TUDOR-ENGLAND

 

 

Kirche, Macht und Frauen

 

Der achte Heinrich ist ein Bilderbuch-Fürst, ein würdiger Zeitgenosse des ersten französischen Franz, mit dem er 1520 auf dem Güldenen Feld persönlich zusammentrifft, um seine kontinentalen Ambitionen zu demonstrieren. Er ist gutaussehend, wohlgebaut, kräftig und allem mit Talent zugetan, was damals als “Sport” gilt: Reiten, Jagen, Bogenschießen, Tennis. Er ist hochgebildet, sprachbegabt, beherrscht Latein, Französisch und etwas Italienisch, spielt Laute und Virginal, kann vom Blatt singen. (vgl. Suerbaum, S.73ff). Zudem ist er auf seine Art ein frommer Christ und ein theologisch gebildeter Gegner Luthers, - auch die übrigen Reformatoren mag er nicht.

 

Heinrich liebt die Macht und das Gepränge, die Details der Regierungsgeschäfte gibt er an seine Kanzler ab. Deren erster ist Wolsey, Sohn eines Schlachters mit steiler Karriere, der zweimal versucht, als Papst gewählt zu werden. Zunächst ist er der passende Partner des ambitionierten Herrschers, der in den Club der Großen seiner Zeit aufsteigen will. Der kandidiert vor den deutschen Kurfüsten als Kaiser, unterliegt aber dem allerkatholischsten Habsburger, dessen Wahl die Fugger höher finanzieren. Der spanische Thron ist ebenfalls in der Hand des Hauses Habsburg, und Spanien ist seit der Reconquista, der Vertreibung der maurischen Herrscher eine allerkatholischste Weltmacht. Schließlich war da Frankreich, einerseits zunehmend protestantisch infiziert, andererseits mit einer ganz und gar katholischen Krone ausgestattet. Der achte Heinrich empfindet sich in diesem päpstlich beäugten und lizensierten Szenarium als ein zu kurz Gekommener.

 

Wolsey muß aber nicht nur abtreten, weil Heinrichs Machtträume scheitern, sondern wegen eines zentralen Dilemmas im Hause Tudor – des König Schwierigkeiten, sich von seiner von Bruder Arthur geerbten Frau Katharina von Aragon scheiden, bzw. genauer die Ehe annullieren zu lassen. Diese war älter als er, kränkelte und hatte ihm “nur” eine Tochter geschenkt, jene Maria, die später Königin werden wird. Inzwischen hat sich der König in die vornehme Anne Boleyn verliebt, nachdem er vorher schon ein Verhältnis mit einer ihrer älteren Schwestern hatte. Anne wird nun schwanger vom König, und die einflußreichen Astrologen lesen in den Sternen, dass es ein Sohn werden soll, der erwünschte männliche Thronfolger.

 

Aber aller Druck auf die römische Curia nützt nichts, Papst Clemens VII. ist inzwischen nicht mehr frei in seinen Entscheidungen: Als Antwort auf des ersten Franz Versuche, sich Italien einzuverleiben, hatte Kaiser Karl V. Truppen gen Süden geschickt, die Rom eingenommen und mehr als damals üblich im Sacco di Roma geplündert hatten. Auch der fünfte Karl ist ein sehr frommer Mann, - er wird seine Tage in einem spanischen Kloster beschließen - er beschützt seinen Papst nicht nur, er diktiert ihm auch seine Beschlüsse. Der spanisch-habsburgische Karl ist nun aber Neffe besagter Katharina von Aragon; er ist machtpolitischer Konkurrent Heinrichs VIII. wie Franz I. und lässt nicht zu, dass seine mit riesiger Mitgift von der spanischen Krone auf den englischen Thron gehievte Tante nun von demselben gestoßen werden soll.

 

Erst heiratet Heinrich sweet Lady Anne nun heimlich, dann lässt er die Ehe per Gesetzesänderung legitimieren, indem der Erzbischof von Canterbury die erste Ehe annulliert. Kurz darauf wird ungeachtet aller Sternenguckerei ein Mädchen geboren, Elizabeth, die am Ende bekanntlich auch Königin wird. So hat unser Monarch eine eheliche Tochter verloren (Mary ist plötzlich ein Bastard) und eine gewonnen.

