VON DEN MEROWINGERN ZU DEN FRÜHEN KAROLINGER

 

Italien in der früheren Nachantike: Osthrogoten und Langobarden

Stadt und Land in Italien

Angelsachsen

Slawen

Macht der Hausmeier im Frankenreich

Neues Königtum

Angelsächsische Mission

Ostrom und Italien im 8. Jahrhundert

Islam

Das weithin islamische Hispanien bis um 800

 

 

Italien in der früheren Nachantike: Osthrogoten und Langobarden

 

Italien ist zunächst einmal ein geographischer Begriff als Halbinsel, die im Norden durch Gebirge abgeschlossen wird. Manchmal werden die nahe gelegenen Inseln zugeordnet, vor allem Sizilien, Sardinien, Korsika und Elba. Bis ins 19. Jahrhundert ist es kein politischer Begriff, so wenig wie ein Deutschland. In der frühen Mittelmeer-Antike ist es geteilt in anzivilisierte einheimische Völkerschaften und die griechische (Kolonial)Sphäre vor allem entlang der südlichen Küsten. Mit dem Aufstieg der Stadt Rom zu einer Territorialmacht stülpt es dem restlichen Italien seine sich langsam wandelnden Machtstrukturen über und weitgehend auch seine Sprache. Aber es bleiben regionale Unterschiede bestehen, und auch als sich das Imperium über den ganzen Mittelmeerraum und darüber hinaus nach Norden und Osten ausdehnt, ist Italien keine wirkliche Einheit.

Mit dem Schwinden des Imperiums im lateinischen Westen zerfällt es auch wieder stärker in Regionen, von denen sich drei Großregionen geographisch abgrenzen lassen: Die Poebene als Norden, das gebirgige Mittelitalien und der Süden, weithin Bergland bis auf die Tiefebene Apuliens. Aus dem schriftlich fixierten klassischen Latein entwickeln sich dabei nach und nach unterschiedliche "romanische" Volkssprachen, so wie auch auf der iberischen Halbinsel. Verständigungsschwierigkeiten werden wie in den deutschen Landen durch eine immer weniger volkssprachliche lateinische lingua franca besonders im schriftlichen Bereich überbrückt.

Es entsteht kein Italienisch, Französisch oder Spanisch, aber eine gewisse Nähe romanischer Idiome vom Piemont über die Provence bis nach Katalonien.

 

 

Nach 454 lösen sich Teile der Goten als Ost(hro)goten aus dem hunnischen Machtbereich und siedeln dann als Foederaten der Römer in Pannonien. Um 460 ist der Königssohn Theoderich Geisel in Konstantinopel. Ab 474 setzt er sich nach seiner Rückkehr als König durch.

 

484 ist Theoderich Konsul in Konstantinopel. Nach erneuten Konflikten mit dem Kaiser kommt es zu einem Abkommen: Im Auftrag des Kaisers Zenon zieht Theoderich mit vielleicht hunderttausend vorwiegend Osthrogoten nach Italien, welches er für (Ost)Rom erobern soll. Er siegt bei Verona und nach einer dreijährigen Belagerung mit zahlreichen Kämpfen um Ravenna ermordet Theoderich den römischen Patricius Odoaker und sein Gefolge. Theoderich nennt sich nun princeps Romanus als Stellvertreter des Kaisers in Italien und zugleich rex, also König. Von Ostrom wird er als Stellvertreter des Kaisers anerkannt.

 

In manchem, wie in seinem Verhältnis zu Franken und Visigoten, verhält er sich wie eine Art Westkaiser des alten Imperiums, der sich an Trajan und Valentinian I. orientiert. Wichtige Bischöfe wie die von Mailand und Pavia gehen zu ihm über.  Die rund 100 000 Einwanderer leben vorläufig eher neben der romanisierten Bevölkerung, als dass sie über sie herrschen.

 

Die Goten erhalten Wohnraum und ein Drittel des Steueraufkommens der Städte, wovon sie sich Grundbesitz kaufen können. Viele römische Strukturen werden übernommen. Dem "Volk" von Rom verspricht er, dass die "Staatsverwaltung" weiter in römischen Händen bleibe, dass die Gesetze bleiben sollen und die Getreideversorgung.

 

Zunächst bleiben grundsätzliche antike Strukturen erhalten, mehr noch als anderswo. Da ist eine militärisch fundierte Zentralgewalt, der rex, da sind die halb autonomen Städte, da ist die auf Großgrundbesitz beruhende lokale bzw. regionale Macht. Die großen konsularischen Straßen mit ihren Brücken funktionieren weiter. Stattliche Teile des Landes bleiben erst einmal entwaldet mit allen ökologischen Folgeschäden, nachdem erst einmal die Bodenkrume verschwunden ist. Nur das malariaverseuchte Marschland insbesondere an Flussmündungen breitet sich wieder aus.

 

Die Unterscheidung in gotische Arianer und römische Katholiken ist einer der Gründe für fehlende Integration in die einheimische Bevölkerung, die gleichzeitig der westlichen Konkurrenzmacht der Franken in Gallien gelingen wird.

Theoderich selbst heiratet die Schwester Chlodwigs und verheiratet sein Töchter an Herrscher der neuen germanischen Reiche. Er selbst betrachtet sich nun als eine Art Oberherr im ehemaligen Westreich.

Für die Nachfolge ist der  Gemahl seines einzigen Kindes Amalaswintha, Eutharich, vorgesehen. Der stirbt aber 523. Daraufhin bestimmt er seinen Enkel Athalarich zum Thronerben, der aber bei Theoderichs Tod 526 erst zehn Jahre alt ist.

535 wird Amalaswintha von ihrem Vetter Theodehad umgebracht. Kaiser Justinian nutzt das, um seinen Feldherrn Belisar nach Sizilien zu schicken. Als er Neapel einnimmt, setzen die Goten Witila als König ein. 540 nimmt Belisar Ravenna ein. Dann entsteht ihm in Totila noch einmal ein Gegenspieler, der erst 552 besiegt wird.

Die zehn Kriegsjahre verwüsten Italien in seit dem Aufstieg Roms nie dagewesenem Maße. In derselben Zeit fallen auch die merowingischen Franken in Norditalien ein und richten große Verwüstungen an. Bis 565 hat sie der byzantinische Feldherr Narses wieder weitgehend verdrängt. Bis dato hatte Rom immerhin noch 100 000 Einwohner gehabt, gut ein Zehntel der früheren Bevölkerung. Die Zahl reduziert sich jetzt auf 10-20 000 und die römische Pracht dient als Steinbruch und Viehstall.

Der Senat verliert in den Gotenkriegen seine Stadtherrschaft und der senatorische Adel verschwindet. Der Stadtbischof beginnt, mit seinen inzwischen reichen Besitzungen noch deutlicher Stadtherr zu werden. Auch in Pavia und Mailand werden reiche Bischöfe Sprecher ihrer Städte und beginnen, Funktionen der Städträte der antiken reichen Oberschicht zu übernehmen.

 

Italia wird einem praefectus praetorio unterstellt und wie eine eroberte Provinz von Konstantinopel aus regiert. Abgesehen von wenigen Privilegien ist die Stadt Rom jetzt eine unter vielen im Reich, und eine kleine im Vergleich zu den oströmischen Städten noch dazu.

 

Schon das späte römische Reich war zunehmend militarisiert worden, seit Justinian werden die byzantinischen Gebiete Italiens, immer aufs neue bedroht, zu Militärherrschaften, von magistri militi und in kleineren Untereinheiten von tribuni kontrolliert. Herrschaften wie Amalfi oder Sorrent werden zu castra, Neapel wird zu einer befestigten Stadt. Auch die Bereiche von Capua und Salerno zum Beispiel werden von Militärkommandanten beherrscht.

 

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546 werden die Langobarden von Byzanz in Pannonien angesiedelt. Nach vierzig Jahren in der römischen Provinz haben sie erste Elemente der römischen Zivilisation sich angeeignet. Die meisten sind allerdings noch "heidnisch"

 

Kurz darauf, 568, erobern die Langobarden nach vierzehn Jahren byzantinischer Herrschaft unter Alboin die Nordhälfte Italiens bis auf Ravenna und Rom, der Süden bleibt zum Teil byzantinisch. Ihr Kernland mit der größten langobardischen Siedlungsdichte wird später nach ihnen Lombardei heißen. Sie entwickeln ein Königtum, eroberte Gebiete werden duces, Herzögen übergeben. Pavia muss drei Jahre belagert werden, bevor es fällt. Inzwischen fallen maraudierende Truppenteile in Burgund ein und besetzen im Süden Spoleto und Benevent, wo sie ebenfalls Herzogtümer errichten, die sich allerdings bald verselbständigen. Dann wird Anführer Alboin ermordet und wenig später sein Nachfolger Cleph. In den nächsten Jahrzehnten können Byzantiner Militärs und ganze Truppenteile kaufen und für sich kämpfen lassen.Vom Nordwesten dringen mehrmals fränkische Truppen ein. Schließlich geben sich die byzantinischen Kaiser um 600 mit dem zufrieden, was sie an Küstenregionen behalten können.

 

 

Eine schöne Beschreibung von ihrem Äußeren gibt der langobardische Historiker Paulus Diaconus, ein Zeitgenosse Karls d.Gr., der außer ihren vielleicht namensgebenden langen Bärten noch folgendes in seiner 'Historia Langobardorum' erwähnt:

Nacken und Hinterkopf hatten sie glattgeschoren, die anderen Haare hingen ihnen über die Wangen bis zum Mund herab und waren in der Mitte der Stirn gescheitelt. Ihre Kleidung war weit und meist aus Leinen, wie sie die Angelsachsen tragen, zum Schmuck mit breiten Streifen von anderer Farbe verbrämt. Ihre Schuhe waren oben fast bis zum großen Zeh offen und durch herübergezogene lederne Riemen zusammengehalten.

(Buch 4, Kapitel 22: Siquidem cervicem usque ad occipitium radentes nudabant, capillos a facie usque ad os dimissos habentes, quos in utramque partem in frontis discrimine dividebant. Vestimenta vero eis erant laxa et maxime linea, qualia Anglisaxones habere solent, ornata institis latioribus vario colore contextis. Calcei vero eis erant usque ad summum pollicem pene aperti et alternatim laqueis corrigiarum retenti. Postea vero coeperunt osis uti, super quas equitantes tubrugos birreos mittebant.)

 

Die Langobarden sind Gruppen von Arimanni, von freien wehrhaften Männern. Sie siedeln sich vor allem in unkultivierten Gebieten an, den gualdo (Wald= Wildnis). Die unterworfenen Römer werden verknechtet und von den germanischen Kriegern dominiert. Tatsächlich kommt es dann zu einer Integration der römischen Mehrheit in die langobardische Minderheit, was sich in den Namensgebungen niederschlägt. (Jean-Pierre Martin, Les Lombards, derniers barbares du monde romain, in: http://www.clio.fr/BIBLIOTHEQUE/les_lombards_derniers_barbares_du_monde_romain.asp)

 

Unter der drohenden fränkischen Gefahr verbünden sich langobardische Herrscher mit Byzanz. Zunächst sind sie von römischen Herrschern noch völlig verschieden: Von den Großen des Volkes gewählt, umgibt sie keine mystisch-sakrale Aura. Sie bilden auch keine Dynastien und es gibt keine Krönung. Seine Herzöge (duces) kann der König nie völlig sich unterwerfen, während diese versuchen, ihre Grafen (comes) zu ihren direkten Untergebenen zu machen.

 

Die Kriegszeit zwischen 568 und 605 bedeutet nach dem langen Gotenkrieg eine zweite Zerstörungswelle für Italien. Die Eroberung verläuft weniger organisiert und oft wohl weitaus räuberischer als beispielsweise die Etablierung des fränkischen Reiches in Gallien. Über einen Verschmelzungsprozess zwischen der kleinen langobardischen Krieger-Minderheit und der nunmehrigen alteingesessenen "römischen" Mehrheit ist wenig überliefert, aber im Verlauf des 7. Jahrhunderts wird die langobardische Sprache zum Beispiel verschwinden.

 

In den Jahren nach 600 gelingt es König Agilulf, eine gewisse Oberhoheit über einen Teil der langobardischen Herzogtümer zu gewinnen.

 

Im Kernland der Römer werden die Langobarden bald noch stärker romanisiert als die Franken in Gallien. So haben sie kein Reise-Königtum, sondern eine Hauptstadt, zunächst Mailand, später Pavia. Herzöge haben ebenfalls Hauptstädte mit Palast und Verwaltung wie Benevent oder Salerno. Dort umgeben sie ihren „Hof“ mit ihren gasindi, den Hofleuten. Sie nehmen immer mehr römische Attribute in ihre Titel auf, wie vir excellentissimus oder gloriosissimus. (s.o.)

 

Der König ist größter Grundbesitzer und kann indirekte Steuern und Dienste einfordern. Seine Güter lässt er von Gastalden verwalten, sein Reich von Königsboten. Als die Franken in Italien einfallen und das langobardische Königtum beseitigen, stoßen sie auf Germanen, die unter direktem römischem Einfluss weder Vasallität noch Feudalismus ausgebildet haben, wiewohl sie andererseits auch nicht imstande sind, politisch-rechtliche Vorstellungen der Römer umzusetzen.

 

Das "italienische" Königtum stabilisiert sich und geht in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts auf eine angeheiratete bayrische Linie über. Dabei kommt es aber immer wieder zu Königen, die staatsstreichartig die Macht übernehmen. Langobardisches und römisches Recht herrschen nebeneinander, so wie arianisches Christentum in der Provinz und katholisches am Hof in Pavia.

 

Nach dem Vorbild Ravennas und eines vorgestellten Konstantinopel wird Pavia zu einer Art Hauptstadt ausgebaut, mit dem umgebauten (osthro)gotischen Königspalast und möglichst prächtigen Kirchen, von den Königen gegründet. Grammatiker und Rechtskundige siedeln sich an. Neben königlichen Notaren tauchen zunehmend königliche Ämter auf. Alte imperiale Rechte behält der König weiter für sich: Münzprägung, Preisfestsetzung, Befestigungsrecht.

Die Grundsteuer zur imperialen Finanzierung der Armee fällt weg, das Militär finanziert sich über das Land, das ihm übertragen wird. Befehlshaber werden die Herzöge, selbst in ihrem Gebiet größte Landbesitzer mit einem eigenen Gefolge. Erste finanzielle Grundlage des Königtums ist sein Landbesitz, daneben gibt es Handelsabgaben, Importzölle, Hafenabgaben (Wickham, S.40).

 

Das langobardische Italien ist wie das byzantinische städtezentriert. Neben der königlichen Hauptstadt gibt es die städtischen Residenzen der herzöglichen Heerführer bzw. Gastalden und daneben die strukturierenden Elemente dicht beieinander angesiedelter Bischofsstädte. Die Macht basiert einmal auf der Verfügung über Militär, zum anderen auf großem Grundbesitz.

 

 

Zunächst arianisch, wenden sie sich im siebten Jahrhundert dem Katholizismus zu. Der irische Columban gründet Anfang des 7. Jahrhunderts das Kloster von Bobbio, in Zusammenarbeit mit dem Papst entsteht im Dukat Spoleto am Ende des Jahrhunderts Farfa, und ein halbes Jahrhundert später kommt es im Zusammenspiel von Papst und Dukat von Benevent zum Wiederaufbau des früher von Langobarden zerstörten Klosters von Monte Cassino, einer Gründung Benedikts.

 

Vor den monotheistischen Schriftreligionen aus dem Orient war „Religion“ (in Ermangelung eines besseren Wortes) das Zentrum der traditionellen Kultur. Religion nun wird auch hier als Herrschaftsinstrument von Priestern und weltlicher Macht von oben durchgesetzt. Dort, wo das römische Christentum auf Germanen trifft, findet sich eine Übereinstimmung, was vaterrechtliche Vorstellungen angeht, während die Vorstellung einer praktizierter Sexualität inhärenten Sündhaftigkeit Germanen zunächst fremd ist.

 

Wie komplex sich das Zusammentreffen von Christentum und Germanen auswirken wird, lässt sich an Vorstellungen erkennen, wie sie das Gesetzeswerk des Liutprand für langobardische Frauen festlegt. In seinem Kapitel 204 findet sich einerseits die Bestimmung, dass die Frau ihr Leben lang im mundium, der germanischen munt des Mannes verbleibt, also des Vaters, des Ehemannes, danach des Sohnes. Das heißt, sie ist frei über ihren freien Vater und Mann. Sie ist aber immer unter seiner rechtlichen Vormundschaft.

Andererseits muss der zukünftige Ehemann ihr vor der Hochzeitsnacht Geschenke machen (und nachher), und auf die Hochzeitsnacht folgt die „Morgengabe“ von einem Viertel seines Eigentums. Die rechtliche Ohnmacht wird also durch erhebliche wirtschaftliche Macht kompensiert. Diese quarta wird im Süden Italiens bis in die Neuzeit hinein erhalten bleiben als germanisches Element einer Stärkung der weiblichen Situation. (Jean-Pierre Martin, Les Lombards, derniers barbares du monde romain. http://www.clio.fr/BIBLIOTHEQUE/les_lombards_derniers_barbares_du_monde_romain.asp)

 

Definierte Weiblichkeit verbindet natürlich sexuelle Momente mit ökonomischen und rechtlichen. Die rechtliche Bindung an den Mann als Unterordnung hat wenigstens einen doppelten Aspekt: Damit kontrolliert er einmal die Fortpflanzung als seine eigene und die Verfügbarkeit seines Objektes des Begehrens. Zum anderen steht die Frau als Eigentümerin eines beachtlichen Teils des Familienbesitzes unter seiner Aufsicht.

Die ansonsten erhebliche Eigentumsfähigkeit der Frau zeichnet sie als „Freie“ im germanischen Sinn aus und als aus einem solchen Haushalt kommend. In wesentlichen Aspekten ist das im Frankenreich ähnlich.

Italien ist nun in zwei Rechtsräume geteilt: Das byzantinisch fortentwickelte römische Recht kontrolliert Venetien, das Exarchat Ravenna, Rom, Neapel und die Küsten Süditaliens, den Rest beherrschen langobardische Rechtsvorstellungen neben antik-römischen.

 

Der byzantinische „große purpurgeborene Imperator, von Gott gekrönt und geliebt“, wie er von den napoletanischen Duces angeredet wird, erlaubt den italienischen Territorialherrschern seines Reiches entsprechende Phantasie-Titel und eine Imitation seines sakral-orientalisierenden Auftretens. Langobardische Herrscher im Süden beginnen, in Ermangelung einer eigenen entsprechenden Tradition, die Byzantiner ebenfalls zu imitieren.

 

Die Macht aller dieser Militärherrscher beruht auf eigenem Grundbesitz, ebenso wie die der Bischöfe, mit denen sie sich in der Macht teilen müssen. Der große Grundbesitz wird aber nicht "feudal" vermittelt, sondern direkt verwaltet.

 

Besonders interessant werden die Strukturen dort, wo langobardische Eroberungen von den Byzantinern rückerobert werden, wie Otranto, Bari, Kalabrien, insgesamt um 1000 als Katepanat Italien zusammengefasst. Hier durchdringen sich altgriechische Elemente einer ursprünglichen Bevölkerung mit römischen, langobardischen und byzantinischen Elementen, in einer griechisch-lateinischen Mischkultur, in der sich die Langobarden natürlich nach und nach für das Lateinische entscheiden.

 

Anders entwickelt sich das langobardische Dukat von Benevent, die patria beneventana, dem es um 630 gelingt, Neapel das castrum von Salerno zu entreißen. Die Schwäche von Byzanz ausnutzend, dringt Benevent dann bis nach Bari, Brindisi und Cosenza vor. Zwischen 840 und 870 wird Bari dann allerdings sarazenisches Emirat, um danach von einem Bündnis aus Ludwig II. und Basileios I. zurückerobert zu werden.

