DIE KRISE DES 14. JAHRHUNDERTS (in Arbeit)

 

Die Krise zwischen 1300 und 1348

Die Pest

Adel, Ritter und Krieg

Weitere Kommerzialisierung feudaler Strukturen

Jacquerie/Etienne Marcel

 

Der Ausdruck "spätes Mittelalter" ist so problematisch wie der vom frühen. Letzeres lassen viele mit dem Ende des weströmischen Reiches beginnen, obwohl es wohl sinnvoller ist, da von der Übergangszeit einer Nachantike zu sprechen, die mit dem Untergang des Reiches Karls des Großen endet. Ein Spätmittelalter anzusetzen ist noch viel problematischer. Feudalrecht gilt bis tief ins 18. Jahrhundert, persönliche Herrschaft von Dynastien und die Privilegien eines Adels oft noch länger. Das Ducken unter die Macht der Kirche beginnt für die meisten erst im 19. Jahrhundert nachzulassen.

Andererseits bricht in manchen italienischen Städten die Neuzeit bereits im 13. Jahrhundert an, das hohe Mittelalter entwickelt bereits in großen Teilen Europas westlich der Elbe und der slawischen/ungarischen Sprachgrenze eine frühe Blüte des Kapitalismus, und im späten Mittelalter haben Grund und Boden ihre Macht und Reichtum fundierende Rolle längst vorrangig an bewegliches Kapital abgegeben.

Schon auf dem Weg hin zu frühestem Kapitalismus beginnt Epochalisierung fragwürdig zu werden, aber gerade deswegen ist es besser, sie beizubehalten, denn das Bewusstsein ihrer Fragwürdigkeit ist in ihr besser aufgehoben als in Präzision vorgaukelnden Jahreszahlen oder Angaben von Jahrhunderten. Das "Mittelalter" war zunächst Ausdruck der Verachtung von einzelnen Menschen der sie so vewrstehenden Renaissance, die zwischen der Antike und ihrer Zeit ein dunkles Zeitalter etablieren wollten, und wurde dann später, als die Zeiten mit der flächendeckenden Zerstörung von Kulturen und Zivilisationen ganzer Kontinente tatsächlich immer dunkler wurde, triumphal und menschenverachtend durch das "Zeitalter der Entdeckungen" abgelöst, die die Erde auf das Grausamste veränderten. 

Kein Zweifel, erst die derart proklamierte Neuzeit ist die Zeit der größten und grauenhaftesten Schrecken, mit denen Menschen jemals Menschen überzogen haben, auch wenn die Geschichtsschreibung aller Couleur bis heute im wesentlichen Propaganda des (kapitalistischen bzw. sozialistischen) Fortschritts ist. Das von Menschen betriebende globale Unheil hat inzwischen ein Ausmaß erreicht, welches alltäglich nur noch durch das allgemein praktizierte Wegschauen plus Bekenntnis-Korrektheit erträglich ist, und das Vertuschen dieses Unheils, welches Menschen in der Geschichte an Menschen und ihren natürlichen Lebensgrundlagen begangen haben, war nie so große wie heute. Gegen die übliche Geschichtsschreibung als Fortschrittspropaganda und Bewunderung für die Mächtigen anzuschreiben, bleibt dabei unpopulär, denn Schreiben ist dabei Geldverdienen und Lektüre schwankt zwischen Ablenkung von der Wirklichkeit, Zeittotschlagen und Amüsement.

 

Soviel zu den fragwürdigen Epochenbegriffen nach der Antike und der Rechtfertigung ihres Gebrauches hier. Eine andere Sache gehört stärker noch zu diesem Krisenkapitel: Marx/Engels haben ins zwanzigste Jahrhundert hinein mit ihrer Geschichtstheologie, dem in die Geschichte hineingenommenen Gott des Fortschritts die Geschichtsbetrachtung mit ihrem Klassenwort, einem Begriff aus der hellenischen Antike, verseucht. Damals waren das die Einkommensgruppen, nach denen militärische Schiffsbesatzungen zusammengestellt wurden. Seitdem hat es nur wenige sinnvolle Übertragungen des griechischen Wortes in die jeweiligen Zeitumstände gegeben.

Marx/Engels haben mit ihrer Behauptung, die Geschichte sei eine der Klassenkämpfe, ein Gedankenkonstrukt etabliert, dessen erste Behauptung, es habe jemals Klassen gegeben, etwas, was sich noch am ehesten im alten Indien im Kastenwesen verifizieren ließe, was sie aber überhaupt nicht gemeint haben, Unheil in die Alltagssprache eingetragen.

Ihrer Ansicht nach sind die Klassen par excellence die des Kapitals und der Arbeit, der unterdrückenden Ausbeuter und der armen Ausgebeuteten. Sind sind das nach Ansicht der beiden objektiv und werden es subjektiv im Klassenkampf. Einen solchen gab es aber weder im Mittelalter noch in der Neuzeit, auch wenn eine "linke Politik" manchmal ihr Agieren so benannte.

 

Das Wort von den "Ausbeutern" ist moralisch fundiert und somit nur als Erklärungsmuster für Propaganda tauglich. Kapital und Arbeit trennen sich im Mittelalter tatsächlich zum Teil so wie vorher Verfügung über Grund und Boden und produktive Landarbeit. Aber die Kapitaleigner bilden dabei keine Klasse, sondern bestehen wesentlich aus Konkurrenten, und in der Regel verhalten sich Lohnarbeiter ebenso. Nirgendwo wird das deutlicher als im erbitterten und oft gewaltätigen Kampf des Handels um Märkte, der die Gewalttätigkeiten zwischen Grundherren, Adel und Fürsten miteinander auf anderem Niveau entspricht.

 

Dieselbe Konkurrenz ohne ein so hohes Niveau an Gewalttätigkeit herrscht in der Lohnarbeiterschaft des Mittelalters, die in seiner Spätzeit erheblich zunimmt. Wo es zu Aufständen kommt oder gar zu Lohnkämpfen, werden sie in der Regel für politische Machtinteressen benutzt und wären anders gar nicht möglich. Ein Musterbeispiel ist der Ciompi-Aufstand in Florenz 1378. Auch die Bauernschaft existiert eher unter Bedingungen der Konkurrenz auf dem Markt. Regionale Aufstände werden im Mittelalter von ihrem wohlhabendsten Teil angeführt und ignorieren im Ergebnis die Interessen der ärmeren Kreise.

 

Anstatt die Vielfalt an einzelnen Menschen, Gruppen und Schichten in das Ideal von Klassen hoch zu objektivieren, die nirgendwo zu sehen sind, ist es sinnvoller, selbst Begriffe wie Schichten oder Stände mit Vorsicht zu behandeln. Die Vermassung von Menschen in großstädtischer Käfighaltung mit konsumistischem Ausgang in Großstädten mit schwindender Urbanität zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert, ihre Gleichschaltung durch die Gemeinschaft der Massenmedien und die Propaganda der Politik in immer totalitäreren "Demokratien" nimmt den Blick für die verhältnismäßig größere Differenzierung in früheren Zeiten und vor allem noch im Mittelalter. Die Menschen selbst noch des späteren Mittelalters sind trotz Vermassungstendenzen in den Städten noch deutlich mehr Individuen in Familien, Verwandtschaftsgruppen und Kollegien (Gesellschaften) als seit der großen Industrialisierung des 18./19. Jahrhunderts und dem Konsumismus des 20./21.

