ANH. 6 ARABER, ISLAM UND HISPANIEN (in Arbeit)

 

 

1. Die Entstehung des Islam (ff)

2. Der Islam und die christlichen Reiche in Hispanien nach der Conquista

3. Spanien in den Kernzeiten der Reconquista (11-12.Jh.)

4. Das Ende der großen Reconquista und der Aufstieg der spanischen Königreiche (13.Jh.)

5. Spanisches Spätmittelalter

6. Der Weg in die Neuzeit

 

Der Islam ist unter den drei aus dem Orient stammenden Schriftreligionen die wohl am extremsten synkretistische. Im Kern ist sie eine Mixtur altarabischer Vorstellungen, halbverstandener jüdischer Vorstellungen und eines fast völlig unverstandenen Christentums. Die heiligen Schriften von Juden und Christen bestehen im wesentlichen aus Geschichten, die ein in manchem eher sagenhafter Mohammed aufnimmt, verkürzt und dabei mehr oder weniger missversteht.

 

Die islamische Welt wird aufgrund ihrer Strukturen keinen Kapitalismus hervorbringen, aber aufgrund ihrer Städte-Zentriertheit und der  enormen Reichtümer, die ihre Herrenschicht ansammelt und der Bedeutung ihres Handels wird sie äußerer Teil jener Rahmenbedingungen, aus denen in Gegenden Europas Kapitalismus entsteht.

 

 

1. Zur Entstehung des Islam

 

Von Mohammed weiß man, historisch gesichert, kaum mehr als von Jesus, also so gut wie gar nichts, außer dass man erschließend vermuten kann, dass es Menschen diesen Namens zur entsprechenden Zeit gegeben hat.

Die frühesten christlichen Texte stammen von Paulus, der allerdings nach eigener Aussage teilweise und besonders in einem zentralen Punkt ein anderes Christentum vertreten hat als damals eine nur legendär überlieferte kleine Gemeinde in Jerusalem. Über einen Jesus erfahren wir in seinen Texten, die über eine Generation nach dem angeblichen Tod von ihm geschrieben wurden, fast gar nichts. Die teils ähnlichen, teils sehr widersprüchlichen Aussagen über die Person eines Jesus in den Evangelien beruhen auf einer vermuteten, sehr dürftigen gemeinsamen Textquelle, die nicht überliefert ist und wurden wiederum eine bis mehrere Generationen (noch) später verfasst.

 

Mit Mohammed steht es nicht besser. Der Koran ist eine um 700, also mehrere Generationen nach seinem Tod redigierte Textsammlung, von der man nicht weiß, ob die Redaktion vorher schriftliche Quellen besaß oder ganz auf mündlicher Überlieferung beruhte (was fast alle Wissenschaftler vermuten). In ihm kommt Mohammed weder namentlich noch sonstwie, was seine Person oder sein Leben betrifft, soweit vor, dass man irgendetwas wissenschaftlich gesichertes über ihn erfahren könnte. Zugleich (um 700) begann man aber im Auftrag eines Kalifen, der dem Islam eine bestimmte politische Wendung geben wollte, Legendäres von Geschichtenerzählern auf arabischen Marktplätzen zu sammeln, was widersprüchlich bleibt, aber dann in die Legendensammlungen der Hadith eingeht, die für einen Muslim so glaubenswert sind wie die Geschichten der Evangelien für wirkliche Christen, die heute als christliche Fundamentalisten bezeichnet werden.

 

Derselbe Kalif gab um 700 wohl auch eine bzw. mehrere „Biographien“ des Mohammed in Auftrag, die auf mündlichen volkstümlichen Legenden beruhten und Sira heißen, und sich ebenfalls widersprechen.

Man weiß also so gut wie gar nichts über ihn, und kaum mehr, als man zum Beispiel im Nibelungenlied über Kriemhild als gesicherte Tatsachen wissen kann.

 

Solche Offenbarungen, wie sie den Koran ausmachen, hatten in der Zeit, in der der Islam entstand, viele Männer in Arabien. Im Koran aber werden solche Offenbarungen an den letzten Propheten immer von dem einzigen, weil wahren Gott geleistet. Alle früheren, nichtarabischen und für den Koran anerkannten Propheten hatten ihre Offenbarungen so wie der letzte von ihnen erhalten, manchmal im Schlaf wie im Traum, manchmal in besonderen Wachzuständen. Als man bei der Niederschrift längst dem Bedürfnis nachgekommen waren, durch mehr oder weniger märchenhafte oder besser legendäre Geschichten und Geschichtchen sich einen Propheten konkreter vorstellen zu wollen, wurde in der Hadith-Tradition auch erzählt, der Erzengel Gabriel habe Mohammed Gottes Texte eingeflüstert. In solchen Geschichten wird man stark daran erinnert, wie Gabriel Maria ihre göttliche Insemination und Jungfrauengeburt angekündigt hat, was in Arabien bei den Geschichtenerzählern bekannt war.

 

In der ganzen durch Texte bekannten damaligen Welt gab es solche Offenbarungen und auch in der römischen Antike, in der das Christentum seinen Schliff bekommt. Kaiser Konstantin hat, heißt es, im Traum Gottes Aufforderung gehört, er solle im Zeichen des Kreuzes die Schlacht gewinnen. Römische Priester und griechische Wahrsagerinnen hatten ständig Eingebungen, die alle von oben kamen. Der evangelische Jesus redete unentwegt so, als ob durch ihn sein Gott spräche. Etwas Handfestes über die Offenbarungen, die Gott einem Mohammed mitteilte, haben wir nicht. Es gibt keine zeitgenössischen Texte dazu, niemanden, der in der Zeit um 620/30 aus Mekka überliefert hätte, was da geschah, so wie niemand in der römischen Provinz Palästina zu dessen Lebzeiten etwas auch nur ansatzweise ergiebiges von einem Jesus berichtet, jedenfalls ist nichts derartiges überliefert.

 

Offenbarungen gab es damals viele, aber was da mit einem Mohammed und wie passiert sein soll, wie sein Al-Lah sich mit ihm in Verbindung setzte, was da geschah, in welcher Form, und wie das alles bis um 700 so genau noch gewusst wurde, ist völlig unbekannt. Im Koran sagt Gott nur, dass er ganz bewusst arabisch spreche. Vielleicht stimmt an den Geschichtchen, die heute junge Leute im Islamunterricht in Deutschland lernen, irgendetwas, wäre also historisch, so oder ähnlich geschehen, aber vielleicht ist alles erfunden, niemand weiß es.

 

Juden und Christen haben in Arabien die Voraussetzungen für den Islam geliefert.

In der Zeit, in der sich auf der arabischen Halbinsel ein panarabisches Bewusstsein herauszubilden beginnt, nämlich vor allem im sechsten Jahrhundert, und zwar vor allem gegen Persien und das oströmische (griechische) Reich gerichtet, ist der Norden dieses Arabiens in Teilen christlich, während im heutigen Jemen ein jüdisches Reich besteht und gegenüber in Äthiopien seit dem vierten Jahrhundert ein christliches mit einer jüdischen Minderheit. Wenn man dem Koran und den Legenden sammelnden Texten aus der Zeit um 7oo glauben kann, gab es in der Gegend von Medina beispielsweise arabische Stämme, die jüdischen Glaubens waren. Von Judentum und Christentum stark beeinflusst, bildet sich eine Art arabische Reformbewegung heraus, die Panarabismus (auf der arabischen Halbinsel, wo es sie gab) mit der Forderung nach religiösen Reformen verbindet. Manchmal ist da von Hanifa, die Rede und in der Gegend des kleinen Städtchens Mekka von Hums. Dabei treten Tendenzen in Richtung auf einen Gott als Hauptgott auf, der offenbar (nicht nur) in der Mekkagegend noch drei Töchter hat, die im Koran als Begleiter des Hauptgottes gelten. Dem oder den Gründern des Islam als einer panarabischen Religion ist dann als wesentliche Steigerung der Reform daran gelegen, diese Töchter al-Lahs zu verbieten. Wahrscheinlich gelingt es ihm/ihnen zunächst, sie aus dem ummauerten heiligen Bezirk um die Kaaba zu verdrängen, und mit der kriegerischen Explosion, die dann von dort ausgeht, werden ihre Heiligtümer auch draußen vernichtet. Im Koran ist darum immer wieder von den „Begleitern“ Al-Lahs die Rede, die es zu vernichten gelte, damit er zum „unbegleiteten Gott“ wird. Dasselbe würden sie dann auch von den Christen verlangen, den Gott ohne Begleitung anderer Götter wie Jesus, der wie Mohammed nur ein Mensch und ein Prophet war.

 

Arabien sorgt dafür, dass man über die Entstehungsgeschichte des Islam vor Ort nicht forschen darf. Islamische heilige Städte wie Mekka, Yathrib, oder Medina, was aber eigentlich auf arabisch nur Stadt heißt, und andere sind für jede wissenschaftliche Forschung und darüber hinaus für alle Nicht-Muslime verschlossen. Das bisschen, was man dennoch weiß, legt nahe, dass Mekka Anfang des 7. Jahrhunderts ziemlich klein und unbedeutend war, während der Nachbar Yathrib groß und mächtig war. Mekka nun hatte mit seinem heiligen Stein immerhin die Einkünfte von Pilgern, die ihn dort verehrten, und vermutlich damals etwas Edelmetall-Bergbau. Yathrib wiederum war bedeutende Handelsstadt. In der Konkurrenz beider Orte konnte Mekka darauf verweisen, dass dort arabische Stämme hausten, die zum Teil jüdisch, zum Teil christlich waren, sich gegenseitig bekriegten und vielleicht auch schon mal feindselig gegenüber dem Stamm der Kureisch waren, der wie alle arabischen Stämme wiederum aus Clans bestand, von denen die Legenden behaupten, das aus einem von ihnen „Mohammed“ stamme. Mohammed ist aber womöglich gar kein Eigenname gewesen, sondern ein Ehrentitel, der so etwas wie der Erhabene bedeutete. Dann wäre er einem Religionsgründer nachträglich beigegeben worden. Man weiß aber nichts belegbares.

 

Vermutlich hatte er oder wer auch immer alles den Islam begründete, auch nur wenige Neuerungen gegenüber den bisherigen arabischen Reformbewegungen „geoffenbart“ bekommen. Diese bestanden darin, dass er Al-Lah seine Begleiterinnen nahm, allen anderen arabischen Orten ihre auf Al-Lah gerichtete Heiligtümer, und als einziges noch die Kaaba in Mekka zuließ.

 

Die Suren des Koran lassen deutlich erkennen, dass sie von verschiedenen Autoren stammen, und dass fast jede einzelne, vor allem aber die längeren, aus unterschiedlichen Texten wiederum zusammengestückelt wurden. Wenn irgendetwas an den Sira und den Hadith dran ist, dann war es zunächst Familie und Verwandtschaft dieses Mohammed, die sich seiner Lehre (den Offenbarungen Al-Lahs) anschlossen. Auf jeden Fall entsteht der Islam wohl in Mekka unter Mitgliedern eines Clans der Kureisch, von denen man ansonsten herzlich wenig weiß. Wie dieser Islam aussieht, bevor der Koran um 700 endverfasst wird, ist weitgehend unbekannt. Ähnlich stand es ja schon mit dem frühen Christentum, von dem man auch nur weiß, was sich aus den Paulusbriefen erschließen lässt, die aber fast nur den griechischen Raum (vor allem Anatolien) abdecken. Wenn es übrigens einen rigorosen monotheistischen Islam gab, dann blieben doch alle möglichen Geister (dschinns) und Dämonen bestehen, gingen auch in den Koran ein, und eine arabische Variante des christlichen Teufels gab es denn auch.

 

 

Im Koran wird immer wieder deutlich, dass sein Autor oder seine Autoren die „biblischen“ jüdischen wie christlichen Texte nicht gelesen hatte(n). Es ist aber auch unübersehbar, dass er oder sie diese indirekt aus Erzählungen der damals üblichen und wohl oft professionellen Geschichtenerzähler kannten, allerdings eben nur ungefähr. Diese für Christen „biblischen“ Texte waren also in Arabien auch außerhalb von dessen jüdischen und christlichen Regionen weit verbreitet. Und dann haben diese Autoren sie wiederum so verändert, dass sie in die neuen Vorstellungen des Islam passen. Dabei übernehmen sie das Kernthema des sogenannten Alten Testamentes: Der eine wahre Gott suchte, zum ersten Mal mit Abraham, einen Bündnispartner unter den Menschen, der dafür sorgen sollte, dass sie nur an ihn glaubten und nicht an die anderen Götter. Und sobald sie dann wieder von ihm abfielen, bestrafte er sie. Insoweit sind Koran und antike jüdische Texte identisch. Zum letzten Mal nach Jesus hatte er nun Mohammed auserkoren, um die Menschen zu ermahnen, und sich als Volk eben nicht mehr die Juden auserwählt, sondern die Araber. Wenn sie ihm nun nicht die Treue halten würden, würde es einen Weltuntergang ohne Gläubige als Überlebende geben, also kein Paradies, keine sich selbst reparierenden himmlischen Jungfrauen und all das andere Schöne, was sich arabische Männer damals so ausdachten.

 

Die Araber hatten seit mehreren Jahrhunderten eine gemeinsame Sprache, in der sie sich verständigen konnten, und seit einigen Jahrzehnten auch eine eigene Schrift. Deswegen spricht Al-Lah nunmehr auch arabisch, wie er immer wieder im Koran betont, denn alle Araber können ihn so verstehen, und die extrem wenigen, die schreiben könnenen, alles aufschreiben. Bei allen anderen Völkern war er schließlich bereits hoffnungslos gescheitert. Aber die Geschichte von göttlichem Angebot und anschließender Bestrafung als Vorgeschichte des Islam ist überwiegend jüdisch und nur in geringem Umfang arabisch oder ansonsten orientalisch.

 

Dem entspricht auch, dass offenbar von den Juden als einzig wahrer Gott ein sehr maskuliner übernommen wurde, und viele der falschen Götter waren entsprechend bei beiden Religionen Frauen. In der viel mächtigeren Konkurrenzstadt Mekkas hieß die Göttin Al-Lat, deren Kult Al-Lah beseitigt sehen wollte, in Mekka wurden neben ihm auch drei Töchter von ihm verehrt, die laut Koran nun nicht mehr verehrungswürdig sein dürfen.

 

Im arabischen Raum sind Stämme wie die Kureisch, denen Mohammed entstammt sein soll, auch berittene Kriegerhorden, aber daneben gibt es auch Händler und Leute, die Land bearbeiteten. Mit dem einen männlichen Gott unter Ausschluss eben auch alles Weiblichen im Göttlichen wurde dies kriegerische Element gestärkt, und auch das scheint die Geschichten vom Stamm Juda zu wiederholen, die man auch in dieser Hinsicht kannte. Wie kriegerisch zudem das Christentum inzwischen war, konnten sie an direkten Nachbarn, den Byzantinern beobachten.

 

Der Koran ist so in wesentlichen Punkten eine Übernahme altjüdischer Vorstellungen, die auf den arabischen Kulturraum übertragen werden. Mit dem neuen Testament und insbesondere mit seinem Aufruf zur Friedfertigkeit konnten die Autoren hingegen nichts anfangen, genauso wenig wie die Christen selbst seit spätestens dem 4. Jahrhundert. Auch deshalb wohl bleibt der letzte Prophet des einzigen wahren Gottes, der sich nun als Al-Lah ganz arabisch gibt, blass und sehr unscharf im Koran. Er hat wenig neues hinzugefügt. Aber niemand muss sich wundern, wenn Muslime Abraham heißen, arabisch Ibrahim, oder je nach Weltgegend Merjem oder Miryam oder wie auch immer in ihrer Sprache die Prophetenmutter Maria heißt.

 

 

Der Islam ist der letzte Versuch Gottes, sich ein Volk auszusuchen, welches nur an ihn glaubt. Die Grundthese, die sich aus dem Koran herausdestillieren lässt, ist, dass Al-Lah sich (unter anderem Namen) zum ersten Mal Abraham geoffenbart hatte, der somit der erste Prophet war. Danach kam es aber wieder zu fürchterlichster Vielgötterei. Ein weiterer Prophet kam, beseitigte sie, danach kam sie wieder zurück. Schließlich erinnerte Jesus daran, dass es nur einen Gott gebe, aber auch diese Offenbarung wurde bald nicht mehr befolgt.

 

Und so findet sich Gott nun und nur noch einmal bereit, an sich zu erinnern, und dafür offenbart er sich dem letzten Propheten vor dem Weltende, der in der späteren Überlieferung Mohammed heißt und der dafür besonders geeignet ist, weil er schon vorher spürte, dass das Weltenende (wie bei Jesus) ganz nah sei und man schnell zum Gott Abrahams zurückkehren müsse, der mit Al-Lah identisch sei, wegen dem einige bereits inzwischen zum heiligen Stein in Mekka gepilgert waren. Das mit dem Weltenende taucht ganz früh im fertigen Koran auf. Die Araber waren deshalb dazu geeignet, weil sie schon in den Jahrzehnten zuvor Schritte in Richtung auf einen Monotheismus gemacht hatten, und nicht nur in Mekka.

Im siebten Jahrhundert war das schlagendste Argument, Juden und Christen zum Islam zu überreden, die Erklärung, nur der Islam würde dem (einen) Gott Abrahams derzeit noch die Stange halten.

 

 

Im Koran wird an einer ganzen Anzahl Stellen darauf verwiesen, dass der Islam eine originär arabische Religion sein soll, also die, unter der sich die „Araber“ (ver)einigen sollen. In gewissem Sinne werden sie so zum (neuen) auserwählten Volk Gottes, allerdings später grundsätzlich offen für die ganze Menschheit, was zwischen den Zeilen impliziert, dass sie dann auch irgendwie Araber werden würden, wenn sie sich zu Al-Lah als einzig wahrem Gott bekennen, etwas, was im islamischen Spanien wichtig werden wird.

 

In gewissem Sinne übernimmt der Gott, der im Koran spricht, auch die Vorstellung von einer mit Gott verbundenen heiligen Sprache, bei Juden althebräisch, bei den Arabern eine der vielen verwandten Sprache, die sich vor mehreren Jahrhunderten als gemeinsame durchgesetzt hatte und damit die Vorstellung eines gemeinsamen Arabertums befördert hatte. Al-Lah begründet darum immer wieder im Koran, warum er nun sehr bewusst arabisch spricht. Deswegen bemühen sich fromme Muslime in aller Welt, ihre auswendig gelernten Suren, die sie pflichtschuldigst täglich fünfmal als Gebet hersagen,  auch in koran-arabisch aufsagen zu können. Die magische Wirkung der Unterwerfungsgebärde im Gebet ist vom genauen Verständnis des Inhaltes dann letztlich so unabhängig wie die lateinischen Teile der Messe der römisch-christlichen Kirche durch Unkenntnis des Lateinischen beim Gläubigen ebenfalls ihrer magischen Charakter nicht verloren, ja, dieser eher gesteigert wurde.