 

Von Benevent trennt sich dann das Fürstentum Salerno ab und von diesem die Graftschaft Capua. Diesem Zug zur Dezentralisierung der Prinzipate entspricht darauf deren Neigung, kleine Herrschaften zu schlucken: Neapel gelingt das am Ende mit Sorrent, Salerno mit Amalfi zum Beispiel.

 

Stadt und Land in Italien

 

Die süd- und mittelitalienischen Stadtlandschaften, seit den Zeiten Großgriechenlands intakt, verschwinden als solche zum großen Teil. Weiter nördlich ist nach Versanden des Hafens Velia, das griechische Elea, verfallen. Eine Neugründung wird von der Malaria hingerafft. Ähnlich versanden Häfen wie der von Paestum und die Stadt verfällt. In der Bucht von Neapel enden Puteolum, Misenum und Cumae in Ruinen, nur Neapel hält sich in kleinerem Umfang. Musterbeispiel einer Neugründung wird dann das castrum Amalfi als eine Art Fluchtburg vor den Langobarden.

 

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass in der Südhälfte der Halbinsel etwa die Hälfte der Städte verschwinden und damit auch viele Bischofssitze. Der allmähliche Niedergang der einstigen Millionenstadt Rom ist besonders eklatant, die Stadt ist nun praktisch in den Händen ihrer besonders herausgehobenen Bischöfe, die allerdings mit dem Patrimonium Petri noch über hunderte von Landgütern verfügen, aus denen Nahrungsmittel und Geld fließen, bis viele von ihnen, in Sizilien und Süditalien gelegen, im 8. Jahrhundert von Byzanz annektiert werden.

Latium ist inzwischen fast städtelos. Ähnlich ergeht es der Küste bis hoch nach Genua.

 

Insgesamt aber überleben in der Nordhälfte Italiens mehr als drei Viertel aller Städte, insbesondere die mit einem Bischofssitz. Bologna verfällt zwar in eine gewisse Bedeutungslosigkeit, wie so manche andere Stadt, aber Ravenna blüht als Verwaltungszentrum mit seinen finanzstarken Bischöfen vorläufig weiter auf, sowie die Langobarden-Hauptstadt Pavia, in der die Abgaben zusammenfließen und literate Bildung weiterlebt. Für die Karolinger wird die alte Römerstadt Verona wichtig, günstig erreichbar aus dem Norden und mit einer Königspfalz ausgestattet. 

Im Raum der Po-Mündung fliehen die Menschen in die Lagune, woraus später Venedig hervorgehen wird. 523 beschreibt Cassiodor in idealisierter Form ein intaktes Gemeinwesen: Ihr nennt sehr viele Schiffe euer eigen (...) ihr lebt wie die Seevögel, eure Behausungen sind verstreut über die Oberfläche des Wassers. Die Festigkeit des Bodens, auf dem ihr steht, ist abhängig von Weidengerten und Flechtwerk; dennoch zaudert ihr nicht, ein solch zerbrechliches Bollwerk der Wildheit des Meeres entgegenzusetzen. Euer Volk verfügt über einen großen Reichtum, die Fische, die für alle ausreichen. Bei euch gibt es keinen Unterschied zwischen arm und reich, ihr esst alle dieselbe Nahrung, eure Häuser sind alle ähnlich. Neid, der die übrige Welt regiert, ist euch fremd. Ihr verwendet all eure Kraft auf die Salzfelder; aus ihnen erwächst euer Wohlergehen, und sie verleihen euch Macht, all jene Dinge zu erwerben, die ihr selbst nicht habt. Denn es mag Menschen geben, die wenig Verlangen nach Gold verspüren, doch keiner kann ohne Salz leben. (so in: Crowley, S.17f)

 

Das einst große Aquileja ist menschenleer. Noch als Paulinus von Karl d.Gr. 787 als Patriarch dorthin geschickt wird, klagt er, wohl leicht übertreibend: Einst warst du eine Stadt edler Menschen, nun bist du zum Bauernkaff geworden; einst warst du eine Stadt der Könige, nun bist du nur noch eine Ansammlung bäuerlicher Hütten. (MGH, Poetae Latini I).

 

Unter langobardischer Herrschaft verschwinden die Kurien nach und nach. Die antiken Großbauten verfallen und die Ruinen dienen als Steinbruch. Als unter den Langobarden wieder Kirchen gestiftet und gebaut werden, sind sie vergleichsweise klein, wenn auch innen langsam wieder reicher ausgeschmückt. Neue Wohnhäuser sind oft aus Holz, mit Abstand zum Nachbarn, der mit Gärten ausgefüllt wird.

 

Eine gewisse Kontinuität bewahrt sich unter anderen Mailand. Die breite und hohe Stadtmauer mit ihren Türmen, ihren neun Toren und den Türmen der Zugbrücken scheint immer wieder ausgebessert worden zu sein. Auf dem Forum wird weiter ein Markt abgehalten, Straßen bleiben gepflastert und das Wasser für die Bäder läuft noch über ein Aquädukt, wie ein Loblied auf die Stadt von 739 stolz berichtet.

Die im vierten Jahrhundert erbaute Kathedrale am Stadtrand ist aber der wichtigste erhaltene Monumentalbau aus der Römerzeit. In der Nähe des Forums erhebt sich als zweites Machtzentrum die Königspfalz, deren Bedeutung erst mit dem Niedergang des Königtums im 10. Jahrhundert schwinden wird.

 

Eine gewisse Kontinuität dichter Bebauung in Teilen des den römischen Grundriss beibehaltenden Lucca lässt sich aus archäologischen Befunden annehmen. Die Häuser sind aus Holz, Ziegeln oder Steinen, wobei letztere wohl überwiegen. Königspfalz und Münze sind in der Nähe des Forums, die Kathedrale an anderer Stelle bildet den zweiten Machtpol. Der dritte ist die Pfalz (curtis) des Herzogs außerhalb der Mauern. Überliefert sind Händler, Handwerker vor allem für den Luxusbedarf und die Münzer. Vor den Mauern sind burgi, Vorstädte.

 

Auch langobardische Könige fördern den Handel und regulieren das Handwerk. Der Handel zahlt Zölle und die Märkte liefern (kaum dokumentierte) Abgaben. Seit Urzeiten ist Salz elementares Handelsgut. Es muss von den Lagunen der Adria, der Küste südlich von Pisa und von der Tibermündung überall hin geliefert werden. Für das 8. Jahrhundert ist Salzhandel von Commacchio an der Mündung des Po für seine Ebene dokumentiert.

Für einzelne handwerkliche Leistungen werden Preise fixiert und einige Handwerke sind laut den seltenen Quellen in ministeria organisiert.

 

 

Die Landwirtschaft verharrt weiter wie im Merowingerreich bei Spaten, Hacke und Sichel, obwohl es vereinzelte Pflüge gibt. Angebaut werden weiter Getreide, Wein und Oliven, wozu Bohnen und Obst kommen. Ergänzt wird das vielleicht durch ein Schwein, eine Kuh und ein paar Hühner, aber zu vermuten ist, dass nur die langobardischen Einwanderer etwas mehr Viehzucht betreiben und Hirten in den Gebirgen. Getreide ist Grundnahrungsmittel, in der Poebene eher Roggen und in der Toskana Weizen, und die Erträge traditioneller Zweifelder-Wirtschaft sind wie im fränkischen Reich sehr gering.

 

Offenbar gibt es einen beträchtlichen Anteil kleiner freier Bauern, die ihr Land besitzen und sich im wesentlichen selbst versorgen. Soweit sie auf den nahen kleinen Markt kommen, versorgen sie sich dort wohl mit Waren.

Manche kleine landbesitzende Bauern pachten dazu, und viele andere sind zur Gänze Pächter. Die Pachten dürften in Anteilen von dem bestehen, was die Bauern für sich selbst anbauen (Wickham, S.95).

Bischöfen, anderen Kirchen und Klöstern gelingt es ebenso wie einzelnen weltlichen Herren, langsam immer mehr Großgrundbesitz anzuhäufen.

 

Unter langobardischer Herrschaft bilden sich Dörfer, in denen freie Besitzbauern, freie und unfreie Pächter und Sklaven zusammen hausen. Der Anteil an Sklaven begann schon im späten West-Imperium zurückzugehen und nimmt weiter ab. Der Besitz größerer Herren wird zumindest im Norden von Herrenhöfen aus organisiert, die in durch Dienste bewirtschaftetes direktes Herrenland und die Pachthöfe geteilt sind. Im Süden und insbesondere in Sizilien fehlen solche Dienste wohl, und es gibt nur die geldwerten Abgaben der Pächter.

 

 

Angelsachsen

 

Als die Römer nach Britannien kommen, sind die Inseln allesamt von Kelten besiedelt, so wie auch große Teile des Kontinents. Wie bei Germanen und Slawen handelt es sich bei ihnen um eine Völkerfamilie mit verwandten Sprachen.

 

Die britischen Kelten lassen sich sprachlich trennen in die gälischen Iren, von denen eine Gruppe einen Teil des späteren Schottland erobert, wo sie als Scoten auftreten, neben ihren Nachbarn, den Pikten, wie sie die Römer wegen ihrer furchterregenden Tätowierungen nennen. Eine dritte Gruppe umfasst die Waliser und die Leute von Cornwall und Devon, von denen einige vermutlich vor den eindringenden Angelsachsen fliehen und sich als Bretonen am Nordzipfel Galliens niederlassen, der später Bretagne heißt. Eine weitere Gruppe besteht aus Untergruppen im Rest des heutigen England, die mit dem Auftreten der Angelsachsen bald ganz verschwinden.

 

Keltische Sozialstrukturen in Britannien bezeichnen wir heute verallgemeinert mit dem Clan-System, also mit einer Form von Verwandtschaftsgruppen, die zusammen lose Verbände bilden, die sich wiederum als verwandt verstehen, auch sprachlich und religiös verwandt sind und meist ähnlich wirtschaften. Clans haben einen Häuptling, der kein Herrscher ist, darüber bildet sich eine Art Königtum (nicht: Königreich) aus, auf das der Begriff „Herrschaft“ schon eher ein wenig passt.

 

Das zu beachten ist wichtig, denn Staatlichkeit, wie sie zum Beispiel die Römer am Ende ausbilden, drängt das Phänomen der Verwandtschaft durch Veramtung von Machtstrukturen stärker in einen privaten Bereich ab.

 

407 ziehen sich zumindest ein Großteil der römischen Truppen von Britannien aufs Festland zurück. Römerstädte wie Canterbury oder Winchester verfallen, Landvillen werden aufgegeben. Von der Römerzeit bleibt in Britannien nach dem Zusammenbruch des Reiches wenig übrig außer Ruinen, mit einer Ausnahme: Seit das Christentum im römischen Machtbereich (imperium) Staatsreligion ist, waren auch die romanisierten Kelten Christen.

 

 

In Britannien verlässt die nur oberflächlich romanisierte keltische Bevölkerung die Städte, die nun „den Anblick größerer Dörfer mit einigen öffentlichen Gebäuden darboten.“ (Pitz, S. 59) Dies ändert sich auch nicht mit der Ankunft der germanischen Völkerschaften, die selbst keine urbanen Traditionen besitzen. Mit ihnen verschwinden auch die Bistümer, die auf dem westlichen Kontinent Keimzellen für das Wiederaufleben der Städte bieten.

In England setzt im 5. Jahrhundert die Geldwirtschaft ganz aus, die römischen Kupfermünzen der kleinen Leute verschwinden tendentiell auch auf dem Kontinent, und die Goldmünzen der Großen dienen vor allem der Schatzbildung, der Belohnung von Freunden und Gefolge und dem Einkauf ins Himmelreich. Dabei wird auch die Münzprägung eine Sache lokaler und regionaler Großer und entgleitet den über sie Herrschenden ein gutes Stück weit.

 

Canterbury verliert zunächst seinen städtischen Charakter, obwohl es einen Siedlungsrest behält. Mit der Missionierung erhält es eine Kathedrale, wird später Erzbistum, dort entsteht dann auch die erste Münzstätte des sächsischen Englands.

 

London besitzt wie fast alle Römerstädte Englands keine Siedlungskontinuität, wird aber wegen seiner Verkehrslage von Sachsen neu gegründet. Es wird allerdings keine Residenz und scheitert auch zunächst mit einer Bistumsgründung (St.Paul) an der Konkurrenz des übermächtigen Canterbury. Auch Orte wie Chichester oder Winchester sind Neugründungen lange nach dem Verfall der Römerstädte. Letztere entsteht um einen königlichen Burgbezirk und um die Kathedrale. Dazwischen liegt weithin unbebautes, vielleicht landwirtschaftlich genutztes Gelände.

Keine Kontinuität der Besiedlung besitzen auch Exeter und Bath, nur für York wird sie von einigen aufgrund archäologischer Reste vermutet.

 

 

Die Wanderbewegungen germanischer Volksgruppen treffen auf ein Gebiet, das dem heutigen England entspricht, und das bereits durch den Einfall der Franken im nördlichen Gallien vom kontinentalen romanisierten Keltentum getrennt wird. Gemeinhin werden diese romanisierten und christianisierten keltischen Völkerschaften auf den Inseln als Briten zusammengefasst. Zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert werden sie von Kent bis zur Isle of Wight von „heidnischen“ (nicht christianisierten) Jüten überrannt, und von ebensolchen „Sachsen“, die gelegentlich damals auch „Friesen“ genannt werden, und die von Sussex bis Wessex (Dorset etc.) und Middelsex mit dem verfallenen London und bis Essex siedeln. Nördlich davon lassen sich die Angeln nieder, die Königreiche in East-Anglia, im Zentrum (Mercia) und im Norden (Northumbria) bilden, wobei die Nordgrenze die zum heutigen Schottland bleibt, die alte Grenze des imperium romanum. Alle diese Leute kommen wohl aus dem heutigen Norddeutschland bzw. den heutigen Niederlanden.

 

Der einzige Bericht dazu stammt vom keltisch-britischen Kleriker Gildas ('De excidio et conquestu Britanniae'). Danach führen die Einfälle von Pikten zuerst zu einem Hilferuf an Aetius, und um 500 an die Sachsen. Den Zustand Britanniens beschreibt Gildas dann so: Könige hat Britannien, aber Tyrannen; Richter hat es, aber ruchlos. Sie plündern und terrorisieren oftmals, aber die Unschuldigen; sie verteidigen und schützen, aber die Schuldigen und Diebe; sie haben viele Frauen, aber Huren und Verführerinnen; sie schwören beständig, aber Meineide; sie legen Gelübde ab, aber erzählen fast sofort Lügen; sie führen Krieg, aber Bürgerkriege und ungerechte; sie jagen Diebe, die mit ihnen am Tisch sitzen. (in: Sarnowsky, S.18)

 

Es ist weder bekannt, wie viele Leute kommen, noch ist ihre Verbreitung archäologisch im Detail nachweisbar. Die Unterscheidung in einzelne Reiche unterschiedlicher Völkerschaften ist zunächst einem Bericht des Kirchenhistorikers Beda aus dem frühen 8. Jh. geschuldet. Sie lässt sich als Gründungssage eines neuen "englischen" Selbstbewusstseins begreifen, die einen Stammes- und Volksbegriff aufnimmt, der sich erst nach der germanischen Landnahme entwickelt.

 

Die altenglischen Dialekte, die sie im Laufe der Zeit ausbilden, sind eng verwandt mit dem Altdeutschen Norddeutschlands und ein wenig auch mit dem Alt-Friesischen. Nach Britannien kommen allerdings keine kompletten Stämme, sondern einzelne Verbände, aber sie bringen die germanischen Sozialstrukturen mit, die mit den keltischen verwandt sind: Die Basis bilden in Familien bzw. Haushalte geteilte freie Bauern, ceorl, der deutsche „Kerl“, der sich auch im „Karl“ niedergeschlagen hat. In ganz Europa wird dieser Freie, der das Land bearbeitet, langsam in seiner Freiheit beschränkt. Im Deutschen bleibt die Erinnerung an ihn bestehen in der Wendung, jemand sei „ein ganzer Kerl“. Andererseits wird der Bauer im Deutschen dann zum „dummen Bauern“. In England wird im Mittelalter aus dem ceorl später der churl und mit der systematischen Abwertung wird dann churlish zur Eigenschaft eines Menschen mit ungehobeltem, rüpelhaftem Benehmen.

 

Darüber steht ein "Adel", dessen wesentliche Kennzeichen das Kriegertum und der größere Grundbesitz sind. Adel versucht Gefolgschaften zu bilden, die durch Treue einerseits und Schutz im weitesten Sinne andererseits gekennzeichnet sind. Die (persönlichen) Beziehungen sind kaum rechtlich fixiert, sondern zeichnen sich durch hohe persönliche Verbindlichkeit aus (idealiter bis in den Tod). In diesen Strukturen ist der Verrat, die Untreue das wohl schwerste Vergehen.

 

König (erst bretwalda, später cyning) ist man mit und „über“ die, die einem Gefolgschaft leisten. Es gibt also ein Königtum, aber kein geographisch fixiertes Königreich. Ein erfolgreicher König ist einer, der seine Macht erhält und erweitert, mehr Gefolgschaft gewinnt, die selbst Gefolgschaft hinter sich hat. Anlass zum Streit mit den Nachbarn gibt es oft, und das Kriegerethos drängt geradezu immer wieder nach Waffengängen mit der Hoffnung auf Beute.

 

Auf die Dauer führt das dazu, dass zeitweilig die anglischen Königreiche von Mercia und dann die vom sächsischen Wessex ein Oberkönigtum für ganz Südengland bis zum Fluss Humber errichten.

 

Im 8. Jahrhundert sind in Wessex und Mercia stabilere Verwaltungsstrukturen erkennbar - mit einem königlichen Rat und der Einsetzung von earldormen, dem Gegenstück zu den fränkischen Grafen. Die erste Hälfte des englischen 8. Jahrhunderts dominiert ein Aethelbald von Mercia, von dessen Herrschaft eine größere Anzahl königlicher Urkunden zeugen. Darin heißt er schon mal "rex Britanniae". Noch wahrnehmbarer für uns Heutige wird König Offa von Mercia, der in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts herrscht. Noch heute kann man an dem Erdwall entlang wandern, den er gegen Wales anlegen ließ (King Offa's Dyke), eine für damals enorme organisatorische Leistung. Er steht im Kontakt zu den fränkischen Herrschern, übernimmt die Münzreform von Karl d.Gr. und lässt sich als rex totius Anglorum patriae titulieren. Ein Gemeinschaftsgefühl unter den Angelsachsen wächst vor allem über die kirchlichen Synoden und überhaupt die kirchlichen Kontakte.

Aber erst die Einfälle kriegerischer Dänengruppen, die im 9. Jahrhundert ganz England und mindestens einmal sogar Wales durchqueren, Beute machen und dann Siedlungen gründen, führen zur Einigung des größten Teils des heutigen England unter König Alfred gegen die neuen Eindringlinge.

 

Langsam bildet sich eine Art Hochadel heraus, der immer öfter mit dem König zusammen ist, mit ihm berät, seine Entscheidungen mit herbeiführt und mit ihm besondere Ereignisse feiert. Dies sind die "Gesellen" des Königs, seine Gesellschaft, altenglisch: gesith, in den lateinischen Urkunden comes, Gefährte, woraus über den französischen Umweg conte später der count wird, und das county, ein neueres Wort für Grafschaft. Aus den Gesellen des Königs wird später mittelenglisch die company. Aus ihr entwickelt sich ganz langsam ansatzweise so etwas wie ein königlicher Hof, dessen geringe Schriftlichkeit auf Latein abgefasst ist. Das andere Wort für Graf, earl kommt erst durch die dänischen Überfälle nach England, und hieß bei den Dänen eorl, was einen mächtigen Freien beschreibt, der mit seinen Hieb- und Stichwaffen auf das fuchtbarste umzugehen weiß.