Das hat auch damit zu tun, dass in den spätmittelalterlichen Städten immer noch fast die Hälfte der Haushalte wirtschaftlich selbständig ist, während bis heute fast alle in Unselbständigkeit abgerutscht und in abhängige Lohnarbeit geraten sind. Lohnarbeit betreiben dabei, wenn auch auf hohem Niveau, selbst die meisten unmittelbaren Spitzen-Agenten der Kapitalbewegungen und ihre politischen Helfershelfer im Staat. Diese wirtschaftliche Selbständigkeit im Mittelalter wird quantitativ vor allem vom Handwerk, dem Kleinhandel und der Bauernschaft getragen, insgesamt der deutlichen Mehrheit der Bevölkerung. Dieses Phänomen zu missachten heißt dann aber auch, dass späte Mittelalter massiv misszuverstehen. Es ist nämlich auch das Zeitalter einer später schwindenden Individualität und Selbständigkeit, mit der ein wohl zuvor nie dagewesener relativer Wohlstand auf dem Konsumsektor einhergeht. Vor diesem Hintergrund sind die Krisen des 14. Jahrhunderts erst zu sehen.

 

 

Die Krise zwischen 1300 und 1348

 

Die Krise als Wort kommt erst im sechzehnten Jahrhundert in die deutsche Sprache, und zwar wohl über jene wenigen Gebildeten, die nun etwas häufiger die griechische Sprache erlernen. Da die meisten Menschen kein griechisch verstehen, verliert das Wort im Laufe der Zeit in der Alltagssprache einen Gutteil seiner Substanz. Es leitet sich eigentlich von krinein ab, was unterscheiden und dann auch entscheiden meint. Kritisch sein heißt dann unterscheiden, eben auch differenzieren wollen und können, weswegen Kant seine Texte als Kritiken bezeichnen kann.

Die crisis oder Krise ist dann sinnvollerweise die Unter- bzw. Entscheidung, und das Wort wird dann später auch für entsprechende Wendepunkte verwandt. Krisen des Kapitalismus sind dann die Phasen, an denen aus dem allgemeinen Mehr an Kapital (und das heißt auch Investition) ein Weniger wird, in denen also das heute als Konjunktur bezeichnete Zusammenspiel aller ökonomisch relevanten Phänomene im Sinne des Kapitals am wenigsten funktioniert. Spätestens mit der Krise des 14. Jahrhunderts wird deutlich, dass die Verwertungschancen des Kapitals zyklisch steigen und fallen können und das bis heute tun.

 

 

Die erste Aufschwungphase des Kapitalismus ist auch seine längste. Sie dauert von seinen Anfängen bis ans Ende es 13. Jahrhunderts. In ihr wächst das in Bewegung befindliche Kapital, es wachsen Produktion, Handel und Geldumlauf, Nachfrage und Angebot. Vor allem wächst die Bevölkerung, die sich mehr als verdoppelt.

Das geht solange gut, bis dieses Bevölkerungswachstum nicht mehr durch Landausbau und Intensivierung der Produktion  kompensiert werden kann.

Soweit ist diese Krise eine der Ernährung. Die mögliche Steigerungsrate der Agrarproduktion durch technischen Fortschritt ist gering, nur in wenigen von Boden und Klima begünstigten Gegenden kann sich in dieser Zeit die Produktivität verdoppeln, wie im Artois, wo Viehhaltung und Ackerbau in einem solchen Verhältnis stehen, dass Bodendüngung durch Mist solches erreicht.

 

Ab einem bestimmten Punkt greift auch die marktorientierte Spezialisierung der Landbewirtschaftung negativ ein, wie dort, wo bis zu einem Drittel des Bodens oder mehr für Weinbau zum Beispiel vergeben ist. Anderswo in deutschen und französischen Landen ist ein solch hoher Anteil für den Anbau von Waid als Färbemittel in Teilen der Picardie oder Thüringens oder für den Flachsanbau zur Leinenherstellung vergeben. Die regionale Produktion von Nahrungsmitteln kann nicht mehr mithalten mit den Aufschwüngen in Handel und Gewerbe, die Anteil haben an der Bevölkerungsvermehrung.

 

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts nehmen so regionale Hungersnöte zu, bei denen schon mal lokal oder regional 10% der Bevölkerung in kurzer Zeit sterben.  Das gilt für Frankreich, Deutschland und Italien, und erreicht nach und nach auch die an sich zahlungskräftigen Städte wie Florenz, Brügge oder Barcelona.

 

Mit der Überbevölkerung verringert sich zunächst die Größe der Bauernhöfe, die entsprechend weniger den Markt beliefern können. Immer mehr Leute werden Tagelöhner, andere binden sich an große Grundherrschaften und leisten ihnen dafür Abgaben in Geld. Mit der Korrektur durch den Bevölkerungsrückgang stabilisieren sich dann vor allem Höfe von Großbauern. Mangelnde Arbeitskräfte führen nun zur Ausbreitung der Viehzucht und zu einem tendenziellen Rückgang des für die Ernährung der meisten Menschen vorrangigen Ackerbaus.

 

Das genügt allerdings wohl nicht, um das 14. Jahrhundert zu einer Krisenzeit zu machen. Zur unmittelbar ökonomisch hergestellten Krise, unter anderem gibt es einfach zu viele Menschen auf zu wenig Land, kommen als erheblich erschwerende nicht menschlich erzeugte Faktoren hinzu. Klimaforscher haben herausgefunden, dass die Warmphase, in der der Kapitalismus entstanden ist, mit dem beginnenden 14. Jahrhundert durch eine einer gewissen Abkühlung abgelöst wird, die bis in die Zeit der Industrialisierung anhält, mit der eine dann auch menschengemachte neue Erwärmungszeit beginnt.

Nach heißen und trockenen Sommern zwischen 1270 und 1311 kommt es in der Nordhälfte Europas zu sehr kalten Wintern 1296, von 1303 bis 1306 und 1223. (Dirlmeier, S. 6f). Es fällt in dieser Generation von rund fünzig Jahren nicht leicht, derart eine Klimaveränderung wahrzunehmen.

Die kühleren Temperaturen führen dazu, dass die Wachstumsperiode für Getreide insbesondere auf höher gelegenen Rodungen des frühen und hohen Mittelalters zu kurz ist, weswegen dort Ackerland wieder aufgegeben wird. Man sät hier nun Wald aus oder lässt ihn einfach wieder wachsen. Orte werden aufgegeben und zu "Wüstungen". Die Erträge sinken darüber hinaus in den Niederungen Englands zunächst dort, wo wie im Dartmoor oder in Höhenlagen unergiebige Böden verlassen werden, aber auch in solchen Frankreichs und der deutschen Lande.

 

Die Gletscher in den Alpen wachsen in die Täler hinein, zugelich steigt aber der Meeresspiegel zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert um zwei Meter an. Eine Sturmflut macht 1362 Sylt und Föhr zu Inseln, im 14. und 15. Jahrhundert führen überhaupt Sturmfluten zu vielen zigtausend Toten. Großgrundbesitzer beauftragen Eindeichungsfirmen mit Deichbauten. Während an der östlichen Nordseeküste viel Land verloren geht, wird an der niederländischen Küste des Reiches neues durch Schaffung von Poldern gewonnen.