 

Bevor der Islam sich um 700 als fixierte Religion konsolidiert, ist er bereits bis tief in das damals von zoroastrischen Persern beherrschte Mesopotamien und Syrien vorgedrungen und bis nach Nordafrika. Dies aber als vor allem auch völkisch begründeter Vorstoß, der ein arabisches Reich schafft, in dem die Araber weithin eine winzige, dünne Herrenschicht bilden und der Islam zunächst nur ihre Religion ist. Als der besagte Kalif in Damaskus merkt, das ein Reich, in dem es hauptsächlich Christen und an zweiter Stelle Juden gibt und nur verschwindend wenige Muslime, beginnt man, auch die Untertanen zu arabisieren und zu islamisieren. Der Druck von oben nach unten nimmt zu. Islam wird zur Weltreligion, und da seine Inhalte stark arabisch geprägt waren, beginnt eben mit Islamisierung auch Arabisierung, zum Beispiel auch in Spanien, als es ab 711 von Arabern und ihren Hilfstruppen aus schon eroberten Gebieten erobert wird.

 

 

Wie schon angedeutet, hat der Islam von Anfang an eine „politische“ oder besser gesagt sehr weltliche Seite. Die arabische Halbinsel war in jüdische und christliche Stämme sowie besonders im Wüsten-Inneren solche mit Vielgötterei und Dämonenglauben geteilt, in sich sehr uneinig und sich dem Untergang, also der Unterwerfung zunächst durch Byzanz und dann durch Persien nahe fühlend. Arabische Stämme verhökern ihre Kriegerscharen mal als Söldner an Ostrom, mal an Persien. Der jüdische Jemen war im 6. Jahrhundert persisch geworden und wurde „entjudaisiert“. Christliche Araberstämme im Norden, die mit Ostrom verbündet waren, wurden ebenfalls von Persien erobert und „entchristianisiert“. Arabische Christen übrigens nannten ihren Gott oft auch Al-Lah, was zeigt, dass er nicht nur einer der Götter Mekkas war, und sie scheinen dessen Heiligtümer in Arabien deshalb in Ehren gehalten zu haben, indem sie ihn mit dem Christen-Gott identifizierten.

 

Im Koran ist von zwei Arten von Weltuntergang die Rede (also vor allem Untergang eines eigenständigen Arabiens), die wohl beide damit zu tun hatten, dass man befürchtet, Persien würde die ganze Halbinsel unter seine Kontrolle bringen. Da Al-Lah allmächtig ist, droht er im Koran, die Araber untergehen zu lassen, wenn sie sich nicht zu ihm bekehren und bekennen. Und es ist dann laut legendärer Tradition im Islam das Verdienst des letzten aller Propheten, dass sie dabei seien, sich ganz im Gegenteil zur Weltherrschaft aufzumachen.

 

Aspekte eines solchen Gedankens konnten direkt von den Juden und Christen übernommen worden sein, die beide eine Erlösung als Endsieg des wahren Gottes in Form eines allgemeinen Weltuntergangs predigten, nachdem einerseits die Juden dann als einzige Überlebende paradiesische irdische Zustände bekämen, die die Christen andererseits als „Himmelreich“ irgendwo anders bezeichneten, in die hinein wiederum nur sie wiedergeboren würden.

 

 

Der Islam des Koran und der Krieg gehören zusammen. Es gibt keinen soliden Hinweis darauf, dass die frühen Muslime zehn Jahren nach der ersten Offenbarung Al-Lahs für Mohammed aus Mekka vertrieben worden wären, wie spätere Legenden behaupten. Möglich scheint auch, dass der Prophet in Medina einen Stützpunkt für die Entfesselung eines Krieges gegen Mekka brauchte, der im Falle eines Sieges zur Ausrottung aller Ungläubigen führen sollte. Medina bietet sich einmal wegen der Nähe an, zum anderen wegen der Anwesenheit vieler arabischer Juden, mit denen er zunächst sich verbündet.

 

Die ersten Lebensgeschichten (Sira) Mohammeds um 700 (vor allem die Ibn Ishaqs) beschreiben sieben Versuche, die Kureisch von Mekka in Kämpfe zu verwickeln und schließlich den Überfall auf eine Karawane von ihnen, die durch mekkanische Krieger verstärkt war. Mohammeds Leute siegen und töten, wie es ihnen ihr Gott befohlen hatte. In der Sure 9 sagt Al-Lah zu Mohammed: Doch die glaubten, auswanderten und auf dem Wege Gottes kämpften, mit ihrem Gut und ihrem Leben, die haben den höchsten Rang bei Gott. Das sind die Gewinner.

 

In der zu Recht berüchtigten Sure 49 wird das ergänzt: Wenn ihr jedoch die trefft, die ungläubig sind, dann schlagt sie auf den Nacken, bis ihr sie ganz besiegt habt. Dann schnürt die Fesseln fest! Dann entweder Gnade oder Lösegeld – solange bis der Krieg ein Ende nimmt. So soll es sein. Wenn Gott wollte, könnte er sich ihrer selbst erwehren. Doch will er euch auf die Probe stellen. Und die auf dem Wege Gottes getötet wurden, deren Werke lässt er nicht verloren gehen. Recht leiten wird er sie und ihnen Wohlergehen schenken und sie in den Paradiesgarten führen, den er für sie ausersehen hat.

 

Als die jüdisch-arabischen Stämme in der Gegend von Medina sich weigern, zum Glauben Mohammeds überzutreten, gelingt es Mohammed mit seinen durch den Sieg gestärkten Kriegern, mehrere von ihnen mit kriegerischer Gewalt zu vertreiben (Sure 59), und laut der islamisch-arabischen Tradition um 700 einen komplett abzuschlachten. In der Sure 33 heißt es dazu: Er (Al-Lah) gab euch ihr Land zum Erbe, ihre Häuser und ihr Gut, Land, das ihr noch nicht betreten hattet. Gott ist allmächtig.

 

Soviel Brutalität in der Entstehungsgeschichte des Islam wird durch aktiven Unglauben erzeugt.

Inzwischen unternehmen die Kureisch von Mekka, reichlich provoziert, einen halbwegs erfolgreichen Kriegszug gegen Mohammeds Leute.

(ff)

 

 

 

 2. Das islamische Hispanien und die christlichen Reiche nach der Conquista (in Arbeit)

 

Mit der Kodifizierung der mündlichen Tradition der Suren des Koran unter dem Kalifen Oman, der dessen Ergebnis auch gegen die schiitischen Feinde durchsetzen kann, erschüttern seitdem drei "ewige" Offenbarungen und Wahrheiten enthaltende und miteinander konkurrierende heilige Bücher die Welt.

 

Die Ausbreitung des Islam und der Araber und in ihrem Verein der Berber und "Türken" ist die wohl rasanteste Völkerwanderung der Spätantike bzw. des frühen Mittelalters. 622 findet die Hedschra statt, in den Jahrzehnten darauf wird Nordafrika samt seinen oströmischen Herrschaftsgebieten überrollt. 711 fällt mit der Schlacht von Xeres de la Frontera fast die ganze iberische Halbinsel an die "Araber".

 

720 überqueren sie die Pyrenäen, Aquitanien wird erobert und verwüstet. 732 werden sie von Karl Martell zwischen Tours und Poitiers zum ersten Mal zurückgeschlagen. In den nächsten fünf Jahren werden sie von ihm weitgehend aus der Provence vertrieben. Dabei ist die fränkische Zentralgewalt unter dem Hausmeier Karl immer neuen Bündnissen aquitanischer, provenzalischer und burgundischer Großer mit den muslimischen Streitkräften konfrontiert. Es geht hier kaum um Religion, aber sehr um Macht. Nach Tours und Poitiers taucht zum ersten Mal seit der Antike das Wort Europenses auf, in Abgrenzung zu den "anderen".

 

Der ursprünglich arabische Koran trifft bald auf den Arabern völlig fremde Kulturen. Im Zusammentreffen mit Persien kommt es zum ersten großen Schisma, auf dem Weg nach Spanien bewegt er die Berber zu erheblichem Expansionsdrang, der sie an der Eroberung des Westgotenreiches auf der iberischen Halbinsel teilhaben lässt.

 

Als Sarakenoi wurden vom frühen Konstantinopel aus gesehen Nomadenstämme auf der Sinaihalbinsel bezeichnet. Seit den Kirchenvätern wurde dann die Legende verbreitet, die "Hagarener“, die Nachkommen der verstoßenen Nebenfrau Abrahams, hätten sich „Sarazenen“ genannt, um vorzutäuschen, sie stammten von Sarah, der Ehefrau Abrahams ab.

Die Franken können halbwegs zwischen den arabischen Herrschern in Bagdad und der auch von Berbern geprägten Zivilisation von Cordoba unterscheiden. Sie nennen sie manchmal im Sinne des Alten Testamentes Ismaeliten, in der Regel bald aber Sarazenen, wodurch sie von den östlichen Arabern, wenn auch etwas verschwommen, abgetrennt sind.

 

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Der Islam ist eine Religionsgemeinschaft, umma, und zunächst zugleich ein ethnisches und militärisches Gebilde, nämlich arabisch und auf Eroberung aus. Eine Besonderheit im Vergleich mit der christlichen Welt ist, dass die Herrscher, Kalifen, in der arabischen Richtung der sunna als Nachkommen Mohammeds gelten: Religion und weltliche Macht sind in einer Hand. Damit die Macht "arabisch" bleibt, wird zur Zeit der Eroberung Hispaniens, der Spania, bereits bewusste Arabisierung betrieben, d.h. die vorherrschende Sprache wird das Arabische, welches die anderen Sprachen, zum Beispiel die der Berber, verdrängt. Da Araber sein und Muslim sein vorläufig außerhalb Persiens

identisch wird, wird zugleich Islamisierung betrieben, allerdings eher mit Druck als offener Gewalt.

 

Das Kalifat in Damaskus kann die multiethnischen und multireligiösen Gebiete nicht lange gut kontrollieren. An vielen Stellen bilden sich militärisch begründete, nach mehr Selbständigkeit strebende islamische Regionen heraus. Der Einfall in Spanien beispielsweise geschieht recht unabhängig von der Zentrale des Kalifates.

Um 698 marschiert der vom Kalifen bestimmte Gouverneur Musa ibn Nusayr in Kairouan (Qayrawán) ein. Einer seiner Offiziere, Tarik ibn Ziyád, wie andere für den Chef mit der Eroberung des heutigen Marokkos beschäftigt, nimmt Tanger und Ceuta ein. 711 setzt er mit von einigen geschätzten 18 000 Soldaten, überwiegend wohl Berbern ("Mauren"), nach Spania über.

 

Nachdem Roderich 711 in der entscheidenden Schlacht getötet wird, sind die Goten ohne Führer. Musa ibn Nusayr kommt nach und bemächtigt sich gleich Sevillas. Teile der gotischen Großen laufen zu den Invasoren über. Laut arabischen Chroniken heiratet der Sohn des Eroberers Músa ibn Nusayr nicht nur Egilona, die Witwe von König Rodrigo, sondern setzt sich auch eine Krone auf, was Glaubensgenossen dazu bringt, ihn zu töten, - er könnte eine unislamische Monarchie einführen wollen.

Die Söhne Witizas arbeiten sofort mit den Neuankömmlingen zusammen. Der visigotische Große Teodomir unterwirft sich, um gegen einen Tribut eine Art Herrschaft um Orihuela und Lorca zu erwerben, und wird zum arabischen Tudmír. Er gibt eine Tochter einem Offizier des muslimischen Heeres zur Ehe und diese begründen um Orihuela und Elche die "arabische" Familie der Banú Jattáb, die bis zur Reconquista in der Gegend von Murcia einflussreich bleiben. Ein weiteres von vielen Beispielen bietet Casius, ein hoher visigotischer Offizier, der im Nordosten mit der Grenzsicherung betraut war, zu den Eroberern und zum Islam übertritt, und seinen Befehlsraum im oberen Ebrotal behalten kann. Seine Familie wird für Jahrhunderte als Banú Qasí die Gegend dort kontrollieren. Dabei operiert sie mit wechselnden Bündnissen, auch zu den Pamplona kontrollierenden christlichen Inigos.

 

Päpste und Bischöfe werden in den nächsten zwei Jahrhunderten solche Mischehen mit ihren Konsequenzen der Arabisierung und Islamisierung beklagen. Andere Leute leisten wie in Huesca sieben Jahre Widerstand und um 720 schafft es ein Pelayo mit einer eher kleinen Truppe, in Cova Dominica (Covadonga später) um 720 auch eine Schlacht gegen die Invasoren zu gewinnen. Auf ihn als Stammvater wird sich dann später das asturische Königshaus berufen.

 

Musa ibn Nusayr schafft es bis Zaragoza, dann wird er vom Kalifen in Damaskus zurückberufen, da er zu eigenmächtig handelt. Vorher hatte er eine neue Goldwährung als Solidi eingeführt, die dann bald in Dinare umbenannt wird, um dann Mitte des 8. Jahrhunderts durch silberne Dirhems ersetzt werden.

Machtzentrale wird Cordoba, und von dort wird sehr schnell das ganze eroberte Gebiet fiskalisch erfasst, um eine Kopfsteuer und eine Steuer je nach Landbesitz eintreiben zu können. Das Heer muss bezahlt werden.

 

Das Regiment der Araber und Berber/Mauren auf der iberischen Halbinsel ist das einer kleinen alt/neuen Herrenschicht samt seinem Militär; es sind am Ende vielleicht 100 000 Menschen, und die Unterwerfung der Visigoten gelingt auch nicht bis in den äußersten Norden, wo sich schnell ein Königreich Asturien bildet, und auch nicht in Kantabrien und in den nordwestlichen Pyrenäen. Neben den Herren gibt es das Militär, welches aus Arabern, vor allem auch Berbern und vielen anderen Völkerschaften besteht, die nach und nach arabisiert werden.

 

Die Expansion des damaszenischen Kalifats bedeutet religiöse, aber vor allem auch ethnische Unterdrückung durch Arabisierung über die Sprache hinaus. Deshalb kommt es um 740 zwar nicht zu einem hispanischen Aufstand, aber zu einem nordafrikanischer Berber. Dieser wird durch schnell herangeführte syrische Truppen vor allem brutal niedergeworfen. Diese wollen dann aber nicht mehr zurück und setzen durch, nach Al-Andalus verschoben zu werden, wo jedem ihrer Truppenteile dann Gebieten zugeordnet werden. Nun sind es bereits überwiegend islamisierte Truppen von Arabern, Berbern und Syrern vor allem, die die Besatzungsarmee stellen und sich die Einziehung der Abgaben aneignen, die dann mehr oder weniger nach Cordoba fließen. In den nächsten Generationen werden sie dann auch sprachlich angeglichen an die Machthaber und verlieren Trachten und Stammesstrukturen, eine Entwicklung, die im 9. Jahrhundert vermutlich abgeschlossen wird.

 

Teile der christlichen Bevölkerung Spaniens werden zwar in diesem Sinne "arabisiert" und zu sogenannten Mozárabes, aber nur langsam und zum Teil islamisiert. Christen und Juden werden zwar mit heftigen Abgaben belastet, aber Kirchen und Synagogen überleben zum Teil, wenn auch immer eingeschränkter und drangsalierter.

 

Die tradierte westgotische Kirchenverfassung und Organisation überdauert die ersten Jahrhunderte, in denen die Christen sich auch nicht unter die Oberhoheit eines Papstes stellen und damit in Konflikt mit fränkischen römisch-katholischen Vorstellungen geraten.

 

Der Berberaufstand gibt in den christlich gebliebenen Gebieten Zeit zum Atemholen und zum Strukturieren von Herrschaftsgebieten wie dem des asturischen Alfonso I (739-57), und solche Gebiete werden auch noch etwas von Flüchtlingen aufgefüllt, wie es in der im 11. Jahrhundert verfassten Chronik von Alfonso III heißt. Ebenfalls rückblickend wird darin auch die Legitimität des Herrscherhauses fetsgestellt: Nach dem Tod von Favela folgte ihm Alfonso auf den Thron, Mann von großer Tapferkeit, Sohn des Herzogs Pedro, Abkömmling der Linie der Könige Leovigod und Rekkared; in der Zeit von Egica und Witiza war er der Führer des Heeres. (in: Manzano, S.803)

 

Die genetische Überfremdung in den islamischen Gebieten nimmt von Süden nach Norden ab, wie man noch heute sehen kann, und ist auch nach einer gewissen Vermischung der einheimischen und einmarschierten Bevölkerungen nicht allzu groß. Sie wird dann im Zuge der Reconquista noch ergänzt werden durch die Einwanderung von "Franken" aus dem Osten und Norden.

 

Al-Andalus ist zunächst eine von Cordoba dirigierte Militärdiktatur mit vielen kleinen regionalen Warlords in größeren Städten. im fernen Damaskus hingegen herrscht die Familie der Omayaden, die ihr Kalifat auf ihre Abstammung von Mohammed begründet und faktisch auf ihr Militär. Nach dem Berberaufstand ist dies Kalifat geschwächt und besonders fromme Prediger beginnen, der Familie unsittlichen Lebenswandler (Tänzerinnen, Wein etc.) vorzuwerfen. Agitatoren mit schwarzen Fahnen eines radikaleren Islams fordern einen Umschwung und als der Kalif Marwan II stirbt, gelingt es einem Al-Abbás aus einer anderen Familie, die behauptet, von einem Onkel Mohammeds abzustammen und ebenfalls kernarabische Kureischi zu sein, die Macht zu ergreifen. Demonstrativ gründen sie mit Bagdad eine neue Hauptstadt und töten jeden aus der Omeya-Familie, dessen sie habhaft werden. Einem Enkel des vorletzten Omayadenkalifen, Abd al-Rahmán ibn Mu'awiya, gelingt es, ins Maghreb in Berbergebiet der Familie seiner Mutter zu entkommen. Von dort gelangt er mit militärischem Anhang bis an die Meerenge gegenüber Gibraltar und beschließt, von dort nach Almunecar überzusetzen. Von dort gelingt es ihm, Cordoba einzunehmen und sich zum Emir von Al-Andalus ausrufen zu lassen.

 

Das Omayadenreich ist eine religiös begründete Despotie mit Zügen einer Militärdiktatur, die sich von den entsprechenden germanisch dominierten Reichen in einigen wesentlichen Punkten unterscheidet. Sie basiert auf einem stehenden Heer bezahlter und über das ganze Land verteilter Soldaten, deren Chefs vor Ort jeweils auch Verwaltungschefs sind. Zum zweiten finanziert sie sich über die Besteuerung aller außer wenigen privilegierten Kreisen. Zum dritten kooperiert sie mit keiner Kirche, sondern einer lokalen Geistlichkeit, die vorläufig keinen mit der lateinischen Kirche vergleichbaren, immer riesiger werdenden Großgrundbesitz hat und auch kein dem benediktinischen vergleichbares Klosterwesen mit seinen zum Teil ebenfalls großen Besitzungen. Als Besonderheit wäre noch hervorzuheben, dass diese relativ despotische Zivilisation wie im Orient und in Nordafrika viel stärker auf städtischen Zentren beruht als die Reiche der Franken und Angelsachsen zum Beispiel, bei denen Städte bis mindestens tief ins 9. Jahrhundert eher weiter verfallen.

