LAND 3: ADEL, BAUERN UND DORF (12.J. bis 1250) (in Arbeit)

 

 

Das Land in deutschen Landen

Die Grafschaft Falkenstein

Das Dorf

Konflikte

Eine kurze Passage im Sachsenspiegel

England

Spanien

Proletarisierung

 

Das Land in deutschen Landen

 

Seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts setzt auch in deutschen Landen die Tendenz zu niederadeliger Ortsherrschaft mit Banngewalt und regionaler Territorialbildung ein. Insbesondere wenig mächtige Burgenbesitzer begeben sich dabei dann unter den Schutz Mächtiger, indem sie ihre Burg samt Landbesitz (und arbeitender Bevölkerung) an einen Herrn als Lehen "auftragen". Für die Entwicklung größérer Territorien auf diesem Wege sind Herren dann bereit, dabei "durch die Zahlung eines Geldbetrages nachzuhelfen", oder aber mit diesem Ziel Druck auszuüben. (Spieß, S. 38)

Andererseits werden Burgen der größeren Herren im Zuge der Territorialisierung mit festen Burgmannschaften besetzt, manchmal nur wenige, manchmal mit bis zu fünfzig von ihnen. Als Burglehen gibt es die Wohnung auf der Burg oder daneben und in der Regel Naturalien- oder Geldrenten.

 

Schon im 11. Jahrhundert mit der Burgsässigkeit der kriegerischen Herren werden ministeriale Meier zu lokalen Verwaltern der einzelnen Güter. Im 12. Jahrhundert entwickelt sich das dahin, dass solche ländliche, sich manchmal immer adeliger gebende Ministeriale ihr Amt wie ein erbliches Lehen behandeln wollen. Für klösterliche Meier bestimmt dann Konrad III., dass der Amtscharakter erhalten bleiben soll. Zudem wird darauf geachtet, dass Schulzen und Meier wie die übrigen Bauern keine Waffen tragen dürfen, was Bauern jetzt endgültig von den milites, den Rittern unterscheidet, die eben auch Ministeriale, Dienstleute sein können. Seinen Abschluss findet diese Entwicklung im Landfrieden von 1152, in dem Kaiser Friedrich I. den Bauern das Tragen von Waffen unter Strafandrohung verbietet.

 

Dass sie diese auch über die ganze Zeit hinweg immer einmal wieder gegen dieselben richten, belegt unter anderen eine Stelle aus der vom Abt Nortbert von Iburg gegen 1100 verfassten Vita des Bischofs Benno II. von Osnabrück, wo der vulgus ignobile et rusticam conditionem in maiores armavit:

Er bewaffnete sich also gegen seinen Herren, als er einen vom Bischof vernachlässigten Berg, der inzwischen wüst und zwar mit Eichen bestanden war, zur Eichelmast für die Schweine nutzte. Als nun der Verwalter (villicus), dem damals der Speicher unterstand, ihrem Treiben Einhalt gebieten und das ihm anvertraute Gut auch mit Waffengewalt schützen wollte, widersetzten sie sich, fügten ihm schwere Unbill zu und zwangen ihn, nach Osnabrück zu entfliehen. (Nonn, S.43)

 

Immerhin erfahren wir so einmal etwas über die Gruppe der meisten Menschen im nun hohen Mittelalter. Meist tauchen die Landleute nur als "Zubehör" (pertinentes) eines Vasallen auf. Als Werner von Bolanden 1166 der Metzer Kirche im Tauschverfahren dem Elekten (noch nicht geweihten Bischof) von Metz eine Burg mit pertenentiis schenkt, lautet das so: Er schenkt dem heiligen Stephan und seiner Kirche seine Burg Holvingen mit ihrer gesamten, bis jetzt zugehörigen familia, mit Kirchen, Zehnten, Äckern Wiesen, Weiden, Fischen, Gewässern und Flussläufen, Mühlen, Wäldern, bebauten und öden (incultis) Stätten sowie mit allem, was ihm dort nach Besitzrecht (iure proprietatis) gehörte (..., in: Spieß, S.81f)

Und so wandern die Leute von einem Machthaber in die Hände eines anderen.

 

Die schon vor der Jahrtausendwende einsetzende Verringerung von Viehzucht als germanischem Erbe durch Ackerbau, und zwar Anbau von Getreide, hält in Zeiten der Bevölkerungszunahme an. Schon für das 11. Jahrhundert wird dabei beschrieben, dass einzelne Bischöfe und Äbte ein zunehmendes Interesse an der Steigerung der Produktion und damit der Abgaben entwickeln. Im 12. Jahrhundert kann man dann innerhalb einer Tendenz hin zur Kommerzialisierung der Wirtschaft auch eine solche auf dem Lande erkennen. "Die Grundherren zogen sich vielfach aus der direkten Bewirtschaftung zurück, gaben Herrenland parzelliert gegen Pacht an Bauern, verpachteten auch viele Herrenhöfe und wandelten die überflüssig gewordenen Frondienste in Geldabgaben um." (Gilomen, S.59)

Noch immer geht der Batzen bäuerlicher Produktion für die Selbstversorgung drauf, aber es entsteht nun recht eigentlich erneut eine bäuerliche Landwirtschaft mit einer gewissen für den Markt befreiten Selbstständigkeit, ein neues Bauerntum neben den bescheidenen Resten des alten freien, die nun den Bestrebungen der neuen Formen von Untertänigkeit unter Bannherrschaft und ansatzweise einsetzender Territorialherrschaft mehr und mehr zum Opfer fallen.

 

Man kann annehmen, dass damals die Intensivierung der Landwirtschaft der Extensivierung vorausgeht, und dass es Steigerung der Produktivität vor allem ist, die die Vermehrung der Bevölkerung ermöglicht, also vor allem Kindersterblichkeit herabsetzt. Drei Dinge sind dabei vor allem hervorzuheben. Da ist zum ersten der Wendepflug, der die Produktivität im Ackerbau erheblich verbessert, zum zweiten schreitet die Ablösung des Ochsen als Zugtier durch das Pferd voran, wobei Hufeisen und Kummet nun überall verbreitet sind. "Das Pferd bewegt sich bei gleicher Zugkraft etwa anderthalbmal so schnell wie der Ochse. Außerdem ist es ausdauernder: Es kann auf dem Feld zwei Stunden länger eingesetzt werden. Die Verbreitung von Pferden nunmehr nicht nur zu militärischen Zwecken, sondern auch in der Landwirtschaft beschleunigt dann auch den Warentransport als Last- und Zugtier. In der Konsequenz wird nun aber auf den Äckern auch der Anbau von Futterpflanzen wichtiger, ein zunehmender bäuerlicher Erwerbszweig nicht zuletzt auch für den Verkauf auf dem Markt.

Dritte Neuerung ist die nun nördlich der Alpen etwas zunehmende Dreifelder-Wirtschaft, die die Brache erheblich verringert.