 

1309/10 und 1314-22 kommt es außerdem durch die Witterung vor allem in Europa nördlich der Alpen zu verheerenden Missernten mit entsprechenden Hungersnöten. 1315 regnet es beispielsweise in ganz Europa von April bis November fast ununterbrochen. Die Getreidepreise steigen enorm an und die Reallöhne sinken. Rund 10% der Bevölkerung sterben in den betroffenen Großregionen an Hunger und geschwächt dadurch an Krankheiten.

Die great famine Englands, die große Hungersnot beginnt mit einer Missernte 1314, auf die zwei Jahre zu feuchtes Wetter und geringe Ernten von 50-60% der normalen Erträge vor allem im Ostengland folgen.Solche Ernten schaffen es höchstens, das Saatgut zu ersetzen, aber kaum mehr als die Familien der Herren zu ernähren. Die Preise steigen ganz erheblich, auf das drei-bis vierfache bei Weizen und Gerste. Eine einzige gute Ernte schafft es dann erst, die Preise im Folgejahr wieder zu senken. 1321/22 kommt es erneut zur Missernte. Stellenweise werden in diesen Jahren in England nur 20-30% üblicher Ernteerträge erreicht.

 

Es kommt zu immer neuen Viehseuchen, zunächst zu einer Rinderpest (Maul- und Klauenseuche?) in Nordwesteuropa zwischen 1315 und 1325, die in England 1319-21 wütet, und dann zu einer solchen, die die englischen Schafherden deutlich verringern.  "In England und Wales fielen ihr vom April 1319 bis September 1320 63% der Ochsen und Kühe zum Opfer. Die für Ackerbau und Traktion unentbehrlichen Tiere fehlten in der Folgezeit: Englische Herren benötigten 30 Jahre, um ihr Vieh auf die Zahlen von vor 1319 aufzustocken." (Gilomen, S.101)Das genügt allerdings wohl nicht, um das 14. Jahrhundert zu einer Krisenzeit zu machen.

Regen verhindert Heuernten, vermindert die Produktion von Torf als Heizmaterial und die von Salz, welches damit zum Teil für die Haltbarmachung von Lebensmitteln ausfällt. Die Preise sinken in der Nordhälfte Europas nur für Ochsen und Zugpferde, die Bauern verkaufen, um an Bargeld für Getreide zu gelangen. Aber die Nachfrage ist hier geringer als das Angebot.

 

Lohnarbeit wird aus Geldmangel weniger nachgefragt, Waren der Handwerker und Händler ebenfalls und aus demselben Grund. Vielfach sinken auch die Preise für kleine Stücke Land, die nun für Lebensmittel-Einkauf verkauft werden sollen, aber zu wenig Nachfrage erzeugen. Diebstähle nehmen zu, besonders von Lebensmitteln, und die Herren senken ihre Forderungen an die Bauern, um sie nicht zu verlieren. In England alleine wird geschätzt, dass in diesen Jahren eine halbe Million Menschen stirbt (Dyer, S.233). Nachdem diese große Hungersnot vorbei ist, kann dann allerdings eine neue Generation junger Bauern an das Land gelangen, jung heiraten und jung Kinder bekommen. Die wiederum bekommen jung Kinder in den 40er Jahren, bis es dann zur großen Pest kommt. Allerdings wird weiter über ausgemergelte und unfruchtbare Böden geklagt und über weitere Erkrankungen von Schafen.

 

Katalonien und Aragón nennt 1333 lo mal any premier mit schweren Missernten und Hungersnöten, die sich bis 1348 wiederholen und durch einen Krieg mit Genua um Sardinien verschärft werden.

 

1342-47 kommt es in der Nordhälfte Europas zu einer Serie von nasskalten Sommern. In England wird viel Ackerland durch Überflutungen an Flüssen und an der Küste verloren. 1342 kommt es auch in Mitteleuropa zu schlimmen Überschwemmungen, wie sie von der Elbe, dem Rhein und Main und der Donau berichtet werden.

Insgesamt verringert sich das Ackerland, die Getreideproduktion, die agrarische Produktivität insgesamt und der Getreidepreis zwischen 1300 und 1348.

 

Zumindest fast alle Menschen nehmen bis ins zwanzigste Jahrhundert kaum das wahr, was wir heute als Klima bezeichnen. Das griechische Wort bezieht sich auf den Sonnenstand, und es kommt im 16. Jahrhundert in die deutsche Sprache, bezieht sich aber noch lange auf die nach den Breiten auf der Erde durch den unterschiedlichen Sonnenstand unterschiedlich heißen oder kühlen Zonen. Das Zusammenspiel vieler Faktoren, aus denen sich das zusammensetzt, was wir heute unter Klima begreifen, wird erst im 19./20. Jahrhundert verstanden.

Was Menschen aber schon immer verstanden haben, ist das, was unter dem deutschen Wort Wetter gefasst wird: Wind, Temperatur, Niederschlag und später auch Luftdruck. Nachdem es sicher spätestens seit der Entstehung der Landwirtschaft auch beobachtet wird, beginnen im 14. Jahrhundert erste kontinuierliche Aufzeichnungen, die mehr sind als die sporadische Erwähnung von Unwettern. Ein William Merle aus Lincolnshire schreibt von 1337 bis 44 regelmäßig das von ihm beobachtete Wetter auf (Dirlmeier, S.6)

 

Die Kernzonen von Ackerbau und Viehzucht werden von der tendenziellen leichten Abkühlung allerdings viel weniger betroffen als die sogenannten Grenzertragszonen, die oft aufgegeben werden müssen. Klimaveränderung und Seuchen reichen ohnehin nicht aus, um den massiven Bevölkerungsrückgang in großen Teilen Europas zu erklären. Wir nehmen heute beides auch deshalb für diesen Zeitraum deutlicher wahr, weil die Überlieferung erheblich besser ist als in den Jahrhunderten zuvor.

 

Die geringeren Einnahmen auf dem Lande veranlassen die großen Lords, ihre Domänen zumindest teilweise zu verpachten, kleinere und abgelegenere ganz. Sie kaufen auch kaum noch Land hinzu, sondern suchen nach anderen Einnahmequellen wie zum Beispiel städtischen Immobilien. Allerdings sinken auch dort Mieten und Pachten in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, wie für London, Westminster und Oxford zum Beispiel belegt ist.Die Bauern wiederum nutzen von Ackerbau befreites Land für Viehzucht, insbesondere können sie so ihre Schafherden vergrößern.

Die Wollexporte Englands gehen aber durch das ganze Jahrhundert tendenziell zurück, genauso wie die Importe von Wein. Schon zwischen 1290 und 1320 geht die englische Tuchproduktion zurück, anfänglich auch wegen der überlegenen flämischen Konkurrenz. Erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts blüht sie wieder auf. Die Bauwirtschaft erlahmt dann in der Krisenzeit fast ganz.

Zuerst git es also die Agrarkrise und in deren Gefolge die urbane: Die Nachfrage für handwerkliche und Handelsgüter geht zurück, darauf kaufen die Städter nur noch das Nötigste an Nahrung und immer weniger Rohmaterialien für die städtische Produktion. Selbst der Adel spart. Eine Spirale nach unten bedeutet dann modern gesprochen Depression.

 

Andere Faktoren begleiten eine Krise, die Grenzen des Wachstums aufzeigt. Die Silbervorräte zur Münzprägung decken in großen Teilen Europas und vor allem auch in England nicht mehr die Nachfrage. Silber wird gehortet, in Geschirr und Schmuckwaren angelegt; viel Silber fließt in den Handel mit dem Orient ab. In England muss die vom Parlament genehmigte Steuer von 1340 zum großen Teil wieder in Naturalien eingesammelt werden.

