Anh.6 VON DEN MEROWINGERN ZU DEN FRÜHEN KAROLINGER

 

Macht der Hausmeier im Frankenreich

Neues Königtum

Angelsächsische Mission

Ostrom und Italien im 8. Jahrhundert

 

 

 

Hausmeier im Frankenreich

 

Ein Problem im Frankenreich ist, dass merowingische Könige in dieser Zeit allzu oft minderjährige Söhne haben, die unter die Kuratel von Adelsgruppierungen geraten, die um die Vorherrschaft in ihrem Bereich kämpfen. Es geht offensichtlich darum, eine sehr instabile Herrschaft dadurch an sich zu reißen, dass man mehr Stabilität ohne mehr Königsmacht verspricht. Die Mittel dahin sind aber schiere, brutale Gewalt. Und der fränkische Adel möchte aus Eigeninteresse möglichst wenig Zentralgewalt zulssen.

 

Adel ist allerdings derzeit noch kein rechtlicher Begriff, rechtlich wird nur zwischen Freien und Unfreien unterschieden. Aber oft wird von Historikern von  einem Aus der Verschmelzung von alter römischer nobilitas und germanischem Kriegeradel entstehenden fränkischen Adel der Merowingerzeit gesprochen, der als geistlicher und weltlicher Latifundienbesitzer Herr über den größten Teil des Landes und der Menschen darauf ist. Als solcher ist er Krieger oder zumindest Herr über ein kriegerisches Gefolge, und er übernimmt Amtsfunktionen in Kirche und "Staat". Mit der Schwächung des Königtums und dem Aufstieg der Hausmeier entsteht an der Spitze eine Fürstengruppe.

 

Princeps wiederum war einst nur der Kaiser gewesen, an seine Stelle treten dann die Könige, von denen aus sich alle Macht legitimiert. Nun fangen die karolingischen Hausmeier an der Macht an, sich als principes zu bezeichnen, und dann folgen die duces (Herzöge) von Burgund und Aquitanien und bald auch andere Herren über große Gebiete. Die zum Teil von fränkischen Königen und dann Hausmeiern eingesetzten Herrscher über die ostrheinischen germanischen Reiche schließen sich an. Sie alle bilden Dynastien aus und versuchen, die Macht in ihrer Familie zu halten.

 

 

Zwischen 639 und 687 übernehmen Hausmeier zunehmend die Macht in beiden fränkischen Reichen, und zwischen denen von Neustrien mit dem Mittelpunkt Paris (Hausmeier Ebroin) und Austrien (die vereinigte Familie von Arnulf und Pippin) entbrennt ein Machtkampf, der schließlich 687 in der Schlacht bei Tertry zugunsten Pippins ("des Mittleren") entschieden wird. Der vereint damit das ganze fränkische Kernreich unter seinem Hausmeieramt. Im 'Liber Historiae Francorum' heißt es, Pippin begann als Hausmeier des Königs Theuderich die Herrschaft auszuüben. Er nahm den Schatz an sich, ließ von den Seinen einen gewissen Nordebert mit dem König zurück und kehrte nach Auster heim. (cap.48)

 

Er belässt einen relativ entmachteten merowingischen König in Paris, für den bald ein Sohn Pippins, Grimoald (II.) die wirkliche Macht ausübt, und er selbst residiert vorwiegend in Köln als Hauptort Austriens mit seiner Gemahlin Plektrud.

 

Ab spätestens 691, als Theuderich III. stirbt und seine Witwe Regentin wird, ist die königliche Familie endgültig machtlos und unter hochadeliger Kontrolle. Pippin macht Sohn Drogo zum Dux der Champagne und setzt auch sonst Vertraute ein. 697 wird Drodo auch Dux von Burgund und Pippins zweiter Sohn Grimoald wird Hausmeier am Hof Childeberts III.

 

Mit der später so genannten Familie der Karolinger kommt es zu einer Machtkonzentration im austrasischen Raum, dessen Adel stärker fränkisch geprägt blieb als der gallische Westen und Süden mit seinen intensiver überlebenden römischen/lateinischen Wurzeln. "Die nun weit über die Grenzen ihrer Heimat hinausschweifenden austrasischen Franken wurden die Partner in einer Konföderation sehr unterschiedlicher Regionen, wo einst mehr oder weniger ausdrücklich die Vorherrschaft der merowingischen Könige anerkannt worden war". (Brown2, S.296).

 

Derweil machen sich duces, Herzöge aus der fränkischen Oberschicht, an den Rändern Franziens immer selbständiger: im noch weithin heidnischen Friesland, Alemannien, Bayern, der Provence und Aquitanien. Loslösungstendenzen gibt es auch von Aquitanien in Vasconia, der späteren Gascogne, einem weithin romanisierten Teil des Baskenlandes. In Hessen, Thüringen und Mainfranken scheint es dagegen durch Ansiedlung von fränkischem Bevölkerungsüberschuss zu stärkerem Einfluss zu kommen. Die Friesen werden nach Feldzügen wenigstens nominell unter fränkische Oberhoheit gezwungen. Der Bischofssitz Utrecht wird gegründet und zum Ausgangspunkt angelsächsischer Mission. Damit verschärft sich die Verbindung von Eroberung und Mission, die das Frankenreich nun kennzeichnen wird. (Hageneier in LHL, S.13)

 

714 stirbt dieser Pippin. Er hatte den Prinzipat unter den oben genannten Königen siebenundzwanzigeinhalb Jahre inne. (Liber hist.Franc. 41)

 

Seine Witwe Plektrud versucht nach dem frühen Tod ihrer Söhne ihre drei Enkel nun mit der Macht zu versorgen, also den Hausmeierstellen. Als Witwe eines Hausmeiers fehlt ihr aber die Legitimation einer königlichen Witwe. Der neustrische Adel möchte das arnulfinisch-pippinidische Joch abschütteln. und setzt eigene Könige und Hausmeier ein.

 

Karl, den Sohn Pippins mit seiner (Neben?)Frau Chalpaida, steckt Plektrud ins Gefängnis. Sie leitet mit ihren Enkeln und dem König alles in heimlicher Herrschaft (Liber Historiae Francorum, cap.51). Nach zwei Jahren kann er entkommen und die Kontrolle über Austrasien gewinnen. Er entmachtet die in Köln residierende Plektrud bis 717 und nimmt dort ihren Schatz bis auf eine Art Witwenpension für die ehemalige Königin an sich, die damit dann ein Damenstift gegründet haben soll.

 

Karl setzt zwar einen machtlosen Merowinger (Chlothar IV.) auf den Thron, herrscht aber tatsächlich selbst. Bis 720  hat er den neustrischen Hausmeier Raganfrid besiegt und ist Herr über das kriegerisch wieder "geeinte" Frankenreich und einziger maior domus.

Östlich des Rheins werden Straßen angelegt, die nicht nur den Handel, sondern auch Kriegszüge begünstigen, und mit Hilfe von Missionaren wird das schon begonnene Zerstörungswerk an den Stammeskulturen zwecks Zivilisierung konsequent fortgesetzt. So werden das unbotmäßige Friesland und der Westen Sachsens kurzzeitig erobert und verwüstet. Aquitanien und Alemannien wird der fränkischen Herrschaft wieder einverleibt, das große bayrische Herzogtum muss wieder fränkische Oberhoheit anerkennen. Karl entführt und heiratet dazu Swanahild aus der bayrischen Herzogsfamilie.