 

Ein großer Teil des Landes ist immer noch sogenanntes Ödland (im Gegensatz zu Kulturland). Die steigende Bevölkerung führt zunehmend zu Neusiedlungen, und  zwischen 1100 und 1300 ziehen so Leute in Wälder, Heide- oder Sumpflandschaften, roden, entwässern, legen Felder und Weiden an, und dies manchmal sogar, ohne die Herren über das Land vorher zu fragen. (Pirenne, S.73 gibt ein französisches Beispiel). "Der Zugewinn produktiver Flächen im 10. bis 13. Jahrhundert wird für Frankreich auf ein Viertel bis die Hälfte geschätzt." (Gilomen, S. 61)

 

Solche villae novae werden von freien Bauern besetzt, die weder Frondienste noch Abgaben vom Ertrag per se leisten, sondern für die Nutzung von Mühlen zum Beispiel zahlen. Der herrschaftliche Bann beruht dann auf den Investitionen eines Herrn, die die Bauern nicht leisten können. Solche Investitionen machen aus Bannherren allerdings bei aller Ähnlichkeit keine Kapitalisten, denn sie dienen nicht der Vermehrung von Kapital, sondern von jenem Reichtum, der weiter in den Konsum geht.

 

Natürlich ist der Grund und Boden dabei nicht Eigentum dieser Bauern, sondern bleibt beim bisherigen Eigentümer. Aber sie können seine Nutzung vererben und zahlen für diese eine Abgabe. De facto geht das Land so auf die Dauer an sie über. Der Meier, der die Dorfgemeinschaft leitet, wird zunehmend mit Zustimmung der Bauern eingesetzt und dann manchmal sogar von ihnen gewählt. Dazu kommt ein eigener Schöffe für die Rechtsstreitigkeiten. Manchmal verleihen große Herren dem Dorf Rechte, die von Stadtrechten abgeleitet sind (Pirenne, S.76f)

 

Landausbau kann aber vor allem auf die Initiative größerer Herren und Fürsten zurückgehen, wie die südfranzösischen bastides, von denen man so manche noch heute gut erhalten besichtigen kann. Freie Landarbeit zeichnet auch die spanischen poblaciones aus, mit denen das dem Islam abgerungene Land besiedelt wird. Eine andere Besonderheit ist die Ansiedlung freier Bauern in den Niederlanden auf neu eingedeichten Gebieten, Poldern, wie sie zuerst die Grafen von Flandern in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts fördern, einm für die Zeit gigantisches Projekt. In all diesen Fällen entsteht eine freiere Bauernschaft dadurch, dass sie mit Freiheiten auf Neuland angelockt werden. Bevölkerungspolitik wird üblich aus dem Interesse der Mächtigen heraus, und das wird bis heute so bleiben.

 

Als eine besonders weiträumige Form des Landausbaus erweist sich die Entwicklung im zukünftigen deutschen Osten. Zunächst werden Niederländer, besonders Flamen, nach 1100 zum Eindeichen und Bevölkern an die untere Elbe geholt, und dann auch nach Brandenburg und Mecklenburg. Sie bringen ihre flämischen Freiheiten mit und behalten sie zunächst. Nach den Flamen kommen Westfalen.

Fürsten des Ostens heuern locatores an, die durch die Lande ziehen, um Leute anzuwerben. Für 1143 berichtet Helmold von Bosau über Adolf II. von Schauenburg und Holstein: Da das Land verlassen war, schickte er Boten in alle Lande, nämlich nach Flandern und Holland, Utrecht, Westfalen und Friesland, dass jeder, der zu wenig Ackerboden hätte, mit seiner Familie herbeikommen solle, um hier das schönste, geräumigste, fruchtbarste, an Fisch und Fleisch überreiche Land neben günstigen Weidegründen zu finden. (in: Gilomen, S.62)

 

Im Süden sind es Leute aus dem Rheinland und Bayern, die nach Böhmen, Mähren und Schlesien ziehen. Diese Wanderungsbewegung bleibt bis tief ins 13. Jahrhundert mit vielleicht einer halben Million Menschen insgesamt intensiv, um dann bis ins 15. auszulaufen.

 

Weit entfernt davon findet eine weitere solche Bewegung statt: In dem Maße, in dem die islamischen Herrschaften auf der iberischen Halbinsel von Norden nach Süden zurückgedrängt werden, strömen Menschen aus Westfranzien vor allem nach, besiedeln Teile des sich nach Südwesten ausdehnenden Kataloniens, Orte entlang der Pilgerwege nach Santiago de Compostela und drängen dann von dort nach Süden. Sie vermischen sich im Laufe der Zeit mit der einheimischen Bevölkerung, aus der dann neue Völkerschaften entstehen: Katalanen, Aragonesen, Asturier, Galizier, Leonesen und Kastilier.

 

Bevölkerungswachstum, Landes"ausbau" im Westen und fürstliche Bevölkerungspolitik im Osten samt zunehmendem Ackerbau verwandeln die Landschaften. Während die natürlich gewachsenen Wälder erst im späteren Mittelalter in Forste, also Holzäcker verwandelt werden, bestimmen Getreideäcker und andere Monokulturen wie Hanf, Färberwaid oder insbesondere Wein das Bild ganzer Gegenden wie Umbrien, Toskana, die Champagne und das Bordelais, aber auch Mittelrhein und untere Mosel. Damit verschwinden immer mehr Pflanzen- und insebesondere Tierarten, wobei die fürstliche Jagd auf Großwild eine weitere erhebliche Rolle spielt.

 

Der persönlich abhängige Mensch, der fremdes Gut bearbeitet, schwindet auch jenseits der Ausbaugebiete zunehmend auf dem Lande, und zuerst in den Gebieten des am weitesten entwickelten frühen Kapitalismus. „1335 können die Schöffen von Ypern schreiben, dass sie nirgendwo mehr weder von Leibeigenen noch von Todfall, noch von irgendwelchen anderen Freiheitsbeschränkungen gehört haben.“ (Pirenne, S.86)

 

 

 

Das darf man aber nicht missverstehen. Die Befreiung ist eine für den Markt, und mit dem frühen Kapitalismus und den von ihm ausgelösten Bewegungen, seiner Beweglichkeit geht der Versuch einher, den Gesamtkorpus eines gedachten Gemeinwesens ständisch zu fixieren. Da voran schreitet die Rechtfertigungs-Ideologie produzierende Kirche mit ihrer Drei-Stände-Lehre, in die nun das Handwerk und das große Kapital eingegliedert werden müssen. Immer wieder wird den Bauern nun das Waffentragen untersagt und sie werden auf ein sie kennzeichnendes Erscheinungsbild verpflichtet. Um 1150 schreibt ein Regensburger Geistlicher, Nû will ich iu sagen umbe den bûman,

welche Kleidung er tragen soll: Sie soll schwarz oder grau sein, nichts anderes ist ihm erlaubt; daran ein Saumstück, das sich für seinen Stand geziemt; schließlich noch seine Schuhe aus Rindsleder: damit soll es genug sein. Für Hemd und Hosen sollen sieben Ellen groben Tuchs ausreichen … Sechs Tage mit dem Pflug oder anderer Mühsal (arbait) sollen genügen; am Sonntag soll er zur Kirche gehen … Wird er aber mit einem Schwert angetroffen, dann soll man ihn gebunden an den Kirchhofszaun führen; dort halte man den Bauern (gebûren) fest und verprügele ihn mit Haut und Haar. (in Nonn, S.16f) Ein Prediger Honorius aus Augsburg fügt hinzu: Ihr sollt den Priestern gehorchen (obedire) und bereitwillig auf sie hören... (Nonn, S.23). Es ist davon auszugehen, dass die Bauern immer wieder neu solcher Aufforderungen bedurften.