 

Unterhalb der freien Bauern existiert die aus der angelsächsischen Eroberung resultierende Schicht der Unfreien, die zu Dienstleistungen verpflichtet werden, aber langsam ethnisch in der Minderheitsschicht der Eroberer aufgehen und ihre Sprache mit den übrigen Traditionen verlieren. Das ganze Land wird dabei schrittweise in Grafschaften (shires) aufgeteilt - so wie parallel dazu in Bistümer. Die wiederum sind in sogenannte Hundertschaften geteilt, in denen nach germanischer Tradition Gericht gehalten wird. Das Königtum und auch der sich bildende Hochadel (nobility) haben auf den Alltag der Menschen auf dem Lande und in den sich wieder entwickelnden Städten nur wenig Einfluss; sie sind für die meisten Menschen alltäglich weit weg. Für die Freien ist auch die Abgabenlast zunächst sehr gering. Den Alltag bestimmen die Jahreszeiten, die Ernten und mit der Christianisierung dann der christliche Festkalender, der im Vergleich zu heute ein Vielfaches an Feiertagen umfasst.

 

Die Christianisierung der germanisierten Engländer wird von Rom aus durchgeführt, und zwar unter Papst Gregor dem Großen, der damit seine Bedeutung für das lateinische Abendland betonen möchte. Es ist der König Ethelbert von Kent, selbst mit einer christlichen Fränkin verheiratet, der um 595 um Missionare bittet, wohl, um an Rang zu den fränkischen Herrschern etwas aufzuschließen. Der erste Missionar der Jüten, Sachsen und Angeln in Britannien wird ein Papst Gregor aus seinem Kloster vertrauter Mönch Augustinus. Er darf sich bei der königlichen Residenz in der in Ruinen liegenden römischen Stadt Purovernum niederlassen, die die neuen Herren dort Cantwarabyrig nennen, woraus das Erzbistum Canterbury wird, zu dem später noch das von York kommt.

 

Zunächst klingt etwas zu optimistisch, was Papst Gregor dann an den Patriarchen von Antiochia schreibt: Alldieweil das Volk der Angeln (angli) draußen in einer Ecke der Welt bis jetzt bei der falschen Anbetung von Klötzen und Steinen verblieb, beschloss ich (...) einen Mönch meines Klosters (...) hinzusenden, diesem Volk zu predigen (...) Und eben jetzt haben uns Briefe erreicht (...) dass er sowohl als auch die, welche mit ihm gesandt wurden, mit solchen Wundern leuchten, dass in den Zeichen, die sie sehen lassen, die Wunder der Apostel wieder aufzuleben scheinen. (in Brown2, S.175)

 

Im Kern müssen zuerst die Herrscherfamilien bekehrt werden, in deren Machtbereich dann Bistümer entstehen. Stirbt dann ein christianisierter König in der Schlacht, kann es sein, dass erst einmal wieder Schluss ist mit der neuen Religion. Pfarreien andererseits sind die Stiftungen lokaler Adeliger, die dadurch die Kontrolle über ihre Priester und deren bekehrte Gemeinde erhalten.

 

Nicht ganz anders als in der übrigen Germania findet die Mission im Bündnis von Missionar und weltlicher Macht statt. Nicht selten wehren sich Germanen erbittert gegen den Verlust ihrer eigenen Überzeugungen und müssen mit Gewalt dazu gezwungen werden. Für die Herrscher in England andererseits hat die Christianisierung ähnliche Vorteile wie schon damals für Kaiser Konstantin und inzwischen auch für die fränkischen Herrscher in Gallien: Sie schafft ein neues, aufgesetztes Netz von Strukturen, die Herrschaft und später Verwaltung erleichtern. Zu diesem Zweck dürfen Bischöfe und später Äbte langsam in den Rang hoher Adeliger aufsteigen.

 

Die Missionierung der Angelsachsen gerät in Konflikt mit der keltisch-britischen Kirche. Getragen wird sie von der Hierarchisierung der Strukturen, wie auch von der zunehmenden Konzentration auf Themen wie die der Ehe und der Sexualität. Papst Gregor empfiehlt den Missionaren, die germanischen Heiligtümer nicht zu zerstören, sondern in christliche umzuwidmen, und zudem auch die heidnischen Feiertage unter christlicher Umdeutung beizubehalten, damit die Getauften, wenn ihnen äußerlich einige Freuden erhalten bleiben, den inneren Freuden leichter zustimmen können, denn zweifellos ist es unmöglich, schwerfälligem Verstande alles auf einmal wegzunehmen. (In Beda, zitiert nach: Sarnowsky, S. 23)

 

Bis ins 7. Jahrhundert wird diese römische Mission immer wieder durch heidnische Aufstände dagegen behindert. Zugleich missionieren Iren in Schottland, die über die aus Irland eingewanderten Scoten kommen. Ihr erstes Zentrum wird das Kloster Iona, dass in irischer Tradition zugleich ein Bistum wird.

 

Im 7. Jahrhundert gelingt es den irischen Missionaren zunächst, auch in Nordengland Fuß zu fassen. Ihr Zentrum dort wird das Kloster Lindisfarne. Aber danach werden sie von den römisch orientierten Konkurrenten zurückgedrängt. 672 kommt es zu einer ersten gesamtenglischen Synode in Hertford. Kurz darauf beginnt die angelsächsische Mission auf dem Kontinent.

731 wird Beda Venerabilis in seiner 'Historia ecclesiastica gentis Anglorum' zwei Dinge feststellen: Das eine ist, dass aus den germanischen Stämmen Englands durch das einigende Band der römischen Religion ein "Volk" entsteht, eine gens. Jedenfalls sieht er das so. Zum zweiten wird die Benennung dieses Volkes, die Papst Gregor noch aus Unkenntnis der anderen als angli bezeichnete, nun dauerhaft als pars pro toto etabliert: Die Angeln werden für alle die stehen, aus denen Engländer werden.

 

Die heidnisch-germanischen Könige in Britannien leiteten ihre Herkunft von Gott Wotan (altenglisch: woden) ab, so wie Macht sich in Stammeskulturen oft aus einem heiligen/magischen Urgrund ableitet. Damit ist es nun mit der Christianisierung vorbei. Als Ersatz wird nach ein, zwei Jahrhunderten, wohl vom Frankenreich abgeschaut, die vom Geistlichen vorgenommene Salbung mit heiligem Öl bei der Krönung durchgeführt, die den König magisch-rituell zu einem Beauftragten des Christengottes macht.

 

Macht und Herrschaft werden zwar in den nächsten tausend Jahren langsam nach Legalisierung streben, aber die Sehnsucht nach dem magischen Zauber, mit dem Legitimität umgeben scheint, wird bleiben. Legalität verlangt Kenntnisse und Verständnis für rechtliche Formulierungskünste, Legitimität spricht hingegen direkt zum Gefühl.

 

Die Christianisierung ist ein Prozess der Überfremdung, zugleich aber einer der Zivilisierung und Pazifizierung. Die Gewalttätigkeit der Völkerwanderungszeit wird nun ergänzt durch den – zunächst Germanen wenig verständlichen – christlichen Friedensgedanken, zu dessen oberstem Träger das frühmittelalterliche und in der Praxis eher wenig friedfertige Papsttum wird. Sehr viel Frieden entsteht dadurch erst einmal nicht. Andererseits versucht das Christentum die Sexualität zu moralisieren und einzugrenzen, und die Gewalttätigkeit in den Dienst der Kirche zu stellen..

 

 

Was Christianisierung aus Rom für England dann leistet ist eine erneute Romanisierung, so wie seit Bonifatius auch für das Frankenreich und die germanischen Nachbarn. Als Beispiel erwähnt Peter Brown einen Adeligen aus Northumbria, Benedict Biscop (628-90), der Klostergründer und Mönch wird. "Benedikt pilgerte im Laufe seines Lebens sechsmal nach Rom, zum ersten Mal im Jahre 653. Den Namen Benedikt hatte er aus Vereehrung für Sankt Benedikt, den Verfasser der benediktinischen Regel, angenommen. Von seiner Grand Tour des christlichen Italien brachte dieser nordische Magnat eine ganze Bibliothek mit zurück ans Ufer des Tyne und überdies einen Singmeister, der die Angelsachsen lehren konnte, wie man in der Peterskirche in Rom sang, dazu Reliquien, Ikonen, Seidenstickereien (die allein drei große Landgüter wert waren), gallische Gläser und >Maurer. die ihm eine Kirche bauen konnten, nach der römischen Art, die er von jeher liebte<." (Brown 2, S.252f)

 

Slawen

 

Eine letzte Wanderbewegung sei noch kurz angemerkt, über deren Frühzeit man heute fast nichts weiß. Es handelt sich um die Leute der slawischen Sprachfamilie,die sich aus awarischer Abhängigkeit befreien und

die vielleicht vom nördlichen Karpatenraum sich ausbreiten um dann ab dem 6. Jahrhundert als Wenden und Slawen in Texten aufzutauchen. Wann genau sie an Elbe und Order ankommen, ist nicht bekannt, aber sie breiten sich östlich dann bis zum Don aus und südlich bis zum so entstehenden Bulgarien. Kontakte der Franken mit ihnen sind gering, fast gar nichts ist zu Beziehungen nach Skandinavien bekannt, wo ebenfalls vorzivilisatorische Kulturen existieren, über die man auch nur wenig weiß.

 

Hausmeier im Frankenreich

 

Ein Problem im Frankenreich ist, dass merowingische Könige in dieser Zeit allzu oft minderjährige Söhne haben, die unter die Kuratel von Adelsgruppierungen geraten, die um die Vorherrschaft in ihrem Bereich kämpfen. Es geht offensichtlich darum, eine sehr instabile Herrschaft dadurch an sich zu reißen, dass man mehr Stabilität ohne mehr Königsmacht verspricht. Die Mittel dahin sind aber schiere, brutale Gewalt. Und der fränkische Adel möchte aus Eigeninteresse möglichst wenig Zentralgewalt zulssen.

 

Adel ist allerdings derzeit noch kein rechtlicher Begriff, rechtlich wird nur zwischen Freien und Unfreien unterschieden. Aber oft wird von Historikern von  einem Aus der Verschmelzung von alter römischer nobilitas und germanischem Kriegeradel entstehenden fränkischen Adel der Merowingerzeit gesprochen, der als geistlicher und weltlicher Latifundienbesitzer Herr über den größten Teil des Landes und der Menschen darauf ist. Als solcher ist er Krieger oder zumindest Herr über ein kriegerisches Gefolge, und er übernimmt Amtsfunktionen in Kirche und "Staat". Mit der Schwächung des Königtums und dem Aufstieg der Hausmeier entsteht an der Spitze eine Fürstengruppe.

 

Princeps wiederum war einst nur der Kaiser gewesen, an seine Stelle treten dann die Könige, von denen aus sich alle Macht legitimiert. Nun fangen die karolingischen Hausmeier an der Macht an, sich als principes zu bezeichnen, und dann folgen die duces (Herzöge) von Burgund und Aquitanien und bald auch andere Herren über große Gebiete. Die zum Teil von fränkischen Königen und dann Hausmeiern eingesetzten Herrscher über die ostrheinischen germanischen Reiche schließen sich an. Sie alle bilden Dynastien aus und versuchen, die Macht in ihrer Familie zu halten.

 

 

Zwischen 639 und 687 übernehmen Hausmeier zunehmend die Macht in beiden fränkischen Reichen, und zwischen denen von Neustrien mit dem Mittelpunkt Paris (Hausmeier Ebroin) und Austrien (die vereinigte Familie von Arnulf und Pippin) entbrennt ein Machtkampf, der schließlich 687 in der Schlacht bei Tertry zugunsten Pippins ("des Mittleren") entschieden wird. Der vereint damit das ganze fränkische Kernreich unter seinem Hausmeieramt. Im 'Liber Historiae Francorum' heißt es, Pippin begann als Hausmeier des Königs Theuderich die Herrschaft auszuüben. Er nahm den Schatz an sich, ließ von den Seinen einen gewissen Nordebert mit dem König zurück und kehrte nach Auster heim. (cap.48)

 

Er belässt einen relativ entmachteten merowingischen König in Paris, für den bald ein Sohn Pippins, Grimoald (II.) die wirkliche Macht ausübt, und er selbst residiert vorwiegend in Köln als Hauptort Austriens mit seiner Gemahlin Plektrud.

 

Ab spätestens 691, als Theuderich III. stirbt und seine Witwe Regentin wird, ist die königliche Familie endgültig machtlos und unter hochadeliger Kontrolle. Pippin macht Sohn Drogo zum Dux der Champagne und setzt auch sonst Vertraute ein. 697 wird Drodo auch Dux von Burgund und Pippins zweiter Sohn Grimoald wird Hausmeier am Hof Childeberts III.

 

Mit der später so genannten Familie der Karolinger kommt es zu einer Machtkonzentration im austrasischen Raum, dessen Adel stärker fränkisch geprägt blieb als der gallische Westen und Süden mit seinen intensiver überlebenden römischen/lateinischen Wurzeln. "Die nun weit über die Grenzen ihrer Heimat hinausschweifenden austrasischen Franken wurden die Partner in einer Konföderation sehr unterschiedlicher Regionen, wo einst mehr oder weniger ausdrücklich die Vorherrschaft der merowingischen Könige anerkannt worden war". (Brown2, S.296).

 

Derweil machen sich duces, Herzöge aus der fränkischen Oberschicht, an den Rändern Franziens immer selbständiger: im noch weithin heidnischen Friesland, Alemannien, Bayern, der Provence und Aquitanien. Loslösungstendenzen gibt es auch von Aquitanien in Vasconia, der späteren Gascogne, einem weithin romanisierten Teil des Baskenlandes. In Hessen, Thüringen und Mainfranken scheint es dagegen durch Ansiedlung von fränkischem Bevölkerungsüberschuss zu stärkerem Einfluss zu kommen. Die Friesen werden nach Feldzügen wenigstens nominell unter fränkische Oberhoheit gezwungen. Der Bischofssitz Utrecht wird gegründet und zum Ausgangspunkt angelsächsischer Mission. Damit verschärft sich die Verbindung von Eroberung und Mission, die das Frankenreich nun kennzeichnen wird. (Hageneier in LHL, S.13)

 

714 stirbt dieser Pippin. Er hatte den Prinzipat unter den oben genannten Königen siebenundzwanzigeinhalb Jahre inne. (Liber hist.Franc. 41)

 

Seine Witwe Plektrud versucht nach dem frühen Tod ihrer Söhne ihre drei Enkel nun mit der Macht zu versorgen, also den Hausmeierstellen. Als Witwe eines Hausmeiers fehlt ihr aber die Legitimation einer königlichen Witwe. Der neustrische Adel möchte das arnulfinisch-pippinidische Joch abschütteln. und setzt eigene Könige und Hausmeier ein.

 

Karl, den Sohn Pippins mit seiner (Neben?)Frau Chalpaida, steckt Plektrud ins Gefängnis. Sie leitet mit ihren Enkeln und dem König alles in heimlicher Herrschaft (Liber Historiae Francorum, cap.51). Nach zwei Jahren kann er entkommen und die Kontrolle über Austrasien gewinnen. Er entmachtet die in Köln residierende Plektrud bis 717 und nimmt dort ihren Schatz bis auf eine Art Witwenpension für die ehemalige Königin an sich, die damit dann ein Damenstift gegründet haben soll.

 

Karl setzt zwar einen machtlosen Merowinger (Chlothar IV.) auf den Thron, herrscht aber tatsächlich selbst. Bis 720  hat er den neustrischen Hausmeier Raganfrid besiegt und ist Herr über das kriegerisch wieder "geeinte" Frankenreich und einziger maior domus.

Östlich des Rheins werden Straßen angelegt, die nicht nur den Handel, sondern auch Kriegszüge begünstigen, und mit Hilfe von Missionaren wird das schon begonnene Zerstörungswerk an den Stammeskulturen zwecks Zivilisierung konsequent fortgesetzt. So werden das unbotmäßige Friesland und der Westen Sachsens kurzzeitig erobert und verwüstet. Aquitanien und Alemannien wird der fränkischen Herrschaft wieder einverleibt, das große bayrische Herzogtum muss wieder fränkische Oberhoheit anerkennen. Karl entführt und heiratet dazu Swanahild aus der bayrischen Herzogsfamilie.

 

Fried hat nachgezählt: Zwischen 714 und 768 gibt es nur fünf Jahre ohne Krieg (S.57) Es sind überhaupt weiterhin enorm gewalttätige Zeiten. Aufgrund seiner ehernen Kriegskunst und der Tatsache, dass er fast jeden Sommer "im Felde" steht, bekommt Karl später bei den Franken den Beinamen "der Hammer" (Martell). Nur ein solch großer Krieger bekommt damals eine hinreichende Gefolgschaft hinter sich, die leudes. Daneben wird diese Gefolgschaft befestigt durch große Geschenke. Aber das reicht so wenig aus wie die übliche Beute, der oberste Kriegsherr muss für die Vornehmen der großen Kriegerschar, die er ständig braucht, neue Gratifikationen finden (beneficia als wirtschaftliche Grundlage). Seine Vasallenschaft muss daraus Kriegs- und Packpferd und eine immer ausführlichere Rüstung und Bewaffnung finanzieren. Solche etwas professionalisierteren Panzerreiter werden karolingischen Heeren und ihren Nachfolgern ihre enorme Durchschlagkraft verleihen.

 

Beneficium meint im Kern "Wohltat". Seit der Spätantike waren damit oft precaria gemeint (von precari, bitten), also Verleihungen von Gütern durch Kirchen und Klöster zur Nutzung als Nießbrauch für eine beschränkte Zeit bei geringem Zins. (Patzold, S.18f) 

Wer keine Erben hat, kann so seinen Landbesitz an ein Kloster verschenken, um es zur Nutzung u.U. lebenslang verliehen zu bekommen. Das Kloster ist nun Eigentümer, wird wohl für den Schenkenden beten und aus Eigeninteresse sich um seinen Schutz kümmern.

 

Das Land für solche beneficia findet er wohl bei den Kirchen. Spätere Quellen werden zumindest erzählen, er reiße in größerem Umfang Kirchengut an sich, das er dann weiter verteile. Die Kirchen wiederum entschädigt er (laut Fried, S. 59, Fleckenstein, S.42) mit einer Pflichtabgabe, dem Zehnten, und manchmal auch dem Neunten. Neue große Grundherrschaften eines Kriegeradels entstehen dadurch.

 

Zudem setzt er kriegerische Laien als seine Gefolgsleute in mächtige Bischofsämter ein (Mainz, Trier)

 

Schon 711 fiel mit der Schlacht von Xeres de la Frontera fast die ganze iberische Halbinsel an die "Araber".

720 überqueren sie die Pyrenäen, Aquitanien wird erobert und verwüstet. 732 werden sie von Karl Martell zwischen Tours und Poitiers zum ersten Mal zurückgeschlagen. In den nächsten fünf Jahren werden sie von ihm weitgehend aus der Provence vertrieben, 737 zum Beispiel bei Narbonne geschlagen. Dabei ist die fränkische Zentralgewalt unter dem Hausmeier Karl immer neuen Bündnissen aquitanischer, provenzalischer und burgundischer Großer mit den muslimischen Streitkräften konfrontiert. Es geht hier kaum um Religion, aber sehr um Macht. Nach Tours und Poitiers taucht zum ersten Mal seit der Antike das Wort Europenses in Abgrenzung zu den "anderen" auf.