"Die arabische Welt war eine städtische Welt" (Ennen, S.75), mehr als das mittelalterliche christliche Abendland. In ihren viel größeren Städten (Cordoba soll um das Jahr 1000 zwischen einer halben und einer Million Einwohner gehabt haben) gedeihen Gewerbe und Handel mehr als in den spätantik-frühmittelalterlichen Städten, aber es entsteht nicht das Bürgertum des abendländischen Mittelalters mit seinem Selbstbewusstsein. Die orientalischen Despoten fördern zwar Handel und Gewerbe, unterbinden aber jede Selbstorganisation der Städte. Es fehlen zudem die - wenn auch in engen Grenzen -  befreienden Aspekte des intellektuellen Disputes, die die Widersprüchlichkeit christlicher Gesellschaften samt ihrem gedanklichen Überbau auslöst.

 

Der Reichtum der Emire und später der Kalifen von Cordoba wie einzelner Lokal-Potentaten beruht auf immer brachialer eingetriebenen Abgaben und der Beute aus Raubzügen gegen die zunächst kleinen christlichen Herrschaften von Asturien über Navarra und der Grafschaft Barcelona. Mit diesem Geld finanzieren sich die Herrscher opulente Höfe, große Sakralbauten wie die Mesquita von Cordoba oder Luxusbauten wie den großen Palast bei Cordoba und eine alles kontrollierende Burgenlandschaft.

 

Viele dieser Herrscher sind sehr weltlichen Genüssen nicht nur mit ihrem teils großen Harem zugetan, sondern auch mit Tänzerinnen, Musikanten und nicht gegenständlichem (dekorativen) Kunsthandwerk, mit erlesenem Essen und viel Wein, mag der auch nicht im Sinne des Propheten sein. Dazu kommt eine erzählende und verseschmiedende Poesie, die zunehmend orientalische Sinnenlust preist.

 

Die massive Despotie mit ihrer Steuerbelastung führt zu gelegentlichen Aufständen in Stadtteilen und Städten, von denen der in einer Vorstadt (arrabal) von Cordoba 818 von besonders vielen Autoren erzählt wird. Dabei ist nach Niederschlagung von der völligen Zerstörung des Stadtteils die Rede, der Flucht der Einwohner (auch in das immer wieder rebellische Toledo) und der Kreuzigung von 300 Rebellen (Quellen in Manzano, S.804ff).

Daneben kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen regionalen Machthabern und ihrerseits auch mit ihrer Zentrale in Cordoba.

 

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Karl Martell schützt 732 mit Tours die fränkischen, für die Herrschaft mit symbolischer Bedeutung versehenen Zentral-Reliquien des heiligen Martin vor der Inbesitznahme durch Berberfürsten, stellt die Kontrolle Chlodwigs über Aquitanien wieder her und sieht sich dann in der Provence (Arles, Avignon und dann Narbonne) burgundisch-maurischen Bündnissen gegenüber, die er dann besiegen kann. Für den kriegerischen fränkischen Gefolgschaftsführer gibt es vermutlich aber keine über seine unmittelbaren Machtinteressen hinausgehenden Visionen, wie sie erst viel später aufkommen.

 

Nachdem Karl Martell 732 den muslimischen Vormarsch ins Zentrum Europas gebremst hat, gelingt es dem fränkischen König Pippin (siehe Anh. ...) Septimanien einzunehmen und damit die islamische Herrschaft östlich der Pyrenäen zu beenden. Den Leuten dort muss er aber ihr altes visigotisches Recht zugestehen. Karl d.Gr. scheitert dann allerdings mit seinem Feldzug über die Pyrenäen nach Zaragoza, dessen muslimischer Herrscher ihn zwar zur Hilfe gerufen hatte, aber der dann nicht durchsetzen kann, dass er in die Stadt gelassen wird. Dafür  verbündet sich nun bald die einst christlich-visigotische Familie der Banu Quasi (des Casius) im oberen Ebrogebiet mit den Franken.

 

Erfolgreicher sind Franken dann bei der Einnahme von Gerona im später so genannten Katalonien, wo die Einwohner sie herbeigerufen hatten, wie auch die von Urgell und Cerdanya am Pyrenäenrand. Um 800 kann ein fränkisches Heer Barcelona einnehmen und einem Grafen Bera unterstellen, der fränkische und visigotische Vorfahren hat. Damit entsteht die spanische Mark des fränkischen Reiches, die ihre erste große Krise durchlebt, als sich Graf Bera auf Bündnisse mit muselmanischen Nachbarn einlässt, darauf abgesetzt wird und nach Aachen in die Verbannung gerät. Seine Nachfolger werden dann zunächst alles Franken sein.

 

Die neuen christlichen Reiche wie Asturien und dann Navarra überleben zunächst durch hohe Tributzahlungen an Cordoba. 842 kann sich der asturische König Inigo Arista mit Hilfe der Banu Quasi davon lösen. In den folgenden Jahrzehnten dehnt sich dies Reich bis über das heutige Galizien aus. Inzwischen setzt sich dort entgegen der visigotischen Tradition ein dynastisches Königtum durch, allerdings von wilden und oft mörderischen Nachfolgekämpfen gezeichnet. Im Unterschied zu den Franken entsteht aber mit Oviedo dort eine Hauptstadt, die im 9. Jahrhundert von Alfons II ("dem Keuschen") mit einem Palast und mehreren Kirchen versehen wird, die letzere noch heute im ursprünglichen Zustand dort zu besichtigen sind. Eine ähnliche Entwicklung nimmt auch Navarra mit seiner Hauptstadt Pamplona.

 

Die Isolierung der Kirche unter islamischer Herrschaft mag mit dazu beigetragen haben, dass sich in Toledo eine sowohl dem alten Arianismus wie dem Islam etwas näherliegende Theologie entwickelt, die den von einer Frau geborenen Jesus zu einer Art Adoptivsohn Gottes macht. Dagegen wendet man sich in der asturischen Kirche, und nachdem der "Adoptianismus" bis in den fränkischen Einflussbereich nach Urgell gelangt, wird er dem Hof Karls d.Gr. zugetragen, der die Abweichler auf einem Reichstag zu Frankfurt 794 als Häretiker verurteilt. Die Kirche ist wie schon bei Kaiser Konstantin ein Instrument weltlicher Macht und soll schon darum einheitlich bleiben.

 

Dasselbe Toledo, von dem die Häresie ausging, befindet sich zwischen 852 und 932 immer wieder in Rebellion gegen den Emir von Cordoba. Gegen die harten Abgaben und das despotische Regiment der Omayaden gibt es auch in anderen Regionen bis tief ins zehnte Jahrhundert immer wieder Aufstände von oft muslimischen wie auch christlichen Leuten, und Kämpfe zwischen Berbern und Arabern zum Beispiel. Erst 937 gelingt es Abdalrahman III mit Zaragoza das letzte Widerstandsnest einzunehmen. Inzwischen ist ein großer Teil der Bevölkerung nun arabisiert und auch islamisiert.

Daneben gibt es gegen die Gebiete unter christlicher Herrschaft immer neue Beutezüge, auch, um Tribute einzutreiben, und zunächst selten auch von diesen aus gegen Al-Andalus. Es sind eher unruhige Zeiten für die Halbinsel.

 

Den Emiren von Cordoba gelingt es in dieser Epoche nicht, ihr Gebiet weiter auszuweiten. Ganz im Gegenteil: Den asturischen Königen gelingt es bis 910, León, Astorga, Zamora und Burgos einzunehmen und in den fünfzig Jahren bis dahin ihr zunächst kleines Gebiet zu verdreifachen.

Eine Grafschaft Aragon bildet sich heraus und wird 924 vorübergehend in das navarresische Königreich von Pamplona  integriert.

Die Grafschaft Barcelona kann das Bistum Vic (Vich) wiederherstellen und daneben entstehen die Grafschaften von Urgell und der Cerdanya am Rand des Pyrenäen-Hauptkamms. In die drei teilen sich Söhne des Grafen Wifred, ohne dabei noch auf Weisungen des fränkischen Königs zu warten.

 

Während die Abbassiden in Bagdad in interne Konflikte geraten und ihr Einfluss schwindet, steigen neben den Omayaden in Nordafrika die Fatimiden auf, eine Familie, die sich von Alí, dem Vetter von Mohammed herleitet und von dessen Frau Fatima, der Tochter des Propheten. Sie proklamieren als Machtmittel die Wiederherstellung der Reinheit des Islam als Basis ihrer Herrschaft. 909 nehmen sie Kairouan ein, das heutige Tunis, und begründen dort ihr maghrebinisches Kalifat. Als sie dann in Marokko in gefährliche Nachbarschaft zur Omeya-Herrschaft gelangen, erklärt sich Abdalrahman III selbst zum Kalifen und wird von nun an als solcher dann in allen Moscheen von Al-Andalus im Freitagsgebet erwähnt.

 

Kurz darauf lässt der spanische Kalif Melilla und Ceuta erobern und breitet seine Herrschaft über Marokko soweit aus, dass der Import von afrikanischem Gold und Elfenbein erheblich zunehmen kann. Gegen die fatimidische Frömmigkeit setzt er seine eigene, die auch härtere Despotie begründet. Dann erklärt er aber ganz unislamisch seinen noch minderjährigen Sohn Al-Hakam von seiner Lieblingsfrau des Harems, einer ursprünglich christlichen Sklavin, zu seinem Nachfolger, der kaum noch den Alcázar und dann Medinat Al-Zahrá verlassen und sich auf keine Frau einlassen darf, während die zahlreichen übrigen Söhne über das Land verstreut werden.

 

Der unermessliche Reichtum des Kalifen beruht auf den immer größeren Abgaben, die er aus der Bevölkerung eintreibt, wobei eine kleine reiche Oberschicht davon ausgenommen bleibt, zudem aus seinen riesigen Privatbesitzungen, die er ansammelt und aus den oft erfolgreichen Beutezügen gegen die christlichen Herrschaften, denen er erhebliche Tribute aufbürdet. Einnahmen, den er mit dieser Oberschicht teilt, resultieren aus den christlichen Sklavenmassen, die diese Raubzüge ebenfalls einbringen. Mit dem Bau der großen und ungeheuer prächtigen Palaststadt Madinat Al-Zahrá neben Cordoba erreicht er eine Pracht, wie sie im übrigen Europa weithin unbekannt ist.

 

Es floriert vor allem eine Wirtschaft, die Luxusgüter für diese Oberschicht herstellt, Seidenstoffe, golddurchwirkte Tuche, Edelstein- und Elfenbeinschmuck. Die hochprivilegierte kleine Oberschicht wird durch eine mittlere Schicht von Besitzern von Ländereien ergänzt, die diese durch Kleinpächter bewirtschaften lassen, die Dienste wie Abgaben verlangen, mit einer gewissen Ähnlichkeit zu fränkischen, asturischen oder aragonesischen Adeligen.

Die Landwirtschaft produziert wie in christlichen Gegenden Europas weiter Getreide, Oliven und Wein, zusätzlich aber bringen die neuen Herren Reis, Apfelsinen, Zuckerrohr, Safran und Baumwolle und anderes mit. Große Maulbeerplantagen entstehen für die Seidenproduktion. Zudem entwickeln sie in ihrem teils ariden Andalusien hervorragende Bewässerungssysteme, deren Ansätze sie vielleicht auch schon in Nordafrika und dem Orient besaßen.

 

Derweil entwickelt sich in den christlichen Reichen eine frühe neuartige Adelsschicht, die ähnlich wie in den fränkischen Nachfolgereichen versucht, sich über Bauerndörfer zu setzen und Bauern in Abhängigkeit zu bringen. Mit einem Einkommen, welches den Besitz eines kampffähigen Reitpferdes ermöglicht,  wird man in Galizien, León und Kastilien dann zum infanzón, aus dem sich in den nächsten Jahrhundert die Schicht der Hidalgos entwickeln wird, der Söhne (fijos) von denen, die etwas (algo) besitzen.

Immer mehr arme und verschuldete Bauern müssen sich einem Herrn anvertrauen, was in Galizien dann incomunicación heißt. Außerhalb Kataloniens und des östlichen Aragon entwickeln sich recht unabhängig von den fränkischen Entwicklungen ganz ähnliche Strukturen. Über dem niedrigen Landadel teilt sich das Land in Machtbereiche oft selbsternannter condes auf, Grafen also.

 

Abderrahman III beginnt nach Unterwerfung von Al-Andalus sehr erfolgreich mit jährlichen Raub- und Zerstörungszügen in die christlichen Reiche hinein. Immer wenn das Getreide hoch steht oder zur Ernte gereift ist, wird es abgefackelt oder niedergeritten. Mit seinen Heeren ziehen beutehungrige Freiwillige des Heiligen Krieges, wie sie sich nennen.

Die christlichen Reiche geraten unter faktische Oberhoheit und Tributpflichtigkeit von Cordoba. Könige von Leon und Navarra wie auch Grafen von Kastilien reisen nach Madinat Al-Zahrá, um dem Kalifen ihre Aufwartung zu machen, oder schicken wenigstens hochrangige Delegationen.

 

Al-Hakam stirbt 976 und hinterlässt nur einen vermutlich schwachsinnigen Sohn Hisham, der zum Spielball hoher Funktionäre in Cordoba wird. 981 gelingt es einem in diese Machtkämpfe verwickelten Mohammed ibn Abi Amir, sich militärisch durchzusetzen. Er steckt den jungen Kalifen in komfortablen Hausarrest und herrscht nun selbst mit dem Titel hayib und gibt sich den Beinamen "der Siegreiche", Almansor.

 

Als Heerführer ist er schnell enorm erfolgreich. Selbst Orte wie Pamplona, später Barcelona und Santiago de Compostela werden kurz überfallen, ausgeraubt und zerstört, bevor das Heer sich schnell wieder zurückzieht. Im Chronicon de Sampiro heißt es zu Santiago: Er riss alle Kirchen, Klöster und Paläste ein und verbrannte sie im Feuer. (Quelle in: Manzano, S.812)

Da die Muselmanen das "Grab des Jakobus" in Santiago als Kaaba der Christen ansehen, lassen sie es intakt, während die Stadt komplett zerstört wird. Coimbra wird ebenfalls zerstört, dann aber gehalten und muslimisch neubesiedelt.

 

Immer mehr Leute in Al-Andalus lösen, wie auch später in geringerem Umfang in den Frankenreichen  und noch später in England ihre Militärpflicht mit Zahlungen ab. Das führt dazu, dass zunehmend Berbertruppen aus Nordafrika von Almansor ins Land geholt werden, was die Herrenschicht ethnisch weiter verändert. Das wird Folgen haben.

 

3. Spanien in den Kernzeiten der Reconquista (11.-12.Jh.)

 

Als Almansor 1002 stirbt, hat er längst den Kalifen unter Hausarrest dazu "bewegt", seinen Sohn zu seinem Nachfolger als Hayib zu ernennen. Dieser wiederum veranlasst Hisham, der kinderlos bleibt, ihn zu seinem Nachfolger zu erwählen. Damit wird das dynastische Prinzip der Omeya-Familie abgebrochen, das Kalifat von Cordoba würde auf eine andere, "illegitime" Familie übergehen. 

 

Die fehlende Legitimität einer Abkunft von der Familie des Propheten löst Empörung aus, und Seitenlinien der Omeya-Familien beginnen zu kämpfen. Al-Andalus bricht in bislang nicht dagewesener Weise auseinander. Araber benennen die nun sich über einen langen Zeitraum hinziehenden Bürgerkriege fitna, eine dem Jüdischen verwandte Vorstellung von göttlicher Strafe bei Bruch des Vertrages mit dem einzigen Gott. Ein besonders frommer Prätendent nennt sich Al-Mahdi, eine Art Retter oder Heiland. Cordoba wird immer wieder von neuen Leuten belagert, eingenommen und erneut bedroht. In dieser Zeit beginnen die weiter zunehmenden Berbertruppen verstärkt, an der Stelle des Soldes Land für die Ansiedlung zu verlangen. Ganze Regionen werden von zuvor arabisiertem und islamisiertem neuem Militär"adel"  unter Berberherrschaft gestellt. Aber auch diese neuen Herren sind wie alle, die nicht aus Europa stammen, eine kleine Minderheit im Lande.

 

Innerhalb von wenigen Jahren zerfällt Al-Andalus in sogenannte Taifas, einzelne islamische Fürstentümer, die sich gegenseitig bekämpfen und dafür auch christliche Reiche als Bundesgenossen suchen.In einer muslimischen Quelle heißt es, sie erlauben ihren Heeren, auf den Wegen der Regionen, gegen deren Einwohner sie im Krieg sind, Überfälle zu machen, wobei sie indirekte wie die Person betreffende Abgaben den Muslimen aufhalsen und geben den Juden das Recht, auf den Hauptwegen der Muslime die Kopfsteuer und den Tribut mit der Ausrede einzufordern, dass sie dazu eine Notwendigkeit brächte, die dem nicht erlaubt sei, dem es Gott selbst verboten habe. (Quelle in: Manzano, S.813)

 

In unterschiedlichen Bündnissen gelangen in dieser Zeit Heere christlicher Herrscher mehrmals bis in die Stadt Córdoba. Damit beginnt der Jahrhunderte dauernde Untergang von Al-Andalus, der 1492 mit der Einnahme von Granada abgeschlossen wird. Ein neues Spanien (und Portugal) entsteht.

 

Taifas wie Denia sind selbständige islamische Fürstentümer, die oft von einer wichtigeren Stadt aus das umliegende Gebiet beherrschen. Der Machthaber von Denia ist einer der ersten, der dann auch veranlasst, eigene Münzen zu prägen.1014 erobert er die Balearen und scheitert dann mit einer Flotte von 120 Schiffen bei der Eroberung von Sardinien an den vereinten Kräften von Genua und Pisa.

 

Es ist derzeit modisch, das Wort reconquista abzulehnen, da es zu geringe Sympathien für den Islam ausdrücken soll. Tatsächlich sahen sich die christlichen Reiche jenseits vom sich nun bald Katalonien nennenden Machtbereich und von Teilen Aragons, von fränkisch beeinflussten Zonen also, als Nachfolger des Visigotenreiches an. Die gotische Rechtsordnung, die im 10. Jahrhundert auch wieder in Navarra in Buchform veröffentlicht wird, entwickelt sich nur langsam weiter, und frühe Herrscher führen ihre Dynastien auf visigotische Heldengestalten zurück. Dass es kein gemeinsames Reich mehr gibt, liegt wohl auch daran, dass sich neue Herrschaften aus nuclei alter Städte weit voneinander entfernt entwickeln, wie Astorga, Pamplona oder Barcelona. Es sind dann unterschiedliche Familien wie die Arista in Navarra, die die Macht ergreifen, um dann dort nach 900 von den Jimeno abgelöst zu werden. Und auch neue Benennungen tauchen auf wie das regnum Pampilonense dort oder viel später der Name catalunya für die Gegenden um Barcelona.