 

Der Papst dreht das um, erklärt die neue Ehe für nichtig und Elisabeth zum Bastard. Darauf wird die englische Kirche in der Suprematsakte der päpstlichen Kontrolle entzogen und entsprechend der des Königs unterstellt , - alles durch Beschlüsse des Parlaments. Von nun an ernennt der König die Bischöfe, die Abgaben an Rom bleiben im Land, und er behandelt ihr Eigentum, als ob es das seine wäre. Die geistliche Laufbahn wird zum Staatsdienst schlechthin, wie Suerbaum formuliert (S.87). Paläste widerspenstiger Bischöfe werden zu Steinbrüchen und ihr Besitz wandert in die königliche und andere staatstragende Schatullen.

 

Wenige Jahre später löst Heinrich alle Klöster auf und eignet sich deren Grundbesitz und Einnahmen an, - ähnlich wie die protestantischen Fürsten in Deutschland, ähnlich wie später die französische Revolution. Die moderne vernunftgemäße Macht kennt keine menschlichen Rücksichten mehr, sie wird schrankenlos, ihr Ziel wird der totalitäre Staat, den allerding erst bürgerliche Revolutionen durchsetzen werden.

 

Mit den diversen Reformationen verschärft sich das Klima der Unduldsamkeit im Abendland, das mit der Verwandlung des Christentums in eine und die einzige Staatsreligion unter Kaiser Konstantin begonnen hatte. In Nord-England kommt es zu einem Aufstand derer, die ihre hergebrachte Religion behalten wollten, der mit einigem Aufwand niedergeschlagen wird. Es kommt zu knapp 50 Hinrichtungen aus religiös verbrämter Staatsraison, das berühmteste Opfer ist des Königs zweiter Kanzler, Thomas Morus, der wegen Hochverrat hingerichtet wird, weil er den Suprematseid nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann.

 

Das Konzept der Staatskirche wird auch in den kleinen protestantischen Fürstentümern Deutschlands durchgesetzt, aber deren Bevölkerung hatte sich vorher weitgehend schon selbst reformiert. In der englischen Bevölkerung hingegen findet die Reformation erst statt, als schon fast alle samt ihrem Herrscher insofern protestantisch als von Rom getrennt sind. Darüber hinaus findet die englische Reformation weitgehend im Rahmen der zu reformierenden Kirche statt, deren großer Vorsitzender der König ist. Das wird nicht gut gehen.

 

Die anglikanische Theologie bleibt katholisch, aber für viele Gläubige, ohnehin mit Theologie überfordert, werden die Veränderungen bedeutsam, die den reformatorischen auf dem Kontinent entsprechen: Die Umstellung von Latein auf die Volkssprache im Gottesdienst macht diesen für fast alle Gläubigen zum ersten Mal sprachlich mitvollziehbar und etabliert die zentrale Bedeutung der Predigt, des sermon. Das magische Moment von Ritus und Sakrament verblaßt und schwindet im 18. Jahrhundert ganz. Die Bibel wird übersetzt und dann alleine in englischer Sprache zugelassen. Die Minderheit der Bevölkerung, die sie nun lesen kann, wird das Neue Testament, welches ja erst die römische Theologie genießbar gemacht hatte, weithin beiseite lassen und sich auf das orthodox-jüdische Alte Testament stürzen, welches Glauben und Leben als Einheit sah. Volksreligiöse Elemente wie Wallfahrten und Heiligenverehrung werden verboten, das Christentum der Frommen wird karg und unfroh, das der Mehrheit säkular und konformistisch-desinteressiert.

 

Ein Aspekt, den Protestantismus und Katholizismus via Renaissance gemein haben, wird von Schwanitz folgendermaßen in unnachahmlicher Kürze beschrieben:

 