 

Derartige Bestimmungen wiederholen sich, in der Pax Bavariae von 1244 heißt es sogar De rusticis: Die Bauern und ihre Söhne sollen ihr Haar bis auf die Ohren abschneiden (ad auriculas, Nonn, S.17). Waffen dürfen sie hier aber besitzen pro communi necessitate provincie et iudicii exequendi et patriam ab incursi hostium defendendi, also im Dienste ihrer Herren.

 

Die Grafschaft Falkenstein.

 

Die Familie, die Macht und die Nutzung der Macht in ihrem Bereich machen die mittelalterliche Herrschaft aus. Macht und Herrschaft sind Familienbesitz, ausgeübt werden sie vom Herrn der Familie, von der Frau nur an seiner statt – wenn er im Krieg ist, auf dem Kreuzzug oder das Zeitliche gesegnet hat, und sie ist Witwe.

 

Die Potestas wird über Grund und Boden ausgeübt und zugleich über die Menschen dort. Sie beinhaltet militärische, wirtschaftliche und gerichtsherrliche Macht. Nach der Zeit Karls des Großen ist sie in einem befestigten Gebäude zuhause, erst oft nur einem Turm, dann einer Burg, im Hochmittelalter einer aus Stein. Rundherum werden Territorium und Herrschaft immer mehr arrondiert.

Über dem kleinen Adeligen ist dann der mittlere angesiedelt, und über dem wiederum bilden sich Fürstentümer heraus. Hier aber geht es um die unterste Ebene auf dem Land.

 

Die Herrschaft der Grafen von Falkenstein im Hochmittelalter bietet sich vor allem aus zwei Gründen an, um den Zustand gehobener gräflicher Grundherrschaft zu beschreiben. Einmal ist sie sehr gut dokumentiert (und von Werner Rösener schön beschrieben), zum anderen betrifft sie eine bekannte deutsche Urlaubslandschaft zwischen Tegernsee und Chiemsee vor allem. Das Dokument entstand 1166, bevor ein Graf Siboto von Falkenstein auf einem der vielen Kriegszüge Kaiser Friedrichs I. mitzog, um alles für seinen minderjährigen Sohn zu ordnen, falls der Vater aus dem Krieg nicht mehr zurückkäme. Da es wenig Dokumentiertes über bäuerliches Leben bis ins Hochmittelalter gibt und dieses fast überall im Rahmen adeliger Herrschaften stattfindet, ist der Codex Falkensteiniensis ein einzigartiges Dokument in seiner ganzen Ausführlichkeit, was die Tatsache angeht, dass es das erste weltliche Einkünfteverzeichnis angeht, welches erhalten ist (Noichl). Der Graf kam übrigens lebendig von seinem Kriegszug zurück, worauf der Codex bis etwa 1196 ergänzt wurde, um dann ins Deutsche übersetzt zu werden.

 

Der Ursprung der Familie könnte auf der Burg Hernstein bei Wien gewesen sein. Das Hantgemahl, also der offizielle Ursprungsort des freien Adelsgeschlechts, liegt allerdings in einem Ort in der Grafschaft Moosburg. Das ist auch der Ort, an dem der Adelige bis ins späte Mittelalter gerichtspflichtig war. her is dâ ouch dingplichtich, heißt es im Sachsenspiegel, als diese Regel schon langsam verfällt. („durch dieses Stammgut wird die volle Freiheit und die Adelsqualität seines Geschlechts bewiesen.“ RösenerErinnerungskulturen S.44)

 

Von dort wurde, wie auch immer, die Burg Falkenstein in der Mitte zwischen Tegernsee und Chiemsee erworben. Durch Heirat mit der Erbtocher der Grafen von Weyarn kommt es zum Besitz der zwei Burgen Weyarn und Neuburg.

 

Erstere war bereits 1133 vom Schwiegervater mitsamt den dazugehörigen Gütern dem Salzburger Erzbischof übergeben worden, damit der dort ein Chorherrenstift einrichtet, über das die Weyarner dann die Vogteirechte hatten, also die weltlichen Herrschaftsrechte mit den entsprechenden Einkünften. Dazu übergibt der Bischof als Dankeschön den Falkensteinern auch noch 1158 die Vogteirechte über Herrenchiemsee. Zusammen mit der Wasserburg Hartmannsberg besitzen die Falkensteiner also am Ende vier Burgen und die Vogteirechte über drei Klöster. Zu jeder der drei ursprünglicheren Burgen gehörte noch eine Eigenkirche mit dem ihr zugehörigen Gut (tres ecclesiae urbibus suis positae, in RösenerErinnerungskulturen S.41)

 

Jede dieser Burgen bildete ein Amt (officium), welches ein Amtmann (procurator/praepositus) verwaltet, ein Kind abhängiger Bauern, das durch Bildungsinitiative seiner Eltern und Unterstützung seines Herren aufsteigen konnte. Er war Dienstmann, Ministerialer des Adeligen und Teil von dessen Familie durch seine Tätigkeit. Solche Dienstleute für eine Vielzahl von Aufgaben lebten und wohnten in der Burg des Herrn, jedenfalls sind sie dort regelmäßig anwesend. Soweit die adeligen Herrn dort eine Hofhaltung im Sinne der sich entfaltenden „höfischen Kultur“ mit ihrer Pracht, ihrem repräsentativen Amüsiergehabe einrichten, was von den Falkensteinern weniger überliefert ist als von den gleichzeitigen Welfen in Ravensburg, sind Ministeriale auch für solche Dienstleistungen zuständig.

 

Die Burgbesatzungen bestanden ebenfalls aus Ministerialen, Kriegern der untersten Ebene, die hofften, durch diesen Dienst frei, und das heißt auf dem Land selbst adelig, also zu Rittern zu werden.

 

Zu jeder der Burgen gehörten ungefähr zehn Herrenhöfe, die jeweils über eine ganze Anzahl abhängiger Bauern verfügten, die teils Getreide anbauten, teils Vieh züchteten. Zusätzlich gehörten zu den Herrenhöfen jeweils eine Anzahl Mühlen und bei zweien auch Weingüter, die allerdings teils in Österreich, teils in Südtirol lagen.

 

Ein Teil der Produktion der Güter, die im Raum der drei bayrischen Burgen lagen, diente der direkten Versorgung der gräflichen Familie, zu der die Amtsleute gehörten. Im Urbar des Codex werden die Abgaben der Ämter jeder Burg aufgeführt. Da sind die Schweine, Gänse, Hühner, das Gemüse und Getreide. Darauf spezialisierte Güter liefern Widder oder Wein, auf Viehzucht spezialisierte Schwaighöfe, liefern Käse, andere Öl, Flachs, Eisen oder Salz. Der Rest wurde, soweit er nicht der Ernährung der Meier und Bauern diente, vermarktet. Davon zahlten die einen Zins an den Herrn. Zinsabgaben nehmen dort zu, wo wie beim niederösterreichischen Herrnberg der Gütertransport zu aufwendig wäre.

 

Soweit zu den Erbgütern des Hauses Falkenstein, den allodia oder praedia. Lehen sind die Vogteirechte (advocatiae) über die drei Klöster und Stifte Weyarn, Herrenchiemsee und Petersberg.Zudem besaßen die Falkensteiner noch weit verstreute Lehen (beneficia) von wohl über zwanzig anderen Herren (Welfen, Herzögen von Bayern, bayrischen Bischöfen), die sie weiterverliehen. Aus ihnen hatten sie keine Einkünfte, aber ihre Lehnsmannen, insgesamt fünfundzwanzig Untervasallen, gehörten zum kriegerischen Aufgebot der Grafen. Mit ihm nahmen die Grafen Herrschaft als Schutz der ihnen Untergebenen wahr, während er selbst als Vasall des Welfen Welfs VI. diesem verpflichtet war.