 

Was sich massiv ändert, sind die Herrschaftsformen, die vom Wahlkönigtum zum dynastischen übergehen, und dann wie bei den Franken zunächst Erbteilung des Machtraumes betreiben. Wenn so Sancho ("El Mayor") bei seinem Tod 1035 Pamplona (Navarra), Kastilien und Aragón zusammengerafft hat, gibt er seinem erstgeborenen Sohn García Sánchez das Königreich Pamplona, Fernando die Grafschaft Kastilien und die Grafschaft Aragón an Ramiro. Dessen Halbbruder ermordet bald darauf Ramiro, um sich Aragons zu bemächtigen. Fernando verbündet sich mit García Sánchez gegen seinen Vetter, den König von León, der in der Schlacht stirbt. Damit wird dieser Ferdinand zu Fernando I, König von Kastilien/León, und darauf lässt sich der Aragonese nicht lumpen und nennt sich ebenfalls König. Inzwischen hat sich aber Fernando von Kastilien, Mörder seines Bruders, seines Vetters und Schwagers und seines Halbbruders, mit dem muslimischen Herrscher von Zaragoza verbündet.

 

Im 11. Jahrhundert mit seiner Friedensbewegung insbesondere in der ehemaligen spanischen Mark wird aber zunehmend die bedrohliche Instabilität durch Brudermord, Gewalt und Totschlag erkannt. "(...) las relaciones feudales fueron sustituyendo paulatinamente a los vinculos de sangre" (Manzano, S.274f).  Vasallitische Beziehungen ersetzen die verwandtschaftlichen etwas. So wird 1063 der Aragonese Vasall des navarresischen Königs. Innnerhalb der Königreiche wiederum werden die Großen zu Vasallen der Könige. 

 

Das Frieden durch Herrschaft Herstellen funktioniert aber nur sehr langsam. Als Fernando II 1065 in León begraben wird, erhalten seine drei Söhne die neuen Königreiche Galizien, León und Kastilien. García wird darauf von seinen beiden Brüdern militärisch geschlagen und ins Gefängnis geschickt. Danach besiegt Sancho von Kastilien Alfonso von León und wird König aller Reiche. Alfonso muss zu der Taifa von Toledo fliehen. Als Sancho dann seine aufmüpfige Schwester Urraca in Zamora belagert, welches sie geerbt hatte, wird er ermordet. Darauf kehrt Alfonso aus Toledo zurück und erbt 1072 das ganze große Reich.

 

Wenige Jahre später, 1076, wird König Sancho von Navarra ermordet und sein Vetter will die Regierung übernehmen. Darauf unterwirft sich ein Großteil des navarresischen Adels dem König von Aragón und beide Königreiche bleiben für rund achtzig Jahre vereint. In Kastilien/León beginnt immerhin eine dauerhaftere Herrschaft unter Alfonso VI, nachdem der einen Bruder eingesperrt hat, ein anderer im Kampf fällt und zwei Onkel ebenfalls.

 

Die Entstehung des lateinisch-christlichen neuen Spaniens erinnert also in manchem an nachgeholte Entwicklungen der fränkischen Merowinger- und Karolingerzeit. Was weiterhon herausfällt ist dabei Al-Andalus, wobei die Taifazeit eine Weile mit ihren vielen eher instabilen Fürstentümern noch einmal eine Sonderrolle spielt. Ohne Kalifat entwickeln diese vielen mehr oder weniger despotischen Potentaten höfische Gesellschaften, in denen Reichtum, Lebensgenuss und Lockerung des religiösen Rigorismus möglich werden. Das alles wird dabei mit drakonischen Abgaben der Untertanen erzwungen. Besonders wird sich in vielerlei Hinsicht die Dynastie der Ziriden in Elvira (Granada) auszeichnen. Manzano zitiert einen Poeten dieser Zeit aus der Gegend von Huelva: Der Tod des Menschen ist ein Geheimnis, dass man nicht enthüllen konnte und keine Kenntnis hat feststellen können, was er wirklich ist. (...) Nimm dir also, was du magst: Armut ist eine Fessel, lebe, wie du magst: Der Tod ist das Ende. (In: Manzano, S.281)

 

Neben solchen schlichten, aber immerhin areligiösen Weisheiten lässt sich vermuten, dass die Verarbeitung griechisch-römischer Philosophie, Medizin etc. in solchen Kreisen einen gewissen Aufschwung nimmt. Aber ein neuer Schub puritanischen Islams beginnt das alles von Marokko aus wieder zu bedrohen: Die Almoraviden nutzen eine religiöse Reformbewegung für ihre machtpolitischen Zwecke und wirken auch deshalb ins islamische Spanien hinein, weil die christliche Reconquista in genau dieser Zeit an Schwung gewinnt, was die Menschen an den großen Tributen erkennen, die Taifas an die christlichen Reiche zahlen und die ebenfalls aus der Bevölkerung herausgepresst werden müssen.

 

Gründer der Bewegung soll ein Ibn Tumart sein, der aus dem ländlichen Raum des von Berbern bewohnten Anti-Atlas ganz im Südwesten Marokkos stammt. Er bricht eines Tages auf zu einer Bildungsreise nach Cordoba, nach Alexandria, Bagdad und Damaskus, für ihn wohl gipfelnd in einem Besuch Mekkas. Zurück formuliert er ähnlich wie derzeitige Strömungen im Christentum die Notwendigkeit der Existenz eines Gottes, die absolute Verschiedenheit von Schöpfer und Schöpfung und verbindet das folgerichtig mit der legendären Voraussage des Propheten, dass fünf Jahrhunderte nach seiner Hedschra nach dem späteren Medina eine besonders sündige und verdorbene Zeit (in der islamischen Welt) anbrechen würde, die dann ein großer Reformer wieder reinigen könnte. Viele Mahdi-Vorstellungen des Islams von einem religiösen und politischen Helden des Islam beruhen darauf.

 

Ibn Tumart zieht dann in Nordafrika als Prediger herum, besorgt das Zerbrechen von Weinkrügen und Musikinstrumenten, lässt Leute verprügeln, die sich im Ramadan schmuckvoll bekleiden oder die Augen ummalen und insbesondere Frauen, die ihr Gesicht nicht verhüllen. Nach einem Besuch in Marrakesch erklärt er sich zum Mahdi und Nachkommen Mohammeds und ruft den heiligen Krieg aus, unterstützt vor allem von Berbern. Sein Nachfolger nach seinem Tod 1130 erobert 1147 Marrakesch, vernichtet die dortige Almoravidendynastie und erklärt sich zum Kalifen. Bald danach erstreckt sich seine Herrschaft auch über das heutige Algerien und Tunesien.

 

Im muslimischen Spanien sind es (manchmal aus Nordafrika importierte) Soldaten, die Krieg führen, in den christlichen Reichen entwickelt sich ähnlich wie in den beiden Frankenreichen und im normannischen England eine eigenartige Mischung aus Rittertum und Söldnertum, die nicht zuletzt diejenigen nicht erstgeborenen Söhne eines niederen Adels erfasst, der mit Primogenitur und Dynastiebildung jetzt zu einer neuen Adelsschicht heranwächst. Bevor sie gänzlich zu bezahlten Militärs zu Pferde werden, sind sie manchmal Abenteurer, die ihr Glück in der Ferne mit den Waffen suchen.

 

Dank eines Heldenliedes wird einer dieser Leute, Rodrigo Diaz de Vivar unter dem Beinamen El Cid berühmt. Als kleiner infanzón heiratet er materiell günstig, und versucht durch die üblichen edlen Gewalttaten Karriere zu machen. Nachdem er seine Dienste erst Sancho gegen dessen Bruder Alfonso VI von Kastilien/León anbietet, lässt er sich dann vom muslimischen Herrscher von Zaragoza für fünf Jahre anheuern, und kämpft dann auch gegen katalanische Kontingente. Mit der so zusammengerafften Beute kann er ein eigenes größeres Heer bezahlen und sich eine eigene Herrschaft in und um Valencia aufbauen.

 

Wie das so geschieht, wird im Lied von El Mio Cid deutlich gesagt: Mio Cid Ruy Díaz - por las puertas entrava. / en mano trae - desnuda el espada / quinze moros matava - de los que alcancava / ganó a Castejón - e el oro e la plata. ( Er ritt durch die Tore, mit dem bloßen Schwert in der Hand, tötete von den Mauren, die ihm entgegenkamen, fünfzehn, und gewann so Castejón und sowohl das Gold wie das Silber.)

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Solche zwischen christlichen und muslimischen Herrschern alternierende Ritter gibt es damals recht viele, aber der durchgehende Zug der Zeit ist die Ausweitung der Macht der christlichen Reiche. Zwar kann dieser Cid kurz auch einmal den Grafen von Barcelona besiegen, aber der erholt sich davon wieder: Die islamisch beherrschten Tortosa, Zaragoza, Lérida und Denia werden ihm gegenüber tributpflichtig. Dieser Ramón Berenguer vergibt gelegentlich zu erobernde Gebiete an zukünftige Vasallen wie den Vizegrafen von Narbonne, dem Tarragona zur Eroberung anvertraut wird.

Der kastilische König kann Granada durch einen Vorstoß bis an die Grenze trbutpflichtig machen. Dieser Alfonso VI erobert dann 1085 sogar die stark befestigte Stadt Toledo.

 

Zu der Entwicklung stabilerer Herrschaftsformen trägt auch die sogenannte Friedensbewegung bei, deren großer Förderer der aus gräflicher Familie stammende Abt Oliba von Santa Maria in Ripoll (Katalonien) nach 1022 wird. Sie breitet sich schnell auch über das mit Katalonien verbundene Roussillon aus, hat aber Wirkung nur dort, wo sie von hohen Herren abgestützt wird.

 

Zunehmend häufiger gibt es nun unter den christlichen Rück-Eroberern zwei Bevölkerungsgruppen, die mózarabes, also arabisierte Christen, und die mudéjares, Muslime unter nun christlicher Herrschaft. Im Laufe der Jahrzehnte geschieht es oft wie in Toledo, dass religiöse Duldung in den Entzug der Moschee umschlägt, die dann in eine christliche Kirche verwandelt wird, und es kommt zur gelegentlich erzwungenen Abschottung der Muslime in eigene Stadtviertel.

 

Die islamischen Niederlagen in Spanien verstärken den Einfluss der religiösen Puristen in Marokko, die nicht nur gegen Wein, Weib und Gesang zu Felde ziehen, sondern das mit erhöhtem Eifer für den "heiligen Krieg" verbinden, der 1095 mit dem Kreuzzugaufruf Urbans II auch die Christenheit erfasst. Erst damit wird auch der Krieg in Spanien zunehmend und ein Stück weit zu einem Religionskrieg.

 

Den Almoraviden, deren Führer sich immer den Abbassiden in Bagdad unterwerfen, und die nur Emire genannt werden wollen, gelingt es, die Transsaharawege zu kontrollieren und gegen Ende des 11. Jahrhunderts überqueren sie häufiger die Straße von Gibraltar. Nach 1090 werden erst Granada und dann Sevilla eingenommen. 1110 fällt Zaragoza, welches dann allerdings 1118 trotzdem von Aragón eingenommen wird. Im ganzen neuen Almoravidenreich werden nun die "Auswüchse" orientalischer Lebensfreude deutlich zurückgefahren, Bücher werden verbrannt und Geistesgrößen eingesperrt. Die Frauen im Harem werden brutaler kontrolliert, Frauen überhaupt stärker auf das Haus verwiesen und in den Städten der Gebrauch des Schleiers härter durchgesetzt.

 

Frauen geht es alles in allem in den christlichen Reichen deutlich besser. Statt der offiziellen Vielweiberei im Harem mit ihren Konflikten und ihren oft brutal-autoritären Strukturen gibt es zwar gelegentlich in höheren Kreisen die Geliebte neben der Ehefrau und für Unverheiratete das Konkubinat, aber Frauen sind tendenziell etwas geschäftsfähiger und gelegentlich wie Urraca auch regierungsfähig.

Diese, erstgeborene Tochter von Fernando I von Kastilien-Leon, bekommt als Erbteil Zamora zugesprochen und steht nach dem Tod des Vaters ihrem Bruder Alfonso VI bei, unterschreibt mit ihm Urkunden und wird in muslimischen Quellen wohl deshalb des Inzests bezichtigt. Die können sich das offenbar nicht anders vorstellen. Der sechste Alfonso hat zwar insgesamt fünf Frauen, aber nur von einer muslimischen Konkubine eine Tochter, ebenfalls Urraca genannt, wegen der er die nun christlich gewendete Dame heiratet. 

Diese Urraca war einst genötigt worden, einen Raimund von Burgund zu heiraten, von dem sie ein Kind bekommt, bevor er verstirbt. Als sie Erbin und Königin des Reiches wird, nötigt sie der Adel bei all ihrem öffentlich bekundeten Widerwillen, einen König Alfonso von Aragón ("El Batallador") zu heiraten.  Nach der Anullierung der Ehe, durch ihre Widerspenstigkeit gegen den Gatten erreicht, wird sie sich offen über die Ehrverletzungen, Leiden und Qualen, die er ihr zugefügt hat, sprechen. Es gibt weitere Einblicke in königliches Verhalten: Er ist zu totaler Taktlosigkeit erzogen worden, vertraut der Vorzeichendeutung und Wahrsagern, glaubt, dass Raben und Krähen Unglück bringen, meidet dafür, als ob er sich ihrer schämte, weise und edle Menschen, und begint sich in die Gesellschaft übelster Schamloser. (in: Manzano, S.320, immer mein Deutsch)

 

Urraca ist keine Männerverächterin, sie hat als Alleinherrscherin zwei Liebhaber aus dem Hochadel und gemahnt mit ihrem Selbstbewusstsein bereits ein wenig an die englische erste Elizabeth. Am Ende kann sie ihren Sohn aus erster Ehe als Nachfolger durchsetzen, Alfonso VII, der von 1126 bis 1157 herrschen wird und sich nach seiner Krönung imperator titulieren lässt.

 

Ihr Ex-Ehemann Alfonso der "Batallador" herrscht bis 1134 in Aragón, hat keine Kinder und übergibt sein Reich an die Ritterorden. Das veranlasst Navarra, sich wieder aus seiner Herrschaft zu lösen, und den aragonesischen Adel, einen Bruder von Alfonso einzusetzen. der auf seine alten Tage noch eine Tochter namens Petronila bekommt, die nach Vollendung des ersten Lebensjahres schnell dem Grafen Ramón Berenguer IV anverlobt wird: Ich Ramiro, durch Gottes Gnade König von Aragón, gebe dir, Ramón, Graf von Barceloa und Markgraf, meine Tochter zusammen mit dem ganzen Reich Aragón (...). Und ich gebe dir alle Menschen des Reiches mit ihrer Mannschaft und ihrem Eid, dass sie dir treu seien. (in: Manzano, S.815)

1150 wird die Ehe vollzogen, und damit die sehr dauerhafte Verbindung hin zum Haus Aragón-Barcelona (Katalonien) eingeleitet.

 

Während sich im christlich beherrschten Teil Spaniens, besonders früh in Katalonien, feudale Rechtsformen durchsetzen, fehlen diese im islamischen Raum. An ihrer Stelle existieren direkte Formen von Befehl und Gehorsam. Und während sich in Katalonien und Aragón zum Beispiel ähnliche städtische Strukturen entwickeln wie im übrigen lateinischen Europa, mit zum Beispiel Vertretungsorganen der bürgerlichen Oberschicht, gibt es so etwas in den großen und kleinen islamischen Städten überhaupt nicht. 

 

Im 11. Jahrhundert schließt sich das christliche Spanien stärker an Rom an. Päpstliche Legaten kommen und setzen die Kirchenreform durch. 1080 setzt Alfonso VI in Burgos für sein Königreich gegen die Mehrheit des Klerus die Ersetzung der alten visigotischen durch die römische Liturgie durch. Im folgenden Jahrhundert werden zentrale kastilische Klöster Cluny unterstellt. wie auch anderswo manchmal gegen den Willen der Mönche.

Nur einige Städte wie Santiago de Compostela oder Palencia haben Bischöfe als Stadtherren und erleben im 12. Jahrhundert dieselben gelegentlichen Konflikte zwischen Herr (zum Beispiel dem Bischof und den 60 Domklerikern von Palencia) und Bürgertum, wie sie in den fränkischen Nachfolgereichen zum Teil schon früher  auftraten.

 

Die Romanik setzt ein mit dem noch heute sehenswerten Sant Pere de Rodes in der Grenzregion zwischen Katalonien und dem Roussillon 1022 (Bild links) und erreicht einen Höhepunkt mit der romanischen Kathedrale von Santiago de Compostela ab 1075. Architektur hat damals wie alle bildenden Künste auf der iberischen Halbinsel eine besondere Bedeutung - sie wirkt für beide sich religiös definierende Zivilisationen einander abgrenzend.

 

Da ist der aus der Antike abgeleitete Zentralbau der Moschee und das aus der römischen Basilika abgeleitete Langhaus der Kirchen. Darin offenbaren sich wesentliche Unterschiede der Religionen. Beide sind aber nach Osten ausgerichtet, entweder das Gebäude zur Gänze oder aber die Gebetsnische. Dort kommen die Religionen her und dorthin soll oder möchte man pilgern. Ein weiterer Unterschied offenbart sich dann wieder in dem Bilderverbot, obwohl es einen gemeinsamen jüdischen Ursprung hat. Islamische Kunst wird meisterhaft dekorativ, während christliche eine gegenständliche Auseinandersetzung mit Vorstellungen von Wirklichkeit sucht und schließlich zu ihren Abbildungen finden wird.

Wie anderswo breiten sich auch, durch Könige und Hochadel gefördert, die Klöster der Zisterzienser aus, die in Spanien eine ähnliche wirtschaftliche Rolle spielen wie im übrigen lateinischen Europa. Nebenan links das Königsportal und rechts das der Kirche (mit späteren Ausschmückungen) des Klosters Poblet bei Montblanc in Nordkatalonien, einer Gründung von Ramón Berenguer IV um 1150.  Nichts macht deutlicher, wie eng hier weltliche und monastische Sphäre miteinander verwoben sind: Hier arbeitet  die königliche Kanzlei auf der einen Seite, und auf der anderen ist die Grablege von acht aragonesischen Königen.

Im Rahmen der Reconquista entstehen spezifisch spanische Ritterorden, die zum Teil wie der von Calatrava sich in den Zisterzienserorden eingliedern, oder aber wie der von Santiago laikaler sind und sogar die Eheschließung erlauben. Die großen Gebiete, die das Königreich Kastilien (/León) sich nach Süden hin einverleibt, werden zunächst oft solchen Orden anvertraut, was sich noch heute daran ablesen lässt, dass dort die  Überreste mittelalterlicher Klöster nicht militärischer monastischer Gemeinschaften fast völlig fehlen.