 

Fried hat nachgezählt: Zwischen 714 und 768 gibt es nur fünf Jahre ohne Krieg (S.57) Es sind überhaupt weiterhin enorm gewalttätige Zeiten. Aufgrund seiner ehernen Kriegskunst und der Tatsache, dass er fast jeden Sommer "im Felde" steht, bekommt Karl später bei den Franken den Beinamen "der Hammer" (Martell). Nur ein solch großer Krieger bekommt damals eine hinreichende Gefolgschaft hinter sich, die leudes. Daneben wird diese Gefolgschaft befestigt durch große Geschenke. Aber das reicht so wenig aus wie die übliche Beute, der oberste Kriegsherr muss für die Vornehmen der großen Kriegerschar, die er ständig braucht, neue Gratifikationen finden (beneficia als wirtschaftliche Grundlage). Seine Vasallenschaft muss daraus Kriegs- und Packpferd und eine immer ausführlichere Rüstung und Bewaffnung finanzieren. Solche etwas professionalisierteren Panzerreiter werden karolingischen Heeren und ihren Nachfolgern ihre enorme Durchschlagkraft verleihen.

 

Beneficium meint im Kern "Wohltat". Seit der Spätantike waren damit oft precaria gemeint (von precari, bitten), also Verleihungen von Gütern durch Kirchen und Klöster zur Nutzung als Nießbrauch für eine beschränkte Zeit bei geringem Zins. (Patzold, S.18f) 

Wer keine Erben hat, kann so seinen Landbesitz an ein Kloster verschenken, um es zur Nutzung u.U. lebenslang verliehen zu bekommen. Das Kloster ist nun Eigentümer, wird wohl für den Schenkenden beten und aus Eigeninteresse sich um seinen Schutz kümmern.

 

Das Land für solche beneficia findet er wohl auch bei den Kirchen. Spätere Quellen werden zumindest erzählen, er reiße in größerem Umfang Kirchengut an sich, das er dann weiter verteile. Die Kirchen wiederum entschädigt er (laut Fried, S. 59, Fleckenstein, S.42) mit einer Pflichtabgabe, dem Zehnten, und manchmal auch dem Neunten. Neue große Grundherrschaften eines Kriegeradels entstehen dadurch.

 

Zudem setzt er kriegerische Laien als seine Gefolgsleute in mächtige Bischofsämter ein (Mainz, Trier)

 

Schon 711 fiel mit der Schlacht von Xeres de la Frontera fast die ganze iberische Halbinsel an die "Araber".

720 überqueren sie die Pyrenäen, Aquitanien wird erobert und verwüstet. 732 werden sie von Karl Martell zwischen Tours und Poitiers zum ersten Mal zurückgeschlagen. In den nächsten fünf Jahren werden sie von ihm weitgehend aus der Provence vertrieben, 737 zum Beispiel bei Narbonne geschlagen. Dabei ist die fränkische Zentralgewalt unter dem Hausmeier Karl immer neuen Bündnissen aquitanischer, provenzalischer und burgundischer Großer mit den muslimischen Streitkräften konfrontiert. Es geht hier kaum um Religion, aber sehr um Macht. Nach Tours und Poitiers taucht zum ersten Mal seit der Antike das Wort Europenses in Abgrenzung zu den "anderen" auf.

 

 

737 stirbt der merowingische "Schattenkönig" und Karl Martell kann es sich nun leisten, ohne einen solchen weiter zu herrschen

 

 

Das neue Königtum

 

Wir kommen in einer Zeit an, die als zentrale Weichenstellung mit Auswirkungen bis heute betrachtet werden kann: Die Karolinger erfinden ein neuartiges Königtum, das geprägt wird durch ein enges Bündnis mit dem Papsttum, wodurch die Einordnung der westlichen Christenheit unter Rom weiter gefördert wird. Die Franken zerstören das Langobardenreich, setzen an zur Zurückdrängung von Byzanz und etablieren ideologisch einen vom römischen Bischof ansatzweise schon errungenen Kirchenstaat, der auch ein Resultat der Kirchenspaltung ist. Und Italien wird bis ins 19. Jahrhundert mindestens zweigeteilt bleiben. Damit erst  geht in Westeuropa die Spätantike zur Gänze zu Ende, aus dem Karolingerreich werden Keimzellen neuer Staatlichkeit hervorgehen in Reich und Stadt. Dazu zunächst einmal nach Ostrom, also Byzanz.

 

Die oströmischen Kaiser hatten sich unter hellenistisch-orientalischem Einfluss zu einer quasi-sakralen Rolle aufgeschwungen. Kult und Zeremoniell vergöttlichen ihn in spätrömischer Tradition. Umgeben von zahlreichen Eunuchen, residiert er in einem heiligen Palast. Besucher haben vor ihm zu erzittern und auf den Boden zu fallen. Er wird in Statuen und Bildern als fast göttlich verehrt.

 Der byzantinische Patriarch wird vom Basileus ernannt und im Notfall auch abgesetzt. Der Kaiser selbst ernennt seine Nachfolger. Palastintrigen und Machtkämpfe nehmen überhand. Mehr als die Hälfte aller Kaiser werden ermordet werden.

 Dieses Byzanz wird seit Beginn des achten Jahrhunderts vom sogenannten Bilderstreit bewegt, wobei die eine Seite, die Bilderstürmer, Ikonoklasten, jegliche Verehrung und schließlich jede Abbildung von Gott oder Heiligen ablehnt, ganz ähnlich wie der aufstrebende Islam nebenan. Die Einheit der beiden Kirchen geht auch dadurch ihrem förmlichen Ende entgegen, denn in Rom werden Bilder vom Volk inbrünstig verehrt, was die Kirche, theologisch etwas unbegründet, eher fördert. 

 

In diesen Vorgang eingebunden ist ein anderer: Neben dem Exarchat Ravenna gibt es als offiziell oströmisches Gebiet noch die Gegend um Rom, das Dukat von Rom. Da der Exarch durch langobardisches Gebiet davon abgetrennt ist, kann der römische Bischof sich zum Herren über dies Gebiet aufschwingen, was naheliegend ist, ist er doch dort schon der größte Grundbesitzer. Dies wird eine Voraussetzung des Kirchenstaates werden bzw. der weltlichen Herrschaft der Päpste über mehr als nur ihre Stadt.

 

Kurz vor 740 geschieht etwas schon länger absehbares: Der langobardische König zieht nach Spoleto und Benevent, um die abtrünnigen Herzogtümer mal wieder in seine Gewalt zu bringen. Trasimund von Spoleto flieht nach Rom, worauf das langobardische Heer die Stadt belagert.

 

Da inzwischen der alte Schutzherr Roms, der oströmische Kaiser, nicht mehr zur Verfügung steht, sieht sich Papst Gregor III. nach einem neuen um und findet ihn in dem mächtigsten Herrscher des Westens, dem Bezwinger der Araber, Karl Martell. Gregor schickt eine Gesandtschaft nach Franken, die Karl als "Unterkönig" tituliert, den Schlüssel zum heiligen Grab des Petrus und andere Geschenke überbringt, mit dem Anerbieten, dass der Papst sich vom (griechischen) Kaiser lossage und dem Fürsten Karl das römische Konsulat übertrage, wenn er ihn von der so großen Bedrückung der Langobarden befreie, wie die fränkische Quelle schreibt. (z.B. schon in: Mühlbacher, S.42)

 

Mit einer solchen Schlüsselübergabe hatte ein Papst schon früher versucht, die Engländer an das Papsttum zu binden. Was nach einer Ober- und Schutzhoheit der fernen Franken aussieht, ist zudem der päpstliche Versuch, sich auch als weltlicher Herrscher im Herzen Italiens dauerhaft zu etablieren.

 

Tatsächlich besteht allerdings zwischen dem fränkischen und dem langobardischen Herrscher eine enge Freundschaft, die eine fränkische Intervention wohl verbietet. Schließlich geben die Langobarden auch ohne fränkische Intervention die Besetzung Roms auf.