 

Zur Schutzpflicht bzw. Aufgabe der Friedenswahrung gehörte auch die Rechtsprechung. Das betraf den Umkreis um ihre Burgen mit ihrem Eigentum genauso wie den Bereich der Vogteien, die sie innehatten. Auch dort musste der Graf also mit den dazu Verpflichteten Gericht halten.

 

Mit ihrer Organisation von Herrschaft haben die Falkensteiner bereits erste Vorformen von Staatlichkeit geschaffen: Verwaltung, Urkundenwesen, Schutzfunktionen für die untergebene Bevölkerung, für die dortigen Kirchen und Klöster. Aber sie haben noch kein geschlossenes Territorium, außer direkt um die Burgen herum. Es gibt also in ihrem Gebiet auch andere Grundherren, und es gibt darum auch noch keine Dörfer mit einer Dorfgemeinschaft, sondern kleine Ansiedlungen, deren Bewohner zum Teil unterschiedlichen Herren unterstanden. In Teilen des entstehenden Frankreich ist solche Territoriumbildung weiter gediehen, wie auch in Nord- und Mittelitalien, wo sie nicht von den Grundherren, sondern von den Städten ausgeht.

 

 Was geschieht mit solchen gräflichen Grundherrschaften? Zunächst einmal nahm der Graf des Codex Falkeniensis schon 1185 eine Erbteilung unter den zwei Söhnen vor.

 

Nebenan ist eine ziemlich ähnliche, nämlich die der Herren von Andechs. Beide werden unter Vorwänden von den Wittelsbachern einkassiert – mit militärischer Gewalt. Vorwände sind zum Beispiel unkluge Koalitionen mit Feinden dieser bayrischen Herzöge, manche Herrschaften sterben auch einfach aus. Einigen geschieht das bei Italienzügen der staufischen Kaiser, die manchmal in Malaria-Epidemien oder ähnlichen Desastern enden.

 

Das Dorf

 

Das frühe Mittelalter kennt allgemein die Streusiedlung der Bauern oder die Bildung winziger Weiler. Früher als auf dem Kontinent (von deutschen Landen bis zum christlich- lateinischen Spanien) beginnt Dorfbildung in einem breiten Streifen von Ost-Schottland nach Süden bis nach Kent in Britannien. Auch dort dauert es aber bis ins 12. Jahrhundert, bis sie abgeschlossen wird.

 

Im Hochmittelalter beginnt man in deutschen Landen, ein Dorf mit Wall und/oder Graben und zum Teil sogar Zugbrücken zu versehen, man befestigt es in kleinem Maßstab so wie eine Stadt (eine „Burg“ also). Ein Bauernhof, der einzeln liegt, außerhalb, erhält dann zum Beispiel wenigstens einen Flechtzaun oder eine starke Hecke.

 

Ein wichtiges Ziel des Zusammensiedelns der Bauern ist sicher die gemeinsame Organisation des Schutzes nach außen (mit Wällen, Gräben, Hecken und Toren), des Schutzes der Feldflur durch Bewachung, die gemeinsame Organisation der Feldflur und die entstehende gemeinsame Kirchengemeinde. Gemeinde ist ein anderes Wort für Gemeinschaft, die Kommune, wie auch die Stadt heißt. Gemeinde ist also etwas, was durch moderne Staatlickeit nach dem Mittelalter zumindest partiell zerstört werden wird, wenn den Mitgliedern der Gemeinschaft ihre (begrenzte) Selbstbestimmung durch Vorschriften Schritt für Schritt weggenommen wird.

 

Dörfer bestehen im wesentlichen aus Bauern in unterschiedlichen Rechtspositionen, also mit unterschiedlichen Freiheiten. Aber charakterisiert werden sie von der bei uns fast völlig verschwundenen bäuerlichen Landwirtschaft, zunehmender Befreiung von Lasten, und einer Tendenz zur dörflichen Selbstverwaltung durch Schultheißen und Schöffen, die am Anfang noch im Auftrag von Grundherren arbeiten, aber bald von der Dorfgemeinschaft übernommen werden. Dörfer werden nämlich durch solche Formen von Gemeinschaft und Gesellschaft, zu der eben auch Geselligkeit im Mittelalter gehört, ausgezeichnet.

 

Gemeinschaftsbildend ist zunächst einmal der gemeinsame Bau und die gemeinsame Aufrechterhaltung der äußeren Dorfumgrenzung. Gemeinschaft bildet noch stärker die oft von den Bauern genutzte Allmende, also das gemeinsam besessene und bewirtschaftete Land, besonders Dorfteich, Weideland und Wald. Dazu kommen dann Brunnen, Backhaus, Waschplatz und manches mehr. Am wichtigsten aber ist die gemeinsame Verwaltung der Feldflur. Im Hochmittelalter setzt sich immer mehr Zwei- und Dreifelderwirtschaft durch, die die Erträge hebt bei gleichzeitig schonenderem Umgang mit der Fruchtbarkeit des Bodens. Über den zunehmenden Anbau von Hülsenfrüchten wird die Erde mit Stickstoff angereichert und der Eiweißanteil an der Ernährung gesteigert, da Fleisch für die meisten eher selten auf den Tisch kam. Dazu wird die Feldflur geschaffen mit verschiedenen Bereichen, von denen einer immer brachliegt. Die Organisation dieser Feldflur und zum Teil gleichzeitige bis gemeinsame Bearbeitung ist ein wichtiges Moment der Dorfgemeinschaft.

 

Eine weitere Produktionssteigerung erreichte der schwere Räderpflug mit seinen Pflugscharen, zunächst von zwei bis sechs Ochsen und dann vom ins Kummet gespannten Pferd gezogen. Mit ihm konnte der Boden stärker aufgerissen und zugleich umgewälzt werden.

 

Mit der Entstehung des Dorfes und des Bauerntums kommt so ein wenn auch geringer Wohlstand auf das Land. Durch die Landflucht von Hörigen, die nicht Teil einer Dorfgemeinschaft werden, steigt die Nachfrage in den Städten nach Nahrungsmitteln, die Nahrungsproduktion durch die Städter verschwindet nicht, aber sie nimmt ab. Auf diese Weise verstärkt sich eine Arbeitsteilung zwischen Land und Stadt, zwischen Lebensmittelproduktion und Produktion von textilen Rohstoffen einerseits, und dem städtischen Handwerk und Handel andererseits.

 

Arbeitsteilung ist eine Folge von Wohlstand, aber zugleich schafft sie auch Wohlstand (und entsprechend Armut). Dabei werden einige ländliche Handwerke so nach und nach in die Stadt verlagert.