Mit ihren feudalen Rechtsbeziehungen, ihrem großen Grundbesitz und darauf arbeitenden abhängigen Bauern passen sie sich wie andere Klöster auch in die allgemeinen Strukturen ein. (siehe auch Großkapitel Kloster 2)

 

Am frühesten nachweisbar sind feudale Rechtsformen in Urkunden Kataloniens, was etwas damit zu tun hat, dass es karolingisch-fränkischer Einflussbereich war, aber auch, dass Barcelona frühe Stufen hin zu einem Kapitalismus entwickelt, wenig nach Amalfi oder Lucca oder Mailand. Dabei entstehen zwei Parallelgesellschaften: Eine städtische aus Kapital und gewerblicher Lohnarbeit, und eine vor allem ländliche mit verhältnismäßig abhängigen Bauern und darüber einem Adel, den die katalanischen usatges, ein Text von 1068 (in einem Dokument von hundert Jahren später erhalten), unter anderem auch zum Beispiel am Gebrauch von Weizenbrot definieren (Manzano, S.375). Über ihnen stehen die vasvessores, denen der hohe Adel wiederum Burgen mit Mannschaften von fünf bis zehn Burgmannen überlässt. Solche hohen Barone verfügen über zehn und viel mehr Burgen, von denen es nach heutigen Schätzungen damals über 800 gegeben haben soll. Von solchen Burgen und ihren Herren, castlás, soll sich catalá abgeleitet haben, Ursprung der Regionalbezeichnung catalunya (Manzano, S.373)

 

Im Verlauf des 11. Jahrhunderts gelingt es den Herren von Barcelona, die Barone, insbesondere auch solche, die sich den Grafentitel zugelegt hatten, unter ihre Hoheit zu bringen, was dazu führt, dass sie sich nun principes nennen, Fürsten also. Die wohl mächtigste Familie darunter, die Moncada, erleidet bei ihrem Aufstieg in die Nähe eines solchen Ranges dasselbe Schicksal, welches auch Familien im entstehenden Frankreich und den deutschen Landen widerfahren kann: Nachdem die Erbin des Adelshauses den Nachkommen des Seneschalls des Grafen von Barcelona heiratet, gelingt es dem Fürsten (Ramón Berenguer IV) nach fast zwei Jahrzehnten, den Erzbischof von Tarragona dazu zu bewegen, die Ehe zu anullieren. Der Seneschall steigert den Konflikt dabei bis dahin, der Stadt Barcelona ihre Wasserzufuhr zu kappen, aber es kommt dann zu einer Übereinkunft (convenientia), nach der er wenigstens die Hälfte des Moncada-Erbes behalten und sich dann bei den Eroberungen im südlichen Neu-Katalonien (Tortosa etc.) beteiligen darf. Seinem Sohn wiederum gelingt es, die Erbin der Vizegrafschaft des Béarn zu heiraten, wodurch das Adelshaus sich auf beiden Seiten der Pyrenäen ausdehnen kann, um sich dann nach und nach in immer mehr Linien zu verzweigen.

 

Aragón, welches dann auch ein allerdings relativ eigenständiges Katalonien in sein Königreich ein Stück weit inkorporiert, ist ebenfalls Burgenland. was zunächst  an der langen Frontlinie zu den islamischen Herrschaften liegt, und dann, als das obere Ebrotal eingenommen wird, an der Übernahme der Festungen der anderen Seite. Hier geht die Feudalisierung der Machtstrukturen stärker von der Reconquista aus, der Belehnung adeliger Familien mit neu eroberten Burgen und Ortschaften. Als 1095 beispielsweise Huesca erobert wird, erhält eine Familie Maza Besitzungen in der Stadt und dazu honores in Form von Burgen im Umland. Sie erwirbt sich dann im Laufe der Zeit erheblichen Reichtum, mit dem sie sich unter anderem Platz in der oszensischen Kathedrale als Grablege der Familie erwerben.

 

Ganz anders ist es vorläufig in Galizien, León und Kastilien, wo die Aristokratie sich stärker den Monarchen unterwerfen muss und an ihre umherreisenden Höfe gebunden wird. Hier ist keine Burgenlandschaft überliefert, von der sich bis heute Reste erhalten hätten. Der Adel reist selbst zwischen seinen befestigten Gutshöfen herum und baut sich dabei kein burgartiges Zentrum auf. Und südlich springen im Zuge der Reconquista die Ritterorden ein und befestigte neue und neubesiedelte Ortschaften. Entsprechend benennen sich dann Adelslinien weiter nicht nach einer zentralen Burg, sondern fügen dem eigenen Namen den eines Vorfahren hinzu, was dann Auswirkungen wie heute haben wird.

 

Feudale Strukturen in Katalonien und Aragon sind denen östlich davon verwandt: Mannschaft de boca e de mans, also mit osculum und Hände in Hände geben, Staffelung von Strafgeldern je nach Mitgliedschaft in einer feudalen Schicht und Gottesurteilen für Bauern und Rechtsentscheid durch Zweikampf unter Adeligen.

 

All dies entwickelt sich in Kastilien und León eher erst im 12. Jahrhundert, als ganze Gegenden und Städte als tenencias (verwandt mit den englischen tenancies und wohl auch mitteleuropäischen beneficiae) von den Königen an hohe Adelshäuser wie die Lara verliehen werden, deren erste tenencia eben Lara in der Region Burgos ist. Später kommen für sie solche in den Gebieten von Toledo, Ávila, Baeza und anderswo dazu.

Unter ihnen bestehen die niedrigen Infanzonen weiter, die sich wohl langsam in die fijos de algo, Söhne von etwas (Besitz) verwandeln und später Hidalgos heißen, und denen dann Cervantes einen so schönen wie geistreichen Abgesang bereiten wird. Zur kastilisch-leonesischen Besonderheit entwickelt sich die Verfügung mehrerer divisores an einer gemeinsamen behetría, die die gemeinsame Verfügung über ein Dorf bedeuten kann, und die jeweils unterschiedliche Vertragsgrundlagen hat.

 

Alles Land teilt sich in großen Teilen Spaniens immer strenger in drei Kategorien, den königlichen Besitz des realengo, den klösterlichen und bischöflichen des abadengo und den übrigen der solariegos (der zukünftigen solares). Alle können in encomienda gegeben werden, die geistlichen und klösterlichen vor allem, um weltliche Herren als Verbündete zu gewinnen. Auf allen zahlen Bauern Abgaben (vor allem die infurciones) und auf den meisten leisten sie zunächst und bis ins hohe Mittelalter zumindest Dienste (corveas, die französischen corvées). Letztere können auf einen Tag in der Woche fallen und betragen manchmal zumindest um die 24 Tage im Jahr. Dazu kommt das Recht des Rückfalls an den Herrn, wenn der Bauer keinen Erben hat (manería), die Abgabe zur Genehmigung einer Heirat (ossas), manche andere Abgaben zudem, und spezielle Strafen bei feudal definierten Vergehen aller Arten. Wie in anderen lateinischen Ländern kommen Bannrechte an Mühlen, Backöfen und Schmieden zum Beispiel dazu. Und in allen ihren grundherrlichen Angelegenheiten sind die Grundherren wie in den Bannherschaften anderer Länder immun.

 

Rebellionen gegen die Grundherren wie die Äbte von Sahagún können sich über Jahrzehnte hinziehen, wobei manchmal auch Handwerker und Händler wie dort sich mit den Landleuten verbünden. Dort wird erst 1255 mit einem königlichen fuero (lokal- oder regionalspezifische Rechtsordnung) dem Einhalt geboten.

Teils über heftigen Druck gelingt es im 12. Jahrhundert örtlich oder regional in solchen fueros mehr Rechte für Bauern und Bürger durchzusetzen, wie die Abschaffung der Arbeitsdienste und spezifisch feudaler Abgaben wie bei Erbe, Heirat etc., den freien Besitz an Haus und Grund und ähnliches. Soweit ist Verwandtschaft auch mit Entwicklungen in deutschen Landen erkennbar.

 

Die Vorstellung von einem Gebiet, Territorium, welches nicht mehr nur an eine fürstliche Familie gebunden ist, sondern von einem Herrschertum, welches an das Gebiet gebunden wird, setzt sich langsam durch, was sich wie in deutschen Landen in neuen volkssprachlichen Begriffe und Vorstellungen von Grenze niederschlägt: Zu den limites kommen so die fronteras im 11. Jahrhundert in Texten aus Aragón und später im großkastilischen Raum. Damit verbunden ist das Ende der Erbteilungen, welches zunächst im zukünftigen Katalonien einsetzt. Reiche (reinos) bekommen definitivere Territorien, die sich natürlich durch Krieg und Heirat verändern lassen.

1158 findet zum letzten Mal eine Erbteilung zwischen Kastilien, León und Galizien statt, wobei die ersten noch weitere 70 Jahre getrennt bleiben, Der hohe Adel wie die Lara und die Castro nutzt das, um zwischen beiden Monarchien und ihren feindlichen Brüdern bzw. Vettern hin und her zu pendeln, um ihre eigenen Interessen dabei zu verfolgen.

 

Bis zum Antsantritt des minderjährigen Alfonso VIII von Kastlien nutzt Navarra die Schwäche dieses Reiches, um sich im Bündnis mit León nach Biszcaya, Álava und Guipúzcoa auszudehnen, was dann 1169 mit der Volljährigkeit des kastilischen Herrschers (mit 15 Jahren) durch dessen Bündnisse mit Aragón wieder etwas zurückgenommen wird und 1179 in einem dauerhafteren Grenzabkommen endet.

 

Eine solche Veränderung als Expansion wird nach der Eroberung Südkataloniens durch Aragón/Barcelona in dieser Richtung gebremst, während sie unter Alfonso II nach Nordosten nun ins Béarn und sogar in die Provence und 1172 ins Roussillon  stattfindet, unter den misstrauischen Augen der Grafen von Toulouse.  Nachfolger Pedro II macht sich dann 1204 sogar nach Rom auf, um sich die Krone als Vasall vom Papst aufsetzen zu lassen. Bekanntlich wird dieser unaufhaltsame Aufstieg von Aragón fast hundert Jahre später noch zur Erringung der sizilischen Krone führen.

 

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts bemächtigen die Almohaden sich Marrakeschs. Derweil zahlt Alfonso VII von Kastilien mehr als 20 000 Dinare an Genua und erhält dafür 1147 Unterstützung von deren Flotte bei dem Husarenstreich der Einnahme von Almería, aber nach der Plünderung der enormen Reichtümer der Stadt muss es zehn Jahre später bereits wieder geräumt werden. Ebenfalls 1147 gelingt Alfonso I von Portugal mit tatkräftiger Unterstützung vorbeikommenden Militärs des zweiten Kreuzzuges Lissabon einzunehmen. In den beiden folgenden Jahren erobert Ramón Berenguer IV von Aragon/Barcelona erst Tortosa und dann Lérida.

Auch noch 1147 setzt der Almohadenkalif Al-Mumin zum ersten Mal zu einem Erkundungszug nach Spanien über. In den folgenden Jahrzehnten sickern Vertreter der Almohaden im heutigen Andalusien ein. Unter Al-Mumins Sohn Yakub ibn Yusuf wird Sevilla zu einem wichtigen Hauptort, von dem noch der Torre de Oro und die Giralda übrig geblieben sind. Von dort richtet er seine Angriffe gegen das im Süden expandierende Portugal.

 

Es gibt auch weiterhin keine konzertierte Reconquista, sondern neben ihr die Kämpfe der Königreiche und in ihnen hoher Adelshäuser gegeneinander, wobei weiterhin Bündnisse mit einzelnen islamischen Herrschern in El-Andaluz eingegangen werden. So verbündet sich der kastilische König mit den Almohaden gegen den gemeinsamen Feind Portugal. Noch 1196 zum Beispiel verbündet sich der König von León mit almohadischen Truppen zu einem gemeinsamen Angriff auf kastilisches Gebiet. Der kastilische König wiederum kämpft mit der Hilfe muslimischer Truppen gegen Navarra

Mit der später vom Papst wegen Verwandtschaft anullierten Heirat der Tochter des kastilischen Königs Alfonso VIII mit dem Leoneser Herrscher beginnt die erneute Annäherung beider Reiche, die sich unter den Söhnen der beiden fortsetzen wird.

1212 kann Alfonso VIII in der Sierra Morena kastilische und leonesische Truppen mit von ihren Königen geführten Heeren aus Navarra und Aragón und Rittern von östlich der Pyrenäen vereinen, und ein großes almohadisches Heer bei Navas de Tolosa schlagen und dabei den Kalifen persönlich in die Flucht schlagen, der ein Jahr später ermordet wird. Als dann gut ein Jahrzehnt später dessen Nachfolger ebenfalls und kinderlos ermordet wird, ist die Almohadendynastie am Ende und Al-Andaluz als Ganzes führerlos.

 

Zwei Jahre nach Navas de Tolosa stirbt dieser Alfonso, und seine Tochter Berenguela wird kurz darauf zur Alleinerbin des Thrones, leistet Verzicht und erklärt ihren Sohn mit dem König von León zum Nachfolger, der dann die beiden Königreiche für alle Zukunft in einer Hand vereinen wird.

Im Zuge des ersten sogenannten Albigenserkrieges nach 1208 unterliegt Pedro II von Aragon in der Schlacht von Muret auf Seiten der "Häretiker" und verliert mit allen transpyrenäischen Gebieten auch sein Leben.

 

Das Ende der großen Reconquista und der Aufstieg der spanischen Königreiche

 

León gelingt kurz vor der Vereinigung mit Kastilien mit Cáceres, Mérida und Badajoz (1227-30) ein weiterer Vorstoß tief in islamisches Gebiet. Kastilien gelingt mit der von Berenguela eingefädelten Heirat ihres Sohnes Fernando mit einer Kusine des Staufers Friedrich II ein ähnliches Ausgreifen über die Halbinsel hinaus wie Aragón. Dort steht der minderjährige Jaime I nach Muret unter der Vorherrschaft des Templerordens, aus der er sich erst mühsam befreien muss.

Ähnlich wie norditalienische Stadtstaaten setzt Jaime Kapitalinteresse gegen feudalaristokratisches durch, das heißt vor allem die Interessen barcelonesischer Handelsherren. Im Hafen von Barcelona dürfen, soweit vorhanden, nur noch aragonesische Schiffe Waren entladen. Und der Handelsflotte darf (muslimische) Piraterie nicht mehr so gefährlich werden wie bislang. Darum werden die Wünsche des Hochadels nach Expansion in Richtung Süden, nach Valencia abgeschmettert, und das Augenmerk wird auf die Piratennester der Balearen, ebenfalls vor der Haustür, gerichtet. 1229 wird Mallorca erobert, und 1235 Ibiza und Formentera. Menorca wird bis 1287 tributpflichtig und dann ebenfalls ins Königreich integriert. 

 

1224 beschließt eine Versammliung von kastilischem Hochadel, den Orden von Calatrava und Santiago und hohen Prälaten unter Vorsitz des Königs in Carrión einen großen Vorstoß nach Süden, der allerdings dann erst nach der Vereinigung an Fahrt gewinnt. Dann werden Trujillo und Úbeda bis 1233 eingenommen, 1236 fällt Córdoba. Nun zögert auch Jaime I nicht länger und 1238 erobert sein Heer Valencia. 1243 unterwerfen sich die Herren von Murcia und 1248 fällt Sevilla in kastilische Hand. Der König erhält vom Papst sogar eine Sondergenehmigung, dafür Teile der kirchlichen Einkünfte einzuziehen.

Am Beispiel von Sevilla lässt sich deutlich erkennen, dass inzwischen der im Norden situierte Adel sich die Löwenanteile der Eroberungen aneignen darf. 1253 erklärt eine Teilungsverordnung die Aufteilung der Stadt auf den Infanten, seinen Onkel, seine Brüder, den Hochadel (sus ricos omes), seine (Ritter)Orden, seine Hidalgos und alle, die mithalfen, die sehr edle Stadt Sevilla einzunehmen (in: Manzano, S.821)

 

Um 1250 wird Spanien von zwei Großmächten, Kastilien und Aragón, dominiert, neben denen Portugal aufsteigt, und daneben verlieren Navarra und das islamische Nazaridenreich von Granada an Bedeutung. Heiratsverbindungen der Königshäuser von Kastilien und Aragón mit den französischen und staufischen Dynastien sind nun möglich. Jaimes I Sohn Pedro heiratet Konstanze, die Tochter von Manfred von Sizilien, die bald weitreichendste Verbindung, was sofort den Papst und den französischen neunten Ludwig auf den Plan ruft, die jeweils eigene Pläne dabei haben. 1256 bewirbt sich dann Alfonso X, der "weise König", um die Kaiserkrone im fecho del imperio. 1260 scheitert sogar der Versuch eines "Kreuzzuges" gegen die Almohaden in Marokko.

 

1282 greift dann Aragón tatsächlich über die Halbinsel aus, als Pedro III die sogenannte sizilische Vesper gegen das harte Regiment des französischen Herrschers dafür nutzt, dort die Macht zu ergreifen. Da das ohne Befragung des aragonesischen Adels geschehen war, der sowieso empört war, als in Valencia nicht die aragonesischen Gesetze (fueros) eingeführt wurden und die Zahl der Katalanen ("Fremder"also) in hohen Ämtern stieg, vereinigt sich der höhere Adel Aragóns in der Union aragonesa gegen den König. Im Hoftag (cortes) von Zaragoza muss der König nachgeben, und dann wenige Monate später auch in den cortes von Barcelona, an denen dann auch Bürger, ciutatans, und homens de vila, also der Landbevölkerung teinehmen.  Erklärtes Ziel dieser Vorläufer von Ständeversammlungen ist es, del bon estament y reformació de la terra zu verhandeln (Manzano, S.448).

Insbesondere in Katalonien setzen die cortes dann die jährliche Versammlung durch und die Bindung der königlichen Gesetzgebung an ihre Zustimmung. Ähnlichkeit mit Entwicklungen im englischen Königreich sind unübersehbar. Da der Papst sich gegen Aragón stellt, sieht sich der französische König Philippe III ("der Schöne") ermuntert, dort in einem päpstlich legitimierten "Kreuzzug" einzumarschieren. Er kommt aber 1285 nur bis Gerona, trifft auf den massiven Widerstand der Bevölkerung und stirbt beim Rückzug in Perpignan.

König Jaime II sieht sich 1295 aber gezwungen, die sizilische Krone an seinen Bruder abzugeben, was eine Teilung des Königreiches bedeutet, aber dafür Korsika und Sardinien als Einflusssphäre zugesprochen zu bekommen. 1323 gelingt es dann tatsächlich, Sardinien als Zwischenstation für den Getraidehandel zwischen Sizilien und Barcelona einzunehmen.

 

Der kastilische Alfonso X ("de la Cerda") war mit einer französischen Prinzessin verheiratet und hatte in seinen Partidas (auch) eine Erbfolgeregelung zugunsten der Primogenitur erlassen, die zu einem Streit zwischen den infantes de la cerda, den Kindern des ebenfalls inzwischen verstorbenen Erstgeborenen und einem dadurch nicht erbberechtigen Enkel Sancho führt, den der Hochadel der Lara, Haro und anderen für seine Interessen bürgerkriegsartig nutzt.