In traditionellen Gesellschaften sind Kommunikation und Menschheit nicht kongruent. Die ganze Natur ist soziomorph.Und so gehören zur Gesellschaft auch Bäume, Totemtiere, Verstorbene und Geister. Zu diesem Typ gehört auch die Gesellschaft des Mittelalters. In ihr leben die Menschen in Gemeinschaft mit Dämonen, Heiligen, Engeln, Teufeln, Quellen, Reliquien und natürlich mit Gott. Der Protestantismus markiert eine kulturrevolutionäre Schwelle. Sein eifersüchtiger Gott absorbiert all diese Beziehungen, monopolisiert sie und dirigiert die soziomorphen Begriffe der Kommunikation wie Liebe, Strafe, Wort, Vater, Schuld, Sünde, Erlösung etc. alle auf sich selbst. Damit entsozialisiert er die Welt, zerstört den Primat der Sozialdimension im Erleben und bereitet die Freigabe der Sachdimension und der Dimension der Zeit vor. Gesellschaft wird nun mit Menschheit gleichgesetzt. Alle andere Kommunikation wird zum Götzendienst und Aberglauben degradiert. Mit einer einzigen Ausnahme: das ist die Kommunikation mit Gott.(...) Zugleich wird die Welt entzaubert. Wenn nur noch Menschen kommunizieren und nicht mehr Bäche, Bäume, Tiere und Geister, muß eine Sonderform für Rückverzauberung gefunden werden. Das ist dann die Literatur bzw.die Kunst. Sie emanzipiert sich aus den Diensten der Religion und wird eine Spezialistin für die Verzauberung aus eigenem Recht. Dazu greift sie auf die klassischen Vorbilder und die klassische Mythologie zurück. So sehen wir zugleich die Entzauberung unter der strengen Zuchtrute des Protestantismus und die Wiederverzauberung durch die Kunst der Renaissance. Es ist, als ob das Wirken des Paulus in Ephesus wieder eingesetzt hätte. Sein Monotheismus, der den Bildhauern der Götterstatuen das Brot entzieht, wird quittiert durch den Protestschrei ,,Groß ist die Diana von Ephesus”. Und diese Wiederverzauberung tritt in den Dienst einer neuen Funktion: der Legitimation und Inszenierung jener anderen Erbin der Religion, der absoluten Monarchie und des höflschen Adels. Die Entdeckung der Politik bei Machiavelli und Thomas More entspricht der humanistischen Konvergenz von Sozialem und Menschlichem. Die Motive des menschlichen Verhaltens zu untersuchen und die Regeln der menschlichen Kommunikation wird erst dann sinnvoll, wenn nicht ständig Gespenster, Tiere und Tote dazwischenreden. Erst später wird Shakespeare zeigen, was passiert, wenn sie es doch tun. (Schwanitz, S.21/22)

 

Mit dem Verlust der Mittlerfunktion der Kirche entsteht ganz schnell ein Kult der Unmittelbarkeit. Die unmittelbare Konfrontation mit Gott macht den Menschen unmittelbar vor ihm, und das heißt, vor seinem Gewissen, verantwortlich. Die ganze Welt der Kultur mit ihren so vielfältigen Vermittlungen wird nun suspekt: Rousseau beschreibt in seiner Lebensbeichte seine erste Erweckung als den Verlust von Kindlichkeit, seine zweite als Entscheidung für die Rückgewinnung derselben. Nur vorpubertäre Kinder sind Menschen, denen die Gnade der Unmittelbarkeit tatsächlich gegeben ist. Der abendländische Totalitarismus, der sich nun entwickelt, verbindet morgenländische Heilserwartung mit abendländischem Infantilismus.

 

Heinrichs durch keine päpstlichen Einsprüche mehr behinderter Verschleiß an Ehefrauen führt dazu, daß Anne Boleyn, die ihm keine männlichen Nachkommen schenkt, in einem fingierten Prozeß wegen Ehebruchs mit fünf Männern, darunter ihrem Bruder, zum Tode verurteilt wird. Sie ist erst einen Tag tot, da heiratet er schon Jane Seymour, die ihm den erhofften Thronfolger Edward schenkt und dann stirbt. Während der Vater, der ihre Mutter hinrichten ließ, drei weitere Male heiratet, wird Eliabeth, selbst nunmehr Bastard wie ihre ältere Schwester, mit der Abfolge von vier Stiefmüttern konfrontiert. Der neunjährige Edward kommt auf den Thron und nähert in sechsjähriger Herrschaft die englische Kirche weiter Positionen kontinentaler Reformation an. Es folgt die (katholische) Maria, die erst Edwards Maßnahmen rückgängig macht und dann alle inzwischen verheirateten Geistlichen aus ihren Ämtern wirft. Fast dreihundert Gegner, darunter mehrere Bischöfe, werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Viele “Protestanten” fliehen, und zwar dorthin, wo die Reformation besonders erfolgreich war und vor allem in calvinistische Kernlande.

 

Als Elisabeth 1558 ihrer Schwester, welche sie zu ihren Lebzeiten praktisch eingesperrt hielt, folgt, macht sie die Änderungen Marias rückgängig. Spätestens unter ihr wird England dann zum Global Player, der sich mit Frankreich und Spanien wird messen können. Unter ihr kommen aber die von Maria verfolgten Protetanten zurück, deren religiöse Botschaft inzwischen calvinistisch aufgepeppt worden ist. Elisabeth, für die Religion letztendlich Privatsache ist, wird sie mit Kompromißformeln noch in Schach halten können. Tatsächlich aber werden Katholiken einerseits, und “Puritaner” andererseits mit der Konstruktion einer Staatsreligion langfristig in mentale Ghettos und die Heimlichkeit gedrängt.