England führt zwischen 1290 und 1350 fast jedes Jahr Krieg, was Unsummen an Sold alleine verschlingt. Schottische und englische Heere verwüsten große Landstriche jeweils auf den angrenzenden Großregionen und entsprechend treiben es englische und walisische Heere.  Dann kommt es 1338 zum großen Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich. Diese Kriege allein kosten via Steuern zwischen 1290 und 1348 die Bevölkerung 1 600 000 Pfund, was allerdings nur rund 2% des gesamten erwirtschafteten Geldes in dieser Zeit ausmacht, denn alleine die größeren weltlichen und gesitlichen Herren und Klöster erwirtschaften in dieser Zeit zusammen jährlich um die 600 000 Pfund (Dyer, S.257). Zudem ziehen lokale Leute die Steuern ein, lassen sich wohl des öfteren bestechen und belasten so eher die kleinen Leute als die höheren Herren vor Ort.

 

Internationalisierung des Wirtschaftens, von Handel und Finanzen in Richtung auf Globalisierung, Bevölkerungskonzentration und Überbevölkerung, klimatische und Wetterereignisse, schließlich Seuchen betreffen die europäischen Regionen allerdings unterschiedlich, das eben auch zum Teil zeitversetzt. Von einer allgemeinen Krise in der ersten Häfte des Jahrhunderts zu sprechen ist also eine Konstruktion des Historikers. Das betrifft auch das für das Mittelalter anachronistische und ohnehin diffuse Wort Krise. Das Mittelalter ist konkreter und handfester und erlebt stattdessen Abfolgen von Unheil. Diese bleiben weithin unverständlich, was es erleichtert, sie als Strafe (eines) Gottes anzusehen, eine Ansicht, welche vor allem die Kirche benutzt.

Da Menschen zunehmend nicht imstande sind, fehlendes Verständnis und Kenntnislosigkeit als gegeben hinzunehmen, beginnen Verschwörungsmythen überhand zu nehmen. Im Grunde lässt sich schon die kirchlich propagierte Heilsgeschichte mit ihrem nicht ganz klaren Erlösungsmythos so verstehen. Daran hängen sich im 14. Jahrhundert zunehmend Verschwörungsgeschichten um die Juden, die sich bislang eher selbst abschotteten und nun stärker von außen isoliert und zum Ursprung vieler Übel gemacht werden. Verfolgung, Totschlag und Vertreibung nehmen zu. Dies ist eine von vielen Entwicklungen, die man im späten Mittelalter bereits als neuzeitlich und modern bezeichnen kann und die zeigen, dass es keine plausible Grenze zwischen Mittelalter und Neuzeit gibt. Das Ausgrenzen und die ideologisierende Freund-Feind-Bildung wird bis heute anhalten. Abgesehen von der grundlegenden "sozialpsychologischen" Struktur des Problems stabilisiert das Aufeinanderhetzen von Untertanen eben auch die jeweils herrschenden Machtverhältnisse.

 

 

Die Pest

 

Schließlich erreicht  die Pest im Herbst 1347, von genuesischen Schiffen aus Kaffa (Feodosia) auf der Krim eingeschleppt, Sizilien. Sie war zum letzten Mal zuvor im 6./7. Jahrhundert in Byzanz aufgetreten und die damals gewonnenen Kenntnisse waren fast völlig verloren gegangen. Um 1266 hatten die Genuesen in Kaffa eine Kolonie gegründet. Während der Belagerung durch den Khan der Tataren 1346 soll dieser Pesttote in die Stadt geschleudert haben. 1347 gelangt die Seuche per Schiff nach Konstantinopel und Kairo und dann nach Messina.

 

Die Pest breitet sich von den südlichen Seehäfen über die Verkehrswege, insbesondere die Flussläufe aus. Im März 1348 erreicht sie Venedig, wo die Hälfte der wohl etwa 100 000 Einwohner in Kürze sterben. Im April ist sie in Perugia und Florenz und im Juni in Trient.

März 1348 kommt sie auch in Marseille an, ist schon im Januar in Avignon und im August in Paris und um dieselbe Zeit auch in England, wo sie die Bevölkerung, wenn auch regional unterschiedlich, in etwa von fünf Millionen auf zweieinhalb bis 1377 halbiert. Bis 1250 wütet sie in Schottland.

Sie bedroht dabei in ganz Europa eine oft von den Hungersnöten schon geschwächte Bevölkerung. Flandern wird erst 1349 erreicht und die übrigen deutschen Lande scheinen in einigen Regionen von der ersten Pestwelle ausgenommen zu sein.

Einige Gegenden insbesondere auf dem Lande bleiben ohnehin fast völlig verschont, während wohl aufgrund der Ansteckungswege über den Rattenfloh das engere Zusammenleben in den größeren Städten Menschen mehr gefährdet. Offensichtlich werden die Ärmeren auch stärker bedroht als die Oberschichten, die zum Teil aufs Land fliehen.

Immerhin, von geschätzten 12 000 Einwohnern Bremens sollen 1250 etwa 7 000 an der Pest gestorben sein, in Lübeck etwa ein Viertel der Bevölkerung im selben Jahr, zum Beispiel 28% der Hausbesitzer und 35% der Ratsherren 1250.

 

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die kleine Oberschicht großgrundbesitzenden Adels mit seinen Wohnsitzen auf Abstand zur übrigen Bevölkerung am wenigsten betroffen wird, in England stirbt nur gut ein Viertel der tenants-in-chief. Städtische Oberschicht flüchtet in Boccaccios 'Decamerone' aufs Landgut.

 

Die Zahlen sind auch in Spanien wie überall mit Vorsicht zu genießen. Pedro IV von Aragón spricht für die erste Pestwelle von rund 300 Toten täglich in Valencia, ein arabischer Autor spricht von 1500 Toten an einem Tag . Auf der Ebene von Vich in Katalonien sollen von 16 000 Menschen nach der ersten Epidemie 5000 übrig geblieben sein. (alles in: Manzano, S.582).

Beeindruckend ist vor allem, wie schnell relativ viele Menschen sterben, der Weg von der Infektion zum Tod ist relativ kurz. Darüber hinaus sind die vielen Toten unmittelbar sichtbar, da ihre Massen niemandem verborgen und darum auch nicht abstrakte Zahlen bleiben.

 

Was die erste Pestwelle nicht schafft, erreichen die nächsten größeren 1357-62, 1370-76 und 1380-83. Bis dahin soll die Pest in Europa insgesamt etwa ein Drittel der Bevölkerung hinweggerafft haben, in Hamburg die Hälfte der Bevölkerung, in Montpellier sogar um die 80%. Die Zahlen bleiben aber meist eher ungenau. Zwischen 1350 und 1500  werden noch einmal insgesamt 26 Pestwellen verzeichnet.

Zu alledem kommen die üblichen Epidemien ansteckender Krankheiten: Dysenterie, Grippe, Tuberkulose. Immerhin nimmt nun langsam bis Ende des Mittelalters die Lepra etwas ab. Weniger epidemisch und regional gebunden ist die Malaria, die insbesondere für Italien durch das ganze Mittelalter dokumentiert ist und in Gegenden dort wohl ähnlich viele Tote wie die Pest erreicht.