 

 

737 stirbt der merowingische "Schattenkönig" und Karl Martell kann es sich nun leisten, ohne einen solchen weiter zu herrschen

 

 

Das neue Königtum

 

Wir kommen in einer Zeit an, die als zentrale Weichenstellung mit Auswirkungen bis heute betrachtet werden kann: Die Karolinger erfinden ein neuartiges Königtum, das geprägt wird durch ein enges Bündnis mit dem Papsttum, wodurch die Einordnung der westlichen Christenheit unter Rom weiter gefördert wird. Die Franken zerstören das Langobardenreich, setzen an zur Zurückdrängung von Byzanz und etablieren ideologisch einen vom römischen Bischof ansatzweise schon errungenen Kirchenstaat, der auch ein Resultat der Kirchenspaltung ist. Und Italien wird bis ins 19. Jahrhundert mindestens zweigeteilt bleiben. Damit erst  geht in Westeuropa die Spätantike zur Gänze zu Ende, aus dem Karolingerreich werden Keimzellen neuer Staatlichkeit hervorgehen in Reich und Stadt. Dazu zunächst einmal nach Ostrom, also Byzanz.

 

Die oströmischen Kaiser hatten sich unter hellenistisch-orientalischem Einfluss zu einer quasi-sakralen Rolle aufgeschwungen. Kult und Zeremoniell vergöttlichen ihn in spätrömischer Tradition. Umgeben von zahlreichen Eunuchen, residiert er in einem heiligen Palast. Besucher haben vor ihm zu erzittern und auf den Boden zu fallen. Er wird in Statuen und Bildern als fast göttlich verehrt.

 Der byzantinische Patriarch wird vom Basileus ernannt und im Notfall auch abgesetzt. Der Kaiser selbst ernennt seine Nachfolger. Palastintrigen und Machtkämpfe nehmen überhand. Mehr als die Hälfte aller Kaiser werden ermordet werden.

 Dieses Byzanz wird seit Beginn des achten Jahrhunderts vom sogenannten Bilderstreit bewegt, wobei die eine Seite, die Bilderstürmer, Ikonoklasten, jegliche Verehrung und schließlich jede Abbildung von Gott oder Heiligen ablehnt, ganz ähnlich wie der aufstrebende Islam nebenan. Die Einheit der beiden Kirchen geht auch dadurch ihrem förmlichen Ende entgegen, denn in Rom werden Bilder vom Volk inbrünstig verehrt, was die Kirche, theologisch etwas unbegründet, eher fördert. 

 

In diesen Vorgang eingebunden ist ein anderer: Neben dem Exarchat Ravenna gibt es als offiziell oströmisches Gebiet noch die Gegend um Rom, das Dukat von Rom. Da der Exarch durch langobardisches Gebiet davon abgetrennt ist, kann der römische Bischof sich zum Herren über dies Gebiet aufschwingen, was naheliegend ist, ist er doch dort schon der größte Grundbesitzer. Dies wird eine Voraussetzung des Kirchenstaates werden bzw. der weltlichen Herrschaft der Päpste über mehr als nur ihre Stadt.

 

Kurz vor 740 geschieht etwas schon länger absehbares: Der langobardische König zieht nach Spoleto und Benevent, um die abtrünnigen Herzogtümer mal wieder in seine Gewalt zu bringen. Trasimund von Spoleto flieht nach Rom, worauf das langobardische Heer die Stadt belagert.

 

Da inzwischen der alte Schutzherr Roms, der oströmische Kaiser, nicht mehr zur Verfügung steht, sieht sich Papst Gregor III. nach einem neuen um und findet ihn in dem mächtigsten Herrscher des Westens, dem Bezwinger der Araber, Karl Martell. Gregor schickt eine Gesandtschaft nach Franken, die Karl als "Unterkönig" tituliert, den Schlüssel zum heiligen Grab des Petrus und andere Geschenke überbringt, mit dem Anerbieten, dass der Papst sich vom (griechischen) Kaiser lossage und dem Fürsten Karl das römische Konsulat übertrage, wenn er ihn von der so großen Bedrückung der Langobarden befreie, wie die fränkische Quelle schreibt. (z.B. schon in: Mühlbacher, S.42)

 

Mit einer solchen Schlüsselübergabe hatte ein Papst schon früher versucht, die Engländer an das Papsttum zu binden. Was nach einer Ober- und Schutzhoheit der fernen Franken aussieht, ist zudem der päpstliche Versuch, sich auch als weltlicher Herrscher im Herzen Italiens dauerhaft zu etablieren.

 

Tatsächlich besteht allerdings zwischen dem fränkischen und dem langobardischen Herrscher eine enge Freundschaft, die eine fränkische Intervention wohl verbietet. Schließlich geben die Langobarden auch ohne fränkische Intervention die Besetzung Roms auf.

 

Für den fränkischen Herrscher ohne Herrschertitel bedeutet die päpstliche Gesandtschaft eine enorme Aufwertung. Als um diese Zeit der merowingische Schattenkönig stirbt, ignoriert Karl das und setzt einfach keinen neuen mehr ein. Die Franken hatten sich von den Römern die Datierung nach den Regierungsjahren der Herrscher abgeschaut, eine Zählung nach Christi Geburt wird erst viel später aufkommen. Der Bruch wird jetzt an einem kleinen Detail deutlich: In den nächsten Jahren wird „nach dem Tod des Theuderich“ gezählt werden.

 

 

Karl Martell hinterlässt von mehreren Frauen drei Söhne. Vermutlich teilt er vor seinem Tod 741 seinen Herrschaftsbereich nicht ganz klar unter den beiden legitimen Söhnen Pippin und Karlmann auf, um dann auf Betreiben seiner zweiten, Swanahilds, noch ein Reich für Grifo hinzuzufügen. Pippin und Karlmann machen zunächst einen letzten Merowinger zum (machtlosen) König. Grifo wird von ihnen von der Erbfolge ausgeschlossen, wie das auch bei Karl Martell selbst geschehen war. Dabei war Karl Martells Witwe Swanahild ehedem Prinzessin eines "legitimen" bayrischen Herrscherhauses, während die beiden anderen Söhne Karls die eines Emporkömmlings sind. Es wird lange dauern, bis beide ihren Stiefbruder besiegt haben, der erst einmal  aus Klosterhaft nach Bayern flieht.

Darauf entkommt Karls Tochter Hiltrud aus der früheren Ehe ebenfalls nach Bayern und heiratet den Vater ihres Sohnes, den Bayernherzog Odilo. Der Sohn, Tassilo, wird zum großen Gegenspieler seines Cousins, Karls d.Gr. werden. Swanahild wird von ihren Stiefsöhnen nun ins Kloster gesteckt.

 

Zugleich erheben sich die Aquitanier, Alemannen, Bayern und Sachsen. Alemannien wird blutig unterworfen. Die Hausmeier, die sich jetzt wie Könige benehmen, sind immer noch ohne dynastische Legitimität. Aus diesem Grund setzen sie nach sechs königslosen Jahren wieder einen Merowinger ein, über den weiter nichts bekannt wird. 

 

Missionar Bonifatius unterstützt die beiden Frankenherrscher, die ihn wiederum für den Ausbau der Macht in ihren Reichen gebrauchen können. In einem der zahlreichen erhaltenen Bonifatiusbriefe wird der Aufruf zu einer ersten zentralen Synode in Austrasien aufbewahrt:

Ich, Karlmann, dux et princeps der Franken, habe im Jahre 742 der Fleischwerdung Christi unter dem Beirat der Knechte Gottes und meiner Großen die Bischöfe meines Reiches mit ihren Priestern (...) zu einer Synode versammelt (...), um mit mir zu beratschlagen, wie das Gesetz Gottes und die kirchliche Ordnung, die unter den früheren Fürsten sich aufgelöst hat und zusammengebrochen ist, wiederhergestellt werden soll. () Kirchen-und Reichsorganisation sollen sich ergänzen.

 

743 oder 744 verkündet Karlmann als Ergebnis einer Synode von Les Estinnes: Wir haben auch mit Berufung der Diener Gottes und des christlichen Volkes bestimmt, dass wir wegen der drohenden Kriege und der Einfälle der Völker ringsherum einen Teil des kirchlichen Vermögens mit Gottes Erlaubnis (sic!) als zinspflichtige Landleihe (sub precario et censu) zur Unterstützung unseres Heeres für einige Zeit zurückbehalten - unter der Bedingung, dass jährlich von jeder Hofstatt ein Solidus zu zwölf Denaren an die Kirche oder das Kloster bezahlt werden soll. Wenn derjenige stirbt, dem das Gut geliehen war, soll die Kirche wieder in den Besitz ihres Gutes kommen. Und wenn erneut die Notwendigkeit dazu besteht, dass der Fürst es befiehlt, soll die Landleihe (precarium) wiederholt und erneut beurkundet werden. Und im ganzen soll darauf geachtet werden, dass Kirchen und Klöster, deren Land als Precarie verliehen ist, nicht Mangel und Not leiden; vielmehr soll, wenn die Armut es notwendig macht, der Besitz ungeschmälert der Kirche oder dem Gotteshaus zurückgegeben werden. (in: Patzold, S.26)

 

Karlmann unterstützt weiter den Einfluss angelsächsischer Missionare auf das Frankenreich, die besonders mit Bonifatius nicht nur bei von den Franken abhängigen Germanenvölkern missionieren und sie damit für die fränkische Eroberung präparieren, sondern die fränkische Kirche stärker an das römische Bistum und seine kirchlich-religiösen Vorstellungen anbinden wollen. Damit setzt ein Romanisierungsprozess ein, der bis ans Ende karolingischer Herrschaft andauern wird und besonders die germanischen Kirchen betrifft.

Der missionarische Reformeifer von Bonifatius, der nach Romanisierung des fränkischen Christentums und Anbindung der fränkischen Kirche an Rom strebt, bedeutet auch ihre stärkere Zentralisierung, welche sich in Reichssynoden niederschlägt, die dem König die Möglichkeit geben, sie, und zwar Bischöfe wie Äbte, stärker als Herrschaftsinstrument einzusetzen. Für die Päpste springt dabei wachsende Bedeutung in der lateinischen Welt heraus.

 

 

Die Karolinger vermeiden inzwischen indirekt Reichsteilungen durch die Beseitigung von Familienmitgliedern, was schon Merowinger gelegentlich praktizierten. 747 gibt der Herrscher über das halbe Reich, Karlmann, auf, geht ins Kloster, erst nördlich von Rom im Langobardenland, ab 750 in das von Monte Cassino im Einflussbereich der Langobarden, aus unauslöschbarem Verlangen nach frommer Hingabe (devotio), wie später eine Chronik fromm behauptet. Tatsächlich übernimmt Pippin einfach im Handstreich die ganze Macht. Der Sohn, vielleicht auch mehrere, dieses Karlmann wird nach der Geburt von Pippins erstem Sohn, Karl (dem späteren Kaiser) zwangsweise zum Mönch gemacht und quasi im Kloster lebenslang inhaftiert.

 

Hausmeier Pippin ist Alleinherrscher. Alemannien und Bayern werden wieder einmal unter fränkische Hoheit gebracht. Grifo, nun in der Hand Pippins, soll mit einer Anzahl Grafschaften abgefunden werden, weigert sich aber und flieht zum aquitanischen Herzog Waifar und wird dann wohl 753 von Gefolgsleuten Pippins umgebracht, als er über die Alpen zu den Langobarden zu entkommen versucht. 

 

 Alles läuft mit der Schwäche des Hauses der Merowinger darauf hinaus, einen neuen Typus von Herrschaft als Königtum zu entwickeln, der neue Wege sucht, möglichst viel Macht über die Großen im Frankenreich zu etablieren.

 

Pippin (II.), der Mittlere, lässt sich in seiner königsgleichen Stellung den neustrischen Königsschatz ausliefern. Er selbst versucht von Austrien aus Friesen und Sachsen "abzuwehren", die der fränkischen Dominanz entkommen wollen. Er vereint unter sich den ererbten beträchtlichen Besitz der Arnulfinger um Metz und Verdun mit dem mütterlichen der Pippin-Familie zwischen Lüttich und Ardennen und gewinnt über die Heirat mit Plektrud deren Besitzungen um Trier herum. Wahrscheinlich ist er damit der größte Grundbesitzer im Reich, verfügt über zahllose abhängige Bauern und sklavenartige Hörige sowie über ein zahlreiches kriegerisches Gefolge auch von Kirchen und Klöstern her.

Kirche und weltliche Macht werden immer enger ineinander verschränkt. Beide sind in den Händen des kriegerisch ausgerichteten Großgrundbesitzer-Adels. Reichsgeschichte und Kirchengeschichte sind so untrennbar miteinander verbunden, und die Kirchen werden bis heute fast überall "obrigkeitsstaatlich" ausgerichtet bleiben.

 

Alleinherrschaft schafft tendentiell Zentralisierung und stabilere Staatlichkeit, stärkere Kontrolle des Adels unter einer übergeordneten Macht, wenn denn der Herrscher die dafür erforderliche Macht besitzt. Aber die neuartige Herrschaft des Vertreters einer reichen und mächtigen Adelsfamilie, die auf dem Weg von Gewaltakten gegen die legitime Familie der Merowinger eingeleitet wurde und durch solche gegen die eigenen Brüder fortgesetzt wird, verlangt eine neuartige Legitimation. 

 

Zunehmend wird dann Bonifatius bei den regelmäßiger werdenden Kontakten der fränkischen Hausmeier-Herrscher mit dem Papst übergangen. Und so wendet sich Pippin nun auch wegen der Königswürde direkt an den Papst.

 

Wie so oft, ist der folgende Vorgang im Lichte der päpstlichen und fränkischen Quellen nicht genau zu klären. Laut den „Reichsannalen“, schickt Pippin eine hochkarätige geistliche Gesandtschaft zu Papst Zacharias:

Bischof Burchard von Würzburg und der Kaplan Fulrad wurden zu Papst Zacharias geschickt. Sie fragten an betreffs der Könige im Frankenreich, welche in jener Zeit keine königliche Gewalt mehr hatten, ob das gut sei oder nicht. Und Papst Zacharias ließ Pippin melden, dass es besser sei, jener, der die Gewalt habe, heiße auch König, denn derjenige, dem keine königliche Gewalt mehr geblieben sei, und dass kraft apostolischer Autorität, damit die Ordnung nicht gestört werde, Pippin König werde. (Annales regni Francorum für 749)

 

Die Merowingerherrschaft war aus dem Amt des römischen Heermeisters hervorgegangen, das neue Königtum aus dem weniger römischen Amt des Hausmeiers. Die alte Legitimation war die militärische Gewalt von Eroberern und Anerkennung durch einen Kaiser, die neue Macht wird nun durch die christliche Approbation durch den Papst auf eine nie dagewesene Art legitimiert.

 

Das Papsttum braucht, um sich auch als weltliche Macht zu etablieren, einen neuen Schutzherrn - vor allem gegenüber den Langobarden, aber auch gegenüber Byzanz. Geistliche und weltliche Hoheit verschränken sich ineinander.

 

Bei den Merowingern war es das vererbte königliche Charisma gewesen, welches sich optisch in den besonders langen Haaren ausdrückte. Dem letzten von ihnen werden nun die Haare geschoren und er wird ins Kloster gesteckt.

 

Das ganz Andere drückt sich in den Annalen so aus: Pippin wird durch die Wahl aller Franken (der fränkischen Großen), durch die Weihe der Bischöfe und die Huldigung der Großen samt seiner Gemahlin Bertrada nach altem Brauch auf den Thron erhoben. In der Fortsetzung der Fredegarschronik heißt es für das Jahr 749 dazu:

Der erlauchte Pippin wurde, wie es von alters her die Ordnung verlangt, durch die Wahl aller Franken gemeinsam mit der Königin Bertrada auf den Thron des Reiches gesetzt, wobei ihn die Bischöfe des Reiches weihten und die Ersten des Reiches sich ihm unterwarfen (cap.33)

 

In Nachahmung jener merkwürdigen Handlung, die der alttestamentarische Prophet Samuel an Saul und David vollzogen haben soll, wird nun auch Pippin eventuell schon jetzt, vielleicht auch erst drei Jahre später beim Papstbesuch wie die späten Westgotenkönige von einem Bischof „gesalbt“, also vom Christengott über den Mittler Papst und dessen Beauftragten mit dem Amt betraut. Seiner Gemahlin widerfährt dasselbe, als Mutter der Königskinder ist sie an der Neugründung einer Dynastie und eines neuen Königtums beteiligt. Mit der Beteiligung der Bischöfe als Königsmacher werden diese nun auch formell in den Apparat neuer christlicher Herrschaft einbezogen. Von nun an wird sich im Abendland nie mehr persönliche Herrschaft ohne sakrale Verbrämung aufrichten lassen. Die letztlich auf Augustinus zurückgehende Forderung, dass "Ordnung" auf der Tatsächlichkeit von Macht zu beruhen habe, wird hier einerseits praktiziert und zugleich verbrämt durch religiöse Überhöhung. Auch damit geht die Antike zu Ende.

 

Auf Zacharias, einen kalabrischen Griechen, folgt 752 Papst Stephan II. aus der stadtrömischen Adelsfamilie der Orsini, die in den nächsten Jahrhunderten zu enormer Macht aufsteigen wird. Wieder wird Rom von den Langobarden des Königs Aistulf bedrängt, nachdem sie zuvor das Exarchat Ravenna eingenommen haben, und Hilferufe nach Byzanz verhallen ungehört. Der Papst tritt laut seiner Vita barfuß und mit Asche auf dem Haupt an die Spitze von Bittprozessionen der Bevölkerung, eine Christusfigur schulternd.

 

Wieder, wie schon bei Karl Martell, richtet der Papst über einen Pilger einen Hilferuf an König Pippin mit der Bitte, ihn in die Francia einzuladen. Für Pippin ist ein Kriegszug nach Italien nicht unproblematisch, denn einige fränkische Große, mit denen er gewöhnlich zu Rate ging, sprachen sich so entschieden gegen sein Vorhaben aus, dass sie sogar ganz offen erklärten, sie würden den König verlassen und nach Hause zurückkehren. (Einhard, Vita Karoli, cap.6) Der schickt dennoch eine Gesandtschaft nach Rom, die den Papst ins Frankenland einlädt und ungestört von Aistulf mitnimmt. Bei der königlichen Pfalz von Ponthion (bei Châlons-sur-Marne) treffen sie Januar 754 aufeinander, kurz bevor Bonifatius von Friesen getötet wird.

 

Das erheblich bedeutsame Ereignis ist wie die Kaiserkrönung Karls d.Gr. in mehreren Quellen erhalten. In der sogenannten Fortsetzung des Fredegar heißt es, als der König von der bevorstehenden Ankunft des Papstes hörte, befahl er, ihn mit Jubel, Freude und großer Sorgfalt aufzunehmen, und trug seinem Sohn Karl auf, ihm entgegenzugehen und ihn bis zum Königshof Ponthion vor ihn zu geleiten. Dort trat der römische Papst Stephan vor den König und beschenkte sowohl den König selbst als auch die Franken mit vielen Gaben und bat ihn um Hilfe gegen das Volk der Langobarden und ihren König Aistulf. (cap.36)

Version zwei steht in den Metzer Annalen: Als der genannte Papst dorthin kam, wurde er von König Pippin ehrenvoll empfangen. Und er machte dem König wie dessen Großen viele Geschenke. Am folgenden Tag aber flehte er zusammen mit seinem Klerus, mit Asche auf dem Haupt und einem Büßergewand bekleidet, auf dem Boden ausgestreckt den König an (...) ihn und das römische Volk aus der Hand der Langobarden (...) zu befreien.