 

Staatlichkeit

 

Der Staat ist der status, état, state, der Zustand also. Am weitesten gediehen ist er im 16. Jahrhundert in den nord-und mittelitalienischen Stadtstaaten, die alle inzwischen dazu tendieren, regionale Fürstentümer zu werden. Es ist der Zustand einer Gesellschaft, die nicht länger (fiktiver) traditioneller Verwandtschaftsverband ist, den persönliche und sei es feudal mediatisierte Beziehungen strukturieren. Das neue Medium ist das Gesetz, jene moderne Form der Willkür, deren höchste und aufgeklärteste Form die der Tyrannei jenes Fürsten (principe) ist, den Macchiavelli auslobt.

 

Solch aufgeklärte Staatlichkeit führt die erste Elisabeth in England ein. Sie benutzt dabei die zwei legitimatorischen Eckpfeiler jeden modernen Staates: die Sozialstaatlichkeit und den Mythos Nation.

 

Bis zu des achten Heinrich Bruch mit Rom hatten vor allem Kirchen und Klöster sich um die Notleidenden gekümmert. Mit ihrer Verstaatlichung und Zerschlagung entstand ein Vakuum. Der Sozialstaat nun greift akute Übelstände auf und reguliert sie staatlich so, dass sie einerseits als Staatsaufgaben permanent werden und so Staatlichkeit legitimieren, andererseits aber das Ordnungsgefüge nur bedrohen, nicht aber zerstören. Aus der Hilfsbedürftigkeit einzelner wird so über die stete Neu-Erfindung der Armut, später auch der Arbeitslosigkeit eine staatliche Aufgabe.

 

Solange Gemeinden als Gemeinschaften konzipiert sind, wirkt die Caritas, die Mildtätigkeit. Mit ihrer Armengesetzgebung (poor law) regelt Elisabeth nun die Armenfürsorge als eine staatliche (bis ins englische 19. Jahrhundert kommunale) Aufgabe: Die Besitzenden der Gemeinden müssen nun nach Einkommen eine Art Armensteuer zahlen, die die Armut kommunal, wenn auch notdürftig, finanziert. Wer nicht arbeiten kann, wird (schlecht) alimentiert, wer dazu imstande ist, dem wird dazu verholfen bzw. er wird dazu gezwungen. Geduldete Bettler werden nun lizeniert. Armut heißt damals, der Gefahr ausgesetzt zu sein, zu verhungern oder zu erfrieren. In Erscheinung treten diese Armen als Vagabunden oder ortsansässige Bettler und in den Augen moderner Aufgeklärtheit wirken sie als Störenfriede bürgerlicher Ordentlichkeit.

 

Zweiter grundlegender Aspekt der Sozialstaatlichkeit wird die staatliche Modernisierung der Ständeordnung. Das früher in zünftiger und gildemäßiger Selbstorganisation strukturierte Gewerbe wird gesetzlich geregelt (statute of artificers). Staatliche Luxusgesetze versuchen, den Aufwand der einzelnen Stände zu regulieren (Kleidung, Schmuck, Haushaltung).

 

Der zentrale Grundsatz der Durchsetzung von Staatlichkeit bis in den bislang privaten Raum hinein ist die Aufhebung von Selbstregulierung durch Gesetzlichkeit, die Ablösung von Tradition durch Willkür. Ein Prozeß von Enteignung (überAbgaben) und Entrechtung (über Gesetze) schafft jene Untertänigkeit, die nach staatlichen Eingriffen ruft, die zu jenem Phänomen führen, das in Zukunft “Reform” heißen wird, und bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Veränderung zuungunsten der Untertanen bedeutet. Im religiösen Raum heißt das ganze gleichzeitig Re-Formation (Umformung).