 

Zusammen mit den Hungersnöten und den Kriegen der Zeit führt das zu einen ganz erheblichen Rückgang der Bevölkerung. Im toskanischen San Gimignano und seinem Umland leben 1332 ungefähr 13 000 Menschen, 1427 nur noch 3138 (Dirlmeier, S.18). Alleine schon solcher Bevölkerungs-Rückgang bewirkt eine Tendenz allgemeiner Rezession, auch wenn diese nach Regionen und Fraktionen der Wirtschaftenden sehr unterschiedlich erlebt wird. Wie hoch der Anteil der einzelnen Faktoren ist, zu denen auch die anderen und üblicheren Epidemien und vieles mehr gehören, lässt sich heute kaum noch feststellen.

 

In Frankreich kommt es zu allem Unheil im sogenannten Hundertjährigen Krieg, der bereits 1337 beginnt, zu immer größeren Verwüstungen vor allem auf dem Lande. Bauern flüchten in die Städte. Die Zahl der Haushalte besonders auf dem Lande halbiert sich in dieser Zeit. Es wird wegen der andauernden Unsicherheit immer weniger Getreide ausgesät. Schließlich nimmt die Kinderlosigkeit von Paaren rapide zu, die manchmal fast jedes zweite Paar erfasst.

Zwischen etwa 1350 und 1450 halbiert sich laut Georges Duby die Zahl der französischen Haushalte, und im Pariser Becken und dert Normandie geht sie noch weiter zurück. Allein zwischen 1390 und 1450 soll die Bevölkerung der vom Kriegsgeschehen eher weniger betroffenen Bretagne um etwa ein Viertel zurückgegangen sein. Für 1441 wird Jean Charlier (Chronique francaise du roi Charles VII.) schreiben: Dies war einmal das Königreich Frankreich und ist nun verwüstet und in vielen Gegenden menschenleer und unbewohnt, wie jedermann klar sehen kann. (so in Reliquet, S.28)

 

Wie man sehen kann, hat die Krise des 14. Jahrhunderts, die bis weit ins 15. hineinreicht, Besonderheiten, die sie von den zyklischen  Depressionen vom 19. bis zum frühen 21. Jahrhunderts etwas unterscheiden. Besonders aber ist zu vermerken, dass sich die Krise des 14. Jahrhunderts auf allgemeine Ursachen wie die Überbevölkerung und die  Klimaverschlechterung für den Norden und dann aber lokale und regionale Wetterkatastrophen besonders dort verteilt, die sich in verschiedenen Gegenden Europas und zu verschiedenen Zeiten eher unterschiedlich auswirken. Dasselbe betrifft die Wanderbewegungen der Seuchen, die jeweils unterschiedliche Gegenden zu verschiedenen Zeiten besonders betreffen.

 

Allgemein lässt sich sagen, dass Bevölkerungsminderung in vollentwickelten kapitalistisch-vernetzten Strukturen Rezession bedeutet. Im Mittelalter ist das alles regional und nach Wirtschaftszweigen noch wesentlich diversifizierter. Die Regel sagt, dass dort, wo gerade das Massensterben stattfindet, die Produktion von allgemein gehandelten Getreide weniger gesenkt wird als die städtische Nachfrage danach, und so sinken die Getreidepreise wie übrigens alle in die Ferne gehandelte Lebensmittelpreise. Sie funktioniert allerdings in England erst mit der Verzögerung einer Generation und nach mehreren Pestwellen ab etwa 1375.

 

Dabei wird vor allem der niedere Adel geschädigt, der zur Rentenwirtschaft übergegangen war und dafür feste Verträge vergeben hat, die mit der Geldentwertung und insbesondere den sinkenden Getreidepreisen nicht mithalten. Der Mangel an Nahrungsmitteln hilft aber dann einer kleinen Schicht von überlebenden Großbauern, die auf dem Dorf in ihrer Lebenshaltung sogar einige adelige Nachbarn zu übertreffen beginnen. Solchen Großbauern gelingt es oft, sich mehr als die Hälfte des gesamten Grundbesitzes im Umfeld ihrer Dörfer anzueignen. Wenn dann Fürsten und Adel versuchen, der Krise durch erhöhte Abgaben zu begegnen, kann es zu Bündnissen von Bauern und Bürgern kommen.

 

Für den Adel bedeutet das krisengeschüttelte 14. Jahrhundert, dass ihre Einkommen aus Renten sinken, während ihre Ausgaben ehersteigen.

manchmal den Abstieg, manchmal auch den Weg in ein Zubrot durch den Fürsten- bzw. Königsdienst. Ein stattlicher Teil der alten Adelsfamilien verschwindet dabei ganz, und neue entstehen durch den Aufstieg großbürgerlicher Familie.

Wenig betroffen sind die vielen überlebenden Kleinbauern, die ohnehin weiter vorwiegend Selbstversorgung betreiben, wie überhaupt die überlebenden kleinen Landhalter und Lohnarbeiter. Letztere profitieren von höheren Löhnen und billigeren Lebensmitteln, erstere zudem von sinkenden Pachten.

 

Das Massensterben verringert in den betroffenen Städten nicht nur die Schar der Konsumenten, sondern auch das der Konkurrenten um Konsumgüter. Diese werden dadurch für eine gewisse Zeit billiger, was nicht nur Getreide, sondern auch Fleisch und Textilien betrifft. Das Massensterben erhöht soweit das Konsumniveau in den Städten nach dem Abklingen der Seuche. Dazu steigt nach dem Schrecken der Luxuskonsum als Reaktion.

 

Verringert wird in Städten die Zahl der produktiv und distributiv arbeitenden Bevölkerung. Das verteuert für das Kapital in der Stadt zumindest nominell den Faktor Arbeit, der sich auf dem von Seuchen weniger betroffenen Land eher verbilligt. Die Masse der überlebenden Städter besonders im produktiven Bereich hat bei darum steigenden Einkommen und fallenden Getreidepreisen nun die Chance auf mehr Konsum auch in anderen Bereichen, was insbesondere die Nachfrage nach Fleisch erheblich steigert.

In England. Frankreich bis nach Katalonien und Aragon versuchen die Könige darum Höchstlöhne festzusetzen und zahlreiche Städte tun desgleichen. Damit  reagiert man aber auch gelegentlich "auf bloß nominale Lohnsteigerungen, die oft durch Inflation sogar überkompensiert wurden", was besonders England und die Niederlande betrifft. "Erst in der Deflationsphase erhöhten sich die Reallöhne kräftig, wohl nicht aufgrund von Arbeitskräftemangel, sondern wegen der Währungspolitik", meint Gilomen (S.102). Löhne sind aber ohnehin ein noch relativ geringer Faktor in der ersten Blütezeit des Kapitalismus und bis durch die Krise hindurch.

 

Das Massensterben auf dem Lande ist geringer, schlägt sich aber auch hier in den Kosten für zunehmende Lohnarbeit im Bereich des Ackerbaus nieder. Viehzucht und Weidewirtschaft sind weniger arbeitsintensiv und ihre Endprodukte werden stärker nachgefragt, nicht nur Fleisch, sondern auch die (englische) Wolle in den Textilstädten Flanderns zum Beispiel. Nicht nur, aber mehr als anderswo insbesondere in England verdrängt das Schaf und das Rind nun den Ackerbau.

Bauvorhaben werden vorübergehend eingestellt, die Bleiförderung in Denbighshire stoppt wohl mangels Arbeitern 1349, in Cornwall wird für längere Zeit nur noch ein Viertel des Zinns aus der Erde geholt.