 

Als die Landbewohner in den Dörfern Bauern werden, nehmen sie nach und nach auch in deutschen Landen den verschiedenen Grundherren die Gerichtsbarkeit aus der Hand. Dadurch gelingt es ihnen, nicht mehr der Rechtsprechung mehrerer Herren in einem Dorf zu unterliegen, sondern einer von ihnen gemeinsam akzeptierten Gerichtsbarkeit. Dies geschieht dadurch, dass nicht mehr unterschiedliche Vögte verschiedener Grundherren, sondern ein Vogt für das ganze Dorf durchgesetzt wird, den alle mit denselben Abgaben finanzieren. Er wird von einem grundherrlichen langsam zu einem Vogt der Bauern. Manchmal wird auch die Gerichtsbarkeit eines Grundherrn über die Bauern des ganzen Dorfes durchgesetzt, Auch dadurch tritt dann eine Trennung von Grundherrschaft und dörflicher gemeinsamer Gerichtsbarkeit, dem iudicium villae ein. Ein Dorf ist so eine Agrargemeinschaft und eine Rechtsgemeinschaft. Im Unterschied zu den wachsenden Städten gibt es hier dann eine Gesellschaft und nicht mehrere.

 

Als Rechtsgemeinschaft kann das Dorf seine Rechte formulieren und selbst auch einklagen. Das Dorf kann als Gemeinschaft etwas kaufen oder verkaufen, so wie ihre einzelnen Mitglieder. Es ist also rechtlich (wie die Stadt) eine Körperschaft, bis es nach dem Mittelalter wie oft auch die Stadt in die Untertänigkeit neuen Typs herabsinkt.

 

Diese universitas villanorum wird durch Schultheißen und Schöffen vertreten, die ursprünglich Beauftragte von Grundherren waren und immer mehr zu solchen der Bauern werden - wie in der mittelalterlichen Stadt, wo allerdings eine bürgerliche Oberschicht wesentliche Rechte an sich reißt. Im hochmittelalterlichen Dorf gibt es allerdings oft auch einen niedrigen Adeligen (miles = Ritter), der manchmal sogar lesen oder gar schreiben kann, und dadurch dann gut als Schultheißen fungieren konnte. Nicht selten ist er in das bäuerliche Wirtschaften integriert. Solche kleinen Dorf-Ritter standen wohl oft an der Spitze der Entwicklung hin zu dörflichen Freiheiten und Rechten.

 

Der Begriff "Gesellschaft" im Dorf passt noch besser auf die geistliche Gemeinschaft. Waren im frühen Mittelalter Kirchen auf dem Lande solche, über die der Grundherr, der sie auch bauen ließ, verfügte, so finden sich in wohlhabenderen Gegenden wie zum Beispiel im Rheingau und in Rheinhessen jetzt Dörfer, die ihre eigenen Kirchen bauen und sich eigene Priester aussuchen. Das Dorf ist so eine Kultgemeinschaft. Wenn das wohlhabender werdende Dorf dann an Mitgliedern zunimmt, baut es in eigener Regie auch noch ein gemeinsames Beinhaus.

 

Die Bauern waren keine Theologen, christlich war ein bestimmter Lebenswandel (für den man anderswo auch nicht christlich sein musste), die Zahlung des Zehnten und der sonn- und festtägliche Kirchenbesuch, mit viel Ungeduld dabei bei den weniger Frommen, die aber nach den hübschen Jungfrauen schauen oder das Festtagsgewand der Witwe Sowieso kritisch mustern konnten. Dreifaltigkeit, Messwunder und anderes wurde bestaunt und meist stillschweigend hingenommen. Aber die Kirche bot Gelegenheit, Feste zu feiern, Kirchweih, Fest des heiligen Dorfpatrons, Feste anderer Heiliger, die üblichen Feste des Kirchenjahres, Erntedank und das Holterdipolter des carne-vale vor der großen Passions-Fastenzeit. Dann war das Dorf immer wieder an Taufe, Hochzeit und Beerdigung beteiligt.

 

Die hochmittelalterliche Dorfgemeinschaft wird oft als „Einung“ bezeichnet, die auch als Fachwort in die lateinischen Urkunden eingeht. Sie entspricht damit den „Verschwörungen“ (coniuratio), aus denen die städtische politische Vergesellschaftung hervorgeht, die ebenfalls mitsamt den (stadt)bürgerlichen Freiheiten nach dem Mittelalter durch das Aufkommen des Staates zerstört wird.

 

Die Territorialstaaten, mit denen das Mittelalter zu Ende geht, eignen sich die Rechte und Freiheiten von Bauern und Bürgern an. Sie zerstören an den meisten Orten die städtische Freiheit und damit das städtische Bürgertum und tendieren dazu, die Bauern in Leibeigenschaft zu drücken. In ihnen entwickelt sich dann langsam anstelle konkreter Freiheiten und Rechte die Vorstellung abstrakter Freiheit (im Singular) und des allgemeinen Rechtes (im Singular) als von Vorstellungen, die gnädig von oben verliehen oder entzogen werden. Der demokratische Staat ist ihr direkter Erbe und die einzige gebliebene Quelle von Recht und Freiheit, die den Untertanen schon im „Absolutismus“ fast völlig aus der Hand genommen sind.

 

Konflikte

 

Mit der wachsenden Bevölkerung, der Entfaltung eines frühen Kapitalismus und den neuen Städten wächst der Bedarf an zu nutzendem Land, eine Entwicklung, die in England schon im 11. Jahrhundert, in deutschen Landen im späten Mittelalter dann Naturlandschaft fast völlig beseitigt haben wird. Für die entstehende Bauernschaft mit ihrem aufkeimenden Selbstbewusstsein wird es dabei immer enger. Auf der einen Seite entstehen durch Urbarmachen neue dörfliche Siedlungen mit größerer rechtlicher Sicherheit, auf der anderen verschwinden die traditionell von den Bauern genutzten freien Räume zunehmend. Burgherren und Klöster beanspruchen immer mehr des Landes, es kommt dort entsprechend zu Zusammenstößen mit der Landbevölkerung, die sich erbittert gegen die Einengung ihres Raumes wehrt. (siehe....)

Im Verlauf des 13. Jahrhundert stößt der Landausbau dann an seine Grenzen, nachdem alle landwirtschaftlich nutzbaren Flächen nun bereits genutzt werden. Nach dem Stand der technischen Möglichkeiten lässt sich von Überbevölkerung reden (Favier), denn von nun an werden Produktionssteigerungen im Mittelalter nur noch dort möglich sein, wo Zivilisierung erst noch ansteht. Das Ergebnis wird, zusammen mit einer Klimaverschlechterung, in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Serien von Hungersnöten bestehen, die dann 1348 in der Pest kulminieren und der drastischen Senkung der Bevölkerungszahlen in vielen Gebieten.

 

Die halbherzige Freisetzung von zu Bauern werdender Landbevölkerung stößt immer wieder an enge Grenzen. Im 12. Jahrhundert hatte der Erzbischof von Bremen holländische Siedler zwecks Urbarmachens in das Sumpfland der Unterweser geholt. Dabei war ihnen die Erblichkeit ihrer Höfe versprochen worden, zudem ihre internen Angelegenheiten selbst regeln zu dürfen und geringere Abgaben zu zahlen, wohl überhaupt nur den Kirchenzehnten. Die Bauern entwickelten dort so etwas wie eine sich selbst verwaltende Gemeinschaft mit eigenem Siegel.