 

Wir wissen nicht, warum die Virgin Queen niemals heiratet, und natürlich auch nicht, wie jungfräulich sie war. Hätte sie geheiratet, wäre sie den Entscheidungen eines Ehemanns unterworfen worden. 1566 will das Parlament sie wieder mal zur Heirat drängen und sie antwortet: I am your anointed Queen. I will never be by violence constrained to do anything. Mit der Salbung aber ist ihr Königtum mit Gottes Segen versehen. Schon 1559 hatte sie dem Parlament in derselben Sache erklärt: ...I was sent into this world by God to think and do those things chiefly which may tend to his glory. Das klingt wie das Bekenntnis einer Nonne, einer Braut Gottes. In derselben Rede formuliert sie aber weiter: I have already joined myelf in marriage to a huband, namely the Kingdom of England. And behold (and therewith she drew the ring from her finger and showed it, wherewith at her coronation she had in a set form of words, solemnly given herself in marriage to her Kingdom). Das klingt sehr wie der tradierte jungfräuliche Nationalismus der Johanna von Orléans. Aber nun kommt noch hinzu, was später Fénelon predigen wird: And do not upbraid me with miserable lack of children; for every one of you, and as many as are Englishmen, are children and kinsmen to me: Of whom if God deprive me not (which God forbid) I can not without injury be accounted barren...

 

Die höfischen Dichter werden Elisabeth als Diana, Astraea und Gloriana in Nachfolge der hohen Minne anhimmeln, Edmund Spenser wird mit 'The Faerie Queen' daraus eine Oper machen, die Purcell hundert Jahre später unter den letzten Stuarts in wunderschöne Musik fassen wird.

 

Jenseits davon aber wird auch mit dem Untergang der Armada Spaniens Niedergang besiedelt, staatlich lizensierte englische Seeräuber werden ihm den zu Rest zu geben versuchen, Lord Mountjoy wird Irland in die Knie zwingen, Frankreich wird auf Abstand gehalten und zerfleischt sich in Religionskriegen.

 

Die alten und die neuen Mächte

 

Am Ende des 'Hamlet' sprechen Hamlets Freund Horatio und der neue Machthaber Fortinbras. Der eine, seinem Namen getreu, hatte bei Hamlets Sterben gerade entdeckt, dass er mehr Römer und weniger Däne sei. Der andere, gerade aus einem blutigen Feldzug nach Polen zurückgekommen, einer Laune des norwegischen Herrschers folgend, gibt dem toten Hamlet alle militärischen Ehren.

 

Die gängige Interpretation sagt, dass der waffenklirrende Fortinbras, der brudermörderische König und sein inzestuöses Weib die Mächte der Vergangenheit seien und die humanistisch beeinflußten Wittenberger Studenten wie Hamlet oder Horatio und in Paris gebildete junge Weltmänner wie Laertius die Zukunft, die neue Zeit repräsentierten. Die neue Zeit sei nachdenklich, zögerlich und aus der Vergangenheit nährten sich die Männer der Tat wie Hamlets Mutter und Onkel, höfische Schönschwätzer wie Polonius oder Recken wie Fortinbras. Davon ist in dem Theatertext nichts zu lesen.

 

Das Wittenberg des 'Hamlet' ist für die zeitgenössischen englischen Theaterbesucher eine bedeutende humanistisch beeinflußte Universität. Hamlet und Horatio sind fellow-students, scholars, und Hamlet möchte gegen den Willen seines nun königlichen Onkels gerne dahin zurück, so wie es Laertes nach Paris zurück zieht. Ihnen allen mag sich der vermutliche Autor, der Earl of Oxford, nahe gefühlt haben, bittet er doch seine Königin des öfteren um die Erlaubnis, sich vom Hof zu entfernen und auf den Kontinent zu reisen. Wir haben es auf dieser Ebene mit der Zeit des (sichtlich) nahen Endes der ersten Elisabeth zu tun, Polonius repräsentiert die Zukunft höfischer Etikette und Verhaltensweisen, Fortinbras verweist auf das im 17. Jahrhundert zunehmende Söldnerunwesen, und die scheinbar archaische Ruchlosigkeit der Königin und ihres Schwagers wie bei Macbeth und Lear auf den Bruch mit einer tradierten Ordnung, durch den die Welt aus den Fugen gerät. Mord, Inzest, Lug und Trug werden nur in Macbeth mit seiner Vision hin zur Stuart-Herrschaft gemildert. Die aber ist ein höfischer Kotau des Autors in einem seiner schwächsten und darum unvollendeten Stücke..

 

Andererseits: 'Hamlet' spielt in einer früheren Zeit, in der Skandinavier England unter ihrer Knute haben, also lange vor dem magischen 1066 des Modernisierers Wilhelm von der Normandie. Wittenberg ist ein Anachronismus und es gibt kaum höfische Kultur im Norden und Nordwesten des Abendlandes. Hamlet ist kein heimgekehrter Modernisierer Dänemarks, er überläßt diese Aufgabe Fortinbras. Er ist vielmehr einer, der mit einer Handvoll anderer junger Leute, die in der Fremde vom dänischen Fortschritt ausgeschlossen waren, vom Neuen in den Tod getrieben wird. Was sagt Hamlet dem “Geist” seines Vaters nach dem berühmten The time is out of joint: O cursed spite / That ever I was born to set it right!