Version 3 steht in der Vita des Papstes Stephan: Der König selbst empfing den heiligsten Papst fast drei Meilen vor seiner Pfalz Ponthion zusammen mit seiner Frau, seinen Söhnen und Großen, indem er von seinem Pferd stieg, sich mit großer Demut auf den Boden warf und im Dienste des Strators bis zu einem bestimmten Ort neben dessen Sattel eilte. (in Althoff(3), S.45)

 

Da die Unterschiede in der rituellen Darstellung des Status beider Seiten wichtig sind, wird deutlich, wie sehr Geschichte ein verzerrtes Bild liefern kann, wo nur eine Quelle vorhanden ist.

 

Man könnte von einem Bündnis König-Papst sprechen, in dem der Schutz vor den Langobarden mit dem Schutz vor der fränkischen Adelsopposition verbunden wird.

Die Zeitenwende drückt sich dadurch aus, dass Päpste, die bis jetzt nur nach Konstantinopel/Byzanz gereist waren, nun nicht mehr dorthin, sondern ins Frankenland reisen. Ansonsten lassen die unterschiedlichen Berichte beider Seiten ziemlich unklar, was in diesem Winter dort und dann in der Abtei St.Denis alles geschieht, wo der Papst den Winter über unterkommt; ob Stephan den karolingischen Frankenkönig salbt, zum Beispiel, wie die fränkischen Annalen berichten. Wichtig ist nur, dass es später eine Tradition gibt, die das behaupten wird, ebenso wie, dass der Papst anbefohlen habe, dass fränkische Herrscher fürderhin aus dem Mannesstamm Pippins entspringen sollen. Vermutlich den Tatsachen am nächsten kommt aber folgender folgenschwerer Passus in der römischen Papstchronik (Liber Pontificalis), da Pippin ihn bald befolgen wird:

 

Und da sie dort als Gleiche im Oratorium saßen, hat der genannte allerseligste Papst unter Tränen den allerchristlichsten König angefleht, dass er durch ein Friedensbündnis die Angelegenheiten des heiligen Petrus und der Respublica der Römer in Ordnung bringe. Sofort hat dieser geschworen und ihm versichert, dass er mit aller seiner Strenge die Anordnungen des Papstes befolgen werde und dass er das Exarchat von Ravenna und die übrigen Rechte und Besitzungen der Respublica der Römer wiederherstellen werde. (im Kapitel von Philippe Bruc, in Jussen, S.27f)

 

Das ist der Beginn fränkischer und später reichsdeutscher Italienpolitik. Was Pippin dem Papst wohl verspricht, ist die Schenkung der von Langobarden eroberten Gebiete des römischen Dukats und des Exarchats von Ravenna, also der norditalienischen griechischen Besitzungen, der „Provinz Italien“. Zugleich ist das der Beginn der Westorientierung des Papsttums, welches erkannt hat, dass das von mehreren Seiten bedrängte Byzanz nicht mehr imstande ist, es zu schützen. Es ist damit zugleich der Beginn des Endes oströmischer Herrschaft über Italien.

 

754 zieht Pippin nach Italien, nachdem er offensichtlich adeligen Widerspruch dagegen übergehen konnte, wird in Rom samt seinen beiden legitimen Söhnen zum König gesalbt und zudem zum „Patricius der Römer“ erklärt, vielleicht zu einer Art Schutzherr, aber Genaues dazu bleibt unbekannt. Die Langobarden unterwerfen sich zunächst. 756 dann kommt es zum nächsten Kriegszug, den Langobarden wird ihr Schatz genommen und sie werden zu Tributzahlungen gezwungen. Eine königliche Schenkungsurkunde begründet den Kirchenstaat formell. 757 schickt der neue Papst Paul I. seine Wahlanzeige nicht mehr nach Byzanz, sondern in die Francia zum König.

Kaiser Konstantin V. interveniert, schickt einen Gesandten zum Frankenkönig, aber vergebens.

 

Das germanische Königsheil, verwandt mit der griechischen Vorstellung vom Charisma, verwandelt sich jetzt fast zur Gänze in das königliche Gottesgnadentum. Als erster wird Karl d.Gr. in seiner Formulierung Herrscher deo gratia sein, aus und in der Gnade des siegreichen und Sieg spendenden Christengottes. Symbolisch markiert wird das mit der Salbung, dem Beträufeln mit magisch verwandeltem Öl. Diese Prozedur kann wohl auf Vorbilder bei westgotischen Königen in Spanien zurückgreifen. Pippin lässt formulieren: Es ist offenbar, dass uns durch die Salbung die göttliche Vorsehung auf den Thron erhöht hat. (In: Georges Minois, Charlemagne. S.136)

 

Ein Stück germanisches Erbe bleibt, in Analogie zum römischen Caesarentum: Waren römische Kaiser angewiesen auf Wahl und Unterstützung des Heeres (vor allem), des Senates und des Volkes von Rom (bald in Wirklichkeit nicht mehr), so betont obige Quelle die Wahl durch "alle" Franken und die Huldigung durch die Großen. Die Wahl durch alle Franken ist allerdings längst eine anachronistische Floskel, eine der Tradition verpflichtete verbale Pflichtübung, aber der Zusammenhang zwischen königlicher Herrschaft und Mitwirkung der "adeligen" Großen bleibt. Noch in der Goldenen Bulle von 1356 wird diese Mitwirkungspraxis betont, die an den Kurfürsten festgemacht wird. Damit entwickelt sich nicht wie in anderen späteren Reichen eine rechtlich fixierte Erbmonarchie.

 

Um es kurz zu machen: Die Karolinger unternehmen die Unterstellung der Kirche sowohl unter den Papst sowie unter ihre Herrschaft. Sie beginnen bei der Unterwerfung der Friesen mit der Verbindung von Eroberung und Mission. Damit vergrößern sie den Einflussraum der Päpste, der zugleich im oströmischen Raum weiter schwindet.

 

Neben dem Versuch der gewaltsamen Zerstörung der westfriesischen Kultur beginnt ein massives Annektionsprogramm im alemannischen Raum. Die dortige Herzogsfamilie wird ausgerottet und König Pippin ersetzt sie durch fränkische Grafen. Das ist keine Angliederung an, sondern Eingliederung ins Frankenreich, ein Vorgang, den Karl d.Gr. später mit Jahrzehnten der Kriegführung bei den Sachsen durchsetzen wird und ohne Krieg, aber dennoch brutal, bei den Bayern.

 

Die stete Ausweitung des Frankenreiches seit Karl Martell beginnt den Charakter des Heeres zu verändern. Mag auch weiter in der Schlacht zum Teil zu Fuß gekämpft werden, für lange Strecken bedarf es zunehmend mehr des Pferdes als Transportmittel. Die Reiterei nimmt zu. 755 verkündet Pippin pro utilitate Francorum die Verlegung der Heeresversammlung vom Märzfeld zum Maifeld, wenn es bessere Weiden für die Pferde gibt. Vermutlich müssen deshalb inzwischen auch die Anbauflächen für Hafer erweitert werden. 

Mit dem karolingischen Königtum wird die Verschmelzung merowingischen Vasallentums mit dem der Hausmeier abgeschlossen. Zugleich beginnt die Verbindung von Vasallität und Beneficium als Leihgabe eines Großgrundbesitzes enger zu werden. Große Vasallen wiederum legen sich auf diese Weise Untervasallen zu. 

 

759 wird nach mehrjähriger Belagerung Narbonne genommen und damit Septimanien. Noch folgenreicher wird die brutale Unterwerfung Aquitaniens in zahlreichen Kriegszügen zwischen 760 und 768, als der aquitanische dux ermordet wird. Mit der festen Anbindung dieses ehedem westgotisch beherrschten Großraums, der zwischenzeitlich ziemlich autonom geworden war, schafft König Pippin die entscheidende territoriale Voraussetzung für die viel spätere Entwicklung eines Frankreichs, das, was sein Sohn Karl dann mit dem dreißigjährigen Unterwerfungskrieg gegen die Sachsen für ein zukünftiges Deutschland bewirkt. Mit der Süd-bzw. Ostausdehnung des Frankenreiches werden so große Territorien geschaffen, dass darauf ein mehr romanisch (wegen des galloromanischen Südens) und ein mehr germanisch (wegen des rein germanischen Sachsens) verwurzeltes großes Reich nebeneinander entstehen können. (Schieffer, S.66)

 

(Eine gute historische Karte bietet Wikipedia, wenn man bei Google "Austrasien" zum Beispiel eingibt)

 

Das neue Königtum erbt das Reich, regnum und den Königstitel, versieht ihn mit neuer Legitimation und der Macht und dem Reichtum der Familie. Geerbt wird auch die Vorstellung, dass die Macht in der Hand der königlichen Familie bleibt, also vererbt wird, und zwar an alle erbberechtigten Söhne. Das Königtum bleibt ohne Zentrum oder Hauptstadt, die königliche Familie reist quasi heimatlos von Pfalz zu Pfalz, zu großen, vielleicht ein wenig befestigten Herrensitzen, die über die jeweiligen regionalen Ländereien der Familie gebieten, und die die Familie mit allem versorgen können, auch mit einer Kapelle, in der man täglich die Messe hört und betet.

 

Das Frankenreich ist eine agrarische Welt, in der Städte, Handel und Handwerk weiter eine untergeordnete Rolle spielen. Luxusprodukte von außerhalb werden, allerdings nur wenige, von vor allem jüdischen und friesischen Fernhändlern geliefert. Die zentrale Macht des Abendlandes, das oströmische Kaiserreich, beherrscht die östlichen Handelswege unter dem Schutz ihrer Kriegsschiffe, die vor allem die Millionenstadt Konstantinopel/Byzanz versorgen. Aber aus dem Westen des Abendlandes werden sie nicht nur durch das Bündnis der Karolinger mit dem römischen Bischof abgedrängt, sondern auch durch die aufsteigenden Handelsstädte Neapel, Amalfi und Venedig. Dazu kommen zunehmende religiöse Gegensätze, deren Bedeutung heute schwer verständlich ist, die damals aber wichtig genommen wurden, und die Tatsache, dass das Lateinische im Osten zugunsten des Griechischen verschwand, während letzteres im Westen kaum noch verstanden wurde.

 

Die Franken kommen erst in Südgallien, dann immer noch an den Pyrenäen mit der in hundert Jahren mächtig gewordenen arabisch-islamischen Welt in Berührung. Unter den Umayaden in Damaskus ist das arabische Großreich bereits eine Seemacht mit einer machtvollen Mittelmeerflotte. Zur Zeit König Pippins werden sie durch einen Umsturz von der Familie der Abbassiden abgelöst, nur einer der vorherigen Kalifenfamilie schafft die Flucht nach Andalusien, wo dann das unabhängige Reich von Cordoba in el-Andalus entsteht. Für die späteren Anfänge eines Kapitalismus wird nicht zuletzt wichtig, dass die islamische Welt des 8. Jahrhunderts bereits Handelsbeziehungen nach Indien, China und Ostafrika unterhält, mittelbar sogar tief nach Schwarzafrika hinein. Mit dem Anschluss des lateinischen Abendlandes an diesen Handel mit dem 10. Jahrhundert ist also bereits eine Art Welthandel über drei Kontinente gegeben.

 

Verglichen mit den stark städtischen Zivilisationen von Byzanz und des Islam

ist das Frankenreich ein „rückständiges“ und eher schwaches Agrargebiet am Rande des „Fortschritts“.

 

 

Die angelsächsische Mission

 

Nach der römischen und der irischen Christianisierung verändert sich in dieser Zeit das Christentum der Franken erneut. Mit der irischen Mission war der fränkische Adel in das neue System der Adelsklöster, der adeligen Eigenkirchen und dann auch in eine neue Auffassung des Bischofsamtes integriert worden. Im selben Prozess verschmolz er endgültig mit dem alten gallorömischen Adel.

 

Die Bischöfe werden nun, mehr noch als zuvor, zu weltlichen Machthabern. Manche waren offenbar nicht einmal vorher ordiniert oder geweiht worden. Als aristokratische Kriegerbischöfe tragen sie bei zur zunehmenden Dezentralisierung, zum Zerfall der eh schwachen Einheit fränkischer Herrschaft.

Der Bischof von Auxerre, Savarich, ist einer der Gegner Karl Martells. In der örtlichen Bischofschronik wird von einem Zeitgenossen über ihn folgendermaßen berichtet, und zwar aus der Perspektive der Sieger:

Savarich war ... von sehr hoher Geburt. Er begann, ein wenig von den Pflichten seines Standes abzuweichen und sich mehr um weltliche Angelegenheiten zu kümmern, als es einem Bischof angemessen war, und das in einem solchen Ausmaß, dass er sich mit Waffengewalt die Gebiete von Orléans, Nevers, Tonnerre und das Avallonais aneignete ... Unter Missachtung der Würde eines Bischofs stellte er eine große Armee auf; als er aber auf Lyon marschierte, um es mit Waffengewalt zu erobern, wurde er durch einen göttlichen Blitz getroffen und starb sofort. (In: Geary, Die Merowinger, s.o., S.211)

 

Solche „geistlichen“ Magnaten waren in Zeiten der Ohnmacht der Zentralgewalt dazu übergegangen, sich zwei, drei, vier Bistümer zugleich unter den Nagel zu reißen und dazu noch die Abtswürde in einer ganzen Anzahl von Klöstern zu bekleiden. In dieser Zeit gibt es denn auch immer mehr Bischöfe, die nicht mehr Latein verstehen oder überhaupt umfassend des Lesens kundig sind. Überhaupt zieht sich jetzt die Schriftlichkeit fast ganz auf einen kleineren Teil des Klerus und die Klöster zurück.

 

Das ist die Situation, auf die die angelsächsische Mission trifft. Die angelsächsische Kirche wird dabei zum Modellfall für eine zentralisierte römische Universalkirche. Zunächst geht die Missionierung von Benediktinermönchen aus. Dabei handelt es sich um vom Papst lizensierte Missionare, die eine feste Bischofshierarchie mit Metropoliten (späteren Erzbischöfen) etablieren. Darüber hinaus steht sie unter der Kontrolle der Könige und ist zur Zusammenarbeit mit ihnen verpflichtet.

 

Als erstes gehen Wilfrid und Willibrord zu den Friesen, mit denen sie sich volkssprachlich verständigen können. Zuvor stellen sie sich unter den Schutz des mittleren Pippin und bieten ihm an, die von ihm eroberten Gebiete zu christianisieren. Willibrord fährt dann nach Rom, um sich die Genehmigung für die Mission vom Papst zu holen, eine für fränkische Geistliche unvorstellbare Aufwertung des Papsttums. Pippin schickt ihn auch deshalb nach Rom, damit der Papst ihn zum Bischof der Friesen weiht. Auf diese Weise gehen die Christianisierung und die fränkische Unterwerfung der Friesen Hand in Hand. Erfolgreich ist umgekehrt die Christianisierung auch nur dort, wo Franken militärisch die Friesen unter der Knute haben. Im Ergebnis wird so die friesische Kultur nach und nach zerstört und sie werden vorübergehend ein Stück weit „frankisiert“.

 

Nachfolger Wynfreth, später von den Päpsten Bonifatius in fast direkter Übersetzung genannt, wird bald vom Papst beauftragt, die irisch-fränkisch christianisierten Kirchen in Bayern und Alemannien unter päpstliche Kuratel zu stellen, was auch als „Mission“ bezeichnet wird. Inhaltlich formuliert Bonifatius später als sein oberstes Ziel für die Geistlichkeit die Einheit und die Unterwerfung unter die römische Kirche durch einen Gehorsamseid gegenüber dem Papst und die Durchsetzung des römischen Taufritus.. Zugleich bedeutet das auch die Unterordnung der Bischöfe unter die karolingischen Hausmeier und später dann Könige. Die Konzentration der Kirche einmal auf Rom hin und zugleich auf das Zentrum der weltlichen Schutzmacht führt zu einer inhaltlichen, auf das Papsttum orientierten Vereinheitlichung, zugleich aber auch zu einer auf die zukünftige Königsmacht hin orientierten organisatorischen Einheit.

 

Inhaltlich kommt es in kleinen Schritten zur Durchsetzung eines neuen Episkopates im gesamten fränkischen Einflussbereich: Verweltlichte Bischöfe werden durch den geistlichen Ansprüchen der Missionare genügende wenigstens zum kleinen Teil abgelöst. In diesem Prozess kann Karl Martell wohl erhebliche Teile des kirchlichen Besitzes für seine Herrschaftsausübung abzweigen.

 

Um den Reformbedarf anschaulich zu machen, redet Bonifatius von Diakonen, die seit ihrer Kindheit immer in Unzucht, immer im Ehebruch und immer in allerlei Schmutzereien gelebt haben (...) und jetzt im Diakonat vier, fünf oder mehr Beischläferinnen nachts in ihrem Bett haben", und trotzdem zur Priesterweihe gelangen (...) und endlich sogar zu Bischöfen gesalbt und als solche bezeichnet werden.  Er wendet sich gegen Bischöfe, die  zwar sagen, sie seien keine Hurer und Ehebrecher, die aber trunk- und streitsüchtig sind, eifrige Jäger, die bewaffnet im Heer kämpfen und mit eigener Hand Blut von Menschen vergossen haben, sei es nun von Heiden oder von Christen.." (Brief des Bonifatius von 742 an Papst Zacharias).

 

Nicht weniger plastisch sind die Bußbestimmungen Bedas , die er kurz zuvor in 'De remediis peccatorum' für England notiert:

Wenn aber ein Kleriker mit einem vierfüßigen Tier Unzucht betreibt, so solle er zwei Jahre büßen, ein Subdiakon drei, ein Diakon fünf, ein Priester sieben, ein Bischof zehn Jahre. Wer mit seiner Mutter Unzucht betreibt, soll fünfzehn Jahre büßen. Wer es mit der Tochter oder Schwester treibt, soll zwölf Jahre büßen. Wer mit dem eigenen Bruder sich unzüchtig in körperlicher Vereinigung vergeht, soll sich jeglichen Fleischgenusses enthalten und fünfzehn Jahre büßen. Wenn ein Kleriker zur Jagd geht, so soll er ein Jahr büßen, der Diakon zwei, der Priester drei. Wenn eine Mutter mit ihrem kleinen Söhnchen Unzuht treibt, so soll sie sich drei Jahre des Fleischgenusses enthalten und einen Tag in der Woche abends fasten. Wenn ein Priester oder ein Diakon oder ein Mönch eine Gattin nimmt, so soll er bei Mitwissen des Volkes abgesetzt werden. Wenn er aber Ehebruch mit ihr begeht und dies dem Volk bekannt wird, so soll er aus der Kirche verjagt werden und unter den Laien lebenslang büßen. Wer aber seine Gattin um einer anderen Frau willen verlässt, soll sieben Jahre büßen. (in LHL, S.194) 

 

Das Christentum ist wie Judentum und Islam eine Religion geoffenbarter Schriften. Das Durchsetzen der Schriftlichkeit beim höheren Klerus geht nun, wie schon einmal in der Antike, zusammen mit der Verehrung für Texte, der Textgläubigkeit, und da der hohe Klerus Stütze der weltlichen Herrschaft ist, wird das von ihr gefördert. Ein nächster Schritt wird dann ganz langsam die Verrechtlichung von Machtausübung werden.