 

Am Königreich Aragón lässt sich ablesen, wie die nachlassende Gewinnträchtigkeit der Nahrungsproduktion durch städtisches Gewerbe aufgefangen wird. Die Werften bauen während der Jahre um 1348 weiter Galeeren, Karavellen und Brigantinen und ein neues Lonja-Gebäude (Börse) entsteht. Das Handwerk differenziert sich weiter, immer neue Zünfte entstehen zum Beispiel in Barcelona, und die Zahl der gewerblichen Konsumwaren durch Tendenz zur Massenproduktion nimmt zu. Damit steigt auch zum Beispiel die Produktion von Leinen und Safran auf Kosten der Nahrungsproduktion.

 

Neben die Krise durch Bevölkerungswachstum, Klima, Wetter und Seuchen tritt eine solche des Handels. Verursacht wird sie durch seine räumliche und umfängliche Reduzierung, die die Eroberungen der Mamelucken und der Fall der Kreuzfahrerstaaten ebenso wie der Vormarsch der Türken durch Anatolien und die inneren Krisen im Mongolenreich hervorrufen. China, Indien und Persien liefern nun immer weniger Waren. Die Schwarzmeer-Region bietet nun nur noch Waren aus ihrem Raum, nicht mehr aus einem ferneren Osten.

Dazu kommen Kriege zwischen den Handel treibenden norditalienischen Stadtstaaten und der Hundertjährige Krieg. Diese allgemeine Handelskrise wirkt sich aber nicht überall gleichermaßen aus: Die englische Wollausfuhr bleibt in dieser Zeit noch fast stabil.

 

Bequemer zwar, aber noch risikoreicher als der Handel entwickeln sich die Finanzgeschäfte im 14. Jahrhundert. 1298 kommt es zum Bankrott der Bonsignori von Siena, 1300 zu dem der Ricciardi von Lucca, dann dem der Ammanati und der Chioventi von Pistoia.

Damit steigen die Florentiner Finanzgeschäfte auf, die zunächst noch nur eine Sparte der Firmengesellschaften darstellen, die aus aktiven Gesellschaftern und inaktiven Depositeneinlegern bestehen. Einige wie die Gianfigliazzi zwischen 1283 und 1325 spezialisieren sich schon ganz auf Finanzgeschäfte. "Sie liehen Geld an Herren und Städte im Südosten Franreichs, in der Dauphiné und in der Provence. Sie waren Bankiers der Dauphins, der Grafen von der Provence und des Königs von Sizilien." (Gilomen, S.112)

 

"Die Mittel der Gesellschaften bestanden aus dem eingeschossenen Kapital der Teilhaber und aus Depositen Außenstehender, die mit 6 bis 10% fest verzinst wurden. Dadurch kamen riesige Summen zusammen: Eine der Bardi-Gesellschaften schloss ihre Bilanz 1318 mit Aktiven von 875 000 Florentiner Goldgulden. Da die Gesellschaften sich verpflichteten, die Depositen jederzeit auf Sicht unverzüglich zurückzuzahlen, waren sie hilflos, wenn plötzlich viele Depositäre ihr Geld wiederhaben wollten. Als sich die Florentiner Gesellschaften 1342 mit Robert von Neapel politisch entzweiten und bekannt wurde, dass sie die sogenannte guelfische Allianz verlassen wollten, trieb der Ansturm auf die Kassen zuerst die kleinen Gesellschaften in den Bankrott. Die Peruzzi und die Bardi hatten durch enorme Anleihen dem englischen König beim Ausbruch des Hundertjährigen Krieges seinen Kampf gegen Frankreich finanziert. Da die Feldzüge des Engländers scheiterten, war er nicht in der Lange, seine Schulden unverzüglich zurückzuzahlen. Die allgemeine Panik erfasste nun auch die Depositäre der großen Gesellschaften, deren riesige Guthaben bem englischen König unwiderbringlich waren. Der Untergang der kleineren Gesellschaften riss so auch die größeren mit sich. Die Acciaiuoli, die zudem auch sehr stark in Neapel engagiert waren, gingen 1343 ebenso wie die Peruzzi in Konkurs; die Bardi folgten 1346. 350 Florentiner Gesellschaften sind zwischen 1333 und 1346 bankrott gegangen, darunter hunderte kleinere Unternehmen, die in das wirtschaftliche Desaster hineingezogen wurden." (Gilomen, S.112)

 

Die Lombarden und Juden mit ihren kurzfristigen Krediten zu hohen Zinsen prägen den Geldmarkt mit ihren Zinsen von 20-40% nicht mehr und sind überhaupt unrentabel für Investionen, die nie solche Renditen erwarten lassen. Gerade noch so akzeptabel für das Geschäft sind dagegen mit ca. 15% Jahreszinsen ausgestattete Finanzwechsel. Dort wo die Juden vertrieben werden, treten dann Franziskaner an ihre Stelle mit christlich verbrämten Darlehensbanken, die in Italien dann fromm monte di pietà genannt werden.

 

Was die kapitalistisch strukturierte Wirtschaft aber wieder ankurbelt, ist als Resultat der Krisen ein Überangebot an Krediten, welches die Zinsen sinken lässt.

 

Einen Sonderfall im Finanzgeschäft stellt die zunehmende Kreditfinanzierung städtischer Haushalte dar, die die steigende Abgabenlast der Untertanen eingrenzen soll, aber auch zur manchmal extremen Verschuldung der Stadt führt. Nicht nur in Florenz wird das Leihen von Geld an den Stadtstaat dabei zu einem für die reichen Beteiligten zu einem lukrativen und relativ sicheren Geschäft, welches eine Rentiersmentalität weg von unternehmerischem Risiko nach sich zieht. Aus solchen Staatsanleihen werden dann Pflichtanleihen, und die großen privaten Kreditgeber schließen sich zu Interessengemeinschaften wie seit 1407 zur Casa di San Giorgio in Genua zusammen, der dann auch die Verwaltung der indirekten Steuern anvertraut wird. Die Casa wandelt sich schnell zu einer Bank, deren Anteile als Dividenden an die Eigner ausgezahlt werden und nimmt damit Elemente einer Aktiengesellschaft vorweg,

 

Stagnation tritt im Bereich technischer Neuerungen ein, die ohnehin noch ganz weit entfernt sind von dem Tempo, dass sie im 19. und 20. Jahrhundert erreichen. Das mag aber auch etwas damit zu tun haben, dass im späteren Mittelalter erst einmal wieder die Bevölkerungsdichte und der Warenumfang von vorher erreicht werden müssen. Das schon im 13. Jahrhundert an einigen Orten verbreitete Spinnrad wird im 14. Jahrhundert immerhin überall Standard.

 

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Auf vielerlei Weise vergrößert die Krise des 14. Jahrhunderts das Proletariat der Besitzlosen, was Besitz- und Kapitalkonzentration fördert und zur Flucht vom Land in die Städte führt. Damit werden bis Mitte des 15. Jahrhunderts die sinkenden Bevölkerungen der Städte fast wieder kompensiert. Daneben werden die zunehmenden bäuerlichen Unterschichten auf dem Lande aber auch durch eine Zunahme des Verlagssystem gehalten, die zum Teil dann nicht mehr Zubrot, sondern Haupterwerb wird.

 

Städte reagieren auf den Bevölkerungsverlust "politisch" durch eine bewusste Politik, die sie attraktiver machen soll. Dazu gehören deutlichere Hygienevorschriften, aber auch Verschönerungspraxis durch Pflasterung von Hauptstraßen und Plätzen. Andererseits wird das Land unsicherer durch Räuberbanden aus dem Proletariat und Raubrittertum des niederen Adels, welcher damit Einkommensverluste kompensieren möchte.