 

Für den fränkischen Herrscher ohne Herrschertitel bedeutet die päpstliche Gesandtschaft eine enorme Aufwertung. Als um diese Zeit der merowingische Schattenkönig stirbt, ignoriert Karl das und setzt einfach keinen neuen mehr ein. Die Franken hatten sich von den Römern die Datierung nach den Regierungsjahren der Herrscher abgeschaut, eine Zählung nach Christi Geburt wird erst viel später aufkommen. Der Bruch wird jetzt an einem kleinen Detail deutlich: In den nächsten Jahren wird „nach dem Tod des Theuderich“ gezählt werden.

 

 

Karl Martell hinterlässt von mehreren Frauen drei Söhne. Vermutlich teilt er vor seinem Tod 741 seinen Herrschaftsbereich nicht ganz klar unter den beiden legitimen Söhnen Pippin und Karlmann auf, um dann auf Betreiben seiner zweiten, Swanahilds, noch ein Reich für Grifo hinzuzufügen. Pippin und Karlmann machen zunächst einen letzten Merowinger zum (machtlosen) König. Grifo wird von ihnen von der Erbfolge ausgeschlossen, wie das auch bei Karl Martell selbst geschehen war. Dabei war Karl Martells Witwe Swanahild ehedem Prinzessin eines "legitimen" bayrischen Herrscherhauses, während die beiden anderen Söhne Karls die eines Emporkömmlings sind. Es wird lange dauern, bis beide ihren Stiefbruder besiegt haben, der erst einmal  aus Klosterhaft nach Bayern flieht.

Darauf entkommt Karls Tochter Hiltrud aus der früheren Ehe ebenfalls nach Bayern und heiratet den Vater ihres Sohnes, den Bayernherzog Odilo. Der Sohn, Tassilo, wird zum großen Gegenspieler seines Cousins, Karls d.Gr. werden. Swanahild wird von ihren Stiefsöhnen nun ins Kloster gesteckt.

 

Zugleich erheben sich die Aquitanier, Alemannen, Bayern und Sachsen. Alemannien wird blutig unterworfen. Die Hausmeier, die sich jetzt wie Könige benehmen, sind immer noch ohne dynastische Legitimität. Aus diesem Grund setzen sie nach sechs königslosen Jahren wieder einen Merowinger ein, über den weiter nichts bekannt wird. 

 

Missionar Bonifatius unterstützt die beiden Frankenherrscher, die ihn wiederum für den Ausbau der Macht in ihren Reichen gebrauchen können. In einem der zahlreichen erhaltenen Bonifatiusbriefe wird der Aufruf zu einer ersten zentralen Synode in Austrasien aufbewahrt:

Ich, Karlmann, dux et princeps der Franken, habe im Jahre 742 der Fleischwerdung Christi unter dem Beirat der Knechte Gottes und meiner Großen die Bischöfe meines Reiches mit ihren Priestern (...) zu einer Synode versammelt (...), um mit mir zu beratschlagen, wie das Gesetz Gottes und die kirchliche Ordnung, die unter den früheren Fürsten sich aufgelöst hat und zusammengebrochen ist, wiederhergestellt werden soll. () Kirchen-und Reichsorganisation sollen sich ergänzen.

 

743 oder 744 verkündet Karlmann als Ergebnis einer Synode von Les Estinnes: Wir haben auch mit Berufung der Diener Gottes und des christlichen Volkes bestimmt, dass wir wegen der drohenden Kriege und der Einfälle der Völker ringsherum einen Teil des kirchlichen Vermögens mit Gottes Erlaubnis (sic!) als zinspflichtige Landleihe (sub precario et censu) zur Unterstützung unseres Heeres für einige Zeit zurückbehalten - unter der Bedingung, dass jährlich von jeder Hofstatt ein Solidus zu zwölf Denaren an die Kirche oder das Kloster bezahlt werden soll. Wenn derjenige stirbt, dem das Gut geliehen war, soll die Kirche wieder in den Besitz ihres Gutes kommen. Und wenn erneut die Notwendigkeit dazu besteht, dass der Fürst es befiehlt, soll die Landleihe (precarium) wiederholt und erneut beurkundet werden. Und im ganzen soll darauf geachtet werden, dass Kirchen und Klöster, deren Land als Precarie verliehen ist, nicht Mangel und Not leiden; vielmehr soll, wenn die Armut es notwendig macht, der Besitz ungeschmälert der Kirche oder dem Gotteshaus zurückgegeben werden. (in: Patzold, S.26)

 

Karlmann unterstützt weiter den Einfluss angelsächsischer Missionare auf das Frankenreich, die besonders mit Bonifatius nicht nur bei von den Franken abhängigen Germanenvölkern missionieren und sie damit für die fränkische Eroberung präparieren, sondern die fränkische Kirche stärker an das römische Bistum und seine kirchlich-religiösen Vorstellungen anbinden wollen. Damit setzt ein Romanisierungsprozess ein, der bis ans Ende karolingischer Herrschaft andauern wird und besonders die germanischen Kirchen betrifft.

Der missionarische Reformeifer von Bonifatius, der nach Romanisierung des fränkischen Christentums und Anbindung der fränkischen Kirche an Rom strebt, bedeutet auch ihre stärkere Zentralisierung, welche sich in Reichssynoden niederschlägt, die dem König die Möglichkeit geben, sie, und zwar Bischöfe wie Äbte, stärker als Herrschaftsinstrument einzusetzen. Für die Päpste springt dabei wachsende Bedeutung in der lateinischen Welt heraus.

 

 

Die Karolinger vermeiden inzwischen indirekt Reichsteilungen durch die Beseitigung von Familienmitgliedern, was schon Merowinger gelegentlich praktizierten. 747 gibt der Herrscher über das halbe Reich, Karlmann, auf, geht ins Kloster, erst nördlich von Rom im Langobardenland, ab 750 in das von Monte Cassino im Einflussbereich der Langobarden, aus unauslöschbarem Verlangen nach frommer Hingabe (devotio), wie später eine Chronik fromm behauptet. Tatsächlich übernimmt Pippin einfach im Handstreich die ganze Macht. Der Sohn, vielleicht auch mehrere, dieses Karlmann wird nach der Geburt von Pippins erstem Sohn, Karl (dem späteren Kaiser) zwangsweise zum Mönch gemacht und quasi im Kloster lebenslang inhaftiert.

 

Hausmeier Pippin ist Alleinherrscher. Alemannien und Bayern werden wieder einmal unter fränkische Hoheit gebracht. Grifo, nun in der Hand Pippins, soll mit einer Anzahl Grafschaften abgefunden werden, weigert sich aber und flieht zum aquitanischen Herzog Waifar und wird dann wohl 753 von Gefolgsleuten Pippins umgebracht, als er über die Alpen zu den Langobarden zu entkommen versucht. 

 

 Alles läuft mit der Schwäche des Hauses der Merowinger darauf hinaus, einen neuen Typus von Herrschaft als Königtum zu entwickeln, der neue Wege sucht, möglichst viel Macht über die Großen im Frankenreich zu etablieren.

 

Pippin (II.), der Mittlere, lässt sich in seiner königsgleichen Stellung den neustrischen Königsschatz ausliefern. Er selbst versucht von Austrien aus Friesen und Sachsen "abzuwehren", die der fränkischen Dominanz entkommen wollen. Er vereint unter sich den ererbten beträchtlichen Besitz der Arnulfinger um Metz und Verdun mit dem mütterlichen der Pippin-Familie zwischen Lüttich und Ardennen und gewinnt über die Heirat mit Plektrud deren Besitzungen um Trier herum. Wahrscheinlich ist er damit der größte Grundbesitzer im Reich, verfügt über zahllose abhängige Bauern und sklavenartige Hörige sowie über ein zahlreiches kriegerisches Gefolge auch von Kirchen und Klöstern her.