 

Verboten werden den Geistlichen das Waffentragen, die Heerfahrt, weltliche Kleidung, das Zusammenwohnen mit Frauen, dazu werden sie zum Gehorsam auf den Bischof verpflichtet. Eine neue Kirche breitet sich langsam aus, auch wenn sich die Realität nicht so ganz an die Verbote hält.

 

Organisatorisch werden die in den Gehorsam gegenüber den Päpsten und Königen gestellten Bischöfe auf Konzilen auf die Interessen des zentralen fränkischen Herrschers hin ausgerichtet. Praktischerweise werden diese karolingischen Konzile auf dem Maifeld (dem ursprünglichen Märzfeld bzw. Marsfeld) zusammen mit der jährlichen „Musterung“ des Vasallenheeres abgehalten. Ihre Beschlüsse werden nicht mehr wie nach der konstantinischen Neuordnung im Namen der Bischöfe verkündet, sondern im Namen des fränkischen Herrschers. Die inhaltliche Durchsetzung dieser neuen christlichen Vorstellungen wird sich aber durch das ganze Mittelalter hindurchziehen.

 

Als Bonifatius schließlich 732 vom Papst das Pallium eines Erzbischofs erhält und nun selbst Bischöfe weihen kann, regt sich beim um seine Selbständigkeit besorgten fränkischen und dann auch bayrischen Episkopat Widerstand, dem sich Karl anschließt. Als dann Papst Gregor III. um Hilfe gegen die Langobarden bittet, verweigert er sich und konzentriert sich auf die kriegerische Konsolidierung seines Reiches. Unverdrossen operiert der Missionsbischof im päpstlichen Auftrag auch noch als kirchlicher Berater Pippins. An Freund Daniel, Bischof von Winchester, schreibt er: Ohne das Patronat des fränkischen Fürsten kann ich weder die Gläubigen regieren (...) noch die Priester beschützen (...) noch kann ich in Deutschland die Ausübung heidnischer Riten und die Götzenanbetung verbieten, ohne seine Befehle und die Furcht, die er einflößt. (in Brown2, S.308)

Ohne weltliche Gewalt keine Mission, wie dem Missionar durchaus bewusst ist, und wo diese nachlässt, werden die kleinen neuen Kirchlein von Friesen und Sachsen sofort wieder zerstört. Daneben gibt es aber offenbar Formen einer nicht von Papst und König lizensierten Christianisierung, die zunächst mehr Erfolg zu haben scheinen. 744/45 wird ein Aldebert erst von fränkischen Bischöfen und dann von Rom verurteilt, der sich aus eigenen Stücken und direkt von Gott berufen zum Bischof machte. Seine Anhänger "stellten den Kirchenbesuch ein und versammelten sich unter Kreuzen, die Aldebert auf Wiesen, an Quellen oder wo es ihm sonst beliebte, hatte aufstellen lassen. Er forderte, die Gebete nicht in Domen, die von den Bischöfen hgeweiht waren, an Gott zu richten, sondern in kleinen Kapellen, die er auf offenem Felde erbaut hatte. Ferner verwarf er die Notwendigkeit der kirchlichen Beichte, indem er erklärte, ihm wären auch so alle Verfehlungen bekannt." (Gurjewitsch in: Römer und Barbaren, S.230). Ein solches Konkurrenzunternehmen zur römischen Kirche und ohne Fixierung auf königliche Macht kanne natürlich nicht geduldet werden.

 

Schon vor den angelsächsischen Missionaren kommt es im 7. Jahrhundert zum "gallischen Klosterfrühling".. Bei Martina Hartmann ist ein Ausschnitt aus der Vita Sadalbergae zu finden, die das fromme Leben einer Adeligen der Zeit, die erst in der Nähe von Luxeuil ein Kloster für sich gründet und es dann später in die Mauern von Laon verlegt:

Zu seiner Zeit (eines Abtes von Luxeuil) begannen sich in den Provinzen Galliens die Scharen der Mönche und Schwärme heiliger Mädchen nicht nur über Äcker, Dörfer, Weiler und Burgen, sondern auch über die Weite der Einöde zu verbreiten, und zwar nach der Regel der seligen Väter Benedikt und Columban, während vor jener Zeit Klöster kaum an wenigen solchen Orten zu finden waren. (Hartmann, S.24).

 

Zugleich wird mit der Neugründung benediktinischer Klöster und ihrer Ordensregel für die schon bestehenden der Einfluss der karolingischen Herrscher auch in diesem Bereich gestärkt. Erst damit entsteht die (west)römische Form einer einheitlichen mittelalterlichen Kirche.

 

Die iroschottische Mönchsmission hatte zu den fränkischen Adelsklöstern geführt, die zu Machtzentren großer Adelsfamilien mit enormem Grundbesitz wurden. Die Gelegenheit der angelsächsischen Reform-Mission, von Hausmeiern und ihren königlichen Nachfolgern im Verein mit den Päpsten betrieben, bietet den Karolingern die Möglichkeit, konkurrierende aristokratische Machtzentren zu zerschlagen und unter die eigene Kontrolle zu bringen.

 

Hausmachtpolitik über Klöster zeigen die Anfänge des Klosters Echternach. Die wahrscheinliche Mutter der Plektrud, eine begüterte Äbtissin von Oeren bei Trier, beauftragt Willibrord mit der Gründung von Echternach auf ihrem Grundbesitz. Dieser überträgt danach alles an Pippin und Plektrud, die es ihm mit zusätzlichen Geschenken zurück übertragen, damit er es unter ihrer "Herrschaft und ihrem Schutz" leite. So zum Beispiel entstehen karolingische "Hausklöster". (Zum Bsp. in Schieffer, S.31ff) Als Anerkennung für treue Dienste darf Willibrord später Karls Sohn taufen.

 

Ostrom und Italien im 8. Jahrhundert

 

Das weitere Schicksal von Byzanz wird geprägt von Bedrohungen aus dem Norden (dem Khanat der Bulgaren) und dem Süden. Dort rennen nun arabisch-islamische Reiche gegen das oströmische an. Byzanz verliert bis um 700 im Süden und Osten seine riesigen nichtgriechischen Gebiete und den größeren Teil seiner Staatseinnahmen. Es wird zu einem fast rein griechischen Reich, in dem zudem nach und nach außerhalb von Byzanz das geschieht, was zugleich das aufsteigende Frankenreich erlebt, eine zunehmende Entstädterung und Agrarisierung. Selbst die Stadt Byzantion schrumpft, Jahrhunderte später, ähnlich wie das Rom des Westens. Es steht nun bis etwa 840 in ständiger kriegerischer Bedrohung aus Arabien, einem "Staat, der den zehnfachen Umfang des noch verbleibenden oströmischen hat, fünfzehnmal größere Einkünfte und der Heere ins Feld schicken konnte, die zahlenmäßig denen der Rumi um das Fünffache überlegen waren." (Brown2, S.273) 

 

Vor diesem Hintergrund beginnt unter Kaiser Leo III. (717-41) der sogenannte Bilderstreit. Die zunehmende Bedrohung verlangt nach himmlischer Unterstützung und er fällt die Entscheidung, dass die üblichen Bilder dafür nicht (mehr) taugten, sondern man sich auf das in der Hauptstadt aufbewahrte Heilige Kreuz (und dessen Abbilder) konzentrieren solle. Gegen Ende seiner Regierung sollen die Bischöfe andere Bildnisse in den Kirchen, die davon ablenken, zerstören. Die Konflikte zwischen Bilderverehrern (Ikonodulen) und von diesen so benannten Ikonoklasten, Bilderzerschmetterern, werden die nächsten Jahrhunderte überdauern. Unter Leos Sohn Konstantin V. (741-75) werden solche Auseinandersetzungen immer gewalttätiger. Als dann die für ihren Sohn Konstantin VI. regierende "Kaiserin" Irene wieder auf die Seite der Bilderverehrer übertritt, beginnt ein Wechsel von Herrschern, die jeweils eine der beiden Seiten vertreten. Zunächst wird auf einem Konzil in Nicäa 787 allerdings die Verehrung heiliger Bilder im Ostreich wiederhergestellt.

 

Dieser Konflikt findet in der Zeit statt, in der sich interessanterweise auch im Islam nach und nach ein Bilderverbot durchsetzt, welches dann auch weltliche Paläste einzubeziehen beginnt. Und es spielt in jene Situation hinein, in der die Langobarden das byzantinische Ravenna erobern (751) und die Stadt Rom bedrängen - und der Papst zunehmend bei den fränkischen Machthabern um Hilfe bittet. 

Unter den Menschen in der urbs Romana ist eine ganz handfeste und intensive Bilderverehrung im Gange, eines soll ohnehin ganz von einem Engel gemalt, andere wenigstens von Engeln vollendet worden sein. (Genaueres in... ). Die Päpste wenden sich also gegen den Ikonoklasmus und unter dem großen Karl werden die Franken das auch tun: Bilder werden nämlich gar nicht eigentlich verehrt, so heißt es, sondern sie helfen nur, unsichtbares Heiliges dem schlichten Gemüt nahezubringen.

 

 

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Anfang des 8. Jahrhunderts zerstört sich die "bayrische" Dynastie in Pavia selbst. Einige der folgenden Könige erreichen eine erhebliche Machtfülle, kontrollieren die südlichen Herzogtümer stärker, sind erfolgreich gegen Byzanz und wie Liutbrand im Bündnis mit Karl Martell gegen die islamische Invasion im Frankenreich. Als Byzanz als Schutzmacht ausfällt und Liutprands Truppen bedrohlich auf römisches Territorium vordringen, lehnt Karl Martell noch jede Hilfe für Papst Gregor III. ab. Aber in der Zeit des Langobardenkönigs Ratchis nähern sich Fraanken und Päpste an, was 752 zur Anerkennung der karolingischen Usurpation der fränkischen Krone führt. 

751 besetzt König Aistulf, Bruder von Ratchis, Ravenna und verlangt eine Art Oberhoheit über Rom und insbesondere sein Territorium. 1754/55 marschiert Pippin III. ein und erreicht von Aistulf die Übergabe des ganzen Exarchats Ravenna an den Papst. Der Vertrag muss ein Jahr später noch einmal erneuert werden. König Desiderius herrscht von 757 bis 774 unter der Doppelbedrohung durch Franken und Päpste, die die Einheit seines Reiches in der Mitte durch den Kirchenstaat zerschnitten haben, was er am Ende mit der Unterstützung der Ravennesen zu revidieren sucht. Nun holt Papst Hadrian I., eine mächtige Figur, Kald ("den Großen"), inzwischen Alleinherrscher, zu Hilfe. Nach langer und am Ende erfolgreicher Belagerung von Pavia und Verona übernimmt der nun die Langobardenkrone für sich.

 

 

Islam

 

Eine weitere „Völkerwanderung“ nimmt kurz darauf ihren Ausgang von Oasenstädten der arabischen Wüste. Sie ist mit der, die nach England führt, insofern verwandt, als nur ein Teil der Menschen ihre Heimat verlässt. Anders als die angelsächsische und alle anderen zuvor ist sie aber auch getrieben von der furiosen Energie religiöser Mission (im Wort dschihad enthalten), und damit auch von allen vorherigen unterschieden. Es handelt sich zunächst um Araber, die dann auch andere Völkerschaften, Jemeniten und Berber vor allem, mit sich reißen.

 

Als Sarakenoi wurden vom frühen Konstaninopel aus gesehen Nomadenstämme auf der Sinaihalbinsel bezeichnet. Seit den Kirchenvätern wurde dann die Legende verbreitet, die Hagarener“, die Nachkommen der verstoßenen Nebenfrau Abrahams, hätten sich „Sarazenen“ genannt, um vorzutäuschen, sie stammten von Sarah, der Ehefrau Abrahams ab. Sarazenen wird dann einer der gängigen Begriffe für Muslime Nordafrikas und des Vorderen Orient.

 

Es handelt sich insofern zunächst um keine eigentliche Völkerwanderung, als zunächst das Militär kommt, und dann Zivilisten nach sich zieht. Aber zusammen mit der dritten monotheistischen Religion bringen sie auch die Sprache des Koran mit. Sie bilden dabei Großreiche von der Ausdehnung des Imperium Romanum, aber nun nicht mehr im nördlichen, sondern im südlichen Mittelmeerraum zentriert. Indem sie zu Erben weströmischer und oströmischer Gebiete werden, die im Westen zum Teil auch zwischendrin unter der Herrschaft germanischer Stämmesverbände standen, saugen sie, wie später osmanisch geführte Turkvölker Innerasiens, Elemente dieser Zivilisationen auf und verwandeln sie sich ganz anders als die Germanen an, wobei dann das orientalische Moment immer wieder durchschlägt.

 

Dazu gehört der despotische Charakter von Herrschaft, unter dem kein Kapitalismus entstehen wird, da er das Eigenleben von Kapitalverwertung dort unterdrückt, wo es zum bestimmenden Faktor werden könnte. Dennoch oder vielleicht auch deswegen übernehmen die Araber und mit ihnen verbündete Völker die großen römischen Städte und bauen sie zum Teil noch aus. Zwischen Bagdad, Damaskus, Kairo, Palermo und Cordoba messen sich Städte mit denen des später von Turkvölkern besiegten byzantinischen Reiches und übertreffen an Größe, Pracht und Reichtum bei weitem alles, was die germanisch dominierten Nachfolgereiche Westroms noch vorzuweisen haben.

 

Für die Entstehung des Kapitalismus wichtig werden islamische Reiche dennoch, indem sie Beiträge von außen liefern, die aber nicht für eine eigene Entwicklung genutzt werden: Da sind einmal Handwerk und Handel, besonders eine Produktpalette für den Luxuskonsum abendländischer Großer. Und da ist zum anderen das zunächst nicht so sehr durch religiöse Skrupel vernachlässigte Bildungserbe der Antike, Frühformen der Naturwissenschaften und der Medizin sowie die Philosophie des Aristoteles und seiner Nachfolger, die sich ohnehin davon nicht trennen lässt. Manches davon gelangt erst auf diesem Umweg von der Antike ins abendländische Mittelalter.

 

Aber diesen Übernahmen aus antiken Vorstellungswelten fehlt ohne eigene Theologie sehr stark das diskursive Element, welches dem Christentum zu eigen ist. Während in den heiligen Schriften der Christenheit Interpretationsbedarf entdeckt wird, ist der Koran vom Sprachduktus her und im Inhalt nicht diskutierbar. Zudem ist der aus einem altarabischen Gott und dem jüdischen neugebildete dritte monotheistische alltagstauglich und in seinen Vorschriften noch anspruchsloser. Im Kern bedarf er keines Tempels oder Synagoge, keiner Kirche und keiner Priesterschaft: Muslim könnte man auch mit seinem Gott alleine sein, aber natürlich ist der Islam, wie das verfasste Judentum, von vorneherein im Bund mit der Macht, wozu das Christentum Jahrhunderte braucht.

 

Was der Islam (zusammen mit Byzanz) der Entstehungsgeschichte des Kapitalismus aber wegnimmt, ist ein großer Teil des (südlichen) Mittelmeerraums.

 

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Der Islam ist unter den drei aus dem Orient stammenden Schriftreligionen die wohl am extremsten synkretistische. Im Kern ist sie eine Mixtur altarabischer Vorstellungen, halbverstandener jüdischer Vorstellungen und eines fast völlig unverstandenen Christentums. Die heiligen Schriften von Juden und Christen bestehen im wesentlichen aus Geschichten, die ein in manchem eher sagenhafter Mohammed aufnimmt, verkürzt und dabei mehr oder weniger missversteht.

 

 

***Zur Entstehung des Islam***

 

Von Mohammed weiß man, historisch gesichert, kaum mehr als von Jesus, also so gut wie gar nichts, außer dass man erschließend vermuten kann, dass es Menschen dieses Namens zur entsprechenden Zeit gegeben hat.

Die frühesten christlichen Texte stammen von Paulus, der allerdings nach eigener Aussage teilweise und besonders in einem zentralen Punkt ein anderes Christentum vertreten hat als damals eine nur legendär überlieferte kleine Gemeinde in Jerusalem. Über einen Jesus erfahren wir in seinen Texten, die über eine Generation nach dem angeblichen Tod von ihm geschrieben wurden, fast gar nichts. Die teils ähnlichen, teils sehr widersprüchlichen Aussagen über die Person eines Jesus in den Evangelien beruhen auf einer vermuteten, sehr dürftigen gemeinsamen Textquelle, die nicht überliefert ist und wurden wiederum eine bis mehrere Generationen (noch) später verfasst.

 

Mit Mohammed steht es nicht besser. Der Koran ist eine um 700, also mehrere Generationen nach seinem Tod redigierte Textsammlung, von der man nicht weiß, ob die Redaktion vorher schriftliche Quellen besaß oder ganz auf mündlicher Überlieferung beruhte (was fast alle Wissenschaftler vermuten). In ihm kommt Mohammed weder namentlich noch sonstwie, was seine Person oder sein Leben betrifft, soweit vor, dass man irgendetwas wissenschaftlich gesichertes über ihn erfahren könnte. Zugleich (um 700) beginnt man aber im Auftrag eines Kalifen, der dem Islam eine bestimmte politische Wendung geben möchte, Legendäres von Geschichtenerzählern auf arabischen Marktplätzen zu sammeln, was widersprüchlich bleibt, aber dann in die Legendensammlungen der Hadith eingeht, die für einen Muslim so glaubenswert sind wie die Geschichten der Evangelien für wirkliche Christen, soweit sie sie überhaupt kennenlernen.

 

Derselbe Kalif gab um 700 wohl auch eine bzw. mehrere „Biographien“ des Mohammed in Auftrag, die auf mündlichen volkstümlichen Legenden beruhten und Sira heißen, und sich ebenfalls widersprechen.

Man weiß also so gut wie gar nichts über ihn, so wenig eben wie über Jesus, während Moses ohnehin eine Phantasiefigur ist.

 

Solche Offenbarungen, wie sie den Koran ausmachen, hatten in der Zeit, in der der Islam entstand, viele Männer in Arabien. Im Koran aber werden solche Offenbarungen an den letzten Propheten immer von dem einzigen, weil wahren Gott geleistet. Alle früheren, nichtarabischen und für den Koran anerkannten Propheten hatten ihre Offenbarungen so wie der letzte von ihnen erhalten, manchmal im Schlaf wie im Traum, manchmal in besonderen Wachzuständen. Als man bei der Niederschrift längst dem Bedürfnis nachkommt, durch mehr oder weniger märchenhafte oder besser legendäre Geschichten und Geschichtchen sich einen Propheten konkreter vorstellen zu wollen, wurde in der Hadith-Tradition auch erzählt, der Erzengel Gabriel habe Mohammed Gottes Texte eingeflüstert. In solchen Geschichten wird man stark daran erinnert, wie Gabriel Maria ihre göttliche Insemination und Jungfrauengeburt angekündigt hat, was in Arabien bei den Geschichtenerzählern bekannt war.

 

In der ganzen durch Texte bekannten damaligen Welt gab es solche Offenbarungen und auch in der römischen Antike, in der das Christentum seinen Schliff bekommt. Kaiser Konstantin hat, heißt es, im Traum Gottes Aufforderung gehört, er solle im Zeichen des Kreuzes die Schlacht gewinnen. Römische Priester und griechische Wahrsagerinnen hatten ständig Eingebungen, die alle von oben kamen. Der evangelische Jesus redete unentwegt so, als ob durch ihn sein Gott spräche. Etwas Handfestes über die Offenbarungen, die Gott einem Mohammed mitteilt, haben wir nicht. Es gibt keine zeitgenössischen Texte dazu, niemanden, der in der Zeit um 620/30 aus Mekka überliefert hätte, was da geschah, so wie niemand in der römischen Provinz Palästina zu dessen Lebzeiten etwas auch nur ansatzweise ergiebiges von einem Jesus berichtet, jedenfalls ist nichts derartiges überliefert.