Im Zuge der Intensivierung und Verdichtung von fürstlicher Landesherrschaft besonders im 13. Jahrhundert, in dessen Gefolge der Erzbischof Burgen am Rande des bäuerlichen Gebietes errichtet und einem Kloster erlaubt, bäuerliche Rechte zu reduzieren, kommt es zum bewaffneten Konflikt der ihre Autonomie ausbauenden Bauern mit der Herrschaft, nachdem ihnen unrechtmäßige Abgaben an den Fürsten auferlegt werden. Zunächst gelingt es ihnen, fürstbischöfliche Burgen zu zerstören. 1231 erklärt der Erzbischof sie zu Ketzern (!), und in den zwei folgenden Jahren ruft Papst Gregor IX. zum Kreuzzug (!) gegen sie auf. Dabei wird in übertriebenem Maße und mit Diffamierung auf Reste vorchristlicher Bräuche unter ihnen zurückgegriffen. Den beutesuchenden Kreuzzüglern wird derselbe Ablass wie auf einer Fahrt nach Jersualem versprochen.

Zunächst siegen die vereinigten Bauern gegen ein Ritterheer, aber dann vereinigen sich die Grafen von Oldenburg, Holland und Kleve und des Herzogs von Brabant mit dem Aufgebot des Erzbischofs, um erfolgreich einen für sie bedrohlichen Präzedenzfall abzuwenden. Teile des so erbeuteten Landes werden dann unter den beteiligten Herren aufgeteilt.

Die Stedinger Bauern werden ihrer relativen Freiheit beraubt, soweit sie das Gemetzel unter ihnen überlebt haben. Der Weg in die neue Staatlichkeit wird über Unterdrückung und Entrechtung beschritten und das wird bis heute so bleiben.

 

In England unter den Bedingungen des sich im 12. Jahrhunderts durchsetzenden (königlichen) common law wird es für die persönlich freien Bauern (freeholders) etwas einfacher, sich gegen Übergriffe der Herren (lords) vor Gericht zu wehren, aber sich sein Recht friedlich einzuklagen kostet wie immer auch später Aufwand und Geld. Wo mehrere Bauern oder ganze Dorfgemeinschaften betroffen sind, schließen sie sich für den Klageweg zusammen, der in Einzelfällen sich über viele Jahre hinziehen kann.

 

Eine kurze Passage im Sachsenspiegel

 

Just in dieser Zeit schreibt ein Eike von Repkow (irgendwann zwischen 1220 und 1235) wohl im Auftrag eines adeligen Herrn seine Sicht gängigen sächsischen Rechtes auf, etwa in der Zeit, in der auch sein Kaiser das für sein Reich beider Sizilien tut. Darin ist folgende Passage enthalten, die von der Erklärung ausgeht, dass man kein allgemeines Recht der Dienstmannen aufschreiben könne, da dieses zu vielfältig sei (siehe Großkapitel Adel):

 

 

Da man ouch recht sazte von erst, da enwas kein dinstman, alle lute waren vri, da unse vordem her zu lande quamen. An minen sinnen enkan ich is nicht usgenemen nach warheit, das iemant des andern sulle sin. Ouch enhabe wirs kein Urkunde. Doch sagen sumeliche lute, di der warheit irre gen, das sich eigenschaft irhube an Kaine, der sinen bruder irslug. Kains gesiechte wart vortiliget, da di werlt mit wassere zuging. Ouch sait man, das eigenschaft queme von Kamme, Noe sone. Noe seinte zwene sone, an dem dritten gewog he keiner eigenschaft. Kam besas Affri- cam. Sem bleip in Asia. Jafet, unse vordere, besazte Europam. Sus enbleip ir kein des anderen. M an sait ouch, eigenschaft queme von Ismahele. Di heilige Schrift heist Isma- hele der dirnen son, andirs enlutet si keiner ei- genschaft von im. S o sait man ouch, is que- me von Esau. Jacob wart geseint von si- neme vatere unde hies en herre wesin bobin sime brudere Esau, envorvluchte he nicht noch eigenschaft gewog he nicht. Wir habenouch noch in unseme rechte, das nimant sich selbe zu eigene gegeben mag, is widerlege sin erbe wol. Wi mochte da Noe oder Isaac einen andern zu eigene gegeben, sint sich selbe nimant zu eigen gegeben mag? Ouch habe wir ur- kundes me: Got rugete den sibinden tag, di sibende woche gebot he ouch czu haldene, da he den juden di e gab unde uns sante sinen geist. Den sibendin manden gebot he ouch zu haldene unde das si- binde jar, das heist das jar der losunge. So sol- de man ledig lasin unde vri alle, di gevangen waren unde in eigenschaft gezogen, mit sulche- me rechte, so man si vieng, ab si ledig unde vri wolden sin. Ubir siben mal siben jar quam das vunfczigeste jar, das hies das jar der vrouden, so muste aller menlich ledig unde vri sin, he wolde oder enwolde. Ouch gab uns got urkunde an eime phenninge, da man en mite vorsuchte, da he sprach: Lasit den keiser sines bildes gewaldig unde gotis bilde ge- bit gote. Da bi is uns kundig von gotis wor- tin, das der mensche gotis bilde is unde gotis wesin sal. Wer en im anders zusagit den- ne gote, der tut wider gote. Noch rechtir warheit so hat eigenschaft begin von ge- twange unde von gevengnisse unde von unrechter gewalt, di man von aldir an unrechter gewon- heit gezogen hat unde nu vor recht haben wil.  (Sachsenspiegel C.XLII.)

 

Als man zum ersten Mal Recht setzte, da gab es keinen Dienstmann; alle Leute waren frei, als unsere Vorfahren hierher in das Land kamen. Mit meinem Verstand kann ich es nicht für Wahrheit halten, dass jemand des anderen Eigentum sein solle. Auch haben wir keine Beweise hierfür. Doch behaupten manche Leute, die an der Wahrheit vorbeigehen, dass die Unfreiheit mit Kain beginne, der seinen Bruder erschlug. Kains Geschlecht wurde vernichtet, als die Welt durch Wasser unterging. Es behaupten auch einige, dass die Unfreiheit von Ham, Noahs Sohn, käme. Noah segnete zwei seiner Söhne, von dem dritten erwähnte er keine Leibeigenschaft. Ham besetzte Afrika. Sem blieb in Asien. Japhet, unser Vorfahre, besetzte Europa. Es gehörte also keiner von ihnen dem anderen. Man behauptet auch, die Unfreiheit käme von Ismael. Die Heilige Schrift bezeichnet Ismael als Sohn der Magd; sonst lässt sich nichts über ihn in bezug auf Unfreiheit verlauten. So behauptet man auch, sie (die Unfreiheit) käme von Esau. Jacob wurde von seinem Vater gesegnet und dabei geheißen, Herr über seinen Bruder Esau zu sein; doch weder verfluchte er Esau noch erwähnte er Unfreiheit. Wir haben auch noch in unserem Recht (den Satz), dass sich niemand selbst in die Leibeigenschaft begeben kann, wenn dem sein Erbe widerspricht. Wie konnten da Noah oder Isaak einen anderen zu Eigen geben, wenn sich selbst niemand zu Eigen geben kann? Auch haben wir noch mehr Beweise: Gott ruhte am siebten Tag; die siebte Woche gebot er auch zu halten, als er den Juden das Gesetz gab und uns seinen Geist sandte. Den siebten Monat gebot er auch zu halten und das siebte Jahr, das das Jahr der Freilassung heißt. Da sollte man alle ledig und frei lassen, die gefangen und in die Unfreiheit geraten waren, und zwar mit jenem Recht, das sie besaßen, als man sie fing - wenn sie ledig und frei sein wollten. Nach sieben mal sieben Jahren kam das fünfzigste Jahr, das hieß das Jahr der Freuden; da musste jedermann ledig undfrei sein, ob er wollte oder nicht. Auch gab uns Gott einen Beweis mehr mit einem Pfennig, als man ihn damit versuchte, wozu er sagte: "Lasst den Kaiser über sein Bild Gewalt haben und Gottes Bild gebt Gott." Daran ist uns Gottes Wort offenbar geworden, dass der Mensch Gottes Ebenbild ist und Gott gehören soll. Wer ihn jemand anderem als Gott zuspricht, der handelt gegen Gott. Nach rechter Wahrheit hat Unfreiheit ihren Ursprung in Zwang und Gefangenschaft und unrechter Gewalt, die man von alters her zu unrechter Gewohnheit hat werden lassen und nun für Recht erachten will.