Kirche und weltliche Macht werden immer enger ineinander verschränkt. Beide sind in den Händen des kriegerisch ausgerichteten Großgrundbesitzer-Adels. Reichsgeschichte und Kirchengeschichte sind so untrennbar miteinander verbunden, und die Kirchen werden bis heute fast überall "obrigkeitsstaatlich" ausgerichtet bleiben.

 

Alleinherrschaft schafft tendentiell Zentralisierung und stabilere Staatlichkeit, stärkere Kontrolle des Adels unter einer übergeordneten Macht, wenn denn der Herrscher die dafür erforderliche Macht besitzt. Aber die neuartige Herrschaft des Vertreters einer reichen und mächtigen Adelsfamilie, die auf dem Weg von Gewaltakten gegen die legitime Familie der Merowinger eingeleitet wurde und durch solche gegen die eigenen Brüder fortgesetzt wird, verlangt eine neuartige Legitimation. 

 

Zunehmend wird dann Bonifatius bei den regelmäßiger werdenden Kontakten der fränkischen Hausmeier-Herrscher mit dem Papst übergangen. Und so wendet sich Pippin nun auch wegen der Königswürde direkt an den Papst.

 

Wie so oft, ist der folgende Vorgang im Lichte der päpstlichen und fränkischen Quellen nicht genau zu klären. Laut den „Reichsannalen“, schickt Pippin eine hochkarätige geistliche Gesandtschaft zu Papst Zacharias:

Bischof Burchard von Würzburg und der Kaplan Fulrad wurden zu Papst Zacharias geschickt. Sie fragten an betreffs der Könige im Frankenreich, welche in jener Zeit keine königliche Gewalt mehr hatten, ob das gut sei oder nicht. Und Papst Zacharias ließ Pippin melden, dass es besser sei, jener, der die Gewalt habe, heiße auch König, denn derjenige, dem keine königliche Gewalt mehr geblieben sei, und dass kraft apostolischer Autorität, damit die Ordnung nicht gestört werde, Pippin König werde. (Annales regni Francorum für 749)

 

Die Merowingerherrschaft war aus dem Amt des römischen Heermeisters hervorgegangen, das neue Königtum aus dem weniger römischen Amt des Hausmeiers. Die alte Legitimation war die militärische Gewalt von Eroberern und Anerkennung durch einen Kaiser, die neue Macht wird nun durch die christliche Approbation durch den Papst auf eine nie dagewesene Art legitimiert.

 

Das Papsttum braucht, um sich auch als weltliche Macht zu etablieren, einen neuen Schutzherrn - vor allem gegenüber den Langobarden, aber auch gegenüber Byzanz. Geistliche und weltliche Hoheit verschränken sich ineinander.

 

Bei den Merowingern war es das vererbte königliche Charisma gewesen, welches sich optisch in den besonders langen Haaren ausdrückte. Dem letzten von ihnen werden nun die Haare geschoren und er wird ins Kloster gesteckt.

 

Das ganz Andere drückt sich in den Annalen so aus: Pippin wird durch die Wahl aller Franken (der fränkischen Großen), durch die Weihe der Bischöfe und die Huldigung der Großen samt seiner Gemahlin Bertrada nach altem Brauch auf den Thron erhoben. In der Fortsetzung der Fredegarschronik heißt es für das Jahr 749 dazu:

Der erlauchte Pippin wurde, wie es von alters her die Ordnung verlangt, durch die Wahl aller Franken gemeinsam mit der Königin Bertrada auf den Thron des Reiches gesetzt, wobei ihn die Bischöfe des Reiches weihten und die Ersten des Reiches sich ihm unterwarfen (cap.33)

 

In Nachahmung jener merkwürdigen Handlung, die der alttestamentarische Prophet Samuel an Saul und David vollzogen haben soll, wird nun auch Pippin eventuell schon jetzt, vielleicht auch erst drei Jahre später beim Papstbesuch wie die späten Westgotenkönige von einem Bischof „gesalbt“, also vom Christengott über den Mittler Papst und dessen Beauftragten mit dem Amt betraut. Seiner Gemahlin widerfährt dasselbe, als Mutter der Königskinder ist sie an der Neugründung einer Dynastie und eines neuen Königtums beteiligt. Mit der Beteiligung der Bischöfe als Königsmacher werden diese nun auch formell in den Apparat neuer christlicher Herrschaft einbezogen. Von nun an wird sich im Abendland nie mehr persönliche Herrschaft ohne sakrale Verbrämung aufrichten lassen. Die letztlich auf Augustinus zurückgehende Forderung, dass "Ordnung" auf der Tatsächlichkeit von Macht zu beruhen habe, wird hier einerseits praktiziert und zugleich verbrämt durch religiöse Überhöhung. Auch damit geht die Antike zu Ende.

 

Auf Zacharias, einen kalabrischen Griechen, folgt 752 Papst Stephan II. aus der stadtrömischen Adelsfamilie der Orsini, die in den nächsten Jahrhunderten zu enormer Macht aufsteigen wird. Wieder wird Rom von den Langobarden des Königs Aistulf bedrängt, nachdem sie zuvor das Exarchat Ravenna eingenommen haben, und Hilferufe nach Byzanz verhallen ungehört. Der Papst tritt laut seiner Vita barfuß und mit Asche auf dem Haupt an die Spitze von Bittprozessionen der Bevölkerung, eine Christusfigur schulternd.

 

Wieder, wie schon bei Karl Martell, richtet der Papst über einen Pilger einen Hilferuf an König Pippin mit der Bitte, ihn in die Francia einzuladen. Für Pippin ist ein Kriegszug nach Italien nicht unproblematisch, denn einige fränkische Große, mit denen er gewöhnlich zu Rate ging, sprachen sich so entschieden gegen sein Vorhaben aus, dass sie sogar ganz offen erklärten, sie würden den König verlassen und nach Hause zurückkehren. (Einhard, Vita Karoli, cap.6) Der schickt dennoch eine Gesandtschaft nach Rom, die den Papst ins Frankenland einlädt und ungestört von Aistulf mitnimmt. Bei der königlichen Pfalz von Ponthion (bei Châlons-sur-Marne) treffen sie Januar 754 aufeinander, kurz bevor Bonifatius von Friesen getötet wird.

 

Das erheblich bedeutsame Ereignis ist wie die Kaiserkrönung Karls d.Gr. in mehreren Quellen erhalten. In der sogenannten Fortsetzung des Fredegar heißt es, als der König von der bevorstehenden Ankunft des Papstes hörte, befahl er, ihn mit Jubel, Freude und großer Sorgfalt aufzunehmen, und trug seinem Sohn Karl auf, ihm entgegenzugehen und ihn bis zum Königshof Ponthion vor ihn zu geleiten. Dort trat der römische Papst Stephan vor den König und beschenkte sowohl den König selbst als auch die Franken mit vielen Gaben und bat ihn um Hilfe gegen das Volk der Langobarden und ihren König Aistulf. (cap.36)

Version zwei steht in den Metzer Annalen: Als der genannte Papst dorthin kam, wurde er von König Pippin ehrenvoll empfangen. Und er machte dem König wie dessen Großen viele Geschenke. Am folgenden Tag aber flehte er zusammen mit seinem Klerus, mit Asche auf dem Haupt und einem Büßergewand bekleidet, auf dem Boden ausgestreckt den König an (...) ihn und das römische Volk aus der Hand der Langobarden (...) zu befreien.