 

Offenbarungen gab es also damals viele, aber was da mit einem Mohammed und wie passiert sein soll, wie sein Al-Lah sich mit ihm in Verbindung setzte, was da geschah, in welcher Form, und wie das alles bis um 700 so genau noch gewusst wurde, ist völlig unbekannt. Im Koran sagt Gott nur, dass er ganz bewusst arabisch spreche. Vielleicht stimmt an den Geschichtchen, die heute junge Leute im Islamunterricht in Deutschland lernen, irgendetwas, wäre also historisch, so oder ähnlich geschehen, aber vielleicht ist auch alles erfunden, niemand weiß es.

 

Juden und Christen haben in Arabien die Voraussetzungen für den Islam geliefert.

In der Zeit, in der sich auf der arabischen Halbinsel ein panarabisches Bewusstsein herauszubilden beginnt, nämlich vor allem im sechsten Jahrhundert, und zwar vor allem gegen Persien und das oströmische (griechische) Reich gerichtet, ist der Norden dieses Arabiens in Teilen christlich, während im heutigen Jemen ein jüdisches Reich besteht und gegenüber in Äthiopien seit dem vierten Jahrhundert ein christliches mit einer jüdischen Minderheit. Wenn man dem Koran und den Legenden sammelnden Texten aus der Zeit um 7oo glauben kann, gab es in der Gegend von Medina beispielsweise arabische Stämme, die jüdischen Glaubens waren.

Von Judentum und Christentum stark beeinflusst, bildet sich eine Art arabische Reformbewegung heraus, die Panarabismus der arabischen Halbinsel mit der Forderung nach religiösen Reformen verbindet. Manchmal ist da von Hanifa die Rede und in der Gegend des kleinen Städtchens Mekka von Hums. Dabei treten Tendenzen in Richtung auf einen Gott als Hauptgott auf, der offenbar (nicht nur) in der Mekkagegend noch drei Töchter hat, die im Koran als Begleiter des Hauptgottes gelten. Dem oder den Gründern des Islam als einer panarabischen Religion ist dann als wesentliche Steigerung der Reform daran gelegen, diese Töchter al-Lahs zu verbieten. Wahrscheinlich gelingt es ihm/ihnen zunächst, sie aus dem ummauerten heiligen Bezirk um die Kaaba zu verdrängen, und mit der kriegerischen Explosion, die dann von dort ausgeht, werden ihre Heiligtümer auch draußen vernichtet. Im Koran ist darum immer wieder von den „Begleitern“ Al-Lahs die Rede, die es zu vernichten gelte, damit er zum „unbegleiteten Gott“ wird. Dasselbe würden sie dann auch von den Christen verlangen, den Gott ohne Begleitung anderer Götter wie Jesus, der wie Mohammed nur ein Mensch und ein Prophet sei.

 

Arabien sorgt dafür, dass man über die Entstehungsgeschichte des Islam vor Ort nicht forschen kann. Islamische heilige Städte wie Mekka, Yathrib, oder Medina, was aber eigentlich auf arabisch nur Stadt heißt, und andere sind für jede wissenschaftliche Forschung und darüber hinaus für alle Nicht-Muslime verschlossen. Das bisschen, was man dennoch weiß, legt nahe, dass Mekka Anfang des 7. Jahrhunderts ziemlich klein und unbedeutend war, hingegen der Nachbar Yathrib groß und mächtig. Mekka nun hat mit seinem großen heiligen Stein immerhin die Einkünfte von Pilgern, die ihn dort verehren, und vermutlich damals etwas Edelmetall-Bergbau. Yathrib wiederum war bedeutende Handelsstadt. In der Konkurrenz beider Orte kann Mekka darauf verweisen, dass dort arabische Stämme hausen, die zum Teil jüdisch, zum Teil christlich seien, sich gegenseitig bekriegten und vielleicht auch schon mal feindselig gegenüber dem Stamm der Kureisch wären, der wie alle arabischen Stämme wiederum aus Clans bestand, von denen die Legenden behaupten, das aus einem von ihnen „Mohammed“ stamme. Mohammed ist aber womöglich gar kein Eigenname gewesen, sondern ein Ehrentitel, der so etwas wie der Erhabene bedeutete. Dann wäre er einem Religionsgründer nachträglich beigegeben worden. Man weiß aber nichts belegbares.

 

Vermutlich hatte er oder wer auch immer alles den Islam begründete, auch nur wenige Neuerungen gegenüber den bisherigen arabischen Reformbewegungen „geoffenbart“ bekommen. Diese bestanden darin, dass er Al-Lah seine Begleiterinnen nahm, allen anderen arabischen Orten ihre auf Al-Lah gerichtete Heiligtümer, und als einziges noch die Kaaba in Mekka zuließ.

 

Die Suren des Koran lassen deutlich erkennen, dass sie von verschiedenen Autoren stammen, und dass fast jede einzelne, vor allem aber die längeren, aus unterschiedlichen Texten wiederum zusammengestückelt wurden. Wenn irgendetwas an den Sira und den Hadith dran ist, dann war es zunächst Familie und Verwandtschaft dieses Mohammed, die sich seiner Lehre (den Offenbarungen Al-Lahs) anschlossen. Auf jeden Fall entsteht der Islam wohl in Mekka unter Mitgliedern eines Clans der Kureisch, von denen man ansonsten herzlich wenig weiß. Wie dieser Islam aussieht, bevor der Koran um 700 endverfasst wird, ist weitgehend unbekannt. Ähnlich stand es ja schon mit dem frühen Christentum, von dem man auch nur weiß, was sich aus den Paulusbriefen erschließen lässt, die aber fast nur den griechischen Raum (vor allem Anatolien) abdecken. Wenn es übrigens einen rigorosen monotheistischen Islam gab, dann blieben doch alle möglichen Geister (dschinns) und Dämonen bestehen, gingen auch in den Koran ein, und eine arabische Variante des christlichen Teufels gibt es denn auch.

 

 

Im Koran wird immer wieder deutlich, dass sein Autor oder seine Autoren die „biblischen“ jüdischen wie christlichen Texte nicht gelesen hatte(n). Es ist aber auch unübersehbar, dass er oder sie diese indirekt aus Erzählungen der damals üblichen und wohl oft professionellen Geschichtenerzähler kannten, allerdings eben nur ungefähr. Diese für Christen „biblischen“ Texte waren also in Arabien auch außerhalb von dessen jüdischen und christlichen Regionen weit verbreitet.

 

Und dann haben diese Autoren sie wiederum so verändert, dass sie in die neuen Vorstellungen des Islam passen. Dabei übernehmen sie das Kernthema des sogenannten Alten Testamentes: Der eine wahre Gott sucht, zum ersten Mal mit Abraham, einen Bündnispartner unter den Menschen, der dafür sorgen soll, dass sie nur an ihn glauben und nicht an die anderen Götter. Und sobald sie dann wieder von ihm abfallen, bestraft er sie. Insoweit sind Koran und antike jüdische Texte identisch. Zum letzten Mal nach Jesus hatte er nun Mohammed als letzten Versuch auserkoren, um die Menschen zu ermahnen, und sich als Volk eben nicht mehr die Juden auserwählt, sondern die Araber. Wenn sie ihm nun nicht die Treue halten würden, würde es einen Weltuntergang ohne Gläubige als Überlebende geben, also kein Paradies, keine sich selbst reparierenden himmlischen Jungfrauen und all das andere Schöne, was sich arabische Männer damals so ausdachten.

 

Die Araber hatten seit mehreren Jahrhunderten eine gemeinsame Sprache, in der sie sich verständigen konnten, und seit einigen Jahrzehnten auch eine eigene Schrift. Deswegen spricht Al-Lah nunmehr auch arabisch, wie er immer wieder im Koran betont, denn alle Araber können ihn so verstehen und die extrem wenigen, die schreiben können, alles aufschreiben. Bei allen anderen Völkern ist er schließlich bereits hoffnungslos gescheitert. Aber die Geschichte von göttlichem Angebot und anschließender Bestrafung als Vorgeschichte des Islam ist überwiegend jüdisch und nur in geringem Umfang arabisch.

 

Dem entspricht auch, dass offenbar von den Juden als einzig wahrer Gott ein sehr maskuliner übernommen wird, und viele der falschen Götter waren entsprechend bei beiden Religionen Frauen. In der viel mächtigeren Konkurrenzstadt Mekkas hieß die Göttin Al-Lat, deren Kult Al-Lah beseitigt sehen will, in Mekka werden neben ihm auch drei Töchter von ihm verehrt, die laut Koran nun nicht mehr verehrungswürdig sein dürfen.

 

Im arabischen Raum sind Stämme wie die Kureisch, denen Mohammed entstammt sein soll, auch berittene Kriegerhorden, aber daneben gibt es auch Händler und Leute, die Land bearbeiten. Mit dem einen männlichen Gott unter Ausschluss eben auch alles Weiblichen im Göttlichen wurde dies kriegerische Element gestärkt, und auch das scheint die Geschichten vom Stamm Juda zu wiederholen, die man auch in dieser Hinsicht kannte. Wie kriegerisch zudem das Christentum inzwischen ist, konnten sie an direkten Nachbarn, den Byzantinern beobachten.

 

Der Koran ist so in wesentlichen Punkten eine Übernahme altjüdischer Vorstellungen, die auf den Raum arabischer Lebensgewohnheiten übertragen werden. Mit dem neuen Testament und insbesondere mit seinem Aufruf zur Friedfertigkeit können die Autoren hingegen nichts anfangen, genauso wenig wie die Christen selbst seit spätestens dem 4. Jahrhundert. Auch deshalb wohl bleibt der letzte Prophet des einzigen wahren Gottes, der sich nun als Al-Lah ganz arabisch gibt, blass und sehr unscharf im Koran. Er hat wenig neues hinzugefügt. Aber niemand muss sich wundern, wenn Muslime Abraham heißen, arabisch Ibrahim, oder je nach Weltgegend Merjem oder Miryam oder wie auch immer in ihrer Sprache die Prophetenmutter Maria heißt.

 

 

Der Islam ist der letzte Versuch Gottes, sich ein Volk auszusuchen, welches nur an ihn glaubt. Die Grundthese, die sich aus dem Koran herausdestillieren lässt, ist, dass Al-Lah sich (unter anderem Namen) zum ersten Mal Abraham geoffenbart hatte, der somit der erste Prophet war. Danach kommt es aber wieder zu fürchterlichster Vielgötterei. Ein weiterer Prophet kommt, beseitigt sie, danach kommt sie wieder zurück. Schließlich erinnert Jesus daran, dass es nur einen Gott gebe, aber auch diese Offenbarung wird zumindest mit der Trinität bald nicht mehr befolgt.

 

Und so findet sich Gott nun und nur noch einmal bereit, an sich zu erinnern, und dafür offenbart er sich dem letzten Propheten vor dem Weltende, der in der späteren Überlieferung Mohammed heißt und der dafür besonders geeignet ist, weil er schon vorher spürte, dass das Weltenende (wie bei Jesus) ganz nah sei und man schnell zum Gott Abrahams zurückkehren müsse, der mit Al-Lah identisch ist, und wegen dem einige bereits inzwischen zum heiligen Stein in Mekka gepilgert waren. Das mit dem Weltenende taucht ganz früh im fertigen Koran auf.

Im siebten Jahrhundert war das schlagendste Argument, Juden und Christen zum Islam zu überreden, die Erklärung, nur der Islam würde dem (einen) Gott Abrahams derzeit noch die Stange halten.

 

Im Koran wird an einer ganzen Anzahl Stellen darauf verwiesen, dass der Islam eine originär arabische Religion sein soll, also die, unter der sich die „Araber“ (ver)einigen sollen. In gewissem Sinne werden sie so zum (neuen) auserwählten Volk Gottes, allerdings später grundsätzlich offen für die ganze Menschheit, was zwischen den Zeilen impliziert, dass sie dann auch irgendwie eine Art Araber werden würden, wenn sie sich zu Al-Lah als einzig wahrem Gott bekennen, etwas, was im islamischen Spanien wichtig werden wird.

 

In gewissem Sinne übernimmt der Gott, der im Koran spricht, auch die Vorstellung von einer mit Gott verbundenen heiligen Sprache, bei Juden althebräisch, bei den Arabern eine der vielen verwandten Sprache, die sich vor mehreren Jahrhunderten als gemeinsame durchzusetzen begonnen hatte und damit die Vorstellung eines gemeinsamen Arabertums beförderte. Al-Lah begründet darum immer wieder im Koran, warum er nun sehr bewusst arabisch spricht. Deswegen bemühen sich fromme Muslime in aller Welt, ihre auswendig gelernten Suren, die sie pflichtschuldigst täglich fünfmal als Gebet hersagen,  auch in koran-arabisch aufsagen zu können. Die magische Wirkung der Unterwerfungsgebärde im Gebet ist vom genauen Verständnis des Inhaltes dann letztlich so unabhängig, wie die lateinischen Teile der Messe der römisch-christlichen Kirche durch Unkenntnis des Lateinischen beim Gläubigen ebenfalls ihrer magischen Charakter nicht verloren, ja, dieser eher noch gesteigert wird.

 

Bevor der Islam sich um 700 als fixierte Religion konsolidiert, ist er bereits bis tief in das damals von zoroastrischen Persern beherrschte Mesopotamien und Syrien vorgedrungen und bis nach Nordafrika. Dies aber als vor allem auch völkisch begründeter Vorstoß, der ein arabisches Reich schafft, in dem die Araber weithin eine winzige, dünne Herrenschicht bilden und der Islam zunächst nur ihre Religion ist. Als der besagte Kalif in Damaskus merkt, das ein Reich, in dem es hauptsächlich Christen und an zweiter Stelle Juden gibt und nur verschwindend wenige Muslime, beginnt man, auch die Untertanen zu arabisieren und zu islamisieren. Der Druck von oben nach unten nimmt zu. Islam wird zur Weltreligion, und da seine Inhalte stark arabisch geprägt sind, beginnt eben mit der Islamisierung auch Arabisierung, zum Beispiel auch in Spanien, als es ab 711 von Arabern und ihren Hilfstruppen aus schon eroberten Gebieten erobert wird.

 

 

Wie schon angedeutet, hat der Islam von Anfang an eine „politische“ oder besser gesagt sehr weltliche Seite. Die arabische Halbinsel ist zunächst in jüdische und christliche Stämme sowie besonders im Wüsten-Inneren solche mit Vielgötterei und Dämonenglauben geteilt, in sich sehr uneinig und sich dem Untergang, also der Unterwerfung zunächst durch Byzanz und dann durch Persien nahe fühlend. Arabische Stämme verhökern ihre Kriegerscharen mal als Söldner an Ostrom, mal an Persien. Der jüdische Jemen ist im 6. Jahrhundert persisch geworden und wird „entjudaisiert“. Christliche Araberstämme im Norden, die mit Ostrom verbündet sind, werden ebenfalls von Persien erobert und „entchristianisiert“. Arabische Christen übrigens nannten ihren Gott oft auch Al-Lah, was zeigt, dass er nicht nur einer der Götter Mekkas war, und sie scheinen dessen Heiligtümer in Arabien deshalb in Ehren gehalten zu haben, indem sie ihn mit dem Christen-Gott identifizierten.

 

Im Koran ist von zwei Arten von Weltuntergang die Rede (also vor allem Untergang eines eigenständigen Arabiens), die wohl beide damit zu tun hatten, dass man befürchtet, Persien würde die ganze Halbinsel unter seine Kontrolle bringen. Da Al-Lah allmächtig ist, droht er im Koran, die Araber untergehen zu lassen, wenn sie sich nicht zu ihm bekehren und bekennen. Und es ist dann laut legendärer Tradition im Islam das Verdienst des letzten aller Propheten, dass sie dabei seien, sich ganz im Gegenteil zur Weltherrschaft aufzumachen.

Aspekte eines solchen Gedankens konnten direkt von den Juden und Christen übernommen worden sein, die beide eine Erlösung als Endsieg des wahren Gottes in Form eines allgemeinen Weltuntergangs predigten, nachdem einerseits die Juden dann als einzige Überlebende paradiesische irdische Zustände bekämen, die die Christen andererseits als „Himmelreich“ irgendwo anders bezeichneten, in die hinein wiederum nur sie wiedergeboren würden.

 

 

Der Islam des Koran und der Krieg gehören zusammen wie bei Juden und bald auch Christen. Es gibt keinen soliden Hinweis darauf, dass die frühen Muslime zehn Jahren nach der ersten Offenbarung Al-Lahs für Mohammed aus Mekka vertrieben worden wären, wie spätere Legenden behaupten. Möglich scheint auch, dass der Prophet in Medina einen Stützpunkt für die Entfesselung eines Krieges gegen Mekka brauchte, der im Falle eines Sieges zur Ausrottung aller Ungläubigen führen sollte. Medina bietet sich einmal wegen der Nähe an, zum anderen wegen der Anwesenheit vieler arabischer Juden, mit denen Mohammed zunächst sich verbündet.

 

Die ersten Lebensgeschichten (Sira) Mohammeds von etwa 700 (vor allem die Ibn Ishaqs) beschreiben sieben Versuche, die Kureisch von Mekka in Kämpfe zu verwickeln und schließlich den Überfall auf eine Karawane von ihnen, die durch mekkanische Krieger verstärkt war. Mohammeds Leute siegen und töten, wie es ihnen ihr Gott befohlen hatte. In der Sure 9 sagt Al-Lah zu Mohammed: Doch die glaubten, auswanderten und auf dem Wege Gottes kämpften, mit ihrem Gut und ihrem Leben, die haben den höchsten Rang bei Gott. Das sind die Gewinner.

 

In der zu Recht berüchtigten Sure 49 wird das ergänzt: Wenn ihr jedoch die trefft, die ungläubig sind, dann schlagt sie auf den Nacken, bis ihr sie ganz besiegt habt. Dann schnürt die Fesseln fest! Dann entweder Gnade oder Lösegeld – solange bis der Krieg ein Ende nimmt. So soll es sein. Wenn Gott wollte, könnte er sich ihrer selbst erwehren. Doch will er euch auf die Probe stellen. Und die auf dem Wege Gottes getötet wurden, deren Werke lässt er nicht verloren gehen. Recht leiten wird er sie und ihnen Wohlergehen schenken und sie in den Paradiesgarten führen, den er für sie ausersehen hat.

 

Als die jüdisch-arabischen Stämme in der Gegend von Medina sich weigern, zum Glauben Mohammeds überzutreten, gelingt es Mohammed mit seinen durch den Sieg gestärkten Kriegern, mehrere von ihnen mit kriegerischer Gewalt zu vertreiben (Sure 59), und laut der islamisch-arabischen Tradition um 700 einen komplett abzuschlachten. In der Sure 33 heißt es dazu: Er (Al-Lah) gab euch ihr Land zum Erbe, ihre Häuser und ihr Gut, Land, das ihr noch nicht betreten hattet. Gott ist allmächtig.

 

Inzwischen unternehmen die Kureisch von Mekka, reichlich provoziert, einen halbwegs erfolgreichen Kriegszug gegen Mohammeds Leute. Aber am Ende können sie besiegt werden, wie Al-Lah es will.

 

 

Viel vom Koran und den parallel dazu entwickelten Geschichten handelt von Krieg und Gewalt, Überfällen auf Stämme, Krieg gegen die Juden und gegen Mekka. Es geht gegen" ungläubige" Araber und überhaupt dann gegen alle, die sich dem einzigen wahren Gott nicht unterwerfen, - und Mohammed, seinem Propheten.