 

Der Freiheitsbegriff, der hier von Gott gegeben ist, oder wie man später sagen würde, von Natur aus, ist das Gegenbild zu dem, was der Autor damals für Unfreiheit hielt: Die Unterwerfung unter einen Herrn. Es ist verlockend, zu sagen, er sei nicht zufällig in Sachsen so formuliert worden, wo Stammeskulturen Bauern größere Freiheiten beließen, bis sie von König Karl mit Gewalt zerstört wurden. Aber naheliegender ist es wohl, ihn in direkte Beziehung zu jenen größeren Freiheiten zu setzen, die mit der Entlassung der Bauern für den Markt zusammenhingen. Darüber hinaus hatten sich durch Spätantike und frühes Mittelalter inselartig freie Bauern erhalten, an denen man sich orientieren konnte.

 

Die agrarischen Produzenten auf dem Lande waren wohl in der Regel immer noch Illiterat, jedenfalls erfahren wir von ihnen weiterhin nur von außen und indirekt, in Texten von Klerikern, Adel und Bürgern. Wir wissen nicht, was die große Mehrzahl rechtlich und besitzmäßig Herren unterworfener Produzenten von Nahrungsmitteln und gewerblichen Rohstoffen auf dem Land von ihrer Situation hielten, an die fast alle durch inzwischen so viele Jahrhunderte als gegeben gewöhnt waren. Repkows biblische Begründung von "Freiheit" jedenfalls erscheint neu und weit über bäuerlichen Bildungshorizont hinauszugehen. Die fern einer Schriftlichkeit lebende Landbevölkerung hatte seit ihrer Missionierung seit der Spätantike etwas völlig anderes von den geistlichen Propagandisten der Macht gehört: Das nämlich Herrentum und Herrschaft gottgegeben seien und damit auch ihre Untertänigkeit. Anders hätte sich ein wie auch immer geartetes "Christentum" im römischen Imperium gar nicht durchsetzen können.

 

Umwerfend neu erscheint, dass der Autor am Ende die Konstruiertheit biblischer Begründungen für Freiheit und Unfreiheit implizit verwirft, indem er Zwang und Gefangenschaft und unrechte Gewalt als schechthinnige Ursache für Unfreiheit sieht und damit den Gewaltcharakter jeder Form institutionalisierter Herrschaft, jeden Herrentums, formuliert. Zugleich taucht damit ein Funken historischen Bewusstseins auf, welcher bis heute als revolutionär gelten kann, auch wenn sich daraus bei ihm kaum Handlungsperspektiven entwickeln lassen: Gegengewalt gegen institutionalisierte Macht ist chancenlos, solange eine Zivilisation wirtschaftlich und militärisch funktionsfähig und erfolgreich ist. Aber an so etwas dachte der Autor wohl kaum, kleinere und größere Freiheiten der Landbevölkerung wurden kaum jemals erkämpft, sondern eher gewährt, wenn sie wirtschaftlich für die Machthabenden ins Konzept passten.

 

England

 

Auch ins Spätmittelalter hinein sind rund neunzig Prozent der englischen Bevölkerung Bauern. Die erhebliche Bevölkerungsvermehrung bis um 1300   geht darum auch auf ihr Konto.

 

In England wie auf dem Kontinent ist es nicht einfach, eine klare Grenze zwischen freier und unfreier Landbevölkerung zu ziehen. Das ändert sich im angevinischen Königreich mit der Einführung des common law und dem zunehmenden Ausgreifen königlicher Rechtsprechung in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Da es nun detailliertere Bestimmungen über die Klagemöglichkeiten "freier" Bauern gegen ihre Herren gibt, wird die Arbeitspflicht der Landbevölkerung zum Kriterium ihrer Unfreiheit als villeins. Solche Unfreie können mit dem Land verkauft werden, von ihnen können typisch feudale Abgaben im Erlebnisfall erhoben werden (Heirat zum Beispiel) und ihre Arbeits- und Abgabepflichten unterliegen sehr stark der Willkür des Herrn (Carpenter, S.53).

Zunehmende Unfreiheit ist zudem in dem Vorgang in derselben Zeit angelegt, in dem Teile der Herrenschicht den demesne-Anteil ihrer Güter steigern, was stärkere Kontrolle und Disziplinierung der dort arbeitenden Menschen nach sich zieht.

 

Unfreie Frauen brauchen zum Heiraten eine licence vom Herrn und zahlen eine Strafe bei unehelichem Geschlechtsverkehr (leirwite) und bei der Geburt unehelicher Kinder (childwite). Überhaupt gibt es ein Interesse des Herrn an einem geordneten Geschlechtsleben seiner Bauern, aber das existiert auch innerhalb der dörflichen Gemeinschaft. Der menschliche Geschlechtstrieb ist eine der wesentlichen Ursachen für Verbrechen aller Arten und überhaupt für jene Unordnung, die das Überleben aller gefährden kann. Heutzutage muss ja auch schon mal in den sozialdemokratisch gestrickten Metropolen des Kapitals daran erinnert werden, dass Ehe (und Familie) ebenso wie Verwandtschaft soziale und sozioökonomische Institutionen waren und nicht primär einer eher haltlosen Lust und Laune unterlagen.

 

Wie schon für früher angemerkt (siehe...) sind unfreie wie freie Bauern mit wenig Land, smallholders, auf andere als agrarische Einkommensquellen angewiesen. Männer versuchen, kurzzeitige Lohnarbeit zu finden, als carters, die mit ihren Karren Transporte übernehmen, als Einsammler von Brennholz oder von Schilf, bei der Ernte etc. Um 1300 verbrennt die Einwohnerschaft von London bereits um die 140 000 Tonnen Holz zum heizen, kochen und als Energiebasis für Handwerk.

Reste von ländlichem Handwerk bleiben bei solchen Kleinbauern oder kehren wieder zurück: Töpferei zum Beispiel, Schmiedearbeit, Köhlerei 

 

Wo es Vorkommen von Eisen, Blei und Kohle gibt, und diese nicht in großem Stil abgebaut werden, können Bauern in Teilzeit gegen eine Abgabe an den Herrn mit Spaten, Eimer und Seilwinde zusätzliches Geld verdienen. Saisonale Lohnarbeit gibt es auch in den Steinbrüchen.