 

Insgesamt wird die Zeit zwischen der Mitte des 14. und des 15. Jahrhunderts als eine rapider Veränderungen erlebt, die tief in den Alltag vieler Menschen eingreifen. Im Mitteleuropa nehmen Totentänze zu, religiöse Schauspiele und Geißlertum reagieren darauf, ebenso wie antijüdische Ressentiments bis hin zu Pogromen und Vertreibungen zunehmen.

Literarische Verarbeitung der Florentiner Pest durch Bocaccio deutet aber an, dass das Leben weitergehen wird. Eine multimedial geförderte Massenhysterie, wie sie in solchen Fällen heute in den Metropolen des Kapitals ausbricht, gibt es nicht, der Tod ist noch nicht so ausgegrenzt wie heute und darum auch nicht so erschreckend. Es gibt auch keine Glücksversprechen wie im allgemeinen Massenkonsum heute, die von irgendeinem Schicksal bedroht werden.

Vielleicht haben die Seuchen auch einen Einfluss auf hygienischere Verhältnisse in den Städten, wo man mancherorts schon vorher begonnen hatte, den Abfall auf kommunale Müllkippen zu transportieren, die Schweine und ihren Kot aus den Straßen zu vertreiben und über Rohrleitungen saubereres Wasser in die Städte zu leiten.

 

In England zeigt sich, dass nicht die Pest selbst, im Moment ihres Auftretens sicher erschreckend, sondern die deutlichen Umwälzungen des 14./15. Jahrhunderts, in denen sich Ständeordnungen und feudale Strukturen als hohle Hüllen erweisen, die Leute beunruhigen, obwohl wir dabei vor allem auf Autoren wie Chaucer, Gower und Langland als Quellen angewiesen sind, von denen allerdings zumindest der letztere dann schriftlich wie mündlich weiter verbreitet wird.

In dem halben Jahrhundert nach der Pest schreibt ein ansonsten eher unbekannter William Langland mit 'Piers Plowman' in mehreren Versionen eine Geschichte über einen vorbildlich braven und frommen Ackerbauern mit einem sehr kleinen Feld, der sich unter anderem mit einem Ritter vertraglich verbindet, für diesen zu arbeiten und von ihm wiederum Schutz zu erhalten und die Landarbeit störende Tiere zu jagen. Die beunruhigende Gegenwelt sind gierige Landarbeiter, Bettler, die eigentlich arbeiten könnten und eine Schar von Kleinkriminellen. Eine vergangene, harmonisch und fromm erscheinende Vergangenheit trifft auf eine neue Welt, in der Herren und Arbeitskraft inzwischen wie auf einem Markt verhandeln und die produktiv Arbeitenden durch Konsumgier allen möglichen Sünden verfallen.

 

Um 1390 schreibt Gower: The world is changed and overthrown / That it is well-nigh upside down / Compared with days of long ago. Es geht hier nicht um "Mentalitäten" einer "Geistesgeschichte", sondern um Reaktionen auf die Destabilisierung der lateinischen Welt durch Bewegungen des Kapitals, deren Resultate als Unordnung wahrgenommen werden. Wie weiterhin bis heute kommt dabei keine Kapitalkritik auf, sondern eher Erlösungssehnsucht, die da, wo sie sich nicht religiös äußert, anfängt zu politisieren und sich dabei als eher rückwärtsgewandt erweist.

 

Adel, Ritter und Krieg

 

Adel beruhte von Anfang an auf der Verbindung von Kriegertum und Grundherrschaft. Aus letzterer resultieren im 14. Jahrhundert tendenziell abnehmende Einnahmen, das erstere verliert zunehmend an Bedeutung. Ein ganzes Bündel von Gründen trägt dazu bei. Dabei trifft der wirtschaftliche Niedergang eines Teils des Adels auf die Notwendigkeit, seine Kriegsteilnahme zumindest teilweise zu finanzieren, und auf die zunehmenden Möglichkeiten von Herrschern, über ihre Einkünfte Söldner bzw. Fußsoldaten zu bezahlen.

Das führt im Verlauf des 14. Jahrhunderts zu einem ersten Prestigeverlust des Adels, der durch einen zunehmenden Kult von Ritterlichkeit aufgefangen werden soll.

 

Der Ritter kämpfte zu Pferde vor allem mit Schwert und Lanze, was für einen Kampf Mann gegen Mann geeignet war. Dieser wurde auf den Turnieren geübt. Eine frühe ziemlich unritterliche Waffe war die Armbrust gewesen, deren enorme Durchschlagkraft mit dazu beitrug, die Rüstung zu verstärken. 1139 verbot der Papst sie, was aber im 13. Jahrhundert bereits kaum noch beachtet wurde. Die ritterlichen Rüstungen wurden immer schwerer und können am Ausgang des Mittelalters schon mal an fünfzig Kilo heranreichen. Sie machen den Ritter immer unbeweglicher, was besonders dann von Bedeutung ist, wenn Fußsoldaten die Pferde verletzen oder töten, die Reiter herabstürzen und sich nur mit Mühe und Hilfe wieder aufrichten können.

 

Nachfolger der unritterlichen Armbrust werden die immer effektiver gemachten Pfeil und (Land)Bogen mit einem fast mannshohen Bögen, deren Pfeile mehrere hundert Meter weit effektiv bleiben und in viel schnellerer Folge abgeschossen werden können. Unritterliche Waffen aber fördern eine unteradelige Infanterie aus bürgerlichen und bäuerlichen Kreisen. 2500 Ritter des französischen Heeres bei vielleicht 4000 Fußsoldaten, darunter auch bereits einige Bogenschützen, unterliegen in Kortrijk 1302 einer sich als Bürgerheer begreifenden flämischen Armee aus rund 500 Rittern und etwa 8000 Fußsoldaten. Mehr als tausend französische Ritter werden getötet.

Ähnlich siegt ein schottisches "Volksheer 1314 bei Bannockburn und 1315 ein schweizerisches bei Morgarten. Englische Armeen werden immer mehr mit lanzentragenden Fußsoldaten, die Pferde und menschliche Gliedmaßen aufschlitzen und mit gut ausgebildeten Bogenschützen ausgestattet, während die französischen Heere im Hundertjährigen Krieg von Sluys (1340) bis nach Azincourt (1415) weiterhin auf schwer gerüstete Ritter, Herzöge, Barone, kleine Ritter setzen. Sie tragen als Bannerherren bunte Banner mit sich, Junker immerhin Wimpel, alle mit ihren Knappen versehen, in ihrer immer vollkommeneren Rüstung eine mit ritterlichen Vorstellungen versehene, relativ unbewegliche Kampfmaschine.

Wie weit das Renommé des Rittertums unter seinen vielen Niederlagen leidet, erweist sich in aller Deutlichkeit nach 1356, wo bei Maupertuis in der Nähe von Poitiers wie bei Crécy (1346) Bravourattacken ritterlicher französischer Verbände von englischen Bogenschützen niedergestreckt werden. Zweieinhalbtausend französische Ritter einer Heeres von 16 000 werden von dem halb so großen Heer des "Schwarzen Prinzen" von Wales getötet. In englischen Heeren nehmen längst die besoldeten Bogenschützen einen weit größeren Raum ein als die teilbesoldeten Reiter. Auch als Reflex darauf kommt es zur Jacquerie der Bauern und zum Aufstand der Oberschicht des Pariser Bürgertums unter Étienne Marcel.