Es ist schwer, Historisches darin zu fixieren, immerhin siegen am Ende die Muslime unter Mohammed und Al Bakr, nehmen Mekka ein und etablieren es als (lukrativen) Wallfahrtsort.

Bekannter ist, was dann passiert. Kalif Al Bakr unterwirft handstreichartig nach Mohammeds Tod diejenigen, die meinten, nur dem Propheten selbst Loyalität schuldig zu sein. Ali von der Familie Mohammeds wird übergangen, was nach und nach zur Schia Ali, also der Partei Alis führen wird.

 

Direkt nach dem zweiten Krieg zwischen Ostrom und Persien, als beide Parteien massiv geschwächt sind,  platzt um 630 islamisch-arabischer Expansionsdrang gegen sie herein. Der Kalif und seine Gefolgschaft brauchen Feinde und militärische Erfolge. 634 übernimmt Kalif Omar/Oman. Mit Anfängen der Kodifizierung der mündlichen Tradition der Suren des Koran wohl unter ihm, der dessen Ergebnis auch gegen die schiitischen Feinde durchsetzen kann, erschüttern seitdem drei "ewige" Offenbarungen und Wahrheiten enthaltende und miteinander konkurrierende heilige Bücher die Welt.

 

 

Die Oströmer verlieren zwischen 636 und 640 Palästina und Syrien. Im Krieg brutal, erweisen sich die Araber zunächst duldsam gegenüber den christlichen und jüdischen Untertanen, die nicht die "islamische", sondern eine eigene Sondersteuer zu zahlen habe, aber nie rechtlich gleichgestellt sind.Sie dürfen auch keine neuen Kirchen bzw. Synagogen mehr bauen.

 

In den folgenden Jahren 640-42 wird Schritt für Schritt Ägypten erobert, wo vor allem die hellenisierte Oberschicht Widerstand leistet. Kleinasien wird immer wieder einmal angegriffen, aber dann rettet Ostrom ein innerarabischer Bürgerkrieg. Aber die städtische Zivilisation in Kleinasien verfällt. 651 verschwindet das persische Sassanidenreich, aber erst um 900 wird die Mehrheit der Bevölkerung dort islamisiert sein.

 

643 fällt Tripolis. Der Vormarsch in Nordafrika wird dann etwas durch Gegenwehr der Berber abgeschwächt. 656 wird Ali zum vierten Kalifen gewählt, dann aber ermordet. 680 wird Nachfolger Husain in Kerbela ermordet. Der Islam ist gespalten in viele Parteien.

 

Bis 698 ganz Nordafrika an die Araber. Anfang des 8. Jahrhundert befinden sich muslimische Truppen in Zentralasien (Samarkand) und an den Grenzen Indiens und Chinas.

 

Verwaltet werden die Regionen von Städten aus, wobei byzantinische Muster übernommen werden so wie das Münzwesen. Gegen Ende des 7. Jahrhunderts nimmt der arabische Druck auf die nicht muslimischen Untertanen zu.

 

 

Das islamische Hispanien und die christlichen Reiche

 

Der arabische Koran trifft bald auf den Arabern völlig fremde Zivilisationen. Im Zusammentreffen mit Persien kommt es zum ersten großen Schisma, auf dem Weg nach Spanien bewegt er die Berber zu erheblichem Expansionsdrang, der sie an der Eroberung des Westgotenreiches auf der iberischen Halbinsel teilhaben lässt.

 

Als Sarakenoi wurden vom frühen Konstantinopel aus gesehen Nomadenstämme auf der Sinaihalbinsel bezeichnet. Seit den Kirchenvätern wurde dann die Legende verbreitet, die "Hagarener“, die Nachkommen der verstoßenen Nebenfrau Abrahams, hätten sich „Sarazenen“ genannt, um vorzutäuschen, sie stammten von Sarah, der Ehefrau Abrahams ab.

Die Franken können halbwegs zwischen den arabischen Herrschern in Bagdad und der auch von Berbern geprägten Zivilisation von Cordoba unterscheiden. Sie nennen sie manchmal im Sinne des Alten Testamentes Ismaeliten, in der Regel bald aber Sarazenen, wodurch sie von den östlichen Arabern, wenn auch etwas verschwommen, abgetrennt sind.

 

 

Das Kalifat in Damaskus kann die multiethnischen und multireligiösen Gebiete nicht lange gut kontrollieren. An vielen Stellen bilden sich militärisch begründete, nach mehr Selbständigkeit strebende islamische Regionen heraus. Der Einfall in Spanien beispielsweise geschieht recht unabhängig von der Zentrale des Kalifates.

Um 698 marschiert der vom Kalifen bestimmte Gouverneur Musa ibn Nusayr in Kairouan (Qayrawán) ein. Einer seiner Offiziere, Tarik ibn Ziyád, wie andere für den Chef mit der Eroberung des heutigen Marokkos beschäftigt, nimmt Tanger und Ceuta ein. 711 setzt er mit von einigen geschätzten 18 000 Soldaten, überwiegend wohl Berbern ("Mauren"), nach Spania über.

 

Nachdem Roderich 711 in der entscheidenden Schlacht getötet wird, sind die Goten ohne Führer. Musa ibn Nusayr kommt nach und bemächtigt sich gleich Sevillas. Teile der gotischen Großen laufen zu den Invasoren über. Laut arabischen Chroniken heiratet der Sohn des Eroberers Músa ibn Nusayr nicht nur Egilona, die Witwe von König Rodrigo, sondern setzt sich auch eine Krone auf, was Glaubensgenossen dazu bringt, ihn zu töten, - er könnte eine unislamische Monarchie einführen wollen.

Die Söhne Witizas arbeiten sofort mit den Neuankömmlingen zusammen. Der visigotische Große Teodomir unterwirft sich, um gegen einen Tribut eine Art Herrschaft um Orihuela und Lorca zu erwerben, und wird zum arabischen Tudmír. Er gibt eine Tochter einem Offizier des muslimischen Heeres zur Ehe und diese begründen um Orihuela und Elche die "arabische" Familie der Banú Jattáb, die bis zur Reconquista in der Gegend von Murcia einflussreich bleiben. Ein weiteres von vielen Beispielen bietet Casius, ein hoher visigotischer Offizier, der im Nordosten mit der Grenzsicherung betraut war, zu den Eroberern und zum Islam übertritt, und seinen Befehlsraum im oberen Ebrotal behalten kann. Seine Familie wird für Jahrhunderte als Banú Qasí die Gegend dort kontrollieren. Dabei operiert sie mit wechselnden Bündnissen, auch zu den Pamplona kontrollierenden christlichen Inigos.

 

Päpste und Bischöfe werden in den nächsten zwei Jahrhunderten solche Mischehen mit ihren Konsequenzen der Arabisierung und Islamisierung beklagen. Andere Leute leisten wie in Huesca sieben Jahre Widerstand und um 720 schafft es ein Pelayo mit einer eher kleinen Truppe, in Cova Dominica (Covadonga später) um 720 auch eine Schlacht gegen die Invasoren zu gewinnen. Auf ihn als Stammvater wird sich dann später das asturische Königshaus berufen.

 

Musa ibn Nusayr schafft es bis Zaragoza, dann wird er vom Kalifen in Damaskus zurückberufen, da er zu eigenmächtig handelt. Vorher hatte er eine neue Goldwährung als Solidi eingeführt, die dann bald in Dinare umbenannt wird, um dann Mitte des 8. Jahrhunderts durch silberne Dirhems ersetzt werden.

Machtzentrale wird Cordoba, und von dort wird sehr schnell das ganze eroberte Gebiet fiskalisch erfasst, um eine Kopfsteuer und eine Steuer je nach Landbesitz eintreiben zu können. Das Heer muss bezahlt werden.

 

Der Islam ist eine Religionsgemeinschaft, umma, und zunächst zugleich ein ethnisches und militärisches Gebilde, nämlich arabisch und auf Eroberung aus. Eine Besonderheit im Vergleich mit der christlichen Welt ist, dass die Herrscher, Kalifen, in der arabischen Richtung der sunna als Nachkommen Mohammeds gelten: Religion und weltliche Macht sind in einer Hand. Damit die Macht "arabisch" bleibt, wird zur Zeit der Eroberung Hispaniens, der Spania, bereits bewusste Arabisierung betrieben, d.h. die vorherrschende Sprache wird das Arabische, welches die anderen Sprachen, zum Beispiel die der Berber, verdrängt. Da Araber sein und Muslim sein vorläufig außerhalb Persiens

identisch wird, wird zugleich Islamisierung betrieben, allerdings eher mit Druck als offener Gewalt.

 

 

Das Regiment der Araber und Berber/Mauren auf der iberischen Halbinsel ist das einer kleinen alt/neuen Herrenschicht samt seinem Militär; es sind am Ende vielleicht 100 000 Menschen, und die Unterwerfung der Visigoten gelingt auch nicht bis in den äußersten Norden, wo sich schnell ein Königreich Asturien bildet, und auch nicht in Kantabrien und in den nordwestlichen Pyrenäen. Neben den Herren gibt es das Militär, welches aus Arabern, vor allem auch Berbern und vielen anderen Völkerschaften besteht, die nach und nach arabisiert werden.

 

Die Expansion des damaszenischen Kalifats bedeutet religiöse, aber vor allem auch ethnische Unterdrückung durch Arabisierung über die Sprache hinaus. Deshalb kommt es um 740 zwar nicht zu einem hispanischen Aufstand, aber zu einem nordafrikanischer Berber. Dieser wird vor allem durch schnell herangeführte syrische Truppen brutal niedergeworfen. Diese wollen dann aber nicht mehr zurück und setzen durch, nach Al-Andalus verschoben zu werden, wo jedem ihrer Truppenteile dann Gebieten zugeordnet werden. Nun sind es bereits überwiegend islamisierte Truppen von Arabern, Berbern und Syrern vor allem, die die Besatzungsarmee stellen und sich die Einziehung der Abgaben aneignen, die dann mehr oder weniger nach Cordoba fließen. In den nächsten Generationen werden sie auch sprachlich angeglichen an die Machthaber und verlieren Trachten und Stammesstrukturen, eine Entwicklung, die im 9. Jahrhundert vermutlich abgeschlossen wird.

 

Teile der christlichen Bevölkerung Spaniens werden zwar in diesem Sinne auch "arabisiert" und zu sogenannten Mozárabes, aber nur langsam und zum Teil islamisiert. Christen und Juden werden zwar mit heftigen Abgaben belastet, aber Kirchen und Synagogen überleben zum Teil, wenn auch immer eingeschränkter und drangsalierter.

 

Die tradierte westgotische Kirchenverfassung und Organisation überdauert die ersten Jahrhunderte, in denen die Christen sich auch nicht unter die Oberhoheit eines Papstes stellen und damit in Konflikt mit fränkischen römisch-katholischen Vorstellungen geraten.

 

Der Berberaufstand gibt in den christlich gebliebenen Gebieten Zeit zum Atemholen und zum Strukturieren von Herrschaftsgebieten wie dem des asturischen Alfonso I (739-57). Solche Gebiete werden auch noch etwas von Flüchtlingen aufgefüllt, wie es in der im 11. Jahrhundert verfassten Chronik von Alfonso III heißt. Ebenfalls rückblickend wird darin auch die Legitimität des Herrscherhauses fetsgestellt: Nach dem Tod von Favela folgte ihm Alfonso auf den Thron, Mann von großer Tapferkeit, Sohn des Herzogs Pedro, Abkömmling der Linie der Könige Leovigod und Rekkared; in der Zeit von Egica und Witiza war er der Führer des Heeres. (in: Manzano, S.803)

 

Die genetische Überfremdung in den islamischen Gebieten nimmt von Süden nach Norden ab, wie man noch heute tendenziell sehen kann, und ist auch nach einer gewissen Vermischung der einheimischen und einmarschierten Bevölkerungen nicht allzu groß. Sie wird dann im Zuge der Reconquista noch ergänzt werden durch die Einwanderung von "Franken" aus dem Osten und Norden, die allerdings weniger auffällig bleibt.

 

Al-Andalus ist zunächst eine von Cordoba dirigierte Militärdiktatur mit vielen kleinen regionalen Warlords in größeren Städten. Im fernen Damaskus hingegen herrscht die Familie der Omayaden, die ihr Kalifat auf ihre Abstammung von Mohammed begründet und faktisch auf ihr Militär. Nach dem Berberaufstand ist dies Kalifat geschwächt und besonders fromme Prediger beginnen, der Familie unsittlichen Lebenswandler (Tänzerinnen, Wein etc.) vorzuwerfen. Agitatoren mit schwarzen Fahnen eines radikaleren Islams fordern einen Umschwung und als der Kalif Marwan II stirbt, gelingt es einem Al-Abbás aus einer anderen Familie, die behauptet, von einem Onkel Mohammeds abzustammen und ebenfalls kernarabische Kureischi zu sein, die Macht zu ergreifen. Demonstrativ gründen sie mit Bagdad eine neue Hauptstadt und töten jeden aus der Omeya-Familie, dessen sie habhaft werden. Einem Enkel des vorletzten Omayadenkalifen, Abd al-Rahmán ibn Mu'awiya, gelingt es, ins Maghreb in Berbergebiet der Familie seiner Mutter zu entkommen. Von dort gelangt er mit militärischem Anhang bis an die Meerenge gegenüber Gibraltar und beschließt,

nach Almunecar überzusetzen. Von dort gelingt es ihm, Cordoba einzunehmen und sich zum Emir von Al-Andalus ausrufen zu lassen.

 

Das Omayadenreich ist eine religiös begründete Despotie mit Zügen einer Militärdiktatur, die sich von den entsprechenden germanisch dominierten Reichen in einigen wesentlichen Punkten unterscheidet. Sie basiert auf einem stehenden Heer bezahlter und über das ganze Land verteilter Soldaten, deren Chefs vor Ort jeweils auch Verwaltungschefs sind. Zum zweiten finanziert sie sich über die Besteuerung aller außer wenigen privilegierten Kreisen. Zum dritten kooperiert sie mit keiner Kirche, sondern einer lokalen Geistlichkeit, die vorläufig keinen mit der lateinischen Kirche vergleichbaren, immer riesiger werdenden Großgrundbesitz hat und auch kein dem benediktinischen vergleichbares Klosterwesen mit seinen zum Teil ebenfalls großen Besitzungen. Als Besonderheit wäre noch hervorzuheben, dass diese relativ despotische Zivilisation wie im Orient und in Nordafrika viel stärker auf städtischen Zentren beruht als die Reiche der Franken und Angelsachsen zum Beispiel, bei denen Städte bis mindestens ins 9. Jahrhundert teilweise weiter verfallen.

 

"Die arabische Welt war eine städtische Welt" (Ennen, S.75), viel mehr als das mittelalterliche christliche Abendland. In ihren viel größeren Städten (Cordoba soll um das Jahr 1000 zwischen einer halben und einer Million Einwohner gehabt haben) gedeihen Gewerbe und Handel mehr als in den spätantik-frühmittelalterlichen Städten, aber es entsteht nicht das Bürgertum des abendländischen Mittelalters mit seinem Selbstbewusstsein. Die orientalischen Despoten fördern zwar Handel und Gewerbe, unterbinden aber jede Selbstorganisation der Städte. Es fehlen zudem die - wenn auch in engen Grenzen -  befreienden Aspekte des intellektuellen Disputes, die die Widersprüchlichkeit christlicher Gesellschaften samt ihrem gedanklichen Überbau auslöst.

 

Der Reichtum der Emire und später der Kalifen von Cordoba wie einzelner Lokal-Potentaten beruht auf immer brachialer eingetriebenen Abgaben und der Beute aus Raubzügen gegen die zunächst kleinen christlichen Herrschaften von Asturien über Navarra und der Grafschaft Barcelona. Mit diesem Geld finanzieren sich die Herrscher opulente Höfe, große Sakralbauten wie die Mesquita von Cordoba oder Luxusbauten wie den großen Palast bei Cordoba und eine alles kontrollierende Burgenlandschaft.

 

Viele dieser Herrscher sind sehr weltlichen Genüssen nicht nur mit ihrem teils großen Harem zugetan, sondern auch mit Tänzerinnen, Musikanten und nicht gegenständlichem (dekorativen) Kunsthandwerk, mit erlesenem Essen und viel Wein, mag das auch nicht alles im Sinne des Propheten sein. Dazu kommt eine erzählende und Verse schmiedende Poesie, die zunehmend orientalische Formen von Sinnenlust preist.

 

Die massive Despotie mit ihrer Steuerbelastung führt zu gelegentlichen Aufständen in Stadtteilen und Städten, von denen der in einer Vorstadt (arrabal) von Cordoba 818 von besonders vielen Autoren erzählt wird. Dabei ist nach Niederschlagung von der völligen Zerstörung des Stadtteils die Rede, der Flucht der Einwohner (auch in das immer wieder rebellische Toledo) und der Kreuzigung von 300 Rebellen (Quellen in Manzano, S.804ff).

Daneben kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen regionalen Machthabern und ihrerseits auch mit ihrer Zentrale in Cordoba.

 

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Karl Martell schützt 732 mit Tours die fränkischen, für die Herrschaft mit symbolischer Bedeutung versehenen Zentral-Reliquien des heiligen Martin vor der Inbesitznahme durch Berberfürsten, stellt die Kontrolle Chlodwigs über Aquitanien wieder her und sieht sich dann in der Provence (Arles, Avignon und dann Narbonne) burgundisch-maurischen Bündnissen gegenüber, die er aber besiegen kann. Für den kriegerischen fränkischen Gefolgschaftsführer gibt es vermutlich aber keine über seine unmittelbaren Machtinteressen hinausgehenden Visionen, wie sie erst viel später aufkommen.

 

Nachdem Karl Martell 732 den muslimischen Vormarsch ins Zentrum Europas gebremst hat, gelingt es dem fränkischen König Pippin, Septimanien einzunehmen und damit die islamische Herrschaft östlich der Pyrenäen ganz zu beenden. Den Leuten dort muss er aber ihr altes visigotisches Recht zugestehen. Karl d.Gr. scheitert dann mit seinem Feldzug über die Pyrenäen nach Zaragoza, dessen muslimischer Herrscher ihn zwar zur Hilfe gerufen hatte, aber der dann nicht durchsetzen kann, dass er in die Stadt gelassen wird. Dafür  verbündet sich nun bald die einst christlich-visigotische Familie der Banu Quasi (des Casius) im oberen Ebrogebiet mit den Franken.

 

Erfolgreicher sind Franken dann 785 bei der Einnahme von Gerona im später so genannten Katalonien, wo die Einwohner sie herbeigerufen hatten, wie auch die von Urgell und Cerdanya am Pyrenäenrand. Um 800 kann ein fränkisches Heer Barcelona einnehmen und einem Grafen Bera unterstellen, der fränkische und visigotische Vorfahren hat. Damit entsteht die spanische Mark des fränkischen Reiches, die ihre erste große Krise durchlebt, als sich Graf Bera auf Bündnisse mit muselmanischen Nachbarn einlässt, darauf abgesetzt wird und nach Aachen in die Verbannung gerät. Seine Nachfolger werden dann zunächst alles Franken sein.

Die Integration ins fränkische Reich bedeutet auch die in die römische Kirche mit ihren Vorstellungen, ihren Riten und ihrer Liturgie und dem Erzbistum Narbonne als Oberaufsicht. Zudem entstehen hier früher als anderswo an Westfranzien orientierte klösterliche Gemeinschaften. Sie bedeutet zudem erst Integration in die Grafschaftsverfassung und dann auch in die fränkischen Frühformen von Lehnsrecht und Vasallität. Früher als in den anderen christlichen Regionen Spaniens beginnt hier auch ein Städtewesen und die Integration in den Handel über die Mittelmeerhäfen.