Dazu kommt das Bierbrauen, welches in jedem Dorf stattfindet, wobei es oft die Frauen sind, die das ale verkaufen. Daneben arbeiten viele Frauen auch als Spinnerinnen. Kinder können ab dem zwölften Lebensjahr als Dienstboten verdungen werden. 

Mit dem Einkommen aus solcher Vielfalt von Tätigkeiten ist dann fast die Hälfte der bäuerlichen Bevölkerung imstande, auf die Notwendigkeit zu reagieren, Getreide auf dem Markt für den Eigenverbrauch zuzukaufen.

 

Jeder Bauer, der die Möglichkeit hat, produziert selbst für den Markt. Wer in den Midlands zu den freien Bauern mit größeren Flächen gehört, kann bis zu einem Drittel seines geernteten Getreides verkaufen, was ihm ein, zwei Pfund im 13. Jahrhundert einbringt. Da die Domänen der Herren größere Quantitäten von Getreide, Wolle und Vieh auf den Markt bringen, schließen d ie Bauern die Lücken bei Hühnern, Eiern, Gemüse, Honig und Bienenwachs. Frauen mit Körben ziehen dann durch die Straßen der nächsten Stadt, um diese Dinge zu verkaufen. Aber auch wenn der einzelne Bauer nur wenige Schafe hat, deren Zahl oft auf maximal vierzig von der Dorfgemeinschaft beschränkt wird, gibt es Schätzungen, dass zwei Drittel der gesamten englischen Wollproduktion von einfachen Bauern herstammt.

Spezialisierung ist etwas für große Herrenhöfe, während die Bauern wegen den Unsicherheiten des Marktes sich so etwas wegen der Absicherung ihrer Nahrungsmittelzufuhr nicht leisten können.

 

Gebäude für die knappe Mehrheit etwas wohlhabenderer Bauern werden zunehmend von Handwerkern gebaut. Sie haben nun ein solides Steinfundament und solideres Fachwerk und können bis zu 6 Pfund kosten, die allerdings manchmal der Herr übernimmt. Wichtigere Ausgaben betreffen den zunehmenden Hausrat, der oft aus Massenproduktion stammt, ebenso wie in Massen produzierte Wolltuche der Oberbekleidung und Leinen der Unterwäsche und für Betten und Handtücher, dazu Schuhe von einem Schuster aus der Stadt.

 

 

Schon vor den großen Krisen des 14. Jahrhunderts gibt es so etwas wie wetterbedingte Konjunkturen. Eine vielbeachtete Anfang des 13. Jahrhunderts führt zu einer allgemeinen Inflation in England. Schon für 1201 wird über "schlechtes" Wetter berichtet, es kommt in den folgenden Jahren zu einem Kälteeinbruch, mehrere Getreideernten hintereinander werden heftig geschädigt. Die Getreidepreise verdreifachen sich und mehr, und selbst die Fleischpreise schnellen in die Höhe. Dabei beschleunigt sich eine Entwicklung, die schon vorher begonnen hatte: Die großen Herren lassen bei größerer Gewinnerwartung ihr Land vermehrt direkt bewirtschaften, d.h. über estate stewards, die deutschen Meiern der Zeit entsprechen. Das Studium einer effektiveren Landbewirtschaftung führt dazu, dass die ersten unter ihnen nun Bücher schreiben, wie Walter von Henley sein 'Husbandry', also einen Text über herrenmäßige Landwirtschaft.

 

Spanien

 

In der Reconquista entstehen sowohl neue Dörfer dort, wo die Gegend, zum Beispiel auf der Meseta, entvölkert ist, aber je weiter man nach Süden kommt, desto eher werden Eigentumsstrukturen der großgrundbesitzenden islamischen Oberschicht übernommen und noch ausgeweitet. Daneben eignet sich der König große Flächen direkt an, der Kirche werden solche ebenfalls übereignet und den Ritterorden (wie Osuna oder Estepa). Auf diese Weise entstehen die großen Latifundien des heutigen Andalusiens, kontrolliert von einer neuen Aristokratie, die im Zuge der Reconquista im Süden aufsteigt.

 

Großgrundbesitz und Monokulturen passen hier ähnlich zusammen wie in Süditalien. Im Zentrum ist das der Getreideanbau, in vielen Gegenden Wein, der auch zur Produktion von Rosinen genutzt wird, und im ganzen Süden sind es Oliven, deren Öl die orientalischen Einwanderer der Butter vorzogen. Dazu kommen an einigen Stellen Zuckerrohrim äußersten Süden, Safran (Úbeda, Baeza) und Reis (Huerta von Murcia). Schließlich Maulbeerplantagen für die Seidenproduktion.

 

Schweinezucht kehrt zurück, aber besonders wichtig wird Schaf- und Rinderzucht. Klöster und weltliche Große unterhalten bald riesige Herden. Die transhumancia, die jährlichen, oft über hunderte von Kilometern reichenden Wanderungen der Herden von Sommer- zu Winterweiden und wieder zurück, führen zu erheblichen Konflikten mit den lokalen Weidebersitzern. Die Könige erlassen Privilegien, um diesen sehr gewinnträchtigen Geschäftszweig zu fördern. Mit der Verbreitung der Merinoschaffe gewinnt Spanien im 14. Jahrhundert eine führende Rolle bei der Rohstoffgewinnung für Tuchproduktion. Rund fünf Millionen Schafe wandern in dieser Zeit von Weide zu Weide.

 

 

Proletarisierung: Das Land

 

Es ist nicht einfach, für Mitteleuropa bis tief ins hohe Mittelalter jene Leute in den Quellen aufzufinden, die dann als zunehmend herren- und besitzlose Landarbeiterschaft auftauchen.Im englischen 12. Jahrhundert tauchen jene smallholders auf, tenants von Herren (lords), deren Verfügung über Nutzland zu gering ist, um sich davon auch nur zu ernähren, und die darum einen Teil ihres Einkommens in Geld durch Lohnarbeit erarbeiten. Daneben gibt es ganz offensichtlich auch bereits reine Lohnarbeiter, die oft nur für kurze Zeit eingestellt werden, oder aber wie beim Zinnabbau in Cornwall und Devon, der in großem Maßstab durcgeführt wird, dauerhaftere Arbeitsstellen bekommen.

 

Im christlichen Spanien mit seiner sehr anderen Entwicklung ist das leichter. Im Zuge der Rückeroberung der Halbinsel insbesondere von Norden nach Süden findet eine Neubesiedlung statt, die zur Neugründung von Ortschaften in fast bevölkerungsentleerten Regionen führt, in der für die Ortschaft jeweils spezifische Rechte vergeben werden, - ähnlich wie in der mittelalterlichen Binnen- und Ostkolonisation.

 

Ganz offensichtlich tauchen dabei bereits im 12. Jahrhundert Leute auf, die unterhalb des caballero villano, des hidalgo/infanzon und des Adels entweder als relativ freie Bauern ihr Dasein fristen oder aber dank zu geringfügigen Eigentums in eine proletarisierte Lohnarbeiterschaft gezwungen sind.

 

Entweder werden sie dann Saisonarbeiter für das Pflügen und Ernten und sind ansonsten auf Almosen und kirchliche Caritas angewiesen, oder aber sie werden als Viehhirten eingestellt, oder aber sie versammeln sich wie im Mittelmeerraum bis ins zwanzigste Jahrhundert auf einem zentralen Platz, um vom Landbesitzer für einen Tageslohn abgeholt zu werden.