Version 3 steht in der Vita des Papstes Stephan: Der König selbst empfing den heiligsten Papst fast drei Meilen vor seiner Pfalz Ponthion zusammen mit seiner Frau, seinen Söhnen und Großen, indem er von seinem Pferd stieg, sich mit großer Demut auf den Boden warf und im Dienste des Strators bis zu einem bestimmten Ort neben dessen Sattel eilte. (in Althoff(3), S.45)

 

Da die Unterschiede in der rituellen Darstellung des Status beider Seiten wichtig sind, wird deutlich, wie sehr Geschichte ein verzerrtes Bild liefern kann, wo nur eine Quelle vorhanden ist.

 

Man könnte von einem Bündnis König-Papst sprechen, in dem der Schutz vor den Langobarden mit dem Schutz vor der fränkischen Adelsopposition verbunden wird.

Die Zeitenwende drückt sich dadurch aus, dass Päpste, die bis jetzt nur nach Konstantinopel/Byzanz gereist waren, nun nicht mehr dorthin, sondern ins Frankenland reisen. Ansonsten lassen die unterschiedlichen Berichte beider Seiten ziemlich unklar, was in diesem Winter dort und dann in der Abtei St.Denis alles geschieht, wo der Papst den Winter über unterkommt; ob Stephan den karolingischen Frankenkönig salbt, zum Beispiel, wie die fränkischen Annalen berichten. Wichtig ist nur, dass es später eine Tradition gibt, die das behaupten wird, ebenso wie, dass der Papst anbefohlen habe, dass fränkische Herrscher fürderhin aus dem Mannesstamm Pippins entspringen sollen. Vermutlich den Tatsachen am nächsten kommt aber folgender folgenschwerer Passus in der römischen Papstchronik (Liber Pontificalis), da Pippin ihn bald befolgen wird:

 

Und da sie dort als Gleiche im Oratorium saßen, hat der genannte allerseligste Papst unter Tränen den allerchristlichsten König angefleht, dass er durch ein Friedensbündnis die Angelegenheiten des heiligen Petrus und der Respublica der Römer in Ordnung bringe. Sofort hat dieser geschworen und ihm versichert, dass er mit aller seiner Strenge die Anordnungen des Papstes befolgen werde und dass er das Exarchat von Ravenna und die übrigen Rechte und Besitzungen der Respublica der Römer wiederherstellen werde. (im Kapitel von Philippe Bruc, in Jussen, S.27f)

 

Das ist der Beginn fränkischer und später reichsdeutscher Italienpolitik. Was Pippin dem Papst wohl verspricht, ist die Schenkung der von Langobarden eroberten Gebiete des römischen Dukats und des Exarchats von Ravenna, also der norditalienischen griechischen Besitzungen, der „Provinz Italien“. Zugleich ist das der Beginn der Westorientierung des Papsttums, welches erkannt hat, dass das von mehreren Seiten bedrängte Byzanz nicht mehr imstande ist, es zu schützen. Es ist damit zugleich der Beginn des Endes oströmischer Herrschaft über Italien.

 

754 zieht Pippin nach Italien, nachdem er offensichtlich adeligen Widerspruch dagegen übergehen konnte, wird in Rom samt seinen beiden legitimen Söhnen zum König gesalbt und zudem zum „Patricius der Römer“ erklärt, vielleicht zu einer Art Schutzherr, aber Genaues dazu bleibt unbekannt. Die Langobarden unterwerfen sich zunächst. 756 dann kommt es zum nächsten Kriegszug, den Langobarden wird ihr Schatz genommen und sie werden zu Tributzahlungen gezwungen. Eine königliche Schenkungsurkunde begründet den Kirchenstaat formell. 757 schickt der neue Papst Paul I. seine Wahlanzeige nicht mehr nach Byzanz, sondern in die Francia zum König.

Kaiser Konstantin V. interveniert, schickt einen Gesandten zum Frankenkönig, aber vergebens.

 

Das germanische Königsheil, verwandt mit der griechischen Vorstellung vom Charisma, verwandelt sich jetzt fast zur Gänze in das königliche Gottesgnadentum. Als erster wird Karl d.Gr. in seiner Formulierung Herrscher deo gratia sein, aus und in der Gnade des siegreichen und Sieg spendenden Christengottes. Symbolisch markiert wird das mit der Salbung, dem Beträufeln mit magisch verwandeltem Öl. Diese Prozedur kann wohl auf Vorbilder bei westgotischen Königen in Spanien zurückgreifen. Pippin lässt formulieren: Es ist offenbar, dass uns durch die Salbung die göttliche Vorsehung auf den Thron erhöht hat. (In: Georges Minois, Charlemagne. S.136)

 

Ein Stück germanisches Erbe bleibt, in Analogie zum römischen Caesarentum: Waren römische Kaiser angewiesen auf Wahl und Unterstützung des Heeres (vor allem), des Senates und des Volkes von Rom (bald in Wirklichkeit nicht mehr), so betont obige Quelle die Wahl durch "alle" Franken und die Huldigung durch die Großen. Die Wahl durch alle Franken ist allerdings längst eine anachronistische Floskel, eine der Tradition verpflichtete verbale Pflichtübung, aber der Zusammenhang zwischen königlicher Herrschaft und Mitwirkung der "adeligen" Großen bleibt. Noch in der Goldenen Bulle von 1356 wird diese Mitwirkungspraxis betont, die an den Kurfürsten festgemacht wird. Damit entwickelt sich nicht wie in anderen späteren Reichen eine rechtlich fixierte Erbmonarchie.

 

Um es kurz zu machen: Die Karolinger unternehmen die Unterstellung der Kirche sowohl unter den Papst sowie unter ihre Herrschaft. Sie beginnen bei der Unterwerfung der Friesen mit der Verbindung von Eroberung und Mission. Damit vergrößern sie den Einflussraum der Päpste, der zugleich im oströmischen Raum weiter schwindet.

 

Neben dem Versuch der gewaltsamen Zerstörung der westfriesischen Kultur beginnt ein massives Annektionsprogramm im alemannischen Raum. Die dortige Herzogsfamilie wird ausgerottet und König Pippin ersetzt sie durch fränkische Grafen. Das ist keine Angliederung an, sondern Eingliederung ins Frankenreich, ein Vorgang, den Karl d.Gr. später mit Jahrzehnten der Kriegführung bei den Sachsen durchsetzen wird und ohne Krieg, aber dennoch brutal, bei den Bayern.

 

Die stete Ausweitung des Frankenreiches seit Karl Martell beginnt den Charakter des Heeres zu verändern. Mag auch weiter in der Schlacht zum Teil zu Fuß gekämpft werden, für lange Strecken bedarf es zunehmend mehr des Pferdes als Transportmittel. Die Reiterei nimmt zu. 755 verkündet Pippin pro utilitate Francorum die Verlegung der Heeresversammlung vom Märzfeld zum Maifeld, wenn es bessere Weiden für die Pferde gibt. Vermutlich müssen deshalb inzwischen auch die Anbauflächen für Hafer erweitert werden. 

Mit dem karolingischen Königtum wird die Verschmelzung merowingischen Vasallentums mit dem der Hausmeier abgeschlossen. Zugleich beginnt die Verbindung von Vasallität und Beneficium als Leihgabe eines Großgrundbesitzes enger zu werden. Große Vasallen wiederum legen sich auf diese Weise Untervasallen zu. 