 

Wichtiger noch ist eine andere Ebene: Direkt zuvor, auch am Ende des ersten Aktes, mit demselben Ghost unterhalb der Bühne, sagt Hamlet seinem Freund: There are more things in heaven and earth, Horatio, / Than are dreamt of in your philosophy. Das Schauspiel ist nicht so platt, dass uns der Autor hier sagen möchte, daß es jenseits des neuen aufgeklärten Zeitalters auch noch Geistererscheinungen geben könne. Die Militärs sehen den Geist des Vaters von ihrem Ausguck, Hamlet sieht ihn, - Where, my Lord? fragt Horatio und erhält die Antwort – In my mind's eye, Horatio. In III-2 sind es seine imaginations, mit denen er sieht. Es ist seine Vorstellungskraft.

 

In III-4 erscheint der “Geist” während der großen Unterredung zwischen Hamlet und seiner Mutter. Hamlet redet mit ihm, die Mutter sieht nichts und hört nichts. I set you up a glass / Where you may see the inmost part of you, hat ihr Hamlet vorher angekündigt. Tatsächlich sieht die Mutter nicht nur den Geist nicht, sie sieht auch nicht viel, wenn ihr Hamlet ihr Innerstes vor Augen führt. Deshalb gibt ihr Hamlet folgendes vor: Assume a virtue, if you have it not. / That monster custom, who all sense doth eat, / Of habits devil, is angel yet in this, / That to the use of actions fair and good / He likewise gives a frock or livery / That aptly is put on. (III-4) Die Mutter ist hohl und flach, und um ihren neuen Gatten ist es nicht besser bestellt. In the very witching time of night akzeptiert er einen Moment seine Schuld wie Hamlets Mutter, aber er kann sie nicht bereuen (repent), - seiner Ansicht nach, weil er nicht von der Beute lassen kann, die sie ihm eingebracht hat. Beide haben keine Vorstellungskraft wie Hamlet, weil innen die Substanz fehlt. Wie Macbeth sind sie innerlich karg, so clever sie sich nach außen geben. Ihre momentane Verzweiflung ist keine innere Zerrissenheit wie beim Titelhelden, der sich wie an einer Antinomie der Vernunft zerreibt, sie leiden wie gestellte Übeltäter, die es nicht einmal wert sind, der gerechten Rache ausgeliefert zu werden.

 

Am Ende zieht die fortschrittsgewisse Moderne mit militärischem Gepränge und klingendem Spiel ein: Die Hoffnungträger wider Willen werden abgeräumt; im Rahmen des Schauspiels gibt es keine Hoffnung mehr.

 

Zurück nach Ilion und noch einmal Shakespeare/de Vere

 

Paris hat dem Menelaos die schöne Helena geklaut und schon viele Jahre belagern deswegen (?) die Griechen Troja. Es gibt keine Feinde, sondern nur Gegner, aber den Griechen wird jede (Hinter)List recht sein, das schöne Ilion zu zerstören. Agammemnon, der Fürst der Griechenfürsten, hat Achilleus sein Lustmädchen Briseis weggenommen, und der verliert darauf verärgert die Lust am Krieg. Ohne den großen Helden tut sich aber nicht mehr viel, bis auch sein Lustknabe Patroklos getötet wird.

 

Vor gut 2000 Jahren hat man aus der homerischen und später der Vergilschen Quelle ein drittes Liebes-Drama dazugedichtet: Die schöne (trojanische) Cressida wird von ihrem Onkel Pandarus mit dem trojanischen Helden Troilus zusammengebracht. Ihr mit seherischen Fähigkeiten begabter Vater Kalchas ist zum griechischen Feind übergelaufen, und im Zuge eines Gefangenenaustausches gelangt sie chließlich zum Vater, in die Hände der Griechen und insbesondere die des Diomedes, dessen muskelstarrender Männlichkeit sie zum großen Unglück des Troilus erliegt.

 

Im 14. Jahrhundert macht Bocaccio daraus eine italienische novella mit dem Titel 'Filostrato' und wenig später formt das Geoffrey Chaucer um in das Versepos von 'Troilus and Cresseyde'. In der zweiten Quarto-Ausgabe der Werke Shakespeares von 1609 entdeckt dann die lesende Öffentlichkeit ein Drama gleichen Namens.