Unter solchen Umständen beruft Sancho einen cortes in Valladolid ein, der die Absetzung von Alfonso X beschließen soll, die aber erfolglos bleibt. Aber nun sind solche Hoftage als Ständeversammlungen auch in Kastilien/León eingeführt. 

In die 'Siete Partidas' eingefügt ist in der zweiten (unter I, 8) der Anspruch des Königs darauf, dem Kaiser zumindest ebenbürtig und eigentlich überlegen zu sein: que todos aquellos poderes que de suso diximos, que los Emperadores han, e edeven aver en las gentes de su Imperio, que essos mismos han los Reyes en la de sus Reynos, e mayores. (in: Manzano, S.826). Dies belegt er sofort damit, dass das Königtum erblich sei, während die Kaiser ihre Krone nur durch Wahl erhalten können.

 

Während sich so in Kastilien monarchisches Selbstbewusstsein zeigt, beschreibt Jerónimo de Zurita in seinen Kronannalen für Aragon, wie sich die Cortes dort sogar gegen den Einfluss von Legisten und des von ihnen vertretenen römischen Rechtes wehren: El rey juzga conforme a fuero, y quiere que haya legistas, aunque se quejan en Aragón de que los hay. Que a donde quierá que habia fuero establecido de Aragón juzgaba por él y no por leyes ni decretos; y a donde no se extendía ni bastaba el fuero se determinaba por igualdad y razón natural; y que así lo ordenaba el fuero. Cuanto a lo que se querellaban que tenía en su consejo legistas, decía que no tenían de qué agraviarse por esto, pues no juzgaban sino por fuero. (modernisiertes Castellano in: Manzano, S.827). Der König behauptet, da nicht überall das tradierte Recht existiere, brauche er für solche Gegenden Kenner des römischen Rechtes. Die Cortes aber wissen, dass das ein Schleichweg hin zu mehr königlicher Gesetzgebung ist.

 

Der erhebliche Erfolg der Reconquista im 13. Jahrhundert liegt nicht an der Schlacht von Navas de Tolosa, da sie danach erst einmal für eine Weile zu einem gewissen Stillstand kommt,  und auch nicht einfach am Ende der Almohaden-Dynastie, wie das Naziridenreich von Granada beweist, welches bis 1492 alleine überlebt. Es liegt vielmehr primär am Aufstieg des Kapitalismus in den christlichen Reichen, aus dem ihre militärische Überlegenheit hervorgeht.

 

Gründer der Naziriden-Dynastie ist ein Mohammed ibn Nasr, der seine Abstammung auf einen Gefährten des Propheten zurückführt. 1232 wird er als Herrscher über Jaén (Arjona) anerkannt, 1237 marschiert er in Granada ein und kurz darauf in Málaga. Er beeilt sich, als Vasall vom kastilischen König angenommen zu werden, dem er Tribut zahlt und später Truppen für dessen Eroberung von Sevilla liefert.

Danach operieren Mohammed und dann sein Sohn Mohammed II mit wechselnden Bündnissen, mal mit Kastilien und mal mit den Meriniden, den Nachfolgern der Almohaden in Nordafrika. Kriege und Friedensschlüsse wechseln sich ab, bis beim Tod des zweiten Herrschers das Reich von Granada konsolidiert ist und einigermaßen stabile Grenzen bekommt.

 

Durch Quellen wird kaum deutlich, was mit den Bevölkerungen von Stadt und Land in den durch die Reconquista neu gewonnenen Gebieten geschieht. Zu vermuten ist, dass die neuen Eroberer wie die alten der Conquista kein Interesse an Vertreibung haben, da sie nur mit der existierenden Bevölkerung die von diesen erarbeiteten Reichtümer abschöpfen kann.

Von Toledo weiß man etwas mehr: Nach der Übergabe der Stadt an die königlichen Truppen wird zunächst das Versprechen der Erhaltung des arabisierten muslimischen Lebens eingehalten, um dann als erstes mit der Umwidmung der großen Mesquita in eine christliche Kirche und bald danach dem Abriss und einem Neubau gebrochen zu werden. Die mozarabische Kirche verschwindet nach und nach, ein aus Westfranzien stammender Bischof wird eingesetzt. Dann beginnt die Aussiedlung der Muslime aus dem Stadtbering in Vorstädte, um die Gefahr von Aufständen zu begrenzen. Wer bleiben will konvertiert zum Christentum.

 

1264 kommt es zu einem größeren Aufstand im Süden, und danach zu ersten kleineren Vertreibungen. Die Wanderung aus dichtbesiedelten Gebieten von Aragón und Katalonien insbesondere nimmt zu. 1267 sollen in Murcia bereits 1600 Christen eingezogen sein, die die Häuser innerhalb der ummauerten Stadt übernehmen. (Manzano, S.486)

 

Nach dem Schwinden des Visigotischen einer Minderheit geht die Korruption des Lateinischen als Volkssprache ins Romanische (romance) weiter, so wie die des Koran-Arabischen, das man noch um 1200 (vergeblich) zu erhalten sucht. Um diese Zeit beginnen geistliche Autoren ihre Texte in der Volkssprache zu schreiben, und schon früher gibt es katalanische amtliche Dokumente in catalán, das sich inzwischen deutlicher vom Okzitanischen jenseits der Pyrenäen abhebt. Anfang des 13. Jahrhunderts schreibt der Liedermacher Gonzalo de Berceo: Quiero fer una prosa-  en romanz paladino / en el qual suele el pueblo - fablar con so vezino, / ca non só tan letrado - per fer otro latino (...) Etwa in derselben Zeit schreibt der Mallorquiner Ramón Lull gelehrte Texte im mallorquinischen Dialekt des Katalanischen.

 

Spanisches Spätmittelalter

 

Nach dem Tod von Alfonso X. ("dem Weisen") von Kastilien muss sein Sohn und Erbe Sancho IV. von der Unterstützung der Adelsopposition gegen den Vater auf königliche Machterhaltung umschalten, was ihm nicht gut bekommt. Als er 1295 stirbt, ist sein Sohn Fernando minderjährig und es beginnt eine erste Regentschaft seiner Mutter María de Molina, für deren vormalige Ehe kein päpstlicher Dispens wegen zu enger Verwandtschaft eingeholt worden war. Sofort beginnen sich für legitimer haltende Kronprätendenten mit Krieg, den María mithilfe einer weiteren Adelsfraktion und den concejos, Räten insbeondere großer Städte, gewinnen kann.

 

Die Adelsopposition, die am Ende die kastilische Herrscherdynastie zu Fall bringen wird,  zieht im Vergleich zu den Erträgen aus Kapital aus ihrem verstreuten Großgrundbesitz immer weniger Gewinn und geht zu Formen von Raubrittertum über, oft veritablem Banditentum in großem Maßstab.

Zudem schöpft die Krone immer mehr des Reichtums selbst ab, von dem der Hochadel mehr selbst abbekommen möchte.

 

María de Molina gelingt es schließlich auch, einen der Prätendenten, Alfonso de la Cerda, mit 400 000 Maravedíes abzufinden und so ihrem Sohn Fernando IV den Thronantritt zu ermöglichen. Der muss sich in den Cortes die Klagen über das allgemeine und von der Hocharistokratie geförderte Banditentum anhören, ohne viel unternehmen zu können.

Er stirbt aber 1312 sehr jung und María muss sich erneut als Regentin durchsetzen. Einer der hocharistokratischen Banditen, der auch schon mal wie andere Dörfer überfällt und ausraubt, ist Juan Manuel, der sich rühmt, auf einer Reise von Navarra nach Granada jede Nacht auf einem eigenen Gutshof oder einer eigenen Burg übernachten zu können. Er versucht vergeblich, die Vormundschaft über den minderjährigen Alfonso XI an sich zu reißen, der erst 1325 seine Herrschaft antreten kann.

Gegen das Banditentum bilden die Concejos miteinander Bruderschaften, die 1315 in eine Hermandad General münden, die anlässlich der Cortes in Burgos gegen die Übeltaten (malfetríes) der Herren geschlossen wird. In den nächsten Jahrzehnten gelingt es den kastilischen Königen dann aber, sowohl die Selbstverwaltung wie die Vereinigungen der Städte wieder abzubauen.

 

Ein weiteres Mittel gegen das Marodieren des Hochadels wird die Ablenkung der Gewalttätigkeit gegen Granada. 1344  gelingt die Einnahme von Algeciras, während die Belagerung von Gibraltar dann auf die Pest trifft, die auch den König 1350 hinwegrafft.

 

Die Ausdehnung Kastilien/Leóns stößt an die Grenzen von Granada und Aragón und zu Kriegen mit beiden. 1304 kommt es zu einer Einigung, die Aragón unter anderem Elche und Alicante zuspricht, immer wieder zu neuen Konflikten führt, die in einem großen und verheerenden Krieg von 1356-65 kulminieren. 1375 einigen sich beide Seiten darauf, dass die eine Murcia und die andere Valencia behält. Besiegelt wird das durch die historisch bedeutsame Heirat des kastilischen Thronerben Juan  mit Leonor, der Tochter von Pedro IV.

 

Das Königreich Aragón besteht zunächst in der Personalunion des eigentlichen Königreiches Aragón, der Grafschaft Barcelona (Katalonien, wie es inzwischen heißt) und des Königreiches Valencia. Jedes Gebiet behält seine eigenen Gesetze, seine eigene Münze und seine eigene Verwaltung. Die herrschende Familie wiederum teilt sich in Aragón, Sizilien und Mallorca, alle drei Königreiche, die öfter mal in Konflikte geraten, aber vor allem aus wirtschaftlichen Gründen zusammenhalten.

Für die Handelswege ist Sardinien wichtig, welches Jaime II von Aragón 1323 zu erobern versucht, was unmittelbar zum Krieg mit Genua führt, welches wiederum mit Kastilien verbündet ist. 1343 gelingt es Pedro IV ("El Ceremonioso"), Mallorca zu erobern und unter seinem Zweig der Familie zu vereinigen, und dasselbe gelingt ihm dann in den 1380er Jahren noch einmal mit Sizilien.

 

Der durch die erste Pestwelle hervorgerufenen Krise geht in Katalonien lo mal any premier von 1333 mit einer katastrophalen Getreideernte voraus und zahlreichen Hungertoten in Barcelona. Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts geht die Bevölkerung wie auch in anderen Teilen Europas auf etwa zwei Drittel des Standes von 1300 zurück, und erreicht um 1500 etwa die Hälfte.

 

Der Thron von Navarra fällt 1234 an Theobald I von der Champagne und 1253 an seinen Nachfolger, Theobald II. Der navarresische Hochadel setzt aber durch, dass das Fuero General de Navarra bleibt ebenso wie die eigene Münze und der Einfluss der zwölf ricoshombres auf die Politik. Die Front des Hochadels versucht die Herrscherfamilie durch Einheiraten zu durchbrechen.

 

Karl von Anjou und seine Stiefmutter Maria von Brabant formulieren immer deutlicher den französischen Anspruch auf die Kontrolle des westlichen Mittelmeers, die sich vor allem gegen Aragón richtet, gegen das Navarra in Stellung gebracht werden soll.

1274 bleibt die zweijährige Juana als Thronerbin von Navarra und Champagne übrig. Die Mutter setzt die Heirat mit Philippe (III), dem französischen Thronerben durch. Der bricht den Widerstand der Navarresen gegen die Eigenständigkeit des Landes 1276 in einem brutalen Eroberungskrieg.

 

1314-16 geht die Herrschaft an den Sohn Juanas, König Louis X von Frankreich, über. Nach dessen Tod erbt wiederum eine Juana (II) Navarra, die nach salisch-französischem Recht auf die Krone Frankreichs verzichten und sich mit ihrem Gemahl Philippe d'Évreux mit dem spanischen Königtum begnügen muss. Dafür fällt nun die Champagne an den französischen König, aber das Haus Navarra behält französische Regionen wie Angoulême. Während ihrer häufigen Abwesenheit regiert ihr Seneschall in Navarra.

 

Auf Juana und Philippe folgt Sohn Carlos II ("El Malo"), der mit der ersten Pestwelle konfrontiert wird, die teils ein Drittel, teils wie in Estella mehr als die Hälfte der Menschen tötet. Während die Partizipation der 12 "reichen Männer" an der Regierung verfällt, zentralisiert der König die Verwaltung  insbesondere der Finanzen. Mit den zunehmenden Abgaben der Bevölkerung steigt auch hier die Bedeutung der Cortes, die sie zu bewilligen haben.

Sein Versuch, die ursprünglichen französischen Territorien wie die Champagne militärisch zurückzugewinnen, macht sich den Hundertjährigen Krieg zunutze. Mitten im Aufstand von Étienne Marcel hat er in Paris 1357 einen triumphalen Auftritt, um sich dann wenig später an der Niederschlagung der Jacquerie zu beteiligen. Es geht aber immer um die Schwächung des neuen französischen Königshauses.

Mit dem Sieg Enriques von Trastámara in Kastilien scheitern die Versuche, sich dorthin auszudehnen (nach Vitoria zum Beispiel) und werden mit der Heirat des Thronerben mit einer Tochter von Enrique beendet. Derweil hat das Haus Navarra fast alle französischen Besitzungen verloren. 1419 werden die Beziehungen von Kastilien zu Navarra durch die Heirat von Blanca, der Tochter von Carlos III ("El Noble") und Blanca von Kastilien, mit einem Urenkel von Enrique II weiter vertieft, der zu dem Haus Aragón gehört. Damit gewinnt die Familie der Tratámara bereits eine gewisse Vorherrschaft in Spanien.

 

Davon ausgenommen bleibt neben Portugal das islamische Reich von Granada, eher klein, aber dicht bevölkert und reich. Besonders gute Handelsbeziehungen gibt es nach Nordafrika, von wo Getreide importiert wird, und nach Genua, welches dort unter anderem Seide, Zucker und Rosinen einkauft. Die militärischen und die Luxusbedürfnisse des Emirs und der Oberschicht (Alhambra etc.) erzwingen immer höhere Abgaben, wobei manche wie die beim Erbfall längst an solche der christlichen Reiche erinnern.

 

 

 

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Was die vielleicht manches erhellende Frage angeht, warum der Kapitalismus im christlichen und nicht im islamischen Raum seine Wurzeln hat, so sind zunächst wohl ein paar Hinweise auf "religiöse" Unterschiede vonnöten, da beide Religionen in der heutigen westlichen Welt (die inzwischen dort lebenden Muslime zum Teil einmal ausgeschlossen) fast völlig unbekannt sind.

 

Das erstaunliche Talent sowohl von Arabern wie auch später den "Türken" (Seldschuken etc.), sich Teile des Erbes der abendländischen Antike anzueignen, und dies im frühen Mittelalter zunächst wesentlich erfolgreicher als das christliche Abendland, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Islam selbst, als in Koran und wenigen anderen heiligen Schriften festgelegte Glaubenslehre, von diesem Einfluss unmittelbar völlig ausgeschlossen bleibt. Der starke Einfluss der griechischen Philosophie und ihrer römischen Ableger auf das entstehende Christentum findet im religiösen Islam keine Entsprechung. Die Höhenflüge und das intellektuelle Niveau von frühmittelalterlicher Philosophie im Raum des Islam kann also nicht von diesem selbst zehren, sondern eher von der unmittelbaren Rezeption abendländischer Antike (Aristoteles & Co.)

 

Damit schafft die islamische Welt keine Schritte der Säkularisierung, die auf intellektuelle Bewegung zurückgehen, sondern nur jene Ermattungszustände religiösen Eifers, die auch das Christentum kennt, die allerdings beim Christentum auch auf die intellektuelle Überforderung des "Volkes" durch die für die meisten letztlich unverständliche Glaubenslehre und auf die sittliche Überforderung in Theorie und Praxis zurückzuführen wäre.

 

Des weiteren (in groben Zügen) gelingt der islamischen Welt keine Staatenbildung, die mit "völkischer" Ideologie Nationen erfindet, die Räume für die weitere Entwicklung des Kapitalismus böten. Die Herrschaften von Damaskus, Bagdad, des Iran, Nordafrikas und der iberischen Halbinsel wie dann auch das osmanische Reich kennen zwar ethnisch geprägte Gefolgschaftsverhältnisse, sind und bleiben aber tendenziell alle Vielvölkerreiche - die Nationenbildung im islamischen Raum beginnt im wesentlichen im zwanzigsten Jahrhundert als Spätfolge des Kolonialismus und im Gefolge des ersten Weltkriegs.

 

Die Machthaber dieser frühen islamischen Welt kommen entweder aus kriegerisch-nomadischen Kulturen nordafrikanischer Wüstenregionen und Steppen, aus den Oasen der arabischen Wüste oder den Steppen Zentralasiens. Die staatsbildende antike Zivilisation lernen sie erst kennen, als sie in den Händen germanischer Übergangsreiche zerfällt. Nur die Osmanen bekommen mit der unmittelbaren Übernahme Ostroms (Byzanz) ein zwar nun heruntergewirtschaftetes, aber an sich nicht völlig unbrauchbares Modell für modernere Staatenbildung, dem allerdings ihr fehlender Modernisierungsdrang entgegenstand. Mit Kemal Pascha wird dann allerdings ein rassistisch-völkisch geprägter autoritärer Staat nach westlichem Vorbild erfunden werden, der darauf wiederum Modellcharakter für Nationalsozialisten bekommt, neben dem Vorbildcharakter des Bolschewismus für diese "Bewegung".

 

Aus den Strukturen und der inneren Motorik der neuen romanisch-germanischen Mischkulturen mit ihren christlichen Besonderheiten bzw. der besonderen angelsächsisch-normannischen wird sich der Weg in den großen neuzeitlichen Wandler der Welt, den Kapitalismus entwickeln. Dies wird weder im byzantinischen Reich noch in dem von Cordoba oder Bagdad geschehen. Insoweit ist die Moderne, in der wir leben, das Ergebnis der Abwehr des Islams und seines Fernhaltens aus dem größten Teil des Abendlandes sowie des Untergangs von Byzanz.

 

Technisch, an Gelehrsamkeit und in den Künsten war diese islamische Welt zur Zeit der Karolinger den entsprechenden Phänomenen im Frankenreich ganz deutlich und unübersehbar überlegen. Aber die weitere Entwicklung abendländischer Vorstellungswelten, die enorme wirtschaftliche Motorik und die Wertewelten, die bis in die europäische Gegenwart geführt haben, wären so nicht zustandegekommen, wenn dem Islam damals Europa zugefallen wäre.