 

759 wird nach mehrjähriger Belagerung Narbonne genommen und damit Septimanien. Noch folgenreicher wird die brutale Unterwerfung Aquitaniens in zahlreichen Kriegszügen zwischen 760 und 768, als der aquitanische dux ermordet wird. Mit der festen Anbindung dieses ehedem westgotisch beherrschten Großraums, der zwischenzeitlich ziemlich autonom geworden war, schafft König Pippin die entscheidende territoriale Voraussetzung für die viel spätere Entwicklung eines Frankreichs, das, was sein Sohn Karl dann mit dem dreißigjährigen Unterwerfungskrieg gegen die Sachsen für ein zukünftiges Deutschland bewirkt. Mit der Süd-bzw. Ostausdehnung des Frankenreiches werden so große Territorien geschaffen, dass darauf ein mehr romanisch (wegen des galloromanischen Südens) und ein mehr germanisch (wegen des rein germanischen Sachsens) verwurzeltes großes Reich nebeneinander entstehen können. (Schieffer, S.66)

 

(Eine gute historische Karte bietet Wikipedia, wenn man bei Google "Austrasien" zum Beispiel eingibt)

 

Das neue Königtum erbt das Reich, regnum und den Königstitel, versieht ihn mit neuer Legitimation und der Macht und dem Reichtum der Familie. Geerbt wird auch die Vorstellung, dass die Macht in der Hand der königlichen Familie bleibt, also vererbt wird, und zwar an alle erbberechtigten Söhne. Das Königtum bleibt ohne Zentrum oder Hauptstadt, die königliche Familie reist quasi heimatlos von Pfalz zu Pfalz, zu großen, vielleicht ein wenig befestigten Herrensitzen, die über die jeweiligen regionalen Ländereien der Familie gebieten, und die die Familie mit allem versorgen können, auch mit einer Kapelle, in der man täglich die Messe hört und betet.

 

Das Frankenreich ist eine agrarische Welt, in der Städte, Handel und Handwerk weiter eine untergeordnete Rolle spielen. Luxusprodukte von außerhalb werden, allerdings nur wenige, von vor allem jüdischen und friesischen Fernhändlern geliefert. Die zentrale Macht des Abendlandes, das oströmische Kaiserreich, beherrscht die östlichen Handelswege unter dem Schutz ihrer Kriegsschiffe, die vor allem die Millionenstadt Konstantinopel/Byzanz versorgen. Aber aus dem Westen des Abendlandes werden sie nicht nur durch das Bündnis der Karolinger mit dem römischen Bischof abgedrängt, sondern auch durch die aufsteigenden Handelsstädte Neapel, Amalfi und Venedig. Dazu kommen zunehmende religiöse Gegensätze, deren Bedeutung heute schwer verständlich ist, die damals aber wichtig genommen wurden, und die Tatsache, dass das Lateinische im Osten zugunsten des Griechischen verschwand, während letzteres im Westen kaum noch verstanden wurde.

 

Die Franken kommen erst in Südgallien, dann immer noch an den Pyrenäen mit der in hundert Jahren mächtig gewordenen arabisch-islamischen Welt in Berührung. Unter den Umayaden in Damaskus ist das arabische Großreich bereits eine Seemacht mit einer machtvollen Mittelmeerflotte. Zur Zeit König Pippins werden sie durch einen Umsturz von der Familie der Abbassiden abgelöst, nur einer der vorherigen Kalifenfamilie schafft die Flucht nach Andalusien, wo dann das unabhängige Reich von Cordoba in el-Andalus entsteht. Für die späteren Anfänge eines Kapitalismus wird nicht zuletzt wichtig, dass die islamische Welt des 8. Jahrhunderts bereits Handelsbeziehungen nach Indien, China und Ostafrika unterhält, mittelbar sogar tief nach Schwarzafrika hinein. Mit dem Anschluss des lateinischen Abendlandes an diesen Handel mit dem 10. Jahrhundert ist also bereits eine Art Welthandel über drei Kontinente gegeben.

 

Verglichen mit den stark städtischen Zivilisationen von Byzanz und des Islam

ist das Frankenreich ein „rückständiges“ und eher schwaches Agrargebiet am Rande des „Fortschritts“.

 

 

Die angelsächsische Mission

 

Nach der römischen und der irischen Christianisierung verändert sich in dieser Zeit das Christentum der Franken erneut. Mit der irischen Mission war der fränkische Adel in das neue System der Adelsklöster, der adeligen Eigenkirchen und dann auch in eine neue Auffassung des Bischofsamtes integriert worden. Im selben Prozess verschmolz er endgültig mit dem alten gallorömischen Adel.

 

Die Bischöfe werden nun, mehr noch als zuvor, zu weltlichen Machthabern. Manche waren offenbar nicht einmal vorher ordiniert oder geweiht worden. Als aristokratische Kriegerbischöfe tragen sie bei zur zunehmenden Dezentralisierung, zum Zerfall der eh schwachen Einheit fränkischer Herrschaft.

Der Bischof von Auxerre, Savarich, ist einer der Gegner Karl Martells. In der örtlichen Bischofschronik wird von einem Zeitgenossen über ihn folgendermaßen berichtet, und zwar aus der Perspektive der Sieger:

Savarich war ... von sehr hoher Geburt. Er begann, ein wenig von den Pflichten seines Standes abzuweichen und sich mehr um weltliche Angelegenheiten zu kümmern, als es einem Bischof angemessen war, und das in einem solchen Ausmaß, dass er sich mit Waffengewalt die Gebiete von Orléans, Nevers, Tonnerre und das Avallonais aneignete ... Unter Missachtung der Würde eines Bischofs stellte er eine große Armee auf; als er aber auf Lyon marschierte, um es mit Waffengewalt zu erobern, wurde er durch einen göttlichen Blitz getroffen und starb sofort. (In: Geary, Die Merowinger, s.o., S.211)

 

Solche „geistlichen“ Magnaten waren in Zeiten der Ohnmacht der Zentralgewalt dazu übergegangen, sich zwei, drei, vier Bistümer zugleich unter den Nagel zu reißen und dazu noch die Abtswürde in einer ganzen Anzahl von Klöstern zu bekleiden. In dieser Zeit gibt es denn auch immer mehr Bischöfe, die nicht mehr Latein verstehen oder überhaupt umfassend des Lesens kundig sind. Überhaupt zieht sich jetzt die Schriftlichkeit fast ganz auf einen kleineren Teil des Klerus und die Klöster zurück.

 

Das ist die Situation, auf die die angelsächsische Mission trifft. Die angelsächsische Kirche wird dabei zum Modellfall für eine zentralisierte römische Universalkirche. Zunächst geht die Missionierung von Benediktinermönchen aus. Dabei handelt es sich um vom Papst lizensierte Missionare, die eine feste Bischofshierarchie mit Metropoliten (späteren Erzbischöfen) etablieren. Darüber hinaus steht sie unter der Kontrolle der Könige und ist zur Zusammenarbeit mit ihnen verpflichtet.

 

Als erstes gehen Wilfrid und Willibrord zu den Friesen, mit denen sie sich volkssprachlich verständigen können. Zuvor stellen sie sich unter den Schutz des mittleren Pippin und bieten ihm an, die von ihm eroberten Gebiete zu christianisieren. Willibrord fährt dann nach Rom, um sich die Genehmigung für die Mission vom Papst zu holen, eine für fränkische Geistliche unvorstellbare Aufwertung des Papsttums. Pippin schickt ihn auch deshalb nach Rom, damit der Papst ihn zum Bischof der Friesen weiht. Auf diese Weise gehen die Christianisierung und die fränkische Unterwerfung der Friesen Hand in Hand. Erfolgreich ist umgekehrt die Christianisierung auch nur dort, wo Franken militärisch die Friesen unter der Knute haben. Im Ergebnis wird so die friesische Kultur nach und nach zerstört und sie werden vorübergehend ein Stück weit „frankisiert“.