 

Im Shakespeare-Stück gibt es keine Helden mehr, sondern nur noch Heldendarsteller, die einen abstrusen Krieg um eine Frau führen, die es nicht wert ist. Helena ist eine “Hure” wie Cressida, dem jeweils erfolgreicheren liegen sie in den Armen. Liebe ist beliebige Fleischeslust, die mit der Syphilis Hand in Hand geht. Wenn die “Helden” in die Schlacht ziehen, steigen Damen auf den Turm, um dem Schauspiel zuzuschauen. Dort wird gehackt und zerhackt, zerstochen und das Blut spritzt. Für die nicht mehr noblen Aristokraten hat der ohnehin nicht edle Seher und Narr Thersites nur bitterste Galle übrig, die er in der übelsten Gossensprache verspritzt.

 

Das Schauspiel eines Schauspiels beginnt mit dem trojanischen Königsohn Troilus, den die Verliebtheit in Cressida unfähig macht, noch in die Schlacht zu ziehen. Sein Kampf ist der, den er in sich austrägt, und damit ist er schwächer als die Träne einer Frau. Im Lärm der Trompeten entdeckt er Narren auf beiden Seiten. Helena muß schön sein (fair), wenn ihr sie täglich mit eurem Blut beschminkt. Als er belauscht, wie leichthin Cressida sich an Diomedes wegwirft, treibt es ihn, diesen zu töten. Das ist kein homerisch-trojanischer Krieg mehr, sondern die Barbarei, die die Macbeths bewegt und die sich mit Urgewalt immer stärker in das Geschehen im Staate Dänemark wie eine Schwäre einbrennt. Die Frauen, bis auf Andromache und Kassandra, auf die niemand hört, sind Huren; Kalchas, der Vater der Cressida, ist ein Verräter, Achilles ist ein schwuler Lüstling, Agamemnon ein schwacher Oberbefehlhaber. Die Trojaner überlegen, ob sie nicht einfach Helena an die Griechen zurückgeben sollen, und es ist nur noch um des Schaupiels willen, dessen Puppen sie sind, dass sie weiterkämpfen. Ehre und Ruhm nennen sie als Gründe, aber der Zuschauer merkt, dass sie nur noch ohne Sinn und Verstand etwas weiter durchziehen, was hohles Zitat aus der Vergangenheit geworden ist. Die Griechen reden parallel dazu über die Tatsache, daß Helena das schon jahrelange Gemetzel nicht wert sei, und auch sie machen wegen Ruhm und Ehre weiter; sie sind es dem Theaterbesucher schuldig, etwas weiterzuspielen, was offenkundig absurd ist.

 

Pandarus versucht seiner Nichte klarzumachen, was für ein toller Held Troilus ist, der gerade wegen ihr nicht mehr mitmetzelt: look you how his sword is bloodied, and his helm more hacked than Hector's. In Cressidas Sprache ist immer ein Stück Gosse, wenn es um die Liebe geht. Pandarus, dem pander, erklärt sie: If I cannot ward what I would not have hit, I can watch you for telling how I took the blow, unless it swell past hiding, and then it's past watching. Also: Wenn sie ihre Jungfernschaft nicht vor der Zerstörung bewahren kann, kann sie wenigstens darauf achten, dass Pandarus nicht erzählen kann, wie es sie traf, es sei denn, ihr Leib schwillt so an, dass man es nicht mehr verbergen kann, und dann muß man überhaupt auf nichts mehr aufpassen.

 

Ihre Ehrbarkeit, ist wie später die von Pamela, ein reines Machtmittel: Women are angels, wooing: / Things won are done; joy's soul lies in the doing. Aus höfischem Frauendienst ist kaltes Kalkül geworden: Achievement is command. Ihr Widerstreben gegenüber Troilus und Diomedes ist Affentheater.

 

Thersites sagt, die Helden seien allesamt Idioten. Troilus sagt Hektor, die Vernunft mache aus dem Krieger ein Hasenherz: reason and respect / Make livers pale and lustihood deject. Troilus und Achilles sind weder Hasenherzen noch vernünftig, sie zieht es zur Lust des Liebeslagers. Kämpfen werden sie erst wieder aus persönlicher Verletztheit.