 

Spanisches Spätmittelalter

 

Nach dem Tod von Alfonso X. ("dem Weisen") von Kastilien muss sein Sohn und Erbe Sancho IV. von der Unterstützung der Adelsopposition gegen den Vater auf königliche Machterhaltung umschalten, was ihm nicht gut bekommt. Als er 1295 stirbt, ist sein Sohn Fernando minderjährig und es beginnt eine erste Regentschaft seiner Mutter María de Molina, für deren vormalige Ehe kein päpstlicher Dispens wegen zu enger Verwandtschaft eingeholt worden war. Sofort beginnen sich für legitimer haltende Kronprätendenten mit Krieg, den María mithilfe einer weiteren Adelsfraktion und den concejos, Räten insbeondere großer Städte, gewinnen kann.

 

Die Adelsopposition, die am Ende die kastilische Herrscherdynastie zu Fall bringen wird,  zieht im Vergleich zu den Erträgen aus Kapital aus ihrem verstreuten Großgrundbesitz immer weniger Gewinn und geht zu Formen von Raubrittertum über, oft veritablem Banditentum in großem Maßstab.

Zudem schöpft die Krone immer mehr des Reichtums selbst ab, von dem der Hochadel mehr selbst abbekommen möchte.

 

María de Molina gelingt es schließlich auch, einen der Prätendenten, Alfonso de la Cerda, mit 400 000 Maravedíes abzufinden und so ihrem Sohn Fernando IV den Thronantritt zu ermöglichen. Der muss sich in den Cortes die Klagen über das allgemeine und von der Hocharistokratie geförderte Banditentum anhören, ohne viel unternehmen zu können.

Er stirbt aber 1312 sehr jung und María muss sich erneut als Regentin durchsetzen. Einer der hocharistokratischen Banditen, der auch schon mal wie andere Dörfer überfällt und ausraubt, ist Juan Manuel, der sich rühmt, auf einer Reise von Navarra nach Granada jede Nacht auf einem eigenen Gutshof oder einer eigenen Burg übernachten zu können. Er versucht vergeblich, die Vormundschaft über den minderjährigen Alfonso XI an sich zu reißen, der erst 1325 seine Herrschaft antreten kann.

Gegen das Banditentum bilden die Concejos miteinander Bruderschaften, die 1315 in eine Hermandad General münden, die anlässlich der Cortes in Burgos gegen die Übeltaten (malfetríes) der Herren geschlossen wird. In den nächsten Jahrzehnten gelingt es den kastilischen Königen dann aber, sowohl die Selbstverwaltung wie die Vereinigungen der Städte wieder abzubauen.

 

Ein weiteres Mittel gegen das Marodieren des Hochadels wird die Ablenkung der Gewalttätigkeit gegen Granada. 1344  gelingt die Einnahme von Algeciras, während die Belagerung von Gibraltar dann auf die Pest trifft, die auch den König 1350 hinwegrafft.

 

Die Ausdehnung Kastiliens hat ihre Grenzen mit Portugal, Granada und Aragón. Letzteres kann 1304 unter anderem Elche und Alicante gewinnen, aber die Konflikte gehen weiter und kulminieren zwischen 1356 und 1365 in einem großen und verheerenden Krieg um Murcia und Gebiete südlich von Valencia, der 1375 in einem Vertrag bei jeweiligem Verzicht resultiert. Dieser wird mit der historisch weitreichenden Heirat des Thronerben von Kastilien (Juan) einer Tochter Pedros IV (Leonor) besiegelt.

 

Mit Pedro I (1350-1369) geht die lange Zeit der kastilischen Herrscherdynastie zu Ende. Das beginnt damit, dass er nach drei Tagen eigenmächtig die Ehe mit Blanca von Bourbon auflöst und erst in den Armen seiner Geliebten Maria de Padilla und dann denen von Juana de Castro landet. Das verschafft ihm die Feinschaft der französischen Krone und die Exkommunikation durch den Papst.

An die Spitze der Adelsrevolte tritt nun ein Bastardbruder des Königs aus der Verbindung von Alfonso XI und Leonor de Guzmán, den der Vater mit lokalen Herrschaften und dem Titel eines Grafen von Trastámara (etc.) versehen hatte. Pedro I lässt darauf diese Leonor hinrichten, was von Enrique de Trastámara mit der Ehe mit Juana Manuel beantwortet wird, der Tochter des rebellischen Hochadeligen und einst.

Schließlich tritt noch der Konflikt mit Aragón hinzu, dessen Adelsopposition Kastilien aufnimmt und vice versa. Die aufsteigende Seemacht Kastilien, verbündet mit Genua, verwickelt Aragón in einen der frühen Seekriege, belagert Barcelona vergeblich. Der Krieg wird zunehmend europäisiert, Enrique bekommt den Rückhalt der französischen Krone und der "Weißen Kompanien" des Söldnerführers Bertrand du Guesclin, während Pedro mit dem "Schwarzen Prinzen" Edward von Wales verbündet ist. Am Ende wird er vernichtend geschlagen und stirbt durch den Dolch seines Stiefbruders. 

 

Mit der Trastámara-Partei verbunden ist ein massiver Antijudaismus, der sich unter anderem gegen den jüdischen Schatzmeister Pedros richtet. Seit dem späten zwölften Jahrhundert hatte sich auch in Spanien Judenhass entwickelt, der sich in immer neuen Unterdrückungsmaßnahmen äußerte. Als Pedro 1351 sich gegenüber den Cortes von Valladolid weigert, Schulden bei den Juden zu streichen, beginnt antijüdische und antikönigliche Propaganda miteinander zu verschmelzen. Enriques Truppen sollen in Toledo auf einen Schlag 1200 Juden ermordet haben, und die Soldateska des du Guesclin soll an anderen Orten durch Massenmorde aufgefallen sein. Mit dem Amtsantritt Enriques de Trastámara beginnt dann das allgemeine Streichen jüdischer Schulden, welches als Einladung zu Pogromen verstanden wird.

 

Das Königreich Aragón besteht zunächst in der Personalunion des eigentlichen Königreiches Aragón, der Grafschaft Barcelona (Katalonien, wie es inzwischen heißt) und des Königreiches Valencia. Jedes Gebiet behält seine eigenen Gesetze, seine eigene Münze und seine eigene Verwaltung. Die herrschende Familie wiederum teilt sich in Aragón, Sizilien und Mallorca (mit den Balearen, Montpellier, dem Roussillon und der Cerdanya) , alle drei Königreiche, die öfter mal in Konflikte geraten, aber vor allem aus wirtschaftlichen Gründen zusammenhalten.

 

Die Handelswege zwischen den drei Königreichen zur See legen den Versuch nahe, 1323 Sardinien zu besetzen, wogegen Genua seine mit Kastilien verbündete Seemacht setzt. 1343 gelingt es Pedro IV ("El Ceremonioso"), gegen seinen Schwager Mallorca zu erobern und unter seiner Krone zu vereinigen. 1351-54 wird die Eroberung von Sardinien gegen den genuesischen Widerstand erreicht und 1387 gelingt es demselben Pedro durch geschickte Heiratspolitik auch Sizilien in das Reich seines Familienzweiges einzugliedern.

 

Der durch die erste Pestwelle hervorgerufenen Krise geht in Katalonien lo mal any premier von 1333 mit einer katastrophalen Getreideernte voraus und zahlreichen Hungertoten in Barcelona. Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts geht die Bevölkerung wie auch in anderen Teilen Europas auf etwa zwei Drittel des Standes von 1300 zurück, und erreicht um 1500 etwa die Hälfte. 

Wie in ganz Europa kommt es auch inganz  Spanien zu erheblichen Bevölkerungsverlusten durch Hungersnöte und die Pest. Für die Krone ist noch wichtiger die Auseinandersetzung mit der Adelsopposition, auch wenn die aragonesischen Könige sich von Kastilien durch eine von ihnen propagierte konsensuale Regierung zusammen mit den Kronvasallen absetzt. Aber es gibt ständig Anlass für Konflikte, die sich alle um die Konzentration der Macht in königlichen Händen drehen.

 

Als Pedro IV klar wird, dass es womöglich keinen männlichen Thronfolger gibt, setzt er Tochter Constanza als Nachfolgerin ein, was der aragonesische Hochadel zum Aufstand nutzt, da nach aragonesischem Recht Töchter nicht herrschen, sondern nur durch Heirat die Herrschaft weitergeben können. 1348 schlägt ein königstreuer Vertreter der de Luna-Familie den Aufstand in einer Entscheidungsschlacht nieder, nach der die Köpfe des Aufstandes hingerichtet werden.

Im Königreich Valencia bleibt der Adel königstreu, während die Unión von Valencia sich vor allem aus Städtern zusammensetzt. Im Frühjahr 1348 nehmen die Aufständischen den König in Valencia gefangen und demütigen ihn öffentlichen. Es rettet ihn dann der Ausbruch der Pest: Man will es nicht soweit kommen lassen, dass ihnen der König wegstirbt und sie lassen ihn darum ziehen.

 

Die vielen Kriege der aragonesischen Könige kosten viel Geld, und das muss zum guten Teil durch die Cortes bewilligt werden, was den Ständeversammlungen wie schon früher dem englischen Parlament Spielräume für Forderungen und Klagen gibt. Erst wenn der König darin nachgibt, kommt es zu finanziellem Entgegenkommen.

1359 gelingt es den Cortes von Barcelona, einen dauerhaften Ausschuss zu bilden, der die Ausgaben des Königs auf ihre genehmigten Bestimmungen kontrolliert, die Diputació del General de Catalunya. der zu gleichen Teilen insgesamt sechs Vertreter der drei Stände angehören. General(itat) ist die Summe der allgemeinen Abgaben auf Handel und Textilproduktion. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts werden unter König Marín (""El Humano") Generalitates auch in Valencia und dem eigentlichen Aragón etabliert.

 

Der Thron von Navarra fällt 1234 an Theobald I von der Champagne und 1253 an seinen Nachfolger, Theobald II. Der navarresische Hochadel setzt aber durch, dass das Fuero General de Navarra bleibt ebenso wie die eigene Münze und der Einfluss der zwölf ricoshombres auf die Politik. Die Front des Hochadels versucht die Herrscherfamilie durch Einheiraten zu durchbrechen.

1274 bleibt die zweijährige Juana als Thronerbin übrig. Die Mutter setzt die Heirat mit einem Nachkommen des französischen Königs Philippe III durch. Der bricht den Widerstand der Navarresen gegen die Eigenständigkeit des Landes 1276 in einem brutalen Eroberungskrieg. 1314-16 geht die Herrschaft an den Sohn Juanas, König Louis X von Frankreich, über.

Nach dessen Tod erbt wiederum eine Juana Navarra, die nach salisch-französischem Recht auf die Krone Frankreichs verzichten und sich mit ihrem Gemahl Philippe d'Évreux mit dem spanischen Königtum begnügen muss. Dafür fällt nun die Champagne an den französischen König, aber das Haus Navarra behält französische Regionen wie Angoulême. Während ihrer häufigen Abwesenheit regiert ihr Seneschall in Navarra.

 

Auf Juana und Philippe folgt Sohn Carlos II ("El Malo"), der mit der ersten Pestwelle konfrontiert wird, die teils ein Drittel, teils wie in Estella mehr als die Hälfte der Menschen tötet. Während die Partizipation der 12 "reichen Männer" an der Regierung verfällt, zentralisiert der König die Verwaltung  insbesondere der Finanzen. Mit den zunehmenden Abgaben der Bevölkerung steigt auch hier die Bedeutung der Cortes, die sie zu bewilligen haben.

Sein Versuch, die ursprünglichen französischen Territorien wie die Champagne militärisch zurückzugewinnen, macht sich den Hundertjährigen Krieg zunutze. Mitten im Aufstand von Étienne Marcel hat er in Paris 1357 einen triumphalen Auftritt, um sich dann wenig später an der Niederschlagung der Jacquerie zu beteiligen. Es geht aber immer um die Schwächung des neuen französischen Königshauses.

Mit dem Sieg Enriques von Trastámara in Kastilien scheitern die Versuche, sich dorthin auszudehnen (nach Vitoria zum Beispiel) und werden mit der Heirat des Thronerben mit einer Tochter von Enrique beendet. Derweil hat das Haus Navarra fast alle französischen Besitzungen verloren. 1419 werden die Beziehungen von Kastilien zu Navarra durch die Heirat von Blanca, der Tochter von Carlos III ("El Noble") und Blanca von Kastilien, mit einem Urenkel von Enrique II weiter vertieft, der zu dem Haus Aragón gehört. Damit gewinnt die Familie der Tratámara bereits eine gewisse Vorherrschaft in Spanien.

 

Davon ausgenommen bleibt neben Portugal das islamische Reich von Granada, eher klein, aber dicht bevölkert und reich. Besonders gute Handelsbeziehungen gibt es nach Nordafrika, von wo Getreide importiert wird, und nach Genua, welches dort unter anderem Seide, Zucker und Rosinen einkauft. Die militärischen und die Luxusbedürfnisse des Emirs und der Oberschicht (Alhambra etc.) erzwingen immer höhere Abgaben, wobei manche wie die beim Erbfall längst an solche der christlichen Reiche erinnern.

 

Der Weg in die Neuzeit

 

Wenn man überhaupt eine Epochalisierung haben will, dann beginnt die Neuzeit in Norditalien und Teilen Spaniens früher als anderswo. Auf der iberischen Halbinsel belegen das die Expansionstendenzen Portugals nach Westafrika und die Flotten Aragóns und Kastiliens.

Spanien wird inzwischen von der Trastámara-Familie dominiert, die in Kastilien(-León) den Weg in den modernen Staat weiter ebnet. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelingt es den dortigen Cortes noch, eine Anzahl Bestimmungen durchzusetzen, wie Preis- und Lohnregulierungen (1369), Luxusgesetze (1379) und eine Änderung der Zeitrechnung, die nun auch hier zu der ab "Christi Geburt" übergeht (1383).

Im 15. Jahrhundert wird dann deutlich, dass diese Ständevertretung der Gruppen der kleinen Oberschicht ausgespielt hat. Es wird deutlich, dass sie immer weniger den Interessen des geistlichen und weltlichen Hochadels entspricht, die sich eher bei Hofe artikulieren und im Concejo Real aufgehoben fühlen. Der aber hängt an den Favoriten des Königs, der dort zunehmend Juristen, aber auch Hochadel und bedeutende Erzbischöfe versammelt, anders als in der aragonesischen Generalität, die von den Cortes eingesetzt wird. Damit verschwinden im Laufe der Zeit die Adelsvertreter aus den Cortes, deren wesentliches Druckmittel die außerordentliche Steuerbewilligung ist, und die fiananziellen Lasten liegen dabei ohnehin auf Bürgertum und Bauernschaft. Zusammen mit der Entmachtung der städtischen Selbstverwaltung führt das zu einem Zentralstaat mit einer Art informellem Regierungskabinett, in dem königsfreundliche und zur weiteren königlichen Familie gehörende Hochadelige immer mehr neuartige Grafschaften (condados), Markgrafschaften (marquesados) und Herzogtümer (ducados) zugesprochen bekommen und sich so in die Macht teilen, soweit die nicht in geistlicher und klösterlicher Hand ist.

 

Neben der Hochjustiz und den königlichen Finanzen, das was Herrscher längst am meisten interessiert, wird der Alltag der Menschen nun von diesen hohen großgrundbesitzenden und hochprivilegierten Senores in ihren Senorios bestimmt, wogegen sich die Bewohner oft mit mehr oder weniger Erfolg zu wehren versuchen. Diese neuartigen Herrschaften versuchen zunehmend, intakt zu bleiben, indem sie senorío und Titel in einer Hand vererben, was aber erst 1505 als Gesetz fixiert wird.

Mit diesen neuartigen Herrschaften beginnt im 14. Jahrhundert in Kastilien der Burgenbau, der sich bis tief ins 15. Jahrhundert fortsetzt. Diese sind militärische Festung, Machtzentrum und zunehmend auch Residenz. Kastilische Burgen sind darum fast allesamt viel jünger als die meisten deutschen zum Beispiel.

 

Königliche Politik wird immer bewusster Heiratspolitik. 1384 heiratet Juan I zum Beispiel in zweiter Ehe die portugiesische Thronerbin Beatriz und erreicht so für kurze Zeit die Vereinigung beider Länder. Dagegen wendet sich allerdings der uneheliche Stiefbruder des verstorbenen portugiesischen Königs, Meister des Ritterordens von Avis, der mit dem Orden von Calatrava verbunden ist. Der Versuch, Portugal zu erobern, scheitert aber, und das nun sogenannte Haus Avis übernimmt für die nächsten zwei Jahrhunderte die Herrschaft und bindet ab 1434 den Orden an das Königshaus, wodurch es sich endgültig vom Calatrava-Orden löst. Mit seinen wirtschaftlichen Erfolgen und seinem Weg in Großmachtpolitik beginnt damit der Ausstieg dieses Landes aus einer gemeinsamen spanischen Geschichte.

 

Sohn Enrique (III) wird als Kind mit Catherine of Lancaster verlobt, Enkelin des einst entthronten Pedro I, womit die Trastámara sich endlich als legitime Erben des vorigen kastilischen Königshauses darstellen können. Enrique stirbt bald und der zukünftige Juan II ist allerdings minderjährig und sein Bruder Fernando übernimmt die Regentschaft, selbst verheiratet mit einer der reichsten Erbinnen Spaniens. Ihm gelingt 1410 die Eroberung Antequeras, ein Meilenstein in der Schwächung von Granada.

Als 1410 der zweite Sohn Pedros ("El Ceremonioso") von Aragón stirbt, tritt Fernando als Enkel mütterlicherseits des Ceremonioso neben vielen anderen Bewerbern an und wird nach Bildung eines Ausschusses der Mächtigen, der Concordia de Alcaniz, und deren Einrichtung eines Wahl-Komitees aus Mitgliedern von Aragón, Katalonien und Valecia zum König gewählt.

 

Damit werden nun Kastilien und Aragón von demselben Herrscherhaus regiert.  Der Trastámara Juan ist mit Blanca von Navarra verheiratet, die 1425 die Herrschaft erbt. 1441 stirbt sie und hinterlässt Juan das Königtum. Damit herrschen Trastámara in drei der Königreiche, wobei es aber immer einmal wieder zu Konflikten unter ihnen kommt.

 

Die Vorstellung von einem gemeinsamen Spanien scheint noch kaum zu existieren, und selbst zwischen Aragón und Katalonien gibt es unentwegt Reibereien und Eifersüchteleien. So beschließen beide hintereinander um 1461, dass die andere Volksgruppe im eigenen Land keine Regierungsämter einnehmen darf.

 

Die Entwicklung in Richtung königlicher Absolutismus hält in Kastilien an und kulminiert dann im Testament von Isabel "der Katholischen" in der Formulierung des poderío real absoluto. Im stärker von feudalen Rechtsvorstellungen geprägten Aragón werden die Könige auf demselben Weg etwas stärker gebremst durch das adelige Beharren auf gegenseitiger Verpflichtung von Vasall und Herrscher und durch den bürgerlichen Behauptungswillen in den größeren Städten. Hier heißt es weiter, dass Gesetze nur gemeinsam von Herrscher und untergebener Oberschicht erlassen werden sollen und die Katalanen beharren sogar 1421 darauf, dass sie den alten usatges von Barcelona nicht widersprechen dürfen.