 

Nachfolger Wynfreth, später von den Päpsten Bonifatius in fast direkter Übersetzung genannt, wird bald vom Papst beauftragt, die irisch-fränkisch christianisierten Kirchen in Bayern und Alemannien unter päpstliche Kuratel zu stellen, was auch als „Mission“ bezeichnet wird. Inhaltlich formuliert Bonifatius später als sein oberstes Ziel für die Geistlichkeit die Einheit und die Unterwerfung unter die römische Kirche durch einen Gehorsamseid gegenüber dem Papst und die Durchsetzung des römischen Taufritus.. Zugleich bedeutet das auch die Unterordnung der Bischöfe unter die karolingischen Hausmeier und später dann Könige. Die Konzentration der Kirche einmal auf Rom hin und zugleich auf das Zentrum der weltlichen Schutzmacht führt zu einer inhaltlichen, auf das Papsttum orientierten Vereinheitlichung, zugleich aber auch zu einer auf die zukünftige Königsmacht hin orientierten organisatorischen Einheit.

 

Inhaltlich kommt es in kleinen Schritten zur Durchsetzung eines neuen Episkopates im gesamten fränkischen Einflussbereich: Verweltlichte Bischöfe werden durch den geistlichen Ansprüchen der Missionare genügende wenigstens zum kleinen Teil abgelöst. In diesem Prozess kann Karl Martell wohl erhebliche Teile des kirchlichen Besitzes für seine Herrschaftsausübung abzweigen.

 

Um den Reformbedarf anschaulich zu machen, redet Bonifatius von Diakonen, die seit ihrer Kindheit immer in Unzucht, immer im Ehebruch und immer in allerlei Schmutzereien gelebt haben (...) und jetzt im Diakonat vier, fünf oder mehr Beischläferinnen nachts in ihrem Bett haben", und trotzdem zur Priesterweihe gelangen (...) und endlich sogar zu Bischöfen gesalbt und als solche bezeichnet werden.  Er wendet sich gegen Bischöfe, die  zwar sagen, sie seien keine Hurer und Ehebrecher, die aber trunk- und streitsüchtig sind, eifrige Jäger, die bewaffnet im Heer kämpfen und mit eigener Hand Blut von Menschen vergossen haben, sei es nun von Heiden oder von Christen.." (Brief des Bonifatius von 742 an Papst Zacharias).

 

Nicht weniger plastisch sind die Bußbestimmungen Bedas , die er kurz zuvor in 'De remediis peccatorum' für England notiert:

Wenn aber ein Kleriker mit einem vierfüßigen Tier Unzucht betreibt, so solle er zwei Jahre büßen, ein Subdiakon drei, ein Diakon fünf, ein Priester sieben, ein Bischof zehn Jahre. Wer mit seiner Mutter Unzucht betreibt, soll fünfzehn Jahre büßen. Wer es mit der Tochter oder Schwester treibt, soll zwölf Jahre büßen. Wer mit dem eigenen Bruder sich unzüchtig in körperlicher Vereinigung vergeht, soll sich jeglichen Fleischgenusses enthalten und fünfzehn Jahre büßen. Wenn ein Kleriker zur Jagd geht, so soll er ein Jahr büßen, der Diakon zwei, der Priester drei. Wenn eine Mutter mit ihrem kleinen Söhnchen Unzuht treibt, so soll sie sich drei Jahre des Fleischgenusses enthalten und einen Tag in der Woche abends fasten. Wenn ein Priester oder ein Diakon oder ein Mönch eine Gattin nimmt, so soll er bei Mitwissen des Volkes abgesetzt werden. Wenn er aber Ehebruch mit ihr begeht und dies dem Volk bekannt wird, so soll er aus der Kirche verjagt werden und unter den Laien lebenslang büßen. Wer aber seine Gattin um einer anderen Frau willen verlässt, soll sieben Jahre büßen. (in LHL, S.194) 

 

Das Christentum ist wie Judentum und Islam eine Religion geoffenbarter Schriften. Das Durchsetzen der Schriftlichkeit beim höheren Klerus geht nun, wie schon einmal in der Antike, zusammen mit der Verehrung für Texte, der Textgläubigkeit, und da der hohe Klerus Stütze der weltlichen Herrschaft ist, wird das von ihr gefördert. Ein nächster Schritt wird dann ganz langsam die Verrechtlichung von Machtausübung werden.

 

Verboten werden den Geistlichen das Waffentragen, die Heerfahrt, weltliche Kleidung, das Zusammenwohnen mit Frauen, dazu werden sie zum Gehorsam auf den Bischof verpflichtet. Eine neue Kirche breitet sich langsam aus, auch wenn sich die Realität nicht so ganz an die Verbote hält.

 

Organisatorisch werden die in den Gehorsam gegenüber den Päpsten und Königen gestellten Bischöfe auf Konzilen auf die Interessen des zentralen fränkischen Herrschers hin ausgerichtet. Praktischerweise werden diese karolingischen Konzile auf dem Maifeld (dem ursprünglichen Märzfeld bzw. Marsfeld) zusammen mit der jährlichen „Musterung“ des Vasallenheeres abgehalten. Ihre Beschlüsse werden nicht mehr wie nach der konstantinischen Neuordnung im Namen der Bischöfe verkündet, sondern im Namen des fränkischen Herrschers. Die inhaltliche Durchsetzung dieser neuen christlichen Vorstellungen wird sich aber durch das ganze Mittelalter hindurchziehen.

 

Als Bonifatius schließlich 732 vom Papst das Pallium eines Erzbischofs erhält und nun selbst Bischöfe weihen kann, regt sich beim um seine Selbständigkeit besorgten fränkischen und dann auch bayrischen Episkopat Widerstand, dem sich Karl anschließt. Als dann Papst Gregor III. um Hilfe gegen die Langobarden bittet, verweigert er sich und konzentriert sich auf die kriegerische Konsolidierung seines Reiches. Unverdrossen operiert der Missionsbischof im päpstlichen Auftrag auch noch als kirchlicher Berater Pippins. An Freund Daniel, Bischof von Winchester, schreibt er: Ohne das Patronat des fränkischen Fürsten kann ich weder die Gläubigen regieren (...) noch die Priester beschützen (...) noch kann ich in Deutschland die Ausübung heidnischer Riten und die Götzenanbetung verbieten, ohne seine Befehle und die Furcht, die er einflößt. (in Brown2, S.308)

Ohne weltliche Gewalt keine Mission, wie dem Missionar durchaus bewusst ist, und wo diese nachlässt, werden die kleinen neuen Kirchlein von Friesen und Sachsen sofort wieder zerstört. Daneben gibt es aber offenbar Formen einer nicht von Papst und König lizensierten Christianisierung, die zunächst mehr Erfolg zu haben scheinen. 744/45 wird ein Aldebert erst von fränkischen Bischöfen und dann von Rom verurteilt, der sich aus eigenen Stücken und direkt von Gott berufen zum Bischof machte. Seine Anhänger "stellten den Kirchenbesuch ein und versammelten sich unter Kreuzen, die Aldebert auf Wiesen, an Quellen oder wo es ihm sonst beliebte, hatte aufstellen lassen. Er forderte, die Gebete nicht in Domen, die von den Bischöfen hgeweiht waren, an Gott zu richten, sondern in kleinen Kapellen, die er auf offenem Felde erbaut hatte. Ferner verwarf er die Notwendigkeit der kirchlichen Beichte, indem er erklärte, ihm wären auch so alle Verfehlungen bekannt." (Gurjewitsch in: Römer und Barbaren, S.230). Ein solches Konkurrenzunternehmen zur römischen Kirche und ohne Fixierung auf königliche Macht kanne natürlich nicht geduldet werden.