 

Aus den Fugen

 

In der ersten Szene des dritten Aktes redet Pandarus mit einem Dienstboten (servant); Pandarus fragt ihn, ob er dem jungen Herrn (Lord) Paris folge, das heißt: diene. Antwort: Ja, wenn er vor mir geht. Frage: Du hängst von ihm ab (depend), Antwort: Ich verlasse mich (depend) auf den Herrn (Lord). Du hängst an (depend upon) einem beachtlichen Herrn (gentleman), ich muss ihn loben (praise) – Der Herr sei gelobt (The Lord be praised). Später fragt Paris' Dienstbote: Sie sind im Zustand der Gnade (in the state of grace)? - Antwort des Pandaru: Grace? Not so, friend: honour and lordship are my titles.

 

Service, Dienst, ist das, was der höfische Liebhaber seiner Dame gegenüber leistet, in Analogie zu dem Dienst des feudal Abhängigen gegenüber seinem Herrn. Das Folgen des Dienenden (des “Mannes”) ist das Leisten von Gefolgschaft. Soweit ist der Servant kein Dienstbote, sondern einer aus dem Gefolge des Paris. Anderereits verhält er sich ganz und gar wie der höfische Narr, der seinen Herrn mit Witz (wit) unterhält. Insofern ist er im Gefolge, er folgt seinem Herrn ganz wortwörtlich (wie er selbst sagt), er gehört also nicht zum Gefolge.

 

Dem Spiel zwischen feudalem und modernem “Dienst” entspricht das zwischen feudalem Dienst und Gottesdienst. Lobe den Herrn in dieser Doppeldeutigkeit ist Profanisierung des Göttlichen im Wortspiel, genauo wie Im Stand der Gnade sein: Grace ist der Titel des Herzogs, Pandarus ist nur Lord, der mit your honour angesprochen wird, Ehre sei aber dem Herrscher des Himmels.

 

Die himmlischen und irdischen Ordnungen werden in diesen Wortspielen nicht nur ins Spiel gebracht, aufs Spiel gesetzt, sie sind am Ende nur noch loses Spiel. Die feudalen Anachronismen in Chaucers Trojaepos sind nicht abwegig, ist für diesen Autor die trojanische Geschichte wie für Ovid oder Bocaccio nur der Handlungsvorwurf, in den sie eine zeitgenössische Liebesgeschichte einbetten. Die Shakespeare/ de Vereschen Anachronismen sind Absicht, der Stand der Gnade und Praise the Lord sind jedem Zeitgenossen hier als Verweis auf die godly people erkennbar, die Feinde solchen Theaters und der feudalen Strukturen. Es geht andererseits in 'Troilus and Cressida' nicht um die Puritaner, es geht darum, daß nichts mehr stimmt, in Ordnung ist. Die Welt ist unzuverlässig geworden, wie der Zeitgenosse John Donne unablässig klagt, bei dem time nicht weniger als bei Shakespeare is out of joynt.

 

Der Schlachtenlärm vor den Mauern Ilions klingt aus im Epilog von Pandarus, der nun von sich selbst als pandar (Kuppler) spricht, das Theaterpublikum als Good traders in the flesh anredet, als Brethren and sisters of the hold-door trade und erst von seinen Geschlechtskrankheiten redet und sie dann dem Publikum an den Leib wünscht.

 

Nicht nur die Puritaner, sondern auch ihre gebildeten Gegner sind erfaßt von einem tiefen Unbehagen an der Moderne, einem Schrecken, einem Weltekel, der bei 'Troilus and Cressida' ganz und gar stehen bleibt. Alles kreist um Sexus und Gewalt, letztere ist widersinnig geworden, die Geschlechtlichkeit wiederum beschmutzt und voll animalicher Gier bei den Männern und listigem Hintersinn bei den Frauen. Die puritanische Lösung wird das religiös motivierte Kehren der Gewalt gegen sich selbst, nicht zuletzt als Härte gegen die eigene Geschlechtlichkeit.

 

Was immer Werther sich dabei gedacht haben mag, mit “seinem” Homer in der Gegend herumzuwedeln, es ist keine behagliche Lektüre. Der Einstieg in das Abendland, das wir heute kennen, ist höchst kunstvoll, aber die Kunst eröffnet eine beschädigte Welt. Das literarische Abendland beginnt mit einem doppelten Untergang, dem gänzlichen Ilions und dem erheblichen der vorklassischen griechischen Welt. Das historische Abendland erlebt den Concursus Athens, Spartas, der hellenistischen Reiche, Roms, des feudalen neuen Roms des Mittelalters. Die Entfaltung eines ruinösen Keims scheint die abendländische Geschichte auszumachen, die wohl am besten mit dem Begriffe Krise gekennzeichnet wird.