 

Aber auch in Kastilien trifft die zunehmende Königsmacht in der Regierungszeit von Juan II (1419-54) und seinem Sohn Enrique IV (1454-74) immer wieder auf neue Adelsrebellionen. Dabei konkurriert der Hochadel mit königlichen Favoriten, die wie Álvaro de Luna zunehmend die Innenpolitik kontrollieren, bis sie der konsolidierten königlichen Macht selbst zum Opfer fallen. 1454 wird er hingerichtet und sein Kopf in Valladolid ausgestellt.

 

Aragón macht bis zur Vereinigung mit Kastilien eine etwas unterschiedliche Entwicklung durch, obwohl sie im Kern auf denselben königlichen Zentralismus zuläuft. Fernando ("de Antequera") muss den Cortes ihre Rechte zugestehen und seine Gesetzgebung an einem "Gemeinwohl" orientieren (Manzano, S.638). Sein Sohn und Nachfolger Alfonso V ("El Magnánimo"), der von 1416 bis 1458 herrscht, sieht sich mit immer weiteren Forderungen der Cortes konfrontiert, wie der Einflussnahme auf die Bestellung von königlichen Ratgebern oder die königliche Unterstützung gegen bäuerliche Forderungen nach mehr Freiheiten.

 

Dem versucht er durch offensive Expansionspolitik in Italien und insbesondere in Richtung Neapel zu entkommen, die allerdings weitere Zugeständnisse gegenüber insbesondere dem Adel verlangt, da sie zunächst hohe Kosten verursacht. 1421 scheitert ein erstes neapolitanisches Abenteuer. In der Folge gelingt es dem König, die zunehmende Korruption der Generalitat und die immer massivere Verschuldung der städtischen Organe dafür zu nutzen, Druck auszuüben, und so das Geld für ein neues Italien-Unternehmen zusammen zu bekommen.

Auch dieses scheitert 1435 bei Gaeta am Sieg einer genuesischen Flotte und der Gefangennahme des Königs, der erst in Genua und dann in Mailand festgesetzt wird und dann für seine Freilassung die erhebliche Summe von 30 000 Dukaten aufbringen muss. Während seiner Zeit in Mailand gelingt es ihm, eine Übereinkunft mit den Visconti zustande zu bringen, die diesne den Norden und ihm den Süden Italiens zuspricht. 1443 kann Alfonso im Triumph in Neapel einziehen. Er scheitert dann allerdings beim Versuch, auch Mailand zu erobern an der Gegnerschaft der städtischen Oligarchien des Nordens, Frankreichs und des Papstes.

 

Während "El Magnánimo" in Neapel Hof hält und sich mit bedeutenden Humanisten wie Lorenzo Valla schmückt, macht sich bei seiner dauerhaften Abwesenheit in der aragonesischen Heimat dort immer mehr Unruhe breit. Dabei geht es auch um die Versuche von vor allem wohlhabenderen Bauern, die sich in sindicatos remensas organisieren, um mit Hilfe königlicher Beamter die malos usos auf dem Lande abzuschaffen und sich von feudalen Abhängigkeiten freizukaufen (Manzano, S.642). In Barcelona treffen die mächtige Biga einer kleinen städtischen Oberschicht und die Busca von Kaufleuten und Textilhandwerkern heftig aufeinander, wobei der König aus der Ferne letztere unterstützt.

 

Alfonso V stirbt 1458 und hinterlässt keinen direkten Erben. Nachfolger wird der militärische Abenteurer König Juan von Navarra, seit dem Tod Blancas 1441 Herrscher dort. Sein Verhältnis zum Sohn Carlos, der Principe de Viana wird, verschlechtert sich, als er erneut heiratet. Es kommt zum offenen Krieg, an den sich zwei Adelsparteien hängen. Carlos versichert sich der Unterstützung Kataloniens, wird aber als Verräter eingesperrt. Es bildet sich ein Consell dell Principat, der auf den alten Rechten der Katalanen beharrt, und 1461  wird der König zum Nachgeben gezwungen. Er muss den Sohn freilassen, der nun auf Dauer Statthalter dort wird. Der König selbst darf Katalonien nur noch nach Erlaubnis von Generalitat und Consell del Principat betreiben. 

 

Kurz darauf stirbt der Sohn, der Vater versucht einzumarschieren und wird darauf von den Rebellen abgesetzt. Die Krone wird Enrique IV von Kastilien angeboten, der auf Druck der Großen seines Reiches ablehnt. Juan II wiederum wird vom französischen König unterstützt gegen Abgabe vom Roussillon und von Sardinien. Die Krone wird nun dem portugiesischen König angeboten, der bald darauf stirbt, und dann dem angevinischen Duc de Provence, um französische Unterstützung für die Rebellen zu gewinnen.

 

In dieser unentschiedenen Situation eines jahrelangen Krieges gelingt es Juan II, seinen Thronerben Fernando mit der gerade zur Thronerbin erklärten kastilischen Thronerbin Isabel zu verloben., die 1469 heiraten. 1472 gelingt es Fernando durch Verhandlungen, nach Barcelona zu kommen. In der Capitulación von Pedralbes wird die Wiederherstellung des Vorkriegs-Zustandes und eine allgemeine Amnestie beschlossen.

 

Der Weg in diese historische Heirat ist in Kastilien auf ganz andere Weise als in Aragón dornig. Die Ehe Enriques mit Blanca von Navarra bleibt kinderlos, und als der König die Trennung will, wiedersetzt sich Blanca vehement. Der Kirche gegenüber bekundet Enrique als Grundlage einer Scheidung den Nicht-Vollzug der Ehe. In der Öffentlichkeit wird er und seine Potenz zum Gespött der Leute, so wie seine Noch-Frau allerlei übler Diffamierung ausgesetzt ist.

Die neue Ehe mit Juana von Portugal erzeugt dann nur eine Tochter, ebenfalls eine Juana, über die bald Gerüchte in Umlauf komme, ihr Erzeuger sei gar nicht der König. Es formiert sich eine neue, vor allem vom Adel getragene Opposition, die über die immer höhere Abgaben klagt, über des Königs vermeintliche Sympathien gegenüber dem islamischen Granada und darüber, dass die hohen Ämter zu niedrigen Leuten zugeteilt werden. Im sogenannten Kompromiss von Medina del Campo geht es um die Entfernung der Juden und Mudejaren aus dem Umkreis des Königs, ein Peersgericht des Adels über seine Standesgenossen, ben.Wahl der Prokuradoren der Städte in den Cortes und Zustimmungsrecht derselben bei allen neuen Abgaben.

 

Kurz danach wird der König in Ávila in Form einer Puppe symbolisch abgesetzt und sein Bruder Alfonso eingesetzt. Der stirbt allerdings kurz darauf und das Chaos ist fast perfekt. In dieser Situation erklärt sich die jüngere Stiefschwester von Juana, Isabel, zur einzig legitimen Thronerbin. Da sich große Teile der Adelsopposition ihr anschließen, schwenkt der König um, erklärt seine Ehe mit Juana von Portugal für illegitim wegen zu großer Verwandtschaft, was die Tochter daraus, Juana, ebenfalls als illegitim von der Thronfolge ausschließt. Isabel zur Princesa de Austurias macht, ihr aber das Recht abspricht, ihren Gemahl eigenhändig auszusuchen.

Die hat aber längst vollendete Tatsachen geschaffen. Ein päpstlicher Dispens wird gefälscht und 1469 findet in Valladolid die Hochzeit statt. Juana wird mit dem portugiesischen König verheiratet, der bald mit Teilen der kastilischen Adelsopposition militärisch für ihre Interessen eintritt, 1476 aber entscheidend geschlagen wird. 1479 stirbt Juan II. Fernando und Isabel machen sich auf, zu den Reyes Catholicos der Vereinigung Spaniens zu werden.

 

Während in Aragón zunächst weiterhin außerordentliche Abgaben von Institutionen der Ständevertreter bewilligt werden müssen, konzentrieren sich solche Entscheidungen im immer dominanteren Kastilien am königlichen Hof uind der hacienda. Immerhin muss der 1494 geschaffene Concejo de Aragón nun auch mit dem König umherreisen, um an den Entscheidungen beteiligt zu werden. Immer mehr der ständisch strukturierten Räte werden durch Losentscheid anstelle von Wahlen eingesetzt.

Kern der regulären königlichen Einnahmen ist einmal die alcabala, eine Umsatzsteuer auf alle Markt-Transaktionen, die der Käufer bezahlt und die vom Verkäufer eingezogen wird. Die Könige versuchen sie auch vom Adel zu bekommen, was aber nur teilweise gelingt. Das andere sind die tercios, die zwei Neuntel des Kirchenzehnten betragen, ursprünglich auf die Reconquista bezogen waren und nun ebenfalls zu einer allgemeinen Steuer werden.

Daneben gibt es vor allem die Zölle, Hafengebühren und die montazgos auf Vieh. Das Einziehen all dieser Einkünfte wird verpachtet, in der Regel natürlich an die Agenten großer Kapitalien.

Etwa ein Drittel der regulären kastilischen Ausgaben gehen an den Adel, der so bei der Stange gehalten wird. Der Rest fällt vor allem an die Hofhaltung, die Verwaltung, das Heer. Die Könige sind zunehmend dauerhaft verschuldet, was Prozesse der Zentralisierung und des außerordentlichen Abgabendruckes insbesondere auf die Städte verstärkt, die immer stärker unter königliche Kontrolle geraten.

 

In Kastilien setzen sowohl der König als auch die Vertreter des Kapitals auf die Domestizierung des Adels und seiner Gewalttätigkeit. Schon 1476 wird auf einen Cortes die Gründung einer Santa Hermandad beschlossen, die die Rekrutierung eines Reiters und eines ebenfalls bewaffneten "Polizisten" zu Fuß für jeden Ort bedeutet, geleitet von zwei alcaldes, Bürgermeistern, einem Ritter und einem Unteradeligen. Diese Art Polizei ist in regionalen Gruppen (juntas) organisiert, die wiederum von einer Zentrale abhängig sind, die vom Concejo real abhängt. Aufgabe ist die "Aufrechterhaltung der Ordnung", also die Verfolgung von Verbrechen.

 

Tatsächlich geht die Tendenz in kapitalistisch getriebene, aber politisch mit Gemeinwohl-Propaganda oder christlich durchsetzten Menschenrechten formulierte Entfeudalisierung. Der hohe Adel wird an den Hof oder sein hochprivilegiertes Partizipieren an der Macht in seinen untergeordneten Herrschaftsbereichen gebunden oder aber politisch entmachtet, und die überwiegende Bevölkerung auf dem Lande bekommt nach einer Vielzahl von Rebellionen gegen ihre lokalen und regionalen Herren insbesondere im 15. Jahrhundert mehr Rechte zugesprochen, deren Kern wohl die finanzielle Ablösung feudaler Abhängigkeiten ist, die allerdings nur von den wohlhabenderen Bauern geleistet werden kann. Die Städte werden den Königen untergeordnet und erhalten dafür Rahmenbedingungen für Kapitalverwertung. Die übrige Macht, in den Händen von Kirche und Klöstern, versuchen die Könige zu kontrollieren, indem sie, durchaus im Konflikt mit Päpsten, die entscheidenden Posten mit ihren eigenen Leuten besetzen und sowohl Franziskaner wie Dominikaner für ihre Interessen einspannen, wofür auch die Inquisition ein Mittel ist.

 

Drei Entwicklungen um das Jahr 1492 krönen den Ausstieg Spaniens aus mittelalterlichen Strukturen im 15. Jahrhundert. Das eine ist der Untergang der islamischen Despotie von Granada. Sie wird einmal durch innere Konflikte hervorgerufen, zum zweiten durch eine Zunahme kriegerischer Aktivitäten  von beiden Seiten der Grenze. 1484 beschließen die bald vom Papst so titulierten "katholischen Könige" die systematische Eroberung. 1485 fällt Ronda, 1487 nach langer Belagerung Málaga, 1489 Baza, Guadix und Almería. Die Reduktion des Fürstentums auf die Hauptstadt und Residenz macht es unhaltbar. Die milden Übergabebedingungen werden dann nicht lange eingehalten. Ein Teil der Bevölkerung flieht nach Marokko, andere werden auf die Dauer zur Konversion gedrängt (die moriscos), und ein Teil von ihnen wird nicht integriert und Jahrhunderte später vertrieben.

 

Neben den "Mauren" erweisen sich die Juden im Verlauf des 15. Jahrhunderts als zweites Opfer. Ihre Verfolgung geht in der Regelung von der Bevölkerung aus und von einzelnen Predigern. Dabei vermischen sich Vorstellungen, die auch in Hexenverfolgungen eingehen, mit religiösen. Die Könige geben zunehmend den Schutz der jüdischen Untertanen auf und  treten dann an die Spitze der Verfolgung, als sie sich von Papst Sixtus das Sonderrecht geben lassen, zwei königliche Inquisitoren zu ernennen - neben den kirchlichen.

Inzwischen hat der Druck zu vielen Konversionen vom Judentum zum Christentum geführt, womit Christen das Misstrauen verbinden, dass Juden nun heimlich ihren bösen Absichten nachgehen würden. Die Aufgabe der Inquisitoren wird es, wie bald in Hexenprozessen durch Folter Geständnisse und neue Denunziationen herbeizuführen, es kommt zu öffentlichen Hinrichtungen in autos de fe und zu Verbrennungen bei lebendigem Leibe. 1492 werden alle Juden dann ausgewiesen, müssen binnen weniger Monate ihr Hab und Gut verkaufen und außer Landes gehen. Im Exil werden die überlebenden Juden sich dann selbst als Sefarden bezeichnen. Sie wandern sowohl nach Nordafrika wie in westliche Nachbarreiche aus.

 

Neuzeit ist auch die Systematisierung und zunehmende Verstaatlichung von Unterdrückung und Verfolgung. Nach über tausend Jahren einer eher wirren und chaotischen Geschichte von Zivilisationen bilden sich Ansätze einer spanischen Identität aus, die einen Gegensatz zu "Mauren" bzw. "Arabern" ebenso wie zu Juden entwickelt und damit Vorstellungen von einer Reinheit des spanischen Blutes (limpieza de sangre), die weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein wirken werden.

 

Die dritte Entwicklung beginnt früh mit einem kastilischen Flottenprogramm. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts kommt es zu sporadischen Ausfahrten auf die Kanaren, aber erst ab 1477 beginnt die systematische Eroberung, die zwischen 1483 und 1496 gegen erbitterten Widerstand der einheimischen Bevölkerung zum Erfolg führt. Die Überlebenden der indigenen Kulturen müssen dann hilflos bei der vollständigen Zerstörung ihrer Lebensformen zuschauen. Die grausige Barbarei des Kolonialzeitalters hat begonnen. Von nun an beginnt die Unterwerfung ganzer Kontinente unter die Interessen von Kronen, Aristokraten, Kapitaleignern und Söldnerhaufen und ein historisch wohl bislang beispielloser Zerstörungsweg, mit Massenmord, Versklavung und Vernichtung zahlloser Kulturen und Zivilisationen. Alles, was "entdeckt" wird, wird kaputtgemacht.

 

Nach der Zerstörung der Kanaren beginnt die beider Amerikas, für die Inseln wie La Gomera als Stützpunkt dienen. Den Anfang macht der Genuese Cristoforo Colombo, nachdem er nach jahrzehntelangem Werben endlich das nötige Geld bewilligt bekommt. Die nun immer deutlichere Konkurrenz zu den Weltreichsplänen Portugals führt 1494 im Vertrag von Tordesillas zur Teilung der Welt auf einer Linie, die den Ozean durchquert.

 

 

(Saladin)

 

Die islamischen Großreiche zur Zeit des ersten Aufblühens des Kapitalismus im 12. Jahrhundert reichen von Mittelasien bis in den Süden Spaniens. Sie sind mit erheblichen Wanderungsbewegungen verbunden, an denen Vertreter zahlreicher Volksgruppen teilnehmen. Das einigende Band ist der Islam, der allerdings nicht nur in Sunna und Schia geteilt, sondern längst auch in Untergruppen zerspalten ist. Aber während das Christentum im lateinischen Europa längst kriegerisch verfeindet ist, was sich auch in den Kreuzzügen darstellt, die der feindseligen innereuropäischen Spaltung dienen, die die Machtpolitik der Päpste weiter vertieft, dient die Sunna weiter zur Schaffung großer Reiche, in denen und bei deren Schaffung Familien über Kriegsdienst aufsteigen.

 

Mitte des zwölften Jahrhunderts kamen die zwei kurdisch-sunnitischen Brüder Ayyub und Sirkuh aus dem damaligen Armenien in den heutigen Irak und dann nach Syrien,  kriegerische Abenteurer wie die frühen Normannen in Süditalien. Sie steigen in den Diensten Nuraddins auf, der Sultans von Damaskus und Aleppo. Ayyub wird Gouverneur von Damaskus und Sirkuh Feldherr.  

Ayyubs Sohn Saladin (Salah ad-Din ibn Ayyub) nimmt in den sechziger Jahren an Feldzügen gegen die schiitischen (ismaelitischen) Fatimiden in Ägypten teil, und nach der Eroberung des Landes für Nuraddin wird Sirkuh Wesir in Kairo. Nach seinem Tod wird Saladin sein Nachfolger und führt Ägypten gewaltsam in die sunnitische Orthodoxie zurück.

Nach dem Tod Nuraddins 1174 kann Saladin Damaskus erobern und 1183 Aleppo. 1186 kommt Mossul dazu. 1187 besiegt er die Krieger der Kreuzfahrerstaaten bei Hattin, lässt viele Christen töten und erobert kurz darauf Jerusalem. Der dritte Kreuzzug kann daran kaum mehr etwas ändern. 

Ähnlich wie die Christen baut auch Saladin auf dem Mittel des heiligen Krieges, als Dschihad im Koran verankert. Und ähnlich wie im christlichen Europa des 12. und frühen 13. Jahrhunderts setzt er Religion nicht nur gegen äußere Feinde, sondern auch zur Unterdrückung der Untertanen ein. Moscheen, Koranschulen und Sittengesetzgebung dienen dazu wie die Kontrolle des Verhaltens auf den Marktplätzen. 

 

Während lateinisch-europäische christliche Herrscher im 10./11. Jahrhundert über Mittel der Konsensbildung Macht nach innen ausbilden, sind die islamischen Reiche despotische Militärdiktaturen, und während in Europa ein Bürgertum immer mehr Elemente der Selbstverwaltung entwickelt, wird im islamischen Raum eine solche Verselbständigung überwiegend unterbunden.

 

Die Kreuzzüge und der Dschihad unterbinden aber immer nur kurzzeitig die Handelsbeziehungen zwischen christlicher und islamischer Welt, die auf beiderseitigem Interesse beruhen. Auch weiterhin gelangen zum Beispiel Gewürze, Weihrauch, Zucker, Seide, Baumwolle, Färbemittel, Edelsteine, Elfenbein und Gold über den Orient aus Indien nach Europa.