechtungsvorgang, immer weiter

 

 Jeanne setzt die feierliche Krönung Karls VII in Reims durch, was im Volk Eindruck macht. Aber dann scheitert die Einnahme von Paris in Begleitung der Jungfrau, die schlagartig wieder an Prestige verliert. Sie wird dann als Gottesgesandte von Cathérine de la Rochelle abgelöst. 1431 fällt sie bei Compiègne in englische Gefangenschaft und ihr wird in Rouen der (Inquisitions)Prozess gemacht. Die Pariser Universität erklärt sie zur Wahrsagerin und Hexe und sie wird darauf verbrannt.

 

 Schon unter Karl VI. hatte sich der König über die französische Kirche als ihr alleiniger Schutzherr gesetzt. Mit dem Baseler Konzil hatte sich zudem eine Instanz über den Papst gesetzt. Darauf kommt es in der sogenannten Pragmatischen Sanktion von Bourges 1438 zur ausdrücklichen Kirchenhoheit des Königs, der selbst Domkapitel nun besetzen konnte. An Rom kann nun nur noch appelliert werden, wenn der Instanzenweg bis hoch zum parlement beschritten ist. Damit können auch die Zahlungen der Kirche dorthin erheblich reduziert werden. Die französische ist nun eine Nationalkirche.

 

Ludwig XI: Die französische Kirche wird zu einem reinen Machtinstrument des Königs bzw. des Staates weiter umgebaut und am Ende mit seinen Leuten besetzt, die dadurch fast wie königliche Beamte wirken.

 

 

 

Adel und Bürger

 

Karl VII: Teile des Adels waren durch die lange Kriegszeit ruiniert worden, versuchen aber ihren Status als Mitglied eines gehobenen Standes durch Lebensstil und Kriegsdienst aufrecht zu erhalten, der Steuerfreiheit mit sich bringt. An der Grenze zwischen Adel und Bürgerstand befinden sich jene, die  sich als Kaufleute nobilitieren lassen, aber durch ihre Geschäfte ohnehin Teile des Adels an Reichtum übertreffen. Sie werden so vom Kriegsdienst befreit und müssen meist auch keine Steuern zahlen, ähnlich wie "Bürger", die adelige Landgüter aufkaufen.

Im 'Livre du Corps de policie' schreibt Christine de Pizan 1407: Bourgeois sont ceulx qui sont de nation ancienne, enlignagiez es cites, et ont propre surnom et armes antiques. Bürger sind Leute von alter Abstammung, in den Städten versippt, und sie haben eigenen Zunamen und altes Wappen, wie Ehlers übersetzt, (Ehlers, S.349)

Der Bürger als bourgeois, als Patrizier, wie er deutsch gelegentlich heißt, ist fast eine Art eigener Adelsstand, weit entfernt von der Masse der Leute, die in deutschen Landen Bürger heißen.  

 

Die große Krise des 14. Jahrhunderts und die Kriege hatten die Bevölkerung Frankreichs fast halbiert. Die Landwirtschaft ernährte immer noch fast 90% der Menschen, aber sie ging stärker, wie auch anderswo, vom Ackerbau zur Viehhaltung über und darüber hinaus zur Zuarbeit zum städtischen Gewerbe mit Wid, Krapp und Hanf.

Ein Boomsektor sind inzwischen die Gewerbe der Produktion für den Krieg. Als erstes profitiert dabei der Bergbau, von Kapitalgesellschaften mit Lohnarbeit betrieben. Dann kommen Waffenschmiede und Kanonenhersteller, Herstellung von Rüstungen und anderes. Diese handwerklichen Betriebe werden immer größer, beschäftigen immer mehr Lohnarbeit und nähern sich so dem, was im Deutschen industrielle Produktion heißt.

Die größten Profiteure sind aber im Finanzkapital zu finden, welches zum Teil eng mit der Staatsverwaltung zusammenarbeitet. Es steigt durch Handel auf, finanziert Kriege vor und bekommt das einträgliche Geschäft der Steuereintreibung für ganze Regionen verpachtet. Wenn solche Leute, die einen fürstlichen Lebensstil pflegen, ihren königlichen und hochadeligen Schuldnern zu lästig werden, werden sie schon einmal auf juristischen Wege oder anderweitig ruiniert, was den Akteuren die Schuldenlast nimmt. Auch das große Kapital hat immer noch nur die wirtschaftliche Macht, die sich leicht von der politischen trennen lässt, an der solche wirtschaftlich Mächtige nicht ohne staatliche Zustimmung partizipieren können.

 

Steuern und Abgaben

 

Die Herren der Münz-Währungen manipulieren sie systematisch als Einnahmequelle, und zwar wesentlich durch bewusste Ab(Ent)wertungen, um dann wieder Stabilität für eine gewisse Zeit herzustellen. Damit alleine schon wechseln sich Inflation und Deflation ab, was den Münzherrn nützt und auf die Dauer allen anderen schadet.

"Im Jahre 1349 machten die Gewinne aus der Münzprägung bei starker Münzverschlechterung 70% der Gesamteinnahmen des französischen Königs aus." (Gilomen, S.104)