Weitere Niederlagen und die drückende Steuerpolitik der Regenten führen z1382 zum Aufstand der maillotins in Paris, der mit Hilfe des Unterhändlers Enguerrand de Coucy beendet wird, der dabei erheblich profitiert. In derselben Zeit findet in Rouen die Revolte der Harelle statt und im Süden die der Tuchins, die sich ebenfalls beide vor allem gegen den ursprünglich kriegsbedingten Steuerdruck wenden.

 

Ein weiterer bedeutender Rückschlag für das adelige Prestige französischer und burgundischer Ritter wird die verheerende Niederlage bei Nikopolis 1396, bei der das Militär des Türken Beyazid I. das christliche Ritterheer komplett niedermetzelt.

 

Das Söldnertum der Grandes Compagnies, die sich immer mehr verselbständigen, führt in Frankreich in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts zu größeren Verheerungen und zu mehr Toten als der Krieg selbst.

 

Weitere Kommerzialisierung feudaler Strukturen

 

Im vierzehnten Jahrhundert lässt sich ganz allgemein sagen, dass die feudalen Strukturen komplett kapitalistisch durchsetzt sind, - sie sind die äußere Hülle für ein ganz andersartiges Innenleben.

Für das Kaiserreich schreibt Patzold: "Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts beispielsweise begannen die Könige aktiv und gezielt, auch Bürger in den Reichsstädten mit Lehen auszustatten und sich so als Kronvasallen zu verpflichten. Nutznießer dieser Politik waren nicht allein die Angehörigen des Patriziats, sondern auch zahlreiche Handwerker und Familien, die nicht ratsfähig waren. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurden Bürger sogar zur zweitstärksten Gruppe unter den Kronvasallen. Auf diese Weise etablierten die Könige Beziehungen zur Elite innerhalb von Reichsstädten und gewannen kapitalstarke Finanziers." (S.109)

Solche Bürgerlehen sind besonders teuer zu erlangen, betragen manchmal den Jahresertrag des Lehens (Patzold, S.111f) Diese Bürger zogen natürlich nicht selbst in den Krieg, sondern finanzierten ihn als Lehnsmannen.

Als Rentenlehen können die Einkünfte aus Zöllen, Steuern oder ähnlichem verliehen werden, für die dann militärischer Vasallendienst zu leisten ist, was sie zu einer Art Sold nach Lehnsrecht macht (Patzold, S.112) Solche Rentenlehen können durch eine Einmahlzahlung oft in Höhe des zehnfachen Jahresbetrages abgelöst werden. Davon soll dann der Mann ein Eigengut kaufen und dem Herrn zu Lehen auftragen, oder aber ein schon vorhandenes Eigengut zu Lehen auftragen, "dass daraus ein Jahresertrag in Höhe eines Zehntels der Ablösesumme erzielt werden" kann (Patzold, S.113).

Hat ein Herr Schulden, kann er entweder ein Pfandlehen geben, welches bis zur Rückzahlung der Schuld dauert, oder aber ein Zinslehen.  Im Grunde kann alles mit einem Marktwert als Lehen vergeben werden. Wie sehr feudale Strukturen in kapitalistische integriert sind, zeigt nicht zuletzt auch die Tatsache, dass selbst an nun gar nicht wehrfähige Bauern Zinslehen vergeben werden können, in denen ebenso wie in Bürgerlehen Geldleistungen die militärischen ersetzen.

 

Längst ist nicht mehr nur die fürstliche und adelige Nachfrage nach Konsumgütern Motor der Entwicklung, sondern die königliche und fürstliche Nachfrage nach Geld, mit dem Kriege zu führen sind. Dort, wo überhaupt noch Abteilungen von Vasallenheeren neben den zunehmenden Söldnerverbänden in den Krieg ziehen, müssen diese immerhin für den Krieg versorgt und ausgerüstet werden, auch wenn der eigentliche Militärdienst dann als Verpflichtung geliefert wird.

 

Inzwischen hat das Lehnswesen sich auch in noch einem Punkt deutlich geändert. Territorialherren entsenden nun "zunehmend Beamte und gelehrte Juristen in die Lehnskurie, die sich somit zu einer herrschaftlichen Behörde für alle Lehnsstreitigkeiten " wandelt. (Spieß, S.37)

 

 

Adel und Bürger

 

Karl VII: Teile des Adels waren durch die lange Kriegszeit ruiniert worden, versuchen aber ihren Status als Mitglied eines gehobenen Standes durch Lebensstil und Kriegsdienst aufrecht zu erhalten, der Steuerfreiheit mit sich bringt. An der Grenze zwischen Adel und Bürgerstand befinden sich jene, die  sich als Kaufleute nobilitieren lassen, aber durch ihre Geschäfte ohnehin Teile des Adels an Reichtum übertreffen. Sie werden so vom Kriegsdienst befreit und müssen meist auch keine Steuern zahlen, ähnlich wie "Bürger", die adelige Landgüter aufkaufen.

Im 'Livre du Corps de policie' schreibt Christine de Pizan 1407: Bourgeois sont ceulx qui sont de nation ancienne, enlignagiez es cites, et ont propre surnom et armes antiques. Bürger sind Leute von alter Abstammung, in den Städten versippt, und sie haben eigenen Zunamen und altes Wappen, wie Ehlers übersetzt, (Ehlers, S.349)

Der Bürger als bourgeois, als Patrizier, wie er deutsch gelegentlich heißt, ist fast eine Art eigener Adelsstand, weit entfernt von der Masse der Leute, die in deutschen Landen Bürger heißen.  

 

Die große Krise des 14. Jahrhunderts und die Kriege hatten die Bevölkerung Frankreichs fast halbiert. Die Landwirtschaft ernährte immer noch fast 90% der Menschen, aber sie ging stärker, wie auch anderswo, vom Ackerbau zur Viehhaltung über und darüber hinaus zur Zuarbeit zum städtischen Gewerbe mit Wid, Krapp und Hanf.

Ein Boomsektor sind inzwischen die Gewerbe der Produktion für den Krieg. Als erstes profitiert dabei der Bergbau, von Kapitalgesellschaften mit Lohnarbeit betrieben. Dann kommen Waffenschmiede und Kanonenhersteller, Herstellung von Rüstungen und anderes. Diese handwerklichen Betriebe werden immer größer, beschäftigen immer mehr Lohnarbeit und nähern sich so dem, was im Deutschen industrielle Produktion heißt.

Die größten Profiteure sind aber im Finanzkapital zu finden, welches zum Teil eng mit der Staatsverwaltung zusammenarbeitet. Es steigt durch Handel auf, finanziert Kriege vor und bekommt das einträgliche Geschäft der Steuereintreibung für ganze Regionen verpachtet. Wenn solche Leute, die einen fürstlichen Lebensstil pflegen, ihren königlichen und hochadeligen Schuldnern zu lästig werden, werden sie schon einmal auf juristischen Wege oder anderweitig ruiniert, was den Akteuren die Schuldenlast nimmt. Auch das große Kapital hat immer noch nur die wirtschaftliche Macht, die sich leicht von der politischen trennen lässt, an der solche wirtschaftlich Mächtige nicht ohne staatliche Zustimmung partizipieren können.

 

 

Jacquerie  (1358) / Etienne Marcel (1355-58)