 

Schon vor den angelsächsischen Missionaren kommt es im 7. Jahrhundert zum "gallischen Klosterfrühling".. Bei Martina Hartmann ist ein Ausschnitt aus der Vita Sadalbergae zu finden, die das fromme Leben einer Adeligen der Zeit, die erst in der Nähe von Luxeuil ein Kloster für sich gründet und es dann später in die Mauern von Laon verlegt:

Zu seiner Zeit (eines Abtes von Luxeuil) begannen sich in den Provinzen Galliens die Scharen der Mönche und Schwärme heiliger Mädchen nicht nur über Äcker, Dörfer, Weiler und Burgen, sondern auch über die Weite der Einöde zu verbreiten, und zwar nach der Regel der seligen Väter Benedikt und Columban, während vor jener Zeit Klöster kaum an wenigen solchen Orten zu finden waren. (Hartmann, S.24).

 

Zugleich wird mit der Neugründung benediktinischer Klöster und ihrer Ordensregel für die schon bestehenden der Einfluss der karolingischen Herrscher auch in diesem Bereich gestärkt. Erst damit entsteht die (west)römische Form einer einheitlichen mittelalterlichen Kirche.

 

Die iroschottische Mönchsmission hatte zu den fränkischen Adelsklöstern geführt, die zu Machtzentren großer Adelsfamilien mit enormem Grundbesitz wurden. Die Gelegenheit der angelsächsischen Reform-Mission, von Hausmeiern und ihren königlichen Nachfolgern im Verein mit den Päpsten betrieben, bietet den Karolingern die Möglichkeit, konkurrierende aristokratische Machtzentren zu zerschlagen und unter die eigene Kontrolle zu bringen.

 

Hausmachtpolitik über Klöster zeigen die Anfänge des Klosters Echternach. Die wahrscheinliche Mutter der Plektrud, eine begüterte Äbtissin von Oeren bei Trier, beauftragt Willibrord mit der Gründung von Echternach auf ihrem Grundbesitz. Dieser überträgt danach alles an Pippin und Plektrud, die es ihm mit zusätzlichen Geschenken zurück übertragen, damit er es unter ihrer "Herrschaft und ihrem Schutz" leite. So zum Beispiel entstehen karolingische "Hausklöster". (Zum Bsp. in Schieffer, S.31ff) Als Anerkennung für treue Dienste darf Willibrord später Karls Sohn taufen.

 

Ostrom und Italien im 8. Jahrhundert

 

Das weitere Schicksal von Byzanz wird geprägt von Bedrohungen aus dem Norden (dem Khanat der Bulgaren) und dem Süden. Dort rennen nun arabisch-islamische Reiche gegen das oströmische an. Byzanz verliert bis um 700 im Süden und Osten seine riesigen nichtgriechischen Gebiete und den größeren Teil seiner Staatseinnahmen. Es wird zu einem fast rein griechischen Reich, in dem zudem nach und nach außerhalb von Byzanz das geschieht, was zugleich das aufsteigende Frankenreich erlebt, eine zunehmende Entstädterung und Agrarisierung. Selbst die Stadt Byzantion schrumpft, Jahrhunderte später, ähnlich wie das Rom des Westens. Es steht nun bis etwa 840 in ständiger kriegerischer Bedrohung aus Arabien, einem "Staat, der den zehnfachen Umfang des noch verbleibenden oströmischen hat, fünfzehnmal größere Einkünfte und der Heere ins Feld schicken konnte, die zahlenmäßig denen der Rumi um das Fünffache überlegen waren." (Brown2, S.273) 

 

Vor diesem Hintergrund beginnt unter Kaiser Leo III. (717-41) der sogenannte Bilderstreit. Die zunehmende Bedrohung verlangt nach himmlischer Unterstützung und er fällt die Entscheidung, dass die üblichen Bilder dafür nicht (mehr) taugten, sondern man sich auf das in der Hauptstadt aufbewahrte Heilige Kreuz (und dessen Abbilder) konzentrieren solle. Gegen Ende seiner Regierung sollen die Bischöfe andere Bildnisse in den Kirchen, die davon ablenken, zerstören. Die Konflikte zwischen Bilderverehrern (Ikonodulen) und von diesen so benannten Ikonoklasten, Bilderzerschmetterern, werden die nächsten Jahrhunderte überdauern. Unter Leos Sohn Konstantin V. (741-75) werden solche Auseinandersetzungen immer gewalttätiger. Als dann die für ihren Sohn Konstantin VI. regierende "Kaiserin" Irene wieder auf die Seite der Bilderverehrer übertritt, beginnt ein Wechsel von Herrschern, die jeweils eine der beiden Seiten vertreten. Zunächst wird auf einem Konzil in Nicäa 787 allerdings die Verehrung heiliger Bilder im Ostreich wiederhergestellt.

 

Dieser Konflikt findet in der Zeit statt, in der sich interessanterweise auch im Islam nach und nach ein Bilderverbot durchsetzt, welches dann auch weltliche Paläste einzubeziehen beginnt. Und es spielt in jene Situation hinein, in der die Langobarden das byzantinische Ravenna erobern (751) und die Stadt Rom bedrängen - und der Papst zunehmend bei den fränkischen Machthabern um Hilfe bittet. 

Unter den Menschen in der urbs Romana ist eine ganz handfeste und intensive Bilderverehrung im Gange, eines soll ohnehin ganz von einem Engel gemalt, andere wenigstens von Engeln vollendet worden sein. (Genaueres in... ). Die Päpste wenden sich also gegen den Ikonoklasmus und unter dem großen Karl werden die Franken das auch tun: Bilder werden nämlich gar nicht eigentlich verehrt, so heißt es, sondern sie helfen nur, unsichtbares Heiliges dem schlichten Gemüt nahezubringen.

 

 

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Anfang des 8. Jahrhunderts zerstört sich die "bayrische" Dynastie in Pavia selbst. Einige der folgenden Könige erreichen eine erhebliche Machtfülle, kontrollieren die südlichen Herzogtümer stärker, sind erfolgreich gegen Byzanz und wie Liutbrand im Bündnis mit Karl Martell gegen die islamische Invasion im Frankenreich. Als Byzanz als Schutzmacht ausfällt und Liutprands Truppen bedrohlich auf römisches Territorium vordringen, lehnt Karl Martell noch jede Hilfe für Papst Gregor III. ab. Aber in der Zeit des Langobardenkönigs Ratchis nähern sich Franken und Päpste an, was 752 zur Anerkennung der karolingischen Usurpation der fränkischen Krone führt. 

751 besetzt König Aistulf, Bruder von Ratchis, Ravenna und verlangt eine Art Oberhoheit über Rom und insbesondere sein Territorium. 1754/55 marschiert Pippin III. ein und erreicht von Aistulf die Übergabe des ganzen Exarchats Ravenna an den Papst. Der Vertrag muss ein Jahr später noch einmal erneuert werden. König Desiderius herrscht von 757 bis 774 unter der Doppelbedrohung durch Franken und Päpste, die die Einheit seines Reiches in der Mitte durch den Kirchenstaat zerschnitten haben, was er am Ende mit der Unterstützung der Ravennesen zu revidieren sucht. Nun holt Papst Hadrian I., eine mächtige Figur, Kald ("den Großen"), inzwischen Alleinherrscher, zu Hilfe. Nach langer und am Ende erfolgreicher Belagerung von Pavia und Verona übernimmt der nun die Langobardenkrone für sich.